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+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 44368 ***
+
+Anmerkungen zur Transkription:
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+ Das Original ist in Fraktur gesetzt.
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+ Im Original in _Antiqua_ gesetzter Text wurde mit _ markiert.
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+ Im Original ~gesperrt~ gesetzter Text wurde mit ~ markiert.
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+ Im Original #fett# gesetzter Text wurde mit # markiert.
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+ Doppelte Anführungsstriche wurden durch » (unten) und «
+ (oben) ersetzt.
+
+ Einfache Anführungsstriche wurden durch > (unten) und <
+ (oben) ersetzt.
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+
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+JUGEND, LIEBE UND LEBEN
+
+Körperliche, seelische und sittliche Forderungen der Gegenwart
+
+von
+
+EMIL PETERS
+
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+
+[Illustration: Dekoration]
+
+Volkskraft-Verlag
+~Konstanz am Bodensee~
+
+
+ * * * * * *
+
+
+ Bücher von Emil Peters
+ ~aus dem Volkskraft-Verlag in Konstanz am Bodensee:~
+
+
+ #Strahlende Kräfte.# Wege zu Glück und Erfolg durch Charakter-,
+ Willens- und Menschenbildung. Mit Titelbild von Fidus. 10. Tausend.
+ Geheftet M. 5.50. Gebunden M. 7.70. Geschenkband mit Goldschnitt
+ M. 8.25. Porto bei direkter Zusendung 25 Pf.
+
+ #Kranke Seelen.# Wege des Lebens für die Einsamen und
+ Unverstandenen, die Ruhelosen und Nervösen, die Unzufriedenen, die
+ Unglücklichen, und Seelenleidenden. Mit Bildnis des Verfassers,
+ Umschlagzeichnung und Innenbildern von Prof. Richard Pfeiffer.
+ Geheftet M. 6.--. Gebunden M. 8.25. Porto bei direkter
+ Zusendung 35 Pf.
+
+ #Die das Glück suchen....# Brücken von der sichtbaren in die
+ unsichtbare Welt und in die geheimen Lebensgesetze der Seele.
+ Deckelzeichnung von E. Anslinger-München. Geheftet M. 5.50.
+ Gebunden M. 7.50. Vornehmer Geschenkband mit Goldschnitt M. 8.50.
+ Porto bei direkter Zusendung 25 Pf.
+
+ #Unbekannte Gedankenkräfte.# Geistige Lebensgesetze und seelische
+ Welten. Deckelzeichnung von E. Anslinger-München. Geheftet M. 2.75.
+ Gebunden M. 4.40. Porto 15 Pf.
+
+ #Kinderzeit.# Fröhliche Erziehung. Ernstes und Heiteres aus
+ natürlicher Erziehung. Mit 16 Bildern nach photographischen
+ Aufnahmen von des Verfassers Kindern. Geheftet M. 5.--.
+ Gebunden M. 7.50. Porto bei direkter Zusendung 25 Pf.
+
+ #Schaffende Menschen!# Charakterbildung, Energie und Erfolg in
+ Leben und Arbeit. Umschlagzeichnung von E. Anslinger-München.
+ Geheftet M. 5.50. Gebunden M. 7.70. Porto 25 Pf.
+
+ #Arbeit, Kraft und Erfolg.# Wege zur Steigerung der
+ Leistungsfähigkeit in körperlichem und geistigem Schaffen.
+ Deckelzeichnung von E. Anslinger-München. Geheftet M. 4.--.
+ Gebunden M. 6.--. Porto bei direkter Zusendung 25 Pf.
+
+
+
+ Die Bücher sind auch in jeder guten Buchhandlung zu haben.
+
+ Ausführliche Verzeichnisse der Bücher von ~Emil Peters~ versendet der
+ obenstehende Verlag oder besorgt jede Buchhandlung.
+
+
+
+ ~Alle Rechte vorbehalten.~
+
+ _Copyright 1920 by Volkskraft-Verlag Konstanz am Bodensee._
+
+ Den Druck besorgte die Pierersche Hofbuchdruckerei Stephan
+ Geibel & Co. in Altenburg, S.-A.
+
+ Diese Buch ist auch in hübschem Einband als Geschenkband beim
+ Verlag oder in jeder Buchhandlung vorrätig.
+
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+ * * * * * *
+
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+[Illustration: Dekoration]
+
+
+
+
+Vorwort zur zweiten Auflage.
+
+
+Dies Buch, das in seiner ersten Auflage »Wenn ihr ins Leben tretet!«
+hieß, erscheint in seiner zweiten Auflage unter neuem Titel und in
+anderem Gewande. Es entspricht darin mehr den Vorträgen, die ich
+allerorten hielt.
+
+Der Gegenstand ist ernst und schwer in seiner Darstellung. Es gibt
+Dinge, die so grenzenlos traurig und häßlich sind, daß die Feder oft
+zögert, sie niederzuschreiben. Aber wer, wie ich, das Menschenleben zu
+schöneren, höheren und edleren Formen bringen will, der darf, wo er das
+Licht zeichnet, auch die Schatten zu malen nicht vergessen. ~Jugend und
+Liebe~ -- sie sind beide das Licht, das leuchtend und glückselig eine
+Weile über unserem Wege steht. Aber ~Irrtum und Schuld~ verschlingen die
+unglückseligen Hände und reißen die Menschen in die Tiefen, wo in
+Unglück und Krankheit, in Nacht und Chaos die Liebe erstickt.
+
+Das Häßliche ist hier wahrlich nicht um des Häßlichen willen geschildert
+worden. Nein, die Feder stockt dabei, und Scham durchzog den Sinn. Aber
+mutig galt es die Aufgabe zu lösen und jungen Menschen, die klopfenden
+Herzens vor dem Wundergarten der Liebe stehen, den rechten Weg zu
+zeigen.
+
+Wer das Dunkel geschaut, dessen Auge ist dankbar für das Licht. So soll
+dies Buch verstanden sein.
+
+Nicht ein »Aufklärungsbuch« im landesüblichen Sinne soll es sein. Es
+soll nicht mit kaltem Verstande Dinge sagen, die zu wissen noch nicht
+sittliche Kraft bedeuten. Weh uns, wenn Wissen und Verstand der Liebe
+die Tiefen rauben, wenn wir nicht mehr erröten und die Rätsel der Liebe
+uns nicht mehr die Pulse stocken machen! Nicht dem Verstand und dem
+kalten Wissen -- nein, der ~Seele~ wollte ich die Geheimnisse junger
+Liebe ablauschen. Was nutzt »Aufklärung«, wo die seelenvolle
+Menschlichkeit, die sittliche Persönlichkeit fehlt! Erzieherisch ging
+ich zu Werke, von innen -- nicht von außen her.
+
+Worte und Begriffe sind dem Verständnis junger Menschen angepaßt. Eltern
+mögen das Buch schulentlassenen Jünglingen in die Hand geben. Es soll
+ihnen Wegweiser sein. Und wenn die traurigen und schreckensvollen Dinge
+dieses Buches auch mit Wehmut ihre Seele füllen und in den Freudenkelch
+der Jugend bittere Tropfen fallen, so wird die Wahrheit doch denen nicht
+den Zauber junger Liebe rauben, die »frei von Schuld und Fehle« mit
+diesem Buche den glücklichen Weg des Reinen gehen.
+
+~Neuenhagen~ (Ostbahn) bei Berlin.
+
+ #Emil Peters.#
+
+[Illustration: Dekoration]
+
+
+
+
+Erster Teil.
+
+Die einsamen Triebverirrungen der Jugend.
+
+Einleitung.
+
+
+Wir wollen miteinander über Dinge sprechen, über die man
+eigentlich -- nicht spricht. Jedenfalls nicht allgemein und vor allem
+nicht so, wie man über andere Dinge spricht. Das ist das
+Geschlechtliche.
+
+Wie merkwürdig, daß es etwas im Menschenleben gibt, von dem es scheint,
+daß es verborgen werden müßte. Und doch ist es nicht weniger natürlich,
+als alles andere, ja, natürlicher und selbstverständlicher wohl. Aber
+wer viel in der Irre ging, der findet nachher den rechten Weg nicht
+mehr. So haben die Menschen in den geschlechtliche Dingen durch viel,
+viel Irrtümer eine Wirrnis geschaffen, in der nun mancher nicht ein und
+aus weiß. Er möchte fragen, den oder jenen: »Was ist's mit der
+Geschlechtlichkeit? Mit all den aufsteigenden Empfindungen, die mich
+quälen und freuen, die mir unruhige Stunden machen und bunte Bilder
+vorgaukeln?«
+
+Aber wen soll er, ja, wen darf er fragen? Der Frage folgt Schweigen oder
+verlegenes Lächeln. Das Leben hat den Erwachsenen die Antwort schwer
+gemacht. Trübe Ereignisse und Reue verstellen der Wahrheit den Weg.
+
+Aber wer in Gefahr war, sollte den Neuankommenden warnen. Wer
+strauchelte, sollte verhüten, daß auch der andere strauchelt. Darum ist
+es nicht gut, wenn du noch unbelehrt und ungewarnt bist.
+
+Ich will niemandem einen Vorwurf machen, am allerwenigsten deinen Eltern
+oder deinen Lehrern. Sie haben dich gefördert, wie sie nur konnten. Aber
+dies Geschlechtliche, siehst du, nimmt in allen Dingen des Lebens eine
+Ausnahmestellung ein. Es schlummert in ihm -- und darum auch in
+dir -- etwas Gefährliches, das man durch Schweigen dämpfen möchte; denn
+niemand kann sagen, ob Glück oder Unglück daraus entspringt.
+
+Ich aber meine, im Dunkeln sei kein Weg zu finden. Licht soll auf alle
+Lebenswege fallen. Darum will ich dir die Wahrheit sagen, will mit dir
+über ein paar Lebensfragen sprechen, damit dein Leben Halt und
+Festigkeit und Richtung bekommt. Und insbesondere will ich dir alle
+deine stummen Fragen beantworten, die scheu und geheimnisvoll-verlegen
+dem Geschlechtlichen entsteigen und neugierig das Geschlechtliche
+umflattern.
+
+
+1.
+
+Vom Sinn des Lebens.
+
+Hast du schon einmal darüber nachgedacht, welchen Sinn wohl das Leben
+haben könne? Ja, hast du versucht, die Lebenserscheinungen denkend zu
+einer Lebens-»Anschauung«, zu einem Lebensbild, zu vereinigen und dein
+eigenes Denken und Tun mit diesem Lebensbild in Einklang zu bringen?
+
+Ich glaube nicht. Denn das Elternhaus hat dich treusorgend bewahrt. Den
+Tisch fandest du stets gedeckt, und manche Sorge ums Alltägliche und um
+das, was die nächsten Tage bringen werden, haben die Eltern dir
+ferngehalten und allein ihre Stunden damit ausgefüllt, während du lachen
+und scherzen oder schlafen konntest. Die Schule setzte dir fertiges
+Wissen vor. Du nahmst, was andere gedacht, und warst des eigenen,
+tieferen Denkens enthoben.
+
+Nun aber trittst du ins Leben hinaus. Nun beginnt auch für dich der
+Kampf. Die Pflichten mehren sich, und der Tag ist nicht mehr fern, an
+dem auch deine Schultern tragen sollen, was ein Mensch zu tragen vermag.
+Und zeitweilig noch mehr. Da gilt es, Kräfte zu sparen und stark zu
+werden, um mutig und aufrecht den Lebensstürmen zu trotzen.
+
+Es mag ein banges Zagen dich beschleichen, wenn du daran denkst, bald
+ganz auf dich allein gestellt zu sein. Du zweifelst, ob deine Kräfte
+ausreichen werden. Aber sei getrost! Nicht als ein Fertiger tritt der
+Mensch an seine Aufgaben heran, sondern die Pflicht steigert die Kraft.
+Alles in der Natur und im Leben ist ein Werden, ein Wachsen. Alles Leben
+ringt nach Vollendung und vollendet sich im Kampf. Der Starke
+triumphiert im Kampf, bleibt Sieger. Den Schwachen zerbricht das Leben.
+
+Wohlan! Sei ein Starker! Fasse Mut, und freue dich der wachsenden Kraft!
+Kleine Widerstände geben dir Mut, dich an großen zu messen, und ehe ein
+paar Jahre ins Land gegangen, schaust du deinen Weg zurück und lachst
+der Zaghaftigkeit, die dich heute beschleicht.
+
+Und da haben wir schon einen Blick aufs Ganze. Da sehen wir schon
+Richtung und Weg und Ziel, und langsam formt sich aus den Nebeln der
+Unreife und Unklarheit ein Lebensbild.
+
+Schau um dich in der Natur! Roh und formlos ist der Anfang. Gott aber
+blies allem seinen »lebendigen Odem« ein. Was heißt das? Das heißt, daß
+in die brodelnden Urgewalten das Gesetz der Entwicklung hineingeworfen
+wurde, daß eine unendliche Harmonisierung den Lauf des Lebens begleitet,
+daß alles, was in die Bahn des Lebens geworfen wird, um seines Daseins
+Kreise zu vollenden, dem Göttlichen sich entgegen entwickeln soll.
+
+So gehörst du nicht dir selbst, du bist ein Teil des Weltgeschehens,
+bist eine von den zahllosen Formen, in denen die Natur das Leben neu
+erzeugt, und in dir schlummert der göttliche Funke, der dich zum
+Menschen macht, der Funke, der durch dein Leben zur Flamme angeblasen
+werden soll, die dich läutert. Dieser göttliche Funke ist dein Gewissen,
+ist das Menschheitsgewissen, jener oberste Richter über Gut und Böse,
+der Ewigkeitsgesetze geschrieben hat und heute wie vor Tausenden von
+Jahren herrscht.
+
+Die Menschen leben um des Besten willen. Die Entwicklung geht den Weg
+des Guten; denn das Gute ist die Entwicklung. Das Schlechte stirbt in
+sich, weil es dem Gesetz der Entwicklung widerstrebt.
+
+So siehst du, werden wir Menschen durch ein geheimnisvolles und
+gewaltiges Gesetz geführt. Dies Gesetz, der sittliche Grundgedanke,
+zeichnet der Entwicklung ihren Weg. Wer sich gegen dies Gesetz vergeht,
+sei es, daß er dem unkontrollierten Genuß des Augenblicks huldigt, oder
+im materiellen Vorteil das Gewissen schweigen heißt, der versündigt sich
+gegen die Majestät der Menschheit, und er fühlt den leisen Mahner in
+seinem Innern, der ihm sagt. »Das durftest du nicht tun.« --
+
+Diese Sauberkeit und Klarheit des Gewissens mußt du dir erhalten, denn
+damit hast du die nötige Festigkeit in dir, um jenen Hohlköpfen und
+Wichten zu begegnen, die ihr Leben auf sich selbst, und damit auf
+nichts, gestellt haben; denn sie sind nichts, und das »Ich«, das sie in
+ihrer Phrase vom »Sichausleben« in den Vordergrund drängen, ist wie eine
+taube Nuß. Je weniger fest und stark das Leben im Innern ist, desto
+ruheloser und schwankender wird es nach außen. Darum gerade verfallen
+sie einem unruhevollen Geschlechtsgenuß und ertränken ihr Gewissen in
+Lärm und Alkohol und vielen Phrasen von »Individualität« und
+»Männlichkeit«. Diese Worte aber sind nichts als Angst und sind ein
+Versuch, den Starken, der wie ein stiller Vorwurf neben ihnen
+herschreitet, aus dem Wege zu räumen, das heißt, durch philosophische
+Phrasen zu sich hinabzuzerren und für ihre eigene Hohlheit
+breitzuschlagen.
+
+Wenn du diesen Menschen begegnest, so wehre dich gegen sie! Wenn sie dir
+sagen. »Der Mensch gehört sich selbst, und niemand ist Richter über
+ihn,« so antworte ihnen: »Nein! das Leben ist ein Geschenk der Natur.
+Niemand ist auf sich selbst gestellt, niemand gehört sich selbst. Feine
+Fäden verbinden die Menschheit in Glück und Leid miteinander, und jede
+schlechte Tat vermehrt das Leid und das Unglück, jede gute Tat aber ist
+ein kleiner Schritt weiter auf dem Wege der Bereicherung und
+Verschönerung des Lebens.«
+
+
+2.
+
+Volkstum.
+
+Tiefgreifende Besonderheiten haben von jeher die Menschheit in Rassen
+und Völker geschieden.
+
+Du gehörst dem deutschen Volke an! Vergiß das nicht! Und vergiß nicht,
+wenn du das Wort »Deutsch« sprichst, daß es nicht eben bloß ein Wort ist
+wie tausend andere, sondern daß es aus fernen Jahrtausenden zu uns
+herübertönt mit ehernem Klang, einer Fanfare gleich, die schmetternd zum
+Appell ruft.
+
+Deutsch sein! Diesem Schlachtruf unterlagen die römischen Legionen in
+den finsteren germanischen Wäldern. Für diesen Begriff blutete
+Deutschland aus immer wieder frischen Wunden. Unter diesem Zeichen
+siegten wir und wurde unser Volk stark und groß. Deutsch sein! das ist
+nicht ein bloßes Wort, nein, das ist Blut und Mark und Saft von
+besonderer Art. Die Form des Kopfes, Farbe und Glanz des Auges,
+Empfindung, Denken und Tun: all das ist deutsch, ist anders als das der
+anderen Völker. Um dies Deutschsein haben Tausende auf rauchenden
+Schlachtfeldern gelitten und gestritten, Tausende haben sich in der
+Ferne in Sehnsucht nach der Heimat verzehrt, und Jubel und Jauchzen
+erfüllte ihre Brust, wenn sie an Rückkehr denken durften.
+
+Deutsch sein! dafür haben wir vier Jahre lang dem Ansturm einer ganzen
+Welt standgehalten, bis das Aufgeben dieses Deutschseins uns die Waffen
+aus den Händen schlug, uns wehrlos machte, daß wir zusammen brachen.
+
+Nun merke auf! Es gibt Menschen von fremder, heimatloser Art um dich und
+charakterlose Schwätzer, die deinen Rassen- und Volksbegriff leugnen und
+zerstören möchten. Sie setzen viel hohle Phrasen an die Stelle des
+greifbaren Volkstums. Laß dir dies Rassen- und Volksbewußtsein, diesen
+völkischen Stolz, nicht rauben! Schlage die Blätter der Weltgeschichte
+um! Blatt für Blatt erkennst du das gewaltige Ringen der Völker um ihre
+angestammte Art. Und du erkennst, daß nur dann ein Volk stark nach außen
+sein kann, wenn es zugleich stark nach innen ist, gesund und fest in
+seinem Kern und sittenstark. Die sittliche Kraft in einem Volke war
+stets auch seine politische Kraft. An der Sittenlosigkeit, in der
+geschlechtlichen Ausschweifung, gingen die Völker, die Staatengebilde
+zugrunde. Kennst du das Beispiel Roms? Lerne es fürchten! Weißt du, daß
+die morsche, sinnliche römische Kultur dem Ansturm Odoakers erlag, der
+mit den heldenhaften und sittenstrengen Söhnen der germanischen Wälder
+heranrückte? Lerne dies deutsche Volk um seiner großen Vergangenheit und
+seiner Tugenden willen lieben! Aber zugleich beobachte, daß der
+Sittenverfall auch bei uns sich ausbreitet, daß zerstörende Mächte an
+den alten, festen Grundlagen unserer Volksart tätig waren, und daß wir
+längst im Innern morsch waren, ehe die Übermacht der Feinde uns auf die
+Knie zwang.
+
+Nun aber wollen wir wieder hochkommen, wollen wieder die Schmach von uns
+abwaschen, wollen unsere Kraft und unsere Ehre wiedergewinnen -- und
+dazu muß jeder Einzelne bei sich selber anfangen. ~Sittliche Reinheit!~
+so heißt der Wahlspruch.
+
+Hier hast du ein zweites Lebensziel: Liebe dein Volk und lebe für dich
+so, wie du möchtest, daß das Ganze sei: stark und gesund und rein. Was
+nützen all die schönen Worte von Vaterland und Volk und Ruhm und
+Zukunft, wenn nicht jeder Einzelne sein Teil Verantwortung für das Ganze
+in sich trägt und danach lebt.
+
+Dem politischen Ehrgeiz eines Volkes muß eine gesunde und sittliche
+Lebenshaltung die treibenden Kräfte geben. Darum ist es betrübend, zu
+sehen, wie Staatsmänner und Politiker starke Worte machen und heftige,
+erbitterte Parteikämpfe ausfechten, ohne doch der Notwendigkeit zu
+gedenken, daß all dies Mühen nur ein Tageserfolg ist, wenn er nicht aus
+der klug gepflegten Volkskraft dauernd gespeist werden kann. Eine
+zahlreiche, körperlich und sittlich starke Jugend ist der Lebensquell
+des Volkes, und dies Bewußtsein muß jeder junge Mensch in sich tragen.
+
+Du siehst, auch hier gehörst du nicht dir selbst. Ein zweiter Wegzeiger
+ist in deinem Leben. Er zeigt auf dein Volk. Ihm gehörst du mit deiner
+ganzen Art, mit Leib und Seele, mit dem Wollen und Wünschen. Und darum
+muß dein Leben sich so gestalten, daß es deinem Volke nicht Schaden
+bringt.
+
+
+3.
+
+Die Familie.
+
+Von der Volkseinheit und -Eigenart trennt sich die Einheit und Eigenart
+der Familie ab. Und hier erblüht dem Baume deutscher Art die schönste
+Blüte: das deutsche Familienleben. Wie ist es besungen worden, und
+wieviel schöne Erinnerungen an das Elternhaus tragen wir mit uns in das
+Leben hinein. Sorgende Liebe erfüllt die Räume. Milde und Strenge paaren
+sich, um die Buben und Mädchen zu bilden zu tüchtigen Menschen, damit
+sie einen Platz im Leben ausfüllen können. Und jeder von ihnen tritt in
+das Leben hinaus und wird und will wieder eine Familie gründen. Was er
+zu Hause Gutes sah, pflegt er weiter und verbindet's mit Neuem. Wohl
+ihm, wenn er nur Gutes sah, wenn recht viel gute Erinnerungen ihn
+begleiten. Was die Eltern Gutes an ihren Kindern gewollt, das müssen die
+Kinder zu erreichen trachten. Denn darin liegt ein Dank für die
+dahingegangenen Geschlechter und ein großes, starkes Versprechen an die
+kommenden. Die Eltern denken Gutes von dir, die Brüder und Schwestern
+tun es auch. Wie kannst du darum Schlechtes tun und dann ein schlimmes
+Geheimnis mit dir herumtragen, das zu verraten du kaum den Mut findest?
+Die Familie ist der Hort der guten Sitten. Ehre die Stätte, der du
+entstammst, und tue nichts, was nicht jeder wissen darf.
+
+Zum dritten Mal stecke ich dir ein Lebensziel, zeige dir einen Maßstab
+und eine Grenze deines Tuns: deine Zugehörigkeit zur Familie. Zum
+dritten Male sage ich dir, daß du nicht dir selbst gehörst, sondern
+gebunden bist im Denken und Tun an die Gesamtheit, an die Familie, an
+das Volk, an die Menschen überhaupt. Dein Wohl ist das der anderen. Die
+Kraft und die Ehre der Gesamtheit liegen für dein Teil in deiner Hand.
+
+
+4.
+
+Das »Ich« und die Freiheit.
+
+Du wirst mir entgegenhalten. »Bin ich, ich selbst, denn gar nichts, daß
+ich nur aufgehen soll im Ganzen? Daß ich immer nur an die anderen denken
+soll?«
+
+Ja, du bist, und dein »Ich« soll stark und stolz dir zum Bewußtsein
+kommen. Nicht niederdrücken, schwach und zage machen soll dich deine
+Zusammengehörigkeit zur Familie, zu Volk und Menschheit, nein, aufrecht
+und freudig sollst du es empfinden; denn in dir verkörpert sich die
+Familie, in deiner Art erkenne ich ihre Art, in dir lebt die Art des
+ganzen Volkes, in dir glüht der heilige Funke der Menschheit. Das Leben
+drängt sich immer wieder, um neu zu erblühen, in eine enge Form, das ist
+der persönliche Mensch, das Individuum. Der persönliche Mensch ist die
+höchste Steigerung der Natur, ist der höchste Wille der Schöpfung.
+
+Dieser persönliche Mensch muß frei sein. Damit meine ich nicht jene rohe
+Freiheit, die sich hinwegsetzt über gesetzliche und gesellschaftliche
+Schranken. Das ist Willkür und rohes Triebleben. Diese rücksichtslose
+Freiheit, die da glaubt, alles tun zu dürfen, was ihr in die Sinne
+steigt, ist doch nur bemitleidenswerte Gebundenheit an die Tiernatur.
+Ich meine vielmehr jene sittliche Freiheit, die mit einem geschlossenen
+Willen sich der Gedankenlosigkeit der Menge entgegenstemmt. Die
+Freiheit, in der im Gehorsam gegen selbstdiktierte sittliche Gesetze der
+Mensch triumphiert. Diese Überlegenheit über die Gedankenlosigkeit, das
+stumpfe Triebleben, die oberflächliche Genußsucht anderer, ist
+wahrhaftig Freiheit, eine Freiheit, die in wichtigen Lebensfragen nur
+sich selbst befiehlt und gehorcht, keinem andern, am allerwenigsten der
+Menge. Der Geist muß wach bleiben und muß mit heller, scharfer Kritik
+über die Regungen der Sinne wachen. Der Gedankenlose verliert sich an
+die stumpfen und dumpfen Triebe der Menge. Er glaubt dann Freiheit
+gefunden zu haben und verlor doch nur sein »Ich«, seine Persönlichkeit.
+Du siehst also, daß das »Ich« nur triumphiert, wenn es sich selbst
+Gesetze gibt. Darum darfst du nicht aufgehen in der Menge, die dich
+hinabzieht, sondern mußt jenen Größten nacheifern, in denen unseres
+Volkes Art sich am reinsten verkörperte. »Die Menschen leben um des
+Größten willen,« sagt Carlyle. In ihnen glüht der göttliche Funke des
+Menschentums am stärksten. Hast du Vorbilder, so gehst du mit deinem
+Wollen auf in der Menschheit, im Volk, in der Familie. Du hast damit
+starke und große Ideale in dein Leben hineingestellt, und diese Ideale
+werden dich erziehen. So, siehst du, ist das ausgeprägte »Ich«, ist der
+persönliche Mensch, der höchste Wille zum Guten. Indem du stolz dein
+»Ich« erhebst, beugst du dich unter das große Entwicklungsgesetz der
+Menschheit.
+
+
+5.
+
+Die Fortpflanzung.
+
+Alles Leben hat nur eine Quelle: die Fortpflanzung. Und sie ist
+umwoben und durchflochten von der Liebe, von jenem wunderbaren
+Empfindungsgewoge, das unser Leben schön und glücklich macht; oder auch
+häßlich und traurig und unglücklich. Wie man's lebt.
+
+Die Natur schuf zwei Geschlechter. Und an dem Gegensatz zwischen
+männlicher und weiblicher Art erkennst du, wie unbeholfen und roh die
+Auffassung derer ist, die das Geschlecht nur als etwas Körperliches
+sehen, die beim Worte »Geschlecht« nur an Geschlechtsorgane denken.
+Schon beim Spiel der Kinder unterscheidet sich der wilde Wagemut des
+Knaben von der stilleren Art der Mädchen. Das ist wie ein Symbol fürs
+ganze Leben. Das Geschlechtliche wurzelt tief in der Seele, und du
+darfst es nicht so ohnehin als das bloß Sinnliche auffassen. Denn es ist
+mit dem ganzen Körper, mit allen Sinnen, mit dem Denken und Fühlen innig
+verwebt und verschmolzen. Der Mann denkt, fühlt, urteilt, handelt anders
+als die Frau. Das eben ist der tiefgreifende Geschlechtsunterschied
+zwischen beiden, der jedem eine andere Stellung in der Natur und in der
+Welt und darum auch eine andere Gefühlswelt gibt.
+
+In Mann und Weib verschmilzt das geheimnisvoll-ewige Sehnen der
+Menschheit nach Vollendung. Denn jedes der beiden Geschlechter birgt
+eine Hälfte menschlicher Eigenschaften in sich. Der Mann Kraft, Mut,
+Wille, Entschluß, Edelmut, Ritterlichkeit; das Weib Milde, Sanftmut,
+Mutterliebe, Gefühlstiefe; beide aber Treue, Schamhaftigkeit, Ehrgefühl.
+Das eine Geschlecht sehnt sich nach dem andern, um zu gewinnen, was es
+nicht hat, sich so zu ergänzen, zu vervollkommnen. Dieser tiefe
+Lebenswille der Natur lebt in beiden, und der Fortpflanzung entsteigt
+das Kind als eine höhere Entwicklungsstufe. Es ist auch wieder entweder
+männlich oder weiblich, aber es trägt von beiden Eltern ein Teil in
+sich. Ein gutes oder ein schlechtes, je nachdem, was das stärkere war.
+
+In der Geschlechtlichkeit, in der Zeugung, erhebt sich der Mensch zur
+höchsten Bedeutung. Er selbst wird ein Schöpfer, wird ein Neugestalter
+des Lebens. Was Menschheit, Volk und Familie ihm gegeben haben: Leben,
+Kraft, Gesundheit, Menschenwürde, das gibt er einem von ihm in Liebe
+erzeugten Wesen wieder. Darin liegt ein Teil Unsterblichkeit.
+
+Es gab eine Zeit, da erzählte man dir vom Storch, der die kleinen Kinder
+bringe und sie aus dem Brunnen oder einem großen Teich hole. Ja, ja, aus
+dem großen Meer der Schöpfung sind sie ja gekommen; aber es war nicht
+jener Verlegenheitsstorch der Fabel, der sie brachte, sondern die Liebe,
+die geschlechtliche Verbindung deiner Eltern, die den Werdekeim
+entfachte. So wie die Natur für alles in unserem Tun ein bestimmtes
+Organ, ein Körperglied mit einem besonderen Zweck, schuf, wie sie uns
+zum Gehen Beine und Füße, zum Greifen Arme und Hände, zum Sehen die
+Augen, zum Kauen die Zähne gab, so verlieh sie auch dem gewaltigen
+Sehnen nach Liebe und Zeugung, das die Menschen in sich tragen,
+bestimmte Organe, durch die der Wille der Natur und das Liebesgefühl der
+Menschen einen körperlichen Ausdruck finden kann. Diese
+Geschlechtsorgane sind bei Mann und Frau ganz verschieden. Sie liegen
+teils außerhalb, teils innerhalb der Leibeshöhle, teils sind es
+Brutstätten, Werkstätten für die Erzeugung der Keimzellen, teils Wege,
+diese Keimzellen zum Ausstoßen und zur Vereinigung zu bringen. Beim
+weiblichen Organismus liegen in der Leibeshöhle die sogenannten Ovarien,
+die Eierstöcke, in denen während einer Fruchtbarkeitszeit von etwa 30
+Jahren rund 400 Eichen (das ist allmonatlich eins) reifen und
+ausgestoßen werden. Beim Manne wird der Samen in den beiden Hoden
+bereitet, aber nicht nur 400 Samenzellen, sondern viele Millionen. Die
+Geschlechtserregung nun, die den erwachsenen Menschen von Zeit zu Zeit
+ergreift, läßt alle Empfindung in die Geschlechtsorgane strahlen. Alle
+Wünsche schweigen. Alle Kräfte von Körper und Seele beugen sich dem
+großen Zeugungswillen der Natur und konzentrieren sich im Zeugungsakt.
+Die Geschlechtsorgane vereinigen sich, und die männlichen Samenzellen
+werden ausgestoßen in die weiblichen Organe und suchen in großer Zahl
+das weibliche Ei. Aber nur die stärkste Samenzelle, die die größte Kraft
+und Lebensenergie hat, erreicht -- allen anderen voraus -- die Eizelle,
+durchbohrt sie, und die Befruchtung ist geschehen. Jeder weiteren
+Samenzelle ist dann der Eintritt verwehrt.
+
+Hier sehen wir im kleinen und doch so gewaltig-großen Zeugungswunder,
+daß das Leben sich immer nur aus der verhältnismäßig größten Kraft
+aufbaut, daß darum der Stärkste und Beste das größte Recht auf Leben und
+Zeugung besitzt. Der Kampf der Samenzelle um die Eizelle ist wie eine
+Darstellung des menschlichen Lebenskampfes.
+
+Obwohl das alles so natürlich, so groß und schön ist, hat man dir die
+Wahrheit nicht sagen wollen, ist alle Welt mit der Geschichte vom
+Storch, mit Unsicherheit und Verlegenheit, um dich herumgegangen. Warum?
+wirst du fragen.
+
+Das hat zweierlei Gründe, einen guten und einen schlimmen. Der gute
+liegt in der Sache selbst. Das Geschlechtsempfinden gehört nicht dem
+lauten Lärm des Alltags. Der feinfühlende Mensch wird das, was in
+Schönheit und geheimnisvoller Spannung in seinem Innern aufkeimt, was
+ihm das Herz zum Springen füllt, und was so viel Sehnsucht in ihm reifen
+läßt, er wird das alles nicht mit nüchternem, lautem Wort in den Kreis
+der alltäglichen Dinge ziehen. Dies Geschlechtsempfinden, das soviel
+ganz Persönliches, soviel unaussprechlich Feines und Zartes in sich
+birgt, wird dem feinfühligen Menschen sein Allerheiligstes sein, das er
+der Welt und der Neugierde anderer verbirgt. Darum ist das
+Geheimnisvolle im Geschlechtsleben eben gerade das Menschliche, die
+ästhetische Verfeinerung eines im Anfang rohen und wilden Triebes. Diese
+ästhetisch-geheimnisvolle Umschleierung ist unlösbar mit unserem
+Glücksbestand verbunden; denn das Geschlechtliche, das zugleich Urgewalt
+und feinste Kulturblüte ist, enthüllt so sehr das innerst Persönliche
+eines Menschen, daß es sich nur schwer in Worte fassen läßt. Zwischen
+starken Empfindungen und ruhig-erklärenden Worten liegt immer ein
+Widerstreit. Darum rang man nach Worten, um dir die Wahrheit über das
+Geschlechtliche zu sagen, und schließlich fand man die Worte nicht und
+darum auch nicht den Mut.
+
+Der andere und schlimmere Grund aber ist der, daß der Geschlechtstrieb
+in der Allgemeinheit des Volkes überstark und krankhaft geworden ist und
+sich nun dem Leben und der Persönlichkeit als etwas Feindseliges
+entgegenstellt. Man fürchtet, ihn durch Belehrung zu wecken, und glaubt,
+ihn durch Schweigen im Zaume zu halten. Das ist ein Irrtum.
+
+Der große und manchmal so hoffnungslose und traurige Kampf mit dem
+krankhaft gesteigerten Geschlechtstrieb brachte die tiefe Zweiteilung
+von »Fleisch« und »Geist«. Die Sinnlichkeit wurde »Sünde« genannt. Und
+sie ist doch nur Natur. Dieses feindselige Denken gegen die
+Geschlechtlichkeit hat die Prüderei geboren, die ängstlich darüber
+wacht, daß auch nicht eine Silbe über diese Dinge gesprochen werde, und
+die doch weiß, daß viel Häßliches geschieht.
+
+Es ist nicht gut, etwas, was in der Natur liegt, für unnatürlich und
+»sündig« zu halten; denn damit geraten wir in Zweifel. Und wenn dieses
+Etwas dann als ein starker Trieb in uns Menschen groß wird, das mit
+unserem Wesen, unserem Charakter sich verbindet und zuzeiten uns ganz
+allein auszufüllen scheint, so ist es richtiger, einen festen, klaren
+Blick dem Geschlechtlichen gegenüber zu behalten, um es zu beherrschen
+und zu bemeistern, nicht aber ängstlich, prüde und verlegen zu sein, den
+Trieb für tierisch zu halten und dadurch von einem Konflikt in den
+andern zu stürzen. Schließe dich nicht dieser unwahren,
+lebensfeindlichen Denkart an, sondern erkenne im Geschlechtstrieb die
+Quelle alles Empfindungslebens, erkenne ihn als die Grundmauer des
+Lebens und die treibende Kraft aller Entwicklung. Sage nicht, daß er
+tierisch und häßlich und sündig sei, sondern daß durch ihn der Mensch
+erst wahrhaft Mensch wird, daß durch ihn der göttliche Wille des
+Schöpfers in jeden einzelnen Menschen gelegt worden ist, und daß gerade
+im Liebesgefühl und im Liebesleben der Reichtum der Menschennatur sich
+entfaltet, so wie im Blütensegen des Frühlings die Natur in ihrer
+Schöpferkraft jubelt.
+
+Verstehe mich nicht falsch! Du sollst dem Geschlechtstrieb stark und
+ehrlich und mutvoll gerade ins Auge sehen. Sollst ihn erkennen als das
+Schöpfungswunder der Natur und als die in dich selbst gelegte
+Schöpferkraft, mit der du dem Willen der Natur dienen sollst. Aber darum
+darfst du nicht sagen: »Dieser Trieb ist mein Recht! Habt ihr prüde
+jedes Wort von ihm vermieden, so ist er doch in mir emporgewachsen, und
+nun lebt er in mir, und ich will und darf ihn betätigen.«
+
+Schau um dich in der Natur! Auch die jungen Bäume treiben Blüten, aber
+sie tragen noch keine Frucht. In der Natur herrscht ruhige und langsame
+Entwicklung; denn nur die Ruhe ist Kraft. Alles vorschnell Entwickelte
+trägt schon den Verfall in sich. Wenn im Geschlechtlichen das Leben sich
+aufbaut, dann muß auch gerade das Geschlechtliche den Zerfall bringen,
+wenn es dem Mißbrauch entgegentreibt.
+
+~Das ist die große Wunde am Leben der Völker: der Geschlechtsmißbrauch!~
+Daran sind sie zugrunde gegangen, die Kulturvölker des Altertums, und
+das ist es, was heute noch die Völker zerstört: die Vergeudung der
+Geschlechtskraft!
+
+~Denn Geschlechtskraft ist Lebenskraft!~ Wer das eine verschwendet, der
+zerstört das andere. Aus dem Geschlechtsmißbrauch kam die Degeneration
+in die Völker. Die Geschlechtlichkeit, die der Kraft und dem Aufstieg
+des Lebens dienen sollte, wurde dem Menschen zum Verhängnis, ja zum
+Fluch. Die Sünden der Väter wurden heimgesucht an den Kindern bis ins
+dritte und vierte Glied.
