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+<title>The Project Gutenberg eBook of Unter Palmen und Buchen, Erster Band, by Friedrich Gerst&auml;cker</title>
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+<div>*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 44239 ***</div>
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+<h1>Unter Palmen und Buchen.</h1>
+
+<hr />
+
+<p class="front">Erster Band.<br />
+<span class="gesperrt"><b>Unter Buchen.</b></span></p>
+
+<p class="front"><span class="gesperrt">Gesammelte Erzählungen</span><br />
+<small>von</small><br />
+<b>Friedrich Gerstäcker.</b></p>
+
+<hr class="broad" />
+
+<p class="center"><b>Leipzig,</b><br />
+<span class="gesperrt">Arnoldische Buchhandlung.</span><br />
+1865.</p>
+
+
+
+
+<p class="front break">Inhaltsverzeichniß.</p>
+
+
+<table summary="Inhaltsverzeichnis" border="0" cellpadding="4">
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+<tr>
+ <td colspan="2" align="right">Seite</td>
+</tr>
+<tr>
+ <td>Eine alltägliche Geschichte</td>
+ <td align="right"><a href="#page_001">1</a></td>
+</tr>
+<tr>
+ <td>Die Vision</td>
+ <td align="right"><a href="#page_016">16</a></td>
+</tr>
+<tr>
+ <td>Folgen einer telegraphischen Depesche</td>
+ <td align="right"><a href="#page_131">131</a></td>
+</tr>
+<tr>
+ <td>Der Polizeiagent</td>
+ <td align="right"><a href="#page_140">140</a></td>
+</tr>
+<tr>
+ <td>Eine Heimkehr aus der weiten Welt</td>
+ <td align="right"><a href="#page_274">274</a></td>
+</tr>
+<tr>
+ <td>Wenn wir einmal sterben</td>
+ <td align="right"><a href="#page_289">289</a></td>
+</tr>
+</table>
+
+
+
+
+<h2>Eine alltägliche Geschichte.<a class="pagenum" name="page_001" title="1"> </a></h2>
+
+
+<p>Es war auf einem Balle in der Erholung, daß
+Dr. Kuno Brethammer Fräulein Bertha Wollmer
+kennen lernte &ndash; oder vielmehr zum ersten Male sah,
+und sich sterblich in sie verliebte.</p>
+
+<p>Bertha Wollmer trug ein einfaches weißes Kleid,
+einen sehr hübschen Kornblumenkranz im blonden Haar
+und sah wirklich allerliebst aus. Aber es bleibt immer
+ein gefährlich Ding, wenn sich ein Mann eine
+Hausfrau auf einem Balle sucht. Der Ballsaal sollte
+der letzte Ort dazu sein, denn dort ist Alles in Licht
+gehüllt, und er wird geblendet und berauscht, wo er
+gerade Augen und Verstand nüchtern und besonnen
+auf dem rechten Fleck haben müßte.</p>
+
+<p>Diesmal hatte aber Dr. Brethammer seine Wahl
+nicht zu bereuen, denn Bertha Wollmer war nicht allein
+ein sehr hübsches Mädchen, das sich mit Geschmack zu
+kleiden wußte, sondern auch außerdem wacker und brav,
+ein wirklich edler Charakter und eine, wie sich später
+<a class="pagenum" name="page_002" title="2"> </a>
+herausstellte, vortreffliche Wirtschafterin. &ndash; Der
+Doctor hätte auf der Welt keine bessere Lebensgefährtin
+finden können.</p>
+
+<p>Gegen ihn selber ließ sich eben so wenig einwenden.
+Er war etwa 34 Jahre alt, Advocat mit einer
+recht guten Praxis, hatte also sein Auskommen, galt
+in der ganzen Stadt für einen braven, rechtschaffenen
+Mann, schuldete keinem Menschen einen Pfennig und
+als er, vierzehn Tage später, um Bertha Wollmer anhielt,
+sagte das Mädchen nicht <em class="gesperrt">nein</em>, und Vater und
+Mutter sagten <em class="gesperrt">ja</em>, worauf dann noch in der nächsten
+Woche die Verlobungskarten ausgeschickt wurden.
+Zwei Monate später fand die Hochzeit statt.</p>
+
+<p>So lebten die beiden Leute viele Jahre glücklich
+miteinander, und Dr. Brethammer sah mit jedem Tage
+mehr ein, daß er eine außerordentlich glückliche Wahl
+getroffen und Gott nicht genug für sein braves Weib
+danken könne. Er liebte sie auch wirklich recht von
+Herzen, aber &ndash; wie das oft so im Leben geht &ndash; das,
+was sein ganzes Glück hier bildete, wurde ihm &ndash;
+durch Nichts gestört &ndash; endlich zur <em class="gesperrt">Gewohnheit</em>
+und er <em class="gesperrt">vernachlässigte</em>, was er hätte hegen und
+pflegen sollen.</p>
+
+<p>Es mag sein, daß seine Liebe zu der Gattin deshalb
+nie geringer wurde, aber er vernachlässigte auch
+<a class="pagenum" name="page_003" title="3"> </a>
+<em class="gesperrt">die Form</em>, die in einem gewissen Grade in allen
+Lebensverhältnissen nöthig ist: er war oft rauh mit
+seiner Frau, ja heftig, und wenn er auch dabei nicht
+die Grenzen überschritt, die jeder gebildete Mensch
+inne halten wird, that er ihr doch oft &ndash; gewiß
+unabsichtlich &ndash; recht wehe. Ja manchmal, wenn ihm ein
+heftiges Wort entfahren war, hätte er es von Herzen
+gern widerrufen mögen, aber &ndash; das ging leider nicht
+an, denn &ndash; er durfte sich an seiner Autorität nichts
+vergeben.</p>
+
+<p>Nur zu <em class="gesperrt">einer</em> Entschuldigung ließ er sich herbei:
+»Du weißt, ich bin jähzornig,« sagte er, »wenn's aber
+auch oft ein Bischen rauh herauskommt, so ist es ja
+doch nicht so schlimm gemeint und eben so rasch vergessen.«</p>
+
+<p>Ja, das war allerdings der Fall; <em class="gesperrt">er</em> hatte es eben
+so rasch vergessen, aber <em class="gesperrt">sie</em> nicht, und wenn sie ihm
+auch nie ein unfreundlich Gesicht zeigte, wenn sie ihn
+immer bei sich entschuldigte und sein oft mürrisches
+Wesen auf die Sorgen und den Aerger schob, den er
+außer dem Hause gehabt &ndash; ein <em class="gesperrt">kleiner</em> Stachel blieb
+von jeder dieser Scenen in ihrem Herzen zurück, so viel
+Mühe sie sich selber gab, die Erinnerung daran zu bannen;
+<em class="gesperrt">einen</em> kleinen Nebelpunkt ließ jede solche Wolke
+zurück, die an der Sonne ihres häuslichen Glücks, sei
+<a class="pagenum" name="page_004" title="4"> </a>
+es noch so schnell vorübergezogen, und in einsamen
+Stunden konnte sie oft recht traurig darüber werden.</p>
+
+<p>Sie hatten zwei Kinder mitsammen, an denen der
+Vater mit großer und wirklich inniger Liebe hing &ndash;
+und doch, wie wenig gab er sich mit ihnen ab! &ndash; Es
+ist wahr, am Tage war er sehr viel beschäftigt und
+mußte sich oft gewaltsam die Zeit abringen, um nur
+zum Mittagsessen zu kommen, aber Abends um sechs
+Uhr hatte er dafür auch jedes Geschäft abgeschüttelt,
+und dann wäre ihm allerdings Zeit genug geblieben
+bei Frau und Kindern zu sitzen, um sich seines häuslichen
+Glückes zu freuen, aber &ndash; »er mußte dann
+doch ein wenig Zerstreuung haben« &ndash; wie er sich selbst
+vorlog &ndash; er mußte den Geschäftsstaub abschütteln
+und mit einem »Glas Bier« hinunterspühlen, und das
+geschah am besten im Wirthshaus, wo man nicht gezwungen
+war zu reden &ndash; wenn man nicht reden wollte &ndash;
+wo man einmal eine Partie Scat oder Billard
+spielte, um die ärgerlichen Geschäftsgedanken aus dem
+Kopf zu bringen &ndash; und wie die Ausreden alle hießen,
+mit denen er allein <em class="gesperrt">sich selber</em> betrog, denn seine
+Frau fühlte besser den wahren Grund.</p>
+
+<p>Er <em class="gesperrt">amüsirte</em> sich nicht zu Haus. Er hatte seine
+Frau und Kinder unendlich lieb und würde Alles für
+sie gethan, jedes wirklich große Opfer für sie gebracht
+<a class="pagenum" name="page_005" title="5"> </a>
+haben aber &ndash; er verstand nicht, sich mit ihnen zu
+beschäftigen, und suchte deshalb Unterhaltung bei
+Karten und Billard.</p>
+
+<p>Und wie verständig und lieb betrug sich seine Frau
+dabei! Er mochte noch so spät Abends zum Essen kommen,
+nie zeigte sie ihm ein unfreundliches Gesicht, nie
+frug sie ihn, wo er heute so lange gewesen. Die Kinder &ndash;
+wenigstens das jüngste &ndash; waren dann schon meist zu
+Bett gebracht; er konnte ihnen nicht einmal mehr »gute
+Nacht« sagen, und ärgerlich über sich selber &ndash; so sehr
+er auch vermied es sich selber einzugestehen &ndash; verzehrte
+er schweigend sein Abendbrod.</p>
+
+<p>Das waren die Momente, wo ihm der älteste
+Knabe ängstlich aus dem Weg ging, denn hatte er
+irgend etwas versäumt, und der Vater erfuhr es in
+einer solchen Stunde, dann konnte er <em class="gesperrt">sehr</em> böse und
+<em class="gesperrt">sehr</em> heftig werden &ndash; und die arme Mutter <em class="gesperrt">litt</em>
+besonders schwer darunter.</p>
+
+<p>Wie oft nahm er sich vor, die Abende in seiner
+Familie, bei den Seinen zuzubringen, und er wußte
+ja, wie sich seine Frau darüber gefreut haben würde.
+So lieb und gut sie dabei mit den Kindern war, so
+sorgsam sie auf Alles achtete, was dem Gatten eine
+Freude machen oder zu seiner Bequemlichkeit dienen
+<a class="pagenum" name="page_006" title="6"> </a>
+konnte, so verständig war sie in jeder andern Hinsicht,
+und es gab Nichts, worüber sich nicht ihr Mann hätte
+mit ihr unterhalten mögen, Nichts, worin sie nicht im
+Stande gewesen wäre, einen vernünftigen Rath zu
+ertheilen. Er kannte und schätzte diese Eigenschaften
+an ihr &ndash; er liebte sie dafür nur desto mehr, aber &ndash;
+wenn der Abend, wenn die Zeit kam, wo er wußte,
+daß sich die Spieltische besetzten oder die gewöhnliche
+<i>quatre tour</i> zusammenkam, dann ließ es ihn nicht
+länger zu Hause ruhn.</p>
+
+<p>Seine Frau war die letzten Jahre kränklich geworden,
+da sie aber nie gegen ihn klagte und ein häufiger
+wiederkehrendes Unwohlsein stets so viel als möglich
+vor ihm verbarg, um ihm die wenigen kurzen Stunden
+nicht zu verbittern, die er bei ihnen zubrachte,
+achtete er selber nicht viel darauf, oder hielt es doch
+keineswegs für gefährlich. Er hatte in der That <em class="gesperrt">sehr</em>
+viel zu thun und den Kopf zu Zeiten voll genug &ndash;
+nur seiner Frau daheim hätte er es nicht sollen entgelten
+lassen. Sobald er das aber ja einmal fühlte, wollte
+er es auch stets wieder gut machen, und überhäufte
+sie mit Geschenken &ndash; ja, wo er einen Wunsch an ihren
+Augen ablesen mochte, erfüllte er ihn &ndash; soweit er eben
+mit Geld erfüllt werden konnte &ndash; nur seine Abende
+widmete er ihr nicht. &ndash; Er wollte auch eine Erholung
+<a class="pagenum" name="page_007" title="7"> </a>
+haben, wie er meinte, und in seiner Heftigkeit
+gegen die Seinen mäßigte er sich eben so wenig.</p>
+
+<p>»Ihr müßt mich nehmen, wie ich nun einmal bin,«
+sagte er in einer halben Abwehr, in halber Entschuldigung;
+»Ihr wißt wie's gemeint ist,« und damit war
+die Sache für <em class="gesperrt">ihn</em> abgemacht, aber nicht für die Frau.</p>
+
+<p>Er war auch jetzt zu Zeiten, in Gegenwart Fremder
+heftig gegen sie, und fuhr sie rauh an. Er meinte
+es wirklich nicht so bös, wie die Worte klangen, aber
+es trieb ihr doch manchmal die Thränen in die Augen,
+so sehr sie sich auch dagegen stemmte, ihm zu zeigen,
+wie weh er ihr gethan.</p>
+
+<p>So verging der Winter. Es war eine neue Gesellschaft
+in X. gegründet worden und Brethammer
+Vorstand dabei. Das Local wurde mit einem Ball
+eröffnet, und er hätte seine Frau gern dort mit eingeführt,
+ja er kaufte ihr ein ganz prachtvolles Ballkleid
+und that wirklich Alles, um sie zu überreden, ihm die
+Freude zu machen. Sie sagte ihm jetzt, daß sie unwohl
+sei, aber er wollte es ihr nicht glauben, und erst als
+sie ihm mittheilte, wie viel sie den letzten Herbst gelitten,
+und wie große Mühe sie sich gegeben, es nicht zu
+zeigen, erschrak er, und jetzt fiel ihm auch ihr bleicheres
+Aussehen, fielen ihm die eingefallenen Wangen
+auf. Aber er nahm es trotzdem leicht. Sie war schon
+<a class="pagenum" name="page_008" title="8"> </a>
+oft unwohl gewesen und hatte sich immer wieder erholt,
+auch diesmal würde es sicher vorübergehen, wenn sie
+sich nur schonte. Es war unter solchen Umständen
+jedenfalls das Vernünftigste, daß sie <em class="gesperrt">nicht</em> auf den
+Ball ging.</p>
+
+<p>Der Winter verging, Bertha wurde in der That
+nicht kränker, aber sie blieb leidend, und ihr Gatte gewöhnte
+sich zuletzt an diesen Zustand. Er hatte anfangs
+seine Heftigkeit gemäßigt und sich Gewalt angethan &ndash;
+und ach, wie dankbar war ihm Bertha dafür! &ndash;
+auf die Länge der Zeit aber vergaß er das wieder &ndash;
+es war ja nicht mehr nöthig. Seine <i>quatre tour</i>
+und Scatpartie versäumte er aber nie und amüsirte
+sich ganz vortrefflich dabei. Kam er dann Abends
+nach Haus &ndash; ob er sich auch einmal um eine halbe
+oder ganze Stunde verspätet hatte &ndash; fand er den
+Tisch gedeckt, und war es so spät geworden, daß die
+Kinder zu Bett geschickt werden mußten, so setzte sich
+sein Weib mit ihm allein zum Essen nieder.</p>
+
+<p>Im Frühjahr schienen Bertha's Leiden heftiger
+wiederzukehren, und der Arzt kam fast täglich, aber
+auch er sah keine Gefahr darin. Er wußte selber nicht,
+daß Bertha ihr Leiden leichter nahm, als es wirklich
+war, oder vielleicht mehr vor ihm verbarg, als sie
+hätte thun sollen; aber sie fürchtete, dem Gatten das
+<a class="pagenum" name="page_009" title="9"> </a>
+Haus dadurch noch ungemüthlicher zu machen, und
+trug deshalb lieber Alles allein.</p>
+
+<p>Eines Abends, im Mai, saß Dr. Brethammer
+wieder am Kartentisch und zwar in einem Garten,
+etwa drei Viertelstunden Wegs von X. entfernt, wohin
+die kleine Gesellschaft bei schönem Wetter allabendlich
+auswanderte, als ein Bote hereingestürzt kam und
+ihm einen kleinen Zettel überreichte. Es standen nur
+wenige Worte darauf:</p>
+
+<p>»Komm zu mir. &ndash; Bertha.« Aber die Worte
+waren mit zitternder Hand geschrieben, und den Mann
+überkam, als er sie gelesen, eine ganz sonderbare Angst.</p>
+
+<p>Was konnte da vorgefallen sein? war Bertha
+krank geworden? daß sie fortwährend krank gewesen,
+wollte er sich gar nicht gestehen, aber der Bote wußte
+weiter nichts. Man hatte ihn auf der Straße angerufen
+und gut bezahlt, damit er so schnell wie möglich
+diesen Brief übergeben sollte. &ndash; Mitten im Spiel
+hörte der Doctor auf, ein Beisitzender mußte dasselbe
+übernehmen, und so rasch ihn seine Füße trugen, eilte
+er in die Stadt zurück. Und er hatte nicht zu sehr geeilt &ndash;
+unten im Hause traf er sein Mädchen, die eben
+aus der Apotheke kam und verweinte Augen hatte.</p>
+
+<p>»Was um Gotteswillen ist vorgefallen &ndash; meine
+Frau&nbsp;&ndash;?«</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="page_010" title="10"> </a>
+»O gehen Sie hinauf, gehen Sie hinauf!« rief
+das Mädchen. »Sie hat so danach verlangt, Sie noch
+einmal zu sehen.«</p>
+
+<p>Der Mann wußte nicht, wie er die Treppe hinauf
+kam. Der Arzt stand neben dem Bett, streckte ihm
+die Hand entgegen, drückte sie leise und verließ das
+Zimmer, und neben dem Bett kniete der Unglückliche,
+die kalte Hand seines treuen Weibes mit Küssen und
+Thränen bedeckend.</p>
+
+<p>»Mein Kuno,« flüsterte die zitternde Stimme, »o
+wie lieb das von Dir ist, daß Du noch einmal gekommen
+bist &ndash; mir ist nur so kurze Zeit geblieben &ndash;
+das Alles brach so schnell herein.«</p>
+
+<p>»Bertha, Bertha, Du kannst &ndash; Du darfst mich
+nicht verlassen,« schluchzte der Mann und schlang
+seinen Arm krampfhaft um sie.</p>
+
+<p>»Du thust mir weh,« bat sie leise, »fasse Dich
+Kuno, es muß sein &ndash; ich muß fort von Dir und den
+Kindern &ndash; o sei gut mit ihnen, Kuno &ndash; sei nicht so
+rauh und heftig mehr &ndash; sie sind ja lieb und brav,
+und Du, &ndash; hast sie ja auch so lieb.«</p>
+
+<p>Der Mann konnte nicht sprechen. In der leisen,
+mit bebender Stimme gesprochenen Bitte lag ein so
+furchtbarer Vorwurf für ihn, daß er seinen Gefühlen,
+seiner Reue, seiner Zerknirschung nicht mehr Worte
+<a class="pagenum" name="page_011" title="11"> </a>
+geben konnte. Nur seine Stirn preßte er neben die
+Sterbende auf das Bett, und ihre Hand lag auf seinem
+Haupt und drückte es leise an sich.</p>
+
+<p>»Kuno,« hauchte ihre Stimme nach einer langen Pause wieder.</p>
+
+<p>»Bertha, meine Bertha!« rief der Mann, sein
+Antlitz zu ihr hebend, »fühlst Du Dich besser?«</p>
+
+<p>»Leb wohl!«</p>
+
+<p>»Bertha!« stöhnte der Unglückliche, »Bertha!«</p>
+
+<p>»Mach mir den Abschied nicht schwer,« bat die
+Frau, »die Kinder habe ich schon geküßt, ehe Du kamst &ndash;
+ich wollte noch mit Dir allein sein. Laß mich ausreden,«
+flehte sie, »mir bleibt nicht mehr viel Zeit
+und das Sprechen wird mir schwer &ndash; leb wohl, Kuno
+&ndash; habe noch Dank &ndash; tausend Dank für all das Liebe
+und Gute, was Du mir gethan &ndash; sei mir nicht bös,
+wenn ich vielleicht&nbsp;&ndash;«</p>
+
+<p>»Bertha, um Gottes willen, Du brichst mir das
+Herz&nbsp;&ndash;«</p>
+
+<p>»Es ist gut &ndash; es ist vorbei &ndash; es wird Licht um
+mich &ndash; leb' wohl Kuno &ndash; sei gut mit den Kindern
+&ndash; auf Wiedersehen!«</p>
+
+<p>»Bertha!« &ndash;&nbsp;&ndash; es war vorbei. Der Mann
+knieete neben der Leiche seiner Frau, und es war ihm,
+<a class="pagenum" name="page_012" title="12"> </a>
+als ob das Weltall ausgestorben wäre und er allein
+und trostlos in einer Wüste stände.</p>
+
+<p>Die nächsten drei Tage vergingen ihm wie ein
+Traum. Fremde Leute kamen und gingen ein und
+aus im Hause; er sah sie, wie man gleichgültige
+Menschen auf offener Straße vorbeipassiren sieht,
+und selbst als sie die Leiche in den Sarg legten, blieb
+er still und theilnahmlos. Die Kinder kamen über
+Tag zu ihm, hingen an seinem Hals und weinten; er
+preßte sie fest an sich und küßte sie und blieb dann
+wieder allein bei der Geschiedenen.</p>
+
+<p>Endlich kam die Stunde, wo der Sarg fortgeschafft
+werden mußte, und jetzt war es, als ob er sich dem
+widersetzen wolle. Aber es traten eine Masse Leute
+in's Zimmer; Freunde von ihm dazu, die herzlich mit
+ihm sprachen und ihm zuredeten, daß er sich den Unglücksfall
+nicht so schwer zu Herzen nehmen solle. Er
+hörte ihre Trostgründe gar nicht, aber er fühlte, daß
+was hier geschah &ndash; eben geschehen <em class="gesperrt">mußte</em>, und
+duldete Alles.</p>
+
+<p>Nach dem Begräbniß kehrte er mit seinen Kindern
+nach Haus zurück, schloß sich hier in sein Zimmer ein
+und weinte sich recht von Herzen aus. Danach wurde
+ihm etwas leichter &ndash; und es ist ein altes und wahres
+Sprüchwort &ndash; die Zeit mildert <em class="gesperrt">jeden</em> Schmerz, denn
+<a class="pagenum" name="page_013" title="13"> </a>
+das Menschenherz wäre sonst nicht im Stande zu
+tragen, was nach und nach ihm aufgehoben bleibt.
+<em class="gesperrt">Die Zeit mildert jeden Schmerz, aber &ndash;
+die Zeit mildert und sühnt keine Schuld.</em></p>
+
+<p>Den <em class="gesperrt">Verlust</em> der Gattin hätte er ertragen &ndash;
+mit bitterem Weh wohl, es ist wahr, denn er hatte sie
+treu und innig geliebt, aber mit Jahr und Tag wäre
+die schwere Stunde des Verlustes, das Gefühl, nie
+mehr ihr treues Auge wieder schauen zu können, mehr
+in den Hintergrund getreten, und ihm nur die Erinnerung
+an ihre Liebe und Treue geblieben. Jetzt
+aber nagte ein anderes Gefühl an seinem Herzen, nicht
+allein das Gefühl der <em class="gesperrt">Schuld</em>, nein auch die <em class="gesperrt">Reue</em>
+über vergangene Zeit mit dem Bewußtsein, diese nie
+zurückbringen, das Versäumte nie, nie wieder nachholen
+oder ungeschehen machen zu können, und das
+bohrte sich ihm in's Herz, nicht mit der Zeit weichend,
+nein, mit den wachsenden Jahren fester und fester und
+unzerstörbarer.</p>
+
+<p>Draußen die Welt merkte Nichts davon; er war
+immer ernst und abgeschlossen für sich gewesen, und
+daß er sich jetzt vielleicht noch etwas zurückgezogener
+hielt, konnte nicht auffallen, aber daheim in seiner jetzt
+verödeten Klause, da stieg die Erinnerung an die Geschiedene
+mahnend vor ihm empor, und je weniger
+<a class="pagenum" name="page_014" title="14"> </a>
+Vorwürfe sie ihm je im Leben gemacht hatte, desto
+mehr machte er sich jetzt selber.</p>
+
+<p>Wieder und wieder malte er sich die Stunden aus
+die er mit vollkommen gleichgültigen Menschen draußen
+bei den Karten oder hinter dem Wirthstische verbracht,
+während seine Bertha daheim mit einer wahren Engelsgeduld
+auf ihn wartete, und so lieb, so freundlich ihn
+empfing, <em class="gesperrt">wenn</em> er endlich zurückkehrte. Wieder und
+wieder malte er sich die einzelnen Fälle aus, wo er
+rauh und heftig gegen sie gewesen, die nie ein rauhes
+und heftiges Wort zu irgend einer Erwiderung gehabt,
+und vor Scham und Reue hätte er in die Erde sinken
+mögen, wenn er sich jetzt überlegte, wie er damals
+immer &ndash; immer Unrecht gehabt, und das nur, <em class="gesperrt">wenn</em>
+er es auch früher eingesehen, nicht früher hatte <em class="gesperrt">eingestehen</em>
+mögen.</p>
+
+<p>Aber das Alles kam jetzt <em class="gesperrt">zu spät</em> &ndash; zu spät für
+<em class="gesperrt">ihn</em> wenigstens. Er hatte einen Schatz gehalten, und
+mißachtet, bis er von ihm genommen wurde &ndash; keine
+Reue brachte ihn je zurück, und daß er sich jetzt elend
+und unglücklich fühlte, war nur die Strafe für eine
+begangene Sünde.</p>
+
+<p>Für ihn war es zu spät &ndash; <em class="gesperrt">aber noch nicht für
+Viele, die diese Zeilen lesen</em>. Viele, viele halten
+in gleicher Weise einen ähnlichen Schatz &ndash; und
+<a class="pagenum" name="page_015" title="15"> </a>
+vernachlässigen, mißhandeln ihn ebenso, und es war
+der Zweck dieser Zeilen, daß sie sich den Moment jetzt,
+da es noch <em class="gesperrt">für sie</em> Zeit ist, ausmalen möchten, wo
+die Gattin <em class="gesperrt">plötzlich, unvorbereitet</em> abgerufen
+wurde, und die Reue des Mannes dann <em class="gesperrt">zu spät</em> kam,
+und <em class="gesperrt">nie, nie</em> wieder gut gemacht werden konnte.</p>
+
+
+
+
+<h2>Die Vision.<a class="pagenum" name="page_016" title="16"> </a></h2>
+
+
+<h3>Erstes Capitel.<br />
+
+<b>Die Sturmnacht.</b></h3>
+
+
+<p>In Alburg, einer nicht ganz unbedeutenden deutschen
+Stadt, lebte der Justizrath <em class="gesperrt">Bertling</em> in glücklicher
+und zufriedener Ehe mit seiner jungen Frau.</p>
+
+<p>Bertling war ein ruhiger, behäbiger Charakter,
+der die Welt gern an sich kommen ließ, und nichts
+weniger liebte als unnütze und unnöthige Aufregungen.
+Er hatte auch in der That besonders deshalb sein
+Junggesellenleben aufgegeben, um sein Haus gemüthlich
+zu machen, und sich &ndash; bisher vermißte &ndash; Bequemlichkeiten
+zu verschaffen; aber er liebte nichtsdestoweniger
+seine Frau von ganzem Herzen und fühlte sich
+glücklich in ihrem Besitz.</p>
+
+<p><em class="gesperrt">Auguste</em> paßte auch vortrefflich für ihn, und
+zwar nicht etwa durch eine Aehnlichkeit ihres Charakters,
+sondern eher durch einen Gegensatz, durch welchen
+<a class="pagenum" name="page_017" title="17"> </a>
+sich die beiden Gatten vollständig ergänzten, denn man
+darf ja nicht glauben, daß zu einer glücklichen Ehe stets
+gleiche Neigungen und Ansichten, gleiche Tugenden
+und Fehler gehören. Auguste war denn auch, während
+ihr Mann ganz entschieden dem praktischen und realen
+Leben angehörte, weit mehr schwärmerischer Natur,
+ohne jedoch im Geringsten überspannt zu sein. Unermüdlich
+thätig in ihrem Hausstand, beschäftigte sie
+sich aber auch gern mit Lectüre, und vorzüglich mit solcher,
+die einer ideellen Richtung angehörte. Sie phantasirte
+vortrefflich auf dem Piano, und liebte es sogar,
+selbst noch <em class="gesperrt">nach</em> ihrer Verheirathung &ndash; was ihr
+Gatte entschieden mißbilligte &ndash; bei mondhellen Nächten
+im Garten zu sitzen.</p>
+
+<p>Lebhaft und heiter dabei, mit einem warmen Gefühl
+für alles Schöne, wob sie bald mit diesen Tugenden
+und Vorzügen einen ganz eigenen Zauber um ihre
+Häuslichkeit, dem sich ihr Gatte nicht entziehen konnte
+und wollte, so daß er bald von anderen Frauen, <em class="gesperrt">ihren</em>
+Männern gegenüber, als das Muster eines vortrefflichen
+Ehemannes aufgestellt wurde.</p>
+
+<p>So hatten die jungen Leute &ndash; denn der Justizrath
+zählte kaum ein und dreißig und seine Frau erst
+zwanzig Jahr &ndash; etwa zwei Jahre in glücklicher, durch
+nichts gestörte Ehe gelebt, als eine schwere Krankheit &ndash;
+<a class="pagenum" name="page_018" title="18"> </a>
+ein damals in Alburg umgehendes Nervenfieber &ndash;
+die junge Frau erfaßte und lange Wochen auf das
+Lager warf.</p>
+
+<p>Ihr Mann wich in dieser Zeit fast nicht von ihrer
+Seite und nur die wichtigsten Geschäfte konnten ihn
+abrufen &ndash; ja oft versäumte er selbst diese und ganze
+Nächte hindurch wachte er neben ihrem Bett. Allerdings
+paßte ihm das nicht zu seinem sonst gewohnten,
+bequemen Leben, aber die Angst, sein Weib durch irgend
+eine Vernachlässigung zu verlieren, oder auch nur
+ihren Zustand gefährlicher zu machen, ließ ihn das
+Alles nicht achten, und so ward ihm denn auch endlich
+die wohlverdiente Freude zu Theil, die schlimmste
+Krisis überstanden und die geliebte Frau nach und nach
+genesen zu sehen. Aber es dauerte lange &ndash; sehr lange,
+bis sie sich wieder vollständig von dem überstandenen
+Leiden erholen konnte.</p>
+
+<p>Der Körper gewann dabei noch verhältnißmäßig
+am Schnellsten die frühere Frische wieder, wenn auch
+die Wangen bleicher, die Augen glänzender schienen,
+als sie sonst gewesen. Sie hatte aber in ihrer Krankheit
+besonders viel phantasirt und dabei oft ganz laut
+und deutlich die tollsten, wunderlichsten Dinge gesprochen.
+Darum bedurfte es weit längerer Zeit, ehe der
+Geist wieder Herr über diese Träume wurde, die sich
+<a class="pagenum" name="page_019" title="19"> </a>
+mit der Erinnerung früherer wirklich erlebter Scenen
+so vermischten, daß sie oft anhaltend nachdenken
+mußte, um das Wahre von dem Falschen und Eingebildeten
+oder nur Geträumten zu sondern und auszuscheiden.</p>
+
+<p>Auch das gab sich nach und nach oder stumpfte sich
+doch wenigstens ab. Die Erinnerungen an diese Träume
+wurden unbestimmter, wenn auch einzelne von ihnen
+noch manchmal wiederkehrten und sie oft, mitten in
+der Nacht, plötzlich und ängstlich auffahren machten,
+ja sogar wieder bestimmte Bilder und Eindrücke annahmen.</p>
+
+<p>Bertling behagte das nicht recht, denn er wurde
+dadurch ein paar Mal sehr nutzloser Weise alarmirt.
+Einmal &ndash; und noch dazu in einer sehr kalten Nacht &ndash;
+behauptete seine Frau nämlich bei ihrem plötzlichen
+Erwachen, es wäre Jemand im Zimmer und unter
+das Sopha gekrochen &ndash; sie habe es deutlich gehört,
+ja sogar den Schatten durch das Zimmer gleiten sehen.
+Bertling protestirte gegen die Möglichkeit, aber es
+half ihm nichts; um seine Frau nur endlich zu beruhigen,
+mußte er aufstehen und die Sache untersuchen,
+was er denn gründlich mit Hülfe einer Elle that.
+Natürlich fand er nicht das geringste Verdächtige, vielweniger
+einen dort versteckten Menschen, und Beide
+<a class="pagenum" name="page_020" title="20"> </a>
+lachten nachher über dies kleine Abenteuer, &ndash; aber
+der Justizrath trug doch einen Schnupfen davon, der
+ihn sogar auf ein paar Tage zwang das Bett zu hüten.</p>
+
+<p>Das andere Mal wollte Auguste im Nebenzimmer
+ein verdächtiges Flüstern gehört haben und wenn sich
+auch dieses nach sorgfältiger nächtlicher Untersuchung,
+die der Justizrath im Schlafrock, in der Linken das
+Licht, in der Rechten den Feuerhaken, vornahm, als
+unbegründet herausstellte, so wurde der Mann doch
+durch diesen verschiedentlich erweckten Verdacht endlich
+selber so mißtrauisch gemacht, daß er sich für weitere
+derartige Fälle stillschweigend rüstete. Er holte
+nämlich ein Paar alte, schon lange zur Rumpelkammer
+verurtheilte Sattelpistolen hervor, reinigte und lud
+sie und gab ihnen einen Platz in der obersten Schieblade
+seiner Kommode, um sie bei einer etwa wieder
+vorzunehmenden Patrouille wenigstens bei der Hand
+zu haben.</p>
+
+<p>Wochen vergingen indeß, ohne daß sich eine derartige
+Scene wiederholt hätte, und Bertling beruhigte
+sich endlich vollständig mit dem Gedanken, daß jene
+Ideen nur die Nachwehen der überstandenen Krankheit
+gewesen seien; der jetzt kräftig gewordene Körper
+nun aber alle derartigen Phantasiebilder ausgestoßen,
+und für die Zukunft unmöglich gemacht habe.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="page_021" title="21"> </a>
+Auguste war in der That wieder so frisch und lebenslustig
+als je geworden, wenn ihre Gesichtsfarbe auch
+etwas »intressanter« als früher geblieben sein mochte.
+Sie sah bleicher aus, als sie sonst gethan, aber keineswegs
+kränklich oder leidend und besuchte auch wieder
+gern und oft Gesellschaften und Bälle, wobei es manchmal
+einige Schwierigkeiten hatte, den etwas phlegmatischen
+Gatten für solche Vergnügungen mitzubegeistern.</p>
+
+<p>Auch gestern Abend war in der »Erholung« ein
+brillanter Ball gewesen, auf dem Auguste bis vier Uhr
+morgens getanzt, während ihr Gatte, als treuer Gefährte,
+bis etwa um zwei Uhr Whist gespielt, und
+noch ein paar Stunden in einer bequemen Sophaecke
+verträumt hatte. Heute sollte dafür recht früh zu Bett
+gegangen werden, und die beiden Eheleute saßen Abends
+allein zusammen in der Stube am Theetisch.</p>
+
+<p>Es war im Februar, aber ein ganz entsetzlich naßkaltes
+und stürmisches Wetter. Noch vor wenigen
+Tagen hatte harter Frost die Erde gedeckt; heute
+peitschte der Regen die kaum aufgethauten Fenster und
+die Windsbraut heulte zwischen den Giebeln und riß
+an Thüren und Fensterflügeln, wie zornig darüber,
+daß es einen Platz geben solle, in den man ihr, der
+Gewaltigen, den Eintritt verweigere.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="page_022" title="22"> </a>
+Und wie das draußen durch die Straßen fegte!
+Der Justizrath war aufgestanden und ans Fenster
+getreten, denn die Unterhaltung wollte heute nicht recht
+fließen. Seine Frau war abgespannt, klagte über ein
+leichtes Kopfweh und Brennen in den Augen und war
+schon ein paar Mal, wie krampfhaft zusammengefahren
+&ndash; jedenfalls in Folge des gestrigen Balles.</p>
+
+<p>Unten brannten die Gaslaternen, aber sie erleuchteten
+die Straße nicht, sondern warfen nur einen matten,
+flackernden Schein auf das schmutzige, von halbgeschmolzenem
+Eis bedeckte Pflaster, denn selbst die
+Glasscheiben schützten die Flammen nicht vor <em class="gesperrt">diesem</em>
+Sturm, der sie rastlos hin und her wehte und manchmal
+auszulöschen drohte. Die Straße selbst war menschenleer,
+denn wer heute nicht nothgedrungen <em class="gesperrt">mußte</em>,
+verließ wohl nicht das schützende Haus, um sich einem
+solchen Unwetter preiszugeben. Nur dann und wann
+floh ein einzelner später Wanderer entweder mit dem
+Wind durch aufspritzenden Schmutz und Schlamm
+dahin, oder kämpfte &ndash; den Oberkörper weit vorn über
+gebeugt &ndash; <em class="gesperrt">gegen</em> den Sturm, und dem Wetter in
+die Zähne, seine beschwerliche Bahn.</p>
+
+<p>In langen Zwischenpausen rollte auch wohl einmal
+ein festgeschlossener Wagen vorüber, aber das
+Geräusch desselben machte die gleich nachher wieder
+<a class="pagenum" name="page_023" title="23"> </a>
+eintretende Oede nur noch fühlbarer, als daß es sie
+unterbrochen hätte.</p>
+
+<p>Der Himmel war mit schweren jagenden Wolken
+bedeckt, und der hinter ihnen stehende Vollmond konnte
+nicht mehr thun, als daß er manchmal ihre riesigen,
+beweglichen Massen in einem matten Phosphorschimmer
+sichtbar werden ließ. Aber selbst dies geschah
+nur auf Momente, und jedes Mal darnach war es,
+als ob der Sturm nur Athem geholt und neue Kraft
+gewonnen hätte, um so viel rasender zum Kampf herbei
+zu eilen.</p>
+
+<p>»Merkwürdig, wie das da draußen tobt und
+gießt,« brach der Justizrath endlich das lange Schweigen
+indem er den Rauch seiner Cigarre gegen die
+Fensterscheiben blies. »Das ist nun Februar mit
+Mondschein im Kalender wo man eigentlich eine hellkalte,
+ruhige Winternacht zu fordern hätte. 'S ist
+aber gerade, als ob die ganze Welt ihre Jahreszeiten
+umdrehte, denn eingehalten werden sie wahrlich nicht
+mehr zur rechten Zeit.«</p>
+
+<p>Er hatte sich dabei wieder dem Tische zugedreht,
+und sah jetzt wie seine Frau mit gespannter Aufmerksamkeit
+auf dem Sopha saß, als ob sie auf irgend
+etwas horche. Zu gleicher Zeit drang, durch die
+Wände und Decke aber gedämpft, der Ton einer
+<a class="pagenum" name="page_024" title="24"> </a>
+Menschenstimme zu ihnen herüber, die jedenfalls ein
+geistliches Lied in lang gezogenen, schnarrenden Tönen
+sang. Der Justizrath lachte.</p>
+
+<p>»Das ist der verrückte Schuhmacher über uns, der
+jedesmal bei einem Sturm, aber besonders bei einem
+Gewitter, den Herr Zebaoth anschreit, und sich als
+größten Sünder des ganzen Weltalls denuncirt.
+Wenn diese Narrheit nicht auch ihre komische Seite
+hätte, könnte es Einem wirklich unheimlich dabei
+werden.«</p>
+
+<p>Der Justizrath hatte Recht. Die Stimme klang
+in der That unheimlich in diesem Aufruhr der Elemente
+und wenn der Wind dazu durch den Schornstein
+heulte und in die Schlüssellöcher pfiff, gab es einen
+Dreiklang, der Einem hätte das Haar zu Berge treiben
+können. Die Frau schauderte auch in sich selbst
+zusammen, allein sie erwiderte kein Wort, und der
+Justizrath, dem ihr Zucken nicht entging, fuhr fort:</p>
+
+<p>»Man kann nur gar nichts dagegen machen; nicht
+einmal polizeilich verbieten darf ich es ihm, denn
+geistliche Lieder zu singen ist eben nichts Strafbares,
+und daß der Mensch so eine gellende Stimme hat,
+lieber Gott, dafür kann er nichts; ich bezweifle sogar,
+daß er es selber weiß. Uebrigens &ndash; es ist ihm vielleicht
+in anderer Weise beizukommen, denn seine Frau
+<a class="pagenum" name="page_025" title="25"> </a>
+soll sich auch mit Kartenschlagen und allem möglichen
+anderen abergläubischen Hocuspocus beschäftigen, und
+wenn ich darin einmal einen Halt dafür bekomme,
+dann wollen wir der Geschichte rasch ein Ende
+machen.«</p>
+
+<p>»Was war das?« flüsterte die Frau und fuhr wie
+erschreckt halb von ihrem Sitz empor.</p>
+
+<p>»Was? &ndash; das Klappern?« sagte der Justizrath,
+»wahrscheinlich hat wieder Jemand die Hausthür
+unten aufgelassen und was nicht festgenagelt ist, rasselt
+bei dem Sturm hin und her. Das wird eine vergnügte
+Nacht werden.«</p>
+
+<p>»Es war mir als ob Jemand klopfe&nbsp;&ndash;«</p>
+
+<p>»Nun jetzt kommt kein Besuch mehr,« lachte der
+Mann, »und wenn&nbsp;&ndash;«</p>
+
+<p>In dem Augenblick war es, als ob der Sturm
+seinen ganzen Angriff nur auf diesen Punkt concentrirt
+hätte. Mit einem wahren Wuthgeheul fuhr es den
+Schornstein herunter, und riß draußen an den Fenstern.
+Zu gleicher Zeit flog die Stubenthür auf und der
+kalte Zug strömte voll ins Zimmer, daß die Lampe
+hoch und düster aufflackerte.</p>
+
+<p>»Alle Wetter!« rief der Justizrath, erschreckt zur
+Thür springend und diese wieder schließend, »das wird
+denn doch beinah zu toll und das alte Nest so windschief,
+<a class="pagenum" name="page_026" title="26"> </a>
+daß weder Fenster noch Thüren länger in ihren
+Fugen bleiben. Wenn der Wirth das nicht spätestens
+bis zum Frühjahr aus dem Grunde wieder herstellen
+läßt, kündige ich ihm wirklich das Logis. Man kann
+ja die Stuben auch fast gar nicht mehr erheizen.«</p>
+
+<p>Die Frau war, als die Thür aufflog, allerdings erschreckt
+zusammengefahren, hatte sich aber nicht weiter
+gerührt und saß jetzt still und regungslos. Nur mit
+ihrem Blick strich sie langsam, als ob sie irgend Jemandem
+mit den Augen folge, von der Thür fort,
+durchs Zimmer, bis zu dem Stuhl am Ofen, auf dem er
+stier und fest haften blieb.</p>
+
+<p>Ihr Mann hatte nicht gleich auf sie geachtet. Er
+zog die neben der Thür befindliche Klingel, um das
+Dienstmädchen herbeizurufen und befahl diesem dann
+nach der Hausthür hinunter zu sehen, wie auch den
+Hausmann zu bitten, daß er dieselbe heute Abend verschlossen
+halte. Man konnte es ja wahrlich hier oben
+im Hause vor Zug nicht aushalten.</p>
+
+<p>Darnach trat er in die Stube zurück, und es fiel
+ihm jetzt auf, daß seine Frau noch keine Silbe über
+die Störung geäußert hatte. Wie er sich ihr aber zuwandte,
+konnte ihm auch unmöglich der stiere,
+staunende Blick entgehen, den Auguste noch immer
+unverwandt auf den einen Punkt gerichtet hielt. Unwillkürlich
+<a class="pagenum" name="page_027" title="27"> </a>
+sah er rasch dort hinüber, es ließ sich aber
+nicht das geringste Außergewöhnliche erkennen. Dort
+stand nur ein leerer Stuhl, und darüber hing ein alter
+Kupferstich, der eine Prügelscene aus irgend einer
+holländischen Dorfschenke darstellte.</p>
+
+<p>»Nun?« sagte er endlich und jetzt selber erstaunt
+&ndash; »was hast Du nur?«</p>
+
+<p>Statt aller Antwort und ohne den Blick von dem
+festgehaltenen Punkt zu nehmen, hob die junge Frau
+langsam den rechten Arm in die Höhe und deutete
+mit dem Zeigefinger auf die Stelle.</p>
+
+<p>»Ja aber mein Kind&nbsp;&ndash;« wiederholte der Mann
+bestürzt, denn er konnte sich das wunderliche Betragen
+der Frau nicht erklären &ndash; »ich begreife noch immer
+nicht, was Du willst. Was ist denn dort, und weshalb
+deutest Du auf den Stuhl und siehst so bestürtzt
+aus, als ob Dir ein Geist erschienen wäre?«</p>
+
+<p>»Siehst Du ihn nicht?« sagte die Frau leise, ohne
+ihre Stellung auch nur um eines Haares Breite zu
+verändern.</p>
+
+<p>»Wen denn?« rief Bertling halb ärgerlich und
+halb erschreckt noch einmal den Kopf nach der bezeichneten
+Richtung zu drehend.</p>
+
+<p>»Den fremden Mann,« erwiderte die Frau, die
+<a class="pagenum" name="page_028" title="28"> </a>
+Worte aber viel mehr hauchend als sprechend, »der
+dort auf dem Stuhl am Ofen sitzt.«</p>
+
+<p>»Den fremden Mann? &ndash; aber Kind, ich bitte
+Dich um Gotteswillen.«</p>
+
+<p>»Sprich nicht so laut. Wenn er die Augen zu
+mir hebt, ist es immer, als ob mir ein Messer durch
+die Seele ginge.«</p>
+
+<p>»Aber wie sollte denn der hierher gekommen sein,«
+lachte Bertling gutmüthig &ndash; »sei doch vernünftig.«</p>
+
+<p>»Wie die Thür aufging,« flüsterte die Frau »trat
+er herein, ging still am Ofen vorüber und setzte sich
+dort nieder &ndash; aber siehst Du ihn denn nicht?«</p>
+
+<p>»Mein liebes Herz« suchte sie der Justizrath zu
+beschwichtigen &ndash; »wenn dort irgend Jemand auf dem
+Stuhle säße, so müßte ich ihn allerdings auch sehen,
+nicht wahr? Aber ich sehe Nichts als den leeren Stuhl.
+Komm Schatz, das ist wieder einer von Deinen häßlichen
+Träumen &ndash; schüttle ihn ab &ndash; Nun? &ndash; ist er
+noch da?« setzte er lachend hinzu, als die Frau wie
+warnend die Hand gegen ihn hob.</p>
+
+<p>»Pst! sei ruhig!« sagte sie tonlos &ndash; »jetzt regt er
+sich. Er sieht Dich an.«</p>
+
+<p>Bertling wurde es, dieser so bestimmt ausgesprochenen
+Ueberzeugung gegenüber, selber ein wenig
+unheimlich zu Muthe, wenn er auch recht gut wußte,
+<a class="pagenum" name="page_029" title="29"> </a>
+daß das Ganze weiter Nichts sein konnte als eines
+jener verworrenen Traumbilder, von denen er gehofft
+hatte, daß sie bei seiner Frau nie mehr wiederkehren
+würden. Möglicher Weise hatten aber hier verschiedene
+Factoren zusammengewirkt, um den Geist der
+noch nicht vollständig Genesenen zu überreizen und
+krankhaft aufzuregen. Die Abspannung nach der gestern
+durchschwärmten Nacht &ndash; das heutige Unwetter mit
+dem fatalen Klappern der Fenster und Thüren, der
+heulende Sturm, der da oben seine Gesangbuchverse
+abwimmernde Schuhmacher, vielleicht ein flüchtiges
+Unwohlsein mit in den Kauf; wer konnte denn wissen
+wie das Alles auf sie eingewirkt hatte und es blieb
+deshalb vor allen Dingen nöthig, sie von der Nichtexistenz
+ihres Traumbildes thatsächlich zu überzeugen
+&ndash; nachher beruhigte sich ihre Einbildungskraft schon
+von selber.</p>
+
+<p>»Aber mein liebes Herz,« sagte er endlich &ndash; »so
+mach' doch nur einmal diesem häßlichen Traum ein
+Ende&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;«</p>
+
+<p>»Traum?« rief aber jetzt die Frau ungeduldig,
+wenn auch immer noch mit vorsichtig gedämpfter
+Stimme &ndash; »was Du nur mit Deinem Traum
+willst. Man träumt doch nur wenn man schläft, doch
+schlafe ich jetzt oder schläfst Du?«</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="page_030" title="30"> </a>
+»Aber ich selber sehe doch gar Nichts.«</p>
+
+<p>»Nichts? Siehst Du denn nicht den kleinen grauen
+Mann dort neben dem Ofen sitzen, wie er den rechten
+Arm auf der Stuhllehne liegen hat und hier herüber
+sieht? Was er nur will.&nbsp;&ndash;«</p>
+
+<p>»Aber meine liebe Auguste so sei doch vernünftig,«
+rief der Justizrath, durch den Zustand wirklich beängstigt.
+»So überzeuge Dich doch nur selber.«&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>»Quäle mich nur nicht,« bat die Frau &ndash; »von
+was soll ich mich denn überzeugen? Sehe ich ihn denn
+nicht da sitzen? &ndash; Daß sie ihn nur hereingelassen
+haben.«</p>
+
+<p>»Nun gut,« rief Bertling, der wohl einsah, daß
+bloße Vernunftgründe nicht das Geringste fruchten
+würden, »dann will ich Dir <em class="gesperrt">beweisen</em>, daß Du Dich
+irrst, und nachher wirst Du mir doch Recht geben.
+Sitzt er <em class="gesperrt">noch</em> da?«</p>
+
+<p>Die Frau nickte mit dem Kopf.</p>
+
+<p>»Schön,« sagte Bertling, indem er entschlossen
+um den Tisch herum ging und der bezeichneten Stelle
+zuschritt, »dann wollen wir doch einmal sehen wie er
+sich <em class="gesperrt">jetzt</em> benimmt.«</p>
+
+<p>Der Blick der Frau haftete aber nicht mehr auf
+dem Stuhl, sondern hob sich ein wenig und strich
+<a class="pagenum" name="page_031" title="31"> </a>
+dann wieder langsam durch die Stube und zur Thür
+zurück.</p>
+
+<p>»Nun sieh,« sagte ihr Mann jetzt, indem er sich
+&ndash; wenn auch mit einem unbehaglichen Gefühl auf
+denselben Stuhl niederließ, auf dem das Traumbild
+sitzen sollte &ndash; »Du wirst mir doch jetzt zugeben, daß der
+Stuhl vollkommen leer war, oder Dein grauer Herr
+müßte mich sonst auf dem Schooß haben. &ndash; Nun?
+&ndash; was siehst Du denn jetzt wieder nach der Thür?«</p>
+
+<p>»Ja er ist fort,« lachte die Frau still vor sich hin.
+»Wie Du nur um den Tisch herumgingst, stand er
+auf, glitt wieder der Thür zu &ndash; und hinaus.«</p>
+
+<p>»Aber die Thür ist ja noch fest zu. Er kann doch
+nicht&nbsp;&ndash;«</p>
+
+<p>Bertling hatte kaum Zeit zuzuspringen und seine
+Frau aufzufangen, denn ihr gehobener Arm sank matt
+am Körper herab, und die ganze Gestalt schien in sich
+selbst zusammenzubrechen. Sie konnte nicht ohnmächtig
+sein, aber es war als ob nach der gehabten Aufregung
+eine völlige Erschlaffung ihrer Glieder einträte.
+Er hatte sie auch kaum aufgehoben und auf das
+Sopha gelegt, als sie in einen festen Schlaf fiel.</p>
+
+<p>Der aber dauerte nicht lange. Schon nach kaum
+einer Viertelstunde wachte sie wieder auf und sah sich
+etwas verstört im Zimmer um.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="page_032" title="32"> </a>
+»Hab ich mich denn hier zum Schlafen niedergelegt?«
+sagte sie leise und sinnend &ndash; »es muß ja schon spät sein.«</p>
+
+<p>Bertling hielt es für das Beste, von dem stattgefundenen
+Anfall heute Abend gar nichts zu erwähnen,
+da er nicht wissen konnte, wie es die Leidende aufnehmen
+würde. Wenn sie morgen wieder frisch und
+munter war, wollte er es ihr erzählen, und sie lachte
+dann wahrscheinlich selbst darüber.</p>
+
+<p>»Es ist halb zehn, mein Kind,« sagte er, »und
+Du bist müde von der gestern durchschwärmten Nacht.
+Ich glaube es ist das Beste wir gehen zur Ruhe.«</p>
+
+<p>»Ja,« sagte die Frau nach einer kleinen Pause, in
+der sie, wie überlegend, vor sich niedersah &ndash; »ich
+muß wirklich hier eingeschlafen sein, denn ich habe
+schon geträumt. &ndash; Was einem doch dabei für wunderliche
+Dinge durch den Kopf ziehen. &ndash; Ich werde
+lieber schlafen gehen.«</p>
+
+
+
+
+<h3>Zweites Capitel.<br />
+
+<b>Die Kaffeegesellschaft.</b></h3>
+
+
+<p>Am nächsten Morgen schien Auguste die gestrige
+Erscheinung vollständig vergessen zu haben; sie erwähnte
+wenigstens kein Wort davon, und Bertling
+<a class="pagenum" name="page_033" title="33"> </a>
+hatte sich in der Nacht ebenso überlegt, die ganze Sache
+weiter gar nicht zu berühren. Es würde sie nur beunruhigt
+haben, und konnte doch zu weiter nichts nützen.
+Er hätte freilich gern gewußt, ob ihr jede Erinnerung
+an die eingebildete Traumform verschwunden sei &ndash;
+und fast vermuthete er das Gegentheil, denn sie blieb
+an diesem Tag besonders nachdenkend, hörte manchmal
+mitten in ihrer Arbeit auf und sah eine Weile still
+vor sich nieder. Aber er mochte sie auch nicht fragen,
+denn hatte sie es wirklich vergessen, so mußte sie dadurch
+nur mißtrauisch gemacht werden.</p>
+
+<p>Auch der Arzt, mit dem er darüber sprach, rieth
+ihm in keinerlei Weise auf jenen Zustand hinzudeuten.
+Solche Erscheinungen kämen &ndash; wie er meinte &ndash; im
+geistigen Leben der Frauen gar nicht so selten vor,
+stumpften sich aber, wenn man ihnen Ruhe ließe, gewöhnlich
+mit der Zeit von selber ab. Das einzige
+wirksame Mittel dagegen sei Zerstreuung &ndash; leichte,
+am besten humoristische Lectüre, geselliger Verkehr etc.
+&ndash; Sie dürfte nicht zuviel allein gelassen werden,
+dann wichen diese Zustände auch von selber wieder.</p>
+
+<p>Bertling irrte sich übrigens, wenn er glaubte,
+jene eingebildete Erscheinung wäre spurlos und vielleicht
+unbewußt an seiner Frau vorübergegangen. Unmittelbar
+nach ihrer halben Ohnmacht besann sie sich
+<a class="pagenum" name="page_034" title="34"> </a>
+allerdings nicht gleich darauf und schlief in ihrer damaligen
+Abspannung auch bald ein. Aber selbst schon
+in der Nacht kam ihr die Erinnerung des scheinbar
+Erlebten, und am nächsten Morgen, als das schon
+fast verschwommene Bild wieder klarer und deutlicher
+vor ihre Seele trat, malte sie sich die Einzelheiten
+mehr und mehr im Stillen aus, bis sie auch die kleinsten,
+unbedeutendsten Umstände wieder scharf und bestimmt
+herausgefunden hatte. &ndash; Aber sie erwähnte
+gegen ihren Gatten nichts davon.</p>
+
+<p>Einmal wollte sie ihn nicht ängstigen, weil er jenem
+Phantasiegebild vielleicht zu viel Wichtigkeit beigelegt
+hätte, und dann &ndash; war sie selber noch nicht einmal
+mit sich im Klaren, ob es wirklich ein Phantasiegebild
+gewesen sei oder nicht. Sie fürchtete auch den Spott
+ihres Mannes, wenn sie ihm nur eine Andeutung gemacht
+hätte, daß sie eine solche Erscheinung für möglich
+halte, und grübelte dabei im Stillen weiter über
+das Geschehene.</p>
+
+<p>In dieser Zeit, in welcher sie sich auch immer noch
+etwas angegriffen fühlte, ging sie wenig aus und da
+ihr Mann durch eine Masse dringender Geschäfte
+über Tag abgehalten wurde, ihr Gesellschaft zu leisten,
+las sie viel &ndash; jetzt aber am liebsten Bücher, die sich
+mit dem geistigen Leben des Menschen beschäftigten
+<a class="pagenum" name="page_035" title="35"> </a>
+und oft Dinge besprachen, die ihr in ihrem überdieß
+aufgeregten und reizbaren Zustand weit besser fern gehalten
+wären. So kam ihr auch das Buch der
+Seherin von Prevorst in die Hände, und gab ihrem,
+schon außerdem zum Uebernatürlichen neigenden Sinn,
+nur noch mehr Nahrung.</p>
+
+<p>Wenn es überhaupt auf Erden Menschen gab, die
+mit jener, von anderen Sterblichen nur geahnten
+Welt in unmittelbarer Verbindung standen, die mit
+ihren körperlichen Augen das sehen konnten was um
+sie her <em class="gesperrt">bestand</em>, während es der Masse verborgen und
+unsichtbar blieb, warum sollte sie dann nicht auch zu
+diesen gehören können? &ndash; warum sollte gerade das,
+was sie deutlich und klar <em class="gesperrt">geschaut</em> hatte, nur allein
+bei ihr eine Täuschung der Sinne gewesen sein? Daß
+aber etwas Aehnliches nicht allein möglich, sondern
+schon wirklich an den verschiedensten Orten <em class="gesperrt">geschehen</em>
+sei, davon liefert ihr gerade die Seherin von Prevorst
+den sichersten Beweis, denn das Buch brachte beglaubigte
+Thatsachen, und immer fester wurzelte bei
+ihr die Ueberzeugung, daß auch sie zu jenen bevorzugten
+Wesen gehöre.</p>
+
+<p>Keineswegs erweckte aber dies, sich nach und nach
+bei ihr bildende Bewußtsein, ihre Furcht vor dem,
+was ihr etwa noch begegnen könne. Im Gegentheil
+<a class="pagenum" name="page_036" title="36"> </a>
+freute sie sich viel eher einer solchen Kraft, und beschloß
+sogar mit ruhigem kalten Blut Alles zu prüfen,
+was ihr in solcher Art an übernatürlichen Gebilden
+auftauchen und sichtbar werden sollte.</p>
+
+<p>Trotz dieser geistigen Stärke, die sie gewonnen zu
+haben glaubte, litt aber doch ihr Körper unter der fast
+gewaltsam hervorgerufenen Aufregung, und wenn auch
+Bertling den wahren Grund nicht ahnte, konnte ihm
+doch nicht entgehen, daß seine Frau in der letzten Zeit
+sichtbar bleicher und leidender geworden sei. Er schrieb
+das aber dem vielen Stuben sitzen zu, und bat sie mehr
+an die frische Luft zu gehen und sich Bewegung zu machen.
+Ja er drang sogar in sie &ndash; was er sonst nie gethan
+&ndash; ihre verschiedenen Freundinnen einmal wieder aufzusuchen,
+und dann und wann auch bei sich zu sehen,
+da er mit Recht von einer solchen Zerstreuung wohlthätige
+Wirkung für sie hoffte.</p>
+
+<p>Auguste, wenn sie auch nicht das Bedürfniß danach
+fühlte, beschloß doch seinen Wunsch zu erfüllen.
