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index 0000000..66c84b3
--- /dev/null
+++ b/44250-0.txt
@@ -0,0 +1,4321 @@
+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 44250 ***
+
+RABINDRANATH TAGORE
+
+ DER KÖNIG
+ DER DUNKLEN
+ KAMMER
+
+ MÜNCHEN
+ KURT WOLFF VERLAG
+
+
+Einzig autorisierte deutsche Ausgabe. Nach der von Rabindranath Tagore
+selbst veranstalteten englischen Ausgabe ins Deutsche übertragen von
+Hedwig Lachmann und Gustav Landauer
+
+ * * * * *
+
+Das Recht der Aufführung ist zu erwerben durch die Vereinigten
+Bühnenvertriebe: Drei Masken Georg Müller * Erich Reiß * Kurt Wolff
+Verlag, Berlin W 30
+
+14.--18. Tausend
+Copyright 1915 by Kurt Wolff Verlag, Leipzig
+Gedruckt im Frühjahr 1921 bei Poeschel & Trepte in Leipzig * Einbände
+von der Leipziger Buchbinderei A.-G., vorm. Gust. Fritzsche in Leipzig
+
+
+
+
+PERSONEN
+
+
+ Der König
+
+ Königin Sudarschana
+
+ König von Kanya Kubja, ihr Vater
+
+ Avanti }
+ }
+ Koschala }
+ }
+ Kantschi }
+ }
+ Vidarbha } Könige
+ }
+ Kalinga }
+ }
+ Pantschala }
+ }
+ Virat }
+
+ Surangama } Ehrendamen der
+ }
+ Rohini } Königin
+
+ Virupakscha }
+ } Bürger
+ Vischu }
+
+ Janardan }
+ }
+ Kaundilya } Reisende
+ }
+ Bhavadatta }
+
+ Kumbha }
+ }
+ Madhav } Landleute
+ }
+ Vivajadatta }
+
+ Der Großvater
+
+ Der tolle Freund
+
+ Minister }
+ }
+ Bote } des Königs Kanya Kubja
+ }
+ Türhüter }
+
+ Dienerin der Königin Sudarschana
+
+ Erster }
+ } Gärtner
+ Zweiter }
+
+ Stadtwächter
+
+ Suvarna, der falsche König
+
+ Erster }
+ } Herold des »Königs«
+ Zweiter }
+
+ Bürger, Landleute, Gärtner, Knaben
+
+ Reisende, Wachen.
+
+
+
+
+I.
+
+
+Eine Straße.
+
+Etliche Reisende und ein Stadtwächter.
+
+_Erster Mann_
+
+He, Mann!
+
+_Stadtwächter_
+
+Was wollt ihr?
+
+_Zweiter Mann_
+
+Welchen Weg haben wir zu gehn? Wir sind hier fremd. Bitte, sage uns,
+welches die rechte Straße ist.
+
+_Stadtwächter_
+
+Wohin wollt ihr gehn?
+
+_Dritter Mann_
+
+Wo dieses große Fest stattfinden soll, weißt du. Welchen Weg gehen wir?
+
+_Stadtwächter_
+
+Eine Straße ist hier genau so gut wie die andre. Jede Straße wird euch
+hinführen. Geht geradeaus, und ihr könnt den Ort nicht verfehlen.
+
+Ab.
+
+_Erster Mann_
+
+Hört nur, was der Narr sagt: »Jede Straße wird euch hinführen!« Was
+hätte das dann für einen Sinn, so viele Straßen zu haben?
+
+_Zweiter Mann_
+
+Du brauchst darüber nicht so außer dir zu sein, mein Lieber. Es steht
+einem Land frei, seine Sachen auf seine eigne Art einzurichten. Was
+Straßen betrifft in unserm Land -- nun, so sind so gut wie keine
+vorhanden; enge, krumme Gäßchen, ein Labyrinth von Wagen- und Fußspuren.
+Unser König glaubt nicht an freie Fahrstraßen; er meint, so viele
+Straßen im Land, so viele Ausgänge für seine Untertanen, seinem
+Königreich zu entfliehen. Hier ist es gerade das Umgekehrte; niemand
+steht einem im Weg, niemand hat etwas dagegen, daß man anderswohin geht,
+wenn man Lust hat; und doch denken die Leute nicht daran, dieses Reich
+zu verlassen. Bei solchen Straßen wäre unser Land sicher in kürzester
+Frist entvölkert.
+
+_Erster Mann_
+
+Mein lieber Janardan, ich habe immer bemerkt, daß das ein großer Fehler
+an deinem Charakter ist.
+
+_Janardan_
+
+Was denn?
+
+_Erster Mann_
+
+Daß du immer auf dein Land sticheln mußt. Wie kannst du glauben, freie
+Landstraßen könnten für ein Land gut sein? Sieh einmal, Kaundilya,
+da ist ein Mann, der tatsächlich glaubt, freie Landstraßen seien die
+Rettung für ein Land.
+
+_Kaundilya_
+
+Nun, Bhavadatta, ich brauche wohl nicht erst von neuem festzustellen,
+daß Janardan mit einem merkwürdig schiefen Verstand gesegnet ist, der
+ihn sicher eines Tages in Gefahr bringen wird. Wenn der König von unserm
+werten Freund zu hören bekommt, wird er es ihm nicht gerade leicht
+machen, einen zu finden, der für sein Begräbnis sorgt, wenn er tot ist.
+
+_Bhavadatta_
+
+Man hat doch das Gefühl, daß das Leben in diesem Lande recht schwer sein
+muß; man vermißt die Freuden der Einsamkeit in diesen Straßen -- dieses
+Drängen und Schulterstreifen mit fremden Menschen bei Tag und Nacht läßt
+einen nach einem Bad verlangen. Und mit was für einer Sorte Menschen mag
+man auf diesen öffentlichen Wegen zusammenkommen -- puh!
+
+_Kaundilya_
+
+Und gerade Janardan hat uns überredet, in dieses kostbare Land zu
+kommen! Wir hatten nie einen Zweiten seines Schlages in unsrer Familie.
+Du hast meinen Vater natürlich gekannt; er war ein großer Mann, ein
+frommer Mann wie nur einer. Er verbrachte sein ganzes Leben innerhalb
+eines Kreises von 49 Ellen Radius, der mit peinlicher Befolgung der
+Gebote der heiligen Schriften gezogen war, und nie überschritt er diesen
+Kreis auch nur ein einziges Mal. Nach seinem Tode erhob sich eine
+ernsthafte Schwierigkeit -- wie sollte man ihn innerhalb der Grenzen
+der 49 Ellen und doch außerhalb des Hauses verbrennen? Schließlich
+entschieden die Priester, daß wir zwar nicht über die Schriftzahl
+hinausgehen durften, daß es aber einen Weg aus der Schwierigkeit gab,
+die Ziffer umzukehren und 94 Ellen zu nehmen; nur so konnten wir ihn
+außerhalb des Hauses verbrennen, ohne die heiligen Bücher zu verletzen.
+Auf mein Wort, _das_ war genaue Befolgung! Unser Land hat wirklich nicht
+leicht seinesgleichen.
+
+_Bhavadatta_
+
+Und doch will Janardan, der dem nämlichen Boden entstammt, uns
+weismachen, freie Landstraßen seien das beste für ein Land.
+
+Die Fremden gehen ab.
+
+Der Großvater mit einer Knabenschar tritt auf.
+
+_Großvater_
+
+Jungen, heute müssen wir es mit dem wilden Südwind aufnehmen -- und wir
+wollen uns nicht schlagen lassen. Wir wollen singen, bis wir mit unsern
+Jubelliedern alle Straßen überflutet haben.
+
+_Lied_
+
+ Das Südtor ist entriegelt. Komm, mein Frühling, komm!
+ Schwing' dich zum Schwung meines Herzens, komm, mein Frühling, komm!
+ Komm in den lispelnden Blättern, in den Blüten, die froh sich
+ verschwenden;
+ Komm in den Flötenliedern und den sehnenden Seufzern der Wälder!
+ Laß dein loses Gewand wild flattern im trunkenen Wind! komm, mein
+ Frühling, komm!
+
+Ab.
+
+Eine Schar von Bürgern tritt auf.
+
+_Erster Bürger_
+
+Schließlich kann man nur wünschen, daß der König sich wenigstens an
+diesem einen Tag hätte sehen lassen. Es ist doch sehr schade: man lebt
+in seinem Königreich und hat ihn noch nicht ein einziges Mal gesehen!
+
+_Zweiter Bürger_
+
+Kenntest du nur den wirklichen Sinn dieses Geheimnisses! Ich könnte ihn
+dir sagen, wenn du schweigen könntest.
+
+_Erster Bürger_
+
+Lieber Freund, wir wohnen beide im nämlichen Stadtviertel, aber hast
+du je gehört, daß ich irgend jemandes Geheimnis ausgeplaudert hätte?
+Natürlich, die Sache damals, als dein Bruder beim Graben eines Brunnens
+einen Schatz gefunden hatte -- nun, du weißt ganz gut, warum ich darüber
+reden mußte. Du kennst den ganzen Zusammenhang.
+
+_Zweiter Bürger_
+
+Natürlich kenne ich ihn. Und weil ich ihn kenne, frage ich, könntest du
+schweigen? Weißt du, es könnte Verderben für uns alle bedeuten, wenn du
+ein einziges Mal davon sprächest.
+
+_Dritter Bürger_
+
+Du bist mir ein netter Mensch, Virupakscha! Warum brennst du darauf, ein
+Unheil herbeizuführen, das bis jetzt nur geschehen _kann_? Wer wird die
+Verantwortung auf sich nehmen wollen, dein Geheimnis sein ganzes Leben
+lang zu wahren?
+
+_Virupakscha_
+
+Es war nur, weil die Rede darauf kam -- also gut, ich werde nichts
+sagen. Ich bin nicht der Mann, der unnütz redet. Ihr hattet selbst
+die Frage aufs Tapet gebracht, daß der König sich nie zeigt; und ich
+bemerkte bloß, es sei nicht umsonst, daß der König sich vor dem Blick
+der Öffentlichkeit verschließt.
+
+_Erster Bürger_
+
+Bitte, sag uns, warum, Virupakscha.
+
+_Virupakscha_
+
+Natürlich nehme ich keinen Anstand, es euch zu sagen -- wir sind ja
+alle gute Freunde, nicht wahr? Das kann nicht gefährlich sein. (_Mit
+leiser Stimme:_) Der König -- ist -- häßlich --, so hat er den Entschluß
+gefaßt, sich seinen Untertanen nie zu zeigen.
+
+_Erster Bürger_
+
+Hah! Das ist es! Das muß es sein. Wir haben uns immer gewundert..., der
+bloße Anblick eines Königs läßt die Menschen in allen Ländern vor Furcht
+zittern wie Espenlaub; warum sollte da _unser_ König sich von keinem
+sterblichen Auge je sehen lassen? Selbst wenn er nur herauskäme, um uns
+alle zum Galgen zu verdammen, könnten wir sicher sein, daß unser König
+kein Trug ist. Schließlich scheint mir Virupakschas Erklärung doch ganz
+einleuchtend.
+
+_Dritter Bürger_
+
+Nicht die Spur -- ich glaube keine Silbe davon.
+
+_Virupakscha_
+
+Wie, Vischu, willst du sagen, ich wäre ein Lügner?
+
+_Vischu_
+
+Das gerade nicht -- aber ich kann deine Theorie nicht annehmen.
+Entschuldige mich, ich kann nichts dafür, wenn ich ein bißchen grob und
+plump scheine.
+
+_Virupakscha_
+
+Kein Wunder, daß du an meine Worte nicht glauben kannst -- wo du dich
+weise genug dünkst, die Meinungen deiner Eltern und Oberen zu verwerfen.
+Wie lange, glaubst du, hättest du in diesem Lande bleiben dürfen, wenn
+der König nicht im Verborgenen bliebe? Du bist nicht besser als ein
+offenkundiger Ketzer.
+
+_Vischu_
+
+Mein lieber Pfeiler der Rechtgläubigkeit! Glaubst du, irgendein anderer
+König hätte gezögert, dir die Zunge abschneiden und sie den Hunden zum
+Fraß vorwerfen zu lassen? Und du hast die Stirne, zu sagen, unser König
+wäre den Augen ein Greuel?
+
+_Virupakscha_
+
+Hör einmal, Vischu, willst du deine Zunge im Zaum halten?
+
+_Vischu_
+
+Man braucht wohl nicht erst festzustellen, wessen Zunge einen Zaum
+braucht.
+
+_Erster Bürger_
+
+Jetzt wird die Sache gefährlich. Da mache ich lieber nicht mit.
+
+Ab.
+
+Eine Zahl Männer tritt auf, die in lärmendem Übermut _Großvater_ mit
+sich schleppen.
+
+_Zweiter Bürger_
+
+Großpapa, etwas fällt mir heute auf...
+
+_Großvater_
+
+Was ist es?
+
+_Zweiter Bürger_
+
+Dies Jahr hat jedes Land seine Leute zu unserm Fest entsandt, doch
+jedweder fragt: »Alles ist reizend und schön -- wo aber ist euer König?«
+und wir wissen nicht, was wir antworten sollen. Das ist die eine große
+Lücke, die sich jedem in unserm Lande fühlbar machen muß.
+
+_Großvater_
+
+»Lücke«, sagst du! Wie, das ganze Land ist ganz erfüllt und geladen und
+gestopft voll von dem König: und du nennst ihn eine »Lücke«! Wie, er hat
+jeden einzigen unter uns zum gekrönten König gemacht!
+
+_Gesang_
+
+ Wir sind alle Könige im Königreich unsres Königs.
+ Wär es nicht so, wie könnten wir hoffen, im Herzen ihm zu begegnen!
+ Wir tun, was wir wollen, und tun doch, was er will;
+ Nicht als furchtgefesselte Sklaven liegen wir ihm zu Füßen.
+ Wär es nicht so, wie könnten wir hoffen, im Herzen ihm zu begegnen!
+ Unser König ehrt jedweden von uns, und dadurch ehrt er sich selbst.
+ Keine Armseligkeit kann uns für immer umschließen mit ihren Wällen
+ der Lüge.
+ Wär es nicht so, wie könnten wir hoffen, im Herzen ihm zu begegnen!
+ Wir bahnen uns mühsam den eigenen Pfad und erreichen so seinen am
+ Ende.
+ Wir können nimmer verlorengehn im Abgrund der dunklen Nacht.
+ Wär es nicht so, wie könnten wir hoffen, im Herzen ihm zu begegnen!
+
+_Dritter Bürger_
+
+Aber wirklich, ich kann die sinnlosen Sachen nicht mit anhören, die die
+Leute über unsern König sagen, bloß weil er sich nicht öffentlich zeigt.
+
+_Erster Bürger_
+
+Stellt euch nur vor! Jeder, der mich beleidigt, kann bestraft werden,
+während niemand einem Schuft den Mund stopfen kann, dem es einfällt,
+auf den König zu schimpfen.
+
+_Großvater_
+
+Der Schimpf kann den König nicht treffen. Mit einem bloßen Hauch kannst
+du die Flamme ausblasen, die eine Lampe von der Sonne borgt, aber
+wenn auch die ganze Welt versuchte, die Sonne auszublasen, bliebe ihr
+strahlender Glanz unverdunkelt und ungeschwächt wie zuvor.
+
+Vischu und Virupakscha treten auf.
+
+_Vischu_
+
+Da ist der Großvater! Hör doch, dieser Mann geht herum und erzählt
+jedem, unser König käme nicht heraus, weil er häßlich wäre.
+
+_Großvater_
+
+Aber warum macht dich das ärgerlich, Vischu? _Sein_ König muß häßlich
+sein, denn wie könnte sonst Virupakscha in seinem Königreich so ein
+Gesicht haben? Er formt seinen König nach seinem Bilde, wie er es im
+Spiegel sieht.
+
+_Virupakscha_
+
+Großvater, ich will keine Namen nennen, aber keinem würde es einfallen,
+dem nicht zu glauben, der mir die Neuigkeit anvertraute.
+
+_Großvater_
+
+Bist du selbst denn nicht die beste Autorität?!
+
+_Virupakscha_
+
+Aber ich könnte dir Beweise geben...
+
+_Erster Bürger_
+
+Die Unverschämtheit dieses Burschen kennt keine Grenzen! Nicht
+zufrieden, mit dreister Stirn ein abscheuliches Gerücht zu verbreiten,
+will er seine Lügen mit Frechheit aufwägen.
+
+_Zweiter Bürger_
+
+Warum nehmen wir ihm nicht in ganzer Länge das Maß hier am Boden?
+
+_Großvater_
+
+Warum so hitzig, Freunde? Der arme Kerl feiert sein Fest auf seine Art,
+indem er die Häßlichkeit seines Königs besingt. Geh nur, Virupakscha,
+du wirst eine Menge Leute finden, die bereit sind, dir zu glauben! Viel
+Glück in ihrer Gesellschaft.
+
+Sie gehen ab.
+
+Die _Gesellschaft der Fremden_ tritt wieder auf.
+
+_Bhavadatta_
+
+Mir kommt der Gedanke, Kaundilya, daß dieses Volk überhaupt keinen König
+hat. Sie haben es irgendwie zuwege gebracht, das Gerücht in Umlauf zu
+halten.
+
+_Kaundilya_
+
+Ich glaube, du hast recht. Wir wissen alle, daß das Höchste, was einem
+in jedem Lande ins Auge fällt, der König ist, der natürlich keine
+Gelegenheit versäumt, sich sehen zu lassen.
+
+_Janardan_
+
+Aber seht die gute Zucht und Ordnung, die in dem ganzen Orte herrscht --
+wie erklärst du das ohne einen König?
+
+_Bhavadatta_
+
+So, das ist also die Weisheit, zu der du gekommen bist, und hast so
+lange unter einem Herrscher gelebt? Wozu brauchte man einen König, wenn
+man schon Zucht und Ordnung hätte?
+
+_Janardan_
+
+All diese Menschen sind versammelt, um auf diesem Fest froh zu sein.
+Meinst du, sie könnten dergestalt in einem Lande der Anarchie zusammen
+kommen?
+
+_Bhavadatta_
+
+Mein lieber Janardan, du umgehst, wie gewöhnlich, worum es sich in
+Wirklichkeit handelt. Was Zucht und Ordnung anlangt, da gibt es keine
+Frage und auch die Festesfreude ist klar genug: soweit besteht keine
+Schwierigkeit. Aber wo ist der König? Hast du ihn gesehen? Das mußt du
+uns sagen.
+
+_Janardan_
+
+Was ich zu sagen habe, ist dieses: man weiß aus Erfahrung, daß Chaos und
+Anarchie sein kann, selbst wo ein König da ist: aber was sehen wir hier?
+
+_Kaundilya_
+
+Immer kommst du mit deinen Ausflüchten. Warum kannst du nicht auf
+Bhavadattas Frage eine gerade Antwort geben -- Hast du den König
+gesehen, oder hast du ihn nicht gesehen! Ja oder nein?
+
+Sie gehen ab.
+
+Eine Schar von Männern tritt auf und singt.
+
+_Lied_
+
+ Mein Geliebter ist nimmer in meinem Herzen,
+ Darum erblick ich ihn allüberall,
+ Er wohnt in der Tiefe meiner Augen,
+ Darum erblick ich ihn allüberall.
+ Ich wanderte weit, seine Worte zu hören,
+ Ach, aber vergebens!
+ Als ich heimkam, hörte ich sie
+ In meinen eigenen Liedern.
+ Wer bist du und suchst ihn wie ein Bettler von Tür zu Tür!