+
+Von allen Lebewesen ist der Mensch das einzige, dessen Geschlechtstrieb
+unter die Herrschaft der Vernunft gestellt wurde. Indes:
+
+ »Er nennt's Vernunft und braucht's allein,
+ Um tierischer als jedes Tier zu sein!«
+
+Gerade die ideale Verbindung des Körperlich-Sinnlichen mit der
+Gesamtheit geistigen Lebens, eine Verbindung, die so viel Schönheit und
+so viel Möglichkeiten kluger Beherrschung und sittlicher Gesetze in sich
+birgt, ist verhängnisvoll geworden; denn das Geistige (Gedanke,
+Empfindung, Vorstellung, Kunst) wird zum Einfallstor des Sinnlichen, und
+bei gar zu vielen liegt die Vernunft in ewiger Fehde mit dem sinnlichen
+Trieb.
+
+Das ist es, was so viel schwüles Schweigen erzeugt: Die lüstern lockende
+Geschlechtsempfindung im Innern, mit der man ringt, und das böse
+Gewissen, die trübe Erinnerung an vieles, was nicht gut war.
+
+Aber soll das weiter und immer so bleiben? Sollen wir ruhig
+danebenstehen, wenn starke und mannhafte Geschlechter im
+Geschlechtsirrtum ihre Kraft verlieren? Wenn wir sehen, daß junge
+Menschen durch krankhafte Erregungen zur Erschöpfung getrieben werden?
+
+
+6.
+
+Die Verirrungen der Jugend.
+
+Alle Welt kennt das große und traurige Geheimnis, das junge Menschen mit
+sich herumtragen, das drückende Geheimnis der Geschlechtsverirrung, der
+Onanie. Nur ganz wenigen ist der Sinn frei davon geblieben, und diese
+kennen nicht den bitteren Kampf, den der sittliche Wille mit dem Triebe
+führt, der sich quälend und entnervend im Körper und in den Sinnen breit
+gemacht hat. Immer wieder rafft man allen Willen zusammen, immer wieder
+bäumt sich der Stolz auf, und man sagt »Ich will nicht«, aber so oft ist
+dieser Trieb der Stärkere. Es ist wie ein Ringen um die Oberherrschaft.
+Je schwächer das Nervensystem und je nachgiebiger und schlaffer das
+Denken, desto mehr reißt der sinnliche Trieb die Oberherrschaft an sich.
+
+Ein offenes, freies Wort würde den Kampf mildern, ein Freund, ein
+Vertrauter, dem man von sich in diesen Dingen sprechen kann, würde die
+seelische Bedrücktheit verscheuchen und den Mut heben können. Aber alle
+jungen Menschen sind ratlos, tragen ihr Geheimnis weiter mit sich herum
+und -- verfallen weiter in der Einsamkeit dem wühlenden sinnlichen
+Trieb.
+
+Dies traurige Schauspiel muß vor allen Dingen der Einsamkeit und dem
+Schweigen entrissen werden. Man muß darüber sprechen, deutlich und
+ernsthaft, damit der Vergeudung der Lebenssäfte Hemmnisse in den Weg
+gelegt werden, damit die geschwächten Körper wieder frischer und
+gesunder, der Wille wieder zuversichtlicher, der Mut wieder froher und
+das Auge wieder klarer wird. Es soll alles aus dem Leben heraus, worüber
+man sich schämen muß.
+
+Die Onanie tritt oft schon in sehr frühem Alter auf. Desto gefährlicher
+ist sie. Dann handelt es sich aber um einen Organismus, der
+wahrscheinlich erblich geschwächt ist, eine »nervöse Anlage« hat.
+
+Solch ein geschwächter Organismus ist ungemein empfänglich für alles
+Sinnliche. Worte, Bilder, die auf das Erotische Bezug haben, sind wie
+ein Feuerfunken in einen Strohhaufen. Ja, wie mit einem schwülen Drang
+wird aus allen Gesprächen, aus Bildern und Büchern das Geschlechtliche
+hervorgesucht. Diese grüblerisch-ungesunde Art raubt dem Betreffenden
+viel frischen Sinn für das Wirkliche, viel Arbeitskraft und
+Lebensfreude. Immer lenkt das Geschlechtliche seinen Blick ab, und es
+ist nicht jeder unter den jungen Menschen stark genug, sich frisch
+loszureißen von der schwächlich-lüsternen Phantasiearbeit.
+
+Gehirn und Zeugungsorgane scheinen sich da in einem schwächlichen und
+verderblichen Reizabhängigkeitsverhältnis voneinander zu befinden. Und
+oft ist es so, daß die Betreffenden von sinnlichen Bildern geradezu
+verfolgt werden, daß sie harmlosen Worten eine sinnliche Bedeutung
+geben, daß sie ein angeschautes Bildwerk oder eine Plastik zu sinnlichen
+Vorstellungen gebrauchen, daß sich in die Lektüre, in das Studium, in
+das Anhören eines Vortrages oder namentlich der Musik ein bestimmtes
+erotisches Bild einschiebt, von dem sie nur schwer wieder loskommen.
+Gewisse angeborene Neigungen, die sich am Gesicht oft erkennen lassen,
+spielen hier eine Rolle. Das ganze Leben scheint da in die fieberhafte
+Geschlechtserregung hineingezogen zu werden, und die Gefahr der
+Selbstbefleckung rückt immer näher.
+
+Nicht lange dauert es, dann kommt es zu Berührungen der
+Geschlechtsteile, in denen diese Empfindungen sich konzentrieren. Durch
+diese Berührungen und Bewegungen kommt es zum krampfhaften,
+konvulsivischen Höhepunkt geschlechtlicher Erregung, und zum ersten Male
+findet beim Knaben ein Verlust von Samenflüssigkeit, beim Mädchen eine
+starke Absonderung gewisser Drüsen statt.
+
+Warum hat dir bisher niemand die Gefahr gezeigt? Warum antwortete man
+deiner stummen Frage nicht und gab dir Anlaß, dich mit deinen Bekannten
+oder mit anderen insgeheim über diese Dinge zu besprechen? Und wie es so
+oft vorkommt, kam's vielleicht da zur Verführung. Ältere Schulkameraden
+oder häßlich denkende andere Menschen, Dienstboten, Arbeitsgenossen usw.
+vergnügen sich oft damit, in den jüngeren den geschlechtlichen Sinn zu
+wecken. Wenn's eine Strafe für sie gäbe, könnte sie nicht scharf genug
+sein.
+
+Gar zu viele wissen davon zu berichten, daß in der Jugend die
+Dienstboten für sie die Lehrer dieser geheimen Fehler gewesen sind, und
+sie fühlen es ganz genau, welch ein Maß von Kraft sie dabei eingebüßt
+haben. Die besonderen Brutstätten dieser geheimen Verfehlungen aber sind
+die Schulen. Und man sieht, wie das Übel sich in den Klassen forterbt,
+wie es von einem frivolen Schüler, einer Schülerin, durch Verführung auf
+die anderen übergehen kann. Ja, die jüngeren denken sich nicht einmal
+was dabei, wenn die älteren sie dazu verleiten, an versteckten Orten mit
+den Geschlechtsorganen zu spielen, bis dann der geweckte Trieb sich
+schwer wieder eindämmen läßt und die Erregungen zur willkürlichen
+Gewohnheit werden. Das trübe, schlaffe, verlegene Aussehen, der unreine
+Teint vieler Kinder sollten Eltern und Lehrer darüber belehren, wie
+dieses Übel der Selbstbefleckung gerade in den Schülerjahren und in den
+Schulen ausgebreitet ist.
+
+Hüte dich, mit deinesgleichen oder überhaupt mit anderen über das
+Geschlechtliche zu sprechen, wenn du nicht weißt, daß sie dir
+wohlwollen.
+
+Und meide alle jene lüsternen, schmutzigen Unterhaltungen, die sich nur
+um das Geschlechtliche bewegen. In Schulen, Internaten, Seminaren sind
+die Gespräche der Schüler, wenn sie allein sind, oft von beschämender
+und empörender Häßlichkeit, und man kann es kaum fassen, wie das
+Schamgefühl so weit erstickt werden konnte. Die Lüsternheit verzerrt die
+Mienen, und die Unsauberkeit des Denkens weicht oft nicht mehr von dem
+Gesicht. Halte deine Phantasie rein von schmutzigen Vorstellungen, dein
+Denken gesund! Weise die leichtsinnigen Zungen ernst und überlegen
+zurück und stelle eine geistige Scheidewand zwischen dich und sie!
+Beschäftige dich auch nicht mit sinnlich erregender Lektüre oder
+lüsternen Bildern, die oft geheimnisvoll unter den Schülern und
+Schülerinnen verbreitet werden.
+
+Wenn Eltern wüßten, in welch eine sinnlich schwüle Atmosphäre sich
+Kinder verirren, sie würden offenere Augen haben und die Gefahren
+abzulenken suchen, ehe es zu spät ist.
+
+Die Reue über das Falsche und Schädliche, was man getan, läßt die
+Erinnerung daran wachbleiben.
+
+Und es ist zu beobachten, daß wohl alle jungen Menschen Scham empfinden.
+Die fröhliche Offenheit, mit der sie sonst alles Tun vollziehen, macht
+vor ihren sinnlichen Fehlern halt; denn hier sagt schon ohne alle
+äußerliche Belehrung der natürliche Instinkt, daß man Unrechtes tut, und
+diese geheimnisvolle Triebverirrung sucht stets ein Versteck. Ja, das
+Bewußtsein des Unrechttuns ist so lebendig, daß bei den jungen Menschen
+oftmals das schlechte Gewissen sich in dem scheuen Blick kundgibt, der
+nichts mehr hat von der reinen, unschuldigen Natürlichkeit eines
+Kinderauges. Sie glauben sich beobachtet und in ihrem geheimen Treiben
+erkannt und werden deshalb oft verwirrt und untauglich für
+gesellschaftlichen Umgang. Sie lieben es, allein zu sein, zu grübeln,
+weil sie mit der Geschlechtskraft zugleich jene antreibenden Kräfte
+erschöpfen, welche einen jungen Menschen in das Leben hinaustreiben und
+seine sozialen Fähigkeiten entwickeln.
+
+So ist aus der Erschöpfung der in sozialer Hinsicht antreibend wirkenden
+Geschlechtskraft durchaus jene geistige und gesellschaftliche Unfreiheit
+zu erklären, die den richtigen Onanisten oft durch das ganze Leben
+hindurch verfolgt. In gesunder Geschlechtskraft liegen die Wurzeln zu
+sozialer Entwicklung. Der Verlust der Lebenssäfte untergräbt die
+Energie, und das drückende Bewußtsein des geheimen geschlechtlichen
+Unrechts prägt sich störend und hemmend der Persönlichkeit und dem
+ganzen Auftreten der Betreffenden auf. Je fester aber diese einsame
+Triebverirrung den jungen Menschen umklammert, desto schwerer wird es,
+von der unsauberen Gewohnheit zu lassen.
+
+Je häufiger ein menschlicher Trieb rein körperlich und losgelöst von
+seinen geistigen Beziehungen betätigt wird, desto mehr sinkt er ins
+Körperliche hinab und verliert seine geistige Beherrschung.
+
+Immer wieder triumphiert der dumpfe, schwüle Geschlechtsdrang über den
+sittlichen Willen, und jede Niederlage schwächt den Glauben an die
+eigene sittliche Kraft, zumal jeder einzelne Akt der Onanie die
+allgemeine Kraft verringert und die nervös-geschlechtliche Erregbarkeit
+vermehrt. Dann sieht es oft verworren und trostlos im Innern solcher
+Menschen aus. Und mancher hat schon vor mir gestanden mit tränendem Auge
+und zuckendem Munde, weil die Scham über seine Schwäche ihm namenlose
+Qual verursachte.
+
+Der Onanist träumt sich selbst in die Gewalt der sinnlichen Empfindung
+hinein und treibt dadurch jedesmal wieder seinem Fehler entgegen. Und
+doch wäre es ratsamer, wenn er sich vorher jenen Zustand von Mattigkeit,
+herabgesetzter Spannung, schwächerer Atmung und Herztätigkeit, Reue und
+sittlichem Elend vorstellen wollte, der dem Samenverlust folgt. Dies
+Bild wäre wohl imstande, seine sinnliche Erregung zu verdrängen.
+
+
+7.
+
+Die Folgen der sinnlichen Fehler.
+
+Man muß die Gefahr in ihrem ganzen Umfange kennen, wenn man ihr
+überlegen begegnen will. Darum will ich dir vorerst einmal sagen,
+welchen Schaden diese krankhafte Erregung mit dem Samenverlust bringt.
+Ich will nicht übertreiben; denn deine einsamen Verirrungen haben dir
+Sorge und Angst genug gemacht. Und ich warne dich vor jenen albernen und
+dummen Büchern, die dir das Gespenst eines schrecklichen körperlichen
+und geistigen Verfalls vor die Augen malen. Gerade die übertriebenen
+Schreckbilder haben schon viel Schaden angerichtet. Ich will die
+Wahrheit über die Folgen nicht übertreiben; aber du sollst die Wahrheit
+auch nicht fürchten. Also höre!
+
+Die einmalige Onanie ist von einer starken Erregung begleitet, die alles
+Leben rascher in dir antreibt. Die Pulse fiebern, das Gesicht rötet
+sich, der ganze Körper ist angespannt und wird von dieser einen
+verzehrenden Empfindung beherrscht. Es gibt aber ein Gesetz in der Natur
+und im Organismus, daß jeder Kraftsteigerung ein Nachlassen der Kraft,
+jeder Erregung eine Erschlaffung folgt. So auch hier. Und diese
+Erschlaffung zeigt sich auch äußerlich, je mehr die Onanie sich
+wiederholt, in blassem Aussehen oder bei gutem Aussehen in merkwürdiger
+Unreinheit der Gesichtsfarbe, in dunklen Ringen unter den Augen, in dem
+Erscheinen von Pickeln auf der Stirn, in schwitzenden Händen und oft in
+gestörter Verdauung.
+
+Es ist leicht einzusehen, daß ein Schaden, dem jugendlichen Organismus
+zugefügt und in die Wachstumsjahre fallend, weit nachteiliger sein muß,
+als wenn er in reiferem Alter einen festen und kräftigen Körper trifft.
+Dies ist der Fall bei den sinnlichen Fehlern der Jugend, deren größte
+Gefahr eben in der frühzeitigen, unbehinderten und häufigen Ausübung
+liegt. Denn es gibt viele Knaben und Mädchen, die dem Übel der
+Selbstbefleckung längere Zeit hindurch mehrmals am Tage verfallen.
+
+Der Organismus zieht aber alle Reservekräfte heran, um dem Schaden zu
+begegnen. Er überwindet ihn einmal, zweimal, zehnmal und noch öfter. Der
+starke Erregungsvorgang setzt sich aber schließlich im ganzen
+Nervensystem fest. Denn das Nervensystem ist dasjenige Organ, das alle
+diese Vorgänge vermittelt. Die Erregung wird also bleibend, wird zu
+einer besonderen Eigentümlichkeit des ganzen Menschen. Eine Zeitlang ist
+das Leben dann von besonders kraftvollem Ausdruck, körperlich und
+geistig herrscht Hochspannung. Das ist in den zwanziger Lebensjahren,
+und viele meinen da, die Onanie habe ihnen nichts geschadet, weil sie
+womöglich gut aussehen und keine Klage über mangelhafte Gesundheit zu
+führen haben. Trotzdem sie vielleicht gerade noch in dieser Zeit
+häufiger onanieren.
+
+Aber gemach! Es ist immer oberflächlich, die Dinge nur so zu beurteilen,
+wie sie im Augenblick erscheinen. Es gibt keinen festen Punkt in der
+Natur und im Leben, alles ist ein Werden oder Vergehen. Nicht eine
+Sekunde steht das Leben still.
+
+Auch hier schreitet es weiter, aber nicht mehr aufwärts, sondern
+abwärts. Es beginnt die Erschlaffung, der Kraftverlust.
+
+Wie ist das zu erklären?
+
+Kennst du ein elektrisches Element? Das ist ein Gefäß, das
+verschiedenartige chemische Stoffe enthält, durch die der elektrische
+Strom erzeugt wird, den dann der metallische Draht an seinen
+Verbrauchsort leitet. So ist es mit der Kraft im Körper, der
+Lebenskraft. Sie entsteht und wird frei in der chemischen Umwandlung des
+Körperstoffes. Wir können also sagen, Lebenskraft sei tierische
+Gewebselektrizität.
+
+Speisest du mit den elektrischen Elementen etwa eine Klingelanlage oder
+sonst einen elektrischen Betrieb, so bedeutet jeder Gebrauch eine
+elektrische Entladung, also eine vorübergehende Erschöpfung der
+Elemente. Das Element, also die Brutstätte des Kraftstromes, sammelt in
+der Ruhe wieder die notwendige Kraft. Wird es aber überstark, ohne
+genügende Zwischenpausen, also mißbräuchlich benutzt, so erschöpft sich
+das Element vollkommen, wird also zerstört, unbrauchbar.
+
+Genau so ist es im Körper, der auch ein Element, eine allgemeine
+Brutstätte für Lebenskraft ist. Die in den Geweben erzeugte Elektrizität
+wird als Kraft durch das Nervensystem allen Teilen des Körpers
+zugeführt. Die Onanie bringt eine Steigerung der gesamten
+Lebenstätigkeit, eine schnellere Entwicklung, etwa so wie man Pflanzen
+durch die schwüle Treibhaushitze zu schnellerem Wachstum, aber auch zu
+schnellerem Verblühen bringt. Infolgedessen wird zwar im Körper Kraft
+verbraucht, aber auch rascher neu erzeugt, weil der junge, in der
+aufsteigenden Entwicklung stehende Körper sich wie ein Akkumulator immer
+wieder mit neu erzeugter Kraft ladet. Schließlich aber erschöpft sich
+die Brutstätte und erschöpft sich das Krafthauptlager, als das wir das
+zentrale Nervensystem -- Rückenmark und Gehirn -- erkennen.
+
+Die Geschlechtsorgane sind eine Stätte für elektrische Entladungen. Und
+sicher ist, daß beim normalen Zeugungsvorgang zwischen Mann und Weib
+eine Stromübertragung stattfindet, die bei der Befruchtung und für
+dieselbe eine große Rolle spielt. Mann und Weib sind Gegenpole, auch im
+rein elektrischen Sinne aufgefaßt. Der Stromentladung folgt eine Ladung
+von seiten des Gegenpols. Dem Kraftverlust folgt ein Zustrom an Kraft,
+und dieser Vorgang fehlt bei der Onanie gänzlich. Sie ist nur und
+ausschließlich Entladung, nur Kraftverlust. Und wenn auch der junge
+Körper eine Zeitlang immer wieder den Ausgleich schafft, so vermag
+doch -- namentlich wenn die Onanie zu häufig ausgeübt wird -- der
+Körperakkumulator sich nicht wieder genügend und völlig zu laden. Der
+Kraftstrom wird immer geringer. Die Kraft schwindet, und die chronische,
+also dauernde Schwäche schleicht heran und breitet sich im ganzen
+Organismus aus. Im Nervensystem zeigt sich dieser Zustand in der
+Veränderung der Marksubstanz. Das Nervenmark verliert seine
+Geschmeidigkeit und gleichmäßige Verteilung. Und weil es gewissermaßen
+den Strahlpunkt und den Kernstoff des Lebens bildet, so kann man wohl
+verstehen, daß das Leben selber, nun, wenn es seinen gar zu frühzeitigen
+Höhepunkt überschritten hat, langsam zurückgeht.
+
+Nun haben alle Tätigkeitsgruppen des Organismus im Gehirn und im
+Rückenmark ihre ganz bestimmte Lagerung. Mit diesem Teile steht die
+Atmung und die ganze Lungentätigkeit in Verbindung, mit jenem Teil das
+Herz, mit einem dritten die Haut, und so fort.
+
+Die Fortpflanzungstätigkeit hat zum großen Teil ihren Strahlpunkt im
+mittleren (Kreuz-) Teil des Rückenmarks. An den Kreuzschmerzen nach
+geschlechtlichen Ausschweifungen und bei Geschlechtskrankheiten ist das
+sehr wohl zu erkennen. Der Grenzbezirk der Geschlechtlichkeit im
+Rückenmark ist aber nur sehr schwer zu trennen von demjenigen der
+Verdauungs- (Magen- und Darm-) Tätigkeit. Und diese Tatsache ist
+einerseits sehr folgenschwer für den Geschlechtsmißbrauch, andrerseits
+aber ein klarer Beweis für die Richtigkeit der von ~Dr. Damm~
+aufgestellten Behauptung, daß der Geschlechtsmißbrauch weit mehr als
+alle anderen Schäden als die Hauptursache der Degeneration, d. h. des
+dauernden Kraftverlustes, anzusehen ist. Das gilt für den einzelnen
+Menschen genau so wie für das ganze Volk.
+
+In der Tat macht sich der Kraftverlust meist zuerst in Störungen der
+Magen- und Darmtätigkeit bemerkbar. Und die geschwächte
+Verdauungstätigkeit ist so bezeichnend für das Gesamtbild onanistischer
+Folgen, daß wir außer der nervösen Schwächung durch den krankhaften
+Geschlechtsreiz auch eine auf gleicher Ursache beruhende Verminderung
+der inneren Ausscheidung annehmen müssen. Denn das Nervensystem bringt
+alle Teile des Organismus zueinander in rege Beziehung, und wenn die
+krankhafte Geschlechtserregung sich eine Zeitlang dem ganzen Körper
+mitgeteilt hat, dann tritt in allen Teilen eine gewisse Erschöpfung ein.
+
+Der Magen wird schwach und zeigt Reizbarkeit und eine Art von
+Launenhaftigkeit, die sich in Merkwürdigkeiten des Appetits äußert.
+Zeitweilig schwindet der Appetit, zeitweilig aber auch tritt er heftiger
+hervor, und man vermag zu beobachten, daß mancher geschlechtlich
+ausschweifende Mensch einen auffallend gesteigerten Appetit hat. Es
+scheint dann, als wolle die Natur den Verlust wieder ersetzen. Aber da
+durch eine Herabsetzung der inneren Absonderungen die aufbauende Kraft
+vermindert ist, so kann die Nahrung nicht »anschlagen«. Trotz guter
+Ernährung findet sich dann ein Gefühl der Schwäche, der Mattigkeit und
+Erschöpfung ein, was oft durch das ganze fernere Leben hindurchgeht und
+oft allein vom Magen seinen Ausgang nimmt.
+
+Auch Darmstörungen, meist Trägheit und Verstopfung, sind bezeichnende
+Folgen geschlechtlichen Mißbrauchs, und mancher Verdauungsneurastheniker
+wird gestehen müssen, daß in oder nach den Jahren der Onanie seine
+Verdauungsbeschwerden und seine Mattigkeit begannen.
+
+Darunter leidet natürlich bald die Ernährung und der Neuaufbau des
+Körpers, ebenso die Blutbildung und das gute Aussehen.
+
+Die Herz- und Muskelkraft und das Muskelgewebe erleiden eine Einbuße,
+und die Freudigkeit an der Körperarbeit, an Gymnastik, Sport und Spiel
+läßt nach.
+
+Es ist wohl zu verstehen, warum gerade ein Organ, wie das Herz, das an
+allen Erregungen des Körpers und der Sinne direkten und unmittelbaren
+Anteil nimmt, durch häufige und starke Geschlechtserregungen besonders
+erschöpft werden muß. In der Tat treten oft schon nach den zwanziger
+Jahren nervöse Herzbeschwerden auf, zunächst als beschleunigter, oft
+ganz heftiger, beängstigender Herzschlag sich zeigend, während später
+eine gewisse Herzschwäche sich einstellen kann.
+
+Der verminderten Stoff- und Säfteumwandlung in den Geweben folgt auch
+eine Verminderung der Wärmebildung, und leichtes und öfteres Frösteln,
+Gefühl von Unbehaglichkeit, tritt auf. Kalte Hände und Füße, dazu beide
+leicht schwitzend, stellen sich ein.
+
+Die Hauttätigkeit kann gleichfalls erschlaffen; denn sie steht in
+regsten Wechselbeziehungen zu den Nervenzentren und vor allem zu der
+Geschlechtstätigkeit. Ebenso wie sie durch Rötung, Blutfülle, Schwitzen
+usw. an den Geschlechtserregungen teilnimmt, wird sich die organische
+Erschlaffung auch durch herabgesetzte Hautarbeit kennzeichnen. Es fehlt
+der Haut die pralle, blutreiche Straffheit. Sie beteiligt sich nicht
+mehr regsam genug am allgemeinen Stoffwechsel, verliert ihre Fähigkeit,
+sich zusammenzuziehen und auszudehnen und dadurch der wechselnden
+Witterung und plötzlichen Kälteeinflüssen sich anzupassen. Sie fröstelt
+leicht, es bilden sich krankhafte Schweiße, und namentlich im Kreuzteil
+des Rückens ist der Wechsel von heiß und kalt und jenes angstvolle
+Schwächegefühl oft eine ständige Erscheinung. Die Unreinlichkeiten der
+Haut, Pickel, Ausschläge, die schon während der jugendlichen Onanie so
+bezeichnend sind, kann man bei den geschlechtlich erschlafften Menschen
+oft im ganzen Leben beobachten. Das Haar verliert seinen Glanz und seine
+Triebkraft, und bald beginnt es grau zu werden oder auszufallen. Daß wir
+heute Kahlköpfe selbst unter den jungen Leuten sehen, ist kein
+Ruhmeszeichen für unser deutsches Volk. Denn wenn schon die Jugend
+Erscheinungen des Alters trägt, dann hat das Volk den Weg abwärts
+beschritten.
+
+Der Haarausfall hängt ganz sicherlich auch mit der Verminderung der
+ausdünstenden Tätigkeit der Haut zusammen, deren Gleichmäßigkeit eine
+notwendige Bedingung der Gesundheit ist. Der durch die erschlafften
+Gewebe bewirkte unvollkommene Stoffwechsel stellt eine Vergiftung des
+Körpers durch chemische und gasförmige Stoffe dar, die den Haarboden
+zerstören. Ebenso bedeutet aber auch die krankhafte Schweißbildung, die
+in den Folgen des geschlechtlichen Mißbrauches auftritt, eine nervöse
+und Gewebserschlaffung.
+
+Da nun das Leben und die mancherlei Berufe große Anforderungen an die
+Nervenkraft stellen, denen der geschwächte Organismus nicht mehr gewachsen
+ist, so sehen wir bald das Bild der Nervosität in all den trüben Farben,
+die uns jeder Tag und sozusagen jeder Mensch zeigt. Schlaflosigkeit,
+Unruhe, Zerfahrenheit, Zerstreutheit, Gedächtnisschwäche, Mangel an
+Konzentration und Willenskraft, Melancholie und alle diese Feinde eines
+gesunden, frischen Lebens stellen sich ein, die geistige Schwungkraft und
+Arbeitsfreudigkeit der Jugendjahre schwinden. Die Denkkraft vermindert
+sich, und der Kampf zwischen Wollen und Können endet oft in der bitteren
+und verzweifelten Erkenntnis des Nichtmehrkönnens.
+
+Wie viele sind es schon, die mir diesen beklagenswerten Zustand erzählt
+haben, viele, die ganz genau wissen, wie geistig munter sie früher
+waren, und welch ein geistiges Wrack sie nun geworden sind! Wie vielen
+habe ich in dieser Lage schon Trost und Mut und Rat für eine
+Lebensführung geben können, die den Körper wieder kräftigt[1].
+
+Auch die Lungen und Bronchien leiden unter den erschöpfenden Erregungen
+und dem Samenverlust. Ist die Lunge von Haus aus schwach, so kann sie
+ernstlich erkranken. Ein durch sinnliche Fehler erschöpfter Organismus
+ist ganz sicher ein besserer Angriffspunkt für die Tuberkulose, für
+Lungenentzündung und für ungünstige klimatische Einflüsse als ein
+vollsaftiger Organismus.
+
+Die krankhaften Veränderungen des Seelenlebens, Gereiztheit,
+Launenhaftigkeit, Übelnehmen, Einbildung, Trübseligkeit und dergleichen
+machen den Menschen sich selbst und gegenseitig das Leben schwer.
+
+Wenn wir dann diese Veränderung des Charakters und die Abschwächung des
+Willens sorgfältig beobachtend verfolgen, so ist es durchaus einleuchtend,
+daß bei einem so untergrabenen körperlichen und sittlichen Fundament
+gewisse angeborene krankhafte Neigungen, wie Unverträglichkeit,
+Gehässigkeit, Neid, Trägheit, ja selbst verbrecherische Triebe, eine
+Steigerung erfahren können. Der Mensch und sein Leben sind nichts Fertiges
+und Unveränderliches, sondern sind ein immerwährendes Werden, ein Etwas,
+das sich aus Anlage und äußeren Einflüssen werdend ergibt. Sind die
+körperlichen Grundlagen erschüttert und die sittlichen Hemmungen
+geschwächt, so wird es einer krankhaften oder verbrecherischen Neigung
+leichter gemacht, zu triumphieren. Das erscheint mir durchaus logisch und
+bestätigt sich auch durch die Erfahrung. Überall hat die Onanie einer
+schlechten Anlage Vorschub geleistet.
+
+Und wenn dann dem großen Wollen und Wünschen im Leben sich Schwäche und
+Krankheit in den Weg stellen, wenn die frühzeitige Erschlaffung sich
+körperlich und geistig bemerkbar macht und der Organismus, den Blick auf
+das Lebensziel gerichtet, auf halbem Wege zusammenbricht, dann zieht oft
+trostlose Verzweiflung ins Gemüt. Reue und Selbstanklagen zermartern den
+Sinn; denn es wurde ja vorzeitig im Leben die Kraft vergeudet, die all
+dies große Wollen zur Tat werden lassen sollte.
+
+Die Reizempfänglichkeit des Körpers wird mehr und mehr auf
+geschlechtliche Eindrücke eingestellt, und er beantwortet schließlich
+mit geschlechtlicher Erregung auch solche Reize, die keinerlei
+geschlechtlichen Charakter tragen und an einem gesunden Organismus
+spurlos vorübergehen. Diese häufige Geschlechtserregung halten viele in
+einem bedauerlichen Wahn für Kraft. Sie ist aber meist das Gegenteil,
+ist nervöse Schwäche.
+
+Diese häufigen Erschütterungen von Rückenmark und Gehirn, an denen alle
+Organe, Herz, Lungen, Magen, Leber, Haut usw. teilnehmen, können
+schließlich jene äußerste Schwächung des Nervensystems im Gefolge haben,
+die wir als Neurasthenie kennen, und die mit ihren Erscheinungen endlich
+auch in das geschlechtliche Leben hineinragt, weil sie die
+geschlechtliche Kraft zu vermindern und mancherlei Störungen
+hervorzurufen vermag.
+
+Von diesen Störungen erwähne ich vor allem die Pollutionen, jene
+nächtlichen Samenergüsse, die als Zeichen der Lendenmarksschwäche
+häufiger auftreten. Sie werden ausgelöst durch viele äußere und innere
+Reize, die an sich ganz unbedeutend sein können und beim Gesunden auch
+tatsächlich keinen Eindruck machen. Hier aber wird der Schlaf sehr durch
+wollüstige Träume gestört, und Samenergüsse vermehren die allgemeine
+Mattigkeit und das Gefühl des körperlichen Elends.
+
+Der durch die sinnlichen Verirrungen bewirkten krankhaften
+Geschlechtserregung folgt fast mit Sicherheit im späteren Leben ein
+frühzeitiges Sinken der Geschlechtskraft. Und dieser disharmonische,
+unnatürliche Zustand, der das ganze Volk durchzieht, raubt den Menschen
+viel Liebesglück und Daseinsfreude und den Ehen sehr viel, oft alles,
+von der inneren Poesie.
+
+Bei der ausgedehnten und sehr feinen Durchnervung des gesamten
+Geschlechtssystems muß ja das Nervensystem unter geschlechtlichen
+Fehlern am meisten leiden. Das macht sich in der oft so grenzenlos
+matten und verzweifelten Stimmung bemerkbar, in ihrer raschen
+Wandelbarkeit und Sprunghaftigkeit, sowie in einer Reizbarkeit oder
+Abgestumpftheit der Sinne. Namentlich Augen und Ohren leiden. Denn
+während einerseits Sehschwäche, und zwar Kurzsichtigkeit, ganz
+sicherlich in vielen Fällen auf heftige Onanie zurückzuführen ist,
+finden wir andrerseits das Ohrensausen als ein ganz außerordentlich
+verbreitetes Zeichen nervöser Störungen. Auch der Geschmack leidet und
+richtet sich darum oftmals auf ganz merkwürdige Dinge. Vor allem ist oft
+das Sättigungsgefühl verloren, und dadurch kommt es zu überstarker
+Nahrungsaufnahme.
+
+Nicht jeden trifft's so schwer. Und wen die Vererbung mit großer Kraft
+bedachte, der vermag noch Leistungsfähigkeit ins spätere Leben
+hinüberzuretten. Aber doch sollte niemand die Gefahr verkennen und mit
+leichtem Sinn und scherzendem Wort über diesen tiefinneren Zusammenhang
+zwischen Geschlechtskraft und Lebensaufbau, zwischen Geschlechtsmißbrauch
+und Lebenszerfall hinweggehen.
+
+Wer nicht direkt und unmittelbar den Schaden der Kraftvergeudung
+verspürt, der darf darum nicht sagen, es habe ihm gar nichts geschadet.
+Denn in den Gesetzen des Nervenlebens liegt es, daß die feindseligen
+Reize zunächst eine Kraftsteigerung bringen, der aber früher oder später
+das Niedergehen der Kraft folgt. Der Kräftige hat freilich mehr
+Widerstand als der Schwächling, aber wohl jeder wird an einen Zeitpunkt
+gelangen, wo mit einem Male seine Widerstandskraft gegen Arbeit, Unruhe,
+Klima und Temperatur, schwerere Speisen, Ärger und dergleichen geringer
+wird und er mehr oder weniger klar empfindet, wie eng das mit der
+Kraftverschleuderung in den Jugendjahren zusammenhängt.
+
+Das Geschlechtsproblem löst sich nicht allein in der Zeugung und
+Fortpflanzung. Nach außen zwar läßt die Geschlechterliebe in der Tiefe
+der Leidenschaft ein neues Menschenleben entstehen. Aber ich wies schon
+darauf hin, daß in ihrer inneren Wirkung die Geschlechtlichkeit sowohl
+den männlichen wie den weiblichen Charakter ausgestaltet. Werden die
+Organe, in denen der Zeugungsstoff entsteht, also beim Manne die Hoden
+(Samenbereiter), auf operativem Wege entfernt, wie es bei der Entmannung
+in den morgenländischen Völkern und teilweise auch bei abendländischen
+geschah und geschieht, so sehen wir von derselben Stunde an eine völlig
+andere Entwicklung des betreffenden Individuums. Es entsteht ein von
+Grund aus anderer Charakter, der etwas Rückschrittliches,
+Unentwickeltes, darstellt und teilweise unangenehme Züge aufweist.
+
+Hier haben wir einen glänzenden Beweis für die entscheidende Bedeutung
+des Geschlechtlichen im Menschenleben. Und wir erkennen, daß der
+Geschlechtsmißbrauch auch eine Art Entmannung ist; denn er ist Verlust
+der Kraft auf andere Weise.
+
+Die Wissenschaft hat den hochwichtigen Beweis erbracht, daß der Körper
+in seinem Innern außer den Keimzellen in den Keimdrüsen noch durch
+einige andere Drüsen, die an der Entstehung des Geschlechtsempfindens
+mitbeteiligt sind, einen chemischen Stoff erzeugt, der im ganzen Körper
+anregend und belebend wirkt. Darum verstehen wir, warum die aufkeimende
+Liebesempfindung des einen Menschen zum andern so wunderbar fördernd auf
+ihn selber wirkt. Darum eben erkennen wir in dem Liebes- und
+Geschlechtsempfinden die Quelle alles Empfindens, alles Denkens und
+aller Kraft überhaupt. Es ist der geheimnisvolle Urquell all der
+wunderbaren Spannung, die die Jugend vor dem Alter auszeichnet. Gerade
+darum aber wirst du auch verstehen, warum diese jugendliche Spannung,
+diese Kraft und Frische, dieser schnell erfassende Geist, dieser rasche
+Entschluß, dieser feste Wille, dieser Reichtum des Empfindens, warum das
+alles schwinden und der trübseligen Schwäche Platz machen muß, wenn in
+der häufigen Onanie die Zeugungskeime verschwendet werden und jenem
+wunderbaren chemischen Lebensstoff der Weg zu seiner Wirksamkeit verlegt
+wird.
+
+Von allen Seiten türmen sich Gründe auf, aus denen du selbst den Schluß
+ziehen kannst, daß die geschlechtliche Reinheit, das Freisein von
+geschlechtlicher Ausschweifung, die wichtigste Entwicklungsfrage deiner
+Jugend ist.
+
+
+8.
+
+Die Hoffnung auf neue Kraft.
+
+Glaube nicht, daß ich in irgendeinem Punkte übertrieben habe, oder daß
+ich nur deshalb übertrieb, um dich von falschem Tun abzuschrecken. Und
+wenn du schon ein Opfer krankhafter geschlechtlicher Erregungen wurdest,
+so möchte ich nicht, daß meine Worte in dir Verstörung, Angst und
+Verzweiflung erregen. Das, was geschah, war nicht gut, war schädlich.
+Gewiß! Aber laß es dich nicht niederdrücken! Trage nicht die Ketten
+trüber Erinnerungen mit dir herum, sondern schau auf die nächste
+Zukunft. Wir Menschen irren viel. Und wenn's geschah, soll die
+Erkenntnis niemanden niederdrücken, sondern Mut und Entschluß geben zu
+einem kraftvolleren, gesunderen Leben. Der Wille zum Guten muß vorhanden
+sein, der rasche, frische Wille. Laß dich das Bild der Folgen nicht
+niederdrücken, aber laß es dir den energischen Entschluß geben, von
+heute ab den ruhigen, verständigen Kampf gegen die einsame Verirrung
+aufzunehmen.