+Die langen Stunden, die sie daheim allein saß, wurden
+ihr selber zuletzt drückend, und außerdem hatte sie
+ja manche Bekannte, mit der sie recht gern verkehrte
+und wo sie wußte, daß sie gern gesehen war.</p>
+
+<p>Am Besten von Allen hatte sie stets mit einer
+Jugendfreundin, der jetzigen Hofräthin <em class="gesperrt">Janisch</em>, harmonirt;
+<a class="pagenum" name="page_037" title="37"> </a>
+Pauline Janisch war eine prächtige junge
+Frau, aufgeweckt dabei und lebenslustig, und da sie in
+müssigen Stunden auch gern ein wenig schwärmte und
+ganz vorzüglich für alles Uebersinnliche leicht empfänglich
+war &ndash; ohne sich aber davon beherrschen zu lassen
+&ndash; fühlte sie sich zu dieser besonders hingezogen.</p>
+
+<p>Pauline wohnte in der nämlichen Straße mit ihr;
+als sie dieselbe aber heute aufsuchte, bewegte sie sich in
+dem zwar kleinen, doch gewählten Kreis einer Caffeegesellschaft,
+wo allerdings nichts Uebersinnliches gesprochen
+wurde. Nur über die allergebräuchlichsten
+Themata solcher Zusammenkünfte fand eine Verhandlung
+statt, als da sind: Theater und was dazu gehört
+&ndash; nämlich das Privatleben der Bühnenmitglieder
+&ndash; Dienstboten-Noth, Sittengeschichte der
+Stadt mit Vorlage einzelner, besonders hervorzuhebender
+Beispiele, und Klagen über die Vergnügungen
+und Beschäftigungen der Männer <em class="gesperrt">außer</em> dem Haus.</p>
+
+<p>Erst das eintreffende Tageblatt gab der Unterhaltung
+&ndash; nachdem man zwei Verlobungsanzeigen
+und ein Heirathsgesuch gründlich betrachtet und erschöpft
+hatte &ndash; eine andere Wendung, und zwar
+durch einen wunderlichen Vorfall in der Stadt selber,
+der in dieser Nummer eine Erwähnung fand.</p>
+
+<p>Ein in der äußersten Vorstadt gelegenes Haus
+<a class="pagenum" name="page_038" title="38"> </a>
+nämlich, das früher einmal zu einer Knopffabrik benutzt
+worden, jetzt aber schon seit mehreren Jahren,
+durch das Scheitern des Unternehmens leer und verödet
+stand, war vor Zeiten in den Ruf gekommen,
+daß es dort umgehe, und man hatte sich Monde lang
+die merkwürdigsten Geschichten davon erzählt. Anderes
+kam aber dazwischen, das ganze Gebäude wurde außerdem
+nicht mehr benutzt, und da Niemand darin wohnte,
+schlief auch das Gerücht endlich ein, bis der jetzige
+Eigenthümer vor ganz kurzer Zeit die ziemlich vom
+Wetter mitgenommenen Baulichkeiten an einen Fremden
+verkaufte, der dort eine Kammergarnspinnerei anlegen
+wollte.</p>
+
+<p>Jetzt erinnerte man sich allerdings wieder lebhaft
+der früheren Gerüchte, die aber in den ersten Wochen
+auch nicht die geringste Bestätigung fanden. Der
+Fabrikant war mit zwölf oder sechszehn Arbeitern dort
+eingezogen und die Leute, die größtentheils noch nicht
+einmal von den Gerüchten gehört haben konnten,
+hatten die Nächte, die sie dort zugebracht, vortrefflich
+und ungestört geschlafen. &ndash; Es dachte schon Niemand
+mehr an die früheren Spuckgeschichten.</p>
+
+<p>Da erzählte man sich in der Stadt, sämmtliche
+Arbeiter in der Fabrick hätten ihrem Brodherren
+den Dienst gekündigt. Es wurde dem anfangs widersprochen,
+<a class="pagenum" name="page_039" title="39"> </a>
+aber das Gerücht fand immer festeren Boden
+bis denn das Tageblatt heute die Nachricht ganz sicher
+bestätigte. Es geschah das durch die Aufforderung des
+Fabrikherrn, um neue Arbeiter herbeizurufen, da sich
+die bisherigen, wie hier gedruckt stand, »durch abergläubischen
+Unsinn hätten bewegen lassen, seinen
+Dienst zu quittiren.«</p>
+
+<p>Es blieb jetzt keinem Zweifel mehr unterworfen,
+daß die bisherigen Gerüchte nicht gelogen haben
+konnten, sondern etwas Wahres an der Sache sein
+müsse und die Aufregung der kleinen Gesellschaft
+wurde noch erhöht, als sich plötzlich herausstellte, daß
+sie selbst in ihrer Mitte ein Individuum entdeckten, das
+ihnen von dem, jetzt jedes andere Interesse verschlingenden
+Platz die genauesten und direktesten Nachrichten
+geben konnte.</p>
+
+<p>Es war das die Frau Präsident Cossel, eine schon
+ältliche Dame mit etwas rother Nase, aber einem sehr
+entschieden energischen Zug um den Mund. Die
+Dame hielt sich auch in der That nie bei Vermuthungen
+auf, sondern sprach stets was sie wußte oder nicht
+wußte auf das aller Bestimmteste aus. Widerspruch
+duldete sie nie und wenn man behauptet, daß die Haare
+den Charakter des Menschen darthun, so mochte das
+recht gut auch bei der Frau Präsidentin ihre Bestätigung
+<a class="pagenum" name="page_040" title="40"> </a>
+finden, denn eben so starr und fest gerollt
+wie die vier falschen Locken, die sie vorgebunden trug,
+war ihr Gemüth.</p>
+
+<p>»Es ist richtig &ndash; ich weiß es; es spukt drüben,«
+sagte sie, indem sie ihre Tasse zum vierten Mal zum
+Füllen reichte, und ihre schönen Zuhörerinnen zweifelten
+viel weniger an der, jetzt als unumstößlich festgestellten
+Thatsache, als daß sie sich wunderten, wie die
+Frau Präsidentin diesen doch sicher höchst interessanten
+Fall so lange still bei sich getragen und wirklich
+erst auf äußere Veranlassung von sich gegeben habe.</p>
+
+<p>Die Frau Präsidentin wohnte aber dem besagten
+Fabrikgebäude schräg gegenüber, und konnte also, als
+allernächste Nachbarin desselben &ndash; wenn irgend Jemand,
+Näheres darüber wissen. Die Neugier der
+Damen war &ndash; hierbei sehr verzeihlich &ndash; auf das
+Höchste gespannt.</p>
+
+<p>»Es ist richtig! Ich weiß es! Es spukt drüben!« &ndash;
+Gegen die <em class="gesperrt">Thatsache</em> war Nichts mehr einzuwenden,
+und es blieb jetzt nur noch übrig die Einzelheiten derselben
+zu erfahren. Die Frau Präsidentin wußte
+Alles.</p>
+
+<p>Die ersten Nächte waren die neu eingezogenen
+Leute vollkommen unbelästigt geblieben, nur zu bald
+aber brach plötzlich &ndash; und natürlich genau um Mitternacht
+<a class="pagenum" name="page_041" title="41"> </a>
+&ndash; ein donnerndes Getöse im ganzen Hause
+los, daß den Insassen das Haar auf dem Kopfe
+sträubte. Ketten klirrten über die Treppen, die Balken
+krachten, als ob furchtbare Gewichte darauf geworfen
+würden, die Thüren schlugen auf und zu, die Fenster
+klapperten &ndash; und das bei sternenheller Nacht und
+todter Windstille &ndash; und ein unheimlich flackernder
+Schein zuckte aus einer Stube in die andere durch
+das ganze Haus. Das Nämliche wiederholte sich in
+den folgenden Nächten, nur mit der Zugabe, daß den
+Schlafenden die Decken weggerissen wurden. Allerdings
+glaubten die Leute anfangs an einen Schabernack,
+den ihnen muthwillige Gesellen spielten, und
+um kein Aufsehen zu erregen, wurde die Polizei heimlich
+von dem Unfug in Kenntniß gesetzt und traf in
+einer der Nächte kurz vor zwölf Uhr dort ein, um die
+Urheber auf frischer That zu ertappen. Ja ihr Aufpassen
+half ihnen nichts, denn erwischen konnten sie
+Niemand, während gerade ihnen am tollsten mitgespielt
+wurde. Es schlug ihnen die Hüte vom Kopf
+und die Stöcke aus der Hand, und die Leute verließen
+&ndash; wie die Frau Präsidentin behauptete &ndash; in Entsetzen
+das Haus.</p>
+
+<p>Von <em class="gesperrt">der</em> Nacht an waren die übrigen Arbeiter
+aber auch nicht mehr zu halten, und obgleich der Fabrikherr
+<a class="pagenum" name="page_042" title="42"> </a>
+&ndash; aus leicht zu errathenden Gründen &ndash;
+ein tiefes Stillschweigen über alles Vorgefallene beobachtete,
+und die Leute selber sich ebenfalls schienen
+das Wort gegeben zu haben, nichts über die Sache
+verlauten zu lassen, war doch das allein der wahre
+Thatbestand.</p>
+
+<p>»Und woher es die Frau Präsidentin wußte?« &ndash;
+wie die etwas muthwillige Frau Hofräthin Janisch
+frug. &ndash; Die Dame blitzte sie zwischen den Locken
+hervor mit einem wahren Dolchblick an.</p>
+
+<p>»Woher ich das weiß, Frau Hofräthin?« wiederholte
+sie, und absichtlich mit etwas gehobener Stimme
+&ndash; »ich denke, ich habe meine Quellen &ndash; selbst wenn
+mein Mann nicht Präsident wäre, Sie wissen doch
+wohl &ndash; oder <em class="gesperrt">sollten</em> es wenigstens wissen, daß es
+zwischen Ehegatten kein Amtsgeheimniß giebt. &ndash;
+Aber noch mehr,« setzte sie plötzlich mit geheimnißvollem
+Ton hinzu, »Sie wissen doch, daß sich der
+junge Belldan gestern Morgen um's Leben gebracht
+hat?«</p>
+
+<p>»Ei gewiß,« sagte die Frau Kreisräthin Barthels,
+»das ist ja stadtbekannt. Er soll ein paar falsche
+Wechsel ausgestellt haben, und wie ihn sein Vater
+aus dem Hause stoßen wollte, ging er in das Holz
+und schoß sich eine Kugel durch den Kopf.«</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="page_043" title="43"> </a>
+»Bah,« sagte die Frau Präsidentin mit einer
+wegwerfenden Bewegung und ganz entschiedener
+Betonung der nächsten Worte, »der junge Mensch
+hat nie falsche Wechsel gemacht, aber aus Uebermuth
+die letzte Nacht in dem Spukhaus geschlafen und darnach
+&ndash; konnte er nicht länger leben.«</p>
+
+<p>Was er dort gesehen hatte vermochte die Frau
+freilich selber nicht zu sagen, aber schon die Andeutung
+war interressant genug, um eine weitere Besprechung
+derselben außer Frage zu stellen und das
+Gespräch, einmal in diese Bahn gelenkt, blieb nun
+natürlich in dem nämlichen Gleis und ging von dem
+Spukhaus auf Gespenstergeschichten und Erscheinungen
+im Allgemeinen über.</p>
+
+<p>Der Abend rückte dabei heran, aber die Gesellschaft
+protestirte von der kleinen lebhaften Hofräthin
+dabei warm unterstützt, gegen die Forderung der
+Präsidentin, Licht herbeizuschaffen. Es ging Nichts
+über eine solche Unterhaltung in der Dämmerung
+und als jetzt die Gaslaterne draußen auf der Straße
+angezündet wurde, und ein ordentlich unheimliches
+Streiflicht in das düstere Zimmer warf, rückten die
+Damen nur desto näher zusammen und die Frau
+Kreisräthin behauptete, es gäbe doch gar kein wonnigeres
+<a class="pagenum" name="page_044" title="44"> </a>
+Gefühl in der Welt, als »wenn es Einen so
+ein Bischen gruselte.«</p>
+
+<p>Nur Auguste, Bertlings Frau, hatte bis jetzt
+keinen Antheil an dem Gespräch genommen, als vielleicht
+hie oder da einmal eine Frage einzuwerfen,
+aber deshalb mit nicht weniger Aufmerksamkeit den
+verschiedenen Geschichten gelauscht, die bald von dieser
+bald von jener Dame zum Besten gegeben wurden
+und natürlich alle mit jener übersinnlichen Welt in
+Verbindung standen.</p>
+
+<p>In Alburg wurde auch noch das Tischklopfen und
+die Geisterschrift mit Hülfe einer besondern mit Bleistift
+verbundenen Vorrichtung leidenschaftlich getrieben
+und viele Damen beschäftigten sich heimlich damit
+&ndash; öffentlich durften sie es ja nicht, weil man das
+vollkommen Nutzlose dieser Experimente lange eingesehen
+hatte, und die auslachte, die es trotzdem noch
+ausübten. Eine Masse von Beispielen wurden jetzt
+von entzifferten Briefen, von Zahlen, Nachrichten Entfernter,
+Schutzgeistern und all derartigen Ergebnissen
+der Zauberkunst erwähnt, dann sprang das Gespräch
+auf Ahnungen, Doppelgänger, Erscheinungen über
+und die Frau Präsidentin erklärte mit ihrer gewöhnlichen
+Bestimmtheit &ndash; was die Thatsache außer allen
+Zweifel stellte, &ndash; daß ihr erster Mann &ndash; Gott habe
+<a class="pagenum" name="page_045" title="45"> </a>
+ihn selig &ndash; ihr zwei Mal schon erschienen sei: Das
+erste Mal als sie sich wieder verlobt habe. &ndash; Das
+zweite Mal bei &ndash; einer andern Gelegenheit &ndash; sie
+sagte nicht welcher &ndash; und beide Male in seinem grauen
+Schlafrock mit rothem Futter und hellblauen Quasten
+wie »der Selige« immer daheim gekleidet gewesen.</p>
+
+<p>Auguste lehnte schweigend in ihrem Fauteuil, anscheinend
+theilnahmlos, aber mit ihrem Geist in reger
+Thätigkeit, und vor ihrem innern Auge stieg die Gestalt
+wieder empor, die sie an jenem Abend gesehen
+hatte. &ndash; Aber sie erwähnte kein Wort davon; es war
+das ihr eigenes Geheimniß, und es kam ihr der Gedanke,
+als ob sie jenes Wesen erzürnen müsse, wenn
+sie sein Dasein einem andern Menschen verrathe. So
+ganz mit sich selber beschäftigte sie sich dabei, daß sie
+ordentlich erschrak, als die kleine Gesellschaft plötzlich
+aufbrach, um in ihre eigenen Wohnungen zurückzukehren.
+Es war sieben Uhr und damit Zeit geworden
+daheim den Herren Ehegatten das Abendbrot zu bereiten.
+Der <em class="gesperrt">Caffee</em> hatte überhaupt, durch solch Gespräch
+gewürzt, weit länger gedauert, als das sonst
+je der Fall gewesen.</p>
+
+<p>Die lebhafte Scene des Ankleidens und Abschiednehmens
+verdrängte jetzt auch bald all die düsteren Gedanken
+und Bilder, die den ganzen Abend über dem
+<a class="pagenum" name="page_046" title="46"> </a>
+kleinen Kreis geschwebt. Es war Licht gebracht, und
+die Meisten hatten schon lange den ganzen heraufbeschworenen
+Spuk vergessen, &ndash; Auguste nicht.</p>
+
+<p>Sie nahm Abschied von der Freundin und ging die
+wenigen Schritte nach ihrer eigenen Wohnung, kaum
+etwas mehr als über die Straße hinüber, &ndash; allein
+immer aber war ihr Geist noch mit jenem Traumbild
+beschäftigt, das ihr durch die Unterhaltung da drüben
+wieder in ihrer ganzen Schärfe vor der Seele stand.</p>
+
+<p>Still und schweigend stieg sie die Stufen hinan
+&ndash; die Vorsaalthür war offen &ndash; auf dem Vorsaal
+selbst brannte kein Licht, aber die Gasflamme der
+Treppe warf ihren Schein durch das über der Thür
+angebrachte Fenster. Sie wußte bestimmt, ihr Mann
+war jetzt zu Haus und in seiner Stube, wo er gewöhnlich
+bis zum Abendbrot allein arbeitete. Sie
+ging durch ihr eigenes Zimmer nach seiner Thür,
+öffnete dieselbe, stand einen Moment in sprachlosem
+Entsetzen auf der Schwelle und brach dann mit einem
+halblautem Schrei und ehe ihr Gatte zuspringen und
+sie halten konnte, bewußtlos in sich zusammen.</p>
+
+
+
+
+<h3>Drittes Capitel.<a class="pagenum" name="page_047" title="47"> </a><br />
+
+<b>Der unheimliche Besuch.</b></h3>
+
+
+<p>Der Justizrath war an dem Abend beschäftigt
+gewesen, eingelaufene Actenstücke durchzusehen und zu
+erledigen. Die Zeit verging ihm dabei so rasch, daß
+er die Abwesenheit seiner Frau &ndash; die er überdies bei
+Freund Janisch gut aufgehoben wußte, gar nicht
+bemerkte.</p>
+
+<p>Im Verlauf seiner Arbeit war er auch genöthigt
+gewesen ein paar Briefe zu schreiben, die noch vor sieben
+Uhr auf die Post mußten. Er hatte das Mädchen
+damit fortgeschickt und saß wieder über seinen Papieren
+als es draußen klingelte und er selber hingehen
+mußte, um zu öffnen.</p>
+
+<p>Draußen stand ein Fremder &ndash; anständig angezogen,
+ein kleiner schmächtiger Mann in dunkler Kleidung,
+der mit dem Hute in der Hand sehr bescheiden
+frug, ob er die Ehre habe den Herrn Justizrath Bertling
+zu sprechen.</p>
+
+<p>»Mein Name ist Bertling, was steht zu Ihren
+Diensten?«</p>
+
+<p>»Würden Sie mir gestatten ein paar Worte allein
+an Sie zu richten?« frug der kleine Mann, wie schüchtern,
+<a class="pagenum" name="page_048" title="48"> </a>
+und seine weiten, glänzenden Augen hafteten
+dabei fragend auf dem Justizrath.</p>
+
+<p>Diesem war die Störung eben nicht besonders
+gelegen, aber der Fremde sah so bescheiden und anspruchslos
+aus und seine Frage klang so dringend, daß
+er ihm die Bitte auch nicht abschlagen mochte.</p>
+
+<p>»Dann sein Sie so gut und kommen Sie mit in
+mein Zimmer,« sagte der Justizrath und ging seinem,
+etwas späten Besuch voran, ohne jedoch die Vorsaalthür
+wieder zuschließen.</p>
+
+<p>Im Studierzimmer Bertlings brannte die Lampe
+etwas düster, aber doch hell genug, um die Züge des
+Fremden ziemlich deutlich erkennen zu können. Er hatte
+eine hohe Stirn, von der er das schwarze schon dünn
+gewordene Haar zurückgestrichen trug, und ein paar
+große sprechende Augen, aber seine Züge sahen bleich
+und leidend aus; die Backenknochen traten auffallend
+hervor und in dem ganzen Wesen des Mannes lag
+etwas Scheues und Gedrücktes. Der Justizrath
+nöthigte ihn durch eine Bewegung mit der Hand auf
+das Sopha, aber der Fremde schien diese Ehre abzulehnen,
+denn er ließ sich auf dem nächsten Stuhl am Ofen
+nieder, und zwar seitwärts, um dem Justizrath sein
+Gesicht zuzukehren und dabei legte er den rechten Arm
+über die Lehne des nämlichen Stuhles.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="page_049" title="49"> </a>
+Bertling entging übrigens nicht, daß sich sein Besuch
+durch irgend etwas gedrückt fühlte, und theils
+aus angeborener Gutmüthigkeit, theils mit dem
+Wunsch die unwillkommene Störung so viel als möglich
+abzukürzen, sagte er freundlich:</p>
+
+<p>»Und mit was kann ich Ihnen dienen?«</p>
+
+<p>Der Fremde hatte noch keine Zeit zum Antworten
+gehabt, als nebenan eine Thür ging und da Bertling,
+der recht gut wußte, daß das Mädchen kaum von der
+Post zurück sein konnte, eben aufstehen wollte, um nachzusehen,
+wer da wäre, öffnete sich die Seitenthür &ndash;
+seine Frau stand auf der Schwelle, hob langsam den
+rechten Arm und brach dann, ohne weiter ein Wort,
+eben nur einen halblauten Schrei ausstoßend, besinnungslos
+zusammen.</p>
+
+<p>In tödtlichem Schreck sprang ihr Gatte zu, hob
+ihren Kopf auf sein Knie, strich ihr in seiner Herzensangst
+die Stirn, rieb ihr die Schläfe und rief sie mit
+allen Liebesnamen, um sie zum Leben zurückzubringen.
+Als das aber Alles vergeblich blieb, hob er sie auf und
+trug sie auf ihr eigenes Sopha im nächsten Zimmer
+und sprang dann zurück nach der Lampe. Er wollte
+dabei den Fremden bitten, ihm sein Anliegen ein ander
+Mal vorzutragen, aber der Stuhl war leer &ndash; der
+Fremde fort &ndash; er hatte ihn gar nicht weggehen sehen,
+<a class="pagenum" name="page_050" title="50"> </a>
+aber auch jetzt wahrlich keine Zeit, sich weiter um ihn
+zu bekümmern. Er trug die Lampe hinüber und rieb
+Stirn und Schläfe seiner Frau mit Eau de Cologne.</p>
+
+<p>Glücklicher Weise kam auch jetzt das Mädchen,
+das recht frisches Wasser bringen mußte, und nach
+wenigen Minuten schlug Auguste die Augen wieder
+auf. Anfangs freilich schaute sie noch scheu und wie
+furchtsam umher, als sie sich aber in ihrem eigenen
+Zimmer fand, beruhigte sie sich bald und lehnte jetzt
+nur noch etwas bleich und erschöpft im Sopha.</p>
+
+<p>»Aber ich bitte Dich um Gottes Willen, liebes
+Kind, was hattest Du denn nur auf einmal« frug jetzt
+Bertling durch diese plötzliche Ohnmacht nicht wenig
+beunruhigt &ndash; »warst Du denn schon vorher unwohl?«</p>
+
+<p>»Nein,« sagte die Frau leise, »mir fehlte gar
+nichts, aber &ndash; als ich in Dein Zimmer kam&nbsp;&ndash;«</p>
+
+<p>»Ich habe heut Nachmittag sehr viel geraucht,«
+ergänzte Bertling, »und der rasche Wechsel aus der
+frischen Luft in den Tabacksqualm hat vielleicht den
+Unfall herbeigerufen.«</p>
+
+<p>»Nein,« wiederholte die Frau mit dem Kopf schüttelnd,
+»das &ndash; das war es nicht &ndash; ich war vollkommen
+gesund &ndash; an den Tabacksgeruch bin ich ja auch
+<a class="pagenum" name="page_051" title="51"> </a>
+gewöhnt, aber &ndash; als ich in Dein Zimmer trat sah
+ich&nbsp;&ndash;«</p>
+
+<p>»Aber was denn mein süßes liebes Herz,« bat der
+Mann, »so sprich doch nur; Du ängstigt mich ja noch
+viel mehr durch Dein Schweigen. &ndash; Was sahst
+Du denn?«</p>
+
+<p>»Denselben grauen Mann,« hauchte die Frau mit
+kaum hörbarer Stimme »&ndash;&nbsp;den ich bei dem Sturm
+in Deinem Zimmer sah&nbsp;&ndash;«</p>
+
+<p>»Aber liebes, liebes Kind,« bat der Mann erschreckt
+und zugleich beunruhigt, daß seine Frau jenes Traumbild,
+wie er im Stillen gehofft, nicht etwa vergessen
+habe, sondern noch voll und scharf im Gedächtniß
+trage &ndash; »sieh nur, was für einen tollen Streich Dir
+Deine Einbildungskraft gespielt hat. Das war ja
+doch kein Gespenst, was Du gesehen, sondern ein
+Mensch von Fleisch und Blut, der kurz vor Dir zu
+mir kam und mich zu sprechen wünschte.«</p>
+
+<p>»So hast Du ihn diesmal auch gesehen?« rief die
+Frau rasch und erschreckt.</p>
+
+<p>»Gewiß,« lächelte Bertling, »und er ist auch gar
+nicht wie ein Geist eingetreten, sondern hat draußen
+geklingelt und ich habe ihm selber die Vorsaalthür
+aufgemacht.«</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="page_052" title="52"> </a>
+»Und ist er <em class="gesperrt">noch</em> bei Dir?« rief die Frau, sich
+rasch im Sopha aufrichtend.</p>
+
+<p>»Nein,« lautete die Antwort &ndash; »wie Du ohnmächtig
+wurdest, muß er fortgegangen sein, denn als
+ich nach der Lampe zurücksprang, war er verschwunden.«</p>
+
+<p>»Verschwunden?«</p>
+
+<p>»Nun hoffentlich nicht in die Luft,« lachte Bertling,
+aber doch etwas verlegen, denn es fiel ihm jetzt
+auf einmal ein, daß der Fremde in seinem ganzen Wesen
+wirklich etwas Räthselhaftes gehabt habe, und
+dabei merkwürdig rasch aus dem Zimmer gewesen sei.
+Wie <em class="gesperrt">war</em> er nur hinausgekommen, denn er erinnerte
+sich nicht gesehen oder gehört zu haben, daß die Thür
+geöffnet wurde, was ihm doch kaum hätte entgehen
+können &ndash; »er &ndash; er wird fortgegangen sein, als er
+sah, daß ich mich nicht weiter mit ihm abgeben konnte.«</p>
+
+<p>Seine Frau erwiderte nichts darauf. Sie schaute
+eine ganze Weile sinnend vor sich nieder, endlich sagte
+sie leise:</p>
+
+<p>»Er saß auf dem nämlichen Stuhl, auf dem ich
+ihn damals gesehen habe &ndash; genau so wie in jener
+Nacht, mit dem rechten Arm auf der Lehne &ndash; er trug
+den nämlichen grauen Rock und sah eben so bleich aus
+und hatte dieselben großen geisterhaften Augen.«</p>
+
+<p>»Aber liebe, liebe Auguste« bat der Mann, jetzt
+<a class="pagenum" name="page_053" title="53"> </a>
+wirklich beunruhigt, »so gieb Dich doch nur nicht solch
+thörichten kindischen Gedanken hin, und mische nicht
+eine wirklich menschliche, wahrscheinlich sehr unbedeutende
+Persönlichkeit, mit Deinen Traumbildern zusammen.
+&ndash; Uebrigens,« setzte er rasch hinzu &ndash; »muß
+ihm ja auch die Rieke auf der Treppe begegnet sein,
+denn sie kam unmittelbar nach Dir &ndash; Rieke!« rief
+er dann zur Thür hinaus &ndash; »Rieke!«</p>
+
+<p>»Jawohl&nbsp;&ndash;«</p>
+
+<p>»Kommen Sie einmal einen Augenblick herein.«</p>
+
+<p>Die Gerufene steckte den Kopf zur Thür herein.</p>
+
+<p>»Soll ich was?«</p>
+
+<p>»Wie Sie vorhin zurückkamen, ist Ihnen da Niemand
+im Haus begegnet?«</p>
+
+<p>»Doch, Herr Justizrath&nbsp;&ndash;«</p>
+
+<p>»Nun siehst Du, liebes Kind &ndash; und wie sah er aus?«</p>
+
+<p>»Er!« sagte die Köchin etwas erstaunt &ndash; »es
+war die Heßbergern, dem Schuhmacher seine Frau
+von oben, die noch einmal unten in den Laden ging,
+um für ihren Mann Branntewein zu holen. Der
+kriegt Abends immer Durst, und sie trinkt dann auch
+mit.«</p>
+
+<p>»Unsinn,« brummte der Justizrath &ndash; »was geht
+<a class="pagenum" name="page_054" title="54"> </a>
+mich die Frau an &ndash; ich will wissen, ob Sie im Haus
+keinem <em class="gesperrt">Mann</em> begegnet sind?«</p>
+
+<p>»Einem Mann?«</p>
+
+<p>»Einem anständig gekleideten Herrn in einem
+grauen oder dunklen Rock, der hier oben bei mir war?«</p>
+
+<p>»Ich habe Niemanden gesehen,« sagte das Mädchen
+erstaunt mit dem Kopf schüttelnd »und so lange
+ich hier oben bin, ist auch Niemand fortgegangen, denn
+ich habe die Thür gleich hinter mir zugeriegelt und
+die Kette vorgehangen.«</p>
+
+<p>Die Frau nickte leise vor sich hin, Bertling aber,
+ärgerlich darüber, daß er eine verfehlte Zeugenaussage
+veranlaßt, rief:</p>
+
+<p>»Nun, denn ist er <em class="gesperrt">vorher</em> gegangen; die Rieke
+kann ihm auch eigentlich gar nicht begegnet sein, denn
+er muß doch eine ganze Weile früher die Stube verlassen
+haben. So viel bleibt sicher, in den Boden
+hinein ist er nicht verschwunden &ndash; gehen Sie nur
+wieder an Ihre Arbeit Rieke &ndash; es ist gut&nbsp;&ndash;.«</p>
+
+<p>Die Rieke zog sich an das Heiligthum ihres Heerdes
+zurück, griff dort die Wassereimer auf und ging
+nach dem Brunnen hinunter, um frisches Wasser zu
+holen. Unten im Haus begegnet ihr des Schusters
+Frau und das Mädchen, mit dem eben bestandenen
+Examen noch im Kopf sagte zu dieser:</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="page_055" title="55"> </a>
+»Haben <em class="gesperrt">Sie</em> denn vorhin einen Mann gesehen,
+Heßbergern, der von uns herunterkam, wie Sie aus
+dem Haus gingen?«</p>
+
+<p>»Ich? &ndash; nein,« sagte die Frau &ndash; »was für einen
+Mann?«</p>
+
+<p>»Ja ich weiß es auch nicht, er soll einen grauen
+Rock angehabt haben.«</p>
+
+<p>»Und was ist mit dem?«</p>
+
+<p>»Gott weiß es,« brummte die Rieke &ndash; »er muß auf
+einmal weggewesen sein und Niemand hat ihn fortgehen
+sehen, und jetzt glaub ich, ängstigt sich die Frau
+darüber und ist sogar ohnmächtig geworden. &ndash; Na
+Nichs für ungut« und damit schwenkte sie mit ihren
+Eimern zur Thür hinaus.</p>
+
+<p>Der Justizrath ging indessen ein paar Mal im
+Zimmer auf und ab, aber er dachte dabei nicht an den
+vollkommen gleichgültigen Fremden, sondern der Zustand
+seiner Frau beunruhigte ihn immer ernsthafter.
+So reizbar und erregt war sie noch nie gewesen, und
+während er geglaubt, daß sie all die alten Phantasieen
+längst und für immer vergessen hätte, fühlte er jetzt
+daß sie dieselben grade im Gegentheil still bei sich
+getragen und darüber vielleicht die ganze Zeit gebrütet
+habe. Wie um Gottes Willen konnte er ihr das
+nur aus dem Kopf bringen!</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="page_056" title="56"> </a>
+»Es ist doch merkwürdig« sagte die Frau endlich
+nach längerer Pause, »daß <em class="gesperrt">zwei</em> Personen denselben
+Gegenstand gesehen haben sollten.«</p>
+
+<p>»Gegenstand &ndash; Thorheit!« brummte aber der
+Justiz-Rath. »Thu' mir den einzigen Gefallen, liebes
+Kind, und sprich nicht von Gegenständen, wo es sich um
+eine einfache vollkommen gleichgültige Persönlichkeit
+handelt. Gedulde Dich nur eine kurze Zeit, der
+Mensch kommt wahrscheinlich morgen früh wieder zu
+mir, und dann erlaubst Du mir wohl, daß ich ihn Dir
+vorstellen darf&nbsp;&ndash;«</p>
+
+<p>»Und bist Du wirklich überzeugt, daß es ein
+<em class="gesperrt">Mensch</em> war?«</p>
+
+<p>»Aber Auguste&nbsp;&ndash;«</p>
+
+<p>»Hast Du ihn berührt?«</p>
+
+<p>»Ich? &ndash; hm ich kann mich nicht besinnen &ndash;
+es war auch keine Gelegenheit dazu da, denn einem
+fremden Menschen giebt man doch nicht gleich die
+Hand &ndash; aber er ist doch wie andere Sterbliche hereingekommen.«</p>
+
+<p>»Hat er sich selber die Thür aufgemacht?«</p>
+
+<p>Der Justizrath sann einen Augenblick nach &ndash;
+»Nein« sagte er dann, »das konnte er nicht, sie war ja
+verschlossen &ndash; aber er muß sie selber wieder aufgemacht
+<a class="pagenum" name="page_057" title="57"> </a>
+haben, um hinaus zu kommen; das wirst Du
+mir doch zugeben.«</p>
+
+<p>Auguste war aufgestanden, ging auf den Justizrath
+zu, legte ihren rechten Arm um seinen Nacken
+und ihr Haupt an seine Brust lehnend, sagte sie leise
+und bittend:</p>
+
+<p>»Sei nur nicht böse, Theodor, sieh ich kann ja
+Nichts dafür; und ich &ndash; mir möchte das Herz selber
+darüber brechen, aber &ndash; ich fühle es deutlich in mir,
+es ist eine Ahnung aus jener Welt, gegen die wir
+nicht ankämpfen können, mag sich der Verstand auch
+dawider sträuben wie er will. &ndash; Wenn mir der <em class="gesperrt">graue
+Mann</em> zum <em class="gesperrt">dritten</em> Mal erscheint &ndash; so <em class="gesperrt">sterb</em> ich.«</p>
+
+<p>»Auguste, ich bitte Dich um Gottes Willen« rief
+jetzt der Mann in Todesangst, indem er sie fest an sich
+preßte &ndash; »gieb nicht solchen furchtbaren Gedanken
+Raum. Sieh Kind, man hat ja Beispiele, daß Menschen
+nur allein einer solchen fixen Idee erlegen sind,
+wenn sie sich erst einmal in ihrem Geiste festgesetzt
+hatte. Erst war Trübsinn, dann Schwermuth die
+Folge und im Körper nahm Schwäche zu, je mehr
+jene Idee im Hirn seine verderblichen Wurzeln schlug.«</p>
+
+<p>»Aber Du sprichst immer von einer <em class="gesperrt">Idee</em>, Theodor,«
+sagte die Frau &ndash; »habe ich denn die Gestalt nicht
+<a class="pagenum" name="page_058" title="58"> </a>
+zwei Mal deutlich gesehen, so deutlich, wie ich Dich
+selber hier vor mir sehe?«</p>
+
+<p>»Das zweite Mal, ja, das gebe ich zu,« sagte der
+Mann in verzweifelter Resignation, und jetzt nur bemüht
+diese Phantasie durch Vernunftgründe zu bannen
+&ndash; »denn das unglückselige Menschenkind, das gerade
+in der Zeit zu mir kommen mußte &ndash; und ich wollte,
+Gott verzeih mir die Sünde, er hätte sonst was gethan
+&ndash; saß wirklich da. Aber das erste Mal, liebes gutes
+Herz <em class="gesperrt">mußt</em> Du mir doch zugeben, daß es nur das
+Spiegelbild einer Deiner Träume gewesen sein kann.«</p>
+
+<p>Die Frau antwortete nicht, schüttelte aber nur leise
+und kaum merklich mit dem Kopf.</p>
+
+<p>»Sieh, liebes Kind,« fuhr Bertling, der die Bewegung
+an seiner Schulter fühlte, fort: »Du wirst
+mir doch zugeben, daß ein Geist &ndash; wenn wir wirklich
+annehmen wollen, es <em class="gesperrt">gäbe</em> derartige Wesen, denen verstattet
+sei auf der Erde herumzuwandern und Unheil
+anzustiften &ndash; körperlos sein muß, also nur ein Hauch,
+verdichtete Luft höchstens. Was aber keinen Körper
+hat, kann man ja doch nicht sehen, wenigstens nicht mit
+<em class="gesperrt">unseren</em> Augen, die ja doch auch nur körperlich sind.«</p>
+
+<p>»Ich antworte Dir darauf durch ein anderes Beispiel,«
+sagte die Frau, sich von seiner Schulter emporrichtend.
+»Wir wissen doch, daß die Sterne am Himmel
+<a class="pagenum" name="page_059" title="59"> </a>
+stehen, aber trotzdem sieht sie das Menschenauge am
+Tag nicht, mag der Himmel so rein sein wie er will
+&ndash; aber man hat Vorrichtungen für das Auge, wodurch
+man sie doch erkennen kann, und warum sollte nicht
+das Auge einzelner Menschen so beschaffen sein, daß sie
+einzelne Dinge sehen können, die Anderen unsichtbar
+bleiben.«</p>
+
+<p>»Aber die Sterne sind auch <em class="gesperrt">Körper</em>, liebes Herz,
+und noch dazu ganz respectable.«</p>
+
+<p>»Du weichst mir aus,« rief die Frau, »und ich
+leugne, daß unser Auge nur allein für <em class="gesperrt">Körper</em> geschaffen
+ist. Der Schatten ist kein Körper und wir
+sehen ihn doch.«</p>
+
+<p>»Aber nur, wenn er auf einem Körper liegt, doch
+nie allein und selbständig in der Luft.«</p>
+
+<p>»Ich habe auch jene Gestalt nicht frei in der Luft
+gesehen,« sagte die Frau, die fest entschlossen schien,
+den einmal gefaßten Gedanken auch festzuhalten,
+»sondern vielleicht nur auf dem Hintergrund der
+Wand&nbsp;&ndash;«</p>
+
+<p>»Du bringst mich noch zur Verzweiflung, Herz,
+mit Deinem Gespenst,« sagte Bertling, während ein
+tiefer Seufzer seine Brust hob &ndash; »wer Dir nur in
+aller Welt die tollen Gedanken in den Kopf gesetzt
+haben kann.«</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="page_060" title="60"> </a>
+»Und nennst Du eine feste, innige Ueberzeugung
+mit diesem Namen, Theodor?«</p>
+
+<p>»Meine liebe Auguste,« flehte der Mann dringend,
+»mißverstehe mich nicht. Ich will Dir ja bei Gott
+nicht wehe thun, aber wie in aller Welt soll ich Dich
+nur überzeugen, daß &ndash; daß Du Dich wirklich und
+wahrhaftig geirrt und ein körperliches Wesen mit
+einem geistigen in eine ganz unglückselige Verbindung
+bringst? &ndash; Aber das hätte Alles nichts zu sagen,
+Herz, denn von <em class="gesperrt">diesem</em> Irrthum hoff' ich Dich mit
+der Zeit zu überzeugen; nur <em class="gesperrt">Das</em> beunruhigt mich, und
+noch dazu in der peinlichsten Weise, daß sich bei Dir
+eine &ndash; ich weiß gar nicht, wie ich es nennen soll &ndash;
+eine solche unglückselige Idee festgesetzt hat, die Du
+für eine Ahnung nahen Todes hältst. Wenn Du mich
+nur ein ganz klein wenig liebst, so bekämpfe diesen Gedanken
+mit allen Kräften, und von dem Uebrigen
+fürchte ich Nichts für Dich. Willst Du mir das versprechen?«</p>
+
+<p>»Aber lieber Theodor,« fragte die Frau &ndash; »kann
+man denn eine <em class="gesperrt">Ueberzeugung</em> noch bekämpfen?«</p>
+
+<p>Der Mann seufzte recht aus voller Brust.
+Endlich sagte er:</p>
+
+<p>»Dagegen läßt sich nicht streiten, und wir können
+nur hoffen, daß der liebe Gott noch Alles zum Besten
+<a class="pagenum" name="page_061" title="61"> </a>
+wendet. Ich selber werde mir aber jetzt die größte
+Mühe geben, um Dir den Patron, der mich heute
+Abend mit seinem Besuch beehrte, als ein sehr körperliches
+Wesen vorzustellen, und wenn ich erst einmal
+<em class="gesperrt">eine</em> Flanke Deines Luftschlosses niedergerannt habe,
+dann hoffe ich auch mit dem Uebrigen fertig zu werden.
+Bis dahin bitte ich Dich nur um eins und das mußt
+Du mir versprechen: Dich nicht absichtlich trüben Gedanken
+hinzugeben, sondern sie, so viel das nur irgend
+in Deinen Kräften steht, zu bewältigen &ndash; das Uebrige
+findet sich dann. Thust Du mir den Gefallen?«</p>
+
+<p>»Von Herzen gern,« sagte die Frau seufzend, »ach
+Du weißt ja nicht, Theodor, wie furchtbar schmerzlich
+mir selber das Gefühl ist und ich will ja gern Alles
+thun um es zu ersticken.«</p>
+
+<p>»Dann wird auch noch Alles gut gehen, mein
+Kind,« erwiderte mit erleichtertem Herzen Bertling,
+indem er sie an sich zog und küßte &ndash; »und nun gilt
+es vor allen Dingen, meinen flüchtig gewordenen Besuch
+aufzutreiben, und da mir die Polizei zu Gebote
+steht, hoffe ich, daß das nicht so schwer sein soll.«</p>
+
+<p>»Ich fürchte, Du wirst ihn nicht finden,« sagte
+Auguste.</p>
+
+<p>»Das laß <em class="gesperrt">meine</em> Sorge sein,« lächelte ihr Mann
+&ndash; »und nun wollen wir Thee trinken.«</p>
+
+
+
+
+<h3>Viertes Capitel.<a class="pagenum" name="page_062" title="62"> </a><br />
+
+<b>Die Kartenschlägerin.</b></h3>
+
+
+<p>Bertling stand sonst nicht gern vor acht Uhr
+Morgens auf, und liebte es seinen Caffee im Bett zu
+trinken. Er gehörte auch zu den ruhigen Naturen, die
+sich durch kein Ereigniß, durch keine Sorge den Nachtschlaf
+rauben lassen, sondern Alles, was sie bedrücken
+oder quälen könnte, über Tag abmachen. Heute war
+er aber doch schon um sieben Uhr auf den Füßen und
+vollständig angezogen, und ging jetzt selber aus, um
+vor allen Dingen der Polizei eine genaue Personalbeschreibung
+seines gestrigen Besuches zu geben, wie
+ebenfalls eine gute Belohnung auf dessen Ausfindigmachung
+zu setzen. Natürlich durfte der Mann, wenn
+wirklich gefunden, durch Nichts belästigt werden; nur
+seinen Namen und seine Wohnung wollte er wissen,
+und ihn dann selber aufsuchen.</p>
+
+<p>Die Polizei entwickelte auch eine ganz besondere
+Thätigkeit, denn zehn Thaler waren nicht immer so
+leicht zu verdienen. Nach allen Seiten breiteten sich
+ihre Diener aus und hatten auch in der That schon
+den ersten Tag in den verschiedenen Revieren einige
+zwanzig Leute aufgetrieben, die der gegebenen Beschreibung
+<a class="pagenum" name="page_063" title="63"> </a>
+allenfalls entsprachen, den Justizrath aber
+in nicht geringe Verlegenheit setzten. Er bekam nämlich
+dadurch einige zwanzig Adressen von ihm völlig
+unbekannten Leuten, die in den verschiedensten Theilen
+der Stadt sämmtlich die 3te oder 4te Etage zu bewohnen
+schienen und wohl oder übel mußte er seine Wanderung
+danach beginnen, denn zu sich citiren konnte
+er sie natürlich nicht.</p>
+
+<p>Wie man sich denken kann, fand er auch die
+Hälfte von ihnen nicht einmal beim ersten Besuch zu
+Haus, und wenn er sie fand, sah er sich wieder und
+wieder getäuscht, denn der <em class="gesperrt">Rechte</em> war nicht unter
+ihnen. Vier Tage lang aber setzte er mit unverdrossener
+Mühe seine Versuche fort, immer aufs Neue
+getäuscht, aber immer auf's Neue hoffend, daß ihm
+der nächste Name den Gesuchten vorführen würde.</p>
+
+<p>Dabei hegte er noch immer den stillen Glauben,
+daß der Mann, der an jenem Abend jedenfalls etwas
+von ihm gewollt, vielleicht sogar von selber wiederkehren
+würde &ndash; aber er sah sich darin ebenso getäuscht,
+wie in seinen eigenen Versuchen ihn aufzufinden.
+Der räthselhafte Mensch schien wie in den
+Boden hinein verschwunden.</p>
+
+<p>Am Meisten beunruhigte ihn dabei seine Frau.
+Sie wußte recht gut, wen er die ganzen Tage über,
+<a class="pagenum" name="page_064" title="64"> </a>
+mit Vernachlässigung aller seiner nothwendigsten Geschäfte,
+gesucht habe; nie aber, wenn er körperlich ermattet
+und geistig abgespannt zum Mittags- oder
+Abendbrot heim kam, frug sie ihn nach dem Resultat
+seiner heutigen Suche &ndash; sie schien das schon vorher
+zu wissen, sondern nickte nur immer still und schweigend
+mit dem Kopf, als ob sie hätte sagen wollen:
+Es ist ja natürlich &ndash; wie kannst Du ein Wesen in
+der Stadt finden wollen, das gar nicht auf der Erde
+körperlich existirt &ndash; und dem Justizrath war es dann
+jedesmal, als ob er wie ein Maschinenwerk frisch
+aufgezogen wäre, und die Zeit gar nicht erwarten
+könne, in der er wieder anfinge zu laufen.</p>
+
+<p>Er war heute Nachmittag aber erst um vier Uhr
+fortgegangen, weil einige nothwendige Arbeiten erledigt
+werden <em class="gesperrt">mußten</em>, um sieben Uhr hatte er außerdem
+eine Sitzung und seiner Frau gesagt, daß er heute nicht
+vor neun Uhr nach Hause kommen könne &ndash; wäre er
+aber im Stande sich früher loszumachen, so thäte er es
+sicher. Dann ging er jedoch zu Janisch hinüber und bat
+die junge Frau, ob sie heute Nachmittag nicht ein wenig
+die Freundin besuchen könne. Sie sei heute so merkwürdig
+niedergeschlagen, und da er durch nothwendige
+Geschäfte abgehalten wäre, würde es ihm eine große
+Beruhigung sein, wenn sie ihr Gesellschaft leisten wollte.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="page_065" title="65"> </a>
+Die stets heitere und freundliche Hofräthin versprach
+das von Herzen gern, ja meinte, sie hätte
+es sich heute sogar schon selber vorgenommen gehabt,
+Augusten aufzusuchen, da sie &ndash; einen Scherz vorhabe
+bei dem sie ihre Mitwirkung wünsche.</p>
+
+<p>»Sie sind ein Engel,« sagte der Justizrath mit
+einer, an ihm ganz ungewohnten Galanterie, denn
+durch die freundliche Zusage schien sich ihm eine Last
+vom Herzen zu wälzen, und vollständig versichert, daß
+seine Frau jetzt für den Nachmittag und Abend Zerstreuung
+und also keine Zeit habe, ihren trüben Gedanken
+nachzuhängen, ging er mit Ernst und gutem
+Willen auf's Neue an die undankbare Arbeit, eine
+unbestimmte Persönlichkeit, von der er weder Namen,
+Stand noch Wohnung wußte, in der ziemlich weitläufigen
+Stadt aufzusuchen.</p>
+
+<p>Die Hofräthin Janisch hielt indessen Wort; kaum
+eine halbe Stunde später war sie drüben bei der
+Freundin und hatte ihr so viel zu erzählen und plauderte
+dabei so liebenswürdig, daß Auguste das sonst so
+schwer auf ihr lastende Gefühl endlich ganz vergessen
+zu haben schien. Bertling würde seine herzinnige
+Freude daran gehabt haben, wenn er sie in dieser
+Zeit hätte sehen können.</p>
+
+<p>Indessen war die Dämmerung hereingebrochen.
+<a class="pagenum" name="page_066" title="66"> </a>
+Eben aber wie Licht gebracht werden sollte, sagte
+Pauline:</p>
+
+<p>»Hör einmal, liebes Herz, ich &ndash; ich habe etwas
+vor, bei dem Du mir helfen sollst &ndash; willst Du? &ndash;
+es ist nur ein Scherz.«</p>
+
+<p>»Von Herzen gern, was ist es?«</p>
+
+<p>»In Eurem Hause wohnt eine Frau &ndash; nun wie
+heißt sie doch gleich &ndash; eine Frau Heßling oder&nbsp;&ndash;«</p>
+
+<p>»Heßberger? Das ist die Schuhmachers Frau,
+gleich über uns. Meinst Du die?«</p>
+
+<p>»Ganz recht. Ihr Mann arbeitet für uns und
+die Frau &ndash; aber Du darfst mich nicht auslachen,
+Schatz &ndash; die Frau soll ganz vortrefflich Karten
+schlagen können.«</p>
+
+<p>Auguste lächelte. »Ich habe auch schon davon
+gehört,« nickte sie leise vor sich hin, »und der Mann
+hat dabei die komische Eigenschaft, daß er das für eine
+Kunst des Teufels hält, es der Frau aber doch nicht
+verbietet, weil sie Geld damit verdient. Um aber
+das Unheil abzuwenden, das dadurch auf ihn fallen
+könnte, singt er jedes Mal, so lange die Frau mit solch
+unheiliger Beschäftigung hantirt, im Nebenzimmer
+und mit lauter Stimme geistliche Lieder, die in der
+Nähe schauerlich klingen müssen, denn schon aus der
+<a class="pagenum" name="page_067" title="67"> </a>
+oberen Etage herunter haben sie uns oft zur Verzweiflung
+getrieben. Bei Gewittern macht er es ebenso.«</p>
+
+<p>»Das stimmt Alles,« lächelte Pauline, »und jetzt
+wollte ich Dir nur mittheilen, Schatz, daß ich gesonnen
+bin, Dich diesen musikalischen Ohrenschmaus ganz in
+der Nähe genießen zu lassen.«</p>
+
+<p>»Mich,« frug Auguste erstaunt &ndash; »was hast Du
+denn vor?«</p>
+
+<p>»Nichts weniger« lachte Pauline, »als mir von
+Frau Heßberger heute Abend die Karten legen zu
+lassen und in dem dunklen Buche des Schicksals zu
+lesen, während ihr Gatte durch ein paar passende
+oder unpassende Gesangbuchverse die bösen Geister
+fern hält.«</p>
+
+<p>»Aber Pauline&nbsp;&ndash;«</p>
+
+<p>»Und Du sollst mich begleiten,« rief diese muthwillig
+&ndash; »ich will mich nicht umsonst schon die ganze
+Woche darauf gefreut haben.«</p>
+
+<p>Auguste schüttelte nachdenkend mit dem Kopf &ndash;
+es war ihr nicht ganz recht; die Aufforderung kam ihr
+aber auch so unerwartet und plötzlich, daß sie nicht
+gleich einen richtigen Grund wußte, sie abzulehnen.</p>
+
+<p>»Man soll doch eigentlich nicht mit den Geheimnissen
+der Zukunft sein Spiel treiben« sagte sie endlich
+leise.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="page_068" title="68"> </a>
+»Aber Herzensschatz,« lachte Pauline, »Du
+glaubst doch nicht etwa, daß Frau Heßberger, die den
+ganzen Tag über Schuhe einfaßt, oder ihrem Gatten
+den Pechdrath zu seiner Arbeit zurecht macht, Abends
+eine wirkliche Sybille würde und mehr von den Geheimnissen
+der Zukunft errathen könnte, als wir anderen armen
+Sterblichen auch?«</p>
+
+<p>»Wozu dann aber einen solchen Versuch machen?«</p>
+
+<p>»Verstehst Du denn keinen Spaß?« lachte Pauline
+&ndash; »ich freue mich wie ein Kind darauf, ihre geheimnißvollen
+Zubereitungen zu sehen und die Orakelsprüche,
+während ihr Gatte den Teufel fern hält, &ndash;
+aus ihrem Munde zu hören. So was erlebt man doch
+nicht alle Tage, und bequemer wie wir es von hier aus
+haben, bekommt man es auch sobald nicht wieder.«</p>
+
+<p>»Aber was sollen die Leute dazu sagen, wenn wir
+hinauf zu der Frau gehen?«</p>
+
+<p>»Und wer braucht es zu erfahren? &ndash; Deine Rieke
+schickst Du ein paar Wege in die Stadt, wobei sie
+immer so viel für sich selber zu besorgen hat, daß sie
+doch vor einer Stunde nicht wieder kommt, und in
+der Hälfte der Zeit haben wir unseren Besuch gemacht.«</p>
+
+<p>»Und wenn die Frau selber darüber plaudert?«</p>
+
+<p>»Das thun derartige Leute nie, denn sie wissen,
+<a class="pagenum" name="page_069" title="69"> </a>
+daß sie sich dadurch ihre ganze Kundschaft vertreiben
+würden. Wo es aber ihren eigenen Nutzen betrifft,
+sind solche Menschen klug genug. Thu mirs nur zu
+Gefallen, Auguste; ich habe mich schon so lange darauf
+gefreut und kann doch nicht gut allein hinauf gehen.«</p>
+
+<p>»Wenn es mein Mann erfahren sollte, würde er
+böse darüber werden &ndash; ich kenne Bertling.«</p>
+
+<p>»Lachen wird er,« rief Pauline »wenn wir ihm
+nachher die ganze Geschichte erzählen &ndash; es giebt ja
+doch einen Hauptspaß und Du darfst ihn mir nicht
+verderben. Außerdem brauchst Du Dir ja auch gar
+Nichts prophezeihen zu lassen, wenn Du irgend glaubst,
+daß es Deinem Mann &ndash; den ich übrigens für vernünftiger
+halte &ndash; fatal sein könnte. Du gehst nur als
+Ehrendame mit, setzest Dich ruhig auf einen Stuhl
+&ndash; oder wenn der nicht da sein sollte, auf einen
+Schusterschemel und hörst zu.«</p>
+
+<p>Auguste lächelte still vor sich hin, als sie sich das
+Bild im Geist herauf beschwor, die muntere Freundin
+ließ auch mit Bitten nicht nach, und wußte alle ihre
+Bedenken so geschickt und mit solchem Humor zu beseitigen,
+daß sie sich endlich nicht länger weigern konnte
+und mochte, und Pauline sprang jetzt, fröhlich in die
+Hände schlagend ordentlich wie ein Kind, das ein
+neues Spielzeug bekommen hat, in der Stube herum.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="page_070" title="70"> </a>
+Ein Auftrag für Rieke, um diese zu entfernen,
+war bald gefunden und kaum sahen sie das Mädchen
+über die Straße gehen, als die beiden Frauen
+ihre Tücher umhingen und in die dritte Etage hinanstiegen.</p>
+
+<p>Nach der Frau Heßberger aber brauchten sie nicht
+lange zu fragen, denn gleich rechts von der Treppe
+war die enge, dunkle Küche, in der die Dame eben
+beschäftigt schien die Abendsuppe anzurichten. Eine
+gewöhnliche Küchenlampe verbreitete ein mattes trübes
+Licht in dem niederen, eben nicht besonders sauber gehaltenen
+Raum, in den aber des Schusters Frau
+ganz vortrefflich hineinpaßte und sich auch wohl darin
+zu fühlen schien.</p>
+
+<p>Wie sie die leichten Schritte auf der Treppe hörte,
+nahm sie aber mit der Rechten, während die Linke
+noch immer in der Suppe rührte, die Lampe auf und
+hielt sie über den Kopf, um darunter hinweg besser erkennen
+zu können, wer der fremde Besuch sei. &ndash; Unerwartet
+kam er ihr ja überhaupt nicht, denn es geschah
+gar nicht etwa so selten, daß sie von den verschiedensten
+Damen der Stadt und zwar von Damen
+<em class="gesperrt">jeden</em> Ranges in der Gesellschaft, gerade um diese
+Zeit des Abends, oder auch noch später, aufgesucht und
+mit ihrer Kunst in Anspruch genommen wurde &ndash; und
+<a class="pagenum" name="page_071" title="71"> </a>
+sie verdiente mehr damit wie ihr Mann, trotz allem
+Fleiß, mit Ahle und Draht.</p>
+
+<p>Auguste schämte sich fast ein wenig des Besuchs
+und hielt sich noch immer scheu zurück, ihre keckere
+Freundin aber, die überhaupt die Leitung des Ganzen
+übernommen hatte, trat auf die Frau zu und wollte
+eben ihr Anliegen vortragen, als die Kartenschlägerin
+sie jeder Ansprache überhob, indem sie mit einer
+Höflichkeitsbewegung, die als ein Mittelding zwischen
+Knix und Verbeugung gelten konnte, sagte:</p>
+
+<p>»Nun, da kommen Sie ja doch noch, Frau Hofräthin;
+habe Sie schon eine halbe Stunde erwartet,
+und dachte beinah es wäre etwas dazwischen gekommen.
+Bitte treten Sie näher Frau Justizräthin
+&ndash; freut mich ja recht sehr, Sie auch einmal oben bei
+mir zu sehen.«</p>
+
+<p>Auguste erschrak beinahe, denn sie stand noch in
+dem halbdüsteren Vorsaal und zum Theil von der
+Freundin gedeckt, Pauline aber wandte ihr halblachend
+den Kopf zu und sagte dann:</p>
+
+<p>»Schön, meine liebe Frau Heßberger, daß Sie
+uns erwartet haben; dann ist wohl auch bei Ihnen
+Alles hergerichtet?«</p>
+
+<p>»Alles, beste Frau Hofräthin, Alles,« erwiderte
+aber Frau Heßberger, ohne sich außer Fassung bringen
+<a class="pagenum" name="page_072" title="72"> </a>
+zu lassen. »Das versteht sich doch aber auch von selbst,
+wenn man so vornehmen Besuch erhofft; die Stühle
+sind schon zum Tisch gerückt; habe weiter nichts drin
+zu thun, wie nur die Lichter anzuzünden.«</p>
+
+<p>Pauline wurde selber ein wenig stutzig, die Frau
+ließ ihr aber keine Zeit zu weiteren Fragen und nur
+mit den Worten: »Erlauben Sie, daß ich vorangehe«
+&ndash; öffnete sie die Thür zur Werkstätte, in welcher ihr
+Gatte und ein Lehrjunge hinter ein paar erleuchteten
+Glaskugeln arbeiteten.</p>
+
+<p>Der alte Heßberger, eine kleine untersetzte Gestalt
+mit einer schwarzen, Gott weiß wie alten, fettglänzenden
+Mütze und eine Brille auf, kauerte auf seinem
+Schemel und schaute, als sich die Thür öffnete, von
+seiner Arbeit gar nicht auf. Mürrisch sah er vor sich
+nieder, und machte auch nicht den geringsten Versuch
+selbst zu irgend einer Art von Gruß. Der Besuch
+galt nicht ihm, so viel wußte er recht gut, weshalb
+also brauchte er sich darum zu kümmern.</p>
+
+<p>Auch selbst der Lehrjunge warf nur einen raschen
+und scheuen Blick nach den Damen hinüber, denn der
+gegenüber sitzende Meister beobachtete ihn über die
+Brille weg dann und wann, und ein, auf dem offenen
+Gesangbuch dicht neben ihm liegender Knieriem
+mochte wohl eine versuchte Neugier von seiner Seite
+<a class="pagenum" name="page_073" title="73"> </a>
+schon manchmal auf frischer That ertappt und bestraft
+haben.</p>
+
+<p>Es ist möglich, daß das mürrische Temperament
+des Alten die einzige Ursache dieser Gleichgültigkeit
+war, viel wahrscheinlicher aber, daß er es eher aus
+Rücksichten für den Besuch selber unterließ, von diesem
+die geringste Notiz zu nehmen, oder nehmen zu lassen,
+denn er wußte recht gut, daß die Damen, die solcher
+Art bei Nacht und Nebel zu seiner Frau kamen, nicht
+erkannt und am Liebsten gar nicht gesehen sein
+wollten &ndash; warum ihnen also nicht darin willfahren,
+da sie doch immer gut bezahlten.</p>
+
+<p>Die Frau bog indessen rasch zwischen einem Haufen
+der verschiedensten Leisten und Lederstücke und dem
+Ofen hindurch nach der dort befindlichen Thür, öffnete
+diese und entzündete zwei auf dem mit einer alten verwaschenen
+Caffeeserviette bedeckten Tisch stehende Talglichter;
+Auguste und Pauline waren ihr indeß gefolgt,
+und ehe sie die Thür hinter ihnen schloß, rief sie nur
+noch dem Lehrjungen zu, die Suppe für den Meister
+herein zu holen und drehte dann den Schlüssel im
+Schloß um.</p>
+
+<p>Pauline, während ihre Freundin kaum aufzuschauen
+wagte, sah sich indessen in dem kleinen Gemach um,
+das allerdings nicht glänzend genannt werden konnte,
+<a class="pagenum" name="page_074" title="74"> </a>
+aber doch sehr zu seinem Vortheil gegen Küche und
+Werkstätte abstach.</p>
+
+<p>Es war ein nicht sehr großes Gemach, das allem
+Anschein nach zum Wohn- und Schlafzimmer der
+Eheleute diente. Zwei Betten standen &ndash; Fuß-
+und Kopfende an der einen Wand, durch nichts als
+ein paar alte Decken von buntem Kattun verhüllt.
+An den Fenstern hingen aber Gardinen, ja standen sogar
+zwei Blumentöpfe mit den ersten Kindern des
+Frühlings, Primeln und Hyacinthen, und an beiden
+Seiten des kleinen Spiegels, aus dem eine Ecke fehlte,
+waren ein paar schauerliche Oelgemälde angebracht,
+die jedenfalls »Herrn und Madame Heßberger« im
+Sonntagsstaat &ndash; vielleicht als junge Eheleute darstellen
+sollten. Waren sie indessen mit der Zeit so
+nachgedunkelt, oder verhüllte die jetzige Düsterheit des
+Gemachs ihre vielleicht sonst sichtbaren Umrisse: in
+diesem Augenblick ließ sich auf dem einen Bilde Nichts
+als die Contour eines Kopfes und ein riesiges Jabot
+erkennen, während auf dem anderen nur die weit ausflügelnde
+Haube der Frau und eine Hand sichtbar blieb,
+in der sie ein weißes Taschentuch emporhielt.</p>
+
+<p>Unter dem Spiegel hingen noch ein paar Silhouetten
+in unkennbaren Formen.</p>
+
+<p>Daß die Frau übrigens auf einen Besuch vorbereitet
+<a class="pagenum" name="page_075" title="75"> </a>
+gewesen, wenn sie das überhaupt nicht jeden
+Abend war, zeigte in der That die ganze Vorrichtung
+des Tisches neben dem für die beiden Gäste zwei gepolsterte
+Stühle mit altmodischen hohen Lehnen standen
+und auf diese nöthigte auch die Frau Heßberger ihren
+Besuch und sagte freundlich:</p>
+
+<p>»Setzen Sie sich, meine Damen, Sie brauchen
+mir gar Nichts vorher zu sagen, ich weiß schon ohnedies
+weshalb Sie hergekommen sind &ndash; bitte nehmen
+Sie Platz, und wir wollen dann gleich einmal versuchen
+ob ich Ihnen helfen kann.«</p>
+
+<p>»Und wissen Sie wirklich was ich Sie fragen will,
+Frau Heßberger?« frug Pauline, die in dem Augenblick
+doch etwas von ihrer vorherigen Ausgelassenheit
+verloren zu haben schien.</p>
+
+<p>»Warum sollt ich nicht, Frau Hofräthin, warum
+sollt ich nicht und wie könnte ich mich unterfangen
+Zukünftiges voraus zu sagen, wenn ich nicht das Vergangene
+und wirklich Geschehene wüßte&nbsp;&ndash;«</p>
+
+<p>»Aber ich begreife nur nicht&nbsp;&ndash;«</p>
+
+<p>»Lieber Gott« sagte des Schusters Frau, mit
+einem frommen Blick nach oben, »wir begreifen
+Manches nicht auf dieser Welt, Frau Hofräthin, und
+leben in unserer Unschuld so in den Tag hinein. &ndash;
+Wenn man aber ein Bischen tiefer sehen lernt, Frau
+<a class="pagenum" name="page_076" title="76"> </a>
+Hofräthin, dann bekommt man eine andere Meinung
+von der Sache &ndash; Gottes Wege sind wunderbar.«</p>
+
+<p>Es war ordentlich als ob das das Stichwort für
+ihren Gatten im Nebenzimmer gewesen wäre, denn in
+demselben Moment begann er mit seinem schauerlich
+näselnden Ton, das gewöhnliche Präservativmittel
+gegen den bösen Feind und dessen Einwirkungen,
+irgend ein endloses Lied aus dem Gesangbuch. Der
+würdevolle Vortrag wurde aber heute leider durch
+etwas gestört; der Schuhmacher hatte nämlich noch
+keine Zeit bekommen, um seine Suppe zu essen, und
+daß er Beides mit einander zu verbinden suchte, that
+dem Einen Eintrag und ließ ihn das Andere nicht
+recht genießen &ndash; aber es mußte eben gehen.</p>
+
+<p>Die Frau, ohne auf den plötzlichen Gesangsausbruch
+auch nur im Mindesten zu achten, holte indessen
+von dem kleinen Tisch unter dem Spiegel, auf dem
+einige vergoldete Tassen, zwei blaue Glasvasen mit
+Schilfblüthen und ein paar grell bemalte Gypsfiguren
+standen, ein Spiel ziemlich oft gebrauchter
+Karten, mit denen sie sich in einer Art von geschäftsmäßiger
+Eile auf einen hohen Rohrschemel setzte und
+dabei links und rechts auf die Lehnstühle wieß, um
+die Damen dadurch einzuladen Platz zu nehmen.</p>
+
+<p>Pauline hatte im Stillen gehofft in dem Zimmer
+<a class="pagenum" name="page_077" title="77"> </a>
+der Kartenprophetin eine Menge wunderbarer und
+unheimlicher Dinge zu finden, die mit ihrer Kunst in
+Verbindung standen &ndash; einen schwarzen Kater z.&nbsp;B.
