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| author | Roger Frank <rfrank@pglaf.org> | 2025-10-14 18:37:40 -0700 |
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| committer | Roger Frank <rfrank@pglaf.org> | 2025-10-14 18:37:40 -0700 |
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Das ist ein Fehler.</p> + +<p>Wer in schönen Dingen einen schönen Sinn findet, hat +Kultur. Er berechtigt zu Hoffnungen.</p> + +<p>Das sind die Auserwählten, für die schöne Dinge lediglich +Schönheit bedeuten.</p> + +<p>Ein moralisches oder unmoralisches Buch gibt's überhaupt +nicht. Bücher sind gut oder schlecht geschrieben. Sonst +nichts.</p> + +<p>Die Abneigung des neunzehnten Jahrhunderts gegen +den Realismus ist die Wut Calibans, der sein eigenes Gesicht +im Spiegel erblickt.</p> + +<p>Die Abneigung des neunzehnten Jahrhunderts gegen +die Romantik ist die Wut Calibans, der sein eigenes Gesicht +im Spiegel nicht sieht.</p> + +<p>Das sittliche Dasein des Menschen liefert dem Künstler +einen Teil des Stoffgebietes, aber die Sittlichkeit der +Kunst besteht im vollkommenen Gebrauch eines unvollkommenen +Mittels.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_6" title="6"> </a></p> + +<p>Kein Künstler empfindet das Verlangen, etwas zu beweisen. +Selbst Wahrheiten können bewiesen werden.</p> + +<p>Kein Künstler hat ethische Neigungen. Eine ethische +Neigung beim Künstler ist eine unverzeihliche Manieriertheit +des Stils.</p> + +<p>Kein Künstler ist an sich krankhaft. Der Künstler kann +alles aussprechen.</p> + +<p>Gedanken und Sprache sind für den Künstler Werkzeuge +einer Kunst.</p> + +<p>Laster und Tugend sind für den Künstler Stoffe einer +Kunst.</p> + +<p>Was die Form betrifft, so ist die Kunst des Musikers +die Urform aller Künste. Was das Gefühl betrifft, so ist +der Beruf des Schauspielers diese Urform.</p> + +<p>Alle Kunst ist gleichzeitig Oberfläche und Symbol.</p> + +<p>Wer unter der Oberfläche schürft, tut es auf eigene +Gefahr.</p> + +<p>Wer das Symbol herausdeutet, tut es auf eigene Gefahr.</p> + +<p>In Wahrheit wird der Betrachter und nicht das Leben +abgespiegelt.</p> + +<p>Meinungsunterschiede über ein Kunstwerk beweisen seine +Neuheit, Vielfältigkeit und Lebenskraft.</p> + +<p>Sind die Kritiker uneinig, so ist der Künstler einig mit +sich selbst.</p> + +<p>Man kann einem Menschen verzeihen, daß er etwas +Nützliches schafft, solang er es nicht bewundert. Die einzige +Entschuldigung für den, der etwas Nutzloses schuf, besteht +darin, daß es äußerst bewundert wird.</p> + +<p>Alle Kunst ist völlig nutzlos.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_7" title="7"> </a></p> + + + + +<h2><a name="Erstes_Kapitel" id="Erstes_Kapitel"></a>Erstes Kapitel</h2> + + +<p>Das Atelier schwamm in einem starken Rosendufte, und +wenn der leichte Sommerwind die Bäume im Garten +wiegte, so floß durch die offene Tür der schwere Geruch +des Flieders herein oder der zartere Duft des Rotdorns.</p> + +<p>Aus der Ecke seines Diwans mit persischen Satteltaschen, +auf dem Lord Henry Wotton lag und wie gewöhnlich unzählige +Zigaretten rauchte, konnte er gerade noch den +Schimmer der honigsüßen und honigfarbigen Blüten eines +Goldregenstrauches wahrnehmen, dessen zitternde Zweige +nur seufzend die Last einer so flammenden Schönheit zu +tragen schienen, und dann und wann huschten die phantastischen +Schatten vorbeifliegender Vögel über die langen +bastseidenen Vorhänge, die vor das große Fenster +gezogen waren. Das gab einen Augenblick lang eine Art +japanischer Stimmung und ließ den Lord an die bleichen, +nephritgelben Maler der Stadt Tokio denken, die mit +Hilfe einer Kunst, die notwendigerweise erstarrt genannt +werden muß, das Gefühl von Schnelligkeit und Bewegung +hervorzubringen suchen. Das tiefe Gesumme der Bienen, +die ihren zweifelnden Flug durch das hohe, ungemähte +Gras nahmen oder mit eintöniger Zähigkeit um die bestaubten +Goldtrichter des wuchernden Geißblattes kreisten, +ließ die Stille noch drückender scheinen. Das dumpfe Brausen +<a class="pagenum" name="Page_8" title="8"> </a> +Londons murrte dazu wie die Baßtöne einer fernen +Orgel.</p> + +<p>In der Mitte des Gemaches stand auf einer hoch aufgestellten +Staffelei das lebensgroße Bildnis eines außerordentlich +schönen Jünglings, und ihm gegenüber, ein paar +Schritte entfernt, saß sein Schöpfer, der Maler Basil +Hallward, dessen plötzliches Verschwinden vor einigen +Jahren bei der Menge so viel Aufsehen gemacht und zu +so vielen seltsamen Vermutungen Anlaß gegeben hatte.</p> + +<p>Während der Maler die anmutige und liebenswürdige +Gestalt betrachtete, die seine Kunst so prachtvoll wiedergespiegelt +hatte, huschte ein freudiges Lächeln über sein +Gesicht und schien dort verweilen zu wollen. Plötzlich aber +fuhr er auf, schloß die Augen und preßte die Lider mit +den Fingern zu, als fürchte er, aus einem absonderlichen +Traume zu erwachen, und als suche er ihn im Gehirn +einzuschließen.</p> + +<p>„Es ist dein bestes Werk, Basil, das beste, was du jemals +gemacht hast“, sagte Lord Henry schläfrig-müde. +„Du mußt es nächstes Jahr unbedingt ins Grosvenor +schicken. Die Akademie ist zu groß und zu gewöhnlich. +Jedesmal, wenn ich hinging, waren entweder so viele +Leute da, daß ich die Bilder nicht sehen konnte, und das +war schlimm, oder so viel Bilder, daß ich die Leute nicht +sehen konnte, und das war noch schlimmer. Das Grosvenor +ist der einzig richtige Platz.“</p> + +<p>„Ich denke überhaupt nicht daran, es auszustellen“, antwortete +der Maler und warf den Kopf in jener merkwürdigen +Art zurück, über die schon oft seine Freunde in Oxford +<a class="pagenum" name="Page_9" title="9"> </a> +gelacht hatten. „Nein, ich will es nirgends ausstellen.“</p> + +<p>Lord Henry hob die Augenbrauen und sah den anderen +erstaunt durch die dünnen blauen Raucharabesken an, die +in so abenteuerlichen Wirbeln von der starken opiumgetränkten +Zigarette aufstiegen. „Nirgends ausstellen? +Ja warum, mein Lieber? Hast du einen Grund dafür? +Was ihr Maler doch für Käuze seid! Ihr tut alles in der +Welt, um euch einen Namen zu machen. Habt ihr ihn +endlich, so <ins title="wolllt">wollt</ins> ihr ihn scheinbar wieder loswerden. Das +ist albern von dir, denn es gibt nur ein leidiges Ding auf +Erden, das peinlicher ist als in aller Leute Munde zu +sein, und das ist: nicht in aller Leute Munde zu sein. Ein +Porträt wie das da höbe dich weit über alle jungen Leute +in England empor und würde die Alten vor Neid platzen +lassen, soweit alte Leute überhaupt noch einer Empfindung +fähig sind.“</p> + +<p>„Ich weiß, du wirst mich auslachen,“ entgegnete er, +„aber ich kann es wahrhaftig nicht ausstellen. Es steckt da +zuviel von mir selbst drin.“</p> + +<p>Lord Henry streckte sich auf dem Diwan aus und lachte.</p> + +<p>„Ja, ich habe das gewußt; es bleibt aber doch wahr, +ganz sicher.“</p> + +<p>„Zuviel von dir soll darin sein? Auf mein Wort, Basil, +ich hätte nie geahnt, daß du so eitel bist; ich kann wirklich +nicht die blasseste Ähnlichkeit entdecken zwischen dir mit +deinem groben, eckigen Gesicht und deinem kohlschwarzen +Haar und diesem jungen Adonis, der so aussieht, als sei +er aus Elfenbein und Rosenblättern erschaffen. Nein, mein +<a class="pagenum" name="Page_10" title="10"> </a> +lieber Basil, es ist ein Narziß, und du — natürlich hast +du ein geistvolles Gesicht und so weiter. Aber Schönheit, +wirkliche Schönheit hört da auf, wo der geistvolle Ausdruck +anfängt. Geist ist an sich eine Art Übermaß und zerstört +das Ebenmaß jedes Gesichts. Im Moment, wo man +sich ans Denken begibt, wird man ganz Nase oder ganz +Stirn oder sonst etwas Greuliches. Sieh dir doch mal alle +die Männer an, die in gelehrten Berufen etwas geleistet +haben. Sind sie nicht alle ausgesprochen häßlich? Natürlich +die Männer der Kirche ausgenommen. Aber in der +Kirche denken sie eben nicht. Ein Bischof sagt mit achtzig +Jahren noch unveränderlich dasselbe, was ihm als +achtzehnjährigem Bengel beigebracht wurde, und infolgedessen +sieht er immer entzückend aus. Dein geheimnisvoller +junger Freund, dessen Namen du mir nie verraten hast, +dessen Bild mich aber tatsächlich bezaubert, denkt niemals. +Davon bin ich felsenfest überzeugt. Es ist irgendein hirnloses +schönes Geschöpf, das wir im Winter immer bei uns +haben sollten, wenn es keine Blumen zum Anschauen gibt, +und im Sommer, wenn wir etwas zur Abkühlung unseres +Geistes gebrauchen. Schmeichle dir also nicht, Basil: du +siehst ihm ganz und gar nicht ähnlich.“</p> + +<p>„Du verstehst mich gar nicht, Henry“, antwortete der +Künstler. „Natürlich sehe ich ihm nicht ähnlich. Das weiß +ich selbst. In Wirklichkeit wäre ich sogar traurig, sähe ich +ihm ähnlich. Du brauchst nicht mit den Achseln zu zucken. +Ich sage dir die Wahrheit. Jede körperliche und geistige +Besonderheit umschwebt eine gewisse Tragik; so eine Tragik +etwa, wie sich das Schicksal der Könige auf ihren Irrwegen +<a class="pagenum" name="Page_11" title="11"> </a> +in der Weltgeschichte an die Füße zu heften scheint. +Es ist besser, nicht anders zu sein als die Nebenmenschen. +Die Häßlichen und die Dummen haben das beste Leben +der Welt. Sie können ruhig dasitzen und das Spiel sorglos +begaffen. Sie wissen zwar nichts von Siegen, aber +dafür bleibt ihnen auch die Bekanntschaft mit den Niederlagen +erspart. Sie leben dahin, wie wir es alle sollten: +ungestört, gleichgültig und ohne Mißbehagen. Sie bringen +anderen kein Unheil und empfangen es auch nicht von +fremder Hand. Dein Stand und dein Reichtum, Harry, +mein Geist, soviel ich davon habe, meine Kunst, soviel +sie wert ist, Dorian Gray für sein schönes Aussehen — +wir müssen alle für die Geschenke der Götter leiden, schrecklich +leiden.“</p> + +<p>„Dorian Gray? Heißt er so?“ fragte Lord Henry und +ging durch das Atelier auf Basil Hallward zu.</p> + +<p>„Ja, so heißt er. Ich wollte dir's eigentlich nicht sagen.“</p> + +<p>„Aber warum nicht?“</p> + +<p>„Oh, ich kann's nicht so erklären. Wenn ich einen Menschen +sehr, sehr lieb habe, verrate ich an niemand seinen +Namen. Das käme mir so vor, als lieferte ich damit einen +Teil von seinem Selbst aus. In mir hat sich allmählich +eine förmliche Liebe zu Geheimnissen entwickelt. Das scheint +noch die einzige Art zu sein, das Leben unserer Zeit mysteriös +und wunderbar zu machen. Die gewöhnlichste Begebenheit +wird reich an Schönheit, wenn man sie verbirgt. +Ich sage auch nie, wohin ich reise, wenn ich mal die Stadt +verlasse. Wenn ich's täte, wäre meine ganze Freude daran +hin. Das mag eine alberne Gewohnheit sein, aber sie +<a class="pagenum" name="Page_12" title="12"> </a> +bringt doch irgendwie ein bißchen Romantik ins Leben. +Du denkst jetzt gewiß, ich bin furchtbar närrisch?“</p> + +<p>„Nicht im geringsten,“ antwortete Lord Henry, „nicht +im geringsten, mein lieber Basil. Du scheinst zu vergessen, +daß ich verheiratet bin, und daß der Hauptreiz der Ehe +darin liegt, daß sie beiden Teilen ein Leben der Täuschung +zur Notwendigkeit macht. Ich weiß nie, wo meine Frau +ist, und meine Frau weiß nie, was ich tue und treibe. +Wenn wir beisammen sind — wir sind gelegentlich beisammen, +wenn wir zu einem Diner eingeladen sind oder +zum Herzog aufs Land fahren — so erzählen wir uns +die verrücktesten Geschichten mit dem ernsthaftesten Gesicht. +Meine Frau versteht das vorzüglich, ohne Frage besser +als ich. Sie verwickelt sich bei den Tatsachen nie in Widersprüche, +und bei mir kommt es beständig vor. Wenn sie +mich aber ertappt, macht sie mir nie eine Szene. Ich +wünschte manchmal, sie täte es. Aber sie lacht mich nur +aus.“</p> + +<p>„Ich kann die Art nicht leiden, wie du über deine Ehe +sprichst“, sagte Basil Hallward und ging langsam auf die +Tür zu, die in den Garten führte. „Ich glaube, du bist +in Wirklichkeit ein ganz guter Ehemann und schämst dich +nur immer über diese Tugend. Du bist überhaupt ein sonderbarer +Kauz: du sagst nie was Moralisches und tust +nie was Schlechtes. Dein Zynismus ist nichts als Pose.“</p> + +<p>„Natürlichkeit ist immer eine Pose, und zwar die ärgerlichste +Pose, die ich kenne“, rief Lord Henry lachend aus, +und die beiden jungen Männer gingen zusammen in den +Garten und ließen sich auf einer langen Bambusbank nieder, +<a class="pagenum" name="Page_13" title="13"> </a> +die im Schatten eines hohen Lorbeerbusches stand. +Das Sonnenlicht flirrte tanzend über die glatten Blätter. +Im Grase zitterten weiße Gänseblümchen.</p> + +<p>Nach einer Weile zog Lord Henry seine Uhr: „Ich +fürchte, ich muß gleich fort, Basil,“ brummte er, „aber +bevor ich gehe, mußt du mir noch unbedingt die Frage +beantworten, die ich vorhin an dich gerichtet habe.“</p> + +<p>„Was war das?“ sagte der Maler, die Augen fest zu +Boden gerichtet.</p> + +<p>„Na, du weißt doch.“</p> + +<p>„Sicher nicht, Harry.“</p> + +<p>„Gut, dann will ich's dir nochmals sagen. Du sollst +mir erklären, warum du Dorian Grays Porträt nicht ausstellen +willst. Ich bestehe darauf, den wirklichen Grund +zu wissen.“</p> + +<p>„Ich habe dir den wirklichen Grund schon gesagt.“</p> + +<p>„Nein, das hast du nicht getan. Du hast nur gesagt, +weil zuviel von dir selbst in dem Bilde stecke. Das ist +aber kindisch.“</p> + +<p>„Harry,“ sagte Basil Hallward und sah dem anderen +gerade ins Gesicht, „jedes Porträt, das mit Gefühl gemalt +ist, ist ein Porträt des Künstlers, nicht des Modells. +Das Modell ist nur der Anlaß, die Gelegenheit. Nicht +dies wird vom Maler enthüllt; nein, der Maler offenbart +auf der farbigen Leinwand eher sich selbst. Ich will also +dies Bild darum nicht ausstellen, weil ich fürchte, ich habe +das Geheimnis meiner eigenen Seele darin aufgedeckt.“</p> + +<p>Lord Henry lachte. „Und worin bestünde das?“ +fragte er.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_14" title="14"> </a></p> +<p>„Ich will es sagen“, antwortete Hallward; aber in sein +Gesicht trat ein Ausdruck von Ratlosigkeit.</p> + +<p>„Ich bin äußerst gespannt, Basil“, fuhr sein Gefährte +mit einem Blick nach ihm fort.</p> + +<p>„Oh, es ist wirklich nicht viel zu berichten, Harry,“ entgegnete +der Maler, „und du verstehst es wohl kaum, wie +ich fürchte. Vielleicht auch glaubst du mir nicht einmal.“</p> + +<p>Lord Henry lächelte und bückte sich dann, um ein rosa +angehauchtes Gänseblümchen aus dem Grase zu pflücken, +das er betrachtete. „Ich werde dich ganz gewiß verstehen,“ +erwiderte er, die Blicke aufmerksam auf die kleine, goldene, +weißgefiederte Blütenscheibe gerichtet, „und was das +Glauben angeht, so kann ich alles glauben, vorausgesetzt, +daß es unwahrscheinlich genug ist.“</p> + +<p>Der Wind schüttelte ein paar Blüten von den Bäumen, +und die schweren, vielgesternten Traubendolden der Fliederbüsche +bewegten sich in der schwülen Luft. Eine Grille begann +an der Gartenmauer zu zirpen, und wie ein blauer +Faden huschte eine lange, dünne Wasserjungfer auf ihren +braunen Gazeflügeln vorbei. Lord Henry glaubte Basil +Hallwards Herz pochen zu hören und war neugierig, was +wohl kommen möchte.</p> + +<p>„Die Geschichte ist einfach die“, sagte der Maler nach +einer Weile. „Vor zwei Monaten ging ich mal zu einem +der Massenempfänge bei Lady Brandon. Du weißt, wir +armen Künstler müssen uns von Zeit zu Zeit in der Gesellschaft +zeigen, um das Publikum daran zu erinnern, +daß wir keine Wilden sind. Du sagtest mir einmal: in +Frack und weißer Binde kann selbst ein Börsenmensch in +<a class="pagenum" name="Page_15" title="15"> </a> +den Verdacht von Bildung kommen. Nun also, ich war +etwa zehn Minuten da und redete mit korpulenten, aufgeputzten, +vornehmen Witwen und platten Akademikern, +da merkte ich plötzlich, daß mich jemand anblickte. Ich +drehte mich halb um und sah zum ersten Male Dorian +Gray. Ich spürte, wie ich blaß wurde, als sich unsere Blicke +begegneten. Ein seltsames Angstgefühl überkam mich. Ich +wußte, ich stand einem Menschen Aug-in-Auge gegenüber, +dessen bloße Erscheinung so bezaubernd auf mich +wirkte, daß sie, wenn ich sie gewähren ließe, meine ganze +Natur, meine ganze Seele, ja selbst meine Kunst an sich +reißen müßte. Ich bedurfte nie in meinem Leben irgendwelcher +Einwirkung von außen her. Du weißt ja selbst, +Harry, wie unabhängig ich von Haus aus bin. Ich bin +immer mein eigener Herr gewesen; war es wenigstens so +lange, bis ich Dorian Gray traf. Dann — aber ich weiß +nicht, wie ich dir das begreiflich machen soll. Irgend etwas +schien mir im voraus zu sagen, daß ich an einem schrecklichen +Wendepunkt in meinem Leben stand. Ich hatte die +eigentümliche Empfindung, das Schicksal halte für mich +die ausgesuchtesten Freuden und die ausgesuchtesten +Schmerzen in Bereitschaft. Ich bekam Furcht, und ich +wandte mich zum Gehen. Das Gewissen trieb mich nicht +dazu: es war eine Art Feigheit. Ich bilde mir nichts +darauf ein, daß ich diese Flucht versuchte.“</p> + +<p>„In Wirklichkeit sind Gewissen und Feigheit ein und +dasselbe. Gewissen lautet nur die eingetragene Firma. +Weiter gar nichts.“</p> + +<p>„Ich glaube das nicht, Harry, und ich glaube, du wohl +<a class="pagenum" name="Page_16" title="16"> </a> +auch nicht. Einerlei aber, aus welchem Grunde es geschah +— es mag auch Stolz gewesen sein, denn ich war +schon immer sehr stolz — jedenfalls eilte ich der Türe zu. +Natürlich prallte ich dabei mit Lady Brandon zusammen. +‚Sie wollen doch nicht etwa schon davonlaufen, Herr +Hallward?‛ kreischte sie auf. Du kennst ja ihre schrille +Stimme.“</p> + +<p>„Ja, sie ist ein Pfau in allem, bis auf die Schönheit“, +sagte Lord Henry und zerrupfte das Gänseblümchen zwischen +seinen langen nervösen Fingern.</p> + +<p>„Ich konnte ihrer nicht loswerden. Sie zerrte mich zu +den königlichen Hoheiten hin, zu den Leuten mit Orden und +Sternen und zu den ältlichen Damen mit riesenhaften +Diademen und Papageiennasen. Sie nannte mich dabei +ihren besten Freund. Ich hatte sie nur ein einziges Mal +vorher gesehen, aber sie setzte es sich in den Kopf, aus +mir den Löwen des Tages zu machen. Ich glaube, damals +hatte gerade ein Bild von mir großen Erfolg gehabt, +wenigstens hatten die Zeitungen allerhand Geschwätz +darüber gebracht, und das ist ja im neunzehnten +Jahrhundert das Eichungsmaß der Unsterblichkeit. Plötzlich +stand ich dem jungen Manne gegenüber, dessen Äußeres +mich vorhin so merkwürdig erschüttert hatte. Wir +standen ganz nahe beieinander und berührten uns beinah. +Unsere Blicke trafen sich wiederum. Es war leichtsinnig +von mir, aber ich bat Lady Brandon, mich ihm vorzustellen. +Vielleicht war es aber doch alles in allem nicht so +leichtsinnig. Es war einfach nicht zu umgehen. Wir hätten +auch ohne Vorstellung miteinander gesprochen. Ich bin +<a class="pagenum" name="Page_17" title="17"> </a> +dessen gewiß. Dorian sagte es mir nachher. Auch er fühlte, +daß unsere Bekanntschaft Schicksalsfügung war.“</p> + +<p>„Und wie hat Lady Brandon den wunderbaren Jüngling +beschrieben?“ fragte sein Gefährte. „Ich weiß, es ist +ihre Manier, von jedem ihrer Gäste eine kleine Skizze zu +geben. Ich erinnere mich, wie sie mich mal einem schrecklichen, +alten Herrn mit puterrotem Gesicht vorstellte, dessen +Brust mit Orden und Bändern beklext war, und mir in +einem tragischen Flüsterton, der für jedermann im Zimmer +hörbar war, die erstaunlichsten Einzelheiten über ihn +ins Ohr zischelte. Ich mußte einfach davonlaufen. Ich entdecke +die Leute gerne von mir selbst aus. Aber Lady +Brandon behandelt ihre Gäste genau so, wie ein Auktionator +seine Waren. Sie erklärt sie einem entweder so +lange, bis nichts mehr davon übrigbleibt, oder sie sagt +alles, gerade mit Ausnahme dessen, was man wissen will.“</p> + +<p>„Die arme Lady Brandon! Du bist hart gegen sie“, +sagte Hallward zerstreut.</p> + +<p>„Mein guter Junge, sie wollte einen Salon gründen +und hat es nur bis zu einem Restaurant gebracht. Wie +soll ich sie da bewundern? Aber sage nun endlich, was sie +über Herrn Dorian Gray erzählt hat?“</p> + +<p>„Oh, so irgend was wie ‚Entzückender junger Mensch — +seine arme Mutter und ich ganz unzertrennlich — vergaß +ganz was er treibt — fürchte fast — gar nichts — ach +ja, spielt Klavier — oder war es die Geige, lieber Herr +Gray?‛ Wir mußten beide lachen und wurden sofort +Freunde.“</p> + +<p>„Lachen ist wohl lange nicht der schlechteste Anfang für +<a class="pagenum" name="Page_18" title="18"> </a> +eine Freundschaft, und gewiß ihr schönstes Ende“, sagte +der junge Lord und pflückte sich noch ein Gänseblümchen.</p> + +<p>Hallward schüttelte den Kopf. „Du hast ja keine Ahnung, +was Freundschaft ist, Harry,“ murmelte er, „und +ebensowenig, was Feindschaft ist. Du hast alle Welt gern; +mit anderen Worten: dir sind alle gleichgültig.“</p> + +<p>„Wie grausam ungerecht von dir!“ rief Lord Henry, +stieß seinen Hut in den Nacken und sah zu den Lämmerwolken +empor, die gleich verwirrten Knäueln glänzendweißer +Seide über das türkisfarbene Gewölbe des Himmels +dahinschifften. „Ja, grausam ungerecht von dir. Ich +unterscheide die Leute sehr scharf. Ich wählte meine +Freunde nach ihrem guten Aussehen, meine Bekannten +nach ihrem guten Charakter und meine Feinde nach ihrem +guten Verstande. Der Mensch kann nicht vorsichtig genug +sein in der Wahl seiner Feinde. Ich habe keinen einzigen, +der ein Narr ist. Es sind sämtlich Leute von einer gewissen +geistigen Höhe, und daher schätzen sie mich auch alle. Bin +ich sehr eitel? Ich glaube, es ist ein bißchen eitel.“</p> + +<p>„Ich glaube auch, Harry. Aber nach deiner Einteilung +zählte ich nur unter deine Bekanntschaften.“</p> + +<p>„Mein lieber, alter Basil, du bist weit, weit mehr als +ein Bekannter.“</p> + +<p>„Und weit weniger als ein Freund! Wohl so eine Art +Bruder?“</p> + +<p>„Pah, Bruder! Bleibe mir mit Brüdern vom Halse. +Mein ältester will nicht sterben, und meine jüngeren tun +scheinbar nichts anderes.“</p> + +<p>„Harry!“ rief Basil mit gerunzelter Stirne.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_19" title="19"> </a></p> +<p>„Mein lieber Junge, ich meine es nicht so ernst. Aber +ich kann mir nicht helfen, ich verabscheue meine Verwandten. +Ich vermute, das schreibt sich daher, daß kein +Mensch bei einem anderen seine eigenen Fehler vertragen +kann. Ich verstehe durchaus die Wut der englischen Demokraten +auf die sogenannten Laster der oberen Stände. +Die Massen fühlen, daß Trunkenheit, Dummheit und Unsittlichkeit +zu ihren Vorrechten gehören sollten, und daß +jeder von uns, der sich darin bloßstellt, gewissermaßen auf +ihrem Gebiete wildert. Als damals der Scheidungsprozeß +des armen Southwark spielte, war ihre Entrüstung wirklich +prachtvoll. Und trotzdem lebt meiner Überzeugung +nach nicht der zehnte Teil des Proletariats der Sitte +gemäß.“</p> + +<p>„Ich stimme keinem einzigen deiner Worte bei, und, +was mehr ist, Harry, du selbst glaubst ja auch nicht im +mindesten daran.“</p> + +<p>Lord Henry strich seinen braunen Spitzbart und stieß +mit dem zierlichen Spazierstock aus Ebenholz gegen die +Kappe seines eleganten Lackstiefels. „Wie englisch du bist, +Basil! Du machst heute zum zweitenmal diesen Einwurf. +Wenn man einem richtigen Engländer eine Idee mitteilt +— an sich schon immer eine Unüberlegtheit —, so fällt es +ihm nicht im Traum ein, zu erwägen, ob die Idee richtig +oder falsch ist. Das einzige, was ihm von Belang scheint, +ist das, ob der Sprecher selbst daran glaubt. Aber der +Wert einer Idee hat nicht das geringste mit der Aufrichtigkeit +dessen zu schaffen, der sie ausspricht. Aller Wahrscheinlichkeit +nach wird die Idee um so geistreicher sein, je +<a class="pagenum" name="Page_20" title="20"> </a> +unaufrichtiger der Mann ist, weil sie in diesem Fall weder +die Färbung seiner Bedürfnisse noch seiner Wünsche noch +seiner Vorurteile annehmen wird. Indes habe ich nicht +die Absicht, politische, soziale oder metaphysische Diskussionen +mit dir zu führen. Mir sind Menschen lieber als +Grundsätze und grundsatzlose Menschen überhaupt das +Liebste auf Erden. Erzähle mir mehr von Dorian Gray. +Wie oft siehst du ihn?“</p> + +<p>„Jeden Tag. Ich wäre unglücklich, wenn ich ihn mal +einen Tag nicht sähe. Er ist für mich einfach ein Bedürfnis.“</p> + +<p>„Wie merkwürdig! Ich glaubte immer, du kümmertest +dich um nichts anderes als um deine Kunst.“</p> + +<p>„Er ist für mich jetzt meine ganze Kunst“, sagte der +Maler ernsthaft. „Manchmal glaube ich, Harry, daß es +nur zwei wichtige Epochen in der Weltgeschichte gibt. Die +erste ist das Auftreten einer neuen Kunsttechnik und die +zweite die Erscheinung einer neuen Persönlichkeit in der +Kunst. Was die Erfindung der Ölmalerei für die Venezianer +war, das war das Gesicht des Antinous für die +spätgriechische Bildhauerkunst, und das wird eines Tages +für mich das Gesicht Dorian Grays sein. Worauf es dabei +ankommt, ist nicht, daß ich ihn male, zeichne, skizziere. Natürlich +hab' ich das alles getan. Aber er ist weit mehr für +mich als ein Modell oder ein Mensch, der mir sitzt. Ich +will gewiß nicht behaupten, daß ich unzufrieden mit dem +bin, was ich nach ihm gemacht habe, oder daß seine Schönheit +derart ist, daß sie die Kunst nicht ausdrücken könne. +Es gibt überhaupt nichts, was die Kunst nicht ausdrücken +<a class="pagenum" name="Page_21" title="21"> </a> +kann, und ich weiß: was ich gemacht habe, seitdem ich +Dorian Gray kenne, ist gute Arbeit, ja, die gelungenste +Arbeit meines Lebens. Aber auf irgendeine seltsame Weise +— ich glaube kaum, daß du das verstehen wirst — hat mir +seine Persönlichkeit eine vollständig neue Art der Kunst, +einen durchaus neuen Stil offenbart. Ich sehe die Dinge +anders, ich denke darüber anders. Ich kann jetzt das Leben +auf eine Art festhalten, die mir früher nicht gegeben war. +‚Ein Traum von Form in unseren Tagen des Denkens‛: +wer war es, der so sagte? Ich hab's vergessen, aber das +bedeutet Dorian Gray für mich. Die bloße sichtbare +Gegenwart dieses Knaben — denn für mich ist er kaum +mehr als das, wenn er auch schon über die Zwanzig — +seine bloße sichtbare Gegenwart — ach! ich glaube nicht, +daß du einen Begriff davon hast, was sie für mich bedeutet! +Ohne selbst es zu wissen, enthüllt er mir die Linien +einer neuen Schule, einer Schule, in der enthalten ist die +ganze Leidenschaft der Romantik und die ganze Vollkommenheit +des griechischen Geistes. Die Harmonie von +Seele und Leib, wieviel ist das doch! Wir in unserer Verblendung +haben die beiden voneinander gerissen und haben +uns einen Realismus erfunden, der gewöhnlich ist, und +einen Idealismus, der leer ist. Harry! wenn du wissen +könntest, was mir Dorian Gray ist! Erinnerst du dich an +die Landschaft von mir, für die mir Agnew ein so wahnsinniges +Geld angeboten hat und von der ich mich doch +nie trennen wollte? Es ist sicher eins der besten Stücke, +die ich je gemacht habe. Und warum? Weil Dorian Gray +neben mir saß, während ich sie malte. Irgendein ganz +<a class="pagenum" name="Page_22" title="22"> </a> +feines Fluidum strömte von ihm zu mir, und zum erstenmal +in meinem Leben entdeckte ich in der simpeln Waldlandschaft +das Wunder, nach dem ich immer gesucht und +das ich nie gefunden hatte.“</p> + +<p>„Basil, das ist ja eine ganz außerordentliche Geschichte. +Ich muß Dorian Gray kennenlernen.“</p> + +<p>Hallward schnellte von der Bank auf und ging im +Garten hin und her. Nach einer Weile kam er zurück.</p> + +<p>„Harry,“ sagte er, „Dorian Gray ist für mich nichts +als ein künstlerisches Motiv. Vielleicht fändest du gar +nichts in ihm. Ich finde alles in ihm. Er ist in Wirklichkeit +nie mehr in meiner Arbeit lebendig, als wenn kein Schatten +von ihm darin ist. Er ist für mich, wie ich sagte, die Anregung +zu einem Stil. Ich finde ihn in den Schwingungen +gewisser Linien wieder, in der Lieblichkeit und Zartheit +gewisser Farben. Das ist alles.“</p> + +<p>„Warum aber willst du dann sein Bild nicht ausstellen?“ +fragte Lord Henry.</p> + +<p>„Weil ich, ohne es zu wollen, einen gewissen Ausdruck +all dieser ganz merkwürdigen Künstlervergötterung hineingelegt +habe, von der ich natürlich nie zu ihm sprechen +wollte. Er hat von alledem keine Ahnung. Er soll nie +etwas davon ahnen. Aber die Welt könnte es erraten; und +ich will meine Seele ihren seichten, spähenden Augen nicht +entblößen. Mein Herz sollen sie nie unter ihr Mikroskop +bekommen. Es ist zu viel von mir selbst in dem Dinge, +Harry — zu viel von mir selbst.“</p> + +<p>„Dichter nehmen's nicht so genau wie du. Die wissen, +wie einträglich es ist, Leidenschaft zu veröffentlichen. Ein +<a class="pagenum" name="Page_23" title="23"> </a> +gebrochenes Herz bringt es heutzutage zu einer ganzen +Reihe von Auflagen.“</p> + +<p>„Ich finde sie darum eben abscheulich!“ rief Hallward +aus. „Ein Künstler soll Schönes schaffen, aber er soll +nichts von seinem eigenen Leben hineintragen. Wir leben +in einer Zeit, wo die Menschen aus der Kunst eine Art +Autobiographie zu machen wünschen. Wir haben eben den +klaren Begriff für Schönheit verloren. Eines Tages will +ich der Welt zeigen, was sie ist, und deshalb soll die Welt +mein Bild Dorian Grays niemals sehen.“</p> + +<p>„Ich glaube, du hast unrecht, Basil, aber ich will mit +dir nicht streiten. Nur die geistig Entkernten streiten sich +gern. Sag' mir, hat dich Dorian Gray sehr lieb?“</p> + +<p>Der Maler dachte ein paar Augenblicke nach. „Er hat +mich gern“, antwortete er nach einer Weile; „sicher hat er +mich gern. Natürlich schmeichle ich ihm fürchterlich. Ich +finde eine ganz besondere Lust daran, ihm Dinge zu sagen, +die mir später leid tun, wie ich ganz genau weiß. In der +Regel ist er auch reizend zu mir, und wir sitzen dann im +Atelier und schwatzen von tausend Dingen. Dann und +wann ist er allerdings greulich gedankenlos und scheint +große Freude darin zu finden, mir wehe zu tun. Dann, +Harry, habe ich das Gefühl, daß ich jemand meine ganze +Seele überantwortet habe, der sie behandelt wie eine +Blume für das Knopfloch, wie ein kleines Ehrenzeichen, +mit dem man seine Eitelkeit befriedigt, wie einen Zierat +für einen Sommertag.“</p> + +<p>„Sommertage, Basil, pflegen manchmal lange zu währen“, +murmelte Lord Henry. „Vielleicht wirst du seiner +<a class="pagenum" name="Page_24" title="24"> </a> +früher müde, als er deiner. Es ist sehr traurig, daran zu +denken, aber es ist ohne Zweifel wahr, daß das Genie +die Schönheit überlebt. Das erklärt auch die Tatsache, +daß wir uns soviel Mühe geben, uns mit Bildung vollzupfropfen. +In dem wilden Existenzkampfe ums Dasein +wollen wir alle etwas Dauerhaftes haben, und so füllen +wir unser Gehirn mit Plunder und Tatsachen an, in der +dummen Hoffnung, dadurch unseren Platz zu behaupten. +Der durch und durch unterrichtete Mann — das ist das +moderne Ideal. Und das Gehirn dieses durch und durch +unterrichteten Mannes hat etwas Fürchterliches. Es gleicht +einem Kuriositätenladen, in dem es lauter Ungeheuerlichkeiten +voll Staub gibt, und wo jeder Gegenstand über +seinen wahren Wert hinaus ausgezeichnet. Immerhin, ich +glaube, du wirst zuerst müde werden. Eines Tages wirst +du deinen jungen Freund anschauen und finden, daß er +etwas verzeichnet ist, oder du wirst an seiner Farbe etwas +auszusetzen haben oder irgend so etwas. Du wirst ihm +dann in deinem Herzen bittere Vorwürfe machen und ganz +ernsthaft überzeugt sein, daß er sich recht schlecht gegen dich +benommen hat. Wenn er dich dann das nächstemal besucht, +wirst du völlig kühl und gleichgültig gegen ihn sein. Das +wird sehr schade sein, denn es wird dich selbst verändern. +Was du mir da erzählt hast, ist völlig ein Gedicht, eine +Romanze der Kunst möchte man es nennen, und das +Schlimmste beim Erleben von Gedichten ist nur, daß es +einen so ganz unpoetisch zurückläßt.“</p> + +<p>„Harry, ich bitte, sprich nicht so. Solang' ich lebe, wird +mich die Persönlichkeit Dorian Grays beherrschen. Du +<a class="pagenum" name="Page_25" title="25"> </a> +kannst meine Empfindung nicht nachfühlen. Du wandelst +dich zu oft.