+
+Zähme deine Ungeduld und lasse nicht erneute Trostlosigkeit einziehen,
+wenn die Schäden der Verirrungen nicht gleich verschwinden. Es braucht
+dazu oft viel Zeit und viel Geduld. Nicht jeder kehrt wieder zur
+ursprünglichen Kraft zurück. Wenn's auch bei dir so ist, so wisse, daß
+dein Leben sich den krankhaft veränderten Verhältnissen in deinem
+Organismus anpassen muß. Verringerte Kraft bedingt ein weniger
+ergiebiges Leben. Dies alles, also die Grundlagen deiner zukünftigen
+Lebensweise, lernst du kennen aus _Dr._ ~Alfred Damms~ Reizlehre, und du
+kannst sie aufmerksam studieren in meinem Buche »Der nervöse Mensch«.[2]
+
+Lasse dich nicht täuschen durch die Anpreisung von Heilmitteln und von
+Stoffen, die entweder nur vorübergehend als Reiz wirken und Gesundung
+vorspiegeln oder aber einige Erscheinungen unterdrücken und dadurch zu
+einem weniger sorgfältigen Leben Anlaß geben, während doch zugleich die
+Schwäche weiter und geheimnisvoller sich im Körper einnistet. Viele
+solcher Mittel und Medikamente erhöhen nur den Geschlechtstrieb. Aber es
+folgt später eine um so tiefere Erschlaffung. Die Gesundung und
+Kräftigung kann immer nur aus dem Organismus selbst kommen, aus seinem
+verbesserten und vorsichtig überwachten Lebensbetrieb. Das ist ein zwar
+langer und langsamer Weg, aber einer, der sicher zum Ziele führt.
+Versuche nur niemals durch Reizmittel und starke Antriebe irgendwelcher
+Art deine Schwäche zu überwinden. Denn oft liegt gerade in dem Gefühl
+der Schwäche ein Bestreben des Körpers, Herr zu werden über einen
+krankhaften Vorgang, einen Überreiz zu beseitigen, eine besondere
+Anpassung oder Absonderung zu bewirken. Aus jenem obengenannten Buche
+über das Nervenleben wirst du erkennen, daß der Organismus ein
+einheitliches Getriebe ist, und daß alle günstigen oder ungünstigen
+Einflüsse nicht nur ein einzelnes Organ, sondern das ganze System
+treffen. So kann also die Kräftigung nur eine allgemeine organische,
+langsame, aber umfassende sein.
+
+
+9.
+
+Die Kräftigung nach jugendlichen Verirrungen. Die Bekämpfung krankhafter
+Sinnlichkeit.
+
+Was soll ich nun tun, um mich wieder zu kräftigen? Und wie werde ich des
+Triebes Herr, der mich quält und unruhig mir im Fleisch sitzt? --
+
+Diese Frage liegt dir auf den Lippen, und ich höre sie von Tausenden
+deiner Altersgenossen. Auch darüber wollen wir sprechen.
+
+Der Trieb kommt aus dem Fleische, aus dem chemisch-physikalischen
+Getriebe des Körpers, und darum ist es wohl ein Gebot der Klugheit, ihm
+zunächst mit den Waffen der körperlichen Pflege und der gesundheitlichen
+Zucht beizukommen.
+
+Das wird nicht von allen Seiten anerkannt, und es gibt Leute, die viele
+Worte machen und dicke Bücher schreiben, und entweder an der Onanie und
+den einsamen Leiden junger Menschen mit ein paar Worten vorbeigehen oder
+aber das Körperliche dabei kaum beachten. Ich will diesen Leuten keinen
+Vorwurf machen, so sehr der Ernst der Sache es rechtfertigen würde. Aber
+ich sage es, um dich ganz besonders auf die körperliche Entstehung des
+Geschlechtstriebes und damit auf die körperlichen Heilungsmöglichkeiten
+der Onanie hinzuweisen.
+
+Pflege deinen Körper! Halte dich gesund und frisch und straff! Ich sagte
+dir schon, daß ein geschwächtes und darum reizbares Nervensystem den
+sinnlichen Anreizen, die von überall herkommen, und die man nicht alle
+abwehren kann, keinen Widerstand entgegenzusetzen vermag. Es erliegt der
+geschlechtlichen Erregung. Der gesunde Körper, der Mark und Saft hat,
+bleibt eher im Gleichgewicht. Alles Gesunde ist in sich ruhig.
+
+Was gehört zur gesunden Lebensführung?
+
+Nichts weiter, als die einfache Befolgung der Naturgesetze, die sich für
+den Menschen aus der vergleichenden Naturbeobachtung ergeben. Ein
+gesunder Gebrauch der Kräfte und Organe, damit sie in ruhiger,
+gleichmäßiger Anstrengung erstarken.
+
+Aus Atmung, Ernährung, Muskelarbeit und Ausscheidung setzt sich das
+körperliche Leben zusammen.
+
+Atme planmäßig, tief und ergiebig. Besser, als du es bisher getan, und
+gründlicher, als es die meisten Menschen tun. Atmung ist Leben. Die
+Atmung ist die dynamische, das heißt die Antriebskraft für den ganzen
+Organismus. Von hier aus gehen die feinen Schwingungen, die überall die
+Organe zur Tätigkeit anregen. Der Atem ist Stoffwechsel. Denn wir
+entnehmen der Luft den belebenden Sauerstoff, das Brennmaterial des
+Lebens, und befreien im Ausatmen den Körper von der giftigen
+Kohlensäure. Die Kohlensäure ist ein lähmendes Gift, das, wenn es
+zurückgehalten wird, den Körper erschlafft, den Aufbau in den Geweben
+hemmt, den Geist träge macht und durch all dies der Geschlechtserregung
+die Tore öffnet. Tiefes Atmen, namentlich energisches Ausatmen, befreit
+den Körper von der Kohlensäure.
+
+Darum atme grundsätzlich dreimal jeden Tag etwa 10 bis 15 Minuten lang
+tief und ergiebig ein und aus. Etwa morgens gleich nach dem Erwachen,
+mittags vor dem Essen und abends vor dem Schlafengehen. Nimm dabei eine
+aufrechte Haltung mit zurückgebogenen Schultern an, und wenn du glaubst,
+gut ausgeatmet zu haben, dann versuche zum Schlusse noch -- ohne neuen
+Atem zu nehmen -- den Buchstaben _e_ langsam singend herauszupressen,
+solange du kannst, dann wird der letzte Rest verbrauchter Luft aus der
+Lunge entfernt sein, und du kannst die wundersame Saugkraft deiner
+Lungen wieder in einem nun um so tieferen Atemzug bewundern.
+
+Du wirst mir für diesen Rat dankbar sein, wenn du erkennst, welche
+Wunder solch ein tiefes, planmäßiges und vor allen Dingen tägliches
+Atmen an Körper und Geist zuwege bringt.
+
+Die zweite -- und sicherlich die wichtigste -- Forderung liegt in der
+Ernährung.
+
+Die Nahrung soll den Körper aufbauen, ihm seine Wohlgestalt und die
+Kraft zur Arbeit geben.
+
+Als die erzeugende Substanz der Kraft gilt das Eiweiß. Und weil davon
+das Fleisch besonders viel enthält, so ist seit langem in der
+Wissenschaft, und von da aus in den allgemeinen Anschauungen, der Satz
+feststehend, daß Fleisch = Kraft sei. Die praktische Folge davon ist,
+daß alle Welt gern und viel Fleisch ißt. Je mehr das Volk in seiner
+Gesamtheit degeneriert, desto mehr sucht es durch Fleischnahrung seiner
+sinkenden Kraft aufzuhelfen.
+
+Das ist verständlich, so groß auch wohl der Irrtum ist. Und die
+Vegetarier, das sind die ohne Fleisch und nur von Pflanzenkost lebenden
+Menschen, haben durch glänzende Siege bei sportlichen und gymnastischen
+Veranstaltungen längst jenen alten Satz der Medizin widerlegt. Unter den
+Siegern bei solchen Veranstaltungen sind die meisten Vegetarier.
+
+Jedes Nahrungsmittel hat seine ganz bestimmte chemische Zusammensetzung,
+und jeder von diesen chemischen Stoffen hat eine besondere Wirkung auf
+den Körper und damit auch auf den Geist. Sie können nun so wirken, daß
+sie die Blutbeschaffenheit beeinflussen, oder so, daß sie direkt das
+Nervensystem erregen, und schließlich so, daß sie bei der Ausscheidung
+ihrer Stoffwechselreste durch die Nieren ~reflektorisch~ erregen, d. h.
+erst die Schleimhäute der Harnwege und von diesen aus die
+Geschlechtsnerven erregen. In jedem Falle kann ein erregender Einfluß
+auf die Geschlechtsempfindungen zustande kommen, und das können wir vom
+Fleisch mit Bestimmtheit behaupten.
+
+Es wäre mit dem Fleisch nicht gar so schlimm, wenn man nicht zwei
+Übelstände nebeneinander sich ausbreiten sähe. Die Grenzlinie für eine
+normale, ausreichende Ernährung hat sich längst verschoben, und die
+Menge dessen, was viele Menschen essen, geht weit über das Maß des für
+sie Zuträglichen hinaus. Namentlich wird zu viel Fleisch gegessen.
+Andererseits fehlt aber das für eine solch starke Nahrungsmenge
+notwendige Maß von Bewegung, zumal Fleischnahrung an und für sich träge
+macht. So kommt also eine schädliche Wechselwirkung zustande.
+
+Die Pflanzenkost verlangt wegen ihres größeren Darmballastes mehr
+körperliches Bewegen; aber sie befähigt dazu auch in weit höherem Maße,
+denn Pflanzenkost macht den Körper frischer und beweglicher, den Geist
+und den Willen frischer und mobiler. Pflanzenkost hält auch die
+Darmtätigkeit rege, während starke Fleischnahrung nach einiger Zeit
+Darmträgheit, also Verstopfung, im Gefolge hat. Dadurch entstehen
+giftige Gase, die die Gewebe durchdringen und reizend und erregend auf
+die Geschlechtsnerven einwirken. Das tut ja nun das Fleisch schon an und
+für sich, und zwar durch Stoffe, die ohnehin in ihm enthalten sind, und
+durch andere Stoffe, die durch den Vorgang des Schlachtens oder
+denjenigen des Jagens in dem getöteten Tier erzeugt worden sind, und die
+man schlechthin als »Angststoffe« bezeichnen kann. Das Vorhandensein und
+die Wirkung dieser Angststoffe ist durchaus keine Phantasie, sondern
+eine durch nichts hinwegzudisputierende Tatsache. Jedem geistigen
+Vorgang geht ein bestimmter Stoffwechselvorgang parallel. Spritzt man
+den Angstschweiß eines gejagten Tieres einem anderen ins Blut, so kann
+dasselbe sterben. Ja, das geängstete Tier kann ebenso wie der geängstete
+Mensch am Herzschlag sterben. Das ist nur und ausschließlich die Wirkung
+der freigewordenen giftigen Angststoffe.
+
+Es ist verständlich, daß diese im Fleisch enthaltenen, durch das Töten
+vermehrten Stoffe auch auf den Menschen ihre reizende und erregende
+Wirkung entfalten. Dieser Reiz ist, weil widernatürlich, ein Überreiz,
+und er wirkt überall da am stärksten, wo die Widerstandsfähigkeit am
+geringsten ist. Wer zur Trägheit neigt, wird durch das Fleisch noch
+träger, wer jähzornig ist, wird durch das Fleisch noch mehr gereizt, und
+so wird durch das Fleisch auch die geschlechtliche Reizbarkeit
+gesteigert und die Onanie gefördert. Der Fleischgenuß soll also auf das
+geringstmögliche Maß herabgesetzt oder ganz ausgeschaltet werden.
+
+Es ist recht interessant, daß Kinder, die frühzeitig lebhaft nach
+Fleisch verlangen, zu frühzeitigem geistigem und körperlichem Verfall
+neigen, während andererseits Kinder, die sich dem Fleisch widersetzen,
+eine kräftigere, ruhigere, überhaupt normalere Entwicklung nehmen.
+
+Besonderer Gunst erfreut sich ja das Wildbret (Hasen-, Rehbraten
+u. dergl.). Und doch ist gerade von unserem Gegenstand aus vor dem
+Fleisch des Wildes zu warnen. Denn abgesehen davon, daß das Wild vor dem
+Tode gehetzt wurde, läßt man es meist vor der Zubereitung noch tage-, ja
+wochenlang (drei Wochen!) »abhängen«, um einen bestimmten Geschmack zu
+erzeugen, den man »_haut goût_« nennt. Dieser Geschmack ist aber nur die
+Folge eines Zerfall- (Verwesungs-) Vorganges, der bestimmte
+Zerfallsstoffe freiwerden läßt, deren Geruch und Geschmack dem
+unverdorbenen Menschen höchst widerlich sind, deren aufreizende Wirkung
+auf den Organismus jedenfalls sehr stark ist und nicht in Frage gestellt
+werden kann. Denn ausgesprochenermaßen ist das ja der Zweck des
+Wildbretgenusses.
+
+Noch vorsichtiger sollen alle diejenigen, die unter geschlechtlichen
+Anfechtungen leiden, mit dem Genuß von Wurst sein. Abgesehen davon, daß
+sie ein recht teures und an Nährwert dem Preise durchaus nicht
+entsprechendes Nahrungsmittel ist, wird einigen und gerade den besseren
+Sorten recht viel Gewürz (Pfeffer, Salz usw.) beigemengt, dessen Wirkung
+auf die Geschlechtserregung durch alltägliche Beobachtung bewiesen wird.
+
+Viel Aufhebens wird ja in der Ernährung des Volkes von Fleischbrühe und
+Fleischextrakt gemacht. Erstens herrscht darin die gedankenlose
+Überlieferung und zweitens die suggestive Macht der ungeheuren Reklame,
+die für künstliche Fleischextrakte gemacht wird. Es muß gesagt werden,
+daß der Gehalt an eigentlichen Nährstoffen bei der Fleischbrühe nur
+sehr, sehr gering ist, und man die anregende Wirkung nur jenen
+Auszugsstoffen zuschreiben muß, über deren reizende und erregende Rolle
+wir schon sprachen. Wenn die Fleischbrühe hier und da im medizinischen
+Sinne als Reizmittel Verwendung findet, so hat das seine Gründe. Als
+Nahrung aber ist die »Bouillon« nicht das, was man von ihr hält. Sie
+gehört mit zu jenen inneren Geschlechtsreizen, die um so gefährlicher
+werden, je weniger man sie in ihrem Wesen kennt, je häufiger und
+gedankenloser man sie also verwendet. Wer über seine Sinne wachen muß,
+der darf sich nicht am guten Willen genügen lassen, sondern muß jene oft
+handgreiflichen Triebkräfte seiner sinnlichen Erregbarkeit abstellen,
+damit nicht der Geist den Kampf gegen das -- »Fleisch« im doppelten
+Sinne zu führen hat.
+
+Auch andere Nahrungsmittel gibt es, die in diesem Sinne keineswegs
+unbedenklich sind. Ich nenne vor allem die Eier. Sie scheinen die
+Samenerzeugung zu steigern, haben aber besonders eine Wirkung auf den
+Blutdruck. Hoher Blutdruck drängt gewissermaßen zur geschlechtlichen
+Entspannung, durch die er herabgesetzt wird, weshalb alles, was ihn
+steigert, vermieden werden sollte. Das chemische Medium dabei sind die
+Alkaloide, die als »Harnsäure« eine nach verschiedenen Richtungen hin
+krankmachende Wirkung entfalten. Sie sind aber auch im Kaffee und im Tee
+enthalten, weshalb diese Getränke jedenfalls nicht gewohnheitsmäßig und
+nicht in starkem Aufguß genossen werden sollten. Ein schwacher Tee ist
+weitaus besser als der übliche Kaffee, der bei den meisten Menschen ganz
+bedenklich die Magenarbeit stört, die Nerven erregt und bei jungen
+Menschen recht geeignet ist, sinnliche Bilder in die Phantasie
+hineinzuspiegeln.
+
+Gewürze sind über ein gewisses Maß hinaus zu verwerfen. Denn als
+Fremdstoff üben sie eine reizende Wirkung auf die Geschlechtsnerven aus.
+Werden die Nahrungsmittel, besonders die Salate und Gemüse, richtig
+zubereitet, so verlangen sie nicht einmal so viele Gewürze, aber gerade
+weil man in der Ernährung den Boden des Einfach-Notwendigen verlassen
+und sich oft zur sogenannten »Delikatesse«, zur Feinschmeckerei, zur
+Raffiniertheit verstiegen hat, hat man den Geschmack an einfachen und
+natürlichen Nahrungsmitteln verloren und das Nervensystem in einen
+beständigen Aufruhr, in eine »Süchtigkeit« versetzt, die heftig das
+verlangt, an das es gewöhnt wurde, wenn es auch falsch war. An diesem
+Aufruhr ist das Geschlechtsempfinden beteiligt. Es wird aus der gesunden
+Ruhe aufgescheucht, zu krankhafter Erregung getrieben, und es wäre recht
+gut und förderlich, wenn alle die jungen Menschen, die in heißem Ringen
+um ihre sittliche Würde immer wieder der geschlechtlichen Anfechtung
+verfallen, ganz sorgfältig die Nahrung prüfen würden, damit die inneren
+Geschlechtsreize unterbunden werden, bevor man den sittlichen Willen in
+den Kampf schickt.
+
+Man darf behaupten, daß eine vegetarische Diät weit mehr den natürlichen
+Lebensgesetzen des menschlichen Organismus angepaßt und darum nach jeder
+Richtung hin geeignet ist, Unruhe und Krankheit aus dem Körper zu
+beseitigen und normale, ruhige, gesunde Verhältnisse wiederherzustellen.
+Dem menschlichen Geschlechtsleben ist der starke Fleischgenuß
+verderblich gewesen, und eine Rückkehr zu einfacher Pflanzennahrung wird
+wieder gesunde Ruhe und ruhige Kraft bringen.
+
+Kennst du so die gefährliche Wirkung der mit der Nahrung eingeführten
+Reizstoffe, so mußt du auch daran denken, daß die Resterzeugnisse des
+Verdauungs-, Assimilations- und Stoffwechselvorganges gerade wegen ihres
+Zerfallscharakters auch nichts anderes als schädliche Reizstoffe sind.
+Sie müssen den Körper sobald wie möglich verlassen. Nur dann, wenn es
+geschieht, kann man von einem gesunden Stoffwechsel sprechen. Es
+geschieht aber nicht immer, und die Zahl der Menschen ist Legion, die an
+Darmträgheit oder Verstopfung leiden.
+
+Über die Ursachen dieses Übels sprachen wir schon. Zu viel Fleischkost
+und zu wenig Bewegung, also nervöse und Muskelerschlaffung. Später wird
+die Darmerschlaffung eine Folge des geschlechtlichen Mißbrauches in der
+Jugend. Mit diesen Ursachen kennen wir zugleich auch die Mittel zur
+Beseitigung. Notwendig ist diese; denn der gefüllte Darm übt rein
+mechanisch einen Druck aus, der sich in Geschlechtserregung auslöst.
+Grobes Brot (Schrot-, Graham-, Simons- oder Molkenbrot), Gemüse, Salate
+und reichlich Obst führen in den meisten Fällen eine gute Darmtätigkeit
+herbei.
+
+Auch die gefüllte Blase steigert auf reflektorischem Wege den
+Geschlechtsreiz, und namentlich junge Männer haben am Morgen beim
+Erwachen meist Gliederregungen, die mit dem Harndrang zusammenhängen.
+Ist die Harnblase entleert, so ist meist auch die Erregung verschwunden.
+Im Hinblick darauf sollten junge Männer es vermeiden, am Abend viel zu
+trinken. Das Trinken ist ja schon an sich sinnlos, aber für die
+Zurückdrängung der Sinnlichkeit besonders zu beachten.
+
+Den alkoholischen Getränken gegenüber entschließest du dich am besten zu
+vollkommener Enthaltsamkeit. Bier, Wein, Schnaps, Liköre und dergleichen
+haben keinen Wert als Nahrungsmittel und werden darin von den
+allereinfachsten Dingen wie Milch, Brot, Käse, Obst und Obstsäften
+übertroffen. Als Reizmittel aber sind sie dem Nervensystem verderblich,
+dem Geschlechtstrieb gefährlich, und darum ist es sinnlos, sie zu
+trinken. Im Kampf mit dem Geschlechtstrieb muß man solche gefährlichen
+Gegner, wie den Alkohol, zu allererst verscheuchen.
+
+Ich will an dieser Stelle einiges über das Bett sagen; denn auf sein
+Schuldkonto ist manches von den sinnlichen Verirrungen zu setzen. Mit
+zunehmender Kultur wurden Unter- und Oberbett und auch die Kissen immer
+weicher, schmiegsamer. Dadurch wird die Berührung dieser Dinge mit dem
+Körper inniger, und das ist angesichts der großen Empfindsamkeit der
+äußeren Nerven nicht unbedenklich. Es entsteht unter den Federbetten
+eine Wärmestauung, und Wärme steigert überall das Empfinden. Wenn nun
+aus gesteigerter Wärme und äußeren Tastreizen sinnliche Träume
+entstehen, so geschieht es leicht, daß die Hände die geschlechtlichen
+Organe berühren und eine Geschlechtserregung unbewußt im Schlafe oder
+auch bewußt herbeiführen. Mancher junge Mensch wacht plötzlich vom
+Schlafe auf in einem Augenblicke, wo der onanistische Akt ganz oder
+teilweise vollführt ist.
+
+Diese Gefahr ist ganz besonders groß morgens kurz vor oder nach dem
+Erwachen, wo die gefüllte Harnblase eine Erregung verursacht und die
+Bettwärme sinnliche Bilder entstehen läßt. Am Morgen ist namentlich bei
+nervösen oder sonstwie leidenden Menschen die allgemeine Kraft und
+besonders die Willenskraft noch gering. Beide wachsen erst an den
+Arbeitspflichten des Tages. In dem Träumen und Hindämmern im Bett nach
+dem Erwachen liegt etwas riesig Gefährliches, und es hat wohl schon
+ungezählte Tausende von jungen Menschen ihrem guten Vorsatz entfremdet.
+
+Es gilt hier, wie in so vielen Gefahren des Lebens, der Satz.
+»_Principiis obsta_«. Widerstehe dem Anfang! Wenn du erwachst, so erhebe
+dich mit einem mannhaften Entschluß! Stehe frisch entschlossen auf,
+kleide dich an, bewege dich und beginne zu arbeiten. Gib dich nicht eine
+Sekunde dem sinnlichen Hindämmern hin. Es ist immer ein Ringen zwischen
+Trieb und Wille. Je mehr du den sinnlichen Trieb träumend ansteigen
+lässest, desto schwächer wird dein Wille, bis er schließlich ganz
+unterliegt. Mache es dir vor allem zum ~eisernen Grundsatz~, die
+Geschlechtsorgane nur dann zu berühren, wenn die Notdurft des Leibes es
+verlangt, ~sonst unter keinen Umständen~. Jenes Spielen, das die
+angenehme leichte Erregung herbeiführt, ist wie ein Zunder in einem
+Explosionsstoff. Du willst nicht die Explosion, aber es glüht und glüht,
+bis mit einem Male dein Wille und dein moralischer Widerstand
+zusammenbrechen unter der angetriebenen Sinnlichkeit, und es -- wieder
+einmal geschehen ist. _Principiis obsta!_ Widerstehe dem Anfang!
+
+Auch Krankheitserscheinungen mancherlei Art gibt es, die
+geschlechtsreizend wirken. Von den schweren Leiden, wie
+Lungenschwindsucht, mit ihrer oft verzehrend-fieberhaften Sinnlichkeit,
+will ich nicht sprechen. Wohl aber von örtlichen Störungen in der
+Geschlechtsgegend, die von einem mehr oder weniger heftigen Juckreiz
+gefolgt sind. Entweder finden sich dann Darmparasiten, Eingeweidewürmer
+mancherlei Art, oder es handelt sich um Hautmilben oder Hautleiden,
+welch letztere von Blasen-, Knötchen- oder Borkenbildung gefolgt sind
+und ein oft fürchterliches Jucken und Kratzen veranlassen. Wohl immer
+sind dies Folgen von Unsauberkeit, und der wohlmeinende Hygieniker hat
+ernstlich darüber Klage zu führen, daß die wohltätige und
+gesundheitswichtige Gewohnheit des Badens noch nicht genügend weit im
+Volke verbreitet ist. Auf ein einmaliges Bad in der Woche bildet man
+sich schon mancherlei ein. Aber für junge Menschen, die über
+geschlechtliche Anfechtungen klagen und sich von der Onanie befreien
+oder freihalten wollen, genügt das keineswegs. Sie sollten die gar zu
+warmen Bäder meiden und allabendlich eine Waschung des gesamten
+Unterleibes einschließlich der Oberschenkel und des unteren Rückens mit
+kühlem Wasser machen und könnten, wenn die sinnliche Erregung nur schwer
+zu bändigen ist, diesem Wasser etwa ein Fünftel Kampferspiritus
+beimengen; das kühlt und beruhigt. Namentlich ist es dem jungen Manne
+ratsam, den vorderen Teil des Gliedes, die Eichel, öfter durch
+Zurückziehen der Vorhaut freizulegen und kühl abzuwaschen. Dadurch
+entfernt man jenen Ausscheidungsstoff, der sich hier festsetzt und die
+Geschlechtsnerven reizt.
+
+Die kluge Gewohnheit des Badens wird an Wert und gesundheitlicher
+Bedeutung noch übertroffen durch das Luftbad. Es schließt eine
+natürliche Form des Lebens in sich und bringt viel Kraftsteigerung für
+das Nervensystem. Es gehen viele ins Luftbad, die krank sind und sich
+von ihren Leiden befreien wollen. Aber klüger ist es wohl, schon -- ehe
+man krank geworden -- einen Teil der Jugendjahre im Luftbade
+zuzubringen, um im kräftigenden Reiz der atmosphärischen Luft, im freien
+Lauf und im frisch-fröhlichen Spiel die sinnliche Lust einzudämmen und
+umzuwandeln in Spannkraft des Körpers und des Geistes. Die sitzende
+Lebensweise in den Schulen, Bureaus, Werkstätten und Fabriken führt zu
+einer Stockung des Blutes und der Säfte in den inneren Organen und zur
+Erschlaffung der Muskeln und der äußeren Haut; das häufige Luftbaden
+schafft gründliche Änderung darin und bringt, namentlich wenn es
+grundsätzlich auch im Winter im Freien genommen wird, mit der Abhärtung
+zugleich auch einen frischen offenen Sinn, der es für verderblich und
+unmännlich halten muß, sich schlaffen, sinnlichen Träumereien
+hinzugeben.
+
+Um im Luft- und Sonnenbade ganz richtig zu handeln, dir nicht zu
+schaden, lies mein Buch »Die Heilkraft des Luft- und Sonnenbades.
+Rationelle Körperpflege durch Luft, Licht und Wasser«[3]. Du findest
+darin eine ganz eingehende Darstellung dieses vornehmsten
+Gesundheitsmittels und genaue Anweisungen für dein Verhalten.
+
+Da, lieber Leser, sind wir überhaupt bei der Frage der Muskelarbeit
+angelangt, und damit bei einer Frage von so großer Wichtigkeit, daß wir
+darüber noch einiges sagen müssen.
+
+Das Leben ist eine wunderbare Einheit, und tief im Innern des
+Organismus, im Chemismus der Gewebe, werden in geheimnisvoller Weise die
+Kräfte frei, die das Leben zur Entfaltung bringen. Im ewigen Kampf ums
+Dasein empfing jedes Lebewesen, empfing auch der Mensch seine ganz
+bestimmte Form, seine körperliche und geistige Organisation. Der Kampf
+ums Dasein zog die Kräfte bald hierhin, bald dorthin und hat vor allen
+Dingen in der Notwendigkeit der Körperarbeit und der körperlichen
+Anstrengungen die Muskeln stark und leistungsfähig gemacht.
+
+Mit einem Male wurde die Muskelarbeit zurückgedrängt. Durch die
+Entfaltung der Technik, der Industrie, der Wissenschaften, wurden immer
+mehr geistige Kräfte verlangt, während die Körperkraft im Kampf ums
+Dasein von Tag zu Tag mehr ihre Bedeutung verliert.
+
+Namentlich der Jugend aber, die ihres raschen Wachstums und
+Stoffwechsels wegen und ihrer ganzen Anlage nach zu körperlicher
+Bewegung drängt und darauf angewiesen ist, wenn sie sich normal
+entwickeln soll, ist das viele Stillsitzen gefährlich geworden. Die frei
+werdenden Kräfte finden keine Verwendung, keinen Ausweg. Würden sie in
+Körperarbeit verwendet, so würde sich der Körper dabei aufbauen, würde
+die gelösten Stoffe sich selber als dauernden Besitz anbauen, würde
+stark und kräftig werden. So aber suchen sich die herrenlosen Kräfte
+einen Ausweg und werfen sich auf den Geschlechtssinn, den sie erregen
+und steigern und zur Entladung drängen. So ist vielfach die Onanie eine
+Entladung von Kräften. Aber diese Kräfte werden dem körperlichen und
+geistigen Dauerbau entzogen, und statt daß sie in ihrer stetigen
+Verwertung den Organismus stark machen sollen, führen sie nun ein
+Anwachsen, eine Züchtung des Geschlechtstriebes herbei. So verstehen wir
+es, daß eine starke Geschlechtsbetätigung eine verhehrende Wirkung auf
+Körper und Geist hat.
+
+Ja, gerade die in der Gegenwart so beliebt gewordene Methode der frühen
+geistigen Erziehung der Kinder fördert ihre sinnliche Entwicklung
+maßlos. Die Freude der Mutter über die regen geistigen Interessen ihrer
+Lieblinge ist verderbliche Naivität; denn die geistige Regsamkeit ist
+nervöse Entwicklung. Diese unsinnige Erziehung: geistiger Drill bei
+körperlicher Trägheit! Unaufhaltsam werden die Kinder der
+Geschlechtserregung zugetrieben. Die Eltern sind blind, sehen nichts und
+lassen zwischen ihren Kindern oder zwischen den Kindern und den
+Dienstboten Dinge geschehen, über die sie entsetzt sein würden, wenn sie
+nur ein einziges Mal Augen- oder Ohrenzeugen wären. Und dabei sind es
+oft Väter und Mütter, die mit größtem Ernst, mit sittlichen und
+religiösen Mitteln ihre Kinder erziehen wollen und doch sie verderben.
+
+Nichts ist notwendiger in unserer Zeit, als diesen Kräftestrom wieder in
+sein natürliches Bett zurückzulenken, die natürlichen Lebensbedingungen
+wiederherzustellen, körperlich zu arbeiten. Oder, wo das nicht ausgiebig
+möglich ist, Sport und Gymnastik zu betreiben. Der gesunde Instinkt der
+Jugend hat das überall erkannt. Und überall in Deutschland begegnet man
+jetzt den Wandervögeln, den Pfadfindertrupps, sieht man Tennisspiel,
+Fuß- und Faustball u. a., gibt es Turn- und Sportvereine, Sommer- und
+Wintersport, Berg- und Wassersport. So ist es recht, und niemand sollte
+sich davon ausschließen. Ein junger Mensch, der immer zu Hause sitzt und
+nicht da draußen seine Kräfte übt, seine Lungen weitet, hat keine rechte
+Jugend gekannt. Und daß gerade die blassen Stillsitzer unter den
+Onanisten so häufig zu finden sind, beweist die Gefahren der
+körperlichen Untätigkeit. Die Wandervögel, die Pfadfinder sind an Zahl
+gewachsen. Aber zehnmal, hundertmal so viel müßten es sein. Ein
+nationales Erwachen müßte durch das Volk, müßte vor allem durch die
+Jugend gehen, daß wir mehr von den Büchern und der blassen
+Stubenhockerei und dem verdammten Kneipen-, Sauf- und Lumpenleben
+loskommen. Das deutsche Volk wurde vor dem Kriege leider immer reicher
+an Theoretikern, Maulhelden und Schlafmützen und an jenen ästhetischen,
+saftlosen Dekadenten, die elegant und blasiert im Café saßen, über Gott
+und die Welt räsonnierten und überlegen philosophierten, aber selber im
+Leben nirgendwo einen rechten Platz ausfüllten, sondern nur die Scheu
+vor der Arbeit allerorten großzogen. Diese schlaffen Kerle kriegen nur
+Spannung, wenn das Erotische ihr Auge oder ihr Ohr trifft, wenn »die
+Weiber« das Gesprächsthema bilden. Alles andere vermag ihre ausgelaugte
+Intelligenz nicht mehr hervorzulocken.
+
+Laß dir dies kühl blasierte Gesicht nicht imponieren! Wer zuletzt lacht,
+lacht am besten. Laß dir daran gelegen sein, einen kräftigen, gesunden,
+elastischen Körper zu gewinnen, den diese »moderne« Schlaffheit und
+Moralfaulheit nicht überwinden kann. Sparst du die Geschlechtskraft, so
+lenkst du sie um in alle Organe deines Körpers und baust dir aus dem
+geheimnisvollen Lebensstoff ein Leben, das im Alter die Klugheit deiner
+Jugend segnet.
+
+Es ist wahrlich keine Schwarzseherei, wenn ich darauf hinweise, daß auch
+das Turnen in mancherlei Hinsicht Gefahren in sich trägt. Die
+Geschlechtsorgane sind bei vielen, namentlich bei den nervös veranlagten
+jungen Menschen leicht reizbar. Darum ist es geraten, zum Beispiel beim
+Klettern an Stangen und Tauen Reibungen der sexuellen Organe zu
+vermeiden. Wo eine Gefahr besteht, kann man nicht genug auf der Hut
+sein. In den Schulen und beim Militär wird ja auch auf einen korrekten
+Kletterschluß geachtet.
+
+Vorzügliche Beachtung verdient neben den Wanderungen, die den Körper
+stärken und den Geist zugleich ablenken und ausfüllen, das ~Schwimmen~.
+Junge Menschen, deren sinnlicher Trieb sich in den Vordergrund drängt,
+sollten fleißig das Schwimmen üben; denn es behebt die Blutfülle in den
+Unterleibsorganen, die oft die unmittelbare Ursache der geschlechtlichen
+Erregungen ist. Auch werden die sinnlichen Vorstellungen und Träume, die
+aus solchen Blutstauungen entstehen, durch das Schwimmbad energisch
+beseitigt und durch den niederschlagenden Kältereiz stets auf einige
+Zeit zurückgehalten. Ich empfehle aber rasches Auskleiden, energisches
+Hineingehen ins Wasser und schnelles Wiederankleiden. Nichts aber ist
+nach allen Seiten hin von so großem Werte wie das tüchtige ~Luftbaden~.
+Es vereinigt viele Faktoren der Gesundheitspflege und Nervenstählung in
+sich und stellt die kraftvollste und unmittelbarste Verwirklichung jenes
+»Zurück zur Natur« dar, das seit Rousseau immer lebendiger in die
+allgemeinen Lebensanschauungen hineingetreten ist. Zeitweilig und
+regelmäßig sich im Freien, in abgeschlossenen Luftbädern oder im
+einsamen Wald, der Kleider zu entledigen und den nackten Körper bei
+guter und schlechter Witterung der Luft auszusetzen, das ist eine
+Klugheit und eine Wohltat zugleich. Ein Kraftzuwachs ist der Gewinn
+dieser Klugheit. Und wenn das Luftbad mit tüchtiger Bewegung, Laufen,
+Springen, Turnen oder -- wo es geht -- mit Schwimmen verbunden wird,
+dann verscheucht es sicherlich alle die wirren sinnlichen Phantasien,
+unter denen der blasse Stubenhocker leidet. Der gewaltige Bewegungsdrang
+der Jugend will und muß entladen werden, denn dieser Bewegungsdrang ist
+ja eben Jugend, und in seiner Betätigung liegt das Geheimnis des
+Wachstums, der Erstarkung. Wird alles Körperliche, Spiel, Sport,
+Gymnastik, Schwimmen, Luftbad, Turnen, unterbunden, und zwingen
+Elternhaus und Schule zur Stillsitzerei hinter den Büchern, dann stauen
+sich die Jugendkräfte und entladen sich da, wo krankhafte Reizbarkeit
+ihnen ein Tor öffnet, in der Geschlechtssphäre. Wenn so die drängenden,
+jugendaufbauenden, lebengestaltenden Kräfte in der Onanie einen Ausweg
+gefunden haben, dann verlangt der erschöpfte Organismus nicht mehr nach
+körperlicher Kraftentladung. Dem erschlafften Körper ist das Stillsitzen
+ein Bedürfnis, eine Wohltat, und aus dem Onanisten entwickelt sich oft
+in der Schule der blasse, folgsame Streber, der der Stolz des Lehrers
+ist und den doch das Leben später, wenn er nicht mehr so recht
+vorwärtskommt, darüber belehrt, daß nicht allein geduldiges Sitzen,
+sondern Entschlußkraft, Mark und Saft dazu gehören, ein Ziel zu
+erreichen. Dies sind aber Werte, die durch geschlechtliche Reinheit in
+der Jugend gewonnen werden.
+
+Besser noch und richtiger als alles, wovon ich oben sprach, besser als
+Sport, ist die Arbeit, die rauhe körperliche Arbeit. Der Sport hat noch
+kein Volk groß gemacht, sondern die Arbeit, die harte, rauhe
+Notwendigkeit. Denn Sport verleitet überall zu Rekordleistungen, zu
+Übertreibungen, zu Fexerei und -- Schwindel. Der Sport läßt hier und da
+nichts mehr von seinem inneren Werte merken und ist zum Schaustück, zur
+Unterhaltung, zum Nervenkitzel geworden. Das beweisen -- die Wetten und
+der Totalisator. Die Sucht nach wahnsinnigen Gipfelleistungen ist eine
+Erscheinung der Neurasthenie eines ganzen Volkes. Schlaffe Nerven
+antworten nur auf starke Reize.
+
+Der Sport ist sicherlich die notwendige und wohltätige Reaktion gegen
+Schul- und Schreibstuben- und Fabrikarbeit. Aber der Sportmatador hat
+viel zu sehr die bewundernden Blicke auf sich gezogen und den Sinn
+abgelenkt von der körperlichen Arbeit, die greifbare Werte schafft. Geh
+aufs Land hinaus und sieh die Arbeit der Bauern. Sie bestellen den
+Acker, und von den Erzeugnissen ihrer Arbeit, von Kartoffeln,
+Kornfrucht, Grünzeug, Obst und Viehzucht nährt sich das ganze Volk. Ist
+das nicht wertvoller als sechs Tage lang wie ein Besessener im Kreis
+herumzuradeln und klüger noch, als bei diesem Unsinn zuzusehen?
+
+Aber im Frühjahr und namentlich im Herbst ist auf dem Lande Leutenot.
