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diff --git a/44239-h/44239-h.htm b/44239-h/44239-h.htm new file mode 100644 index 0000000..9330050 --- /dev/null +++ b/44239-h/44239-h.htm @@ -0,0 +1,9257 @@ +<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD XHTML 1.0 Strict//EN" + "http://www.w3.org/TR/xhtml1/DTD/xhtml1-strict.dtd"> + +<html xmlns="http://www.w3.org/1999/xhtml" xml:lang="de" lang="de"> + +<head> + +<meta http-equiv="Content-Type" content="text/html;charset=UTF-8" /> + +<meta http-equiv="Content-Style-Type" content="text/css" /> + +<title>The Project Gutenberg eBook of Unter Palmen und Buchen, Erster Band, by Friedrich Gerstäcker</title> + +<link rel="coverpage" href="images/cover.jpg" /> + +<style type="text/css"> + +body {margin-left: 10%; margin-right: 10%;} + +h1,h2,h3 {text-align: center; clear: both; font-weight: normal;} + +h1,h2 {page-break-before: always;} + +h1 {font-size:250%; line-height:1.5;} +h2 {font-size:125%; margin-top: 4em;} +h3 {font-size:100%; margin-top: 2em;} + +.break {page-break-before: always;} +.nobreak {page-break-before: avoid;} + +.noindent {text-indent: 0;} +.margtop2 {margin-top: 2em;} + +p { + text-align: justify; + text-indent: 1em; + margin-top: .75em; + margin-bottom: .75em; +} + +.front { + text-align: center; + text-indent: 0; + line-height: 1.5; + font-size: 125%; + margin-top: 3em; + margin-bottom: 1em; +} + +.center { + text-align: center; + text-indent: 0; + margin-top: 1.5em; + margin-bottom: 1.5em; +} + +.signature { + text-align: right; + margin-right: 6em; + margin-bottom: 1.5em; +} + +.gesperrt { + font-style: normal; + font-weight: normal; + letter-spacing: .2em; + padding-left: .2em; +} + +hr { + width: 10%; + margin-top: 2em; + margin-bottom: 2em; + margin-left: 45%; + margin-right: 45%; + clear: both; +} + +hr.broad {width: 34%; margin-left: 33%; margin-right: 33%;} + +table {margin-left: auto; margin-right: auto;} + +.poetry {margin: 0.5em auto; max-width:16em;} +.stanza {margin: 0.5em auto; line-height: 1.3; font-size: 90%; display: inline-block;} +.verse {text-align: left;} + +.tnote { + padding: 10px; + background: rgb(220, 220, 220) none repeat scroll 0% 50%; + margin-top: 4em; +} + +a[title].pagenum {position: absolute; right: 3%;} + +a[title].pagenum:after { + content: attr(title); + border: 1px solid silver; + display: inline; + font-size: x-small; + text-align: right; + color: #808080; + background-color: inherit; + font-style: normal; + padding: 1px 4px 1px 4px; + font-variant: normal; + font-weight: normal; + text-decoration: none; + text-indent: 0; + letter-spacing: 0; +} + +</style> +</head> + + + + +<body> +<div>*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 44239 ***</div> + +<h1>Unter Palmen und Buchen.</h1> + +<hr /> + +<p class="front">Erster Band.<br /> +<span class="gesperrt"><b>Unter Buchen.</b></span></p> + +<p class="front"><span class="gesperrt">Gesammelte Erzählungen</span><br /> +<small>von</small><br /> +<b>Friedrich Gerstäcker.</b></p> + +<hr class="broad" /> + +<p class="center"><b>Leipzig,</b><br /> +<span class="gesperrt">Arnoldische Buchhandlung.</span><br /> +1865.</p> + + + + +<p class="front break">Inhaltsverzeichniß.</p> + + +<table summary="Inhaltsverzeichnis" border="0" cellpadding="4"> + +<tr> + <td colspan="2" align="right">Seite</td> +</tr> +<tr> + <td>Eine alltägliche Geschichte</td> + <td align="right"><a href="#page_001">1</a></td> +</tr> +<tr> + <td>Die Vision</td> + <td align="right"><a href="#page_016">16</a></td> +</tr> +<tr> + <td>Folgen einer telegraphischen Depesche</td> + <td align="right"><a href="#page_131">131</a></td> +</tr> +<tr> + <td>Der Polizeiagent</td> + <td align="right"><a href="#page_140">140</a></td> +</tr> +<tr> + <td>Eine Heimkehr aus der weiten Welt</td> + <td align="right"><a href="#page_274">274</a></td> +</tr> +<tr> + <td>Wenn wir einmal sterben</td> + <td align="right"><a href="#page_289">289</a></td> +</tr> +</table> + + + + +<h2>Eine alltägliche Geschichte.<a class="pagenum" name="page_001" title="1"> </a></h2> + + +<p>Es war auf einem Balle in der Erholung, daß +Dr. Kuno Brethammer Fräulein Bertha Wollmer +kennen lernte – oder vielmehr zum ersten Male sah, +und sich sterblich in sie verliebte.</p> + +<p>Bertha Wollmer trug ein einfaches weißes Kleid, +einen sehr hübschen Kornblumenkranz im blonden Haar +und sah wirklich allerliebst aus. Aber es bleibt immer +ein gefährlich Ding, wenn sich ein Mann eine +Hausfrau auf einem Balle sucht. Der Ballsaal sollte +der letzte Ort dazu sein, denn dort ist Alles in Licht +gehüllt, und er wird geblendet und berauscht, wo er +gerade Augen und Verstand nüchtern und besonnen +auf dem rechten Fleck haben müßte.</p> + +<p>Diesmal hatte aber Dr. Brethammer seine Wahl +nicht zu bereuen, denn Bertha Wollmer war nicht allein +ein sehr hübsches Mädchen, das sich mit Geschmack zu +kleiden wußte, sondern auch außerdem wacker und brav, +ein wirklich edler Charakter und eine, wie sich später +<a class="pagenum" name="page_002" title="2"> </a> +herausstellte, vortreffliche Wirtschafterin. – Der +Doctor hätte auf der Welt keine bessere Lebensgefährtin +finden können.</p> + +<p>Gegen ihn selber ließ sich eben so wenig einwenden. +Er war etwa 34 Jahre alt, Advocat mit einer +recht guten Praxis, hatte also sein Auskommen, galt +in der ganzen Stadt für einen braven, rechtschaffenen +Mann, schuldete keinem Menschen einen Pfennig und +als er, vierzehn Tage später, um Bertha Wollmer anhielt, +sagte das Mädchen nicht <em class="gesperrt">nein</em>, und Vater und +Mutter sagten <em class="gesperrt">ja</em>, worauf dann noch in der nächsten +Woche die Verlobungskarten ausgeschickt wurden. +Zwei Monate später fand die Hochzeit statt.</p> + +<p>So lebten die beiden Leute viele Jahre glücklich +miteinander, und Dr. Brethammer sah mit jedem Tage +mehr ein, daß er eine außerordentlich glückliche Wahl +getroffen und Gott nicht genug für sein braves Weib +danken könne. Er liebte sie auch wirklich recht von +Herzen, aber – wie das oft so im Leben geht – das, +was sein ganzes Glück hier bildete, wurde ihm – +durch Nichts gestört – endlich zur <em class="gesperrt">Gewohnheit</em> +und er <em class="gesperrt">vernachlässigte</em>, was er hätte hegen und +pflegen sollen.</p> + +<p>Es mag sein, daß seine Liebe zu der Gattin deshalb +nie geringer wurde, aber er vernachlässigte auch +<a class="pagenum" name="page_003" title="3"> </a> +<em class="gesperrt">die Form</em>, die in einem gewissen Grade in allen +Lebensverhältnissen nöthig ist: er war oft rauh mit +seiner Frau, ja heftig, und wenn er auch dabei nicht +die Grenzen überschritt, die jeder gebildete Mensch +inne halten wird, that er ihr doch oft – gewiß +unabsichtlich – recht wehe. Ja manchmal, wenn ihm ein +heftiges Wort entfahren war, hätte er es von Herzen +gern widerrufen mögen, aber – das ging leider nicht +an, denn – er durfte sich an seiner Autorität nichts +vergeben.</p> + +<p>Nur zu <em class="gesperrt">einer</em> Entschuldigung ließ er sich herbei: +»Du weißt, ich bin jähzornig,« sagte er, »wenn's aber +auch oft ein Bischen rauh herauskommt, so ist es ja +doch nicht so schlimm gemeint und eben so rasch vergessen.«</p> + +<p>Ja, das war allerdings der Fall; <em class="gesperrt">er</em> hatte es eben +so rasch vergessen, aber <em class="gesperrt">sie</em> nicht, und wenn sie ihm +auch nie ein unfreundlich Gesicht zeigte, wenn sie ihn +immer bei sich entschuldigte und sein oft mürrisches +Wesen auf die Sorgen und den Aerger schob, den er +außer dem Hause gehabt – ein <em class="gesperrt">kleiner</em> Stachel blieb +von jeder dieser Scenen in ihrem Herzen zurück, so viel +Mühe sie sich selber gab, die Erinnerung daran zu bannen; +<em class="gesperrt">einen</em> kleinen Nebelpunkt ließ jede solche Wolke +zurück, die an der Sonne ihres häuslichen Glücks, sei +<a class="pagenum" name="page_004" title="4"> </a> +es noch so schnell vorübergezogen, und in einsamen +Stunden konnte sie oft recht traurig darüber werden.</p> + +<p>Sie hatten zwei Kinder mitsammen, an denen der +Vater mit großer und wirklich inniger Liebe hing – +und doch, wie wenig gab er sich mit ihnen ab! – Es +ist wahr, am Tage war er sehr viel beschäftigt und +mußte sich oft gewaltsam die Zeit abringen, um nur +zum Mittagsessen zu kommen, aber Abends um sechs +Uhr hatte er dafür auch jedes Geschäft abgeschüttelt, +und dann wäre ihm allerdings Zeit genug geblieben +bei Frau und Kindern zu sitzen, um sich seines häuslichen +Glückes zu freuen, aber – »er mußte dann +doch ein wenig Zerstreuung haben« – wie er sich selbst +vorlog – er mußte den Geschäftsstaub abschütteln +und mit einem »Glas Bier« hinunterspühlen, und das +geschah am besten im Wirthshaus, wo man nicht gezwungen +war zu reden – wenn man nicht reden wollte – +wo man einmal eine Partie Scat oder Billard +spielte, um die ärgerlichen Geschäftsgedanken aus dem +Kopf zu bringen – und wie die Ausreden alle hießen, +mit denen er allein <em class="gesperrt">sich selber</em> betrog, denn seine +Frau fühlte besser den wahren Grund.</p> + +<p>Er <em class="gesperrt">amüsirte</em> sich nicht zu Haus. Er hatte seine +Frau und Kinder unendlich lieb und würde Alles für +sie gethan, jedes wirklich große Opfer für sie gebracht +<a class="pagenum" name="page_005" title="5"> </a> +haben aber – er verstand nicht, sich mit ihnen zu +beschäftigen, und suchte deshalb Unterhaltung bei +Karten und Billard.</p> + +<p>Und wie verständig und lieb betrug sich seine Frau +dabei! Er mochte noch so spät Abends zum Essen kommen, +nie zeigte sie ihm ein unfreundliches Gesicht, nie +frug sie ihn, wo er heute so lange gewesen. Die Kinder – +wenigstens das jüngste – waren dann schon meist zu +Bett gebracht; er konnte ihnen nicht einmal mehr »gute +Nacht« sagen, und ärgerlich über sich selber – so sehr +er auch vermied es sich selber einzugestehen – verzehrte +er schweigend sein Abendbrod.</p> + +<p>Das waren die Momente, wo ihm der älteste +Knabe ängstlich aus dem Weg ging, denn hatte er +irgend etwas versäumt, und der Vater erfuhr es in +einer solchen Stunde, dann konnte er <em class="gesperrt">sehr</em> böse und +<em class="gesperrt">sehr</em> heftig werden – und die arme Mutter <em class="gesperrt">litt</em> +besonders schwer darunter.</p> + +<p>Wie oft nahm er sich vor, die Abende in seiner +Familie, bei den Seinen zuzubringen, und er wußte +ja, wie sich seine Frau darüber gefreut haben würde. +So lieb und gut sie dabei mit den Kindern war, so +sorgsam sie auf Alles achtete, was dem Gatten eine +Freude machen oder zu seiner Bequemlichkeit dienen +<a class="pagenum" name="page_006" title="6"> </a> +konnte, so verständig war sie in jeder andern Hinsicht, +und es gab Nichts, worüber sich nicht ihr Mann hätte +mit ihr unterhalten mögen, Nichts, worin sie nicht im +Stande gewesen wäre, einen vernünftigen Rath zu +ertheilen. Er kannte und schätzte diese Eigenschaften +an ihr – er liebte sie dafür nur desto mehr, aber – +wenn der Abend, wenn die Zeit kam, wo er wußte, +daß sich die Spieltische besetzten oder die gewöhnliche +<i>quatre tour</i> zusammenkam, dann ließ es ihn nicht +länger zu Hause ruhn.</p> + +<p>Seine Frau war die letzten Jahre kränklich geworden, +da sie aber nie gegen ihn klagte und ein häufiger +wiederkehrendes Unwohlsein stets so viel als möglich +vor ihm verbarg, um ihm die wenigen kurzen Stunden +nicht zu verbittern, die er bei ihnen zubrachte, +achtete er selber nicht viel darauf, oder hielt es doch +keineswegs für gefährlich. Er hatte in der That <em class="gesperrt">sehr</em> +viel zu thun und den Kopf zu Zeiten voll genug – +nur seiner Frau daheim hätte er es nicht sollen entgelten +lassen. Sobald er das aber ja einmal fühlte, wollte +er es auch stets wieder gut machen, und überhäufte +sie mit Geschenken – ja, wo er einen Wunsch an ihren +Augen ablesen mochte, erfüllte er ihn – soweit er eben +mit Geld erfüllt werden konnte – nur seine Abende +widmete er ihr nicht. – Er wollte auch eine Erholung +<a class="pagenum" name="page_007" title="7"> </a> +haben, wie er meinte, und in seiner Heftigkeit +gegen die Seinen mäßigte er sich eben so wenig.</p> + +<p>»Ihr müßt mich nehmen, wie ich nun einmal bin,« +sagte er in einer halben Abwehr, in halber Entschuldigung; +»Ihr wißt wie's gemeint ist,« und damit war +die Sache für <em class="gesperrt">ihn</em> abgemacht, aber nicht für die Frau.</p> + +<p>Er war auch jetzt zu Zeiten, in Gegenwart Fremder +heftig gegen sie, und fuhr sie rauh an. Er meinte +es wirklich nicht so bös, wie die Worte klangen, aber +es trieb ihr doch manchmal die Thränen in die Augen, +so sehr sie sich auch dagegen stemmte, ihm zu zeigen, +wie weh er ihr gethan.</p> + +<p>So verging der Winter. Es war eine neue Gesellschaft +in X. gegründet worden und Brethammer +Vorstand dabei. Das Local wurde mit einem Ball +eröffnet, und er hätte seine Frau gern dort mit eingeführt, +ja er kaufte ihr ein ganz prachtvolles Ballkleid +und that wirklich Alles, um sie zu überreden, ihm die +Freude zu machen. Sie sagte ihm jetzt, daß sie unwohl +sei, aber er wollte es ihr nicht glauben, und erst als +sie ihm mittheilte, wie viel sie den letzten Herbst gelitten, +und wie große Mühe sie sich gegeben, es nicht zu +zeigen, erschrak er, und jetzt fiel ihm auch ihr bleicheres +Aussehen, fielen ihm die eingefallenen Wangen +auf. Aber er nahm es trotzdem leicht. Sie war schon +<a class="pagenum" name="page_008" title="8"> </a> +oft unwohl gewesen und hatte sich immer wieder erholt, +auch diesmal würde es sicher vorübergehen, wenn sie +sich nur schonte. Es war unter solchen Umständen +jedenfalls das Vernünftigste, daß sie <em class="gesperrt">nicht</em> auf den +Ball ging.</p> + +<p>Der Winter verging, Bertha wurde in der That +nicht kränker, aber sie blieb leidend, und ihr Gatte gewöhnte +sich zuletzt an diesen Zustand. Er hatte anfangs +seine Heftigkeit gemäßigt und sich Gewalt angethan – +und ach, wie dankbar war ihm Bertha dafür! – +auf die Länge der Zeit aber vergaß er das wieder – +es war ja nicht mehr nöthig. Seine <i>quatre tour</i> +und Scatpartie versäumte er aber nie und amüsirte +sich ganz vortrefflich dabei. Kam er dann Abends +nach Haus – ob er sich auch einmal um eine halbe +oder ganze Stunde verspätet hatte – fand er den +Tisch gedeckt, und war es so spät geworden, daß die +Kinder zu Bett geschickt werden mußten, so setzte sich +sein Weib mit ihm allein zum Essen nieder.</p> + +<p>Im Frühjahr schienen Bertha's Leiden heftiger +wiederzukehren, und der Arzt kam fast täglich, aber +auch er sah keine Gefahr darin. Er wußte selber nicht, +daß Bertha ihr Leiden leichter nahm, als es wirklich +war, oder vielleicht mehr vor ihm verbarg, als sie +hätte thun sollen; aber sie fürchtete, dem Gatten das +<a class="pagenum" name="page_009" title="9"> </a> +Haus dadurch noch ungemüthlicher zu machen, und +trug deshalb lieber Alles allein.</p> + +<p>Eines Abends, im Mai, saß Dr. Brethammer +wieder am Kartentisch und zwar in einem Garten, +etwa drei Viertelstunden Wegs von X. entfernt, wohin +die kleine Gesellschaft bei schönem Wetter allabendlich +auswanderte, als ein Bote hereingestürzt kam und +ihm einen kleinen Zettel überreichte. Es standen nur +wenige Worte darauf:</p> + +<p>»Komm zu mir. – Bertha.« Aber die Worte +waren mit zitternder Hand geschrieben, und den Mann +überkam, als er sie gelesen, eine ganz sonderbare Angst.</p> + +<p>Was konnte da vorgefallen sein? war Bertha +krank geworden? daß sie fortwährend krank gewesen, +wollte er sich gar nicht gestehen, aber der Bote wußte +weiter nichts. Man hatte ihn auf der Straße angerufen +und gut bezahlt, damit er so schnell wie möglich +diesen Brief übergeben sollte. – Mitten im Spiel +hörte der Doctor auf, ein Beisitzender mußte dasselbe +übernehmen, und so rasch ihn seine Füße trugen, eilte +er in die Stadt zurück. Und er hatte nicht zu sehr geeilt – +unten im Hause traf er sein Mädchen, die eben +aus der Apotheke kam und verweinte Augen hatte.</p> + +<p>»Was um Gotteswillen ist vorgefallen – meine +Frau –?«</p> + +<p><a class="pagenum" name="page_010" title="10"> </a> +»O gehen Sie hinauf, gehen Sie hinauf!« rief +das Mädchen. »Sie hat so danach verlangt, Sie noch +einmal zu sehen.«</p> + +<p>Der Mann wußte nicht, wie er die Treppe hinauf +kam. Der Arzt stand neben dem Bett, streckte ihm +die Hand entgegen, drückte sie leise und verließ das +Zimmer, und neben dem Bett kniete der Unglückliche, +die kalte Hand seines treuen Weibes mit Küssen und +Thränen bedeckend.</p> + +<p>»Mein Kuno,« flüsterte die zitternde Stimme, »o +wie lieb das von Dir ist, daß Du noch einmal gekommen +bist – mir ist nur so kurze Zeit geblieben – +das Alles brach so schnell herein.«</p> + +<p>»Bertha, Bertha, Du kannst – Du darfst mich +nicht verlassen,« schluchzte der Mann und schlang +seinen Arm krampfhaft um sie.</p> + +<p>»Du thust mir weh,« bat sie leise, »fasse Dich +Kuno, es muß sein – ich muß fort von Dir und den +Kindern – o sei gut mit ihnen, Kuno – sei nicht so +rauh und heftig mehr – sie sind ja lieb und brav, +und Du, – hast sie ja auch so lieb.«</p> + +<p>Der Mann konnte nicht sprechen. In der leisen, +mit bebender Stimme gesprochenen Bitte lag ein so +furchtbarer Vorwurf für ihn, daß er seinen Gefühlen, +seiner Reue, seiner Zerknirschung nicht mehr Worte +<a class="pagenum" name="page_011" title="11"> </a> +geben konnte. Nur seine Stirn preßte er neben die +Sterbende auf das Bett, und ihre Hand lag auf seinem +Haupt und drückte es leise an sich.</p> + +<p>»Kuno,« hauchte ihre Stimme nach einer langen Pause wieder.</p> + +<p>»Bertha, meine Bertha!« rief der Mann, sein +Antlitz zu ihr hebend, »fühlst Du Dich besser?«</p> + +<p>»Leb wohl!«</p> + +<p>»Bertha!« stöhnte der Unglückliche, »Bertha!«</p> + +<p>»Mach mir den Abschied nicht schwer,« bat die +Frau, »die Kinder habe ich schon geküßt, ehe Du kamst – +ich wollte noch mit Dir allein sein. Laß mich ausreden,« +flehte sie, »mir bleibt nicht mehr viel Zeit +und das Sprechen wird mir schwer – leb wohl, Kuno +– habe noch Dank – tausend Dank für all das Liebe +und Gute, was Du mir gethan – sei mir nicht bös, +wenn ich vielleicht –«</p> + +<p>»Bertha, um Gottes willen, Du brichst mir das +Herz –«</p> + +<p>»Es ist gut – es ist vorbei – es wird Licht um +mich – leb' wohl Kuno – sei gut mit den Kindern +– auf Wiedersehen!«</p> + +<p>»Bertha!« – – es war vorbei. Der Mann +knieete neben der Leiche seiner Frau, und es war ihm, +<a class="pagenum" name="page_012" title="12"> </a> +als ob das Weltall ausgestorben wäre und er allein +und trostlos in einer Wüste stände.</p> + +<p>Die nächsten drei Tage vergingen ihm wie ein +Traum. Fremde Leute kamen und gingen ein und +aus im Hause; er sah sie, wie man gleichgültige +Menschen auf offener Straße vorbeipassiren sieht, +und selbst als sie die Leiche in den Sarg legten, blieb +er still und theilnahmlos. Die Kinder kamen über +Tag zu ihm, hingen an seinem Hals und weinten; er +preßte sie fest an sich und küßte sie und blieb dann +wieder allein bei der Geschiedenen.</p> + +<p>Endlich kam die Stunde, wo der Sarg fortgeschafft +werden mußte, und jetzt war es, als ob er sich dem +widersetzen wolle. Aber es traten eine Masse Leute +in's Zimmer; Freunde von ihm dazu, die herzlich mit +ihm sprachen und ihm zuredeten, daß er sich den Unglücksfall +nicht so schwer zu Herzen nehmen solle. Er +hörte ihre Trostgründe gar nicht, aber er fühlte, daß +was hier geschah – eben geschehen <em class="gesperrt">mußte</em>, und +duldete Alles.</p> + +<p>Nach dem Begräbniß kehrte er mit seinen Kindern +nach Haus zurück, schloß sich hier in sein Zimmer ein +und weinte sich recht von Herzen aus. Danach wurde +ihm etwas leichter – und es ist ein altes und wahres +Sprüchwort – die Zeit mildert <em class="gesperrt">jeden</em> Schmerz, denn +<a class="pagenum" name="page_013" title="13"> </a> +das Menschenherz wäre sonst nicht im Stande zu +tragen, was nach und nach ihm aufgehoben bleibt. +<em class="gesperrt">Die Zeit mildert jeden Schmerz, aber – +die Zeit mildert und sühnt keine Schuld.</em></p> + +<p>Den <em class="gesperrt">Verlust</em> der Gattin hätte er ertragen – +mit bitterem Weh wohl, es ist wahr, denn er hatte sie +treu und innig geliebt, aber mit Jahr und Tag wäre +die schwere Stunde des Verlustes, das Gefühl, nie +mehr ihr treues Auge wieder schauen zu können, mehr +in den Hintergrund getreten, und ihm nur die Erinnerung +an ihre Liebe und Treue geblieben. Jetzt +aber nagte ein anderes Gefühl an seinem Herzen, nicht +allein das Gefühl der <em class="gesperrt">Schuld</em>, nein auch die <em class="gesperrt">Reue</em> +über vergangene Zeit mit dem Bewußtsein, diese nie +zurückbringen, das Versäumte nie, nie wieder nachholen +oder ungeschehen machen zu können, und das +bohrte sich ihm in's Herz, nicht mit der Zeit weichend, +nein, mit den wachsenden Jahren fester und fester und +unzerstörbarer.</p> + +<p>Draußen die Welt merkte Nichts davon; er war +immer ernst und abgeschlossen für sich gewesen, und +daß er sich jetzt vielleicht noch etwas zurückgezogener +hielt, konnte nicht auffallen, aber daheim in seiner jetzt +verödeten Klause, da stieg die Erinnerung an die Geschiedene +mahnend vor ihm empor, und je weniger +<a class="pagenum" name="page_014" title="14"> </a> +Vorwürfe sie ihm je im Leben gemacht hatte, desto +mehr machte er sich jetzt selber.</p> + +<p>Wieder und wieder malte er sich die Stunden aus +die er mit vollkommen gleichgültigen Menschen draußen +bei den Karten oder hinter dem Wirthstische verbracht, +während seine Bertha daheim mit einer wahren Engelsgeduld +auf ihn wartete, und so lieb, so freundlich ihn +empfing, <em class="gesperrt">wenn</em> er endlich zurückkehrte. Wieder und +wieder malte er sich die einzelnen Fälle aus, wo er +rauh und heftig gegen sie gewesen, die nie ein rauhes +und heftiges Wort zu irgend einer Erwiderung gehabt, +und vor Scham und Reue hätte er in die Erde sinken +mögen, wenn er sich jetzt überlegte, wie er damals +immer – immer Unrecht gehabt, und das nur, <em class="gesperrt">wenn</em> +er es auch früher eingesehen, nicht früher hatte <em class="gesperrt">eingestehen</em> +mögen.</p> + +<p>Aber das Alles kam jetzt <em class="gesperrt">zu spät</em> – zu spät für +<em class="gesperrt">ihn</em> wenigstens. Er hatte einen Schatz gehalten, und +mißachtet, bis er von ihm genommen wurde – keine +Reue brachte ihn je zurück, und daß er sich jetzt elend +und unglücklich fühlte, war nur die Strafe für eine +begangene Sünde.</p> + +<p>Für ihn war es zu spät – <em class="gesperrt">aber noch nicht für +Viele, die diese Zeilen lesen</em>. Viele, viele halten +in gleicher Weise einen ähnlichen Schatz – und +<a class="pagenum" name="page_015" title="15"> </a> +vernachlässigen, mißhandeln ihn ebenso, und es war +der Zweck dieser Zeilen, daß sie sich den Moment jetzt, +da es noch <em class="gesperrt">für sie</em> Zeit ist, ausmalen möchten, wo +die Gattin <em class="gesperrt">plötzlich, unvorbereitet</em> abgerufen +wurde, und die Reue des Mannes dann <em class="gesperrt">zu spät</em> kam, +und <em class="gesperrt">nie, nie</em> wieder gut gemacht werden konnte.</p> + + + + +<h2>Die Vision.<a class="pagenum" name="page_016" title="16"> </a></h2> + + +<h3>Erstes Capitel.<br /> + +<b>Die Sturmnacht.</b></h3> + + +<p>In Alburg, einer nicht ganz unbedeutenden deutschen +Stadt, lebte der Justizrath <em class="gesperrt">Bertling</em> in glücklicher +und zufriedener Ehe mit seiner jungen Frau.</p> + +<p>Bertling war ein ruhiger, behäbiger Charakter, +der die Welt gern an sich kommen ließ, und nichts +weniger liebte als unnütze und unnöthige Aufregungen. +Er hatte auch in der That besonders deshalb sein +Junggesellenleben aufgegeben, um sein Haus gemüthlich +zu machen, und sich – bisher vermißte – Bequemlichkeiten +zu verschaffen; aber er liebte nichtsdestoweniger +seine Frau von ganzem Herzen und fühlte sich +glücklich in ihrem Besitz.</p> + +<p><em class="gesperrt">Auguste</em> paßte auch vortrefflich für ihn, und +zwar nicht etwa durch eine Aehnlichkeit ihres Charakters, +sondern eher durch einen Gegensatz, durch welchen +<a class="pagenum" name="page_017" title="17"> </a> +sich die beiden Gatten vollständig ergänzten, denn man +darf ja nicht glauben, daß zu einer glücklichen Ehe stets +gleiche Neigungen und Ansichten, gleiche Tugenden +und Fehler gehören. Auguste war denn auch, während +ihr Mann ganz entschieden dem praktischen und realen +Leben angehörte, weit mehr schwärmerischer Natur, +ohne jedoch im Geringsten überspannt zu sein. Unermüdlich +thätig in ihrem Hausstand, beschäftigte sie +sich aber auch gern mit Lectüre, und vorzüglich mit solcher, +die einer ideellen Richtung angehörte. Sie phantasirte +vortrefflich auf dem Piano, und liebte es sogar, +selbst noch <em class="gesperrt">nach</em> ihrer Verheirathung – was ihr +Gatte entschieden mißbilligte – bei mondhellen Nächten +im Garten zu sitzen.</p> + +<p>Lebhaft und heiter dabei, mit einem warmen Gefühl +für alles Schöne, wob sie bald mit diesen Tugenden +und Vorzügen einen ganz eigenen Zauber um ihre +Häuslichkeit, dem sich ihr Gatte nicht entziehen konnte +und wollte, so daß er bald von anderen Frauen, <em class="gesperrt">ihren</em> +Männern gegenüber, als das Muster eines vortrefflichen +Ehemannes aufgestellt wurde.</p> + +<p>So hatten die jungen Leute – denn der Justizrath +zählte kaum ein und dreißig und seine Frau erst +zwanzig Jahr – etwa zwei Jahre in glücklicher, durch +nichts gestörte Ehe gelebt, als eine schwere Krankheit – +<a class="pagenum" name="page_018" title="18"> </a> +ein damals in Alburg umgehendes Nervenfieber – +die junge Frau erfaßte und lange Wochen auf das +Lager warf.</p> + +<p>Ihr Mann wich in dieser Zeit fast nicht von ihrer +Seite und nur die wichtigsten Geschäfte konnten ihn +abrufen – ja oft versäumte er selbst diese und ganze +Nächte hindurch wachte er neben ihrem Bett. Allerdings +paßte ihm das nicht zu seinem sonst gewohnten, +bequemen Leben, aber die Angst, sein Weib durch irgend +eine Vernachlässigung zu verlieren, oder auch nur +ihren Zustand gefährlicher zu machen, ließ ihn das +Alles nicht achten, und so ward ihm denn auch endlich +die wohlverdiente Freude zu Theil, die schlimmste +Krisis überstanden und die geliebte Frau nach und nach +genesen zu sehen. Aber es dauerte lange – sehr lange, +bis sie sich wieder vollständig von dem überstandenen +Leiden erholen konnte.</p> + +<p>Der Körper gewann dabei noch verhältnißmäßig +am Schnellsten die frühere Frische wieder, wenn auch +die Wangen bleicher, die Augen glänzender schienen, +als sie sonst gewesen. Sie hatte aber in ihrer Krankheit +besonders viel phantasirt und dabei oft ganz laut +und deutlich die tollsten, wunderlichsten Dinge gesprochen. +Darum bedurfte es weit längerer Zeit, ehe der +Geist wieder Herr über diese Träume wurde, die sich +<a class="pagenum" name="page_019" title="19"> </a> +mit der Erinnerung früherer wirklich erlebter Scenen +so vermischten, daß sie oft anhaltend nachdenken +mußte, um das Wahre von dem Falschen und Eingebildeten +oder nur Geträumten zu sondern und auszuscheiden.</p> + +<p>Auch das gab sich nach und nach oder stumpfte sich +doch wenigstens ab. Die Erinnerungen an diese Träume +wurden unbestimmter, wenn auch einzelne von ihnen +noch manchmal wiederkehrten und sie oft, mitten in +der Nacht, plötzlich und ängstlich auffahren machten, +ja sogar wieder bestimmte Bilder und Eindrücke annahmen.</p> + +<p>Bertling behagte das nicht recht, denn er wurde +dadurch ein paar Mal sehr nutzloser Weise alarmirt. +Einmal – und noch dazu in einer sehr kalten Nacht – +behauptete seine Frau nämlich bei ihrem plötzlichen +Erwachen, es wäre Jemand im Zimmer und unter +das Sopha gekrochen – sie habe es deutlich gehört, +ja sogar den Schatten durch das Zimmer gleiten sehen. +Bertling protestirte gegen die Möglichkeit, aber es +half ihm nichts; um seine Frau nur endlich zu beruhigen, +mußte er aufstehen und die Sache untersuchen, +was er denn gründlich mit Hülfe einer Elle that. +Natürlich fand er nicht das geringste Verdächtige, vielweniger +einen dort versteckten Menschen, und Beide +<a class="pagenum" name="page_020" title="20"> </a> +lachten nachher über dies kleine Abenteuer, – aber +der Justizrath trug doch einen Schnupfen davon, der +ihn sogar auf ein paar Tage zwang das Bett zu hüten.</p> + +<p>Das andere Mal wollte Auguste im Nebenzimmer +ein verdächtiges Flüstern gehört haben und wenn sich +auch dieses nach sorgfältiger nächtlicher Untersuchung, +die der Justizrath im Schlafrock, in der Linken das +Licht, in der Rechten den Feuerhaken, vornahm, als +unbegründet herausstellte, so wurde der Mann doch +durch diesen verschiedentlich erweckten Verdacht endlich +selber so mißtrauisch gemacht, daß er sich für weitere +derartige Fälle stillschweigend rüstete. Er holte +nämlich ein Paar alte, schon lange zur Rumpelkammer +verurtheilte Sattelpistolen hervor, reinigte und lud +sie und gab ihnen einen Platz in der obersten Schieblade +seiner Kommode, um sie bei einer etwa wieder +vorzunehmenden Patrouille wenigstens bei der Hand +zu haben.</p> + +<p>Wochen vergingen indeß, ohne daß sich eine derartige +Scene wiederholt hätte, und Bertling beruhigte +sich endlich vollständig mit dem Gedanken, daß jene +Ideen nur die Nachwehen der überstandenen Krankheit +gewesen seien; der jetzt kräftig gewordene Körper +nun aber alle derartigen Phantasiebilder ausgestoßen, +und für die Zukunft unmöglich gemacht habe.</p> + +<p><a class="pagenum" name="page_021" title="21"> </a> +Auguste war in der That wieder so frisch und lebenslustig +als je geworden, wenn ihre Gesichtsfarbe auch +etwas »intressanter« als früher geblieben sein mochte. +Sie sah bleicher aus, als sie sonst gethan, aber keineswegs +kränklich oder leidend und besuchte auch wieder +gern und oft Gesellschaften und Bälle, wobei es manchmal +einige Schwierigkeiten hatte, den etwas phlegmatischen +Gatten für solche Vergnügungen mitzubegeistern.</p> + +<p>Auch gestern Abend war in der »Erholung« ein +brillanter Ball gewesen, auf dem Auguste bis vier Uhr +morgens getanzt, während ihr Gatte, als treuer Gefährte, +bis etwa um zwei Uhr Whist gespielt, und +noch ein paar Stunden in einer bequemen Sophaecke +verträumt hatte. Heute sollte dafür recht früh zu Bett +gegangen werden, und die beiden Eheleute saßen Abends +allein zusammen in der Stube am Theetisch.</p> + +<p>Es war im Februar, aber ein ganz entsetzlich naßkaltes +und stürmisches Wetter. Noch vor wenigen +Tagen hatte harter Frost die Erde gedeckt; heute +peitschte der Regen die kaum aufgethauten Fenster und +die Windsbraut heulte zwischen den Giebeln und riß +an Thüren und Fensterflügeln, wie zornig darüber, +daß es einen Platz geben solle, in den man ihr, der +Gewaltigen, den Eintritt verweigere.</p> + +<p><a class="pagenum" name="page_022" title="22"> </a> +Und wie das draußen durch die Straßen fegte! +Der Justizrath war aufgestanden und ans Fenster +getreten, denn die Unterhaltung wollte heute nicht recht +fließen. Seine Frau war abgespannt, klagte über ein +leichtes Kopfweh und Brennen in den Augen und war +schon ein paar Mal, wie krampfhaft zusammengefahren +– jedenfalls in Folge des gestrigen Balles.</p> + +<p>Unten brannten die Gaslaternen, aber sie erleuchteten +die Straße nicht, sondern warfen nur einen matten, +flackernden Schein auf das schmutzige, von halbgeschmolzenem +Eis bedeckte Pflaster, denn selbst die +Glasscheiben schützten die Flammen nicht vor <em class="gesperrt">diesem</em> +Sturm, der sie rastlos hin und her wehte und manchmal +auszulöschen drohte. Die Straße selbst war menschenleer, +denn wer heute nicht nothgedrungen <em class="gesperrt">mußte</em>, +verließ wohl nicht das schützende Haus, um sich einem +solchen Unwetter preiszugeben. Nur dann und wann +floh ein einzelner später Wanderer entweder mit dem +Wind durch aufspritzenden Schmutz und Schlamm +dahin, oder kämpfte – den Oberkörper weit vorn über +gebeugt – <em class="gesperrt">gegen</em> den Sturm, und dem Wetter in +die Zähne, seine beschwerliche Bahn.</p> + +<p>In langen Zwischenpausen rollte auch wohl einmal +ein festgeschlossener Wagen vorüber, aber das +Geräusch desselben machte die gleich nachher wieder +<a class="pagenum" name="page_023" title="23"> </a> +eintretende Oede nur noch fühlbarer, als daß es sie +unterbrochen hätte.</p> + +<p>Der Himmel war mit schweren jagenden Wolken +bedeckt, und der hinter ihnen stehende Vollmond konnte +nicht mehr thun, als daß er manchmal ihre riesigen, +beweglichen Massen in einem matten Phosphorschimmer +sichtbar werden ließ. Aber selbst dies geschah +nur auf Momente, und jedes Mal darnach war es, +als ob der Sturm nur Athem geholt und neue Kraft +gewonnen hätte, um so viel rasender zum Kampf herbei +zu eilen.</p> + +<p>»Merkwürdig, wie das da draußen tobt und +gießt,« brach der Justizrath endlich das lange Schweigen +indem er den Rauch seiner Cigarre gegen die +Fensterscheiben blies. »Das ist nun Februar mit +Mondschein im Kalender wo man eigentlich eine hellkalte, +ruhige Winternacht zu fordern hätte. 'S ist +aber gerade, als ob die ganze Welt ihre Jahreszeiten +umdrehte, denn eingehalten werden sie wahrlich nicht +mehr zur rechten Zeit.«</p> + +<p>Er hatte sich dabei wieder dem Tische zugedreht, +und sah jetzt wie seine Frau mit gespannter Aufmerksamkeit +auf dem Sopha saß, als ob sie auf irgend +etwas horche. Zu gleicher Zeit drang, durch die +Wände und Decke aber gedämpft, der Ton einer +<a class="pagenum" name="page_024" title="24"> </a> +Menschenstimme zu ihnen herüber, die jedenfalls ein +geistliches Lied in lang gezogenen, schnarrenden Tönen +sang. Der Justizrath lachte.</p> + +<p>»Das ist der verrückte Schuhmacher über uns, der +jedesmal bei einem Sturm, aber besonders bei einem +Gewitter, den Herr Zebaoth anschreit, und sich als +größten Sünder des ganzen Weltalls denuncirt. +Wenn diese Narrheit nicht auch ihre komische Seite +hätte, könnte es Einem wirklich unheimlich dabei +werden.«</p> + +<p>Der Justizrath hatte Recht. Die Stimme klang +in der That unheimlich in diesem Aufruhr der Elemente +und wenn der Wind dazu durch den Schornstein +heulte und in die Schlüssellöcher pfiff, gab es einen +Dreiklang, der Einem hätte das Haar zu Berge treiben +können. Die Frau schauderte auch in sich selbst +zusammen, allein sie erwiderte kein Wort, und der +Justizrath, dem ihr Zucken nicht entging, fuhr fort:</p> + +<p>»Man kann nur gar nichts dagegen machen; nicht +einmal polizeilich verbieten darf ich es ihm, denn +geistliche Lieder zu singen ist eben nichts Strafbares, +und daß der Mensch so eine gellende Stimme hat, +lieber Gott, dafür kann er nichts; ich bezweifle sogar, +daß er es selber weiß. Uebrigens – es ist ihm vielleicht +in anderer Weise beizukommen, denn seine Frau +<a class="pagenum" name="page_025" title="25"> </a> +soll sich auch mit Kartenschlagen und allem möglichen +anderen abergläubischen Hocuspocus beschäftigen, und +wenn ich darin einmal einen Halt dafür bekomme, +dann wollen wir der Geschichte rasch ein Ende +machen.«</p> + +<p>»Was war das?« flüsterte die Frau und fuhr wie +erschreckt halb von ihrem Sitz empor.</p> + +<p>»Was? – das Klappern?« sagte der Justizrath, +»wahrscheinlich hat wieder Jemand die Hausthür +unten aufgelassen und was nicht festgenagelt ist, rasselt +bei dem Sturm hin und her. Das wird eine vergnügte +Nacht werden.«</p> + +<p>»Es war mir als ob Jemand klopfe –«</p> + +<p>»Nun jetzt kommt kein Besuch mehr,« lachte der +Mann, »und wenn –«</p> + +<p>In dem Augenblick war es, als ob der Sturm +seinen ganzen Angriff nur auf diesen Punkt concentrirt +hätte. Mit einem wahren Wuthgeheul fuhr es den +Schornstein herunter, und riß draußen an den Fenstern. +Zu gleicher Zeit flog die Stubenthür auf und der +kalte Zug strömte voll ins Zimmer, daß die Lampe +hoch und düster aufflackerte.</p> + +<p>»Alle Wetter!« rief der Justizrath, erschreckt zur +Thür springend und diese wieder schließend, »das wird +denn doch beinah zu toll und das alte Nest so windschief, +<a class="pagenum" name="page_026" title="26"> </a> +daß weder Fenster noch Thüren länger in ihren +Fugen bleiben. Wenn der Wirth das nicht spätestens +bis zum Frühjahr aus dem Grunde wieder herstellen +läßt, kündige ich ihm wirklich das Logis. Man kann +ja die Stuben auch fast gar nicht mehr erheizen.«</p> + +<p>Die Frau war, als die Thür aufflog, allerdings erschreckt +zusammengefahren, hatte sich aber nicht weiter +gerührt und saß jetzt still und regungslos. Nur mit +ihrem Blick strich sie langsam, als ob sie irgend Jemandem +mit den Augen folge, von der Thür fort, +durchs Zimmer, bis zu dem Stuhl am Ofen, auf dem er +stier und fest haften blieb.</p> + +<p>Ihr Mann hatte nicht gleich auf sie geachtet. Er +zog die neben der Thür befindliche Klingel, um das +Dienstmädchen herbeizurufen und befahl diesem dann +nach der Hausthür hinunter zu sehen, wie auch den +Hausmann zu bitten, daß er dieselbe heute Abend verschlossen +halte. Man konnte es ja wahrlich hier oben +im Hause vor Zug nicht aushalten.</p> + +<p>Darnach trat er in die Stube zurück, und es fiel +ihm jetzt auf, daß seine Frau noch keine Silbe über +die Störung geäußert hatte. Wie er sich ihr aber zuwandte, +konnte ihm auch unmöglich der stiere, +staunende Blick entgehen, den Auguste noch immer +unverwandt auf den einen Punkt gerichtet hielt. Unwillkürlich +<a class="pagenum" name="page_027" title="27"> </a> +sah er rasch dort hinüber, es ließ sich aber +nicht das geringste Außergewöhnliche erkennen. Dort +stand nur ein leerer Stuhl, und darüber hing ein alter +Kupferstich, der eine Prügelscene aus irgend einer +holländischen Dorfschenke darstellte.</p> + +<p>»Nun?« sagte er endlich und jetzt selber erstaunt +– »was hast Du nur?«</p> + +<p>Statt aller Antwort und ohne den Blick von dem +festgehaltenen Punkt zu nehmen, hob die junge Frau +langsam den rechten Arm in die Höhe und deutete +mit dem Zeigefinger auf die Stelle.</p> + +<p>»Ja aber mein Kind –« wiederholte der Mann +bestürzt, denn er konnte sich das wunderliche Betragen +der Frau nicht erklären – »ich begreife noch immer +nicht, was Du willst. Was ist denn dort, und weshalb +deutest Du auf den Stuhl und siehst so bestürtzt +aus, als ob Dir ein Geist erschienen wäre?«</p> + +<p>»Siehst Du ihn nicht?« sagte die Frau leise, ohne +ihre Stellung auch nur um eines Haares Breite zu +verändern.</p> + +<p>»Wen denn?« rief Bertling halb ärgerlich und +halb erschreckt noch einmal den Kopf nach der bezeichneten +Richtung zu drehend.</p> + +<p>»Den fremden Mann,« erwiderte die Frau, die +<a class="pagenum" name="page_028" title="28"> </a> +Worte aber viel mehr hauchend als sprechend, »der +dort auf dem Stuhl am Ofen sitzt.«</p> + +<p>»Den fremden Mann? – aber Kind, ich bitte +Dich um Gotteswillen.«</p> + +<p>»Sprich nicht so laut. Wenn er die Augen zu +mir hebt, ist es immer, als ob mir ein Messer durch +die Seele ginge.«</p> + +<p>»Aber wie sollte denn der hierher gekommen sein,« +lachte Bertling gutmüthig – »sei doch vernünftig.«</p> + +<p>»Wie die Thür aufging,« flüsterte die Frau »trat +er herein, ging still am Ofen vorüber und setzte sich +dort nieder – aber siehst Du ihn denn nicht?«</p> + +<p>»Mein liebes Herz« suchte sie der Justizrath zu +beschwichtigen – »wenn dort irgend Jemand auf dem +Stuhle säße, so müßte ich ihn allerdings auch sehen, +nicht wahr? Aber ich sehe Nichts als den leeren Stuhl. +Komm Schatz, das ist wieder einer von Deinen häßlichen +Träumen – schüttle ihn ab – Nun? – ist er +noch da?« setzte er lachend hinzu, als die Frau wie +warnend die Hand gegen ihn hob.</p> + +<p>»Pst! sei ruhig!« sagte sie tonlos – »jetzt regt er +sich. Er sieht Dich an.«</p> + +<p>Bertling wurde es, dieser so bestimmt ausgesprochenen +Ueberzeugung gegenüber, selber ein wenig +unheimlich zu Muthe, wenn er auch recht gut wußte, +<a class="pagenum" name="page_029" title="29"> </a> +daß das Ganze weiter Nichts sein konnte als eines +jener verworrenen Traumbilder, von denen er gehofft +hatte, daß sie bei seiner Frau nie mehr wiederkehren +würden. Möglicher Weise hatten aber hier verschiedene +Factoren zusammengewirkt, um den Geist der +noch nicht vollständig Genesenen zu überreizen und +krankhaft aufzuregen. Die Abspannung nach der gestern +durchschwärmten Nacht – das heutige Unwetter mit +dem fatalen Klappern der Fenster und Thüren, der +heulende Sturm, der da oben seine Gesangbuchverse +abwimmernde Schuhmacher, vielleicht ein flüchtiges +Unwohlsein mit in den Kauf; wer konnte denn wissen +wie das Alles auf sie eingewirkt hatte und es blieb +deshalb vor allen Dingen nöthig, sie von der Nichtexistenz +ihres Traumbildes thatsächlich zu überzeugen +– nachher beruhigte sich ihre Einbildungskraft schon +von selber.</p> + +<p>»Aber mein liebes Herz,« sagte er endlich – »so +mach' doch nur einmal diesem häßlichen Traum ein +Ende – – –«</p> + +<p>»Traum?« rief aber jetzt die Frau ungeduldig, +wenn auch immer noch mit vorsichtig gedämpfter +Stimme – »was Du nur mit Deinem Traum +willst. Man träumt doch nur wenn man schläft, doch +schlafe ich jetzt oder schläfst Du?«</p> + +<p><a class="pagenum" name="page_030" title="30"> </a> +»Aber ich selber sehe doch gar Nichts.«</p> + +<p>»Nichts? Siehst Du denn nicht den kleinen grauen +Mann dort neben dem Ofen sitzen, wie er den rechten +Arm auf der Stuhllehne liegen hat und hier herüber +sieht? Was er nur will. –«</p> + +<p>»Aber meine liebe Auguste so sei doch vernünftig,« +rief der Justizrath, durch den Zustand wirklich beängstigt. +»So überzeuge Dich doch nur selber.« –</p> + +<p>»Quäle mich nur nicht,« bat die Frau – »von +was soll ich mich denn überzeugen? Sehe ich ihn denn +nicht da sitzen? – Daß sie ihn nur hereingelassen +haben.«</p> + +<p>»Nun gut,« rief Bertling, der wohl einsah, daß +bloße Vernunftgründe nicht das Geringste fruchten +würden, »dann will ich Dir <em class="gesperrt">beweisen</em>, daß Du Dich +irrst, und nachher wirst Du mir doch Recht geben. +Sitzt er <em class="gesperrt">noch</em> da?«</p> + +<p>Die Frau nickte mit dem Kopf.</p> + +<p>»Schön,« sagte Bertling, indem er entschlossen +um den Tisch herum ging und der bezeichneten Stelle +zuschritt, »dann wollen wir doch einmal sehen wie er +sich <em class="gesperrt">jetzt</em> benimmt.«</p> + +<p>Der Blick der Frau haftete aber nicht mehr auf +dem Stuhl, sondern hob sich ein wenig und strich +<a class="pagenum" name="page_031" title="31"> </a> +dann wieder langsam durch die Stube und zur Thür +zurück.</p> + +<p>»Nun sieh,« sagte ihr Mann jetzt, indem er sich +– wenn auch mit einem unbehaglichen Gefühl auf +denselben Stuhl niederließ, auf dem das Traumbild +sitzen sollte – »Du wirst mir doch jetzt zugeben, daß der +Stuhl vollkommen leer war, oder Dein grauer Herr +müßte mich sonst auf dem Schooß haben. – Nun? +– was siehst Du denn jetzt wieder nach der Thür?«</p> + +<p>»Ja er ist fort,« lachte die Frau still vor sich hin. +»Wie Du nur um den Tisch herumgingst, stand er +auf, glitt wieder der Thür zu – und hinaus.«</p> + +<p>»Aber die Thür ist ja noch fest zu. Er kann doch +nicht –«</p> + +<p>Bertling hatte kaum Zeit zuzuspringen und seine +Frau aufzufangen, denn ihr gehobener Arm sank matt +am Körper herab, und die ganze Gestalt schien in sich +selbst zusammenzubrechen. Sie konnte nicht ohnmächtig +sein, aber es war als ob nach der gehabten Aufregung +eine völlige Erschlaffung ihrer Glieder einträte. +Er hatte sie auch kaum aufgehoben und auf das +Sopha gelegt, als sie in einen festen Schlaf fiel.</p> + +<p>Der aber dauerte nicht lange. Schon nach kaum +einer Viertelstunde wachte sie wieder auf und sah sich +etwas verstört im Zimmer um.</p> + +<p><a class="pagenum" name="page_032" title="32"> </a> +»Hab ich mich denn hier zum Schlafen niedergelegt?« +sagte sie leise und sinnend – »es muß ja schon spät sein.«</p> + +<p>Bertling hielt es für das Beste, von dem stattgefundenen +Anfall heute Abend gar nichts zu erwähnen, +da er nicht wissen konnte, wie es die Leidende aufnehmen +würde. Wenn sie morgen wieder frisch und +munter war, wollte er es ihr erzählen, und sie lachte +dann wahrscheinlich selbst darüber.</p> + +<p>»Es ist halb zehn, mein Kind,« sagte er, »und +Du bist müde von der gestern durchschwärmten Nacht. +Ich glaube es ist das Beste wir gehen zur Ruhe.«</p> + +<p>»Ja,« sagte die Frau nach einer kleinen Pause, in +der sie, wie überlegend, vor sich niedersah – »ich +muß wirklich hier eingeschlafen sein, denn ich habe +schon geträumt. – Was einem doch dabei für wunderliche +Dinge durch den Kopf ziehen. – Ich werde +lieber schlafen gehen.«</p> + + + + +<h3>Zweites Capitel.<br /> + +<b>Die Kaffeegesellschaft.</b></h3> + + +<p>Am nächsten Morgen schien Auguste die gestrige +Erscheinung vollständig vergessen zu haben; sie erwähnte +wenigstens kein Wort davon, und Bertling +<a class="pagenum" name="page_033" title="33"> </a> +hatte sich in der Nacht ebenso überlegt, die ganze Sache +weiter gar nicht zu berühren. Es würde sie nur beunruhigt +haben, und konnte doch zu weiter nichts nützen. +Er hätte freilich gern gewußt, ob ihr jede Erinnerung +an die eingebildete Traumform verschwunden sei – +und fast vermuthete er das Gegentheil, denn sie blieb +an diesem Tag besonders nachdenkend, hörte manchmal +mitten in ihrer Arbeit auf und sah eine Weile still +vor sich nieder. Aber er mochte sie auch nicht fragen, +denn hatte sie es wirklich vergessen, so mußte sie dadurch +nur mißtrauisch gemacht werden.</p> + +<p>Auch der Arzt, mit dem er darüber sprach, rieth +ihm in keinerlei Weise auf jenen Zustand hinzudeuten. +Solche Erscheinungen kämen – wie er meinte – im +geistigen Leben der Frauen gar nicht so selten vor, +stumpften sich aber, wenn man ihnen Ruhe ließe, gewöhnlich +mit der Zeit von selber ab. Das einzige +wirksame Mittel dagegen sei Zerstreuung – leichte, +am besten humoristische Lectüre, geselliger Verkehr etc. +– Sie dürfte nicht zuviel allein gelassen werden, +dann wichen diese Zustände auch von selber wieder.</p> + +<p>Bertling irrte sich übrigens, wenn er glaubte, +jene eingebildete Erscheinung wäre spurlos und vielleicht +unbewußt an seiner Frau vorübergegangen. Unmittelbar +nach ihrer halben Ohnmacht besann sie sich +<a class="pagenum" name="page_034" title="34"> </a> +allerdings nicht gleich darauf und schlief in ihrer damaligen +Abspannung auch bald ein. Aber selbst schon +in der Nacht kam ihr die Erinnerung des scheinbar +Erlebten, und am nächsten Morgen, als das schon +fast verschwommene Bild wieder klarer und deutlicher +vor ihre Seele trat, malte sie sich die Einzelheiten +mehr und mehr im Stillen aus, bis sie auch die kleinsten, +unbedeutendsten Umstände wieder scharf und bestimmt +herausgefunden hatte. – Aber sie erwähnte +gegen ihren Gatten nichts davon.</p> + +<p>Einmal wollte sie ihn nicht ängstigen, weil er jenem +Phantasiegebild vielleicht zu viel Wichtigkeit beigelegt +hätte, und dann – war sie selber noch nicht einmal +mit sich im Klaren, ob es wirklich ein Phantasiegebild +gewesen sei oder nicht. Sie fürchtete auch den Spott +ihres Mannes, wenn sie ihm nur eine Andeutung gemacht +hätte, daß sie eine solche Erscheinung für möglich +halte, und grübelte dabei im Stillen weiter über +das Geschehene.</p> + +<p>In dieser Zeit, in welcher sie sich auch immer noch +etwas angegriffen fühlte, ging sie wenig aus und da +ihr Mann durch eine Masse dringender Geschäfte +über Tag abgehalten wurde, ihr Gesellschaft zu leisten, +las sie viel – jetzt aber am liebsten Bücher, die sich +mit dem geistigen Leben des Menschen beschäftigten +<a class="pagenum" name="page_035" title="35"> </a> +und oft Dinge besprachen, die ihr in ihrem überdieß +aufgeregten und reizbaren Zustand weit besser fern gehalten +wären. So kam ihr auch das Buch der +Seherin von Prevorst in die Hände, und gab ihrem, +schon außerdem zum Uebernatürlichen neigenden Sinn, +nur noch mehr Nahrung.</p> + +<p>Wenn es überhaupt auf Erden Menschen gab, die +mit jener, von anderen Sterblichen nur geahnten +Welt in unmittelbarer Verbindung standen, die mit +ihren körperlichen Augen das sehen konnten was um +sie her <em class="gesperrt">bestand</em>, während es der Masse verborgen und +unsichtbar blieb, warum sollte sie dann nicht auch zu +diesen gehören können? – warum sollte gerade das, +was sie deutlich und klar <em class="gesperrt">geschaut</em> hatte, nur allein +bei ihr eine Täuschung der Sinne gewesen sein? Daß +aber etwas Aehnliches nicht allein möglich, sondern +schon wirklich an den verschiedensten Orten <em class="gesperrt">geschehen</em> +sei, davon liefert ihr gerade die Seherin von Prevorst +den sichersten Beweis, denn das Buch brachte beglaubigte +Thatsachen, und immer fester wurzelte bei +ihr die Ueberzeugung, daß auch sie zu jenen bevorzugten +Wesen gehöre.</p> + +<p>Keineswegs erweckte aber dies, sich nach und nach +bei ihr bildende Bewußtsein, ihre Furcht vor dem, +was ihr etwa noch begegnen könne. Im Gegentheil +<a class="pagenum" name="page_036" title="36"> </a> +freute sie sich viel eher einer solchen Kraft, und beschloß +sogar mit ruhigem kalten Blut Alles zu prüfen, +was ihr in solcher Art an übernatürlichen Gebilden +auftauchen und sichtbar werden sollte.</p> + +<p>Trotz dieser geistigen Stärke, die sie gewonnen zu +haben glaubte, litt aber doch ihr Körper unter der fast +gewaltsam hervorgerufenen Aufregung, und wenn auch +Bertling den wahren Grund nicht ahnte, konnte ihm +doch nicht entgehen, daß seine Frau in der letzten Zeit +sichtbar bleicher und leidender geworden sei. Er schrieb +das aber dem vielen Stuben sitzen zu, und bat sie mehr +an die frische Luft zu gehen und sich Bewegung zu machen. +Ja er drang sogar in sie – was er sonst nie gethan +– ihre verschiedenen Freundinnen einmal wieder aufzusuchen, +und dann und wann auch bei sich zu sehen, +da er mit Recht von einer solchen Zerstreuung wohlthätige +Wirkung für sie hoffte.