“</p> + +<p>„Ah, mein lieber Basil, gerade darum kann ich sie +nachempfinden. Die treuen Menschen kennen nur die triviale +Seite der Liebe; die Treulosen allein erfahren die +Tragödien der Liebe.“ Und Lord Henry zündete an einem +zierlichen silbernen Büchschen ein Streichholz an und begann +eine Zigarette zu rauchen, mit jener so selbstbewußten, +zufriedenen Miene, als hätte er den Sinn der +ganzen Welt in einen Satz zusammengefaßt. Man hörte +ein leises Rauschen von zirpenden Sperlingen in den +grünen, wie mit glänzendem Lack überzogenen Efeublättern, +und die blauen Wolkenschatten jagten wie Schwalben +über das Gras. Wie reizend war es doch in dem Garten +und wie entzückend waren die Gefühlsregungen anderer +Leute! — weit entzückender als ihre Gedanken, so schien +es ihm. Des Menschen eigene Seele und die Leidenschaft +seiner Freunde — das sind die fesselnden Dinge des +Lebens. Er stellte sich mit geheimem Vergnügen das langweilige +Frühstück vor, das er durch seinen langen Besuch +bei Basil Hallward versäumt hatte. Wäre er zu seiner +Tante gegangen, hätte er dort sicher Lord Goodbody getroffen, +und das ganze Gespräch hätte sich mit der Armenernährung +und der Notwendigkeit von Musterwohnhäusern +beschäftigt. Menschen jedes Standes hätten die Wichtigkeit +gerade jener Tugenden gepredigt, für die sie in +ihrem eigenen Leben gar keine Verwendung hatten. Der +Reiche hätte von dem Werte der Sparsamkeit geredet, und +der Träge mit wahrhafter Beredsamkeit über die Würde<a class="pagenum" name="Page_26" title="26"> </a> +der Arbeit. Es war reizend, all dem entgangen zu sein. +Als er an seine Tante dachte, schien ihm etwas einzufallen. +Er wandte sich zu Basil und sagte: „Mein lieber Junge, +ich erinnere mich jetzt.“</p> + +<p>„Woran erinnerst du dich, Harry?“</p> + +<p>„Wo ich den Namen Dorian Grays gehört habe.“</p> + +<p>„Wo war das?“ fragte Hallward mit leichtem Stirnrunzeln.</p> + +<p>„Schau' doch nicht so böse drein, Basil. Es war bei +meiner Tante, Lady Agatha. Sie erzählte mir, sie sei +einem wunderhübschen jungen Menschen begegnet, der ihr +im East-End helfen wolle, und er heiße Dorian Gray. +Ich muß zugeben, sie hat mir nie etwas darüber gesagt, +daß er so hübsch sei. Frauen haben kein Verständnis für +Schönheit, wenigstens gute Frauen nicht. Sie sagte, daß +er sehr ernst sei und eine edle Seele habe. Ich stellte mir +natürlich sofort ein Wesen mit Brille und wallendem +Haar und gräßlich vielen Sommersprossen vor, das auf +riesigen Füßen umherstapfe. Ich wünsche jetzt, ich hätte +gewußt, daß er dein Freund ist.“</p> + +<p>„Ich bin sehr froh, daß du es nicht gewußt hast, Harry.“</p> + +<p>„Warum?“</p> + +<p>„Ich will nicht, daß du ihn kennenlernst.“</p> + +<p>„Du willst nicht, daß ich ihn kennenlerne?“</p> + +<p>„Nein.“</p> + +<p>„Herr Dorian Gray ist im Atelier“, sagte der Diener, +der in den Garten hinaustrat.</p> + +<p>„Jetzt mußt du mich vorstellen!“ rief Lord Henry +lachend. Der Maler wandte sich zu seinem Diener, der<a class="pagenum" name="Page_27" title="27"> </a> +blinzelnd in der Sonne dastand: „Bitten Sie Herrn +Gray, zu warten, Parker; ich komme in ein paar Minuten.“ +Der Mann verbeugte sich und ging ins Haus.</p> + +<p>Dann sah der Maler Lord Henry an. „Dorian Gray +ist mein teuerster Freund“, sagte er. „Er hat eine schlichte +und edle Seele. Deine Tante hatte ganz recht mit dem, +was sie über ihn sagte. Verdirb ihn mir nicht. Versuche +nicht, Einfluß auf ihn auszuüben. Dein Einfluß wäre verderblich. +Die Welt ist groß, und es gibt eine Menge köstlicher +Menschen auf ihr. Raube mir nicht den einzigen +Menschen, der meiner Kunst ihren ganzen Zauber verleiht, +den sie hat: mein Leben als Künstler hängt von +ihm ab! Denke daran, Harry, ich vertraue dir.“ Er sprach +sehr langsam, und die Worte schienen sich ihm gegen +seinen Willen zu entringen.</p> + +<p>„Was für Unsinn du redest!“ sagte Lord Henry lächelnd, +nahm Hallward unter den Arm und führte ihn in das +Haus.</p> + +<h2><a name="Zweites_Kapitel" id="Zweites_Kapitel"></a>Zweites Kapitel</h2> + + +<p>Als sie eintraten, erblickten sie Dorian Gray. Er saß +am Klavier, mit dem Rücken ihnen zu, und blätterte in +einem Notenbande mit Schumanns Waldszenen. „Die +mußt du mir leihen, Basil!“ rief er aus. „Ich möchte +sie spielen lernen. Sie sind geradezu entzückend.“</p> + +<p>„Das hängt ganz davon ab, wie du mir heute sitzen +wirst, Dorian.“</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_28" title="28"> </a></p> + +<p>„Ach, ich habe das Sitzen lange satt, und ich will gar +kein lebensgroßes Bild von mir“, antwortete der Jüngling +und schwang sich in dem Musikstuhl auf eine eigensinnige, +launische Knabenart herum. Als er aber Lord +Henry erblickte, stieg für einen Augenblick ein schwaches +Rot in seine Wangen, und er sprang auf. „Ich bitte um +Entschuldigung, Basil, ich wußte nicht, daß jemand bei +dir ist.“</p> + +<p>„Das ist Lord Henry Wotton, Dorian, ein alter +Freund von Oxford her. Ich habe ihm gerade erzählt, +wie musterhaft du sitzen kannst, und jetzt hast du alles +verdorben.“</p> + +<p>„Mir haben Sie das Vergnügen, Ihre Bekanntschaft +zu machen, nicht verdorben, Herr Gray“, sagte Lord +Henry, ging auf ihn zu und streckte ihm die Hand entgegen. +„Meine Tante hat oft von Ihnen gesprochen. Sie +sind einer ihrer Lieblinge und, wie ich fürchte, auch ihrer +Opfer.“</p> + +<p>„Ich stehe zur Zeit auf Lady Agathas schwarzer +Liste“, antwortete Dorian mit einem komisch reuigen +Gesichtsausdruck. „Ich hatte ihr versprochen, sie letzten +Dienstag nach einem Klub in Whitechapel zu begleiten, +und ich habe dann die Abmachung vergessen. Wir sollten +da miteinander vierhändig spielen — drei Stücke +glaube ich. Ich weiß nun nicht, was sie mir dazu sagen +wird. Ich habe Angst, ihr einen Besuch zu machen.“</p> + +<p>„Oh, ich werde Sie mit meiner Tante versöhnen. Sie +ist Ihnen äußerst zugetan. Und ich glaube auch, es schadet +nichts, daß Sie nicht dort waren. Die Zuhörer<a class="pagenum" name="Page_29" title="29"> </a> +haben sicher angenommen, es sei vierhändig gespielt worden. +Wenn sich Tante Agatha ans Klavier setzt, macht +sie für zwei Personen reichlich Lärm.“</p> + +<p>„Sie sprechen sehr schlecht von ihr, und mir machen Sie +auch gerade kein Kompliment damit“, antwortete Dorian +lachend.</p> + +<p>Lord Henry sah ihn an. Ja, er war wirklich wunderbar +schön, mit seinen feingeschwungenen dunkelroten Lippen, +seinen offenen blauen Augen und seinem gewellten, +goldblonden Haar. In seinem Gesicht war ein Ausdruck, +der sofort Vertrauen erweckte. Aller Glanz der Jugend +lag darin und ebenso all die leidenschaftliche Reinheit +der Jugend. Man fühlte, daß er bisher noch nicht von +der Welt befleckt war. Kein Wunder, daß ihn Basil +Hallward anbetete.</p> + +<p>„Sie sind viel zu hübsch, um sich mit Wohltätigkeit abzugeben, +Herr Gray — viel zu hübsch!“ Und Lord +Henry warf sich auf den Diwan und öffnete seine Zigarettendose.</p> + +<p>Der Maler hatte inzwischen eifrig seine Farben gemischt +und seine Pinsel zurechtgemacht. Er sah etwas gequält +aus, und als er Lord Henrys letzte Bemerkung +hörte, blickte er zu ihm hin, sann einen Augenblick nach +und sagte dann: „Harry, ich möchte das Bild heute +fertig kriegen. Fändest du es sehr grob von mir, wenn +ich dich jetzt bäte, uns allein zu lassen?“</p> + +<p>Lord Henry lächelte und sah Dorian Gray an. „Soll +ich gehen, Herr Gray?“ fragte er.</p> + +<p>„Oh, bitte, nein, Lord Henry. Ich sehe, Basil hat<a class="pagenum" name="Page_30" title="30"> </a> +wieder einen seiner schlechten Tage, und ich kann ihn +nicht vertragen, wenn er so brummt. Außerdem möchte +ich von Ihnen erfahren, warum ich mich nicht mit Wohltätigkeit +befassen soll?“</p> + +<p>„Ich weiß nicht, ob ich Ihnen das sagen soll, Herr +Gray. Es ist ein so langweiliges Thema, daß man schon +ernsthaft darüber reden müßte. Aber jetzt geh ich auf +keinen Fall, nachdem Sie mir erlaubt haben, dazubleiben. +Du hast doch nichts im Ernst dagegen, Basil? Du +hast mir oft genug gesagt, daß es dir angenehm sei, +wenn deine Modelle mit jemand plaudern können.“</p> + +<p>Hallward biß sich auf die Lippe. „Wenn es Dorian +wünscht, wirst du natürlich dableiben. Dorians Launen +sind Gesetze für jedermann, außer für ihn selbst.“</p> + +<p>Lord Henry nahm seinen Hut und seine Handschuhe. +„Trotz deiner dringenden Aufforderung, Basil, fürchte +ich, gehen zu müssen. Ich habe mit jemand eine Verabredung +im Orleans-Klub. Adieu, Herr Gray! Bitte, +besuchen Sie mich doch mal eines Nachmittags in Curzon +Street. Um fünf Uhr treffen Sie mich fast immer. Schreiben +Sie mir, bitte, wann Sie kommen. Es täte mir sehr +leid, wenn Sie mich verfehlten.“</p> + +<p>„Basil,“ rief Dorian Gray, „wenn Lord Henry Wotton +geht, dann gehe ich auch. Du bringst ja beim Malen +nie die Lippen auseinander, und es ist furchtbar ermüdend, +auf einem Podium zu stehen und sich anzustrengen, +freundlich auszusehen. Bitte ihn, dazubleiben. +Ich bestehe darauf.“</p> + +<p>„Bleib, Harry, du machst Dorian damit ein Vergnügen<a class="pagenum" name="Page_31" title="31"> </a> +und auch mir“, sagte Hallward, ohne von seinem +Bilde aufzublicken. „Er hat ganz recht, ich spreche nie +ein Wort während der Arbeit und höre ebensowenig zu, +und das muß sehr langweilig für meine unglücklichen +Modelle sein. Ich bitte dich also, bleib.“</p> + +<p>„Was fange ich aber mit meinem Mann im Orleans +an?“</p> + +<p>Der Maler lachte. „Ich glaube, damit wird es keine +Schwierigkeit haben. Setz dich nur wieder, Harry. Und +jetzt, Dorian, geh auf das Podium und bewege dich +nicht zuviel und achte auch nicht auf das, was Lord Henry +sagt. Er hat einen sehr bösen Einfluß auf alle seine +Freunde, nur mich ausgenommen.“</p> + +<p>Dorian Gray bestieg das Podium mit der Miene eines +jungen griechischen Märtyrers und stieß, zu Lord Henry +gewandt, der ihm gleich gut gefallen hatte, einen kleinen +drolligen Seufzer aus. Dieser Mann war so ganz anders +als Basil. Die beiden bildeten einen entzückenden Gegensatz. +Und er hatte ein so schönes Organ. Nach ein paar +Augenblicken sagte Dorian zu ihm: „Haben Sie wirklich +einen so bösen Einfluß, Lord Henry? Ist es so arg, +wie Basil sagt?“</p> + +<p>„Es gibt keinen sogenannten guten Einfluß, Herr Gray. +Jeder Einfluß ist unmoralisch — unmoralisch vom wissenschaftlichen +Standpunkt aus.“</p> + +<p>„Wieso?“</p> + +<p>„Weil jemand beeinflussen soviel ist wie ihm die eigene +Seele leihen. Er denkt dann nicht mehr seine natürlichen +Gedanken und brennt nicht mehr in seinem natürlichen<a class="pagenum" name="Page_32" title="32"> </a> +Feuer. Seine Tugenden sind gar nicht seine Tugenden. +Seine Sünden, wenn es so etwas wie Sünden gibt, sind +nur ausgeborgte. Er wird ein Echo für die Töne eines +anderen, Schauspieler einer Rolle, die nicht für ihn geschrieben +wurde. Der Sinn des Daseins ist: Selbstentwicklung. +Die eigene Natur voll zum Ausdruck zu bringen +— diese Aufgabe hat jeder von uns hier zu lösen. +Heutzutage hat jeder Mensch Angst vor sich. Sie haben +ihre heiligste Pflicht vergessen, nämlich die gegen sich +selbst. Natürlich sind sie wohltätig. Sie nähren den Hungernden +und kleiden den Bettler. Aber ihre eigenen Seelen +darben und gehen nackt. Der Mut ist unserem Geschlecht +abhanden gekommen. Vielleicht haben wir ihn nie +wirklich besessen. Die Furcht vor der Gesellschaft als der +Grundlage der Sittlichkeit, und die Furcht vor Gott, als +dem Geheimnis der Religion — das sind die zwei Dinge, +die uns beherrschen. Und doch —“</p> + +<p>„Dorian, dreh den Kopf mal ein wenig mehr nach +rechts, sei so gut“, sagte der Maler, der ganz in sein +Werk vertieft war, aber doch gemerkt hatte, daß in des +Jünglings Gesicht ein Ausdruck getreten war, den er +vorher nie darin gesehen hatte.</p> + +<p>„Und doch,“ fuhr Lord Henry mit seiner tiefen musikalischen +Stimme fort, während er die Hand in der anmutigen +Art bewegte, die er schon seinerzeit in Eton gehabt +hatte, „ich glaube, wenn die Menschen nur ihr +eigenes Leben voll, bis auf den letzten Rest ausleben +würden, jedes Gefühl Gestalt bekommen lassen, jeden +Gedanken ausdrücken, jeden Traum in Dasein umsetzen<a class="pagenum" name="Page_33" title="33"> </a> +wollten — ich glaube, dann käme in die Welt ein solcher +Schwung von neuer Freudigkeit, daß wir alle die Krankheiten +des Mittelalters vergäßen und zum hellenischen +Ideal zurückkehrten, ja wir kämen vielleicht zu etwas +Feinerem und Reicherem, als das hellenische Ideal war. +Aber selbst der Tapferste unter uns hat Angst vor sich selber. +Die Selbstverstümmelung der Wilden hat ihr tragisches +Überbleibsel in der Selbstverleugnung, die unser Leben +verstümmelt. Wir büßen für unsere Entsagungen. Jeder +Trieb, den wir zu ersticken suchen, frißt im Innern weiter +und vergiftet uns. Der Körper sündigt nur einmal und +hat sich durch die Sünde befreit, denn Tat ist immer eine +Art Reinigung. Nichts bleibt davon zurück als die Erinnerung +an ein Vergnügen oder die schmerzliche Wollust +der Reue. Der einzige Weg, eine Versuchung zu bestehen, +ist, sich ihr hinzugeben. Widerstehen Sie ihr, und Ihre +Seele erkrankt vor Sehnsucht nach der Erfüllung, die +sie sich selber verweigert hat, erkrankt vor dem Verlangen +nach dem, was ihre ungeheuerlichen Gesetze ungeheuerlich +und ungesetzmäßig gemacht haben. Es ist wohl gesagt +worden, die großen Ereignisse der Welt gingen im Gehirn +vor sich. Im Gehirn und ganz allein im Gehirn +werden auch die großen Sünden der Welt begangen. Sie, +Herr Gray, Sie selbst mit Ihrer rosenroten Jugend und +Ihrer rosenblassen Knabenunschuld, Sie haben schon Leidenschaften +erlebt, die Ihnen Angst einjagten, haben Gedanken +gehabt, die Sie in Schrecken setzten, haben wachend +und schlafend Träume gehabt, deren bloße Erinnerung +Ihre Wangen schamrot werden ließ —“</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_34" title="34"> </a></p> + +<p>„Hören Sie auf,“ stammelte Dorian Gray, „hören Sie +auf, Sie machen mich ganz wirr. Ich weiß nicht, was ich +sagen soll. Es gibt eine Antwort darauf, aber ich kann +sie nicht finden. Sagen Sie nichts mehr! Lassen Sie mich +nachdenken. Oder vielmehr, lassen Sie mich versuchen, dem +nicht nachzudenken.“</p> + +<p>Etwa zehn Minuten stand er bewegungslos da, mit +halboffenen Lippen und seltsam leuchtenden Augen. Er +war sich dumpf bewußt, daß ganz neue Einflüsse in ihm +arbeiteten. Und doch schien es, als kämen sie in Wirklichkeit +aus seinem eigenen Innern. Die paar Worte, die +Basils Freund zu ihm gesagt hatte — ohne Zweifel zufällig +hingeworfene Worte voll absichtlicher Paradoxie — +hatten eine geheime Saite seiner Seele berührt, die vordem +nie berührt worden war, die er aber nun zittern und +in seltsamer Wildheit schluchzen hörte.</p> + +<p>Musik hatte ihn so ähnlich aufgewühlt. Musik hatte ihn +oft in Aufruhr gebracht. Aber Musik war etwas Unbestimmtes. +Sie bringt keine neue Welt in uns hervor; +schafft eher ein neues Chaos in uns. Worte! Bloße +Worte! Wie schrecklich die waren! Wie klar und lebendig +und grausam! Man konnte ihnen nicht entrinnen. Und +doch, welch tiefer Zauber steckte in ihnen! Sie schienen +die Kraft zu haben, formlosen Dingen eine greifbare +Gestalt zu geben, und schienen eine Musik in sich zu bergen, +so süß wie die der Geige oder der Laute. Bloße +Worte! Gab es denn irgend etwas so Wirkliches wie +Worte?</p> + +<p>Ja; es hatte in seiner Knabenzeit Dinge gegeben, die<a class="pagenum" name="Page_35" title="35"> </a> +ihm unbegreiflich geblieben waren. Jetzt verstand er sie. +Plötzlich bekam das Leben für ihn lodernde Farben. Nun +schien es ihm, als sei er mittenhin durch Feuer gewandelt. +Warum hatte er es nie gemerkt?</p> + +<p>Lord Henry beobachtete ihn mit einem feinspürenden +Lächeln. Er verstand sich gut auf jenen psychologischen +Moment, in dem man kein Wort sagen darf. Er fühlte +sich sehr stark interessiert. Die jähe Wirkung seiner Worte +machte ihn erstaunen; nun entsann er sich eines Buches, +das er mit sechzehn Jahren gelesen und das ihm viel bis +dahin Unbekanntes enthüllt hatte, und er fragte sich, ob +Dorian Gray jetzt wohl eine ähnliche Erfahrung erlebe. +Er hatte nur einen Pfeil ins Blaue geschossen. Hatte er +das Ziel getroffen? Wie anziehend doch dieser Junge +war!</p> + +<p>Inzwischen malte Hallward in jenen wundervollen, +kühnen Zügen weiter, die das Zeichen aller wahren Feinheit +und Vollkommenheit sind, denn die kann der Kunst +nur aus der Kraft werden. Er merkte die wortlose Stille +gar nicht.</p> + +<p>„Basil, ich habe jetzt genug von dem Stehen!“ rief +Dorian plötzlich aus. „Ich muß hinaus und mich im +Garten hinsetzen. Die Luft hier ist zum Ersticken.“</p> + +<p>„Mein Bester, das tut mir wirklich leid. Wenn ich male, +kann ich an nichts anderes denken. Aber du hast nie besser +Modell gestanden. Du warst ganz ruhig. Und ich habe +endlich den Ausdruck herausgebracht, den ich gesucht habe +— die halb offenen Lippen und den Glanz in den Augen. +Ich weiß nicht, was Harry dir erzählt hat, aber sicher hat<a class="pagenum" name="Page_36" title="36"> </a> +er es bewirkt, daß du den prachtvollsten Ausdruck hast. Ich +vermute, er hat dir Komplimente gemacht. Du darfst ihm +nur kein einziges Wort glauben.“</p> + +<p>„Er hat mir nicht das kleinste Kompliment gemacht. +Vielleicht ist das der Grund, daß ich wirklich kein Wort +von dem glaube, was er gesagt hat.“</p> + +<p>„Sie wissen selbst, daß Sie jedes Wort davon glauben“, +erwiderte Lord Harry, der ihn mit seinen weichen, träumerischen +Augen ansah. „Wir wollen zusammen in den +Garten gehen. Es ist furchtbar heiß hier im Atelier. Basil, +laß uns irgendein Eisgetränk geben, irgendwas mit Erdbeeren +darin.“</p> + +<p>„Gern, Harry. Klingele nur selbst, und wenn Parker +kommt, will ich ihm sagen, was Ihr haben wollt. Ich +muß erst den Hintergrund hier noch fertig machen und +komme dann später nach. Halte mir Dorian aber nicht +zu lange fest. Ich war nie in besserer Malstimmung als +heute. Dies Porträt wird mein Meisterwerk. Wie es da +steht, ist es schon mein Meisterwerk.“</p> + +<p>Lord Henry ging in den Garten hinaus und fand dort +Dorian Gray, wie er sein Gesicht hinter den großen, +kühlen Blütenbüscheln der Fliedersträuche versteckte und +fieberhaft ihren Duft einsog, als tränke er Wein. Er trat +nahe an ihn heran und legte ihm die Hand auf die +Achsel. „Sie haben ganz recht, so zu tun“, sagte er leise. +„Nichts hilft der Seele besser als die Sinne, sowie den +Sinnen nichts besser als die Seele helfen kann.“</p> + +<p>Der Jüngling schreckte auf und trat einen Schritt zurück. +Er war ohne Hut, und das Blattgewirr hatte seine widerspenstigen<a class="pagenum" name="Page_37" title="37"> </a> +Locken aufgewühlt und ihre goldblonden Strähnen +in Unordnung gebracht. In seinen Augen lag ein +Ausdruck von Furcht, wie ihn Menschen haben, die man +jäh aus dem Schlaf reißt. Seine zartgeformten Nasenflügel +bebten, und ein geheimer Nerv zuckte leis an den +scharlachroten Lippen, so daß sie beständig zitterten.</p> + +<p>„Ja,“ fuhr Lord Henry fort, „das ist eines der großen +Geheimnisse des Daseins — die Seele durch die Sinne +und die Sinne durch die Seele heilen können. Sie sind ein +wunderbares Menschenkind! Sie wissen mehr, als Ihnen +bewußt ist, gerade wie Sie weniger wissen, als Ihnen +dienlich ist.“</p> + +<p>Dorian Gray runzelte die Stirn und wendete den Kopf +weg. Ein unwiderstehlicher Reiz zog ihn zu diesem großen, +anmutigen jungen Mann hin, der da neben ihm stand. +Sein romantisches, olivenfarbiges Gesicht und der müde +Ausdruck darin fesselten ihn. Es war etwas in dem müden +Ton seiner Stimme, was völlig in Bann schlug. Auch seine +Hände, kühl, weiß und blumenhaft, zogen an. Sie bewegten +sich bei seinen Worten, begleiteten sie wie Musik +und schienen ihre eigene Sprache zu reden. Aber er hatte +auch Angst vor ihm und schämte sich dieser Angst. Warum +hatte ein Fremder kommen müssen, um ihn sich selber zu +offenbaren? Er kannte Basil Hallward nun seit Monaten, +aber diese Freundschaft hatte ihn niemals verwandelt. +Jetzt war plötzlich jemand in sein Leben getreten, der ihm +des Lebens Mysterium enthüllt zu haben schien. Und doch, +wovor sollte er sich fürchten? Er war kein Schulknabe +und kein kleines Mädchen. Es war töricht, Angst zu haben.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_38" title="38"> </a></p> + +<p>„Kommen Sie und setzen wir uns in den Schatten“, +sagte Lord Henry. „Parker hat uns was zu trinken gebracht, +und wenn Sie noch länger in solcher Sonnenglut +stehenbleiben, werden Sie sich Ihren Teint verderben, +und Basil wird Sie nie mehr malen. Sie dürfen sich wirklich +nicht von der Sonne verbrennen lassen. Es würde +Ihnen schlecht stehen.“</p> + +<p>„Was läge weiter daran?“ rief Dorian Gray und +lachte, als er sich auf eine Bank am Ende des Gartens setzte.</p> + +<p>„Alles sollte Ihnen daran liegen, Herr Gray.“</p> + +<p>„Wieso?“</p> + +<p>„Weil Sie die wundervollste Jugend haben, und Jugend +ist das einzige, dessen Besitz einen Wert hat.“</p> + +<p>„Ich empfinde das nicht, Lord Henry.“</p> + +<p>„Nein, jetzt empfinden Sie es nicht. Später einmal, +wenn Sie alt, runzlig und häßlich sind, wenn das Denken +Furchen in Ihre Stirne gegraben und die Leidenschaft +Ihre Lippen mit ihrem schrecklichen Feuer verbrannt hat, +dann werden Sie es empfinden, furchtbar empfinden. Jetzt +können Sie hingehen, wo Sie wollen, und Sie berücken +die ganze Welt! Wird das immer so sein?... Sie haben +ein wundervoll schönes Gesicht, Herr Gray. Runzeln Sie +nicht die Stirn. Sie haben es. Und Schönheit ist eine Form +des Genies — steht in Wahrheit noch höher als das +Genie, da sie keinerlei Erklärung bedarf. Sie ist eine der +großen Lebenstatsachen, wie das Sonnenlicht oder der +Lenz oder wie in dunkeln Gewässern der Widerschein der +Silbermuschel, die wir Mond nennen. Sie kann nicht bestritten +werden. Sie hat ein göttliches, erhabenes Recht.<a class="pagenum" name="Page_39" title="39"> </a> +Wer sie hat, den macht sie zu einem Prinzen. Sie +lächeln? Oh, wenn Sie sie verloren haben, lächeln Sie +nicht mehr... Die Leute sagen manchmal, Schönheit sei +nur etwas Äußerliches. Mag sein. Aber zum mindesten +ist sie nicht so äußerlich wie das Denken. Für mich ist +Schönheit aller Wunder Wunder. Nur die Hohlköpfe urteilen +nicht nach dem Äußeren. Das wahre Geheimnis der +Welt ist das Sichtbare, nicht das Unsichtbare... Ja, +Herr Gray, die Götter haben es gut mit Ihnen gemeint. +Aber was die Götter schenken, rauben sie bald wieder. +Sie haben nur ein paar Jahre, wo Sie wahrhaftig vollkommen, +restlos leben können. Indem Ihre Jugend verrauscht +ist, nimmt sie die Schönheit mit, und dann werden +Sie plötzlich entdecken, daß Ihrer keine Siege mehr +warten, oder daß Sie sich mit jenen traurigen Siegen +werden begnügen müssen, die Ihnen die Erinnerung an +die Vergangenheit bitterer machen wird als Niederlagen. +Jeder Monat, der dahingeht, bringt Sie näher einem +schrecklichen Ziele. Die Zeit ist eifersüchtig auf Sie und +kämpft gegen Ihre Lilien und Rosen. Sie werden fahl und +hohlwangig, und Ihre Augen werden sich trüben. Sie +werden unsäglich leiden... Ach! leben Sie Ihre Jugend, +solange sie da ist. Vergeuden Sie das Gold Ihrer Tage +nicht, leihen Sie Ihr Ohr nicht den Philistern, mühen +Sie sich nicht, hoffnungslose Verhängnisse zu verbessern, +geben Sie Ihr Leben nicht den Unwissenden, Niedrigen, +den gemeinen Leuten hin! Das sind die kranken Ziele, die +falschen Ideale unserer Zeit. Leben Sie! Leben Sie das +wunderschöne Leben, das in Ihnen ist! Lassen Sie sich<a class="pagenum" name="Page_40" title="40"> </a> +nichts verloren sein! Suchen Sie rastlos nach neuen +Sinneseindrücken! Fürchten Sie nichts... Ein neuer Hedonismus +— der täte unserem Jahrhundert not. Sie könnten +sein sichtbares Symbol werden. Mit Ihrer Persönlichkeit +können Sie alles wagen. Die Welt gehört Ihnen +einen Sommer hindurch... Im Augenblick, da ich Sie +sah, merkte ich, daß Sie keine Ahnung davon haben, was +Sie wirklich sind, was Sie wirklich sein könnten. So viel +in Ihnen entzückte mich, daß ich förmlich gezwungen war, +Ihnen etwas über Ihre Natur zu sagen. Ich dachte mir, +welche Tragik darin läge, wenn Sie vergebens lebten. +Denn Ihre Jugend währt nur so kurze Zeit — so kurze +Zeit. Die alltäglichen Wiesenblumen welken, aber sie +blühen wieder. Der Goldregen wird im nächsten Juni genau +so gelb sein wie heute. In einem Monat setzt die Klematis +purpurne Sterne an, und Jahr für Jahr umhüllt +die grüne Nacht ihrer Blätter solche Purpursterne. Aber +wir Menschen bekommen unsere Jugend nie wieder. Die +Freude, die den Puls des Zwanzigjährigen peitscht, läßt +nach. Unsere Glieder versagen, die Sinne werden seicht. +Wir verkommen und werden greuliche Verpuppungen, +werden verfolgt von den Erinnerungen an die Leidenschaften, +vor denen wir zurückgeschreckt sind, und an die +reizenden Versuchungen, denen zu erliegen wir nicht den +Mut hatten. Jugend! Jugend! Es gibt in der Welt nichts +weiter als Jugend!“</p> + +<p>Dorian Gray hörte zu, mit aufgerissenen Augen und +staunend. Der Fliederzweig, den er in der Hand hielt, fiel +auf den Kies. Eine Biene in ihrem Pelzkleid schoß her<a class="pagenum" name="Page_41" title="41"> </a> +und umsummte ihn einen Augenblick. Dann krabbelte sie +eifrig auf den kleinen Blumensternen herum. Er beobachtete +sie mit dem seltsamen Interesse an gewöhnlichen Dingen, +das wir in uns heranzubilden suchen, wenn wir uns vor +entscheidenden Dingen fürchten, oder wenn uns ein neues +Gefühl erschüttert, für das wir noch keine Formel haben, +oder wenn ein schrecklicher Gedanke das Hirn umklammert +und verlangt, daß wir uns ihm ausliefern sollen. Nach +einer Weile schwirrte die Biene weg. Er sah sie in den +bunten Trompetentrichter einer tyrischen Winde kriechen. +Die Blume schien zusammenzuzucken und bewegte sich dann +mit Grazie hin und her.</p> + +<p>Plötzlich erschien der Maler unter der Tür des Ateliers +und forderte sie mit kurzen wiederholten Zeichen auf, +hereinzukommen. Sie sahen sich einander an und lächelten.</p> + +<p>„Ich warte!“ rief er. „Kommt herein! Das Licht ist +ganz prächtig, und ihr könnt eure Gläser mitbringen.“</p> + +<p>Sie standen auf und schlenderten den Weg zurück. Zwei +grünlichweiße Schmetterlinge flatterten an ihnen vorüber, +und in dem Birnbaum an der Gartenecke begann eine +Drossel zu flöten.</p> + +<p>„Es freut Sie, mich kennengelernt zu haben, Herr +Gray?“ fragte Lord Henry und blickte ihn an,</p> + +<p>„Ja, jetzt bin ich erfreut darüber. Ich weiß nicht, ob +ich's immer sein werde!“</p> + +<p>„Immer! das ist ein schreckliches Wort. Ich schaudere, +wenn ich es höre. Die Frauen haben es so gern. Sie zerstören +sich jedes Abenteuer, indem sie ihm Ewigkeit verleihen +wollen. Außerdem ist es ein sinnloses Wort. Der<a class="pagenum" name="Page_42" title="42"> </a> +einzige Unterschied zwischen einer Laune und einer Leidenschaft, +die ein Leben lang dauert, ist, daß die Laune ein +bißchen länger dauert.“</p> + +<p>Als sie ins Atelier traten, legte Dorian Gray seine +Hand auf Lord Henrys Arm. „Lassen Sie also unsere +Freundschaft eine Laune sein“, sagte er leise und errötete +über seine eigene Kühnheit. Dann bestieg er das Podium +und nahm wieder seine Stellung ein.</p> + +<p>Lord Henry warf sich in einen bequemen Korbsessel und +beobachtete ihn. Das Hin- und Herfahren des Pinsels +auf der Leinwand war das einzige, die Stille unterbrechende +Geräusch, nur manchmal hörte man den Schritt +Hallwards, wenn er zurücktrat, um sein Werk aus der +Entfernung zu prüfen. In den schrägen Sonnenstrahlen, +die durch die offene Tür fluteten, tanzte der Staub in +goldenen Schuppen. Über allem lagerte der schwere Duft +der Rosen.</p> + +<p>Als etwa eine Viertelstunde vergangen war, hörte Hallward +zu malen auf, betrachtete Dorian lange Zeit, sah +dann lange auf das Bildnis, nagte an dem Stiel eines +seiner großen Pinsel und runzelte die Stirn. „Ganz fertig“, +rief er endlich, bückte sich und schrieb in großen grellroten +Lettern seinen Namen in die linke Ecke der Leinwand.</p> + +<p>Lord Henry trat heran und betrachtete das Bild mit +Kennerblick. Es war in der Tat ein wunderbares Kunstwerk +und auch wunderbar ähnlich.</p> + +<p>„Lieber Junge,“ sagte er, „ich wünsche dir herzlich +Glück. Es ist das beste Porträt unserer ganzen Zeit. Herr +Gray, kommen Sie und sehen Sie selbst!“</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_43" title="43"> </a></p> + +<p>Der Jüngling schrak wie aus einem Traume auf. „Ist +es wirklich fertig?“ murmelte er, als er vom Podium +herabstieg.</p> + +<p>„Ganz fertig“, antwortete der Maler. „Und du hast +heute glänzend Modell gestanden. Ich bin dir sehr, sehr +dankbar.“</p> + +<p>„Das ist nur mein Verdienst“, warf Lord Henry ein. +„Nicht wahr, Herr Gray?“</p> + +<p>Dorian gab keine Antwort, sondern trat, ohne hinzuhören, +vor sein Bild und wandte sich dem Werke zu. Als +er es sah, zuckte er zusammen, und seine Wangen röteten +sich einen Augenblick vor Vergnügen. Ein Ausdruck der +Freude blitzte in seinen Augen, als erkenne er sich selbst +jetzt zum ersten Male. Bewegungslos und in Staunen +versunken, stand er da und merkte dumpf, daß Hallward +zu ihm sprach, ohne daß er den Sinn der Worte erfaßte. +Das Gefühl seiner eigenen Schönheit kam über ihn wie +eine Offenbarung. Er hatte es nie vorher empfunden. +Basil Hallwards Komplimente hatte er nur für liebenswürdige +Übertreibungen der Freundschaft gehalten. Er +hatte sie gehört, über sie gelacht und sie vergessen. Sein +Wesen hatten sie niemals beeinflußt. Dann war Lord +Henry Wotton gekommen mit seinem sonderbaren Hymnus +auf die Jugend, seiner schrecklichen Warnung von +ihrer Flüchtigkeit. Das hatte ihn rechtzeitig aufgerüttelt, +und als er jetzt dastand und das Abbild der eigenen +Schönheit betrachtete, durchdrang ihn die volle Wirklichkeit +jener Schilderung. Ja, der Tag mußte kommen, +da sein Gesicht verrunzelt und verwelkt, die Augen trüb<a class="pagenum" name="Page_44" title="44"> </a> +und farblos, die Anmut seiner Gestalt geknickt und entstellt +sein würde. Das Scharlachrot der Lippen würde +verblassen, der Goldglanz des Haares sich wegstehlen. Das +Leben, das von seiner Seele gebildet wurde, zerstörte +seinen Körper. Er würde häßlich, abscheuerregend und +formlos werden.</p> + +<p>Als er daran dachte, durchfuhr ihn ein scharfer Schmerz +wie ein Messerstich und ließ die feinsten Nerven seines Ichs +erbeben. Seine Augen verdunkelten sich zu Amethysten, +und ein Tränenflor umschleierte sie. Es war, als hätte +sich ihm eine eiskalte Hand aufs Herz gelegt.</p> + +<p>„Gefällt es dir nicht?“ rief endlich Hallward, ein wenig +gereizt durch das Schweigen des Jünglings, dessen Grund +er nicht begriff.</p> + +<p>„Natürlich gefällt's ihm“, sagte Lord Henry. „Wem +würde es nicht gefallen? Es gehört zu den größten Werken +der modernen Kunst. Ich gebe dir jeden Betrag dafür, +den du verlangst. Ich muß es haben.“</p> + +<p>„Es gehört nicht mir, Harry.“</p> + +<p>„Wem denn?“</p> + +<p>„Dorian natürlich“, antwortete der Maler.</p> + +<p>„Da hat er Glück...“</p> + +<p>„Wie traurig!“ flüsterte Dorian und hielt die Augen +noch immer fest auf das Bild gerichtet. „Wie traurig! +Ich werde alt werden und häßlich und widerlich. Aber +dies Bild wird immer jung bleiben. Es wird nie über den +heutigen Junitag hinaus altern... Wenn es nur umgekehrt +sein könnte! Wenn ich ewig jung bliebe und dafür +das Bild altern könnte! Dafür — dafür — gäbe ich alles!<a class="pagenum" name="Page_45" title="45"> </a> +Ja, nichts in aller Welt wäre mir dafür zuviel! Ich gäbe +meine Seele dafür!“</p> + +<p>„Dieser Tausch würde dir schwerlich passen, Basil“, rief +Lord Henry lachend. „Das wäre schlimm für dein Bild.“</p> + +<p>„Ich würde mich ernstlich dagegen wehren, Harry“, +sagte Hallward.</p> + +<p>Dorian Gray wandte sich zu ihm und sah ihn an. „Ich +bin davon überzeugt, Basil. Die Kunst ist dir mehr als +deine Freunde. Ich bedeute für dich nicht mehr als eine +grüne Bronzefigur. Vielleicht kaum so viel, müßte ich +sagen.