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diff --git a/44405-0.txt b/44405-0.txt new file mode 100644 index 0000000..36e8dca --- /dev/null +++ b/44405-0.txt @@ -0,0 +1,12179 @@ +*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 44405 *** + + +------------------------------------------------------------------+ + | Anmerkungen zur Transkription | + | | + | Kursiver Text ist als _kursiv_ markiert, gesperrter Text als | + | ~gesperrt~. Brüche sind als 1/2 dargestellt, bei Zahlenangaben | + | bedeutet 2-1/2 soviel wie 2,5 (und nicht 1,5). | + | | + | Die Fußnoten sind fortlaufend nummeriert worden und befinden | + | sich am jeweiligen Ende der 3 Buchteile, abgetrennt durch eine | + | Zeile "----------". Hinweise zu Korrekturen und Inkonsistenzen | + | befinden sich am Ende des Buchs. | + +------------------------------------------------------------------+ + + + + + SINGAPORE MALACCA + JAVA. + + ~REISESKIZZEN~ + + VON + + F. JAGOR. + + MIT VIERUNDZWANZIG FEDERZEICHNUNGEN. + + [Illustration] + + BERLIN 1866. + + VERLAG VON JULIUS SPRINGER. + + MONBIJOU-PLATZ 3 + + + + +Das Recht der Uebersetzung ist vorbehalten. + + + + +VORWORT. + + +Die Absicht des Verfassers ist, in den vorliegenden Reiseskizzen, +welche achtzehn Monate einer fast fünfjährigen Reise umfassen, kurze +Schilderungen der hervorragendsten Gegenstände zu geben; die rein +persönlichen Erlebnisse und rein wissenschaftlichen Einzelnheiten sind +daher in der Regel fortgelassen worden, während Dinge, die für einen +grösseren Leserkreis von Interesse schienen, etwas ausführlicher +behandelt worden sind. -- Die Angaben über den Kaffee- und Reisbau in +Java sind zum grossen Theil aus zwei von der Maatschappij tot nut van +'t algemeen herausgegebenen Schriften „de Koffij” und „de Rijst” +entnommen, viele Angaben über die Cinchonen aus: Travels in Peru and +India von Markham, der die Pflanzen nach Indien übersiedelte. Ferner +sind benutzt worden: Journal of the Indian Archipelago, Crawfurd +Dictionary, Singapore Free Press, Singapore Straits Times, Royle +fibrous plants of India, Porter Tropical agriculturist, Nassau-Lees +Tea Cultivation in India, Tijdschrift voor Nederlandsch Indie, +Tijdschrift voor taal-, land- en volkenkunde, Junghuhn's Java. + +Die Bilder sind nach Originalzeichnungen und Photographien des +Verfassers ausgeführt, zum Theil von ihm befreundeten bedeutenden +Künstlern, die ihm mit der liebenswürdigsten, uneigennützigsten +Bereitwilligkeit entgegengekommen sind; die Bilder zu S. 35, 36, 50, 54, +101 nach Photographien, die zu 129, 138, 215, 218, 226 nach +Camera-lucida-Aufnahmen, so dass sie fast die Genauigkeit von +Photographien haben. Die Schiffe zu S. 7 und 50 sind Dumont d'Urville's +Atlas entnommen, die Vögel S. 198 und die Fledermaus 216 nach +ausgestopften Exemplaren gezeichnet. + + * * * * * + +Die malayischen Namen sind nach der deutschen Aussprache geschrieben; +_s_ muss aber = _ss_ gesprochen werden. + +1 Seemeile, 60 auf den Grad, = 1/4 deutsche Meile. 1 Mile (engl.) = 2/9 +deutsche Meilen. + +Bei Singapore und Malacca sind englische, bei Java folgende Maasse +gebraucht: Pariser Fuss = 0,325 M. = 1,035' rh., Paal = 1/5 preuss. +Meile = 4800' rh., Bau = 71 ares = 500 Quadratruthen. + +In Singapore und Malacca wird der Pikul (= 100 Katti), wie in +China, = 133-1/3 ℔ engl. a. d. p. = 120,96 Zoll ℔, in Java = 125 +℔ = 136 ℔ engl. = 123,4 Zoll ℔ gerechnet. 1 Ton = 20 Cwts. = +2240 ℔ engl. = 2032 Zoll ℔. 1 Dollar = 42,4 Sgr., 1 Rupie = 20 Sgr. + +[Illustration] + +In der Unterschrift zur Zeichnung S. 210 lese man Bandjar-negara statt +Wonosobo. + + + + +Inhalt. + + + Singapore. + + ~Erstes Kapitel.~ Seereise. -- Flaggensprache. -- Feuer an Bord. + -- Gefärbte See. -- Ankunft in Singapore 3. + + ~Zweites Kapitel.~ Rhede von Singapore. -- Junken. -- Prauen. -- + Nipa-Palme. -- Rhizophoren. -- Palankinfahrt. -- Hindufest 9. + + ~Drittes Kapitel.~ Landhaus. -- Klima. -- Muskatnuss-Pflanzung. + -- Europäer. -- Früchte. -- Nahrungsmittel. -- Diener 17. + + ~Viertes Kapitel.~ Ueberblick der Stadt. -- Strassenleben. -- + Reis. -- Chinesen. -- Malayen. -- Malayische Sprache 33. + + ~Fünftes Kapitel.~ Fischen mit Toba. -- Tiger. -- Termiten. -- + Pfeffer. -- Gambir. -- Sago 54. + + ~Sechstes Kapitel.~ Opium 70. + + ~Siebentes Kapitel.~ Gründung und schnelles Aufblühen + Singapores. -- Rhiow. -- Seeräuberei. -- Malayische Kronik. -- + Uebersicht der Verkehrsverhältnisse, sonst und jetzt. -- + Ausbreitung der Chinesen. -- Dampfschiffe 81. + + + Malacca. + + Anblick von Malacca. -- Portugiesen. -- Chinesen. -- Melaleuca. + -- Mission unter den Mintras und Jakuns. -- Guttapercha. -- + Neuer Pungulu in Allor-gadja. -- Rückkehr zu den Mintras. -- + Ehepärchen. -- Blasrohr. -- Pfeilgift. -- Fahrt nach Lingi. -- + Der Dato von Lingi. -- Zustände in den kleinen Malayenstaaten. + -- Zinn. -- Leben im Walde. -- Zweckmässige Kleidung. -- + Insektenpulver. -- Chinesischer Leichenzug. -- Geschichte von + Malacca. -- Tapioka. -- Djaggeri 99. + + + Java. + + ~Erstes Kapitel.~ Batavia. -- Buitenzorg. -- Botanischer Garten. + -- Gunong Salak. -- Reisbau. -- Kultursystem. -- Warongs. -- + Erdnüsse. -- Megamendong-Pass. -- Telaga warna. -- Pasanggrahans + und Gasthäuser. -- Preanger Regentschaften. -- Bandong. -- + Junghuhn 127. + + ~Zweites Kapitel.~ Reise nach Trogon. -- Strassen. -- + Waringibäume. -- Bogenschiessen. -- Religion der Javanen. -- + Vulkan Guntur. -- Erdtransport durch Wasser. -- Solfataren. -- + Theebau. -- Vulkan Papandayan. -- Telaga bodas. -- Kaffeebau. + -- Schattenspiel. -- Hirschjagd. -- Malayische Küche. -- + Tänzerinnen in Sumedang. -- Gamelang-Musik 142. + + ~Drittes Kapitel.~ Reise nach dem Malabar. -- + Cinchonenpflanzungen daselbst. -- Cinchonenbau in Java und + Vorderindien. -- Tischchen deck' dich. -- Bambus. -- Gärtnerei. + -- Pangerango 167. + + ~Viertes Kapitel.~ Vulkan Tankubang-prau. -- Kostbare Waffen. -- + Tiger. -- Kawali. -- Schirme. -- Fest in Pandjalu. -- Ausbruch + des Gelungung. -- Büffelkarren. -- Teakholz. -- Kindersee. -- + Universalmittel. -- Pfahldorf. -- Zimmet. Loro-Kidul. -- Essbare + Vogelnester und abergläubische Gebräuche beim Einsammeln + derselben. -- Kampf zwischen Tiger und Büffel. -- Tigerstechen. + -- Reise nach dem Slamat. -- Rhinozerosse 182. + + ~Fünftes Kapitel.~ Hochebene von Dïeng. Vulkane. Solfataren. + Tempel. -- Vogelscheuchen. -- Tempel Perot. -- Affengemeinde. + -- Bad. - Fliegende Hunde. -- Borobudor. Pavon. Mundut. -- + Sultan von Jokjokarta und seine Familie. -- Salzgewinnung. -- + Karang-tritis. -- Getäuschter Gastfreund. -- Landpächter. -- + Indigofabriken. -- Begräbnissplatz Imogiri. -- Tempel bei + Kalasan und Prambanan. -- Surakarta. -- Der Kaiser und sein + Hofstaat. -- Betelkauen. -- Pangerans. -- Tanz. -- Der alte + Blücher. -- Batek. -- Berg Lawu. Raden Rio. -- Neujahrsfest in + Surakarta 209. + + ~Sechstes Kapitel.~ Festung Ambarawa. -- Samarang. Schule. + Waisenhaus. -- Surabaya. Maschinenfabrik. -- Tempel um Malang. + -- Ardjuno. Legende. -- Semeru. -- Lamongan. Gewitter. -- + Rückkehr nach Batavia 234. + + + + +Singapore. + + + + +Erstes Kapitel. + + Seereise. -- Flaggensprache. -- Feuer an Bord. -- Gefärbte See. -- + Ankunft in Singapore. + + +Im Juni 1857 verliess ich Hamburg und landete nach 105 Tagen in +Singapore. Für unser Schiff, das selbst bei dem besten Winde selten mehr +als sechs Seemeilen in der Stunde machte, war es eine sehr schnelle +Reise, die ohne die besondere Gunst des Wetters und den rastlosen Eifer +des Kapitäns nicht möglich gewesen wäre. Klipperschiffe fahren oft mit +mehr als doppelter Geschwindigkeit und dennoch pflegen sie den Weg kaum +in kürzerer Zeit zurückzulegen, da sie bei Windstillen, deren fünf Zonen +zu passiren sind, leicht wieder einbüssen, was sie bei gutem Winde +gewonnen haben. So kam es auf hoher See mehrere Male vor, dass bessere +Segler uns überholten, und dennoch fand sich bei Vergleichung unserer +Daten, dass sie Europa vor uns verlassen hatten, also länger unterwegs +waren, als wir. + +Ausgenommen zwei kleine wüste Felsen, Martin Vas und Trinidad, die in +20-1/2° südlicher Breite vor der Küste von Brasilien liegen, sahen wir +auf der ganzen Reise kein Land; zwar hätten wir den 12,172 Fuss hohen +Pik von Teneriffa erblicken müssen, da wir nur 30 Seemeilen davon +vorüberfuhren, der Nebel verhüllte ihn aber.[1] + +Als wir Ende Juli bei Tagesanbruch mit dem leisesten Luftzug an jenen +Felsen vorübertrieben, waren vom Mast aus dreizehn Schiffe in Sicht, +deren Wege sich hier kreuzten. Mit Hülfe der Marryat'schen +Flaggensignale entstand bald eine lebhafte Unterhaltung; jeder fragt und +versteht die Antwort in seiner eigenen Sprache, unbekümmert um das Idiom +seines Korrespondenten, man tauscht die Namen aus, erkundigt sich, +woher, wohin, und schliesst nach einigen Spezialfragen gewöhnlich mit +einem freundlichen Gruss. Ein schönes Schiff, nach seiner Reisedauer +gefragt, erwiderte aber barsch: das geht Niemand etwas an; +wahrscheinlich war es lange unterwegs und ärgerte sich darüber.[2] + +Maury hat so anschaulich geschildert, wie das scheinbar pfadlose Meer in +Wirklichkeit von grossen Handelsstrassen durchschnitten wird, auf +welchen sich alle Schiffe bewegen, wie die Karawanen in der Wüste, und +hier befanden wir uns offenbar an einem Kreuzpunkt: Schiffe, die um das +Kap Horn, andere, die um das Kap der guten Hoffnung gekommen waren, und +solche, die von Europa kamen und nach den östlichen oder westlichen +Gestaden des stillen Meeres wollten, begegneten sich hier. Bei gutem +Winde eilen die Schiffe schnell an einander vorüber; eine so zahlreiche +Versammlung ist nur bei Windstillen auf solchen Hauptstrassen möglich. + +Wir befanden uns zwischen der südlichen Grenze des SO.-Passats und der +nördlichen des westlichen Gegenstromes. Am Nachmittag begannen wir +allmälig den Einfluss des letzteren zu fühlen und schon am folgenden +Tage empfanden wir seine volle Wirksamkeit. Diese westlichen Winde sind +viel kräftiger und konstanter, als der SO.-Passat, sie brachten uns +schnell um's Kap; wir fuhren aber 5° südlich daran vorbei, sowohl um die +Agulhas-Strömung zu vermeiden, die, aus dem indischen Ozean kommend, +sich dicht um's Kap herum drängt und dann im südatlantischen Ozean +fächerförmig ausbreitet (sie wird von den heimkehrenden Schiffen +benutzt), als auch, um den Weg abzukürzen, indem wir nicht einem +Parallel-, sondern einem grössten Kreise folgten. Auf der Mercators +Projection scheint unser Kurs ein Umweg zu sein, auf dem Globus ergiebt +sich der Vortheil sogleich. + +So lange wir uns in diesen Breiten befanden, waren, da der August unserm +Februar entspricht, Sturmvögel, Sturzwellen, Schnee und kaltes Wetter +unsere beständigen Begleiter, freilich hatten wir auch immer frische +Brisen, die sich zuweilen bis zum Sturm steigerten. Das Schiff war aber +schon seit Wochen darauf vorbereitet; alles, was nicht fortgestaut +werden konnte, war festgemacht, alle nicht ganz zuverlässigen Segel und +Taue durch neue ersetzt und, da gegen die Tüchtigkeit des Schiffes wie +des Kapitäns kein Zweifel bestand, so war es ein grosses Vergnügen, +pfeilschnell durch die hohen Wellen getrieben zu werden.[3] + +Als wir uns schon wieder in wärmeren Breiten im indischen Ozean +befanden, brach Nachts Feuer aus. Es schlief Alles, ausgenommen der +Steuermann und vielleicht die wachthabenden Matrosen, die sich auf dem +Vorderdeck aufhielten. Durch einen Zufall wurde die Gefahr bemerkt, als +schon der ganze Salon mit dichtem Rauch erfüllt war. Die Wand einer +Kajüte brannte in hellen Flammen, und wenig fehlte, so wäre der daneben +liegende Raum, in welchem Theer, Firniss und andere Brennstoffe +aufbewahrt wurden, von der Flamme ergriffen worden und jede Rettung +unmöglich gewesen. Wir hatten 1000 Centner Pulver an Bord, die der +Rheder bis zum Tage vor der Abfahrt klug verschwiegen hatte. Das Feuer +wurde schnell gelöscht. Wie so häufig bei wirklich grosser Gefahr, +verlor Niemand den Kopf; eine gewisse Aufregung war nur an dem +Schiffsjungen zu bemerken, der als Urheber des Brandes eine Tracht +Prügel erhielt. + +Am 20. September mussten wir nach der Schiffsrechnung ganz nahe bei der +Sunda-Strasse sein. 52 Tage waren vergangen, seitdem wir jene Felsen +gesehen, deren astronomisch bestimmte Lage uns zum letzten male +Gelegenheit gegeben hatte, den Gang unseres Chronometers zu prüfen.[4] +Es war ein sehr trüber Tag, alle Augen suchten den Horizont ab, um +zuerst Land zu entdecken. Endlich schien an einer Stelle der Nebel etwas +dichter zu werden; es war keine Wolke, die Form zeichnete sich immer +bestimmter, mehr und mehr Einzelheiten traten hervor, wie bei dem +Entwickeln einer Photographie, und bald lag Javahoofd deutlich vor uns +in der Gegend, wo es liegen sollte. Das Tageslicht reichte noch aus, um +uns den Felsen, die Brandung und die üppige Vegetation der Südostspitze +Java's deutlich erkennen zu lassen; da es aber nicht rathsam schien, uns +Nachts in die enge Sunda-Strasse zu wagen, so wurde beigedreht, um den +Tag abzuwarten. Javahoofd bildet den östlichen Pfeiler des einen +Hauptthores zur indischen Inselwelt. Es ist im Besitz der Holländer. Als +das zweite Hauptthor muss man die Strasse von Malacca betrachten, durch +welche der ganze Handel zwischen China und Indien geht. Es ist durch die +Niederlassungen von Pulo-Pinang, Malacca und Singapore in den Händen +der Engländer; das südliche Ufer, die Küste von Sumatra, gehört zwar den +Holländern, doch ist es für die Schifffahrt nicht geeignet, so dass die +Engländer in ungestörtem Besitze dieser Strasse sind. + +[Illustration] + +Von hier an war die Fahrt höchst angenehm; wie ein grosses bewegliches +Panorama zogen lange Küstenstriche von Java, Sumatra, Banca und viele +kleine Inseln, bis an den Meeresspiegel dicht bewaldet, an uns vorüber. +Gleich an der Eingangspforte ragte der Vulkan Krokotan aus dem Meere +hervor, stark rauchend, während der dahinter liegende Vulkan Pulo-Besi +nur seinen Umriss durch den Nebelschleier erkennen liess. An Anjer, wo +die Sundanesen den Schiffen gewöhnlich das erste Willkommen in der +Tropenwelt darbringen, kamen wir leider Nachts vorüber, so dass wir von +den köstlichen Früchten und anderen Erfrischungen nichts erhielten. Das +Meer wurde immer belebter, in ganzen Geschwadern erschienen die +sonderbarsten kleinen Schiffe, zwischen deren hohen Mattensegeln fast +nackte Eingeborne wie Katzen herumkletterten. Die letzten Sturmvögel +hatten uns in 26° südl. Br. verlassen, jetzt schwebten Tropikvögel hoch +über uns hin, mehrere kleine bunte Sänger kamen an Bord, um auszuruhen, +und die Matrosen litten nicht, dass die Schiffsjungen das Gastrecht +gegen sie verletzten. Auch einen Schmetterling trug uns der Wind zu und +einige glänzende Käfer. + +In diesem von Inseln eingeschlossenen Meere regte sich nur ein sanfter +Luftzug, wir brauchten eine Woche bis Singapore, obgleich die Entfernung +von Javahead wenig über 500 Seemeilen beträgt. Doch war dies immerhin +noch kein ungünstiges Verhältniss. Ein Klipper, der einige Monate nach +uns in Singapore eintraf, hatte die Reise von Australien bis zu jenem +Kap in ungewöhnlich kurzer Zeit zurückgelegt, und brauchte von dort +sechs Wochen, um den Hafen zu erreichen. Die Segelschiffe sind hier so +häufigen Windstillen ausgesetzt, dass man die wahrscheinliche Reisedauer +nach Europa gehender Schiffe gewöhnlich erst von dem Tage an rechnet, wo +sie die Sunda-Strasse passirt haben. In Anjer werden alle aus- und +einfahrenden Schiffe verzeichnet und in besonderen Listen bekannt +gemacht; die Betheiligten suchen mit Ungeduld den Namen ihres Schiffes +darin, weil erst ausserhalb der Sunda-Strasse auf beständige Winde zu +rechnen ist. + +Am 21. September war das Meer mit einer Substanz bedeckt, die vom Schiff +aus täuschend wie Sägespähne aussah (wahrscheinlich Cook's sea +saw-dust); sie war nicht gleichmässig über die Oberfläche vertheilt, +sondern in parallele Streifen geordnet, die 1 bis 10 Fuss breit waren +und in sehr verschiedenen Zwischenräumen einander folgten. Zuweilen +fuhren wir stundenlang durch Bänder, die nur wenige Fuss von einander +getrennt waren, dann kamen Zwischenräume von 10 bis 20 Minuten vor, die +bei unserer langsamen Fahrt Entfernungen von 1/2 bis 1-1/2 Seemeilen +entsprachen. Selbst vom Mast aus gesehen, reichten die Streifen bis an +den Horizont. Fast drei Tage lang fuhren wir durch diese Substanz, am +Nachmittag des dritten Tages wurde das Meer bewegter, die Streifen +vermischten sich, die ganze Oberfläche nahm eine gleichmässige +schmutzige Färbung an, am nächsten Morgen war die Erscheinung +verschwunden. Unter dem Mikroskop erschienen die einzelnen Partikelchen +als zierlich verflochtene Fäden; jeder Faden bestand aus einer Reihe von +Zellen, deren Scheidewände in der Mitte des Fadens flach, nach beiden +Enden hin gewölbter wurden und an den Enden selbst halbkugelförmig +waren; jede dieser Zellen war noch durch eine gerade Querwand getheilt, +längs der Mittellinie lagen Chlorophyllkügelchen. Bei dem Filtriren des +Wassers, in welchem die Substanz schwebte, röthete sich das Filtrum, wie +von Jod, die Färbung verschwand bald wieder. Es ist die von Professor +Ehrenberg im rothen Meer entdeckte, später von vielen Reisenden +beobachtete Pflanze Trichodesmium erythraeum. Wo sie vorkommt, findet +sie sich immer in ungeheurer Menge beisammen. Vielleicht entstehen diese +Pflanzen in geschützten Buchten, die durch Treibholz oder ähnliche +Hindernisse zeitweise geschlossene Becken bilden, und wuchern darin so +lange fort, bis durch einen Zufall der schützende Damm zerbrochen wird. +Dann würde der äussere Rand der Einwirkung der Wellen blossgelegt +werden, die bei so ruhiger See vielleicht gerade die rechte Kraft +besässen, um je einen schmalen Streifen vom Rande zu lösen und +fortzuschwemmen. Da dies nur bei Ebbe stattfinden könnte, indem die +Fluth die Substanz zurückdrängen würde, so entsprechen vielleicht die +grossen Zwischenräume, die wir zuweilen unter den Streifen wahrnahmen, +den Fluthzeiten. + +Am Sonntag, nachdem wir zuerst das Land erblickt, kam ein leichter +Sampan auf uns zu und brachte einen malayischen Lootsen an Bord, der uns +durch die Rhiow-Strasse führte; es war ein ruhiger, intelligenter +Mensch, doch verstand er, mit Ausnahme der Schiffs-Ausdrücke, fast kein +Wort englisch. Mit Sonnenuntergang liessen wir auf der Rhede von +Singapore den Anker fallen. Natürlich gingen wir noch an's Land, +obgleich es schon Nacht war, es war entzückend wieder festen Boden unter +den Füssen zu haben, den würzigen Duft der Bäume einzuathmen, unter +Palmen zu wandeln. Einen eigenthümlichen Reiz, mit einem Anklang von +Bangigkeit, hatte es auch, die Eingeborenen vorübergleiten zu sehen, die +in der Dunkelheit so wild aussahen. Alles war so fremdartig, nicht +~eine~ europäische Kleidung war zu sehen, bevor wir das Gasthaus +erreichten, wo wir den Abend mit Champagner, Chesterkäse und englischen +Zeitungen beschlossen. + + + + +Zweites Kapitel. + + Rhede von Singapore. -- Junken. -- Prauen. -- Nipa-Palme. -- + Rhizophoren. -- Palankinfahrt. -- Hindufest. + + +Als wir am andern Morgen an Bord erwachten, war das Schiff von einem +Kranz von Booten umgeben, die Geschäfte mit uns machen wollten. Am +willkommensten war uns eine grosse Mannichfaltigkeit tropischer Früchte, +von denen ich nur Ananas, Cocos und Bananen kannte. Es kamen Schneider, +Schuhmacher, Wäscher, Klempner, Händler mit Getränken, Fleisch, +Geflügel, Glaswaaren, Steingut, Kuriositäten; ein wahrer schwimmender +Markt, als hätte die Stadt eine Probe geschickt von Allem, was sie zu +leisten vermag, und unser Steuermann, der nach einer Fahrt von mehr als +100 Tagen noch nicht Lust hatte, an's Land zu gehen, konnte sich hier +wenigstens einen allgemeinen Ueberblick verschaffen. Die meisten Leute +sprachen ein paar Worte englisch, alle waren von einem ungeheuren +Schachergeist besessen, am eifrigsten, lautesten und zudringlichsten +gebahrten sich die Chinesen, wie sie auch die zahlreichsten waren. + +Um uns auf der Rhede lag eine grosse Anzahl stattlicher europäischer +und amerikanischer Schiffe, und hinter ihnen eine solche Musterkarte +der allersonderbarsten Fahrzeuge und Flaggen, wie sie vielleicht kein +anderer Hafen der Welt aufzuweisen haben möchte. Doch waren keine +chinesischen Junken darunter, diese fangen erst im December an, ihre +Heimath zu verlassen, wenn der NO.-Monsun in Kraft ist, und kommen +frühestens gegen Neujahr hier an.[5] Sind sie einmal hier, so richten +sie sich ganz häuslich ein, da sie vor dem Monat Juni, wenn der +SW.-Monsun beständig ist, selten zurückkehren. Obgleich ihre Zahl mit +jedem Jahre abnimmt und von europäischen Schiffen ersetzt wird, sah +ich doch einige Monate später ihrer viele hier liegen. Die Gestalt der +Junken ist aus chinesischen Bildern allgemein bekannt. Interessant ist +aber das Treiben an Bord und rings umher. Das Schiff wird gleich nach +Ankunft abgetakelt und in ein schwimmendes Waaren-Magazin verwandelt, +oder vielmehr in einen Bazar; denn die Ladung ist nicht einem +Superkargo anvertraut, sondern jeder handeltreibende Passagier (und +jeder Chinese treibt Handel) hat sein Geld in denjenigen Waaren +angelegt, die ihm den meisten Gewinn versprechen, und feilscht mit +seinen Kunden auf eigene Hand. Lange rothe Papierstreifen, mit grossen +Buchstaben bemalt, vertreten die Handelsschilder, Proben der +verkäuflichen Waaren werden an den Seiten der Junke ausgehängt. Durch +eben so viele Käufer und Verkäufer wird auch die Rückfracht beschafft, +und da die nie müssigen Chinesen, wenn sie sonst nichts zu thun haben, +die bösen Geister durch Gong-Musik und Knall-Feuerwerk vertreiben, so +herrscht immer um die Junken ein wüster Lärm. Jetzt wimmelte der Hafen +von „Prauen” aller Art, die sich aber nun bald in Bewegung setzen, um +nach den östlich gelegenen Inseln und Küsten zurückzukehren. Diese +Fahrzeuge sind nur klein, aber sehr malerisch, manche reich mit +Schnitzwerk verziert, bunt bemalt und vergoldet. Die Mattensegel und +groben Stricke aus Rotang (spanisch Rohr) oder Palmenfasern, die +hölzernen Anker und die Bewaffnung vermehren das eigenthümliche +Ansehen. Die Kabel und Taue dieser Prauen bestehen zuweilen aus +dünngespaltenem, zusammengedrehtem Stuhlrohr, häufiger aus der +schwarzen Faser, die bei der Gomutipalme (Arenga saccharifera) den +Ursprung der Blattstiele am Stamm bekleidet (daher sie bei den +Spaniern Cabo negro heisst), oder aus Coir, der Faser, welche den Kern +der Cocosnuss umgiebt, derselben, die jetzt so viel zu Fussdecken +verarbeitet wird. Beide letztere sind zwar weniger stark, als +Hanfstricke, aber leichter und elastischer. Vor Erfindung der +Ankerketten hatten viele Schiffe in den indischen Gewässern +dergleichen Kabel, und hielten vor Anker Stürme aus, bei denen +stärkere, aber weniger elastische Hanfkabel zerrissen. Zu +Passagierbooten benutzt man die weitberühmten Sampans, leichte, +bequeme, schnelle Kähne mit einem Sonnendach für den Passagier. Sie +sollen nicht europäischen Booten nachgebildet sein, sondern diesen zum +Theil als Muster gedient haben. Obgleich die Mannschaft aus vier +Ruderern und einem Steuermann besteht, sind sie sehr billig. Eine +Fahrt in solchem Boot, namentlich in der Gegend, wo die Schiffe der +Eingeborenen am dichtesten liegen, gehört zu den angenehmsten +Ausflügen und liefert eine Unzahl interessanter Genrebilder. Noch +billiger, sicherer, freilich auch viel langsamer, fährt man auf dem +Schuhboot der Chinesen; es ist fast so breit als lang, und wenn ein +schneller Raubfisch das Modell zum Sampan geliefert hat, so ist das +Schuhboot wohl der Schildkröte nachgebildet. Vorn hat es einen +Schnabel, wie andere Boote auch, an seinem abgestutzten Hintertheil +aber zwei kurze Schwänze, vorn ist natürlich auch auf jeder Seite ein +grosses, in die Tiefe schauendes Auge angebracht, sie fehlen keinem +chinesischen Fahrzeuge („no got eye, how can see?”). Gegen das Land +hin nimmt das Gewimmel der kleinen Boote und Leichter immer mehr zu, +und an der Mündung des kurzen Flusses ist ein Gedränge und Gesumme, +wie am Eingang eines Bienenkorbes. + +[Illustration] + +Wie bedeutend der Schiffsverkehr in Singapore, und wie sehr die deutsche +Rhederei daran betheiligt ist, zeigt folgender Auszug aus der Singapore +Free Press vom 6. Mai 1865: „Abgesehen von inländischen (d. h. nicht +europäischen und amerikanischen) Schiffen, liegen jetzt 154 grössere +Schiffe mit Raaen (square rigged vessels) im Hafen, wovon 3 britische +und 2 Kolonial-Kriegsdampfer, 2 englische, 2 amerikanische +Handelsdampfer, 2 holländische Postdampfer, 78 englische Kauffahrer, 19 +hamburger, 9 bremer, 8 französische, 5 dänische, 5 preussische, 4 +amerikanische, 4 holländische, 3 oldenburger, 2 hannoveraner, 2 +schwedische, 2 siamesische, 1 norwegisches, 1 belgisches. Von den +Kauffahrern verhalten sich die unter deutscher Flagge (38) zu den +englischen wie 1 zu 2 und zu denen aller übrigen Nationen wie 2 zu 1 +(dies würde stimmen, wenn die unter dänischer Flagge fahrenden Schiffe, +wie es früher meist der Fall war, holsteiner wären). Vor acht Jahren +lagen um dieselbe Zeit nur 60 Kauffahrer im Hafen; das Verhältniss der +deutschen zu den englischen Schiffen war damals wie 1 zu 11, und das der +deutschen zu denen aller übrigen Nationen, wie 1 zu 8. So weit haben es +Freihandel und deutscher Unternehmungsgeist gebracht. Wir würden uns +durchaus nicht wundern, wenn in wenigen Jahren das Verhältniss noch mehr +zu ihren Gunsten wäre.” + +Vom Hafen aus gesehen zeigt die Insel Singapore einen langgestreckten, +stellenweis steilen Küstensaum, über den sich einige sanfte Hügelwellen +erheben. Von der Stadt ist nur ein Theil sichtbar, in der Nähe derselben +liegen viele einzelne Häusergruppen, weiterhin ist Alles mit dichtem +Wald bedeckt, der einen zusammenhängenden einförmigen immergrünen +Teppich bildet, nur in der Nähe des Strandes mit einigen Landhäusern +geschmückt. Der Anblick ist lieblich, aber nicht besonders schön, da es +an Kontrasten und hervorragenden Gegenständen fehlt. Die schöne grosse +Kirche, die künftig die Hauptzierde der Stadt sein wird, ist noch im Bau +begriffen. Die Insel liegt bekanntlich unmittelbar vor der südlichen +Spitze der malayischen Halbinsel, des südlichsten Punktes von Asien, und +ist nur durch eine Meerenge getrennt, die im Allgemeinen eine Meile, an +einer Stelle aber nur 2000 Fuss breit ist. Früher ging der ganze Handel +nach China durch diese schmale Gasse, jetzt fahren die Schiffe um die +Südseite der Insel unmittelbar an der Stadt Singapore vorbei. Die Insel +besteht, wie das gegenüberliegende Festland selbst, aus Granit und +älteren geschichteten Gesteinen, letztere nehmen den grössten Theil des +Flächenraumes ein, es ist noch nie ein Fossil darin gefunden worden; +auch fehlen alle Anhaltspunkte, um ihr relatives Alter genauer bestimmen +zu können. Uebrigens haben sie ganz den Habitus unserer ältesten +Gesteine und gehören auch wohl den ältesten Gebilden an; es sind +Sandsteine, Thone, Letten; an vielen Stellen tritt ein sehr +eisenhaltiger Thoneisenstein auf, meist in Nestern, seltener in Bänken; +bis jetzt wird er ausschliesslich zum Strassenbau benutzt, obgleich er +sich wegen seiner geringen Festigkeit wenig dazu eignet. Der Granit, der +einen viel kleineren Flächenraum einnimmt, tritt nie an die Küste, er +bildet den Centralkern der Insel; aus ihm besteht auch der höchste Punkt +derselben, Bukit-tima. Der Boden ist nicht fruchtbar, in den Niederungen +häufig versumpft; die dem Meere näher gelegenen Sümpfe sind brakisch, in +ihnen wuchert die stammlose Nipa-Palme und ein Dickicht von Mangelbäumen +(Rhizophoren), das an flachen Stellen weit in's Meer hinein reicht und +die ganze Insel, ausser wo die Ufer steil sind, mit einem Sumpfgürtel +umgiebt. Aus den Wurzeln der Nipa-Palme (Nipa fruticans) wird in Borneo +Salz gewonnen; die Blüthe liefert in den Philippinen und in Siam Zucker +und Branntwein, wie viele andere Palmen, und nach demselben später zu +beschreibenden Verfahren. In Singapore werden nur die Blätter zum Behuf +der Dachdeckung zu „Atap” verarbeitet und die ganz jungen, noch gelben +unentfalteten zur Herstellung von Cigaretten, indem man Tabak darin +einrollt. Die Ataps sind eine wesentliche Vervollkommnung ihres +Prototyps, des längs des Blattstiels gespaltenen Palmenwedels. Man +erhält sie, indem man die Seitenblätter im Drittel ihrer Länge, von der +Basis an gerechnet, umknickt, sie auf einen mehrere Fuss langen Stock +dachziegelförmig aneinander reiht und durch einen Rotang-Splitt in +dieser Lage befestigt. Die einzelnen Ataps werden beim Dachdecken wie +Dachschiefer übereinander gelegt. Ein solches Dach ist sehr leicht, +völlig regendicht, nur muss es häufiger ausgebessert werden, als ein +Ziegeldach. + +Die Mangelsümpfe (mangrove swamps) werden durch die merkwürdige Ordnung +der Rhizophoraceen gebildet, die in tropischen Meeren alle flachen +Küsten umsäumen. Es sind fast die einzigen Bäume, die im Meere wachsen +und auf Kosten desselben das Land vergrössern, indem sie immer weiter +darin vordringen und mit dem dichten Faserwerk ihrer Wurzeln das durch +die atmosphärischen Wasser in das Meer geschwemmte Erdreich +zurückhalten, so dass man oft nicht weiss, ob man schon am Lande oder +noch im Meere ist. Bei keiner Pflanze tritt die Fortpflanzungsfähigkeit +so schlagend vor die Augen, als bei dieser, wo die Früchte, noch an den +Zweigen der Mutterpflanze hängend, sich schon in junge Bäume verwandeln +mit langer spindelförmiger Wurzel. Beim Abfallen bleiben sie senkrecht +im Sumpf stecken und wachsen sogleich weiter, oben Blätter, unten +Wurzeln entwickelnd, während die an den niedrigeren Zweigen hängenden, +ohne sich abzulösen, den Sumpf erreichen und darin fortwachsen. So +sendet der Wald immer einen Gürtel junger Pflanzen vor sich her, indem +er weiter in's Meer rückt. Sind die Bäumchen etwas grösser geworden, so +entspringen am Umfange des Stammes Luftwurzeln, die in einem Bogen den +Sumpf erreichen. Diese Wurzeln senden seitlich wieder Wurzeln aus, und +schliesslich steht der Stamm, der 30 bis 40 Fuss hoch wird, auf einem +domartigen Geflecht von Luftwurzeln, das bei Ebbe entblösst, bei Fluth +gewöhnlich bis an den Stamm bedeckt ist, dann hat man einen Wald im +Meer. Auch von den Aesten senken sich Luftwurzeln herab, die, wenn sie +den Boden erreichen, darin weiter wachsen als Stützen der Aeste, aber zu +selbstständigen Bäumen werden, wenn die Verbindung mit der Mutterpflanze +aufgehoben wird. Das Holz wird hauptsächlich zur Feuerung benutzt, die +Rinde zum Gerben (sie enthält mehr Tannin als die Eichenrinde), auch +zum Färben dient sie den Eingebornen. Die Rizophorenwälder sind ein +Lieblingsaufenthalt für Krokodile, Krabben, Einsiedlerkrebse und viele +Gastropoden; auch Austern sitzen an den Stämmen; mit der Behendigkeit +einer Eidechse kriecht und hüpft mittelst der Brustflossen ein +sonderbarer Fisch auf dem Schlamme umher (Periophthalmus sp. div.). +Dergleichen Sümpfe sind ein sicherer Zufluchtsort für Seeräuber, +und gewöhnlich wegen ihres dichten, für die Sonnenstrahlen +undurchdringlichen Laubdaches eine Quelle böser Miasmen. In Singapore +aber, wo sie nur einen schmalen Gürtel bilden, werden sie durch die +beständig mit einander wechselnden Land- und Seebrisen hinreichend +gelüftet. + +Wie gefährlich dergleichen Sumpfwaldungen zuweilen sind, zeigt folgende +Notiz aus meinem Tagebuch: „14. Juni 1858. Als wir uns bei der dicht vor +der NW.-Küste von Borneo (5° 04' N' 115° 12' O.-Gr.) liegenden Insel +Moarro befinden, kommt ein Boot auf uns zu und meldet, dass das vor uns +vor Anker liegende Schiff, die englische Barke Anna Maclean, in Noth +sei. Unser Kapitän begiebt sich an Bord, bald darauf nehmen wir das +Schiff in's Schlepptau und bugsiren es in den Hafen von Labuan. Das +Schiff hatte, um Kohlen zu laden, auf Moarro, der Mündung eines Flusses +gegenüber, angelegt, der viele Meilen weit durch die Sumpfwälder +fliesst, aus denen hier die Küste von Borneo besteht. Der Nachts wehende +Landwind hatte ihm die giftigen Miasmen wie aus der Mündung eines +Trichters zugeführt; in wenigen (2?) Tagen war die ganze Mannschaft +theils erkrankt, theils gestorben. Der Kapitän, der Steuermann, 3 +Matrosen waren todt, nur ein Mann war noch dienstfähig.” + +Unser Lootse, der uns gestern durch die Rhiow-Strasse gebracht, führte +uns heut durch das Gewirr der Gassen von Singapore nach dem Handelshaus, +dem unser Schiff konsignirt war. Man hatte uns frühestens 14 Tage später +erwartet, ich fand die liebenswürdigste Aufnahme. + +Zunächst wollte ich eine Fahrt durch die Stadt machen, und nahm deshalb +einen Palankin, so heissen die hiesigen Miethswagen; es sind länglich +viereckige, vierrädrige Kasten, mit Vorder- und Rücksitz, ringsum von +Jalousien umgeben und mit einem kleinen Pony bespannt, beispiellos +billig (1 Dollar pro Tag) und sehr zweckmässig, bis auf den Anstrich, +der weiss statt schwarz sein sollte. Der Kutscher war ein Kling (Telinga +von der Küste Koromandel), fast schwarz, mit einem grossen Turban und +einem Lendentuch, sonst unbekleidet, doch sah er nicht unanständig aus, +da die dunkle Farbe den Eindruck des Nackten fast aufhebt. Mitten auf +der Stirn trug er einen Fleck von rothem Ocker, so gross wie eine +Oblate. Alle Hindus haben dergleichen Abzeichen von verschiedener Form +an der Stirn, und bezeichnen dadurch die religiöse Sekte, der sie +angehören. + +Ich liess mir die Tour, die ich machen wollte, ins Malayische +übersetzen, lernte die Worte nach dem Klang auswendig, und hatte die +Genugthuung, sogleich vom Kutscher verstanden zu werden, was er durch +einen Salam (Anlegen der Hände an die Stirn und Verneigung) ausdrückte. +Er ergriff das Pferd am Zügel und lief in kurzem Trabe mit ihm davon. +Einige Male setzte er sich während der Fahrt auf das vorn angebrachte +Brett und versuchte, das Pferdchen von dort aus zu lenken. Dies gelingt +aber selten auf die Dauer, da die meisten hiesigen Ponies zu eigenwillig +sind, dann muss der arme Bursche wieder absteigen und nebenher laufen. +So kamen wir bald vor die Stadt, die Landstrasse wurde immer einsamer. +Ich liess halten und stellte den Kutscher zur Rede, er vertheidigte sich +sehr fliessend, doch konnten wir gegenseitig kein Wort verstehen. +Endlich kehrte er aber um und führte den Wagen an die Stelle zurück, wo +ich eingestiegen war. Hier brachte ein vorübergehender Kling, der +Englisch verstand, Alles in Ordnung. Es ergab sich, dass der Kutscher +fast ebenso fremd war, als ich, kein Wort Malayisch verstand und nur auf +meine Ortskenntniss gerechnet hatte. Ich habe dies so ausführlich +erzählt, weil ganz ähnliche Auftritte täglich vorkommen und sie so +bezeichnend für die Art der Eingebornen sind, die auf die Frage, ob sie +Dies oder Jenes wissen oder können, immer Ja antworten, wenn sie +glauben, dass solche Kenntniss oder Fähigkeit ihnen Vortheil bringen +werde; sehen sie aber mehr Mühe als Lohn voraus, so machen sie es +natürlich umgekehrt. + +Nachmittags begegnete mir eine grosse Kling-Prozession, der ich folgte. +Den Zug eröffnete eine Musikbande, dann kamen einige Paare, die lange +Stecken trugen, mit denen sie gegenseitig Schein-Angriffe machten und +parirten; sie besassen grosse Gewandtheit und Sicherheit. Ihnen folgte +paarweis ein Zug von Hindus, deren nur um die Hüften verhüllter, sonst +nackter Körper mit gelbem Turmerikpulver[6] eingerieben war. Die Meisten +trugen Hals- und Armbänder aus aufgefädelten kleinen weissen Blüthen. +Einige dieser Leute hatten sich einen etwa fusslangen Spiess durch +Lippen und Zunge, einen zweiten Spiess durch Backen und Zunge gestossen. +Andere hatten sich auf jeder Seite des Körpers in der Gegend der Hüften +zwei zwei Zoll lange Einschnitte gemacht, und durch die so entstandenen +Oesen lange Stricke gesteckt, die von davor- und dahintergehenden +Männern beständig hin- und hergezogen wurden. Unmittelbar auf sie +folgten die Götter, deren Gunst durch diese Verstümmelungen erlangt +werden sollte, theils auf Schultern getragen, theils auf Ochsenkarren +gezogen. Es waren schöne Gruppen darunter: vor den reich drapirten +Nischen, in welchen sich die Bilder der Gottheiten, von Gold und Silber +glitzernd, befanden, standen je zwei junge Hindu-Mädchen in sehr +glänzender Kleidung von Gold- und Silberbrokat, die auffallend an die +Festkleider der Mutter Gottes in katholischen Kirchen erinnerte. Sie +trugen langgestielte Wedel von weissen Federn, die sie feierlich hin- +und herbewegten. Später überzeugte ich mich, dass es keine wirklichen +Mädchen waren, sondern Knaben, die ihre Rollen so täuschend spielten. +Auf einem freien Platz vor der Stadt machte der Zug Halt. Es waren viele +Zuschauer anwesend, vorwiegend Klings, Chinesen, Malayen, fast kein +Europäer. Die Meisten kauerten, hockten, sassen auf dem Boden, nur die +hintersten Reihen standen. Jeder hatte gewiss die ihm behaglichste +Stellung eingenommen, die aber zum Theil der Art war, dass sie bei uns +kaum ein Turner auf die Dauer ausgehalten hätte. Diese Leute, die von +Jugend auf nie einen Stuhl oder Tisch benutzen, weder enge Kleider, noch +Schuhe tragen, wissen aus ihren unteren Gliedmassen viel mehr Nutzen zu +ziehen, als wir. Die Beine müssen häufig als Arme aushelfen, wobei die +Füsse die Stelle der Hände vertreten; so heben sie Sachen vom Boden auf, +ohne sich zu bücken, halten das eine Ende eines Gegenstandes mit den +Füssen fest, während sie das andere Ende mit den Händen bearbeiten. +Besonders verstehen sie sich durch die grosse Gelenkigkeit ihrer Beine +eine Auswahl bequemer Stellungen zu verschaffen und die Last des +Oberkörpers so geschickt zu balanciren, dass sie nicht ermüden können. +Selbst wenn man ihnen einen Stuhl anbietet, ziehen sie die Beine in die +Höhe und richten sich auf dem Sitz ein, als ob sie am Boden sässen. +Diese beneidenswerthe Fertigkeit ist aber leider nur in der ersten +Jugend zu erlernen, in Kinderstuben, wo es keine Stühle giebt, und nur, +wenn die Ausbildung der Füsse nicht durch Schuhe gehemmt wird. + +Mitten auf dem Platz war ein grosses Feuer angezündet. Als es +ausgebrannt war, lag die Gluth fast fusshoch und hatte gegen 20 Fuss +Umfang. Die freiwilligen Märtyrer wurden bis an den Rand geführt, +sprangen hinein, gingen langsam hindurch und taumelten in einen mit +Wasser gefüllten Graben am jenseitigen Rande. Ihre Freunde liefen +herbei, ermunterten, unterstützten sie und führten sie nach einer kurzen +Erholungspause einzeln in einen grossen Kreis, den die Zuschauer offen +gelassen hatten. Hier wurden sie mit einer gewaltigen Peitsche +gegeisselt, bis sie vor Schmerz hinstürzten, worauf sie von ihren +Freunden mit triumphirendem Gemurmel durch die Reihen getragen wurden. +Es war ein ekelhaftes Schauspiel, das diese Leute von schönster +kaukasischer Rasse hier vor den Malayen und Mongolen aufführten. + +[Illustration] + +Ueber die Bedeutung des Festes konnte ich in Singapore nichts +Zuverlässiges erfahren, später aber fand ich in den Blaubüchern der +Präsidentschaft Madras, dass auch dort das Naruppuh-terunaul oder +Feuerfest immer noch besteht, die Theilnahme sich jedoch, ebenso wie +hier, auf die untersten Volksklassen beschränkt und überall im Abnehmen +begriffen ist. Es ist keine von der Hindu-Religion vorgeschriebene +Feierlichkeit. Nach einigen Berichten hat sie insofern eine religiöse +Bedeutung, als sie mit der Verehrung der Gottheit Durmarasawney der +Tamil, oder Veerbudrasawney der Telegu, in Beziehung steht, deren Zorn +dadurch abgewendet werden soll; nach den meisten Berichten aber hat die +Religion gar nichts damit zu schaffen, es ist nur ein alter Brauch, dem +die niederen Klassen aus roher Schaulust zugethan sind, während die +Gebildeteren fern bleiben. An manchen Orten sind es dieselben +Individuen, die alljährlich die Feuerprobe bestehen und dafür bezahlt +werden, wie andere Gaukler. Häufig aber sind es beschränkte Menschen aus +den niedrigsten Kasten und Parias, die sich zur Erfüllung eines Gelübdes +die Peinigung auferlegen. Es sollen fast nie üble Folgen eintreten, +namentlich keine Todesfälle (zwei in den Berichten erwähnte waren +jedenfalls nur mittelbar durch die Feuerprobe veranlasst), und +wahrscheinlich ist ein grosser Theil des Eindrucks der guten Aufführung +zuzuschreiben. Die indische Regierung beschloss in Folge jener Berichte, +das Fest nicht amtlich zu verbieten, da sie ihr Ziel sicherer zu +erreichen glaubte, indem sie ihren Beamten empfahl, für das allmählige +Aufhören unter der Hand nach Kräften zu wirken. + + + + +Drittes Kapitel. + + Landhaus. -- Klima. -- Muskatnuss-Pflanzung. -- Europäer. -- + Früchte. -- Nahrungsmittel. -- Diener. + + +Der preussische Konsul, dem ich während meines Aufenthalts in Singapore +sehr viel verdankte und der mir auch noch später, so weit der Einfluss +seiner Empfehlungen reichte, mit der freundschaftlichsten, +angelegentlichsten Fürsorge den Weg ebnete, hatte mir auf seinem +Landhause eine Wohnung einrichten lassen, die ich wenige Tage nach +meiner Ankunft bezog. Es war wohl die schönste Besitzung auf der Insel, +jetzt dient sie dem Guvernör zum Aufenthalt. Fast alle grossen Kaufleute +haben ein Haus vor der Stadt, gewöhnlich auf dem Gipfel eines Hügels, wo +die Seebrise alle Räume durchweht und abkühlt. Die hiesigen Landhäuser +sind die angenehmsten und zweckmässigsten, die ich in heissen Ländern +kennen gelernt habe, fast alle nach demselben Typus gebaut. Der leitende +Gedanke dabei ist, die bewohnten Räume allseitig von Luft umkreisen und +durchdringen zu lassen und sie gegen die Sonnengluth zu schützen. Das +Haus ruht auf steinernen Pfeilern, gegen 15 Fuss hoch, der Raum zwischen +den Pfeilern ist meist offen, nur wo es an Platz gebricht, werden +einzelne Räume zwischen den Pfeilern durch leichte Holzwände oder Gitter +abgetheilt. Der obere Stock, die eigentliche Wohnung, ist rings von +einer breiten Gallerie, Veranda, umgeben, die vom Dach weit genug +überragt wird, um gegen den Regen geschützt zu sein. An der äusseren +Seite der offenen Veranda sind dunkelgrüne Rouleaux aus feingespaltenem +Bambus angebracht, ein chinesisches Substitut für Jalousien; sie lassen +die Luft durch, schliessen aber das blendende Licht aus. Durch +rechtzeitiges Aufziehen und Herablassen derselben wird die Veranda und +die von ihr umgebene Wohnung stets angenehm kühl erhalten. Die Zimmer +haben nur Jalousien statt Glasfenster und massiver Thüren und öffnen +sich alle nach der Veranda. So ist der ganze bewohnte Kern des Hauses +ringsum von einer isolirenden Luftschicht umgeben. Von jedem +Schlafzimmer führt eine kleine Treppe in ein zur ebenen Erde +befindliches Badezimmer. Küche, Stallung, Remise, sowie die Wohnungen +der Dienerschaft befinden sich in kleinen Nebenhäusern, durch einen +bedeckten Gang mit dem Haupthause verbunden, wodurch aller widerwärtiger +Geruch und Lärm ferngehalten wird. Im Speisesaal und in den +Gesellschaftszimmern fehlt nie die Punka, ein grosser Fächer, bestehend +aus einem mit Zeug bespannten Rahmen, der von der Decke herabhängt und +durch ein Loch in der Wand mittelst einer Schnur von Aussen in Bewegung +gesetzt wird.[7] Rings um das Haus des Konsuls war ein Garten, der eine +Auswahl der schönsten Pflanzen des Archipels und neben anderen +ausländischen Zierpflanzen auch europäische Rosen enthielt, denen man +aber ansah, dass sie hier nicht heimisch sind. Der frühere Besitzer, der +auch als Botaniker bekannte Arzt Oxley, hatte durch eifriges Sammeln und +Tauschen den schönen Garten geschaffen. Da stand die Amherstia nobilis, +das einzige grössere Exemplar auf der ganzen Insel, neben der Poinciana +regia und dem Prachtstrauch Duranta Plumieri, umgeben von Ixoren in +allen Farben und ebenso mannigfaltigen Hibiscusarten, darunter die Rose +der Chinesen, von den Bedienten Schuhblume genannt, weil sie die +lackirten Schuhe ihrer Herren damit putzen, Bauhinien, Passifloren und +unter dem dichten, von sonderbar verschlungenen Luftwurzeln gestützten +Schattendach eines Ficus die herrlichsten Orchideen und epiphytischen +Farne. Fast Alles war in Blüthe, wie denn die meisten Pflanzen hier das +ganze Jahr hindurch gleichzeitig Blüthe und Frucht tragen. + +Da Singapore nur 1° 17' nördlich vom Aequator liegt, so herrscht dort +ein ewiger Sommer. Der Unterschied zwischen dem längsten und kürzesten +Tag beträgt nur 7-1/2 Minuten; praktisch genommen sind also alle Tage +des Jahres durchaus gleich lang. Der Temperaturunterschied zwischen dem +Mittel des kältesten und des wärmsten Monats beträgt weniger als einen +halben Grad, die mittlere Jahreswärme 22-1/2° R. Die äussersten +Thermometerstände sind 17° und 26° R. Die Morgen sind angenehm kühl, +aber die Sonne steigt schnell so hoch, dass alles mit blendendem Lichte +und sengender Gluth übergossen sein würde, wenn nicht Wolken, häufige +Regenschauer und regelmässig wechselnde Land- und Seebrisen Licht und +Hitze milderten. Es regnet an 180 Tagen etwa 90 Zoll; im Winter etwas +mehr als im Sommer, doch vergeht selten eine Woche ohne Regen; trockene +und Regenzeit, die weiter nach den Wendekreisen hin fast ebenso +deutlich, wenn auch nicht so schroff gesonderte Jahreszeiten bilden, wie +unsere Sommer und Winter, fehlen hier in der unmittelbaren Nähe des +Aequators. Der erste Januar ist vom ersten Juli nicht zu unterscheiden. +Bei einer so beträchtlichen Regenmenge in so hoher Temperatur ist die +Feuchtigkeit der Luft immer sehr gross. Es ist sehr schwer, Eisengeräthe +gegen Rost zu schützen. Das Leder verschimmelt, Papier verstockt, der +Phosphor läuft von den Zündhölzern ab. + +Der Garten ging allmälig in eine Muskatnuss-Pflanzung über, die den Rest +des „Oxley-Hügels” einnahm. Das ganze Grundstück, sowie die Fahrwege +in demselben, sind von Hecken aus Zwergbambusen umschlossen, so +gesundheitstrotzend und immergrün, wie keine andere Hecke der Welt. Die +Hauptstiele sind höchstens fingerdick; die Seitenschösse wie starker +Draht und ebenso steif, starren nach allen Richtungen hin so +gleichmässig dicht, dass die immer sorgfältig unter der Scheere +gehaltenen Hecken wie riesige Bürsten aussehen. Wer die vielen schönen, +anscheinend so gesunden Muskatbäumchen betrachtete, die mit Bevorzugung +vor jeder anderen Kulturpflanze die Häuser aller Europäer umgaben, +konnte nicht ahnen, dass diese mit so vieler Mühe und grossen Kosten +angesiedelten Fremdlinge bereits den Keim des Todes in sich trugen. Der +Muskatnussbaum (Myristica moschata) ist so oft und gut beschrieben +worden, dass ich nur Einiges erwähnen möchte, was sich besonders auf +seine Kultur in Singapore bezieht. Heimisch ist er nur auf den Molukken +und den umliegenden Inseln. Sein Produkt, die Muskatnuss und die Macis, +sind, seitdem die Europäer zuerst in jene Meere kamen, Gegenstände des +strengsten Monopols gewesen. Die Banda-Inseln, auf welche die Holländer +der leichteren Kontrolle wegen den Anbau beschränkten, obwohl ihnen dies +nie ganz gelang, lieferten Jahrhunderte hindurch allein dies Gewürz. +Nachdem die ursprüngliche Bevölkerung der Inseln, die sich dem Zwange +nicht fügen wollte, ausgerottet worden, wurde der Anbau durch Sklaven, +jetzt durch Sträflinge, betrieben, unter der Leitung von Europäern, die +zwar die Pflanzungen eigenthümlich besitzen, das Produkt aber nur an die +Regierung zu einem festgesetzten Preise verkaufen dürfen (Perkeniers). +1798, als die Engländer die Molukken inne hatten, übersiedelten sie die +Pflanze nach Sumatra, von wo sie 1819 durch Raffles nach Singapore +gebracht wurde. Ihr Anbau kam hier schnell in Mode, fast alle Landhäuser +wurden mit dergleichen Pflanzungen umgeben. Der Baum, der in seiner +Heimath 70 Fuss hoch werden soll (ich fand später in Camarines auf Luzon +einen fast 100 Fuss hohen, sehr mächtigen, wilden Muskatnussbaum, dessen +Früchte nicht grösser als kleine Kirschen, aber ganz ohne Aroma waren), +bleibt hier strauchartig und übersteigt selten 20 Fuss. Sein Habitus +hält die Mitte zwischen einem Lorbeer und einer Orange. Der einzelne +Baum ist sehr schön, eine Pflanzung aber hat ein zu einförmiges Ansehen. +Die Frucht gleicht einer Aprikose, doch läuft das Ende, an welchem der +Stiel sitzt, spitz zu, wie bei einer Birne. Ist die Frucht reif, so +springt sie auf. Dann sieht man im Innern hinter einem intensiv +karminrothen Netzwerk, der sogenannten Muskatblüthe oder Macis des +Handels, die glänzend schwarze Hülle der Nuss. Die Nuss selbst ist +schwer herauszuschälen. Erst durch sehr langes Trocknen über schwach +glimmendem Feuer schrumpft sie allmälig so weit zusammen, dass die +Hülle, welche die ursprüngliche Grösse behält, durch vorsichtiges +Klopfen zersprengt und abgelöst werden kann. Die Muskatblüthe wird an +der Sonne getrocknet und gepresst und erhält dadurch ihre gelbe Farbe. +Es dauert 9 bis 10 Jahre, bevor die aus Samen gezogenen Bäume Früchte +tragen. Ein grosser Uebelstand ist, dass die männlichen und weiblichen +Blüthen auf verschiedenen Bäumen sitzen, so dass später ein Theil der +unfruchtbaren männlichen Bäume umgehauen und durch neue weibliche +ersetzt werden muss. Gewöhnlich lässt man auf 10 weibliche Bäume einen +männlichen stehen. Während die Pflanze in Banda ohne alle Pflege +wuchert, fordert sie hier unausgesetzt die grösste Sorgfalt. Der +Uebelstand, dass sie erst nach so langen Jahren den vollen Ertrag giebt, +tritt um so mehr hervor, wenn man berücksichtigt, dass der hier übliche +Zinsfuss 12% beträgt. Trotzdem erlangte der Anbau dieses Gewürzes doch +schnell eine grosse Ausdehnung. Einerseits ist sowohl der Boden als das +Klima von Singapore für die Erzeugung der meisten andern +Kolonial-Produkte nicht geeignet. Zucker, Kaffee, Baumwolle, Cacao, +Arrow-root zu ziehen ist versucht worden, jedoch ohne rechten Erfolg. +Andererseits konnten die Muskatgärten bequem vom Besitzer übersehen +werden, da sie keine grosse Ausdehnung haben und unmittelbar sein Haus +umgeben. Auch der Umstand, dass die Pflanze in anderen tropischen +Ländern, wo man ihren Anbau versucht hatte, nicht hinreichend gedieh, um +ihr Produkt zum Handelsartikel zu machen, war nicht übersehen worden; +man hoffte dem indischen Archipel das Monopol zu bewahren. Die +Erwartungen der Pflanzer sind aber gänzlich zu Schanden geworden. Schon +bei meiner letzten Anwesenheit, 1859, begannen viele Bäume zu kränkeln +und trotz aller Bemühungen der Gärtner abzusterben. In fast allen Stufen +seiner Entwickelung wurde der Baum von verschiedenen Insekten +angegriffen. Das Uebel verbreitete sich so schnell, dass jetzt, 1864, +fast alle Pflanzungen sowohl in Pinang, als in Singapore völlig zerstört +sind. Der Verlust an Kapital wurde schon 1862 auf mehr als 500,000 +Dollars angeschlagen. Durch das Aussterben der Muskatbäume haben alle +ländlichen Grundstücke eine bedeutende Entwerthung und die +Hypothekengläubiger entsprechende Verluste erlitten. Nach einer +Privatmittheilung hatte beispielsweise ein reicher Chinese 4000 Dollars +auf eine Pflanzung geliehen, die nach dem Absterben der Bäume nicht für +300 zu verkaufen war. Wäre aber das Unglück auch nicht eingetreten, so +würden doch die hochgespannten Erwartungen der Pflanzer nicht in +Erfüllung gegangen sein, da der Verbrauch und mithin auch der Preis +aller Gewürze, mit Ausnahme des Pfeffers, fortwährend abnimmt.[8] + +Von der Veranda des schönen Landhauses übersah man einen grossen Theil +der Insel. Zunächst um den Fuss des Hügels und im Thal zwischen den +nächsten Anhöhen liegen in hübschen Gruppen die kleinen Häuschen der +Eingebornen, unter Bambusbüschen und Obstbäumen, von Arecapalmen +überragt, die auf langem, zierlich dünnem Schaft eine Blätterkrone +tragen, so leicht, wie ein Federbusch. Es ist die eleganteste aller +ostasiatischen Palmen, Hooker vergleicht sie mit einem vom Himmel +geschossenen Pfeil; die Eingebornen pflanzen sie aber nicht ihrer +Schönheit wegen, sondern weil sie die Arecanüsse liefert, die sie mit +dem Betelpfeffer kauen. Die besseren dieser Häuser sind aus Brettern +erbaut, viele aber nur aus Bambus, Matten, Palmenblättern und allerlei +Nothbehelf; sie stehen auf Füssen von Palmenstämmen, einige Fuss hoch +über der Erde. Der Fussboden besteht aus gespaltenen Bambusen oder +Nibongpalmen (Caryota urens), die neben einander liegen, ohne sich zu +berühren, so dass Luftzug von unten durchdringt. Das Ganze überragt wie +ein Sonnenschirm ein hohes Dach aus Palmenblättern, das auf den +Seitenwänden nicht fest aufliegt, sondern dem Luftzug eine Oeffnung +freilässt. Solche Häuschen sind recht kühl. + +Nach Süden sieht man die Strasse, die zur Stadt führt, aber bald hinter +einem Hügel verschwindet, der auch den grössten Theil der Stadt +verbirgt; im Hintergrund erscheint das Meer mit seinem Inselgürtel. Nach +dem Innern zu erheben sich eine Menge kleiner Hügel; jeder der näher +gelegenen trägt auf dem Gipfel ein schönes geräumiges Landhaus, neben +welchem häufig einzelne Bäume emporragen, deren spärliche Blätterkrone +in gar keinem Verhältniss zu dem enormen Stamm zu stehen scheint. Es +sind die letzten Ueberreste des Urwaldes, der vor Kurzem noch Alles +bedeckte, sie wurden ihrer Grösse wegen als Erinnerungssäulen geschont, +können sich aber nicht in die neuen Verhältnisse schicken; ihr Stamm, an +die Feuchtigkeit und den Schatten des dichten Waldes gewöhnt, kann die +freie Luft und Sonne nicht ertragen und vertrocknet schnell. Weiterhin +werden die Landhäuser immer seltener, dichter Wald überzieht +gleichmässig die ganze Landschaft, deren Einförmigkeit nur durch sanfte +Hügelwellen unterbrochen wird. Ziemlich in der Mitte der Insel hebt sich +Bukit-tima deutlich über die kleineren Anhöhen hervor, und in äusserster +Ferne erblickt man bei heiterem Wetter hinter immer zarter abgetönten +Hügelreihen den Gunong-Pulaï, der dem jenseitigen Festlande angehört. + +Zur völligen Behaglichkeit fehlte mir noch ein Diener; denn obgleich +mein Gastfreund deren über ein Dutzend hielt und den grössten Theil des +Tages nicht zu Haus war, konnte ich doch nur sehr schwer +Dienstleistungen von seinen Leuten erlangen, da es die hiesigen Diener +für eine ungerechte Zumuthung halten, einem Anderen, als ihrem Herrn +behülflich zu sein. So ist es auch bei Tisch. Ist man eingeladen, so +bringt man seinen Diener mit, weil man sonst Gefahr läuft, nichts zu +essen zu bekommen. Hinter dem Stuhl eines jeden Gastes steht dessen +Bedienter, gewöhnlich ein Chinese mit langem Zopf, oder ein Kling mit +grossem Turban. Jeder von diesen sorgt ausschliesslich für seinen Herrn +und sucht ihm die besten Stücke zu verschaffen. Oft sieht man sie sich +darum balgen, wobei sie aber immer ihr würdevolles Wesen bewahren, wie +es sich in Gegenwart grosser Herren, für welche hier alle Europäer +gelten, ziemt. Einem Freunde ihres Herrn erweisen sie auch wohl mitunter +eine kleine Gunst, verlangt aber ein Fremder etwas von ihnen, so stehen +sie wie versteinert und in ihrem feierlich-respektvollen Gesicht malt +sich die tiefste Entrüstung über die ungebührliche Zumuthung. + +Alle Europäer, die auf dem Lande wohnen, bringen die Geschäftsstunden +von 9 bis 4 Uhr in der Stadt zu. Während dieser Zeit steht ihr Haus +gewöhnlich ganz leer, selbst die Bedienten sind dann meist nicht +anwesend oder schlafen so fest, dass sie ebenso gut abwesend sein +könnten. Das Haus steht offen, keine Thür ist verschlossen, man kann +frei durch alle Räume gehen, die zum Theil mit werthvollen Gegenständen +ausgestattet sind. Aber sonderbarer Weise wird nichts gestohlen. +Obgleich unter den Eingebornen Diebstähle, auch Räubereien, häufig +vorkommen, so war doch kein Fall bekannt, dass je das Haus eines +Europäers beraubt worden wäre. Die Eingebornen haben eine gewisse Scheu, +solches Grundstück zu betreten, die sich aus der Furcht vor den Hunden +nicht genügend erklären lässt; denn Hunde giebt es nicht überall, auch +würden sie entschlossenen Dieben kein Hinderniss sein. Es scheint daher +fast, wenigstens schmeicheln sich die Europäer damit, dass ein gewisser +Nimbus das Haus beschütze.[9] + +Die Europäer, deren Zahl sehr gering ist und zum grossen Theil aus +wohlhabenden Kaufleuten und hoch besoldeten Beamten besteht, geniessen +in mancher Hinsicht eine bevorzugtere Stellung, als der hohe Adel in +Europa. Sie sind durch Reichthum, Bildung, Intelligenz, +Unternehmungsgeist und Ehrenhaftigkeit den anderen hier vertretenen +Nationen sehr überlegen. Ausserdem bilden Farbe und äussere Haltung eine +natürliche unübersteigliche Schranke für alle ehrgeizigen Asiaten, deren +einige ebenfalls grosse Reichthümer ansammeln. Auch der Luxus, in dem +sie leben, die Freigebigkeit, mit der sie bezahlen, sind Mittel, bei den +Asiaten Achtung zu erlangen. Einer der angenehmsten Vorzüge, die aus +diesem Verhältniss entspringen, ist das unbegrenzte Vertrauen, das alle +Europäer geniessen. Keiner von ihnen trägt Geld bei sich, und kann +dennoch in jedem Laden kaufen, was er will. Ich hatte einmal in Johore, +auf dem asiatischen Kontinent, jenseits der kleinen Meerenge, eine +Anzahl Jungen benutzt, um Thiere und Pflanzen zu sammeln. Da ich kein +Geld hatte, erhielt jeder für das, was er ablieferte, ein Stückchen +Papier, auf das ich mit Bleistift die Anzahl Cents schrieb, die er dafür +empfangen sollte. Als ich Abends abfuhr, rechnete ich die einzelnen +Zettel zusammen und gab dem ältesten Jungen einen Schein für die ganze +Summe, zahlbar in Singapore. Keiner hatte das geringste Misstrauen, sie +schienen alle so befriedigt, als hätte ich sie baar bezahlt, obgleich +wir einander völlig fremd waren. Als ich Singapore verliess, fuhr mich +mein Kutscher an den Platz der Einschiffung und setzte meinen letzten +Koffer ins Boot. Ich schuldete ihm mehrere Monate Fuhrlohn, schrieb mit +Bleistift einige ihm unverständliche Worte auf einen Zettel, den er bei +meinem Banquier abgeben sollte, er machte seinen Salam und wünschte mir +eine glückliche Reise. Sogar die Hunde, die in dergleichen Dingen immer +eine richtige Witterung haben, erkennen die bevorzugte Stellung an. +Sobald ein ganz fremder Europäer zum ersten Male das Grundstück eines +andern betritt, kommen sie ihm bis an die Hecke entgegengelaufen und +geleiten ihn freundlich bellend und wedelnd ins Haus. Wenn erst die +europäische Bevölkerung mehr zunimmt, Unbemittelte oder gar +Industrieritter hierher kommen, wird dieser Zustand natürlich aufhören. + +Die Lebensweise der reicheren Europäer ist äusserst angenehm und mit +Ausnahme der zu kopiösen Mahlzeiten sehr zweckmässig. Die Billigkeit der +Landhäuser, der Dienerschaft und der Pferde erlaubt ihnen mit +verhältnissmässig geringen Kosten einen fürstlichen Haushalt zu führen. +Sie stehen gewöhnlich vor Tagesanbruch auf, nehmen ein Bad und machen +einen grossen Spaziergang. Nach einem einfachen Frühstück, um 9, fahren +sie zur Stadt, arbeiten bis um 4 in ihren meist sehr luftigen Kontoren +und kehren nach Haus zurück. Bei der Ankunft bietet der erste Diener +seinem Herrn ein Glas Sherry an und berichtet, ob etwas vorgefallen, +dann folgt Bad, Ausfahrt in eleganter offener Equipage, gegen 7 Uhr +Diner, nach Tisch wird gelesen, geplaudert, Billard gespielt. Man geht +früh zu Bett, wenn keine Gäste da sind; sonst dauern die Gesellschaften +gewöhnlich bis 11 Uhr. Mit Sonnenuntergang wird das ganze Haus +verschwenderisch beleuchtet, wenn auch kein Besuch da ist. + +Frauen sind auch in der europäischen Gesellschaft wenig zahlreich. Sie +leben meist auf so kostspielige Weise, dass nur wenige Männer reich +genug sind, Frauen in dem zum herrschenden Ton gewordenen Luxus zu +erhalten. Auch vertragen dieselben meistens das Klima weniger gut als +Männer; sie werden bald apathisch, kränkeln und sind genöthigt, zur +Wiedererlangung ihrer Gesundheit nach Europa zurückzukehren. Tritt +dieser Fall nicht ein, so zwingt sie bald die Sorge für die Erziehung +der heranwachsenden Kinder zur Heimreise, während der Mann, wenn er noch +kein hinreichendes Vermögen erworben, zurückbleibt. + +Wie aber fast jedes Uebel auch seine gute Seite hat, so ist der Verkehr +unter den Männern innerhalb derselben gesellschaftlichen oder eigentlich +finanziellen Schichten, denn in solche ist die hiesige Gesellschaft +streng gesondert, um so bequemer und herzlicher; während in fast allen +kleinen Kolonien, wo es Frauen und gar arme Beamten- und reiche +Kaufmannsfrauen giebt, das Leben durch die Eifersüchteleien der sonst so +liebenswürdigen Wesen sehr verbittert wird. Auch sind Frauen als +Hüterinnen des Anstandes und der Sitte in englischen Kolonien +entbehrlicher, als in jeder andern. Der starre Schematismus der +englischen Erziehung hält für das ganze Leben vor. Während kontinentale +Europäer in fernen Ländern gern jeden lästigen Zwang so bald als möglich +ablegen, sich vernachlässigen, „ihre Kaste verlieren”, bleiben die +Engländer überall Engländer -- Insulaner -- Fremde. Daher ist auch ihr +Einfluss auf die Sitten der Eingebornen ein sehr geringer. Eben so +gering sind auch die Leistungen ihrer wohl besoldeten, fein gebildeten +Missionäre im Vergleich zur Mehrzahl der katholischen, die, ungestört +durch wissenschaftliche Bildung, gesellschaftliche Stellung, häuslichen +Wohlstand und Familienbande, in besonderen Seminaren mit militärischer +Disziplin zum Bekehren erzogen, in ein viel näheres und daher +einflussreicheres Verhältniss zu ihren Täuflingen treten. + +Die hiesigen englischen (aber nicht die deutschen) Häuser sind meist nur +Agenturen grösserer Firmen, deren Hauptsitz in England oder Kalkutta +ist, und die noch an mehreren andern Plätzen in China und am Archipel +ihre Kontore haben. Daher finden unter dem Personal häufige Versetzungen +statt. Als ich nach 6 Monat langer Abwesenheit Singapore wiedersah, traf +ich die Hälfte meiner Freunde nicht mehr an; sie waren nach allen +Richtungen zerstoben und durch neue Ankömmlinge ersetzt. + +Unter den Europäern herrscht grosse Gastfreundschaft. Fast täglich +ist man eingeladen. Als ich mich zum ersten Male in einer solchen +Gesellschaft befand, machten die geographischen Spezialkenntnisse der +Anwesenden einen grossen Eindruck auf mich. Mein Nachbar rechts war +10 Jahre auf den Philippinen gewesen, der zur Linken hatte so eben +einen grossen Theil Borneo's durchreist; der gegenüber hatte fast +alle grösseren Inseln des Archipels besucht, auch Neu-Guinea und die +Nordküste Australiens. Ein anderer (Col., jetzt General Mac Leod) war +zu Fuss durch Birma bis an die Grenze von China gegangen, durch +Länder, die ausser ihm noch kein Europäer betreten hatte. Wie +erweiterte sich aber erst der geographische Horizont, als die Damen +die Kartoffelfrage behandelten! „Sind dies javanische oder +chinesische Kartoffeln?” -- „Neuseeländische.” -- „Ich ziehe die +kalifornischen vor.” -- Die eine bezog ihren Bedarf aus Holland, die +andere aus Neuholland. -- Europäische Gemüse und Früchte gedeihen +hier nicht. Von den hier gebauten Gemüsen sagen fast nur Bohnen und +mehrere Gurkenarten unserem Geschmack zu. Dagegen liefern die +hiesigen Gärten in grosser Fülle die besten Früchte der heissen Zone. +Am häufigsten ist die Banane oder Pisang (Musa paradisiaca), in sehr +vielen Varietäten, bei weitem die verbreitetste und nützlichste aller +tropischen Früchte. Ihr Geschmack hält die Mitte zwischen Birne und +gekochter Kartoffel; sie dient als Obst und Gemüse, und wird selbst +von Europäern reichlich gegessen, die sonst die meisten Früchte, +sogar die köstliche Ananas, aus Gesundheitsrücksichten ängstlich +vermeiden, was, so weit meine Erfahrung reicht, ein Vorurtheil ist. +Keine Frucht ist leichter zu kultiviren; sobald die Fruchttraube +abgenommen, wird der Stamm umgehauen, um für die aus der Wurzel +aufgeschossenen jüngeren Triebe Platz zu machen; so geht es fort und +fort. -- Die Ananas, malayisch Nanas (Ananas sativa), von Singapore +übertreffen an Wohlgeschmack alle in Java, Siam oder auf den +Philippinen gebauten, und werden selbst von den in europäischen +Treibhäusern gezogenen an Duft nicht übertroffen. An Süssigkeit und +Saftfülle bleiben diese aber hinter der Singapore-Ananas zurück. Sie +ist so billig, dass man sie in Verbindung mit feinem Sand benutzt, um +das Verdeck der Schiffe zu scheuern. Man isst gewöhnlich nur die +untere, süssere Hälfte und wirft die obere fort. -- Von Vielen wird +der Mangustan (Garcinia mangostana) für die Königin aller Früchte +erklärt. Sein Vorkommen ist auf ein sehr kleines Gebiet beschränkt; +weder in Ost- noch Westindien gelang es bisher, ihn zu ziehen. (Es +gilt als einen der grössten Triumphe der Kunstgärtnerei, dass der +Herzog v. Devonshire einige Mangusten zur Reife gebracht hat.) -- Nur +in gewissen Jahreszeiten häufig sind die Mangos (Mangifera indica), +die, wenn sie nicht sehr gut sind, wie Aprikosen mit Terpentin, oft +aber auch wie Terpentin mit Aprikosen schmecken. Dies ist eine der +wenigen tropischen Früchte, von denen es viele durch Kultur +entstandene Varietäten giebt. + +Die grösste aller Baumfrüchte ist wohl die Nangka, Jackfruit (Artocarpus +integrifolia), von denen eine einzige über einen halben Centner schwer +wird. Obgleich sie sehr angenehm würzig schmeckt, wird sie von Europäern +fast nie gegessen. Sie ist eine nahe Verwandte der Frucht des Brodbaums +(A. incisa), die hier nicht geschätzt und nur von den Eingebornen als +Gemüse genossen wird. Häufiger erscheint die Papaya auf der Tafel, die +Frucht des Melonenbaumes (Carica papaya), die weder die Grösse, noch den +Geschmack einer sehr mittelmässigen Melone erreicht. In der inneren +Höhlung liegen eine grosse Menge dunkelgrüner Kerne; sie sehen aus wie +Kapern, riechen wie Kresse und schmecken gar nicht. Der Saft der +unreifen Frucht enthält aber Fibrin, das ausser bei Pilzen noch bei +keiner Pflanze nachgewiesen wurde. Dieser Saft, ja die blosse +Ausdünstung der Blätter, mehr noch die Berührung hat die höchst +auffallende Eigenschaft, die Muskelfaser zu zersetzen, das zäheste +Fleisch zart zu machen.[10] + +Sehr schön modellirt und gefärbt, wie aus Wachs gebildet, sind die +Jambusen (Eugenia spec. div.), deren einige wie Rosen duften. Sie +erfrischen, ohne den Geschmack zu befriedigen, da ihr loses, schwammiges +Zellengewebe nur schwach säuerliches Wasser enthält. + +Angenehmer schmecken die Anonen-Arten, die aber in Singapore noch nicht +die verdiente Verbreitung gefunden haben. + +Der Lei-tschi der Chinesen (Nephelium lichi), der in Siam so gut +fortkommt, scheint in Singapore nicht zu gedeihen; der Rambutan, eine +ihm verwandte Nephelium-Art (N. lappaceum?), ist häufig und kommt ihm im +Geschmack sehr nahe. Die fleischige Hülle haftet aber durch unzählige +Fäserchen so fest am Kern, dass ihr Genuss unbequem ist. + +Apfelsinen sind in zahlreichen Varietäten vorhanden, in allen Grössen, +vom kleinen Kumqwat, nicht grösser als eine Walderdbeere, bis zur +Pumpelmuse (Citrus decumana), die fast kopfgross wird. Letztere hat zwar +einen grossen Verbreitungsbezirk, erlangt aber nur an gewissen eng +begrenzten Lokalitäten ihr volles Aroma. Am besten geräth sie in Batavia +und in Amoy. Sie ist lange nicht so saftreich, aber würziger, als alle +andren Oranien. Der Name Pumpelmuse klingt sehr holländisch, kommt aber +wahrscheinlich vom Tamil-Wort Bambalmas. Die Engländer nennen sie +gewöhnlich Shaddock nach einem Schiffskapitän, der sie von Batavia nach +Westindien übersiedelte. Dr. de Vry sagt in einem vor der British Assoc. +in Birmingham gehaltenen Vortrage, dass die Pumpelmusen in Bandong +(Java) in 2300' Meereshöhe ungeniessbare Früchte, nicht grösser, als +gewöhnliche Apfelsinen, tragen, dass er aber von einem einzigen Baum in +seinem Garten 200 ℔ Blüthen (!) gepflückt habe und dass er von 1000 ℔ +Blüthen 1 ℔ Neroli bester Qualität erhielt (Chemical News. Sept. 29. +65). + +Als Unkraut wuchert die Guajava (Psidium pomiferum und P. pyriferum), +deren den Holzbirnen und Aepfeln ähnlich aussehende Früchte die Stelle +unserer Quitten vertreten, ohne ihrem Aroma gleichzukommen; sie werden +fast nur eingemacht gegessen. + +Eine der merkwürdigsten Früchte von allen ist der Durian (Durio +zibethinus); nach Crawfurd ist er auf dasselbe kleine Gebiet beschränkt, +wie der Mangustan und wächst auf hohen Bäumen, häufiger im Walde, als +kultivirt, hat ziemlich die Grösse und Gestalt der Ananas, aber die +pyramidalen Warzen, die seine holzige Schale bedecken, sind hart und +spitz. Bei der reifen Frucht springt die Schale an vier Stellen der +Länge nach bis zum Stiel auf und enthüllt eine weiche, weisslich gelbe, +creme-artige Substanz, welche die Zwischenräume zwischen den nussgrossen +Samenkernen ausfüllt. Sie schmeckt besser als der beste Creme, und +riecht schlechter als Knoblauch. Dieser ungemein penetrante Geruch ist +anfänglich Jedem zuwider, der Wohlgeschmack aber so gross, dass der +ursprüngliche Widerwille sich bald in eine wahrhaft leidenschaftliche +Zuneigung verwandelt. Man zahlt oft einen Dollar für das Stück, während +Ananas nur einen Cent kosten, so gross ist die Nachfrage ihrer Verehrer. +-- Hoch bezahlt sind auch steinharte, fade Birnen und Aepfel, die der +Norden von China liefert; sie sind fast ungeniessbar für neue +Ankömmlinge, aber länger Ansässige, denen sie das Obst der geliebten +Heimath versinnlichen, dichten ihnen in frommer Erinnerung einen +Wohlgeschmack an, den sie durchaus nicht besitzen. + +Die Sehnsucht nach der Heimath ist ein stehender Zug bei allen +Europäern, die in diesen fernen Landen leben. Eine hübsche Sitte, die +sich darauf gründet, ist der Toast: „Auf die fernen Freunde”, der zum +Schluss des Mahls im besten Wein mit feierlicher Stille getrunken wird. + +Viele hiesige Früchte, wenn auch in Gärten gewachsen, sind kaum als +veredelt zu betrachten und unterscheiden sich wenig oder gar nicht von +ihren Stammeltern im Walde. Aber auch diejenigen, die man nicht wild, +sondern nur um die Wohnungen der Menschen antrifft, haben sich nur wenig +von dem ursprünglichen Typus entfernt, da fast keine Varietäten +vorhanden sind (ebenso ist es mit den Zierblumen). Doch ist wohl nicht +zu zweifeln, dass sich aus den vorhandenen Obstarten eine eben so +grosse Menge hochedler Sorten erzielen liesse, als man in Europa aus +fast ungeniessbaren ursprünglichen Arten gezogen hat. Für's Erste ist +aber keine Aussicht auf dergleichen Versuche vorhanden. Die hiesigen +Europäer wenden ihre ganze Energie und Intelligenz dem Handel zu und +kehren, sobald sie können, nach Europa zurück. Die wenigen, die hier +bleiben, haben meist ihre Strebsamkeit verloren, sie nehmen immer mehr +von der Gleichgültigkeit der Eingebornen an. Von ihnen sind Versuche, +die so viel Zeit, Kenntniss und Mühe verlangen, kaum zu erwarten. + +Ausser Obst, etwas Gemüse und Geflügel, vielen Fischen und Krebsen +liefert die Insel keine Nahrungsmittel. Es wird aber Alles in Menge +eingeführt, ja oft sind manche Artikel hier billiger, als am +Produktionsort. Hühnerfleisch und Reis isst man täglich wenigstens zwei +Mal. Hammelfleisch ist sehr theuer und gilt für einen grossen +Leckerbissen. Die besten Hammel kommen aus Bengalen, darauf folgen die +vom Peiho, weniger geschätzt sind die von Shanghai und Australien. Puter +kommen aus Java und kosten 5 bis 6 Dollars das Stück. In Singapore +können sie nicht gezogen werden, auch die eingeführten sterben bald. + +Von europäischen Speisen sind namentlich die national-englischen in +Blechbüchsen immer vorhanden, sie sind meist aus englischer Fabrik, +daher weder sehr wohlschmeckend, noch mannigfaltig. In anderen Kolonien +lässt man sich dergleichen Sachen lieber aus Frankreich kommen und steht +sich besser dabei. Die gewöhnlichen Getränke sind englisches Bier, +Bordeaux-, Rheinwein. Geeisten Champagner trinkt man so häufig, dass die +chinesischen Bedienten das Wort ihrer Aussprache akkommodirt haben, +indem sie aus Cham-paign sim-kin machen. + +Von der Wichtigkeit der Erfindung, Nahrungsmittel in +hermetisch-verschlossenen Büchsen aufzubewahren, bekommt man erst auf +Seereisen und mehr noch in den Kolonien, besonders in den abgelegenen +Stationen, eine richtige Vorstellung.[11] Wenn aber die Zubereitung +nicht sehr schmackhaft ist, so stellt sich nach fortgesetztem Gebrauch +allmälig ein solcher Ekel ein, dass selbst die Matrosen Salzfleisch +vorziehen. Dies tritt namentlich bei englischen Präparaten bald ein, bei +französischen habe ich es nie empfunden. Hoffentlich ist der Zeitpunkt +nicht mehr fern wo man wenigstens die für die Passagiere bestimmten +Nahrungsmittel während der ganzen Reisedauer nur durch Kälte frisch +erhalten wird. Wenn die Eismaschinen erst den nöthigen Grad von +Vollkommenheit erreicht haben, dürfte es wohl an der Zeit sein, sie mit +einem System von Röhren zu verbinden, die, mit einer schwer erstarrenden +Flüssigkeit gefüllt, einen angemessenen Raum hinreichend kalt erhalten, +um alle darin niedergelegten Nahrungsmittel völlig frisch zu bewahren. +Man sollte glauben, dass die Kosten der Einrichtung und des Betriebes, +besonders auf Dampfschiffen, wo ein kleiner Bruchtheil der vorhandenen +Kraft zu diesem Zweck abgezweigt werden könnte, beträchtlich geringer +sein würden, als die des jetzt eingeführten Gebrauchs, lebende Thiere +sammt Futter und Wärter mitzunehmen. Abgesehen aber vom Kostenpunkt +würden die Annehmlichkeiten für die Reisenden sehr gross sein. Der +Zahlmeister könnte auf jeder Station diejenigen Artikel in Fülle +einkaufen, die gerade dort am vorzüglichsten sind; statt des Fleisches +von Thieren, die durch die Seereise gelitten haben, könnte man den +Reisenden mit wahrscheinlich geringeren Kosten stets das beste, gleich +in geeigneten Stücken eingekaufte Fleisch vorsetzen. Führte man ein +solches Röhrensystem durch die von den Passagieren bewohnten +Schiffsräume, wie man Häuser durch warmes Wasser heizt, so könnte die in +niederen Breiten, besonders an Bord überfüllter Dampfschiffe, so +unerträgliche Hitze auf ein Minimum herabgedrückt werden. Namentlich +aber für die Fahrt auf dem rothen Meere, die während einiger Monate so +verrufen ist, dass die Gesellschaften während dieser Zeit genöthigt +sind, ihre Preise herabzusetzen, würde eine solche Einrichtung von +grossem Werthe sein. + +Nachdem ich in dem schönen Landhause einige Wochen zugebracht, die unter +der Masse neuer Eindrücke und Bekanntschaften sehr angenehm verflogen, +entschloss ich mich, die wahrhaft fürstliche Gastfreundschaft unseres +Konsuls nicht länger in Anspruch zu nehmen, bezog eine kleine Wohnung in +der Stadt und wollte anfangen, recht fleissig zu sammeln und zugleich +Individuen der verschiedenen Rassen, welche die völlige Freiheit des +Verkehrs hier zusammenführt, zu photographiren. In Europa hatte ich viel +von der Vortrefflichkeit und Billigkeit der indischen Diener gehört und +meine Ansprüche, sowie meine Ausrüstung danach zugeschnitten. Einen +Diener wollte ich zum Sammeln und Präpariren von Thieren, einen zweiten +auf Pflanzen, einen dritten auf photographische Handleistungen +abrichten. Auch konnte ich, wenigstens im Anfang, Diener genug bekommen, +sie fanden aber keinen Geschmack an meinen Liebhabereien und verliessen +mich gewöhnlich wieder nach einigen Tagen. Durch Vermittelung eines +gefälligen Freundes wurde mir ein kleines, niedliches Bretterhaus, 100 +Schritt vom Meer, das der Regierung gehörte und zur Zeit unbenutzt +stand, zur Verfügung gestellt. Ich liess mich mit meinem Gepäck darin +nieder und verlebte hier einige sehr angenehme Monate. Die +Liebenswürdigkeit und Herzlichkeit, die ich ohne Ausnahme von allen +Europäern erfuhr, wird mir immer eine der liebsten Erinnerungen bleiben. +Einmal zeigte mir Jemand ein Glas voll Schlangen und Eidechsen in +Spiritus, ohne sie mir anzubieten, und ich erinnere mich noch, dass ich +von einem so unerwarteten Verfahren ganz betroffen war. Ich wüsste die +Gefälligkeiten, die mir ununterbrochen von allen Seiten erwiesen wurden, +nicht schlagender anzudeuten, als durch dies Geständniss. Der Tag +verging unter den mannigfachsten Beschäftigungen, die Abende brachte ich +gewöhnlich auf dem Landhaus irgend eines Freundes zu. Freilich fehlte es +auch nicht an allerlei kleinen Miseren, welche aber gegen die Freuden +des damaligen Lebens sehr zurücktraten. Eine dauernde Unbequemlichkeit +war die Schwierigkeit, einen guten Diener zu finden. Als ich in meinem +Häuschen die grossen Kisten geöffnet hatte und der Bediente den Inhalt +erblickte, schüttelte er bedenklich den Turban und sprach halb englisch, +halb malayisch: „Viel, viel Sachen, Herr, nehmt einen andern Diener, zu +viel Mühe!” und ging ab. Ich wagte nicht auszugehen, da das Haus nicht +verschliessbar war. Bald kam ein Platzregen, der durch das schadhafte +Dach drang und die ausgepackten Sachen durchnässte. Nach einigen Tagen +erbarmte sich meiner eine Dame und verschaffte mir ein wahres Muster von +Bedienten, der Alles allein zu machen versprach. Auch stattete sie mich +noch mit allerlei Gegenständen der Bequemlichkeit aus, um mir den +Aufenthalt in meiner neuen Wohnung angenehm zu machen. Als ich spät +Abends nach Hause kam, fand ich aber dasselbe offen, der Diener war +nicht da, weil er, wie er mir am andern Tage sagte, noch keine +Schlafmatte hatte. Um eine zu suchen, verbrachte er den grössten Theil +des zweiten Tages ohne Erfolg. Am dritten Tage kam er spät und brachte +noch einen Landsmann mit, der ihm helfen sollte; dieser schien ein +Literat zu sein, er las den ganzen Tag, deklamirte und schrieb; +verlangte ich etwas von ihm, so seufzte er und sprach: „much, much +trouble.” Nachmittags fand ich ihn in meiner Geldtasche wühlend und +entliess ihn. Den andern behielt ich noch 6 Tage, davon war er 2 Tage +krank, einmal musste er vor Gericht, ein andermal hatte er dringende +Geschäfte in Familienangelegenheiten. Nachdem ich in kurzer Zeit einige +Malayen und mehrere Klings gehabt, bekam ich einen berühmten, kleinen +Chinesen. Leider verstand er nicht malayisch und ich nicht chinesisch. +Er verstand überhaupt nichts, da er noch nicht gedient hatte, besass +aber grossen Eifer. Meine Schuhe putzte er nicht nur von aussen, sondern +auch von innen, und als ich ihm auftrug, meinen schwarzen Frack zu +reinigen, um darin bei einem amtlichen Diner des Guvernörs zu +erscheinen, wusch er ihn mit Seife und Wasser. Dadurch wurde der kleine +Bursche so berühmt. Seine angenehmste Eigenschaft aber war, dass er +immer lief, wenn ich „lakas” rief. Dies hatte für mich einen solchen +Reiz, nachdem ich mich so lange mit den faulen, mürrischen Klings +beholfen hatte, dass ich den armen Jungen fast nur in diesem schnellen +Tempo benutzte. Aber nach 6 Wochen war er's müde. Als auch er mich +verlassen hatte, blieb ich längere Zeit ohne alle Bedienung. Mein Haus +war eigentlich nur dem Scheine nach verschlossen, obgleich ich oft den +ganzen Tag und einen Theil der Nacht abwesend war. Auf meinem Balkon +hingen mehrere Thermometer ganz frei, mir ist aber nie etwas gestohlen +worden. Und doch stand das Haus auf einem Grundstück, das nur zum Theil +durch eine Hecke eingefasst war und an einer wenig frequenten, Abends +nicht beleuchteten Strasse lag. Den Grund weiss ich mir nicht zu +erklären. + +Wenn aber auch ein hiesiger Diener den Anforderungen, die man in Europa +an einen solchen stellt, nicht entspricht, so kann man sich doch sehr +gute Bedienung verschaffen, wenn man für verschiedene Dienstleistungen +im Hause verschiedene Diener annimmt, was bei ihren bescheidenen +Ansprüchen nicht sehr theuer ist. Auch verlangt die Gerechtigkeit, zu +erwähnen, dass ich schliesslich einen vorzüglichen Diener bekam, treu, +anstellig, fleissig, bescheiden; zu meinem grossen Bedauern zog er sich +später in den Wäldern von Malacca ein Junglefieber zu, wodurch ich +gezwungen wurde, ihn in Singapore unter der Pflege eines Arztes +zurückzulassen. + + + + +Viertes Kapitel. + + Ueberblick der Stadt. -- Strassenleben. -- Reis. -- Chinesen. -- + Malayen. -- Malayische Sprache. + + +Die Stadt bildet ein Kreis-Segment, dessen Sehne, der Strand, von NO. +nach SW. streicht, während der nach NW. gerichtete Bogen im N. von +einem Kanal, in seinem weiteren Verlauf durch eine Reihe von Anhöhen +begrenzt wird. Gegen 20 dieser, im Durchschnitt 100 Fuss hohen Hügel +treten unmittelbar an den Rand der Stadt und schon beginnen die +Häuser, sich an den Abhängen in die Höhe zu ziehen. Jeder Gipfel +gewährt einige hübsche Bilder, die alle aus denselben, aber immer +anders gruppirten Elementen bestehen. Die schönste Rundsicht hat man +vom Government-hill, jetzt Fort Canning, das mitten in der Stadt +liegt. Hart an seinem Fuss fliesst der kleine Fluss, der die Stadt in +zwei Theile sondert. Die nördliche, räumlich grössere Abtheilung +enthält die meisten öffentlichen Gebäude, viele Wohnhäuser reicher +Kaufleute und Beamten, die noch unvollendete Kirche und die +Esplanade, einen schönen grossen Rasenplatz dicht am Meere, auf +welchem jeden Abend ein kleiner Korso und Cricket, das nationale +Ballspiel der Engländer, mehrere Male in der Woche auch Militärmusik +stattfindet. Auf der Südseite ist das Geschäftsleben konzentrirt. +Diese vertritt die „City”, jene das „Westend”; letzteres liegt aber +östlich. Dicht an seiner Mündung hat der Fluss nach Süden zu ein +quadratisches Stück Land von etwa 1000 Fuss Länge und Breite +angeschwemmt; Raffles, der Gründer der Stadt, hat die Trümmer eines +Hügels, der früher an der Mündung stand, darauf geschüttet. Es hängt +nur auf einer Seite mit dem Lande zusammen, zwei andre Seiten werden +vom Meere, die vierte vom Fluss gebildet. In diesem Viereck befinden +sich alle grösseren Geschäftshäuser und Speicher der Europäer sowohl, +als der Asiaten. Auf den dem Meere zugekehrten Seiten ragen +Landungsdämme ins Wasser, an welchen die Güter für die verschiedenen +Firmen unmittelbar in die daran stossenden Speicher gebracht werden. +In der Mitte des Vierecks liegt der Commercial square, der +Centralpunkt des Verkehrs für die Europäer, und vertritt fast die +Stelle einer Börse. Noch lebhafter aber ist das Gewimmel auf und an +dem kleinen Flusse: an seinen beiden Ufern liegt eine fast +ununterbrochene Reihe von Leichtern und andern kleinen Booten, welche +Waaren aus- und einladen, die von stämmigen chinesischen Kulis oder +durch Ochsenkarren weiter geschafft werden. In der Mitte bewegen sich +vom frühesten Morgen bis spät Abends dichte Züge ein- und +ausfahrender Lastboote aller Grössen. + +[Illustration: + + MALAYIN (SINGAPORE) CHINESIN (FU-TSCHAU) CHINESE (OPIUMRAUCHER) + BATTA (SUMATRA) MALAYE (JOHORE) BATTA (FRAU) +] + +Die Rhede ist umschlossen von dichtbewaldeten Inseln, über die sich die +Kronen zahlreicher Palmen erheben. Gewöhnlich ist das Meer so ruhig, wie +ein Binnensee und bedeckt mit Schiffen aller Länder, zwischen denen +unzählige kleine Boote hin- und herfahren. Eine ganze Kette solcher +kleinen Eilande und Felsen liegt im Süden der Hauptinsel und setzt in +SO-Richtung den Umriss der Küste wie in einer punktirten Linie fort. +Die südlichste derselben, St. John, musste früher von allen grösseren +Fahrzeugen umschifft werden, bis man unmittelbar an der Südküste von +Singapore selbst eine Durchfahrt entdeckte, tief genug für die grössten +Schiffe. Sie wird im Süden von der Insel Blakang-mati begrenzt, welche +fleissige Bugis in ein Ananasfeld verwandelt haben, und bildet den +sogenannten neuen Hafen, New harbour, in dem jetzt die grössten +Dampfschiffe anlegen und ihre Kohlendepots haben. Es sind daselbst Docks +und Landungsbrücken errichtet, so dass die Schiffe unmittelbar am Lande +anlegen und löschen können, während in Singapore Alles durch Leichter +gelandet werden muss. New harbour hat aber so wenig Raum, dass er kaum +für die Bedürfnisse der Dampfschifffahrt ausreicht.[12] + +Das bunte Treiben in den Strassen entspricht dem, was die Schiffe auf +der Rhede vermuthen liessen. Die Stadt ist der Sammelplatz aller Völker +des fernen Ostens. Weitaus überwiegend an Zahl und Bedeutung sind die +Chinesen. Dann folgen der Menge nach die Völker malayischer Rasse, +Bewohner des Archipels: Bugis, Javanen, Sundanesen, echte Malayen und +endlich die Klings, wie hier allgemein sämmtliche Bewohner +Vorder-Indiens ohne Unterschied genannt werden, obgleich das Wort, eine +Korruption von Telinga, ursprünglich nur die Eingebornen der Ostküste +der vorderindischen Halbinsel bezeichnet. Diese drei Völkerschaften +bilden die Hauptmasse; mehr vereinzelt erscheinen zwischen ihnen Araber, +Perser, Parsis, Armenier, Siamesen, Birmanen, Anamiten, Tagalen und +Juden in alttestamentarischer Tracht. + +In allen Hauptstrassen der Stadt sind die Häuser im Erdgeschoss mit +fortlaufenden Bogengängen versehen, unter welchen man zwar Schutz gegen +die Sonne findet, aber nicht gegen die Zudringlichkeit der kleinen +Handelsleute, die hier als Geldwechsler, öffentliche Schreiber und +Krämer ihr Wesen treiben. Bei letzteren findet man oft das sonderbarste +Gemisch von Waaren, namentlich bei den Klings: neben europäischen Eisen- +und Kurzwaaren sieht man die verschiedensten Produkte des Archipels, +indische Medikamente, Hülsenfrüchte und mitten unter den +Nahrungsmitteln grosse Stücke Arsenik in offenen Schalen, das +namentlich nach Madras zum Einbalsamiren der Leichen, auch nach anderen +Häfen zum Präpariren der Häute geht. Eine andere in die Augen fallende +Waare, die man aber nur an den Thüren der Grosshändler trifft, sind +Kanonen von jedem Kaliber, für die immer ein guter Markt ist, da sich +hier sowohl die Seeräuber zum Angriff, als die friedlichen Kauffahrer +zur Vertheidigung ausrüsten. + +Besonders auffallend im hiesigen Strassenleben ist die fast gänzliche +Abwesenheit der Frauen. Chinesen und Klings, die mit der Absicht kommen, +nachdem sie ein kleines Vermögen erworben, in ihr Vaterland +zurückzukehren, bringen keine Frauen mit, und ein grosser Theil der +Bevölkerung ist fluktuirend, kommt mit dem einen Monsun und kehrt mit +dem andern in die Heimath zurück, die Familie bleibt daheim. Von den +wenigen Frauen, die hier ansässig sind, werden die meisten, der Sitte +des Orients gemäss, im Hause gehalten. Nach den statistischen Berichten +ist das Verhältniss der Frauen zu den Männern ohnehin nur wie 1: 8, aber +auf der Strasse fehlen erstere fast ganz. Nie geht eine Frau neben ihrem +Mann, oder gar von ihm geführt, es könnte die Würde des Mannes +beeinträchtigen, ihn lächerlich machen. Die malayischen Familien gehen +gewöhnlich Einer hinter dem Andern, zuerst die Kinder, dann die Mutter, +dann der Vater und die Erwachsenen. Auch Männer gehen immer nur hinter +einander, der Vornehmste voran, die andern folgen genau nach ihrem +Range. Sie haben diese Gewohnheit wohl in der Heimath angenommen, wo nur +schmale Pfade durch den Wald führen, und befolgen sie hier auch auf den +breitesten Strassen. Derselbe Gebrauch ist unter den Indiern in Amerika +allgemein: daher der englische Ausdruck: Indian file. Manche können es +auch nicht unterlassen, wenn sie an Hecken vorbeigehen, einige Zweige +einzuknicken, wie sie es im Walde gewöhnt sind, zu thun, um den Rückweg +zu finden. + +[Illustration: + + TELINGA. (BAYADERE.) TELINGA. JAVANE. + BUGIS. (CELEBES.) MANN. BALINESIN. BUGIS. (CELEBES.) FRAU. +] + +Den buntesten, interessantesten Anblick gewährt die Stadt wohl Abends +zwischen 8 und 10 Uhr. Die Strassen, in welchen die Geschäftshäuser der +europäischen Kaufleute liegen, sind dann öde und finster, aber in den +anderen Stadttheilen, besonders im Viertel der Chinesen, herrscht die +grösste Lebendigkeit. Hier sind alle Läden offen und mit grossen, bunten +Papierlaternen, die zugleich als Firmaschilder dienen, beleuchtet,[13] +alle Werkstätten in voller Thätigkeit. Längs der Häuser haben sich ganze +Reihen kleiner Geschäftsleute, Hausirer, besonders aber viele Garköche +mit ihren tragbaren Gestellen eingefunden, welche an dem einen Ende +eines Bambus die Küche, am andern sämmtliches Geschirr tragen. +Dazwischen wogt eine dichte Menschenmenge, die hier ihre Abendmahlzeit +kauft und meist gleich an Ort und Stelle verzehrt. + +Die Chinesen bedienen sich zum Essen der bekannten kleinen Stäbchen; +alle andern hiesigen Asiaten essen mit den Fingern, zuweilen auf sehr +unappetitliche Weise. Noch unappetitlicher ist die Art, wie die Gäste +ihrem Wirth nach beendigter Mahlzeit ausdrücken, dass sie völlig satt +sind. Die Mehrzahl der hiesigen Bevölkerung lebt fast nur von Reis. +Viele geniessen kaum etwas anderes.