</p> + +<p>Auguste, wenn sie auch nicht das Bedürfniß danach +fühlte, beschloß doch seinen Wunsch zu erfüllen. +Die langen Stunden, die sie daheim allein saß, wurden +ihr selber zuletzt drückend, und außerdem hatte sie +ja manche Bekannte, mit der sie recht gern verkehrte +und wo sie wußte, daß sie gern gesehen war.</p> + +<p>Am Besten von Allen hatte sie stets mit einer +Jugendfreundin, der jetzigen Hofräthin <em class="gesperrt">Janisch</em>, harmonirt; +<a class="pagenum" name="page_037" title="37"> </a> +Pauline Janisch war eine prächtige junge +Frau, aufgeweckt dabei und lebenslustig, und da sie in +müssigen Stunden auch gern ein wenig schwärmte und +ganz vorzüglich für alles Uebersinnliche leicht empfänglich +war – ohne sich aber davon beherrschen zu lassen +– fühlte sie sich zu dieser besonders hingezogen.</p> + +<p>Pauline wohnte in der nämlichen Straße mit ihr; +als sie dieselbe aber heute aufsuchte, bewegte sie sich in +dem zwar kleinen, doch gewählten Kreis einer Caffeegesellschaft, +wo allerdings nichts Uebersinnliches gesprochen +wurde. Nur über die allergebräuchlichsten +Themata solcher Zusammenkünfte fand eine Verhandlung +statt, als da sind: Theater und was dazu gehört +– nämlich das Privatleben der Bühnenmitglieder +– Dienstboten-Noth, Sittengeschichte der +Stadt mit Vorlage einzelner, besonders hervorzuhebender +Beispiele, und Klagen über die Vergnügungen +und Beschäftigungen der Männer <em class="gesperrt">außer</em> dem Haus.</p> + +<p>Erst das eintreffende Tageblatt gab der Unterhaltung +– nachdem man zwei Verlobungsanzeigen +und ein Heirathsgesuch gründlich betrachtet und erschöpft +hatte – eine andere Wendung, und zwar +durch einen wunderlichen Vorfall in der Stadt selber, +der in dieser Nummer eine Erwähnung fand.</p> + +<p>Ein in der äußersten Vorstadt gelegenes Haus +<a class="pagenum" name="page_038" title="38"> </a> +nämlich, das früher einmal zu einer Knopffabrik benutzt +worden, jetzt aber schon seit mehreren Jahren, +durch das Scheitern des Unternehmens leer und verödet +stand, war vor Zeiten in den Ruf gekommen, +daß es dort umgehe, und man hatte sich Monde lang +die merkwürdigsten Geschichten davon erzählt. Anderes +kam aber dazwischen, das ganze Gebäude wurde außerdem +nicht mehr benutzt, und da Niemand darin wohnte, +schlief auch das Gerücht endlich ein, bis der jetzige +Eigenthümer vor ganz kurzer Zeit die ziemlich vom +Wetter mitgenommenen Baulichkeiten an einen Fremden +verkaufte, der dort eine Kammergarnspinnerei anlegen +wollte.</p> + +<p>Jetzt erinnerte man sich allerdings wieder lebhaft +der früheren Gerüchte, die aber in den ersten Wochen +auch nicht die geringste Bestätigung fanden. Der +Fabrikant war mit zwölf oder sechszehn Arbeitern dort +eingezogen und die Leute, die größtentheils noch nicht +einmal von den Gerüchten gehört haben konnten, +hatten die Nächte, die sie dort zugebracht, vortrefflich +und ungestört geschlafen. – Es dachte schon Niemand +mehr an die früheren Spuckgeschichten.</p> + +<p>Da erzählte man sich in der Stadt, sämmtliche +Arbeiter in der Fabrick hätten ihrem Brodherren +den Dienst gekündigt. Es wurde dem anfangs widersprochen, +<a class="pagenum" name="page_039" title="39"> </a> +aber das Gerücht fand immer festeren Boden +bis denn das Tageblatt heute die Nachricht ganz sicher +bestätigte. Es geschah das durch die Aufforderung des +Fabrikherrn, um neue Arbeiter herbeizurufen, da sich +die bisherigen, wie hier gedruckt stand, »durch abergläubischen +Unsinn hätten bewegen lassen, seinen +Dienst zu quittiren.«</p> + +<p>Es blieb jetzt keinem Zweifel mehr unterworfen, +daß die bisherigen Gerüchte nicht gelogen haben +konnten, sondern etwas Wahres an der Sache sein +müsse und die Aufregung der kleinen Gesellschaft +wurde noch erhöht, als sich plötzlich herausstellte, daß +sie selbst in ihrer Mitte ein Individuum entdeckten, das +ihnen von dem, jetzt jedes andere Interesse verschlingenden +Platz die genauesten und direktesten Nachrichten +geben konnte.</p> + +<p>Es war das die Frau Präsident Cossel, eine schon +ältliche Dame mit etwas rother Nase, aber einem sehr +entschieden energischen Zug um den Mund. Die +Dame hielt sich auch in der That nie bei Vermuthungen +auf, sondern sprach stets was sie wußte oder nicht +wußte auf das aller Bestimmteste aus. Widerspruch +duldete sie nie und wenn man behauptet, daß die Haare +den Charakter des Menschen darthun, so mochte das +recht gut auch bei der Frau Präsidentin ihre Bestätigung +<a class="pagenum" name="page_040" title="40"> </a> +finden, denn eben so starr und fest gerollt +wie die vier falschen Locken, die sie vorgebunden trug, +war ihr Gemüth.</p> + +<p>»Es ist richtig – ich weiß es; es spukt drüben,« +sagte sie, indem sie ihre Tasse zum vierten Mal zum +Füllen reichte, und ihre schönen Zuhörerinnen zweifelten +viel weniger an der, jetzt als unumstößlich festgestellten +Thatsache, als daß sie sich wunderten, wie die +Frau Präsidentin diesen doch sicher höchst interessanten +Fall so lange still bei sich getragen und wirklich +erst auf äußere Veranlassung von sich gegeben habe.</p> + +<p>Die Frau Präsidentin wohnte aber dem besagten +Fabrikgebäude schräg gegenüber, und konnte also, als +allernächste Nachbarin desselben – wenn irgend Jemand, +Näheres darüber wissen. Die Neugier der +Damen war – hierbei sehr verzeihlich – auf das +Höchste gespannt.</p> + +<p>»Es ist richtig! Ich weiß es! Es spukt drüben!« – +Gegen die <em class="gesperrt">Thatsache</em> war Nichts mehr einzuwenden, +und es blieb jetzt nur noch übrig die Einzelheiten derselben +zu erfahren. Die Frau Präsidentin wußte +Alles.</p> + +<p>Die ersten Nächte waren die neu eingezogenen +Leute vollkommen unbelästigt geblieben, nur zu bald +aber brach plötzlich – und natürlich genau um Mitternacht +<a class="pagenum" name="page_041" title="41"> </a> +– ein donnerndes Getöse im ganzen Hause +los, daß den Insassen das Haar auf dem Kopfe +sträubte. Ketten klirrten über die Treppen, die Balken +krachten, als ob furchtbare Gewichte darauf geworfen +würden, die Thüren schlugen auf und zu, die Fenster +klapperten – und das bei sternenheller Nacht und +todter Windstille – und ein unheimlich flackernder +Schein zuckte aus einer Stube in die andere durch +das ganze Haus. Das Nämliche wiederholte sich in +den folgenden Nächten, nur mit der Zugabe, daß den +Schlafenden die Decken weggerissen wurden. Allerdings +glaubten die Leute anfangs an einen Schabernack, +den ihnen muthwillige Gesellen spielten, und +um kein Aufsehen zu erregen, wurde die Polizei heimlich +von dem Unfug in Kenntniß gesetzt und traf in +einer der Nächte kurz vor zwölf Uhr dort ein, um die +Urheber auf frischer That zu ertappen. Ja ihr Aufpassen +half ihnen nichts, denn erwischen konnten sie +Niemand, während gerade ihnen am tollsten mitgespielt +wurde. Es schlug ihnen die Hüte vom Kopf +und die Stöcke aus der Hand, und die Leute verließen +– wie die Frau Präsidentin behauptete – in Entsetzen +das Haus.</p> + +<p>Von <em class="gesperrt">der</em> Nacht an waren die übrigen Arbeiter +aber auch nicht mehr zu halten, und obgleich der Fabrikherr +<a class="pagenum" name="page_042" title="42"> </a> +– aus leicht zu errathenden Gründen – +ein tiefes Stillschweigen über alles Vorgefallene beobachtete, +und die Leute selber sich ebenfalls schienen +das Wort gegeben zu haben, nichts über die Sache +verlauten zu lassen, war doch das allein der wahre +Thatbestand.</p> + +<p>»Und woher es die Frau Präsidentin wußte?« – +wie die etwas muthwillige Frau Hofräthin Janisch +frug. – Die Dame blitzte sie zwischen den Locken +hervor mit einem wahren Dolchblick an.</p> + +<p>»Woher ich das weiß, Frau Hofräthin?« wiederholte +sie, und absichtlich mit etwas gehobener Stimme +– »ich denke, ich habe meine Quellen – selbst wenn +mein Mann nicht Präsident wäre, Sie wissen doch +wohl – oder <em class="gesperrt">sollten</em> es wenigstens wissen, daß es +zwischen Ehegatten kein Amtsgeheimniß giebt. – +Aber noch mehr,« setzte sie plötzlich mit geheimnißvollem +Ton hinzu, »Sie wissen doch, daß sich der +junge Belldan gestern Morgen um's Leben gebracht +hat?«</p> + +<p>»Ei gewiß,« sagte die Frau Kreisräthin Barthels, +»das ist ja stadtbekannt. Er soll ein paar falsche +Wechsel ausgestellt haben, und wie ihn sein Vater +aus dem Hause stoßen wollte, ging er in das Holz +und schoß sich eine Kugel durch den Kopf.«</p> + +<p><a class="pagenum" name="page_043" title="43"> </a> +»Bah,« sagte die Frau Präsidentin mit einer +wegwerfenden Bewegung und ganz entschiedener +Betonung der nächsten Worte, »der junge Mensch +hat nie falsche Wechsel gemacht, aber aus Uebermuth +die letzte Nacht in dem Spukhaus geschlafen und darnach +– konnte er nicht länger leben.«</p> + +<p>Was er dort gesehen hatte vermochte die Frau +freilich selber nicht zu sagen, aber schon die Andeutung +war interressant genug, um eine weitere Besprechung +derselben außer Frage zu stellen und das +Gespräch, einmal in diese Bahn gelenkt, blieb nun +natürlich in dem nämlichen Gleis und ging von dem +Spukhaus auf Gespenstergeschichten und Erscheinungen +im Allgemeinen über.</p> + +<p>Der Abend rückte dabei heran, aber die Gesellschaft +protestirte von der kleinen lebhaften Hofräthin +dabei warm unterstützt, gegen die Forderung der +Präsidentin, Licht herbeizuschaffen. Es ging Nichts +über eine solche Unterhaltung in der Dämmerung +und als jetzt die Gaslaterne draußen auf der Straße +angezündet wurde, und ein ordentlich unheimliches +Streiflicht in das düstere Zimmer warf, rückten die +Damen nur desto näher zusammen und die Frau +Kreisräthin behauptete, es gäbe doch gar kein wonnigeres +<a class="pagenum" name="page_044" title="44"> </a> +Gefühl in der Welt, als »wenn es Einen so +ein Bischen gruselte.«</p> + +<p>Nur Auguste, Bertlings Frau, hatte bis jetzt +keinen Antheil an dem Gespräch genommen, als vielleicht +hie oder da einmal eine Frage einzuwerfen, +aber deshalb mit nicht weniger Aufmerksamkeit den +verschiedenen Geschichten gelauscht, die bald von dieser +bald von jener Dame zum Besten gegeben wurden +und natürlich alle mit jener übersinnlichen Welt in +Verbindung standen.</p> + +<p>In Alburg wurde auch noch das Tischklopfen und +die Geisterschrift mit Hülfe einer besondern mit Bleistift +verbundenen Vorrichtung leidenschaftlich getrieben +und viele Damen beschäftigten sich heimlich damit +– öffentlich durften sie es ja nicht, weil man das +vollkommen Nutzlose dieser Experimente lange eingesehen +hatte, und die auslachte, die es trotzdem noch +ausübten. Eine Masse von Beispielen wurden jetzt +von entzifferten Briefen, von Zahlen, Nachrichten Entfernter, +Schutzgeistern und all derartigen Ergebnissen +der Zauberkunst erwähnt, dann sprang das Gespräch +auf Ahnungen, Doppelgänger, Erscheinungen über +und die Frau Präsidentin erklärte mit ihrer gewöhnlichen +Bestimmtheit – was die Thatsache außer allen +Zweifel stellte, – daß ihr erster Mann – Gott habe +<a class="pagenum" name="page_045" title="45"> </a> +ihn selig – ihr zwei Mal schon erschienen sei: Das +erste Mal als sie sich wieder verlobt habe. – Das +zweite Mal bei – einer andern Gelegenheit – sie +sagte nicht welcher – und beide Male in seinem grauen +Schlafrock mit rothem Futter und hellblauen Quasten +wie »der Selige« immer daheim gekleidet gewesen.</p> + +<p>Auguste lehnte schweigend in ihrem Fauteuil, anscheinend +theilnahmlos, aber mit ihrem Geist in reger +Thätigkeit, und vor ihrem innern Auge stieg die Gestalt +wieder empor, die sie an jenem Abend gesehen +hatte. – Aber sie erwähnte kein Wort davon; es war +das ihr eigenes Geheimniß, und es kam ihr der Gedanke, +als ob sie jenes Wesen erzürnen müsse, wenn +sie sein Dasein einem andern Menschen verrathe. So +ganz mit sich selber beschäftigte sie sich dabei, daß sie +ordentlich erschrak, als die kleine Gesellschaft plötzlich +aufbrach, um in ihre eigenen Wohnungen zurückzukehren. +Es war sieben Uhr und damit Zeit geworden +daheim den Herren Ehegatten das Abendbrot zu bereiten. +Der <em class="gesperrt">Caffee</em> hatte überhaupt, durch solch Gespräch +gewürzt, weit länger gedauert, als das sonst +je der Fall gewesen.</p> + +<p>Die lebhafte Scene des Ankleidens und Abschiednehmens +verdrängte jetzt auch bald all die düsteren Gedanken +und Bilder, die den ganzen Abend über dem +<a class="pagenum" name="page_046" title="46"> </a> +kleinen Kreis geschwebt. Es war Licht gebracht, und +die Meisten hatten schon lange den ganzen heraufbeschworenen +Spuk vergessen, – Auguste nicht.</p> + +<p>Sie nahm Abschied von der Freundin und ging die +wenigen Schritte nach ihrer eigenen Wohnung, kaum +etwas mehr als über die Straße hinüber, – allein +immer aber war ihr Geist noch mit jenem Traumbild +beschäftigt, das ihr durch die Unterhaltung da drüben +wieder in ihrer ganzen Schärfe vor der Seele stand.</p> + +<p>Still und schweigend stieg sie die Stufen hinan +– die Vorsaalthür war offen – auf dem Vorsaal +selbst brannte kein Licht, aber die Gasflamme der +Treppe warf ihren Schein durch das über der Thür +angebrachte Fenster. Sie wußte bestimmt, ihr Mann +war jetzt zu Haus und in seiner Stube, wo er gewöhnlich +bis zum Abendbrot allein arbeitete. Sie +ging durch ihr eigenes Zimmer nach seiner Thür, +öffnete dieselbe, stand einen Moment in sprachlosem +Entsetzen auf der Schwelle und brach dann mit einem +halblautem Schrei und ehe ihr Gatte zuspringen und +sie halten konnte, bewußtlos in sich zusammen.</p> + + + + +<h3>Drittes Capitel.<a class="pagenum" name="page_047" title="47"> </a><br /> + +<b>Der unheimliche Besuch.</b></h3> + + +<p>Der Justizrath war an dem Abend beschäftigt +gewesen, eingelaufene Actenstücke durchzusehen und zu +erledigen. Die Zeit verging ihm dabei so rasch, daß +er die Abwesenheit seiner Frau – die er überdies bei +Freund Janisch gut aufgehoben wußte, gar nicht +bemerkte.</p> + +<p>Im Verlauf seiner Arbeit war er auch genöthigt +gewesen ein paar Briefe zu schreiben, die noch vor sieben +Uhr auf die Post mußten. Er hatte das Mädchen +damit fortgeschickt und saß wieder über seinen Papieren +als es draußen klingelte und er selber hingehen +mußte, um zu öffnen.</p> + +<p>Draußen stand ein Fremder – anständig angezogen, +ein kleiner schmächtiger Mann in dunkler Kleidung, +der mit dem Hute in der Hand sehr bescheiden +frug, ob er die Ehre habe den Herrn Justizrath Bertling +zu sprechen.</p> + +<p>»Mein Name ist Bertling, was steht zu Ihren +Diensten?«</p> + +<p>»Würden Sie mir gestatten ein paar Worte allein +an Sie zu richten?« frug der kleine Mann, wie schüchtern, +<a class="pagenum" name="page_048" title="48"> </a> +und seine weiten, glänzenden Augen hafteten +dabei fragend auf dem Justizrath.</p> + +<p>Diesem war die Störung eben nicht besonders +gelegen, aber der Fremde sah so bescheiden und anspruchslos +aus und seine Frage klang so dringend, daß +er ihm die Bitte auch nicht abschlagen mochte.</p> + +<p>»Dann sein Sie so gut und kommen Sie mit in +mein Zimmer,« sagte der Justizrath und ging seinem, +etwas späten Besuch voran, ohne jedoch die Vorsaalthür +wieder zuschließen.</p> + +<p>Im Studierzimmer Bertlings brannte die Lampe +etwas düster, aber doch hell genug, um die Züge des +Fremden ziemlich deutlich erkennen zu können. Er hatte +eine hohe Stirn, von der er das schwarze schon dünn +gewordene Haar zurückgestrichen trug, und ein paar +große sprechende Augen, aber seine Züge sahen bleich +und leidend aus; die Backenknochen traten auffallend +hervor und in dem ganzen Wesen des Mannes lag +etwas Scheues und Gedrücktes. Der Justizrath +nöthigte ihn durch eine Bewegung mit der Hand auf +das Sopha, aber der Fremde schien diese Ehre abzulehnen, +denn er ließ sich auf dem nächsten Stuhl am Ofen +nieder, und zwar seitwärts, um dem Justizrath sein +Gesicht zuzukehren und dabei legte er den rechten Arm +über die Lehne des nämlichen Stuhles.</p> + +<p><a class="pagenum" name="page_049" title="49"> </a> +Bertling entging übrigens nicht, daß sich sein Besuch +durch irgend etwas gedrückt fühlte, und theils +aus angeborener Gutmüthigkeit, theils mit dem +Wunsch die unwillkommene Störung so viel als möglich +abzukürzen, sagte er freundlich:</p> + +<p>»Und mit was kann ich Ihnen dienen?«</p> + +<p>Der Fremde hatte noch keine Zeit zum Antworten +gehabt, als nebenan eine Thür ging und da Bertling, +der recht gut wußte, daß das Mädchen kaum von der +Post zurück sein konnte, eben aufstehen wollte, um nachzusehen, +wer da wäre, öffnete sich die Seitenthür – +seine Frau stand auf der Schwelle, hob langsam den +rechten Arm und brach dann, ohne weiter ein Wort, +eben nur einen halblauten Schrei ausstoßend, besinnungslos +zusammen.</p> + +<p>In tödtlichem Schreck sprang ihr Gatte zu, hob +ihren Kopf auf sein Knie, strich ihr in seiner Herzensangst +die Stirn, rieb ihr die Schläfe und rief sie mit +allen Liebesnamen, um sie zum Leben zurückzubringen. +Als das aber Alles vergeblich blieb, hob er sie auf und +trug sie auf ihr eigenes Sopha im nächsten Zimmer +und sprang dann zurück nach der Lampe. Er wollte +dabei den Fremden bitten, ihm sein Anliegen ein ander +Mal vorzutragen, aber der Stuhl war leer – der +Fremde fort – er hatte ihn gar nicht weggehen sehen, +<a class="pagenum" name="page_050" title="50"> </a> +aber auch jetzt wahrlich keine Zeit, sich weiter um ihn +zu bekümmern. Er trug die Lampe hinüber und rieb +Stirn und Schläfe seiner Frau mit Eau de Cologne.</p> + +<p>Glücklicher Weise kam auch jetzt das Mädchen, +das recht frisches Wasser bringen mußte, und nach +wenigen Minuten schlug Auguste die Augen wieder +auf. Anfangs freilich schaute sie noch scheu und wie +furchtsam umher, als sie sich aber in ihrem eigenen +Zimmer fand, beruhigte sie sich bald und lehnte jetzt +nur noch etwas bleich und erschöpft im Sopha.</p> + +<p>»Aber ich bitte Dich um Gottes Willen, liebes +Kind, was hattest Du denn nur auf einmal« frug jetzt +Bertling durch diese plötzliche Ohnmacht nicht wenig +beunruhigt – »warst Du denn schon vorher unwohl?«</p> + +<p>»Nein,« sagte die Frau leise, »mir fehlte gar +nichts, aber – als ich in Dein Zimmer kam –«</p> + +<p>»Ich habe heut Nachmittag sehr viel geraucht,« +ergänzte Bertling, »und der rasche Wechsel aus der +frischen Luft in den Tabacksqualm hat vielleicht den +Unfall herbeigerufen.«</p> + +<p>»Nein,« wiederholte die Frau mit dem Kopf schüttelnd, +»das – das war es nicht – ich war vollkommen +gesund – an den Tabacksgeruch bin ich ja auch +<a class="pagenum" name="page_051" title="51"> </a> +gewöhnt, aber – als ich in Dein Zimmer trat sah +ich –«</p> + +<p>»Aber was denn mein süßes liebes Herz,« bat der +Mann, »so sprich doch nur; Du ängstigt mich ja noch +viel mehr durch Dein Schweigen. – Was sahst +Du denn?«</p> + +<p>»Denselben grauen Mann,« hauchte die Frau mit +kaum hörbarer Stimme »– den ich bei dem Sturm +in Deinem Zimmer sah –«</p> + +<p>»Aber liebes, liebes Kind,« bat der Mann erschreckt +und zugleich beunruhigt, daß seine Frau jenes Traumbild, +wie er im Stillen gehofft, nicht etwa vergessen +habe, sondern noch voll und scharf im Gedächtniß +trage – »sieh nur, was für einen tollen Streich Dir +Deine Einbildungskraft gespielt hat. Das war ja +doch kein Gespenst, was Du gesehen, sondern ein +Mensch von Fleisch und Blut, der kurz vor Dir zu +mir kam und mich zu sprechen wünschte.«</p> + +<p>»So hast Du ihn diesmal auch gesehen?« rief die +Frau rasch und erschreckt.</p> + +<p>»Gewiß,« lächelte Bertling, »und er ist auch gar +nicht wie ein Geist eingetreten, sondern hat draußen +geklingelt und ich habe ihm selber die Vorsaalthür +aufgemacht.«</p> + +<p><a class="pagenum" name="page_052" title="52"> </a> +»Und ist er <em class="gesperrt">noch</em> bei Dir?« rief die Frau, sich +rasch im Sopha aufrichtend.</p> + +<p>»Nein,« lautete die Antwort – »wie Du ohnmächtig +wurdest, muß er fortgegangen sein, denn als +ich nach der Lampe zurücksprang, war er verschwunden.«</p> + +<p>»Verschwunden?«</p> + +<p>»Nun hoffentlich nicht in die Luft,« lachte Bertling, +aber doch etwas verlegen, denn es fiel ihm jetzt +auf einmal ein, daß der Fremde in seinem ganzen Wesen +wirklich etwas Räthselhaftes gehabt habe, und +dabei merkwürdig rasch aus dem Zimmer gewesen sei. +Wie <em class="gesperrt">war</em> er nur hinausgekommen, denn er erinnerte +sich nicht gesehen oder gehört zu haben, daß die Thür +geöffnet wurde, was ihm doch kaum hätte entgehen +können – »er – er wird fortgegangen sein, als er +sah, daß ich mich nicht weiter mit ihm abgeben konnte.«</p> + +<p>Seine Frau erwiderte nichts darauf. Sie schaute +eine ganze Weile sinnend vor sich nieder, endlich sagte +sie leise:</p> + +<p>»Er saß auf dem nämlichen Stuhl, auf dem ich +ihn damals gesehen habe – genau so wie in jener +Nacht, mit dem rechten Arm auf der Lehne – er trug +den nämlichen grauen Rock und sah eben so bleich aus +und hatte dieselben großen geisterhaften Augen.«</p> + +<p>»Aber liebe, liebe Auguste« bat der Mann, jetzt +<a class="pagenum" name="page_053" title="53"> </a> +wirklich beunruhigt, »so gieb Dich doch nur nicht solch +thörichten kindischen Gedanken hin, und mische nicht +eine wirklich menschliche, wahrscheinlich sehr unbedeutende +Persönlichkeit, mit Deinen Traumbildern zusammen. +– Uebrigens,« setzte er rasch hinzu – »muß +ihm ja auch die Rieke auf der Treppe begegnet sein, +denn sie kam unmittelbar nach Dir – Rieke!« rief +er dann zur Thür hinaus – »Rieke!«</p> + +<p>»Jawohl –«</p> + +<p>»Kommen Sie einmal einen Augenblick herein.«</p> + +<p>Die Gerufene steckte den Kopf zur Thür herein.</p> + +<p>»Soll ich was?«</p> + +<p>»Wie Sie vorhin zurückkamen, ist Ihnen da Niemand +im Haus begegnet?«</p> + +<p>»Doch, Herr Justizrath –«</p> + +<p>»Nun siehst Du, liebes Kind – und wie sah er aus?«</p> + +<p>»Er!« sagte die Köchin etwas erstaunt – »es +war die Heßbergern, dem Schuhmacher seine Frau +von oben, die noch einmal unten in den Laden ging, +um für ihren Mann Branntewein zu holen. Der +kriegt Abends immer Durst, und sie trinkt dann auch +mit.«</p> + +<p>»Unsinn,« brummte der Justizrath – »was geht +<a class="pagenum" name="page_054" title="54"> </a> +mich die Frau an – ich will wissen, ob Sie im Haus +keinem <em class="gesperrt">Mann</em> begegnet sind?«</p> + +<p>»Einem Mann?«</p> + +<p>»Einem anständig gekleideten Herrn in einem +grauen oder dunklen Rock, der hier oben bei mir war?«</p> + +<p>»Ich habe Niemanden gesehen,« sagte das Mädchen +erstaunt mit dem Kopf schüttelnd »und so lange +ich hier oben bin, ist auch Niemand fortgegangen, denn +ich habe die Thür gleich hinter mir zugeriegelt und +die Kette vorgehangen.«</p> + +<p>Die Frau nickte leise vor sich hin, Bertling aber, +ärgerlich darüber, daß er eine verfehlte Zeugenaussage +veranlaßt, rief:</p> + +<p>»Nun, denn ist er <em class="gesperrt">vorher</em> gegangen; die Rieke +kann ihm auch eigentlich gar nicht begegnet sein, denn +er muß doch eine ganze Weile früher die Stube verlassen +haben. So viel bleibt sicher, in den Boden +hinein ist er nicht verschwunden – gehen Sie nur +wieder an Ihre Arbeit Rieke – es ist gut –.«</p> + +<p>Die Rieke zog sich an das Heiligthum ihres Heerdes +zurück, griff dort die Wassereimer auf und ging +nach dem Brunnen hinunter, um frisches Wasser zu +holen. Unten im Haus begegnet ihr des Schusters +Frau und das Mädchen, mit dem eben bestandenen +Examen noch im Kopf sagte zu dieser:</p> + +<p><a class="pagenum" name="page_055" title="55"> </a> +»Haben <em class="gesperrt">Sie</em> denn vorhin einen Mann gesehen, +Heßbergern, der von uns herunterkam, wie Sie aus +dem Haus gingen?«</p> + +<p>»Ich? – nein,« sagte die Frau – »was für einen +Mann?«</p> + +<p>»Ja ich weiß es auch nicht, er soll einen grauen +Rock angehabt haben.«</p> + +<p>»Und was ist mit dem?«</p> + +<p>»Gott weiß es,« brummte die Rieke – »er muß auf +einmal weggewesen sein und Niemand hat ihn fortgehen +sehen, und jetzt glaub ich, ängstigt sich die Frau +darüber und ist sogar ohnmächtig geworden. – Na +Nichs für ungut« und damit schwenkte sie mit ihren +Eimern zur Thür hinaus.</p> + +<p>Der Justizrath ging indessen ein paar Mal im +Zimmer auf und ab, aber er dachte dabei nicht an den +vollkommen gleichgültigen Fremden, sondern der Zustand +seiner Frau beunruhigte ihn immer ernsthafter. +So reizbar und erregt war sie noch nie gewesen, und +während er geglaubt, daß sie all die alten Phantasieen +längst und für immer vergessen hätte, fühlte er jetzt +daß sie dieselben grade im Gegentheil still bei sich +getragen und darüber vielleicht die ganze Zeit gebrütet +habe. Wie um Gottes Willen konnte er ihr das +nur aus dem Kopf bringen!</p> + +<p><a class="pagenum" name="page_056" title="56"> </a> +»Es ist doch merkwürdig« sagte die Frau endlich +nach längerer Pause, »daß <em class="gesperrt">zwei</em> Personen denselben +Gegenstand gesehen haben sollten.«</p> + +<p>»Gegenstand – Thorheit!« brummte aber der +Justiz-Rath. »Thu' mir den einzigen Gefallen, liebes +Kind, und sprich nicht von Gegenständen, wo es sich um +eine einfache vollkommen gleichgültige Persönlichkeit +handelt. Gedulde Dich nur eine kurze Zeit, der +Mensch kommt wahrscheinlich morgen früh wieder zu +mir, und dann erlaubst Du mir wohl, daß ich ihn Dir +vorstellen darf –«</p> + +<p>»Und bist Du wirklich überzeugt, daß es ein +<em class="gesperrt">Mensch</em> war?«</p> + +<p>»Aber Auguste –«</p> + +<p>»Hast Du ihn berührt?«</p> + +<p>»Ich? – hm ich kann mich nicht besinnen – +es war auch keine Gelegenheit dazu da, denn einem +fremden Menschen giebt man doch nicht gleich die +Hand – aber er ist doch wie andere Sterbliche hereingekommen.«</p> + +<p>»Hat er sich selber die Thür aufgemacht?«</p> + +<p>Der Justizrath sann einen Augenblick nach – +»Nein« sagte er dann, »das konnte er nicht, sie war ja +verschlossen – aber er muß sie selber wieder aufgemacht +<a class="pagenum" name="page_057" title="57"> </a> +haben, um hinaus zu kommen; das wirst Du +mir doch zugeben.«</p> + +<p>Auguste war aufgestanden, ging auf den Justizrath +zu, legte ihren rechten Arm um seinen Nacken +und ihr Haupt an seine Brust lehnend, sagte sie leise +und bittend:</p> + +<p>»Sei nur nicht böse, Theodor, sieh ich kann ja +Nichts dafür; und ich – mir möchte das Herz selber +darüber brechen, aber – ich fühle es deutlich in mir, +es ist eine Ahnung aus jener Welt, gegen die wir +nicht ankämpfen können, mag sich der Verstand auch +dawider sträuben wie er will. – Wenn mir der <em class="gesperrt">graue +Mann</em> zum <em class="gesperrt">dritten</em> Mal erscheint – so <em class="gesperrt">sterb</em> ich.«</p> + +<p>»Auguste, ich bitte Dich um Gottes Willen« rief +jetzt der Mann in Todesangst, indem er sie fest an sich +preßte – »gieb nicht solchen furchtbaren Gedanken +Raum. Sieh Kind, man hat ja Beispiele, daß Menschen +nur allein einer solchen fixen Idee erlegen sind, +wenn sie sich erst einmal in ihrem Geiste festgesetzt +hatte. Erst war Trübsinn, dann Schwermuth die +Folge und im Körper nahm Schwäche zu, je mehr +jene Idee im Hirn seine verderblichen Wurzeln schlug.«</p> + +<p>»Aber Du sprichst immer von einer <em class="gesperrt">Idee</em>, Theodor,« +sagte die Frau – »habe ich denn die Gestalt nicht +<a class="pagenum" name="page_058" title="58"> </a> +zwei Mal deutlich gesehen, so deutlich, wie ich Dich +selber hier vor mir sehe?«</p> + +<p>»Das zweite Mal, ja, das gebe ich zu,« sagte der +Mann in verzweifelter Resignation, und jetzt nur bemüht +diese Phantasie durch Vernunftgründe zu bannen +– »denn das unglückselige Menschenkind, das gerade +in der Zeit zu mir kommen mußte – und ich wollte, +Gott verzeih mir die Sünde, er hätte sonst was gethan +– saß wirklich da. Aber das erste Mal, liebes gutes +Herz <em class="gesperrt">mußt</em> Du mir doch zugeben, daß es nur das +Spiegelbild einer Deiner Träume gewesen sein kann.«</p> + +<p>Die Frau antwortete nicht, schüttelte aber nur leise +und kaum merklich mit dem Kopf.</p> + +<p>»Sieh, liebes Kind,« fuhr Bertling, der die Bewegung +an seiner Schulter fühlte, fort: »Du wirst +mir doch zugeben, daß ein Geist – wenn wir wirklich +annehmen wollen, es <em class="gesperrt">gäbe</em> derartige Wesen, denen verstattet +sei auf der Erde herumzuwandern und Unheil +anzustiften – körperlos sein muß, also nur ein Hauch, +verdichtete Luft höchstens. Was aber keinen Körper +hat, kann man ja doch nicht sehen, wenigstens nicht mit +<em class="gesperrt">unseren</em> Augen, die ja doch auch nur körperlich sind.«</p> + +<p>»Ich antworte Dir darauf durch ein anderes Beispiel,« +sagte die Frau, sich von seiner Schulter emporrichtend. +»Wir wissen doch, daß die Sterne am Himmel +<a class="pagenum" name="page_059" title="59"> </a> +stehen, aber trotzdem sieht sie das Menschenauge am +Tag nicht, mag der Himmel so rein sein wie er will +– aber man hat Vorrichtungen für das Auge, wodurch +man sie doch erkennen kann, und warum sollte nicht +das Auge einzelner Menschen so beschaffen sein, daß sie +einzelne Dinge sehen können, die Anderen unsichtbar +bleiben.«</p> + +<p>»Aber die Sterne sind auch <em class="gesperrt">Körper</em>, liebes Herz, +und noch dazu ganz respectable.«</p> + +<p>»Du weichst mir aus,« rief die Frau, »und ich +leugne, daß unser Auge nur allein für <em class="gesperrt">Körper</em> geschaffen +ist. Der Schatten ist kein Körper und wir +sehen ihn doch.«</p> + +<p>»Aber nur, wenn er auf einem Körper liegt, doch +nie allein und selbständig in der Luft.«</p> + +<p>»Ich habe auch jene Gestalt nicht frei in der Luft +gesehen,« sagte die Frau, die fest entschlossen schien, +den einmal gefaßten Gedanken auch festzuhalten, +»sondern vielleicht nur auf dem Hintergrund der +Wand –«</p> + +<p>»Du bringst mich noch zur Verzweiflung, Herz, +mit Deinem Gespenst,« sagte Bertling, während ein +tiefer Seufzer seine Brust hob – »wer Dir nur in +aller Welt die tollen Gedanken in den Kopf gesetzt +haben kann.«</p> + +<p><a class="pagenum" name="page_060" title="60"> </a> +»Und nennst Du eine feste, innige Ueberzeugung +mit diesem Namen, Theodor?«</p> + +<p>»Meine liebe Auguste,« flehte der Mann dringend, +»mißverstehe mich nicht. Ich will Dir ja bei Gott +nicht wehe thun, aber wie in aller Welt soll ich Dich +nur überzeugen, daß – daß Du Dich wirklich und +wahrhaftig geirrt und ein körperliches Wesen mit +einem geistigen in eine ganz unglückselige Verbindung +bringst? – Aber das hätte Alles nichts zu sagen, +Herz, denn von <em class="gesperrt">diesem</em> Irrthum hoff' ich Dich mit +der Zeit zu überzeugen; nur <em class="gesperrt">Das</em> beunruhigt mich, und +noch dazu in der peinlichsten Weise, daß sich bei Dir +eine – ich weiß gar nicht, wie ich es nennen soll – +eine solche unglückselige Idee festgesetzt hat, die Du +für eine Ahnung nahen Todes hältst. Wenn Du mich +nur ein ganz klein wenig liebst, so bekämpfe diesen Gedanken +mit allen Kräften, und von dem Uebrigen +fürchte ich Nichts für Dich. Willst Du mir das versprechen?«</p> + +<p>»Aber lieber Theodor,« fragte die Frau – »kann +man denn eine <em class="gesperrt">Ueberzeugung</em> noch bekämpfen?«</p> + +<p>Der Mann seufzte recht aus voller Brust. +Endlich sagte er:</p> + +<p>»Dagegen läßt sich nicht streiten, und wir können +nur hoffen, daß der liebe Gott noch Alles zum Besten +<a class="pagenum" name="page_061" title="61"> </a> +wendet. Ich selber werde mir aber jetzt die größte +Mühe geben, um Dir den Patron, der mich heute +Abend mit seinem Besuch beehrte, als ein sehr körperliches +Wesen vorzustellen, und wenn ich erst einmal +<em class="gesperrt">eine</em> Flanke Deines Luftschlosses niedergerannt habe, +dann hoffe ich auch mit dem Uebrigen fertig zu werden. +Bis dahin bitte ich Dich nur um eins und das mußt +Du mir versprechen: Dich nicht absichtlich trüben Gedanken +hinzugeben, sondern sie, so viel das nur irgend +in Deinen Kräften steht, zu bewältigen – das Uebrige +findet sich dann. Thust Du mir den Gefallen?«</p> + +<p>»Von Herzen gern,« sagte die Frau seufzend, »ach +Du weißt ja nicht, Theodor, wie furchtbar schmerzlich +mir selber das Gefühl ist und ich will ja gern Alles +thun um es zu ersticken.«</p> + +<p>»Dann wird auch noch Alles gut gehen, mein +Kind,« erwiderte mit erleichtertem Herzen Bertling, +indem er sie an sich zog und küßte – »und nun gilt +es vor allen Dingen, meinen flüchtig gewordenen Besuch +aufzutreiben, und da mir die Polizei zu Gebote +steht, hoffe ich, daß das nicht so schwer sein soll.«</p> + +<p>»Ich fürchte, Du wirst ihn nicht finden,« sagte +Auguste.</p> + +<p>»Das laß <em class="gesperrt">meine</em> Sorge sein,« lächelte ihr Mann +– »und nun wollen wir Thee trinken.«</p> + + + + +<h3>Viertes Capitel.<a class="pagenum" name="page_062" title="62"> </a><br /> + +<b>Die Kartenschlägerin.</b></h3> + + +<p>Bertling stand sonst nicht gern vor acht Uhr +Morgens auf, und liebte es seinen Caffee im Bett zu +trinken. Er gehörte auch zu den ruhigen Naturen, die +sich durch kein Ereigniß, durch keine Sorge den Nachtschlaf +rauben lassen, sondern Alles, was sie bedrücken +oder quälen könnte, über Tag abmachen. Heute war +er aber doch schon um sieben Uhr auf den Füßen und +vollständig angezogen, und ging jetzt selber aus, um +vor allen Dingen der Polizei eine genaue Personalbeschreibung +seines gestrigen Besuches zu geben, wie +ebenfalls eine gute Belohnung auf dessen Ausfindigmachung +zu setzen. Natürlich durfte der Mann, wenn +wirklich gefunden, durch Nichts belästigt werden; nur +seinen Namen und seine Wohnung wollte er wissen, +und ihn dann selber aufsuchen.</p> + +<p>Die Polizei entwickelte auch eine ganz besondere +Thätigkeit, denn zehn Thaler waren nicht immer so +leicht zu verdienen. Nach allen Seiten breiteten sich +ihre Diener aus und hatten auch in der That schon +den ersten Tag in den verschiedenen Revieren einige +zwanzig Leute aufgetrieben, die der gegebenen Beschreibung +<a class="pagenum" name="page_063" title="63"> </a> +allenfalls entsprachen, den Justizrath aber +in nicht geringe Verlegenheit setzten. Er bekam nämlich +dadurch einige zwanzig Adressen von ihm völlig +unbekannten Leuten, die in den verschiedensten Theilen +der Stadt sämmtlich die 3te oder 4te Etage zu bewohnen +schienen und wohl oder übel mußte er seine Wanderung +danach beginnen, denn zu sich citiren konnte +er sie natürlich nicht.</p> + +<p>Wie man sich denken kann, fand er auch die +Hälfte von ihnen nicht einmal beim ersten Besuch zu +Haus, und wenn er sie fand, sah er sich wieder und +wieder getäuscht, denn der <em class="gesperrt">Rechte</em> war nicht unter +ihnen. Vier Tage lang aber setzte er mit unverdrossener +Mühe seine Versuche fort, immer aufs Neue +getäuscht, aber immer auf's Neue hoffend, daß ihm +der nächste Name den Gesuchten vorführen würde.</p> + +<p>Dabei hegte er noch immer den stillen Glauben, +daß der Mann, der an jenem Abend jedenfalls etwas +von ihm gewollt, vielleicht sogar von selber wiederkehren +würde – aber er sah sich darin ebenso getäuscht, +wie in seinen eigenen Versuchen ihn aufzufinden. +Der räthselhafte Mensch schien wie in den +Boden hinein verschwunden.</p> + +<p>Am Meisten beunruhigte ihn dabei seine Frau. +Sie wußte recht gut, wen er die ganzen Tage über, +<a class="pagenum" name="page_064" title="64"> </a> +mit Vernachlässigung aller seiner nothwendigsten Geschäfte, +gesucht habe; nie aber, wenn er körperlich ermattet +und geistig abgespannt zum Mittags- oder +Abendbrot heim kam, frug sie ihn nach dem Resultat +seiner heutigen Suche – sie schien das schon vorher +zu wissen, sondern nickte nur immer still und schweigend +mit dem Kopf, als ob sie hätte sagen wollen: +Es ist ja natürlich – wie kannst Du ein Wesen in +der Stadt finden wollen, das gar nicht auf der Erde +körperlich existirt – und dem Justizrath war es dann +jedesmal, als ob er wie ein Maschinenwerk frisch +aufgezogen wäre, und die Zeit gar nicht erwarten +könne, in der er wieder anfinge zu laufen.</p> + +<p>Er war heute Nachmittag aber erst um vier Uhr +fortgegangen, weil einige nothwendige Arbeiten erledigt +werden <em class="gesperrt">mußten</em>, um sieben Uhr hatte er außerdem +eine Sitzung und seiner Frau gesagt, daß er heute nicht +vor neun Uhr nach Hause kommen könne – wäre er +aber im Stande sich früher loszumachen, so thäte er es +sicher. Dann ging er jedoch zu Janisch hinüber und bat +die junge Frau, ob sie heute Nachmittag nicht ein wenig +die Freundin besuchen könne. Sie sei heute so merkwürdig +niedergeschlagen, und da er durch nothwendige +Geschäfte abgehalten wäre, würde es ihm eine große +Beruhigung sein, wenn sie ihr Gesellschaft leisten wollte.</p> + +<p><a class="pagenum" name="page_065" title="65"> </a> +Die stets heitere und freundliche Hofräthin versprach +das von Herzen gern, ja meinte, sie hätte +es sich heute sogar schon selber vorgenommen gehabt, +Augusten aufzusuchen, da sie – einen Scherz vorhabe +bei dem sie ihre Mitwirkung wünsche.</p> + +<p>»Sie sind ein Engel,« sagte der Justizrath mit +einer, an ihm ganz ungewohnten Galanterie, denn +durch die freundliche Zusage schien sich ihm eine Last +vom Herzen zu wälzen, und vollständig versichert, daß +seine Frau jetzt für den Nachmittag und Abend Zerstreuung +und also keine Zeit habe, ihren trüben Gedanken +nachzuhängen, ging er mit Ernst und gutem +Willen auf's Neue an die undankbare Arbeit, eine +unbestimmte Persönlichkeit, von der er weder Namen, +Stand noch Wohnung wußte, in der ziemlich weitläufigen +Stadt aufzusuchen.</p> + +<p>Die Hofräthin Janisch hielt indessen Wort; kaum +eine halbe Stunde später war sie drüben bei der +Freundin und hatte ihr so viel zu erzählen und plauderte +dabei so liebenswürdig, daß Auguste das sonst so +schwer auf ihr lastende Gefühl endlich ganz vergessen +zu haben schien. Bertling würde seine herzinnige +Freude daran gehabt haben, wenn er sie in dieser +Zeit hätte sehen können.</p> + +<p>Indessen war die Dämmerung hereingebrochen. +<a class="pagenum" name="page_066" title="66"> </a> +Eben aber wie Licht gebracht werden sollte, sagte +Pauline:</p> + +<p>»Hör einmal, liebes Herz, ich – ich habe etwas +vor, bei dem Du mir helfen sollst – willst Du? – +es ist nur ein Scherz.«</p> + +<p>»Von Herzen gern, was ist es?«</p> + +<p>»In Eurem Hause wohnt eine Frau – nun wie +heißt sie doch gleich – eine Frau Heßling oder –«</p> + +<p>»Heßberger? Das ist die Schuhmachers Frau, +gleich über uns. Meinst Du die?«</p> + +<p>»Ganz recht. Ihr Mann arbeitet für uns und +die Frau – aber Du darfst mich nicht auslachen, +Schatz – die Frau soll ganz vortrefflich Karten +schlagen können.«</p> + +<p>Auguste lächelte. »Ich habe auch schon davon +gehört,« nickte sie leise vor sich hin, »und der Mann +hat dabei die komische Eigenschaft, daß er das für eine +Kunst des Teufels hält, es der Frau aber doch nicht +verbietet, weil sie Geld damit verdient. Um aber +das Unheil abzuwenden, das dadurch auf ihn fallen +könnte, singt er jedes Mal, so lange die Frau mit solch +unheiliger Beschäftigung hantirt, im Nebenzimmer +und mit lauter Stimme geistliche Lieder, die in der +Nähe schauerlich klingen müssen, denn schon aus der +<a class="pagenum" name="page_067" title="67"> </a> +oberen Etage herunter haben sie uns oft zur Verzweiflung +getrieben. Bei Gewittern macht er es ebenso.«</p> + +<p>»Das stimmt Alles,« lächelte Pauline, »und jetzt +wollte ich Dir nur mittheilen, Schatz, daß ich gesonnen +bin, Dich diesen musikalischen Ohrenschmaus ganz in +der Nähe genießen zu lassen.«</p> + +<p>»Mich,« frug Auguste erstaunt – »was hast Du +denn vor?«</p> + +<p>»Nichts weniger« lachte Pauline, »als mir von +Frau Heßberger heute Abend die Karten legen zu +lassen und in dem dunklen Buche des Schicksals zu +lesen, während ihr Gatte durch ein paar passende +oder unpassende Gesangbuchverse die bösen Geister +fern hält.«</p> + +<p>»Aber Pauline –«</p> + +<p>»Und Du sollst mich begleiten,« rief diese muthwillig +– »ich will mich nicht umsonst schon die ganze +Woche darauf gefreut haben.«</p> + +<p>Auguste schüttelte nachdenkend mit dem Kopf – +es war ihr nicht ganz recht; die Aufforderung kam ihr +aber auch so unerwartet und plötzlich, daß sie nicht +gleich einen richtigen Grund wußte, sie abzulehnen.</p> + +<p>»Man soll doch eigentlich nicht mit den Geheimnissen +der Zukunft sein Spiel treiben« sagte sie endlich +leise.</p> + +<p><a class="pagenum" name="page_068" title="68"> </a> +»Aber Herzensschatz,« lachte Pauline, »Du +glaubst doch nicht etwa, daß Frau Heßberger, die den +ganzen Tag über Schuhe einfaßt, oder ihrem Gatten +den Pechdrath zu seiner Arbeit zurecht macht, Abends +eine wirkliche Sybille würde und mehr von den Geheimnissen +der Zukunft errathen könnte, als wir anderen armen +Sterblichen auch?«</p> + +<p>»Wozu dann aber einen solchen Versuch machen?«</p> + +<p>»Verstehst Du denn keinen Spaß?« lachte Pauline +– »ich freue mich wie ein Kind darauf, ihre geheimnißvollen +Zubereitungen zu sehen und die Orakelsprüche, +während ihr Gatte den Teufel fern hält, – +aus ihrem Munde zu hören. So was erlebt man doch +nicht alle Tage, und bequemer wie wir es von hier aus +haben, bekommt man es auch sobald nicht wieder.«</p> + +<p>»Aber was sollen die Leute dazu sagen, wenn wir +hinauf zu der Frau gehen?«</p> + +<p>»Und wer braucht es zu erfahren? – Deine Rieke +schickst Du ein paar Wege in die Stadt, wobei sie +immer so viel für sich selber zu besorgen hat, daß sie +doch vor einer Stunde nicht wieder kommt, und in +der Hälfte der Zeit haben wir unseren Besuch gemacht.«</p> + +<p>»Und wenn die Frau selber darüber plaudert?«</p> + +<p>»Das thun derartige Leute nie, denn sie wissen, +<a class="pagenum" name="page_069" title="69"> </a> +daß sie sich dadurch ihre ganze Kundschaft vertreiben +würden. Wo es aber ihren eigenen Nutzen betrifft, +sind solche Menschen klug genug. Thu mirs nur zu +Gefallen, Auguste; ich habe mich schon so lange darauf +gefreut und kann doch nicht gut allein hinauf gehen.«</p> + +<p>»Wenn es mein Mann erfahren sollte, würde er +böse darüber werden – ich kenne Bertling.«</p> + +<p>»Lachen wird er,« rief Pauline »wenn wir ihm +nachher die ganze Geschichte erzählen – es giebt ja +doch einen Hauptspaß und Du darfst ihn mir nicht +verderben. Außerdem brauchst Du Dir ja auch gar +Nichts prophezeihen zu lassen, wenn Du irgend glaubst, +daß es Deinem Mann – den ich übrigens für vernünftiger +halte – fatal sein könnte. Du gehst nur als +Ehrendame mit, setzest Dich ruhig auf einen Stuhl +– oder wenn der nicht da sein sollte, auf einen +Schusterschemel und hörst zu.«</p> + +<p>Auguste lächelte still vor sich hin, als sie sich das +Bild im Geist herauf beschwor, die muntere Freundin +ließ auch mit Bitten nicht nach, und wußte alle ihre +Bedenken so geschickt und mit solchem Humor zu beseitigen, +daß sie sich endlich nicht länger weigern konnte +und mochte, und Pauline sprang jetzt, fröhlich in die +Hände schlagend ordentlich wie ein Kind, das ein +neues Spielzeug bekommen hat, in der Stube herum.</p> + +<p><a class="pagenum" name="page_070" title="70"> </a> +Ein Auftrag für Rieke, um diese zu entfernen, +war bald gefunden und kaum sahen sie das Mädchen +über die Straße gehen, als die beiden Frauen +ihre Tücher umhingen und in die dritte Etage hinanstiegen.</p> + +<p>Nach der Frau Heßberger aber brauchten sie nicht +lange zu fragen, denn gleich rechts von der Treppe +war die enge, dunkle Küche, in der die Dame eben +beschäftigt schien die Abendsuppe anzurichten. Eine +gewöhnliche Küchenlampe verbreitete ein mattes trübes +Licht in dem niederen, eben nicht besonders sauber gehaltenen +Raum, in den aber des Schusters Frau +ganz vortrefflich hineinpaßte und sich auch wohl darin +zu fühlen schien.</p> + +<p>Wie sie die leichten Schritte auf der Treppe hörte, +nahm sie aber mit der Rechten, während die Linke +noch immer in der Suppe rührte, die Lampe auf und +hielt sie über den Kopf, um darunter hinweg besser erkennen +zu können, wer der fremde Besuch sei. – Unerwartet +kam er ihr ja überhaupt nicht, denn es geschah +gar nicht etwa so selten, daß sie von den verschiedensten +Damen der Stadt und zwar von Damen +<em class="gesperrt">jeden</em> Ranges in der Gesellschaft, gerade um diese +Zeit des Abends, oder auch noch später, aufgesucht und +mit ihrer Kunst in Anspruch genommen wurde – und +<a class="pagenum" name="page_071" title="71"> </a> +sie verdiente mehr damit wie ihr Mann, trotz allem +Fleiß, mit Ahle und Draht.</p> + +<p>Auguste schämte sich fast ein wenig des Besuchs +und hielt sich noch immer scheu zurück, ihre keckere +Freundin aber, die überhaupt die Leitung des Ganzen +übernommen hatte, trat auf die Frau zu und wollte +eben ihr Anliegen vortragen, als die Kartenschlägerin +sie jeder Ansprache überhob, indem sie mit einer +Höflichkeitsbewegung, die als ein Mittelding zwischen +Knix und Verbeugung gelten konnte, sagte:</p> + +<p>»Nun, da kommen Sie ja doch noch, Frau Hofräthin; +habe Sie schon eine halbe Stunde erwartet, +und dachte beinah es wäre etwas dazwischen gekommen. +Bitte treten Sie näher Frau Justizräthin +– freut mich ja recht sehr, Sie auch einmal oben bei +mir zu sehen.«</p> + +<p>Auguste erschrak beinahe, denn sie stand noch in +dem halbdüsteren Vorsaal und zum Theil von der +Freundin gedeckt, Pauline aber wandte ihr halblachend +den Kopf zu und sagte dann:</p> + +<p>»Schön, meine liebe Frau Heßberger, daß Sie +uns erwartet haben; dann ist wohl auch bei Ihnen +Alles hergerichtet?«</p> + +<p>»Alles, beste Frau Hofräthin, Alles,« erwiderte +aber Frau Heßberger, ohne sich außer Fassung bringen +<a class="pagenum" name="page_072" title="72"> </a> +zu lassen. »Das versteht sich doch aber auch von selbst, +wenn man so vornehmen Besuch erhofft; die Stühle +sind schon zum Tisch gerückt; habe weiter nichts drin +zu thun, wie nur die Lichter anzuzünden.«</p> + +<p>Pauline wurde selber ein wenig stutzig, die Frau +ließ ihr aber keine Zeit zu weiteren Fragen und nur +mit den Worten: »Erlauben Sie, daß ich vorangehe« +– öffnete sie die Thür zur Werkstätte, in welcher ihr +Gatte und ein Lehrjunge hinter ein paar erleuchteten +Glaskugeln arbeiteten.</p> + +<p>Der alte Heßberger, eine kleine untersetzte Gestalt +mit einer schwarzen, Gott weiß wie alten, fettglänzenden +Mütze und eine Brille auf, kauerte auf seinem +Schemel und schaute, als sich die Thür öffnete, von +seiner Arbeit gar nicht auf. Mürrisch sah er vor sich +nieder, und machte auch nicht den geringsten Versuch +selbst zu irgend einer Art von Gruß. Der Besuch +galt nicht ihm, so viel wußte er recht gut, weshalb +also brauchte er sich darum zu kümmern.</p> + +<p>Auch selbst der Lehrjunge warf nur einen raschen +und scheuen Blick nach den Damen hinüber, denn der +gegenüber sitzende Meister beobachtete ihn über die +Brille weg dann und wann, und ein, auf dem offenen +Gesangbuch dicht neben ihm liegender Knieriem +mochte wohl eine versuchte Neugier von seiner Seite +<a class="pagenum" name="page_073" title="73"> </a> +schon manchmal auf frischer That ertappt und bestraft +haben.</p> + +<p>Es ist möglich, daß das mürrische Temperament +des Alten die einzige Ursache dieser Gleichgültigkeit +war, viel wahrscheinlicher aber, daß er es eher aus +Rücksichten für den Besuch selber unterließ, von diesem +die geringste Notiz zu nehmen, oder nehmen zu lassen, +denn er wußte recht gut, daß die Damen, die solcher +Art bei Nacht und Nebel zu seiner Frau kamen, nicht +erkannt und am Liebsten gar nicht gesehen sein +wollten – warum ihnen also nicht darin willfahren, +da sie doch immer gut bezahlten.</p> + +<p>Die Frau bog indessen rasch zwischen einem Haufen +der verschiedensten Leisten und Lederstücke und dem +Ofen hindurch nach der dort befindlichen Thür, öffnete +diese und entzündete zwei auf dem mit einer alten verwaschenen +Caffeeserviette bedeckten Tisch stehende Talglichter; +Auguste und Pauline waren ihr indeß gefolgt, +und ehe sie die Thür hinter ihnen schloß, rief sie nur +noch dem Lehrjungen zu, die Suppe für den Meister +herein zu holen und drehte dann den Schlüssel im +Schloß um.</p> + +<p>Pauline, während ihre Freundin kaum aufzuschauen +wagte, sah sich indessen in dem kleinen Gemach um, +das allerdings nicht glänzend genannt werden konnte, +<a class="pagenum" name="page_074" title="74"> </a> +aber doch sehr zu seinem Vortheil gegen Küche und +Werkstätte abstach.</p> + +<p>Es war ein nicht sehr großes Gemach, das allem +Anschein nach zum Wohn- und Schlafzimmer der +Eheleute diente. Zwei Betten standen – Fuß- +und Kopfende an der einen Wand, durch nichts als +ein paar alte Decken von buntem Kattun verhüllt. +An den Fenstern hingen aber Gardinen, ja standen sogar +zwei Blumentöpfe mit den ersten Kindern des +Frühlings, Primeln und Hyacinthen, und an beiden +Seiten des kleinen Spiegels, aus dem eine Ecke fehlte, +waren ein paar schauerliche Oelgemälde angebracht, +die jedenfalls »Herrn und Madame Heßberger« im +Sonntagsstaat – vielleicht als junge Eheleute darstellen +sollten. Waren sie indessen mit der Zeit so +nachgedunkelt, oder verhüllte die jetzige Düsterheit des +Gemachs ihre vielleicht sonst sichtbaren Umrisse: in +diesem Augenblick ließ sich auf dem einen Bilde Nichts +als die Contour eines Kopfes und ein riesiges Jabot +erkennen, während auf dem anderen nur die weit ausflügelnde +Haube der Frau und eine Hand sichtbar blieb, +in der sie ein weißes Taschentuch emporhielt.</p> + +<p>Unter dem Spiegel hingen noch ein paar Silhouetten +in unkennbaren Formen.</p> + +<p>Daß die Frau übrigens auf einen Besuch vorbereitet +<a class="pagenum" name="page_075" title="75"> </a> +gewesen, wenn sie das überhaupt nicht jeden +Abend war, zeigte in der That die ganze Vorrichtung +des Tisches neben dem für die beiden Gäste zwei gepolsterte +Stühle mit altmodischen hohen Lehnen standen +und auf diese nöthigte auch die Frau Heßberger ihren +Besuch und sagte freundlich:</p> + +<p>»Setzen Sie sich, meine Damen, Sie brauchen +mir gar Nichts vorher zu sagen, ich weiß schon ohnedies +weshalb Sie hergekommen sind – bitte nehmen +Sie Platz, und wir wollen dann gleich einmal versuchen +ob ich Ihnen helfen kann.