“</p> + +<p>Der Maler war starr vor Erstaunen. So zu sprechen +sah Dorian gar nicht ähnlich. Was war geschehen? Er +schien ganz erregt. Sein Gesicht war gerötet, und die +Wangen brannten.</p> + +<p>„Ja,“ fuhr er fort, „ich bin dir weniger als dieser Hermes +aus Elfenbein oder der silberne Faun da. Die wirst +du immer liebbehalten. Wie lange wirst du mich liebhaben? +Vermutlich bis die erste Runzel mein Gesicht entstellt. +Ich weiß jetzt, wenn man erst seine Schönheit verliert, +hat man alles verloren. Dein Bild hat mich dies +gelehrt. Lord Henry Wotton hat ganz recht. Jugend ist +das einzige, was Wert hat auf der Welt. Sowie ich entdecke, +daß ich alt werde, bringe ich mich um.“</p> + +<p>Hallward wurde bleich und faßte ihn bei der Hand. +„Dorian, Dorian!“ rief er, „sage so etwas nicht. Ich habe +nie einen Freund gehabt wie dich und werde nie wieder +so einen haben. Du bist doch nicht auf leblose Dinge eifersüchtig? +Du, der schöner ist als irgendeines von ihnen.“</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_46" title="46"> </a></p> + +<p>„Ich bin eifersüchtig auf jedes Ding, dessen Schönheit +nicht stirbt. Ich bin eifersüchtig auf das Bild, das du von +mir gemalt hast. Warum darf es behalten, was ich verlieren +muß? Jeder Augenblick, der verfliegt, raubt mir +etwas und schenkt ihm etwas. Oh, wenn es doch umgekehrt +wäre! Wenn sich das Bild verändern und ich immer bleiben +könnte, wie ich jetzt bin! Warum hast du es gemalt? +Es wird mich dereinst verhöhnen — furchtbar verhöhnen!“ +Die heißen Tränen traten ihm in die Augen, er zog seine +Hand weg, warf sich auf den Diwan und vergrub sein +Gesicht in den Kissen, als betete er.</p> + +<p>„Das ist dein Werk, Harry“, sagte der Maler bitter.</p> + +<p>Lord Henry zuckte die Achseln. „Es ist der wahre Dorian +Gray — sonst nichts.“</p> + +<p>„Das ist er nicht.“</p> + +<p>„Wenn er es nicht ist, was habe ich damit zu schaffen?“</p> + +<p>„Du hättest weggehen sollen, als ich dich darum bat“, +grollte er.</p> + +<p>„Ich blieb, als du mich darum batest“, war Lord +Henrys Erwiderung.</p> + +<p>„Harry, ich kann nicht auf einmal mit meinen beiden +besten Freunden Streit anfangen, aber ihr beide habt +schuld, daß ich das beste Stück, das mir je gelungen ist, +hassen muß, und ich werde es vernichten. Ist es schließlich +mehr als Leinwand und Farbe? Ich will es nicht eingreifen +lassen in drei Leben und sie zerstören.“</p> + +<p>Dorian Gray hob seinen goldschimmernden Kopf von +dem Kissen und blickte ihn mit bleichem Gesicht und tränenfeuchten +Augen an, als er zu dem Maltische aus Kiefernholz<a class="pagenum" name="Page_47" title="47"> </a> +trat, der unter dem hohen verhängten Fenster stand. +Was wollte Basil beginnen? Seine Finger wühlten zwischen +dem Wust von Blechtuben und trockenen Pinseln +herum, als suchten sie etwas. Ja, sie suchten das lange +Schabmesser mit der schmalen Klinge aus schmiegsamem +Stahl. Endlich hatte er es gefunden. Er wollte die Leinwand +zerschlitzen.</p> + +<p>Mit einem erstickten Schluchzen sprang der Jüngling +vom Diwan auf, schoß auf Hallward zu, riß ihm das +Messer aus der Hand und schleuderte es in den äußersten +Winkel des Ateliers. „Tu es nicht, Basil, tu es nicht“, +schrie er. „Es wäre Mord.“</p> + +<p>„Ich freue mich, daß dir meine Arbeit endlich doch gefällt, +Dorian“, sagte der Maler kühl, als er sich von +seinem Erstaunen erholt hatte. „Ich hätte es gar nicht +geglaubt.“</p> + +<p>„Gefällt? Ich bin verliebt in dies Bild, Basil. Es ist +ja ein Teil von mir selbst. Ich fühle es.“</p> + +<p>„Schön, sobald du trocken bist, sollst du gefirnißt, gerahmt +und zu dir hingeschickt werden. Dann kannst du +mit dir anfangen, was dir beliebt.“ Er schritt durch den +Raum und klingelte nach Tee. „Du trinkst doch Tee, +Dorian? Du auch, Harry? Oder machst du dir nichts aus +so einfachen Genüssen?“</p> + +<p>„Ich bete einfache Genüsse an“, sagte Lord Henry. +„Sie sind die letzte Zuflucht komplizierter Naturen. Aber +für Szenen schwärme ich nicht, außer auf der Bühne. Was +für tolle Burschen seid ihr doch, ihr beide! Wer war es +doch gleich, der den Menschen als ein vernünftiges Tier<a class="pagenum" name="Page_48" title="48"> </a> +definiert hat? Das war eine der voreiligsten Definitionen, +die je aufgestellt wurden. Der Mensch hat eine ganze +Menge Eigenschaften, aber gewiß keine Vernunft. Alles +in allem übrigens: Gott sei Dank, obwohl mir's eigentlich +lieber wäre, ihr beiden Wirbelköpfe zanktet euch nicht +um das Bild. Du solltest es lieber mir gegeben haben, +Basil. Dieses törichte Knäblein braucht es eigentlich gar +nicht, und ich brauche es sehr.“</p> + +<p>„Wenn du es einem anderen geben willst als mir, Basil, +verzeihe ich es dir nie“, rief Dorian Gray; „und ich erlaube +niemand, mich ein törichtes Knäblein zu nennen.“</p> + +<p>„Du weißt, Dorian, das Bild gehört dir. Ich hab' es +dir geschenkt, noch ehe es vorhanden war.“</p> + +<p>„Und Sie wissen, Herr Gray, daß Sie ein wenig töricht +waren und daß Sie ernstlich gar nichts dagegen haben +können, an Ihre große Jugend erinnert zu werden.“</p> + +<p>„Heute früh hätte ich sehr viel dagegen gehabt, Lord +Henry.“</p> + +<p>„Ah! heute früh. Seitdem haben Sie einiges erlebt.“</p> + +<p>Es klopfte an die Tür, und der Diener trat mit einem +besetzten Teebrett ein und servierte auf einem kleinen japanischen +Tisch den Tee. Die Tassen und Löffel klapperten, +und ein georgischer Samowar begann zu summen. Zwei +gewölbte chinesische Porzellanschüsseln wurden von einem +jungen Diener hereingebracht. Dorian Gray ging hin und +goß den Tee ein. Die beiden Männer schlenderten zum +Tische und sahen nach, was unter den Deckeln der Schüsseln +war.</p> + +<p>„Wir wollen heute abend ins Theater gehen“, meinte<a class="pagenum" name="Page_49" title="49"> </a> +Lord Henry. „Irgendwo wird sicher was los sein. Ich +habe zwar zugesagt, im White-Klub zu soupieren, aber +mich erwartet nur ein alter Freund; ich kann ihm also +ein Telegramm schicken, daß ich nicht wohl sei oder infolge +einer späteren Verabredung nicht kommen könne. +Das würde ich für eine reizende Entschuldigung halten. +Sie hat einen förmlich überraschenden Duft von Aufrichtigkeit.“</p> + +<p>„Es ist so lästig, sich den Frack anzuzerren“, murmelte +Hallward. „Und wenn man ihn anhat, sieht man so gräßlich +aus.“</p> + +<p>„Ja,“ antwortete Lord Henry träumerisch, „die Kleidung +des neunzehnten Jahrhunderts ist abscheulich. Sie +ist so düster, so deprimierend. Die Sünde ist noch das +einzig Farbenfreudige, das im modernen Leben übriggeblieben +ist.“</p> + +<p>„Du solltest wirklich nicht solche Dinge vor Dorian +sagen, Harry!“</p> + +<p>„Vor welchem Dorian? Vor dem, der uns den Tee +einschenkt, oder dem anderen auf dem Bilde?“</p> + +<p>„Vor keinem.“</p> + +<p>„Ich ginge gerne mit Ihnen ins Theater, Lord Henry“, +sagte der Jüngling.</p> + +<p>„Dann kommen Sie doch. Und du auch, Basil, nicht +wahr?“</p> + +<p>„Ich kann nicht, wirklich nicht. Es ist mir lieber so. Ich +habe eine Unmenge zu tun.“</p> + +<p>„Schön also. Dann müssen wir zwei allein gehen, Herr +Gray.“</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_50" title="50"> </a></p> + +<p>„Ich freue mich riesig darauf.“</p> + +<p>Der Maler biß sich auf die Lippe und schritt, die Teetasse +in der Hand, zum Bilde. „Ich bleibe hier bei dem +wirklichen Dorian“, sagte er traurig.</p> + +<p>„Ist das der wirkliche?“ rief das Original und ging +gleichfalls langsam zu ihm hin. „Bin ich wirklich so?“</p> + +<p>„Ja, genau so bist du.“</p> + +<p>„Wie wundervoll, Basil!“</p> + +<p>„Du siehst wenigstens jetzt so aus. Aber das Bild wird +sich nie ändern“, seufzte Hallward. „Das ist schon etwas.“</p> + +<p>„Was man heute für ein großes Wesen aus der Treue +macht!“ rief Lord Henry aus. „Und doch ist sie selbst in +der Liebe eine rein physiologische Frage. Sie hat auch +nicht das mindeste mit unserem eigenen Willen zu tun. +Junge Männer wären gerne treu und sind es nicht; alte +würden gerne untreu sein und können es nicht: das ist +alles, was sich darüber sagen läßt.“</p> + +<p>„Geh heute abend nicht ins Theater, Dorian“, bat +Hallward. „Bleibe hier und speise mit mir.“</p> + +<p>„Ich kann nicht, Basil.“</p> + +<p>„Warum?“</p> + +<p>„Weil ich Lord Henry Wotton zugesagt habe, ihn zu +begleiten.“</p> + +<p>„Er wird dir darum nicht mehr zugetan sein, wenn du +so treu deine Versprechungen hältst. Er bricht seine immer. +Ich bitte dich, nicht zu gehen.“</p> + +<p>Dorian Gray schüttelte lachend den Kopf.</p> + +<p>„Ich beschwöre dich.“</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_51" title="51"> </a></p> + +<p>Der junge Mann schwankte und blickte zu Lord Henry +hinüber, der die beiden mit einem belustigten Lächeln vom +Teetische aus beobachtete.</p> + +<p>„Ich muß mit, Basil“, antwortete er.</p> + +<p>„Schön“, sagte Hallward und ging zum Tische hinüber, +wo er seine Tasse hinstellte. „Es ist ziemlich spät, und da +ihr euch noch umziehen müßt, habt ihr keine Zeit mehr +zu verlieren. Adieu, Harry! Adieu, Dorian! Komm bald +wieder. Komm morgen.“</p> + +<p>„Bestimmt.“</p> + +<p>„Aber nicht vergessen!“</p> + +<p>„Nein, natürlich nicht!“ rief Dorian.</p> + +<p>„Und... Harry!“</p> + +<p>„Ja, Basil?“</p> + +<p>„Vergiß nicht, was ich dir sagte, als wir am Vormittag +im Garten saßen.“</p> + +<p>„Ich habe es vergessen.“</p> + +<p>„Ich vertraue dir.“</p> + +<p>„Ich wünschte, ich könnte mir selbst vertrauen“, sagte +Lord Henry lachend. „Kommen Sie, Herr Gray, mein +Wagen steht unten, und ich kann Sie an Ihrer Wohnung +absetzen. Adieu, Basil! Es war ein sehr unterhaltender +Nachmittag.“</p> + +<p>Als sich die Tür hinter ihnen schloß, warf sich der Maler +auf den Diwan, und in sein Gesicht trat ein schmerzlicher +Ausdruck.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_52" title="52"> </a></p> + + + + +<h2><a name="Drittes_Kapitel" id="Drittes_Kapitel"></a>Drittes Kapitel</h2> + + +<p>Um zwölfeinhalb Uhr am nächsten Tage schlenderte +Lord Henry Wotton von Curzon Street nach Albany hinüber, +um einen Besuch zu machen bei seinem Onkel Lord +Fermor, einem heiteren, aber ziemlich rauhen alten Junggesellen, +den die Außenwelt einen Egoisten nannte, weil +sie keinen besonderen Nutzen aus ihm ziehen konnte, der +aber in der Gesellschaft als freigebig verschrien war, weil +er die Leute, die ihn amüsierten, aufs beste fütterte. Sein +Vater war britischer Gesandter in Madrid gewesen, als +Isabella noch jung war und man noch nichts von Prim +wußte, hatte sich aber in einem Augenblicke launischen +Ärgers aus dem diplomatischen Dienste zurückgezogen, +weil man ihm nicht den Gesandtenposten in Paris angeboten +hatte, zu dem er sich vollauf berechtigt geglaubt +hatte durch seine Geburt, seine Arbeitsunlust, sein gutes +Englisch in seinen Depeschen und durch seine zügellose Vergnügungssucht. +Der Sohn, der des Vaters Privatsekretär +gewesen war, hatte mit seinem Chef zugleich den Abschied +genommen, was man damals ziemlich verrückt fand, und +als der Titel einige Monate später auf ihn überging, hatte +er sich ernstlich dem großen aristokratischen Studium gewidmet, +absolut nichts zu tun. Er besaß zwei große Häuser +in der Stadt, zog es aber vor, in einer Junggesellenwohnung +zu hausen, weil das weniger Umstände machte, +und speiste meistens im Klub. Er beschäftigte sich ein wenig<a class="pagenum" name="Page_53" title="53"> </a> +mit der Verwaltung seiner Kohlenminen in den Midlandgrafschaften +und entschuldigte diese verwerfliche industrielle +Tätigkeit damit, daß er sagte, der einzige Vorteil, Kohlen +zu besitzen, sei der, es einem Gentleman möglich zu +machen, in seinem eigenen Kamin Holz zu brennen. Politisch +war er ein Tory, außer wenn die Tories Regierungspartei +waren, denn in solchen Zeiten verlästerte er sie +und schimpfte sie radikales Gesindel. Er war ein Held für +seinen Kammerdiener, der ihn drangsalierte, und ein +Schrecken für die meisten seiner Verwandten, die er drangsalierte. +Nur England konnte ihn erzeugt haben, und +er selber sagte immer, daß das Land mehr und mehr +auf den Hund käme. Seine Grundsätze waren altmodisch, +aber an seinen Vorurteilen war etwas dran.</p> + +<p>Als Lord Henry ins Zimmer trat, fand er seinen Onkel +in einem flockigen Jagdrock, eine ziemlich wohlfeile Zigarre +im Munde und brummend in den „Times“ lesend.</p> + +<p>„Na, Harry,“ sagte der alte Herr, „was bringt dich so +früh her? Ich dachte immer, ihr Dandies steht nie vor +zwei Uhr auf und werdet nie vor fünf Uhr sichtbar.“</p> + +<p>„Reine Familienliebe, auf mein Wort, Onkel Georg; +ich brauche etwas von dir.“</p> + +<p>„Geld vermutlich“, sagte Lord Fermor und machte ein +saures Gesicht. „Na gut, so setz' dich und sag' mir alles. +Ihr jungen Leute von heutzutage bildet euch ein, das +Geld wäre alles.“</p> + +<p>„Ja,“ brummelte Lord Henry, während er seine Blume +im Knopfloch zurechtrückte, „und wenn sie älter werden, +dann wissen sie es. Aber ich brauche kein Geld. Nur Leute,<a class="pagenum" name="Page_54" title="54"> </a> +die ihre Rechnungen zahlen, brauchen Geld, Onkel Georg, +und ich bezahle meine nie. Kredit ist das Kapital eines +zweitältesten Sohnes, und man kann brillant davon leben. +Außerdem kaufe ich immer bei Dartmoors Lieferanten, und +daher habe ich nie Scherereien. Was ich brauche, ist eine +Auskunft, keine nützliche Auskunft natürlich, sondern nur +eine wertlose.“</p> + +<p>„Ich kann dir alles sagen, Harry, was je in einem englischen +Blaubuch gestanden hat, obwohl diese Bengels heutzutage +einen Haufen Unsinn zusammensudeln. Als ich noch +Diplomat war, lagen die Dinge besser. Aber ich höre, man +stellt jetzt die Leute auf Grund einer Prüfung ein. Was +kann man da noch erwarten? Prüfungen, mein Bester, +sind der reine Humbug von A bis Z. Wenn einer Gentleman +ist, weiß er schon genug, und wenn er kein Gentleman +ist, so mag er alles Mögliche wissen, es hilft ihm doch +nichts.“</p> + +<p>„Herr Dorian Gray hat nichts mit Blaubüchern zu +schaffen“, sagte Lord Henry in seinem schläfrigen Tone.</p> + +<p>„Herr Dorian Gray? Wer ist das?“ fragte Lord Fermor, +seine buschigen weißen Augenbrauen zusammenkneifend.</p> + +<p>„Um das zu erfahren, bin ich gerade hergekommen, Onkel +Georg. Oder genauer gesagt, wer es ist, weiß ich. Nämlich +der Enkel des verstorbenen Lord Kelso. Seine Mutter war +eine Devereux, Lady Margaret Devereux. Ich möchte, daß +du mir etwas über seine Mutter erzählst. Was weißt du +von ihr? Wen hat sie geheiratet? Du hast zu deiner Zeit +doch so ziemlich alle Leute gekannt, also wahrscheinlich auch<a class="pagenum" name="Page_55" title="55"> </a> +sie. Ich interessiere mich gegenwärtig ungemein für Herrn +Gray. Ich habe ihn erst gestern kennengelernt.“</p> + +<p>„Kelsos Enkel!“ wiederholte der alte Herr, „Kelsos +Enkel! ... natürlich ... ich war mit seiner Mutter sehr +intim. Ich glaube, ich war sogar bei ihrer Taufe. Es war +ein ganz außergewöhnlich schönes Mädchen, diese Margaret +Devereux, und hat dann alle jungen Männer toll +gemacht, als sie mit einem jungen Habenichts davonlief, +einer absoluten Null, mein Bester, einem Fähnrich bei der +Infanterie oder so was Ähnliches. Natürlich. Ich erinnere +mich jetzt an die ganze Geschichte, als wäre sie gestern passiert. +Der arme Kerl wurde dann ein paar Monate nach +der Hochzeit in einem Duell in Spa getötet. Man erzählte +damals eine häßliche Geschichte darüber. Man sagte, +der alte Kelso hätte irgendeinen Schuft, so einen Abenteurer +aus Belgien gemietet, um seinen Schwiegersohn öffentlich +zu beleidigen, hätte ihn dafür bezahlt, mein Bester, einfach +bezahlt, damit er es täte, und dieser Kerl spießte dann sein +Opfer auf wie eine Taube. Die Geschichte wurde natürlich +vertuscht, aber Kelso mußte eine Zeitlang sein Kotelett +allein im Klub essen. Ich hörte, er brachte seine Tochter +wieder mit, doch sie sprach nie mehr ein Wort mit ihm. +O jawohl, das war eine böse Sache. Das Mädel starb +dann auch, kaum ein Jahr später. So, sie hat also einen +Sohn hinterlassen? Das hatte ich ganz vergessen. Was +für ein Junge ist es denn? Wenn er seiner Mutter ähnlich +sieht, muß es ein hübsches Kerlchen sein.“</p> + +<p>„Er ist sehr hübsch“, stimmte Lord Henry bei.</p> + +<p>„Ich hoffe, er wird in die rechten Hände kommen“, fuhr<a class="pagenum" name="Page_56" title="56"> </a> +der alte Mann fort. „Es muß ein Haufen Geld auf ihn +warten, wenn Kelso pflichtgemäß an ihm handelte. Seine +Mutter hatte übrigens auch Geld. Der ganze Selbysche +Besitz fiel ihr durch ihren Großvater zu. Ihr Großvater +haßte Kelso, hielt ihn für einen gemeinen Köter. War es +übrigens auch. Er kam mal nach Madrid, als ich dort war. +Na, ich mußte mich des Kerls schämen. Die Königin +pflegte mich nach dem englischen Edelmann zu fragen, der +sich immer mit den Kutschern über die Taxe zankte. Man +machte einen ganzen Roman daraus. Ich wagte einen +Monat lang nicht, bei Hof zu erscheinen. Ich hoffe, er hat +seinen Enkel besser behandelt als die Droschkenkutscher.“</p> + +<p>„Darüber weiß ich nichts“, erwiderte Lord Henry. „Ich +vermute aber, der junge Mann wird einmal wohlhabend +werden. Er ist noch nicht volljährig. Selby gehört ihm, +das weiß ich. Er hat es mir gesagt. Und... seine Mutter +war also sehr schön?“</p> + +<p>„Margaret Devereux war eines der entzückendsten Geschöpfe, +die ich je gesehen habe, Harry. Was in aller Welt +sie dazu getrieben hat, so zu handeln, habe ich nie verstehen +können. Sie hätte jeden Mann heiraten können, den sie +wollte. Carlington war wahnsinnig verschossen in sie. Aber +sie war romantisch veranlagt. Alle Frauen dieser Familie +waren so. Die Männer waren ein trauriges Gesindel, aber +beim Himmel! die Weiber waren wunderbar! Carlington +lag vor ihr auf den Knien. Hat's mir selber gebeichtet. +Sie lachte ihn aus, und es gab damals in London kein +Mädel, das nicht hinter ihm hergewesen wäre. Übrigens, +Harry, da wir schon über Mesalliancen reden: was ist das<a class="pagenum" name="Page_57" title="57"> </a> +für ein Unsinn, den mir dein Vater von Dartmoor erzählt, +der eine Amerikanerin heiraten will? Sind englische Mädels +für ihn nicht gut genug?“</p> + +<p>„Es ist jetzt Mode, Amerikanerinnen zu heiraten, Onkel +Georg.“</p> + +<p>„Ich verteidige die englischen Frauen gegen die ganze +Welt, Harry“, sagte Lord Fermor und schlug mit der +Faust auf den Tisch.</p> + +<p>„Man reißt sich um die Amerikanerinnen.“</p> + +<p>„Sie halten sich nicht, hat man mir gesagt“, brummte +der Onkel.</p> + +<p>„Ein langes Verlobtsein erschöpft sie, aber für eine +Steeplechase sind sie brillant. Sie sind Flieger. Ich glaube +nicht, daß Dartmoor Chance hat.“</p> + +<p>„Was ist's für eine Familie?“ murrte der alte Herr. +„Hat sie überhaupt eine?“</p> + +<p>Lord Henry schüttelte den Kopf. „Amerikanische Mädchen +sind ebenso klug, ihre Eltern zu verbergen, wie englische +Frauen im Verbergen ihrer Vergangenheit“, antwortete +er und stand auf, um wegzugehen.</p> + +<p>„Also vermutlich Schweinefleischhändler.“</p> + +<p>„Das hoffe ich, Onkel Georg, in Dartmoors Interesse. +Man hat mir gesagt, mit Schweinefleischbüchsen zu handeln, +soll nächst der Politik der einträglichste Beruf in +Amerika sein.“</p> + +<p>„Ist sie hübsch?“</p> + +<p>„Sie benimmt sich so, als wäre sie es. Das tun die +meisten Amerikanerinnen. Es ist das Geheimnis ihres +magnetischen Reizes.“</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_58" title="58"> </a></p> + +<p>„Warum bleiben diese amerikanischen Weiber nicht in +ihrem Lande? Sie sagen doch immer, es sei das Paradies +für Frauen.“</p> + +<p>„Das ist es auch. Und das ist auch der Grund, warum +sie wie Eva so gern daraus weg wollen“, sagte Lord +Henry. „Adieu, Onkel Georg! Ich komme zu spät zum +Frühstück, wenn ich noch länger bleibe. Danke sehr für die +Auskunft, die du mir gabst. Ich habe immer das Bedürfnis, +von meinen neuen Freunden alles zu hören und +möglichst nichts von meinen alten.“</p> + +<p>„Wo wirst du frühstücken, Harry?“</p> + +<p>„Bei Tante Agatha. Ich habe mich mit Herrn Gray +dort angesagt. Es ist ihr neuestes Protektionskind.“</p> + +<p>„Hm! sag' der Tante Agatha, Harry, sie soll mich mit +ihrem Wohltätigkeitskrempel ungeschoren lassen. Ich habe +sie bis hierher! Weiß Gott, das gute Frauenzimmer meint, +ich hätte nichts zu tun als Schecks für ihre langweiligen +Vereinsmeiereien auszuschreiben.“</p> + +<p>„Abgemacht, Onkel Georg, ich werde es ihr bestellen, +aber es wird nichts nutzen. Wohltätigkeitsmegären verlieren +alle Menschlichkeit. Das ist ihr hervorstechendstes +Merkmal.“</p> + +<p>Der alte Herr brummte zustimmend und klingelte seinem +Diener. Lord Henry schritt durch die niedrigen Arkaden +nach Burlington Street und lenkte dann seine Schritte in +die Richtung nach Berkeley Square.</p> + +<p>Das war also die Geschichte von Dorian Grays Eltern. +So roh umrissen sie ihm auch geschildert worden war, sie +hatte ihn doch nach Art eines seltsamen, geradezu modernen<a class="pagenum" name="Page_59" title="59"> </a> +Romans erregt. Eine schöne Frau, die alles für +eine wahnsinnige Leidenschaft einsetzt. Ein paar wilde, +wonnige Wochen, jäh abgeschnitten durch ein abscheuliches, +heimtückisches Verbrechen, Monate stummer Todesverzweiflung, +und dann ein Kind unter Schmerzen geboren. Die +Mutter vom Tode weggemäht, der Knabe der Einsamkeit +und der Tyrannei eines alten, lieblosen Mannes ausgeliefert. +Ja, das war ein interessanter Hintergrund. Er +gab dem jungen Menschen Relief, machte ihn noch vollkommener. +Hinter allem Köstlichen in der Welt lauert +eine geheime Tragödie, Welten müssen in Schwingung +sein, damit die kleinste Blume erblühen kann... Und wie +entzückend war er gestern abend gewesen, als er ihm mit +erschreckten Augen, die Lippen in scheuem Verlangen geöffnet, +im Klub gegenüber gesessen und die roten Kerzenschirme +das erwachende Wunder seines Gesichts in einen +noch rosenfarbenen Ton getaucht hatten. Mit ihm +sprechen, das war wie auf einer auserlesenen Geige spielen. +Er gab jedem Druck nach, jeder zitternden Berührung +des Bogens... Es lag doch etwas unerhört Knechtendes +darin, auf jemand Einfluß auszuüben. Keine andere Tätigkeit +kam dem gleich. Seine eigene Seele in eine anmutige +Form gießen und sie darin einen Augenblick lang verweilen +lassen: seine eigenen Gedankenakkorde im Echo +zurückbekommen, bereichert durch die Musik der Leidenschaft +und Jugend: sein eigenes Temperament in ein +anderes hineinversenken, als wäre es das allerätherischste +Fluidum oder ein seltener Wohlgeruch: darin lag eine +wahre Lust — vielleicht die allerbefriedigendste Lust, die<a class="pagenum" name="Page_60" title="60"> </a> +uns übriggeblieben ist, in einer so beschränkten und ordinären +Zeit wie die unsere, die so derbfleischlich in ihren +Genüssen und so grobzufassend in ihren Begierden ist... +Auch war er ein wundervoller Typus, dieser junge Mensch, +den er durch einen so wunderbaren Zufall in Basils Atelier +kennengelernt hatte, oder konnte jedenfalls zu einem +wunderbaren Typus umgemodelt werden. Anmut war ihm +verliehen und die schneeige Reinheit der Jünglingschaft, +und eine Schönheit, wie man sie bei alten griechischen +Marmorbildern findet. Nichts gab es, was sich nicht aus +ihm machen ließe. Man konnte einen Titanen oder ein +Spielzeug aus ihm machen. Welch Jammer, daß solche +Schönheit dahinwelken muß... Und Basil? Wie interessant +war doch er für den Psychologen! Diese neue Art +von Kunst, diese neue Weise, das Leben anzuschauen, die +ihm auf das seltsamste durch die sichtbare Gegenwart +eines Menschen erweckt wurde, der von alledem nichts +wußte: der stille Geist, der in einer düsteren Waldlandschaft +wohnte und ungesehen ins offene Feld entwandelte, +enthüllte sich plötzlich wie eine Dryade, und ohne Scheu, +weil in der Seele, die sehnsüchtig nach ihm suchte, jene +wundersame Vision wach geworden war, der nur die +außerordentlichen Dinge offenbar werden: die bloßen +Formen und Linien der Dinge wurden gleichsam edler +und bekamen eine Art von symbolischer Bedeutung, als +wären sie selbst nur Schatten einer anderen und vollendeteren +Form, deren Abbilder sie zur Wirklichkeit erhoben: +wie merkwürdig das alles war! Er erinnerte sich, +daß es in der Geschichte irgend etwas Ähnliches gab. War<a class="pagenum" name="Page_61" title="61"> </a> +es nicht Plato, dieser Künstler in der Welt der Gedanken, +der es als erster untersucht hatte? War es nicht Buonarotti, +der es in den farbigen Marmor seiner Sonettreihe +gemeißelt hatte? Aber in unserem Jahrhundert war es +etwas Seltenes... Ja, er wollte versuchen, für Dorian +Gray das zu sein, was der Jüngling, ohne es zu wissen, +für den Maler war, der das prächtige Bildnis geschaffen +hatte. Er wollte versuchen, in ihm zu herrschen — hatte +es in Wahrheit schon zum Teil getan. Er wollte diesen +wunderbaren Geist zu seinem eigenen machen. Es war +etwas unwiderstehlich Magnetisches in diesem Abkömmling +von Tod und Liebe.</p> + +<p>Plötzlich blieb er stehen und sah an den Häusern hinauf. +Er entdeckte, daß er bereits an dem Hause seiner Tante +vorbeigegangen sei, und ging stillächelnd zurück. Als er +in die etwas düstere Halle eintrat, sagte ihm der Diener, +die Herrschaften seien schon beim Frühstück. Er gab einem +Lakai Hut und Stock und ging in den Speisesaal.</p> + +<p>„Spät wie immer, Harry“, rief seine Tante, ihm zunickend.</p> + +<p>Er erfand eine glaubwürdige Entschuldigung, setzte sich +auf den leeren Platz neben sie und sah sich um, zu sehen, +wer noch da war. Dorian begrüßte ihn schüchtern vom +Ende des Tisches her, und seine Wangen wurden vor geheimer +Freude rot. Gegenüber saß die Herzogin von +Harley, eine Dame von bewunderungswürdig guter +Laune und ebensolchem Charakter, die jeder gern hatte +und deren Körper in jenen erhabenen architektonischen +Maßen aufgebaut war, der von zeitgenössischen Geschichtsschreibern +bei Frauen, die nicht gerade Herzoginnen sind,<a class="pagenum" name="Page_62" title="62"> </a> +als Beleibtheit bezeichnet wird. Zu ihrer Rechten saß +Sir Thomas Burdon, ein radikales Parlamentsmitglied, +das im öffentlichen Leben seinem Parteichef Gefolge leistete +und im privaten den besten Küchenchefs, der nach +einer weisen und allgemein verbreiteten Lebensregel mit +den Tories dinierte und mit den Liberalen geistig übereinstimmte. +Den Platz an ihrer Linken nahm Herr Erskine +of Treadley ein, ein alter prächtiger und gebildeter Herr, +der sich die schlechte Gewohnheit des Schweigens angeeignet +hatte, da er, wie er einmal Lady Agatha erklärte, +schon vor seinem dreißigsten Lebensjahr alles +gesagt hatte, was er überhaupt zu sagen hatte. Seine +Nachbarin war Frau Vandeleur, eine der ältesten Freundinnen +seiner Tante, eine vollendete Heilige unter den +Frauen, aber so geschmacklos verputzt, daß man bei ihrem +Anblick immer an ein schlechtgebundenes Gebetbuch denken +mußte. Zu seinem Glück saß an ihrer anderen Seite +Lord Faudel, eine sehr intelligente Mittelmäßigkeit in den +besten Jahren, der so kahl war wie der Bericht eines +Ministers auf eine Interpellation im Unterhaus, und mit +ihm unterhielt sie sich in jenem intensiv-ernsten Tone, der, +wie Lord Henry einmal selbst geäußert hatte, der eine +unverzeihliche Irrtum ist, in den alle wirklich guten +Menschen verfallen, und den keiner von ihnen völlig vermeiden +kann.</p> + +<p>„Wir sprechen über den bedauernswerten Dartmoor, +Henry“, rief die Herzogin, ihm vergnügt über den Tisch +zunickend. „Glauben Sie, daß er wirklich die berückende +junge Dame heiratet?“</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_63" title="63"> </a></p> + +<p>„Ich glaube, Frau Herzogin, sie hat sich fest vorgenommen, +um das Jawort zu bitten.“</p> + +<p>„Wie schrecklich“, rief Lady Agatha. „Dann sollte sich +wirklich jemand ins Mittel legen.“</p> + +<p>„Ich erfahre aus einer ganz vorzüglichen Quelle, daß ihr +Vater ein Kurzwarengeschäft in Amerika hat“, sagte Sir +Thomas Burdon mit einem überlegenen Blicke.</p> + +<p>„Mein Onkel hat behauptet: Schweinefleischlieferant, +Sir Thomas.“</p> + +<p>„Kurzwaren! Was sind amerikanische Kurzwaren?“ +fragte die Herzogin und erhob staunend ihre großen Hände +und dabei jede Silbe betonend.</p> + +<p>„Amerikanische Romane“, antwortete Lord Henry und +nahm von den Wachteln.</p> + +<p>Die Herzogin machte ein erstauntes Gesicht.</p> + +<p>„Geben Sie nicht acht auf ihn, meine Liebe,“ wisperte +ihr Lady Agatha zu, „er meint nie im Ernst, was er +sagt.“</p> + +<p>„Als Amerika entdeckt wurde,“ sagte der radikale Abgeordnete +und ließ einige langweilige Tatsachen vom Stapel. +Wie alle Menschen, die bestrebt sind, ein Thema zu erschöpfen, +erschöpfte er seine Zuhörer. Die Herzogin seufzte und +benützte ihr Vorrecht, zu unterbrechen. — „Wollte Gott, es +wäre überhaupt nicht entdeckt worden“, rief sie aus. „Unsere +Töchter haben heutzutage wirklich gar keine Chance mehr. +Das ist geradezu empörend!“</p> + +<p>„Vielleicht ist Amerika überhaupt nicht entdeckt worden, +wenn man's recht betrachtet“, sagte Herr Erskine. „Ich +würde eher sagen, daß es nur aufgefunden worden ist.“</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_64" title="64"> </a></p> + +<p>„Oh, ich muß aber gestehen, daß ich einige Exemplare +seiner Bewohnerinnen gesehen habe,“ antwortete die Herzogin +zerstreut, „ich muß zugeben, die meisten von ihnen +sind ausgesprochen hübsch. Und außerdem ziehen sie sich gut +an. Sie beziehen alle ihre Kleider aus Paris. Ich wollte, +ich könnte mir das auch leisten.“</p> + +<p>„Man sagt: wenn gute Amerikaner sterben, so fahren sie +nach Paris“, gluckste Sir Thomas, der eine große Kiste +voll abgelegter Scherze sein eigen nannte.</p> + +<p>„In der Tat? Und wohin gehen schlechte Amerikaner, +wenn sie sterben?“ fragte die Herzogin.</p> + +<p>„Sie gehen nach Amerika“, murmelte Lord Henry.</p> + +<p>Sir Thomas runzelte die Stirn. „Ich fürchte, Ihr Neffe +hat Vorurteile gegen dieses große Land“, sagte er zu Lady +Agatha. „Ich habe es ganz bereist im Eisenbahnwagen, +die mir die Direktionen zur Verfügung stellten. Man ist +da in diesen Dingen außerordentlich höflich. Ich versichere +Ihnen, es ist eine vorzüglich bildende Reise da drüben.“</p> + +<p>„Aber müssen wir wirklich nach Chicago schwimmen, um +unsere Bildung zu vervollständigen?“ fragte Herr Erskine +wehmütig. „Ich fühle mich wirklich zu solcher Reise nicht +aufgelegt.“</p> + +<p>Sir Thomas winkte mit der Hand. „Herr Erskine of +Treadley besitzt die Welt auf seinen Bücherregalen. Wir +Männer des praktischen Lebens lieben es, die Dinge zu +sehen, nicht darüber zu lesen. Die Amerikaner sind ein +außerordentlich interessantes Volk. Sie sind vollständig +Vernunftmenschen. Ich glaube, das ist ihr Charaktermerkmal. +Ja, Herr Erskine, ein ausschließlich von der Vernunft<a class="pagenum" name="Page_65" title="65"> </a> +beherrschtes Volk. Ich versichere Ihnen, es gibt bei den +Amerikanern keinerlei Unsinn.“</p> + +<p>„Wie schrecklich!“ rief Lord Henry aus. „Ich kann rohe +Gewalt vertragen, aber rohe Vernunft ist mir unerträglich. +Ich finde immer, daß ihre Anwendung unbillig ist. +Es heißt den Geist unterjochen.“</p> + +<p>„Ich verstehe Sie nicht“, erwiderte Sir Thomas und +wurde etwas rot.</p> + +<p>„Ich verstehe Sie, Lord Henry“, murmelte Herr Erskine +lächelnd.</p> + +<p>„Paradoxe sind ja an und für sich recht schön und gut...“, +nahm der Baronet wieder das Wort.</p> + +<p>„War das ein Paradoxon?“ fragte Herr Erskine. „Ich +habe es nicht dafür gehalten. Vielleicht war es eins. Nun, +der Weg zur Wahrheit scheint mit Paradoxen gepflastert +zu sein. Um die Wahrheit zu erkennen, müssen wir sie auf +gespanntem Seil tanzen sehen. Wenn die Wahrheiten +Akrobaten werden, können wir sie beurteilen.“</p> + +<p>„Mein großer Gott!