[14] Fleisch und sonstige Zuspeisen +werden von den Aermeren nur in so geringer Menge dazu genossen, als bei +uns Pickles oder andre Reizmittel. Darauf sind auch die Garköche +eingerichtet; für ein paar Pfennige kann sich dort Jeder die kleinsten +Portionen seiner Lieblingsgerichte kaufen, die zuweilen auf römischen +Wagen, nicht grösser als eine Goldwage, abgewogen werden. Es sieht +drollig aus, wenn eine Anzahl chinesischer Kulis ihre Mahlzeit +einnehmen. Sie hocken um einen Eimer voll Reis, um welchen im Kreise +herum eine Anzahl pikanter Zuspeisen in kleinen Tassen stehen. Jeder +füllt sich eine geräumige Schale mit dem Nationalgericht, fasst seine +beiden Essstäbchen, die so dick wie Bleistifte und anderthalb mal so +lang sind, indem er sie mit Daumen und Mittelfinger gegen den +Zeigefinger presst, und schaufelt sich mit den beiden Enden, den Athem +dabei einziehend, eine grosse Anzahl Reiskörner zu, die einzeln, aber in +enggeschlossener Reihe, in den weit geöffneten Mund fliegen, um auf +einmal verschlungen zu werden; ab und zu holt er sich mit seinen +Stäbchen, indem er sie wie eine Zange gebraucht, ein Stück Fleisch oder +Fisch aus einer der Tassen, beisst ein wenig davon ab, legt den Rest in +seine Schale und schaufelt von neuem weiter. Es ist auffallend, wie die +hiesige chinesische Bevölkerung gesund und kräftig bleiben kann bei +einer Kost, die fast nur aus Stärkemehl besteht und an Stickstoffgehalt +selbst von der Kartoffel übertroffen wird, wenn man von dieser den 3/4 +des Gewichts betragenden Wassergehalt ausser Rechnung lässt; die +chinesischen Lastträger, wenigstens die im Dienst der Europäer, essen +allerdings nicht unbedeutende Mengen Schweinefleisch. + +Die Chinesen sind als sehr geschickte Köche bekannt; auch haben sie ein +grösseres Feld, als die unsrigen, da sie viele Dinge verwenden, die dem +Europäer als unrein gelten. Die von Max Müller (Science of language S. +346) nach Farrar erzählte Geschichte, welche ihm Veranlassung giebt, +eine der Annahmen über den Ursprung der Sprache als die Bau-Bautheorie +im Gegensatz zur Puh-Puhtheorie zu kennzeichnen, ist noch heute in China +unter den Europäern gang und gäbe. Ein Engländer nämlich, dem man eine +Schüssel vorgesetzt hatte, die ihm verdächtig schien und der wissen +wollte, ob es Ente sei, fragte: Quack-Quack? und erhielt die klare, +offene Antwort: Bau-Bau! Einige ihrer Leckerbissen sind für uns geradezu +Ekel erregend, z. B. faule oder angebrütete Eier, deren Schale etwas +geöffnet wird, damit der Käufer sehe, dass er nicht etwa getäuscht +werden und statt des begehrten ein frisches Ei erhalten solle.[15] Diese +Liebhaberei scheint aber doch nicht allgemein zu sein. Sie haben auch +ein Verfahren, Eier sehr lange frisch zu erhalten. Hier ist das Rezept: +2 Maas Asche, 1 Maas Salz mit Wasser zu einem Brei gemischt, mit dem die +aufzubewahrenden frischen Eier bedeckt werden. + +Das chinesische Element tritt namentlich in einigen Theilen der Stadt so +sehr in den Vordergrund, dass man sich in China wähnen könnte. Alle +Handwerke, besonders solche, die Geschick und Ausdauer verlangen, werden +fast nur von Chinesen betrieben. Sie mögen wohl das fleissigste Volk auf +Erden sein, vom frühen Morgen bis spät in die Nacht sieht man sie +arbeiten. Mit Ausnahme des Neujahrsfestes giebt es für sie keinen +Feiertag. Neben dem grossen Fleiss bilden auch Sparsamkeit und +Genügsamkeit sehr hervorragende Züge in ihrem Charakter. Ihr +Handwerkszeug, ihre Kleidung und ihre Nahrung sind von der einfachsten +Art, auch sind sie in fast allen ihren Genüssen sehr mässig; ihre +Tabakspfeife hat kaum die Grösse eines Fingerhuts, von einer Cigarre +rauchen sie gewöhnlich nur einige Züge hinter einander und heben den +Rest auf. Sie trinken fast nur dünnen Thee, der sehr billig ist, immer +ohne Milch und Zucker aus ganz kleinen Tässchen. Die reichsten Chinesen +gehen kaum besser gekleidet, als die armen; eine kurze, weite Hose, eine +baumwollene Jacke, und bei den Wohlhabenden Schuhe ohne Strümpfe, bilden +nebst Zopf und Fächer den ganzen Anzug. + +Ein grosser Theil des Handels und der Schifffahrt ist in ihren Händen, +nur an dem direkten Handel nach Europa und Amerika bleiben sie bis jetzt +unbetheiligt.[16] Alles aber, was an Produkten des Archipels nach +Europa kommt, geht erst durch Vermittelung der Chinesen an die +europäischen Exportöre über, ebenso wie die meisten europäischen Waaren +erst durch ihre Hände zu den Eingebornen gelangen. Noch ehe ein +einheimisches Schiff Anker geworfen hat, ist schon ein Chinese an Bord, +der mit dem Patron Bekanntschaft macht, ihn während der ganzen Dauer +seines Aufenthalts nicht aus den Augen verliert, ihm Geld vorschiesst, +seine Schwächen erlauscht und ausbeutet und schliesslich Eigenthümer der +Ladung wird. Ich versuchte einige Male Muscheln oder Kuriositäten an +Bord neu angekommener Prauen zu kaufen, es gelang aber nie, da Alles +immer schon von Chinesen belegt war. Wollte ich aber von diesen einen +Gegenstand erwerben, so boten sie ihn entweder umsonst als Probe und +fragten, wie viel Pikul sie mir davon liefern sollten, oder verlangten +einen enormen Preis dafür, in der Meinung, dass der Gegenstand für mich +einen ganz besonderen Werth haben müsste. + +Die Handwerke werden alle, wie schon erwähnt, in offenen Läden oder auf +der Gasse selbst betrieben, so dass man im Schlendern durch die Strassen +bequem zusehen kann. Am auffallendsten ist dabei der geringe Raum, der +dem Chinesen genügt, und die einfachen Werkzeuge, deren er sich bedient. +Unglaubliche Sparsamkeit an Zeit, Raum und Stoff, wie sie sich nur unter +einer so überdichten Bevölkerung, wie China sie besitzt, ausbilden +konnte, tritt Einem auf immer neue Weise vor Augen. In einem schmalen +Laden werden häufig zwei verschiedene Handwerke betrieben, auf der einen +Seite arbeitet ein Schneider mit einem Dutzend Gesellen, auf der andern +ein Schuster, jeder Einzelne nimmt kaum mehr Raum ein, als der Stuhl, +auf dem er hockt. Einzelne Handwerke weichen in ihren Manipulationen von +den unsrigen ab: die Zinngiesser giessen ihre Zinn- und Blei-Legirungen +auf dickes Bambuspapier, worauf es sich gleichmässig flach ausbreitet, +und benutzen die so erhaltenen dünnen Kuchen statt der gewalzten Tafeln, +die man bei uns anwendet. Noch viel dünnere Tafeln erhalten sie nach +Lockhart, indem der hockende Arbeiter mit geschickter Handbewegung je +einen Löffel voll geschmolzenen Metalls zwischen zwei auf dem Boden +liegende mit dergleichen Papier bezogene Steine schleudert, wobei er den +obersten Stein auf einen Augenblick mit den Fersen lüftet und gleich +wieder fallen lässt. Ein kleiner tragbarer Thonofen bringt zugleich die +Legirung in Fluss und erhitzt die Löthkolben. Die Drehbank besteht aus +einem rohen Gestell, in welchem horizontal eine um ihre Axe drehbare +Walze liegt. Um diese ist eine Schnur geschlungen, deren Enden an zwei +unten angebrachten Tretbrettern befestigt sind, durch welche die Walze, +wie bei uns das Rad eines Scheerenschleifers, in Bewegung gesetzt wird. +Ein Schwungrad ist nicht vorhanden. An dem, dem Arbeiter zugekehrten +Ende der Walze, das mit Harz überzogen ist, wird der zu drehende +Gegenstand, nachdem er vorher erwärmt worden, festgeklebt. + +Manche Handwerke, die von Hausirern auf offener Strasse getrieben +werden, sind den Chinesen eigenthümlich. So werden zerbrochene Gläser +auf folgende Weise geflickt: Nachdem die Scherben aneinandergefügt sind, +bohrt man zu beiden Seiten des Sprunges paarweis feine Löcher, dann wird +ein feiner weicher Draht von der konvexen Seite durch ein Löcherpaar +gesteckt, an der anderen Seite fest angezogen und so abgeschnitten, dass +nur zwei kurze Enden hervorragen. Diese werden mit einem Hämmerchen +platt geschlagen, so dass dadurch zwei Nieten entstehen. Manche alte +Lampenglocken sind wohl mit 20 solcher kleinen Anker zusammengeflickt. +Man kann daraus auf den hohen Werth des Glases im Innern Chinas +schliessen. In Singapore verschwindet dieser Industriezweig immer mehr, +da hier das Glas fast so billig als in Europa ist. + +Die interessanteste Strassen-Industrie ist das Flicken eiserner Pfannen; +diese Pfannen sind von sehr sprödem, dünnem Gusseisen und springen +leicht. Der chinesische Pfannenschmied schlägt erst zu beiden Seiten des +Sprunges einen dünnen Streifen Eisens ab, um die Oeffnung zu erweitern +und frischen Bruch zu erhalten, dann zündet er einen kleinen tragbaren +Kohlenofen aus feuerfestem Thon, 10 Zoll hoch, 6 Zoll Durchmesser, an, +stellt einen Schmelztiegel hinein, der einige Stückchen Eisen enthält, +und bläst an. Das Gebläse ist das Miniaturmodell eines Cylindergebläses; +jedoch noch einfacher in seiner Einrichtung, indem der Windbehälter +nicht zwei, sondern nur ein Ventil hat. Auch steht es nicht aufrecht, +sondern wird bei dem Gebrauche auf den Boden gelegt. In einem fusslangem +Bambusrohr von etwa 1-1/2 Zoll innerem Durchmesser bewegt sich als +Kolben eine am Rande mit Baumwollenwatte umgebene, an einem Stäbchen +befestigte Scheibe. In jeder Endfläche des Bambuscylinders ist eine sich +nach innen öffnende Klappe zum Eintritt der Luft angebracht. Während +durch die Bewegung des Kolbens die eine Klappe Luft einlässt, schliesst +sich die andere und umgekehrt. Die zusammengepresste Luft strömt +abwechselnd durch eins von zwei in der Wand des Bambus nahe den +Endflächen befindlichen Löchern in den Windkasten, einen hölzernen Trog +von vierseitigem Querschnitt, der mit seiner offenen Seite an dem +Bambusrohre luftdicht befestigt ist. Aus diesem Behälter entweicht die +Luft durch ein in der Mitte der dem Cylinder gegenüberliegenden Seite +befindliches Loch. An diesem nun ist ein trichterförmiges Blechrohr +befestigt, dessen Spitze in eine unter der Feuerung befindliche Oeffnung +gesteckt wird. Damit aber der Luftstrom ununterbrochen sei, was zum +Schmelzen des Eisens durchaus erforderlich ist, hängt in der Mitte des +Windkastens an der Bambuswand der Austrittsöffnung gerade gegenüber eine +zungenförmige, in den Trichter hineinragende Klappe, welche, durch den +komprimirten Luftstrom abwechselnd nach rechts oder links gestossen, +diesem den Ausgang öffnet und zugleich die Verbindung mit dem Raume +schliesst, in welchem die Luft verdünnt ist. Ist das Eisen in Fluss, so +schöpft der Arbeiter ein wenig davon auf einen mit Thon beschmierten, +mit Kohlenpulver bestäubten Lappen und drückt damit das Metall von unten +in die Spalte, indem er gleichzeitig mit der Basis eines walzenförmigen +Stückes Holzkohle auf die oben herausquellende Masse drückt, welche sich +fest anlegt, einen Theil der Spalte ausfüllt und oben und unten eine +dünne Ausbreitung bildet. Bei grösseren Sprüngen wird dann dasselbe +Verfahren so lange wiederholt und werden so viele eiserne Flicken +aneinander gereiht, bis der ganze Riss ausgefüllt ist. + +Die chinesischen Einwanderer kommen fast ausschliesslich aus den beiden +südlichen Küsten-Provinzen Quang-tong und Fuh-kien und bestehen +grösstentheils aus dem elendesten Proletariat, auch sollen sich die +dortigen Behörden der Auswanderer-Schiffe bedienen, um ihre Krüppel und +Taugenichtse loszuwerden. Die Schiffe setzen sich während des NO.-Monsun +in Bewegung und treffen in Singapore frühestens um Neujahr ein. Bei der +Ankunft schuldet der Einwanderer fast immer die Ueberfahrt und +vermiethet sich auf ein Jahr ohne Lohn gegen Beköstigung und eine kleine +Geldunterstützung an einen schon ansässigen Chinesen. Dieser bezahlt +dafür die Ueberfahrt, deren Betrag mit dem Bedürfniss nach +Arbeitskräften steigt oder fällt. Ein solcher Einwanderer heisst Sinkay, +der freie Arbeiter dagegen Kuli. Nicht alle, die hier ankommen, bleiben +in Singapore, mehrere tausend landen hier jährlich auf ihrer Durchreise +nach anderen Ländern des Archipels. Die meisten kommen mit der Absicht, +nachdem sie ein kleines Kapital erübrigt, in ihre Heimath +zurückzukehren. Es scheint aber, dass dies nur der Minderzahl gelingt. +Sehr Viele ergeben sich dem Opiumgenuss und Spiel und gehen daran zu +Grunde. Einige bleiben auch im Archipel und verheirathen sich mit +eingebornen Frauen. Es giebt Familien hier, die schon seit Generationen +in europäischen Kolonien leben, grosses Ansehen und bedeutende +Reichthümer besitzen und im Verkehr mit den Europäern viele gute +Eigenschaften von diesen angenommen haben. Die Zahl der jährlich hier +ankommenden Chinesen beträgt jetzt schon weit über 10,000. Es ist aber +wahrscheinlich, dass die Auswanderung aus dem übervölkerten China sehr +zunehmen wird, da immer mehr die künstlichen Schranken fallen, welche +ihr einerseits von den chinesischen Behörden, andererseits von den +europäischen Kolonial-Regierungen entgegengestellt sind. Auch war von +China aus das Auswandern der Frauen streng verboten, wodurch die +Mehrzahl der Männer bewogen wurde, wieder in ihre Heimath +zurückzukehren. In neuester Zeit gehen aber viele Frauen sowohl nach +Kalifornien als nach dem Archipel, und wenn sie auch nicht zu den +respektabelsten gehören, so ist es doch immerhin ein Anfang. Die inneren +Unruhen in ihrem Vaterlande veranlassen seit Kurzem auch viele im +Archipel als Handwerker oder Kaufleute etablirte Chinesen, ihre Familien +nachkommen zu lassen. Noch zahlreicher sind die Einwanderungen +unabhängiger Frauen, die hier ein grosses Feld für ihre Thätigkeit +finden. Viele von ihnen werden auf Kosten der geheimen Gesellschaften +hergebracht, die den Einfluss derselben auf die Männer für ihre Zwecke +ausbeuten (im November 1863 kamen 72 in einem Schiffe an). + +In den holländischen und spanischen Kolonien legt man den Chinesen +allerlei Hindernisse in den Weg, indem man ihre Anwesenheit nur an +einzelnen Lokalitäten gestattet, ihre Thätigkeit auf gewisse Gewerbe +beschränkt, sie hohen Steuern und einer lästigen Polizeiaufsicht +unterwirft: alles in der ausgesprochenen Absicht, die Eingebornen gegen +die Habsucht, Schlauheit, Gewissenlosigkeit der Chinesen zu schützen. +Trotz aller gesetzlichen Beschränkungen hat aber die Einwanderung der +Chinesen stetig zugenommen; in den Philippinen soll sie eine +beträchtliche Einnahmequelle derjenigen Beamten sein, von deren Ermessen +die Erlaubniss zum Verbleib im Lande abhängig ist. Jetzt scheinen beide +Regierungen zu einer freisinnigeren Politik übergehen zu wollen und es +ist daher zu erwarten, dass sich bald ein stets wachsender Strom von +Arbeitskräften aus China über die Inseln ergiessen und die grossen +Hülfsquellen erschliessen wird, die jetzt in den spanischen Kolonien +fast ganz schlummern und in den holländischen nur sehr unvollkommen +ausgebeutet werden. Für das chinesische Proletariat wird der Archipel +daher wohl bald eine noch grössere Bedeutung erhalten, als Amerika für +das europäische. Die Länder der einheimischen Fürsten kommen immer mehr +und mehr unter den Einfluss der europäischen Regierungen, wodurch die +Sicherheit für Person und Eigenthum zunimmt, deren Mangel bisher auch +ein grosses Hinderniss für die Ausbreitung der Chinesen war. Bis jetzt +werden noch viele im Gebiet malayischer Fürsten liegende Zinngruben von +Malacca aus betrieben. + +In den englischen Niederlassungen der Meerenge ist die Einwanderung +der Chinesen immer begünstigt worden. Sie geniessen dort Ansehen und +Freiheit und Sicherheit gegen Erpressungen, wie wohl in keinem anderen +Lande der Welt. Dass aus dieser unbeschränkten Freiheit der Kolonie +ernste Gefahren erwachsen könnten, ist kaum zu befürchten, da in einem +solchen Falle sich Alles gegen die Chinesen verbinden würde. +Bedeutende Störungen haben sie freilich schon oft veranlasst; sie +bilden einen Staat im Staate; fast Alle gehören geheimen +Gesellschaften an, gegen deren Thätigkeit die Regierung nichts vermag. +In Bezug auf diese Gesellschaften sagt der Guvernör in seinem +amtlichen Berichte 1858-59: „Ein anderes grosses Hinderniss bei +Entdeckung schwerer Verbrechen sind die chinesischen Hoeys, oder +geheimen Gesellschaften.... Es ist kein Zweifel, dass diese +Gesellschaften sich dazu hergeben, den Gang der Gerechtigkeit zu +hemmen. Man nimmt allgemein an, dass sie den Ehrgeiz haben, alle +Kriminalfälle unter ihren Landsleuten vor ihr eigenes Tribunal zu +ziehen. In Civilsachen wird ihre Schlichtung von Streitigkeiten eher +günstig als anders aufgenommen, und nach ihrer Auffassung sind ihre +Ansprüche, Kriminalfälle zu entscheiden, ebenso wohl begründet. Dass +dergleichen Tribunale bestehen, unterliegt keinem Zweifel, und es ist +zu befürchten; dass, um dieselben aufrecht zu erhalten und zu +verhindern, dass man sich an unsere Gerichtshöfe wende, sowie auch, um +die Wirksamkeit der letzteren zu lähmen, die Chinesen kein Bedenken +tragen, zu den gewaltsamsten Maassregeln zu greifen. Mord und +Menschenraub sollen häufig vorkommen, um lästige Zeugen zu beseitigen, +vielleicht aber ist einige Uebertreibung in der angeblichen Häufigkeit +dieser Verbrechen.” Schliesslich zweifelt der Guvernör an der +Möglichkeit, diese Gesellschaften auf dem Wege des Gesetzes +auszurotten und glaubt, dass alle Verordnungen dagegen nur den Zweck +haben würden, die Gesellschaften noch vorsichtiger zu machen und ihren +Widerstand zu verstärken. + +Ich führe aus den Artikeln der einen geheimen Gesellschaft zur Probe +zwei Paragraphen an (das Original-Dokument wurde von der Polizei in +Beschlag genommen und befindet sich gegenwärtig in der Berliner +Bibliothek): „§ 4. Vom Augenblick des Eintritts in die Brüderschaft +Hung müssen alle Brüder bei jeder Gelegenheit, wo die Brüderschaft +sich gegen die Regierung erhebt, und die Soldaten ihr Widerstand +entgegensetzen, nach ihren äussersten Kräften Hülfe leisten; sie +müssen sich bemühen, alle Gefangenen, die gemacht wurden, zu befreien, +und dürfen nichts thun, was ihrer Flucht hinderlich sein könnte. Mögen +Alle, die anders handeln, binnen eines Monats sterben, vom Blitz +getroffen, und ihre Gliedmaassen zerstreut werden. + +§ 5. Vom Augenblick des Eintritts in die Brüderschaft Hung darf Keiner +gegen Bestechung Emissäre der Regierung führen, um andere Brüder +gefangen zu nehmen. Sollten Habsüchtige oder lasterhaft Gesinnte also +handeln, so mögen sie umkommen innerhalb eines Monats unter 10,000 +Schwertern. Werden sie aber entdeckt, so sollen sie sicherlich von den +Brüdern erschlagen werden.” + +Ausser diesen Hoeys, die von China übergesiedelt und zum Theil sehr alt +sind, werden auch fortwährend geheime Gesellschaften zu besonderen +Zwecken, namentlich zur Erhöhung der Löhne, gebildet. Ist einmal ein +Europäer von einer solchen Gesellschaft in die Acht erklärt, so kann er +keinen chinesischen Bedienten bekommen, kein Handwerker arbeitet mehr +für ihn. Zwischen den verschiedenen Gesellschaften bestehen alte Fehden, +die schon häufig zu blutigen Strassenkämpfen Veranlassung gaben, +namentlich im Jahre 1854; aber auch in der allerneuesten Zeit scheinen +dergleichen wieder in grösserem Massstabe stattgefunden zu haben, wie +aus einem interessanten Artikel der Overland Straits Times vom 21. +November 1863 hervorgeht: „Die unaufhörlichen Unruhen und Fehden der +Chinesen, die oft in Strassenkämpfe ausarten, haben ihren Ursprung in +dem gegenseitigen Hass der verschiedenen geheimen Gesellschaften, mehr +noch in dem Hass der verschiedenen Faktionen oder Clans, in welche die +Chinesen gespalten sind. Es scheint, dass die Chinesen weniger +Individualität besitzen, als irgend ein anderes Volk; sich, wie schwache +Thiere, erst in Heerden wohl fühlen, und von jeher das Bedürfniss +fühlten, sich auf diese Weise zu schaaren. In China aber bewegt sich +jede Heerde auf ihrem eigenen Gebiet, während hier Mitglieder der +verschiedensten Verbindungen nur ein gemeinschaftliches Gebiet haben und +daher häufig in Kollision kommen. In den holländischen Kolonien ist in +jedem District, wo über 100 Chinesen wohnen, einer der Angesehensten +von Amtswegen als Hauptmann angestellt, der mit anderen unter ihm +Stehenden, auch amtlich ernannten Gehülfen die chinesische Bevölkerung +in Ordnung zu halten hat und bis zu einem gewissen Grade für sie +verantwortlich ist.” + +In neuester Zeit hat man sich in Singapore damit geholfen, die +vornehmsten Chinesen nach englischer Sitte zu Spezial-Konstablern zu +machen, eine Massregel, die den besten Erfolg gehabt hat. Man +beabsichtigt, künftig bei Unruhen die angesehensten Chinesen, welche +gewöhnlich die höchsten Aemter in den Gesellschaften bekleiden, nicht +eher als Konstabler zu entlassen, bis die Unruhen völlig gedämpft sind. + +Bisher blieben diese Kämpfe lediglich auf die Chinesen selbst +beschränkt, natürlich nicht ohne grosse Störungen der öffentlichen +Ruhe. Erwägt man übrigens, dass die hiesige chinesische Bevölkerung +nur aus den untersten Klassen und zum Theil aus dem Auswurf der +südlichen Küstenprovinzen Chinas hervorgegangen ist, dass ihnen die +Frauen, und also die Mittel zur Begründung einer Familie, gänzlich +fehlen, dass auch nicht die Spur einer Polizeikontrolle besteht, so +kann man sich nur wundern, dass so selten ernstliche Unruhen +vorkommen. Der Grund liegt gewiss in der Leichtigkeit des Erwerbes und +in dem „Selfgovernment”, das sich unter so freien Institutionen, an +deren Erhaltung Alle ein gleiches Interesse haben, nothwendig +entwickeln muss. + +Einige Chinesen haben sich grosse Reichthümer erworben und gehören zu +den geachtetsten Bürgern der Stadt; manche haben bedeutende Summen zu +öffentlichen Zwecken geschenkt. Einer der hervorragendsten unter ihnen +ist Tan-kim-tsching. Sein Haus in der Stadt ist ein so schönes Beispiel +chinesischer Bauart, dass eine kurze Beschreibung von Interesse sein +dürfte. Durch eine kunstvolle Thür in durchbrochener Arbeit tritt man in +die Vorhalle. An der rechten, wie an der linken Wand derselben steht +eine ununterbrochene Reihe geschnitzter Stühle und Tische, je zwei +Stühle und ein kleiner Tisch aus demselben Holz. Die Tische sind höher +und schmäler als die Stühle, haben aber dieselbe Tiefe, so dass die +ganze Reihe wie aus einem Guss erscheint. Durch diese Anordnung hat +jeder Gast zur Rechten oder Linken die Hälfte eines Tischchens zur +Verfügung, um den Arm aufzulegen oder seine Theetasse abzusetzen. Die +Einrichtung ist so hübsch und zweckmässig, dass sie Nachahmung verdient. +Da hier zu Lande ein harter, kühler Sitz angenehmer ist als ein warmes +Polster, so sind die Böden der Stühle gewöhnlich aus Holz oder +spanischem Rohr gefertigt. In diesem Hause aber bestehen sie aus +eigenthümlichen Steinplatten, einer Art Kalkstein, vom Ansehen des +Florentiner Ruinenmarmors,[17] dem aber die Kunst nachgeholfen, indem +sie durch gewisse Beizen an passenden Stellen Infiltrationen erzeugt +hat. Bei einigen Platten ist die von der Natur gelieferte Zeichnung sehr +geschickt benutzt und durch Hinzufügung einiger Striche und Drucke ein +ganz nettes Bildchen zu Stande gebracht worden, während man bei andern +Platten im Nachhelfen zu weit gegangen, so dass sich sogleich die Hand +des Menschen verräth. Diese Platten sollen aus Yünan und Szechuen +kommen, die Kunst, sie zu fertigen, ist aber jetzt verloren gegangen; so +erfuhr ich wenigstens später in Kanton auf vielfache Nachfrage. +Vielleicht steht ihre Wiedergeburt in Europa durch Anwendung der +Kuhlmannschen Entdeckungen bevor. Die Hinterwand der Vorhalle besteht +aus reich geschnitzter, durchbrochener Holzarbeit mit Perlmutter +eingelegt; sie wird durch zwei bis zur Decke reichende Pforten in drei +Theile getheilt. Dahinter befindet sich ein Zimmer in demselben Stil, +aber reicher dekorirt und möblirt: statt der Hinterwand ist nur eine +Reihe zierlicher Säulen, durch welche man in den mit Fliesen belegten +Hof tritt. Zu beiden Seiten desselben bildet ein vorspringendes Dach +einen gegen den Regen geschützten Gang. Am gegenüberliegenden Ende des +Hofes befindet sich die Wohnung der Frauen, Fremden nicht zugänglich. In +den vier Ecken des Hofes sind Regengossen aus gebranntem Thon +angebracht, grosse Bambusen in Form und Farbe täuschend darstellend. An +ihrem unteren Ende lehnen sich schön modellirte Nelumbium-Blätter und +Blüthen aus demselben Material gegen die Wände, und wurzeln scheinbar in +den grossen Kübeln, die das Regenwasser aufnehmen. Aus gebranntem Thon +bilden die Chinesen auch sehr schöne Reliefs, die sie mit den reichsten +Farben verzieren. Die Figuren sind zwar für unsern Geschmack zu barok, +aber ihre Nachbildungen von Pflanzen, Vögeln u. s. w. sind meisterhaft, +naturgetreu und mit vollendeter Technik ausgeführt. Sie werden zur +Verzierung der Wände, Thüren, Dächer und Giebel verwendet; auch der Hof, +dessen Wände einfach grau gestrichen und mit einer rothen Borte +eingefasst waren, enthielt eine Anzahl solcher Reliefs; ein ganzer Fries +davon lief unter dem Dach entlang. + +Für Dekorationen und Kostüme zeigen die Chinesen viel Geschmack, ihre +Theatergewänder sind prachtvoll. Eine der schönsten Prozessionen, die +mir je vorgekommen, sah ich in Singapore bei Gelegenheit einer +Feierlichkeit, in welcher gewisse Götzenbilder aus einem Tempel in der +Stadt wieder nach einem Tempel vor der Stadt, ihrem gewöhnlichen +Aufenthalte, zurückgebracht wurden. Den Glanzpunkt bildeten die Kinder +reicher Eltern in Gewändern alter mythischer Helden, zum Theil zu +Pferde, von vielen Dienern begleitet. Noch reicher und origineller waren +einzelne Gruppen auf niedrigen Rollwagen, welche letztere aber durch die +Dekoration so geschickt verhüllt waren, dass man einen grossen, +künstlichen Felsen vor sich zu haben glaubte. Auf dem Felsen wuchsen +prachtvolle, phantastische Blumen, und in dem Kelche oder auf dem +äussersten Zweige sass, wie eine Elfe, ein ganz kleines, reich und +sonderbar gekleidetes Mädchen, mit einem Fächer oder einer Blume in der +Hand. Andere Felsen trugen Sträucher oder Rohr, über welchen ein Reiher +oder grosser Raubvogel schwebte, und auf dem Vogel ritt oder stand ein +ganz junger Knabe. Auf alten chinesischen Vasen sieht man wohl +dergleichen Figuren, die uns wegen ihrer Abenteuerlichkeit für eine +Verirrung der Phantasie des Malers gelten. Hier sah man alle diese +Bilder leibhaftig vor sich. Dass Drachen und Ungeheuer aller Art nicht +fehlten, versteht sich von selbst. Jede dieser Hauptgruppen war von +einem langen Zug von Kulis begleitet, die von den Reichen zu diesem +Zweck gemiethet und in schöne Livreen gesteckt werden. In den Händen +trugen sie Fahnen, Laternen, Sonnenschirme, meist von schwerer Seide, +mit reicher Stickerei, und an den Füssen Schuhe und Strümpfe, was einen +besonders feierlichen Eindruck machte, da sie sonst immer barfuss, oder +wenigstens ohne Strümpfe, gehen. Abends ging ich mit einem Freunde durch +das Chinesen-Viertel, das aber nicht illuminirt war, wie wir erwartet +hatten. In einem grossen Speicher, gedrängt voll von Zuschauern, wurde +ein Schattenspiel aufgeführt. Der Puppenspieler sang mit näselnder +Fistelstimme hinter dem aufgespannten Laken, auf welchem sich der +Schatten einer Chinesin lebhaft bewegte. Das Publikum bildete den Chor. +Die Bühne stellte ein Zimmer mit einem grossen Bett dar. Ein Anwesender +erklärte uns das Stück: Der alte Ehemann der Dame ist verreist, ihr +junger Freund, den sie von ganzem Herzen liebt, ist ins Haus +gedrungen.... Wir warteten das Ende des Stücks nicht ab, obgleich unser +Dolmetscher uns versicherte, das Beste käme noch. + +Ein anderes Mal sah ich eine chinesische Leichenfeier. Vor dem Hause des +Verstorbenen stand ein gedeckter Tisch, auf welchem verzierte Gerichte +aufgestellt waren, daneben erklang rauschende Musik. Nachdem der Sarg +auf Böcke gestellt worden, führte man die Kinder des Verstorbenen +heraus, einen Knaben und zwei Mädchen. Sie waren in Sackleinen +gekleidet, ganz verhüllt; der Zopf war aufgelöst, zwischen dem losen +Haar hingen Baststreifen herunter. Nachdem die Mädchen eine Zeit lang am +Sarge geweint, gingen sie in das Haus zurück. Der Knabe legte sich mit +untergezogenen Beinen flach auf den Boden, wie ein Schwimmender, und +blieb so, mit dem Gesicht die Erde berührend, während der ganzen Dauer +der Feierlichkeit liegen. Ein Mann trat nun an den Tisch und opferte, +unter verstärkten Gongschlägen, dem Geist des Todten, indem er dabei +abwechselnd kniete und sich mit weit ausgestreckten Armen erhob. Der +Sarg war inzwischen mit einem bunten, seidenen Tuch bedeckt und mit +Blumen bestreut worden. Zum Schluss wurde den Göttern zu Ehren eine +grosse Menge Goldpapier verbrannt. Aber die verschmitzten Chinesen +machen sich kein Gewissen daraus, selbst ihre Götter zu betrügen; nur +das erste Päckchen, dessen Blätter mit Ostentation einzeln ins Feuer +geworfen wurden, bestand durchweg aus Goldpapier; bei den übrigen +Päckchen, die ungeöffnet verbrannt wurden, war nur das oberste Blättchen +vergoldet, das Uebrige gemeines Packpapier. Der Sarg wurde dann von +Kulis auf die Schultern genommen und nach dem Kirchhof getragen. Die +Musik schritt voran, neben dem Sarge gingen die Hausgenossen, es folgte +ein grosser Haufe gemeinen Volks. Die Chinesen halten sehr viel auf ihre +Gräber und legen dieselben oft schon bei Lebzeiten an, zuweilen mit +grossen Kosten. Der katholische Provikar erzählte mir, dass ein Chinese, +der zur Zeit, wo das Hasardspiel noch erlaubt war, als Spielpächter viel +Geld erworben, sich bei Lebzeiten einen kostbaren Sarg verfertigen und +ganz mit Dollars ausfüttern liess. Als vorsichtiger Mann hinterliess er +eine Stiftung zur Besoldung von vier Grabwächtern, aber bald nach seiner +Beerdigung kam eine Schaar Kulis, vertrieb die Wächter, warf den +Leichnam aus dem Sarge und theilte sich in die Beute. Die +Todtenverehrung ist für Viele die einzige religiöse Uebung; sie hängt +unmittelbar mit der grossen Ehrfurcht zusammen, welche die Kinder ihren +Eltern erweisen. + +Das Familienleben, soweit man es zu sehen bekommt, d. h. das Verhältniss +zwischen Vater und Kindern, bildet einen der angenehmsten Züge im +Charakter dieses so selbstsüchtigen Volkes. + + * * * * * + +Die Malayen, obwohl sie hier zu Hause sind, nehmen nur eine +untergeordnete Stellung ein. Unter den Armeniern, Persern, Arabern, +Juden und Vorderindiern sind viele grosse Kaufleute von beträchtlichem +Reichthum; die Malayen bleiben arm, sie haben weder Geschick zu +Gewerben noch zum Handel, und stehen hier an Fleiss, Ausdauer und +Umsicht den übrigen Asiaten nach. Ihnen haften mehr die ritterlichen +Tugenden und Untugenden an. Im Verhältniss zu den Andern sind sie stolz, +zurückhaltend, verschlossen, gleichgültig, ernst, fast traurig, bei +guter Behandlung aber anhänglicher, zuverlässiger, gegen Beleidigungen +empfindlicher. Im Verkehr unter einander sind sie sehr rücksichtsvoll, +sie gebrauchen keine Schimpfwörter; „orang tjelaki, Unglücklicher!” +vertritt deren Stelle. Sie lügen auch weniger als die Anderen. Während +die Handlungen des Chinesen nur durch Eigennutz, niemals durch Ehrgefühl +bestimmt zu werden scheinen, ist bei dem Malayen mit Geld oft nichts +auszurichten. Liegt er nach genossener Mahlzeit auf seiner Matte +hingestreckt, so ist es schwer, ihn durch Geldanerbietungen zum +Aufstehen zu bewegen. + +Die Farbe der Malayen ist gelbbraun, bei den Vornehmen heller, bei +denen, die viel im Freien sind, dunkler. Ihr Kopfhaar ist schwarz, +schlicht, drähtig; sonst sind sie fast unbehaart. Sie sind klein, +wohlgebaut, haben zierliche Hände; ihr Gesicht ist breit, flach; die +kleine Nase hat breite Flügel, der Mund ist gross, die Lippen sind nicht +aufgeworfen, ragen aber fast so weit vor, als die Nase. + +Die Malayen sind überwiegend eine seefahrende Nation; ein Theil +derselben, die Orang-laut, Seemenschen, auch Seezigeuner genannt, leben +auf Kähnen vom Einsammeln von Agar-agar, Trepang (essbare Holothurien), +Muscheln und Schildkröten, vom Fischfang, Tauschhandel und Raub; auch +die Angesessenen schlagen ihre Wohnsitze am liebsten an oder in +Flussmündungen auf. Zwei Vorstädte Singapores, Kampong-Malacca und +Rochor, jene von Malayen, diese von Bugis bewohnt, können als Beispiele +dienen. Die Häuser stehen auf Pfählen im Wasser oder am sumpfigen Ufer, +der Fussboden besteht aus Latten von Bambus oder Nibong (Caryota urens) +mit Zwischenräumen, durch welche aller Unrath entfernt wird. Die Wände +sind aus gespaltenen Bambusen, Matten oder Palmenblättern, die Dächer +aus Atap. Vor den Häusern läuft ein Steg hin, schwankend, elastisch, +voll Lücken. Bei Ebbe steht das ganze Dorf im Schlamm, die Kinder waten +darin herum, suchen Muscheln, Krabben und Würmer als Köder für die +Angeln und holen aus den Reusen die Fische, die bei der zurücktretenden +Fluth hineingeriethen. Während der Fluth steht Alles unter Wasser, dann +fahren kleine Kähne hin und her, einige kaum gross genug, um einen +kleinen Jungen zu tragen, der ganz nackt in der Spitze hockt und sich +mit den Händen fortplätschert, so dass er fast wie eine Seejungfer +aussieht. Alt und Jung angelt dann unter dem Sonnendach, vor der +Hausthür liegend. + +[Illustration: ROCHOR SINGAPORE] + +Die in Singapore ansässigen Malayen sind grösstentheils Bootsleute, +Fischer, Sammler von Muscheln, Korallen, Agar-agar und Waldprodukten. +Sie decken die Häuser mit Atap, flechten Körbe und Matten und verrichten +viele untergeordnete Geschäfte, auch als Gärtner werden sie von +Europäern den hiesigen Klings und Chinesen vorgezogen. Als Diener sind +sie fauler und weniger anstellig, aber treuer und bescheidener als jene. + +Das wesentliche Kleidungsstück für beide Geschlechter ist der Sarong, +ein baumwollenes Tuch von der Grösse eines Plaid, aber etwas breiter, +dessen beide kürzere Ränder übereinandergelegt und zusammengenäht +werden, so dass eine Art Unterrock entsteht, der vorn in Falten +zusammengenommen und mittelst eines Knotens, seltener durch einen +Gürtel, um die Hüften befestigt wird. Die Männer tragen oft unter dem +Sarong, der dann höher aufgeschürzt ist, eine bis zur Wade reichende +Hose, fast immer ein Kopftuch und zuweilen eine Jacke. Die Frauen ziehen +über den bis an die Knöchel reichenden Sarong einen Kattunrock, der, +vorn offen, nur durch ein Paar Knöpfe zusammengehalten wird und bis ans +Knie reicht. Im Hause und auf dem Felde tragen beide Geschlechter nur +den Sarong; Nachts hüllen sie sich darin ein zum Schlafen; sie baden +sogar darin; nach dem Bade wird er gegen einen reinen vertauscht und +gewaschen; so legt selbst derjenige, der nur zwei Sarongs besitzt, +täglich frische Wäsche an. + +In Singapore ist das Tragen von Waffen verboten, sonst aber sieht man +nie einen Malayen ohne Kris oder Waldmesser; die Waffe gehört zum Anzuge +und ist bei der Unsicherheit der Person in den Malayenländern wohl kaum +zu entbehren. Die Frauen gehen meist im blossen Kopf, sie haben üppiges, +schwarzes Haar, schön von Ansehen, aber hässlich anzufühlen, da es +drähtig ist und dick wie Pferdehaar. Die kleinen Kinder gehen meist ganz +nackt, doch tragen kleine Mädchen zuweilen ein silbernes Feigenblatt, +wie unsere Statuen. Zum Putz gehören bei den Frauen gestickte +Pantoffeln, goldene Haarnadeln, Ringe; zu dem der Männer Sandalen. Auf +längeren Wegen legen auch die Lastträger Sandalen von Büffelleder an, +sonst geht gewöhnlich Alles barfuss. + +Einen der widerwärtigsten Eindrücke habe ich von einem Besuch bei dem +Sultan von Johore behalten. Er ist der Sohn des Tuanko-Long, der +Singapore an die Engländer abgetreten. Sein Palast, von seinem Vater +aufgeführt, ist ein grosses, steinernes Haus, von aussen ganz +stattlich, aber unbewohnt und in raschem Verfall begriffen. Der von +einer steinernen Mauer umgebene Hof ist wüst und schmutzig; auf einer +Seite desselben befand sich ein langes, niedriges, hölzernes Gebäude mit +weit vorspringendem Dach aus Palmenblättern, das dem Sultan und seinem +Hofstaat zur Wohnung dient. Nachdem ich ein Empfehlungsschreiben des +Guvernörs vorgezeigt, wurde ich vor einen verschlossenen Fensterladen +geführt, vor dem eine hölzerne Bank stand, auf der ich Platz nahm. Es +dauerte einige Zeit, bis der Laden geöffnet wurde; nun erblickte ich den +Sultan, einen noch jungen, sehr fetten Mann. Auf dem Kopf trug er eine +schmutzige Mütze, um den Unterleib ein Tuch, sonst war er völlig nackt. +Er schien eben aus dem Schlaf zu erwachen und lag auf einer Matte. Auf +drei Seiten seines Stalles hingen schmutzige Kattun-Gardinen, um ihn +kauerten einige gräuliche, alte Weiber. Er brauchte fast eine +Viertelstunde, um die wenigen Zeilen des Briefes zu lesen. Dann stierte +er mich mit idiotischem Lächeln an, gähnte und rollte sich auf ein +Kissen. Essen, Schlafen und Opiumrauchen sollen seine einzigen +Beschäftigungen sein. Der ganze Auftritt erinnerte an die +Schaustellungen von fetten Schweinen oder Riesinnen auf Jahrmärkten. In +Folge der gänzlichen Unfähigkeit des Sultans übertrugen die Engländer +willkürlich die Souveränität von Johor auf den Tumongong, einen sehr +fähigen Malayen, der durch den Rath von Europäern geleitet, eine +geordnete Verwaltung dort eingeführt hat und bedeutende Einkünfte +bezieht. + +Die allgemeine Verkehrssprache hier sowohl, als in allen Küstenstädten +des Archipels, ist die malayische, die sich zu dem Zweck sehr eignet +durch leichte Aussprache, einfache Satzbildung, grosse Wortarmuth und +Unveränderlichkeit der Wörter. Die Sprache ist wohlklingender als alle +europäischen Sprachen, italienisch nicht ausgenommen, die Satzbildung +erinnert an die Sprache der Kinder; es giebt weder Deklinationen, noch +Konjugationen, die Wörter erfahren gar keine Beugung durch Veränderung +ihres Stammes oder durch Affixe. Während in unsern Sprachen die +Partikeln meist zu einsilbigen Wörtern oder zu blossen Buchstaben +eingeschrumpft sind, an denen die ursprüngliche Bedeutung längst nicht +mehr erkennbar ist, werden im Malayischen fast immer noch die Stämme +unverkürzt als Formwörter gebraucht. Max Müller (Science of lang. 279) +vergleicht den Unterschied zwischen den arischen Sprachen, welchen fast +alle in Europa gesprochenen angehören, und den turanischen, zu denen das +Malayische gezählt werden muss, mit dem zwischen einer guten und einer +schlechten Mosaik. Die arischen Wörter scheinen aus einem Guss, die +turanischen zeigen deutlich die Stellen, wo sie zusammengesetzt sind. Er +hebt hervor, weshalb die turanischen Sprachen auf dieser Stufe der +Entwickelung stehen geblieben: sie werden nämlich fast nur von Nomaden +gesprochen, die keine Literatur besitzen, wenig Verkehr mit einander +treiben, und so war es durchaus nothwendig, dass die Stammwörter ihr +deutliches Gepräge behielten und nicht durch phonetische Korruption +unkenntlich wurden. + +Oft kommt im Malayischen dasselbe Wort unverändert als Hauptwort, +Zeitwort oder Formwort vor, aber auch da, wo die Sprache für das +Wurzelwort eine Vor- oder Nachsilbe verlangt, entzieht sich das hiesige +Publikum dieser geringen Mühe und braucht den Stamm meist unverändert in +den verschiedenen Redetheilen, wie es im Chinesischen geschieht. Diese +Neuerung muss wohl der überwiegend chinesischen Bevölkerung +zugeschrieben werden. Unter solchen Umständen sind geschlossene +Konstruktionen und schwierige Perioden gar nicht möglich. Man zerlegt, +was man zu sagen hat, in ganz kurze Sätze und darf sich häufige +Wiederholungen nicht verdriessen lassen. Während in unseren Sprachen +nicht nur für jeden spezifischen Begriff, sondern auch für die +Schattirungen desselben besondere Wörter vorhanden sind, hat die +malayische Sprache oft für eine ganze Gattung von Begriffen nur ein +Wort. So gering der malayische Wortschatz an und für sich aber auch ist, +so kursirt doch nur ein Bruchtheil desselben als Verkehrsmünze in +Singapore. Und wie wenig besitzen die Meisten selbst von dieser! Es ist +wunderbar, wie geringe sprachliche Mittel den Bedürfnissen eines so +grossartigen Handels genügen. Einige Beispiele für das Gesagte dürften +nicht ohne Interesse sein. + +_Suda_: schon oder, _abis_: fertig, vollendet, drückt das Präteritum, +_nanti_: warten, oder _mau_: wollen, das Futurum aus, _di_ bezeichnet +das Passivum, z.B. _makan_: essen, _di makan_: gefressen werden; _tuwan +suda makan_: der Herr hat gegessen, _tuwan nanti makan_: der Herr wird +essen; _suda_: geschehen! antwortet der Bediente, wenn man ihm etwas +befiehlt; _suda!_ schreit auch der kleine Junge, wenn er Schläge +bekommt, und wünscht, dass die Gegenwart zur Vergangenheit werde; _makan +nassi_: Reis essen, überhaupt zu Mittag essen; _api makan ruma_: das +Feuer verzehrt das Haus; _angin makan layer_: der Wind bläht die Segel; +_piso makan kayu_: das Messer schneidet Holz; _saratu makan lima_: 100 +frisst 5, d. h. 5% Zinsen; so frisst das Löschpapier Dinte, der Bediente +Lohn, der Kummer das Herz, und schliesslich _orang-puti makan angin_: +weisse Männer fressen Wind, d. h. gehen spazieren (den Malayen war +dieser Gebrauch so neu, dass sie erst einen Ausdruck dafür erfinden +mussten). + +Unter den aus zwei Wörtern zusammengesetzten Begriffen kommen einige +hübsche Verbindungen vor: _mata_: Auge, _ayer_: Wasser, _mata-ayer_: +Brunnen, _ayer-mata_: Thräne, _mata-hari_: Sonne (das Auge des Tages), +_hidop_: leben, _mata-hari-hidop_: Osten, Sonnenaufgang; _mati_: todt, +_mata-hari-mati_: Westen, Sonnenuntergang, auch _mata-hari-djato_: das +Auge des Tages gefallen, versunken; _djalan_: gehen, Weg, Reise; +_mata-djalan_: Vortrab, Späher; _mata-kaki_: der Fussknöchel; +_mata-mata_ (Augen, Augen): der Spion, der Aufseher, der Polizist; +_besi_: Eisen, _brani_: tapfer, unternehmend, _besi-brani_: der Magnet; +_anak_: Kind, _anak-kontji_: Schlosseskind, Schlüssel; _anak-ayer_: +Bach, _anak-dayong_ (Ruder-Kind): der Ruderer; _anak-prau_: Schiffer; +_anak-duit_ (duit kommt vom holländischen deut und heisst Geld): Kind des +Geldes, Rente; _anak-songej_ (Fluss-Kind): Flussarm und viele Andere. +So sagt man Kuhkind für Kalb, Mannkind für Knabe, Fraukind für Mädchen, +Schweinekind für Ferkel, und im Kirchenstyl _anak-kambing-wolanda_: +Kind einer holländischen Ziege für Lamm Gottes; _bunga_: Blüthe, +_duit_: Geld, _tana_: Erde, und daraus _bunga-duit_: Zinsen, +_bunga-tana_: Landrente; _obad_: Medizin, _bedil_: Flinte, +_obad-bedil_: Schiesspulver; _isi_: Inhalt, _isi-negri_: die +Bevölkerung einer Stadt, _isi-prut_ (Bauch): die Eingeweide; +_bedil trada_ (nicht) _isi_: die Flinte ist nicht geladen. + + + + +Fünftes Kapitel. + + Fischen mit Toba. -- Tiger. -- Termiten. -- Pfeffer. -- Gambir. -- + Sago. + + +Da von der Stadt aus nach mehreren Richtungen Fahrwege ausgehen, Wagen +in Fülle vorhanden, und schnelle Sampans für Spazierfahrten immer bereit +stehen, kann man zu jeder Zeit angenehme Excursionen machen. Sehr +interessant und für den Sammler ergiebig ist eine Fahrt nach Pulo brani, +einer kleinen bei New harbour, N-O. von Blakang-mati belegenen Insel, wo +ein bei niedriger Ebbe fast trockenes Korallenriff eine reiche Ernte von +Korallen, Seeigeln, Ophiuren, Muscheln und Krebsen liefert. Unter jedem +Block, den man aufhebt, ist Leben. In jedem Tümpel haben Actinien und +verwandte Polypen ihre blumengleichen Tentakel entfaltet; in den +grösseren Becken schwimmen Schwärme kleiner einen oder ein paar Zoll +langer Fische, die in so prächtigen, intensiven, metallisch glänzenden +Farben prangen, dass man sie die Kolibris des Meeres nennen könnte. Ich +hatte oft mit einem Freunde versucht, die behenden Thierchen zu fangen, +immer vergeblich, bis wir uns endlich entschlossen, es mit Toba zu +versuchen. -- Toba oder Tuba (Dalbergia sp. div.) ist ein im Jungle +häufiger kletternder Strauch mit rothen Schmetterlingsblüthen. Wir +hatten für unsern Versuch auf dem Riff einen ziemlich kreisrunden Raum +von etwa 100 Fuss Durchmesser gewählt, der durch Zurücktreten des +Wassers bei der Ebbe ein fast abgeschlossenes Becken, etwa 1/2 Fuss +tief, bildete. Wurzel und Holz der Toba wurde zwischen Steinen zerklopft +und an verschiedenen Stellen ins Wasser geworfen. Nach wenigen Minuten +schwammen die Fische betäubt an der Oberfläche und liessen sich mit der +Hand greifen; nach 1/4 Stunde krochen Aale und andre in Löchern +verborgene Thiere hervor, nach 1/2 Stunde lagen fast alle todt auf dem +Rücken. Die Wirkung des Gifts erstreckte sich weit über unser +Wasserbecken hinaus. Ringsum waren Malayen beschäftigt, die betäubten +Fische mit der Hand zu greifen. + +[Illustration: BEI NEW HARBOUR. SINGAPORE.] + +Blakang-mati ist von Fiebern heimgesucht. Dr. Little schreibt sie, wohl +ohne genügenden Grund, der Nähe der Korallenbank zu. Eine Bugisfamilie, +die wir besuchten, schien sehr daran zu leiden. In ihrem praktischen, +aus Erfahrungen hervorgegangenen Aberglauben meinen sie, dass ein böser +Geist, der in den hohen Bäumen wohnt, sie hervorbringe. Daher wollten +sie diese Bäume, die ihre Hütten umgeben und feucht und ungesund machen, +umhauen. + +Eine andere hübsche Excursion war nach dem 519' hohen sogenannten +Zinnberg (bukit-tima), dem höchsten Punkt der Insel. Man kann bis an +seinen Fuss im Wagen fahren, und wenn der Pony Lust hätte, bis auf den +Gipfel, auf welchem einige hohe Damar-Bäume stehen, aus deren Stamm das +geschätzte Harz reichlich ausquillt. Nach Versicherung eines +französischen Missionärs sind an seinem Fuss Spuren von Zinn und auch +von Gold gefunden worden, aber in zu geringer Menge, um zur Ausbeutung +anzuregen. + +Eine kleine Abtheilung Sträflinge war hier beschäftigt, Tigerfallen +anzulegen und die Strasse von der seitlich eindringenden Vegetation zu +säubern, ein Geschäft, das oftmals wiederholt werden muss, da der Wald +sonst bald den ihm abgenommenen Boden wieder besetzt. Von der +Dichtigkeit und Undurchdringlichkeit einer solchen Waldung geben die +unsrigen keine Vorstellung. Zwischen den Hochstämmen, die sich meist +astlos bis an das 60-80' hohe Laubdach erheben, zieht sich nach allen +Richtungen ein so dichtes Gewirr von Unterholz, Schling- und +Kletterpflanzen, dass es unmöglich ist, ohne Waldmesser einzudringen. +Das grösste Hinderniss bilden die Calamusarten, Palmen, deren lange, +dünne Stämme dicht mit Stacheln besetzt sind. Die Blätter, und +namentlich deren peitschenförmig verlängerte Mittelrippe, tragen an der +unteren Seite scharfe Widerhaken, vermittelst welcher sie sich überall +festhängen, wo sie Halt finden, und so dem Stamm, der viel zu dünn und +elastisch ist, um sich selbst zu tragen, die nöthige Stütze verschaffen. +Einige Arten sollen über 1000 Fuss lang werden, nach Rumphius sogar bis +1800 Fuss;[18] sie ziehen sich wie Stricke nach allen Richtungen quer +durch den Wald; auch werden sie ja, nachdem die Blätter und Stacheln +entfernt sind, als Taue, und gespalten als Stricke, benutzt. Zu diesen +kletternden Palmen gehört auch unser spanisches Rohr oder Stuhlrohr +(Rotang der Malayen), es ist auf allen Inseln des Archipels sehr häufig +und für manche ein wichtiger Ausfuhrartikel. + +Aber auch wo eine kleine Lichtung oder ein schmaler Pfad erlaubt hätte, +den Weg zu verlassen und tiefer in den Wald zu dringen, wurde ich durch +die Sträflinge daran verhindert, weil überall an solchen Stellen +Tigerfallen angelegt sind, tiefe Gruben mit Reisig und Erde so geschickt +bedeckt, dass sie selbst den vorsichtigen Tiger zuweilen täuschen. (Am +Tage vor meinem ersten Besuch waren in einer solchen Grube zwei Tiger +lebend gefangen worden.) In den Boden derselben sind häufig spitze +Pfähle eingerammt. Daher sind die Excursionen in diesem Walde, wenn man +vom Wege abweicht, sowohl durch die Tiger selbst, als auch durch die +Fallen in hohem Grade gefährlich. Meine Begleiter schienen allerdings +nur die letzte Gefahr im Auge zu haben. An einen Ueberfall von Tigern +dachten sie gar nicht, obgleich an mehreren Stellen frische Spuren zu +sehen waren. + +Die Tiger spielen in Singapore eine grosse Rolle. Nach dem Urtheil der +ältesten Residenten und der am besten darüber unterrichteten Beamten +werden auf dieser kleinen Insel, die nur ein Drittel grösser ist als die +Insel Wight, jährlich 350-400 Menschen von Tigern zerrissen,[19] und +dennoch fürchtet sich Niemand vor ihnen, die Chinesen auf den +Gambirpflanzungen ausgenommen, die ausschliesslich als Opfer fallen. Ich +werde später darauf zurückkommen. Alle Versuche, das Thier auszurotten, +werden wohl fruchtlos bleiben, so lange nicht die ganze Insel von +Strassen durchschnitten und gleichmässiger bewohnt ist. Für jedes +gefangene oder getödtete Thier zahlt die Regierung 50 Dollars,[20] +ebensoviel fügt ein Verein von Privaten hinzu, der die Insel gern von +dieser Geissel befreien möchte. Aber trotz der hohen Prämie, und +obgleich ein Theil der Sträflinge zum Anlegen von Fallen verwendet wird, +scheint die Zahl der Tiger doch eher zu- als abzunehmen. Es unterliegt +keinem Zweifel, dass sie über die Meerenge schwimmen,[21] angelockt +durch die bequeme, reichliche Beute. Denn während der ersten Jahre, +nachdem die Engländer die Insel in Besitz genommen, befand sich kein +Tiger auf derselben. In einem kleinen Aufsatz des damaligen Guvernörs +John Crawfurd über den Ackerbau von Singapore, 1824, heisst es: „der +Tiger und Elephant, die für den Ackerbau in Sumatra und auf der +malayischen Halbinsel so verderblich sind, kommen in Singapore nicht +vor.” + +Es ist interessant, die wirklich vorhandene Gefahr mit der gänzlichen +Verachtung derselben zu vergleichen, wie sie hier ganz allgemein +verbreitet ist. Was für eine wilde Flucht würde in Europa unter den +Spaziergängern stattfinden, wenn plötzlich in einem zoologischen Garten +die Tiger aus ihren Käfigen ausbrächen, wie Wenige würden sich wohl in +den Garten wagen, bevor die Thiere wieder eingefangen! Hier fahren aber +die Damen mit ihren Kindern ohne allen Schutz und ohne alle Furcht in +kleinen, offenen Ponywagen noch vor Tagesanbruch und nach der Dämmerung +spazieren, während zu beiden Seiten der dichte Wald, in dem notorisch +Tiger vorhanden sind, hart an die Strasse tritt. So fest ist die +Ueberzeugung von der Feigheit und Menschenfurcht dieser Thiere +eingewurzelt! Frisch angekommene Fremde sind die einzigen, die, wenn sie +von ihrer ersten Excursion heimkehren, mitunter „nicht ganz sicher sind, +aber kaum zweifeln, dass sie im Dickicht ein Paar grosse Augen sahen, +wahrscheinlich von einem Tiger,” sie werden aber regelmässig dafür +ausgelacht, weil Jedermann überzeugt ist, dass es nur ein Phantasiebild +war. + +Mehr als die Tiger fürchtet man die Termiten, _rajap_ oder _ani-ani_, +auch _semut puti_, weisse Ameisen genannt, obgleich sie den Menschen +unmittelbar höchstens dann etwas belästigen, wenn die zur Paarungszeit +geflügelten Männchen und Weibchen in dichten Schaaren, Wasserhosen +vergleichbar, aus der Erde emporsteigen, in die Zimmer fliegen, nach +kurzem Herumflattern ihre Flügel verlieren und sammt diesen zu Boden +fallen. Sie kommen in solcher Menge und erscheinen gegen einen dunklen +Hintergrund so weiss, dass ihre Schwärme an die grossflockigen +Schneewetter warmer Wintertage erinnern. Nach dem Verlust ihrer Flügel +laufen sie zwar nicht unbehende, jedoch nicht schnell genug, um sich +ihren zahlreichen Feinden zu entziehen, denn Menschen (Eingeborene) und +Thiere betrachten sie als grossen Leckerbissen. Wahrscheinlich geht nach +diesem kurzen Ausflug der ganze Schwarm mit Ausnahme einiger +befruchteten Weibchen zu Grunde, die als Stammmütter einer neuen Kolonie +erzogen werden. Die Männchen kommen wohl alle um, da sie sich nicht +selbst erhalten können und für ihre Erhaltung durch die andern kein +Grund vorhanden ist; denn ein einmal befruchtetes Weibchen legt viele +Millionen Eier[22] (Berlepsch schätzt die Anzahl Eier, die eine +Bienenkönigin legen kann, auf 1-1/2 Millionen und Dr. Gerstaecker +schliesst aus der Vergleichung der Ovarien, dass ein Termitenweibchen +wenigstens 2 bis 3 mal so viel Eier legen könne). Sehr viel zahlreicher, +als die erwähnten, sind die geschlechtslosen Termiten, die Arbeiter, die +nie Flügel erhalten, sondern ihr ganzes Leben in einer Art von +Larvenzustand verbleiben. Sie wissen sich so geschickt vor dem Menschen +zu verbergen, dass sie ihm fast nie zu Gesicht kommen, wenn sie auch in +seiner unmittelbaren Nähe beschäftigt sind, ihm Haus und Habe zu +zerstören. In unterirdischen Gängen nähern sie sich den Häusern, führen +dann aus an einandergereihten Erdkügelchen einen bedeckten Gang in die +Höhe, der schnell verhärtet, da ihr Speichel wie Mörtel wirkt. Von +diesem aus schreiten sie ungesehen in ununterbrochenen Zügen zum +Angriff. Die fast fingerdicken Gänge sind leicht zu erkennen und zu +beseitigen, werden aber gewöhnlich sehr geschickt an den dunkelsten +Stellen des Hauses, in verborgenen Winkeln angelegt. Die Termiten +vernichten alles Holzwerk, Teak und Kampferholz ausgenommen; eine Kiste +von weichem Holz, von der Art, in welcher Flaschenweine Dutzendweis nach +den Kolonien gesandt werden, kann in einer Nacht gänzlich zerstört +werden, wenn sie im Freien unmittelbar auf dem feuchten Boden steht. +Metall greifen sie nicht an; in früheren Zeiten, wo man in entfernten +Kolonien nicht immer über gewissenhafte Beamte verfügen konnte, sollen +sie zwar oft das in den Regierungskassen vorhandene Geld ohne Rückstand +verzehrt haben. In den Häusern zerstören sie alle Möbel und Vorräthe, +doch gehen sie nicht in Baumwolle und fürchten sich vor Reishülsen, +deren scharfe Spitzen ihren weichen, nackten Körper wohl empfindlich +verletzen würden. In allen Speichern werden deshalb fusshoch Reishülsen +auf den Boden ausgeschüttet, bevor man Kaufmannsgüter darauf lagert, die +Pfosten aller Betten, Schränke und schweren Möbel stehen in +gusseisernen, mit Wasser oder Oel gefüllten flachen Schalen, zugleich +zum Schutz gegen Ameisen, die zwar nicht das Holz, aber die Vorräthe +fressen. + +In dem Landhause eines Freundes hatten die Termiten einige mit Oelfarbe +gestrichene hölzerne Pfeiler, die das Gebäude trugen, fast aufgezehrt, +jedoch ohne die äussere Farbenschicht zu verletzen, so dass von dem +angerichteten Schaden nichts bemerkt wurde, bis jemand, der mit seinem +Stock gegen einen Pfeiler stossen wollte, diesen durchstiess. Durch die +grosse Gefahr veranlasst, wandte man sich an einen Malayen, dessen +Gewerbe das Aufsuchen und Vertreiben der Termiten war. Nach längerem, +sorgfältigem Suchen bezeichnete er eine Stelle im feuchten Rasen, etwa +30 Schritt vom Hause entfernt als diejenige, unter welcher man das Nest +finden würde. Für uns war nur eine kleine, kaum merkliche Erhöhung, auf +welcher bei genauer Untersuchung einige kleine Larven erkannt wurden, +wahrnehmbar; denn ungleich den meisten Arten, deren Baue oft mehrere +Fuss hoch über die Erde ragen, baut die fragliche Art, die Hagen als T. +gilvus beschrieben hat, unterirdisch, anscheinend ohne irgend welche +Anzeichen an der Erdoberfläche, die auf das Vorhandensein des Nestes +schliessen lassen. Der Boden, ein sandiger Lehm, wurde in einigen Zollen +unter der Oberfläche fester und zeigte Spuren von Struktur; in etwa 1 +Fuss Tiefe stiessen wir auf sehr unregelmässige, wabenartige, festere +Erdmassen, bestehend aus vielfach gewundenen, einen Zoll hohen, eine +Linie dicken Wänden von oolithartigem Gefüge. Die einige Linien weiten +Zwischenräume, labyrinthische Gänge, sassen dicht voll kleiner, +geschlechtsloser Termiten (Arbeiter). Die nach oben ziemlich lockeren +Zwischenwände wurden nach unten zu fester. Unterhalb der eben +beschriebenen Erdmassen mit aufrechten Wänden, die aber in ihrem +unregelmässigen Aussehen mehr an Maeandrinen (Korallen) als an Waben +erinnerten, lagen dünne, festere, flach gewölbte Erdkrusten von +ähnlicher oolithischer Struktur, lose neben und über einander, oft an +den Rändern einander überragend, anscheinend konzentrisch um einen Kern +geordnet, durch mehrere Linien hohe fast horizontal verlaufende +Zwischenräume getrennt, die ebenfalls voll Termiten steckten. Sie waren +radial von engen, runden Quergängen durchbohrt, deren Mündungen von den +sogenannten Soldaten mit dem von Reisenden oft geschilderten Heldenmuthe +vertheidigt werden. Die Soldaten, die bei allen Termiten vorkommen, sind +geschlechtslos, arbeiten nicht; ihnen liegt der Schutz des Staates gegen +äussere Feinde und nach den Berichten mancher Reisenden auch die Polizei +ob, indem sie die Arbeiter zur Arbeit antreiben. Sie tragen am Kopfe +ausserordentlich starke, scharfe, zangenartige Kiefern, schnellen, +sobald ihnen die Hand unvorsichtig nahe gebracht wird, voll Wuth aus +ihrer Höhle und können, wie ich aus eigener Erfahrung weiss, mit einem +Biss die gefaltete Cutis am Gelenk des gebogenen Zeigefingers +durchschneiden, so dass die Wunde blutet. Der Kern des ganzen Baues +bestand aus der Wohnkammer der Königin und hatte die Form eines Stückes +Toilettenseife ohne Ecken, jedoch mit dem Unterschiede, dass sie bei +etwa gleicher Dicke fast doppelt so lang und breit war. Sie bestand aus +einer sehr festen Lehmmasse ohne wahrnehmbares Gefüge, von einem +kleinen, trichterförmigen Loche durchbohrt, dem einzigen Zugang. Als ich +die Kammer aufschnitt, zeigte sich im Innern ein hohler Raum, der, weil +die Wände gleich dick waren, der äusseren Form genau entsprach. Er +enthielt die Königin, ein garstiges, fingerdickes, fast zwei Zoll +langes, walzenförmiges Thier, das den inneren Raum zum grossen Theil +ausfüllte und von einer Anzahl kleiner Termiten umgeben war, +wahrscheinlich ihrer Dienerschaft, denn sie ist unbeholfen bis zur +Hülflosigkeit, eine wurstartig aufgeschwollene Masse, voll Eierstöcke. +Der Name einer Königin ist ihr in Folge eines nicht stichhaltigen +Vergleiches mit der Bienenkönigin gegeben worden, denn sie ist eher eine +Gefangene, als eine Gebieterin. Ihre Zelle kann sie nie verlassen, sie +ist völlig wehrlos, so dass sie sich keine Nebenbuhlerin abwehren kann; +oft trifft man daher in ein und demselben Bau mehrere Königinnen in +verschiedenen Entwickelungsstufen an. Unter dem Bau der Königin war die +Erde sehr lose; verschiedene Gänge führten von dort aus nach mehreren +kleinen Nestern, die keine Königin, wenigstens keinen Königsbau +besassen, sondern nur aus den oben erwähnten wabenartigen Massen +bestanden; es waren wohl neu angelegte, bisher nur vom Mutterstaat aus +bevölkerte Kolonien. In der Absicht, sie härter zu machen, wurden einige +Stücke des Baues der Sonne ausgesetzt. Die Gänge waren dicht mit +Termiten, Arbeitern und Soldaten, angefüllt. Bald stellten sich einige +kleine, schwarze Ameisen ein, rekognoszirten, kehrten um, und nach nicht +ganz 10 Minuten erschienen lange Züge derselben Art, die im Verlauf +einiger Stunden sämmtliche Termiten, obgleich sie doppelt so gross waren +als die Ameisen, aus ihren Schlupfwinkeln holten und davon schleppten. +Es war erstaunlich, zu sehen, wie diese kleinen Thierchen die ungleich +grösseren packten und sie davon trugen. Selbst die Soldaten wurden auf +diese Weise fortgeschleppt, wobei allerdings einige der Kleinen das +Leben liessen, denn wenn sie einem Soldaten unvorsichtig nahten, schnitt +er sie mit seiner scharfen Zange mitten durch; während sie noch zuckte, +kam ein andres Thierchen desselben Stammes und rettete den Leichnam. + +Smeathman, dem man die erste ausführliche Schilderung der Termiten +verdankt, giebt an, dass eine alte Königin die Grösse von 20,000 bis +30,000 Arbeiterinnen erreichen könne! was aber eine Uebertreibung zu +sein scheint. Bei Wägungen an Spiritusexemplaren, die ich mit Dr. +Gerstaecker vornahm, ergab sich für eine Termitenkönigin von T. +bellicosus (der Spezies, auf die sich Smeathman's Mittheilungen +beziehen), dem grössten Exemplare der Berliner Sammlung, 16,135 Gramm, +für ein junges, befruchtetes, aber nicht weiter entwickeltes Weibchen +0,490, also 1/33 des obigen Gewichts (ein Arbeiter von dieser Species +war nicht vorhanden). Die Termitenkönigin T. gilvus (Hagen) von +Singapore wog 5,200 Gramm, ein junges, befruchtetes Weibchen (das aber +exenterirt war) 0,068 Gr., ein Arbeiter 0,005 Gr., also etwas weniger +als das Tausendfache der verhältnissmässig grossen Königin. + +Die Termiten sind in mehreren Gattungen und vielen Arten über alle +wärmeren Erdtheile verbreitet, aber nicht überall gleich zahlreich oder +schädlich. In Rochefort sind sie seit 1797 amtlich bekannt und richten +dort fortdauernd grosse Zerstörungen an. Wahrscheinlich durch Hölzer von +San Domingo eingeschleppt, verbreiteten sie sich allmälig über viele +Städte und Ortschaften der Charente inférieure, so dass sie dort zu +einer sehr ernsten Plage geworden sind und den Wohlstand des ganzen +Departements bedrohen, indem sie Gebäude, Dächer, Korn und Mehlvorräthe, +Bibliotheken, Pflanzungen u. s. w. zerstören; alle vorgeschlagenen +Schutzmittel erwiesen sich bisher erfolglos. + +Eines Tages besuchte ich eine Pfeffer- und Gambir- Pflanzung, die ganz +in der Nähe von Bukit-tima lag. Ich stieg bei einem französischen +Missionär ab, der mich überallhin begleitete und mir das Chinesische der +Pflanzer verdolmetschte. Es war ein Mann, wie ich deren später noch +öfter unter den katholischen Missionären getroffen habe, der Allem +entsagt hatte, um sich seinem selbstgewählten Berufe zu opfern. Ein +kleines Vermögen, das ihm durch Erbschaft zugefallen, hatte er dazu +verwendet, eine Kirche zu bauen, für sich selbst behielt er nichts +zurück und lebte, obgleich kränklich und alt, in grosser Dürftigkeit von +dem elenden Gehalt, das für alle diese würdigen Männer ohne Unterschied +monatlich 10 Dollars beträgt. Ich besah die Pflanzung und die Fabrik in +allen Einzelnheiten, doch waren die Angaben der Chinesen so ungenau, zum +Theil durch die Schuld des Dolmetschers, der die einfachsten technischen +Fragen nicht richtig zu verstehen schien, so widersprechend, dass ich +zur Ergänzung des selbst Gesehenen vorziehe, das Uebrige einigen +gediegenen Aufsätzen zu entlehnen. + +Der Pfeffer wird hier immer zusammen mit dem Gambir gebaut. Die +ausgekochten Blätter der letzteren Pflanze dienen zur Düngung der +ersteren. Auf je 10 Acres Gambir rechnet man gewöhnlich einen Acre +Pfeffer. Der Pfeffer wächst sehr leicht und scheint nur sehr geringe +Pflege zu erfordern. Mit besonderer Sorgfalt wird er jedenfalls nicht +behandelt. Nicht einmal schattengebende Bäume, die man in anderen +Ländern für das Gedeihen der Pfefferrebe nothwendig erachtet, werden ihm +gewährt. Die Hauptsorge ist die Vertilgung des Unkrauts und die +Entfernung der seitlichen Ausläufer. Er wächst, der grellsten Sonne +ausgesetzt, an Pfählen aus gespaltenen Waldbäumen, die er, wie Epheu +kletternd, mit seinen dunkelgrünen herzförmigen Blättern dicht +bekleidet. Aus dem Laube hängen in grosser Fülle die langen schmalen +Trauben hervor, mit grünen Beeren, die bei völliger Reife scharlachroth +werden. Der Anblick der Pflanzen ist sehr schön. Die Vermehrung der +Reben geschieht durch Stecklinge, nach 4 bis 5 Jahren giebt sie schon +einen geringen Ertrag, der bis zum 7ten oder 8ten Jahr zunimmt. Wenige +Jahre, nachdem er sein Maximum erreicht, vermindert sich der Ertrag fast +ebenso allmälig, als er zunahm, so dass in einer wohlgeordneten +Pflanzung alle Jahre eine Anzahl junger Pflanzen gezogen werden müssen, +die der Reihe nach an die Stelle der abgestorbenen treten. Die Rebe +trägt gleichzeitig Blüthen und Früchte. Vier Monate nach Entfaltung der +ersteren sind die Beeren zum Pflücken reif, sie sind dann grün mit einem +Stich ins Rothe und werden in flachen Körben aus Bambussplinten über +Rauchfeuer getrocknet, wobei sie schwarz werden und einschrumpfen. Das +Aroma wird grösstentheils durch Lokalität und Boden bedingt, wie beim +Wein. Uebrigens aber geben die schwersten, vollsten, am wenigsten +runzligen Körner das beste Gewürz. Lässt man die Beeren völlig reif +werden, so löst sich die äussere scharlachrothe Hülle durch Mazeration +in Wasser ab; der zurückbleibende Kern bildet den weissen Pfeffer des +Handels, der theurer als der schwarze ist, weil bei dieser +Zubereitungsart immer eine grosse Menge durch Abfallen der völlig reifen +Beeren verloren geht. Von allen Gewürzen ist Pfeffer das verbreitetste +und wohl das einzige, dessen Verbrauch auch jetzt noch immer zunimmt, +während alle übrigen immer mehr aus der Mode kommen. Zur Zeit der +Entdeckung des Seewegs nach Indien und lange nachher, bevor Zucker, +Kaffee, Thee, Indigo und die Produkte der indischen Wälder in Europa +bekannt waren, bildete Pfeffer den Hauptartikel des indischen Handels +und war Gegenstand der heftigsten Kämpfe zwischen den seefahrenden +Völkern, sowie der drückendsten Monopole, die mit der herzlosesten +Zwangsarbeit für die Eingebornen gepaart gingen. Nach Crawfurd war der +Preis des Pfeffers zu Plinius Zeiten 1 Thlr. 5 Sgr. das Pfund und blieb +so bis zu Anfang des 16. Jahrhunderts. Durch das Monopol der Portugiesen +stieg er auf 1 Thlr. 10 Sgr.; als die Holländer die Portugiesen +verdrängt hatten, etwa 100 Jahre später, trieben sie den Preis auf das +Doppelte. Durch Konkurrenz der Engländer und Franzosen fiel der Preis +wieder und schwankte Jahrhunderte lang zwischen 16 und 10 Sgr. Erst in +diesem Jahrhundert fielen die Monopole, wodurch der Pfeffer auf seinen +Preis von 2-1/2 bis 3 Sgr. kam. Jetzt liefert die Westküste von Sumatra +den meisten Pfeffer. Crawfurd schätzt den Gesammtertrag des indischen +Archipels, mit Inbegriff der geringen Menge, welche Malabar, das +Vaterland des Pfeffers, jetzt noch produzirt, auf 40 Millionen Pfund. +Ausser Hinter-Indien erzeugen auch noch Guyana, Liberia, die Antillen +dies Gewürz. Die Gesammtproduktion dürfte gegenwärtig 50 Millionen Pfund +wohl nicht übersteigen. + +Pfeffer und Gambir, die Haupt-Erzeugnisse des Landbaus in Singapore, das +ausserdem nur noch Kokosnüsse, Früchte und Gemüse für den eigenen Bedarf +produzirt, werden ausschliesslich durch Chinesen gewonnen. Es ist ein +mühsames, bei den gegenwärtigen Preisen der Erzeugnisse nicht sehr +lohnendes Geschäft voll Entbehrungen und wegen der vielen Tiger voll +Gefahr. Gewöhnlich sind es neuangekommene Einwanderer, die ihre +Ueberfahrt nicht zahlen können, welche von ihren reicheren Landsleuten +zu dieser Kultur verwendet werden. Nach dem Kontrakt müssen sie ein Jahr +für ihren Gläubiger arbeiten, während welcher Zeit sie nur kärgliche +Beköstigung und noch kärglicheren Lohn erhalten. Dennoch wissen sie +bald, häufig schon im ersten Jahre, etwas zu sparen und so viel Kredit +zu erwerben, dass sie ein kleines Geschäft anfangen oder als +selbstständige Arbeiter sich vortheilhaft verdingen können. Oft auch +thun sich mehrere zusammen und bewirthschaften gemeinschaftlich eine +Pflanzung. Nachdem eine passende Stelle im Walde gelichtet, wird das +Unterholz verbrannt, die gefällten Bäume bleiben liegen, da sie später +als Brennholz benutzt werden, ausser der Asche davon erhält der Boden +keinen Dünger. Man säet den Gambir (Uncaria Gambir) in Beeten, hält die +Sämlinge schattig und pflanzt aus, wenn sie 5 bis 6 Zoll hoch sind in 5 +bis 6 Zoll Abstand. Hat die Pflanze eine gewisse Höhe erreicht, so wird +sie abwärts gebogen, so dass sie seitlich fortwächst. Dadurch wird die +Holzbildung gehemmt, die Blattbildung vermehrt, das Pflücken +erleichtert[23]. Nach 13 bis 14 Monaten sammelt man die ersten Blätter, +6 Monate später giebt die Pflanze den vollen Ertrag. Aber schon nach +wenigen Jahren (ca. 15) ist der Boden so erschöpft, dass die Pflanzung +aufgegeben und eine neue an einer andren Stelle errichtet werden muss. +Auf der verlassenen Stätte wuchert das so schwer zu vertilgende +Lalanggras (Saccharum imperatum), das mühsamer auszurotten ist, als +Urwald. Die Regierung fängt endlich an, durch eine bessere +Waldwirthschaft diesem Uebelstande und dem Treiben der chinesischen +Squatters ein Ende zu machen, indem sie dieselben zwingt, das Land zu +kaufen, das sie bepflanzen wollen; ein sicheres Mittel, um es in +Kulturland, statt in Graswildnisse zu verwandeln. + +Das Pflücken der Blätter dauert das ganze Jahr über, jeder Strauch kommt +jährlich 3 bis 4 mal an die Reihe. Die Morgens gesammelten Blätter +werden am Nachmittag versotten, die Nachmittags gesammelten am folgenden +Morgen; ein Absud erfordert 5 bis 6 Stunden. Die Fabrikation ist sehr +einfach. Ein grosser Schuppen aus Stangen und Palmenblättern, mit +einigen Bänken aus gespaltenem Bambus versehen, die als Tisch und Betten +dienen, ist zugleich Wohnung und Fabrik. Der Kessel besteht aus einer +eingemauerten, flachen Pfanne aus Gusseisen, von etwa 3 Fuss +Durchmesser, auf welcher ein hohler Cylinder von Baumrinde steht, die in +~einem~ Stück von einem entsprechend grossen Baum abgelöst worden. Die +Fugen und die ganze Aussenseite sind mit Thon verschmiert, um sie gegen +das Feuer zu schützen. Man giesst etwas Wasser in die Pfanne, schüttet +die Blätter ein und wirft sie, nachdem sie etwa eine Stunde gesotten, +auf eine geräumige, ebenfalls aus einem Stück Baumrinde bestehende, +schräge Rinne, deren unteres Ende in den Kessel hineinragt. Der Arbeiter +knetet diese Blätter, damit das ihnen anhaftende Wasser in den Kessel +zurücklaufe. Der zur Konsistenz von dünnem Syrup eingedampfte Absud wird +in Eimer geschöpft. Ist er kühl genug, so beginnt eine eigenthümliche +Hantirung. Bekanntlich enthält der Gambir ausser der in kaltem Wasser +löslichen Catechugerbsäure auch in kaltem Wasser unlösliches Catechin; +anstatt nun einfach umzurühren, damit die Flüssigkeit überall +gleichmässig erstarre, klemmt der Arbeiter in jeden Eimer in schräger +Richtung einen Stock aus weichem Holz. Er stellt zwei solcher Eimer vor +sich hin und fährt mit jeder Hand an einem der Stöcke auf und ab. Die +Flüssigkeit verdickt sich zunächst am Stock, und da sie dort immer +abgestreift, die Masse überdies in beständiger Bewegung erhalten wird, +erstarrt sie gleichmässig, was nach Behauptung der Arbeiter durch +Umrühren nicht zu erreichen sein soll. Gewiss ist hier wieder ein +Stückchen Aberglauben im Spiel. Die hinreichend verdickte Masse wird in +flache, viereckige Kasten gefüllt, und wenn sie erhärtet ist, wie Seife +in Stücke geschnitten und im Schatten getrocknet. Die gekochten Blätter +werden noch einmal ausgesotten und schliesslich in dem Wasser +ausgewaschen, das zum Kochen der Blätter verwendet wird. + +Eine Pflanzung von 5 Arbeitern enthält im Mittel 70-80,000 Sträuche und +liefert täglich 40-50 Katti (1 Katti = 1-1/3 ℔ Engl.) Gambir. Die +Arbeiter behaupten, nur das Holz eines gewissen Baumes besitze die +Eigenschaft, den Absud im Eimer erstarren zu machen und zeigten mir ihn +später, es war Artocarpus incisa. Nachher sagte man mir aber, dass jedes +weiche Holz sich dazu eigne, doch nehme man gewöhnlich einen Zweig des +eben genannten. + +Gambir, besser unter dem Namen Terra japonica in Europa bekannt, wird +von den Malayen mit dem Betel gekaut, zu welchem Zweck er zuweilen noch +besonders raffinirt und in kleine, zierliche Kuchen geformt wird. Er +enthält 50-60% Gerbstoff und wird in steigender Menge nach Europa für +die Schnellgerbereien und Färbereien exportirt. Die sehr beständige, +schöne Holzfarbe der französischen Tapeten verdankt man dem Gambir. Die +Produktion wächst so schnell, als die Nachfrage, denn der Preis steigt +nicht. In Singapore nehmen die Pflanzungen ab, doch mögen wohl noch nahe +an 1000 auf der Insel vorhanden sein. Da es aber jetzt den Chinesen +nicht mehr gestattet wird, ohne alle Abgaben den Boden in Besitz zu +nehmen und den Wald zu zerstören, so ziehen sie sich mehr nach Johor. +Die Hauptproduktion ist aber auf den Inseln Bintang, Batam und Linga, +die unter holländischer Botmässigkeit stehen. + +In Europa scheint einige Verwirrung in Bezug auf die Namen Gambir, Terra +japonica, Cutch, Catechu, Cachou zu herrschen. Abgesehen von den unter +dem Namen Cachou in Apotheken käuflichen Bonbons, die nur aus Lakritzen +und Salmiak bestehen, und mit Catechu (Cachou der Franzosen) nichts als +den Namen gemein haben, versteht man unter Gambir oder Terra japonica +gewöhnlich das Präparat von der Nauclea Gambir. Das eigentliche Catechu +(Cutch) dagegen wird von einer Mimose, Acacia Catechu (Willd.), und zwar +aus dem Herzen des Stammes und den Schoten, durch Auskochen und +Eindicken des Absuds gewonnen. Man erhält es namentlich aus Birma +(Pegu), Malabar und dem nördlichen Bengalen. Beide Substanzen sind +übrigens sowohl chemisch, als in Bezug auf ihre technische Verwendung +fast identisch. Das aus Arecanüssen bereitete Catechu scheint ganz vom +Markt verschwunden zu sein. + +Die Chinesen auf diesen Plantagen sind es, die so häufig von Tigern +umgebracht werden. Wann der Kuli fast nackt im dichten Gebüsch hockt, +um die Blätter zu pflücken, so beschleicht ihn der Tiger von hinten +und tödtet ihn gewöhnlich mit einem Biss in den Nacken. Finden die +Kameraden den Leichnam, so verscharren sie ihn so schnell als möglich, +denn wenn die Polizei es erfährt, so zwingt sie die Leute, die +vielleicht schon stark verweste Leiche zur Stadt zu tragen, damit sie +vom Todtenbeschauer besichtigt werde, ohne ihnen dafür irgend eine +Entschädigung zu gewähren. Erwägt man, wie ungern die Chinesen einen +Schritt umsonst thun, wie höchst beschwerlich und ekelhaft der ihnen +aufgezwungene Dienst ist, und dass sie überdies schon aus der Heimath +eine heilige Scheu vor der Polizei mitbringen und jeden Kontakt mit +derselben vermeiden, berücksichtigt man ferner, dass weder ein +Passwesen, noch irgend eine Kontrolle über die sich hier aufhaltenden +Personen besteht, dass namentlich die Pflanzer in ihren entlegenen +Schlupfwinkeln im Walde fast nie aufgesucht werden, so darf man sich +nicht wundern, wenn nur eine sehr geringe Zahl dieser Todesfälle den +Behörden zu Ohren kommt. Dennoch werden im Jahr durchschnittlich 75 +Fälle gemeldet, und auf der Annahme, dass die wirkliche Zahl der Opfer +wenigstens das Fünffache betrage, beruht die Angabe, dass jährlich +300-400 Personen von Tigern umgebracht werden. Ich habe mich an den +sichersten Quellen häufig über diesen Gegenstand erkundigt und kann +nur wiederholen, dass die bestunterrichteten Beamten diese Zahl eher +für zu gering, als zu gross halten. Zum Beweise, dass es auch in der +neuesten Zeit nicht besser geworden, füge ich einen Auszug aus den +Straits Times, Overland Journal, 21. Nov. 1863, bei: „Singapore. Die +Todesfälle durch Tiger sind wieder im Zunehmen. In den letzten 14 +Tagen sind 7 Fälle bei der Polizei angemeldet und die verstümmelten +Leichen aufgefunden worden, die keinen Zweifel über die Ursache des +Todes liessen. Alle, die auf diese Weise ihren Tod gefunden, waren +Arbeiter auf Gambirpflanzungen.... Es ist bemerkenswerth, dass bei +diesen Leichen immer nur ein kleiner Theil des Körpers verzehrt ist, +es fehlt nur ein Bein, ein Arm, häufig nur der Kopf.”.. Der Redaktör +schliesst mit der Betrachtung: „Es ist ein Jammer, dass die Thiere +nicht ein Opfer ganz verzehren, bevor sie ein anderes angreifen, es +würde ein grosses Ersparniss an Menschenleben sein.” + +Ausser den angeführten landwirthschaftlichen Produkten verdient noch +ein Industrieerzeugniss besondere Erwähnung: der Sago, welcher in +beträchtlicher Menge (jährlich für 60-70,000 Dollars) von Singapore +ausgeführt wird. Der rohe Sago kommt von Sumatra und Borneo, wird in +Singapore durch Schlämmen gereinigt und dann als Sagomehl, +grösstentheils aber, nachdem er vorher geperlt worden, als Perlsago +ausgeführt. Um es zu perlen, wird das noch etwas feuchte Mehl ein wenig +geknetet, in einem durch einen Kreuzstock weit offen gehaltenen flachen +Sack in rotirende Bewegung gesetzt, wobei sich kleine Klümpchen bilden, +die, nachdem sie durch ein grobes und ein feines Sieb gegangen, gleiche +Grösse haben. Sie werden in einer schräg eingemauerten, flachen, mit Oel +bestrichenen, eisernen Pfanne über gelindem Feuer mit einem hölzernen +Spaten vorsichtig umgerührt, wobei durch die an der Oberfläche +eintretende Kleisterbildung die Kugeln eine gewisse Festigkeit bekommen, +aber auch zusammenbacken; um sie zu trennen, werden sie noch einmal +gesiebt und dann abermals gedörrt, bis sie die gehörige Härte erlangt +haben. + +Deutsche Hausfrauen pflegen die Perlform für das Kennzeichen des Sago zu +halten und unter Sago Perlen von beliebigem Stärkemehl zu verstehen. Der +eigentliche Sago ist aber das Produkt der Sagopalmen (Sagus laevis und +S. genuina), die besonders im Osten des Archipels sehr verbreitet sind; +sie liefern fast allein den Sago des Handels. Die Eingebornen gewinnen +ihn aber, besonders bei missrathener Reisernte, noch aus mehreren andern +Palmen- und Cycasarten für ihren eignen Bedarf. In Singapore kommt die +Sagopalme nur vereinzelt vor und wird nicht ausgebeutet. Die Art, den +rohen Sago zu gewinnen, habe ich nicht gesehen, sie ist von J. R. Logan +im Journal of the Ind. Arch. III. 288 ausführlich beschrieben. + +Die Sagopalmen sind von sehr grossem Interesse, weil keine Pflanze, +selbst nicht die Banane und Kokospalme, bei so geringer Mühe eine solche +Menge Nahrungsstoff liefert. Die Produktion kann bei der +ausserordentlichen Fülle des Materials unbegrenzt gesteigert werden. +Wegen der jetzt gebräuchlichen, unvollkommenen Methoden der Bereitung +und besonders, weil der Sago nicht gleich an Ort und Stelle für die +Ausfuhr raffinirt wird, ist sein Preis zu hoch.[24] Nach Logan sollte +ein Pikul nicht mehr als 1/4 Dollar (11 Sgr.) kosten. + +Ueber den ausserordentlichen Ertrag der Sagopalme geben folgende, +Logan's Aufsatz entnommene Angaben eine Vorstellung. In den östlichen +Inseln des Archipels, in Neu-Guinea, in Borneo und Sumatra ist die +Sagopalme am häufigsten und bildet in sumpfigen Niederungen grosse +Wälder. Dort ist Sago das Hauptnahrungsmittel. Eine Ertrag gebende +Pflanzung ist gar nicht mehr auszurotten, denn unähnlich andern Palmen +pflanzt sich die Sagopalme nicht nur durch Samen fort, sie treibt auch +Schösse aus der Wurzel, wie die Banane, und liefert so eine +ununterbrochene Ernte. Sie blüht terminal und stirbt, wenn die Früchte +reif sind, allmälig ab. Will man aber den Sago gewinnen, so wird der +Baum kurz vor der Blüthezeit umgehauen; der Stamm ist dann ein Cylinder +von 20 Zoll Durchmesser und 15-20 Fuss Länge; die Rinde bildet nur eine +dünne Schale, das ganze Innere ist mit Mark erfüllt, das aus Cellulose +und Stärkemehl besteht. Man rechnet, dass ein Baum durchschnittlich 700 +℔ Stärkemehl (Sago) liefert. Nach Logan's Berechnung geben 3 Bäume mehr +Nahrungsstoff als 1 Acre Weizen und 6 Bäume mehr als 1 Acre Kartoffeln. +Ein Acre mit Sagobäumen bepflanzt, giebt, wenn er auf einmal umgehauen +wird, 5220 Bushel (= 3452 Scheffel Preuss.) oder so viel, wie 163 Acres +Weizen; und je nachdem man 7 oder 15 Jahre als den Zeitraum annimmt, den +der Baum zu seiner Entwicklung nöthig hat (darüber sind die Angaben +schwankend), kommt ein Acre Sago in seinem jährlichen Ertrag 10 oder 23 +Acres Weizen gleich. (Da 163 Acres = 258,35 Morgen, so nimmt Logan etwas +mehr als 13-1/3 Scheffel Weizen pro Morgen an.) + +In Berlin kostet durchschnittlich der Zentner „Kartoffel-Sago”, d. h. +geperlte Kartoffel- oder Weizen-Stärke, 10-11 Thlr., Palmen-Sago 16-17 +Thlr., Tapioka-Sago, d. h. geperltes Manihot-Mehl, 22-23 Thlr. In +Singapore kostet 1 Ztr. Palmen-Sago durchschnittlich 2 Dollars als Mehl, +3 Ds. in Perlform; Tapioka-Mehl 3 Ds., Perlen 4 Ds. Die Fracht +übersteigt selten 1 Dollar per Zentner. Der grosse Unterschied im Preise +ist die Prämie der Zwischenhändler; sie zeigt, wie unvollkommen, unsere +Verkehrsverhältnisse noch sind. + + + + +Sechstes Kapitel. + + Opium. + + +Die hervorragendste Leidenschaft der Hinterindier, namentlich der +Chinesen, scheint die Spielsucht. In Canton spielt der hungrige Kuli mit +dem Garkoch um das Essen; gewinnt er, so speist er gratis, im andern +Fall verliert er den Einsatz und speist gar nicht. Das Spielen ist aber +hier sowohl als in Pinang und Malacca streng verboten, und wird deshalb +heimlich getrieben. Es ist ein öffentliches Geheimniss, dass die +niederen Polizeibeamten, alle selbst Asiaten, im Sold der +Spielunternehmer stehen und nicht nur die Spielhäuser nicht verrathen, +sondern sie gewöhnlich bei Zeiten warnen, wenn einmal von Seiten der +höheren Beamten ein Ueberfall gegen ein verdächtiges Haus ausgeführt +werden soll. Im Anfang des Bestehens der Kolonie waren auch Spielhäuser +gestattet, die Konzession dazu wurde, wie zum Opium- und +Branntwein-Handel dem Meistbietenden verpachtet und bildete eine der +bedeutendsten Einnahmen. Der einflussreichere Theil der europäischen +Bevölkerung fand aber hierin etwas Unsittliches; so ist denn jetzt das +Spiel seit einer Reihe von Jahren verboten, obgleich jedermann weiss, +dass die polizeilichen Mittel zur wirklichen Unterdrückung desselben +nicht vorhanden sind. In neuester Zeit wird daher die Ansicht immer +allgemeiner, dass es unter den bestehenden Verhältnissen angemessener +wäre, wieder öffentliche Spielhäuser einzurichten und sie zu einer +Steuerquelle zu benutzen, wie die Holländer und Spanier thun. -- In +diesem Sinne hat sich auch die Grand-Jury in ihrem letzten Bericht über +den Zustand der Kolonie (1865) ausgesprochen. Jedenfalls scheint es eine +grosse Inkonsequenz, das Spiel aus moralischem Zartgefühl zu verbieten +und das ~Opium~rauchen zu gestatten, das noch schlimmer ist, als +Hasardspiel, da es, einmal zur Leidenschaft geworden, den Menschen nicht +nur eben so sicher, wie jenes, moralisch und finanziell, sondern auch +physisch zu Grunde richtet. Die Ursache der Inkonsequenz liegt wohl in +dem grossen Gewinn, den die britische Regierung aus der Bereitung des +Opiums, die Kolonial-Regierung aus der Accise und die Kaufleute aus dem +Vertrieb ziehen, an dem sich übrigens nicht nur Engländer, sondern Leute +von allen Nationen mit gleichem Eifer und mit derselben Unbefangenheit +betheiligen, wie am Handel mit Tabak oder Spirituosen. + +Opium ist bekanntlich der eingetrocknete Milchsaft des Gartenmohns +(Papaver somniferum) und wird besonders in der Türkei und in Indien +gewonnen. Das türkische Opium wird in Europa und Java, das indische in +China und Hinterindien genossen. In Britisch-Indien ist die +Opiumerzeugung Monopol der Regierung, in den Malwa- und andern Staaten +unter einheimischen Fürsten steht sie jedem frei; das Fabrikat zahlt +aber in Bombay einen Transitzoll von 400 Rupien per Kiste. Das Opium von +Behar, im Handel als Patna bekannt, und das von Benares, beide unter der +strengen Aufsicht englischer Beamten dargestellt, sind besser als +Malwa-Opium. Letzteres geht fast ausschliesslich nach Nord-China.[25] + +Zum Rauchen ist das Opium, wie es aus Indien kommt, noch nicht geeignet; +es wird erst durch ein umständliches Verfahren, das 18 Stunden Zeit in +Anspruch nimmt, im Wesentlichen aber nur im Ausziehen der in Wasser +löslichen Bestandtheile und Eindicken des Auszugs besteht, in die von +den Rauchern beliebte Substanz ~Tschandu~ verwandelt, die wie Melasse +aussieht, aber noch konsistenter ist.