+ Komm an mein Herz und erblicke sein Antlitz in den Tränen meiner
+ Augen!
+
+_Herolde_ und _Leibwächter_ des _Königs_ treten auf.
+
+_Erster Herold_
+
+Platz da! Räumt die Straße, allesamt!
+
+_Erster Bürger_
+
+Oho, Mann, wofür hältst du dich? Angeboren scheint dir dieser stolze
+Schritt nicht gerade zu sein, mein Freund. -- Warum Platz da, werter
+Herr? Warum sollen wir von der Stelle weichen? Sind wir Straßenhunde,
+oder was sonst?
+
+_Zweiter Herold_
+
+Der König kommt dieses Wegs.
+
+_Zweiter Bürger_
+
+König? Was für ein König?
+
+_Erster Herold_
+
+Unser König, der König dieses Landes.
+
+_Erster Bürger_
+
+Wie, ist der Bursche toll? Wer hat je gehört, daß unser König herauskam
+und sich solche Schreier zu Herolden wählte.
+
+_Zweiter Herold_
+
+Der König will sich nicht länger seinen Untertanen entziehen. Er kommt,
+um das Fest selbst zu leiten.
+
+_Zweiter Bürger_
+
+Bruder, verhält sich das so?
+
+_Zweiter Herold_
+
+Sieh hin, dort flattert sein Banner.
+
+_Zweiter Bürger_
+
+Ah, wirklich, das ist eine Fahne.
+
+_Zweiter Herold_
+
+Siehst du die rote _Kimschuk_-Blüte darauf gemalt?
+
+_Zweiter Bürger_
+
+Ja, ja, es ist wirklich der _Kimschuk_! -- welch strahlende
+Scharlachblüte!
+
+_Erster Herold_
+
+Nun also, glaubst du uns nun?
+
+_Zweiter Bürger_
+
+Ich hab nie gesagt, ich glaubte euch nicht. Der Bursche da, Kumbha, hat
+den ganzen Lärm angefangen. Hab ich ein Wort gesagt?
+
+_Erster Herold_
+
+Einen dicken Bauch hat er ja, aber innen ist er vielleicht ganz leer; du
+weißt, ein leerer Topf dröhnt am lautesten.
+
+_Zweiter Herold_
+
+Was ist das für einer? Ist er irgendwie mit euch verwandt?
+
+_Zweiter Bürger_
+
+Ganz und gar nicht. Er ist nur eben ein Vetter vom Schwiegervater
+unsres Dorfschulzen, und er wohnt nicht einmal im selben Teil unsres
+Dorfes wie wir.
+
+_Zweiter Herold_
+
+Aha! so sieht er auch aus! Wie der Vetter siebenten Grades von irgend
+jemandes Schwiegervater, und sein Verständnis scheint auch den Stempel
+der Schwiegeronkelschaft zu tragen.
+
+_Kumbha_
+
+Ach, liebe Freunde, manch bitterer Kummer hat meinem armen Geist einen
+Stoß versetzt, bis er so geworden ist. Erst unlängst kam ein König
+und prunkte in den Straßen und sandte so viele Titel vor sich her wie
+Trommeln, die durch ihren Lärm den Aufenthalt in der Stadt unerträglich
+machten... Was tat ich nicht alles, um ihm zu dienen und zu Gefallen
+zu sein! Ich überschüttete ihn mit Geschenken, ich hing mich an ihn wie
+ein Bettler -- und schließlich fand ich den Druck auf meine Einnahmen
+zu schwer zu tragen. Aber was war das Ende der ganzen Pracht und
+Majestät? Als man ihm mit Gesuchen und Bitten nahte, da konnte er im
+Kalender keinen einzigen günstigen Tag entdecken: obschon alle Tage rot
+angestrichen waren, wenn _wir_ unsre Steuern zu zahlen hatten!
+
+_Zweiter Herold_
+
+Willst du etwa zu verstehen geben, unser König wäre ein falscher König
+wie der, den du beschrieben hast?
+
+_Erster Herold_
+
+Herr Schwiegeronkel, ich glaube, es ist an der Zeit für dich, dem
+Schwiegertantchen Adieu zu sagen.
+
+_Kumbha_
+
+Bitte, ihr Herren, seid nicht böse. Ich bin ein armes Geschöpf -- ich
+bitte ergebenst um Entschuldigung, ihr Herren: ich will alles dazu tun.
+Ich bin gern bereit, so weit weg zu gehen, wie es euch beliebt.
+
+_Zweiter Herold_
+
+Schon recht, kommt hierher und bildet Spalier. Der König wird gleich
+kommen -- wir wollen gehen und ihm den Weg bereiten.
+
+Sie gehen weiter.
+
+_Zweiter Bürger_
+
+Mein lieber Kumbha, deine Zunge wird noch einmal dein Tod sein.
+
+_Kumbha_
+
+Freund Madhav, es ist nicht meine Zunge, es ist Schicksal. Als der
+falsche König auftrat, sagte ich kein einziges Wort, obwohl mich das
+nicht abhielt, mit dem ganzen Selbstvertrauen der Unschuld über meine
+eigenen Füße zu stolpern. Und jetzt, wo vielleicht der wirkliche König
+gekommen ist, muß ich glattweg Hochverrat in den Tag reden. Es ist
+Schicksal, lieber Freund!
+
+_Madhav_
+
+Mein Grundsatz ist, dem König immer zu gehorchen -- es macht nichts aus,
+ob er ein echter oder falscher ist. Was wissen wir von Königen, daß wir
+über sie urteilen sollten! Es ist gerade, wie wenn man im Dunkeln Steine
+wirft -- man ist fast sicher, sein Ziel zu treffen. Ich gehorche immerzu
+und huldige -- ist es ein richtiger König, gut und schön; wenn nicht,
+was schadet es?
+
+_Kumbha_
+
+Mir wäre es schon einerlei, wenn die Steine nichts weiter als Steine
+wären. Aber es sind oft kostbare Sachen: hier, wie sonstwo, führt uns
+Verschwendung schließlich zu Armut, mein Freund.
+
+_Madhav_
+
+Da sieh! Da kommt der König! Ah, ein König wahrhaftig! Was für eine
+Gestalt, was für ein Gesicht! Wer hat je solch eine Schönheit gesehen
+-- weiß wie eine Lilie und sanft wie ein Pfirsich! Wie nun, Kumbha? Was
+meinst du nun?
+
+_Kumbha_
+
+Er sieht schon recht aus -- ja, soviel ich beurteilen kann, mag er schon
+der rechte König sein.
+
+_Madhav_
+
+Er sieht aus, als wäre er fürs Königsein gegossen und geschnitzt, diese
+Gestalt ist zu zart und erlesen für das gemeine Licht des Tages.
+
+Der »König« tritt auf.
+
+_Madhav_
+
+Heil und Sieg geleite dich, o König! Wir stehen hier seit dem frühen
+Morgen, um dich zu Gesicht zu bekommen. Ew. Majestät zu Gnaden, vergeßt
+uns nicht!
+
+_Kumbha_
+
+Das Geheimnis wird tiefer. Ich will gehen und Großvater holen.
+
+Ab.
+
+Eine andere Schar Männer tritt auf.
+
+_Erster Mann_
+
+Der König, der König! Kommt her, schnell, der König geht dieses Wegs.
+
+_Zweiter Mann_
+
+Vergiß mich nicht, o König! Ich bin Vivajadatta, der Enkel Udayadattas
+von Kushalivastu. Ich bin auf die erste Kunde, daß du kämest, hierher
+geeilt -- ich hielt nicht an, um zu hören, was die Leute sagten: all die
+Untertanentreue in mir neigte sich dir zu, o Monarch, und brachte mich
+her.
+
+_Dritter Mann_
+
+Unsinn! Ich bin früher hier gewesen als du -- vor dem Hahnenschrei. Wo
+stecktest du denn da? O König, ich bin Bhadrasena, von Vikramasthali.
+Geruhe, deinen Diener in deinem Gedächtnis zu bewahren!
+
+_König_
+
+Ich bin sehr befriedigt von eurer Treue und Ergebenheit.
+
+_Vivajadatta_
+
+Majestät, groß ist die Zahl der Klagen und Beschwerden, die wir dir
+vorzutragen haben: an wen hätten wir uns so lange mit unsern Gesuchen
+wenden sollen, solange wir deiner erhabenen Gegenwart nicht nahen
+durften?
+
+_König_
+
+All euren Beschwerden soll abgeholfen werden.
+
+Ab.
+
+_Erster Mann_
+
+Es führt zu nichts, uns hinten herumzudrücken, Jungen -- der König wird
+uns aus den Augen verlieren, wenn wir uns in den Pöbel mischen.
+
+_Zweiter Mann_
+
+Seht einmal, was der Narr Narottam dort tut! Er hat sich durch uns alle
+hindurchgedrängt und fächelt jetzt dem König eifrig mit einem Palmblatt
+Kühlung zu!
+
+_Madhav_
+
+Wahrhaftig! Nun, nun, die Dreistigkeit dieses Menschen nimmt einem den
+Atem.
+
+_Zweiter Mann_
+
+Wir sollten den Kerl anpacken und von der Stelle schaffen -- ist er
+berufen, neben dem König zu stehen?
+
+_Madhav_
+
+Bildest du dir ein, der König durchschaut ihn nicht? Seine
+Untertänigkeit ist doch ein bißchen zu dick aufgetragen.
+
+_Erster Mann_
+
+Unsinn! Könige können Heuchler nicht wittern wie unsereins -- es sollte
+mich nicht wundern, wenn der König sich von dem unermüdlichen Fächeln
+dieses Narren einfangen ließe.
+
+Kumbha und Großvater treten auf.
+
+Ich sage dir -- er ist jetzt eben durch diese Straße gekommen.
+
+_Großvater_
+
+Ist das ein ganz unfehlbarer Beweis seines Königtums?
+
+_Kumbha_
+
+O nein, aber alle haben ihn gesehen! Nicht einer oder zwei, sondern
+Hunderte und Tausende auf beiden Seiten der Straße haben ihn mit eigenen
+Augen gesehen.
+
+_Großvater_
+
+Das eben macht die ganze Sache verdächtig. Wann wäre _unser_ König
+je drauf ausgegangen, die Augen des Volks durch Pomp und Gepränge zu
+blenden? Er ist nicht der König, solch einen Spektakel zu erregen, wenn
+er durch das Land reist.
+
+_Kumbha_
+
+Aber es mag ihm beliebt haben, es bei dieser wichtigen Gelegenheit zu
+tun: das kann man nicht sicher wissen.
+
+_Großvater_
+
+O ja, man kann! Mein König kennt keine Wetterfahnenlaune und neigt nicht
+zu phantastischen Einfällen.
+
+_Kumbha_
+
+Aber Großvater, ich wollte nur, ich könnte ihn dir beschreiben! So
+sanft, so zart und fein wie eine Wachspuppe! Als ich ihn sah, verlangte
+es mich, ihn vor der Sonne zu schirmen, ihn mit meinem ganzen Leibe zu
+schützen.
+
+_Großvater_
+
+Ach, du Narr, du kostbarer Esel, der du bist! _Mein_ König eine
+Wachspuppe, und _du_ ihn schützen!
+
+_Kumbha_
+
+Aber im Ernst, Großpapa, er ist ein herrlicher Gott, ein Wunder an
+Schönheit: ich finde keine einzige Gestalt in dieser weiten Versammlung,
+die neben seiner unvergleichlichen Lieblichkeit bestehen könnte.
+
+_Großvater_
+
+Wenn es meinem König beliebte, sich zu zeigen, würden deine Augen ihn
+nicht bemerken. Er würde nicht dergestalt über die andern hervorragen --
+er ist einer aus dem Volk, er mischt sich unter den gemeinen Pöbel.
+
+_Kumbha_
+
+Aber sagte ich dir nicht, daß ich sein Banner gesehen habe?
+
+_Großvater_
+
+Was für ein Zeichen trug sein Banner?
+
+_Kumbha_
+
+Es war eine rote _Kimschuk_-Blüte darauf gemalt -- das hell leuchtende
+Rot blendete meine Augen.
+
+_Großvater_
+
+_Mein_ König führt einen Donnerkeil in einem Lotus in seinem Banner.
+
+_Kumbha_
+
+Aber alle sagen sie, der König sei zu diesem Feste gekommen: _alle_.
+
+_Großvater_
+
+Gewiß ist er das: aber er hat keine Herolde, kein Heer, kein Gefolge,
+keine Musikbanden und keine Laternen, die ihn begleiten.
+
+_Kumbha_
+
+So könnte ihn, scheint's, niemand in seinem Inkognito erkennen.
+
+_Großvater_
+
+Vielleicht gibt es ein paar, die es können.
+
+_Kumbha_
+
+Und die ihn erkennen -- gewährt ihnen der König alles, was sie begehren?
+
+_Großvater_
+
+Aber sie begehren nie etwas. Kein Bettler wird je den König kennen. Der
+größere Bettler sieht in den Augen des kleineren Bettlers wie ein König
+aus. O Narr, der Mann, der heute auf die Straße gegangen ist, in Purpur
+und Gold angetan, um dich anzubetteln -- ihn posaunst du als deinen
+König aus! ... Ah, da kommt mein toller Freund! O kommt, meine Brüder!
+wir dürfen den Tag nicht mit eitlem Streiten und Schwatzen verbringen --
+geben wir uns jetzt toller Lustbarkeit, wildem Entzücken hin!
+
+Der tolle Freund tritt auf, singend.
+
+Lächelt ihr, Freunde? Lacht ihr, Brüder? Ich streife herum und suche
+den goldenen Hirsch! Ja, ach ja, ich schaue den Leichtfuß, und immer
+entwischt er mir!
+
+Oh, er flitzt und blinkt wie ein Blitz und schon ist er weg, der wilde
+Waldvagabund! Nahe dich ihm, und im Nu ist er fern; ein Gewölk von
+Dunst und Staub bleibt dir zurück! Doch streif ich herum und suche den
+goldenen Hirsch, wenn ich ihn nimmer auch fangen mag in dieser Wildnis!
+Oh, ich streife und wandre durch Wälder und Felder und namenlose Gefilde
+wie ein rastloser Landstreicher und denk nicht an Umkehr.
+
+Ihr alle kommt zum Kauf auf den Markt und kehrt heim mit Waren und
+Vorrat beladen: mich aber haben die wilden Winde aus unerklimmbaren
+Höhen gestreift und geküßt; ich weiß nicht wann und wo.
+
+All meine Habe hab ich von mir geworfen, um zu erlangen, was nie mein
+worden ist! Und ihr wähnt, mein Klagen und meine Tränen gelten den
+Dingen, die so ich verlor!
+
+Mit Lachen und Singen im Herzen hab ich Kummer und Gram weit hinten
+gelassen: Oh, ich streife und wandre durch Wälder und Felder und
+namenlose Länder -- und denk nicht daran, meine Fahrt zu enden.
+
+
+
+
+II.
+
+
+Ein dunkles Gemach. Königin Sudarschana. Ihre Ehrendame, Surangama.
+
+_Sudarschana_
+
+Licht, Licht! Wo ist Licht? Wird in diesem Gemach nie die Lampe
+entzündet werden?
+
+_Surangama_
+
+Meine Königin, all deine andern Gemächer sind erleuchtet -- will es
+dich nie verlangen, aus dem Licht in einen dunkeln Raum wie diesen zu
+entrinnen?
+
+_Sudarschana_
+
+Aber warum soll dieser Raum dunkel gehalten werden?
+
+_Surangama_
+
+Weil du sonst weder Licht noch Dunkelheit kennen würdest.
+
+_Sudarschana_
+
+Durch deinen Aufenthalt in dieser dunklen Kammer bist du dazu gekommen,
+dunkel und seltsam zu reden -- ich kann dich nicht verstehen,
+Surangama. Sag mir aber, in welchem Teil des Palastes liegt dies
+Gemach? Ich kann weder den Eingang zu dieser Kammer erkennen noch den
+Weg hinaus.
+
+_Surangama_
+
+Diese Kammer liegt tief drunten, ganz im Herzen der Erde. Der König hat
+dies Gemach eigens um deinetwillen gebaut.
+
+_Sudarschana_
+
+Nun, er hat doch keinen Mangel an Gemächern -- warum brauchte er diese
+dunkle Kammer eigens für mich machen lassen?
+
+_Surangama_
+
+Du kannst andre in den hellen Zimmern empfangen: doch deinen Herrn nur
+in diesem dunklen Gemach.
+
+_Sudarschana_
+
+Nein, nein -- ich kann nicht leben ohne Licht -- ich habe keine Ruhe in
+dieser erstickenden Finsternis. Surangama, wenn du ein Licht in diese
+Kammer bringen kannst, schenke ich dir mein Halsband hier.
+
+_Surangama_
+
+Es steht nicht in meiner Macht, o Königin. Wie kann ich Licht an einen
+Ort bringen, den er immer im Dunkel gehalten haben will!
+
+_Sudarschana_
+
+Seltsame Treue! Und doch -- ist es nicht wahr, daß der König deinen
+Vater bestraft hat?
+
+_Surangama_
+
+Ja, das ist wahr. Mein Vater hatte sich dem Spiel ergeben. Alle jungen
+Leute des Landes pflegten in meines Vaters Haus zusammen zu kommen --
+und da tranken sie immer und spielten.
+
+_Sudarschana_
+
+Und gab es dir nicht die Empfindung bitterer Bedrückung, als der König
+deinen Vater in die Verbannung schickte?
+
+_Surangama_
+
+Oh, es machte mich ganz rasend. Ich war auf dem Weg zu Untergang und
+Vernichtung: als diese Bahn mir verschlossen war, schien ich mir ohne
+irgendeine Hilfe zurückgeblieben, ohne Beistand noch Schutz. Ich raste
+und tobte wie ein wildes Tier im Käfig -- wie verlangte es mich alles in
+Stücke zu zerreißen in meiner ohnmächtigen Wut!
+
+_Sudarschana_
+
+Aber wie kamst du zu dieser Hingebung an eben den nämlichen König?
+
+_Surangama_
+
+Wie kann ich es sagen? Vielleicht faßte ich Vertrauen zu ihm, gerade
+_weil_ er so hart, so unbarmherzig war!
+
+_Sudarschana_
+
+Wann trat dieser Stimmungswechsel ein?
+
+_Surangama_
+
+Das könnte ich nicht sagen -- ich weiß das selbst nicht. Es kam ein Tag,
+wo all der Aufruhr in mir sich geschlagen gab, und dann beugte sich
+meine ganze Natur in demütiger Ergebung in den Staub der Erde. Und dann
+sah ich ... ich sah, daß er an Schönheit ebenso ohnegleichen war wie an
+Schrecknis. Oh, ich war gerettet, ich war erlöst.
+
+_Sudarschana_
+
+Sage mir, Surangama, ich flehe dich an, willst du mir nicht sagen, wie
+der König aussieht? Ich habe ihn noch nicht ein einziges Mal gesehen.
+Er kommt zu mir in Dunkelheit, und läßt mich wieder in diesem dunklen
+Gemach zurück. Wie viele Menschen habe ich nicht gefragt -- aber sie
+geben alle unbestimmte und dunkle Antworten -- es scheint mir, daß sie
+alle mit etwas zurückhalten.
+
+_Surangama_
+
+Die Wahrheit zu sagen, Königin, so könnte ich nicht gut angeben, wie er
+aussieht. Nein -- er ist nicht, was man schön nennt.
+
+_Sudarschana_
+
+Das ist doch wohl nicht dein Ernst? Nicht schön!
+
+_Surangama_
+
+Nein, meine Königin, er ist nicht schön. Ihn schön zu nennen, wäre viel
+zu wenig von ihm gesagt.