«</p> + +<p>»Und wissen Sie wirklich was ich Sie fragen will, +Frau Heßberger?« frug Pauline, die in dem Augenblick +doch etwas von ihrer vorherigen Ausgelassenheit +verloren zu haben schien.</p> + +<p>»Warum sollt ich nicht, Frau Hofräthin, warum +sollt ich nicht und wie könnte ich mich unterfangen +Zukünftiges voraus zu sagen, wenn ich nicht das Vergangene +und wirklich Geschehene wüßte –«</p> + +<p>»Aber ich begreife nur nicht –«</p> + +<p>»Lieber Gott« sagte des Schusters Frau, mit +einem frommen Blick nach oben, »wir begreifen +Manches nicht auf dieser Welt, Frau Hofräthin, und +leben in unserer Unschuld so in den Tag hinein. – +Wenn man aber ein Bischen tiefer sehen lernt, Frau +<a class="pagenum" name="page_076" title="76"> </a> +Hofräthin, dann bekommt man eine andere Meinung +von der Sache – Gottes Wege sind wunderbar.«</p> + +<p>Es war ordentlich als ob das das Stichwort für +ihren Gatten im Nebenzimmer gewesen wäre, denn in +demselben Moment begann er mit seinem schauerlich +näselnden Ton, das gewöhnliche Präservativmittel +gegen den bösen Feind und dessen Einwirkungen, +irgend ein endloses Lied aus dem Gesangbuch. Der +würdevolle Vortrag wurde aber heute leider durch +etwas gestört; der Schuhmacher hatte nämlich noch +keine Zeit bekommen, um seine Suppe zu essen, und +daß er Beides mit einander zu verbinden suchte, that +dem Einen Eintrag und ließ ihn das Andere nicht +recht genießen – aber es mußte eben gehen.</p> + +<p>Die Frau, ohne auf den plötzlichen Gesangsausbruch +auch nur im Mindesten zu achten, holte indessen +von dem kleinen Tisch unter dem Spiegel, auf dem +einige vergoldete Tassen, zwei blaue Glasvasen mit +Schilfblüthen und ein paar grell bemalte Gypsfiguren +standen, ein Spiel ziemlich oft gebrauchter +Karten, mit denen sie sich in einer Art von geschäftsmäßiger +Eile auf einen hohen Rohrschemel setzte und +dabei links und rechts auf die Lehnstühle wieß, um +die Damen dadurch einzuladen Platz zu nehmen.</p> + +<p>Pauline hatte im Stillen gehofft in dem Zimmer +<a class="pagenum" name="page_077" title="77"> </a> +der Kartenprophetin eine Menge wunderbarer und +unheimlicher Dinge zu finden, die mit ihrer Kunst in +Verbindung standen – einen schwarzen Kater z. B. +der schnurrend neben der Wahrsagerin saß und auf ihre +Worte horchte – düstere Tapeten vielleicht und einen +Todtenkopf von magischen Zeichen umgeben. Aber +von alledem zeigte sich nichts, denn der bunt gemalte +Gipspapagei und Napoleon I., die auf dem Tisch +unter dem Spiegel standen und sich – beide von einer +Größe – einander starr ansahen, konnten doch wahrlich +nicht als derartige Symbole gelten. Das ganze +Zimmer zeigte überhaupt Nichts, was nicht auch in +der Wohnung jedes anderen Handwerkers zu finden +gewesen wäre – die Karten selber vielleicht ausgenommen.</p> + +<p>Die Aufmerksamkeit der kleinen lebendigen Frau +wurde aber bald ausschließlich auf die Karten gelenkt, +denn die Frau Heßberger begann jetzt in feierlicher +Weise sie zu mischen, und dazu tönte der, nur zeitweise +von der Suppe unterbrochene Gesang des Schusters +dazwischen – und wie laut die alte Schwarzwälder +Uhr an der Wand da mit hinein tickte.</p> + +<p>Endlich war das Spiel gehörig vorbereitet und die +Frau sagte plötzlich, indem sie die Karten der rechts +von ihr sitzenden Hofräthin zum Abheben hinlegte:</p> + +<p><a class="pagenum" name="page_078" title="78"> </a> +»Also Sie wollen vor allen Dingen wissen, meine +verehrte Frau Hofräthin, ob Sie etwas Gestohlenes +wieder bekommen werden und – wo der Dieb zu +suchen ist.«</p> + +<p>»Das allerdings« lächelte die kleine Frau – »aber +es wird doch wohl nöthig sein zu sagen was es ist.«</p> + +<p>»Das sehen wir ja aus den bunten Blättern« erwiderte +ruhig die Kartenschlägerin.</p> + +<p>»In der That?«</p> + +<p>Die Frau antwortete nicht mehr; sie legte in der +gewöhnlichen Weise ihre Karten auf den Tisch und +während sie sich mit den gerade nicht überreinlichen +Fingern der rechten Hand das Kinn strich, betrachtete +sie die Kombination der verschiedenen Blätter mit +leisem und prüfendem Kopfnicken.</p> + +<p>Augustens und Paulinens Blicke hafteten jetzt +wirklich mit Spannung auf den Zügen der Alten, die +aber ihre Gegenwart ganz vergessen zu haben schien, +wie sie selber auch in diesem Augenblick gar nicht +mehr das schauerliche Lied des Schuhmachers in der +nächsten Stube hörten.</p> + +<p>Endlich brach die Alte das Schweigen und sagte:</p> + +<p>»Jawohl – ich hab es mir gleich gedacht – das +kann nur ein Hausdieb sein – aus dem Secretair +heraus –«</p> + +<p><a class="pagenum" name="page_079" title="79"> </a> +»Hat sie Recht?« frug Auguste nur mit einem +Blick über den Tisch hinüber die Freundin und diese +nickte ihr halbverstohlen zu.</p> + +<p>»Nur ein Hausdieb – aber er hat es schlau angefangen +– da die Treff Sieben mit der Caro sechs, +die den Coeur Buben in der Mitte haben – – aber +der Bube selber war es nicht, doch hat er es fortgetragen +und es wird nie wieder zum Vorschein kommen –«</p> + +<p>»Ja aber beste Frau Heßberger,« sagte Pauline +mit einem schelmischen Blick auf die Künstlerin – +»daß es Jemand fortgetragen hat, wußte ich schon vorher, +und jetzt möchte ich nur erfahren <em class="gesperrt">wer</em>; dann ist +es doch vielleicht möglich dem gestohlenen Gegenstand +auf die Spur zu kommen.«</p> + +<p>»Nicht so leicht,« sagte die Frau kopfschüttelnd – +»da liegt es, die Caro zehn sagt es deutlich – ein +Corallen-Halsband mit goldenem Schloß – das ist +leicht versteckt. – Aber der Dieb hat seine Spuren +zurückgelassen – da gehen sie Treff zwei, Pike zwei, +Treff vier, Pike vier, – deutlich hin zu der Pike-Dame +– ich sehe ein Mädchen mit grünem Band auf der +Haube, die etwas in die Taschen steckt und dann langsam +die Straße hinunter geht. –«</p> + +<p>»In den Karten?«</p> + +<p>»Dort unten an der Ecke trifft sie mit dem Coeurbuben +<a class="pagenum" name="page_080" title="80"> </a> +zusammen – aber den kann ich nicht deutlich +erkennen,« fuhr die Frau fort, ohne den Einwurf zu +beantworten. »Er ist zu weit entfernt.«</p> + +<p>»Also die Pike-Dame mit dem grünen Band auf +der Haube,« nickte Pauline lächelnd, »da wäre schon +eine ziemlich deutliche Spur gefunden, denn ich kenne +eine junge Dame, die ein grünes Band auf der Haube +trägt. – Wenn wir nur den Coeur Buben ausfindig +machen könnten, dem sie das Gestohlene gegeben hat.«</p> + +<p>»Das ist nicht so leicht,« sagte die Kartenschlägerin, +die ihre Blätter indessen aufmerksam betrachtet hatte +– »hier zieht sich eine lange Linie von Treff +und Pike zwischen ihm und Ihrer Karte durch, Frau +Hofräthin. – Er kann nur durch die Pike-Dame mit +dem grünen Band ermittelt werden.«</p> + +<p>»Der Wink ist deutlich genug, und ich werde ihn +befolgen,« lächelte die Hofräthin – »herzlichen Dank +Frau Heßberger – Sie haben mir gezeigt, daß Sie +in Ihrer Kunst Meisterin sind« und dabei drückte sie +der geschmeichelten Schusters Frau einen harten Thaler +in die Hand.</p> + +<p>»Und soll ich Ihnen auch sagen, was Sie wissen +möchten, Frau Justizräthin?« wandte sich die Kartenkünstlerin +jetzt an Auguste, die ein wohl aufmerksamer, +aber bis dahin doch theilnahmloser Zuschauer des +<a class="pagenum" name="page_081" title="81"> </a> +Ganzen gewesen war. Sie hatte dabei die über den +Tisch gelegten Karten wieder zusammengerafft und +fing von Neuem an zu mischen.</p> + +<p>»Ich danke Ihnen sehr,« sagte aber Auguste, fast +ängstlich, »ich – ich habe meine Freundin nur +begleitet.«</p> + +<p>»Und doch liegt Ihnen etwas auf dem Herzen, +Kind, was Sie um Alles in der Welt davon herunter +haben möchten,« fuhr die Frau geschwätzig fort, ohne +sich irre machen zu lassen. – »Da heben Sie nur einmal +ab, die alte Heßbergern weiß oft mehr, als andere +Leute zu glauben scheinen.«</p> + +<p>Augusten war es, als ob ihr Jemand einen Stich +ins Herz gegeben. – Oh, wohl lag ihr etwas auf dem +Herzen – aber was wußte die Frau davon – was +<em class="gesperrt">konnte</em> sie davon wissen.</p> + +<p>»Heben Sie nur ab, Frau Justizräthin,« drängte +die Alte »– es ist ja nichts Unrechtes, was man damit +thut. – Was wir vom Schicksal nicht erfahren +<em class="gesperrt">sollen</em>, erfahren wir doch nicht, so viel Mühe wir uns +auch damit geben.«</p> + +<p>»So thu ihr doch den Willen,« lächelte Pauline – +»oder soll ich für Dich abheben?«</p> + +<p>»Nein, das muß die Frau Justizräthin selber thun,« +wandte aber die Frau ein; »sonst bekommen wir nachher +<a class="pagenum" name="page_082" title="82"> </a> +Confusion. So ists recht – danke Ihnen Madamchen; +nun wollen wir gleich einmal sehen, ob wir +Ihnen nicht helfen können« und in der alten Weise +die Karten auslegend, bedeckte Sie mit ihnen den Tisch, +schüttelte dabei aber, wie über die Reihenfolge erstaunt, +langsam mit dem Kopf.</p> + +<p>Auguste hatte fast willenlos ihren Wunsch befolgt, +aber das Herz schlug ihr dabei so fieberhaft, die Brust +war ihr so beengt, sie hätte jetzt Gott weiß was darum +gegeben, nur von hier fort zu sein.</p> + +<p>»Hm, hm, hm, hm« murmelte da die Alte vor sich +hin, indem sie die Karten prüfend betrachtete und immer +stärker dazu mit dem Kopf schüttelte, »das ist ja +eine ganz wunderliche Geschichte – da geht Ihr Lebensfaden +so glatt durch das halbe Spiel, und da +kommt auf einmal ein fremder Mann mit einem +grauen Rock dazwischen –.«</p> + +<p>Auguste wollte sich krampfhaft von ihrem Stuhl +heben, aber sie vermochte es nicht – willenlos brach +sie zurück; Pauline jedoch bemerkte zu ihrem Schrecken, +daß Leichenblässe ihre Züge deckte, und sie kaum im +Stande war, sich noch aufrecht zu halten. Pauline +behielt auch in der That nur eben noch Zeit zuzuspringen +und sie zu halten, sonst wäre sie unfehlbar von +ihrem Stuhl herabgestürzt. Trotzdem wurde sie nicht +<a class="pagenum" name="page_083" title="83"> </a> +ohnmächtig; es schien nur als ob eine plötzliche +Schwäche über sie gekommen sei und sie bat mit leiser +Stimme um ein Glas Wasser. Darnach fühlte sie +sich etwas gestärkt, aber jetzt bestand Pauline wieder +darauf, daß sie des Schuhmachers Wohnung augenblicklich +verließen – machte sie sich doch längst schon +insgeheim Vorwürfe darüber, die Freundin überredet +zu haben, sie hier herauf zu begleiten.</p> + +<p>»Fühlst Du Dich stark genug Herz, mit mir fortzugehen?« +frug sie leise, indem sie ihren Arm um +Augusten legte.</p> + +<p>»Ja, ja,« rief diese rasch und heftig, indem sie sich +ohne Hülfe aufrichtete – »komm fort – mir ist es +als wenn ich hier sterben müßte.«</p> + +<p>»Bitte leuchten Sie uns,« bat Pauline, indem sie +dabei Augusten umfaßt hielt.</p> + +<p>»Aber beste Frau Hofräthin.«</p> + +<p>»Wenn mir die Freundin hier krank wird, mache +ich Sie dafür verantwortlich,« rief die kleine Frau +heftig. – »Nehmen Sie Ihr Licht, rasch!«</p> + +<p>Sie sprach das mit einem so befehlenden, ja +drohenden Ton, daß die bis dahin noch so feierliche +Frau Heßberger ganz beweglich wurde. Sie griff auch +rasch ein Licht auf und während ihr Mann mit dem +geleerten Suppennapf neben sich, noch an den letzten +<a class="pagenum" name="page_084" title="84"> </a> +Versen seines endlosen Liedes brüllte, schritten die +beiden Damen durch die Werkstätte. Aber erst draußen +auf der Treppe, als Auguste wieder freie und frische +Luft schöpfte, athmete sie auf und schweigend stiegen +die Freundinnen in die untere Wohnung, wo sich die +Justizräthin erschöpft in einen Stuhl warf.</p> + +<p>»Aber lieber Herzensschatz,« nahm hier Pauline +das Wort, nachdem sie sich vorher überzeugt hatte, daß +sie allein im Zimmer waren – »wie, um Gottes +Willen hat Dich das Gewäsch der alten Kaffeeschwester +auch nur im Mindesten aufregen können. Du bist doch +vernünftig genug an derlei Unsinn nicht wirklich zu +glauben.«</p> + +<p>»Wir hätten gar nicht hinauf gehen sollen,« sagte +Auguste leise – »ich wußte vorher wie es werden +würde.«</p> + +<p>»Aber soll man sich denn nicht einmal derartige +Dinge mit ansehen? Ist es denn nicht interessant zu +beobachten wie die Menschen einander betrügen und +wie sie betrogen sein wollen?«</p> + +<p>»Aber hat sie Dir denn nicht von Deinem verlorenen +Schmuck gesagt? Woher konnte Sie das wissen?«</p> + +<p>»Woher?« lachte Pauline, »als ob derartiges +Volk nicht überall herum spionirte, und mit ein klein +<a class="pagenum" name="page_085" title="85"> </a> +wenig Mutterwitz begabt, leicht im Stande wäre, +irgend etwas Glaubbares hinzustellen. Die Phantasie +der Gläubigen trägt freiwillig dazu bei und der Ruf +einer Prophetin ist fix und fertig. – Denkst Du nicht, +daß sie bei meinen Dienstboten schon herum gehorcht +hat, ja zehn gegen eins möchte ich wetten, daß ein' oder +die andere Person schon bei ihr gewesen ist, um sich +Raths zu erholen; aber das will ich schon herausbekommen, +verlaß Dich darauf.«</p> + +<p>»Und die Frau mit der grünen Schleife?«</p> + +<p>»Es geht allerdings eine Wäscherin bei uns aus +und ein,« sagte die Hofräthin, »die eine grüne Schleife +auf der Haube trägt, und der wird sie oft genug begegnet +sein. Ich habe aber nicht den geringsten Grund +auf die in jeder Hinsicht achtbare Person irgend einen +Verdacht zu werfen. Jedenfalls hat sie auch nur +ganz auf gut Glück hin die genannt, eben so wie bei +Dir den Mann im grauen Rock.«</p> + +<p>»Nein, nein,« rief aber Auguste rasch und heftig +und warf den Blick dabei scheu umher – »da liegt +ein tieferes Geheimniß zum Grunde und <em class="gesperrt">das</em> gerade +drohte mir da oben die Besinnung zu rauben.«</p> + +<p>»Es war so dumpf und heiß in der Stube, daß +mir selber fast unwohl geworden ist,« sagte die Hofräthin.</p> + +<p><a class="pagenum" name="page_086" title="86"> </a> +»Der graue Mann existirt,« flüsterte da Auguste +»und unerklärlich bleibt es mir, wie sie davon wissen +konnte, denn gegen keinen Menschen in der Welt habe +ich mich darüber ausgesprochen, als gegen meinen +Mann.«</p> + +<p>Pauline schüttelte mit dem Kopf, endlich sagte sie:</p> + +<p>»Und darf ich wissen, was es damit zu bedeuten +hat?«</p> + +<p>»Ja,« hauchte Auguste – »aber nicht heute – +nicht jetzt Pauline – ich bin schon überdies zu aufgeregt, +und fürchte, daß – daß es noch mehr der Fall +sein würde, wenn ich – jene wunderliche Erscheinung +frisch herauf beschwören wollte. Morgen – morgen +früh, wenn die Sonne scheint und alles licht und hell +um uns ist – nicht jetzt – nicht jetzt.«</p> + +<p>»Gut mein liebes Herz,« sagte Pauline, die gar +nicht daran dachte sie jetzt zu drängen – »bis morgen +kann ich Dir dann auch vielleicht von mir Auskunft +geben, wie weit die Prophezeihung der Schusters Frau +wirklich zutrifft und ob sie eben mehr weiß wie andere +Leute.«</p> + +<p>Auguste erwiderte nichts darauf: sie nickte nur +schweigend mit dem Kopf und Pauline fühlte, daß sie +ihr keinen größeren Gefallen thun konnte, als sie jetzt +allein und ungestört zu lassen. Sie nahm auch kurzen +<a class="pagenum" name="page_087" title="87"> </a> +Abschied von ihr und ging, sann aber unterwegs hin +und her darüber, was der sonst so ruhigen Freundin +geschehen sein müsse, um sie in eine so überreizte Stimmung +zu versetzen, denn es war ja nicht möglich, daß +die albernen Vermuthungen der Schusters Frau wirklich +einen Einfluß auf sie ausgeübt haben sollten. +Doch das gedachte sie morgen Alles herauszubekommen +– heute ließ sich doch nichts mehr an der Sache thun.</p> + + + + +<h3>Fünftes Capitel.<br /> + +<b>Die böse Nacht.</b></h3> + + +<p>Als der Justizrath an diesem Abend um neun +Uhr nach Hause kam, war seine Frau schon zu Bett +gegangen. Sie hatte, wie das Mädchen sagte, heftige +Kopfschmerzen gehabt und sich zeitig niedergelegt. +Als Bertling hinüber ging, schlief Auguste und er +trat noch in sein Arbeitszimmer, um die heute eingelaufene +Correspondenz zu lesen und zu beantworten +– hatte er doch den ganzen Tag keine Zeit dazu gefunden.</p> + +<p>Es war bald halb zwölf Uhr, ehe er selber sein +Lager suchte und die Frau schlief noch immer, aber +<a class="pagenum" name="page_088" title="88"> </a> +unruhig. Sie schien zu träumen, hob den Arm und +öffnete die Lippen, sprach aber Nichts und lag gleich +darauf wieder still und ruhig. Sie hatte das in der +letzten Zeit öfter gethan, auch wohl gesprochen, aber +immer nur unzusammenhängende Worte, ohne sich +später je eines Traumes bewußt zu sein, und Bertling +beunruhigte sich also nicht weiter darüber. Unwillkürlich +fiel ihm aber doch wieder jener wunderliche +und so geheimnißvoll verschwundene Besuch ein, den +er bis dahin vergeblich in der ganzen Stadt gesucht. +War nicht die ganze Polizei nach dem Mann im +grauen Rock ausgewesen, ohne auch nur auf die entfernteste +Spur zu kommen? und schien es nicht fast, +als ob er die Stadt in gerade so räthselhafter Weise +verlassen hätte, wie damals Bertlings eigenes +Zimmer?</p> + +<p>Mit den Gedanken suchte der Justizrath sein +Lager und war bald, von den vielen Arbeiten dieses +Tages ermüdet, sanft eingeschlafen. – Seiner Meinung +nach konnte er aber kaum die Augen geschlossen +haben, als er seinen Namen rufen hörte:</p> + +<p>»Theodor! – Theodor!«</p> + +<p>Noch schlaftrunken richtete er sich empor – +»Weckst Du mich Auguste?« frug er.</p> + +<p>»Und Du kannst schlafen,« sagte die Frau mit +<a class="pagenum" name="page_089" title="89"> </a> +vorwurfsvollem aber weichem Ton – »schlafen in der +<em class="gesperrt">letzten</em> Stunde, die wir noch beisammen sind?«</p> + +<p>»Aber Auguste,« sagte der Mann erschreckt und +war in dem einen Moment auch vollkommen munter +geworden – »was hast Du nur – was sprichst Du +da? Sicherlich hast Du geträumt – ich bin ja bei +Dir Herz, wache nur ordentlich auf.«</p> + +<p>»Ach ich war so glücklich,« sagte da die Frau, mit +einem Ton, der ordentlich in seine Seele schnitt – +»so glücklich die kurze Zeit mit Dir – und muß nun +fort.«</p> + +<p>Bertling wußte gar nicht wie er aus dem Bett kam, +so rasch fuhr er in seine Kleider und zündete dann +ein Licht an.</p> + +<p>Auguste lag, die Augen geschlossen, die Arme +vor sich ausgestreckt, aber die Hände gefaltet, in +ihrem Bett und große helle Thränen liefen ihr über +die Wangen. Bertling aber hielt das immer noch für +einen einfachen, schweren Traum, der ja augenblicklich +weichen mußte, so wie er sie nur weckte.</p> + +<p>»Mein liebes Herz,« sagte er, seinen Arm um +ihre Schultern legend – »wach auf, Du träumst ja +nur –«</p> + +<p>»Und hast Du schon Jemanden gesehen, der mit +offenen Augen träumt?« sagte sie, sich im Bett aufrichtend +<a class="pagenum" name="page_090" title="90"> </a> +und ihn groß ansehend – »Träumst Du +denn jetzt?«</p> + +<p>»Aber von was sprichst Du?«</p> + +<p>Sie antwortete ihm nicht gleich. – Während er +sich zu ihr auf die Bettkante setzte, hatte sein Fuß +den Stuhl ein klein wenig verschoben und sie schien +dem Geräusch zu horchen.</p> + +<p>»Ich glaube sie kommen schon,« flüsterte sie +scheu und faßte seinen Arm mit allen Kräften.</p> + +<p>»Wer, mein Herz? wer?« bat der Mann, der +jetzt peinlich besorgt um die Arme wurde, die wie er +sich nicht mehr verhehlen konnte mit wachenden +Augen phantasirte. »Wer soll denn jetzt mitten in +der Nacht zu uns kommen?«</p> + +<p>»Mitten in der Nacht? – ja es ist gerade zwölf +Uhr vorbei,« flüsterte sie – »das ist die Zeit, in der +die schwarzen Männer kommen und mich abholen. – +Oh Gott,« seufzte sie dabei – »und jetzt hat mich +Alles verlassen – selbst Theodor ist fort und ich +allein kann mich ja nicht gegen sie wehren.«</p> + +<p>»Aber beste Auguste« rief Bertling bestürzt – +»was sprichst Du nur – ich bin ja bei Dir hier.«</p> + +<p>»Fort – fort – wer bist Du?« – sagte sie und +stieß ihn mit beiden Armen heftig von sich – »was +willst Du hier – und wie kommst Du hier herein?«</p> + +<p><a class="pagenum" name="page_091" title="91"> </a> +»Aber ich bin es ja – Dein Theodor – kennst +Du mich denn nicht?«</p> + +<p>»Deine Stimme ist es – ja,« sagte die Frau, +indem sie ihn ein paar Momente ruhig und fest betrachtete +– »aber das Gesicht kenne ich nicht – das +ist mir fremd – geh fort – geh fort!« und sie warf +sich dabei zurück und barg ihr Gesicht im Kissen. +Dort lag sie still und regungslos viele Minuten lang +und Bertling wußte nicht, was er beginnen sollte. +Vorsichtig legte er den Finger auf ihren Arm. – +Der Puls ging vollkommen ruhig und eher langsamer +als rascher wie gewöhnlich. – Vielleicht schlief +sie jetzt ein; er wollte sie wenigstens unter keiner Bedingung +stören, setzte das Licht fort, daß es ihr nicht +auf die Augen scheinen konnte und ließ sich dann behutsam +und geräuschlos auf einem Lehnstuhl nieder, +um dort abzuwarten, ob sie noch einmal erwache.</p> + +<p>So mochte er über eine Stunde gesessen haben +und dachte gerade daran, das Licht auszulöschen und +selber wieder zu Bett zu gehen, als er die Frau leise +wimmern hörte.</p> + +<p>Vorsichtig stand er auf – sie lag noch genau so +wie vorher, nur das Gesicht hatte sie mehr nach oben +gerichtet, damit sie frei athmen konnte, aber beide +<a class="pagenum" name="page_092" title="92"> </a> +Augen hielt sie mit den Händen bedeckt und weinte +still und leise.</p> + +<p>»Auguste,« sagte der Mann da, indem er wieder +zu ihr trat, »was hast Du nur? – Sage es mir – +ich bitte Dich darum.«</p> + +<p>Sie schien ihn nicht zu hören, aber ihr Weinen +wurde heftiger und brach endlich in nicht laute, doch +deutliche Klagen aus.</p> + +<p>»Fort – fort muß ich von hier, wo ich <em class="gesperrt">so</em> glücklich +war!« wimmerte sie. – »Ach nur so wenig Jahre +durfte ich mit Theodor zusammen sein und jetzt +kommen die bösen schwarzen Männer und wollen mich +fortschleppen und in die kalte häßliche Erde legen. – +Oh was hab ich ihnen nur gethan? – Aber sie hassen +mich hier – Alle – Keiner hat mich lieb – Keiner +– und der Einzige, der mir gut war, Theodor, hat +mich nun auch verlassen.«</p> + +<p>»Auguste,« bat Bertling in Todesangst, »Du +brichst mir das Herz mit solchen Reden. – Ich bin +ja hier – bin bei Dir und werde Dich nie verlassen.« +Dabei drückte er sie fest an sich und küßte ihre Stirn +aber sie schien jetzt weder seine Worte zu hören, noch +seine Berührung zu fühlen. Wieder lag sie viele +Minuten lang still und regungslos, und nur das +<a class="pagenum" name="page_093" title="93"> </a> +schwere Athmen verrieth, daß sie lebe – endlich fuhr +sie leise fort:</p> + +<p>»Oh daß Theodor von mir gegangen ist – er +war so lieb, so gut mit mir – und ich habe ihn so oft +gekränkt, aber es doch nie – nie böse gemeint. – +Er <em class="gesperrt">mußte</em> es doch wissen, wie ich ihn liebe – und +doch ist er fort.«</p> + +<p>»Aber ich bin ja bei Dir, Herz – so höre doch +nur! hier lege Deine Hand auf mein Gesicht – fühlst +Du denn nicht, daß ich bei Dir bin – daß ich Dich +nie verlassen werde?«</p> + +<p>»Ja – <em class="gesperrt">Alle</em> haben mich verlassen,« rief die Frau +eintönig – »und jetzt schleichen sich die schwarzen +Männer herein und tragen mich fort – und wenn +dann Theodor zurückkommt – wie er sich wundern +wird, wenn ich nicht mehr da bin! und wie traurig +wird er sein, – armer – armer Theodor.«</p> + +<p>Bertling war außer sich. Er fühlte, daß alle seine +Worte nichts halfen. Die Unglückliche hörte in diesem +eigenthümlichen Zustand weder was er sagte, noch +fühlte sie den um sie geschlagenen Arm und die heißen +Thränen, die auf ihr Antlitz fielen und sich mit den +ihrigen mischten.</p> + +<p>Wieder lag sie eine halbe Stunde etwa in einem +solchen fast bewußtlosen Zustand und mit geschlossenen +<a class="pagenum" name="page_094" title="94"> </a> +Augen. Das Licht brannte düster und Bertling +schritt leise zu der Lampe, um diese zu entzünden. Er +glaubte, daß vielleicht helleres Licht die aufgeregten +Sinne eher beruhigen würde. Wie er die Glocke aber +wieder aufsetzte, wobei ein leicht klirrendes Geräusch +nicht zu vermeiden war, richtete sich die Kranke +plötzlich rasch und erschreckt empor und horchte mit +weit geöffneten Augen der Thür zu.</p> + +<p>»Was hast Du denn Auguste, – Was horchst +Du so nach der Thür?« frug ihr Mann um sie zu beschwichtigen. +Sie verstand jetzt was er sagte, ja schien +ihn auch zu kennen und vergessen zu haben, daß sie +früher über seine Abwesenheit geklagt und scheu erwiderte +sie:</p> + +<p>»Hörst Du denn nicht die Schritte auf der Treppe? +– sie kommen um mich abzuholen und unten im +Haus steht der graue Mann, der mich auch erwartet. +Oh ich wußte ja, daß sie noch kommen würden, wenn +es auch schon zwölf Uhr vorbei ist.«</p> + +<p>»Aber mein liebes süßes Herz,« bat Bertling, der +sich schon dadurch etwas beruhigt fühlte, daß er doch +jetzt mit ihr reden konnte. – »Zwölf Uhr vorbei – +es ist schon fünf Uhr und die Sonne wird gleich aufgehen.« +– Er hoffte sie dadurch, daß er sie glauben +mache, es sei Morgen, rascher zu beruhigen. Die +<a class="pagenum" name="page_095" title="95"> </a> +Kranke aber schüttelte unwillig mit dem Kopf und +rief:</p> + +<p>»Täusche mich nicht – es fehlen nur noch ein +paar Minuten an halb Zwei – sieh doch nach. –«</p> + +<p>Bertling sah unwillkürlich nach seiner Uhr und +Auguste hatte vollkommen recht. Sie wußte genau, +welche Zeit es war. Ehe er ihr aber noch etwas erwidern +konnte, nickte sie ernst und traurig mit dem +Kopf und sagte:</p> + +<p>»Ja – ja – so muß es sein – <em class="gesperrt">Du</em> wirst jetzt +oben wohnen und <em class="gesperrt">ich</em> unten – und wir werden nie +wieder zusammen kommen.«</p> + +<p>»Aber, wo willst Du <em class="gesperrt">unten</em> wohnen, mein Kind,« +lächelte der Mann, der ihre Gedanken abzulenken +suchte, – »das untere Logis hat ja der Doktor Pellert +gemiethet.«</p> + +<p>»Wer spricht denn davon,« sagte sie finster – »in +der Erde, mein' ich – wenn sie mich begraben haben. +Sie kommen ja gleich.«</p> + +<p>»Aber meine Auguste!«</p> + +<p>»Und ich war so glücklich« fuhr sie leise, mit zum +Herzen dringender Stimme fort – »so unsagbar glücklich +– aber nur für eine kurze – kurze Zeit. +Jetzt muß es sein und ich will mich auch nicht länger +<a class="pagenum" name="page_096" title="96"> </a> +sträuben – ich kann mich ja doch nicht gegen die vier +schwarzen Männer wehren.«</p> + +<p>»Und bin ich nicht hier Dich zu vertheidigen?«</p> + +<p>»Was kannst <em class="gesperrt">Du</em> gegen die <em class="gesperrt">viere</em> ausrichten!« +erwiderte sie kopfschüttelnd, »und sie sind stark – <em class="gesperrt">sehr</em> +stark. Aber ich habe nicht mehr viel Zeit – hier den +Ring nimm mir vom Finger – den schwarzen Ring +– den sollst Du Paulinen von mir geben.«</p> + +<p>»Aber Auguste.«</p> + +<p>»So nimm denn doch den Ring – sie kommen ja,« +bat sie mit einer Stimme, die ihm durch Mark und +Bein schnitt und es blieb ihm Nichts übrig, als ihrem +Wunsch zu willfahren und ihr den Ring abzunehmen; +fürchtete er doch sie durch Widerspruch nur noch so viel +mehr aufzureizen. Wie er das aber gethan, stürzten +ihm selber die Thränen aus den Augen und sie umfassend +jammerte er: »Meine liebe – liebe Auguste.«</p> + +<p>»Lebe wohl Theodor,« sagte sie da und schlang ihre +Arme fest und fast krampfhaft um seinen Nacken – +»lebe wohl und tausend, tausend Dank für alles Liebe +und Gute, das Du mir gethan. –«</p> + +<p>»Aber Du gehst ja nicht von mir – Du bleibst +ja bei mir, nie – nie im Leben trennen wir uns mehr,« +flüsterte der Mann in Todesangst.</p> + +<p>»Es muß ja sein,« tröstete sie ihn leise – »weine +<a class="pagenum" name="page_097" title="97"> </a> +deshalb nicht – oh <em class="gesperrt">Du</em> hast es ja auch gut – <em class="gesperrt">Du</em> +kannst draußen im Sonnenlicht, auf der schönen Erde +bleiben – aber mich – mich legen sie in das dunkle +kalte Grab und ich bin noch so jung – so jung und +schon sterben – oh es ist recht, recht hart.«</p> + +<p>»Auguste – ich halte das nicht länger aus,« flehte +der Mann, dem die Aufregung fast den Athem nahm +– »so komm doch nur zu Dir – es ist ja Alles nur +ein böser Traum.«</p> + +<p>Unten auf der Straße rasselte in diesem Augenblick +ein Wagen über das Pflaster; der Schall klang +deutlich herauf.</p> + +<p>»Da sind sie,« flüsterte die Kranke erbebend – +»oh Gott wie <em class="gesperrt">schnell</em> sie kommen – wie furchtbar +schnell. – Jetzt muß ich fort – oh Gott, oh Gott +schon jetzt. Nein ich will nicht – sie sollen mich nicht +weg von Dir nehmen – ich will bei Dir bleiben« – +und krampfhaft klammerte sie sich um seinen Hals. –</p> + +<p>»Du gehst auch nicht fort Herz – nie im Leben +lasse ich Dich,« – rief Bertling, – »wir bleiben ja +beisammen – oh so komm doch zu Dir. – Hier – +hier,« sagte er und griff ein neben dem Bett stehendes +Glas Wasser auf, – »trink einmal Auguste – das +wird Dir gut thun – trink einen langen Zug – viel +– mehr noch, mehr.«</p> + +<p><a class="pagenum" name="page_098" title="98"> </a> +Er hatte sich fast gewaltsam von ihr losgemacht +und ihr das Glas an die Lippen gehalten. Wie sie +das Wasser daran fühlte nahm sie einen kleinen Schluck +und als er es ihr wieder und wieder aufdrang, trank +sie mehr, bis sie das ganze Glas geleert. Dabei sah +sie ihn mit einem wilden verstörten Blick an.</p> + +<p>»Meine Auguste« bat Bertling, ihr Haupt an sich +pressend, »ist Dir jetzt besser? – kannst Du Dich besinnen?«</p> + +<p>Sie drängte ihn langsam von sich – sah ihn an +– blickte im Zimmer umher und sagte leise:</p> + +<p>»Was ist denn mit mir vorgegangen?«</p> + +<p>»Du hast geträumt Herz – schwer und furchtbar +geträumt« rief ihr Gatte, »oh Gott sei ewig Dank, +daß es vorüber ist.«</p> + +<p>»Geträumt? – von was?« frug die Frau, die +jetzt augenscheinlich ihre volle Besinnung wieder erlangt +hatte. Bertling hütete sich aber wohl irgend +eines ihrer Traum-Bilder auch nur zu erwähnen und +ausweichend sagte er:</p> + +<p>»Oh nichts, Herz – lauter tolles verworrenes +Zeug; wild durch einander hast Du gesprochen von +Gesellschaften, Theater, Kleidern, Besuchen und was +weiß ich. –«</p> + +<p>»Sonderbar,« flüsterte die Frau nachdenkend vor +<a class="pagenum" name="page_099" title="99"> </a> +sich hin »ich kann mich doch auf gar Nichts mehr besinnen. +Aber mir ist mein Kopf so schwer – so furchtbar +schwer und die Augen brennen mir, als ob ich geweint +hätte. Wie viel Uhr ist es?«</p> + +<p>»Es wird bald zwei Uhr sein.«</p> + +<p>»So spät schon und Du bist noch angezogen? – +Du hast wohl wieder so lange gearbeitet?«</p> + +<p>»Ja – ich hatte so viele Briefe zu schreiben – +aber lege Dich jetzt hin und schlafe. Ich will auch zu +Bett gehen.«</p> + +<p>»Oh wie mir mein Kopf brennt – ich kann gar +nicht mehr denken,« sagte die Frau und preßte ihre +Stirne mit beiden Händen, – »am Ende werd ich +noch krank.«</p> + +<p>»Mach Dir keine Sorge mein Herz,« beruhigte sie +aber der Mann, »morgen wird schon Alles wieder +besser – wieder ganz gut sein. – Gute Nacht, mein +Kind. –«</p> + +<p>»Gute Nacht, Theodor,« sagte die Frau – legte +sich auf die Seite und war auch in wenigen Minuten +fest und sanft eingeschlafen.</p> + + + + +<h3>Sechstes Capitel.<a class="pagenum" name="page_100" title="100"> </a><br /> + +<b>Die Begegnung.</b></h3> + + +<p>Am nächsten Morgen, wo aber Auguste völlig +gesund und mit keiner Ahnung des Geschehenen, nur +mit etwas Kopfschmerzen erwachte, ging Bertling in +aller Früh zu seinem Hausarzt, um diesem das Vorgefallene +mitzutheilen. Er hatte ihm schon früher +einmal von der fixen Idee Augustens gesagt, der Doctor +nahm das aber damals – vielleicht auch nur um +den Mann nicht zu beunruhigen – außerordentlich +leicht und versicherte ihn, daß solche Fälle gar nicht +etwa vereinzelt daständen. Es sei ein Blutandrang +nach dem Kopf und viel Bewegung in freier Luft – +vielleicht auch eine blutreinigende Kur das Beste dagegen. +Keinesfalls sollte er sich Sorgen deshalb machen. +– Heute jedoch, als der Arzt die Phantasien dieser +Nacht erfuhr, in denen der »graue Mann« auch wieder +seine Rolle gespielt, zeigte er sich schon bedenklicher +und meinte, Gefahr sei nur in so fern vorhanden, daß +die Phantasie der Kranken ihr noch einmal – und +also zu dem gefürchteten dritten Mal – die Gestalt +des Mannes im grauen Rock vorspiegeln könne, ehe +man im Stande sei sie zu überzeugen, daß die erste +Erscheinung weiter Nichts als ein Phantasiebild, die +<a class="pagenum" name="page_101" title="101"> </a> +zweite aber ein wirklich menschliches Individuum +gewesen sei – wie das aber zu thun, ohne daß man +des Grauen habhaft werde, vermöge er nicht abzusehen, +und daß der Graue nicht zu bekommen war, das +wußte der Justizrath besser als irgend Jemand in der +Stadt. Welche Mühe hatte er sich deshalb nicht +schon gegeben und welchen Erfolg damit erzielt? – +es war wirklich zum Verzweifeln.</p> + +<p>Der Doctor versprach übrigens im Lauf des Vormittags +bei der Justizräthin vorzusprechen, um sich +selber einmal von ihrem Gesundheitszustand zu überzeugen. +Vielleicht ließ sich dann auch das Gespräch +– natürlich mit der gehörigen Vorsicht – auf das +eigentliche Krankheitsobjekt lenken und möglich, daß +ja doch die Vernunftgründe eines Dritten und völlig +Unparteiischen irgend einen wohlthätigen Einfluß auf +sie ausüben konnten.</p> + +<p>Bertling seufzte tief auf, denn er am Besten fühlte +das Trügerische einer solchen Hoffnung, aber was +anderes ließ sich thun und auch dieser Versuch mußte +gemacht werden, wenn er auch nicht das Geringste +davon erhoffte. Er fürchtete sich aber, lange von zu +Haus fortzubleiben, denn er wußte nicht, wie sich Auguste +heute morgen nach der furchtbaren Aufregung +der letzten Nacht befinden würde. Er bat also den +<a class="pagenum" name="page_102" title="102"> </a> +Doctor seinen Besuch nicht zu lange zu verschieben +und schritt dann sehr niedergeschlagen und den Kopf +voll trüber, wirrer Gedanken die Straße hinab, in +der Richtung seiner eigenen Wohnung zu. Er achtete +dabei auch gar nicht auf die ihm Begegnenden und +erst als Jemand an ihm vorüber ging, der ihn grüßte, +faßte er unwillkürlich an seinen eigenen Hut und +warf einen flüchtigen Blick auf ihn, ohne sich jedoch +in seinem Gang aufzuhalten. Im Weiterschreiten +fiel ihm aber der fast schüchterne Gruß des vollkommen +fremden Mannes auf – wo hatte er nur das Gesicht +– wie ein Messerstich traf es ihn plötzlich ins Herz +– <em class="gesperrt">das war der Graue</em> und mit dem Gedanken +schon fuhr er auch herum und zurück, ihm nach – +daß er dabei gegen eine alte würdige Dame anrannte +und sie beinah über den Haufen geworfen hätte, fühlte +er kaum, hielt sich wenigstens nicht einmal lange genug, +auch nur zu einer Entschuldigung auf, denn mit +peinigender Angst erfüllte ihn in dem Moment der Gedanke, +daß ihm der Fremde wieder wie damals, selbst +unter den Händen weg entschwinden könnte. Wenn er +jetzt irgendwo in ein Haus getreten wäre – wenn er +die nächste Quergasse erreicht hätte – nein – Gott +sei ewig Dank – dort ging er noch und mit wenigen +hastigen Schritten war er an seiner Seite.</p> + +<p><a class="pagenum" name="page_103" title="103"> </a> +Der Fremde, als er Jemanden neben sich halten +sah, schaute auch zu ihm empor und der Justizrath +hätte laut aufjubeln mögen, als er in dem ihm zugewandten +Gesicht wirklich den Besuch von jenem Abend +erkannte, dessen Züge sich ihm in der Zwischenzeit oh, +nur zu scharf und deutlich eingeprägt. Er war aber +auch fest entschlossen, den Mann jetzt nicht wieder los +zu lassen, bis er ihn seiner Frau gebracht, und wenn +er nicht gutwillig ging, ei dann hätte er selbst die Polizei +zu Hülfe gerufen, sogar auf die Gefahr hin eine +Klage wegen unverschuldeter Gefängnißhaft gegen sich +anhängig gemacht zu sehen.</p> + +<p>Der Fremde sah dabei etwas erstaunt, ja bestürzt +zu ihm auf, denn er ebenfalls hatte den Justizrath +gleich beim ersten Begegnen wieder erkannt und begriff +jetzt natürlich nicht, was der Mann eigentlich +von ihm wolle. Dieser ließ ihm aber nicht lange Zeit +darüber nachzudenken und fast unwillkürlich die Hand +auf seine Schulter legend (denn wenn er es sich auch +nicht selber gestehen mochte, war es doch ein fast unbewußtes +Gefühl, das ihn leitete, sich vor allen Dingen +zu überzeugen, er habe es wirklich mit einem <em class="gesperrt">körperlichen</em> +Wesen zu thun), sagte er freundlich:</p> + +<p>»Entschuldigen Sie, mein Herr, aber – hatte ich +nicht das Vergnügen, Sie vor einiger Zeit einmal +<a class="pagenum" name="page_104" title="104"> </a> +Abends auf ganz kurze Zeit bei mir zu sehen? – Ich +bin der Justizrath Bertling – wenn Sie sich auf +meine Person nicht mehr besinnen sollten?«</p> + +<p>Der Mann schien etwas verlegen und sah den Justizrath +fast wie scheu an; endlich stotterte er:</p> + +<p>»Ich weiß in der That nicht –«</p> + +<p>»Ich will Ihrem Gedächtniß zu Hülfe kommen,« +fuhr aber der Justizrath in der neu erwachenden Angst +fort, daß der Mann leugnen könnte oder er sich doch am +Ende in der Person geirrt, »meine Frau kam damals +gerade nach Haus und von einem leichten Unwohlsein +ergriffen, wurde sie in der Thür ohnmächtig. Sie besinnen +sich gewiß.«</p> + +<p>»Herr – Herr Justizrath,« stammelte der Mann +»ich – ich – kann nicht recht begreifen –«</p> + +<p>Bertling, der nicht ohne Grund fürchtete, der +Mann könne Bedenken tragen, sein damaliges rasches, +und allerdings etwas rätselhaftes Verschwinden einzugestehen, +denn wie konnte er wissen, in welchem Zusammenhang +das mit der jetzigen Frage stand – +suchte ihn nur vor allen Dingen darüber zu beruhigen. +– »Lieber Herr,« sagte er, »Sie müssen mir vorher +die Bemerkung erlauben, daß ich Ihre Antwort nur +als eine mir persönlich erwiesene Gefälligkeit betrachte +und ich sehe ein, daß es vorher nöthig ist, Ihnen die +<a class="pagenum" name="page_105" title="105"> </a> +Beweggründe meines, Ihnen vielleicht sonderbar erscheinenden +Betragens mitzutheilen. Aber wir können +das nicht auf offener Straße abmachen, dürfte ich Sie +deßhalb bitten mit mir einen kurzen Moment in jenes +Caffeehaus zu treten; wir sind dort ungestört und ich +gebe Ihnen mein Wort, daß Sie damit ein gutes +Werk thun.«</p> + +<p>Der Fremde war augenscheinlich in der größten +Verlegenheit, wie denn auch sein ganzes Wesen etwas +Schüchternes, ja Gedrücktes zeigte. Der Einladung +<em class="gesperrt">konnte</em> er aber nicht gut ausweichen. Mit einer ziemlich +ungeschickten Verbeugung und ohne ein Wort zu +erwidern, willigte er ein und schritt neben dem Justiz-Rath +dem Caffeehaus zu. Bertling ließ ihn auch +dabei nicht aus den Augen, denn er hatte immer noch +das unbestimmte Gefühl, als ob ihm der eben so glücklich +Aufgefundene durch einen der Trottoirsteine, wie +durch eine Versenkung auf dem Theater verschwinden +könnte, und wollte sich später keine Vernachlässigung +vorzuwerfen haben.</p> + +<p>Im Restaurationslocal endlich angelangt, ließ er zwei +Tassen Caffee und Cigarren bringen und als Beides vor +ihnen stand und der Kellner sich mit seiner Bezahlung +zurückgezogen hatte, that Bertling das Vernünftigste, +was sich unter diesen Umständen thun ließ und erzählte +<a class="pagenum" name="page_106" title="106"> </a> +dem Fremden, ohne vorher eine weitere Frage +an ihn zu richten, das seltsame Zusammentreffen eines +Traumes seiner Frau mit seiner eignen Erscheinung, +wobei sein plötzliches und unbeachtetes Verschwinden +natürlich alle die überspannten Ideen der Kranken bestätigen +mußte.</p> + +<p>Der kleine Mann in dem dunklen Rock schien +während dieses Berichtes ordentlich aufzuthauen. Zuerst +hatte er die angezündete Cigarre nur schüchtern +und mit der äußersten Spitze in den Mund genommen, +daß er kaum daran ziehen konnte und seinen +Caffee halb kalt werden lassen – jetzt begann er mit +augenscheinlichem Behagen den Dampf des guten +Blattes einzuziehen und that auch einen Schluck aus +seiner Tasse und als der Justizrath ihm endlich gestand, +daß er die ganze Stadt schon habe durch Polizei absuchen +lassen, um seiner nur habhaft zu werden und +seine arme Frau von ihrem unglückseligen Wahne zu +befreien, lächelte er sogar still vor sich hin und leerte +dabei seine Tasse bis zum letzten Tropfen. Bei der +nun wieder an ihn gerichteten Frage des Justizraths, +ob er es nicht gewesen sei, der ihn an jenem Abend +besucht habe und zu welchem Zweck, wurde er allerdings +wieder ein wenig verlegen und sogar roth, aber +er leugnete nicht mehr und sagte:</p> + +<p><a class="pagenum" name="page_107" title="107"> </a> +»Wenn Ihnen <em class="gesperrt">das</em> eine Beruhigung gewährt, Herr +Justizrath, so kann ich Ihnen gestehen, daß ich wirklich +an jenem Abend in Ihrer Stube war und nur bedauere –«</p> + +<p>»Kellner! Eine Flasche Wein – von Ihrem Besten +– bringen Sie Champagner!« rief aber Bertling, +der sich in diesem Augenblicke wirklich Mühe geben +mußte, dem kleinen Mann nicht um den Hals zu fallen.</p> + +<p>»Aber Herr Justizrath –«.</p> + +<p>»Thun Sie mir den einzigen Gefallen und trinken +Sie ein Glas Wein mit mir,« rief aber dieser in +größter Aufregung »und, wenn Sie ein <em class="gesperrt">Bad</em> von +Champagner haben wollten, ich verschaffte es Ihnen +jetzt. Nun aber sagen Sie mir auch, weshalb Sie +so rasch verschwanden, mich nicht wieder aufsuchten und +wo Sie, vor allen Dingen, die ganze Zeit gesteckt +haben, denn kein einziger meiner Spürhunde konnte +auch nur auf Ihre Fährte kommen.«</p> + +<p>»Lieber Gott,« sagte der kleine Mann mit einem +schweren Seufzer – »die Sache ist außerordentlich +einfach und leicht erklärt, denn – wenn ich mich auch +in einer gedrückten Lage befinde, habe ich doch nicht +die geringste Ursache mich derselben zu schämen, da sie +mich ohne mein Verschulden getroffen hat.«</p> + +<p><a class="pagenum" name="page_108" title="108"> </a> +»Darf ich es wissen?« frug der Justizrath, während +der Kellner Wein und Gläser auf den Tisch stellte +– »vielleicht kann ich helfen.«</p> + +<p>»Ich stamme aus Königsberg« erzählte der kleine +Mann, »und hatte durch Protection eine Anstellung als +Lehrer in Mainz erhalten; dort ernährte ich mich aber +nur kümmerlich, als ich die Nachricht erhielt, daß in +meiner Vaterstadt ein guter Posten für mich offen geworden +und ich dort an einem der ersten Gymnasien +mit einem ganz vortrefflichen Gehalt einrücken könne. +Ich gab meine Stelle in Mainz auf und machte mich +auf den Weg. Schon seit längerer Zeit aber kränkelnd, +erfaßte mich hier in Alburg ein heftiges Fieber, +das eine Weiterreise unmöglich machte. Glücklicher +Weise fand ich bei guten Menschen ein Unterkommen +aber meine kleine Baarschaft schmolz entsetzlich zusammen +und kaum wieder hergestellt, erfaßte mich die +Angst, daß ich, wenn ich nicht rechtzeitig am Ort meiner +Bestimmung eintreffen könnte, am Ende auch gar +die Anstellung verlieren und dann gänzlich brodlos sein +würde. Ich schrieb nach Königsberg, erhielt aber von +dort nicht so rasche Antwort und in meiner Herzensangst +beschloß ich mich an <em class="gesperrt">Sie</em>, Herr Justizrath, zu +wenden und Sie um ein Darlehn zu ersuchen, das +<a class="pagenum" name="page_109" title="109"> </a> +ich Ihnen von meiner Vaterstadt aus leicht zurückerstatten +konnte.«</p> + +<p>»Aber woher kannten Sie mich?«</p> + +<p>»Nicht Sie, Herr Justizrath, aber Sie haben einen +Bruder in Königsberg, bei dem ich ein Jahr Hauslehrer +war und auf dessen Zeugniß ich mich mit gutem +Gewissen berufen durfte. Wie aber der Unfall mit +Ihrer Frau Gemahlin stattfand, von dem ich keine +Ahnung haben konnte, daß ich selber die unschuldige +Ursache gewesen, da fühlte ich doch recht gut, daß das +ein sehr schlecht gewählter Moment sei, um ein Darlehn +zu erbitten und ich beschloß lieber am nächsten Morgen +wieder vorzusprechen. Wie ich Sie mit der ohnmächtigen +Dame beschäftigt sah, verließ ich das Zimmer +und ging nach Haus.«</p> + +<p>»Aber warum kamen Sie nicht am nächsten Morgen?«</p> + +<p>»Weil ich noch an dem nämlichen Abend einen +Brief von Königsberg erhielt, worin mir angezeigt +wurde, daß es mit meinem Eintreffen dort Zeit bis +zum Ersten nächsten Monats habe. Jetzt war ich im +Stande mir mein Reisegeld vielleicht selber zu verdienen +und brauchte Niemanden weiter zu belästigen. +Der Mann, bei dem ich die Zeit gewohnt, war Copist, +hatte aber in der letzten Zeit so viel drängende Arbeiten +<a class="pagenum" name="page_110" title="110"> </a> +erhalten, daß er sich außer Stande sah, sie allein +zu beendigen. Ich übernahm einen Theil und da mir +noch vierzehn Tage Zeit bleiben, so hoffe ich bis dahin +mein Reisegeld wenigstens zusammen gespart zu haben.«</p> + +<p>»Und wieviel brauchen Sie dazu?« frug der Justizrath, +der bis jetzt der einfachen Erzählung mit der +gespanntesten Aufmerksamkeit gefolgt war, ohne den +Erzählenden auch nur mit einer Sylbe zu unterbrechen. +Nur eingeschenkt und getrunken hatte er dazu und +seinen Gast ebenfalls stillschweigend durch Zuschieben +des Glases genöthigt.</p> + +<p>»Im Ganzen und mit dem, was ich hier noch zu +zahlen habe, etwa 20 Thaler, aber 9 davon habe ich +mir schon verdient – oh ich bin sehr fleißig gewesen +die Zeit über und in den langen Tagen gar nicht aus +meinem Zimmer, ja nicht ein einziges Mal an frische +Luft gekommen. Nur heute <em class="gesperrt">mußte</em> ich ausgehen und +war eben im Begriff mir frisches Papier zu holen, +denn ich kann nicht gut einen Tag versäumen.«</p> + +<p>»Mein lieber Herr,« sagte da der Justizrath, »dagegen +werde ich Einspruch erheben. Ihren heutigen +Tag müssen Sie mir widmen, aber Sie sollen dadurch +nicht zu Schaden kommen. Es gilt hier meine Frau +zu überzeugen, daß sie sich durch einen Wahn, durch +ein zufälliges Begegnen hat täuschen lassen und wenn +<a class="pagenum" name="page_111" title="111"> </a> +Sie mir dazu behilflich sein wollen, so verfügen Sie +über meine Casse. Mit Vergnügen steht Ihnen dann +Alles zu Diensten, was Sie zu Ihrer Reise und vielleicht +noch für sonstige Ausrüstung gebrauchen.«</p> + +<p>»Herr Justizrath,« stammelte der Mann.</p> + +<p>»Und glauben Sie um Gottes Willen nicht,« +setzte Bertling rasch hinzu, »daß Sie mir dadurch zu +irgend einem Dank verpflichtet würden; nein im Gegentheil, +werde ich mich nachher noch immer als Ihren +Schuldner betrachten und sollten Sie je in Verlegenheit +kommen, so bitte ich Sie, sich vertrauensvoll an +mich zu wenden.«</p> + +<p>»Aber war ich nicht selber die Ursache dieses Unfalls?«</p> + +<p>»Nein,« versetzte der Justizrath – »in Ihnen +repräsentirte sich nur die frühere eingebildete Erscheinung +und durch Sie hoffe ich deshalb meine Frau +nicht allein zu überzeugen, daß ihre zweite Gespenstervision +ein Irrthum war, sondern sie wird, während +sie hierin die Täuschung erkennt, auch einsehen, daß das +<em class="gesperrt">erste</em> Traumbild nur in ihrer Phantasie gewurzelt +haben konnte. Also wollen Sie sich mir heute zur +Verfügung stellen?«</p> + +<p>»Von Herzen gern,« sagte der kleine Mann, der +durch den ungewohnten Champagner seine ganze Schüchternheit +<a class="pagenum" name="page_112" title="112"> </a> +verloren zu haben schien. »Befehlen Sie über +mich und was in meinen Kräften steht, will ich mit +Freuden thun, – habe ich doch dadurch auch einen +Theil dessen gut zu machen, was ich, freilich vollkommen +ahnungslos, selber über Sie herauf beschworen.«</p> + +<p>»Gut,« genehmigte Bertling, sich vergnügt die +Hände reibend. – »So kommen Sie denn jetzt mit +zu meinem Arzt und dort wollen wir das Weitere +bereden, wie wir es am Besten anzufangen haben. +Den Mittag sind Sie ohnedies mein Gast, wenn wir +vielleicht auch noch nicht bei mir zu Hause diniren +können. Vorher muß ich aber meine Frau jedenfalls +auf Ihre Begegnung vorbereitet haben.«</p> + + + + +<h3>Siebentes Capitel.<br /> + +<b>Schluß.</b></h3> + + +<p>Der Doctor, eben im Begriff seine Patienten zu besuchen, +war nicht wenig erstaunt, den Justizrath mit +dem erbeuteten und so lange ersehnten Unruhestifter +eintreffen zu sehen, nahm aber auch zu viel Interesse an +der Sache, um nicht seine eigenen, selbst sehr nothwendigen +Gänge für kurze Zeit aufzuschieben und das Nähere +mit dem Justizrath zu bereden. Aufmerksam hörte +<a class="pagenum" name="page_113" title="113"> </a> +er zunächst den kurzen Bericht an, der ihm über das +Zusammentreffen gegeben wurde und die Frage war +nur jetzt, wie Auguste mit ihrem leibhaften Traumbild +zusammen gebracht werden konnte, ohne ihr einen +neuen Schreck zu verursachen, der diesmal dauernde +Folgen haben konnte.</p> + +<p>Das zeigte sich denn auch nicht so leicht und die +Männer überlegten zusammen eine ganze Weile hin +und her, wie es am zweckmäßigsten zu arrangiren +wäre. Der Justizrath schlug vor, den »grauen Mann« +gleich zum Mittag-Essen mit nach Haus zu nehmen, +um im hellen Sonnen-Licht jeden Gedanken an den +häßlichen Spuck zu zerstören, – aber dagegen protestirte +der Arzt.</p> + +<p>»Damit setzen Sie Alles auf eine Karte,« rief er +heftig aus, »denn Sie können gar nicht wissen, wie +sich in dem Geist Ihrer Frau das Bild dieser geglaubten +Spukgestalt erhalten oder entwickelt hat; +bringen Sie ihr aber jetzt den Mann am hellen Tag, +der dann natürlich mit einer höflichen, alltäglichen +Verbeugung in's Zimmer tritt, so bürgt uns kein +Mensch dafür, daß sie ihn als denselben wieder erkennt, +den sie in jener <em class="gesperrt">Nacht</em> gesehen und dann ist +<em class="gesperrt">Alles</em> verloren, denn nachher haben wir <em class="gesperrt">kein</em> Mittel +weiter, ihr zu beweisen, daß sie sich getäuscht. Unser +<a class="pagenum" name="page_114" title="114"> </a> +Pulver ist verschossen und wir müssen der Natur und +den Begebenheiten eben ihren Lauf lassen, ohne im +Stande zu sein, an irgend einer Stelle hülfreich einzugreifen.«</p> + +<p>»Aber was Anderes <em class="gesperrt">können</em> wir thun?« rief der +Justizrath – »der Gefahr, daß sie ihn nicht wieder +erkennt, sind wir ja doch immer ausgesetzt.