[26] + +Das Recht, das Tschandu zu bereiten, ist in Singapore Monopol der +Regierung, die es dem Meistbietenden verpachtet. Diese Pacht bildet ihre +~Haupt-Einnahme~; der Pächter ist immer ein Chinese, keinem Andern würde +es möglich sein, unter der hiesigen Bevölkerung eine gewinnbringende +Kontrolle auszuüben. Der Pächter, der gewöhnlich sehr reich wird, +verkauft das Tschandu an die Opiumkrämer, von denen es die Raucher in +einzelnen Dosen entnehmen. Die Wiederverkäufer erhalten gar keinen, oder +nur sehr geringen Rabatt, der höchstens für solche, die entfernt wohnen, +bis auf 8% steigt. Die Konsumenten kaufen ihr Tschandu bei dem Pächter +nicht billiger, als bei dem Kleinhändler; der Gewinn des letzteren +besteht lediglich in den Abfällen. Das Tschandu hinterlässt nämlich beim +Rauchen einen Rückstand, bestehend aus Kohle, brenzlichen Oelen, einigen +Salzen und etwas unverbranntem Opium. Dieser Rückstand heisst Tinko und +beträgt fast die Hälfte des ursprünglichen Tschandu. Er wird an die +ärmere Klasse zum halben Preis verkauft; man raucht oder verschluckt +ihn. Im ersterem Falle lässt er wieder einen Rückstand, Samsching, der +von noch Aermeren gekauft und verschluckt wird, da er nicht mehr +brennt. Aus dem Verkauf der Rückstände bestreitet der Opiumkrämer die +Miethe seines Lokals und den Unterhalt seiner Familie. + +Wohlhabende rauchen ihr Opium zu Haus, Aermere bei den Krämern, die zu +dem Zweck einen besonderen Raum verfügbar halten, in welchem mehrere +Bambuspritschen angebracht sind. Diese engen, heissen, von Opiumrauch +erfüllten Räume werden als eine der Sehenswürdigkeiten Singapores +gewöhnlich von Fremden besucht. Daher sind die „Gräuel dieser Höllen, +der fürchterliche Qualm und die Entsetzen erregenden Gestalten der +Unglücklichen, die dem Laster fröhnen”, schon oft mit sehr lebhaften +Farben beschrieben worden. Ich habe diese Orte mehrere Male besucht, +fand aber den Qualm nie so unerträglich, als den Tabaksqualm mancher +deutschen Bierstuben, auch gelang es mir ebenso wenig, die schrecklichen +Folgen des Lasters gleich auf den Gesichtern der Raucher zu lesen, als +die Folgen der Trunksucht auf den Gesichtern von Stammgästen, oder die +des Spielens auf denen, die in Baden den Roulettetisch umgeben. Der +Raucher liegt auf einer Pritsche ausgestreckt, nimmt mit einer langen +Nadel eine kleine Menge Tschandu, zündet sie an, wozu einige +Geschicklichkeit gehört, da die Masse schwer brennt, und bringt sie auf +die feine Oeffnung eines birnförmig gestalteten Pfeifenkopfs, zieht den +Rauch mit einem oder einigen langen Athemzügen ein, behält ihn einige +Zeit bei sich und bläst ihn aus. + +Nach Crawfurd wird an keinem Ort der Welt im Verhältniss zur Kopfzahl so +viel Opium konsumirt als in Singapore. Den Grund dafür sieht er in den +hohen Löhnen und in der überwiegend chinesischen Bevölkerung. Nach ihm +soll sich der Opiumverbrauch in Singapore zu dem in China und in Java +verhalten wie 33 zu 14 zu 4. C. giebt aber die Quellen dieser Zahlen +nicht an. Ich habe vergeblich versucht, ihre Richtigkeit zu prüfen, da +die in den mir zugänglichen Schriftstellern und Reports enthaltenen +einander so widersprechen, dass sie nicht in Einklang zu bringen sind. +Es wäre aber eine sehr interessante Arbeit für Jemand, dem ausreichendes +Material zur Verfügung steht, eine auf zuverlässige Zahlen begründete, +vergleichende Uebersicht der schnellen Zunahme des Opiumverbrauchs nicht +nur in Asien, sondern auch in Europa und Amerika aufzustellen; besonders +für ~England~ scheint Gefahr im Anzuge. + +Ob die Regierung von Singapore die Macht besässe, das Opiumlaster jetzt +noch zu unterdrücken, ist eine andre Frage; ist es doch selbst in den +europäischen Polizeistaaten nicht gelungen, die Ueberhandnahme des +Tabakrauchens zu verhindern; um wie viel schwieriger wäre es in einem +Freihafen wie Singapore, wo alle Mittel zum Zwange fehlen, dem mit viel +grösserer Leidenschaftlichkeit getriebenen Opiumrauchen ein Ende zu +machen. Geradezu unmöglich wäre es vielleicht nicht, wenn der ernste +Wille vorhanden wäre und das Bestehen der Kolonie davon abhinge; gelingt +es doch dem Opiumpächter, dem Schmuggeln der Droge vorzubeugen. + +Wie wenig übrigens an eine solche Maasregel gedacht wird, geht aus +folgenden Auszügen aus dem Chinese Commercial Guide, Hongkong 1863, +hervor: danach betrug die jährliche Opiumeinfuhr in China während der +letzten 10 Jahre 70,000 Kisten. Das reichte für den Bedarf nicht aus und +beförderte die Produktion in China, wo gegenwärtig 20,000 bis 30,000 +Kisten durch einheimische Pflanzer erzeugt werden. Die Nettoeinnahme in +Indien beträgt ungefähr 4,000,000 £ jährlich, das Produkt kostet der +Regierung etwa 400 Rupies (40 £) per Kiste. Der Opiumbau soll dort sehr +ausgedehnt und der Preis herabgesetzt werden, um das chinesische Opium +vom Markt zu verdrängen, was, wie man glaubt, stattfinden wird, wenn das +indische zu 450 Ds. per Kiste geliefert werden kann, während sein +Durchschnittspreis in den letzten 4 Jahren 800 Ds. betrug. Die +Gesammtausfuhr aus Indien von 1798-1855 betrug 1,197,041 Kisten und +stieg von 4000 Kisten im ersten Jahre auf 78,454 im letzten Jahre, die +indische Regierung zog daraus einen Gesammtgewinn von 67,000,000 £ und +darüber. 180,000 Kisten davon wurden in den malayischen Ländern +verbraucht.... In China wird das Opium in Schan-si, Schen-si, +Kwei-tschau, Yun-nan und Sze-tschuen gebaut. Sein Preis schwankt +zwischen 25 und 30 tael per 8-1/2 ℔ Englisch.[27] Auch in der Mongolei +und in Nord- China, sowie in Fuh-kien und Hün-nan wird der Mohn gebaut. +Der Werth des gegenwärtig in China eingeführten Opiums ist dem Werth der +Ausfuhr von Thee und Seide fast gleich. Als eine Errungenschaft des +letzten Krieges ist der Opiumhandel jetzt gesetzlich erlaubt. Der +Gebrauch der Droge hat sich über das ganze Reich verbreitet und seine +Billigkeit für Raucher, die fern von der Küste wohnen, wird den +Verbrauch wohl bedeutend steigern, sowie auch die damit verbundenen +Uebel ... Die Geschichte der Anstrengungen, welche die Beherrscher +dieses heidnischen Volks gemacht haben, um die Einführung des Opiums +abzuwehren, weil sie fühlten, dass es für die Einkünfte, die +Sittlichkeit und den Gewerbfleiss ihres Volkes schädlich war, und das +gänzliche Misslingen dieser Anstrengungen bildet eines der lehrreichsten +Kapitel in den chinesischen Annalen ... + +Es ist zugleich die Geschichte der Anstrengungen des christlichen Volks +der Briten, um den „umnachteten Heiden” trotz allem Widerstande, durch +Schmuggel, Bestechung der Mandarine und offenbare Gewalt, ja sogar durch +zwei Kriege das Gift aufzuzwingen. Man sieht daraus, was es mit der +civilisatorischen Mission auf sich hat, wenn sie mit dem Eigennutz +kollidirt. + +Dies hat unter der Ostindischen Kompanie stattgefunden. Jetzt aber steht +Indien und seine Opiumproduktion unmittelbar unter der englischen Krone, +die nun für eigene Rechnung Opium produzirt und verkauft, und auf jede +mögliche Weise das lukrative Gewerbe auszudehnen bemüht ist. Nach der +Times vom Mai 1865 ist der jüngste Ausfall im indischen Budget +hauptsächlich der über alle Maassen gesteigerten Opiumproduktion in +Indien zuzuschreiben (man hatte aus übergrossem Eifer weite Strecken +Landes, die dafür nicht geeignet waren, mit Mohn bebaut, auch fehlte es +an geübten Händen für die so sehr vermehrte Produktion).[28] Lockhart +druckt im „Medical Missionary in China” einen im Verein mit Rev. +Medhurst für ein Blaubuch geschriebenen Aufsatz über das Opium in China +ab, der viele interessante Thatsachen enthält; besonders geht daraus die +schnelle Ausbreitung des Lasters über das ganze chinesische Reich +hervor, „es hat als ein Bächlein begonnen und wäre jetzt eben so schwer +zurückzudrängen, als die Meeresfluth.” + +Als Mittel der Abhülfe schlägt Lockhart der englischen Regierung vor, +den Opiumbau in ihrem Gebiet und den Transit durch ihr Gebiet ganz zu +untersagen; die englische Regierung zieht aber aus dieser Quelle +4,000,000 £ (nach Lockhart sogar 5,000,000 £)! Ausserdem empfiehlt er +das Gebet der Missionäre, Ermahnungen an die Chinesen und ähnliche +Mittel, auch fordert er die Opiumhändler in China auf, der Quelle ihrer +Reichthümer aus Rücksicht für ihre Nebenmenschen zu entsagen. Von allen +diesen Mitteln scheint das dritte noch das wirksamste, doch ist auch von +ihm nicht viel zu erwarten, denn die ungläubigen, genusssüchtigen, +eingebildeten, die Fremden verachtenden, auf ihre alte Kultur stolzen +Chinesen sind der schlechteste Rohstoff für christliche Missionäre. In +gleichem Maasse, wie die Nachfrage, wird auch die Opiumproduktion +zunehmen. Es wird wohl schwerlich ein anderes Mittel zur Beschränkung +des Missbrauchs erfunden werden, als das, welches sich in allen +ähnlichen Fällen bewährt hat: allgemeine Zunahme des Wohlstandes und der +Bildung und der in gleichem Maasse steigenden Selbstachtung und +Selbstbeherrschung. + +Nach dem Urtheil mancher Aerzte und anderer am Opiumhandel nicht +Betheiligter soll mässiger Opiumgenuss nicht schädlicher sein als +mässiger Genuss von Spirituosen. Für diese Ansicht scheinen allerdings +die Tüchtigkeit und Körperkraft der chinesischen Bevölkerung von +Singapore zu sprechen, von der nach Dr. Little jeder Dritte ein +Opiumraucher sein soll. Manche geben sogar dem Genuss des Opiums den +Vorzug vor dem der Spirituosen. Jedenfalls ist der Opiumraucher für +seine Umgebung weniger lästig, da er sich während seines Rausches am +liebsten gegen die ganze Aussenwelt abschliesst, während sich der Säufer +aufdrängt und Händel sucht. Man sieht in den Ländern, wo Opium geraucht +wird, nicht die durch Völlerei veranlassten hässlichen Auftritte, ausser +in der Nähe der von europäischen, namentlich englischen Matrosen +besuchten Branntwein-Kneipen. Mässig genossen, befähigt es zum Ertragen +von Strapazen und Entbehrungen, denen der Mensch sonst erliegen müsste, +worüber Johnston's Chemistry of comm. life sehr schlagende Beispiele +enthält. Die grosse Gefahr liegt in dem zauberhaften Reiz, den das Opium +auf seine Verehrer ausübt, in der unwiderstehlichen Gewalt, die es über +ihre Willenskraft erlangt, in der Nothwendigkeit, die Dosis allmälig zu +steigern, um gleiche Empfindungen hervorzurufen. Daher ist es besonders +für reiche Wüstlinge verderblich, die weder durch den hohen Preis der +Droge noch durch ernste Beschäftigungen verhindert werden, dies immer +bereite Mittel zum Sinnenrausch anzuwenden. + +Die in vielen ärztlichen und andern Büchern beschriebenen +physiologischen Wirkungen des unmässigen Genusses auf Geist und Körper +sind vielleicht noch abschreckender als die der Trunksucht.[29] +Abgesehen von den spezifisch verschiedenen physiologischen Folgen +nehmen unmässige Opiumraucher ein ähnliches Ende, wie Säufer. Sie +verlieren ihre gesellschaftliche Stellung, bringen sich und ihre Familie +in die tiefste Noth und sterben elend auf der Gasse. Darin stimmen Alle +überein, dass es sehr viel leichter ist, sich den Trunk abzugewöhnen, +als das Opium, wenn es einmal zur Leidenschaft geworden ist; Viele +halten es für unmöglich. Auch geschieht es nie ohne grosse Qualen des +Körpers und Geistes, und nur unter grosser Gefahr für die Gesundheit. +Lockhart erzählt aber, dass im Hospital von Shanghai Tausende von +Opiumrauchern behandelt wurden, von denen viele den Gebrauch aufgaben. + +Ueber die oben angedeutete schnelle Zunahme des Opiumkonsums in +~England~ haben die dortigen Zeitungen schon oft berichtet, doch scheint +man in Deutschland von dem Umfang des Uebels keine Vorstellung zu haben. +Johnston sagt: „Der Opiumverbrauch in Grossbritannien ist, mit China +oder Indien verglichen, freilich unbedeutend, die Zunahme aber sehr +beträchtlich. Die eingeführte Menge betrug 1839, 41,000 ℔; +1852, 114,000 ℔: nach 15 Jahren fast das Dreifache!” + +Johnston giebt leider ebensowenig wie Crawfurd die Quellen seiner Zahlen +an, und scheint zwischen Einfuhr und Verbrauch keinen Unterschied zu +machen, was bei steuerbaren Waaren richtig ist, da solche nur, nachdem +sie für den Verbrauch im Lande versteuert worden, in den Importlisten +aufgeführt werden, während die unversteuerten, für den Transit +bestimmten, bei der Wiederausfuhr unter „Transshipment” stehen. Bei +steuerfreien Gegenständen, wie Opium, trifft aber diese Annahme gewiss +nicht immer zu, da es keinen erheblichen Unterschied in den Unkosten +machen kann, ob man eine so theure, wenig voluminöse, steuerfreie Droge +vom eignen Lager oder von den Docks aus verschifft. + +In dem Annual Statement of Trade and Navigation of the United Kingdom +1864 finden sich über Opium folgende Angaben: + + Import. Export. Transshipment. + + 1859 141,168 ℔ 79,059 ℔ 90,794 ℔ + 1860 210,867 „ 98,072 „ 91,922 „ + 1861 284,005 „ 290,120 „ 53,580 „ + 1862 221,381 „ 146,337 „ 57,820 „ + 1863 254,314 „ 110,101 „ 104,756 „ + +Der mittlere Preis ist 1 £ per ℔.[30] + +Nimmt man an, dass die Einfuhr nach Abzug der Ausfuhr den Verbrauch in +England darstellt, so erhielte man als das 5jährige Mittel 1859/63: +77609,2 ℔. Es ist aber sehr fraglich, ob diese Annahme zutrifft, da 1861 +284,005 ein- und 290,120 ℔ ausgeführt, also 6115 ℔ mehr aus- als +eingeführt sind, während England doch kein Opium produzirt und viel +konsumirt. Bei einem Verbrauch von 77609,2 ℔ zu 7000 Gran und einer +Bevölkerung von 30,000,000 kämen 18,11 Gran jährlich auf den Kopf. Legt +man Johnston's Zahl 114,000 ℔ für 1852 zu Grunde, so erhält man 26,6 +Gran per Kopf und Jahr. (Es muss aber auch berücksichtigt werden, dass +ein beträchtlicher Theil des in England verbrauchten Opiums zur +Darstellung des Morphins auch für das Ausland verwendet wird.) + +Nach Crawfurd ist der Verbrauch in Singapore per Kopf und Jahr 330 Gran, +in China 140 Gran, in Java 40 Gran. Da aber bei der in China und +Hinterindien üblichen Art, das Opium im Wege des Rauchens zu geniessen, +die Hälfte seines Nutzeffekts verloren geht, so muss man diese Mengen +halbiren, um sie mit dem Konsum in England zu vergleichen. Man erhält +dann 165, 70 und 20 Gran gegen 18, resp. 26,6 Gran in England. Nach der +Angabe des Commercial Guide, dass China jetzt 100,000 Kisten per Jahr +verbrauche, erhielte man, die Kiste zu 70 Katti Tschandu (rauchbaren +Extrakt) = 93-1/3 ℔ engl. gerechnet, 163-1/3 Gran per Kopf und Jahr bei +einer Bevölkerung von 400 Millionen, d. h. für China so viel, als +Crawfurd für Singapore annimmt! + +Johnston sagt, dass trotz der grossen Zunahme des Opiumverbrauchs in +England durchaus die statistischen Daten fehlen, auf welchen man die +Annahme begründen könnte, dass der Opiumgenuss schon jetzt unter der +Bevölkerung Grossbritanniens ein Nationallaster geworden sei oder bald +werden würde. Nach ihm soll die ländliche Bevölkerung noch frei davon +sein. + +Eine England eigenthümliche Form des Opiummissbrauchs, dessen +ausgedehnte Verbreitung nach J. auf unbestreitbarem Zeugniss beruht, ist +aber die folgende: Die Mütter in den Fabrikstädten geben ihre Kinder an +Pflegemütter und diese beruhigen die Kinder und bringen sie in Schlaf +durch Opium. Rev. Clay gab an, dass allein in Preston 1843, 1600 +Familien die Gewohnheit hatten, Godfrey's Cordial oder eine andre ebenso +schädliche Komposition zu gebrauchen, und dass in einem der +Begräbnissklubs jener Stadt 64% der Mitglieder vor dem fünften Jahre +starben. + +Seitdem scheint sich aber das Uebel auch in der ländlichen Bevölkerung +eingebürgert zu haben, wie nachfolgende wörtlich übersetzte Stellen aus +dem 6^{th.} Report of the Medical Officers to the Privy Council 1863 pg. +81 zeigen: + + „Es kann, sagt Dr. Hunter, kein Zweifel an der Wahrheit der + entsetzlichen Thatsache sein, die fast jeder Arzt in den + Marschländern angiebt, dass daselbst keine Tagelöhnerwohnung zu + finden sei, in welcher man nicht die Opiatflasche sähe, und kein + Kind, das nicht davon auf eine oder andre Weise erhielte. In + andern Gegenden, wo Frauen ausser dem Hause arbeiten, wie in den + Fabrikstädten, wird es den Kindern von den Pflegemüttern + eingegeben, und man braucht sich nicht zu wundern, dasselbe + Verfahren hier in Anwendung zu finden; aber andre Umstände treten + hinzu, die es zu einer allgemeinen Gewohnheit machen, dieses + System des Dokterns in einer Ausdehnung zu betreiben, wie man es + nur in dem fraglichen Distrikt kennt. + + Die schmerzhaften Rheumatismen und Neuralgien, die in den Mooren + immer noch häufig sind (d. h. unter älteren Leuten, aber + wahrscheinlich ohne allen Verdacht, dass kleine Kinder daran + leiden), behandelt man allgemein durch reichlichen Gebrauch von + Opium, und die ganze Bevölkerung ist mit dieser Droge durchaus + vertraut geworden. Die Drogengrosshändler berichten, dass sie + ungeheure Mengen nach diesen Gegenden senden, und die Drogenkrämer + verkaufen oft bis zu 200 ℔ im Jahr[31]. Sie wird in Pillen und + Penny-Stangen verkauft und ein Laden mit guter Kundschaft versieht + wohl an einem Samstag Abend 300-400 Kunden mit diesem Artikel. Die + Drogisten meinen, dass ihre grössten Konsumenten nicht die + Bewohner der Dörfer oder kleinen Städte seien, in welchen sich ihr + Laden befand, sondern vielmehr die Bewohner kleiner Weiler oder + einzeln gelegener Bauernhöfe in den Mooren. + + Opium wird oft unter irgend einem rothwälschen Namen verlangt, und + die damit verbundene Vorstellung ist die einer verbotenen Lust. + Die Menge, die ein Opiumesser zu sich nehmen kann, ist oft + angeführt worden (etwa eine halbe Unze täglich ist nicht + ungewöhnlich), sie findet ihre Grenze eher im Preise, als in der + Stärke der Droge. Ein Mann in Süd-Lincolnshire beklagte sich, dass + seine Frau 100 £ für Opium ausgegeben habe, seit seiner + Verheirathung. Man sieht mitunter auf dem Felde einen Mann im + Schlaf, auf seine Hacke gelehnt, -- er fährt auf, wenn man ihm + nahe kommt, und arbeitet eine Zeit lang rüstig weiter. Ein Mann, + der ein schweres Stück Arbeit vorhat, nimmt seine Pille als eine + Vorbereitung, und Viele trinken ihr Bier nie, ohne ein Stück Opium + hineinzuwerfen. Um dem volksthümlichen Geschmack zu entsprechen, + aber zur höchsten Unbehaglichkeit für Fremde, werden dem Bier + narkotische Mittel von den Brauern oder Wiederverkäufern + zugesetzt. Vor einem halben Jahrhundert wurde der Bau des + Gartenmohns für den Londoner Drogenmarkt in diesem leichten Boden + betrieben. Damals nahm der Landmann Mohntrank mit aufs Feld, und + jetzt bildet der Mohnkopf, obgleich der Anbau des Artikels für den + Handel fast aufgegeben ist, den Hauptbestandtheil der Kräuterthees + und Hausmittel der Umgegend. Bei solcher Vertrautheit mit der + Droge ist es kein Wunder, dass ein Jeder bereit ist, sie + anzuwenden, um ein schreiendes Kind zu beruhigen, obgleich es dann + sicher wieder schreit, sobald es erwacht. Opiumesser sollen immer + Proselytenmacher sein und einem Kinde wohl Opium hinter dem Rücken + der Mutter oder Amme geben. Die beliebteste Form für Kinder ist + Godfrey's Cordial, eine Mischung von Opium, Syrup und einer + Infusion von Sassafras. Es ist dickflüssig und wird häufig in + einer Theetasse geholt. Wenn die Mutter auf Feldarbeit geht und + ihr Kind einer Wärterin übergiebt, so hält sie es für das Beste, + ihre eigene Flasche Godfrey zurückzulassen, denn die Praeparate in + den verschiedenen Läden sind verschieden, und es giebt keinen + kleinen Dorfladen, der überhaupt etwas verkauft, welcher nicht + auch seinen eigenen Godfrey verkaufte. Den Absatz der Opiate in + diesen kleinen Läden zu steigern, ist das eifrige Bestreben + einiger unternehmender Grosshändler. Bei den Drogisten gelten sie + für den „Haupt-Artikel” und der Gewinn daran ist gering, wenn er + im rohen Zustande verkauft wird. Nicht selten ist es vorgekommen, + dass eine Pflegeamme ihren eigenen Godfrey statt desjenigen ihrer + Clientin gereicht, und über die Wirkung erschrocken, den Wundarzt + herbeigerufen hat, der ein halbes Dutzend kleiner Kinder im Zimmer + umherliegend antrifft, einige schnarchend, andere schielend, alle + bleich mit hohlen Augen, und vergiftet.” + +Auch unter den wohlhabenden Klassen soll der Gebrauch immer mehr +zunehmen, namentlich bei nervösen Frauen und geistig thätigen Männern in +Form von Medizin. Nach Angabe der Aerzte und Missionäre nehmen auch in +China die Meisten das Opium zuerst als schmerzstillendes, angenehm +erregendes Mittel und gewöhnen sich allmälig so an den Genuss, dass sie +ihm nicht mehr entsagen können. De Quincey's angeblich gegen das +Opiumlaster geschriebene Buch hat auch gewiss schon manchen Proselyten +unter müssigen Reichen gemacht. + +Bei solchen Verhältnissen wird man unwillkürlich an eine geistreiche +Aeusserung Huc's erinnert (Chine I, 32). Nachdem er darauf aufmerksam +gemacht, wie die Engländer durch Konterbande, Bestechung der Beamten und +offene Gewalt trotz allem Widerstande der Regierung, das Opium in China +verbreitet haben, führt er an, dass es jetzt schon im Lande selbst +gebaut wird. In seiner allerdings sehr lebhaften Phantasie sieht er die +Zeit kommen, wo die Chinesen das Opium am billigsten produziren, dann +werden die englischen Schiffe, da der Verbrauch in England so schnell +zunimmt, ihren Bedarf aus China holen. Er schliesst mit der Bemerkung: +Beim Anblick dieser Schiffe, welche den giftigen Stoff aus dem +himmlischen Reich heimtragen, um England zu vergiften, wäre es erlaubt, +auszurufen: „Laissez passer la justice de Dieu!” + +Nach der Tydschrift voor Staathuiskunde en Statistiek 1863 pg. 339 war +der Opiumverbrauch in Java 1854 48,660, 1855 61,602, 1856 70,787, 1857 +84,629, 1858 91,300, 1859 99,807, 1860 105,537 Katti, in 6 Jahren mehr +als das Doppelte! + +Die holländische Regierung ist ernstlich bemüht, den Opium-Konsum in +Java zu vermindern, hat aber auch noch kein wirksames Mittel ersinnen +können. Obgleich die Anzahl Opiumläden verringert wurde, stieg der +Verbrauch. Zu der so schnellen Steigerung in den letzten Jahren haben +Duymaer van Twist's wohlgemeinte, aber verfehlte Maasregeln beigetragen, +welche den Verbrauch zu beschränken beabsichtigten. Nach Bleeker betrug +die Bevölkerung von Java und Madura 1860: 12,718,717 Seelen, darnach +würde der Opiumverbrauch per Kopf 77,4 Gran für das Jahr 1860 betragen, +so dass Crawfurd's Annahme, die sich auf eine wenigstens 6 Jahr frühere +Zeit bezieht, wohl eher zu hoch als zu tief gegriffen ist. + +Als die gewöhnliche tägliche Dosis eines Opiumrauchers in China giebt +Lockhart 1 Drachme an (Little nimmt für Singapore etwa halb so viel an), +woraus sich bei einer Einfuhr von 67,000 Kisten die Zahl der Raucher in +ganz China auf wenig über 2 Millionen berechnet (nach meiner Rechnung +fast doppelt so viel, da eine Kiste 70 Katti = 93-1/2 ℔ x 226 Drachmen +rauchbaren Extrakts enthält); manche verbrauchen bis 10 Drachmen per +Tag, dies sind aber nur die Reichen. + +Ueber die Dosen, die ein Opiumesser in Europa zu sich nimmt, führt +Husemann, Toxicologie pg. 595, höchst auffallende Thatsachen an: + + „Eine der merkwürdigsten, dem Opium wohl mehr als irgend einem + andern Narkotikum eigenthümliche Eigenschaft ist die + ausserordentlich verschiedene Wirkung, die es in verschiedenen + Ländern, auf verschiedene Rassen, auf verschiedene Individuen, in + verschiedenen Lebensaltern, unter verschiedenen Idiosynkrasien + hervorbringt. Auf Kinder ist die Wirkung ausserordentlich intensiv + und inkonstant. Abgesehen von 2 vielleicht nicht ganz sicheren + Fällen, wo 1/90 und 1/20 Gran tödtlich wirkten, sind viele Fälle + bekannt, wo Kinder bis zu 5 Jahren durch 1/6 bis 1/2 Gran getödtet + wurden.... Die Quantitäten, an welche sich Erwachsene gewöhnen + können, sind wahrhaft erschreckend. Mir ist eine Dame bekannt, + welche 1/2 Unze Opiumtinktur pro Dose nahm; Bäcker erzählt von + einem Arzt, der täglich 30 Gran Opium in Substanz verzehrte. Die + Confessions of an Opiumeater zeigen am besten, wie weit es ein + Europäer bringen kann. Christison erzählt von einem alten Weibe, + das 40 Jahre lang täglich 1/2 Unze Laudanum nahm; aber dies ist + nichts gegen den Verfasser der Confessions, der es bis zu 8000 + Tropfen des „dread agent of unimaginable pleasure” brachte.[32] + Nach Zeviani verzehrte ein Frauenzimmer in 33 Jahren 2 Zentner + Opium, nach Krüger Hansen ein Kranker in 1 Jahr 4700 Gran. + Christison erzählt sogar von einer Steigerung der Gabe bis zu 17 + Unzen Laudanum!” + + Als Fälle sonderbarer Idiosynkrasien bei Erwachsenen sind in + demselben Werk angeführt: 3 Tage anhaltende Intoxication durch 1/2 + Gran Opium; Sopor nach 1/3-1/2 Gran Opium; Vergiftung durch 1 Gran + Opium per Clysma. + + + + +Siebentes Kapitel. + + Gründung und schnelles Aufblühen Singapores. -- Rhiow. -- + Seeräuberei. -- Malayische Kronik. -- Uebersicht der + Verkehrsverhältnisse, sonst und jetzt. -- Ausbreitung der Chinesen. + -- Dampfschiffe. + + +Singapore ist sehr neuer Entstehung. Als die Holländer nach dem Frieden +von 1815 ihre ostindischen Besitzungen zurückerhielten, die ihnen die +Engländer während der französischen Kriege abgenommen hatten, breiteten +sie mit Eifer ihren Einfluss immer weiter über jene Meere aus durch +Besitznahme neuer Territorien und durch Verträge mit einheimischen +Fürsten, die ihnen grosse Vorrechte vor anderen Nationen einräumten. In +England sowohl als in Britisch-Indien wurde damals die grosse +Wichtigkeit des indischen Archipels für den Handel wenig gewürdigt, und +es möchte vielleicht den Holländern gelungen sein, ihre Nebenbuhler +zeitweis aus diesen Gewässern ganz zu verdrängen, wenn jene nicht in Sir +Stamford Raffles einen unüberwindlichen Gegner gefunden hätten. Dieser +hatte es sich zur Lebensaufgabe gemacht, das Monopol der Holländer in +jenen Meeren zum Vortheil seiner Landsleute zu brechen. Mit eben so viel +Kühnheit als Geschick und Beharrlichkeit schuf er durch die Gründung von +Singapore einen Stützpunkt für den britischen Handel in demselben +Augenblick, als die Engländer durch die traktatmässige Rückgabe Malaccas +an die Holländer den letzten Quadratfuss Landes in jenen Gegenden +verloren. Der Plan sowohl, als die Ausführung und die spätere +Vertheidigung seiner Schöpfung gegen die heftigsten Angriffe sind fast +ausschliesslich sein Werk. Es würde zu weit führen, hier alle +Hindernisse aufzuzählen, die er zu bekämpfen hatte. Am heftigsten war +natürlich der Widerstand von Seiten der Holländer, die sich in ihren +vertragsmässigen Rechten gekränkt hielten. Aber auch bei seinen +Landsleuten fand Raffles nur geringe Unterstützung, von mehreren Seiten +grossen Widerstand. Besonders von Pinang aus, das in Singapore einen +gefährlichen Nebenbuhler erkannte, wurden ihm viele Schwierigkeiten +bereitet. In England, wo die schwache Regierung der ostindischen +Kompanie nichts gegen die Beschwerden des holländischen Gesandten +vermochte, und die Wichtigkeit der neuen Kolonie nicht gewürdigt wurde, +kam es so weit, dass Lord Bathurst im offenen Parlament Raffles +desavouirte. Auch von den Direktoren der Kompanie erhielt er einen +Verweis. Nur bei den Kaufleuten fand er einige Unterstützung. + +Schon 1818 hatte Raffles dem damaligen General-Guvernör von +Britisch-Indien einen Plan vorgelegt, um mitten im Archipel, am Ostende +der Malaccastrasse, als Gegengewicht gegen den holländischen Einfluss +ein Emporium zu gründen, und als im Januar 1819 Malacca aufgegeben +wurde, zauderte Raffles nicht länger mit der Ausführung. Ohne vorher auf +Instruktionen aus England zu warten, zum Theil auf eigene +Verantwortlichkeit, da er Gefahr im Verzuge sah, verschaffte er sich +bereits am 6. Februar 1819 ein Stück Land am südlichen Rande der Insel +und begann sofort die Gründung einer Stadt. Erst am 2. August 1824 +schloss Crawfurd einen neuen Vertrag, wodurch den Engländern die ganze +Insel und Alles, was in einem 10 Miles breiten Gürtel darum liegt, mit +Ausnahme des entsprechenden Streifens auf der Halbinsel Johor, +überlassen wurde. Es befinden sich in diesem Gürtel 75 kleine Inseln, +deren Flächeninhalt zusammen 17 □Miles beträgt. Singapore hat +206 □Miles (ungefähr 10 deutsche Quadratmeilen), die ganze Besitzung +also 223 □M. + +Ich erwähne nicht die diplomatischen Verhandlungen mit den einheimischen +Häuptlingen, deren Dispositionsfähigkeit die Holländer bestritten, noch +die Konflikte mit den letzteren, da sie zu verwickelter Art und von zu +lokalem Interesse sind, führe aber am Schluss dieses Abschnitts einige +Stellen aus einer von Raffles' malayischem Schreiber verfassten Kronik +an, welche auch als ein Beispiel der Auffassungsweise eines sehr fähigen +Eingebornen von Interesse sind. + +Damals war Singapore eine von dichtem Urwald bedeckte Insel, ein +Zufluchtsort der gefürchtetsten Seeräuber. Etwa 700 Jahre früher war von +Palémbang aus eine Stadt Singa-pura (Löwenstadt) auf der Insel gegründet +worden, die aber später von den Siamesen (?) zerstört wurde. Seit +Jahrhunderten war Alles wieder mit dichtem Walde bedeckt. Erst 1811 +hatte sich der Tumongong von Johor, Vater des S. 52 erwähnten, selbst +einer der verrufensten Seeräuberfürsten, am Südrande der Insel mit einem +Gefolge von etwa 150 Mann niedergelassen. + +Eine der grössten Schwierigkeiten für Raffles war die Beschaffung eines +~Besitzers~ der Insel, von welchem diese rechtsgültig an die Engländer +abgetreten werden konnte. Unter den verschiedenen Prätendenten, die nach +dem Tode des letzten Sultans von Johor um die Erbschaft stritten, wählte +Raffles den Tuanko-Long, dessen Anrechte durchaus nicht ohne Zweifel +waren, und selbst diesen musste er den Holländern mit grosser +Heimlichkeit und List aus Rhiow entführen. Die Holländer hielten darauf +den Bruder Tuanko-Long's als Gegenkandidaten aufrecht, und Jahre lang +bekämpften sich die beiden Seemächte hinter diesen vorgeschobenen +Puppen. Erst 1824 wurde die Besitznahme von Singapore ausdrücklich durch +die Holländer anerkannt. Aber unter allen diesen Stürmen hatte sich der +gelegte Keim so schnell und kräftig entwickelt, dass Raffles bei seinem +letzten Besuch, 1823, die Freude hatte, in der erst 4 Jahre alten +Kolonie eine Bevölkerung von 10,000 Seelen und einen Handel von 2 +Millionen Pfund Sterling vorzufinden![33] Der Grund des schnellen +Aufblühens liegt einerseits in den freien Institutionen, die immer dort +geherrscht haben, andererseits in der günstigen Lage am äussersten Ende +der malayischen Halbinsel. Da Vorder- Indien und China viel weiter +nördlich endigen, während die Halbinsel sich fast bis an den Aequator +erstreckt, das Meer dort überdies frei von Gefahren und Stürmen ist, so +drängt sich die ganze Schifffahrt zwischen Indien und China unmittelbar +an Singapore vorbei, so dass die Rhede dieser Stadt einen Theil der +grossen Handelsstrasse selbst ausmacht. + +Die völlige Freiheit von allen Abgaben und aller Kontrolle, den +drückenden Monopolen gegenüber, die bis dahin immer alle in jenen Meeren +herrschende europäische Nationen zur Ausschliessung fremder Flaggen +aufrecht erhalten hatten, andererseits die Sicherheit der Person und des +Eigenthums gegenüber der Rechtlosigkeit und Lebensgefahr in den Staaten +der einheimischen Fürsten, machten Singapore bald zum Stapelplatz der +Produkte des ganzen Archipels sowohl, als zu dem der europäischen, +namentlich englischen Waaren, die von hier aus ihre Weiterverbreitung +nach allen Inseln und nahe gelegenen Küstenländern fanden. Der +Schifffahrt zwischen Indien und China bot Singapore auch grosse +Bequemlichkeiten als eine gerade in der Mitte gelegene Station. Dazu +kommen noch sehr günstige klimatische Verhältnisse, eine für die Lage +milde Temperatur, und trotz des Rhizophorensaumes, der den grössten +Theil der Insel umgiebt, sehr gesunde Luft. Den Chinesen entgingen die +Vortheile nicht, welche ihnen die englische Niederlassung darbot. Sie +strömten massenweis herbei, die Regierung begünstigte ihren Zuzug, da +sie als fleissige Arbeiter unter den trägen Völkern Hinterindiens +willkommen waren. + +1826/28 erklärten die Holländer das nahe gelegene Rhiow, auf der Insel +Bintang,[34] zum Freihafen, in der Hoffnung, dadurch einen Theil des +Handels von Singapore abzuziehen und ihm einen Nebenbuhler zu schaffen. +Die Maasregel erwies sich aber als eine verfehlte, denn schon war +Singapore der Mittelpunkt eines grossen Weltverkehrs geworden: es besass +reiche Handelshäuser, Agenturen, Banken, Versicherungsgesellschaften und +grosse Waarenmagazine; -- Rhiow hatte nicht Einen Vorzug vor Singapore. +Selbst in der Lage, worin es ihm noch am meisten nahe kommt, steht es +ihm nach, da die zwischen Indien und China fahrenden Schiffe, um Rhiow +zu erreichen, einen Umweg machen müssen, während sie an Singapore +vorüberfahren, ohne einen Strich aus ihrem Kurs zu weichen. Auf Rhiow +besteht ~kein~ grosses Handelshaus; mehrere, die sich daselbst +aufthaten, wurden mit grossem Verlust wieder aufgelöst. Es ist fraglich, +ob sich die Holländer nicht geschadet haben, indem sie Rhiow zum +Freihafen erklärten, jedenfalls hat aber Singapore dadurch gewonnen, da +der Schmuggelhandel, der von dieser Stadt nach den niederländischen +Besitzungen getrieben wird, dort eine bequeme Station findet. + +Ausser Raffles hat Singapore seine schnelle Entwicklung lediglich sich +selbst zu danken. Man kann sich nicht der Betrachtung entziehen, wie in +diesen sonst nur den Monopolen und der Willkür verfallenen Ländern die +Einführung gesunder, freihändlerischer Grundsätze die glänzendsten +Erfolge herbeigeführt hat: In diesem Hafen giebt es weder Einfuhr-, noch +Ausfuhrzölle, Schiffe aller Nationen sind frei von jeder Abgabe. Jeder +kommt und geht, woher und wohin es ihm beliebt. + +Anfänglich stand Singapore unter der Regierung von Bencoolen (Sumatra), +dessen Guvernör Raffles war. 1826, als die Engländer gegen ihre +Besitzungen in Sumatra Malacca von den Holländern eintauschten, kam es +mit dieser Kolonie zusammen unter Pinang. 1830 erhielten Singapore, +Malacca und Pinang unter dem Namen „The Straits Settlements” einen +gemeinschaftlichen der Regierung von Bengalen untergeordneten Guvernör; +die Lokalverwaltung in jeder Kolonie führt ein Resident-Councillor. +Bisher hat aber die Bengalische Regierung auf die Entwicklung +Singapores eher hemmend, als fördernd gewirkt. Der Guvernör der +Kolonien in der Meerenge hat sehr wenig Macht und muss sich oft selbst +in reinen Lokalsachen nach Kalkutta wenden, wo die dringendsten +Verbesserungsvorschläge häufig unbeachtet liegen bleiben. Wenn einige +von dort ausgegangene Verordnungen, die für Singapore die schlimmsten +Folgen gehabt haben würden (Einführung von Tonnengeldern, +Einfuhrzöllen, einer neuen Geldwährung u. a.), nicht zur Ausführung +kamen, so ist dies nur der Wachsamkeit und Energie seiner europäischen +Bevölkerung zuzuschreiben, die gegen dergleichen Beschlüsse lebhaft +opponirte und sich direkt an das englische Parlament wendete, von dem +sie rückgängig gemacht wurden. Nicht mit Unrecht warf man der Regierung +von Kalkutta vor, dass Singapore für sie kein anderes Interesse habe, +als das einer Station zur Deportation von Sträflingen. Seine grosse +Wichtigkeit für den Handel scheint dort nie volle Würdigung gefunden zu +haben. Allem Anscheine nach wird aber binnen Kurzem die Verwaltung +dieser blühenden Besitzungen von der indischen Regierung unabhängig +gemacht und unmittelbar unter das Kolonialministerium gestellt werden. + +Einer der grössten Uebelstände, die aus der Machtlosigkeit der Regierung +von Singapore hervorgehen, ist ihre Unfähigkeit die Seeräuberei zu +unterdrücken, die eher zu- als abzunehmen scheint. Wegen der +Unsicherheit der dortigen Meere sind alle Schiffe bewaffnet, und wenn +die Gelegenheit günstig ist, so greift das stärkere das schwächere an; +nur ein sehr geringer Theil der Räubereien wird bekannt. -- In seinem +Bericht von 1859 klagt der Guvernör, dass die Seeräuberei im +verflossenen Jahre sehr zugenommen habe, sowohl in Form von eigens +ausgerüsteten Unternehmungen in grossem Massstab, als von Strassenraub +auf offenem Meere, häufig von Mord begleitet; erstere in Junken, die in +Singapore armirt werden. + +Die Spanier und Holländer haben bisher mehr zur Vernichtung des +Seeraubes im Archipel gethan als die Engländer. Am meisten hat aber wohl +im Verhältniss zu seinen Mitteln ein englischer Privatmann, Sir James +Brooke, der Rajah von Sarawak, geleistet. Wenn sich nicht alle vier +Seemächte, die jetzt in jenen Meeren Kolonien haben, zu +gemeinschaftlichen Massregeln auf längere Zeit vereinigen, wird es wohl +nicht gelingen, die Seeräuberei auszurotten, denn viele unbewohnte +Küsten und kleine Inseln gewähren Zufluchtsstätten, welche häufig mit +Kokos- und Sago-Palmen versehen, und von einem schützenden Wall von +Rhizophoren-Wäldern oder Korallenriffen umgürtet sind, die Trepang, +Muscheln, Schildkröten und Fische liefern, und nur durch schmale, den +Seeräubern allein bekannte, nur für ihre kleinen Boote zugängliche +Kanäle unterbrochen sind. Die leichten, flachen, sehr stark mit Ruderern +bemannten Boote sind so geschwind, dass nur die schnellsten Dampfer +ihnen folgen können, diese verrathen sich aber schon aus grosser Ferne +an ihrer Rauchsäule, so dass die nur wenige Fuss über das Wasser +ragenden, und folglich in sehr geringer Ferne unsichtbaren „Pankos” +gewöhnlich vollauf Zeit haben, zu entwischen. Auch wechseln die Räuber +wohl Nachts ihren Aufenthalt, wenn Gefahr in der Nähe ist. + +Sehr gegen den Willen der Bevölkerung hat die britisch-indische +Regierung seit dem letzten chinesischen Kriege in Singapore grosse +Befestigungen anlegen lassen, und unterhält jetzt daselbst eine +kostspielige Garnison. Singapore fühlte sich hinreichend sicher in +seinen freien Institutionen. Als neutrales Gebiet und Jedem offenes Asyl +hat es einen zu grossen Werth für alle Völker Hinterindiens, als dass +ernstliche Unruhen zu befürchten wären. Der Plan, die Stadt zu +befestigen, entstand während der indischen Revolution in Kalkutta; man +wollte den Europäern im Fall einer Empörung der Chinesen dadurch den +nöthigen Schutz gewähren. Jene finden aber ihre Sicherheit in der +Verschiedenheit der Elemente, aus welchen die dortige Bevölkerung +besteht, in dem damit verbundenen Rassenhass und viel mehr noch in dem +Interesse, das Alle gemeinschaftlich an der Aufrechthaltung der nöthigen +Ruhe und Ordnung haben. Ueberdies fürchtet man, dass im Fall eines +Krieges mit einer europäischen Seemacht Singapore grade jetzt wegen +seiner Befestigungen der Beschiessung und Zerstörung durch feindliche +Schiffe ausgesetzt sein würde. + + * * * * * + +In der oben (S. 82) erwähnten Kronik (Journ. Ind. Arch. 1854, S. 585) +heisst es: + + .... Zu jener Zeit wagte kein Sterblicher durch die Strasse von + Singapore zu fahren, selbst Djins (Genien) und Teufel fürchteten + sich, denn dies war der Ort, den die Seeräuber benutzten, um dort zu + schlafen und nach einem glücklichen Angriff auf die Prauen oder + Boote eines Schiffes ihre Beute zu theilen. Dort brachten sie auch + ihre Gefangenen um, und sie selbst bekämpften und tödteten sich + gegenseitig bei ihren Streitigkeiten um Theilung der Beute.... + + Was die Seemenschen, Oranglaut, betrifft, welche in Prauen leben, so + sind sie wie wilde Thiere; wenn sie irgend Jemandem begegnen, so + rudern sie gewöhnlich an's Land; wenn sie aber nicht Gelegenheit + haben, auf diese Weise zu entkommen, so springen sie über Bord und + tauchen wie Fische. Eine halbe Stunde vielleicht bleiben sie unter + Wasser, worauf sie 100 oder 200 Faden entfernt wieder erscheinen. + Männer, Weiber und selbst Kinder sind in dieser Beziehung gleich. Es + ist unmöglich, ihre Bestürzung zu schildern, wenn sie civilisirte + Menschen erblicken. Ihre Gesichter sehen aus, als wären sie einem + Tiger begegnet. Mr. Farquhar bemühte sich, sie durch Geschenke von + Reis, Geld und Kleidern zu ermuthigen, so dass sie bald zutraulich + wurden; aber einige derer, die keine solche Gelegenheit hatten, + waren dermaassen von Furcht befangen, dass ihnen unwohl wurde, und + ein Bursche ertrank Teluk-ayer gegenüber ... + + Jeden Morgen pflegte Mr. Farquhar (Raffles' Agent) herumzugehen, um + das Land zu untersuchen, aber es war mit hohem Walde bedeckt, + ausgenommen die Mitte der Ebene, wo nur Karmuntink- und + Sikadudu-Büsche mit einigen Kaladbäumen standen, die Seeküste war + bedeckt mit Ambong und Malpari und Aeste davon lagen umhergestreut, + auf der andern Seite des Flusses stand Mangrove und Seraju mit + umherliegenden Aesten. Es war nicht ein Fleck guten Landes + vorhanden, ausser einem Stück, 10 Faden breit, das Uebrige war eine + Sumpffläche, ausgenommen die Hügel.... + + Längs des ganzen Strandes lagen Hunderte menschlicher Schädel, + einige alt, andre frisch, deren Haar noch daran sass, einige mit + noch scharfen Zähnen und andre ohne Zähne, kurz in verschiedenen + Stufen der Verwesung. Die Seemenschen wurden gefragt, wessen Schädel + dies seien. Sie antworteten: „Dies sind die Köpfe von Menschen, die + von den Seeräubern erschlagen worden sind. Wo immer diese Leute + Prauen oder Schiffe angreifen, so kommen sie nach Singapore, um die + Beute zu theilen. Hier zanken sie sich und tödten einander bei + Vertheilung des Raubes. Einige ihrer Gefangenen binden sie am Rande + des Strandes fest und versuchen ihre Waffen an denselben.” ... + +Ueber die Unterredung mit Tuanko-Long, der heimlich aus Rhiow geholt +worden war, heisst es in der Kronik: + + „Mr. Raffles benahm sich mit grosser Höflichkeit und Hochachtung + gegen Tuanko-Long. Ersterer begann das Gespräch mit einem Gesicht + von Lächeln umkränzt, sehr liebreich und seinen Kopf neigend, kurz, + sein Benehmen war süss, wie ein Meer von Honig. Wäre eines Menschen + Herz von Stein gewesen, so hätte es schmelzen müssen beim Hören der + sanften, süssen Worte des Mr. Raffles. Seine Stimme war wie + entzückende Musik und darauf berechnet, Angst und Misstrauen aus den + innersten Gedanken zu verscheuchen. Wie die tobende See, die gegen + ein Korallenriff anprallt, sich legt, wie auf den herumschweifenden + Wind in dunkler, stürmischer Nacht stilles, heiteres Wetter mit + milden, duftigen Lüften folgt, im goldenen Licht eines vollen + Mondes, so war die Wirkung der Aufrichtigkeit und Offenheit Mr. + Raffles' auf Tuanko-Long. Freude verdrängte plötzlich den Kummer und + sein Antlitz übergoss sich mit Huld. Sobald Mr. Raffles diese + Veränderung wahrnahm, stand er auf, ergriff Tuanko-Long bei der + Hand, führte ihn in eine Privat-Kajüte, wo sie bei verschlossenen + Thüren zusammen sprachen, so dass Niemand den Gegenstand ihres + Gespräches kennt. Nachdem sie also einige Zeit eingeschlossen + gewesen, erschienen sie wieder, beide mit lächelndem Antlitz und + einander die Hände gebend.” + +Darauf landete Raffles mit Tuanko-Long, der immer noch grosse Angst +hatte, dass man ihn als Gefangenen nach Kalkutta bringen wolle. Tuanko +musste seine kostbarsten Kleider anlegen, worauf ihn Raffles im Namen +des General-Guvernörs von Indien zum König von Singapore proklamirte, +mit dem Titel „Sultan Mohamed Schah von Singapore und den dazu +gehörenden Buchten, Flüssen und Provinzen.” + +Sobald Tuanko-Long Sultan von Singapore geworden war, trat er es an die +Englische Kompanie ab; er erhielt dafür einen Monatsgehalt von 416-1/4 +Dollars, der Tumongong die Hälfte. Später wurden die Gehalte bezüglich +auf 1000 und 700 Dollars erhöht. + + * * * * * + +Wie glänzend auch die von Raffles für seine Schöpfung gehegten +Erwartungen sich erfüllten, so scheint doch Alles anzudeuten, dass in +den nächsten Jahrzehnten der Verkehr in jenen Meeren sich noch in viel +schnellerem Maasse entwickeln wird als bisher. Und in demselben Maasse +wird auch die Bedeutung von Singapore als Zentralpunkt der dortigen +Schifffahrt zunehmen. Es scheint bestimmt, im fernen Osten ein zweites +Cowes werden zu sollen.[35] + +Beim Anblick der bunten, ungewöhnlichen Flaggen, die auf der Rhede von +Singapore neben einander wehen, wird man unwillkürlich angeregt zur +Betrachtung der grossen Veränderungen, die in den Ländern des fernen +Ostens in neuester Zeit stattgefunden haben. In Europa erregen sie, +ausgenommen bei den am Seehandel Betheiligten, durchaus nicht die +Aufmerksamkeit, welche ihre der Erschliessung eines neuen Welttheils +gleichkommende Bedeutung verdient. Ein schneller Ueberblick derselben +wird daher gewiss von Interesse sein: + +Bei der Gründung Singapores bestand in Vorder-Indien noch das +Privilegium der ostindischen Kompanie, der Handel mit China war ein +Monopol derselben und fand nur unter grossen Beschränkungen der +chinesischen Regierung statt. Japan,[36] Cochinchina, Anam, Siam, Birma +waren gänzlich, die holländischen und spanischen Kolonien, ebenso wie +die englischen mehr oder weniger gegen fremde Flaggen verschlossen, und +in den nicht unter europäischer Oberhoheit stehenden Malayenländern +wurde mehr Seeraub als Handel getrieben. + +Gegenwärtig ist Vorderindien frei von allen Privilegien und Monopolen +(mit Ausnahme des Opiummonopols) und macht Riesenfortschritte. Nach +Unterdrückung des furchtbaren Militäraufstandes hatten die Engländer zu +wählen zwischen dem alten brutalen Mittel, ihre Herrschaft durch +ruinöse Militärgewalt aufrecht zu erhalten, und dem kühneren, +staatswissenschaftlichen, durch Entwicklung der natürlichen +Hülfsquellen, milde Verwaltung, Schutz des Eigenthums, die Bevölkerung +an sich zu fesseln. Sie wählten das letztere, und der Erfolg ist ein +beispielloser in der Kolonialgeschichte! Eine nach dem Kriege +aufgenommene Anleihe von 100 Millionen wurde hauptsächlich auf +grossartige Eisenbahnbauten, Kanalisation, Strassenbau und ähnliche +produktive Anlagen verwendet; grosse Gebiete unfruchtbaren +Steppenlandes wurden durch Bewässerung in reichen Kulturboden +verwandelt. In den letzten Jahren vor der Revolution hatte die +Ostindische Kompanie trotz allen Monopolen und drückenden Steuern ein +jährliches Defizit von 14,000,000 £ (fast 100 Millionen Thaler); die +schweren Steuern wurden ermässigt und geben seitdem einen viel +grösseren Ertrag, so dass schon 1863 das indische Budget, nachdem 6 +Millionen auf Tilgung der Staatsschuld und 31 Millionen auf öffentliche +Bauten (namentlich Strassen) verwendet worden, einen ~Ueberschuss~ +ergab! + +Nur durch die schnelle Anlage von Verkehrsmitteln war es Indien möglich, +so grossen Vortheil aus der Baumwollenkrisis zu ziehen. Die Indier +fühlen sich jetzt mit Stolz als britische Unterthanen und haben alle +Ursache dazu, da Alle, Weisse und Indier, vor dem Gesetz gleich sind. + +Birma, das vor 40 Jahren ein Seegestade von 1200 Miles, von Bengalen bis +Junk-Ceylon besass, hat durch zwei Kriege (1825 und 1852) seine +sämmtlichen Küstenprovinzen an die Engländer verloren und ist jetzt ein +ohnmächtiger Binnenstaat. Seitdem haben sich aber Akyab, Bassein und +namentlich Rangun unter liberaler englischer Verwaltung zu wichtigen +Handelsplätzen erhoben, durch welche die grosse Reisproduktion des +Irawaddideltas erst ihren normalen Werth im Welthandel findet. Durch +einen 1865 abgeschlossenen Vertrag ist auch der Irawaddi den Europäern +geöffnet worden, der wohl bald eine der wichtigsten Wasserstrassen der +Welt werden wird, weil er die südwestlichen Provinzen Chinas direkt mit +dem Meere verbindet. Der aufgeklärte König von Siam, durch das Schicksal +Birma's gewarnt, schloss rechtzeitig (1856 und später) mit den +europäischen Mächten Verträge, die denselben das bisher verschlossene +Land eröffneten. + +In Cochinchina sind die Franzosen auf ihre Weise bemüht, eine Kolonie zu +gründen; sie haben Festungen und Kasernen erbaut und machen durch ihre +Militärmacht ihren Einfluss auf Cambodia und Anam geltend. Ob sie neben +dem Ruhm für die Idee des Christenthums und der Civilisation gekämpft zu +haben, auch materielle Vortheile erzielen werden, muss die Zukunft +lehren.[37] Jedenfalls wird die Bedeutung Saigons schnell zunehmen, da +es ein äusserst fruchtbares Hinterland mit dichter, arbeitsamer +Bevölkerung hat, die bisher allen Rechtsschutzes entbehrte. Auch hier +ist bis jetzt Reis fast der einzige Ausfuhrartikel. + +In China sind seit dem Vertrag von Tien-tsin 13 Häfen geöffnet (die auf +Hainan und Formosa einbegriffen) und der Verkehr wächst mit reissender +Schnelligkeit.[38] Englische, amerikanische und deutsche Rhederei haben +die Junken fast ganz vom Küstenhandel verdrängt, und tief ins Innere des +Reichs, den Yantsekiang hinauf, dringt amerikanische und englische +Dampfschifffahrt. Spanische, französische und holländische Schiffe, +durch schützende Tarife in ihren eignen Kolonien verwöhnt, scheinen die +freie Konkurrenz nicht ertragen zu können, und sind bis jetzt +verhältnissmässig wenig betheiligt. Russland hat an der Mündung des Amur +eine Kolonie errichtet. Alle Versuche Japans, trotz der eingegangenen +Verträge wieder in seine alte Abgeschlossenheit zurückzukehren, erzielen +das Gegentheil dessen, was sie bezwecken, da jede Vertragsverletzung +neue Zugeständnisse für die Fremden zur Folge hat. Nur Korea ist noch +ebenso verschlossen wie immer, aber der Unternehmungsgeist der Kaufleute +in Japan, Niutschwang und Nikolajewsk wird dies gewiss nicht viel länger +dulden. Die Spanier haben in den Philippinen ihre Tarife ermässigt und +neben Manila, dem einzigen Hafen, in welchem bisher der Verkehr mit dem +Auslande gestattet war, vier neue Häfen eröffnet: Sual auf Luzon, Yloylo +auf Panay, Cebu auf der gleichnamigen Insel, und Zamboanga auf Mindanao, +Durch die Gründung von Sarawak hat sich auf der N-W.-Küste von Borneo +mit ihrem Antimon- und Kohlenreichthum und ihren Sagowäldern ein +beträchtlicher Handel entwickelt und wenn auch Labuan seinen +ursprünglichen Zweck, die Seeräuber der Nord- und Westküste in Zaum zu +halten, schlecht erfüllt, so wird es durch seine reichen Kohlenlager, +die erst jetzt im Grossen ausgebeutet werden, und für 2 £ per ton nach +Singapore und Hongkong geliefert werden können, sehr zur Vermehrung der +Dampfschifffahrt beitragen.[39] In Niederländisch-Indien scheint dem +früher so gepriesenen „Kultur-System”, einem genial ausgedachten mit +Konsequenz durchgeführten System von Regierungsmonopolen im grössten +Maasstabe trotz der bedeutenden Ueberschüsse, die es jährlich dem +Mutterlande lieferte, keine lange Dauer mehr bevorzustehen, da es jetzt +ausgemacht ist, dass die Ueberschüsse nur durch die seit Jahren immer +steigenden Kaffeepreise erzielt werden. Fallen die Kaffeepreise, so +fällt das Kultursystem, durch welches bis jetzt europäischer +Unternehmungsgeist von dem ausserordentlich reichen Felde, das ihm +Niederländisch-Indien darbietet, fast gänzlich ausgeschlossen war. +Australiens Bedeutung wächst mit der nur den Goldländern eigenen +Schnelligkeit, Queensland hat fast die Nordküste erreicht, eine neue +Kolonie wird westlich vom Golf von Carpentaria errichtet; bestätigt es +sich, dass das Klima dort weniger ungünstig ist als an andern Punkten +dieser Küste, so wird sie gewiss schnell Bedeutung erlangen. + +Erwägt man, dass China mit einer Bevölkerung von mehr als 400 +Millionen, Japan mit 50 Millionen, Cochinchina, Anam, Siam, Birma mit +wenigstens 25 Millionen hermetisch verschlossen waren und erst jetzt in +den allgemeinen Weltverkehr hineingezogen worden sind, so lässt sich +wohl voraussehen, dass in jenen Meeren Handel und Schifffahrt einen +Aufschwung nehmen müssen, wie er in der Geschichte ohne Beispiel ist. +Kein Wunder, wenn die Seemächte bemüht sind, sich dort neue Stützpunkte +zu schaffen, um sich einen Antheil an der reichen Ausbeute zu sichern. + +Die neue auf gesunden Freihandelsprinzipien gegründete Kolonialpolitik +hat in jenen Meeren beispiellos glänzende Erfolge erzielt. Statt nach +dem Kriege grosse Gebietsabtretungen zu verlangen, die nur durch +kostspielige Militärverwaltung zu behaupten gewesen wären, begnügte man +sich in China, Japan, Siam mit dem Raum zur Errichtung von Kontoren und +Speichern, die den Regierungen nichts kosten als die Besoldung der +Konsulate. Unter solchen Verhältnissen ist Shanghai, an der Mündung des +Yantsekiang, erst 1844 den Europäern geöffnet, in 20 Jahren der grösste +Handelsplatz von ganz Asien geworden, -- nur London, Liverpool und +Neu-York übertreffen es noch an Tonnenzahl. + +So schlagenden Beispielen gegenüber kann sich die eifersüchtige Monopol- +und Exklusionspolitik, wo sie noch als ein Vermächtniss aus früherer +Zeit besteht, nicht mehr lange halten. Freisinnigere, humanere +Anschauungen kommen immer mehr zur Geltung, und ihnen gehört die Zukunft +um so sicherer, als nicht Wohlwollen, sondern Eigennutz zu ihrer Annahme +zwingt. Die gegenseitige Eifersucht tritt nur noch da zu Tage, wo es +sich um Gründung neuer Kolonien handelt. Denn obgleich diese in den +ersten Jahren immer grosse Kosten verursachen und gewöhnlich, wenn sie +herangewachsen sind, nicht gern die Bevormundung des Mutterstaats +ertragen, so ist ihre Gründung für diesen dennoch ein grosser Gewinn: +die eingeborne Bevölkerung wird von Anfang an an die Produkte des +Mutterlandes gewöhnt; die Schifffahrt des letzteren, seine Industrie, +sein Handel nehmen einen grossen Aufschwung. Die Ansiedler lernen die +Hülfsmittel des Landes, die Produkte, den Geschmack der Eingebornen +kennen und leiten den Handel in eine Bahn, aus welcher fremde Nationen +gewöhnlich nur einen geringen Theil abzulenken vermögen.[40] + +Die Erwartungen für die Zukunft gestalten sich aber noch viel +glänzender, wenn man einen zweiten Faktor in Betracht zieht: ein grosser +Theil der Bevölkerung der neu erschlossenen Länder war unter dem Druck +unbeschränkter Willkürherrschaft besitzlos. In China hatten Vorurtheil +und die gegen die Auswanderung errichteten Schranken die Arbeitskräfte +der ungeheuren Volksmenge so aufgestaut, dass sie wie in einem +abgeschlossenen See stagnirten und einen so geringen Werth hatten, dass +der angestrengteste Fleiss, verbunden mit der grössten Sparsamkeit und +Genügsamkeit kaum ausreichende Mittel für das blosse Leben gewährten. +Wie sehr aber werden Verkehr und Handel zunehmen, wenn diese latenten +Arbeitskräfte durch Auswanderung auf den günstigsten Boden versetzt, +unterstützt, von europäischem Kapital, das immer mehr seine Scheu vor +fernen Unternehmungen verliert, sich dem Anbau von Kolonialprodukten +widmen; dann werden Millionen von Proletariern zu Konsumenten werden. + +Alles scheint darauf hinzuweisen, dass die Ausbreitung der Chinesen +wenigstens über die heissen Länder der Erde, wo Europäer nicht mit ihnen +konkurriren können, in den nächsten Jahrzehnten sehr zunehmen wird. +Ueber die indo-chinesische Halbinsel und den indischen Archipel sind sie +schon jetzt zahlreich verbreitet; langsam aber stetig dringen sie in +die Philippinen und in Niederländisch-Indien ein; die Nordküste von +Australien bietet ihnen ein neues fruchtbares Feld, das ihnen nicht, wie +in Südaustralien durch europäische Kolonisten streitig gemacht werden +dürfte. Die Zuckerproduktion von Bourbon ist hauptsächlich in Händen von +Chinesen, die meist von Bombay aus dahin gingen, in Tahiti bauen sie +jetzt Kaffee und Baumwolle. In Westindien haben chinesische Kulis schon +auf vielen Inseln die Negersklaven ersetzt; vielleicht ist ihnen auch in +den Südstaaten der Union diese wichtige Rolle vorbehalten. + +Wie schnell aus einem armen Proletariat ein arbeitsames, wohlhabendes +Volk werden kann, zeigt die neueste Geschichte Vorderindiens auf +glänzende Weise. Von den grossen Reichthümern, welche die +Baumwollenkultur während des amerikanischen Krieges nach Indien gebracht +hat, ist oft in den Zeitungen die Rede gewesen (1861: Werth der +Baumwolle: 900,000 £; 1862, obgleich das Quantum kaum grösser war: +1,500,000 £; 1863: 4,300,000 £ Times, 15. Februar 1864.) Weniger dürfte +in Deutschland von den glänzenden Ergebnissen der Theekultur bekannt +geworden sein; sie sind so überraschend, dass ich wenigstens ganz kurz +einige Daten anführen möchte: + + Nach einem Bericht von Sir Robt. Montgomery (Times, 16. Februar + 1865) bedecken auf den westl. Vorbergen des Himalaya, wo vor 4 + Jahren nicht eine Privatpflanzung bestand, die Theegärten bereits 15 + Quadratmiles, und dehnen sich immer weiter aus. Zwischen den + Eingebornen und den Engländern besteht jetzt das beste Einvernehmen. + Erstere, vor wenigen Jahren so arm, dass sie kaum Kleider hatten, um + ihre Blösse zu bedecken, zählen jetzt ihre Rupien nach Hunderten. + Sie sind aus eigenem Antrieb um Errichtung von Schulen eingekommen, + wo sie englisch lernen können, und wollen die Hälfte der Kosten + tragen. Allein im Kangsathal bauen 47 Dörfer Thee. Immer mehr + verbreitet sich der Theebau auf den Bergen, der Tabaksbau in den + Ebenen, in kleinen von den Eingebornen angelegten Gärten und bringt + allgemeinen Wohlstand unter die Bevölkerung. Diese Distrikte, die + früher der Regierung bedeutende Unkosten machten, gewähren ihr jetzt + grosse Einkünfte. Sehr viel bedeutender ist aber die Entwicklung der + Theekultur im östlichen Himalaya und in Assam (wo die Pflanze + einheimisch ist). + + Nassau Lees sagt in seinem aus amtlichen Quellen hervorgangenen + Buch: „Tea Cultivation, Cotton and other agricultural experiments in + India”: Im Jahre 1862 vertheilte die Regierung gratis 89 Tons (= + 199,360 ℔ Engl.) Theesamen und 2,400,000 Sämlinge, und doch deckte + diese ungeheure Menge nicht entfernt die Nachfrage.... Er fügt die + Bemerkung hinzu, die in der englischen Verwaltung jetzt als + Grundsatz gilt: Sobald der Privatunternehmungsgeist einmal + ordentlich von irgend einem Felde kaufmännischer Spekulation Besitz + ergriffen, hat die Regierung nichts mehr dort zu schaffen. Das + System der Aufmunterung ist sehr gut für den Anfang -- es kann aber + zu weit getrieben werden. Würden z. B. durch das Versprechen + kostenfreier Lieferung von Theesamen und -Sämlingen zu viele + Personen plötzlich zu Theeunternehmungen veranlasst, so könnten sehr + ernste Verwickelungen auf dem Arbeitsmarkt im westlichen Indien + stattfinden. + +Es tauchen oft Pläne auf zur Kolonisation tropischer Länder durch +Europäer. Für Bemittelte, die Pflanzungen mit Eingebornen +bewirthschaften und Produkte für den europäischen Markt bauen wollen, +giebt es in Ostasien noch ein grosses, höchst ergiebiges Feld, um bei +materiellem Wohlleben ein Vermögen, im glücklichen Falle sogar +Reichthümer zu erwerben. Ganz besonders lockende Aussichten eröffnet +ihnen die Kaffee- und Theekultur, die in ziemlicher Meereshöhe betrieben +wird, ihnen also auch in klimatischer Beziehung zusagt. Für Auswanderer +im gewöhnlichen Sinne aber ist dort nichts zu machen. Den Ackerbau +versagt ihnen schon das Klima und als Handwerker oder Kleinhändler +können sie unmöglich gegen die Chinesen aufkommen, die an Fleiss, +Mässigkeit, Sparsamkeit, Schlauheit, unermüdlicher Ausdauer und +rücksichtslosem Streben nach Gewinn die Europäer so sehr übertreffen. +Fast alle Eigenschaften, die die Juden auszeichnen, besitzen die +Chinesen in noch höherem Maasse; auch darin sind sie ihnen ähnlich, dass +sie sich über alle Länder verbreiten, sich unter allen Regierungen wohl +fühlen, immer zu einander halten und sich überall durch Reichthum eine +hervorragende Stellung zu erringen wissen. Wie die Juden keinen Staat, +so können die Chinesen keine Kolonien gründen. + +Vor 25 Jahren ging der einzige Weg nach Indien um das Kap der guten +Hoffnung. Um dieselbe Zeit, wo die erste transatlantische Linie versucht +wurde (1838), miethete eine Gesellschaft von Privatleuten einige +Dampfboote, um einen regelmässigen Dienst zwischen England, Lissabon und +Gibraltar einzurichten. Sie verlor 500 £ an jeder Reise, erhielt 1840, +als ihre Verluste bereits 30,000 £ betrugen, Korporationsrechte und den +Postdienst nach Indien und jenseits. Dies ist der Ursprung der mächtigen +Gesellschaft, deren Schiffe jetzt die Post für die iberische Halbinsel, +das Mittelmeer, Indien, China, Japan, Australien besorgen. Sie erhalten +dafür jährlich ungefähr 500,000 £ Subvention von der englischen +Regierung.[41] Die sehr hohe Subvention hielt bis vor Kurzem alle +Konkurrenz ab, so dass die Kompanie thatsächlich ein Monopol besass, +dessen Uebelstände dem Publikum sehr fühlbar waren. Erst vor wenigen +Jahren eröffnete die französische Gesellschaft der Messageries +impériales eine Konkurrenzlinie, wodurch die bisher so hohen Preise der +Peninsular- und Oriental-Company um etwa 20% fielen. Auch sind die +Schiffe seitdem nicht mehr so überfüllt und die Behandlung der +Passagiere ist rücksichtsvoller. Allem Anschein nach wird sich die neue +Linie neben der alten halten können, da die Berichte über ihren Betrieb +sehr günstig lauten. Nach dem Economist, 10. Juni 1865, hat im letzten +Jahr ihr Verkehr in China und Indien an Gütern um 26-1/2%, an +Passagieren 18%, an Kontanten 62% zugenommen. + +Jetzt gehen regelmässige Dampferlinien von Singapore direkt nach +Malacca, Penang, Siam, Cochinchina, China, Borneo, Batavia, Ceylon, +engl. Birma, Vorderindien, dem rothen Meer und durch Anschluss nach +Europa, sowie nach den Mascarenen, Niederländisch-Indien, Australien, +Japan. Eine neue Linie zwischen China, Japan, Sandwichsinseln und +Californien ist soeben von der Regierung der Vereinigten Staaten +genehmigt und mit einem bedeutenden jährlichen Zuschuss ausgestattet +worden. Für Australien besteht bis jetzt nur eine Verbindung zwischen +seinen südlichen Kolonien und Ceylon, die für Singapore keine Bedeutung +hat. Aber wohl bald wird eine Linie durch die Torresstrasse im Anschluss +an die niederländisch-indische, nöthig werden. + +---------- + +[1] Annähernd ist ein Gegenstand so viele Seemeilen über dem +Horizonte sichtbar, als die Quadratwurzel seiner Höhe in englischen +Fuss beträgt. (Raper's Navig. pg. 374.) + +[2] Der als Romanschriftsteller bekannte Kapitän Marryat ist der +Erfinder dieser Telegraphie, die trotz ihrer Mängel so grosse +Dienste leistet, dass bald nach ihrem Bekanntwerden die französische +Regierung eine Verordnung erlassen hat, kraft welcher die +Versicherung aller nicht mit diesem Verkehrsmittel versehenen +Schiffe für ungültig erklärt wird. Jetzt dürfte wohl kaum noch ein +europäisches Schiff ohne Marryat's Signal-System anzutreffen sein. + +Der Apparat besteht aus 15 Flaggen: 10 für die Zahlen bis 9, 5 +Indexflaggen; und dem Signalbuch. Dieses zerfällt in 6 Abtheilungen +und enthält 1. Liste der englischen Kriegsschiffe; 2. Liste der +übrigen Kriegsschiffe; 3. Liste der Kauffartheischiffe aller +Nationen; 4. Leuchtthürme, Häfen, Vorgebirge, Klippen u. s. w.; +5. Auswahl von gebräuchlichen Sätzen und Gesprächen; 6. Wörterbuch. +Fünf Abtheilungen werden durch die betreffenden fünf Indexflaggen, +die sechste durch das Fehlen einer solchen bezeichnet. Der Inhalt +jeder Abtheilung ist alphabetisch geordnet; jeder einzelne Posten +hat eine Zahl, deren Reihenfolge jener alphabetischen Anordnung +entspricht. Zahlen, in denen eine Ziffer doppelt vorkommt, werden in +diesen Reihen übersprungen, weil man sonst 20 statt 10 Zahlenflaggen +haben müsste; doch hat man Mittel für besondere Fälle jede Zahl +auszudrücken. + +In den ersten 4 Abtheilungen bleibt die alphabetische Reihenfolge in +allen Sprachen dieselbe; aber nicht in Abtheilung 5 und 6. Daher +sind bei Uebertragung in fremde Sprachen in diesen beiden +Abtheilungen die Sätze einmal dem englischen Signalbuch entsprechend +numerisch, und einmal alphabetisch nach der fremden Sprache +geordnet; will man sprechen, so benutzt man diese, empfängt man eine +Antwort, so benutzt man jene Anordnung. Am interessantesten und +wichtigsten ist Abtheilung 5. Sie enthält Kompass-Richtungen, +Signale, deren sich Lootsen und Lloyd's-Agenten bedienen, um +Schiffen, die in Noth sind, Befehle zu geben, Gespräche zum +allgemeinen Gebrauch, desgl. für Schiffe, die sich auf See begegnen, +Convoi- und Eskort-Signale u. s. w. Dies ist wohl das Wesentliche +dieser Universalsprache. + +[3] Einige Male bei sehr hoher See versuchte ich mit dem Kapitän die +Höhe der Wellen zu schätzen. Wir wussten, dass sie immer höher +erscheinen als sie sind und nahmen darauf Rücksicht; dennoch +glaubten wir einmal ihre Höhe nicht unter 22 bis 24' annehmen zu +dürfen. Als wir aber nachmassen, so weit dies überhaupt möglich ist, +fanden wir nur 18'. Die Art, die Höhe zu bestimmen, ist in Raper's +Navig. 5th. edit. pag. 179 angegeben, wo auch mehrere von berühmten +Seefahrern gemessene Wellenhöhen angeführt sind; die grösste ist die +von Sir Jas. C. Ross im Nordatlantischen Ozean beobachtete von 36 +Fuss. + +[4] Die Geschwindigkeit des Schiffes wird durch das Log bestimmt, +die Richtung durch den Kompass. Aus dem Abgangsort, der Richtung und +der Geschwindigkeit ergiebt sich unter Berücksichtigung +verschiedener Korrektionen der Ort des Schiffs. Das Log besteht aus +einem beschwerten Brettchen an einer Leine mit Knoten. Es wird +gewöhnlich alle 2 Stunden ausgeworfen und bleibt auf dem Wasser +liegen, während die Leine durch die Fortbewegung des Schiffes von +einer Haspel abrollt. Sobald der Nullpunkt der Leine, ein bunter +Lappen, das Wasser berührt, wird eine kleine Sanduhr umgedreht; ist +sie abgelaufen, so zieht man die Logleine ein und zählt die +abgelaufenen Knoten. Die Länge zwischen 2 Knoten verhält sich zur +Länge einer Meile, wie die Zeit, in welcher die Sanduhr abläuft zu +einer Stunde. Setzt man die Seemeile = 6080', und die Sanduhr = 30 +Sek., so hat man: Länge eines Knoten: 6080 = 30:3600 = 50-2/3' und +so viel Meilen in der Stunde, als Knoten in 30 Sekunden. Obige +Methode, den Ort eines Schiffes zu bestimmen, heisst Gissung (Dead +Reckoning), sie ist aus vielen Gründen sehr unvollkommen, weshalb +zur Berichtigung auch astronomische Ortsbestimmungen gemacht werden +müssen. Zu dem Zwecke wird die geographische Breite jeden Mittag +durch eine sehr leichte Beobachtung der Sonnenhöhe und einfache +Rechnung gefunden. Längenbestimmungen aber sind besonders zur See so +schwierig und unsicher, dass sie von Handelsschiffen fast nie +angestellt werden; diese schliessen auf die Länge aus der Differenz +zwischen der Zeit des Chronometers und der Ortszeit, die auf jedem +ordentlichen Schiff einmal täglich durch Beobachtung gefunden wird; +so dass also die annähernde Richtigkeit der Länge ganz von der +Zuverlässigkeit des Chronometers abhängt. Kriegsschiffe, die immer +mehrere gute Chronometer mitführen und Mittel zu genaueren +Beobachtungen haben, pflegen unaufgefordert Länge und Breite auf +eine Tafel zu schreiben und sie vorüber segelnden Schiffen +entgegenzuhalten, damit diese ihre eigene Rechnung prüfen und +berichtigen können. + +[5] Der Südwest-Monsun fängt hier gewöhnlich Mitte oder Ende April +an und dauert bis Mitte Oktober. Am beständigsten ist er im Juni, +Juli, August. Der Nordost-Monsun beginnt im nördlichen Theil der +Chinasee Ende September oder Anfang Oktober, aber im südlichen Theil +dieser See wird er selten vor November beständig. Den grössten Theil +des Oktobers herrschen leichte wechselnde Winde. Am kräftigsten und +anhaltendsten ist er im Dezember und Januar. + +[6] Vielleicht auch nur mit gelbem Ocker. Gelb ist die festliche, +die Gallafarbe in ganz Ost-Asien. Javanische Brautleute reiben sich +den Körper mit gelbem Turmerikpulver ein, die Leibgarde des +Javanischen Kaisers aus Billigkeitsrücksichten mit gelbem Ocker. In +China darf ausser der kaiserlichen Familie kein Mensch in seiner +Wohnung oder in seiner Kleidung Gelb gebrauchen oder auf gelbes +Papier schreiben. Die kleinen Prinzessinnen von Siam wurden, bevor +sie sich von mir photographiren liessen, mit Turmerik eingerieben, +das ebenso wie der Reispuder der Pariserinnen, den Teint verschönert +und die Haut erfrischt. Es ist auch ein guter Schutz gegen +Hitzpickel. Die Hauptverwendung findet der Turmerik (Curcuma sp. +div.) in der Küche zu Kurries; in Europa dient er bekanntlich in der +Färberei zur Herstellung einer ebenso schönen, als flüchtigen Farbe +und zur Bereitung von Reagenzpapier. + +[7] Die Punka findet man nur in den englischen Kolonien, wo sie als +sehr zuträglich für die Gesundheit gilt. Die Holländer auf Java +fürchten den angenehmen Luftzug und behaupten, nur John Bull's +dicker Schädel könne ihn vertragen. Dagegen sitzen die Holländer, +Männer wie Frauen, unbedeckten Hauptes im Freien und geniessen die +kühle Abendluft, die in Singapore so gefürchtet wird, dass man +selbst nicht gern mit blossem Kopf auf den Balkon hinaustritt. So +hat jedes Land seinen Aberglauben. + +[8] Der englische General-Konsul in Rotterdam sagt in seinem +Bericht über den Handel von Niederländisch-Indien von 1861 in Bezug +auf die Gewürze Muskat und Nelken: „Die jährliche Auktion der +Handels-Gesellschaft ergab niedrigere Preise, als je erhört waren. +Dies Ergebniss war ein neuer Beweis, dass das jährlich produzirte +Quantum in gar keinem Verhältniss steht zur stetig abnehmenden +Nachfrage ... Während der letzten 10 Jahre sind die Preise stetig +gefallen.” + +[9] Kohl führt etwas ganz Aehnliches aus Ungarn an: „Der sehr reiche +Palast des Fürsten S. in Zinkendorf wird nie verschlossen, trotz des +bedeutenden Silberschatzes. Wie dies mit der sonst so allgemeinen +Unsicherheit und den dagegen angewandten Vorsichtsmaasregeln zu +vereinigen sei, weiss ich nicht.” + +[10] Diese interessante Pflanze ist über ganz Indien so verbreitet, +dass ihre Abstammung aus Amerika erst in neuerer Zeit festgestellt +worden ist. Ueber ihre oben angeführten auffallenden Eigenschaften +finden sich interessante Thatsachen in: Browne's Nat. hist. of +Jamaica p. 360, der zuerst darauf aufmerksam gemacht zu haben +scheint; Heber's useful plants of India 113, der Wight's +Illustrations of ind. bot. II 36 und Dr. Holder in Memoirs of the +Wernerian soc. III citirt; Hooker's bot. Mag. 2898. -- Humboldt hat +im Thale von Aragua bestätigende Untersuchungen angestellt; +sonderbarer Weise ist aber gerade in Venezuela, wie mir Prof. +Karsten mittheilt, von den erwähnten Eigenschaften der Pflanze +nichts bekannt, während in Barbados und Jamaica nach obigen Angaben +ebenso wie in Singapore diese Eigenschaften so allgemein gekannt +sind, dass sie häufig für wirthschaftliche Zwecke benutzt werden. + +Die von Vauquelin analysirten Proben (Hooker's bot. Mag.) stammten +aus Ile de France, die eine war zum Behuf des Transports nach Europa +durch Abdampfen eingetrocknet, die andere mit einer gleichen Menge +Rum vermischt worden. „Die Aehnlichkeit des Papaya-Safts mit +thierischen Substanzen ist so gross, dass man einen Betrug vermuthen +möchte.” Vauq. + +Physiologen, welche die auffallenden Wirkungen auf die Muskelfaser +näher untersuchen wollen, würden wohl am besten thun, sich genügende +Mengen des frischen Saftes in hermetisch verschlossenen Flaschen +oder Büchsen, nach Appert's Methode konservirt, kommen zu lassen; +die beste Bezugsquelle dürften die westindischen Inseln sein, wo man +in der Kunst des Konservirens durch das geschäftsmässig betriebene +Einmachen der Ananas wohl geübt, und die Pflanze allgemein +verbreitet ist. -- Diese befindet sich übrigens auch in allen +botanischen Gärten, aber gewöhnlich nur in verkümmerten Exemplaren. + +[11] Besonders aber in neu entdeckten Goldländern, wo unzubereitete +Nahrungsmittel, weil sie voluminöser sind, durch die sehr hohen +Transportkosten, die oft 1 Dollar per ℔ betragen, viel theurer +werden als fertig bereitete, und wo es überdies an Händen und +Einrichtungen zur Zubereitung mangelt. Wenn die Goldgräber keine +andre Spuren zurückliessen, so könnte man ihre Stationen an den +umherliegenden leeren Blechbüchsen erkennen. + +[12] In New harbour sind immer grosse Niederlagen von englischer, +australischer und Borneo-Kohle. Die Kohlen von Australien und Borneo +können bei den jetzigen Heizeinrichtungen nur mit englischer +gemischt, verbrannt werden. Die Preise sind gegenwärtig (1864): +englische 8 bis 9 Dollars, Borneo 5 bis 6, australische 4 bis 5 +Dollars per Ton von 20 Ctr. engl, oder ungefähr 2000 Zollpfund. -- +In Berlin kostet die Last = 18 Tonnen = 72 Scheffel = ca. 6000 Pfd. +15 bis 20 Thaler, also ca. 5 bis 7 Thaler per engl. Ton. + +[13] Diese Laternen bestehen aus einem mit sehr feinem festem +Papiere überzogenen, melonenförmigen Gerüst von sehr feinen +Bambussplitten. Das Papier ist mit durchsichtiger Gallerte getränkt, +einem Absud der Alge Agar-agar (Plocaria tenax und P. candida), die +auf allen felsigen Küsten des Archipels wächst und in grosser Menge +von den klugen Chinesen importirt wird, während sie in Europa so gut +wie unbekannt ist. Sie vertritt in mancher Hinsicht die Stelle der +Hausenblase und des Dextrins, giebt ein schmackhaftes Gelee und +vorzügliche Appretur für Seidenzeuge und kostet in Singapore selten +mehr als 1 Dollar per Pikul. -- Schon 1859 importirte Shanghai +allein 150000 Pikul. Die im atlantischen Ozean sehr häufige +verwandte Gattung Chondros liefert das offizinelle Karagen. + +[14] Der Reis, Oriza, vom arabischen eruz, ist das +Hauptnahrungsmittel aller zivilisirten Völker Ostasiens. Die weniger +vorgeschrittenen müssen sich mit einer leichter zu erlangenden, wenn +auch noch stickstoffärmeren Kost (Sago u. s. w.) begnügen. Man hat +berechnet, dass der Reis das Hauptnahrungsmittel der Hälfte des +Menschengeschlechtes sei. In Asien ist er seit den ältesten Zeiten +bekannt; die Araber brachten ihn nach Spanien und Italien, wo er +noch jetzt mit Erfolg gebaut wird. In Amerika wurde er erst Ende des +17ten oder Anfangs des 18ten Jahrhunderts zufällig eingeführt, fand +aber in den südlichen Staaten der Union Klima und Boden so günstig, +dass der Reis von Carolina bald für den besten von allen Sorten +galt. Die dort übliche Art des Reisbaues weicht von der indischen +besonders darin ab, dass man die Felder abwechselnd trocken und +überschwemmt hält. Die dadurch erzeugten Miasmen sind so +lebensgefährlich, dass die zur Arbeit in den Reisfeldern verwendeten +Sklaven sehr schnell erlagen und durch frische ersetzt werden +mussten. Singapore baut gar keinen Reis, da es aber im Mittelpunkt +der Reis erzeugenden und Reis verzehrenden Länder liegt, so ist es +ein Stapelplatz für diesen wichtigen Handelsartikel geworden, der +hier häufig billiger als in den Produktionsländern ist. + +Dass von einer so lange kultivirten, so weit verbreiteten +Nutzpflanze viele Abarten entstanden sein müssen, lässt sich +erwarten. In einer öffentlichen Sammlung in Manila waren 60 +angeblich verschiedene, in den Philippinen gebaute, Abarten +ausgestellt; fast ebensoviel rechnet man in Java. Nach Porter lassen +sich aber alle auf 4 Arten zurückführen, die vielleicht selbst nur +Varietäten einer Art sind: O. sativa und praecox, beide Sumpfreis; +letzterer reift 2 Monate früher als ersterer, 4 Monate nach dem +Umpflanzen, steht ihm aber an Güte und Ertrag nach. O. montana, +Bergreis, der trocken wächst, oft in beträchtlicher Meereshöhe und +in höheren Breiten, und viel mehr Kälte vertragen kann als der +Sumpfreis, weshalb man mehrere mal versucht hat, ihn in England +einzuführen, bisher aber ohne Erfolg, da er zwar reichlich Blätter, +aber keine Körner giebt; Porter führt zwar einen einzelnen Fall an, +wo man bei Windsor reife Aehren erhielt. Endlich O. glutinosa, +Kleber-Reis, der nass und trocken wächst, aber wenig gebaut zu +werden scheint. Er wird namentlich zu verschiedenen Gebäcken (kweh) +verwendet. + +[15] St. John, Far East II 254 meint, dass die Eingebornen von Bruni +durchaus keinen Geruchssinn haben, weil sie faules Fleisch, faule +Eier und faule Fische essen. Die Bewohner von Luzon haben aber einen +so sehr ausgebildeten Geruchssinn, dass sie z. B. in einer grösseren +Gesellschaft durch das Beriechen der Taschentücher die Eigenthümer +derselben zu erkennen vermögen und dennoch essen sie gern faules +Fleisch u. s. w.; wahrscheinlich, weil es ihnen gut schmeckt, so wie +viele Europäer stinkenden Käse und stinkendes Wild essen. Der +Begriff des Gestanks ist relativ: bei einem feinen Diner in +Singapore wurde mir die Butter ganz besonders angepriesen, „weil sie +einen sehr starken Fassgeschmack hatte.” + +[16] Auch dies hat sich bereits geändert, wenigstens in China. Aus +dem Bericht des britischen Konsuls Robertson, Canton 1864, ergiebt +sich, dass nicht nur die Küstenschifffahrt und der Einfuhrhandel +immer mehr in die Hände der Chinesen übergehen, sondern dass auch +der Ausfuhrhandel dieselbe Bahn einschlägt. Bereits haben +chinesische Firmen aus Fu-tschau und andern Orten bedeutende +Theesendungen direkt nach England gemacht, und sogar im vorigen Jahr +(1863), während alle andren Firmen auf den europäischen Märkten +bedeutende Verluste erlitten, Gewinne erzielt, weil sie mit viel +grösserem Vortheil einkaufen und verkaufen können, ihr Geschäft mit +geringeren Unkosten betreiben, mit mässigerem Gewinn vorlieb nehmen, +und für eigene Rechnung statt für Rechnung ihrer Kommittenten +handeln. „Wenn sie sich auf dieser neuen Bahn erst sicher fühlen, +und Bankkredite erhalten, so wird es für Europäer hoffnungslos sein, +gegen sie zu konkurriren.” + +[17] So nennt man einen harten Kalkmergel mit Eiseninfiltrationen, +die auf der helleren Grundmasse allerlei Figuren von Burgen, Ruinen +u. s. w. darstellen. + +[18] Rumph, Kruydboek V. 97: „gewöhnlich 60-100 Faden lang, ja in +einigen Ländern hat man 200-300 Faden lange gemessen” (1 Faden = +6'). + +[19] Die Overl. Free Press, 8. Jan. 1864, giebt nach dem Java +Courant eine Uebersicht der in Java und den übrigen holländischen +Besitzungen im Archipel durch andre als natürliche Ursachen +vorgekommenen Todesfälle. Die Gesammtzahl der durch Tiger Getödteten +wird darin für Java auf 148 angegeben. Die Richtigkeit der Zahlen +vorausgesetzt, wäre dies unter Berücksichtigung der beiderseitigen +Bevölkerungen nur 1/300 so viel als in Singapore. Wären diese +Unglücksfälle in Java verhältnissmässig so häufig wie in Singapore, +so müssten jährlich dort 44,000 Menschen den Tigern zur Beute +fallen. -- Die Tabelle enthält auch noch andre interessante Data: + + Java und Andere + Ursache des Todes. Madura. Besitzungen. Total. + + Blitz 356 10 366 + Ertrinken 948 173 1121 + Sturz von Bäumen etc. 431 73 504 + Tiger 148 151 299 + Rhinozeros 4 -- 4 + Krokodile 49 125 174 + Büffel 6 -- 6 + Schlangen 43 3 46 + Selbstmord 127 38 165 + Andre Unfälle 393 136 529 + 2505 709 3214. + +„Nach einer Angabe der Posener Provinzialblätter wurden im +Regierungsbezirk Posen vom 1. Sept. 1815 bis Ende Februar 1816, 41 +Wölfe erlegt, und noch im Jahre 1819 im Kreise Wongrowitz 16 Kinder +und 3 Erwachsene von Wölfen gefressen.” (Freytag, neue Bilder aus +dem Leben des deutschen Volkes 1862, pg. 402.) + +Die Einwohnerzahl im Kreise Wongrowitz betrug 1818 nach +Ortschaftsverzeichnissen des statistischen Bureaus: 26290; für 1819 +kann sie schon wegen der geringen damaligen Volksbewegung nicht sehr +davon verschieden gewesen sein. Nimmt man an, dass in Singapore +täglich ein Mensch von Tigern gefressen wird, so giebt dies 180 für +6 Monat auf eine Bevölkerung von 100,000 oder 47,7 auf eine +Volksmenge gleich der im Kreise Wongrowitz, selbst wenn man diese +auf 26,500 schätzt; so dass in letzterem noch 1819 mehr als 2/5 so +viel Menschen von Wölfen gefressen wurden, als gegenwärtig in +Singapore von Tigern. + +[20] In neuester Zeit angeblich sogar 100 Ds. + +[21] Der Beweis ist jetzt geliefert worden; denn nach Cameron (Our +tropical possessions pg. 96) fand man eines Morgens in Netzen, die +in der Meerenge längs der Küste von Singapore aufgestellt waren, +eine Tigerin verstrickt und fast ertrunken. Von Singapore konnte sie +nicht hergekommen sein, da ganze Reihen dem Lande näher +aufgestellter Netze unversehrt waren. + +[22] Doch ist dieser Punkt noch nicht genügend aufgeklärt. Smeathman +und andre nach ihm erzählen von einem König in der Kammer der +Königin. + +[23] Das Manché'sche System, das durch Hooibrenk in den letzten +Jahren in Europa so grosses Aufsehen gemacht, war also bei den +chinesischen Gambirpflanzern schon lange in Anwendung. + +[24] Die Borneo-Kompanie hat neuerdings Sagofabriken unter Leitung +eines europäischen Ingenieurs in Borneo angelegt, wo das Fabrikat an +Ort und Stelle zur Ausfuhr nach Europa fertig gemacht wird. + +[25] Die Art der Gewinnung ist in Johnston's vortrefflichem Buch +„Chemistry of common life” nach Dr. Eatwell ausführlich beschrieben +und mit Abbildungen versehen, ohne Abbildungen auch in v. Bibra: +„Die narkotischen Genussmittel.” ... + +[26] Das Verfahren ist ausführlich beschrieben von Dr. Little, +Journ. Ind. Arch. II, eine Uebersetzung davon giebt v. Bibra. + +[27] 762,5 bis 915 Ds. per Kiste von 140 Katti; 6-1/2 bis 8 Thlr. +per Zollpfund. + +[28] Im Budget Estimate 1864/65 war die Einnahme für Opium auf +8,200,000 £, die Ausgabe auf 2,254,161 £ veranschlagt; man hatte +also bei diesem Geschäft einen Reingewinn von 5,945,839 £ (über 40 +Millionen Thaler) erwartet. Der wirkliche Gewinn war: 1861/62 +4,909,804 £, 1862/63 6,199,198 £, 1863/64 4,525,506 £. + +[29] „Die Möglichkeit einer chronischen Opiumvergiftung ist eine +über allem Zweifel erhabene Thatsache. Hammer bezeichnet die +Liebhaber des Opiums als wankend und schwankend, blass, abgezehrt, +mit gestrecktem Halse, entscharrten Leichnamen ähnlich ... +Oppenheim: Die Thätigkeit der Verdauungsorgane liegt ganz darnieder, +die Stuhlentleerung anfangs ungemein träge, oft in Intervallen von +8-14 Tagen erfolgend; später macht sie der Diarrhoe und Dysenterie +Platz. Die körperlichen und geistigen Kräfte und Fähigkeiten gehen +einem raschen Verfall entgegen. Schwindel, Kopfschmerz, Neuralgien, +Zittern der Gliedmaassen, Schlaflosigkeit, manchmal eine Art +Delirium tremens, Blödsinn, allgemeine Paralyse, Impotenz, auch +Blasen- und Nierenleiden stellen sich ein, und einem allmälig sich +entwickelnden Leiden der Lunge und des Herzens erliegen die +Opiumesser früher oder später.” (Husemann, Toxicologie S. 609.) + +[30] Dieselben Listen ergeben folgende interessante Thatsachen. Das +Opium kommt fast ausschliesslich aus der Türkei, aus Britisch-Indien +nichts. Das meiste geht nach den Vereinigten Staaten und Holland. +Von 110,101 ℔, die 1863 exportirt wurden, gingen 40,641 nach den +Vereinigten Staaten, 28,869 ℔ nach Holland, das Transit-Opium, +104,756 ℔, nahmen diese beiden Länder ausschliesslich, Vereinigte +Staaten 93,316 und Holland 11,440 ℔. (Das nach Holland verschiffte +Opium geht nach Java.) + +[31] Dr. Thudichum giebt folgenden interessanten Aufschluss über die +in einer Landstadt von Lincolnshire jährlich verkaufte Menge Opium: +„Sieben Drogisten in der Stadt Spalding verkaufen 27 Stein 3-1/2 +Pfund Opium (= 436 Zollpfund) zum Theil in der Form von Laudanum. +Die Stadt nebst dem von den Drogisten versehenen Gebiet hat 21,000 +Einwohner. Dies ergiebt einen Opiumverbrauch von 127 Gran per Kopf +und Jahr. Eine geringe Menge des Opiums wird für die Schafe während +des Lämmerns verwendet. Rechnet man 27 Gran von je 127 Gran zur +Deckung dieses Bedarfs, was wahrscheinlich eine übertriebene Annahme +ist, so ergiebt sich das erschreckende Verhältniss, dass der +Opiumverbrauch im Gebiet von Spalding ungefähr 100 Gran jährlich für +jedes Individuum der Bevölkerung beträgt. Opium wird von den +Erwachsenen gegessen und den Kindern eingegeben. Die Sterblichkeit +der Kinder beträgt in diesem Distrikt 21,845, während sie in ganz +England 17,731 von 100,000 Lebenden betrug. Die Bevölkerung war in +den letzten 10 Jahren im Abnehmen. Obige Menge Opium enthält nicht +die von Aerzten verwendete Menge. Die Daten über die in Spalding +verkauften Quantitäten Opium sind von Dr. Morris aus Spalding +gesammelt und mir mitgetheilt worden.” + +[32] An einer andern Stelle behauptet de Quincey sogar, 12,000 +Tropfen täglich genommen zu haben. Das wäre mehr als ein und ein +Zehntel Zollpfund! -- Nach dem Formulaire d. P. rechnet man das +Gewicht von 20 Tropfen Laudanum, 75 bis 110 cgr., nimmt man als +Mittel 92,5 cgr., so erhält man 555 Gramm! + +[33] Das letzte Straits' Blaubuch weist für das Jahr 1864/65 +abermals eine bedeutende Zunahme des Handels von Singapore nach, +dessen Werth jetzt auf 13,000,000 £ veranschlagt werden kann. Die +Einfuhr ist auf 66,182,177 Rupien (= 44,121,450 Thaler), die Ausfuhr +auf 66,339,578 Rupien (= 44,226,385 Thaler) geschätzt worden, ein +Fortschritt gegen 1863/64 von 2,712,123 Rup. bei der Einfuhr, und +von 12,363,140 bei der Ausfuhr. Die Anzahl der in Singapore +eingelaufenen grossen Schiffe (square rigged vessels) betrug +1864/65: 1697 von 780,794 Tonnengehalt, 250 Schiffe und 152,226 +Tonnen mehr als 1863/64. Die Zahl der von Singapore 1864/65 +ausgelaufenen grossen Schiffe betrug 1629 von 576,527 Tonnengehalt, +116 Schiffe und 16,453 Tonnen mehr als 1863/64. Die Zahl der die +Häfen von Singapore, Pinang und Malacca besuchenden britischen +Schiffe hat kaum zugenommen gegen das vorige Jahr; aber die Zahl der +unter Hamburger und Bremer Flagge fahrenden hat sich mehr als +verdoppelt ... „Es ist bemerkenswerth, dass ein Achtel der +angekommenen und ein Neuntel der ausgelaufenen Schiffe unter +deutschen Flaggen fuhren.” (Wenn die in den Listen enthaltenen +Zahlen richtig abgedruckt sind, so berechnet sich die Anzahl der +eingelaufenen deutschen Schiffe fast auf 1/6 der Gesammtzahl, +nämlich 271 von 1697, und wenn man 17 östreichische Schiffe nicht +mitrechnet, auf 1/63/4 ... Ebenso berechnet sich die Zahl der +ausgelaufenen auf 1/71/2, und wenn man 10 östreichische nicht +mitrechnet, auf 1/8 der Gesammtzahl, nämlich 216 resp. 206 von +1629 ... Unter britischer Flagge liefen 860 ein, 873 aus.) + +[34] Eine schmale Meerenge trennt Rhiow vom eigentlichen Bintang. + +[35] Bekanntlich erfahren viele der nach monatelanger Reise in +Europa anlangenden Schiffe erst in der engen Strasse zwischen +England und der Insel Wight ihre schliessliche Bestimmung. Ohne dass +sie ihre Fahrt zu unterbrechen oder ein Boot an's Land zu senden +brauchten, theilt ihnen der Agent ihres Rheders gewöhnlich von +~Cowes~ aus durch Flaggensignale mit, nach welchem Hafen sie steuern +sollen, um ihre Ladung auf den vortheilhaftesten Markt zu bringen. +Daher kehren die meisten Schiffe aus Ost-Asien mit der Bestimmung +„Cowes for orders” heim. + +[36] Nur 2 holländische Schiffe durften jährlich zwischen Decima und +Batavia verkehren. + +[37] Es ist auffallend, wie wenig Franzosen bis jetzt als grosse +Kaufleute in Ostasien vorhanden sind. -- In Singapore befindet sich +nur ein einziges französisches Haus von einiger Bedeutung. +Engländer, Amerikaner und Deutsche sind es, die an der Spitze aller +grossen Handelshäuser stehen. In Saigon ist der Handel hauptsächlich +in Händen der Chinesen. Die grössten ~europäischen~ Handelshäuser +daselbst sind deutsche. + +[38] 1864 betrug die Zahl der in den 13 Häfen ein- und ausgelaufenen +nicht chinesischen Schiffe 17,976 von 6,635,505 Tons. Davon gehören +2,862,234 Tons der englischen, 2,609,390 Tons der amerikanischen und +380,135 Tons der hamburger Rhederei, der Rest vertheilt sich auf 20 +verschiedene Nationen. Der Einfuhrhandel von Shanghai allein stieg +(nach dem Bericht des englischen Ministers in Peking) von 41,000,000 +taels in 1860, dem Jahr vor Eröffnung des Yantsekiang und der +nördlichen Häfen, auf 81,000,000 taels in 1863 (1 tael ist etwa 2 +Thlr.). + +[39] Nach dem Prospekt würde die neue Gesellschaft im Stande sein, +die Kohle für 25 sl. nach Singapore zu liefern, so dass ihr bei 40 +sl. ein hinreichender Gewinn verbliebe. + +[40] Die Wichtigkeit, den Geschmack der Eingebornen zu +berücksichtigen, wird vielleicht in keinem Lande mehr verkannt, als +in Deutschland. Häufig kommen in den ostasiatischen Handelsplätzen +grosse Kisten mit Fabrikaten an, die durchaus werthlos sind, weil +auf den Geschmack der Konsumenten, auf das Format, das Gewicht und +die Art der Verpackung gar keine Rücksicht genommen ist, wenn auch +die Waare an und für sich vielleicht die Konkurrenz aushielte. Es +ist ein sonderbarer Dünkel solcher Fabrikanten, zu glauben, dass die +Käufer sich in ihre Launen fügen sollen, und zeugt von gänzlicher +Unkenntniss der bestehenden Verhältnisse. Ueberall, wo es Frauen +giebt, sind wechselnde Moden -- selbst im Innern von Afrika. Alle +Völker, die für andere fabriziren wollen, müssen auf das +Sorgfältigste den Geschmack derselben studiren. Die Engländer haben +dies längst eingesehen und geben sich grosse Mühe, dennoch wird es +ihnen schwer, im Innern von China gegen die Konkurrenz der +amerikanischen Fabriken aufzukommen, denen es gelungen zu sein +scheint, die nationale Geschmacksrichtung mit solchem Glück zu +treffen, dass sie in gröberen Baumwollenwaaren den dortigen Markt +beherrschen. + +Die Schweizer, die keinen direkten Seehandel treiben können, haben +es nur ihrem fleissigen Studium und grossen Takte zuzuschreiben, +wenn sie ebenbürtig mit den grössten Fabrikstaaten konkurriren. In +den Philippinen sind manche Artikel ausschliesslich in ihrer Hand. +Ein befreundetes Schweizerhaus in Manila hielt eine Anzahl +geschickter Mestizen als Musterzeichner, die der wechselnden Mode +immer auf der Spur waren und liess nach ihren Zeichnungen in der +Schweiz, in China und in Italien die Baumwollen- oder Seidenstoffe +anfertigen, die dann auch immer bei den koketten Mestizinnen den +grössten Anklang fanden. Den Languti, das in Siam gebräuchliche +Lendentuch, nachzuahmen, ist noch Keinem gelungen. Schweizer, +schottische und englische Häuser haben schon Tausende darauf +verwendet -- bisher vergeblich; die gelieferten Stoffe sind +vielleicht besser oder billiger als die einheimischen, entsprechen +aber noch nicht genau dem Geschmack. + +[41] Nach dem Geschäftsbericht vom 5. Decbr. 