+Haben wir Deutschen nicht genug Hände zum Arbeiten? Ei, jawohl! Aber sie
+stecken in den Hosentaschen und sind -- manikürt. Und während der Bauer
+am Abend sorgend den drohenden Himmel betrachtet und vor Sonnenaufgang
+aufsteht, um in harter Arbeit, mit Frau und Kindern und mit den wenigen
+Kräften, die er bekommen kann, den Reichtum seiner Fluren in den
+Scheunen zu bergen, sitzen in der Stadt Tausende im Kaffeehaus, spielen
+sie Tennis- und Fußball und tragen in sich den glückseligen Gedanken von
+der »Gesundheit des Sports«.
+
+Ja, gewiß ist er gesund! Aber ließe sich nicht ein weniges von all der
+spielenden Kraft in Ernst, in Arbeit umwandeln? Sollen wir geschlagenen
+Deutschen nicht eine ganz neue Zukunft bauen? Könnten nicht die jungen
+Burschen, die Sportklubs, die Wandervögel und Pfadfinder, zum mindesten
+in den Ferien, einmal zu den Bauern hinauswandern, um zu arbeiten? Muß
+man immer spielen? Und vielleicht nur deshalb spielen, weil zu jedem
+Sport auch gleich ein »schickes« Kostüm erdacht wird? Ja, die
+kostümlich-dekorative Marke verdrängt oft sehr aufdringlich die innere
+Kraft der Sache. Die Arbeit auf dem Lande wäre für die jungen Burschen
+aller Stände nicht nur gesundheitlich förderlich, sondern auch ein
+kräftiger Faktor ihrer sozialen Erziehung.
+
+Das deutsche Volk war vor dem Kriege auf jener Stufe der Degeneration
+angelangt, wo in einem letzten Aufflackern der Körperkraft der Gedanke
+an die Arbeit im Sport ästhetisch kultiviert wurde. Alle Welt litt und
+erkrankte an der körperlichen Untätigkeit und der geistigen und nervösen
+Überreizung. Alle Welt schaffte sich nicht Hunger und Verdauungskraft in
+der Arbeit, sondern hatte die Mahlzeiten zu einer Haupt- und
+Staatsaktion erhoben und litt am zu vielen Essen. Das Geschlechtliche
+war das Ventil, aus dem die krankhafte Spannung entwich, und der
+geschlechtliche Mißbrauch folgte der körperlichen Untätigkeit und der
+Unmäßigkeit des Essens und Trinkens auf dem Fuße. Aber das ging an die
+Nervenkraft, und alle Welt ging in die Sanatorien, um -- die Zeit weiter
+totzuschlagen. Das große Heilmittel für die Neurastheniker und die
+anderen Leidenden, die Körperarbeit, wollte niemand versuchen. Hatte der
+Arzt eine Überzeugung, so mußte er sie für sich behalten, sonst kostete
+sie ihn die Kundschaft. Nur wenigen gelang es, sich dem großen Humbug
+mit Erfolg entgegenzustemmen. Nun hat der Krieg uns aus dem Hindämmern
+aufgeschreckt, uns den Abgrund gezeigt, an dem wir hintaumelten. Nun
+soll ernste, strenge, harte Arbeit uns einen ganz neuen Weg führen.
+
+Aus Arbeit und rauhen Notwendigkeiten entstieg die Kraft und erblühte
+das Leben in tausend Schönheiten. Nun war die Kraft im Schwinden, und
+ihre Wiedergeburt, die Regeneration, muß auch erst wieder durch die
+rauhe Notwendigkeit der Arbeit, durch Einfachheit, durch Körperstählung
+und durch geschlechtliche Reinheit hindurchgehen.
+
+Die Menschen haben sich an den Anblick der körperlichen und seelischen
+Leiden und an das häufige und allgemeine Schmerzgefühl so sehr gewöhnt,
+daß sie glauben, Schmerz und Krankheit lägen in der Natur der Dinge und
+seien unvermeidliches und unabwendbares Schicksal. Darum ertragen viele
+ihre Leiden in gedankenloser Ergebenheit oder führen Klage über ihr
+persönliches Unglück. Die heftigen, impulsiven Naturen murren auch wohl
+gegen das »Schicksal«. Die wenigsten nur sind es, die bei sich selbst
+nach den Ursachen spähen und -- durch Erkenntnis klug geworden -- in
+vorsichtigerer Lebensführung alle die allgemeinen Übel vermeiden.
+
+Von nichts aber dürfen wir mehr überzeugt sein als davon, daß bei
+vernünftiger Lebensführung Krankheiten ganz außerhalb der Lebensgesetze
+des menschlichen Organismus liegen. Haben wir nur ein klein wenig
+natürlich denken gelernt, so müssen wir erkennen, daß die Natur
+Gesundheit und Glück gewollt hat, und die Irrtümer und Fehler des Lebens
+dem Einzelmenschen schaden und von ihm aus die Gesamtheit angreifen.
+
+Die Verletzung der Naturgesetze -- im Geschlechtsleben mehr als
+anderswo -- verwirrt die Wege der Kraft, der Schönheit und des Glückes,
+die den Menschen von der Natur gewiesen sind, und bringt Krankheit,
+Schwäche und Tod. Wir Menschen von heute aber haben etwas, was niemand
+je vorher besaß, die klare Erkenntnis von den wahren und eigentlichen
+Ursachen des Verfalls. Wir sehen mit Entsetzen den Geschlechtsmißbrauch
+die Kraft der Menschen und der Völker zerstören und sammeln alle Kräfte,
+um dieser zerstörenden Gewalt zu begegnen. Die klare Erkenntnis hat uns
+Hoffnung, Mut und Wille gegeben, und das Leben, das vor uns liegt, steht
+im Zeichen einer neuen Zeit, in der in einem gesunden Körper wieder eine
+gesunde Seele lebt.
+
+[Illustration: Dekoration]
+
+
+
+
+Zweiter Teil.
+
+Der junge Mann und das Weibliche.
+
+Rätsel und Irrtümer der Liebe.
+
+ »Errötend folgt er ihren Spuren
+ Und ist von ihrem Gruß beglückt.
+ Das Schönste sucht er auf den Fluren,
+ Womit er seine Liebe schmückt.«
+
+ Schiller.
+
+
+Die alten Griechen hatten einen Gott, den sie Janus nannten, und den sie
+sich mit zwei Köpfen dachten. Wollten wir Menschen die Liebe darstellen,
+wahrlich, auch sie hätte einen Januskopf; denn kein Empfinden gibt's im
+Leben, das so sehr Glück und Leid, Jubel und Tränen, Freude und Trauer
+umschließt, kein Empfinden, das mit so viel stürmenden Hoffnungen begann
+und mit so viel bitterer Resignation endete. Heiße, große
+Jugendsehnsucht auf dem einen Gesicht und begrabene und beweinte Wünsche
+auf dem andern, das ist der Januskopf der Liebe.
+
+Aller Jammer, alles Elend, alle Krankheit entspringt dem Irrtum. In den
+Geschlechtsirrtümern verlieren die Menschen ihre Kraft.
+
+
+1.
+
+Das Erwachen der Liebe.
+
+Um das 15., 16. oder 17. Jahr herum geschieht es, daß aus dem Knaben ein
+junger Mann wird und der Körper alle jene bedeutsamen Veränderungen
+erlebt, die vereint den Geschlechtscharakter bilden. Der Körper
+entwickelt besondere Triebkraft im Wachstum, und dieses rasche, oft
+schußweise Wachsen im Knochenbau, dem die Muskelfülle nicht ganz zu
+folgen vermag, gibt der Gestalt jene merkwürdige Eckigkeit und
+Unbeholfenheit, die uns den jungen Mann in den »Flegeljahren« oft so
+lächerlich ungeschickt erscheinen lassen. Auf der Oberlippe erscheint
+der erste Bartflaum, die sexuellen Organe entwickeln sich stärker; es
+mehren sich die Schamhaare; die Stimme verliert den kindlichen Klang;
+sie »bricht« und gewinnt jenen dunklen, oft rauhen Timbre, aus dem man
+den »Stimmbruch« eine Zeitlang deutlich heraushört.
+
+Dieser ganzen äußeren Entwicklung, die einen ausgeprägt geschlechtlichen
+Charakter trägt, entspricht auch eine innere Entwicklung. Denn das
+geistige Leben wird beeinflußt und gespeist von jenen inneren
+Absonderungen der Keimdrüsen, die in dieser Zeit lebhafter zu arbeiten
+begonnen haben. Das Geschlechtsgefühl ist nun nicht mehr bloß allgemein
+körperlich, sondern wird reicher an plastischen, geistigen
+Vorstellungen. Denn in demselben Maße, in dem das eigentlich Männliche
+sich in dem jungen Manne ausbildet und äußerlich und innerlich ausprägt,
+stellt sich sein ganzer männlicher Organismus auf das Weibliche in
+seiner Umgebung ein. Männlichkeit und Weiblichkeit bilden eben im
+kosmischen Geschehen jene gewaltige Polarität, aus der das
+weltenbewegende Wunder der Liebe entsteigt. Jeder Pol sucht seinen
+Gegenpol, und alle die feinen und starken Ausstrahlungen der
+Männlichkeit suchen und finden das Weibliche, das sie mit dem gleichen
+Gesetz anziehen und sich zu verschmelzen trachten. So gewinnt das
+Weibliche eine gewisse Herrschaft über das Männliche, das
+sich -- gebändigt durch unklare sinnliche Wünsche -- dieser Herrschaft
+gern beugt, ja sich manche »süße Tyrannei« eines jungen Mädchens
+gefallen läßt und aus Liebe und Ritterlichkeit zu jedem Dienst
+und -- jeder Torheit fähig ist.
+
+Das sind etwa so die Tanzstundenjahre. Eine kleine Welt für sich, deren
+glückliches Hoffen nie wiederkehrt. Je stärker und unklarer diese
+männliche Sehnsucht ist, desto verlegener und ungeschickter kann der
+sonst ganz ruhige und sichere junge Mann werden, wenn in der
+Gesellschaft ein junges Mädchen all seinen stürmend-sehnsüchtigen
+Gefühlen ein naheliegendes Ziel gibt. Dann ist es mit der Ruhe vorbei.
+Er möchte den allerbesten Eindruck machen, die Ritterlichkeit in Person
+sein, glaubt sich von allen Anwesenden beobachtet und möchte sich doch
+um alles in der Welt vor seiner »Angebeteten« keine gesellschaftliche
+Blöße geben. Das geringste Mißgeschick bringt ihn in unglaubliche
+Verwirrung. Er steckt das Tischtuch als Serviette ins Knopfloch,
+schüttet der Dame die Suppe aufs Kleid, wirft einen Stuhl um und sucht
+verzweifelt nach einem Gesprächsthema.
+
+Das Liebesspiel hat begonnen, und alle die grotesken Verlegenheiten sind
+nur die grenzenlose Verwirrung, die das Weibliche anrichtet in der Seele
+des jungen Mannes, dessen erwachte Geschlechtlichkeit sich in dieser
+neuen Welt noch nicht zurechtzufinden weiß.
+
+Und dann ergreift das Weibliche immer mehr Besitz vom Denken und Fühlen
+des jungen Mannes. Es schärft auf der Straße und in der Gesellschaft
+seine Augen für Jugend und Schönheit, Grazie und Charme. Es dringt in
+seine Träume ein, und während der gesunde, wohlerzogene junge Mann die
+Schönheit dieser Jugendjahre nicht ihres idealen Gewandes entkleidet und
+die Poesie der jungen Liebe nicht in der sexuellen Gier vernichtet,
+kämpfen viele -- und namentlich diejenigen, die den onanistischen
+Geschlechtserregungen verfallen sind -- mit sexuellen Vorstellungen. Und
+während bei dem einen die ersten Regungen der Liebe zugleich seinen
+männlichen Stolz und seine sittliche Selbstachtung wecken, und ihm die
+Liebe zur Waffe gegen seine unreine Verirrung wird, gerät der andere
+noch tiefer in die Gewalt des krankhaften Triebes.
+
+Hier findet der zügelnde Wille und die Klugheit einer gesunden
+Lebensführung einen besonderen Boden, zumal es sich darum handelt, jene
+nächtlichen automatischen Samenergüsse, die sogenannten Pollutionen, in
+ihren physiologischen Grenzen zu halten.
+
+Mancher junge Mann wird verwirrt oder erschreckt, wenn er in der Nacht
+oder am Morgen einen Samenverlust beobachtet, der von einer mehr oder
+weniger starken Erregung, von mehr oder weniger lebhaften sinnlichen
+Träumen begleitet war. Den Unwissenden und Ängstlichen mag gesagt sein,
+daß die Pollutionen nichts Krankhaftes an sich haben, sondern eine
+normale Entscheinung sind, wenn sie etwa alle 10-20 Tage sich höchstens
+einmal einstellen. Darüber hinaus und besonders dann, wenn der Pollution
+am nächsten Tag schlaffes, schlechtes Befinden, blasses Aussehen,
+Kopfschmerz, Kreuzschmerzen, Nervosität und dergleichen folgen, haben
+wir es mit nervöser Schwäche zu tun, oder der Samenerguß war durch einen
+äußerlichen oder innerlichen Reiz, jedenfalls aber durch einen Fehler in
+der Lebensführung, herbeigeführt worden. In solchen Fällen wirst du gut
+tun, lieber Freund, alle die Ratschläge zu befolgen, die ich schon zur
+Heilung der Onanie gegeben habe, und namentlich die Abendmahlzeit nicht
+nach 6 Uhr einzunehmen und sie nur aus Brot und Früchten bestehen zu
+lassen.
+
+Wenn es möglich wäre, die Menschen in ihrer Allgemeinheit wieder zu
+einer gesunden und einfachen Lebensweise zurückzuführen, so müßten
+wahrscheinlich die Pollutionen entweder gänzlich schwinden oder auf ein
+äußerst geringes Maß zurückgehen. Aber diese Erscheinungen hängen wohl
+mit der nervös gesteigerten Erregbarkeit des Lendenmarkes, mit
+körperlicher Untätigkeit und mit einer falschen Ernährung weit mehr
+zusammen, als man auch nur ahnt. Wenn aber zum Beispiel eine
+geschlechtliche Erscheinung mit der Ernährung zusammenhängt und zugleich
+mit dieser geändert werden kann, so ist es doch zum mindesten recht
+schwer, zu sagen, sie sei so, wie sie ist, normal.
+
+Keinesfalls aber läßt sich aus solchen Erscheinungen die
+Anschauung herleiten, daß nun der Organismus reif sei für die
+Fortpflanzungstätigkeit, und daß nun die Geschlechtsbetätigung für den
+jungen Mann zu einem persönlichen Recht und zu einer gesundheitlichen
+Forderung werde. Denn wenn auch -- was jedenfalls bestreitbar ist -- die
+Pollutionen normale, physiologische Erscheinungen wären, so könnten sie
+doch nur eine passiv-automatische Übung und Wachstumssteigerung eines
+Triebes darstellen, der seiner sozialen Beziehungen und Folgen wegen
+nicht allein in der körperlichen Entladung begriffen werden kann.
+
+
+2.
+
+Die Sittlichkeitsfrage.
+
+Hier haben wir mit einem Male einen Sprung mitten in die sogenannte
+»Sittlichkeitsfrage« hinein getan. Denn der Begriff des »Sittlichen« hat
+sich stillschweigend und in seiner ganzen Ausdehnung an das
+Geschlechtliche angeschlossen.
+
+Diese Sittlichkeitsfrage beschäftigt sich im wesentlichen damit, ob es
+einem jungen Manne erlaubt sein kann, vor der Ehe und in noch
+jugendlichem Alter geschlechtliche Beziehungen zu unterhalten.
+
+Diese Frage ist durchaus neueren Datums. Denn erstens waren die
+sittlichen Anschauungen von früher strenger und straffer, zweitens hat
+die Gesellschaft heute in allen Fragen, und somit auch in der
+sexual-moralischen, die soziale und sittliche Kritik über das
+gedankenlose Sichgehenlassen gesetzt, und drittens ist gerade mit dem
+Erwachen dieses kritischen Geistes jener eigenwillige Individualismus
+großgezogen worden, der über die Rechte der Persönlichkeit hinaus auch
+die Ungebundenheit des Trieblebens mit »Individualität« und anderen
+Phrasen verteidigt, die sozialen Wurzelungen lockert und dieses ganze
+philosophische Vorspiel nur beginnt, um endlich und insbesondere dem
+vorehelichen Geschlechtsleben eine unbeschränkte Freiheit zu
+verschaffen.
+
+Beiläufig gesagt: nur dem männlichen, nicht dem weiblichen
+Geschlechtsleben. Denn daß das junge Mädchen vor der Ehe keusch zu leben
+habe, ist eine so verbriefte, so tiefempfundene sittliche Forderung, daß
+ein Sturm sich erhob, als einige dem Lager der Frauenbewegung
+entstammende Schriften auch diese Schranke zu durchbrechen suchten.
+Nicht nur tiefe und bedeutsame biologische Gründe, sondern
+schlechterdings der sexuelle Egoismus des Mannes verlangen es, daß das
+junge Mädchen vor der Ehe seine Jungfräulichkeit bewahre.
+
+Der gleiche Sturm der Verwunderung und Entrüstung erhob sich aber auch,
+als vor nunmehr etwa 30 Jahren in der Öffentlichkeit klipp und klar
+gesagt wurde, daß es auch für den Mann die sittliche Forderung der
+Enthaltsamkeit gebe.
+
+Das traf die gedankenlosen Gehirne wie ein scharfer Sonnenstrahl, der
+die Augen blendet. Bis dahin hatte der Mann dasselbe getan, was er noch
+heute mit der gleichen aufreizenden Selbstverständlichkeit tut: er hatte
+jede sich bietende Gelegenheit zum Geschlechtsgenuß bereitwilligst
+benutzt.
+
+Die Forderung der Enthaltsamkeit war durchaus nicht neu. Die christliche
+Religion und auch andere Kulte hatten sie aufgestellt. Nur war die
+Gedankenlosigkeit des Alltags allmählich über das unerschütterliche
+Gefüge ethischer Grundgedanken hinweggewuchert. Da fiel wie ein Funke
+ins Pulverfaß jene Erstaufführung des Björnsonschen Dramas »Der
+Handschuh« durch die Berliner »Freie Bühne« Ende des Jahres 1889. Die
+Heldin dieses Dramas, Svava, erfährt, daß ihr Bräutigam früher schon
+Geschlechtsverkehr mit einem Mädchen hatte, und sagt sich von ihm los.
+In der reichen literarischen Nachfolge, die diese Arbeit fand, finden
+wir den gleichen Gedankengang namentlich in »Vera. Eine für viele«.
+
+Der starke und imponierende ~Björnson~ hatte also sich selbst zum
+Wortführer einer geschlechtsmoralischen Forderung gemacht und sie
+dadurch, daß er sie auf der Bühne abhandelte, in den Brennpunkt des
+allgemeinen Interesses gerückt. Die Presse griff denn auch
+diesen -- »Handschuh« wie ein Mann auf, die einen mit Hohnlachen und dem
+zeternden Wortschwall einer angstvollen Verteidigung, die andern mit
+wohlwollender Zustimmung.
+
+Genug, der Stein war ins Rollen gekommen, und ~Björnson~ selbst sorgte
+dafür, daß die Sache zumindest in den skandinavischen Ländern nicht so
+bald zum Stillstand kam. Man erinnert sich seiner eindrucksvollen,
+faszinierenden Persönlichkeit, die überall den strengen
+Sittlichkeitsgedanken, ~die monogamische Ehe~, in glänzender Rede gegen
+jede geschlechtliche Lauheit, gegen jedes psychologisch oder
+philosophisch umschleierte Triebleben verteidigte.
+
+Zur selben Zeit begann die Wissenschaft, die bis dahin scheu und ängstlich
+dieses Gebiet gemieden hatte, sich doch damit aus biologischen und
+medizinischen Interessen zu beschäftigen. Die Geschlechtswissenschaft
+(Sexuologie) spürte den geheimnisvollen Gesetzen dieser menschlichen
+Leidenschaft nach, um alle Zusammenhänge zu finden. Und mit einem Male
+übersah man auch klarer als bisher die ungeheuren gesundheitlichen
+Schäden, die das gedankenlose vielweiberische (polygamische)
+Geschlechtsleben des Mannes angerichtet hatte. Man erkannte den Einfluß
+alles Geschlechtlichen auf die Erziehung, das Denken überhaupt, auf alle
+sozialen Beziehungen, auf die Vererbung, auf Lebensgestaltung und
+Lebensglück, und es war wie ein jähes Erwachen, das den erschreckend neuen
+Eindruck von der gewaltigen Bedeutung alles Geschlechtlichen in zahllosen
+Schriften festhalten zu wollen schien.
+
+Und was bis dahin nie und nirgendwo geschehen war: die Frauen hatten
+aufgehorcht. Sie, die bis dahin in der allgemeinen Komödie der Prüderei
+die Statisterie gemacht hatten, gewannen nun mit einem Male das
+Bewußtsein, daß es eine empörende Ungerechtigkeit ist, wenn der Mann vom
+Weibe voreheliche Enthaltsamkeit verlangt, während er sich selbst doch
+zu gleicher Zeit recht munter amüsiert und der Frau als Dank für ihre
+sittliche Bewahrung eine -- Geschlechtskrankheit als Morgengabe in die
+Ehe bringt.
+
+Was Wunder, daß gerade die Frauen sich gegen diesen Zustand auflehnten
+und mit großer Energie die sexuelle Frage der prüden Umschleierung
+entrissen.
+
+Wir stehen ja noch heute vor der Tatsache, daß junge Männer, wenn sie
+die Schule und das Elternhaus verlassen haben, oft ohne alle
+Gewissensbisse von den sich bietenden Gelegenheiten zum
+Geschlechtsverkehr Gebrauch machen, ohne der moralischen und sozialen
+Gesetze zu gedenken, welche sich natürlicherweise gegen den
+eigenwilligen geschlechtlichen Individualismus auftürmen. Denn die
+Beurteilung eines Triebes, der über den Einzelmenschen hinaus von
+sozialen Folgen ist, erschöpft sich keineswegs in den Wünschen und
+Rechten des Individuums, sondern muß notwendigerweise eine soziale sein.
+Die tiefsitzende Inkonsequenz beginnt aber schon mit der Forderung der
+Keuschheit der jungen Mädchen, und die sozialen und mehr noch die
+sittlichen Zwiespalte fallen zusammen mit der gesellschaftlichen und
+seelischen Verwirrung, die ein Mann im Leben eines Weibes anrichtet,
+wenn sie der Gegenstand seiner geschlechtlichen Wünsche geworden ist.
+
+
+3.
+
+Geschlechtsleben und Gesundheit.
+
+Das jugendliche Geschlechtsleben mit den Forderungen der Gesundheit zu
+entschuldigen, ist eine jener sophistischen Ungereimtheiten, die nur da
+entstehen, wo die erotischen Wünsche das Gewissen zum Schweigen bringen
+wollen.
+
+Es gibt gegenwärtig wenige Fragen, in deren Beantwortung so heftige
+Widersprüche herrschen, wie diejenige des Nutzens oder Schadens der
+vorehelichen Geschlechtsenthaltsamkeit. Aber selbst wenn die
+Wissenschaft sich zugunsten der -- Frivolität entscheidet und Fälle von
+Schädigungen durch Enthaltsamkeit bei der Jugend aufzählt, so müßte sie
+doch der degenerativen Entwicklung Rechnung tragen. Sie müßte in
+Rücksicht ziehen, daß die Kultur weit von den physiologischen Gesetzen
+der menschlichen Natur abgerückt ist, und daß durch geschlechtlichen
+Mißbrauch, durch die Raffiniertheit und Grenzenlosigkeit der Ernährung,
+sowie durch körperliche Untätigkeit eine sexualnervöse Reizbarkeit
+gezüchtet wurde, die das ordnende Urteil trübt. Was aber ein sinnlich
+gesteigerter Organismus verlangt, das darf die Wissenschaft nicht als
+allgemeines Geschlechtsrecht im ganzen Volke austeilen. Erkennt man, daß
+ein Trieb durch Mißbrauch sich im Organismus in den Vordergrund drängte,
+so muß man den Begriff des »Natürlichen« an diesem Trieb arg
+beschneiden. Und selbst wenn man, ohne der mißbräuchlichen Steigerung
+zu gedenken, den Trieb mit Recht »natürlich« nennt, so vermag man ihn
+doch in keiner Weise zu trennen von den seelischen, sittlichen und
+sozialen Kräften, die das Wohl der menschlichen Gemeinschaft und ihre
+Entwicklung bedingen. Wird der Geschlechtstrieb rein körperlich
+gezüchtet, so bringt er das Menschengeschlecht rückwärts, nicht
+vorwärts.
+
+Wenn ein Mensch ißt und dabei den Zweck des Essens vergißt und zur
+Eßgier gelangt; wenn er trinkt, nicht weil der Körper Flüssigkeit
+verlangt, sondern weil er der Leidenschaft des Trinkens verfallen ist,
+so werden die geistigen Kräfte in demselben Maße schwinden, in dem die
+körperliche Sucht sich steigert. So bedeutet auch der unerlaubte
+Geschlechtsverkehr der Jugend, eben weil er die sozialen und sittlichen
+Kräfte nicht auslöst, eine Hemmung der geistigen und charakteriellen
+Entwicklung.
+
+Daß die geschlechtlichen Erschütterungen und die Samenverluste einen
+noch nicht ausgereiften Organismus in seiner Entwicklung hemmen, ist
+eine ganz allgemeine Erfahrung. Es ist schon rein logisch und ohne jeden
+wissenschaftlichen Beweis einzusehen, warum jene geheimnisvollen
+Lebensstoffe, deren Entstehung im Körper zu einem solchen Reichtum und
+Überschwang des Gefühls führt, die das Urgeheimnis der polaren Spannung
+zwischen Mann und Weib in sich bergen, und die in der Leidenschaft ihrer
+Vereinigung das Wunder der Menschwerdung vollbringen, warum sie ohnedies
+dem Organismus, solange er sich in der Entwicklung befindet, seine
+Spannung geben; denn diese Stoffe, die immer wieder neues Leben auf die
+Bahn des Werdens schleudern, sind nicht nur Ursubstanz des Lebens,
+sondern zugleich auch seine feinste Blüte. Sie behalten immer ihre
+gestaltende Kraft. Und es liegt große Klugheit darin, durch diese
+gestaltende Kraft zunächst den eigenen Organismus auf den möglichen
+Höhepunkt seiner Entwicklung zu bringen, ehe man im bloßen
+Geschlechtsgenuß Rechte sucht, die erst der mit sich selbst fertige,
+vollendete Organismus besitzt.
+
+An den Erscheinungen der Geschlechtsreife (Pubertät) erkennen wir die
+treibende und gestaltende Kraft jener Lebensstoffe. Ein Ausreifen nach
+allen Richtungen ist es, das wir beim Erwachen der Liebesempfindung
+staunend beobachten. Was späterhin das neue Leben formt, das verleiht
+einige Jahre vorher der Stimme ihren tieferen Vollklang, das treibt den
+Bart als eins der Zeichen der Mannheit, das gibt dem Charakter seine
+Festigkeit und dem Geiste Stolz und Kühnheit. Entfernen wir die
+Keimdrüsen (Kastration) so hört alle diese Entwicklung ins Männliche mit
+einem Male auf. Die treibenden Kräfte sind unterbunden. Die Stimme
+bleibt dünn, der Bart wächst nicht, der Charakter bleibt weichlich,
+ängstlich, tatenlos oder verschlagen.
+
+Es mag darüber gestritten werden können, ob wir dem häufigen
+Samenverlust allein die Schäden, von denen die Rede war, zuschreiben
+sollen. Keinesfalls dürfen wir aber der gewaltigen allgemeinen
+Erschütterung vergessen, die der Organismus in der Geschlechtserregung
+erleidet. Kommt sie schon in der Jugend, noch ehe der Gesamtbau seine
+ordentliche Kraft und Festigkeit erlangt hat, und wiederholt sie sich zu
+oft, so verlieren die gar zu stark erregten Nerven, die in der Erregung
+gar zu oft ausgedehnten Blutgefäße, verliert das stark erregte Herz,
+verlieren die oft krampfhaft angespannten Muskeln die Fähigkeit, wieder
+zu vollkommener Ruhe, zur physiologischen Norm zurückzukehren. Alles
+erschlafft, und diese Erschlaffung ist traurige Widerstandsunfähigkeit
+und Empfindsamkeit. Und in demselben Maße, in dem die Kraft und die
+Energie zu tüchtiger Arbeit verloren gehen, bemächtigt sich des
+Organismus jene lüsterne Träumerei, die selbst am Tage alles
+Geschlechtliche umkreist und gewissermaßen mit angehaltenem Atem auf der
+Lauer liegt, um alles Geschlechtliche gierig einzusaugen und selbst das
+Harmlose im Gespräch, im Leben, in Büchern und Bildwerken, zum
+Geschlechtlichen zu machen. Dann zehrt die Sinnlichkeit von der
+körperlichen und geistigen Kraft, und es fehlt meist jenes notwendige
+Maß körperlichen Ausarbeitens, um die gefährlich wuchernde Sinnlichkeit
+einzudämmen.
+
+Es ist sehr oberflächlich, wenn ein junger Mann seinen
+Geschlechtsverkehr mit seiner scheinbaren Reife, mit den nächtlichen
+Pollutionen und mit dem Hinweis auf die Erwachsenen entschuldigt. Denn
+erstens habe ich gezeigt, daß die scheinbare Reife sehr wohl frühzeitige
+Triebsteigerung sein kann, die als nervöse Anlage sich genau so erblich
+überträgt wie irgendeine Krankheit. Daß zweitens die Pollutionen eine
+recht zweifelhafte Erscheinung sind, und daß wir große, starke und
+gesunde Männer mit wenig oder gar keinen Pollutionen, dagegen oft
+schwächere, nervöse, blasse Jünglinge mit häufigen Pollutionen
+antreffen, sowie, daß die Pollutionen durch Onanie hervorgelockt werden
+können. Drittens, daß die Jahre der Geschlechtsreife beileibe nicht die
+Rechte geschlechtlicher Tätigkeit mit sich bringen, sondern durch die
+Steigerung der Samenerzeugung und der inneren Absonderungen dem Körper
+die geschmeidige, jugendliche Kraft und Biegsamkeit, dem Geist die
+Frische und die Fähigkeit schnellen Erfassens und der Seele Tiefe und
+Wärme verleihen sollen.
+
+Es mag als Grundsatz gelten, vor vollendetem Längenwachstum alle
+sexuellen Kräfte zu sparen.
+
+Die Tierzüchter haben reiche Erfahrungen in diesen Dingen gesammelt, und
+keiner von ihnen wird ein nicht völlig ausgewachsenes Tier zur
+Fortpflanzung zulassen. Jeder von ihnen weiß, wie schwer dadurch das
+Tier in seinem ferneren Wachstum aufgehalten und wie empfindlich man
+schließlich die ganze Rasse schädigen wird. Es mag auch nicht unerwähnt
+bleiben, daß, wenn man kranken, schwächlichen, nervös erschlafften
+Menschen Samenflüssigkeit unter die Haut spritzt, sie eine bedeutende
+Vermehrung ihrer körperlichen und geistigen Frische zeigen.
+
+Die Athleten und die Sportsleute, die sich zu besonderen
+Höchstleistungen vorbereiten, müssen Geschlechtsenthaltsamkeit
+beobachten. Ja, diese ist ein ganz besonderes Erfordernis des
+»Trainings«. Wir erkennen daran das Gesetz von der Umwandlung der Kräfte
+im Organismus, und es darf als sicher gelten, daß die geschlechtliche
+Selbstzucht nicht nur die körperlichen Kräfte mehrt, sondern vor allem
+auch Ausdauer und jenen äußersten Willen weckt, der bei besonderen
+Leistungen den Ausschlag gibt.
+
+Sind aber nicht auch die Jahre der Jugend eine Art Training, eine
+Vorbereitung für tüchtige Leistungen im Leben? Sollte die Jugend nicht
+ebenfalls alle die Kräfte sparen, deren Besitz die offenbare Quelle für
+körperliche und geistige Leistungsfähigkeit ist? Wenn die Eltern alle
+Nahrungssorgen auf sich nehmen, nur damit die Kräfte der Jugend sich
+nicht zwischen Entwicklung und Daseinskampf zersplittern, hat dann die
+Jugend ein Recht, diese Kräfte trotzdem zu vergeuden, und zwar in der
+Geschlechtslust?
+
+Die Spannung, die durch Enthaltsamkeit erzeugt wird, ist Triebkraft und
+hat sowohl hohen kulturlichen wie lebenssteigernden Wert. Nichts ist
+sicherer, als daß die Geschlechtsenthaltsamkeit der Jugend und die
+Mäßigkeit der Erwachsenen nicht nur für den Einzelnen Sinn und
+praktische Bedeutung haben, sondern vielmehr für ein ganzes Volk von
+einschneidendem kulturlichem Wert sind. Eine Nation, die ihr Gewicht in
+die Wagschale der Geschehnisse werfen will, muß ihre geschlechtlichen
+Kräfte sparen. Das mögen wir Deutschen uns für den mühsamen Aufstieg,
+der die nächsten Jahrhunderte unserer Geschichte ausfüllen wird, und für
+unsere ganze Zukunft merken.
+
+
+4.
+
+Die Geschlechtsehre.
+
+Freilich wird ja ein junger Mann, wenn er ins Leben hinaustritt, in
+einen argen Zwiespalt gebracht. Aus dem Knaben wird ein »Mann«, und
+diese »Männlichkeit« ist im dickflüssigen Strom einer geschmacklosen
+Überlieferung leider gar zu sehr aus geschlechtlicher Abenteuerei und
+Renommisterei zusammengesetzt worden. Wer ein »Mann« sein will, glaubt,
+etwas erlebt haben zu müssen und sieht mit Überlegenheit und Spott auf
+jüngere Kameraden herab, die noch einen Rest des Schamgefühls aus den
+Erziehungsjahren in sich tragen. Aber die freche Großsprecherei und der
+Spott der Älteren verwirrt den Jüngeren. Zwar weiß er ganz gut, wie der
+anständige Mensch zu handeln hat. Aber sein Wissen in diesen Dingen ist
+Stückwerk, ist unklar, unbestimmt, seine Persönlichkeit ohne
+Entschiedenheit, ohne Festigkeit. Diesen ewigen Verlockungen, den
+spöttelnden Angriffen, erliegt schließlich das gute Gewissen. Ja, der
+dumpfe, nicht gezügelte Geschlechtstrieb setzt sich in einem Augenblicke
+über Dinge hinweg, die bei ruhiger Betrachtung häßlich, abstoßend und
+empörend sind, über Schmutz, Roheit und ernste Krankheitsgefahr.
+
+Darin liegt die große Niedertracht der Gesellschaft überhaupt, daß
+einer, der eine Dummheit macht, den anderen zu sich herabziehen will;
+denn die vergesellschaftete Dummheit erstickt ihren eigenen Vorwurf. Der
+Pluralis erscheint ihr als Entschuldigung, und so holt sich denn die
+jugendliche »Männlichkeit« weiter ihr Rüstzeug -- bei der Dirne.
+
+Wie ist es doch sonderbar, daß ein junger Mann, kaum daß er in das Leben
+hinausgetreten ist -- und oft schon vorher -- ein Geheimnis in sein Leben
+hineinträgt, das ihn in einen inneren Widerspruch zu seiner gesamten
+Erziehung bringt. Ein Geheimnis, dessen er sich -- würde es
+offenbar -- vor aller Welt schämen müßte. Ja, er selbst schämte sich, und
+scheu und angstvoll, daß er um alles in der Welt nicht gesehen würde,
+umschlich er das geheimnisvolle Haus, das die eigenen Kameraden oder seine
+lüsterne Neugier ihm gezeigt, und verschwand darin in einem günstigen
+Augenblick. Wäre nicht der Stolz in der sexuellen Spannung erstickt, so
+müßte sich die Wirklichkeit des bezahlten Geschlechtsgenusses dem
+Bewußtsein in ihrer ganzen Widerlichkeit aufdrängen. Ein Weib, das nicht
+mehr Weib, sondern wahlloser Sinnlichkeitsgegenstand wahllos sich
+einfindender Männer ist, das oftmals die einfachsten Gesetze der
+Reinlichkeit übersieht, für eine Weile zu besitzen, kann einen Mann von
+wahrer Mannhaftigkeit nicht locken. Was die jungen Männer zu diesen
+frühzeitigen geschlechtlichen Verbindungen treibt, ist ja auch bei aller
+Sinnlichkeit tief im Innern die Sehnsucht nach Liebe und das urewige
+Rätsel des Weibes. Aber diese zarten knospenden Empfindungen, die sich in
+der Ehe, in der Familie, in echter, mannhafter Liebe ausreifen sollen,
+werden von den jungen Männern in Schmutz und gemeine Niedertracht
+geworfen. Daher die verkümmerte Empfindungswelt so vieler Menschen, die
+ihre eigene Lebenspoesie zerstört haben. Wünsche, Träume, Sehnsucht und
+Vorstellungen dürfen nicht in gar zu häßlicher Wirklichkeit erstickt
+werden, sonst ist das Ende seelische Erschlaffung, Pessimismus.
+
+Die vorehelichen Geschlechtsbeziehungen haben eine so ungeheure
+Ausdehnung gewonnen, daß viele in ihnen eine Art von normaler Vorschule
+der Ehe erblicken. Wie riesenweit ist aber der Abstand zwischen Bordell
+und Familie, zwischen der Dirne und der Mutter, zwischen bezahltem
+Geschlechtsgenuß und der Liebe zweier Menschen, die miteinander in ihrer
+Kinder Land einziehen! Kann dies Gemisch von Lüsternheit,
+geschlechtlichem Schmutz, alkoholischer Frechheit und sittlicher
+Erniedrigung, das das Dirnenleben durchzieht -- kann das die richtige
+Vorbereitung sein für die Ehe, in der das Glück der Gatten und das Wohl
+der Kinder aus Kraft und Reinheit kommen sollen?