+der schnurrend neben der Wahrsagerin saß und auf ihre
+Worte horchte &ndash; düstere Tapeten vielleicht und einen
+Todtenkopf von magischen Zeichen umgeben. Aber
+von alledem zeigte sich nichts, denn der bunt gemalte
+Gipspapagei und Napoleon&nbsp;I., die auf dem Tisch
+unter dem Spiegel standen und sich &ndash; beide von einer
+Größe &ndash; einander starr ansahen, konnten doch wahrlich
+nicht als derartige Symbole gelten. Das ganze
+Zimmer zeigte überhaupt Nichts, was nicht auch in
+der Wohnung jedes anderen Handwerkers zu finden
+gewesen wäre &ndash; die Karten selber vielleicht ausgenommen.</p>
+
+<p>Die Aufmerksamkeit der kleinen lebendigen Frau
+wurde aber bald ausschließlich auf die Karten gelenkt,
+denn die Frau Heßberger begann jetzt in feierlicher
+Weise sie zu mischen, und dazu tönte der, nur zeitweise
+von der Suppe unterbrochene Gesang des Schusters
+dazwischen &ndash; und wie laut die alte Schwarzwälder
+Uhr an der Wand da mit hinein tickte.</p>
+
+<p>Endlich war das Spiel gehörig vorbereitet und die
+Frau sagte plötzlich, indem sie die Karten der rechts
+von ihr sitzenden Hofräthin zum Abheben hinlegte:</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="page_078" title="78"> </a>
+»Also Sie wollen vor allen Dingen wissen, meine
+verehrte Frau Hofräthin, ob Sie etwas Gestohlenes
+wieder bekommen werden und &ndash; wo der Dieb zu
+suchen ist.«</p>
+
+<p>»Das allerdings« lächelte die kleine Frau &ndash; »aber
+es wird doch wohl nöthig sein zu sagen was es ist.«</p>
+
+<p>»Das sehen wir ja aus den bunten Blättern« erwiderte
+ruhig die Kartenschlägerin.</p>
+
+<p>»In der That?«</p>
+
+<p>Die Frau antwortete nicht mehr; sie legte in der
+gewöhnlichen Weise ihre Karten auf den Tisch und
+während sie sich mit den gerade nicht überreinlichen
+Fingern der rechten Hand das Kinn strich, betrachtete
+sie die Kombination der verschiedenen Blätter mit
+leisem und prüfendem Kopfnicken.</p>
+
+<p>Augustens und Paulinens Blicke hafteten jetzt
+wirklich mit Spannung auf den Zügen der Alten, die
+aber ihre Gegenwart ganz vergessen zu haben schien,
+wie sie selber auch in diesem Augenblick gar nicht
+mehr das schauerliche Lied des Schuhmachers in der
+nächsten Stube hörten.</p>
+
+<p>Endlich brach die Alte das Schweigen und sagte:</p>
+
+<p>»Jawohl &ndash; ich hab es mir gleich gedacht &ndash; das
+kann nur ein Hausdieb sein &ndash; aus dem Secretair
+heraus&nbsp;&ndash;«</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="page_079" title="79"> </a>
+»Hat sie Recht?« frug Auguste nur mit einem
+Blick über den Tisch hinüber die Freundin und diese
+nickte ihr halbverstohlen zu.</p>
+
+<p>»Nur ein Hausdieb &ndash; aber er hat es schlau angefangen
+&ndash; da die Treff Sieben mit der Caro sechs,
+die den Coeur Buben in der Mitte haben &ndash;&nbsp;&ndash; aber
+der Bube selber war es nicht, doch hat er es fortgetragen
+und es wird nie wieder zum Vorschein kommen&nbsp;&ndash;«</p>
+
+<p>»Ja aber beste Frau Heßberger,« sagte Pauline
+mit einem schelmischen Blick auf die Künstlerin &ndash;
+»daß es Jemand fortgetragen hat, wußte ich schon vorher,
+und jetzt möchte ich nur erfahren <em class="gesperrt">wer</em>; dann ist
+es doch vielleicht möglich dem gestohlenen Gegenstand
+auf die Spur zu kommen.«</p>
+
+<p>»Nicht so leicht,« sagte die Frau kopfschüttelnd &ndash;
+»da liegt es, die Caro zehn sagt es deutlich &ndash; ein
+Corallen-Halsband mit goldenem Schloß &ndash; das ist
+leicht versteckt. &ndash; Aber der Dieb hat seine Spuren
+zurückgelassen &ndash; da gehen sie Treff zwei, Pike zwei,
+Treff vier, Pike vier, &ndash; deutlich hin zu der Pike-Dame
+&ndash; ich sehe ein Mädchen mit grünem Band auf der
+Haube, die etwas in die Taschen steckt und dann langsam
+die Straße hinunter geht.&nbsp;&ndash;«</p>
+
+<p>»In den Karten?«</p>
+
+<p>»Dort unten an der Ecke trifft sie mit dem Coeurbuben
+<a class="pagenum" name="page_080" title="80"> </a>
+zusammen &ndash; aber den kann ich nicht deutlich
+erkennen,« fuhr die Frau fort, ohne den Einwurf zu
+beantworten. »Er ist zu weit entfernt.«</p>
+
+<p>»Also die Pike-Dame mit dem grünen Band auf
+der Haube,« nickte Pauline lächelnd, »da wäre schon
+eine ziemlich deutliche Spur gefunden, denn ich kenne
+eine junge Dame, die ein grünes Band auf der Haube
+trägt. &ndash; Wenn wir nur den Coeur Buben ausfindig
+machen könnten, dem sie das Gestohlene gegeben hat.«</p>
+
+<p>»Das ist nicht so leicht,« sagte die Kartenschlägerin,
+die ihre Blätter indessen aufmerksam betrachtet hatte
+&ndash; »hier zieht sich eine lange Linie von Treff
+und Pike zwischen ihm und Ihrer Karte durch, Frau
+Hofräthin. &ndash; Er kann nur durch die Pike-Dame mit
+dem grünen Band ermittelt werden.«</p>
+
+<p>»Der Wink ist deutlich genug, und ich werde ihn
+befolgen,« lächelte die Hofräthin &ndash; »herzlichen Dank
+Frau Heßberger &ndash; Sie haben mir gezeigt, daß Sie
+in Ihrer Kunst Meisterin sind« und dabei drückte sie
+der geschmeichelten Schusters Frau einen harten Thaler
+in die Hand.</p>
+
+<p>»Und soll ich Ihnen auch sagen, was Sie wissen
+möchten, Frau Justizräthin?« wandte sich die Kartenkünstlerin
+jetzt an Auguste, die ein wohl aufmerksamer,
+aber bis dahin doch theilnahmloser Zuschauer des
+<a class="pagenum" name="page_081" title="81"> </a>
+Ganzen gewesen war. Sie hatte dabei die über den
+Tisch gelegten Karten wieder zusammengerafft und
+fing von Neuem an zu mischen.</p>
+
+<p>»Ich danke Ihnen sehr,« sagte aber Auguste, fast
+ängstlich, »ich &ndash; ich habe meine Freundin nur
+begleitet.«</p>
+
+<p>»Und doch liegt Ihnen etwas auf dem Herzen,
+Kind, was Sie um Alles in der Welt davon herunter
+haben möchten,« fuhr die Frau geschwätzig fort, ohne
+sich irre machen zu lassen. &ndash; »Da heben Sie nur einmal
+ab, die alte Heßbergern weiß oft mehr, als andere
+Leute zu glauben scheinen.«</p>
+
+<p>Augusten war es, als ob ihr Jemand einen Stich
+ins Herz gegeben. &ndash; Oh, wohl lag ihr etwas auf dem
+Herzen &ndash; aber was wußte die Frau davon &ndash; was
+<em class="gesperrt">konnte</em> sie davon wissen.</p>
+
+<p>»Heben Sie nur ab, Frau Justizräthin,« drängte
+die Alte »&ndash;&nbsp;es ist ja nichts Unrechtes, was man damit
+thut. &ndash; Was wir vom Schicksal nicht erfahren
+<em class="gesperrt">sollen</em>, erfahren wir doch nicht, so viel Mühe wir uns
+auch damit geben.«</p>
+
+<p>»So thu ihr doch den Willen,« lächelte Pauline &ndash;
+»oder soll ich für Dich abheben?«</p>
+
+<p>»Nein, das muß die Frau Justizräthin selber thun,«
+wandte aber die Frau ein; »sonst bekommen wir nachher
+<a class="pagenum" name="page_082" title="82"> </a>
+Confusion. So ists recht &ndash; danke Ihnen Madamchen;
+nun wollen wir gleich einmal sehen, ob wir
+Ihnen nicht helfen können« und in der alten Weise
+die Karten auslegend, bedeckte Sie mit ihnen den Tisch,
+schüttelte dabei aber, wie über die Reihenfolge erstaunt,
+langsam mit dem Kopf.</p>
+
+<p>Auguste hatte fast willenlos ihren Wunsch befolgt,
+aber das Herz schlug ihr dabei so fieberhaft, die Brust
+war ihr so beengt, sie hätte jetzt Gott weiß was darum
+gegeben, nur von hier fort zu sein.</p>
+
+<p>»Hm, hm, hm, hm« murmelte da die Alte vor sich
+hin, indem sie die Karten prüfend betrachtete und immer
+stärker dazu mit dem Kopf schüttelte, »das ist ja
+eine ganz wunderliche Geschichte &ndash; da geht Ihr Lebensfaden
+so glatt durch das halbe Spiel, und da
+kommt auf einmal ein fremder Mann mit einem
+grauen Rock dazwischen&nbsp;&ndash;.«</p>
+
+<p>Auguste wollte sich krampfhaft von ihrem Stuhl
+heben, aber sie vermochte es nicht &ndash; willenlos brach
+sie zurück; Pauline jedoch bemerkte zu ihrem Schrecken,
+daß Leichenblässe ihre Züge deckte, und sie kaum im
+Stande war, sich noch aufrecht zu halten. Pauline
+behielt auch in der That nur eben noch Zeit zuzuspringen
+und sie zu halten, sonst wäre sie unfehlbar von
+ihrem Stuhl herabgestürzt. Trotzdem wurde sie nicht
+<a class="pagenum" name="page_083" title="83"> </a>
+ohnmächtig; es schien nur als ob eine plötzliche
+Schwäche über sie gekommen sei und sie bat mit leiser
+Stimme um ein Glas Wasser. Darnach fühlte sie
+sich etwas gestärkt, aber jetzt bestand Pauline wieder
+darauf, daß sie des Schuhmachers Wohnung augenblicklich
+verließen &ndash; machte sie sich doch längst schon
+insgeheim Vorwürfe darüber, die Freundin überredet
+zu haben, sie hier herauf zu begleiten.</p>
+
+<p>»Fühlst Du Dich stark genug Herz, mit mir fortzugehen?«
+frug sie leise, indem sie ihren Arm um
+Augusten legte.</p>
+
+<p>»Ja, ja,« rief diese rasch und heftig, indem sie sich
+ohne Hülfe aufrichtete &ndash; »komm fort &ndash; mir ist es
+als wenn ich hier sterben müßte.«</p>
+
+<p>»Bitte leuchten Sie uns,« bat Pauline, indem sie
+dabei Augusten umfaßt hielt.</p>
+
+<p>»Aber beste Frau Hofräthin.«</p>
+
+<p>»Wenn mir die Freundin hier krank wird, mache
+ich Sie dafür verantwortlich,« rief die kleine Frau
+heftig. &ndash; »Nehmen Sie Ihr Licht, rasch!«</p>
+
+<p>Sie sprach das mit einem so befehlenden, ja
+drohenden Ton, daß die bis dahin noch so feierliche
+Frau Heßberger ganz beweglich wurde. Sie griff auch
+rasch ein Licht auf und während ihr Mann mit dem
+geleerten Suppennapf neben sich, noch an den letzten
+<a class="pagenum" name="page_084" title="84"> </a>
+Versen seines endlosen Liedes brüllte, schritten die
+beiden Damen durch die Werkstätte. Aber erst draußen
+auf der Treppe, als Auguste wieder freie und frische
+Luft schöpfte, athmete sie auf und schweigend stiegen
+die Freundinnen in die untere Wohnung, wo sich die
+Justizräthin erschöpft in einen Stuhl warf.</p>
+
+<p>»Aber lieber Herzensschatz,« nahm hier Pauline
+das Wort, nachdem sie sich vorher überzeugt hatte, daß
+sie allein im Zimmer waren &ndash; »wie, um Gottes
+Willen hat Dich das Gewäsch der alten Kaffeeschwester
+auch nur im Mindesten aufregen können. Du bist doch
+vernünftig genug an derlei Unsinn nicht wirklich zu
+glauben.«</p>
+
+<p>»Wir hätten gar nicht hinauf gehen sollen,« sagte
+Auguste leise &ndash; »ich wußte vorher wie es werden
+würde.«</p>
+
+<p>»Aber soll man sich denn nicht einmal derartige
+Dinge mit ansehen? Ist es denn nicht interessant zu
+beobachten wie die Menschen einander betrügen und
+wie sie betrogen sein wollen?«</p>
+
+<p>»Aber hat sie Dir denn nicht von Deinem verlorenen
+Schmuck gesagt? Woher konnte Sie das wissen?«</p>
+
+<p>»Woher?« lachte Pauline, »als ob derartiges
+Volk nicht überall herum spionirte, und mit ein klein
+<a class="pagenum" name="page_085" title="85"> </a>
+wenig Mutterwitz begabt, leicht im Stande wäre,
+irgend etwas Glaubbares hinzustellen. Die Phantasie
+der Gläubigen trägt freiwillig dazu bei und der Ruf
+einer Prophetin ist fix und fertig. &ndash; Denkst Du nicht,
+daß sie bei meinen Dienstboten schon herum gehorcht
+hat, ja zehn gegen eins möchte ich wetten, daß ein' oder
+die andere Person schon bei ihr gewesen ist, um sich
+Raths zu erholen; aber das will ich schon herausbekommen,
+verlaß Dich darauf.«</p>
+
+<p>»Und die Frau mit der grünen Schleife?«</p>
+
+<p>»Es geht allerdings eine Wäscherin bei uns aus
+und ein,« sagte die Hofräthin, »die eine grüne Schleife
+auf der Haube trägt, und der wird sie oft genug begegnet
+sein. Ich habe aber nicht den geringsten Grund
+auf die in jeder Hinsicht achtbare Person irgend einen
+Verdacht zu werfen. Jedenfalls hat sie auch nur
+ganz auf gut Glück hin die genannt, eben so wie bei
+Dir den Mann im grauen Rock.«</p>
+
+<p>»Nein, nein,« rief aber Auguste rasch und heftig
+und warf den Blick dabei scheu umher &ndash; »da liegt
+ein tieferes Geheimniß zum Grunde und <em class="gesperrt">das</em> gerade
+drohte mir da oben die Besinnung zu rauben.«</p>
+
+<p>»Es war so dumpf und heiß in der Stube, daß
+mir selber fast unwohl geworden ist,« sagte die Hofräthin.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="page_086" title="86"> </a>
+»Der graue Mann existirt,« flüsterte da Auguste
+»und unerklärlich bleibt es mir, wie sie davon wissen
+konnte, denn gegen keinen Menschen in der Welt habe
+ich mich darüber ausgesprochen, als gegen meinen
+Mann.«</p>
+
+<p>Pauline schüttelte mit dem Kopf, endlich sagte sie:</p>
+
+<p>»Und darf ich wissen, was es damit zu bedeuten
+hat?«</p>
+
+<p>»Ja,« hauchte Auguste &ndash; »aber nicht heute &ndash;
+nicht jetzt Pauline &ndash; ich bin schon überdies zu aufgeregt,
+und fürchte, daß &ndash; daß es noch mehr der Fall
+sein würde, wenn ich &ndash; jene wunderliche Erscheinung
+frisch herauf beschwören wollte. Morgen &ndash; morgen
+früh, wenn die Sonne scheint und alles licht und hell
+um uns ist &ndash; nicht jetzt &ndash; nicht jetzt.«</p>
+
+<p>»Gut mein liebes Herz,« sagte Pauline, die gar
+nicht daran dachte sie jetzt zu drängen &ndash; »bis morgen
+kann ich Dir dann auch vielleicht von mir Auskunft
+geben, wie weit die Prophezeihung der Schusters Frau
+wirklich zutrifft und ob sie eben mehr weiß wie andere
+Leute.«</p>
+
+<p>Auguste erwiderte nichts darauf: sie nickte nur
+schweigend mit dem Kopf und Pauline fühlte, daß sie
+ihr keinen größeren Gefallen thun konnte, als sie jetzt
+allein und ungestört zu lassen. Sie nahm auch kurzen
+<a class="pagenum" name="page_087" title="87"> </a>
+Abschied von ihr und ging, sann aber unterwegs hin
+und her darüber, was der sonst so ruhigen Freundin
+geschehen sein müsse, um sie in eine so überreizte Stimmung
+zu versetzen, denn es war ja nicht möglich, daß
+die albernen Vermuthungen der Schusters Frau wirklich
+einen Einfluß auf sie ausgeübt haben sollten.
+Doch das gedachte sie morgen Alles herauszubekommen
+&ndash; heute ließ sich doch nichts mehr an der Sache thun.</p>
+
+
+
+
+<h3>Fünftes Capitel.<br />
+
+<b>Die böse Nacht.</b></h3>
+
+
+<p>Als der Justizrath an diesem Abend um neun
+Uhr nach Hause kam, war seine Frau schon zu Bett
+gegangen. Sie hatte, wie das Mädchen sagte, heftige
+Kopfschmerzen gehabt und sich zeitig niedergelegt.
+Als Bertling hinüber ging, schlief Auguste und er
+trat noch in sein Arbeitszimmer, um die heute eingelaufene
+Correspondenz zu lesen und zu beantworten
+&ndash; hatte er doch den ganzen Tag keine Zeit dazu gefunden.</p>
+
+<p>Es war bald halb zwölf Uhr, ehe er selber sein
+Lager suchte und die Frau schlief noch immer, aber
+<a class="pagenum" name="page_088" title="88"> </a>
+unruhig. Sie schien zu träumen, hob den Arm und
+öffnete die Lippen, sprach aber Nichts und lag gleich
+darauf wieder still und ruhig. Sie hatte das in der
+letzten Zeit öfter gethan, auch wohl gesprochen, aber
+immer nur unzusammenhängende Worte, ohne sich
+später je eines Traumes bewußt zu sein, und Bertling
+beunruhigte sich also nicht weiter darüber. Unwillkürlich
+fiel ihm aber doch wieder jener wunderliche
+und so geheimnißvoll verschwundene Besuch ein, den
+er bis dahin vergeblich in der ganzen Stadt gesucht.
+War nicht die ganze Polizei nach dem Mann im
+grauen Rock ausgewesen, ohne auch nur auf die entfernteste
+Spur zu kommen? und schien es nicht fast,
+als ob er die Stadt in gerade so räthselhafter Weise
+verlassen hätte, wie damals Bertlings eigenes
+Zimmer?</p>
+
+<p>Mit den Gedanken suchte der Justizrath sein
+Lager und war bald, von den vielen Arbeiten dieses
+Tages ermüdet, sanft eingeschlafen. &ndash; Seiner Meinung
+nach konnte er aber kaum die Augen geschlossen
+haben, als er seinen Namen rufen hörte:</p>
+
+<p>»Theodor! &ndash; Theodor!«</p>
+
+<p>Noch schlaftrunken richtete er sich empor &ndash;
+»Weckst Du mich Auguste?« frug er.</p>
+
+<p>»Und Du kannst schlafen,« sagte die Frau mit
+<a class="pagenum" name="page_089" title="89"> </a>
+vorwurfsvollem aber weichem Ton &ndash; »schlafen in der
+<em class="gesperrt">letzten</em> Stunde, die wir noch beisammen sind?«</p>
+
+<p>»Aber Auguste,« sagte der Mann erschreckt und
+war in dem einen Moment auch vollkommen munter
+geworden &ndash; »was hast Du nur &ndash; was sprichst Du
+da? Sicherlich hast Du geträumt &ndash; ich bin ja bei
+Dir Herz, wache nur ordentlich auf.«</p>
+
+<p>»Ach ich war so glücklich,« sagte da die Frau, mit
+einem Ton, der ordentlich in seine Seele schnitt &ndash;
+»so glücklich die kurze Zeit mit Dir &ndash; und muß nun
+fort.«</p>
+
+<p>Bertling wußte gar nicht wie er aus dem Bett kam,
+so rasch fuhr er in seine Kleider und zündete dann
+ein Licht an.</p>
+
+<p>Auguste lag, die Augen geschlossen, die Arme
+vor sich ausgestreckt, aber die Hände gefaltet, in
+ihrem Bett und große helle Thränen liefen ihr über
+die Wangen. Bertling aber hielt das immer noch für
+einen einfachen, schweren Traum, der ja augenblicklich
+weichen mußte, so wie er sie nur weckte.</p>
+
+<p>»Mein liebes Herz,« sagte er, seinen Arm um
+ihre Schultern legend &ndash; »wach auf, Du träumst ja
+nur&nbsp;&ndash;«</p>
+
+<p>»Und hast Du schon Jemanden gesehen, der mit
+offenen Augen träumt?« sagte sie, sich im Bett aufrichtend
+<a class="pagenum" name="page_090" title="90"> </a>
+und ihn groß ansehend &ndash; »Träumst Du
+denn jetzt?«</p>
+
+<p>»Aber von was sprichst Du?«</p>
+
+<p>Sie antwortete ihm nicht gleich. &ndash; Während er
+sich zu ihr auf die Bettkante setzte, hatte sein Fuß
+den Stuhl ein klein wenig verschoben und sie schien
+dem Geräusch zu horchen.</p>
+
+<p>»Ich glaube sie kommen schon,« flüsterte sie
+scheu und faßte seinen Arm mit allen Kräften.</p>
+
+<p>»Wer, mein Herz? wer?« bat der Mann, der
+jetzt peinlich besorgt um die Arme wurde, die wie er
+sich nicht mehr verhehlen konnte mit wachenden
+Augen phantasirte. »Wer soll denn jetzt mitten in
+der Nacht zu uns kommen?«</p>
+
+<p>»Mitten in der Nacht? &ndash; ja es ist gerade zwölf
+Uhr vorbei,« flüsterte sie &ndash; »das ist die Zeit, in der
+die schwarzen Männer kommen und mich abholen. &ndash;
+Oh Gott,« seufzte sie dabei &ndash; »und jetzt hat mich
+Alles verlassen &ndash; selbst Theodor ist fort und ich
+allein kann mich ja nicht gegen sie wehren.«</p>
+
+<p>»Aber beste Auguste« rief Bertling bestürzt &ndash;
+»was sprichst Du nur &ndash; ich bin ja bei Dir hier.«</p>
+
+<p>»Fort &ndash; fort &ndash; wer bist Du?« &ndash; sagte sie und
+stieß ihn mit beiden Armen heftig von sich &ndash; »was
+willst Du hier &ndash; und wie kommst Du hier herein?«</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="page_091" title="91"> </a>
+»Aber ich bin es ja &ndash; Dein Theodor &ndash; kennst
+Du mich denn nicht?«</p>
+
+<p>»Deine Stimme ist es &ndash; ja,« sagte die Frau,
+indem sie ihn ein paar Momente ruhig und fest betrachtete
+&ndash; »aber das Gesicht kenne ich nicht &ndash; das
+ist mir fremd &ndash; geh fort &ndash; geh fort!« und sie warf
+sich dabei zurück und barg ihr Gesicht im Kissen.
+Dort lag sie still und regungslos viele Minuten lang
+und Bertling wußte nicht, was er beginnen sollte.
+Vorsichtig legte er den Finger auf ihren Arm. &ndash;
+Der Puls ging vollkommen ruhig und eher langsamer
+als rascher wie gewöhnlich. &ndash; Vielleicht schlief
+sie jetzt ein; er wollte sie wenigstens unter keiner Bedingung
+stören, setzte das Licht fort, daß es ihr nicht
+auf die Augen scheinen konnte und ließ sich dann behutsam
+und geräuschlos auf einem Lehnstuhl nieder,
+um dort abzuwarten, ob sie noch einmal erwache.</p>
+
+<p>So mochte er über eine Stunde gesessen haben
+und dachte gerade daran, das Licht auszulöschen und
+selber wieder zu Bett zu gehen, als er die Frau leise
+wimmern hörte.</p>
+
+<p>Vorsichtig stand er auf &ndash; sie lag noch genau so
+wie vorher, nur das Gesicht hatte sie mehr nach oben
+gerichtet, damit sie frei athmen konnte, aber beide
+<a class="pagenum" name="page_092" title="92"> </a>
+Augen hielt sie mit den Händen bedeckt und weinte
+still und leise.</p>
+
+<p>»Auguste,« sagte der Mann da, indem er wieder
+zu ihr trat, »was hast Du nur? &ndash; Sage es mir &ndash;
+ich bitte Dich darum.«</p>
+
+<p>Sie schien ihn nicht zu hören, aber ihr Weinen
+wurde heftiger und brach endlich in nicht laute, doch
+deutliche Klagen aus.</p>
+
+<p>»Fort &ndash; fort muß ich von hier, wo ich <em class="gesperrt">so</em> glücklich
+war!« wimmerte sie. &ndash; »Ach nur so wenig Jahre
+durfte ich mit Theodor zusammen sein und jetzt
+kommen die bösen schwarzen Männer und wollen mich
+fortschleppen und in die kalte häßliche Erde legen. &ndash;
+Oh was hab ich ihnen nur gethan? &ndash; Aber sie hassen
+mich hier &ndash; Alle &ndash; Keiner hat mich lieb &ndash; Keiner
+&ndash; und der Einzige, der mir gut war, Theodor, hat
+mich nun auch verlassen.«</p>
+
+<p>»Auguste,« bat Bertling in Todesangst, »Du
+brichst mir das Herz mit solchen Reden. &ndash; Ich bin
+ja hier &ndash; bin bei Dir und werde Dich nie verlassen.«
+Dabei drückte er sie fest an sich und küßte ihre Stirn
+aber sie schien jetzt weder seine Worte zu hören, noch
+seine Berührung zu fühlen. Wieder lag sie viele
+Minuten lang still und regungslos, und nur das
+<a class="pagenum" name="page_093" title="93"> </a>
+schwere Athmen verrieth, daß sie lebe &ndash; endlich fuhr
+sie leise fort:</p>
+
+<p>»Oh daß Theodor von mir gegangen ist &ndash; er
+war so lieb, so gut mit mir &ndash; und ich habe ihn so oft
+gekränkt, aber es doch nie &ndash; nie böse gemeint. &ndash;
+Er <em class="gesperrt">mußte</em> es doch wissen, wie ich ihn liebe &ndash; und
+doch ist er fort.«</p>
+
+<p>»Aber ich bin ja bei Dir, Herz &ndash; so höre doch
+nur! hier lege Deine Hand auf mein Gesicht &ndash; fühlst
+Du denn nicht, daß ich bei Dir bin &ndash; daß ich Dich
+nie verlassen werde?«</p>
+
+<p>»Ja &ndash; <em class="gesperrt">Alle</em> haben mich verlassen,« rief die Frau
+eintönig &ndash; »und jetzt schleichen sich die schwarzen
+Männer herein und tragen mich fort &ndash; und wenn
+dann Theodor zurückkommt &ndash; wie er sich wundern
+wird, wenn ich nicht mehr da bin! und wie traurig
+wird er sein, &ndash; armer &ndash; armer Theodor.«</p>
+
+<p>Bertling war außer sich. Er fühlte, daß alle seine
+Worte nichts halfen. Die Unglückliche hörte in diesem
+eigenthümlichen Zustand weder was er sagte, noch
+fühlte sie den um sie geschlagenen Arm und die heißen
+Thränen, die auf ihr Antlitz fielen und sich mit den
+ihrigen mischten.</p>
+
+<p>Wieder lag sie eine halbe Stunde etwa in einem
+solchen fast bewußtlosen Zustand und mit geschlossenen
+<a class="pagenum" name="page_094" title="94"> </a>
+Augen. Das Licht brannte düster und Bertling
+schritt leise zu der Lampe, um diese zu entzünden. Er
+glaubte, daß vielleicht helleres Licht die aufgeregten
+Sinne eher beruhigen würde. Wie er die Glocke aber
+wieder aufsetzte, wobei ein leicht klirrendes Geräusch
+nicht zu vermeiden war, richtete sich die Kranke
+plötzlich rasch und erschreckt empor und horchte mit
+weit geöffneten Augen der Thür zu.</p>
+
+<p>»Was hast Du denn Auguste, &ndash; Was horchst
+Du so nach der Thür?« frug ihr Mann um sie zu beschwichtigen.
+Sie verstand jetzt was er sagte, ja schien
+ihn auch zu kennen und vergessen zu haben, daß sie
+früher über seine Abwesenheit geklagt und scheu erwiderte
+sie:</p>
+
+<p>»Hörst Du denn nicht die Schritte auf der Treppe?
+&ndash; sie kommen um mich abzuholen und unten im
+Haus steht der graue Mann, der mich auch erwartet.
+Oh ich wußte ja, daß sie noch kommen würden, wenn
+es auch schon zwölf Uhr vorbei ist.«</p>
+
+<p>»Aber mein liebes süßes Herz,« bat Bertling, der
+sich schon dadurch etwas beruhigt fühlte, daß er doch
+jetzt mit ihr reden konnte. &ndash; »Zwölf Uhr vorbei &ndash;
+es ist schon fünf Uhr und die Sonne wird gleich aufgehen.«
+&ndash; Er hoffte sie dadurch, daß er sie glauben
+mache, es sei Morgen, rascher zu beruhigen. Die
+<a class="pagenum" name="page_095" title="95"> </a>
+Kranke aber schüttelte unwillig mit dem Kopf und
+rief:</p>
+
+<p>»Täusche mich nicht &ndash; es fehlen nur noch ein
+paar Minuten an halb Zwei &ndash; sieh doch nach.&nbsp;&ndash;«</p>
+
+<p>Bertling sah unwillkürlich nach seiner Uhr und
+Auguste hatte vollkommen recht. Sie wußte genau,
+welche Zeit es war. Ehe er ihr aber noch etwas erwidern
+konnte, nickte sie ernst und traurig mit dem
+Kopf und sagte:</p>
+
+<p>»Ja &ndash; ja &ndash; so muß es sein &ndash; <em class="gesperrt">Du</em> wirst jetzt
+oben wohnen und <em class="gesperrt">ich</em> unten &ndash; und wir werden nie
+wieder zusammen kommen.«</p>
+
+<p>»Aber, wo willst Du <em class="gesperrt">unten</em> wohnen, mein Kind,«
+lächelte der Mann, der ihre Gedanken abzulenken
+suchte, &ndash; »das untere Logis hat ja der Doktor Pellert
+gemiethet.«</p>
+
+<p>»Wer spricht denn davon,« sagte sie finster &ndash; »in
+der Erde, mein' ich &ndash; wenn sie mich begraben haben.
+Sie kommen ja gleich.«</p>
+
+<p>»Aber meine Auguste!«</p>
+
+<p>»Und ich war so glücklich« fuhr sie leise, mit zum
+Herzen dringender Stimme fort &ndash; »so unsagbar glücklich
+&ndash; aber nur für eine kurze &ndash; kurze Zeit.
+Jetzt muß es sein und ich will mich auch nicht länger
+<a class="pagenum" name="page_096" title="96"> </a>
+sträuben &ndash; ich kann mich ja doch nicht gegen die vier
+schwarzen Männer wehren.«</p>
+
+<p>»Und bin ich nicht hier Dich zu vertheidigen?«</p>
+
+<p>»Was kannst <em class="gesperrt">Du</em> gegen die <em class="gesperrt">viere</em> ausrichten!«
+erwiderte sie kopfschüttelnd, »und sie sind stark &ndash; <em class="gesperrt">sehr</em>
+stark. Aber ich habe nicht mehr viel Zeit &ndash; hier den
+Ring nimm mir vom Finger &ndash; den schwarzen Ring
+&ndash; den sollst Du Paulinen von mir geben.«</p>
+
+<p>»Aber Auguste.«</p>
+
+<p>»So nimm denn doch den Ring &ndash; sie kommen ja,«
+bat sie mit einer Stimme, die ihm durch Mark und
+Bein schnitt und es blieb ihm Nichts übrig, als ihrem
+Wunsch zu willfahren und ihr den Ring abzunehmen;
+fürchtete er doch sie durch Widerspruch nur noch so viel
+mehr aufzureizen. Wie er das aber gethan, stürzten
+ihm selber die Thränen aus den Augen und sie umfassend
+jammerte er: »Meine liebe &ndash; liebe Auguste.«</p>
+
+<p>»Lebe wohl Theodor,« sagte sie da und schlang ihre
+Arme fest und fast krampfhaft um seinen Nacken &ndash;
+»lebe wohl und tausend, tausend Dank für alles Liebe
+und Gute, das Du mir gethan.&nbsp;&ndash;«</p>
+
+<p>»Aber Du gehst ja nicht von mir &ndash; Du bleibst
+ja bei mir, nie &ndash; nie im Leben trennen wir uns mehr,«
+flüsterte der Mann in Todesangst.</p>
+
+<p>»Es muß ja sein,« tröstete sie ihn leise &ndash; »weine
+<a class="pagenum" name="page_097" title="97"> </a>
+deshalb nicht &ndash; oh <em class="gesperrt">Du</em> hast es ja auch gut &ndash; <em class="gesperrt">Du</em>
+kannst draußen im Sonnenlicht, auf der schönen Erde
+bleiben &ndash; aber mich &ndash; mich legen sie in das dunkle
+kalte Grab und ich bin noch so jung &ndash; so jung und
+schon sterben &ndash; oh es ist recht, recht hart.«</p>
+
+<p>»Auguste &ndash; ich halte das nicht länger aus,« flehte
+der Mann, dem die Aufregung fast den Athem nahm
+&ndash; »so komm doch nur zu Dir &ndash; es ist ja Alles nur
+ein böser Traum.«</p>
+
+<p>Unten auf der Straße rasselte in diesem Augenblick
+ein Wagen über das Pflaster; der Schall klang
+deutlich herauf.</p>
+
+<p>»Da sind sie,« flüsterte die Kranke erbebend &ndash;
+»oh Gott wie <em class="gesperrt">schnell</em> sie kommen &ndash; wie furchtbar
+schnell. &ndash; Jetzt muß ich fort &ndash; oh Gott, oh Gott
+schon jetzt. Nein ich will nicht &ndash; sie sollen mich nicht
+weg von Dir nehmen &ndash; ich will bei Dir bleiben« &ndash;
+und krampfhaft klammerte sie sich um seinen Hals.&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>»Du gehst auch nicht fort Herz &ndash; nie im Leben
+lasse ich Dich,« &ndash; rief Bertling, &ndash; »wir bleiben ja
+beisammen &ndash; oh so komm doch zu Dir. &ndash; Hier &ndash;
+hier,« sagte er und griff ein neben dem Bett stehendes
+Glas Wasser auf, &ndash; »trink einmal Auguste &ndash; das
+wird Dir gut thun &ndash; trink einen langen Zug &ndash; viel
+&ndash; mehr noch, mehr.«</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="page_098" title="98"> </a>
+Er hatte sich fast gewaltsam von ihr losgemacht
+und ihr das Glas an die Lippen gehalten. Wie sie
+das Wasser daran fühlte nahm sie einen kleinen Schluck
+und als er es ihr wieder und wieder aufdrang, trank
+sie mehr, bis sie das ganze Glas geleert. Dabei sah
+sie ihn mit einem wilden verstörten Blick an.</p>
+
+<p>»Meine Auguste« bat Bertling, ihr Haupt an sich
+pressend, »ist Dir jetzt besser? &ndash; kannst Du Dich besinnen?«</p>
+
+<p>Sie drängte ihn langsam von sich &ndash; sah ihn an
+&ndash; blickte im Zimmer umher und sagte leise:</p>
+
+<p>»Was ist denn mit mir vorgegangen?«</p>
+
+<p>»Du hast geträumt Herz &ndash; schwer und furchtbar
+geträumt« rief ihr Gatte, »oh Gott sei ewig Dank,
+daß es vorüber ist.«</p>
+
+<p>»Geträumt? &ndash; von was?« frug die Frau, die
+jetzt augenscheinlich ihre volle Besinnung wieder erlangt
+hatte. Bertling hütete sich aber wohl irgend
+eines ihrer Traum-Bilder auch nur zu erwähnen und
+ausweichend sagte er:</p>
+
+<p>»Oh nichts, Herz &ndash; lauter tolles verworrenes
+Zeug; wild durch einander hast Du gesprochen von
+Gesellschaften, Theater, Kleidern, Besuchen und was
+weiß ich.&nbsp;&ndash;«</p>
+
+<p>»Sonderbar,« flüsterte die Frau nachdenkend vor
+<a class="pagenum" name="page_099" title="99"> </a>
+sich hin »ich kann mich doch auf gar Nichts mehr besinnen.
+Aber mir ist mein Kopf so schwer &ndash; so furchtbar
+schwer und die Augen brennen mir, als ob ich geweint
+hätte. Wie viel Uhr ist es?«</p>
+
+<p>»Es wird bald zwei Uhr sein.«</p>
+
+<p>»So spät schon und Du bist noch angezogen? &ndash;
+Du hast wohl wieder so lange gearbeitet?«</p>
+
+<p>»Ja &ndash; ich hatte so viele Briefe zu schreiben &ndash;
+aber lege Dich jetzt hin und schlafe. Ich will auch zu
+Bett gehen.«</p>
+
+<p>»Oh wie mir mein Kopf brennt &ndash; ich kann gar
+nicht mehr denken,« sagte die Frau und preßte ihre
+Stirne mit beiden Händen, &ndash; »am Ende werd ich
+noch krank.«</p>
+
+<p>»Mach Dir keine Sorge mein Herz,« beruhigte sie
+aber der Mann, »morgen wird schon Alles wieder
+besser &ndash; wieder ganz gut sein. &ndash; Gute Nacht, mein
+Kind.&nbsp;&ndash;«</p>
+
+<p>»Gute Nacht, Theodor,« sagte die Frau &ndash; legte
+sich auf die Seite und war auch in wenigen Minuten
+fest und sanft eingeschlafen.</p>
+
+
+
+
+<h3>Sechstes Capitel.<a class="pagenum" name="page_100" title="100"> </a><br />
+
+<b>Die Begegnung.</b></h3>
+
+
+<p>Am nächsten Morgen, wo aber Auguste völlig
+gesund und mit keiner Ahnung des Geschehenen, nur
+mit etwas Kopfschmerzen erwachte, ging Bertling in
+aller Früh zu seinem Hausarzt, um diesem das Vorgefallene
+mitzutheilen. Er hatte ihm schon früher
+einmal von der fixen Idee Augustens gesagt, der Doctor
+nahm das aber damals &ndash; vielleicht auch nur um
+den Mann nicht zu beunruhigen &ndash; außerordentlich
+leicht und versicherte ihn, daß solche Fälle gar nicht
+etwa vereinzelt daständen. Es sei ein Blutandrang
+nach dem Kopf und viel Bewegung in freier Luft &ndash;
+vielleicht auch eine blutreinigende Kur das Beste dagegen.
+Keinesfalls sollte er sich Sorgen deshalb machen.
+&ndash; Heute jedoch, als der Arzt die Phantasien dieser
+Nacht erfuhr, in denen der »graue Mann« auch wieder
+seine Rolle gespielt, zeigte er sich schon bedenklicher
+und meinte, Gefahr sei nur in so fern vorhanden, daß
+die Phantasie der Kranken ihr noch einmal &ndash; und
+also zu dem gefürchteten dritten Mal &ndash; die Gestalt
+des Mannes im grauen Rock vorspiegeln könne, ehe
+man im Stande sei sie zu überzeugen, daß die erste
+Erscheinung weiter Nichts als ein Phantasiebild, die
+<a class="pagenum" name="page_101" title="101"> </a>
+zweite aber ein wirklich menschliches Individuum
+gewesen sei &ndash; wie das aber zu thun, ohne daß man
+des Grauen habhaft werde, vermöge er nicht abzusehen,
+und daß der Graue nicht zu bekommen war, das
+wußte der Justizrath besser als irgend Jemand in der
+Stadt. Welche Mühe hatte er sich deshalb nicht
+schon gegeben und welchen Erfolg damit erzielt? &ndash;
+es war wirklich zum Verzweifeln.</p>
+
+<p>Der Doctor versprach übrigens im Lauf des Vormittags
+bei der Justizräthin vorzusprechen, um sich
+selber einmal von ihrem Gesundheitszustand zu überzeugen.
+Vielleicht ließ sich dann auch das Gespräch
+&ndash; natürlich mit der gehörigen Vorsicht &ndash; auf das
+eigentliche Krankheitsobjekt lenken und möglich, daß
+ja doch die Vernunftgründe eines Dritten und völlig
+Unparteiischen irgend einen wohlthätigen Einfluß auf
+sie ausüben konnten.</p>
+
+<p>Bertling seufzte tief auf, denn er am Besten fühlte
+das Trügerische einer solchen Hoffnung, aber was
+anderes ließ sich thun und auch dieser Versuch mußte
+gemacht werden, wenn er auch nicht das Geringste
+davon erhoffte. Er fürchtete sich aber, lange von zu
+Haus fortzubleiben, denn er wußte nicht, wie sich Auguste
+heute morgen nach der furchtbaren Aufregung
+der letzten Nacht befinden würde. Er bat also den
+<a class="pagenum" name="page_102" title="102"> </a>
+Doctor seinen Besuch nicht zu lange zu verschieben
+und schritt dann sehr niedergeschlagen und den Kopf
+voll trüber, wirrer Gedanken die Straße hinab, in
+der Richtung seiner eigenen Wohnung zu. Er achtete
+dabei auch gar nicht auf die ihm Begegnenden und
+erst als Jemand an ihm vorüber ging, der ihn grüßte,
+faßte er unwillkürlich an seinen eigenen Hut und
+warf einen flüchtigen Blick auf ihn, ohne sich jedoch
+in seinem Gang aufzuhalten. Im Weiterschreiten
+fiel ihm aber der fast schüchterne Gruß des vollkommen
+fremden Mannes auf &ndash; wo hatte er nur das Gesicht
+&ndash; wie ein Messerstich traf es ihn plötzlich ins Herz
+&ndash; <em class="gesperrt">das war der Graue</em> und mit dem Gedanken
+schon fuhr er auch herum und zurück, ihm nach &ndash;
+daß er dabei gegen eine alte würdige Dame anrannte
+und sie beinah über den Haufen geworfen hätte, fühlte
+er kaum, hielt sich wenigstens nicht einmal lange genug,
+auch nur zu einer Entschuldigung auf, denn mit
+peinigender Angst erfüllte ihn in dem Moment der Gedanke,
+daß ihm der Fremde wieder wie damals, selbst
+unter den Händen weg entschwinden könnte. Wenn er
+jetzt irgendwo in ein Haus getreten wäre &ndash; wenn er
+die nächste Quergasse erreicht hätte &ndash; nein &ndash; Gott
+sei ewig Dank &ndash; dort ging er noch und mit wenigen
+hastigen Schritten war er an seiner Seite.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="page_103" title="103"> </a>
+Der Fremde, als er Jemanden neben sich halten
+sah, schaute auch zu ihm empor und der Justizrath
+hätte laut aufjubeln mögen, als er in dem ihm zugewandten
+Gesicht wirklich den Besuch von jenem Abend
+erkannte, dessen Züge sich ihm in der Zwischenzeit oh,
+nur zu scharf und deutlich eingeprägt. Er war aber
+auch fest entschlossen, den Mann jetzt nicht wieder los
+zu lassen, bis er ihn seiner Frau gebracht, und wenn
+er nicht gutwillig ging, ei dann hätte er selbst die Polizei
+zu Hülfe gerufen, sogar auf die Gefahr hin eine
+Klage wegen unverschuldeter Gefängnißhaft gegen sich
+anhängig gemacht zu sehen.</p>
+
+<p>Der Fremde sah dabei etwas erstaunt, ja bestürzt
+zu ihm auf, denn er ebenfalls hatte den Justizrath
+gleich beim ersten Begegnen wieder erkannt und begriff
+jetzt natürlich nicht, was der Mann eigentlich
+von ihm wolle. Dieser ließ ihm aber nicht lange Zeit
+darüber nachzudenken und fast unwillkürlich die Hand
+auf seine Schulter legend (denn wenn er es sich auch
+nicht selber gestehen mochte, war es doch ein fast unbewußtes
+Gefühl, das ihn leitete, sich vor allen Dingen
+zu überzeugen, er habe es wirklich mit einem <em class="gesperrt">körperlichen</em>
+Wesen zu thun), sagte er freundlich:</p>
+
+<p>»Entschuldigen Sie, mein Herr, aber &ndash; hatte ich
+nicht das Vergnügen, Sie vor einiger Zeit einmal
+<a class="pagenum" name="page_104" title="104"> </a>
+Abends auf ganz kurze Zeit bei mir zu sehen? &ndash; Ich
+bin der Justizrath Bertling &ndash; wenn Sie sich auf
+meine Person nicht mehr besinnen sollten?«</p>
+
+<p>Der Mann schien etwas verlegen und sah den Justizrath
+fast wie scheu an; endlich stotterte er:</p>
+
+<p>»Ich weiß in der That nicht&nbsp;&ndash;«</p>
+
+<p>»Ich will Ihrem Gedächtniß zu Hülfe kommen,«
+fuhr aber der Justizrath in der neu erwachenden Angst
+fort, daß der Mann leugnen könnte oder er sich doch am
+Ende in der Person geirrt, »meine Frau kam damals
+gerade nach Haus und von einem leichten Unwohlsein
+ergriffen, wurde sie in der Thür ohnmächtig. Sie besinnen
+sich gewiß.«</p>
+
+<p>»Herr &ndash; Herr Justizrath,« stammelte der Mann
+»ich &ndash; ich &ndash; kann nicht recht begreifen&nbsp;&ndash;«</p>
+
+<p>Bertling, der nicht ohne Grund fürchtete, der
+Mann könne Bedenken tragen, sein damaliges rasches,
+und allerdings etwas rätselhaftes Verschwinden einzugestehen,
+denn wie konnte er wissen, in welchem Zusammenhang
+das mit der jetzigen Frage stand &ndash;
+suchte ihn nur vor allen Dingen darüber zu beruhigen.
+&ndash; »Lieber Herr,« sagte er, »Sie müssen mir vorher
+die Bemerkung erlauben, daß ich Ihre Antwort nur
+als eine mir persönlich erwiesene Gefälligkeit betrachte
+und ich sehe ein, daß es vorher nöthig ist, Ihnen die
+<a class="pagenum" name="page_105" title="105"> </a>
+Beweggründe meines, Ihnen vielleicht sonderbar erscheinenden
+Betragens mitzutheilen. Aber wir können
+das nicht auf offener Straße abmachen, dürfte ich Sie
+deßhalb bitten mit mir einen kurzen Moment in jenes
+Caffeehaus zu treten; wir sind dort ungestört und ich
+gebe Ihnen mein Wort, daß Sie damit ein gutes
+Werk thun.«</p>
+
+<p>Der Fremde war augenscheinlich in der größten
+Verlegenheit, wie denn auch sein ganzes Wesen etwas
+Schüchternes, ja Gedrücktes zeigte. Der Einladung
+<em class="gesperrt">konnte</em> er aber nicht gut ausweichen. Mit einer ziemlich
+ungeschickten Verbeugung und ohne ein Wort zu
+erwidern, willigte er ein und schritt neben dem Justiz-Rath
+dem Caffeehaus zu. Bertling ließ ihn auch
+dabei nicht aus den Augen, denn er hatte immer noch
+das unbestimmte Gefühl, als ob ihm der eben so glücklich
+Aufgefundene durch einen der Trottoirsteine, wie
+durch eine Versenkung auf dem Theater verschwinden
+könnte, und wollte sich später keine Vernachlässigung
+vorzuwerfen haben.</p>
+
+<p>Im Restaurationslocal endlich angelangt, ließ er zwei
+Tassen Caffee und Cigarren bringen und als Beides vor
+ihnen stand und der Kellner sich mit seiner Bezahlung
+zurückgezogen hatte, that Bertling das Vernünftigste,
+was sich unter diesen Umständen thun ließ und erzählte
+<a class="pagenum" name="page_106" title="106"> </a>
+dem Fremden, ohne vorher eine weitere Frage
+an ihn zu richten, das seltsame Zusammentreffen eines
+Traumes seiner Frau mit seiner eignen Erscheinung,
+wobei sein plötzliches und unbeachtetes Verschwinden
+natürlich alle die überspannten Ideen der Kranken bestätigen
+mußte.</p>
+
+<p>Der kleine Mann in dem dunklen Rock schien
+während dieses Berichtes ordentlich aufzuthauen. Zuerst
+hatte er die angezündete Cigarre nur schüchtern
+und mit der äußersten Spitze in den Mund genommen,
+daß er kaum daran ziehen konnte und seinen
+Caffee halb kalt werden lassen &ndash; jetzt begann er mit
+augenscheinlichem Behagen den Dampf des guten
+Blattes einzuziehen und that auch einen Schluck aus
+seiner Tasse und als der Justizrath ihm endlich gestand,
+daß er die ganze Stadt schon habe durch Polizei absuchen
+lassen, um seiner nur habhaft zu werden und
+seine arme Frau von ihrem unglückseligen Wahne zu
+befreien, lächelte er sogar still vor sich hin und leerte
+dabei seine Tasse bis zum letzten Tropfen. Bei der
+nun wieder an ihn gerichteten Frage des Justizraths,
+ob er es nicht gewesen sei, der ihn an jenem Abend
+besucht habe und zu welchem Zweck, wurde er allerdings
+wieder ein wenig verlegen und sogar roth, aber
+er leugnete nicht mehr und sagte:</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="page_107" title="107"> </a>
+»Wenn Ihnen <em class="gesperrt">das</em> eine Beruhigung gewährt, Herr
+Justizrath, so kann ich Ihnen gestehen, daß ich wirklich
+an jenem Abend in Ihrer Stube war und nur bedauere&nbsp;&ndash;«</p>
+
+<p>»Kellner! Eine Flasche Wein &ndash; von Ihrem Besten
+&ndash; bringen Sie Champagner!« rief aber Bertling,
+der sich in diesem Augenblicke wirklich Mühe geben
+mußte, dem kleinen Mann nicht um den Hals zu fallen.</p>
+
+<p>»Aber Herr Justizrath&nbsp;&ndash;«.</p>
+
+<p>»Thun Sie mir den einzigen Gefallen und trinken
+Sie ein Glas Wein mit mir,« rief aber dieser in
+größter Aufregung »und, wenn Sie ein <em class="gesperrt">Bad</em> von
+Champagner haben wollten, ich verschaffte es Ihnen
+jetzt. Nun aber sagen Sie mir auch, weshalb Sie
+so rasch verschwanden, mich nicht wieder aufsuchten und
+wo Sie, vor allen Dingen, die ganze Zeit gesteckt
+haben, denn kein einziger meiner Spürhunde konnte
+auch nur auf Ihre Fährte kommen.«</p>
+
+<p>»Lieber Gott,« sagte der kleine Mann mit einem
+schweren Seufzer &ndash; »die Sache ist außerordentlich
+einfach und leicht erklärt, denn &ndash; wenn ich mich auch
+in einer gedrückten Lage befinde, habe ich doch nicht
+die geringste Ursache mich derselben zu schämen, da sie
+mich ohne mein Verschulden getroffen hat.«</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="page_108" title="108"> </a>
+»Darf ich es wissen?« frug der Justizrath, während
+der Kellner Wein und Gläser auf den Tisch stellte
+&ndash; »vielleicht kann ich helfen.«</p>
+
+<p>»Ich stamme aus Königsberg« erzählte der kleine
+Mann, »und hatte durch Protection eine Anstellung als
+Lehrer in Mainz erhalten; dort ernährte ich mich aber
+nur kümmerlich, als ich die Nachricht erhielt, daß in
+meiner Vaterstadt ein guter Posten für mich offen geworden
+und ich dort an einem der ersten Gymnasien
+mit einem ganz vortrefflichen Gehalt einrücken könne.
+Ich gab meine Stelle in Mainz auf und machte mich
+auf den Weg. Schon seit längerer Zeit aber kränkelnd,
+erfaßte mich hier in Alburg ein heftiges Fieber,
+das eine Weiterreise unmöglich machte. Glücklicher
+Weise fand ich bei guten Menschen ein Unterkommen
+aber meine kleine Baarschaft schmolz entsetzlich zusammen
+und kaum wieder hergestellt, erfaßte mich die
+Angst, daß ich, wenn ich nicht rechtzeitig am Ort meiner
+Bestimmung eintreffen könnte, am Ende auch gar
+die Anstellung verlieren und dann gänzlich brodlos sein
+würde. Ich schrieb nach Königsberg, erhielt aber von
+dort nicht so rasche Antwort und in meiner Herzensangst
+beschloß ich mich an <em class="gesperrt">Sie</em>, Herr Justizrath, zu
+wenden und Sie um ein Darlehn zu ersuchen, das
+<a class="pagenum" name="page_109" title="109"> </a>
+ich Ihnen von meiner Vaterstadt aus leicht zurückerstatten
+konnte.«</p>
+
+<p>»Aber woher kannten Sie mich?«</p>
+
+<p>»Nicht Sie, Herr Justizrath, aber Sie haben einen
+Bruder in Königsberg, bei dem ich ein Jahr Hauslehrer
+war und auf dessen Zeugniß ich mich mit gutem
+Gewissen berufen durfte. Wie aber der Unfall mit
+Ihrer Frau Gemahlin stattfand, von dem ich keine
+Ahnung haben konnte, daß ich selber die unschuldige
+Ursache gewesen, da fühlte ich doch recht gut, daß das
+ein sehr schlecht gewählter Moment sei, um ein Darlehn
+zu erbitten und ich beschloß lieber am nächsten Morgen
+wieder vorzusprechen. Wie ich Sie mit der ohnmächtigen
+Dame beschäftigt sah, verließ ich das Zimmer
+und ging nach Haus.«</p>
+
+<p>»Aber warum kamen Sie nicht am nächsten Morgen?«</p>
+
+<p>»Weil ich noch an dem nämlichen Abend einen
+Brief von Königsberg erhielt, worin mir angezeigt
+wurde, daß es mit meinem Eintreffen dort Zeit bis
+zum Ersten nächsten Monats habe. Jetzt war ich im
+Stande mir mein Reisegeld vielleicht selber zu verdienen
+und brauchte Niemanden weiter zu belästigen.
+Der Mann, bei dem ich die Zeit gewohnt, war Copist,
+hatte aber in der letzten Zeit so viel drängende Arbeiten
+<a class="pagenum" name="page_110" title="110"> </a>
+erhalten, daß er sich außer Stande sah, sie allein
+zu beendigen. Ich übernahm einen Theil und da mir
+noch vierzehn Tage Zeit bleiben, so hoffe ich bis dahin
+mein Reisegeld wenigstens zusammen gespart zu haben.«</p>
+
+<p>»Und wieviel brauchen Sie dazu?« frug der Justizrath,
+der bis jetzt der einfachen Erzählung mit der
+gespanntesten Aufmerksamkeit gefolgt war, ohne den
+Erzählenden auch nur mit einer Sylbe zu unterbrechen.
+Nur eingeschenkt und getrunken hatte er dazu und
+seinen Gast ebenfalls stillschweigend durch Zuschieben
+des Glases genöthigt.</p>
+
+<p>»Im Ganzen und mit dem, was ich hier noch zu
+zahlen habe, etwa 20 Thaler, aber 9 davon habe ich
+mir schon verdient &ndash; oh ich bin sehr fleißig gewesen
+die Zeit über und in den langen Tagen gar nicht aus
+meinem Zimmer, ja nicht ein einziges Mal an frische
+Luft gekommen. Nur heute <em class="gesperrt">mußte</em> ich ausgehen und
+war eben im Begriff mir frisches Papier zu holen,
+denn ich kann nicht gut einen Tag versäumen.«</p>
+
+<p>»Mein lieber Herr,« sagte da der Justizrath, »dagegen
+werde ich Einspruch erheben. Ihren heutigen
+Tag müssen Sie mir widmen, aber Sie sollen dadurch
+nicht zu Schaden kommen. Es gilt hier meine Frau
+zu überzeugen, daß sie sich durch einen Wahn, durch
+ein zufälliges Begegnen hat täuschen lassen und wenn
+<a class="pagenum" name="page_111" title="111"> </a>
+Sie mir dazu behilflich sein wollen, so verfügen Sie
+über meine Casse. Mit Vergnügen steht Ihnen dann
+Alles zu Diensten, was Sie zu Ihrer Reise und vielleicht
+noch für sonstige Ausrüstung gebrauchen.«</p>
+
+<p>»Herr Justizrath,« stammelte der Mann.</p>
+
+<p>»Und glauben Sie um Gottes Willen nicht,«
+setzte Bertling rasch hinzu, »daß Sie mir dadurch zu
+irgend einem Dank verpflichtet würden; nein im Gegentheil,
+werde ich mich nachher noch immer als Ihren
+Schuldner betrachten und sollten Sie je in Verlegenheit
+kommen, so bitte ich Sie, sich vertrauensvoll an
+mich zu wenden.«</p>
+
+<p>»Aber war ich nicht selber die Ursache dieses Unfalls?«</p>
+
+<p>»Nein,« versetzte der Justizrath &ndash; »in Ihnen
+repräsentirte sich nur die frühere eingebildete Erscheinung
+und durch Sie hoffe ich deshalb meine Frau
+nicht allein zu überzeugen, daß ihre zweite Gespenstervision
+ein Irrthum war, sondern sie wird, während
+sie hierin die Täuschung erkennt, auch einsehen, daß das
+<em class="gesperrt">erste</em> Traumbild nur in ihrer Phantasie gewurzelt
+haben konnte. Also wollen Sie sich mir heute zur
+Verfügung stellen?«</p>
+
+<p>»Von Herzen gern,« sagte der kleine Mann, der
+durch den ungewohnten Champagner seine ganze Schüchternheit
+<a class="pagenum" name="page_112" title="112"> </a>
+verloren zu haben schien. »Befehlen Sie über
+mich und was in meinen Kräften steht, will ich mit
+Freuden thun, &ndash; habe ich doch dadurch auch einen
+Theil dessen gut zu machen, was ich, freilich vollkommen
+ahnungslos, selber über Sie herauf beschworen.«</p>
+
+<p>»Gut,« genehmigte Bertling, sich vergnügt die
+Hände reibend. &ndash; »So kommen Sie denn jetzt mit
+zu meinem Arzt und dort wollen wir das Weitere
+bereden, wie wir es am Besten anzufangen haben.
+Den Mittag sind Sie ohnedies mein Gast, wenn wir
+vielleicht auch noch nicht bei mir zu Hause diniren
+können. Vorher muß ich aber meine Frau jedenfalls
+auf Ihre Begegnung vorbereitet haben.«</p>
+
+
+
+
+<h3>Siebentes Capitel.<br />
+
+<b>Schluß.</b></h3>
+
+
+<p>Der Doctor, eben im Begriff seine Patienten zu besuchen,
+war nicht wenig erstaunt, den Justizrath mit
+dem erbeuteten und so lange ersehnten Unruhestifter
+eintreffen zu sehen, nahm aber auch zu viel Interesse an
+der Sache, um nicht seine eigenen, selbst sehr nothwendigen
+Gänge für kurze Zeit aufzuschieben und das Nähere
+mit dem Justizrath zu bereden. Aufmerksam hörte
+<a class="pagenum" name="page_113" title="113"> </a>
+er zunächst den kurzen Bericht an, der ihm über das
+Zusammentreffen gegeben wurde und die Frage war
+nur jetzt, wie Auguste mit ihrem leibhaften Traumbild
+zusammen gebracht werden konnte, ohne ihr einen
+neuen Schreck zu verursachen, der diesmal dauernde
+Folgen haben konnte.</p>
+
+<p>Das zeigte sich denn auch nicht so leicht und die
+Männer überlegten zusammen eine ganze Weile hin
+und her, wie es am zweckmäßigsten zu arrangiren
+wäre. Der Justizrath schlug vor, den »grauen Mann«
+gleich zum Mittag-Essen mit nach Haus zu nehmen,
+um im hellen Sonnen-Licht jeden Gedanken an den
+häßlichen Spuck zu zerstören, &ndash; aber dagegen protestirte
+der Arzt.</p>
+
+<p>»Damit setzen Sie Alles auf eine Karte,« rief er
+heftig aus, »denn Sie können gar nicht wissen, wie
+sich in dem Geist Ihrer Frau das Bild dieser geglaubten
+Spukgestalt erhalten oder entwickelt hat;
+bringen Sie ihr aber jetzt den Mann am hellen Tag,
+der dann natürlich mit einer höflichen, alltäglichen
+Verbeugung in's Zimmer tritt, so bürgt uns kein
+Mensch dafür, daß sie ihn als denselben wieder erkennt,
+den sie in jener <em class="gesperrt">Nacht</em> gesehen und dann ist
+<em class="gesperrt">Alles</em> verloren, denn nachher haben wir <em class="gesperrt">kein</em> Mittel
+weiter, ihr zu beweisen, daß sie sich getäuscht. Unser
+<a class="pagenum" name="page_114" title="114"> </a>
+Pulver ist verschossen und wir müssen der Natur und
+den Begebenheiten eben ihren Lauf lassen, ohne im
+Stande zu sein, an irgend einer Stelle hülfreich einzugreifen.«</p>
+
+<p>»Aber was Anderes <em class="gesperrt">können</em> wir thun?« rief der
+Justizrath &ndash; »der Gefahr, daß sie ihn nicht wieder
+erkennt, sind wir ja doch immer ausgesetzt.«</p>
+
+<p>»Doch nicht immer,« sagte der Doctor, der ein
+paar Minuten mit raschen Schritten in seinem Zimmer
+auf- und abgegangen war &ndash; »ich glaube, ich weiß
+einen Ausweg.«</p>
+
+<p>»Mein lieber Doctor&nbsp;&ndash;«</p>
+
+<p>»Lassen Sie mich einmal sehen,« fuhr dieser fort.