1865 besass sie 63 +Schiffe von 92,353 tons und 18,270 Pferdekraft, die im letzten Jahre +einen Weg von etwa 1,500,000 Seemeilen zurückgelegt hatten (fast in +jeder Woche 1-1/2 mal so viel als der Erdumfang beträgt). + + + + +Malacca. + + Anblick von Malacca. -- Portugiesen. -- Chinesen. -- Melaleuca. -- + Mission unter den Mintras und Jakuns. -- Guttapercha. -- Neuer + Pungulu in Allor-gadja. -- Rückkehr zu den Mintras. -- Ehepärchen. + -- Blasrohr. -- Pfeilgift. -- Fahrt nach Lingi. -- Der Dato von + Lingi. -- Zustände in den kleinen Malayenstaaten. -- Zinn. -- Leben + im Walde. -- Zweckmässige Kleidung. -- Insektenpulver. -- + Chinesischer Leichenzug. -- Geschichte von Malacca. -- Tapioka. -- + Djaggeri. + + +Mitte April, an einem Nachmittag, bestieg ich den ~Hooghly~, ein altes, +ausrangirtes Dampfboot, welches die ganze Kriegsmarine der „Straits +Settlements” ausmachte. In seltenen Fällen wurde es gegen Seeräuber +benutzt, hauptsächlich aber diente es dazu, die Beamten der Regierung +und die Post zwischen Malacca, Pulo-Pinang und Singapore, welche +zusammen die Niederlassung der Meerenge (the Straits Settlements) +bilden, zu befördern. Seine Geschwindigkeit überstieg nicht die einer +chinesischen Junke; auch Reinlichkeit und Ordnung liessen manches zu +wünschen übrig und waren ein fortwährender Stoff zu Klagen von Seiten +der Passagiere, die aber nicht berücksichtigt wurden, da der Kapitän ein +naher Verwandter des Guvernörs war, und Reisende nur aus Gefälligkeit +mitgenommen wurden gegen eine im Verhältniss zu den sonst in diesen +Meeren üblichen Dampfschiffspreisen allerdings sehr unbedeutende +Vergütigung, Trotz mancher kleinen Mängel war die Fahrt höchst angenehm +in herrlicher, tropischer Nacht auf spiegelglattem Meere. Am andern Tage +um 2 Uhr ankerten wir auf der Rhede von Malacca in 2 Seemeilen +Entfernung vom Lande. Wir hatten 22 Stunden gebraucht, um einen Weg von +120 Seemeilen zurückzulegen. + +Malacca hat eine sehr hübsche Seefront. Dicht hinter einer Reihe von +Europäern bewohnter steinerner, etwas einförmiger Häuser, deren dem +Strand zugewendete Seite mit einer Bogenreihe versehen ist, erhebt sich +ein länglicher, 100 Fuss hoher Hügel, auf dessen Gipfel die malerischen +Ruinen der von Albuquerque gebauten Kirche Madre de Dios und der Klöster +S. Paul und Hermanos de leche stehen. Zur Rechten schliesst sich an die +steinernen Häuser ein Palmenwäldchen, unter dessen Schatten sich eine +ganze Reihe Wohnungen von Portugiesen[42] und Asiaten behaglich +ausdehnt; hinter ihnen ragt tiefblau der Berg Ophir (Gunong Ledang), der +höchste Punkt des südlichen Festlandes (4320') hervor. Zur Linken, am +westlichen Abhang des Hügels, der hier nochmals zu einer kleinen Anhöhe +anschwillt, steht das „Stadthuys”, ein stattliches Gebäude aus +holländischer Zeit, theilweise von einem Angsana-Hain (Pterocarpus +Indicus) verdeckt, der sich parkartig bis zu den Ruinen auf der Kuppe +hinzieht. Die Südfront des Gebäudes ist ebenfalls der See zugekehrt, +seine Westseite begrenzt der kleine Fluss, an dessen jenseitigem Ufer +die eigentliche Stadt liegt, aus der sich die Thürme einiger Moscheen +erheben. Das kleine Flüsschen von Malacca und die Meeresströmungen haben +die Rhede so verschlämmt, dass grosse Schiffe 2 Miles vom Lande ankern +müssen. An den kleinen Inseln, wo 1511 Albuquerque's Flotte in 5-6 Faden +Tiefe lag, können jetzt nur Küstenfahrer anlegen, und nur zwei derselben +sahen wir hier vor Anker. Welch auffallender Unterschied gegen +Singapore! Und doch war vor ca. 300 Jahren Malacca der wichtigste +Handelsplatz in diesen Meeren, Hauptstadt eines mächtigen Königreichs +und auch noch zu Zeiten des holländischen Monopols ein bedeutender +Stapelplatz. + +Nach langem Warten kamen einige Boote, kaum genug, um die wenigen +Passagiere zu bergen. Wie einsam und still erschien die Stadt nach dem +Schacherlärm von Singapore! Die wenigen Europäer und ihre Abkömmlinge, +die hier wohnen, sind meist Beamte oder Grundbesitzer von holländischer +Abkunft, ich fand bei ihnen eine fast noch liebenswürdigere Aufnahme, +als in Singapore und lernte einige vortreffliche Menschen kennen. Selbst +unter den Frauen schien keine Eifersüchtelei zu herrschen, keine +Ostentation, kein herausfordernder Luxus. In der Abendkühle schlenderte +man am Strande, oder genoss, auf einem Vorsprung der Küste sitzend, die +Seebrise, und wenn die jungen Mädchen Pfänderspiele vorschlugen, so +betheiligten sich alle Anwesenden in harmloser Freude daran. Es giebt +hier kein Gasthaus; ich erhielt vom Resident-Councillor eine Wohnung in +dem grossen Stadthause angewiesen, das alle Regierungs-Kanzleien +enthält, aber immer noch reichlich Raum hat, um Fremde zu beherbergen. +Eine eiserne Brücke führt über den Fluss, wohl an der Stelle der alten +Brücke, die vor 3-1/2 Jahrhunderten eine so wichtige Rolle gespielt. +Nachdem nämlich der erste Angriff der Portugiesen auf die Stadt +zurückgeschlagen worden war, bemächtigte sich Albuquerque der Brücke, +hielt sie 9 Tage lang besetzt und schnitt dadurch den Einwohnern alle +Zufuhr ab. Am folgenden Tage musste sich die Stadt nach tapferer +Gegenwehr ergeben. -- Die beiliegende Ansicht von Malacca ist von der +Brücke aufgenommen. Zur Rechten sieht man unter schattigen Bäumen die +Westfront des Stadthauses; links, am rechten Ufer des Flüsschens, liegt +die von Asiaten (Chinesen, Malayen, Klings) bewohnte Stadt. + +[Illustration: MALACCA.] + +Die hiesigen Chinesen stehen in besonders gutem Ruf. Der Wohlstand, den +sie hier in voller Sicherheit gegen Erpressungen geniessen, hat die bei +diesem Volk sonst so schroff hervortretende Selbstsucht sehr gemildert. +Sie sind sehr gastfrei und geben häufig bedeutende Summen für +gemeinnützige Zwecke her. + +Wie sich in der Stadt die Wohnhäuser der Chinesen vor allen andern +geltend machen, so hat auch die dieser Nation eigenthümliche grosse +Verehrung der Todten, die sich in der Kostbarkeit und sorgfältigen +Erhaltung der Gräber ausspricht, der umliegenden Landschaft ihr Gepräge +aufgedrückt. Während in Singapore die reichen Kaufleute alle hübschen +Punkte um die Stadt ausgesucht haben, um ihre Wohnhäuser dort +aufzubauen, sind hier die schönsten Anhöhen in der Umgegend mit +chinesischen Gräbern bedeckt, deren einige mit grossen Kosten aufgeführt +sind. Malacca ist ein Lieblingsaufenthalt für die Chinesen. Von hier +stammen die meisten von denen, die in Singapore eine hervorragende +Stellung einnehmen, und hierher ziehen sie sich gerne zurück, um ihr +dort erworbenes Vermögen in behaglicher Ruhe zu geniessen. Viele dieser +Familien sind schon seit Generationen hier ansässig, sie heirathen nur +unter einander, so dass das malayische Blut der Stammmutter bei jeder +neuen Verbindung immer mehr gegen das chinesische zurücktritt. Wegen +ihrer langen Ansässigkeit unter Europäern und der daraus folgenden +Bekanntschaft mit dem Wesen derselben, sowie durch Reichthum und +grössere Bildung haben sie vor denjenigen ihrer Landsleute, welche die +Masse der Bevölkerung von Singapore ausmachen, Vieles voraus. + +Einige Tage nach meiner Ankunft fuhr ich auf bequemer Strasse nach +Rumbia, einer mitten im Walde gelegenen Mission, 12 Miles NN-W. von +Malacca. Nachdem man die unmittelbare Umgebung der Stadt verlassen, in +der allerlei kleine Moscheen, Kapellen, Hindutempel und andre +„Josshäuser” von Gärten umgeben, malerisch durch einander liegen,[43] +führt der Weg auf einem Damm unter einer Allee weissblühender Melaleuca +(M. minor) quer über einen weiten grünen Teppich von Reisfeldern, der +mit einzelnen Gruppen von Fruchtbäumen, Cocos- und Arecapalmen +geschmückt ist, unter deren Schatten ein paar malayische Hütten liegen. +Hin und wieder kommt man noch an einer Moschee oder einem grösseren +Gehöft vorbei, welche letztere immer Chinesen gehören und oft +beträchtlichen Wohlstand verrathen. Die Melaleucas haben landschaftlich +grosse Aehnlichkeit mit unsern Birken durch den allgemeinen Habitus und +besonders durch die Silberweisse des Stammes. Wie bei diesen lösen sich +die äusseren Lagen der Korkschicht in dünnen, weissen Blättchen ab, bei +einigen Arten erreicht diese Schicht fast Zolldicke und besteht aus so +feinen Blättchen, dass sie zum Kalfatern der Schiffe verwendet wird. Von +der weissen Farbe des Stammes (kaju: Holz, puti: weiss) hat der Baum +seinen inländischen Namen; auch das Kajeput-Oel, das aus den +getrockneten Blättern einer in den Molukken vorkommenden verwandten Art +(M. leucodendron) gewonnen wird, ist danach benannt. Nach einigen Meilen +erreicht man den Wald, der sehr anmuthig, schattig und zugänglicher ist +als der Jungle bei Singapore. In Tsching, auf halbem Wege, wurde das +Pferd gewechselt; um 9 Uhr Vormittags, 2 Stunden nach der Abfahrt von +Malacca, war ich in Rumbia, wo mir der freundliche Missionär schon von +ferne entgegenkam, sobald er nur den Wagen erblickte. Er nahm mich sehr +gastlich auf, und da er ausser einigen kleinen „Waldmenschen” keine +Bedienung hatte, so ging er selbst ans Werk, mich und mein Gepäck +möglichst bequem unterzubringen. Nach einem Schwimmbade in einem von ihm +selbst gegrabenen Teich wurde gefrühstückt, und alsbald füllte sich das +Zimmer mit neugierigen ~Mintras~, deren zutrauliche, gutmüthige, +bescheidene Art den angenehmsten Eindruck machte. Hr. Bory war wiederum +ein denkwürdiges Beispiel jener katholischen Missionäre, wie man sie +zuweilen auf abgelegenen Stationen findet. Er stammte aus Paris und +hatte sich hier vor mehreren Jahren (1848) niedergelassen, ganz allein +und ohne alle Unterstützung zur Bekehrung der ~Mintras~ und ~Jakuns~, +die zu den wilden Stämmen gehören, welche die Südspitze der malayischen +Halbinsel bewohnen. Sie werden gewöhnlich mit dem gemeinschaftlichen +Namen orang-utan (Waldmenschen),[44] orang-bukit (Bergmenschen) oder +orang binua (Menschen des Binnenlandes), belegt und waren bis 1847, wo +J. R. Logan's trefflicher Aufsatz über dieselben erschien, fast +unbekannt und Gegenstand vieler Fabeln. Dass sie auf Bäumen wohnen und +Schuppen besässen, wie Fische, hat sich allerdings bestätigt. Die Jakuns +bauen noch jetzt ihre Hütten gern auf Bäumen, 20-30' über dem Boden, und +mit den Schuppen hat es insofern seine Richtigkeit, als sehr viele mit +Ichthyosis behaftet sind. Ich sah diese Hautkrankheit an mehreren +Jakuns; die meisten aber, und fast alle Mintras waren so reinlich, wie +Malayen, d. h. reinlicher als die Mehrzahl der Europäer. + +Herr Bory theilte mir mit, dass er, als er vor zehn Jahren von Malacca +aus hierher gekommen war, mit einigen dieser Leute Bekanntschaft machte, +und sie bald durch seine Leutseligkeit gewann. Er erzählte ihnen +Geschichten aus der heiligen Schrift; der Kreis aufmerksamer Zuhörer +wuchs mit jedem Besuch und auch die gegenseitige Zuneigung; endlich +erbot er sich bei ihnen zu bleiben, um sie zu unterrichten und zu +Christen zu bekehren. Sein Vorschlag wurde mit Freude angenommen; nur +Ein Punkt machte grosse Schwierigkeiten. Einige Männer hatten nämlich +gehört, dass die Christen nur Eine Frau heirathen und nur durch den Tod +von ihr geschieden werden könnten. Diese Forderung schien ihnen doch gar +zu hart, aber Herr Bory blieb standhaft, und nach vieler Ueberredung +wurde sie mit angenommen. Nun lichtete man ein Plätzchen im Walde, baute +ein Bretterhaus zur Wohnung für den Missionär, ein anderes grösseres zur +Kirche, auch eine Schule; die Mittel wurden durch Almosen von Seiten der +Christen aus Malacca und Singapore aufgebracht, denn ausser 10 Dollars +monatlich erhalten diese Männer keine Unterstützung, freiwillige Almosen +ausgenommen. Die Jakuns können natürlich nichts geben. Herr Bory ging +selbstthätig mit seinen Pfleglingen ans Werk; er beschränkt sich +überhaupt nicht darauf, blosse Scheinchristen aus ihnen zu machen, +sondern sucht sie allmälig zum Betrieb des Landbaus und nützlicher +Künste anzuleiten, freilich noch mit geringem Erfolg; doch sind schon +einige kleine Gärten entstanden, mehrere Cocos- und Obstbäume +angepflanzt, einige Mintras besitzen sogar schon Büffel oder Schweine; +doch ist ihr Haupterwerb immer noch das Einsammeln der Produkte des +Waldes: Rotang, Harze, Guttapercha u. s. w. gegen die sie ihren geringen +Bedarf an Erzeugnissen eines vorgeschritteneren Gewerbfleisses +eintauschen. Herr Bory ist immer von einer Anzahl Mintras umringt, +erzieht sie wie ein Vater seine Kinder und geniesst ihr vollstes +Vertrauen, so dass sie ihn in allen Angelegenheiten erst um Rath fragen. + +Wir machten eine Excursion in den Wald, von vielen Mintras begleitet, +die eifrig sammeln halfen, die Gesellschaft war übermunter, da die +Sorgfalt, mit der manche für sie so werthlose Gegenstände etikettirt und +verpackt wurden, immer neuen Stoff zum Lachen gab. + +Nachmittags kam eine Anzahl Jakuns in die Mission und brachte ganze Arme +voll Zweige, die ich einlegen sollte. Diejenigen, deren Exemplare +brauchbar waren, zeigten darüber grosse Freude. So vergingen zwei Tage +auf die angenehmste Weise unter diesen gutmüthigen Menschen. Am Sonntag +versammelte sich die ganze Gemeinde, Jakuns und Mintras mit Frauen und +Kindern, um die Messe zu hören. Ihr Gesang klang recht angenehm, sie +sollen überhaupt viel Sinn für Musik haben. Alle waren sehr sauber nach +malayischer Art gekleidet, nur etwas dürftiger. Ich hatte einen +photographischen Apparat mitgebracht und nahm ihre Portraits auf, die +aber leider später verloren gingen. Das ganze Völkchen machte den +Eindruck, als fühlte es sich recht glücklich in seiner Abgeschiedenheit +unter dem Schutz des braven Missionärs. + +Früher wurden sie von den piratischen Malayen, die zu ihnen kamen, aufs +ärgste betrogen, beraubt und misshandelt; sie hatten kaum einen andern +Schutz als ihren bösen Ruf als Zauberer und Giftmischer, um ihre +abergläubischen Bedrücker einigermaassen in Schranken zu halten. + +Besonders erreichten diese Bedrückungen einen sehr hohen Grad, als die +Anwendung der Guttapercha zur Isolirung der elektrischen Drähte unter +Wasser und unter der Erde eine immer stärkere Nachfrage nach dieser +Substanz veranlasste.[45] + +Einer Einladung folgend fuhr ich nach Allor-gadja in Naning, etwa 9 +Miles NNW. von Rumbia, wo am nächsten Tage die feierliche Bestätigung +des neuen Pungulu durch den Resident-Councillor stattfinden sollte. +Naning ist ein kleines Gebiet, das landeinwärts an Malacca grenzt und +immer schmaler werdend sich bis zum Berg Ophir erstreckt. Bis zum Jahr +1842, wo es mit Malacca auf gleichen Fuss gestellt wurde, stand es zu +diesem immer in schwankenden Unterthänigkeits-Verhältnissen; statt des +Zehnten zahlte es nur einen Tribut, und der Pungulu schaltete in dem +Gebiet wie ein unumschränkter Fürst nicht nur über die Habe, sondern +auch über das Leben der Einwohner. Im Jahre 1829 beschlossen die +Engländer diesen Zuständen ein Ende zu machen. Es kostete aber zwei +Feldzüge, viele Menschenleben und die Summe von 100,000 £ um die gegen +die beabsichtigten Neuerungen ausgebrochene Empörung zu unterdrücken, +obgleich die Zahl der erwachsenen Männer in Naning zur Zeit des Krieges +1500 nicht überstieg, so dass die Unkosten etwa 450 Thaler per Kopf +betrugen. Der Feldzug endete schliesslich dadurch, dass einer der +fähigsten Empörer zu den Engländern übertrat. Der aufrührerische Pungulu +kapitulirte darauf und starb später in Malacca als Pensionär der +indischen Regierung. + +Auf einem angenehmen breiten Waldweg, der dem Kriege seine Entstehung +verdankt, gelangte ich Abends nach Allor-gadja, wo die nicht +unharmonische Musik und Todtenklage der Malayen einen grossen Theil der +Nacht hindurch zu hören war. Wenige hundert Schritt vom +Regierungs-Bungalow liegen die Grabhügel dreier im Kriege gegen Naning +gefallenen englischen Offiziere, ein wenig weiter erhebt sich noch eine +Schanze aus Lehmwällen, in der sich jetzt eine friedliche Polizeistation +niedergelassen hat. Am folgenden Morgen machten wir einen Spaziergang +nach dem etwa 3 Meilen entfernten Ayer (Wasser)- panas (heiss), einer +ziemlich reichlichen Kohlensäure haltigen und einen schwachen Geruch von +Schwefelwasserstoff verbreitenden Quelle. Ihre Temperatur fand ich 9 Uhr +Vormittag 137° F. = 46,6 R. In der Nähe steht ein verfallendes Badehaus. +Die Eingeborenen benutzen das Wasser häufig als Heilmittel. Auf dem +ganzen Wege herrschte überall der rothe Thoneisenstein von Singapore bis +kurz vor der Quelle, die in angeschwemmtem Boden aufbricht, in welchem +sich viele Quarzkörner bis zu Nussgrösse vorfinden. Es ist dieselbe +Formation, in der hauptsächlich die Zinn- und Goldwäschen betrieben +werden. Nach dem Frühstück ging die Feierlichkeit ohne besonderes +Schaugepränge schnell vorüber. Der Resident-Councillor kehrte nach +Malacca zurück; ich fuhr wieder zu meinen Freunden nach Rumbia, deren +liebenswürdiges, harmloses Wesen gegen die finstere Gemessenheit der +Malayen angenehm abstach. Unterwegs sah ich neben einer kleinen Moschee +im Walde eine Pauke von 20 Fuss Länge und mehr als 2-1/2 Fuss +Durchmesser. Es war ein ausgehöhlter Baumstamm, an einem Ende offen, am +andern mit einer Büffelhaut bespannt. Es sollen derartige Pauken von +noch grösseren Dimensionen vorkommen. Ihr Zweck ist, die weit zerstreut +lebenden Gläubigen zum Gebet zu rufen. Noch spät Abends kamen die Jakuns +zur Mission und brachten mehrere Thiere, die sie für mich gesammelt +hatten. + +Am folgenden Morgen überraschte ich im Walde ein junges Ehepärchen in +seinem Honigmond. Ihr Haus bestand in einem Sonnendach aus lose +zusammengefügten Palmenblättern. In einem kleinen Töpfchen kochte ihre +Mahlzeit, und während die Frau die Küche besorgte, sang ihr der Mann ein +Liedchen und begleitete sich auf einem Saiteninstrument, das aus einem +fusslangen Bambusrohr bestand, an welchem der Länge nach 3 oder 4 Enden +des kletternden Stammes einer Orchidee aufgespannt und statt der Stege +kleine Wachsklümpchen unter den Saiten angebracht waren. Der glückliche +Ehemann besass auch eine Flöte und Pfeife aus Bambus und musizirte, als +die erste Schüchternheit vorüber war, auf beiden mit grossem +Wohlgefallen ganz angenehm, nur etwas zu anhaltend. Beim Abschied drang +er mir zwei feiste Ratten auf, die er für seine eigene Tafel gemästet +hatte. Die Jakuns sind nicht wählerisch in ihren Nahrungsmitteln, +Schlangen und Ratten sind willkommene Leckerbissen. Der französische +Missionär Lefèvre erzählt: Eine ihrer geschätztesten Speisen ist ein +Honigwaben, nicht wann die Zellen mit Honig gefüllt, sondern wann die +jungen Bienen schon ausgebildet, ein Paar Tage bevor sie flügge sind; +der Waben wird dann in ein Bananenblatt gewickelt, etwas gebraten, und +das Ganze mit grossem Appetit verzehrt. + +Ausser dem Waldmesser, das sie immer bei sich tragen, und das ihnen alle +Werkzeuge ersetzt, haben die Orang-bukit kaum irgend welche +Geräthschaften. Zur Jagd bedienen sie sich hauptsächlich der Blasröhre, +aus welchen sie vergiftete Pfeile schiessen. Kleinere Thiere sterben +nach einer Minute. Das Blasrohr „Sumpitan” besteht aus zwei in einander +geschobenen Bambusen, 7 Fuss lang, 3/4 Zoll Durchmesser. Die innere +Oeffnung hat etwa einen halben Zoll Durchmesser; die Pfeile sind 7 Zoll +lang und bestehen aus den Seitennerven eines Palmenwedels; an ihrem +unteren Ende ist ein 3/4 Zoll langer Kegel aus weichem Holz befestigt, +dessen Basis den hohlen Raum des Blaserohrs beinahe ausfüllt. Die sehr +scharfe Spitze ist einen halben Zoll tief in Gift getaucht und ringsum +eingeschnitten, damit sie abbreche und in der Wunde stecken bleibe. +Jeder einzelne Pfeil steckt in einem Rohrfutteral, und eine Anzahl +dieser ist durch Baststreifen eines Artocarpus so aneinander geknüpft, +dass sie sich zu einem Bündel aufrollen wie ein Latten-Rouleau und in +einer Bambuskapsel, die als Köcher dient, aufbewahrt werden können. +Genau ebenso verfertigen die Indianer in Guiana ihre Pfeile und bewahren +sie ebenso auf, mit dem einzigen Unterschied, dass die einzelnen Pfeile +nicht in besonderen Kapseln stecken, sondern unmittelbar mit einander +verknüpft und zusammengerollt werden -- ein auffallender Umstand, da +beide Völker wohl nie in Verkehr gestanden haben. Die Jakuns haben den +Ruf, geübte Sumpitanbläser zu sein. Um ihre Geschicklichkeit zu prüfen, +liess ich einen der geübtesten nach einem etwa 100 Schritt entfernten +Pisangstamm zielen; er traf ihn nachdem er zweimal vorbei geschossen; +eine 30 Schritt entfernte, 1-1/2 Zoll Durchmesser haltende Oranie zu +treffen, erklärte er für zu schwierig; auf 15 Schritt traf er sie. Bei +dem Schiessen wird der Pfeil von unten in das Blasrohr gesteckt, der +Kegel mit einer zunderartigen Substanz umwickelt, damit seitlich keine +Luft entweiche, und das Blasrohr mit beiden Händen fest gegen den Mund +gepresst. Die Luft wird mit solcher Gewalt ausgestossen, dass man einen +pfeifenden Ton hört. + +Auf Veranlassung des Herrn Bory wurde das Pfeilgift in meiner Gegenwart +bereitet. Man schlug 3 Pflöcke in die Erde, setzte eine eiserne halb mit +Wasser gefüllte Pfanne darauf, zündete Feuer darunter an, that die +feingeschabte Rinde folgender Pflanzen hinein: akar-ipo (Giftwurzel) +oder lada-ipo (Giftpfeffer) eine starke Handvoll; ipo-batang +(Baumstammgift) und Sabalei je eine kleine Prise. Nach einer Minute +wurde die Rinde im Wasser mittelst der Hand stark ausgepresst und +fortgeworfen. Nachdem der Extract 4 Minuten gekocht hatte, wurde er mit +grosser Vorsicht abgegossen, wobei ein auf den Rand der Pfanne gelegter +kleiner Ballen geschabter Bambusfasern als Filtrum diente, um die noch +in der Flüssigkeit schwimmenden Rindenstückchen zurückzuhalten. Nachdem +die Pfanne sorgfältig mit Sand ausgescheuert, wurde der Absud -- etwa +1/2 Liter -- in dieselbe zurück gegossen. Man setzte, als er zu kochen +begann, einen Theelöffel voll Saft des Ipo-batang hinzu. Dieser geringen +Menge wegen hatte man einen grossen Baum gefällt, aus dessen Querschnitt +der Saft langsam ausschwitzte. Nach Zusatz dieser Substanz entstand in +der bisher klaren Flüssigkeit ein Coagulum, das zu Boden sank. Zwei +Minuten später goss man abermals die klare Flüssigkeit ab, in die man +vorher ein Stückchen durch Realgar verunreinigten Arseniks von der +Grösse eines Stecknadelknopfes geworfen hatte. -- Eine so geringe Menge +kann wohl keine Wirkung haben; auch gilt der Zusatz nach der Aussage des +Giftkochers nicht für wesentlich und unterbleibt, wenn kein Arsenik +vorhanden ist, ohne der Wirksamkeit des Pfeilgiftes zu schaden. -- +Nachdem der Bodensatz beseitigt und die Pfanne abermals sehr sorgfältig +mit Sand ausgescheuert worden war, goss man wieder das Filtrat in +dieselbe zurück und dampfte es bis zur Syrupdicke ein. Das fertige Gift +wird entweder gleich auf die Pfeile gebracht, oder in kleinen Bambusen +verwahrt und soll viele Jahre lang seine Wirksamkeit behalten. -- Früher +wurden bei dem Giftkochen allerlei Zauberformeln angewendet, die Herrn +Bory's Einfluss beseitigt hat. Von den verwendeten Pflanzen konnte ich +keine blühende Exemplare erhalten und auch die eingelegten blüthenlosen +Zweige gingen später verloren, so dass eine Bestimmung nicht möglich +war. Ausser dem in meiner Gegenwart bereiteten kaufte ich noch mehrere +Kapseln voll älteren Pfeilgiftes und Köcher voll vergifteter Pfeile. +Später im physiologischen Laboratorium zu Berlin damit angestellte +Versuche ergaben sehr verschiedene Resultate. Das in meiner Gegenwart +bereitete Gift wirkte herzlähmend wie Anthiar, eben so wirkte der Saft +des Ipo-batang, den ich selbst vom Stamm eingesammelt hatte. Die +gekauften Gifte aber wirkten ausserdem noch tetanisirend wie Strychnin. +Wahrscheinlich ist der Ipo-batang-Baum = Anthiaris toxicaria oder eine +verwandte Art, und akar-ipo eine Strychnosart (letzteres ist um so +wahrscheinlicher, da akar nicht nur Wurzel sondern auch Rebe bedeutet). +Durch das Vorwiegen der einen oder andern Substanz mag wohl die +vorherrschende Wirkung auf Herz oder Nerven bedingt werden. Die von +Prof. du Bois-Reymond und Dr. Rosenthal angestellten Versuche, welche +übrigens auch die verhältnissmässige Immunität der Hühner bestätigen, +sind ausführlich beschrieben in den Monatsberichten der Berliner +Akademie 1859. 3. 319 und in Reichert und du Bois-Reymond's Archiv 1865 +S. 601. + +In allen Jägerkünsten sind die Waldmenschen wohlerfahren, sie wissen dem +Wild auch viele Fallen zu stellen; eine recht sinnreiche von +komplizirtem Bau beschreibt J. R. Logan. Mir zeigten sie an vielen +Stellen im Dickicht verborgen eine sehr einfache anscheinend von grosser +Wirksamkeit. Ein junger elastischer Baum war mit der Spitze zur Ende +gebogen. Bei der leichtesten Berührung eines Schnäppers schnellte er +wieder in die Höhe und durchbohrte mit der an seiner Spitze in einem +fast rechten Winkel befestigten Bambuslanze das Thier, das sich der +Falle unvorsichtig genähert hatte. Einem Aufsatz, den Herr Bory 1861 in +die Tydschr. voor indische Taal, Land en Volkenkunde einrücken liess, +entnehme ich noch einige ergänzende Daten: + +Die Gesammtzahl aller Wilden auf der malayischen Halbinsel dürfte nach +H. B.'s Meinung nicht über 8-10,000 betragen; die der Mintras nicht über +2000. -- Sie halten sich für die Ureinwohner, betrachten die Malayen als +Eindringlinge und glauben von 2 weissen Affen abzustammen, aus deren +Nachkommen diejenigen, die in der Ebene blieben, allmälig Menschen +wurden, während die, welche die Berge nicht verliessen, Affen +blieben.[46] Jeder lebt für sich, als wäre er allein in der Welt. Sie +sind gleichgültig, faul, lieben die Ruhe über alles, haben wenig +Energie. Nur auf der Jagd zeigen sie Muth und Ausdauer. Allein, ohne +andre Waffen als Blasrohr, Lanze und Kris, bringen sie Tage und Nächte +im Walde zu. Sie sind friedliebend, streiten selten hartnäckig; der +geringste Zwist hat Auswanderung zur Folge. Sie hängen wenig am Boden, +verändern leicht ihren Wohnsitz, oft mehr aus Laune als aus Ueberlegung. +Der erste Eindruck, den die Mintras auf den Fremden machen, ist ein so +günstiger, dass man geneigt ist, sie für Menschen im Zustand der +Unschuld zu halten. (Herr Bory, der anfänglich auch diese Ansicht +theilte, denkt nach genauerer Bekanntschaft anders über sie). + +Die Mintras, wie die andern wilden Stämme der Halbinsel haben ihre +eigene Sprache; sie hat wenig Klarheit und Bestimmtheit. Die +Mintra-Christen verlangten daher, dass ihnen der Religionsunterricht in +malayischer Sprache ertheilt würde. Alle Wilden sprechen malayisch, das +ihnen auch als Verkehrssprache mit benachbarten Stämmen nöthig ist. + +Einige Tage nach meiner Rückkehr nach Malacca hatte ich Gelegenheit, +in Gesellschaft eines Bergmanns aus Cornwallis, der im Auftrag einer +englischen Gesellschaft die Ergiebigkeit der hiesigen Zinnlagerstätten +untersuchen sollte, einen Ausflug nach dem oberen Lingiflusse zu +machen, von wo wir nach dem berühmten Zinndistrikt, Songei-Udjong, +wollten. Bis zur Mündung des Lingi konnten wir das Kanonenboot der +Regierung benutzen. Wir verliessen Malacca Nachmittags um 5 Uhr und +fuhren in geringer Entfernung von der Küste, die eine ununterbrochene +Reihe lieblicher Landschaften entfaltete: im Vordergrund eine bebaute +Ebene, auf welcher sich Hügel und weiter hinten tief blaue Berge in +scharfen Umrissen erhoben. Der Sonnenuntergang war ausserordentlich +prächtig und nahm über 150° des Horizontes ein. Wir brachten die warme +Nacht 23,2° R. auf dem Verdeck zu, um 3 Uhr trat Regen ein und zwang +uns, in der kleinen, heissen Kajüte Schutz zu suchen. Wir waren der +Mündung des Lingi nahe, mussten aber noch 3 Stunden lang kreuzen, +bevor wir landen konnten, da wir Wind und Strömung gegen uns hatten. +Dieser Fluss bildet die Grenze Malaccas gegen den kleinen Malayenstaat +~Salangore~. An seiner Mündung, auf der linken (englischen) Seite, +liegt ein kleines, aus wenigen Hütten bestehendes malayisches Kampong +und daneben die Umfangsmauer eines während des Krieges mit Naning +gegründeten Forts. Das Kanonenboot setzte seine Fahrt fort, wir +blieben und hatten bis 11 Uhr mit habsüchtigen, mürrischen Leuten zu +feilschen, bevor wir zur Fahrt Fluss aufwärts um hohen Preis ein Boot +erlangten. Die breiten Mündungen dieser Flüsse sind namentlich in der +Mittagssonnengluth nicht angenehm zu befahren. Die Fluthwelle reicht +viele Meilen weit hinauf, und soweit sie das Seewasser trägt, zieht +sich zu beiden Seiten ein einförmiger Rhizophorensaum hin; erst nach +stundenlanger Fahrt flussaufwärts erscheinen einige stammlose +Nipapalmen, die allmälig häufiger werden, sobald der Salzgehalt des +Wassers hinreichend abnimmt, dann treten Pandanusarten auf, welchen +sich bald blühende Sträucher und enorme Waldbäume anschliessen, deren +einige bis auf 100 Fuss Höhe fast astlos, und glatt wie Säulen +emporragend, nur am Boden mit grossen Strebepfeilern versehen sind, +während andere vielfach verästelt, durch Luftwurzeln gestützt und nach +allen Richtungen mit Lianen, Kletterfarnen und Orchideen behangen, ein +unauflösliches Gewirre bilden. Gegen Abend wurde der Fluss immer +enger, die Windungen häufiger, endlich bogen wir in einen kleinen +Bach, unter dessen dichtem, tiefhängendem Laubdach wir ein kleines +Kampong erreichten. Am Ufer stand ein Schuppen, der als Niederlage für +das aus der Umgegend kommende Zinn dient, welches von hier aus nach +Malacca verschifft wird. Der „Dato” (Häuptling) wohnt eine Mile +landeinwärts; wir begaben uns zu ihm, um den Empfehlungsbrief des +Guvernörs abzugeben. Zu unserer Ueberraschung führte statt eines engen +Waldpfades ein Fahrweg nach seiner Wohnung; den Dato hatten bei einem +Besuche in Singapore die dort gebräuchlichen Wagen so entzückt, dass +er einen gekauft, und um ihn benutzen zu können, mitten in seinem +Walde ein Stück Strasse von einer Mile Länge gebaut hatte, auf der er +täglich spazieren fuhr. Er wohnte in einem sauberen steinernen Hause, +in dem mehrere europäische Möbel und Luxusgegenstände aufgestellt +waren. Unsere beabsichtigte Reise nach Songei-Udjong schien ihm nicht +angenehm zu sein; er machte allerlei Einwendungen dagegen, schilderte +sehr beredt die Gefahren und Strapazen, die uns bevorständen, +bedauerte uns in seiner Wohnung kein Quartier geben zu können, und +entschuldigte sich, dass die Nahrungsmittel sehr knapp seien. Zum +Glück waren wir in dieser Beziehung gut versehen. Er bat uns ihm zwei +oder drei Zwieback zu verkaufen, und als wir ihm ein Dutzend geschenkt +hatten, fragte er nach dem Preise des Bieres; wir schenkten ihm zwei +Flaschen. Nun wünschte er auch den Preis des Weines zu erfahren; wir +schenkten ihm eine Flasche und zogen uns nach dem Landungsplatz +zurück, wo wir in einer Ecke des Zinnsschuppens die Nacht zubrachten. +Der Dato hatte versprochen, uns am andern Morgen um 6 Uhr Leute zu +schicken, die uns als Träger und Führer begleiten sollten; er schlief +aber bis 12, und keiner seiner Leute wagte mit uns zu gehen. Wir +beschränkten daher unsere Excursionen auf die nächste Umgebung. Als +wir um 2 Uhr in brennender Sonne wieder zurückkehrten, war unser +Gastfreund bereits wieder schlafen gegangen; erst gegen fünf stand er +auf und begleitete uns auf einer Jagdpartie. Er war heut noch +zudringlicher als gestern und weigerte sich schliesslich geradezu uns +Träger nach Udjong zu geben. Seine Beweggründe waren uns nicht recht +klar. Da aber die Haupteinnahme-Quelle dieser kleinen Raubritter in +der gesetzlosen Ausbeutung der ihr Gebiet betretenden Zinngräber +besteht, so mag er wohl triftige Gründe gehabt haben um uns einen +näheren Einblick in sein Treiben zu wehren. Mein Gefährte hatte +Aussicht die Reise nach Songei-Udjong später mit besserem Erfolg zu +machen; so beschlossen wir denn am nächsten Morgen umzukehren, um +nicht länger mit dem unverschämten Burschen und seiner zudringlichen +Umgebung zu thun zu haben. Doch war es beinahe Mittag, als wir am +folgenden Tage nach vielen Plackereien und Prellereien die Rückreise +antreten konnten. + +Das Boot, das wir nach langem Zögern endlich erhielten, hatte kaum Raum +für unser Gepäck, so dass wir auf demselben hocken mussten; es füllte +sich durch ein Leck und durch strömenden Regen schneller als es +ausgeschöpft werden konnte. Wir kehrten daher wieder um, setzten eines +der grossen am Strande liegenden Boote in Stand und fuhren darin bequem +flussabwärts. Eine Anzahl fauler Kerle, die unter dem Schuppen standen, +sahen uns müssig und mürrisch zu, doch wagten sie nicht uns zu hindern. +Bald nach Sonnenuntergang landeten wir in einer kleinen Polizeistation +auf englischem Gebiet nahe der Mündung. Der Dato von Lingi ist nur ein +kleiner Häuptling, dessen Einkünfte im Handel und in Erpressungen +bestehen, dennoch nahm er, obgleich unmittelbarer Nachbar der Engländer, +keine Notiz von dem ebenso höflichen als angelegentlichen +Empfehlungsbrief des Guvernörs; so geringen Einfluss haben die Engländer +auf diese kleinen Staaten, in denen Mord- und Raubanfälle sehr häufig +sind, ein Uebelstand, der in der Kolonie lebhaft gefühlt wird und ein +Hauptgrund, weshalb sie eine selbstständigere Regierung zu haben +wünscht. Grade während meiner Anwesenheit machte ein kleiner +Bugishäuptling aus Singapore, der angeblich für den Sultan von Johor +focht, die Umgebung des Berges Ophir unsicher und that sogar räuberische +Einfälle auf englisches Gebiet, gegen die, wenigstens zur Zeit, nicht +eingeschritten wurde.[47] + +Mein Gefährte setzte am nächsten Tage die Reise bis Ponchor fort, einer +zwischen Lingi und Malacca an der Küste gelegenen Häusergruppe, ich +blieb in der Polizeistation zurück, und verbrachte eine sehr unruhige +Nacht. Denn wir befanden uns in dem Monat, in welchem die Muhamedaner, +nachdem sie von Morgens 6 bis Abends 6 gefastet, sich Nachts durch +Schmausen, Musiziren und allerlei Lärm entschädigen. Am andern Morgen +begab ich mich auch nach Ponchor, in einem kleinen Boot der Küste +folgend, deren Schönheit mich aber bald einlud, den Weg zu Fuss +fortzusetzen. Man geht bequem auf ebenem Granitsand, aus welchem grosse +oft dicht mit blühenden Orchideen bekleidete Granitblöcke hervorragen. +Meinen Freund traf ich in einem geräumigen verlassenen Schuppen, mit +freier Aussicht auf das Meer neben einer klaren Felsenquelle recht +behaglich eingerichtet. Wir durchstreiften die liebliche Gegend mit der +Vogelflinte, badeten Abends in der Brandung, assen ohne aufgedrungene +malayische Gesellschaft, und fischten Nachts bei Fackelschein. + +Am folgenden Morgen besichtigten wir eine in der Nähe gelegene +Zinngrube. Zinn kommt im gediegenen Zustande in der Natur nicht vor.[48] +Alles Zinn wird aus Zinnerz oder Zinnstein, einem reinen, nur durch +mechanische Beimengungen verunreinigten Zinnoxyd gewonnen. Es tritt in +schmalen Gängen, sogenannten Stockwerken, im Granit oder andern +Eruptivgesteinen auf, die es so unregelmässig durchsetzt, dass man +häufig dadurch veranlasst wird, Tagebau darauf zu treiben; oder es kommt +in grossen regelmässig abzubauenden Gängen vor. Alles Zinn von +Cornwallis wird gegenwärtig aus solchen Gängen gewonnen; die früher +daselbst betriebenen Stockwerke sind erschöpft und liefern nichts oder +fast nichts mehr. Durch Pochen und Waschen wird das viel schwerere Erz +(sp. Gew. = 6,8 bis 7) leicht vom Ganggestein getrennt, aber nicht von +dem es gewöhnlich begleitenden Wolfram und den Arsenik- und andern +Kiesen, die ungefähr gleich schwer sind; diese entfernt man durch +Rösten, wobei sie sich zersetzen, und abermaliges Waschen.[49] Der ganze +eben beschriebene Prozess vollzieht sich in der Natur spontan, indem +durch die Einwirkung der Atmosphaerilien das Gebirge verwittert, die +Kiese sich zersetzen, lösliche Verbindungen eingehen, und sammt dem +verwitterten Gestein durch Regen und Bäche in die Tiefe geführt werden. +Wenn sich aus dem zur Ruhe gekommenen Wasser die darin schwebenden +Stoffe absetzen, bildet das Erz wegen seiner Schwere die tiefste +Schicht, auf welcher sich die Verwitterungsprodukte des Muttergesteins, +Kaolin, Quarzsand, Grus und Trümmer ablagern. Im Verlauf langer +Zeiträume bilden sich auf diese Weise Lager von grosser Mächtigkeit. Man +nennt diese erzführenden Ablagerungen in Deutschland Seifen, in Cornwall +Streamworks, in beiden Ländern hat aber ihre Ausbeutung jetzt gänzlich +aufgehört, da sie erschöpft sind. Alles Zinn von Hinterindien (Malacca, +Junk-Ceylon, Banca, Siam u. s. w.) wird aus Seifen gewonnen, die +ursprüngliche Lagerstätte ist noch gar nicht bekannt. Das Zinn von Banca +und Malacca ist fast absolut rein, und überhaupt ist Seifenzinn immer +reiner als das aus Gangerzen gewonnene. + +Nach Crawfurd (Dictionary) ist das Malayische Zinngebiet ohne allen +Vergleich das ausgedehnteste und reichste der Welt und erstreckt sich +von Tavoy 14° N. bis Billiton 3° S. d. h. über 17 Breiten- und 10 +Längengrade. Der grösste Theil des Gebiets ist noch mit Urwald bedeckt, +so dass man erwarten darf das Erz noch an vielen Stellen zu finden. Der +Vorrath scheint sehr gross, der Ertrag steht im Verhältniss zu den +aufgewendeten Mitteln an Kapital und Arbeitskräften. Die Gruben von +Banca werden seit 1710 betrieben, die erste Grube bei Malacca wurde 1793 +eröffnet, aber erst seit 1840 findet daselbst die Ausbeutung mit +grösserem Nachdruck durch Chinesen statt. Auch in den benachbarten +Malayenstaaten, namentlich in denen der Ostküste, Kalantan und Tringano, +so wie in Siam nimmt die Zinnproduktion sehr zu, recht bedeutend ist sie +auf Junk-Ceylon.[50] + +Um das Erz aus dem Seifengebirge zu gewinnen, wiederholt und vollendet +der Mensch was die Natur im Grossen gethan hat; er schlämmt und wäscht +die erzführenden Schuttmassen, bis nur das reine Erz zurückbleibt. + +Die Grube vor uns wurde von 34 Chinesen bearbeitet, gehörte also zu +den kleinsten. In manchen Gruben sind mehrere Hundert Arbeiter +beschäftigt. Da das ganze, gewöhnlich 12' bis 18' mächtige Deckgebirge +abgetragen werden muss, um auf die Erzschicht zu kommen, so ist es +nicht lohnend, mit geringen Arbeitskräften die Ausbeutung zu +betreiben. Unter einer 2' dicken Schicht Ackerkrume lag eine etwa +doppelt so dicke Schicht grauen Sandes, darunter folgte eine weisse 4 +bis 5 Fuss mächtige aus reinem Kaolin mit Quarzkörnern und +Glimmerblättchen bestehende Schicht, „Kong” genannt; dann eine +sechszöllige gelber Erde, die das Zinnerz enthält. Die Unterlage +bestand wieder aus demselben weissen Kong, wie die Decke. Ein +ehemaliger Bach hatte sich in dem lockeren Boden in N. S. Richtung +sein Bett bis auf die zinnführende Schicht ausgewaschen und es dann +wieder zum Theil mit Thon angefüllt, fast reinem Kaolin, durch +verkohlte Pflanzenreste schwarz gefärbt. Die Nordwand der Grube zeigte +die beschriebenen Verhältnisse in einem Profil von einer Deutlichkeit, +wie man sie sonst gewöhnlich nur in den schematischen Figuren +geognostischer Monographien findet; die grellen Farben trugen dazu +nicht wenig bei. + +Man hatte zuerst den schwarzen Thon, der das alte Bett des Bachs +ausfüllte, bis auf die Erzschicht fortgeräumt, dann die östliche +Uferwand; jetzt war man beschäftigt die westliche Wand abzuräumen, indem +man sie auf die Ostseite hinübertrug. Zum Fortschaffen der Erde bediente +man sich kleiner Tragkörbe, als Leitern dienten schräg liegende +Baumstämme mit eingehauenen Stufen. Das auf dem Boden der Grube sich +ansammelnde Wasser wurde durch eine Schaufelkunst gehoben, die aus einer +Reihe flacher an einer Kette ohne Ende befestigter Bretter bestand, +welche sich in einer schrägen Rinne aufwärts bewegten und das Wasser vor +sich herfegten. Der Apparat hatte grosse Aehnlichkeit mit einer +Baggermaschine und wurde durch ein am oberen Ende angebrachtes Wasserrad +getrieben, an dessen Welle aber auch noch Tretbretter befindlich waren, +um es bei Wassermangel durch Menschenkraft in Bewegung zu setzen. In +auffallender Weise war bei der Anlage die gehörige Ausnutzung der +vorhandenen Wasserkräfte und Niveauverhältnisse übersehen worden, so +dass nach der Schätzung meines erfahrenen Begleiters wohl 5' Fall +verloren gingen. Auch war der Kasten, in welchen das Wasser des +oberschlächtigen Rades sowohl, als das aus der Grube heraufgeförderte +sich ergoss, so ungeschickt gemacht, dass immer ein sehr beträchtlicher +Wasserstand darinblieb, wodurch abermals ein erheblicher Kraftverlust +entstand. Gewöhnlich haben doch reisbauende Völker grosses Geschick in +allen Wasserbauten und hier war doppelte Veranlassung, es anzuwenden, da +das Treten des Rades nicht nur sehr anstrengend, sondern auch, falls +nicht Alle gleichzeitig aufhören, wegen des Rückschlags sehr gefährlich +ist und Beinbrüche veranlassen kann. Das erzführende Gestein wird auf +einen Haufen zusammengetragen und erst dann geschlämmt und geschmolzen, +wenn die ganze Grube leer ist. + +Wir durften die Grube nur barfuss, ohne Hut und Sonnenschirm betreten. +Es finden noch mehrere andere abergläubische Beschränkungen statt, auch +zahlreiche Opfer an Vieh, Geflügel, Goldpapier, Kerzen und Schwärmern, +um die Berggeister günstig zu stimmen. + +Die Besitzer der grösseren Zinngruben wohnen meist in Malacca; die +Arbeiter stehen zu diesen in demselben Verhältniss, wie die +Gambirpflanzer in Singapore zu ihrem Patron. Ein Theil dient um die +vorgeschossene Passage von China zu tilgen (Sinkay), andere um festen +Lohn, 4 bis 5 Ds. per Monat und Kost. Alle haben aber einen, wenn auch +noch so kleinen Antheil am Ertrag. Die Zinngewinnung nimmt mit jedem +Jahre zu. Einige Gruben sind so ergiebig, dass sie nach Blundell den +Eindruck machen, als würden harte Thaler aus einer grossen Vertiefung +ausgeschaufelt. Solche Erfolge veranlassten eine grosse Ausbreitung +dieses Bergbaues. Nach Blundell, der als ehemaliger Guvernör genau +unterrichtet ist, deckt aber die Hälfte der Unternehmungen kaum die +Kosten; eine Hälfte giebt mässigen Gewinn und nur 4 oder 5 sind +Haupttreffer in dieser Lotterie; denn eine solche ist nach seiner +Ansicht dieser Erwerbszweig in seinem gegenwärtigen Betrieb. Der Reiz +des Spiels hat aber die Aufschliessung vieler neuen Gruben zur Folge +gehabt. Die Erlaubniss zum Bergbau giebt die Regierung gratis, sie +erhebt aber ein Zehntel des gewonnenen Zinns als Abgabe, und verpachtet +diese Steuer, wie das Opium und Branntweinmonopol dem Meistbietenden. +Zur Verhinderung des Schmuggelns wird solches Zinn, von welchem die +Abgabe entrichtet ist, gestempelt, und steigt dadurch um 8 bis 9% an +Werth, da ungestempeltes Zinn in England höheren Eingangszoll zahlt. + +Nach dem unangenehmen Eindruck, den die Malayen von Lingi auf uns +gemacht, waren mir einige Ausflüge im Gebiet von Malacca doppelt +angenehm, weil ich dabei dies Volk von einer ganz andern, sehr +vortheilhaften Seite kennen lernte. Ich wohnte in kleinen Hütten, mitten +im Walde, bei armen Leuten, die mir den besten Platz im Hause und die +besten Matten einräumten, sehr bescheiden, gefällig und höflich waren, +doch immer ohne jene Zeichen hündischer Unterwürfigkeit, mit denen viele +andere Asiaten so freigebig sind, wenn sie dadurch eine Gunst zu +erlangen hoffen. Es scheint, dass zwischen den alten Ansiedlern +holländischer Abkunft und den auf ihrem Gebiet wohnenden Malayen ein auf +gegenseitiges Zutrauen gegründeter freundschaftlicher Verkehr +stattfindet, jedenfalls bestand ein solcher zwischen meinem Freunde W. +B. und seinen Insassen. Die einfachen Sitten und die Biederkeit dieser +Ackerbau treibenden Malayen waren mir um so wohlthuender, je weniger ich +diese Eigenschaften erwartet hatte. In Lingi, dessen Bewohner von mehr +oder weniger gesetzlichem Handel, Erpressungen und gelegentlichen +Räubereien leben, traten ihre gehässigsten Eigenschaften hervor, aber +auch in Singapore werden die besseren Züge ihres Wesens von dem +Golddurst, der dort Alle ergreift, in den Hintergrund gedrängt. + +Die Ausflüge um Malacca sind sehr angenehm und für den Sammler lohnend. +Zwischen dem ~Lingi~- und ~Kassang~fluss, die das Gebiet begrenzen, +ergiessen sich ausser mehreren Bächen der ~Malacca~- und der +~Dujong~fluss (nach letzterem ist die Seekuh Halicore Dugong benannt, +wobei aber irrthümlich das _j_ in ein _g_ verwandelt worden). Beide +Flüsse sind für Kähne auf mehrere Miles weit zugänglich. Ihre Ufer +wimmeln von Krokodilen, in den Bäumen klettern Vögel, Schlangen, +Eichhörnchen und Affen umher, und man ist sicher, mit reichlicher Beute +zurückzukehren, wenn man mit einer Vogelflinte versehen, auf einem aus +einem einzigen Baumstamme gezimmerten Kahne in die Tiefen des Waldes +eindringt. Ich habe nie so viele Baumschlangen gesehen, als am +Malaccafluss. In einer halben Stunde hätte ich ein Dutzend schiessen +können. Sie lagen meist aufgerollt auf das Wasser überragenden Zweigen, +von welchen sie sich herabfallen liessen und behende weiter schwammen, +wenn sie Gefahr im Anzuge glaubten. Das Zigeunerleben im Walde, so nahe +einer Hafenstadt, in der man sich immer wieder mit Vorräthen, sogar mit +Luxusgegenständen versehen kann, in Begleitung eines gelehrigen, +bescheidenen Dieners, unter gefälligen, sanften Eingebornen war so +angenehm, dass ich es jedem Touristen aufs angelegentlichste empfehlen +möchte. Wir durchstreiften den Wald nach allen Richtungen, im Boot oder +zu Fuss, und kehrten oft erst spät Abends beim Schein der Dammarfackeln +nach unserm Lagerplatz zurück, um das Gesammelte zu präpariren. + +Der Grund, warum tropische Länder, die jetzt so leicht zu erreichen +sind, so selten besucht werden, liegt, wie ich glaube, besonders in der +Furcht vor dem Klima, den Giftschlangen und dem Ungeziefer. Die +ungesundesten Gegenden sind aber immer den in der Nähe Wohnenden +bekannt, und können gewöhnlich von dem, der nur zum Vergnügen reist, +vermieden werden. Uebrigens ist eine gewisse Mässigkeit in allen +Genüssen, ohne strenge Enthaltung, bei gehöriger Bewegung und angenehmer +Beschäftigung ein anerkanntes Mittel, Krankheiten fern zu halten; gegen +die gefürchtetsten, Fieber und Dysenterie, pflegen Chinin und +Opiumtinktur, zeitig angewandt, zu helfen. Das Leben in den Hafenplätzen +ist den Europäern freilich weniger zuträglich. Sie arbeiten dort lange +und oft angestrengt in Kontoren, halten reichliche Mahlzeiten, geniessen +stark gewürzte, den Durst reizende Speisen und geben sich wohl noch +andern Excessen hin. Auch die europäische Kleidung, die schon bei uns +weder schön noch besonders zweckmässig ist, wird hier zu einer wahren +Plage und der Gesundheit nachtheilig. Im Walde kleidet man sich, wie man +will. Nach mehreren Versuchen nahm ich später einen Anzug an, den ich +als besonders zweckmässig empfehlen kann: Hose und lange Jacke von +blauem Kattun (weiss würde alle Thiere verscheuchen), Schuhe aus +Segeltuch und einen chinesischen Hut in Form eines Helms. Die Jacke +vertritt zugleich die Stelle des Hemdes, ist ungefüttert, enthält aber +mehrere Taschen. Strümpfe sind sehr unbequem, barfuss gehen schwer zu +lernen, Segeltuchschuhe sind am zweckmässigsten. Reitet man durch einen +Fluss, so zieht man sie aus und hat dann gleich wieder trockene Füsse. +So lange man geht, schaden nasse Füsse nicht. Kommt man Abends ins +Quartier, so wechselt man den ganzen, gewöhnlich von Schweiss oder Regen +durchnässten Anzug, und wäscht alles, mit Ausnahme des Hutes; am andern +Tag ist alles wieder trocken. In einer so dünnen Hülle, die so leicht +gewechselt und gewaschen wird, belästigt die Hitze fast gar nicht. Es +verschwinden zugleich fast alle Terrainschwierigkeiten; denn es ist +ziemlich gleichgültig, ob man auf dem Trocknen, im Sumpf oder im Wasser +geht. Der Hut, der wegen seiner Zweckmässigkeit eine besondere +Beschreibung verdient, besteht aus dem Mark eines Baumes, angeblich +Aeschynemone aspera, so porös, leicht, die Wärme schlecht leitend, wie +Holundermark. Er ist von grösserem Umfang als der Kopf, man trägt ihn +vermittelst eines zollbreiten, geflochtenen Ringes, der innerhalb des +Hutes an seinem unteren Rande angebracht, und nur an drei oder vier +Stellen so mit ihm verbunden ist, dass die Luft ringsum zwischen Hut und +Kopf zirkuliren kann. An der hinteren Seite hängt eine kurze Gardine, um +den Nacken gegen die Sonne zu schützen. Der Ueberzug besteht aus hellem +Seidenbast, der des breiten unteren Randes aus blauem oder grünem Stoff, +um die Augen zu schützen. + +Die grosse Furcht vor Schlangen und reissenden Thieren ist ganz +ungerechtfertigt. Alle Thiere fürchten sich vor dem Menschen; auch sind +die meisten Schlangen giftlos, und alle ziehen sich gewöhnlich bei +Zeiten zurück, wenn sie Menschen kommen hören. Wie schwer sie +anzutreffen sind, erfährt man am besten, wenn man ihnen eifrig +nachstellt. Wir suchten immer nach ihnen; ich zahlte für das Stück 6 +pence oder 1 shilling und dennoch habe ich in vier Jahren kaum einige +hundert zusammengebracht. Ist erst die Furcht vor ihnen verschwunden, +die wohl jeder, der viele Reisebeschreibungen gelesen hat, empfindet, +wenn er zum ersten mal den tropischen Wald betritt, so sind sie leicht +zu fangen: mit einem Schlag tödtet man sie, auch ist es nicht schwer, +sie lebend zu fangen, wenn man sie mit einem Stock gegen den Boden +drückt, und sie dann unmittelbar hinter dem Kopf fest anpackt. Die +Diener, die mit mir waren, hatten anfänglich immer die grösste Furcht +vor allen, auch den ganz harmlosen Schlangen; besonders gefürchtet war +die Zunge, die für sehr giftig gilt. Hatten sie aber erst einmal +gelernt, wo die Giftzähne sitzen, und sich überzeugt, dass das Thier +sonst wehrlos ist, so trat an die Stelle der früheren Furcht eine solche +Dummdreistigkeit, dass ich oft Unglück befürchtete. Tritt man +unversehens auf eine im Kraut verborgene Schlange, so beisst sie wohl +aus Nothwehr, das ist aber auch fast die einzige Gefahr, der man von +ihnen ausgesetzt ist, und diese Gefahr ist namentlich für Europäer +gering, die gewöhnlich mehrere Personen im Gefolge haben, deren Lärmen +die Thiere früh genug warnt. + +Von Insekten wird man in Indien viel weniger geplagt als im Süden +Europas. Flöhe giebt es nicht, die Läuse der Eingebornen suchen den +Europäer nicht heim; dies ist besonders sehr auffallend in den +Philippinen, wo die Eingebornen sehr viel reinlicher als die Spanier +sind. Jene baden sich täglich und pflegen ihr schönes Haar, während +diese in beidem nachlässiger sind, doch haben die Tagalen, namentlich +die Frauen, fast immer Ungeziefer im Haar, die Spanier wohl nie. + +Gegen alle lästigen Insekten aber und namentlich auch gegen die +gefürchteten Moskitos schützt vollkommen das Insektenpulver, wie es auch +von Sammlungen die Ameisen fernhält. Eine Tinktur aus 1 Theil +Insektenpulver (Pyrethrum roseum), 2 Theilen Alkohol, 2 Theilen Wasser +schützt, selbst noch zehnfach mit Wasser verdünnt, alle Körpertheile, +die damit benetzt werden, absolut gegen jeden Angriff. Auf den wegen der +Moskitos so sehr verrufenen Flüssen von Siam schlief ich oft ohne +Moskitonetz ganz nackt in meinem Boot, ohne im Geringsten belästigt zu +werden; das Summen, welches sonst jeden Schlaf verscheucht, weil es die +Nähe des zum Angriff bereiten Feindes verräth, wird zu einer harmlosen +Musik, die einen im Bewusstsein der Sicherheit um so leichter +einschläfert. So schützt Benetzung des Bartes und der Hände den Jäger +auf der Wasserjagd gegen Mücken, selbst bei der starken Transpiration im +dortigen Klima wenigstens 12 Stunden. Besonders interessant ist auch die +Wirkung auf die in tropischen Ländern so sehr zahlreichen Ameisen. Vor +den Fenstern meiner Wohnung in Albay, auf Luzon, lief ein 6 Zoll breites +Brett ringsum das ganze Haus. Auf demselben bewegten sich zwei dicht +gedrängte Züge einer schwarzen Ameise in entgegengesetzter Richtung +ununterbrochen dicht neben einander hin, so dass die Oberfläche +gleichmässig schwarz erschien. Ein handbreiter Streifen dünn gestreuten +Pulvers oder verdünnter Tinktur genügte, um sie alle zu vertreiben. +Zuerst stauten sich die Züge am Rande des Streifens, dann überschritten +ihn die Vordersten, von den Nachfolgenden gedrängt; aber schon wenige +Zoll weiter zeigten sich die Merkmale der Vergiftung; sie taumelten, +setzten sich auf die Hinterbeine, bewegten ängstlich die Vorderbeine und +starben nach einer oder zwei Minuten. Bald darauf verliessen alle das +Haus. + +Auch die in den Philippinen so verbreitete Krätze wird durch Waschen mit +der konzentrirten Tinktur schnell beseitigt; -- das Jucken hört +augenblicklich auf. Die fast magische Wirkung des für Menschen ganz +unschädlichen Mittels scheint noch völlig unaufgeklärt. Es ist gleich +wirksam als Pulver, als Tinktur und als Räuchermittel. Ein befreundeter +Chemiker sagt mir, dass es ihm trotz der grössten Sorgfalt nicht +gelungen sei, ein Alkaloid oder sonst eine eigenthümliche Substanz darin +zu finden, der man die Wirkung zuschreiben könnte. + +Bei meiner Rückkehr nach Malacca hatte ich Gelegenheit, einen grossen +Leichenzug zu sehen, von dem man schon lange viel gesprochen hatte. Die +Mutter eines der reichsten Chinesen war vor einigen Monaten gestorben, +und heute wurde ihr einbalsamirter Körper in die Familiengruft gebracht. +Fast die ganze Stadt betheiligte sich daran. Der Resident-Councillor und +alle Magistratspersonen folgten dem Zuge, der indessen hinter den +hochgespannten Erwartungen zurückblieb. Er bestand aus einer langen +Reihe Chinesen in weissen und blauen Trauerkleidern; einige ritten auf +Pferden, die auch mit weissen oder blauen Zeugen behangen waren. Sieben +geschlachtete Schweine und sieben Ziegen, je von 4 Kulis getragen, +folgten, um draussen verspeist zu werden. Viel feierlicher als die +Schweine sahen die Ziegenböcke aus, die bis auf die schwarze Mähne und +den schwarzen Bart ganz kahl gebrüht waren. Lärmende Musik ging dem +Sarge voraus, der in einem geräumigen Zelt von äusserst kostbar +gesticktem Seidenzeug enthalten war, ihm folgte eine grosse Masse Volk, +meist Chinesen, und zuletzt die nähern Verwandten in Sackleinen und die +Nachbarinnen im blauen Hauskleide, ein weisses Tuch über die Schulter +geworfen. + +Zögernd und ungern verliess ich Malacca, um einen Dampfer von Singapore +nach Borneo zu benutzen; es wurde mir schwer, mich von den lieben +Freunden zu trennen, die ich hier zurückliess und wohl nicht wiedersehen +werde. + + * * * * * + +Malacca, die Hauptstadt des gleichnamigen Gebiets, liegt 2° 14' N, 112° +O v. Gr., das Klima ist trotz der Nähe des Aequators und der geringen +Meereshöhe gesund und angenehm. Der Thermometer schwankt zwischen 17 und +24° R., der Barometer zwischen 29° 8' und 30° 3' Engl. Wie Singapore +liegt auch Malacca ausserhalb der Monsuns, daher die Sicherheit seiner +Rhede. + +Die Stadt soll im zwölften Jahrhundert gegründet worden sein durch einen +Fürsten von Singapore, den wahrscheinlich die Siamesen vertrieben +hatten. Sie erhob sich schnell zu grosser Bedeutung, und war bei Ankunft +der Portugiesen 1509, der reichste Handelsplatz in jenen Meeren, viel +besucht von Schiffen aus China, Japan, den Philippinen, den Inseln des +Archipels, Vorderindien und Arabien. Namentlich hatte sie zu jener Zeit +grosse Wichtigkeit als Stapelplatz der damals in Europa so geschätzten +Gewürze. Die Stadt soll über 150,000 Einwohner gehabt haben. Die +Portugiesen machten bald nach ihrem Erscheinen diesen Zuständen ein +Ende, indem sie alle Schiffe, deren sie habhaft werden konnten, +kaperten, und Schifffahrt und Handel verscheuchten. Im Jahre 1511 +eroberte Albuquerque die Stadt, plünderte, verbrannte sie und tödtete +nach der eigenen Angabe der Portugiesen den grössten Theil der +Einwohner, auch Frauen und Kinder. Die Portugiesen behielten Malacca 130 +Jahre lang und machten sich unglaublicher Grausamkeiten und +Treulosigkeiten schuldig. An die Stelle des früher so blühenden Handels +trat ein drückendes Monopol. Im Jahre 1641 fielen nach mehreren +vergeblichen Versuchen Stadt und Gebiet den Holländern in die Hände, +denen es 1795 die Engländer abnahmen, aber 1818 zurückgaben. 1825 kam +Malacca abermals an die Engländer, in Folge des bereits früher erwähnten +1824 in London geschlossenen Vertrages, durch welchen die +Streitigkeiten, die aus der Nebenbuhlerschaft der Engländer und +Holländer in jenen Meeren entstanden waren, zeitweis ausgeglichen +wurden. England tauschte Sumatra gegen Malacca aus; die Holländer +erkannten Singapore definitiv den Engländern zu, und beide Mächte +verständigten sich dahin, dass die Strasse von Singapore die Grenze +ihres beiderseitigen Wirkungskreises bilden solle. Dieser Vertrag ist +aber noch fortwährend eine Quelle von Streitigkeiten. Nach der +holländischen Auslegung sind die Engländer von allen Inseln des +Archipels südlich von der Strasse von Singapore ausgeschlossen, nach +der englischen Deutung nur von den unmittelbar südlich von Singapore +etwa bis Banca gelegenen Inseln.[51] + +In Bezug auf die Handelspolitik machten es die Holländer nicht besser +als ihre Vorgänger. Nicht nur der Anbau von Kolonialprodukten, sogar der +des Reises, obgleich er fast das einzige Nahrungsmittel der Bevölkerung +bildet, war zu Gunsten der Produktion Javas und der Molukken verboten, +Grund und Boden fast werthlos, Entvölkerung und Verarmung die +natürlichen Folgen so brutaler Gesetze; dennoch behielt die Stadt +Malacca immer noch einen ziemlichen Handel, als einziger Stapelplatz für +die Produkte der umliegenden malayischen Staaten. Durch das Anlegen +einer englischen Kolonie auf Pulo-pinang 1786, namentlich aber durch die +Gründung des soviel günstiger gelegenen Freihafens Singapore am Ende der +östlichen Meerenge hat sich auch dieser Handel von Malacca gänzlich fort +nach jenen beiden Punkten, besonders nach dem letzteren gezogen. + +Auch der Ackerbau obgleich jetzt von allen barbarischen Fesseln +befreit, macht doch nur sehr geringe Fortschritt und beschränkt sich +fast auf den Reisbau. Das Land ist zwar ziemlich reichlich bewässert, +wo dies der Fall ist, nicht unfruchtbar und wenn die einheimischen +Arbeitskräfte nicht ausreichen, so bietet das nahe Singapore deren in +Fülle, so wie es auch ein bequemer Markt für die gewonnenen Produkte +ist. Aber bis zur Einführung der neuen Landakte 1863, wurden Kapital +und Unternehmungsgeist von Malacca ferngehalten, weil die Regierung den +Käufern von Ländereien keine endgültigen Besitztitel geben konnte. In +neuester Zeit hat die Bereitung des Tapioka (Stärkemehl der Jatropa +Manihot) in Mehl und Perlform solchen Aufschwung genommen, dass sie +bereits mit Ausnahme des Zinns den Hauptausfuhr-Artikel der Kolonie +bildet. Dieser Erwerbszweig ist ganz in den Händen der Chinesen, wie +die Bereitung des Sagos in Singapore. Der Preis des Tapioka ist 3 Doll. +für Mehl, 4 Doll. für Perlen per Pikul, während Sago durchschnittlich 2 +Doll. als Mehl, 3 Doll. in Perlen kostet. Auch mit Zuckerbau sind +einige Versuche gemacht worden, jedoch nur im Kleinen. + +Von den Inländern wird Palmenzucker (djaggeri) aus Cocospalmen zum +Verbrauch in Malacca und in Singapore gewonnen; für weiteren Export ist +er nicht geeignet, da sich bei der rohen Bereitungsart der grösste Theil +des ursprünglichen Rohrzuckers in Traubenzucker verwandelt. Der bekannte +holländische Chemiker de Vrij hat gefunden, dass der Saft der in Java so +verbreiteten Arengpalmen, wenn bei seinem Einsammeln die gehörige +Vorsicht angewendet wird, um der so schnell eintretenden Gährung +vorzubeugen, keinen andern als reinen Rohrzucker enthält, der durch +einfaches Abdampfen krystallisirt erhalten werden kann. Sehr +wahrscheinlich verhält sich der Saft der Cocos-, Nipa- (s. S. 12), +Palmyra- (Borassus flabelliformis) und anderer Palmen ebenso. Zur +Gewinnung des Djaggeri wird die Blüthenscheide der Palme, bevor sie +aufbricht, zusammengebunden und ihre Spitze abgeschnitten, der +ausquellende Saft in Bambusen aufgefangen und in flachen, eisernen +Pfannen eingesotten. Ein- oder zweimal täglich wechselt man die Bambusen +und schneidet zugleich eine feine Scheibe des Blüthenkolbens ab, da sich +durch das Verdicken des Saftes an der Luft die Kanäle verstopfen (ein +Baum liefert jährlich 12-20 ℔ Zucker). Man trinkt den Palmensaft auch +frisch oder gegohren und bereitet Essig und Branntwein (Arak) daraus. +Dieser Arak schmeckt in Folge des mangelhaften Destillationsverfahrens +sehr schlecht und ist nicht zu verwechseln mit dem in Europa beliebten +Batavia-Arak, dessen Darstellung in Raffles' History of Java beschrieben +wird. Häufiger als der Saft werden die Früchte der Cocospalme +ausgebeutet, ihre Hauptverwendung ist zu Oel. -- Man versichert in +Malacca allgemein, dass eine im vollen Ertrag stehende Pflanzung das +Anlagekapital jährlich mit 100% verzinst; danach begreift man nicht, +warum nicht viel mehr Cocospalmen gepflanzt werden, wenn sie auch vor +dem 4ten oder 5ten Jahr kaum Früchte tragen und erst im 9ten oder 10ten +Jahre vollen Ertrag geben. Schliesslich verdient Erwähnung, dass man +sich in Malacca zum Pflücken der Nüsse besonders abgerichteter Affen +bedient, denen man vermittelst einer Leine, deren eines Ende an ihrem +Halsband befestigt ist, signalisirt, ob die von ihnen berührte Nuss +abgerissen werden soll oder nicht. Ich habe dies aber nicht selbst +gesehen. + +---------- + +[42] Die Portugiesen in Hinterindien und China sind grösstentheils +so verkommen, dass sie Europäern oder ihren Abkömmlingen nicht +gleich geachtet werden. Auch haben sie sich in allen Stufen mit +allerlei fremdem Blut vermischt, so dass Menschen von reinem Weiss +durch alle Farbentöne von gelb und braun bis zum dunkelsten Schwarz +unter der allgemeinen Bezeichnung „Pottugih” zusammengefasst werden. + +[43] Joss ist aus dem portugiesischen Dios in das eigenthümliche +Pigeon-Englisch der Chinesen übergegangen. Daher Josshouse = +Tempel, Josspaper = Goldpapier, Josssticks = Räucherstöcke, wie sie +vor den Altären verbrannt oder zum Anzünden der Cigarren verwendet +werden. Aus „tschin-tschin”, guten Tag, Gruss, und Joss wird +tschin-tschin-joss = beten. Ich hatte in Macao einen Steinmetz +gedungen, der mir ein unter einen Granitblock gefallenes Instrument +wiederverschaffen sollte. Am nächsten Morgen sollte er sich mit +mehreren Gehülfen, mit Stricken, Hebebäumen u. s. w. einstellen. Er +kam pünktlich, aber allein, zündete seine Josssticks an, verbrannte +Josspapier, kniete nieder und verneigte sich; ich hielt ihn für +toll, aber der Bediente erklärte mir: „oh no! dat very cleber ole +man, he makee chin-chin-devil-joss.” Leider half es nichts. + +[44] Der in Europa Orang-utan genannte grosse Affe aus Borneo und +Sumatra wird von den Malayen nie also, sondern Mias genannt. + +[45] Die ersten Proben Guttapercha wurden 1843 von Singapore nach +London durch Dr. D'Almeida gesandt, doch wird die Ehre der +Einführung gewöhnlich Dr. Montgomery zugeschrieben, der dafür eine +Prämie erhielt, obgleich seine Sendung später eintraf. Bei +gewöhnlicher Temperatur lederartig zähe, bei 56° R. knetbar, in +Wasser, Alkohol, Säuren, Alkalien u. s. w. unlöslich, fand sie +schnell grosse Verwendung, namentlich in der Telegraphie, da sie von +allen bekannten Körpern das grösste Isolationsvermögen besitzt. +Leider verändert sie sich, der Luft ausgesetzt, in einen sehr +spröden Körper, der rissig wird, Wasser durchlässt und dann nicht +mehr isolirt. In Singapore war die Substanz unter dem Namen +gitta-taban bekannt, und diente zur Anfertigung von Peitschen, +Eimern und allerlei Hausrath; durch Versehen erhielt sie in Europa +den Namen Gutta-percha (pertja), womit man in Singapore ursprünglich +ein ähnliches, aber schlechteres Produkt bezeichnete. Die Tabanbäume +(Isonandra gutta) waren bei der plötzlich gesteigerten Nachfrage +nach dem Stoff in den Wäldern von Singapore schnell ausgerottet, da +man den ganzen Baum fällen muss, um den Saft zu erhalten. Nach +Singapore wurden die Wälder der Malayischen Halbinsel und der +benachbarten Inseln Sumatra und Borneo in Angriff genommen. Die +Vernichtung der Guttabäume muss sehr beträchtlich sein, da ein +grosser Baum höchstens 10-15 ℔ des Saftes liefert; dennoch ist nur +vorübergehender Mangel, nicht gänzliche Ausrottung derselben zu +fürchten, da nach v. Gaffron, Resident in Borneo, (Natuurk. Tydsch. +XVI. 224) der Baum, den es nicht lohnt, vor dem 30sten Jahre zu +fällen, schon vom 15ten Jahre an leicht keimenden Samen trägt. Auch +in Borneo sind die Versuche, den Saft durch Anbohren zu gewinnen, +misslungen; er verdickt sich in diesem Fall so schnell, dass man +fast nichts erhält, klopft man die Rinde, so bekommt man etwas mehr +(etwa 1 Katti), aber der Baum geht dann eben so sicher zu Grunde als +wäre er gefällt worden. Die in mehreren technologischen Büchern +enthaltene Angabe, dass gegenwärtig durch Einschreiten der +„Guttapercha-Kompanie” die Gutta durch blosses Anzapfen gewonnen +werde, beruht wohl auf einem Irrthum. Selbst wenn der Ertrag der +angezapften Bäume nicht ganz so ungünstig wäre, würde es schwerlich +gelingen, die sorglosen Eingebornen zur Schonung der im Walde +zerstreuten Bäume aus Rücksicht für die Zukunft zu bewegen. In +Singapore ist übrigens eine solche Kompanie nicht vorhanden, und die +Londoner Guttapercha-Kompanie beschäftigt sich nur mit Beschaffung +und Verarbeitung des Rohstoffes. Nach v. Gaffron gewinnt man 5 +verschiedene Sorten, die in den Handel kommen, und 3 schlechtere +Sorten, mit denen jene verfälscht werden. Der Preis der Guttapercha +war anfänglich in Singapore 8 Ds. per Pikul, ihr gegenwärtiger in +London berechnet sich nach dem Mittel der Jahre 1859/63 auf 8,73 £. +Dass aber der Preis im Verhältniss zur Abnahme der Bäume weiter +steigen sollte, ist nicht zu erwarten, da der Stoff nicht den +ursprünglich gehegten Erwartungen entspricht. Ein gefährlicher +Nebenbuhler ist ihm in Goodyear's Ebonit, oder gehärtetem Kautschuk +erwachsen; dieser hat ihn bereits aus vielen Verwendungen verdrängt, +und wird ihn, wenn seine Dauerbarkeit sich bewährt, wohl auch als +Isolator bei den unterirdischen und unterseeischen Leitungen +(oberirdische bedürfen keiner Isolation, da trockene Luft schlecht +leitet) ersetzen. Während die Einfuhr roher Guttapercha in England +nach dem Durchschnitt der Jahre 1859/63 nicht ganz 20,000 Ztr. +betrug, werden allein in Amerika jährlich 5,000,000 ℔ Kautschuk zur +Darstellung von Ebonit verbraucht (Rother's Telegraphie), so dass +die fertige Masse durch den Zusatz von Schwefel und Magnesia auf +wenigstens 80,000 Ztr. veranschlagt werden muss. + +[46] Hier könnten Professor Huxley's Anhänger ausrufen: Was kein +Verstand des Verständigen sieht, das ahnet in Einfalt ein kindlich +Gemüth. + +[47] Herr Blundell, Guvernör von Singapore, früher +Resident-Councillor in Malacca, sagt über diese Zustände:.. „Es +leidet keinen Zweifel, dass die winzigen, unmittelbar angrenzenden +Staaten alle zusammen in einem traurigen Zustande von Anarchie und +Unordnung sind, ohne feste Regierung, und weder Sicherheit des +Eigenthums noch der Person gewähren.... Die Häuptlinge, gleichviel +unter welchem Titel, sind raubgierig, bereit, sich jeder Partei zu +verdingen die ihren Namen kaufen, und ihren Einfluss benutzen +will.... Wir haben selbst in unserer Weisheit durch Prangen mit +Uneigennützigkeit sehr zu diesem Ergebniss beigetragen..... Die +Holländer hatten, wenigstens in den letzten Jahren ihrer Herrschaft +diese Länder fest im Zaum, und wenn sie auch nicht viel +zivilisirten, so hielten sie wenigsten Ruhe unter ihnen, und zogen +nicht unbedeutende Summen aus dem Zinnmonopol. Wir aber haben aus +einer nicht erklärten Ursache ein genau entgegengesetztes System +angenommen; nicht nur haben wir jeder Einmischung irgend einer Art +entsagt, sondern wir haben ihnen auch, mit der ausgesprochenen +Absicht unsere Uneigennützigkeit darzuthun, und ohne dass ein +Anspruch oder ein Verlangen danach gestellt worden wäre, einige der +reichsten Erzgebiete, die früher zu Malacca gehörten, überlassen, wo +mehrere hundert Menschen nützlich beschäftigt waren die dort +vorhandenen reichen Zinn- und Goldadern auszubeuten und wo jetzt die +wenigen diesen Arbeiten Obliegenden in immerwährender Gefahr +schweben von irgend einem winzigen Häuptling geplündert und ermordet +zu werden, der es sich in den Kopf setzt, dies Mittel zu ergreifen +um sich etwas Geld zu verschaffen..... Diese Gebiete sind auf bestem +Wege, Sammelplätze für Räuber u. s. w. zu werden, die uns +schliesslich zwingen werden, zum Schutz unserer eigenen Bevölkerung +das Land zu besetzen, was wir gerade durch unsere Uneigennützigkeit +zu vermeiden wünschten.” + +[48] Als Seltenheit soll es zwar bei den Goldwäschen in Miask und +auch in Guyana gefunden worden sein. Von Schwefelverbindungen ist +nur der Zinnkies, ein sehr seltenes Mineral von St. Austle in +Cornwall bekannt. + +[49] Zur gänzlichen Entfernung des Wolframs kennt man noch kein +bewährtes Mittel. + +[50] Die Zinneinfuhr in Singapore, die den grössten Theil des auf +der Halbinsel gewonnenen Zinns umfasst, betrug 1865: 56098 Pikul = +3340 Tons (darunter ca. 6000 Pikul von Kalantan und Tringano). +Cameron giebt den Werth der Zinnausfuhr von Malacca 1863 auf 388357 +£ an, was bei dem damals sehr hohen Durchschnittspreis von 27 +Dollars per Pikul (der gewöhnliche Preis ist 22 Dollars) 3806 Tons +giebt; man kann also wohl 3500 Tons als Durchschnitt annehmen. Die +Zinnausfuhr von Pinang nach Europa und Amerika (meist Junk-Ceylon +Zinn) war für 1859-64: 40188 Pikul per Jahr = 2392 Tons. Banca +produzirte 1859-64 durchschnittlich: 169374 Blöcke und Billiton +13139, zusammen 182514 Bl. = 6114 Tons. So erhält man als die Summe +des in die drei Hauptniederlagen eingelieferten Zinns jährlich 12006 +Tons, wozu noch der Ertrag von Siam und das direkt von den +Zinnländern nach China und Japan verschiffte zu rechnen ist, eine +bedeutende Menge, worüber aber genauere Angaben fehlen. Man ersieht +daraus, dass schon gegenwärtig das malayische Indien das meiste Zinn +produzirt; denn die Produktion von Cornwallis und Devon beträgt etwa +10,000 Tons. -- Vom Zollverein erzeugt nur Sachsen ca. 100 Tons, +auch in Oestreich wird etwas gewonnen. Nach Tschudi soll Bolivia das +reichste Zinnland der Welt, das Erz aber nicht zu verwerthen sein, +da es nur durch monatelangen Lamatransport aus den Bergen +herabgeschafft werden kann. + +[51] Folgendes ist der streitige Artikel des Vertrages: „Art. 12. +Seine Niederl. Majestät nimmt die Einwendungen zurück, welche gegen +die Besitznahme des Insel Singapore durch die Unterthanen Seiner +Britischen Majestät gemacht worden sind. Seine Britische Majestät +verpflichtet sich indessen, dass keine Britische Niederlassung auf +den Carimon-Inseln oder auf den Inseln Batam, Bintang, Lingin oder +auf irgend einer der andern Inseln südlich von der Strasse von +Singapore gegründet, noch ein Vertrag von einer britischen Autorität +mit den Häuptlingen dieser Inseln geschlossen werden soll. + + + + +Java. + + + + +Erstes Kapitel. + + Batavia. -- Buitenzorg. -- Botanischer Garten. -- Gunong Salak. -- + Reisbau. -- Kultursystem. -- Warongs. -- Erdnüsse. -- + Megamendong-Pass. -- Telaga warna. -- Pasanggrahans und Gasthäuser. + -- Preanger Regentschaften. -- Bandong. -- Junghuhn. + + +Anfangs Juli 1858 fuhr ich auf dem kleinen Postdampfer Palémbang, der +den für die holländischen Besitzungen bestimmten Theil der Ueberlandpost +abgeholt hatte, von Singapore nach ~Batavia~. Das Schiffchen war +musterhaft gehalten, aber trotz holländischer Reinlichkeit und +französischer Küche nicht sehr angenehm, da man sich wegen der Kleinheit +desselben nirgends der durch die Feuerung sehr erhöhten Temperatur +entziehen konnte. Uebrigens war die Fahrt zwischen unzähligen schön +belaubten Inseln sehr anziehend. Wir hielten einen Augenblick vor Rhiow +auf der Insel Bintang und vor Muntok auf Banka (das die Engländer Lord +Minto zu Ehren gern Minto nennen), um Post und Passagiere auszutauschen +und erreichten nach 60 Stunden unser Ziel, dessen Entfernung von +Singapore etwas mehr als 500 Seemeilen beträgt. Die Rhede von Batavia +erschien einsam nach der von Singapore. Ein kleiner Privatdampfer kam +uns entgegen und brachte einige Kaufleute, welche die Ankunft ihrer +Briefe nicht erwarten konnten. Wir landeten am Zollhaus; die +Untersuchung des Passagiergepäcks war nur formell und wurde mit der +grössten Höflichkeit vollzogen. In hübschen, zweispännigen Wagen fuhren +wir sogleich nach Weltevreden in das Hotel des Indes, dessen glänzend +erleuchtete Veranden und Gärten an die Conversationshäuser eleganter +Badeorte erinnerten. + +Im eigentlichen Batavia wohnt fast kein Europäer mehr. Die alte, früher +als ungesund so berüchtigte Stadt enthält aber noch die zum +Geschäftsbetrieb nöthigen Gebäude, öffentliche sowohl als private. +Morgens füllt sie sich mit Beamten, Geschäftsleuten, Schiffern, abends +steht sie leer, -- so sagen wenigstens die Europäer, welche die +Eingebornen, die dann allein die Strassen beleben, nicht rechnen. +Ehemals, als Batavia von Mauern und stehenden Gewässern umgeben und die +nach holländischem Muster gebauten, schlecht gelüfteten Häuser dicht +bewohnt waren, soll die Sterblichkeit, durch allerlei Excesse, besonders +im Trinken, vermehrt, furchtbar gewesen sein. Jetzt sind die Mauern +niedergerissen, die Gräben zum Theil zugeschüttet, und die Bewohner +haben sich in die südlich von der alten Stadt belegenen Dörfer +Weltevreden, Molenvliet, Rijswijk zurückgezogen; die ehemaligen +Kolonisten, die zum grossen Theil aus Glücksjägern bestanden, sind durch +Männer aus den besten Elementen des holländischen Volks ersetzt worden; +an Stelle der früheren rohen Genüsse sind Mässigkeit und die +verfeinerten Vergnügungen einer gebildeten Gesellschaft getreten; daher +hat sich der Gesundheitszustand ausserordentlich gebessert. Weltevreden +ist überraschend hübsch, besonders Abends, wenn es in vollem Putz steht; +dann sind die immer sauber gehaltenen, meist von blühenden Hecken +eingefassten Wege reichlich besprengt und mit eleganten Equipagen +bedeckt, unzählige Lichter in matten Glaskugeln glänzen in allen +Richtungen durch das Laub. Früher war das ganze Gebiet von einem Walde +eingenommen, jetzt ist es ein schöner, grosser Park, von breiten +Strassen und Kanälen durchschnitten. Unter den Häusern sind manche +Prachtgebäude, aber auch die kleinsten schimmern durch die Bäume und +Sträucher der Vorgärten so zierlich und anspruchsvoll, als wollten sie +für kleine Paläste gelten. Jedes hat einen reich erleuchteten Portikus, +der Abends gewöhnlich durch Damen in voller Toilette geschmückt ist. +Auch die Herren sieht man um diese Zeit nur im Gesellschaftsanzug, +schwarzem Tuchfrack, Glaçéhandschuhen und schwarzer Tuchhose; die +leichte, bequeme, weisse Kleidung, mit der man in Singapore in jeder +Gesellschaft erscheint, ist hier verbannt; Hüte sieht man selten, selbst +Reiter tragen gewöhnlich keine Kopfbedeckung. + +[Illustration: POSTSTATION. JAVA.] + +Nach kurzem Aufenthalt fuhr ich mit einem Freunde aus Singapore in +vierspänniger Extrapost nach Buitenzorg. Das Reisen auf diese Weise ist +zwar kostspielig, doch billig im Verhältniss zu dem aufgebotenen +Apparat, wenigstens vier tüchtigen, kleinen Pferden, einem Kutscher und +zwei Läufern. Die Pferde laufen immer Galopp, alle fünf bis sechs Paal +hält der Wagen unter einem grossen Schuppen, der die ganze Breite der +Strasse überdacht. Geschäftige Kulis begiessen die Achsen mit Wasser, um +sie zu kühlen. Sobald umgespannt ist, laufen die „~Loopers~” so lange +neben den Pferden her, bis diese durch Schreien und Peitschenhiebe in +das gehörige Tempo gebracht sind und springen dann auf ein hinten am +Wagen für sie angebrachtes Brett, von wo aus sie durch Knallen und +Schreien die Pferde weiter antreiben, bis irgend eine kleine Unordnung, +die bei den eigensinnigen Pferden selten lange ausbleibt, sie wieder +zwingt, nebenher zu laufen. In vier Stunden legten wir die Strecke von +etwa 40 Paal zurück. Die Poststrasse ist vortrefflich; neben ihr läuft +ein desto schlechterer, in der nassen Jahreszeit unergründlicher, bei +trockenem Wetter im höchsten Grade holpriger Weg, auf welchem die +Frachtgüter in Büffelkarren, von denen uns lange Züge begegneten, +transportirt werden.[52] Weltevreden nebst den übrigen von Europäern +bewohnten Dörfern dehnt sich fast bis zur ersten Poststation aus, nur +werden die Häuser immer ländlicher, die Gärten grösser, und gehen +allmälig in Pflanzungen über. Hinter der zweiten Station sahen wir die +ersten Reisfelder. Das Land erscheint ganz flach, denn obgleich +Buitenzorg 850 Fuss höher liegt als Batavia, so ist die Erhebung eine so +allmälige, dass man nichts davon merkt. Erst wenn man jenem Orte näher +kommt, wird die Landschaft welliger, im Hintergrunde erscheinen die +hohen Kegelberge Salak und Pangerango, die von Batavia aus in dieser +Jahreszeit wegen der trüben Luft selten sichtbar sind. + +[Illustration: SALAK VON BATU-TULIS. JAVA.] + +Buitenzorg, malayisch Bogor, liegt grade südlich von Batavia und ist die +gewöhnliche Residenz des General-Guvernörs. Sein glänzender Palast ist +von einem schönen Park umgeben, an welchen sich der, allen Botanikern +wenigstens dem Rufe nach, so wohlbekannte Garten anschliesst. Er nimmt +die schmalste Stelle eines flachen Rückens ein, dessen Ostseite steil +gegen das Flüsschen Tjiliwung abfällt, während die Westseite in sanften +Wellen in ein reich bebautes, von dem Tjidani in vielen Windungen +durchflossenes Thal übergeht. Im Süden, jenseits des Wassers, begrenzen +den Horizont rechts der Salak, links der Pangerango in schönen Linien, +wie sie nur Vulkanen eigen sind.[53] Mehr noch als durch seine schöne +Lage, zeichnet sich der Garten durch seine Pflanzenschätze aus, unter +denen wohl jetzt schon alle bemerkenswertheren Nutz- und Zierpflanzen +des Archipels vertreten sind. Besonders reich ist die Sammlung der +ersteren. Fast alle von der holländischen Regierung in ihre Kolonie neu +eingeführten Kulturpflanzen haben hier ihre erste Station gemacht, und +mancher Baum, dessen zahlreich verbreitete Nachkommenschaft jetzt +wichtige Produkte liefert, steht hier noch als Stammvater seines +Geschlechts und kulturgeschichtliches Denkmal. + +Von besonderem Interesse, als etwas Neues, war damals eine +Vanillepflanzung (Vanilla planifolia), die mehrere lange Spaliere +bekleidete und eine bedeutende Ernte versprach. Die Vanille war zwar +schon lange in Java eingeführt, trug aber keine Früchte, weil das Insekt +fehlte, das in Amerika die Befruchtung vollzieht. Herr Teysmann, der +„Hortulanus”, war der erste, der die künstliche Befruchtung bei dieser +Kultur anwandte, und durch reichlichen Ertrag belohnt wurde. Bei weitem +die grösste Sehenswürdigkeit war aber eine blühende Rafflesia Arnoldii, +eine der ersten, die in Java geblüht haben, da die Einführung aus +Sumatra erst vor Kurzem geglückt war. Diese merkwürdige Pflanze, eines +der grössten Wunder der Pflanzenwelt, besteht nur aus einer prächtigen +Blume von 3 - 3-1/2 Fuss Durchmesser und schmarotzt ohne Stiel und +Blätter pilzartig auf dem Stamm oder der Wurzel einer grossen Liane +(Cissus scariosa oder serrulata). Das Verdienst, sie aus Sumatra +eingeführt zu haben, gebührt ebenfalls Herrn Teysmann, aber der Ruhm, +sie in Europa zur Entfaltung zu bringen, was bei den heut vorhandenen +Mitteln und bei ernstem Willen wohl sicher gelingen müsste, ist noch zu +erlangen. + +Während meines hiesigen Aufenthalts brachte eine Stafette von Junghuhn +auf Lembang ein kleines in feuchte Baumwolle verpacktes Pflänzchen, das +trotz der nächtlichen Stunde sogleich dem General-Guvernör übergeben +wurde und grosse Freude erregte. Es war der erste auf Java selbst +gepflückte Same einer Cinchona, der ~gekeimt~ hatte. + +Erst in den fieberreichen tropischen Ländern lernt man den Segen des +Chinins gehörig würdigen. Der Verbrauch dieses köstlichen Heilmittels +würde noch viel grösser sein, wenn der hohe Preis es nicht Vielen +unerreichbar machte. In den südamerikanischen Wäldern haben zwar nicht +die Chinarinden im Allgemeinen, wohl aber die chininreichen +Calisaya-Rinden in Besorgniss erregender Weise abgenommen[54]. Die +holländische Regierung hatte daher lange beabsichtigt diese Bäume in +ihre Kolonien einzuführen, aber erst 1852 gelang dies dem +General-Guvernör Herrn Pahud zur Zeit als er Kolonialminister war. Die +durch Herrn Hasskarl aus Peru geholten Samen wurden theils in Java, +theils in verschiedenen botanischen Gärten in Holland ausgesäet, von +ersteren gingen unverhältnissmässig wenige auf; aber auch als die +Sämlinge von Holland in Java eintrafen, schien der Erfolg des +Unternehmens nicht gesichert; es wurde bezweifelt, ob man Bäumen, die +eine so beschränkte lokale Verbreitung haben, dass sie nie ausserhalb +ihrer eigenthümlichen Bezirke angetroffen werden, in Java das zu ihrem +Gedeihen erforderliche klimatische Medium verschaffen könnte. Die ersten +Versuche waren nicht ermuthigend, die meisten Pflanzen gingen aus; als +endlich einige blühten, fielen die Blüthen fast alle ab, ohne Samen +anzusetzen, und als man schliesslich reife Samen erhielt, wurde ihre +Keimfähigkeit bezweifelt. Durch die Ankunft des jungen Pflänzchens, dem +am folgenden Tage im Buitenzorger Garten ein Ehrenplatz angewiesen +wurde, schien die Akklimatisation dieser wichtigen Pflanzen, von denen +später noch ausführlicher die Rede ist, gesichert. + +Von Seiten des General-Guvernörs fand ich eine überaus entgegenkommende +Aufnahme; auch hatte ich das Glück seine liebenswürdige Familie kennen +zu lernen. Durch die Güte meiner Freunde in der Berliner Akademie +musste ich ihm wohl sehr angelegentlich empfohlen sein; denn er bot mir +sogar den kostenfreien Gebrauch der Regierungspostpferde an, eine +Gunst, die sonst nur hohen, in Angelegenheiten der Regierung reisenden +Beamten zu Theil wird. Alle meine Einwendungen gegen eine so +ausserordentliche Begünstigung und meine Versicherung, dass ich nur zu +meiner Belehrung und zu meinem Vergnügen reise, wurden den amtlichen +Empfehlungsdokumenten gegenüber für Aeusserungen der Bescheidenheit +aufgenommen. Als ich am folgenden Abend aus dem Palast nach Hause kam, +fand ich nicht nur den Befehl, mir auf meiner Reise durch Java die +Regierungspostpferde unentgeltlich zur Verfügung zu stellen, sondern +auch einen Empfehlungsbrief an alle Beamte in Java und den andern +holländischen Besitzungen. Wie sehr ich auch von einem so unverdienten +Wohlwollen überrascht war, so ahnte ich doch nicht, dass das +Empfehlungsschreiben des General-Guvernörs ein Talisman war, der den +glücklichen Besitzer für die Dauer seines Aufenthalts in Java in eine +Art von Prinzen verwandelt, wie es sonst nur im Mährchen geschieht. + +Einige Tage später trat ich auf einem bescheidenen Pony meine Reise an, +da ich mich nicht für berechtigt hielt, wie ein hoher Beamter zu reisen. +Ein junger Mann, der Land und Leute genau zu kennen behauptete, schloss +sich mir an, er war sehr zuvorkommend, hatte, während ich in Buitenzorg +Ausflüge machte, meine Sachen gepackt und expedirt und begleitete mich +auf der ersten Tagereise. Unterwegs sprach er mehreremal den Wunsch aus, +dass ich ein gutes Wort für ihn bei den „Herren Residenten” einlegen +möchte, da ihm dies von grossem Nutzen sein könnte. Dies war die erste +Wirkung meines Talisman, ich war plötzlich in einen grossen Herrn +verwandelt, um dessen Gunst man sich bewarb. Das Ziel meiner Reise war +Lembang, wo Junghuhn, der Verfasser des vortrefflichen Werkes über Java, +seinen Wohnsitz aufgeschlagen hatte. + +Von Batavia bis Bogor führt die Strasse fast genau nach Süd bis an den +Fuss des ~Gunong Salak~, der sich zu 6760' erhebt, dann läuft sie an +seinem Nordostrand entlang bis Gadok, wo ein Sanatarium unter Leitung +eines deutschen Arztes, des auch in Europa wohlbekannten Ornithologen +Dr. Bernstein besteht.