+
+Man spricht viel und gern von dem Kampf, den die voreheliche
+Geschlechtsentsagung mit sich bringt. Freilich ist es ja wohl am
+bequemsten, diesen Kampf durch die erste beste Dirne zu beenden. Aber
+ist es denn gut, ihn so rasch zu beenden? Ist nicht der Kampf die
+treibende Kraft aller Entwicklung? Weckt er nicht alle verborgenen
+Kräfte? Wer die Flinte ins Korn wirft, ist sittlich ein Feigling. Dieser
+kampflose, bezahlte, bequeme Geschlechtsgenuß vor der Ehe, dessen sich
+junge Männer und auch junge Mädchen bemächtigen, schadet der Ehe,
+schadet den Kindern; denn er nimmt dem Leben und dem Geschlechtsgefühl
+die Hochspannung. Er befriedigt die Wünsche, tötet die Sehnsucht,
+zerstört Illusionen. Enthaltsamkeit ist biologische Spannung, deren
+Fehlen man den Kindern vom Gesicht herunterlesen kann.
+
+Wie bilden sich denn eigentlich Charaktere? In der Entsagung, im Kampf
+mit sich selbst. Was ist denn überhaupt ein Charakter? Ein Mensch, der
+seine tierische Triebwelt unter die Herrschaft seiner sittlichen
+Erkenntnis gebracht hat und mit festem Willen seiner Erkenntnis folgt,
+der durch Willenskraft und Folgerichtigkeit sich Selbstachtung und
+Selbstvertrauen erwarb. Solche Charaktere, solche Persönlichkeiten
+braucht ein Volk, braucht das Leben; denn sie haben Erfolg. Wie kann
+aber ein Mensch Selbstvertrauen und Selbstachtung haben, der im Kern
+seines Wesens, im Geschlechtsgefühl, wider seine bessere Erkenntnis
+handelt, der in seinem Tun sich immer wieder durch den Geschlechtstrieb
+vom Wege abreißen läßt?
+
+Tausende sagen. »Es ist unmöglich, ihn zu bändigen!« Aber wie viele
+davon haben's denn ehrlich versucht? Sind nicht die meisten bei der
+ersten Versuchung umgefallen? Sie haben die Geschlechtserregung kennen
+gelernt, kennen sie durch die Onanie und manches andere, haben ihre
+Phantasie mit Sinnlichkeit erfüllt. Das Nervensystem birgt in sich ein
+Gesetz der Periodizität. Erregungen wiederholen sich periodisch. Das
+macht den Kampf zunächst so schwer. Wie selbst den Magenkranken die
+dumme Gewohnheit des dreimaligen täglichen Hungerns quält und seine
+Heilung stört, so meldet sich im Hirn und Lendenmark das gewohnte
+Geschlechtsgefühl, und dem Bewußtsein wird der alberne und gefährliche
+Satz aufgedrückt »Ich kann den Trieb nicht bändigen!« -- Wer freilich
+den Kampf aufgibt, ehe er ihn begonnen hat, was weiß der von seinen
+Kräften! Treibe deine Gefühle nur erst ein wenig zurück, siege erst
+einmal, dann noch einmal, und es wächst das Vertrauen, und es wachsen
+die Kräfte. Die gesparte Geschlechtskraft speichert sich in dir auf als
+Spannkraft der Nerven und Muskeln, als Mut und geistige Frische. Das
+alles sind deine Waffen, die darum immer stärker werden.
+
+Wenn's sein kann, sprich dich mit den Eltern, mit dem Lehrer, mit einem
+guten Freund von gesundem Denken und gutem Charakter darüber aus! Sei
+nicht wie jene, die im geheimen sündigen und die Nase rümpfen, wenn ein
+Wort über Geschlechtliches gesprochen wird. Das Geschlechtliche soll
+weder im bösen noch im guten Sinne das Gesprächsthema sein; aber ein
+offenes Wort an rechter Stelle hat oft befreiend gewirkt. Ein klares
+Wort entreißt oft junge Menschen der schwülen Phantasiearbeit. Betrachte
+das Geschlechtliche als eine besondere Kraft, dich selbst ebenso, und
+frage dich. »Wer von uns beiden soll herrschen, ich oder du?«
+
+~Du mußt herrschen, immer und allerwege!!!~
+
+Schäme dich nicht dieses Triebes, und sei niemals niedergeschlagen im
+Kampf. Alles Leben entsteigt dem Liebeswollen. Aber die Zeugung ist
+nicht die alleinige Lösung dieses Ewigkeitsrätsels. Eine allstündliche,
+ununterbrochene Neuzeugung im Einzelorganismus ist es, die wir vor allem
+diesem Triebe verdanken. Der geheimnisvolle Quell der inneren
+Zeugungsorgane entsendet ununterbrochen Stoffe, die als Spannkräfte
+wirken, in Körper und Geist. Darum aber darf diese Urquelle nicht
+verschüttet werden. Wir verstehen jetzt sehr wohl, warum der Lebenslauf
+mit dem Geschlechtsleben in der Jugend zusammenhängt, warum die
+Geschlechtssparsamkeit in der Jugend einen Gewinn für das spätere Leben
+ergibt. Nicht nur für unser kleines, eigenes Leben -- nein, die ganze
+Menschheit trinkt ihre Verjüngung aus diesem Quell, und ~jeder
+Einzelmensch ist zum Sachwalter der Menschheitsgesundheit und
+Menschheitswürde bestellt, weil er einen Teil der kosmischen Liebeskraft
+in sich trägt~.
+
+Der Augenblick, der Mann und Weib in der Liebeserschütterung vereinigt,
+erzeugt ein neues Leben. Aber nicht dieser Augenblick entscheidet,
+sondern alles, was Vater und Mutter in ihrem ganzen Leben waren und
+taten. Davon hängen Kraft und Gesundheit des Kindes ab. Sollte das nicht
+schon lange vor der Ehe dem Triebe Zügel anlegen, damit er nicht die
+Kraft vergeudet, die dem Kinde darum fehlen wird?
+
+Wer sein Kind anschaut und aus seinem Gesicht die Schwäche liest, muß
+der nicht niedergedrückt werden, wenn er sich selbst daran schuldig
+weiß? Wer an seinen Kindern häßliche Züge, Lüsternheit und Verirrungen
+bemerkt, muß der nicht entsetzt sein, wenn er weiß, daß sie nur seine
+eigene Jugend von neuem beginnen? Es vererbt sich nicht nur Kraft,
+sondern auch Schwäche, nicht nur Körperliches, sondern auch Geistiges,
+nicht nur gutes Denken, reines Empfinden, sondern auch geschlechtlich
+verirrtes Denken, Charakterlosigkeit und Ausschweifung. Nie kann ein
+Mensch etwas anderes erzeugen, als was er selber ist. Ein Kind ist wie
+Vater und Mutter, gut oder schlecht. Darum sei gut, handle gut, damit
+dein Kind gut sei und gut handle! Laß alles Unsaubere aus deinem
+Liebesempfinden heraus, damit dein Kind ein schönes, reines Empfinden
+habe! Gehe nicht den traurigen Weg vom Gott zum Tier, sondern geh den
+einzig menschenwürdigen Weg, auf dem Gott den Menschen zum Herrn über
+das Tierische eingesetzt und ihm eine Durchgeistigung und Beseelung
+seiner Triebe geboten hat. Denn ein geistiger Grundsatz, ein göttliches
+Gebot, herrscht in der Welt! Erkennst du das, so wird das
+Geschlechtliche dir zur Lebensschönheit, und du wirst die Kraft sparen,
+die erst ~deiner~ Reife dienen soll, ehe sie dir in der Ehe und in den
+reinen Augen deiner Kinder unendliches Glück bringen wird.
+
+Es gibt Gründe, die dir die Geschlechtsbeziehungen vor der Ehe
+entschuldigen und beschönigen wollen. Und gewiß ist, an sich gesehen,
+nicht alles häßlich, was nicht die Ehe sucht. Aber ob's für diese
+spätere Dauergemeinschaft gut ist, das ist der Frage innerster Kern. Und
+wenn auch die Farbenspiele bestechender Gründe den eigensüchtigen
+Liebesgenuß umstrahlen -- macht uns die Selbsttäuschung besser? Vor dem
+unbestechlichen Schiedsamt des Menschenwohles sind die schimmernden
+Entschuldigungsgründe wie Seifenblasen.
+
+Stähle die sittliche Kraft deiner Jugend in der Entsagung! Je weniger du
+den Geschlechtstrieb aufkommen lässest, desto mehr verliert er das
+körperlich Aufdringliche, ~desto mehr verschmilzt er mit deiner Seele,
+deinem ganzen Menschen~. Mehr und mehr wirst du dann zu jenen Menschen
+gehören, deren körperliche Liebe allein aus dem Wunderborn der Seele
+quillt, und nicht zu denen, deren Seele schweigt, während zugleich ihr
+Körper von Geschlechtserregung gepeitscht ist.
+
+Und du wirst Achtung vor der Frau und vor allem Weiblichen haben. Die
+Welt ist so, wie wir sie sehen. Siehst du sie gut, so ist sie gut.
+Siehst du sie schlecht, so ist sie schlecht. Es ist eine traurige
+Mannhaftigkeit, die sich ihrer Verachtung alles Weiblichen rühmt, weil
+sie Siege errang, die nur bezahlte Willfährigkeit waren. Wer nur die
+Dirne kennt, kennt nicht das Weib, und sein Urteil ist Anmaßung. Es ist
+Zeit, daß anständige junge Menschen den Mut finden, die frechen
+Zotenreißer und bramarbasierenden Bordellhelden zum Schweigen zu
+bringen.
+
+Wenn ein Mann das Weib, das er liebt, anschaut, so drängen sich
+dazwischen gar leicht seine früheren Erlebnisse. Dann werden sie
+begehrlich wieder lebendig, und Augen, die im Stolz leuchten sollten,
+werden zu Boden gerichtet, weil ein Geheimnis die schöne Wirklichkeit
+trübt. Wer nur zur Befriedigung seiner Sinnlichkeit den Spuren des
+Weibes folgte, kann nur schwer die Sinnlichkeit aus seinem Fühlen,
+seinen Blicken scheuchen. Und er kennt nicht den wunderbaren Einklang
+zweier Seelen, die in ihrer Liebe unbewußt den Willen zum Guten, die
+große, allumfassende Menschenliebe in sich tragen.
+
+Welch eine Welt von Schönheit verschließt sich mancher Mensch, weil die
+sinnliche Schwerfälligkeit seines Körpers ihm den geistigen Flug
+verwehrt! Manche Seele hat sich in diesen rohen Geschlechtsverbindungen
+verblutet und nur einen gierigen Körper zurückgelassen, in dem alles
+Zarte, Schöne, alles Weiche und Feine, erstickt ist. Das ist seelische
+Verarmung -- das allerschlimmste Menschenlos. Es ist ein Leben, das
+keine Sonne, keine Wärme mehr hat. Warum nur schätzen wir diese
+wundervolle Spannung der Keuschheit nicht höher? Warum ist die
+Jugendkeuschheit nur ein Ideal für das Weib und nicht auch für den Mann?
+Warum warten junge Männer denn geradezu darauf, diese Reinheit von sich
+zu werfen, und warum muß die vielgerühmte »Männlichkeit« sich denn
+zuerst auf den gegensozialen Wegen des Dirnentums bewegen?
+
+»Ist denn wirklich die Geschlechtsehre des Mannes eine andere als die
+des Weibes?« sagt ~Vera~ in »Eine für viele«. Und weiter. »Ist die
+Notwendigkeit der geschlechtlichen Befriedigung in den jüngsten Jahren
+nicht ein wohlorganisierter Schwindel? Oder ein großes Irren der Ärzte?
+Kann die Keuschheit je so furchtbare, leben- und glückzerstörende
+Krankheiten nach sich ziehen wie die Unkeuschheit?« Und weiter. »Der
+Mann verlangt von dem Mädchen seiner Wahl nicht Keuschheit allein,
+sondern auch einen unbefleckten Ruf. Mit Recht! Und das Weib soll ihren
+Gatten mit Straßendirnen teilen? Sie soll die Schmerzen der Mutterschaft
+tragen, mit dem furchtbaren Bewußtsein, daß der Vater ihrer Kinder in
+gekauften Umarmungen seine Jugendkraft vergeudete -- -- -- sich nicht
+scheute vor dem Schmutz, vor ekelhaften Krankheiten, in gemeiner
+tierischer Sinnlichkeit seine Reinheit fortwarf ... der Vater ihrer
+Kinder -- sage ich.« -- --
+
+Dies Verabuch war trotz seiner Härten wie eine Fanfare, die eine neue
+Zeit und eine neue Menschheit ankündete. Die geschlechtssittlichen
+Forderungen konnten seitdem nicht mehr unterdrückt werden. Wir werden an
+ihrer Durchführung arbeiten müssen, um den Menschen durch ein reineres
+Geschlechtsleben eine festere Grundlage des Glückes zu geben.
+
+~Es wird eine Zeit kommen, in der das, was die Menschen heute belachen,
+wie eine heiße, große Sehnsucht in ihnen lebt. Vielleicht erwächst diese
+Sehnsucht gerade aus dem Geschlechtselend unserer Tage. Dies Irren, dies
+Leiden und Dulden in Geschlechtsausschweifungen, die dem Manne
+Unterhaltung, dem Weibe schandbare Versklavung sind, wird sicher einmal
+als entsetzliche Last empfunden werden, wenn die Menschen über den
+stumpfen Materialismus hinaus die feinen, geistigen Gesetze erkennen
+lernen. Dann erst werden die Menschen das Märchenland der Liebe finden,
+wenn kein häßliches Erinnern mehr ihre Seele verwirrt.~
+
+Das Leben ist darum nicht verloren, weil die Jugend nicht rein und voll
+Schönheit war. Ja, mancher Charakter formte sich erst aus trüben
+Erinnerungen, aus Fehl und Schuld. Aber den meisten hat doch der
+Dirnengeist die Jugend vergiftet; denn für die Seelenweichheit der
+Jugend ist das Geschlechtsabenteuer ein starker Eindruck, vielleicht in
+seiner rohen Sinnlichkeit stärker als das, was später ein reines,
+liebendes Weib gibt. Und von all den Roheiten der bezahlten Liebe wird
+etwas ins Erinnern eingefügt und schiebt sich häßlich in all die
+blühende Schönheit, die die Liebe bringt.
+
+Wie viele Frauen bereuen die Ehe, hassen und verachten den Mann, den sie
+doch einmal über alles geliebt haben. Aber er hat sie getäuscht. Mit ein
+wenig Charakterlosigkeit und geschlechtlichem Schmutz in seinem Vorleben
+begann es. Das fraß sich in ihm fest. Das durchwob sein Inneres so, daß
+ihm die Ehe zu rein, zu langweilig erscheint. Zunächst verschweigt er
+sein Vorleben. Dann kann dies trübe Geheimnis nichts Gutes für seine Ehe
+sein. Oder er sagt's seiner jungen Frau. Dann werden ihre Gedanken
+versuchen, sich in dieser ihr innerlich fremden Welt zurechtzufinden,
+und unter Tränen, mit viel Weh im Herzen, entwickelt sich die Ehe
+aus -- einem Verzicht. Oder aber die Frau ist flach und oberflächlich,
+dann lacht sie, und es ist ihr alles gleichgültig. Die Vera-Naturen aber
+sind zahlreicher, als man glaubt, Frauen, in deren Innerem in solcher
+Stunde eine Saite angeschlagen wird, deren Ton für immer dem Ohr
+verklingt. Sie, deren monogamischer Instinkt höchstes Feingefühl ist,
+können nicht oder nur mit Überwindung einem Manne folgen, der aus einer
+ganz anderen, viel gröberen Gefühlswelt kommt, und den die Häßlichkeit
+geschlechtlicher Ereignisse, ein anderes Weib, ein uneheliches Kind, von
+ihnen trennt.
+
+Zwar leben wir in einer Zeit sittlicher Neuordnung. Und ehe aus dem
+Streit der Meinungen das feste Gefüge der neuen, gerechteren Moral sich
+bildet, wird großherziges Verzeihen, auch von seiten der Frau, dem Manne
+den Weg ebnen von den wirren Geschlechtsirrtümern der Jugend zur
+Reinheit der Ehe. Wie groß ist aber der Jammer der vielen Frauen, deren
+Männer das heilige Treuversprechen gebrochen haben, weil die
+Dirnenerinnerungen wie Unkraut, wie eine böse Krankheit der Phantasie,
+in ihnen fortwucherten, bis der ganze Schmutz der Untreue und der
+sittlichen Verlumpung sich auf die Ehe wirft und sie zerstört! Von
+ungefähr kommen doch diese Eheskandale nicht. Die Untreue, dieses rein
+körperliche, gemeine, geschlechtliche Veränderungsbedürfnis hat sich der
+Mann angezüchtet bei den wechselnden Dirnen und der treulosen
+Zufälligkeit seiner »Verhältnisse«. Und wer festigt dem Weibe den
+Begriff der Treue, wenn sie als Mädchen einmal in dieses, ein andermal
+in jenes Mannes Händen war? Die geschlechtliche Treulosigkeit vor der
+Ehe baut dem Treubegriff der Ehe ein morsches Fundament.
+
+Die moralisch-monogamischen Forderungen, die wie eine neue
+Ordnung -- aber aus uralten Entwicklungsgesetzen heraus -- von Frauen
+erhoben worden sind, können nicht mehr verstummen. Denn Einehe
+(Monogamie) ist das Gesetz des Weiblichen, ist der Unterbau der Ehe, die
+sittliche Grundlage der Erziehung. Prof. ~Albert Heim~, Zürich sagt:
+»Der monogamische Instinkt ist von der Natur erzüchtet. Bricht ihn die
+Menschheit im ganzen und dauernd wieder, so bricht sie mit ihm
+zusammen«.
+
+Je willenloser ein Mensch sich dem Geschlechtsempfinden hingibt, desto
+mehr ist er Sklave seiner unsauberen Erinnerung geworden. Will er die
+Erinnerung auslöschen, so braucht's einen mannhaften Entschluß: »Bis
+hierher! Nun nicht mehr weiter!«
+
+Wer so ein neues Leben auf dem festen, fröhlichen Willen zum Guten
+beginnt, den wird das Schlechte, das er getan, nicht in alle Zukunft
+hinein verfolgen. Es ist abgetan, und schön und rein leuchtet dir die
+Zukunft.
+
+ Der Mensch ist Wille!
+
+Die Ehe ist ein Idealzustand und trägt in sich den Zweck und die
+Möglichkeiten einer unendlichen Vervollkommnung der Menschheit. Die
+Forderung der Treue, die wir für die Ehe aufgestellt haben, entspricht
+dem uns eingeborenen sittlichen Empfinden, und diese tiefinnerliche
+Moral ist immer diejenige, welche dem Fortschritt der Rasse dient.
+
+Wenn darum Stimmen laut wurden und namentlich gegen das unbedingt
+folgerichtige Verabuch Schriften über Schriften erschienen, die gerade
+im Geschlechtsleben ~vor~ der Ehe eine Art von Läuterung und Ausreifung
+der Persönlichkeit sehen, so ist demgegenüber auf das Wort des
+positivistischen Philosophen ~Comte~ hinzuweisen, daß man sich nicht
+durch Unsauberkeiten auf ein Ideal vorbereiten kann. Unsauberkeiten sind
+es aber; denn alles Häßliche, das das menschliche Geschlechtsleben
+erfaßt und überwuchert hat, kam aus der Verletzung der moralischen
+Gesetze. Ja, sicherlich nicht nur für das Geschlechtsleben, sondern für
+das ganze Menschenleben ist nichts von so furchtbaren Folgen gewesen als
+diese geschlechtliche Unsittlichkeit, diese Treulosigkeit gegenüber
+sittlichen Gesetzen, die in der göttlichen Natur des Menschen liegen.
+
+Mit jeder Verletzung der Moral schreiten wir rückwärts, durchqueren wir
+das Weltgesetz der Entwicklung, das nach oben und nicht nach unten,
+nicht rückwärts, führt. ~Mit jeder Verletzung der Moral greifen wir
+störend in die Rechte und das Wohl anderer ein. Denn es gibt keine
+persönliche Sittlichkeit, es gibt nur eine Sittlichkeit, die die
+Gesamtheit fördert.~ Diese Sittlichkeit haben auch tiefstehende Völker,
+ja selbst Tiere haben sie; denn wir sehen die Tiere handeln nach
+Gemeinschaftsgesetzen. Die Gemeinschaft der Lebewesen braucht die
+Geschlechtskraft, und der blühende Empfindungsreichtum der Zeugung ist
+das große Wunder der Natur. Aber sie braucht diese Geschlechtskraft
+natürlich und rein und nicht als einen gegen das soziale Wohl
+gerichteten Eigennutz. Wer das nicht fühlt, hat darum nicht das Recht
+für sich. Und der Stolz junger Menschen müßte sich aufbäumen gegen die
+schlaffe Massenauffassung des Alltags. In hochentwickelten
+Einzelmenschen nur leben die Sittengesetze als gesunder Rasseninstinkt,
+und wir andern werden ihnen nacheifern, wenn wir an ~Carlyles~ Wort
+denken:
+
+»Die Menschen leben um des Besten willen!«
+
+Prof. ~A. Herzen~ sagt[4]: »Die wirkliche sittliche Handlungsweise ist
+diejenige, welche man als allgemeine Verhaltungsmaßregel aufstellen
+kann; und diese Regel wird sofort von jedem normalen kultivierten
+Menschen angenommen werden, der nicht mit geistiger oder sittlicher,
+angeborener oder erworbener Unzulänglichkeit oder mit Wahnsinn behaftet
+ist.«
+
+Wenn nun, wie wir wissen, die Zeugungskraft und Liebesfähigkeit ein
+Hauptstamm des Lebens ist, dessen verschiedene Abzweigungen wir
+Menschen- und Nächstenliebe, Spannkraft, Begeisterungsfähigkeit, Mut,
+Ritterlichkeit, künstlerische Kraft usw. nennen, müssen nicht alle diese
+Kräfte eine Verschlechterung erfahren, wenn die Liebeskraft mit unreinem
+Denken genährt wird?
+
+Diese Besudelung des Liebeslebens ist schlimmer, als die meisten ahnen.
+Und es ist darum wohl erklärlich, daß heute mehr über diese Dinge
+gesprochen wird, als dem feinempfindenden Menschen lieb sein kann. Aber
+wir müssen darüber einmal zur Klarheit kommen, schon deshalb, weil das
+Wort vom »Sichausleben« zur Phrase geworden ist und unsere Jugend
+verderbliche Wege führt. Warum bewegt sich die Wirklichkeit dieses
+Sichauslebens denn nur immer im Rahmen eines unsauberen
+Geschlechtslebens und richtet sich nicht auf körperliche und geistige
+Höchstentwicklung?
+
+Wüßten die jungen Leute nur erst, wie sie ihr eigenes Glück schädigen,
+weil die Dirne ihnen die Achtung vor dem Weibe und allem Weiblichen
+nimmt! Der Glaube an die Mutter hat einmal unsere Jugend verschönt, und
+diese schöne Erinnerung folgt uns in das Leben. Was hat die Mutter alles
+für dich getan? Mit Schmerzen hat sie dich geboren, deinetwegen mußte
+sie auf so vieles verzichten, was dem Manne das Leben vielgestaltig
+macht. Das Verhältnis von Mutter und Kind ist ein kleines Heiligtum, das
+der Mann als Gatte und Vater schützt.
+
+~In jedem Weibe aber steckt die Mutter.~ Jedes Weib soll Reinheit dem
+Manne darbringen, der sie zur Mutter macht. Willst du vorzeitig in dies
+Heiligtum eingreifen? Willst du, der du als Mann Schützer und
+ritterlicher Hüter des Weibes sein sollst, ihr Verderber, ihr Verführer
+werden? Sei gut und voll Achtung zu jedem Weibe, achte und ehre die
+Mutter in ihr!
+
+Du wirst antworten, daß nicht immer der Mann die Schuld trage, sondern
+oft das Weib die Verführerin sei, und daß die Prostituierte nicht
+Achtung verdiene, sondern genommen werden müsse, wie sie ist. Ich will
+die Dirne nicht besser machen, als sie ist. Aber wie viele von denen,
+die auf den Straßen sich verkaufen, sind durch Verführung, Elend,
+schlechte Erziehung in das Schandgewerbe hineingetrieben worden! Darfst
+du die elende Lage, in die ein Mensch durch eigene oder fremde Schuld
+hineingetrieben wurde, für deine Genüsse mißbrauchen? Und wenn du die
+Prostituierte gar nicht achten kannst, wenn sie dir verworfen erscheint
+und du dich darum der Verantwortung überhoben glaubst, so bleibt es für
+dich entwürdigend, mit einem Menschen in Beziehung zu treten, den du
+verachtest.
+
+Aber mit der Verachtung sollten wir vorsichtig sein. Im Gewoge des
+Lebens steigt einer nach oben, der andere sinkt unter. Gute erbliche
+Anlagen erleichtern das Leben, schlechte erschweren es. Dem Weib, das
+Dirne wurde, gab die Vererbung wohl schlimme Keime. Schlimme
+Verhältnisse ließen das Schlechte aufblühen. Aber mache sie nicht
+schlechter! Wenn du ihr Gewerbe benutzest, so bringst du sie -- wie so
+viele andere -- noch tiefer in den Sumpf hinein. Warum wolltest du das
+tun?
+
+
+5.
+
+Das »Verhältnis«.
+
+Das Erwachen der Liebe bringt der Jugend Gefahren und Irrtümer. Je
+stärker ausgeprägt der sinnliche Trieb ist, desto lebhafter werden
+Beziehungen zu weiblichen Wesen gesucht. Wie die Sonne alles in ihre
+Farben taucht, so umspielt die Erotik Mann und Weib. Eine
+freudig-festliche Stimmung, Lichterglanz, ein paar Musikakkorde, ein
+erregter Tanz oder dergleichen, und schon ist der Liebesfunke zur Flamme
+angefacht. Schon schiebt sich der Begriff »ewig« in das eben geknüpfte
+Band ein. Manchmal ist's ja ein Band fürs Leben, häufig aber zerreißt's
+schon früh, und manchmal sieht der andere Morgen schon Ernüchterung und
+Reue.
+
+Aus diesen losen, flüchtigen Beziehungen hat sich das herausgeschält,
+was Tausende von Männern kennen, und was in unserer Gesellschaft ein
+öffentliches Geheimnis ist, das »Verhältnis«. Ein im Grunde einfacher
+Vorgang: eine geschlechtliche Beziehung zu einem Mädchen, das nicht
+Dirne ist, sondern Bürgerstochter, Verkäuferin, Modistin, Schneiderin
+oder Ähnliches, und das man eines Tages verläßt, um eine andere zu
+heiraten. Sie gibt sich ihm hin, weil seine bessere soziale Stellung
+ihrer Eitelkeit schmeichelt, oder weil er die ihm geschenkte Gunst
+bezahlt, oder auch, weil -- sie ihn liebt und glaubt, von ihm geheiratet
+zu werden.
+
+Von seiner Seite ist's nicht Liebe, sondern die Gewohnheit des
+Geschlechtsgenusses. Liebe nur, wenn die sozialen Abstände die Ehe
+unmöglich machen. Manche Tragik entsprang dieser Wurzel; das sogenannte
+»Verhältnis« aber ist meist für den jungen Mann ein bequemer Weg des
+Geschlechtsgenusses, der keine ernstliche Verantwortung mit sich bringt.
+An sich selbst denkt er, und die Geschlechtserregung mag ihm ja auch
+Liebe vortäuschen, aber seine Absicht geht gegen ein dauerndes Band. Das
+kann nicht Liebe sein. Und wenn die Stunde der Trennung kommt, gibt's
+oft viel Weh im Herzen des jungen Mädchens, viel Jammer und Bitten und
+Tränen, weil doch die Liebe des Weibes, das seinen Leib hingab, ein
+Stück von ihrem Leben ist, während der junge Mann sich von seinen
+Geschlechtserlebnissen oft mit rücksichtsloser Kälte loslöst.
+
+Können diese Rohheiten Vorbereitung auf die Ehe sein? Zerstören sie
+nicht die Gemütstiefe, die einer Ehe Inhalt und Schönheit gibt? Wird
+nicht die Liebeskraft vergeudet, die ungebrochen einem einzigen Weibe
+gehören soll?
+
+Und was wird aus dem Mädchen, das verlassen ist? Findet sie einen
+anderen Mann, der sie heiratet, so wird sie verschweigen müssen, was
+sie erlebt. Was man verschweigen muß, kann nicht gut gewesen sein. Oft
+aber geht sie aus einer Hand in die andere und endet als Dirne. Denk'
+einmal, wenn es deine Schwester wäre! Welch ein entsetzliches Geschick
+für dich und deine Familie! Und viele junge Leute häufen, nur weil sie
+genießen wollen, solches Leid auf die anderen, die oft schwer daran zu
+tragen haben.
+
+Es liegt im »Verhältnis« eine Unehrlichkeit, die die sittliche
+Persönlichkeit untergräbt. Du verlierst die Ehrfurcht vor dem Weibe,
+weil du es nicht mit Achtung als Mensch, sondern mit Sinnlichkeit als
+Geschlechtswesen genommen hast.
+
+Es gibt gewissenlose Schürzenjäger, deren dumme Frechheit jahrelange
+Erfolge hat, weil selbst unter den Freunden und Kameraden niemand ihnen
+sagt, daß ihr Tun nicht Mannhaftigkeit, sondern Erbärmlichkeit ist. Wir
+müßten für mehr Klarheit in unserem Urteil sorgen.
+
+An geistig hochstehenden, wertvollen Frauen prallt der schale Witz
+solcher Laffen ab; sie können sich höchstens ihrer Erfolge bei Dirnen
+und charakterlosen Elementen rühmen, und auch da sind sie oft betrogene
+Betrüger, ausgenutzte Dummköpfe gewesen.
+
+Das »Verhältnis« ändert seinen durch die Erregung der Sinnlichkeit immer
+wieder beschönigten Charakter in demselben Augenblick, in welchem die
+hier ebenso notwendigen wie häßlichen Maßnahmen zur Verhütung der
+Befruchtung mißlungen sind, und das werdende Kind als eine angstvolle
+Tatsache da ist, das nun das wohlbehütete Geheimnis dieser
+Geschlechtsbeziehungen der Öffentlichkeit zu enthüllen droht. --
+
+Und dann?
+
+Beim Manne tödliche Verlegenheit, Sorge für Ruf, Stellung, Name,
+Gedanken an Trennung, weil nun das »Verhältnis« lästig wird. Beim
+Mädchen jagende Angst, Wunsch nach Schutz, Furcht vor dem Entdecktwerden
+und dazu körperliche Leiden. Und dasselbe Kind, das zwei sich wahrhaft
+liebende Menschen in der Ehe erst recht fest aneinanderkettet, trennt
+meist zwei Menschen, die den bloßen Geschlechtszweck ihres
+»Verhältnisses« mit dem Worte -- »Liebe« zu entschuldigen suchten.
+
+Auf dem Lande und bei der Arbeiterschaft pflegt die unwillkommene
+Liebesfrucht meist den Entschluß zur Ehe zu erzwingen. Man heiratet
+sich, und das ist ehrlich. Damit bereitet man dem Kinde ein Nest, ein
+Heim, und die junge Mutter ist geschützt vor Sorgen und bösen
+Lästerzungen.
+
+Aber in der Stadt besteht für alle »besseren Schichten« die bequeme
+Einrichtung der »Alimente«. Die Vatersorgen und die anständige Gesinnung
+werden abgelöst durch ein geringes monatliches Geldopfer. Gewiß, der
+Gesetzgeber konnte vielleicht nicht anders. Er kann nur einige
+rechtliche Ordnung schaffen. Aber er hat uns zu viele Möglichkeiten
+geschaffen, Gemütswerte durch Geldwerte abzulösen.
+
+Es wäre falsch, zu sagen, daß der Leichtsinn des »Verhältnisses« die
+Pflicht zur Ehe in sich trägt, wenn das Kind dem sinnlichen Idyll ein
+jähes Ende bereitet. Denn dann könnte die Schwangerschaft eine Leimrute
+sein, mit der ein raffiniertes Weib einen Gimpel fängt. Ich will nur die
+Verwirrung beleuchten und die Rohheit zeigen, die oft mit dem
+unehelichen Kind sich entwickeln. Manche himmelstürmende Liebe endet
+durch die Abtötung der Frucht vor dem Strafrichter.
+
+Die Zahl der Totgeburten übersteigt bei den unehelichen Kindern überall
+in Europa anderthalbmal diejenige bei den ehelichen. Manches eben
+geborene Kind wird von der ratlosen, verzweifelten Mutter getötet oder
+an Fremde abgegeben.
+
+Das Höchste, Heiligste, was wir Menschen kennen, die Mutterschaft, wird
+besudelt, entehrt, wird zum Verbrechen. Grenzenloser Jammer erstickt das
+Gefühl des Mädchens, das Mutter wurde und verlassen wurde.
+
+Rings um die großen Städte wohnt in ländlichen Bezirken ein Kreis von
+Menschen, die sich mit der Pflege unehelicher Kinder gegen einmalige
+oder periodische Vergütung systematisch und beruflich beschäftigen,
+systematisch und beruflich aber auch unter dem Deckmantel der Pflege
+die -- Tötung besorgen. Manchmal weiß das die Mutter nicht, manchmal
+aber weiß sie es.
+
+Das Leid des unehelichen Kindes ist zu oft gesungen worden, als daß ich
+dazu Mollakkorde geben müßte. Verbrechen und Unehelichkeit, Prostitution
+und Unehelichkeit, das sind fast unlösbare Zusammenhänge. Der Unterbau
+des Lebens und der Charakterbildung, die mit Liebe und Achtung
+durchzogene Ehe, fehlt dem unehelichen Kinde. Gerade in den
+Kinderjahren, den Jahren der Weichheit und Aufnahmefähigkeit, der
+Lenkbarkeit, fehlen oft die festen Grundsätze gesunder Erziehung,
+herrschen oft Willkür, Vernachlässigung und der verderbliche Einfluß der
+Straße. Der Vater fehlt, die Familie fehlt. Dem Genuß eines Augenblicks
+entsteigt ein neues Menschenleben, das verfehlt und verdorben ist, weil
+die Verantwortung fehlte.
+
+Es ist oft, als sei im Geschlechtsleben das Rechtsgefühl vollkommen
+geschwunden, das doch beispielsweise in den kleinsten Geschäfts- und
+Geldsachen so fein entwickelt ist. Wer ein Geldstück stiehlt, kann ins
+Gefängnis kommen. Wer aber im Geschlechtsleichtsinn einem andern
+Menschen Glück und Namen, Ehre und Leben stiehlt, der kann sich auch
+ohne viel Geschick durch die Paragraphen hindurchwinden. Die
+gesetzeberatenden und gesetzemachenden Männer haben augenscheinlich zu
+wenig an das Weib gedacht; denn die Rechtsprechung aller zivilisierten
+Länder läßt dem Manne überall da Durchschlupfe, wo sich das Weib in den
+Irrgängen der sexuellen Doppelmoral fängt. Ja, die napoleonischen
+Gesetze Frankreichs zeigen eine offenbare Verachtung der Frau. Diese
+Verwirrung in Geschlechtsfragen hat scheußliche Zustände gezeitigt.
+Irgendein junger Mensch ist der Verführer. Seine sexuellen Wünsche sind
+lebendig geworden. Er lernt ein Mädchen kennen, und seine Sinnlichkeit
+treibt ihm betörende Lügen auf die Lippen. Sie glaubt ihm und wird
+verführt. In irgendeinem verschwiegenen Winkel kommt sie nieder. Alle
+Welt zeigt mit Fingern auf sie: »sie hat ein Kind.« Warum nicht auch auf
+ihn? Es ist doch auch ~sein~ Kind. Ein uneheliches Kind kann die Ursache
+sein, daß die Mutter in Ächtung, Verzweiflung und Tod getrieben wird,
+daß sie ein Leben lang büßt für eine Stunde voll glühender Worte. Der
+Mann aber kann am nächsten Tage die gleiche Komödie wiederholen. Und
+wenn dieser brutale Egoismus soundso oft mal in das Leben von soundso
+vielen Frauen zerstörend eingegriffen hat, dann deckt leicht eine
+glänzende Heirat den Schleier der gesellschaftlichen Stellung über die
+innere Erbärmlichkeit.
+
+Wo bleibt hier das Rechtsbewußtsein, die Grundlage jeder menschlichen
+Gemeinschaft? Wie viele Männer gibt es, Geschäftsleute, Direktoren von
+Theatern, Gesellschaften, Kaufhäusern usw., die ihre soziale Macht und
+die soziale Bedrängnis ihrer Angestellten dazu ausnutzen, die hübscheren
+jungen Mädchen in ihre Hand zu bekommen, die aber bei der Heirat sich
+doch nach einer Frau »von gutem Ruf« umsehen.
+
+Welch ein beschämender Mangel an einfachem Rechtsgefühl! Mancher Mann,
+der ein unschuldiges junges Mädchen zur Mutter gemacht hat, ist dadurch
+wie ein wildes Tier in das Glück und den Frieden einer ganzen Familie
+eingebrochen. Und doch geht uns die Phrase nicht aus den Ohren, die
+Geschlechtsbeziehungen des Mannes seien weniger verhängnisvoll als
+diejenigen des Weibes.
+
+Wenn die Mädchen, die heiraten, immer wüßten, wie sehr die häßlichen
+Bilder der Vergangenheit ihres Geliebten den schönen Phrasen des
+Augenblicks widersprechen, wenn sie wüßten, wieviel himmelschreiendes
+Unrecht, begangen an anderen, durch die Ehe sanktioniert werden soll,
+wenn sie wüßten, wie oft es vorkommt, daß abseits von dieser Ehe ein
+verlassenes, verhärmtes Weib in Not und mit Bitterkeit für das Kind des
+Geliebten sorgt, dann würden Schatten durch glückliche Gesichter ziehen,
+und in mancher Frau würde wohl die Erkenntnis reifen, daß für das Glück
+der Menschen und die Schönheit der Ehe die voreheliche Reinheit des
+Mannes genau so wichtig ist, wie die Reinheit des Weibes. Immer ist die
+Liebe die Lebensgestalterin. Sie gestaltet es gut oder schlecht. Darum
+muß diese gestaltende Kraft rein gehalten werden.
+
+An der alljährlichen Zunahme der unehelichen Geburten erkennen wir die
+ins Grenzenlose gewachsene geschlechtliche Gewissenlosigkeit der Jugend.