«</p> + +<p>»Doch nicht immer,« sagte der Doctor, der ein +paar Minuten mit raschen Schritten in seinem Zimmer +auf- und abgegangen war – »ich glaube, ich weiß +einen Ausweg.«</p> + +<p>»Mein lieber Doctor –«</p> + +<p>»Lassen Sie mich einmal sehen,« fuhr dieser fort. +– »Jetzt habe ich keine Zeit, denn ich <em class="gesperrt">muß</em> meine +Patienten besuchen; vor Dunkelwerden können wir +aber auch gar nichts in der Sache thun, und bis dahin +bin ich in Ihrem Hause und bei Ihrer Frau. Bis +dahin aber darf auch dieser Herr Ihrer Frau nicht +vor Augen kommen. Speisen Sie zusammen im +Hôtel – eine Ausrede ist bald gefunden, machen Sie, +was Sie wollen, aber bringen Sie ihn nicht vor der +Abenddämmerung in Ihr Haus.«</p> + +<p>»Und dann?«</p> + +<p>»Dann führen Sie ihn heimlich, ohne daß Ihre +Frau etwas davon erfährt, in Ihr Zimmer, zünden +<a class="pagenum" name="page_115" title="115"> </a> +wie gewöhnlich Ihre Lampe an, die auch ein wenig +düster brennen darf und lassen sich den Herrn dann +auf den nämlichen Stuhl setzen, auf dem er an jenem +Abend gesessen hat und zwar genau in der nämlichen +Stellung, den rechten Arm über der Lehne. – Ich +glaube, Sie erwähnten das gegen mich.«</p> + +<p>»Ja wohl. –«</p> + +<p>»Schön. Sie selber kommen dann zu uns herüber, +oder geben mir ein Zeichen daß Alles bereit ist und +überlassen das Andere mir. Wollen Sie es so +machen?«</p> + +<p>»Bester Doctor, ich füge mich in Allem Ihrem +Willen,« sagte der Justizrath, »aber – halten Sie +es nicht für möglich, daß Auguste durch die plötzliche +Wiederholung der Erscheinung zum Tod erschrecken +könnte?«</p> + +<p>»Natürlich darf sie den Herrn da nicht unvorbereitet +antreffen,« rief der Doctor – »doch Sie wollen +das ja mir überlassen. Außerdem werde ich noch vorher +zu der kleinen Hofräthin Janisch gehen, sie in das +Geheimniß einweihen und sie bitten uns zu unterstützen. +Für jetzt ersuche ich Sie aber, mich zu entschuldigen, +denn meine Zeit ist gemessen.«</p> + +<p>»Und Sie vergessen nicht, noch vor Dunkelwerden +zu mir zu kommen?«</p> + +<p><a class="pagenum" name="page_116" title="116"> </a> +»Ich vergesse nie etwas,« sagte der Doctor, nahm +seinen Hut und stieg ohne Weiteres voran die Treppe +hinunter.</p> + +<p>Der Justizrath war jetzt ein wenig in Verlegenheit, +was er mit seinem Schutzbefohlenen oder eigentlich +Gefangenen, bis zum Mittagsessen anfangen +solle, noch dazu da er auch gern einmal nach Haus +gegangen wäre und ihn dorthin doch nicht mitnehmen +konnte. Ueberließ er ihn aber bis dahin sich selbst, so +war er der Gefahr ausgesetzt, ihn nicht wieder zu +finden und das durfte er unter keiner Bedingung riskiren. +Da blieb ihm nur ein Ausweg, mit dem Fremden +in dessen Behausung zu gehen, um sich selber zu +überzeugen, wo er wohne und wieder zu finden wäre.</p> + +<p>Das geschah denn auch und nachdem Bertling +in einer vollkommen abgelegenen Straße vier steile +dunkle Treppen hinauf geklettert war, konnte er mit +einiger Ruhe seinen eigenen Geschäften nachgehen. Er +band dem kleinen Mann aber noch einmal auf die +Seele, das Haus um keinen Preis zu verlassen, bis +er selber zurückkäme, was aber bald geschehen würde, +da er ihn um ein Uhr zum Mittagessen abhole.</p> + +<p>Seine Frau fand der Justizrath noch ziemlich abgemattet, +aber doch ruhig; sie hatte von dem, was sie +die vorige Nacht mit wachenden Augen geträumt, keine +<a class="pagenum" name="page_117" title="117"> </a> +Ahnung und sie fühlte nur die Folgen der unnatürlichen +Aufregung, ohne sich dieser im Geringsten bewußt +zu sein.</p> + +<p>Um ein Uhr oder etwas vorher, entschuldigte sich +Bertling, daß er mit einem Geschäftsfreund zu Mittag +speisen müsse, da sie Beide, außer der Zeit, sehr beschäftigt +wären, und er Vielerlei mit ihm zu besprechen +hätte – zu sich hätte er ihn aber heute nicht einladen +mögen, da Auguste doch noch so angegriffen sei.</p> + +<p>Auguste dankte ihm dafür, denn sie befand sich in +der That nicht in der Stimmung einen fremden Besuch +zu empfangen; sie fühlte sich auch nie wohler, als +wenn sie allein gelassen wurde und ihr Mann versprach +ihr ja auch außerdem noch vor Abend wieder zu +Haus zu sein und dann heute ganz bei ihr zu bleiben.</p> + +<p>Sie aß allein auf ihrem Zimmer und legte sich +dann ein wenig auf das Sopha, um auszuruhen; der +Kopf that ihr weh und das Herz war ihr so schwer, +als ob irgend ein nahendes Unheil sie bedrohe. Sie +fing auch fast an, den dämmernden Abend zu fürchten +und bereute schon, Theodor nicht gebeten zu haben, +noch vor der Zeit zurück zu kehren. – Aber sie durfte +auch nicht so kindisch sein. Wenn er seine Geschäfte +besorgt hatte, kam er ja ohnedies schon immer von +selber nach Hause.</p> + +<p><a class="pagenum" name="page_118" title="118"> </a> +Sie sollte aber ihren Nachmittag heute nicht +allein verbringen, denn etwa um fünf Uhr kam Pauline +herüber. Wenn diese aber auch lachend das +Zimmer der Freundin betrat, erschrak sie doch sichtlich +über deren bleiches Aussehen, über ihre tiefliegenden +Augen und den schmerzlichen Zug um den Mund. +Auf ihre theilnehmenden Fragen gab ihr Auguste aber +nur ausweichende Antworten; sie scheute sich selbst der +Freundin gegenüber das einzugestehen, was ihr die +Brust beengte und ihr Herz mit einer wohl unbestimmten, +aber nichts desto weniger peinigenden Angst +erfüllte und Pauline, die das herausfühlte, war +freundlich genug, auf ihren Wunsch einzugehen. Ihr +lag aber jetzt besonders daran, die Freundin zu zerstreuen, +und ohne daß Auguste es merkte, wußte sie +das Gespräch auf das Abenteuer mit der Kartenschlägerin +zu bringen. Nicht mit Unrecht glaubte sie, daß +jene Aufregung wesentlich dazu beigetragen hatte, sie +niederzudrücken, und war das wirklich der Fall, so +kannte sie ein Mittel sie wieder aufzurichten.</p> + +<p>»Denke Dir nur Schatz,« lachte sie, ganz wieder +in ihrer, alten fröhlichen Laune, »ich bin jetzt unserer +Kartenschlägerin auf die Spur gekommen.«</p> + +<p>»Auf die Spur? – wie so?«</p> + +<p>»Oder ich habe wenigstens einen Beweis erhalten, +<a class="pagenum" name="page_119" title="119"> </a> +was es mit ihrer Kunst für eine Bewandniß +hat.«</p> + +<p>»In der That? – aber durch was?« frug Auguste +gespannt.</p> + +<p>»Du erinnerst Dich doch,« fuhr Pauline fort, +»daß ich bei ihr anfragen wollte, wo ein mir gestohlenes +Corallen-Halsband hingekommen sei und wo +ich den Dieb zu suchen hätte. Sie ließ mich aber die +Frage gar nicht stellen, denn jedenfalls hatte sie am +Brunnen von unseren Mägden erfahren, daß ich das +Halsband vermisse. In den letzten drei Tagen war +auch wirklich bei uns von nichts Anderem gesprochen +worden, und meine Köchin, wie ich es mir gedacht, schon +bei der Alten gewesen, um sie um Rath zu fragen.«</p> + +<p>»Also wirklich,« sagte Auguste.</p> + +<p>»Du weißt auch, daß sie meinen Verdacht auf +irgend eine Dame mit grünen Haubenbändern lenken +wollte.«</p> + +<p>»Allerdings – hatte sie sich geirrt?«</p> + +<p>»Das Komische bei der Sache ist das,« lachte +Pauline, »daß gar Niemand das Halsband gestohlen +hat, sondern daß ich es heute morgen selber in einer +kleinen Schieblade meines Secretairs fand, wohinein +ich es neulich, wahrscheinlich in großer Zerstreutheit +gelegt.«</p> + +<p><a class="pagenum" name="page_120" title="120"> </a> +»Es war gar nicht gestohlen?«</p> + +<p>»Gott bewahre, folglich konnte die »Dame« mit +den grünen Haubenbändern auch nicht der Dieb sein. +Jetzt hab' ich der Sache aber näher nachgeforscht und +von meinen Leuten erfahren, daß die alte Frau Heßberger +eine ganz besondere Wuth auf meine Wäscherin +hat, weil diese sie irgend einmal, wer weiß aus welchem +Grund, ich glaube wegen Verleumdung, verklagt +hat, und die Alte fünf Thaler Strafe zahlen mußte. +Die Schusters-Frau scheint eine ganz durchtriebene +Person zu sein und ich glaube, es ist sehr unnöthig, +daß ihr liebenswürdiger Gatte, während sie ihre +<em class="gesperrt">Kunst</em> ausübt, geistliche Lieder singt, um den Teufel +fernzuhalten, es scheint Alles sehr natürlich zuzugehen. +–«</p> + +<p>»Aber woher wußte sie –« wollte Auguste fragen, +brach aber rasch und plötzlich mitten darin ab.</p> + +<p>»Was, mein Herz?« frug Pauline – »etwa das, +was sie Dir von einem <em class="gesperrt">grauen Mann</em> sagte? Das +wolltest Du mir ja heute erzählen und ich bin fest +überzeugt, wir kommen der Sache ebenfalls auf die +Spur. – Sieh mein Herz, mit all den Geistergeschichten +läuft es ja doch jedesmal auf blinden Lärm +hinaus, denn auch das was uns die Frau Präsidentin +damals als <em class="gesperrt">Thatsache</em> von der Kammgarnspinnerei +<a class="pagenum" name="page_121" title="121"> </a> +erzählte, hat sich als ein einfacher Betrug herausgestellt.«</p> + +<p>»Als Betrug?«</p> + +<p>»Gewiß und gestern Abend haben sie die Thäter +erwischt. Aber nun erzähle mir auch, was <em class="gesperrt">Dich</em> +drückt.«</p> + +<p>Auguste zögerte noch, aber sie hatte der Freundin +einmal versprochen, ihr das Geheimniß mitzutheilen +und es that ihr selber wohl, irgend Jemand zu haben, +dem sie ihr Herz vollkommen ausschütten konnte. So +erzählte sie denn auch jetzt, während der Abend schon +wieder zu grauen begann, von der ersten Erscheinung, +die sie in ihres Mannes Zimmer gehabt und wollte +eben zu dem zweiten Begegnen mit dem unheimlichen +Wesen übergehen, als sie laute Stimmen auf dem +Vorsaal hörten.</p> + +<p>»Die Frau Justizräthin zu Haus?« – Es war +des Doctors Stimme, die Magd erwiderte etwas +darauf und gleich darauf klopfte es an die Thür.</p> + +<p>Es war der Arzt, der seine Patientin zu besuchen +kam. Er freute sich übrigens sie so wohl und munter +zu finden und meinte, nach ein paar hingeworfenen +Fragen: – »Aber wie mir scheint, habe ich die Damen +in einer wichtigen Unterhaltung gestört – thut mir +leid, aber wir Aerzte kommen oft ungelegen.«</p> + +<p><a class="pagenum" name="page_122" title="122"> </a> +»In einer Unterhaltung,« sagte da Pauline, »die +auch <em class="gesperrt">Sie</em> angeht, lieber Doctor, denn sie betrifft +Augustens Krankheit ebenfalls mit – bitte, erzähle +weiter, liebes Herz.«</p> + +<p>»Aber Pauline,« sagte die Frau erschreckt, »das ist +nicht Recht. Das was ich Dir erzählte, war nur für +<em class="gesperrt">Dich</em> bestimmt.«</p> + +<p>»Aber mein gutes Kind,« sagte die junge Frau +»wenn ich nicht sehr irre, so hat gerade diese Phantasie +auf Dein körperliches Befinden den größten und +zwar nachtheiligsten Einfluß ausgeübt, und wie kann +Dich ein Arzt wieder herstellen, wenn er nicht die <em class="gesperrt">Ursache</em> +Deiner Krankheit erfährt.«</p> + +<p>»Ich danke Ihnen, Frau Hofräthin, daß Sie mir +da beistehen,« sagte der Doctor »und bitte Sie nun +selber, beste Frau, mir nichts vorzuenthalten. Außerdem +wissen Sie, wie ich Ihnen und Ihrem Mann zugethan +bin und schon als <em class="gesperrt">Freund</em> des Hauses, als +der ich mich doch betrachten darf, ersuche ich Sie dringend +mir Alles mitzutheilen.«</p> + +<p>Die Justizräthin sträubte sich noch ein wenig, aber +es half ihr Nichts; der Doctor versicherte sie dabei, +daß ihr eigener Mann ihm schon einen Theil vertraut +habe, er wisse also doch einmal, um was es sich +handele und solcher Art gedrängt, erzählte Auguste +<a class="pagenum" name="page_123" title="123"> </a> +denn das zweite, räthselhafte Begegnen jener Erscheinung, +ja verhehlte sogar nicht, daß sie von einer +Wiederholung derselben das Schlimmste fürchte.</p> + +<p>Der Doctor hatte ihr schweigend zugehört – +draußen wurde wieder eine Thür geöffnet und sein +scharfes Ohr vernahm leise Schritte im Vorsaal. +Er wußte, der Justiz-Rath war mit dem Mann im +grauen Rock eingetroffen. Der Abend brach dabei +immer mehr herein und der Doctor bat, daß man die +Lampe anzünden möge, da eben die Dämmerstunden +die besten Hülfsgenossen solcher Phantasien seien. +Pauline fügte jetzt auch noch die Geschichte der Kartenschlägerin +hinzu, zu der der Doctor nur lächelnd den +Kopf schüttelte; endlich aber sagte er:</p> + +<p>»Also, Sie fürchten eine <em class="gesperrt">dritte</em> Erscheinung, +liebe Frau Justizräthin, weil Sie durch die zweite die +Bestätigung der ersten erhalten haben?«</p> + +<p>»Ja,« hauchte die Frau.</p> + +<p>»Sie würden auch« – fuhr der Doktor fort, »wie +Sie mir ja selber gestanden haben, ohne die zweite +geneigt gewesen sein, die erste als eine bloße Phantasie, +als eine Ueberreizung Ihrer Nerven anzusehen, nicht +wahr?«</p> + +<p>»– Ja –« erwiderte die Frau wieder, doch +etwas zögernd.</p> + +<p><a class="pagenum" name="page_124" title="124"> </a> +»Schön,« nickte der Doctor vor sich hin, »wenn +ich nun hier mit meinem Zauberstab« und er hob +seinen Stock, den er noch in der Hand hielt, »Ihnen +selber die Erscheinung zum dritten und letzten Mal +heraufbeschwören würde, wobei ich Ihnen zugleich beweisen +könnte, daß wir es mit nichts Anderem, als +einem vollkommen compacten Wesen aus Fleisch und +Blut zu thun haben, – würden Sie mir dann zugestehen, +daß Sie sich geirrt, und daß solche Erscheinungen +im Allgemeinen, und hier auch im Besondern, +nie und nimmer als etwas Anderes betrachtet werden +dürfen, wie als krankhafte Ausgeburten der +Phantasie?«</p> + +<p>»Jene Erscheinung heraufbeschwören?« frug Auguste +ordentlich erschreckt.</p> + +<p>»Ja – aber nicht etwa aus dem Boden, wie +einen Geist, sondern wie es sich gebührt, die Treppe +herauf,« lachte der Doctor. »Würden Sie mir versprechen, +sich recht tapfer dabei zu halten und ehe +Sie uns wieder ohnmächtig werden, erst einmal genau +zu prüfen, ob Sie es mit einem Geist oder einem +wirklichen Menschen zu thun haben?«</p> + +<p>»Ich begreife Sie nicht,« – stammelte die Frau.</p> + +<p>»Ist Ihr Mann nicht zurückgekehrt?« sagte der +Doctor und horchte nach dessen Thür hinüber – »ich +<a class="pagenum" name="page_125" title="125"> </a> +dächte, ich hätte ihn in seiner Stube gehört – he +Justizrath?« rief er, indem er aufstand und an jene +Thür klopfte.</p> + +<p>»Ja ich komme gleich« – antwortete Bertlings +Stimme.</p> + +<p>»Und wann soll ich ihn sehen?« rief die Frau, die +sich einer leichten Anwandlung von Furcht nicht erwehren +konnte.</p> + +<p>»Wann? – jetzt gleich, wenn Sie wollen,« lachte +der Arzt. »Vorher muß ich Ihnen aber noch bemerken, +daß der berühmte Mann im grauen Rock, vor dem +Sie einen solchen Respect haben, richtig aufgefunden +ist – denn was spürte die Polizei nicht heraus, wenn +man ihr nur ihre Zeit läßt – und er hat sich als ein +vollkommen achtbares, aber auch eben so harmloses +Individuum herausgestellt, das damals nicht etwa +ein überirdischer Auftrag, sondern ein sehr irdisches +Verlangen nach einer kleinen Summe Geldes zu +Ihrem Gatten getrieben hatte. Der gute Mann ist +aber etwas schüchterner Natur und da Sie bei seinem +Anblick ohnmächtig wurden, hielt er sich für +überflüssig und ging seiner Wege. Diesmal wird er +aber nicht verschwinden und ich frage Sie jetzt noch +einmal, fühlen Sie sich in diesem Augenblick stark genug, +Ihrem vermutheten Gespenst nicht allein noch +<a class="pagenum" name="page_126" title="126"> </a> +einmal zu begegnen, sondern ihm auch guten Abend +zu sagen und nachher sogar eine Tasse Thee mit ihm +zu trinken?«</p> + +<p>»Doctor – wenn Sie mir <em class="gesperrt">die</em> Ueberzeugung +geben könnten!« rief die Frau, indem sie von ihrem +Stuhl emporsprang.</p> + +<p>»Schön« sagte der Doctor, »dann bitte, geben +Sie mir Ihren Arm. – Sie sind ja sonst ein vernünftiges +Frauchen,« setzte er herzlich hinzu, »und +werden sich doch wahrhaftig Ihren klaren Verstand +nicht von einer bloßen Einbildung todtschlagen lassen. +– Also jetzt kommt die Geisterbeschwörung und danach +hoffe ich Sie wieder so munter und heiter zu +sehen, wie nur je.«</p> + +<p>Er ließ ihr auch keine Zeit zu weiteren Einwendungen, +nahm ihren Arm und führte sie der Thür +von ihres Gatten Zimmer zu.</p> + +<p>»Können wir eintreten?« rief er hier, indem er +anklopfte.</p> + +<p>»Nur herein!« tönte des Justizraths frische Stimme, +allein als der Doctor die Thür aufwarf, fühlte +er wie die Justizräthin an seinem Arm zusammenzuckte. +Pauline war jedoch schon an ihre andere +Seite getreten, um sie im Nothfall zu unterstützen. +Aber die junge Frau hatte nicht zu viel versprochen, +<a class="pagenum" name="page_127" title="127"> </a> +wenn sie sagte, daß sie sich stark fühlte und doch gehörte +viel Willenskraft dazu, dem was sie bis dahin +für eine furchtbare Wirklichkeit gehalten – eine Botschaft +aus der Geisterwelt – jetzt wieder, genau wie an +jenem Abend, zu begegnen und ruhig dabei zu bleiben.</p> + +<p>Auf dem Tisch stand die Lampe und warf ihren +düsteren Schein über das kleine Gemach, links neben +dem Tisch saß der Justizrath – rechts neben dem +Ofen, den rechten Arm über die Stuhllehne, das +etwas bleiche Antlitz der Thür zugedreht – Auguste +mußte tief Athem holen, denn ein unsagbares Etwas +schnürte ihr die Brust zusammen, – saß der Mann +im grauen Rock, genau wie sie ihn an jenem Abend +gesehen, in jeder Miene, in jeder Falte seines Rockes.</p> + +<p>»So meine liebe Frau Justizräthin«, rief aber der +Doctor jetzt – »hier habe ich also das Vergnügen +Ihnen unseren Buzemann, unser Schreckgespenst vorzustellen. +Herrn Conrad Wohlmeier aus Königsberg +– Herr Wohlmeier, Frau Justizräthin Bertling +– bitte reichen Sie ihr die Hand, damit sie nicht +etwa glaubt, Sie beständen blos aus Kohlenstoff und +Stickstoffgas.«</p> + +<p>Der kleine Mann war etwas verlegen von seinem +Stuhl aufgestanden und der ihn noch immer starr ansehenden +Frau die Hand entgegenreichend, sagte er:</p> + +<p><a class="pagenum" name="page_128" title="128"> </a> +»Frau Justizräthin, es sollte mir unendlich leid +thun, wenn Sie mich für einen Geist gehalten haben. – +Ich bin nur ein armer Gymnasiallehrer, der –«</p> + +<p>»Bravo«! rief der Doctor lachend aus, »das war +eine vortreffliche Rede, die Sie da gehalten haben, und +nun, meine liebe Frau Justizräthin, sind Sie jetzt überzeugt, +daß Sie Ihrem guten Mann ganz nutzlos eine +Menge Sorge und Noth gemacht und sich selber in besonders +thörichter Weise gequält und geängstigt haben?«</p> + +<p>»Lieber Doctor – wie soll ich Ihnen danken?« +sagte die Frau, während Bertling auf sie zu ging und +sie umarmte und küßte.</p> + +<p>»Und jetzt!« rief Pauline lachend aus, »wollen wir +auch noch den letzten Zeugen herein holen, der eine ganz +vortreffliche Erklärung abgeben kann, woher die Frau +Heßberger etwas von dem Mann im grauen Rock gewußt« +– und damit sprang sie nach der Thür des +Doctors, um die Rieke herein zu rufen – aber die +Thür war fest verschlossen und der Schlüssel abgezogen. +–</p> + +<p>»Nun was ist das?« frug sie – »die Thür ist +ja zu.«</p> + +<p>»Hm, ja,« lachte der Justizrath, aber doch etwas +verlegen, »da ich – da ich doch nicht wissen konnte, +wie die Sache heute ablief, so –«</p> + +<p><a class="pagenum" name="page_129" title="129"> </a> +»So hat er die Thür abgeschlossen, daß ihm der +Geist nicht wieder davonlaufen konnte!« jubelte der +Doctor – »das ist vortrefflich. Justizrath, Sie sind +ein Schlaukopf.«</p> + +<p>Die Rieke wurde indessen hereingeholt und bestätigte, +was sie schon an dem Nachmittag der Justizräthin +gestanden, daß sie an jenem Abend die Frau +Heßberger unten im Haus getroffen und sie gefragt +habe, ob sie keinen Mann in einem grauen Rock gesehen, +der so plötzlich weg gewesen wäre und über den +sich die Frau so geängstigt hätte, daß sie ohnmächtig +geworden wäre. Danach konnte sich die Kartenschlägerin +wohl denken, daß die Erwähnung jenes Mannes +noch frisch in der Erinnerung der Justizräthin sein +würde und in der Art solcher Frauen benutzte sie das +geschickt genug.</p> + +<p>Der Doctor schwur übrigens, daß er der Gesellschaft +da oben über kurz oder lang das Handwerk legen +lassen werde, denn er versicherte, daß ihm in letzter +Zeit schon verschiedene Fälle vorgekommen wären, wo +sie mit ihren so genannten Prophezeihungen Unheil gestiftet +oder den Leuten sehr unnöthiger Weise Kummer +und Herzeleid bereitet hätten.</p> + +<p>Unter der Zeit deckte die Rieke den Tisch und die +kleine Gesellschaft setzte sich dann unter Lachen und +<a class="pagenum" name="page_130" title="130"> </a> +heiteren Gesprächen – die Justizräthin zwischen den +Doctor und »den Mann im grauen Rock« – zu dem +frugalen aber fröhlichen Mahle nieder. Von dem Abend +an aber verließen jene bösen Träume die Justizräthin, +denn zu fest hatte sie an die Erscheinung geglaubt, um +nicht jetzt, wo ihr der unleugbare Beweis des Gegentheils +geworden, auch nicht die ganze Gespensterfurcht +fallen zu lassen. Der Justizrath aber, seinem Wort getreu, +und nur zu glücklich, sein liebes Weib von jenem +unheilvollen Gedanken geheilt zu sehen, beschenkte den +kleinen Lehrer noch an dem nämlichen Abend so reichlich, +daß er am nächsten Morgen, jeder Sorge enthoben, +seine Heimreise und dann seine Stellung in der Vaterstadt +antreten konnte.</p> + + + + +<h2>Die Folgen einer telegraphischen Depesche.<a class="pagenum" name="page_131" title="131"> </a></h2> + + +<p class="center"><b>Telegraphische Depesche</b></p> + +<p class="center">Dr. A. Müller Leipzig –straße 15.</p> + +<p class="center">Herzlichsten Glückwunsch – heutigen Geburtstag noch oft +wiederkehren – Alle wohl – tausendmal grüßen – Inniger +Freundschaft.</p> + +<p class="signature"><span class="gesperrt">Mehlig</span>.</p> + +<p>Obige Depesche war Morgens Früh, sieben Uhr +in Berlin aufgegeben worden, gelangte durch den +Drath nach Leipzig und wurde dem erst gestern angestellten +Depeschenträger Lorenz als erste Besorgung +zur augenblicklichen Beförderung übergeben.</p> + +<p>Lorenz lief was er laufen konnte, warf am richtigen +Haus angelangt, noch einen flüchtigen Blick auf +die Adresse, zog dann die Klingel an der Hausthür, +und wurde ohne Weiteres eingelassen.</p> + +<p>Wie er die Hausflur betrat, öffnete sich rechts eine +Thür. Ein ältliches Fräulein mit weißer Haube und +Schürze kam heraus, und trug einen Präsentirteller +<a class="pagenum" name="page_132" title="132"> </a> +in der Hand, auf dem das, wahrscheinlich eben +gebrauchte Kaffeeservice stand; Lorenz trat auf sie zu.</p> + +<p>»Telegrafische Depesche!« sagte er und hielt ihr +das Couvert mit dem rothen Streifen entgegen.</p> + +<p>»Jesus Maria und Joseph!« schrie die Dame, +schlug in blankem Entsetzen die Hände über den Kopf +zusammen und ließ das ganze Kaffeeservice auf die +Erde fallen.</p> + +<p>»Bitte tausendmal um Entschuldigung,« sagte +Lorenz, indem er sich bückte und die halbe Kaffeekanne +aufhob, den Präsentirteller aber liegen ließ.</p> + +<p>»Von wem ist sie denn?« schrie aber die Dame, +ohne selbst in dem Augenblick des zerbrochenen Geschirrs +zu achten.</p> + +<p>»Ja das weeß ich Sie werklich nich,« sagte Lorenz, +»aber sie is für den Herrn Doctor Müller.«</p> + +<p>»Doctor Müller? – Sie Ungeheuer Sie, was +bringen Sie mir denn da das entsetzliche Papier?« +rief die Dame mit vor Zorn gerötheten Wangen.</p> + +<p>»Aber ich bitte Sie um tausend Gottes Willen +mein bestes Mamsellchen!«</p> + +<p>»Jetzt kann mir Ihr Telegraph mein Service +bezahlen,« zürnte aber die schöne Wüthende, »das ist +ja ärger wie Einbruch und Diebstahl! oh, das herrliche +Porcellan!« Sie kniete neben den Scherben nieder +<a class="pagenum" name="page_133" title="133"> </a> +und begann die auseinander gesprengten Stücke, allerdings +vergebens, wieder zusammenzupassen. Lorenz +wurde es aber unheimlich und wenn er auch nicht recht +begriff weshalb die Dame so erschreckt sei, hielt er +dies doch für einen passenden Moment sich aus dem +Staub zu machen. Doctor Müller wohnte jedenfalls +oben. In Gedanken behielt er auch die halbe Kaffeekanne +bis zur Treppe in der Hand, dort legte er sie +aber vorsichtig auf die erste Stufe und stieg dann +rasch hinauf in die Bel-Etage.</p> + +<p>Hier mußte er wieder klingeln. Ein Dienstmädchen +öffnete ihm die Thür.</p> + +<p>»Telegrafische Depesche!« sagte Lorenz und hielt +ihr das Papier entgegen. Kaum war aber das Wort +heraus, als das Mädchen ihm die Thür wieder vor +der Nase zuschlug und er hörte nur noch wie sie drin +über den Gang stürzte und in ein Zimmer hineinschrie: +»O Du lieber Gott eine telegraphische Depesche.« +Ein lauter Schrei antwortete – ängstlich hin und +wiederlaufende Schritte wurden drinnen laut und +Niemand schien sich weiter um Lorenz zu bekümmern.</p> + +<p>»Hm,« dachte dieser, »das is mer doch eene kuriose +Geschichte – was se nur derbei haben? – wenn se +nich bald kommen, bimmele ich noch eenmal.«</p> + +<p>Schon hatte er die Hand zum zweitenmale nach +<a class="pagenum" name="page_134" title="134"> </a> +der Klingel ausgestreckt, als es drinnen wieder laut +wurde. Deutlich konnte er die Schritte einer Anzahl +von Personen hören, die auf die Saalthür zukamen +und diese wurde endlich wieder halb geöffnet.</p> + +<p>Wenn Lorenz nicht selber so erschreckt gewesen +wäre, hätte er gern gelacht, denn auf dem Gang drinnen +stand die wunderlichste Procession, die er in seinem +ganzen Leben gesehen. Vorn ein Herr mit einem +dicken rothen Gesicht und feuerrothem Backenbart, +einem sehr schmutzigen Schlafrock, darunter die zusammengebundenen +Unterhosen und ein Paar niedergetretene +Pantoffeln. Hinter ihm stand eine Dame, ebenfalls +im höchsten Morgennegligée mit weißer Nachtjacke +und Unterrock. Rechts und links von diesen beiden +drängten sich zwei Dienstboten herbei, Neugierde und +Furcht in den bleichen Gesichtern und vier oder fünf +Kinder schauten dazu mit den noch ungewaschenen und +ungekämmten Köpfen vor, wo sie irgend Raum finden +konnten diese durchzuschieben.</p> + +<p>»Telegrafische Depesche für Herrn Doctor Müller,« +sagte Lorenz, um diesmal keine Verwechslung des +Namens möglich zu machen.</p> + +<p>»Müller? – Holzkopf!« schrie aber der Herr im +Schlafrock und warf die Thür von innen wieder dermaßen +<a class="pagenum" name="page_135" title="135"> </a> +in's Schloß, daß Lorenz kaum Zeit behielt zurückzuspringen.</p> + +<p>Etwas erstaunt blieb er, mit seiner Depesche in der +Hand, jetzt an der Schwelle stehn, fing aber doch nun +an zu glauben, daß die ganze Sache irgend etwas +Furchtbares und Gefährliches in sich trage, das mit den +geheimnißvollen Telegraphendrähten natürlich in directer +Verbindung stehen mußte, und daß jetzt mehr als +je daran liege, die richtige Person dafür zu finden. Vor +allen Dingen suchte er deshalb, ehe er sich weiteren +Mißverständnissen aussetzte, die Wohnung des besagten +Doctor Müller ausfindig zu machen und der Zeitungsjunge, +der eben das Tageblatt brachte, diente +ihm dabei als untrügliche Quelle.</p> + +<p>»Doctor Müller?« sagte dieser – »eine Treppe +höher, können gleich das Tageblatt mit hinaufnehmen +– doch Treppen genug zu laufen.«</p> + +<p>Lorenz übernahm die Besorgung und befand sich +bald zu seiner innigen Beruhigung an der rechten +Thür. Ein kleines weißes Schild mit dem Namen +des Dr. Müller darauf zeigte ihm, daß er sein Ziel +erreicht habe.</p> + +<p>An dieser Vorsaalthür war keine Schelle. Er +klopfte erst ein paar Mal, und da ihm Niemand antwortete, +drückte er die Klinke nieder und trat ein. +<a class="pagenum" name="page_136" title="136"> </a> +Auf dem Vorsaal sah er auch Niemanden und die Küche +stand leer, in der nächsten Stube hörte er aber Stimmen, +ging dort hinüber und klopfte an.</p> + +<p>Wie sich die Thür öffnete glänzte ihm ein mit +Blumen, Torten und Geschenken bedeckter Tisch entgegen +und eine junge allerliebste kleine Frau frug ihn +freundlich was er wünsche. Lorenz, der außerordentlich +gutmüthigen Herzens war, dachte aber mit Zagen +an die Verwirrung, die er parterre und im ersten Stock +schon angerichtet hatte und wünschte, mit dem unbestimmten +Bewußtsein, daß er der Träger irgend einer +furchtbaren Nachricht wäre, diese der jungen hübschen +Frau so vorsichtig als möglich beizubringen.</p> + +<p>»Ach heren Se,« sagte er deshalb – »erschrecken +Sie nich – es is Sie was vom Telegrafen.«</p> + +<p>Die junge Frau sah ihn stier an, hob langsam den +rechten Arm in die Höh und brach mit dem kaum hörbaren +Schrei: »Er ist todt!« bewußtlos zusammen. +Ihr Gatte hatte auch in der That kaum Zeit sie aufzufangen +und vor einem vielleicht schlimmen Sturze +zu bewahren.</p> + +<p>»Um Gottes Willen, was ist?« frug er dabei +den wie halb vom Schlag gerührten Depeschenträger +»eine Telegraphische Depesche? – woher?«</p> + +<p>»Nun, da Sie's doch schon einmal wissen,« sagte +<a class="pagenum" name="page_137" title="137"> </a> +Lorenz, inniges Mitleid in den erschreckten Zügen – +»es is Sie richtig vom Telegrafen.«</p> + +<p>Der junge Mann trug sein armes, bewußtloses +Frauchen auf das Sopha, wo er sie den Händen der +jammernd herbeistürzenden Schwiegermutter übergab. +Das Kind, das die Wärterin auf dem Arme trug, +fing dabei an zu schreien, die Köchin war ebenfalls +herein gekommen und stand schluchzend und händeringend +an der Thür und mit zitternden Händen +erbrach jetzt Dr. Müller die Depesche, deren Buchstaben +ihm im Anfang vor den Augen flirrten und tanzten. +Endlich las er leise vor sich hin:</p> + +<p class="center">Herzlichen Glückwunsch – heutigen Geburtstag +– noch oft wiederkehren – Alle wohl – +tausendmal grüßen – liebe Frau auch. Inniger +Freundschaft.</p> + +<p class="signature">Mehlig.</p> + +<p>Erst am Schluß und wie ihm das Bewußtsein +dämmerte um was es sich hier handele, knitterte er +das Papier in der Hand zusammen, drehte einen Ball +daraus und schleuderte diesen mit aller Gewalt auf +den Boden.</p> + +<p>»Ist er todt?« sagte Lorenz in theilnehmendem +Mitgefühl.</p> + +<p>»Gehen Sie zum Teufel,« rief Dr. Müller in +<a class="pagenum" name="page_138" title="138"> </a> +leicht verzeihlichem Aerger – »Sie und Ihre telegraphische +Depesche – solchen Glückwunsch möcht ich +mir nächstes Jahr noch einmal zum Geburtstag +wünschen – meine arme Frau kann den Tod davon +haben.«</p> + +<p>»Bitte tausendmal um Entschuldigung,« sagte +Lorenz, Niemand bekümmerte sich aber mehr um ihn, +denn die Uebrigen waren jetzt sämmtlich um die Ohnmächtige +beschäftigt, so daß er die Gelegenheit für +passend hielt, sich so rasch und unbemerkt als möglich +zu entfernen. Durch das Haus mußte er aber noch +einmal förmlich Spießruthen laufen.</p> + +<p>»Ach Sie Unglücksvogel,« sagte das Kindermädchen, +das ihm mit einer Vase frischen Wassers, um der +Frau zu helfen, an der Thür begegnete.</p> + +<p>»Das nächste Mal erkundigen Sie sich vorher +nach dem Namen, Sie Dingsda« – sagte der Herr +in dem schmutzigen Schlafrock, der an der Saalthür +in der ersten Etage ganz besonders auf ihn gewartet +haben mußte, als er dort rasch und geräuschlos vorbeigleiten +wollte, und unten in der Hausflur saß die +Mamsell noch immer bei den Scherben, die sie vergebens +zusammenpaßte.</p> + +<p>Auch diese empfing ihn wieder mit einer Fluth von +Vorwürfen, Lorenz aber hielt sich nicht auf und floh +<a class="pagenum" name="page_139" title="139"> </a> +aus dem Haus hinaus, als ob er hätte stehlen wollen +und dabei erwischt worden wäre.</p> + +<p>Erst nach langer Zeit gewöhnte er sich auch an +diese unausbleiblichen Folgen derartiger Depeschen, +und als ich ihn neulich sprach, hatte er sogar eine Art +statistischer Tabelle aufgestellt, nach der er berechnet +haben wollte, daß durchschnittlich auf je vier telegraphische +Depeschen – denn nicht alle laufen so unglücklich +ab, – eine Ohnmacht und zwei zerbrochene Tassen, +nur auf die sechste oder siebente aber ein ernstlicher +Unfall folge.</p> + +<p>»S'is was Scheenes um en Telegrafen,« sagte er +dabei, »aber Gott bewahre Eenen vor ener telegrafischen +Depesche!«</p> + + + + +<h2>Der Polizeiagent.<a class="pagenum" name="page_140" title="140"> </a></h2> + + +<h3>I.<br /> + +<b>Im Packwagen.</b></h3> + + +<p>Es war im Juli des Jahres 18–, als der von +Cassel kommende Schnellzug in Guntershausen hielt +und dort solch eine Unzahl von Passagieren vorfand, +daß die Schaffner kaum Rath und Aushilfe wußten. +Alle Welt befand sich aber auch gerade in dieser Zeit +unterwegs und die Züge – da das andauernd +schlechte Wetter bisher die Reisenden zurückgehalten +– waren bei dem ersten warmen Sonnenstrahl gar +nicht auf einen so plötzlichen Andrang berechnet gewesen.</p> + +<p>Uebrigens machte man möglich, was eben möglich +zu machen war. Alle vorhandenen Wagen wurden +eingeschoben, jeder noch freie Platz dritter Klasse – +zum großen Aergerniß mit Hutschachteln und Reisetaschen +reich bepackter Damen – auf das gewissenhafteste +<a class="pagenum" name="page_141" title="141"> </a> +ausgefüllt und dann in die zweite, ja sogar +selbst in die erste Klasse hineingeschoben was eben hineinging. +Die nächsten Stationen nahmen ja auch wieder +Reisende ab, und nach und nach regulirte sich alles.</p> + +<p>Durch diesen Aufenthalt hatte sich der Schnellzug +aber auch um eine gute halbe Stunde verspätet und +war eben zum Abfahren fertig, als noch ein leichter +Einspänner angerasselt kam und ein einzelner Herr, +eine kleine lederne Reisetasche in der Hand, heraus +und darauf zusprang.</p> + +<p>»Zu spät,« rief ihm der Oberschaffner entgegen +und gab den verhängnißvollen schrillenden Pfiff; »wir +haben alle Personenwagen besetzt.«</p> + +<p>Der Fremde, der augenscheinlich kein Neuling auf +Reisen war, warf einen raschen, prüfenden Blick +über die lange Wagenreihe und sah Kopf an Kopf in +den Fenstern – aber die Schiebethür des Packwagens +stand noch halb geöffnet.</p> + +<p>»Dann werde ich mich bis zur nächsten Station +bei den Koffern einquartiren,« lachte er und ohne +die Einwilligung des Schaffners abzuwarten, der +übrigens auch nichts dagegen hatte, sprang er auf den +Wagentritt und in den Packwagen hinein. Bei einem +solchen Andrang von Personen mußte sich ein jeder +helfen so gut er eben konnte.</p> + +<p><a class="pagenum" name="page_142" title="142"> </a> +»Das ist eigentlich nicht erlaubt –« sagte der +Packmeister; aber der Fremde kannte genau die +Sprache, die hier alleinige Geltung hatte, und dem +Packmeister ein Stück Geld in die sich unwillkürlich +öffnende Hand drückend, lachte er:</p> + +<p>»Ich führe ganz vortreffliche Cigarren bei mir +und wenn ich nicht im Wege bin, erlauben Sie mir +wohl eine Viertelstunde Ihnen hier Gesellschaft zu +leisten.«</p> + +<p>»Haben Sie denn ein Billet?« frug der Mann +und sein <em class="gesperrt">Gefühl</em> sagte ihm, daß er ein großes Silberstück +in der Hand hielt.</p> + +<p>»Noch nicht – ich bin eben erst, wie der Zug abgehen +wollte, mit einem Einspänner von Melsungen +herüber gekommen. Mein Billet nehme ich auf der +nächsten Station.«</p> + +<p>»Na da setzen Sie sich nur da drüben auf den Koffer, +in Treysa gibt's Platz,« bemerkte der Packmeister, +während der Fremde seine Cigarrentasche herausnahm +und sie dem Manne hinhielt.</p> + +<p>»Mit Erlaubniß – danke schön« – die Bekanntschaft +war gemacht, der Zug überdies in Bewegung +und der Passagier, bis ein anderer Platz für ihn gefunden +werden konnte, rechtsgültig untergebracht.</p> + +<p>Eine Cigarre wirkt überhaupt oft Wunder und +<a class="pagenum" name="page_143" title="143"> </a> +die Menschen, die sich diesen Genuß aus ein oder dem +andern Grunde versagen, wissen und ahnen gar nicht, +wie sehr sie sich oft selber dadurch im Lichte stehen. +Mit einer Cigarre ist jeder im Stande, augenblicklich +auf indirecte Art eine Unterhaltung anzuknüpfen, indem +man nur einen Reisegefährten um Feuer bittet. +Ist dieser in der Stimmung, darauf einzugehen, so +giebt er die eigene Cigarre zum Anzünden. Paßt es +ihm aber nicht, so bleibt ihm immer noch ein Ausweg +– er reicht dann dem Bittenden einfach ein +Schwefelholz. Der Empfänger dankt, zündet seine +Cigarre an, wirft das Holz weg und betrachtet sich +als abgewiesen.</p> + +<p>Mit einer dargebotenen Cigarre gewinne ich mir +außerdem das Herz unzähliger Menschen, die der +<em class="gesperrt">nicht</em> rauchende Reisende in gemeiner Weise durch +schnöde Fünf- und Zehn-Groschenstücke gewinnen muß. +– Sitz' ich auf der Post neben dem Postillion auf +dem Bock, so öffnet mir eine Cigarre sein ganzes Herz; +ich erfahre nicht allein die außerordentlichen Eigenschaften +seiner Pferde, sondern auch die Familiengeheimnisse +des Posthalters und erweiche ich dasselbe +sogar noch mit einem Glase Bier, so liegt sein eigenes +Innere offen vor mir da. Selbst der gröbste Schaffner +wird rücksichtsvoll, sobald er die ihm dargereichte +<a class="pagenum" name="page_144" title="144"> </a> +Cigarrentasche erblickt – man soll nämlich derartigen +Leuten nie eine einzelne Cigarre hingeben, weil sie +außerordentlich mißtrauisch sind und leicht Verdacht +schöpfen können, man führe besondere »Wasunger« +Sorten bei sich für solchen Zweck und das verletzt +ihr Ehrgefühl.</p> + +<p>Auch der Packmeister war gesprächig geworden – +die Cigarre schmeckte ausgezeichnet – und erzählte +von dem, was ihm natürlich am nächsten lag, von +der ewigen unausgesetzten Plackerei, so daß man seines +Lebens kaum mehr froh werden könnte. Die ganze Welt +reise jetzt – wie er meinte – in die Bäder. Er reiste +auch in einem fort – alle Wochen drei Mal in die +Bäder, kam aber nie hin und hatte kaum Zeit, sich +Morgens ordentlich zu waschen, viel weniger zu baden. +In seinem Packwagen stecke er dazu wie eine Schnecke +in ihrem Haus, nur daß die Schnecke nicht ununterbrochen +Koffer und Hutschachteln ein- und auszuladen +hätte. »Sehen Sie« – setzte er dann hinzu – »so +gewöhnt man sich aber daran, daß ich schon Nachts +in meinem eigenen Bett – wenn ich meine Nacht daheim +hatte und ich schlafe dicht am Bahnhof – im +Traum, sowie ich nur die verdammte Locomotive +pfeifen hörte, Bettdecke und Kopfkissen in die Stube +hineingefeuert habe, weil ich glaubte, es wäre Station +<a class="pagenum" name="page_145" title="145"> </a> +und ich müßte ausladen. Es ist Sie ein Hundeleben.«</p> + +<p>Wieder pfiff diese nämliche Locomotive. Der Zug +hielt an einer der kleinen Stationen und drei Koffer +gingen hier ab, und ein anderer Koffer mit zwei Reisesäcken +und eine Kiste kam hinzu. Der Fremde mußte +aber noch sitzen bleiben, denn der Aufenthalt dauerte zu +kurze Zeit, um ein Billet lösen zu können.</p> + +<p>»Ich begreife nicht,« sagte der Fremde, »wie Sie +sich da immer so zurecht finden, daß Sie gleich wissen +was expedirt wird und was dableibt. Kommt da nicht +auch oft ein Irrthum vor?«</p> + +<p>»Doch selten,« meinte der Packmeister, indem er +seine bei der Expedition ausgegangene Cigarre wieder +mit einem Schwefelhölzchen anzündete – »man bekommt +Uebung darin. Nur heute wär mir's in dem +Wirrwarr bald schief gegangen, denn in Guntershausen +hatte ich aus Versehen den nämlichen Koffer +hinausgeschoben, auf dem Sie da sitzen. Glücklicherweise +kriegte ihn der Eigenthümer noch zur rechten Zeit +in die Nase – und das bischen Spectakel, was der +machte! Aber es war ja noch kein Malheur passirt +und so schoben wir ihn wieder herein. Den Packmeister +möchte ich überhaupt sehen, dem nicht schon einmal +ein falscher Koffer entwischt ist – der Telegraph +<a class="pagenum" name="page_146" title="146"> </a> +bringt das aber alles wieder in Ordnung. – Staatseinrichtung +das mit dem Telegraphen.«</p> + +<p>Der Fremde hatte sich, während der Mann sprach +fast unwillkührlich den Koffer angesehen, auf dem er +saß, und stand jetzt auf und las das kleine Messingschild. +Es enthielt nur die zwei Worte »<i>Comte +Kornikoff</i>.«</p> + +<p>»Und wie sah der Herr aus, dem der Koffer gehörte?« +frug er endlich.</p> + +<p>»Oh, ein kleines, schmächtiges Männchen,« +meinte der Packmeister, »mit einem pechschwarzen +Schnurrbart und einer blauen Brille.«</p> + +<p>»Wohin geht denn der Koffer heute?«</p> + +<p>»Nach Frankfurt – ich war ja ganz confus und +glaubte, er ginge nach Cassel, weil ich gestern den +Packwagen dorthin hatte.«</p> + +<p>Wieder pfiff die Locomotive und während der +Packmeister von seinem Geschäft in Anspruch genommen +wurde, betrachtete der Fremde das Schild noch +genauer, aber er sprach nichts weiter darüber und da +sie gleich darauf in Treysa hielten, mußte er dort +aussteigen und ein Billet lösen. Hier war auch eine +große Zahl von Passagieren abgegangen und Platz genug +geworden.</p> + +<p>»Wohin fahren Sie?«</p> + +<p><a class="pagenum" name="page_147" title="147"> </a> +»Frankfurt –«</p> + +<p>»Die vorderen Wagen.«</p> + +<p>Der Fremde schritt an der Reihe hinauf und sah +in die verschiedenen Coupés hinein. In dem einen +saß ein Herr und eine Dame. Der Herr trug eine +blaue Brille. Er öffnete sich selber die Thür, stieg +ein, grüßte und nahm dann in der einen Ecke Platz.</p> + +<p>Der Herr mit der blauen Brille schien das nicht +gern zu sehen – er schaute aus dem Wagenfenster +als ob er einen Schaffner herbeirufen wollte, und +warf dann einen forschenden Blick auf den Fremden. +Dieser aber kümmerte sich nicht darum, legte seine +kleine Reisetasche in das Netz hinauf und machte es +sich dann vollkommen bequem.</p> + +<p>»Bitte, Ihr Billet, mein Herr –«</p> + +<p>»Hier –«</p> + +<p>»Sie haben aber erste Klasse.«</p> + +<p>»Es sitzen einige Damen erster Klasse,« sagte der +Fremde, »und da ich den Herrn da rauchen sah, nahm +ich <em class="gesperrt">hier</em> Platz. Die Dame wird mir wohl das Anzünden +einer Cigarre erlauben.«</p> + +<p>Die letzten Worte waren, wie halb fragend an +die Dame gerichtet, deren Gesichtszüge sich aber nicht +im Geringsten dabei veränderten. Sie mußte den +Sinn derselben gar nicht verstanden haben.</p> + +<p><a class="pagenum" name="page_148" title="148"> </a> +Der Schaffner coupirte das Billet und die Passagiere +waren allein; da aber der Fremde der Artigkeit +Genüge leisten wollte, nahm er seine Cigarrentasche +heraus und aus dieser eine Cigarre und sagte dann +noch einmal, sich an den Herrn wendend:</p> + +<p>»Die Dame scheint meine Frage nicht verstanden +zu haben. Sie erlaubt mir wohl, daß ich rauche?«</p> + +<p>»Sprechen Sie Englisch?« frug der Herr in dieser +Sprache zurück – »ich verstehe kein Deutsch –«</p> + +<p>»Ich muß sehr bedauern,« sagte der Fremde achselzuckend, +aber wieder in deutscher Sprache. Die Unterhaltung +war dadurch unmöglich geworden, die +Pantomine indeß zu deutlich gewesen und der Herr +mit der blauen Brille reichte dem, wie es schien eben +nicht willkommenen Reisegefährten seine brennende +Cigarre zum Anzünden, die dieser dankend annahm +und dann zurückgab.</p> + +<p>Die Dame hatte den Kopf halb abgewandt und +sah zu dem geöffneten Fenster hinaus. Der Fremde +warf unwillkürlich den Blick nach ihr hinüber und +mußte sich gestehen, daß er selten, wenn je in seinem +Leben, ein schöneres Gesicht, regelmäßigere Züge, +feurigere Augen und einen tadelloseren Teint gesehen +habe. Und wie schön mußte das Mädchen oder die +Frau erst sein, wenn sie <em class="gesperrt">lächelte</em>, denn jetzt zog eine +<a class="pagenum" name="page_149" title="149"> </a> +Mischung von Trotz und Stolz – vielleicht der Unwille +über des Fremden Gegenwart, die fein geschnittenen +Lippen zusammen und gab dem lieben Antlitz +etwas Finsteres und Hartes, was ihm doch sonst gewiß +nicht eigen war.</p> + +<p>Ein kurzes Gespräch entspann sich jetzt zwischen +dem Herrn und der Dame, auf welches der Fremde aber +nicht zu achten schien, denn er nahm ein Eisenbahnbuch +aus der Tasche und blätterte darin. Die Dame sagte, +ohne jedoch den Blick von der Landschaft wegzuwenden, +ebenfalls in englischer Sprache:</p> + +<p>»Wer ist der Fremde?«</p> + +<p>»Ich weiß es nicht,« lautete die Antwort, »aber +wir brauchen uns seinetwegen nicht zu geniren; er versteht +kein Englisch.«</p> + +<p>»Aber er sieht englisch aus.«</p> + +<p>»Bewahre,« lachte der Mann – »er hat auch +nicht ein einziges englisches Stück Zeug an seinem +Körper – die Reisetasche ist ebenfalls deutsch, gerade +so wie sein Handbuch.«</p> + +<p>»Er ist lästig, wir hätten erster Classe fahren sollen.«</p> + +<p>»Liebes Herz, das schützt uns nicht vor Gesellschaft, +denn der Herr hat ebenfalls ein Billet erster Classe +und ist nur hier eingestiegen, weil er mich rauchen +sah.«</p> + +<p><a class="pagenum" name="page_150" title="150"> </a> +»Dein fatales Rauchen.« – Die Unterhaltung +stockte und der Herr mit der blauen Brille warf noch +einen prüfenden Blick nach seinem Reisegefährten hinüber, +der aber gar nicht auf ihn achtete und sich vollständig +mit seiner Cigarre und seinem Buch beschäftigte. +Nur dann und wann hob er den Blick und +schaute nach beiden Seiten auf die Landschaft hinaus +und streifte dann damit, wenn auch nur flüchtig, den +Fremden.</p> + +<p>Es war eine kleine, aber zierliche schlanke Gestalt, +sehr elegant, aber fast zu sorgfältig gekleidet, auch mit +mehr Schmuck als ein wirklich vornehmer Mann zu +zeigen pflegt. Die Hände aber hatten etwas wirklich +Aristokratisches – sie waren weiß und zart geformt +und wenn er den Mund zum Sprechen öffnete, zeigte +er zwei Reihen auffallend weißer Zähne. Sein Haar +war braun und etwas gelockt, der Schnurrbart aber +von tiefer Schwärze, jedenfalls gefärbt. Die Augen +ließen sich nicht erkennen, da sie von der blauen Brille +bedeckt wurden. Trotzdem aber, daß er nur englisch +zu sprechen schien, war er vollkommen nach französischer +Mode gekleidet. Nur die junge Dame trug in +ihrem Putz und Reiseanzug den entschieden englischen +Charakter, wie auch entschieden englische Züge. +Ihren Begleiter würde man weit eher für einen +<a class="pagenum" name="page_151" title="151"> </a> +Franzosen als für einen Sohn Albions gehalten +haben.</p> + +<p>Mehrere Stationen blieben die Drei allein in +ihrem Coupé. Die Dame war müde geworden und +hatte – soweit es die Bewegung des Wagens erlaubte +– ein wenig geschlafen. In Gießen aber kamen noch +eine Anzahl Passagiere hinzu und zwei von diesen, ein +Herr und eine Dame, stiegen in dies nämliche Coupé. +Wieder ein Paar Engländer und die Dame, wenn +auch schon ziemlich in den Jahren, doch mit den unvermeidlichen, +langen Hobelspahnlocken, die ihr vorn +fast bis zum Gürtel nieder hingen; der Herr mit +einem breitränderigen, schwarzen Filzhut, einem kleinen, +sehr mageren Schnurrbart und einer Cigarre im +Munde – lauter continentale Reiseerinnerungen, +die wieder fallen müssen, sobald der Eigenthümer derselben +den Boden seines Vaterlandes aufs neue betritt.</p> + +<p>Wenn sich die beiden Herren aber auch ziemlich +kalthöflich gegeneinander verneigten, so schienen die +Damen dagegen schon beim ersten Blick die gemeinsame +Nationalität erkannt zu haben, und kaum saß +die Neuhinzugekommene, als sie auch ein lebhaftes +Gespräch mit ihrer jungen Nachbarin begann, an dem +sich diese ebenfalls zu freuen schien, denn ihr Gemahl +oder Begleiter hatte sie wenig genug unterhalten.</p> + +<p><a class="pagenum" name="page_152" title="152"> </a> +Engländer auf dem Continent – wie könnte es +ihnen auch an Stoff zur Unterhaltung fehlen – Vereinigt +sie nicht ein gemeinsames Leid und Elend? +Werden sie nicht gleichmäßig von allen Wirthen, Kellnern, +Droschkenkutschern, Gepäckträgern und Lohnbedienten +geprellt, und <em class="gesperrt">kann</em> ein wirklicher Engländer +ohne Lohnbedienten auf dem Continent durchkommen, +denn spricht er je die Sprache des Landes, auf dem er +eine freie Zeit zubringen will? – Unter hunderten +kaum einer.</p> + +<p>Das Gespräch – sowie nur die ersten Fragen über +woher und wohin erledigt waren, drehte sich auch nur +um diesen Gegenstand, und der Herr mit dem breitkrämpigen +Hut nahm bald lebhaften Theil daran.</p> + +<p>Er kam mit seiner Frau natürlich von London, +hatte vier Wochen zur Reise bestimmt, zwei davon +schon nützlich verwandt, und schien fest entschlossen, +auch die andern beiden noch daran zu setzen, um sich +in jeder nur erreichbaren Stadt Deutschlands über +die Wirthe im Einzelnen und das Volk im Allgemeinen +zu ärgern, und dann mit dem stolzen Bewußtsein +nach Hause zurückzukehren, daß es doch nur <em class="gesperrt">ein</em> England +in der Welt gäbe.</p> + +<p>Die junge Frau kam, wie sie sagte, mit ihrem +Mann von Hannover, wo sie ein Jahr bei Freunden +<a class="pagenum" name="page_153" title="153"> </a> +zugebracht. Sie beabsichtigten jetzt auf einen Monat +nach Frankfurt oder auch vielleicht in ein benachbartes +Bad zu gehen, um ihre Gesundheit, die durch den längeren +Aufenthalt in dem rauhen Lande angegriffen sei, +wieder herzustellen.</p> + +<p>»Und wo werden Sie in Frankfurt wohnen?«</p> + +<p>Sie wußten es noch nicht – der Herr mit dem +breiträndrigen Hut schlug die »Stadt Hull« als ein +sehr billiges, ihm besonders empfohlenes Gasthaus +vor. Uebrigens könne man ja vorher über den Preis +von »<i>board and lodging</i>« akkordiren – <em class="gesperrt">er</em> thäte das +immer, wenn es auch ein wenig »schäbig« aussehe – +den deutschen Wirthen gegenüber sei man sich das aber +schuldig.</p> + +<p>Beide Parteien beschlossen deshalb, in Stadt Hull +zu übernachten und gemeinschaftlich zu essen – »es +sei das billiger.« Morgen konnte man dann auch zusammen +einen Lohnbedienten nehmen, und sparte dadurch +die halbe Auslage – der morgende Tag würde +überhaupt ein sehr angestrengter werden, denn es gab +in Frankfurt – nach Murray – eine Unmasse von +Sehenswürdigkeiten, die nun einmal durchgekostet werden +<em class="gesperrt">mußten</em>, wenn man nicht die Reise umsonst gemacht +haben wollte.</p> + +<p>Der Herr mit der blauen Brille hatte sich nicht +<a class="pagenum" name="page_154" title="154"> </a> +sehr an der Unterhaltung betheiligt. Er schien keine +Freude daran zu finden. Auch die Aufforderung, gemeinsam +in Stadt Hull zu logiren, beantwortete er +zweideutig, während die junge Dame augenblicklich +bestimmt zusagte. Dann lehnte er sich in seine Ecke +zurück und schlief – er verhielt sich wenigstens von +da an vollkommen ruhig, wenn man auch der blauen +Brillengläser wegen nicht einmal sehen konnte, ob er +nur die Augen geschlossen hielt.