[55] Bis Gadok hat man den Salak immer zur +Rechten, der ganze untere Theil seines Abhanges ist durch Menschenhand +in breite Terrassen gegliedert, die sich wie eine Riesentreppe bis zu +2000 Fuss Höhe hinaufziehen; es sind die ~Sawas~, Reisfelder mit +erhöhten Rändern, in denen das Gebirgswasser, bevor es die Tiefe +erreicht, gezwungen wird einen ausserordentlich vergrösserten +Flächenraum zu bewässern und dadurch für den Reisbau nutzbar zu machen. +Der Salak erscheint von hier wie eine enorme Pyramide auf einem Unterbau +von Sawas. Von der oberen Grenze der Reisfelder bis zum Gipfel ist alles +mit dichtem Wald bedeckt. Die terrassenförmigen Sawas (sawa darat) +scheinen den Berglandschaften Java's eigenthümlich zu sein; in der +grossen nördlichen Alluvialebene und auf den zentralen Tafelländern wird +der Reis in flachen mit kleinen Dämmen umgebenen Feldern (sawa dalam) +gebaut, wie in vielen andern Reisländern; sie unterscheiden sich, aus +der Ferne gesehen, vielleicht nur durch das lebhaftere Grün von unseren +Kornfeldern. In Java werden aber auch die Abhänge der Berge zum Reisbau +benutzt, indem man sie bis zu grosser Höhe mit künstlichen Teichen +umgiebt, die wie die Bänke eines Amphitheaters hinter einander +aufsteigen. Sie folgen den Konturen der Berge und bringen dadurch etwas +Architektur in die Landschaft, ein Element das sonst in tropischen +Bildern fast immer fehlt, wo das Wirken des Menschen so winzig und das +der Natur so gewaltig ist. Der Boden eines jeden dieser Teiche ist +völlig eben und an der Aussenseite von einem etwa fusshohen Damm +eingefasst, der an mehreren Stellen kleine Einschnitte hat, durch welche +das Wasser in unzähligen in der Sonne glitzernden Streifen aus den +höheren Becken in die tieferen fliesst, wodurch zugleich das Stagniren +verhindert wird. Die Art den Boden dieser Becken zu ebnen ist sehr +zweckentsprechend: die nach dem Berg zu schräg ansteigende Erde wird mit +spitzen Stöcken aufgelockert, dann lässt man den Teich bis an den Rand +voll Wasser strömen, die lockere Erde wird zu Schlamm, der sich allmälig +absetzt und einen völlig ebenen Boden bildet. Das Berieselungswasser +wird entweder unmittelbar von höher liegenden Rinnsalen, oder von +seitlich oft ziemlich fern gelegenen Bächen durch künstliche Kanäle +(Solokan) auf die Sawas geleitet. Das Wasser führt alljährlich neues +fruchtbares Erdreich aus dem Gebirge zu, eine andere Düngung erhalten +die Sawas nicht, von denen manche Jahrhunderte lang in ununterbrochener +Reihenfolge Ernten liefern sollen. + +In der Broschüre Het Rijst[56] ist ein Reisbau-Kalender angeführt, nach +welchem der Javane das Jahr in zwölf sehr ungleiche, den verschiedenen +Phasen des Reisbaus entsprechende Zeiträume theilt. Danach findet das +Verpflanzen der bereits fusshohen, 40-50 Tage alten, in besonderen +Beeten gezogenen Sämlinge im März, die Erndte im Juli statt. Da aber in +Java die Jahreszeiten nur in Bezug auf die Regenmenge wesentlich von +einander abweichen, so sind künstlich bewässerte Sawas von der +Jahreszeit fast unabhängig. Daher finden an verschiedenen Orten fast +alle auf den Reisbau bezüglichen Verrichtungen gleichzeitig +nebeneinander statt; namentlich empfängt der Reisende den Eindruck, als +wären die einzelnen Verrichtungen an keine bestimmte Jahreszeit +gebunden, da er bald auf grüne, bald auf gelbe Reisfelder blickt, heute +pflanzen, morgen ernten sieht. Sawas haben deshalb einen vielfach (nach +Crawfurd 5 bis 10fach) höheren Werth als Land, das nicht zu bewässern +ist. Ausser in Sawas wird in Java auch Reis (Bergreis) in Gagas und +Tegals gebaut. Gagas sind neue Lichtungen, in denen die Bäume nur +theilweis gefällt und verbrannt sind. Man stösst an den geeigneten +Stellen mittelst eines spitzen Stockes Löcher in den Boden, in welche +man je einige Reiskörner wirft und erhält so ohne alle weitere +Vorarbeiten nach 4 bis 5 Monaten eine mässige Ernte. Durch weiteres +Aufräumen und Verbrennen der Baumstämme und Urbarmachen des Bodens +verwandelt man die Gaga in ein Tegal oder Tipar auf dem regelmässig +Bergreis gebaut wird, oder in eine Sawa falls die Stelle fortdauernd +bewässert werden kann. Gagas sind daher der Anfang aller Reiskultur. Die +roheren Völker des Archipels haben es kaum bis zu den Gagas gebracht. +Von allen Inseln des Archipels hat in Java der Reisbau die höchste Stufe +der Vollkommenheit erreicht. Noch jetzt erzeugen nur die fruchtbarsten, +zivilisirtesten Inseln -- Java, Bali, Lombok und einige der Philippinen +-- mehr Reis, als sie verzehren. Auf den Molukken fehlt der Reisbau +ganz; in Borneo, Celebes, Sumatra und manchen der Philippinen ist er +noch äusserst unvollkommen und in demselben Verhältniss stehen auch die +Bewohner auf einer tieferen Kulturstufe. Einige bauen Bergreis, doch +selten in ausreichender Menge und ersetzen den Ausfall durch bequemer zu +erlangende aber noch stickstoffärmere Nahrungsmittel, besonders +Knollengewächse und Früchte und Mark von Palmen. + +Bei der Reis-Ernte, die auf trockenem Felde stattfindet, da das Wasser +schon Wochen vorher abgelassen worden, wird jeder Halm einzeln +geschnitten; es wäre ein Frevel eine so köstliche Gabe Gottes weniger +rücksichtsvoll zu behandeln. (Eine ähnliche abergläubische Verehrung hat +sich in Deutschland in Bezug auf „das liebe Brod” erhalten, während es +nicht gerade für sündlich gilt bessere und theurere Nahrungsmittel zu +vergeuden.) Der grösste Theil des Halms bleibt auf dem Felde stehen, man +lässt nur einen kurzen Stiel an der Aehre. Bei einer so zeitraubenden +Art zu ernten ist es nöthig, die ganze Bevölkerung des Dorfs, alt und +jung aufzubieten. Der Schnitterlohn ist hoch, er beträgt 1/5 bis 1/10 +der Ernte. So empfängt jeder einen Antheil auch wer kein Feld besitzt. + +Trotz seiner grossen Fruchtbarkeit erzeugt Java nach dem Verfasser von +„Het Rijst” nicht hinreichend Reis, um seine Bevölkerung angemessen zu +ernähren. Ein grosser Theil, fast 1/10 geht durch die fehlerhafte Art +des Enthülsens mittelst Stampfens in Holzmörsern verloren, wobei sehr +viel Körner zerbrochen, die Bruchstücke zermalmt und beim Waschen +fortgeführt werden. Die Hauptursachen des Uebels findet er aber in dem +gemeinschaftlichen Grundbesitz der Dorfbewohner, im „Kultursystem” und +in dem Ausschliessen der europäischen Privatindustrie: drei grosse +Uebelstände, und als solche von allen liberalen Beamten anerkannt, aber +schwer zu beseitigen, da mit ihnen das ganze jetzt herrschende System +fallen würde. Da noch oft vom „Kulturssytem” die Rede sein wird, so +dürfte gleich hier eine kurze Beschreibung desselben am Platz sein. + +Nach einer kleinen Schrift des ehemaligen General-Guvernörs Duymaer van +Twist, betitelt „Artikel 56” war die Grundlage des vom General van den +Bosch eingeführten Kultursystems: Ein Dorf, welches den fünften Theil +seiner Reisfelder zum Bau von Produkten für den europäischen Markt +hergab, die nicht mehr Arbeit erforderten als der Reisbau, sollte von +der Grundsteuer befreit sein. Der durch Taxe festzustellende Mehrwerth +des Produkts über die schuldige Grundsteuer sollte einem solchen Dorf zu +gut kommen; die Missernten sollten für Rechnung der Regierung sein, in +sofern sie nicht durch Mangel an Eifer und Fleiss seitens der Javanen +veranlasst waren. Die Bestellung von einem Fünftel des Bodens mit +Gewächsen für den europäischen Markt befreite den Javanen von der +schuldigen Grundsteuer und der Bauer war seinen Verpflichtungen +nachgekommen, wenn er das Gewächs bis zur Reife gebracht hatte; die +Arbeit in der Fabrik sollte so viel als möglich durch freie Arbeiter +verrichtet werden, v. d. Bosch betrachtete sein System nur als ein +Mittel, um die nach dem belgischen Krieg (1830) grosse Finanznoth seines +Vaterlandes zu lindern, indem er den Anbau von Kolonialprodukten in Java +durch künstliche Mittel ausserordentlich schnell ausbreitete, viel +schneller als er sich spontan unter völliger Freiheit, besonders zu +einer Zeit entwickelt haben würde, wo der Unternehmungsgeist viel +geringer war als gegenwärtig. Aus seinen Schriften geht hervor, dass er +seine geniale Schöpfung nur als eine Uebergangsstufe zur Privatindustrie +mit freier Arbeit betrachtete; und die Absicht hatte allmälig die einmal +eingerichteten Pflanzungen an Privatleute zu verpachten; -- und auch +dies sollte nur ein Uebergang zum individuellen Grundbesitz und zur +Kolonisation durch Europäer sein. Wäre das System genau nach den obigen +Grundsätzen durchgeführt worden, so hätte die inländische Bevölkerung +wohl zufrieden sein können, denn sie war gewöhnt der an die Stelle der +einheimischen Fürsten getretenen, und daher für die Besitzerin des +Bodens geltenden Regierung 1/5 ihrer Ernte und 1/5 ihrer Zeit als Abgabe +für den Niessbrauch des Bodens zu zahlen. Das ursprüngliche System wurde +aber allmälig so verändert, dass jetzt noch, nach Duymaer van Twist, +die Regierung einfach den Inländern den Boden fortnimmt den sie zur +Erzielung von Produkten für den europäischen Markt bedarf, und die +ansässige Bevölkerung zwingt, gegen einen von ihr festgesetzten +Lohn denselben nach ihren Anordnung zu bebauen. Bei einigen +Kulturgegenständen die grössere Sorgfalt in der Bereitung erfordern, +nimmt sie die Vermittelung europäischer Privatleute zu Hülfe, denen sie +zum Theil Kapital zinsfrei vorschiesst, Frohnarbeiter stellt u. s. w. + +Eine natürliche Folge des Kultursystems war, dass alle Privatindustrie +wegen der Konkurrenz, die sie dem Regierungsmonopol gemacht haben +würde, in der Regel nicht gestattet war, und wo sie ausnahmsweise +gestattet wurde, meist nur unter Beschränkungen aller Art und +eifersüchtiger Kontrolle der Regierungsbeamten, die mit grosser +diskretionärer Gewalt bekleidet, nicht gern unabhängige Europäer neben +sich duldeten. -- Ein so grossartiges und konsequent durchgeführtes +Monopolsystem hat wohl noch nie und nirgends bestanden; um so glänzender +ist der Triumph der Freihandelsprinzipien, wenn auch seine praktischen +Folgen bisher noch gering waren; denn es hat sich die Thatsache ergeben, +dass das System, „das einst bestimmt schien, ganz Java in ein grosses +Kulturland zu verwandeln, in dem die ganze Bevölkerung für Rechnung der +Regierung gewinnbringende Produkte für den europäischen baute (D. v. +T.)”, auf die Erzeugung der meisten derselben nicht mehr Anwendung +findet, weil es nicht lohnend war, dieselben mit Frohnarbeit auf von der +Bevölkerung urbar gemachtem Boden selbst unter Aufsicht ebenso fähiger +und eifriger als rechtlicher Beamten zu bauen; während gleichzeitig +Privatleute, in so weit ihnen überhaupt der Landbau gestattet war, auf +gepachtetem Boden mit nach dem Marktpreis bezahlter Arbeit in denselben +Zweigen des Ackerbaues, welche sich die Regierung aufzugeben veranlasst +sah, glänzende Ergebnisse erzielten. Die Zuckerfabrikanten, die in Folge +ihrer Kontrakte Anspruch auf sehr billige Zwangsarbeit hatten, +verzichteten in manchen Fällen darauf, weil sie freie Arbeit billiger +fanden. Ja die Regierung selbst fand es zuweilen vortheilhaft, diesen +Weg einzuschlagen: bei den Wasserbauten in Surabaya kosteten die +Erdarbeiten 1 fl. 50 d. per Kubikmeter, bei Zwangsarbeit zu 20 d. +Tagelohn, und als man freiwillige Arbeiter zu 30 d. Tagelohn annahm, +0,60 d.; 2 freiwillige Arbeiter leisteten also so viel als 7,5 +Zwangsarbeiter (Tijdsch. v. Nederl. Indie 1858, II. 294). Gegenwärtig +liegt den holländischen Kammern ein Gesetzentwurf vor, wonach alle +Regierungskulturen, mit Ausnahme jedoch des Kaffeebaues, aufgegeben +werden sollen. -- + +[Illustration: WARONGS. JAVA.] + +Hinter Gadok wird die Gegend immer schöner: einzelne Gruppen +Fruchtbäume, von Palmen überragt, erheben sich aus den Reisfeldern und +verbergen unter ihrem Laubdach die Desas (Dörfchen), deren aus Bambus +zierlich geflochtene Hütten zwischen einem Wohnhaus und einem Korbe die +Mitte halten. Jetzt hatten wir das Gedehgebirge, dessen höchster Gipfel +9326' erreicht, gerade vor uns. Es begann zu regnen, wir suchten Schutz +in einem ~Warong~; so heissen die Garküchen unter Bambusschuppen, welche +man auf allen Landstrassen Javas findet. Die in ihnen feilgebotenen +Speisen sind schmackhaft, mannichfaltig und unglaublich billig. Die +Zeche mancher Gäste beträgt nicht über 1 bis 2 Deuten, deren 160 erst +einen Gulden ausmachen. Arecanüsse, Betelpfeffer und Tabak fehlen nie im +Warong. An Speisen findet man namentlich Reis in den verschiedensten +Zubereitungen, getrocknete Fische und Ding-ding d. h. Fleisch von Hirsch +oder Büffel, das entfettet, in äusserst dünne Scheiben quer gegen die +Muskelfaser geschnitten, mit Salz und Pfeffer bestreut, an der Sonne +getrocknet und wie Zwieback gegessen wird; ferner Sambals, sehr pikante, +stark gepfefferte Salate. Ausser Thee und Palmensyrup sind zur +Erfrischung häufig Kokosnüsse, Bananen, Oranien u. s. w. vorhanden. +Ein eigenthümliches Gericht bestand aus 1/2 Zoll dicken Kuchen von +Erdnüssen, katjang-tana, (Arachis hypogaea), auf denen ein zollhoher +oranienrother Schimmel wuchs. Die Erdnüsse werden zur Grösse von Gries +zermahlen und die daraus gebackenen Kuchen wie die Roquefortkäse so +lange in dunkeln, feuchten Räumen aufbewahrt, bis sich der Schimmel +gebildet hat, der ihnen erst den so geschätzten Geschmack giebt.[57] + +Um die Warongs entfaltet sich fast immer ein buntes Volksleben. Da +erholen sich die müden Lastträger unter dem Schatten eines breiten +Waringibaumes und tauschen mit den Nachbarn Neuigkeiten aus. Eine +besonders willkommene Staffage nach dem langen Aufenthalt in Singapore +waren die vielen Frauen. Sie tragen ihre kleinen nackten Kinder +rittlings auf der linken Hüfte, unterstützt durch ein über die +entgegengesetzte Schulter geschlungenes Tuch, Slendang; bei längeren +Märschen hüllen sie dieselben in ein Stück Zeug, das sie tornisterartig +auf den Rücken binden, so dass nur Kopf, Arm und Beine herausragen, wie +die Glieder einer Schildkröte aus ihrer Schale; naht ein Fremder, so +zieht das Kleine auch gleich sein Köpfchen unter das Tuch zurück. Die +ärmeren Weiber tragen hier gewöhnlich kein anderes Kleidungsstück als +einen einfachen Sarong, der entweder unmittelbar über oder unter der +Brust zusammengebunden wird und von da herabhängt. -- Starke Brüste +werden hier nicht geschätzt. Im Gegensatz zur europäischen Kleidung ist +die malayische mehr auf das Beseitigen als das Hervorheben derselben +berechnet. + +[Illustration: PANGERANGO VOM MEGAMENDONG. JAVA.] + +Hinter Levimalam gelangt man an den Fuss des Megamendong, der die Grenze +zwischen der Residentschaft Buitenzorg und den Preanger Landen bildet. +Die Strasse überschreitet ihn mit Verschmähung fast aller Zickzacklinien +auf einem Pass von 4620 Fuss. Daher ist dies Joch für Lastwagen nicht +übersteigbar; leichte Postchaisen gebrauchen einen Vorspann von 6 +Büffeln; der Güter-Transport geschieht durch Lastträger, und wird +dadurch so vertheuert, dass er sich auf unentbehrliche Gegenstände +beschränken muss. Nur auf grossem Umwege und nicht zu allen Jahreszeiten +können die reichen Erzeugnisse des Ackerbaues aus den Preanger Landen +Batavia erreichen. Auf schwierigen Gebirgswegen werden sie in +Büffelkarren nach Tjikao, an die Grenze der grossen nördlichen Ebene, +geschafft, und setzen von dort auf dem durch Aufnahme mehrerer Bäche für +Prauen schiffbar gewordenen Tjitarum in einem grossen Bogen und vielen +Windungen die Reise bis ins Meer, und dann zur See nach Batavia fort. +Da die Transportmittel so unvollkommen und der Boden in den Preanger +Regentschaften sehr fruchtbar ist, so sind dort alle Lebensbedürfnisse +sehr billig; der Pikul Reis kostet selten mehr als 1-1/2 bis 2 fl.; es +herrscht keine sichtbare Noth, aber auch kein Wohlstand, und grosse +Einfachheit der Sitten.[58] Ein schmaler kühler Waldweg führt nach +einem nahe gelegenen kleinen See, Telaga-warna, einem alten +Kraterbecken. Die steilen Wände sind mit dichtem Wald bekleidet, +zwischen den Hochstämmen viele Baumfarne, wilde Musen und Scitamineen. +Die alten Bäume sind mit kletternden Farnen, Moosen und blühenden +Orchideen bedeckt. Das Wasser ist spiegelglatt, nicht ein Laut ertönt, +um das Gefühl der Waldeinsamkeit zu stören. Die Strasse steigt an der +Südostseite des Jochs hinab: tiefe Schluchten erlauben häufig einen +Einblick in die Struktur des Berges. Es wurde dunkel, bevor wir +~Tjipanas~ erreichten, nach einer heissen Quelle benannt, die hier in +3390 Fuss Höhe am nördlichen Abhang des ~Pangerango~ oder Gedeh-Gebirges +hervorbricht. Hier steht ein einfaches Landhaus mit einem grossen Garten +für den General-Guvernör, der zwar nur selten Zeit hat, die Besitzung zu +besuchen; der Garten liefert ihm aber in dieser Meereshöhe unter Leitung +eines europäischen Gärtners eine solche Fülle der feinsten europäischen +Gemüse für die Tafel, dass immer noch sehr viel für etwa Durchreisende +übrig bleibt, die das Glück haben, in der Wohnung des Gärtners Aufnahme +zu finden. Heute gelang es nicht. Wir ritten nach dem einen Paal weiter +entfernten Padjit, wo ein ~Pasanggrahan~ steht, d. h. ein geräumiges +Haus mit Nebengebäuden zur Aufnahme der im Dienste der Regierung +reisenden Beamten. In allen grösseren Orten giebt es Gasthäuser, in +denen nicht mehr als 5 Gulden für den Tag und die Person gefordert +werden darf. An solchen Orten, wo die Frequenz der Reisenden zu gering +ist, um die Kosten zu decken, macht die Regierung die nöthigen +Zuschüsse; an weniger besuchten Orten, besonders in den +Kaffeedistrikten, sind für die kontrolirenden Beamten Pasanggrahans +angelegt. Hier traf ich einen mir schon dem Namen nach bekannten +deutschen Arzt, der mir für den folgenden Tag einen Platz in seinem +Wagen zur Reise nach Tjandjur und Bandong anbot, was dankbar angenommen +wurde. + +Am folgenden Morgen fuhr ich mit meinem neuen Bekannten, welcher +„Officier van Gezondheid” für die Preanger Regentschaften war, vor +Tagesanbruch in offenem Wagen vierspännig und von drei Vorreitern +begleitet weiter. In Folge des Geräusches, das ein über den Wagen als +Sonnendach ausgespanntes Zinkblech verursachte, wurden die Pferde so +unlenksam, dass wir, um Zeit zu gewinnen zwei davon ausspannten und +zurücksandten. Das Mittel hatte den gewünschten Erfolg. Tjandjur war +bald erreicht, wir stiegen im Bungalow des Doktors ab. Während des +Frühstücks vertrieben uns zwei zahme Hirsche und zwei Affen die Zeit. +Einer der letzteren, ein behender Hylobat, war äusserst drollig und +unerschöpflich in Neckereien gegen einen Lotong (Semnopithecus maurus), +dem er an Gewandheit sehr überlegen war. + +Tjandjur ist die Hauptstadt der Preanger Regentschaften, welche die +grösste Provinz Java's bilden und an interessanten geologischen, +namentlich vulkanischen Erscheinungen, malerischer Schönheit und +schnellem Wechsel zwischen hochkultivirten Ländereien und wilden +Gebirgs- und Waldlandschaften von keiner Provinz übertroffen werden. Das +ausserordentlich sanfte, liebenswürdige, einfache, biedere Wesen der +Bewohner verleiht ihr noch einen ganz besonderen Reiz. Das Verbot des +Opiums in dieser Provinz und die Ausschliessung der Chinesen -- nur +einige sind in den Hauptorten unter der unmittelbaren Aufsicht der +europäischen Beamten zugelassen -- tragen gewiss wesentlich dazu bei die +Sitteneinfachheit aufrecht zu erhalten. Die Provinz fiel den Holländern +nicht durch Eroberung, sondern durch Verträge mit den einheimischen +Fürsten zu. Als eine Folge davon haben die von ihnen abstammenden +Regenten eine etwas unabhängigere Stellung als die in den andern +Provinzen, und da sie meistens auch grosse Einkünfte beziehen, so +führen sie einen glänzenden Hofstaat, der viele interessante +Eigenthümlichkeiten darbietet. Die Bewohner dieser Provinz und des +ganzen westlichen Theils von Java sind Sundanesen und haben ihre eigene +Sprache. Im östlichen Java wird javanisch gesprochen, an den Küsten +malayisch, welches aber auch im Innern so verbreitet ist, dass der +Reisende damit ausreicht. Wir machten dem Residenten und übrigen Beamten +unsern Besuch. Nachmittags sollte die Umgegend besichtigt werden, was +aber wegen heftigen Regens auf den folgenden Tag verschoben wurde. + +15. Juli. Morgens 4 Uhr erschien zur Spazierfahrt ein vom Regenten +gesandter schöner vierspänniger Wagen mit zwei Livréebedienten vor +unserer Thür. Nachmittags machten wir, von mehreren holländischen +Beamten begleitet, einen Ritt durch Stadt und Umgegend. Die Häuser der +Europäer sind von Stein, einstöckig, geräumig, meist mit einer +Säulenhalle versehen, das Erdgeschoss ist nur wenige Fuss über dem Boden +erhaben, schöne Gärten umgeben sie. In den von den Eingebornen bewohnten +Stadttheilen herrscht nicht nur grosse Sauberkeit, auch Zierlichkeit +macht sich überall bemerkbar. Die Wände der Häuschen aus gespaltenen, +plattgedrückten, theils weissen, theils schwarz gefärbten Bambusen sind +nach hübschen Mustern geflochten. Ein gut im Stande gehaltener +Bambuszaun oder eine Hecke von blühenden Sträuchern fasst jedes Gehöft +ein. + +Die Eingebornen, Männer und Weiber, kauern ehrerbietig nieder, nehmen +den Hut ab und verhüllen ihr Gesicht, sobald der Zug naht. Als wir +vorgestern von Buitenzorg heraufritten, wichen uns die schwerbeladenen +Kulis aus, verliessen den schmalen glattgetretenen Pfad und gingen auf +dem kleinen vulkanischen Gerölle, womit die Strasse beschüttet ist bis +sie an uns vorüber waren. Wenn einige es nicht gleich von selbst thaten, +so verfehlte mein Reisegefährte nicht, ihnen gebieterisch „~pinggir~” +(auf die Seite) entgegenzurufen. Auch schwer beladene Wagen wichen uns +aus. + +16. Juli, 5 Uhr früh von Tjandjur abgefahren. Die Strasse nach Bandong +ist sehr bergig; wo es steil bergauf geht, werden drei Gespann Büffel +vorgelegt. Ueber den Tjitarum setzten wir in einer Fähre; der +diesseitige Bergabhang war so steil, dass die Pferde ausgespannt werden +mussten, der Wagen rollte durch seine eigene Schwere abwärts. Vier und +vierzig Menschen, die uns hier erwartet hatten, hemmten ihn vermittels +eines langen aus Büffelfell geflochtenen Strickes. Es ging sehr laut +dabei zu; den meisten Lärm machten natürlich die kleinen Jungen, die +unaufhörlich kommandirten. Um 10 Uhr Vormittags erreichten wir Bandong, +wo ich in dem gastlichen Hause des Assistent-Residenten die +liebenswürdigste Aufnahme fand. Nachmittags wurde ein geognostisch +interessanter und landschaftlich schöner Wasserfall besucht. + +Bandong liegt im westlichen Theile der grossen nach ihm benannten, rings +von vulkanischen Gebirgen eingeschlossenen 2100-2200 Fuss hohen Ebene, +einem der schönsten Gebiete dieser schönen Insel. Der fruchtbare +vulkanische Tuff, aus dem der Boden besteht, von den umgebenden +Waldbergen reichlich mit Wasser versehen, welches der Fleiss der +Bewohner in unzählige Rinnen verbreitet hat, liefert jährlich zwei +Reisernten. Hier herrscht ein ewiger Frühling. Am nächsten Morgen ritt +ich zu Junghuhn hinauf, der 1400' höher in Lembang am Fuss des +Tankubang-prau noch kühler, aber auch feuchter wohnte. Ein Brief von +Humboldt verschaffte mir sogleich die herzlichste Aufnahme in dieser +sonst nur Wenigen zugänglichen Einsiedelei.[59] Die Thätigkeit des +berühmten Naturforschers war jetzt fast ausschliesslich auf die +Vermehrung und Akklimatisation der Cinchonapflanzen gerichtet. +Hier erneuerte ich auch die Bekanntschaft mit Dr. de Vrij, der als +Regierungschemiker sein Laboratorium in Bandong hatte und namentlich mit +der Bestimmung der Alkaloide der neu eingeführten Cinchonen und mit der +Untersuchung und Ermittelung der den Kulturpflanzen günstigsten +Bodenarten beauftragt war. + + + + +Zweites Kapitel. + + Reise nach Trogon. -- Strassen. -- Waringibäume. -- Bogenschiessen. + -- Religion der Javanen. -- Vulkan Guntur. -- Erdtransport durch + Wasser. -- Solfataren. -- Theebau. -- Vulkan Papandayan. -- Telaga + bodas. -- Kaffeebau. -- Schattenspiel. -- Hirschjagd. -- Malayische + Küche. -- Tänzerinnen in Sumedang. -- Gamelang-Musik. + + +Da der gefällige Arzt, der seit Padjet seinen Wagen mit mir getheilt, +grade eine Dienstreise nach Garut vor hatte und mir anbot ihn zu +begleiten, so arbeitete Junghuhn für mich einen Reiseplan aus, der sich +möglichst an jene Reise anschloss und mir Gelegenheit gab, einige +interessante geognostische Excursionen zu machen. Nachmittags kehrten +wir nach Bandong zurück. + +Unterwegs gingen vor uns einige Frauen mit Sonnenschirmen. Als der uns +begleitende Amtsdiener sie gewahrte, rief er „payong!” (Schirm), worauf +sie alsbald die Schirme zumachten und in voller Sonne an der Seite des +Weges niederkauerten, indem sie ihr Gesicht abwandten. Die Frauen +begnügen sich nämlich nicht, wie die Männer mit dem Niederkauern, +sondern wenden als einen gesteigerten Ausdruck der Unterwürfigkeit den +Europäern den Rücken zu. Die kleinen Jungen machen es wie ihre Mütter +und nehmen aus Ehrerbietung eine Stellung an, die, da sie keine Hosen +tragen in Europa eher für den Ausdruck des Gegentheils gelten würde. + +Abends war in Bandong „Receptie”, wobei mir, wie später noch oft bei +ähnlichen Gelegenheiten, das elegante Französisch auffiel, welches in +den gebildeten Kreisen sehr allgemein zu sein scheint. Deutsch verstehen +auch die Meisten, englisch nur sehr Wenige. Auch sind die Engländer +wenig beliebt, das Volk nennt sie eine „Natie (spr. nazie) van +Zeeroovers”, doch scheint trotzdem eine grosse gegenseitige Hochachtung +zu bestehen, wie sie sich wohl bei so langer zäher Nebenbuhlerschaft +entwickeln musste. + +18. Juli. Der Blitz hat die Brücke über den Tjigaro zerstört; eine +Depesche meldet, dass sie vor eilf nicht hergestellt sein kann; so +fahren wir denn erst um 9 Uhr ab. Unsere Reise geht nach Trogon über die +ganze Ebene von Bandong. Links treten die sie nördlich einfassenden +Berge dicht an die Strasse, rechts breitet sich die grüne Fläche aus, +ein ungeheures Reisfeld. In dem Pasanggrahan einer jeden Distriktsstadt +stehen Erfrischungen für uns bereit: Thee, Wein, Obst und Gebäck. Der +Bedana (Distriktshäuptling) macht die Honneurs des Hauses, darf aber +nicht das Zimmer betreten ohne besondere Einladung der Reisenden und +darf sich nur setzen, wenn ihm ein Stuhl angeboten wird; sein Gefolge +kauert am Boden. + +Durch das ganze Land führen schöne fahrbare Strassen, deren erste Anlage +man dem Marschal Daendels verdankt, der 1808-11, als Holland eine +französische Provinz war, hier schaltete. Sein Gedächtniss wird noch +lange in Java fortleben wegen der Energie, Willkür und Grausamkeit, die +ihn auszeichneten. Die Javanen nennen ihn tuwan- (Herr) besar- (gross) +guntur (Donner).[60] Die Flüsse werden theils auf Fähren, theils auf +Brücken überschritten. Letztere sind auf belebten Strassen aus Holz und +überdacht, gewöhnlich aber aus Bambus und, wenn auch nicht sehr +dauerhaft, doch schnell wiederherzustellen. Reist ein hoher Beamter in +wenig besuchten Gegenden, so sind oft Tage vorher hunderte von Menschen +thätig, um Wege durch den Wald zu bahnen und Brücken zu schlagen. Ausser +der Art wie ein König zu reisen kann man nur noch zu Fuss oder zu Pferde +fortkommen. Eilwagen und Omnibus sind mit Ausnahme einiger ganz kurzen +Strecken nicht vorhanden. + +Mittags erreichten wir Trogon, am SO. Abhang des noch thätigen Vulkanes +~Guntur~. Wir stiegen bei dem Kontrolör ab, dessen Haus am Alun-alun +liegt, einem grossen viereckigen schön gehaltenen Rasenplatz, wie ihn +jeder grössere Ort in Java besitzt. Gewöhnlich stehen auf demselben +einige Waringibäume (Ficus benjamina und F. indica), unter deren weitem +Schattendach oft ein Trupp Reiter Platz hat. Diese herrlichen Bäume +können mit ihrem dichten Laubdach einen ausserordentlich grossen Raum +überspannen. Von den horizontalen Aesten gehen Luftwurzeln aus, die wenn +sie den Boden erreichen, darin Wurzel schlagen und dann die Funktion +selbstständiger Stämme verrichten, obgleich sie immer noch mit der +Mutterpflanze zusammenhängen (vergl. S. 13 Rhizophoren); oft +verschlingen und verstricken sich viele solcher Luftwurzeln in der Nähe +ihres Ursprungs, während sie noch dünn sind und wachsen dann zu einer +einzigen sonderbar gewundenen Säule zusammen; auf dieselbe Weise bilden +sich zwischen den Säulen Bögen, die um so flacher sind, je entfernter +von einander die zu einer solchen Säule verwachsenen Luftwurzeln +entsprangen. So entstehen herrliche natürliche Tempel mit Säulengängen, +grossen und kleinen Hallen, von einer gewöhnlich sehr regelmässig +geformten flachen Laubkuppel überwölbt. Es ist kein Wunder, wenn die +Phantasie der Menschen sie überall zu Wohnungen überirdischer Wesen +erkor. Der grösste Waringibaum auf Java soll sich in Bantam befinden; +noch viel grössere kommen in Indien vor, wo sie häufig von den Brahmanen +als Tempel benutzt werden; überall werden sie in hohen Ehren +gehalten.[61] Forbes, Oriental Memoirs I 25 erzählt von einer solchen +Feige (F. microcarpa?) an den Ufern des Nerbudda: ... „Hohe Fluthen +haben zu verschiedenen Zeiten einen beträchtlichen Theil dieses +ausserordentlichen Baumes fortgerissen, aber das was noch steht hat, um +die Hauptstämme gemessen, fast 2000 Fuss Umfang. Die überhängenden +Zweige, die noch nicht Wurzel geschlagen haben, bedecken einen viel +grösseren Raum, darunter wachsen Anonen und andre Fruchtbäume. Es sind +an 350 grössere und über 3000 kleinere Stämme vorhanden; ein jeder +sendet fortwährend Aeste und herabhängende Wurzeln aus, um neue Stämme +zu bilden.... Der Häuptling von Putnah pflegte unter diesem Baum mit +grosser Pracht zu lagern; er hatte einen Empfangssaal, Speisesaal, +Gesellschaftssaal, Schlafzimmer, Bäder, Küche und alle übrigen +Räumlichkeiten, jede in einem besonderen Zelte; dennoch bedeckte dieser +herrliche Baum das Ganze zusammen mit den Wagen, Pferden, Kamelen, +Wächtern und Dienern; während seine weitreichenden Aeste schattige +Stellen boten für die Zelte seiner Freunde mit ihren Dienern und ihrem +Vieh; und es ist bekannt, dass der Baum bei dem Marsche eines Heeres +7000 Mann Obdach gewährt hat.” + +Am Alun-alun liegen fast immer die Moschee und die Häuser der ersten +inländischen Beamten. Auf einer Seite steht der Bobantjong, eine um +mehrere Stufen erhöhte Plattform, unter einem von Säulen getragenen +Ziegeldache. Auf dieser Tribüne pflegen die Regenten den Festen und +Volksversammlungen beizuwohnen, die in Folge des javanischen +Gemeinwesens periodisch auf diesen Plätzen stattfinden. Heute war die +Tribüne von einem Musikcorps eingenommen. Von Zeit zu Zeit wechselte die +wohlklingende, obgleich etwas einförmige Gamelangmusik mit einem +Sängercorps ab, das auf der andern Seite des Platzes im Schatten eines +Waringibaumes lagerte. In einiger Entfernung vor unserm Hause sassen +einige Häuptlinge behaglich auf dem Rasen, umgeben von ihren Dienern und +schossen mit Pfeil und Bogen nach einem sechzig Schritt entfernten Ziel. +Die Bogen sind kaum 3-1/2 Fuss lang und werden horizontal gehalten. +Viele schiessen gleichzeitig, so dass immer eine Menge Pfeile in der +Luft schweben, nur wenige trafen die Scheibe. Sind alle Pfeile +verschossen, so laufen kleine Jungen herbei und bringen ihren Herren die +an der verschiedenen Farbe der Federn kenntlichen Geschosse zurück. +Frauen waren bei dem Feste nicht anwesend. + +Gegen Abend besuchten wir eine drei Paal entfernte, in einer Schlucht +des Guntur gelegene warme Quelle. Sie ist rings von hohen üppig +bewachsenen Felsen umgeben; ein Riesenbaum beschattet sie so wie zwei +sehr zierliche Bambus-Tempel, in denen ein Paar fromme Eingeborne ihre +Andacht verrichteten. Die Javanen sind sehr oberflächliche Muhamedaner, +etwa so wie die Indianer der spanischen Kolonien Christen sind. Der +Islam hat bei ihnen keine tiefen Wurzeln geschlagen, neben ihm aber sind +grossartige Naturerscheinungen, die einen tiefen Eindruck auf ihr Gemüth +machen, Vulkane, warme Quellen, auch Waringibäume, Gegenstände +religiöser Verehrung. Sie glauben sie von Geistern bewohnt und bringen +ihnen Opfer. Mit wirklicher Innigkeit verehren sie auch Alterthümer aus +der Hinduzeit, besonders solche, deren Kunstwerth die Leistungen der +heutigen Javanen so unendlich übertrifft, dass sie von ihnen für die +Werke höherer Wesen gehalten werden. Von den strengen Muhamedanern +unterscheiden sie sich besonders sehr vortheilhaft durch völlige +Duldsamkeit; die Frauen gehen unverschleiert und verkehren mit den +Fremden so frei wie in Europa. + +19. Juli. Um 5 Uhr früh ritt ich von Trogon an der gestern besuchten +heissen Quelle vorbei, dann durch ein Bambuswäldchen und noch eine kurze +Strecke den Abhang des Guntur hinauf. Der eigentliche Kegel, ein grosser +Schutthaufen, kann nur zu Fuss erklommen werden. Der Doktor und der +Kontrolör begleiteten mich eine Strecke weit. Eine Schaar Reiter hatte +sich angeschlossen und eine noch grössere Menge von Begleitern zu Fuss. +Jeder wollte etwas tragen; Einer hatte die Karte, Andere die Hämmer +genommen; brauchte man etwas, so war nichts zur Hand. Das sind die +Unbequemlichkeiten der Vornehmen. + +Mit nur wenigen Begleitern erreichte ich um 9-1/2 Uhr den Gipfel, dessen +flach gewölbte Decke aus Sand und Rapilli besteht, und von einem grossen +Krater durchbohrt ist. Sehr auffallend trat hier die von Junghuhn so +deutlich hervorgehobene Erscheinung der mit dem Kraterrande +konzentrischen Risse hervor. Die dem Rande nächsten bildeten bereits +eine tiefe senkrechte Kluft, das durch sie abgetrennte Stück Bergwand +war nahe daran in den Abgrund zu stürzen. Durch solche Einstürze wird +der Krater regelmässig erweitert. Seine Wände sind oben senkrecht, +weiter unten durch die hinab stürzenden Schuttmassen trichterförmig. In +dem ganzen weiten Kessel ist nicht ein Dike[62] wahrzunehmen, und aus +der Abwesenheit derselben, die andere Vulkane wie ein Gerüst durchsetzen +und ihnen Festigkeit geben, erklärt sich die hier so prägnant +hervortretende Erscheinung des regelmässigen Einstürzens der Wände. Aus +allen Spalten, die mit der Entfernung vom Rande immer schmäler werden, +drangen heisse Wasserdämpfe mit Chlorwasserstoff hervor; ich schätzte +ihre Temperatur auf 40° R. Der Abhang hat 22 bis 24° Neigung; das +Hinabsteigen ging schnell und bequem: wir kamen auf einen Streifen losen +Gerölles, auf dem man stehend durch seine eigene Schwere hinabrutschte, +indem man allmälig tiefer darin einsank; man hatte sich dann nur wieder +oben aufzustellen, um auf dieselbe Weise ohne alle Bemühung eine grosse +Strecke weiter befördert zu werden. + +Nachmittags fuhr ich mit dem Doktor nach ~Garut~, der Residenz des +Regenten, und da dieser in Folge eines Missverständnisses nicht anwesend +war, Abends nach Trogon zurück. Unterwegs sahen wir eine sinnreiche +Verwendung der Wasserkraft, um einen Erdhügel nach einer mehrere tausend +Fuss entfernten Stelle zu schaffen. Man hatte einen in der Nähe +vorbeifliessenden Bach gegen den Hügel gelenkt, so dass er denselben +unterspülte: Büffel traten die überhängende Erde in das Wasser, welches +sie weiter führte bis zu der Stelle, wo eine kleine Mulde damit +ausgefüllt werden sollte. Dort war ein grosses Gitter von Bambus und +Reisig angebracht, welches die Erde wie in einem Sieb zurückhielt, das +Wasser durchliess. + +20. Juli. Von Trogon ritten wir über Pasir-kiamis, wo in der Nähe des +Pasanggrahans eine heisse Schwefelquelle hervorbricht, in südwestlicher +Richtung durch herrlichen Hochwald auf einem neugebahnten Pfade nach +Kawa-manuk, einer Solfatara in trachytischem Gebirge mitten im üppigsten +dichten Walde. Sie soll erst 1772 bei dem Ausbruch des Papandayan +entstanden sein. Der ganze Boden ist im Umkreis von ein paar tausend +Fuss Durchmesser durch Wasser und heisse Dämpfe unterwühlt. Stösst man +ein Loch durch das zersetzte Gestein, so brechen beide mit Gewalt +hervor. Man muss durch vorsichtiges Tasten die Stellen aufsuchen, die +noch aus hartem Gestein bestehen; denn wer durch die dünne Kruste +bräche, würde in dem heissen Schlamm seinen Tod finden. Ich sah vier +grössere Becken von 20 bis 30 Fuss Durchmesser, in welchen der dünne, +dunkelgraue Schlamm hoch aufbrodelte; zuweilen spritzte er zwei Fuss +hoch. In andern Tümpeln war das Wasser bereits verdampft und hatte eine +feingeschlämmte Thonmasse zurückgelassen. An unzähligen Stellen brachen +Wasser und Wasserdämpfe hervor. Das Wasser enthielt viel +Schwefelwasserstoff. Ausser Schwefel, der sich ziemlich reichlich in +kleinen Krystallen gebildet hatte, fanden sich nur noch Gyps und Alaun +in geringer Menge. Der Trachyt kommt in allen Stufen der Zersetzung bis +zum reinen Kaolin vor. Mitten zwischen den kochenden Schlammsprudeln und +giftigen Gasen grünten und blühten noch einige Sträucher, darunter +einige schöne rothe Rhododendren, während enorme Bäume von Laub und +Rinde entkleidet, verdorrt und gebleicht am Boden lagen und ihre Aeste +emporstreckten. Den grellsten Kontrast mit dieser Scene der Verwüstung +bildete der üppige Wald, der sie dicht umgab.[63] + +Als wir in den Pasanggrahan von Pasir-kiamis zurückkehrten, fanden wir +ein vortreffliches Mittagessen für uns aufgetragen, eine Aufmerksamkeit +des Regenten von Garut, die um so überraschender war, als das Haus tief +im Walde liegt. Von hier ritten wir südöstlich bis ~Tjisirupan~, auf +neuen Bambusbrücken viele Bäche überschreitend, die in westöstlicher +Richtung aus dem vulkanischen Waldgebirge in den Tjimanuk eilen, welcher +das herrliche Thal von Trogon und Garut bewässert. Der letzte Theil des +Weges führt über das untere Ende der Schuttmassen, die sich in einem +grossen Bogen bis zum Krater des Papandayan verfolgen lassen. Dieser +Vulkan hat in historischer Zeit nur einen, aber einen furchtbaren +Ausbruch gehabt. Im Juli 1772 wurde plötzlich ein grosser Theil des +bisher kegelförmigen Berges zertrümmert und ungeheure Steinmassen, der +Neigung des Bodens folgend, schoben sich bis in das Thal von Garut, +vierzig Dörfer verwüstend, und fast 3000 Menschen begrabend. + +In Tjisirupan standen muthige Bergpferde bereit, die uns nach +~Tjikatjang~ brachten, einer 3770 Fuss hoch, in fast gleicher Entfernung +vom Gunong Papandayan und Tjikorai, am südlichen Abhang des sie +verbindenden Sattels gelegenen Theepflanzung, wo uns der Vorsteher, ein +junger Holländer, auf das zuvorkommendste aufnahm. Von dem Betriebe +derselben sahen wir nur wenig, da wir am andern Morgen in Begleitung +unseres freundlichen Wirthes den Papandayan besuchten. Der Theestrauch +war ganz niedrig und kugelig gehalten, so dass die Pflanzung aus einiger +Entfernung wie ein grosses Kohlfeld aussah. Tjikatjang ist eine der +grössten Theeplantagen auf Java und beschäftigt gegen 1000 freie +Arbeiter, deren Fleiss der Vorsteher sehr lobte. + +Die Theekultur ist, ebenso wie die Erzeugung der meisten andern Produkte +für den europäischen Markt, von der holländischen Regierung in Java +eingeführt worden, und zwar erst seit 1835. Sie bildete einen Zweig des +„Kultur-Systems” und der Thee gehörte zu der Klasse von Erzeugnissen, +bei welchen, weil seine Herstellung bedeutende Sorgfalt erfordert, die +Vermittelung intelligenter Europäer für nöthig erachtet wurde. Die +Regierung, die zwar auch selbst Thee baute, wies geeigneten Personen das +nöthige Land an, stellte ihnen die erforderlichen Frohnarbeiter zur +Verfügung, schoss ihnen Kapital zinsfrei vor, verpflichtete dagegen die +Kontrahenten, ihr die Hälfte der Ernte zu einem bestimmten Preis zu +liefern, während ihnen über die andre Hälfte freie Verfügung zustand. +Die ersten Versuche fielen sehr ungünstig aus, der Thee war von +schlechter Beschaffenheit, die Regierung hatte grosse Verluste; die +Unternehmer richteten sich meist zu Grunde. 1849 wurden neue Verträge +abgeschlossen; die Kontrahenten übernahmen es, den Thee ohne +Zwangsarbeiter oder sonstige Hülfe der Regierung zu bauen, wogegen diese +sich verpflichtete, das Fabrikat zu einem etwas höheren Preise +abzunehmen. Sie glaubte wohl, dass ohne Zwangsarbeit wenig geliefert +werden würde, es fand aber das Gegentheil statt; die Kontrahenten, die +inzwischen den Betrieb genau kennen gelernt hatten, wussten die +Bedingungen gut auszunützen und machten glänzende Geschäfte, so dass +eine Theepflanzung zu den gewinnbringendsten Unternehmungen auf Java +gehörte. Wie gross der Gewinn gewesen sein muss, lässt sich unter anderm +daraus schliessen, dass der Vorsteher der Theepflanzung Tji-katjang, +unser Gastfreund, als einige Jahre später, nach dem Tode des Besitzers, +der Kontrakt meistbietend versteigert wurde, 600,000 Gulden bot, und +dennoch überboten wurde, obgleich der Vertrag nur noch 3 Jahre gültig +war. Zur Zeit, als die Kontrakte umgeändert wurden (1849?), erhielt man +319 ℔ Thee per Bau (1 Bau = 500 □Ruthen) zum Bruttowerth von 0,572 +Gulden per ℔, 1854 dagegen 548 ℔ zum Werth von 0,821 Gulden d. h. 80% +mehr Produkt von 40% höherem Werth.[64] Die Regierung hatte von dem +grossen Fortschritt freilich keinen Vortheil, denn da der Preis, den sie +dem Fabrikanten in Java zahlte, höher war, als der Marktpreis in Europa, +trotz der hinzugekommenen Spesen, so wurde ihr das ganze Fabrikat +abgeliefert, und ihr Verlust war um so grösser, je besser die Ernte +ausfiel. Die vor Kurzem erloschenen Verträge sind daher nicht wieder +erneuert worden.[65] + +Der anfänglich sehr schlechte Javathee hat sich durch Verbesserung der +Kultur und Fabrikation sehr gehoben, sein Hauptmarkt ist Holland und +Ostfriesland, er ist herber und stärker als Chinathee und steht in +dieser Beziehung dem Assamthee näher, ohne ihm jedoch an Wohlgeschmack +gleichzukommen. Nach dem Urtheil Sachverständiger wird er wohl im Stande +sein, nach Aufhören der Kontrakte seinen Platz auf dem Markt zu +behaupten und wahrscheinlich an Güte gewinnen, da das Publikum nur nach +dem wirklichen Werth, nicht nach einem mehr oder weniger genau +umschriebenen Schema zahlt. + +Obgleich ich von der Bereitung des Thees nur einzelne Hantirungen mit +ansah, so möchte ich dennoch eine kurze Beschreibung des ganzen +Verfahrens geben, da es wohl nur wenig bekannt und das Produkt von so +grosser Wichtigkeit ist. Ich folge dabei einem ausführlichen Aufsatze in +der Natuurkundg. Tydsch, VII. 296. + +Bei der Theefabrikation sind nur wenige Chinesen beschäftigt, in manchen +Fabriken gar keine, in den meisten zwei bis drei Individuen, die aber +dann nur in der Fabrik, nicht in der Pflanzung, thätig sind. Etwa 35 +Tage nach dem Beschneiden der Sträuche, früher oder später, je nach dem +Klima, beginnt das Pflücken der Blätter, von denen sich 6-7 an den +jungen Trieben befinden. Die Pflücker der Spitzen kneifen die Spitze des +Zweiges, die Blattknospe sammt dem äussersten kaum hervorgetretenen +Blättchen ab; ihnen folgen die Pflücker der „Feinblätter”, die den +grünen Zweig unter dem dritten Blatt abkneifen, also das zweite und +dritte Blatt sammt Blattstiel sammeln; dann folgen die Pflücker der +Mittelblätter, die unter dem fünften Blatt abkneifen, mithin das vierte +und fünfte Blatt sammt Blattstiel nehmen; ist das sechste und siebente +Blatt zart genug, um verwendet zu werden, so werden sie dergestalt +abgerissen, dass ein kleines Stückchen davon am Zweig sitzen bleibt; +dies geschieht, um die in den Achseln sitzenden Knospen zu schonen, aus +denen sich Zweige für die nächste Ernte entwickeln sollen. Die eben +beschriebene Art des Pflückens gilt nur für schwarzen Thee. Zum grünen +Thee wird die Blattspitze wie zum schwarzen Thee abgekniffen, die +übrigen Blätter aber werden ohne Blattstiel abgenommen, wie oben bei dem +sechsten Blatt; der grüne Thee enthält also keine Blattstiele.[66] + +Zur Bereitung des schwarzen Thees werden die eben gepflückten Blätter in +ziemlich dünnen Schichten der Sonne ausgesetzt; sehr günstig ist es, +wenn dabei ein leiser Wind weht. Die Blätter werden mehrere Male +umgewendet und durch einander geschüttet. Nach höchstens 30 Minuten, je +nach dem Wetter und der Temperatur, sind die Blätter ganz weich und +bräunlich von Farbe, sie werden dann unter Dach gebracht; säumt man +damit, so färben sie sich röthlich, ein Zeichen, dass sie an Güte +verloren haben. In dem von einem Bambusgitter umgebenen Schuppen werden +die Blätter in Haufen aufgeschüttet, es tritt Erhitzung und Gährung ein; +sobald diese einen gewissen Grad erreicht haben, gewöhnlich nach 1/2-3/4 +Stunden, werden die Blätter ausgebreitet und dann von neuem gehäufelt, +dies wird vier- bis sechsmal wiederholt; sie müssen dann eine +gleichmässige bräunliche Farbe haben; an Stelle des früheren Grasgeruchs +zeigt sich schon Theegeruch. + +In kleinen Mengen bringt man nun die Blätter in eingemauerte eiserne +Pfannen, die so erhitzt werden, dass nur durch Gewohnheit abgehärtete +Arbeiter im Stande sind, sie fortwährend mit der Hand darin umzurühren, +um das Versengen zu verhindern. Die durch Entwickelung von Wasserdampf +allmälig ganz feucht und weich gewordenen Blätter werden dann auf einen +Tisch geworfen und geknetet: man nimmt deren so viel, als man mit beiden +Händen fassen kann, und rollt sie zu einer Kugel zusammen, die aber +mehrere male wieder aus einander gerüttelt wird, damit die Blätter sich +nicht zu fest zusammenballen. Nach diesem ersten Kneten bleiben sie 1/2 +Stunde in dünnen Lagen ausgebreitet liegen, worauf sie abermals in der +Pfanne erwärmt und wiederum geknetet werden. Diesmal werden sie aber +nicht wieder auseinander geschüttet, sondern zu Kugeln zusammengeballt, +die sich mit zwei Händen bequem umfassen lassen, und in Körben über +Kohlenfeuer getrocknet. Der Grasgeruch ist nun völlig durch das +eigentliche Theearoma ersetzt worden; der schwarze Thee ist fertig bis +auf das Sortiren, Sieben, Trocknen, Verpacken u. s. w. + +Zur Bereitung des grünen Thees werden die frisch gepflückten Blätter +unmittelbar und so schnell als möglich in die angeheizten Pfannen +gebracht. Man lässt die Arbeiter nicht zu viel auf einmal pflücken, weil +die Blätter sonst leicht eine bräunliche Färbung annehmen. Nachdem sie +2-3 Minuten in der Pfanne umgerührt worden, wobei sie knistern und +knattern, werden sie schnell, damit sie nicht anbrennen, auf den Tisch +gebracht und geknetet; da sie nicht vorher an der Luft getrocknet waren, +so werden sie dabei so nass, dass die Feuchtigkeit abläuft. Die Menge +der Blätter, die man auf einmal kneten, aber nicht auf einmal mit den +Händen umfassen kann, wird gedrittheilt, um sie auszupressen; aus jedem +Drittheil formt man eine Kugel, die so fest ausgedrückt wird, dass der +grüne Saft in einem Strahl herausspritzt. Manche spülen auch diese +Kugeln in kaltem Wasser ab und pressen sie nochmals aus, um die +adstringirenden Eigenschaften zu mildern. Im Uebrigen weicht die +Bereitung des grünen Thees nur noch darin von der des schwarzen ab, dass +man jenen statt zweimal, fünfmal in die heisse Pfanne bringt und nach +jedemmal von neuem knetet, aber nicht mehr auspresst; er wird also viel +langsamer trocken, als der schwarze; andern Falls würde er seine +frische, grüne Farbe verlieren. Nach dem vierten Erhitzen in der Pfanne +enthält er nur noch wenig Feuchtigkeit und hat eine etwas schwärzliche +Farbe; die schöne bläulich grüne Farbe nimmt er bei der fünften +Erhitzung in einer nicht horizontal, sondern schräg eingemauerten Pfanne +an, wobei er 1/2 Stunde lang kräftig und schnell umgerührt wird. Er ist +dann völlig trocken. Die Spitzen der Zweige, welche auch bei dem grünen +Thee die feinste Sorte geben, werden stärker ausgepresst als die andern +Blätter, gewöhnlich auch mehrere male in reinem Wasser abgespült. Sie +werden auch, wenn sie zart und klebrig genug sind, zwischen Daum und +Zeigefinger zusammengerollt, und geben dann den „Gunpowderthee”. Das +Adstringirende, das den frischen Blättern zum Theil entzogen werden +muss, um sie geniessbar zu machen, wird also bei der Bereitung des +schwarzen Thees durch Gährung, bei der des grünen Thees durch Auspressen +und Auswaschen entfernt. + +Am nächsten Morgen ritten wir den sanften Abhang des gestern erwähnten +Schuttberges hinauf bis in den Krater des Papandayan. An einer Stelle, +die die Inländer Luput nennen, konnten wir eine grosse Strecke weit eine +natürliche Treppe benutzen. Es fliesst an dieser Stelle über die +Schuttmassen ein inkrustirender sehr eisenhaltiger Bach. Die von dem +angrenzenden Wald herabfallenden Blätter und Zweige werden von dem +Wasser eine kurze Strecke weiter bewegt, wobei sie wegen der vielen +Hindernisse immer eine Richtung quer gegen den Strom annehmen; so +entsteht eine Reihenfolge kleiner Dämme, die von dem darüber +hinfliessenden Wasser durch eine Sinterkruste zu einer Treppe verbunden +werden. Schon ehe man die grosse Kraterkluft erreicht, brechen an vielen +Stellen heisse Quellen hervor, die chemische Thätigkeit nimmt immer mehr +zu und oben befindet man sich in einer Solfatara von wahrhaft riesigen +Dimensionen, eingefasst von mehrere hundert Fuss hohen senkrechten +Wänden weissgebleichten Gesteines, das in deutliche Bänke gesondert ist. +Der Boden der ungeheuren Kraterschlucht ist überall mit sublimirtem +Schwefel überzogen. An vielen Stellen sind grosse Massen desselben in +kleinen Krystallen angehäuft, an andern Stellen sind sie zu braungelben +Krusten zusammengeschmolzen, die zuweilen einen Fuss Dicke erreichen. +Auch die grossen Trachytblöcke, die jetzt frei auf dem Boden liegen, +sind mehr oder weniger zersetzt, auf allen Kluftflächen mit kleinen +Schwefelkrystallen bekleidet und lassen vermuthen, dass sie früher +relativ tiefer lagen, und dass ein grosser Theil der zu feinem Schlamm +zersetzten Kratersohle durch den Regen fortgeschwemmt worden ist. + +Ein grosser Schuttwall zieht sich im Hintergrund quer von einer Seite +zur andern; man glaubt am Ende der Kraterschlucht zu stehen; hat man +aber den oberen Rand des Walles erstiegen, so sieht man jenseits alle +bereits angeführten Erscheinungen sich in noch grösserem Maasstabe +wiederholen. Im Hintergrunde erblickt man wieder einen Schuttwall, der +diesen Theil der Kluft begrenzt und hinter diesem wieder andere, und in +jedem höher liegenden Felde der ungeheuren Solfatara nimmt die chemische +Thätigkeit zu. Gegen das Ende der Kluft sah ich eine Erscheinung, die +mir noch in keiner Solfatara vorgekommen war. Der Boden war mehrere +hundert Fuss im Quadrat mit maulwurfartigen Hügeln bedeckt, die durch +gewölbte Rippen zu einem ziemlich regelmässigen Netz mit einander +verbunden waren. Beim Aufschlagen einer solchen Rippe fand sich die etwa +1/2 Zoll dicke Decke mit Schwefelkrystallen dicht bekleidet. +Wahrscheinlich war die Kruste der Kratersohle an vielen Stellen durch +die Gewalt komprimirter Dämpfe sternförmig zerborsten, so dass eine Art +von Netz entstand; wenn sich dann eine Schlammmasse darüber ausbreitete, +und durch Verdampfen allmälig plastisch wurde, so können die aus den +Spalten heraufdringenden Wasser- und Schwefelwasserstoff-Dämpfe wohl im +Stande gewesen sein dergleichen hohle Rippen zu bilden und sie mit +Schwefelkrystallen auszufüttern. An manchen Stellen brach der +Wasserdampf mit solcher Gewalt aus dem Boden hervor, dass nussgrosse +Steine im Dampfstrahle auf- und abtanzten. Kochende Schlammpfützen wie +in der Kawa-manuk waren in Menge vorhanden und der Boden in ihrer Nähe +ebenso gefährlich zu betreten. Nach Junghuhn liegt der oberste Theil der +Kraterkluft 6600' hoch und wird im Halbkreis von 700-800' hohen Wänden +überragt. Vor dem grossen Ausbruch, durch welchen die Schlucht entstand, +bildete der Berg einen geschlossenen flachen Kegel. + +Wir ritten nach Tjisirupan zurück, wo wir uns von unserm Begleiter +verabschiedeten und fuhren über Trogon nach Garut, überall von +Gamelangmusik begrüsst. Der Regent war schon nach Wanaradja +vorausgegangen, wo er uns nach dem ursprünglichen Reiseplan erwartete. +Da der Doktor aber heute noch in Garut zu thun hatte, so blieben wir die +Nacht im Pasanggrahan. Während wir in der Veranda Thee tranken, tanzten +vor uns auf dem Alun-alun einige Rongengs. Der Tanz war nicht ungraziös, +aber der begleitende Gesang zu gellend. Eine grosse Schaar inländischer +Zuschauer hatte sich eingefunden; sie sahen mit lebhaftem Interesse zu; +zuweilen nahmen auch Einige an dem Tanze Theil, wofür sie einige Deuten +an die Tänzerin zu entrichten hatten. Als wir zu Bette gingen, liess der +Bedana Tanz und Musik plötzlich aufhören, und Alles musste nach Hause +gehen.[67] + +22. Juli. Wir fuhren auf der linken Seite des Tjimanuk durch das reiche +Thal von Trogon-Garut nach Wanaradja, wo uns der inländische Fürst mit +einem Frühstück im Pasanggrahan erwartete. Dies war das niedlichste +Dörfchen, das ich bisher gesehen. Es besteht ganz aus Bambus, die +einzelnen Häuschen sind nach den zierlichsten Mustern aus schwarzen und +weissen Bambusstreifen geflochten; die Scheunen, Einzäunungen und +Aussenhäuschen so klein und so gefällig, dass das Ganze fast wie +hübsches Spielzeug aussieht. Nach dem Frühstück ritten wir auf schönen +muthigen Pferden des Regenten, die viel arabisches Blut enthielten, +nach dem auf dem Kamm der östlichen Thalwand gelegenen „Weissen See” +(telaga bodas.) Auf bequemer Strasse, die abwechselnd durch Wald- und +Kaffeegärten führte, erreichten wir das westliche Ufer des fast +kreisrunden Wasserbeckens. Das perlweisse Wasser sticht eigenthümlich +gegen den üppigen Wald ab, der es umsäumt. Die Farbe erhält es von dem +darin suspendirten feinen Thonschlamm, den die Thätigkeit der +Solfataren am Seeboden und am jenseitigen Ufer durch Zersetzung des +Gesteins ihm zuführt. Auf einer mit einem Sonnendach versehenen, bereit +stehenden Fähre gelangten wir an das jenseitige Ufer. An vielen Stellen +des Sees brodelte das Wasser auf und verrieth durch den +Schwefelwasserstoffgeruch die vulkanische Thätigkeit auf seinem Boden. +Ich übergehe hier die vulkanischen Phänomene, die im Wesentlichen eine, +obgleich viel schwächere, Wiederholung der in der Kawa-manuk und am +Papandayan beschriebenen sind und für die meisten der Leser kein +Interesse haben. Noch schöner als der Ritt, der uns in den Wald +hineingeführt hatte, war der Rückweg, der bei jeder Wendung eine andere +Aussicht über das vom Guntur, Papandayan und Tjikorai begrenzte Thal +des Tjimanuk gewährt. Es ist ungemein fruchtbar und reich bebaut. Auf +den Reisfeldern heben sich zahlreiche Haine von Fruchtbäumen, die je +ein Dörfchen verbergen, dunkelgrün ab. Viele Paal weit ritten wir durch +Kaffeegärten, welche in dieser Meereshöhe (2000 bis 4000') besonders +gedeihen. Diese Höhenzone ist auf Java für den Europäer ein ungemein +reizvoller Aufenthalt, das Klima ein ewiger Frühling. Der Wald zeigt +sich hier in seiner ganzen tropischen Pracht, mehr noch als in der +tieferen Zone. Zwar treten die Palmen schon merklich zurück; von den +kultivirten ist nur noch die Arengpalme (Saguerus saccharifer Bl.) +häufig, aber die Calamusarten kommen hier erst recht zur Entfaltung +und durchziehen zugleich mit riesigen Lianen, deren einige schenkeldick +werden, nach allen Richtungen den Wald, die höchsten Stämme umwickelnd, +oder wie grosse Taue von Baum zu Baum gespannt. Zierliche kleine Areca- +und Pinangapalmen, oft mit schön gefärbtem Stamm und glänzend rother +Fruchttraube und Baumfarne, die bis 40' Höhe erreichen, treten hier +zuerst auf und verleihen dem Walde einen neuen Reiz. In dieser Zone +wachsen auch die Rasamala (Altingia liquidambar), Riesenbäume, deren +Höhe nach Junghuhn's, an gefällten, unter den höchsten ausgewählten, +Individuen angestellten Messungen bis 180' erreicht, während ihre +durchschnittliche Höhe 150' beträgt. Der Waldboden ist mit einem +Teppich von Lycopodien, Farnen und Kräutern bedeckt, auf welchem sich +wilde Musen, Scitamineen, Alsophilen und Ardisien erheben. Wohl keine +Zone reizt den Sammeleifer des Gärtners in höherem Maasse; die Aeste +sitzen voll Orchideen, epiphytischer Farne und Schmarotzer; hier findet +sich Alles, was den Treibhäusern schon einzeln zum höchsten Schmuck +gereicht, in grösster Fülle beisammen. + +Wo der Wald zur Anlegung von Kaffeepflanzungen gelichtet, ist es nicht +minder schön. Breite, mit dichtem Grase bewachsene Strassen führen +durch dieselben und sind zu beiden Seiten mit Hecken blüthenreicher +Sträucher eingefasst. Heute ritten wir wohl eine deutsche Meile weit +durch eine solche Pflanzung, deren Saum zu beiden Seiten des Weges aus +üppig blühenden Rosenhecken bestand. Die Kaffeesträucher tragen zwar +das ganze Jahr hindurch Blüthen und Früchte, die eigentliche Blüthezeit +fällt aber in den Herbst. Jetzt sassen Knospen in den Blattachseln, in +kleinen Büscheln zusammen, so dass die schlanken, herabhängenden, mit +glänzend dunkelgrünen, gegenständigen Blättern dicht besetzten Zweige, +wenn sie blühen, längs der Mittellinie mit einem weissen Streifen +wohlriechender Blümchen besetzt sein müssen. Ueber den Kaffeesträuchern +schwebt in 30-40 Fuss Höhe ein leichtes, durchsichtiges Laubdach von +Erythrinen, die mit den jungen Kaffeesträuchern zugleich gepflanzt +werden, um ihnen Schatten zu geben, aber viel schneller wachsen. So hat +man zur Blüthezeit ein von scharlachrothen Blumen durchwirktes Laubdach +über einem weissen Blüthenwald. Wenige Tage nach der Blüthe setzt die +Frucht an, in sechs Monaten ist sie reif, sie gleicht dann einer +dunkelrothen Kirsche, ist aber etwas länglicher. Innerhalb der +süsslichen, fleischigen Hülle sitzen 2 Kaffeebohnen,[68] jede von einer +dünnen, zähen, pergamentartigen Haut fest umschlossen, mit den flachen +Seiten gegen einander; es sind die Samen, die längliche Vertiefung in +der Mitte der flachen Seite enthält den Keim. Nach der Ernte werden +zuerst die eingesammelten Beeren auf flachen Hürden an der Sonne +getrocknet. Um sie gegen Regen und den nächtlichen Thau zu schützen, +müssen sie unter Dach gebracht werden; oft geht den Bauern bei lange +anhaltendem Regenwetter die ganze Ernte verloren, da Bohnen, die durch +Nässe schwarz oder unansehnlich geworden, im Packhaus nicht angenommen +werden. Ist nach 5-6 Wochen die Hülle trocken, so wird sie durch +Stampfen in mit Büffelfell ausgefütterten Gruben oder in hölzernen +Mörsern abgelöst. Durch abermaliges Stampfen werden die aufs neue +getrockneten Bohnen von der Pergamenthaut befreit, eine Arbeit, die +viel Vorsicht verlangt, da zerstossene Bohnen einen grossen Theil ihres +Werthes verlieren. + +Zur Anlage einer Kaffeepflanzung wird zuerst der Wald gelichtet; da +der Kaffeestrauch aber Schatten liebt, so lässt man zuweilen eine +genügende Anzahl Bäume stehen und pflanzt zwischen den grossen auf dem +Boden liegenden Stämmen, die zu schwer für den Transport, dem +Vermodern preisgegeben werden. Das Erzeugniss dieser etwas rohen +Kulturmethode, die mit dem Reisbau in Gagas (S. 133) verglichen werden +kann, ist in Java als Waldkaffee bekannt. Gewöhnlich aber wird der +ganze Wald gefällt; die Stämme werden fortgeschafft oder verbrannt, +die Wurzeln ausgegraben, eine schwere Arbeit, die viele Hände und die +Anwendung des Büffels erfordert. Steiniger Untergrund muss vermieden +werden, weil die Pfahlwurzeln sonst nicht in die Tiefe dringen können, +und schon ganze Pflanzungen aus dieser Ursache zu Grunde gegangen +sind. In den gesäuberten Boden pflanzt man in 8-12 Fuss Abstand die in +besonderen Saatbeeten erzogenen oder aus abgefallenen Früchten +entsprossenen 12-15 Zoll hohen Sämlinge. Die besten Pflanzen sollen +aus dem vom Musang (Paradoxurus musanga) ausgeworfenen Samen +spriessen.[69] In der Regel, namentlich in weniger als 2500' hoch +gelegenen Pflanzungen, werden die gefällten Waldbäume durch besondere +Schatten gebende Bäume, gewöhnlich Dadap (Erythrina sp. div.), +ersetzt, die so gepflanzt werden, dass jeder Kaffeestrauch zwischen +4 Schattenbäumen steht, daher der Name Dadapkaffee zum Unterschied +von Waldkaffee. Die Pflanzungen müssen besonders in den beiden +ersten Jahren sorgfältig gejätet, die Bäume von schädlichen +Schmarotzerpflanzen und Thieren gesäubert werden. Auch Erdarbeiten +sind nöthig, um das Fortschwemmen des fruchtbaren Bodens durch die +heftigen tropischen Regen an den Bergabhängen zu verhindern. +Kunstgemässes Beschneiden der Zweige, worauf in Westindien so viel +Sorgfalt verwendet wird, weil es den Ertrag sehr vermehrt, findet in +Java bei den Regierungspflanzungen nicht statt. Im dritten Jahre trägt +der Baum die ersten Früchte, im vierten giebt er eine volle Ernte, +nach 12-14 Jahren ist der Ertrag so gering, dass er die Mühe des +Pflückens nicht mehr lohnt; der Boden ist erschöpft, die Pflanzung +wird verlassen und „abgeschrieben”. Um den Ausfall zu decken, müssen +daher die Beamten Sorge tragen, fortwährend neue Pflanzungen +anzulegen; ein Zuwachs derselben hat aber in den letzten 20 Jahren +nicht stattgefunden.[70] Früher wurden die abgeschriebenen +Kaffeegärten der inländischen Bevölkerung überlassen, die Regierung +fürchtete aber, dass es mit der Zeit an passenden Ländereien mangeln +würde, und lässt jetzt die verlassenen Pflanzungen brachliegen, damit +sie sich wieder erholen, d. h. damit durch allmälige Verwitterung des +Bodens wieder zur Erzeugung von Kaffeebohnen erforderliche Salze in +hinreichender Menge löslich werden. Man nimmt dazu im günstigsten +Falle 10 Jahre an, so dass nach dem jetzt bestehenden System ein +wenigstens 10 mal so grosser Flächenraum, als wirklich in Produktion +ist, zur Verfügung gehalten werden muss. Für Privatpflanzer, die nicht +unumschränkt über Arbeitskräfte und Grund und Boden verfügen können, +ist ein solcher fortwährender Wechsel unausführbar. Sie düngen daher +den Boden, wie in vielen andern Kolonien, und ernten durchschnittlich +von alten und jungen Bäumen zusammen je 1 ℔, während die Regierung +trotz des Wechselns nur 1/2 ℔ erhält.[71] Der mittlere Ertrag steht +aber in Java weit unter demjenigen anderer Kaffeeländer, wo man 2, ja +3 und 4 ℔ trockener, gereinigter Bohnen von jedem Baum erntet. Um so +auffallender erscheint es, dass gerade in Java der Kaffeebaum so +ausserordentlich vermehrt worden ist, dass auf dieser Insel, wenn man +die abgeschriebenen mitrechnet, vielleicht mehr Kaffeebäume vorhanden +sind, als in allen übrigen Kaffeeländern zusammen. + +Nächst dem Reis, der das Hauptnahrungsmittel der Bevölkerung ausmacht, +hat keine andre Pflanze für Java eine so grosse Wichtigkeit, als der +Kaffeestrauch, dessen Kultur mit den dortigen Zuständen in inniger +Wechselbeziehung steht. Java war eine der ersten Kolonien, in welche die +in Mittel-Afrika einheimische, obgleich Coffea arabica genannte Pflanze +eingeführt wurde (1696); von Java verbreitete sich der Kaffeestrauch +über Amsterdam (1706) nach Surinam (1719), Westindien (1722), und von +dort nach Bourbon.[72] -- 1795 lieferte Java 18,600,000 ℔ Kaffee und der +Gewinn an diesem Artikel war schon damals die Haupteinnahme der alten +Kompanie. Als Marschal Daendels Guvernör war (1808-11), dehnte er, um +die Einkünfte der Kolonie schnell zu vermehren, den Kaffeebau mit der +ihm eigenen Energie aus, und pflanzte 45,700,000 Sträucher, wodurch er +ihre Gesammtzahl auf 72,669,860 brachte. Der gehoffte finanzielle Erfolg +trat aber nicht ein: 1811 eroberten die Engländer Java, dessen durch die +Kontinentalsperre vom europäischen Festland ausgeschlossener Kaffee +fast werthlos wurde, so dass viele Pflanzungen wieder eingingen. +Raffles, der englische Guvernör und derselbe der später Singapore +gründete, hob die Zwangsarbeit und die gezwungenen Lieferungen auf und +setzte eine Grundsteuer an die Stelle, was er vielleicht nicht gethan +haben würde, wenn die gezwungenen Kaffeelieferungen eine bedeutende +Einnahmequelle für die Regierung gewesen wären. Als 1816 die Holländer +zurückkehrten, „verpachteten” sie die vorhandenen Kaffeegärten an die +Dorfgemeinden gegen eine Abgabe, die 36-53-1/3 % vom mittleren Ertrag +der Pflanzung gleichkam; über den Rest durfte der Bauer frei verfügen, +und konnte ihn auch für einen feststehenden Preis der Regierung +überlassen. Da letztere aber auf diese Weise nicht genug Kaffee erhielt, +so verbot sie später allen Europäern, Kaffee zu kaufen, und liess es +geschehen, dass ihre Beamten, um die Produktion zu vermehren, allerlei +Zwangsmassregeln anwendeten, so dass allmälig von der freien Arbeit und +freien Verfügung nichts übrig blieb als der Name. -- 1832 wurde das +Kultursystem eingeführt, wodurch die Kaffeeproduktion schnell vermehrt +und gänzlich in die Hände der Regierung gebracht wurde. Jede Familie +eines Bergdorfes musste binnen 4 Jahren 600 Kaffeebäume pflanzen und +unterhalten und 2/5 der Ernte an die Regierung als Grundsteuer, 3/5 „zum +Marktpreis” liefern. Da es gewiss sehr schwierig ist, bei gezwungenen +Lieferungen einen Marktpreis zu ermitteln, so machte die Regierung im +Februar 1833 bekannt, dass sie selbst den Marktpreis jährlich bestimmen +würde. Der von ihr festgesetzte Preis wurde bis 1844 beibehalten, 1845 +ermässigt und 1858 in eine „Belohnung” verwandelt, die nach dem +Beschluss der holländischen Kammern (Gesetz vom 2. Sept. 1854, Art. 56) +„dem bei den Regierungskulturen beschäftigten Eingebornen bei gleicher +Arbeit wenigstens gleichen Gewinn, als bei freier Kultur, gewähren +sollte.” In Folge dieser offenbar im Interesse der inländischen +Bevölkerung erlassenen Bestimmung und trotz des höheren Werthes des +Kaffee erhielt der Bauer nun 9,20 Gulden per Pikul, d. h. 0,80 Gulden +weniger als 1833 und 0,87 Gulden mehr als seit 1844. Der mittlere +Marktpreis betrug damals in Java 28,73 Gulden per Pikul, so dass dem +Bauer bei freiem Verfügungsrecht nach Abzug von 2/5 Grundsteuer noch +immer 17,23 Gulden geblieben wären, wovon er indessen den Transport bis +zum Hafen zu zahlen gehabt hätte. Dafür muss die inländische +Bevölkerung die Kaffeepflanzungen nach Anweisung der Regierungsbeamten, +die gewöhnlich keine praktische landwirthschaftliche Kenntnisse +besitzen, oft sehr fern von ihren Dörfern anlegen und unterhalten. Sie +müssen sich auf eigene Kosten verpflegen, ihr Haus und Feld steht +während der Zeit verlassen. Das Risiko, ob die schwere Arbeit nach 4 +Jahren durch volle Ernten lohnen wird, ist nicht für Rechnung der +Regierung, welche die Befehle ertheilt, sondern für Rechnung der +Bevölkerung, welche sie ausführt. -- Kein Kaffee, keine Bezahlung; die +Arbeit war dann vergeblich; der Regierung entgeht nur der Gewinn, den +sie am Kaffee gemacht haben würde. Es werden jährlich Hunderttausende +von Bäumen gepflanzt, die nie Früchte tragen und der Bevölkerung nicht +den geringsten Lohn einbringen. Kein Wunder, wenn der Eifer bei diesen +Arbeiten nicht gross ist. + +Es leidet wohl keinen Zweifel, dass die Zwangsarbeit, der im Verhältniss +zur Mühe ungenügende Lohn, die Hauptursache des geringen Ertrages der +Regierungspflanzungen ist, besonders bei der Unmöglichkeit einer +ausreichenden Beaufsichtigung. Die Zahl der europäischen Kontrolöre ist +so gering, dass sie trotz dem besten Willen und Eifer nicht den zehnten +Theil der ihnen anvertrauten Pflanzungen gehörig verwalten können. Ihre +Zahl beträgt etwa 200; jeder einzelne hat daher, abgesehen von den +vielen andern ihm obliegenden Geschäften, die Aufsicht zu führen über +1-1/2 Million Kaffeebäume und über die zuweilen gleichzeitige Arbeit von +mehr als 2000 Menschen, in Pflanzungen, die oft meilenweit von einander +entfernt liegen. Trotz aller Mängel, die diesem von der Regierung selbst +betriebenen Gewerbzweig anhaften, liefert derselbe jährlich so +bedeutende Ueberschüsse, dass man sich nicht wundern darf, wenn das +tiefgreifende, die Grundlage der Verwaltung ausmachende System nicht +ohne Weiteres zu Gunsten liberalerer Theorien aufgegeben wird. Es ist +freilich berechnet worden, dass diese Ueberschüsse nur einen scheinbaren +Gewinn darstellen, und dass die Regierung durch Verpachtung und Verkauf +ihrer Pflanzungen an Privatleute, selbst wenn der Ertrag derselben +dadurch nicht vermehrt würde, an Steuern und Ersparnissen viel grösseren +Vortheil ziehen würde, als gegenwärtig, besonders wenn auch das Monopol +der Handelsmaatschappij aufgehoben würde. Wenn die gewöhnliche Annahme, +dass die Pflanzungen in Händen von Privatleuten den doppelten Ertrag, +d. h. 1 ℔ per Baum liefern würden, wirklich in Erfüllung ginge, so +wäre der Gewinn einer solchen Maassregel in die Augen springend; denn +die 2/5, welche die Regierung als Steuer erhebt, wären = 4/5 des +Quantums, das sie jetzt erhält, und der Gewinn an dem fehlenden +Fünftel würde vielfach aufgewogen durch die Ersparung der gesammten +Kulturkosten und durch die Pacht der vorhandenen Pflanzungen oder die +Zinsen des Verkaufskapitals. Bevor aber nicht in andern Kaffeeländern +die Produktion hinreichend gestiegen sein wird, um die Preise +herabzudrücken und der Regierung Verlust statt Gewinn zu bereiten, ist +eine durchgreifende Aenderung des Systems wohl nicht zu erwarten. + +Nach Tisch überraschte uns der gefällige Regent von Garut mit einem +Wayang (javanisches Schattenspiel, das die Stelle des Theaters +vertritt). Gespielt wurde in einem um wenige Stufen erhöhten, an einer +Seite offenen Bretterhause. Auf einem darin aufgespannten grossen +weissen Tuche erscheinen die Schatten der dramatischen Figuren, die +äusserst zierlich aus Leder ausgeschnitten, und obgleich dem Zuschauer +nur als Schatten sichtbar, reich bemalt und vergoldet sind. Die Gelenke +sind beweglich. Das Stück fing vor Sonnenuntergang an und dauerte bis +Sonnenaufgang, also ziemlich genau zwölf Stunden. Ein und derselbe Mann +spricht die ganze Nacht hindurch den Dialog, wobei er nur zuweilen durch +Gesang und Musik unterbrochen wird. Allein durch Genuss von Opium soll +es ihm möglich sein, diese grosse Anstrengung auszuhalten. Das +Schauspiel ist der javanischen Mythe entlehnt. Der Dialog wurde +javanisch rezitirt, obgleich die Zuhörer Sundanesen waren. Da wir den +Text nicht verstanden, so zogen wir uns bald zurück. Mehrere hundert +Zuhörer hatten sich eingefunden und folgten der Aufführung in regster +Spannung; trotz gelegentlicher Regenschauer hielten fast alle, auf dem +Boden vor der Bühne kauernd, bis zum Ende aus; in dem geräumigen Hause +standen nur drei Stühle für den Regenten und seine beiden Gäste. + +Als wir uns am folgenden Morgen von dem gastfreien Fürsten trennten, lud +er uns zu einer jener berühmten Hirschjagden ein, die gegen Ende der +trockenen Jahreszeit, nachdem die grossen mit Alang-alang-Gras +(Saccharum Koenigii Retz.) bedeckten Flächen abgebrannt worden, in den +Preanger Regentschaften stattfinden. Das Alang-alang erreicht eine Höhe +von 3-5 Fuss. Grosse Strecken Landes sind namentlich im Süden der +Preanger Regentschaften von solchen Graswüsten bedeckt, die an die +Stelle ausgerodeter Wälder treten, sobald die Kultur in den Lichtungen +wieder aufhört. Es sind undurchdringliche Gebiete, die zahlreichen +Hirschen, Wildschweinen und Tigern zum Aufenthalte dienen. Gegen Ende +der trockenen Jahreszeit pflegt man die Graswüsten zu verbrennen; dann +finden auf dem nun zugänglichen Boden jene berühmten Hirschjagden statt, +denen ich leider nicht beigewohnt habe, die aber der Beschreibung nach +so interessant sind, dass sie wohl Erwähnung verdienen. Die inländischen +Fürsten begeben sich mit zahlreichem Gefolge auf das Jagdgebiet und +verfolgen den Hirsch auf sehr edlen, zu dem Zweck besonders +abgerichteten Pferden, welche wegen ihrer Flüchtigkeit „Kuda-burong” +(Vogelpferde) genannt werden; sie sind ungesattelt; der Reiter trägt +ausser Hut und Jagdmesser nur eine kurze Hose, die so ausgeschnitten +ist, dass er nackt auf dem nackten Pferde sitzt. Sobald ein Hirsch +sichtbar wird, verfolgt ihn das Pferd mit dem Eifer eines Jagdhundes und +sucht, wenn es ihn erreicht, dicht an seine Seite zu springen, worauf +der Reiter mit einem Hiebe des Jagdmessers, der die Rippen +durchschneidet, das Thier erlegt. In Batavia sah ich später eine solche +Jagd auf einem grossen Oelbilde von dem talentvollen inländischen +Künstler Raden Saleh dargestellt, der seine Kunst auf Kosten der +holländischen Regierung bei den besten Meistern in Europa erlernt und +nebenbei Eugène Sue das Modell zum Prinzen Djalma geliefert hat. Unser +Regent rühmte sich, auf solche Weise bereits 127 Hirsche erlegt zu +haben. + +Bei dieser Gelegenheit hörte ich auch zum erstenmal eine Geschichte, +die mir später noch öfter von sehr glaubwürdigen Männern wiederholt +wurde. Ein General-Guvernör fragte bei seiner Durchreise Herrn L. B., +einen reichen Pflanzer und grossen Tigerjäger in Salatiga, wieviel +Tiger er schon getödtet habe? Antwort: 144. Als sich der Guvernör bei +seiner Rückkehr nach einigen Tagen die Zahl schriftlich erbat, gab L. +B. 148 an. „Nun wundere ich mich nicht mehr über die grosse Summe”, +antwortete der Guvernör; „neulich waren es nur 144, und heut sind es +148.” „Allerdings,” antwortete Herr L. B., „denn gestern habe ich +vier Tiger erlegt.” + +23. Juli. Von Wanaradja setzten wir in nördlicher Richtung die Reise +durch das Manukthal fort bis Tjihorrai, wo das Gebiet von Sumedang +beginnt, das gleichfalls zu den Preanger Regentschaften gehört. Junghuhn +hatte dem Assistent-Residenten unsern Reiseplan mitgetheilt und für uns +seine Unterstützung erbeten, wie dies bei reisenden Regierungsbeamten +üblich ist, bevor sie eine neue Provinz betreten. Danach waren alle +Anordnungen getroffen mit einem Aufwand von Ehrenbezeugungen, von dem +man sich in Europa keine Vorstellung macht. An der Grenze erwartete uns +ein Trupp von dreissig uniformirten Reitern mit Fahnen. Sobald wir die +für uns bereit gehaltenen Pferde bestiegen hatten, setzte sich der Zug +in Bewegung. Es war ein schöner Anblick, als die bunt kostümirten Reiter +auf den schmalen Zickzackpfaden der Bergabhänge hinter Felsen und +Baumgruppen abwechselnd erschienen und verschwanden. An mehreren Stellen +waren neue Brücken über die Bäche geworfen. Der Weg führte östlich in +das Gebirge hinein. Als wir Malembong erreichten, empfing uns ausser der +Gamelangmusik, an die wir nun schon gewöhnt waren, auch noch ein +Sängerchor. Während der Abendmahlzeit entfalteten vor unserer Veranda +ein Paar tanzende Rongengs ihre Reize beim Scheine des Mondes und +einiger Dammarfackeln, von einem zahlreichen Zuschauerkreise umgeben, +während im Hintergrunde mehrere hohe vulkanische Gipfel in die klare +Luft emporragten. Die Tänzerinnen singen beim Tanzen javanische, +gewöhnlich improvisirte Strophen. Zuweilen kommt im Gesang etwas +ergreifend Wildes vor, das auch für europäische Ohren Reiz hat. + +24. Juli. Von Malembong nördlich nach Pawenáng. Hier hält der Wagen +still. Ein Trupp Reiter wartet auf uns, um uns ins Gebirge zu begleiten, +worauf wir im Wagen den Weg nach Sumedang, der Hauptstadt des Distrikts, +fortsetzen. Auf allen Stationen steht für uns der Tisch gedeckt, das +Mittagessen fertig. Wir entscheiden uns endlich für Derma-radja, wo +wilder Pfau, appetitliche malayische Karis und mannigfaltige Sambals uns +anlockten.[73] Der Bedana, der hier die Honneurs machte, ein hübscher +junger Mann, war der Sohn und muthmassliche Nachfolger des Fürsten von +Garut. Seine Höflichkeit war zwar eben so gross, als die der übrigen +Bedanas, doch sprach sich dabei gleichzeitig unverkennbar eine gewisse +Vornehmheit aus. In Sumedang schickte der Regent seinen Wagen mit einer +Einladung zu einem malayischen Ballet, die mit Vergnügen angenommen +wurde, da seine Bedajas (Privattänzerinnen) die berühmtesten im ganzen +westlichen Java sind. Der Fürst, ein mit 36 Kindern gesegneter +Familienvater, von denen zehn oder zwölf der Jüngsten in reichen, +goldgestickten Kostümen anwesend waren, empfing uns in seinem Palast an +dem Ende eines langen Saales; er war äusserst liebenswürdig gegen seine +Gäste, und entwickelte dabei eine gewisse Frivolität, wie ich sie selbst +bei einem ~javanischen~ Muhamedaner nicht vermuthet hätte. Es fanden +sich noch mehrere Europäer ein, und als die Gäste vollzählig waren, gab +er das Zeichen zum Anfange. + +Vier Tänzerinnen mit goldenem, helmartigem Kopfputz, oranienrother Jacke +ohne Aermel und einem blau und weiss gestreiften Sarong, der bis zum +Boden reicht, traten in zwei Paaren am andern Ende des Saales ein. Sie +hatten Lanzen in den Händen und gingen mit niedergeschlagenen Augen +feierlich um den ganzen Saal. Bei jedem Schritt machten sie Halt und +verneigten sich nach der einen und andern Seite. Sobald dieser Umgang +vorüber, schlug die Musik eine muntere Weise an, der ein lebhafterer +Abschnitt des Tanzes folgte. Der dritte Abschnitt stellte eine +Herausforderung dar. Die Tänzerinnen trugen dabei Pfauenwedel, mit denen +sie einander verächtlich berührten. Darauf folgte der Kampf, wobei Kris, +Pfeil und Bogen angewendet wurden; er schloss damit, dass zwei +Tänzerinnen, als die Besiegten, niedersanken. Der letzte Akt schien +Trauer und Reue über das Vorgefallene auszudrücken. Leider konnte keiner +der Anwesenden die Bedeutung des Tanzes genauer erklären. Jeder +Abschnitt hatte seine besondere Musik, die zuweilen sehr ergreifend und +hinreissend war, einige male fiel auch ein Sängerchor ein.[74] Der ganze +Tanz war ungemein feierlich und ist gewiss religiösen Ursprungs. Alle +Bewegungen waren graziös und ausdrucksvoll, aber gemessen; der Ausdruck +des Gesichts blieb immer schwermüthig und sehr ehrerbietig, drückte aber +eben so wenig die wirkliche Stimmung der muthwilligen Mädchen aus, als +das stereotype Lächeln unserer Ballettänzerinnen nach anstrengenden +Sprüngen dies thut. Die nackten Füsse waren sehr schön geformt, klein +und so wohl gepflegt, wie die Hände eleganter Damen. Zwei Mädchen hatten +recht hübsche Gesichter, alle waren wohl gewachsen. Wahrscheinlich +stammen diese Bedajas noch aus der Hinduzeit, auch erinnert der Kopfputz +sehr an die Wayangfiguren. + +Bei dem Assistent-Residenten sah ich eine Sammlung auf Java gefundener +Alterthümer: Bronzen von zum Theil vorzüglicher Arbeit, die einen hohen +Zustand der Kunst verriethen (die aber vielleicht von ausserhalb +eingeführt waren), und eine Sammlung von Waffen, Geräthschaften und +Schmucksachen aus Kiesel, welche, wie ich erfahren habe, jetzt nach +Leyden gekommen sind, und als Proben eines unserer Steinzeit parallelen +Zeitalters auf Java von hohem Interesse für Archäologen sein dürften. + + + + +Drittes Kapitel. + + Reise nach dem Malabar. -- Cinchonenpflanzungen daselbst. -- + Cinchonenbau in Java und Vorderindien. -- Tischchen deck dich. -- + Bambus. -- Gärtnerei. -- Pangerango. + + +In Sumedang trennte ich mich von meinem bisherigen so gefälligen +Reisegefährten, kehrte nach Bandong zurück und schloss mich Herrn de +Vrij an, der eine Dienstreise nach Gedong-banteng, einer mitten im +Urwalde auf dem Malabar (nach Junghuhn: Malawar) angelegten +Chinapflanzung machte, die er aus Gefälligkeit bis zu meiner Ankunft +verschoben hatte. Die Ebene von Bandong wird im Süden zum grossen Theile +von den Vorbergen des Malabar begrenzt, der sich von einer sehr breiten, +fast quadratischen Basis in sanfter Neigung über 7000 Fuss erhebt. Im +Osten scheidet ihn das enge, gewundene Thal des Tjitarum von dem +Gebirgszug, auf dessen östlichem Abhang die früher besuchte Kawa-manuk +liegt, und dessen südliches Ende der Papandayan und sein grosser +Trümmerberg bildet. Der an der südöstlichen Ecke des Malabar im tiefsten +Urwald entsprungene Tjitarum wächst durch Aufnahme vieler Bergwässer so +schnell, dass wir vor der nordwestlichen Ecke desselben Berges auf einer +Fähre übersetzen mussten. Im Galopp ging es dem Berge zu. Ein kleiner +Schaden am Wagen war unterwegs schnell ausgebessert; Bambusen stehen +überall zur Hand, sie lieferten Schienen und Hebebäume; ein +gelbblühender Hibiscusbaum, den man auch gewöhnlich an der Strasse +findet, gab seinen zähen Bast zu Stricken. Der Javane trägt auf Reisen +stets sein Haumesser an der Seite; es ist in seinen Händen ein +Universalinstrument, vermittelst dessen er den Bambus allen seinen +Bedürfnissen anzupassen weiss. Den letzten Theil des Weges legten wir zu +Pferde zurück. Zuerst durch Kaffeegärten, dann durch Urwald reitend, +erreichten wir Tjiníruan, wo in 4820' Höhe eine Chinapflanzung angelegt +ist, deren nähere Besichtigung auf morgen verschoben wurde, da wir noch +vor Sonnenuntergang den Gipfel des Berges erreichen wollten. Die +Eingebornen nennen ihn Puntjak tuwan besar: „Gipfel des grossen Herrn”, +weil ihn der General-Guvernör im Jahre vorher gelegentlich eines Besuchs +der Chinapflanzungen erstiegen hatte. Dies ist auch der Grund, warum ein +bequemer Reitweg mitten durch den Urwald bis auf die Spitze führt, deren +Höhe nach einer oben aufgestellten Tafel 7200 Fuss beträgt und einen +grossartigen Rundblick gewährt: aus dichten, zum Theil nie betretenen +Wäldern, deren dunkles Grün im Norden durch die Kulturebene von Bandong +unterbrochen wird, steigt ein ganzer Kranz von Vulkanen empor. +Gunong-guntur und -papandayan sind mit Dampfsäulen geschmückt; eine +andere, die südwestlich aus dunklem Walde hervorbricht, bezeichnet die +Solfatara des Gunong-wayang; in grösserer Ferne erblickt man die Vulkane +Tjikorai, Gelungung, Gedeh, Tjerimai und Slamat. Mit einbrechender +Dunkelheit kehrten wir nach Gedong-banteng zurück, wo ein gemüthliches +Haus mitten im Walde für die Inspektoren der Chinapflanzungen steht. Wir +brachten einen höchst angenehmen Abend inmitten der grossartigen +Einsamkeit zu, die erst spät durch vier alte Rongengs gestört wurde, +welche der Distrikthäuptling aus besonderer Aufmerksamkeit gegen seine +fremden Gäste von weither herbeigeschafft hatte. + +Am folgenden Tage besichtigten wir die Cinchonapflanzungen, die in +verschiedenen Höhen auf dem Malabar angelegt sind, sowie die +Gewächshäuser, in denen lange Reihen von Töpfen mit Stecklingen und noch +viel grössere Mengen von Bambusgefässen mit je einem Samen zum Keimen +aufgestellt waren. Ueberall war musterhafte Ordnung, Sorgfalt, ohne +Rücksicht auf Kosten, und das ernste Streben sichtbar, alle Hindernisse +zu überwinden, die sich bisher der Akklimatisation dieser werthvollen +Bäume entgegengestellt hatten. Das Ergebniss hat aber den aufgewendeten +Mitteln nicht entsprochen. Die Ursache wird mit Recht der Kulturmethode +zugeschrieben, doch liegt sie noch weit mehr im „Kultursystem”, durch +welches der Fehler, auf den man bei einem ersten Versuch gefasst sein +musste, so ausserordentlich vergrössert wurde. Die Engländer, die +mehrere Jahre später Cinchonen von Südamerika nach Indien brachten in +der Absicht, den Anbau derselben Privatleuten zu überlassen, hatten +einen überaus glänzenden Erfolg, der in diesem Maasse freilich nur durch +Zusammentreffen nicht vorherzusehender Umstände herbeigeführt werden +konnte. Ihre Aussichten waren aber gleich von vornherein viel günstiger: +denn im Fall des Misslingens hätte es sich nur um einen verfehlten +Versuch im Kleinen gehandelt, und für das Gelingen desselben war die +Wahrscheinlichkeit weit grösser als in Java; denn unter den vielen, über +die verschiedensten Lokalitäten vertheilten intelligenten Privatleuten, +denen man im Falle eines ersten Misslingens die Pflanzen zu weiteren +Versuchen überlassen haben würde, wäre es doch wohl dem Einen oder dem +Andern geglückt, eine passende Kulturmethode zu finden -- (genau so ist +es mit dem Theebau in Indien gegangen, der zuerst fehlschlug und jetzt +so glänzende Resultate giebt) -- und ebenso war die fortschreitende +Verbesserung der Methoden durch die Strebsamkeit vieler an der Kultur +Betheiligten gesichert. Die fast gleichzeitige Einführung der +interessanten Pflanzen in beide Länder, und die Verschiedenheit der +Ergebnisse, in Folge der verschiedenen befolgten Systeme sind +selbstredend. Als im December 1854 die ersten Cinchonen aus Holland in +Java eintrafen,[75] wurden sie von den Herren Hasskarl und Teysmann in +einer Lichtung auf dem Gedeh in 4400' Höhe gepflanzt. Die Wahl des Orts +war, wie spätere Erfahrung lehrte, eine sehr unglückliche. Die grosse +Trockenheit und grelle Sonne in so geringer Meereshöhe und der +felsharte, nur von einer dünnen Erdschicht bedeckte Untergrund wirkten +so verderblich, dass nach 18 Monaten nur noch 300 kränkelnde Pflanzen +übrig waren. Im Dezember 1855 brachte Junghuhn 139 im botanischen Garten +von Leyden gezogene junge Pflanzen nach Java und übergab sie Herrn +Hasskarl; sechs Monate später waren 76 davon todt. Im Juni 1856 nahm Hr. +Hasskarl wegen Krankheit seinen Abschied; Junghuhn erhielt selbst die +Leitung, zugleich kam Dr. de Vrij als Chemiker nach Java und wurde mit +bei der Chinakultur angestellt.[76] Nun begann ein neues System; Geld +wurde nicht geschont, und es wurde befohlen, dass die Kultur bis zum +völligen Gelingen unter der Leitung wissenschaftlicher Männer bleiben, +dann aber in den gewöhnlichen Betrieb der Provinzialregierungen +übergehen sollte. 1857 blühten einige C. Calisaya und C. Pahudiana, 1858 +trugen sie Samen. Die Samen von C. Calisaya, einer anerkannt +vorzüglichen Art, reiften aber nicht in so geringer Meereshöhe, während +C. Pahudiana reichlich Samen lieferte und auch viel üppiger wuchs als +jene. Diese Umstände verleiteten Junghuhn, dem es darum zu thun war, +schnell eine grosse Menge Pflanzen zu erhalten, letztere fast +ausschliesslich zu kultiviren und die guten Arten zu vernachlässigen, +obgleich die C. Pahudiana jedenfalls von zweifelhaftem Werth war. +Hasskarl hatte sie als C. ovata bestimmt, Junghuhn, der den Fehler +entdeckte, nannte sie C. lacumaefolia, nach einer eingebildeten +Aehnlichkeit mit dieser Spezies von Pavon; erst Howard, der berühmte +Monograph der Cinchonen, erkannte sie als eine neue, unbeschriebene Art +und nannte sie dem General-Guvernör zu Ehren C. Pahudiana. Das +Hauptversehen in Java war die ungeheure Vermehrung dieser Art, die von +Markham durchaus werthlos genannt wird: auch wollte kein Händler ihre +1862 auf die Londoner Ausstellung gesandte Rinde kaufen. De Vrij's +Urtheil ist nicht ganz so ungünstig.