“ sagte Lady Agatha, „was für +eine Art zu diskutieren habt ihr Männer. Ich verstehe +nie ein einziges Wort von eurem Gerede. Mit dir, Harry, +oh! bin ich ganz böse. Warum versuchst du, unseren lieben +Herrn Dorian Gray zu überreden, nicht mehr ins East-End +zu gehen? Ich versichere dir, er wäre dort für uns unschätzbar; +sein Spiel würde die Leute ungemein begeistern.“</p> + +<p>„Mir ist es lieber, wenn er für mich spielt“, rief Lord +Henry lächelnd, sah am Tisch hinunter, wo ihn ein fröhlich +antwortender Blick traf.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_66" title="66"> </a></p> + +<p>„Aber sie sind in Whitechapel so unglücklich“, fuhr +Lady Agatha wieder fort.</p> + +<p>„Ich kann mit allem möglichen Mitgefühl haben,“ sagte +Lord Henry, die Achseln zuckend, „außer mit Leiden. Damit +kann ich keine Sympathie haben. Es ist zu häßlich, zu +schrecklich, zu niederdrückend. In der heut modernen Sympathie +für die Leiden liegt etwas schrecklich Krankhaftes. +Man sollte mit Farben sympathisieren, mit Schönheit, mit +Lebensfreude. Je weniger man über das Elend des Lebens +sagt, desto besser.“</p> + +<p>„Aber das East-End ist ein sehr wichtiges Problem“, +bemerkte Sir Thomas mit ernstem Kopfschütteln.</p> + +<p>„Sicherlich“, antwortete der junge Lord. „Es ist das +Problem der Sklaverei, und wir versuchen es derart zu +lösen, daß wir die Sklaven amüsieren.“</p> + +<p>Der Politiker sah ihn mit einem forschenden Blicke an. +„Welche Änderung schlagen Sie also vor?“</p> + +<p>Lord Henry lachte. „Ich habe gar nicht das Verlangen, +in England etwas zu ändern außer dem Wetter“, +entgegnete er. „Ich begnüge mich mit philosophischer +Betrachtung. Da aber das neunzehnte Jahrhundert durch +übermäßigen Verbrauch von Sympathie Bankrott geworden +ist, möchte ich vorschlagen, daß man sich an die +Wissenschaft hält, damit diese uns wieder aufrichtet. Der +Vorteil der Gefühle liegt darin, daß sie uns in die Irre +führen, und der Vorteil der Wissenschaft darin, daß sie +sich mit Gefühlen nicht abgibt.“</p> + +<p>„Aber auf uns liegen so ernste Verantwortlichkeiten“, +warf Frau Vandeleur schüchtern ein.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_67" title="67"> </a></p> + +<p>„Entsetzlich schwere“, stimmte Lady Agatha ein.</p> + +<p>Lord Henry sah zu Herrn Erskine hinüber. „Die Menschheit +nimmt sich selber zu ernst. Das ist die Todsünde +der Welt. Wenn die Höhlenmenschen schon hätten lachen +können, hätte die Weltgeschichte andere Wege eingeschlagen.“</p> + +<p>„Ihre Worte klingen sehr tröstlich“, trillerte die Herzogin. +„Ich habe immer eine Art Schuldgefühl gehabt, wenn +ich Ihre liebe Tante besuchte, denn ich nehme nicht das +geringste Interesse an East-End. In Zukunft werde ich +ihr ohne zu erröten ins Gesicht sehen können.“</p> + +<p>„Erröten ist ein vorzügliches Schönheitsmittel“, bemerkte +Lord Henry.</p> + +<p>„Nur wenn man jung ist“, antwortete sie. „Wenn eine +alte Frau wie ich errötet, ist es ein sehr schlechtes +Zeichen. Ach, Lord Henry, ich wünschte, Sie könnten mir +sagen, wie man wieder jung wird!“</p> + +<p>Er dachte einen Augenblick nach. „Können Sie sich +an irgendeinen großen Fehler erinnern, den Sie in der +Jugend begangen haben?“ fragte er dann, sie fest über +den Tisch hin ansehend.</p> + +<p>„An eine ganze Menge, fürchte ich!“ rief sie aus.</p> + +<p>„Dann begehen Sie sie wieder“, entgegnete er ernst. +„Um seine Jugend zurückzubekommen, braucht man nur +seine Torheiten zu wiederholen.“</p> + +<p>„Eine allerliebste Theorie!“ rief sie. „Ich muß sie mal +in die Praxis umsetzen.“</p> + +<p>„Eine gefährliche Theorie“, sagte Sir Thomas, seine +dünnen Lippen zusammenkneifend. Lady Agatha schüttelte<a class="pagenum" name="Page_68" title="68"> </a> +den Kopf, aber sie amüsierte sich doch. Herr Erskine +lauschte.</p> + +<p>„Ja,“ fuhr Henry fort, „das ist eines der großen +Lebensgeheimnisse. Heutzutage sterben die meisten Leute +an einer Art von schleichender Verständigkeit, und erst, +wenn es zu spät ist, kommen sie dahinter, daß die einzigen +Dinge, die man niemals bereut, die Torheiten sind.“</p> + +<p>Nun lachte der ganze Tisch.</p> + +<p>Er spielte jetzt mit diesem Einfall nach Willkür; warf +ihn in die Luft und änderte ihn um: ließ ihn entwischen +und haschte ihn wieder auf: ließ ihn phantastisch glitzern +und gab ihm Paradoxe als Flügel. Als er fortfuhr, rundete +sich dieser Ruhm der Narretei in ein philosophisches +System und die Philosophie selbst wurde dabei jung und +tanzte, begleitet von der tollen Musik der Lust, in ihrem +von Wein befleckten Gewande und mit Efeu bekränzten +Locken, wie eine Bacchantin über die Hügel des Lebens +und neckte den plumpen Silen, weil er nüchtern blieb. Die +Tatsachen flüchteten vor ihr wie das erschreckte Getier +des Waldes. Ihre weißen Füße stampften in der ungefügen +Kelter, an der der weise Omar sitzt, bis der schäumende +Traubensaft in purpurblasigen Wellen an ihren nackten +Gliedern aufspritzte oder in rotem Gischt über die dunkeln, +triefenden, gewölbten Seiten der Kufe herabrann. Es war +eine ganz brillante Improvision. Er empfand, daß die +Augen Dorian Grays auf ihn gerichtet waren, und das +Bewußtsein, daß es unter seinen Zuhörern einen gab, +dessen Temperament er zu bezaubern wünschte, gab seinem +Witz Würzigkeit und seiner Phantasie Farbe. Er<a class="pagenum" name="Page_69" title="69"> </a> +war geistreich, phantasievoll, unwiderstehlich. Er begeisterte +seine Zuhörer dahin, aus sich heraus zu gehen, +und lachend folgten sie seiner Rattenfängerpfeife. Dorian +Gray verwandte seinen Blick nicht von ihm, sondern saß +wie unter einem Zauberbanne da, während ein Lächeln +nach dem andern auf seine Lippen trat und sich das Staunen +in seinen dunklen Augen immer mehr vertiefte.</p> + +<p>Endlich betrat die Wirklichkeit im Kleide des Alltags das +Zimmer, und zwar in Gestalt eines Lakaien, der der Herzogin +meldete, daß ihr Wagen warte. Sie rang ihre Hände +in geschauspielerter Verzweiflung. „Wie schade!“ rief sie +aus. „Ich muß fort. Muß meinen Mann im Klub abholen +und mit ihm zu irgendeiner albernen Sitzung bei Willis +fahren, wo er präsidiert. Wenn ich zu spät komme, ist er +sicher ärgerlich, und in dem Hut, den ich aufhabe, könnte +ich eine Szene nicht vertragen. Er ist viel zu gebrechlich +dazu. Ein rauhes Wort und er wäre ruiniert. Nein, +liebe Agatha, ich muß fort. Adieu, Lord Henry! Sie sind +ein ganz entzückender Mensch und fürchterlich unmoralisch. +Ich weiß wahrhaftig nicht, was ich zu Ihren Ansichten +sagen soll. Sie müssen mal bei uns zu Abend essen. Dienstag? +Sind Sie Dienstag frei?“</p> + +<p>„Für Sie würde ich jede andere Verabredung im +Stich lassen, Frau Herzogin“, sagte Lord Henry, sich verbeugend.</p> + +<p>„Ah! Das ist sehr nett und sehr abscheulich von Ihnen“, +rief sie; „vergessen Sie also nicht zu kommen“, und sie +rauschte aus dem Zimmer, von Lady Agatha und den +anderen Damen begleitet.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_70" title="70"> </a></p> + +<p>Als sich Lord Henry wieder gesetzt hatte, kam Herr +Erskine zu ihm, zog seinen Stuhl ganz nahe zu ihm hin +und legte die Hand auf seinen Arm.</p> + +<p>„Sie reden wie ein Buch“, sagte er; „warum schreiben +Sie keins?“</p> + +<p>„Ich lese Bücher viel zu gerne, als daß ich Lust hätte, +eins zu schreiben, Herr Erskine. Gewiß möchte ich manchmal +einen Roman schreiben, der so entzückend und ebenso +unwirklich sein müßte wie ein persischer Teppich. Aber +in England gibt es ja kein literarisches Publikum außer +für Zeitungen, Katechismen und Konversationslexika. Von +allen Völkern des Erdballs haben die Engländer den +am wenigsten entwickelten Sinn für die Schönheit der +Literatur.“</p> + +<p>„Ich fürchte, Sie haben recht“, antwortete Herr Erskine. +„Ich selbst habe einstmals literarischen Ehrgeiz gehabt, aber +ich habe ihn längst abgelegt. Und nun, mein lieber junger +Freund, wenn Sie mir erlauben wollen, Sie so zu nennen, +darf ich Sie fragen, ob Sie wirklich alles im Ernst meinten, +was Sie uns bei Tisch gesagt haben?“</p> + +<p>„Ich habe ganz vergessen, was ich gesagt habe“, antwortete +Lord Henry lächelnd. „Es war wohl sehr toll?“</p> + +<p>„Allerdings, sehr toll! Ich glaube wirklich, daß Sie ein +äußerst gefährlicher Mensch sind, und wenn unserer guten +Herzogin irgend etwas zustößt, so werden wir alle Sie in +erster Linie dafür verantwortlich machen. Aber ich würde +mit Ihnen gern einmal länger über das Leben debattieren. +Die Generation, in die ich hineingeboren wurde, war sehr +langweilig. Wenn Sie mal londonmüde sind, kommen Sie<a class="pagenum" name="Page_71" title="71"> </a> +doch nach Treadley und setzen Sie mir da Ihre Philosophie +des Genusses auseinander bei einem ganz köstlichen +Burgunder, den zu besitzen ich so glücklich bin.“</p> + +<p>„Das wird mir ein großes Vergnügen sein. Ein Besuch +in Treadley ist ein großer Vorzug. Es hat einen vollkommenen +Wirt und eine vollkommene Bibliothek.“</p> + +<p>„Die mit Ihnen vollständig werden wird“, antwortete +der alte Herr mit einer höflichen Verbeugung. „Und jetzt +muß ich Ihrer trefflichen Tante adieu sagen. Ich muß +ins Athenäum. Es ist die Stunde, wo wir dort schlafen.“</p> + +<p>„Sie alle, Herr Erskine?“</p> + +<p>„Vierzig von uns in vierzig Klubsesseln. Wir üben uns +für eine Akademie anglaise.“</p> + +<p>Lord Henry lachte und stand auf. „Ich gehe in den +Park!“ rief er aus.</p> + +<p>Als er durch den Türrahmen schritt, berührte ihn Dorian +Gray am Arm. „Erlauben Sie mir, mitzukommen“, flüsterte +er.</p> + +<p>„Aber ich dachte, Sie haben Basil Hallward versprochen, +ihn zu besuchen“, wandte Lord Henry ein.</p> + +<p>„Ich möchte lieber mit Ihnen gehen; ja ich fühle, ich +muß mit Ihnen mitkommen. Bitte, erlauben Sie es. Und +versprechen Sie mir, die ganze Zeit zu erzählen? Niemand +spricht so entzückend wie Sie.“</p> + +<p>„Ah! Ich habe für heute gerade genug geredet“, sagte +Lord Henry und lächelte. „Alles, was ich jetzt möchte, ist, +das Leben zu beschauen. Sie können mitkommen und mitanschauen, +wenn Sie wollen.“</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_72" title="72"> </a></p> + + + + +<h2><a name="Viertes_Kapitel" id="Viertes_Kapitel"></a>Viertes Kapitel</h2> + + +<p>Eines Nachmittags, einen Monat später, saß Dorian +Gray zurückgelehnt in einem schwellenden Sessel der kleinen +Bibliothek in Lord Henrys Hause in Mayfair. Es war in +seiner Art ein allerliebster Raum, bis hoch hinauf mit +olivenfarbigem Eichenholz getäfelt, mit einem cremefarbigen +Deckenfries und mit Stuckverzierungen und mit einem +ziegelfarbigen Filzteppich, der in langen Seidenfransen +auslief. Auf einem niedlichen Tischchen aus Satinholz +stand eine Figur von Clodion, und daneben lag eine Ausgabe +der Cent Nouvelles, die für Margarete von Valois +von Clovis Eve eingebunden und mit goldenen Gänseblümchen +verziert war, wie sie die Königin auf ihr Wappenzeichen +gewählt hatte. Auf dem Kaminsims standen ein +paar große blaue Porzellanvasen mit Papageientulpen, +und durch die schmalen, bleigerahmten Rautenfelder der +Fenster drang das aprikosenfarbene Licht eines Londoner +Sommertages.</p> + +<p>Lord Henry war noch nicht nach Hause gekommen. Er +kam grundsätzlich zu spät, da sein Grundsatz war, Pünktlichkeit +stehle einem die Zeit. Daher sah der junge Mann +etwas gelangweilt aus, als er mit lässigen Fingern die +Seiten einer reichillustrierten Ausgabe von Manon Lescaut +durchblätterte, die er in einem der Bücherschränke gefunden +hatte. Das abgemessene gleichförmige Ticktack der Louis-Quatorze-Uhr +machte ihn nervös. Ein- oder zweimal +machte er schon Miene, wegzugehen.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_73" title="73"> </a></p> + +<p>Endlich hörte er draußen einen Schritt und die Tür +öffnete sich. „Wie spät du kommst, Harry!“ sagte er leisen +Vorwurfs.</p> + +<p>„Zu meinem Bedauern ist es nicht Harry, Herr Gray“, +antwortete eine schrille Stimme.</p> + +<p>Er sah sich rasch um und sprang auf die Füße.</p> + +<p>„Ich bitte um Entschuldigung, ich glaubte —“</p> + +<p>„Sie glaubten, es sei mein Mann. Es ist nur seine +Frau. Ich muß mich schon selbst vorstellen. Ich kenne Sie +aus Ihren Photographien ganz gut. Ich glaube, mein +Mann hat ihrer siebzehn.“</p> + +<p>„Nicht siebzehn, Lady Henry.“</p> + +<p>„Schön, also achtzehn. Und dann habe ich Sie gestern +abend mit ihm in der Oper gesehen.“ Während sie sprach, +lachte sie nervös und beobachtete ihn mit ihren verschwommenen +Vergißmeinnichtaugen. Sie war eine absonderliche +Frau, deren Kleider immer so aussahen, als wären +sie in einem Wutanfall gezeichnet und während eines +Gewitters angezogen worden. Sie war gewöhnlich in +irgend jemand verliebt, und da ihre Leidenschaft nie erwidert +wurde, hatte sie sich alle ihre Illusionen bewahrt. +Sie machte den Versuch, malerisch zu erscheinen, aber es +gelang ihr nur, unordentlich auszusehen. Sie hieß Viktoria +und hatte eine krankhafte Leidenschaft, in die Kirche zu +laufen.</p> + +<p>„Das war im Lohengrin, Lady Henry, nicht wahr?“</p> + +<p>„Ja, es war bei dem entzückenden Lohengrin. Ich liebe +Wagners Musik mehr als die irgendeines anderen. Sie ist +so laut, daß man sich die ganze Zeit unterhalten kann, ohne<a class="pagenum" name="Page_74" title="74"> </a> +daß die Nachbarn hören, was man sagt. Das ist ein +dankenswerter Vorteil. Meinen Sie nicht auch, Herr Gray?“</p> + +<p>Über ihre dünnen Lippen kam wieder das nervöse Stakkatolachen, +und ihre Finger begannen mit einem langen +Papiermesser aus Schildkrot zu spielen.</p> + +<p>Dorian schüttelte lächelnd den Kopf. „Ich bedaure, +Lady Henry, das ist nicht meine Meinung. Ich unterhalte +mich nie, während man spielt — wenigstens nicht, wenn es +gute Musik ist. Wenn man schlechte Musik hört, ist man +freilich verpflichtet, sie durch ein Gespräch zu ertränken.“</p> + +<p>„Ah, das ist eine von Harrys Sentenzen, nicht wahr, +Herr Gray? Ich bekomme Harrys Ansichten immer von +seinen Freunden zu hören. Das ist die einzige Art, wie ich +sie überhaupt erfahre. Aber Sie dürfen nicht glauben, daß +ich nicht auch gute Musik liebe. Ich vergöttere sie, aber ich +fürchte mich vor ihr. Sie macht mich zu romantisch. Ich +habe Klavierspieler geradezu angebetet — manchmal zwei +auf einmal, versichert Harry. Ich weiß nicht, was es für +eine Bewandtnis mit ihnen hat. Vielleicht rührt es daher, +daß sie Ausländer sind. Das sind sie doch alle, nicht +wahr? Selbst die in England Geborenen werden nach +einiger Zeit Ausländer, nicht wahr? Es ist sehr gescheit +von ihnen und für die Kunst sehr vorteilhaft. Das macht +sie zu Kosmopoliten, nicht wahr? Sie waren nie auf einer +meiner Gesellschaften, Herr Gray. Sie müssen einmal +kommen. Ich kann mir zwar keine Orchideen leisten, aber +ich scheue in der Anschaffung von Ausländern keine Ausgabe. +Sie geben dem Hause ein so pittoreskes Aussehen. +Aber da ist Harry. — Harry, ich kam her, um<a class="pagenum" name="Page_75" title="75"> </a> +dich zu suchen, um dich etwas zu fragen — ich habe ganz +vergessen, was — und ich habe Herrn Gray hier getroffen. +Wir haben so entzückend über Musik gesprochen. Unsere +Ansichten darüber sind die gleichen. Nein, ich glaube, unsere +Ansichten darüber sind ganz verschieden. Aber er ist ganz +allerliebst gewesen. Ich freue mich so sehr, ihn einmal gesehen +zu haben.“</p> + +<p>„Das ist ja reizend, meine Liebe, ganz reizend“, sagte +Lord Henry, seine dunkeln geschwungenen Brauen hebend +und beide mit vergnügtem Lächeln ansehend. „Es tut mir +so leid, Dorian, daß ich mich verspätet habe. Ich war in +Wardour Street, um mir einen alten Brokat anzusehen, +und mußte stundenlang darum handeln. Heutzutage kennen +die Leute den Preis von jeder Sache und den Wert von +keiner.“</p> + +<p>„Ich muß leider gehen!“ rief Lady Henry aus und +unterbrach ein verlegenes Schweigen mit ihrem jähen, +grundlosen Lachen. „Ich habe versprochen, mit der Herzogin +auszufahren. Adieu, Herr Gray. Adieu, Harry. +Du speist wohl nicht zu Hause, wie? Ich auch nicht, vielleicht +sehe ich dich bei Lady Thornbury.“</p> + +<p>„Höchstwahrscheinlich, meine Liebe“, sagte Lord Henry +und schloß die Tür hinter ihr, als sie gleich einem Paradiesvogel, +der die ganze Nacht dem Regen ausgesetzt gewesen +war, aus dem Zimmer hinausflatterte, einen feinen +Jasmingeruch hinterlassend. Harry zündete sich eine Zigarette +an und warf sich auf das Sofa. „Heirate nie eine +Frau mit strohgelbem Haar, Dorian“, sagte er nach einigen +Zügen.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_76" title="76"> </a></p> + +<p>„Warum nicht, Harry?“</p> + +<p>„Weil sie so sentimental sind.“</p> + +<p>„Aber ich habe sentimentale Menschen gern.“</p> + +<p>„Heirate überhaupt nie, Dorian! Männer heiraten, weil +sie müde sind; Frauen, weil sie neugierig sind: beide werden +enttäuscht.“</p> + +<p>„Ich glaube nicht, daß ich heiraten werde, Harry. Dazu +bin ich zu verliebt. Das ist einer deiner Aphorismen. Ich +setze ihn in die Wirklichkeit um, wie alles, was du sagst.“</p> + +<p>„In wen bist du verliebt?“ fragte Lord Harry nach +einer Pause.</p> + +<p>„In eine Schauspielerin“, sagte Dorian Gray errötend.</p> + +<p>Lord Henry zuckte die Achseln. „Ein recht landläufiger +Anfang.“</p> + +<p>„Das würdest du nicht sagen, wenn du sie kenntest.“</p> + +<p>„Wer ist's denn?“</p> + +<p>„Sie heißt Sibyl Vane.“</p> + +<p>„Nie von ihr gehört.“</p> + +<p>„Das hat niemand. Aber später einmal wird man von +ihr hören. Sie ist ein Genie.“</p> + +<p>„Mein lieber Junge, es gibt keine Frau, die ein Genie +wäre. Die Frauen sind ein dekoratives Geschlecht. Sie +haben niemals etwas zu sagen, aber sie sagen es entzückend. +Die Frauen bedeuten den Triumph der Materie über den +Geist, wie die Männer den Triumph des Geistes über die +Sittlichkeit.“</p> + +<p>„Harry, wie kannst du?“</p> + +<p>„Mein lieber Dorian, es ist aber wahr. Ich beschäftige +mich gerade mit der Analyse der Frauen, daher muß ich<a class="pagenum" name="Page_77" title="77"> </a> +das wissen. Das Thema ist nicht so verwickelt, wie ich +glaubte. Ich finde, daß es schließlich nur zwei Arten von +Frauen gibt, die einfachen und die geschminkten. Die einfachen +Frauen sind sehr nützlich. Wenn du als ehrbarer +Mensch gelten willst, mußt du nur eine von ihnen zu Tisch +führen. Die andern Frauen sind zum Entzücken. Aber sie +begehen einen Fehler. Sie schminken sich, um jung auszusehen. +Unsere Großmütter schminkten sich, um geistreich +zu plaudern. Rouge und Esprit gingen Hand in Hand. +Das ist jetzt alles vorbei. Solange eine Frau zehn Jahre +jünger aussehen kann als ihre Tochter, ist sie gänzlich +zufrieden. Was die Konversation betrifft, so gibt es in +ganz London höchstens fünf Frauen, mit denen sich's zu +reden lohnt, und zwei davon sind in anständiger Gesellschaft +nicht möglich. Aber genug, erzähl' mir was von +deinem Genie! Wie lange kennst du sie?“</p> + +<p>„Ach, Harry, deine Ansichten erschrecken mich!“</p> + +<p>„Mach' dir darum keine Kopfschmerzen. Wie lange kennst +du sie also?“</p> + +<p>„Ungefähr drei Wochen.“</p> + +<p>„Und wo hast du die Entdeckung gemacht?“</p> + +<p>„Ich will dir's erzählen, Harry, aber du mußt nicht +häßlich darüber reden. Übrigens wär's gar nicht dazu +gekommen, wenn ich dich nicht kennengelernt hätte. Du hast +mich mit einer wilden Begierde, alles im Leben kennenzulernen, +angefüllt. Noch viele Tage, nachdem ich dich +zuerst gesehen hatte, schien in meinen Adern etwas zu rumoren. +Wenn ich im Park spazierte oder Piccadilly +hinunterschlenderte, schaute ich jeden an, der mir entgegenkam,<a class="pagenum" name="Page_78" title="78"> </a> +und wollte mit einer tollen Neugierde herauskriegen, +was für eine Art Leben die Leute alle führten. +Einige von ihnen fesselten mich. Andere erfüllten mich +mit Schauder. Es schwamm ein verführerisches Gift in der +Luft. Mich hatte eine Leidenschaft nach Erlebnissen gepackt... Eines Abends also gegen sieben beschloß ich, mich +auf die Suche nach einem Abenteuer zu begeben. Ich hatte +solch Gefühl, daß unser graues, riesenhaftes London mit +seinen vielen Hunderttausenden schmutzigen Sündern und +seinen schillernden Sünden, wie du dich mal ausdrücktest, +irgend etwas für mich in Bereitschaft halten müsse. Ich +erfand mir tausenderlei Dinge. Schon die bloße Gefahr +schenkte mir einen gewissen Genuß. Ich erinnerte mich an +das, was du mir sagtest an dem wunderbaren Abend, als +wir das erstemal zusammen speisten: daß nämlich das +Suchen nach Schönheit das eigentliche Geheimnis des +Lebens sei. Ich weiß nicht, was ich erwartete, aber ich +ging drauflos und wanderte nach dem Osten, wo ich +meinen Weg bald in einem Wirrwarr von rußigen Straßen +und schwarzen, graslosen Plätzen verlor. Gegen halb acht +kam ich an einem kleinen, schnurrigen Theater mit großen, +flackernden Gasflammen und grellen Plakaten vorbei. Ein +widerlicher Jude, in dem erstaunlichsten Rock, den ich +mein Lebtag gesehen habe, stand an der Tür und paffte +eine stänkrige Zigarre. Er hatte fettige Peies, und ein +riesiger Brillant glitzerte auf seiner schmutzigen Hemdenbrust. +‚Eine Loge, Herr Baron?‛ fragte er mich und nahm +seinen Hut mit grandioser Unterwürfigkeit ab. Er hatte +etwas an sich, Harry, was mich belustigte. Er war das<a class="pagenum" name="Page_79" title="79"> </a> +reine Monstrum. Du wirst mich auslachen, ich weiß schon, +aber ich trat wirklich ein und erlegte ein Zwanzigmarkstück +für die Proszeniumsloge. Ich kann mir noch heute +nicht erklären, warum ich das tat; und doch — wenn ich's +nicht getan hätte — bester Harry, ich wäre um das größte +Ereignis meines Lebens gekommen. Ja, lach du nur. Es +ist häßlich von dir.“</p> + +<p>„Ich lache nicht, Dorian, wenigstens nicht über dich. +Aber du solltest es nicht das größte Ereignis deines Lebens +nennen. Sage lieber, das erste Ereignis deines Lebens. Du +wirst immer geliebt werden, und du wirst in die Liebe +immer verliebt sein. Die grande Passion ist das Vorrecht +aller Leute, die nichts zu tun haben. Das ist der einzige +Nutzen, den die Tagediebe eines Landes bringen. Habe +keine Angst! Himmlische Dinge warten noch deiner. Das +ist der bloße Anfang.“</p> + +<p>„Hältst du meine Natur für so oberflächlich?“ rief +Dorian Gray gekränkt.</p> + +<p>„Nein, ich halte sie für so tief.“</p> + +<p>„Wie meinst du das?“</p> + +<p>„Mein lieber Junge, die Leute, die nur einmal im +Leben lieben, das sind in Wirklichkeit die Oberflächlichen. +Was sie Anstand und Treue nennen, nenne ich entweder +die Trägheit der Gewohnheit oder Mangel an Einbildungskraft. +Treue ist im Gefühlsleben dasselbe, was +Konsequenz im Geistesleben ist, nichts als das Zugeständnis +von Schwäche. Treue! Ich muß ihren Begriff später +mal analysieren. Freude am Besitz liegt darin. Welche +Menge von Dingen würden wir wegwerfen, wenn wir nicht<a class="pagenum" name="Page_80" title="80"> </a> +fürchten müßten, andere könnten sie auflesen. Aber ich +möchte dich nicht unterbrechen. Erzähle weiter.“</p> + +<p>„Ich saß also in einer schauderhaften kleinen Loge, und +ein ordinärer Vorhang starrte mir gerade ins Gesicht. Ich +schaute hinter der Gardine vor und sah mich im Hause um. +Es war ein schäbig-elegantes Ding, gestopft voll mit Amoretten +und Füllhörnern, wie auf einem Hochzeitskuchen +billigster Sorte. Galerie und Stehparterre waren leidlich +voll, aber die zwei Reihen schmieriger Fauteuils vorne +waren ganz leer und auf dem Platze, den sie vermutlich +ersten Rang titulierten, saß kaum ein Mensch. Weiber +gingen mit Orangen und Ingwerbier herum, und eine unglaubliche +Masse von Nüssen wurde verknackt.“</p> + +<p>„Es muß ganz wie in der Glanzzeit des britischen +Dramas gewesen <ins title="sein.">sein.“</ins></p> + +<p>„Ganz so, vermute ich, und sehr niederdrückend. Ich +begann, zu überlegen, was um Himmels willen ich da +anfangen sollte, als mein Blick auf den Theaterzettel fiel. +Was glaubst du, was sie spielten, Harry?“</p> + +<p>„Ich vermute, der ‚kleine Kretin‛ oder ‚Blödsinnig, aber +unschuldig‛. Unsere Väter liebten diese Art Stücke, glaube +ich. Je länger ich lebe, Dorian, je stärker fühle ich, daß +alles, was für unsere Väter gut genug war, für uns noch +lange nicht gut genug ist. In der Kunst wie in der Politik +<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">les grandpères ont toujours tort</span>.“</p> + +<p>„Das Stück war gut genug für uns, Harry. Es war +‚<ins title="Romea">Romeo</ins> und Julia‛. Ich muß zugeben, daß mich der Gedanke, +Shakespeare in einer so elenden Spelunke zu sehen, +ärgerte. Und doch interessierte es mich irgendwie. Jedenfalls<a class="pagenum" name="Page_81" title="81"> </a> +entschloß ich mich, den ersten Akt abzuwarten. Es +spielte da ein schauderöses Orchester, das ein junger Hebräer +dirigierte, der an einem schnarrenden Klavier saß, +mich beinah zum Davonlaufen brachte; aber schließlich +ging doch der Vorhang in die Höhe und das Stück fing +an. Romeo war ein hahnebüchener älterer Herr mit dick gemalten +Brauen, einer versoffenen Tragödenstimme und +einer Falstaffgestalt wie eine Biertonne. Mercutio war +fast ebenso arg. Er wurde vom Komiker gespielt, der +Mätzchen eigener Improvisation einstreute und in der verwandtschaftlichsten +Beziehung zur Galerie stand. Sie waren +beide genau so grotesk wie die Szenerie, und die sah aus, +als käme sie vom Jahrmarktsrummel. Aber Julia! Harry, +stell dir ein Mädchen vor, kaum siebzehn Jahre alt, mit +einem blumenhaften Gesichtchen, einem schmalen griechischen +Kopf mit dunkelbraunen Zöpfen, mit Augen, wie +veilchenblaue Brunnen heißer Leidenschaft, mit Lippen +wie Rosenblätter. Das entzückendste Geschöpf, das ich je +im Leben gesehen habe. Du sagtest mal zu mir, Pathos +ergreife dich nicht, aber Schönheit, keusche Schönheit an +sich, könnte deine Augen wohl mit Tränen füllen. Ich +sage dir, Harry, ich konnte dieses Mädchen kaum sehen, +von dem Tränenflor über meinen Augen. Und ihre +Stimme — ich habe so eine Stimme nie gehört. Zuerst sehr +leise in tiefen, vollen Molltönen, die langsam und jeder +für sich allein ins Ohr zu träufeln schienen. Dann etwas +lauter und erklingend wie eine Flöte oder eine ferne +Hoboe. In der Gartenszene hatte sie jene zitternde Inbrunst, +die man hört, wenn die Nachtigallen singen vor<a class="pagenum" name="Page_82" title="82"> </a> +Tag und Tau. Es gab dann Augenblicke, wo ihre Stimme +die verhaltene Leidenschaftsglut von Geigentönen hatte. +Du weißt, wie eine Stimme einen erschüttern kann. Deine +Stimme und die Stimme von Sibyl Vane, die beiden +werde ich nie vergessen. Wenn ich meine Augen schließe, +höre ich sie, und jede von ihnen sagt etwas anderes. Ich +weiß nicht, welcher ich folgen soll. Warum sollte ich sie +nicht lieben? Harry, ich liebe sie. Sie ist alles in meinem +Leben. Abend für Abend gehe ich hin, um sie spielen zu +sehen. An einem Abend ist sie Rosalinde, am nächsten +Imogen. Ich habe sie im Düster eines italienischen Grabgewölbes +sterben sehen, wie sie das Gift von den Lippen +des Geliebten trinkt. Ich bin ihrer Wanderung durch die +Ardennen gefolgt, wie sie als hübscher Knabe mit Hose, +Wams und einem kleinen Barett verkleidet war. Sie war +wahnsinnig und ist vor einen schuldbewußten König hingetreten +und ließ ihn Rauten tragen und bittere Kräuter +kosten. Sie war unschuldig, und die schwarzen Hände der +Eifersucht haben ihren zarten Hals zusammengepreßt. Ich +habe sie in jedem Jahrhundert und in jeder Tracht gesehen. +Gewöhnliche Frauen sagen unserer Phantasie nichts. +Sie sind in ihre Zeit hineingebannt. Kein Zauber kann +sie umwandeln. Man kennt ihren Geist ebenso schnell +wie ihre Güte. Man kennt sie immer heraus. Es gibt +kein Geheimnis in ihnen. Sie reiten morgens in den +Park und schnattern nachmittags beim Tee. Sie haben +ihr stereotypes Lächeln und ihre eleganten Modemanieren. +Aber eine Schauspielerin! Wie anders solche Schauspielerin! +Harry! Warum hast du mir nicht gesagt,<a class="pagenum" name="Page_83" title="83"> </a> +daß nichts geliebt zu werden verdient als eine Schauspielerin?“</p> + +<p>„Weil ich so viele von ihnen geliebt habe, Dorian.“</p> + +<p>„Oh, gewiß, gräßliche Geschöpfe mit gefärbten Haaren +und geschminkten Gesichtern.“</p> + +<p>„Schmähe nicht gefärbtes Haar und geschminkte Gesichter. +Es liegt zuweilen ein ganz besonderer Reiz darin“, +sagte Lord Henry.</p> + +<p>„Ich wollte, ich hätte dir nie etwas von Sibyl Vane +gesagt.“</p> + +<p>„Du hättest gar nicht anders können, Dorian. Dein +ganzes Leben lang wirst du mir alles sagen, was du tust.“</p> + +<p>„Ja, Harry, ich glaube, es ist so. Ich bin geradezu gezwungen, +dir alles zu sagen. Du hast eine seltsame Macht +über mich. Wenn ich je ein Verbrechen beginge, käme ich +gleich zu dir und beichtete es dir. Du würdest mich verstehen.“</p> + +<p>„Menschen wie du — die kühnen Sonnenstrahlen des +Lebens — begehen keine Verbrechen, Dorian. Aber ich +danke dir trotzdem für dein Kompliment. Und nun sag' +mir — bitte gib mir mal die Streichhölzer herüber; danke +— wie sind deine wirklichen Beziehungen zu Sibyl Vane?“</p> + +<p>Dorian Gray sprang mit geröteten Wangen und blitzenden +Augen auf. „Harry! Sibyl Vane ist mir heilig.“</p> + +<p>„Nur heilige Dinge sind wert, sie anzurühren, Dorian“, +sagte Lord Henry mit einem merkwürdigen pathetischen +Ton in seiner Stimme. „Aber warum fühlst du dich verletzt? +Ich vermute, sie wird dir eines Tages gehören. +Wenn man verliebt ist, fängt man immer damit an, sich<a class="pagenum" name="Page_84" title="84"> </a> +selbst zu betrügen, und hört immer damit auf, andere zu +betrügen. Das nennt die Welt eine Liebesgeschichte. Auf +jeden Fall denke ich, du kennst sie?“</p> + +<p>„Natürlich kenne ich sie. Schon am ersten Abend im +Theater kam der gräßliche alte Jude nach der Vorstellung +in meine Loge und bot mir an, mich hinter die Kulissen zu +führen und ihr vorzustellen. Ich war wütend und sagte +ihm, daß Julia seit Hunderten von Jahren tot sei und daß +ihr Körper in einem Marmorgrabe zu Verona liege. Nach +dem bestürzten Ausdruck in seinem Gesicht vermute ich, +daß er glaubte, ich hätte zuviel Champagner oder Ähnliches +getrunken.“</p> + +<p>„Kein Wunder!“</p> + +<p>„Dann fragte er mich, ob ich für irgendeine Zeitung +schreibe. Ich sagte ihm, daß ich nicht mal eine lese. Das +schien ihn furchtbar zu enttäuschen, und er vertraute mir +an, alle Theaterkritiker hätten sich gegen ihn verschworen +und jeder einzelne von ihnen wäre käuflich.“</p> + +<p>„Es sollte mich nicht wundern, wenn er ganz recht hätte. +Andererseits aber, nach ihrem Aussehen zu schließen, können +sie meistens gar nicht teuer sein.“</p> + +<p>„Einerlei, sie schienen über seine Mittel zu gehen“, sagte +Dorian lachend. „Inzwischen aber wurden die Lichter im +Theater ausgedreht und ich mußte fort. Er bat mich noch, +einige Zigarren zu probieren, die er mir sehr warm +empfahl. Ich dankte. Am nächsten Abend ging ich natürlich +wieder hin. Als er mich sah, machte er eine tiefe Verbeugung +und versicherte mir, ich sei ein edelmütiger Kunstmäzen. +Er ist eine höchst abstoßende Kreatur, obwohl er<a class="pagenum" name="Page_85" title="85"> </a> +eine außerordentliche Leidenschaft für Shakespeare hegt. +Er erzählte mir mal mit einem Anflug von Stolz, seine +fünf Bankrotte verdanke er nur dem ‚Barden‛; so nannte +er nämlich hartnäckig Shakespeare. Er schien das für ein +Verdienst zu halten.“</p> + +<p>„Es ist ein Verdienst, lieber Dorian — ein großes +Verdienst. Die meisten Leute werden bankrott, weil sie +zuviel in der Prosa des Lebens angelegt haben. Sich mit +Poesie ruiniert zu haben, ist eine ehrenvolle Auszeichnung. +Aber wann hast du Fräulein Sibyl Vane zum erstenmal +<ins title="gesprochen?">gesprochen?“</ins></p> + +<p>„Am dritten Abend. Sie hatte die Rosalinde gespielt. +Ich mußte hinter die Bühne gehen. Ich hatte ihr ein +paar Blumen zugeworfen, und sie hatte zu mir hingesehen, +wenigstens bildete ich es mir ein. Der alte Jude war +beharrlich. Er schien entschlossen, mich mit nach hinten zu +nehmen, und so gab ich nach. Es war sonderbar, daß ich +sie nicht kennenlernen wollte, nicht wahr?“</p> + +<p>„Nein, ich glaube nicht.