</p> + +<p>Es war indessen dunkel geworden – die übrigen +Passagiere wurden ebenfalls müde, und nur auf der +vorletzten Station unterbrach der Schaffner noch einmal +die Stille, indem er die Billete nach Frankfurt +abforderte.</p> + +<p>Der Fremde mit der blauen Brille schien wirklich +eingeschlafen zu sein. Er fuhr, als ihn der Schaffner, +der neben ihm durch das Fenster sah, auf die Schulter +klopfte, ordentlich wie erschreckt in die Höhe und sah +sich wild und verstört um – er hatte jedenfalls geträumt, +und suchte dann, als er begriff was man von +ihm wolle, in der Westentasche nach seinem Billet.</p> + +<p>Ein kleiner weißer Streifen Papier fiel dabei auf +die Erde und der Fremde mit der Reisetasche, der +jenem schräg gegenüber saß, stellte den Fuß darauf. +Dann war wieder alles still; der mit der blauen +<a class="pagenum" name="page_155" title="155"> </a> +Brille lehnte sich in seine Ecke zurück und sein halbes +<i>Vis-à-vis</i> nahm sein Taschentuch heraus, ließ es wie +zufällig fallen und hob den Zettel damit auf – es +war der Gepäckschein.</p> + +<p>Bald darauf rasselte der Zug mit einem markdurchschneidenden +Pfeifen – daß Einem die eigene +Lunge weh that, wenn man es nur hörte – in den +Frankfurter Bahnhof ein, und der Fremde mit der +kleinen Reisetasche war der erste, der aus dem Wagen +sprang und zu dem Güterkarren eilte. Hatte er indessen +unredliche Absichten dabei gehabt, so sollte er die +vereitelt sehen, denn es dauerte eine Ewigkeit, bis der, +wie es schien, wohlgemerkte Koffer, auf den der Schein +lautete, zum Vorschein kam, und bis dahin war der +rechtmäßige Eigenthümer schon ebenfalls herbei gekommen +und erkannte sein Gepäck. Vergebens suchte er +indessen in allen Taschen nach seinem Schein und +fluchte auf deutsch, englisch und französisch, daß ihm +die Beamten sein Gepäck nicht ohne denselben ausliefern +wollten.</p> + +<p>Der Fremde hatte sich etwas zurückgezogen und +stand im Schatten eines Pfeilers – jedenfalls machte +er da die Entdeckung, daß der Herr mit der blauen +Brille nicht allein vollkommen gut deutsch, sondern +auch französisch sprach, und sich in beiden Sprachen +<a class="pagenum" name="page_156" title="156"> </a> +erbot, seine Koffer zu öffnen und dadurch zu +beweisen, daß er der Eigentümer sei.</p> + +<p>Der Inspektor kam endlich heran und ersuchte ihn +sehr artig, nur so lange zu warten, bis das übrige +Gepäck fortgenommen sei; wenn er dann die passenden +Schlüssel producire, möge er seine Koffer mit fortnehmen.</p> + +<p>Der Fremde zeigte Anfangs viel Ungeduld, und +erklärte mit dem nächsten Zuge nach Mainz noch weiter +zu wollen, der Inspektor bedeutete ihm aber, daß +er dann hätte besser auf seinen Gepäckschein Acht +geben sollen – den Zug nach Mainz erreiche er indessen +doch nicht mehr, da derselbe schon vor einer +Viertelstunde abgegangen, weil sich der Schnellzug +verspätet habe. Es blieb ihm zuletzt kein anderer Ausweg, +als dem gegebenen Rath zu folgen, und als seine +Koffer wirklich zurückgeblieben, und er sich durch seine +Schlüssel als der rechtmäßige Eigenthümer legitimiren +konnte, bekam er endlich sein Gepäck und ließ es +– einen großen und einen kleineren Koffer – in die +durch die Dame schon in Besitz genommene offene +Droschke schaffen.</p> + +<p>Dicht dahinter hielt noch eine verschlossene Droschke +<em class="gesperrt">ohne</em> Gepäck; sonst hatten sämmtliche Wagen, selbst +die Omnibusse, schon die Bahn verlassen, und der +<a class="pagenum" name="page_157" title="157"> </a> +Kutscher fuhr jetzt, auf die Anweisung des Reisenden, +nicht nach der Stadt Hull, sondern nach dem »<i>Hôtel +Methlein</i>.«</p> + +<p>Die andere Droschke folgte in etwa zwanzig Schritt +Entfernung nach, und hielt, als die erste in den Thorweg +einfuhr. Ein Reisender mit einer kleinen Reisetasche +in der Hand stieg aus, befahl dem Droschkenkutscher +zu warten, und betrat dann zu Fuß das nämliche Hotel.</p> + +<p>Dort angekommen legte der Reisende nur eben in +dem ihm bezeichneten Zimmer sein geringes Gepäck +ab, bestellte sich unten im Speisesaal etwas zu essen +und verließ dann noch einmal das Hotel, um nach +dem Telegraphenbureau zu fahren. Dort gab er folgende +Depesche auf:</p> + +<p class="center"><i>Mr. Burton, Union Hôtel, Hannover.</i></p> + +<p class="center">Ist ein Graf Kornikoff ein Jahr in Hannover +gewesen? – Fremdenliste nachsehen. Kommen Sie +so rasch als möglich hierher. – Bin ich abgereist, +liegt ein Brief im Hotel. –</p> + +<p class="signature"><i>H.</i></p> + +<p>Dann kehrte er ins Hotel zurück und verzehrte +sein Abendbrod, das ihm der Kellner brachte.</p> + +<p>Der Saal war leer; nur vier Herren saßen an +einem Tisch und schienen, schon ziemlich angetrunken, +<a class="pagenum" name="page_158" title="158"> </a> +den Geburtstag des einen zu feiern, der mit schwerer +Zunge noch eine Flasche moussirenden Rheinwein bestellte. +Um den Fremden bekümmerte sich Niemand.</p> + +<p>Dieser aß das ihm vorgesetzte Beefsteak, trank +seine Flasche Wein dazu und wartete es ruhig ab, bis +ihm der Kellner das Fremdenbuch brachte. In dasselbe +schrieb er sich ein als W. Hallinger, Particulier aus +Breslau und blätterte dann die Seiten nach den dort +eingetragenen Namen durch.</p> + +<p>Ganz zuletzt – dicht über seinem eigenen Autograph +– standen seine Reisegefährten eingetragen: +»Comte Kornikoff und Frau, aus Petersburg – von +Hannover nach Frankfurt.«</p> + +<p>Der Kellner hatte dabei bemerkt Nr. 6 und 7.</p> + +<p>»Wollen Sie morgen früh geweckt sein?« frug +ihn der Portier, als er seine Flasche beendet und seine +Cigarre ausgeraucht hatte, und eben im Begriff stand +zu Bett zu gehen.</p> + +<p>»Wann geht der erste Zug?«</p> + +<p>»Wohin?«</p> + +<p>»Nach Mainz oder Wiesbaden.«</p> + +<p>»Sechs Uhr.«</p> + +<p>»Gehen da noch mehrere Passagiere ab?«</p> + +<p>»Jawohl,« erwiederte der Portier, auf die für den +Hausknecht bestimmte Tafel zeigend – »Nr. 5, Nr. 17 +<a class="pagenum" name="page_159" title="159"> </a> +und Nr. 37 lassen sich wecken. Soll ich Sie ebenfalls +notiren?«</p> + +<p>»Ach, ich weiß nicht; ich bin müde heut Abend. +Ich werde wohl erst mit dem zweiten Zug fahren.«</p> + +<p>»Sehr wohl, mein Herr – Kellner, Licht auf Nr. 8. +Angenehme Ruhe.«</p> + +<p>Der Fremde stieg auf sein Zimmer hinauf und +sah vor Nr. 7 ein Paar Herrenstiefeln und ein Paar +lederne Damenschuhe stehen. Im Hotel schlief aber +schon alles; es war spät geworden, da sich der Zug +überhaupt verspätet hatte und der »Particulier Hallinger« +suchte ebenfalls sein Lager.</p> + + + + +<h3>II.<br /> + +<b>Der Bundesgenosse.</b></h3> + + +<p>Am nächsten Morgen war der Fremde, der sich +in dem Fremdenbuch als Particulier Hallinger eingeschrieben +hatte, trotzdem daß er nicht geweckt wurde, +ziemlich früh wieder munter, aber es schlug 8 Uhr, und +die Stiefel und die Damenschuhe standen noch immer +vor Nr. 7, ohne hereingeholt zu sein. Erst gegen +neun Uhr schienen die Insassen jenes Zimmers ordentlich +munter zu werden, und um halb zehn Uhr wurde +Kaffee bestellt. Aber erst gegen zwölf Uhr ging der +Herr aus, und zwar allein – die Dame blieb auf +<a class="pagenum" name="page_160" title="160"> </a> +ihrem Zimmer. Wie der Kellner aussagte, fühlte sich +die Dame nicht ganz wohl, und wollte heute ausruhen +– er hatte wenigstens nicht in das Zimmer gedurft, +und das Stubenmädchen mußte den Kaffee hinein +tragen. Wahrscheinlich lag sie noch im Bette.</p> + +<p>Der Fremde blieb übrigens den ganzen Tag zu +Haus, und schickte nur einen Brief an <i>Messrs. Burton +& Burton, London, 12 Fleetstreet</i> durch den +Hausknecht auf die Post. Thatsache war übrigens, +daß er sich ungemein für seine Nachbarschaft zu interessiren +schien, denn als der Herr wieder nach Hause +kam, rückte er sich leise einen Stuhl an die verschlossene +Verbindungsthür und horchte stundenlang mit +einer merkwürdigen Ausdauer dem da drüben gehaltenen +Gespräch, jedoch ohne besonderen Nutzen. Die +laut gesprochenen Worte waren vollständig gleichgültiger +Natur, und das andere konnte er eben nicht verstehen.</p> + +<p>Zu Mittag aß er an der Table d'hôte, aber von +Nr. 6 oder 7 ließ sich niemand dabei blicken. Die +Dame schien sich noch angegriffen von der Reise zu +fühlen und Beide speisten auf ihrem Zimmer.</p> + +<p>Erst Nachmittags begegnete er dem »Grafen +Kornikoff« auf der Treppe und dieser sah ihn etwas +überrascht durch seine blaue Brille an. Der Fremde +<a class="pagenum" name="page_161" title="161"> </a> +heuchelte aber vollständige Gleichgültigkeit, nahm nicht +die geringste Notiz von ihm, und that wenigstens so, +als ob er ihn gar nicht wieder erkenne.</p> + +<p>So verging der Tag, ohne daß die beiden Reisenden +Miene gemacht hätten, Frankfurt wieder zu verlassen. +Der Oberkellner, mit dem sich Herr Hallinger +über die »bildschöne junge Frau« unterhielt, wußte +wenigstens nicht das Geringste davon. Abends aber, +als der Schnellzug von Hannover erwartet wurde, ging +Hallinger hinaus auf den Bahnhof, und brauchte, als +der Zug endlich einlief, auch nicht lange nach dem Erwarteten +zu suchen. Dieser hatte ihn schon von seinem +Coupé aus bemerkt und kam rasch auf ihn zu.</p> + +<p>»Hamilton! nun, was Neues?«</p> + +<p>»Ich glaube, ich bin auf der richtigen Spur, Mr. +Burton,« sagte dieser, indem er achtungsvoll seinen +Hut berührte. »Aber wo ist Ihr Gepäck?«</p> + +<p>»Nichts als die Reisetasche hier.«</p> + +<p>»Desto besser, auf der Jagd darf man nicht unnöthigen +Plunder mitschleppen. Kommen Sie, ich habe +schon eine Droschke«.</p> + +<p>»Gehen wir nicht lieber zu Fuß?«</p> + +<p>»Es ist zu weit – und fahren ist sicherer.«</p> + +<p>»Und was <em class="gesperrt">haben</em> Sie nun entdeckt?« frug der +junge Engländer, als Beide eingestiegen waren und +<a class="pagenum" name="page_162" title="162"> </a> +davon rasselten – die Unterhaltung wurde auch in +englischer Sprache geführt.</p> + +<p>»Das will ich Ihnen mit kurzen Worten sagen,« +berichtete der fälschlich als deutscher Particulier eingetragene +Fremde. »Durch einen reinen Zufall war +ich genöthigt, ein Paar Stationen in einem Packwagen +zu fahren, und fand dort einen Koffer, dessen +Messingschild den Namen »<i>Comte Kornikoff</i>« trug.«</p> + +<p>»Und Sie glauben, daß jener Schuft Kornik +dahinter stecke?«</p> + +<p>»Durch den Namen allein wäre ich vielleicht nicht +einmal darauf gefallen,« fuhr Hamilton fort, »aber das +französische Wort <i>Comte</i> war jedenfalls später zu dem +Namen gravirt, denn es nahm nicht den Raum ein, +den ihm der Graveur gegeben hätte, wenn er es von +Anfang an darauf gesetzt. Ebenso schien das <i>off</i> hinzugefügt.«</p> + +<p>»Und die Beschreibung des Eigenthümers paßt?« +rief Mr. Burton rasch.</p> + +<p>»Ja und nein. Wohl in der Gestalt, aber sonst +nicht ganz; der dunkelblonde Backenbart fehlt«.</p> + +<p>»Der kann abrasirt sein.«</p> + +<p>»Das ist möglich – aber er trägt einen vollkommen +schwarzen Schnurrbart und eine blaue Brille«.</p> + +<p>»Der Schnurrbart ist vielleicht gefärbt.«</p> + +<p><a class="pagenum" name="page_163" title="163"> </a> +»Das vermuthe ich selber. – Die Dame ist bei +ihm.«</p> + +<p>»Miss Fallow?«</p> + +<p>»Unter dem Namen der Gräfin Kornikoff natürlich, +– wenn das nämlich der von uns Gesuchte ist. +Sie kennen ihn doch genau?«</p> + +<p>»Als ob er mein leiblicher Bruder wäre. Er war +ja sieben Jahre in meines Vaters Haus und die beiden +letzten als Hauptcassirer, wo er sich – wer weiß durch +was, verleiten ließ, diesen bedeutenden Kassendiebstahl +zu begehen.«</p> + +<p>»Wahrscheinlich durch eben diese junge Dame,« +sagte Hamilton, »von der ich ganz allerliebste Sachen +gehört habe. Ihr eigentlicher Name ist Lucy Fallow, +Tochter eines Schneidermeisters in London, aber die +Eltern sind beide todt. Es sollen ganz ordentliche +Leute gewesen sein. Das junge Mädchen hatte, ihres +anständigen Benehmens wegen und da sie wirklich +nicht ungebildet ist, ein Paar Jahr mit einer vornehmen +Familie reisen können, und dann später auch noch hie +und da Unterricht in Musik gegeben. Dadurch kam +sie auch in Lady Clives Haus, von wo aus sie jetzt +beschuldigt wird, einen sehr werthvollen Schmuck entwendet +zu haben.«</p> + +<p>»Der sich dann vielleicht in ihrem Koffer findet.«</p> + +<p><a class="pagenum" name="page_164" title="164"> </a> +»Beinah hätte ich diese beiden Koffer erwischt,« +lächelte Hamilton leise vor sich hin, »aber ich durfte +kein Aufsehen erregen, bis ich nicht durch <em class="gesperrt">Sie</em> hier +Gewißheit über die Persönlichkeit erlangen konnte. +Die Dame kennen Sie nicht selber?«</p> + +<p>»Nein – ich habe sie nie gesehen.«</p> + +<p>»Und von einem Grafen Kornikoff in Hannover +auch nichts gehört?«</p> + +<p>»Nicht das Geringste. Kein Mensch wußte dort +etwas von ihm, und er stand nicht einmal in einem +Fremdenblatt. Er kann nur durchgereist sein, und +Sie werden gewiß die richtige Spur gefunden haben. +Uebrigens müssen wir vorher die nöthigen Schritte +auf der Polizei thun.«</p> + +<p>»Ist schon alles geschehen,« sagte Hamilton. »Ich +habe den Verhaftsbefehl für das Pärchen schon in der +Tasche, und den Burschen mit seiner Donna fest, sowie +Sie mir nur bestätigen, daß er der Rechte ist.«</p> + +<p>»Ich hätte im Leben nicht geglaubt,« sagte Mr. +Burton, »daß Sie dem Betrüger sobald auf die Spur +kämen. Es geht alles nach Wunsch. Apropos, haben +Sie denn die Dame auch zu sehen bekommen?«</p> + +<p>»Ich bin ja mit ihnen in <em class="gesperrt">einem</em> Coupé gefahren,« +lachte Hamilton, »und sie ahnten dabei wahrscheinlich +nicht, daß sie einen geheimen Polizisten bei sich im +<a class="pagenum" name="page_165" title="165"> </a> +Wagen hatten. Nun ich denke, wir werden noch länger +Reisegefährten bleiben. Aber da sind wir – jetzt +haben wir nur darauf zu sehen, daß uns die Herrschaften +nicht etwa morgen in aller Früh durchbrennen. +Wollen wir gleich auf Ihr Zimmer gehen?«</p> + +<p>»Ich muß erst etwas essen; ich bin ganz ausgehungert.«</p> + +<p>»Schön – dann kommen Sie mit in den Speisesaal, +wir finden ihn um diese Zeit fast leer.«</p> + +<p>Sie bogen rechts ein, um den Saal zu betreten. +Als aber Hamilton die Hand nach der Thür ausstreckte, +öffnete sich diese, und Graf Kornikoff trat heraus, warf +einen flüchtigen Blick auf die Beiden und schritt dann +langsam über den Vorsaal, der Treppe zu.</p> + +<p>»Das war er,« flüsterte Hamilton seinem Begleiter zu +– »wenn er Sie nur nicht erkannt hat.«</p> + +<p>Unwillkührlich drehte Burton den Kopf nach ihm +um, konnte aber die schmächtige Gestalt des Herrn nur +noch sehen, wie er eben um die Ecke bog, ohne jedoch +dabei zurückzuschauen.</p> + +<p>»Das glaub ich kaum,« sagte Burton, »denn der +Moment war zu rasch, und dann hätte er doch auch +jedenfalls irgend ein unwillkürliches Zeichen der Ueberraschung +gegeben. In der Verkleidung und mit der +blauen Brille und dem schwarzen Schnurrbart würde +<a class="pagenum" name="page_166" title="166"> </a> +ich selber aber nie im Leben diesen Mr. Kornik vermuthet +haben. Wenn Sie sich nur nicht geirrt, denn +in dem Fall versäumen wir hier viel Zeit.«</p> + +<p>»Ist es denn nicht wenigstens seine Gestalt?« frug +Hamilton.</p> + +<p>»Die nämliche Gestalt allerdings,« bestätigte +Burton, »aber das Gesicht konnte ich – unvorbereitet +wie ich außerdem war – unmöglich in der Geschwindigkeit +erkennen. Wann geht der erste Zug morgen +früh?«</p> + +<p>»Erst um sechs Uhr.«</p> + +<p>»Ah, dann ist ja voller Tag,« sagte Burton, »und +im schlimmsten Fall halten wir ihn mit Gewalt zurück. +Wäre es aber nicht besser, wir äßen auf unserem +Zimmer?«</p> + +<p>»Jetzt kommt er nicht mehr herunter,« meinte Hamilton. +»Jedenfalls setzen Sie sich mit dem Rücken +der Thür zu, und wenn er dann ja noch einmal den +Saal betreten sollte, so werde ich bald sehen, was er +für ein Gesicht dabei macht.«</p> + +<p>Hamilton hatte übrigens Recht. Graf Kornikoff +ließ sich nicht mehr blicken und als die Beiden ihr +Abendbrod beendet hatten, gingen sie auf Mr. Burtons +Zimmer hinauf, das einen Stock höher als Hamiltons +lag, um dort noch Manches zu besprechen.</p> + +<p><a class="pagenum" name="page_167" title="167"> </a> +Burton hatte sich jedoch vorher, auf Hamiltons +Rath unter einem französischen Namen in das Fremdenbuch +eingetragen, um doch jede nöthige Vorsicht zu +gebrauchen. Auch verabsäumte der schlaue Polizeibeamte +nicht, vor Schlafengehen noch einmal die Tafel +des Portiers zu revidiren, ob sich vielleicht Nr. 6 oder +7 darauf befand, um früh geweckt zu werden. Das +war aber nicht der Fall, und Hamilton glaubte jetzt +selber, daß jener Herr, wenn es wirklich der Gesuchte +gewesen, Mr. Burton in dem Moment ihres augenblicklichen +und unerwarteten Begegnens nicht erkannt +haben <em class="gesperrt">konnte</em>. Er brauchte also auch Nichts zu überstürzen.</p> + + + + +<h3>III.<br /> + +<b>Entwischt.</b></h3> + + +<p>Mitternacht war lange vorüber, als sich Hamilton +endlich erschöpft und ziemlich ermüdet auf sein Lager +warf, aber trotzdem befand er sich schon um fünf Uhr +angekleidet wieder draußen auf dem Gang, denn heute +sollte er ja den Lohn seiner Bemühungen ernten, und +die Zeit durfte ihn nicht lässig finden.</p> + +<p>Das Schuhwerk stand indeß noch immer friedlich +dort draußen, des Hausknechts gewärtig, aber die Bewohner +des Zimmers mußten auf sein – sollten sie +doch am Ende heute morgen abfahren wollen? »Nein, +<a class="pagenum" name="page_168" title="168"> </a> +mein lieber Mr. Kornik,« lachte der Engländer still +vor sich hin, »da wir Sie so hübsch in der Falle haben, +wollen wir auch Acht geben, daß Sie uns nicht wieder +durch die Finger schlüpfen.«</p> + +<p>In dem Augenblick wurde in Nr. 7 die Klingel gezogen +und Hamilton trat in seine Stube zurück, ließ +aber die Thür angelehnt. Er horchte – aber er +konnte nicht hören, daß irgend jemand ein Wort sprach. +Ein Paar Stühle wurden gerückt und Schiebladen +ziemlich geräuschvoll auf- und zugemacht, aber keine +Sylbe wurde laut. Hatte sich das junge Ehepaar vielleicht +gezankt?</p> + +<p>Draußen klopfte der Kellner an Nr. 7 an.</p> + +<p>»<i>Walk in</i>.«</p> + +<p>Die Thür öffnete sich.</p> + +<p>»<i>Do you speak english?</i>« lautete die Frage +der Dame.</p> + +<p>Der Kellner antwortete leise einige Worte, die +Hamilton nicht verstehen konnte, aber die Frage mußte +verneinend beantwortet sein, denn die Dame erwiderte +gleich darauf heftig:</p> + +<p>»<i>So send somebody with whom I can +speak</i>.«</p> + +<p>Der Kellner – Hamilton sah durch die Thürspalte, +es war ein ganz junger Bursch, der augenscheinlich +<a class="pagenum" name="page_169" title="169"> </a> +gar nicht wußte, was die Dame von ihm +wollte – eilte wieder die Treppe hinab. »Aber alle +Wetter, wo stak denn Mr. Kornik, der doch ganz vortrefflich +deutsch sprach?«</p> + +<p>Hamilton erschrak. Hatte der Verbrecher wirklich +gestern Abend Burton erkannt und sich selber in +Sicherheit gebracht? Darüber mußte er Gewißheit +haben – aber seine Stiefeln standen noch vor der +Thür. War er vielleicht krank geworden?</p> + +<p>Er stieg rasch die Treppe hinunter zum Portier, +den er auch schon auf seinem Posten fand.</p> + +<p>»Ah, Portier, wissen Sie vielleicht, wann der Herr +auf Nr. 7 wieder abreisen wird?«</p> + +<p>»Auf Nr. 7?«</p> + +<p>»Graf Kornikoff, glaube ich –«</p> + +<p>»Ah – ja der Herr Graf, kann ich wirklich nicht +sagen. Er wollte heute Abend wieder kommen.«</p> + +<p>»<em class="gesperrt">Wieder</em> kommen?«</p> + +<p>»Ja – er ist heute Morgen halb zwei Uhr mit +Extrapost nach dem Taunusgebirg gefahren.«</p> + +<p>»<i>The devil he is</i>,« murmelte Hamilton leise +und verblüfft vor sich hin, »und hat er Gepäck mitgenommen?« +frug er laut.</p> + +<p>»Nur eine Reisetasche – die Dame ist ja noch +hier.«</p> + +<p><a class="pagenum" name="page_170" title="170"> </a> +»Haben Sie ihn denn gesehen?«</p> + +<p>»Natürlich – ich habe die Tasche ja an den +Wagen getragen.«</p> + +<p>»Aber wann, um Gottes Willen, schlafen Sie +denn?«</p> + +<p>»Ich? – <em class="gesperrt">nie</em>,« lächelte der Mann in voller +Ruhe. Aber Hamilton hatte andere Dinge im Kopf, +als sich mit dem Portier zu unterhalten. Mit wenigen +Sätzen war er oben an Mr. Burtons Zimmer, den +er auch schon vollständig angekleidet und seiner wartend +traf.</p> + +<p>»Er ist fort,« rief er diesem ganz außer Athem +entgegen, »richtig durchgebrannt. Er <em class="gesperrt">muß</em> Sie gestern +Abend erkannt haben. Der Lump ist mit allen Hunden +gehetzt.«</p> + +<p>»Und was jetzt?«</p> + +<p>»Ich muß augenblicklich nach, denn der Postillon, +der ihn gefahren hat, wird zurück sein und weiß jedenfalls +die Station. Dort findet sich dann die weitere +Spur.«</p> + +<p>»<em class="gesperrt">Mit</em> der Donna?«</p> + +<p>»Nein, die ist zurückgeblieben, die überlasse ich +jetzt Ihnen. Wahrscheinlich hat sie auch einen Theil +von Ihres Vaters Geldern in Verwahrung – jedenfalls +den Schmuck. – Hier ist der Verhaftsbefehl für +<a class="pagenum" name="page_171" title="171"> </a> +Kornik und seine Begleiterin – mir kann er doch +nichts helfen, denn er gilt, von den Frankfurter Behörden +ausgestellt, nur für das hiesige Gebiet. Das +ist eine verzweifelte Wirthschaft in Deutschland, wo +ein Mann in einer einzigen Stunde in drei verschiedener +Herren Länder sein kann.</p> + +<p>»Aber wie bekomme ich heraus, ob das auch in +der That jene berüchtigte Miss Fallow ist, bester Hamilton? +Die Flucht des Grafen, wenn er wirklich +geflohen, bleibt allerdings sehr verdächtig und ich +zweifle kaum, daß Sie auf der richtigen Fährte sind, +aber es – wäre doch eine ganz fatale Geschichte, +<em class="gesperrt">wenn</em> wir es nicht mit den rechten Leuten zu thun +hätten, und jetzt einer wildfremden und ganz unschuldigen +Dame Unannehmlichkeiten bereiteten.«</p> + +<p>»Machen Sie sich deshalb keine Sorgen!« lachte +Hamilton. »Daß ich Ihnen aus diesem Grafen Kornikoff +den richtigen und unverfälschten Kornik herausschäle, +darauf können Sie sich fest verlassen, und dies +junge, wirklich wunderhübsche Geschöpf, was ihn begleitet, +hätte sich dem Lump auch nicht an den Hals +geworfen, wenn sie nicht schon vorher durch ein <em class="gesperrt">Verbrechen</em> +mit einander verbunden gewesen wären. +Nein, die einzige Sorge, die ich habe, ist die, daß <em class="gesperrt">Ihnen</em> +die junge Dame einmal ebenso eines Morgens +<a class="pagenum" name="page_172" title="172"> </a> +unter den Händen fortschlüpft, wie ich mir in fabelhaft +alberner Weise habe den Hauptschuldigen entwischen +lassen, und wenn ich ihn nicht wieder bekäme, wäre +das ein Nagel zu meinem Sarg. Aber noch hab' ich +Hoffnung – ich <em class="gesperrt">kenne</em> den Herrn jetzt, denn ich habe +ihn mir <em class="gesperrt">genau</em> angesehen und wenn er sich wirklich +auch den schwarzen Schnurrbart abrasirte und die +blaue Brille in die Tasche steckte, so denke ich ihm doch +auf den Hacken zu sitzen, ehe er es sich versieht.«</p> + +<p>»Er wird direkt über die Grenze nach Frankreich +fliehen.«</p> + +<p>»Daran habe ich auch schon gedacht, denn Geld +genug hat er bei sich, aber dagegen hilft der Telegraph. +An die beiden Grenzstationen werde ich jetzt vor allen +Dingen genau telegraphiren, und wenn ich da nur ein +Wort mit einfließen lasse, daß der Herr mit dem Revolutionscomité +in London in Verbindung stände, passen +sie auf wie die Heftelmacher.«</p> + +<p>»Und sie wollen dem Kornik nach?«</p> + +<p>»Augenblicklich, so wie ich die Depeschen befördert +habe. Ich nehme jetzt ohne weiteres Extrapost und +treffe ich ihn, so telegraphire ich ungesäumt.«</p> + +<p>»Und ich lasse unterdessen die Dame verhaften?«</p> + +<p>»Das ist das Sicherste. Sie können ja Bürgschaft +leisten, wenn es verlangt werden sollte. Auf +<a class="pagenum" name="page_173" title="173"> </a> +dem Gerichte finden Sie auch Jemand, der englisch +spricht.«</p> + +<p>»Abscheuliche Geschichte,« murmelte der junge +Burton zwischen den Zähnen, »daß uns der Lump auch +gestern Abend gerade so zur unrechten Zeit in den Weg +laufen mußte.«</p> + +<p>»Das ist jetzt nicht zu ändern,« rief aber der weit +entschiednere Hamilton – »wir haben immer noch +Glück gehabt, das Volk Hühner so rasch anzutreffen +und zu sprengen. Jetzt halten Sie nur Ihren Part fest, +und ich glaube Ihnen garantiren zu können, daß ich +<em class="gesperrt">meine</em> Hälfte ebenfalls zur rechten Zeit einbringe.«</p> + +<p>»Und wissen Sie gewiß, daß Kornik die Stadt verlassen +hat?«</p> + +<p>»Gar kein Zweifel – aber das erfahre ich ja auch +gleich auf der Post. Jetzt wollen wir nur noch einmal +hinunter und sehen, ob wir nichts mehr von der Donna +zu hören bekommen.«</p> + +<p>Es war in der That das Einzige, was sie thun +konnten. Sie fanden die Thür aber wieder geschlossen +und Hamilton wandte sich unten an den Oberkellner, +um womöglich etwas Näheres zu erfahren.</p> + +<p>»Ach, Oberkellner, meine Rechnung – ich reise ab.«</p> + +<p>»Zu Befehl, mein Herr –«</p> + +<p>»Apropos, was war denn das heute Morgen für +<a class="pagenum" name="page_174" title="174"> </a> +ein Lärm auf Nr. 7? Meine schöne Nachbarin schien +ja sehr in Eifer.«</p> + +<p>Der Oberkellner lächelte.</p> + +<p>»Der Herr Gemahl hat die Nacht eine kleine Extrafahrt +gemacht und die Dame scheint eifersüchtig zu +sein.«</p> + +<p>»Es scheint als ob er heimlich auf und davon gegangen +wäre,« sagte Mr. Burton leise zu Hamilton. +Dieser zuckte die Achseln.</p> + +<p>»Gott weiß es,« erwiderte er, »aber das werden +Sie jetzt herausbekommen. Lassen Sie sich nur nicht +etwa von Thränen rühren, denn wir haben es hier +mit einer abgefeimten Kokette zu thun, der auch Thränen +zu Gebote stehen, wenn sie dieselben braucht. Ich +aber darf keinen Augenblick Zeit mehr verlieren. Auf +die Koffer in Korniks Zimmer legen Sie augenblicklich +Beschlag und lassen sie visitiren. Kornik hat wahrscheinlich +alle Papiere entfernt und mitgenommen; +aber in der Eile bleibt doch noch manchmal ein oder +die andere Kleinigkeit zurück, die leicht zum Verräther +wird.«</p> + +<p>»Und wenn sie sich weigert? – wenn sie sich auf +ihren Rang, vielleicht sogar auf einen, wer weiß wie +erhaltenen Paß beruft? Die Behörden hier werden +sie in Schutz nehmen.«</p> + +<p><a class="pagenum" name="page_175" title="175"> </a> +»Gott bewahre,« sagte Hamilton, »Sie haben ja +das Duplicat unserer englischen Vollmachten mit +der Personalbeschreibung der beiden Verbrecher in +Händen. Korniks Flucht hat ihn dabei schon verdächtig +gemacht und das wenigste, was man Ihnen +zugestehen kann, ist eine Durchsuchung der Effecten im +Beisein eines Polizeibeamten, und dann die Detenirung +der Person selber in Frankfurt, bis ich mit ihrem +Helfershelfer zurückkomme. In dem Fall können Sie +dieselbe meinetwegen – natürlich unter polizeilicher +Aufsicht – so lange hier im Hotel lassen.«</p> + +<p>»Eine unangenehme Geschichte bleibt es immer,« +sagte Mr. Burton, mit dem Kopf schüttelnd.</p> + +<p>»Unangenehm, <i>by George</i>,« lachte Hamilton – +»bedenken Sie, daß 20,000 Pfd. Sterling Ihres +Geschäfts dabei auf dem Spiel stehen, von dem +Schmuck, der ebenfalls auf 3000 taxirt ist, gar nicht +zu reden. Und nun ade; hoffentlich bringe ich Ihnen +bald den Patron selber. Verlassen Sie nur die Stadt +nicht« – und mit den Worten rasch zu dem kleinen +Stehpult tretend, hinter welchem sich der Oberkellner +befand, berichtigte er seine Rechnung und sprang gleich +darauf draußen in eine Droschke, um seine Verfolgung +anzutreten.</p> + + + + +<h3>IV.<a class="pagenum" name="page_176" title="176"> </a><br /> + +<b>Die schöne Fremde.</b></h3> + + +<p>Mr. Burton blieb in einer nichts weniger als +behaglichen Stimmung zurück, denn er hatte ganz +plötzlich die <em class="gesperrt">Leitung</em> einer Angelegenheit bekommen, +in der er bis jetzt nur gedacht hatte als Zeuge, und +vielleicht als Kläger aufzutreten.</p> + +<p>James Burton war überhaupt der Mann nicht, +in irgend einer Angelegenheit entschieden und selbständig +zu <em class="gesperrt">handeln</em>; er verhielt sich am liebsten passiv.</p> + +<p>In einer der ersten bürgerlichen Familien seines +Vaterlandes erzogen, in den besten Schulen herangebildet, +in der besten Gesellschaft aufgewachsen, war er +von edlem, offenem Charakter, dem sich ein gesunder +Verstand und ein weiches Herz paarte. Das letztere +lief ihm aber nur zu oft mit dem ersteren davon, und +selber unfähig eine unrechtliche Handlung zu begehen, +gab es für ihn auch nichts Schrecklicheres auf der +Welt, als solche einem anderen zuzutrauen.</p> + +<p>Nichtsdestoweniger bekam er es hier mit einer nicht +wegzuläugnenden Thatsache zu thun, denn William Kornik, +von seinem Vater mit Wohlthaten überhäuft und +in eine ehrenvolle und einträgliche Stellung gebracht, +hatte das Vertrauen seines Hauses auf eine so nichtswürdige +Weise getäuscht und mißbraucht, daß ein Zweifel +<a class="pagenum" name="page_177" title="177"> </a> +an seiner Unehrlichkeit nicht mehr stattfinden konnte. +Gegen diesen würde er auch mit rücksichtsloser Strenge +vorgegangen sein, aber jetzt bekam er plötzlich den Auftrag, +gegen eine <em class="gesperrt">Frau</em> einzuschreiten, deren Betheiligung +an dem Raub allerdings wahrscheinlich, aber +keineswegs völlig erwiesen war. Und doch sah er auch +recht gut ein, daß Hamilton Recht hatte, wenn er verlangte, +die jedenfalls sehr verdächtige Person wenigstens +so lange fest und unter Aufsicht zu halten, bis +er mit dem wirklichen Verbrecher zurückkehren könne. +Nur daß <em class="gesperrt">ihm</em> dazu der Auftrag geworden, war ihm +fatal, und er hätte vielleicht eine große Summe Geldes +gegeben, um sich davon loszukaufen, aber das ging +eben nicht, und es blieb ihm nichts andres übrig, als +sich der einmal übernommenen Pflicht nun auch nach +besten Kräften zu unterziehen. Er hoffte dabei im +Stillen, daß die Dame sehr stolz und frech gegen ihn +auftreten würde, und war fest entschlossen, sich nicht +einschüchtern zu lassen. Um den verbrecherischen Erwerb +des Geldes <em class="gesperrt">mußte</em> sie ja wissen, sie wäre sonst +nicht heimlich mit ihm geflohen, und wenn sich dann +auch noch herausstellte, daß sie den Schmuck der Lady +Clive entwendet hatte, dann brauchte er auch weiter +kein Mitleiden mit ihr zu haben, und jede Rücksicht +hörte von selbst auf.</p> + +<p><a class="pagenum" name="page_178" title="178"> </a> +Nichtsdestoweniger konnte er sich doch nicht entschließen, +die Höflichkeit soweit außer Acht zu lassen, +als sich vor zwölf Uhr bei ihr melden zu lassen. Aber +er traute ihr deshalb doch nicht; denn Mr. Kornik +war ihm auf viel zu rasche Art abhanden gekommen, +um nicht etwas Aehnliches auch von seiner Frau oder +Gefährtin zu fürchten. Er ging deshalb, sehr zum Erstaunen +des Portiers, der gar nicht wußte, was er von +dem unruhigen Gast denken sollte, und ihn frug, ob er +vielleicht Zahnschmerzen habe, die langen Stunden +theils auf dem Vorsaal, theils auf der Treppe auf und +ab – denn das verzweifelte Haus hatte ja zwei Ausgänge +– und horchte verschiedene Male oben an der +Thür, um sich zu versichern, daß nicht der zweite +Vogel ebenfalls heimlich ausgeflogen sei.</p> + +<p>Aber diese Furcht schien grundlos zu sein. Das +Stubenmädchen, dem er auf der Treppe begegnete, +brachte das Frühstück hinauf, ein Glas Madeira und +ein Beefsteak, die verlassene Frau nahm also noch substantielle +Nahrung zu sich, und als es endlich auf +sämmtlichen Frankfurter Uhren – was bekanntlich +eine lange Zeit dauert – zwölf geschlagen hatte, faßte +er so viel Muth, der Dame seine Karte hinaufzuschicken +und anfragen zu lassen, ob er das Vergnügen haben +könne, ihr seine Aufwartung zu machen.</p> + +<p><a class="pagenum" name="page_179" title="179"> </a> +Das klang allerdings nicht wie das Vorspiel einer +criminellen Untersuchung, aber die gewöhnlichen Gesetze +der Höflichkeit durften doch auch nicht außer Acht +gelassen werden. Höflichkeit schadet nie, und man hat +dadurch oft schon mehr erreicht, als durch sogenannte +gerade Derbheit, was man im gewöhnlichen Leben auch +wohl <em class="gesperrt">Grobheit</em> nennt.</p> + +<p>Die Antwort lautete umgehend zurück, daß die +Dame sich glücklich schätzen würde, ihn zu begrüßen +und nur noch um wenige Minuten bäte, um ihre +Morgentoilette zu beenden.</p> + +<p>Die wenigen Minuten dauerten allerdings noch +eine reichliche halbe Stunde, aber Mr. Burton war +gar nicht böse darüber, denn er bekam dadurch nur noch +so viel mehr Zeit sich zu sammeln, und sich ernstlich +vorzunehmen, diese Person allerdings mit jeder Artigkeit, +aber auch mit jeder, hier unumgänglich nöthigen +Strenge zu behandeln. Was half es auch, Rücksicht +auf ein Wesen zu nehmen, das sich an einen Menschen +wie diesen Kornik soweit weggeworfen hatte, sogar +Theilnehmerin seiner <em class="gesperrt">Verbrechen</em> zu werden. Dabei +überlegte er sich auch, daß es weit besser sein würde, +im Anfang keine einzige Frage derselben zu beantworten, +sondern vor allen Dingen erst alles herauszubekommen, +was <em class="gesperrt">sie</em> wußte. Volle Aufrichtigkeit konnte +<a class="pagenum" name="page_180" title="180"> </a> +allein ja auch jetzt ihre Strafe mildern und ihrem +Vergehen das Gehässige der Verstocktheit nehmen, und +durch <em class="gesperrt">ihr</em> Geständniß bekamen sie außerdem gleich ein +Hauptzeugniß gegen den jetzt noch flüchtigen Verbrecher.</p> + +<p>Mitten in diesen Betrachtungen wurde er durch +die Klingel auf Nr. 7 gestört, die den Kellner herbeirief. +– Dieser erschien gleich darauf wieder und meldete +Herrn Burton, die Dame erwarte ihn.</p> + +<p>Also der Augenblick war gekommen, und mit festen +Schritten stieg er die Treppe hinan. Wußte er doch +auch schon vorher, wie er die Dame finden würde, +die so ewig lang gebraucht hatte, ihre Toilette zu +machen: im vollen Staat natürlich, um ihm zu imponiren +und jede Frage nach einer begangenen Schuld +gleich von vorn herein abzuschneiden. Aber er lächelte +trotzig vor sich hin, denn er wußte, daß eine derartige +plumpe List bei ihm nicht das Geringste helfen würde. +Er ließ sich eben nicht verblüffen.</p> + +<p>Mit festen Schritten stieg er die Stufen hinan +und klopfte an – aber doch nicht zu laut. »<i>Walk in</i>,« +hörte er von einer fast schüchternen Stimme rufen, +und als er die Thür öffnete, blieb er ordentlich bestürzt +auf der Schwelle stehen, denn vor sich sah er das lieblichste +Wesen, das er in seinem ganzen Leben noch mit +Augen geschaut.</p> + +<p><a class="pagenum" name="page_181" title="181"> </a> +Mitten in der Stube stand die junge Fremde – nicht +etwa in voller Toilette, mit Schmuck und Flittertand +behangen, wie er eigentlich gehofft hatte sie zu finden, +sondern in einem einfachen, schneeweißen Morgenanzug, +der ihre Schönheit nur um so reizender erscheinen +ließ, und während ihr blaues Auge feucht von einer +halbzerdrückten Thräne schien, streckte sie dem Eintretenden +die Hand entgegen und sagte, mit vor Bewegung +zitternder Stimme:</p> + +<p>»Sie sendet mir der liebe Gott, mein Herr – Ihr +Name ist mir zwar fremd, aber aus Ihrer Karte sehe +ich, daß Sie ein Landsmann sind, also ein Freund, +der mich in der größten Noth meines Lebens trifft, +und mir gewiß, wenn er nicht helfen kann, doch rathen +wird.«</p> + +<p>»Madam,« sagte der junge Burton, durch diese +keineswegs erwartete Anrede ganz außer Fassung +gebracht, indem er die ihm gereichte Hand nahm und +fast ehrfurchtsvoll an seine Lippen hob, »ich – ich +begreife nicht recht – ich gestehe, daß ich – Sie entschuldigen +vor allen Dingen meinen Besuch.«</p> + +<p>»Ich würde Sie darum gebeten haben,« sagte die +junge Frau herzlich, »wenn ich gewußt hätte, daß ein +Landsmann mit mir unter einem Dache wohnt; aber +das Fremdenbuch, das ich mir heute Morgen bringen +<a class="pagenum" name="page_182" title="182"> </a> +ließ, zeigte keinen einzigen englischen Namen – doch +ich darf nicht selbstsüchtig sein,« unterbrach sie sich +rasch – »Sie sind da – ich sehe in dem edlen Ausdruck +Ihrer Züge, daß ich auf Ihren Beistand rechnen +kann, und nun erst vor allen Dingen, <em class="gesperrt">Ihre</em> Angelegenheit. +Lösen Sie mir das Räthsel, das Sie, einen +vollkommen Fremden, gerade in dieser Stunde zu +mir hergeführt – und bitte, nehmen Sie Platz – oh +verzeihen Sie der Aufregung, in der Sie mich gefunden, +daß ich Sie schon so lange hier im Zimmer habe +stehen lassen.«</p> + +<p>Damit führte sie ihn mit einfacher Unbefangenheit +zu dem kleinen mit rothem Plüsch überzogenen +Sopha und nahm dicht neben ihm Platz, so daß es +dem jungen Manne ganz beklommen zu Muthe wurde. +Auch die Frage diente nicht dazu, ihm seine ruhige +Ueberlegung wieder zu geben, denn konnte er <em class="gesperrt">dem</em> +Wesen neben ihm jetzt mit kalten, dürren Worten sagen, +daß er hierher gekommen sei, um sie des <em class="gesperrt">Diebstahls</em> +zu bezüchtigen und in Haft zu halten? Es war ordentlich +als ob ihm die innere Bewegung die Kehle zusammenschnürte +und er brauchte geraume Zeit, um nur ein +Wort des Anfangs zu finden.</p> + +<p>Die junge Frau an seiner Seite ließ ihm dabei +vollkommen Zeit sich zu fassen, und nur wie schüchtern +<a class="pagenum" name="page_183" title="183"> </a> +blickte sie ihn mit ihren großen seelenvollen Augen +an. Und diese Augen sollten jemals die Helfershelfer +eines Verbrechens gewesen sein? Es war nicht +möglich; Hamilton hatte den größten nur denkbaren +Mißgriff gemacht, und ihn selber jetzt in eine Lage gebracht, +wo er mit Vergnügen tausend Pfund Sterling +bezahlt hätte, um nur mit Ehren wieder heraus +zu sein.</p> + +<p>Endlich fühlte er aber doch, daß er nicht länger +schweigen konnte, ohne sich lächerlich zu machen, und +begann, wenn auch anfangs noch mit leiser, unsicherer +Stimme.</p> + +<p>»Madam – Sie – Sie müssen mich wirklich +entschuldigen, wenn ich Sie von vornherein mit einer +Frage belästige, die – die eigentlich Ihren – Ihren +Herrn Gemahl betrifft – dem auch – dem auch vorzugsweise +mein Besuch galt; denn ich würde nicht gewagt +haben, <em class="gesperrt">Sie</em> zu stören. Aber – seine so plötzliche +Abreise – und mitten in der Nacht hat einen Verdacht +erweckt, der –«</p> + +<p>»Einen <em class="gesperrt">Verdacht</em>?«</p> + +<p>»Uebrigens,« lenkte Burton ein, da ihm plötzlich +wieder beifiel, daß er ja vorher Alles hatte hören wollen, +was die Dame <em class="gesperrt">ihm</em> sagen würde, um danach sein +eigenes Handeln zu regeln – »hängt alles vielleicht mit +<a class="pagenum" name="page_184" title="184"> </a> +dem zusammen, wegen dessen Sie selber meinen Rath +verlangen, und wenn Sie nur die Freundlichkeit +haben wollten –«</p> + +<p>»Aber einen <em class="gesperrt">Verdacht</em>?« – sagte die junge Dame +rasch und erschreckt, indem sie ihre zitternde Hand auf +seinen Arm legte und in der gespanntesten Erwartung +mit ihren schönen Augen an seinen Lippen hing. – +»Welcher Verdacht könnte auf ihm ruhen? – In welcher +Verbindung können Sie mit ihm stehen? Oh, +spannen Sie mich nicht länger auf die Folter – machen +Sie mich nicht unglücklicher, als ich es schon bin. +Ach, ich hatte ja gehofft, daß <em class="gesperrt">Sie</em> gerade mir Hülfe +und Trost bringen sollten; tragen Sie nicht dazu bei, +meine Unruhe durch längeres Schweigen noch zu vermehren.«</p> + +<p>Mr. Burton fand sich so in die Enge getrieben, +daß er schon gar keinen möglichen Ausweg mehr sah. +<em class="gesperrt">Er</em> war ja auch eigentlich verpflichtet zuerst zu sprechen. +<em class="gesperrt">Er</em> hatte eine Unterredung mit ihr erbeten, nicht +<em class="gesperrt">sie</em> mit ihm, und wenn ihn auch ein wahrhaft verzweifelter +Gedanke einmal einen Moment erfaßte, sich +aus der ganzen Geschichte durch irgend eine Ausrede +hinaus zu lügen, fiel ihm doch ums Leben nicht das +Geringste, auch nur einigermaßen Glaubwürdige bei. +Es blieb ihm also nichts übrig, als der jungen Dame +<a class="pagenum" name="page_185" title="185"> </a> +– natürlich so schonend wie das nur irgend geschehen +konnte – die Wahrheit zu sagen, und dabei war er +auch im Stande zu sehen, welchen Eindruck die Beschuldigung +auf sie machen würde – danach wollte er +dann handeln.</p> + +<p>»Madam,« sagte er, aber noch immer verlegen – +»beruhigen Sie sich – es wird sich ja noch alles aufklären. +– Ich selber – ich bin ja fest überzeugt, daß +<em class="gesperrt">Sie</em> der – unangenehmen Sache, um die es sich handelt, +vollständig fern stehen. – Es ist auch noch nicht +einmal ganz fest bestimmt, ob ihr Herr – Herr Gemahl +auch wirklich jene Persönlichkeit ist, die wir +suchen – die ganze Sache kann ja möglicher Weise ein +Irrthum sein, und nur der dringende Verdacht, den +mein Begleiter gegen mich ausgesprochen hat, veranlaßt +mich –«</p> + +<p>»Aber ich verstehe Sie gar nicht,« sagte die junge +Dame, und sah dabei gar so lieb und doch so entsetzlich +unglücklich aus, daß ihm ordentlich das eigene +Herz weh that.</p> + +<p>»Ich <em class="gesperrt">muß</em> deutlicher reden,« fuhr Mr. Burton +fort, der sie nicht länger in dieser Aufregung lassen +durfte. »Also hören Sie. Mein Name ist James Burton. +Ich bin seit diesem Jahre Theilhaber der Firma +meines Vaters Burton & Burton in London. Seit +<a class="pagenum" name="page_186" title="186"> </a> +sieben Jahren hatten wir einen jungen Mann in unserm +Geschäft, einen Polen, Namens Kornik, der sich +durch seine Geschicklichkeit und Umsicht so in meines +Vaters Vertrauen einschlich, daß er ihn vor zwei Jahren +zu unserm Hauptcassirer machte. Mein Vater +wußte nicht, daß er eine Schlange in seinem Busen +nährte. Vor etwa acht Tagen verschwand dieser +Mensch plötzlich aus London und zwar an einem +Sonnabend Abend, wodurch er etwa vierzig Stunden +Vorsprung bekam, denn da nicht der geringste Verdacht +auf ihm lastete, fiel auch sein Ausbleiben am +Montag Morgen nicht so rasch auf, wie das sonst vielleicht +der Fall gewesen wäre. Nur weil mein Vater +fürchtete, daß er könne unwohl geworden sein, schickte +er in seine Wohnung hinüber, die sich unmittelbar +neben uns befand, und hörte hier zu seinen Erstaunen, +daß Mr. Kornik sowohl Sonnabend als auch Sonntag +Abend nicht nach Hause gekommen sei.«</p> + +<p>»Aber was, um Gottes Willen, habe ich mit dem +allen zu thun?« unterbrach ihn die junge Dame, erstaunt +mit dem Kopf schüttelnd.</p> + +<p>»Erlauben Sie mir,« fuhr Mr. Burton, in der +Erinnerung an das Geschehene wärmer werdend fort: +»Der erste Gedanke meines Vaters war, daß ihm ein +Unglück begegnet sein könne; ein anderer Commis aber +<a class="pagenum" name="page_187" title="187"> </a> +in unserem Haus mußte doch etwas bemerkt haben, +was ihm verdächtig vorkam. Er bat uns dringend, +keine Zeit zu versäumen und die Kasse zu revidiren, und +da stellte sich denn bald das Entsetzliche heraus, daß +eine <em class="gesperrt">sehr</em> bedeutende Summe fehlte, die, nach den +über Tag eingegangenen Erkundigungen, gegen 20,000 +Pfd. Sterling betrug.«</p> + +<p>»Mein Vater wandte sich augenblicklich an die +Polizei, und ein sehr gewandter Detective, der uns +besuchte, und der zur Verfolgung bestimmt wurde, gerieth +noch an dem nämlichen Tag auf eine andere Spur, +die, wie er meinte, sicherer zur Entdeckung des Verbrechers +führen konnte. Derselbe war nämlich, wie der +Polizeiagent sehr rasch herausbrachte, mit einer jungen +sehr – ge – sehr gewandten Dame bekannt geworden +und als an dem nämlichen Tag eine andere Klage +gegen diese einlief, daß sie in dem Haus einer Lady, +wo sie Stunden gab, einen werthvollen Schmuck +entwandt haben sollte, ebenfalls aber nirgends aufzufinden +war, und seit dem nämlichen Abend fehlte, wie +jener Kornik – so blieb zuletzt kein Zweifel, daß beide +mitsammen geflohen sein mußten.«</p> + +<p>»Jetzt war kein Augenblick mehr zu verlieren um +der Verbrecher habhaft zu werden. Lady Clive – so +hieß jene Dame – setzte selber eine namhafte Summe +<a class="pagenum" name="page_188" title="188"> </a> +für den Polizeibeamten aus; da dieser aber weder die +Dame noch unsern frühern Kassirer persönlich kannte, +entschloß ich mich ihn zu begleiten, und wir begannen +gemeinschaftlich unsere etwas ungewisse Fahrt.«</p> + +<p>»Und jetzt?« frug die Fremde, anscheinend in +größter Spannung.</p> + +<p>»Indessen,« fuhr Mr. Burton fort, »wurde kein +mögliches Mittel versäumt um die beiden aufzufinden, +falls sie sich noch in England aufhalten sollten. Zugleich +telegraphirten wir an die nächsten Hafenplätze. Mein +ganz vortrefflicher und gewandter Begleiter war aber +schon auf eine Spur gekommen, die ihn nach Hamburg +führte. Mit dem Hamburg Packet waren nämlich am +Sonnabend Abend zwei Personen abgegangen, die der +Beschreibung vollkommen entsprachen. Einer der Kassenleute +in dem Office des Dampfboots behauptete +sogar, Kornik an jenem Abend mit einer Reisetasche an +dem Landungsplatz des Dampfboots gesehen zu haben. +Wir folgten augenblicklich, verloren aber die Spur in +Hamburg wieder, und glaubten sie erst in Hannover +– freilich, wie sich später erwies, irrthümlich – +wieder zu finden. Dort ließ mich Mr. Hamilton +zurück, während er selber, von einer Art polizeilichen +Instinkts getrieben, nach Frankfurt vorauseilte und +hierher zu – zufälliger Weise – mit Ihnen und +<a class="pagenum" name="page_189" title="189"> </a> +Ihrem Herrn Gemahl die Reise in einem Coupé +machte.«</p> + +<p>Ein leises Zittern flog über den Körper der Frau, +aber ihre Züge verriethen keine Spur von Ueberraschung, +und nur mit mehr erstaunter als bewegter +Stimme sagte sie:</p> + +<p>»Und jetzt?« –</p> + +<p>»Und jetzt,« fuhr Mr. Burton verlegen fort, +»glaubte er, durch mehrere sonderbar zusammentreffende +Umstände jenen aus London mit unserem Geld +entflohenen Kornik in dem – Sie dürfen mir nicht +zürnen, denn Sie haben die volle Wahrheit verlangt +– in dem – Grafen Kornikoff wieder zu finden, da +sich dieser heute Nacht so heimlich –«</p> + +<p>»Heiliger Gott der Welt!« rief die junge Frau, +entsetzt emporspringend: »reden Sie nicht aus. Darf +ich denn meinen Ohren trauen? In dem Grafen +Kornikoff vermuthen Sie den entsprungenen Verbrecher? +Und dann ist, <em class="gesperrt">Ihrer</em> Meinung nach – seine +Begleiterin jene Diebin des Diamantenschmucks?«</p> + +<p>»<i>But Madam!</i>« rief Mr. Burton, ebenfalls +erschreckt von seinem Sitz aufspringend, »ich sage Ihnen +ja« –</p> + +<p>»O mein Vater im Himmel, selbst das noch,« rief +aber das schöne Weib, die Arme wie flehend emporstreckend, +<a class="pagenum" name="page_190" title="190"> </a> +»auch das noch – auch das noch in meinem +Jammer und Elend. – Aber kommen Sie,« fuhr sie +leidenschaftlich fort, indem Sie plötzlich wieder Mr. +Burtons Arm ergriff und ihn fast mit Gewalt zu +ihrem Koffer zog – »<em class="gesperrt">ich</em> bin nur ein armes schwaches +Weib, hilflos und ohne Schutz im fremden Lande – +aber Sie haben vielleicht ein Recht, der Spur eines +verübten Verbrechens nachzuforschen. <em class="gesperrt">Ich</em> habe nichts +als meinen ehrlichen Namen, aber den kann ich, Gott +sei Dank, mir erhalten und Ihnen bin ich noch dazu +verpflichtet, mir die Gelegenheit zu geben mich zu +rechtfertigen. Mir schwindelt der Kopf, wenn ich mir +denke, daß Sie auch nur eine Stunde länger mich in +einem so furchtbaren Verdacht haben sollten.«</p> + +<p>»<i>But, my dear Madam</i>,« rief Burton, jetzt vergebens +bemüht, zu Worte zu kommen. Die Frau ließ +ihn nicht.</p> + +<p>»Nein, nein,« fuhr sie immer erregter fort und +schloß mit vor Eifer zitternden Händen ihren Koffer +auf, warf den Deckel zurück und riß die dort +sorgfältig und glatt eingepackten Stücke wild und +leidenschaftlich heraus. »Da – hier – hier ist alles +was ich auf der Welt mein nenne – da meine Wäsche +– da meine Kleider,« fuhr sie fort die genannten +Sachen, ohne daß es Burton verhindern konnte, über +<a class="pagenum" name="page_191" title="191"> </a> +den Boden streuend, »hier mein Schmuck – eine +dürftige Korallenkette mit einem goldenen Kreuzchen, +das Erbtheil meiner seligen Mutter – und wie ich +<em class="gesperrt">früher</em> ihren Tod beklagte, jetzt danke ich Gott, daß +sie diese Stunde nicht erlebte. – Hier meine –« sie +konnte nicht weiter – ihr Gefühl überwältigte sie. +Sie richtete sich auf und wollte zum nächsten Stuhl +schwanken, aber sie vermochte es nicht und wäre zu +Boden gesunken, wenn sie nicht James Burton in +seinen Armen aufgefangen hätte.</p> + +<p>Das war eine böse Situation für den jungen Mann +– der warme Körper der jungen Frau ruhte an seinem +Herzen, und vergebens suchte er sie durch tausend +Trostesworte ins Leben zurückzurufen. – Und wie +ihr Herz dabei schlug – er wußte sich keines Rathes, +als sie aufs Sopha zu tragen – und als er sie in die +Höhe hob, trafen seine Lippen unwillkührlich auf die +ihrigen und ruhten einen Moment darauf. Endlich +raffte er sich empor. Er wollte nach Hilfe rufen, aber +er wagte es nicht – was mußten die Leute im Hotel +davon denken, wenn er in einer solchen Situation mit +der jungen Dame getroffen wurde? Auf dem Waschtisch +stand ein Glas Eau de Cologne – damit benetzte er +ihr Taschentuch, hielt es ihr unter die Nase und rieb +ihr Schläfe und Puls, und als das alles nicht helfen +<a class="pagenum" name="page_192" title="192"> </a> +wollte, tauchte er das Handtuch in kaltes Wasser und +legte es ihr um die Stirn. Aber es dauerte wohl zehn +Minuten, ehe er sie zum Bewußtsein zurückrief, und +<em class="gesperrt">als</em> sie endlich erwachte, befand sie sich in einem so +furchtbar überreizten Zustande, daß sie den über ihr +lehnenden Arm des jungen Mannes ergriff, ihre +Stirn dagegen lehnte und bitterlich weinte.