[77] + +Folgendes war Junghuhn's Kulturmethode: Blumentöpfe, aus +Bambusinternodien bestehend, wurden mit fein gesiebter Erde gefüllt und +im Innern des Waldes in Beete von aufgeschütteter Erde eingesetzt, die +an den Abhängen der Gebirge terrassenförmig angelegt waren. Ein Dach von +trockenem Grase, von Stangen getragen, hoch genug, um Seitenlicht +einzulassen, schützte die Töpfe gegen herabfallende Regentropfen. Diese +Saatbeete waren von 200-500 Fuss Länge und zogen sich in parallelen +Reihen, wie Stufen eines Amphitheaters, zwischen den Bäumen hin. Jeder +Topf enthielt nur einen Samen. Die Erde wurde immer feucht gehalten, +indem sie zweimal täglich durch Ausdrücken eines Schwammes angewässert +wurde. Die Töpfe blieben in den Saatbeeten stehen, bis die Pflanzen etwa +einen halben Fuss hoch waren, was ungefähr 8 Monate erforderte, und +wurden während dieser Zeit alle 5 oder 8 Tage gewendet, um das +Krummwachsen der Pflanzen zu verhüten. + +Zum Zweck des Anpflanzens wurden einige schöne, gerade Hauptwege längs +der Bergkämme durch den Wald geschlagen und in Entfernungen von 25 Fuss +durch Querpfade verbunden. An den Seiten dieser Fusswege waren tiefe +Gräben gezogen und mit gesäuberter Erde gefüllt, so dass etwas erhabene +Bänke mit Rinnen zur Ableitung des Regenwassers entstanden. Die jungen +Pflanzen wurden in die lose Erde dieser Bänke gesetzt, worauf 4 starke +Pfähle in den Boden getrieben und 4 oder 5 Fuss über der Spitze der +Pflanze fest verbunden wurden. Dies sollte sie ein paar Jahre lang gegen +herabfallende Zweige, tropfendes Wasser und wilde Thiere schützen. Auf +diese Weise hatte man Tausende von Fusswegen durch die Wälder geschlagen +und mit Cinchonabäumen bepflanzt. + +Junghuhn hatte den entgegengesetzten Fehler von Hasskarl begangen; man +weiss jetzt, dass sein Verfahren, die Pflanzen in den dichten Schatten +der Wälder zu setzen, ganz falsch war, da sie Luft und Licht bedürfen, +um reichlich Alkaloide zu bilden. Ebenso ist es jetzt ausgemacht, dass +die Behandlung der Samen der Grund war, warum so wenige keimten. Der +Versuch, die Pflanzen durch Stecklinge zu vermehren, gab in Java sehr +ungünstige Resultate, weil die Stecklinge viel zu gross waren. Wäre man +in Java auf die später von Mac Jvor in Ootacamund mit grossem Erfolg +angewandte Methode verfallen, zur Vermehrung sehr kleine Ableger und +Knospen zu benutzen, so könnte man dort jetzt Millionen von Calisayas +statt werthloser Pahudianas besitzen. + +Der Cinchonabau begann in Java im Dezbr. 1854; im Dezbr. 1860 besass +man: 8346 C. Calisaya, 108 C. lancifolia, 939,827 C. Pahudiana, zusammen +948,281; ausserdem waren 700,264 Samen ausgesäet. Während die Holländer +nach 6 Jahren mit Ausnahme der fast werthlosen C. Pahudiana nur 8454 +Pflanzen besassen, erzog Herr Mac Jvor, der Dirigent der Pflanzungen in +Ootacamund (Neilgherries) in wenig mehr als einem Jahr 9732 Pflanzen, +ohne mehrere Hundert zu rechnen, die nach Java, Kalkutta, Trovancore +gesandt wurden. Mac Jvor erlangte seine Erfolge durch eine der +beschriebenen gerade entgegengesetzte Methode; er hielt den keimenden +Samen sehr trocken, pflanzte die Sämlinge in grosser Meereshöhe und +vermied namentlich den tiefen Schatten der Wälder. + +An offenen Stellen wachsen die Pflanzen gut, geben reichlich Samen, +bilden eine dicke Rinde, reich an Arzneistoffen, während sie im Schatten +von Waldbäumen dünn und schwach in die Höhe schiessen und wenig Chinin +entwickeln.[78] Es ist eine anerkannte Thatsache, dass alle +Cinchonaarten den höchsten Prozentgehalt an Alkaloiden liefern, wenn sie +in der grössten Meereshöhe wachsen, in der sie überhaupt noch gedeihen. +Die strauchartigen Pflanzen sind besonders ergiebig, wenn ihr +verkrüppelter Wuchs durch die grosse Meereshöhe des Standorts veranlasst +ist. Die Engländer haben sich daher entschlossen, die Cinchonen als +Sträucher zu kultiviren, etwa wie Zimmet, so dass jährlich geerntet +werden kann. Die holländische Methode, im Schatten hoher Waldbäume zu +pflanzen, weil die Bäume angeblich in ihrer Heimath so gefunden werden, +ist schon deshalb verwerflich, weil es 30 Jahre dauert, bis die Rinde +benutzt werden kann und sie immer sehr dünn und arm bleibt. Aber selbst +wenn sie dann reich an Alkaloiden wäre, so würde der Nutzen der +Einführung ein sehr fraglicher sein, denn die entfernte Möglichkeit +einer reichen Ernte nach 30 Jahren würde in gar keinem Verhältniss +stehen zu den enormen Ausgaben der ersten Anlage, und welcher Privatmann +möchte wohl jemals ein Produkt bauen wollen, das nur alle 30 oder 40 +Jahre einen einmaligen Ertrag verspricht! + +Ueber den Fortschritt der Chinakultur in Indien meldet das Athenaeum vom +6. Juni 1863: „Herr Mac Jvor hat im Vermehren und Aufziehen der +Cinchonen solchen Erfolg gehabt, dass die unter seiner Leitung stehenden +Pflanzungen jetzt in der Lage sind, Tausende von jungen aus Stecklingen +gezogenen Pflanzen[79] an öffentliche Gesellschaften abzulassen, die +sich gebildet haben, um sie für den Handel anzubauen”. Herr Howard +erklärt, dass alle von kleinmüthigen Botanikern gehegten Befürchtungen, +als würden in Ostindien künstlich gezogene Cinchonen nicht dieselben +Alkaloide enthalten, wie die in Südamerika natürlich gewachsenen, ohne +Grund sind;[80] er findet nicht den geringsten Unterschied. Herrn +Markham's Bemühungen sind also mit vollem Erfolg gekrönt worden. + +Ausser auf mehreren Gebirgen Ostindiens schreitet der Anbau auch auf +Ceylon schnell fort und wird immer mehr Gegenstand der Privatindustrie, +da er grösseren Vortheil verspricht als der Kaffeebau. -- Herr de Vrij, +der die Cinchonapflanzungen in den Neilgherries im Nov. 1863 gründlich +untersuchte, theilt über Herrn Mac Jvor's Erfolge noch Nachstehendes +mit: Im April 1861 hatte M. J. 463 junge Pflanzen und 172 einen Monat +alte Sämlinge, zusammen 635. Durch Stecklinge und Knospen vermehrte er +sie so, dass ihre Anzahl am 31. Dec. 1863 277,083 betrug. Eine einzige +5' hohe Pflanze von C. Uritusinga, die Hr. Howard der englischen +Regierung geschenkt hatte, kam kränkelnd im April 1862 in Ootacamund an, +sie erholte sich Ende Mai und hatte Ende Decbr. 1863 bereits 6350 junge +Pflanzen geliefert. Mac Jvor fand ein Mittel, die Samen durchschnittlich +in 14 Tagen zum Keimen zu bringen. -- Derselbe hat Herrn de Vrij +brieflich mitgetheilt, dass er vor Ende Dec. 1865 im Stande sein werde, +zwischen 3000 und 5000 ℔ Chinarinde als Ertrag der Neddiwultum-Pflanzung +zu liefern, in welche im Herbst 1862 16000 Pflanzen ausgepflanzt wurden. +Nach dem englischen System, die Pflanzen als Sträucher auszubeuten, +verzinst sich das Anlagekapital nach höchstens 4 Jahren und giebt dann +zunehmenden Ertrag, so dass bereits viele Privatleute veranlasst worden +sind, diese Kultur für eigene Rechnung zu versuchen. Im Herbst 1861 +wurde die weitere Vermehrung der C. Pahudiana auf Java durch +Regierungsbeschluss untersagt. Nach einem Bericht des jetzigen +Vorstehers der Chinakultur (Tijd. v. N. I. Febr. 1866) ist gegenwärtig +unter den Pahudianas grosse Sterblichkeit eingerissen, man scheint aber +nicht Lust zu haben, den Ausfall zu ersetzen; dagegen schlägt man +Oeffnungen in die Wälder, um den Calisayas Luft und Licht zu geben, und +ist bestrebt, diese zu vermehren; ihre Anzahl ist aber immer noch sehr +gering. + +Nach Dr. Hooker's Berichte (Athenaeum 17. März 1866) sind von Ceylon +reife Cinchonensamen über Kew nach Jamaica, Trinidad, Mauritius, dem Kap +der guten Hoffnung, Queensland gesandt worden. In Trinidad und +Queensland werden die Calisayas schon mit vollständigem Erfolg +kultivirt. Den Holländern gebührt zwar das Verdienst, die Cinchonen +zuerst auf die östliche Halbkugel übersiedelt zu haben (ein früherer +Versuch der Franzosen, sie in Algier einzuführen, war misslungen), die +Engländer haben aber diese werthvollen Pflanzen eigentlich erst zu einem +Gegenstande des Landbaus gemacht und sie über fast alle Länder +verbreitet, in denen sie gedeihen können. + +Bei einer Reise, die wir vom Malabar aus südlich unternahmen, war durch +ein Versehen des betreffenden Beamten keine Meldung vorausgegangen. Wir +fanden daher die Waldwege in ihrem gewöhnlichen Zustande. Acht Stunden +lang kletterten wir über schlüpfrige Thonrücken und erreichten +Pamorotan, das zur Frühstückstation bestimmt war, erst so spät +Nachmittags, dass die Weiterreise für heut aufgegeben werden musste. +Hier stand ein geräumiger, aber ganz verödeter Pasanggrahan, da +dergleichen Gebäude an so abgelegenen Orten nur, wenn ein Kulturbeamter +die Station besucht, für ihn eingerichtet werden. Weil wir nicht +angemeldet waren, stand alles leer. Einige Reiter, die uns begleitet +hatten, sprengten nach verschiedenen Richtungen, um etwas für unsere +Mahlzeit herbeizuschaffen; wir stiegen inzwischen das steile Ufer des +Tjilaki hinab und kletterten durch sein felsiges Bett unter riesigen +Waldbäumen umher. Diese Gegend ist sehr spärlich bevölkert. Dichter Wald +fasst den Fluss ein, der zwischen grossen Felsblöcken dahinrauscht. Es +herrschte grosse Einsamkeit, aber keine Stille. Wer plötzlich mit +verbundenen Augen dahin versetzt würde, könnte sich in der Nähe einer +grossen Fabrik glauben; so laut und gellend klang das Geräusch der +Insekten. Besonders unangenehm und alles übertönend war ein schriller +Laut, der täuschend wie das Geräusch einer Schleifmühle klang. Andere +Insekten schienen das Schnurren vieler hundert gezahnter Räder in +schneller Bewegung nachzuahmen. Das Tosen des Wassers vervollständigte +die Illusion. Nie wieder habe ich ähnlichen Lärm in einem Walde gehört. + +Als wir nach kaum zwei Stunden den Pasanggrahan wieder betraten, fanden +wir Alles wie durch Zauber verändert. Das vorher so stille Gehöft war +jetzt voll Leben und Thätigkeit, und noch immer kamen neue Züge von +Kulis und trugen allerlei Gegenstände der Bequemlichkeit herbei. In den +Schuppen waren die Pferde der Häuptlinge untergebracht; auf dem Hofe +brannten mehrere Feuer, an denen emsig gekocht und gebraten wurde. Eine +grosse Anzahl Arbeiter waren beschäftigt, frisch gefällte Bambusen +vermittelst ihrer Haumesser in allerlei Möbel, Haus- und Küchengeräth zu +verwandeln. Zwei grosse bequeme Lehnstühle waren bereits vollendet, und +eben wurde die letzte Hand an einen Tisch gelegt, dessen Platte aus +Bambussplissen bestand. Als Leuchter dienten Bambusen von entsprechendem +Durchmesser, die einen Zoll hoch über einem Knoten abgeschnitten waren, +während das entgegengesetzte längere Ende in drei Theile gespalten, +auseinandergespreizt, durch Querstäbe verbunden und mit einem Stein +beschwert, den Fuss bildete. Andere Arbeiter waren beschäftigt, das Dach +auszubessern. In dem länglich viereckigen, vorher so unwohnlichen Raum, +der uns zum Aufenthalt dienen sollte, waren an beiden Enden durch bunte +Vorhänge zwei kleine Gemächer abgetrennt worden; in jedem stand bereits +ein Bett aufgeschlagen; der ganze mittlere Theil, unser Salon, war mit +weichen Pandanusmatten belegt, und sobald wir gebadet, wurde auf dem nun +vollendeten Tische ein vortreffliches Essen aufgetragen mit sehr +mannigfaltigem Dessert, worauf Kaffee mit Cognac folgte. Es war fast wie +das „Tischchen deck' dich” im Mährchen. + +Je länger man in diesen Ländern verweilt, um so mehr wächst das +Erstaunen über die unzähligen nützlichen Verwendungen einiger Pflanzen, +unter denen der Cocospalme und dem Bambus wohl die erste Stelle gebührt. +Aus Bambus baut der Javane sein Haus, aus Bambus bestehen alle seine +Möbel; in einer Bambusröhre, die dabei zwar verkohlt, aber nicht +verbrennt, kocht er auf Reisen seinen Reis an einem Bambusfeuer, wenn er +nicht etwa vorzieht, junge Bambustriebe, die ein sehr schmackhaftes +Gemüse geben, darin zu kochen. + +Wie schon mehrmals angedeutet, besteht oft das ganze Gerüst des Hauses +aus Bambus; die Wände aus plattgedrückten geflochtenen Halmen; die +Dächer werden zwar gewöhnlich mit Palmenblättern oder Gras gedeckt, aber +auch mit Bambusschindeln, die wie Hohlziegel gelegt werden. Einige mit +Wasser gefüllte, von der Dachfirste paarweise herabhängende geräumige +Internodien bilden einen stets bereiten Löschapparat. Schuppen, Ställe, +Scheunen, fast sämmtliches Ackergeräth, sowie der Zaun um das Gehöft, +bestehen aus Bambus. + +In einem unter dem Dach horizontal aufgehängten, an einem Ende mit einem +Loch versehenen Halm siedelt sich die kleine stachellose Biene an, die +dem Javanen das Wachs liefert, das er, wie später beschrieben werden +soll, bei dem Färben seiner Sarongs gebraucht. Zuweilen ist in einem +ganzen Dörfchen kaum ein anderes Material verwendet; der zierliche Zaun, +der es umgiebt, die Thore an beiden Enden, mit erhöhten Bänken, auf +welchen die Wache lagert, alles ist aus Bambus; neben letzterer hängt in +mehreren Exemplaren ein eigenthümliches Instrument zum Fangen der Diebe +und Bösewichte; es besteht aus zwei armdicken Bündeln dünner +Seitenzweige des dornigen Bambus, die gabelförmig an einer Stange +befestigt sind und dazu dienen, den Verfolgten am Halse zu packen. + +In vielen malayischen Ländern, wo der Fluss die einzige Strasse durch +den dichten Wald bildet, erheben sich am Ufer und namentlich an den +schlammigen Mündungen Gruppen von Hütten auf Pfählen (vergl. die Ansicht +von Rochor). Wie bei den alten Pfahlbauten sind sie häufig durch eine +gemeinschaftliche Gallerie verbunden. Wenn nicht zu den Pfählen +Palmenstämme (gewöhnlich Caryota urens) verwendet sind, so besteht Alles +aus Bambus. Nirgends springt einem die Bequemlichkeit des Lebens der +Tropenbewohner mehr in die Augen, als in dergleichen Ansiedelungen. +(vergl. S. 50 unten.) + +Fast die ganze mehrere hunderttausend Seelen betragende Bevölkerung der +Hauptstadt von Siam lebt in Häusern, die auf Bambusflössen schwimmen, +und in meilenlangen Reihen zu beiden Seiten des Flusses und der Kanäle +am Ufer festgemacht sind. Gefällt Einem seine Nachbarschaft nicht, so +schwimmt er mit der Ebbe oder Fluth stromab- oder aufwärts. + +Für alle Arten von Gestellen, Gerüsten, Gittern, Rahmen ist der Bambus +unübertrefflich; ausser der gewöhnlichen Leiter erhält man eine etwas +weniger bequeme, aber viel tragbarere durch blosses Einhauen von Löchern +in den Halm. Er liefert ebensowohl die zierlichen Käfige für kleine +Singvögel oder Prachtkäfer, als auch die grossen, in denen bei +Festlichkeiten Tiger und Büffel kämpfen. Soll in Hongkong ein grosses +steinernes Haus gebaut werden, so führt man erst ein den äusseren +Umrissen ähnliches grösseres Gebäude aus Bambus auf, und deckt es mit +Bambus- oder Palmenblättern, unter deren schützendem Dache dann die +Arbeit, unbehindert durch Regen oder Sonnengluth, um so schneller +fortschreitet. Steinerne Theater sind, wie ich glaube, in ganz China +nicht vorhanden; selbst das Theater in Canton, das eine grosse +Zuschauermenge fasst, bestand nur aus Bambus. + +Allerlei Hausrath, Stühle, Tische, Webestühle, Betten sind von Bambus; +das lange krause Geschabsel dient zum Polstern; kühlere und elastischere +Kissen erhält man, indem man eine feine Bambus- oder Rotangmatte über +zwei in ihren Mittelpunkten an den Enden eines Stabes befestigte +Scheiben straff spannt. Nicht nur die Hütte der Armen ist mit Bambus +möblirt, auch in der Wohnung des Reichen findet man ihn in Form bequemer +Schlummerstühle und in allerlei zierlichen Geräthschaften wieder. Vor +der Veranda hängen Rollvorhänge aus feingespaltenen, durch Seidenfäden +an einandergeknüpften Stäbchen, die zwar die Luft durchlassen, aber, +namentlich wenn sie dunkelgrün gefärbt sind, das Licht angenehm dämpfen. +Dort findet man auch die zierlichsten Körbchen und künstlich geschnitzte +Becher. Die lackirten Bambusdosen von Birma sind berühmt und in +Palémbang überzieht man Körbe aus dünnen Bambusspähnen mit einem Lack, +der so elastisch ist, dass man sie völlig umstülpen kann, ohne dass +Sprünge entstehen. + +Ein Span von keilförmigem Querschnitt, dessen scharfe Kante von der +kieselreichen äusseren Schicht gebildet wird, giebt ein sehr scharfes +Messer; bei den feinen Piña-Webereien benutzt man nie ein anderes. Auch +zu chirurgischen Operationen wird es verwendet. Dieselbe äussere Schicht +liefert aber nicht nur ein scharfes Messer, sondern auch einen sehr +wirksamen Wetzstein, um eiserne Messer zu schärfen. + +In China wird das meiste Papier aus Bambus erzeugt, auch das in Europa +für Kunstdrucke so geschätzte. Bei den Pinseln, die in China die +Schreibfedern vertreten, bestehen die Schäfte aus Bambus; gröbere Pinsel +macht man sich leicht, indem man das eine Ende eines Bambussplints so +lange mit dem Hammer klopft, bis sich die einzelnen Längsfasern +trennen.[81] + +Für die Jagd und den Krieg liefert der Bambus Blasröhre, aus denen +vergiftete Pfeile geschossen werden, Pfeilschäfte und Pfeilspitzen, +Lanzen, Palissaden, spanische Reiter, auch Fusslanzen (6'' bis 2' lange, +zugeschärfte Bambusspiesse, die so in den Boden gesteckt werden, dass +nur die Spitzen hervorragen, welche mit Spreu oder lockerer Erde +bedeckt, dem barfüssigen Feinde gefährliche Wunden beibringen). Der +Dornenbambus, eine bis 40' hohe, sehr dickbuschige, vielverzweigte, +überall mit scharfen Stacheln bewehrte Art, bildet einen +undurchdringlichen Wall, gegen den selbst Artillerie kaum etwas vermag, +so dass die Holländer, durch ihre Erfahrungen im Kriege gegen die Padrys +auf Sumatra belehrt, ihn jetzt immer um ihre eigenen Festungen pflanzen. + +[Illustration: BAMBUSBRÜCKE. JAVA.] + +Dem Fischer liefert der Bambus unübertreffliche Flösse, Masten, +Segelstangen, Spreitzen für Mattensegel, Reusen, Fangkörbe, Speere zum +Spiessen grosser Fische und „Ausleger”, um sein schmales Boot gegen +Umschlagen zu schützen. Zu diesem Zwecke wählt man etwas bogenförmige +Halme, die dem Boot parallel, die konvexe Seite nach unten, in +Entfernung einiger Ellen vermittelst zweier Querstangen befestigt +werden. Je nach der Stärke des Windes taucht das Rohr auf der Leeseite +mehr oder weniger tief ein und stützt das Fahrzeug. Die Verwendung des +Bambus zu Brücken geht am besten aus den Zeichnungen hervor,[82] +ausserdem aber baut man auch solche, die flossartig im Wasser liegen. In +Bambusen, deren Enden in einander gefügt sind, leitet man das Wasser +grosse Strecken weit über Berg und Thal. + +Eine kletternde, sehr zähe, dünne Art liefert gespalten, allerlei feines +Flechtwerk, auch Stricke, sogar Säcke. Ja selbst Jacken machen die +Chinesen aus einer kleinen Art, indem sie die Seitentriebe von der Dicke +eines Rabenkiels in halbzoll lange Stücke schneiden, wie Schmelzperlen +auf Fäden ziehen und zu quadratischen Maschen verknüpfen. Chinesische +Stutzer tragen gern dergleichen Jacken auf dem blossen Körper, um ihr +weisses baumwollenes Gewand gegen Schweiss zu schützen. Aus +Bambusblättern bestehen die Regenmäntel der Armen und die groben +Regenschirme der Höker. Die unter dem Namen Pfefferrohr in Deutschland +bekannten Stöcke und Regenschirmstiele sind Bambus. Bei den chinesischen +und japanischen Schirmen besteht das ganze Gestell aus Bambussplissen, +und der Ueberzug aus gefirnisstem Papier. + +Geht man in den Wald auf eine Exkursion, so sind die Kulis schwer zu +bewegen, Tragkörbe mitzunehmen, da eine Bambuse alles Nöthige liefert, +um Körbe, Kiepen, Tragen u. s. w. in kürzester Zeit zu flechten. Zur +Bewahrung kleiner oder flüssiger Gegenstände dienen unmittelbar die +Internodien. Auch die amtlich geaichten Maasse für Flüssigkeiten und +Körner bestehen daraus. + +In einem Bambusbusch stecken Musikinstrumente für ein ganzes Orchester. +Am naheliegendsten ist die Verwendung zu Flöten und Pfeifen, Wie die +Mintras Gitarren daraus machen, ist bereits erwähnt. Auch die +abscheuliche chinesische Fidel „hii-ïeng” besteht aus Bambus. (In ein +3-4'' langes, 2'' dickes, an einem Ende mit einer Schlangenhaut +trommelartig bespanntes Rohr, welches den Körper der Geige bildet, ist +seitlich ein etwa 2' langer Bambusstock eingelassen, an dessen oberem +Ende die Wirbel für zwei Saiten angebracht sind; der Steg steht auf der +Schlangenhaut.) Ein sehr angenehmes Instrument dagegen ist das Anklong, +bestehend aus einer Anzahl Rohre von graduirter Länge, die an einem +Gestell hängen und durch Aneinanderstossen in tönende Schwingungen +versetzt werden. Logan erwähnt einer Art Aeolsharfe, die er in Naning +sah und den Triumph der malayischen Kunst nennt: „Denn was könnte +kühner und sinnreicher sein als der Gedanke, einen ganzen Bambus frisch +aus dem Walde 30-40' lang durch einfaches Einschneiden einiger Löcher +in ein musikalisches Instrument zu verwandeln.” + +Für religiöse Zwecke liefert der Bambus auf den Philippinen Kirchen, +Kapellen und Kreuze. (Für die Erziehung ist der Rotang beliebter und +wird stark benutzt. Das Sprichwort sagt: für jeden Indier, der geboren +wird, spriessen im Walde tausend Rotangs auf.) Die Chinesen schneiden +aus seinen knorrigen, struppigen Wurzeln phantastische Figuren für den +Tempel und den Hausaltar. Aus Bambuswurzeln bestehen auch die +eigenthümlichen Wurfhölzer in den Tempeln, durch welche die Chinesen das +Schicksal befragen, um aus der Art des Fallens auf den Erfolg einer +Unternehmung zu schliessen; in ihrer Zudringlichkeit werfen sie aber die +Hölzer so lange, bis sie endlich eine günstige Antwort erhalten. + +Auch als Feuerzeug ist der Bambus in Gebrauch, und wohl allen andern bei +den Wilden üblichen Feuerzeugen vorzuziehen. Man spaltet einen recht +trockenen Halm von 2-3' der Länge nach in der Mitte, schabt aus den +inneren Wandungen die silberglänzende weiche Haut und das weiche Holz so +fein als möglich und rollt das Geschabsel zu einer losen Kugel zusammen, +die auf den Boden gelegt und mit der einen Hälfte des Halms bedeckt +wird, so dass sie oben gegen die Wölbung drückt. Von der andern Hälfte +spaltet man dann noch einen Streifen ab, so dass ein fast flaches +lattenförmiges Stück zurückbleibt, dessen eine Seite zugeschärft wird. +Mit dieser Seite geigt man auf dem Bambus, der von einem Begleiter oder +durch Pflöcke festgehalten wird, gerade über der Stelle, wo das feine +Geschabsel liegt, hin und her, indem man allmälig den Druck und die +Geschwindigkeit steigert. So entsteht ein Einschnitt quer durch die +Längsfasern, die Wärme wächst bei der starken Reibung sehr schnell, und +in dem Augenblick, wo das Gewölbe durchschnitten ist, entzündet sich das +verkohlte Holzpulver zu Funken, die in den darunter liegenden +Faserballen fallen und durch vorsichtiges Blasen allmälig zu einem +Flämmchen genährt werden. Der Versuch ist leicht anzustellen und gelingt +jedesmal, wenn alle Vorbereitungen richtig getroffen sind. + +Endlich möchte ich noch einer schrecklichen Todesstrafe erwähnen, die +früher auf Bali in Gebrauch gewesen sein soll. Die Bambusen wachsen +ausserordentlich schnell und dringen mit sehr harten kieselreichen +Trieben, die wie Spitzkugeln geformt sind, aus dem Boden. Es wird +erzählt, dass man, nachdem die längeren Halme entfernt worden, den +Verbrecher horizontal über den Stumpfen aufspannte, um ihn von den +jungen Trieben durchwachsen zu lassen. + +Manche Bambusarten haben sehr dicke Wände im Verhältniss zu ihrem +Durchmesser, andere sehr dünne, bei grossem Umfang. Auf dem Abhang des +Semeru (Ost-Java) mass ich sehr dünnwandige Bambusen von 70' Länge und +26'' Umfang an der Basis (Junghuhn giebt deren von 1' Durchmesser an), +die bis zur Spitze mit Wasser gefüllt waren. Diesem Wasser wird eine +besondere Heilkraft zugeschrieben. In demselben lebt ein kleines +krebsartiges Thier, das die Javanen Ikanwadr nennen, ich aber leider +nicht auffinden konnte. Noch grössere Heilkraft schreibt man den +Kieselkonkretionen zu, die sich in manchen Bambusen bilden und unter dem +Namen Tabaschir oder Bambuskampfer in den Handel kommen. Die grosse +Rolle, die der Tabaschir in der chinesischen Medizin spielt, verdankt er +wohl, wie die Bezoarsteine, seiner spontanen Entstehung. Auch als +Polirmittel wird der Tabaschir gebraucht; grosse Quantitäten gehen nach +Arabien, ihre dortige Verwendung konnte ich aber nicht ermitteln. + +Von der Schönheit einer auf offenem Felde oder auf einer Anhöhe +freistehenden Bambuse, deren oben reich befiederte Halme sich bei +Windstille nach allen Seiten gleichmässig zur Erde neigen, wie die +Wassergarbe eines Springbrunnens, kann man sich nach den verkümmerten +Exemplaren in den Ecken unserer engen Treibhäuser unmöglich einen +Begriff machen. Sie übertrifft sowohl die Palme als den Baumfarn an +landschaftlicher Schönheit. Es wäre ein würdiger Versuch für einen +reichen Gartenfreund, seinen Rasenplatz mit einer Bambusgruppe zu +schmücken. Ein gemauertes, durch Röhren heizbares Becken, mit einem im +Sommer abzunehmenden Glashause würde genügen; vielleicht wären selbst +einfachere Vorrichtungen ausreichend. (Im Garten der Fürstin Butera bei +Palermo sah ich Bambusen im freien Lande, es war aber keine schöne Art.) +Rings um die Mittelgruppe könnte man niedrigere Arten mit goldgelben und +gelb und grün gestreiften Halmen setzen, deren es äusserst zierliche +giebt. Die Auswahl ist endlos; die Dicke schwankt zwischen 1 Fuss und +wenigen Millimetern, die Höhe erreicht 70-80', abgesehen von den +kletternden, welche viel länger werden; die Farbe umfasst sehr +verschiedene Töne von grün und gelb; es giebt auch gestreifte, gefleckte +und schwarze; und es trifft sich glücklich, dass gerade die schönste +aller Bambusarten im nördlichen China in einem Klima wächst, das von dem +Süd-Europas nicht allzu verschieden ist. R. Fortune, der in diesem Punkt +gewiss kompetent ist, glaubt wenigstens, dass sie in Süd-Frankreich, +Italien und ähnlichen Gegenden im Freien gedeihen möchte. Er sagt von +ihr (Residence among the Chinese pg. 189): „Die Mau-tschok ist die +schönste Bambuse der Welt -- 60-80' hoch, Stamm gerade, glatt, astlos +bis auf 20 oder 30' vom Boden, der obere, belaubte Theil so leicht und +gefiedert, dass er die Reinheit des Stammes nicht beeinträchtigt.” Wie +alle andre Arten dieser Gruppe wachsen sie sehr schnell und erreichen +ihre volle Höhe in wenigen Monaten; man sieht sie fast wachsen, wie man +zu sagen pflegt. Fortune, der häufige Messungen in den chinesischen +Bambuswäldern anstellte, fand, dass eine gesunde Pflanze 2 - 2-1/2' in +24 Stunden wächst, und zwar Nachts am schnellsten. Selbst im Treibhause +ist ihr Wachsthum enorm. Hr. Inspektor Bouché berichtet, dass eine im +freien Grunde des Palmenhauses im Berliner botanischen Garten stehende +Bambusa verticillata vom 22. Juni bis Anfang Oktober 38' emporschoss. +Vom 28. Juni bis 4. August wurde sie täglich gemessen und wuchs 10' in +38 Tagen, also durchschnittlich 3-1/2 Zoll, an einzelnen sehr warmen +Tagen aber 7, ja sogar 9 Zoll. + +Bald nach unserer ersten Reise hatte ich das Vergnügen, Hrn. de Vrij +nach Tjibodas am Gedeh zu begleiten, wo die bereits mehrmals erwähnte +erste Cinchonapflanzung auf Java in 4400' Höhe von Hasskarl und Teysmann +angelegt worden war. Bei dem Gärtner in Tjipanas, das an demselben +Abhang 1100' tiefer liegt, fanden wir diesmal gute Aufnahme und +angenehme Gesellschaft aus Batavia, die sich in der hiesigen +Frühlingsluft von den Strapazen der heissen Hafenstadt erholte. Man kann +sich kaum einen angenehmem Aufenthalt denken, um Geist und Körper zu +erfrischen. Daher würde der Ort von den Bataviern noch viel zahlreicher +besucht werden, wenn nicht die sehr hohen Reisekosten und das strenge, +lästige Passwesen für sie ein Hinderniss wären.[83] + +Die Gärtnerei ist nicht auf die unmittelbare Umgebung von Tjipanas +beschränkt, sondern zieht sich mehrere tausend Fuss höher den Berg +hinan, wodurch es möglich wird, viele Kultur- und Zierpflanzen aus +kälteren Breiten zu bauen. Artischocken, Spargel, Tomaten und andere +feine europäische Gemüse, die in Singapore nur als Leckerbissen aus +Blechbüchsen auf die Tafel kommen, bildeten den Hauptbestandtheil der +Mahlzeiten; Erdbeeren waren in grösster Fülle vorhanden und wurden nach +andalusischer Sitte mit Apfelsinensaft gegessen. Europäische Fruchtbäume +sind zwar auch höher oben am Berge gepflanzt und tragen das ganze Jahr +Blüthen und Früchte, doch bleiben letztere meist ungeniessbar, weil den +Bäumen die unsern Wintern entsprechende Ruhezeit fehlt. Am +schmackhaftesten sind noch die Aepfel, am ergiebigsten die Pfirsiche, +die aber nur gekocht zu geniessen sind; Erdbeeren wachsen so üppig, dass +weiter oben grosse Flächen damit bedeckt sind. Nach ihnen ist ein Gehöft +in etwa 4000' Höhe Arrebe benannt; so sprechen die Malayen das +holländische „Aardbei” aus. Man kommt an mehreren Cinchonapflanzen +vorbei, die Junghuhn von Tjibodas aus hierher versetzte, nicht nach dem +Malabar, wie Markham irrthümlich angiebt. Schöne, bequeme Reitwege +führen nach verschiedenen Richtungen, -- auch bis zum Gipfel des ganzen +Gebirges, nach Junghuhn Mandellawangi, gewöhnlich aber wohl Pangerango +genannt, auf welchem jetzt ein geräumiges, heizbares Bretterhaus steht, +wo man die Nacht zubringen kann. Die Reitpferde sind billig und gut und +können unterwegs gewechselt werden, so dass selbst Damen diesen 9230' +hohen Gipfel fast ohne alle Anstrengung erreichen können. Gruppen +riesiger Rasamalas, Baumfarne und Orchideen (die köstliche Vanda +suaveolens findet sich nirgends in grösserer Fülle) folgen auf einander, +und höher hinauf leuchten schon aus der Ferne die grossen rothen oder +gelben Blüthenbüschel des Rhododendron Javanicum, das hier gewöhnlich +epiphytisch vorkommt. Vor Kandang-badak überschreitet man auf einer +Brücke einen heissen Sturzbach, der dampfend in den Abgrund fällt. Bald +darauf kommt man an einem grossen Erdsturz, einer Scene wilder +Verwüstung, vorüber: auf einem weiten Raum wächst keine Pflanze, enorme +Felsblöcke und Schutt bedecken die Oberfläche, dazwischen liegen grosse +zertrümmerte Baumstämme und eine hohe, senkrechte Wand, ohne eine Spur +von Pflanzenwuchs, zeigt den Ort, wo sich die Erde abgelöst und dass das +Ereigniss vor Kurzem stattgefunden hat. Vom Gipfel des Berges hat man +einen ausgezeichnet schönen und weiten Umblick, dessen interessantesten +Theil der grosse Gedehkrater bildet, der mit seinen terrassenförmigen +Gesteinsbänken wie ein ungeheures antikes Theater vor dem Beschauer +liegt. + + + + +Viertes Kapitel. + + Vulkan Tankubang-prau. -- Kostbare Waffen. -- Tiger. -- Kawali. -- + Schirme. -- Fest in Pandjalu. -- Ausbruch des Gelungung. -- + Büffelkarren. -- Teakholz. -- Kindersee. -- Universalmittel. -- + Pfahldorf. -- Zimmet. -- Loro-kidul. -- Essbare Vogelnester und + abergläubische Gebräuche beim Einsammeln derselben. -- Kampf + zwischen Tiger und Büffel. -- Tigerstechen. -- Reise nach dem + Slamat. -- Rhinozerosse. + + +Ich kann nicht läugnen, dass die bisherige Art zu reisen mir +ausserordentlich gefallen hatte, und als mir im Verkehr mit den +liebenswürdigen Männern, deren Gesellschaft ich genoss, jeden Tag die +Aussicht auf neue Wunder eröffnet wurde, die das Innere der Insel bergen +sollte, wurde mein Entschluss, mich auf einen Ponyritt durch die +Preanger Lande zu beschränken, allmälig wankend. Ich liess mich ohne +grosse Schwierigkeiten bereden, die reichen Mittel zu benutzen, die mir +der General-Guvernör mit so glänzender Liberalität zur Verfügung +gestellt hatte. Junghuhn, der mir namentlich sehr zuredete, arbeitete +für mich einen Reiseplan aus, der alle Gegenstände einschloss, die mir +von besonderem Interesse waren. Die Punkte der bemerkenswerthesten +geologischen Erscheinungen bildeten darin die Hauptmomente und waren +durch solche, welche ethnologische Eigenthümlichkeiten, malerische +Landschaften, kulturhistorische Monumente, charakteristische +Vegetationsbilder, interessantes Volksleben darboten, zu einer Kette +verknüpft, die von Lembang ausgehend, sich durch den südlichen, +gebirgigen Theil der Insel zog und dann durch das flache, nördliche +Gestadeland zurücklief. Alle hervorragenden Erscheinungen, die Junghuhn +während seiner 20jährigen, oft unter grossen Entbehrungen und Strapazen +ausgeführten Wanderungen kennen gelernt, sollte ich nun, mit allen +Bequemlichkeiten versehen, an mir vorübergleiten lassen. Jedem Tag hatte +er ein besonderes Blatt gewidmet, auf dem alles Interessante der +betreffenden Strecke verzeichnet war, immer mit Hinweis auf die +entsprechende Stelle in seinem Handbuch und Anführung der Seitenzahl. Ja +sogar Erholungsstationen an schönen Kraterseen oder in hoch gelegenen +Pasanggrahans waren hinter den anstrengenderen Exkursionen +eingeschaltet. Rechne ich dazu noch die selbst für Indien fast +unglaubliche Gastfreundschaft und Liebenswürdigkeit, die mir ohne +Ausnahme während der ganzen Reise zu Theil wurde, so glaube ich wohl +annehmen zu dürfen, dass noch Niemand diese schöne Insel unter +angenehmeren Verhältnissen durchstreift hat. Mit jedem Tage wuchs meine +aufrichtige Verehrung für Junghuhn. Wer nicht an Ort und Stelle, sein +Buch in der Hand, das Geschriebene geprüft, wird sich keine Vorstellung +machen können von der Genauigkeit der Beschreibung und der Klarheit, mit +der die Verhältnisse aufgefasst sind. Als er die Materialien zu diesem +Werk sammelte, fand er nur geringe Unterstützung. Mit hoher, +wissenschaftlicher Befähigung, seltenem Fleiss und eiserner Ausdauer +ausgerüstet, gab ihm seine leidenschaftliche Liebe zur Natur die Kraft, +Schwierigkeiten zu überwinden, die für die meisten unübersteiglich +gewesen wären. Mein eigenes Urtheil über ihn kann wohl nicht +unparteiisch sein, darum habe ich in Obigem nur die allgemeine Ansicht +über seine Leistungen wiederholt. + +Zum Abschied machte ich mit Junghuhn noch eine Exkursion auf den +Tankubang-prau, den berühmten von zwei grossen Kratern durchbohrten +Vulkan, an dessen Fuss Lembang liegt. Nach einigen Stunden erreichten +wir unsere Hütte, die an der Stelle aufgeschlagen war, wo die beide +Krater trennende Wand im Süden die gemeinschaftliche Ringmauer trifft. +Von hier hätten wir einen Einblick in beide Schlünde haben müssen; aber +dichte Nebel verbargen jede Aussicht und liessen nur einige in unserer +Nähe stehende vermodernde Thibaudienstämme mit knorrigen phantastisch +ausgereckten Aesten erkennen. Aus dem Boden des Kraters, in mehr als +1000' Tiefe, hörte man das Sausen der aus den Spalten hervordringenden +Wasserdämpfe. Der links im Westen gelegene Kessel heisst Kawa-upas +(Gifthöhle), der im Osten gelegene Kawa-ratu. Der Boden des letzteren +liegt viel tiefer als der der Kawa-upas und war früher einmal von einer +grossen Menge kleiner Seen bedeckt, daher sein Name „ratu” = tausend +(Seen?). Bis auf einige kleine Schlammpfützen ist er jetzt trocken und +flach, mit einer erhärteten feinen Thonschlammkruste bedeckt, die über +ihren Ursprung durch Absetzen aus stehendem Wasser keinen Zweifel lässt. +An vielen Stellen hat der hervorbrechende Wasserdampf kleine +Schlammkegel von anderthalb Fuss Höhe gebildet, aus welchen er zischend, +wie aus einer Dampfmaschine, in einem weissen Strahle hervorbricht. +Ueberall, wo man mit dem Stock durch die dünne Kruste stösst, brechen +Dämpfe mit Gewalt hervor. An einem Wasserriss der Nordwand sieht man +eine interessante Erscheinung: die aus grobem Schutt gebildete Wand +enthält in unregelmässigen Zwischenräumen, horizontal über einander +gelagerte, aus feinen Schichten bestehende Thonkrusten, genau von +derselben Beschaffenheit wie die, welche jetzt den Boden des Kraters +bedecken. Sie zeigen die früheren Höhen des Seebodens an und auch sein +periodisches Verschwinden und Entstehen. Der gegenwärtige Kraterboden +war von dieser Stelle nicht sichtbar, mochte aber wohl 200' tiefer +liegen. Auf dem Grunde des westlichen Kessels, Kawa-upas, der über die +Zwischenwand leicht zu erreichen ist, hatte sich in der Südostecke, +gerade am Fuss des steilen Zwischenrückens, ein kleiner von oben nicht +sichtbarer See gebildet, der bei Junghuhn's letztem Besuch nicht +vorhanden war. Seine Länge betrug 135', die Breite etwa 50', er +unterspülte den Fuss der Gebirgswand; aus der dicht mit grossen +Schwefelzapfen ausgekleideten Höhle am jenseitigen Ufer brach mit +starker Entwickelung von Schwefelwasserstoff, hoch aufsprudelnd, das von +Thonschlamm und Schwefelblumen gelbgrau gefärbte Wasser hervor. Das +Metallikpapier meines Notizbuchs und das Silbergeld in meiner Tasche +bräunte sich schnell. Im westlichen Theil dieses Kraters liegt ein +zweiter von oben sichtbarer grösserer See, dessen blaugraues, stilles +Wasser durch den Kontrast mit jenem ganz lieblich erscheint. Kaum hatte +ich die Hütte auf dem Gipfel wieder erreicht, als es heftig zu regnen +begann. Junghuhn hatte unterdessen von dort aus einige photographische +Bilder beider Krater aufgenommen. -- + +Inzwischen war aus Batavia eine grosse Karosse mit Klapptritt und Wappen +für mich angekommen, sehr geeignet zum Visitefahren für eine alte +Generalin, aber nicht für meine Zwecke. Ich kaufte daher einen leichten +Reisewagen und verabschiedete mich nach mehreren kleineren Exkursionen +von Lembang, wo ich einige mir unvergessliche Tage zugebracht hatte, um +am folgenden Morgen selbstständig meine Reise nach Osten anzutreten. + +[Illustration: BEDAJAS VON BANDONG. JAVA.] + +Abends liess der Regent von Bandong seine Bedajas vor uns tanzen und +zeigte uns seine kostbaren Waffen. Die goldene Scheide des einen Kris +war ganz mit Diamanten besetzt; aber ausser dem sichtbaren besassen +manche Klingen einen noch höheren verborgenen Werth durch die ihnen vom +Aberglauben beigelegten Eigenschaften; es giebt Klingen, die ihren +Besitzer unverwundbar und unüberwindlich machen, andere sind hoch +geschätzt, weil sie vor Alters irgend eine berühmte That vollbracht +haben. Der obere Theil der Scheiden bestand bei fast allen aus dem +kostbaren Holze, das sich beim Absterben eines in Bantam wachsenden +Baumes, ~Tankollo~,[84] im Innern des vermodernden Stammes, auf dieselbe +Weise, wie das duftende Agalloche, bildet; es war gelb mit braunen oder +schwarzen Flecken, sogenannten Flammen, deren Gestalt und Farbe seinen +Werth bedingen. Für ein kaum handgrosses Stück, welches die Mündung +einer Krisscheide bildete, hatte der Vater des Regenten 200 Gulden +bezahlt. Einfacher, aber wegen ihrer Leistungen von dem aufgeklärten +Fürsten allen andern vorgezogen, waren zwei Jagdmesser, von der Art, wie +sie bei den bereits erwähnten Hirschjagden gebraucht werden. Diese +Klingen, welche die Rippen eines Hirsches wie dünnes Holz +durchschneiden, kommen aus dem Lande Ssalingri, dessen Eingeborne +ausserordentlich geschickt in Bearbeitung des Eisens sind. Ich fragte +den Regenten, in welchem Winkel des Archipels das Land läge? „Oh weit, +weit!” antwortete er, indem er mir das Messer reichte, das den Stempel +„Solingen” trug. + +Am folgenden Tage reiste ich ab, zunächst nach dem Vulkan Tampomas. Fast +alle Tage hatten wir jetzt heftigen, lange anhaltenden Regen, obwohl wir +uns eigentlich mitten in dem trockenen Monsun befanden. Vom Tampomas +ging es nach Malembong, von bewaffneten Reitern begleitet, da es hier +viele Tiger giebt. An einer Kaffeeplantage kam uns ein Zug von 600 Kulis +entgegen, deren jeder zwei Körbe voll Kaffee trug, zusammen 75 Pfund +wiegend; die Enden der Traghölzer waren mit kleinen Fähnchen geschmückt, +manche auch mit hölzernen Glocken, deren Klang auf den schmalen +Bergpfaden an den Kuhreigen erinnerte. Nach Besichtigung einiger von +Junghuhn beschriebenen Kalksprudel und einer kleinen Kieselquelle +beschlossen wir den heissen Tag mit einem herrlichen Ritt über die mit +kurzem Gras bewachsenen Hügel, die sich hier im Westen des Tjitandui +ausbreiten. Auf muntern Bergpferden ging es im Galopp, von einer Schaar +Reiter mit Lanzen begleitet, bergauf, bergab. Unterwegs sprang ein +junger Tiger auf, und eilte lange vor uns dahin, bevor er einen Busch +fand, um sich zu verbergen. Bei Putjaran durchfurtheten wir im Angesicht +des Sawalberges den Tjitandui, in welchem die zahlreichen, nach allen +Himmelsrichtungen auseinander fliessenden Bäche dieses Berges +schliesslich ein gemeinsames Bett finden, so dass das hier bei seinem +ersten Zusammentreffen mit dem Sawal noch so unbedeutende Flüsschen, +bald nachdem es die SO-Ecke desselben Berges verlassen, schon schiffbar +wird. Wir ritten um die NW-Ecke, dann östlich bis zum schönen See +Pandjalu, der sehr fischreich und frei von Krokodilen ist, so dass man +nach Herzenslust darin schwimmen kann; in seiner Mitte liegt eine kleine +wie ein Garten gehaltene Insel. + +Am folgenden Morgen schickte der Regent von Galu einen Wagen nebst +seinem „Pati,” einem alten würdigen Herrn, der nur meinetwegen das +Ungemach der Reise ertragen musste. Der Opziener (Aufseher) von Pari kam +zu Pferde an, stellte sich zur Verfügung und gab mir viele Auskunft über +die Kaffeepflanzungen, die wir zusammen besichtigten. Neun Paal von hier +liegt Kawali, ein wegen seiner Alterthümer bei den Inländern in grossem +Ansehen stehender Ort. Das Dorf enthält einen kleinen Tempel, zu dessen +sehr engem Eingange ein paar Stufen führten; das Innere war mit Matten +und Teppichen geschmückt, zwei Priester hockten darin und holten die +Gegenstände zu unserer Besichtigung einzeln hervor. Bei jedem Stück +machten sie einen tiefen Salam; mit derselben Ehrerbietung wurden die +Reliquien zurückgelegt, nachdem sie vorher in viele Tücher eingewickelt +worden. Es waren alte Hellebarden, Glocken, Räuchergefässe, Becher mit +erhabenen Figuren, den Thierkreis darstellend, und allerlei zerbrochenes +Gerümpel. Auch in Pandjalu werden dergleichen Alterthümer aufbewahrt. +Nicht weit vom Dorfe, in einem sorgfältig gepflegten Hain, liegen einige +Steine mit alten Inschriften (batu-tulis), die eben so wie die Reliquien +schon kopirt und beschrieben sind; und etwas weiter, im Walde, sprudelt +eine heilige Quelle, die dem Orte den Namen giebt. + +Der Pati lud mich ein, Abends an einem Feste Theil zu nehmen, das +mehrere Tage dauern sollte, und liess mich beim schönsten Mondschein mit +seinem grossen Schirm abholen. Die Sonnenschirme zeigen in den +malayischen Ländern den Rang des Besitzers an, wie in Europa die +Epauletten den Rang der Offiziere. In Java werden 27 verschiedene +Rangstufen durch die Schirme bezeichnet, deren Farben durch den +General-Guvernör im Rath ebenso genau festgestellt sind, wie die +Uniformen in Europa. Die vornehmsten sind weiss mit goldenen Rändern, +dann folgt dem Range nach grün, blau, braun, in verschiedenen +Anordnungen. Nur bei den ersten 6 Stufen sind die Ränder von Gold, bei +den übrigen gelb. Auch in Siam spielt der Schirm eine grosse Rolle: der +Sonnenschirm von vielen Stockwerken über einander ist ein Attribut des +Königs und figurirt auf dem grossen Staatssiegel zu beiden Seiten der +pyramidalen Krone. -- Das Fest fand in einem grossen Bambusschuppen +statt, der durch bunte Behänge, Laub und Blumen geschmückt war. Vier das +Dach tragende Säulenreihen bildeten fünf Abtheilungen, in deren +mittlerer eine lange, mit Blumen verzierte Tafel stand. Auch hier zeigte +sich wieder viel Geschmack in der Dekoration. Die aus dicken Bambusen +bestehenden Säulen waren mit buntem Zeug bekleidet, mit Sockel und +Kapitäl aus Blättern und Blumen versehen, durch Bögen aus gespaltenen +jungen Palmwedeln verbunden, deren noch gelbe Seitenblätter wie Franzen +herabhingen. Der Zwischenraum bis zum Dach bestand aus leichtem +Gitterwerk, in welchem einzelne Blumen angebracht waren. An einem Ende +des Saals erhob sich ein um mehrere Stufen erhöhter, mit Matten belegter +Raum, seine Hinterwand war mit einem Teppich behangen, davor stand +vielleicht alles, was sich im Distrikt an kostbaren europäischen Möbeln +befand: eine altmodische Kommode, ein Glasschrank und ein paar verzierte +Spiegel; zu jeder Seite erhoben sich zwei grosse, mit rothem Stoff +bedeckte Paradebetten, an deren Kopfende eine solche Menge verzierter +Kissen aufgethürmt waren, dass sie bis zur Decke reichten. Als wir uns +zu Tische gesetzt hatten, begannen dreizehn Rongengs zu tanzen, -- +soviel hatte ich noch nie beisammen gesehen. Hier hörte ich auch zum +erstenmal das Anklong (S. 178), dessen Klang so angenehm ist. Es wurde +bis spät geschmaust, und dies war der beste Theil des Festes. Die armen +Kinder, denen zu Ehren es gegeben wird, kommen weniger gut dabei fort; +denn nachdem sie am nächsten Tage im Fluss gebadet sind, werden am +dritten Tage den kleinen Mädchen die Zähne abgefeilt, am vierten Tag +findet die Beschneidung der Knaben statt. Das Feilen der Zähne und +Beschneiden geschieht auf den Paradebetten. Lange weisse Zähne können +die Malayen nicht leiden, sie vergleichen sie mit denen des Tigers. + +Am folgenden Tage verliess ich den See von Pandjalu und fuhr im Wagen +des Regenten am östlichen Ufer des Tjitandui bis Indehiang, wo ich mich +von dem würdigen Pati verabschiedete, auf das westliche Ufer überging, +Abends einen Pasanggrahan erreichte und am folgenden Morgen den +Gelungung erstieg. Man reitet fünf Paal, steigt zwei Paal zu Fuss und +befindet sich am obersten Ende der grossen Schuttmasse, die sich im +Oktober 1822 in die früher hier vorhandene reiche Ebene wälzte. +Ein tiefes kesselförmiges Thal trennt diesen Punkt von der +gegenüberliegenden Bergwand, die sich fast senkrecht, wenigstens in sehr +steilem Winkel in WNW. erhebt. Mehrere Sturzbäche an derselben +erschienen in dieser Ferne, wie dünne Fäden. Das tiefe Kesselthal ist +jetzt schon wieder dicht bewachsen, namentlich machten sich hunderte +von Baumfarnen geltend. Dieser schöne ruhige, mit einigen Wasserbecken +geschmückte Grund ist der Krater des Gelungung, der 1822 die furchtbare +Verwüstung anrichtete. + +Ich kann mir nicht versagen, Junghuhns Schilderung des Ausbruchs hier +folgen zu lassen (Hasskarl's Uebersetzung Bd. II, S. 111.), die zugleich +ein eben so schönes als treues Bild des javanischen Lebens giebt. + +„In den Gegenden südostwärts von demjenigen Theile der Bergkette, +welche unter dem Namen G.-Gelungung bekannt ist, zwischen den beiden +Flüssen Tji-Wulan und Tji-Tandui, die beide, der erstere fast in +südlicher, der andere mehr in südöstlicher Richtung, der Südküste +zuströmen, lag ein reich bebautes und bevölkertes Land, das, eigentlich +eine Fortsetzung des Berggehänges, jedoch so sanft nach den niedrigen +neptunischen Hügelreihen des Südgebirges zu fällt, dass es füglich eine +~Fläche~ genannt werden kann. -- Es waren die fruchtbaren Ebenen und +Berggehänge der Provinz Tasikmalaja, Indehiang und Singaparna. -- Sie +waren weit und breit mit Reisfeldern bedeckt und mit Hunderten von +Dörfchen, die sich mit den Gruppen ihrer Kokospalmen zerstreut zwischen +den Feldern erhoben. Sie waren in allen Richtungen von Wegen +durchschnitten, bis zum Fusse der Bergkette hin und noch weit an den +Berggehängen hinauf, wo man zwischen blühenden Kaffeegärten wandelte. +-- + +Ueber die reichbegabten Fluren dieses ewig grünen Landes ergoss am 8. +Oktober 1822 die Mittagssonne ihren durch kein Wölkchen, durch keine +Nebel geschwächten Strahl. Das ganze Land schien verstummt, die +animalische Schöpfung lag in tiefer Ruhe, im schattigsten Dickicht sass +die Vögelschaar verborgen, und kaum ein Insektchen zirpte noch; die +Pflanzenwelt hatte alle ihre Blüthen aufgethan und dampfte ihre +ungerochenen Aromata empor in die Luft, welche, von aufsteigenden +Strömen bewegt, am Horizonte wellenförmig zitterte. Kein Blatt regte +sich, und kaum rauschte zuweilen der höchste Wedel einer Palme; wenn +dann und wann ein leises Lüftchen von der Küste her sich erhob. + +Auch die Menschenwelt ruhte. Die Arbeiter hatten ihre Felder verlassen, +deren künstliche Wasserspiegel unter dem Sonnenstrahle dampften. Sorglos +lagen sie auf den Bali-balis ihrer kleinen Hütten ausgestreckt. In den +Vorhallen (Pendopo's) der Häuptlinge verstummten allmälig die Schläge +des Gamelan, unter deren sanftem, melodischem Getön die javaschen +Grossen gewohnt sind, einzuschlummern; auch der Gesang der Tanzmädchen +(Ronggengs) wurde bald nicht mehr vernommen, und nur das sanfte Girren +der Turteltauben, die in zahlreichen Käfigen vor den ländlichen +Wohnungen hängen, war mit dem Rufe eines Priesters, der von seiner +baumumgrünten Moschee herab die Herrlichkeiten Allah's und seines +Propheten verkündigte, oder mit dem Knarren einer verspäteten Pedati, +deren scheibenförmige Räder sich langsam auf der staubigen Strasse +umwälzten, gezogen von trägen Karbauen, deren Führer längst +eingeschlummert war, vielleicht das einzige Geräusch, das in den weiten +Dörfern Tasikmalaja und Singaparna erscholl. Das ganze Land lag in +tiefer Ruhe und Frieden. Die Bevölkerung hielt ihren Mittagsschlaf, +nicht ahnend, nicht träumend, dass einige Augenblicke später aus dem +Innern des G.-Gelungung „dumpf und bang” ihr -- ~Grabgesang~ ertönen +würde. Er aber ertönte. -- Es war 1 Uhr. -- Durch plötzliche Erdstösse +aus dem Schlafe geweckt, entflohen die Bewohner ihren Hütten. Ein +donnerndes, brüllendes Getöse traf ihr Ohr und Entsetzen bemächtigte +sich ihrer, als sie ihre Blicke zum G.-Gelungung wandten und eine +schwarze Rauchsäule von ungeheurem Umfange emporschiessen, sich mit +Blitzesschnelle ausbreiten, den ganzen Himmel überziehen und im Nu den +noch eben hellsten Sonnenschein in die finsterste Nacht verwandeln +sahen. -- Jetzt flohen sie bestürzt durch einander, nicht wissend, +wohin, und ungewiss ihres nächsten Looses. Noch einige Sekunden später +und ein Paar Tausend von ihnen waren begraben. Sie wurden theils bedeckt +von Schlamm, der vom Krater ausgeschleudert, in ungeheuren Massen aus +der Luft herabfiel, theils kamen sie in den Fluthen von heissem Wasser +um, das mit Schlamm und Steintrümmern vermengt, dem Krater in ungeheurer +Menge entquoll, das (als drohe eine zweite Sündfluth) zehn Minuten weit +im Umkreise Alles überströmte, alle Dörfer, Felder und Wälder +vernichtete und in einen dampfenden Pfuhl von bläulich-grauer Farbe +verwandelte, der mit Cadavern von Menschen und Thieren, mit +Häusertrümmern und zerbrochenen Baumstämmen übersäet war. Wild brachen +durch diese Schlamm- und Trümmermassen die Bäche Tji-Kunir und Tji-Wulan +hindurch; sie waren zu tobenden Fluthen angeschwollen, die Alles auf +ihrer Bahn zerstörten, alle Brücken wegspülten und weite +Ueberschwemmungen verursachten, in denen noch eine grosse Menge armer +Flüchtlinge, die sich schon gerettet glaubten, ihr Leben verloren; -- +mit Menschen- und Thierleichen aller Art bedeckt, wälzten sie dann ihr +schlammiges, kochend heisses Wasser der Südküste zu, deren Bewohner, vor +diesem Anblicke entsetzt, die Flucht zu den nächsten Hügeln ergriffen. +In das Brausen der Bäche, in das Brüllen des Kraters, in das Krachen +zersplitterter Wälder, in das Knacken fortgewälzter Felsenmassen, die an +einander stiessen, und in das verzweiflungsvolle Jammergeschrei der +Tausende von Menschen, die hülflos ihren Tod vor Augen sahen, -- dröhnte +laut von oben der Donner herab, und Blitze fuhren unaufhörlich nach +allen Richtungen aus dem dichten Gewölk, das sich weit und breit über +dem Gebirge durch die schnelle Verdichtung der Dämpfe gebildet hatte. + +Erst nach drei Stunden, nämlich um 4 Uhr Nachmittags, liess die +Heftigkeit des Ausbruchs nach, die sich fortwährend auf eine doppelte +Weise offenbart hatte, nämlich durch das Hervorquellen von Schlammmassen +aus dem Krater und das Herabströmen derselben und durch das +Emporschleudern in höhere Luftschichten von Schlamm, Asche und +Steinmassen, die dann als ein Alles verwüstender Regen wieder +niederfielen und auch die entfernteren Pflanzungen und Wälder, die in +etwas grösserer Entfernung lagen und dadurch auch noch verschont +geblieben waren, zerstörten. Um 5 Uhr aber war Alles vorbei. -- + +Zahlreiche Dörfer mit allen ihren Bewohnern, die sich drei Stunden zuvor +noch im Kreise der Ihrigen sorglos der Ruhe überliessen, oder ihre +Kinder wiegten, lagen nun begraben unter vulkanischem Schlamm und +Steintrümmern, so dass man keine Spur mehr von den Dörfern sah, und das +Terrain südöstlich vom Berge um 40-50' hoch durch die Auswurfmassen +erhöht war. Wie erschöpft von ihren Anstrengungen (gegen 5 Uhr), versank +nun die Natur in Ruhe; es wurde todtstill, und der Himmel heiter, und +der Abendstrahl derselben Sonne, die des Mittags über alle Pracht der +tropischen Vegetation, über Glück und Luxus geschienen hatte, -- jetzt +schien sie, fast spottend, über einen Schauplatz von Verwüstung, aus dem +alles Grün verschwunden war, über meilenlange, schwärzlich-graue Felder +von Schlamm und Lava, gleichsam über Schlachtfelder, welche besäet waren +mit zerknickten Baumstämmen und Cadavern von Menschen und Thieren, die +theils verstümmelt und verbrannt aus dem Schlamm hervorragten, theils in +den tobenden Fluthen des Tji-Wulan und Tji-Tandui dem Meere zutrieben.” + +Das Wasser, das von den steilen Wänden des Kraters aus der Schlucht +herabfällt, fliesst in zwei tiefen Rinnen zu beiden Seiten des die +letztere ausfüllenden Schuttrückens und vereinigt sich am Ende desselben +zu einem wasserreichen Bach, Tjikunir, der in vielen Windungen durch die +Ebene fliesst und einige Meilen weiter in den Tjiwulan mündet. Der +Schuttberg ist ebenfalls reich bewachsen, namentlich mit vielen +Baumfarnen und blühenden Sträuchern; wo er aber sein Ende in der Ebene +erreicht, hört diese Vegetation plötzlich auf; nichts als Glagarohr +bedeckt die Fläche und die unzähligen kleinen Hügel, die sich aus +derselben erheben, deren durch den Ausbruch veranlasste Entstehung noch +nicht genügend erklärt ist und verschiedene Hypothesen hervorgerufen +hat. Die vulkanische Thätigkeit am Gelungung ist jetzt auf einige +Solfataren und Fumarolen beschränkt, in denen Gyps, Schwefel, Faseralaun +und Eisenchlorid gebildet wird. Auch eine Kalksinterquelle ist +vorhanden. + +Wo die Glagawildniss an die fruchtbare Ebene grenzt, erwartete mich der +Bedana von Singaparna. Ich brachte die Nacht bei ihm zu, besichtigte am +folgenden Tage, durch strömenden Regen sehr behindert, das interessante +Hügelterrain und erreichte die Fahrstrasse wieder bei Tasikmalaja. Von +hier läuft der Tjitandui nach Osten, am Südrande des grossen Sawalberges +hin, mehrere Gewässer aufnehmend, bei Bandjar führt ihm der Tjimundur, +der alle vom Ostabhang desselben Berges abfliessenden Bäche, gegen 20, +aufnimmt, so grossen Wasserreichthum zu, dass er für flache Boote schon +von hier aus den grössten Theil des Jahres schiffbar ist. Wenige Paal +weiter, bei Sindang-adji, nimmt er eine südöstliche Richtung an und +schleicht in trägen Windungen durch ein niedriges Sumpfland (Rawa) bis +Kaliputjang, wo er durch die Kalkberge, die hier den Südrand Javas +einfassen und nur von einer sehr schmalen Meerenge unterbrochen in der +Insel Nusa-kumbangan fortsetzen, zu einer mehr östlichen Richtung +gezwungen wird. Etwas weiter erreicht er den kleinen, seichten Meerbusen +Segoro-anakan, „die Kindersee”, ein hässliches, seichtes, heisses, von +Mangelsümpfen eingefasstes Wasserbecken, durch die quer davor liegende +Insel Nusa-kumbangan fast ein Binnensee. Von Tasikmalaja folgt die +Strasse dem südlichen Ufer des Tjitandui bis Bandjar. Die Gegend ist +flachhüglich, weniger bebaut und bewohnt, als die bisher besuchten +reichen Distrikte; es fehlen die Sawas, weil kein Berieselungswasser von +höher gelegenen Bergen vorhanden ist. Von Bandjar, wo die Landstrasse +ihr Ende erreicht, muss die Reise zu Wasser oder zu Pferde fortgesetzt +werden; daher fanden wir hier eine grosse Menge von Büffelkarren, welche +die Produkte der Preanger Regentschaften an die Regierungspackhäuser +abgeliefert hatten, von wo aus sie in eigens dazu erbauten, sehr flach +gehenden, eisernen Frachtschiffen stromabwärts an Bantengmati vorbei, +über die fast zugeschlämmte „Kindersee”, welche Java von der Insel +Nusa-kumbangan trennt, nach Tjelatjap verschifft werden, wo jährlich +gegen 50 grosse europäische Schiffe einlaufen, um diese Produkte nach +Europa zu bringen. Bandjar hat als Stapelplatz für den südlichen Theil +der Preanger Lande dieselbe Bedeutung, wie Tjikao (S. 138) für den +nördlichen. Was oben über die mangelhaften Verkehrsmittel der Provinz +im Allgemeinen gesagt worden, gilt in erhöhtem Grade für deren südlichen +Theil, der nicht, wie der nördliche, durch eine Kulturebene, sondern +durch eine Felsenmauer begrenzt wird, welcher kein Schiff zu nahen wagt. + +Die Büffelkarren (pedati) nehmen eine hervorragende Stelle in der +Staffage javanischer Landschaften ein. Es sind viereckige Körbe mit +einem Dach, wie die Wohnhäuser der Inländer, nur viel kleiner und +zierlicher. An der vom Dach überragten vorderen Giebelseite ist eine Art +Vestibulum, in welchem der Fuhrmann sitzt, man könnte fast sagen, -- +wohnt, so häuslich richtet er sich bei langen Reisen ein. Oft hockt +seine Frau neben ihm, sein Regenhut, Kochtopf und sonstige kleine +Bedürfnisse hängen unter dem Dach, an den Seitenwänden. Oben am Giebel +ist immer ein Fähnchen oder eine geschnitzte Verzierung angebracht, +häufig ein Pfauenkopf; dann ist die hintere Giebelspitze mit einem +wirklichen Pfauenschwanz geschmückt. Die an der Achse festsitzenden +Räder sind Holzscheiben und bestehen gewöhnlich aus den +strebepfeilerartigen schmalen Vorsprüngen, die den am höchsten +aufstrebenden Waldbäumen als Stütze dienen. Man begegnet Zügen von mehr +als 100 Wagen hinter einander, die unter unaufhörlichem, einförmigem +Quieken langsam fortrollen und die Fuhrleute in angenehmen Schlaf +lullen. Die Büffel bewegen sich nur langsam vorwärts und müssen häufig +gebadet werden. Deshalb wählt man zu Lagerplätzen gern Stellen, an denen +sich die Thiere im Wasser oder noch lieber im Schlamm erholen können, +während die Menschen an zahlreichen kleinen Feuern ihren Reis kochen. + +[Illustration: BÜFFELKARREN. JAVA.] + +Von Bandjar wurde mein Wagen über die Kindersee nach Tjelatjap gesandt, +während ich die Reise zu Pferde auf schattigen Waldwegen am Rande des +niedrigen Höhenzuges fortsetzte, der die einförmige Rawa in SW. +einfasst. Der Ritt durch diese wenig besuchten Wälder war +ausserordentlich angenehm. Einen bemerkenswerthen Kontrast mit der +allgemeinen Ueppigkeit bildeten einige allein stehende 50' hohe dicke +Säulen, von denen einzelne grosse vergilbte Fächer herabhingen, während +sich über ihnen ein Riesen-Kandelaber erhob, auf dessen sparrigen, +horizontal ausgereckten Armen zuweilen ein grosser Nashornvogel sass, +der die daran sitzenden reifen Früchte verzehrte. Es waren die an der +Südküste so häufigen Fächerpalmen (Corypha gebanga), die nur einmal +Früchte tragen und dann, wie wahrscheinlich alle terminal blühende +Palmen, absterben. Die Menge der wilden Pfauen verkündete die Nähe von +Tigern; eine Gemeinschaft, deren Ursache noch nicht genügend +festgestellt ist. Auch Rhinozerosse und wilde Stiere (banteng) sind +hier häufig. Auf weiten Strecken fanden wir die Strasse mit +Teakbäumen (spr. Tiek), Tectona grandis L., bepflanzt. Sie wachsen +Anfangs schnell, später aber sehr langsam und sind erst nach 60 oder 80 +Jahren für den Schiffbau zu gebrauchen, in welcher Verwendung sie alle +bekannten Hölzer übertreffen. Das Holz schadet dem Eisen nicht, wirft +sich nicht, ist kieselreich und ausserordentlich dauerhaft; Termiten +greifen es nicht an und es kann grün verwendet werden. Während +Telegraphenstangen in Preussen im günstigsten Falle 5 Jahre halten, sind +Teakstangen selbst in Indien unverwüstlich. Der ausgewachsene Baum ist +einer der mächtigsten Waldbäume. Im Westen von Java ist das Teak selten, +in Mittel- und Ost-Java bildet es grosse Wälder und leidet keine andern +Bäume neben sich, die ihm gern den Platz überlassen, da ihm der +schlechteste Boden gefällt.[85] Auch Gummibäume sind hier angepflanzt +worden, um später ausgebeutet zu werden. So ist die holländische +Regierung unablässig bemüht, durch den Anbau neuer Kulturpflanzen den +Werth ihrer Kolonie zu erhöhen. + +[Illustration: HÄUSERGRUPPE IN EINEM GEBIRGSDÖRFCHEN. JAVA.] + +Die Nacht brachte ich in einem ganz kleinen selten besuchten Dörfchen in +der Nähe des Gunong-gamping, bei armen sehr gefälligen Leuten zu. Einen +Theil desselben stellt die beiliegende Zeichnung dar; das grössere Haus +links im Vorgrund ist eine Reisscheune (lombong), sie steht auf vier +Steinen zum Schutz gegen heimliche Angriffe der Termiten, frei und hoch +genug über dem Boden, um der Luft den Durchzug durch die aus Bambus +geflochtenen Wände zu gestatten; diese laufen spitz nach unten zu, +wodurch der Regen unschädlich gemacht und das Hinaufklettern der Ratten +und Mäuse sehr erschwert wird. Am folgenden Morgen besuchte ich mehrere +geognostisch-interessante Punkte, den prächtigen Wasserfall Tjipipisan, +und gelangte Abends nach Kaliputjang, wo der Tjitandui auf den die Rawa +in SW. begrenzenden Höhenzug stösst. Von hier fährt man im Kahn nach +Bantengmati, einem kleinen, auf der NW.-Spitze der Insel Nusa-kumbangan +gelegenen Fort, dessen Kommandant, ein alter, lange in Indien dienender +Soldat, mich sehr freundlich aufnahm. Unter den wenigen Soldaten, aus +denen die Garnison bestand, waren auch mehrere Neger, die sich +anfänglich häufig krank meldeten, wodurch der Dienst sehr litt. Zum +Glück besass der alte Herr ein Universalmittel, das nie versagte. Jeder +Patient musste, bevor er nur überhaupt die näheren Umstände seiner +Krankheit vortragen durfte, ein Weinglas voll Ricinusöl unter den Augen +seines Vorgesetzten austrinken. Die Leute sträubten sich oft gewaltig, +genasen aber immer nach der ersten Dosis, wenigstens verlangten sie nie +eine zweite. + +Nach dem langen Aufenthalt im Hochlande fand ich es hier erschlaffend +heiss; Moskitos waren so zahlreich, dass um alle Häuser Rauchfeuer +brannten. Ich folgte dem Nordrand der Insel, deren westliches Ende aus +Kalkklippen besteht, an denen bis zu beträchtlicher Höhe die Einwirkung +des Meeres sichtbar ist, obgleich es jetzt nur noch ihren Fuss bespült. +In diesen Kalkfelsen sind viele kleine Tropfsteinhöhlen, in denen aber +trotz allen Suchens keine Knochen aufzufinden waren. Da, wo die +Kalkfelsen aufhören, die Küste flach wird, treten Mangelsümpfe auf, die, +wenige felsige Stellen des Südrandes ausgenommen, das ganze übrige +Gestade der Kindersee mit einem breiten Gürtel einfassen und die Rawa +von Jahr zu Jahr vergrössern. Bevor wir bei Manundjaja, einer ärmlichen, +kleinen Häusergruppe im sumpfigen Walde, das Land betraten, besuchten +wir Paniteng, eines der merkwürdigen Dörfer, deren sich mehrere mitten +aus dem seichten Meere erheben. Es war nur im Kahn zu erreichen und +ruhte ganz auf Pfählen. Die Hütten bildeten ein Viereck und waren nach +Aussen durch eine Gallerie, nach Innen durch einen Hof von Bambuslatten +verbunden, wodurch in diesem Venedig eine Art Markusplatz entstand, auf +welchem Fische getrocknet wurden. Es war ein ärmliches, schmutziges +Dörfchen, aber interessant als ein Beispiel moderner Pfahlbauten. + +Nach vielen vergeblichen Bemühungen von Manundjaja aus Karang-andjar zu +erreichen, wo die Rafflesia Padma auf den Wurzeln eines Cissus in +solcher Menge wächst, dass Junghuhn „keinen Schritt thun konnte, ohne +eine zu zertreten”, schifften wir uns nach Tjelatjap ein. +Nusa-kumbangan tritt mit der östlichen Hälfte seines Nordrandes so hart +an das Festland, dass der Meeresarm, durch welchen die Kindersee mit +dem indischen Meer in Verbindung steht, kaum die Breite eines +mittelmässigen Flusses hat. Die östliche Spitze biegt sich hornartig +nach Norden und schützt dadurch den am jenseitigen Ufer gelegenen +Hafen von Tjelatjap. Von hier bis zur Mündung des Kali-Seraju gen +Osten, bildet die Küste einen nach NW. gerichteten Bogen, und streicht +dann als flaches Gestadeland in fast gerader Richtung, die Provinzen +Banjumas und Bagelen im Süden begrenzend, bis Karang-tritis, im Gebiet +des Sultans von Jokjokarta. Dort hört der Strand plötzlich auf; +schroffe Felsenwände, die im Allgemeinen dasselbe Streichen +beibehalten, aber sehr zerrissen und vielfach ausgezackt sind, fassen +nun den Südrand der Insel bis zur östlichsten Spitze ein, nur einmal +durch eine sumpfige Ebene unterbrochen. Auf der ganzen Strecke giebt es +keinen Hafen mehr, kaum einen Zufluchtsort für Fischer. Die +Schifffahrtsbücher beschreiben die Südküste von Java als +„eisenumgürtet” (ironbound); kein Schiff wagt ihr zu nahen. + +Zwischen Tjelatjap und Karang-tritis erhebt sich aus dem Flachland, etwa +im Drittel der Erstreckung, ein ins Meer hineinragender Felsenberg +Karang-bollong, der in seiner, dem Meere zugekehrten steilen Wand die +berühmten Höhlen enthält, welche die essbaren Vogelnester liefern. Ihnen +galt mein erster Besuch. + +Eine sehr gute Strasse läuft dem Strande parallel nach dem isolirt +liegenden Gebirg. Vom Meer trennt sie nur ein wenige tausend Fuss +breiter Saum von dichtem grünem Rasen, auf dem Büffel weiden, oder im +Schatten von Bambusbüschen wiederkäuen. Links von der Strasse, +landeinwärts, liegen wenige Dörfer, von kleinen Feldern umgeben; der +grösste Theil des Flächenraumes wird aber von Morästen eingenommen, in +deren Pfützen und Gräben weisse, unbedeutende Nymphaeen und +kleinblättrige Limnanthemum blühen. Auch hier waren Teakbäume +angepflanzt. Im Pasanggrahan von Adiredjo traf ich drei Landsleute von +der topographischen Abtheilung, die mit Aufnahme der Provinz Banjumas +beschäftigt war. Die Aufnahmen fanden im Maassstabe von 1:10,000 statt. +Die Triangulationen waren über ganz Java beendigt, das Ausfüllen geschah +ohne Messtisch, mit Schmalkalderscher Bussole. Ich kam an mehreren +Zimmetpflanzungen vorüber und fand auch Baumwolle in kleinen Feldern +angebaut, die aber nicht recht gedeihen will, angeblich wegen der +grossen Feuchtigkeit. In Gumpangpasir sah ich das Zimmet für den Handel +bereiten. Die Pflanze (Cinnamomum zeilanicum) wird als Strauch +kultivirt. Man schneidet die Triebe, wenn sie etwa die Grösse eines +gewöhnlichen Spazierstocks haben; jeder Baum wird jährlich acht- bis +neunmal geschnitten und liefert je 2 oder 3, im Jahre also ungefähr 2 +Dutzend Stöcke. Nachdem sie gleich auf der Pflanzung von Laub und +Seitenzweigen entblösst sind, werden sie bündelweis in einen Schuppen +gebracht, wo ein Arbeiter die Rinde der ganzen Länge nach aufschlitzt +und vom Stock löst. Er sitzt dabei auf dem Boden, hält das eine Ende des +Stocks mit der Hand, das andere mit den Zehen fest; eine Frau schabt mit +einem sichelförmigen, an beiden Enden mit Handgriffen versehenen Messer +die Korkschicht von der abgelösten Rinde. Die zurückbleibende +Bastschicht, welche den Zimmet des Handels giebt, wird dann in mehreren +Lagen über einander zu 3 Fuss langen Streifen an einander gelegt, die +sich beim Trocknen von beiden Rändern aus nach der Mittellinie hin +zusammenrollen. In der Sonne werden sie vollständig getrocknet. +Zweihundert solcher Rollen bilden ein Bündel. + +Der Zimmetbau ist 1825 durch die Kolonial-Regierung in Java eingeführt +und später als ein Zweig des Kultursystems in grösserer Ausdehnung +betrieben worden, hat aber statt des erwarteten Gewinns immer nur +Verlust ergeben, so dass man demnächst wohl die Pflanzungen an +Privatunternehmer verpachten wird. Die Qualität ist durch sorgfältige +Kultur sehr gehoben worden, ohne jedoch der des Zimmets von Ceylon +gleichzukommen. Nach dem Durchschnitt der letzten Jahre betrug die +Ausfuhr im Mittel etwa 200,000 ℔, beinahe ein Drittel so viel als von +der „Zimmetinsel” Ceylon. Wie der Verbrauch fast aller andern Gewürze +nimmt auch der des Zimmets eher ab als zu. Die künstliche +Vertheuerung[86] dieses ursprünglich auf Ceylon und Malabar beschränkten +Gewürzes durch das erst 1833 aufgehobene Monopol hat viel zur +Verbreitung der Cassiarinde (Cassia lignea) als Surrogat +beigetragen.[87] + +Ueber den breiten, aber kurzen Kali-adiredjo führt eine Bambusbrücke, +die, auf Bambusflössen ruhend, mit der Ebbe und Fluth fällt und steigt. +Zu beiden Seiten derselben standen lange Reihen eigenthümlicher +Fischapparate: kleine Häuschen auf 15' hohen Gestellen, jedes mit einem +grossen Senknetz versehen, das vermittelst einer rohen Welle und eines +Rotangstricks aufgeholt werden kann. Gegen 5 Uhr erreichte ich Djetis, +wo ein schlechter Pasanggrahan in hübscher Umgebung am westlichen Ufer +des gleichnamigen Flusses liegt, der hier in das indische Meer fällt. Am +jenseitigen Ufer erheben sich die hohen Felskuppen von Karang-bollong. + +Am folgenden Morgen fuhr ich über den Fluss, der die westliche Grenze +von Ambal des südlichen Theils der Provinz Bagelen bildet; ich traf den +Assistent-Residenten und setzte in seiner angenehmen Gesellschaft den +Weg über den Felsrücken fort, der hier die flache, fast geradlinige +Küste plötzlich unterbrechend, mehrere Paal weit ins Meer ragt. Nach +wenigen Stunden erreichten wir am jenseitigen Fuss des Berges den Ort +Karang-bollong, welcher die Beamtenwohnungen und das Magazin für die +Vogelnester enthält. In der Mitte des letzteren erhob sich ein reich +geschmücktes, der Geisterkönigin Loro-kidul, Schutzpatronin der +Nestersammler, geweihtes Bett, vor welchem Früchte, Blumensträusse, +Räuchergefässe standen; eine verzierte Kiste enthielt ihre Garderobe, +die von Zeit zu Zeit auf Kosten der Regierung erneuert wird. Loro-kidul +hat eine eigene Kammerjungfer, die zur Zeit der Lese die Göttin befragt, +ob die Nester gepflückt werden dürfen oder nicht. Die Antwort lautet +gewöhnlich bejahend, zuweilen aber auch verneinend; dann wird nach +einigen Tagen wieder angefragt, und immer noch hat Loro-kidul zur +günstigen Zeit die Erlaubniss ertheilt, vielleicht aus Furcht, durch +Eigensinn ihre Kammerjungfer zu verlieren. Die Nester werden dreimal +jährlich eingesammelt. Es war jetzt gerade die Zeit, wo mit der zweiten +Lese begonnen werden sollte. Die Leute waren beschäftigt, Bambus- und +Rotangleitern in Stand zu setzen, um vom oberen Rande der Felsenmauer +aus in die Höhlen zu steigen. Vom Meere her sind sie nicht zu erreichen. +Für die grosse Höhle Gua-gedeh sollten die Vorbereitungen den nächsten +Tag fertig sein; so hatte ich denn Gelegenheit, eine dieser berühmten +Höhlen zu besuchen, wozu ein Fremder wohl nicht leicht Erlaubniss +erhält. Die Beamten, denen der Besuch freisteht, haben ihrerseits wenig +Lust, sich dem beschwerlichen und als halsbrecherisch geschilderten Gang +auszusetzen, da sie nicht die Neugier eines Reisenden besitzen. + +Auf dem Gipfel des Bergrückens, der die Thalmulde, in welcher das +Packhaus liegt, vom Meer trennt, stehen drei kleine Flaggenstöcke, von +denen, wenn die See ruhig ist, so dass man gefahrlos den Eingang der +Höhle erreichen kann, weisse, im andern Falle schwarze Flaggen wehen. +Loro-kidul war liebenswürdig, 3 weisse Fähnchen winkten von der Höhe. + +Hat man den gegen 1000' hohen Bergrücken erstiegen, so geniesst man eine +herrliche Aussicht. Jenseits der jähen Felsen, die wie grosse +Strebepfeiler die senkrechte Bergwand an der Seeseite stützen, breitet +sich das indische Meer, im Osten die Ebene von Bagelen, im Westen die +von Banjumas aus. Ein bequemer Pfad führt zur Meeresküste hinab, bis zu +einer Stelle, wo derselbe plötzlich an einer senkrechten Wand aufhört. +Von hier steigt man auf einer Leiter hinab, deren Seiten aus Rotang, +deren Sprossen aber aus Bambus bestehen, und von der nur das oberste um +einen Baum geschlungene Ende sichtbar ist, der übrige 90' lange Theil +der Leiter hängt frei in der Luft vor der Wand, die an dieser Stelle +nach Innen einspringt. Der Sicherheit wegen muss man barfuss gehen. Von +der untersten Sprosse tritt man auf einen kaum 1-1/2' breiten +Felsenvorsprung, in dessen Spalten einige Pflöcke eingekeilt und noch +ausserdem durch kleine Stricke an den Unebenheiten des Gesteins +befestigt sind. An diesen Pflöcken sind die beiden Enden eines +dreifachen Rotang fest gemacht, der von hier in die Tiefe hinabhängt, +und dessen unten entstehende Biegung (sogenannte doppelte Bucht) eine +27' lange Bambusleiter trägt, deren oberes Ende auch noch an den +Pflöcken des Felsenvorsprunges mit kleinen Stricken festgebunden ist. +Der ganze Apparat flösst dem Neuling wenig Zutrauen ein. Auf dem kleinen +Vorsprunge muss man sich umdrehen, um die Bambusleiter, die man nicht +sieht, mit den Füssen zu erreichen und weiter in die Tiefe zu steigen. +Auf der untersten Sprosse angelangt, befindet man sich etwa 10' über dem +Meeresspiegel. Um diese Sprosse und die die Leiter tragende +Rotangschleife ist das Ende eines mehrere 100' langen Rotangs +geschlungen, das in die Höhle führt, wo es an den Unebenheiten der Decke +vermittelst Arengstricken befestigt ist. Man geht auf diesem Rotang und +hält sich mit den Händen an einem zweiten, einige Fuss darüber +angebrachten. Es waren nur erst diese beiden Rotangs festgemacht; später +zieht man deren mehrere nach allen Richtungen. Die Nester sitzen in +Reihen an den Felswänden, werden mit der Hand gesammelt, und wenn sie +nicht erreichbar sind, mit einer Stange, deren Ende eine Schaufel mit +Netzbeutel trägt. Das Geschäft ist wohl nicht so gefährlich, als es +aussieht, denn seit 1830, wo der Besitz der Höhle an die Holländer +überging, soll nur ein Mann dabei verunglückt sein. Früher pflückte man +die Nester je einen Monat früher, wenn noch die jungen Vögel darin +lagen, die herausgeworfen und vernichtet wurden; jetzt sammelt man sie +erst, nachdem die Jungen flügge geworden sind und sichert sich dadurch +einen beständigen Ertrag. Dagegen sind die um so viel älteren Nester +nicht durchgängig von so guter Beschaffenheit. Diese Höhlen, deren 19 im +Gebirge von Karang-bollong liegen, gingen erst nach Unterdrückung des +Aufstandes von Dipo-negoro (1830) in den Besitz der holländischen +Regierung über, welche alle seit den ältesten Zeiten bei dem Sammeln +üblichen abergläubischen Gebräuche, an denen die Eingebornen so fest +hängen, beibehalten hat. Sie geben einen interessanten Einblick in die +Sitten der Javanen, weshalb ich eine kurze Beschreibung derselben theils +nach Mittheilungen, die ich an Ort und Stelle erhielt, theils nach einer +Abhandlung eines früheren Assistent-Residenten von Ambal hier beifüge. +--[88] + +[Illustration: HÖHLE (GUA) GEDEH.] + +Das Sammeln der Vogelnester findet dreimal im Jahre statt, die erste +Ernte, Unduan-kesongo, Ende April, die zweite, Tellor, Ende August, die +dritte, Kapat, im Dezember; der Gesammtertrag beläuft sich auf 44-45 +Pikul. Vor dem Beginn der Lese erhalten die Häuptlinge der verschiedenen +Klippen Geld zur Beschaffung von 9 Büffeln, 2 Ziegenböcken, Rotangs, +Bambus, Fackeln, Opium und Weihrauch, dann werden aus der zugänglichsten +Höhle Nogasari bei recht stiller See einige Probenester geholt. Sind die +Vögel hinreichend entwickelt, so findet das Opferfest mit Wayang +(Schattenspiel) und Toppeng (Maskenspiel) statt. Nach dem Adat[89] +beginnt das Fest an einem Donnerstag Abend. Freitag früh werden die +Büffel geschlachtet und Stückchen Fleisch an dem Bollong und den +Wachthäusern geopfert, an der Klippe Madjingklak aber wird ein Geisbock +geopfert und geräuchert; diese Festlichkeiten heissen ~Ngadiran~. +Nachmittags ist Wayangspiel im Bollong. Nach Beendigung desselben bringt +die bereits erwähnte Kammerjungfer das Bett der Loro-kidul (das +„Teufelsbett”) in Ordnung, der Spiegel am Kopfende desselben wird dann +mit seidenen Kleidern behängt. Ausser dieser Frau, Tukang-gedong, darf +es Niemand berühren. Nachdem das Bett festlich geschmückt und Lampen +angezündet sind, tritt die Frau mit grossen Ehrenbezeugungen vor +dasselbe und spricht auf hochjavanisch: „Auf Befehl meines Herrn (des +Aufsehers) bringe ich Euch hier zu essen”, worauf sie sich gleich selbst +die Antwort giebt: „Ya, Mak tukang-gedong: sage dem Vater, meinem Herrn, +dass ich ihm für das mir gesandte Essen meinen Dank bezeuge.” Dann fragt +Tukang-gedong, ob Njai Kidul erlaubt, dass Nester gepflückt werden, und +ob es ohne Unglücksfall geschehen werde, worauf gewöhnlich „ja” +geantwortet wird. Während der ganzen Nacht spielt der Toppeng in der +Nähe des Packhauses bis zum folgenden Morgen. Samstag früh bringen die +Häuptlinge mit ihren Leuten die bereits verfertigten Leitern nach den +verschiedenen Klippen und treffen weitere Vorbereitungen. Den ganzen Tag +über ist Toppeng, Abends Gamelang und Tanz, wobei die Tänzerinnen zu +Ehren Loro-kiduls das Gesicht nach dem Packhause wenden. Inzwischen wird +das Essen aufgetragen. Alles setzt sich im Kreise: Schreiber, Bedana, +Mantris, die Häuptlinge der Klippen und ihre Leute; der Schreiber führt +den Vorsitz und bringt Toaste auf einen guten Erfolg aus. Jeder +Anwesende erhält eine Gabe Opium; der Tanz währt bis Mitternacht, womit +das Fest sein Ende erreicht. Sonntags gehen die Häuptlinge wieder nach +ihren Klippen, verlängern, wenn die See ruhig ist, die Leitern bis an +die Höhlen und holen einige Probenester herauf; sind diese hinreichend +ausgebildet, so werden die Leitern an den Gestellen befestigt, was +gewöhnlich 5-6 Tage erfordert. Ist Alles bereit, so wählt man, um zu +beginnen, einen Tag, der für besonders glücklich gilt. Die Zahl der +Sammler beträgt zuweilen am ersten Tage 80-90, verringert sich aber +schnell mit der Abnahme der Nester. Beim Abliefern ins Packhaus findet +wieder ein kleines Festmahl mit rothem und weissem Reis statt. Die Lese +dauert 3 Wochen bis 2 Monate, dies hängt vom Zustand der See, aber auch +von abergläubischen Rücksichten ab. Die Lese im August oder Anfangs +September ist gewöhnlich die ergiebigste. Die Zugänglichkeit der Höhlen +ist sehr verschieden; ebenso verschieden ist auch ihr Ertrag: während +die Höhle Muliran nur 1-3 Nester lieferte, gab die grosse Höhle Nogosari +im Jahre 1857 3229 ℔; der Gesammtertrag aller Höhlen in den +verschiedenen Jahren bleibt aber bis auf ganz kleine Schwankungen +derselbe, weshalb der amtlichen Büchern entnommene Ertrag von 1857 als +Norm hier angeführt werden mag. Die Nester werden sortirt in ganze, +zerbrochene und Grus. Für den Markt hat dies aber keine Bedeutung, da +die ganzen Nester mit den Bruchstücken vermengt, nach dem Gewicht +verkauft werden. Man sortirt aber auch nach drei Qualitäten: 1) weisse, +2) weniger weisse, 3) braune und schwarze. Totalertrag sämmtlicher +Höhlen 1857: ganze Nester: 196,583 Stück, zerbrochene: 109,528, Grus: +1106 ℔, Totalertrag in Pfunden: 5354. Im Durchschnitt werden die Nester +auf den öffentlichen Auktionen in Batavia 1. Qual. mit 6200 fl., die 2. +mit 5000, die 3. mit 2800 fl. per Pikul von 125 ℔ bezahlt. Ueber den +Stoff, aus dem die Nester bestehen, herrschten bis vor Kurzem sehr +abweichende Vorstellungen. Erst Dr. Bernstein beschrieb nach +wiederholten sorgfältigen Beobachtungen ihre Entstehung, sowie er auch +der Gattung Collocalia Gr., die Bonaparte wieder zu den Schwalben +gestellt hatte, in Folge genauer anatomischer Untersuchungen ihre +richtige Stellung im System in der Familie der Cypseliden anwies und +dadurch Gray's frühere Klassifikation, ohne sie zu kennen, bestätigte. + +Nach Bernstein[90] kennt man von der Gattung Collocalia bis jetzt +nur 4 Arten: C. esculenta Lath., G. nidifica Lath., beide auf Java +einheimisch, C. troglodytes Gr. & Mitch., den Molukken und Philippinen +und C. francica, allein der Insel Mauritius angehörend. Die Nester von +C. esculenta, seit Jahrhunderten bekannt und oft beschrieben, haben im +Allgemeinen die Form einer der Länge nach geviertelten Eischale, die mit +einer Seite am Felsen klebt, welcher die Rückwand des Nestes bildet. Von +beiden Enden gehen flügelartige Ausbreitungen aus, die mit ihrer flachen +Basis am Gestein festsitzend, die Hauptstütze des Nestes bilden, das aus +einer sehr dünnen, durchscheinenden, weissen oder bräunlichen Masse +besteht, die am meisten Aehnlichkeit mit Hausenblase hat und wellige +Querstreifen zeigt. C. nidifica, die auf Java wohl noch häufiger ist, +als die andre Art, wohnt in weniger unzugänglichen Höhlen und baut ihre +Nester, die den andern sehr ähnlich sehen, zum grossen Theil aus +Pflanzenbestandtheilen, welche durch die leimartige Substanz an einander +geklebt werden, während die Nester von C. esculenta ausschliesslich aus +dieser Substanz bestehen. Einige hielten diesen Stoff für den +verhärteten Saft eines Baumes, Calambone,[91] andere für Seetang, vom +Vogel verzehrt und wieder ausgespieen; doch hat man in seinem Magen nie +Spuren von Pflanzenstoff, sondern nur Insekten gefunden. Einen Kropf, in +dem die Metamorphose vor sich gehen könnte, besitzt der Vogel nicht. +Bernstein fand aber an ihm ungewöhnlich entwickelte Speicheldrüsen, +besonders glandulae sublinguales, die zur Zeit des Nestbaues +ausserordentlich anschwellen, dann wieder kleiner werden und später die +gewöhnliche Grösse dieses Organs bei verwandten Vögeln nicht +übertreffen. Sie sondern einen dicken, zähen Schleim ab, der sich in +grosser Menge an der Oeffnung der Ausführungsgänge dieser Drüsen, vorn +unter der Zunge, anhäuft. Die Masse hat, oberflächlich betrachtet, +grosse Aehnlichkeit mit einer sehr dicken Lösung von Gummi Arabicum, +trocknet schnell an der Luft und stimmt auch, unter dem Mikroskop +betrachtet, vollständig mit der Substanz der Nester überein. Bernstein +beobachtete mehreremale diese Vögel beim Nestbau. Sie fliegen wiederholt +an die gewählte Stelle und drücken mit der Zungenspitze einen Tropfen +des Speichels gegen die Felswand. Dies wiederholen sie zehn- bis +zwanzigmal, ohne sich mehr als eine Elle weit vom Platz zu entfernen, +sie müssen also das Material, das sich schnell wiedererzeugt, in +grösserer oder geringerer Menge bei sich führen. So entsteht als +Grundlage des Nestes eine hufeisenförmige Erhöhung, der Vogel klammert +sich daran und vergrössert, indem er mit dem Schnabel hin- und herfährt +und den Schleim am Rande aufsetzt, das Nest, wodurch auch die oben +erwähnten Streifen entstehen. Alle diese Angaben beruhen nicht auf +Vermuthungen, sondern sind die Ergebnisse von Dr. Bernstein's +wiederholten, mit grosser Umsicht angestellten Beobachtungen. + +Von Karang-bollong kehrte ich nach Tjelatjap zurück. Schon in Adiredjo +sah ich grosse Vorbereitungen für den auf den folgenden Tag +festgesetzten Empfang des neuen Residenten von Banjumas treffen. Es +erhoben sich ganze Reihen von Ehrenpforten aus Bambus, und gegen Abend +fanden sich die holländischen und inländischen Beamten mit ihrem +zahlreichen Gefolge ein, um dem Residenten von hier aus das Geleit zu +geben. Die Strasse nach Tjelatjap war mit Zügen von Lanzenträgern +bedeckt, die zu einem Rompok (Tigerstechen) entboten waren. Am folgenden +Morgen hatten sich die vornehmsten Beamten mit dem Residenten im Pendopo +des Regenten zur Erledigung der amtlichen Geschäfte versammelt. Neben +dem Residenten in einfacher Uniform sass der Tumongong (Regent) in +vollem Schmuck, den Sarong in künstliche Falten gelegt, 2 Krise an der +Seite, eine fast fusshohe cylindrische Mütze auf dem Kopf; daneben auf +dem Boden kauernd, dem Range nach geordnet, die höheren inländischen +Beamten; vor der Halle im Freien hockten mit ihrem Gefolge die Bedanas +und Aeltesten der verschiedenen Dorfschaften, um die Vertheilung der +ihre Gemeinden treffenden Steuern und Lasten mit den Regierungsbeamten +zu vereinbaren, wie es alljährlich geschieht. Nachdem die Geschäfte +abgemacht, hielt der Resident dem Tumongong eine kurze Ansprache, worauf +dieser vor die Versammlung trat und sie anredete. Darauf begaben sich +der Resident nebst dem Regenten, von fast allen in Tjelatjap anwesenden +Europäern gefolgt, nach einem Pavillon, um einen Kampf zwischen +Königstiger und Büffel mit anzusehen. Ein wohl 20' hoher cylindrischer +Bambuskäfig enthielt einen bekränzten Büffel; auf ein gegebenes Zeichen +wurde eine kleine Thür geöffnet, die zu einem daran stossenden, +kleineren, den Tiger enthaltenden Käfig führte. Alles wartete mit +Spannung, der Tiger erschien aber nicht. Erst nachdem er ziemlich lange +durch brennende Fackeln gepeinigt worden, schlüpfte er aus dem kleinen +in den grossen Käfig, zeigte aber durchaus keine Kampflust. Er lief +einigemal ängstlich im Kreise herum, bis ihm der Büffel, der ihn +anscheinend mit dem Gleichmuth eines Unbetheiligten betrachtet hatte, +einen Stoss gab, worauf der Tiger vor Angst an den Stäben in die Höhe +kletterte. Durch kochendes Wasser, Absud von Pfeffer und Lanzenstiche +wurde er von dort vertrieben. Beide Thiere wurden unaufhörlich von den +oben auf dem Käfig stehenden Leuten gereizt, bis der Tiger endlich einen +Sprung that und sich fest in das rechte Ohr des Büffels einbiss, indem +er seine Tatze zugleich in den Nacken seines Gegners tief einschlug. Der +Büffel versuchte vergeblich, ihn abzuschütteln, heulte vor Schmerz und +schleifte den Tiger mehrmals auf dem Boden rings herum. Endlich liess +dieser los und erhielt ein paar so kräftige Stösse, dass er wie todt +liegen blieb. Der Büffel beroch ihn; als aber der Tiger den Versuch +machte, nach ihm zu schnappen, erhielt er einen solchen Stoss, dass er +wieder alle Viere von sich streckte. Das Publikum war zwar noch lange +nicht befriedigt und wendete Pfeffer- und Stinkbrühen, Lanzenstiche und +brennende Fackeln an, um die erschöpften Thiere noch einmal an einander +zu bringen; aber vergeblich; die kleine Thür wurde endlich wieder +geöffnet, der Tiger durch Feuer zum Aufstehen genöthigt, schlüpfte +behend in seinen Käfig zurück. + +[Illustration: FEST IN TJILATJAP. JAVA.] + +Nachmittags um 5 Uhr fand auf dem Alun-alun, vor dem Hause des Regenten, +ein ~Rompok~ statt. Der grosse viereckige Platz war mit mehreren Reihen +von Lanzenträgern umgeben, es mochten ihrer wohl über 2000 sein. In der +Mitte des Vierecks standen zwei kleine, mit Stroh überschüttete Käfige +und ein dritter, höherer, in Form eines Daches. Die beiden ersten Käfige +enthalten je einen Tiger. Ein dichter Kranz von Zuschauern umgiebt die +Lanzenträger. Auf ein gegebenes Zeichen wird ein Käfig in Brand +gesteckt, der Tiger will aber durchaus nicht erscheinen. Es ist dieselbe +arme Bestie, die schon heut morgen vom Büffel so übel zugerichtet wurde; +schon fürchtet man, dass er verbrannt oder erstickt sei, als er endlich +mit dem Hintertheil zuerst zum Vorschein kommt. Kaum aber hat er sich +umgesehen, so läuft er in den brennenden Käfig zurück, und es dauert +abermals geraume Zeit, bis er zum zweitenmal heraustritt. Ohne sich vom +Platz zu rühren, mustert er genau das Terrain und späht ängstlich nach +einem Schlupfwinkel. Da er keinen Schritt thut, setzt sich das mit +Bewaffneten angefüllte dachförmige Gestell in Bewegung, aus dessen +Oeffnungen ihre langen Lanzen hervorragen. Sie zwingen endlich das +Thier, sich zu bewegen. Da der Tiger fast immer gegen die Richtung des +Windes läuft, so war die Windseite am stärksten bemannt worden. Diesmal +aber wich er mit richtigem Takt von seiner Gewohnheit ab, stürzte sich +plötzlich auf eine schwach bemannte Stelle in der Nähe unseres +Pavillons, und machte einen verzweifelten Versuch, durchzubrechen. Kaum +aber hatte er die Stelle erreicht, als er von zwanzig Lanzen durchbohrt +zu Boden sank. Man steckte den zweiten Käfig in Brand. Das muthige Thier +springt mit einem Satz heraus, stutzt, mustert seine Feinde, setzt sich +in Lauf und versucht an der Windseite einen Durchbruch, dort +zurückgedrängt, wiederholt er einige Schritte weiter denselben Versuch, +wird aber sogleich durchbohrt, indem alle Nahestehenden, unfähig, ihre +Leidenschaft zu zügeln, ihm ihre Lanzen in den Leib stossen. Der Regent +bot mir die Tiger an, da aber die Felle zerfetzt waren, und ich deren +bereits fünf besass, so begnügte ich mich damit, die Eingeweidewürmer +meiner Sammlung einzuverleiben und liess mir einige Tigerkoteletten +braten, die gegen Erwarten gut, fast wie Rindfleisch schmeckten, was die +übrigen Gäste nicht glauben wollten, die vor dem Fleisch einen gewissen +Ekel empfanden. Der Resident bestätigte aber mein Urtheil. Er hatte +früher in Banjuwangi, wo Rindfleisch nur selten vorkam, den Rücken eines +jungen Tigers in Form von Rinderbraten bereiten und einige in der +Provinz ansässige Pflanzer zum Diner einladen lassen. Das Fleisch +schmeckte ihnen vorzüglich, und sie entdeckten den Verrath erst, als sie +den Rest des Thieres in der Speisekammer hängen sahen. + +Nachdem ich meine naturwissenschaftlichen und ethnographischen +Sammlungen, die auf der Reise so angewachsen waren, dass sie fast den +ganzen Platz im Wagen und einen auf dem Verdeck eingerichteten Raum +einnahmen, wohl verpackt dem Assistent-Residenten übergeben, der sie +pünktlich, wie er versprochen hatte, mit dem ersten Schiffe an unsere +Museen absandte, verliess ich Tjelatjap und begab mich nach Banjumas, +Hauptstadt der gleichnamigen Provinz, wo ich einige Tage im Hause des +Residenten zubrachte. Neben der sehr geräumigen „Residenz” lag ein +zweites Haus mit breiter Veranda, eine ganze Reihe Fremdenzimmer +enthaltend, in welchen die fünf oder sechs gleichzeitig anwesenden Gäste +so unabhängig und behaglich, wie in einem guten Hotel wohnten. + +In Adjibarang, einem SW. vom Slamat gelegenen Dorfe, traf ich eine +Abtheilung Topographen (Mestizen) unter Leitung eines holländischen +Hauptmanns, und war erstaunt über ihre Leistungen. Die in aequidistanten +Horizontalen aufgenommenen Messtischblätter eines reich bewässerten, +verwickelten Hügelterrains konnten sowohl in Bezug auf Genauigkeit als +auf schöne klare, reliefartige Darstellung den besten europäischen an +die Seite gestellt werden. Der Maasstab war 1: 10,000. Seit 1848 besteht +in Gombong eine Schule für Europäer und Mischlinge, zur Heranbildung von +Unteroffizieren; die besseren Schüler werden zu Topographen ausgebildet. +Ganz in der Nähe von Adjibarang ist ~Batubala~, eine wenige Fuss breite, +über hundert Fuss lange, tiefe Spalte, nahe dem Rande einer gegen 200' +hohen, senkrechten Lavawand, in welche früher die Sultane von Jokjokarta +ihnen unbequeme Personen ohne alle Form von Prozess mit auf den Rücken +gebundenen Händen werfen und elend verschmachten liessen. Von Adjibarang +bis Purwolingo, um den SO.