+
+_Sudarschana_
+
+So sind all deine Worte -- dunkel, seltsam und unbestimmt. Ich kann
+nicht verstehen, was du meinst.
+
+_Surangama_
+
+Nein, ich will ihn _nicht_ schön nennen. Und eben weil er nicht
+schön ist, ist er so herrlich, so wunderbar!
+
+_Sudarschana_
+
+Ich verstehe dich nicht ganz -- obwohl ich dich gern von ihm reden höre.
+Aber ich muß ihn um jeden Preis sehen. Ich besinne mich nicht einmal
+auf den Tag, wo ich ihm angetraut wurde. Ich hörte Mutter sagen, daß
+vor meiner Hochzeit ein weiser Mann kam und sagte: »Der eure Tochter
+ehelichen will, ist ohnegleichen auf dieser Erde.« Wie oft habe ich
+sie gebeten, mir sein Äußeres zu beschreiben, aber sie antwortet nur
+unbestimmt und sagt, sie kann es nicht sagen -- sie sah ihn durch einen
+Schleier, schwach und dunkel. Aber wenn er der beste der Menschen ist,
+wie kann ich stillsitzen, ohne ihn gesehen zu haben.
+
+_Surangama_
+
+Spürst du nicht ein leises Lüftchen wehen?
+
+_Sudarschana_
+
+Ein Lüftchen? Wo?
+
+_Surangama_
+
+Merkst du nicht einen leisen Duft?
+
+_Sudarschana_
+
+Nein!
+
+_Surangama_
+
+Das große Tor hat sich geöffnet ... er kommt; mein König naht.
+
+_Sudarschana_
+
+Wie kannst du es merken, wenn er kommt?
+
+_Surangama_
+
+Ich kann's nicht sagen: mir ist, als hörte ich seine Tritte in meinem
+Herzen. Da ich die Magd seiner dunklen Kammer bin, habe ich einen Sinn
+entwickelt -- ich kann erkennen und fühlen, ohne zu sehen.
+
+_Sudarschana_
+
+Ich wollte, ich hätte diesen Sinn auch, Surangama!
+
+_Surangama_
+
+Du wirst ihn bekommen, o Königin ... dieser Sinn wird in dir eines Tages
+erwachen. Deine Sehnsucht, ihn zu sehen, raubt dir die Ruhe, und darum
+ist all dein Sinn gespannt und in die falsche Richtung gelenkt. Wenn du
+diesen Zustand fieberhafter Ruhelosigkeit hinter dir hast, wird alles
+ganz leicht werden.
+
+_Sudarschana_
+
+Wie kommt das, daß es dir, der Magd, so leicht ist, und mir, der
+Königin, so schwer?
+
+_Surangama_
+
+Eben weil ich eine bloße Magd bin, hemmt mich keine Schwierigkeit.
+Als er am ersten Tag dies Gemach meiner Obhut vertraute und sagte:
+»Surangama, du wirst diese Kammer immer für mich in Bereitschaft halten,
+das ist deine ganze Aufgabe«, da sagte ich nicht, nicht einmal in
+Gedanken: »Oh, gib mir die Arbeit derer, die für das Licht in den andern
+Gemächern sorgen.« Nein, sondern sowie ich all meinen ganzen Sinn auf
+diese Aufgabe richtete, erwachte eine Gewalt in mir und wuchs und wurde
+ohne Widerstand Herr über jeden Teil von mir... Oh, da kommt er!... er
+steht draußen, vor der Tür. Herr! O König!
+
+_Gesang von außen_
+
+ Öffne die Tür. Ich warte.
+ Die Fähre des Lichts von Dämmrung zu Dunkel ist ruhen gegangen,
+ Der Abendstern steht am Himmel.
+ Hast du Blumen bereit, das Haar dir geflochten,
+ Umfließt dich weiß dein Kleid zur Nacht?
+ Das Vieh kam heim in den Pferch und die Vögel in ihre Nester.
+ Die wirr sich kreuzenden Pfade sind in Dunkel getaucht.
+ Öffne die Tür. Ich warte.
+
+_Surangama_
+
+O König, wer kann deine eignen Tore vor dir versperrt halten? Sie sind
+nicht geschlossen oder verriegelt -- sie werden sich weit aufschwingen,
+wenn du sie nur mit dem Finger berührst. Willst du sie nicht nur ein
+wenig berühren? Willst du nicht eintreten, bis ich gehe und die Tore
+öffne?
+
+_Gesang_
+
+ Mit einem Hauch kannst du meine Schleier lüften, Herr!
+ Wenn ich im Staub entschlafe und deinen Ruf nicht höre, würdest du
+ warten, bis ich erwache?
+ Würde die Erde nicht beben unter dem donnernden Rad deines
+ Streitwagens?
+ Würdest du nicht das Tor zertrümmern und ungebeten eingehn in dein
+ eigenes Haus?
+
+Dann geh du, o Königin, und öffne die Tür für ihn: er wird sonst nicht
+eintreten.
+
+_Sudarschana_
+
+Ich sehe nichts deutlich im Dunkel -- ich weiß nicht, wo die Tür ist. Du
+kennst hier alles -- geh und öffne die Tür für mich.
+
+Surangama öffnet die Tür, verbeugt sich tief vor dem König und geht
+hinaus. Der König bleibt während dieses ganzen Stückes unsichtbar.
+
+_Sudarschana_
+
+Warum erlaubst du mir nicht, dich im Licht zu sehen?
+
+_König_
+
+So willst du mich zwischen tausend Dingen im hellen Tageslicht sehen!
+Warum sollte ich nicht das einzige sein, was du in dieser Dunkelheit
+fühlen kannst?
+
+_Sudarschana_
+
+Aber ich _muß_ dich sehen -- mich verlangt es brennend nach deinem
+Anblick.
+
+_König_
+
+Du wirst nicht imstande sein, meinen Anblick zu ertragen -- er wird dir
+nur Qual bereiten, brennend heiße Qual.
+
+_Sudarschana_
+
+Wie kannst du sagen, daß ich deinen Anblick nicht zu ertragen vermöchte!
+Oh, ich kann schon in diesem Dunkel fühlen, wie lieblich und wunderbar
+du bist: warum sollte ich im Licht vor dir erschrecken? Aber sage mir,
+kannst du mich im Dunkel sehen?
+
+_König_
+
+Ja, ich sehe dich.
+
+_Sudarschana_
+
+Was siehst du?
+
+_König_
+
+Ich sehe, daß die Dunkelheit der unendlichen Himmel, ins Dasein
+geschleudert durch die Gewalt meiner Liebe, das Licht von
+Sternenmyriaden in sich gesogen und sich verkörpert hat in einer Gestalt
+von Fleisch und Blut. Und in dieser Form, was für Äonen von Denken und
+Ringen, was für ungezählte Sehnsüchte grenzenloser himmlischer Räume,
+welche Fülle der Gaben aus dem Meer der Zeiten!
+
+_Sudarschana_
+
+Bin ich so wunderbar, bin ich so schön? Höre ich dich so reden, so
+schwillt mein Herz von Freude und Stolz. Aber wie kann ich die
+wundervollen Dinge glauben, die du mir sagst? Ich kann sie in mir nicht
+finden!
+
+_König_
+
+Dein eigener Spiegel kann sie nicht wiedergeben -- er setzt dich herab,
+beschränkt dich, läßt dich klein und unbedeutend erscheinen. Doch
+könntest du dich in meinem Geist gespiegelt sehen, wie groß erschienest
+du! In meinem Herzen bist du nicht mehr das alltägliche Einzelwesen, das
+du zu sein meinst -- du bist in Wahrheit mein andres Ich.
+
+_Sudarschana_
+
+Oh, zeig' mir für einen Augenblick, wie man mit deinen Augen sieht! Gibt
+es für dich gar nichts wie Dunkelheit? Ich fürchte mich, wenn ich daran
+denke. Diese Dunkelheit, die für mich wirklich und stark wie der Tod
+ist -- ist sie für dich einfach nichts? Wie kann dann überhaupt eine
+Gemeinschaft zwischen uns sein, an einem Ort wie diesem? Nein, nein --
+es ist unmöglich: es besteht eine Schranke zwischen uns beiden: nicht
+hier, nein, nicht an diesem Ort. Ich muß dich finden und sehen, wo ich
+Bäume und Tiere, Vögel und Steine und die Erde sehe --
+
+_König_
+
+Nun gut, du kannst versuchen, mich zu finden -- aber niemand wird mich
+dir weisen. Du wirst mich erkennen müssen, wenn du kannst, du selbst.
+Und selbst wenn jemand sich anheischig macht, mich dir zu zeigen, wie
+kannst du gewiß sein, daß er die Wahrheit sagt?
+
+_Sudarschana_
+
+Ich werde dich kennen; ich werde dich wiedererkennen. Ich werde dich aus
+einer Million Menschen herausfinden. Ich kann mich nicht irren.
+
+_König_
+
+Gut also, heute nacht, während des Frühlingsvollmondfestes, magst du
+versuchen, mich von dem hohen Turm meines Palastes aus herauszufinden --
+suche nach mir mit deinen eigenen Augen unter der Volksmenge.
+
+_Sudarschana_
+
+Wirst du unter ihr sein?
+
+_König_
+
+Ich werde mich wieder und wieder zeigen, überall unter der Menge.
+Surangama!
+
+Surangama kommt herein.
+
+_Surangama_
+
+Was gebietest du, Herr?
+
+_König_
+
+Heute nacht ist das Frühlingsvollmondfest.
+
+_Surangama_
+
+Was soll ich heute nacht tun?
+
+_König_
+
+Heute ist ein Festtag, kein Werktag. Die Lustgärten stehen in voller
+Blüte -- du wirst da an meinem Feste teilnehmen.
+
+_Surangama_
+
+Ich werde tun, was du wünschest, Herr.
+
+_König_
+
+Die Königin will mich heute nacht mit ihren eigenen Augen sehen.
+
+_Surangama_
+
+Wo soll die Königin dich sehen?
+
+_König_
+
+Wo die Musik am süßesten spielt, wo die Luft von Blütenstaub schwer ist
+-- dort im silbernen Hain voll weichem Dämmerlicht.
+
+_Surangama_
+
+Was kann dort, wo Dunkel und Licht Versteck spielen, zu sehen sein? Dort
+ist der Wind wild und ruhlos, alles ist Tanz und rasche Bewegung -- wird
+es die Augen nicht verwirren?
+
+_König_
+
+Die Königin ist neugierig, mich herauszufinden.
+
+_Surangama_
+
+Die Neugier wird enttäuscht und in Tränen heimkehren!
+
+_Gesang_
+
+ Ach, sie lüstet's zu fliegen, die ruhlosen schweifenden Augen, die
+ wilden Vögel des Waldes!
+ Doch die Zeit der Ergebung wird für sie kommen, zu Ende ihr Hin- und
+ Herflug, wenn
+ Die Zaubermusik sie verfolgt und ihre Herzen durchbohrt.
+ Ach, die wilden Vögel verlangt's zu entflieh'n in die Wildnis!
+
+
+
+
+III.
+
+
+Vor den Lustgärten.
+
+Es treten auf Avanti, Koschala, Kantschi und andere Könige.
+
+_Avanti_
+
+Wird der König dieses Ortes uns nicht empfangen?
+
+_Kantschi_
+
+Was ist das für eine Art, ein Land zu regieren? Der König hält ein Fest
+in einem Wald, wo selbst das niedrigste und gemeinste Volk ungehindert
+Zutritt hat!
+
+_Koschala_
+
+Wir hätten wohl Anspruch auf einen besonders für uns reservierten und zu
+unserem Empfang hergerichteten Platz.
+
+_Kantschi_
+
+Wenn er einen solchen Platz nicht vorbereitet hat, werden wir ihn
+zwingen, einen für uns errichten zu lassen.
+
+_Koschala_
+
+All das macht natürlich zweifelhaft, ob dieses Volk überhaupt einen
+König hat -- es sieht aus, als ob ein unbegründetes Gerücht uns
+irregeführt hätte.
+
+_Avanti_
+
+Das mag sein, was den König angeht, aber Sudarschana, die Königin dieses
+Orts, ist durchaus kein unbegründetes Gerücht.
+
+_Koschala_
+
+Nur um ihretwillen hatte ich überhaupt Lust, hierher zu kommen. Es liegt
+mir nichts daran, jemanden zu sehen, der sich nie sehen läßt, aber es
+wäre ein törichter Fehler, wenn wir fortgingen, ohne das Wesen gesehen
+zu haben, um dessentwillen sich eine Reise im höchsten Grade lohnt.
+
+_Kantschi_
+
+Laßt uns denn einen bestimmten Plan entwerfen.
+
+_Avanti_
+
+Ein Plan ist ein treffliches Ding, solange man sich nicht selbst darein
+verwickelt.
+
+_Kantschi_
+
+Zum Henker, was ist das für ein Geschmeiß, das dort herumschwärmt? He!
+wer seid ihr?
+
+Großvater und die Knaben treten auf.
+
+_Großvater_
+
+Wir sind die lustige Schar der Habenichtse.
+
+_Avanti_
+
+Die Einführung war überflüssig. Aber ihr werdet euch etwas weiter
+zurückziehen und uns in Frieden lassen.
+
+_Großvater_
+
+Wir leiden nie unter Mangel an Raum: wir können es uns leisten, euch
+einen so weiten Spielraum zu lassen, wie euch beliebt. Das Wenige, das
+uns genügt, ist nie der Zankapfel zwischen streitenden Parteien. Nicht
+wahr, meine kleinen Freunde?
+
+Sie singen.
+
+_Gesang_
+
+ Wir sind die Habenichtse, fürwahr, wir haben gar nichts!
+ Wir singen lustig trallerala! trallerala!
+ 's gibt Leute, die bauen sich hohe Mauern aus Häusern
+ Auf Sümpfen mit goldenem Sand.
+ Wir stellen uns vor sie und singen
+ Trallerala! trallerala!
+ Taschendiebe kreisen um uns
+ Und ehren uns mit lüsternen Blicken.
+ Wir schütteln die leeren Taschen und singen
+ Trallerala! trallerala!
+ Schleicht der Tod, der alte Knochenmann, vor unsre Tür,
+ Wir schlagen ihm lachend ein Schnippchen,
+ Und singen im Chor mit fröhlichen Trillern
+ Trallerala! trallerala!
+
+_Kantschi_
+
+Sieh da drüben hin, Koschala, was sind das für Leute, die da des Weges
+kommen? Eine Pantomime? Der eine hat sich als König maskiert.
+
+_Koschala_
+
+Der König dieses Orts mag alle diese Narrenspossen dulden, wir aber
+werden dagegen einschreiten.
+
+_Avanti_
+
+Es ist vielleicht ein Häuptling vom Lande.
+
+Wachen zu Fuß treten auf.
+
+_Kantschi_
+
+Aus welchem Land stammt euer König?
+
+_Erster Soldat_
+
+Er ist der König dieses Landes. Er rüstet sich, das Fest zu leiten.
+
+Sie gehen weiter.
+
+_Koschala_
+
+Wie, der König dieses Landes kommt zum Fest!
+
+_Avanti_
+
+Wahrhaftig! Dann werden wir uns mit seinem Anblick begnügen und umkehren
+müssen -- ohne die reizvolle Königin gesehen zu haben.
+
+_Kantschi_
+
+Glaubst du wirklich, daß der Bursche die Wahrheit sagte? Jeder kann sich
+als König dieses königlosen Landes aufspielen. Kannst du nicht sehen,
+daß der Mensch wie ein aufgeputzter Maskenkönig aussieht -- viel zu sehr
+herausgeputzt?
+
+_Avanti_
+
+Aber er sieht hübsch aus -- seine Erscheinung ist nicht ohne einen
+gewissen gefälligen Reiz.
+
+_Kantschi_
+
+Er mag deinem Auge gefällig sein, aber wenn du ihn genau genug
+betrachtest, kannst du ihn nicht verkennen. Du wirst sehen, wie ich ihn
+vor euch allen entlarve.
+
+Der falsche »König« tritt auf.
+
+_»König«_
+
+Willkommen, Fürsten, in unserm Reich! Ich hoffe, meine Würdenträger
+haben geziemend für euren Empfang gesorgt?
+
+_Könige_ (mit verstellter Höflichkeit)
+
+O ja -- es fehlte nichts am Empfang.
+
+_Kantschi_
+
+Wenn irgend etwas fehlte, so ist es reichlich aufgewogen durch die Ehre,
+den Anblick Eurer Majestät genießen zu dürfen.
+
+_»König«_
+
+Wir zeigen uns nicht vor der großen Öffentlichkeit, aber eure große
+Ergebenheit und Treue macht es uns zum Vergnügen, uns euch nicht zu
+entziehen.
+
+_Kantschi_
+
+Die Gnade Euer Majestät ist wahrhaft überwältigend für uns.
+
+_»König«_
+
+Wir fürchten, wir werden hier nicht lange verweilen können.
+
+_Kantschi_
+
+Ich dachte mir es schon: Ihr seht nicht aus, als ob ihr es lange
+aushieltet.
+
+_»König«_
+
+Wenn ihr indessen uns um irgendwelche Gunst bitten möchtet --
+
+_Kantschi_
+
+Das möchten wir: aber wir möchten Euch gern vor etwas weniger Zeugen
+sprechen.
+
+_»König«_ (zu seinem Gefolge)
+
+Zieht euch etwas von unsrer Gegenwart zurück. (Sie ziehen sich zurück.)
+Nun könnt ihr euer Begehren ohne Rückhalt vorbringen.
+
+_Kantschi_
+
+Wir werden uns schon keine Zurückhaltung auferlegen; wir fürchten nur,
+daß ihr es für euch selbst werdet nötig finden.
+
+_»König«_
+
+O nein, in der Hinsicht könnt ihr unbesorgt sein.
+
+_Kantschi_
+
+Komm also, huldige uns, indem du uns deinen Kopf zu Füßen legst.
+
+_»König«_
+
+Es scheint, meine Diener haben den Varunibranntwein in den
+Empfangslagern zu freigiebig verteilt.
+
+_Kantschi_
+
+Falscher Betrüger, du bist es, der sich in einem Rausch der Überhebung
+befindet. Dein Kopf wird bald den Staub küssen.
+
+_»König«_
+
+Ihr Fürsten, solche derben Späße sind eines Königs nicht würdig.
+
+_Kantschi_
+
+Männer, die gebührend mit dir scherzen werden, sind zur Stelle. General!
+
+_»König«_
+
+Nicht weiter, ich fleh' euch an. Ich sehe wohl, ich schulde euch allen
+Huldigung. Der Kopf beugt sich von selbst hernieder -- es bedarf
+nicht der Anwendung irgendwelcher scharfer Maßnahmen, um ihn zu Boden
+zu legen. So, hier beuge ich mich tief vor euch allen. Wenn ihr mir
+freundlich erlaubt, mich davonzumachen, werde ich euch mit meiner
+Gegenwart nicht länger lästig fallen.
+
+_Kantschi_
+
+Warum solltest du dich davonmachen? Wir werden dich zum König dieses
+Ortes machen -- führen wir unsern Scherz zu seinem regelrechten Ende.
+Hast du irgendwelchen Anhang?
+
+_»König«_
+
+O ja! Alle, die mich auf den Straßen sehen, laufen hinter mir her. Als
+ich ein mageres Gefolge hatte, betrachtete mich erst jeder argwöhnisch,
+aber nun mit dem wachsenden Haufen zerstreuen sich die Zweifel immer
+mehr. Die Menge wird von ihrer eigenen Größe hypnotisiert. Ich brauche
+nun gar nichts weiter zu tun.