+Der unehelichen Mutter hat das Kind die soziale Lage sehr erschwert. Um
+so schutzbedürftiger sieht sie nach dem Manne; um so schmachvoller ist
+es, wenn dieser sie verläßt. Nur die Ehe kann dem mütterlichen Weibe und
+dem Kinde ein sicherer Hort sein. Darum lockern diese leichtsinnigen
+Geschlechtsverbindungen das ganze Gebäude unseres sozialen Fühlens,
+Denkens und Handelns. Geschlechtliche Ungebundenheit ruiniert ein Volk;
+denn sie ist eine Roheit und eine Gefahr für den Nachwuchs. Sie ist ein
+ununterbrochener, geheimer und niederträchtiger Kampf gegen die Einehe,
+die als höchstes Sittenideal unserer in uns schlummernden Ethik
+entstiegen ist. Alles, was die monogamische Ehe fördert und vorbereitet,
+ist zugleich sittliche Ordnung, Festigkeit, Gesundheit, Kraft und
+Menschenglück, alles, was sie stört, bringt Zerfall, Unglück,
+Proletariat, Krankheit. Das ist ~das uralte und urewige Gefüge der
+Natur, daß der Mann Hüter und Schützer von Weib und Kindern sein soll.~
+Mag auch die Strömung der Zeiten die Frau »emanzipieren«, ihr soziale
+Selbständigkeit und Unabhängigkeit geben wollen, was vermag dies Eifern
+vor dem gebietenden Wort der Natur! Das Weib ist Mutter! Das ist sein
+Glück und sein Ruhm, aber auch die ewige Bedingtheit ihrer Lebensform,
+ihre ewige und unabänderliche Abhängigkeit vom Mann.
+
+Und wer aus der traurigen Nüchternheit und grenzenlosen Banalität vieler
+Ehen eine Waffe zur Bekämpfung der ehelichen Gemeinschaft überhaupt sich
+herrichtet und in der »freien Liebe« das Heil sieht, der sollte sich
+fragen, ob denn die freie Liebe etwas ändert an den ehernen
+Naturgesetzen, die die Ehe geformt haben, sollte sich fragen, ob denn
+die Menschen, deren Seelen matt sind und die kraftlos zu einem
+Liebesideal aufschauen, in einer ungebundenen Liebe die Verjüngung
+finden, die sie glücklicher machen kann. Das Leben bedarf so sehr dieser
+ewigen Verschmelzungs- und Verjüngungsprozesse durch Mann, Weib und
+Kind, daß sich die Forderung der vorehelichen Reinheit, das Ideal der
+Treue und die Tatsache der monogamischen Ehe als biologische, soziale
+und sittliche Grundforderungen herausgebildet haben.
+
+Der Vergleich mit der geschlechtlichen Wahllosigkeit mancher Ur- und
+Primitivvölker ist nicht stichhaltig. Sie haben ein auf tiefster Stufe
+stehendes Geistesleben und kennen darum nicht die Liebe, können uns
+nicht Maßstab sein. Aber die Liebe ist durch die Jahrtausende
+hindurchgeschritten und steigerte ständig ihre Seelenkraft, vertiefte
+und verfeinerte sich, und ward so eine duftige Blüte zartester
+Seelenkultur. Jeder rohe körperliche Akt, dem die Seele mangelt, treibt
+sie wieder zurück bis dahin, wo sie angefangen. In dem unbewußten
+Stammeln der im Selbstvernichtungsrausch versinkenden Liebenden »Nur
+du«, »ewig du allein«, liegt unbewußt die allerstärkste Betonung der
+Monogamie.
+
+
+6.
+
+Vor der Ehe.
+
+Es kann nur ~einen~ Weg der Vorbereitung auf die glückliche Ehe geben,
+das ist der der eigenen Reinheit und die bei aller unbewußten Erotik
+geschlechtslose Beziehung zu Frauen. Wehe dem Manne, der im Weiblichen
+nur das Geschlechtliche sehen kann, der für dies ~eine~ seinen Sinn
+steigerte und für alles andere stumpf wurde. Ihm hat auch die Ehe nur
+Geschlechtsinhalt. Er kennt nicht die höchsten Genüsse, die in der
+innigen Ergänzung der besonderen geistigen Persönlichkeit des Mannes mit
+weiblicher Art, weiblichem Denken liegt. Meide den Umgang mit wertlosen
+Frauen, aber suche und pflege mit der Freundschaft zu guten Menschen
+besonders die geistigen Beziehungen zu edler Weiblichkeit. Deine
+Männlichkeit, dein Auftreten, deine Lebensformen werden ausreifen, wenn
+der Hauch gesunder Weiblichkeit dich umweht. Kannst du deine Interessen
+mit einer Freundin austauschen, so bekommt deine Anschauung noch eine
+andere, sich ergänzende Richtung.
+
+Und siehst du in der Freundin eines Tages die Geliebte, denkst du sie
+dir als Gefährtin des Lebens, nun, so war's wohl ein guter Entschluß.
+Aber prüfe, ehe du dich bindest! Hast du dich entschlossen, so glaube
+nur nicht, jetzt sexuelle Rechte zu haben! Gerade dies »Poussieren«,
+diese häufigen Geschlechtserregungen in allen Winkeln und dunklen Ecken,
+diese Liebkosungen sexueller Art sind so verderblich für das
+Nervensystem. So wenig Haltung bewahren oft junge Menschen, daß sie
+jedes Alleinsein zu unsauberem Denken und Tun mißbrauchen, oft nur, weil
+sie zu geistlos und zu sehr ohne inneren Wert sind, als daß sie das
+Alleinsein mit Schönerem ausfüllen könnten. Wenn so schon der Jugend die
+Poesie gestorben ist, sollte man den Schritt zur Ehe nicht mehr wagen;
+denn die Ehe wird zum Ekel.
+
+~Lerne bewundernd zu lieben, ohne zu begehren!~ Dann wird das, was du
+liebst, dir lange, lange das Schöne bleiben! Liebe ist Wunsch, ist
+Sehnsucht, ist Spannkraft der Seele. Töte das alles nicht, indem du
+vorschnell an dich reißest, was deiner Sehnsucht lebendiges Ziel sein
+soll. Mag auch ein sinnliches Begehren dich zu dem Mädchen, das du
+liebst, hinreißen, falle ihm nicht zum Opfer. Ihr entschleiert das Bild
+zu Saïs! Solange die unerfüllten sinnlichen Wünsche ~in~ dir leben,
+beschwingen sie deine Liebe und treiben dir Worte der Poesie auf die
+Lippen. Du siehst alles, alles schön und farbenprächtig, idealisierst
+die Wirklichkeit, hast Jugend in dir; denn Jugend ist Wunsch und
+poesievolle Spannung. Die befriedigte Liebe aber, wenn sie nur
+körperliches Begehren war, wird arm an Worten, und es ist die tiefe
+Tragik der Liebe, daß sie in ihrem höchsten Begehren stirbt. Sie kann
+sich selbst bekämpfen, in der eigenen Glut aufzehren, und es braucht
+klare Augen und einen festen Willen, sie in Schranken zu halten.
+
+Wieviel unglückliche Ehen entsteigen dieser geschlechtlichen
+Voreiligkeit! Die Erregung raubt Besonnenheit und Urteil. Ein Kind ist
+entstanden und treibt die zwei leichtsinnigen Menschen in die Ehe
+hinein, den Mann oft gegen seinen Willen. Was freieste Entschließung und
+seelische Hochspannung zweier Menschen sein sollte, wird eine
+Zwangsmaßnahme, die aus innerer Angst und aus Furcht vor dem Skandal
+geschah. Gerade wenn der Wunsch nach dem Weibe die Sinne füllt, sollte
+man mit Entschlüssen zögern. Was wir gar zu heftig begehren, sehen wir
+nur in seinen Vorzügen, nicht auch in seinen Schwächen und Mängeln. Und
+manches Mädchen, das für den Geliebten »göttlich« war, wird für den
+Gatten, wenn der Alltag der Ehe den Morgentau der Liebe abstreifte, mehr
+als irdisch. Darum prüfe dich lange und zähme immer deine Sinnlichkeit.
+Denn durchbricht sie die Schranken, so entscheidet sie oft über Dinge,
+die noch gänzlich unentschieden sind, und knüpft oft ein Band, das
+besser ungeknüpft bliebe.
+
+So betrachtet, wird dir die Liebe zur beschwingenden Kraft. Aus dem
+Gegenspiel von Erotik und ihrer Beherrschung erwächst dir die Achtung
+vor dir selbst und vor der Weiblichkeit. Je größer diese doppelte
+Achtung ist, desto weiter rückst du ab von der Prostitution und allem,
+was aus ihr entspringt und mit ihr zusammenhängt.
+
+
+7.
+
+Schadet der Jugend die Enthaltsamkeit?
+
+Es wird viel und gern davon gesprochen, daß die geschlechtliche
+Betätigung vor der Ehe eine Notwendigkeit sei, eine Forderung der
+Gesundheit. Diese letztere solle Schaden nehmen in der Enthaltsamkeit.
+
+Die einen stellen diese These auf und verteidigen sie mit
+Hartnäckigkeit, die anderen bestreiten sie energisch. Ich zögere keinen
+Augenblick, zu sagen, daß es viele Fälle von Schäden der Enthaltsamkeit
+gibt, Schäden, die sich bei der geistigen Arbeit, im Schlaf, im ganzen
+geistigen und körperlichen Leben überhaupt zeigen. Es wäre falsch und
+widerspräche der Wissenschaft und den alltäglichen Vorkommnissen, einer
+sittlichen Absicht zuliebe physiologische Erscheinungen rundweg leugnen
+zu wollen. Das erzeugt Widersprüche, die zu Waffen in der Hand der
+Gegner werden.
+
+Aber derartige Schäden treten erst bei der Geschlechtsenthaltsamkeit der
+Erwachsenen auf und haben für die Jahre der Entwicklung, für die Jugend,
+nicht die mindeste Geltung. ~Für die Jugend ist die Enthaltsamkeit nicht
+nur nicht schädlich, sondern eine Grundbedingung vollkommener
+Entwicklung.~
+
+In der Tierzucht ist es ein ganz selbstverständlicher Grundsatz, Tiere
+niemals vor vollendeter Reife zur Geschlechtsbetätigung zuzulassen, weil
+man dadurch das Tier schwächt, seine Leistungsfähigkeit (z. B. bei
+Rennpferden, Jagdhunden, Lasttieren) vermindert und schließlich die
+ganze Rasse herabzüchtet. Zwischen Fortpflanzungstrieb und Lebensdauer
+besteht eben ein unlösbarer Zusammenhang. Ganze Völker versinken in der
+Widerstandslosigkeit gegen den Geschlechtsreiz. Den Indiern hat nichts
+so sehr die Kraft genommen, als die frühen Heiraten, die schon von
+Kindern geschlossen werden. Es kann niemals gut sein, wenn ein Trieb
+sich so entwickelt, daß er alles beherrscht. Eine Schwächung des Ganzen
+muß die Folge sein.
+
+~Noch nie, solange die Welt steht, hat die Keuschheit so ungeheuren und
+entsetzlichen Schaden angerichtet, wie die Ausschweifung.~
+
+Die Schäden, von denen man spricht, sind aufgebauscht und werden zur
+bequemen Entschuldigung für den Geschlechtstrieb, den zu zügeln man
+nicht die Kraft und den Willen hat. In diesem Punkte gibt es so viele
+Täuschungen, als es Behauptungen gibt. Denn alle die Zustände, die man
+in den bequemen und gedankenlosen Begriff »nervös« zusammenfaßt, die
+Unruhe, Schlaflosigkeit, Arbeitsunfähigkeit, allgemeine Schlaffheit,
+Verdauungsträgheit, Mißmut, Gemütsbedrücktheiten u. dergl., die fast
+alle aus völlig unnatürlicher Lebensart sich ergeben, wenn die Freuden
+der Tafel über die Bedürfnisse des Lebens hinausgehen und der Körper
+nicht genug Bewegung hat, diese Zustände werden gern und vorschnell dem
+Mangel an Geschlechtsgenuß zugeschrieben, weil man so die Sinnlichkeit,
+mit Gründen wohl versorgt, auf den glatten Boden eines vergnügten Lebens
+hinausschicken kann. Denn um ein Vergnügen handelt sich's wohl bei all
+den jungen Männern, die ihre leichtfertigen Liebesabenteuer mit der
+Flagge der bedrohten Gesundheit verteidigen.
+
+Die gesamte Art der Menschheit, zu leben, zu arbeiten, zu essen und zu
+trinken, und demgemäß zu denken und zu fühlen, ist so grundfalsch, so
+von den natürlichen Gesetzen abgewichen, auf Abwege geraten, daß auch
+unser Urteil über den Geschlechtstrieb und seine Äußerungen notgedrungen
+falsch sein muß. Wie kann man aus ungesunden Lebensformen physiologische
+Gesetze folgern wollen?
+
+Es ist wohl gut, auf einige Äußerungen von Männern hinzuweisen, die auf
+Grund ihres wissenschaftlichen Urteils und ihrer Lebenserfahrungen
+gehört zu werden verdienen. Dabei will ich verzichten auf die Wiedergabe
+des bekannten Schreibens der medizinischen Fakultät der Universität
+Christiania, erstens, weil es aus dem Jahre 1887 stammt, und vor allem,
+weil mehrfach angezweifelt worden ist, ob in der Tat die ~ganze~
+Fakultät es unterzeichnete. Tatsache aber bleibt, daß die jüngeren
+norwegischen Ärzte in ihrem Fachblatt das erwähnte Urteil der Fakultät
+zu ihrem eigenen gemacht haben.
+
+Der bekannte Nerven- und Irrenarzt Prof. _Dr._ ~Aug. Forel~ sagt: »Die
+angebliche Nervosität resp. physische Erregbarkeit, Abspannung usw.,
+welche die Keuschheit nach sich ziehen soll, wird als ein Hauptargument
+zur Verteidigung der staatlichen Fürsorge für weiberbedürftige Männer
+herangezogen. Ich bin in meiner ärztlichen Laufbahn von zahlreichen
+jungen Neurasthenikern und Hypochondern konsultiert worden, welche
+früher keusch waren, erst auf ärztliche Anordnung hin Bordelle besuchten
+und vielfach dort venerisch angesteckt, jedoch weder von Neurasthenie
+noch von Hypochondrie kuriert wurden. Einen irgendwie nennenswerten
+Erfolg von dieser Therapie habe ich selbst nie beobachtet.
+
+»Zweifellos dagegen ist es, daß der ausposaunte angebliche Schutz gegen
+Syphilis (von einem Schutze gegen gonorrhöische Infektion wagt niemand
+zu sprechen), verbunden mit den zahllosen Lockungsmitteln, welche die
+in diesen Geschäften pekuniär interessierten Personen zur Vermehrung
+ihrer Kundschaft anwenden, die Zahl der sich prostituierenden jungen
+Männer ungeheuer steigert; es bildet sich unter denselben allmählich die
+>Suggestion<, daß die Keuschheit ein unmögliches Ding sei, daß ein
+keuscher Jüngling kein >Mann< sei u. dergl. mehr. -- Zwar liefert
+überall die Landbevölkerung, ohne daß wir an unsere Vorfahren zu
+appellieren brauchten, den Beweis, daß ohne regulierte Prostitution und
+ohne Prostitutionshäuser die Männer existieren und gesund bleiben, sogar
+viel gesünder werden können. Es beweisen ferner zahlreiche Einzelfälle,
+daß die Keuschheit ohne Nachteil für die Gesundheit bestehen kann ...
+Doch wird dies meist ignoriert.
+
+»Die Prostitution ist kein Heilmittel gegen die Onanie. Beide bestehen
+sehr oft nebeneinander...... Tatsache ist ..., daß der Geschlechtsreiz
+durch vermehrte Befriedigung sich steigert, zu einem immer häufigeren
+Bedürfnis wird. Das erklärt die weitere Tatsache, daß ... sehr viel
+Exzedenten daneben noch onanieren oder nächtliche Pollutionen haben...
+
+»~Nie habe ich eine durch Keuschheit entstandene Psychose gesehen, wohl
+aber zahllose solche, die die Folgen von Syphilis und Exzessen aller Art
+waren~...
+
+»Wir müssen dabei bleiben, daß für den jungen Mann bis zu seiner
+Verehelichung die Keuschheit nicht nur ethisch und ästhetisch, sondern
+auch der Prostitution gegenüber hygienisch das Zuträglichste ist.«
+
+Auch der hervorragende Psychiater Prof. _Dr._ ~Eulenburg~ bezweifelt in
+seiner »_Neuropathia sexualis_«, »daß schon irgend jemand bei sonst
+vernünftiger Lebensweise durch geschlechtliche Abstinenz allein krank,
+speziell neurasthenisch oder sexual-neurasthenisch geworden ist.« Er
+sagt weiter: »Ich halte diese immer wiederkehrenden, phrasenreichen
+Behauptungen für völlig leeres und nichtssagendes Gerede, wobei es sich
+nur um gedankenloses Miteinstimmen in den allgemeinen Chorus
+oder -- noch schlimmer -- um ein bewußtes Kniebeugen vor Vorurteilen
+handelt... Jene im Laienpublikum außerordentlich beliebte und leider
+auch von gewissen Ärzten laut oder stillschweigend gebilligte Meinung
+von der unbedingten Schädlichkeit geschlechtlicher Abstinenz wirkt zumal
+auf die heranwachsende Jugend in hohem Maße verderblich; sie treibt
+diese dem illegitimen Geschlechtsverkehr, d. h. der Prostitution,
+geradezu in die Arme...«
+
+Das Wort von den Schäden durch Enthaltsamkeit ist am lautesten im Munde
+derjenigen, die die Venus Anadyomene (sinnliche Liebe) kennen und ihr
+nicht entsagen wollen. Sie wissen nicht, daß das zur Periodizität
+neigende Rückenmark aus einem gewöhnlichen Reiz ein gebieterisches Recht
+macht. Findet man nicht im Essen, im Trinken, im Rauchen und in allen
+Lebensgewohnheiten genau dasselbe? Man entziehe nur einmal einem starken
+Esser oder Trinker sein gewohntes Quantum, und er wird -- obwohl die
+Entsagung seinem Organismus höchst dienlich ist -- Unbehaglichkeiten, ja
+Qualen erleiden. So ergeht's dem Raucher, so dem Morphinisten. Ist darum
+in ihren Wünschen, ihren Gefühlen, ihren Ansichten auch nur ein Schimmer
+von Recht?
+
+Wer das Geschlechtsgefühl häufiger kennen lernte, hat seinen Organismus
+sozusagen darauf eingestellt. Wie Wellenlinien durchzieht's die
+Nervenzentren, periodisch sie erregend. Dann bringt zunächst die
+Enthaltsamkeit Beschwerden, wie allen, die unbeherrscht und triebhaft
+leben. Aber nur zunächst. Bald stellt sich das Nervensystem mit dem
+ganzen Organismus auf diese neue Marschroute ein, und die inneren
+Absonderungen vermehren bald merkbar die Spannkraft des Körpers und des
+Geistes. Ja, wer beobachten kann, findet bald heraus, daß der die
+Geschlechtskraft sparende Organismus mit einem geringeren Maß von Schlaf
+und Nahrung auskommt, weil er trotz erhöhter Leistungsfähigkeit
+sparsamer wirtschaftet. Für viele, viele Menschen ist der
+Geschlechtsgenuß ein jedesmaliger Kraftverlust, sie erschlaffen tagelang
+nachher, und Menge und Wert ihrer Arbeit leidet. Sie brauchen Tage, um
+durch Ruhe und Sorgfalt in der Ernährung wieder auszugleichen, was sie
+in einer Minute verloren haben. Trotzdem aber können sie nicht
+loskommen von dem entnervenden Glauben an die Notwendigkeit
+geschlechtlichen Lebens.
+
+Freilich bedingt ein so besonders beherrschtes Leben auch veränderte
+Lebensgewohnheiten. Wenn du an Kopfschmerzen leidest, an unruhigem
+Herzen, an Schlaflosigkeit und wüsten Träumen, oder durch Pollutionen
+erschlafft wirst und in all diesen Dingen Gründe für ein voreheliches
+Geschlechtsleben siehst, dann handelst du wie ein Kind, das die eine
+Dummheit durch die andere beseitigen will. Du sollst deine
+Eßgewohnheiten ändern, den Alkohol meiden, das Rauchen einschränken,
+Gewürze und gewürzte Nahrung fortlassen und alles das beachten, was wir
+schon beim Kapitel der Onanie miteinander besprochen haben. Und wenn der
+Arzt in all den eben genannten Störungen die Zeichen eines zu hohen
+Blutdruckes erkennt, so sollte er seinen Patienten nicht auf den
+gefährlichen Weg zur Dirne senden, sondern den Blutdruck durch den
+gesünderen und klügeren Rat der fleischlosen Nahrung, der Vermeidung von
+Kaffee und Tee und Alkohol herabsetzen. Kann diese gedankenlose
+Suggestion der Dirnennotwendigkeit sich bei der ärztlichen Autorität ihr
+Lebensrecht holen, dann ist es kein Wunder, wenn die Köpfe junger Männer
+erfüllt sind von wilden, ungezügelten und schmutzigen sexuellen
+Vorstellungen, die den erregten Körper zu nächtlichen Samenergüssen und
+damit zur Erschlaffung mit Rückenschmerzen, Verdauungsschwäche und
+Melancholie treiben! Ein straffes Halt der lüsternen Phantasie gebieten,
+Geist und Körper in ernste, energische Arbeit einspannen, das hält den
+Geist sauber und den Körper gesund!
+
+In Klöstern, wo die Frauen arbeiten, hat man selten Hysterie gefunden;
+bei Prostituierten dagegen ist sie häufig.
+
+Du wirst einsehen, daß gerade die wunderbare Tatsache der ~inneren~
+Drüsenabsonderungen der Jugend die Pflicht der Keuschheit auferlegt.
+Denn der Organismus, der diese Drüsensekrete zu seiner Entwicklung
+gebraucht, kann nicht zu seiner vollen Entwicklung kommen, wenn ihm
+vorher das Wachstumsmaterial entzogen wird. Und wenn dem Körper die
+Kraft genommen ist, wie sollte er Kraft seinen Nachkommen geben können?
+Dem eigenen Leichtsinn folgt die Schwäche der Nachkommen, und sie ist
+ein drückender Vorwurf für den, der noch ein Gewissen hat.
+
+Es ist nicht geschickt, zur eigenen Entschuldigung auf die Männer
+hinzuweisen, die trotz ihrer sexuellen Ausschweifung geistig groß,
+bedeutend und machtvoll waren. Denn erstens sind solche Männer in der
+Minderzahl, zweitens hätten sie bei größerer Selbstzucht noch Größeres
+erreicht. Die Zahl der Großen aber, die ihr persönliches Leben unter die
+ordnende Macht sittlicher und gesundheitlicher Gesetze gestellt haben,
+ist wesentlich größer, und man braucht nur auf ~Immanuel Kant~, auf
+~A. v. Humboldt~ hinzuweisen, um sexuelle Enthaltung und geistige Größe
+eindrucksvoll nebeneinander zu sehen. Jedenfalls hat frühzeitiger
+Geschlechtsverkehr noch keinen großen Mann gezeitigt. Dagegen fällt das
+Auge überall auf Menschen, die durch vorzeitige Vergeudung der
+Zeugungskräfte an Körper und Geist verarmt und verkümmert und zu jedem
+geistigen Hochflug unfähig geworden sind.
+
+Obermedizinalrat Prof. _Dr._ ~Gruber~ in München sagt: »An eine
+Schädlichkeit der Zurückhaltung des Samens im Körper ist nicht zu
+denken.« Er weist darauf hin, daß die Samenflüssigkeit, wenn sie als
+Auszug aus Tierhoden unter die Menschenhaut gespritzt wird, die
+Leistungsfähigkeit der Muskeln erhöht und diese sich rascher erholen. Er
+weist ferner auf die Enthaltung von Gelehrten und Künstlern hin und
+sagt: »Während der Zeit der Enthaltung wird sicherlich Samen aufgesaugt,
+und seine Bestandteile gelangen ins Blut. Dies wirkt nicht schädlich,
+sondern günstig.« --
+
+Zweifellos gibt es Menschen von so heftiger geschlechtlicher Begierde,
+daß sie sich wie ein Wesenszug ihrer besonderen Persönlichkeit ausprägt
+und oft ihrem Handeln eine bestimmte Note gibt. Sie können sich nicht
+bezähmen, sondern werden von ihrer Begierde beherrscht. Solchen Menschen
+erscheint der Gedanke an geschlechtliche Entsagung lächerlich, und sie
+sind es auch, die, von ihrem eigenen Zustand ausgehend, ihren
+jugendlichen Kameraden die Gefahren der Keuschheit anschaulich machen
+wollen. Sie geben oft einer Unterhaltung den Ton, und die anderen
+schämen sich, ihre Unschuld zu zeigen oder gar zu verteidigen. Wir
+wollen nicht Pharisäer sein und Steine werfen auf diejenigen, deren
+heftige, unstillbare Begierde die Selbstbeherrschung übersteigt. Aber
+man soll in diesen Dingen das Herdenmäßige niederhalten, damit nicht der
+eine zur gefährlichen Antriebskraft für die anderen wird, die zu spät
+den gefährlichen Weg, den Krankheitsjammer und das moralische Elend
+erkennen, in das ihre durch ein paar verführende Worte angefachte
+Sinnlichkeit sie hineingetrieben hat. Man kann, durch ein Irrlicht
+geleitet, leicht in einen Sumpf geraten. Ob aber die Kraft zum
+Herauskommen später noch da ist, ist nicht vorherzusagen.
+
+Prof. _Dr._ ~Albert Heim~ hat in einer kleinen Schrift, »Das
+Geschlechtsleben des Menschen vom Standpunkt der natürlichen
+Entwicklungsgeschichte«, vortrefflich nachgewiesen, daß diese sexuelle
+Planlosigkeit und Willkür, die wir in der »zivilisierten« Menschheit
+finden, nicht einmal beim Tiere existiert, daß für das in Freiheit
+lebende Tier durchaus keine Geschlechtsfreiheit besteht, daß es vielmehr
+in polygamischer oder monogamischer Ehe lebt. Er sagt:
+
+»Und indem allmählich die zeitliche Beschränkung der Geschlechtsliebe
+auf Brunftzeiten verschwunden ist, die Zeit der Brutpflege und der
+Erziehung der Nachkommen sich immer verlängert hat, wird die Familie
+fester und dauernder und dadurch die ~lebenslängliche Einzelehe~ immer
+~natürlich-notwendiger~. In geschichtlicher Zeit sehen wir in der
+Menschheit selbst alle Stufen von Unregelmäßigkeit, polygamischer,
+monogamischer Ehe sich fortschreitend entwickeln bis gegen die
+Alleinherrschaft der lebenslänglichen Einzelehe in Praxis, in Sitte und
+in Gesetz. Was die Natur schon am Tierreiche in verschiedenen Zweigen
+aufsteigend entwickelt und mit verstärkter Notwendigkeit dem Menschen
+als Erbe überbunden hat, das wird sie nicht zurücknehmen können. Es
+gibt kein anderes Rückwärtsschreiten als dasjenige zum Untergang.
+
+»Die ~monogamische Lebensehe~ ist in ihrer Ausbildung ein allgemeines
+Naturgesetz, und indem das Sittengesetz der Menschheit dieselbe fordert
+und anstrebt, ist es eben nicht ein Stück »zivilisatorischer Unnatur«,
+sondern ein ~Stück Natur~. ~Ein ungehemmtes Verfolgen seiner Triebe ist
+kein Naturrecht. Die freie Natur gibt dies bei höheren Tieren nirgends
+zu.~ Auch das Tier würde bei Geschlechtsfreiheit rasch zugrunde gehen.
+Der außereheliche Geschlechtsverkehr ist in der Natur gar nicht
+vorgesehen; er ist nur eine unglückliche Abirrung der Zivilisation, ein
+Irrtum! Je intensiver der Geschlechtstrieb, je beseligender seine
+Befriedigung wird, desto bestimmtere und engere Schranken setzt ihm die
+Natur, desto höher und heiliger aber auch gestaltet sie die
+geschlechtliche Verbindung; sie wird zur Liebe, zur Ehe. Beim Menschen
+gibt uns Liebe und Gegenliebe, nicht der Geschlechtstrieb, Recht aus
+Geschlechtsgenuß.
+
+»Das Gerede vieler Männer von der Unnatur der Enthaltsamkeit und der
+monogamischen Lebensehe ist also eitel Säbelgerassel und steht im
+grellsten Widerspruche mit den Leitlinien der natürlichen Entwicklung.
+Diesem Gerede zuliebe wird die Natur nicht umkehren, sondern wer ihren
+Entwicklungsgedanken zuwider lebt, der wird an seinem Laster verderben!
+Aus der Natur, aus ihren Gesetzen, kommen wir nimmer heraus!«
+
+[Illustration: Dekoration]
+
+
+
+
+Dritter Teil.
+
+Die Geschlechtskrankheiten.
+
+
+Ja, wenn noch aus all dieser lüstern-lockenden Welt der geschlechtlichen
+Ungebundenheit Glück und Kraft und Schönheit käme! Wenn die Wege des
+Genusses nicht zur Reue führten, die oft fassungslose Verzweiflung ist!
+Denn das voreheliche Geschlechtsleben hat einen Januskopf. Auf der einen
+Seite das lächelnde Antlitz des Augenblicksgenusses und auf der anderen
+die grause Kehrseite der venerischen Krankheiten, allen voran Tripper
+(Gonorrhöe) und Syphilis. Weißt du, welche Schrecken diese Krankheiten
+für den Einzelnen, welche Geißel sie für das Volk sind? Ruinierte
+Kräfte, zerstörte Leben auf der ganzen Linie. Nur ein paar Zahlen sollen
+den Umfang der venerischen Seuche zeigen:
+
+Das Kultusministerium in Preußen versandte im Jahre 1900 Fragebogen, die
+Geschlechtskrankheiten betreffend, an die Ärzte. Aus der Beantwortung
+derselben ergab sich, daß am 30. April des genannten Jahres 41000
+Geschlechtskranke sich in ärztlicher Behandlung befanden. Darunter waren
+allein 11000 an frischer Syphilis Erkrankte. Berlin zählte allein 11600,
+darunter 3000 frisch Syphilitische. Es kamen somit in Preußen auf 10000
+Einwohner = 28 Geschlechtskranke, in Berlin 142. Berücksichtigt man, daß
+ein Drittel aller Ärzte die Fragebogen unbeantwortet gelassen hatte, und
+daß zahllose Erkrankte ohne eine Ahnung von ihrem Leiden herumlaufen
+oder aber leichtsinnigerweise nicht zum Arzt gehen, so kann man sehr
+wohl für Preußen eine Zahl von 100000 Geschlechtskranken am Tage
+annehmen. Professor ~Brentano~ sprach 1903 in München auf dem Kongreß
+der »Gesellschaft zur Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten« sogar von
+170000.
+
+Diese Krankheiten kosten dem Volke an Mindereinnahmen und Mehrausgaben
+(für Behandlung) viele Millionen.
+
+Das Elend, das diese Zahlen in sich einschließen, ist kaum zu schildern
+und hat etwas Grauenhaftes, wenn man sieht, daß ihm die Menschen mit
+lächelndem Leichtsinn entgegeneilen. Denn fast alle Geschlechtskrankheiten
+(90%) entstehen bei der Prostitution oder durch die flüchtigen
+»Verhältnisse« mit Kellnerinnen und dergl.
+
+_Dr._ ~Iwan Bloch~-Berlin berichtet (»Sexualleben«), daß in Berlin
+alljährlich ein Drittel aller Kellnerinnen als geschlechtskrank
+aufgegriffen werden, daß unter den Geschlechtskranken folgende Skala
+besteht: 30% Kellnerinnen, 25% Studenten, 16% Kaufleute, 9% Arbeiter, 4%
+Soldaten. Daß die Studenten gleich hinter den Kellnerinnen stehen,
+spricht für ihren bodenlosen Leichtsinn. Der verstorbene Leipziger
+Nervenarzt _Dr._ ~Möbius~ sagt (»Vermischte Aufsätze«, 1898): »Der, der
+Erfahrung hat, muß zugeben, daß wenigstens acht von zehn, die durch
+Dirnen angesteckt worden sind, nicht durch Leidenschaft dazu gekommen
+sind, sondern einfach durch Leichtsinn und Übermut, Verführung und
+Betrunkenheit. Ja, viele setzen sich kaltblütig der Gefahr aus, bloß
+weil man ihnen eingeredet hat, regelmäßiger Geschlechtsverkehr sei zur
+Gesundheit nötig.
+
+»Wüßten die Leute ganz klar, wie groß die Gefahr ist, daß sie bei jedem
+Verkehr mit Dirnen die Gesundheit, ja das Leben auf das Spiel setzen, so
+würden gewiß viele sich zurückhalten. Deshalb halte ich es für eine
+ernste Pflicht aller Wohlmeinenden und ganz besonders der Ärzte, so oft
+und so nachdrücklich wie möglich die Wahrheit über die venerischen
+Krankheiten anszusprechen, ja den Menschen ins Ohr zu schreien. Jeder
+bedenke, welche Verantwortung er auf sich lädt, wenn er diese Dinge
+leichtsinnig behandelt. Sollten Ärzte lächelnd von >Kinderkrankheiten<
+reden, oder wohl gar zum Besuche der Dirnen ermuntern, so darf man von
+ihnen sagen, daß sie >viel schlimmer als die Pest< wirken.«
+
+Weil Wissen überall die starke Waffe der Sittlichkeit ist, wollen wir
+hier kurz die häufigsten und schrecklichsten Geschlechtskrankheiten
+darstellen. Es sind dies 1. der Tripper (Gonorrhöe), 2. der weiche
+Schanker, 3. die Syphilis.
+
+Der ~Tripper~ ist eine uralte Krankheit, die schon ~Moses~ zu ernsten
+Maßregeln veranlaßte. Das Mittelalter hat eine große Ausdehnung des
+Trippers erlebt, aber die großen Irrtümer über diese Krankheit waren für
+die Kranken von sehr trüben Folgen. Klarheit brachte erst die im Jahre
+1879 gemachte Entdeckung von Prof. ~Neisser~-Breslau, daß der Tripper
+eine zunächst lokale Entzündung der Harnröhrenschleimhaut ist, die auf
+bestimmten Mikroorganismen (Kleinwesen), den _~Gonoccoci Neisseri~_ oder
+Tripperkokken, beruht.
+
+Es gibt keine andere Ursache für den Tripper oder die Gonorrhöe als den
+Geschlechtsverkehr. Was man sonst darüber redet, ist falsch. Man kann
+ohne weiteres sagen, daß alle käuflichen Dirnen geschlechtskrank sind,
+und daß die sittenpolizeiliche Kontrolle (Reglementierung) nicht den
+geringsten Schutz gegen die ungeheure Ansteckungsgefahr gewährleistet.
+
+Ein oder mehrere Tage nach der Ansteckung macht sich ein lästiges
+Brennen und Jucken in der Harnröhre bemerkbar, das häufige
+Gliederektionen mit erhöhtem Schmerzgefühl bewirkt und besonders beim
+Harnlassen sich steigert. Zugleich beginnt ein schleimiger Ausfluß, der
+in kurzer Zeit zu einem mehr oder weniger übelriechenden grünlich-gelben
+Eiter wird. Die Menge dieser eiterigen Absonderung hängt von der
+Heftigkeit der Erkrankung und von der gesamten Kräfte- und
+Säftebeschaffenheit des Patienten ab. Die Harnröhrenmündung erscheint
+gerötet. Wird bei der Untersuchung der Harn in ein Glas gelassen, so
+senkt sich der Eiter darin in dicker Schicht zu Boden, und man kann die
+Gonokokken darin mit Sicherheit feststellen.
+
+Die schmerzhaften Gliederregungen, der gestörte Schlaf, das
+Angegriffensein des ganzen Nervenapparates, sind natürlich für den
+Patienten sehr angreifend. Der Verlust an Säften und Kräften läßt sich
+wohl auch bei jedem heftigen Tripper an dem schlechten Aussehen des
+Patienten erkennen.
+
+Je nach Umständen läßt nach 3-4 Wochen die Heftigkeit des Ausflusses
+nach. Der Eiter verliert seine Dickflüssigkeit und gewinnt wieder das
+Aussehen wie zu Beginn der Krankheit; er wird wässeriger und heller.
+
+Es kommt vor, daß ein leichter Tripper verhältnismäßig lange Zeit
+besteht und hartnäckig erscheint, daß aber andrerseits hin und wieder
+ein sehr heftig auftretender Tripper in kurzer Zeit verschwindet. Das
+hängt ganz von Konstitution und Lebensweise und von der im Körper
+wirkenden Heilkraft ab.
+
+Meist hat der Tripper seinen Sitz zunächst in dem vorderen Teil der
+Harnröhre. Durch unrichtiges Verhalten, vor allem durch unzweckmäßige
+Behandlung, verbreitet er sich aber über den hinteren Teil der
+Harnröhre, und damit beginnt sein ernster Charakter, beginnen die
+Gefahren des Blasenkatarrhs, der Nebenhoden- und Prostataentzündung usw.
+Jetzt können Schäden entstehen, die im ganzen Leben nicht wieder
+gutzumachen sind, wenn nicht mit allem Ernst die Behandlung in die Wege
+geführt wird.
+
+Wird die zweckmäßige Behandlung versäumt, so geht der frische (akute)
+Tripper in das chronische Stadium über. Damit gewinnt diese Krankheit
+ihren wahrhaft heimtückischen Charakter. Man kann deshalb nicht ernst
+genug raten, sofort nach dem Ausbruch der Krankheit einen Arzt
+aufzusuchen. Warnen muß man vor allem vor der Selbstbehandlung, die
+junge Männer auf den Rat »erfahrener« Freunde beginnen, weil sie sich
+schämen, zum Arzte zu gehen, oder weil sie Störungen in ihrem Berufe und
+Entdeckungen seitens der Angehörigen fürchten. Wer sich nicht schämte,
+sich die Krankheit bei der Dirne oder einem sonstwie unerlaubten
+Geschlechtsumgang zu holen, der sollte auch den Mut besitzen, sich durch
+einen erfahrenen Arzt ausheilen zu lassen, um sich selbst und seine
+spätere Familie vor schlimmen Folgen zu bewahren. Die Selbstbehandlung
+ist ein Leichtsinn und eine Unklugheit, weil durch sie oft die
+Krankheit erst ins chronische Stadium hineingetrieben wird. Übrigens
+schützt das ärztliche Berufsgeheimnis den Patienten vor jedem bösen
+Klatsch und vor gesellschaftlicher Ächtung. Das ist bei der herrschenden
+besonderen Auffassung der Geschlechtskrankheiten doppelt wichtig.