-Fuss des Slamat herum, breitet sich zu beiden +Seiten reiches Kulturland aus, ungemein ergiebig durch fruchtbaren +Boden, reichliche Bewässerung und den Fleiss einer dichten Bevölkerung. +Während aber in den meisten Ländern die fruchtbarsten Auen sehr +einförmig sind, und nur mittelbar durch die Betrachtungen über ihren +Nutzen erfreuen, gehören die Sawas in diesen malerischen +Berglandschaften zu den schönsten Bildern, die man sehen kann. Jeder +Hügel ist fast bis zum Gipfel von Terrassen umgeben, die seinen Umrissen +folgen und diesen Denkmälern menschlichen Fleisses die Gestalt +gegliederter Baudenkmäler geben, während tausend kleine Kaskaden die +starre Form beleben. + +In Purwolingo erwartete mich der Assistent-Resident. Wir legten die +erste Strecke im Wagen zurück, ritten dann bis Bobotsári und am +folgenden Tage nach Priatin. Nicht weit von der Strasse bricht die +Quelle des Kali-arus mit solcher Wasserfülle aus horizontalen Lavabänken +hervor, dass ein schnell fliessender, 5' breiter Bach daraus entsteht. +Aus einigen Löchern sprudelte das Wasser 1/2 Fuss hoch. + +Etwas weiter, in der Nähe des Dorfes Seraju, liegt der malerischste +Wasserfall, den ich je gesehen (Tjipotut): vom Rande der dicht +bewachsenen Hinterwand fällt ein reichlicher Bach in ein erstes, fast +kreisrundes, flaches Becken, in dessen mittlerem Theil das Wasser einen +Teich bildet, worin mehrere Frauen badeten, während andere auf dem +ringförmigen Rande im Schatten schlanker Bambusen mit ihnen scherzten. +Aus einer Rinne stürzte das Wasser in ein zweites Becken und von da in +einen tiefen, runden Kessel, dessen finstere mit Farnen bekleideten +Tuffwände einen schönen Gegensatz zu den oberen sonnigen Becken +bildeten. Als ich vom Wasserfall zurückkehrte, sah ich meinen Begleiter +beschäftigt, Anstalten gegen den Regen zu treffen, der uns bevorstand, +d. h. er wickelte seine Uhr und Brieftasche geschickt in ein +Bananenblatt, so dass das Wasser davon, wie von einem Dache ablaufen +musste. Kaum waren die Vorbereitungen vollendet, als ein heftiger Regen +eintrat, der ununterbrochen bis Priatin anhielt, das wir nach einigen +Stunden erreichten. Herr B. war wieder ein Beispiel für die Richtigkeit +der Behauptung, die ich in Indien so oft von Aerzten und alten +Praktikern hörte, dass nämlich ein sonst gesunder Körper sich am besten +akklimatisirt, wenn er kein Wetter und keine Strapazen scheut. Obgleich +mein Gefährte schon 28 Jahre in ostindischen Diensten stand, und +namentlich als Kontrolör grosse Beschwerden erduldet hatte, war er noch +so rüstig, dass er in seiner dünnen Kattunjacke den in 3-4000' Höhe doch +ziemlich kalten Regen anscheinend ohne alle Belästigung ertrug. Der +Abend in Priatin war sehr schön. Die Kulis lagerten sich um ein +gewaltiges Wachtfeuer und erfreuten sich am Gamelang und Tanz der +Ronggengs, der bis spät in die Nacht dauerte. + +Am folgenden Morgen, nachdem ich mich von meinem freundlichen Begleiter, +der nach Purwolingo zurückkehrte, verabschiedet hatte, bestieg ich den +Slamat, auf dessen östlichem Abhang Priatin in 4000' Höhe liegt. Einen +Paal weiter stehen die letzten von einigen Kaffeebauern zeitweis +bewohnten Hütten. Das Steigen wäre viel beschwerlicher gewesen, hätten +wir nicht bald Rhinozerospfade getroffen, die in bequemen Windungen bis +an den Schuttkegel führen, aus dem die Spitze des Berges besteht. Diese +Thiere müssen hier sehr häufig sein, wir trafen vielfach ihre Spuren. Im +ganzen Westen von Java kommen sie vor; der Slamat bildet aber die +östlichste Grenze ihres Verbreitungsbezirks. Das Nashorn ist so scheu, +dass man es fast nie zu Gesicht bekommt; doch werden einzelne Fälle +angeführt, wo es, wahrscheinlich in der Brunstzeit, Menschen angegriffen +hat. Die plumpen Thiere ersteigen die höchsten Berge, wo sie ihr +Lieblingsgras in Menge finden, und sind unübertrefflich im Anlegen von +Strassen: indem sie immer derselben Spur folgen, schleifen sie mit ihrem +tief herabhängenden, faltigen Lederpanzer und dem daran haftenden Sande +allmälig tiefe Rinnen mit völlig glatten Wänden selbst in das härteste +Gestein. Nicht minder wunderbar erscheint der ausgezeichnete +topographische Takt, mit welchem alle Terrainschwierigkeiten umgangen, +steile Stellen durch Zickzacklinien überwunden werden; das Wunder +erklärt sich aus der Unbeholfenheit des Thieres, dem schwierige Stellen +unzugänglich sind. -- Das Fell des Rhinozeros dient zu verschiedenen +Zwecken; als Schild lässt es keine Musketenkugel durch; die Chinesen +gebrauchen es in der Medizin. Das Horn gilt in Java als ein sicheres +Mittel gegen Schlangengift, nicht nur bei den Eingebornen, auch viele +gebildete Europäer sind von seiner Wirksamkeit so fest überzeugt, dass +sie auf Reisen gewöhnlich eine dünne Scheibe davon bei sich tragen, in +der Meinung, dass durch Auflegen der porösen Masse auf die Wunde das +Gift unfehlbar ausgezogen wird. Eine Dame, die auf diese Weise einen von +einer Schlange Gebissenen „geheilt”, hatte sogar die Hornscheibe vorher +in Essig gelegt, um sie noch wirksamer zu machen! + +Nachdem wir die Waldgrenze überschritten und die Region betreten hatten, +in welcher nur einzelne Bäume aus einige Fuss hohem Grase hervorragten, +genossen wir einen prächtigen Anblick. Hinter den Vorbergen des Slamat +sah man das nördliche Flachland und hinter diesem die Java-See sich +ausbreiten, im Westen überragte der Tjerimai die kleineren Berge, im +Osten thürmte sich ein hoher Vulkan hinter dem andern auf, dahinter die +9-10,000' hohen Sindoro, Sumbing, Merapi, Merbabu; im Süden lag die +reiche Provinz Banjumas und der indische Ozean. Die beiden Meere sind +von hier fast gleichweit entfernt. Mehrere tausend Fuss unter uns +schwebte in einer horizontalen Ebene die Wolkenschicht, unzählige Cumuli +bildend, und warf auf den Erdboden scharf begrenzte Schatten, die durch +die Zwischenräume deutlich zu erkennen waren. Der schöne Anblick dauerte +nicht lange, die Cumuli verschwammen zu einer dichten, jede Aussicht +verhüllenden Nebeldecke, noch ehe wir den oberen Rand der Grasregion +erreicht hatten, die scharf, wie abgeschnitten, an den Schutthaufen +grenzt, auf dem man die letzten paar tausend Fuss zum Kraterrande +emporsteigt. Als ich mit 2-3 Begleitern oben ankam, stellte sich ein +feiner, kalter Regen ein, der uns in unserer sehr dünnen Kleidung vor +Kälte zittern machte. Allmälig kamen einige Leute mit Gepäck, es wurde +ein Wachtfeuer angezündet; gegen Abend glich der Berggipfel einem +grossen Lagerplatz. Herr B. hatte in liebenswürdigster Zuvorkommenheit +20 Kulis zu meiner Begleitung bestimmt, und dieselben mit allerlei +Geräthen der Bequemlichkeit ausgerüstet, um diese Exkursion zu einer +wahren Vergnügungsreise für mich zu machen. Als ich aber gegen Abend die +Menschen an den verschiedenen Feuern zählte, waren ihrer über 80, von +denen die grosse Mehrzahl doch nur zu ihrem Vergnügen sich betheiligt +haben konnte, da nicht anzunehmen ist, dass jeder Kuli noch drei +Unter-Kulis habe. + +Aus drei Matten und ein paar Bambusen war schnell eine kleine Zelle für +mich erbaut, deren eine Seite die Felswand bildete. Allmälig füllte sie +sich mit allerlei Luxusgegenständen: ein Träger brachte eine +Lampenglocke, andre ein Waschbecken, Teller, Theetassen. Ein trockener +Rock und etwas zu essen wäre mir lieber gewesen; die Aussichten für die +Nacht waren etwas ungemüthlich, als zu meiner Freude noch spät Abends +der Koch erschien, der schon auf einem Halt unterwegs das Essen +zubereitet hatte. Mit ihm zugleich kam eine mit Baumwolle gestopfte +Matratze, worin ich eine unerwartet angenehme Nacht zubrachte, indem ich +ihr oberes Ende aufschnitt und bis an den Hals hineinkroch. + +Bei ihrem Aufgang warf die Sonne den langen Schatten des Slamatkegels +auf die über der Ebene schwebende Wolkenschicht, aber bald wurde es +völlig trübe und die Aussicht beschränkte sich auf die nächsten Punkte. +Am nördlichen Abhang erblickt man einige kleine Seitenkrater, wie man +deren so viele am Aetna wahrnimmt. Gegen Mittag verliessen wir den +Gipfel. Am unteren Rande des Schuttkegels begegneten wir noch mehreren +Kulis mit Gegenständen, die uns gestern Abend sehr angenehm gewesen +wären. Sie hatten die Nacht im weichen Grase gelagert und kehrten nun +mit uns um. Als wir kaum die Rhinozerospfade betreten hatten, begann es +so heftig zu regnen, dass diese schmalen, Laufgräben ähnlichen Wege sich +in Bäche verwandelten. Um 4 Uhr Nachmittags waren wir wieder in Priatin. + +Bei der Rückkehr nach Banjumas hatte ich das Vergnügen, unsern +Landsmann, den Oberst v. S., kennen zu lernen, der als Chef des +Geniewesens auf einer Inspektionsreise begriffen war und mir bis zu dem +Augenblick, wo ich Java verliess, unzählige Gefälligkeiten erzeigte. +Mein Bedienter war von den Strapazen der letzten Reise krank geworden; +der Resident von Banjumas nöthigte mir, als ich nach einigen Tagen +abreiste, einen der zuverlässigsten und intelligentesten seiner eigenen +Diener auf, der mich während meines ganzen ferneren Aufenthalts in Java +begleitete und überhäufte mich überdies mit Aufmerksamkeiten, deren ich +zum Theil erst nach meiner Abreise inne wurde. + +Ich kann nicht unterlassen, bei dieser Gelegenheit nochmals der grossen +Gastfreundschaft in Java und der Art ihrer Ausübung zu gedenken, denn +sie bildet einen der hervorragendsten Züge im dortigen Reiseleben, der +in der Erinnerung um so deutlicher hervortritt, je mehr sich die andern +Eindrücke verwischen. -- Bei den Völkern lateinischer Abstammung wird +Einem im ersten Auflodern der Gefälligkeit so viel mehr versprochen, als +gehalten werden kann, dass Alles nothwendig auf eine höfliche Formel +hinauslaufen muss, die aber gerade, weil sie nichts kostet, so allgemein +ist, dass der oberflächliche Verkehr mit ihnen dadurch eine angenehme +Färbung erhält. Die Engländer, die das, was sie versprechen, auch +wirklich zu halten meinen, zaudern vorsichtig mit ihrem Entgegenkommen +und stossen expansive Ausländer durch ihre kalte Gemessenheit ab. In +Java wird die Formel der Spanier: „Sie sind in Ihrem Hause, dies Haus +ist das Ihrige”, zur Wahrheit, ohne je ausgesprochen zu werden; wie +überhaupt die unzähligen, dem Fremden erwiesenen Dienste, aus Furcht, +dass er sie ablehnen könnte, nie vorher angeboten werden. Dass der +Bediente nach den kleinen Gewohnheiten, den Lieblingsgerichten, den +Speisestunden seines Herrn ausgefragt, und dass danach die Hausordnung +abgeändert wird, ist durchaus nichts seltenes; aber nicht nur auf die +Dauer des Besuchs beschränkt sich die liebenswürdige Fürsorge; +mehreremale, wenn ich auf einem Berggipfel oder in einem abgelegenen +Pasanggrahan das tägliche Huhn mit Reis essen wollte, fand ich den Tisch +mit allerlei Leckerbissen besetzt, welche die Frau des Hauses, in dem +ich zuletzt eingekehrt war, dem Diener heimlich zugesteckt hatte. + + + + +Fünftes Kapitel. + + Hochebene von Dïeng. Vulkane. Solfataren. Tempel. -- Vogelscheuchen. + -- Tempel Perot. -- Affengemeinde. -- Bad. -- Fliegende Hunde. -- + Borobudor. Pavon. Mundut. -- Sultan von Jokjokarta und seine + Familie. -- Salzgewinnung. -- Karang-tritis. -- Getäuschter + Gastfreund. Landpächter. -- Indigofabriken. -- Begräbnissplatz + Imogiri. -- Tempel bei Kalasan und Prambanan. -- Surakarta. -- Der + Kaiser und sein Hofstaat. -- Betelkauen. -- Pangerans. -- Tanz. -- + Der alte Blücher. -- Batek. -- Berg Lawu. Raden Rio. -- Neujahrsfest + in Surakarta. + + +Von Banjumas führt eine schöne Strasse im Serajuthal auf der linken +(südl.) Seite des Flusses nach Bandjar-negara. Der Ort hat eine sehr +hübsche Lage. Den Hintergrund bildet eine Berglandschaft mit schönen +vulkanischen Profilen, überragt vom Sindoro und Sumbing, den beiden +Brüdern, wie sie die Schiffer nennen, die sie von der Rhede von Samarang +erblicken; im Vorgrund ziehen sich die Terrassen der Reisfelder an den +Seiten der steilsten Hügel hinan. Eine Wasserleitung, die Bandjar-negara +mit gutem Trinkwasser versorgt, überschreitet in doppelter Bogenreihe +den Fluss und sieht fast wie ein Römerwerk aus. Der Fahrweg folgt dem +Laufe des Flusses bis Wonosobo; ich setzte aber die Reise zu Pferde über +Karang-kobar und Batur nach dem berühmten Plateau von Dïeng fort. Gleich +bei Bandjar-negara führt eine malerische Bambusbrücke über den +Fluss.[92] In einem kleinen Warong daneben sah ich Yams (Dioscorea sp.) +von intensiv violetter Farbe feil bieten. + +Hier beginnt die Strasse, die in Bezug auf grossartige Landschaften wohl +jede andre in Java übertrifft: zwischen Hügeln, die ganz mit Sawas +bedeckt sind, erheben sich kühne Felsen; einer derselben, der +Gunong-labet, besteht aus dem Rest einer einzigen riesigen, konzentrisch +schaligen Trachytkugel. In weiterer Ferne thürmen sich durch tiefe +Schluchten zerrissene Gebirge immer höher auf bis zum Slamat, dessen +10,630' hoher Gipfel alles überragt. Hinter Karang-kobar wird die +Landschaft noch ernster, die fast kahlen Berge zeigen ihre Modellirung +um so deutlicher. Für Reisfelder ist es hier oben zu kalt; Mais, Tabak, +Weizen und Gemüse treten an ihre Stelle. Auch Bambusen sieht man wenig +in dieser Höhe, deshalb führen hölzerne Brücken über die Bäche. Von den +Häusern sind die besseren aus Holz, die ärmeren aus Glaga, dem mehrfach +erwähnten Rohr, die Wände bestehen aus den Halmen, die Dächer aus den +Blättern. + +Bei Batur (5000') betritt man im NW. die Hochebene von Dïeng, Javas +phlegräische Felder. Der Weg führt zuerst durch braune Tuffschluchten, +ganz wie bei Rom, und das Plateau ist kahl wie die Campagna. Links von +der Hauptstrasse liegt ~Kawa-dringu~, eine Vertiefung in einem +Bergabhang, der aus abwechselnden Lagen von Rapilli und Trachytblöcken +besteht, ein graubrauner Schlammsee, etwa 20' lang und 50' breit bedeckt +den Boden; die Dampfentwickelung ist so heftig, dass der Schlamm +stellenweise 4 Fuss in die Höhe geworfen wird. In geringer Entfernung, +NzO., liegt ~Telaga-dringu~, ein Wasserbecken im Boden eines alten +Kraters mit etwa 120' hohen, sanft ansteigenden Wänden. Das Wasser ist +nicht tief, selbst aus der Mitte ragen Binsen hervor. Der westliche +Abhang ist mit Gras, der östliche mit Gesträuch und Bäumen bewachsen, +die sich in Gruppen bis auf eine etwas erhabenere Felsbank in den See +hineinziehen, auf welchem viele Tauchenten den Fischen nachstellten. + +[Illustration: BRÜCKE AUS BAMBUS U. ROTANG. WONOSOBO, JAVA.] + +~Sumor-djalatunda~, Junghuhn nicht bekannt, daher auf seiner Karte von +Dïeng nicht angegeben, liegt ca. 1-1/2 Paal in gerader Linie östlich von +Batur, SSW. von Kaputschuan. Dicht dabei schneidet die Strasse +Batur-Dïeng am Kali-puti (weissen Bach), der aus der Kawa-dringu kommt +und hier am äusseren Abhang des Sumor vorbeifliesst; hier hat er schon +alles Sediment unterwegs abgesetzt, ist völlig klar, kalt und geruchlos. +Sumor (Brunnen) wird dieser Kratersee genannt, der ringsum von fast +senkrechten, üppig bewaldeten Wänden eingefasst ist. Der See, der den +Boden einnimmt, ist oval, seine grösste Länge in der Richtung von N. +nach S. beträgt gegen 100', sein Wasser ist dunkelgrün. Das ganze Becken +erinnert sehr an Telaga-warna am Megamendong, nur betritt man dies +letztere im Niveau des Wassers durch eine Spalte in der Kraterwand, +während hier das Seebecken unzugänglich ist. Die Wände sind 130-150' +hoch und ringsum geschlossen, wie der Kessel eines Brunnens. Die +äusseren Abhänge dieses Kraters bestehen an der einzigen Stelle, wo ich +sie entblösst fand, aus sehr feinen weissen Tuffen, in welchen einige +Schichten trachytischer Rapilli vorkommen. + +Vierhundert Schritt östlich ist das ~Todtenthal~. Im Boden eines Kraters +mit sanft geneigten Wänden, die mit Gras und Bäumen bewachsen oder mit +Kohl und Tabak bepflanzt sind, liegt halb vergraben in der +Rapillischicht, die den Boden bildet, ein grosser, flacher Stein, der +schönste Trachytporphyr, den ich bis jetzt auf Java getroffen; dies ist +die Stelle, wo früher die Mofette (siehe S. 147, Anmerkung) am +heftigsten war. Ein paar Kulis erwarteten uns hier mit einem Hund und +einem Huhn, um zu versuchen, ob die Ausströmung des Gases hinreichen +würde, die Thiere zu betäuben; diese empfanden aber gar keine Wirkung. +Der Auftritt erinnerte lebhaft an die neapolitanischen, zum Prellen der +Fremden ersonnenen Kunststückchen in der Hundegrotte; hier war es +indessen eine uneigennützige Aufmerksamkeit des Häuptlings. Die +Ausströmungen scheinen fast ganz aufgehört zu haben, nur periodisch +bemerkt man noch Spuren, wie sich aus einigen am Boden liegenden +gebleichten Skeletten, sämmtlich kleinen Thieren angehörend, schliessen +liess. Der schönste Sonnenschein beleuchtete die Kohlfelder dieses nach +den Schilderungen des älteren Darwin so grausigen Ortes. + +~Telaga-leri.~ Von üppigem Wald umschlossen, mit schön bewachsenen +Inseln geschmückt, breitet sich ein grosser Schlammsee aus, mit graugrün +schimmerndem, heftig wallendem Wasser, aus welchem hohe Dampfwolken +aufwirbeln. Durch die ringsum thätigen, das Gestein zersetzenden +Solfataren sind unzählige Buchten, Inseln und Landzungen entstanden. Der +Mittelpunkt der vulkanischen Thätigkeit liegt gegenwärtig am Ostufer, +aus dessen Sprudeln und Pfützen mehrere siedend heisse Bäche abfliessen, +so dass wir die Eier und Kartoffeln zu unserer Mahlzeit durch Eintauchen +darin kochen konnten. Mitten in dieser Verwüstung steht ein Schuppen, +zwischen dessen Dielen eine dichte Vegetation von Faseralaun +effloreszirt, der auch um denselben einen Teppich bildet. Dicht am +Ostrande, unmittelbar neben den kochenden Wassern fliesst ein klarer, +kalter, reiner Bach vorbei. Gegen Abend erreichten wir das eigentliche +Plateau von Dïeng, ein ovales, ringsum von Bergen eingeschlossenes Thal. +Indem wir über seine Fläche nach dem am jenseitigen Abhang (im Osten) +gelegenen Pasanggrahan ritten, zeigten sich in geringer Entfernung von +uns, zur Rechten, 4 kleine 20-25' hohe Tempel in einer Reihe, und ein +fünfter, kleinerer, etwas seitwärts.[93] + +Auf der Südseite des Plateaus erhebt sich am Abhang eines kleinen Hügels +der mit schöner Skulptur reich verzierte Tempel Werkodoro und hinter ihm +eine trotz ihrer Entstehung durch Solfataren liebliche Landschaft: +kleine türkisblau und smaragdgrün glänzende Seen in blendend weissem +Tuffboden von einer zackigen Bergwand umschlossen. Die Sohle des Thales +von Dïeng ist an vielen Stellen versumpft, man kann aber grosse Strecken +weit auf Lavafliesen gehen, überall liegen Trümmer behauener Steine +umher. Auf den Abhängen stehen noch mehrere kleine mit Gesträuch +bewachsene Tempel, die meisten sind aber umgestürzt und bilden nur noch +Schutthaufen. Die gewaltigen Naturerscheinungen, die hier in seltener +Fülle als Vulkane, Solfataren, kochende Seen auftreten, scheinen dem +religiösen Aberglauben grossen Vorschub geleistet, die Bildung einer +mächtigen Priesterkaste begünstigt und die Gründung zahlreicher Tempel +veranlasst zu haben. Junghuhn entdeckte hier eine merkwürdige Inschrift, +von der bis jetzt nicht ausgemacht ist, welchem Volk und welcher Zeit +sie zugeschrieben werden muss. -- Ein mit dem Brahma- und Buddhakultus +und seinen Monumenten vertrauter Forscher würde gewiss hier sowohl als +weiter östlich in Java ein reiches Feld für seine Thätigkeit finden. + +Die ganze Nacht hindurch wüthete ein heftiger Sturm aus Ost, der einen +Theil des Pasanggrahans abdeckte; er hielt den ganzen Tag über an und +legte sich erst gegen Abend. Der Wind war kalt und unbequem in dieser +Höhe (über 6000') und noch unangenehmer auf den Bergen, die sich aus dem +Plateau erheben und wie dieses baumlos sind. Die aus der heissen Ebene +mit heraufgekommenen Leute froren den ganzen Tag trotz der reichlichen +Bewegung; die hier oben Ansässigen aber ertrugen die Kälte sehr gut, und +völlig nackte kleine Jungen kauerten müssig vor den Häusern in +anscheinender Behaglichkeit. Wir verliessen das Kesselthal von Dïeng im +Süden und ritten an dem schönen Tempel Werkodoro und dem tiefblauen See +Telaga-warna vorbei, der etwas nach Schwefelwasserstoff roch. Bevor wir +den Vulkan Pakuodjo erreichten, sahen wir rechts von der Strasse einen +hohen Felspfeiler, Gunong-batu, von wo aus man eine schöne Uebersicht +des Pakuodjo hat, der aus einem geschlossenen Krater und einer grossen +Schlucht besteht. Der Sturm war jetzt so heftig, dass wir den Gipfel +nicht besteigen konnten. Der Boden des Kraters ist ganz flach, mit einer +hohen Erdschicht ausgefüllt, auf dem das herrliche rothe Rhododendron +Javanicum in ziemlicher Menge unter andern Sträuchern wächst. Eine +niedrige Zwischenwand führt in die daneben liegende Schlucht. Diese +streicht von S. nach N. mit steilem Fall; in der Mittellinie derselben +zieht sich ein grosser gewölbter Schuttberg herab und stürzt sich im N. +über den flachen Rand. Er sieht von ferne täuschend wie ein erstarrter +Lavastrom aus, ist aber nur das Ergebniss der höher oben an den +Bergwänden thätigen Solfataren, die das Gestein zersetzen und in grossen +Blöcken oder als Schuttmassen hinabstürzen; so entsteht ein langer, +schmaler Rücken von Bergtrümmern, der durch die Wirkung des +herabrieselnden Wassers auf der stark geneigten Sohle allmälig weiter +geschoben wird. Der Boden des daneben liegenden Kraters ist viel höher +und wird durch das an seinen Wänden zersetzte Gestein immer mehr +aufgehöht, da sein Rand völlig geschlossen ist. (Mittags im Schatten +12,8°R.) + +Von hier besuchten wir die am Fuss des Berges Pangonan gelegene +Solfatara Tjondro di muka, wo im Jahre 1834 ein Kontrolör in den +heissen Schlamm einsank und, obgleich schnell herausgezogen, an den +Brandwunden starb. Die Stelle ist durch einen Stock bezeichnet, der von +Zeit zu Zeit erneuert wird; die Eingebornen nennen auch wohl die ganze +Solfatara „tuwan Kontrolör punja tjelaka” (das Unglück des Herrn +Kontrolör). Sie nimmt den Grund eines alten Kraters ein, dessen Wände +fast zerstört sind und dessen Boden mit grünem Rasen bedeckt ist, mit +Ausnahme derjenigen Stellen, wo die Fumarolen thätig sind. Am Abhange +des Berges Pangonan, dicht bei Tjondro di muka, ist eine ähnliche +Solfatara, aus welcher ein grosser Schlammstrom herabgeflossen ist, der +jetzt im verhärteten Zustande auf den ersten Anblick wie ein Lavastrom +aussieht. Auch zeigt er an den Stellen, wo der Abhang steiler ist, die +eigenthümliche strickförmige Textur schnellgeflossener Laven. Verfolgt +man den Strom nach oben, so findet man auf einem flachen Absatz des +Bergabhanges neben mehreren noch kochenden Schlammseen ein entleertes +Becken mit zerborstener Wand als Ursprung des erwähnten Schlammstromes. +Der Berg Pangonan enthält zwei Krater; in den südöstlichen kann man +hineinreiten, sein Boden ist sehr versumpft, weshalb ein gleichnamiges +Dorf, das früher darin stand, verlassen wurde. Auf den flachen +Terrassen, die den Kessel fast in seinem ganzen Umfange umgeben, wurde +Mais, Tabak und Kohl gebaut, der Boden war mit Binsen und grobem Gras, +die Pfützen mit Brunnenkresse bedeckt. Von zehn kleinen Tempelchen, +welche Junghuhn's Karte auf dem äusseren Abhang angiebt, fand ich nur +noch drei aufrecht, und den Schutthaufen eines vierten. Sie sind im +Grundriss quadratisch, jede Seite von 2,25 Meter Breite und 5,34 M. +Höhe, die Eingänge 0,85 M. breit, 1,83 M. hoch. Ringsum ist der Boden +mit behauenen Steinen und zertrümmerten Skulpturen bedeckt. Der Boden +des Nebenkraters wird fast ganz von einem See ausgefüllt, +Telaga-werdoto der Junghuhn'schen Karte, die Eingebornen nannten ihn +aber Merredada. Vom Zwischenrücken übersah man die Topographie des +Berges mit einem Blick. Der Abhang des Pangonan fasst die W.-Seite des +Plateaus von Dïeng ein und grenzt im N. an die Strasse Batur-Dïeng; +jenseit derselben und des Baches Dolog, im N., erhebt sich ein anderer +erloschener Vulkan, der Pager-kendeng. Am SW.-Abhange dieses Berges +liegt das früher beschriebene Telaga-leri; ein bequemer Reitweg führt +über die Kratermauer auf den Boden des Pager-kendeng-Kraters, in +welchem sich einige Menschen in elenden Hütten aus Farnstämmen und +Glaga angesiedelt hatten. Sie leben vom Anbau und der Bereitung des +Ricinusöls und Tabaks. Die Tabakbereitung ist sehr einfach. Die grünen +Blätter werden zusammengerollt, viele Rollen über einander zwischen +zwei senkrecht neben einander befestigte Bretter gelegt, fest gedrückt +und nach und nach vorgeschoben, wobei der die Bretter überragende +Theil mit einem scharfen Messer abgeschnitten wird, wie beim +Häckselschneiden. Die Streifen sind nicht dicker als ein Zwirnfaden. +Man trocknet sie zuerst an der Sonne, später über Feuer. Eine weitere +Behandlung erfährt der Tabak nicht; er wird hauptsächlich zum Kauen +verwendet, für sich allein oder mit Betel vermischt, auch macht man +Cigaretten daraus, indem man ihn in junge Seitenblätter der Nipapalme +wickelt. Am Nordostabhang liegt die Solfatara Panduh oder Sepanduh, die +wir erst bei völliger Dunkelheit erreichten. Die schwierigsten Stellen +der Strasse nach Dïeng wurden beim Schein der Fackeln zurückgelegt, die +schnell improvisirt waren, indem die Kulis im Vortrab ohne Weiteres +grosse Bündel Glaga aus den Umzäunungen rissen und anzündeten. + +[Illustration: TEMPEL PEROT. JAVA.] + +Leider konnte ich in Dïeng nicht länger verbleiben, da meine Ankunft in +Wonosobo bereits angemeldet war. Wir ritten in SSO.-Richtung zuerst +durch tief eingeschnittene Tuffwände nach Badak-banteng, kamen Abends +nach Telaga-mendjer, einem den Eifeler Maaren ganz ähnlichen +Wasserbecken in weissem Tuff, und am folgenden Tage nach Wonosobo. Auf +einem Maisfelde sah ich ein eigenthümliches System von Vogelscheuchen: +senkrecht gegen die Richtung eines schnellen Baches waren lange Reihen +schlanker Bambushalme in den Boden gesteckt, von deren übergebogenen +Spitzen lange in der Sonne stark glänzende Pisangblattstreifen +herabhingen. Die Spitzen der Bambusen jeder Reihe waren durch eine +straffe Schnur verbunden, die aber, wo sie den Bach überschritt, sich +bis in das Wasser hinabsenkte und ein dünnes Brett trug, das von dem +Wasser hin- und hergeschleudert wurde, und die ganze Reihe +Vogelscheuchen in Bewegung setzte. + +Von Wonosobo aus bestieg ich den wegen seiner schönen regelmässigen +Kegelform ausgezeichneten Gunong-sindoro. Am Nordost-Abhang +hinabsteigend, erreichte ich spät Abends Adiredjo, wo ich bei dem Bedana +nach langem Zögern nicht sehr freundliche Aufnahme fand, da mein Besuch +nicht amtlich angemeldet war. + +Ganz in der Nähe liegen zwei kleine zierliche Tempel, Perot und +Prengapus. Den Tempel Perot hat ein Feigenbaum zu seinem Postament +erwählt und mit einem Netz von Luftwurzeln umstrickt; er erhebt sich +darauf als eine dicke cylindrische Säule, die erst in 100' Höhe eine +mächtige Blätterkrone trägt. Da er bisher nie abgebildet worden, so +nahm ich eine sehr genaue Zeichnung davon auf. Am Nachmittag besuchte +ich die Quelle des Progo, der die Provinz Kadu, „den Garten von Java”, +bewässert und am Fuss von Borobudor vorbei, in den indischen Ozean +fliesst. Die schöne Quelle, die klar und sehr wasserreich aus einer mit +Farnen dicht bewachsenen Lavahöhle hervorbricht, geniesst bei den +Javanen hohe Verehrung. Kaum waren wir angekommen, als von den +umliegenden Bäumen eine Anzahl Affen (Semnopithecus maurus) herabstieg +und zutraulich dreist uns umringte. Wir fütterten sie mit Mais. Diese +Kolonie halbzahmer Affen existirt nach der später noch mehrfach +bestätigten Aussage des mich begleitenden Häuptlings schon seit alter +Zeit und überschreitet nie die Zahl 15; heute waren ihrer zwar +eigentlich 16, da eine garstige alte Aeffin ein Junges trug, das unter +dem Bauch der Mutter hing und den Kopf ängstlich hervorstreckte. Ist +das Junge aber herangewachsen, so wird es gezwungen, die Kolonie zu +verlassen, wenn es nicht ein anderes schwächeres Individuum zum +Austritt zwingen kann; es werden nie mehr als 15 geduldet, so +wenigstens erzählte man mir allgemein. Die Nacht brachte ich bei einem +vornehmen Javanen, dem Regenten von Temangung, zu, und begleitete ihn +am andern Tage zu einem ächt javanischen Bade. Wir ritten 1-1/2 Paal +weit nach einem krystallhellen Quell inmitten eines Haines. Den Boden +des geräumigen Beckens, in welchem Gold- und Silberfischchen +umherschwammen, bedeckte glänzend weisser Sand. Die Aeste eines daneben +stehenden Baumes hingen ganz voll Kalongs, während Schaaren derselben, +durch einige Schüsse aus dem Tagesschlaf geweckt, in der Luft +schwirrten. Diese Kalongs, auch fliegende Hunde oder Füchse genannt, +Pteropus edulis, sind grosse obstfressende,[94] über den ganzen +Archipel verbreitete Fledermäuse. Bei Tage hängen sie oft zu vielen +Hunderten in einem grossen Baum mit der Kralle des Daumens reihenförmig +an den Aesten, den Kopf nach unten, in ihre Flügel, die 4-5 Fuss +Spannweite erreichen, wie in einen Mantel fest eingehüllt, so dass sie +aus der Ferne wie riesige Birnen erscheinen. Werden sie nicht gestört, +so setzen sie sich erst Abends in Bewegung und richten wegen ihrer +grossen Menge beträchtlichen Schaden an, wenn sie statt über die +Früchte des Waldes über die Obstgärten des Dorfes herfallen. Dr. Oxley +erzählt (Journ. Ind. Arch. 1849), dass, als er in der Strasse von +Malacca vor Anker lag, ein Schwarm dieser Thiere mehrere Stunden +brauchte, um über ihn fortzuziehen, und Logan sah sie zu Millionen in +den Mangrove-Sümpfen am Nordrand der Insel Singapore hängen. Es ist +kaum möglich durch Netze das Obst gegen ihre Verheerungen zu schützen, +denn bekanntlich ist bei den Fledermäusen der Gehör-, Geruch- und +namentlich der Fühlsinn auf eine für uns so wunderbare Weise +entwickelt, dass sie im Stande sind gewissermaassen in die Ferne zu +fühlen, und bei völliger Dunkelheit im schnellsten Fluge jedem +Hinderniss mit der grössten Sicherheit auszuweichen. Spallanzani und +mehrere Andre nach ihm, überzeugten sich davon, indem sie geblendete +Fledermäuse in hellen Räumen, in welchen nach allen Richtungen Drähte +und Fäden gezogen waren, hin- und herfliegen liessen. Man nimmt an, +dass, abgesehen von den besonderen Apparaten, mit welchen die Nasen und +Ohren vieler Gattungen zur Verschärfung des Geruch- und Gehörsinns +versehen sind, die dünne, nackte, nervenreiche Flughaut dazu dient, den +Thieren die feinsten Unterschiede in der Temperatur, der Dichtigkeit, +dem Druck, der Bewegung, den Schwingungen der Luft wahrnehmbar zu +machen, und ihnen dadurch die Nähe fester Körper zu verrathen. -- In +Java wird der P. edulis, wie mir versichert wurde, selbst von den +Eingebornen nicht gegessen, in den Philippinen scheinen ihn die +~Europäer~ zu verschmähen, obgleich sein Fleisch sehr wohlschmeckend +ist, ähnlich dem Rebhuhn. + +In wenigen Stunden erreicht man Magelang, Hauptstadt der Provinz Kadu. +Der Garten des Residenten hat eine sehr schöne Lage und enthält eine +Anzahl in der Umgebung gefundener Skulpturen, darunter einen mit +kunstvollen Basreliefs bedeckten Stein in Form eines Sarkophags. + +[Illustration: KALONGS. (FLIEGENDE HUNDE.) JAVA.] + +Von Magelang aus besuchte ich das 10-12 Paal gen Süden am Progofluss +gelegene ~Borobudor~, von allen Monumenten Javas das grösste, schönste, +am besten erhaltene, weit berühmt nicht nur durch die Beschreibungen von +Raffles, Crawfurd und anderen, sondern auch durch die darauf gegründeten +Arbeiten von W. v. Humboldt und Burnouf. Aus der Ferne macht es keinen +bedeutenden Eindruck; es erscheint als eine flache, breite Pyramide mit +etwas verschwommenen Umrissen und fesselt das Auge nicht durch gefällige +Gliederung der Masse. Sobald man aber näher herankommt und die grosse +Fülle schöner Skulpturen gewahrt, für welche das Gebäude gewissermassen +nur den Träger bildet, begreift man wohl den Enthusiasmus, mit dem fast +Alle, die Borobudor gesehen, davon sprechen. Folgendes ist im +Wesentlichen der Plan des Gebäudes: auf einem Hügel, dessen Seiten +terrassirt sind, und der somit ein Postament für dasselbe bildet, +erheben sich stufenförmig über einander 6 Terrassen, die mit Ausnahme +der obersten und untersten an ihrem äusseren Rande von einer Mauer +umgeben sind, so dass 4 ringsum laufende oben offene Gallerien von 2 +Meter Breite entstehen, deren innere Wände doppelt so hoch als die +äusseren sind. Der Grundriss der Terrassen ist, wenn man die in der +Mitte jeder Front nach Aussen rechtwinklig vorspringenden Ausladungen +nicht berücksichtigt, quadratisch. Auf der oberen Plattform erheben sich +3 kreisrunde Terrassen über einander von je 1,68 Meter Höhe, welche 34 + +24 + 14 zusammen 72 durchbrochene glockenförmige kleine Tempel tragen, +in denen je ein Buddha sitzt. Auf der obersten Stufe erhebt sich eine +Kuppel von 20' Höhe, 50' Durchmesser. Ausser derselben enthält der ganze +Bau keinen hohlen Raum, und dieser jetzt zum Theil eingefallene, früher +geschlossene Raum war leer. In der Mitte jeder Front ist ein Thor, durch +welches eine Treppe bis zur Kuppel führt. Das ganze Gebäude besteht aus +künstlich in einander gefügten Trachytquadern. Die grösste Breite des +Monuments liegt wegen der bereits erwähnten Vorsprünge in den +Mittellinien und beträgt nach Wilsen's Messungen 114 Meter, die +Gesammthöhe mit Einschluss des Kegels, der früher auf der Kuppel stand, +30 Meter. Crawfurd giebt etwas grössere Dimensionen an, aber Wilsen's +Maasse dürften wohl die richtigen sein.[95] Nach ihm enthält die äussere +unterste Wand 480 Reliefs. Die schönsten Skulpturen befinden sich an der +inneren Wand der ersten Gallerie; sie ist horizontal in zwei Theile +getheilt und ganz bedeckt mit Reliefs von 2,70 Meter Breite, 0,90 M. +Höhe. Aber alle senkrechten Wände sind mit Reliefs, Arabesken und +Girlanden bekleidet. Wilsen giebt die Zahl der grossen Basreliefs auf +2000, die Gesammtzahl der Figuren überhaupt in den 5 Gallerien auf +20,000 an. Sämmtliche Mauern der Gallerien tragen reich verzierte +Nischen, in denen überlebensgrosse Buddhas thronen. Die Zahl der +Buddha-Figuren in den Nischen beträgt nach W. 500. Weit mehr als über +den Reichthum der Skulpturen erstaunt man über die mannigfaltigen, +sinnigen Kompositionen und die bis in die kleinsten Einzelnheiten +sorgfältige Ausführung. Die beiliegende Zeichnung giebt eines der Bilder +der ersten Gallerie wieder, das ich aufs Gerathewohl, und weil es etwas +im Schatten lag, zu einer Skizze wählte. Diese Reliefs bewahren einen +Schatz von Erinnerungen aus dem Leben der damaligen Zeit auf; eine +Inschrift oder Jahreszahl enthält das Monument aber nicht. Crawfurd +sagt, dass man aus einem räthselhaften Vers die Jahreszahl 1344 als die +Zeit der Vollendung des Baues herausgedeutet habe, die ihm nicht +unwahrscheinlich vorkommt. Andere, darunter Raffles und van Hoevell, +halten das Monument für viel älter. Nach der allgemeinsten Ansicht wurde +der Bau von buddhistischen Künstlern aus Vorderindien unter Mithülfe der +Eingebornen errichtet. Die Javanen selbst haben wohl nie eine so hohe +Kunststufe erreicht. Wie die Buddhisten nach Java gekommen, ist nicht +genügend festgestellt; Friederich glaubt, Bekehrungseifer sei die +Veranlassung gewesen; vielleicht kamen sie auch als Flüchtlinge nach den +Glaubenskämpfen mit den Brahmanen, die mit der Vertreibung der +Buddhisten aus Indien endigten (gegen 1000 n. Chr.). Das Monument ist +noch sehr wohl erhalten und kann allem Anschein nach, wenn nicht Krieg +oder Erdbeben es zerstören, noch viele Jahrhunderte bestehen. Im Kriege +gegen Dipo-negoro (1825-30) hat es etwas gelitten, da es, wie das +Grabmal der Caecilia Metella bei Rom, als fester Punkt benutzt wurde, +wozu es sich wegen seiner Lage sowohl als wegen seiner Gliederung und +Grösse sehr eignete. Sein gefährlichster Feind ist vielleicht ein +kleines Lichen, das sich langsam, aber unaufhaltsam weiter verbreitet +und schon manches schöne Bild unkenntlich gemacht hat. + +[Illustration: RELIEF VON BOROBUDOR. JAVA.] + +In geringer Entfernung von Borobudor liegt ein kleiner Tempel, Pavon +oder Dapor genannt, auf dessen Seite ein riesiger Feigenbaum +emporgeschossen ist, ohne dem Monument sehr zu schaden. Nach Wilsen +beträgt seine Höhe ungefähr 15 M., die Breite 10 M. Auf dem Rückweg nach +Magelang in etwa 2 Paal Entfernung von Borobudor gelangt man an den +Tempel ~Mundut~, der früher vom vulkanischen Sand des Merapi +verschüttet, erst 1834 durch den damaligen Residenten der Provinz wieder +ausgegraben wurde. An seiner Aussenseite ist er mit schönen Figuren, +Friesen und Arabesken bedeckt, welche letztere mich an die besten Sachen +erinnerten, die ich in Italien gesehen. Herr Wilsen soll auch von diesem +Tempel, dem allgemein dasselbe Alter und derselbe Kultus wie Borobudor +zugeschrieben wird, die genauesten Zeichnungen angefertigt haben. Das +Innere, dessen Decke aus einander überragenden Quadern gebildet wird, so +dass eine hohle Pyramide entsteht, enthielt drei kolossale Figuren; den +Boden bedeckte eine tiefe, fast betäubenden Moschusgeruch verbreitende +Schicht von Fledermausmist. + +Um einer Verabredung zu genügen, musste ich leider noch an demselben +Abend nach Magelang zurückeilen, wo ich den Oberst v. S. traf, mit dem +ich am folgenden Tage nach Jokjokarta reiste, der Hauptstadt des +Sultans, eines der unabhängigen Fürsten auf Java. Seine Unabhängigkeit +ist freilich nur eine beschränkte, da er von der holländischen +Regierung, die einen Residenten an seinem Hofe hält, einen Gehalt +empfängt. Das Waterkastell von Jokjokarta gilt für eine grosse +Sehenswürdigkeit. Es ist der fast zerfallene Badeplatz eines früheren +Sultans, in holländisch-chinesischem Zopfstil mit javanischen +Schnörkeln. Abends hatte ich Gelegenheit, mit dem Residenten und +Obersten dem Sultan einen Besuch zu machen. Wir fuhren in den von einer +hohen Mauer umgebenen „Kraton”, der den Palast und die zum Theil sehr +ärmlichen Häuser des Hofstaates enthält, und mit seinen Höfen und Gärten +die Grösse einer kleinen Stadt hat, und gelangten durch zwei grosse von +Waringibäumen beschattete Vorhöfe in den inneren Hof. Am Thor +präsentirte die Wache, zerlumpte Kerle mit schwarzen cylindrischen +Mützen. Der Sultan erwartete uns, auf einem europäischen Sopha sitzend, +in einer offenen Halle. An den Wänden standen Stühle, ein Teppich lag +auf dem Boden. Die Möbel waren von der Art, wie man sie in Gasthäusern +zweiter Klasse in Europa findet. Der Fürst trug ein kattunenes Kopftuch, +aus dessen Falten, seitlich vom Scheitel, ein kleiner Blumenstrauss +hervorragte. Eine mit einem hohen holländischen Orden geschmückte Jacke, +Sarong und europäische Pantoffeln vollendeten den Anzug. +Gesichtsausdruck und Haltung des Sultans waren würdig und verbindlich; +der Resident nahm zur Linken, der Oberst zur Rechten Platz. Die +Unterhaltung wurde kaum hörbar leise geführt, so will es der Hofton. Auf +eine Andeutung des Residenten, dass ich gern etwas von den Gebräuchen +des Hofes sehen möchte, war der Fürst so artig, uns zu seiner Familie zu +führen. Wir gingen über den Hof nach einem grossen Pendopo, dessen sehr +hohes Dach von vielen niedrigen Holzsäulen getragen wird, zwischen denen +Lampen und Vogelkäfige von der Decke herabhingen. Auf einer Estrade +lagen grosse seidene, mit frischen Blumen bestreute Kissen, auf denen +wir Platz nahmen. Bald erschien die Gemahlin (ratu = Königin) und drei +Prinzessinnen, die den sonderbaren Titel tuwan = Herr führen. Jene +setzte sich auf ein Kissen neben den Sultan, die Herren Prinzessinnen +nahmen mit untergeschlagenen Beinen auf dem Boden, dem Sultan gegenüber, +Platz. Eine Reihe alter Weiber mit nacktem Oberkörper und einem über die +Brust gebundenen Tuche hockten in ehrerbietiger Entfernung. Nach einer +kurzen Unterhaltung führten wir die Fürstinnen, die nur mit einem +Sarong und einer dünnen Kattunjacke bekleidet und mit einigen Diamanten +geschmückt waren, in die Empfangshalle zurück, indem wir ihnen den Arm +gaben. Der Resident hatte die Ehre, die alte Fürstin zu führen, mir, +ohne offiziellen Rang, fiel die jüngste Prinzessin zu, ein hübsches +fünfzehnjähriges Mädchen mit grossen Augen, lebhaft und kokett und, was +ich ihr besonders hoch anrechnete, mit ganz weissen Zähnen, da sie, die +einzige in der ganzen Familie, nicht Betel kaute. In diesen vornehmen +Familien ist wahrscheinlich viel arabisches Blut; sie haben nicht die +kleinen Nasen mit breiten Flügeln der gemeinen Malayen. Nach kurzer +Unterhaltung verliessen wir den Kraton in derselben Weise, wie wir +gekommen waren. -- Abends in einer Gesellschaft beim Residenten +erschienen mehrere Pangerans (javanische Prinzen), die Obersten-Rang +hatten und holländische Uniform trugen. Ihr langes Haar war in ein +Bündel gesammelt und mit einem Kopftuch bedeckt. Einer derselben hatte +einen kleinen, garstigen Zwerg als Pagen bei sich, dem er seine +Militärmütze übergab; dieser setzte sie verkehrt auf den Kopf und +spazierte damit unter den Gästen umher. + +Am folgenden Morgen fuhr ich mit einem Tumongong durch die heisse Ebene +bis Imogiri, von wo wir nach der Südküste ritten, an der sich eine +niedrige Dünenreihe hinzieht. Die heisse vom schwarzen vulkanischen Sand +des Merapi bedeckte Fläche wird von mehreren parallelen Bächen +durchströmt, die sich in den Kali-opak ergiessen, welcher dicht am Fuss +des die Ebene in Osten begrenzenden Kalkgebirges fliesst, und mit ihm +zusammen bei Karang-tritis das Meer erreicht. Wir sahen eine Falle, um +Wildschweine, deren es hier viele giebt, zu fangen: zwei mehrere hundert +Fuss lange, mit Reisig verkleidete Bambusgitter bildeten einen sehr +stumpfen Winkel und führten durch eine Oeffnung in einen langen Gang, +von dessen Decke einige starke Thüren wie Klappventile schräg von vorn +nach hinten hingen. Am flachen Strande waren viele Menschen beschäftigt, +aus dem Meerwasser Salz zu gewinnen. So weit man nach Westen sehen +konnte, war die Küste mit ihnen wie bestreut, im Osten setzten die in +hohen, sonderbaren Formen ins Meer ragenden Felsen von Karang-tritis den +Arbeiten eine Grenze. Das Verfahren war sehr umständlich: anstatt das +Seewasser in einem System von Gräben, sogenannten Salzgärten, verdunsten +zu lassen, wurde es mit Eimern, die je aus einem Blatt der Fächerpalme, +Corypha gebanga, bestanden,[96] geschöpft und auf den aus schwarzem +Sande bestehenden heissen Strand geschüttet, wo es verdampft. Ist die +obere Erdschicht hinreichend mit Salz gesättigt, so wird sie +oberflächlich aufgenommen, auf ein in Tischhöhe aufgestelltes Bambussieb +gebracht und durch Aufgüsse von Seewasser unter fortwährendem Kneten +ausgelaugt. Man lässt die abgelaufene Sole in einem Trog in der Sonne +verdampfen und konzentrirt sie im nächsten Dorf durch Sieden in irdenen +Töpfen. Das Salz ist sehr zerfliesslich, da es nicht einmal vom +Chlormagnesium gereinigt wird. Zu jedem Gestell gehörten zwei bis drei +Leute: einer trägt Wasser, der andere knetet, der dritte ruht aus, um +den Wasserträger abzulösen. Bei Sonnenschein machen 2 Mann in 5 Tagen 80 +Katti Salz nach Angabe des Tumongong. Die Salzgewinnung ist in den +Fürstenländern eine Privatindustrie, im übrigen Java Regierungsmonopol. + +In der Klippe Karang-tritis ist eine Tropfsteinhöhle, deren hohe +senkrechte, dem Meere zugekehrte Wand dicht mit grauen und gelben +Flechten überzogen ist. Das von oben herabsickernde kalkhaltige Wasser +durchdringt diese wie einen Schwamm und inkrustirt sie mit Kalk; die +feuchte zu Stein gewordene Kruste giebt einer neuen Vegetation von +Flechten eine willkommene Unterlage, und so erhält die Felswand einen +eigenthümlichen reich gefärbten Ueberzug, halb Stein, halb Pflanze. + +Jenseits Karang-tritis ragen viele einzelne Kalkfelsen aus dem Meere +hervor, die durch die Wirkung der Brandung so phantastische Gestalten +erhalten haben, dass sie auch wohl bei aufgeklärteren Leuten als den +Javanen, Veranlassung zu Aberglauben geworden wären. Hier ist es, wo +nach Hagemann (Tijd. v. L. T. en V. 1853) die Geisterkönigin Loro-kidul, +deren Gebiet sich längs der ganzen Südküste vom Semeru bis nach +Nusa-kumbangan erstreckt und deren prächtiger Palast im Grunde des +Meeres ist, sich ihren Vertrauten in Träumen offenbart. + +Gegen Mittag kam eine stattliche Reiterschaar, Herren vom inländischen +Adel mit ihrem Gefolge, zum Besuch und führten uns nach einem +Pasanggrahan, der hübsch möblirt war, weil er oft von den einheimischen +Fürsten benutzt wird, die hier das wegen der sehr starken Brandung +geschätzte Seebad benutzen. Wir hatten ein vorzügliches malayisches +Diner, bei welchem auch Büffelfell vorkam, welches wie Biskuit gegessen +wird und sehr angenehm schmeckt. Das Fell wird zu dem Zweck in sehr +feine Stücke geschnitten, in heissem Wasser eingeweicht und in Fett +gebacken, wobei es zu einer sehr porösen, spröden Masse aufschwillt. + +Als wir gegen Abend, von der starken Sonnengluth sehr ermüdet, nach +Imogiri zurückritten, kamen wir an einer Indigofabrik vorbei. Schon +lange, ehe wir sie erreichten, sah ich den Besitzer, einen stattlichen +jungen Mann in leichtem Pflanzerkostüm sein Haus verlassen und durch die +Felder grade auf uns zueilen. Als er uns erreicht hatte, fasste er +zuerst der Sicherheit wegen mein Pferd am Zügel, dann grüsste er sehr +freundlich und lud uns ein, die Nacht in seinem Hause zuzubringen, indem +er zugleich das Pferd dahinführte mit dem zufriedenen Lächeln eines +Mannes, der einen guten Fang gethan hat. Ein Freund aus Jokjokarta hatte +ihm durch einen Boten gemeldet, dass wir hier vorbeikommen würden, und +er hatte uns aufgelauert. An Loskommen war nicht zu denken, auch hatte +ich keine Lust dazu; doch machte ich absichtlich einige Einwendungen, +die indessen alle triumphirend beseitigt wurden. Mein Gastfreund, sehr +gebildet und, wie ich später hörte, aus sehr guter holländischer +Familie, lebte hier ganz isolirt auf der vor Kurzem von ihm gegründeten +Fabrik, fern von allem Umgang mit Europäern. Er hatte gewiss eine +angenehme Unterhaltung für den Abend gehofft, und alles aufgeboten um +seinen Gast zu ehren, leider war ich so entsetzlich müde, dass ich über +Tisch einschlief und so schnell als möglich ins Bett schlich. + +In den Fürstenländern, wo die holländische Regierung keine Produkte +baut, da der Grund und Boden dem Fürsten gehört, ist es Europäern +gestattet Ländereien zu pachten und auszubeuten: jedoch ist ihre Zahl +eine beschränkte, die Erlaubniss hängt vom Ermessen der +Kolonial-Regierung ab. Nach dem Reglement für 1857 betrug sie 68 für +Jokjo, 207 für Surakarta. Der Pächter tritt der Bevölkerung gegenüber in +die dem Landesfürsten nach dem Adat zustehenden Rechte. 2/5 des Bodens +darf er mit Produkten für den europäischen Markt bebauen, jede Familie +leistet ihm 104 Tage Frohndienst, dafür zahlt er die Grundsteuer für die +ganzen 5/5 des Bodens. Der Ertrag der übrigen 3/5 so wie die Verfügung +über die nach Abzug von 104 Tagen verbleibenden 261 Tage gehört der +Bevölkerung ohne weitere Abzüge oder Lasten. + +Nach den Grundsätzen des Kultursystems sollten die Bauern in den +Regierungsländern besser gestellt sein als in den Fürstenländern; in +Wirklichkeit ist dies aber nicht der Fall, da ihre Arbeitskraft (vergl. +Kaffeekultur) bei der mangelhaften Leitung durch Beamte zum grossen +Theil verschwendet wird. + +Vor allen hat sich in Jokjokarta als besonders gewinnbringend, schnell +rentirend und wenig Anlagekapital erfordernd, die Indigokultur +entfaltet, während sie in den unmittelbar unter holländischer +Botmässigkeit stehenden Provinzen, wo sie einen Theil des Kultursystems +bildet, so schlechte Resultate giebt, dass sich die Regierung veranlasst +sah die Ursachen der so verschiedenen Ergebnisse von einem fähigen +Beamten untersuchen zu lassen. Aus den Auszügen des amtlichen Berichts +(Tydsch N. I. 1860) ergeben sich ganz ähnliche Thatsachen wie bei der +Kaffee- und Theekultur (vergl. oben), die wohl allmälig die Regierung +zwingen werden aus Eigeninteresse den Ackerbau der Privatindustrie zu +überlassen. Schon jetzt hat sich die Regierung genöthigt gesehen den +Indigobau immer mehr einzuschränken. + + 1840 produzirte sie auf 40844 Bau 2032097 Amstrd ℔ + 1858 „ „ auf 18314 Bau 614784 „ ℔ + +Wie bei der Kaffeekultur bestimmt die Regierung die Lokalität auf +welcher die Eingebornen Indigo bauen müssen, das Risiko ist für Rechnung +der letzteren; erst für das fertige Produkt erhalten sie einen Preis, +der im Verhältniss zur gelieferten Arbeit so gering ist, dass der +Kolonialminister v. Rochussen es sich den Kammern gegenüber zum +Verdienste anrechnete, den Indigobau als zu drückend für die Bevölkerung +und zu unvortheilhaft für den Staat, sehr eingeschränkt zu haben. Es ist +höchst interessant und erfreulich, dass während derselben Zeit, wo die +Zwangskultur so traurige Ergebnisse lieferte, der Indigobau in Jokjo auf +gepachtetem Grund und Boden, durch freie Arbeit unter unmittelbarer +Leitung von Unternehmern die für eigene Rechnung arbeiteten, die +glänzendsten Resultate ergab.[97] Auch hierbei stellte sich wieder die +so oft bestrittene Thatsache heraus, dass der Javane bei angemessenem +Lohn gern arbeitet, und dass der Pächter über so viele Hände verfügen +kann als er braucht. Die Regierung schreibt ihren schlechten Erfolg dem +Umstand zu, dass die Pflanze den Boden aussaugt (wie bei dem Kaffeebau), +die Privatunternehmer finden aber jeden Boden geeignet, behandeln ihn je +nach seiner Beschaffenheit, melioriren und düngen ihn entsprechend. + +Am folgenden Morgen begleitete mich mein lieber Gastfreund nach +Imogiri, dem nahegelegenen Begräbnissplatz der fürstlichen Familien von +Jokjokarta und Surakarta. Auf angeblich 360 unbequem hohen +Backsteinstufen steigt man in gerader Richtung den steilen Abhang eines +Hügels hinan, dessen von mehreren Umfangsmauern umschlossene Kuppe die +schmucklosen Grabsteine einer Anzahl bis auf ein oder zwei Ausnahmen +unbedeutender Personen aus fürstlichem Geblüt enthält -- theils im +Freien, theils in hölzernen Schuppen. In etwa 3/4 der Höhe sendet die +Treppe rechtwinklig zwei Seitenarme aus, und wiederholt dies, nachdem +sie unter dichtem Laubdach ein kleines künstliches Wasserbecken +überschritten, in kurzen Zwischenräumen. Diese Seitengänge werden durch +mehrere der Haupttreppe parallel laufende Gänge geschnitten, die den +Unebenheiten des Terrains entsprechend, bald flach, bald durch Reihen +von Stufen unterbrochen, verlaufen, und eine Anzahl viereckiger Räume +von verschiedener Grösse, in verschiedenen Niveaus umschliessen, in +denen Ziersträucher und viele Gewürzbäume und Oranien mit Sorgfalt +kultivirt werden.[98] Das schon 100 Jahr alte Mauerwerk ist an vielen +Stellen zerfallen; dicht belaubte Feigenbäume haben sich darauf +angesiedelt. So entstehen eine Menge allerliebster Plätzchen. Man kann +sich kaum eine passendere Lokalität für eine Picknickpartie wünschen. + +Nach einem herzlichen Abschied von dem Residenten, der mich mit +Liebenswürdigkeit und Güte überhäufte, setzte ich Nachmittags meine +Reise nach Surakarta, der Hauptstadt des Kaisers oder Susuhanan fort. + +Bei Kalasan, der zweiten Poststation, steht unweit der Strasse zur +Rechten ein schöner Tempel, ~Tjandi-kali-bening~. Es ist der erste, und +wohl auch der schönste einer grösseren Anzahl, die bis jenseits der +nächsten Station Prambanan zu beiden Seiten der Strasse zerstreut oder +in Gruppen beisammen liegen. Sein Grundriss ist ein aus fünf gleichen +Quadraten bestehendes Kreuz mit je einem ein Viertel so grossen Quadrat +in den vier Winkeln; er ist gegen 70' hoch, schlank, schön gegliedert +durch Pfeiler, Gesimse, Thüren und Nischen, zwischen denen sich in +harmonischer Anordnung breite Bänder von Arabesken hinziehen. Das obere +Gesims wird von einer Reihe von Figuren in Hochrelief getragen. In +einigen Nischen sitzen noch Götterbilder auf ihrem Lotussessel. Die der +Strasse zugekehrte Seite ist sehr zerfallen, ihr gegenüber liegt die +Hauptfront mit einer hohen Eingangspforte. Das sehr zerstörte Innere +enthält einen grossen Raum, an welchen vier kleinere stossen. Sie sind, +wie die Tempel von Mundut und Dïeng, durch treppenartig vorspringende +Steine überdacht. Um die schöne Ruine war ein so dichter Pisanggarten +angelegt, dass es unmöglich war, sie zu zeichnen. Hoffentlich wird man +bald von allen den herrlichen Monumenten gelungene Photographien +besitzen. + +Etwa 2000 Schritt weiter auf der andern Seite der Strasse, liegt der +Tempel Tjandi-sari, welcher mehr kubisch als der vorige, gegen 50' hoch, +reich ornamentirt, mit Nischen und hohen Reliefs, an unsere schönsten +Renaissancebauten erinnert. Weniger elegant in seiner ganzen Anlage, als +Kali-bening, ist er noch reicher als jener mit Skulpturen bedeckt, die +ebenso sinnig entworfen, als kunstvoll ausgeführt sind. Man wird in +Europa erstaunen, wenn man von den Java'schen Kunstdenkmälern aus der +Zeit des Brahmakultus genaue Photographien in genügendem Maasstab +besitzen wird; da man sich bis jetzt nicht von der Vorstellung lossagen +mag, dass die Kunstwerke in jenen Ländern wohl den Beweis einer sehr +gewandten Technik und grossen Fleisses, aber nicht reicher +künstlerischer Phantasie zu liefern vermögen. + +Bei der nächsten Station liegen die Ruinen von zehn oder zwölf Tempeln, +Tjandi-prambanan oder Tjandi-loro-djongrang. Es sind nur noch hohe +Trümmerhaufen quadratischer Prismen aus grauer Lava; bei manchen ist +kaum noch die ursprüngliche Form zu erkennen. Das Ganze bildet eine +grosse Ruine, die man am besten von der Mitte übersieht. Von einigen +Tempeln fielen bei ihrem Einsturz die Steine einander zu und bildeten +so Verbindungsrücken, die zum Theil mit hohen Bäumen bewachsen sind. +Der Maler sowohl als der Alterthumsforscher findet hier viel schönen +Stoff. Ueberall ragt, wenn man etwas genauer zusieht, ein Stück +Skulptur hervor, weit umher liegen die Quadern über die Ebene +zerstreut; wahrscheinlich hat ein Ausbruch des nahen Merapi den +Einsturz bewirkt. -- Etwa einen Paal weiter liegt ~Tjandi-lombok~, neun +kleinere Tempel einfach von Form, wenig verziert, ziemlich wohl +erhalten, und nordwestlich davon, in etwa gleicher Entfernung, und +ebensoweit von Tj.-loro-djongrang als von Tj.-lombok, die Ruinen von +Tj.-sewu, (die tausend Tempel), eine wahre Stadt von Ruinen. Von keinem +Punkt kann man das Ganze auf einmal übersehen, die Skizze giebt nur den +Anblick von einem willkürlich gewählten Punkt aus. Wie gern wäre ich +hier länger geblieben! und welche reiche Erndte steht auf Java dem +Alterthumsforscher und Kunstkenner bevor, der durch gründliche Studien +vorbereitet, die in so grosser Fülle vorhandenen Herrlichkeiten zum +Gegenstand seiner Forschungen machen kann. + +[Illustration: TJANDI SEWU. JAVA.] + +Eine herrliche Tamarinden-Allee führt auf die Hauptstadt des Susuhanan, +„das erhabene Surakarta”, oder Solo. Hier giebt es kein Gasthaus, eben +so wenig wie in Jokjo; ich fand aber die zuvorkommendste Aufnahme bei +einem schon viele Jahre hier ansässigen deutschen Arzt. Bei ihm traf ich +Oberst v. S. und bedauerte sehr, mich mit der Reise so übereilt zu +haben, da die Vorstellung bei dem „Kaiser” erst morgen stattfinden +sollte. Der Kraton ist wie in Jokjokarta von einer Mauer umschlossen und +enthält eine eben so zahlreiche Bevölkerung von Abhängigen des +Susuhanan. Sie wohnen in langen Reihen ärmlicher Hütten; schmutzige +Weiber und Kinder laufen in Menge umher. Im Vorhof des Palasts kauerten +einige Gruppen seiner Leibwache, ihr Oberkörper war nackt bis an den +Ledergürtel, der den künstlich gefalteten Sarong festhielt. Das +wohlgekämmte Haar hing lose über den Nacken; statt des Kopftuchs trugen +sie einen schmalen Kranz aus buntem Kattun, an welchem hinten zwei +grosse Flügel befestigt waren, vielleicht um die Schnelligkeit der +kaiserlichen Boten anzudeuten. Zerlumpte Soldaten präsentirten in +theatralischer Stellung Fahnen, Piken und sehr kurze Gewehre. Vor dem +Pendopo, der Empfangshalle, stand ein Musikcorps, das Fanfaren blies. +Der Kaiser, ein noch gut aussehender Greis von 72 Jahren, fast in +demselben Kostüm wie der Sultan von Jokjokarta, nur mit mehr Diamanten +geschmückt, erhob sich aus seinem Lehnstuhl und ging dem Residenten bis +an die Stufen der Halle entgegen. Um ihn kauerten Gruppen von alten +Weibern, Zwergen, Verwachsenen, Albinos, alle mit nacktem Oberkörper, +das ist Hoftracht. Je zwei oder drei hatten eine grosse messingene +Speichelurne zwischen sich. Hinter dem Kaiser sass ein recht hübsches +Mädchen, das eifrig mit ihrem Betel beschäftigt war, sie nahm ihn +mehreremale aus dem Munde, ballte mit ihren zierlichen Händchen die +Masse zu einer Kugel von der Grösse einer Pflaume zusammen, tupfte den +am Umfang ihrer Lippen haftenden Speichel damit auf und schob alles +anmuthig lächelnd in den Mund zurück. + +Die Gewohnheit des Betelkauens ist bekanntlich über alle Malayenländer, +Hinterindien, einen grossen Theil von Vorderindien und China verbreitet, +färbt Lippen, Zahnfleisch, Speichel blutroth, die Zähne schwarz, was im +Lande für schön gilt. Die Chinesinnen und Mestizinnen der Philippinen, +die andere Begriffe von Schönheit haben, wissen aber ihre Zähne durch +häufiges Putzen mit der faserigen Hülle der Betelnuss weiss zu erhalten. +Der Betel besteht aus dem mit etwas kaustischem Kalk bestrichenen sehr +aromatischen Blatt des Betelpfeffers (Piper Betel oder Chavica Betel), +einer zu dem Zweck in grosser Menge gebauten Schlingpflanze, und einem +Stück des gerbestoffreichen Kernes der Arecapalme; häufig wird auch noch +Gambir und Tabak dazu genommen. Der Anblick ist anfänglich wegen des +reichlichen Speiens sehr hässlich; hat man sich einmal daran gewöhnt, so +möchte man wünschen, dass die Sitte auch in Europa bestände, da +Betelkauer nie schlecht riechenden Athem haben, während das Uebel bei +uns namentlich unter älteren Leuten so häufig ist. Das Betelkauen wird +wohl noch leidenschaftlicher getrieben als Tabakrauchen; seine +spezifische Wirkung auf den Organismus scheint bis jetzt völlig +unbekannt zu sein. Sir Emerson Tennent's Angabe (Ceylon I. pg. 112), +dass keine ärztliche Verordnung besser als der Betel im Stande wäre die +fast stickstofflose Nahrung der Eingebornen heilsam zu ergänzen, da er +zugleich antacid, tonisch und karminativ wirken soll, entbehrt nach dem +Urtheil mir befreundeter Physiologen jeder Begründung; der Betelgenuss +muss aber entweder eine nützliche oder eine angenehme Wirkung auf den +Organismus haben, sonst könnte unmöglich der Gebrauch so allgemein +sein.[99] + +Nach einem kurzem Besuch verliessen wir den Kraton mit denselben +Zeremonien, wie bei der Ankunft und besuchten den unabhängigen Fürsten +Mangko-negoro, einen hübschen Mann in rüstigem Alter. Das Zeremoniell +war hier viel einfacher als bei dem Kaiser, als Ordonnanz hatte er ein +einziges, aber schönes junges Mädchen. Ich durchsuchte mit meinem +gefälligen Gastfreund fast alle Leihhäuser der Stadt in der Hoffnung +unter den verfallenen Pfändern einige schöne Waffen und andere +Kuriositäten kaufen zu können, fand aber nur wenig; noch unbefriedigter +war ich von den Kaufläden (tokos); es war fast nichts zu haben, und das +Wenige schlecht und theuer. Ein Bogen geringen Zeichenpapiers, der in +Deutschland einen Silbergroschen kostet, gilt im Innern von Java einen +Gulden, ein Bleistift schlechtester Qualität, -- gute sind nicht zu +haben, -- einen Gulden, ein Bogen Packpapier grosses Format, 1/2 Gulden +und so im Verhältniss. Hier lernte ich einen prächtigen alten Oberst +kennen, „der alte Blücher” genannt, der, die Kriegsjahre doppelt +gerechnet, 92 Jahre und fast in allen Welttheilen gedient hatte. Er +wollte mir einen sehr werthvollen Kris für unser Museum schenken, da der +Werth aber nur in der Zauberkraft liegt, die ihm der inländische +Aberglaube beilegt, -- wer ihn trägt, soll unverwundbar sein -- und sich +für den alten Herrn, der die ganze Geschichte des Zauberkris' auswendig +weiss, ruhmvolle Kriegserinnerungen an den Besitz desselben knüpfen, so +wäre es sehr unrecht gewesen, zu Gunsten der ungläubigen Berliner die +scheinlose Waffe von ihm anzunehmen. + +Wir besuchten noch einen javanischen Prinzen, den Pangeran Mangko-bumi, +einen sehr lebhaften, thätigen alten Herrn, der in seinem Kraton alle +möglichen Gegenstände fabrizirt, Flinten, Büchsen, Geschirre, selbst +vollständige Gallawagen. Seine verstorbene Frau, eine Tochter oder +Schwester des vorigen Kaisers, liebte ihn so sehr und besass so viel +Selbstverläugnung, dass sie immer die schönsten jungen Mädchen ins Haus +nahm, um sie für ihn zu erziehen, ein Gebrauch der nach ihrem Tode +fortgesetzt wurde, so dass der alte Herr immer von einer Anzahl blühend +junger Frauen umgeben ist. Er war sehr liebenswürdig und lud mich ein, +einer Tanzstunde beizuwohnen, die er einer ausgewählten Zahl seiner +weiblichen Familienglieder ertheilte. Sechs Paare junger Mädchen, +darunter die schöne Prinzess Trinel (Bachstelze), sassen hintereinander +mit untergeschlagenen Beinen auf dem Boden. Nach einigen Gamelangklängen +erhoben sie sich langsam zu einem Tanz, der sehr anmuthig und +schwungvoller als der der Bedajas war, und sowohl durch seine Wendungen, +als durch das Kostüm: dünne, enganliegende Kleider, entblösste +Schultern, flatternde Schärpen und nackte Füsse, an die Tänzerinnen auf +antiken Wandgemälden erinnerte. + +Vor Sonnenuntergang hatte ich noch das Vergnügen den Kaiser mit seinem +ganzen Hofstaat eine Spazierfahrt machen zu sehen. Es war ein hübscher, +etwas wilder, höchst pittoresker Zug: voran der Kaiser mit einigen +kleinen Kindern in einem grossen offenen Wagen, dem eine lange Reihe +anderer von allerlei verschollenen europäischen Moden folgte; in den +vordersten sassen Frauen und einige sehr schöne Kinder, die folgenden +enthielten die männlichen Hofbeamten und Verwandten des Kaisers. Jeden +Wagen umgab ein bunter Trupp Reiter mit blossen Beinen, flatternden +Sarongs, und enganliegenden Jacken. Der Zug bewegte sich in schnellem +Trab. + +Surakarta ist der Hauptsitz einer eigenthümlichen Kunst farbige Muster +auf Kattun zu übertragen (Batek). Die Stellen des Zeuges, die beim +Eintauchen in die Farbe weiss bleiben sollen, werden auf beiden Seiten +durch einen Wachsüberzug geschützt. Zu dem Ende füllt die Zeichnerin +über Kohlenfeuer flüssig gehaltenes Wachs in ein kleines Gefäss aus +dünnstem Kupferblech und folgt mit der Spitze der wie ein Giftzahn +geformten feinen Ausflussröhre den Umrissen eines unter dem +durchscheinenden Zeuge liegenden Musters; vermittelst eines ähnlichen +Instruments mit weiterer Oeffnung werden die Zwischenräume ausgefüllt, +dieselbe Arbeit wird auf der andern Seite des Zeuges wiederholt, so dass +sich die Figuren genau decken. Ist das Zeug durch Eintauchen gefärbt, so +wird das Wachs ausgesotten. Soll noch eine Farbe aufgetragen werden, so +wird das ganze umständliche Verfahren wiederholt. Nach Eintauchung in +die zweite Farbe und Entfernung des Wachses erhält man ausser weiss, +drei Farben: zwei reine, und eine aus diesen gemischte. Das Auftragen +mancher Muster auf einen Sarong, der kaum die Grösse eines schottischen +Plaids übersteigt, erfordert 40 bis 50 Tage anhaltender Arbeit. Das +Batekmachen wird zwar auch von Lohnarbeiterinnen (monatl. für 2 fl. und +Reis) ausgeübt, die geschicktesten Zeichnerinnen sind aber vornehme +Frauen und diese Kunst bildet einen Theil ihrer Erziehung. Jedes Muster +hat seinen besonderen Namen, manches darf nur in gewissen vornehmen +Familien getragen werden und inländische Uebertreter verfallen, +wenigstens in den Fürstenländern, einer Strafe; Männer und Frauen haben +ihre besonderen Bateks. Das Muster, welches den Umschlag dieses Buches +bildet, Batek-udan-iris, das zweitvornehmste in der Familie des +Susuhanan, ist von einer Tochter des Prinzen Mangko-bumi gezeichnet, die +für eine der geschicktesten Künstlerinnen gilt. + +Von Solo (Surakarta) aus besuchte ich den in gerader Richtung etwa 25 +Paal östlich von hier gelegenen Gunong-lawu, der auf dem Gebiete des +Pangeran Mangko-negoro liegt. Mit javanischer Zuvorkommenheit hatte mir +dieser zu meiner Reise seinen Postzug und die Begleitung seines eigenen +Schwagers zur Verfügung gestellt. Wir überschritten den Solofluss auf +einer Fähre und setzten die Fahrt auf guter ebener Strasse bis +Karang-pandan fort. Nachdem die jungen muthwilligen Pferde allerlei +kleineren Unfug getrieben, machte das Vorderste, auf welchem ein +Postillon ritt, kehrt, die anderen folgten der Anregung, der ganze Zug +wickelte sich zu einem Knäuel zusammen, das nur sehr schwer und nicht +ohne Schaden für das Geschirr zu entwirren war.[100] In Karang pandan +besass der Fürst ein geräumiges Landhaus auf dem Gipfel eines Hügels, +mit herrlicher Aussicht auf die reich bebaute Ebene, und die immer +malerischen Sawaterrassen; im Osten begrenzte das Bild der Gunong-lawu, +im Westen der Merbabu und Merapi. + +Mein Begleiter wünschte sehr, hier Halt zu machen, um von der bereits +gehabten Strapaze auszuruhen. Seine Ueberredungskünste bestanden weniger +in Worten als in Thaten und waren eines malayischen Kavaliers würdig: +nach einem verschwenderischen Frühstück, bei dem sich die malayische +Kochkunst in vollem Glanze gezeigt, erschienen, als ich mich eben auf +mein Zimmer zurückgezogen hatte, zwei junge Mädchen auf Befehl ihres +Herrn, um mich durch ihre Künste zum Bleiben zu bewegen; aber das +drähtige Haar und das übersanfte Lächeln des durch Feilen fast zahnlosen +Mundes vernichtete die Wirkung der einladenden Worte. Ich ritt nach +Pablingan, wo mehrere warme und kalte Mineralquellen hervorbrechen, +darunter ein angenehmer Sauerbrunnen, Ayer-wolanda, holländisches Wasser +genannt, weil das über Holland eingeführte Selterwasser in Java unter +diesem Namen bekannt ist. Als ich nach Karang-pandan zurückkam, hatte +sich mein vornehmer Begleiter hinreichend erholt, um nach dem am Fuss +des Lawu gelegenen Suku zu reiten, das wir gegen Sonnenuntergang +erreichten. Der Pasanggrahan stand mitten unter den interessanten von +Raffles abgebildeten und beschriebenen Tempelresten. + +Am folgenden Morgen brachen wir auf, nachdem jeder vergeblich alle +Ueberredungskunst aufgeboten hatte, um den andern von der Besteigung des +Berges abzuhalten. Bis Tumba, einem kaum 2000 Schritt entfernten Dorf, +konnte man reiten und der arme „Raden Rio” verschmähte selbst diese +kleine Erleichterung nicht. Von dort aber ging es nur zu Fuss weiter. +Kaum waren wir einige hundert Schritt gestiegen, als sich mein +Begleiter, anscheinend ganz erschöpft, zu Boden warf, um etwas +auszuruhen; ich verabschiedete mich daher von ihm bis zum folgenden +Tage. Wir waren mit zahlreichem Gefolge aufgebrochen, nach einigen +Stunden Steigens waren nur noch mein Diener und zwei Kulis bei mir, mit +denen ich bald nach ein Uhr den Gipfel erreichte. An einer geschützten +Stelle waren drei Hütten aus Grasmatten, eine für den Raden, eine für +mich, eine für die Häuptlinge aufgeschlagen. Als eben die Dunkelheit +einbrach, kam zu meiner grössten Ueberraschung Raden Rio an, ausser sich +vor Ermüdung und rief mir zu: Um Gottes Willen, Herr, was suchen Sie +hier oben! liess sich in eine wollene Decke wickeln und warf sich auf +sein Lager. Der arme Teufel that mir sehr leid; es war mir gar nicht +eingefallen, dass er den Berg besteigen würde, da ich seine am frühen +Morgen zur Schau gestellte Ermüdung für eine List gehalten hatte, um +unter einem anständigen Vorwand zurückbleiben zu können; aber der +Gehorsam gegen Befehle von Höherstehenden ist in Java so absolut, dass +er nicht gewagt hatte, unten zu bleiben, obgleich es sein eigener +Schwager war, der ihm den Auftrag ertheilt hatte, mich zu begleiten. Er +brachte einen Tross von 70 bis 80 Mann mit, von denen ein Theil Gepäck +und Proviant trugen, während die anderen beschäftigt gewesen waren, +ihren Herrn mit Tragesesseln, Stricken, Hebebäumen auf den Gipfel zu +schaffen. Sein vortrefflicher Koch war auch mitgekommen und bald stand +ein schmackhaftes malayisches Diner auf einer Matte ausgebreitet. + +Von einem so absoluten Gehorsam gegen Befehle Höherer, wie er in Java +besteht, hat man in Europa gar keinen Begriff. Raffles sagt an einer +Stelle (History of Java): Ebenso wie in einem ungebildeten Volk wenig +Theilung der Arbeit besteht, so auch keine Theilung der Macht im +Despotismus; der Despot ist Besitzer, alles andere ist Besitz, dieselbe +Vereinigung richterlicher, finanzieller, und exekutiver Gewalt, die im +Souverän ruht, geht an die Guvernöre der Provinzen, und von diesen +stufenweise auf die unteren Beamten über, so dass jeder Häuptling, +welches auch sein Rang sei, fast unumschränkte Gewalt hat über die +welche unter ihm stehen. + +Den künstlich geebneten höchsten Punkt des Berges (10066'), den man auf +rohen Stufen ersteigt, fand Junghuhn (1838) von einer viereckigen 3' +hohen Mauer umgeben und innerhalb derselben ein hölzernes Haus, das +wohlriechende Blumen und angebrannte Kohlen enthielt. Von dem Häuschen +stand nur noch das Gerüst aufrecht, die Umfangsmauern waren unversehrt, +einige hundert Fuss weiter unten, in der Höhe unseres Lagerplatzes, +stand aber jetzt ein wohl erhaltenes Haus, das gleichfalls mit Blumen +geschmückt und von einer Umfangsmauer umgeben war. + +Der Morgen war wieder ganz trübe, wir kehrten nach Suku zurück, wo Raden +Rio erst gegen Abend ankam, und ritten sogleich nach Karang-pandan, um +am andern Morgen mit Tagesanbruch nach Solo zurückkehren zu können. Auf +der reichen Kulturlandschaft erhoben sich viele steinerne geräumige +Häuser, Etablissements grosser Landpächter, die auf ihren Feldern +Produkte für den europäischen Markt, besonders Zucker und Indigo bauen. + +Am 20. Oktober wurde in Solo das javanische Neujahrsfest Grebek +gefeiert. Schon früh Morgens waren alle Strassen, die zur Hauptstadt +führten, mit Zügen inländischer Häuptlinge bedeckt, die sich in ihrem +besten Schmuck, von zahlreichen Dienern begleitet, zum Fest begaben. Um +10 Uhr versammelten sich alle Europäer in der grossen Halle des +Residenzgebäudes. Gegen 11 Uhr erschienen zwei Abgesandte des Kaisers, +um den Residenten nach Hofetikette, mit kaum hörbarer Stimme zum Besuch +im Kraton einzuladen. Eine halbe Stunde später fuhr der Resident, +gefolgt von den Europäern und mehreren Pangerans in europäischer +Uniform, nach dem Kraton. Auf dem Alun-alun war ein grosser +Menschenhaufen versammelt. Durch eine Menge kleiner inländischer Beamten +und die kaiserlichen Leibwachen hindurch gelangten wir an die grosse +Empfangshalle: der Kaiser ging dem Residenten bis an die Stufen +entgegen; und sobald sich beide niedergesetzt, nahmen die Europäer und +Pangerans auf Stühlen zur Seite Platz. Dies war die Anordnung: + + R S + 9 1 10 + 2 3 4 5 6 7 8 + +R Resident, S Susuhanan (Kaiser), 1 Speicheldosenträgerin (eine Alte), +2-8 sieben junge Mädchen mit nackten Schultern, ein goldenes Band um den +Hals, Blumen und eine Feder im Haar, die Reichsinsignien haltend und +zwar: 2 das Schwert, 3 die Pfeile, 4 den Bogen, 5 den Sonnenschirm, 6 +den Schild, 7 den Säbel, 8 den Fächer. -- 9 und 10 Zwerge, alte Weiber, +Verwachsene, Albinos. Nach kurzem Verweilen begaben sich Kaiser und +Resident, unter einem vergoldeten Sonnenschirm einherschreitend, von den +Gästen gefolgt, nach der grossen Halle des Vorhofs, in welcher bereits +die übrigen kaiserlichen Gäste versammelt waren. Jetzt war, nachdem alle +Platz genommen, die Gruppirung folgende: + + S R + +---+ +-+ +---+ +-+ +---+ + | | | | | | | | | | + B E V E B + +S Susuhanan, R Resident, V Verwandte und vornehmste Beamte in Reihen +geordnet, B Beamte und Häuptlinge, alle nach ihrem Range in Reihen +geordnet, E Europäer auf Stühlen. Alle Inländer mit alleiniger Ausnahme +des Kaisers und der Pangerans kauerten am Boden. Der Kaiser trug eine +cylindrische Mütze aus weissem Glanzleinen, im Uebrigen das schon +beschriebene Kostüm. Auch die vornehmen Beamten (V) hatten cylindrische +Mützen und Jacken, meist von dunkler Farbe. In den Reihen B waren alle +bis zum Gürtel nackt; das Haar war nicht zusammengebunden, sondern +einmal gedreht über den Kopf gelegt und mit einem Kamme befestigt. Rings +um die offene Halle standen die kaiserlichen Leibwachen in bunten +Kostümen und theatralischer Haltung, die gut zum Ganzen passte. Zwei +vornehme Boten drängten sich kriechend in der Mittellinie durch die +hohen Würdenträger (V), machten in grosser Entfernung vor dem regungslos +sitzenden Kaiser Halt, und berichteten, als sie nach langer Pause einen +Wink empfangen, dass die dem Volk bestimmten Geschenke bereitständen; +dies geschah aber mit so leiser Stimme, dass der Schall wohl kaum bis +zum Kaiser dringen konnte. Nach abermaligem langem ehrerbietigem Harren, +erhielten sie einen zweiten Wink, und zogen sich rückwärts kriechend +zurück. Nun wurden die kaiserlichen Geschenke, denen ein Musikcorps +voranging, vorübergetragen; sie bestanden aus allerlei Esswaren und +Näschereien auf kolossalen verzierten Körben, jeder von 12 Kulis +getragen: bald hörte man aus dem Jauchzen des Volks auf dem Alun-alun, +dass es sich in Besitz gesetzt hatte. Inzwischen waren an die Gäste +Verzeichnisse der zu trinkenden Toaste vertheilt worden: 1. das neue +Jahr, 2. der General Guvernör, 3. der Kaiser, 4. der Resident, 5. der +Pangeran Adipati-anom (Kronprinz), 6. die kaiserliche Familie, 7. die +Blüthe und Wohlfahrt der Insel Java. Zu jedem Toast erhielt man ein +kleines Glas Madeira oder wenn man es vorzog, Thee von gleicher Farbe, +eine anzuerkennende Vergünstigung, da das Glas jedesmal ausgeleert +werden muss. Die Leibwache war in Schlachtordnung aufmarschirt und +begleitete jeden Toast mit einer Gewehrsalve. Schliesslich geleiteten +die Europäer den Kaiser in den inneren Kraton zurück, und gingen nach +Hause. Das Schauspiel war nicht ohne Interesse und erinnerte +unwillkürlich an die grossen Kirchenfeste in Rom, sowohl durch die aus +einer vergangenen Zeit geretteten malerischen aber fadenscheinigen +Kostüme, als durch die fast zur Anbetung gesteigerten Formeln der +Ehrerbietung gegen zwei dem Grabe nahen Greise, die bezeichnend die +Hauptrollen spielten; hier wie in Sankt Peter hatten die ungläubigen +Fremden, für welche das Ganze nur ein buntes Schauspiel ist, die +Ehrenplätze, während das gläubige Volk draussen steht. + + + + +Sechstes Kapitel. + + Festung Ambarawa. -- Samarang. Schule. Waisenhaus. -- Surabaya. + Maschinenfabrik. -- Tempel um Malang. -- Ardjuno. Legende. -- + Semeru. -- Lamongan. Gewitter. -- Rückkehr nach Batavia. + + +Von Solo reiste ich über Bojolali und Salatiga, wo ein Regiment +Kavallerie liegt, nach Ambarawa, traf daselbst wieder den Oberst, den +seine Dienstgeschäfte dort einige Tage aufhielten, und hatte dadurch +Gelegenheit die bedeutende, erst vor wenigen Jahren begonnene, aber +beinahe vollendete Festung zu sehen. Sie soll sehr zweckmässig angelegt +sein; jedenfalls liegt sie sehr schön. Wir gingen bis zur Dunkelheit auf +den langen Reihen flacher Dächer spazieren und erfreuten uns an der +herrlichen Aussicht auf die den weiten Thalkessel rings umschliessenden +Berge. Der Merapi, Merbabu, Lawu, Sumbing, Sindoro, traten in der +durchsichtigen feuchten Abendluft so klar hervor, dass man alle +Schluchten dieser schönen Kegelberge deutlich erkennen konnte. Der +Ungaru liegt in unmittelbarer Nähe und begrenzt den Kessel von Ambarawa +im Norden durch seine flachen Vorberge. Auf diesen sieht man eine Menge +weiss getünchter Stein-Häuser durch die Bäume schimmern, ein im Innern +Javas seltener Anblick. Gegen Osten lehnt sich die Festung an die Rawa, +einen grossen Sumpf, dem sie ihre Stärke verdankt. Die Festungsgräben +sind an der inneren Seite mit dornigen Bambusen bepflanzt, die eine +undurchdringliche Hecke bilden. Ambarawa soll der Hauptwaffenplatz für +Niederländisch-Ostindien werden. Es laufen von hier drei Hauptstrassen +auseinander; die eine nördlich nach dem grossen Handelsplatz Samarang, +eine SW. über Kadu nach den westlichen, die dritte SO. über Surakarta +nach den östlichen Provinzen. Die früheren Bewohner des Thales sind auf +loyale Weise expropriirt worden, und haben ihre Desas auf den +umliegenden Hügeln erbaut. Rings um Ambarawa sieht man nichts als +Soldaten und Leute, die von ihnen leben. Zu den Erdarbeiten, die der +Festungsbau nöthig machte, ist das bereits früher erwähnte +Schwemmverfahren in sehr ausgedehntem Maasse angewendet worden (pg. +146). Die Javanen sind Meister im Wasserbau. Auch wissen sie nach +blossem Augenmaas geringe Niveauunterschiede zwischen entfernten Punkten +richtig aufzufassen, die ein Europäer nur mit Hülfe von Instrumenten zu +ermitteln vermag. + +Am folgenden Morgen besichtigten wir die noch unvollendeten Gebäude zu +einem „Militärkampement” von 12000 Mann. Die Kasernen einiger +Regimenter waren bereits fertig und bewohnt. Sie sind sehr geräumig, +reinlich, luftig. An beiden Seiten laufen der ganzen Länge nach breite +Veranden hin. In den Schlafsälen fielen mir die fast quadratischen +Betten auf; der Soldat schläft hier nicht allein, jeder hat eine +Soldatin; ich sah diesen interessanten Truppentheil aber nur aus der +Ferne, da sie um 7 Uhr früh, wo die Offiziere Musterung halten, die +Schlafsäle verlassen haben müssen; sie ziehen sich dann in ein +abgesondertes Kampong zurück. Die Inländerinnen, die mit den Soldaten +wie treue Ehefrauen leben, werden von den Offizieren nicht als ein +störendes Element, sondern als ein nützliches Komplement betrachtet. +Auf dem Marsch sollen sie wichtige Dienste leisten, ohne besondere +Mühe oder Kosten zu verursachen, da sie von der reichlichen Ration des +Soldaten leben. Sie putzen diesem, wenn er vom Marsch ermüdet im +Bivuak ankommt, Waffen und Zeug, besorgen seine Wäsche, kochen das +Essen und erhalten ihn bei guter Laune, da sie selbst immer +unverdrossen sind. Der afrikanische Reisende Galton macht in seinem +„Art of travel” die Reisenden ebenfalls auf den grossen Nutzen +aufmerksam, den eine Expedition aus der Begleitung inländischer Weiber +zieht, und giebt dieselben Gründe an. + +Trotz der Rawa und der vielen Gräben soll die Lage von Ambarawa nicht +ungesund sein; wahrscheinlich wegen der starken Ventilation, die sich in +einzelnen Fällen aber bis zu gefährlichen Wirbelwinden steigert. „Da wo +in niedrigen Zwischenräumen zwischen hohen Bergen z. B. auf dem Gunung +Djambu, über welchen der Weg von Ambarawa nach Kadu führt, die beiden +entgegengesetzten Luftströme (Land- und Seewind), die von N. und S. +kommen, einander in der Mitte der Insel begegnen, da entstehen zuweilen, +aber selten Wirbelwinde, höchst gefährliche Stürme, wodurch Bäume und +Häuser vom Boden gehoben, eine Zeitlang in der Luft herumbewegt und auf +weite Abstände mit fortgerissen werden.” (Jungh. I. 164.) Der Oberst +erzählte mir von einem solchen Sturm, den er hier erlebt hatte. Sein +Haus wurde völlig zertrümmert, Cocospalmen unter der Blätterkrone +abgedreht, Bäume entwurzelt und nebst Steinen durch die Luft geführt. +Gerade als dieser Sturm ausbrach, lagen sämmtliche eben erst vollendete +Pläne zur Festung, behufs einer nochmaligen Durchsicht auf einem grossen +Tische nebeneinander ausgebreitet; der Wind ergriff sie und vernichtete +fast alle, so dass die Arbeit noch einmal begonnen werden musste. + +Schon lange bevor man Samarang erblickt, verkündet der immer lebhafter +werdende Verkehr die Nähe der grossen Handelsstadt. Beladene +Büffelkarren, Lastträger und Saumthiere beleben die Strasse; die Warongs +werden immer zahlreicher. Plötzlich sieht man von einer Anhöhe hinter +einer wohlbebauten Ebene die grosse Stadt mit dichtgedrängten Häusern, +und im Hintergrunde das Meer und die belebte Rhede. Ein dunkelgrüner +Saum von Cocospalmen zieht sich am Gestade hin und lässt nur +stellenweise einen weissen Sandstreifen dahinter erkennen. Im +Vordergrund liegen mehrere mit Waringis bestandene Hügel, die sich +reiche Chinesen mit vielem Geschmack, und wahrscheinlich auch mit vielem +Geld zu Begräbnissplätzen erkoren haben. Die Aussicht verschwindet bald +wieder; aber der Verkehr wird immer reger. In einer prächtigen +Tamarinden-Allee legt man die letzte Station zurück.