</p> + +<p>Mr. Burton that das unter solchen Umständen +Zweckmäßigste – er ließ sie sich ausweinen und es +gewährte ihm sogar einige Beruhigung, daß er sie +dabei mit seinem linken Arm stützen und halten konnte. +Aber diese Schwäche dauerte nicht lange. Die junge +Frau zeigte eine ungemeine Willenskraft, dieses +augenblickliche Erliegen ihres Körpers zu bewältigen, +und mit leiser Stimme sagte sie:</p> + +<p>»Ich danke Ihnen – ich fühle mich stärker – es +ist vorbei. Lassen sie mich jetzt Alles wissen – o verhehlen +Sie mir nichts – ich <em class="gesperrt">muß</em> es ja erfahren +und dann habe auch ich Ihnen ein Geständniß abzulegen. +– Ich fühle, daß Sie es gut mit mir meinen. +Zürnen sie mir nicht, meiner Heftigkeit wegen.«</p> + +<p>»Oh, daß ich Ihnen beweisen könnte, wie innigen +Antheil ich an Ihrem Schicksal nehme,« rief Mr. +Burton bewegt aus.</p> + +<p>»Und wo ist ihr Begleiter jetzt?« frug die junge +<a class="pagenum" name="page_193" title="193"> </a> +Frau, die noch immer halb von seinem Arm gehalten +wurde.</p> + +<p>»Ich weiß es nicht,« sagte Mr. Burton mit einer +gewissen Genugthuung, ihr darauf keine bestimmte +Antwort geben zu können. »Er folgt jenem Grafen +Kornikoff, um sich sicher zu stellen, ob er es in diesem +mit dem vermutheten Kornik zu thun hat. Nun aber +sagen sie auch mir, dear Madam – wie kommen Sie +in die Gesellschaft jenes Mannes? – wie lernten +Sie ihn kennen, und hatten Sie keine Ahnung, daß +er ein Betrüger sei?«</p> + +<p>»Ich kann es mir <em class="gesperrt">jetzt</em> noch nicht denken,« rief +die Unglückliche – »es ist nicht möglich – er hätte +ja, <em class="gesperrt">wenn</em> es wahr wäre, ein tausendfaches Verbrechen +an mir selber verübt. O lassen Sie mich noch +an seine Unschuld glauben.«</p> + +<p>»Wie gern wollte ich Sie in dieser Täuschung +lassen,« sagte Mr. Burton, »aber ich muß gestehen, +daß viele, viele Umstände dagegen sprechen.«</p> + +<p>»Dann finden wir auch in seinem Koffer Aufschluß +über das Vergehen,« rief da die Dame plötzlich, +indem sie sich vom Sopha emporrichtete. »Er hat +sein ganzes Gepäck zurückgelassen und nicht allein zu +Ihrer, nein auch zu meiner Genugthuung muß ich +<a class="pagenum" name="page_194" title="194"> </a> +jetzt darauf bestehen, daß Sie es auf das Genaueste +untersuchen.«</p> + +<p>Mr. Burton wollte sie davon zurückhalten, weil +er nicht mit Unrecht fürchtete, daß sie sich dabei aufs +neue zu sehr aufregen würde, aber sie bestand fest +darauf und da ihm selber daran lag, das hinterlassene +Eigenthum jenes Menschen nachzusehen, gab er endlich +ihrem Wunsche nach. Vergebens aber durchsuchten +sie jetzt den ganzen, ziemlich geräumigen Koffer; +es fand sich nichts, was irgend einen Aufschluß hätte +geben können. Ganz unten aber in der Ecke lag ein +zusammengedrücktes Papier – ein altes Couvert, in +das ein Paar alte Hemdknöpfchen und eine Westenschnalle +eingewickelt waren, und auf dem Couvert +stand die Adresse:</p> + +<p class="center"><i>W. Kornik Esqre<br /> +Care of Messrs. Burton & Burton – London.</i></p> + +<p>Mr. Burton entfaltete das Couvert, las es, und +reichte es dann schweigend, aber mit einem beredten +Blick der Dame. Diese aber hatte kaum das Auge +darauf geworfen, als sie mit leiser, entsetzter Stimme +sagte:</p> + +<p>»Vater im Himmel! also doch,« und ihr Antlitz in +ihren Händen bergend, stand sie wohl eine Minute +still und schweigend und wie ineinandergebrochen. +<a class="pagenum" name="page_195" title="195"> </a> +Endlich richtete sie sich wieder empor, und dem jungen +Mann noch einmal die Hand entgegenstreckend, +sagte sie:</p> + +<p>»Ich danke Ihnen, Mr. Burton – danke Ihnen +recht von Herzen, daß Sie den Schleier gelüftet haben, +der mich von einem Abgrund trennte. Wenn Sie +aber jetzt Ihrer Güte gegen mich die Krone aufsetzen +– wenn Sie mich für ewig verpflichten wollen, dann +lassen Sie mich jetzt nur für <em class="gesperrt">eine</em> kurze Stunde +allein, um mich zu sammeln. Ich kann jetzt nicht +danken – ich bin es nicht im Stande – meine Glieder +versagen mir den Dienst. In einer Stunde kommen +Sie wieder zu mir, dann sollen Sie alles erfahren, +was mich betrifft, und wir können dann vielleicht +gemeinschaftlich berathen, was zu thun, wie Ihnen – +wie mir zu helfen ist. Wollen Sie mir das versprechen?«</p> + +<p>»Madam,« sagte Mr. Burton mit tiefem Gefühl, +und jetzt vollständig überzeugt, daß dies liebliche Wesen +nie und nimmer eine Mitschuldige sein könne, – +»Sie haben ganz über mich zu befehlen und was in +meinen Kräften steht, mich Ihnen nützlich zu machen, +soll gewiß geschehen. Fassen Sie Muth, und vor +Allem, fassen Sie Vertrauen zu mir und ich hoffe, es +soll noch alles gut werden. Ich lasse Sie jetzt allein – +in einer Stunde bin ich wieder bei Ihnen – vielleicht +<a class="pagenum" name="page_196" title="196"> </a> +ist auch bis dahin schon Nachricht über den Flüchtling +eingetroffen. – Sorgen Sie nicht,« setzte er aber herzlich +hinzu, als er dem wehmüthigen Blick begegnete, +der auf ihm haftete. – »Sie haben einen <em class="gesperrt">Freund</em> +gefunden.« – Und die Hand, die er noch immer in +der seinen hielt, an seine Lippen pressend, durchrieselte +es ihn ordentlich wie mit süßen Schauern, +als er einen leisen Druck derselben zu fühlen glaubte. +Aber er ließ sie los, verbeugte sich vor der jungen +Dame ehrfurchtsvoll und stieg dann rasch in sein +Zimmer hinauf, um die Erlebnisse der letzten Stunde +noch einmal an seiner Erinnerung vorüberziehen zu +lassen.</p> + + + + +<h3>V.<br /> + +<b>Die Verfolgung.</b></h3> + + +<p>Hamilton warf sich an dem Morgen, nachdem er +sechs verschiedene telegraphische Depeschen aufgegeben, +in einer ganz verzweifelten Stimmung in sein Coupé, +denn von dem zurückgekehrten Postillon hatte er erfahren, +daß dieser den Passagier um 4 Uhr heute Morgen +in <em class="gesperrt">Soden</em> vor der Post abgesetzt, und er konnte jetzt +den Zug benutzen, um diesen Platz so rasch als möglich +zu erreichen. Aber wieder und wieder machte er +sich selber dabei die bittersten Vorwürfe, daß er die +<a class="pagenum" name="page_197" title="197"> </a> +Flucht des schon ganz sicher geglaubten Verbrechers +nur seinem eigenen Leichtsinn, seiner eigenen bodenlosen +Unachtsamkeit verdanke, denn wie dieser einmal +Mr. Burton selber begegnet sei, <em class="gesperrt">mußte</em> er wissen, +daß er sich verrathen sah und deshalb keinen Augenblick +versäumen dürfe, um sich der ihm drohenden +Gefahr zu entziehen. Und <em class="gesperrt">das</em> hatte er übersehen – +er, der sich selber für so schlau und in seinem Fach +geschickt gehalten – auf so plumpe Weise, nur durch +die Geistesgegenwart des Diebes, der durch keine +Bewegung verrathen, daß er seinen Verfolger erkannt +habe, hatte er sich täuschen und überlisten lassen.</p> + +<p>Und wie war es jetzt möglich, in diesem Gewühl +von Fremden einen einzelnen Menschen wieder ausfindig +zu machen, der weiter nichts zu thun brauchte, +als sich einen anderen Rock zu kaufen, die blaue Brille +abzulegen, den schwarzen Schnurrbart zu rasiren, +um aufs neue völlig unkenntlich zu sein; und daß er +derartige Vorsicht <em class="gesperrt">nicht</em> versäumen würde, darüber +durfte er kaum in Zweifel sein.</p> + +<p>Das Einzige, was ihn noch einigermaßen beruhigte, +war, daß sie wenigstens die Dame unter sicherer +Aufsicht hatten; denn es schien nicht wahrscheinlich, +daß sich der Flüchtling so leicht und für immer +von dem schönen, verführerischen Wesen getrennt +<a class="pagenum" name="page_198" title="198"> </a> +haben sollte, nur um sich selber in Sicherheit zu bringen. +In irgend einer Verbindung mit ihr blieb er +gewiß, oder suchte eine solche auf eine oder die andere +Art wieder anzuknüpfen, und wenn dann Mr. Burton +nur einigermaßen seine Schuldigkeit that, so lief er +ihnen schon dadurch wieder ins Netz.</p> + +<p>Allerdings hätte Kornik die Dame schon recht +gut in dieser Nacht entführen können – es wäre +das eben so leicht gewesen als allein zu entfliehen, aber +er mußte auch wissen, daß er den Verfolger dann +dicht auf den Hacken gehabt hätte und so leicht er +<em class="gesperrt">jetzt</em> hoffen konnte, ihn über die Richtung zu täuschen, +die er genommen, so ganz unmöglich wäre das in der +Begleitung seiner Frau gewesen, die seine Bewegung +nicht allein hemmte, sondern auch eine viel breitere +und leichter erkennbare Spur hinterließ. Schon mit +all dem Gepäck wäre er nicht von der Stelle gekommen.</p> + +<p>Das alles aber machte es, je mehr er darüber +nachdachte, nur soviel wahrscheinlicher, daß er Deutschland +nicht schon verlassen habe. Nur aus dem Weg +mußte er sich für kurze Zeit halten, und wo konnte +er das besser thun, gerade in der Saison, als in +irgend einem der zahllosen Seitenthäler des Rheins +oder der benachbarten Gebirge, wo eine Unmasse von +<a class="pagenum" name="page_199" title="199"> </a> +Fremden herüber und hinüber strömte, und ein einzelner +Mann völlig unbeachtet in der Menge verschwand.</p> + +<p>Aber trotzalledem gab Hamilton die Hoffnung +nicht auf. Das gehetzte Wild hatte allerdings einen +Vorsprung gewonnen, aber die Fährte war doch noch +warm – es lag keine Nacht darauf und er selber war +gerade der Mann dazu, ihr mit allem nur erdenkbaren +Eifer zu folgen. Es stand ja auch nicht allein ein +reicher Lohn auf dem Erfolg, nein, seine Ehre als +Detective auf dem Spiel, den schon gehaltenen Verbrecher +nicht wieder entschlüpfen zu lassen, und er +gab sich selber das Wort, nicht Mühe nicht Kosten zu +scheuen, um ihn wieder zurück zu bringen.</p> + +<p>In Soden angekommen erkundigte er sich aber +vergebens auf dem Bahnhof nach einem Herrn, der +nur irgend zu seiner Beschreibung paßte. Es war +freilich auch nicht wahrscheinlich, daß er sich dort +gezeigt habe, denn nach Frankfurt würde er nicht so +rasch zurückkehren, aber Hamilton wollte sich von jetzt +an keine Vorwürfe mehr machen, auch nur das Geringste +versäumt zu haben. Einquartirt hatte sich der +Herr aber dort <em class="gesperrt">nicht</em>, so viel lag außer Zweifel; mit +dem Mustern der Gasthäuser brauchte er deshalb +keine Zeit zu verlieren und das Wichtigste blieb, die +<a class="pagenum" name="page_200" title="200"> </a> +Straßen zu untersuchen, die von hier aus in die Berge +und besonders nach dem Rhein zu führten.</p> + +<p>Das aber zeigte sich bald als ein sehr schwierig +Stück Arbeit, denn es hielten sich viele Fremde in +Soden auf, und bei dem wundervollen Wetter besuchte +ein großer Theil derselben in früher Morgenstunde +die benachbarten Berge. Wer wollte da den Einzelnen +controlliren, der sich zwischen ihnen befunden +hatte? Außerdem gab es eine Legion von Führern +in dem Badeort, die sich theilweis unterwegs, oder +da und dort einquartirt befanden; es wäre rein unmöglich +gewesen, sie alle aufzusuchen und einzeln auszufragen.</p> + +<p>Hamilton ließ aber deshalb den Muth nicht sinken. +Unermüdlich streifte er Straße auf, Straße ab +und frug bald da, bald dort in den Häusern. Nur in +einem, in dem letzten Häuschen, das auf dem Weg +nach Königstein lag, hörte er, daß ein einzelner Herr +dort sehr früh vorbeigegangen sei, ob er aber einen +Schnurrbart gehabt oder eine blaue Brille und Gepäck +getragen, wer sollte das jetzt noch wissen? Ein +Führer hatte ihn nicht begleitet.</p> + +<p>Das war keine Spur und Hamilton wollte sich +schon kopfschüttelnd abwenden, um in Soden erst +etwas zu Mittag zu essen und dann seine Versuche zu +<a class="pagenum" name="page_201" title="201"> </a> +erneuern, als ein kleines Mädchen, das dabei gestanden +hatte, sagte:</p> + +<p>»Ja, en Schnorres hat er schon gehat, un en +Täschche aa ungerm Arm getrage.«</p> + +<p>»Einen Schnorres? was ist das?« frug Hamilton.</p> + +<p>»Nu Hoor unner der Nas,« sagte die Frau.</p> + +<p>»Ja un ganz schwarz war er« – sagte die Kleine.</p> + +<p>»So mein Kind,« sagte Hamilton, der sie aufmerksam +betrachtete, »also ein Täschchen hat er unter +dem Arm getragen? groß?«</p> + +<p>»Na – kleen – vun <em class="gesperrt">Ledder</em> – en hibsch +Täschche.«</p> + +<p>»Und der ist dort hinaus zu gegangen?«</p> + +<p>Die Frau bestätigte das – eine Brille schien er +aber nicht aufgehabt zu haben; das Kind wollte wenigstens +nichts derartiges bemerkt haben und eine +blaue Brille wäre ihm gewiß aufgefallen.</p> + +<p>Das war allerdings eine Spur, wenn auch nur +eine außerordentlich schwache, Hamilton beschloß aber +doch, ihr zu folgen und ohne weiter einen Moment +Zeit zu verlieren, drückte er dem Kinde ein Geldstück +in die Hand und eilte dann so rasch er konnte nach +Soden wieder auf die Post, um dort Extrapost nach +Königstein zu nehmen. Nur so viel Zeit gönnte er sich, +um etwas zu essen und zu trinken, so lange die Pferde +<a class="pagenum" name="page_202" title="202"> </a> +angespannt wurden – dann ging es vorwärts, was +die Thiere laufen konnten.</p> + +<p>In Königstein selber – denn unterwegs, so oft er +sich auch nach dem Gesuchten erkundigte, erhielt er +doch keine Auskunft – war die Nachforschung nicht +so schwer. Es gab dort nur zwei halbwegs anständige +Wirthshäuser und in dem einen erfuhr er denn auch, +daß ein einzelner Herr mit einem sehr schwarzen +Schnurrbart und etwas brauner Gesichtsfarbe da gefrühstückt +habe, dann aber weiter <em class="gesperrt">gegangen</em> sei, ohne +daß sich natürlich irgend Jemand um ihn bekümmert +hätte. Eine lederne kleine Reisetasche mit Stahlbügel +führte er bei sich, eine Geldtasche hatte er umhängen, +und auch noch einen Riemen umgeschnallt gehabt +– das wollte der Wirth deutlich gesehen haben – +weiter wußte er nichts.</p> + +<p>»In was für Geld hat er seine Zeche bezahlt?«</p> + +<p>»In Gulden und Kreuzern – der Landesmünze.«</p> + +<p>Hamilton war nicht halb sicher, daß er wirklich +auf der Spur des Gesuchten sei, aber was blieb ihm +jetzt anderes übrig, als ihr, da er sie einmal aufgenommen, +auch weiter zu folgen, er würde sich sonst +immer wieder Vorwürfe gemacht haben, eine wahrscheinliche +Bahn aufgegeben zu haben, um dafür wild +und verloren in der Welt herumzusuchen.</p> + +<p><a class="pagenum" name="page_203" title="203"> </a> +Von hier aus schien der Flüchtling aber wirklich +den Waldweg eingeschlagen zu haben, denn auf keiner +Straße war er mehr gesehen worden, auch konnte er +sich keinen Führer genommen haben, denn das hätte +sich jedenfalls ausgesprochen. Wohin jetzt? Es war +bald Abend, als Hamilton erschöpft in das Gasthaus +zurückkehrte, wo er mit einer Flasche Wein und der +Eisenbahnkarte vor sich, seinen weiteren Schlachtplan +überlegte. Er fühlte dabei recht gut, daß er von jetzt +an auf gut Glück weiter suchen müsse. Nur eine Andeutung +seines zukünftigen Weges fand er in der +Richtung, in welcher Königstein von Soden lag – +direkt nach dem Lahnthal zu, und der beschloß er auch +jetzt zu folgen. Allerdings mochte sich der Flüchtige +rechts oder links abgewandt haben, um entweder +Gießen oder den Rhein zu erreichen. Das letztere +blieb aber immer das Wahrscheinlichste.</p> + +<p>Zu Fuß gedachte er aber die Tour nicht zu verfolgen, +und er beschloß deshalb, hier zu übernachten, +und am nächsten Morgen mit einem Einspänner, womöglich +noch vor Tag, aufzubrechen. Dazu war es +aber nöthig, noch heute Abend einen Wagen zu bestellen. +Ein Mann wurde ihm da bezeichnet, der einen +Einspänner zu vermiethen hätte. Zu dem ging er ungesäumt +und erkundigte sich.</p> + +<p><a class="pagenum" name="page_204" title="204"> </a> +»Ja, mein lieber Herr,« sagte dieser achselzuckend, +»wenn Sie ein paar Stunden früher gekommen +wären, so hätten Sie mit einem andern Herrn fahren +können, der dieselbe Tour macht. Der hat aber +meinen einzigen Einspänner mitgenommen. Das Pferd +hätte Sie beide prächtig fortgebracht.«</p> + +<p>»Ein einzelner Herr?« frug Hamilton rasch, +»heute Mittag?«</p> + +<p>»Jawohl – etwa um elf Uhr.«</p> + +<p>»Und wie sah er aus?«</p> + +<p>»Ja, lieber Gott, wie sah er aus – wie ein Berliner, +mit einem schwarzen Schnurrbart und einer +Reisetasche.«</p> + +<p>»Und haben Sie nicht einen zweispännigen +Wagen?«</p> + +<p>»Thut mir leid – die Pferde sind jetzt alle +draußen. Wenn Sie aber das dran wenden wollen, +warum nehmen Sie nicht Postpferde?«</p> + +<p>»Ist denn eine Poststation hier im Ort? Ich +hatte keine Ahnung davon, denn ich bin im Gasthaus +vorgefahren.«</p> + +<p>»Ja gewiß, und die <em class="gesperrt">müssen</em> Ihnen Pferde +schaffen.«</p> + +<p>Hamilton hörte nichts weiter und saß, kaum eine +<a class="pagenum" name="page_205" title="205"> </a> +Viertelstunde später wieder in seiner Extrapost. Jetzt +zweifelte er auch keinen Augenblick mehr, daß er auf +der richtigen Spur sei und versprach dem Postillon +ein tüchtiges Trinkgeld, wenn er ordentlich zufahren +würde.</p> + +<p>Auf der nächsten Station fand er aber seine +Nachtfahrt schon unterbrochen. Die Wege kreuzten sich +hier, und er <em class="gesperrt">durfte</em> nicht weiter fahren, aus Furcht, +die falsche Straße einzuschlagen. Er mußte dort übernachten, +aber schon vor Tag war er wieder auf, und +wie er nun die Gewißheit erlangte, daß der Flüchtige +die Straße nach Norden eingeschlagen, folgte er derselben +mit Extrapost und versprach dem Postillon ein +fürstliches Trinkgeld, wenn er den Gesuchten einholte, +ehe er die Eisenbahn erreichte.</p> + +<p>Das wäre freilich nicht möglich gewesen, wenn +Kornik sich verfolgt gewußt und dann keine Zeit +versäumt hätte. Er schien sich aber vollkommen sicher +zu fühlen, denn als sie nach Camburg kamen, hörten +sie daß er dort geschlafen hätte und ziemlich spät +Morgens wieder aufgebrochen sei.</p> + +<p>Jetzt galt es, ihm den Vorsprung abzugewinnen +und näher und näher rückten sie auch hinan, bis sie +dicht vor Limburg einem rückreitenden Postillon begegneten, +der ihnen sagte, daß sie die Extrapost voraus +<a class="pagenum" name="page_206" title="206"> </a> +vielleicht noch vor der Stadt einholen könnten, wenn +sie die Pferde nicht schonten.</p> + +<p>Und wahrlich sie schonten die Pferde nicht, was +sie laufen konnten, liefen sie. Aber nach der Bahn zu +führte der Weg steil thalab, der unglückselige Wagen +hatte keinen Hemmschuh und mußte mit der Kette +eingelegt werden; zu rasch <em class="gesperrt">durfte</em> er da nicht fahren, +wenn er nicht riskiren wollte ein Rad zu brechen. +Als sie endlich Limburg dicht vor sich sahen, war die +verfolgte Extrapost nirgend zu erkennen, wohl aber +pfiff gerade der von Gießen kommende Zug in den +Bahnhof ein, und hielt dort gerade lang genug, daß +ihn Hamilton, als er mit seinen, ordentlich mit Schaum +bedeckten Thieren heranrasselte, konnte wieder davonkeuchen +sehen. – Er war zu spät gekommen.</p> + + + + +<h3>VI.<br /> + +<b>Im Kursaal.</b></h3> + + +<p>Es war ein verzweifelter Moment, aber Hamilton +nicht der Mann, sich dadurch beirren zu lassen. +Daß Kornik <em class="gesperrt">diesen</em> Zug benutzt hatte, daran zweifelte +er keinen Augenblick, sowie er nur auf dem +Bahnhof anfuhr und ihn nicht traf. Zum Ueberfluß +fanden sie aber auch noch die Extrapost, die ihn hierher +gebracht, und der Postillon derselben bestätigte, +<a class="pagenum" name="page_207" title="207"> </a> +daß der Herr, den er gefahren, mit dem letzten Zug +»nach dem Rhein« abgegangen sei.</p> + +<p>Es war 5 Uhr 55 – der nächste Zug ging 6 Uhr +30 – also noch eine halbe Stunde Zeit. Hamilton +fuhr mit seinem Wagen gleich vor dem Polizeigebäude +vor, die Herrn hatten es sich aber schon bequem +gemacht, und er fand nur noch einen Aktuar, +der Schriftstücke in einer Privatsache durchsah.</p> + +<p>Glücklicherweise schien dies ein ziemlich intelligenter +Mann, der seinen Bericht aufmerksam anhörte. +Als er ihn beendigt hatte, sagte er:</p> + +<p>»Mein lieber Herr – dieser Zug, der eben Limburg +verlassen hat, geht allerdings heute Abend noch +nach Coblenz, aber ich weiß nicht, ob der Herr, dem +Sie nachsetzen, gerade ein Interresse daran haben +kann, Coblenz diese Nacht zu erreichen. Er kann +natürlich nicht ahnen, daß Sie ihm so dicht auf den +Fersen sitzen – vorausgesetzt nämlich, daß es wirklich +der Richtige ist, und wenn Sie <em class="gesperrt">meinem</em> Rath +folgen wollen, so thun Sie, was ich Ihnen jetzt sage. +Fahren Sie mit dem nächsten Zug nach Ems – nicht +weiter – besuchen Sie dort heute Abend – mit +jeder nöthigen Vorsicht natürlich, den Spielsaal, und +finden Sie dann – was ich aber bezweifele – Ihren +Mann <em class="gesperrt">nicht</em>, dann nehmen Sie heute Abend noch in +<a class="pagenum" name="page_208" title="208"> </a> +Ems einen Wagen, den Sie für Geld überall bekommen +können, fahren direkt nach Coblenz, und passen +morgen früh an den Bahnzügen auf. Ich wenigstens, +wenn ich an Ihrer Stelle einen solchen Patron zu verfolgen +hätte, würde genau so handeln, und wenn ich +nicht sehr irre, gut dabei fahren.«</p> + +<p>»Ems ist nassauisch, nicht wahr?« frug Hamilton.</p> + +<p>»Allerdings,« sagte der Aktuar.</p> + +<p>»Könnten Sie dann,« fuhr Hamilton fort, indem +er seine Legitimationspapiere aus der Tasche holte, +»mir auf Grundlage dieser Schriftstücke einen Verhaftsbefehl +für das betreffende Individuum ausstellen?«</p> + +<p>Der Aktuar sah die Papiere, bei denen sich eine +in Hamburg beglaubigte Uebersetzung befand, aufmerksam +durch und sagte dann lächelnd:</p> + +<p>»Eigentlich, und nach unserem gewöhnlichen Gerichtsverfahren +würde die Sache mehr Umstände +machen, und nicht so rasch beseitigt werden können, +unter den obwaltenden Verhältnissen aber denke ich, +daß ich die Verantwortlichkeit auf mich nehmen kann. +Sie <em class="gesperrt">müssen</em> mit dem nächsten Zug fort, wenn Sie +den Gesuchten nicht versäumen wollen. Setzen Sie +sich einen Augenblick; ich denke, wir können das alles +noch in Ordnung bringen.«</p> + +<p><a class="pagenum" name="page_209" title="209"> </a> +Der alte Aktuar war ein wahres Juwel. Hamilton +hätte sich an keinen besseren Menschen wenden können. +In kaum zehn Minuten hatte er einen Verhaftsbefehl +für die Nassauischen Lande gegen jenen Mr. Kornik ausgestellt. +Und nicht einmal einen Kreuzer mehr als die +üblichen und nicht zu vermeidenden Sporteln wollte er +dafür nehmen, und wie gern hätte ihm der junge +Mann seine Arbeit zehn- und zwanzigfach bezahlt!</p> + +<p>Jetzt war alles in Ordnung – Hamilton beschloß, +den ihm gegebenen Rath gewissenhaft zu befolgen, +und dem alten Herrn auf das herzlichste dankend, +eilte er so rasch er konnte nach dem Bahnhof zurück.</p> + +<p>Seine Zeit war ihm auch nur eben knapp genug +zugemessen; kaum hatte er dort sein Billet gelöst, so +wurde der Zug schon signalirt; zehn Minuten später +braußte er heran, hielt, nahm seine wenigen Passagiere +auf und keuchte in ruheloser Hast weiter, das freundliche +Lahnthal hinab.</p> + +<p>Aber Hamilton hatte kein Auge für die liebliche +Scenerie, die ihn umgab – so war er in seine eigenen +Gedanken vertieft, daß er ordentlich emporschrak als +sie in den ersten Tunnel eintauchten. Nur das Bild +des Flüchtigen schwebte vor seiner Seele, und selbst +daß er Schlaf und Ruhe entbehrt hatte, um diesen zu +erreichen und einzuholen, fühlte er nicht. Der Zug +<a class="pagenum" name="page_210" title="210"> </a> +flog mit reißender Schnelle dahin, aber ihm kam es +noch immer vor, als ob er in seinem Leben nicht so +langsam gefahren wäre. Jetzt glitten sie an den grünen +Hängen des freundlichen Thales dahin – jetzt wieder +öffnete der Berg seinen Schlund, um sie in seine +düstere Tiefe aufzunehmen, und aufs neue schossen sie +hinaus in den dämmernden Abend. Aber Hamiltons +Augen schienen für das alles keine Sehkraft zu haben, +so theilnahmlos, so unbewußt selbst streifte sein Blick +darüber hin, bis endlich der schrille Pfiff der Locomotive +die Nähe der Station Ems anzeigte und eine +Masse Spaziergänger, Herren zu Fuß und Damen +und Kinder auf Eseln, in der unmittelbaren Nähe +der Bahn sichtbar wurden. Es war spät geworden +und die Leute eilten jetzt nach Haus, denn so heiß die +Tage auch sein mochten, die Nächte blieben kühl und +frisch genug.</p> + +<p>Aber diese kümmerten den Polizeimann nicht, der +recht gut wußte, daß der, den <em class="gesperrt">er</em> suchte, sich nicht +unter ihnen befand, selbst <em class="gesperrt">wenn</em> es noch hell genug +gewesen wäre, einzelne Physiognomien der da draußen +Wandernden zu erkennen, an denen sich nur die +lichten Kleider unterscheiden ließen.</p> + +<p>Der Zug hielt, aber selbst jetzt noch war Hamilton +einen Augenblick unschlüssig, ob er nicht lieber sitzen +<a class="pagenum" name="page_211" title="211"> </a> +bleiben und bis nach Oberlahnstein und Coblenz mitfahren +solle; denn ließ es sich denken, daß der Flüchtige +gerade hier ausgestiegen sei? Derartige Menschen sind +allerdings furchtbar leichtsinnig, und der alte Aktuar +hatte am Ende doch Recht gehabt, wenn er ihm rieth, +die Spielbank jedenfalls einmal ein Paar Stunden zu +besuchen. Verloren war immer kaum viel Zeit dabei, +denn kam er jetzt auch nach Coblenz, so mußte er doch +die Nacht dort liegen bleiben, um bei dem Abgang des +ersten Morgen-Zuges erst am Bahnhof zu sein. Er +folgte also dem Rath des alten Mannes, stieg aus +und ging in das dicht am Bahnhof gelegene Hotel +zum Guttenberg, um dort erst etwas andere Toilette +zu machen. Er wollte sich nämlich nicht der Gefahr +aussetzen, daß er von dem schlauen Verbrecher zuerst +erkannt würde, denn er zweifelte keinen Augenblick +daran, daß Kornik ihn an jenem Abend eben so gut +bemerkt habe, wie seinen Begleiter Burton, und ihm +deshalb jetzt eben so rasch ausweichen würde, wie +jenem.</p> + +<p>In seiner Tasche trug er einen leichten hellen +Sommerrock, den zog er an, setzte eine hellgrüne +Brille auf und borgte sich noch außerdem vom Kellner +einen Cylinderhut. Mit dieser ganz geringen Veränderung +seiner Toilette, die er dadurch vervollständigte, +<a class="pagenum" name="page_212" title="212"> </a> +daß er ein weißes Halstuch statt seines bisher getragenen +schwarzen nahm, fühlte er sich ziemlich sicher, +wenigstens nicht gleich auf den ersten Blick erkannt +zu werden. Kornik hatte ihn ja überhaupt nur die +kurze Zeit im Coupé gesehen, und ihn dabei keineswegs +seiner Beachtung so besonders werth gehalten. +Dann aß er etwas und hielt es nun an der Zeit, das +jetzt besonders frequentirte Kurhaus zu besuchen.</p> + +<p>Es war indessen völlig Nacht geworden; unterwegs +traf er nur noch einzelne Leute, die vom Kurhaus +weg über die Brücke in ihre am andern Ufer liegende +Quartiere gingen, das Kurhaus selber aber war noch +hell und brillant erleuchtet und auch in der That der +einzige Platz in dem ganzen Badeort, den man Abends +besuchen konnte und wo man Gesellschaft fand. Die +anderen zahllosen Hotels schienen nur zum Essen zu +dienen, denn in ihren Sälen versetzten riesige Tische, +deren Zwischenraum vollständig mit Stühlen ausgefüllt +war, jeden nur einigermaßen möglichen Platz. +Man konnte sich in keinen von ihnen wohnlich fühlen.</p> + +<p>Das Kurhaus dagegen vereinigte alles, was sich +von Pracht und Eleganz nur denken ließ – ein reichhaltiges +Lesezimmer mit bequemen Fauteuils, einen +prachtvollen Saal zu Concerten oder Spiel- und Tanzplätzen +der Kinder und Damen, und dann den unheilvollen +<a class="pagenum" name="page_213" title="213"> </a> +Magnet für die Spieler, die grünen Tische, +von denen der verführerische Klang des Metalls in +alle harmlosen Spiele und Vergnügungen hinübertönte, +und seine Opfer erbarmungslos an- und nachher +auszog.</p> + +<p>Es ist eine Schmach für Deutschland, daß wir +noch diese vergoldeten Schandhöhlen in unseren Gauen +dulden – es ist eine doppelte Schmach für die Regierungen, +die sie begünstigen und gestatten, und alle die +Opfer, die jährlich fallen, müssen einst auf ihren +Seelen brennen.</p> + +<p>Napoleon III. hat die Spielhöllen aus seinem +Reich verbannt, und die Spieler damit über die +Grenzen getrieben. Geschah das aber nur deshalb, +daß sie in <em class="gesperrt">Deutschland</em> ihre gesetzliche Aufnahme +finden sollten? und müssen wir nicht vor Scham erröthen, +wenn wir dieses französische Unwesen mit französischen +Marken und Marqueuren im Herzen unseres +Vaterlandes eingenistet finden? Aber es <em class="gesperrt">ist</em> so. Trotz +der gerechten Entrüstung, die allgemein darüber +herrscht, müssen wir jetzt geschehen lassen, daß andere +Nationen die Achseln darüber zucken und uns bedauern +oder – verachten, <em class="gesperrt">müssen</em> wir es geschehen lassen, +sage ich, denn</p> + +<div class="poetry"> + <a class="pagenum" name="page_214" title="214"> </a> + <div class="stanza"> + <div class="verse">»wollten wir alle zusammen schmeißen</div> + <div class="verse">wir könnten sie doch nicht Lügner heißen.«</div> + </div> +</div> + +<p>Wenn wir es denn aber trotz allem und allem +unter unseren Augen so frech fortgeführt sehen, so +gehört es sich, daß sich jeder <em class="gesperrt">rechtliche</em> Mann +wenigstens dagegen verwahrt, diese Schandbuden gut +zu heißen. Das Ausland möge erfahren, daß die +<em class="gesperrt">deutsche Nation</em> unschuldig ist an diesem Werk, und +keinen Silberling von dem Blutgeld verlangt, das es +einzelnen Fürsten einbringen mag. Hammerschlag +auf Hammerschlag folge auf das Gewissen der Vertreter +deutscher Nation, bis sie endlich wach gerüttelt +werden – sie sollen sich wenigstens nicht beklagen +dürfen, daß man sie nicht geweckt hätte.</p> + +<p>Hamilton dachte freilich an nichts derartiges, als +er das hell erleuchtete Portal betrat, an welchem ein +gallonirter Portier und ein sehr einfach gekleideter +Polizeidiener – zur Wache, daß das heilige Spiel +nicht etwa gestört würde – auf Posten standen. Der +Portier wollte übrigens Schwierigkeiten machen, als +er Hamiltons hellen Rock sah – er schien ihm für die +Spielhölle nicht anständig genug gekleidet, aber neben +ihm schritt eine bis auf den halben Busen decoltirte +Französin frech vorüber, welcher der Lakai eine tiefe, +ehrfurchtsvolle Verbeugung machte. Hamilton wußte +<a class="pagenum" name="page_215" title="215"> </a> +indessen, welchen Zauber in einem solchen Fall ein +Guldenstück ausüben würde, und der augenblicklich +zahm gewordene Portier schmunzelte auch so vergnügt +darüber hinweg, daß seinem Eintritt nichts weiter im +Wege stand.</p> + +<p>Wenige Secunden später befand er sich, von dem +jetzt dienstbaren Geist willig geleitet, im Lesecabinet, +aus dem eine Thür unmittelbar in den großen Spielsaal +führte.</p> + +<p>Dort saßen nur ihm vollkommen fremde Menschen, +ein langbeiniger Engländer, der gewissenhaft +die Times durcharbeitete, ein kleiner beweglicher +Franzose, der über dem Charivari schmunzelte, und +ein Paar andere Badegäste, die gleichgültig und aus +Langeweile die verschiedenen continentalen Zeitungen +durchblätterten.</p> + +<p>Er hielt sich dort nicht auf und öffnete die Thür, +die in den Spielsalon führte, aber anfangs nur halb, +um erst einen Ueberblick über die verschiedenen Gestalten +zu gewinnen, und nicht früher gesehen zu werden, +als er selber sah. Aber es hätte dieser Vorsicht +nicht einmal bedurft, denn die dort Befindlichen hatten +nur Ohr für den monotonen Ruf des Croupiers, nur +Auge für den grünen Tisch, und die darauf genähten +bunten Lappen. Wer kümmerte sich von allen denen +<a class="pagenum" name="page_216" title="216"> </a> +um den einzelnen Fremden, wenn er nicht selber als +stark Spielender – mit Glück oder Unglück blieb sich +gleich – ihr Interesse für einen Augenblick in Anspruch +nahm.</p> + +<p>Hamilton trat an die Spieler dicht hinan, um die +einzelnen Gesichter derselben mustern zu können – +aber er fand kein bekanntes darunter. Es war ein +buntes Gemisch von leidenschaftlich erregten, abstoßenden +Physiognomien, unter denen sich nur hie und da +die kalten speculirenden Züge alter abgefeimter, und +ruhig ihre Zeit abwartender Spieler, auszeichneten. +Auch viele »Damen« standen dicht von den Uebrigen +gedrängt am Tisch, wenn solche Frauenzimmer den +Namen von Damen überhaupt verdienen. Eine von +diesen saß sogar neben dem Croupier – es war der +Lockvogel der Gesellschaft, ein junges, üppiges Weib, +tief decoltirt, mit dunklen vollen Locken und reichem +Brillantschmuck; andere drängten, jede Weiblichkeit +bei Seite lassend, zwischen die ihnen nur unwillig +Raum gebenden Zuschauer hinein, um ihr Geld in +wilder Hast auf eine Nummer zu schieben.</p> + +<p>Hamiltons Blick streifte gleichgültig darüber hin, +und wie er sich langsam selber um den Tisch bewegte, +entging kein irgendwo eingeschobener Kopf seinem +forschendem Auge. Da hörte er auch in einem kleineren +<a class="pagenum" name="page_217" title="217"> </a> +Nebenzimmer das Klimpern des Geldes und die +monotonen Worte: »<i>le jeu est fait</i>« – denen lautlose +Stille folgte, und wollte eben auch jenes Gemach +betreten, als er wie festgewurzelt auf der Schwelle +blieb, denn <em class="gesperrt">dort</em> stand Kornik – bleich wohl jetzt, von +der Erregung des Spiels, und mit gierigem Blick an +der abgezogenen Karte hängend – aber unverkennbar +derselbe, mit dem er an jenem Tag gefahren. Er +hatte es auch nicht einmal für nöthig gehalten, den +verrätherischen Schnurrbart abzurasiren, oder sein +Haar anders zu tragen, er mußte sich heute Abend +hier vollkommen sicher fühlen. Nur die blaue Brille +fehlte.</p> + +<p>Im ersten Moment fürchtete Hamilton fast sich +zu bewegen, daß nicht der Blick des Verbrechers ihn +vor der Zeit traf. Aber es war das eine vollkommen +nutzlose Angst, denn der <em class="gesperrt">Spieler</em> hatte nur Augen +für die vor ihm abgezogenen Karten – weiter existirte +in diesem Moment keine Welt für ihn. Vorsichtig zog +sich der Polizeiagent deshalb wieder zurück, bis er sich +im Nebenzimmer gedeckt wußte, schritt dann durch den +Saal und auf den dort stationirten Polizeidiener zu.</p> + +<p>Mit wenigen Worten machte er diesem auch begreiflich +was er wollte – derartige kleine Zwischenfälle +kamen gar nicht etwa so selten in diesen Spielhöllen +<a class="pagenum" name="page_218" title="218"> </a> +vor – und überraschte dabei den Portier auf +das angenehmste, indem er ihm zwei große Silberstücke +– er sah gar nicht nach, was – in die Hand +drückte, mit dem Auftrag, so rasch als irgend möglich +Polizeimannschaft zur Hülfe herbeizuholen. Die befand +sich übrigens stets in der Nähe. Ein verzweifelter +Spieler hatte sich wohl schon dann und wann einmal, +zum Letzten und Aeußersten getrieben, an der +heiligen Kasse selber vergriffen und nachher sein Heil +in rascher Flucht gesucht, und dagegen mußten die +Herren freilich geschützt werden. Wenn auch ein +<em class="gesperrt">Raub</em>, war das Geld doch ein <em class="gesperrt">gesetzlich</em> gewonnener, +und die Regierung fühlte sich verpflichtet, dessen +Schutz zu überwachen.</p> + +<p>Hamilton traute indessen seinem Mann da drinnen +noch lange nicht genug, um ihn länger, als unumgänglich +nöthig war, sich selber zu überlassen; er +war ihm damals in Frankfurt auf zu schlaue Weise +durch die Finger geschlüpft, während er ihn eben so +sicher geglaubt wie gerade jetzt. Aber er selber kannte +die Leidenschaft des Spiels noch viel zu wenig, um zu +wissen, daß er in diesem einen viel sicheren Bundesgenossen +hatte, als in einem schönen Weibe, und als +er in Begleitung des Polizeidieners jenes Zimmer wieder +betrat, stand Kornik noch eben so fest und regungslos, +<a class="pagenum" name="page_219" title="219"> </a> +eben so nur in dem einen Gedanken der Karten absorbirt, +an seinem Tisch, wie er ihn vorhin verlassen.</p> + +<p>Der Polizeibeamte übereilte sich aber jetzt nicht +im geringsten. Er wußte, daß ihm sein Opfer nicht +mehr entgehen konnte, und hielt es für viel gerathener, +den Herrn nicht früher zu beunruhigen, als er der +herbeigerufenen Hilfe sicher war. Nur seine grüne +Brille nahm er ab.</p> + +<p>»Welcher ist es denn?« flüsterte ihm der dicht +hinter ihm gehende Polizeidiener zu. Hamilton machte +eine beschwichtigende Bewegung mit der Hand und +trat dann, von jenem gefolgt, an Kornik hinan. Er +stand jetzt so nahe bei ihm, daß seine Schulter die des +Polen berührte, der aber nicht daran dachte, auch nur +den Kopf nach ihm umzudrehen.</p> + +<p>Jetzt hatte derselbe gerade gewonnen; es standen +vielleicht 40 oder 50 Louisd'or auf dem grünen Tisch – +er ließ den Satz stehen, die Karten fielen und der Croupier +zog mit seiner hölzernen Schaufel das Gold ein.</p> + +<p>Mit einem leisen, zwischen den Lippen gemurmelten +Fluch schob sich Kornik seine Geldtasche vor, um +wahrscheinlich neue Summen auf die trügerischen +Blätter zu setzen, als er eine Hand auf seiner Schulter +fühlte und Hamilton mit ruhiger, aber absichtlich +lauter Stimme sagte:</p> + +<p><a class="pagenum" name="page_220" title="220"> </a> +»Sie sind mein Gefangener, im Namen der +Königin.«</p> + +<p>Der Pole wandte ihm jetzt rasch und erschreckt sein +Antlitz zu und Leichenblässe deckte im Nu seine Züge, +als er das nur zu wohl gemerkte Gesicht des Mannes +aus Frankfurt neben sich sah. Aber auch nicht für +ein Moment verlor er seine Geistesgegenwart, und dem +Blick desselben kalt und ruhig begegnend, sagte er:</p> + +<p>»Das Spiel hat Ihnen wohl den Verstand verwirrt +– stören Sie mich nicht,« und in die Geldtasche +greifend, wollte er, ohne den Fremden weiter zu +beachten, sich wieder über den Tisch beugen, als sich +Hamilton aber, seiner Sache zu gewiß, an den Polizeidiener +wandte und sagte:</p> + +<p>»Verhaften Sie den Herrn – ich werde Sie +augenblicklich auf das Bureau begleiten.«</p> + +<p>»Keine Störung hier, meine Herren, wenn ich +bitten darf,« rief plötzlich ein kleines hageres Männchen, +das schon bei den ersten Worten an den Spieltisch +getreten war. »Wenn Sie etwas mit einander +auszumachen haben, ersuche ich Sie, in ein Nebenzimmer +zu treten.«</p> + +<p>»Ich werde <em class="gesperrt">Sie</em> nicht um Erlaubniß fragen, +wenn ich Ihre Wirthschaft hier für einen Augenblick +unterbreche,« sagte Hamilton trotzig – »ich habe +<a class="pagenum" name="page_221" title="221"> </a> +ein Recht diesen Mann zu verhaften, wo ich ihn finde.«</p> + +<p>»Dann führen Sie ihn ab, Polizeidiener,« sagte +der Kleine in seinem braunen Rock ruhig – »oder ich +mache Sie für jede Unordnung hier verantwortlich.«</p> + +<p>»Ich habe mit den Herrn nichts zu thun,« rief +der Pole trotzig, »was wollen Sie von mir? – lassen +Sie mich los.«</p> + +<p>Eine Anzahl von Menschen sammelte sich um die +beiden, und die Spieler zogen ihr Geld ein, weil sie +vielleicht einen Kampf und dadurch die Sicherheit +ihrer Bank gefährdet fürchteten, denn es gab leider +eine Menge von Menschen, die das dort aufgethürmte +Geld für <em class="gesperrt">gestohlen</em> hielten, und sich wenig Gewissen +daraus gemacht hätten, es fortzuraffen.</p> + +<p>»Bitte, meine Herren, gehen Sie in ein Nebenzimmer,« +drängte aber jetzt nochmals der kleine Braune, +»Sie sind dort vollkommen ungestört – Jean, Bertrand +hierher – sorgen Sie für Ordnung.«</p> + +<p>Der Pole warf den Blick umher; er sah sich +augenscheinlich nach einem Weg zur Flucht um, aber +Hamiltons Hand hatte seinen Arm wie eine Schraube +gefaßt und der Polizeiagent sagte mit leiser, aber +drohender Stimme:</p> + +<p>»Es hilft Ihnen nichts. Flucht ist für Sie unmöglich. +<a class="pagenum" name="page_222" title="222"> </a> +Sie sind mein Gefangener; ergeben Sie +sich gutwillig, Sie haben keinen Ausweg mehr, und +Wiederstand kann Ihre Lage nur verschlimmern.«</p> + +<p>Es war einen Augenblick, als ob sich der Pole +den drohenden Worten nicht fügen wolle, und fast unwillkürlich +zuckte er mit der Hand empor. Aber ein +umhergeworfener Blick mußte ihn überzeugen, daß er +mit Gewalt nichts ausrichten könne, denn eine Menge +von Neugierigen, die sich im benachbarten Salon +umhergetrieben, hörten kaum die in einem Spielsaal +ganz ungewohnten, lauten Stimmen, als sie hereindrängten, +und den einzigen Ausgang vollständig verstopften.</p> + +<p>Der eine Blick genügte, und verächtlich lächelnd +aber mit voller Ruhe sagte der Mann:</p> + +<p>»Hier herrscht jedenfalls ein Irrthum. Ich bin +Graf Kornikoff, hier ist mein russischer Paß, und ich +stelle mich damit unter den Schutz unseres Gesandten. +Nassau ist mit dem russischen Thron verwandt und +wird dessen Unterthanen nicht ungestraft beleidigen +lassen.«</p> + +<p>Mit den Worten nahm er ein Papier aus seiner +Brusttasche und hielt es Hamilton vor.</p> + +<p>»Es kann sein,« sagte dieser, »daß Ihr Paß in +Ordnung ist. Die gefährlichsten Charaktere haben +<a class="pagenum" name="page_223" title="223"> </a> +gewöhnlich die besten Pässe. In dem Falle werden +Sie sich aber um so weniger weigern mir zu folgen, +da ich bereit bin, Ihnen vollständige Genugthuung +zu geben, wenn ich Sie ohne hinreichenden Grund +verhaftet habe. Die Herren hier werden mir aber +zugeben, daß man, auch selbst mit einem guten Paß +versehen, doch stehlen kann, und auf die Klage eines +Diebstahls verhafte ich Sie hiermit.«</p> + +<p>»Gut denn, führen Sie ihn fort und übernehmen +dabei die Verantwortung für alle Folgen,« sagte der +kleine Herr mit dem braunen Rock ungeduldig – +»aber Sie sehen doch ein, daß Sie hier das Spiel +und Vergnügen völlig dabei unbetheiligter Herren +und Damen nicht länger stören dürfen. Herr Polizeicommissar, +ich bitte Sie, daß Sie diesem Unfug +ein Ende machen, oder ich werde mich morgen ernstlich +bei der Behörde deshalb beklagen.«</p> + +<p>Der Polizeicommissar war in der That herbeigekommen, +und Hamilton, der ihn an seiner Uniform +erkannte, frug ihn leise:</p> + +<p>»Wer ist denn dieser kleine Tyrann?«</p> + +<p>»Einer der Spielpächter,« sagte der Mann mit +einem verächtlichen Blick auf den Braunen, und +setzte dann laut hinzu, »beklagen Sie sich bei wem +Sie wollen, Monsieur, Sie werden uns aber hier +<a class="pagenum" name="page_224" title="224"> </a> +wohl noch erlauben, unsere Schuldigkeit zu thun, +selbst <em class="gesperrt">wenn</em> Ihre achtbare Gesellschaft einen Augenblick +gestört werden solle. Und Sie, mein Herr,« +wandte er sich an den Gefangenen, »folgen Sie uns +jetzt auf das Bureau – ich werde die Sache dort +untersuchen.«</p> + +<p>»Sie werden mir bezeugen, daß ich nicht den geringsten +Wiederstand geleistet habe,« sagte der Pole +ruhig – »kommen Sie, meine Herren. Ich wünsche +noch an dem Spiel hier Theil zu nehmen, und je +eher wir diese fatale Sache beendigen, desto besser.«</p> + +<p>Damit wandte er sich entschlossen dem Ausgang +zu – die Leute gaben ihm Raum und wenige Secunden +später standen sie am Ausgang des Kurhauses.</p> + +<p>»Es wäre besser, wir legten ihm Handschellen an,« +sagte Hamilton, sich zu dem Polizeicommissar überbiegend.</p> + +<p>»Er kann uns hier nicht entschlüpfen,« erwiederte +dieser kopfschüttelnd – »und ich möchte keine Gewaltmaßregeln +gebrauchen, bis ich die Sache näher untersucht +habe.«</p> + +<p>Der Pole schritt ruhig und festen Schrittes zwischen +zwei Polizisten dahin – dicht hinter ihm folgte +Hamilton mit dem Commissar, und eine Anzahl von +Neugierigen schloß sich dem Zuge an, um zu sehen, +<a class="pagenum" name="page_225" title="225"> </a> +was die Sache für ein Ende nähme. So schritten sie +langsam durch den Kurgarten dem kleinen viereckigen +Regierungsgebäude zu, das dicht an der Brücke liegt, +und der Gefangene schien selber nichts sehnlicheres zu +wünschen, als diese Scene bald zu Ende gebracht zu +sehen.</p> + +<p>»Haben wir noch weit?« frug er einen der ihn +escortirenden Leute.</p> + +<p>»Oh bewahre,« sagte dieser, indem er mit dem +ausgestreckten Arm auf das vor ihnen liegende Gebäude +zeigte, »das ist das Haus.« In demselben Moment +stieß er aber auch einen Schrei aus, denn ein schwerer +Schlag, jedenfalls mit einem sogenannten »<i>life preserver</i>« +geführt, schmetterte ihn bewußtlos zu Boden, +während der Gefangene mit flüchtigen Sätzen über +die schmale Brücke hinüber eilte.</p> + +<p>Aber er hatte flüchtigere Füße hinter sich. Wie +ein Tiger auf seine Beute, so schoß Hamilton hinter +ihm drein, und noch ehe er das Ende der Brücke erreichte, +streckte er schon den Arm aus, um ihn am +Kragen zu packen. Da wandte sich der zur Verzweiflung +getriebene Verbrecher, und einen Revolver vorreißend, +drückte er ihn gerade auf die Brust seines +Verfolgers ab.</p> + +<p>Hamilton wäre verloren gewesen, aber zu seinem +<a class="pagenum" name="page_226" title="226"> </a> +Glück versagte die Schußwaffe, und ehe Kornik zum +zweiten Male abdrücken konnte, schmetterte ihn der +Schlag des Polizeimanns zu Boden. Aber selbst +damit begnügte sich dieser nicht, und mit einer ganz +außerordentlichen Gewandtheit faßte er ihm beide +Hände, legte sie zusammen und wenige Secunden +später knackten die vortrefflichen Darbies oder Handschellen +in ihr Schloß und er wußte jetzt, daß er seinen +Gefangenen sicher hatte.</p> + +<p>»Alle Wetter,« sagte der nachkeuchende Polizeicommissar, +»das war doch gut, daß Sie schneller laufen +konnten.«</p> + +<p>»Wenn Sie <em class="gesperrt">meinem</em> Rath gefolgt wären, konnte +uns das erspart werden,« meinte Hamilton finster, +»denn ich verdanke mein Leben jetzt nur einem schlechten +Zündhütchen.«</p> + +<p>»Er hat schießen wollen?«</p> + +<p>»Dort liegt der Revolver – Sie sehen, daß Sie +es hier mit einem gefährlichen Verbrecher zu thun +haben.«</p> + +<p>»Da wollen wir ihn doch lieber binden.«</p> + +<p>»Bitte, bemühen Sie sich nicht weiter – er ist +fest und sicher. Sein Sie nur so gut und lassen ihn +jetzt durch Ihre Leute in festen Gewahrsam bringen.«</p> + + + + +<h3>VII.<a class="pagenum" name="page_227" title="227"> </a><br /> + +<b>Die gerettete Unschuld.</b></h3> + + +<p>Mr. Burton befand sich an dem Morgen in einer +fast fieberhaften Aufregung, denn wie er schon lange +jeden Glauben an die Mitschuld des armen – oh so +wunderbar schönen Weibes abgeschüttelt hatte, gingen +ihm andere Pläne wild und wirr durch den Kopf. +Immer aufs neue malte er sich den Augenblick aus, +wo er sie in seinem Arm gehalten, wo seine Lippen +zum ersten Mal in Angst und Liebe die ihrigen +berührt, und nur der Gedanke quälte ihn noch, in +welchem Verhältniß sie zu dem unwürdigen Menschen +gestanden haben, wie sie mit ihm bekannt werden +konnte. Hatte er sie unter seinem falschen Namen +getäuscht? – ihrer Familie heimlich vielleicht entführt? +– alle ihre Klagen schienen darauf hinzudeuten, wie +verworfen mußte er dann – wie elend sie, die arme +Unschuldige, Verrathene sein? und war es da nicht +seine Pflicht, – wo er wenn auch selber unschuldiger +Weise, all diesen Jammer über sie gebracht – ihr +auch wieder zu helfen so gut er konnte? Er schien +fest entschlossen, und von dem Augenblick an fühlte er +sich auch wieder ruhiger und zufriedener.</p> + +<p>James Burton, kaum zum Mannesalter herangereift, +<a class="pagenum" name="page_228" title="228"> </a> +war ein seelensguter Mensch mit weichem, für +alles Gute und Schöne leicht empfänglichem Herzen. +Er hatte dabei – in den glücklichsten und unabhängigsten +Verhältnissen erzogen – noch nie Gelegenheit +bekommen, den Täuschungen und Wiederwärtigkeiten +des Lebens zu begegnen. Weil er selber gut und ohne +Falsch war, hielt er alle Menschen für eben so +rechtlich und brav, und selbst an Korniks Schuld +hatte er so lange nicht glauben mögen, bis auch der +letzte Zweifel zur Unmöglichkeit wurde. Wie leicht +vertraute er da diesen lieben treuen Augen – wie +glücklich fühlte er sich selbst, daß es <em class="gesperrt">ihm</em> verstattet +gewesen, jenem holden Wesen den Schmerz und die +furchtbare Seelenqual erspart zu haben, von dem +zwar geschickten und tüchtigen, aber auch vollkommen +rücksichtslosen Polizeimann examinirt zu werden. Er +schämte sich jetzt fast vor sich selber, daß er ihr auch +nur verstattet hatte, ihren Koffer auszupacken – wie +niedrig mußte sie von ihm denken! – aber er war ja +auch gar nicht im Stande gewesen, sie daran zu verhindern, +so leidenschaftlich erregt zeigte sie sich nur +bei der Möglichkeit eines Verdachts. Aber natürlich +– wenn er <em class="gesperrt">sich</em> in <em class="gesperrt">ihre</em> Stelle dachte, würde er +genau so gehandelt haben.</p> + +<p>Die Stunde, die sie erbeten hatte, um sich nur +<a class="pagenum" name="page_229" title="229"> </a> +von den ersten furchtbaren Eindrücken der über sie hereingebrochenen +Catastrophe zu sammeln, verging ihm +in diesen Gedanken rascher, als er es selbst geglaubt. +Gewissenhaft aber bis zur letzten Minute ausharrend, +stieg er dann wieder zu ihr hinab, klopfte leise an, +und sah sich dem zauberischen Wesen noch einmal +gegenüber.</p> + +<p>Zeit zum Aufräumen schien sie allerdings noch +nicht gefunden zu haben, denn die umhergestreuten +Sachen der beiden Koffer lagen noch immer so wild +und wirr durch einander, wie er sie verlassen hatte. +Aber wer mochte ihr das verdenken? Auch in ihrem +leichten, reizenden Morgenanzug war sie noch; – +wenn unsere Seele zerrissen ist, wie können wir da an +den Körper denken?</p> + +<p>Trotzdem schien sie sich gesammelt zu haben. Sie +sah etwas bleich aus, aber sie war ruhiger geworden, +und dem Eintretenden lächelnd die Hand entgegenstreckend, +sagte sie herzlich:</p> + +<p>»Oh wie danke ich Ihnen, daß Sie, um den ich +es wahrlich nicht verdient habe, mir diese zarte +Rücksicht gezeigt. In dem Gedanken fand ich auch +allein meinen Trost, daß Gott mich doch noch nicht +verlassen haben könnte, da er <em class="gesperrt">Sie</em> mir zugeführt.«</p> + +<p><a class="pagenum" name="page_230" title="230"> </a> +»Verehrte – <em class="gesperrt">liebe</em> Frau,« sagte Burton bewegt, +»sein Sie unbesorgt. Wenn auch in einem fremden +Lande, steht Ihnen doch jetzt ein Landsmann zur Seite, +und ich habe mir nur erlaubt, Sie jetzt noch einmal +zu stören, um mit Ihnen gemeinschaftlich zu berathen, +welche Schritte wir am besten thun können, um – +das Geschehene gerade nicht ungeschehen zu machen, +das ist nicht möglich, aber Sie doch jedenfalls aus +einer Lage zu befreien, die Ihrer unwürdig ist. Um +mir das zu erleichtern, muß ich Sie aber bitten, mir +Ihr <em class="gesperrt">volles</em> Vertrauen zu schenken. Nur dann bin ich +im Stande die Maßregeln zu ergreifen, die für Sie +die zweckmäßigsten sein würden. Daß es dabei nicht +an meinem guten Willen fehlt, davon können Sie sich +versichert halten.