+Zwischen der medikamentösen Behandlungsweise und der naturgemäßen
+entscheide ich mich unbedingt für die letztere, die in der ärztlichen
+Praxis mehr und mehr an Anerkennung und Würdigung gewinnt.
+
+Ist der Tripper erst einmal chronisch geworden, so bietet er der
+Behandlung weit größere Schwierigkeiten. Im allgemeinen kann man die
+Erkrankung als chronisch ansehen, wenn sie einer zweckmäßigen Behandlung
+nicht innerhalb drei Monaten weicht. Dann wird der Tripper zu einem
+langwierigen, schleichenden Leiden, das monate- und jahrelang, ja durchs
+ganze Leben hindurch bestehen und schließlich tödliche Erkrankungen
+hervorrufen kann. Jedenfalls haben die neueren klinischen Erfahrungen
+das Gesamtbild des Trippers ganz wesentlich gefahrvoller erscheinen
+lassen, als man es früher glaubte. Subjektiv sind die Beschwerden
+zunächst nicht sonderlich groß und bestehen im wesentlichen darin, daß
+morgens die Harnröhrenmündung verklebt ist und auf Druck einen
+grau-weißlichen Schleimtropfen absondert, in welchem die
+bakteriologische Untersuchung manchmal Gonokokken, manchmal aber auch
+nur Eiter nachzuweisen vermag. Das Urinieren ruft häufig, besonders nach
+dem Genuß scharfer Speisen, Schmerzen hervor.
+
+Was aber dem chronischen Tripper erst seinen heimtückischen Charakter
+gibt, das sind seine Folgeerscheinungen, von denen vorerst die
+gefährlichen Strukturen, das sind Verengerungen der Harnröhre durch
+Bindegewebswucherungen, zu nennen sind. Dieselben sind oft ungeheuer
+schmerzhaft, erschweren das Harnlassen und können zu schweren
+Nervenstörungen führen.
+
+Zum zweiten ist zu nennen die sogenannte ~Prostatitis~; das ist eine
+Entzündung der zwischen Harnröhre und Blase liegenden Vorsteherdrüse,
+die große Schmerzen hervorruft und mit einem starken Eiterausbruch
+endet. Auch diese Krankheit kann chronisch werden und ist dann
+verhängnisvoll für die Geschlechtstätigkeit, da sie sexuelle
+Neurasthenie hervorrufen kann.
+
+Bei Vernachlässigung, namentlich aber bei der leichtsinnigen
+Selbstbehandlung und dem Gebrauch innerlicher, reizender Mittel,
+schließt sich dem Tripper ein ~Blasenkatarrh~ an, ein im akuten Stadium
+äußerst schmerzhaftes Leiden, das mit fortwährendem Harndrang verbunden
+ist und sehr leicht chronisch werden kann. Dann kann es monate- und
+jahrelang bestehen, ja während des ganzen Lebens eine Schwächung der
+Blase und ihres Schließmuskels hinterlassen und so zu einem ganz
+außerordentlich lästigen und hinderlichen Leiden werden. Ja, in der
+chronisch erkrankten Blase bildet sich der entsetzlich schmerzhafte
+Blasenstein, der die den Strukturen folgende Harnverhaltung unter
+Umständen zur Ursache schwerster Blutvergiftungen, Vereiterungen und
+tödlicher Prozesse werden lassen kann.
+
+Zu den schlimmsten Folgekrankheiten des Trippers gehört die
+~Nebenhodenentzündung~, bei der im Zeitraum von einem oder mehreren
+Tagen einer der beiden Hoden anschwillt auf das Zwei- und Dreifache
+seiner normalen Größe, sich heiß und äußerst schmerzhaft anfühlt und das
+Gehen, sowie jede Bewegung unmöglich macht. Wird die Behandlung dieses
+Entzündungsprozesses nicht energisch, bei völliger Bettruhe, in die Hand
+genommen, so bleiben Verhärtungen zurück, die jahrelang oder auch
+während des ganzen Lebens bestehen bleiben.
+
+Vor allem aber besteht die Gefahr, daß die Entzündung ~beide~ Hoden
+ergreift und dann durch Zerstörung des Hodengewebes, das wir als die
+Brutstätte der befruchtenden Samenzellen anzusehen haben, zur dauernden
+Unfruchtbarkeit führt. Das geschieht tatsächlich in 85% aller Fälle von
+doppelseitiger Hodenentzündung. Man stellt dann entweder ~Azoospermie~
+fest, d. i. gänzliches Fehlen von Samenfäden (Spermatozoen), oder aber
+unbewegliche, also tote, zur Befruchtung unfähige Samenfäden.
+
+So kann der Leichtsinn des vor- und außerehelichen Geschlechtslebens
+eine fürchterliche Strafe finden, kann ein Augenblick der ungezügelten
+Sinnlichkeit, der zum Haus der Dirne trieb oder eine jener zufälligen
+und wahllosen Geschlechtsverbindungen bewirkte, mit dem Verlöschen der
+Zeugungsfähigkeit enden. Das Wort »Vater« verliert seinen Klang, und
+alles, was es an Schönheit und Freude in sich einschließt, ist begraben,
+ehe es ins Leben treten kann. Die edelste Kraft wird eingebüßt, und
+diese Möglichkeit allein müßte jeden Leichtsinn im Keim ersticken.
+
+Aber mit diesen festumrissenen Folgekrankheiten erschöpft sich der
+Tripper nicht, und wir werden noch sehen, welch ein furchtbarer
+Leichtsinn es ist, vom Tripper lächelnd als von einer »Kinderkrankheit«
+zu reden, wie es unter jungen Leuten oft geschieht. Es besteht ja die
+verhängnisvolle Anschauung, daß man einmal ein »kleines Tripperchen«
+gehabt haben müsse, um gegen spätere Ansteckungen gefeit zu sein. Das
+direkte Gegenteil ist richtig; denn wer einmal einen Tripper hatte,
+neigt in außerordentlichem Maße zu weiteren Ansteckungen, weil die
+Schleimhäute ihre Widerstands- und Abwehrkraft eingebüßt haben.
+
+Leider bleibt der Tripper nicht einmal auf die Entzündung der
+Geschlechtsorgane beschränkt; vielmehr wird durch den Blut- und
+Säftestrom das Trippergift überall im Körper umhergetragen und kann an
+allen Organen schwere Entzündungen hervorrufen. Seit man bei gewissen
+Krankheitsformen den ~Neisserschen~ Gonokokkus gefunden hat, liegen die
+Zusammenhänge klar zutage. Darüber sagt Prof. Dr. ~Wyß~-Zürich[5]:
+
+ »So ist vor allem der Tripperrheumatismus als eine sicher durch
+ Transport von Gonokokken durch die Blutbahn von der erkrankten
+ Schleimhaut der Harnröhre nach den serösen Häuten der Gelenke
+ bedingte Entzündung anzusehen; wir verstehen, daß auch andere
+ seröse Häute erkranken können; wir wissen, daß gewisse schwere
+ Entzündungen der Herzklappen unter Umständen mit all ihren weiteren
+ Komplikationen: Nierenerkrankungen, Gehirnerkrankungen,
+ Lungenerkrankungen usw., die Folge einer Gonorrhöe sind; doch auch
+ ohne Beteiligung des Herzens können akute eiterige Entzündungen im
+ Gehirn und Rückenmark oder deren Häuten durch den Gonokokkus sich
+ ereignen und unrettbar den Tod herbeiführen. Gewisse Nasen- und
+ Ohrenerkrankungen, Dickdarmerkrankungen, Speicheldrüsen- und
+ Knochenhautentzündungen sind durch ihn bedingt. Somit ist der
+ Tripper für den Mann oft als eine lebensgefährliche Krankheit
+ erkannt worden, und zwar zuweilen selbst dann noch, wo er örtlich
+ keine Erscheinungen mehr oder nur noch ganz unbedeutende gemacht
+ hat.« --
+
+Bliebe der Tripper auf sich selbst beschränkt, so könnte man den
+Gedanken hegen, daß der Schuldige büßen muß für Unwissenheit, Fehl,
+Leichtsinn und Gewissenlosigkeit. Zwar ist oft die Strafe zu hart; denn
+nicht immer ist der Einzelne schuld an seinem Tun, wenn ihm ein
+warnendes Wort von Eltern und Lehrern fehlte. Und wenn die alkoholische
+Lustigkeit einer Tafelrunde bei der Dirne endete, so büßen viele ihr
+Leben lang den Augenblick des Leichtsinns, der ausreichte, eine
+Geschlechtskrankheit zu übertragen. Mit Tränen in den Augen haben sie
+oft vor mir gestanden, die jungen Männer, die körperlich und seelisch an
+der geheimen Häßlichkeit ihrer venerischen Krankheit leiden. Gar zu hart
+hatte sie's betroffen.
+
+Was aber sollen wir sagen, wenn die Unschuldigen leiden müssen, büßen
+für den Leichtsinn eines andern, büßen ein Leben lang, büßen ohne
+Schuld, leiden, wo sie liebten oder wo die Liebe ihnen das Leben gab?
+Denn der Tripper ist ansteckend, ist übertragbar auf die Frau, die
+liebend und voll Vertrauen dem Manne in die Ehe folgt und von demselben
+Manne, dem sie all ihre Jugend, ihre Frische dargeboten, den
+Krankheitskeim empfängt, der sie von der gleichen Stunde ab zur
+leidgequälten Frau macht.
+
+Das Gefährliche des weiblichen Trippers besteht darin, daß er sich nicht
+auf die Harnröhre beschränkt, sondern alle äußeren und inneren
+Geschlechtsteile auf das heftigste erfassen kann. Das alles sind äußerst
+schmerzhafte, quälende, störende Leiden, die sehr verschiedenartige
+Erscheinungen machen können, so daß man früher oft eine andere Diagnose
+stellte, wo heute eine Tripperansteckung zweifelsfrei feststeht.
+
+Ja, von den sogenannten »Frauenleiden« beruhen drei Viertel wohl auf
+nichts anderem, als auf venerischer Ansteckung durch den Mann. Denn der
+Tripper geht tiefer in die inneren Organe hinein und befällt besonders
+die Gebärmutter, am Hals derselben beginnend und allmählich sie ganz
+überziehend, so daß in solchen Fällen die Unfruchtbarkeit der Frau eine
+unausbleibliche Folge ist.
+
+Wieviel Jammer und Tränen hängen mit dem Worte Unfruchtbarkeit zusammen!
+Wieviel ungestillte Muttersehnsucht, wieviel bittere Entsagung schließt
+es in sich ein! Ich habe Frauen gesehen, die weinten, wenn sie Kinder
+sahen, sie herzten und küßten, weil ihnen selbst dies größte Frauenglück
+versagt geblieben war. Und wie oft regnet es Vorwürfe von seiten des
+Mannes auf die arme Frau herab, deren Herz nach einem Kindchen jammert,
+deren mütterliche Kraft aber im Keim erstickt wurde durch eine
+Tripperinfektion. Entweder leidet der Mann an Azoospermie (Fehlen von
+Samentierchen) infolge von tripperhafter Hodenentzündung, oder aber die
+inneren Organe der Frau sind durch die Ansteckung angegriffen.
+
+Die heimtückische chronische Form des Trippers bietet selbst beim
+Schwinden der Symptome keine unbedingte Sicherheit für den Glauben an
+Heilung. Chronische Tripper können in furchtbarer Heftigkeit wieder akut
+werden. Ja, es kommt vor, daß ein chronisch tripperkranker Mann mit
+einer Frau Umgang hat, diese aber gesund bleibt, und die abgelagerten
+Gonokokken beim nächsten Mal rückwirkend beim Manne einen akuten Tripper
+erzeugen.
+
+Unwissenheit und Schamgefühl hindern das weibliche Geschlecht mehr noch
+als das männliche, den Tripper gleich nach Ausbruch ärztlich behandeln
+zu lassen. Das ist der Grund, warum der Tripper bei der Frau so
+verheerend wirkt. Denken wir nun daran, daß der Tripper so ungeheuer
+verbreitet ist, daß nach den Angaben des amerikanischen Arztes
+~Noegerath~ von 1000 Männern 800 einmal in ihrem Leben an Tripper
+erkrankt gewesen sind, und daß die meisten davon ihn nie wieder
+verloren, so sehen wir mit einem Schlage, daß es sich hier nicht um eine
+Einzelkrankheit handelt, der man bisher mit lächelndem Spott
+gegenübergestanden hat, sondern um eine furchtbare Seuche, die der
+Kraft eines ganzen Volkes Wunden schlägt. Man lachte über ~Noegerath~,
+hielt ihn für einen ideologischen Schwarzseher. Aber seine aus der
+Praxis des Arztes gewonnenen unerbittlichen Zahlen vermochten doch
+schließlich unter den deutschen Ärzten den Indifferentismus und den
+Gleichmut zu beseitigen, womit man bisher diesen Dingen gegenüberstand.
+Man sah genauer hin, beobachtete schärfer, arbeitete gleichfalls
+statistisch und -- fand, daß ~Noegerath~ recht hatte. Man erkannte mit
+einem Male, daß man mit der angeblichen Heilbarkeit des Trippers gar zu
+optimistisch umgegangen war, daß der Tripper geradezu ungeheuer häufig
+chronisch wird und auch dann noch bestehen kann, wenn ihn selbst der
+Arzt für geheilt erklärt, daß er dann noch ansteckend auf die Frau oder
+auf den Mann wirkt. Man sah von da ab auch die Frauenleiden mit ganz
+anderen Augen an und fand in weit größerem Umfange als bisher als
+Ursache -- den Tripper. Von den leichten Formen des Weißflusses an, der
+sich oft schon ganz kurz nach der Hochzeit einstellt, bis zu den
+schweren Entzündungen der Eileiter, Eierstöcke, der Gebärmutter und
+selbst des Bauchfells, überall fand man den Gonokokkus, und -- manches
+Rätsel war gelöst.
+
+Prof. _Dr._ ~Wyß~-Zürich sagt darüber[6]:
+
+ »Während der Geschlechtsapparat des Mannes nach dem Bauchfellraum
+ hin abgeschlossen ist, kommunizieren die inneren Schleimhäute der
+ Geschlechtsorgane im weiblichen Organismus direkt mit dem
+ Peritoneal- oder Bauchfellsack. Infolgedessen greift der
+ Entzündungsprozeß, den der Tripper auf der Schleimhaut des
+ Geschlechtsapparates der Frau erzeugt, leicht auch auf das
+ Bauchfell über. Sowohl für sich, als auch in Verbindung mit anderen
+ Mikroben (Bakterien) werden dadurch akute und chronische
+ Entzündungs- und Eiterungsprozesse bedingt, welche die Frau schwer
+ erkranken machen, und welche leider oft in kürzerer oder erst nach
+ längerer Zeit den Tod herbeiführen, mindestens aber monate-, ja
+ jahrelanges Kranksein und oft fürs ganze Leben Leidendsein
+ bedingen. Da diese Zustände oft einsetzen im Anschluß an eine
+ Geburt oder einen anderen physiologischen oder auch pathologischen
+ Vorgang (Menstruation, Abortus, vorzeitige Geburt), so hat man
+ früher, als man die Krankheitserreger noch nicht kannte, jene
+ Vorgänge der Ätiologie beschuldigt, die wahre Ursache nicht
+ erkannt. Erst seit der Gonokokkus in solchen Entzündungsprodukten
+ mikroskopisch nachgewiesen werden konnte, ist man auf die richtige
+ Fährte gelangt und weiß man, daß viele früher auf eine »böse
+ Geburt« zurückgeführten tödlichen Erkrankungen oder heutzutage
+ oftmals zu schweren Operationen oder in anderen Fällen auch
+ wiederum zu langem Siechtum führenden Affektionen junger,
+ blühender, bis zu ihrer Verheiratung absolut gesunder Frauen -- auf
+ einen nicht ausgeheilten oder geheilt erschienenen Tripper des
+ Herrn Gemahls zurückzuführen sind.«
+
+So finden wir's in allen Gesellschaftsschichten. Wann wird es eines
+Tages gelingen, diese fürchterlichen Tatsachen in die Herzen der
+männlichen Jugend einzugraben, damit sie abläßt vom gewissenlosen
+geschlechtlichen Leichtsinn! In die Ohren müßten wir's ihr
+hineinschreien, wieviel Jammer das sexuelle »Amüsement« in die Welt
+bringt. Als Prof. ~Bumm~ in Leipzig einst unter den Hörern seines
+Kollegs Fragezettel bezüglich eines etwaigen Trippers verteilte,
+antworteten 36 von 53 Studenten mit »Ja«. Das waren 70%. Die übrigen 30%
+werden ihn leider früher oder später auch noch bekommen haben.
+
+Wie viele von diesen Trippern bleiben ungeheilt, werden chronisch und
+richten in der Ehe körperliche und seelische Verwüstung an! ~Noegerath~
+hält den Tripper überhaupt für -- unheilbar!!! Das ist zum Teil die
+Folge seines medikament-medizinischen Standpunktes, den wir nicht
+teilen. Aber daß überhaupt ein ernster Forscher und warmherziger
+Menschenfreund wie ~Noegerath~ zu einer solch furchtbaren Auffassung
+kommt, das ist's, was uns erschreckt.
+
+Tatsächlich trotzen viele Tripper jeder Behandlung. Der Patient ist eine
+Zeitlang trostlos. Dann gewöhnt er sich an den Krankheitszustand, hält
+ihn für immer weniger ernst, heiratet und -- steckt seine Frau an. Damit
+beginnt dann für die Frau und für die Ehe die lange Leidenskette,
+schwere Unterleibsleiden und unter Umständen Unfruchtbarkeit.
+
+Prof. ~Flesch~-Frankfurt a. M. sagt: »In meiner ärztlichen Tätigkeit
+habe ich es nur zu oft erlebt, daß unglückliche Frauen der ärmeren
+Klassen, wenn Hunger und Sorge wegen ihrer andauernden Arbeitslosigkeit
+>wegen Unterleibsentzündung< eingezogen waren, daß Frauen der
+bemittelten Klassen, wenn Kinderlosigkeit die Ehe vergiftete, sich den
+Tod herbeiwünschten, sich den schwersten Operationen unterzogen, und
+ihre Männer noch um Verzeihung baten, weil sie ihren Mann unglücklich
+machten. Und der um Vergebung Angeflehte war fast immer, ohne es zu
+ahnen, der Urheber des Unglücks.«
+
+Aber auch damit macht der Tripper nicht halt. Das Trippergift, das in
+den Geburtswegen einer Frau abgelagert ist, kann während des
+Geburtsaktes in die Augen des Kindes kommen. Dann entsteht eine
+Bindehautentzündung, die das Augenlicht zerstört. 60 von 100 Blinden
+haben ihr namenloses Unglück aus dieser lebentötenden Quelle. Gibt es
+Worte für soviel Jammer? Tausende büßen mit Blindheit den
+Jugendleichtsinn ihrer Väter.
+
+Und dieses gedankenlose »Vorleben« wird immer noch entschuldigt! Immer
+noch finden sich Stimmen, die von »Männlichkeit« sprechen, wenn ein
+junger Mann geheime Wege geht. Wären diese qualvollen »Frauenleiden«
+nicht allesamt vorher »Männerleiden«, oder bliebe die Krankheit auf den
+Mann beschränkt, so könnte er sündigen, wenn er für sich allein büßen
+will. Aber Unschuldige büßen! Unschuldige zu Hunderttausenden! Hört
+ihr's, ihr jungen Männer? Laßt dies Leid der Unschuldigen nicht größer
+werden! Das junge Mädchen, das still und in den Träumen der Jugend im
+Elternhaus lebte, vergiftet ihr! Ihre Augen leuchten, wenn ihr
+Liebesworte sprecht! Und ihr Herz weiß nicht, was ein junger Mann im
+Haus der Dirne sah und tat. Es liegt ein böses, aufreizendes Unrecht in
+diesem Vorleben. Mit einer niederträchtigen Disharmonie beginnt die Ehe:
+~sie~ geschlechtlich unschuldig oder harmlos, ~er~ weiterfahren, sexuell
+blasiert und -- mit einem chronischen Tripper behaftet. Nach kurzer Ehe
+sind die frohen Hoffnungen der Brautzeit zusammengefallen. Aus dem
+fröhlichen Mädchen wurde eine müde, kranke Frau, gereizt, übellaunig
+oder todestraurig. Wir denken an das Wort ~Noegeraths~, der sagte: »Es
+ist so weit gekommen, daß junge Damen sich fürchten, in die Ehe zu
+treten, weil sie wissen, daß alle ihre Bekannten erkrankt und nicht
+wieder gesund geworden sind.«
+
+Die zweite in dem Trio der Geschlechtskrankheiten ist
+
+ ~der weiche Schanker~ (_Ulcus molle_).
+
+Er ist ein meist an der Eichel oder der Vorhaut des Geschlechtsgliedes
+durch Ansteckung beim Geschlechtsverkehr entstehendes Geschwür, das ein
+bis fünf Tage nach der Ansteckung sich mit Jucken und Brennen bildet und
+meist eine durch Unreinlichkeit oder sonstwie verletzte, eingerissene
+Stelle der Schleimhaut zur Voraussetzung hat. Bei Sauberkeit und
+unverletzter Schleimhaut findet das Schankergift keinen Eingang.
+
+An der entzündlich geröteten Ansteckungsstelle bildet sich ein Bläschen,
+das nach seinem Zerfall einen Eiter absondert und einen wulstigen aber
+weichen, ein wenig ausgezackten Rand bildet. (Das syphilitische
+Erstgeschwür hat harte Ränder; daher »harter Schanker« genannt.)
+
+Sehr häufig schwellen die Drüsen in der Schenkelbeuge, die sogenannten
+Leistendrüsen, an (Bubonen), ja, es kann zu Vereiterungen derselben und
+zum Durchbruch des Eiters nach außen kommen.
+
+Ist auch der weiche Schanker nicht von so ernstem und gefährlichem
+Charakter wie der harte, so darf er doch nicht leichtsinnig aufgefaßt
+werden, weil einerseits üble und häßliche Folgeerscheinungen auftreten
+können, wie namentlich der phagedänische (d. i. der weiterfressende,
+gewebszerstörende) Schanker, und andrerseits alle venerischen
+Krankheiten so merkwürdig vielgestaltig auftreten, daß selbst der
+erfahrene Arzt nicht sicher vor Täuschungen bleibt.
+
+Konstitution und zweckmäßiges Verhalten entscheiden darüber, ob der
+weiche Schanker harmlos bleibt und schnell ausheilt, oder ob er der
+Ausheilung hartnäckigen Widerstand entgegensetzt.
+
+Unsere ganz besondere Aufmerksamkeit aber verlangt
+
+ ~die Syphilis~ (_Lues venera_),
+
+zumal ihr Charakterbild nach jeder Richtung hin in der Geschichte und in
+der Gegenwart schwankt.
+
+Die Erscheinung der Syphilis ist der sogenannte ~harte Schanker~ (_Ulcus
+dure_), der in den weitaus meisten Fällen durch den geschlechtlichen
+Verkehr mit einer syphilitischen Person entsteht, und zwar dadurch, daß
+das syphilitische Gift durch eine kleine Schrunde, einen kleinen Riß in
+der Haut eintritt. Die Möglichkeit, daß eine solche kleine
+Hautverletzung besteht oder beim Geschlechtsumgang entsteht, ist
+allerdings so groß, und die Ansteckungsfähigkeit der Syphilis so
+ungeheuer, daß der geschlechtlichen Verbindung mit einer syphilitisch
+kranken Person fast stets eine Ansteckung folgt.
+
+Das Ansteckungsfeld ist zumeist der uneheliche Geschlechtsverkehr. _Dr._
+~Blaschko~-Berlin erzählt, daß einmal von 1129 Geschlechtskranken in
+seiner Poliklinik (1009 Männer und 120 Frauen) die Männer ihre Syphilis
+fast ausschließlich außerhalb der Ehe, die Frauen innerhalb der Ehe von
+den Männern erworben hatten. Welch eine furchtbare Anklage bedeutet das
+für den Mann, welch ein entsetzliches Martyrium schließt das für die
+Frau ein! Der Jugendleichtsinn des Mannes, den Weib und Kind in der Ehe
+büßen müssen!
+
+Die Verbreitung der Syphilis hat Zahlen angenommen, die Entsetzen
+wecken.
+
+Sie ist eine der furchtbarsten Volkskrankheiten geworden, die das
+Interesse der ärztlichen Wissenschaft und der behördlichen Organe
+unausgesetzt beschäftigt. Unsummen gehen in Heilungskosten auf, und das
+Ende dieses unseligen Zerstörungsprozesses in der Menschheit ist nicht
+abzusehen.
+
+In großen Städten schleicht das Gespenst der Syphilis durch alle Straßen.
+Wo die Menschen dichter zusammenwohnen, steigert sich das Leben, vermehren
+sich auch die Krankheiten. Und die Prostitution, die die Moral der Männer
+verschlingt, speit dafür die Geschlechtskrankheiten, Tripper und Syphilis,
+auf die Menschheit aus.
+
+Dieser Gifthauch trifft auch die Bewohner des Landes, dessen junge Söhne
+in den Städten als Soldat dienen oder ein Handwerk, ein Geschäft lernen
+und ausüben oder die Schulen, die Universität besuchen und mit der
+Kultur der Stadt auch die Syphilis in die Heimat bringt. Der vierjährige
+Feldzug hat die Zahlen der Geschlechtskrankheiten ins Fürchterliche
+gesteigert.
+
+Die Syphilis beginnt mit einem kleinen Knötchen, das 2-4 Wochen nach
+erfolgter Ansteckung auftritt (sogenannter Primäraffekt) und bald zu
+zerfallen beginnt. Dabei bildet sich ein tiefer fressender Untergrund
+und ein etwas erhöhter Randwulst. Beide sind hart, weshalb man hier vom
+harten Schanker spricht. Auch Schwellungen der Leistendrüsen stellen
+sich ein.
+
+Die Ansteckungsfähigkeit der Syphilis ist eine ganz außerordentliche.
+Jedes Hautritzchen genügt, um das syphilitische Gift eindringen zu
+lassen, und zwar nicht nur an den Geschlechtsteilen, sondern überall am
+Körper. Es gibt demnach eine außergeschlechtliche Syphilis, die bei 4%
+aller Syphilitiker vorliegt. Dieselbe wird ungemein leicht erworben,
+beispielsweise durch Küssen, Händedrücken, durch Benutzung von
+Handtüchern, Bettwäsche, Kissen, Polstern usw., die vorher mit
+syphilitischen Geschwüren in Berührung kamen.
+
+Eine sekundenlange Berührung genügt -- und das Gift ist in den Körper
+eingedrungen und spielt seine verderbliche Rolle. Wenn's Schuld war,
+kann man von Sühne sprechen. Was aber sagt ihr zu den Unglücklichen, die
+ohne Schuld, ganz ohne Liebe und Geschlechtsumgang die Syphilis
+erwarben? Die unwissend, schuldlos und wehrlos ein zerstörendes Gift
+empfangen und es womöglich monate- und jahrelang in sich tragen, ohne
+den Charakter der Leiden zu ahnen, die sie nacheinander heimsuchen?
+
+Ist das syphilitische Erstgeschwür ausgeheilt, so beginnt etwa nach 8-10
+Wochen die sekundäre Syphilis, meist als roter Fleckenausschlag, als
+Knötchen (Papeln) oder eiterige Pusteln, die sich über den ganzen Körper
+verbreiten und namentlich in Hautfalten (Schenkelbeuge,
+Geschlechtsgegend, zwischen den Fingern usw.) als nässende Wunden
+auftreten können. Die Absonderungen dieser Ausschläge haben eine starke
+Ansteckungsfähigkeit. Dazu gesellt sich ein Schorf auf der behaarten
+Kopfhaut, der das Haar büschelweise zum Ausfallen bringen kann.
+
+Dazu stellt sich Fieber ein, Mattigkeit, Abgeschlagenheit der Glieder,
+rheumatismusähnliche Schmerzen in den Gelenken und den Knochen (namentlich
+in den langen Arm- und Schenkelknochen), am Tage Frostschauer und in der
+Nacht Schweiße, dazu schwere Gemütsverstimmungen.
+
+In den Schleimhäuten zeigen sich vielerlei Störungen, vom einfachsten
+Katarrh angefangen bis zu den Papeln, die zu eiterigen Wucherungen
+(sogenannten Kondylomen) werden können. Diese treten vor allem gern im
+Rachen und im Munde auf und haben eine ungeheure Ansteckungsfähigkeit.
+Nie ist beim Besuch einer Prostituierten der Besucher sicher, daß nicht
+irgendwo am Körper ein Kondylom ihm die tückische Krankheit überträgt.
+
+Häßlicher und schlimmer noch sind die syphilitischen Geschwüre, die noch
+in dem sekundären Stadium auftreten und als schmerzhafte
+Gewebszerstörungen überall im und am Körper auftreten können. So
+namentlich an den Nasenflügeln und dem Nasensteg, in den Mundwinkeln, am
+Zahnfleisch, an der Zunge, den Stimmbändern, dem Zäpfchen usw. Wie viele
+Redner, Sänger, Schauspieler usw. haben schon durch diese fressenden
+Geschwüre ihre Stimme und damit ihre Existenz und ihre Lebensfreudigkeit
+verloren! Wieviel Entstellungen des Gesichts, wieviel Sprachstörungen
+haben allein diese Ursache! Wohl selten ahnt jemand, daß der
+leichtfertige Augenblicksgenuß bei der Dirne oder das zufällige
+Geschlechtserlebnis der Straße ein so grauenhaftes Ende nehmen kann.
+
+Manchmal, wenn der Kranke sich schon ganz oder fast ganz geheilt glaubt,
+bricht mit einem Male die Krankheit in voller Stärke wieder aus. Der
+ganze körperliche und seelische Jammer ist wieder da, und es ist wohl zu
+verstehen, von welch grenzenloser, dumpfer Verzweiflung oft die
+Unglücklichen befallen werden.
+
+Glaubt man aber die sekundäre Syphilis völlig geheilt, ja, versichert
+sogar der Arzt, daß sie völlig geheilt sei, so liegt auch darin nicht
+eine Spur von Sicherheit; denn nach Jahren oder Jahrzehnten bricht die
+Syphilis mit völlig verändertem Charakter wieder aus und wird dann in
+der Tat furchtbar. Sie ist in ihr drittes (tertiäres) Stadium
+eingetreten und nimmt insofern einen gänzlich anderen Weg, als die
+sekundäre Syphilis ausschließlich die Haut und die Schleimhäute befällt,
+während im tertiären Stadium vorwiegend die inneren Organe (Knochenhaut,
+Muskeln, Darmsystem, Leber, Nieren, Lungen, Gehirn und das ganze
+Nervensystem) erkranken.
+
+Bei der tertiären Syphilis erscheinen runde oder ovale Papeln, die bald
+geschwürig zerfallen und rotbraune Färbung gewinnen. Man nennt solch ein
+Geschwür Gumma. Mehrere Gummata können zu einem einzigen Geschwür sich
+vereinigen, das sich tief in das Gewebe hineinfrißt.
+
+Das ist gerade das Entsetzliche dieser Gummata, daß sie die tieferen
+Gewebsschichten und die inneren Organe angreifen und diese zu
+geschwürigem Zerfall bringen.
+
+So wird häufig die Nasenscheidewand durchgefressen, und die im Innern
+abgefressenen Gewebsteile werden beim Räuspern oder Husten ausgestoßen.
+Von den vorkommenden Kehlkopfzerstörungen ist wohl ein reichliches Teil
+auf tertiäre Syphilis zurückzuführen. Die schrecklichen und widerlichen
+Verwüstungen der Nase kann man ja hin und wieder auf der Straße
+beobachten.
+
+Die Knochen erfahren Auftreibungen und Verdickungen und werden
+stellenweise ausgefressen, ausgehöhlt, so daß dauernde und auffallende
+Veränderungen zurückbleiben. Ja, es kann beispielsweise der lange
+Unterschenkelknochen so weit durchgefressen werden, daß er bei
+irgendeiner Gelegenheit bricht.
+
+Besonders schmerzhaft und gefährlich ist das Gumma, wenn es am
+Schädelknochen sitzt. Dann frißt es sich bis zu den Hirnhäuten durch,
+durchlöchert also die Schädeldecke und kann das Leben zerstören.
+
+Schwere Nieren-, Leber-, Lungen- und Herzerkrankungen treten bei der
+tertiären Syphilis auf und können gleichfalls den Tod herbeiführen.
+
+Ergreift die tertiäre Syphilis das zentrale Nervensystem, so ist der
+Kranke unrettbar dem Tode verfallen. Das am Schädel sitzende Gumma frißt
+sich durch den Knochen hindurch oder treibt ihn auf; daraus erklären
+sich die Vorboten jener fürchterlichen Krankheit, der Gehirnerweichung,
+die wohl in den meisten Fällen den Charakter der tertiären Syphilis
+trägt. Diese Vorboten sind: dauernder Kopfschmerz, Schwindel,
+Ohnmachtsanfälle, Gedächtnisschwäche, tiefe Gemütsverstimmung und die
+lange Reihe jener merkwürdigen, unüberlegten und sinnlosen Handlungen,
+die oft bei einem früher klugen, geistvollen Menschen auftreten und den
+Gehirnparalytiker verraten, ehe noch die schreckliche Krankheit zum
+furchtbaren Ausbruch kommt. Daß ein sonst sparsamer Mann auf einmal ein
+unruhiger Verschwender wird, ein sittenstrenger Mann zum wüsten,
+ausschweifenden Erotiker, erklärt sich nur durch teilweisen und
+fortschreitenden Verfall des Gehirns.
+
+Bei der Rückenmarksschwindsucht ist ihr Zusammenhang mit der Syphilis
+(oder mit ihrer Quecksilberbehandlung?) so offenbar, daß man fast von
+Ausnahmslosigkeit sprechen kann.
+
+Die bei Tabes des oberen Rückenmarkes auftretenden Sehstörungen,
+namentlich Augenlähmungen und Entzündungen der Iris, sind fast alle
+syphilitischen Charakters.
+
+Es gibt keinen Teil am und im Körper, der nicht von der Syphilis
+ergriffen und zerstört werden könnte. Zwar trifft die Krankheit nicht
+jeden so schwer; aber sie ist heimtückisch und unberechenbar, und wenn
+ein von dieser Krankheit befallener Körper nicht genügend Lebenskraft
+hat, sich vernachlässigt und noch dazu ein ausschweifendes,
+nervenzerstörendes Leben führt, so kann ihn die Krankheit bei lebendigem
+Leibe zum Verfaulen bringen.
+
+Die Syphilis ist erblich, das ist ihr größtes Schreckbild. Die
+Nachkommen empfangen das Gift im Keim, und dieser angefaulte Keim
+wird -- wenn er nicht abstirbt -- zu einer faulen Frucht. Dies ist das
+Schrecklichste im Leben, der grauenvolle Leichtsinn, mit dem ein
+syphilitisch Kranker das Gift auf Weib und Kinder überträgt und Leben
+erweckt, das morsch, faul und unglücklich ist. Wieviel jammervolle
+Menschen laufen umher, denen die Syphilis des Vaters oder der Mutter die
+Kraft nahm und die Flügel gebrochen hat! Das ist die fluchwürdigste Tat,
+deren ein Mensch fähig ist.
+
+Die erbliche Übertragung der Syphilis geschieht durch syphilitische
+Vergiftung der Keimzellen. Die Folgen sind Absterben der Frucht,
+Frühgeburten und Fehlgeburten oder ganz elende, schwächliche und
+erbärmliche Kinder.
+
+Prof. ~Neumann~ machte im »Archiv für Kinderheilkunde« folgende Angaben
+über die geradezu verheerenden Wirkungen der vererbten Syphilis: »Es
+gebaren 71 Mütter im sekundären Stadium der Syphilis insgesamt 99
+Kinder, d. h. es standen so viele Fälle zur Beobachtung. Dabei fanden
+sich: 40 mal Abortus, 4 Frühgeburten, 3 Totgeburten, 24 Kinder, die
+gleich nach der Geburt starben, 5 waren lebend, aber syphilitisch, und
+nur 2 schienen gesund zu bleiben. ~Die Sterblichkeit war also 98
+Prozent!!~
+
+Dies große Kindermorden bezeichnet überall den Weg der Syphilis. Zwar
+mildert sich das Bild, wenn die syphilitische Ansteckung der Mutter
+nicht vor der Befruchtung oder zugleich mit ihr, sondern später
+erfolgte. Zwar ist dann immer noch die Gefahr für das Kind groß; aber es
+bleibt wahrscheinlich am Leben. Ist aber einmal die Syphilis im Körper
+einer Frau, so ergreift sie die Keimzellen, die im weiblichen Organismus
+in den Eierstöcken von Jugend auf fertig ausgebildet sind, und jedes
+nachher geborene Kind wird geschädigt. Darin liegt die Furchtbarkeit der
+Syphilis beim Weibe. Die Samenzellen des Mannes werden fortdauernd neu
+gebildet, so daß beim Ausheilen der Syphilis auch die Erblichkeit
+erloschen ist. Das ist beim Weibe nicht der Fall, weil immer in den
+fertigen und auf Befruchtung wartenden Eizellen Syphiliskeime
+zurückgeblieben sein können. Eine einmal syphilitisch gewesene Frau
+sollte darum nie wieder Kinder bekommen. Und gerade hier sieht man die
+ganze Schrecklichkeit dieser Krankheit, erkennt man, wie sie alles
+Mutterglück für alle Zeit ersticken kann, und wie ein unschuldiges Weib
+krank und unsagbar unglücklich werden kann, weil der Mann ihr in
+schrecklichem Leichtsinn den Keim einer Krankheit übertrug, die er in
+einer Stunde des bloßen Vergnügens erwarb.
+
+Arme, arme, bejammernswerte Frauen, die nichts Böses taten und so schwer
+leiden müssen! Wie kam so bitteres Unrecht in die Welt? Und wie ist es
+auszudenken, daß es Männer gibt, gewissenlos und verbrecherisch genug,
+wissend Leib und Seele einer Frau zu zerstören!