“</p> + +<p>„Warum, lieber Harry?“</p> + +<p>„Ich erkläre dir das ein andermal. Jetzt möchte ich +gern von dem Mädchen hören.“</p> + +<p>„Von Sibyl? Oh, sie war so schüchtern und lieb. Sie ist +noch fast wie ein Kind. Ihre Augen öffneten sich in einem +allerliebsten Staunen, als ich ihr sagte, was ich über ihr +Spiel dachte, und sie schien sich ihres eigenen Könnens +gar nicht bewußt zu sein. Ich glaube, wir waren beide +recht nervös. Der alte Jude stand grinsend an der Tür der +staubigen Garderobe und hielt theatralische Reden über<a class="pagenum" name="Page_86" title="86"> </a> +uns beide, während wir uns wie Kinder anstarrten. Er +bestand darauf, mich ‚Herr Baron‛ zu nennen, so daß ich +Sibyl versichern mußte, ich sei nichts der Art. Sie sagte in +ganz schlichter Weise zu mir: ‚Sie sehen mehr wie ein +Prinz aus. Ich will Sie Prinz Märchenschön nennen‛.“</p> + +<p>„Mein Wort, Dorian, Fräulein Sibyl versteht es, +Schmeicheleien zu sagen.“</p> + +<p>„Du verstehst sie nicht, Harry. Sie betrachtete mich nur +wie eine Figur in einem Theaterstück. Sie weiß gar nichts +vom Leben. Sie wohnt bei ihrer Mutter, einer verblühten, +ältlichen Frau, die am ersten Abend in einer Art +türkisch-rotem Schlafrock die Lady Capulet spielte und den +Eindruck machte, als hätte sie bessere Tage gesehen.“</p> + +<p>„Ich kenne diese Art, auszusehen. Sie stimmt mich unbehaglich“, +sagte Lord Henry mit verhaltener Stimme und +betrachtete seine Ringe.</p> + +<p>„Der Jude wollte mir ihre Lebensgeschichte erzählen, +aber ich bemerkte, sie interessiere mich nicht.“</p> + +<p>„Da hattest du recht. Die Tragödien anderer Leute +haben immer etwas unglaublich Gewöhnliches an sich.“</p> + +<p>„Sibyl ist das einzige, um das ich mich kümmere. Was +geht's mich an, woher sie stammt? Von ihrem kleinen +Kopf bis zu ihrem kleinen Fuß ist sie ein himmlisches +Wesen. Jeden Abend, den ich erlebe, gehe ich hin, um sie +spielen zu sehen, und jeden Abend ist sie entzückender.“</p> + +<p>„Ich vermute darin den Grund, weshalb du jetzt nie +mehr mit mir zusammen ißt. Ich dachte mir gleich, daß dahinter +irgendeine merkwürdige Geschichte stecke. Das ist so, +aber es ist nicht ganz, was ich erwartete.“</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_87" title="87"> </a></p> + +<p>„Lieber Harry, wir sind jeden Tag entweder beim Frühstück +oder beim Abendessen zusammen, und ich bin mehrere +Male mit dir in der Oper gewesen“, sagte Dorian und +öffnete verwundert seine blauen Augen.</p> + +<p>„Du kommst immer furchtbar spät.“</p> + +<p>„Ja, ich muß hin und Sibyl spielen sehen, und wenn +auch nur einen Akt lang. Ich hungere nach ihrem Anblick, +und wenn ich an die himmlische Seele denke, die in diesem +zierlichen Elfenbeinkörper eingeschlossen ist, packt mich stille +Ehrfurcht.“</p> + +<p>„Kannst du heute abend mit mir essen, Dorian?“</p> + +<p>Er schüttelte den Kopf. „Heute abend ist sie Imogen,“ +antwortete er, „und morgen abend Julia.“</p> + +<p>„Wann ist sie Sibyl Vane?“</p> + +<p>„Nie!“</p> + +<p>„Da wünsche ich dir Glück.“</p> + +<p>„Wie schrecklich du bist! Sie verkörpert alle die großen +Frauengestalten der Weltgeschichte in sich. Sie ist mehr als +ein Geschöpf. Du lachst, aber ich sage dir, sie ist ein Genie. +Ich liebe sie und ich will's erreichen, daß sie mich auch liebt. +Dir sind alle Geheimnisse des Lebens bekannt, du mußt mir +sagen, wie ich Sibyl Vane so bezaubern kann, daß sie mich +liebt. Ich will Romeo eifersüchtig machen. Ich will, daß die +toten Liebhaber der Welt unser Lachen hören und sich grämen. +Ich will, daß unsere strahlende Leidenschaft ihren Staub +wieder beleben und ihre Asche zu Schmerzen auferwecken +soll. O Gott, Harry, wie bete ich sie an!“ Er ging, während +er sprach, im Zimmer auf und ab. Rote hektische Flecken +brannten auf seinen Wangen. Er war furchtbar erregt.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_88" title="88"> </a></p> + +<p>Lord Henry betrachtete ihn mit stillem Wohlbehagen. +Wie anders war er jetzt als jener verlegene, schüchterne +Knabe, den er in Basil Hallwards Atelier angetroffen +hatte! Seine Natur hatte sich entwickelt wie eine Blume +und trug Blüten von brennendrotem Scharlach. Aus ihrem +geheimen Versteck war seine Seele hervorgekrochen, und +die Wollust war ihr auf halbem Wege entgegengekommen.</p> + +<p>„Und was hast du nun vor?“ sagte Lord Henry schließlich.</p> + +<p>„Ich will, du und Basil sollt mich an einem Abend +begleiten und sie spielen sehen. Ich setze nicht die leiseste +Besorgnis in die Wirkung. Ihr werdet zugeben müssen, +daß sie Genie hat. Dann müssen wir sie dem Juden aus +den Händen winden. Sie ist noch drei Jahre — genau +zwei Jahre und acht Monate — an ihn gebunden. Natürlich +werde ich ihm etwas zahlen müssen. Wenn das alles +in Ordnung ist, suche ich mir ein Theater im Westend und +lasse sie dort erst mal richtig auftreten. Sie wird die Welt +ebenso verrückt machen wie mich.“</p> + +<p>„Das wird kaum gehen, lieber Junge.“</p> + +<p>„Ja, sie wird es; denn in ihr ist nicht nur Kunst, +vollendetster Kunstinstinkt, sondern sie hat auch Persönlichkeit; +und du selbst hast mir oft genug gesagt, daß nur +Persönlichkeiten, nicht Prinzipien die Welt beherrschen.“</p> + +<p>„Schön, wann sollen wir also hingehen?“</p> + +<p>„Laß mich mal nachdenken. Heute ist Dienstag. Wollen +wir morgen festsetzen? Morgen spielt sie die Julia.“</p> + +<p>„Abgemacht! Morgen um acht im Bristol. Ich werde +Basil mitbringen.“</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_89" title="89"> </a></p> + +<p>„Bitte, nicht um acht Uhr, Harry. Halbsieben. Wir +müssen dort sein, ehe der Vorhang aufgeht. Du mußt sie +im ersten Akt bei der Begegnung mit Romeo sehen.“</p> + +<p>„Halbsieben Uhr! Was für eine Tageszeit! Das wäre +ja gerade so, wie ein Abendbrot am Nachmittag essen oder +einen englischen Roman lesen. Vor sieben Uhr geht's nicht. +Kein Gentleman speist vor sieben. Siehst du Basil bis +dahin? Oder soll ich ihm schreiben?“</p> + +<p>„Der liebe Basil! Ich habe mich eine ganze Woche lang +nicht um ihn gekümmert. Das ist sehr häßlich von mir, +denn er hat mir mein Porträt in einem prachtvollen Rahmen, +den er selbst entworfen hat, geschickt, und obwohl +ich ein bißchen eifersüchtig auf das Bild bin, weil es einen +ganzen Monat jünger ist als ich, muß ich doch zugeben, daß +es mich ganz entzückt. Ich bitte, schreib lieber. Ich möchte +ihn nicht allein wiedersehen. Er sagt mir Dinge, die mich +verstimmen. Er gibt mir gute Lehren.“</p> + +<p>Lord Henry lächelte. „Die Menschen haben eine starke +Vorliebe, das wegzuschenken, was sie selber am nötigsten +hätten. Ich nenne das den Chimborasso Freigebigkeit.“</p> + +<p>„Oh, Basil ist der beste Mensch, aber er scheint mir doch +ein klein bißchen Philister zu sein. Seit ich dich kenne, +Harry, hab' ich das entdeckt.“</p> + +<p>„Basil, mein lieber Junge, tränkt seine Werke mit +allem, was an ihm entzückend ist. Die Folge ist, daß ihm +fürs Leben nichts übrigbleibt als seine Vorurteile, seine +Grundsätze und sein gesunder Menschenverstand. Alle Künstler, +die ich kennengelernt habe, und die persönlich von +Anziehungskraft sind, waren schlechte Künstler. Gute Künstler<a class="pagenum" name="Page_90" title="90"> </a> +leben nur in ihren Schöpfungen und sind daher im +Leben vollständig uninteressant. Ein großer Dichter, ein +wirklich großer Dichter ist das unpoetischste Geschöpf von +der Welt. Aber untergeordnete Dichter bezaubern immer. +Je schlechter ihre Reime sind, desto malerischer ist ihr +Aussehen. Die bloße Tatsache, eine Sammlung mittelmäßiger +Sonette veröffentlicht zu haben, macht solchen +Menschen einfach unwiderstehlich. Er lebt die Poesie, die +er nicht schreiben kann. Die anderen schreiben die Poesie, +die sie nicht zu leben wagen.“</p> + +<p>„Ich möchte wissen, ob das wirklich so ist, Harry“, sagte +Dorian Gray, der inzwischen aus einem großen goldgefaßten +Flakon auf dem Tische etwas Parfüm auf sein +Taschentuch gegossen hatte. „Es wird wohl sein, wenn +du es sagst. Jetzt aber muß ich fort. Imogen wartet auf +mich. Vergiß nicht, morgen! Adieu!“</p> + +<p>Als er das Zimmer verlassen hatte, schloß Lord Henry +die schweren Lider und begann nachzudenken. Gewiß hatten +ihn wenige Menschen bisher so interessiert wie Dorian +Gray, und doch verursachte ihm die wahnsinnige Leidenschaft +des Jünglings für eine andere Person nicht im entferntesten +Ärger oder Eifersucht. Es freute ihn. Dorian +wurde dadurch nur noch interessanter. Die Methoden der +Naturwissenschaft hatten ihn immer entzückt, aber der +gewöhnliche Gegenstand dieser Wissenschaft war ihm kleinlich +und belanglos erschienen, und so hatte er begonnen, +sich selbst zu vivisezieren und hatte damit geendet, andere +zu vivisezieren. Das Menschenleben — das schien ihm +der einzige einer Untersuchung werte Gegenstand. Verglichen<a class="pagenum" name="Page_91" title="91"> </a> +damit war alles andere ohne jegliche Bedeutung. +Freilich, wenn man das Leben in dem seltsamen +Schmelztiegel des Schmerzes und der Lust beobachtete, +konnte man keine Glasmaske über dem Gesicht tragen, +konnte auch nicht die Schwefeldämpfe abhalten, die einem +das Gehirn verwirrten und die Phantasie mit monströsen +Ausgeburten und mißratenen Träumen umwirbelten. Es +gab so feine Gifte, daß man an ihnen erkrankt sein mußte, +um ihre Eigenheiten zu kennen. Es gab so seltsame Krankheiten, +daß man sie durchgemacht haben mußte, um +ihre Art zu begreifen. Und doch, welchen Lohn empfing +man dafür! Wie wunderbar wandelt sich einem dann +die ganze Welt! Die merkwürdig strenge Logik der Leidenschaft +und das buntgefärbte Trieb- und Gefühlsleben +des Geistes anzumerken — zu beobachten, wo sich +die beiden Linien schneiden und wo sie auseinandergehen, +in welchem Punkte sie in Eintracht leben und in welchem +sie sich wieder bekriegen — das ist ein Genuß! Was liegt +an dem Preise dafür! Man kann nie einen zu hohen Preis +für ein Sinnenerlebnis geben.</p> + +<p>Er war sich bewußt — und dieser Gedanke brachte einen +freudigen Glanz in seine achatbraunen Augen — daß sich +durch gewisse Worte, die er gesprochen hatte, musikalische +Worte in melodischem Tonfall, Dorian Grays +Seele diesem weißen Mädchen zugewendet und sich in +Verehrung vor ihr gebeugt hatte. In hohem Maße war +der Jüngling sein Geschöpf. Er hatte ihn vor der Zeit +reifen lassen. Das war schon was. Die gewöhnlichen +Menschen warten, bis ihnen das Leben seine Geheimnisse<a class="pagenum" name="Page_92" title="92"> </a> +aufschließt, aber den wenigen Auserwählten werden die +Mysterien des Daseins enthüllt, bevor der Schleier weggezogen +wird. Manchmal ist das die Wirkung der Kunst, +besonders der Dichtung, die ja unmittelbar die Leidenschaften +und den Intellekt behandelt. Ab und zu nimmt +aber eine komplizierte Persönlichkeit diesen Platz ein und +übt das Amt der Kunst aus, ist eigentlich auf ihre Weise +ein richtiges Kunstwerk, denn das Leben schafft ebenso +seine vollendeten Meisterwerke wie die Poesie oder die +Bildhauerkunst oder die Malerei.</p> + +<p>Ja, dieser Jüngling war vor der Zeit reich. Er erntete, +während er noch lenzte. Der Puls und die Leidenschaft der +Jugend wohnten in ihm, und er begann, seiner bewußt zu +werden. Es war entzückend, ihn zu beobachten. Mit seinem +schönen Angesicht und seiner schönen Seele war er ein +Stück Leben zum Anstaunen. Es lag nichts daran, wie das +alles endete, oder enden sollte. Er glich einer der graziösen +Gestalten auf einem Gobelin oder in einem Schauspiel, +deren Freuden von den unseren weit entfernt zu sein +scheinen, aber deren Schmerzen unseren Schönheitssinn +erregen und deren Wunden wie rote Rosen sind.</p> + +<p>Seele und Leib, Leib und Seele — wie geheimnisvoll +das alles ist! Animalisches ist in der Seele, und der Leib +hat seine Augenblicke geistiger Veredlung. Die Sinne können +sich läutern, und der Intellekt kann sich vergröbern. +Wer kann sagen, wo die fleischlichen Triebe endigen und die +seelischen beginnen? Wie flach sind die willkürlichen Erklärungen +der handwerksmäßigen Psychologen! Und doch, +wie schwierig ist die Entscheidung zwischen den Lehren der<a class="pagenum" name="Page_93" title="93"> </a> +einzelnen Schulen. Ist die Seele ein Schatten, der im +Hause der Sünde wohnt? Oder ist der Körper wirklich +in der Seele eingeschlossen, wie es sich Giordano Bruno +dachte? Die Trennung von Geist und Stoff ist ein Geheimnis, +und die Vereinigung von Geist und Stoff ist +abermals ein Geheimnis.</p> + +<p>Er dachte darüber nach, ob wir je die Psychologie zu +einer so exakten Wissenschaft machen können, daß uns auch +das kleinste Triebrädchen des Lebens offenbar würde. +Wie die Dinge heute liegen, begreifen wir uns selbst nie +und die anderen nur selten. Die Erfahrung hat keinerlei +ethische Bedeutung. Sie ist nur das Firmenschild, das +die Menschen ihren Irrtümern anhängen. Die Moralisten +haben sie meist als eine Art Warnung betrachtet, haben für +sie eine gewisse ethische Wirksamkeit in der Bildung der +Charaktere beansprucht, haben sie als Mittel gepriesen, +das uns darüber aufklärt, was wir tun und lassen +sollen. Aber in der Erfahrung liegt keine bewegende +Kraft. Sie ist ebensowenig eine tätige Ursache wie das +Gewissen. Alles, was sie in Wirklichkeit lehrt, ist, daß +unsere Zukunft ebenso sein wird wie unsere Vergangenheit, +und daß wir die Sünde, die wir dereinst mit Abscheu und +Widerwillen begangen haben, immer und immer wieder +und dann mit Genuß wiederholen werden.</p> + +<p>Er war sich darüber klar, daß die Versuchsmethode die +einzige sei, durch die man zu irgendeiner wissenschaftlichen +Erklärung der Leidenschaften kommen könne; und sicher +war ihm Dorian Gray ein bequemes Objekt und schien +reiche und wertvolle Erfolge zu versprechen. Seine jähe<a class="pagenum" name="Page_94" title="94"> </a> +sturmartige Liebe zu Sibyl Vane war eine psychologische +Tatsache von großem Interesse. Kein Zweifel, daß die +Neugier dabei stark im Spiele war, Neugier und Lust an +neuen Erlebnissen; doch es war keine einfache, sondern eher +eine recht komplizierte Leidenschaft. Was von dem rein +sinnlichen Triebe des Knabenalters in ihr war, das hatte +die Mitarbeit der Phantasie umgebildet, in irgendwas +verwandelt, das dem Jüngling selbst ganz fern von allem +Sinnlichen schien und gerade deshalb um so gefährlicher +war. Alle Leidenschaften, über deren Ursprung wir uns +selbst täuschen, üben die stärkste Herrschaft auf uns aus. +Unsere schwächsten Triebkräfte sind die, über deren Natur +wir klar sehen. Es kommt oft vor, daß wir im Denken +mit uns selbst Experimente anstellen und glauben, sie +mit anderen zu versuchen.</p> + +<p>Während Lord Henry noch dasaß und über diese Dinge +nachgrübelte, wurde an die Tür geklopft; ein Diener trat +ein und erinnerte ihn, daß es Zeit sei, sich für das Abendessen +umzukleiden. Er erhob sich und blickte auf die Straße +hinab. Der Sonnenuntergang hatte die oberen Fenster +der gegenüberliegenden Häuser in ein feuerrotes Gold +getaucht. Die Scheiben glühten wie erhitzte Metallplatten. +Der Himmel drüber glich einer verwelkten Rose. Es erinnerte +ihn an das junge, flammenlodernde Leben seines +Freundes, und er fragte sich, wie das alles enden würde.</p> + +<p>Als er dann gegen halb ein Uhr nachts nach Hause kam, +fand er im Vorflur auf dem Tische ein Telegramm liegen. +Er öffnete es und sah, daß es von Dorian Gray war. Es +teilte ihm mit, daß er sich mit Sibyl Vane verlobt habe.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_95" title="95"> </a></p> + + + + +<h2><a name="Funftes_Kapitel" id="Funftes_Kapitel"></a>Fünftes Kapitel</h2> + + +<p>„Mutter, Mutter, ich bin so glücklich!“ flüsterte das +Mädchen und barg ihr Gesicht im Schoße der verblühten, +müde aussehenden Frau, die mit dem Rücken +gegen das grell eindringende Licht in dem einzigen Armstuhl +saß, den ihr armseliges Wohnzimmer enthielt. „Ich +bin so glücklich!“ wiederholte sie, „und du wirst auch glücklich +sein.“</p> + +<p>Frau Vane zuckte zusammen und legte ihre dünnen, +wismutweißen Hände auf den Kopf ihrer Tochter. „Glücklich!“ +echote sie, „ich bin nur glücklich, Sibyl, wenn ich dich +spielen sehe. Du darfst an nichts anderes denken als an +deine Rollen. Herr Isaacs ist sehr gut gegen uns gewesen, +und wir sind ihm Geld schuldig.“</p> + +<p>Das Mädchen sah auf und ließ die Lippen hängen. +„Geld, Mutter?“ rief sie, „was liegt an Geld? Liebe ist +mehr als Geld!“</p> + +<p>„Herr Isaacs hat uns tausend Mark Vorschuß gegeben, +damit wir unsere Schulden zahlen und für James eine +anständige Ausrüstung anschaffen können. Das darfst du +nicht vergessen, Sibyl. Tausend Mark sind ein sehr großer +Betrag. Herr Isaacs benahm sich sehr anständig.“</p> + +<p>„Er ist kein Gentleman, Mutter, und ich hasse die Art, +wie er mit mir spricht“, sagte das Mädchen, stand auf +und trat ans Fenster.</p> + +<p>„Ich wüßte nicht, wie wir ohne ihn vorwärts kämen“, +entgegnete die alte Frau weinerlich.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_96" title="96"> </a></p> + +<p>Sibyl Vane warf den Kopf in den Nacken und lachte: +„Wir brauchen ihn nicht mehr, Mutter, der Prinz Märchenschön +bestimmt von jetzt ab über unser Leben.“ Dann +schwieg sie. Eine Blutwelle schoß in ihre Wangen und +tauchte sie in ein dunkles Rot. Der rasche Atem öffnete +ihre blühenden Lippen. Sie zitterten. Ein Südwind heißer +Leidenschaft durchbrauste sie und bewegte die glatten Falten +ihrer Gewandung. „Ich liebe ihn“, sagte sie mit einfachem +Ausdruck.</p> + +<p>„Närrisches Kind! närrisches Kind!“ waren die papageienhaften +Worte, die ihr als Antwort entgegenflogen. +Dabei machte die beschwörende Bewegung ihrer gekrümmten, +mit unechten Ringen gezierten Finger diesen Ausruf +noch komischer.</p> + +<p>Das Mädchen lachte wieder. In ihrer Stimme lag +etwas wie der Jubel eines Vogels im Käfig. Ihre Augen +fingen die Lachmelodie auf und wiederholten sie in ihrem +Glanze: dann schlossen sie sich einen Augenblick, als wollten +sie ihr Geheimnis verbergen. Als sie sich wieder öffneten, +war der Schimmer eines Traumes über sie dahingegangen.</p> + +<p>Aus dem abgenutzten Stuhl sprach die Weisheit zu ihr +mit dünnen Lippen, mahnte zur Besinnung und gab Ratschläge +aus dem Buch der Feigheit, dem sein Autor irrtümlich +den Titel „Gesunder Menschenverstand“ beigelegt +hat. Sie hörte nicht hin. Im Kerker ihrer Leidenschaft +fühlte sie sich frei. Ihr Prinz, der Prinz Märchenschön, +war bei ihr. Sie hatte das Gedächtnis beschworen, ihn +herbeizuschaffen. Sie hatte ihre Seele auf die Suche nach<a class="pagenum" name="Page_97" title="97"> </a> +ihm geschickt, und die hatte ihn wieder hergebracht. Sein +Kuß brannte wieder auf ihrem Munde. Ihre Lider brannten +wieder von seinem Atem.</p> + +<p>Dann zog die Weisheit andere Register auf und sprach +von Erkundigen und Nachforschen. Es mochte ja sein, daß +dieser junge Mann reich sei. Wenn dem so wäre, dann +müßte man ans Heiraten denken. Um die Ohrmuschel +des Mädchens plätscherten die Wellen weltlicher Schlauheit. +Die Pfeile der Weltklugheit schwirrten an ihr vorüber. +Sie sah, wie sich die dünnen Lippen bewegten, und +lächelte.</p> + +<p>Plötzlich fühlte sie das Bedürfnis, zu sprechen. Die +wortüberfüllte Schweigsamkeit verwirrte sie. „Mutter, +Mutter,“ rief sie, „warum liebt er mich so innig? Ich +weiß, warum ich ihn liebe. Ich liebe ihn, weil er so ist, +wie die Liebe selbst sein muß. Aber was findet er an mir? +Ich bin seiner nicht wert. Und doch — ich weiß nicht, +warum — ich fühle mich wohl tief unter ihm, aber ich +fühle mich nicht gering. Stolz bin ich, schrecklich stolz. +Mutter, hast du meinen Vater so geliebt, wie ich den +Prinzen Märchenschön liebe?“</p> + +<p>Die alte Frau wurde bleich unter dem dicken Puder, +womit ihre Wangen beklebt waren, und ihre verwelkten +Lippen zitterten in krampfigem Schmerz. Sibyl stürzte +zu ihr hin, schlang ihr ihre Arme um den Hals und küßte +sie. „Verzeih mir, Mutter! Ich weiß, es schmerzt dich, +an unseren Vater zu denken. Aber es schmerzt dich nur, +weil du ihn so lieb gehabt hast. Sieh nicht so traurig +drein. Heute bin ich so glücklich, wie du es warst vor<a class="pagenum" name="Page_98" title="98"> </a> +zwanzig Jahren. Ach, könnte ich für immer so glücklich +sein!“</p> + +<p>„Mein Kind, du bist viel zu jung, um an eine Liebschaft +zu denken. Zudem, was weißt du von diesem jungen +Mann? Du weißt nicht mal seinen Namen. Die ganze +Sache ist höchst unpassend, und wahrhaftig, gerade jetzt, +wo sich James nach Australien rüstet, und ich an so viele +Dinge zu denken habe, da muß ich sagen, du hättest mehr +Überlegung zeigen sollen. Immerhin, wie ich schon sagte, +wenn er reich ist...“</p> + +<p>„Ach Mutter, Mutter, laß mich glücklich sein!“</p> + +<p>Frau Vane blickte sie an und schloß sie plötzlich mit +einer der unwahren theatralischen Gesten in die Arme, +wie sie den Schauspielern oft zur zweiten Natur werden. +In diesem Augenblick öffnete sich die Tür, und ein junger +Bursche mit struppigem, braunem Haar kam in die Stube. +Er war von untersetzter Gestalt, und seine Hände und +Füße waren groß und bewegten sich etwas ungelenk. Er +war nicht so gut erzogen wie seine Schwester. Man hätte +kaum die nahe Verwandtschaft erraten können, die zwischen +beiden bestand. Frau Vane richtete ihre Augen auf +ihn, und ihr Lächeln verstärkte sich. In ihrem Geiste ließ +sie ihren Sohn die Rolle des Publikums spielen. Sie war +überzeugt, daß das Tableau interessant war.</p> + +<p>„Du könntest dir wohl ein paar Küsse für mich aufheben, +Sibyl“, sagte der Bursche mit gutmütigem Knurren.</p> + +<p>„Ach, Jim, du machst dir doch gar nichts aus Küssen!“ +rief sie. „Du bist ein greulicher alter Bär!“ Und sie +hüpfte durchs Zimmer zu ihm hin und umhalste ihn.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_99" title="99"> </a></p> + +<p>James Vane sah seiner Schwester zärtlich in das Gesicht. +„Ich möchte mit dir spazieren gehen, Sibyl. Ich +glaube kaum, daß ich dies schreckliche London jemals +wiedersehe. Ich mache mir auch wirklich nicht im geringsten +was draus.“</p> + +<p>„Mein Sohn, rede doch nicht so schreckliche Dinge“, +grollte Frau Vane, während sie seufzend ein flitteriges +Theaterkostüm zur Hand nahm und es auszubessern begann. +Sie fühlte eine kleine Enttäuschung, daß er sich +der Gruppe nicht angeschlossen hatte. Es hätte die malerische +Wirkung der Szene so hübsch erhöht.</p> + +<p>„Warum nicht, Mutter? Ich meine es im Ernst.“</p> + +<p>„Du kränkst mich, mein Sohn. Ich hoffe, daß du von +Australien als ein gemachter Mann zurückkehrst. Ich vermute, +es gibt in den Kolonien sozusagen keine Gesellschaft, +wenigstens nichts, was ich Gesellschaft nenne; wenn du +also dein Glück gemacht hast, mußt du zurückkommen und +dich zur Geltung bringen in London.“</p> + +<p>„Gesellschaft“, brummelte der junge Mann. „Will davon +nichts wissen. Möchte nur soviel Geld verdienen, um +dich und Sibyl vom Theater wegzukriegen. Ich hasse es.“</p> + +<p>„O Jim,“ sagte Sibyl lachend, „wie unfreundlich von +dir! Aber, willst du wirklich mit mir spazieren gehen? Das +ist nett! Ich fürchtete schon, du wolltest dich bei deinen +Freunden verabschieden, bei Tom Hardy, der dir diese +gräßliche Pfeife geschenkt hat, oder bei Nell Langton, der +dich auslacht, weil du sie rauchst. Es ist sehr hübsch von +dir, daß du mir deinen letzten Nachmittag schenkst. Wohin +werden wir gehen? Komm, wir wollen in den Park.“</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_100" title="100"> </a></p> + +<p>„Dazu bin ich zu schäbig angezogen“, antwortete er +mit gerunzelter Stirn. „Nur Elegants gehen in den Park.“</p> + +<p>„Unsinn, Jim“, flüsterte sie, und streichelte seinen +Ärmel.</p> + +<p>Er zauderte einen Augenblick. „Schön denn,“ sagte er +schließlich, „mach' aber nicht zu lang mit dem Anziehen.“</p> + +<p>Sie tanzte zur Tür hinaus. Man konnte sie singen +hören, während sie die Treppe hinauflief. Ihre kleinen +Füße trippelten oben.</p> + +<p>Er ging zwei oder dreimal durch die Stube, dann +wandte er sich zu der schweigsamen Gestalt im Lehnstuhl.</p> + +<p>„Mutter, sind meine Sachen gepackt?“ fragte er.</p> + +<p>„Alles fertig, James“, antwortete sie, ohne von ihrer +Arbeit aufzuschauen. Seit einigen Monaten war es ihr +unbehaglich, wenn sie mit ihrem rauhen, finsteren Sohn +allein war. Ihre oberflächliche Natur mit ihrem unterdrückten +Geheimnis wurde beunruhigt, wenn sich ihre +Augen trafen. Sie fragte sich, ob er einen Verdacht habe. +Sein Schweigen, da er sonst keine Bemerkungen machte, +wurde ihr unerträglich. Sie fing also zu jammern an. +Frauen verteidigen sich, indem sie angreifen, gerade, wie +sie dadurch angreifen, daß sie unvermutet die Waffen +strecken. „Ich hoffe, James, dein Seefahrerleben wird +dich befriedigen. Du darfst nie vergessen, daß es deine +eigene Wahl war. Du hättest in das Bureau eines Anwalts +treten können. Anwälte sind eine sehr geachtete +Menschenklasse und werden auf dem Lande oft in den +besten Familien eingeladen.“</p> + +<p>„Ich hasse Bureaus und ich hasse Schreiber“, erwiderte<a class="pagenum" name="Page_101" title="101"> </a> +er. „Aber du hast ganz recht, mein Leben habe ich mir +selbst gewählt. Alles, was ich sage, ist: Wache über Sibyl! +Laß ihr kein Unglück zustoßen. Mutter, du mußt über sie +wachen!“</p> + +<p>„James, du hast eine merkwürdige Art, zu sprechen. +Natürlich wache ich über sie.“</p> + +<p>„Ich höre, ein Herr kommt jeden Abend ins Theater +und geht hinter die Kulissen und spricht mit ihr. Ist das +wahr? Wie verhält sich's damit?“</p> + +<p>„James, du sprichst von Dingen, die du nicht verstehst. +Wir in unserem Beruf sind gewöhnt, eine Menge wohltuender +Aufmerksamkeiten zu empfangen. Ich selbst habe +zu meiner Zeit viel Blumen bekommen. Damals verstand +man noch etwas vom Spielen. Was Sibyl betrifft, so +weiß ich im Augenblick nicht, ob ihre Neigung ernst ist +oder nicht. Aber darüber besteht kein Zweifel, daß der +fragliche junge Mann ein vollendeter Kavalier ist. Er ist +immer ausgesucht höflich zu mir. Auch sieht er aus, als +ob er reich wäre, und die Buketts, die er schickt, sind ganz +allerliebst.“</p> + +<p>„Aber du weißt nicht mal seinen Namen“, warf der +junge Mann barsch ein.</p> + +<p>„Nein“, antwortete die Mutter mit gelassener Miene. +„Er hat uns seinen wirklichen Namen noch nicht verraten. +Ich finde das sehr romantisch von ihm. Wahrscheinlich +ist er ein Herr von Adel.“</p> + +<p>James Vane biß sich auf die Lippen. „Wache über +Sibyl!“ schrie er. „Wache über sie!“</p> + +<p>„Mein Sohn, du verletzt mich ungemein. Sibyl steht<a class="pagenum" name="Page_102" title="102"> </a> +unablässig unter meiner besonderen Obhut. Natürlich, +falls dieser Herr vermögend ist, sehe ich den Grund nicht +ein, um einer Verbindung mit ihm auszuweichen. Ich bin +fest davon überzeugt, er gehört zur Aristokratie. Er sieht +ganz so aus, muß ich sagen. Es wird eine brillante Partie +für Sibyl werden. Sie würden ein entzückendes Paar abgeben. +Seine Schönheit ist wirklich ganz bedeutend; sie +fällt jedem auf.“</p> + +<p>Der junge Mann brummte etwas in sich hinein und +trommelte mit seinen dicken Fingern gegen die Fensterscheibe. +Er hatte sich gerade umgewandt, um etwas zu +sagen, als die Tür aufging und Sibyl hereinflitzte.</p> + +<p>„Was macht ihr beide denn für ernste Gesichter!“ rief +sie aus. „Was gibt's denn?“</p> + +<p>„Nichts“, antwortete er. „Man muß auch mal ernst +sein. Adieu, Mutter; ich will um fünf essen. Alles ist gepackt +bis auf die Hemden; du brauchst dich also um nichts +mehr zu kümmern.“</p> + +<p>„Adieu, mein Sohn“, antwortete sie mit einer Verbeugung +gemachter hoheitsvoller Würde.</p> + +<p>Sie war äußerst gekränkt durch den Ton, den er ihr +gegenüber angeschlagen hatte, und in seinem Blick lag +etwas, das ihr Angst eingeflößt hatte.</p> + +<p>„Gib mir einen Kuß, Mutter“, sagte das Mädchen. +Ihre blütengleichen Lippen berührten die welken Wangen +und wärmten ihre Frostigkeit.</p> + +<p>„Mein Kind! Mein Kind!“ rief Frau Vane und schaute +zur Decke auf, als suchte sie in ihrer Einbildung eine Galerie.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_103" title="103"> </a></p> + +<p>„Komm, Sibyl“, sagte ihr Bruder ungeduldig. Er konnte +die Attitüden seiner Mutter nicht ausstehen.</p> + +<p>Sie traten hinaus in den flimmernden, windbewegten +Sonnenschein und schlenderten die trostlose Euston Road +hinab. Die Vorübergehenden blickten verwundert auf den +unfreundlichen, schwerfälligen jungen Menschen in den groben +schlechtsitzenden Kleidern, den ein so liebliches, fein +aussehendes Mädchen begleitete. Er glich einem Gärtnerburschen, +der eine Rose trägt.</p> + +<p>Jim runzelte von Zeit zu Zeit die Stirn, wenn er den +forschenden Blick eines Fremden bemerkte. Er hatte jene +Abneigung gegen das Angestarrtwerden, die Menschen +von Geist erst spät im Leben bekommen und die den +Herdenmenschen nie verläßt. Sibyl dagegen wußte nichts +von der Wirkung, die sie ausübte. Ihre Liebe zitterte auf +ihren lächelnden Lippen. Sie dachte an ihren Märchenprinzen, +und damit sie um so besser an ihn denken könnte, +sprach sie nicht von ihm, sondern plauderte nur von dem +Schiff, mit dem Jim abfahren sollte, von dem Gold, das +er sicher finden würde, von der wunderhübschen Millionenerbin, +deren Leben er verruchten rotblusigen Buschräubern +entreißen sollte. Denn er würde nicht Matrose bleiben +oder Verfrachter oder was er jetzt fürs erste werden sollte. +O nein! Solch Matrosendasein war schrecklich. Er solle nur +daran denken, in ein schreckliches Schiff hineingepfercht zu +sein, wenn die brüllenden, katzenbuckelnden Wellen immer +eindringen wollen und ein schwarzer Wind die Masten +umblase und die Segel in lange, klatschnasse Streifen zerreiße. +Er sollte in Melbourne das Schiff verlassen, dem<a class="pagenum" name="Page_104" title="104"> </a> +Kapitän höflich Lebewohl sagen und sich sofort in die +Goldfelder begeben. Bevor noch eine Woche um sei, werde +er auf einen großen Klumpen puren Goldes stoßen, auf +den größten, der je gefunden worden sei, und werde ihn +zur Küste schaffen in einem großen Wagen, den sechs berittene +Polizisten bewachen sollten. Die Buschklepper überfielen +sie dreimal, würden aber nach einem ungeheuren +Gemetzel zurückgeschlagen werden. Oder nein! Er sollte +überhaupt nicht in die Goldfelder wandern. Das sind +schreckliche Örter, wo sich die Leute betrinken und einander +in Kneipen totschössen und eine schreckliche Sprache führten. +Er sollte ein friedsamer Viehzüchter werden, und eines +Abends, wenn er heimritte, begegnete er der schönen Erbin, +die gerade von einem Räuber auf einem Rappen entführt +würde, und dann setzt er ihm nach und befreit sie. Natürlich +würde sie sich in ihn verlieben und er in sie, und +sie heirateten dann und kehrten heim und wohnten in +einem großen Palais in London. Ja, entzückende Dinge +warteten auf ihn. Aber er müsse auch sehr brav sein, nie +die Geduld verlieren oder sein Geld vergeuden. Sie sei +nur ein Jahr älter als er, aber sie wisse schon genügend +mehr vom Leben. Er müsse ihr auch zuverlässig an jedem +Posttag schreiben und jeden Abend, wenn er schlafen gehe, +beten. Gott sei sehr gut und werde über ihn wachen. Auch +sie werde für ihn beten, und in ein paar Jahren werde er +reich und glücklich nach Hause kommen.</p> + +<p>Der Bursche hörte ihr brummig zu und gab keine Antwort. +Ihm tat das Herz weh, weil er von der Heimat +weg mußte.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_105" title="105"> </a></p> + +<p>Aber es war nicht das allein, was ihn düster und verstimmt +sein ließ. So unerfahren er war, fühlte er doch +sehr die Gefahr, die in Sibyls Stellung lag. Dieser junge +Stutzer, der ihr den Hof machte, konnte es nicht ehrlich +mit ihr meinen. Es war ein vornehmes Herrchen, und das +trug ihm seinen Haß ein, einen Haß, der aus einem sonderbaren +Rasseinstinkt herrührte, von dem er sich keine Rechenschaft +geben konnte und der ihn gerade deshalb um so +stärker beherrschte. Er kannte auch die Oberflächlichkeit +und Eitelkeit seiner Mutter und sah darin ungeheure Gefahren +für Sibyl und Sibyls Glück. Kinder fangen damit +an, ihre Eltern zu lieben; wenn sie älter werden, sitzen sie +über ihnen zu Gericht, manchmal vergeben sie ihnen auch.