«</p> + +<p>»Mein <em class="gesperrt">volles</em> Vertrauen soll Ihnen werden,« +sagte die junge Frau, leicht erröthend – »aber bitte, +setzen Sie sich zu mir, Sie sollen alles erfahren – +und nun,« fuhr sie fort, während sich Burton neben +ihr auf dem Canapé niederließ, indem sie ihre Hand +auf seinen Arm legte – »erzählen Sie mir vorher +ausführlich, wie Sie dem Verbrecher auf die Spur +gekommen sind, und welche Hoffnung Sie jetzt haben, +ihn seiner Strafe zu überliefern. Es ist das Einzige +jetzt, worauf ich hoffen kann, daß sein Geständniß +<a class="pagenum" name="page_231" title="231"> </a> +Ihnen beweisen muß, wie doppelt nichtswürdig er an +mir selber dabei gehandelt.«</p> + +<p>»Aber, verehrte Frau,« sagte Burton etwas verlegen +– »schon vorher theilte ich Ihnen alles mit, +und der Eindruck, den die traurige Erzählung auf +Sie machte –«</p> + +<p>»Vorher,« sagte die junge Frau – »und in der +entsetzlichen Aufregung, in der ich mich befand, tönten +die Worte nur wie Donnerschläge an mein Ohr – +ich begriff wohl ihre Furchtbarkeit, aber nicht ihren +Sinn und vieles ist mir dabei unklar geblieben – +besonders, welche Spur Sie <em class="gesperrt">jetzt</em> von dem Verbrecher +haben, daß Sie hoffen können ihn einzuholen, und +wer der Herr ist, der ihn verfolgt.«</p> + +<p>Der Bitte, während <em class="gesperrt">diese</em> Augen so treu und +vertrauend in die seinen schauten, konnte Burton +nicht wiederstehen. Es war ihm dabei sogar Bedürfniß +geworden, sich – ihr gegenüber – seines bisherigen +eigenen Verhaltens wegen zu rechtfertigen, +wobei er hervorhob, daß er mit der Verfolgung der +Dame eigentlich gar nichts zu thun und Lady Clive +im Leben nicht gesprochen habe, noch persönlich kenne. +Auch von dem Schmuck selber wußte er nichts, als +was ihm Hamilton darüber beiläufig mitgetheilt.</p> + +<p>»Und jetzt?« frug die junge Dame weiter, die der +<a class="pagenum" name="page_232" title="232"> </a> +Erzählung mit der gespanntesten Aufmerksamkeit gefolgt +war – »wo jener Betrüger – dem Gott verzeihen +möge, was er an mir gethan, und wie er mich +<em class="gesperrt">doppelt</em> verrathen hat – wo jener Betrüger geflohen ist, +haben Sie noch Hoffnung, ihn wieder zu ereilen?«</p> + +<p>»Allerdings,« sagte Burton – »Mr. Hamilton, +mein Begleiter, ist einer der schlauesten und gewandtesten +Detectivs Englands. Er spricht drei oder vier +verschiedene fremde Sprachen, und hat schon daheim +die scheinbar unmöglichsten Dinge ausgeführt. Dieser +Kornik hatte außerdem viel zu kurzen Vorsprung, um +mich nicht fest glauben zu machen, daß ihn Hamilton +ereilt, da er noch dazu die unbegreifliche Unvorsichtigkeit +beging, von hier mit Extrapost zu fliehen. Wir +finden das aber so oft im Leben, daß schlechte Menschen +irgend ein Verbrechen mit der größten und raffinirtesten +Schlauheit ausführen, und jede Kleinigkeit, +jeden möglichen Zufall dabei berücksichtigen, und +nachher, wenn ihnen alles nach Wunsch geglückt, sich +selber auf die plumpste Weise dabei verrathen.«</p> + +<p>»Aber ehe er ihn eingeholt hat, kehrt er nicht +hierher zurück?«</p> + +<p>»Ich glaube kaum,« sagte Mr. Burton, »doch +fehlt mir darüber jede Gewißheit. Er wird mir unter +allen Umständen in der nächsten Zeit schon telegraphiren, +<a class="pagenum" name="page_233" title="233"> </a> +denn ich habe ihm versprechen müssen, hier zu +bleiben, bis er zurückkehrt.«</p> + +<p>»Und glauben Sie, daß er den Verbrecher, wenn +er ihn einholen sollte – mit hierher bringt?«</p> + +<p>»Ich zweifle kaum – aber auch darüber bin ich +nicht im Stande, Ihnen eine bestimmte Auskunft zu +geben. Nur davon dürfen wir überzeugt sein, daß Mr. +Hamilton alles in der praktischsten Weise ausführen +wird, denn er versteht sein Fach aus dem Grunde. +<em class="gesperrt">Hat</em> er die Spur gefunden, so ist Mr. Kornik auch +verloren.«</p> + +<p>Es schien fast, als ob die junge Dame um einen +Schatten bleicher wurde – und wer konnte es ihr +verdenken, daß ihr die Erinnerung an den Mann, der +sie so furchtbar hintergangen, entsetzlich war? Endlich +sagte sie leise:</p> + +<p>»Wenn sich das alles bestätigt, was Sie mir erzählt, +verehrter Herr – und ich kann kaum mehr +daran zweifeln, dann <em class="gesperrt">verdient</em> er die Strafe, die ihn +erreichen wird, im vollem Maße. Aber wie er auch +<em class="gesperrt">Ihr</em> Haus betrogen und hintergangen haben mag, es +ist nichts im Vergleich mit dem, was er an mir und +meinem zukünftigen Leben verbrochen.«</p> + +<p>»Aber wie konnte er Sie so lange täuschen?« frug +Burton und erröthete dabei fast selber über die Frage.</p> + +<p><a class="pagenum" name="page_234" title="234"> </a> +»Du lieber Gott,« seufzte die Unglückliche – +»was weiß ein armes unerfahrenes Mädchen von der +Welt? Er kam in meiner Eltern Haus, in das ihn +zuerst mein Bruder eingeführt – es mögen jetzt zwei +Monate sein – und sein offenes, heiteres Wesen +gewann ihm mein Herz – sein angemaßter Rang +schmeichelte meiner Eitelkeit. Er erzählte mir dabei +von seinen Gütern in Polen, und wie glücklich – wie +selig ihn mein Besitz machen würde, und ich – war +schwach genug, es ihm zu glauben. Aber mein Vater +verweigerte seine Einwilligung. Er kannte die Menschen +besser, als seine thörichte Jenny. Er verlangte +von Kornikoff den Ausweis eines hinreichenden Vermögens +sowohl, wie die Erlaubniß seiner eigenen +Eltern zu unserer Verbindung, und dieser, ungeduldig +und stürmisch, drang in mich, mit ihm zu fliehen.«</p> + +<p>Jenny barg beschämt ihr Antlitz in ihren Händen +und James Burton hörte der Erzählung mit einiger +Verlegenheit schweigend zu. Er hätte das liebliche +Wesen so gern getröstet, aber es fielen ihm in diesem +Augenblick um die Welt keine passenden Worte dafür +ein und es entstand dadurch eine kurze peinliche Pause. +Endlich fuhr die junge Frau, aber jetzt tief erröthend, +fort:</p> + +<p>»Schon unterwegs fing ich an, an dem Charakter +<a class="pagenum" name="page_235" title="235"> </a> +meines Bräutigams zu zweifeln. Wir entkamen glücklich +auf einem Dampfer, der nach Hamburg bestimmt +war, und er hatte mir versprochen, daß jenes Fahrzeug +in Helgoland anlegen würde, wo wir uns trauen +lassen könnten – aber es legte nicht an, und in Hamburg, +wo er ausging, um einen Geistlichen zu suchen, +wie er sagte, kehrte er ebenfalls unverrichteter Sache +zurück, versicherte mich aber, er habe bestimmt gehört, +daß wir hier in Frankfurt – einer freien deutschen +Stadt – unser Ziel leicht erreichen könnten. Ich +folgte ihm auch hierher – immer noch als Braut – +nicht als Gattin« – setzte sie mit leiser, kaum hörbarer +Stimme hinzu – »und ich danke jetzt Gott, daß +ich standhaft blieb und meinem guten Engel mehr +folgte als jenem Teufel.«</p> + +<p>Es wäre unmöglich, die Gefühle zu schildern, die +James Burtons Seele bei dieser einfachen und doch +so ergreifenden Erzählung bestürmten; sein Herz schlug +hörbar in der Brust, und fast seiner selbst unbewußt, +ergriff er mit zitterndem Arm die Hand seiner Nachbarin, +die sie ihm willenlos überließ.</p> + +<p>»Gott sei Dank,« flüsterte er endlich mit bewegter +Stimme – »so brauche ich mir auch länger keine +Vorwürfe zu machen, denn unser Erscheinen hier war +ja dann nur zu Ihrem Heil.«</p> + +<p><a class="pagenum" name="page_236" title="236"> </a> +»<em class="gesperrt">Ihnen</em> verdanke ich meine Rettung,« sagte da +Jenny herzlich, und wie sie sich halb dabei zu ihm überbog, +umfaßte er mit seinem Arm die bebende Gestalt des +Mädchens. Aber nicht einmal auf ihre Stirn wagte +er einen Kuß zu drücken, aus Furcht sie zu beleidigen, +und sich gewaltsam aufrichtend, rief er leidenschaftlich +bewegt aus:</p> + +<p>»Dann ist auch noch alles, alles gut. Trocknen +Sie Ihre Thränen, mein liebes, liebes Fräulein – +die Versöhnung mit Ihren Eltern übernehme ich – +übernimmt mein Vater, Sie kehren zu ihnen zurück +und die Erinnerung an das Vergangene soll eine +fröhliche Zukunft Sie vergessen machen.«</p> + +<p>»Und auch Sie wollen nach England zurück?« +frug rasch die junge Fremde.</p> + +<p>»Gewiß,« rief Burton – »sobald ich nur Nachricht +von Hamilton habe. Aber noch heute schreibe +ich nach Haus – wie heißen Ihre Eltern, mein bestes +Fräulein – was ist Ihr Vater? Halten Sie diese +Fragen nicht für bloße Neugierde; es giebt keinen +Menschen auf der Welt, der jetzt ein innigeres Interesse +an Ihnen nähme, als ich selber.«</p> + +<p>»Mein Vater,« sagte Jenny leise, »ist Geistlicher, +der Reverend Benthouse in Islington. Vielleicht ist +Ihnen der Name bekannt. Er hat viel geschrieben.«</p> + +<p><a class="pagenum" name="page_237" title="237"> </a> +»Das nicht,« sagte Hamilton erröthend, »denn ich +muß leider zu meiner Schande bekennen, daß ich mich +bis jetzt, und in jugendlichem Leichtsinn weniger mit +einer religiösen Lectüre befaßt habe, als ich vielleicht +gesollt – aber erlauben Sie, daß ich mir den Namen +notire – und jetzt,« sagte er, als er sein Taschenbuch +wieder einsteckte, »verlasse ich Sie. Wir dürfen den +müßigen Leuten hier im Hotel Nichts zu reden geben +– schon Ihrer selbst wegen, aber Sie sollen von nun +an auch nicht mehr allein sein. Ich werde augenblicklich +ein Kammermädchen für Sie engagiren, die +Ihnen zugleich Gesellschaft leisten kann. Junge Mädchen, +der englischen Sprache mächtig, sind gewiß +genug in Frankfurt aufzutreiben; der Wirth kann +mir da jedenfalls Auskunft geben. Keine Widerrede, +Miß,« setzte er lächelnd hinzu, als sie sich – wie es +schien mit dem Plan nicht ganz einverstanden zeigte +– »Sie stehen von nun an, bis ich Sie Ihren Eltern +wieder zurückführen kann, unter <em class="gesperrt">meinem</em> Schutz, +und da müssen Sie sich schon eine kleine Tyrannei +gefallen lassen.«</p> + +<p>»Aber wie kann ich Ihnen das, was Sie jetzt an +mir thun, nur je im Leben wieder danken,« sagte das +junge Mädchen gerührt – »womit habe ich das alles +verdient?«</p> + +<p><a class="pagenum" name="page_238" title="238"> </a> +»Durch Ihr Unglück,« erwiederte Burton herzlich, +indem er ihre Hand an seine Lippen hob, und +wenige Minuten später fand er sich schon unten mit +dem Wirth in eifrigem Gespräch, um eine passende +und anständige Person herbeizuschaffen.</p> + +<p>Das ging auch in der That weit rascher, als er +selber vermuthet hatte. Ganz unmittelbar in der +Nähe des Hotels wohnte ein junges Mädchen, die +schon einige Jahre in England zugebracht und – wenn +sie sich auch nicht auf längere Zeit binden konnte, +doch gern erbötig war, die Stelle einer Gesellschafterin +für kurze Zeit zu übernehmen. Mr. Burton führte +sie selber der jungen Dame zu, und Elisa zeigte sich +als ein so liebenswürdiges, einfaches Wesen, daß ein +Zurückweisen derselben zur Unmöglichkeit wurde.</p> + + + + +<h3>VIII.<br /> + +<b>Hamiltons Rückkehr.</b></h3> + + +<p>Den übrigen Theil des Tages verbrachte James +Burton in einer unbeschreiblichen Unruhe, denn immer +und immer war es ihm, als wenn er bei seiner jungen +Schutzbefohlenen nachfragen müsse, ob ihr nichts +fehle, ob sie nicht noch irgend einen Wunsch habe, den +er ihr befriedigen könne, und ordentlich mit Gewalt +<a class="pagenum" name="page_239" title="239"> </a> +mußte er sich davon zurückhalten, sie nicht weiter zu +belästigen.</p> + +<p>Am allerliebsten hätte er auch in der Stadt eine +Unmasse von Sachen für sie eingekauft, um sie zu +zerstreuen oder ihr eine Freude zu machen. Aber das +ging doch unmöglich an, denn das hätte jedenfalls ihr +Zartgefühl verletzt – er durfte es nicht wagen. Eine +ordentliche Beruhigung gewährte es ihm aber, zu +wissen, daß das arme verlassene Wesen jetzt jemand habe, +gegen den es sich aussprechen konnte, und er begnügte +sich an dem Tage nur einfach damit, die Hälfte der +Zeit vollkommen nutzlose Fensterpromenade zu machen, +denn es ließ sich dort niemand blicken, und die andere +Hälfte unten im Haus und auf der Treppe auf und +ab zu laufen, um wenigstens ihre Thür anzusehen.</p> + +<p>Wenn er es sich auch noch nicht gestehen wollte, +so war er doch bis über die Ohren in seine reizende +Landsmännin verliebt.</p> + +<p>Am nächsten Morgen war er allerdings zu früher +Stunde wieder auf, aber erst um zwölf Uhr +wagte er es, sich zu erkundigen, wie Miß Benthouse +geschlafen hätte.</p> + +<p>Sie empfing ihn mit einem freundlichen Lächeln, +aber – sie sah nicht so wohl aus wie gestern. Ihre +Wangen waren bleicher, ihre Augen zeigten, wenn +<a class="pagenum" name="page_240" title="240"> </a> +auch nur leicht schattirte Ringe – sie schien auch zerstreut +und unruhig und Burton, voller Zartgefühl, +glaubte darin nur eine Andeutung zu finden, daß sie +allein zu sein wünsche und empfahl sich bald wieder. +Vorher aber frug sie ihn noch, ob er keine Nachricht +von Mr. Hamilton erhalten habe, was er verneinen +mußte.</p> + +<p>Jetzt aber, mit der Furcht, daß sie erkranken könne +– und nach all den letzten furchtbaren Aufregungen +schien das wahrlich kein Wunder – wich er fast gar +nicht mehr von ihrer Schwelle, und der Portier selber, +der eigentlich alles wissen soll, wußte nicht aus +dem wunderlichen Fremden klug zu werden.</p> + +<p>Dieser ruhte auch nicht eher, bis er gegen Abend +die neue Gesellschafterin einmal auf dem Gange traf, +um sie nach dem Befinden der jungen Dame zu +fragen.</p> + +<p>»Sie scheint ungemein aufgeregt,« lautete die +Antwort derselben – »sie hat keinen Augenblick Ruhe, +und wohl zehn Mal schon gesucht mich fortzuschicken, +um allein zu sein. Sie ist jedenfalls recht leidend und +ich werde eine unruhige Nacht mit ihr haben.«</p> + +<p>»Mein liebes Fräulein,« sagte Burton, dadurch +nur noch viel mehr beunruhigt – »ich bitte Sie recht +dringend, sie nicht einen Augenblick außer Acht zu +<a class="pagenum" name="page_241" title="241"> </a> +lassen. Stoßen Sie sich nicht an das geringe Salär, +was Sie gefordert haben, es wird mir eine Freude +sein, Ihnen jede Mühe nach meinen Kräften zu vergüten.«</p> + +<p>»Ich thue ja gern schon von selber, was in meinen +Kräften steht,« sagte das junge Mädchen freundlich +– »die Dame wird gewiß mit mir zufrieden sein. +Verlassen Sie sich auf mich – ich werde treulich +über sie wachen.«</p> + +<p>So verging der Abend und nur noch einmal +schickte Miß Benthouse zu Mr. Burton hinüber, um +zu hören, ob er noch keine Nachricht bekommen habe. +Er mußte es wieder verneinen und wäre gern noch +einmal zu ihr geeilt, aber Elisa sagte ihm, daß sich die +junge Dame aufs Bett gelegt hätte, um besser ruhen +zu können, und er durfte sie da nicht stören.</p> + +<p>Es war zwölf Uhr geworden, und er wollte sich +eben zu Bett begeben, als es an seiner Thür pochte. +Er öffnete rasch, denn er fürchtete eine Botschaft, daß +sich Jennys Krankheitszustand verschlimmert hätte, +aber es war nur der Diener des Telegraphenamtes, +der ihm – unter dem Namen, mit dem er sich in das +Fremdenbuch eingetragen – eine Depesche brachte. +Sie mußte von Hamilton sein.</p> + +<p>Er hatte sich nicht geirrt. Sie enthielt die wenigen, +<a class="pagenum" name="page_242" title="242"> </a> +aber freilich gewichtigen Worte, von Ems aus +datirt:</p> + +<p>»Ich habe ihn – morgen früh komme ich – +Hamilton.«</p> + +<p>»Gott sei Dank,« rief Burton jubelnd aus, »jetzt +nehmen die Leiden dieses armen Mädchens bald ein +Ende.«</p> + +<p>Am nächsten Morgen ließ er sich schon in aller +Frühe erkundigen, wie Miss Benthouse geschlafen +hätte – sie schlief noch, und Elise kam selber heraus, +um ihm das zu sagen. Gern hätte er sie auch jetzt die +Nachricht wissen lassen, die er noch gestern Nacht durch +den Telegraphen bekommen, aber er fürchtete, das +durch eine Fremde zu thun – er wollte es ihr lieber +selbst sagen, wenn er sie um zwölf Uhr wieder besuchte.</p> + +<p>Um die Zeit bis dahin zu vertreiben, frühstückte +er unten und las die Zeitungen.</p> + +<p>So war endlich die lang ersehnte Stunde herangerückt, +und unzählige Mal hatte er schon nach der +Uhr gesehen. Er war in sein Zimmer gegangen, um +noch vorher Toilette zu machen und wollte eben hinuntergehen, +als es stark an seine Thür pochte, und auf +sein lautes »<i>Walk in</i>« – diese sich öffnete und <em class="gesperrt">Hamilton</em> +auf der Schwelle stand.</p> + +<p>»<i>Well Sir</i>,« lachte dieser, »<i>how are you?</i>«</p> + +<p><a class="pagenum" name="page_243" title="243"> </a> +»Mr. Hamilton,« rief Burton, fast ein wenig bestürzt +über die so plötzliche Erscheinung des Mannes. +»Schon wieder zurück? – das ist fabelhaft schnell gegangen.«</p> + +<p>»So? beim Himmel! Sie machen gerade ein Gesicht, +Sir, als ob es Ihnen zu schnell gegangen wäre,« +lächelte Hamilton. »Aber ich habe wirklich Glück +gehabt – die Einzelheiten erzähle ich Ihnen jedoch +später und nur für jetzt so viel, daß ich ihn in Ems +beim Spiel erwischte und ihn dort auch fest und sicher +sitzen habe. Mit Ausnahme von etwa zweitausend Pfund, +die er verreist oder verspielt, oder zum Theil +auch wohl hier seiner Donna zurückgelassen hat, +fand sich noch alles Geld glücklich bei ihm, was jetzt +unter Siegel bei den Gerichten deponirt ist – Apropos +– die Dame haben Sie doch noch hier?«</p> + +<p>»Allerdings,« sagte Burton etwas verlegen, »aber +Mr. Hamilton, mit der Dame –«</p> + +<p>»Machen wir natürlich keine Umstände,« unterbrach +ihn Hamilton gleichgültig, »und schaffen sie einfach +nach England zurück. Dort mögen die Gerichte +dann das saubere Pärchen confrontiren. Mr. Burton, +ich gebe Ihnen mein Wort, ich wäre meines Lebens +nie wieder froh geworden, wenn ich diesen Hauptlump, +diesen Kornik nicht erwischt hätte. Haben Sie +<a class="pagenum" name="page_244" title="244"> </a> +denn indessen bei der Person hier etwas gefunden, und +hat sie nicht auch etwa Lust gezeigt, durchzubrennen?«</p> + +<p>»Mein lieber Mr. Hamilton,« sagte Burton jetzt +noch verlegener als vorher – »ich habe – während +Sie abwesend waren, eine Entdeckung anderer Art +gemacht, die als ziemlich sicher feststellt, daß die – +junge Dame an der ganzen Sache vollkommen unschuldig +ist.«</p> + +<p>»Sie befindet sich doch noch hier im Hotel und in +Nr. 7?« frug Hamilton rasch und fast wie erschreckt.</p> + +<p>»Allerdings,« bestätigte Burton, »aber nicht als +Gefangene. Miss Jenny Benthouse ist die Tochter +eines englischen Geistlichen – ihr Vater wohnt in +Islington – sie wurde von jenem Burschen unter +seinem falschen Namen und unzähligen Lügen entführt, +und ich – werde sie jetzt ihren Eltern zurückgeben.«</p> + +<p>»So?« sagte Hamilton, der dem kurzen Bericht +aufmerksam zugehört hatte, während es aber wie ein +verstecktes Lächeln um seine Lippen zuckte – »aber +bitte entschuldigen Sie einen Augenblick, ich bin gleich +wieder bei Ihnen. Apropos, Sie haben so vollständige +Toilette gemacht. Wollten Sie ausgehen?«</p> + +<p>»Nein – auf keinen Fall eher wenigstens, als bis +wir uns über diesen Punkt verständigt haben.«</p> + +<p>»Gut, dann bin ich gleich wieder da« – und mit +<a class="pagenum" name="page_245" title="245"> </a> +den Worten glitt er zur Thür hinaus und unten in +den Thorweg, wo ein Paar Lohndiener standen.</p> + +<p>»Sind Sie beschäftigt?« redete er den einen an.</p> + +<p>»Ich stehe vollkommen zu Befehl.«</p> + +<p>»Schön – dann haben Sie die Güte und bleiben +Sie bis auf weiteres in der ersten Etage, wo Sie Nr. +7 und 6 scharf im Auge behalten. Sollte dort eine +Dame <em class="gesperrt">ausgehen</em> wollen – Sie verstehen mich – so +rufen Sie mich, so rasch Sie möglicher Weise können, +von Nr. 26 ab. Sie haben doch begriffen, was ich von +Ihnen verlange?«</p> + +<p>»Vollkommen.«</p> + +<p>»Gut – es soll Ihr Schade nicht sein – der +Portier unten braucht übrigens nichts davon zu wissen +– und indessen schicken Sie mir einmal einen Kellner +mit einer Flasche Sherry und zwei Gläsern und +einigen guten Cigarren auf Nr. 26.«</p> + +<p>Mit den Worten stieg er selber wieder die Treppe +hinauf, horchte einen Augenblick an Nr. 7, wo er zu +seinem Erstaunen Stimmen vernahm, und kehrte dann +zu Mr. Burton zurück, der mit untergeschlagenen +Armen, und offenbar sehr aufgeregt, in seinem Zimmer +auf und ab ging.</p> + +<p>»Unsere junge Dame da unten scheint Besuch zu +<a class="pagenum" name="page_246" title="246"> </a> +haben,« sagte er – »ich hörte wenigstens eben +Stimmen in ihrem Zimmer.«</p> + +<p>»Bitte, setzen Sie sich, Mr. Hamilton,« bat ihn James +Burton, »wir müssen über diese Sache, die das höchste +Zartgefühl erfordert, erst ins Klare kommen, nachher +ist alles andere, was wir zu thun haben, Kleinigkeit.«</p> + +<p>»Sehr gut,« sagte Hamilton – »ah, da kommt +auch schon der Wein. Bitte, setzen Sie nur dorthin. +Mr. Burton, Sie müssen mich entschuldigen, aber ich +habe unterwegs solch nichtswürdiges Zeug von Cigarren +bekommen, daß ich eine ordentliche Sehnsucht nach +einem guten Blatt fühle – nehmen Sie nicht auch +eine? – und ein Glas Wein thut mir ebenfalls +Noth, denn ich habe die ganze Nacht keine drei Stunden +geschlafen und überhaupt eine abscheuliche Tour +gehabt.«</p> + +<p>»Und wie erwischten Sie diesen Kornik?«</p> + +<p>»Das alles nachher – jetzt bitte erzählen Sie +mir einmal vor allen Dingen, welche wichtige Entdeckung +Sie hier indeß gemacht haben,« und mit den +Worten setzte er sich bequem in einem der Fauteuils +zurecht, zündete seine Cigarre an und sippte an seinem +Wein.</p> + +<p>Mr. Burton nahm ebenfalls eine Cigarre und es +war fast, als ob er nicht recht wisse, wie er eigentlich +<a class="pagenum" name="page_247" title="247"> </a> +beginnen solle. Aber der Beamte <em class="gesperrt">mußte</em> alles erfahren, +er <em class="gesperrt">durfte</em> ihm nichts verschweigen, schon +Jennys wegen, und nach einigem Zögern erzählte er +jetzt dem Agenten die ganzen Umstände seines Zusammentreffens +mit der jungen Dame, und gerieth zuletzt +dabei so in Feuer, daß er selbst die kleinsten Umstände +mit einer Lebendigkeit und Wahrheit wiedergab, die er +sich selber gar nicht zugetraut hätte.</p> + +<p>Hamilton unterbrach ihn mit keinem Wort. Nur +den Namen von Jennys Vater ließ er sich genau angeben +und notirte ihn, und während James Burton +weiter sprach, nahm er Dinte und Feder, schrieb etwas +in sein Taschenbuch und riß das Blatt dann heraus. +Auf demselben stand nichts weiter als eine telegraphische +Depesche, die also lautete:</p> + +<p>Burton und Burton, London. Existirt in Islington +Reverend Benthouse – religiöser Schriftsteller +– ist ihm kürzlich eine Tochter entführt – Antwort +gleich. Hamilton.</p> + +<p>Mr. Burton dann um Entschuldigung bittend, +daß er ihn einen Augenblick unterbreche, stand er auf +und verließ das Zimmer. Am Treppengeländer rief +er den Lohndiener an.</p> + +<p>»Geben Sie diese Depesche an den Portier zur +augenblicklichen Besorgung auf das Telegraphenamt. +<a class="pagenum" name="page_248" title="248"> </a> +Hier ist der Betrag dafür und das für den Boten. +Nichts bemerkt bis jetzt?«</p> + +<p>»Nicht das Geringste.«</p> + +<p>»Gut – <em class="gesperrt">Sie</em> bleiben auf Ihrem Posten.«</p> + +<p>Als er in das Zimmer zu Mr. Burton zurückgekommen +war, nahm er seinen alten Platz wieder ein +und ließ seinen Gefährten ruhig auserzählen, ohne +ihn auch nur mit einem Wort darin zu stören. Erst +als er vollkommen geendet hatte und der junge Mann +ihn mit sichtlicher Erregung ansah, um sein Urtheil +über die Sache zu hören, sagte er ruhig:</p> + +<p>»Und wissen Sie nun, <i>my dear Sir</i>, welches der +gescheuteste Streich war, den Sie in der ganzen Zeit +meiner Abwesenheit gemacht haben?«</p> + +<p>»Nun?« frug Burton gespannt.</p> + +<p>»Daß Sie der jungen Dame eine Gesellschafterin +gegeben haben.«</p> + +<p>»Ich durfte sie nicht so lange allein und ohne weibliche +Begleitung lassen,« rief Burton rasch.</p> + +<p>»Nein,« sagte Hamilton, und ein eigenes spöttisches +Lächeln zuckte um seine Lippen – »sie wäre +Ihnen sonst schon am ersten Tage durchgebrannt, +gerade wie ihr Begleiter mir.«</p> + +<p>»Mr. Hamilton –«</p> + +<p>»Mr. Burton,« sagte Hamilton ernst, »zürnen +<a class="pagenum" name="page_249" title="249"> </a> +Sie mir nicht, wenn ich vom Leben andere Anschauungen +habe als Sie, glauben Sie einem Manne, der +in diesen Fach mehr Erfahrungen gesammelt hat, als +Sie vielleicht für möglich halten. Danken Sie aber +auch Gott, daß ich gerade Ihnen jetzt zur Seite stehe, +denn Sie wären sonst von einer erzkoketten und durchtriebenen +Schwindlerin überlistet worden und hätten +nachher, außer dem Schaden, auch für den Spott nicht +zu sorgen gebraucht.«</p> + +<p>»Mr. Hamilton,« sagte Burton gereizt, »Sie +mißbrauchen Ihre Stellung gegen mich, wenn Sie +unehrbietig von einer Dame sprechen, die gegenwärtig +unter <em class="gesperrt">meinem</em> Schutze steht.«</p> + +<p>»Mein lieber Mr. Burton,« sagte Hamilton vollkommen +ruhig – »lassen Sie uns vor allen Dingen +die Sache kaltblütig besprechen, denn die Polizei darf, +wie Sie mir zugestehen werden, keine Gefühlspolitik +treiben.«</p> + +<p>»Die Polizei ist gewohnt,« sagte Burton, »in +jedem Menschen einen Verbrecher zu suchen.«</p> + +<p>»Bis er uns nicht wenigstens das Gegentheil +beweisen kann,« lächelte Hamilton – »aber jetzt +lassen Sie mich auch einmal reden, denn Sie werden +mir zugeben, daß ich <em class="gesperrt">Ihrem</em> Bericht ebenfalls mit +der größten Aufmerksamkeit gefolgt bin.«</p> + +<p><a class="pagenum" name="page_250" title="250"> </a> +»So reden Sie, aber hoffen Sie nicht –«</p> + +<p>»Bitte verschwören Sie nichts, bis Sie mich nicht +gehört haben.« Und ohne seines Begleiters Unmuth +auch nur im Geringsten zu beachten, erzählte er ihm +jetzt seine Verfolgung des flüchtigen Verbrechers, sein +Auffinden desselben und dessen Gefangennahme. Er +setzte hinzu, daß Kornik, nachdem man die bedeutende +Summe von Banknoten und andere hinreichende Beweise +für seine Schuld bei ihm gefunden, völlig gebrochen +gewesen war und alles gestanden hatte. +Ebenso sagte er aus, daß er mit einer jungen Dame, +Lucy Fallow, von London geflüchtet sei, obgleich er +von dem Raub des Brillantschmucks nichts wissen +wollte.</p> + +<p>»Und legen Sie den geringsten Werth auf das +Zeugniß eines solchen Schurken?« frug Burton heftig.</p> + +<p>»Was die Aussage über den Brillantschmuck betrifft, +nein,« erwiederte ruhig der Polizeimann, »denn +ich bin fest davon überzeugt, <em class="gesperrt">daß</em> er darum gewußt +hat, und erwartete sogar, denselben bei ihm zu finden. +Er fand sich aber auch nicht einmal in der Reisetasche, +die der Herr, wie sich später auswies, beim Portier +des Kurhauses deponirt hatte. Die Dame hat ihn +also noch jedenfalls in Besitz.«</p> + +<p>»Aber ich habe Ihnen ja schon dreimal gesagt, +<a class="pagenum" name="page_251" title="251"> </a> +daß ich nicht allein <em class="gesperrt">ihren</em> Koffer, sondern auch den +dieses Kornik bis auf den Boden durchwühlt habe +und nicht das geringste Schmuckähnliche hat sich gefunden, +als eine Korallenschnur mit einem kleinen +Kreuz daran – ein Andenken ihrer verstorbenen +Mutter.«</p> + +<p>Hamilton pfiff leise und ganz wie in Gedanken +durch die Zähne.</p> + +<p>»Mein bester Mr. Burton,« sagte er dann, »auf +Ihr Durchsuchen der Koffer, in Gegenwart jener +Sirene, gebe ich auch keinen rothen Pfifferling – ich +werde das Ding selber besorgen.«</p> + +<p>»Und ich erkläre ihnen, Mr. Hamilton,« sagte +Burton mit finster zusammengezogenen Brauen, +»daß Sie das <em class="gesperrt">nicht</em> thun werden. Sie haben Ihren +Auftrag erfüllt; der Verbrecher ist geständig in Ihren +Händen, und meine Gegenwart dabei nicht länger +nöthig, so werde ich denn, noch heut Nachmittag, in +Begleitung der jungen Dame, die Rückreise nach England +antreten.«</p> + +<p>»Mit der Vollmacht für ihre Verhaftung in der +Tasche,« lächelte Hamilton.</p> + +<p>»Diese Vollmachten,« rief Burton leidenschaftlich, +indem er die beiden Papiere aus der Tasche nahm, +in Stücke riß, und vor Hamilton niederwarf, »sind +<a class="pagenum" name="page_252" title="252"> </a> +auf eine <em class="gesperrt">Verbrecherin</em> ausgestellt, nicht auf Miss +Benthouse. Da haben Sie die Fetzen und jetzt stehe +ich frei und unabhängig hier und will sehen, wer es +wagen wird die junge Dame zu beleidigen.«</p> + +<p>Hamilton erwiederte kein Wort. Schweigend erhob +er sich, las die auf den Boden geworfenen Stücke +auf, legte sie in ein Packet zusammen und steckte sie in +seine Tasche.</p> + +<p>»Ist das Ihr letztes Wort, Mr. Burton?« sagte +er endlich, indem er vor dem jungen Manne stehen +blieb – »wollen Sie sich nicht erst einmal die Sache +eine <em class="gesperrt">Nacht</em> ruhig überlegen? Bedenken Sie, in welche +höchst fatale Lage Sie nur Ihrem Vater gegenüber +kämen, – von Lady Clive und den englischen Gerichten +gar nicht zu reden – wenn es sich später <em class="gesperrt">doch</em> +herausstellen sollte, daß Sie sich geirrt haben.«</p> + +<p>»Es ist mein letztes Wort,« sagte der junge Mann +bestimmt; »denn ich muß meine Schutzbefohlene diesem +schmähligen Verdacht entziehen, der auf ihr lastet. +Um 4 Uhr 20 geht der Schnellzug nach Köln ab; diesen +werde ich benutzen, und es versteht sich von selbst, +daß ich auch jede Verantwortung für diesen Schritt +einzig und allein trage.«</p> + +<p>Hamilton war aufgestanden und ging mit raschen +<a class="pagenum" name="page_253" title="253"> </a> +Schritten in dem kleinen Gemach auf und ab. Endlich +sagte er ruhig:</p> + +<p>»Sie wissen doch, Mr. Burton, welchen <em class="gesperrt">Doppel</em>auftrag +<em class="gesperrt">ich</em> von London mit bekommen habe und wie +ich, wenn ich danach handle, nur meine Pflicht thue.«</p> + +<p>»Das weiß ich, Mr. Hamilton,« sagte Burton, +durch den viel milderen Ton des Polizeimannes auch +rasch wieder versöhnend gestimmt, »und ich gebe Ihnen +mein Wort, daß ich Ihnen deshalb keinen Groll nachtragen +werde. Aber auch mir müssen Sie dafür +zugestehen, daß ich – wo mir keine Pflicht weiter obliegt +– mein Herz sprechen lasse.«</p> + +<p>»Es ist ein ganz verzweifeltes Ding, wenn das +Herz mit dem Verstande durchgeht« – sagte Hamilton +trocken.</p> + +<p>»Haben Sie keine Furcht, daß das bei mir geschieht.«</p> + +<p>»So erfüllen Sie mir wenigstens die Bitte,« +wandte sich Hamilton noch einmal an den jungen +Mann, »den ersten Schnellzug nicht zu benutzen und +den Abend abzuwarten. Ich habe vorhin nach London +telegraphirt – warten Sie erst die Antwort ab, Mr. +Burton; es ist auch Ihres eigenen Selbst wegen, daß +ich Sie darum ersuche.«</p> + +<p>»Ich bin alt genug, Mr. Hamilton,« lächelte James +Burton, »auf mein eigenes Selbst vollkommen +<a class="pagenum" name="page_254" title="254"> </a> +gut Acht zu geben. Es thut mir leid, Ihren Wunsch +nicht erfüllen zu können, denn mir brennt der Boden +hier unter den Füßen. Um 4 Uhr 20 fahre ich und +werde dann daheim meinem Vater Bericht abstatten, +mit welchem Eifer und günstigem Erfolg Sie hier +unsere Sache betrieben haben. In London hoffe ich +Sie jedenfalls wiederzusehen.«</p> + +<p>Es lag eine so kalte, abweisende Höflichkeit in dem +Ton, daß Hamilton die Meinung der Worte nicht +falsch verstehen konnte: Mr. Burton wünschte allein +zu sein und Hamilton sagte, ihn freundlich grüßend:</p> + +<p>»Also auf Wiedersehen, Mr. Burton,« und verließ +dann, ohne ein Wort weiter, das Zimmer.</p> + + + + +<h3>IX.<br /> + +<b>Die Catastrophe.</b></h3> + + +<p>James Burton sah nach seiner Uhr – es war +schon fast zwei geworden, ohne daß er Jenny gesehen +– was mußte sie von ihm denken? Aber jetzt +konnte er ihr auch gute Nachricht bringen, und ohne +einen Moment länger zu säumen, griff er nach seinem +Hut und eilte hinab.</p> + +<p>Auf dem Gang wanderte ein Lohndiener hin und +her, der stehen blieb, als er auf die Thür zuging. Er +hielt aber einen Moment davor, ehe er anklopfte, denn +<a class="pagenum" name="page_255" title="255"> </a> +er hörte eine ziemlich heftige Stimme, die in Aerger +zu sein schien. War das Jenny? – hatte vielleicht +Hamilton gewagt? – er klopfte rasch an. Es war +jetzt plötzlich alles ruhig da drinnen. Da ging die +Thür auf und Elise schaute heraus, um erst zu sehen +wer klopfe. Sie öffnete, als sie den jungen Mann +erkannte.</p> + +<p>Jenny stand an ihrem Koffer, emsig mit Packen +beschäftigt, als er das Zimmer betrat, und erröthete +leicht, aber sie begrüßte ihn desto freundlicher und gab +auch über ihr Befinden hinlänglich befriedigende Antwort.</p> + +<p>Elise zog sich in die Nebenstube zurück und Jenny +frug jetzt, mit ihrem alten, gewinnenden Lächeln:</p> + +<p>»Und so lange haben Sie mich auf Ihren Besuch +warten lassen? Ich wußte vor langer Weile gar nicht, +was <em class="gesperrt">ich</em> angeben sollte und habe deshalb meine Sachen +wieder zusammengepackt.«</p> + +<p>»Aber nicht meine eigene Unachtsamkeit hielt mich +von Ihnen entfernt, Miss Jenny,« sagte Burton herzlich, +»sondern eine wichtige Verhandlung, die ich mit +unserem Agenten hatte. Mr. Hamilton ist zurückgekehrt.«</p> + +<p>»In der That?« sagte die junge Dame, aber jeder +Blutstropfen wich dabei aus ihrem Gesicht, und so +<a class="pagenum" name="page_256" title="256"> </a> +vielen Zwang sie sich anthat, mußte sie doch die +Stuhllehne ergreifen, um nicht umzusinken.</p> + +<p>»Aber weshalb erschreckt Sie das?« sagte Burton +erstaunt. »Die Erinnerung an jenen Elenden, +den jetzt seine gerechte Strafe ereilen wird, mag Ihnen +peinlich sein, aber sie darf nie wieder als Schreckbild +vor Ihre Seele treten.«</p> + +<p>»Und er hat ihn gefunden?« sagte Jenny, sich +gewaltsam sammelnd – »oh, wenn ich nur das +Schreckliche vergessen könnte?«</p> + +<p>»Er hat ihn nicht nur gefunden,« bestätigte der +junge Mann, »sondern der Unglückliche hat auch +sein ganzes Verbrechen eingestanden. Was half ihm +auch Leugnen seiner Schuld, wo man die Beweise +derselben in seinem Besitz fand?«</p> + +<p>»Und jetzt?«</p> + +<p>»Lassen wir den Elenden,« sagte Burton freundlich, +»Mr. Hamilton, der mit allen nöthigen Papieren +dazu versehen ist, wird seine Weiterbeförderung nach +England übernehmen. Ich selbst reise heute Nachmittag +mit dem Schnellzug nach London ab, und da +Sie Ihren Koffer schon gepackt haben,« setzte er +lächelnd hinzu – »so biete ich Ihnen, mein werthes +Fräulein, an, in meiner Begleitung und unter meinem +Schutz nach England zurückzukehren.«</p> + +<p><a class="pagenum" name="page_257" title="257"> </a> +»Sie wollten –«</p> + +<p>»Sie dürfen sich mir wie einem Bruder anvertrauen,« +sagte James Burton herzlich, »und ich bürge +Ihnen dafür, daß ich durchführe, was ich unternommen +– trotz allen Hamiltons der Welt,« setzte er mit +leisem Trotz hinzu.</p> + +<p>»So wiedersetzte sich der Herr dem, daß ich Sie +begleiten dürfe?« fragte rasch und mißtrauisch die +Fremde.</p> + +<p>»Lassen wir das,« lächelte aber Burton, »ich bin +mein eigener Herr und in <em class="gesperrt">meiner</em> Begleitung steht +Niemandem ein Recht zu, Sie auch nur nach Paß +oder Namen zu fragen. Und Sie gehen mit?«</p> + +<p>»Wie könnte und dürfte ich einer solchen Großmuth +entgegenstreben?« sagte das junge Mädchen +demüthig – »ich vertraue Ihnen ganz.«</p> + +<p>»Herzlichen, herzlichen Dank dafür,« rief Burton +bewegt, »und Sie sollen es nicht bereuen. Jetzt aber +lasse ich Sie allein, um noch alles Nöthige zu ordnen, +denn ich muß selbst noch packen und die Wirthsrechnung, +wie Ihrer Gesellschafterin Honorar, in Ordnung bringen. +Sie müssen mir auch schon gestatten, für die +kurze Zeit unserer Reise Ihren Cassirer zu spielen. +Beruhigen Sie sich,« setzte er lächelnd hinzu, als er +ihre Verlegenheit bemerkte – »ich gleiche das später +<a class="pagenum" name="page_258" title="258"> </a> +schon alles mit Ihrem Herrn Vater wieder aus, und +werde Sorge tragen, daß ich nicht zu Schaden komme. +Also auf Wiedersehen, Miss – aber beeilen Sie sich +ein wenig, denn wir haben kaum noch anderthalb +Stunden Zeit bis zu Abgang des Zuges,« und ihre +Hand leicht an seine Lippen hebend, verließ er rasch +das Zimmer.</p> + +<p>Sobald er unten mit dem Wirth abgerechnet und +seine Sachen gepackt hatte, wollte er noch einmal Hamilton +aufsuchen, um von diesem Abschied zu nehmen. +Es that ihm fast leid, ihn so rauh behandelt zu haben. +Der Polizeiagent war aber, gleich nachdem er ihn verlassen, +ausgegangen und noch nicht zurückgekehrt.</p> + +<p>Eigentlich war ihm das lieb, denn er fühlte sich +ihm gegenüber nicht recht behaglich; zu reden hatte er +überdies weiter nichts mit ihm, und was Kornik +betraf, so besaß er ja selber alle die nöthigen Instruktionen +und Vollmachten. Er hatte ja nur die Reise +nach dem Continent mitgemacht, um die Identität +seiner Person zu bestätigen – jetzt, mit all den vorliegenden +Beweisen und dem eigenen Geständniß des +Verbrechens war seine Anwesenheit unnöthig geworden.</p> + +<p>Die Zeit bis halb vier Uhr verging ihm auch mit +den nöthigen Vorrichtungen rasch genug – jetzt war +<a class="pagenum" name="page_259" title="259"> </a> +alles abgemacht und in Ordnung, und ebenso fand er +Jenny schon in ihrem Reisekleid, aber in merkwürdig +erregter Stimmung. Sie sah bleich und angegriffen +aus, und drehte sich rasch und fast erschreckt um, als er +die Thür öffnete.</p> + +<p>»Sind Sie fertig?«</p> + +<p>»Und gehen wir wirklich?«</p> + +<p>»Zweifeln Sie daran? Es ist alles bereit, und +bis wir am Bahnhof sind und unser Gepäck aufgegeben +haben, wird die Zeit auch ziemlich verflossen sein +– Miss Elise,« wandte er sich dann an das junge +Mädchen, indem er ihr ein kleines Packet überreichte +– »Ihre Anwesenheit ist auf kürzere Zeit in Anspruch +genommen, als ich selbst vermuthete, so bitte ich denn, +dieses für Ihre Mühe als Erinnerung an uns zu betrachten. +Und nun,« fuhr Burton fort, als sich das +junge Mädchen dankend und erröthend verbeugte – +indem er die Klingelschnur zog – »mag der Hausknecht +Ihr Gepäck hinunterschaffen. Eine Droschke +wartet schon auf uns, und ich will selber recht von +Herzen froh sein, wenn wir erst unterwegs sind.«</p> + +<p>Draußen wurden Schritte laut – es klopfte an.</p> + +<p>»Herein!« rief Burton – die Thür öffnete sich +und auf der Schwelle, seinen Hut auf dem Kopf, stand +<a class="pagenum" name="page_260" title="260"> </a> +– Hamilton und warf einen ruhigen, forschenden +Blick über die Gruppe.</p> + +<p>Er sah den Ausdruck der Ueberraschung in Burtons +Zügen, aber sein Auge haftete jetzt fest auf der +jungen Dame an seiner Seite, deren Antlitz eine Aschfarbe +überzog.</p> + +<p>»Sie entschuldigen, meine Herrschaften,« sagte der +Polizist mit eisiger Kälte, »wenn ich hier vielleicht ungerufen +oder ungewünscht erscheinen sollte, aber meine +Pflicht schreibt es mir so vor. Mein Herr – Sie +sind mein Gefangener, im Namen der Königin!«</p> + +<p>»<em class="gesperrt">Ihr</em> Gefangener?« lachte Burton trotzig auf, +aber Hamilton trat zur Seite und drei Polizeidiener +standen hinter ihm, während er auf Burton zeigend, +zu diesen gewandt, fortfuhr:</p> + +<p>»Den Herrn da verhaften Sie und führen ihn +auf sein Zimmer oder bewachen ihn hier, bis Ihr +Commissär kommt. Er wird sich nicht wiedersetzen, +denn er weiß, daß er der Gewalt weichen muß – im +schlimmsten Fall aber brauchen <em class="gesperrt">Sie</em> Gewalt, und +jene Dame dort –«</p> + +<p>Die junge Fremde hatte mit starrem Entsetzen den +Eintritt des nur zu rasch wiedererkannten Reisegefährten +bemerkt, und im ersten Moment war es wirklich, +als ob der Schreck sie gelähmt und zu jeder Bewegung +<a class="pagenum" name="page_261" title="261"> </a> +unfähig gemacht hätte. Wie aber des Furchtbaren +Blicke auf sie fielen, schien es auch, als ob sie +erst dadurch wieder Leben gewönne, und ehe sie Jemand +daran verhindern konnte, glitt sie in das Nebenzimmer, +neben dessen Thür sie stand, warf diese zu und +schob den Riegel vor.</p> + +<p>»Einer von Ihnen auf Posten draußen, daß sie +uns nicht entwischt,« rief Hamilton rasch, indem er +nach der Thür sprang, aber sie schon nicht mehr öffnen +konnte – »und alarmiren Sie die Leute unten, daß +sie vor den Fenstern von Nr. 6 Wache halten.«</p> + +<p>»Mr. Hamilton, Sie werden mir für dieses Betragen +Rede stehen!« rief Burton außer sich »– <em class="gesperrt">wer</em> +giebt Ihnen ein Recht, mich zu verhaften?«</p> + +<p>»Mein bester Herr«, rief Hamilton, indem er +vergebens versuchte, die Thür aufzudrücken – »von +einem <em class="gesperrt">Recht</em> ist hier vorläufig gar keine Rede. Sie +weichen nur der Gewalt. Alles andere machen wir +später ab.«</p> + +<p>»Aber ich dulde nicht –« rief Burton und wollte +sich zwischen ihn und die Thüre werfen, um die Geliebte +zu schützen.</p> + +<p>»Halt, mein Herzchen!« riefen aber die Polizeidiener, +ein Paar baumstarke Burschen, indem sie ihn +<a class="pagenum" name="page_262" title="262"> </a> +mit ihren Fäusten packten – »nicht von der Stelle, +oder es setzt was.«</p> + +<p>»Um Gottes Willen«, rief Elise, zum Tod erschreckt, +»was geht hier vor?«</p> + +<p>»Mein liebes Fräulein,« sagte Hamilton, sich an +sie wendend in deutscher Sprache – »beunruhigen Sie +sich nicht – gar nichts was <em class="gesperrt">Sie</em> betreffen könnte. +Gehen Sie ruhig nach Hause, Sie haben nicht die geringste +Belästigung zu fürchten. Soviel kann ich Ihnen +aber sagen, daß jene Dame <em class="gesperrt">keine</em> Begleitung weiter +nach England braucht, da ich das selber übernehmen +werde. – Ah, da ist der Herr Commissär – Sie +kommen wie gerufen, verehrter Herr – das hier,« +fuhr er fort, indem er auf James Burton zeigte – +»ist jener Kornik, von dem ich Ihnen sagte, und seine +Dulcinea hat sich eben in dies Zimmer geflüchtet, +von wo aus sie uns aber ebenfalls nicht mehr entwischen +kann.«</p> + +<p>»Kornik? – ich?« rief Burton, indem er sich wie +rasend unter dem Griff der Polizeidiener wand – +»Schuft Du – ich selber bin hergekommen, jenen +Kornik zu verhaften.«</p> + +<p>»Und wo haben Sie die Beweise?« sagte Hamilton +ruhig in englischer Sprache.</p> + +<p>»In Deiner eigenen Tasche sind sie,« schrie Burton +<a class="pagenum" name="page_263" title="263"> </a> +wie außer sich – »das Papier, das ich Dir vor +die Füße warf.«</p> + +<p>Hamilton achtete gar nicht auf ihn.</p> + +<p>»Herr Commissär,« sagte er, sich an den Polizeibeamten +wendend – »jener Herr da, dem ich von +England aus nachgesetzt bin, hat sich schon unter +fremdem Namen in das hiesige Gasthofsbuch geschrieben. +Sie haben meine Instruktionen und Vollmachten +gelesen. Sie werden Sorge dafür tragen, +daß er uns nicht entwischt, während ich jetzt die +<em class="gesperrt">Dame</em> herbeizuschaffen suche.« Und ohne weiter ein +Wort zu verlieren nahm er den dicht neben ihm stehenden +kleinen Koffer und stieß ihn mit solcher Kraft +und Gewalt gegen die Füllung der Thür, daß diese +vor dem schweren Stoß zusammenbrach. Im nächsten +Moment griff er durch die gemachte Oeffnung hindurch +und schloß die Thür von innen auf.</p> + +<p>Wie es schien, hatte aber die junge Fremde gar +keinen Versuch zur Flucht gemacht. Sie stand, ihre +Mantille fest um sich her geschlungen, mitten in der +Stube, und den Verhaßten mit finsterem Trotz messend, +sagte sie:</p> + +<p>»Betragen Sie sich wie ein Gentleman, daß Sie +zu einer Lady auf solche Art ins Zimmer brechen?«</p> + +<p>»Miss«, erwiederte der Polizeibeamte kalt, »ich +<a class="pagenum" name="page_264" title="264"> </a> +bin noch nicht fest überzeugt, ob ich es hier wirklich +mit einer <em class="gesperrt">Lady</em> zu thun habe. Vor der Hand sind Sie +meine Gefangene. Im Namen der Königin, Miss +Lucy Fallow, verhafte ich Sie hier auf Anklage eines +Juwelendiebstahls.«</p> + +<p>»Und welche Beweise haben Sie für eine so +freche Lüge?« rief das junge Mädchen verächtlich.</p> + +<p>»Danach suchen wir eben«, lachte Hamilton, jetzt, +da ihm der Ueberfall gelungen war, wieder ganz in +seinem Element – »Herr Commissär, haben Sie die +Güte gehabt, die Frauen mitzubringen?«</p> + +<p>»Sie stehen draußen.«</p> + +<p>»Bitte, rufen Sie die beiden herein – ich wünsche +die Gefangene <em class="gesperrt">genau</em> durchsucht zu haben, ob sie den +bewußten Schmuck an ihrem Körper vielleicht verborgen +hat. Wir beide werden indeß die Koffer revidiren.«</p> + +<p>Eine handfeste Frau – die Gattin eines der +Polizeidiener, trat jetzt ein, von einem anderen jungen +Mädchen, wahrscheinlich ihrer Tochter, gefolgt, beide +aber von einer Statur, die für einen solchen Zweck +nichts zu wünschen übrig ließ, und Hamilton betrat +jetzt wieder das Zimmer, in dem Burton dem englisch +sprechenden Commissär seine eigene Stellung erklärte +und ihn dringend aufforderte, nicht zu dulden, daß +<em class="gesperrt">zwei</em> unschuldige Menschen in so niederträchtiger +<a class="pagenum" name="page_265" title="265"> </a> +Weise behandelt würden. Seine Erklärung aber, die +er dabei gab, daß er seine Vollmacht selber zerrissen +habe, der falsche Namen, unter dem er selber zugestand +sich in das Fremdenbuch eingetragen zu haben, und +die Thatsache, die er nicht läugnen konnte oder wollte, +daß Hamilton wirklich ein hochgestellter Polizeibeamter +in England sei, sprachen zu sehr gegen ihn. Der +Commissär zuckte die Achseln, bedauerte, nur nach den +Instruktionen handeln zu können, die er von oben empfinge, +und ersuchte Mr. Burton dann in seinem +eigenen Interesse, sich seinen Anordnungen geduldig +zu fügen, da sonst für ihn daraus die größten Unannehmlichkeiten +entstehen könnten.</p> + +<p>Er wollte ihn jetzt auch auf sein eigenes Zimmer +führen lassen, als Hamilton zurückkehrte und den +Commissar ersuchte, dem Herrn zu erlauben, hier zu +bleiben. Er wünsche, daß er Zeuge der Verhandlung +sei.</p> + +<p>Ohne weiteres ging er jetzt daran, den Koffer der +Dame auf das genaueste zu revidiren; obgleich sich +aber, in einem geheimen Gefach darin, eine Menge +der verschiedensten Schmuck- und Werthsachen vorfanden, +waren die gesuchten Brillanten doch nicht dabei. +Auch in Korniks Koffer ließ sich keine Spur davon +entdecken. Fortgebracht konnte sie dieselben aber nicht +<a class="pagenum" name="page_266" title="266"> </a> +haben, da sie ja gerade, im Begriff abzureisen, überrascht +war, also gewiß auch alles werthvolle Besitzthum bei +sich trug. Außerdem wußte Hamilton genau, daß sie +– wenigstens seitdem er zurückgekehrt war – kein +Packet auf die Post gegeben hatte, also trug sie es +wahrscheinlich am Körper versteckt.</p> + +<p>Aber auch diese Vermuthung erwies sich als falsch. +Die Frau kehrte, während der Gefangenen unter Aufsicht +des jungen Mädchens gestattet wurde, wieder +ihre Toilette zu machen, in das Zimmer zurück, und +brachte nur ein kleines weiches Päckchen mit, das sie +bei ihr verborgen gefunden hatten. Sie überreichte +es dem Commissär, der es öffnete und englische Banknoten +zum Werth von etwa achthundert Pfund darin +fand. Vier Noten von 100 Pfund Sterling waren +darunter.</p> + +<p>»Da bekommen wir Licht,« rief aber Hamilton +rasch, als er sie erblickte – »von den Hundert Pfund-Noten +habe ich die Nummern, und die wollen wir +nachher einmal vergleichen. Vorher aber werden +wir das Zimmer untersuchen müssen, in daß sich +Madame geflüchtet hat. Möglich doch, daß sie die +Zeit benutzte, in der sie dort eingeschlossen war, um +ein oder das andere in Sicherheit zu bringen.«</p> + +<p>»Ich habe alles genau nachgesehen,« sagte die +<a class="pagenum" name="page_267" title="267"> </a> +Frau des Polizeidieners kopfschüttelnd – »in alle +Polster hineingefühlt und die Gardinen ausgeschüttelt, +selbst in den Ofen gefühlt und den Teppich genau +nachgesehen. Es steckt nirgends was.«</p> + +<p>»Kann ich eintreten?« rief Hamilton an die Thür +klopfend, denn er war nicht gewohnt sich auf die Aussagen +Anderer zu verlassen. Das junge Mädchen, das zur +Wache dort geblieben war, öffnete. Die junge Fremde +stand fertig angezogen, aber todtenbleich, wieder mitten +im Zimmer und ihre Augen funkelten dem Polizeibeamten +in Zorn und Haß entgegen. Hamilton war +aber nicht der Mann, davon besondere Notiz zu nehmen. +Das erste, was er that, war, die Jalousieen +aufzustoßen, um hinreichend Licht zu bekommen, dann +untersuchte er Tapeten und Bilder – auch hinter den +Spiegel sah er, rückte sich den Tisch zu den Fenstern +und stieg hinauf, um oben auf die Gardinen zu fühlen. +Er fand nichts, aber er ruhte auch nicht – der Teppich +zeigte nicht die geringsten Unebenheiten. – Er +rückte das Sopha ab und fühlte daran hin – aber +es ließ sich kein harter Gegenstand bemerken.</p> + +<p>Wie seine Hand an der mit grobem Kattun bezogenen +Hinterwand des Sophas hinfuhr, gerieth sein +Finger in eine nur wenig geöffnete Nath. Er zog +das Sopha jetzt ganz zum Licht, die Rückseite dem +<a class="pagenum" name="page_268" title="268"> </a> +Fenster zugewandt, nahm sein Messer heraus und +trennte ohne Weiteres die Nath bis hinunter auf. +Während er mit dem rechten Arm in die gemachte +Oeffnung hineinfuhr, streifte sein Blick die Gestalt +der Gefangenen, die augenblicklich gleichgiltig auszusehen +suchte, aber es konnte ihm nicht entgehen, daß sie +seinen Bewegungen mit der gespanntesten Aufmerksamkeit +folgte.</p> + +<p>»Ah, Mylady,« rief er da plötzlich, indem seine +Finger einen fremdartigen Gegenstand trafen – »ob +ich es mir nicht gedacht habe, daß Sie die Ihnen verstattete +Zeit hier im Zimmer auf geschickte Weise benutzen +würden. Sie sehen mir gerade danach aus, +als ob Sie nicht zu den »Grünen« gehörten – was +haben wir denn da? – eine reizende Kette und da +hängt auch ein Ohrring darin – da wird der andere +ja wohl auch nicht weit sein – es kann nichts helfen, +der Tapezierer muß wieder gut machen, was ich jetzt +hier verderbe« – und er riß, ohne weitere Rücksicht +auf den Schaden, den er anrichtete, Werg und Kuhhaare +heraus, bis er den gesuchten Ohrring, der +etwas weiter hinabgefallen war, fand. Auch eine +Broche, aus einem einzigen großen Brillant bestehend, +kam mit dem Werg zu Tag.