+
+_Kantschi_
+
+Ausgezeichnet! Von diesem Augenblick geloben wir alle, dir zu helfen und
+zu dir zu stehen. Doch wirst du uns einen Gegendienst leisten müssen.
+
+_»König«_
+
+Eure Befehle werden mir so heilig sein wie die Krone, die ihr mir aufs
+Haupt setzt.
+
+_Kantschi_
+
+Gegenwärtig wünschen wir weiter nichts, als die Königin Sudarschana zu
+sehen. Du wirst dafür sorgen.
+
+_»König«_
+
+Ich werde mir alle Mühe darum geben.
+
+_Kantschi_
+
+Zu deinen Bemühungen haben wir nicht viel Vertrauen -- du wirst einfach
+dich nach unsern Anweisungen richten. Nun aber kannst du gehen und dich
+mit allem möglichen Glanz und Prunk an dem Fest im königlichen Garten
+beteiligen.
+
+Sie gehen fort.
+
+Großvater und eine Schar von Bürgern treten auf.
+
+_Erster Bürger_
+
+Großvater, ich kann mir nicht helfen -- ja, und fünfhundertmal will ich
+es wiederholen -- unser König ist ein vollkommener Schwindel.
+
+_Großvater_
+
+Warum nur fünfhundertmal? Kein Grund zu so heldenmütiger
+Selbstbeherrschung -- du kannst es fünftausendmal sagen, wenn das dein
+Vergnügen erhöht.
+
+_Zweiter Bürger_
+
+Aber du kannst eine tote Lüge nicht für immer aufrechterhalten.
+
+_Großvater_
+
+Sie hat mich lebendig gemacht, mein Freund.
+
+_Dritter Bürger_
+
+Wir werden der ganzen Welt verkünden, daß unser König eine Lüge ist, der
+reinste und leerste Schatten!
+
+_Erster Bürger_
+
+Wir werden es alle von unsern Dächern schreien, daß wir keinen König
+haben -- mag er tun, was er will, wenn er existiert.
+
+_Großvater_
+
+Er wird gar nichts tun.
+
+_Zweiter Bürger_
+
+Mein Sohn wurde mit fünfundzwanzig Jahren innerhalb einer Woche von
+einem hitzigen Fieber vorzeitig dahingerafft. Hätte mich solch ein
+Unglück unter der Herrschaft eines tugendhaften Königs betreffen können?
+
+_Großvater_
+
+Aber dir sind immer noch zwei Söhne geblieben: während ich all meine
+fünf Kinder hintereinander verloren habe.
+
+_Dritter Bürger_
+
+Und was sagst du dazu?
+
+_Großvater_
+
+Was denn? Soll ich meinen König dazu verlieren, weil ich meine Kinder
+verloren habe? Für so einen ungeheuren Narren müßt ihr mich nicht
+halten.
+
+_Erster Bürger_
+
+Eine schöne Sache, zu streiten, ob ein König da ist oder nicht, wenn man
+aus Mangel an Nahrung einfach Hungers stirbt! Wird der König uns retten?
+
+_Großvater_
+
+Bruder, du hast Recht. Aber warum nicht den König suchen, dem all die
+Nahrung gehört. Mit deinem Jammern zu Hause wirst du ihn sicher nicht
+finden.
+
+_Zweiter Bürger_
+
+Sieh nur die Gerechtigkeit unsres Königs! Dieser Bhadrasen -- ihr wißt
+was es für ein rührender Anblick ist, wenn er von seinem König spricht
+-- der rührselige Dummkopf! Er ist auf einen solchen Grad von Armut
+herabgesunken, daß selbst die Fledermäuse, die bei ihm hausen, den Ort
+zu ungemütlich finden.
+
+_Großvater_
+
+Nun, seht nur mich an! Ich schufte und rackre Tag und Nacht für meinen
+König, aber ich habe für meine Mühen noch nicht einen roten Heller
+bekommen.
+
+_Dritter Bürger_
+
+Nun, und was hältst du davon?
+
+_Großvater_
+
+Was soll ich davon halten? Bezahlt denn jemand seine Freunde? Geht,
+Freunde, und sagt, wenn ihr wollt, unsern König gebe es nirgends. Auch
+das gehört mit zur Feier dieses Festes.
+
+
+
+
+IV.
+
+
+Turm des Königspalastes.
+
+Sudarschana und ihre Freundin Rohini.
+
+_Sudarschana_
+
+Du magst dich irren, Rohini, aber ich kann mich nicht irren: bin ich
+nicht die Königin? Der dort, sicher der dort muß mein König sein.
+
+_Rohini_
+
+Er, der dir so hohe Ehre verliehen hat, kann nicht lange zögern, sich
+dir zu zeigen.
+
+_Sudarschana_
+
+Seine Gestalt macht mich ruhlos wie einen Vogel im Käfig. Suchtest du,
+dich zu vergewissern, wer er ist?
+
+_Rohini_
+
+Ja. Jeder, den ich fragte, sagte, es sei der König.
+
+_Sudarschana_
+
+Von welchem Land ist er der König?
+
+_Rohini_
+
+Von unserm, König dieses Landes.
+
+_Sudarschana_
+
+Du meinst doch den dort, dem ein Sonnenschirm aus Blumen über das Haupt
+gehalten wird?
+
+_Rohini_
+
+Eben den: der, auf dessen Banner die Kimschuk-Blüte gemalt ist.
+
+_Sudarschana_
+
+Ich erkannte ihn natürlich sofort, aber du hattest deine Zweifel.
+
+_Rohini_
+
+Wir können uns leicht irren, meine Königin, und wir fürchten dich zu
+erzürnen, falls wir unrecht haben.
+
+_Sudarschana_
+
+Ich wollte, Surangama wäre da! Dann wäre kein Zweifel mehr möglich.
+
+_Rohini_
+
+Hältst du sie für klüger als uns alle?
+
+_Sudarschana_
+
+O nein, aber sie würde ihn sofort erkennen.
+
+_Rohini_
+
+Das kann ich nicht glauben. Sie tut nur so, als ob sie ihn kennte.
+Niemand kann dafür bürgen, daß sie den König kennt. Wären wir so
+schamlos wie sie, es wäre nicht schwer für uns gewesen, mit unserer
+Bekanntschaft mit dem König zu prahlen.
+
+_Sudarschana_
+
+Aber nein, sie prahlt niemals.
+
+_Rohini_
+
+Bloße Ziererei, weiter nichts; damit kommt man oft weiter als mit
+offenem Prahlen. Sie ist zu allen Streichen fähig: drum mochten wir sie
+nie leiden.
+
+_Sudarschana_
+
+Aber sag, was du willst, ich hätte sie gern gefragt, wenn sie hier wäre.
+
+_Rohini_
+
+Sehr wohl, Königin. Ich werde sie holen. Sie muß glücklich sein, wenn
+sie der Königin unentbehrlich ist, um den König zu erkennen.
+
+_Sudarschana_
+
+O nein -- es ist nicht darum -- aber ich hörte es gern von aller Welt
+bestätigt.
+
+_Rohini_
+
+Sagt es nicht alle Welt? Da, höre nur hin, die Jubelrufe des Volks
+dringen sogar bis zu dieser Höhe empor.
+
+_Sudarschana_
+
+Dann tu mir den einen Dienst: lege diese Blumen auf ein Lotusblatt und
+bringe sie ihm.
+
+_Rohini_
+
+Und was soll ich sagen, wenn er fragt, wer sie sendet?
+
+_Sudarschana_
+
+Du wirst nichts zu sagen brauchen -- er wird es wissen. Er meinte,
+ich würde nicht imstande sein, ihn zu erkennen: ich kann ihn nicht
+fortlassen, ohne ihm zu zeigen, daß ich ihn herausgefunden habe.
+
+Rohini geht mit den Blumen.
+
+_Sudarschana_
+
+Mein Herz ist voll Unruhe heute abend: so war mir nie zuvor zumute. Das
+weiße, silberne Licht des Vollmonds überflutet den Himmel und perlt nach
+allen Seiten wie der sprudelnde Schaum des Weins... Es faßt mich wie
+ein Taumel von Sehnsucht. Halt, wer ist da?
+
+Eine Dienerin tritt auf.
+
+_Dienerin_
+
+Was befehlen Majestät?
+
+_Sudarschana_
+
+Siehst du dort die fröhlichen Knaben, wie sie singend durch die
+Laubgänge und Alleen der Mangobäume ziehen? Rufe sie her, bring sie zu
+mir: ich möchte sie singen hören.
+
+Die Dienerin geht und kehrt mit den Knaben wieder.
+
+Kommt, lebendige Sinnbilder des jugendfrischen Frühlings, hebt euren
+Festgesang an! Meine ganze Seele und mein Leib ist heute abend Gesang
+und Musik -- doch die unaussprechliche Melodie will mir nicht von der
+Zunge: singt ihr denn an meiner Statt!
+
+_Gesang_
+
+ Mein Leid ist mir süß, heut in dieser Frühlingsnacht.
+ Mein Schmerz greift in die Saiten der Liebe und läßt sie leise
+ erklingen.
+ Lockende Bilder, aus meiner Sehnsucht geboren, gleiten im Mondschein
+ dahin.
+ Der Duft aus der Tiefe der Wälder verirrt sich in meine Träume.
+ Worte kommen flüsternd an mein Ohr, ich weiß nicht, woher,
+ Und die Glöckchen an meinen Fußspangen zittern und klingen im Takt zum
+ Tanz meines Herzens.
+
+_Sudarschana_
+
+Genug, genug -- ich ertrag' es nicht länger! Euer Gesang hat meine Augen
+mit Tränen gefüllt... Mich wandelt es an -- Sehnsucht kann nie ihren
+Gegenstand finden -- sie braucht ihn nicht zu finden. Welch lieblicher
+Sänger der Wildnis hat euch dies Lied gelehrt? O, daß meine Augen den
+sehen könnten, dessen Gesang meine Ohren gehört haben! Ach, wie ich mich
+sehne -- mich sehne, in Liebesverzückung im Waldesdickicht des Herzens
+mich zu verlieren! Liebe Knaben der Waldwildnis! wie soll ich euch
+lohnen? Dieses Halsband ist nur aus Juwelen, aus harten Steinen gemacht
+-- ihre Härte wird euch weh tun -- ich besitze nichts dergleichen wie
+die Blumenkränze, die euch zieren.
+
+Die Knaben verbeugen sich und gehen ab.
+
+Rohini tritt auf.
+
+_Sudarschana_
+
+Ich habe nicht recht getan -- ich habe nicht recht getan, Rohini. Ich
+schäme mich, dich zu fragen, was geschah. Ich habe jetzt eben erkannt,
+daß keine Hand in Wahrheit die größte der Gaben geben kann. Doch laß
+mich alles hören.
+
+_Rohini_
+
+Als ich dem König die Blumen gab, sah er nicht so aus, als verstünde er
+etwas davon.
+
+_Sudarschana_
+
+Das kann nicht sein! Er verstand nicht --?
+
+_Rohini_
+
+Nein; er saß da wie eine Puppe, ohne ein einziges Wort zu äußern. Ich
+glaube, er wollte nicht zeigen, daß er nichts verstand, daher tat er den
+Mund nicht auf.
+
+_Sudarschana_
+
+Pfui über mich! Meine Schamlosigkeit ist gerecht bestraft worden. Warum
+hast du meine Blumen nicht zurückgebracht?
+
+_Rohini_
+
+Wie konnte ich? Der König von Kantschi, ein sehr gewitzigter Mann, der
+neben ihm saß, begriff alles mit einem Blick, und er lächelte nur eben
+ein bißchen und sagte: »Majestät, die Königin Sudarschana sendet Euch
+ihre Grüße mit diesen Blumen -- mit Blumen, die dem Gott der Liebe
+gehören, dem Freund des Frühlings!« Der König schien mit einem Male
+aufzuwachen und sagte: »Das ist die Krone all meiner Königsherrlichkeit
+heute Nacht.« Ich wandte mich, ganz außer Fassung, zum Gehen, als der
+König von Kantschi dem König dieses Juwelenhalsband abnahm und zu mir
+sagte: »Freundin, dies Königsgeschmeide will zu dir, zum Dank für das
+frohe Glück, das du gebracht hast.«
+
+_Sudarschana_
+
+Wie, Kantschi mußte dem König all das begreiflich machen! Weh mir,
+dies nächtliche Fest hat die Tore der Schmach und Schande weit vor mir
+geöffnet. Was andres konnte ich erwarten? Verlaß mich, Rohini; ich muß
+eine Weile allein sein. (Rohini geht ab.) Ein furchtbarer Schlag hat all
+meinen Stolz zu Staub zerschlagen, und doch ... ich kann diese schöne,
+bezaubernde Gestalt nicht aus dem Gedächtnis löschen! Kein Stolz ist mir
+geblieben ... ich bin geschlagen, vernichtet, gänzlich hilflos ... ich
+kann nicht einmal die Augen von ihm abwenden. Oh, wie mir wieder und
+wieder der Wunsch kommt, Rohini um diese Kette zu bitten! Aber was würde
+sie denken! Rohini!
+
+Rohini kommt.
+
+_Rohini_
+
+Was ist dein Wunsch?
+
+_Sudarschana_
+
+Welchen Lohn verdienst du für deine heutigen Dienste?
+
+_Rohini_
+
+Nichts von dir -- aber ich bekam meinen Lohn von dem König, wie sich's
+gebührt.
+
+_Sudarschana_
+
+Das ist keine freie Gabe, sondern eine erzwungene Belohnung. Ich möchte
+nicht etwas an dir sehen, was auf so gleichgültige Art gegeben wurde.
+Leg es ab, ich gebe dir meine Armspangen, wenn du es hier läßt. Nimm
+diese Armspangen und geh nun. (Rohini geht ab.) Welch neue Schmach!
+Ich hätte dieses Halsband wegwerfen sollen -- aber ich kann nicht! Es
+sticht mich, als ob es ein Dornenkranz wäre -- aber ich kann es nicht
+wegwerfen. Das also hat mir der Festgott heute zur Nacht beschert --
+dieses Halsband der Schmach und Schande!
+
+
+
+
+V.
+
+
+Großvater nahe am Tor des Lusthauses.
+
+Eine Gesellschaft von Männern.
+
+_Großvater_
+
+Habt ihr genug davon bekommen, Freunde?
+
+_Erster Mann_
+
+Oh, mehr als genug, Großvater. Sieh nur, sie haben mich über und über
+rot gemacht. Keiner ist davongekommen[A].
+
+_Großvater_
+
+Wirklich? Haben sie die Könige auch mit rotem Puder beworfen?
+
+_Zweiter Mann_
+
+Wer konnte ihnen denn nahe kommen? Sie waren alle sicher auf ihrem
+eingehegten Platz.
+
+_Großvater_
+
+So sind sie euch entkommen! Konntet ihr nicht die geringste Spur Farbe
+auf sie werfen? Ihr hättet euch den Weg dahin erzwingen sollen.
+
+_Dritter Mann_
+
+Mein lieber Alter, sie haben eine andere Sorte Rot, die ihnen
+vorbehalten ist. Ihre Augen sind rot; die Turbane ihrer Wachen und ihres
+Gefolges sind auch rot. Und die letztern schwangen ihre Schwerter so
+in der Luft herum, daß eine weitere Annäherung von unserer Seite ein
+reichliches Zutagetreten der grundlegenden roten Farbe bedeutet hätte.
+
+_Großvater_
+
+Wohlgetan, Freunde -- haltet sie immer in einiger Entfernung. Sie sind
+die Verbannten der Erde, und wir haben das Amt, dafür zu sorgen, daß es
+so bleibt.
+
+_Dritter Mann_
+
+Ich gehe heim, Großpapa; Mitternacht ist vorüber.
+
+Geht ab.
+
+Eine Schar Sänger kommt singend herbei.
+
+ Schwarz und Weiß ist nicht mehr geschieden,
+ Ist rot geworden -- rot wie eure Füße gefärbt sind.
+ Rot ist mein Wams und rot meine Träume,
+ Mein Herz schwankt und schwingt wie ein roter Lotus.
+
+_Großvater_
+
+Vortrefflich, meine Freunde, glänzend! So hattet ihr wirklich
+genußreiche Stunden!
+
+_Die Sänger_
+
+Oh, und wie sehr! Alles war rot, rot! Nur der Mond am Himmel ließ uns im
+Stich: er blieb weiß.
+
+_Großvater_
+
+Er sieht nur von außen so unschuldig drein. Hättet ihr nur seine weiße
+Maske weggenommen, ihr hättet seine Schelmerei schon gesehen. Ich habe
+beobachtet, was für rote Farben er heute nacht auf die Erde wirft. Und
+doch, sollte man es für möglich halten, daß er dabei die ganze Zeit weiß
+und farblos bleibt!
+
+_Gesang._
+
+ Auf dich seh ich's ab, Liebe, mein Lieb!
+ Mein Herz ist toll, gibt sich nimmer besiegt,
+ Meinst du, ungefärbt zu entkommen,
+ Wenn du mich mit rotem Puder rötest?
+ Könnt ich nicht dein Kleid färben mit dem roten Blütenstaub meines
+ Herzens?
+
+Sie gehen ab.
+
+Der »König« und Kantschi treten auf.
+
+_Kantschi_
+
+Du mußt genau tun, was ich dir gesagt habe. Daß du mir nichts
+übersiehst!
+
+_»König«_
+
+Ich werde nichts übersehen.
+
+_Kantschi_
+
+Die Gemächer der Königin Sudarschana liegen in den...
+
+_»König«_
+
+Ja, Herr, ich habe den Ort gemerkt.
+
+_Kantschi_
+
+Was du zu tun hast, ist, im Garten Feuer anzulegen, und dann wirst
+du aus dem Durcheinander und der Verwirrung Vorteil ziehen, um deine
+Aufgabe zielbewußt zu vollbringen.
+
+_»König«_
+
+Ich werde daran denken.
+
+_Kantschi_
+
+Sieh einmal, Herr Prätendent, ich glaube doch, daß unsere Furcht ganz
+unbegründet ist -- es gibt in Wahrheit keinen König in diesem Lande.
+
+_»König«_
+
+Mein einziges Ziel ist, dieses Land aus der Anarchie zu retten. Der
+gemeine Mann kann ohne König nicht leben, ob dieser nun echt ist oder
+falsch! Anarchie ist immer eine Quelle der Gefahr.
+
+_Kantschi_
+
+Frommer Wohltäter des Volkes, deine wundervolle Aufopferung sollte
+wirklich uns allen ein Beispiel sein. Ich gedenke dem Volke diesen
+außerordentlichen Dienst in eigener Person zu erweisen.
+
+Sie gehen ab.
+
+
+
+
+VI.
+
+
+Im Garten.
+
+_Rohini_
+
+Was gibt es denn? Ich kann nicht herausbekommen, was all das ist! (Zu
+den Gärtnern) Wohin geht ihr alle in solcher Eile?
+
+_Erster Gärtner_
+
+Wir gehen aus dem Garten.
+
+_Rohini_
+
+Wohin?
+
+_Zweiter Gärtner_
+
+Wir wissen nicht, wohin -- der König hat uns gerufen.
+
+_Rohini_
+
+Aber der König ist doch hier in diesem Garten. Welcher König hat euch
+gerufen?
+
+_Erster Gärtner_
+
+Das wissen wir nicht.
+
+_Zweiter Gärtner_
+
+Der König, dem wir unser Lebtag gedient haben, natürlich.
+
+_Rohini_
+
+Wollt ihr alle gehen?
+
+_Erster Gärtner_
+
+Ja, alle -- wir müssen sofort gehen. Sonst könnten wir zu Schaden
+kommen.