</p> + +<p>Seine Mutter! Es brütete in ihm, sie über etwas zu +fragen, was er viele schweigsame Monate hindurch mit +sich herumgeschleppt hatte. Ein zufälliges Wort, das er +im Theater aufgeschnappt hatte, ein hingeflüstertes Scherzwort, +das er eines Abends auffing, als er an der Bühnentür +wartete, hatte eine Flucht schrecklicher Gedanken entfesselt. +Die Erinnerung daran schmerzte ihn wie der Hieb +einer Reitpeitsche in sein Gesicht. Seine Brauen kniffen +sich in eine tiefe Furche zusammen, und in schmerzlichem +Krampf biß er sich auf die Lippen.</p> + +<p>„Du hörst auch nicht ein einziges Wort, das ich sage, +Jim!“ rief Sibyl, „und ich schmiede die entzückendsten +Pläne für deine Zukunft. Sag' doch mal was!“</p> + +<p>„Was soll ich denn sagen?“</p> + +<p>„Oh, daß du ein braver Bursche sein willst und uns nicht +vergessen“, antwortete sie und lächelte ihn an.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_106" title="106"> </a></p> + +<p>Er zuckte die Schultern. „Es wäre eher möglich, daß du +mich vergißt, als daß ich dich vergesse, Sibyl.“</p> + +<p>Sie errötete. „Wie meinst du das, Jim?“ fragte sie.</p> + +<p>„Du hast einen neuen Freund, wie ich höre. Wer ist es? +Warum hast du mir nicht von ihm erzählt? Er meint es +nicht gut mit dir.“</p> + +<p>„Hör' auf, Jim“, rief sie aus. „Du darfst nichts gegen +ihn sagen. Ich liebe ihn.“</p> + +<p>„Was, und du weißt nicht mal seinen Namen?“ erwiderte +er. „Wer ist es? Ich habe ein Recht, das zu wissen.“</p> + +<p>„Er heißt der Prinz Märchenschön. Gefällt dir der +Name <ins title="nicht.">nicht?</ins> Oh, du törichtes Jungchen! du solltest ihn +nie vergessen. Wenn du ihn nur ein einzigesmal sähest, +müßtest du ihn für den entzückendsten Menschen auf Erden +halten. Eines Tages wirst du ihn kennenlernen: wenn du +von Australien zurückkommst. Er wird dir sehr gefallen. +Allen Menschen gefällt er, und ich ... ich liebe ihn. Ich +wollte, du könntest heute abend ins Theater kommen. Er +wird kommen, und ich spiele die Julia! Oh, wie ich sie +spielen werde! Denk dir, Jim, lieben und die Julia +spielen! Wissen, daß er dasitzt! Zu seiner Freude spielen! +Ich fürchte, ich werde meine Kollegen erschrecken, erschrecken +oder hinreißen. Lieben heißt, hinauswachsen über sich selbst. +Der gräßliche Herr Isaacs wird seinen Kumpanen am +Schenktisch zuschreien, ich sei ein Genie. Er hat mich wie +ein Dogma ausposaunt; heute abend wird er mich als +Offenbarung verkündigen. Ich fühle das. Und all das +ist sein Werk, nur sein, des Prinzen Märchenschön, meines +wunderbaren Geliebten, meines Musengottes. Aber ich bin<a class="pagenum" name="Page_107" title="107"> </a> +ein armes Ding neben ihm. Arm. Was liegt daran? +Schleicht Armut in ein Haus, fliegt Liebe durchs Fenster +hinaus. Unsere Sprichwörter müssen umgeändert werden. +Sie sind im Winter erdacht worden, und jetzt ist Sommer, +für mich freilich Frühling, ein Tanz von Blüten unter +blauem Himmel.“</p> + +<p>„Er ist ein Herr der feinen Gesellschaft“, sagte der +Bursche finster.</p> + +<p>„Ein Prinz!“ rief sie mit melodischer Stimme. „Was +willst du mehr?“</p> + +<p>„Er wird dich zu seiner Sklavin machen.“</p> + +<p>„Ich erschrecke bei dem Gedanken, frei zu sein!“</p> + +<p>„Ich rate dir, dich vor ihm zu hüten.“</p> + +<p>„Ihn sehen, heißt ihn anbeten, ihn kennen, heißt ihm +vertrauen!“</p> + +<p>„Sibyl, deine Liebe macht dich verrückt.“</p> + +<p>Sie lachte und nahm seinen Arm. „Du lieber, alter +Jim, du sprichst, als wärest du hundert Jahre alt. Eines +schönen Tages wirst du selbst lieben. Dann wirst du wissen, +was das heißt. Guck mich nicht so brummig an. Du solltest +dich freuen in dem Bewußtsein, daß du mich, obwohl +du gehst, glücklicher zurückläßt, als ich je gewesen bin. Das +Leben ist bisher hart für uns gewesen, furchtbar hart und +schwer. Aber jetzt wird's anders. Du gehst in eine neue +Welt, und ich habe eine neue gefunden. — Da sind zwei +Stühle frei, wir wollen uns setzen und die eleganten Leute +Revue passieren lassen.“</p> + +<p>Sie setzten sich mitten in eine Menge von Zuschauern. +Die Tulpenbeete längs des Weges flammten wie beschwörende<a class="pagenum" name="Page_108" title="108"> </a> +Feuerglocken. Ein weißer Dunst wie eine zitternde +Wolke von Veilchenpuder hing in der schwülen Luft. +Die hellfarbigen Sonnenschirme tanzten auf und ab wie +Riesenschmetterlinge.</p> + +<p>Sie brachte ihren Bruder dazu, daß er von sich, seinen +Aussichten und seinen Plänen sprach. Er redete zögernd +und mühsam. Sie ließen ihre Worte langsam aufeinanderfolgen, +wie sich Spieler ihre Points ansagen. Sibyl fühlte +sich niedergedrückt. Sie konnte ihre Freude nicht mitteilen. +Ein schwaches Lächeln, das seinen vergrämten Mund umspielte, +war die einzige Antwort, die sie erhielt. Nach +einiger Zeit verstummten sie beide. Plötzlich erblickte sie +den Schimmer goldenen Haares und lachende Lippen, und +in einem offenen Wagen fuhr Dorian Gray mit zwei +Damen vorbei.</p> + +<p>Sie sprang auf. „Da ist er!“ rief sie.</p> + +<p>„Wer?“ fragte Jim Vane.</p> + +<p>„Der Märchenprinz“, antwortete sie, und spähte dem +Wagen nach.</p> + +<p>Er sprang auf und faßte rauh ihren Arm. „Zeig' ihn +mir. Welcher ist es? Zeig' ihn mir, ich muß ihn sehen!“ +rief er. Aber in diesem Augenblick fuhr der Viererzug des +Herzogs von Verwick dazwischen, und als die Aussicht wieder +frei war, hatte der Wagen schon den Park verlassen.</p> + +<p>„Er ist fort“, murmelte Sibyl traurig. „Ich wünschte, +du hättest ihn gesehen.“</p> + +<p>„Ich wünschte es auch, denn so wahr ein Gott im Himmel +ist, wenn er dir je ein Leides antut, bring' ich ihn um!“</p> + +<p>Sie sah ihn erschreckt an. Er wiederholte seine Worte.<a class="pagenum" name="Page_109" title="109"> </a> +Sie durchschnitten die Luft wie ein Dolch. Die Leute +ringsherum fingen an, auf sie hinzustarren. Eine Dame +ganz in der Nähe kicherte.</p> + +<p>„Komm fort, Jim; komm fort“, flüsterte sie. Er ging +ihr verbissenen Mundes nach, als sie die Menge durchschritt. +Er war zufrieden, daß er das gesagt hatte.</p> + +<p>Als sie bei der Achillesstatue war, drehte sie sich nach +ihm um. In ihren Augen lag Mitleid, das auf ihren +Lippen zu einem Lachen wurde. Sie schüttelte den Kopf +über ihn. „Du bist verdreht, Jim, völlig verdreht; ein +ungezogener Bubi, sonst nichts. Wie kannst du so was +Häßliches sagen? Du weißt gar nicht, was du zusammensprichst. +Du bist einfach eifersüchtig und unfreundlich. Ach! +ich wollte, daß du dich einmal verliebst. Liebe macht die +Menschen gut, und was du gesagt hast, war schlecht.“</p> + +<p>„Ich bin erst sechzehn,“ antwortete er, „aber ich weiß, +was ich zu tun habe. Mutter kann dir nicht helfen. Sie +versteht es nicht, dich zu beschützen. Ich wünschte jetzt, +ich ginge überhaupt nicht nach Australien. Ich hab' nicht +übel Lust, die ganze Sache zu lassen. Ich tät's, wenn mein +Vertrag nicht schon unterschrieben wäre.“</p> + +<p>„Ach, sei nicht so ernsthaft, Jim. Du bist wie einer von +den Helden aus den albernen Melodramen, in denen +Mutter so gern gespielt hat. Ich will mich mit dir +nicht streiten. Ich hab' ihn gesehen, und ihn sehen, ist vollkommenes +Glück. Wir wollen nicht streiten. Ich weiß, daß +du einem, den ich liebe, nie etwas antun wirst, nicht?“</p> + +<p>„Solange du ihn liebst, wohl kaum“, war die finstere +Antwort.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_110" title="110"> </a></p> + +<p>„Ich werde ihn immer lieben!“ rief sie.</p> + +<p>„Und er?“</p> + +<p>„Auch immer.“</p> + +<p>„Das ist sein Glück!“</p> + +<p>Sie schrak vor ihm zurück. Dann lachte sie und legte die +Hand auf seinen Arm. Er war doch nur ein Junge.</p> + +<p>Am Marble Arch bestiegen sie einen Omnibus, der sie +in die Nähe ihrer armseligen Wohnung in Euston Road +brachte. Es war schon fünf Uhr vorüber, und Sibyl mußte +sich noch, bevor sie auftrat, ein paar Stündchen niederlegen. +Jim bestand darauf, daß sie es täte. Er sagte, er +würde lieber von ihr Abschied nehmen, wenn die Mutter +nicht dabei wäre. Sie würde sicher eine Szene machen, +und er verabscheue Szenen aller Art.</p> + +<p>Sie nahmen in Sibyls Zimmer Abschied. Im Herzen +des jungen Menschen brannte Eifersucht und ein grimmer, +mörderischer Haß auf den Fremden, der, wie er meinte, +zwischen sie getreten war. Als sich aber ihre Arme um +seinen Hals schlangen, und ihre Finger durch sein Haar +fuhren, wurde er sanfter und küßte sie mit wirklicher Zärtlichkeit. +Als er hinunterging, standen Tränen in seinen Augen.</p> + +<p>Die Mutter wartete unten auf ihn. Als er eintrat, +murrte sie über seine Unpünktlichkeit. Er gab keine Antwort, +sondern setzte sich an sein kärgliches Mahl. Die +Fliegen summten um den Tisch und krochen über das +fleckige Tischtuch. Durch das Gerassel der Omnibusse und +das Rackern der Droschken konnte er die einförmige +Stimme hören, die ihn um jede Minute beraubte, die ihm +noch übrig blieb.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_111" title="111"> </a></p> + +<p>Nach einer Weile schob er seinen Teller zurück und +stützte den Kopf in die Hände. Er fühlte, daß er ein Recht +habe, es zu wissen. Wenn die Dinge lagen, wie er vermutete, +hätte man es ihm längst sagen sollen. Gepeinigt +von Furcht, beobachtete ihn die Mutter. Die Worte +tröpfelten ihr mechanisch von den Lippen. Ihre Finger +zerknüllten ein zerrissenes Spitzentaschentuch. Als die Uhr +sechs schlug, stand er auf und ging zur Tür. Dann wandte +er sich um und sah sie an. Ihre Blicke begegneten sich. +In den ihren las er ein inbrünstiges Bitten um Mitleid. +Das machte ihn erst recht zornig.</p> + +<p>„Mutter, ich muß dich was fragen“, sagte er. Ihre +Augen irrten im Zimmer umher. Sie gab keine Antwort. +„Sag' mir die Wahrheit! Ich hab' ein Recht, es zu erfahren! +Warst du mit meinem Vater verheiratet?“</p> + +<p>Sie stieß einen tiefen Seufzer aus. Es war ein Seufzer +der Erleichterung. Der schreckliche Augenblick, der Augenblick, +vor dem sie Tag und Nacht seit Wochen und Monaten +gebangt hatte, war endlich gekommen, und doch +empfand sie keine Furcht. Ja, es war für sie gewissermaßen +eine Enttäuschung. Die grobe Unumwundenheit +der Frage heischte eine unumwundene Antwort. Die Situation +war nicht langsam gesteigert worden. Es war roh. +Es erinnerte sie an eine mißlungene Deklamation.</p> + +<p>„Nein“, antwortete sie, erstaunt über die harte Einfachheit +des Lebens.</p> + +<p>„Dann war mein Vater ein Schuft!“ schrie der Bursche +und ballte die Faust.</p> + +<p>Sie schüttelte den Kopf. „Ich wußte, daß er nicht frei<a class="pagenum" name="Page_112" title="112"> </a> +war. Wir haben uns sehr lieb gehabt. Wenn er am Leben +geblieben wäre, hätte er für uns gesorgt. Sage nichts gegen +ihn, mein Sohn. Er war dein Vater und ein Gentleman. +Er hatte wirklich hohe Verbindungen.“</p> + +<p>Ein Fluch kam über seine Lippen. „Es bekümmert mich +nicht meinetwegen,“ rief er, „aber laß Sibyl nicht... Ist +es ein Gentleman oder nicht, der sie liebt, oder so sagt? +Mit hohen Verbindungen, vermute ich.“</p> + +<p>Einen Augenblick lang kam ein schreckliches Gefühl der +Demütigung über die Frau. Ihr Kopf sank herab. Mit +zitternden Händen wischte sie sich die Augen. „Sibyl hat +eine Mutter,“ flüsterte sie, „ich hatte keine.“</p> + +<p>Der junge Mensch war gerührt. Er ging zu ihr hin, +beugte sich über sie und küßte sie. „Es tut mir leid, wenn +ich dich mit der Frage nach meinem Vater verletzt habe,“ +sagte er, „aber ich konnte nicht anders. Jetzt muß ich fort. +Lebewohl! Vergiß nicht, daß du jetzt nur noch ein Kind +zu beschützen hast, und glaube mir, wenn dieser Mann +meiner Schwester ein Leid zufügt, dann bringe ich schon +heraus, wer es ist, spüre ihn auf und schlage ihn tot wie +einen Hund. Das schwöre ich dir!“</p> + +<p>Die wahnwitzige Übertreibung seines Schwurs, die +leidenschaftlichen Handbewegungen, die ihn begleiteten, +die tollen, melodramatischen Worte machten der alten +Frau das Leben wieder interessanter. Diese Atmosphäre +war ihr vertraut. Sie atmete wie erlöst, und zum erstenmal +seit vielen Monaten bewunderte sie förmlich ihren +Sohn. Sie hätte die Szene gern auf derselben Gefühlshöhe +fortgesetzt, aber er brach sie kurz ab. Koffer mußten<a class="pagenum" name="Page_113" title="113"> </a> +heruntergebracht und Decken beschafft werden. Der Hausknecht +des Mietshauses rannte geschäftig hin und her. +Mit dem Kutscher wurde der Preis abgehandelt. So +wurde der Augenblick durch gemeine Einzelheiten verzettelt. +Mit einem erneuten Gefühl der Enttäuschung stand sie +am Fenster und ließ das zerrissene Spitzentaschentuch durch +die Luft wimpeln, als ihr Sohn wegfuhr. Es war ihr +zumute, als sei eine große Gelegenheit verpaßt worden. +Sie tröstete sich, indem sie Sibyl sagte, wie öde künftig +ihr Leben sein werde, da sie jetzt nur ein einziges Kind zu +behüten habe. Diesen Satz hatte sie sich gemerkt. Er hatte +ihr gefallen. Von seinem Schwur sagte sie nichts. Er war +lebendig und dramatisch deklamiert worden. Sie hatte die +Empfindung, daß sie alle eines Tages darüber lachen +würden.</p> + +<h2><a name="Sechstes_Kapitel" id="Sechstes_Kapitel"></a>Sechstes Kapitel</h2> + + +<p>„Du hast doch schon die letzte Neuigkeit gehört, Basil?“ +sagte Lord Henry am selben Abend, als Hallward in das +kleine Separatzimmer im Bristol trat, wo für drei Personen +zum Essen gedeckt war.</p> + +<p>„Nein, Harry“, antwortete der Künstler, während er +Hut und Rock dem dienernden Kellner gab. „Was ist es? +Nichts über Politik, hoffe ich. Die interessiert mich nicht. +Im ganzen Unterhause gibts keinen einzigen Menschen, +den man malen möchte; wenn auch einigen von ihnen +zur Aufbesserung etwas Firnis nicht schaden könnte.“</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_114" title="114"> </a></p> + +<p>„Dorian Gray hat sich verlobt“, sagte Lord Henry und +beobachtete ihn, während er sprach.</p> + +<p>Hallward fuhr zurück und runzelte sofort die Stirn. +„Dorian verlobt!“ rief er. „Unmöglich!“</p> + +<p>„Es ist wahrhaftig wahr.“</p> + +<p>„Mit wem?“</p> + +<p>„Mit irgendeiner kleinen Schauspielerin.“</p> + +<p>„Ich kann's nicht glauben. Dorian ist viel zu verständig.“</p> + +<p>„Dorian ist viel zu klug, um nicht von Zeit zu Zeit +verrückte Sachen zu begehen, lieber Basil.“</p> + +<p>„Heiraten ist kaum eine Sache, die man von Zeit zu +Zeit tun kann, Harry.“</p> + +<p>„Außer in Amerika“, erwiderte Lord Henry nachlässig. +„Aber ich habe ja nicht gesagt, daß er verheiratet sei. Ich +sagte, er sei verlobt. Das ist ein großer Unterschied. Ich +erinnere mich ganz deutlich, verheiratet zu sein, aber ich +kann mich nicht erinnern, verlobt gewesen zu sein. Ich +glaube fast, daß ich mich nie verlobt habe.“</p> + +<p>„Aber überlege doch Dorians Geburt, seine Stellung, +sein Vermögen. Es wäre sinnlos, wenn er so tief unter +seinem Stande heiraten würde.“</p> + +<p>„Wenn du willst, daß er dies Mädchen heiratet, so +brauchst du ihm das nur zu sagen, Basil. Dann tut er's +gewiß. Wenn ein Mann etwas auserlesen Dummes tut, +tut er's immer aus den edelsten Beweggründen.“</p> + +<p>„Ich hoffe, es ist ein gutes Mädchen, Harry. Ich möchte +Dorian nicht an irgendein gewöhnliches Wesen gefesselt +sehen, das ihn herabzieht und seinen Geist verdirbt.“</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_115" title="115"> </a></p> + +<p>„Oh, sie ist mehr als gut — sie ist schön“, sagte Lord +Henry und nippte an einem Glas Wermut mit Pomeranzen. +„Dorian sagt, sie ist schön, und in Dingen dieser +Art irrt er nicht häufig. Sein Bild von ihm hat sein +Urteil über die äußere Erscheinung anderer Menschen geschärft. +Es hat unter anderem diesen glänzenden Erfolg +gezeigt. Wir sollen sie heute abend sehen, wenn der Junge +seine Abmachung nicht vergißt.“</p> + +<p>„Ist das dein Ernst?“</p> + +<p>„Vollständig, Basil. Es würde schlimm für mich sein, +wenn ich je im Leben ernsthafter sein müßte als jetzt.“</p> + +<p>„Aber billigst du es denn, Harry?“ fragte der Maler, +der im Zimmer auf und ab ging und sich auf die Lippen +biß. „Du kannst es doch ganz unmöglich billigen. Es ist +eine törichte Verblendung.“</p> + +<p>„Ich billige oder mißbillige nie wieder etwas. Sowas +bringt einen in eine ganz verrückte Stellungnahme zum +Leben. Wir sind nicht in die Welt geschickt worden, um +unsere moralischen Vorurteile glänzen zu lassen. Ich nehme +nie Notiz von dem, was gewöhnliche Leute sagen, und +ich mische mich nie in Dinge, die reizende Leute vorhaben. +Wenn mich eine Persönlichkeit fesselt, dann ist jede Ausdrucksform, +die sich diese Persönlichkeit aussucht, für +mich erfreulich. Dorian Gray verliebt sich in ein schönes +Mädchen, das die Julia spielt, und will sie heiraten. +Warum nicht? Wenn er Messalina heiraten wollte, würde +er nicht weniger interessant sein. Du weißt, ich bin kein +Eheapostel. Der eigentliche Nachteil der Ehe ist, daß man +selbstlos wird. Und selbstlose Menschen sind farblos. Sie<a class="pagenum" name="Page_116" title="116"> </a> +werden unpersönlich. Jedoch gibt es gewisse Temperamente, +die durch die Ehe komplizierter werden. Sie behalten +ihren Egoismus und erweitern ihn durch eine +Reihe anderer Ichs. Sie sehen sich gezwungen, mehr als +ein einzelnes Leben zu führen. Sie werden feiner organisiert, +und feiner organisiert zu werden, scheint mir der +Zweck des menschlichen Lebens. Überdies hat jede Erfahrung +ihren Wert, und was man auch gegen die Ehe +sagen kann, eine Erfahrung ist sie sicher. Ich hoffe, Dorian +Gray wird dies Mädchen heiraten, wird sie sechs Monate +hindurch leidenschaftlich anbeten, und dann wird ihn plötzlich +eine andere anziehen. Es wäre prachtvoll, das zu +beobachten.“</p> + +<p>„Du glaubst kein einziges Wort von alledem, Harry; +und das weißt du auch. Wenn Dorian Grays Leben zerstört +würde, wäre kein Mensch trauriger als du. Du bist +viel besser, als du vorgibst.“</p> + +<p>Lord Henry lachte. „Der Grund, weshalb wir alle so +gut von anderen denken, ist der, daß wir alle Angst +vor uns selber haben. Die Grundlage des Optimismus +ist nichts als Furcht. Wir halten uns für großherzig, weil +wir unserem Nachbar Tugenden zuschreiben, aus denen +für uns ein Nutzen erwachsen könnte. Wir rühmen den +Bankier, damit wir unser Konto überschreiten können, und +finden im Buschklepper gute Eigenschaften in der Hoffnung, +daß er unseren Geldbeutel verschonen wird. Ich +glaube jedes Wort, das ich gesprochen habe. Ich habe die +größte Verachtung für den Optimismus. Was das zerstörte +Leben betrifft, so ist kein Leben zerstört, dessen<a class="pagenum" name="Page_117" title="117"> </a> +Wachstum nicht gehemmt wird. Wenn man eine Persönlichkeit +verderben will, braucht man sie nur zu verbessern. +Die Ehe allerdings ist eine Narretei, aber es gibt +andere und interessantere Bande zwischen Mann und Frau. +Natürlich würde ich dazu eher raten. Sie haben den Reiz, +fashionabel zu sein. Aber da ist Dorian selbst. Er wird +dir mehr sagen, als ich es kann.“</p> + +<p>„Lieber Harry, lieber Basil, ihr müßt mir beide Glück +wünschen“, sagte der Jüngling, während er den Abendmantel +mit den atlasgefütterten Flügeln abwarf und den +Freunden die Hand schüttelte. „Ich war niemals so selig. +Natürlich ist alles plötzlich gekommen; alles Entzückende +kommt plötzlich. Und doch scheint es das einzige gewesen +zu sein, wonach ich mein Leben lang auf der Suche war.“ +Er glühte vor Aufregung und Freude und sah außerordentlich +hübsch aus.</p> + +<p>„Ich hoffe, du wirst immer sehr glücklich sein, Dorian,“ +sagte Hallward, „aber ich kann es dir nicht ganz verzeihen, +daß du mir deine Verlobung nicht mitgeteilt hast. +Harry hast du es mitgeteilt.“</p> + +<p>„Und ich kann es dir nicht verzeihen, daß du zu spät +kommst“, fiel Lord Henry lächelnd ein und legte seine +Hand auf die Schulter des jungen Mannes. „Komm, wir +wollen uns setzen und versuchen, was der neue Chef hier +kann, und dann erzählst du uns, wie alles gekommen ist.“</p> + +<p>„Da ist wirklich nicht viel zu erzählen!“ rief Dorian, als +sie sich um den kleinen Tisch gesetzt hatten. „Was geschah, +war einfach so. Als ich dich gestern abend verließ, Harry, +zog ich mich an, aß in dem kleinen italienischen Restaurant<a class="pagenum" name="Page_118" title="118"> </a> +in Rupert Street, das ich durch dich kennengelernt habe, +und ging um acht Uhr ins Theater. Sibyl spielte die +Rosalinde. Natürlich war die Dekoration greulich und der +Orlando zum Lachen. Aber Sibyl! Ihr hättet sie sehen +sollen. Als sie in ihren Knabenkleidern auftrat, war sie +einfach wunderbar. Sie trug ein moosgrünes Samtwams +mit zimtbraunen Ärmeln, eine kurze, braune, überm Knie +kreuzweise geschnürte Hose, ein reizendes grünes Barett mit +einer Falkenfeder, die von einem funkelnden Stein gehalten +wurde, und war in einen dunkelrot gefütterten +Kapuzenmantel gehüllt. Sie war mir nie schöner vorgekommen. +Sie hatte all die zarte Grazie der Tanagrafigur, +die du in deinem Atelier hast, Basil. Das Haar +schlang sich um ihr Gesicht wie dunkles Laub um eine +blasse Rose. Und ihr Spiel — nun, ihr werdet sie heute +abend sehen. Sie ist eben eine geborene Künstlerin. Ich +saß ganz verzaubert in der schmierigen Loge. Ich vergaß, +daß ich in London war und im neunzehnten Jahrhundert +lebte. Ich war mit meiner Geliebten weit fort in einem +Wald, den noch kein Menschenauge gesehen hatte. Nach +der Vorstellung ging ich hinter die Bühne und sprach mit +ihr. Als wir nebeneinander saßen, trat plötzlich ein Ausdruck +in ihre Augen, den ich nie vorher gesehen hatte. +Meine Lippen fühlten sich zu ihr hingezogen. Wir küßten +uns beide. Ich kann euch nicht beschreiben, was ich in dem +Augenblick gefühlt habe. Mir schien, daß all mein Leben +in einen vollkommenen Moment rosenfarbiger Wonne zusammengepreßt +wäre. Sie zitterte am ganzen Leibe und +bebte wie eine weiße Narzisse. Dann warf sie sich auf die<a class="pagenum" name="Page_119" title="119"> </a> +Knie und küßte meine Hände. Ich weiß, ich sollte euch das +alles nicht erzählen, aber ich kann mir nicht helfen. Natürlich +ist unsere Verlobung tiefstes Geheimnis. Sie hat +nicht einmal zu ihrer Mutter davon gesprochen. Ich weiß +nicht, was meine Vormünder dazu sagen werden. Lord +Radley wird sicher wütend sein. Ist mir ganz gleich. In +weniger als einem Jahre bin ich volljährig und kann dann +machen, was ich will. Hatte ich nicht recht, Basil, meine +Geliebte aus dem Reich der Dichtung wegzuholen und +meine Frau in Shakespeares Stücken zu finden? Lippen, +die Shakespeare reden gelehrt hat, haben mir ihr Geheimnis +ins Ohr geflüstert. Rosalindens Arme lagen um +meinen Hals, und ich habe Julia auf den Mund geküßt.“</p> + +<p>„Ja, Dorian, ich glaube, du tatest recht“, sagte Hallward +langsam.</p> + +<p>„Hast du sie heute schon gesehen?“ fragte Lord Henry.</p> + +<p>Dorian Gray schüttelte den Kopf. „Ich verließ sie im +Ardennenwald und werde sie in einem Garten von Verona +wiederfinden.“</p> + +<p>Lord Henry schlürfte nachdenklich seinen Champagner. +„In welchem Augenblick hast du von Heirat gesprochen, +Dorian? Und was erwiderte sie darauf? Vielleicht hast +du das schon ganz vergessen.“</p> + +<p>„Lieber Harry, ich habe es nicht als Geschäft behandelt +und habe ihr keinen förmlichen Antrag gemacht. Ich sagte +ihr, daß ich sie liebe, und sie sagte, sie verdiene nicht, mein +Weib zu sein. Nicht verdienen! Was ist denn die ganze +Welt für mich, wenn ich sie mit ihr vergleiche!“</p> + +<p>„Die Frauen sind wunderbar praktisch,“ murmelte Lord<a class="pagenum" name="Page_120" title="120"> </a> +Henry — „viel praktischer als wir. In Situationen dieser +Art vergessen wir oft, etwas von Heirat zu erwähnen, und +sie erinnern uns immer daran.“</p> + +<p>Hallward legte die Hand auf seinen Arm. „Nicht doch, +Harry. Du kränkst Dorian. Er ist nicht wie andere +Männer. Er würde nie jemand unglücklich machen. Seine +Natur ist dafür zu edel.“</p> + +<p>Lord Henry blickte über den Tisch. „Dorian fühlt sich +nie gekränkt durch mich“, antwortete er. „Ich habe aus +dem besten Grund gefragt, den es geben kann, aus dem +einzigen Grund, der eine Entschuldigung für eine Frage +ist — einfach aus Neugier. Ich habe eine Theorie, wonach +es immer Frauen sind, die uns einen Antrag machen, und +nicht wir den Frauen. Natürlich ausgenommen die Mittelklassen. +Aber die Mittelklassen sind eben nicht modern.“</p> + +<p>Dorian Gray lachte und schüttelte den Kopf. „Du bist +ganz unverbesserlich, Harry; aber ich bin nicht böse. Man +kann dir ja gar nicht böse sein. Wenn du Sibyl Vane +siehst, wirst du fühlen, daß der Mann, der ihr ein Leid +antun kann, ein Tier sein muß, ein herzloses Tier. Ich +kann nicht begreifen, wie man es über sich gewinnen kann, +ein Wesen, das man liebt, in Schande zu bringen. Ich +liebe Sibyl Vane. Ich möchte sie auf einen goldenen +Sockel stellen und dann sehen, wie die ganze Welt das +Weib anbetet, das mir gehört. Was ist Ehe? Ein unwiderrufliches +Gelübde. Du spottest deshalb darüber. Ach, +spotte nicht! Ein unwiderrufliches Gelübde will ich ablegen. +Ihr Vertrauen macht mich treu, ihr Glaube macht +mich gut. Wenn ich bei ihr bin, verleugne ich alles, was<a class="pagenum" name="Page_121" title="121"> </a> +du mich gelehrt hast. Ich werde ein ganz anderer Mensch +als der, den du in mir siehst. Ich bin verwandelt, und die +bloße Berührung von Sibyl Vanes Hand läßt mich alle +deine falschen, bezaubernden, vergifteten, entzückenden +Theorien vergessen.“</p> + +<p>„Und die wären?“ fragte Lord Henry, während er +Salat nahm.</p> + +<p>„Oh, deine Theorien über das Leben, deine Theorien +über die Liebe, deine Theorien über den Genuß. Tatsächlich +alle deine Theorien, Harry.“</p> + +<p>„Genuß ist das einzige auf der Welt, das eine Theorie +verdient“, antwortete er mit seiner sanften, musikalischen +Stimme. „Aber ich fürchte, es ist nicht meine eigene Theorie. +Sie gehört der Natur, nicht mir. Genuß ist das +Siegel der Natur, das Zeichen ihrer Zustimmung. Wenn +wir glücklich sind, dann sind wir immer gut, aber wenn +wir gut sind, sind wir nicht immer glücklich.“</p> + +<p>„Ah, doch, was verstehst du unter gut?“ rief Basil +Hallward.</p> + +<p>„Ja,“ wiederholte Dorian, indem er sich in seinem +Stuhl zurücklehnte und über den massigen Strauß rotblutiger +Schwertlilien in der Mitte des Tisches zu Lord +Henry blickte, „was verstehst du unter gut, Harry?“</p> + +<p>„Gut sein, heißt mit sich selbst im Einklang sein“, antwortete +er, den dünnen Stengel seines Glases mit blassen, +feingespitzten Fingern umfassend. <ins title="Mißklang">„Mißklang</ins> heißt es, mit +anderen übereinstimmen müssen. Das eigene Leben — das +ist es, worauf es ankommt. Was das Leben unserer Nachbarn +betrifft, nun, wenn man durchaus ein Affe oder ein<a class="pagenum" name="Page_122" title="122"> </a> +Puritaner sein will, dann mag man ihnen ja seine moralischen +Ansichten ins Gesicht schleudern, aber sie gehen +einen schließlich gar nichts an. Abgesehen davon, hat der +Individualismus in der Tat die höheren Ziele. Die moderne +Sittlichkeit besteht darin, daß man den Maßstab +seiner Zeit anerkennt. Ich habe die Meinung, daß jeder +kultivierte Mensch, der den Maßstab seiner Zeit anerkennt, +damit eines der gröbsten Sittlichkeitsverbrechen begeht.“</p> + +<p>„Wenn man aber nur für sich selbst lebt, Harry, muß +man da nicht einen furchtbaren Preis dafür zahlen?“ +fragte der Maler.</p> + +<p>„Ja, heutzutage werden wir in allem überteuert. Ich +glaube, die wirkliche Tragödie der Armut ist die, daß sich +die Armen nichts leisten können als Selbstverleugnung. +Schöne Sünden sind wie alle schönen Dinge ein Vorrecht +der begüterten Klassen.“</p> + +<p>„Man muß in anderer Münze zahlen als mit Geld.“</p> + +<p>„In welcher Münze, Basil?“</p> + +<p>„Ich meine mit Gewissensbissen, mit Schmerzen, mit... +na eben mit dem Gefühl der Erniedrigung.“</p> + +<p>Lord Henry zuckte die Achseln. „Mein lieber Junge, die +mittelalterliche Kunst ist etwas Entzückendes, aber mittelalterliche +Gefühle sind nicht mehr Mode. Man kann sie +freilich in der Dichtung gebrauchen. Aber die einzigen +Dinge, die in Dichtungen zu verwerten sind, sind solche, +um die man sich in der Wirklichkeit nicht mehr kümmert. +Glaube mir, kein zivilisierter Mensch bereut einen durchlebten +Genuß, und kein unzivilisierter Mensch weiß, was +ein Genuß ist.“</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_123" title="123"> </a></p> + +<p>„Ich weiß, was ein Genuß ist!“ rief Dorian Gray. „Jemand +anbeten.“</p> + +<p>„Das ist jedenfalls besser, als angebetet zu werden“, +antwortete Harry, während er mit einigen Früchten spielte. +„Angebetet zu werden, ist peinlich. Die Weiber behandeln +uns genau so wie die Menschheit ihre Götter. Sie beten +uns an und quälen uns unaufhörlich, irgendwas für sie +zu tun.“</p> + +<p>„Ich würde sagen, alles, was sie von uns verlangen, +haben sie uns zuerst geschenkt“, sagte der Jüngling ernst +und leise. „Sie erzeugen die Liebe in uns. Sie haben ein +Recht, sie dann zurückzuverlangen.“</p> + +<p>„Das ist ganz richtig, Dorian“, rief Hallward.</p> + +<p>„Ganz richtig ist niemals etwas“, sagte Lord Henry.</p> + +<p>„Das ist es“, unterbrach Dorian. „Du mußt zugeben, +Harry, daß nur die Frauen den Männern das reinste +Gold des Lebens schenken.“</p> + +<p>„Vielleicht,“ seufzte er, „aber unweigerlich verlangen sie +es dann in Kleingeld umgewechselt zurück. Das ist der +Jammer dabei. ‚Die Frauen,‛ hat einmal ein witziger +Franzose gesagt, ‚regen uns an, Meisterwerke zu schaffen, +und verhindern uns immer, sie auszuführen.‛“</p> + +<p>„Harry, du bist schrecklich! Ich weiß gar nicht, warum +ich dich so gern habe.“</p> + +<p>„Du wirst mich immer gern haben, Dorian“, antwortete +er. „Wollen wir Kaffee trinken, Kinder? — Kellner, bringen +Sie Kaffee, fine Champagne und Zigaretten. Nein, lassen +Sie die Zigaretten, ich habe selbst bei mir. Basil, ich kann +dir nicht erlauben, Zigarren zu rauchen. Du mußt eine<a class="pagenum" name="Page_124" title="124"> </a> +Zigarette nehmen. Eine Zigarette ist der vollendete Ausdruck +eines vollendeten Genusses. Er ist köstlich und läßt +dabei unbefriedigt. Was will man mehr verlangen? Ja, +Dorian, du wirst mich immer lieb haben. Ich bin für dich +der Inbegriff aller Sünden, die du zu begehen nie den +Mut haben wirst.“</p> + +<p>„Was für Unsinn du redest, Harry!“ rief der junge +Mann, während er seine Zigarette an dem feuerspeienden +Silberdrachen anzündete, den der Kellner auf den Tisch +gestellt hatte. „Wir wollen jetzt ins Theater. Wenn Sibyl +auftritt, werdet ihr ein neues Lebensideal bekommen. Sie +wird euch etwas offenbaren, das ihr noch nicht gekannt +habt.“</p> + +<p>„Ich habe alles kennengelernt,“ sagte Lord Henry mit +einem müden Ausdruck in den Augen, „aber ich bin immer +bereit, mir eine neue Emotion zu verschaffen. Nur fürchte +ich, daß es für mich derlei kaum noch gibt. Immerhin, dein +wunderbares Mädchen wird mich vielleicht erschüttern. Ich +liebe die Schauspielkunst. Sie ist soviel wirklicher als das +Leben. Wir wollen gehen. Dorian, du kannst bei mir einsteigen. +Basil, es tut mir leid, aber in meinem Brougham +ist nur Platz für zwei. Du mußt schon in einer Droschke +nachfahren.“</p> + +<p>Sie standen auf, zogen ihre Röcke an und tranken den +Kaffee im Stehen. Der Maler war schweigsam und bedrückt. +Ein düsteres Gefühl lastete auf ihm. Er konnte +diese Ehe nicht gutheißen, und sie schien ihm doch besser +zu sein als manches andere, das hätte geschehen können. +Nach einigen Minuten gingen sie gemeinsam die Treppe<a class="pagenum" name="Page_125" title="125"> </a> +hinunter. Er fuhr, wie verabredet, allein, und sah auf die +blitzenden Lichter des kleinen Wagens, der vor ihm dahinrollte. +Das seltsame Gefühl eines großen Verlustes überkam +ihn. Er fühlte, daß Dorian Gray nie wieder das +für ihn sein würde, was er ihm früher gewesen war. Das +Leben war zwischen sie getreten... Vor seinen Augen ward +es dunkel, und die menschenvollen, erleuchteten Straßen +verschwammen vor seinem Blick. Als seine Droschke am +Theater vorfuhr, schien es ihm, als sei er um viele Jahre +älter geworden.