+&ndash; »Jetzt habe ich keine Zeit, denn ich <em class="gesperrt">muß</em> meine
+Patienten besuchen; vor Dunkelwerden können wir
+aber auch gar nichts in der Sache thun, und bis dahin
+bin ich in Ihrem Hause und bei Ihrer Frau. Bis
+dahin aber darf auch dieser Herr Ihrer Frau nicht
+vor Augen kommen. Speisen Sie zusammen im
+Hôtel &ndash; eine Ausrede ist bald gefunden, machen Sie,
+was Sie wollen, aber bringen Sie ihn nicht vor der
+Abenddämmerung in Ihr Haus.«</p>
+
+<p>»Und dann?«</p>
+
+<p>»Dann führen Sie ihn heimlich, ohne daß Ihre
+Frau etwas davon erfährt, in Ihr Zimmer, zünden
+<a class="pagenum" name="page_115" title="115"> </a>
+wie gewöhnlich Ihre Lampe an, die auch ein wenig
+düster brennen darf und lassen sich den Herrn dann
+auf den nämlichen Stuhl setzen, auf dem er an jenem
+Abend gesessen hat und zwar genau in der nämlichen
+Stellung, den rechten Arm über der Lehne. &ndash; Ich
+glaube, Sie erwähnten das gegen mich.«</p>
+
+<p>»Ja wohl.&nbsp;&ndash;«</p>
+
+<p>»Schön. Sie selber kommen dann zu uns herüber,
+oder geben mir ein Zeichen daß Alles bereit ist und
+überlassen das Andere mir. Wollen Sie es so
+machen?«</p>
+
+<p>»Bester Doctor, ich füge mich in Allem Ihrem
+Willen,« sagte der Justizrath, »aber &ndash; halten Sie
+es nicht für möglich, daß Auguste durch die plötzliche
+Wiederholung der Erscheinung zum Tod erschrecken
+könnte?«</p>
+
+<p>»Natürlich darf sie den Herrn da nicht unvorbereitet
+antreffen,« rief der Doctor &ndash; »doch Sie wollen
+das ja mir überlassen. Außerdem werde ich noch vorher
+zu der kleinen Hofräthin Janisch gehen, sie in das
+Geheimniß einweihen und sie bitten uns zu unterstützen.
+Für jetzt ersuche ich Sie aber, mich zu entschuldigen,
+denn meine Zeit ist gemessen.«</p>
+
+<p>»Und Sie vergessen nicht, noch vor Dunkelwerden
+zu mir zu kommen?«</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="page_116" title="116"> </a>
+»Ich vergesse nie etwas,« sagte der Doctor, nahm
+seinen Hut und stieg ohne Weiteres voran die Treppe
+hinunter.</p>
+
+<p>Der Justizrath war jetzt ein wenig in Verlegenheit,
+was er mit seinem Schutzbefohlenen oder eigentlich
+Gefangenen, bis zum Mittagsessen anfangen
+solle, noch dazu da er auch gern einmal nach Haus
+gegangen wäre und ihn dorthin doch nicht mitnehmen
+konnte. Ueberließ er ihn aber bis dahin sich selbst, so
+war er der Gefahr ausgesetzt, ihn nicht wieder zu
+finden und das durfte er unter keiner Bedingung riskiren.
+Da blieb ihm nur ein Ausweg, mit dem Fremden
+in dessen Behausung zu gehen, um sich selber zu
+überzeugen, wo er wohne und wieder zu finden wäre.</p>
+
+<p>Das geschah denn auch und nachdem Bertling
+in einer vollkommen abgelegenen Straße vier steile
+dunkle Treppen hinauf geklettert war, konnte er mit
+einiger Ruhe seinen eigenen Geschäften nachgehen. Er
+band dem kleinen Mann aber noch einmal auf die
+Seele, das Haus um keinen Preis zu verlassen, bis
+er selber zurückkäme, was aber bald geschehen würde,
+da er ihn um ein Uhr zum Mittagessen abhole.</p>
+
+<p>Seine Frau fand der Justizrath noch ziemlich abgemattet,
+aber doch ruhig; sie hatte von dem, was sie
+die vorige Nacht mit wachenden Augen geträumt, keine
+<a class="pagenum" name="page_117" title="117"> </a>
+Ahnung und sie fühlte nur die Folgen der unnatürlichen
+Aufregung, ohne sich dieser im Geringsten bewußt
+zu sein.</p>
+
+<p>Um ein Uhr oder etwas vorher, entschuldigte sich
+Bertling, daß er mit einem Geschäftsfreund zu Mittag
+speisen müsse, da sie Beide, außer der Zeit, sehr beschäftigt
+wären, und er Vielerlei mit ihm zu besprechen
+hätte &ndash; zu sich hätte er ihn aber heute nicht einladen
+mögen, da Auguste doch noch so angegriffen sei.</p>
+
+<p>Auguste dankte ihm dafür, denn sie befand sich in
+der That nicht in der Stimmung einen fremden Besuch
+zu empfangen; sie fühlte sich auch nie wohler, als
+wenn sie allein gelassen wurde und ihr Mann versprach
+ihr ja auch außerdem noch vor Abend wieder zu
+Haus zu sein und dann heute ganz bei ihr zu bleiben.</p>
+
+<p>Sie aß allein auf ihrem Zimmer und legte sich
+dann ein wenig auf das Sopha, um auszuruhen; der
+Kopf that ihr weh und das Herz war ihr so schwer,
+als ob irgend ein nahendes Unheil sie bedrohe. Sie
+fing auch fast an, den dämmernden Abend zu fürchten
+und bereute schon, Theodor nicht gebeten zu haben,
+noch vor der Zeit zurück zu kehren. &ndash; Aber sie durfte
+auch nicht so kindisch sein. Wenn er seine Geschäfte
+besorgt hatte, kam er ja ohnedies schon immer von
+selber nach Hause.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="page_118" title="118"> </a>
+Sie sollte aber ihren Nachmittag heute nicht
+allein verbringen, denn etwa um fünf Uhr kam Pauline
+herüber. Wenn diese aber auch lachend das
+Zimmer der Freundin betrat, erschrak sie doch sichtlich
+über deren bleiches Aussehen, über ihre tiefliegenden
+Augen und den schmerzlichen Zug um den Mund.
+Auf ihre theilnehmenden Fragen gab ihr Auguste aber
+nur ausweichende Antworten; sie scheute sich selbst der
+Freundin gegenüber das einzugestehen, was ihr die
+Brust beengte und ihr Herz mit einer wohl unbestimmten,
+aber nichts desto weniger peinigenden Angst
+erfüllte und Pauline, die das herausfühlte, war
+freundlich genug, auf ihren Wunsch einzugehen. Ihr
+lag aber jetzt besonders daran, die Freundin zu zerstreuen,
+und ohne daß Auguste es merkte, wußte sie
+das Gespräch auf das Abenteuer mit der Kartenschlägerin
+zu bringen. Nicht mit Unrecht glaubte sie, daß
+jene Aufregung wesentlich dazu beigetragen hatte, sie
+niederzudrücken, und war das wirklich der Fall, so
+kannte sie ein Mittel sie wieder aufzurichten.</p>
+
+<p>»Denke Dir nur Schatz,« lachte sie, ganz wieder
+in ihrer, alten fröhlichen Laune, »ich bin jetzt unserer
+Kartenschlägerin auf die Spur gekommen.«</p>
+
+<p>»Auf die Spur? &ndash; wie so?«</p>
+
+<p>»Oder ich habe wenigstens einen Beweis erhalten,
+<a class="pagenum" name="page_119" title="119"> </a>
+was es mit ihrer Kunst für eine Bewandniß
+hat.«</p>
+
+<p>»In der That? &ndash; aber durch was?« frug Auguste
+gespannt.</p>
+
+<p>»Du erinnerst Dich doch,« fuhr Pauline fort,
+»daß ich bei ihr anfragen wollte, wo ein mir gestohlenes
+Corallen-Halsband hingekommen sei und wo
+ich den Dieb zu suchen hätte. Sie ließ mich aber die
+Frage gar nicht stellen, denn jedenfalls hatte sie am
+Brunnen von unseren Mägden erfahren, daß ich das
+Halsband vermisse. In den letzten drei Tagen war
+auch wirklich bei uns von nichts Anderem gesprochen
+worden, und meine Köchin, wie ich es mir gedacht, schon
+bei der Alten gewesen, um sie um Rath zu fragen.«</p>
+
+<p>»Also wirklich,« sagte Auguste.</p>
+
+<p>»Du weißt auch, daß sie meinen Verdacht auf
+irgend eine Dame mit grünen Haubenbändern lenken
+wollte.«</p>
+
+<p>»Allerdings &ndash; hatte sie sich geirrt?«</p>
+
+<p>»Das Komische bei der Sache ist das,« lachte
+Pauline, »daß gar Niemand das Halsband gestohlen
+hat, sondern daß ich es heute morgen selber in einer
+kleinen Schieblade meines Secretairs fand, wohinein
+ich es neulich, wahrscheinlich in großer Zerstreutheit
+gelegt.«</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="page_120" title="120"> </a>
+»Es war gar nicht gestohlen?«</p>
+
+<p>»Gott bewahre, folglich konnte die »Dame« mit
+den grünen Haubenbändern auch nicht der Dieb sein.
+Jetzt hab' ich der Sache aber näher nachgeforscht und
+von meinen Leuten erfahren, daß die alte Frau Heßberger
+eine ganz besondere Wuth auf meine Wäscherin
+hat, weil diese sie irgend einmal, wer weiß aus welchem
+Grund, ich glaube wegen Verleumdung, verklagt
+hat, und die Alte fünf Thaler Strafe zahlen mußte.
+Die Schusters-Frau scheint eine ganz durchtriebene
+Person zu sein und ich glaube, es ist sehr unnöthig,
+daß ihr liebenswürdiger Gatte, während sie ihre
+<em class="gesperrt">Kunst</em> ausübt, geistliche Lieder singt, um den Teufel
+fernzuhalten, es scheint Alles sehr natürlich zuzugehen.
+&ndash;«</p>
+
+<p>»Aber woher wußte sie&nbsp;&ndash;« wollte Auguste fragen,
+brach aber rasch und plötzlich mitten darin ab.</p>
+
+<p>»Was, mein Herz?« frug Pauline &ndash; »etwa das,
+was sie Dir von einem <em class="gesperrt">grauen Mann</em> sagte? Das
+wolltest Du mir ja heute erzählen und ich bin fest
+überzeugt, wir kommen der Sache ebenfalls auf die
+Spur. &ndash; Sieh mein Herz, mit all den Geistergeschichten
+läuft es ja doch jedesmal auf blinden Lärm
+hinaus, denn auch das was uns die Frau Präsidentin
+damals als <em class="gesperrt">Thatsache</em> von der Kammgarnspinnerei
+<a class="pagenum" name="page_121" title="121"> </a>
+erzählte, hat sich als ein einfacher Betrug herausgestellt.«</p>
+
+<p>»Als Betrug?«</p>
+
+<p>»Gewiß und gestern Abend haben sie die Thäter
+erwischt. Aber nun erzähle mir auch, was <em class="gesperrt">Dich</em>
+drückt.«</p>
+
+<p>Auguste zögerte noch, aber sie hatte der Freundin
+einmal versprochen, ihr das Geheimniß mitzutheilen
+und es that ihr selber wohl, irgend Jemand zu haben,
+dem sie ihr Herz vollkommen ausschütten konnte. So
+erzählte sie denn auch jetzt, während der Abend schon
+wieder zu grauen begann, von der ersten Erscheinung,
+die sie in ihres Mannes Zimmer gehabt und wollte
+eben zu dem zweiten Begegnen mit dem unheimlichen
+Wesen übergehen, als sie laute Stimmen auf dem
+Vorsaal hörten.</p>
+
+<p>»Die Frau Justizräthin zu Haus?« &ndash; Es war
+des Doctors Stimme, die Magd erwiderte etwas
+darauf und gleich darauf klopfte es an die Thür.</p>
+
+<p>Es war der Arzt, der seine Patientin zu besuchen
+kam. Er freute sich übrigens sie so wohl und munter
+zu finden und meinte, nach ein paar hingeworfenen
+Fragen: &ndash; »Aber wie mir scheint, habe ich die Damen
+in einer wichtigen Unterhaltung gestört &ndash; thut mir
+leid, aber wir Aerzte kommen oft ungelegen.«</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="page_122" title="122"> </a>
+»In einer Unterhaltung,« sagte da Pauline, »die
+auch <em class="gesperrt">Sie</em> angeht, lieber Doctor, denn sie betrifft
+Augustens Krankheit ebenfalls mit &ndash; bitte, erzähle
+weiter, liebes Herz.«</p>
+
+<p>»Aber Pauline,« sagte die Frau erschreckt, »das ist
+nicht Recht. Das was ich Dir erzählte, war nur für
+<em class="gesperrt">Dich</em> bestimmt.«</p>
+
+<p>»Aber mein gutes Kind,« sagte die junge Frau
+»wenn ich nicht sehr irre, so hat gerade diese Phantasie
+auf Dein körperliches Befinden den größten und
+zwar nachtheiligsten Einfluß ausgeübt, und wie kann
+Dich ein Arzt wieder herstellen, wenn er nicht die <em class="gesperrt">Ursache</em>
+Deiner Krankheit erfährt.«</p>
+
+<p>»Ich danke Ihnen, Frau Hofräthin, daß Sie mir
+da beistehen,« sagte der Doctor »und bitte Sie nun
+selber, beste Frau, mir nichts vorzuenthalten. Außerdem
+wissen Sie, wie ich Ihnen und Ihrem Mann zugethan
+bin und schon als <em class="gesperrt">Freund</em> des Hauses, als
+der ich mich doch betrachten darf, ersuche ich Sie dringend
+mir Alles mitzutheilen.«</p>
+
+<p>Die Justizräthin sträubte sich noch ein wenig, aber
+es half ihr Nichts; der Doctor versicherte sie dabei,
+daß ihr eigener Mann ihm schon einen Theil vertraut
+habe, er wisse also doch einmal, um was es sich
+handele und solcher Art gedrängt, erzählte Auguste
+<a class="pagenum" name="page_123" title="123"> </a>
+denn das zweite, räthselhafte Begegnen jener Erscheinung,
+ja verhehlte sogar nicht, daß sie von einer
+Wiederholung derselben das Schlimmste fürchte.</p>
+
+<p>Der Doctor hatte ihr schweigend zugehört &ndash;
+draußen wurde wieder eine Thür geöffnet und sein
+scharfes Ohr vernahm leise Schritte im Vorsaal.
+Er wußte, der Justiz-Rath war mit dem Mann im
+grauen Rock eingetroffen. Der Abend brach dabei
+immer mehr herein und der Doctor bat, daß man die
+Lampe anzünden möge, da eben die Dämmerstunden
+die besten Hülfsgenossen solcher Phantasien seien.
+Pauline fügte jetzt auch noch die Geschichte der Kartenschlägerin
+hinzu, zu der der Doctor nur lächelnd den
+Kopf schüttelte; endlich aber sagte er:</p>
+
+<p>»Also, Sie fürchten eine <em class="gesperrt">dritte</em> Erscheinung,
+liebe Frau Justizräthin, weil Sie durch die zweite die
+Bestätigung der ersten erhalten haben?«</p>
+
+<p>»Ja,« hauchte die Frau.</p>
+
+<p>»Sie würden auch« &ndash; fuhr der Doktor fort, »wie
+Sie mir ja selber gestanden haben, ohne die zweite
+geneigt gewesen sein, die erste als eine bloße Phantasie,
+als eine Ueberreizung Ihrer Nerven anzusehen, nicht
+wahr?«</p>
+
+<p>»&ndash; Ja&nbsp;&ndash;« erwiderte die Frau wieder, doch
+etwas zögernd.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="page_124" title="124"> </a>
+»Schön,« nickte der Doctor vor sich hin, »wenn
+ich nun hier mit meinem Zauberstab« und er hob
+seinen Stock, den er noch in der Hand hielt, »Ihnen
+selber die Erscheinung zum dritten und letzten Mal
+heraufbeschwören würde, wobei ich Ihnen zugleich beweisen
+könnte, daß wir es mit nichts Anderem, als
+einem vollkommen compacten Wesen aus Fleisch und
+Blut zu thun haben, &ndash; würden Sie mir dann zugestehen,
+daß Sie sich geirrt, und daß solche Erscheinungen
+im Allgemeinen, und hier auch im Besondern,
+nie und nimmer als etwas Anderes betrachtet werden
+dürfen, wie als krankhafte Ausgeburten der
+Phantasie?«</p>
+
+<p>»Jene Erscheinung heraufbeschwören?« frug Auguste
+ordentlich erschreckt.</p>
+
+<p>»Ja &ndash; aber nicht etwa aus dem Boden, wie
+einen Geist, sondern wie es sich gebührt, die Treppe
+herauf,« lachte der Doctor. »Würden Sie mir versprechen,
+sich recht tapfer dabei zu halten und ehe
+Sie uns wieder ohnmächtig werden, erst einmal genau
+zu prüfen, ob Sie es mit einem Geist oder einem
+wirklichen Menschen zu thun haben?«</p>
+
+<p>»Ich begreife Sie nicht,« &ndash; stammelte die Frau.</p>
+
+<p>»Ist Ihr Mann nicht zurückgekehrt?« sagte der
+Doctor und horchte nach dessen Thür hinüber &ndash; »ich
+<a class="pagenum" name="page_125" title="125"> </a>
+dächte, ich hätte ihn in seiner Stube gehört &ndash; he
+Justizrath?« rief er, indem er aufstand und an jene
+Thür klopfte.</p>
+
+<p>»Ja ich komme gleich« &ndash; antwortete Bertlings
+Stimme.</p>
+
+<p>»Und wann soll ich ihn sehen?« rief die Frau, die
+sich einer leichten Anwandlung von Furcht nicht erwehren
+konnte.</p>
+
+<p>»Wann? &ndash; jetzt gleich, wenn Sie wollen,« lachte
+der Arzt. »Vorher muß ich Ihnen aber noch bemerken,
+daß der berühmte Mann im grauen Rock, vor dem
+Sie einen solchen Respect haben, richtig aufgefunden
+ist &ndash; denn was spürte die Polizei nicht heraus, wenn
+man ihr nur ihre Zeit läßt &ndash; und er hat sich als ein
+vollkommen achtbares, aber auch eben so harmloses
+Individuum herausgestellt, das damals nicht etwa
+ein überirdischer Auftrag, sondern ein sehr irdisches
+Verlangen nach einer kleinen Summe Geldes zu
+Ihrem Gatten getrieben hatte. Der gute Mann ist
+aber etwas schüchterner Natur und da Sie bei seinem
+Anblick ohnmächtig wurden, hielt er sich für
+überflüssig und ging seiner Wege. Diesmal wird er
+aber nicht verschwinden und ich frage Sie jetzt noch
+einmal, fühlen Sie sich in diesem Augenblick stark genug,
+Ihrem vermutheten Gespenst nicht allein noch
+<a class="pagenum" name="page_126" title="126"> </a>
+einmal zu begegnen, sondern ihm auch guten Abend
+zu sagen und nachher sogar eine Tasse Thee mit ihm
+zu trinken?«</p>
+
+<p>»Doctor &ndash; wenn Sie mir <em class="gesperrt">die</em> Ueberzeugung
+geben könnten!« rief die Frau, indem sie von ihrem
+Stuhl emporsprang.</p>
+
+<p>»Schön« sagte der Doctor, »dann bitte, geben
+Sie mir Ihren Arm. &ndash; Sie sind ja sonst ein vernünftiges
+Frauchen,« setzte er herzlich hinzu, »und
+werden sich doch wahrhaftig Ihren klaren Verstand
+nicht von einer bloßen Einbildung todtschlagen lassen.
+&ndash; Also jetzt kommt die Geisterbeschwörung und danach
+hoffe ich Sie wieder so munter und heiter zu
+sehen, wie nur je.«</p>
+
+<p>Er ließ ihr auch keine Zeit zu weiteren Einwendungen,
+nahm ihren Arm und führte sie der Thür
+von ihres Gatten Zimmer zu.</p>
+
+<p>»Können wir eintreten?« rief er hier, indem er
+anklopfte.</p>
+
+<p>»Nur herein!« tönte des Justizraths frische Stimme,
+allein als der Doctor die Thür aufwarf, fühlte
+er wie die Justizräthin an seinem Arm zusammenzuckte.
+Pauline war jedoch schon an ihre andere
+Seite getreten, um sie im Nothfall zu unterstützen.
+Aber die junge Frau hatte nicht zu viel versprochen,
+<a class="pagenum" name="page_127" title="127"> </a>
+wenn sie sagte, daß sie sich stark fühlte und doch gehörte
+viel Willenskraft dazu, dem was sie bis dahin
+für eine furchtbare Wirklichkeit gehalten &ndash; eine Botschaft
+aus der Geisterwelt &ndash; jetzt wieder, genau wie an
+jenem Abend, zu begegnen und ruhig dabei zu bleiben.</p>
+
+<p>Auf dem Tisch stand die Lampe und warf ihren
+düsteren Schein über das kleine Gemach, links neben
+dem Tisch saß der Justizrath &ndash; rechts neben dem
+Ofen, den rechten Arm über die Stuhllehne, das
+etwas bleiche Antlitz der Thür zugedreht &ndash; Auguste
+mußte tief Athem holen, denn ein unsagbares Etwas
+schnürte ihr die Brust zusammen, &ndash; saß der Mann
+im grauen Rock, genau wie sie ihn an jenem Abend
+gesehen, in jeder Miene, in jeder Falte seines Rockes.</p>
+
+<p>»So meine liebe Frau Justizräthin«, rief aber der
+Doctor jetzt &ndash; »hier habe ich also das Vergnügen
+Ihnen unseren Buzemann, unser Schreckgespenst vorzustellen.
+Herrn Conrad Wohlmeier aus Königsberg
+&ndash; Herr Wohlmeier, Frau Justizräthin Bertling
+&ndash; bitte reichen Sie ihr die Hand, damit sie nicht
+etwa glaubt, Sie beständen blos aus Kohlenstoff und
+Stickstoffgas.«</p>
+
+<p>Der kleine Mann war etwas verlegen von seinem
+Stuhl aufgestanden und der ihn noch immer starr ansehenden
+Frau die Hand entgegenreichend, sagte er:</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="page_128" title="128"> </a>
+»Frau Justizräthin, es sollte mir unendlich leid
+thun, wenn Sie mich für einen Geist gehalten haben. &ndash;
+Ich bin nur ein armer Gymnasiallehrer, der&nbsp;&ndash;«</p>
+
+<p>»Bravo«! rief der Doctor lachend aus, »das war
+eine vortreffliche Rede, die Sie da gehalten haben, und
+nun, meine liebe Frau Justizräthin, sind Sie jetzt überzeugt,
+daß Sie Ihrem guten Mann ganz nutzlos eine
+Menge Sorge und Noth gemacht und sich selber in besonders
+thörichter Weise gequält und geängstigt haben?«</p>
+
+<p>»Lieber Doctor &ndash; wie soll ich Ihnen danken?«
+sagte die Frau, während Bertling auf sie zu ging und
+sie umarmte und küßte.</p>
+
+<p>»Und jetzt!« rief Pauline lachend aus, »wollen wir
+auch noch den letzten Zeugen herein holen, der eine ganz
+vortreffliche Erklärung abgeben kann, woher die Frau
+Heßberger etwas von dem Mann im grauen Rock gewußt«
+&ndash; und damit sprang sie nach der Thür des
+Doctors, um die Rieke herein zu rufen &ndash; aber die
+Thür war fest verschlossen und der Schlüssel abgezogen.
+&ndash;</p>
+
+<p>»Nun was ist das?« frug sie &ndash; »die Thür ist
+ja zu.«</p>
+
+<p>»Hm, ja,« lachte der Justizrath, aber doch etwas
+verlegen, »da ich &ndash; da ich doch nicht wissen konnte,
+wie die Sache heute ablief, so&nbsp;&ndash;«</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="page_129" title="129"> </a>
+»So hat er die Thür abgeschlossen, daß ihm der
+Geist nicht wieder davonlaufen konnte!« jubelte der
+Doctor &ndash; »das ist vortrefflich. Justizrath, Sie sind
+ein Schlaukopf.«</p>
+
+<p>Die Rieke wurde indessen hereingeholt und bestätigte,
+was sie schon an dem Nachmittag der Justizräthin
+gestanden, daß sie an jenem Abend die Frau
+Heßberger unten im Haus getroffen und sie gefragt
+habe, ob sie keinen Mann in einem grauen Rock gesehen,
+der so plötzlich weg gewesen wäre und über den
+sich die Frau so geängstigt hätte, daß sie ohnmächtig
+geworden wäre. Danach konnte sich die Kartenschlägerin
+wohl denken, daß die Erwähnung jenes Mannes
+noch frisch in der Erinnerung der Justizräthin sein
+würde und in der Art solcher Frauen benutzte sie das
+geschickt genug.</p>
+
+<p>Der Doctor schwur übrigens, daß er der Gesellschaft
+da oben über kurz oder lang das Handwerk legen
+lassen werde, denn er versicherte, daß ihm in letzter
+Zeit schon verschiedene Fälle vorgekommen wären, wo
+sie mit ihren so genannten Prophezeihungen Unheil gestiftet
+oder den Leuten sehr unnöthiger Weise Kummer
+und Herzeleid bereitet hätten.</p>
+
+<p>Unter der Zeit deckte die Rieke den Tisch und die
+kleine Gesellschaft setzte sich dann unter Lachen und
+<a class="pagenum" name="page_130" title="130"> </a>
+heiteren Gesprächen &ndash; die Justizräthin zwischen den
+Doctor und »den Mann im grauen Rock« &ndash; zu dem
+frugalen aber fröhlichen Mahle nieder. Von dem Abend
+an aber verließen jene bösen Träume die Justizräthin,
+denn zu fest hatte sie an die Erscheinung geglaubt, um
+nicht jetzt, wo ihr der unleugbare Beweis des Gegentheils
+geworden, auch nicht die ganze Gespensterfurcht
+fallen zu lassen. Der Justizrath aber, seinem Wort getreu,
+und nur zu glücklich, sein liebes Weib von jenem
+unheilvollen Gedanken geheilt zu sehen, beschenkte den
+kleinen Lehrer noch an dem nämlichen Abend so reichlich,
+daß er am nächsten Morgen, jeder Sorge enthoben,
+seine Heimreise und dann seine Stellung in der Vaterstadt
+antreten konnte.</p>
+
+
+
+
+<h2>Die Folgen einer telegraphischen Depesche.<a class="pagenum" name="page_131" title="131"> </a></h2>
+
+
+<p class="center"><b>Telegraphische Depesche</b></p>
+
+<p class="center">Dr. A. Müller Leipzig &ndash;straße 15.</p>
+
+<p class="center">Herzlichsten Glückwunsch &ndash; heutigen Geburtstag noch oft
+wiederkehren &ndash; Alle wohl &ndash; tausendmal grüßen &ndash; Inniger
+Freundschaft.</p>
+
+<p class="signature"><span class="gesperrt">Mehlig</span>.</p>
+
+<p>Obige Depesche war Morgens Früh, sieben Uhr
+in Berlin aufgegeben worden, gelangte durch den
+Drath nach Leipzig und wurde dem erst gestern angestellten
+Depeschenträger Lorenz als erste Besorgung
+zur augenblicklichen Beförderung übergeben.</p>
+
+<p>Lorenz lief was er laufen konnte, warf am richtigen
+Haus angelangt, noch einen flüchtigen Blick auf
+die Adresse, zog dann die Klingel an der Hausthür,
+und wurde ohne Weiteres eingelassen.</p>
+
+<p>Wie er die Hausflur betrat, öffnete sich rechts eine
+Thür. Ein ältliches Fräulein mit weißer Haube und
+Schürze kam heraus, und trug einen Präsentirteller
+<a class="pagenum" name="page_132" title="132"> </a>
+in der Hand, auf dem das, wahrscheinlich eben
+gebrauchte Kaffeeservice stand; Lorenz trat auf sie zu.</p>
+
+<p>»Telegrafische Depesche!« sagte er und hielt ihr
+das Couvert mit dem rothen Streifen entgegen.</p>
+
+<p>»Jesus Maria und Joseph!« schrie die Dame,
+schlug in blankem Entsetzen die Hände über den Kopf
+zusammen und ließ das ganze Kaffeeservice auf die
+Erde fallen.</p>
+
+<p>»Bitte tausendmal um Entschuldigung,« sagte
+Lorenz, indem er sich bückte und die halbe Kaffeekanne
+aufhob, den Präsentirteller aber liegen ließ.</p>
+
+<p>»Von wem ist sie denn?« schrie aber die Dame,
+ohne selbst in dem Augenblick des zerbrochenen Geschirrs
+zu achten.</p>
+
+<p>»Ja das weeß ich Sie werklich nich,« sagte Lorenz,
+»aber sie is für den Herrn Doctor Müller.«</p>
+
+<p>»Doctor Müller? &ndash; Sie Ungeheuer Sie, was
+bringen Sie mir denn da das entsetzliche Papier?«
+rief die Dame mit vor Zorn gerötheten Wangen.</p>
+
+<p>»Aber ich bitte Sie um tausend Gottes Willen
+mein bestes Mamsellchen!«</p>
+
+<p>»Jetzt kann mir Ihr Telegraph mein Service
+bezahlen,« zürnte aber die schöne Wüthende, »das ist
+ja ärger wie Einbruch und Diebstahl! oh, das herrliche
+Porcellan!« Sie kniete neben den Scherben nieder
+<a class="pagenum" name="page_133" title="133"> </a>
+und begann die auseinander gesprengten Stücke, allerdings
+vergebens, wieder zusammenzupassen. Lorenz
+wurde es aber unheimlich und wenn er auch nicht recht
+begriff weshalb die Dame so erschreckt sei, hielt er
+dies doch für einen passenden Moment sich aus dem
+Staub zu machen. Doctor Müller wohnte jedenfalls
+oben. In Gedanken behielt er auch die halbe Kaffeekanne
+bis zur Treppe in der Hand, dort legte er sie
+aber vorsichtig auf die erste Stufe und stieg dann
+rasch hinauf in die Bel-Etage.</p>
+
+<p>Hier mußte er wieder klingeln. Ein Dienstmädchen
+öffnete ihm die Thür.</p>
+
+<p>»Telegrafische Depesche!« sagte Lorenz und hielt
+ihr das Papier entgegen. Kaum war aber das Wort
+heraus, als das Mädchen ihm die Thür wieder vor
+der Nase zuschlug und er hörte nur noch wie sie drin
+über den Gang stürzte und in ein Zimmer hineinschrie:
+»O Du lieber Gott eine telegraphische Depesche.«
+Ein lauter Schrei antwortete &ndash; ängstlich hin und
+wiederlaufende Schritte wurden drinnen laut und
+Niemand schien sich weiter um Lorenz zu bekümmern.</p>
+
+<p>»Hm,« dachte dieser, »das is mer doch eene kuriose
+Geschichte &ndash; was se nur derbei haben? &ndash; wenn se
+nich bald kommen, bimmele ich noch eenmal.«</p>
+
+<p>Schon hatte er die Hand zum zweitenmale nach
+<a class="pagenum" name="page_134" title="134"> </a>
+der Klingel ausgestreckt, als es drinnen wieder laut
+wurde. Deutlich konnte er die Schritte einer Anzahl
+von Personen hören, die auf die Saalthür zukamen
+und diese wurde endlich wieder halb geöffnet.</p>
+
+<p>Wenn Lorenz nicht selber so erschreckt gewesen
+wäre, hätte er gern gelacht, denn auf dem Gang drinnen
+stand die wunderlichste Procession, die er in seinem
+ganzen Leben gesehen. Vorn ein Herr mit einem
+dicken rothen Gesicht und feuerrothem Backenbart,
+einem sehr schmutzigen Schlafrock, darunter die zusammengebundenen
+Unterhosen und ein Paar niedergetretene
+Pantoffeln. Hinter ihm stand eine Dame, ebenfalls
+im höchsten Morgennegligée mit weißer Nachtjacke
+und Unterrock. Rechts und links von diesen beiden
+drängten sich zwei Dienstboten herbei, Neugierde und
+Furcht in den bleichen Gesichtern und vier oder fünf
+Kinder schauten dazu mit den noch ungewaschenen und
+ungekämmten Köpfen vor, wo sie irgend Raum finden
+konnten diese durchzuschieben.</p>
+
+<p>»Telegrafische Depesche für Herrn Doctor Müller,«
+sagte Lorenz, um diesmal keine Verwechslung des
+Namens möglich zu machen.</p>
+
+<p>»Müller? &ndash; Holzkopf!« schrie aber der Herr im
+Schlafrock und warf die Thür von innen wieder dermaßen
+<a class="pagenum" name="page_135" title="135"> </a>
+in's Schloß, daß Lorenz kaum Zeit behielt zurückzuspringen.</p>
+
+<p>Etwas erstaunt blieb er, mit seiner Depesche in der
+Hand, jetzt an der Schwelle stehn, fing aber doch nun
+an zu glauben, daß die ganze Sache irgend etwas
+Furchtbares und Gefährliches in sich trage, das mit den
+geheimnißvollen Telegraphendrähten natürlich in directer
+Verbindung stehen mußte, und daß jetzt mehr als
+je daran liege, die richtige Person dafür zu finden. Vor
+allen Dingen suchte er deshalb, ehe er sich weiteren
+Mißverständnissen aussetzte, die Wohnung des besagten
+Doctor Müller ausfindig zu machen und der Zeitungsjunge,
+der eben das Tageblatt brachte, diente
+ihm dabei als untrügliche Quelle.</p>
+
+<p>»Doctor Müller?« sagte dieser &ndash; »eine Treppe
+höher, können gleich das Tageblatt mit hinaufnehmen
+&ndash; doch Treppen genug zu laufen.«</p>
+
+<p>Lorenz übernahm die Besorgung und befand sich
+bald zu seiner innigen Beruhigung an der rechten
+Thür. Ein kleines weißes Schild mit dem Namen
+des Dr. Müller darauf zeigte ihm, daß er sein Ziel
+erreicht habe.</p>
+
+<p>An dieser Vorsaalthür war keine Schelle. Er
+klopfte erst ein paar Mal, und da ihm Niemand antwortete,
+drückte er die Klinke nieder und trat ein.
+<a class="pagenum" name="page_136" title="136"> </a>
+Auf dem Vorsaal sah er auch Niemanden und die Küche
+stand leer, in der nächsten Stube hörte er aber Stimmen,
+ging dort hinüber und klopfte an.</p>
+
+<p>Wie sich die Thür öffnete glänzte ihm ein mit
+Blumen, Torten und Geschenken bedeckter Tisch entgegen
+und eine junge allerliebste kleine Frau frug ihn
+freundlich was er wünsche. Lorenz, der außerordentlich
+gutmüthigen Herzens war, dachte aber mit Zagen
+an die Verwirrung, die er parterre und im ersten Stock
+schon angerichtet hatte und wünschte, mit dem unbestimmten
+Bewußtsein, daß er der Träger irgend einer
+furchtbaren Nachricht wäre, diese der jungen hübschen
+Frau so vorsichtig als möglich beizubringen.</p>
+
+<p>»Ach heren Se,« sagte er deshalb &ndash; »erschrecken
+Sie nich &ndash; es is Sie was vom Telegrafen.«</p>
+
+<p>Die junge Frau sah ihn stier an, hob langsam den
+rechten Arm in die Höh und brach mit dem kaum hörbaren
+Schrei: »Er ist todt!« bewußtlos zusammen.
+Ihr Gatte hatte auch in der That kaum Zeit sie aufzufangen
+und vor einem vielleicht schlimmen Sturze
+zu bewahren.</p>
+
+<p>»Um Gottes Willen, was ist?« frug er dabei
+den wie halb vom Schlag gerührten Depeschenträger
+»eine Telegraphische Depesche? &ndash; woher?«</p>
+
+<p>»Nun, da Sie's doch schon einmal wissen,« sagte
+<a class="pagenum" name="page_137" title="137"> </a>
+Lorenz, inniges Mitleid in den erschreckten Zügen &ndash;
+»es is Sie richtig vom Telegrafen.«</p>
+
+<p>Der junge Mann trug sein armes, bewußtloses
+Frauchen auf das Sopha, wo er sie den Händen der
+jammernd herbeistürzenden Schwiegermutter übergab.
+Das Kind, das die Wärterin auf dem Arme trug,
+fing dabei an zu schreien, die Köchin war ebenfalls
+herein gekommen und stand schluchzend und händeringend
+an der Thür und mit zitternden Händen
+erbrach jetzt Dr. Müller die Depesche, deren Buchstaben
+ihm im Anfang vor den Augen flirrten und tanzten.
+Endlich las er leise vor sich hin:</p>
+
+<p class="center">Herzlichen Glückwunsch &ndash; heutigen Geburtstag
+&ndash; noch oft wiederkehren &ndash; Alle wohl &ndash;
+tausendmal grüßen &ndash; liebe Frau auch. Inniger
+Freundschaft.</p>
+
+<p class="signature">Mehlig.</p>
+
+<p>Erst am Schluß und wie ihm das Bewußtsein
+dämmerte um was es sich hier handele, knitterte er
+das Papier in der Hand zusammen, drehte einen Ball
+daraus und schleuderte diesen mit aller Gewalt auf
+den Boden.</p>
+
+<p>»Ist er todt?« sagte Lorenz in theilnehmendem
+Mitgefühl.</p>
+
+<p>»Gehen Sie zum Teufel,« rief Dr. Müller in
+<a class="pagenum" name="page_138" title="138"> </a>
+leicht verzeihlichem Aerger &ndash; »Sie und Ihre telegraphische
+Depesche &ndash; solchen Glückwunsch möcht ich
+mir nächstes Jahr noch einmal zum Geburtstag
+wünschen &ndash; meine arme Frau kann den Tod davon
+haben.«</p>
+
+<p>»Bitte tausendmal um Entschuldigung,« sagte
+Lorenz, Niemand bekümmerte sich aber mehr um ihn,
+denn die Uebrigen waren jetzt sämmtlich um die Ohnmächtige
+beschäftigt, so daß er die Gelegenheit für
+passend hielt, sich so rasch und unbemerkt als möglich
+zu entfernen. Durch das Haus mußte er aber noch
+einmal förmlich Spießruthen laufen.</p>
+
+<p>»Ach Sie Unglücksvogel,« sagte das Kindermädchen,
+das ihm mit einer Vase frischen Wassers, um der
+Frau zu helfen, an der Thür begegnete.</p>
+
+<p>»Das nächste Mal erkundigen Sie sich vorher
+nach dem Namen, Sie Dingsda« &ndash; sagte der Herr
+in dem schmutzigen Schlafrock, der an der Saalthür
+in der ersten Etage ganz besonders auf ihn gewartet
+haben mußte, als er dort rasch und geräuschlos vorbeigleiten
+wollte, und unten in der Hausflur saß die
+Mamsell noch immer bei den Scherben, die sie vergebens
+zusammenpaßte.</p>
+
+<p>Auch diese empfing ihn wieder mit einer Fluth von
+Vorwürfen, Lorenz aber hielt sich nicht auf und floh
+<a class="pagenum" name="page_139" title="139"> </a>
+aus dem Haus hinaus, als ob er hätte stehlen wollen
+und dabei erwischt worden wäre.</p>
+
+<p>Erst nach langer Zeit gewöhnte er sich auch an
+diese unausbleiblichen Folgen derartiger Depeschen,
+und als ich ihn neulich sprach, hatte er sogar eine Art
+statistischer Tabelle aufgestellt, nach der er berechnet
+haben wollte, daß durchschnittlich auf je vier telegraphische
+Depeschen &ndash; denn nicht alle laufen so unglücklich
+ab, &ndash; eine Ohnmacht und zwei zerbrochene Tassen,
+nur auf die sechste oder siebente aber ein ernstlicher
+Unfall folge.</p>
+
+<p>»S'is was Scheenes um en Telegrafen,« sagte er
+dabei, »aber Gott bewahre Eenen vor ener telegrafischen
+Depesche!«</p>
+
+
+
+
+<h2>Der Polizeiagent.<a class="pagenum" name="page_140" title="140"> </a></h2>
+
+
+<h3>I.<br />
+
+<b>Im Packwagen.</b></h3>
+
+
+<p>Es war im Juli des Jahres 18&ndash;, als der von
+Cassel kommende Schnellzug in Guntershausen hielt
+und dort solch eine Unzahl von Passagieren vorfand,
+daß die Schaffner kaum Rath und Aushilfe wußten.
+Alle Welt befand sich aber auch gerade in dieser Zeit
+unterwegs und die Züge &ndash; da das andauernd
+schlechte Wetter bisher die Reisenden zurückgehalten
+&ndash; waren bei dem ersten warmen Sonnenstrahl gar
+nicht auf einen so plötzlichen Andrang berechnet gewesen.</p>
+
+<p>Uebrigens machte man möglich, was eben möglich
+zu machen war. Alle vorhandenen Wagen wurden
+eingeschoben, jeder noch freie Platz dritter Klasse &ndash;
+zum großen Aergerniß mit Hutschachteln und Reisetaschen
+reich bepackter Damen &ndash; auf das gewissenhafteste
+<a class="pagenum" name="page_141" title="141"> </a>
+ausgefüllt und dann in die zweite, ja sogar
+selbst in die erste Klasse hineingeschoben was eben hineinging.
+Die nächsten Stationen nahmen ja auch wieder
+Reisende ab, und nach und nach regulirte sich alles.</p>
+
+<p>Durch diesen Aufenthalt hatte sich der Schnellzug
+aber auch um eine gute halbe Stunde verspätet und
+war eben zum Abfahren fertig, als noch ein leichter
+Einspänner angerasselt kam und ein einzelner Herr,
+eine kleine lederne Reisetasche in der Hand, heraus
+und darauf zusprang.</p>
+
+<p>»Zu spät,« rief ihm der Oberschaffner entgegen
+und gab den verhängnißvollen schrillenden Pfiff; »wir
+haben alle Personenwagen besetzt.«</p>
+
+<p>Der Fremde, der augenscheinlich kein Neuling auf
+Reisen war, warf einen raschen, prüfenden Blick
+über die lange Wagenreihe und sah Kopf an Kopf in
+den Fenstern &ndash; aber die Schiebethür des Packwagens
+stand noch halb geöffnet.</p>
+
+<p>»Dann werde ich mich bis zur nächsten Station
+bei den Koffern einquartiren,« lachte er und ohne
+die Einwilligung des Schaffners abzuwarten, der
+übrigens auch nichts dagegen hatte, sprang er auf den
+Wagentritt und in den Packwagen hinein. Bei einem
+solchen Andrang von Personen mußte sich ein jeder
+helfen so gut er eben konnte.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="page_142" title="142"> </a>
+»Das ist eigentlich nicht erlaubt&nbsp;&ndash;« sagte der
+Packmeister; aber der Fremde kannte genau die
+Sprache, die hier alleinige Geltung hatte, und dem
+Packmeister ein Stück Geld in die sich unwillkürlich
+öffnende Hand drückend, lachte er:</p>
+
+<p>»Ich führe ganz vortreffliche Cigarren bei mir
+und wenn ich nicht im Wege bin, erlauben Sie mir
+wohl eine Viertelstunde Ihnen hier Gesellschaft zu
+leisten.«</p>
+
+<p>»Haben Sie denn ein Billet?« frug der Mann
+und sein <em class="gesperrt">Gefühl</em> sagte ihm, daß er ein großes Silberstück
+in der Hand hielt.</p>
+
+<p>»Noch nicht &ndash; ich bin eben erst, wie der Zug abgehen
+wollte, mit einem Einspänner von Melsungen
+herüber gekommen. Mein Billet nehme ich auf der
+nächsten Station.«</p>
+
+<p>»Na da setzen Sie sich nur da drüben auf den Koffer,
+in Treysa gibt's Platz,« bemerkte der Packmeister,
+während der Fremde seine Cigarrentasche herausnahm
+und sie dem Manne hinhielt.</p>
+
+<p>»Mit Erlaubniß &ndash; danke schön« &ndash; die Bekanntschaft
+war gemacht, der Zug überdies in Bewegung
+und der Passagier, bis ein anderer Platz für ihn gefunden
+werden konnte, rechtsgültig untergebracht.</p>
+
+<p>Eine Cigarre wirkt überhaupt oft Wunder und
+<a class="pagenum" name="page_143" title="143"> </a>
+die Menschen, die sich diesen Genuß aus ein oder dem
+andern Grunde versagen, wissen und ahnen gar nicht,
+wie sehr sie sich oft selber dadurch im Lichte stehen.
+Mit einer Cigarre ist jeder im Stande, augenblicklich
+auf indirecte Art eine Unterhaltung anzuknüpfen, indem
+man nur einen Reisegefährten um Feuer bittet.
+Ist dieser in der Stimmung, darauf einzugehen, so
+giebt er die eigene Cigarre zum Anzünden. Paßt es
+ihm aber nicht, so bleibt ihm immer noch ein Ausweg
+&ndash; er reicht dann dem Bittenden einfach ein
+Schwefelholz. Der Empfänger dankt, zündet seine
+Cigarre an, wirft das Holz weg und betrachtet sich
+als abgewiesen.</p>
+
+<p>Mit einer dargebotenen Cigarre gewinne ich mir
+außerdem das Herz unzähliger Menschen, die der
+<em class="gesperrt">nicht</em> rauchende Reisende in gemeiner Weise durch
+schnöde Fünf- und Zehn-Groschenstücke gewinnen muß.
+&ndash; Sitz' ich auf der Post neben dem Postillion auf
+dem Bock, so öffnet mir eine Cigarre sein ganzes Herz;
+ich erfahre nicht allein die außerordentlichen Eigenschaften
+seiner Pferde, sondern auch die Familiengeheimnisse
+des Posthalters und erweiche ich dasselbe
+sogar noch mit einem Glase Bier, so liegt sein eigenes
+Innere offen vor mir da. Selbst der gröbste Schaffner
+wird rücksichtsvoll, sobald er die ihm dargereichte
+<a class="pagenum" name="page_144" title="144"> </a>
+Cigarrentasche erblickt &ndash; man soll nämlich derartigen
+Leuten nie eine einzelne Cigarre hingeben, weil sie
+außerordentlich mißtrauisch sind und leicht Verdacht
+schöpfen können, man führe besondere »Wasunger«
+Sorten bei sich für solchen Zweck und das verletzt
+ihr Ehrgefühl.</p>
+
+<p>Auch der Packmeister war gesprächig geworden &ndash;
+die Cigarre schmeckte ausgezeichnet &ndash; und erzählte
+von dem, was ihm natürlich am nächsten lag, von
+der ewigen unausgesetzten Plackerei, so daß man seines
+Lebens kaum mehr froh werden könnte. Die ganze Welt
+reise jetzt &ndash; wie er meinte &ndash; in die Bäder. Er reiste
+auch in einem fort &ndash; alle Wochen drei Mal in die
+Bäder, kam aber nie hin und hatte kaum Zeit, sich
+Morgens ordentlich zu waschen, viel weniger zu baden.
+In seinem Packwagen stecke er dazu wie eine Schnecke
+in ihrem Haus, nur daß die Schnecke nicht ununterbrochen
+Koffer und Hutschachteln ein- und auszuladen
+hätte. »Sehen Sie« &ndash; setzte er dann hinzu &ndash; »so
+gewöhnt man sich aber daran, daß ich schon Nachts
+in meinem eigenen Bett &ndash; wenn ich meine Nacht daheim
+hatte und ich schlafe dicht am Bahnhof &ndash; im
+Traum, sowie ich nur die verdammte Locomotive
+pfeifen hörte, Bettdecke und Kopfkissen in die Stube
+hineingefeuert habe, weil ich glaubte, es wäre Station
+<a class="pagenum" name="page_145" title="145"> </a>
+und ich müßte ausladen. Es ist Sie ein Hundeleben.«</p>
+
+<p>Wieder pfiff diese nämliche Locomotive. Der Zug
+hielt an einer der kleinen Stationen und drei Koffer
+gingen hier ab, und ein anderer Koffer mit zwei Reisesäcken
+und eine Kiste kam hinzu. Der Fremde mußte
+aber noch sitzen bleiben, denn der Aufenthalt dauerte zu
+kurze Zeit, um ein Billet lösen zu können.</p>
+
+<p>»Ich begreife nicht,« sagte der Fremde, »wie Sie
+sich da immer so zurecht finden, daß Sie gleich wissen
+was expedirt wird und was dableibt. Kommt da nicht
+auch oft ein Irrthum vor?«</p>
+
+<p>»Doch selten,« meinte der Packmeister, indem er
+seine bei der Expedition ausgegangene Cigarre wieder
+mit einem Schwefelhölzchen anzündete &ndash; »man bekommt
+Uebung darin. Nur heute wär mir's in dem
+Wirrwarr bald schief gegangen, denn in Guntershausen
+hatte ich aus Versehen den nämlichen Koffer
+hinausgeschoben, auf dem Sie da sitzen. Glücklicherweise
+kriegte ihn der Eigenthümer noch zur rechten Zeit
+in die Nase &ndash; und das bischen Spectakel, was der
+machte! Aber es war ja noch kein Malheur passirt
+und so schoben wir ihn wieder herein. Den Packmeister
+möchte ich überhaupt sehen, dem nicht schon einmal
+ein falscher Koffer entwischt ist &ndash; der Telegraph
+<a class="pagenum" name="page_146" title="146"> </a>
+bringt das aber alles wieder in Ordnung. &ndash; Staatseinrichtung
+das mit dem Telegraphen.«</p>
+
+<p>Der Fremde hatte sich, während der Mann sprach
+fast unwillkührlich den Koffer angesehen, auf dem er
+saß, und stand jetzt auf und las das kleine Messingschild.
+Es enthielt nur die zwei Worte »<i>Comte
+Kornikoff</i>.«</p>
+
+<p>»Und wie sah der Herr aus, dem der Koffer gehörte?«
+frug er endlich.</p>
+
+<p>»Oh, ein kleines, schmächtiges Männchen,«
+meinte der Packmeister, »mit einem pechschwarzen
+Schnurrbart und einer blauen Brille.«</p>
+
+<p>»Wohin geht denn der Koffer heute?«</p>
+
+<p>»Nach Frankfurt &ndash; ich war ja ganz confus und
+glaubte, er ginge nach Cassel, weil ich gestern den
+Packwagen dorthin hatte.«</p>
+
+<p>Wieder pfiff die Locomotive und während der
+Packmeister von seinem Geschäft in Anspruch genommen
+wurde, betrachtete der Fremde das Schild noch
+genauer, aber er sprach nichts weiter darüber und da
+sie gleich darauf in Treysa hielten, mußte er dort
+aussteigen und ein Billet lösen. Hier war auch eine
+große Zahl von Passagieren abgegangen und Platz genug
+geworden.</p>
+
+<p>»Wohin fahren Sie?«</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="page_147" title="147"> </a>
+»Frankfurt&nbsp;&ndash;«</p>
+
+<p>»Die vorderen Wagen.«</p>
+
+<p>Der Fremde schritt an der Reihe hinauf und sah
+in die verschiedenen Coupés hinein. In dem einen
+saß ein Herr und eine Dame. Der Herr trug eine
+blaue Brille. Er öffnete sich selber die Thür, stieg
+ein, grüßte und nahm dann in der einen Ecke Platz.</p>
+
+<p>Der Herr mit der blauen Brille schien das nicht
+gern zu sehen &ndash; er schaute aus dem Wagenfenster
+als ob er einen Schaffner herbeirufen wollte, und
+warf dann einen forschenden Blick auf den Fremden.
+Dieser aber kümmerte sich nicht darum, legte seine
+kleine Reisetasche in das Netz hinauf und machte es
+sich dann vollkommen bequem.</p>
+
+<p>»Bitte, Ihr Billet, mein Herr&nbsp;&ndash;«</p>
+
+<p>»Hier&nbsp;&ndash;«</p>
+
+<p>»Sie haben aber erste Klasse.«</p>
+
+<p>»Es sitzen einige Damen erster Klasse,« sagte der
+Fremde, »und da ich den Herrn da rauchen sah, nahm
+ich <em class="gesperrt">hier</em> Platz. Die Dame wird mir wohl das Anzünden
+einer Cigarre erlauben.«</p>
+
+<p>Die letzten Worte waren, wie halb fragend an
+die Dame gerichtet, deren Gesichtszüge sich aber nicht
+im Geringsten dabei veränderten. Sie mußte den
+Sinn derselben gar nicht verstanden haben.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="page_148" title="148"> </a>
+Der Schaffner coupirte das Billet und die Passagiere
+waren allein; da aber der Fremde der Artigkeit
+Genüge leisten wollte, nahm er seine Cigarrentasche
+heraus und aus dieser eine Cigarre und sagte dann
+noch einmal, sich an den Herrn wendend:</p>
+
+<p>»Die Dame scheint meine Frage nicht verstanden
+zu haben. Sie erlaubt mir wohl, daß ich rauche?«</p>
+
+<p>»Sprechen Sie Englisch?« frug der Herr in dieser
+Sprache zurück &ndash; »ich verstehe kein Deutsch&nbsp;&ndash;«</p>
+
+<p>»Ich muß sehr bedauern,« sagte der Fremde achselzuckend,
+aber wieder in deutscher Sprache. Die Unterhaltung
+war dadurch unmöglich geworden, die
+Pantomine indeß zu deutlich gewesen und der Herr
+mit der blauen Brille reichte dem, wie es schien eben
+nicht willkommenen Reisegefährten seine brennende
+Cigarre zum Anzünden, die dieser dankend annahm
+und dann zurückgab.</p>
+
+<p>Die Dame hatte den Kopf halb abgewandt und
+sah zu dem geöffneten Fenster hinaus. Der Fremde
+warf unwillkürlich den Blick nach ihr hinüber und
+mußte sich gestehen, daß er selten, wenn je in seinem
+Leben, ein schöneres Gesicht, regelmäßigere Züge,
+feurigere Augen und einen tadelloseren Teint gesehen
+habe. Und wie schön mußte das Mädchen oder die
+Frau erst sein, wenn sie <em class="gesperrt">lächelte</em>, denn jetzt zog eine
+<a class="pagenum" name="page_149" title="149"> </a>
+Mischung von Trotz und Stolz &ndash; vielleicht der Unwille
+über des Fremden Gegenwart, die fein geschnittenen
+Lippen zusammen und gab dem lieben Antlitz
+etwas Finsteres und Hartes, was ihm doch sonst gewiß
+nicht eigen war.</p>
+
+<p>Ein kurzes Gespräch entspann sich jetzt zwischen
+dem Herrn und der Dame, auf welches der Fremde aber
+nicht zu achten schien, denn er nahm ein Eisenbahnbuch
+aus der Tasche und blätterte darin. Die Dame sagte,
+ohne jedoch den Blick von der Landschaft wegzuwenden,
+ebenfalls in englischer Sprache:</p>
+
+<p>»Wer ist der Fremde?«</p>
+
+<p>»Ich weiß es nicht,« lautete die Antwort, »aber
+wir brauchen uns seinetwegen nicht zu geniren; er versteht
+kein Englisch.«</p>
+
+<p>»Aber er sieht englisch aus.«</p>
+
+<p>»Bewahre,« lachte der Mann &ndash; »er hat auch
+nicht ein einziges englisches Stück Zeug an seinem
+Körper &ndash; die Reisetasche ist ebenfalls deutsch, gerade
+so wie sein Handbuch.«</p>
+
+<p>»Er ist lästig, wir hätten erster Classe fahren sollen.«</p>
+
+<p>»Liebes Herz, das schützt uns nicht vor Gesellschaft,
+denn der Herr hat ebenfalls ein Billet erster Classe
+und ist nur hier eingestiegen, weil er mich rauchen
+sah.«</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="page_150" title="150"> </a>
+»Dein fatales Rauchen.« &ndash; Die Unterhaltung
+stockte und der Herr mit der blauen Brille warf noch
+einen prüfenden Blick nach seinem Reisegefährten hinüber,
+der aber gar nicht auf ihn achtete und sich vollständig
+mit seiner Cigarre und seinem Buch beschäftigte.
+Nur dann und wann hob er den Blick und
+schaute nach beiden Seiten auf die Landschaft hinaus
+und streifte dann damit, wenn auch nur flüchtig, den
+Fremden.</p>
+
+<p>Es war eine kleine, aber zierliche schlanke Gestalt,
+sehr elegant, aber fast zu sorgfältig gekleidet, auch mit
+mehr Schmuck als ein wirklich vornehmer Mann zu
+zeigen pflegt. Die Hände aber hatten etwas wirklich
+Aristokratisches &ndash; sie waren weiß und zart geformt
+und wenn er den Mund zum Sprechen öffnete, zeigte
+er zwei Reihen auffallend weißer Zähne. Sein Haar
+war braun und etwas gelockt, der Schnurrbart aber
+von tiefer Schwärze, jedenfalls gefärbt. Die Augen
+ließen sich nicht erkennen, da sie von der blauen Brille
+bedeckt wurden. Trotzdem aber, daß er nur englisch
+zu sprechen schien, war er vollkommen nach französischer
+Mode gekleidet. Nur die junge Dame trug in
+ihrem Putz und Reiseanzug den entschieden englischen
+Charakter, wie auch entschieden englische Züge.
+Ihren Begleiter würde man weit eher für einen
+<a class="pagenum" name="page_151" title="151"> </a>
+Franzosen als für einen Sohn Albions gehalten
+haben.</p>
+
+<p>Mehrere Stationen blieben die Drei allein in
+ihrem Coupé. Die Dame war müde geworden und
+hatte &ndash; soweit es die Bewegung des Wagens erlaubte
+&ndash; ein wenig geschlafen. In Gießen aber kamen noch
+eine Anzahl Passagiere hinzu und zwei von diesen, ein
+Herr und eine Dame, stiegen in dies nämliche Coupé.
+Wieder ein Paar Engländer und die Dame, wenn
+auch schon ziemlich in den Jahren, doch mit den unvermeidlichen,
+langen Hobelspahnlocken, die ihr vorn
+fast bis zum Gürtel nieder hingen; der Herr mit
+einem breitränderigen, schwarzen Filzhut, einem kleinen,
+sehr mageren Schnurrbart und einer Cigarre im
+Munde &ndash; lauter continentale Reiseerinnerungen,
+die wieder fallen müssen, sobald der Eigenthümer derselben
+den Boden seines Vaterlandes aufs neue betritt.</p>
+
+<p>Wenn sich die beiden Herren aber auch ziemlich
+kalthöflich gegeneinander verneigten, so schienen die
+Damen dagegen schon beim ersten Blick die gemeinsame
+Nationalität erkannt zu haben, und kaum saß
+die Neuhinzugekommene, als sie auch ein lebhaftes
+Gespräch mit ihrer jungen Nachbarin begann, an dem
+sich diese ebenfalls zu freuen schien, denn ihr Gemahl
+oder Begleiter hatte sie wenig genug unterhalten.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="page_152" title="152"> </a>
+Engländer auf dem Continent &ndash; wie könnte es
+ihnen auch an Stoff zur Unterhaltung fehlen &ndash; Vereinigt
+sie nicht ein gemeinsames Leid und Elend?
+Werden sie nicht gleichmäßig von allen Wirthen, Kellnern,
+Droschkenkutschern, Gepäckträgern und Lohnbedienten
+geprellt, und <em class="gesperrt">kann</em> ein wirklicher Engländer
+ohne Lohnbedienten auf dem Continent durchkommen,
+denn spricht er je die Sprache des Landes, auf dem er
+eine freie Zeit zubringen will? &ndash; Unter hunderten
+kaum einer.</p>
+
+<p>Das Gespräch &ndash; sowie nur die ersten Fragen über
+woher und wohin erledigt waren, drehte sich auch nur
+um diesen Gegenstand, und der Herr mit dem breitkrämpigen
+Hut nahm bald lebhaften Theil daran.</p>
+
+<p>Er kam mit seiner Frau natürlich von London,
+hatte vier Wochen zur Reise bestimmt, zwei davon
+schon nützlich verwandt, und schien fest entschlossen,
+auch die andern beiden noch daran zu setzen, um sich
+in jeder nur erreichbaren Stadt Deutschlands über
+die Wirthe im Einzelnen und das Volk im Allgemeinen
+zu ärgern, und dann mit dem stolzen Bewußtsein
+nach Hause zurückzukehren, daß es doch nur <em class="gesperrt">ein</em> England
+in der Welt gäbe.</p>
+
+<p>Die junge Frau kam, wie sie sagte, mit ihrem
+Mann von Hannover, wo sie ein Jahr bei Freunden
+<a class="pagenum" name="page_153" title="153"> </a>
+zugebracht. Sie beabsichtigten jetzt auf einen Monat
+nach Frankfurt oder auch vielleicht in ein benachbartes
+Bad zu gehen, um ihre Gesundheit, die durch den längeren
+Aufenthalt in dem rauhen Lande angegriffen sei,
+wieder herzustellen.</p>
+
+<p>»Und wo werden Sie in Frankfurt wohnen?«</p>
+
+<p>Sie wußten es noch nicht &ndash; der Herr mit dem
+breiträndrigen Hut schlug die »Stadt Hull« als ein
+sehr billiges, ihm besonders empfohlenes Gasthaus
+vor. Uebrigens könne man ja vorher über den Preis
+von »<i>board and lodging</i>« akkordiren &ndash; <em class="gesperrt">er</em> thäte das
+immer, wenn es auch ein wenig »schäbig« aussehe &ndash;
+den deutschen Wirthen gegenüber sei man sich das aber
+schuldig.</p>
+
+<p>Beide Parteien beschlossen deshalb, in Stadt Hull
+zu übernachten und gemeinschaftlich zu essen &ndash; »es
+sei das billiger.« Morgen konnte man dann auch zusammen
+einen Lohnbedienten nehmen, und sparte dadurch
+die halbe Auslage &ndash; der morgende Tag würde
+überhaupt ein sehr angestrengter werden, denn es gab
+in Frankfurt &ndash; nach Murray &ndash; eine Unmasse von
+Sehenswürdigkeiten, die nun einmal durchgekostet werden
+<em class="gesperrt">mußten</em>, wenn man nicht die Reise umsonst gemacht
+haben wollte.</p>
+
+<p>Der Herr mit der blauen Brille hatte sich nicht
+<a class="pagenum" name="page_154" title="154"> </a>
+sehr an der Unterhaltung betheiligt. Er schien keine
+Freude daran zu finden. Auch die Aufforderung, gemeinsam
+in Stadt Hull zu logiren, beantwortete er
+zweideutig, während die junge Dame augenblicklich
+bestimmt zusagte. Dann lehnte er sich in seine Ecke
+zurück und schlief &ndash; er verhielt sich wenigstens von
+da an vollkommen ruhig, wenn man auch der blauen
+Brillengläser wegen nicht einmal sehen konnte, ob er
+nur die Augen geschlossen hielt.</p>
+
+<p>Es war indessen dunkel geworden &ndash; die übrigen
+Passagiere wurden ebenfalls müde, und nur auf der
+vorletzten Station unterbrach der Schaffner noch einmal
+die Stille, indem er die Billete nach Frankfurt
+abforderte.</p>
+
+<p>Der Fremde mit der blauen Brille schien wirklich
+eingeschlafen zu sein. Er fuhr, als ihn der Schaffner,
+der neben ihm durch das Fenster sah, auf die Schulter
+klopfte, ordentlich wie erschreckt in die Höhe und sah
+sich wild und verstört um &ndash; er hatte jedenfalls geträumt,
+und suchte dann, als er begriff was man von
+ihm wolle, in der Westentasche nach seinem Billet.</p>
+
+<p>Ein kleiner weißer Streifen Papier fiel dabei auf
+die Erde und der Fremde mit der Reisetasche, der
+jenem schräg gegenüber saß, stellte den Fuß darauf.