+
+Sie gehen ab.
+
+_Rohini_
+
+Ich kann ihre Worte nicht verstehen... Ich fürchte mich. Sie rennen
+davon wie wilde Tiere, die in dem Augenblick entfliehen, ehe die Flut
+den Damm durchbricht.
+
+Der König von Koschala tritt auf.
+
+Rohini, weißt du, wo dein König und Kantschi hingegangen
+sind?
+
+_Rohini_
+
+Sie sind irgendwo im Garten, aber ich kann nicht sagen, wo.
+
+_Koschala_
+
+Ich verstehe wirklich nicht, was sie vorhaben. Ich habe nicht wohl daran
+getan, mein Vertrauen auf Kantschi zu setzen. Ab.
+
+_Rohini_
+
+Was ist das für eine dunkle Sache, mit der sich diese Könige abgeben?
+Etwas Schreckliches bereitet sich vor. Werde ich in diese Sache
+hineingezogen werden?
+
+Avanti tritt auf.
+
+_Avanti_
+
+Rohini, weißt du, wo die andern Fürsten sind?
+
+_Rohini_
+
+Es ist schwer zu sagen, wo sie alle hingekommen sind. Der König von
+Koschala ging jetzt eben in dieser Richtung hier vorbei.
+
+_Avanti_
+
+Ich denke nicht an Koschala. Wo sind euer König und Kantschi?
+
+_Rohini_
+
+Ich habe sie seit langer Zeit nicht gesehen.
+
+_Avanti_
+
+Kantschi weicht mir immer aus. Er plant gewiß, uns alle zu betrügen. Ich
+habe nicht wohl daran getan, meine Hand in diese Wirrnis zu stecken.
+Freundin, könntest du mir freundlich einen Weg aus diesem Garten weisen?
+
+_Rohini_
+
+Ich weiß keinen.
+
+_Avanti_
+
+Ist niemand hier, der mir den Weg hinaus zeigen kann?
+
+_Rohini_
+
+Die Diener haben alle den Garten verlassen.
+
+_Avanti_
+
+Warum taten sie das?
+
+_Rohini_
+
+Ich konnte nicht genau verstehen, was sie meinten. Sie sagten, der König
+hätte ihnen befohlen, den Garten sofort zu verlassen.
+
+_Avanti_
+
+Der König? Welcher König?
+
+_Rohini_
+
+Sie konnten es nicht genau sagen.
+
+_Avanti_
+
+Das klingt nicht gut. Ich muß um jeden Preis einen Weg hinausfinden. Ich
+kann hier keinen Augenblick länger bleiben.
+
+Geht eilig ab.
+
+_Rohini_
+
+Wo kann ich den König finden? Als ich ihm die Blumen gab, die die
+Königin gesandt hatte, da schien er sich nicht viel um mich zu kümmern;
+aber seit der Stunde hat er Gaben und Geschenke auf mich gehäuft.
+Diese grundlose Freigebigkeit macht mich noch ängstlicher... Wohin
+fliegen die Vögel zu dieser Stunde der Nacht? Was hat sie plötzlich
+aufgeschreckt? Das ist nicht die gewohnte Zeit ihres Fluges, gewiß
+nicht... Warum rennt der Königin zahmes Reh dieses Wegs? Tschapata!
+Tschapata! Es hört nicht einmal meinen Ruf. Ich habe nie eine Nacht wie
+diese gesehen. Der Horizont wird auf allen Seiten plötzlich rot, wie das
+Auge eines Wahnsinnigen! Die Sonne scheint zu so ungewohnter Stunde auf
+allen Seiten zugleich unterzugehen. Welcher Wahnsinn des Allmächtigen
+ist dies! ... Oh, ich fürchte mich! ... Wo kann ich den König finden?
+
+
+
+
+VII.
+
+
+Am Tor zum Palast der Königin.
+
+_»König«_
+
+Was hast du getan, Kantschi?
+
+_Kantschi_
+
+Ich wollte nur diesen Teil des Gartens beim Palast in Brand stecken.
+Ich hatte keine Ahnung, daß das Feuer sich so schnell nach allen Seiten
+verbreiten würde. Sag mir schnell den Weg aus diesem Garten.
+
+_»König«_
+
+Ich kann ihn dir nicht sagen. Die uns hierher geführt haben, sind alle
+entflohen.
+
+_Kantschi_
+
+Du bist ein Eingeborner dieses Landes -- du mußt den Weg wissen.
+
+_»König«_
+
+Ich habe diese inneren Königsgärten nie zuvor betreten.
+
+_Kantschi_
+
+Ich will davon nichts hören -- du mußt mir den Weg zeigen, oder ich
+spalte dich in zwei Teile.
+
+_»König«_
+
+Du kannst mir auf diese Weise das Leben nehmen, aber es würde dir wenig
+helfen, den Weg aus diesem Garten zu finden.
+
+_Kantschi_
+
+Warum liefst du dann herum und sagtest, du wärest der König dieses
+Landes?
+
+_»König«_
+
+Ich bin nicht der König -- ich bin nicht der König.
+
+Wirft sich mit gefalteten Händen zu Boden.
+
+Wo bist du, mein König? Rette mich, oh, rette mich! Ich bin ein Empörer
+-- strafe mich, aber töte mich nicht!
+
+_Kantschi_
+
+Was nützt es, sich zu krümmen und in die leere Luft zu schreien? Nutze
+die Zeit lieber und such nach dem Wege!
+
+_»König«_
+
+Ich will mich hierher legen -- ich rühre mich nicht von der Stelle.
+Komme was will, ich werde nicht klagen.
+
+_Kantschi_
+
+Ich will all diesen Unsinn nicht dulden. Wenn ich verbrennen muß, sollst
+du mir zum letzten Ende Gesellschaft leisten.
+
+_Stimme von außen_
+
+Oh, rette uns, rette uns, König! Das Feuer kommt von allen Seiten über
+uns!
+
+_Kantschi_
+
+Narr, steh auf, verliere keine Zeit mehr.
+
+_Sudarschana_ (tritt auf)
+
+König, o mein König! rette mich, rette mich vor dem Tode! Ich bin vom
+Feuer umzingelt.
+
+_»König«_
+
+Wer ist der König? Ich bin kein König.
+
+_Sudarschana_
+
+Du bist nicht der König?
+
+_»König«_
+
+Nein, ich bin ein Heuchler, ich bin ein Schuft.
+
+Seine Krone zu Boden werfend.
+
+Mag mein Trug und Heuchelei zu Staub zerstieben!
+
+Ab mit Kantschi.
+
+_Sudarschana_
+
+Kein König? Er ist nicht der König? Dann, o du Feuergott, verbrenne
+mich, vernichte mich zu Asche! Ich will mich dir selbst in die Arme
+werfen, o du großer Reiniger; verbrenne meine Schmach, mein Verlangen,
+meine Begierde zu Asche.
+
+_Rohini_ (tritt auf)
+
+Königin, wohin gehst du? All deine innern Gemächer sind in rasendes
+Feuer gehüllt -- geh nicht hinein.
+
+_Sudarschana_
+
+Ja, ich will in diese brennenden Räume hineingehn! Es ist mein
+Totenfeuer!
+
+Sie geht in den Palast.
+
+
+
+
+VIII.
+
+
+Die dunkle Kammer. Der König und Sudarschana.
+
+_König_
+
+Fürchte dich nicht -- du hast keinen Grund zur Angst. Das Feuer wird
+nicht in dies Gemach dringen.
+
+_Sudarschana_
+
+Ich habe keine Angst -- aber oh, die Scham verfolgt mich wie ein
+rasendes Feuer. Mein Gesicht, meine Augen, mein Herz, jeder Teil meines
+Körpers wird von ihren Flammen versengt und verbrannt.
+
+_König_
+
+Es wird eine Zeit vergehen, ehe du über diesen Brand hinwegkommst.
+
+_Sudarschana_
+
+Dieses Feuer wird nie aufhören -- wird nie aufhören!
+
+_König_
+
+Verzage nicht, Königin!
+
+_Sudarschana_
+
+O König, ich will dir nichts verbergen... Ich trage eines anderen Kette
+um meinen Hals.
+
+_König_
+
+Auch diese Kette ist mein -- wie sonst hätte er zu ihr kommen sollen? Er
+stahl sie aus meiner Kammer.
+
+_Sudarschana_
+
+Aber sie ist _sein_ Geschenk an mich: und doch konnte ich diese Kette
+nicht fortschleudern! Als das Feuer brüllend von allen Seiten kam,
+dachte ich daran, diese Kette ins Feuer zu werfen. Aber nein, ich
+konnte nicht. Mein Geist flüsterte: »Behalte diese Kette im Tode an«...
+Was für ein Feuer ist das, o König, in das ich, die hinausgegangen war,
+dich zu sehen, sprang, wie eine Motte, die der Flamme nicht widerstehen
+kann! Welch eine Qual ist das, oh, welch ein Todeskampf! Das Feuer
+brennt so wild weiter wie je, und doch lebe ich weiter in seinen
+Flammen!
+
+_König_
+
+Aber du hast mich schließlich gesehen -- deine Sehnsucht ist gestillt
+worden.
+
+_Sudarschana_
+
+Aber suchte ich dich denn mitten in diesem grauenhaften Verderben? Ich
+weiß nicht, was ich sah, doch mein Herz pocht noch wild vor Angst.
+
+_König_
+
+Was sahest du?
+
+_Sudarschana_
+
+Grauenhaft -- oh, es war grauenhaft! Ich fürchte mich, auch nur noch
+daran zu denken. Schwarz, schwarz -- o du bist schwarz wie die ewige
+Nacht! Ich habe dich nur einen einzigen entsetzlichen Augenblick
+gesehen. Der Feuerschein fiel auf deine Züge -- du sahst wie die
+schaudervolle Nacht aus, wenn ein Komet unheilverkündend über uns
+schwebt -- oh, da schloß ich die Augen -- ich konnte deinen Anblick
+nicht mehr ertragen. Schwarz wie die drohende Wetterwolke, schwarz wie
+das uferlose Meer mit dem gespenstischen Rot des Zwielichts auf seinen
+tosenden Wogen!
+
+_König_
+
+Habe ich dir nicht vorausgesagt, daß man meinen Anblick nicht ertragen
+kann, wenn man nicht schon darauf vorbereitet ist? Man möchte vor mir
+zum Ende der Welt fliehen. Habe ich das nicht zahllose Male gesehen?
+Darum wollte ich mich dir langsam und allmählich enthüllen, nicht gar zu
+plötzlich.
+
+_Sudarschana_
+
+Aber es kam die Sünde und vernichtete alle deine Hoffnungen -- die
+bloße Möglichkeit einer Gemeinschaft mit dir ist für mich nun undenkbar
+geworden.
+
+_König_
+
+Sie wird mit der Zeit möglich werden, meine Königin. Die gräßliche
+düstere Schwärze, die dich heute bis in die Seele mit Furcht geschlagen
+hat, wird eines Tages dein Trost und dein Heil sein. Wofür sonst kann
+meine Liebe da sein?
+
+_Sudarschana_
+
+Es kann nicht sein, es ist nicht möglich. Was will _deine_ Liebe
+allein noch tun? _Meine_ Liebe hat sich nun von dir abgewandt. Die
+Schönheit hat ihren Zauber auf mich geworfen, diese Raserei, dieser
+Rausch wird mich nie mehr verlassen -- sie hat meine Augen mit ihrem
+Glanz geblendet und entflammt, sie hat ihren goldenen Schimmer bis in
+meine Träume geworfen! Ich habe dir nun alles gesagt -- strafe mich, wie
+dir beliebt.
+
+_König_
+
+Die Strafe hat schon begonnen.
+
+_Sudarschana_
+
+Doch willst du mich nicht strafen so stoße mich von dir. Ich will dich
+verlassen --
+
+_König_
+
+Du hast vollkommene Freiheit, zu tun, was dir beliebt.
+
+_Sudarschana_
+
+Ich kann deine Gegenwart nicht ertragen! Mein Herz ist böse auf dich.
+Warum warst du -- aber was hast du mir getan?... Warum bist du so?
+Warum haben sie mir gesagt, du wärest stattlich und schön? Du bist
+schwarz, schwarz wie die Nacht -- ich werde dich nie, ich kann dich nie
+liebhaben. Ich habe gesehen, was ich liebe -- es ist sanft und weich wie
+Samt, zart wie die _Schirischa_-Blume, strahlend wie ein Schmetterling.
+
+_König_
+
+Es ist falsch wie eine Fata Morgana, leer wie eine Seifenblase.
+
+_Sudarschana_
+
+Mag sein -- aber ich kann deine Nähe nicht ertragen -- ich kann einfach
+nicht! Ich muß von hier fliehen. Eine Gemeinschaft mit dir, das kann
+nicht möglich sein! Sie kann nichts anderes sein als ein falscher Bund
+-- mein Geist muß sich unweigerlich von dir abkehren.
+
+_König_
+
+Willst du es nicht einmal ein wenig versuchen?
+
+_Sudarschana_
+
+Ich habe es seit gestern versucht -- aber je mehr ich versuche, um so
+mehr empört sich mein Herz. Wenn ich bei dir bleibe, werde ich beständig
+von dem Gedanken verfolgt und gehetzt, daß ich unrein bin, daß ich
+falsch und treulos bin.
+
+_König_
+
+Nun wohl, du kannst so weit von mir gehen, als dir beliebt.
+
+_Sudarschana_
+
+Ich kann von dir nicht fliehen -- gerade weil du mein Gehen nicht
+hinderst. Warum hältst du mich nicht mit Gewalt an den Haaren zurück
+und sagst: »Du sollst nicht gehen?« Warum schlägst du mich nicht? O
+strafe mich, triff mich, schlag mich mit gewaltiger Hand! Aber dein
+widerstandsloses Schweigen macht mich wild -- oh, ich kann's nicht
+ertragen!
+
+_König_
+
+Warum glaubst du, daß ich in Wirklichkeit still bin? Woher weißt du, daß
+ich nicht versuche, dich zurückzuhalten?
+
+_Sudarschana_
+
+Oh, nein, nein! -- Ich kann das nicht ertragen -- sag mir laut, befiehl
+mir mit der Stimme des Donners, zwinge mich mit Worten, die alles andere
+übertönen -- laß mich nicht so leicht, so mild von dir!
+
+_König_
+
+Ich werde dich frei lassen, aber warum sollte ich zulassen, daß du dich
+von mir losreißest?
+
+_Sudarschana_
+
+Das willst du nicht zulassen? Wohlan denn, ich muß gehen!
+
+_König_
+
+Geh denn!
+
+_Sudarschana_
+
+So bin ich gar nicht zu tadeln. Du hättest mich mit Gewalt zurückhalten
+können, aber du tatest es nicht! Du hast mich nicht gehindert -- und nun
+werde ich fortgehen. Befiehl deinen Wachen, mich nicht gehen zu lassen!
+
+_König_
+
+Niemand wird dir in den Weg treten. Du kannst so frei gehen wie die
+zerrissene Wetterwolke, die vom Sturm gepeitscht wird.
+
+_Sudarschana_
+
+Ich kann nicht mehr widerstehen -- etwas in mir jagt mich vorwärts -- es
+treibt mich von meinem Anker! Vielleicht werde ich versinken, aber ich
+werde nie mehr zurückkehren.
+
+Sie stürzt hinaus.
+
+Surangama tritt auf.
+
+_Surangama_ (singt)
+
+Was hat dein Wille mit mir vor, daß er mich in die Weite sendet? Zu
+deinen Füßen werde ich wieder von meiner Wanderschaft zurückkehren.
+
+Deine Liebe ist es, die sich hinter dem Schein der Nachlässigkeit
+verbirgt, deine zärtlichen Hände stoßen mich fort, um mich wieder in
+deine Arme zu ziehn! O mein König, was ist's für ein Spiel, das du
+überall in deinem Reiche treibst?
+
+_Sudarschana_ (kehrt zurück)
+
+König, o König!
+
+_Surangama_
+
+Er ist fortgegangen.
+
+_Sudarschana_
+
+Fortgegangen? Wohlan denn ... dann hat er mich endgültig verstoßen! Ich
+bin zurückgekehrt, aber er hat nicht einen einzigen kleinen Augenblick
+auf mich warten können! Sehr gut denn, ich bin nun vollkommen frei.
+Surangama, hat er dich geheißen, mich zurückzuhalten?
+
+_Surangama_
+
+Nein, er hat nichts gesagt.
+
+_Sudarschana_
+
+Warum sollte er etwas sagen? Warum sollte er sich um mich kümmern?
+... Ich bin also frei, vollkommen frei. Aber, Surangama, ich wollte
+den König etwas fragen, konnte es aber in seiner Gegenwart nicht
+herausbringen. Sag mir, ob er die Gefangenen mit dem Tode bestraft hat.
+
+_Surangama_
+
+Mit dem Tode? Mein König straft nie mit dem Tode.
+
+_Sudarschana_
+
+Was hat er ihnen denn getan?
+
+_Surangama_
+
+Er hat sie in Freiheit gesetzt. Kantschi hat seine Niederlage anerkannt
+und ist in sein Königreich heimgekehrt.
+
+_Sudarschana_
+
+Ach, was für eine Erlösung!
+
+_Surangama_
+
+Meine Königin, ich habe eine einzige Bitte an dich.
+
+_Sudarschana_
+
+Du brauchst deine Bitte nicht auszusprechen, Surangama. Alle Geschmeide
+und Schmucksachen, die der König mir gab, lasse ich dir -- ich bin nicht
+würdig, sie von nun an zu tragen.
+
+_Surangama_
+
+Nein, ich brauche sie nicht, meine Königin. Mein Herr hat mir nie
+irgendwelchen Schmuck zu tragen gegeben -- mein schmuckloses Aussehen
+ist für mich gut genug. Er hat mir nichts gegeben, womit ich vor den
+Leuten prahlen könnte.
+
+_Sudarschana_
+
+Was willst du sonst von mir?
+
+_Surangama_
+
+Ich will mit dir gehn, meine Königin.
+
+_Sudarschana_
+
+Bedenke, was du da sagst; du verlangst, deinen Herrn zu verlassen. Was
+für eine Bitte ist das für dich!
+
+_Surangama_
+
+Ich werde nicht weit von ihm fortgehen -- wenn du unbehütet fortgehst,
+wird er bei dir sein, dicht dir zur Seite.
+
+_Sudarschana_
+
+Du redest Unsinn, mein Kind. Ich wollte Rohini mit mir nehmen, aber sie
+wollte nicht. Was gibt dir den Mut zu dem Wunsche, mit mir zu kommen?
+
+_Surangama_
+
+Ich besitze weder Mut noch Kraft. Aber ich werde gehen -- der Mut wird
+von selbst kommen, und auch die Kraft wird kommen.
+
+_Sudarschana_
+
+Nein, ich kann dich nicht mitnehmen; deine Gegenwart wird mich beständig
+an meine Schmach erinnern; ich werde das nicht ertragen können.
+
+_Surangama_
+
+O meine Königin, ich habe wie all dein Gutes so auch all dein Böses mir
+zu eigen gemacht; willst du mich noch als Fremde behandeln? Ich muß mit
+dir gehn.
+
+
+
+
+IX.
+
+
+Der König von Kanya Kubja, Vater von Sudarschana, und sein Minister.
+
+_König von Kanya Kubja_
+
+Ich hörte alles vor ihrer Ankunft.
+
+_Minister_
+
+Die Prinzessin wartet allein außerhalb der Stadttore am Ufer des
+Flusses. Soll ich Leute senden, um sie zu Hause willkommen zu heißen?