</p> + +<h2><a name="Siebentes_Kapitel" id="Siebentes_Kapitel"></a>Siebentes Kapitel</h2> + + +<p>Aus irgendeinem Grunde war das Haus an diesem +Abend besonders dicht gefüllt, und der fette jüdische Direktor, +der sie an der Tür empfing, strahlte von einem +Ohr zum anderen in einem öligen, zuckenden Lächeln. Er +begleitete sie zu ihrer Loge mit einer gewissen prahlerischen +Demut, die feisten, juwelenbedeckten Hände hastig +bewegend und sich mit der Stimme beinahe überschlagend. +Dorian verabscheute ihn mehr als je. Er hatte das Gefühl, +als sei er gekommen, um Miranda zu besuchen und Caliban +habe ihn empfangen. Dagegen hatte Lord Henry etwas +für ihn übrig. Wenigstens erklärte er, daß er ihm gefiele, +bestand darauf, ihm die Hand zu schütteln und versicherte +ihm, er sei stolz darauf, einen Mann kennenzulernen, +der ein bedeutendes Genie entdeckt habe und an +einem Dichter bankerott geworden sei. Hallward unterhielt<a class="pagenum" name="Page_126" title="126"> </a> +sich damit, die Gestalten im Stehparterre zu beobachten. +Die Hitze war äußerst drückend, und der riesige +Sonnenkronleuchter flammte wie eine gigantische Dahlie +mit Blättern von gelbem Feuer. Die jungen Leute auf +der Galerie hatten Röcke und Westen ausgezogen und sie +über die Brüstung gehängt. Sie riefen einander quer über +das ganze Theater zu und fütterten die grell gekleideten +Mädchen neben ihnen mit Orangen. Ein paar Weiber +unten im Stehparterre lachten. Ihre Stimmen waren +schrecklich schrill und unangenehm. Vom Büfett her hörte +man Flaschen entkorken.</p> + +<p>„Was für ein sonderbarer Platz, um seine Göttin zu +finden!“ sagte Lord Henry.</p> + +<p>„Ja“, erwiderte Dorian Gray. „Hier habe ich sie gefunden, +und sie ist göttlicher als alles Lebendige. Wenn +sie spielt, wirst du alles vergessen. Diese gewöhnlichen rohen +Leute mit ihren alltäglichen Gesichtern und brutalen Bewegungen +werden ganz verwandelt, sobald sie auf der +Bühne steht. Sie sitzen stumm da und beobachten sie. Sie +weinen und lachen, wenn sie es will. Sie hält sie in Stimmung, +wie man es mit einer Geige tut. Sie veredelt sie, +und man spürt, daß sie vom selben Fleisch und Blut sind +wie man selbst.“</p> + +<p>„Vom selben Fleisch und Blut wie man selbst? Oh, ich +hoffe nicht!“ rief Lord Henry, der die Leute auf der +Galerie mit seinem Opernglas musterte.</p> + +<p>„Höre nicht auf ihn, Dorian!“ sagte der Maler. „Ich +begreife, was du meinst, und ich glaube an dies Mädchen. +Der Mensch, den du liebst, muß wunderbar sein, und jedes<a class="pagenum" name="Page_127" title="127"> </a> +Mädchen, das die von dir geschilderte Wirkung erzielt, +muß fein und edel sein. Seine Mitmenschen veredeln — +das verlohnt der Mühe. Wenn dies Mädchen die beseelen +kann, die seelenlos gelebt haben, wenn sie in Menschen, +deren Dasein schmutzig und häßlich war, einen Sinn +für Schönheit wecken kann, wenn sie sie aus ihrem Eigennutze +losreißen und ihnen Tränen um Sorgen entlocken +kann, die nicht ihre eigenen sind, dann ist sie deiner Verehrung +wert, dann ist sie der Verehrung der ganzen Welt +wert. Solche Heirat ist ganz das Rechte. Ich dachte zuerst +nicht so, aber jetzt gebe ich es zu. Die Götter haben +Sibyl Vane für dich geschaffen. Ohne sie wärst du nur +unvollständig gewesen.“</p> + +<p>„Danke, Basil“, antwortete Dorian Gray und drückte +ihm die Hand. „Ich wußte, daß du mich verstehst. Harry +ist ein Zyniker, er erschreckt mich. Aber da kommt das +Orchester. Es ist furchtbar, aber es dauert nur knappe +fünf Minuten. Dann geht der Vorhang auf und du erblickst +ein Mädchen, dem ich mein ganzes Leben schenken +will, dem ich alles überantwortet habe, was gut ist in +mir.“</p> + +<p>Eine Viertelstunde später betrat Sibyl Vane unter +einem geräuschvollen Beifallssturm die Bühne. Ja, sie war +wirklich entzückend — eins der entzückendsten Geschöpfe, +dachte Lord Henry, die er je gesehen hatte. Es lag etwas +von einem Reh in ihrer scheuen Grazie und ihren erstaunten +Augen. Ein schwaches Erröten wie der Widerschein +einer Rose in einem silbernen Spiegel trat auf ihre +Wangen, als sie das überfüllte und begeisterte Haus erblickte.<a class="pagenum" name="Page_128" title="128"> </a> +Sie trat ein paar Schritte zurück, und ihre Lippen +schienen zu zittern. Basil Hallward sprang auf und begann +zu klatschen. Bewegungslos, und wie in tiefem Traume, +saß Dorian Gray da und sah sie an. Lord Henry starrte +unverwandt durch sein Glas und murmelte: „Entzückend! +Entzückend!“</p> + +<p>Die Szene stellte die Halle in Capulets Hause dar, und +Romeo war in seinem Pilgerkleid mit Mercutio und seinen +anderen Freunden aufgetreten. Die Musik präludierte, so +gut sie konnte, mit ein paar Akkorden, und der Tanz +fing an. Mitten in dem Gewimmel von ungeschickten, +schäbig gekleideten Schauspielern bewegte sich Sibyl Vane +wie ein Geschöpf aus einer höheren Welt. Ihr Körper +schwebte im Tanze wie eine Blume auf dem Wasser. Die +Linien ihres Halses glichen denen einer weißen Lilie. Ihre +Hände schienen aus kühlem Elfenbein zu sein.</p> + +<p>Und doch schien sie von seltsamer Abwesenheit. Sie zeigte +kein Zeichen der Freude, während ihr Auge auf Romeo +ruhte. Die wenigen Worte, die sie zu sprechen hatte —</p> + +<p class="poem"> +Nein, Pilger, lege nichts der Hand zuschulden<br /> +Für ihren sittsam-andachtsvollen Gruß;<br /> +Der Heiligen Rechte darf Berührung dulden,<br /> +Und Hand in Hand ist frommer Waller Kuß —<br /> +</p> + +<p class="postpoem">mit dem kurzen Dialog, der folgt, sprach sie in einem +ganz gekünstelten Tone. Die Stimme klang wundervoll, +aber der Ton ganz verfehlt. Er traf die Stimmungsfarbe +nicht. Er nahm den Versen alles Leben. Er machte die +Leidenschaft unwahr.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_129" title="129"> </a></p> + +<p>Dorian Gray erbleichte, als er es hörte. Er war verlegen +und erschreckt. Seine beiden Freunde wagten nicht, +ihm etwas zu sagen. Sie schien ja ganz talentlos zu sein. +Sie waren furchtbar enttäuscht.</p> + +<p>Aber sie wußten, daß der wahre Prüfstein für jede +Julia die Balkonszene im zweiten Akt sei. Darauf warteten +sie. Wenn sie hier versagte, war nichts an ihr.</p> + +<p>Sie sah reizend aus, als sie im Mondschein auftrat. +Das konnte niemand leugnen. Aber das Theatralische +ihres Spiels war unerträglich und wurde im Verlauf +immer ärger. Ihre Gesten waren lächerlich gekünstelt. +Sie übertrieb das Pathos von allem, was sie zu sagen +hatte. Die wundervollen Verse —</p> + +<p class="poem"> +Du weißt, die Nacht verschleiert mein Gesicht,<br /> +Sonst färbte Mädchenröte meine Wangen<br /> +Um das, was du vorhin mich sagen hörtest —<br /> +</p> + +<p class="postpoem">deklamierte sie mit der peinlichen Genauigkeit eines Schulmädchens, +das einen mittelmäßigen Vortragslehrer in der +Schule gehabt hat. Als sie sich über den Balkon lehnte +und zu den herrlichen Versen kam —</p> + +<p class="poem"> +Obwohl ich dein mich freue,<br /> +Freu' ich mich nicht des Bundes dieser Nacht:<br /> +Er ist zu rasch, zu unbedacht, zu plötzlich,<br /> +Gleicht allzusehr dem Blitz, der schon vorbei,<br /> +Noch eh' man sagen kann: es blitzt. — Schlaf süß!<br /> +Mag warmer Sommerhauch die Liebesknospe<br /> +Zur Blume bis zum Wiedersehn entfalten —<br /> +</p> + +<p class="postpoem"><a class="pagenum" name="Page_130" title="130"> </a> +sprach sie die Worte, als enthielten sie keinerlei Sinn für +sie. Es war nicht Aufregung. Nein, weit entfernt davon, +erregt zu sein, schien sie ganz mit sich zufrieden. Es war +einfach schlechte Kunst. Es war ein richtiger Abfall.</p> + +<p>Selbst das gewöhnliche, ungebildete Publikum auf +Stehplatz und Galerie verlor sein Interesse am Stück. +Man wurde unruhig und begann laut zu sprechen und zu +zischen. Der jüdische Direktor, der im Hintergrunde des ersten +Ranges stand, stampfte mit den Füßen und fluchte vor +Wut. Einzig und allein unbewegt war das Mädchen selbst.</p> + +<p>Als der zweite Akt vorüber war, brach ein Sturm von +Zischen los, und Lord Henry stand von seinem Stuhl auf +und zog seinen Rock an. „Sie ist wunderschön, Dorian,“ +sagte er, „aber sie kann nicht spielen. Wir wollen gehen.“</p> + +<p>„Ich will das Stück zu Ende sehen“, antwortete der +junge Mann mit harter, bitterer Stimme. „Es tut mir +äußerst leid, daß ich dich veranlaßt habe, einen Abend zu +vergeuden, Harry. Ich muß mich bei euch beiden entschuldigen.“</p> + +<p>„Mein lieber Dorian, ich glaube, Miß Vane war +krank“, unterbrach ihn Hallward. „Wir wollen an einem +anderen Abend wiederkommen.“</p> + +<p>„Ich wünschte, sie wäre krank“, erwiderte er. „Aber ich +glaube, sie hat nur kein Gefühl und ist kalt. Sie ist völlig +verändert. Gestern abend war sie eine große Künstlerin. +Heute abend ist sie nur eine gewöhnliche, mittelmäßige +Schauspielerin.“</p> + +<p>„Sprich nicht so über jemand, den du liebst, Dorian. +Liebe ist etwas viel Wunderbareres als Kunst.“</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_131" title="131"> </a></p> + +<p>„Es sind beides nur Formen der Nachahmung“, bemerkte +Lord Henry. „Aber wir wollen gehen. Dorian, du +darfst nicht länger hier bleiben. Es schadet der Moral, +schlechte Schauspielkunst zu sehen. Ich glaube übrigens +nicht, daß du deine Frau auftreten lassen wirst. Was liegt +also daran, ob sie die Julia wie eine Holzpuppe spielt! +Sie ist wirklich bezaubernd, und wenn sie so wenig vom +Leben weiß wie vom Theaterspielen, wird sie dir eine +köstliche Erfahrung sein. Es gibt nur zwei Arten fesselnder +Menschen — solche, die alles wissen, und solche, die +gar nichts wissen. Großer Gott, mein lieber Junge, mach' +kein so tragisches Gesicht! Das Rezept, jung zu bleiben, +besteht einfach darin, nie eine Erregung haben, die unzuträglich +ist. Komm mit Basil und mir in den Klub! Wir +wollen Zigaretten rauchen und auf Sibyl Vanes Schönheit +trinken. Sie ist schön. Was willst du noch mehr?“</p> + +<p>„Geh, Harry!“ rief der Jüngling. „Ich will allein sein. +Basil, geh! Ach, könnt ihr nicht sehen, daß mir das Herz +bricht?“ Heiße Tränen traten ihm in die Augen. Seine +Lippen bebten, er drückte sich in die dunkelste Ecke der +Loge, lehnte sich an die Wand und verbarg sein Gesicht in +den Händen.</p> + +<p>„Komm, Basil“, sagte Lord Henry mit seltsam zärtlicher +Stimme; und die beiden jungen Männer gingen zusammen +hinaus.</p> + +<p>Ein paar Augenblicke später flammte die Rampe wieder +auf, und der Vorhang rauschte zum dritten Akt in die +Höhe. Dorian Gray ging auf seinen Platz zurück. Er sah +bleich, abwesend, gleichgültig aus. Das Spiel schleppte sich<a class="pagenum" name="Page_132" title="132"> </a> +weiter und schien endlos zu sein. Die Hälfte des Publikums +ging weg, auf schweren Stiefeln trampelnd und +lachend. Das Ganze war ein richtiges Fiasko. Der letzte +Akt wurde beinah vor leeren Bänken gespielt. Der Vorhang +fiel unter Zischen und höhnischem Gegrunze.</p> + +<p>Sobald es aus war, stürzte Dorian Gray hinter die Kulissen +in die Garderobe. Das Mädchen stand allein da, mit +einem triumphierenden Zuge im Antlitz. Die Augen leuchteten +in einem merkwürdigen Feuer. Eine Art Glanz umschwebte +sie. Ihre halbgeöffneten Lippen lächelten wie ein +Geheimnis, das ihnen allein bewußt war.</p> + +<p>Als er eintrat, blickte sie ihn an und ein Ausdruck unsäglichen +Glückes kam über sie. „Wie schlecht ich heute gespielt +habe, Dorian!“ rief sie.</p> + +<p>„Schrecklich“, antwortete er und sah sie voll Staunen +an — „schrecklich. Es war geradezu fürchterlich. Bist du +krank? Du hast keine Ahnung, wie es war. Keine Ahnung, +was ich durchgemacht habe.“</p> + +<p>Das Mädchen lächelte. „Dorian“, antwortete sie und +zog seinen Namen mit einem musikalischen Klang in die +Länge, als wäre er den roten Blüten ihres Mundes süßer +als Honig — „Dorian, du hättest begreifen sollen. Aber +jetzt begreifst du, nicht wahr?“</p> + +<p>„Was?“ fragte er heftig.</p> + +<p>„Warum ich heute abend so schlecht spielte. Warum ich +immer schlecht spielen werde. Warum ich nie mehr gut +spielen <ins title="werde.">werde.“</ins></p> + +<p>Er zuckte die Achseln. „Du bist gewiß krank. Wenn du +krank bist, solltest du nicht spielen. Du machst dich nur<a class="pagenum" name="Page_133" title="133"> </a> +lächerlich. Meine Freunde haben sich gelangweilt. Ich ebenfalls.“</p> + +<p>Sie schien nicht zu hören, was er sagte. Sie war wie verklärt +vor Vergnügen. Eine Ekstase des Glücks beherrschte sie.</p> + +<p>„Dorian, Dorian,“ rief sie, „bevor ich dich kannte, war +Spielen die einzige Wirklichkeit in meinem Leben. Nur +im Theater lebte ich. Ich hielt das alles für wahr. An +einem Abend war ich Rosalinde und Portia am andern. +Beatrices Glück war mein Glück, und Kordelias Tränen +waren die meinen. Ich glaubte an alles. Dies gewöhnliche +Volk, das mit mir spielte, schien mir göttlich. Die bemalten +Kulissen bedeuteten für mich die Welt. Ich kannte +nichts als Schatten, und ich nahm sie für Wirklichkeit. Da +kamst du — o mein schöner Geliebter — und befreitest +meine Seele aus der Kerkerhaft. Du hast mich gelehrt, +was die wahre Wirklichkeit ist. Heute habe ich zum erstenmal +die ganze Hohlheit durchschaut, den Betrug, die Albernheit +des falschen, verlogenen Flittertandes, zwischen +dem ich bisher gespielt habe. Heute abend wußte ich zum +ersten Male, daß dieser Romeo abscheulich und alt und +geschminkt ist, daß der Mond im Garten Blendwerk, die +ganze Szenerie ordinär ist und daß die Worte, die ich +zu sprechen hatte, nicht wahr, nicht meine Worte sind, +nicht, was ich hätte sagen müssen. Du hast mir etwas +Höheres geschenkt, etwas, von dem alle Kunst nur Abglanz +ist. Du hast mich begreifen gelehrt, was Liebe ist. Mein +Geliebter! Mein Geliebter! Prinz Märchenschön! Prinz +meines Lebens! Ich kann die Schatten nicht mehr ertragen. +Du bist mir mehr, als mir alle Kunst je sein kann. Was<a class="pagenum" name="Page_134" title="134"> </a> +hab' ich mit den Puppen eines Spiels zu schaffen? Als ich +heute abend auftrat, konnte ich nicht begreifen, wie es gekommen +war, daß alles verschwunden sein sollte. Ich hatte +gedacht, ich würde wundervoll sein. Ich merkte, daß ich +durchaus versagte. Plötzlich dämmerte es meiner Seele, +was das alles bedeutete. Es war ein herrliches Wissen. +Ich hörte sie zischen und lächelte. Was konnten die wissen +von einer Liebe wie die unsere? Nimm mich fort, +Dorian — nimm mich mit dir irgendwohin, wo wir allein +sein können. Ich hasse das Theater. Ich konnte vielleicht +ein Gefühl darstellen, das ich nicht spüre, aber ich kann doch +nicht eins spielen, das mich verbrennt wie Feuer. Ach, +Dorian, Dorian, begreifst du jetzt, was das bedeutet? +Selbst wenn ich es zustande brächte, wär' es Entweihung, +zu spielen, während ich liebe. Du hast mich sehend gemacht.“</p> + +<p>Er warf sich auf das Sofa und wandte sein Gesicht +ab. „Du hast meine Liebe getötet“, murmelte er.</p> + +<p>Sie sah ihn staunend an und lachte. Er gab keine Antwort. +Sie kam hin zu ihm und strich mit ihren kleinen +Fingern durch sein Haar. Sie kniete nieder und preßte +seine Hände an ihre Lippen. Er schob sie weg, und ein +Schauder überlief ihn.</p> + +<p>Dann sprang er auf und schritt zur Tür. „Ja,“ rief er, +„du hast meine Liebe getötet. Bisher hast du meine Phantasie +gefesselt. Jetzt fesselst du nicht einmal meine Neugier. +Du wirkst einfach nicht. Ich liebte dich, weil du ein Wunder +warst, weil du Genie und Geist hattest, weil du die +Träume großer Dichter verkörpertest und den Schatten +der Kunst Gestalt und Körper verliehest. All das hast du<a class="pagenum" name="Page_135" title="135"> </a> +weggeworfen. Jetzt bist du leer und seicht. Mein Gott. +Was für ein Narr war ich, dich zu lieben! Wie verblendet +war ich! Jetzt bist du mir nichts mehr. Ich will dich niemals +wiedersehen. Nie mehr an dich denken. Nie mehr deinen +Namen aussprechen. Du weißt nicht, was du mir einmal +warst. Ja, einmal, einmal... Oh, ich ertrage es +nicht, daran zu denken. Ich wünschte, ich hätte dich niemals +gesehen. Du hast die Poesie meines Lebens vernichtet. +Wie wenig mußt du von Liebe wissen, wenn du sagst, sie +lähme deine Kunst! Ohne deine Kunst bist du nichts. Ich +hätte dich berühmt gemacht, zu einem Sterne, zu etwas +Herrlichem. Die Welt hätte dich angebetet, und du hättest +meinen Namen getragen. Was bist du jetzt? Eine Schauspielerin +dritten Ranges mit einem hübschen Gesichtchen.“</p> + +<p>Das Mädchen war totenblaß geworden und zitterte. Sie +preßte die Hände zusammen, und die Sprache schien ihr in +der Kehle erstickt zu sein. „Du meinst es doch nicht im +Ernst, Dorian?“ flüsterte sie. „Du verstellst dich nur.“</p> + +<p>„Verstellen? Das überlaß ich dir. Du verstehst es ja so +gut“, entgegnete er bitter.</p> + +<p>Sie erhob sich von den Knien und ging mit einem wehen, +qualvollen Antlitz zu ihm hin. Sie legte ihm die Hand +auf den Arm und sah ihm in die Augen. Er stieß sie zurück. +„Berühre mich nicht!“ schrie er.</p> + +<p>Ein leises Stöhnen brach aus ihr hervor, und sie warf +sich ihm zu Füßen und lag da wie eine zertretene Blume. +„Dorian, Dorian, geh nicht fort von mir!“ rief sie leise. +„Ich bin so betrübt, daß ich nicht gut gespielt habe. Ich +dachte nur immer an dich. Aber ich will es wieder versuchen<a class="pagenum" name="Page_136" title="136"> </a> +— wirklich, ich will es versuchen. Es kam so jäh über +mich, die Liebe zu dir. Ich glaube, ich hätte nie etwas von +ihr gewußt, wenn du mich nicht geküßt hättest — wenn +wir uns nicht geküßt hätten. Küß mich wieder, Geliebter! +Geh nicht von mir! Ich könnte es nicht überleben. Oh, verlaß +mich nicht! Mein Bruder... nein, nichts darüber. Er +meinte es nicht im Ernst. Er scherzte nur... Aber du, oh! +Kannst du mir nie den heutigen Abend verzeihen? Ich +werde so fleißig sein und mir Mühe geben, besser zu werden. +Sei nicht grausam gegen mich, weil ich dich mehr +liebe als alles in der Welt. Es ist doch nur ein einziges +Mal, wo ich dir mißfallen habe. Aber du hast ganz recht, +Dorian. Ich hätte mich mehr als Künstlerin zeigen sollen. +Es war närrisch von mir; und doch konnte ich nicht anders. +Ach, verlaß mich nicht, verlaß mich nicht.“ Leidenschaftliches +Schluchzen erschütterte sie. Sie kauerte sich nieder wie ein +wundes Tier, und Dorian Gray sah mit seinen schönen +Augen zu ihr herab, und seine feingeschnittenen Lippen +kräuselten sich in tiefster Verachtung. Die Gefühlsregungen +von Menschen, die man nicht mehr liebt, haben immer +etwas Lächerliches an sich. Sibyl Vane schien ihm überspannt +melodramatisch zu sein. Ihre Tränen und ihr +Schluchzen langweilten ihn nur.</p> + +<p>„Ich gehe“, sagte er schließlich mit seiner klaren, ruhigen +Stimme. „Ich möchte nicht hart sein, aber ich kann dich +nicht mehr sehen. Du hast mich enttäuscht.“</p> + +<p>Sie weinte still weiter und sagte nichts, sondern kroch +näher. Ihre kleinen Hände streckten sich ins Leere hinaus +und schienen ihn zu suchen. Er wandte sich stehenden Fußes<a class="pagenum" name="Page_137" title="137"> </a> +herum und verließ das Zimmer. Wenige Augenblicke später +hatte er das Theater hinter sich.</p> + +<p>Wohin er ging, wußte er selber kaum. Er erinnerte sich, +durch schwach beleuchtete Gassen gewandert, an traurigen, +in schwarze Schatten getauchten Türbogen und elend aussehenden +Häusern vorbeigekommen zu sein, Weiber mit +heiseren Stimmen und schrillem Lachen hatten hinter ihm +her gerufen. Betrunkene waren fluchend und mit sich selber +sprechend, wie Riesenaffen, an ihm vorbeigetaumelt. +Er hatte putzige Kinder auf den Stufen kauern sehen und +Schreien und Schimpfen aus düsteren Höfen gehört.</p> + +<p>Als der Morgen graute, fand er sich dicht bei Covent +Garden. Die Dunkelheit schwand, die Luft rötete sich in +blaßrotem Feuer, und der Himmel wölbte sich zu einer +vollendeten Perle. Mächtige Wagen voll nickender Lilien +rumpelten langsam die gerade, leere Straße hinab. Die +Luft war schwer vom Dufte der Blumen, und die Schönheit +schien seinem Schmerz Linderung zu bringen. Er trat +in die Markthalle und sah den Männern zu, die ihre Wagen +ausluden. Ein Fuhrmann in weißem Kittel bot ihm +von seinen Kirschen an. Er dankte ihm, wunderte sich, warum +er kein Geld dafür annehmen wollte, und begann zerstreut +davon zu essen. Sie waren um Mitternacht gepflückt +worden, und sie hatten die Kühle des Mondes in sich. +Burschen in langer Reihe schleppten Körbe voll gestreifter +Tulpen und von gelben und roten Rosen herbei, trotteten +an ihm vorbei, als sie sich ihren Weg durch die großen, +gelblichgrünen Gemüsestapel suchten. Unter den grauen, +in der Sonne bleichen Säulen der Vorhalle lungerte ein<a class="pagenum" name="Page_138" title="138"> </a> +Trupp von schmuddeligen Mädchen ohne Hüte und warteten, +bis die Versteigerung vorbei war. Andere drängten +sich um die auf- und zugehenden Türen des Kaffeehauses +auf der Piazza. Die schweren Lastgäule glitten auf dem +Pflaster aus und stampften über die holperigen Steine, +ihre Glocken und Geschirre schüttelnd. Einige Fuhrmänner +lagen schlafend auf einem Haufen von Säcken. Mit regenbogenfarbenen +Hälsen und rötlichen Füßen trippelten die +Tauben mitten darin umher und pickten sich Körner auf.</p> + +<p>Nach einer Weile rief er sich eine Droschke und fuhr nach +Hause. Ein paar Augenblicke blieb er zögernd auf der +Schwelle stehen, blickte über den schweigenden Platz und +auf die Häuser mit den blanken, geschlossenen Fenstern +und den hellen Gardinen. Der Himmel war jetzt ein wirklicher +Opal, und die Dächer der Häuser glitzerten ihm wie +Silber entgegen. Von einem Schornstein gegenüber stieg +eine dünne Rauchsäule in die Höhe. Sie schlängelte sich wie +ein violettes Band durch die perlmutterfarbene Luft.</p> + +<p>In der großen venezianischen Goldlaterne, einer Beute +von der Barke irgendeines Dogen, die von der Decke der +großen eichengetäfelten Vorhalle herabhing, brannten noch +drei flackernde Gaslichter: wie dünne blaue Feuerblüten, +von weißen Flammen umsäumt. Er drehte sie aus, warf +Hut und Mantel auf den Tisch und ging durch die Bibliothek +zur Tür seines Schlafzimmers. Das war ein großer, +achteckiger Raum zu ebener Erde, den er in seinem neu +erwachten Gefühl für Luxus erst unlängst einrichten und +mit einigen schnurrigen Renaissancegobelins hatte bespannen +lassen, die er in einer nicht mehr gebrauchten<a class="pagenum" name="Page_139" title="139"> </a> +Dachkammer in Selby Royal entdeckt hatte. Als er eben +nach der Klinke griff, fiel sein Blick auf das Bildnis, das +Basil Hallward von ihm gemalt hatte. Erstaunt schrak +er zurück. Dann ging er in sein Zimmer und sah nachdenklich +und betroffen aus. Nachdem er die Blume aus seinem +Knopfloch genommen hatte, schien er zu zögern. Schließlich +ging er zurück, trat vor das Bild und musterte es. In dem +unbestimmten, gedämpften Licht, das durch die mattgelblichen +Seidenvorhänge drang, schien ihm das Gesicht ein +wenig verändert. Der Ausdruck war anders. Man hätte +sagen können, daß ein grausamer Zug um den Mund läge. +Es war wirklich seltsam.</p> + +<p>Er drehte sich um, ging zum Fenster und zog den Vorhang +auf. Der helle Morgen flutete durch das Zimmer +und fegte die phantastischen Schatten in düstere Winkel, wo +sie zitternd liegenblieben. Aber der seltsame Ausdruck, den +er im Gesicht des Bildes bemerkt hatte, schien nicht nur +dazubleiben, sondern sich noch verstärkt zu haben. Das +heiße, zitternde Sonnenlicht zeigte ihm den grausamen Zug +um den Mund so deutlich, als sähe er sich in einem Spiegel, +nachdem er etwas Furchtbares verübt hätte.</p> + +<p>Er fuhr zusammen und nahm vom Tisch einen ovalen +Spiegel, dessen Fassung von elfenbeinernen Liebesgöttern +gebildet wurde, eines der vielen Geschenke Lord Henrys, +und blickte hastig in die glänzende Tiefe. Keine Linie solcher +Art verunstaltete seine roten Lippen. Was sollte dies +bedeuten?</p> + +<p>Er rieb sich die Augen und trat ganz nahe an das Bild +heran, um es abermals zu mustern. An der Technik der<a class="pagenum" name="Page_140" title="140"> </a> +Malerei konnte man gar keine Spur einer Veränderung bemerken, +und doch war kein Zweifel, daß sich der Ausdruck +im ganzen verändert hatte. Es war keine Einbildung von +ihm. Die Sache war schrecklich klar.</p> + +<p>Er warf sich in einen Stuhl und begann zu grübeln. +Plötzlich überkam ihn die Erinnerung an die Worte, die er +in Basil Hallwards Atelier an dem Tage gesagt hatte, wo +das Bild fertig geworden war. Ja, er erinnerte sich ganz +deutlich. Er hatte den sinnlosen Wunsch ausgesprochen, daß +er selbst jung bleiben solle, und das Porträt altern: daß +seine eigene Schönheit fleckenlos bleiben, und das Antlitz +auf der Leinwand die Last seiner Leidenschaften und Sünden +tragen solle: daß das gemalte Bildnis von den Linien +des Leidens und Denkens durchfurcht werden und er selbst +den feinen Schmelz und alle Lieblichkeit seiner Jugend behalten +solle, deren er sich damals gerade bewußt geworden +war. Sein Wunsch war doch nicht erfüllt worden? Solche +Dinge bleiben unmöglich. Nur so etwas zu denken, schien +ungeheuerlich. Und doch, da stand das Bild vor ihm und +hatte den Zug von Grausamkeit um den Mund.</p> + +<p>Grausamkeit! War er grausam gewesen? Das Mädchen +hatte schuld, nicht er. Er hatte von ihr geträumt, als einer +großen Künstlerin, hatte ihr seine Liebe geschenkt, weil er +sie für groß gehalten hatte. Dann hatte sie ihn enttäuscht. +Sie war hohl und wertlos gewesen. Und doch überkam ihn +ein Gefühl unendlichen Mitleids, als er daran dachte, wie +sie zu seinen Füßen gelegen und wie ein kleines Kind geschluchzt +hatte. Er erinnerte sich, mit welcher Gefühllosigkeit +er sie betrachtet hatte. Warum war er so geschaffen<a class="pagenum" name="Page_141" title="141"> </a> +worden? Warum war ihm eine solche Seele verliehen worden? +Aber auch er hatte gelitten. In den drei schrecklichen +Stunden, die das Stück dauerte, hatte er Jahrhunderte +von Schmerzen, Ewigkeiten über Ewigkeiten von Qualen +durchlebt. Sein Leben war gewiß soviel wert als das ihre, +wenn er sie für das ganze Leben verwundet hatte. Sie +hatte ihn für einen Augenblick vernichtet. Außerdem sind +die Frauen besser dafür geeignet, Leiden zu ertragen als +Männer. Sie leben von ihren Gefühlen. Sie denken nur +an ihre Gefühle. Wenn sie einen Geliebten haben, so ist es +nur, um jemand zu haben, dem sie Szenen machen können. +Lord Henry hatte ihm das gesagt, und Lord Henry wußte, +wie es mit den Frauen bestellt war. Warum sollte er sich +um Sibyl Vane beunruhigen? Sie war ihm jetzt nichts +mehr.</p> + +<p>Aber das Bild? Was sollte er dazu sagen? Es barg +das Geheimnis seines Lebens in sich und erzählte seine +Geschichte. Es hatte ihn die Liebe zur eigenen Schönheit +gelehrt. Sollte es ihn lehren, seine eigene Seele zu verabscheuen? +Könnte er es je wieder anblicken?</p> + +<p>Nein; es war nur eine Einbildung, ein Gewebe der verwirrten +Sinne. Die fürchterliche Nacht, die er durchlebte, +hatte Gespenster zurückgelassen. Der winzige scharlachrote +Fleck, der die Menschen zum Wahnsinn treibt, war plötzlich +auf seinem Gehirn zum Vorschein gekommen. Das +Bild war nicht anders geworden. Es war Wahnsinn, das +anzunehmen.</p> + +<p>Aber es blickte ihn an mit seinem wunderschönen, entstellten +Gesicht und seinem grausamen Lächeln. Sein helles<a class="pagenum" name="Page_142" title="142"> </a> +Haar leuchtete im Sonnengold der Frühe. Seine blauen +Augen blickten in seine eigenen. Ein Gefühl grenzenlosen +Mitleids durchdrang ihn, nicht mit sich selbst, nein, mit +dem gemalten Abbild. Schon hatte es sich verändert und +würde sich noch mehr verändern. Sein Gold wird zum +Grau erbleichen. Seine roten und weißen Rosen werden +welken. Für jede Sünde, die er begehen würde, wird ein +Fleck hervortreten und seine Schönheit besudeln. Aber er +wird nicht sündigen. Das Bildnis, verwandelt oder unverwandelt, +soll für ihn das sichtbare Wahrzeichen des +Gewissens sein. Er wird jeder Versuchung widerstehen. Er +wird Lord Henry nicht wiedersehen — wenigstens nicht +mehr seinen blendenden, giftigen Theorien lauschen, die +in Basil Hallwards Garten zum erstenmal in ihm die Leidenschaft +für unmögliche Dinge aufgerüttelt hatten. Er +wird zu Sibyl Vane zurückeilen, sich bestreben, sie in ihrer +Kunst zu verfeinern, sie heiraten und versuchen, sie wieder +zu lieben. Ja, es war seine Pflicht, das zu tun. Sie mußte +ja mehr gelitten haben als er. Armes Kind! Er war selbstsüchtig +und grausam gegen sie gewesen. Der Zauber, den +sie auf ihn ausgeübt hatte, würde wiederkehren. Sie +würden glücklich miteinander werden. Sein Leben mit ihr +würde schon und rein sein.</p> + +<p>Er stand von seinem Stuhl auf und schob einen großen +Wandschirm vor das Bildnis. Er schrak zusammen, als er +es anblickte. „Wie schrecklich“, flüsterte er. Dann schritt +er zur Glastür und öffnete sie. Als er in das Grüne hinaus +trat, atmete er tief auf. Die frische Morgenluft schien +all die düsteren Leidenschaften zu verjagen. Er dachte nur<a class="pagenum" name="Page_143" title="143"> </a> +noch an Sibyl. Ein schwacher Glanz seiner Liebe kehrte zurück. +Er wiederholte ihren Namen immer wieder, immer +wieder. Die Vögel, die in dem taubeperlten Garten sangen, +schienen den Blumen von ihr zu erzählen.</p> + +<h2><a name="Achtes_Kapitel" id="Achtes_Kapitel"></a>Achtes Kapitel</h2> + + +<p>Mittag war längst vorüber, als er erwachte. Sein +Diener war mehrmals auf den Fußspitzen in das Zimmer +geschlichen, um zu sehen, ob er wach wäre, und er hatte +sich gewundert, weshalb sein junger Herr so lange schlafe. +Schließlich klingelte es, und Viktor trat leise ein mit einer +Schale Tee und einem Stoß Postsachen auf einer schmalen +Sevresplatte und zog die olivengelben Atlasvorhänge +mit ihrem blauglänzenden Futter vor den drei großen +Fenstern zurück.</p> + +<p>„Monsieur hat heute morgen gut geschlafen“, sagte er +lächelnd.</p> + +<p>„Wieviel Uhr ist es?“ fragte Dorian Gray noch verschlafen.</p> + +<p>„Ein Viertel zwei, Monsieur!“</p> + +<p>Wie spät es war! Er setzte sich auf, schlürfte einige Züge +Tee und durchblätterte die Briefe. Einer davon war von +Lord Henry und war diesen Morgen von einem Boten abgegeben +worden. Er zögerte einen Augenblick und legte +ihn dann zur Seite. Die anderen öffnete er zerstreut. Sie +enthielten die gewöhnliche Sammlung von Karten, Einladungen<a class="pagenum" name="Page_144" title="144"> </a> +zum Essen, Ausstellungsbilletts, Programmen +für Wohltätigkeitskonzerte und ähnlichen Aufforderungen, +wie sie einem jungen Mann der Gesellschaft während der +Saison jeden Morgen ins Haus regnen. Es war auch eine +recht große Rechnung dabei für ein Toiletteservice im +Stile Louis des Fünfzehnten, aus getriebenem Silber, die +er noch nicht mutig genug gewesen war, seinen Vormündern +vorzulegen, die außerordentlich altmodische Herren +waren und nicht begreifen konnten, daß man in einer +Zeit lebe, wo die unnötigen Dinge unsere einzige Notwendigkeit +sind; und außerdem war eine Reihe sehr höflich +abgefaßter Mitteilungen aus Jermyn Street da, in +denen man sich anbot, ihm in der kürzesten Zeit jeden +Geldbetrag zu dem mäßigsten Zinsfuße vorzustrecken.</p> + +<p>Etwa nach zehn Minuten stand er auf, schlüpfte in einen +raffinierten Schlafrock aus Kaschmirwolle mit Seidenstickereien, +und ging in das onyxgepflasterte Badezimmer. +Das kalte Wasser erquickte ihn nach dem langen Schlaf. +Er schien alles vergessen zu haben, was er hinter sich hatte. +Ein- oder zweimal durchzuckte ihn ein undeutliches Gefühl, +als wäre er irgendwie in eine seltsame Tragödie verwickelt +gewesen, aber die Unwirklichkeit eines Traumes webte +darüber.