+Dann war wieder alles still; der mit der blauen
+<a class="pagenum" name="page_155" title="155"> </a>
+Brille lehnte sich in seine Ecke zurück und sein halbes
+<i>Vis-à-vis</i> nahm sein Taschentuch heraus, ließ es wie
+zufällig fallen und hob den Zettel damit auf &ndash; es
+war der Gepäckschein.</p>
+
+<p>Bald darauf rasselte der Zug mit einem markdurchschneidenden
+Pfeifen &ndash; daß Einem die eigene
+Lunge weh that, wenn man es nur hörte &ndash; in den
+Frankfurter Bahnhof ein, und der Fremde mit der
+kleinen Reisetasche war der erste, der aus dem Wagen
+sprang und zu dem Güterkarren eilte. Hatte er indessen
+unredliche Absichten dabei gehabt, so sollte er die
+vereitelt sehen, denn es dauerte eine Ewigkeit, bis der,
+wie es schien, wohlgemerkte Koffer, auf den der Schein
+lautete, zum Vorschein kam, und bis dahin war der
+rechtmäßige Eigenthümer schon ebenfalls herbei gekommen
+und erkannte sein Gepäck. Vergebens suchte er
+indessen in allen Taschen nach seinem Schein und
+fluchte auf deutsch, englisch und französisch, daß ihm
+die Beamten sein Gepäck nicht ohne denselben ausliefern
+wollten.</p>
+
+<p>Der Fremde hatte sich etwas zurückgezogen und
+stand im Schatten eines Pfeilers &ndash; jedenfalls machte
+er da die Entdeckung, daß der Herr mit der blauen
+Brille nicht allein vollkommen gut deutsch, sondern
+auch französisch sprach, und sich in beiden Sprachen
+<a class="pagenum" name="page_156" title="156"> </a>
+erbot, seine Koffer zu öffnen und dadurch zu
+beweisen, daß er der Eigentümer sei.</p>
+
+<p>Der Inspektor kam endlich heran und ersuchte ihn
+sehr artig, nur so lange zu warten, bis das übrige
+Gepäck fortgenommen sei; wenn er dann die passenden
+Schlüssel producire, möge er seine Koffer mit fortnehmen.</p>
+
+<p>Der Fremde zeigte Anfangs viel Ungeduld, und
+erklärte mit dem nächsten Zuge nach Mainz noch weiter
+zu wollen, der Inspektor bedeutete ihm aber, daß
+er dann hätte besser auf seinen Gepäckschein Acht
+geben sollen &ndash; den Zug nach Mainz erreiche er indessen
+doch nicht mehr, da derselbe schon vor einer
+Viertelstunde abgegangen, weil sich der Schnellzug
+verspätet habe. Es blieb ihm zuletzt kein anderer Ausweg,
+als dem gegebenen Rath zu folgen, und als seine
+Koffer wirklich zurückgeblieben, und er sich durch seine
+Schlüssel als der rechtmäßige Eigenthümer legitimiren
+konnte, bekam er endlich sein Gepäck und ließ es
+&ndash; einen großen und einen kleineren Koffer &ndash; in die
+durch die Dame schon in Besitz genommene offene
+Droschke schaffen.</p>
+
+<p>Dicht dahinter hielt noch eine verschlossene Droschke
+<em class="gesperrt">ohne</em> Gepäck; sonst hatten sämmtliche Wagen, selbst
+die Omnibusse, schon die Bahn verlassen, und der
+<a class="pagenum" name="page_157" title="157"> </a>
+Kutscher fuhr jetzt, auf die Anweisung des Reisenden,
+nicht nach der Stadt Hull, sondern nach dem »<i>Hôtel
+Methlein</i>.«</p>
+
+<p>Die andere Droschke folgte in etwa zwanzig Schritt
+Entfernung nach, und hielt, als die erste in den Thorweg
+einfuhr. Ein Reisender mit einer kleinen Reisetasche
+in der Hand stieg aus, befahl dem Droschkenkutscher
+zu warten, und betrat dann zu Fuß das nämliche Hotel.</p>
+
+<p>Dort angekommen legte der Reisende nur eben in
+dem ihm bezeichneten Zimmer sein geringes Gepäck
+ab, bestellte sich unten im Speisesaal etwas zu essen
+und verließ dann noch einmal das Hotel, um nach
+dem Telegraphenbureau zu fahren. Dort gab er folgende
+Depesche auf:</p>
+
+<p class="center"><i>Mr. Burton, Union Hôtel, Hannover.</i></p>
+
+<p class="center">Ist ein Graf Kornikoff ein Jahr in Hannover
+gewesen? &ndash; Fremdenliste nachsehen. Kommen Sie
+so rasch als möglich hierher. &ndash; Bin ich abgereist,
+liegt ein Brief im Hotel.&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p class="signature"><i>H.</i></p>
+
+<p>Dann kehrte er ins Hotel zurück und verzehrte
+sein Abendbrod, das ihm der Kellner brachte.</p>
+
+<p>Der Saal war leer; nur vier Herren saßen an
+einem Tisch und schienen, schon ziemlich angetrunken,
+<a class="pagenum" name="page_158" title="158"> </a>
+den Geburtstag des einen zu feiern, der mit schwerer
+Zunge noch eine Flasche moussirenden Rheinwein bestellte.
+Um den Fremden bekümmerte sich Niemand.</p>
+
+<p>Dieser aß das ihm vorgesetzte Beefsteak, trank
+seine Flasche Wein dazu und wartete es ruhig ab, bis
+ihm der Kellner das Fremdenbuch brachte. In dasselbe
+schrieb er sich ein als W. Hallinger, Particulier aus
+Breslau und blätterte dann die Seiten nach den dort
+eingetragenen Namen durch.</p>
+
+<p>Ganz zuletzt &ndash; dicht über seinem eigenen Autograph
+&ndash; standen seine Reisegefährten eingetragen:
+»Comte Kornikoff und Frau, aus Petersburg &ndash; von
+Hannover nach Frankfurt.«</p>
+
+<p>Der Kellner hatte dabei bemerkt Nr. 6 und 7.</p>
+
+<p>»Wollen Sie morgen früh geweckt sein?« frug
+ihn der Portier, als er seine Flasche beendet und seine
+Cigarre ausgeraucht hatte, und eben im Begriff stand
+zu Bett zu gehen.</p>
+
+<p>»Wann geht der erste Zug?«</p>
+
+<p>»Wohin?«</p>
+
+<p>»Nach Mainz oder Wiesbaden.«</p>
+
+<p>»Sechs Uhr.«</p>
+
+<p>»Gehen da noch mehrere Passagiere ab?«</p>
+
+<p>»Jawohl,« erwiederte der Portier, auf die für den
+Hausknecht bestimmte Tafel zeigend &ndash; »Nr. 5, Nr. 17
+<a class="pagenum" name="page_159" title="159"> </a>
+und Nr. 37 lassen sich wecken. Soll ich Sie ebenfalls
+notiren?«</p>
+
+<p>»Ach, ich weiß nicht; ich bin müde heut Abend.
+Ich werde wohl erst mit dem zweiten Zug fahren.«</p>
+
+<p>»Sehr wohl, mein Herr &ndash; Kellner, Licht auf Nr. 8.
+Angenehme Ruhe.«</p>
+
+<p>Der Fremde stieg auf sein Zimmer hinauf und
+sah vor Nr. 7 ein Paar Herrenstiefeln und ein Paar
+lederne Damenschuhe stehen. Im Hotel schlief aber
+schon alles; es war spät geworden, da sich der Zug
+überhaupt verspätet hatte und der »Particulier Hallinger«
+suchte ebenfalls sein Lager.</p>
+
+
+
+
+<h3>II.<br />
+
+<b>Der Bundesgenosse.</b></h3>
+
+
+<p>Am nächsten Morgen war der Fremde, der sich
+in dem Fremdenbuch als Particulier Hallinger eingeschrieben
+hatte, trotzdem daß er nicht geweckt wurde,
+ziemlich früh wieder munter, aber es schlug 8 Uhr, und
+die Stiefel und die Damenschuhe standen noch immer
+vor Nr. 7, ohne hereingeholt zu sein. Erst gegen
+neun Uhr schienen die Insassen jenes Zimmers ordentlich
+munter zu werden, und um halb zehn Uhr wurde
+Kaffee bestellt. Aber erst gegen zwölf Uhr ging der
+Herr aus, und zwar allein &ndash; die Dame blieb auf
+<a class="pagenum" name="page_160" title="160"> </a>
+ihrem Zimmer. Wie der Kellner aussagte, fühlte sich
+die Dame nicht ganz wohl, und wollte heute ausruhen
+&ndash; er hatte wenigstens nicht in das Zimmer gedurft,
+und das Stubenmädchen mußte den Kaffee hinein
+tragen. Wahrscheinlich lag sie noch im Bette.</p>
+
+<p>Der Fremde blieb übrigens den ganzen Tag zu
+Haus, und schickte nur einen Brief an <i>Messrs. Burton
+&amp; Burton, London, 12 Fleetstreet</i> durch den
+Hausknecht auf die Post. Thatsache war übrigens,
+daß er sich ungemein für seine Nachbarschaft zu interessiren
+schien, denn als der Herr wieder nach Hause
+kam, rückte er sich leise einen Stuhl an die verschlossene
+Verbindungsthür und horchte stundenlang mit
+einer merkwürdigen Ausdauer dem da drüben gehaltenen
+Gespräch, jedoch ohne besonderen Nutzen. Die
+laut gesprochenen Worte waren vollständig gleichgültiger
+Natur, und das andere konnte er eben nicht verstehen.</p>
+
+<p>Zu Mittag aß er an der Table d'hôte, aber von
+Nr. 6 oder 7 ließ sich niemand dabei blicken. Die
+Dame schien sich noch angegriffen von der Reise zu
+fühlen und Beide speisten auf ihrem Zimmer.</p>
+
+<p>Erst Nachmittags begegnete er dem »Grafen
+Kornikoff« auf der Treppe und dieser sah ihn etwas
+überrascht durch seine blaue Brille an. Der Fremde
+<a class="pagenum" name="page_161" title="161"> </a>
+heuchelte aber vollständige Gleichgültigkeit, nahm nicht
+die geringste Notiz von ihm, und that wenigstens so,
+als ob er ihn gar nicht wieder erkenne.</p>
+
+<p>So verging der Tag, ohne daß die beiden Reisenden
+Miene gemacht hätten, Frankfurt wieder zu verlassen.
+Der Oberkellner, mit dem sich Herr Hallinger
+über die »bildschöne junge Frau« unterhielt, wußte
+wenigstens nicht das Geringste davon. Abends aber,
+als der Schnellzug von Hannover erwartet wurde, ging
+Hallinger hinaus auf den Bahnhof, und brauchte, als
+der Zug endlich einlief, auch nicht lange nach dem Erwarteten
+zu suchen. Dieser hatte ihn schon von seinem
+Coupé aus bemerkt und kam rasch auf ihn zu.</p>
+
+<p>»Hamilton! nun, was Neues?«</p>
+
+<p>»Ich glaube, ich bin auf der richtigen Spur, Mr.
+Burton,« sagte dieser, indem er achtungsvoll seinen
+Hut berührte. »Aber wo ist Ihr Gepäck?«</p>
+
+<p>»Nichts als die Reisetasche hier.«</p>
+
+<p>»Desto besser, auf der Jagd darf man nicht unnöthigen
+Plunder mitschleppen. Kommen Sie, ich habe
+schon eine Droschke«.</p>
+
+<p>»Gehen wir nicht lieber zu Fuß?«</p>
+
+<p>»Es ist zu weit &ndash; und fahren ist sicherer.«</p>
+
+<p>»Und was <em class="gesperrt">haben</em> Sie nun entdeckt?« frug der
+junge Engländer, als Beide eingestiegen waren und
+<a class="pagenum" name="page_162" title="162"> </a>
+davon rasselten &ndash; die Unterhaltung wurde auch in
+englischer Sprache geführt.</p>
+
+<p>»Das will ich Ihnen mit kurzen Worten sagen,«
+berichtete der fälschlich als deutscher Particulier eingetragene
+Fremde. »Durch einen reinen Zufall war
+ich genöthigt, ein Paar Stationen in einem Packwagen
+zu fahren, und fand dort einen Koffer, dessen
+Messingschild den Namen »<i>Comte Kornikoff</i>« trug.«</p>
+
+<p>»Und Sie glauben, daß jener Schuft Kornik
+dahinter stecke?«</p>
+
+<p>»Durch den Namen allein wäre ich vielleicht nicht
+einmal darauf gefallen,« fuhr Hamilton fort, »aber das
+französische Wort <i>Comte</i> war jedenfalls später zu dem
+Namen gravirt, denn es nahm nicht den Raum ein,
+den ihm der Graveur gegeben hätte, wenn er es von
+Anfang an darauf gesetzt. Ebenso schien das <i>off</i> hinzugefügt.«</p>
+
+<p>»Und die Beschreibung des Eigenthümers paßt?«
+rief Mr. Burton rasch.</p>
+
+<p>»Ja und nein. Wohl in der Gestalt, aber sonst
+nicht ganz; der dunkelblonde Backenbart fehlt«.</p>
+
+<p>»Der kann abrasirt sein.«</p>
+
+<p>»Das ist möglich &ndash; aber er trägt einen vollkommen
+schwarzen Schnurrbart und eine blaue Brille«.</p>
+
+<p>»Der Schnurrbart ist vielleicht gefärbt.«</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="page_163" title="163"> </a>
+»Das vermuthe ich selber. &ndash; Die Dame ist bei
+ihm.«</p>
+
+<p>»Miss Fallow?«</p>
+
+<p>»Unter dem Namen der Gräfin Kornikoff natürlich,
+&ndash; wenn das nämlich der von uns Gesuchte ist.
+Sie kennen ihn doch genau?«</p>
+
+<p>»Als ob er mein leiblicher Bruder wäre. Er war
+ja sieben Jahre in meines Vaters Haus und die beiden
+letzten als Hauptcassirer, wo er sich &ndash; wer weiß durch
+was, verleiten ließ, diesen bedeutenden Kassendiebstahl
+zu begehen.«</p>
+
+<p>»Wahrscheinlich durch eben diese junge Dame,«
+sagte Hamilton, »von der ich ganz allerliebste Sachen
+gehört habe. Ihr eigentlicher Name ist Lucy Fallow,
+Tochter eines Schneidermeisters in London, aber die
+Eltern sind beide todt. Es sollen ganz ordentliche
+Leute gewesen sein. Das junge Mädchen hatte, ihres
+anständigen Benehmens wegen und da sie wirklich
+nicht ungebildet ist, ein Paar Jahr mit einer vornehmen
+Familie reisen können, und dann später auch noch hie
+und da Unterricht in Musik gegeben. Dadurch kam
+sie auch in Lady Clives Haus, von wo aus sie jetzt
+beschuldigt wird, einen sehr werthvollen Schmuck entwendet
+zu haben.«</p>
+
+<p>»Der sich dann vielleicht in ihrem Koffer findet.«</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="page_164" title="164"> </a>
+»Beinah hätte ich diese beiden Koffer erwischt,«
+lächelte Hamilton leise vor sich hin, »aber ich durfte
+kein Aufsehen erregen, bis ich nicht durch <em class="gesperrt">Sie</em> hier
+Gewißheit über die Persönlichkeit erlangen konnte.
+Die Dame kennen Sie nicht selber?«</p>
+
+<p>»Nein &ndash; ich habe sie nie gesehen.«</p>
+
+<p>»Und von einem Grafen Kornikoff in Hannover
+auch nichts gehört?«</p>
+
+<p>»Nicht das Geringste. Kein Mensch wußte dort
+etwas von ihm, und er stand nicht einmal in einem
+Fremdenblatt. Er kann nur durchgereist sein, und
+Sie werden gewiß die richtige Spur gefunden haben.
+Uebrigens müssen wir vorher die nöthigen Schritte
+auf der Polizei thun.«</p>
+
+<p>»Ist schon alles geschehen,« sagte Hamilton. »Ich
+habe den Verhaftsbefehl für das Pärchen schon in der
+Tasche, und den Burschen mit seiner Donna fest, sowie
+Sie mir nur bestätigen, daß er der Rechte ist.«</p>
+
+<p>»Ich hätte im Leben nicht geglaubt,« sagte Mr.
+Burton, »daß Sie dem Betrüger sobald auf die Spur
+kämen. Es geht alles nach Wunsch. Apropos, haben
+Sie denn die Dame auch zu sehen bekommen?«</p>
+
+<p>»Ich bin ja mit ihnen in <em class="gesperrt">einem</em> Coupé gefahren,«
+lachte Hamilton, »und sie ahnten dabei wahrscheinlich
+nicht, daß sie einen geheimen Polizisten bei sich im
+<a class="pagenum" name="page_165" title="165"> </a>
+Wagen hatten. Nun ich denke, wir werden noch länger
+Reisegefährten bleiben. Aber da sind wir &ndash; jetzt
+haben wir nur darauf zu sehen, daß uns die Herrschaften
+nicht etwa morgen in aller Früh durchbrennen.
+Wollen wir gleich auf Ihr Zimmer gehen?«</p>
+
+<p>»Ich muß erst etwas essen; ich bin ganz ausgehungert.«</p>
+
+<p>»Schön &ndash; dann kommen Sie mit in den Speisesaal,
+wir finden ihn um diese Zeit fast leer.«</p>
+
+<p>Sie bogen rechts ein, um den Saal zu betreten.
+Als aber Hamilton die Hand nach der Thür ausstreckte,
+öffnete sich diese, und Graf Kornikoff trat heraus, warf
+einen flüchtigen Blick auf die Beiden und schritt dann
+langsam über den Vorsaal, der Treppe zu.</p>
+
+<p>»Das war er,« flüsterte Hamilton seinem Begleiter zu
+&ndash; »wenn er Sie nur nicht erkannt hat.«</p>
+
+<p>Unwillkührlich drehte Burton den Kopf nach ihm
+um, konnte aber die schmächtige Gestalt des Herrn nur
+noch sehen, wie er eben um die Ecke bog, ohne jedoch
+dabei zurückzuschauen.</p>
+
+<p>»Das glaub ich kaum,« sagte Burton, »denn der
+Moment war zu rasch, und dann hätte er doch auch
+jedenfalls irgend ein unwillkürliches Zeichen der Ueberraschung
+gegeben. In der Verkleidung und mit der
+blauen Brille und dem schwarzen Schnurrbart würde
+<a class="pagenum" name="page_166" title="166"> </a>
+ich selber aber nie im Leben diesen Mr. Kornik vermuthet
+haben. Wenn Sie sich nur nicht geirrt, denn
+in dem Fall versäumen wir hier viel Zeit.«</p>
+
+<p>»Ist es denn nicht wenigstens seine Gestalt?« frug
+Hamilton.</p>
+
+<p>»Die nämliche Gestalt allerdings,« bestätigte
+Burton, »aber das Gesicht konnte ich &ndash; unvorbereitet
+wie ich außerdem war &ndash; unmöglich in der Geschwindigkeit
+erkennen. Wann geht der erste Zug morgen
+früh?«</p>
+
+<p>»Erst um sechs Uhr.«</p>
+
+<p>»Ah, dann ist ja voller Tag,« sagte Burton, »und
+im schlimmsten Fall halten wir ihn mit Gewalt zurück.
+Wäre es aber nicht besser, wir äßen auf unserem
+Zimmer?«</p>
+
+<p>»Jetzt kommt er nicht mehr herunter,« meinte Hamilton.
+»Jedenfalls setzen Sie sich mit dem Rücken
+der Thür zu, und wenn er dann ja noch einmal den
+Saal betreten sollte, so werde ich bald sehen, was er
+für ein Gesicht dabei macht.«</p>
+
+<p>Hamilton hatte übrigens Recht. Graf Kornikoff
+ließ sich nicht mehr blicken und als die Beiden ihr
+Abendbrod beendet hatten, gingen sie auf Mr. Burtons
+Zimmer hinauf, das einen Stock höher als Hamiltons
+lag, um dort noch Manches zu besprechen.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="page_167" title="167"> </a>
+Burton hatte sich jedoch vorher, auf Hamiltons
+Rath unter einem französischen Namen in das Fremdenbuch
+eingetragen, um doch jede nöthige Vorsicht zu
+gebrauchen. Auch verabsäumte der schlaue Polizeibeamte
+nicht, vor Schlafengehen noch einmal die Tafel
+des Portiers zu revidiren, ob sich vielleicht Nr. 6 oder
+7 darauf befand, um früh geweckt zu werden. Das
+war aber nicht der Fall, und Hamilton glaubte jetzt
+selber, daß jener Herr, wenn es wirklich der Gesuchte
+gewesen, Mr. Burton in dem Moment ihres augenblicklichen
+und unerwarteten Begegnens nicht erkannt
+haben <em class="gesperrt">konnte</em>. Er brauchte also auch Nichts zu überstürzen.</p>
+
+
+
+
+<h3>III.<br />
+
+<b>Entwischt.</b></h3>
+
+
+<p>Mitternacht war lange vorüber, als sich Hamilton
+endlich erschöpft und ziemlich ermüdet auf sein Lager
+warf, aber trotzdem befand er sich schon um fünf Uhr
+angekleidet wieder draußen auf dem Gang, denn heute
+sollte er ja den Lohn seiner Bemühungen ernten, und
+die Zeit durfte ihn nicht lässig finden.</p>
+
+<p>Das Schuhwerk stand indeß noch immer friedlich
+dort draußen, des Hausknechts gewärtig, aber die Bewohner
+des Zimmers mußten auf sein &ndash; sollten sie
+doch am Ende heute morgen abfahren wollen? »Nein,
+<a class="pagenum" name="page_168" title="168"> </a>
+mein lieber Mr. Kornik,« lachte der Engländer still
+vor sich hin, »da wir Sie so hübsch in der Falle haben,
+wollen wir auch Acht geben, daß Sie uns nicht wieder
+durch die Finger schlüpfen.«</p>
+
+<p>In dem Augenblick wurde in Nr. 7 die Klingel gezogen
+und Hamilton trat in seine Stube zurück, ließ
+aber die Thür angelehnt. Er horchte &ndash; aber er
+konnte nicht hören, daß irgend jemand ein Wort sprach.
+Ein Paar Stühle wurden gerückt und Schiebladen
+ziemlich geräuschvoll auf- und zugemacht, aber keine
+Sylbe wurde laut. Hatte sich das junge Ehepaar vielleicht
+gezankt?</p>
+
+<p>Draußen klopfte der Kellner an Nr. 7 an.</p>
+
+<p>»<i>Walk in</i>.«</p>
+
+<p>Die Thür öffnete sich.</p>
+
+<p>»<i>Do you speak english?</i>« lautete die Frage
+der Dame.</p>
+
+<p>Der Kellner antwortete leise einige Worte, die
+Hamilton nicht verstehen konnte, aber die Frage mußte
+verneinend beantwortet sein, denn die Dame erwiderte
+gleich darauf heftig:</p>
+
+<p>»<i>So send somebody with whom I can
+speak</i>.«</p>
+
+<p>Der Kellner &ndash; Hamilton sah durch die Thürspalte,
+es war ein ganz junger Bursch, der augenscheinlich
+<a class="pagenum" name="page_169" title="169"> </a>
+gar nicht wußte, was die Dame von ihm
+wollte &ndash; eilte wieder die Treppe hinab. »Aber alle
+Wetter, wo stak denn Mr. Kornik, der doch ganz vortrefflich
+deutsch sprach?«</p>
+
+<p>Hamilton erschrak. Hatte der Verbrecher wirklich
+gestern Abend Burton erkannt und sich selber in
+Sicherheit gebracht? Darüber mußte er Gewißheit
+haben &ndash; aber seine Stiefeln standen noch vor der
+Thür. War er vielleicht krank geworden?</p>
+
+<p>Er stieg rasch die Treppe hinunter zum Portier,
+den er auch schon auf seinem Posten fand.</p>
+
+<p>»Ah, Portier, wissen Sie vielleicht, wann der Herr
+auf Nr. 7 wieder abreisen wird?«</p>
+
+<p>»Auf Nr. 7?«</p>
+
+<p>»Graf Kornikoff, glaube ich&nbsp;&ndash;«</p>
+
+<p>»Ah &ndash; ja der Herr Graf, kann ich wirklich nicht
+sagen. Er wollte heute Abend wieder kommen.«</p>
+
+<p>»<em class="gesperrt">Wieder</em> kommen?«</p>
+
+<p>»Ja &ndash; er ist heute Morgen halb zwei Uhr mit
+Extrapost nach dem Taunusgebirg gefahren.«</p>
+
+<p>»<i>The devil he is</i>,« murmelte Hamilton leise
+und verblüfft vor sich hin, »und hat er Gepäck mitgenommen?«
+frug er laut.</p>
+
+<p>»Nur eine Reisetasche &ndash; die Dame ist ja noch
+hier.«</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="page_170" title="170"> </a>
+»Haben Sie ihn denn gesehen?«</p>
+
+<p>»Natürlich &ndash; ich habe die Tasche ja an den
+Wagen getragen.«</p>
+
+<p>»Aber wann, um Gottes Willen, schlafen Sie
+denn?«</p>
+
+<p>»Ich? &ndash; <em class="gesperrt">nie</em>,« lächelte der Mann in voller
+Ruhe. Aber Hamilton hatte andere Dinge im Kopf,
+als sich mit dem Portier zu unterhalten. Mit wenigen
+Sätzen war er oben an Mr. Burtons Zimmer, den
+er auch schon vollständig angekleidet und seiner wartend
+traf.</p>
+
+<p>»Er ist fort,« rief er diesem ganz außer Athem
+entgegen, »richtig durchgebrannt. Er <em class="gesperrt">muß</em> Sie gestern
+Abend erkannt haben. Der Lump ist mit allen Hunden
+gehetzt.«</p>
+
+<p>»Und was jetzt?«</p>
+
+<p>»Ich muß augenblicklich nach, denn der Postillon,
+der ihn gefahren hat, wird zurück sein und weiß jedenfalls
+die Station. Dort findet sich dann die weitere
+Spur.«</p>
+
+<p>»<em class="gesperrt">Mit</em> der Donna?«</p>
+
+<p>»Nein, die ist zurückgeblieben, die überlasse ich
+jetzt Ihnen. Wahrscheinlich hat sie auch einen Theil
+von Ihres Vaters Geldern in Verwahrung &ndash; jedenfalls
+den Schmuck. &ndash; Hier ist der Verhaftsbefehl für
+<a class="pagenum" name="page_171" title="171"> </a>
+Kornik und seine Begleiterin &ndash; mir kann er doch
+nichts helfen, denn er gilt, von den Frankfurter Behörden
+ausgestellt, nur für das hiesige Gebiet. Das
+ist eine verzweifelte Wirthschaft in Deutschland, wo
+ein Mann in einer einzigen Stunde in drei verschiedener
+Herren Länder sein kann.</p>
+
+<p>»Aber wie bekomme ich heraus, ob das auch in
+der That jene berüchtigte Miss Fallow ist, bester Hamilton?
+Die Flucht des Grafen, wenn er wirklich
+geflohen, bleibt allerdings sehr verdächtig und ich
+zweifle kaum, daß Sie auf der richtigen Fährte sind,
+aber es &ndash; wäre doch eine ganz fatale Geschichte,
+<em class="gesperrt">wenn</em> wir es nicht mit den rechten Leuten zu thun
+hätten, und jetzt einer wildfremden und ganz unschuldigen
+Dame Unannehmlichkeiten bereiteten.«</p>
+
+<p>»Machen Sie sich deshalb keine Sorgen!« lachte
+Hamilton. »Daß ich Ihnen aus diesem Grafen Kornikoff
+den richtigen und unverfälschten Kornik herausschäle,
+darauf können Sie sich fest verlassen, und dies
+junge, wirklich wunderhübsche Geschöpf, was ihn begleitet,
+hätte sich dem Lump auch nicht an den Hals
+geworfen, wenn sie nicht schon vorher durch ein <em class="gesperrt">Verbrechen</em>
+mit einander verbunden gewesen wären.
+Nein, die einzige Sorge, die ich habe, ist die, daß <em class="gesperrt">Ihnen</em>
+die junge Dame einmal ebenso eines Morgens
+<a class="pagenum" name="page_172" title="172"> </a>
+unter den Händen fortschlüpft, wie ich mir in fabelhaft
+alberner Weise habe den Hauptschuldigen entwischen
+lassen, und wenn ich ihn nicht wieder bekäme, wäre
+das ein Nagel zu meinem Sarg. Aber noch hab' ich
+Hoffnung &ndash; ich <em class="gesperrt">kenne</em> den Herrn jetzt, denn ich habe
+ihn mir <em class="gesperrt">genau</em> angesehen und wenn er sich wirklich
+auch den schwarzen Schnurrbart abrasirte und die
+blaue Brille in die Tasche steckte, so denke ich ihm doch
+auf den Hacken zu sitzen, ehe er es sich versieht.«</p>
+
+<p>»Er wird direkt über die Grenze nach Frankreich
+fliehen.«</p>
+
+<p>»Daran habe ich auch schon gedacht, denn Geld
+genug hat er bei sich, aber dagegen hilft der Telegraph.
+An die beiden Grenzstationen werde ich jetzt vor allen
+Dingen genau telegraphiren, und wenn ich da nur ein
+Wort mit einfließen lasse, daß der Herr mit dem Revolutionscomité
+in London in Verbindung stände, passen
+sie auf wie die Heftelmacher.«</p>
+
+<p>»Und sie wollen dem Kornik nach?«</p>
+
+<p>»Augenblicklich, so wie ich die Depeschen befördert
+habe. Ich nehme jetzt ohne weiteres Extrapost und
+treffe ich ihn, so telegraphire ich ungesäumt.«</p>
+
+<p>»Und ich lasse unterdessen die Dame verhaften?«</p>
+
+<p>»Das ist das Sicherste. Sie können ja Bürgschaft
+leisten, wenn es verlangt werden sollte. Auf
+<a class="pagenum" name="page_173" title="173"> </a>
+dem Gerichte finden Sie auch Jemand, der englisch
+spricht.«</p>
+
+<p>»Abscheuliche Geschichte,« murmelte der junge
+Burton zwischen den Zähnen, »daß uns der Lump auch
+gestern Abend gerade so zur unrechten Zeit in den Weg
+laufen mußte.«</p>
+
+<p>»Das ist jetzt nicht zu ändern,« rief aber der weit
+entschiednere Hamilton &ndash; »wir haben immer noch
+Glück gehabt, das Volk Hühner so rasch anzutreffen
+und zu sprengen. Jetzt halten Sie nur Ihren Part fest,
+und ich glaube Ihnen garantiren zu können, daß ich
+<em class="gesperrt">meine</em> Hälfte ebenfalls zur rechten Zeit einbringe.«</p>
+
+<p>»Und wissen Sie gewiß, daß Kornik die Stadt verlassen
+hat?«</p>
+
+<p>»Gar kein Zweifel &ndash; aber das erfahre ich ja auch
+gleich auf der Post. Jetzt wollen wir nur noch einmal
+hinunter und sehen, ob wir nichts mehr von der Donna
+zu hören bekommen.«</p>
+
+<p>Es war in der That das Einzige, was sie thun
+konnten. Sie fanden die Thür aber wieder geschlossen
+und Hamilton wandte sich unten an den Oberkellner,
+um womöglich etwas Näheres zu erfahren.</p>
+
+<p>»Ach, Oberkellner, meine Rechnung &ndash; ich reise ab.«</p>
+
+<p>»Zu Befehl, mein Herr&nbsp;&ndash;«</p>
+
+<p>»Apropos, was war denn das heute Morgen für
+<a class="pagenum" name="page_174" title="174"> </a>
+ein Lärm auf Nr. 7? Meine schöne Nachbarin schien
+ja sehr in Eifer.«</p>
+
+<p>Der Oberkellner lächelte.</p>
+
+<p>»Der Herr Gemahl hat die Nacht eine kleine Extrafahrt
+gemacht und die Dame scheint eifersüchtig zu
+sein.«</p>
+
+<p>»Es scheint als ob er heimlich auf und davon gegangen
+wäre,« sagte Mr. Burton leise zu Hamilton.
+Dieser zuckte die Achseln.</p>
+
+<p>»Gott weiß es,« erwiderte er, »aber das werden
+Sie jetzt herausbekommen. Lassen Sie sich nur nicht
+etwa von Thränen rühren, denn wir haben es hier
+mit einer abgefeimten Kokette zu thun, der auch Thränen
+zu Gebote stehen, wenn sie dieselben braucht. Ich
+aber darf keinen Augenblick Zeit mehr verlieren. Auf
+die Koffer in Korniks Zimmer legen Sie augenblicklich
+Beschlag und lassen sie visitiren. Kornik hat wahrscheinlich
+alle Papiere entfernt und mitgenommen;
+aber in der Eile bleibt doch noch manchmal ein oder
+die andere Kleinigkeit zurück, die leicht zum Verräther
+wird.«</p>
+
+<p>»Und wenn sie sich weigert? &ndash; wenn sie sich auf
+ihren Rang, vielleicht sogar auf einen, wer weiß wie
+erhaltenen Paß beruft? Die Behörden hier werden
+sie in Schutz nehmen.«</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="page_175" title="175"> </a>
+»Gott bewahre,« sagte Hamilton, »Sie haben ja
+das Duplicat unserer englischen Vollmachten mit
+der Personalbeschreibung der beiden Verbrecher in
+Händen. Korniks Flucht hat ihn dabei schon verdächtig
+gemacht und das wenigste, was man Ihnen
+zugestehen kann, ist eine Durchsuchung der Effecten im
+Beisein eines Polizeibeamten, und dann die Detenirung
+der Person selber in Frankfurt, bis ich mit ihrem
+Helfershelfer zurückkomme. In dem Fall können Sie
+dieselbe meinetwegen &ndash; natürlich unter polizeilicher
+Aufsicht &ndash; so lange hier im Hotel lassen.«</p>
+
+<p>»Eine unangenehme Geschichte bleibt es immer,«
+sagte Mr. Burton, mit dem Kopf schüttelnd.</p>
+
+<p>»Unangenehm, <i>by George</i>,« lachte Hamilton &ndash;
+»bedenken Sie, daß 20,000 Pfd. Sterling Ihres
+Geschäfts dabei auf dem Spiel stehen, von dem
+Schmuck, der ebenfalls auf 3000 taxirt ist, gar nicht
+zu reden. Und nun ade; hoffentlich bringe ich Ihnen
+bald den Patron selber. Verlassen Sie nur die Stadt
+nicht« &ndash; und mit den Worten rasch zu dem kleinen
+Stehpult tretend, hinter welchem sich der Oberkellner
+befand, berichtigte er seine Rechnung und sprang gleich
+darauf draußen in eine Droschke, um seine Verfolgung
+anzutreten.</p>
+
+
+
+
+<h3>IV.<a class="pagenum" name="page_176" title="176"> </a><br />
+
+<b>Die schöne Fremde.</b></h3>
+
+
+<p>Mr. Burton blieb in einer nichts weniger als
+behaglichen Stimmung zurück, denn er hatte ganz
+plötzlich die <em class="gesperrt">Leitung</em> einer Angelegenheit bekommen,
+in der er bis jetzt nur gedacht hatte als Zeuge, und
+vielleicht als Kläger aufzutreten.</p>
+
+<p>James Burton war überhaupt der Mann nicht,
+in irgend einer Angelegenheit entschieden und selbständig
+zu <em class="gesperrt">handeln</em>; er verhielt sich am liebsten passiv.</p>
+
+<p>In einer der ersten bürgerlichen Familien seines
+Vaterlandes erzogen, in den besten Schulen herangebildet,
+in der besten Gesellschaft aufgewachsen, war er
+von edlem, offenem Charakter, dem sich ein gesunder
+Verstand und ein weiches Herz paarte. Das letztere
+lief ihm aber nur zu oft mit dem ersteren davon, und
+selber unfähig eine unrechtliche Handlung zu begehen,
+gab es für ihn auch nichts Schrecklicheres auf der
+Welt, als solche einem anderen zuzutrauen.</p>
+
+<p>Nichtsdestoweniger bekam er es hier mit einer nicht
+wegzuläugnenden Thatsache zu thun, denn William Kornik,
+von seinem Vater mit Wohlthaten überhäuft und
+in eine ehrenvolle und einträgliche Stellung gebracht,
+hatte das Vertrauen seines Hauses auf eine so nichtswürdige
+Weise getäuscht und mißbraucht, daß ein Zweifel
+<a class="pagenum" name="page_177" title="177"> </a>
+an seiner Unehrlichkeit nicht mehr stattfinden konnte.
+Gegen diesen würde er auch mit rücksichtsloser Strenge
+vorgegangen sein, aber jetzt bekam er plötzlich den Auftrag,
+gegen eine <em class="gesperrt">Frau</em> einzuschreiten, deren Betheiligung
+an dem Raub allerdings wahrscheinlich, aber
+keineswegs völlig erwiesen war. Und doch sah er auch
+recht gut ein, daß Hamilton Recht hatte, wenn er verlangte,
+die jedenfalls sehr verdächtige Person wenigstens
+so lange fest und unter Aufsicht zu halten, bis
+er mit dem wirklichen Verbrecher zurückkehren könne.
+Nur daß <em class="gesperrt">ihm</em> dazu der Auftrag geworden, war ihm
+fatal, und er hätte vielleicht eine große Summe Geldes
+gegeben, um sich davon loszukaufen, aber das ging
+eben nicht, und es blieb ihm nichts andres übrig, als
+sich der einmal übernommenen Pflicht nun auch nach
+besten Kräften zu unterziehen. Er hoffte dabei im
+Stillen, daß die Dame sehr stolz und frech gegen ihn
+auftreten würde, und war fest entschlossen, sich nicht
+einschüchtern zu lassen. Um den verbrecherischen Erwerb
+des Geldes <em class="gesperrt">mußte</em> sie ja wissen, sie wäre sonst
+nicht heimlich mit ihm geflohen, und wenn sich dann
+auch noch herausstellte, daß sie den Schmuck der Lady
+Clive entwendet hatte, dann brauchte er auch weiter
+kein Mitleiden mit ihr zu haben, und jede Rücksicht
+hörte von selbst auf.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="page_178" title="178"> </a>
+Nichtsdestoweniger konnte er sich doch nicht entschließen,
+die Höflichkeit soweit außer Acht zu lassen,
+als sich vor zwölf Uhr bei ihr melden zu lassen. Aber
+er traute ihr deshalb doch nicht; denn Mr. Kornik
+war ihm auf viel zu rasche Art abhanden gekommen,
+um nicht etwas Aehnliches auch von seiner Frau oder
+Gefährtin zu fürchten. Er ging deshalb, sehr zum Erstaunen
+des Portiers, der gar nicht wußte, was er von
+dem unruhigen Gast denken sollte, und ihn frug, ob er
+vielleicht Zahnschmerzen habe, die langen Stunden
+theils auf dem Vorsaal, theils auf der Treppe auf und
+ab &ndash; denn das verzweifelte Haus hatte ja zwei Ausgänge
+&ndash; und horchte verschiedene Male oben an der
+Thür, um sich zu versichern, daß nicht der zweite
+Vogel ebenfalls heimlich ausgeflogen sei.</p>
+
+<p>Aber diese Furcht schien grundlos zu sein. Das
+Stubenmädchen, dem er auf der Treppe begegnete,
+brachte das Frühstück hinauf, ein Glas Madeira und
+ein Beefsteak, die verlassene Frau nahm also noch substantielle
+Nahrung zu sich, und als es endlich auf
+sämmtlichen Frankfurter Uhren &ndash; was bekanntlich
+eine lange Zeit dauert &ndash; zwölf geschlagen hatte, faßte
+er so viel Muth, der Dame seine Karte hinaufzuschicken
+und anfragen zu lassen, ob er das Vergnügen haben
+könne, ihr seine Aufwartung zu machen.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="page_179" title="179"> </a>
+Das klang allerdings nicht wie das Vorspiel einer
+criminellen Untersuchung, aber die gewöhnlichen Gesetze
+der Höflichkeit durften doch auch nicht außer Acht
+gelassen werden. Höflichkeit schadet nie, und man hat
+dadurch oft schon mehr erreicht, als durch sogenannte
+gerade Derbheit, was man im gewöhnlichen Leben auch
+wohl <em class="gesperrt">Grobheit</em> nennt.</p>
+
+<p>Die Antwort lautete umgehend zurück, daß die
+Dame sich glücklich schätzen würde, ihn zu begrüßen
+und nur noch um wenige Minuten bäte, um ihre
+Morgentoilette zu beenden.</p>
+
+<p>Die wenigen Minuten dauerten allerdings noch
+eine reichliche halbe Stunde, aber Mr. Burton war
+gar nicht böse darüber, denn er bekam dadurch nur noch
+so viel mehr Zeit sich zu sammeln, und sich ernstlich
+vorzunehmen, diese Person allerdings mit jeder Artigkeit,
+aber auch mit jeder, hier unumgänglich nöthigen
+Strenge zu behandeln. Was half es auch, Rücksicht
+auf ein Wesen zu nehmen, das sich an einen Menschen
+wie diesen Kornik soweit weggeworfen hatte, sogar
+Theilnehmerin seiner <em class="gesperrt">Verbrechen</em> zu werden. Dabei
+überlegte er sich auch, daß es weit besser sein würde,
+im Anfang keine einzige Frage derselben zu beantworten,
+sondern vor allen Dingen erst alles herauszubekommen,
+was <em class="gesperrt">sie</em> wußte. Volle Aufrichtigkeit konnte
+<a class="pagenum" name="page_180" title="180"> </a>
+allein ja auch jetzt ihre Strafe mildern und ihrem
+Vergehen das Gehässige der Verstocktheit nehmen, und
+durch <em class="gesperrt">ihr</em> Geständniß bekamen sie außerdem gleich ein
+Hauptzeugniß gegen den jetzt noch flüchtigen Verbrecher.</p>
+
+<p>Mitten in diesen Betrachtungen wurde er durch
+die Klingel auf Nr. 7 gestört, die den Kellner herbeirief.
+&ndash; Dieser erschien gleich darauf wieder und meldete
+Herrn Burton, die Dame erwarte ihn.</p>
+
+<p>Also der Augenblick war gekommen, und mit festen
+Schritten stieg er die Treppe hinan. Wußte er doch
+auch schon vorher, wie er die Dame finden würde,
+die so ewig lang gebraucht hatte, ihre Toilette zu
+machen: im vollen Staat natürlich, um ihm zu imponiren
+und jede Frage nach einer begangenen Schuld
+gleich von vorn herein abzuschneiden. Aber er lächelte
+trotzig vor sich hin, denn er wußte, daß eine derartige
+plumpe List bei ihm nicht das Geringste helfen würde.
+Er ließ sich eben nicht verblüffen.</p>
+
+<p>Mit festen Schritten stieg er die Stufen hinan
+und klopfte an &ndash; aber doch nicht zu laut. »<i>Walk in</i>,«
+hörte er von einer fast schüchternen Stimme rufen,
+und als er die Thür öffnete, blieb er ordentlich bestürzt
+auf der Schwelle stehen, denn vor sich sah er das lieblichste
+Wesen, das er in seinem ganzen Leben noch mit
+Augen geschaut.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="page_181" title="181"> </a>
+Mitten in der Stube stand die junge Fremde &ndash; nicht
+etwa in voller Toilette, mit Schmuck und Flittertand
+behangen, wie er eigentlich gehofft hatte sie zu finden,
+sondern in einem einfachen, schneeweißen Morgenanzug,
+der ihre Schönheit nur um so reizender erscheinen
+ließ, und während ihr blaues Auge feucht von einer
+halbzerdrückten Thräne schien, streckte sie dem Eintretenden
+die Hand entgegen und sagte, mit vor Bewegung
+zitternder Stimme:</p>
+
+<p>»Sie sendet mir der liebe Gott, mein Herr &ndash; Ihr
+Name ist mir zwar fremd, aber aus Ihrer Karte sehe
+ich, daß Sie ein Landsmann sind, also ein Freund,
+der mich in der größten Noth meines Lebens trifft,
+und mir gewiß, wenn er nicht helfen kann, doch rathen
+wird.«</p>
+
+<p>»Madam,« sagte der junge Burton, durch diese
+keineswegs erwartete Anrede ganz außer Fassung
+gebracht, indem er die ihm gereichte Hand nahm und
+fast ehrfurchtsvoll an seine Lippen hob, »ich &ndash; ich
+begreife nicht recht &ndash; ich gestehe, daß ich &ndash; Sie entschuldigen
+vor allen Dingen meinen Besuch.«</p>
+
+<p>»Ich würde Sie darum gebeten haben,« sagte die
+junge Frau herzlich, »wenn ich gewußt hätte, daß ein
+Landsmann mit mir unter einem Dache wohnt; aber
+das Fremdenbuch, das ich mir heute Morgen bringen
+<a class="pagenum" name="page_182" title="182"> </a>
+ließ, zeigte keinen einzigen englischen Namen &ndash; doch
+ich darf nicht selbstsüchtig sein,« unterbrach sie sich
+rasch &ndash; »Sie sind da &ndash; ich sehe in dem edlen Ausdruck
+Ihrer Züge, daß ich auf Ihren Beistand rechnen
+kann, und nun erst vor allen Dingen, <em class="gesperrt">Ihre</em> Angelegenheit.
+Lösen Sie mir das Räthsel, das Sie, einen
+vollkommen Fremden, gerade in dieser Stunde zu
+mir hergeführt &ndash; und bitte, nehmen Sie Platz &ndash; oh
+verzeihen Sie der Aufregung, in der Sie mich gefunden,
+daß ich Sie schon so lange hier im Zimmer habe
+stehen lassen.«</p>
+
+<p>Damit führte sie ihn mit einfacher Unbefangenheit
+zu dem kleinen mit rothem Plüsch überzogenen
+Sopha und nahm dicht neben ihm Platz, so daß es
+dem jungen Manne ganz beklommen zu Muthe wurde.
+Auch die Frage diente nicht dazu, ihm seine ruhige
+Ueberlegung wieder zu geben, denn konnte er <em class="gesperrt">dem</em>
+Wesen neben ihm jetzt mit kalten, dürren Worten sagen,
+daß er hierher gekommen sei, um sie des <em class="gesperrt">Diebstahls</em>
+zu bezüchtigen und in Haft zu halten? Es war ordentlich
+als ob ihm die innere Bewegung die Kehle zusammenschnürte
+und er brauchte geraume Zeit, um nur ein
+Wort des Anfangs zu finden.</p>
+
+<p>Die junge Frau an seiner Seite ließ ihm dabei
+vollkommen Zeit sich zu fassen, und nur wie schüchtern
+<a class="pagenum" name="page_183" title="183"> </a>
+blickte sie ihn mit ihren großen seelenvollen Augen
+an. Und diese Augen sollten jemals die Helfershelfer
+eines Verbrechens gewesen sein? Es war nicht
+möglich; Hamilton hatte den größten nur denkbaren
+Mißgriff gemacht, und ihn selber jetzt in eine Lage gebracht,
+wo er mit Vergnügen tausend Pfund Sterling
+bezahlt hätte, um nur mit Ehren wieder heraus
+zu sein.</p>
+
+<p>Endlich fühlte er aber doch, daß er nicht länger
+schweigen konnte, ohne sich lächerlich zu machen, und
+begann, wenn auch anfangs noch mit leiser, unsicherer
+Stimme.</p>
+
+<p>»Madam &ndash; Sie &ndash; Sie müssen mich wirklich
+entschuldigen, wenn ich Sie von vornherein mit einer
+Frage belästige, die &ndash; die eigentlich Ihren &ndash; Ihren
+Herrn Gemahl betrifft &ndash; dem auch &ndash; dem auch vorzugsweise
+mein Besuch galt; denn ich würde nicht gewagt
+haben, <em class="gesperrt">Sie</em> zu stören. Aber &ndash; seine so plötzliche
+Abreise &ndash; und mitten in der Nacht hat einen Verdacht
+erweckt, der&nbsp;&ndash;«</p>
+
+<p>»Einen <em class="gesperrt">Verdacht</em>?«</p>
+
+<p>»Uebrigens,« lenkte Burton ein, da ihm plötzlich
+wieder beifiel, daß er ja vorher Alles hatte hören wollen,
+was die Dame <em class="gesperrt">ihm</em> sagen würde, um danach sein
+eigenes Handeln zu regeln &ndash; »hängt alles vielleicht mit
+<a class="pagenum" name="page_184" title="184"> </a>
+dem zusammen, wegen dessen Sie selber meinen Rath
+verlangen, und wenn Sie nur die Freundlichkeit
+haben wollten&nbsp;&ndash;«</p>
+
+<p>»Aber einen <em class="gesperrt">Verdacht</em>?« &ndash; sagte die junge Dame
+rasch und erschreckt, indem sie ihre zitternde Hand auf
+seinen Arm legte und in der gespanntesten Erwartung
+mit ihren schönen Augen an seinen Lippen hing. &ndash;
+»Welcher Verdacht könnte auf ihm ruhen? &ndash; In welcher
+Verbindung können Sie mit ihm stehen? Oh,
+spannen Sie mich nicht länger auf die Folter &ndash; machen
+Sie mich nicht unglücklicher, als ich es schon bin.
+Ach, ich hatte ja gehofft, daß <em class="gesperrt">Sie</em> gerade mir Hülfe
+und Trost bringen sollten; tragen Sie nicht dazu bei,
+meine Unruhe durch längeres Schweigen noch zu vermehren.«</p>
+
+<p>Mr. Burton fand sich so in die Enge getrieben,
+daß er schon gar keinen möglichen Ausweg mehr sah.
+<em class="gesperrt">Er</em> war ja auch eigentlich verpflichtet zuerst zu sprechen.
+<em class="gesperrt">Er</em> hatte eine Unterredung mit ihr erbeten, nicht
+<em class="gesperrt">sie</em> mit ihm, und wenn ihn auch ein wahrhaft verzweifelter
+Gedanke einmal einen Moment erfaßte, sich
+aus der ganzen Geschichte durch irgend eine Ausrede
+hinaus zu lügen, fiel ihm doch ums Leben nicht das
+Geringste, auch nur einigermaßen Glaubwürdige bei.
+Es blieb ihm also nichts übrig, als der jungen Dame
+<a class="pagenum" name="page_185" title="185"> </a>
+&ndash; natürlich so schonend wie das nur irgend geschehen
+konnte &ndash; die Wahrheit zu sagen, und dabei war er
+auch im Stande zu sehen, welchen Eindruck die Beschuldigung
+auf sie machen würde &ndash; danach wollte er
+dann handeln.</p>
+
+<p>»Madam,« sagte er, aber noch immer verlegen &ndash;
+»beruhigen Sie sich &ndash; es wird sich ja noch alles aufklären.
+&ndash; Ich selber &ndash; ich bin ja fest überzeugt, daß
+<em class="gesperrt">Sie</em> der &ndash; unangenehmen Sache, um die es sich handelt,
+vollständig fern stehen. &ndash; Es ist auch noch nicht
+einmal ganz fest bestimmt, ob ihr Herr &ndash; Herr Gemahl
+auch wirklich jene Persönlichkeit ist, die wir
+suchen &ndash; die ganze Sache kann ja möglicher Weise ein
+Irrthum sein, und nur der dringende Verdacht, den
+mein Begleiter gegen mich ausgesprochen hat, veranlaßt
+mich&nbsp;&ndash;«</p>
+
+<p>»Aber ich verstehe Sie gar nicht,« sagte die junge
+Dame, und sah dabei gar so lieb und doch so entsetzlich
+unglücklich aus, daß ihm ordentlich das eigene
+Herz weh that.</p>
+
+<p>»Ich <em class="gesperrt">muß</em> deutlicher reden,« fuhr Mr. Burton
+fort, der sie nicht länger in dieser Aufregung lassen
+durfte. »Also hören Sie. Mein Name ist James Burton.
+Ich bin seit diesem Jahre Theilhaber der Firma
+meines Vaters Burton &amp; Burton in London. Seit
+<a class="pagenum" name="page_186" title="186"> </a>
+sieben Jahren hatten wir einen jungen Mann in unserm
+Geschäft, einen Polen, Namens Kornik, der sich
+durch seine Geschicklichkeit und Umsicht so in meines
+Vaters Vertrauen einschlich, daß er ihn vor zwei Jahren
+zu unserm Hauptcassirer machte. Mein Vater
+wußte nicht, daß er eine Schlange in seinem Busen
+nährte. Vor etwa acht Tagen verschwand dieser
+Mensch plötzlich aus London und zwar an einem
+Sonnabend Abend, wodurch er etwa vierzig Stunden
+Vorsprung bekam, denn da nicht der geringste Verdacht
+auf ihm lastete, fiel auch sein Ausbleiben am
+Montag Morgen nicht so rasch auf, wie das sonst vielleicht
+der Fall gewesen wäre. Nur weil mein Vater
+fürchtete, daß er könne unwohl geworden sein, schickte
+er in seine Wohnung hinüber, die sich unmittelbar
+neben uns befand, und hörte hier zu seinen Erstaunen,
+daß Mr. Kornik sowohl Sonnabend als auch Sonntag
+Abend nicht nach Hause gekommen sei.«</p>
+
+<p>»Aber was, um Gottes Willen, habe ich mit dem
+allen zu thun?« unterbrach ihn die junge Dame, erstaunt
+mit dem Kopf schüttelnd.</p>
+
+<p>»Erlauben Sie mir,« fuhr Mr. Burton, in der
+Erinnerung an das Geschehene wärmer werdend fort:
+»Der erste Gedanke meines Vaters war, daß ihm ein
+Unglück begegnet sein könne; ein anderer Commis aber
+<a class="pagenum" name="page_187" title="187"> </a>
+in unserem Haus mußte doch etwas bemerkt haben,
+was ihm verdächtig vorkam. Er bat uns dringend,
+keine Zeit zu versäumen und die Kasse zu revidiren, und
+da stellte sich denn bald das Entsetzliche heraus, daß
+eine <em class="gesperrt">sehr</em> bedeutende Summe fehlte, die, nach den
+über Tag eingegangenen Erkundigungen, gegen 20,000
+Pfd. Sterling betrug.«</p>
+
+<p>»Mein Vater wandte sich augenblicklich an die
+Polizei, und ein sehr gewandter Detective, der uns
+besuchte, und der zur Verfolgung bestimmt wurde, gerieth
+noch an dem nämlichen Tag auf eine andere Spur,
+die, wie er meinte, sicherer zur Entdeckung des Verbrechers
+führen konnte. Derselbe war nämlich, wie der
+Polizeiagent sehr rasch herausbrachte, mit einer jungen
+sehr &ndash; ge &ndash; sehr gewandten Dame bekannt geworden
+und als an dem nämlichen Tag eine andere Klage
+gegen diese einlief, daß sie in dem Haus einer Lady,
+wo sie Stunden gab, einen werthvollen Schmuck
+entwandt haben sollte, ebenfalls aber nirgends aufzufinden
+war, und seit dem nämlichen Abend fehlte, wie
+jener Kornik &ndash; so blieb zuletzt kein Zweifel, daß beide
+mitsammen geflohen sein mußten.«</p>
+
+<p>»Jetzt war kein Augenblick mehr zu verlieren um
+der Verbrecher habhaft zu werden. Lady Clive &ndash; so
+hieß jene Dame &ndash; setzte selber eine namhafte Summe
+<a class="pagenum" name="page_188" title="188"> </a>
+für den Polizeibeamten aus; da dieser aber weder die
+Dame noch unsern frühern Kassirer persönlich kannte,
+entschloß ich mich ihn zu begleiten, und wir begannen
+gemeinschaftlich unsere etwas ungewisse Fahrt.«</p>
+
+<p>»Und jetzt?« frug die Fremde, anscheinend in
+größter Spannung.</p>
+
+<p>»Indessen,« fuhr Mr. Burton fort, »wurde kein
+mögliches Mittel versäumt um die beiden aufzufinden,
+falls sie sich noch in England aufhalten sollten. Zugleich
+telegraphirten wir an die nächsten Hafenplätze. Mein
+ganz vortrefflicher und gewandter Begleiter war aber
+schon auf eine Spur gekommen, die ihn nach Hamburg
+führte. Mit dem Hamburg Packet waren nämlich am
+Sonnabend Abend zwei Personen abgegangen, die der
+Beschreibung vollkommen entsprachen. Einer der Kassenleute
+in dem Office des Dampfboots behauptete
+sogar, Kornik an jenem Abend mit einer Reisetasche an
+dem Landungsplatz des Dampfboots gesehen zu haben.
+Wir folgten augenblicklich, verloren aber die Spur in
+Hamburg wieder, und glaubten sie erst in Hannover
+&ndash; freilich, wie sich später erwies, irrthümlich &ndash;
+wieder zu finden. Dort ließ mich Mr. Hamilton
+zurück, während er selber, von einer Art polizeilichen
+Instinkts getrieben, nach Frankfurt vorauseilte und
+hierher zu &ndash; zufälliger Weise &ndash; mit Ihnen und
+<a class="pagenum" name="page_189" title="189"> </a>
+Ihrem Herrn Gemahl die Reise in einem Coupé
+machte.«</p>
+
+<p>Ein leises Zittern flog über den Körper der Frau,
+aber ihre Züge verriethen keine Spur von Ueberraschung,
+und nur mit mehr erstaunter als bewegter
+Stimme sagte sie:</p>
+
+<p>»Und jetzt?«&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>»Und jetzt,« fuhr Mr. Burton verlegen fort,
+»glaubte er, durch mehrere sonderbar zusammentreffende
+Umstände jenen aus London mit unserem Geld
+entflohenen Kornik in dem &ndash; Sie dürfen mir nicht
+zürnen, denn Sie haben die volle Wahrheit verlangt
+&ndash; in dem &ndash; Grafen Kornikoff wieder zu finden, da
+sich dieser heute Nacht so heimlich&nbsp;&ndash;«</p>
+
+<p>»Heiliger Gott der Welt!« rief die junge Frau,
+entsetzt emporspringend: »reden Sie nicht aus. Darf
+ich denn meinen Ohren trauen? In dem Grafen
+Kornikoff vermuthen Sie den entsprungenen Verbrecher?
+Und dann ist, <em class="gesperrt">Ihrer</em> Meinung nach &ndash; seine
+Begleiterin jene Diebin des Diamantenschmucks?«</p>
+
+<p>»<i>But Madam!</i>« rief Mr. Burton, ebenfalls
+erschreckt von seinem Sitz aufspringend, »ich sage Ihnen
+ja«&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>»O mein Vater im Himmel, selbst das noch,« rief
+aber das schöne Weib, die Arme wie flehend emporstreckend,
+<a class="pagenum" name="page_190" title="190"> </a>
+»auch das noch &ndash; auch das noch in meinem
+Jammer und Elend. &ndash; Aber kommen Sie,« fuhr sie
+leidenschaftlich fort, indem Sie plötzlich wieder Mr.
+Burtons Arm ergriff und ihn fast mit Gewalt zu
+ihrem Koffer zog &ndash; »<em class="gesperrt">ich</em> bin nur ein armes schwaches
+Weib, hilflos und ohne Schutz im fremden Lande &ndash;
+aber Sie haben vielleicht ein Recht, der Spur eines
+verübten Verbrechens nachzuforschen. <em class="gesperrt">Ich</em> habe nichts
+als meinen ehrlichen Namen, aber den kann ich, Gott
+sei Dank, mir erhalten und Ihnen bin ich noch dazu
+verpflichtet, mir die Gelegenheit zu geben mich zu
+rechtfertigen. Mir schwindelt der Kopf, wenn ich mir
+denke, daß Sie auch nur eine Stunde länger mich in
+einem so furchtbaren Verdacht haben sollten.«</p>
+
+<p>»<i>But, my dear Madam</i>,« rief Burton, jetzt vergebens
+bemüht, zu Worte zu kommen. Die Frau ließ
+ihn nicht.</p>
+
+<p>»Nein, nein,« fuhr sie immer erregter fort und
+schloß mit vor Eifer zitternden Händen ihren Koffer
+auf, warf den Deckel zurück und riß die dort
+sorgfältig und glatt eingepackten Stücke wild und
+leidenschaftlich heraus. »Da &ndash; hier &ndash; hier ist alles
+was ich auf der Welt mein nenne &ndash; da meine Wäsche
+&ndash; da meine Kleider,« fuhr sie fort die genannten
+Sachen, ohne daß es Burton verhindern konnte, über
+<a class="pagenum" name="page_191" title="191"> </a>
+den Boden streuend, »hier mein Schmuck &ndash; eine
+dürftige Korallenkette mit einem goldenen Kreuzchen,
+das Erbtheil meiner seligen Mutter &ndash; und wie ich
+<em class="gesperrt">früher</em> ihren Tod beklagte, jetzt danke ich Gott, daß
+sie diese Stunde nicht erlebte. &ndash; Hier meine&nbsp;&ndash;« sie
+konnte nicht weiter &ndash; ihr Gefühl überwältigte sie.
+Sie richtete sich auf und wollte zum nächsten Stuhl
+schwanken, aber sie vermochte es nicht und wäre zu
+Boden gesunken, wenn sie nicht James Burton in
+seinen Armen aufgefangen hätte.</p>
+
+<p>Das war eine böse Situation für den jungen Mann
+&ndash; der warme Körper der jungen Frau ruhte an seinem
+Herzen, und vergebens suchte er sie durch tausend
+Trostesworte ins Leben zurückzurufen. &ndash; Und wie
+ihr Herz dabei schlug &ndash; er wußte sich keines Rathes,
+als sie aufs Sopha zu tragen &ndash; und als er sie in die
+Höhe hob, trafen seine Lippen unwillkührlich auf die
+ihrigen und ruhten einen Moment darauf. Endlich
+raffte er sich empor. Er wollte nach Hilfe rufen, aber
+er wagte es nicht &ndash; was mußten die Leute im Hotel
+davon denken, wenn er in einer solchen Situation mit
+der jungen Dame getroffen wurde? Auf dem Waschtisch
+stand ein Glas Eau de Cologne &ndash; damit benetzte er
+ihr Taschentuch, hielt es ihr unter die Nase und rieb
+ihr Schläfe und Puls, und als das alles nicht helfen
+<a class="pagenum" name="page_192" title="192"> </a>
+wollte, tauchte er das Handtuch in kaltes Wasser und
+legte es ihr um die Stirn. Aber es dauerte wohl zehn
+Minuten, ehe er sie zum Bewußtsein zurückrief, und
+<em class="gesperrt">als</em> sie endlich erwachte, befand sie sich in einem so
+furchtbar überreizten Zustande, daß sie den über ihr
+lehnenden Arm des jungen Mannes ergriff, ihre
+Stirn dagegen lehnte und bitterlich weinte.</p>
+
+<p>Mr. Burton that das unter solchen Umständen
+Zweckmäßigste &ndash; er ließ sie sich ausweinen und es
+gewährte ihm sogar einige Beruhigung, daß er sie
+dabei mit seinem linken Arm stützen und halten konnte.