+
+_König von Kanya Kubja_
+
+Wie! Für sie, die treulos ihren Gatten verlassen hat -- da willst du
+ihre Schmach und Schande in aller Welt ausposaunen und ein Schaustück
+für sie in Szene setzen?
+
+_Minister_
+
+Soll ich dann Anordnungen treffen, um ihr eine Wohnung im Palaste
+herzurichten?
+
+_König von Kanya Kubja_
+
+Du wirst nichts der Art tun. Sie hat ihren Platz als Königin aus eigenem
+Entschluß verlassen -- hier wird sie als Magd arbeiten müssen, wenn sie
+in meinem Hause zu bleiben wünscht.
+
+_Minister_
+
+Es wird schwer und bitter für sie sein, Euer Hoheit.
+
+_König von Kanya Kubja_
+
+Wenn ich versuche, sie vor Leiden zu bewahren, dann bin ich nicht wert,
+ihr Vater zu sein.
+
+_Minister_
+
+Ich werde alles ordnen, wie Ihr wünscht, Euer Hoheit.
+
+_König von Kanya Kubja_
+
+Es soll verborgen bleiben, daß sie meine Tochter ist, sonst geraten wir
+alle in ein entsetzliches Unheil.
+
+_Minister_
+
+Warum fürchtet Ihr Unheil davon, Euer Hoheit?
+
+_König von Kanya Kubja_
+
+Wenn das Weib vom rechten Weg abweicht, dann erscheint sie mit dem
+furchtbaren Unheil beladen. Du weißt nicht, welche tödliche Furcht diese
+meine Tochter mir eingeflößt hat -- sie ist heimgekommen, beladen mit
+Schrecknis und Gefahr.
+
+
+
+
+X.
+
+
+Innere Gemächer des Palastes.
+
+Sudarschana und Surangama.
+
+_Sudarschana_
+
+Geh fort von mir, Surangama! Ein tödlicher Zorn rast in mir -- ich
+kann niemanden ertragen -- es macht mich wild, dich so geduldig und
+unterwürfig zu sehn.
+
+_Surangama_
+
+Auf wen bist du zornig?
+
+_Sudarschana_
+
+Ich weiß nicht; aber ich möchte alles vernichtet und unter Trümmern und
+Elend begraben sehn! In einem Augenblick verließ ich meinen Platz als
+Königin auf dem Thron. Gab ich alles hin, um mich in dieser düsteren
+Höhle als Sklavin abzuplagen? Warum flammen für mich nicht die Fackeln
+der Trauer über die ganze Welt? Warum zittert und bebt nicht die Erde?
+Ist mein Sturz nicht mehr als das unbemerkte Fallen der armseligen
+Bohnenblüte? Ist er nicht eher wie der Fall eines glühenden Sternes,
+dessen flammende Lohe den Himmel in Stücke reißt?
+
+_Surangama_
+
+Ein mächtiger Wald raucht und glimmt innen, ehe er in Flammen ausbricht:
+die Zeit ist noch nicht gekommen.
+
+_Sudarschana_
+
+Ich habe Ehre und Ruhm einer Königin in Staub und Winde gestreut -- aber
+gibt es keinen Menschen, der kommen will, um meine trostlose Seele hier
+zu besuchen? Allein -- oh, ich bin furchtbar, grauenvoll allein!
+
+_Surangama_
+
+Du bist nicht allein.
+
+_Sudarschana_
+
+Surangama, ich will nichts vor dir verbergen. Als er den Palast in
+Flammen setzte, konnte ich nicht auf ihn böse sein. Eine große innere
+Freude machte mein Herz erzittern. Was für ein staunenswürdiges
+Verbrechen! Was für eine glorreiche Kühnheit! Dieser Mut machte mich
+stark und befeuerte meine Lebensgeister. Diese furchtbare Freude gab mir
+die Kraft, in einem Nu alles hinter mir zu lassen. Aber ist das alles
+nur meine Einbildung? Warum ist nirgends ein Zeichen zu sehen, daß er
+kommt?
+
+_Surangama_
+
+Der, an den du denkst, hat den Palast nicht in Brand gesteckt -- der
+König von Kantschi tat es.
+
+_Sudarschana_
+
+Der Feigling! Aber ist es möglich? So schön, so bezaubernd, und doch
+keine Mannheit in ihm! Hab ich mich selbst betrogen um so eines
+wertlosen Geschöpfes willen? O Schmach! Pfui über mich!... Aber
+Surangama, meinst du nicht, dein König hätte doch kommen müssen, um mich
+zurückzuholen!
+
+(Surangama verharrt in Schweigen.)
+
+Du meinst, ich brenne darauf, zurückzukehren? Niemals. Selbst wenn der
+König in Wirklichkeit käme, ginge ich nicht zurück. Nicht ein einziges
+Mal verbot er mir fortzugehn, und ich fand alle Tore weit geöffnet, um
+mich hinauszulassen! Und die steinige, staubige Straße, auf der ich
+wanderte -- es war ihr nichts, daß eine Königin auf ihr schritt. Sie
+ist hart und gefühllos, wie dein König; der niedrigste Bettler gilt ihr
+ebensoviel wie die höchste Königin. Du schweigst! Nun, ich sage dir,
+deines Königs Benehmen ist -- niedrig, roh, schmählich!
+
+_Surangama_
+
+Jeder weiß, daß mein König hart und unbarmherzig ist -- niemand ist je
+imstande gewesen, ihn zu rühren.
+
+_Sudarschana_
+
+Warum rufst du dann zu ihm bei Tag und bei Nacht?
+
+_Surangama_
+
+Möge er immer hart und unnachgiebig bleiben wie Stein -- mögen
+meine Tränen und Bitten ihn nie bewegen! Mögen die Leiden nur immer
+_mein_ Teil sein und möge Ruhm und Sieg _ihm_ immerdar bleiben!
+
+_Sudarschana_
+
+Surangama, sieh! Eine Staubwolke scheint dort drüben über den Feldern am
+östlichen Horizont aufzusteigen.
+
+_Surangama_
+
+Ja, ich sehe es.
+
+_Sudarschana_
+
+Ist das nicht wie das Banner eines Streitwagens?
+
+_Surangama_
+
+In der Tat, es ist ein Banner.
+
+_Sudarschana_
+
+Dann kommt er. Er ist endlich gekommen.
+
+_Surangama_
+
+Wer kommt?
+
+_Sudarschana_
+
+Unser König -- wer sonst! Wie könnte er ohne mich leben! Es ist ein
+Wunder, wie er nur diese Tage her aushalten konnte.
+
+_Surangama_
+
+Nein, nein, das kann nicht der König sein.
+
+_Sudarschana_
+
+»Nein«, in der Tat! Als ob du alles wüßtest! Dein König ist hart, kalt,
+unbarmherzig, nicht wahr? Wir wollen sehen, wie hart er sein kann. Ich
+wußte von Anfang an, daß er kommen würde -- daß er hinter mir herlaufen
+müßte. Aber erinnere dich, Surangama, ich habe ihn nicht ein einziges
+Mal gebeten, daß er käme. Du wirst sehen, wie ich deinen König dazu
+bringe, mir seine Niederlage zu bekennen! Geh nur hinaus, Surangama, und
+laß mich alles wissen.
+
+Surangama geht hinaus.
+
+Aber werde ich gehen, wenn er kommt und mich bittet, mit ihm
+zurückzukehren? Gewiß nicht! Ich will nicht gehen! Niemals!
+
+Surangama kommt zurück.
+
+_Surangama_
+
+Es ist nicht der König, meine Königin.
+
+_Sudarschana_
+
+Nicht der König? Bist du ganz sicher? Wie! er ist noch nicht gekommen?
+
+_Surangama_
+
+Nein, mein König wirbelt nie soviel Staub auf, wenn er kommt. Niemand
+kann wissen, wann er überhaupt kommt.
+
+_Sudarschana_
+
+Dann ist es --
+
+_Surangama_
+
+Eben der: er kommt mit dem König von Kantschi.
+
+_Sudarschana_
+
+Weißt du, wie er heißt?
+
+_Surangama_
+
+Er heißt Suvarna.
+
+_Sudarschana_
+
+Er ist es also. Ich dachte: »Ich liege hier gleich weggeworfenen
+Schlacken und Kehricht, die keiner auch nur anrühren mag.« Aber mein
+Held kommt nun, mich zu befreien. Hast du Suvarna früher gekannt?
+
+_Surangama_
+
+Als ich bei meinem Vater zu Hause war, in der Spielhölle --
+
+_Sudarschana_
+
+Nein, nein, du sollst mir nichts von ihm sagen, ich will nichts hören.
+Er ist mein Held, meine einzige Rettung. Ich werde ihn kennenlernen,
+ohne daß du mir Geschichten von ihm erzählst. Aber sieh nur, ein
+netter Mann ist dein König! Er ließ sich nicht einfallen, zu kommen,
+um mich selbst aus dieser Entwürdigung zu retten. Danach kannst du
+mich nicht tadeln. Sollte ich mein Leben lang hier auf ihn warten und
+mich schimpflich wie eine Leibeigene abplagen? Nie werde ich Demut und
+Unterwürfigkeit üben wie du.
+
+
+
+
+XI.
+
+
+Lager.
+
+_Kantschi_
+
+Zu Kanya Kubja's Boten.
+
+Sage deinem König, daß er uns nicht gerade als seine Gäste zu empfangen
+braucht. Wir sind auf dem Weg zurück zu unsern Königreichen, aber
+wir verweilen, um die Königin Sudarschana aus der Knechtschaft und
+Entwürdigung zu befreien, zu der sie hier verdammt ist.
+
+_Bote_
+
+Euer Hoheit, Ihr werdet Euch erinnern, daß die Prinzessin in ihres
+Vaters Hause ist.
+
+_Kantschi_
+
+Eine Tochter kann nur solange im Heim ihres Vaters bleiben, als sie
+unvermählt ist.
+
+_Bote_
+
+Aber ihre Beziehungen zur Familie ihres Vaters bleiben unverändert
+bestehen.
+
+_Kantschi_
+
+Sie hat jetzt all solchen Verwandtschaftsbanden entsagt.
+
+_Bote_
+
+Solcher Verwandtschaft, Euer Hoheit, kann diesseits des Grabes niemals
+entsagt werden: sie mag zu Zeiten außer Kraft treten, kann jedoch nie
+ganz abgebrochen werden.
+
+_Kantschi_
+
+Entschließt sich der König nicht, mir seine Tochter auf friedlichem Wege
+herauszugeben, so wird mich das Gebot der Ritterpflicht nötigen, Gewalt
+anzuwenden. Du kannst das für mein letztes Wort nehmen.
+
+_Bote_
+
+Euer Hoheit wollen nicht vergessen, daß auch unser König an die
+Ritterpflicht gebunden ist. Ihr erwartet umsonst, daß er seine Tochter
+nur auf eure Drohungen hin ausliefern wird.
+
+_Kantschi_
+
+Sag deinem König, daß ich auf solch eine Antwort gefaßt war, als ich
+herkam.
+
+Der Bote geht ab.
+
+_Suvarna_
+
+König von Kantschi, es scheint mir, daß wir zu viel wagen.
+
+_Kantschi_
+
+Was für ein Vergnügen böte dieses Abenteuer, wenn es anders wäre?
+
+_Suvarna_
+
+Es braucht nicht viel Mut, Kanya Kubja zum Kampf herauszufordern --
+aber...
+
+_Kantschi_
+
+Wenn du erst anfängst, dich vor »Aber« zu fürchten, wirst du in dieser
+Welt kaum einen Platz finden, der sicher genug für dich ist.
+
+Ein Soldat tritt auf.
+
+_Soldat_
+
+Euer Hoheit! ich habe soeben die Kunde erhalten, daß die Könige von
+Koschala, Avanti und Kalinga mit ihren Heerscharen des Wegs kommen.
+(Ab.)
+
+_Kantschi_
+
+Gerade, was ich fürchtete! Die Nachricht von Sudarschanas Flucht hat
+sich überall verbreitet; jetzt wird man sich von allen Seiten um sie
+reißen und schließlich wird alles in Rauch aufgehn.
+
+_Suvarna_
+
+Es führt nun zu nichts, Euer Hoheit. Das sind keine guten Nachrichten.
+Ich bin völlig gewiß, daß unser König selbst insgeheim die Kunde
+allenthalben verbreitet hat.
+
+_Kantschi_
+
+Nun, was soll ihm das nützen?
+
+_Suvarna_
+
+Die Gierigen werden einander in der allgemeinen Eifersucht in
+Stücke reißen -- und er wird sich die Lage zunutze machen, die Beute
+heimzuführen.
+
+_Kantschi_
+
+Nun wird es klar, warum euer König sich nie sehen läßt. Sein Kniff
+ist, sich auf allen Seiten zu vervielfachen -- die Furcht sieht ihn
+allenthalben. Aber ich will dabei bleiben, daß euer König von Kopf zu
+Fuß nichts als eitel Schwindel ist.
+
+_Suvarna_
+
+Aber bitte, Euer Hoheit, wollt Ihr die Güte haben, mich zu entlassen?
+
+_Kantschi_
+
+Ich kann dich nicht gehen lassen -- ich habe noch eine Verwendung für
+dich in dieser Sache.
+
+Ein Soldat tritt auf.
+
+_Soldat_
+
+Euer Hoheit, Virat, Pantschal und Vidarbha sind auch gekommen. Sie haben
+auf der andern Seite des Flusses ihr Lager aufgeschlagen. (Ab.)
+
+_Kantschi_
+
+Im Anfang müssen wir alle vereinigt kämpfen. Ist erst die Schlacht mit
+Kanya Kubja vorbei, so werden wir schon einen Weg aus der Schwierigkeit
+finden.
+
+_Suvarna_
+
+Bitte, zieht mich nicht mit Gewalt in Eure Pläne -- ich werde glücklich
+sein, wenn Ihr mich mir selbst überlaßt -- ich bin ein armes, niedriges
+Geschöpf -- nichts kann --
+
+_Kantschi_
+
+Sieh einmal an, König der Heuchler, Mittel und Wege sind nie von so
+hohem Range -- Straßen und Stufen und so weiter sind stets dazu da, mit
+den Füßen getreten zu werden. Der Vorteil, wenn wir Männer deiner Art in
+unsern Plänen verwenden, ist, daß wir keine Maske oder Täuschung nötig
+haben. Wenn ich mich aber mit meinem Minister zu beraten hätte, wäre es
+unsinnig, wollte ich dem Diebstahl einen weniger würdigen Namen geben
+als Gemeinwohl. Ich will jetzt gehn und die Fürsten in Bewegung setzen
+wie Bauern auf dem Schachbrett; das Spiel ist nicht möglich, wenn
+_all_ die Schachfiguren sich wie Könige bewegen wollen!
+
+
+
+
+XII.
+
+
+Inneres des Palastes.
+
+_Sudarschana_
+
+Geht die Schlacht noch fort?
+
+_Surangama_
+
+So heftig wie je.
+
+_Sudarschana_
+
+Ehe er zur Schlacht aufbrach, kam mein Vater zu mir und sagte: »Du
+bist von einem König fortgelaufen, aber du hast sieben Könige dir
+nachgezogen; ich habe Lust, dich in sieben Stücke zu schneiden und sie
+unter die Fürsten zu verteilen.« Es wäre gut gewesen, wenn er es getan
+hätte. -- Surangama!
+
+_Surangama_
+
+Ja?
+
+_Sudarschana_
+
+Wenn dein König die Macht hätte, mich zu retten, könnte mein jetziger
+Zustand ihn ungerührt gelassen haben?
+
+_Surangama_
+
+Meine Königin, warum fragst du mich? Habe ich die Macht, für meinen
+König zu antworten? Ich weiß, mein Verstand ist nicht hell; darum wage
+ich nie über ihn zu urteilen.
+
+_Sudarschana_
+
+Wer ist alles an diesem Kampf beteiligt?
+
+_Surangama_
+
+Alle sieben Fürsten.
+
+_Sudarschana_
+
+Sonst keiner?
+
+_Surangama_
+
+Suvarna machte den Versuch zu entfliehen -- insgeheim, ehe der Kampf
+anfing --, aber Kantschi hat ihn als Gefangenen in seinem Lager
+verwahrt.
+
+_Sudarschana_
+
+Oh, ich hätte vor langer Zeit sterben sollen! Aber, o König, mein König,
+wenn du gekommen wärest und hättest meinem Vater geholfen, dein Ruhm
+wäre darum nicht geringer! Er wäre strahlender und höher geworden. Bist
+du ganz gewiß, Surangama, daß er nicht gekommen ist?
+
+_Surangama_
+
+Ich weiß nichts sicher.
+
+_Sudarschana_
+
+Aber seit ich hier bin, hatte ich plötzlich manchmal die Empfindung, als
+ob jemand unter meinem Fenster auf einer Laute spielte.
+
+_Surangama_
+
+Es wäre nicht undenkbar, daß jemand dort seiner Liebe zur Musik frönt.
+
+_Sudarschana_
+
+Es ist dort ein dichtes Gebüsch unter meinem Fenster -- ich versuche
+jedesmal, wenn ich die Musik höre, herauszubekommen, wer es ist, aber
+ich kann nichts deutlich unterscheiden.
+
+_Surangama_
+
+Vielleicht ruht ein Wanderer im Schatten und spielt auf dem Instrument.
+
+_Sudarschana_
+
+Es mag sein, aber mein altes Fenster im Palast kommt mir ins Gedächtnis
+zurück. Ich kam gewöhnlich hin, nachdem ich mich abends umgekleidet
+hatte, und stand an meinem Fenster, und aus dem blinden Dunkel
+des lichtlosen Ortes unsrer Begegnungen strömten dann Akkorde und
+Gesänge und Melodien heraus und tanzten und zitterten in endloser
+Folge und überfließender Verschwendung, wie die leidenschaftliche
+Überschwänglichkeit eines unversieglichen Springquells.
+
+_Surangama_
+
+O tiefes, holdes Dunkel! Geheimnisvolles Dunkel, dessen Dienerin ich
+war!
+
+_Sudarschana_
+
+Warum gingst du mit mir fort aus jenem Gemach?
+
+_Surangama_
+
+Weil ich wußte, er würde uns folgen und uns zurückholen.
+
+_Sudarschana_
+
+Aber nein, er wird nicht kommen -- er hat uns für immer verlassen. Warum
+sollte er nicht?
+
+_Surangama_
+
+Wenn er uns dergestalt verlassen kann, dann bedürfen wir seiner nicht.
+Dann ist er für uns nicht da: dann ist jene dunkle Kammer völlig leer
+und öde -- keine Laute hauchte dort je ihre Musik -- niemand rief dich
+oder mich in jenem Gemach; dann ist alles ein Trug gewesen und ein
+eitler Traum.
+
+Der Türhüter tritt auf.
+
+_Sudarschana_
+
+Wer bist du?
+
+_Türhüter_
+
+Ich bin der Pförtner dieses Palastes.
+
+_Sudarschana_
+
+Sag mir rasch, was du zu sagen hast.
+
+_Türhüter_
+
+Unser König ist gefangen genommen worden.
+
+_Sudarschana_
+
+Gefangen? O Mutter Erde!
+
+Sie wird ohnmächtig.
+
+
+
+
+XIII.
+
+
+König von Kantschi und Suvarna.
+
+_Suvarna_
+
+Ihr sagt also, daß keine Notwendigkeit irgendeines Kampfes unter euch
+selbst mehr besteht?
+
+_Kantschi_
+
+Nein, du brauchst keine Angst zu haben. Ich habe alle Fürsten dazu
+gebracht, sich einverstanden zu erklären, daß der, den die Königin als
+Gemahl erwählt, sie bekommen soll, und die andern werden auf jeden
+weiteren Kampf verzichten.