+
+Ein syphilitisch erblich zerstörtes Kind ist das Grauenhafteste, was man
+sich vorstellen kann. Ein jammervolles Leben, das schuldlos eine schwere
+Bürde trägt. Eine Haut, die unter Umständen mit roten Flecken, Blasen,
+nässenden Wunden und Eiterbeulen bedeckt ist, kranke, wuchernde
+Schleimhäute, chronische Nasen- und Ohrenkatarrhe mit eiternden,
+stinkenden Ausscheidungen, dazu wohl auch Taubheit, Blindheit,
+Knochenentzündungen und Knochenauftreibungen mit schrecklichen
+Formänderungen und ein rascher Zerfall der Zähne. Gehirn und Rückenmark
+sind meist bei solchen unglücklichen Kindern angegriffen, und es zeigen
+sich schon früh teilweise oder vollständige Lähmungen, Krämpfe,
+Zuckungen, Epilepsie und vielerlei geistige Störungen, von einfachstem
+Gedächtnisschwund und der Gemütsbedrückung angefangen bis zu
+Wahnvorstellungen, fixen Ideen, furchtbaren Ausbrüchen und völliger
+geistiger Zerrüttung.
+
+[Illustration: Dekoration]
+
+
+
+
+Vierter Teil.
+
+Der Kampf um Sittlichkeit und Gesundheit.
+
+
+Das ist das Schreckbild der Geschlechtskrankheiten, und wer je offene
+Augen hatte, der wird nichts für Übertreibung halten.
+
+Du kennst nun die Gefahr. Und die Gefahr wird deinen starken Willen
+wecken, und du beginnst den Kampf. Den Kampf? Gegen was? Gegen alles,
+was dich bedroht; denn ohne Kampf geht es nicht ab. Wahrlich, es gibt
+einen Kampf zwischen triebhaftem Leib und sieghaftem Willen. Mensch
+sein, heißt ein Kämpfer sein, und dieser Kampf ist der Menschheit
+urewiges Erbstück.
+
+Schmiede Waffen für diesen Kampf! Und willst du die wirksamsten kennen,
+so suche sie im Widerstreit der Kräfte in deinem eigenen Körper und
+Geist. Auf ~Arbeit~ sind alle deine Kräfte eingestellt. Sinnliche
+Verschwendung zehrt an deiner Arbeitskraft, macht dich schlaff,
+unlustig, geistlos. Die Arbeit aber zähmt und bändigt deine sinnlichen
+Triebe. Darum stelle dein Leben auf Arbeit ein! Stecke dir ein Ziel, und
+setze an die Erreichung dieses Zieles alle deine Kräfte. Dann wird die
+Arbeit Inhalt und Halt deines Lebens, sie wird dir Sittlichkeit und
+Grundlage der Persönlichkeit werden.
+
+Völker sind durch Arbeit groß geworden, sind mit ihrer Arbeit gewachsen,
+und es war stets ein Zeichen des Niederganges, wenn ein Volk sich teilte
+in Arbeitende und Müßiggänger. Denn unter diesen Müßiggängern, die nicht
+einen einzigen Tag mit ernsten Pflichten erwachen, sondern sich treiben
+lassen von ihren Stimmungen und Einfällen, führt die Sucht nach
+Unterhaltung über Sport und Spiel zu Liebesabenteuern und
+Geschlechtserregungen. Und je weniger der Körper durch den strengen
+Willen und die rauhe Notwendigkeit der Arbeit gebändigt ist, desto
+weichlicher und haltloser wird der Charakter, desto ungebärdiger und
+zügelloser die Phantasie, und eine wirre, unsaubere Sinnlichkeit erfüllt
+den Geist, dem durch Mangel an Arbeit die straffen Zügel genommen sind.
+
+Sicherlich gibt es Menschen von ruhelosem Arbeitsdrang, Menschen, denen
+die Arbeit zum Laster, zur Krankheit, zu einem neurasthenischen Zwang
+wurde, die ruhelos arbeiten müssen, um die gejagten Nerven zu
+befriedigen und um sich über die entsetzliche Leere ihres Inneren
+hinwegzutäuschen. Solche Menschen sind uns nicht Vorbild. Sie sind die
+eine Ausschreitung, der Müßiggänger die andere.
+
+Wie wohltuend steht dazwischen der ruhig und kraftvoll Arbeitende! Das,
+was er schafft, gibt ihm Ernst und Würde, gibt ihm Stolz, und in dieser
+Würde, diesem Stolz liegt die große Widerstandskraft gegen alles
+Schlechte. Die Arbeit ist eine innere Spannung, die über Mißgeschick
+hinweghilft und eine stille Fröhlichkeit um sich verbreitet. Wer sein
+Geld durch Arbeit erwarb, wird es höher schätzen, wird sparsamer sein
+als der Müßiggänger, der mit des Vaters ererbtem Gelde seine Stunden
+totschlägt und aus Überdruß nach vielen Genüssen nur noch den
+Geschlechtsgenuß kennt. Dann ist's mit der Arbeit vorbei, denn Arbeit
+verlangt Kraft und innere Stählung, und nichts zerstört diese Kraft so
+sicher, wie die Sinnlichkeit, wenn sie unbeherrscht und krankhaft in
+Leib und Sinn wühlt.
+
+Niemand wird eine gesunde Sinnlichkeit abtöten können. Und niemand soll
+es tun. Aber sie soll als bewegende Kraft in der beherrschenden Kraft
+des Willens liegen und nicht durch beständigen Anreiz zu einer
+triumphierenden und den Menschen versklavenden Macht werden. Ernste
+Arbeit entzieht dich vielen solchen Anreizen, und ein festes Lebensziel
+fesselt deinen Willen an diese Arbeit.
+
+~Schopenhauer~ schrieb 1813 in sein Tagebuch: »An den Tagen und Stunden,
+wo der Trieb zur Wollust am stärksten ist, ... gerade dann sind auch
+die höchsten Kräfte des Geistes, ja das bessere Bewußtsein zur größeren
+Tätigkeit bereit, ob zwar in dem Augenblicke, wo das Bewußtsein sich der
+Begierde hingegeben hat und davon voll ist, latent; aber es bedarf nur
+einer gewaltigen Anstrengung zur Umkehr der Richtung, und statt jener
+quälenden, bedürftigen, verzweifelnden Begierde (dem Reich der Nacht)
+füllt die Tätigkeit der höchsten Geisteskräfte das Bewußtsein (das Reich
+des Lichts). In besagten Zeiten ist wirklich das kräftigste, tätigste
+Leben überhaupt da, indem beide Pole mit der größten Energie wirken.
+Dies zeigt sich bei ausgezeichnet geistreichen Menschen. In besagten
+Stunden wird oft mehr gelebt als in Jahren der Stumpfheit.«
+
+Schiller hat diesen Gedanken in wundervolle Worte gekleidet:
+
+ Leidenschaften sind schäumende Pferde,
+ Angespannt an den rollenden Wagen.
+ Wenn sie entmeistert sich überschlagen,
+ Zerren sie dich durch Staub und Erde.
+ Aber lenkest du fest den Zügel,
+ Wird ihre Kraft dir selbst zum Flügel,
+ Und je ärger sie reißen und schlagen,
+ Um so herrlicher rollt dein Wagen.
+
+[Illustration: Dekoration]
+
+Dein Leben gelte der Arbeit! In diesem Zeichen wirst du siegen.
+
+Aber es gilt, auf der Hut zu sein, um alles zu vermeiden, was eine
+Geschlechtserregung herbeiführen könnte. Je gesünder und normaler der
+Organismus, desto gleichmäßiger sind seine Kräfte in den Nervenzentren
+verteilt. Der nervöse, überhaupt der geschwächte Mensch hat meist eine
+Schwäche und leichte Erregbarkeit im Lendenteil des Rückenmarkes. Hier
+ist der hauptsächlichste Sitz des Geschlechtsgefühls. Alles, was stark
+auf den Organismus einwirkt, trifft am meisten dies schwache und wegen
+seiner Schwäche leicht erregbare Fundament. Darum werden nicht nur rein
+geschlechtliche Dinge hier gefährlich, sondern auch ungünstige
+Einwirkungen durch Essen und Trinken, Überanstrengung, Trägheit, d. h.
+Mangel an Arbeit, falsche Lektüre, seelische Erregungen usw.
+
+Natürlich ist der rein geschlechtliche Reiz der weitaus stärkste,
+weshalb denn für diese oft vorhandene Schwäche des Lendenmarkes nichts
+unheilvoller und verhängnisschwerer wird als Onanie oder vorzeitiger
+Geschlechtsumgang. Das Nervensystem neigt zur Periodizität, und jede
+Übung steigert die Reizempfänglichkeit. Es ist deshalb nicht ohne
+weiteres richtig, zu sagen, daß die Betätigung den Trieb befriedigt.
+Nein, durch die Geschlechtsbetätigung wird oft erst ein Bedürfnis
+geschaffen, was in gleicher Stärke vorher nicht vorhanden war.
+
+Über die rein körperlichen Ursachen der Geschlechtserregung haben wir
+schon im ersten Teile gesprochen. Meide also das viele Stillsitzen, das
+den Unterleibs- und Geschlechtsorganen eine stockende Blutüberfüllung
+gibt und das Nervensystem in einen Zustand von Gereiztheit versetzt.
+Gerade das in den Schulen, in allen Studienanstalten und in allen
+Schreibstuben geübte dauernde Stillsitzen ist eine verbreitete Ursache
+der Onanie und aller sinnlichen Erregung überhaupt.
+
+Bei hoher geschlechtlicher Reizbarkeit sind auch gewissen Sportsübungen
+sinnlichkeitsreizende Gefahren nicht abzusprechen. Das ist z. B. das
+Klettern, das Reiten und das Radfahren. Die Bewegungen und Reibungen der
+Geschlechtsorgane sind bei vielen erregbaren jungen Menschen nicht
+unbedenklich. Der beste Kenner dieser Dinge in Deutschland, _Dr._
+~Rohleder~ in Leipzig, behauptet, daß infolge des Reitens die Onanie bei
+der Kavallerie ungeheuer verbreitet sei.
+
+Und noch eins ist zu erwähnen, das ist der Tanz. Er hat schon
+entwicklungsgeschichtlich so viel geschlechtlich-symbolische Züge, daß
+man auch seine sexualerregende Wirkung wohl verstehen kann. Wenn du
+durch ihn in dieser Richtung gefährdet bist, so schränke ihn ein. Ja,
+bringe unter Umständen deiner Gesundheit das Opfer, ihn ganz zu lassen.
+Jedenfalls bringe nicht Tanz und Alkohol zusammen; denn das leicht
+erregbare Nervensystem ist diesem doppelten Reiz nicht gewachsen.
+
+Achte auf das Bett, wie ich schon früher sagte. Laß dein Lager kühl und
+hart sein und schlafe nicht länger, als es dir dienlich ist. Vor allem
+träume nicht im Bett in die Morgenstunden hinein.
+
+Bade fleißig! Halte den Körper und namentlich die Geschlechtsorgane
+sauber. Schwimme und turne, wandere, singe und sei fröhlich!
+
+An erster Stelle soll in der Pflege deines Körpers das Luftbad stehen.
+Ich hab's genau beschrieben in einem anderen Buche: »Die Heilkraft des
+Luft- und Sonnenbades«[7]. Nackt in der Luft stählst du die Nerven. Nur
+meide die starke Sonne und träges Herumliegen in der Sonne. Es
+erschlafft den Körper und kann sinnlich erregen. Hat es dich erschlafft,
+so nimm ein kühles Fluß- oder Brausebad. Überhaupt sind kühle Bäder und
+kühle Waschungen zuträglich, wenn die Gefahr der sinnlichen Erregung
+naht. Hast du morgens beim Erwachen Erektion, so stehe rasch auf, mache
+eine kühle Abwaschung und kleide dich rasch an. Aber übertreibe diese
+Dinge niemals, weil sonst Schwächung eintritt, die doch wieder zu
+sinnlicher Erregung führt. Übertreibe auch nicht bei gymnastischen und
+sportlichen Dingen, bei Wanderungen und ehrgeizigen Wettveranstaltungen.
+Alles Übermaß führt zur Disharmonie, und nur in der Harmonie aller
+Kräfte liegt die Möglichkeit zu ihrer Beherrschung.
+
+Und sei einfach und mäßig in deiner Nahrung. Denke daran, daß jedes
+Übermaß deine Geschlechtsbegierde steigert, und daß namentlich Fleisch,
+Fleischbrühe, Wurst, Eier und alter, scharfer Käse, sowie Gewürze, die
+Sinnlichkeit erregen und den Kampf gegen diese namenlos erschweren. Wir
+Menschen haben meist keinerlei Vorstellung davon, wie eng unser ganzes
+geistiges und Gefühlsleben mit den Stoffen zusammenhängt, die wir als
+Nahrung zu uns nehmen. Nichts zeigt unsere Erdgebundenheit mehr, als
+diese unbestreitbare Abhängigkeit.
+
+Namentlich das Abendessen sei einfach und mild. Du mußt es früh
+einnehmen, damit nicht die Arbeit der Verdauung deinen Schlaf stört und
+eine Phantasietätigkeit weckt, die dir gefährlich werden kann. Die
+einfachsten Speisen sind die zuträglichsten. Ein gesunder Geist und ein
+gesunder Körper neigen zur Einfachheit. Schwache Nerven erzeugen
+Unmäßigkeit und die Sucht nach Pikantem.
+
+Auch erregende Getränke haben direkten und unzweifelhaften Einfluß auf
+Körper und Geist und namentlich auf die Geschlechtlichkeit. Und nichts
+gibt es, das in dieser Hinsicht so verderblich, so furchtbar
+niederreißend ist wie der Alkohol. Er ist ja innerhalb der menschlichen
+Gesellschaft geradezu der Quell aller unerlaubten, unsauberen
+Beziehungen, alles unehrlichen, schlechten Denkens und aller niedrigen,
+gemeinen Handlungen geworden.
+
+Der Alkohol ist des deutschen Volkes angestammtes Laster. Schon die
+alten Deutschen verkauften im Trunk Haus und Hof, Weib, Ehre und
+Freiheit. Das Trinken ist Gewohnheit, Gesellschaftskodex, eiserner
+Bestand, historisches Gesellschaftsrecht geworden. Es herrscht überall
+und drückt allem Handeln der Deutschen seinen besonderen Stempel auf.
+
+Eine fluchwürdige Entwicklung, in der man nicht weiß, was man mehr
+verachten soll, die Schlaffheit derjenigen, die immer weiter trinken,
+oder die Gewissenlosigkeit des Braukapitals, das an allen Straßenecken
+zum Trinken verleitet.
+
+Nirgendwo aber spielt der Alkohol eine so verheerende Rolle, wie im
+Nervensystem der Menschen und vor allem im Geschlechtsleben. Der Alkohol
+ist, weil ein dem Körper durchaus fremder, nicht assimilierbarer Stoff,
+ein Überreiz, der nicht nur den Körper schwächt, sondern vor allem
+höchst merkwürdige Wirkungen an Geist und Seele entfaltet. Er bewirkt
+eine Erregung, die sich als gesteigerte Phantasie, als erhöhter Mut, als
+Fessellosigkeit des Denkens, als sexuelle und allgemeine
+Unternehmungslust äußert, in Wirklichkeit aber Schwäche ist, denn der
+klaffende Spalt zwischen gesteigertem Wollen und geschwächtem Können ist
+eine wesentliche alkoholische Merkwürdigkeit.
+
+Vor allem aber reißt der Alkohol das nieder, was die Menschheit in
+jahrtausendealter Kulturentwicklung aufgebaut hat und was das Ziel
+aller Erziehung und aller Persönlichkeitsentwicklung ist, jene feinen
+und klaren Unterscheidungen zwischen Gut und Böse und jene Hemmungen der
+Einsicht, der Moral und des Willens, die sich gegen das Schlechte, das
+Niedrige und Rohe aufrichten. Fällt das alles, so tritt der Mensch in
+seiner ursprünglichen Roheit und Brutalität wieder hervor, wie wir es ja
+in der Alkoholwirkung tatsächlich sehen.
+
+Wo anders kann das deutlicher sich zeigen als in den geschlechtlichen
+Dingen? Hier steigert der Alkohol die Begierde und wird zum Kuppler,
+weil er das Verantwortlichkeitsgefühl tötet, die sittliche Würde und
+Selbstbeherrschung zurückdrängt und zu Geschlechtsverbindungen treibt,
+die in solcher Art und solcher Häufigkeit bei nüchternem Kopfe undenkbar
+wären.
+
+Der Alkohol verleitet tatsächlich zu den leichtsinnigsten
+Geschlechtsverbindungen und gefährlichsten Abenteuern. Tausende von
+jungen Männern erwerben ihre Geschlechtskrankheit, wenn sie angeheitert
+zum Haus der Dirne gehen. Ja, die meisten haben wohl die Bekanntschaft
+der Prostitution erst mit erleichternder Hilfe des Alkohols gemacht.
+~Forel~ machte unter seinen geschlechtskranken Patienten eine Statistik
+und fand, daß 75% davon sich unter dem Einfluß des Alkohols angesteckt
+hatten.
+
+Je höher der Alkoholgehalt eines Getränkes, desto stärker auch seine
+Wirkung. Aber von den Getränken mit geringem Alkoholgehalt, wie z. B.
+Bier, werden oft solche Mengen getrunken, daß trotzdem stärkste
+Wirkungen, Trunkenheit, leichtsinnige Geschlechtsverbindung, venerische
+Ansteckung, geschlechtliche Verirrungen u. dergl. zustande kommen. Und
+die Statistik lehrt, daß die Zahl der unehelichen Geburten mit dem
+Bierverbrauch in den einzelnen Städten steigt und sinkt.
+
+Von den Sittlichkeitsdelikten kommt ein sehr hoher Prozentsatz aus dem
+Alkoholgenuß. Und was diesen vielen und vielerlei Ausschreitungen,
+Fehlern, Unbesonnenheiten und Vergehen an Unglück, Familienjammer und
+sozialem Elend folgt, das ist kaum zu übersehen. Hier gibt's für den
+einsichtsvollen Menschen nur einen Weg, den der Enthaltsamkeit vom
+Alkohol.
+
+Wie Schreck fährt's manchem durch die Glieder, wenn es heißt, er soll
+kein Bier mehr trinken. So fest sitzt es in seinen Lebensbegriffen, daß
+ihn der Verzicht ungeheuerlich anmutet. Und doch gibt's nicht den
+kleinsten Vorteil, der im Alkohol wohnt, sondern nur Nachteil,
+unbedingten, unbegrenzbaren Schaden. Was schädlich ist, geht wider die
+menschliche Vernunft. Darum räumen wir etwas aus dem Weg, was die
+Menschen in ihrer gesamten Entwicklung hindert, und verzichten auf den
+Alkohol. In diesem Verzicht liegt Selbstachtung, Stolz, Würde. Gute
+Entschlüsse machen den Menschen reifer, willenskräftiger, sittlich
+freier. Und der Verzicht auf den Alkohol ist ein guter Entschluß!
+
+[Illustration: Dekoration]
+
+Meidest du den Alkohol, so meidest du von selbst jene häßlichen Stätten,
+wo der Alkohol bewußt und planmäßig zur sinnlichen Anreizung gebraucht
+wird, die Animierkneipen und alle anderen Kneipen »mit Damenbedienung«.
+Es liegt etwas unsäglich Häßliches und Niedriges, etwas namenlos
+Gemeines in diesen Kneipen, und es ist mir völlig unverständlich, wie
+ein junger Mann in der Dunstwolke dieser alkoholischen Geilheit auch nur
+einen einzigen Atemzug tun kann.
+
+Hier stehen wir auf der Grenze, wo die körperlichen Anreize der
+Geschlechtlichkeit in die geistigen übergehen. Und so, wie du den Körper
+freihalten mußt von unsauberen Dingen, so gib auch dem Geist nur und
+ausschließlich gute Nahrung. Leicht mag das nicht sein. Denn die
+erotische Hochspannung der Kultur hat auch in die Literatur und in die
+Kunst einen erotisch-neurasthenischen Ton hineingetragen. Die Betonung
+des Sexuell-Sinnlichen kommt dem Interesse der Menge entgegen. Sexuelle
+Dinge werden breit, mit zynischer Behaglichkeit oder mit geschickt und
+elegant verborgener Lüsternheit geschildert oder gemalt. Vor nichts
+scheut man zurück, und die Schamlosigkeit macht sich breit unter dem
+Deckmantel des »Realismus«.
+
+Wir wollen ganz absehen von Kolportageromanen, die auf die niedrigsten
+Instinkte spekulieren. Nein, auch fähige Schriftsteller, begabte
+Bildhauer und Maler haben sich der Erotik verschrieben und prostituieren
+ihre Kunst, um den billigen Beifall der Menge zu erhaschen.
+
+Wieviel Unheil richten sie in jugendlichen Köpfen an! Unruhige sinnliche
+Wünsche werden geweckt, sittliche Begriffe gestürzt; denn das, was ohne
+Zweifel schlecht ist, wird durch diese erotische Literatur »interessant«
+gemacht. Wieviel schlechte Handlungen entsteigen der durch schlechte
+Lektüre verwilderten Phantasie! Wie oft erfährt der Richter, daß ein
+schlechtes Buch den Antrieb zu einer sittlichen oder strafrechtlichen
+Entgleisung gab!
+
+Die Zahl der scheußlichen Witzblätter ist groß, und selbst Witzblätter,
+denen manch ernstes Wort eine Bedeutung gab, haben sich dem erotischen
+Zynismus mit Haut und Haaren verschrieben. Die Inseratenseiten wimmeln
+von Anzeigen erotischer Literatur, von Anpreisungen von
+»Aktzeichnungen«, die angeblich nur für »Kenner« oder »Künstler«
+bestimmt sind. Aller Schmutz kann in solchen Inseratteilen abgeladen
+werden, und die vielen Anzeigen von Heiratsgesuchen, von Wohnungen »mit
+separatem Eingang« und dergleichen sind nur eine schwungvolle geldliche
+Ausnützung der allgemeinen Lüsternheit.
+
+Schmach und Schande über eine Presse, die sich ihrer erzieherischen
+Pflicht so wenig bewußt ist!
+
+Am meisten hast du dich zu schützen vor jener Literatur, die angeblich
+»Aufklärung« verbreiten will in geschlechtlichen Dingen und mit allerlei
+unverfänglichen oder auch verfänglichen Titeln die Neugier der Jugend
+erregt. Ich weiß aus vielen Berichten, die mir zugegangen sind, wie
+solche Bücher Schaden anrichten. Die Lüsternheit und Sinnlichkeit des
+Verfassers steigt zwischen den Zeilen auf und teilt sich dem
+Leser -- ihn erregend -- mit, so daß mancher mir schon berichtete, wie
+sehr ihn gerade diese Aufklärungsliteratur zur Onanie und sinnlichen
+Gesprächen verleitete.
+
+Auch da, wo der Inhalt des Buches an sich richtig und gut ist, kann
+diese Gefahr bestehen, denn hier macht der Ton die Musik, und ich stehe
+keineswegs bei denjenigen, die da meinen, man müsse aus Gründen der
+»Natürlichkeit« den letzten zarten Schleier der Schamhaftigkeit von den
+geschlechtlichen Dingen hinwegnehmen. Nicht das restlose Wissen, nicht
+die absolute Entschleierung ist der beste Schutz, sondern die zarte,
+poesievolle und doch kraftvoll-gesunde Auffassung vom Liebesleben, jene
+innere, tiefe und wahrhaftige Schamhaftigkeit. Nicht im Verstand liegt
+die Sittlichkeit, sondern in der Seele. Darum haben diejenigen die
+höchsten sittlichen Kräfte, die die stärksten Glaubenskräfte haben.
+
+Prostituiert ist auch die bildende Kunst. Vorbei ist die Hoheit der
+griechischen Meister, die mit der Darstellung der Nacktheit höchste
+Schamhaftigkeit und sittliche Würde verbanden. Wir leugnen gar nicht die
+sinnlichen Elemente des Kunstgenießens. Aber die Kunst soll unsere
+Sinnlichkeit idealisieren, durch das körperlich Schöne den Enthusiasmus
+der Seele wecken, nicht aber die rohe Sinnlichkeit entflammen und den
+aufstrebenden Geist in die Fesseln der quälenden Körperlichkeit bannen.
+Eine gemeine Kunst verführt zu einsamen Triebverirrungen, zu Lüsternheit
+und Ausschweifung. Es ist nicht ratsam, in Kunstfragen den Staatsanwalt
+und die Polizei zur obersten Instanz zu machen. Bessere Richter einer
+gesunkenen, feilen und geilen Kunst sind guter Geschmack, anständige
+Gesinnung und Selbstachtung. Das Angebot wird durch die Nachfrage
+hervorgelockt, und jeder vernünftige Mensch sollte es für unter seiner
+Würde halten, ein Bildwerk zu betrachten oder gar zu kaufen, das die
+Lüsternheit herausfordert.
+
+Der Stolz müßte sich auch aufbäumen gegen den Schmutz, der sich in
+photographischen oder literarischen Pikanterien breit macht. Warum gehen
+junge Männer nicht diesen gemeinen Anreizen aus dem Wege? Warum
+erschweren sie sich den Kampf und lassen sich immer mehr herabziehen?
+Nicht die gewissenlosen Händler sollte man anklagen, sondern die
+charakterlosen Männer, die den Schmutz begehren.
+
+Das Denken in geschlechtlichen Dingen ist sehr wohl ein Maßstab der
+allgemeinen Kraft und Sittlichkeit eines Volkes überhaupt, und es ist
+charakteristisch, wenn wir aus Frankreich hören, daß dort die Väter
+ihren beim Militär dienenden Söhnen zur Unterhaltung pornographische
+Photographien senden.
+
+Was aber soll man dazu sagen, wenn sogar die dramatische Kunst, die den
+stärksten Einfluß auf das Volk hat, ihre Verantwortlichkeit verliert und
+im sexuellen Zynismus landet? Die Kunst geht nach Brot, und wenn der
+Brotherr, das Publikum, einen verkommenen Geschmack hat und mit gierigem
+Blick nach Lüsternheiten Ausschau hält, dann darf man sich nicht
+wundern, wenn die Bühne französische Ehebruchsdramen und
+zynisch-erotische Vaudevilles aufführt. Da ist der Held der Bühne nicht
+der stolze, edle Mensch, nicht Tell, Tasso oder Posa, sondern der seine
+Frau betrügende Ehemann, der weichlich-erbärmliche Don Juan, der in
+tausend Ängsten vor dem Entdecktwerden und in tausend Nöten von einer
+jammervollen Situation in die andere gerät, und der uns dann als von den
+Frauen besonders begehrt dargestellt wird. Sieht man, wie vollbesetzt
+diese Theater sind, und wie im Publikum die Mienen ohne alle
+Selbstbeherrschung gierig-lüstern werden, so kann man das Gefühl von
+Scham und Empörung nicht unterdrücken über ein Volk, das so seine großen
+Männer vergißt, und über Menschen, die so sehr alles Edle, Schöne,
+Menschliche von der Geilheit überwuchern lassen.
+
+Schule deinen Geschmack und deinen ganzen inneren Menschen an echter,
+edler Kunst und sei zu stolz, ein Spielball dieser lüstern-geschäftlichen
+Spekulationskunst zu werden.
+
+Halte dich auch fern von den auf niedriger Stufe stehenden
+Varieté-Theatern, wo der Humorist ein privilegierter Zotenreißer ist und
+die Tänzerinnen mit dem Mangel an Kleidung den noch größeren Mangel an
+Können verdecken, wo ein rauch- und bierdunstiges Lokal bis zum letzten
+Platz mit Männern angefüllt ist, und sogar Frauen sich nicht scheuen,
+ihr eigenes Geschlecht auf der Bühne prostituiert zu sehen. Warum sind
+die Varietés, die Singspielhallen, die Konzertcafés mit
+erotisch-winselnder Geigenmusik überfüllt, und warum können sich ernste
+Bühnen so schwer halten? Weil die Massen korrumpiert sind, und weil die
+wachsende Degeneration die Sinnlichkeit triumphieren läßt und zugleich
+die Selbstkritik schweigen heißt.
+
+Diese bedrohlich angewachsene Sinnlichkeit wird von dem Kapital in
+raffinierter Weise ausgeschlachtet. Ganze Industrien rechnen ja mit
+dieser Sinnlichkeit. Aber wieviel Unheil richtet sie an! Wieviel
+Nervenkraft und Menschenglück wird dabei zerstört! Es ist nicht ehrlich,
+Geld zu verdienen, wenn ein anderer dabei geschändet wird.
+
+Aber niemand ist genötigt, sich diesen Schäden hinzugeben. Setze an die
+Stelle dieses wirren und wüsten Treibens deinen Stolz, deine Würde, dein
+besseres Ich und eine ernste Arbeit mit festem Lebensziel, dann wird die
+Gefahr deine Kräfte stählen. Die Arbeit ist die Grundlage deines Lebens,
+und die Stunden, die nicht deinen Pflichten gehören, sondern dir selbst,
+die sollst du ausfüllen mit Schönem, mit guter Lektüre. Unser deutsches
+Schrifttum ist reich an guten Büchern. Du sollst die freien Stunden
+benutzen, gute Kunst kennen zu lernen. In Museen und Galerien ist
+Gelegenheit dazu. Und vor allem sollst du die Natur, deine Heimat,
+kennen lernen und wandern, damit dein Körper stark und dein Geist
+fröhlich werde. ~Geh allem aus dem Wege, was dich herabzieht. Schaue nur
+Schönes, denke nur Gutes, handle nur edel, dann wirst du den Sinn und
+die Schönheit des Lebens in dir selbst finden, weil du in Harmonie mit
+dem Weltprinzip bist.~
+
+[Illustration: Dekoration]
+
+
+
+
+Schlußwort.
+
+
+So bist du mir nun gefolgt, lieber junger Freund, und wir haben das
+Gebiet durchwandert, das gleicherweise Glück und Unglück, Jubel und
+Tränen, Schönheit und Grauen umschließt, in das fast alle Menschen mit
+Kraft und Sehnsucht einziehen, und in dem wir sie weiterwandern sehen
+mit Krankheit, Schwäche, gebrochener Seele, verlorener Jugend und
+beladen mit wirren und schwülen Geheimnissen.
+
+So viel Jammer entsteigt der Unwissenheit!
+
+War's da nicht recht, deine Augen sehend zu machen? Ich habe dir nicht
+nur Häßliches zeigen und dich vor Gefahren warnen wollen, nein, auch die
+Schönheiten des Liebesgefühls habe ich in dir keimen lassen, weil ich
+weiß, daß alle Lebensschönheit nur in der Natur steckt und die Natur
+auch im Menschen wohnt. _Naturalia non sunt turpia!_
+
+Nicht das ist die wahre Sittlichkeit, die einen Gegensatz zwischen
+Mensch und Natur errichtet, die vom Menschen ein Abtöten seiner Natur
+verlangt und ihn in einen letzten Endes vergeblichen Kampf zwischen Tun
+und Willen stürzt. Nein, die wahre Sittlichkeit liegt im Erkennen der
+erdgeborenen Natur des Menschen und in dem festen Willen, schrittweise
+und allmählich auf höhere Stufen zu gelangen. Weder haben diejenigen
+recht, die leichtsinnig in den Tag hineinleben, die alles, so wie es
+ist, für gut halten und vom Baume des Lebens so viel Früchte
+herabnehmen, wie sie erhaschen können, noch können wir denjenigen
+folgen, die in düsterem Pessimismus alle Lebensschönheit nicht sehen
+wollen und sich auf den Himmel vorzubereiten wähnen, während doch
+zugleich ihr Aszetismus ein göttliches Gebot in den Staub zieht.
+
+Zwischen diesen zwei Irrenden steht der wahrhaft sittliche Mensch, der
+sein Leben und seine Persönlichkeit reich und kraftvoll entfaltet, aber
+nicht eingreift in die Rechte der anderen und nicht das Wohl der
+Nachgeborenen untergräbt. Dem die tiefe Erkenntnis der biologischen
+Zusammenhänge ein starkes Selbstverantwortlichkeitsgefühl aufzwingt, und
+der seine Wünsche schweigen heißt, wenn ihre Befriedigung die feinen
+geheimnisvollen Fäden verwirrt, die alle Menschen in Glück und Unglück
+miteinander verbinden.
+
+Da sehen wir die strengen Grenzen zwischen individueller und sozialer
+Ethik. Die eine lebt sowohl im Aszetismus wie in der Vergnügungssucht
+der Masse, die sich in ihrem oberflächlichen Individualismus eine
+Kollektivethik geschaffen hat. Beide aber maßen sich an, selbst Richter
+aller Dinge zu sein. Hoch über beiden steht die soziale Ethik, die von
+Einzelnen in das Volk getragen wird, von jenen Einzelnen, in denen die
+schreiende sexuelle Not der Menschen ein Echo fand, und in denen das
+Menschheitsgewissen, jene feine und sichere Unterscheidungskraft
+zwischen Gut und Böse, lebte.
+
+Diese soziale Ethik nimmt einem natürlichen Triebe alles, was ihn
+häßlich macht und die Menschennatur herabwürdigt, und sie gestaltet sein
+Äußern so, wie es das Wohl der sozialen Gesamtheit verlangt.
+
+Alle Ethik hat ihre Wurzeln im Geschlechtsleben. Denn das
+Geschlechtsgefühl ist die eigentliche Urquelle aller menschlichen
+Sympathiegefühle und aller sozialen Organisationen überhaupt. Ist daher
+das Geschlechtsleben krank und verdorben, so muß der ganze Bau des
+Menschendaseins erschüttert werden.
+
+Das Geschlechtsleben ist die höchste und stärkste Entwicklungskraft der
+Menschheit. Es hat der Religion Nahrung gegeben, hat Kultur, soziale
+Gemeinschaft und Kunst entwickelt und dem Geist seine feinsten Blüten
+gegeben. Aber es ist auch die Kraft, die wie keine andere die Menschen
+hinabstößt in Schwäche und Elend, in Verwilderung und Versumpfung, in
+leiblichen und geistigen Tod. Das Geschlechtsgefühl ist dem
+Menschengeschlecht Himmel und Hölle zugleich. Darin liegt sein tiefer,
+eherner Ernst.
+
+Aus dem Geschlechtsgefühl quillen Menschenwerte. Ein niedriges
+Geschlechtsleben schafft Krankheit und niedriges, schlechtes Denken. Ein
+reines Geschlechtsleben dient der Gesundheit, adelt den Menschen und
+veredelt die Rasse. Diese Reinheit vereinigt Natürlichkeit mit feinstem
+Schamgefühl, gesunde Kraft mit zartschöner, idealistischer Auffassung.
+
+Das ist's, wozu ich dich mit diesem Buche hinführen wollte. Nicht die
+»Natürlichkeit« in jenem stumpfen Sinne einer seelenlosen Nüchternheit,
+die das Geschlechtliche zu einer Alltagsgebärde stempelt. Die dem
+Liebesgefühl seine Gefahren dadurch nehmen will, daß man es in der
+Nüchternheit körperlicher Selbstverständlichkeit erstickt. Nein,
+diejenige Natürlichkeit will ich dich lehren, die zwar den körperlichen
+Untergrund aller Dinge sieht, aber alle Körperkultur nur als
+Ausgangspunkt einer kraftvollen Seelenkultur erkennt.
+
+Dem Seelenkultus dienen wir! Der rohe Körperkult dient letzten Endes der
+Form- und Zügellosigkeit, wenn der Seele feinste Strömungen nicht das
+körperliche Tun durchwehen. Die Seele allein birgt die wahre Scham, des
+Geschlechtsempfindens zarteste Blüte.
+
+So habe ich dir die Wege deines Tuns gewiesen. Unbeirrt und klaren Auges
+kannst du in das Leben hinaustreten. Trenne dich von der Masse, von
+denen, die ideallos geworden sind, folge dem Stern deines besseren Ich,
+schreite mutig und siegreich durch alle Gefahren! Vermehre nicht das
+Unglück und den Kummer der Menschen, sondern sei in deiner sittlichen
+Kraft wie ein Licht, das ins Dunkle strahlt und auch anderen Menschen
+das Leben verschönt.
+
+~So trenne ich mich von diesem Buche und trenne mich von dir.~
+
+~Lebe wohl!~
+
+~Dein Leben sei rein und ehrlich und voll Glück! Und daß es so sei, gehe
+den einsamen Weg der Guten!~
+
+~Lebe wohl!~
+
+[Illustration: Dekoration]
+
+
+
+
+Fußnoten:
+
+
+[1] Man lese »Arbeit, Kraft und Erfolg«, Wege zur Steigerung der
+Leistungsfähigkeit in körperlichem und geistigem Schaffen. Von Emil
+Peters. Mk. 4.25. Zu beziehen durch den Volkskraft-Verlag, Konstanz am
+Bodensee.
+
+[2] Volkskraft-Verlag, Konstanz am Bodensee.
+
+[3] Volkskraft-Verlag, Konstanz am Bodensee, geh. Mk. 2.75, geb. Mk.
+4.50.
+
+[4] Wissenschaft und Sittlichkeit, Berlin 1908.
+
+[5] Die Gefahren des außerehelichen Geschlechtsverkehrs. 2 Aufl. München
+1904. A. Müller.
+
+[6] a. a. O., S. 6.
+
+[7] Volkskraft-Verlag Konstanz am Bodensee, geh. Mk. 2.75, geb. Mk.
+4.50. Porto 25 Pfg.
+
+
+
+
+ * * * * * *
+
+
+
+
+Anmerkungen zur Transkription:
+
+Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden übernommen;
+lediglich offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert.
+
+Einige Ausdrücke wurden in beiden Schreibweisen übernommen:
+
+ andererseits (Seiten 38 und 39) und andrerseits (Seiten 26, 31, 97
+ und 106)
+
+ gesunderen (Seite 34) und gesünderen (Seite 90)
+
+ gesunder (Seite 19) und gesünder (Seiten 88 und 116)
+
+Folgende offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert:
+
+ geändert wurde
+ "Daß ist die große"
+ in "Das ist die große" (Seite 18)
+
+ geändert wurde
+ "Buche »Der nervöse Mensch«."
+ in "Buche »Der nervöse Mensch«.[1]" (Seite 34)
+
+ geändert wurde
+ "den _~GonoccociNeisseri~_ oder"
+ in "den _~Gonoccoci Neisseri~_ oder" (Seite 96)
+
+ geändert wurde
+ "führt zur Dishamonie, und"
+ in "führt zur Disharmonie, und" (Seite 118)
+
+ geändert wurde
+ "Volkskraf-Verlag, Konstanz am Bodensee, geh. Mk. 2,75,
+ geb. Mk. 4,50."
+ in "Volkskraft-Verlag, Konstanz am Bodensee, geh. Mk. 2.75,
+ geb. Mk. 4.50." (Fußnote 3)
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 44368 ***