</p> + +<p>»Leugnen Sie jetzt <em class="gesperrt">noch</em>, Madame?« sagte Hamilton, +<a class="pagenum" name="page_269" title="269"> </a> +indem er sich aufrichtete und der Verbrecherin +das gefundene Geschmeide entgegenhielt. Aber die +Gefragte würdigte ihn keines Blicks; schweigend und +finster, wie er sie damals im Coupé gesehen, starrte +sie vor sich nieder, und nur die rechte Hand hielt sie +krampfhaft geballt, die Zähne fest und wild zusammengebissen +und die Augen, die von solchem Liebesreiz +strahlen konnten, sprühten Feuer.</p> + +<p>»Haben Sie etwas gefunden?« rief ihm der Commissär +entgegen.</p> + +<p>»Alles was wir suchen,« erwiederte Hamilton +ruhig – »aber ist denn der Lohndiener noch nicht vom +Telegraphenamt zurück?«</p> + +<p>»Eben gekommen. Er wartet im anderen Zimmer +auf Sie.«</p> + +<p>»Gott sei Dank – jetzt treffen alle Beweise zusammen,« +rief Hamilton aus. »Ich ersuche Sie indeß, +Herr Commissär, diese junge Dame in <em class="gesperrt">sehr</em> +gute Obhut zu nehmen, denn sie ist mit allen Hunden +gehetzt.«</p> + +<p>»Haben Sie keine Angst – wir werden das saubere +Pärchen sicher verwahren.«</p> + +<p>»Den <em class="gesperrt">Herrn</em> kann ich Ihnen vielleicht abnehmen,« +lächelte der Polizeiagent, indem er in das benachbarte +Zimmer trat und dort die für ihn eingetroffene Depesche +<a class="pagenum" name="page_270" title="270"> </a> +in Empfang nahm. Er erbrach sie und las die +Worte:</p> + +<p class="center">»In Islington giebt es keinen Geistlichen Benthouse. +– In ganz London nicht.</p> + +<p class="signature">Burton.</p> + +<p class="center">Mr. Hamilton, Telegraphenbureau Frankfurt a. M.«</p> + +<p>Hamilton trat zum Tisch, auf den er den Schmuck +und die telegraphische Depesche legte, dann nahm er +aus seiner Tasche die Liste der gestohlenen Banknoten, +die er mit den bei der jungen Dame gefundenen verglich +und einige roth anstrich, dann fügte er diesen +noch ein anderes Papier bei, die genaue Beschreibung +des im Hause der Lady Clive gestohlenen Schmucks, +und als er damit fertig war, sagte er freundlich zu +Burton:</p> + +<p>»Dürfte ich Sie <em class="gesperrt">jetzt</em> einmal bitten, Mr. Burton, +sich diese kleine Bescheerung anzusehen? Es wird interessant +für Sie sein. – Lassen Sie den Gefangenen +nur los, meine Herren.«</p> + +<p>»Sie werden sich nie Ihres nichtswürdigen Betragens +wegen entschuldigen können,« sagte Burton finster, +indem er aber doch der Aufforderung Folge leistete.</p> + +<p>»Auch dann nicht?« frug Hamilton, »wenn ich +Sie überzeuge, daß Sie einer großen – einer recht +großen Gefahr entgangen sind?« frug Hamilton.</p> + +<p><a class="pagenum" name="page_271" title="271"> </a> +»Einer Gefahr? – wie so?«</p> + +<p>»Der Gefahr, das Schlimmste zu erleben, was +ein anständiger Mann, außer dem Verlust seiner +Ehre, erleben kann – sich lächerlich zu machen.«</p> + +<p>»Mr. Hamilton –«</p> + +<p>»Bitte, lesen Sie hier die Depesche Ihres Herrn +Vaters – seine Antwort auf meine Anfrage von heute +Morgen. – So – und hier haben Sie die Nummern der +aufgefundenen Banknoten – und hier endlich die genaue +Beschreibung des Schmucks, von Lady Clives +eigener, sehr zierlicher Hand. Zweifeln Sie <em class="gesperrt">jetzt</em> noch +daran, daß Sie es nicht mit einer Miss Jenny Benthouse, +sondern mit der leichtfertigen Lucy Fallow zu thun +hatten? – Pst – lieber Freund, die Sache ist abgemacht« +– sagte aber der Agent, als er sah, wie bestürzt +der junge Burton diesen nicht wegzuläugnenden +Beweisen gegenüber stand. – »Nur noch einen Blick +werfen Sie jetzt auf die junge Dame,« fuhr er dabei +fort, während er zugleich die Thür aufstieß und nach +der trotzig und wild dastehenden Gestalt des Mädchens +zeigte. – »Glauben Sie, das <em class="gesperrt">jene</em> Dame Ihnen +bis London gefolgt wäre, und nicht vorher Mittel und +Wege gefunden hätte, Ihnen unterwegs zu entschlüpfen? +Uebrigens habe ich schon von Ems aus, so wie +ich Korniks Geständniß erhielt, nach London an Lady +<a class="pagenum" name="page_272" title="272"> </a> +Clive telegraphirt und sie gebeten, mir Jemanden zur +Recognoscirung des jungen Frauenzimmers herzusenden. +Der kann schon, wenn sie ihn rasch befördert +hat, morgen Mittag eintreffen, und dann, nachdem +jeder Vorsicht Genüge geleistet und die äußerste +Rücksicht genommen ist, um nicht eine Unschuldige zu +belästigen, werden Sie mir doch zugeben, Mr. Burton, +daß ich meine Pflicht erfüllt habe.«</p> + +<p>James Burton schwieg und sah ein Paar Secunden +still vor sich nieder; aber sein besseres Gefühl gewann +doch die Oberhand. Er sah ein, daß er sich von +einer Betrügerin hatte täuschen lassen, und Hamilton +die Hand reichend, sagte er herzlich:</p> + +<p>»Ich danke Ihnen, Sir – ich werde Ihnen das nie +vergessen.«</p> + +<p>»Ein desto schlechteres Gedächtniß werde <em class="gesperrt">ich</em> dann +für unser letztes kleines Intermezzo haben,« lachte der +Polizeiagent, die dargebotene Hand derb schüttelnd, +»und nun, mein lieber Mr. Burton, reisen Sie, wenn +Sie <em class="gesperrt">meinem</em> Rath folgen wollen, so rasch Sie mögen, +nach England zurück. Für die beiden Schuldigen +werde ich schon Sorge tragen, und in sehr kurzer Zeit +denke ich Ihnen nachzufolgen.«</p> + +<p>Dem Commissär erklärte Hamilton bald den Zusammenhang +der Verhaftung Mr. Burtons, den er +<a class="pagenum" name="page_273" title="273"> </a> +dadurch nur hatte so lange aufhalten wollen, bis er +die Beweise von der Schuld jener Person beischaffte +– das war geschehen und er selber brachte jetzt die an +dem Morgen von Burton zerrissene und von ihm wieder +sorgfältig zusammengeklebte Vollmacht zum Vorschein, +die als beste Legitimation für ihn dienen konnte.</p> + +<p>Am nächsten Tag traf richtig ein Polizeibeamter, +der Miss Lucy Fallow persönlich kannte, in Frankfurt +ein, und Hamilton erhielt die Genugthuung, seinen +ersten Verdacht völlig bestätigt zu finden. Gleich +danach reiste James Burton allein ab, während Hamilton +noch einige Tage brauchte, bis er die Uebersendung +der Wertpapiere und Banknoten durch die Nassauische +Regierung nach England reguliren konnte. +Dann erst folgte er mit seinen Gefangenen nach England, +von denen er aber nur das Mädchen hinüberbrachte.</p> + +<p>Kornik machte unterwegs einen verzweifelten Fluchtversuch +und sprang, während der Zug im vollen Gange +war, zwischen Lüttich und Namür aus dem Fenster +des Waggons; aber er verletzte sich dabei so furchtbar, +daß er starb, ehe man ihn auf die nächste Station +transportiren konnte.</p> + + + + +<h2>Eine Heimkehr aus der weiten Welt.<a class="pagenum" name="page_274" title="274"> </a></h2> + + +<p>Was auch Andere dagegen sagen mögen; es ist +schon der Mühe werth eine größere Reise zu unternehmen, +nur um wieder zu kommen.</p> + +<p>Manche Freude, manches Glück blüht uns »armen +Sterblichen« hier auf dieser schönen Welt, keine aber +so voll und reich und herrlich, als die Freude des +Wiedersehens nach langer Trennung – keine so rein +und selig, als die Rückkehr in das Vaterland. Soll +ich dir deshalb, lieber Leser, erzählen wie mir zu +Muthe war, als ich nach einer Abwesenheit von 39 +Monden von Weib und Kind, zurück in die Heimath +kehrte? – Ich will's versuchen.</p> + +<p>Ich kam damals – im Juni 52 – nach einer +ununterbrochenen Seereise von 129 Tagen direct von +Batavia. Siebzehn von den 129 hatten wir uns allein +bei faulem Wetter in Canal und Nordsee herumgetrieben +– 17 Tage auf einer Strecke, die wir recht +<a class="pagenum" name="page_275" title="275"> </a> +gut hätten in <em class="gesperrt">dreien</em> zurücklegen können. Und so dicht +dabei an der heimischen Küste; es war eine verzweifelte +Zeit; doch sie ging auch vorbei, und endlich, +endlich rasselte der Anker in die Tiefe.</p> + +<p>Das ist ein wunderbar ergreifender Ton, den +man nicht allein <em class="gesperrt">hört</em>, sondern auch <em class="gesperrt">fühlt</em>, denn das +ganze Schiff rasselt und zittert mit, und wie die Eisenschaufel +nur den Boden berührt und mit einem Ruck +festhakt, fühlt man sich auch daheim.</p> + +<p><em class="gesperrt">Ich war daheim!</em> ob Bremen, ob Sachsen, ob +Oestreich, solchen Unterschied kennt man nur innerhalb +der verschiedenen Grenzpfähle: für uns Deutsche da +draußen ist alles nur ein Deutschland, ein Vaterland, +und wie die Matrosen nach oben liefen, die Segel festzumachen, +und die Kette indessen, soweit das anging, +eingezogen und um die Winde geschlagen wurde, hing +mein Blick an dem grünen Ufer des Weserstrandes, +an dem Mastenwald des nicht fernen Bremerhafens, +und konnte sich nicht losreißen von dem lieben, lieben +Bild.</p> + +<p>Aber nicht lange sollte mir Zeit zum Schauen +bleiben. Der Lootse hatte uns schon gesagt, daß wir +wahrscheinlich noch zeitig genug nach Bremerhafen +kämen, um das Nachmittags-Dampfboot nach Bremen +zu benutzen. Alle unsere Sachen waren gepackt. Jetzt +<a class="pagenum" name="page_276" title="276"> </a> +dampfte das Boot aus dem Hafen heraus und legte +bei – jetzt kam ein kleines Boot vom Ufer ab, uns +hinüber zu führen. Kisten und Koffer wurden Hals +über Kopf hinunter gehoben, kaum blieb mir noch Zeit, +den Seeleuten, mit denen ich so lange Monde als einziger +Passagier verlebt, die Hand zu schütteln, und +schon glitten wir über den stillen Strom, dem, unserer +harrenden, Dampfer zu.</p> + +<p>An Bord fanden wir eine große Gesellschaft von +Herren und Damen und hier zum ersten Mal dachte +ich daran, daß ich ja in Bremerhafen, ehe ich die +»Stadt« selber betrat, meine etwas sehr mitgenommene +Toilette hatte erneuen wollen. Mein Schuhwerk +besonders befand sich in höchst traurigen Umständen, +und meine <em class="gesperrt">besten</em> Schuh waren querüber vollständig +aufgeplatzt. Aber das ging jetzt nicht mehr an – wer +kannte mich auch und wo behielt ich Zeit mich jetzt um +<em class="gesperrt">solche</em> Dinge zu bekümmern? – Den Strom hinauf +glitten wir, der für mich der Erinnerungen so viele +trug, und wie Dorf nach Dorf hinter uns blieb, wie +die Sonne tiefer und tiefer sank, und hie und da schon +einzelne Hügel aus dem flachen Land hervorschauten, +grüßten mich die Nachtigallen, die lieben Waldsänger +unserer Heimath mit ihrem zaubrisch süßen Sang.</p> + +<p>Und weiter flog das Boot; hinter dem Rad stand +<a class="pagenum" name="page_277" title="277"> </a> +ich, aus dem die Wellen schäumten, horchte den Nachtigallen +am Ufer, und schaute nach den alten gemüthlichen +Dorfkirchthürmen hinüber, bis von weitem, aber +schon mit einbrechender Dunkelheit, die Thürme der +alten Handelsstadt Bremen herüber blickten.</p> + +<p>Jetzt hielt das Boot; dicht unter den dunkeln +Häusermassen lagen wir, in welche nur schmale +schräge Einschnitte – kleine Gäßchen, die zum Ufer +hinunterführen – einliefen; Karrenführer kamen an +Bord, denen ich mein Gepäck übergab, und wenige +Secunden später stand ich zum ersten Mal wieder nach +129 Tagen draußen auf <em class="gesperrt">Pflaster</em>, auf <em class="gesperrt">deutschem</em> +Grund und Boden, und es war mir zu Muthe, als ob +ich hätte über den Boden <em class="gesperrt">fliegen</em> können.</p> + +<p>Von da an war jeder Schritt, den ich weiter that, +ein <em class="gesperrt">Genuß</em> für mich und langsam, ganz langsam +verfolgte ich im Anfang meinen Weg, den frohen +Becher nun auch ordentlich auszukosten.</p> + +<p>In vielen Häusern war schon Licht angezündet, +und die Leute saßen drin bei ihrem Abendbrod, hie +und da aber standen sie auch noch plaudernd, und sich +des schönen Sommerabends freuend, in den Thüren +– auch <em class="gesperrt">deutsch</em> sprachen sie, gutes ehrliches deutsch, +nicht mehr malayisch oder holländisch, oder englisch, +französisch, spanisch oder was sonst noch, was ich seit +<a class="pagenum" name="page_278" title="278"> </a> +den letzten Jahren gewohnt war, vor fremden Thüren +zu hören – die Männer rauchten lange Pfeifen, die +Frauen strickten lange Strümpfe, und die Kinder +hetzten sich über den Weg hinüber und herüber, und +lachten und jubelten.</p> + +<p>So wanderte ich mitten zwischen ihnen durch, +noch ein Fremder und Heimathloser in der weiten +Stadt, und doch vielleicht der glücklichste Mensch, den +in diesem Augenblick ganz Bremen umschloß.</p> + +<p>Jetzt hatte ich endlich das Handlungshaus erreicht, +in dem ich Briefe für mich von daheim finden sollte. +– Die ersten wieder seit langer, langer Zeit, denn +die <em class="gesperrt">letzten</em> Briefe, die ich vor sechs Monaten in +Batavia erhalten, waren noch außerdem über sechs +Monate alt gewesen.</p> + +<p>Der Chef war nicht zu Haus, aber ein junger +Mann vom Geschäft, dem ich meinen Namen nannte, +sagte: »er glaube, daß ein Brief für mich oben liegen +müsse,« und wie entsetzlich langsam ging er die Treppe +hinauf, danach zu suchen. – Endlich waren wir oben +– zwei, drei Gefache suchte er durch – da war er +richtig – ich hielt ihn fest in der Hand und weiß +wahrhaftig nicht, wie ich wieder aus dem Haus und +durch die Stadt in mein Hotel gekommen bin; aber ich +sah die Leute nicht mehr, die vor den Häusern standen, +<a class="pagenum" name="page_279" title="279"> </a> +oder an ihren hellerleuchteten Tischen saßen. So +rasch mich meine Füße trugen, eilte ich in den Lindenhof, +ließ mir ein Zimmer geben, bestellte Licht und +Thee und saß kaum zehn Minuten später am geöffneten +Fenster vor den lieben, lieben Zeilen, die mir +Kunde von den Meinen brachten. – Dann erst gab +ich mich den übrigen Genüssen hin, und wer nicht +selber einmal solang von daheim fort und besonders so +viele Wochen, ja Monate hintereinander auf See +gewesen, wird schwer begreifen können, mit welch behaglichem +Gefühl den seemüden Wanderer alle jene +tausend Kleinigkeiten erfüllen, die wir im gewöhnlichen +Leben gar nicht mehr beachten, und deren <em class="gesperrt">Dasein</em> +wir oft nur bemerken, wenn sie einmal <em class="gesperrt">fehlen</em>.</p> + +<p>Erstlich die Annehmlichkeit von frischem <em class="gesperrt">Fleisch</em>, +frischer <em class="gesperrt">Butter</em>, <em class="gesperrt">Milch</em> und <em class="gesperrt">Eiern</em> – dann das +Bewußtsein, daß das Theezeug <em class="gesperrt">fest</em> auf dem Tisch +stand, und nicht brauchte in hölzerne Gestelle eingestemmt +zu werden – und doch war ich mit meiner +Tasse noch im Anfang außerordentlich vorsichtig. Dazu +das Geräusch rollender Wagen auf dem Pflaster unten, +das Schlagen der großen Thurmuhren, das ich in einer +Ewigkeit nicht gehört, das Lachen und Plaudern der +Menschen unten auf dem großen freien Platz, und kein +Schaukeln dabei, kein Hin- und Wiederwerfen – +<a class="pagenum" name="page_280" title="280"> </a> +Alles das genoß ich einzeln und mit vollem geizenden +Bewußtsein dieser wenigen Momente, und wenn es +mir auch im Anfang noch manchmal so vorkommen +wollte, als ob der Lehnstuhl auf dem ich saß leise hin +und herschwankte, – das alte Gefühl noch von dem +Schiffe her – überzeugte ich mich doch bald, daß das +nur Täuschung sei.</p> + +<p>Indessen war es dunkel und still draußen in der +Stadt geworden; wieder und wieder hatte ich den +Brief gelesen und lag jetzt in meinem Stuhl am offenen +Fenster, eine ganze Welt voll Seligkeit im Herzen.</p> + +<p>Unten wurden murmelnde Menschenstimmen laut +– ich hatte sie schon eine Weile wie im Traum gehört, +aber nicht darauf geachtet; auch ein paar Laternen +sah ich über den Platz kommen. Da plötzlich klangen +von vier kräftigen Männerstimmen die Töne des herrlichen +Mendelssohn'schen Liedes:</p> + +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse">»Wer hat dich, du schöner Wald,</div> + <div class="verse">Aufgestellt so hoch da droben ...«</div> + </div> +</div> + +<p class="noindent">zu mir herauf, das <em class="gesperrt">erste</em> deutsche Lied und Männerchor +wieder, das ich seit langen Jahren hörte, und +wie hatte ich mich danach gesehnt. – Neben mir öffnete +sich ein Fenster – es fiel mir jetzt wieder ein, +daß eine berühmte Opernsängerin meine Nachbarin +war, die hier in Bremen gastirt hatte und morgen +<a class="pagenum" name="page_281" title="281"> </a> +früh wieder abreiste. Der Kellner hatte mir davon +gesprochen, als er das Theegeschirr hinausnahm.</p> + +<p>Und jetzt verklangen die Töne, um wieder mit +einem anderen, lebendigeren Liede zu beginnen; aber +voll und weich klangen sie zu mir herauf – voll und +weich war mir das Herz dabei geworden und – ich +brauche mich deshalb nicht zu schämen, daß mir die +hellen Thränen in den Bart liefen.</p> + +<p>Noch immer saß ich so, und die Sänger waren +schon lange fortgezogen; die Uhren in der Stadt +brummten die zehnte Stunde, als ein anderer, nicht +so harmonischer Ton all' die schwermüthigen Gedanken +im Nu verscheuchte.</p> + +<p>»Tuht!« blies der Nachtwächter unten und sang +sein melancholisch Lied, und ich sah den dunklen Schatten +des Mannes unten mit schwerem Schritt über +den Platz schreiten, folgte ihm mit den Augen so weit +ich konnte, und horchte auf die, aus ferneren Stadttheilen +herüberschallenden Antworten noch lange, +lange. – Und dann kamen Nachtschwärmer, die einen +Hausschlüssel hatten und ich hörte wie die Thüren +auf- und wieder zugemacht wurden – und dann schlugen +die Uhren wieder ein Viertel, Halb, drei Viertel +und Elf. Immer konnte ich mich noch nicht losreißen +von dem Platz am Fenster, bis ich endlich lange nach +<a class="pagenum" name="page_282" title="282"> </a> +elf mein weiches Lager suchte. Und wie herrlich +schlief ich, denn meine alte Seegras-Matratze an +Bord hatte ich in den vier Monaten so hart wie ein +Bret gelegen, und das weiche Roßhaarbett bot einen +neuen Genuß.</p> + +<p>Am nächsten Morgen war ich früh auf den Füßen, +Manches zu besorgen, meine mitgebrachten Kisten auf +die Fracht zu geben und liebe Freunde zu besuchen. +Eine Zeitung hatte ich noch nicht in die Hand bekommen +und das Einzige, was ich bis jetzt von einer politischen +Neugestaltung der letzten 8 Monate wußte, war +die Wahl Louis Napoleons zum Präsidenden der Republik. +Ein Fischerboot im Canal, das wir wegen Zeitungen +anriefen, hatte uns ein altes Stück englischer Zeitung +– halb durchgerissen, mit einer tüchtigen Steinkohle +als Gewicht hineingewickelt – zugeworfen – +darauf fanden wir einen Theil der Einzugsfeierlichkeiten +des neuen Präsidenten beschrieben – das war Alles +was wir von Europa überhaupt erfuhren – und sonderbarer +Weise gleich das Wichtigste.</p> + +<p>Freund Andree, den ich in Bremen antraf, ersetzte +mir aber alle Zeitungen, denn mit kurzen bündigen +Worten gab er mir einen flüchtigen, aber vortrefflichen +Ueberblick des Geschehenen – du lieber Gott, es war +wenig Tröstliches, das ich erfuhr – wie traurig sah +<a class="pagenum" name="page_283" title="283"> </a> +es in dem armen Deutschland aus, und was war aus +der Freiheit, aus den Freiheiten geworden, die wir +48 erträumt. Der alte Fluch der Uneinigkeit hatte +wieder seine giftigen Früchte getragen, und Alles was +ich aus dem Sturm der letzten Jahre gerettet fand +– und das überhaupt der Mühe des Aufhebens +lohnte, war: die <em class="gesperrt">Erinnerung</em> an das Parlament; +das Bewußtsein, daß wir ein solches wirklich <em class="gesperrt">gehabt</em> +hatten, daß es also nicht zu den Schattenbildern gehörte +und uns einmal, es möchte nun dauern so lange +es wollte, wieder werden <em class="gesperrt">mußte</em>. – Jetzt freilich +feierte der Bundestag wieder seine Ferien wie vordem +– ein Dorn im Fleisch der Deutschen, ein Spott +und Hohn für das Ausland. – Die <em class="gesperrt">deutschen</em> +Schiffe, die noch draußen auf der Rhede von Bremerhafen +unter der schwarz-roth-goldenen Flagge +lagen, warteten auf den Hammer des Auctionators, +die Schmach von Schleswig-Holstein und Olmütz +brannte auf unserem Herzen und – was ich außerdem +von Bekannten und Freunden hatte, saß im +Zuchthaus oder war verbannt. Tröstliche Nachrichten +für einen Heimkehrenden; aber es überraschte mich +kaum. Als ich Deutschland im März 49 verließ, +saß der mit den deutschen Farben bewimpelte Staatskarren +schon fest im Schlamm, und man brauchte +<a class="pagenum" name="page_284" title="284"> </a> +damals kein Prophet zu sein, ihm sein Schicksal vorher +zu sagen. Das Alles hatte sich jetzt erfüllt, die +Reaction grünte und blühte, und wie in der Argentinischen +Republik, that es den würdigen Staatsmännern +nur leid, daß sie nicht auch Wald und Himmel +mit ihren respectiven Landesfarben schwarz und weiß +oder schwarz und gelb oder weiß und blau anstreichen +konnten.</p> + +<p>Was half's! Es mußte ertragen werden, und nur +die <em class="gesperrt">Hoffnung</em> konnte uns selbst unser damaliger +Zustand nicht rauben.</p> + +<p>In Bremen besorgte ich so rasch als möglich was +ich zu besorgen hatte, fuhr dann nach Hamburg hinüber, +dort einige von Sidney herübergeschickte Sachen, +meist Indianische Waffen, in Empfang zu nehmen, +und eilte nun, so rasch mich Dampf und Eisenschienen +bringen konnten, nach Leipzig, meine damals in +Wien lebende Familie wieder zu sehen.</p> + +<p>Unterwegs mußte ich erst noch an der Preußischen +Grenze eine Paßplackerei überwinden. Mein Paß +war seit drei Monaten verfallen und außerdem in +einem Zustand, wie ihn ein Preußischer Grenzbeamter +wohl kaum je unter Händen gehabt. In Brasilien +und besonders in der Argentinischen Republik +wie in Batavia, selbst von den französischen Behörden +<a class="pagenum" name="page_285" title="285"> </a> +auf Tahiti war freilich allen Anforderungen, die +selbst ein deutsches Postbüreau stellen konnte, genügt; +an allen übrigen Landungsplätzen hatte sich aber kein +Mensch um einen Paß bekümmert, und ich war nicht +leichtsinnig genug gewesen, mir unnöthige Laufereien +und Geldausgaben zu machen. Nur um die ganze +Route auf dem Paß zu haben visirte ich ihn mir, aus +angeborenem Pflichtgefühl, dort selbst, und diese Mißachtung +eines <em class="gesperrt">officiellen</em> Visum schien die Polizeibeamten +am meisten zu erschüttern. Trotzdem behandelten +sie mich humaner als ich erwartet hatte, und +mit einem sanften Verweis über mein rücksichtsloses +Handeln: »Aber lieber Herr, Sie reisen in der ganzen +Welt herum und lassen nirgends visiren,« wurde +mir erlaubt, meine Reise ungehindert fortzusetzen.</p> + +<p>In Leipzig, wo ich einen Tag bleiben mußte, kam +ich Abends spät an, und wollte noch meinen dort wohnenden +Schwager aufsuchen. Seine Adresse hatte ich; +ich wußte nämlich die Straße und Hausnummer, es +war aber schon so dunkel, daß ich die Nummer nicht +mehr erkennen konnte, und die vollkommen menschenleere +Quergasse langsam niederschreitend, hoffte ich +an irgend einem Haus einen Menschen zu finden, den +ich fragen konnte.</p> + +<p>Da verließ Jemand vor mir eine Thür und ging +<a class="pagenum" name="page_286" title="286"> </a> +die Straße hinab; es war ein Mann in Hemdsärmeln, +jedenfalls ein Markthelfer, mehr konnte ich in +der Dunkelheit nicht erkennen. Als ich ihn eingeholt, +frug ich ihn, ob er nicht zufällig wisse, in welcher Gegend +hier Nr. 22 liege.</p> + +<p>»Ja wohl, Herr Gerstäcker,« sagte der Mann so +ruhig, als ob er mir noch gestern und alle Tage hier +in derselben Straße begegnet wäre, und wir jetzt +hellen Sonnenschein und nicht finstere Nacht gehabt +hätten. Es lag ordentlich etwas Geisterhaftes in dieser +Nennung meines Namens unter solchen Umständen, +und unwillkührlich frug ich, »aber kennen Sie +mich denn?« – »Na, werd' ich <em class="gesperrt">Sie</em> nicht kennen,« +sagte der Mann – »da drüben ist gleich das Haus.« +– Incognito hätte ich <em class="gesperrt">hier</em> nicht reisen können.</p> + +<p>Den nächsten Tag verbrachte ich, wie schon gesagt, +in Leipzig, um vor allen Dingen einen neuen Paß +nach Oestreich zu bekommen. Ein merkwürdiges Gefühl +war es mir aber dabei, durch die alten bekannten +Straßen zu gehen und in den Läden, in den Fenstern +die nämlichen Menschen mit der nämlichen Beschäftigung +zu sehen, wie ich sie vor langen Jahren verlassen +hatte. Die waren nicht fort gewesen in der +ganzen Zeit; die hatten Tag für Tag ihrem Beruf an +derselben Stelle obgelegen und während mir eine +<a class="pagenum" name="page_287" title="287"> </a> +Fluth von Erinnerungen durch die Seele ging, kannte +die ihre kein anderes Bild, als diese selben engen +Straßen boten.</p> + +<p>So sitzen hier Leute, die ich mich besinnen kann +auf der nämlichen Stelle gesehen zu haben, als ich +noch, ein Knabe, da in die Schule ging. Sie kamen +mir damals schon alt und ehrwürdig vor und sahen +heute genau noch so aus; nur daß sie früher keine +grauen Haare hatten. Dieselben Menschen sind immer +dageblieben, und wo bin ich indessen herumgewandert +– was hab' ich erlebt – was gesehen – und wie +drängt es mich noch immer neuen Scenen entgegen +zu eilen, während diese still und genügsam in dem +engen Kreise sich bewegen, den ihnen die eigene Wahl +oder das Schicksal angewiesen. Und wenn wir sterben, +ruhen wir vielleicht neben einander, und die Erinnerung +ist todt und fort.</p> + +<p>Und soll ich dir, freundlicher Leser, jetzt erzählen, +wie ich nach Brünn kam, bis wohin mir meine Frau +mit dem Kind entgegen fahren wollte – wie ich mich +von Nachtfahrten und übermäßiger Anstrengung zum +Tod erschöpft in meinen Kleidern auf das Bett geworfen +hatte, den um Mitternacht eintreffenden Zug dann +zu erwarten? Wie mich der Kellner nicht geweckt, und +plötzlich mitten in der Nacht Frau und Kind, die ich +<a class="pagenum" name="page_288" title="288"> </a> +in 39 Monden nicht gesehen, im Zimmer standen, und +wie der kleine, indessen vierjährig gewordene Bursch, +seine Aermchen um meinen Nacken legte und mit +seiner lieben Stimme flüsterte: »du weggelaufener +Papa?« – Es geht nicht – es geht wahrhaftig nicht, +Worte sind nicht im Stande das zu beschreiben; das +muß erlebt, empfunden sein, und – ich möchte gleich +wieder auf Reisen gehen, nur um <em class="gesperrt">den</em> Augenblick noch +einmal zu erleben.</p> + + + + +<h2>Wenn wir einmal sterben.<a class="pagenum" name="page_289" title="289"> </a></h2> + + +<p>Oft, wenn ich in meinem Zimmer sitze und mein +Blick über die aus allen Welttheilen zusammengetragenen +Gegenstände schweift, die mir so lieb sind, weil +sich an jedes einzelne eine, oft freudige, oft bittere Erinnerung +knüpft, fällt mir eine Scene aus früherer Zeit +ein.</p> + +<p>In einem großen alten Hause in ** hatte ein +alter Herr viele lange Jahre hindurch so abgeschlossen +gelebt, daß er mit Niemandem da draußen – wenigstens +nie direkt – in Berührung kam. Eine alte +Haushälterin und ein alter Gärtner besorgten seine +Arbeiten, und nur Abends, wenn in dem obersten +Erkerstübchen, wo die alte Haushälterin schlief, Licht +angezündet wurde, sah man, daß die Leute drinnen +noch lebten, denn sonst ließ sich den ganzen Tag keine +Seele, weder an einem der dicht verhangenen Fenster +noch in der Thür blicken.</p> + +<p><a class="pagenum" name="page_290" title="290"> </a> +Der Eigenthümer selber verließ seine Wohnung +nie – einen Tag im Jahre ausgenommen – am ersten +Weihnachtsfeiertag, und dann auch nur – mochte +es wettern und stürmen, wie es wollte – um hinaus +auf den Gottesacker zu gehen und daselbst ein Grab +zu besuchen. Allerdings hatten sich die Müßiggänger +in der Stadt schon die größte Mühe gegeben, um herauszubekommen, +wer unter dem kleinen einfachen +Hügel ruhe, an dem der Greis eine volle Stunde +betete – aber vergebens. Kein Kreuz, keine Tafel +kündete den Namen. Der frühere Todtengräber war +gestorben, aus dem Buch, das er mit wunderlichen +Zeichen und Figuren geführt, ließ sich nichts Bestimmtes +mehr herausfinden, und die Leute sahen sich +gezwungen, ihre eigenen Geschichten darüber zu ersinnen. +Es läßt sich denken, daß die abenteuerlichsten +Gerüchte die Stadt durchliefen – aber auch nur eine +Zeit lang. Wie der alte Herr Jahr nach Jahr das +nämliche trieb, dabei Niemandem etwas in den Weg +legte, wurde man es endlich müde, sich um ihn zu +bekümmern, und erst sein Tod erweckte die schon fast +vergessenen Gerüchte von Neuem – allein auch sein +Tod brachte keine Aufklärung über sein früheres Leben.</p> + +<p>Wie es mit dem Testament gewesen war, weiß +ich nicht mehr, nur soviel erinnere ich mich, daß die +<a class="pagenum" name="page_291" title="291"> </a> +Erben keineswegs zufrieden sein mußten, denn große +Legate waren den Dienern vermacht, und die außerordentlich +einfache und dadurch fast werthlose Einrichtung +des Hauses sollte in dessen Räumen selber öffentlich +versteigert werden.</p> + +<p>Nach alle dem läßt es sich denken, daß ein großer +Theil der Bewohner von ** neugierig war, die +Räume zu betreten, die bis jetzt von dem alten wunderlichen +Mann als unnahbares Heiligthum verschlossen +und verriegelt gehalten waren. Die von dem +Magistrat herbeorderten Beamten hatten wirklich ihre +Noth, die zudringlichen Gaffer in ihren Schranken zu +halten, damit sich im Gedränge nicht auch verworfenes +Gesindel mit einschlich und die Hand an fremdes +Eigenthum legte.</p> + +<p>Stube nach Stube wurde deshalb nur derart geöffnet, +daß man eine andere erst aufschloß, wenn die +in der einen befindlichen Gegenstände verkauft und +ihren jetzigen Besitzern überwiesen waren. Dadurch bekamen +es die Neugierigen endlich satt, sich nur herumstoßen +und drängen zu lassen, ohne weiter etwas zu +sehen, als öde Zimmer und altmodische Möbel und +Schränke. Nach und nach verliefen sich die Meisten +und es blieben fast nur Solche zurück, die wirklich +Lust zu kaufen hatten.</p> + +<p><a class="pagenum" name="page_292" title="292"> </a> +So gelangten wir endlich, nachdem eine Masse +von Schränken, Tischen, Stühlen, alten Bildern, zu +Spinneweb gewaschenen Gardinen und hundert andern +Kleinigkeiten verkauft oder vielmehr um einen Spottpreis +verschleudert waren, in die Studirstube des alten +Mannes – wenn ein Platz so genannt werden kann, +in dem ein nur wenig benutzter Schreibtisch und ein +kleines dürftiges Regal mit einigen zwanzig, meist +französischen und holländischen Büchern stand.</p> + +<p>Der Verstorbene war augenscheinlich kein Gelehrter +gewesen, das aber hier jedenfalls der Platz, wo er +seine meiste Zeit, die langen Jahre seiner Einsamkeit, +träumend und durch nichts gestört verbracht, und es +überkam mich ein eigenes und drückendes Gefühl, als +ich die kalten, gleichgültigen Gesichter sah, die sich +hier jetzt mit prüfenden Blicken in dem engen Raum +umschauten und die Gegenstände taxirten. Es war +mir, als ob ein Grab entweiht würde, das Grab einer +Seele, deren Träume bis jetzt hier eingesargt gewesen.</p> + +<p>Aber was kümmerte das die Käufer oder den +Auctionator, der Stück nach Stück ruhig und gleichmüthig +unter den Hammer brachte! Vor dem Tische +stand ein alter, mit Leder überzogener Lehnstuhl, über +dem Tisch hing ein kleines, ziemlich mittelmäßig ausgeführtes +Bild, eine Landschaft mit einer alten knorrigen +<a class="pagenum" name="page_293" title="293"> </a> +Eiche im Vordergrund, die an dem Ufer eines +Weihers stand. Unter der Eiche lag ein Frauenhut +und ein Brief. In dem Lehnstuhl war der alte Mann +gestorben, und auf dem Tisch stand ein kleines flaches +Mahagonikästchen.</p> + +<p>Ein Jude kaufte den Tisch, den Lehnstuhl und nachher +das Kästchen auch, das Bild, da Niemand darauf +bieten wollte, bekam er zu. In dem Kästchen stak der +Schlüssel, er öffnete es, es lagen einige Sachen darin, +und er wühlte mit der Hand darin herum. Als ihm +das Kästchen zugeschlagen war, drehte er es um und +schüttete den Inhalt auf den Boden. Es enthielt auch +nichts Aufhebenswerthes: ein paar trockene, schon fast +verkrümelte Blumen, ein Stückchen Holz mit ein paar +dürren Blättern, ein paar Streifen vergilbtes Papier +mit unleserlichen Zügen, ein kleines blauseidenes Band, +einen zerschnittenen Handschuh und noch eine Anzahl +anderer, eben so werthloser verwitterter Dinge. Was +sollte der Käufer mit dem Plunder machen? er wurde +später mit dem übrigen Staub und Gerumpel hinaus +gekehrt, und doch war er das Heiligthum eines ganzen +Lebens gewesen.</p> + +<p>Und wenn <em class="gesperrt">wir</em> einmal sterben?</p> + +<p>In meinem Zimmer hängen eine Unmasse von +werthlosen Dingen, Waffen aus allen Welttheilen +<a class="pagenum" name="page_294" title="294"> </a> +von Stein, Holz, Stahl, Wallroß- und Haifischzähnen, +und wenn ich einmal sterbe, finden sie vielleicht ihren +Weg in ein Naturaliencabinet, wo dann der Aufseher +mit Hülfe des Katalogs den Besuchern erklären kann: +das Stück stammt dort, jenes von da her, diese Waffen +führen die australischen Eingebornen, jene sind auf +den Südseeinseln, in Afrika, in Californien, in Südamerika, +in China, in Java daheim – das bleibt +Alles, denn die Erinnerung ist todt, die ihnen jetzt +Leben verleiht.</p> + +<p>Jenes alte lederne Jagdhemd, mit seinen indianischen +Ausfranzungen, habe ich aus selbsterlegten +Hirschdecken auch selber gegerbt und genäht und manches +lange Jahr getragen; jenes alte Messer führte +ich zweiundzwanzig Jahr in Freud und Leid; jene +Bolas holte ich mir aus den chilenischen Cordilleren, +und wie der Blick darauf fällt, sitze ich wieder bei dem +tollen Trinkgelage jener Stämme, sehe die mit trübem +Aepfelwein gefüllten Kuhhörner im Kreis herumgehen +und die junge dicke Kazikentochter mir gegenüber, +die mir jenes Diadem von bunten Perlen gab. Die +Lanze dort schleuderte einst ein australischer Wilder +nach mir; jene Mumienhand steckte mir ein junger +ägyptischer Epigone unter den Tempelsäulen von Karnak +in die Tasche, da ich sie ihm nicht um den üblichen +<a class="pagenum" name="page_295" title="295"> </a> +Sixpence abkaufen wollte; jenen Bogen erhandelte +ich von einem californischen Indianer um selbstgegrabenes +Gold aus seinen Bergen. Mit diesen Stücken +trockenen Guiavenholzes rieb sich ein bildschönes +Mädchen auf Tahiti einst Feuer, um ihre Cigarre +daran anzuzünden; jenen Wallfischzahn brach ich selber +aus dem Kiefer eines frischgefangenen Cachelot; +den Tabaksbeutel aus dem Fuß eines Albatroß arbeitete +ich mir inmitten eines furchtbaren Sturmes am +Cap Horn; das Hirschgeweih da oben holte ich mir +aus der Bandong-Ebene in Java, und jene kleinen +ungeschickt geschnittenen Figuren aus vegetablischem +Elfenbein kaufte ich auf dem Markt zu Quito.</p> + +<p>Und welche Unzahl von Kleinigkeiten, die ein +Anderer unbedingt zum Kehrichthaufen verdammen +würde, bilden die Schätze, die ich um mich her aufgehäuft! +Vier Steinbrocken, die jeder Geologe verächtlich +bei Seite werfen würde: ein gewöhnliches Stück +Kalkstein mit ein paar dunklen Flecken darauf – die +Schweißtropfen meines ersten starken Gemsbocks, den +ich hoch am Karwendelgebirg in Tyrol in voller Flucht +durch's Herz schoß; ein gewöhnlicher Kieselstein, aus +den Wassern des Pozuzu in Peru – die Erinnerung +an den Uebergang jenes reißenden Bergstromes, an +einer einzelnen wilden Rebe; ein kleines Stück Granit +<a class="pagenum" name="page_296" title="296"> </a> +vom 16,000 Fuß hohen Gipfel der Cordilleren +in Peru; ein anderes verwittertes Gestein vom höchsten +Paß der La Plata-Staaten nach Chile; eine +gelbe Feder vom Kopf eines Kakadu, des ersten, +leider nicht des einzigen, den ich im australischen Wald +erlegen und verzehren mußte, um nicht zu verhungern; +ein langes Stück Koralle, das ein australisches Mädchen +als einzigen Schmuck und Kleidungsstück durch +den Nasenknorpel trug; ein rothes Band, das ich, in +dem jetzt verschütteten Mendoza, im Knopfloch führen +mußte, um unter Rosa's Regierung einen Paß auf +der Polizei zu bekommen; der alte hölzerne Quirl +und Löffel, mit dem ich in Ecuador tagtäglich, lange +Monate hindurch meine Chocolade quirlte und rührte; +selbstgewaschenes Gold aus Californien; Silber aus +Cerro de Pasco, der höchsten Stadt der Welt; Wüstensand +aus Aegypten; künstliche Federblumen aus +Brasilien, und was mein Schreibtisch an geheimen +Schätzen birgt, an trockenen Blumen und an Liebeszeichen +aus der Jugendzeit, Du lieber Gott, was Anderes +ist das, als was der Trödler dort in dem alten +Haus, aus jenem Mahagonikasten auf die Erde schüttete: +– und doch ein Lebensalter hindurch mit dem +eigenen Herzblut erkauft und gehegt und gepflegt!</p> + +<p>Und wer von uns Allen hat nicht solche Liebeszeichen, +<a class="pagenum" name="page_297" title="297"> </a> +wem von uns Allen ruft nicht ein Band, ein +trocknes Blatt, ein alter, wieder und wieder gelesener +Brief alte Liebe und, wenn auch schmerzliche, Erinnerungen +der Seele wach? und wenn wir einmal +sterben? dann kommen rauhe Hände und zerstören +diese »Leichen unserer Erinnerung,« denn das +Leben fehlt ihnen, was ihnen diese für uns eingehaucht.</p> + +<p>Und können wir uns deshalb von ihnen trennen? +Nein, es ist nicht möglich, denn sie bilden einen Theil, +und zwar den edelsten Theil unseres Selbst; sie sind +die kleinen unscheinbaren, aber trotzdem unzerreißbaren +Glieder jener Kette, die uns an die Heimath +binden. Sie sind die Tröster in mancher bitteren, sorgenschweren +Stunde, die Märchenerzähler unserer +eigenen Jugend, und wie der Mensch, wenn ihm die +Hoffnung genommen würde, zum Selbstmörder werden +müßte, und wie er deshalb die Hoffnung hegt +und pflegt, weil er mit ihr die Brücke zu seiner Zukunft +baut, so hält er auch die kleinen Zeichen fest als +theure Gaben der Vergangenheit.</p> + +<p>Wohl wäre es besser, wir selber vernichteten diese +kleinen unscheinbaren Liebesboten, wenn wir einmal +fühlen, daß unser Ende naht; aber wer fühlt das? +Wer mag es sich bis zum letzten entscheidenden Augenblick +<a class="pagenum" name="page_298" title="298"> </a> +wohl eingestehen: Jetzt ist vorbei, jetzt weist der Zeiger +auf die letzte Stunde? Nicht Einer aus Tausenden. +Noch mit zitternder Hand, mit schon halbgebrochenem +Auge fällt unser Blick darauf, und wenn wir dann +sterben, dann fliegt mit unsrer Seele auch die Seele +unserer Reliquien – Gott nur weiß wohin, und +unsere Leichen werden Staub.</p> + +<hr /> + + + + +<div class="tnote break"> + +<h2 class="nobreak margtop2">Hinweise zur Transkription</h2> + + +<p class="noindent">Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. Offensichtliche +Satzfehler wurden korrigiert, bei Zweifeln der Originaltext beibehalten. +Eine Liste der vorgenommenen Änderungen befindet sich hier am Buchende, +Änderungen der Zeichensetzung sind nicht aufgeführt.</p> + + +<h3><b>Änderungen</b></h3> + +<p class="noindent"><i>Seitenangabe<br /> +originaler Text<br /> +geänderter Text</i></p> + +<p class="noindent"><a href="#page_001">Seite 1</a><br /> +als er, vierzehn Tage später, um Bertha Vollmer anhielt<br /> +als er, vierzehn Tage später, um Bertha <b>W</b>ollmer anhielt</p> + +<p class="noindent"><a href="#page_003">Seite 3</a><br /> +und wenn sie ihn auch nie ein unfreundlich Gesicht<br /> +und wenn sie ih<b>m</b> auch nie ein unfreundlich Gesicht</p> + +<p class="noindent"><a href="#page_014">Seite 14</a><br /> +freundlich ihn empfing, wenn er endlich znrückkehrte<br /> +freundlich ihn empfing, wenn er endlich z<b>u</b>rückkehrte</p> + +<p class="noindent"> +Schatz gehalten, und mißachtet, bis er von ihn genommen<br /> +Schatz gehalten, und mißachtet, bis er von ih<b>m</b> genommen</p> + +<p class="noindent"><a href="#page_015">Seite 15</a><br /> +wo die Gattin plötzlich, unvorbereiiet abgerufen wurde<br /> +wo die Gattin plötzlich, unvorberei<b>t</b>et abgerufen wurde</p> + +<p class="noindent"><a href="#page_021">Seite 21</a><br /> +ein ganz entsetzlich naßkaltes und stürmischs Wetter<br /> +ein ganz entsetzlich naßkaltes und stürmisch<b>e</b>s Wetter</p> + +<p class="noindent"><a href="#page_036">Seite 36</a><br /> +ihre verschiedenen Freundinen einmal wieder aufzusuchen<br /> +ihre verschiedenen Freundin<b>n</b>en einmal wieder aufzusuchen</p> + +<p class="noindent"><a href="#page_039">Seite 39</a><br /> +sie selbst in ihrer Mitte<b>e</b> in Individum entdeckten<br /> +sie selbst in ihrer Mitte <b>e</b>in Individu<b>u</b>m entdeckten</p> + +<p class="noindent"><a href="#page_040">Seite 40</a><br /> +als das sie sich wunderten<br /> +als da<b>ß</b> sie sich wunderten</p> + +<p class="noindent"> +diesen doch sicher höchst<b>en</b> interessanten Fall<br /> +diesen doch sicher höchst interessanten Fall</p> + +<p class="noindent"> +erst auf äußere Veranlassang von sich gegeben<br /> +erst auf äußere Veranlass<b>u</b>ng von sich gegeben</p> + +<p class="noindent"> +E ist richtig! Ich weiß es! Es spukt drüben!<br /> +E<b>s</b> ist richtig! Ich weiß es! Es spukt drüben!</p> + +<p class="noindent"><a href="#page_043">Seite 43</a><br /> +sagte die Frau Präsidentin mit einer <b>einer</b> wegwerfenden Bewegung<br /> +sagte die Frau Präsidentin mit einer wegwerfenden Bewegung</p> + +<p class="noindent"> +von der kleinen lehhaften Hofräthin dabei warm unterstützt<br /> +von der kleinen le<b>b</b>haften Hofräthin dabei warm unterstützt</p> + +<p class="noindent"><a href="#page_047">Seite 47</a><br /> +Drittes Kapitel<br /> +Drittes <b>C</b>apitel</p> + +<p class="noindent"><a href="#page_048">Seite 48</a><br /> +um den Justizrath sein Gesicht zuzukehren<br /> +um de<b>m</b> Justizrath sein Gesicht zuzukehren</p> + +<p class="noindent"><a href="#page_049">Seite 49</a><br /> +<b>n</b>eben nur einen halblauten Schrei ausstoßend<br /> +eben nur einen halblauten Schrei ausstoßend</p> + +<p class="noindent"><a href="#page_054">Seite 54</a><br /> +Bertling aber, ärgerlich darüber, das er eine verfehlte<br /> +Bertling aber, ärgerlich darüber, da<b>ß</b> er eine verfehlte</p> + +<p class="noindent"><a href="#page_069">Seite 69</a><br /> +wie ein Kind, daß ein neues Spielzeug bekommen hat<br /> +wie ein Kind, da<b>s</b> ein neues Spielzeug bekommen hat</p> + +<p class="noindent"><a href="#page_072">Seite 72</a><br /> +beobachtete ihn über die Brlle weg<br /> +beobachtete ihn über die Br<b>i</b>lle weg</p> + +<p class="noindent"><a href="#page_073">Seite 73</a><br /> +während ihre Freundin kam aufzuschauen wagte<br /> +während ihre Freundin ka<b>u</b>m aufzuschauen wagte</p> + +<p class="noindent"><a href="#page_074">Seite 74</a><br /> +An den Feustern hingen aber Gardinen<br /> +An den Fe<b>n</b>stern hingen aber Gardinen</p> + +<p class="noindent"><a href="#page_077">Seite 77</a><br /> +denn die Frau Heßbeger begann jetzt in feierlicher Weise<br /> +denn die Frau Heßbe<b>r</b>ger begann jetzt in feierlicher Weise</p> + +<p class="noindent"><a href="#page_081">Seite 81/82</a><br /> +sonst bekommen wir nach-ihre Confusion<br /> +sonst bekommen wir nach<b>her</b> Confusion</p> + +<p class="noindent"><a href="#page_116">Seite 116</a><br /> +abgelegenen Straße vier steile<b>n</b> dunkle<b>n</b> Treppen hinauf geklettert<br /> +abgelegenen Straße vier steile dunkle Treppen hinauf geklettert</p> + +<p class="noindent"><a href="#page_118">Seite 118</a><br /> +wußte sie das Gespäch auf das Abenteuer<br /> +wußte sie das Gesp<b>r</b>äch auf das Abenteuer</p> + +<p class="noindent"><a href="#page_119">Seite 119</a><br /> +»Du er<b>r</b>innerst Dich doch,« fuhr Pauline fort<br /> +»Du erinnerst Dich doch,« fuhr Pauline fort</p> + +<p class="noindent"><a href="#page_132">Seite 132</a><br /> +mit vor Zorn ger<b>r</b>ötheten Wangen<br /> +mit vor Zorn gerötheten Wangen</p> + +<p class="noindent"><a href="#page_138">Seite 138</a><br /> +»Bitte tausendmal um Entschnldigung,« sagte Lorenz<br /> +»Bitte tausendmal um Entsch<b>u</b>ldigung,« sagte Lorenz</p> + +<p class="noindent"> +sagte das Kindermädchen, das ihm mit einer Lase frischen Wassers<br /> +sagte das Kindermädchen, das ihm mit einer <b>V</b>ase frischen Wassers</p> + +<p class="noindent"><a href="#page_141">Seite 141</a><br /> +werde ich <b>ich</b> mich bis zur nächsten Station bei den Koffern<br /> +werde ich mich bis zur nächsten Station bei den Koffern</p> + +<p class="noindent"><a href="#page_144">Seite 144</a><br /> +die Cigarre schmeckte ausgezeichet<br /> +die Cigarre schmeckte ausgezeich<b>n</b>et</p> + +<p class="noindent"><a href="#page_150">Seite 150</a><br /> +Reiseanzug den entschieden englichen Charakter<br /> +Reiseanzug den entschieden engli<b>s</b>chen Charakter</p> + +<p class="noindent"><a href="#page_152">Seite 152</a><br /> +Engländer auf den Continent<br /> +Engländer auf de<b>m</b> Continent</p> + +<p class="noindent"> +Gepäckträgern und Lohnbedienteu geprellt<br /> +Gepäckträgern und Lohnbediente<b>n</b> geprellt</p> + +<p class="noindent"><a href="#page_155">Seite 155</a><br /> +nach seinem Schein uud fluchte auf deutsch<br /> +nach seinem Schein u<b>n</b>d fluchte auf deutsch</p> + +<p class="noindent"><a href="#page_156">Seite 156</a><br /> +kein anderer Ausweg, als den gegebenen Rath zu folgen<br /> +kein anderer Ausweg, als de<b>m</b> gegebenen Rath zu folgen</p> + +<p class="noindent"><a href="#page_164">Seite 164</a><br /> +Gewißheit über die Persönlichkiet erlangen konnte<br /> +Gewißheit über die Persönlichk<b>ei</b>t erlangen konnte</p> + +<p class="noindent"><a href="#page_173">Seite 173</a><br /> +meine Hälfte ebenfalls zur rechteu Zeit einbringe<br /> +meine Hälfte ebenfalls zur rechte<b>n</b> Zeit einbringe</p> + +<p class="noindent"><a href="#page_179">Seite 179</a><br /> +um ihre Morgentoilete zu beenden<br /> +um ihre Morgentoilet<b>t</b>e zu beenden</p> + +<p class="noindent"><a href="#page_181">Seite 181</a><br /> +in voller Toilete, mit Schmuck und Flittertand<br /> +in voller Toilet<b>t</b>e, mit Schmuck und Flittertand</p> + +<p class="noindent"><a href="#page_182">Seite 182</a><br /> +verzeihen Sie der Aufregumg, in der Sie<br /> +verzeihen Sie der Aufregu<b>n</b>g, in der Sie</p> + +<p class="noindent"><a href="#page_184">Seite 184</a><br /> +schon gar keinen möglicheu Ausweg mehr sah<br /> +schon gar keinen mögliche<b>n</b> Ausweg mehr sah</p> + +<p class="noindent"><a href="#page_190">Seite 190</a><br /> +Ich habe nichts als meinem ehrlichen Namen<br /> +Ich habe nichts als meine<b>n</b> ehrlichen Namen</p> + +<p class="noindent"><a href="#page_196">Seite 196</a><br /> +diesen Platz so rasch als möglich zu erreicheu<br /> +diesen Platz so rasch als möglich zu erreiche<b>n</b></p> + +<p class="noindent"><a href="#page_197">Seite 197</a><br /> +Unachtsamkeit verdanke, den wie dieser einmal<br /> +Unachtsamkeit verdanke, den<b>n</b> wie dieser einmal</p> + +<p class="noindent"><a href="#page_200">Seite 200</a><br /> +ob er aber einen Schnurrbatt gehabt<br /> +ob er aber einen Schnurrba<b>r</b>t gehabt</p> + +<p class="noindent"><a href="#page_201">Seite 201</a><br /> +als ein kleines Mädchen, daß dabei gestanden<br /> +als ein kleines Mädchen, da<b>s</b> dabei gestanden</p> + +<p class="noindent"><a href="#page_204">Seite 204</a><br /> +»J gewiß, und die müssen Ihnen Pferde schaffen.«<br /> +»J<b>a</b> gewiß, und die müssen Ihnen Pferde schaffen.«</p> + +<p class="noindent"><a href="#page_211">Seite 211</a><br /> +und borgte sich noch außerden vom Kellner<br /> +und borgte sich noch außerde<b>m</b> vom Kellner</p> + +<p class="noindent"><a href="#page_213">Seite 213</a><br /> +alle harmlosen Spiele nnd Vergnügungen hinübertönte<br /> +alle harmlosen Spiele <b>u</b>nd Vergnügungen hinübertönte</p> + +<p class="noindent"><a href="#page_214">Seite 214</a><br /> +wollten wir alle zusammen schmeißeu<br /> +wollten wir alle zusammen schmeiße<b>n</b></p> + +<p class="noindent"> +der Lakai eine tiefe, erfurchtsvolle Verbeugung machte<br /> +der Lakai eine tiefe, e<b>h</b>rfurchtsvolle Verbeugung machte</p> + +<p class="noindent"><a href="#page_216">Seite 216</a><br /> +jede Weiblichket bei Seite lassend<br /> +jede Weiblichke<b>i</b>t bei Seite lassend</p> + +<p class="noindent"><a href="#page_217">Seite 217</a><br /> +das Klimpern des Geldes und die montonen Worte<br /> +das Klimpern des Geldes und die mon<b>o</b>tonen Worte</p> + +<p class="noindent"><a href="#page_234">Seite 234</a><br /> +aber es fielen ihm in diesen Augenblick<br /> +aber es fielen ihm in diese<b>m</b> Augenblick</p> + +<p class="noindent"><a href="#page_236">Seite 236</a><br /> +und die Erinn<b>n</b>erung an das Vergangene soll<br /> +und die Erinnerung an das Vergangene soll</p> + +<p class="noindent"><a href="#page_242">Seite 242</a><br /> +nehmen die Leiden dieses armen Mädchen bald ein Ende<br /> +nehmen die Leiden dieses armen Mädchen<b>s</b> bald ein Ende</p> + +<p class="noindent"><a href="#page_243">Seite 243</a><br /> +zweitausend Pfund, die er vereist oder verspielt<br /> +zweitausend Pfund, die er ver<b>r</b>eist oder verspielt</p> + +<p class="noindent"><a href="#page_251">Seite 251</a><br /> +zusammengezogenen Brau<b>n</b>en, daß Sie daß nicht thun<br /> +zusammengezogenen Brauen, daß Sie da<b>s</b> nicht thun</p> + +<p class="noindent"><a href="#page_255">Seite 255</a><br /> +haben Sie mich auf Ihrem Besuch warten lassen<br /> +haben Sie mich auf Ihre<b>n</b> Besuch warten lassen</p> + +<p class="noindent"><a href="#page_262">Seite 262</a><br /> +weiter nach England braucht, da ich daß selber<br /> +weiter nach England braucht, da ich da<b>s</b> selber</p> + +<p class="noindent"><a href="#page_282">Seite 282</a><br /> +Ein Fischerboot im Canal, daß wir wegen Zeitungen<br /> +Ein Fischerboot im Canal, da<b>s</b> wir wegen Zeitungen</p> + +<p class="noindent"><a href="#page_295">Seite 295</a><br /> +geschnittenen Figuren aus vegetablischen Elfenbein<br /> +geschnittenen Figuren aus vegetablische<b>m</b> Elfenbein</p> + +<p class="noindent"><a href="#page_297">Seite 297</a><br /> +Und könn<b>n</b>en wir uns deshalb von ihnen trennen?<br /> +Und können wir uns deshalb von ihnen trennen?</p> + +</div> + +<div>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 44239 ***</div> +</body> +</html> diff --git a/44239-h/images/cover.jpg b/44239-h/images/cover.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..13cff88 --- /dev/null +++ b/44239-h/images/cover.jpg |