+Aber diese Schwäche dauerte nicht lange. Die junge
+Frau zeigte eine ungemeine Willenskraft, dieses
+augenblickliche Erliegen ihres Körpers zu bewältigen,
+und mit leiser Stimme sagte sie:</p>
+
+<p>»Ich danke Ihnen &ndash; ich fühle mich stärker &ndash; es
+ist vorbei. Lassen sie mich jetzt Alles wissen &ndash; o verhehlen
+Sie mir nichts &ndash; ich <em class="gesperrt">muß</em> es ja erfahren
+und dann habe auch ich Ihnen ein Geständniß abzulegen.
+&ndash; Ich fühle, daß Sie es gut mit mir meinen.
+Zürnen sie mir nicht, meiner Heftigkeit wegen.«</p>
+
+<p>»Oh, daß ich Ihnen beweisen könnte, wie innigen
+Antheil ich an Ihrem Schicksal nehme,« rief Mr.
+Burton bewegt aus.</p>
+
+<p>»Und wo ist ihr Begleiter jetzt?« frug die junge
+<a class="pagenum" name="page_193" title="193"> </a>
+Frau, die noch immer halb von seinem Arm gehalten
+wurde.</p>
+
+<p>»Ich weiß es nicht,« sagte Mr. Burton mit einer
+gewissen Genugthuung, ihr darauf keine bestimmte
+Antwort geben zu können. »Er folgt jenem Grafen
+Kornikoff, um sich sicher zu stellen, ob er es in diesem
+mit dem vermutheten Kornik zu thun hat. Nun aber
+sagen sie auch mir, dear Madam &ndash; wie kommen Sie
+in die Gesellschaft jenes Mannes? &ndash; wie lernten
+Sie ihn kennen, und hatten Sie keine Ahnung, daß
+er ein Betrüger sei?«</p>
+
+<p>»Ich kann es mir <em class="gesperrt">jetzt</em> noch nicht denken,« rief
+die Unglückliche &ndash; »es ist nicht möglich &ndash; er hätte
+ja, <em class="gesperrt">wenn</em> es wahr wäre, ein tausendfaches Verbrechen
+an mir selber verübt. O lassen Sie mich noch
+an seine Unschuld glauben.«</p>
+
+<p>»Wie gern wollte ich Sie in dieser Täuschung
+lassen,« sagte Mr. Burton, »aber ich muß gestehen,
+daß viele, viele Umstände dagegen sprechen.«</p>
+
+<p>»Dann finden wir auch in seinem Koffer Aufschluß
+über das Vergehen,« rief da die Dame plötzlich,
+indem sie sich vom Sopha emporrichtete. »Er hat
+sein ganzes Gepäck zurückgelassen und nicht allein zu
+Ihrer, nein auch zu meiner Genugthuung muß ich
+<a class="pagenum" name="page_194" title="194"> </a>
+jetzt darauf bestehen, daß Sie es auf das Genaueste
+untersuchen.«</p>
+
+<p>Mr. Burton wollte sie davon zurückhalten, weil
+er nicht mit Unrecht fürchtete, daß sie sich dabei aufs
+neue zu sehr aufregen würde, aber sie bestand fest
+darauf und da ihm selber daran lag, das hinterlassene
+Eigenthum jenes Menschen nachzusehen, gab er endlich
+ihrem Wunsche nach. Vergebens aber durchsuchten
+sie jetzt den ganzen, ziemlich geräumigen Koffer;
+es fand sich nichts, was irgend einen Aufschluß hätte
+geben können. Ganz unten aber in der Ecke lag ein
+zusammengedrücktes Papier &ndash; ein altes Couvert, in
+das ein Paar alte Hemdknöpfchen und eine Westenschnalle
+eingewickelt waren, und auf dem Couvert
+stand die Adresse:</p>
+
+<p class="center"><i>W. Kornik Esqre<br />
+Care of Messrs. Burton &amp; Burton &ndash; London.</i></p>
+
+<p>Mr. Burton entfaltete das Couvert, las es, und
+reichte es dann schweigend, aber mit einem beredten
+Blick der Dame. Diese aber hatte kaum das Auge
+darauf geworfen, als sie mit leiser, entsetzter Stimme
+sagte:</p>
+
+<p>»Vater im Himmel! also doch,« und ihr Antlitz in
+ihren Händen bergend, stand sie wohl eine Minute
+still und schweigend und wie ineinandergebrochen.
+<a class="pagenum" name="page_195" title="195"> </a>
+Endlich richtete sie sich wieder empor, und dem jungen
+Mann noch einmal die Hand entgegenstreckend,
+sagte sie:</p>
+
+<p>»Ich danke Ihnen, Mr. Burton &ndash; danke Ihnen
+recht von Herzen, daß Sie den Schleier gelüftet haben,
+der mich von einem Abgrund trennte. Wenn Sie
+aber jetzt Ihrer Güte gegen mich die Krone aufsetzen
+&ndash; wenn Sie mich für ewig verpflichten wollen, dann
+lassen Sie mich jetzt nur für <em class="gesperrt">eine</em> kurze Stunde
+allein, um mich zu sammeln. Ich kann jetzt nicht
+danken &ndash; ich bin es nicht im Stande &ndash; meine Glieder
+versagen mir den Dienst. In einer Stunde kommen
+Sie wieder zu mir, dann sollen Sie alles erfahren,
+was mich betrifft, und wir können dann vielleicht
+gemeinschaftlich berathen, was zu thun, wie Ihnen &ndash;
+wie mir zu helfen ist. Wollen Sie mir das versprechen?«</p>
+
+<p>»Madam,« sagte Mr. Burton mit tiefem Gefühl,
+und jetzt vollständig überzeugt, daß dies liebliche Wesen
+nie und nimmer eine Mitschuldige sein könne, &ndash;
+»Sie haben ganz über mich zu befehlen und was in
+meinen Kräften steht, mich Ihnen nützlich zu machen,
+soll gewiß geschehen. Fassen Sie Muth, und vor
+Allem, fassen Sie Vertrauen zu mir und ich hoffe, es
+soll noch alles gut werden. Ich lasse Sie jetzt allein &ndash;
+in einer Stunde bin ich wieder bei Ihnen &ndash; vielleicht
+<a class="pagenum" name="page_196" title="196"> </a>
+ist auch bis dahin schon Nachricht über den Flüchtling
+eingetroffen. &ndash; Sorgen Sie nicht,« setzte er aber herzlich
+hinzu, als er dem wehmüthigen Blick begegnete,
+der auf ihm haftete. &ndash; »Sie haben einen <em class="gesperrt">Freund</em>
+gefunden.« &ndash; Und die Hand, die er noch immer in
+der seinen hielt, an seine Lippen pressend, durchrieselte
+es ihn ordentlich wie mit süßen Schauern,
+als er einen leisen Druck derselben zu fühlen glaubte.
+Aber er ließ sie los, verbeugte sich vor der jungen
+Dame ehrfurchtsvoll und stieg dann rasch in sein
+Zimmer hinauf, um die Erlebnisse der letzten Stunde
+noch einmal an seiner Erinnerung vorüberziehen zu
+lassen.</p>
+
+
+
+
+<h3>V.<br />
+
+<b>Die Verfolgung.</b></h3>
+
+
+<p>Hamilton warf sich an dem Morgen, nachdem er
+sechs verschiedene telegraphische Depeschen aufgegeben,
+in einer ganz verzweifelten Stimmung in sein Coupé,
+denn von dem zurückgekehrten Postillon hatte er erfahren,
+daß dieser den Passagier um 4 Uhr heute Morgen
+in <em class="gesperrt">Soden</em> vor der Post abgesetzt, und er konnte jetzt
+den Zug benutzen, um diesen Platz so rasch als möglich
+zu erreichen. Aber wieder und wieder machte er
+sich selber dabei die bittersten Vorwürfe, daß er die
+<a class="pagenum" name="page_197" title="197"> </a>
+Flucht des schon ganz sicher geglaubten Verbrechers
+nur seinem eigenen Leichtsinn, seiner eigenen bodenlosen
+Unachtsamkeit verdanke, denn wie dieser einmal
+Mr. Burton selber begegnet sei, <em class="gesperrt">mußte</em> er wissen,
+daß er sich verrathen sah und deshalb keinen Augenblick
+versäumen dürfe, um sich der ihm drohenden
+Gefahr zu entziehen. Und <em class="gesperrt">das</em> hatte er übersehen &ndash;
+er, der sich selber für so schlau und in seinem Fach
+geschickt gehalten &ndash; auf so plumpe Weise, nur durch
+die Geistesgegenwart des Diebes, der durch keine
+Bewegung verrathen, daß er seinen Verfolger erkannt
+habe, hatte er sich täuschen und überlisten lassen.</p>
+
+<p>Und wie war es jetzt möglich, in diesem Gewühl
+von Fremden einen einzelnen Menschen wieder ausfindig
+zu machen, der weiter nichts zu thun brauchte,
+als sich einen anderen Rock zu kaufen, die blaue Brille
+abzulegen, den schwarzen Schnurrbart zu rasiren,
+um aufs neue völlig unkenntlich zu sein; und daß er
+derartige Vorsicht <em class="gesperrt">nicht</em> versäumen würde, darüber
+durfte er kaum in Zweifel sein.</p>
+
+<p>Das Einzige, was ihn noch einigermaßen beruhigte,
+war, daß sie wenigstens die Dame unter sicherer
+Aufsicht hatten; denn es schien nicht wahrscheinlich,
+daß sich der Flüchtling so leicht und für immer
+von dem schönen, verführerischen Wesen getrennt
+<a class="pagenum" name="page_198" title="198"> </a>
+haben sollte, nur um sich selber in Sicherheit zu bringen.
+In irgend einer Verbindung mit ihr blieb er
+gewiß, oder suchte eine solche auf eine oder die andere
+Art wieder anzuknüpfen, und wenn dann Mr. Burton
+nur einigermaßen seine Schuldigkeit that, so lief er
+ihnen schon dadurch wieder ins Netz.</p>
+
+<p>Allerdings hätte Kornik die Dame schon recht
+gut in dieser Nacht entführen können &ndash; es wäre
+das eben so leicht gewesen als allein zu entfliehen, aber
+er mußte auch wissen, daß er den Verfolger dann
+dicht auf den Hacken gehabt hätte und so leicht er
+<em class="gesperrt">jetzt</em> hoffen konnte, ihn über die Richtung zu täuschen,
+die er genommen, so ganz unmöglich wäre das in der
+Begleitung seiner Frau gewesen, die seine Bewegung
+nicht allein hemmte, sondern auch eine viel breitere
+und leichter erkennbare Spur hinterließ. Schon mit
+all dem Gepäck wäre er nicht von der Stelle gekommen.</p>
+
+<p>Das alles aber machte es, je mehr er darüber
+nachdachte, nur soviel wahrscheinlicher, daß er Deutschland
+nicht schon verlassen habe. Nur aus dem Weg
+mußte er sich für kurze Zeit halten, und wo konnte
+er das besser thun, gerade in der Saison, als in
+irgend einem der zahllosen Seitenthäler des Rheins
+oder der benachbarten Gebirge, wo eine Unmasse von
+<a class="pagenum" name="page_199" title="199"> </a>
+Fremden herüber und hinüber strömte, und ein einzelner
+Mann völlig unbeachtet in der Menge verschwand.</p>
+
+<p>Aber trotzalledem gab Hamilton die Hoffnung
+nicht auf. Das gehetzte Wild hatte allerdings einen
+Vorsprung gewonnen, aber die Fährte war doch noch
+warm &ndash; es lag keine Nacht darauf und er selber war
+gerade der Mann dazu, ihr mit allem nur erdenkbaren
+Eifer zu folgen. Es stand ja auch nicht allein ein
+reicher Lohn auf dem Erfolg, nein, seine Ehre als
+Detective auf dem Spiel, den schon gehaltenen Verbrecher
+nicht wieder entschlüpfen zu lassen, und er
+gab sich selber das Wort, nicht Mühe nicht Kosten zu
+scheuen, um ihn wieder zurück zu bringen.</p>
+
+<p>In Soden angekommen erkundigte er sich aber
+vergebens auf dem Bahnhof nach einem Herrn, der
+nur irgend zu seiner Beschreibung paßte. Es war
+freilich auch nicht wahrscheinlich, daß er sich dort
+gezeigt habe, denn nach Frankfurt würde er nicht so
+rasch zurückkehren, aber Hamilton wollte sich von jetzt
+an keine Vorwürfe mehr machen, auch nur das Geringste
+versäumt zu haben. Einquartirt hatte sich der
+Herr aber dort <em class="gesperrt">nicht</em>, so viel lag außer Zweifel; mit
+dem Mustern der Gasthäuser brauchte er deshalb
+keine Zeit zu verlieren und das Wichtigste blieb, die
+<a class="pagenum" name="page_200" title="200"> </a>
+Straßen zu untersuchen, die von hier aus in die Berge
+und besonders nach dem Rhein zu führten.</p>
+
+<p>Das aber zeigte sich bald als ein sehr schwierig
+Stück Arbeit, denn es hielten sich viele Fremde in
+Soden auf, und bei dem wundervollen Wetter besuchte
+ein großer Theil derselben in früher Morgenstunde
+die benachbarten Berge. Wer wollte da den Einzelnen
+controlliren, der sich zwischen ihnen befunden
+hatte? Außerdem gab es eine Legion von Führern
+in dem Badeort, die sich theilweis unterwegs, oder
+da und dort einquartirt befanden; es wäre rein unmöglich
+gewesen, sie alle aufzusuchen und einzeln auszufragen.</p>
+
+<p>Hamilton ließ aber deshalb den Muth nicht sinken.
+Unermüdlich streifte er Straße auf, Straße ab
+und frug bald da, bald dort in den Häusern. Nur in
+einem, in dem letzten Häuschen, das auf dem Weg
+nach Königstein lag, hörte er, daß ein einzelner Herr
+dort sehr früh vorbeigegangen sei, ob er aber einen
+Schnurrbart gehabt oder eine blaue Brille und Gepäck
+getragen, wer sollte das jetzt noch wissen? Ein
+Führer hatte ihn nicht begleitet.</p>
+
+<p>Das war keine Spur und Hamilton wollte sich
+schon kopfschüttelnd abwenden, um in Soden erst
+etwas zu Mittag zu essen und dann seine Versuche zu
+<a class="pagenum" name="page_201" title="201"> </a>
+erneuern, als ein kleines Mädchen, das dabei gestanden
+hatte, sagte:</p>
+
+<p>»Ja, en Schnorres hat er schon gehat, un en
+Täschche aa ungerm Arm getrage.«</p>
+
+<p>»Einen Schnorres? was ist das?« frug Hamilton.</p>
+
+<p>»Nu Hoor unner der Nas,« sagte die Frau.</p>
+
+<p>»Ja un ganz schwarz war er« &ndash; sagte die Kleine.</p>
+
+<p>»So mein Kind,« sagte Hamilton, der sie aufmerksam
+betrachtete, »also ein Täschchen hat er unter
+dem Arm getragen? groß?«</p>
+
+<p>»Na &ndash; kleen &ndash; vun <em class="gesperrt">Ledder</em> &ndash; en hibsch
+Täschche.«</p>
+
+<p>»Und der ist dort hinaus zu gegangen?«</p>
+
+<p>Die Frau bestätigte das &ndash; eine Brille schien er
+aber nicht aufgehabt zu haben; das Kind wollte wenigstens
+nichts derartiges bemerkt haben und eine
+blaue Brille wäre ihm gewiß aufgefallen.</p>
+
+<p>Das war allerdings eine Spur, wenn auch nur
+eine außerordentlich schwache, Hamilton beschloß aber
+doch, ihr zu folgen und ohne weiter einen Moment
+Zeit zu verlieren, drückte er dem Kinde ein Geldstück
+in die Hand und eilte dann so rasch er konnte nach
+Soden wieder auf die Post, um dort Extrapost nach
+Königstein zu nehmen. Nur so viel Zeit gönnte er sich,
+um etwas zu essen und zu trinken, so lange die Pferde
+<a class="pagenum" name="page_202" title="202"> </a>
+angespannt wurden &ndash; dann ging es vorwärts, was
+die Thiere laufen konnten.</p>
+
+<p>In Königstein selber &ndash; denn unterwegs, so oft er
+sich auch nach dem Gesuchten erkundigte, erhielt er
+doch keine Auskunft &ndash; war die Nachforschung nicht
+so schwer. Es gab dort nur zwei halbwegs anständige
+Wirthshäuser und in dem einen erfuhr er denn auch,
+daß ein einzelner Herr mit einem sehr schwarzen
+Schnurrbart und etwas brauner Gesichtsfarbe da gefrühstückt
+habe, dann aber weiter <em class="gesperrt">gegangen</em> sei, ohne
+daß sich natürlich irgend Jemand um ihn bekümmert
+hätte. Eine lederne kleine Reisetasche mit Stahlbügel
+führte er bei sich, eine Geldtasche hatte er umhängen,
+und auch noch einen Riemen umgeschnallt gehabt
+&ndash; das wollte der Wirth deutlich gesehen haben &ndash;
+weiter wußte er nichts.</p>
+
+<p>»In was für Geld hat er seine Zeche bezahlt?«</p>
+
+<p>»In Gulden und Kreuzern &ndash; der Landesmünze.«</p>
+
+<p>Hamilton war nicht halb sicher, daß er wirklich
+auf der Spur des Gesuchten sei, aber was blieb ihm
+jetzt anderes übrig, als ihr, da er sie einmal aufgenommen,
+auch weiter zu folgen, er würde sich sonst
+immer wieder Vorwürfe gemacht haben, eine wahrscheinliche
+Bahn aufgegeben zu haben, um dafür wild
+und verloren in der Welt herumzusuchen.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="page_203" title="203"> </a>
+Von hier aus schien der Flüchtling aber wirklich
+den Waldweg eingeschlagen zu haben, denn auf keiner
+Straße war er mehr gesehen worden, auch konnte er
+sich keinen Führer genommen haben, denn das hätte
+sich jedenfalls ausgesprochen. Wohin jetzt? Es war
+bald Abend, als Hamilton erschöpft in das Gasthaus
+zurückkehrte, wo er mit einer Flasche Wein und der
+Eisenbahnkarte vor sich, seinen weiteren Schlachtplan
+überlegte. Er fühlte dabei recht gut, daß er von jetzt
+an auf gut Glück weiter suchen müsse. Nur eine Andeutung
+seines zukünftigen Weges fand er in der
+Richtung, in welcher Königstein von Soden lag &ndash;
+direkt nach dem Lahnthal zu, und der beschloß er auch
+jetzt zu folgen. Allerdings mochte sich der Flüchtige
+rechts oder links abgewandt haben, um entweder
+Gießen oder den Rhein zu erreichen. Das letztere
+blieb aber immer das Wahrscheinlichste.</p>
+
+<p>Zu Fuß gedachte er aber die Tour nicht zu verfolgen,
+und er beschloß deshalb, hier zu übernachten,
+und am nächsten Morgen mit einem Einspänner, womöglich
+noch vor Tag, aufzubrechen. Dazu war es
+aber nöthig, noch heute Abend einen Wagen zu bestellen.
+Ein Mann wurde ihm da bezeichnet, der einen
+Einspänner zu vermiethen hätte. Zu dem ging er ungesäumt
+und erkundigte sich.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="page_204" title="204"> </a>
+»Ja, mein lieber Herr,« sagte dieser achselzuckend,
+»wenn Sie ein paar Stunden früher gekommen
+wären, so hätten Sie mit einem andern Herrn fahren
+können, der dieselbe Tour macht. Der hat aber
+meinen einzigen Einspänner mitgenommen. Das Pferd
+hätte Sie beide prächtig fortgebracht.«</p>
+
+<p>»Ein einzelner Herr?« frug Hamilton rasch,
+»heute Mittag?«</p>
+
+<p>»Jawohl &ndash; etwa um elf Uhr.«</p>
+
+<p>»Und wie sah er aus?«</p>
+
+<p>»Ja, lieber Gott, wie sah er aus &ndash; wie ein Berliner,
+mit einem schwarzen Schnurrbart und einer
+Reisetasche.«</p>
+
+<p>»Und haben Sie nicht einen zweispännigen
+Wagen?«</p>
+
+<p>»Thut mir leid &ndash; die Pferde sind jetzt alle
+draußen. Wenn Sie aber das dran wenden wollen,
+warum nehmen Sie nicht Postpferde?«</p>
+
+<p>»Ist denn eine Poststation hier im Ort? Ich
+hatte keine Ahnung davon, denn ich bin im Gasthaus
+vorgefahren.«</p>
+
+<p>»Ja gewiß, und die <em class="gesperrt">müssen</em> Ihnen Pferde
+schaffen.«</p>
+
+<p>Hamilton hörte nichts weiter und saß, kaum eine
+<a class="pagenum" name="page_205" title="205"> </a>
+Viertelstunde später wieder in seiner Extrapost. Jetzt
+zweifelte er auch keinen Augenblick mehr, daß er auf
+der richtigen Spur sei und versprach dem Postillon
+ein tüchtiges Trinkgeld, wenn er ordentlich zufahren
+würde.</p>
+
+<p>Auf der nächsten Station fand er aber seine
+Nachtfahrt schon unterbrochen. Die Wege kreuzten sich
+hier, und er <em class="gesperrt">durfte</em> nicht weiter fahren, aus Furcht,
+die falsche Straße einzuschlagen. Er mußte dort übernachten,
+aber schon vor Tag war er wieder auf, und
+wie er nun die Gewißheit erlangte, daß der Flüchtige
+die Straße nach Norden eingeschlagen, folgte er derselben
+mit Extrapost und versprach dem Postillon ein
+fürstliches Trinkgeld, wenn er den Gesuchten einholte,
+ehe er die Eisenbahn erreichte.</p>
+
+<p>Das wäre freilich nicht möglich gewesen, wenn
+Kornik sich verfolgt gewußt und dann keine Zeit
+versäumt hätte. Er schien sich aber vollkommen sicher
+zu fühlen, denn als sie nach Camburg kamen, hörten
+sie daß er dort geschlafen hätte und ziemlich spät
+Morgens wieder aufgebrochen sei.</p>
+
+<p>Jetzt galt es, ihm den Vorsprung abzugewinnen
+und näher und näher rückten sie auch hinan, bis sie
+dicht vor Limburg einem rückreitenden Postillon begegneten,
+der ihnen sagte, daß sie die Extrapost voraus
+<a class="pagenum" name="page_206" title="206"> </a>
+vielleicht noch vor der Stadt einholen könnten, wenn
+sie die Pferde nicht schonten.</p>
+
+<p>Und wahrlich sie schonten die Pferde nicht, was
+sie laufen konnten, liefen sie. Aber nach der Bahn zu
+führte der Weg steil thalab, der unglückselige Wagen
+hatte keinen Hemmschuh und mußte mit der Kette
+eingelegt werden; zu rasch <em class="gesperrt">durfte</em> er da nicht fahren,
+wenn er nicht riskiren wollte ein Rad zu brechen.
+Als sie endlich Limburg dicht vor sich sahen, war die
+verfolgte Extrapost nirgend zu erkennen, wohl aber
+pfiff gerade der von Gießen kommende Zug in den
+Bahnhof ein, und hielt dort gerade lang genug, daß
+ihn Hamilton, als er mit seinen, ordentlich mit Schaum
+bedeckten Thieren heranrasselte, konnte wieder davonkeuchen
+sehen. &ndash; Er war zu spät gekommen.</p>
+
+
+
+
+<h3>VI.<br />
+
+<b>Im Kursaal.</b></h3>
+
+
+<p>Es war ein verzweifelter Moment, aber Hamilton
+nicht der Mann, sich dadurch beirren zu lassen.
+Daß Kornik <em class="gesperrt">diesen</em> Zug benutzt hatte, daran zweifelte
+er keinen Augenblick, sowie er nur auf dem
+Bahnhof anfuhr und ihn nicht traf. Zum Ueberfluß
+fanden sie aber auch noch die Extrapost, die ihn hierher
+gebracht, und der Postillon derselben bestätigte,
+<a class="pagenum" name="page_207" title="207"> </a>
+daß der Herr, den er gefahren, mit dem letzten Zug
+»nach dem Rhein« abgegangen sei.</p>
+
+<p>Es war 5 Uhr 55 &ndash; der nächste Zug ging 6 Uhr
+30 &ndash; also noch eine halbe Stunde Zeit. Hamilton
+fuhr mit seinem Wagen gleich vor dem Polizeigebäude
+vor, die Herrn hatten es sich aber schon bequem
+gemacht, und er fand nur noch einen Aktuar,
+der Schriftstücke in einer Privatsache durchsah.</p>
+
+<p>Glücklicherweise schien dies ein ziemlich intelligenter
+Mann, der seinen Bericht aufmerksam anhörte.
+Als er ihn beendigt hatte, sagte er:</p>
+
+<p>»Mein lieber Herr &ndash; dieser Zug, der eben Limburg
+verlassen hat, geht allerdings heute Abend noch
+nach Coblenz, aber ich weiß nicht, ob der Herr, dem
+Sie nachsetzen, gerade ein Interresse daran haben
+kann, Coblenz diese Nacht zu erreichen. Er kann
+natürlich nicht ahnen, daß Sie ihm so dicht auf den
+Fersen sitzen &ndash; vorausgesetzt nämlich, daß es wirklich
+der Richtige ist, und wenn Sie <em class="gesperrt">meinem</em> Rath
+folgen wollen, so thun Sie, was ich Ihnen jetzt sage.
+Fahren Sie mit dem nächsten Zug nach Ems &ndash; nicht
+weiter &ndash; besuchen Sie dort heute Abend &ndash; mit
+jeder nöthigen Vorsicht natürlich, den Spielsaal, und
+finden Sie dann &ndash; was ich aber bezweifele &ndash; Ihren
+Mann <em class="gesperrt">nicht</em>, dann nehmen Sie heute Abend noch in
+<a class="pagenum" name="page_208" title="208"> </a>
+Ems einen Wagen, den Sie für Geld überall bekommen
+können, fahren direkt nach Coblenz, und passen
+morgen früh an den Bahnzügen auf. Ich wenigstens,
+wenn ich an Ihrer Stelle einen solchen Patron zu verfolgen
+hätte, würde genau so handeln, und wenn ich
+nicht sehr irre, gut dabei fahren.«</p>
+
+<p>»Ems ist nassauisch, nicht wahr?« frug Hamilton.</p>
+
+<p>»Allerdings,« sagte der Aktuar.</p>
+
+<p>»Könnten Sie dann,« fuhr Hamilton fort, indem
+er seine Legitimationspapiere aus der Tasche holte,
+»mir auf Grundlage dieser Schriftstücke einen Verhaftsbefehl
+für das betreffende Individuum ausstellen?«</p>
+
+<p>Der Aktuar sah die Papiere, bei denen sich eine
+in Hamburg beglaubigte Uebersetzung befand, aufmerksam
+durch und sagte dann lächelnd:</p>
+
+<p>»Eigentlich, und nach unserem gewöhnlichen Gerichtsverfahren
+würde die Sache mehr Umstände
+machen, und nicht so rasch beseitigt werden können,
+unter den obwaltenden Verhältnissen aber denke ich,
+daß ich die Verantwortlichkeit auf mich nehmen kann.
+Sie <em class="gesperrt">müssen</em> mit dem nächsten Zug fort, wenn Sie
+den Gesuchten nicht versäumen wollen. Setzen Sie
+sich einen Augenblick; ich denke, wir können das alles
+noch in Ordnung bringen.«</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="page_209" title="209"> </a>
+Der alte Aktuar war ein wahres Juwel. Hamilton
+hätte sich an keinen besseren Menschen wenden können.
+In kaum zehn Minuten hatte er einen Verhaftsbefehl
+für die Nassauischen Lande gegen jenen Mr. Kornik ausgestellt.
+Und nicht einmal einen Kreuzer mehr als die
+üblichen und nicht zu vermeidenden Sporteln wollte er
+dafür nehmen, und wie gern hätte ihm der junge
+Mann seine Arbeit zehn- und zwanzigfach bezahlt!</p>
+
+<p>Jetzt war alles in Ordnung &ndash; Hamilton beschloß,
+den ihm gegebenen Rath gewissenhaft zu befolgen,
+und dem alten Herrn auf das herzlichste dankend,
+eilte er so rasch er konnte nach dem Bahnhof zurück.</p>
+
+<p>Seine Zeit war ihm auch nur eben knapp genug
+zugemessen; kaum hatte er dort sein Billet gelöst, so
+wurde der Zug schon signalirt; zehn Minuten später
+braußte er heran, hielt, nahm seine wenigen Passagiere
+auf und keuchte in ruheloser Hast weiter, das freundliche
+Lahnthal hinab.</p>
+
+<p>Aber Hamilton hatte kein Auge für die liebliche
+Scenerie, die ihn umgab &ndash; so war er in seine eigenen
+Gedanken vertieft, daß er ordentlich emporschrak als
+sie in den ersten Tunnel eintauchten. Nur das Bild
+des Flüchtigen schwebte vor seiner Seele, und selbst
+daß er Schlaf und Ruhe entbehrt hatte, um diesen zu
+erreichen und einzuholen, fühlte er nicht. Der Zug
+<a class="pagenum" name="page_210" title="210"> </a>
+flog mit reißender Schnelle dahin, aber ihm kam es
+noch immer vor, als ob er in seinem Leben nicht so
+langsam gefahren wäre. Jetzt glitten sie an den grünen
+Hängen des freundlichen Thales dahin &ndash; jetzt wieder
+öffnete der Berg seinen Schlund, um sie in seine
+düstere Tiefe aufzunehmen, und aufs neue schossen sie
+hinaus in den dämmernden Abend. Aber Hamiltons
+Augen schienen für das alles keine Sehkraft zu haben,
+so theilnahmlos, so unbewußt selbst streifte sein Blick
+darüber hin, bis endlich der schrille Pfiff der Locomotive
+die Nähe der Station Ems anzeigte und eine
+Masse Spaziergänger, Herren zu Fuß und Damen
+und Kinder auf Eseln, in der unmittelbaren Nähe
+der Bahn sichtbar wurden. Es war spät geworden
+und die Leute eilten jetzt nach Haus, denn so heiß die
+Tage auch sein mochten, die Nächte blieben kühl und
+frisch genug.</p>
+
+<p>Aber diese kümmerten den Polizeimann nicht, der
+recht gut wußte, daß der, den <em class="gesperrt">er</em> suchte, sich nicht
+unter ihnen befand, selbst <em class="gesperrt">wenn</em> es noch hell genug
+gewesen wäre, einzelne Physiognomien der da draußen
+Wandernden zu erkennen, an denen sich nur die
+lichten Kleider unterscheiden ließen.</p>
+
+<p>Der Zug hielt, aber selbst jetzt noch war Hamilton
+einen Augenblick unschlüssig, ob er nicht lieber sitzen
+<a class="pagenum" name="page_211" title="211"> </a>
+bleiben und bis nach Oberlahnstein und Coblenz mitfahren
+solle; denn ließ es sich denken, daß der Flüchtige
+gerade hier ausgestiegen sei? Derartige Menschen sind
+allerdings furchtbar leichtsinnig, und der alte Aktuar
+hatte am Ende doch Recht gehabt, wenn er ihm rieth,
+die Spielbank jedenfalls einmal ein Paar Stunden zu
+besuchen. Verloren war immer kaum viel Zeit dabei,
+denn kam er jetzt auch nach Coblenz, so mußte er doch
+die Nacht dort liegen bleiben, um bei dem Abgang des
+ersten Morgen-Zuges erst am Bahnhof zu sein. Er
+folgte also dem Rath des alten Mannes, stieg aus
+und ging in das dicht am Bahnhof gelegene Hotel
+zum Guttenberg, um dort erst etwas andere Toilette
+zu machen. Er wollte sich nämlich nicht der Gefahr
+aussetzen, daß er von dem schlauen Verbrecher zuerst
+erkannt würde, denn er zweifelte keinen Augenblick
+daran, daß Kornik ihn an jenem Abend eben so gut
+bemerkt habe, wie seinen Begleiter Burton, und ihm
+deshalb jetzt eben so rasch ausweichen würde, wie
+jenem.</p>
+
+<p>In seiner Tasche trug er einen leichten hellen
+Sommerrock, den zog er an, setzte eine hellgrüne
+Brille auf und borgte sich noch außerdem vom Kellner
+einen Cylinderhut. Mit dieser ganz geringen Veränderung
+seiner Toilette, die er dadurch vervollständigte,
+<a class="pagenum" name="page_212" title="212"> </a>
+daß er ein weißes Halstuch statt seines bisher getragenen
+schwarzen nahm, fühlte er sich ziemlich sicher,
+wenigstens nicht gleich auf den ersten Blick erkannt
+zu werden. Kornik hatte ihn ja überhaupt nur die
+kurze Zeit im Coupé gesehen, und ihn dabei keineswegs
+seiner Beachtung so besonders werth gehalten.
+Dann aß er etwas und hielt es nun an der Zeit, das
+jetzt besonders frequentirte Kurhaus zu besuchen.</p>
+
+<p>Es war indessen völlig Nacht geworden; unterwegs
+traf er nur noch einzelne Leute, die vom Kurhaus
+weg über die Brücke in ihre am andern Ufer liegende
+Quartiere gingen, das Kurhaus selber aber war noch
+hell und brillant erleuchtet und auch in der That der
+einzige Platz in dem ganzen Badeort, den man Abends
+besuchen konnte und wo man Gesellschaft fand. Die
+anderen zahllosen Hotels schienen nur zum Essen zu
+dienen, denn in ihren Sälen versetzten riesige Tische,
+deren Zwischenraum vollständig mit Stühlen ausgefüllt
+war, jeden nur einigermaßen möglichen Platz.
+Man konnte sich in keinen von ihnen wohnlich fühlen.</p>
+
+<p>Das Kurhaus dagegen vereinigte alles, was sich
+von Pracht und Eleganz nur denken ließ &ndash; ein reichhaltiges
+Lesezimmer mit bequemen Fauteuils, einen
+prachtvollen Saal zu Concerten oder Spiel- und Tanzplätzen
+der Kinder und Damen, und dann den unheilvollen
+<a class="pagenum" name="page_213" title="213"> </a>
+Magnet für die Spieler, die grünen Tische,
+von denen der verführerische Klang des Metalls in
+alle harmlosen Spiele und Vergnügungen hinübertönte,
+und seine Opfer erbarmungslos an- und nachher
+auszog.</p>
+
+<p>Es ist eine Schmach für Deutschland, daß wir
+noch diese vergoldeten Schandhöhlen in unseren Gauen
+dulden &ndash; es ist eine doppelte Schmach für die Regierungen,
+die sie begünstigen und gestatten, und alle die
+Opfer, die jährlich fallen, müssen einst auf ihren
+Seelen brennen.</p>
+
+<p>Napoleon&nbsp;III. hat die Spielhöllen aus seinem
+Reich verbannt, und die Spieler damit über die
+Grenzen getrieben. Geschah das aber nur deshalb,
+daß sie in <em class="gesperrt">Deutschland</em> ihre gesetzliche Aufnahme
+finden sollten? und müssen wir nicht vor Scham erröthen,
+wenn wir dieses französische Unwesen mit französischen
+Marken und Marqueuren im Herzen unseres
+Vaterlandes eingenistet finden? Aber es <em class="gesperrt">ist</em> so. Trotz
+der gerechten Entrüstung, die allgemein darüber
+herrscht, müssen wir jetzt geschehen lassen, daß andere
+Nationen die Achseln darüber zucken und uns bedauern
+oder &ndash; verachten, <em class="gesperrt">müssen</em> wir es geschehen lassen,
+sage ich, denn</p>
+
+<div class="poetry">
+ <a class="pagenum" name="page_214" title="214"> </a>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse">»wollten wir alle zusammen schmeißen</div>
+ <div class="verse">wir könnten sie doch nicht Lügner heißen.«</div>
+ </div>
+</div>
+
+<p>Wenn wir es denn aber trotz allem und allem
+unter unseren Augen so frech fortgeführt sehen, so
+gehört es sich, daß sich jeder <em class="gesperrt">rechtliche</em> Mann
+wenigstens dagegen verwahrt, diese Schandbuden gut
+zu heißen. Das Ausland möge erfahren, daß die
+<em class="gesperrt">deutsche Nation</em> unschuldig ist an diesem Werk, und
+keinen Silberling von dem Blutgeld verlangt, das es
+einzelnen Fürsten einbringen mag. Hammerschlag
+auf Hammerschlag folge auf das Gewissen der Vertreter
+deutscher Nation, bis sie endlich wach gerüttelt
+werden &ndash; sie sollen sich wenigstens nicht beklagen
+dürfen, daß man sie nicht geweckt hätte.</p>
+
+<p>Hamilton dachte freilich an nichts derartiges, als
+er das hell erleuchtete Portal betrat, an welchem ein
+gallonirter Portier und ein sehr einfach gekleideter
+Polizeidiener &ndash; zur Wache, daß das heilige Spiel
+nicht etwa gestört würde &ndash; auf Posten standen. Der
+Portier wollte übrigens Schwierigkeiten machen, als
+er Hamiltons hellen Rock sah &ndash; er schien ihm für die
+Spielhölle nicht anständig genug gekleidet, aber neben
+ihm schritt eine bis auf den halben Busen decoltirte
+Französin frech vorüber, welcher der Lakai eine tiefe,
+ehrfurchtsvolle Verbeugung machte. Hamilton wußte
+<a class="pagenum" name="page_215" title="215"> </a>
+indessen, welchen Zauber in einem solchen Fall ein
+Guldenstück ausüben würde, und der augenblicklich
+zahm gewordene Portier schmunzelte auch so vergnügt
+darüber hinweg, daß seinem Eintritt nichts weiter im
+Wege stand.</p>
+
+<p>Wenige Secunden später befand er sich, von dem
+jetzt dienstbaren Geist willig geleitet, im Lesecabinet,
+aus dem eine Thür unmittelbar in den großen Spielsaal
+führte.</p>
+
+<p>Dort saßen nur ihm vollkommen fremde Menschen,
+ein langbeiniger Engländer, der gewissenhaft
+die Times durcharbeitete, ein kleiner beweglicher
+Franzose, der über dem Charivari schmunzelte, und
+ein Paar andere Badegäste, die gleichgültig und aus
+Langeweile die verschiedenen continentalen Zeitungen
+durchblätterten.</p>
+
+<p>Er hielt sich dort nicht auf und öffnete die Thür,
+die in den Spielsalon führte, aber anfangs nur halb,
+um erst einen Ueberblick über die verschiedenen Gestalten
+zu gewinnen, und nicht früher gesehen zu werden,
+als er selber sah. Aber es hätte dieser Vorsicht
+nicht einmal bedurft, denn die dort Befindlichen hatten
+nur Ohr für den monotonen Ruf des Croupiers, nur
+Auge für den grünen Tisch, und die darauf genähten
+bunten Lappen. Wer kümmerte sich von allen denen
+<a class="pagenum" name="page_216" title="216"> </a>
+um den einzelnen Fremden, wenn er nicht selber als
+stark Spielender &ndash; mit Glück oder Unglück blieb sich
+gleich &ndash; ihr Interesse für einen Augenblick in Anspruch
+nahm.</p>
+
+<p>Hamilton trat an die Spieler dicht hinan, um die
+einzelnen Gesichter derselben mustern zu können &ndash;
+aber er fand kein bekanntes darunter. Es war ein
+buntes Gemisch von leidenschaftlich erregten, abstoßenden
+Physiognomien, unter denen sich nur hie und da
+die kalten speculirenden Züge alter abgefeimter, und
+ruhig ihre Zeit abwartender Spieler, auszeichneten.
+Auch viele »Damen« standen dicht von den Uebrigen
+gedrängt am Tisch, wenn solche Frauenzimmer den
+Namen von Damen überhaupt verdienen. Eine von
+diesen saß sogar neben dem Croupier &ndash; es war der
+Lockvogel der Gesellschaft, ein junges, üppiges Weib,
+tief decoltirt, mit dunklen vollen Locken und reichem
+Brillantschmuck; andere drängten, jede Weiblichkeit
+bei Seite lassend, zwischen die ihnen nur unwillig
+Raum gebenden Zuschauer hinein, um ihr Geld in
+wilder Hast auf eine Nummer zu schieben.</p>
+
+<p>Hamiltons Blick streifte gleichgültig darüber hin,
+und wie er sich langsam selber um den Tisch bewegte,
+entging kein irgendwo eingeschobener Kopf seinem
+forschendem Auge. Da hörte er auch in einem kleineren
+<a class="pagenum" name="page_217" title="217"> </a>
+Nebenzimmer das Klimpern des Geldes und die
+monotonen Worte: »<i>le jeu est fait</i>« &ndash; denen lautlose
+Stille folgte, und wollte eben auch jenes Gemach
+betreten, als er wie festgewurzelt auf der Schwelle
+blieb, denn <em class="gesperrt">dort</em> stand Kornik &ndash; bleich wohl jetzt, von
+der Erregung des Spiels, und mit gierigem Blick an
+der abgezogenen Karte hängend &ndash; aber unverkennbar
+derselbe, mit dem er an jenem Tag gefahren. Er
+hatte es auch nicht einmal für nöthig gehalten, den
+verrätherischen Schnurrbart abzurasiren, oder sein
+Haar anders zu tragen, er mußte sich heute Abend
+hier vollkommen sicher fühlen. Nur die blaue Brille
+fehlte.</p>
+
+<p>Im ersten Moment fürchtete Hamilton fast sich
+zu bewegen, daß nicht der Blick des Verbrechers ihn
+vor der Zeit traf. Aber es war das eine vollkommen
+nutzlose Angst, denn der <em class="gesperrt">Spieler</em> hatte nur Augen
+für die vor ihm abgezogenen Karten &ndash; weiter existirte
+in diesem Moment keine Welt für ihn. Vorsichtig zog
+sich der Polizeiagent deshalb wieder zurück, bis er sich
+im Nebenzimmer gedeckt wußte, schritt dann durch den
+Saal und auf den dort stationirten Polizeidiener zu.</p>
+
+<p>Mit wenigen Worten machte er diesem auch begreiflich
+was er wollte &ndash; derartige kleine Zwischenfälle
+kamen gar nicht etwa so selten in diesen Spielhöllen
+<a class="pagenum" name="page_218" title="218"> </a>
+vor &ndash; und überraschte dabei den Portier auf
+das angenehmste, indem er ihm zwei große Silberstücke
+&ndash; er sah gar nicht nach, was &ndash; in die Hand
+drückte, mit dem Auftrag, so rasch als irgend möglich
+Polizeimannschaft zur Hülfe herbeizuholen. Die befand
+sich übrigens stets in der Nähe. Ein verzweifelter
+Spieler hatte sich wohl schon dann und wann einmal,
+zum Letzten und Aeußersten getrieben, an der
+heiligen Kasse selber vergriffen und nachher sein Heil
+in rascher Flucht gesucht, und dagegen mußten die
+Herren freilich geschützt werden. Wenn auch ein
+<em class="gesperrt">Raub</em>, war das Geld doch ein <em class="gesperrt">gesetzlich</em> gewonnener,
+und die Regierung fühlte sich verpflichtet, dessen
+Schutz zu überwachen.</p>
+
+<p>Hamilton traute indessen seinem Mann da drinnen
+noch lange nicht genug, um ihn länger, als unumgänglich
+nöthig war, sich selber zu überlassen; er
+war ihm damals in Frankfurt auf zu schlaue Weise
+durch die Finger geschlüpft, während er ihn eben so
+sicher geglaubt wie gerade jetzt. Aber er selber kannte
+die Leidenschaft des Spiels noch viel zu wenig, um zu
+wissen, daß er in diesem einen viel sicheren Bundesgenossen
+hatte, als in einem schönen Weibe, und als
+er in Begleitung des Polizeidieners jenes Zimmer wieder
+betrat, stand Kornik noch eben so fest und regungslos,
+<a class="pagenum" name="page_219" title="219"> </a>
+eben so nur in dem einen Gedanken der Karten absorbirt,
+an seinem Tisch, wie er ihn vorhin verlassen.</p>
+
+<p>Der Polizeibeamte übereilte sich aber jetzt nicht
+im geringsten. Er wußte, daß ihm sein Opfer nicht
+mehr entgehen konnte, und hielt es für viel gerathener,
+den Herrn nicht früher zu beunruhigen, als er der
+herbeigerufenen Hilfe sicher war. Nur seine grüne
+Brille nahm er ab.</p>
+
+<p>»Welcher ist es denn?« flüsterte ihm der dicht
+hinter ihm gehende Polizeidiener zu. Hamilton machte
+eine beschwichtigende Bewegung mit der Hand und
+trat dann, von jenem gefolgt, an Kornik hinan. Er
+stand jetzt so nahe bei ihm, daß seine Schulter die des
+Polen berührte, der aber nicht daran dachte, auch nur
+den Kopf nach ihm umzudrehen.</p>
+
+<p>Jetzt hatte derselbe gerade gewonnen; es standen
+vielleicht 40 oder 50 Louisd'or auf dem grünen Tisch &ndash;
+er ließ den Satz stehen, die Karten fielen und der Croupier
+zog mit seiner hölzernen Schaufel das Gold ein.</p>
+
+<p>Mit einem leisen, zwischen den Lippen gemurmelten
+Fluch schob sich Kornik seine Geldtasche vor, um
+wahrscheinlich neue Summen auf die trügerischen
+Blätter zu setzen, als er eine Hand auf seiner Schulter
+fühlte und Hamilton mit ruhiger, aber absichtlich
+lauter Stimme sagte:</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="page_220" title="220"> </a>
+»Sie sind mein Gefangener, im Namen der
+Königin.«</p>
+
+<p>Der Pole wandte ihm jetzt rasch und erschreckt sein
+Antlitz zu und Leichenblässe deckte im Nu seine Züge,
+als er das nur zu wohl gemerkte Gesicht des Mannes
+aus Frankfurt neben sich sah. Aber auch nicht für
+ein Moment verlor er seine Geistesgegenwart, und dem
+Blick desselben kalt und ruhig begegnend, sagte er:</p>
+
+<p>»Das Spiel hat Ihnen wohl den Verstand verwirrt
+&ndash; stören Sie mich nicht,« und in die Geldtasche
+greifend, wollte er, ohne den Fremden weiter zu
+beachten, sich wieder über den Tisch beugen, als sich
+Hamilton aber, seiner Sache zu gewiß, an den Polizeidiener
+wandte und sagte:</p>
+
+<p>»Verhaften Sie den Herrn &ndash; ich werde Sie
+augenblicklich auf das Bureau begleiten.«</p>
+
+<p>»Keine Störung hier, meine Herren, wenn ich
+bitten darf,« rief plötzlich ein kleines hageres Männchen,
+das schon bei den ersten Worten an den Spieltisch
+getreten war. »Wenn Sie etwas mit einander
+auszumachen haben, ersuche ich Sie, in ein Nebenzimmer
+zu treten.«</p>
+
+<p>»Ich werde <em class="gesperrt">Sie</em> nicht um Erlaubniß fragen,
+wenn ich Ihre Wirthschaft hier für einen Augenblick
+unterbreche,« sagte Hamilton trotzig &ndash; »ich habe
+<a class="pagenum" name="page_221" title="221"> </a>
+ein Recht diesen Mann zu verhaften, wo ich ihn finde.«</p>
+
+<p>»Dann führen Sie ihn ab, Polizeidiener,« sagte
+der Kleine in seinem braunen Rock ruhig &ndash; »oder ich
+mache Sie für jede Unordnung hier verantwortlich.«</p>
+
+<p>»Ich habe mit den Herrn nichts zu thun,« rief
+der Pole trotzig, »was wollen Sie von mir? &ndash; lassen
+Sie mich los.«</p>
+
+<p>Eine Anzahl von Menschen sammelte sich um die
+beiden, und die Spieler zogen ihr Geld ein, weil sie
+vielleicht einen Kampf und dadurch die Sicherheit
+ihrer Bank gefährdet fürchteten, denn es gab leider
+eine Menge von Menschen, die das dort aufgethürmte
+Geld für <em class="gesperrt">gestohlen</em> hielten, und sich wenig Gewissen
+daraus gemacht hätten, es fortzuraffen.</p>
+
+<p>»Bitte, meine Herren, gehen Sie in ein Nebenzimmer,«
+drängte aber jetzt nochmals der kleine Braune,
+»Sie sind dort vollkommen ungestört &ndash; Jean, Bertrand
+hierher &ndash; sorgen Sie für Ordnung.«</p>
+
+<p>Der Pole warf den Blick umher; er sah sich
+augenscheinlich nach einem Weg zur Flucht um, aber
+Hamiltons Hand hatte seinen Arm wie eine Schraube
+gefaßt und der Polizeiagent sagte mit leiser, aber
+drohender Stimme:</p>
+
+<p>»Es hilft Ihnen nichts. Flucht ist für Sie unmöglich.
+<a class="pagenum" name="page_222" title="222"> </a>
+Sie sind mein Gefangener; ergeben Sie
+sich gutwillig, Sie haben keinen Ausweg mehr, und
+Wiederstand kann Ihre Lage nur verschlimmern.«</p>
+
+<p>Es war einen Augenblick, als ob sich der Pole
+den drohenden Worten nicht fügen wolle, und fast unwillkürlich
+zuckte er mit der Hand empor. Aber ein
+umhergeworfener Blick mußte ihn überzeugen, daß er
+mit Gewalt nichts ausrichten könne, denn eine Menge
+von Neugierigen, die sich im benachbarten Salon
+umhergetrieben, hörten kaum die in einem Spielsaal
+ganz ungewohnten, lauten Stimmen, als sie hereindrängten,
+und den einzigen Ausgang vollständig verstopften.</p>
+
+<p>Der eine Blick genügte, und verächtlich lächelnd
+aber mit voller Ruhe sagte der Mann:</p>
+
+<p>»Hier herrscht jedenfalls ein Irrthum. Ich bin
+Graf Kornikoff, hier ist mein russischer Paß, und ich
+stelle mich damit unter den Schutz unseres Gesandten.
+Nassau ist mit dem russischen Thron verwandt und
+wird dessen Unterthanen nicht ungestraft beleidigen
+lassen.«</p>
+
+<p>Mit den Worten nahm er ein Papier aus seiner
+Brusttasche und hielt es Hamilton vor.</p>
+
+<p>»Es kann sein,« sagte dieser, »daß Ihr Paß in
+Ordnung ist. Die gefährlichsten Charaktere haben
+<a class="pagenum" name="page_223" title="223"> </a>
+gewöhnlich die besten Pässe. In dem Falle werden
+Sie sich aber um so weniger weigern mir zu folgen,
+da ich bereit bin, Ihnen vollständige Genugthuung
+zu geben, wenn ich Sie ohne hinreichenden Grund
+verhaftet habe. Die Herren hier werden mir aber
+zugeben, daß man, auch selbst mit einem guten Paß
+versehen, doch stehlen kann, und auf die Klage eines
+Diebstahls verhafte ich Sie hiermit.«</p>
+
+<p>»Gut denn, führen Sie ihn fort und übernehmen
+dabei die Verantwortung für alle Folgen,« sagte der
+kleine Herr mit dem braunen Rock ungeduldig &ndash;
+»aber Sie sehen doch ein, daß Sie hier das Spiel
+und Vergnügen völlig dabei unbetheiligter Herren
+und Damen nicht länger stören dürfen. Herr Polizeicommissar,
+ich bitte Sie, daß Sie diesem Unfug
+ein Ende machen, oder ich werde mich morgen ernstlich
+bei der Behörde deshalb beklagen.«</p>
+
+<p>Der Polizeicommissar war in der That herbeigekommen,
+und Hamilton, der ihn an seiner Uniform
+erkannte, frug ihn leise:</p>
+
+<p>»Wer ist denn dieser kleine Tyrann?«</p>
+
+<p>»Einer der Spielpächter,« sagte der Mann mit
+einem verächtlichen Blick auf den Braunen, und
+setzte dann laut hinzu, »beklagen Sie sich bei wem
+Sie wollen, Monsieur, Sie werden uns aber hier
+<a class="pagenum" name="page_224" title="224"> </a>
+wohl noch erlauben, unsere Schuldigkeit zu thun,
+selbst <em class="gesperrt">wenn</em> Ihre achtbare Gesellschaft einen Augenblick
+gestört werden solle. Und Sie, mein Herr,«
+wandte er sich an den Gefangenen, »folgen Sie uns
+jetzt auf das Bureau &ndash; ich werde die Sache dort
+untersuchen.«</p>
+
+<p>»Sie werden mir bezeugen, daß ich nicht den geringsten
+Wiederstand geleistet habe,« sagte der Pole
+ruhig &ndash; »kommen Sie, meine Herren. Ich wünsche
+noch an dem Spiel hier Theil zu nehmen, und je
+eher wir diese fatale Sache beendigen, desto besser.«</p>
+
+<p>Damit wandte er sich entschlossen dem Ausgang
+zu &ndash; die Leute gaben ihm Raum und wenige Secunden
+später standen sie am Ausgang des Kurhauses.</p>
+
+<p>»Es wäre besser, wir legten ihm Handschellen an,«
+sagte Hamilton, sich zu dem Polizeicommissar überbiegend.</p>
+
+<p>»Er kann uns hier nicht entschlüpfen,« erwiederte
+dieser kopfschüttelnd &ndash; »und ich möchte keine Gewaltmaßregeln
+gebrauchen, bis ich die Sache näher untersucht
+habe.«</p>
+
+<p>Der Pole schritt ruhig und festen Schrittes zwischen
+zwei Polizisten dahin &ndash; dicht hinter ihm folgte
+Hamilton mit dem Commissar, und eine Anzahl von
+Neugierigen schloß sich dem Zuge an, um zu sehen,
+<a class="pagenum" name="page_225" title="225"> </a>
+was die Sache für ein Ende nähme. So schritten sie
+langsam durch den Kurgarten dem kleinen viereckigen
+Regierungsgebäude zu, das dicht an der Brücke liegt,
+und der Gefangene schien selber nichts sehnlicheres zu
+wünschen, als diese Scene bald zu Ende gebracht zu
+sehen.</p>
+
+<p>»Haben wir noch weit?« frug er einen der ihn
+escortirenden Leute.</p>
+
+<p>»Oh bewahre,« sagte dieser, indem er mit dem
+ausgestreckten Arm auf das vor ihnen liegende Gebäude
+zeigte, »das ist das Haus.« In demselben Moment
+stieß er aber auch einen Schrei aus, denn ein schwerer
+Schlag, jedenfalls mit einem sogenannten »<i>life preserver</i>«
+geführt, schmetterte ihn bewußtlos zu Boden,
+während der Gefangene mit flüchtigen Sätzen über
+die schmale Brücke hinüber eilte.</p>
+
+<p>Aber er hatte flüchtigere Füße hinter sich. Wie
+ein Tiger auf seine Beute, so schoß Hamilton hinter
+ihm drein, und noch ehe er das Ende der Brücke erreichte,
+streckte er schon den Arm aus, um ihn am
+Kragen zu packen. Da wandte sich der zur Verzweiflung
+getriebene Verbrecher, und einen Revolver vorreißend,
+drückte er ihn gerade auf die Brust seines
+Verfolgers ab.</p>
+
+<p>Hamilton wäre verloren gewesen, aber zu seinem
+<a class="pagenum" name="page_226" title="226"> </a>
+Glück versagte die Schußwaffe, und ehe Kornik zum
+zweiten Male abdrücken konnte, schmetterte ihn der
+Schlag des Polizeimanns zu Boden. Aber selbst
+damit begnügte sich dieser nicht, und mit einer ganz
+außerordentlichen Gewandtheit faßte er ihm beide
+Hände, legte sie zusammen und wenige Secunden
+später knackten die vortrefflichen Darbies oder Handschellen
+in ihr Schloß und er wußte jetzt, daß er seinen
+Gefangenen sicher hatte.</p>
+
+<p>»Alle Wetter,« sagte der nachkeuchende Polizeicommissar,
+»das war doch gut, daß Sie schneller laufen
+konnten.«</p>
+
+<p>»Wenn Sie <em class="gesperrt">meinem</em> Rath gefolgt wären, konnte
+uns das erspart werden,« meinte Hamilton finster,
+»denn ich verdanke mein Leben jetzt nur einem schlechten
+Zündhütchen.«</p>
+
+<p>»Er hat schießen wollen?«</p>
+
+<p>»Dort liegt der Revolver &ndash; Sie sehen, daß Sie
+es hier mit einem gefährlichen Verbrecher zu thun
+haben.«</p>
+
+<p>»Da wollen wir ihn doch lieber binden.«</p>
+
+<p>»Bitte, bemühen Sie sich nicht weiter &ndash; er ist
+fest und sicher. Sein Sie nur so gut und lassen ihn
+jetzt durch Ihre Leute in festen Gewahrsam bringen.«</p>
+
+
+
+
+<h3>VII.<a class="pagenum" name="page_227" title="227"> </a><br />
+
+<b>Die gerettete Unschuld.</b></h3>
+
+
+<p>Mr. Burton befand sich an dem Morgen in einer
+fast fieberhaften Aufregung, denn wie er schon lange
+jeden Glauben an die Mitschuld des armen &ndash; oh so
+wunderbar schönen Weibes abgeschüttelt hatte, gingen
+ihm andere Pläne wild und wirr durch den Kopf.
+Immer aufs neue malte er sich den Augenblick aus,
+wo er sie in seinem Arm gehalten, wo seine Lippen
+zum ersten Mal in Angst und Liebe die ihrigen
+berührt, und nur der Gedanke quälte ihn noch, in
+welchem Verhältniß sie zu dem unwürdigen Menschen
+gestanden haben, wie sie mit ihm bekannt werden
+konnte. Hatte er sie unter seinem falschen Namen
+getäuscht? &ndash; ihrer Familie heimlich vielleicht entführt?
+&ndash; alle ihre Klagen schienen darauf hinzudeuten, wie
+verworfen mußte er dann &ndash; wie elend sie, die arme
+Unschuldige, Verrathene sein? und war es da nicht
+seine Pflicht, &ndash; wo er wenn auch selber unschuldiger
+Weise, all diesen Jammer über sie gebracht &ndash; ihr
+auch wieder zu helfen so gut er konnte? Er schien
+fest entschlossen, und von dem Augenblick an fühlte er
+sich auch wieder ruhiger und zufriedener.</p>
+
+<p>James Burton, kaum zum Mannesalter herangereift,
+<a class="pagenum" name="page_228" title="228"> </a>
+war ein seelensguter Mensch mit weichem, für
+alles Gute und Schöne leicht empfänglichem Herzen.
+Er hatte dabei &ndash; in den glücklichsten und unabhängigsten
+Verhältnissen erzogen &ndash; noch nie Gelegenheit
+bekommen, den Täuschungen und Wiederwärtigkeiten
+des Lebens zu begegnen. Weil er selber gut und ohne
+Falsch war, hielt er alle Menschen für eben so
+rechtlich und brav, und selbst an Korniks Schuld
+hatte er so lange nicht glauben mögen, bis auch der
+letzte Zweifel zur Unmöglichkeit wurde. Wie leicht
+vertraute er da diesen lieben treuen Augen &ndash; wie
+glücklich fühlte er sich selbst, daß es <em class="gesperrt">ihm</em> verstattet
+gewesen, jenem holden Wesen den Schmerz und die
+furchtbare Seelenqual erspart zu haben, von dem
+zwar geschickten und tüchtigen, aber auch vollkommen
+rücksichtslosen Polizeimann examinirt zu werden. Er
+schämte sich jetzt fast vor sich selber, daß er ihr auch
+nur verstattet hatte, ihren Koffer auszupacken &ndash; wie
+niedrig mußte sie von ihm denken! &ndash; aber er war ja
+auch gar nicht im Stande gewesen, sie daran zu verhindern,
+so leidenschaftlich erregt zeigte sie sich nur
+bei der Möglichkeit eines Verdachts. Aber natürlich
+&ndash; wenn er <em class="gesperrt">sich</em> in <em class="gesperrt">ihre</em> Stelle dachte, würde er
+genau so gehandelt haben.</p>
+
+<p>Die Stunde, die sie erbeten hatte, um sich nur
+<a class="pagenum" name="page_229" title="229"> </a>
+von den ersten furchtbaren Eindrücken der über sie hereingebrochenen
+Catastrophe zu sammeln, verging ihm
+in diesen Gedanken rascher, als er es selbst geglaubt.
+Gewissenhaft aber bis zur letzten Minute ausharrend,
+stieg er dann wieder zu ihr hinab, klopfte leise an,
+und sah sich dem zauberischen Wesen noch einmal
+gegenüber.</p>
+
+<p>Zeit zum Aufräumen schien sie allerdings noch
+nicht gefunden zu haben, denn die umhergestreuten
+Sachen der beiden Koffer lagen noch immer so wild
+und wirr durch einander, wie er sie verlassen hatte.