+
+_Suvarna_
+
+Doch dann braucht Ihr mich nicht mehr, Euer Hoheit -- so flehe ich Euch
+an: entlaßt mich jetzt. Untauglich wie ich zu allem bin, hat die Furcht
+vor drohender Gefahr mich entnervt und meinen Verstand betäubt. Es wird
+Euch daher schwer fallen, mich irgendwie zu verwenden.
+
+_Kantschi_
+
+Du wirst dasitzen und mir als Schirmträger dienen.
+
+_Suvarna_
+
+Euer Diener ist zu allem bereit; aber was für einen Nutzen wird Euch das
+bringen?
+
+_Kantschi_
+
+Mann, ich sehe, daß dein Verstand zu schwach ist, um mit einem hohen
+Ehrgeiz zusammenzugehen. Du hast noch nicht bemerkt, mit welcher
+Gunst die Königin auf dich gesehen hat. Schließlich kann sie in einer
+Gesellschaft von Fürsten einem Schirmträger nicht gut den Brautkranz
+um den Nacken legen, und doch, ich weiß, sie wird nicht imstande sein,
+ihren Sinn von dir abzuwenden. So wird auf jeden Fall dieser Kranz unter
+den Schatten meines königlichen Schirmes fallen.
+
+_Suvarna_
+
+Euer Hoheit, Ihr hegt, was mich angeht, gefährliche Phantasien. Ich
+bitte Euch inständig, verwickelt mich nicht in die Netze so grundloser
+Vorstellungen. Ich bitte Euer Hoheit ganz demütig, setzt mich in
+Freiheit.
+
+_Kantschi_
+
+Sowie mein Ziel erreicht ist, werde ich dir nicht einen Augenblick mehr
+deine Freiheit vorenthalten. Ist erst der Zweck erreicht, so ist es
+unnütz, sich mit den Mitteln zu beschweren.
+
+
+
+
+XIV.
+
+
+Sudarschana und Surangama am Fenster.
+
+_Sudarschana_
+
+Muß ich also in die Versammlung der Fürsten gehn? Gibt es kein anderes
+Mittel, meines Vaters Leben zu retten?
+
+_Surangama_
+
+Der König von Kantschi hat es gesagt.
+
+_Sudarschana_
+
+Sind das Worte, die eines Königs würdig sind? Sagte er das mit seinem
+eigenen Munde?
+
+_Surangama_
+
+Nein, sein Bote, Suvarna, brachte die Nachricht.
+
+_Sudarschana_
+
+Weh, weh über mich!
+
+_Surangama_
+
+Und er zog ein paar verwelkte Blumen hervor und sagte: »Sag deiner
+Königin, daß diese Andenken an das Frühlingsfest, je trockener und
+verwelkter sie werden, um so frischer und blühender in meinem Herzen
+wachsen.«
+
+_Sudarschana_
+
+Halt ein! Sag mir nichts mehr. Foltre mich nicht länger.
+
+_Surangama_
+
+Sieh! Da sitzen die Fürsten alle in der großen Versammlung. Der keinen
+Schmuck an sich hat, außer dem einzigen Blumenkranz um seine Krone --
+das ist der König von Kantschi. Und der den Schirm über sein Haupt hält
+und hinter ihm steht -- das ist Suvarna.
+
+_Sudarschana_
+
+Ist das Suvarna? Bist du ganz sicher?
+
+_Surangama_
+
+Ja, ich kenne ihn gut.
+
+_Sudarschana_
+
+Ist es möglich, daß das der Mann ist, den ich damals sah? Nein, nein --
+ich sah etwas, das war gemischt aus Licht und Dunkel, aus Windhauch und
+Duft -- nein, nein, er kann es nicht sein; das ist er nicht.
+
+_Surangama_
+
+Aber alle geben zu, daß er ausnehmend schön ist.
+
+_Sudarschana_
+
+Wie konnte _diese_ Schönheit mich bezaubern? Oh, was soll ich tun, um
+meine Augen von der Befleckung zu reinigen?
+
+_Surangama_
+
+Du wirst sie in jenem unergründlichen Dunkel baden müssen.
+
+_Sudarschana_
+
+Aber sage mir, Surangama, warum begeht man solche Fehler?
+
+_Surangama_
+
+Fehler sind nur die Vorspiele zu ihrer eigenen Vernichtung.
+
+_Bote_ (eintretend)
+
+Prinzessin, die Könige warten in der Halle auf Euch.
+
+Ab.
+
+_Sudarschana_
+
+Surangama, bring mir den Schleier. (Surangama geht hinaus.) O König,
+mein einziger König! Du hast mich allein gelassen, und du hast ganz
+recht daran getan. Aber willst du nicht die innerste Wahrheit meiner
+Seele erfahren?
+
+Sie holt einen Dolch aus ihrem Busen hervor.
+
+Dieser mein Leib hat einen Flecken bekommen -- ich werde ihn heute im
+Staub der Halle, vor all diesen Fürsten, zum Opfer bringen! Aber werde
+ich dir nie sagen können, daß die geheime Kammer meines Herzens durch
+keine Treulosigkeit befleckt ist? Die dunkle Kammer, wo du mich zu
+besuchen pflegtest, liegt heute kalt und leer in meinem Busen -- doch, o
+mein Herr! keiner hat ihre Tore geöffnet, keiner ist in sie eingegangen
+als du, o König! Wirst du nie mehr kommen, um diese Tore zu öffnen? Dann
+laß den Tod kommen, denn er ist dunkel wie du, und seine Züge sind schön
+wie deine. Er ist du -- du bist es selbst, o König!
+
+
+
+
+XV.
+
+
+Die Versammlung der Fürsten.
+
+_Vidarbha_
+
+König von Kantschi, wie kommt es, daß du nicht ein einziges Schmuckstück
+an dir hast?
+
+_Kantschi_
+
+Weil ich gar keine Hoffnungen hege, mein Freund. Schmuckstücke würden
+die Schmach meiner Niederlage nur verdoppeln.
+
+_Kalinga_
+
+Aber dein Schirmträger scheint sich dafür ausstaffiert zu haben -- er
+ist über und über mit Gold und Edelsteinen beladen.
+
+_Virat_
+
+Der König von Kantschi will die Nutzlosigkeit und Minderwertigkeit
+äußerer Schönheit und Pracht dartun. Die Eitelkeit auf seine
+Mannestugenden hat ihn vermocht, alle äußeren Verschönerungen von seinen
+Gliedern zu entfernen.
+
+_Koschala_
+
+Ich verstehe seine List schon; er sucht seine eigene Würde zu zeigen,
+indem er unter den mit Edelsteinen übersäten Fürsten eine strenge
+Einfachheit betont.
+
+_Pantschala_
+
+Ich kann seine Klugheit in dieser Sache nicht rühmen. Alle Welt weiß,
+daß die Augen eines Weibes wie eine Motte sind, sie stürzen Hals über
+Kopf auf das Gefunkel und Geglitzer von Gold und Steinen.
+
+_Kalinga_
+
+Aber wie lange sollen wir noch warten?
+
+_Kantschi_
+
+Werde nicht ungeduldig, König von Kalinga -- je später die Ernte, desto
+süßer die Frucht.
+
+_Kalinga_
+
+Wäre ich der Frucht sicher, so könnte ich es aushalten. Weil jedoch
+meine Hoffnung, die Frucht zu schmecken, äußerst zweifelhaft ist, will
+sich meine Begier, ihren Anblick zu genießen, nicht zügeln lassen.
+
+_Kantschi_
+
+Aber du bist noch jung -- aufgegebene Hoffnung kommt in deinen Jahren
+wieder und wieder zu dir zurück wie ein schamloses Weib: wir indessen
+haben diese Stufe lange hinter uns.
+
+_Koschala_
+
+Kantschi, spürtest du nicht jetzt eben etwas, als ob jemand an deinem
+Sessel rüttelte? Ist es ein Erdbeben?
+
+_Kantschi_
+
+Erdbeben? Ich weiß nichts davon.
+
+_Vidarbha_
+
+Oder vielleicht zieht noch ein Fürst mit seinen Bewaffneten daher.
+
+_Kalinga_
+
+Es spricht nichts gegen deine Vermutung, nur hätten wir dann vorher die
+Nachricht erst von einem Herold oder Boten vernehmen müssen.
+
+_Vidarbha_
+
+Ich kann dies nicht für ein Zeichen guter Vorbedeutung nehmen.
+
+_Kantschi_
+
+Dem Auge der Furcht sieht alles wie schlechte Vorbedeutung aus.
+
+_Vidarbha_
+
+Ich fürchte keinen außer dem Schicksal, vor dem Tapferkeit oder
+Heldenmut so unnütz wie sinnlos ist.
+
+_Pantschala_
+
+Vidarbha, wirf mit deinen unangenehmen Voraussagungen nicht einen
+Schatten auf die glücklichen Geschehnisse dieses Tages!
+
+_Kantschi_
+
+Ich ziehe nie das Unsichtbare in Rechnung, bis es sichtbar geworden ist.
+
+_Vidarbha_
+
+Aber dann könnte es zu spät sein, etwas zu tun.
+
+_Pantschala_
+
+Sind wir nicht alle in einem besonders verheißungsvollen Augenblick ans
+Werk gegangen!?
+
+_Vidarbha_
+
+Glaubst du dadurch, daß du in verheißungsvollen Augenblicken ans Werk
+gehst, gegen jede mögliche Gefahr versichert zu sein? Es sieht aus, als
+ob --
+
+_Kantschi_
+
+Du würdest besser das »Als ob« zu Hause lassen: es ist zwar unsre eigene
+Schöpfung, erweist sich aber oft als unser Verderben und Untergang.
+
+_Kalinga_
+
+Ist da nicht Musik irgendwo draußen?
+
+_Pantschala_
+
+Ja, es klingt wirklich wie Musik.
+
+_Kantschi_
+
+Dann muß es endlich die Königin Sudarschana sein, die naht. (Beiseite
+zu Suvarna.) Suvarna, du mußt dich nicht so hinter mir ducken und dich
+verstecken. Gib acht, der Schirm in deiner Hand zittert ja!
+
+Großvater tritt ein, in kriegerischer Rüstung.
+
+_Kalinga_
+
+Wer ist das? -- Wer bist du?
+
+_Pantschala_
+
+Wer ist es, der wagt, uneingeladen in diese Halle zu treten?
+
+_Virat_
+
+Unerhörte Frechheit! Kalinga, hindre doch den Kerl, näher heranzukommen.
+
+_Kalinga_
+
+Ihr seid alle älter als ich -- ihr seid berufener das zu tun, als ich.
+
+_Vidarbha_
+
+Wir wollen hören, was er zu sagen hat.
+
+_Großvater_
+
+Der _König_ ist gekommen.
+
+_Vidarbha_ (aufspringend)
+
+Der König?
+
+_Pantschala_
+
+Welcher König?
+
+_Kalinga_
+
+Woher kommt er?
+
+_Großvater_
+
+Mein König!
+
+_Virat_
+
+Dein König?
+
+_Kalinga_
+
+Wer ist das?
+
+_Koschala_
+
+Was meinst du?
+
+_Großvater_
+
+Ihr wißt alle, wen ich meine. Er ist gekommen.
+
+_Vidarbha_
+
+Er ist gekommen?
+
+_Koschala_
+
+In welcher Absicht?
+
+_Großvater_
+
+Er ladet euch alle vor sich.
+
+_Kantschi_
+
+Ladet uns vor, wahrhaftig? Und in welcher Form hat es ihm beliebt, uns
+vorzuladen?
+
+_Großvater_
+
+Ihr könnt seinen Ruf auf jede Art nehmen, ganz nach Belieben -- niemand
+wird euch hindern -- er ist auf jede Art der Begrüßung gerüstet, um
+jedem Geschmack zu genügen.
+
+_Virat_
+
+Aber wer bist du?
+
+_Großvater_
+
+Ich bin einer seiner Generale.
+
+_Kantschi_
+
+General! Eine Lüge ist es! Denkst du, uns zu schrecken? Bildest du dir
+ein, ich könnte nicht durch deine Verkleidung hindurchsehen? Wir kennen
+dich alle gut -- und du spielst dich vor uns als »General« auf!
+
+_Großvater_
+
+Du hast mich ganz richtig erkannt. Wer ist so unwürdig wie ich, Träger
+der Befehle meines Königs zu sein? Und doch ist er es, der mich mit
+dieser Generalsrüstung bekleidet und hierher gesandt hat; er hat mich
+vor größeren Generalen und mächtigeren Kriegern erwählt.
+
+_Kantschi_
+
+Schon gut, wir werden bei geeigneter Gelegenheit kommen und bezeigen,
+was Schicklichkeit und Freundwilligkeit erfordern -- aber gegenwärtig
+sind wir mitten in einem dringenden Geschäft. Er wird warten müssen, bis
+diese kleine Angelegenheit erledigt ist.
+
+_Großvater_
+
+Wenn er seinen Ruf ergehen läßt, wartet er nicht.
+
+_Koschala_
+
+Ich gehorche seinem Ruf; ich gehe sofort.
+
+_Vidarbha_
+
+Kantschi, ich kann deinem Vorschlag, zu warten, bis diese Angelegenheit
+erledigt ist, nicht zustimmen. Ich gehe.
+
+_Kalinga_
+
+Ihr seid älter als ich -- ich folge euch.
+
+_Pantschala_
+
+Sieh hinter dich, Fürst von Kantschi, dein königlicher Schirm liegt im
+Staub: du hast nicht beachtet, wie dein Schirmträger sich fortgestohlen
+hat.
+
+_Kantschi_
+
+Wohlan, General. Auch ich gehe -- aber nicht, um ihm Huldigung zu
+leisten. Ich gehe, auf dem Schlachtfeld mit ihm zu kämpfen.
+
+_Großvater_
+
+Du wirst meinen König auf dem Schlachtfeld treffen: das ist kein
+unwürdiger Platz für deinen Empfang.
+
+_Virat_
+
+Gebt acht, Freunde, vielleicht fliehen wir alle vor einem
+Schreckgespenst -- es sieht so aus, als ob der König von Kantschi den
+Vorteil davon haben sollte.
+
+_Pantschala_
+
+Kann sein, wenn die Frucht so nahe winkt, ist es feige und töricht,
+fortzugehen, ohne sie zu pflücken.
+
+_Kalinga_
+
+Es ist besser, sich dem König von Kantschi anzuschließen. Er muß einen
+bestimmten Plan und Zweck haben, wenn er soviel wagt.
+
+
+
+
+XVI.
+
+
+Sudarschana und Surangama.
+
+_Sudarschana_
+
+Der Kampf ist nun aus. Wann wird der König kommen?
+
+_Surangama_
+
+Ich weiß es selbst nicht: ich sehe auch seinem Kommen entgegen.
+
+_Sudarschana_
+
+Mein Herz pocht so wild vor Freude, Surangama, daß mir die Brust
+tatsächlich weh tut. Aber ich sterbe auch fast vor Scham; wie soll ich
+ihm mein Gesicht zeigen?
+
+_Surangama_
+
+Geh zu ihm in äußerster Demut und Entsagung, und alle Scham wird im Nu
+verschwinden.
+
+_Sudarschana_
+
+Ich muß nun schon bekennen, daß ich die äußerste Demütigung für mein
+ganzes übriges Leben gefunden habe. Aber der Stolz war schuld, daß
+ich so lange den größten Anteil an seiner Liebe begehrte. Alle Welt
+sagte immer, ich besäße eine so wunderbare Schönheit, solche Reize und
+Tugenden; alle Welt sagte immer, der König zeigte unbegrenzte Güte gegen
+mich -- das macht es für mich so schwer, mein Herz in Demut vor ihm zu
+beugen.
+
+_Surangama_
+
+Diese Schwierigkeit, meine Königin, wird vergehen.
+
+_Sudarschana_
+
+O ja, sie wird vergehen -- der Tag ist für mich gekommen, mich vor
+der ganzen Welt zu demütigen. Aber warum kommt der König nicht, mich
+zurückzuholen? Worauf wartet er noch?
+
+_Surangama_
+
+Habe ich dir nicht gesagt, daß mein König grausam und hart ist -- sehr
+hart fürwahr?
+
+_Sudarschana_
+
+Geh, Surangama, und bring' mir Nachricht von ihm.
+
+_Surangama_
+
+Ich weiß nicht, wohin ich gehen sollte, um etwas von ihm zu erfahren.
+Ich habe Großvater gebeten, zu kommen; vielleicht hören wir, wenn er
+kommt, etwas von ihm.
+
+_Sudarschana_
+
+Ach, mein böses Geschick! Es ist so weit mit mir gekommen, daß ich andre
+fragen muß, um etwas von meinem eignen König zu hören!
+
+Großvater tritt ein.
+
+_Sudarschana_
+
+Ich habe gehört, daß du der Freund meines Königs bist, so laß mich dir
+Ehrfurcht bezeugen und gib mir deinen Segen.
+
+_Großvater_
+
+Was tust du, Königin? Ich nehme nie Ehrfurchtsbezeugungen an. Ich will
+nichts weiter als jedermanns Kamerad sein.
+
+_Sudarschana_
+
+So schenk mir denn ein freundlich Lächeln -- gib mir gute Kunde. Sag
+mir, wann der König kommt, mich zurückzuholen.
+
+_Großvater_
+
+Du fragst mich eine schwere Frage, fürwahr! Ich verstehe noch kaum die
+Wege meines Freundes. Die Schlacht ist geschlagen, aber niemand kann
+sagen, wohin er gegangen ist.
+
+_Sudarschana_
+
+Ist er denn fortgegangen?
+
+_Großvater_
+
+Ich kann hier keine Spur von ihm finden.
+
+_Sudarschana_
+
+Ist er gegangen? Und nennst du solch einen deinen Freund?
+
+_Großvater_
+
+Deshalb schmähen und verdächtigen ihn die Leute. Aber mein König kümmert
+sich einfach nicht im geringsten darum.
+
+_Sudarschana_
+
+Ist er fortgegangen? Oh, oh, wie hart, wie grausam, wie grausam! Er ist
+aus Stein, er ist hart wie Diamant! Ich versuchte, ihn mit meinem Herzen
+zu bewegen -- es ist zerrissen und blutet -- aber ihn konnte ich nicht
+einen Zoll bewegen! Großvater, sag mir, wie kannst du mit solch einem
+Freund auskommen?
+
+_Großvater_
+
+Ich kenne ihn nun -- ich habe ihn in meinen Leiden und Freuden
+kennengelernt -- er kann mich nicht mehr zum Weinen bringen.
+
+_Sudarschana_
+
+Wird er sich mir nicht auch zu erkennen geben?
+
+_Großvater_
+
+Gewiß wird er das, natürlich. Er wird nicht eher ruhen.
+
+_Sudarschana_
+
+Wohlan denn, ich werde sehen, wie hart er sein kann! Ich werde hier am
+Fenster stehen, ohne ein Wort zu sagen; ich werde mich nicht einen Zoll
+von der Stelle rühren; ich will sehen, ob er nicht kommt!
+
+_Großvater_
+
+Du bist noch jung -- du kannst es dir leisten, auf ihn zu warten; aber
+für mich alten Mann ist der Verlust eines Augenblicks eine Woche. Ich
+muß hinaus, ihn zu suchen, ob ich ihn finde oder nicht.
+
+Ab.