[101] Beim +Schlendern durch die Stadt fielen mir Gruppen von Frauenzimmern auf, die +inmitten der belebten Strassen niedergekauert, im Kartenspiel vertieft +waren. + +Am folgenden Morgen hatte der Resident die Güte mich an der Besichtigung +mehrerer öffentlichen Anstalten Theil nehmen zu lassen. Wir sahen zuerst +das Hospital der Gefangenen, es stand fast leer. Darauf besuchten wir +einige Schulen, in denen Kinder von Europäern und diesen gleichgestellte +Mischlinge Elementarunterricht empfingen. Sie wurden in meiner Gegenwart +im Rechnen und in der Geographie examinirt -- man hatte uns die Wahl der +Unterrichtsgegenstände überlassen -- es ging recht gut. Ueberraschend +waren die Leistungen einiger Schüler in der Geographie. Ein 16 jähriger +Knabe zeichnete in einem Zug ein gutes Bild von Asien auf die Tafel und +fügte beiläufig Europa hinzu. Auf Verlangen trug ein anderer den Lauf +der Hauptströme ein und gab die Lage der grössten Städte richtig an. Ein +Dritter zeichnete die Grenzen der grossen Reiche. Hierauf besichtigten +wir das protestantische Waisenhaus, das 64 Knaben, 128 Mädchen enthielt. +Jene bleiben bis zum 18., diese bis zum 23. Jahr in der Anstalt, wenn +sie nicht früher versorgt werden. Viele Knaben gehen in die +Militärschule von Gombong über (vgl. S. 205), andere werden bei +Privatleuten und als Subalternbeamte untergebracht. Nur wenige Kinder +sind von europäischer Abkunft; die meisten sind Mischlinge, besonders +Soldatenkinder, und nicht Waisen im eigentlichen Sinne. Die Verwaltung +der Anstalt scheint musterhaft. Ueberall herrschte untadelhafte Ordnung +und Reinlichkeit, ausser in den Kammern der ganz neu eingetretenen, die +gewöhnlich so jung sind, dass sie noch der inländischen Mutter bedürfen. +Man sollte kaum glauben, dass die netten jungen Mädchen, die in der +grossen kühlen Veranda weibliche Handarbeiten machten, aus so +schmutzigen kleinen Wilden hervorgegangen waren. Die Mädchen verlassen +die Anstalt häufig als Bräute; denn sie stehen in solchem Ruf der +Sittlichkeit und Wirthschaftlichkeit, dass namentlich Unteroffiziere und +Subalternbeamte sich gern aus ihnen eine Ehefrau wählen. So gross ist +das Zutrauen zum Vorstand, dass mancher Bräutigam, der es eilig hat, +oder die Reise nach Samarang nicht machen kann, sich wegen der Wahl +einer seinen Bedürfnissen und Neigungen entsprechenden Frau +vertrauensvoll an diesen wendet, und in fast allen Fällen soll das +Ergebniss das Zutrauen des Heirathskandidaten gerechtfertigt haben. Auch +jetzt waren zwei Bräute in der Anstalt, die uns ihre kleine durch Fleiss +und Sparsamkeit erworbene Ausstattung zeigten. Den Knaben sowohl als den +Mädchen werden, sobald sie arbeiten können, ihre Leistungen bezahlt. Die +Knaben arbeiten in Werkstätten ausser dem Hause, die Mädchen machen +Handarbeiten. Das erworbene Geld wird den Zöglingen aufbewahrt, bis sie +die Anstalt verlassen. Jede der beiden Bräute hatte auf diese Weise ein +Kapitälchen von 150 Gulden erspart. Die meisten Mädchen waren nicht +hübsch von Gesicht, die malayische Rasse scheint sich schlecht mit der +Europäischen zu vermischen (bessere Resultate giebt die Mischung von +Chinesen und Malayen). Wir besahen die Schlafsäle, die sehr luftig und +reinlich sind; jedes Mädchen hat eine eiserne Bettstelle und darüber an +der Wand ein Schränkchen, deren einige geöffnet wurden; sie enthielten +wohl geordnete, blendend weisse Wäsche, und allerlei kleine +Habseligkeiten. Zum Schluss erfreute uns die gesammte männliche und +weibliche Jugend mit einem grossen Vokal-Konzert, ich fand es sehr +hübsch, aber Oberst von S., der sich darauf zu verstehen scheint, sagte +mir später, es hätte ihm fast die Ohren zerrissen. + +Das katholische Waisenhaus, das wir darauf besuchten, war im Vergleich +zu jenem schlecht gehalten, die Anzahl der Zöglinge etwa ebenso gross. +Nachmittags durchstreifte ich die Stadt mit einem gefälligen Landsmann, +der mir aber wenig Auskunft geben konnte. Eine der Sehenswürdigkeiten +Samarangs, Haus und Garten des „Major” der Chinesen entging uns, da der +Hausherr, der als Opiumpächter ein Vermögen von 5 Millionen Gulden +erworben hatte, nicht anwesend war. Wir begegneten einem Brautzug von +Arabern. Ueber dem mit Blumenschnüren behangenen Bräutigam wurde ein +grosser Sonnenschirm getragen. Alle waren reich in Seidengewänder +gekleidet, den Zug schloss eine Musikbande. -- In Samarang druckt man +Batekmuster vermittelst kupferner Formen auf die Zeuge, das übrige +Verfahren gleicht dem (S. 229) beschriebenen. Auch werden hier +golddurchwirkte seidene Sarongs gewebt, die hoch im Preise stehen. + +Von Samarang fuhr ich in einem alten schlecht gehaltenen Dampfboot, +„Koningin der Nederlande” nach Surabaya. Die langsame Fahrt dauert 24 +bis 28 Stunden und kostet 100 Gulden. Auf dem Vorderdecke sah es +ziemlich bunt aus; es enthielt Malayen, Klings, Araber und Mischlinge. +Angetrunkene Soldaten sangen Abends ein wildes lautes Lied; dicht neben, +fast zwischen ihnen, verrichteten zwei Araber ihre Andacht mit vielen +Prosternationen so ungestört als wären sie allein. Das Boot war so voll, +dass keine Kabine mehr zu haben war. Die beiden einzigen Sophas, die auf +dem Verdeck standen, wurden mir wiederholt von den glücklichen Besitzern +dringend und anscheinend aufrichtig angeboten; soweit geht hier die +Höflichkeit gegen Fremde. + +[Illustration: AM KALI-MAS. SURABAYA.] + +~Surabaya~. -- In einem Sampan fuhr ich den langen Kalimas hinauf, an +vielen malerischen sonderbaren Küstenfahrern vorbei. Am rechten Ufer +liegt eine Reihe von Offizierswohnungen, dann folgte ein Kampong, in dem +viele auffallend geschminkte Mädchen am Ufer spazieren gingen oder +badeten. Am folgenden Morgen besichtigte ich eine Fabrik, die namentlich +Maschinen für Zuckerfabriken liefert. Der Besitzer, ein geborner +Aachener, beschäftigt nur inländische Arbeiter, ist sehr mit ihnen +zufrieden, und mag von Europäern nichts wissen, obwohl er zugiebt, dass +ein solcher in Europa unter Umständen viermal so viel zu leisten vermag +als ein Javane. In Java aber wollen alle Europäer die grossen Herren +spielen und sind daher nicht gut zu brauchen. Herr B. beschäftigt gegen +500 Arbeiter und hat sie alle selbst aus gewöhnlichen Kulis +herangebildet. In vier Jahren wird aus einem solchen ein guter Former, +oder Schmied; in sechs Jahren ein Modellmacher. Die Löhne betragen für +Knaben 30 bis 40 Cents, Erwachsene verdienen 40 bis 120 c. (120 c = 1 +fl. holl.), die Mandore (Aufseher) erhalten 240 c. per Tag. Die +Arbeitszeit dauert von 6 bis 12 Uhr und von 1/2-1 bis 1/2-5. Fast jeden +Morgen fehlen einige Arbeiter bei dem Appell. Sie werden dann aus ihrer +Wohnung geholt und kommen auch ohne Widerrede; holt man sie aber nicht, +so bleiben sie ruhig zu Hause liegen. Strafe erhalten sie für diese +kleinen Anwandlungen von Arbeitsscheu niemals. Alle Arbeiter empfangen +Vorschüsse, sonst würden Unregelmässigkeiten im Dienst wohl viel +häufiger sein. Kleine Diebstähle von Nägeln, Schrauben u. s. w. kommen +zuweilen vor. Wird ein Dieb ertappt, so erhält er eine Ehrenstrafe; mit +einer Art von Halsband, an dem die gestohlenen Sachen hängen, und einem +Zettel am Kopf, welcher seinen Namen und sein Vergehen anzeigt, wird der +Dieb an die Thür den Vorübergehenden zur Schau gestellt. Diese Strafe +soll ausserordentlich wirksam sein, wie bei dem starken Ehrgefühl der +Javanen nicht anders zu erwarten ist. -- Von hier besuchten wir ein +Hospital, das keinen günstigen Eindruck machte; es fehlte an Raum, +Ventilation und Kühlung. Dysenterie, Fieber, Typhus sind die +Hauptkrankheiten. + +Da wegen der vorgerückten Jahreszeit keine Zeit zu verlieren war, so +fuhr ich am folgenden Tage im Omnibus nach Pasuruan durch das Deltaland +des Kali-Brantes, welcher sich bei Modjo-kerto in zwei Arme theilt, +deren einer unter dem Namen Kalimas bei Surabaya mündet, während der +andere, wasserreichere, in östlicher Richtung weiterfliesst. Zwischen +diesen beiden Armen und der Küste, die von Surabaya bis zur Mündung des +Brantes fast genau dem Meridian folgt, liegt ein durch viele natürliche +und künstliche Kanäle reich bewässertes, sehr fruchtbares Schwemmland, +ein fast gleichseitiges Dreieck von etwa 6 Meilen Seite. Die Chaussee +läuft der Küste ungefähr parallel und ist die schönste von allen, die +ich bisher hier oder in Europa gesehen, breit, fest, eben, gut +unterhalten, von hohen, alten Tamarinden beschattet. Unter diesen liegen +zahlreiche Wachthäuser von Stein, zu beiden Seiten der Strasse Reis-, +Indigo-, Zuckerfelder. Ausgedehnte Fabriken mit Dampfschornsteinen +deuten auf die grosse Entwickelung der Zuckerindustrie, die hier ihren +Hauptsitz hat und Fleiss und Wohlstand unter der Bevölkerung verbreitet. + +Nach kurzem Aufenthalt in Pasuruan ritt ich südlich nach Malang, in +einem sanften Bogen zwischen den im Westen gelegenen Vulkanen Ardjuno +und Kawi und den im Osten liegenden Tengger und Semeru, jener durch die +ungewöhnliche Grösse seines Kraters (der Sandsee), dieser als der +höchste Berg Javas (11,480') ausgezeichnet. + +In Malang waren Resident und Regent wegen einer Inspektionsreise +abwesend; ich traf aber einen ebenso herzlichen als wissenschaftlich +gebildeten deutschen Arzt, der hier ein grosses Hospital gegründet, das, +ähnlich wie Gadok im westlichen Java, ein Sanatarium für die Bewohner +des östlichen werden soll. Ausser der gesunden, kühlen Lage machen +herrliche Umgebungen, vortreffliche Strassen und viele in der +Nachbarschaft vorhandene Kunstdenkmäler den Aufenthalt zu einem der +angenehmsten in Java. + +Da die Reise, die ich nach dem Semeru vorhatte, vor Rückkehr des +Regenten nicht unternommen werden konnte, gab mir Dr. G. seinen +Verbandmeister, einen ehemaligen Barbier aus Leipzig mit, der mich nach +den schönen Tempelruinen von Tumbang und Pakis begleitete. Am nächsten +Tage ritt ich nach Singosari, wo einige malerische Tempelruinen und auf +einem Rasenplatz aufgestellte Skulpturen, die ihre Erhaltung ihrer +Schwere verdanken,[102] an die Hauptstadt eines ehemals mächtigen +Reiches erinnern. Singosari soll schon im 3ten Jahrhundert erwähnt, im +13ten seine höchste Blüthe erreicht, die erste Gründung der Tempel im +Jahre 656 stattgefunden haben. (Hagemann Schetsen omtrent Malang). Am +folgenden Morgen stieg ich auf den Ardjuno, gegen 1 Uhr erreichten wir +die südöstliche Kuppe, die nach Junghuhn Widodaren, nach Versicherung +des Regenten von Malang aber Indrogeni heisst; die zweite, in NW. +gelegene Kuppe, die höchste des ganzen Berges, auf der auch das +trigonometrische Signal steht, heisst Pedodarén, und besteht aus +grossen, über einander gehäuften Trachytblöcken. In einer natürlichen +Höhle, gross genug, um zwei oder drei Menschen als Schlafplatz zu +dienen, lag wahrscheinlich seit vielen Monaten völlig trockenes Heu, das +für die geringe Feuchtigkeit zeugte, welche hier, oberhalb der +Monsunwinde herrscht. Auf diesem Gipfel standen, wie auf dem des Lawu, +einige jener merkwürdigen aus Steinquadern aufgeführten Baue, an die +sich eine Legende knüpft, die mir der in der altjavanischen Literatur +wohl belesene Regent von Malang bei meiner Rückkehr erzählte. + +Vor langer, langer Zeit lebten fünf Brüder, Pendówo, Königssöhne von +gewaltiger Körperkraft. Um noch stärker zu werden, zogen sie sich auf +den Gipfel des Ardjuno zurück und bauten sich auf der Kuppe Indrogeni +fünf Häuser, in welchen sie als Einsiedler lebten. Sie beteten täglich +um Vermehrung ihrer Körperkraft, und da sie Allah so viel näher waren, +drang ihr Gebet um so deutlicher zu ihm. Zu derselben Zeit lag auf dem +Südabhang des Semerugipfels eine grosse von Geistern bewohnte Stadt, die +einem mächtigen König gehorchte. Der Geisterkönig hatte viele Töchter +von ausserordentlicher Schönheit. Um eine derselben bewarb sich der +mächtige Radjah von Melusina; sein Gesuch wurde aber mit Hohn +zurückgewiesen. Da wandte er sich um Hülfe an einen der fünf starken +Brüder auf dem Ardjuno. Dieser begab sich nach der Geisterstadt, kämpfte +lange mit dem stolzen König, ward aber endlich überwunden und zog sich +nun auf den höchsten Gipfel (Pedodaren) des Ardjuno zurück, wo er noch +inbrünstiger betete, als zuvor. Bald fühlte er sich auch so gestärkt, +dass er zu neuem Kampf gegen den Geisterkönig aufbrach. Noch ehe er die +Geisterstadt erreichte, kamen ihm die schönen Prinzessinnen (Widodari = +Genien), die sich in den starken Helden verliebt hatten, bis zu einer +Bergkuppe am Südabhang des Semeru entgegen, der in Folge davon noch bis +auf den heutigen Tag Widodaren heisst. Diesmal erschlug der Held den +Geisterkönig, welcher Usu hiess, gab seinem Freunde, dem Radjah von +Melusina, die schöne Prinzessin, und heirathete alle ihre Schwestern. + +Ein Versuch, Javas höchsten Vulkan, den Semeru zu ersteigen, scheiterte +an der Zaghaftigkeit und Böswilligkeit des Bedana von Madjang-tenga. Ich +kam aber bis zur Kuppe von Widodaren, und hatte somit Gelegenheit, eine +der eigenthümlichsten, wildesten und grossartigsten Landschaften zu +sehen, die Java enthält. Von Malang läuft die Strasse SO., fast +rechtwinklig fünf wasserreiche Bäche durchschneidend, die vom Westabhang +des Berges Semeru her in den dicht am Ostabhang des Berges Kawi +hinfliessenden Kali-Brantes fallen. Dieser umfliesst die Vulkanengruppe +des Kawi, Kelut und Ardjuno in einem Bogen und mündet nicht weit von +seiner Quelle an der Grenze von Surabaya und Pasuruan. Südlich von +Malang kamen wir durch einen ganzen Wald von merkwürdigen, dem Waringi +verwandten Feigenbäumen. Zwischen Madjang-tenga und Widodaren am +Südwest-Abhang des Semeru, ist alles mit dichtem, feuchtem Wald bedeckt, +in welchem riesige Bambusen auftreten und bald vorherrschend werden. Ich +mass einige von 26 Zoll Umfang, es sollen noch dickere vorkommen; ihre +Höhe beträgt 60-70', sie haben sehr dünne Wände und sind bis zur Spitze +mit Wasser gefüllt, das krystallhell hervorsprudelt, wenn man die Halme +anschneidet. Die Kulis kochten ihren Reis in diesem Wasser und zogen es +dem der Bäche vor. Die hohen, dünnen, mit Wasser gefüllten Halme brechen +leicht ab und bilden auf dem Boden ein viele Fuss hohes Durcheinander +von mehr oder weniger morschen Röhren, auf denen man zuweilen wie auf +einem Gerüst geht, häufig aber auch einbricht und dann tief in den +morschen Boden einsinkt. Die Feuchtigkeit war sehr gross, selbst +Nachmittags wehte jeder Luftzug einen Thauregen von den Blättern. Ein +prachtvolles Stück Landschaft entfaltete sich am Bach Mandjing. Man +überschreitet ihn kurz vor der Stelle, wo die flache Lavabank, auf der +er bisher geflossen, plötzlich abbricht. Da der damals wasserarme Bach +nur einige flache Rinnen in der Bank ausfüllte, so konnte man trockenen +Fusses auf festem Gestein bis an den Rand des Abgrundes treten. Steht +man in der Richtung des Wasserlaufes, so erhebt sich vor Einem eine +beträchtlich höhere Tuffwand, in welche der Bach eine mehrere hundert +Fuss tiefe Kluft mit senkrechten Wänden ausgewaschen hatte, so schmal, +dass die hohen Bambusen, die auf den beiden oberen Rändern wachsen, sich +darüber kreuzen. Auf der Kuppe Widodaren, wo wir übernachteten, war es +so feucht, dass wir nur mit grosser Mühe Feuer anzünden konnten. Der +innerste Kern des trockensten Holzes, das zu finden war, wurde in dünne +Stäbchen, so fein wie Zahnstocher, geschnitten, ein anderer Theil wurde +fein geschabt und in den Händen zu Pulver zerrieben; nachdem erst +dieses, dann die Stäbchen in Brand gebracht, wurden immer grössere +Stückchen angelegt, bis zuletzt ein munteres Feuer entstand. Der Bedana +traf erst eine Stunde später im Bivuak ein und fuhr fort, seine Zweifel +gegen die Möglichkeit der Besteigung des Semeru auszusprechen. Gegen +Abend hörten wir deutlich starke Schläge, wahrscheinlich Ausbrüche des +Kraters, konnten aber wegen des dichten Nebels nichts sehen. Früh um 3 +donnerte der Semeru abermals. Es war eine klare, sternhelle Nacht, der +Gipfel deutlich sichtbar, ein Feuerschein aber nicht wahrzunehmen. Um +6-1/2 Uhr früh waren wir endlich marschfertig, der Bedana stellte sich +so müde, dass er schon nach 200 Schritten zusammensank und sich erst +nach langem Zureden wieder ermannte. Nachdem wir auf Banteng- (wilde +Büffel) Wegen eine Strecke weiter gestiegen, gelangten wir an eine +Stelle, wo der Bedana das Weitergehen hartnäckig verweigerte. Quer vor +uns lag eine tiefe Schlucht, deren beide Seitenwände aber durch einen +Zwischenrücken aus Rapilli verbunden waren, es war derselbe Rücken, auf +welchem Junghuhn früher die Schlucht überschritten, die einzige +schwierige Stelle auf dem ganzen Wege. Er mag damals vielleicht etwas +leichter zugänglich gewesen sein; denn jetzt erhoben sich auf dem +scharfen Grat einzelne Pfeiler aus Rapillimasse, zu lose und zu steil, +um darüber fortklettern zu können, aber leicht zu beseitigen. Der Bedana +hielt es für zu gefährlich, den Rücken zu betreten, und verweigerte auch +den Leuten die Erlaubniss. Ich bot meine ganze Beredsamkeit auf, räumte +mit einem langen Bambus die ersten beiden Pfeiler so weit ab, dass man +hinüber konnte; aber mein Beispiel war eben so unwirksam, als meine +Bitten, keiner verliess den Rand der Schlucht. Nachdem ich so eine +Stunde gearbeitet hatte, während der Bedana und seine Leute, Betel +kauend, ruhig zusahen, überlegte ich, was zu thun sei. In einer Stunde +hätten die Leute das Hinderniss beseitigen können, in 4-5 Stunden hätten +wir dann den Gipfel erreicht. Wäre der Bedana nicht dabei gewesen, so +wären mir die Leute gewiss gefolgt, wie schon so häufig auf schwierigen +Stellen; sein Befehl hielt sie zurück. Ich musste mich zur Umkehr +entschliessen. Ohne ein Wort zu sprechen, kehrten wir nach Madjang-tenga +zurück, das wir an demselben Abend erreichten. Während ich gestern in +gespannter Erwartung und fröhlichster Stimmung nur für die Pracht des +Waldes Augen hatte, sah ich heut, niedergeschlagen durch das verfehlte +Unternehmen, nur die Hindernisse, die die üppige Vegetation dem +Reisenden in den Weg legt, und roch überall nur den Moder der faulenden +Pflanzen. Die Einförmigkeit der Heimreise wurde nur durch die Ausbrüche +des Semeru unterbrochen. Ein erster lauter Knall erfolgte um 11, dem +andre um 12, 12-1/4, 1, 2 Uhr folgten. Von 4 Uhr an donnerte es fast +eine Stunde lang mit ganz kurzen Unterbrechungen, jeder Ausbruch dauerte +etwas weniger als eine Minute, die Pausen waren gewöhnlich nicht viel +länger. Welch prachtvolles Schauspiel müssten wir auf der Gipfelplatte +gehabt haben! + +Auf dem Wege nach Malang begegnete uns ein eigenthümliches Brautpaar, +der Bräutigam über 20, die Braut kaum 9 Jahre alt. Beide sassen mit +Blumen geschmückt, gelb bemalt, in einem offenen Wagen neben einander; +die Braut sah schüchtern und gelangweilt, der Bräutigam sehr albern aus. +Ueber sie hielt man einen grossen Sonnenschirm. Ein Zug geputzter Leute +mit Gamelang-Musik folgte dem Wagen. Ich erfuhr, dass sich häufig +erwachsene Männer Kinder antrauen lassen, die dann bis zu ihrer +Mannbarkeit bei den Eltern bleiben. Einen Paal östlich von der Strasse, +die von Malang nach Pasuruan führt, liegt der Wasserfall Kali-Baong, ein +von Reisenden oft besuchter schöner Punkt. Vor etwa 8 Tagen besichtigte +ihn ein Engländer, den ich in Malang kennen lernte, mit seiner Frau. Als +sie wieder nach ihrem Wagen zurückgingen, sprang ihnen plötzlich ein +grosser Tiger in den Weg, glotzte sie an und lief weiter, ohne sie +anzugreifen. + +Ohne mich in Pasuruan aufzuhalten, reiste ich nach der etwa 20 Paal +weiter östlich an der Küste gelegenen Hafenstadt Probolingo, um von dort +aus noch das Tengger-Gebirge und den Lamongan zu besuchen. Das +Küstenland behält denselben Charakter, wie zwischen Surabaya und +Pasuruan, die Zuckerfelder bedecken einen sehr grossen Raum; die +Einförmigkeit der flachen Reisfelder wird angenehm unterbrochen durch +einzelne Fächerpalmen und sehr zierliche Wächterhäuschen auf hohen +Gestellen, die mitten aus den Feldern hervorragen. Häufig gehen von +ihnen nach allen Richtungen lange Stricke aus, an denen Bambusklappern +hängen. Ein kleiner Junge setzt sie in Bewegung und vermehrt den Lärm +nach Kräften, um die Vögel zu verscheuchen. Von Probolingo führt eine +fahrbare Strasse bis Paras-goang an der Südküste; die Entfernung beträgt +in gerader Linie 45 Paal (9 deutsche Meilen), das ist die schmalste +Stelle der ganzen Insel. Westlich von der Strasse erheben sich das +Tengger- und Semeru-Gebirge, östlich der fast immer thätige Lamongan. +Nur in der Mitte wird die sonst ebene Strasse von einer kleinen Erhebung +unterbrochen; südlich davon breitet sich eine weite Fläche aus, die +weiter nach Osten versumpft und an der südlichen Küste durch eine +niedrige Dünenwand eingefasst wird. In der Mitte dieser Ebene bei +Lemadjang fand ich einen pensionirten deutschen Arzt, der damit umging, +für eine Gesellschaft europäischer Kapitalisten eine Cocospflanzung von +100,000 Bäumen anzulegen. Er erwartete den Landvermesser, der ihm das +von der Regierung bereits bewilligte Pachtland überweisen sollte, um +dann gleich an die Arbeit gehen zu können. Die Pläne schienen wohl +erwogen. Zwischen den Cocos, die vor dem 9ten Jahr kaum einen +nennenswerthen Ertrag geben, sollten Cacao, die schon nach 4 Jahren, und +Erdnüsse gezogen werden, die gleich im ersten Jahre eine Ernte gewähren. +Die Erwartung, dass eine solche Pflanzung, wenn sie erst einmal in +vollem Betriebe ist, jährlich einen Nutzen von 1 Dollar per Baum, also +100,000 Ds. abwerfen werde, so übertrieben sie auch denen scheinen mag, +die nur mit den Erträgen europäischer Kulturen bekannt sind, stimmten +genau mit den Notizen überein, die ich in Malacca darüber gesammelt +hatte; nur rechnet man hier die Kosten der Anlage auf einen D. per Baum, +in Malacca auf einen halben, so dass hier jemand, nachdem er 8-9 Jahre +gewartet, jährlich 100%, dort 200% Zinsen von seinem Kapital pflücken +würde. + +Das grosse Geschick der Javanen in der Beurtheilung geringer +Höhenunterschiede habe ich bereits früher gerühmt; dass sie mit grosser +Genauigkeit nach dem Stand der Sonne die Zeit zu bestimmen vermögen, ist +kein Wunder; im östlichen Java aber fand ich die Leute so ausgezeichnet +orientirt, dass sie selbst im Hause statt der Ausdrücke rechts, links, +vorn, hinten u. s. w. gewöhnlich die Himmelsrichtungen gebrauchten, z. +B, gieb mir die nordwestliche Schüssel, stelle Dich südl., komm nach +Osten u. s. w. + +Nach einem mehrtägigen Aufenthalt im Tengger-Gebirge, dessen rein +geognostische Ergebnisse hier nicht am Platz sind, besuchte ich noch den +Lamongan. In angenehmer Gesellschaft verlebte ich den Abend am stillen +Ufer des waldumsäumten von Tigern umschlichenen Klakasees und brach am +folgenden Morgen mit dem Adjudanten des Obersten v. S. auf, um den so +selten ruhenden Lamongan zu ersteigen, dessen Gipfel sich in unserm See +spiegelte. Man zweifelte sehr an der Ausführbarkeit unseres +Unternehmens. Junghuhn hatte bei seinen verschiedenen Besuchen nicht +einmal den Versuch machen können, da der Vulkan dann immer in voller +Thätigkeit war. Wir ritten zuerst SW. um den Rand des Sees herum, durch +Kaffeegärten, dann Ost, geradeaus durch dichten Wald, in welchem nur +zwei Stellen zur Anlage neuer Desas frisch gelichtet waren. Nach +zweistündigem Ritt erreichten wir mit der Grenze des Waldes ein ebenes +Lavafeld von etwa 9° Neigung, durch tiefe Sprünge vertikal zerklüftet +und mit einem dichten Teppich von schönen Flechten bekleidet, auf dem +wir bequem an den Fuss des Auswurfskegels gelangten. Er bestand an +dieser, der Südseite, aus ziemlich festem Sand, der stellenweis mit +Auswürflingen überschüttet war, die der Regen vom oberen Gehänge +herabgespült hatte. Das Aufsteigen auf diesem Boden war äusserst +beschwerlich, weshalb denn auch unsere Kulis nach ostjavascher Sitte +allmälig zurückblieben und einer nach dem andern hinter grossen Steinen +untertauchten. Alles Zureden, Schelten, Drohen brachte sie nicht wieder +zum Vorschein, so dass wir schliesslich mit unsichtbaren Zuhörern +sprachen. Mit ihnen verschwanden auch unsere Instrumente, darunter ein +Barometer. Nach einigen Stunden mühsamen Kletterns erreichten wir im +obersten Drittel des Kegels eine feste Lavabank, ohne Schlackendecke, +welche letztere wohl längst durch Regen und Wind in die Tiefe gestürzt +worden. Das Vorkommen einer solchen festen Bank an einem Abhang von mehr +als 30° Neigung war gewiss interessant! Sie gewährte uns ein ziemlich +sicheres Auftreten und reichte fast bis an den Gipfel. Nur die letzten +40' etwa bestanden aus gelbem Sand. Aus allen Spalten der Kuppe, bis auf +100' abwärts, drangen sehr heisse Wasserdämpfe; schweflige und salzsaure +waren durch den Geruch nicht wahrzunehmen. Links von uns, im W. zog sich +in NO.-SW.-Richtung eine gegen 100' breite, flache, muldenförmige, +bolusrothe Rinne auf 2/3 des Kegels hinab, an ihrem oberen Ende war die +Dampfentwickelung besonders stark. Die Spitze des Kegels war schon seit +einer Stunde in dichten Nebel gehüllt, der ganze Krater mit kondensirten +Dämpfen erfüllt; ich sah nichts als das Segment des Randes, auf welchem +ich stand. Nur einmal schimmerten zwei Felsenpfeiler durch den dicken +Nebel, deren Entfernung und Richtung auf eine grosse Dimension und +senkrechte Wände des Kraters schliessen liessen. Nachdem wir vergeblich +eine kurze Zeit auf etwas Aussicht gewartet, verkündete ein +Donnerschlag, von einigen grossen Regentropfen begleitet, den Anfang +eines Gewitters. Wir entschlossen uns zum Rückzug und verliessen ohne +Ergebniss den mühsam erklommenen Gipfel. Der Regen wurde zu einem wahren +Sturzbad; vorsichtig rutschten wir die nun glatte Lavabank hinab, wobei +uns beiden die Stöcke entfielen, die in gerader Richtung in die Tiefe +glitten. Der Sand, durch den Regen in einen schweren, schwarzen Brei +verwandelt, floss in breiten, flachen Massen träge abwärts. Die Steine, +durch das Wasser wie belebt, stürzten mit reissender Schnelle die neu +entstandenen Rinnen entlang, wie Sturzbäche, deren grösseres Volumen aus +Steinen bestand. In einer solchen, die ich wegen ihrer stufenförmigen +Sohle zum Hinabsteigen gewählt hatte, wurde ich mehrere Klafter weit +aufrecht stehend fortgerissen, ehe ich mich auf das Ufer retten konnte. +Die elektrischen Entladungen waren sehr stark; ein Schlag, der den Berg +traf, warf meinen Begleiter und mich gleichzeitig zu Boden, was aber +wohl hauptsächlich unserer unsicheren Basis zuzuschreiben war. Wir +hatten nun etwa die Hälfte des Abhangs zurückgelegt und folgten einer +flachen Rinne. Die durch den Regen und Wind vom oberen Gehänge gelösten +Steine hatten hier schon solche Fallkraft erlangt, dass sie in mehr als +haushohen Bögen den Berg hinabsprangen. Von beiden Seiten gelangten sie +in unsere Mulde und bildeten ein wahres Kreuzfeuer. Zeitweis flogen sie +so dicht, dass wir darauf gefasst sein mussten, zerschmettert zu werden. +Einige wenige hatten reichlich 1' Durchmesser, die meisten waren kaum +5-6'' gross. Aber selbst den grossen vorsätzlich auszuweichen, war nicht +möglich, da sie bei jedesmaligem Aufschlagen ihre Richtung änderten. Wir +waren hier hülflos dem blinden Zufall preisgegeben, retteten uns aber +endlich auf den höher gelegenen Rand, wo wir nur selten in Gefahr kamen. +Den Umständen nach befanden wir uns wohl, mein Begleiter hatte einige +schmerzhafte Quetschungen erhalten, die ihm das Athmen sehr erschwerten, +ich war mit einer starken Kontusion und einem Loch im Bein +davongekommen. Indem wir hier einige Augenblicke ausruhten, musste ich +mir gestehen, kaum jemals ein prachtvolleres, grossartigeres +Naturschauspiel in grösserer Nähe beobachtet zu haben; der peitschende +Regen trat neben den übrigen Erscheinungen ganz in den Hintergrund. Als +wir den Fuss des Kegels erreichten, hörte der Regen auf. Mein Begleiter +hatte sich auf der ganzen Tour sehr wacker gehalten, wie es sich für +einen jungen Krieger ziemt, erklärte aber zum Schluss, dass er sich das +Studium der Geologie ganz anders vorgestellt habe und keine besondere +Neigung dafür empfinde. Gegen Sonnenuntergang erreichten wir den +Pasanggrahan, gleichzeitig mit dem Oberst, der in einem Nachen von einer +Jagdpartie zurückkehrte und uns ungläubig auslachte, als wir +behaupteten, den Gipfel des Berges erstiegen zu haben. + +Beinwunden heilen in heissen Ländern ausserordentlich schwer, der Arzt +in Probolingo sagte zwar, ich habe gutes „Geneesvleesch”, unterwegs +verschlimmerte sich aber die Wunde wieder und heilte erst, nachdem ich +eine Woche in völliger Ruhe unter der Pflege eines vortrefflichen +deutschen Arztes in Plantungan zugebracht hatte. Ueberdies trat auch +jetzt die Regenzeit mit solcher Entschiedenheit ein, und mein Aufenthalt +in Java hatte so sehr die ursprünglich dafür bestimmte Zeit +überschritten, dass ich theils im Dampfboot, theils zu Lande der flachen +nördlichen Küste folgend, nach Batavia zurückeilte. Besonders bedauerte +ich, von Surabaya und seiner Umgebung bei meiner ersten Anwesenheit so +wenig gesehen zu haben, da die interessanten Exkursionen nach den vielen +Regierungs- und Privatetablissements dieser in hohem Grade +gewerbthätigen Stadt nun unterbleiben mussten. Surabaya hat bei weitem +den besten Hafen von Java; hier mündet auch der bedeutendste Fluss der +Insel und die Regierung hat dort grosse Schiffswerften und +Maschinenbauanstalten, in denen unter Leitung weniger europäischer +Offiziere alle Arbeiten von Inländern ausgeführt werden. + +Es war Anfang Dezember geworden, alle Tage hatten wir starke Regen; bei +Tagal, einer kleinen Hafenstadt zwischen Cheribon und Samarang, war der +Fluss so angeschwollen, dass er kaum in seinem Bett Platz hatte. Zu +beiden Seiten der durch 1 - 1-1/2 Fuss hohe Dämme geschützten +Landstrasse waren die flachen Reisfelder (nicht künstlich bewässerte +Sawas) in Seen verwandelt, aus denen einzelne Häuser wie Schiffe +hervorragten. Der Eintritt der Regenzeit hatte grosse Thätigkeit +hervorgerufen, überall wateten hoch aufgeschürzte Frauen im Sumpf und +pflanzten Reis, Männer betheiligen sich nicht an dieser Arbeit. -- +Korrespondenz, Verpacken und Versenden von Sammlungen, nahmen die +wenigen Tage bis zum Abgange des Dampfers nach Singapore fast gänzlich +in Anspruch, so dass ich von Batavia und seinen interessanten Museen nur +wenig sah. + +Eine Geschichte von Java, so kurz, wie die am Schluss von Singapore und +Malacca gegebenen, würde wenig mehr enthalten, als sich in jeder +grösseren Geographie findet; eine ausführlichere liegt nicht im Plan des +Buchs. So schliesse ich denn die flüchtigen Skizzen dieses +Reiseabschnitts mit dem Wunsch, dass der Spruch: „Wer Vieles bringt, +wird Manchem etwas bringen”, sich auch hier bewähren möge. + +---------- + +[52] Es scheint eine grosse Härte, den armen Frachtfuhrleuten die +schöne Strasse zu verbieten; doch ist es nicht wohl zu ändern, da +ihre aus massiven Holzscheiben bestehenden, ursprünglich runden, +durch Abnutzung aber bald vieleckig gewordenen Räder die beste +Strasse in kurzer Zeit zu Grunde richten würden. Karren mit +ordentlichen Rädern ist die Benutzung der Poststrasse gestattet. + +[53] Die Zeichnung ist von Batu-tulis, etwas südlich von Buitenzorg, +aufgenommen. + +[54] Trotz aller Befürchtungen steht gegenwärtig der Preis des +Chinins sehr niedrig und ist seit dem Krimkrieg fortwährend +gefallen. -- Auch hat man nach einer Mittheilung, die Prof. Karsten +erhielt, jetzt bei Loxa Cinchonapflanzungen angelegt, deren Rinde +man alle 6 Jahre zu verwerthen erwartet. + +[55] Am 19. April 1865 ist er, erst 36 Jahre alt, in Balanta, an der +Ostküste von Celebes, den Strapazen und Wirkungen des Klimas +erlegen, die er als Leiter einer mehrjährigen, mit grossem Erfolg +ausgeführten Entdeckungsreise in Neu-Guinea und Gilolo erduldet +hatte. + +[56] Herausgegeben von der Gesellschaft zur Verbreitung +gemeinnütziger Kenntnisse in Amsterdam. + +[57] Die Arachis ist ein unscheinbares, auf dem Boden kriechendes, +krautartiges Gewächs mit langgestielten Schmetterlingsblüthen. Die +Blüthen über dem Boden bleiben unfruchtbar, gewöhnlich senkt sich +aber die Schote in die Erde und reift dort 2 bis 3 Kerne von +Haselnussgrösse. Daher der Name Grundnuss. Die Pflanze gedeiht in +allen tropischen und subtropischen Ländern und wird auch im +südlichen Europa, besonders in Spanien, gebaut, wo ihre Früchte, +geröstet, als Mandeln gegessen werden. Der Anbau dieser Pflanze +nimmt seit einigen Jahrzehnten ausserordentlich zu, veranlasst +durch die Nachfrage in Europa. Fast der ganze Export aller +Produktionsländer geht nach Südfrankreich, hauptsächlich nach +Marseille, von wo aus das daraus gewonnene Oel unter dem Namen +Olivenöl über die ganze Welt verbreitet wird. Die Fabrikation hat +dort solche Vollkommenheit erreicht, dass selbst Kenner kaum im +Stande sind, einen Unterschied zwischen dem Olivenöl und dem +Katjang-Oel zu finden. Letzteres vertritt daher das Oliven- und +Mandelöl in allen seinen Anwendungen. + +Bereits am 12. Juni 1852 sagte Dumas in der Société d'Encouragement: +„Olivenöl ist gegenwärtig auf einen ausserordentlich hohen Preis +gestiegen, nicht nur im südlichen Frankreich, sondern auch an den +Küsten von Italien, wo die Olivenbäume ganz verschwunden sind. Das +Oel der Arachis, deren Name fast noch ganz unbekannt, ist ohne +Zweifel eins der wichtigsten Produkte. Vor 8 oder 10 Jahren kam ein +Marseiller Haus auf den glücklichen Einfall, 4 oder 5 ℔ Katjang-Oel +nach Frankreich zu bringen, und seitdem hat die Einfuhr so +zugenommen, dass sie jetzt eine Höhe von 70 Millionen Kilogr. +erreicht. Dieser grosse Verbrauch lässt sich leicht begreifen, wenn +man in Betracht zieht, dass das Katjang-Oel fast alle Eigenschaften +des Olivenöls besitzt.” Im Journal des Débats vom 12. Oct. 1863 +heisst es: Vor 20 Jahren war die Arachis von Senegambien nicht +einmal in unsern Zolllisten aufgeführt; heut werden in Frankreich +allein 500,000 Kilogr. eingeführt. Der Anbau hat so zugenommen, dass +er den Sklavenhandel auf jener Küste verdrängt hat.” Als Surrogat +für die geringen Speiseöle, an die man in Berlin gewöhnt ist, wird +aber nicht sowohl Arachis-, als das viel billigere Sesamum-Oel, +welches in noch viel grösserer Menge, namentlich von Kurratschi +eingeführt wird, verwendet. + +[58] Bei Gelegenheit der Vorarbeiten für die Eisenbahn hat man einen +viel niedrigeren Pass gefunden, über welchen jetzt eine neue Strasse +mit Umgehung des Megamendong angelegt wird. Sie ist bereits bis auf +die Brücken vollendet (1865). + +[59] Auch er ist bereits am 24. April 1864 in Lembang gestorben; +doch hat er sich ein bleibendes Denkmal errichtet durch sein von +Hasskarl auch ins Deutsche übersetzte Werk: Java, seine Gestalt, +Pflanzendecke und innerer Bau. + +[60] Daendels hatte einen Regenten abgesetzt, weil er eine Strasse +zu steil über ein Bergjoch geführt hatte; -- aus Furcht vor einem +ähnlichen Schicksal baute ein andrer Fürst die Strasse im Zickzack +durch die Ebene. + +[61] Man muss sie aber nicht, wie häufig geschieht, mit einem andern +Feigenbaum, F. religiosa, dem heiligen Baum der Buddhisten +verwechseln, der im Ganzen viel Aehnlichkeit mit unserer +Silberpappel hat und keine Seitenstämme bildet. Seine an ihrer sehr +lang ausgezogenen schwanzartigen Spitze kennbaren herzförmigen +Blätter bestehen aus einem so dichten Netzwerk fester dünner Fasern, +dass nach Entfernung der Blattsubstanz durch Mazeration und Bleichen +ein filigranartiges Skelett zurückbleibt, welches gefirnisst und +miniaturartig bemalt, jetzt häufig als Kuriosität von China +mitgebracht wird. + +[62] Dike (spr.: Deik) nennt man die im flüssigen Zustand in die +Spalten der Kegelberge eingedrungene, nach dem Erkalten fest +gewordene Lava. + +[63] Wie schon bei Gelegenheit der Zinnablagerungen angedeutet, +werden mit der Zeit durch Einwirkung von Wasser und Luft die +härtesten Gesteine zersetzt. Die Hauptgemengtheile der meisten +krystallinischen Gebirgsarten (nicht-krystallinische sind schon +Zersetzungsprodukte) bestehen aus Doppelverbindungen von +Thonerde-Silikaten und Alkali- (oder Kalk-) Silikaten. Erstere sind +als Thon (in reinem Zustand Kaolin) wohl bekannt. Zur Versinnlichung +der letzteren kann das künstlich dargestellte, in der Technik jetzt +vielfach angewendete Wasserglas (kieselsaures Kali oder Natron) +dienen. Erstere sind unlöslich und bleiben bei dem Verwittern des +Gesteins übrig, während die löslichen Alkali- und Kalk-Silikate +theils als solche, theils nach Einwirkung von Kohlensäure als +kohlensaure Salze durch die Gewässer fortgeschafft werden. + +Was durch Luft und Wasser bei gewöhnlicher Temperatur sehr langsam, +wenn auch ununterbrochen, stattfindet, wird viel schneller bewirkt +durch heisses Wasser, heisse Dämpfe und Gase, wie sie aus hier nicht +näher zu erörternden Ursachen namentlich häufig in Vulkanen und +ihrer Nachbarschaft auftreten. Ausströmungen von heissen Gasen und +Dämpfen nennt man Fumarolen, Ausströmungen von Kohlensäure Mofetten; +da dieses Gas 1-1/2 mal so schwer ist als atmosphärische Luft, so +breitet es sich am Boden aus und bildet zuweilen, an Stellen, die +gegen den Luftzug geschützt sind, so hohe Schichten, dass Thiere, +die hineingerathen, darin ersticken. Solfataren heissen die Punkte, +in deren Dampfausströmungen die schwefelhaltigen Gase vorwiegen: +Schwefelwasserstoff, durch dessen Zersetzung der die Wände +bekleidende Schwefel gebildet wird, und schweflige Säure, die sich +beide durch Zutritt feuchter Luft in Schwefelsäure verwandeln, +endlich Schwefel in Dampfform. Während Wasser und Luft in der Art +auf die Gesteine einwirken, dass unlösliche Thonerde-Silikate übrig +bleiben, vermögen die in den Solfataren sich fortwährend bildenden +starken Säuren des Schwefels die Doppel-Silikate vollständig zu +zersetzen. So entsteht aus alkalihaltigen Doppel-Silikaten Alaun +(schwefelsaure Thonerde verbunden mit schwefelsaurem Alkali), aus +kalkhaltigen Doppelsilikaten Gyps (schwefelsaurer Kalk). Alaun und +Gyps bleiben mit dem halb zersetzten Gestein und dem stets neben +ihnen gebildeten Thone gemengt, oder werden vom Wasser gelöst und an +Nebenpunkten wieder abgesetzt. Es würde zu weit führen, die Vorgänge +in den Solfataren näher in Betracht zu ziehen; daher mögen auch die +Wirkungen der häufig auftretenden Salzsäure hier unberücksichtigt +bleiben. Zum oberflächlichen Verständniss der beschriebenen +Erscheinungen in Kawa-manuk wird das Gesagte genügen. Wesentlich +dieselben Erscheinungen wiederholen sich, wenn auch in sehr +verschiedener Intensität, in allen Solfataren; ich werde daher +später nicht wieder darauf zurückkommen. + +[64] Zum Verständniss dieser Werthsteigerung bei feststehenden +Preisen muss erwähnt werden, dass der Thee in 8 Sorten, 4 schwarzen, +4 grünen, von verschiedenem Werth, abgeliefert wurde, und dass die +Fabriken gelernt hatten, die theuren Sorten in grösserer Menge zu +produziren. + +[65] Der Unterschied zwischen den Ergebnissen der Theekultur durch +freie Arbeiter unter Unternehmern, die für eigene Rechnung +wirthschafteten und den Resultaten, welche die Regierung durch +Zwangsarbeit unter Aufsicht von Beamten erlangte, sind so schlagend +und volkswirthschaftlich so interessant, dass ich einen kleinen +Auszug aus Dr. W. Bosch, Vrije en gedwongen Arbeid, Tydschr. v. Ned. +Ind. 1858 II 297 anführe, in welchem folgende, amtlichen Berichten +entnommene Thatsachen gegenübergestellt sind: + + 667 Arbeiter (freiwillige) produziren 1855 auf 560 Bau: + 344,849 ℔ Thee, + also 1-1/5 Arbeiter per Bau, + 517 ℔ per Arbeiter, + 615 ℔ per Bau. + + Der Arbeitslohn ist unbekannt. Angenommen, sie hätten das ganze + Jahr hindurch 360 Tage, à 20 Deuten, gearbeitet, dann hätte die + Bebauung gekostet 72 fl. per Bau d. h. 80% mehr als die + Regierung dafür zahlte; und gleichwohl kosten die 615 ℔ Thee, + die dafür erhalten werden, nicht mehr als 12 cents pro ℔, d. h. + nur 40 % von dem, was die Regierung dafür bezahlte; und dennoch + hat der Arbeiter bei dem Privatmann 3mal so viel per Tag + verdient, als der Arbeiter in Bagelen, selbst wenn dieser nicht + mehr als 100 Tage per Jahr zu arbeiten hätte. + + 4,375 Arbeiter (gezwungene) produziren 1855 auf 660 Bau: + 87,312 ℔ Thee, + 6-1/2 Arbeiter per Bau, + 22 ℔ per Arbeiter, + 132-1/2 ℔ per Bau. + + 6 Arbeiter per Bau angenommen, die zusammen 40 fl. 72 c. + erhalten, giebt 6,79 fl. per Arbeiter. Angenommen, dass Jeder + nicht mehr als 100 Tage gearbeitet hätte, so würde der Tagelohn + 6-3/4 cents betragen, und das ℔ Thee auf 30 cents zu stehen + kommen. + +Aus diesen amtlichen Angaben geht hervor, dass freie Arbeit 25mal +produktiver war als Zwangsarbeit, dass der Boden 5mal so viel trug, +dass das Produkt der Privatleute noch nicht die Hälfte kostete, +während ihre Arbeiter 3mal so viel verdienten. + +[66] Nicht sowohl die Varietät des Theestrauches, als vielmehr +Boden, Lage und Klima bedingen die Qualität (ähnlich wie beim +Wein). In China giebt es Gegenden, wo nur grüner Thee fabrizirt +wird, nicht, weil man aus den Sträuchern keinen schwarzen Thee +machen kann, sondern weil der dort gewonnene grüne Thee besser +ausfällt, als der schwarze. In Java finden solche Unterschiede +noch nicht statt; man bereitet grünen und schwarzen Thee auf +derselben Plantage. + +[67] Die Rongengs sind öffentliche Tänzerinnen, sie fehlen bei +keinem grösseren Feste; ihr Tanz versetzt die Eingebornen oft in +Entzücken und reisst zuweilen selbst die Vornehmsten hin, sich +daran zu betheiligen. Ihre Kunst besteht mehr im Biegen und +Wenden der Glieder als in graziöser Fortbewegung. -- „Die +Rongeng gehört dem Staat, der Oeffentlichkeit. Ueber eine Frau, +die sich als Rongeng einschreiben lässt, verliert der Ehemann +sein Recht, sowie auch ihre Eltern.” (Brumund, Indiana.) Sie +sind völlig frei bis auf die polizeiliche und ärztliche +Kontrolle. + +[68] Eigentlich Kerne. + +[69] Der Musang ist ein kleines Raubthier, das nur die reifsten +Früchte nascht und nur ihre fleischige Hülle verdaut. Die nur +aus Kaffeebohnen bestehenden, vom Musang ausgeworfenen, vom +Regen abgewaschenen Häufchen werden besonders gesammelt und von +den Packhausmeistern für begünstigte Kunden aufgehoben, da sie +den wohlschmeckendsten Kaffee geben. -- Der Musang befindet sich +fast in jedem zoologischen Garten. + +[70] Trotz der sehr vermehrten Bevölkerung nimmt die Zahl der +Bäume ab. 1851 zählte man: 231,693,843 und 1861: 223,301,000 +fruchttragende Bäume. In dem viel kleineren, besonders aber an +Arbeitskräften so viel ärmeren Ceylon hat sich die Kaffeeproduktion, +die 1850 kaum 1/4 derjenigen von Java betrug, so gehoben, dass sie +1862 schon mehr als 2/3 derselben gleichkam. Den meisten Kaffee +liefert gegenwärtig Brasilien, das allein so viel erzeugt, als alle +übrige Kaffeeländer zusammen ... 1858/59: Brasilien 346, Java 135, +Ceylon 70, alle übrigen Kaffeeländer zusammen 155 Millionen +Zollpfund, im Ganzen also 696 Millionen Zollpfund. + +[71] In den Regierungspflanzungen betrug 1854/57 die Zahl der +Kaffeebäume durchschnittlich: 295,276,073, wovon 221,295,764 +fruchttragende; die Ernte 962,876 Pikul oder etwas über 1/2 ℔ +per Baum. -- 1828, vor Einführung des Kultursystems, erntete man +416,000 Pikul von etwa 50,000,000 Bäumen, d. h. über 1 ℔ per +Baum, im günstigsten Jahre nach Einführung des Systems (1855) +1,264,000 Pikul von 300,000,000 Bäumen, d. h. etwas über 1/2 ℔ +per Baum, so dass sich die Zahl der Bäume seit 1832 zwar +versechsfacht, der Gesammtertrag aber nur verdreifacht hatte. +Seit 1840 ist die Kaffeeproduktion auf Java, einige besonders +günstige Jahre ausgenommen, stationär geblieben. Das auf Zwang +beruhende künstliche System hatte also schon nach 8 Jahren seine +Kraft erschöpft. + +[72] In Arabien war der Kaffee als Getränk wohl schon Ende des 15. +Jahrhunderts bekannt; 1556 wurde das erste Kaffeehaus in +Konstantinopel, 1652 in London, 1671 in Marseille, 1672 in Paris, +1683 in Wien errichtet. Wie man darauf gekommen sein mag, die +harten, unschmackhaften Samen zu rösten und ein Getränk daraus zu +bereiten, ist durchaus unbekannt. Es ist höchst merkwürdig, dass das +Kaffeïn, das eigentlich Wirksame im Kaffee, chemisch identisch ist +mit Theïn und beliebig aus Kaffeebohnen oder Theeblättern +dargestellt werden kann, dass es ebenfalls im Paraguaythee oder Mate +enthalten ist, und dass die Pflanzen, die es liefern, ganz +verschiedenen natürlichen Familien angehören. Noch auffallender ist +es, dass gerade diese Pflanzen von halbzivilisirten, weit von +einander entfernt wohnenden Völkern zum Getränk erkoren wurden. Die +daraus bereiteten Aufgüsse regen an, ohne zu berauschen, und haben +deshalb einen höchst wohlthätigen Umschwung in der Lebensweise der +zivilisirten Völker hervorgebracht. Ihre schnelle, immer wachsende +Verbreitung ist ein erfreuliches Zeichen zunehmender Gesittung. +Nicht erfreulich, aber recht interessant ist auch „die plumpe +Selbsttäuschung der Cichorientrinker, die aus Armuth und +Unwissenheit einen Absud geniessen, der vom Kaffee nichts weiter +hat, als die Farbe. Es dürfte kaum zweifelhaft sein, dass mit der +Aufklärung des Publikums über den wahren Werth des Kaffees die +Cichorienfabriken alsbald eingehen müssten.” (Knapp's Technologie II +83.) + +[73] Folgende Rezepte stammen aus sehr guten Quellen: + +1. ~Allgemeines Kari-Pulver~, 2 verschiedene Sorten. Man mische +zum Pulver No. 1 die uneingeklammerten, zum Pulver No. 2 die +eingeklammerten Gewichtstheile folgender Gewürze: Koriander 48 +(8), schwarzer Pfeffer 24 (8), Curcuma 19 (8), Kümmel 12 (2), +Capsicum 6 (1), Reismehl 4 (2), Cardamom 2 (1), Nelken 1 (0), +Ingwer 0 (4), Trigonella foenum graecum 0 (6). + +2. ~Krebs-Sambal:~ Zu 2 Stück feingeschnittenen Zwiebeln und 2 +Stück Knoblauch setze man 3 Theelöffel Balatschong (siehe +unten), 1/2 Theelöffel Curcumapulver, 1/2 Quart Krabben- oder +Krebsschwänze, lasse alles etwas braten, füge Tomaten oder +Tamarinden, Capsicum, 1/2 Tasse Kokosmilch (siehe unten) hinzu +und lasse es schmoren. + +3. ~Bengal-Kari:~ Zu 3 grossen, feingeschnittenen, in Butter +gebratenen Zwiebeln setze man folgende in einem steinernen +Mörser sehr fein gestossene mit etwas Wasser angefeuchtete +Gewürze: 2 Nelken, 1 Capsicum, 2 Theelöffel Koriander, 2 Prisen +Anis, 1 desgl. Kümmel, 2 Stück Knoblauch, 1/2 Theelöffel Zimmet +und etwas Ingwer, 1 Theelöffel Curcuma. Nachdem alles etwas +gebraten, setze man 1 ℔ in kleine Stücke geschnittenes Fleisch +dazu (Rind, Kalb, Hammel, Wild, Geflügel oder Fisch), und eine +Tasse voll Kokosmilch oder guter Brühe und lasse es schmoren. + +4. ~Madras-Kari:~ Man brate 2 kleine fein geschnittene Zwiebeln in 2 +Unzen Butter, setze vom Karipulver No. 2 dazu und verfahre übrigens +wie bei dem Bengal-Kari, man kann auch etwas Zitronensaft +hinzufügen. + +5. ~Malayische Karis~ unterscheiden sich von den indischen +wesentlich nur durch einen viel bedeutenderen Zusatz von +Cocosmilch; sie sind daher gelblich statt braun, flüssiger, +weniger gewürzt und werden Europäern, die an starke Würzen nicht +gewöhnt sind, wohl besser schmecken. -- Zu allen Karis isst man +das 3- oder 4fache Volumen Reis, in Dampf gekocht. + +6. ~Balatschong~ ist eine mehr oder weniger feste Paste, aus +gestossenen Krabben bereitet, die vorher etwas eingesalzen und +an der Sonne getrocknet worden; sie lässt sich sehr annähernd +durch ein Gemisch von Shrimp- und Anchovy-Sauce ersetzen. + +7. ~Cocosmilch,~ nicht zu verwechseln mit der aromatischen, +angenehm süsslichen Flüssigkeit, die den inneren Raum junger +Kokosnüsse ausfüllt, und Allen, die tropische Küstenländer +bereist haben, in dankbarer Erinnerung bleibt, erhält man, indem +man die mandelartige Substanz, mit welcher die holzige Schale +der reifen Nuss inwendig gefüttert ist, fein raspelt, mit Wasser +vermengt und unter starkem Druck auspresst. Die erhaltene +Flüssigkeit ist eine Emulsion, ähnlich der Mandelmilch. Ist +Kokosmilch nicht zu haben, so lässt sie sich am besten durch +Thiermilch ersetzen. + +[74] Der Gamelang, das javanische Orchester, ist in Raffles und +Crawfurd beschrieben und abgebildet. Die Instrumente bestehen +hauptsächlich aus sehr wohlklingenden metallischen Becken und +metallischen und hölzernen Stäben, die mit Ausnahme der grössten +Becken (Gongs), welche an Gestellen aufgehängt sind, auf +Resonanzböden oder auf straffen Stricken liegen, und wie Lauten +geschlagen werden. Pauke, Flöten und eine Art Violine sind auch +dabei. Ueber die Musik der Javanen sagt Crawfurd: „Die Musik ist +wahrscheinlich die Kunst, in welcher die Javanen im Vergleich zu den +meisten asiatischen Völkern den grössten Fortschritt gemacht haben. +Die javanischen Melodien sind wild, klagend und mehr als alle andre +asiatische Musik, vielleicht die der Perser nicht ausgenommen, dem +europäischen Ohr wohlgefällig..... Der verstorbene Dr. Crotch, ein +sehr kompetenter Richter, gab mir, nachdem er die schöne Sammlung +von Instrumenten, die Sir Stamford Raffles nach England gebracht, +besichtigt hatte, seine Meinung über dieselben sowohl, als über den +allgemeinen Charakter der javanischen Musik. Ueber die einfachen +Gongs sagte er, der Ton dieses Instrumentes sei zugleich mächtig und +süss, seine Intonation klar und vollkommen; und über die +Perkussions-Instrumente im Allgemeinen bemerkte er, dass er erstaunt +und entzückt wäre über ihre sinnreiche Anfertigung, ihre Pracht, +Schönheit und vollendete Intonation. In Bezug auf den Charakter der +javanischen Musik im Allgemeinen machte er folgende Bemerkungen: +„Die Instrumente haben alle dieselbe Skala wie die, welche durch die +schwarzen Tasten des Pianos hervorgebracht wird, in welcher so viele +der schottischen und irischen, alle chinesischen und einige der +besten indischen und nordamerikanischen Melodien komponirt sind.” + +[75] Eine in Paris erworbene echte Calisaya war schon April 1852 +in Batavia angekommen; sie starb, aber 2 Ableger derselben waren +1862 zu 20 Fuss hohen Bäumen herangewachsen. + +[76] Am 20. Juli 1856 waren vorhanden 99 C. Calisaya, 140 C. +Pahudiana, 7 C. lanceolata, 1 C. succirubra, 3 C. lancifolia, 1 +C. pubescens. (de Vrij Cultivation of Quinine in Java and +British-India.) + +[77] Seine Untersuchungen ergaben sehr günstige Resultate +für die Calisaya-Rinden, nur waren, wegen der fehlerhaften +Kulturmethode im tiefen Schatten, die Rinden viel dünner als die +südamerikanischen. In der Pahudiana- Rinde fand er aber nur Spuren +von Arzneistoffen; erst 1861 entdeckte er in der Wurzelrinde einer +8jährigen Pflanze eine grössere Menge (3%) und fand später sowohl in +Java als in Britisch-Indien ~junge~ Wurzelrinde nimmer reicher an +Alkaloiden als Stammrinde. Nach einem Bericht der Tyd. N. I. Febr. +1866 scheint es, dass man jetzt in Java die jungen Wurzelrinden +ausbeuten will. + +[78] Nach Professor Karsten's langjährigen an Ort und Stelle +gemachten Erfahrungen verlangen die alkaloidreichen Arten einen +relativ kalten, nebelreichen und mit Sonnenblicken wechselnden +Standort. + +[79] Mac Jvor zieht gar keine Sämlinge mehr, ausser etwa von +neuen Arten -- er vermehrt nur noch durch Ableger und Knospen +(cuttings and buds). de Vrij. + +[80] Herr de Vrij theilt mir mit, dass er im August 1865 in +einer Rinde von C. succirubra, aus den Neilgherries, 11% (!) +Alkaloide fand, wovon der grösste Theil aus Chinin bestand, +während die besten Perurinden selten mehr als 5% geben; und nach +Prof. Karsten fand Howard sogar in den Blättern der in Ostindien +gewachsenen C. rubra, Chinin in genügender Menge, um es +darzustellen. + +[81] Andere endogene Pflanzen, besonders Pandaneen, liefern aber +auf diese Weise noch bessere Pinsel; in den Philippinen dienen +diese allgemein zum Tünchen der Wände. + +[82] Siehe auch: Brücke bei Wonosobo. + +[83] Die Passvorschriften sind jetzt aufgehoben. + +[84] Wahrscheinlich Kleinhoffia hospita, vergl. Hasskarl +Anteekeningen over het nut ... 835. + +[85] Die grössten Teakwälder kommen in den gebirgigen Theilen von +Malabar, Birma und Siam vor, sie waren eine der Hauptursachen für +die Besitznahme von Tenasserim durch die Engländer, und werden auch +wohl die Veranlassung zur allmäligen Erschliessung der nördlich von +Siam und Birma gelegenen Laosländer werden. Die regelmässige +Beschaffung einer zureichenden Menge Teakholz für die englische +Marine ist so wichtig geworden, dass wahrscheinlich demnächst die +Gründung eines Vice-Consulats in Chang-mai, der Hauptstadt von +Süd-Laos bevorsteht. -- „Malabar ausgenommen, liefert Java das beste +Teak, jenes wird für Kiele, dieses für Planken vorgezogen. +Teakschiffe sind durch gewöhnliche Abnutzung fast unzerstörbar; +Beispiele, dass sie 80 und 100 Jahre gedauert haben, sind nicht +selten.” (Mac Culloch 1859.) + +[86] Selbst noch als Ceylon an die britische Krone überging, +verpflichtete sich die ostindische Kompanie, jährlich 60,000 £ +für 400,000 ℔ Zimmet zu zahlen, und es wurde festgesetzt, dass +der etwaige Mehrertrag verbrannt werden sollte. (Capper Port and +trade of London 371.) + +[87] Der Zimmet stammt aus Ceylon; er war schon im Alterthum +bekannt und hoch geschätzt, mehr wegen seines Wohlgeruchs, denn +als Gewürz. Man erhielt ihn über Arabien. Erst durch Entdeckung +des Seewegs nach Indien wurde sein Vaterland den Portugiesen +bekannt. Von diesen ging der Zimmethandel an die Holländer über, +die ihn nach den damals herrschenden handelspolitischen +Ansichten zum Gegenstand des strengsten Monopols machten. +Regelmässige Pflanzungen wurden zuerst 1765 angelegt, bis dahin +benutzte man nur wilde Pflanzen. Als 1796 die Engländer Ceylon +nahmen, war Zimmet das Hauptprodukt der Insel. Sie setzten das +Monopol und das damit verbundene System der Zwangsarbeit mit +unglaublicher Strenge fort. -- Wenn in irgend einem Garten eine +Zimmetpflanze aufging, so durfte sie der Besitzer des Gartens +nicht als sein Eigenthum betrachten, eben so wenig durfte er sie +vertilgen, sondern er war gezwungen, sie für die Regierung zu +pflegen und aufzuziehen; und nach dem alten holländischen Gesetz +wurde dem, der einen Zimmetbaum fällte, die rechte Hand +abgehauen (Porter). Erst 1833 wurde der Zimmetbau und -Handel +auf Ceylon freigegeben, nahm aber nicht sehr zu, weil die +englische Regierung einen Ausfuhrzoll von 200-300% ad valorem +darauf legte. Nächst Ceylon liefert Cochinchina den meisten +Zimmet. Letzterer geht nach China, wo er dem von Ceylon +vorgezogen wird. + +[88] Tijdschrift voor taal-land-en. volkenkunde. 1853, I, 304. + +[89] ~Adat~ heisst: alter Brauch, alte Sitte, und hat für den +Inländer Gesetzeskraft. + +[90] Over de zoogenoemde eetbare Vogelnesten. -- Beiträge zur +näheren Kenntniss der Gattung Collocalia Gr. + +[91] Demselben, der das duftende Agallocheholz liefert, in Java +aber nicht vorkommt. + +[92] Vergl. Zeichnung: die Bündel bestehen aus Bambusen, die +Seile aus Rotang. + +[93] Der mich begleitende Javane erklärte sie folgendermassen: +der grösste, ruma radja (Haus des Königs), die übrigen: Häuser +der Frauen und Verwandten, der fünfte, ruma dija punja jonge +(das Haus für den Diener). Das holländische Wort, das zur +Bezeichnung eines Dieners ins Malayische übergegangen, machte +sich sonderbar genug in dieser antiquarischen Erläuterung. + +[94] Nach einer neueren Beobachtung (Proc. Zool. Soc. 1863, pag. +439) fangen sie auch Fische. Dr. Schott beobachtete in Conleeveram, +wie die Kalongs über den Teichen schwebten, die Fische mit den +Klauen packten und dann auf Tamarindenbäume flogen, um sie zu +verzehren. Er hielt sie erst für Vögel, schoss aber am andern Abend +mehrere im Akt des Fischens und wiederholte die Beobachtung +mehreremal. + +[95] 1849 beauftragte der damalige General-Guvernör zwei +geschickte Zeichner, die Herren Wilsen und Schomberg, sämmtliche +Reliefs und Statuen von Borobudor für den Steindruck zu +zeichnen. Die Arbeit hat mehrere Jahre in Anspruch genommen und +soll sehr gut ausgefallen sein. -- Obgleich ich schon bei meiner +Anwesenheit in Java einige Probedrucke gesehen, scheint das +Werk, das mit erläuterndem Text erscheinen soll, noch nicht +herausgegeben zu sein. Herr W. hat auch in der Tijds. v. T. L. +en V. einen Aufsatz über Borobudor bekannt gemacht, dem obige +Maasse und noch einige der folgenden Angaben entnommen sind, nur +ist statt niederl. Ellen der gleichwerthige, bekanntere Ausdruck +Meter gesetzt. + +[96] Um einen solchen Eimer zu machen, faltet man das grosse, +fächerförmige Blatt wie einen aus Papier geknifften Fächer zusammen, +näht die sich berührenden Ränder je zweier Blattspitzen, von da +an, wo sie sich theilen, zusammen, und biegt das Blatt ringförmig, +die Rippen nach Aussen, so dass die Blattspitzen und der Ansatz +des Blattstiels über einander greifen; diese werden fest +zusammengebunden und bilden die Handhabe des Eimers, der nur noch +wie das Verdeck eines Wagens oder der Ugly einer Engländerin +entfaltet zu werden braucht und die Form eines in der Richtung der +Axe durchgeschnittenen sehr flachen Kürbis hat. + +[97] Nach den neuesten Nachrichten (1865) ist diese blühende +Industrie in Jokjokarta fast gänzlich zu Grunde gegangen, indem +die Pflanzen durch Insekten zerstört wurden. + +[98] Dicht am Stamm vieler Bäumchen war ein mit Wasser gefüllter +poröser Topf bis an den Rand in den Boden eingegraben; das +langsam durchsickernde Wasser erhält die Wurzeln feucht, die ein +dickes Geflecht um den Topf bilden sollen. Vielleicht ist dies +Verfahren, das ich in Europa nie gesehen, in wasserarmen Gärten +oder für besondere Zwecke in der Gärtnerei anwendbar. + +[99] In Mexico kauen zwar Männer und Weiber, letztere mit wahrer +Leidenschaft, ein Gummi, Cicle genannt, den verdickten Milchsaft +einer an der Westküste wild wachsenden Sapota (Zapote chico), +das in Speichel völlig unlöslich, geschmack- und geruchlos ist. +Die Substanz hat grosse Aehnlichkeit mit Guttapercha, die man +von einer ebenfalls zu den Sapotaceen gehörenden Pflanze +(Isonandra) gewinnt und wird etwa bei derselben Temperatur +plastisch; man formt Blumen und allerlei Spielereien daraus; in +der Technik findet sie noch keine Verwendung, da ihr hoher +Preis, 1 Dollar per ℔, es verhindert. + +[100] Was ich für Muthwillen gehalten, hatte vielleicht einen +andern Grund. Van Dooren erzählt, dass ihn sein Kutscher bei +einer ganz ähnlichen Gelegenheit mit den Worten beruhigte: +„Fürchten Sie sich nicht, Herr, der Tiger will sich ein Pferd +holen.” + +[101] Gegenwärtig (1865) ist eine Eisenbahn zwischen Samarang und +Surakarta in vollem Bau; das Samarang zunächst gelegene Stück ist +bereits mit der Lokomotive befahren worden. Dieselbe Gesellschaft +baut eine andre Bahn zwischen Batavia und Buitenzorg. Mit diesen +beiden kurzen Strecken wird sich zunächst wohl der Verkehr begnügen +müssen. Eine andre Gesellschaft, welche über ganz Java ein +Eisenbahnnetz legen wollte, kam leider mit ihren Anträgen zu spät +und erhielt keine Konzession, weil eine solche die jener ersten +Gesellschaft gemachten Zugeständnisse verletzt haben würde. + +[102] Von 3 Schiffsladungen voll javanischer Kunstdenkmäler, die +Prof. Reinwardt nach Holland sandte, versank eine im Schiff Ida +en Adelaide, eine zweite im Kriegsschiff Amsterdam, die dritte +im Schiff Evereus, welches verbrannte. (Brumund Indiana.) + + + + +Register. + +_Berge unter Gunong, Tempel unter Tjandi zu suchen. J = Java, M = +Malacca, S = Singapore._ + + + Aberglaube, 55, 116, 134, 184, 198, 222, 229. + + Ackerbau M., 117, S. 21. + + Affen, 110, 124, 139, 216. + + Agar-agar, 36, 50. + + Alang-alang, 162. + + Albuquerque, 99, 100. + + Allor-gadja, 105. + + Alterthümer, 166, 186, 241. + + Alun-alun, 143. + + Ambarawa, 235. + + Ameisen, 61, 121. + + Anam, 89. + + Ananas, 27. + + Anjer, 7. + + Anonen, 28. + + Apfelsinen, 28. + + Araber, 239. + + Arachis, 137. + + Arak, 124. + + Arecapalme, 22, 228. + + Arenga saccharifera, 10, 124. + + Arsenik, 36, 108. + + Artocarpus, 27. + + Atap, 12 + + Aufbewahrung von Nahrungsmitteln, 30. + + Ausbruch des Gelungung, 187. + + Ausbr. d. Papandayan, 148. + + Australien, 91. + + Auswanderer, chines. 95. + + Auswanderer, europäische, nach trop Ländern, 94. + + + Bad, 216. + + Balatschong, 165. + + Bambus, 167, 174, 242. + Verwendungen des B., 174. + Schönheit des B., 180. + + Bambusbrücke, 197, 210. + + Bambushecken, 19. + + Bandjar, 191. + + Bandjar-negara, 209. + + Banane, 26. + + Bandong, 29, 140, 141. + + Batavia, 127, 248. + + Batek, 229. + + Batubala, 205. + + Batur, 210. + + Bau-Bau, 38. + + Baumschlangen, 118. + + Baumwolle, 94. + + Bedajas, 165, 184. + + Begräbnisse Imogiri, 225. + + Bergmenschen, 103. + + Bergreis, 37, 133. + + Bernstein, Dr., 132, 199. + + Betelkauen, 227. + + Bewässerung, eigenthümliche, 225. + + Biene, stachellose, 175. + + Billigkeit in Singapore, 25. + + Birma, 89, 90, 92. + + Blasebalg, 41. + + Blasrohr, 107. + + Blechbüchsen, 30. + + Blücher, 229. + + Bogenschiessen, 144. + + Borneo, 14, 91. + + Borobudor, 217, 219. + + Bosch, van den, 135. + + Botanischer Garten, 129. + + Brautzug, 239, 244. + + Bronzen, 166. + + Büffelkarren, 129, 138, 192. + + Büffel und Tiger, 203. + + Buitenzorg, 128, 129. + + Bukit-tima, 23, 55. + + Calamus, 56, 178. + + Carica papaya, 27. + + Ceylon, 158, 196. + + Chaussee, schöne, 240. + + China, 90, 92. + + Chines. Auswanderer, 42, 95. + + Ch. Fehden, 45. + + Ch. geheime Gesellschaften, 44. + + Ch. Genügsamkeit, 39. + + Ch. Gräber, 101, 237. + + Ch. Handwerke, 39. + + Ch. Hoeys, 44. + + Ch. Kaufleute, 39. + + Ch. Kochkunst, 38. + + Ch. Kostüme, 47. + + Ch. Leichenfeier, 48, 121. + + Ch. Prozession, 47. + + Ch. Reisesser, 38. + + Ch. Schattenspiel, 48. + + Ch. Todtenverehrung, 101. + + Ch., Verbreitung der, 93. + + Ch. Wohnung, 45. + + Chronometer, 6. + + Cicle, 228. + + Cinchonen, 130, 141, 167, 169, 172, 173, 181. + + Citrus, 28. + + Cocos, 10, 126, 245. + + Cocosfaser, 10. + + Cocosmilch, 165. + + Cocosöl, 126. + + Cochinchina, 89, 90, 92. + + Cooks sea-sawdust, 7. + + Corypha gebanga, 192, 221. + + „Cowes for Orders”, 88. + + Curcuma, 15. + + + Dachdecken, 12. + + Dadapkaffee, 157. + + Daendels, 143, 159. + + Dampfboot nach Surabaya, 239. + + Dampfschiffverkehr, 35, 95, 96. + + Dead reckoning, 6. + + Deutsche Rhederei, 11. + + Diener, 18, 28, 32. + + Dïeng, 210. + + Dike, 146. + + Ding-ding, 137. + + Djaggeri, 124. + + Drehbank C., 41. + + Durian, 29. + + Duymaer van Twist, 80, 134, 136. + + + Ehepärchen, 107. + + Ehrenstrafe, 240. + + Eier einsalzen, 39. + + Einwanderung von China, 42. + + Eisenbahnen J., 237. + + Eismaschinen, 31. + + Engländer, 25, 79, 89, 142, 209. + + Erdbeeren, 181. + + Erdnüsse, 137, 245. + + Erdsturz, 181. + + Erdtransport durch Wasser, 146, 235. + + Erythrinen, 157. + + Essbare Vogelnester, 198. + + Essstäbchen, 36. + + Eugenia, 28. + + Europäer in Singapore, 23. + + Europ. Auswanderung nach tropischen Ländern, 94. + + Europ. Frauen, 25. + + Europ. Lebensweise der, 25. + + Europ., Stellung der, 24, 140, 142. + + + Fahrt nach dem Lingi, 110. + + Fallen für Thiere, 109, 221. + + Fehden der Chin., 45. + + Ferne Osten, sonst u. jetzt, 89. + + Fest in Pandjalu, 187. + + Festung Ambarawa, 235. + + Feuchtigkeit, 19, 243. + + Feuer an Bord, 5. + + Feuer-Fest, 16. + + Feuerzeug von Bambus, 179. + + Fibrin, 27. + + Ficus indica, 138, 143. + + Ficus religiosa, 144. + + Fieber, 14, 118. + + Fischfang mit Toba, 55. + + Flaggensprache, 4, 88. + + Fledermäuse, 216. + + Fliegende Hunde, 216. + + Flussmündungen, 14, 50, 111. + + Franzosen in Saigon, 90. + + Frauen der Eingebornen, 36. + + Fr. in Java, 138. + + Fr. in Singapore, 25. + + Früchte S., 26. + J., 181. + + Fumarole, 147. + + + Gadok, 132, 136. + + Galton's Art of travel, 236. + + Gambir, 62, 65. + + Gamelang, 144, 166. + + Garküchen S., 36. + J., 136. + + Garten von Buitenzorg, 129. + + G. des preuss. Konsuls, 18. + + G. am Gedeh, 181. + + Garut, 146. + + Gasthäuser, 139. + + Gastfreundschaft, 26, 183, 209, 223. + + Gedong banteng, 167. + + Gefärbte See, 7. + + Geheime Gesellsch., 44. + + Gehorsam in Java, 232. + + Geisseln, 16. + + Geisterkönigin, 197, 222. + + Gelb, 15. + + Gemüse, 26, 181. + + General-Guvernör, 129, 131. + + Geogr. Spezialkenntnisse, 26. + + Geruchssinn, 39, 217. + + Geschichte von Malacca, 122. + + Geschmack d. Eingebornen, 92. + + Gewitter auf dem Lamongan, 247. + + Gewürzhandel-Abnahme, 22. + + Giftbereitung, 108. + + Gissung, 6. + + Glasflicker, Chin., 40. + + Goldgräber, 30. + + Gomutipalme, 10, 124. + + Gräber der Chin., 101, 237. + + Grebek, 232. + + Grösster Kreis, Segeln, 5. + + Grundbesitz J., 134, + M., 123. + + Grüner Thee, 151. + + Guajava, 29. + + Gunong Ardjuno, 241. + + G. Gedeh, 136, 139. + + G. Gelungung, 187. + + G. Guntur, 143, 145. + + G. Lamongan, 247. + + G. Lawu, 230. + + Gunong Malabar, 167. + + G. Megamendong, 138. + + G. Pakuodjo, 213. + + G. Pangerango, 129, 139, 181. + + G. Pangonan, 213. + + G. Salak, 129. + + G. Slamat, 206, 207. + + G. Semeru, 240, 242. + + Guttapercha, 104. + + + Häuser der Eingebornen, 22, 136, 140, 155, 174. + + Hecken von Bambus, 19. + + Heirathen, 238, 244. + + Hibiscus, 19, 167. + + Hindufest, 15. + + Hirschjagden, 162. + + Hitzpickel, 15. + + Hochebene von Bandong, 141, 167. + + Hochebene von Dïeng, 212. + + Hocken, 16. + + Hoeys, 44. + + Hof von Surakarta, 227, 238. + + Höflichkeit gegen Fremde, 239. + + Höhlen mit essbaren Nestern, 198. + + Holländer, 18, 20, 64, 80, 84, 86, 91, 113, 122. + + Honigwaben, 107. + + Hooker über Cinchonen, 173. + + Hunde, 25. + + Hunde, fliegende, 216. + + Hut, chines., 119. + + + Ichthyosis, 103. + + Imogiri, 225. + + Indian file, 36. + + Indigokultur, 224. + + Insektenpulver, 120. + + Irawaddi, 90. + + Islam, 145. + + + Jackfrucht, 27. + + Jahreszeiten, 19. + + Jakuns, 103, 107. + + Jambusen, 28. + + Japan, 89, 91. + + Java, 125. + + Javahoofd, 6. + + J. Strassen, 129, 143, 240. + + J. Reisen, 128, 140, 142, 163. + + Javanen, gut orientirt, 246. + + J. Maschinenarbeiter, 239. + + J. Religion, 145. + + J. Schattenspiel, 162. + + J. Unterwürfigkeit, 140, 142. + + John Bull, 18. + + Johor, 24. + + Jokjokarta, 220. + + Junghuhn, 140, 169, 182. + + Junken, 7. + + + Kabel, 10. + + Kadu, 215, 217. + + Kälte zum Aufbewahren von Nahrungsmitteln, 31. + + Kaffeepflanzung, Anblick, 155. + + Kaffee, Anlage, 157. + + Kaffee, Geschichte des, 159. + + Kaffeeproduktion, 158. + + Kaiser von Surakarta, 227, 238. + + Kajeputoel, 102. + + Kalibrantes, 240. + + Kalimas, 239. + + Kampf zwischen Tiger und Büffel, 203. + + Karang-bollong, 197. + + Karang-tritis, 222. + + Kari, 164. + + Kartoffelfrage, 26. + + Kaserne, 235. + + Kauern, 16. + + Kawa-manuk, 146. + + Kawa-dringu, 210. + + Kawali, 185. + + Kindersee, 192, 194. + + Kleiner Chinese, 33. + + Klima, tropisches, 118. + + Klima von Singapore, 19. + + Kling, 14, 35. + + Klingprozession, 15. + + Klipperschiffe, 3. + + Kochkunst, malayische, 164. + + Kohlen, 14, 35, 91. + + Kolonialpolitik, 92, 123. + + Kolonisation trop. Länder, 94. + + Kompass, 6. + + Kong, 116. + + Konsul, preuss., 17. + + Konsularbericht über Handel der Chinesen, 39. + + Korallenbank, 54. + + Korea, 91. + + Kostüme der Chinesen, 47. + + Kostüm zum Reisen, 119. + + Kraton, 220, 228. + + Kris, 51, 184, 229. + + Krokotan, 7. + + Kronik von Singapore, 87. + + Kultursystem, 91, 135, 148, 160, 196, 223. + + Kutscher, 14, 230. + + + Labuan, 91, 14. + + Lamongan, 246. + + Landakte M., 123. + + Landhaus S., 18. + + Landpächter J., 223. + + Landung S., 8. + + Leben im Walde, 117. + + Legende, 241. + + Leichenfeier, Ch., 48, 121. + + Leihhäuser, 228. + + Lei-tschi, 28. + + Lingifluss, 111. + + Log, 6. + + Loopers, 128. + + Loro-kidul, 197, 198, 222. + + + Macis, 20. + + Mac Ivor, 171. + + Malacca, 99. + + M., Ausflüge um, 116. + + M. Chinesen, 101. + + M. Einwohner, 101. + + M. Geschichte, 122. + + M. Rhede, 100. + + M.-Strasse, 6. + + Malang, 240. + + Malayen, 49, 117. + + Mal. Kochkunst, 164. + + Mal. Kronik, 87. + + Mal. Sprache, 52. + + Mal. Staaten, 112. + + Mangelsümpfe, 13, 111, 194. + + Mangko-bumi, 229. + + Mangko-negoro, 228. + + Mango, 27. + + Mangrove, 12, 111, 194. + + Mangustan, 27. + + Marryat's Signale, 3. + + Martin Vas, 3. + + Maschinenfabrik, 239. + + Melaleuca, 102. + + Melonenbaum, 27. + + Messageries impér., 95. + + Miasmen, 14. + + Mintras, 103, 107, 110. + + Mischlinge, 205, 238. + + Mission Rumbia, 101. + + Missionäre, 26, 62, 103. + + Mofette, 147. + + Montgomery über Thee, 94. + + Monsun, 9. + + Musang, 157. + + Musik, J., 166. + + Muskatnusspflanzung, 19. + + Muster, 92. + + Myristica moschata, 20. + + + Nahrungsmittel, Aufbewahrung, 30. + + Naning, 106. + + Nangka, 27. + + Nephelium, 28. + + Nerbudda, 144. + + Neroli, 29. + + Neujahrsfest, 232. + + Nipapalme, 12, 111. + + Nusa-kumbangan, 191. + + + Oel von Arachis, Sesam, Oliven, 137. + + Opium, 70. + + Opiumpacht, 71. + + Opiumpächter in Samarang, 239. + + Opiumrauchen, 72. + + Opium in Singapore, 72, 77. + + Opiumproduktion, 73. + + Opium, Gewinn daran, 74. + + Opium in England, 76. + + Opium in Java, 80. + + Orang-laut, 50, 87. + + Orang-utan, 103. + + Oranien, 28. + + Ortsbestimmung, 6. + + Ostind. Kompanie, 89, 196. + + + Palankinfahrt, 14. + + Palmenzucker, 126. + + Pandjalu, Fest in, 187. + + Pangerango, 129, 139, 181. + + Papandayan, 148, 152. + + Papaya, 27. + + Papierlaternen, 36. + + Paradoxurus musanga, 157. + + Pasanggrahan, 139, 142, 174. + + Pasir-kiamis, 146. + + Passatwinde, 4. + + Pauke, grosse, 196. + + Perkeniers, 20. + + Pfahldorf, 50, 194. + + Pfannenschmied, 41. + + Pfauen, 192. + + Pfeffer, 62. + + Pfeilgift, 107. + + Philippinen, 90. + + Pik von Teneriffa, 3. + + Pisang, 26. + + Plocaria, 36. + + Ponchor, 113. + + Portugiesen, 100, 122. + + Postreisen, J., 128, 129. + + Prauen, 10. + + Preanger, 138, 140. + + Preuss. Konsul, 17. + + Priester, 186. + + Prinz Djalma, 163. + + Prinzess Bachstelze, 229. + + Prinzess. von Jokjo, 220. + + Prinzess von Siam, 15. + + Prozession, Ch., 47. + + Prozession, Klings, 15. + + Psidium, 29. + + P. u. O. Kompanie, 95. + + Pulo-besi, 7. + + Pulo-brani, 54. + + Pulo-Pinang, 6, 21. + + Pumpelmuse, 28. + + Pungulu von Naning, 105. + + Punka, 18. + + Puter, 30. + + + Quak-quak, 38. + + + Raden Rio, 231. + + Raffles, 20, 34, 81, 87, 88, 232. + + Rafflesia Arnoldii, 130. + + R. Padma, 194. + + Rangun, 90. + + Ratten, 107, 193. + + Rawa, 191, 236. + + Receptie, 142. + + Regenten, Preanger, 140. + + Regent von Bandong, 184. + + R. von Garut, 154, 162. + + R. von Malang, 241. + + R. von Sumedang, 165. + + Regenzeit, 19, 248. + + Reis, 37, 132. + + R. in Amerika, 37. + + Reisbau, 132, 133. + + Reisernte, 134. + + R., Geschichte des, 37. + + R., Hauptnahrungsmittel, 36. + + R. in Java, 132. + + Reisscheune, 193. + + Reisewagen, 184. + + Reiseplan von Junghuhn, 142, 182. + + Reisen in Java, 128, 129, 140, 142. + + Religion der Mintras, 110. + + R. der Javanen, 145. + + Rezepte, mal., 137, 164, 223. + + Rhederei, deutsche, 11. + + Rhinozeros, 206. + + Rhiow, 84, 127. + + Rhiow-Strasse, 108. + + Rhizophoren, 12, 111, 194. + + Ricinusöl, 194, 214. + + Rochor, 50. + + Rom, Kirchenfeste, 234. + + Rompok, 203. + + Rongengs, 154, 168. + + Rosen, 19, 156. + + Rotang, 56, 178, 198, 210. + + Rothes Meer, 31. + + Rumbia, 101. + + + Sago, 37, 68, 123. + + Salangore, 111. + + Salzgewinnung, 221. + + Samarang, 236. + + Sambal, 137, 164. + + Samsching, 71. + + Sapota, 228. + + Sarg mit Dollars gefüttert, 49. + + Sawa, 132. + + Sawal, 185. + + Schattenspiel J., 162. + + Schattenspiel, S. 48. + + Schiffe der Eingebornen, 7, 9. + + Schiffsrechnung, 6. + + Schlangen, 118, 119. + + Schuhblume, 19. + + Schuhboot, 11. + + Schule f. Mischlinge, 205, 237. + + Schwarzer Thee, 150. + + Schweizer, 93. + + Seemenschen, 50, 87, 103. + + See Pandjalu, 186. + + Seeraub, 89. + + Seeräuber, 13, 36, 86. + + Sektenabzeichen, 14. + + Selterwasser, 231. + + Semeru, 240, 242. + + Sesamöl, 137. + + Siam, 89, 90, 92. + + Sichtbarkeit entfernter Gegenstände, 4. + + Singapore, 9. + + S., Anblick, 11. + + S., Billigkeit des Lebens, 25. + + S., Europäer, 29. + + S., Gastfreundschaft, 26. + + S., Gesellschaft, 26. + + S., Gründung von, 81. + + S., Lage und Boden, 12. + + S., Landung, 8. + + S., Rhede, 9, 34. + + S., Schiffsverkehr, 83. + + S., schnelles Aufblühen, 88. + + S., Strassen von, 12. + + S., Strassenkämpfe, 45. + + S., Strassenleben, 35. + + Singosari, 241. + + Sinkays, 42. + + Soldatinnen, 235. + + Solfatara, 147, 213. + + Solingen, 185. + + Sonnenschirm, 116, 142, 186. + + Sonst und jetzt im fernen Osten, 89. + + Spanier, 86. + + Span. Rohr, 56, 178, 198, 210. + + Spielsucht, 70. + + Steinplatten, verzierte, 46. + + Straits Settlements, 85, 99. + + Strassen, J., 143. + + Stürme, 236. + + Südküste J., 195, 221. 245. + + Sultan von Johore, 51. + + S. von Jokjo, 220. + + Sumedang Bedajas, 165. + + Sumpitan, 107. + + Sundastrasse, 6. + + Surabaya, 239, 248. + + Surakarta, 227, 238. + + Susuhanan, 227, 238. + + + Tabakkauen, 227. + + Tabakbereitung, 214. + + Tabaschir, 175. + + Tanz, Bandong, 184. + + T. der Rongengs, 184. + + T. Sumedang, 165. + + T. Surakarta, 229. + + Tapioka, 69, 123. + + Teakholz, 193. + + Telaga bodas, 155. + + T. dringu, 210. + + T. leri, 211. + + T. mendjer, 215. + + T. werno, 139. + + Telinga, 14. + + Teneriffa, 3. + + Termiten, 58. + + Teufelsbett, 199. + + Thee, 148. + + T., grüner, 151. + + Theekontrakte, 149. + + Theekultur, 148. + + Thee, schwarzer, 150. + + T., Vorderindien, 94. + + Theure Preise, 229. + + Tiger, 56, 64, 67, 163, 185, 192, 203, 230, 244. + + Tiger und Büffel, 203. + + Tigerfallen, 55. + + Tigerjäger, 163. + + Tigerstechen, 203. + + Tinko, 71. + + Tischchen deck' dich, 174. + + Tischgespräche, 26. + + Tjandi Borobudor, 217. + + T. Kali-bening, 225. + + T. Lombok, 226. + + T. Loro djongran, 226. + + T. Mundut, 219. + + T. Pakis, 241. + + T. Pavon, 219. + + T. Perot, 215. + + T. Prambanan, 225. + + T. Sari, 226. + + T. Sewu, 226. + + T. Singosari, 241. + + T. Suku, 231. + + T. Tumbang, 241. + + T. Werkodoro, 212. + + Tjandjur, 139, 140. + + Tjelatjap, 195. + + Tjikao, 138. + + Tjipanas, 139, 181. + + Tjondro di Muka, 213. + + Toaste, 29, 233. + + Toba zum Fischen, 55. + + Tod durch Unglücksfälle, 56. + + Todesstrafe, entsetzliche, 179. + + Todtenthal, 211. + + Todtenverehrung, 101. + + Topographen, 195, 205. + + Trichodesmium, 7. + + Trinidad, 3. + + Trogon, 144. + + Tropikvögel, 7. + + Tschandu, 71. + + Turmerik, 15. + + + Ungeziefer, 120. + + Unglück des Herrn Kontrolör, 213. + + Unglücksfälle, 56. + + Universalmittel, 194. + + + Vanille, 130. + + Veranda, 18, 22. + + Verstümmelung, 16. + + Vertrag von, 1824 123. + + Vertrauen, 24. + + Vogelnester, essbare, 198. + + Vogelpferde, 162. + + Vogelscheuchen, 215, 245. + + Vokalkonzert, 238. + + Vorderindien, 89, 94, 168, 171, 172. + + Vrij, de, 28, 124, 141, 169, 172. + + + Waffen, kostbare, 184. + + Waisenhaus, 237. + + Wald, Lärm im, 174. + + Waldkaffee, 157. + + Waldmenschen, 102, 103. + + Wanaradja, 154. + + Waringi, 138, 143. + + Warong, 136. + + Wasser zum Erdtransport,146, 235. + + Wasserfall Tjipotut, 206. + + Wayang, 48, 162. + + Wellenhöhen, 5. + + Weltevreden, 127. + + Windstillen, 3, 7. + + Wirbelwind, 236. + + Wölfe, 57. + + Wonosobo, 210. + + + Yams, 210. + + + Zimmet, 195. + + Zinn, 114, 117. + + Zinngiesser, 40. + + Zwangsarbeit, 136, 149, 161. + + Zweckmässige Kleidung, 119. + + Zwergbambus, 19. + + +Buchdruckerei von Gustav Lange in Berlin, Friedrichsstrasse, 103. + + + +------------------------------------------------------------------+ + | Anmerkungen zur Transkription | + | | + | Folgende Inkonsistenzen wurden belassen, da beide Schreibweisen | + | üblich waren: | + | | + | anderen -- andren -- andern | + | aussen -- Aussen | + | bremer -- Bremer | + | cents -- Cents | + | Cocos -- Kokos | + | Daum -- Daumen | + | December -- Dezember | + | District -- Distrikt | + | djaggeri -- Djaggeri | + | Doppelsilikate -- Doppel-Silikate | + | eigene -- eigne | + | Eingeborene -- Eingeborne | + | Entwickelung -- Entwicklung | + | Erndte -- Ernte | + | Extract -- Extrakt | + | Feuerfest -- Feuer-Fest | + | Gamelan -- Gamelang | + | Gebirg -- Gebirge | + | Gedehgebirge -- Gedeh-Gebirge | + | Gerbstoff -- gerbestoffreichen | + | Gesteines -- Gesteins | + | gewissermassen -- gewissermaassen | + | Gliedmassen -- Gliedmaassen | + | Gutta-percha -- Guttapercha | + | Guiana -- Guyana | + | Haupt-Artikel -- Hauptartikel | + | Haupt-Einnahme -- Haupteinnahme | + | heut -- heute | + | Hinter-Indien -- Hinterindien | + | ipo-batang -- Ipo-batang | + | javaschen -- javanischen | + | jenseit -- jenseits | + | Johor -- Johore | + | Junghuhns -- Junghuhn's | + | Kajeput-Oel -- Kajeputoel | + | Kari-Pulver -- Karipulver | + | Kling-Prozession -- Klingprozession | + | Kolonial-Produkte -- Kolonialprodukte | + | Kultur-System -- Kultursystem | + | Küsten-Provinzen -- Küstenprovinzen | + | Livree -- Livrée | + | Loro-Kidul -- Loro-kidul | + | Maasregel -- Maassregel | + | Maassstab -- Massstab | + | Mal -- mal | + | mannichfaltig -- mannigfaltig | + | Muskatnuss-Pflanzung -- Muskatnusspflanzung | + | Nipa-Palme -- Nipapalme | + | NN-W -- NNW | + | Opium-Konsum -- Opiumkonsum | + | Orang-utan -- orang-utan | + | Ost-Asien -- Ostasien | + | paarweis -- paarweise | + | Padjet -- Padjit | + | Pedodarén -- Pedodaren | + | Prinzessin -- Prinzess | + | Pulo-Besi -- Pulo-besi | + | Pulo-Pinang -- Pulo-pinang | + | Quack-Quack -- Quak-quak | + | Quell -- Quelle | + | Radjah -- radja -- Rajah | + | Reis-Ernte -- Reisernte | + | Rupies -- Rupien | + | Sago-Palmen -- Sagopalmen | + | schmäler -- schmaler | + | stellenweis -- stellenweise | + | Sträuche -- Sträucher | + | Sunda-Strasse -- Sundastrasse | + | Sze-tschuen -- Szechuen | + | theilweis -- theilweise | + | Vokal-Konzert -- Vokalkonzert | + | Vorder-Indien -- Vorderindien | + | Waaren-Magazin -- Waarenmagazin | + | Yünan -- Yun-nan | + | zeitweis -- zeitweise | + | | + | Im Text wurden folgende eigentümliche Schreibweisen nicht | + | geändert, da es keine einheitliche Schreibweise gab: | + | | + | Adjudanten | + | Bivuak | + | Frohnarbeiter | + | Gallawagen | + | geborner | + | Geisbock | + | Gewandheit | + | Kontrolör | + | Marschal | + | Palissaden | + | Pumpelmuse | + | Spähne | + | | + | Im Text wurden folgende Änderungen vorgenommen: | + | | + | S. --- Seite "248" in "234" geändert (Inhalt). | + | S. --- "Sinpapore" in "Singapore" geändert (Vorwort). | + | S. 3 "Strait's Times" in "Straits Times" geändert. | + | S. 3 "van't algemeen" in "van 't algemeen" geändert. | + | S. 4 "allmählig" in "allmälig" geändert. | + | S. 8 "blosgelegt" in "blossgelegt" geändert. | + | S. 9 "euroäipscher" in "europäischer" geändert. | + | S. 12 "Stockz dachiegelförmig" in "Stock dachziegelförmig" | + | geändert. | + | S. 14 "O-.Gr." in "O.-Gr." geändert. | + | S. 14 "Jalusien" in "Jalousien" geändert. | + | S. 16 "untern" in "unteren" geändert. | + | S. 17 "allmählige" in "allmälige" geändert. | + | S. 18 "Jalusien" in "Jalousien" geändert. | + | S. 21 "allmählig" in "allmälig" geändert. | + | S. 21 "ziehn" in "ziehen" geändert. | + | S. 27 "jüngern" in "jüngeren" geändert. | + | S. 27 "ziehn" in "ziehen" geändert. | + | S. 28 "Hookers" in "Hooker's" geändert (Fußnote). | + | S. 35 "Newharbour" in "New harbour" geändert (Fußnote). | + | S. 38 "stehn" in "stehen" geändert. | + | S. 41 "Pfannenschmidt" in "Pfannenschmied" geändert. | + | S. 46 "hervorrragendsten" in "hervorragendsten" geändert. | + | S. 51 "Ansehn" in "Ansehen" geändert. | + | S. 51 "gehn" in "gehen" geändert. | + | S. 51 "Tuanko long" in "Tuanko-Long" geändert. | + | S. 51 "seltner" in "seltener" geändert. | + | S. 52 "Suveränität" in "Souveränität" geändert. | + | S. 53 ":" hinter piso entfernt. | + | S. 54 "stehn" in "stehen" geändert. | + | S. 54 "Sonnenaufang" in "Sonnenaufgang" geändert. | + | S. 54 "Newharbour" in "New harbour" geändert. | + | S. 54 "trocknes" in "trockenes" geändert. | + | S. 56 "Ausfuhr-Artikel" in "Ausfuhrartikel" geändert. | + | S. 57 "Krokodille" in "Krokodile" geändert (Fußnote). | + | S. 57 Summe Todesfälle in Java und Madura von 2565 in 2505 in | + | der Fußnote geändert (mit dieser Anzahl sind Spalten- | + | und Zeilensumme korrekt). | + | S. 57 Anzahl Selbstmorde in anderen Besitzungen von 28 auf 38 | + | in der Fußnote geändert (mit dieser Anzahl sind Spalten- | + | und Zeilensumme korrekt). | + | S. 59 "Gerstäcker" in "Gerstaecker" geändert. | + | S. 59 "stehn" in "stehen" geändert. | + | S. 59 "ununterbrochnen" in "ununterbrochenen" geändert. | + | S. 60 "eigner" in "eigener" geändert. | + | S. 61 "äussern" in "äusseren" geändert. | + | S. 61 "innern" in "inneren" geändert. | + | S. 64 "neuaugekommene" in "neuangekommene" geändert. | + | S. 67 "best unterrichteten" in "bestunterrichteten" geändert. | + | S. 71 "brenzlichten" in "brenzlichen" geändert. | + | S. 71 "heist" in "heisst" geändert. | + | S. 72 "besondern" in "besonderen" geändert. | + | S. 73 "Opinmpächter" in "Opiumpächter" geändert. | + | S. 75 "je der" in "jeder" geändert. | + | S. 75 "Anfangs" in "anfangs" geändert (Fußnote). | + | S. 75 "Paralysie" in "Paralyse" geändert (Fußnote). | + | S. 76 "Grossbritanien" in "Grossbritannien" geändert. | + | S. 76 "Lockhardt" in "Lockhart" geändert. | + | S. 77 "Grossbritaniens" in "Grossbritanniens" geändert. | + | S. 78 "Nevralgien" in "Neuralgien" geändert. | + | S. 78 "Landanum" in "Laudanum" geändert (Fußnote). | + | S. 81 "Entsehung" in "Entstehung" geändert. | + | S. 82 "eigne" in "eigene" geändert. | + | S. 83 ")" in Fußnote eingefügt. | + | S. 86 "versehn" in "versehen" geändert. | + | S. 89 "grössern" in "grösseren" geändert. | + | S. 92 "versursachen" in "verursachen" geändert. | + | S. 94 "eignem" in "eigenem" geändert. | + | S. 94 "Montgommery" in "Montgomery" geändert. | + | S. 100 "herausfordender" in "herausfordernder" geändert. | + | S. 100 "do" in "so" geändert (Fußnote). | + | S. 102 "äussern" in "äusseren" geändert. | + | S. 102 "grössern" in "grösseren" geändert. | + | S. 102 "Molucken" in "Molukken" geändert. | + | S. 104 "Montgommery" in "Montgomery" geändert. | + | S. 104 "trockne" in "trockene" geändert. | + | S. 106 "Moscheh" in "Moschee" geändert. | + | S. 107 "Erde" in "Ende" geändert. | + | S. 107 "untern" in "unteren" geändert. | + | S. 108 "Bambuskapfel" in "Bambuskapsel" geändert. | + | S. 108 "besondern" in "besonderen" geändert. | + | S. 108 "ein" bei "Ballen ein geschabter" entfernt. | + | S. 110 "obern" in "oberen" geändert. | + | S. 111 "saubern" in "sauberen" geändert. | + | S. 114 "glänzlich" in "gänzlich" geändert. | + | S. 114 "seltnes" in "seltenes" geändert (Fußnote). | + | S. 116 "lockern" in "lockeren" geändert. | + | S. 118 "auf's" in "aufs" geändert. | + | S. 118 "bessern" in "besseren" geändert. | + | S. 118 "letzterm" in "letzterem" geändert. | + | S. 118 "Turisten" in "Touristen" geändert. | + | S. 119 "hintern" in "hinteren" geändert. | + | S. 119 "untern" in "unteren" geändert. | + | S. 119 "trockne" in "trockene" geändert. | + | S. 120 "frühern" in "früheren" geändert. | + | S. 118 "letztern" in "letzteren" geändert. | + | S. 124 "arak" in "Arak" geändert. | + | S. 127 "Abends" in "abends" geändert. | + | S. 128 "Moelenvliet" in "Molenvliet" geändert. | + | S. 129 "trocknem" in "trockenem" geändert. | + | S. 130 "Generalguvernör" in "General-Guvernör" geändert. | + | S. 130 "Mitheilung" in "Mittheilung" geändert (Fußnote). | + | S. 133 "Gágas" in "Gagas" geändert. | + | S. 133 "Tegáls" in "Tegals" geändert. | + | S. 133 "Crawford" in "Crawfurd" geändert. | + | S. 134 "stehn" in "stehen" geändert. | + | S. 134 "Bergreiss" in "Bergreis" geändert. | + | S. 134 "trocknem" in "trockenem" geändert. | + | S. 135 "Niesbrauch" in "Niessbrauch" geändert. | + | S. 139 "Bungalo" in "Bungalow" geändert. | + | S. 139 "letztern" in "letzteren" geändert. | + | S. 139 "Mosen" in "Moosen" geändert. | + | S. 140 "besondern" in "besonderen" geändert. | + | S. 141 "Assistentresidenten" in "Assistent-Residenten" geändert. | + | S. 142 "nazje" in "nazie" geändert. | + | S. 143 "entstehn" in "entstehen" geändert. | + | S. 143 "stehn" in "stehen" geändert. | + | S. 143 "gehn" in "gehen" geändert. | + | S. 143 "Honeurs" in "Honneurs" geändert. | + | S. 144 "gewahrt" in "gewährt" geändert. | + | S. 144 "Moscheh" in "Moschee" geändert. | + | S. 145 "Vulcane" in "Vulkane" geändert. | + | S. 146 "überhangende" in "überhängende" geändert. | + | S. 149 "Bagelén" in "Bagelen" geändert. | + | S. 151 "Blattsiel" in "Blattstiel" geändert. | + | S. 151 "male" in "Male" geändert. | + | S. 153 "grösserm" in "grösserem" geändert. | + | S. 153 "obern" in "oberen" geändert. | + | S. 155 "Kawah-manuk" in "Kawa-manuk" geändert. | + | S. 155 "tiefern" in "tieferen" geändert. | + | S. 157 doppeltes "zu" entfernt. | + | S. 159 doppeltes "in" entfernt (Fußnote). | + | S. 159 "Máte" in "Mate" geändert (Fußnote). | + | S. 159 "trockner" in "trockener" geändert. | + | S. 163 "Súmedang" in "Sumedang" geändert. | + | S. 163 "Wana-radja" in "Wanaradja" geändert. | + | S. 164 "Honeurs" in "Honneurs" geändert. | + | S. 164 "Malémbong" in "Malembong" geändert. | + | S. 165 "innern" in "inneren" geändert. | + | S. 167 "besár" in "besar" geändert. | + | S. 168 "papandayan" in "-papandayan" geändert. | + | S. 168 "Gelungúng" in "Gelungung" geändert. | + | S. 168 "Slámat" in "Slamat" geändert. | + | S. 171 "Ootocamund" in "Ootacamund" geändert. | + | S. 172 ” eingefügt. | + | S. 176 "äussern" in "äusseren" geändert. | + | S. 176 "Palembang" in "Palémbang" geändert. | + | S. 177 "Bambusspliessen" in "Bambussplissen" geändert. | + | S. 178 "bestehn" in "bestehen" geändert. | + | S. 178 "innern" in "inneren" geändert. | + | S. 179 "verkümmetren" in "verkümmerten" geändert. | + | S. 179 "Seméru" in "Semeru" geändert. | + | S. 180 "Teysman" in "Teysmann" geändert. | + | S. 183 "eignes" in "eigenes" geändert. | + | S. 184 "nnd" in "und" geändert. | + | S. 185 "Tampomás" in "Tampomas" geändert. | + | S. 185 "trocknen" in "trockenen" geändert. | + | S. 186 "Ansehn" in "Ansehen" geändert. | + | S. 186 "Krokodillen" in "Krokodilen" geändert. | + | S. 187 "Glassschrank" in "Glasschrank" geändert. | + | S. 188 "Aromata's" in "Aromata" geändert. | + | S. 188 "Schöpfrng" in "Schöpfung" geändert. | + | S. 188 "Tasikmalaju" in "Tasikmalaja" geändert. | + | S. 189 "beedckt" in "bedeckt" geändert. | + | S. 189 "Tasik-malaju" in "Tasikmalaja" geändert. | + | S. 191 "Banteng-mati" in "Bantengmati" geändert. | + | S. 189 "Tasik-malaju" in "Tasikmalaja" geändert. | + | S. 189 "Tasik-malayu" in "Tasikmalaja" geändert. | + | S. 191 "Kaliputjan" in "Kaliputjang" geändert. | + | S. 193 "Regieruug" in "Regierung" geändert. | + | S. 193 "unschädich" in "unschädlich" geändert. | + | S. 194 "Muskitos" in "Moskitos" geändert. | + | S. 195 "Jocjokarta" in "Jokjokarta" geändert. | + | S. 197 "Bagelén" in "Bagelen" geändert. | + | S. 197 "letztern" in "letzteren" geändert. | + | S. 197 "obern" in "oberen" geändert. | + | S. 201 "Molucken" in "Molukken" geändert. | + | S. 202 "Pendoppo" in "Pendopo" geändert. | + | S. 205 "Adjibárang" in "Adjibarang" geändert. | + | S. 205 "Terassen" in "Terrassen" geändert. | + | S. 207 "obern" in "oberen" geändert. | + | S. 208 "trockner" in "trockener" geändert. | + | S. 208 "untern" in "unteren" geändert. | + | S. 209 "Bandjar-negára" in "Bandjar-negara" geändert. | + | S. 209 "Serájuthal" in "Serajuthal" geändert. | + | S. 210 "Samárang" in "Samarang" geändert. | + | S. 211 "äussern" in "äusseren" geändert. | + | S. 211 "Telaga-werna" in "Telaga-warna" geändert. | + | S. 213 "Telaga-werno" in "Telaga-warna" geändert. | + | S. 217 "abgesehn" in "abgesehen" geändert. | + | S. 218 "Basleriefs" in "Basreliefs" geändert. | + | S. 219 "dssselbe" in "dasselbe" geändert. | + | S. 220 "innern" in "inneren" geändert. | + | S. 220 "Kratòn" in "Kraton" geändert. | + | S. 221 "Corypha Gebanga" in "Corypha gebanga" geändert. | + | S. 225 "Kalásan" in "Kalasan" geändert. | + | S. 226 "Bramakultus" in "Brahmakultus" geändert. | + | S. 227 "herliche" in "herrliche" geändert. | + | S. 227 "Jocjokarta" in "Jokjokarta" geändert. | + | S. 227 "Musikkorps" in "Musikcorps" geändert. | + | S. 228 "Tennant's" in "Tennent's" geändert. | + | S. 229 "entblöste" in "entblösste" geändert. | + | S. 230 "besondern" in "besonderen" geändert. | + | S. 230 "grader" in "gerader" geändert. | + | S. 232 "garnicht" in "gar nicht" geändert. | + | S. 232 "Grebék" in "Grebek" geändert. | + | S. 232 "stehn" in "stehen" geändert. | + | S. 232 "Suverän" in "Souverän" geändert. | + | S. 233 "dunckler" in "dunkler" geändert. | + | S. 233 "goldnes" in "goldenes" geändert. | + | S. 234 "hört" in "hörte" geändert. | + | S. 234 "Schule." in Abschnittsüberschrift eingefügt. | + | S. 235 "ewähnte" in "erwähnte" geändert. | + | S. 237 "Cocuspalmen" in "Cocospalmen" geändert. | + | S. 238 "Samárang" in "Samarang" geändert. | + | S. 238 "stehn" in "stehen" geändert. | + | S. 240 "Pasúruan" in "Pasuruan" geändert. | + | S. 240 "Seméru" in "Semeru" geändert. | + | S. 241 "Indrógeni" in "Indrogeni" geändert. | + | S. 242 "trocknen" in "trockenen" geändert. | + | S. 244/245 "Tenger-Gebirge" in "Tengger-Gebirge" geändert. | + | S. 249 "Agar-Agar" in "Agar-agar" geändert. | + | S. 249 "Bau-bau" in "Bau-Bau" geändert. | + | S. 249 "Chaussée" in "Chaussee" geändert. | + | S. 249 "Eismachinen" in "Eismaschinen" geändert. | + | S. 250 "Gelungun" in "Gelungung" geändert. | + | S. 250 "Geruchsinn" in "Geruchssinn" geändert. | + | S. 251 "Montgommery" in "Montgomery" geändert. | + | S. 252 "Kalibening" in "Kali-bening" geändert. | + | | + +------------------------------------------------------------------+ + + + + + +End of Project Gutenberg's Singapore, Malacca, Java., by Fedor Jagor + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 44405 *** |