+Aber wer mochte ihr das verdenken? Auch in ihrem
+leichten, reizenden Morgenanzug war sie noch; &ndash;
+wenn unsere Seele zerrissen ist, wie können wir da an
+den Körper denken?</p>
+
+<p>Trotzdem schien sie sich gesammelt zu haben. Sie
+sah etwas bleich aus, aber sie war ruhiger geworden,
+und dem Eintretenden lächelnd die Hand entgegenstreckend,
+sagte sie herzlich:</p>
+
+<p>»Oh wie danke ich Ihnen, daß Sie, um den ich
+es wahrlich nicht verdient habe, mir diese zarte
+Rücksicht gezeigt. In dem Gedanken fand ich auch
+allein meinen Trost, daß Gott mich doch noch nicht
+verlassen haben könnte, da er <em class="gesperrt">Sie</em> mir zugeführt.«</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="page_230" title="230"> </a>
+»Verehrte &ndash; <em class="gesperrt">liebe</em> Frau,« sagte Burton bewegt,
+»sein Sie unbesorgt. Wenn auch in einem fremden
+Lande, steht Ihnen doch jetzt ein Landsmann zur Seite,
+und ich habe mir nur erlaubt, Sie jetzt noch einmal
+zu stören, um mit Ihnen gemeinschaftlich zu berathen,
+welche Schritte wir am besten thun können, um &ndash;
+das Geschehene gerade nicht ungeschehen zu machen,
+das ist nicht möglich, aber Sie doch jedenfalls aus
+einer Lage zu befreien, die Ihrer unwürdig ist. Um
+mir das zu erleichtern, muß ich Sie aber bitten, mir
+Ihr <em class="gesperrt">volles</em> Vertrauen zu schenken. Nur dann bin ich
+im Stande die Maßregeln zu ergreifen, die für Sie
+die zweckmäßigsten sein würden. Daß es dabei nicht
+an meinem guten Willen fehlt, davon können Sie sich
+versichert halten.«</p>
+
+<p>»Mein <em class="gesperrt">volles</em> Vertrauen soll Ihnen werden,«
+sagte die junge Frau, leicht erröthend &ndash; »aber bitte,
+setzen Sie sich zu mir, Sie sollen alles erfahren &ndash;
+und nun,« fuhr sie fort, während sich Burton neben
+ihr auf dem Canapé niederließ, indem sie ihre Hand
+auf seinen Arm legte &ndash; »erzählen Sie mir vorher
+ausführlich, wie Sie dem Verbrecher auf die Spur
+gekommen sind, und welche Hoffnung Sie jetzt haben,
+ihn seiner Strafe zu überliefern. Es ist das Einzige
+jetzt, worauf ich hoffen kann, daß sein Geständniß
+<a class="pagenum" name="page_231" title="231"> </a>
+Ihnen beweisen muß, wie doppelt nichtswürdig er an
+mir selber dabei gehandelt.«</p>
+
+<p>»Aber, verehrte Frau,« sagte Burton etwas verlegen
+&ndash; »schon vorher theilte ich Ihnen alles mit,
+und der Eindruck, den die traurige Erzählung auf
+Sie machte&nbsp;&ndash;«</p>
+
+<p>»Vorher,« sagte die junge Frau &ndash; »und in der
+entsetzlichen Aufregung, in der ich mich befand, tönten
+die Worte nur wie Donnerschläge an mein Ohr &ndash;
+ich begriff wohl ihre Furchtbarkeit, aber nicht ihren
+Sinn und vieles ist mir dabei unklar geblieben &ndash;
+besonders, welche Spur Sie <em class="gesperrt">jetzt</em> von dem Verbrecher
+haben, daß Sie hoffen können ihn einzuholen, und
+wer der Herr ist, der ihn verfolgt.«</p>
+
+<p>Der Bitte, während <em class="gesperrt">diese</em> Augen so treu und
+vertrauend in die seinen schauten, konnte Burton
+nicht wiederstehen. Es war ihm dabei sogar Bedürfniß
+geworden, sich &ndash; ihr gegenüber &ndash; seines bisherigen
+eigenen Verhaltens wegen zu rechtfertigen,
+wobei er hervorhob, daß er mit der Verfolgung der
+Dame eigentlich gar nichts zu thun und Lady Clive
+im Leben nicht gesprochen habe, noch persönlich kenne.
+Auch von dem Schmuck selber wußte er nichts, als
+was ihm Hamilton darüber beiläufig mitgetheilt.</p>
+
+<p>»Und jetzt?« frug die junge Dame weiter, die der
+<a class="pagenum" name="page_232" title="232"> </a>
+Erzählung mit der gespanntesten Aufmerksamkeit gefolgt
+war &ndash; »wo jener Betrüger &ndash; dem Gott verzeihen
+möge, was er an mir gethan, und wie er mich
+<em class="gesperrt">doppelt</em> verrathen hat &ndash; wo jener Betrüger geflohen ist,
+haben Sie noch Hoffnung, ihn wieder zu ereilen?«</p>
+
+<p>»Allerdings,« sagte Burton &ndash; »Mr. Hamilton,
+mein Begleiter, ist einer der schlauesten und gewandtesten
+Detectivs Englands. Er spricht drei oder vier
+verschiedene fremde Sprachen, und hat schon daheim
+die scheinbar unmöglichsten Dinge ausgeführt. Dieser
+Kornik hatte außerdem viel zu kurzen Vorsprung, um
+mich nicht fest glauben zu machen, daß ihn Hamilton
+ereilt, da er noch dazu die unbegreifliche Unvorsichtigkeit
+beging, von hier mit Extrapost zu fliehen. Wir
+finden das aber so oft im Leben, daß schlechte Menschen
+irgend ein Verbrechen mit der größten und raffinirtesten
+Schlauheit ausführen, und jede Kleinigkeit,
+jeden möglichen Zufall dabei berücksichtigen, und
+nachher, wenn ihnen alles nach Wunsch geglückt, sich
+selber auf die plumpste Weise dabei verrathen.«</p>
+
+<p>»Aber ehe er ihn eingeholt hat, kehrt er nicht
+hierher zurück?«</p>
+
+<p>»Ich glaube kaum,« sagte Mr. Burton, »doch
+fehlt mir darüber jede Gewißheit. Er wird mir unter
+allen Umständen in der nächsten Zeit schon telegraphiren,
+<a class="pagenum" name="page_233" title="233"> </a>
+denn ich habe ihm versprechen müssen, hier zu
+bleiben, bis er zurückkehrt.«</p>
+
+<p>»Und glauben Sie, daß er den Verbrecher, wenn
+er ihn einholen sollte &ndash; mit hierher bringt?«</p>
+
+<p>»Ich zweifle kaum &ndash; aber auch darüber bin ich
+nicht im Stande, Ihnen eine bestimmte Auskunft zu
+geben. Nur davon dürfen wir überzeugt sein, daß Mr.
+Hamilton alles in der praktischsten Weise ausführen
+wird, denn er versteht sein Fach aus dem Grunde.
+<em class="gesperrt">Hat</em> er die Spur gefunden, so ist Mr. Kornik auch
+verloren.«</p>
+
+<p>Es schien fast, als ob die junge Dame um einen
+Schatten bleicher wurde &ndash; und wer konnte es ihr
+verdenken, daß ihr die Erinnerung an den Mann, der
+sie so furchtbar hintergangen, entsetzlich war? Endlich
+sagte sie leise:</p>
+
+<p>»Wenn sich das alles bestätigt, was Sie mir erzählt,
+verehrter Herr &ndash; und ich kann kaum mehr
+daran zweifeln, dann <em class="gesperrt">verdient</em> er die Strafe, die ihn
+erreichen wird, im vollem Maße. Aber wie er auch
+<em class="gesperrt">Ihr</em> Haus betrogen und hintergangen haben mag, es
+ist nichts im Vergleich mit dem, was er an mir und
+meinem zukünftigen Leben verbrochen.«</p>
+
+<p>»Aber wie konnte er Sie so lange täuschen?« frug
+Burton und erröthete dabei fast selber über die Frage.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="page_234" title="234"> </a>
+»Du lieber Gott,« seufzte die Unglückliche &ndash;
+»was weiß ein armes unerfahrenes Mädchen von der
+Welt? Er kam in meiner Eltern Haus, in das ihn
+zuerst mein Bruder eingeführt &ndash; es mögen jetzt zwei
+Monate sein &ndash; und sein offenes, heiteres Wesen
+gewann ihm mein Herz &ndash; sein angemaßter Rang
+schmeichelte meiner Eitelkeit. Er erzählte mir dabei
+von seinen Gütern in Polen, und wie glücklich &ndash; wie
+selig ihn mein Besitz machen würde, und ich &ndash; war
+schwach genug, es ihm zu glauben. Aber mein Vater
+verweigerte seine Einwilligung. Er kannte die Menschen
+besser, als seine thörichte Jenny. Er verlangte
+von Kornikoff den Ausweis eines hinreichenden Vermögens
+sowohl, wie die Erlaubniß seiner eigenen
+Eltern zu unserer Verbindung, und dieser, ungeduldig
+und stürmisch, drang in mich, mit ihm zu fliehen.«</p>
+
+<p>Jenny barg beschämt ihr Antlitz in ihren Händen
+und James Burton hörte der Erzählung mit einiger
+Verlegenheit schweigend zu. Er hätte das liebliche
+Wesen so gern getröstet, aber es fielen ihm in diesem
+Augenblick um die Welt keine passenden Worte dafür
+ein und es entstand dadurch eine kurze peinliche Pause.
+Endlich fuhr die junge Frau, aber jetzt tief erröthend,
+fort:</p>
+
+<p>»Schon unterwegs fing ich an, an dem Charakter
+<a class="pagenum" name="page_235" title="235"> </a>
+meines Bräutigams zu zweifeln. Wir entkamen glücklich
+auf einem Dampfer, der nach Hamburg bestimmt
+war, und er hatte mir versprochen, daß jenes Fahrzeug
+in Helgoland anlegen würde, wo wir uns trauen
+lassen könnten &ndash; aber es legte nicht an, und in Hamburg,
+wo er ausging, um einen Geistlichen zu suchen,
+wie er sagte, kehrte er ebenfalls unverrichteter Sache
+zurück, versicherte mich aber, er habe bestimmt gehört,
+daß wir hier in Frankfurt &ndash; einer freien deutschen
+Stadt &ndash; unser Ziel leicht erreichen könnten. Ich
+folgte ihm auch hierher &ndash; immer noch als Braut &ndash;
+nicht als Gattin« &ndash; setzte sie mit leiser, kaum hörbarer
+Stimme hinzu &ndash; »und ich danke jetzt Gott, daß
+ich standhaft blieb und meinem guten Engel mehr
+folgte als jenem Teufel.«</p>
+
+<p>Es wäre unmöglich, die Gefühle zu schildern, die
+James Burtons Seele bei dieser einfachen und doch
+so ergreifenden Erzählung bestürmten; sein Herz schlug
+hörbar in der Brust, und fast seiner selbst unbewußt,
+ergriff er mit zitterndem Arm die Hand seiner Nachbarin,
+die sie ihm willenlos überließ.</p>
+
+<p>»Gott sei Dank,« flüsterte er endlich mit bewegter
+Stimme &ndash; »so brauche ich mir auch länger keine
+Vorwürfe zu machen, denn unser Erscheinen hier war
+ja dann nur zu Ihrem Heil.«</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="page_236" title="236"> </a>
+»<em class="gesperrt">Ihnen</em> verdanke ich meine Rettung,« sagte da
+Jenny herzlich, und wie sie sich halb dabei zu ihm überbog,
+umfaßte er mit seinem Arm die bebende Gestalt des
+Mädchens. Aber nicht einmal auf ihre Stirn wagte
+er einen Kuß zu drücken, aus Furcht sie zu beleidigen,
+und sich gewaltsam aufrichtend, rief er leidenschaftlich
+bewegt aus:</p>
+
+<p>»Dann ist auch noch alles, alles gut. Trocknen
+Sie Ihre Thränen, mein liebes, liebes Fräulein &ndash;
+die Versöhnung mit Ihren Eltern übernehme ich &ndash;
+übernimmt mein Vater, Sie kehren zu ihnen zurück
+und die Erinnerung an das Vergangene soll eine
+fröhliche Zukunft Sie vergessen machen.«</p>
+
+<p>»Und auch Sie wollen nach England zurück?«
+frug rasch die junge Fremde.</p>
+
+<p>»Gewiß,« rief Burton &ndash; »sobald ich nur Nachricht
+von Hamilton habe. Aber noch heute schreibe
+ich nach Haus &ndash; wie heißen Ihre Eltern, mein bestes
+Fräulein &ndash; was ist Ihr Vater? Halten Sie diese
+Fragen nicht für bloße Neugierde; es giebt keinen
+Menschen auf der Welt, der jetzt ein innigeres Interesse
+an Ihnen nähme, als ich selber.«</p>
+
+<p>»Mein Vater,« sagte Jenny leise, »ist Geistlicher,
+der Reverend Benthouse in Islington. Vielleicht ist
+Ihnen der Name bekannt. Er hat viel geschrieben.«</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="page_237" title="237"> </a>
+»Das nicht,« sagte Hamilton erröthend, »denn ich
+muß leider zu meiner Schande bekennen, daß ich mich
+bis jetzt, und in jugendlichem Leichtsinn weniger mit
+einer religiösen Lectüre befaßt habe, als ich vielleicht
+gesollt &ndash; aber erlauben Sie, daß ich mir den Namen
+notire &ndash; und jetzt,« sagte er, als er sein Taschenbuch
+wieder einsteckte, »verlasse ich Sie. Wir dürfen den
+müßigen Leuten hier im Hotel Nichts zu reden geben
+&ndash; schon Ihrer selbst wegen, aber Sie sollen von nun
+an auch nicht mehr allein sein. Ich werde augenblicklich
+ein Kammermädchen für Sie engagiren, die
+Ihnen zugleich Gesellschaft leisten kann. Junge Mädchen,
+der englischen Sprache mächtig, sind gewiß
+genug in Frankfurt aufzutreiben; der Wirth kann
+mir da jedenfalls Auskunft geben. Keine Widerrede,
+Miß,« setzte er lächelnd hinzu, als sie sich &ndash; wie es
+schien mit dem Plan nicht ganz einverstanden zeigte
+&ndash; »Sie stehen von nun an, bis ich Sie Ihren Eltern
+wieder zurückführen kann, unter <em class="gesperrt">meinem</em> Schutz,
+und da müssen Sie sich schon eine kleine Tyrannei
+gefallen lassen.«</p>
+
+<p>»Aber wie kann ich Ihnen das, was Sie jetzt an
+mir thun, nur je im Leben wieder danken,« sagte das
+junge Mädchen gerührt &ndash; »womit habe ich das alles
+verdient?«</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="page_238" title="238"> </a>
+»Durch Ihr Unglück,« erwiederte Burton herzlich,
+indem er ihre Hand an seine Lippen hob, und
+wenige Minuten später fand er sich schon unten mit
+dem Wirth in eifrigem Gespräch, um eine passende
+und anständige Person herbeizuschaffen.</p>
+
+<p>Das ging auch in der That weit rascher, als er
+selber vermuthet hatte. Ganz unmittelbar in der
+Nähe des Hotels wohnte ein junges Mädchen, die
+schon einige Jahre in England zugebracht und &ndash; wenn
+sie sich auch nicht auf längere Zeit binden konnte,
+doch gern erbötig war, die Stelle einer Gesellschafterin
+für kurze Zeit zu übernehmen. Mr. Burton führte
+sie selber der jungen Dame zu, und Elisa zeigte sich
+als ein so liebenswürdiges, einfaches Wesen, daß ein
+Zurückweisen derselben zur Unmöglichkeit wurde.</p>
+
+
+
+
+<h3>VIII.<br />
+
+<b>Hamiltons Rückkehr.</b></h3>
+
+
+<p>Den übrigen Theil des Tages verbrachte James
+Burton in einer unbeschreiblichen Unruhe, denn immer
+und immer war es ihm, als wenn er bei seiner jungen
+Schutzbefohlenen nachfragen müsse, ob ihr nichts
+fehle, ob sie nicht noch irgend einen Wunsch habe, den
+er ihr befriedigen könne, und ordentlich mit Gewalt
+<a class="pagenum" name="page_239" title="239"> </a>
+mußte er sich davon zurückhalten, sie nicht weiter zu
+belästigen.</p>
+
+<p>Am allerliebsten hätte er auch in der Stadt eine
+Unmasse von Sachen für sie eingekauft, um sie zu
+zerstreuen oder ihr eine Freude zu machen. Aber das
+ging doch unmöglich an, denn das hätte jedenfalls ihr
+Zartgefühl verletzt &ndash; er durfte es nicht wagen. Eine
+ordentliche Beruhigung gewährte es ihm aber, zu
+wissen, daß das arme verlassene Wesen jetzt jemand habe,
+gegen den es sich aussprechen konnte, und er begnügte
+sich an dem Tage nur einfach damit, die Hälfte der
+Zeit vollkommen nutzlose Fensterpromenade zu machen,
+denn es ließ sich dort niemand blicken, und die andere
+Hälfte unten im Haus und auf der Treppe auf und
+ab zu laufen, um wenigstens ihre Thür anzusehen.</p>
+
+<p>Wenn er es sich auch noch nicht gestehen wollte,
+so war er doch bis über die Ohren in seine reizende
+Landsmännin verliebt.</p>
+
+<p>Am nächsten Morgen war er allerdings zu früher
+Stunde wieder auf, aber erst um zwölf Uhr
+wagte er es, sich zu erkundigen, wie Miß Benthouse
+geschlafen hätte.</p>
+
+<p>Sie empfing ihn mit einem freundlichen Lächeln,
+aber &ndash; sie sah nicht so wohl aus wie gestern. Ihre
+Wangen waren bleicher, ihre Augen zeigten, wenn
+<a class="pagenum" name="page_240" title="240"> </a>
+auch nur leicht schattirte Ringe &ndash; sie schien auch zerstreut
+und unruhig und Burton, voller Zartgefühl,
+glaubte darin nur eine Andeutung zu finden, daß sie
+allein zu sein wünsche und empfahl sich bald wieder.
+Vorher aber frug sie ihn noch, ob er keine Nachricht
+von Mr. Hamilton erhalten habe, was er verneinen
+mußte.</p>
+
+<p>Jetzt aber, mit der Furcht, daß sie erkranken könne
+&ndash; und nach all den letzten furchtbaren Aufregungen
+schien das wahrlich kein Wunder &ndash; wich er fast gar
+nicht mehr von ihrer Schwelle, und der Portier selber,
+der eigentlich alles wissen soll, wußte nicht aus
+dem wunderlichen Fremden klug zu werden.</p>
+
+<p>Dieser ruhte auch nicht eher, bis er gegen Abend
+die neue Gesellschafterin einmal auf dem Gange traf,
+um sie nach dem Befinden der jungen Dame zu
+fragen.</p>
+
+<p>»Sie scheint ungemein aufgeregt,« lautete die
+Antwort derselben &ndash; »sie hat keinen Augenblick Ruhe,
+und wohl zehn Mal schon gesucht mich fortzuschicken,
+um allein zu sein. Sie ist jedenfalls recht leidend und
+ich werde eine unruhige Nacht mit ihr haben.«</p>
+
+<p>»Mein liebes Fräulein,« sagte Burton, dadurch
+nur noch viel mehr beunruhigt &ndash; »ich bitte Sie recht
+dringend, sie nicht einen Augenblick außer Acht zu
+<a class="pagenum" name="page_241" title="241"> </a>
+lassen. Stoßen Sie sich nicht an das geringe Salär,
+was Sie gefordert haben, es wird mir eine Freude
+sein, Ihnen jede Mühe nach meinen Kräften zu vergüten.«</p>
+
+<p>»Ich thue ja gern schon von selber, was in meinen
+Kräften steht,« sagte das junge Mädchen freundlich
+&ndash; »die Dame wird gewiß mit mir zufrieden sein.
+Verlassen Sie sich auf mich &ndash; ich werde treulich
+über sie wachen.«</p>
+
+<p>So verging der Abend und nur noch einmal
+schickte Miß Benthouse zu Mr. Burton hinüber, um
+zu hören, ob er noch keine Nachricht bekommen habe.
+Er mußte es wieder verneinen und wäre gern noch
+einmal zu ihr geeilt, aber Elisa sagte ihm, daß sich die
+junge Dame aufs Bett gelegt hätte, um besser ruhen
+zu können, und er durfte sie da nicht stören.</p>
+
+<p>Es war zwölf Uhr geworden, und er wollte sich
+eben zu Bett begeben, als es an seiner Thür pochte.
+Er öffnete rasch, denn er fürchtete eine Botschaft, daß
+sich Jennys Krankheitszustand verschlimmert hätte,
+aber es war nur der Diener des Telegraphenamtes,
+der ihm &ndash; unter dem Namen, mit dem er sich in das
+Fremdenbuch eingetragen &ndash; eine Depesche brachte.
+Sie mußte von Hamilton sein.</p>
+
+<p>Er hatte sich nicht geirrt. Sie enthielt die wenigen,
+<a class="pagenum" name="page_242" title="242"> </a>
+aber freilich gewichtigen Worte, von Ems aus
+datirt:</p>
+
+<p>»Ich habe ihn &ndash; morgen früh komme ich &ndash;
+Hamilton.«</p>
+
+<p>»Gott sei Dank,« rief Burton jubelnd aus, »jetzt
+nehmen die Leiden dieses armen Mädchens bald ein
+Ende.«</p>
+
+<p>Am nächsten Morgen ließ er sich schon in aller
+Frühe erkundigen, wie Miss Benthouse geschlafen
+hätte &ndash; sie schlief noch, und Elise kam selber heraus,
+um ihm das zu sagen. Gern hätte er sie auch jetzt die
+Nachricht wissen lassen, die er noch gestern Nacht durch
+den Telegraphen bekommen, aber er fürchtete, das
+durch eine Fremde zu thun &ndash; er wollte es ihr lieber
+selbst sagen, wenn er sie um zwölf Uhr wieder besuchte.</p>
+
+<p>Um die Zeit bis dahin zu vertreiben, frühstückte
+er unten und las die Zeitungen.</p>
+
+<p>So war endlich die lang ersehnte Stunde herangerückt,
+und unzählige Mal hatte er schon nach der
+Uhr gesehen. Er war in sein Zimmer gegangen, um
+noch vorher Toilette zu machen und wollte eben hinuntergehen,
+als es stark an seine Thür pochte, und auf
+sein lautes »<i>Walk in</i>« &ndash; diese sich öffnete und <em class="gesperrt">Hamilton</em>
+auf der Schwelle stand.</p>
+
+<p>»<i>Well Sir</i>,« lachte dieser, »<i>how are you?</i>«</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="page_243" title="243"> </a>
+»Mr. Hamilton,« rief Burton, fast ein wenig bestürzt
+über die so plötzliche Erscheinung des Mannes.
+»Schon wieder zurück? &ndash; das ist fabelhaft schnell gegangen.«</p>
+
+<p>»So? beim Himmel! Sie machen gerade ein Gesicht,
+Sir, als ob es Ihnen zu schnell gegangen wäre,«
+lächelte Hamilton. »Aber ich habe wirklich Glück
+gehabt &ndash; die Einzelheiten erzähle ich Ihnen jedoch
+später und nur für jetzt so viel, daß ich ihn in Ems
+beim Spiel erwischte und ihn dort auch fest und sicher
+sitzen habe. Mit Ausnahme von etwa zweitausend Pfund,
+die er verreist oder verspielt, oder zum Theil
+auch wohl hier seiner Donna zurückgelassen hat,
+fand sich noch alles Geld glücklich bei ihm, was jetzt
+unter Siegel bei den Gerichten deponirt ist &ndash; Apropos
+&ndash; die Dame haben Sie doch noch hier?«</p>
+
+<p>»Allerdings,« sagte Burton etwas verlegen, »aber
+Mr. Hamilton, mit der Dame&nbsp;&ndash;«</p>
+
+<p>»Machen wir natürlich keine Umstände,« unterbrach
+ihn Hamilton gleichgültig, »und schaffen sie einfach
+nach England zurück. Dort mögen die Gerichte
+dann das saubere Pärchen confrontiren. Mr. Burton,
+ich gebe Ihnen mein Wort, ich wäre meines Lebens
+nie wieder froh geworden, wenn ich diesen Hauptlump,
+diesen Kornik nicht erwischt hätte. Haben Sie
+<a class="pagenum" name="page_244" title="244"> </a>
+denn indessen bei der Person hier etwas gefunden, und
+hat sie nicht auch etwa Lust gezeigt, durchzubrennen?«</p>
+
+<p>»Mein lieber Mr. Hamilton,« sagte Burton jetzt
+noch verlegener als vorher &ndash; »ich habe &ndash; während
+Sie abwesend waren, eine Entdeckung anderer Art
+gemacht, die als ziemlich sicher feststellt, daß die &ndash;
+junge Dame an der ganzen Sache vollkommen unschuldig
+ist.«</p>
+
+<p>»Sie befindet sich doch noch hier im Hotel und in
+Nr. 7?« frug Hamilton rasch und fast wie erschreckt.</p>
+
+<p>»Allerdings,« bestätigte Burton, »aber nicht als
+Gefangene. Miss Jenny Benthouse ist die Tochter
+eines englischen Geistlichen &ndash; ihr Vater wohnt in
+Islington &ndash; sie wurde von jenem Burschen unter
+seinem falschen Namen und unzähligen Lügen entführt,
+und ich &ndash; werde sie jetzt ihren Eltern zurückgeben.«</p>
+
+<p>»So?« sagte Hamilton, der dem kurzen Bericht
+aufmerksam zugehört hatte, während es aber wie ein
+verstecktes Lächeln um seine Lippen zuckte &ndash; »aber
+bitte entschuldigen Sie einen Augenblick, ich bin gleich
+wieder bei Ihnen. Apropos, Sie haben so vollständige
+Toilette gemacht. Wollten Sie ausgehen?«</p>
+
+<p>»Nein &ndash; auf keinen Fall eher wenigstens, als bis
+wir uns über diesen Punkt verständigt haben.«</p>
+
+<p>»Gut, dann bin ich gleich wieder da« &ndash; und mit
+<a class="pagenum" name="page_245" title="245"> </a>
+den Worten glitt er zur Thür hinaus und unten in
+den Thorweg, wo ein Paar Lohndiener standen.</p>
+
+<p>»Sind Sie beschäftigt?« redete er den einen an.</p>
+
+<p>»Ich stehe vollkommen zu Befehl.«</p>
+
+<p>»Schön &ndash; dann haben Sie die Güte und bleiben
+Sie bis auf weiteres in der ersten Etage, wo Sie Nr.
+7 und 6 scharf im Auge behalten. Sollte dort eine
+Dame <em class="gesperrt">ausgehen</em> wollen &ndash; Sie verstehen mich &ndash; so
+rufen Sie mich, so rasch Sie möglicher Weise können,
+von Nr. 26 ab. Sie haben doch begriffen, was ich von
+Ihnen verlange?«</p>
+
+<p>»Vollkommen.«</p>
+
+<p>»Gut &ndash; es soll Ihr Schade nicht sein &ndash; der
+Portier unten braucht übrigens nichts davon zu wissen
+&ndash; und indessen schicken Sie mir einmal einen Kellner
+mit einer Flasche Sherry und zwei Gläsern und
+einigen guten Cigarren auf Nr. 26.«</p>
+
+<p>Mit den Worten stieg er selber wieder die Treppe
+hinauf, horchte einen Augenblick an Nr. 7, wo er zu
+seinem Erstaunen Stimmen vernahm, und kehrte dann
+zu Mr. Burton zurück, der mit untergeschlagenen
+Armen, und offenbar sehr aufgeregt, in seinem Zimmer
+auf und ab ging.</p>
+
+<p>»Unsere junge Dame da unten scheint Besuch zu
+<a class="pagenum" name="page_246" title="246"> </a>
+haben,« sagte er &ndash; »ich hörte wenigstens eben
+Stimmen in ihrem Zimmer.«</p>
+
+<p>»Bitte, setzen Sie sich, Mr. Hamilton,« bat ihn James
+Burton, »wir müssen über diese Sache, die das höchste
+Zartgefühl erfordert, erst ins Klare kommen, nachher
+ist alles andere, was wir zu thun haben, Kleinigkeit.«</p>
+
+<p>»Sehr gut,« sagte Hamilton &ndash; »ah, da kommt
+auch schon der Wein. Bitte, setzen Sie nur dorthin.
+Mr. Burton, Sie müssen mich entschuldigen, aber ich
+habe unterwegs solch nichtswürdiges Zeug von Cigarren
+bekommen, daß ich eine ordentliche Sehnsucht nach
+einem guten Blatt fühle &ndash; nehmen Sie nicht auch
+eine? &ndash; und ein Glas Wein thut mir ebenfalls
+Noth, denn ich habe die ganze Nacht keine drei Stunden
+geschlafen und überhaupt eine abscheuliche Tour
+gehabt.«</p>
+
+<p>»Und wie erwischten Sie diesen Kornik?«</p>
+
+<p>»Das alles nachher &ndash; jetzt bitte erzählen Sie
+mir einmal vor allen Dingen, welche wichtige Entdeckung
+Sie hier indeß gemacht haben,« und mit den
+Worten setzte er sich bequem in einem der Fauteuils
+zurecht, zündete seine Cigarre an und sippte an seinem
+Wein.</p>
+
+<p>Mr. Burton nahm ebenfalls eine Cigarre und es
+war fast, als ob er nicht recht wisse, wie er eigentlich
+<a class="pagenum" name="page_247" title="247"> </a>
+beginnen solle. Aber der Beamte <em class="gesperrt">mußte</em> alles erfahren,
+er <em class="gesperrt">durfte</em> ihm nichts verschweigen, schon
+Jennys wegen, und nach einigem Zögern erzählte er
+jetzt dem Agenten die ganzen Umstände seines Zusammentreffens
+mit der jungen Dame, und gerieth zuletzt
+dabei so in Feuer, daß er selbst die kleinsten Umstände
+mit einer Lebendigkeit und Wahrheit wiedergab, die er
+sich selber gar nicht zugetraut hätte.</p>
+
+<p>Hamilton unterbrach ihn mit keinem Wort. Nur
+den Namen von Jennys Vater ließ er sich genau angeben
+und notirte ihn, und während James Burton
+weiter sprach, nahm er Dinte und Feder, schrieb etwas
+in sein Taschenbuch und riß das Blatt dann heraus.
+Auf demselben stand nichts weiter als eine telegraphische
+Depesche, die also lautete:</p>
+
+<p>Burton und Burton, London. Existirt in Islington
+Reverend Benthouse &ndash; religiöser Schriftsteller
+&ndash; ist ihm kürzlich eine Tochter entführt &ndash; Antwort
+gleich. Hamilton.</p>
+
+<p>Mr. Burton dann um Entschuldigung bittend,
+daß er ihn einen Augenblick unterbreche, stand er auf
+und verließ das Zimmer. Am Treppengeländer rief
+er den Lohndiener an.</p>
+
+<p>»Geben Sie diese Depesche an den Portier zur
+augenblicklichen Besorgung auf das Telegraphenamt.
+<a class="pagenum" name="page_248" title="248"> </a>
+Hier ist der Betrag dafür und das für den Boten.
+Nichts bemerkt bis jetzt?«</p>
+
+<p>»Nicht das Geringste.«</p>
+
+<p>»Gut &ndash; <em class="gesperrt">Sie</em> bleiben auf Ihrem Posten.«</p>
+
+<p>Als er in das Zimmer zu Mr. Burton zurückgekommen
+war, nahm er seinen alten Platz wieder ein
+und ließ seinen Gefährten ruhig auserzählen, ohne
+ihn auch nur mit einem Wort darin zu stören. Erst
+als er vollkommen geendet hatte und der junge Mann
+ihn mit sichtlicher Erregung ansah, um sein Urtheil
+über die Sache zu hören, sagte er ruhig:</p>
+
+<p>»Und wissen Sie nun, <i>my dear Sir</i>, welches der
+gescheuteste Streich war, den Sie in der ganzen Zeit
+meiner Abwesenheit gemacht haben?«</p>
+
+<p>»Nun?« frug Burton gespannt.</p>
+
+<p>»Daß Sie der jungen Dame eine Gesellschafterin
+gegeben haben.«</p>
+
+<p>»Ich durfte sie nicht so lange allein und ohne weibliche
+Begleitung lassen,« rief Burton rasch.</p>
+
+<p>»Nein,« sagte Hamilton, und ein eigenes spöttisches
+Lächeln zuckte um seine Lippen &ndash; »sie wäre
+Ihnen sonst schon am ersten Tage durchgebrannt,
+gerade wie ihr Begleiter mir.«</p>
+
+<p>»Mr. Hamilton&nbsp;&ndash;«</p>
+
+<p>»Mr. Burton,« sagte Hamilton ernst, »zürnen
+<a class="pagenum" name="page_249" title="249"> </a>
+Sie mir nicht, wenn ich vom Leben andere Anschauungen
+habe als Sie, glauben Sie einem Manne, der
+in diesen Fach mehr Erfahrungen gesammelt hat, als
+Sie vielleicht für möglich halten. Danken Sie aber
+auch Gott, daß ich gerade Ihnen jetzt zur Seite stehe,
+denn Sie wären sonst von einer erzkoketten und durchtriebenen
+Schwindlerin überlistet worden und hätten
+nachher, außer dem Schaden, auch für den Spott nicht
+zu sorgen gebraucht.«</p>
+
+<p>»Mr. Hamilton,« sagte Burton gereizt, »Sie
+mißbrauchen Ihre Stellung gegen mich, wenn Sie
+unehrbietig von einer Dame sprechen, die gegenwärtig
+unter <em class="gesperrt">meinem</em> Schutze steht.«</p>
+
+<p>»Mein lieber Mr. Burton,« sagte Hamilton vollkommen
+ruhig &ndash; »lassen Sie uns vor allen Dingen
+die Sache kaltblütig besprechen, denn die Polizei darf,
+wie Sie mir zugestehen werden, keine Gefühlspolitik
+treiben.«</p>
+
+<p>»Die Polizei ist gewohnt,« sagte Burton, »in
+jedem Menschen einen Verbrecher zu suchen.«</p>
+
+<p>»Bis er uns nicht wenigstens das Gegentheil
+beweisen kann,« lächelte Hamilton &ndash; »aber jetzt
+lassen Sie mich auch einmal reden, denn Sie werden
+mir zugeben, daß ich <em class="gesperrt">Ihrem</em> Bericht ebenfalls mit
+der größten Aufmerksamkeit gefolgt bin.«</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="page_250" title="250"> </a>
+»So reden Sie, aber hoffen Sie nicht&nbsp;&ndash;«</p>
+
+<p>»Bitte verschwören Sie nichts, bis Sie mich nicht
+gehört haben.« Und ohne seines Begleiters Unmuth
+auch nur im Geringsten zu beachten, erzählte er ihm
+jetzt seine Verfolgung des flüchtigen Verbrechers, sein
+Auffinden desselben und dessen Gefangennahme. Er
+setzte hinzu, daß Kornik, nachdem man die bedeutende
+Summe von Banknoten und andere hinreichende Beweise
+für seine Schuld bei ihm gefunden, völlig gebrochen
+gewesen war und alles gestanden hatte.
+Ebenso sagte er aus, daß er mit einer jungen Dame,
+Lucy Fallow, von London geflüchtet sei, obgleich er
+von dem Raub des Brillantschmucks nichts wissen
+wollte.</p>
+
+<p>»Und legen Sie den geringsten Werth auf das
+Zeugniß eines solchen Schurken?« frug Burton heftig.</p>
+
+<p>»Was die Aussage über den Brillantschmuck betrifft,
+nein,« erwiederte ruhig der Polizeimann, »denn
+ich bin fest davon überzeugt, <em class="gesperrt">daß</em> er darum gewußt
+hat, und erwartete sogar, denselben bei ihm zu finden.
+Er fand sich aber auch nicht einmal in der Reisetasche,
+die der Herr, wie sich später auswies, beim Portier
+des Kurhauses deponirt hatte. Die Dame hat ihn
+also noch jedenfalls in Besitz.«</p>
+
+<p>»Aber ich habe Ihnen ja schon dreimal gesagt,
+<a class="pagenum" name="page_251" title="251"> </a>
+daß ich nicht allein <em class="gesperrt">ihren</em> Koffer, sondern auch den
+dieses Kornik bis auf den Boden durchwühlt habe
+und nicht das geringste Schmuckähnliche hat sich gefunden,
+als eine Korallenschnur mit einem kleinen
+Kreuz daran &ndash; ein Andenken ihrer verstorbenen
+Mutter.«</p>
+
+<p>Hamilton pfiff leise und ganz wie in Gedanken
+durch die Zähne.</p>
+
+<p>»Mein bester Mr. Burton,« sagte er dann, »auf
+Ihr Durchsuchen der Koffer, in Gegenwart jener
+Sirene, gebe ich auch keinen rothen Pfifferling &ndash; ich
+werde das Ding selber besorgen.«</p>
+
+<p>»Und ich erkläre ihnen, Mr. Hamilton,« sagte
+Burton mit finster zusammengezogenen Brauen,
+»daß Sie das <em class="gesperrt">nicht</em> thun werden. Sie haben Ihren
+Auftrag erfüllt; der Verbrecher ist geständig in Ihren
+Händen, und meine Gegenwart dabei nicht länger
+nöthig, so werde ich denn, noch heut Nachmittag, in
+Begleitung der jungen Dame, die Rückreise nach England
+antreten.«</p>
+
+<p>»Mit der Vollmacht für ihre Verhaftung in der
+Tasche,« lächelte Hamilton.</p>
+
+<p>»Diese Vollmachten,« rief Burton leidenschaftlich,
+indem er die beiden Papiere aus der Tasche nahm,
+in Stücke riß, und vor Hamilton niederwarf, »sind
+<a class="pagenum" name="page_252" title="252"> </a>
+auf eine <em class="gesperrt">Verbrecherin</em> ausgestellt, nicht auf Miss
+Benthouse. Da haben Sie die Fetzen und jetzt stehe
+ich frei und unabhängig hier und will sehen, wer es
+wagen wird die junge Dame zu beleidigen.«</p>
+
+<p>Hamilton erwiederte kein Wort. Schweigend erhob
+er sich, las die auf den Boden geworfenen Stücke
+auf, legte sie in ein Packet zusammen und steckte sie in
+seine Tasche.</p>
+
+<p>»Ist das Ihr letztes Wort, Mr. Burton?« sagte
+er endlich, indem er vor dem jungen Manne stehen
+blieb &ndash; »wollen Sie sich nicht erst einmal die Sache
+eine <em class="gesperrt">Nacht</em> ruhig überlegen? Bedenken Sie, in welche
+höchst fatale Lage Sie nur Ihrem Vater gegenüber
+kämen, &ndash; von Lady Clive und den englischen Gerichten
+gar nicht zu reden &ndash; wenn es sich später <em class="gesperrt">doch</em>
+herausstellen sollte, daß Sie sich geirrt haben.«</p>
+
+<p>»Es ist mein letztes Wort,« sagte der junge Mann
+bestimmt; »denn ich muß meine Schutzbefohlene diesem
+schmähligen Verdacht entziehen, der auf ihr lastet.
+Um 4 Uhr 20 geht der Schnellzug nach Köln ab; diesen
+werde ich benutzen, und es versteht sich von selbst,
+daß ich auch jede Verantwortung für diesen Schritt
+einzig und allein trage.«</p>
+
+<p>Hamilton war aufgestanden und ging mit raschen
+<a class="pagenum" name="page_253" title="253"> </a>
+Schritten in dem kleinen Gemach auf und ab. Endlich
+sagte er ruhig:</p>
+
+<p>»Sie wissen doch, Mr. Burton, welchen <em class="gesperrt">Doppel</em>auftrag
+<em class="gesperrt">ich</em> von London mit bekommen habe und wie
+ich, wenn ich danach handle, nur meine Pflicht thue.«</p>
+
+<p>»Das weiß ich, Mr. Hamilton,« sagte Burton,
+durch den viel milderen Ton des Polizeimannes auch
+rasch wieder versöhnend gestimmt, »und ich gebe Ihnen
+mein Wort, daß ich Ihnen deshalb keinen Groll nachtragen
+werde. Aber auch mir müssen Sie dafür
+zugestehen, daß ich &ndash; wo mir keine Pflicht weiter obliegt
+&ndash; mein Herz sprechen lasse.«</p>
+
+<p>»Es ist ein ganz verzweifeltes Ding, wenn das
+Herz mit dem Verstande durchgeht« &ndash; sagte Hamilton
+trocken.</p>
+
+<p>»Haben Sie keine Furcht, daß das bei mir geschieht.«</p>
+
+<p>»So erfüllen Sie mir wenigstens die Bitte,«
+wandte sich Hamilton noch einmal an den jungen
+Mann, »den ersten Schnellzug nicht zu benutzen und
+den Abend abzuwarten. Ich habe vorhin nach London
+telegraphirt &ndash; warten Sie erst die Antwort ab, Mr.
+Burton; es ist auch Ihres eigenen Selbst wegen, daß
+ich Sie darum ersuche.«</p>
+
+<p>»Ich bin alt genug, Mr. Hamilton,« lächelte James
+Burton, »auf mein eigenes Selbst vollkommen
+<a class="pagenum" name="page_254" title="254"> </a>
+gut Acht zu geben. Es thut mir leid, Ihren Wunsch
+nicht erfüllen zu können, denn mir brennt der Boden
+hier unter den Füßen. Um 4 Uhr 20 fahre ich und
+werde dann daheim meinem Vater Bericht abstatten,
+mit welchem Eifer und günstigem Erfolg Sie hier
+unsere Sache betrieben haben. In London hoffe ich
+Sie jedenfalls wiederzusehen.«</p>
+
+<p>Es lag eine so kalte, abweisende Höflichkeit in dem
+Ton, daß Hamilton die Meinung der Worte nicht
+falsch verstehen konnte: Mr. Burton wünschte allein
+zu sein und Hamilton sagte, ihn freundlich grüßend:</p>
+
+<p>»Also auf Wiedersehen, Mr. Burton,« und verließ
+dann, ohne ein Wort weiter, das Zimmer.</p>
+
+
+
+
+<h3>IX.<br />
+
+<b>Die Catastrophe.</b></h3>
+
+
+<p>James Burton sah nach seiner Uhr &ndash; es war
+schon fast zwei geworden, ohne daß er Jenny gesehen
+&ndash; was mußte sie von ihm denken? Aber jetzt
+konnte er ihr auch gute Nachricht bringen, und ohne
+einen Moment länger zu säumen, griff er nach seinem
+Hut und eilte hinab.</p>
+
+<p>Auf dem Gang wanderte ein Lohndiener hin und
+her, der stehen blieb, als er auf die Thür zuging. Er
+hielt aber einen Moment davor, ehe er anklopfte, denn
+<a class="pagenum" name="page_255" title="255"> </a>
+er hörte eine ziemlich heftige Stimme, die in Aerger
+zu sein schien. War das Jenny? &ndash; hatte vielleicht
+Hamilton gewagt? &ndash; er klopfte rasch an. Es war
+jetzt plötzlich alles ruhig da drinnen. Da ging die
+Thür auf und Elise schaute heraus, um erst zu sehen
+wer klopfe. Sie öffnete, als sie den jungen Mann
+erkannte.</p>
+
+<p>Jenny stand an ihrem Koffer, emsig mit Packen
+beschäftigt, als er das Zimmer betrat, und erröthete
+leicht, aber sie begrüßte ihn desto freundlicher und gab
+auch über ihr Befinden hinlänglich befriedigende Antwort.</p>
+
+<p>Elise zog sich in die Nebenstube zurück und Jenny
+frug jetzt, mit ihrem alten, gewinnenden Lächeln:</p>
+
+<p>»Und so lange haben Sie mich auf Ihren Besuch
+warten lassen? Ich wußte vor langer Weile gar nicht,
+was <em class="gesperrt">ich</em> angeben sollte und habe deshalb meine Sachen
+wieder zusammengepackt.«</p>
+
+<p>»Aber nicht meine eigene Unachtsamkeit hielt mich
+von Ihnen entfernt, Miss Jenny,« sagte Burton herzlich,
+»sondern eine wichtige Verhandlung, die ich mit
+unserem Agenten hatte. Mr. Hamilton ist zurückgekehrt.«</p>
+
+<p>»In der That?« sagte die junge Dame, aber jeder
+Blutstropfen wich dabei aus ihrem Gesicht, und so
+<a class="pagenum" name="page_256" title="256"> </a>
+vielen Zwang sie sich anthat, mußte sie doch die
+Stuhllehne ergreifen, um nicht umzusinken.</p>
+
+<p>»Aber weshalb erschreckt Sie das?« sagte Burton
+erstaunt. »Die Erinnerung an jenen Elenden,
+den jetzt seine gerechte Strafe ereilen wird, mag Ihnen
+peinlich sein, aber sie darf nie wieder als Schreckbild
+vor Ihre Seele treten.«</p>
+
+<p>»Und er hat ihn gefunden?« sagte Jenny, sich
+gewaltsam sammelnd &ndash; »oh, wenn ich nur das
+Schreckliche vergessen könnte?«</p>
+
+<p>»Er hat ihn nicht nur gefunden,« bestätigte der
+junge Mann, »sondern der Unglückliche hat auch
+sein ganzes Verbrechen eingestanden. Was half ihm
+auch Leugnen seiner Schuld, wo man die Beweise
+derselben in seinem Besitz fand?«</p>
+
+<p>»Und jetzt?«</p>
+
+<p>»Lassen wir den Elenden,« sagte Burton freundlich,
+»Mr. Hamilton, der mit allen nöthigen Papieren
+dazu versehen ist, wird seine Weiterbeförderung nach
+England übernehmen. Ich selbst reise heute Nachmittag
+mit dem Schnellzug nach London ab, und da
+Sie Ihren Koffer schon gepackt haben,« setzte er
+lächelnd hinzu &ndash; »so biete ich Ihnen, mein werthes
+Fräulein, an, in meiner Begleitung und unter meinem
+Schutz nach England zurückzukehren.«</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="page_257" title="257"> </a>
+»Sie wollten&nbsp;&ndash;«</p>
+
+<p>»Sie dürfen sich mir wie einem Bruder anvertrauen,«
+sagte James Burton herzlich, »und ich bürge
+Ihnen dafür, daß ich durchführe, was ich unternommen
+&ndash; trotz allen Hamiltons der Welt,« setzte er mit
+leisem Trotz hinzu.</p>
+
+<p>»So wiedersetzte sich der Herr dem, daß ich Sie
+begleiten dürfe?« fragte rasch und mißtrauisch die
+Fremde.</p>
+
+<p>»Lassen wir das,« lächelte aber Burton, »ich bin
+mein eigener Herr und in <em class="gesperrt">meiner</em> Begleitung steht
+Niemandem ein Recht zu, Sie auch nur nach Paß
+oder Namen zu fragen. Und Sie gehen mit?«</p>
+
+<p>»Wie könnte und dürfte ich einer solchen Großmuth
+entgegenstreben?« sagte das junge Mädchen
+demüthig &ndash; »ich vertraue Ihnen ganz.«</p>
+
+<p>»Herzlichen, herzlichen Dank dafür,« rief Burton
+bewegt, »und Sie sollen es nicht bereuen. Jetzt aber
+lasse ich Sie allein, um noch alles Nöthige zu ordnen,
+denn ich muß selbst noch packen und die Wirthsrechnung,
+wie Ihrer Gesellschafterin Honorar, in Ordnung bringen.
+Sie müssen mir auch schon gestatten, für die
+kurze Zeit unserer Reise Ihren Cassirer zu spielen.
+Beruhigen Sie sich,« setzte er lächelnd hinzu, als er
+ihre Verlegenheit bemerkte &ndash; »ich gleiche das später
+<a class="pagenum" name="page_258" title="258"> </a>
+schon alles mit Ihrem Herrn Vater wieder aus, und
+werde Sorge tragen, daß ich nicht zu Schaden komme.
+Also auf Wiedersehen, Miss &ndash; aber beeilen Sie sich
+ein wenig, denn wir haben kaum noch anderthalb
+Stunden Zeit bis zu Abgang des Zuges,« und ihre
+Hand leicht an seine Lippen hebend, verließ er rasch
+das Zimmer.</p>
+
+<p>Sobald er unten mit dem Wirth abgerechnet und
+seine Sachen gepackt hatte, wollte er noch einmal Hamilton
+aufsuchen, um von diesem Abschied zu nehmen.
+Es that ihm fast leid, ihn so rauh behandelt zu haben.
+Der Polizeiagent war aber, gleich nachdem er ihn verlassen,
+ausgegangen und noch nicht zurückgekehrt.</p>
+
+<p>Eigentlich war ihm das lieb, denn er fühlte sich
+ihm gegenüber nicht recht behaglich; zu reden hatte er
+überdies weiter nichts mit ihm, und was Kornik
+betraf, so besaß er ja selber alle die nöthigen Instruktionen
+und Vollmachten. Er hatte ja nur die Reise
+nach dem Continent mitgemacht, um die Identität
+seiner Person zu bestätigen &ndash; jetzt, mit all den vorliegenden
+Beweisen und dem eigenen Geständniß des
+Verbrechens war seine Anwesenheit unnöthig geworden.</p>
+
+<p>Die Zeit bis halb vier Uhr verging ihm auch mit
+den nöthigen Vorrichtungen rasch genug &ndash; jetzt war
+<a class="pagenum" name="page_259" title="259"> </a>
+alles abgemacht und in Ordnung, und ebenso fand er
+Jenny schon in ihrem Reisekleid, aber in merkwürdig
+erregter Stimmung. Sie sah bleich und angegriffen
+aus, und drehte sich rasch und fast erschreckt um, als er
+die Thür öffnete.</p>
+
+<p>»Sind Sie fertig?«</p>
+
+<p>»Und gehen wir wirklich?«</p>
+
+<p>»Zweifeln Sie daran? Es ist alles bereit, und
+bis wir am Bahnhof sind und unser Gepäck aufgegeben
+haben, wird die Zeit auch ziemlich verflossen sein
+&ndash; Miss Elise,« wandte er sich dann an das junge
+Mädchen, indem er ihr ein kleines Packet überreichte
+&ndash; »Ihre Anwesenheit ist auf kürzere Zeit in Anspruch
+genommen, als ich selbst vermuthete, so bitte ich denn,
+dieses für Ihre Mühe als Erinnerung an uns zu betrachten.
+Und nun,« fuhr Burton fort, als sich das
+junge Mädchen dankend und erröthend verbeugte &ndash;
+indem er die Klingelschnur zog &ndash; »mag der Hausknecht
+Ihr Gepäck hinunterschaffen. Eine Droschke
+wartet schon auf uns, und ich will selber recht von
+Herzen froh sein, wenn wir erst unterwegs sind.«</p>
+
+<p>Draußen wurden Schritte laut &ndash; es klopfte an.</p>
+
+<p>»Herein!« rief Burton &ndash; die Thür öffnete sich
+und auf der Schwelle, seinen Hut auf dem Kopf, stand
+<a class="pagenum" name="page_260" title="260"> </a>
+&ndash; Hamilton und warf einen ruhigen, forschenden
+Blick über die Gruppe.</p>
+
+<p>Er sah den Ausdruck der Ueberraschung in Burtons
+Zügen, aber sein Auge haftete jetzt fest auf der
+jungen Dame an seiner Seite, deren Antlitz eine Aschfarbe
+überzog.</p>
+
+<p>»Sie entschuldigen, meine Herrschaften,« sagte der
+Polizist mit eisiger Kälte, »wenn ich hier vielleicht ungerufen
+oder ungewünscht erscheinen sollte, aber meine
+Pflicht schreibt es mir so vor. Mein Herr &ndash; Sie
+sind mein Gefangener, im Namen der Königin!«</p>
+
+<p>»<em class="gesperrt">Ihr</em> Gefangener?« lachte Burton trotzig auf,
+aber Hamilton trat zur Seite und drei Polizeidiener
+standen hinter ihm, während er auf Burton zeigend,
+zu diesen gewandt, fortfuhr:</p>
+
+<p>»Den Herrn da verhaften Sie und führen ihn
+auf sein Zimmer oder bewachen ihn hier, bis Ihr
+Commissär kommt. Er wird sich nicht wiedersetzen,
+denn er weiß, daß er der Gewalt weichen muß &ndash; im
+schlimmsten Fall aber brauchen <em class="gesperrt">Sie</em> Gewalt, und
+jene Dame dort&nbsp;&ndash;«</p>
+
+<p>Die junge Fremde hatte mit starrem Entsetzen den
+Eintritt des nur zu rasch wiedererkannten Reisegefährten
+bemerkt, und im ersten Moment war es wirklich,
+als ob der Schreck sie gelähmt und zu jeder Bewegung
+<a class="pagenum" name="page_261" title="261"> </a>
+unfähig gemacht hätte. Wie aber des Furchtbaren
+Blicke auf sie fielen, schien es auch, als ob sie
+erst dadurch wieder Leben gewönne, und ehe sie Jemand
+daran verhindern konnte, glitt sie in das Nebenzimmer,
+neben dessen Thür sie stand, warf diese zu und
+schob den Riegel vor.</p>
+
+<p>»Einer von Ihnen auf Posten draußen, daß sie
+uns nicht entwischt,« rief Hamilton rasch, indem er
+nach der Thür sprang, aber sie schon nicht mehr öffnen
+konnte &ndash; »und alarmiren Sie die Leute unten, daß
+sie vor den Fenstern von Nr. 6 Wache halten.«</p>
+
+<p>»Mr. Hamilton, Sie werden mir für dieses Betragen
+Rede stehen!« rief Burton außer sich »&ndash;&nbsp;<em class="gesperrt">wer</em>
+giebt Ihnen ein Recht, mich zu verhaften?«</p>
+
+<p>»Mein bester Herr«, rief Hamilton, indem er
+vergebens versuchte, die Thür aufzudrücken &ndash; »von
+einem <em class="gesperrt">Recht</em> ist hier vorläufig gar keine Rede. Sie
+weichen nur der Gewalt. Alles andere machen wir
+später ab.«</p>
+
+<p>»Aber ich dulde nicht&nbsp;&ndash;« rief Burton und wollte
+sich zwischen ihn und die Thüre werfen, um die Geliebte
+zu schützen.</p>
+
+<p>»Halt, mein Herzchen!« riefen aber die Polizeidiener,
+ein Paar baumstarke Burschen, indem sie ihn
+<a class="pagenum" name="page_262" title="262"> </a>
+mit ihren Fäusten packten &ndash; »nicht von der Stelle,
+oder es setzt was.«</p>
+
+<p>»Um Gottes Willen«, rief Elise, zum Tod erschreckt,
+»was geht hier vor?«</p>
+
+<p>»Mein liebes Fräulein,« sagte Hamilton, sich an
+sie wendend in deutscher Sprache &ndash; »beunruhigen Sie
+sich nicht &ndash; gar nichts was <em class="gesperrt">Sie</em> betreffen könnte.
+Gehen Sie ruhig nach Hause, Sie haben nicht die geringste
+Belästigung zu fürchten. Soviel kann ich Ihnen
+aber sagen, daß jene Dame <em class="gesperrt">keine</em> Begleitung weiter
+nach England braucht, da ich das selber übernehmen
+werde. &ndash; Ah, da ist der Herr Commissär &ndash; Sie
+kommen wie gerufen, verehrter Herr &ndash; das hier,«
+fuhr er fort, indem er auf James Burton zeigte &ndash;
+»ist jener Kornik, von dem ich Ihnen sagte, und seine
+Dulcinea hat sich eben in dies Zimmer geflüchtet,
+von wo aus sie uns aber ebenfalls nicht mehr entwischen
+kann.«</p>
+
+<p>»Kornik? &ndash; ich?« rief Burton, indem er sich wie
+rasend unter dem Griff der Polizeidiener wand &ndash;
+»Schuft Du &ndash; ich selber bin hergekommen, jenen
+Kornik zu verhaften.«</p>
+
+<p>»Und wo haben Sie die Beweise?« sagte Hamilton
+ruhig in englischer Sprache.</p>
+
+<p>»In Deiner eigenen Tasche sind sie,« schrie Burton
+<a class="pagenum" name="page_263" title="263"> </a>
+wie außer sich &ndash; »das Papier, das ich Dir vor
+die Füße warf.«</p>
+
+<p>Hamilton achtete gar nicht auf ihn.</p>
+
+<p>»Herr Commissär,« sagte er, sich an den Polizeibeamten
+wendend &ndash; »jener Herr da, dem ich von
+England aus nachgesetzt bin, hat sich schon unter
+fremdem Namen in das hiesige Gasthofsbuch geschrieben.
+Sie haben meine Instruktionen und Vollmachten
+gelesen. Sie werden Sorge dafür tragen,
+daß er uns nicht entwischt, während ich jetzt die
+<em class="gesperrt">Dame</em> herbeizuschaffen suche.« Und ohne weiter ein
+Wort zu verlieren nahm er den dicht neben ihm stehenden
+kleinen Koffer und stieß ihn mit solcher Kraft
+und Gewalt gegen die Füllung der Thür, daß diese
+vor dem schweren Stoß zusammenbrach. Im nächsten
+Moment griff er durch die gemachte Oeffnung hindurch
+und schloß die Thür von innen auf.</p>
+
+<p>Wie es schien, hatte aber die junge Fremde gar
+keinen Versuch zur Flucht gemacht. Sie stand, ihre
+Mantille fest um sich her geschlungen, mitten in der
+Stube, und den Verhaßten mit finsterem Trotz messend,
+sagte sie:</p>
+
+<p>»Betragen Sie sich wie ein Gentleman, daß Sie
+zu einer Lady auf solche Art ins Zimmer brechen?«</p>
+
+<p>»Miss«, erwiederte der Polizeibeamte kalt, »ich
+<a class="pagenum" name="page_264" title="264"> </a>
+bin noch nicht fest überzeugt, ob ich es hier wirklich
+mit einer <em class="gesperrt">Lady</em> zu thun habe. Vor der Hand sind Sie
+meine Gefangene. Im Namen der Königin, Miss
+Lucy Fallow, verhafte ich Sie hier auf Anklage eines
+Juwelendiebstahls.«</p>
+
+<p>»Und welche Beweise haben Sie für eine so
+freche Lüge?« rief das junge Mädchen verächtlich.</p>
+
+<p>»Danach suchen wir eben«, lachte Hamilton, jetzt,
+da ihm der Ueberfall gelungen war, wieder ganz in
+seinem Element &ndash; »Herr Commissär, haben Sie die
+Güte gehabt, die Frauen mitzubringen?«</p>
+
+<p>»Sie stehen draußen.«</p>
+
+<p>»Bitte, rufen Sie die beiden herein &ndash; ich wünsche
+die Gefangene <em class="gesperrt">genau</em> durchsucht zu haben, ob sie den
+bewußten Schmuck an ihrem Körper vielleicht verborgen
+hat. Wir beide werden indeß die Koffer revidiren.«</p>
+
+<p>Eine handfeste Frau &ndash; die Gattin eines der
+Polizeidiener, trat jetzt ein, von einem anderen jungen
+Mädchen, wahrscheinlich ihrer Tochter, gefolgt, beide
+aber von einer Statur, die für einen solchen Zweck
+nichts zu wünschen übrig ließ, und Hamilton betrat
+jetzt wieder das Zimmer, in dem Burton dem englisch
+sprechenden Commissär seine eigene Stellung erklärte
+und ihn dringend aufforderte, nicht zu dulden, daß
+<em class="gesperrt">zwei</em> unschuldige Menschen in so niederträchtiger
+<a class="pagenum" name="page_265" title="265"> </a>
+Weise behandelt würden. Seine Erklärung aber, die
+er dabei gab, daß er seine Vollmacht selber zerrissen
+habe, der falsche Namen, unter dem er selber zugestand
+sich in das Fremdenbuch eingetragen zu haben, und
+die Thatsache, die er nicht läugnen konnte oder wollte,
+daß Hamilton wirklich ein hochgestellter Polizeibeamter
+in England sei, sprachen zu sehr gegen ihn. Der
+Commissär zuckte die Achseln, bedauerte, nur nach den
+Instruktionen handeln zu können, die er von oben empfinge,
+und ersuchte Mr. Burton dann in seinem
+eigenen Interesse, sich seinen Anordnungen geduldig
+zu fügen, da sonst für ihn daraus die größten Unannehmlichkeiten
+entstehen könnten.</p>
+
+<p>Er wollte ihn jetzt auch auf sein eigenes Zimmer
+führen lassen, als Hamilton zurückkehrte und den
+Commissar ersuchte, dem Herrn zu erlauben, hier zu
+bleiben. Er wünsche, daß er Zeuge der Verhandlung
+sei.</p>
+
+<p>Ohne weiteres ging er jetzt daran, den Koffer der
+Dame auf das genaueste zu revidiren; obgleich sich
+aber, in einem geheimen Gefach darin, eine Menge
+der verschiedensten Schmuck- und Werthsachen vorfanden,
+waren die gesuchten Brillanten doch nicht dabei.
+Auch in Korniks Koffer ließ sich keine Spur davon
+entdecken. Fortgebracht konnte sie dieselben aber nicht
+<a class="pagenum" name="page_266" title="266"> </a>
+haben, da sie ja gerade, im Begriff abzureisen, überrascht
+war, also gewiß auch alles werthvolle Besitzthum bei
+sich trug. Außerdem wußte Hamilton genau, daß sie
+&ndash; wenigstens seitdem er zurückgekehrt war &ndash; kein
+Packet auf die Post gegeben hatte, also trug sie es
+wahrscheinlich am Körper versteckt.</p>
+
+<p>Aber auch diese Vermuthung erwies sich als falsch.
+Die Frau kehrte, während der Gefangenen unter Aufsicht
+des jungen Mädchens gestattet wurde, wieder
+ihre Toilette zu machen, in das Zimmer zurück, und
+brachte nur ein kleines weiches Päckchen mit, das sie
+bei ihr verborgen gefunden hatten. Sie überreichte
+es dem Commissär, der es öffnete und englische Banknoten
+zum Werth von etwa achthundert Pfund darin
+fand. Vier Noten von 100 Pfund Sterling waren
+darunter.</p>
+
+<p>»Da bekommen wir Licht,« rief aber Hamilton
+rasch, als er sie erblickte &ndash; »von den Hundert Pfund-Noten
+habe ich die Nummern, und die wollen wir
+nachher einmal vergleichen. Vorher aber werden
+wir das Zimmer untersuchen müssen, in daß sich
+Madame geflüchtet hat. Möglich doch, daß sie die
+Zeit benutzte, in der sie dort eingeschlossen war, um
+ein oder das andere in Sicherheit zu bringen.«</p>
+
+<p>»Ich habe alles genau nachgesehen,« sagte die
+<a class="pagenum" name="page_267" title="267"> </a>
+Frau des Polizeidieners kopfschüttelnd &ndash; »in alle
+Polster hineingefühlt und die Gardinen ausgeschüttelt,
+selbst in den Ofen gefühlt und den Teppich genau
+nachgesehen. Es steckt nirgends was.«</p>
+
+<p>»Kann ich eintreten?« rief Hamilton an die Thür
+klopfend, denn er war nicht gewohnt sich auf die Aussagen
+Anderer zu verlassen. Das junge Mädchen, das zur
+Wache dort geblieben war, öffnete. Die junge Fremde
+stand fertig angezogen, aber todtenbleich, wieder mitten
+im Zimmer und ihre Augen funkelten dem Polizeibeamten
+in Zorn und Haß entgegen. Hamilton war
+aber nicht der Mann, davon besondere Notiz zu nehmen.
+Das erste, was er that, war, die Jalousieen
+aufzustoßen, um hinreichend Licht zu bekommen, dann
+untersuchte er Tapeten und Bilder &ndash; auch hinter den
+Spiegel sah er, rückte sich den Tisch zu den Fenstern
+und stieg hinauf, um oben auf die Gardinen zu fühlen.
+Er fand nichts, aber er ruhte auch nicht &ndash; der Teppich
+zeigte nicht die geringsten Unebenheiten. &ndash; Er
+rückte das Sopha ab und fühlte daran hin &ndash; aber
+es ließ sich kein harter Gegenstand bemerken.</p>
+
+<p>Wie seine Hand an der mit grobem Kattun bezogenen
+Hinterwand des Sophas hinfuhr, gerieth sein
+Finger in eine nur wenig geöffnete Nath. Er zog
+das Sopha jetzt ganz zum Licht, die Rückseite dem
+<a class="pagenum" name="page_268" title="268"> </a>
+Fenster zugewandt, nahm sein Messer heraus und
+trennte ohne Weiteres die Nath bis hinunter auf.