+
+_Sudarschana_
+
+Ich brauche ihn nicht -- ich will ihn nicht suchen! Surangama, ich
+bedarf deines Königs nicht! Warum kämpfte er mit den Fürsten? Geschah es
+überhaupt für mich? Wollte er sein Heldentum und seine Stärke zur Schau
+stellen? Geh fort von hier -- ich kann deinen Anblick nicht ertragen. Er
+hat mich in den Staub erniedrigt und ist noch nicht zufrieden!
+
+
+
+
+XVII.
+
+
+Eine Schar von Bürgern.
+
+_Erster Bürger_
+
+Als so viele Könige zusammentrafen, dachten wir, es würde eine rechte
+Kurzweil für uns geben; aber irgendwie nahm alles eine solche Wendung,
+daß niemand weiß, was überhaupt geschehen ist!
+
+_Zweiter Bürger_
+
+Saht ihr nicht, daß sie untereinander zu keiner Verständigung kommen
+konnten? -- jeder mißtraute dem andern.
+
+_Dritter Bürger_
+
+Keiner hielt sich an ihre ursprünglichen Pläne; einer wollte vorrücken,
+ein anderer hielt den Rückzug für die bessere Politik; einige wandten
+sich nach rechts, andere liefen Sturm nach links: wie kann man das eine
+Schlacht heißen?
+
+_Erster Bürger_
+
+Sie hatten keinen Sinn für wirklichen Kampf -- jeder hatte seine Augen
+auf den andern.
+
+_Zweiter Bürger_
+
+Jeder dachte: »Warum sollte ich sterben, um es den andern zu
+ermöglichen, die Ernte einzuheimsen?«
+
+_Dritter Bürger_
+
+Aber ihr müßt alle zugeben: Kantschi kämpfte wie ein wirklicher Held.
+
+_Erster Bürger_
+
+Er schien noch lange, nachdem er geschlagen war, nicht gewillt, seine
+Niederlage anzuerkennen.
+
+_Zweiter Bürger_
+
+Zuletzt wurde ihm von einem tödlichen Wurfgeschoß die Brust durchbohrt.
+
+_Dritter Bürger_
+
+Aber vorher schien er nicht gewahren zu wollen, daß er bei jedem Schritt
+Boden verloren hatte.
+
+_Erster Bürger_
+
+Die andern Könige aber -- nun, keiner weiß, wohin sie geflohen sind; den
+armen Kantschi ließen sie allein auf dem Feld.
+
+_Zweiter Bürger_
+
+Aber ich habe gehört, er sei noch nicht tot.
+
+_Dritter Bürger_
+
+Nein, die Ärzte haben ihn gerettet -- aber er wird den Stempel seiner
+Niederlage bis zum Tag seines Todes auf der Brust tragen.
+
+_Erster Bürger_
+
+Keiner von den andern Königen, die flohen, ist entkommen; sie sind alle
+gefangengenommen worden. Aber was ist das für eine Sorte Justiz, die an
+ihnen geübt wurde?
+
+_Zweiter Bürger_
+
+Ich habe gehört, daß jeder bestraft wurde, mit Ausnahme von Kantschi,
+dem der Richter auf dem Thron der Gerechtigkeit den Platz zu seiner
+Rechten anwies und ihm eine Krone aufs Haupt setzte.
+
+_Dritter Bürger_
+
+So etwas Unfaßbares ist noch nicht dagewesen.
+
+_Zweiter Bürger_
+
+Diese Sorte Justiz, frei herausgesagt, kommt uns launisch und
+grillenhaft vor.
+
+_Erster Bürger_
+
+So ist es. Der größte Sünder ist ganz gewiß der König von Kantschi; die
+andern trieb einmal Gewinngier vorwärts, und das andre Mal zog sie die
+Furcht zurück.
+
+_Dritter Bürger_
+
+Was für eine Sorte Justiz ist das, frage ich? Es ist, wie wenn der Tiger
+ungestraft davonkäme, während sein Schwanz abgeschnitten würde.
+
+_Zweiter Bürger_
+
+Wenn ich der Richter wäre, glaubt ihr, Kantschi liefe zur Stunde heil
+und gesund herum? Nicht das geringste wäre mehr von ihm übrig.
+
+_Dritter Bürger_
+
+Das sind große Oberrichter, Freunde; ihre Gehirne haben ein andres
+Gepräge wie unsre.
+
+_Erster Bürger_
+
+Haben sie überhaupt ein Hirn, möcht' ich wissen? Sie frönen einfach
+ihren Launen, da keiner über ihnen ist, der ihnen etwas sagen dürfte.
+
+_Zweiter Bürger_
+
+Ihr könnt sagen, was ihr wollt, wenn die Regierungsgewalt in unsern
+Händen wäre, hätten wir sicher die Regierung besser geführt als so.
+
+_Dritter Bürger_
+
+Kann darüber überhaupt noch Zweifel bestehen? Das versteht sich
+natürlich von selbst.
+
+
+
+
+XVIII.
+
+
+Die Straße. Großvater und Kantschi.
+
+_Großvater_
+
+Wie, Fürst von Kantschi, du hier?
+
+_Kantschi_
+
+Dein König hat mich auf die Straße geschickt.
+
+_Großvater_
+
+Das ist eine stehende Gewohnheit bei ihm.
+
+_Kantschi_
+
+Und nun kann niemand eine Spur von ihm erblicken.
+
+_Großvater_
+
+Auch das gehört zu seinen Vergnügungen.
+
+_Kantschi_
+
+Aber wie lange will er mir noch so ausweichen? Als nichts mich dazu
+bringen konnte, ihn als meinen König anzuerkennen, kam er plötzlich
+daher wie ein schrecklich gewaltiger Sturm -- Gott weiß, woher -- und
+zersprengte meine Leute und Pferde und Banner in einen einzigen wilden
+Aufruhr: nun aber, wo ich die Grenzen der Erde absuche, um ihm meine
+demütige Huldigung zu erweisen, ist er nirgends zu sehen.
+
+_Großvater_
+
+Aber wie groß er als König auch sein mag, er hat sich dem zu fügen, der
+sich unterwirft. Aber warum bist du bei Nacht hinausgewandert, Fürst?
+
+_Kantschi_
+
+Ich kann ein geheimes Gefühl der Angst noch nicht loswerden, die Leute
+könnten mich auslachen, wenn sie sehen, wie ich euerm König demütig
+meine Huldigung darbringe und meine Niederlagen anerkenne.
+
+_Großvater_
+
+So sind die Leute in der Tat. Was andre zu Tränen rühren würde, dient
+nur dazu, ihr leeres Lachen hervorzurufen.
+
+_Kantschi_
+
+Aber du bist auch auf der Straße, Großvater.
+
+_Großvater_
+
+Ich bin auf der fröhlichen Pilgerfahrt zu dem Land, wo man alles
+verliert.
+
+_Gesang des Großvaters_
+
+ Ich warte mit all meiner Habe in Hoffnung, sie all zu verlieren.
+ Ich laure am Straßenrand auf den, der einen hinaus auf die Straße
+ schickt,
+ Der sich verbirgt und sieht, der ohne dein Wissen dich liebt,
+ Ich hab ihm in heimlicher Liebe mein Herz gegeben,
+ Ich warte in Hoffnung mit all meiner Habe, sie all zu verlieren.
+
+
+
+
+XIX.
+
+
+Eine Straße. Sudarschana und Surangama.
+
+_Sudarschana_
+
+Welche Erlösung, Surangama, welche Freiheit! Meine Niederlage ist es,
+die mir die Freiheit gebracht hat. Oh, was besaß ich für einen ehernen
+Stolz! Nichts konnte ihn rühren oder erweichen. Mein verfinsterter Geist
+konnte auf keine Weise dazu gebracht werden, die schlichte Wahrheit zu
+sehen, daß nicht der König zu kommen hatte, sondern daß ich zu ihm gehen
+sollte. Die ganze Nacht hindurch gestern lag ich allein im Staub auf
+dem Boden am Fenster -- lag da trostlose Stunden lang und weinte! Die
+ganze Nacht bliesen die Südwinde und schrien und stöhnten wie die Qual,
+die an meinem Herzen nagte; und immer hindurch hörte ich das klagende:
+»Sprich, Weib!« des Nachtvogels, das in dem Aufruhr draußen als Echo
+tönte!... Es war das hilflose Wehklagen der dunklen Nacht, Surangama!
+
+_Surangama_
+
+Die schwere melancholische Weise der letzten Nacht schien eine Ewigkeit
+forttönen zu wollen -- oh, welch trübe düstere Nacht!
+
+_Sudarschana_
+
+Aber willst du es glauben -- mir war, ich hörte die sanften Akkorde
+der Laute durch all den wilden Lärm und Aufruhr strömen! Konnte er so
+süße und zarte Weisen spielen, er, der so grausam und schrecklich ist?
+Die Welt kennt nur meine Entwürdigung und Schmach -- aber keiner als
+mein eigenes Herz konnte diese Akkorde hören, die durch die einsame und
+klagende Nacht hin nach mir riefen. Hörtest du, Surangama, diese Laute
+auch? Oder war das nur ein Traum von mir?
+
+_Surangama_
+
+Aber eben um die Musik dieser Laute zu hören, bin ich ja immer an deiner
+Seite. Auf diesen Ruf der Musik, von dem ich wußte, er würde eines Tages
+kommen und all die Schranken der Liebe zunichte machen, habe ich mit
+gespanntem Ohr all die Zeit her gelauscht.
+
+_Sudarschana_
+
+Schließlich schickte er mich auf die Landstraße -- ich konnte seinem
+Willen nicht widerstehen. Wenn ich ihn finde, werden die ersten Worte
+sein, die ich ihm sage: »Ich bin freiwillig gekommen -- ich habe nicht
+abgewartet, bis du kamst.« Ich werde sagen: »Um deinetwillen bin ich die
+harten beschwerlichen Straßen gewandert, und bitter und unaufhörlich war
+auf dem ganzen Weg mein Weinen.« Ich werde wenigstens diesen Stolz in
+mir haben, wenn ich zu ihm komme.
+
+_Surangama_
+
+Aber selbst dieser Stolz wird nicht dauern. Er kam vor dir -- wer sonst
+hätte dich auf die Straße schicken können?
+
+_Sudarschana_
+
+Vielleicht ist es so. Solange noch ein Gefühl gekränkten Stolzes in
+mir war, mußte ich glauben, er hätte mich für immer verlassen; aber
+als ich meine Würde und meinen Stolz in die Winde schleuderte und auf
+die gemeinen Straßen hinausging, da schien es mir, als wäre auch er
+herausgekommen: ich habe angefangen, ihn zu finden, seit ich auf der
+Straße bin. Ich fürchte nun nichts mehr. All diese Leiden, durch die
+ich um seinetwillen hindurchgegangen bin, gerade die Bitterkeit all
+dieser Leiden bringt ihn zu mir. Ach ja, er ist gekommen, er hat mich
+bei der Hand genommen, gerade wie er es in jener Kammer der Dunkelheit
+gern tat, wo bei seiner Berührung all mein ganzer Leib in plötzlicher
+Wonne erbebte: es ist dieselbe, dieselbe Berührung wieder! Wer sagt, er
+sei nicht hier? -- Surangama, kannst du nicht sehen, daß er gekommen
+ist, schweigend und insgeheim?... Wer ist jener dort? Sieh, Surangama,
+dort ist ein dritter Wanderer auf dieser dunklen Straße zu dieser
+nächtlichen Stunde.
+
+_Surangama_
+
+Ich sehe, es ist der König von Kantschi, meine Königin.
+
+_Sudarschana_
+
+Der König von Kantschi!
+
+_Surangama_
+
+Fürchte dich nicht, meine Königin!
+
+_Sudarschana_
+
+Fürchten! Warum sollte ich mich fürchten? Die Tage der Furcht sind für
+mich für immer vorbei.
+
+_Kantschi_ (tritt auf)
+
+Mütterchen Königin, ich sehe euch beide auf dieser Straße! Ich bin ein
+Wanderer auf demselben Weg wie du. Habe keine Furcht vor mir, o Königin!
+
+_Sudarschana_
+
+Es ist gut, König von Kantschi, daß wir zusammen gehen, Seite an Seite
+-- das ist nur in Ordnung. Ich kam dir in den Weg, als ich zuerst mein
+Heim verließ, und nun begegne ich dir wieder auf dem Rückweg. Wer hätte
+sich träumen lassen, daß diese unsre Begegnung voll so guter Verheißung
+war?
+
+_Kantschi_
+
+Aber, Mütterchen Königin, es gebührt sich nicht, daß du zu Fuß über
+diese Straße wanderst. Willst du mir gestatten, einen Wagen für dich zu
+besorgen?
+
+_Sudarschana_
+
+Oh, sage das nicht: ich wäre nie wieder glücklich, wenn ich nicht auf
+meinem Rückweg nach Hause auf den Staub der Straße treten könnte, die
+mich von meinem König weggeführt hat. Ich würde mich selbst betrügen,
+wenn ich jetzt in einem Wagen fahren würde.
+
+_Surangama_
+
+König, auch du wanderst heute im Staub: diese Straße hat niemals einen
+gekannt, der Pferd oder Wagen über sie gelenkt hätte.
+
+_Sudarschana_
+
+Als ich die Königin war, schritt ich auf Silber und Gold -- ich habe nun
+für das Unglück meiner königlichen Geburt zu büßen, indem ich auf Staub
+und nackter Erde wandre. Ich hätte mir nicht träumen lassen, daß ich
+heute bei jedem meiner Schritte im gemeinen Staub der Erde meinen König
+finden würde.
+
+_Surangama_
+
+Sieh, meine Königin, dort im Osten dämmert der Morgen. Wir haben nicht
+mehr lange zu wandern: ich sehe die Spitzen der goldenen Türme des
+Königspalastes.
+
+Der Großvater tritt auf.
+
+_Großvater_
+
+Mein Kind, es tagt -- endlich!
+
+_Sudarschana_
+
+Du hast mir deinen Segen zum Geleit gegeben, und hier bin ich nun.
+
+_Großvater_
+
+Aber siehst du, was für schlechte Manieren unser König hat? Er hat
+keinen Wagen geschickt, keine Musik, nichts von Glanz und Pracht.
+
+_Sudarschana_
+
+Nichts von Pracht, sagst du? Sieh hin, der Himmel ist rosig und
+purpurn über und über, und die Luft ist voll von dem Willkommgruß der
+Blumendüfte.
+
+_Großvater_
+
+Ja, aber so grausam unser König sein mag, dürfen wir doch nicht suchen,
+mit ihm zu wetteifern: ich kann mich des Schmerzes nicht erwehren, wenn
+ich dich in diesem Zustand sehe, mein Kind. Wie können wir ertragen,
+dich in dieses arme zerlumpte Gewand gekleidet in den Königspalast
+eingehn zu sehen? Warte etwas -- ich laufe und hole dir deine
+Königsgewänder.
+
+_Sudarschana_
+
+O nein, nein, nein! Er hat diese Königskleider für immer von mir
+genommen -- er hat mich vor den Augen der ganzen Welt in das Kleid einer
+Magd gekleidet: welche Erlösung ist das für mich gewesen! Ich bin nun
+seine Magd, nicht länger seine Königin. Heute stehe ich tiefer als alle
+die, die irgendeine Verwandtschaft mit ihm beanspruchen können.
+
+_Großvater_
+
+Aber deine Feinde werden nun über dich lachen: wie kannst du ihren Spott
+ertragen?
+
+_Sudarschana_
+
+Laß ihr Gelächter und ihren Spott unauslöschlich sein -- laß sie auf den
+Straßen Staub nach mir werfen: dieser Staub wird heute der Puder sein,
+mit dem ich mich schmücken will, ehe ich meinem Herrn entgegentrete.
+
+_Großvater_
+
+Danach habe ich nichts mehr zu sagen. Nun wollen wir das letzte Spiel
+unsres Frühlingsfestes spielen -- anstatt mit Blütenstaub soll der
+Südwind alles mit dem Staub der Demut überschütten! Wir werden zum Herrn
+gehen, gekleidet in das gemeine Grau des Staubes. Und wir werden auch
+ihn über und über mit Staub bedeckt finden. Denn, meint ihr, die Leute
+schonen ihn? Selbst er kann ihren schmutzigen und staubigen Händen
+nicht entgehen, und er denkt nicht einmal daran, den Schmutz von seinen
+Kleidern zu bürsten.
+
+_Kantschi_
+
+Großvater, vergiß mich nicht in deinem Spiel! Ich will auch dies mein
+Königsgewand beschmutzen lassen, bis es nicht mehr zu erkennen ist.
+
+_Großvater_
+
+Das wird nicht viel Zeit brauchen, mein Bruder. Nun du so tief
+heruntergekommen bist, wirst du deine Farbe in kürzester Frist wechseln.
+Sieh nur unsre Königin an -- sie geriet in Zorn gegen sich selbst und
+dachte, sie könnte ihre unvergleichliche Schönheit zerstören, indem
+sie all ihren Schmuck wegwarf: aber diese Beleidigung ihrer Schönheit
+ließ sie in zehnfachem Glanz erstrahlen, und nun ist sie in dieser
+Schmucklosigkeit zur Vollendung gelangt. Unser König selbst ist
+gestaltlos und ohne Schönheit, darum liebt er sie in seinen mannigfachen
+Erscheinungen als seinen höchsten Schmuck. Und diese Schönheit hat heute
+den Schleier von Stolz und Eitelkeit abgetan! Was gäbe ich nicht darum,
+wenn ich die wunderbare Musik und den Gesang hören dürfte, der heute
+meines Königs Palast erfüllt!
+
+_Surangama_
+
+Seht, dort geht die Sonne auf!
+
+
+
+
+XX.
+
+
+Die dunkle Kammer.
+
+_Sudarschana_
+
+Herr, gib mir die Ehre nicht zurück, die du mir einmal genommen hast!
+Ich bin die Magd deiner Füße -- ich suche kein andres Vorrecht, als dir
+zu dienen.
+
+_König_
+
+Wirst du jetzt imstande sein, mich zu ertragen?
+
+_Sudarschana_
+
+O ja, ja, das werde ich. Dein Anblick stieß mich zurück, weil ich dich
+im Lustgarten, in meinen fürstlichen Gemächern gesucht hatte: da sieht
+noch dein geringster Diener gefälliger aus als du. Dieses Fieber des
+Verlangens hat meine Augen für immer verlassen. Du bist nicht schön, o
+Herr -- du stehst über allem Vergleich!
+
+_König_
+
+Was mit mir vergleichbar ist, liegt in dir selbst.
+
+_Sudarschana_
+
+Wenn es so ist, dann ist auch das unvergleichlich. Deine Liebe lebt in
+mir -- du wirst gespiegelt in dieser Liebe, und du siehst dein Antlitz
+abgebildet in mir: nichts davon mein, es ist alles dein, o Herr!
+
+_König_
+
+Ich öffne heute die Tür dieser dunklen Kammer -- das Spiel hier ist zu
+Ende! Komm, komm jetzt mit mir, komm hinaus -- _ins Licht_!
+
+_Sudarschana_
+
+Ehe ich gehe, laß mich dir zu Füßen mich beugen, o Herr des Dunkels, du
+Grausamer, Furchtbarer, Unvergleichlicher!
+
+ENDE
+
+
+Fußnote:
+
+[A] Während des indischen Frühlingsfestes bewirft man sich
+gegenseitig mit rotem Puder. In diesem Stück wird der rote Puder als
+Symbol der Liebesleidenschaft genommen.]
+
+
+
+
+Anmerkung zur Transkription:
+Auf Seite 19 wurde ein doppeltes 'du' entfernt ('wie erklärst du du das
+ohne einen König?').
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Der König der dunklen Kammer, by
+Rabindranath Tagore
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 44250 ***