+Während er mit dem rechten Arm in die gemachte
+Oeffnung hineinfuhr, streifte sein Blick die Gestalt
+der Gefangenen, die augenblicklich gleichgiltig auszusehen
+suchte, aber es konnte ihm nicht entgehen, daß sie
+seinen Bewegungen mit der gespanntesten Aufmerksamkeit
+folgte.</p>
+
+<p>»Ah, Mylady,« rief er da plötzlich, indem seine
+Finger einen fremdartigen Gegenstand trafen &ndash; »ob
+ich es mir nicht gedacht habe, daß Sie die Ihnen verstattete
+Zeit hier im Zimmer auf geschickte Weise benutzen
+würden. Sie sehen mir gerade danach aus,
+als ob Sie nicht zu den »Grünen« gehörten &ndash; was
+haben wir denn da? &ndash; eine reizende Kette und da
+hängt auch ein Ohrring darin &ndash; da wird der andere
+ja wohl auch nicht weit sein &ndash; es kann nichts helfen,
+der Tapezierer muß wieder gut machen, was ich jetzt
+hier verderbe« &ndash; und er riß, ohne weitere Rücksicht
+auf den Schaden, den er anrichtete, Werg und Kuhhaare
+heraus, bis er den gesuchten Ohrring, der
+etwas weiter hinabgefallen war, fand. Auch eine
+Broche, aus einem einzigen großen Brillant bestehend,
+kam mit dem Werg zu Tag.</p>
+
+<p>»Leugnen Sie jetzt <em class="gesperrt">noch</em>, Madame?« sagte Hamilton,
+<a class="pagenum" name="page_269" title="269"> </a>
+indem er sich aufrichtete und der Verbrecherin
+das gefundene Geschmeide entgegenhielt. Aber die
+Gefragte würdigte ihn keines Blicks; schweigend und
+finster, wie er sie damals im Coupé gesehen, starrte
+sie vor sich nieder, und nur die rechte Hand hielt sie
+krampfhaft geballt, die Zähne fest und wild zusammengebissen
+und die Augen, die von solchem Liebesreiz
+strahlen konnten, sprühten Feuer.</p>
+
+<p>»Haben Sie etwas gefunden?« rief ihm der Commissär
+entgegen.</p>
+
+<p>»Alles was wir suchen,« erwiederte Hamilton
+ruhig &ndash; »aber ist denn der Lohndiener noch nicht vom
+Telegraphenamt zurück?«</p>
+
+<p>»Eben gekommen. Er wartet im anderen Zimmer
+auf Sie.«</p>
+
+<p>»Gott sei Dank &ndash; jetzt treffen alle Beweise zusammen,«
+rief Hamilton aus. »Ich ersuche Sie indeß,
+Herr Commissär, diese junge Dame in <em class="gesperrt">sehr</em>
+gute Obhut zu nehmen, denn sie ist mit allen Hunden
+gehetzt.«</p>
+
+<p>»Haben Sie keine Angst &ndash; wir werden das saubere
+Pärchen sicher verwahren.«</p>
+
+<p>»Den <em class="gesperrt">Herrn</em> kann ich Ihnen vielleicht abnehmen,«
+lächelte der Polizeiagent, indem er in das benachbarte
+Zimmer trat und dort die für ihn eingetroffene Depesche
+<a class="pagenum" name="page_270" title="270"> </a>
+in Empfang nahm. Er erbrach sie und las die
+Worte:</p>
+
+<p class="center">»In Islington giebt es keinen Geistlichen Benthouse.
+&ndash; In ganz London nicht.</p>
+
+<p class="signature">Burton.</p>
+
+<p class="center">Mr. Hamilton, Telegraphenbureau Frankfurt a. M.«</p>
+
+<p>Hamilton trat zum Tisch, auf den er den Schmuck
+und die telegraphische Depesche legte, dann nahm er
+aus seiner Tasche die Liste der gestohlenen Banknoten,
+die er mit den bei der jungen Dame gefundenen verglich
+und einige roth anstrich, dann fügte er diesen
+noch ein anderes Papier bei, die genaue Beschreibung
+des im Hause der Lady Clive gestohlenen Schmucks,
+und als er damit fertig war, sagte er freundlich zu
+Burton:</p>
+
+<p>»Dürfte ich Sie <em class="gesperrt">jetzt</em> einmal bitten, Mr. Burton,
+sich diese kleine Bescheerung anzusehen? Es wird interessant
+für Sie sein. &ndash; Lassen Sie den Gefangenen
+nur los, meine Herren.«</p>
+
+<p>»Sie werden sich nie Ihres nichtswürdigen Betragens
+wegen entschuldigen können,« sagte Burton finster,
+indem er aber doch der Aufforderung Folge leistete.</p>
+
+<p>»Auch dann nicht?« frug Hamilton, »wenn ich
+Sie überzeuge, daß Sie einer großen &ndash; einer recht
+großen Gefahr entgangen sind?« frug Hamilton.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="page_271" title="271"> </a>
+»Einer Gefahr? &ndash; wie so?«</p>
+
+<p>»Der Gefahr, das Schlimmste zu erleben, was
+ein anständiger Mann, außer dem Verlust seiner
+Ehre, erleben kann &ndash; sich lächerlich zu machen.«</p>
+
+<p>»Mr. Hamilton&nbsp;&ndash;«</p>
+
+<p>»Bitte, lesen Sie hier die Depesche Ihres Herrn
+Vaters &ndash; seine Antwort auf meine Anfrage von heute
+Morgen. &ndash; So &ndash; und hier haben Sie die Nummern der
+aufgefundenen Banknoten &ndash; und hier endlich die genaue
+Beschreibung des Schmucks, von Lady Clives
+eigener, sehr zierlicher Hand. Zweifeln Sie <em class="gesperrt">jetzt</em> noch
+daran, daß Sie es nicht mit einer Miss Jenny Benthouse,
+sondern mit der leichtfertigen Lucy Fallow zu thun
+hatten? &ndash; Pst &ndash; lieber Freund, die Sache ist abgemacht«
+&ndash; sagte aber der Agent, als er sah, wie bestürzt
+der junge Burton diesen nicht wegzuläugnenden
+Beweisen gegenüber stand. &ndash; »Nur noch einen Blick
+werfen Sie jetzt auf die junge Dame,« fuhr er dabei
+fort, während er zugleich die Thür aufstieß und nach
+der trotzig und wild dastehenden Gestalt des Mädchens
+zeigte. &ndash; »Glauben Sie, das <em class="gesperrt">jene</em> Dame Ihnen
+bis London gefolgt wäre, und nicht vorher Mittel und
+Wege gefunden hätte, Ihnen unterwegs zu entschlüpfen?
+Uebrigens habe ich schon von Ems aus, so wie
+ich Korniks Geständniß erhielt, nach London an Lady
+<a class="pagenum" name="page_272" title="272"> </a>
+Clive telegraphirt und sie gebeten, mir Jemanden zur
+Recognoscirung des jungen Frauenzimmers herzusenden.
+Der kann schon, wenn sie ihn rasch befördert
+hat, morgen Mittag eintreffen, und dann, nachdem
+jeder Vorsicht Genüge geleistet und die äußerste
+Rücksicht genommen ist, um nicht eine Unschuldige zu
+belästigen, werden Sie mir doch zugeben, Mr. Burton,
+daß ich meine Pflicht erfüllt habe.«</p>
+
+<p>James Burton schwieg und sah ein Paar Secunden
+still vor sich nieder; aber sein besseres Gefühl gewann
+doch die Oberhand. Er sah ein, daß er sich von
+einer Betrügerin hatte täuschen lassen, und Hamilton
+die Hand reichend, sagte er herzlich:</p>
+
+<p>»Ich danke Ihnen, Sir &ndash; ich werde Ihnen das nie
+vergessen.«</p>
+
+<p>»Ein desto schlechteres Gedächtniß werde <em class="gesperrt">ich</em> dann
+für unser letztes kleines Intermezzo haben,« lachte der
+Polizeiagent, die dargebotene Hand derb schüttelnd,
+»und nun, mein lieber Mr. Burton, reisen Sie, wenn
+Sie <em class="gesperrt">meinem</em> Rath folgen wollen, so rasch Sie mögen,
+nach England zurück. Für die beiden Schuldigen
+werde ich schon Sorge tragen, und in sehr kurzer Zeit
+denke ich Ihnen nachzufolgen.«</p>
+
+<p>Dem Commissär erklärte Hamilton bald den Zusammenhang
+der Verhaftung Mr. Burtons, den er
+<a class="pagenum" name="page_273" title="273"> </a>
+dadurch nur hatte so lange aufhalten wollen, bis er
+die Beweise von der Schuld jener Person beischaffte
+&ndash; das war geschehen und er selber brachte jetzt die an
+dem Morgen von Burton zerrissene und von ihm wieder
+sorgfältig zusammengeklebte Vollmacht zum Vorschein,
+die als beste Legitimation für ihn dienen konnte.</p>
+
+<p>Am nächsten Tag traf richtig ein Polizeibeamter,
+der Miss Lucy Fallow persönlich kannte, in Frankfurt
+ein, und Hamilton erhielt die Genugthuung, seinen
+ersten Verdacht völlig bestätigt zu finden. Gleich
+danach reiste James Burton allein ab, während Hamilton
+noch einige Tage brauchte, bis er die Uebersendung
+der Wertpapiere und Banknoten durch die Nassauische
+Regierung nach England reguliren konnte.
+Dann erst folgte er mit seinen Gefangenen nach England,
+von denen er aber nur das Mädchen hinüberbrachte.</p>
+
+<p>Kornik machte unterwegs einen verzweifelten Fluchtversuch
+und sprang, während der Zug im vollen Gange
+war, zwischen Lüttich und Namür aus dem Fenster
+des Waggons; aber er verletzte sich dabei so furchtbar,
+daß er starb, ehe man ihn auf die nächste Station
+transportiren konnte.</p>
+
+
+
+
+<h2>Eine Heimkehr aus der weiten Welt.<a class="pagenum" name="page_274" title="274"> </a></h2>
+
+
+<p>Was auch Andere dagegen sagen mögen; es ist
+schon der Mühe werth eine größere Reise zu unternehmen,
+nur um wieder zu kommen.</p>
+
+<p>Manche Freude, manches Glück blüht uns »armen
+Sterblichen« hier auf dieser schönen Welt, keine aber
+so voll und reich und herrlich, als die Freude des
+Wiedersehens nach langer Trennung &ndash; keine so rein
+und selig, als die Rückkehr in das Vaterland. Soll
+ich dir deshalb, lieber Leser, erzählen wie mir zu
+Muthe war, als ich nach einer Abwesenheit von 39
+Monden von Weib und Kind, zurück in die Heimath
+kehrte? &ndash; Ich will's versuchen.</p>
+
+<p>Ich kam damals &ndash; im Juni 52 &ndash; nach einer
+ununterbrochenen Seereise von 129 Tagen direct von
+Batavia. Siebzehn von den 129 hatten wir uns allein
+bei faulem Wetter in Canal und Nordsee herumgetrieben
+&ndash; 17 Tage auf einer Strecke, die wir recht
+<a class="pagenum" name="page_275" title="275"> </a>
+gut hätten in <em class="gesperrt">dreien</em> zurücklegen können. Und so dicht
+dabei an der heimischen Küste; es war eine verzweifelte
+Zeit; doch sie ging auch vorbei, und endlich,
+endlich rasselte der Anker in die Tiefe.</p>
+
+<p>Das ist ein wunderbar ergreifender Ton, den
+man nicht allein <em class="gesperrt">hört</em>, sondern auch <em class="gesperrt">fühlt</em>, denn das
+ganze Schiff rasselt und zittert mit, und wie die Eisenschaufel
+nur den Boden berührt und mit einem Ruck
+festhakt, fühlt man sich auch daheim.</p>
+
+<p><em class="gesperrt">Ich war daheim!</em> ob Bremen, ob Sachsen, ob
+Oestreich, solchen Unterschied kennt man nur innerhalb
+der verschiedenen Grenzpfähle: für uns Deutsche da
+draußen ist alles nur ein Deutschland, ein Vaterland,
+und wie die Matrosen nach oben liefen, die Segel festzumachen,
+und die Kette indessen, soweit das anging,
+eingezogen und um die Winde geschlagen wurde, hing
+mein Blick an dem grünen Ufer des Weserstrandes,
+an dem Mastenwald des nicht fernen Bremerhafens,
+und konnte sich nicht losreißen von dem lieben, lieben
+Bild.</p>
+
+<p>Aber nicht lange sollte mir Zeit zum Schauen
+bleiben. Der Lootse hatte uns schon gesagt, daß wir
+wahrscheinlich noch zeitig genug nach Bremerhafen
+kämen, um das Nachmittags-Dampfboot nach Bremen
+zu benutzen. Alle unsere Sachen waren gepackt. Jetzt
+<a class="pagenum" name="page_276" title="276"> </a>
+dampfte das Boot aus dem Hafen heraus und legte
+bei &ndash; jetzt kam ein kleines Boot vom Ufer ab, uns
+hinüber zu führen. Kisten und Koffer wurden Hals
+über Kopf hinunter gehoben, kaum blieb mir noch Zeit,
+den Seeleuten, mit denen ich so lange Monde als einziger
+Passagier verlebt, die Hand zu schütteln, und
+schon glitten wir über den stillen Strom, dem, unserer
+harrenden, Dampfer zu.</p>
+
+<p>An Bord fanden wir eine große Gesellschaft von
+Herren und Damen und hier zum ersten Mal dachte
+ich daran, daß ich ja in Bremerhafen, ehe ich die
+»Stadt« selber betrat, meine etwas sehr mitgenommene
+Toilette hatte erneuen wollen. Mein Schuhwerk
+besonders befand sich in höchst traurigen Umständen,
+und meine <em class="gesperrt">besten</em> Schuh waren querüber vollständig
+aufgeplatzt. Aber das ging jetzt nicht mehr an &ndash; wer
+kannte mich auch und wo behielt ich Zeit mich jetzt um
+<em class="gesperrt">solche</em> Dinge zu bekümmern? &ndash; Den Strom hinauf
+glitten wir, der für mich der Erinnerungen so viele
+trug, und wie Dorf nach Dorf hinter uns blieb, wie
+die Sonne tiefer und tiefer sank, und hie und da schon
+einzelne Hügel aus dem flachen Land hervorschauten,
+grüßten mich die Nachtigallen, die lieben Waldsänger
+unserer Heimath mit ihrem zaubrisch süßen Sang.</p>
+
+<p>Und weiter flog das Boot; hinter dem Rad stand
+<a class="pagenum" name="page_277" title="277"> </a>
+ich, aus dem die Wellen schäumten, horchte den Nachtigallen
+am Ufer, und schaute nach den alten gemüthlichen
+Dorfkirchthürmen hinüber, bis von weitem, aber
+schon mit einbrechender Dunkelheit, die Thürme der
+alten Handelsstadt Bremen herüber blickten.</p>
+
+<p>Jetzt hielt das Boot; dicht unter den dunkeln
+Häusermassen lagen wir, in welche nur schmale
+schräge Einschnitte &ndash; kleine Gäßchen, die zum Ufer
+hinunterführen &ndash; einliefen; Karrenführer kamen an
+Bord, denen ich mein Gepäck übergab, und wenige
+Secunden später stand ich zum ersten Mal wieder nach
+129 Tagen draußen auf <em class="gesperrt">Pflaster</em>, auf <em class="gesperrt">deutschem</em>
+Grund und Boden, und es war mir zu Muthe, als ob
+ich hätte über den Boden <em class="gesperrt">fliegen</em> können.</p>
+
+<p>Von da an war jeder Schritt, den ich weiter that,
+ein <em class="gesperrt">Genuß</em> für mich und langsam, ganz langsam
+verfolgte ich im Anfang meinen Weg, den frohen
+Becher nun auch ordentlich auszukosten.</p>
+
+<p>In vielen Häusern war schon Licht angezündet,
+und die Leute saßen drin bei ihrem Abendbrod, hie
+und da aber standen sie auch noch plaudernd, und sich
+des schönen Sommerabends freuend, in den Thüren
+&ndash; auch <em class="gesperrt">deutsch</em> sprachen sie, gutes ehrliches deutsch,
+nicht mehr malayisch oder holländisch, oder englisch,
+französisch, spanisch oder was sonst noch, was ich seit
+<a class="pagenum" name="page_278" title="278"> </a>
+den letzten Jahren gewohnt war, vor fremden Thüren
+zu hören &ndash; die Männer rauchten lange Pfeifen, die
+Frauen strickten lange Strümpfe, und die Kinder
+hetzten sich über den Weg hinüber und herüber, und
+lachten und jubelten.</p>
+
+<p>So wanderte ich mitten zwischen ihnen durch,
+noch ein Fremder und Heimathloser in der weiten
+Stadt, und doch vielleicht der glücklichste Mensch, den
+in diesem Augenblick ganz Bremen umschloß.</p>
+
+<p>Jetzt hatte ich endlich das Handlungshaus erreicht,
+in dem ich Briefe für mich von daheim finden sollte.
+&ndash; Die ersten wieder seit langer, langer Zeit, denn
+die <em class="gesperrt">letzten</em> Briefe, die ich vor sechs Monaten in
+Batavia erhalten, waren noch außerdem über sechs
+Monate alt gewesen.</p>
+
+<p>Der Chef war nicht zu Haus, aber ein junger
+Mann vom Geschäft, dem ich meinen Namen nannte,
+sagte: »er glaube, daß ein Brief für mich oben liegen
+müsse,« und wie entsetzlich langsam ging er die Treppe
+hinauf, danach zu suchen. &ndash; Endlich waren wir oben
+&ndash; zwei, drei Gefache suchte er durch &ndash; da war er
+richtig &ndash; ich hielt ihn fest in der Hand und weiß
+wahrhaftig nicht, wie ich wieder aus dem Haus und
+durch die Stadt in mein Hotel gekommen bin; aber ich
+sah die Leute nicht mehr, die vor den Häusern standen,
+<a class="pagenum" name="page_279" title="279"> </a>
+oder an ihren hellerleuchteten Tischen saßen. So
+rasch mich meine Füße trugen, eilte ich in den Lindenhof,
+ließ mir ein Zimmer geben, bestellte Licht und
+Thee und saß kaum zehn Minuten später am geöffneten
+Fenster vor den lieben, lieben Zeilen, die mir
+Kunde von den Meinen brachten. &ndash; Dann erst gab
+ich mich den übrigen Genüssen hin, und wer nicht
+selber einmal solang von daheim fort und besonders so
+viele Wochen, ja Monate hintereinander auf See
+gewesen, wird schwer begreifen können, mit welch behaglichem
+Gefühl den seemüden Wanderer alle jene
+tausend Kleinigkeiten erfüllen, die wir im gewöhnlichen
+Leben gar nicht mehr beachten, und deren <em class="gesperrt">Dasein</em>
+wir oft nur bemerken, wenn sie einmal <em class="gesperrt">fehlen</em>.</p>
+
+<p>Erstlich die Annehmlichkeit von frischem <em class="gesperrt">Fleisch</em>,
+frischer <em class="gesperrt">Butter</em>, <em class="gesperrt">Milch</em> und <em class="gesperrt">Eiern</em> &ndash; dann das
+Bewußtsein, daß das Theezeug <em class="gesperrt">fest</em> auf dem Tisch
+stand, und nicht brauchte in hölzerne Gestelle eingestemmt
+zu werden &ndash; und doch war ich mit meiner
+Tasse noch im Anfang außerordentlich vorsichtig. Dazu
+das Geräusch rollender Wagen auf dem Pflaster unten,
+das Schlagen der großen Thurmuhren, das ich in einer
+Ewigkeit nicht gehört, das Lachen und Plaudern der
+Menschen unten auf dem großen freien Platz, und kein
+Schaukeln dabei, kein Hin- und Wiederwerfen &ndash;
+<a class="pagenum" name="page_280" title="280"> </a>
+Alles das genoß ich einzeln und mit vollem geizenden
+Bewußtsein dieser wenigen Momente, und wenn es
+mir auch im Anfang noch manchmal so vorkommen
+wollte, als ob der Lehnstuhl auf dem ich saß leise hin
+und herschwankte, &ndash; das alte Gefühl noch von dem
+Schiffe her &ndash; überzeugte ich mich doch bald, daß das
+nur Täuschung sei.</p>
+
+<p>Indessen war es dunkel und still draußen in der
+Stadt geworden; wieder und wieder hatte ich den
+Brief gelesen und lag jetzt in meinem Stuhl am offenen
+Fenster, eine ganze Welt voll Seligkeit im Herzen.</p>
+
+<p>Unten wurden murmelnde Menschenstimmen laut
+&ndash; ich hatte sie schon eine Weile wie im Traum gehört,
+aber nicht darauf geachtet; auch ein paar Laternen
+sah ich über den Platz kommen. Da plötzlich klangen
+von vier kräftigen Männerstimmen die Töne des herrlichen
+Mendelssohn'schen Liedes:</p>
+
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse">»Wer hat dich, du schöner Wald,</div>
+ <div class="verse">Aufgestellt so hoch da droben ...«</div>
+ </div>
+</div>
+
+<p class="noindent">zu mir herauf, das <em class="gesperrt">erste</em> deutsche Lied und Männerchor
+wieder, das ich seit langen Jahren hörte, und
+wie hatte ich mich danach gesehnt. &ndash; Neben mir öffnete
+sich ein Fenster &ndash; es fiel mir jetzt wieder ein,
+daß eine berühmte Opernsängerin meine Nachbarin
+war, die hier in Bremen gastirt hatte und morgen
+<a class="pagenum" name="page_281" title="281"> </a>
+früh wieder abreiste. Der Kellner hatte mir davon
+gesprochen, als er das Theegeschirr hinausnahm.</p>
+
+<p>Und jetzt verklangen die Töne, um wieder mit
+einem anderen, lebendigeren Liede zu beginnen; aber
+voll und weich klangen sie zu mir herauf &ndash; voll und
+weich war mir das Herz dabei geworden und &ndash; ich
+brauche mich deshalb nicht zu schämen, daß mir die
+hellen Thränen in den Bart liefen.</p>
+
+<p>Noch immer saß ich so, und die Sänger waren
+schon lange fortgezogen; die Uhren in der Stadt
+brummten die zehnte Stunde, als ein anderer, nicht
+so harmonischer Ton all' die schwermüthigen Gedanken
+im Nu verscheuchte.</p>
+
+<p>»Tuht!« blies der Nachtwächter unten und sang
+sein melancholisch Lied, und ich sah den dunklen Schatten
+des Mannes unten mit schwerem Schritt über
+den Platz schreiten, folgte ihm mit den Augen so weit
+ich konnte, und horchte auf die, aus ferneren Stadttheilen
+herüberschallenden Antworten noch lange,
+lange. &ndash; Und dann kamen Nachtschwärmer, die einen
+Hausschlüssel hatten und ich hörte wie die Thüren
+auf- und wieder zugemacht wurden &ndash; und dann schlugen
+die Uhren wieder ein Viertel, Halb, drei Viertel
+und Elf. Immer konnte ich mich noch nicht losreißen
+von dem Platz am Fenster, bis ich endlich lange nach
+<a class="pagenum" name="page_282" title="282"> </a>
+elf mein weiches Lager suchte. Und wie herrlich
+schlief ich, denn meine alte Seegras-Matratze an
+Bord hatte ich in den vier Monaten so hart wie ein
+Bret gelegen, und das weiche Roßhaarbett bot einen
+neuen Genuß.</p>
+
+<p>Am nächsten Morgen war ich früh auf den Füßen,
+Manches zu besorgen, meine mitgebrachten Kisten auf
+die Fracht zu geben und liebe Freunde zu besuchen.
+Eine Zeitung hatte ich noch nicht in die Hand bekommen
+und das Einzige, was ich bis jetzt von einer politischen
+Neugestaltung der letzten 8 Monate wußte, war
+die Wahl Louis Napoleons zum Präsidenden der Republik.
+Ein Fischerboot im Canal, das wir wegen Zeitungen
+anriefen, hatte uns ein altes Stück englischer Zeitung
+&ndash; halb durchgerissen, mit einer tüchtigen Steinkohle
+als Gewicht hineingewickelt &ndash; zugeworfen &ndash;
+darauf fanden wir einen Theil der Einzugsfeierlichkeiten
+des neuen Präsidenten beschrieben &ndash; das war Alles
+was wir von Europa überhaupt erfuhren &ndash; und sonderbarer
+Weise gleich das Wichtigste.</p>
+
+<p>Freund Andree, den ich in Bremen antraf, ersetzte
+mir aber alle Zeitungen, denn mit kurzen bündigen
+Worten gab er mir einen flüchtigen, aber vortrefflichen
+Ueberblick des Geschehenen &ndash; du lieber Gott, es war
+wenig Tröstliches, das ich erfuhr &ndash; wie traurig sah
+<a class="pagenum" name="page_283" title="283"> </a>
+es in dem armen Deutschland aus, und was war aus
+der Freiheit, aus den Freiheiten geworden, die wir
+48 erträumt. Der alte Fluch der Uneinigkeit hatte
+wieder seine giftigen Früchte getragen, und Alles was
+ich aus dem Sturm der letzten Jahre gerettet fand
+&ndash; und das überhaupt der Mühe des Aufhebens
+lohnte, war: die <em class="gesperrt">Erinnerung</em> an das Parlament;
+das Bewußtsein, daß wir ein solches wirklich <em class="gesperrt">gehabt</em>
+hatten, daß es also nicht zu den Schattenbildern gehörte
+und uns einmal, es möchte nun dauern so lange
+es wollte, wieder werden <em class="gesperrt">mußte</em>. &ndash; Jetzt freilich
+feierte der Bundestag wieder seine Ferien wie vordem
+&ndash; ein Dorn im Fleisch der Deutschen, ein Spott
+und Hohn für das Ausland. &ndash; Die <em class="gesperrt">deutschen</em>
+Schiffe, die noch draußen auf der Rhede von Bremerhafen
+unter der schwarz-roth-goldenen Flagge
+lagen, warteten auf den Hammer des Auctionators,
+die Schmach von Schleswig-Holstein und Olmütz
+brannte auf unserem Herzen und &ndash; was ich außerdem
+von Bekannten und Freunden hatte, saß im
+Zuchthaus oder war verbannt. Tröstliche Nachrichten
+für einen Heimkehrenden; aber es überraschte mich
+kaum. Als ich Deutschland im März 49 verließ,
+saß der mit den deutschen Farben bewimpelte Staatskarren
+schon fest im Schlamm, und man brauchte
+<a class="pagenum" name="page_284" title="284"> </a>
+damals kein Prophet zu sein, ihm sein Schicksal vorher
+zu sagen. Das Alles hatte sich jetzt erfüllt, die
+Reaction grünte und blühte, und wie in der Argentinischen
+Republik, that es den würdigen Staatsmännern
+nur leid, daß sie nicht auch Wald und Himmel
+mit ihren respectiven Landesfarben schwarz und weiß
+oder schwarz und gelb oder weiß und blau anstreichen
+konnten.</p>
+
+<p>Was half's! Es mußte ertragen werden, und nur
+die <em class="gesperrt">Hoffnung</em> konnte uns selbst unser damaliger
+Zustand nicht rauben.</p>
+
+<p>In Bremen besorgte ich so rasch als möglich was
+ich zu besorgen hatte, fuhr dann nach Hamburg hinüber,
+dort einige von Sidney herübergeschickte Sachen,
+meist Indianische Waffen, in Empfang zu nehmen,
+und eilte nun, so rasch mich Dampf und Eisenschienen
+bringen konnten, nach Leipzig, meine damals in
+Wien lebende Familie wieder zu sehen.</p>
+
+<p>Unterwegs mußte ich erst noch an der Preußischen
+Grenze eine Paßplackerei überwinden. Mein Paß
+war seit drei Monaten verfallen und außerdem in
+einem Zustand, wie ihn ein Preußischer Grenzbeamter
+wohl kaum je unter Händen gehabt. In Brasilien
+und besonders in der Argentinischen Republik
+wie in Batavia, selbst von den französischen Behörden
+<a class="pagenum" name="page_285" title="285"> </a>
+auf Tahiti war freilich allen Anforderungen, die
+selbst ein deutsches Postbüreau stellen konnte, genügt;
+an allen übrigen Landungsplätzen hatte sich aber kein
+Mensch um einen Paß bekümmert, und ich war nicht
+leichtsinnig genug gewesen, mir unnöthige Laufereien
+und Geldausgaben zu machen. Nur um die ganze
+Route auf dem Paß zu haben visirte ich ihn mir, aus
+angeborenem Pflichtgefühl, dort selbst, und diese Mißachtung
+eines <em class="gesperrt">officiellen</em> Visum schien die Polizeibeamten
+am meisten zu erschüttern. Trotzdem behandelten
+sie mich humaner als ich erwartet hatte, und
+mit einem sanften Verweis über mein rücksichtsloses
+Handeln: »Aber lieber Herr, Sie reisen in der ganzen
+Welt herum und lassen nirgends visiren,« wurde
+mir erlaubt, meine Reise ungehindert fortzusetzen.</p>
+
+<p>In Leipzig, wo ich einen Tag bleiben mußte, kam
+ich Abends spät an, und wollte noch meinen dort wohnenden
+Schwager aufsuchen. Seine Adresse hatte ich;
+ich wußte nämlich die Straße und Hausnummer, es
+war aber schon so dunkel, daß ich die Nummer nicht
+mehr erkennen konnte, und die vollkommen menschenleere
+Quergasse langsam niederschreitend, hoffte ich
+an irgend einem Haus einen Menschen zu finden, den
+ich fragen konnte.</p>
+
+<p>Da verließ Jemand vor mir eine Thür und ging
+<a class="pagenum" name="page_286" title="286"> </a>
+die Straße hinab; es war ein Mann in Hemdsärmeln,
+jedenfalls ein Markthelfer, mehr konnte ich in
+der Dunkelheit nicht erkennen. Als ich ihn eingeholt,
+frug ich ihn, ob er nicht zufällig wisse, in welcher Gegend
+hier Nr. 22 liege.</p>
+
+<p>»Ja wohl, Herr Gerstäcker,« sagte der Mann so
+ruhig, als ob er mir noch gestern und alle Tage hier
+in derselben Straße begegnet wäre, und wir jetzt
+hellen Sonnenschein und nicht finstere Nacht gehabt
+hätten. Es lag ordentlich etwas Geisterhaftes in dieser
+Nennung meines Namens unter solchen Umständen,
+und unwillkührlich frug ich, »aber kennen Sie
+mich denn?« &ndash; »Na, werd' ich <em class="gesperrt">Sie</em> nicht kennen,«
+sagte der Mann &ndash; »da drüben ist gleich das Haus.«
+&ndash; Incognito hätte ich <em class="gesperrt">hier</em> nicht reisen können.</p>
+
+<p>Den nächsten Tag verbrachte ich, wie schon gesagt,
+in Leipzig, um vor allen Dingen einen neuen Paß
+nach Oestreich zu bekommen. Ein merkwürdiges Gefühl
+war es mir aber dabei, durch die alten bekannten
+Straßen zu gehen und in den Läden, in den Fenstern
+die nämlichen Menschen mit der nämlichen Beschäftigung
+zu sehen, wie ich sie vor langen Jahren verlassen
+hatte. Die waren nicht fort gewesen in der
+ganzen Zeit; die hatten Tag für Tag ihrem Beruf an
+derselben Stelle obgelegen und während mir eine
+<a class="pagenum" name="page_287" title="287"> </a>
+Fluth von Erinnerungen durch die Seele ging, kannte
+die ihre kein anderes Bild, als diese selben engen
+Straßen boten.</p>
+
+<p>So sitzen hier Leute, die ich mich besinnen kann
+auf der nämlichen Stelle gesehen zu haben, als ich
+noch, ein Knabe, da in die Schule ging. Sie kamen
+mir damals schon alt und ehrwürdig vor und sahen
+heute genau noch so aus; nur daß sie früher keine
+grauen Haare hatten. Dieselben Menschen sind immer
+dageblieben, und wo bin ich indessen herumgewandert
+&ndash; was hab' ich erlebt &ndash; was gesehen &ndash; und wie
+drängt es mich noch immer neuen Scenen entgegen
+zu eilen, während diese still und genügsam in dem
+engen Kreise sich bewegen, den ihnen die eigene Wahl
+oder das Schicksal angewiesen. Und wenn wir sterben,
+ruhen wir vielleicht neben einander, und die Erinnerung
+ist todt und fort.</p>
+
+<p>Und soll ich dir, freundlicher Leser, jetzt erzählen,
+wie ich nach Brünn kam, bis wohin mir meine Frau
+mit dem Kind entgegen fahren wollte &ndash; wie ich mich
+von Nachtfahrten und übermäßiger Anstrengung zum
+Tod erschöpft in meinen Kleidern auf das Bett geworfen
+hatte, den um Mitternacht eintreffenden Zug dann
+zu erwarten? Wie mich der Kellner nicht geweckt, und
+plötzlich mitten in der Nacht Frau und Kind, die ich
+<a class="pagenum" name="page_288" title="288"> </a>
+in 39 Monden nicht gesehen, im Zimmer standen, und
+wie der kleine, indessen vierjährig gewordene Bursch,
+seine Aermchen um meinen Nacken legte und mit
+seiner lieben Stimme flüsterte: »du weggelaufener
+Papa?« &ndash; Es geht nicht &ndash; es geht wahrhaftig nicht,
+Worte sind nicht im Stande das zu beschreiben; das
+muß erlebt, empfunden sein, und &ndash; ich möchte gleich
+wieder auf Reisen gehen, nur um <em class="gesperrt">den</em> Augenblick noch
+einmal zu erleben.</p>
+
+
+
+
+<h2>Wenn wir einmal sterben.<a class="pagenum" name="page_289" title="289"> </a></h2>
+
+
+<p>Oft, wenn ich in meinem Zimmer sitze und mein
+Blick über die aus allen Welttheilen zusammengetragenen
+Gegenstände schweift, die mir so lieb sind, weil
+sich an jedes einzelne eine, oft freudige, oft bittere Erinnerung
+knüpft, fällt mir eine Scene aus früherer Zeit
+ein.</p>
+
+<p>In einem großen alten Hause in ** hatte ein
+alter Herr viele lange Jahre hindurch so abgeschlossen
+gelebt, daß er mit Niemandem da draußen &ndash; wenigstens
+nie direkt &ndash; in Berührung kam. Eine alte
+Haushälterin und ein alter Gärtner besorgten seine
+Arbeiten, und nur Abends, wenn in dem obersten
+Erkerstübchen, wo die alte Haushälterin schlief, Licht
+angezündet wurde, sah man, daß die Leute drinnen
+noch lebten, denn sonst ließ sich den ganzen Tag keine
+Seele, weder an einem der dicht verhangenen Fenster
+noch in der Thür blicken.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="page_290" title="290"> </a>
+Der Eigenthümer selber verließ seine Wohnung
+nie &ndash; einen Tag im Jahre ausgenommen &ndash; am ersten
+Weihnachtsfeiertag, und dann auch nur &ndash; mochte
+es wettern und stürmen, wie es wollte &ndash; um hinaus
+auf den Gottesacker zu gehen und daselbst ein Grab
+zu besuchen. Allerdings hatten sich die Müßiggänger
+in der Stadt schon die größte Mühe gegeben, um herauszubekommen,
+wer unter dem kleinen einfachen
+Hügel ruhe, an dem der Greis eine volle Stunde
+betete &ndash; aber vergebens. Kein Kreuz, keine Tafel
+kündete den Namen. Der frühere Todtengräber war
+gestorben, aus dem Buch, das er mit wunderlichen
+Zeichen und Figuren geführt, ließ sich nichts Bestimmtes
+mehr herausfinden, und die Leute sahen sich
+gezwungen, ihre eigenen Geschichten darüber zu ersinnen.
+Es läßt sich denken, daß die abenteuerlichsten
+Gerüchte die Stadt durchliefen &ndash; aber auch nur eine
+Zeit lang. Wie der alte Herr Jahr nach Jahr das
+nämliche trieb, dabei Niemandem etwas in den Weg
+legte, wurde man es endlich müde, sich um ihn zu
+bekümmern, und erst sein Tod erweckte die schon fast
+vergessenen Gerüchte von Neuem &ndash; allein auch sein
+Tod brachte keine Aufklärung über sein früheres Leben.</p>
+
+<p>Wie es mit dem Testament gewesen war, weiß
+ich nicht mehr, nur soviel erinnere ich mich, daß die
+<a class="pagenum" name="page_291" title="291"> </a>
+Erben keineswegs zufrieden sein mußten, denn große
+Legate waren den Dienern vermacht, und die außerordentlich
+einfache und dadurch fast werthlose Einrichtung
+des Hauses sollte in dessen Räumen selber öffentlich
+versteigert werden.</p>
+
+<p>Nach alle dem läßt es sich denken, daß ein großer
+Theil der Bewohner von ** neugierig war, die
+Räume zu betreten, die bis jetzt von dem alten wunderlichen
+Mann als unnahbares Heiligthum verschlossen
+und verriegelt gehalten waren. Die von dem
+Magistrat herbeorderten Beamten hatten wirklich ihre
+Noth, die zudringlichen Gaffer in ihren Schranken zu
+halten, damit sich im Gedränge nicht auch verworfenes
+Gesindel mit einschlich und die Hand an fremdes
+Eigenthum legte.</p>
+
+<p>Stube nach Stube wurde deshalb nur derart geöffnet,
+daß man eine andere erst aufschloß, wenn die
+in der einen befindlichen Gegenstände verkauft und
+ihren jetzigen Besitzern überwiesen waren. Dadurch bekamen
+es die Neugierigen endlich satt, sich nur herumstoßen
+und drängen zu lassen, ohne weiter etwas zu
+sehen, als öde Zimmer und altmodische Möbel und
+Schränke. Nach und nach verliefen sich die Meisten
+und es blieben fast nur Solche zurück, die wirklich
+Lust zu kaufen hatten.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="page_292" title="292"> </a>
+So gelangten wir endlich, nachdem eine Masse
+von Schränken, Tischen, Stühlen, alten Bildern, zu
+Spinneweb gewaschenen Gardinen und hundert andern
+Kleinigkeiten verkauft oder vielmehr um einen Spottpreis
+verschleudert waren, in die Studirstube des alten
+Mannes &ndash; wenn ein Platz so genannt werden kann,
+in dem ein nur wenig benutzter Schreibtisch und ein
+kleines dürftiges Regal mit einigen zwanzig, meist
+französischen und holländischen Büchern stand.</p>
+
+<p>Der Verstorbene war augenscheinlich kein Gelehrter
+gewesen, das aber hier jedenfalls der Platz, wo er
+seine meiste Zeit, die langen Jahre seiner Einsamkeit,
+träumend und durch nichts gestört verbracht, und es
+überkam mich ein eigenes und drückendes Gefühl, als
+ich die kalten, gleichgültigen Gesichter sah, die sich
+hier jetzt mit prüfenden Blicken in dem engen Raum
+umschauten und die Gegenstände taxirten. Es war
+mir, als ob ein Grab entweiht würde, das Grab einer
+Seele, deren Träume bis jetzt hier eingesargt gewesen.</p>
+
+<p>Aber was kümmerte das die Käufer oder den
+Auctionator, der Stück nach Stück ruhig und gleichmüthig
+unter den Hammer brachte! Vor dem Tische
+stand ein alter, mit Leder überzogener Lehnstuhl, über
+dem Tisch hing ein kleines, ziemlich mittelmäßig ausgeführtes
+Bild, eine Landschaft mit einer alten knorrigen
+<a class="pagenum" name="page_293" title="293"> </a>
+Eiche im Vordergrund, die an dem Ufer eines
+Weihers stand. Unter der Eiche lag ein Frauenhut
+und ein Brief. In dem Lehnstuhl war der alte Mann
+gestorben, und auf dem Tisch stand ein kleines flaches
+Mahagonikästchen.</p>
+
+<p>Ein Jude kaufte den Tisch, den Lehnstuhl und nachher
+das Kästchen auch, das Bild, da Niemand darauf
+bieten wollte, bekam er zu. In dem Kästchen stak der
+Schlüssel, er öffnete es, es lagen einige Sachen darin,
+und er wühlte mit der Hand darin herum. Als ihm
+das Kästchen zugeschlagen war, drehte er es um und
+schüttete den Inhalt auf den Boden. Es enthielt auch
+nichts Aufhebenswerthes: ein paar trockene, schon fast
+verkrümelte Blumen, ein Stückchen Holz mit ein paar
+dürren Blättern, ein paar Streifen vergilbtes Papier
+mit unleserlichen Zügen, ein kleines blauseidenes Band,
+einen zerschnittenen Handschuh und noch eine Anzahl
+anderer, eben so werthloser verwitterter Dinge. Was
+sollte der Käufer mit dem Plunder machen? er wurde
+später mit dem übrigen Staub und Gerumpel hinaus
+gekehrt, und doch war er das Heiligthum eines ganzen
+Lebens gewesen.</p>
+
+<p>Und wenn <em class="gesperrt">wir</em> einmal sterben?</p>
+
+<p>In meinem Zimmer hängen eine Unmasse von
+werthlosen Dingen, Waffen aus allen Welttheilen
+<a class="pagenum" name="page_294" title="294"> </a>
+von Stein, Holz, Stahl, Wallroß- und Haifischzähnen,
+und wenn ich einmal sterbe, finden sie vielleicht ihren
+Weg in ein Naturaliencabinet, wo dann der Aufseher
+mit Hülfe des Katalogs den Besuchern erklären kann:
+das Stück stammt dort, jenes von da her, diese Waffen
+führen die australischen Eingebornen, jene sind auf
+den Südseeinseln, in Afrika, in Californien, in Südamerika,
+in China, in Java daheim &ndash; das bleibt
+Alles, denn die Erinnerung ist todt, die ihnen jetzt
+Leben verleiht.</p>
+
+<p>Jenes alte lederne Jagdhemd, mit seinen indianischen
+Ausfranzungen, habe ich aus selbsterlegten
+Hirschdecken auch selber gegerbt und genäht und manches
+lange Jahr getragen; jenes alte Messer führte
+ich zweiundzwanzig Jahr in Freud und Leid; jene
+Bolas holte ich mir aus den chilenischen Cordilleren,
+und wie der Blick darauf fällt, sitze ich wieder bei dem
+tollen Trinkgelage jener Stämme, sehe die mit trübem
+Aepfelwein gefüllten Kuhhörner im Kreis herumgehen
+und die junge dicke Kazikentochter mir gegenüber,
+die mir jenes Diadem von bunten Perlen gab. Die
+Lanze dort schleuderte einst ein australischer Wilder
+nach mir; jene Mumienhand steckte mir ein junger
+ägyptischer Epigone unter den Tempelsäulen von Karnak
+in die Tasche, da ich sie ihm nicht um den üblichen
+<a class="pagenum" name="page_295" title="295"> </a>
+Sixpence abkaufen wollte; jenen Bogen erhandelte
+ich von einem californischen Indianer um selbstgegrabenes
+Gold aus seinen Bergen. Mit diesen Stücken
+trockenen Guiavenholzes rieb sich ein bildschönes
+Mädchen auf Tahiti einst Feuer, um ihre Cigarre
+daran anzuzünden; jenen Wallfischzahn brach ich selber
+aus dem Kiefer eines frischgefangenen Cachelot;
+den Tabaksbeutel aus dem Fuß eines Albatroß arbeitete
+ich mir inmitten eines furchtbaren Sturmes am
+Cap Horn; das Hirschgeweih da oben holte ich mir
+aus der Bandong-Ebene in Java, und jene kleinen
+ungeschickt geschnittenen Figuren aus vegetablischem
+Elfenbein kaufte ich auf dem Markt zu Quito.</p>
+
+<p>Und welche Unzahl von Kleinigkeiten, die ein
+Anderer unbedingt zum Kehrichthaufen verdammen
+würde, bilden die Schätze, die ich um mich her aufgehäuft!
+Vier Steinbrocken, die jeder Geologe verächtlich
+bei Seite werfen würde: ein gewöhnliches Stück
+Kalkstein mit ein paar dunklen Flecken darauf &ndash; die
+Schweißtropfen meines ersten starken Gemsbocks, den
+ich hoch am Karwendelgebirg in Tyrol in voller Flucht
+durch's Herz schoß; ein gewöhnlicher Kieselstein, aus
+den Wassern des Pozuzu in Peru &ndash; die Erinnerung
+an den Uebergang jenes reißenden Bergstromes, an
+einer einzelnen wilden Rebe; ein kleines Stück Granit
+<a class="pagenum" name="page_296" title="296"> </a>
+vom 16,000 Fuß hohen Gipfel der Cordilleren
+in Peru; ein anderes verwittertes Gestein vom höchsten
+Paß der La Plata-Staaten nach Chile; eine
+gelbe Feder vom Kopf eines Kakadu, des ersten,
+leider nicht des einzigen, den ich im australischen Wald
+erlegen und verzehren mußte, um nicht zu verhungern;
+ein langes Stück Koralle, das ein australisches Mädchen
+als einzigen Schmuck und Kleidungsstück durch
+den Nasenknorpel trug; ein rothes Band, das ich, in
+dem jetzt verschütteten Mendoza, im Knopfloch führen
+mußte, um unter Rosa's Regierung einen Paß auf
+der Polizei zu bekommen; der alte hölzerne Quirl
+und Löffel, mit dem ich in Ecuador tagtäglich, lange
+Monate hindurch meine Chocolade quirlte und rührte;
+selbstgewaschenes Gold aus Californien; Silber aus
+Cerro de Pasco, der höchsten Stadt der Welt; Wüstensand
+aus Aegypten; künstliche Federblumen aus
+Brasilien, und was mein Schreibtisch an geheimen
+Schätzen birgt, an trockenen Blumen und an Liebeszeichen
+aus der Jugendzeit, Du lieber Gott, was Anderes
+ist das, als was der Trödler dort in dem alten
+Haus, aus jenem Mahagonikasten auf die Erde schüttete:
+&ndash; und doch ein Lebensalter hindurch mit dem
+eigenen Herzblut erkauft und gehegt und gepflegt!</p>
+
+<p>Und wer von uns Allen hat nicht solche Liebeszeichen,
+<a class="pagenum" name="page_297" title="297"> </a>
+wem von uns Allen ruft nicht ein Band, ein
+trocknes Blatt, ein alter, wieder und wieder gelesener
+Brief alte Liebe und, wenn auch schmerzliche, Erinnerungen
+der Seele wach? und wenn wir einmal
+sterben? dann kommen rauhe Hände und zerstören
+diese »Leichen unserer Erinnerung,« denn das
+Leben fehlt ihnen, was ihnen diese für uns eingehaucht.</p>
+
+<p>Und können wir uns deshalb von ihnen trennen?
+Nein, es ist nicht möglich, denn sie bilden einen Theil,
+und zwar den edelsten Theil unseres Selbst; sie sind
+die kleinen unscheinbaren, aber trotzdem unzerreißbaren
+Glieder jener Kette, die uns an die Heimath
+binden. Sie sind die Tröster in mancher bitteren, sorgenschweren
+Stunde, die Märchenerzähler unserer
+eigenen Jugend, und wie der Mensch, wenn ihm die
+Hoffnung genommen würde, zum Selbstmörder werden
+müßte, und wie er deshalb die Hoffnung hegt
+und pflegt, weil er mit ihr die Brücke zu seiner Zukunft
+baut, so hält er auch die kleinen Zeichen fest als
+theure Gaben der Vergangenheit.</p>
+
+<p>Wohl wäre es besser, wir selber vernichteten diese
+kleinen unscheinbaren Liebesboten, wenn wir einmal
+fühlen, daß unser Ende naht; aber wer fühlt das?
+Wer mag es sich bis zum letzten entscheidenden Augenblick
+<a class="pagenum" name="page_298" title="298"> </a>
+wohl eingestehen: Jetzt ist vorbei, jetzt weist der Zeiger
+auf die letzte Stunde? Nicht Einer aus Tausenden.
+Noch mit zitternder Hand, mit schon halbgebrochenem
+Auge fällt unser Blick darauf, und wenn wir dann
+sterben, dann fliegt mit unsrer Seele auch die Seele
+unserer Reliquien &ndash; Gott nur weiß wohin, und
+unsere Leichen werden Staub.</p>
+
+<hr />
+
+
+
+
+<div class="tnote break">
+
+<h2 class="nobreak margtop2">Hinweise zur Transkription</h2>
+
+
+<p class="noindent">Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. Offensichtliche
+Satzfehler wurden korrigiert, bei Zweifeln der Originaltext beibehalten.
+Eine Liste der vorgenommenen Änderungen befindet sich hier am Buchende,
+Änderungen der Zeichensetzung sind nicht aufgeführt.</p>
+
+
+<h3><b>Änderungen</b></h3>
+
+<p class="noindent"><i>Seitenangabe<br />
+originaler Text<br />
+geänderter Text</i></p>
+
+<p class="noindent"><a href="#page_001">Seite 1</a><br />
+als er, vierzehn Tage später, um Bertha Vollmer anhielt<br />
+als er, vierzehn Tage später, um Bertha <b>W</b>ollmer anhielt</p>
+
+<p class="noindent"><a href="#page_003">Seite 3</a><br />
+und wenn sie ihn auch nie ein unfreundlich Gesicht<br />
+und wenn sie ih<b>m</b> auch nie ein unfreundlich Gesicht</p>
+
+<p class="noindent"><a href="#page_014">Seite 14</a><br />
+freundlich ihn empfing, wenn er endlich znrückkehrte<br />
+freundlich ihn empfing, wenn er endlich z<b>u</b>rückkehrte</p>
+
+<p class="noindent">
+Schatz gehalten, und mißachtet, bis er von ihn genommen<br />
+Schatz gehalten, und mißachtet, bis er von ih<b>m</b> genommen</p>
+
+<p class="noindent"><a href="#page_015">Seite 15</a><br />
+wo die Gattin plötzlich, unvorbereiiet abgerufen wurde<br />
+wo die Gattin plötzlich, unvorberei<b>t</b>et abgerufen wurde</p>
+
+<p class="noindent"><a href="#page_021">Seite 21</a><br />
+ein ganz entsetzlich naßkaltes und stürmischs Wetter<br />
+ein ganz entsetzlich naßkaltes und stürmisch<b>e</b>s Wetter</p>
+
+<p class="noindent"><a href="#page_036">Seite 36</a><br />
+ihre verschiedenen Freundinen einmal wieder aufzusuchen<br />
+ihre verschiedenen Freundin<b>n</b>en einmal wieder aufzusuchen</p>
+
+<p class="noindent"><a href="#page_039">Seite 39</a><br />
+sie selbst in ihrer Mitte<b>e</b> in Individum entdeckten<br />
+sie selbst in ihrer Mitte <b>e</b>in Individu<b>u</b>m entdeckten</p>
+
+<p class="noindent"><a href="#page_040">Seite 40</a><br />
+als das sie sich wunderten<br />
+als da<b>ß</b> sie sich wunderten</p>
+
+<p class="noindent">
+diesen doch sicher höchst<b>en</b> interessanten Fall<br />
+diesen doch sicher höchst interessanten Fall</p>
+
+<p class="noindent">
+erst auf äußere Veranlassang von sich gegeben<br />
+erst auf äußere Veranlass<b>u</b>ng von sich gegeben</p>
+
+<p class="noindent">
+E ist richtig! Ich weiß es! Es spukt drüben!<br />
+E<b>s</b> ist richtig! Ich weiß es! Es spukt drüben!</p>
+
+<p class="noindent"><a href="#page_043">Seite 43</a><br />
+sagte die Frau Präsidentin mit einer <b>einer</b> wegwerfenden Bewegung<br />
+sagte die Frau Präsidentin mit einer wegwerfenden Bewegung</p>
+
+<p class="noindent">
+von der kleinen lehhaften Hofräthin dabei warm unterstützt<br />
+von der kleinen le<b>b</b>haften Hofräthin dabei warm unterstützt</p>
+
+<p class="noindent"><a href="#page_047">Seite 47</a><br />
+Drittes Kapitel<br />
+Drittes <b>C</b>apitel</p>
+
+<p class="noindent"><a href="#page_048">Seite 48</a><br />
+um den Justizrath sein Gesicht zuzukehren<br />
+um de<b>m</b> Justizrath sein Gesicht zuzukehren</p>
+
+<p class="noindent"><a href="#page_049">Seite 49</a><br />
+<b>n</b>eben nur einen halblauten Schrei ausstoßend<br />
+eben nur einen halblauten Schrei ausstoßend</p>
+
+<p class="noindent"><a href="#page_054">Seite 54</a><br />
+Bertling aber, ärgerlich darüber, das er eine verfehlte<br />
+Bertling aber, ärgerlich darüber, da<b>ß</b> er eine verfehlte</p>
+
+<p class="noindent"><a href="#page_069">Seite 69</a><br />
+wie ein Kind, daß ein neues Spielzeug bekommen hat<br />
+wie ein Kind, da<b>s</b> ein neues Spielzeug bekommen hat</p>
+
+<p class="noindent"><a href="#page_072">Seite 72</a><br />
+beobachtete ihn über die Brlle weg<br />
+beobachtete ihn über die Br<b>i</b>lle weg</p>
+
+<p class="noindent"><a href="#page_073">Seite 73</a><br />
+während ihre Freundin kam aufzuschauen wagte<br />
+während ihre Freundin ka<b>u</b>m aufzuschauen wagte</p>
+
+<p class="noindent"><a href="#page_074">Seite 74</a><br />
+An den Feustern hingen aber Gardinen<br />
+An den Fe<b>n</b>stern hingen aber Gardinen</p>
+
+<p class="noindent"><a href="#page_077">Seite 77</a><br />
+denn die Frau Heßbeger begann jetzt in feierlicher Weise<br />
+denn die Frau Heßbe<b>r</b>ger begann jetzt in feierlicher Weise</p>
+
+<p class="noindent"><a href="#page_081">Seite 81/82</a><br />
+sonst bekommen wir nach-ihre Confusion<br />
+sonst bekommen wir nach<b>her</b> Confusion</p>
+
+<p class="noindent"><a href="#page_116">Seite 116</a><br />
+abgelegenen Straße vier steile<b>n</b> dunkle<b>n</b> Treppen hinauf geklettert<br />
+abgelegenen Straße vier steile dunkle Treppen hinauf geklettert</p>
+
+<p class="noindent"><a href="#page_118">Seite 118</a><br />
+wußte sie das Gespäch auf das Abenteuer<br />
+wußte sie das Gesp<b>r</b>äch auf das Abenteuer</p>
+
+<p class="noindent"><a href="#page_119">Seite 119</a><br />
+»Du er<b>r</b>innerst Dich doch,« fuhr Pauline fort<br />
+»Du erinnerst Dich doch,« fuhr Pauline fort</p>
+
+<p class="noindent"><a href="#page_132">Seite 132</a><br />
+mit vor Zorn ger<b>r</b>ötheten Wangen<br />
+mit vor Zorn gerötheten Wangen</p>
+
+<p class="noindent"><a href="#page_138">Seite 138</a><br />
+»Bitte tausendmal um Entschnldigung,« sagte Lorenz<br />
+»Bitte tausendmal um Entsch<b>u</b>ldigung,« sagte Lorenz</p>
+
+<p class="noindent">
+sagte das Kindermädchen, das ihm mit einer Lase frischen Wassers<br />
+sagte das Kindermädchen, das ihm mit einer <b>V</b>ase frischen Wassers</p>
+
+<p class="noindent"><a href="#page_141">Seite 141</a><br />
+werde ich <b>ich</b> mich bis zur nächsten Station bei den Koffern<br />
+werde ich mich bis zur nächsten Station bei den Koffern</p>
+
+<p class="noindent"><a href="#page_144">Seite 144</a><br />
+die Cigarre schmeckte ausgezeichet<br />
+die Cigarre schmeckte ausgezeich<b>n</b>et</p>
+
+<p class="noindent"><a href="#page_150">Seite 150</a><br />
+Reiseanzug den entschieden englichen Charakter<br />
+Reiseanzug den entschieden engli<b>s</b>chen Charakter</p>
+
+<p class="noindent"><a href="#page_152">Seite 152</a><br />
+Engländer auf den Continent<br />
+Engländer auf de<b>m</b> Continent</p>
+
+<p class="noindent">
+Gepäckträgern und Lohnbedienteu geprellt<br />
+Gepäckträgern und Lohnbediente<b>n</b> geprellt</p>
+
+<p class="noindent"><a href="#page_155">Seite 155</a><br />
+nach seinem Schein uud fluchte auf deutsch<br />
+nach seinem Schein u<b>n</b>d fluchte auf deutsch</p>
+
+<p class="noindent"><a href="#page_156">Seite 156</a><br />
+kein anderer Ausweg, als den gegebenen Rath zu folgen<br />
+kein anderer Ausweg, als de<b>m</b> gegebenen Rath zu folgen</p>
+
+<p class="noindent"><a href="#page_164">Seite 164</a><br />
+Gewißheit über die Persönlichkiet erlangen konnte<br />
+Gewißheit über die Persönlichk<b>ei</b>t erlangen konnte</p>
+
+<p class="noindent"><a href="#page_173">Seite 173</a><br />
+meine Hälfte ebenfalls zur rechteu Zeit einbringe<br />
+meine Hälfte ebenfalls zur rechte<b>n</b> Zeit einbringe</p>
+
+<p class="noindent"><a href="#page_179">Seite 179</a><br />
+um ihre Morgentoilete zu beenden<br />
+um ihre Morgentoilet<b>t</b>e zu beenden</p>
+
+<p class="noindent"><a href="#page_181">Seite 181</a><br />
+in voller Toilete, mit Schmuck und Flittertand<br />
+in voller Toilet<b>t</b>e, mit Schmuck und Flittertand</p>
+
+<p class="noindent"><a href="#page_182">Seite 182</a><br />
+verzeihen Sie der Aufregumg, in der Sie<br />
+verzeihen Sie der Aufregu<b>n</b>g, in der Sie</p>
+
+<p class="noindent"><a href="#page_184">Seite 184</a><br />
+schon gar keinen möglicheu Ausweg mehr sah<br />
+schon gar keinen mögliche<b>n</b> Ausweg mehr sah</p>
+
+<p class="noindent"><a href="#page_190">Seite 190</a><br />
+Ich habe nichts als meinem ehrlichen Namen<br />
+Ich habe nichts als meine<b>n</b> ehrlichen Namen</p>
+
+<p class="noindent"><a href="#page_196">Seite 196</a><br />
+diesen Platz so rasch als möglich zu erreicheu<br />
+diesen Platz so rasch als möglich zu erreiche<b>n</b></p>
+
+<p class="noindent"><a href="#page_197">Seite 197</a><br />
+Unachtsamkeit verdanke, den wie dieser einmal<br />
+Unachtsamkeit verdanke, den<b>n</b> wie dieser einmal</p>
+
+<p class="noindent"><a href="#page_200">Seite 200</a><br />
+ob er aber einen Schnurrbatt gehabt<br />
+ob er aber einen Schnurrba<b>r</b>t gehabt</p>
+
+<p class="noindent"><a href="#page_201">Seite 201</a><br />
+als ein kleines Mädchen, daß dabei gestanden<br />
+als ein kleines Mädchen, da<b>s</b> dabei gestanden</p>
+
+<p class="noindent"><a href="#page_204">Seite 204</a><br />
+»J gewiß, und die müssen Ihnen Pferde schaffen.«<br />
+»J<b>a</b> gewiß, und die müssen Ihnen Pferde schaffen.«</p>
+
+<p class="noindent"><a href="#page_211">Seite 211</a><br />
+und borgte sich noch außerden vom Kellner<br />
+und borgte sich noch außerde<b>m</b> vom Kellner</p>
+
+<p class="noindent"><a href="#page_213">Seite 213</a><br />
+alle harmlosen Spiele nnd Vergnügungen hinübertönte<br />
+alle harmlosen Spiele <b>u</b>nd Vergnügungen hinübertönte</p>
+
+<p class="noindent"><a href="#page_214">Seite 214</a><br />
+wollten wir alle zusammen schmeißeu<br />
+wollten wir alle zusammen schmeiße<b>n</b></p>
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+der Lakai eine tiefe, erfurchtsvolle Verbeugung machte<br />
+der Lakai eine tiefe, e<b>h</b>rfurchtsvolle Verbeugung machte</p>
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+<p class="noindent"><a href="#page_216">Seite 216</a><br />
+jede Weiblichket bei Seite lassend<br />
+jede Weiblichke<b>i</b>t bei Seite lassend</p>
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+<p class="noindent"><a href="#page_217">Seite 217</a><br />
+das Klimpern des Geldes und die montonen Worte<br />
+das Klimpern des Geldes und die mon<b>o</b>tonen Worte</p>
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+<p class="noindent"><a href="#page_234">Seite 234</a><br />
+aber es fielen ihm in diesen Augenblick<br />
+aber es fielen ihm in diese<b>m</b> Augenblick</p>
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+<p class="noindent"><a href="#page_236">Seite 236</a><br />
+und die Erinn<b>n</b>erung an das Vergangene soll<br />
+und die Erinnerung an das Vergangene soll</p>
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+<p class="noindent"><a href="#page_242">Seite 242</a><br />
+nehmen die Leiden dieses armen Mädchen bald ein Ende<br />
+nehmen die Leiden dieses armen Mädchen<b>s</b> bald ein Ende</p>
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+<p class="noindent"><a href="#page_243">Seite 243</a><br />
+zweitausend Pfund, die er vereist oder verspielt<br />
+zweitausend Pfund, die er ver<b>r</b>eist oder verspielt</p>
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+<p class="noindent"><a href="#page_251">Seite 251</a><br />
+zusammengezogenen Brau<b>n</b>en, daß Sie daß nicht thun<br />
+zusammengezogenen Brauen, daß Sie da<b>s</b> nicht thun</p>
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+<p class="noindent"><a href="#page_255">Seite 255</a><br />
+haben Sie mich auf Ihrem Besuch warten lassen<br />
+haben Sie mich auf Ihre<b>n</b> Besuch warten lassen</p>
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+<p class="noindent"><a href="#page_262">Seite 262</a><br />
+weiter nach England braucht, da ich daß selber<br />
+weiter nach England braucht, da ich da<b>s</b> selber</p>
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+<p class="noindent"><a href="#page_282">Seite 282</a><br />
+Ein Fischerboot im Canal, daß wir wegen Zeitungen<br />
+Ein Fischerboot im Canal, da<b>s</b> wir wegen Zeitungen</p>
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+<p class="noindent"><a href="#page_295">Seite 295</a><br />
+geschnittenen Figuren aus vegetablischen Elfenbein<br />
+geschnittenen Figuren aus vegetablische<b>m</b> Elfenbein</p>
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+<p class="noindent"><a href="#page_297">Seite 297</a><br />
+Und könn<b>n</b>en wir uns deshalb von ihnen trennen?<br />
+Und können wir uns deshalb von ihnen trennen?</p>
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+<div>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 44239 ***</div>
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Binary files differ