</p> + +<p>Sobald er angezogen war, ging er in das Bibliothekszimmer +und setzte sich zu einem leichten französischen Frühstück +nieder, das auf einem kleinen, runden Tische nahe +beim offenen Fenster bereit stand. Es war ein entzückender +Tag. Die warme Luft schien mit Wohlgerüchen gewürzt. +Eine Biene flog herein und summte um die Schale aus<a class="pagenum" name="Page_145" title="145"> </a> +blauem Drachenporzellan, die voller schwefelgelber Rosen +vor ihm stand. Er fühlte sich vollkommen glücklich.</p> + +<p>Plötzlich fiel sein Blick auf den Wandschirm, den er vor +das Bild gestellt hatte, und er zuckte zusammen.</p> + +<p>„Ist es zu kalt für den gnädigen Herrn?“ fragte der +Diener, während er eine Omelette auf den Tisch stellte. +„Soll ich das Fenster schließen?“</p> + +<p>Dorian schüttelte den Kopf. „Mir ist nicht kalt“, antwortete +er.</p> + +<p>War es alles wahr? Hatte sich das Bild wirklich verändert? +Oder war es lediglich seine eigene Phantasie gewesen, +die ihm einen Zug von Schlechtigkeit vorgespiegelt +hatte, wo nur ein Zug von Freude gewesen war? Eine gemalte +Leinwand konnte sich doch nicht verändern? Das +war doch Tollheit! Das würde er eines Tages Basil als +Märchen erzählen. Er würde darüber lächeln.</p> + +<p>Und doch, wie lebendig war die Erinnerung an die +ganze Sache! Zuerst in dem schwankenden Zwielicht und +dann in der hellen Morgenfrühe hatte er den Zug von +Grausamkeit um die geschwungenen Lippen bemerkt. Er +fürchtete sich förmlich davor, daß sein Diener hinausgehen +könnte. Er wußte, er würde, sowie er allein sei, das Bild +betrachten müssen. Er fürchtete sich vor dieser Gewißheit. +Als der Diener Kaffee und Zigaretten gebracht hatte und +sich zum Gehen wandte, empfand er den heftigsten Wunsch, +ihn dableiben zu lassen. Als sich hinter ihm die Tür geschlossen +hatte, rief er ihn zurück. Der Mann stand da und +wartete auf seine Befehle. Dorian sah ihn einen Augenblick +an. „Ich bin für niemand zu Hause, Viktor“, sagte er<a class="pagenum" name="Page_146" title="146"> </a> +mit einem Seufzer. Der Mann verbeugte sich und ging +hinaus.</p> + +<p>Dann stand er vom Tische auf, zündete sich eine Zigarette +an und warf sich auf eine üppig gepolsterte Ottomane, +die gegenüber dem Schirme stand. Es war ein alter +Wandschirm aus vergoldetem spanischen Leder, in das ein +blumiges Louis-Quatorze-Muster getrieben war. Er musterte +ihn forschend und fragte sich, ob der Schirm wohl +schon jemals das Geheimnis eines Menschenlebens verhüllt +habe.</p> + +<p>Sollte er ihn überhaupt wegschieben? Warum ihn nicht +da stehen lassen? Was half die Gewißheit? War die Sache +wahr, so war es schrecklich. War sie nicht wahr, wozu sich +darüber beunruhigen? Aber wie, wenn durch Schicksalstücke +oder irgendeinen tödlichen Zufall andere Augen als die +seinen dahinter blickten und die fürchterliche Veränderung +sähen? Was wollte er tun, wenn Basil Hallward kam und +sein eigenes Bild sehen wollte? Das würde Basil sicher +tun. Nein, die Sache mußte untersucht werden, und zwar +auf der Stelle. Alles war besser als diese schreckliche Ungewißheit.</p> + +<p>Er stand auf und verschloß beide Türen. Er wollte +wenigstens allein sein, wenn er die Maske seiner Schande +betrachtete. Dann schob er den Schirm zur Seite und sah +sich selbst von Angesicht zu Angesicht. Es war vollständig +wahr. Das Bildnis hatte sich verändert.</p> + +<p>Er erinnerte sich später oft und immer mit nicht geringer +Verwunderung, daß er zuerst das Bild mit einem +Gefühl von wissenschaftlichem Interesse geprüft habe. Daß<a class="pagenum" name="Page_147" title="147"> </a> +eine solche Veränderung möglich sei, schien ihm nicht +glaublich. Und doch war es Tatsache. Gab es irgendeine +geheime Verwandtschaft zwischen den chemischen Atomen, +die auf der Leinwand Form und Farbe werden, und der +Seele, die in ihm lebte? Konnte es sein, daß sie in Wirklichkeit +ausdrückten, was seine Seele dachte? — daß sie +zur Wahrheit machten, was sie träumte? Oder gab es +eine andere schreckliche Beziehung? Er schauderte zusammen +und fühlte sich von Angst gepackt. Dann ging er zu +der Ottomane zurück und lag nun da, das Bildnis in +krankhaftem Schrecken anstierend.</p> + +<p>Eine Wirkung aber, das fühlte er, hatte es gehabt. Es +hatte ihm klargemacht, wie ungerecht, wie grausam er +gegen Sibyl Vane gewesen war. Noch war es nicht zu +spät, das wieder gut zu machen. Sie konnte noch sein +Weib werden. Seine unwahre, selbstsüchtige Liebe sollte +einer höheren Kraft den Platz einräumen, sollte sich zu +einer edleren Leidenschaft erhöhen und das Bildnis, das +Basil Hallward gemalt hatte, sollte sein Führer durchs +Leben, sollte das für ihn sein, was Heiligkeit für einige ist, +Gewissen für andere und Gottesfurcht für uns alle ist. +Es gab Schlafmittel für Gewissensbisse, Medikamente, die +das Sittlichkeitsgefühl in Schlaf lullen konnten. Aber hier +war das durch Sündigkeit hervorgerufene sichtbare Symbol +der Erniedrigung. Hier war das ewig unauslöschliche +Zeichen des Verderbens, das Menschen der eigenen Seele +zufügen.</p> + +<p>Es schlug drei und vier, und noch eine halbe Stunde +ließ das doppelte Zeichen erklingen, aber Dorian Gray<a class="pagenum" name="Page_148" title="148"> </a> +rührte sich nicht. Er bemühte sich, die scharlachroten Fäden +des Lebens zu entwirren und sie in ein Muster zu +verschlingen; seinen Weg zu finden aus dem blutroten Irrgarten +der Leidenschaft, den er durchwanderte. Er wußte +nicht, was er tun, nicht, was er denken sollte. Endlich trat +er an den Tisch und schrieb einen leidenschaftlichen Brief +an das Mädchen, das er geliebt hatte, flehte sie an, ihm +zu verzeihen, und beschuldigte sich des Wahnsinns. Er +bedeckte Seite um Seite mit wilden Worten der Sorge +und noch heftigeren des Schmerzes. Es gibt eine Wollust +in Selbstanklagen. Wenn wir uns selbst tadeln, haben wir +das Gefühl, daß uns kein anderer tadeln dürfe. Die +Beichte, nicht der Priester, erteilt uns Absolution. Als +Dorian den Brief beendet hatte, fühlte er, daß ihm vergeben +worden sei.</p> + +<p>Plötzlich pochte man an die Tür und er hörte Lord +Henrys Stimme draußen. „Lieber Junge, ich muß dich +sehen. Laß mich gleich herein! Ich kann es nicht zugeben, +daß du dich so absperrst!“</p> + +<p>Er gab zuerst keine Antwort, sondern blieb ganz still. +Das Klopfen wiederholte sich und wurde lauter. Ja, es +war besser, Lord Henry einzulassen und ihm zu erklären, +daß er ein neues Leben führen wolle, mit ihm zu streiten, +wenn Streit nötig wäre, und sich von ihm zu trennen, +wenn Trennung stattfinden mußte. Er sprang auf, schob +den Wandschirm hastig vor das Bild und schloß die +Tür auf.</p> + +<p>„Es tut mir alles so sehr leid, Dorian“, sagte Lord Henry, +als er eintrat. „Aber du mußt nicht zuviel daran denken.“</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_149" title="149"> </a></p> + +<p>„Meinst du an Sibyl Vane?“ fragte der Jüngling.</p> + +<p>„Ja, natürlich“, erwiderte Lord Henry, ließ sich in +einen Stuhl nieder und zog seine gelben Handschuhe langsam +aus. „Es ist gewiß, einerseits betrachtet, schrecklich, +aber es war doch nicht deine Schuld. Sag' mal, bist du +hinter die Bühne gegangen und hast du sie gesehen, als +das Stück aus war?“</p> + +<p>„Ja.“</p> + +<p>„Ich war davon überzeugt. Hast du ihr eine Szene +gemacht?“</p> + +<p>„Ich war brutal, Harry, offen gesagt, brutal. Aber +jetzt ist alles wieder gut. Was geschehen ist, tut mir nicht +mehr leid. Es hat mich gelehrt, mich selbst besser kennenzulernen.“</p> + +<p>„Ach, Dorian, da bin ich sehr froh, daß du es so auffaßt. +Ich fürchtete, dich von Gewissensbissen zermartert +zu finden und wie du dir die hübschen lockigen Haare zerraufst.“</p> + +<p>„Das habe ich alles durchgemacht“, sagte Dorian und +schüttelte lächelnd den Kopf. „Jetzt bin ich vollkommen +glücklich. Vor allem weiß ich jetzt, was es heißt, ein Gewissen +zu haben. Es ist nicht das, was du mir gesagt hast. +Es ist das Göttlichste in uns. Spotte nicht darüber, nie +mehr, Harry — wenigstens nie mehr in meiner Gegenwart. +Ich will jetzt gut sein. Ich kann den Gedanken nicht +ertragen, meine Seele befleckt zu haben.“</p> + +<p>„Wirklich eine entzückende, künstlerische Grundlage für +Moral, Dorian. Ich gratuliere dir dazu. Aber wie willst +du damit anfangen?“</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_150" title="150"> </a></p> + +<p>„Indem ich Sibyl Vane heirate.“</p> + +<p>„Sibyl Vane heiraten?“ schrie Lord Henry auf, erhob +sich und sah ihn mit der bestürztesten Verwunderung an. +„Aber mein lieber Dorian —“</p> + +<p>„Ja, Harry, ich weiß, was du sagen willst. Irgend +etwas Häßliches über die Ehe. Sag' es nicht. Sag' mir +nie wieder solche Dinge. Vor zwei Tagen habe ich Sibyl +gebeten, mich zu heiraten. Ich werde mein Wort nicht +brechen. Sie soll meine Frau werden.“</p> + +<p>„Deine Frau, Dorian... Hast du denn meinen Brief +nicht bekommen? Ich habe dir heute früh geschrieben und +schickte die Mitteilung durch meinen Diener her.“</p> + +<p>„Deinen Brief? Ach ja, ich erinnere mich. Ich hab' +ihn noch nicht gelesen, Harry. Ich fürchtete, daß etwas +drin stünde, was mir nicht gefallen könnte. Du vivisezierst +das Leben mit deinen Aphorismen.“</p> + +<p>„Dann weißt du also nichts.“</p> + +<p>„Wovon sprichst du?“</p> + +<p>Lord Henry wanderte durch das Zimmer, setzte sich +dann neben Dorian Gray, nahm seine beiden Hände und +hielt sie fest. „Dorian,“ sagte er, „mein Brief — erschrick +nicht — sollte dir melden, daß Sibyl Vane tot ist.“</p> + +<p>Ein Schmerzensschrei gellte von den Lippen des Jünglings, +und er sprang auf und riß seine Hände aus Lord +Henrys Umklammerung los. „Tot! Sibyl tot!“ Es ist +nicht wahr. Es ist eine furchtbare Lüge. Wie wagst du +es, das zu sagen?“</p> + +<p>„Es ist völlig wahr, Dorian“, sagte Lord Henry ernst. +„Es steht in allen Morgenblättern. Ich schrieb dir's gleich<a class="pagenum" name="Page_151" title="151"> </a> +und bat, du solltest niemand empfangen, bis ich käme. +Es muß natürlich eine Untersuchung stattfinden, und du +darfst da nicht hineingezogen werden. Dinge dieser Art +machen in Paris einen Mann zum Helden des Tages. +Aber in London haben die Leute zuviel Vorurteile. Hier +darf man nie mit einem Skandal debütieren. Man muß +sich das aufheben, um im Alter noch interessant zu sein. +Ich nehme an, man weiß im Theater deinen Namen +nicht. In dem Fall ist alles gut. Hat dich jemand in die +Garderobe gehen sehen? Das ist ein wichtiger Faktor.“</p> + +<p>Ein paar Augenblicke lang antwortete Dorian nicht. Er +war vor Entsetzen gelähmt. Schließlich stammelte er mit +erstickter Stimme: „Harry, sagtest du eine Untersuchung? +Was meintest du damit? Hat sich Sibyl —? Oh, Harry, +ich kann's nicht ertragen. Mach's kurz. Sag' mir alles +auf einmal.“</p> + +<p>„Ich zweifle nicht daran, daß es kein Versehen war, +Dorian, wenn man es auch dem Publikum so darstellen +muß. Es scheint, sie hat das Theater mit ihrer Mutter +verlassen, gegen halb eins ungefähr, und dann sagte sie +plötzlich, sie habe oben etwas vergessen. Man wartete +einige Zeit auf sie, aber sie kam nicht wieder herunter. +Schließlich fanden sie sie tot auf dem Boden in ihrem +Ankleidezimmer. Sie hatte aus Versehen irgend etwas +getrunken, irgend solche gräßliche Sache, die man in den +Theatern braucht. Ich weiß nicht genau, was es war, +aber es muß entweder Blausäure oder Bleiweiß gewesen +sein. Ich vermute, Blausäure, denn sie scheint sofort tot +gewesen zu sein.“</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_152" title="152"> </a></p> + +<p>„Harry, Harry, es ist furchtbar!“ schrie der Jüngling.</p> + +<p>„Ja; natürlich ist's sehr tragisch, aber du mußt sehen, +nicht mit in die Sache verwickelt zu wenden. Ich habe im +‚Standard‛ gelesen, daß sie siebzehn Jahre alt war. Ich +hätte sie noch eher für jünger gehalten. Sie sah ganz wie +ein Kind aus und schien so wenig von der Schauspielerei +zu verstehen. Dorian, du darfst die Sache nicht so an die +Nerven gehen lassen. Du mußt mitkommen und mit mir +essen, und nachher wollen wir noch 'n bißchen in die Oper +gehen. Die Patti singt, und alle Welt wird da sein. Du +kannst mit in die Loge von meiner Schwester kommen. +Sie bringt ein paar famose Frauen mit.“</p> + +<p>„So habe ich also Sibyl Vane gemordet,“ sagte Dorian +Gray halb zu sich selbst — „sie gemordet, so sicher, als +hätte ich ihre zarte Kehle mit einem Messer durchschnitten. +Und doch sind darum die Rosen nicht weniger entzückend. +Die Vögel in meinem Garten singen genau so lustig. Und +heute abend geh' ich mit dir essen und dann in die Oper +und nachher vermutlich irgendwo soupieren. Wie merkwürdig +dramatisch das Leben ist. Wenn ich das alles in +einem Buche gelesen hätte, Harry, ich glaube, ich hätte +darüber geweint. Aber jetzt, wo es in Wirklichkeit geschehen +ist, wo es mir selbst geschehen ist, scheint es mir zu wunderbar +für Tränen. Da liegt der erste leidenschaftliche Liebesbrief, +den ich in meinem Leben geschrieben habe. Seltsam, +daß mein erster leidenschaftlicher Liebesbrief an ein totes +Mädchen gerichtet ist. Ich möchte wohl wissen, ob sie noch +ein Gefühl haben, diese weißen, verstummten Menschen, +die wir Tote nennen. Sibyl! Kann sie fühlen, oder wissen,<a class="pagenum" name="Page_153" title="153"> </a> +oder hören? O Harry, wie hab' ich sie einmal geliebt! +Es scheint mir jetzt vor Jahren gewesen zu sein. Sie war +mir alles. Dann kam dieser schreckliche Abend, — war es +wirklich erst gestern? wo sie so schlecht spielte und mir fast +das Herz zerriß. Sie hat mir alles erklärt. Es war furchtbar +rührend. Aber es machte nicht den mindesten Eindruck +auf mich. Ich hielt sie für ein oberflächliches Geschöpf. +Dann geschah plötzlich etwas, was mir Furcht einjagte. Ich +kann dir nicht sagen, was es war, aber es war furchtbar. +Ich nahm mir vor, zu ihr zurückzukehren. Ich empfand, +daß ich unrecht gehabt habe. Und jetzt ist sie tot. Mein +Gott! Mein Gott! Harry, was soll ich tun? Du kennst +die Gefahr nicht, in der ich schwebe und es gibt nichts, +was mich aufrechterhalten könnte. Sie hätte es für mich +getan. Sie hatte kein Recht, sich umzubringen. Es war +selbstsüchtig von ihr.“</p> + +<p>„Mein lieber Dorian,“ antwortete Lord Harry, während +er eine Zigarette aus dem Etui nahm und ein goldenes +Streichholzbüchschen hervorholte, „die einzige Art, +auf die eine Frau einen Mann bessern kann, besteht darin, +sie langweilt ihn so gründlich, daß er alles Interesse am +Leben verliert. Wenn du dieses Mädchen geheiratet +hättest, wärst du verdorben worden. Natürlich hättest +du sie gütig behandelt. Menschen, für die man nichts +übrig hat, kann man immer gütig behandeln. Aber sie +hätte bald herausgefunden, daß du gar nichts für sie übrig +hast. Und wenn eine Frau bei ihrem Mann Gleichgültigkeit +wittert, vernachlässigt sie sich entweder schrecklich, oder +sie trägt überelegante Hüte, die der Mann einer anderen<a class="pagenum" name="Page_154" title="154"> </a> +Frau bezahlen muß. Ich will nichts über das soziale Mißverhältnis +sagen, das schauderhaft gewesen wäre; ich hätte +selbstverständlich die Sache nie zugegeben, aber ich versichere +dir, die Sache wäre in jedem Falle ganz verfehlt +gewesen.“</p> + +<p>„Vermutlich“, murmelte der junge Mann, während er +mit furchtbar blassem Gesicht im Zimmer auf und ab +schritt. „Aber ich glaube, es sei meine Pflicht. Es ist nicht +meine Schuld, daß mich dieses schreckliche Trauerspiel verhindert +hat, das Rechte zu tun. Ich erinnere mich, daß +du einmal gesagt hast, ein sonderbares Verhängnis schwebe +über guten Vorsätzen — daß man sie nämlich immer zu +spät fasse. Bei meinem war es gewiß der Fall.“</p> + +<p>„Gute Vorsätze sind nutzlose Versuche, Naturgesetze umzustoßen. +Ihr Ursprung ist reine Eitelkeit. Ihr Erfolg ist +absolut gleich Null. Sie geben uns dann und wann etwas +jener unfruchtbaren Lustempfindungen, die auf schwache +Menschen einen gewissen Reiz ausüben. Das ist alles, was +man zu ihren Gunsten vorbringen kann. Sie sind bloße +Schecks, die man auf eine Bank ausstellt, bei der man +kein Konto hat.“</p> + +<p>„Harry“, rief Dorian Gray, der sich näherte und +neben ihn setzte. „Warum kann ich diese Tragödie nicht so +stark empfinden, wie ich müßte? Ich kann nicht glauben, +daß ich herzlos bin. Glaubst du das von mir?“</p> + +<p>„Du hast in den letzten vierzehn Tagen zuviel törichte +Streiche begangen, als daß du einen Anspruch auf diesen +Ehrentitel haben könntest, Dorian“, erwiderte Lord Harry +mit seinem stillen, melancholischen Lächeln.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_155" title="155"> </a></p> + +<p>Der Jüngling runzelte die Stirn. „Diese Erklärung besagt +mir eigentlich nichts, Harry, aber ich bin dennoch +froh, daß du mich nicht für herzlos hältst. Ich bin es gewiß +nicht. Ich weiß, daß ich es nicht bin. Und doch muß ich +zugeben, daß dies Ereignis mich nicht so angreift, wie es +sollte. Es kommt mir wie der wunderbare Szenenschluß +eines wunderbaren Dramas vor. Es hat die schreckliche +Schönheit einer griechischen Tragödie, einer Tragödie, in +der ich eine große Rolle gespielt habe, aber in der ich +selbst nicht verwundet worden bin.“</p> + +<p>„Es ist eine interessante Frage,“ sagte Lord Harry, dem +es ein ausgesuchtes Vergnügen bereitete, mit dem unbewußten +Egoismus des jungen Mannes zu spielen — „eine +außerordentlich interessante Frage. Ich meine, die wahre +Erklärung ist wohl die. Es kommt oft vor, daß sich die +Wirklichkeits-Tragödien des Lebens in einer so unkünstlerischen +Form abspielen, daß sie uns durch ihre rohe Gewalt, +ihren absoluten Mangel an Zusammenhang, durch +ihre lächerliche Sinnlosigkeit und ihre außerordentliche +Stillosigkeit verletzen. Sie betrüben uns genau so, +wie es die Gemeinheit tut. Sie geben uns ein Gefühl +einer jähen, brutalen Gewalt, und wir lehnen uns +dagegen auf. Manchmal aber kreuzt eine Tragödie unser +Leben, die künstlerische Schönheitselemente in sich birgt. +Wenn diese Schönheitselemente wirklich vorhanden sind, +dann ergreift die ganze Sache nur unseren Sinn für dramatische +Wirkung. Wir entdecken auf einmal, daß wir nicht +mehr die Darsteller, sondern die Zuschauer des Stückes +sind. Oder richtiger, wir sind beides. Wir beobachten uns<a class="pagenum" name="Page_156" title="156"> </a> +selbst und werden von dem Wundersamen des Schicksals +erschüttert. Was ist in vorliegendem Falle wirklich geschehen? +Jemand hat sich aus Liebe zu dir umgebracht. +Ich wollte, mir wäre je so ein Erlebnis passiert. Ich wäre +den Rest meines Lebens in die Liebe verliebt gewesen. Die +Menschen, die mich angebetet haben — es waren ihrer +nicht sehr viele, aber doch immerhin einige —, waren immer +darauf versessen, weiterzuleben, noch lange, nachdem ich +aufgehört hatte, mich um sie zu kümmern, oder sie, sich um +mich zu kümmern. Sie sind dann dick und langweilig geworden, +und wenn ich ihnen jetzt begegne, schwelgen sie +sofort in Erinnerungen. Dies furchtbare zähe Gedächtnis +der Frauen! Was für 'ne schreckliche Sache das ist! Und +was für einen völligen geistigen Stillstand offenbart es. +Man sollte die Farbe des Lebens in sich aufsaugen, aber +sich niemals an Einzelheiten erinnern. Einzelheiten sind +immer gewöhnlich.“</p> + +<p>„Ich muß Mohnblumen in meinen Garten säen“, seufzte +Dorian.</p> + +<p>„Das ist nicht notwendig“, erwiderte sein Gefährte. +„Das Leben selbst hat immer Mohnblumen vorrätig. +Natürlich, dann und wann halten die Dinge länger an. +Einmal habe ich eine ganze Saison lang nichts als Veilchen +getragen, als eine Art künstlerischer Trauer für einen +Roman, der nicht sterben wollte. Schließlich indessen ist er +gestorben. Ich kann mich nicht mehr erinnern, was ihn +getötet hat. Ich vermute, es kam durch ihren Vorschlag, +mir die ganze Welt aufzuopfern. Das ist immer ein schrecklicher +Augenblick. Er erfüllt einen mit den Schrecknissen<a class="pagenum" name="Page_157" title="157"> </a> +der Ewigkeit. Schon — würdest du es nun glauben? — +Vorige Woche, bei Lady Hampshire, saß ich bei Tisch +neben der fraglichen Dame, und sie konnte wiederum nicht +anders, als die ganze Sache durchzunehmen, die Vergangenheit +aufzuwühlen und die Zukunft auszumalen. +Ich hatte den ganzen Roman unter einem Asphodelosbeet +begraben. Sie scharrte ihn wieder aus und versicherte +mir, daß ich ihr Leben zerstört habe. Ich fühle mich +verpflichtet festzustellen, daß sie trotzdem mit staunenswertem +Appetite aß, so daß ich gar keine Gewissensbisse +empfand. Aber welchen Mangel an Taktgefühl bewies sie! +Der einzige Reiz der Vergangenheit liegt eben darin, +daß sie vergangen ist. Aber Frauen wissen nie, wann der +Vorhang gefallen ist. Sie wollen immer noch einen sechsten +Akt, und sowie das ganze Interesse an dem Stück erlahmt +ist, schlagen sie vor, weiterzuspielen. Wenn man ihnen +ihren Willen ließe, erlebte jede Komödie einen tragischen +Schluß, und jede Komödie gipfelte in einer Farce. Sie +sind oft entzückende Kunstprodukte, aber sie haben keinen +Sinn für die Kunst. Du bist glücklicher als ich. Ich versichere +dir, Dorian, nicht eine einzige Frau, die ich gekannt +habe, hätte für mich getan, was Sibyl Vane für dich vollbrachte. +Gewöhnliche Frauen trösten sich immer. Einige +von ihnen tun es, indem sie sich in empfindsame Farben +verlieben. Traue niemals einer Frau, die Malven trägt, +wie alt sie auch sein mag, oder einer Frau über fünfunddreißig, +die rosa Bänder liebt. Das bedeutet immer, +daß sie eine Geschichte haben. Andere finden starken Trost +darin, plötzlich die Vorzüge ihrer Männer zu entdecken.<a class="pagenum" name="Page_158" title="158"> </a> +Sie reiben einem ihr eheliches Glück unter die Nase, als +wäre das die fesselndste Sünde. Einige wieder tröstet die +Religion. Ihre Mysterien haben alle Reize einer Liebelei +an sich, hat mir einmal eine Frau versichert und ich kann +es wohl verstehen. Übrigens macht unsereinen nichts so +eitel, als wenn einem gesagt wird, man wäre ein Sünder. +Das Gewissen macht uns alle zu Egoisten. Ja; die Tröstungen +haben wirklich kein Ende, die die Frauen im +modernen Leben finden. Die wichtigste habe ich noch gar +nicht erwähnt.“</p> + +<p>„Welche ist das, Harry?“ fragte der junge Mann zerstreut.</p> + +<p>„Oh, der alltäglichste Trost. Einer anderen Frau ihren +Anbeter nehmen, wenn man den eigenen verloren hat. +In der guten Gesellschaft findet eine Frau auf solche +Weise immer ihr Fahrwasser wieder. Aber wirklich, Dorian, +wie anders muß Sibyl Vane gewesen sein als alle +die sonstigen Frauen, denen man begegnet. Für mich liegt +in ihrem Tod etwas ganz Wunderschönes. Es freut mich, +daß ich in einem Jahrhundert lebe, wo solche Wunder +noch geschehen. Sie geben uns neuen Glauben an die Wirklichkeit +der Dinge, mit denen wir sonst spielen, wie Romantik, +Leidenschaft und Liebe.“</p> + +<p>„Ich war furchtbar grausam gegen sie. Du vergißt +das.“</p> + +<p>„Ich fürchte, die Frauen schätzen die Grausamkeit, die +ganz alltägliche Grausamkeit mehr als irgend etwas anderes. +Sie haben wundervoll primitive Instinkte. Wir +haben sie emanzipiert, aber sie bleiben Sklavinnen, die den<a class="pagenum" name="Page_159" title="159"> </a> +Blick auf ihre Herren gerichtet halten, trotz allem. Sie +lieben es, beherrscht zu werden. Ich bin überzeugt, daß +du glänzend aufgetreten bist. Ich habe dich nie wirklich +und durchaus erzürnt gesehen, aber ich kann mir vorstellen, +wie entzückend du ausgesehen haben mußt. Und +außerdem sagtest du vorgestern etwas zu mir, was mir +damals nur ein phantastischer Einfall schien, aber jetzt sehe +ich, daß es völlig wahr gewesen ist, und ich halte es für +den Schlüssel zu dem ganzen Ereignis.“</p> + +<p>„Was war das, Harry?“</p> + +<p>„Du hast zu mir gesagt, Sibyl Vane verkörpere dir alle +Frauengestalten der Romantik — sie sei an einem Abend +Desdemona und am anderen Ophelia; wenn sie als Julia +sterbe, erwache sie als Imogen wieder zum Leben.“</p> + +<p>„Sie wird nie wieder zum Leben erwachen“, ächzte der +Jüngling und barg sein Gesicht in den Händen.</p> + +<p>„Nein, sie wird nie wieder zum Leben erwachen. Sie +hat ihre letzte Rolle gespielt. Aber du mußt an diesen +einsamen Tod in dem ärmlichen Garderobenzimmer denken +wie an ein seltsam schauriges Fragment aus einer Tragödie +von der Zeit König Jakobs her, wie an eine wunderbare +Szene bei Webster oder Ford oder Cyril Tourneur. Das +Mädchen hat nie wirklich gelebt, also ist sie auch nie wirklich +gestorben. Für dich war sie ja niemals mehr als ein +Traum, ein Schattengeist, der durch Shakespeares Dramen +huschte und sie durch ihr Dasein noch reizvoller machte, +der Ton einer Flöte, durch die Shakespeares Musik noch +reicher und freudiger ertönte. Im Augenblick, wo sie das +wirkliche Leben berührte, zerstörte sie es, und es zerstörte<a class="pagenum" name="Page_160" title="160"> </a> +sie, und so schied sie dahin. Trauere um Ophelia, wenn +es dir behagt. Streu Asche auf dein Haupt, weil Kordelia +erwürgt wurde. Schrei zum Himmel, weil die Tochter des +Brabantio starb. Aber verschwende deine Tränen nicht +um Sibyl Vane. Sie war weniger wirklich, als jene +sind.“</p> + +<p>Es entstand ein Schweigen. Der Abend dämmerte im +Zimmer. Geräuschlos auf silbernen Fußen schlichen die +Schatten aus dem Garten herein. Die Farben verschwanden +müde aus allen Dingen.</p> + +<p>Nach einer Weile sah Dorian Gray auf. „Du hast mich +mir selber klargemacht“, flüsterte er mit einem Seufzer +der Erleichterung. „Alles, was du gesagt hast, habe ich +auch gefühlt, nur hab' ich mich davor geängstigt, und ich +konnte es mir selbst nicht ausdrücken. Wie gut du mich +kennst! Aber wir wollen, von dem was geschehen ist, +nie wieder sprechen. Es war ein wundersames Erlebnis. +Das ist alles. Ich möchte wissen, ob meiner noch etwas so +Wunderbares im Leben harrt.“</p> + +<p>„Das Leben hat alles für dich vorrätig, Dorian. Es +gibt nichts, was du mit deiner außerordentlichen Schönheit +nicht tun könntest.“</p> + +<p>„Aber stelle dir vor, Harry, wenn ich hager und alt +und runzlich würde, was dann?“</p> + +<p>„Ach dann,“ sagte Lord Harry und erhob sich zum +Gehen — „dann, mein bester Dorian, würdest du um +deine Siege kämpfen müssen. Wie es ist, werden sie dir +noch entgegengetragen. Nein, du mußt schön bleiben, wie +du noch bist. Wir leben in einer Zeit, in der zuviel gelesen<a class="pagenum" name="Page_161" title="161"> </a> +wird, als daß sie weise wäre, und in der zuviel +gedacht wird, als daß sie schön wäre. Wir können dich +nicht entbehren. Und jetzt tätest du besser, dich anzuziehen +und in den Klub zu fahren. Wir kommen ohnehin schon +zu spät.“</p> + +<p>„Ich meine, ich treffe dich lieber in der Oper, Harry. +Ich bin zu müde, um etwas zu essen. Welche Nummer +hat die Loge deiner Schwester?“</p> + +<p>„Siebenundzwanzig, glaub' ich, sie liegt im ersten Rang. +Du findest ihren Namen an der Tür. Aber es tut mir +leid, daß du nicht mit essen kommst.“</p> + +<p>„Ich bin nicht aufgelegt dazu,“ sagte Dorian zerstreut, +„aber ich bin dir sehr dankbar für alles, was du zu mir +gesagt hast. Du bist wirklich mein bester Freund. Niemand +hat mich je richtiger verstanden als du.“</p> + +<p>„Wir stehen erst am Anfang unserer Freundschaft, Dorian“, +erwiderte Lord Harry und schüttelte ihm die Hand. +„Adieu! Ich hoffe, dich vor halb zehn zu sehen. Vergiß +nicht: die Patti singt.“</p> + +<p>Als sich die Tür hinter ihm schloß, klingelte Dorian +Gray, und nach ein paar Minuten erschien Viktor mit den +Lampen und ließ die Vorhänge herab. Er wartete ungeduldig, +daß der Diener wieder verschwände. Der Mann +schien eine unglaubliche Zeit für alles zu gebrauchen.</p> + +<p>Sobald er wieder draußen war, stürzte Dorian auf den +Schirm zu und schob ihn zurück. Nein, das Bild hatte sich +nicht wieder verändert. Es hatte die Nachricht von Sibyl +Vanes Tod erhalten, bevor er selbst davon gewußt hatte. +Es kannte die Ereignisse des Lebens, sobald sie sich ereigneten.<a class="pagenum" name="Page_162" title="162"> </a> +Dieser Zug böser Grausamkeit, der die feinen Linien +des Mundes verunstaltete, war zweifellos im Augenblick +aufgetaucht, als das Mädchen das Gift genommen hatte. +Oder kümmerte sich das Bild nicht um die Wirkungen +einer Tat? Nahm es nur von Vorgängen in der Seele +Kenntnis? Er hätte es gar zu gern gewußt und hoffte, +eines Tages solche Wandlung vor seinen Augen geschehen +zu sehen, und er schauderte, während er es hoffte.</p> + +<p>Die arme Sibyl! Wie sonderbar romantisch alles gewesen +war! Sie hatte oft den Tod auf der Bühne dargestellt. +Dann hatte sie der Tod selbst gepackt und weggeholt. +Wie mochte sie die grauenvolle letzte Szene gespielt haben? +Hatte sie ihn im Sterben verflucht? Nein; sie war aus +Liebe zu ihm gestorben, und die Liebe sollte ihm von jetzt +ab immer ein Heiligtum bleiben. Sie hatte alles gebüßt +durch das Opfer ihres Lebens. Er wollte nicht mehr +daran denken, was er ihretwegen an jenem schrecklichen +Theaterabend durchgemacht hatte. Wenn er an sie dachte, +sollte es sein wie an eine wundersam tragische Gestalt, die +auf die Weltbühne gestellt worden war, um die höchste +Verwirklichung der Liebe zu künden. Eine wundersam tragische +Gestalt? Tränen traten ihm in die Augen, als er +sich ihres kindlichen Aussehens, ihrer fröhlichen, phantastischen +Art, ihrer scheuen, zaghaften Anmut entsann. Er +verscheuchte alles hastig und blickte wieder auf das Porträt.</p> + +<p>Er fühlte, daß nun der Zeitpunkt gekommen sei, zu +wählen. Oder war die Wahl schon getroffen? Ja, das +Leben hatte für ihn entschieden — das Leben und seine +unermeßliche Neugier auf das Leben. Ewige Jugend,<a class="pagenum" name="Page_163" title="163"> </a> +unerschöpfliche Leidenschaft, ausgesuchte, geheimnisvolle +Genüsse, wilde Freuden und noch wildere Sünden — all +das sollte er haben. Das Bildnis sollte die Last seiner +Schmach tragen: das war alles.</p> + +<p>Ein peinliches Gefühl beschlich ihn, als er an die Entweihung +dachte, die dieses schönen Gesichtes auf der Leinwand +harrte. Einmal hatte er in knabenhafter Parodie +des Narzissus die gemalten Lippen, die ihn jetzt so grausam +anlächelten, geküßt oder doch zum Schein geküßt. +Morgen für Morgen hatte er vor dem Bild gesessen und +seine Schönheit angestaunt; zu Zeiten kam es ihm vor, +als sei er in sein eigenes Bild verliebt. Sollte es sich nun +wandeln mit jeder Laune, der er nachgab? Sollte es +ein ungeheuerliches, widerliches Ding werden, das man im +verhängten Winkel verschließen müsse vor dem Glanz der +Sonne, der so oft das lockige Wunder seines Haares noch +goldiger hatte aufleuchten lassen? Wie schade! Wie schade!</p> + +<p>Einen Augenblick dachte er daran, zu beten, daß die +entsetzliche Beziehung zwischen ihm und dem Bilde aufhören +möge. Es hatte sich verwandelt, da er darum gebeten +hatte; es könnte vielleicht, wenn er darum bäte, +auch wieder unverändert bleiben. Und doch, wer, der eine +Ahnung vom Leben hat, würde die Möglichkeit, immer +jung zu bleiben, aufgeben, mochte die Möglichkeit noch so +phantastisch und mit noch so verhängnisreichen Folgen verknüpft +sein? Überdies, stand es wirklich in seiner Macht? +War wirklich das Gebet die Ursache der Verwandlung? +Konnte es für die ganze Sache nicht irgendeine merkwürdige +wissenschaftliche Ursache geben? Wenn das Denken<a class="pagenum" name="Page_164" title="164"> </a> +eine Wirkung auf einen lebenden Organismus ausüben +konnte, konnte da nicht das Denken auch auf tote unorganische +Dinge Einfluß haben? Ja, konnten nicht ohne +Gedanken und bewußte Wünsche Dinge eingreifen, die +ganz außerhalb unserer Person stehen, im Einklange mit +unseren Launen und Leidenschaftsanfällen erzittern, konnte +nicht Atom zu Atom sprechen in geheimer Neigung oder +seltsamer Verwandtschaft? Aber schließlich waren die Ursachen +gleichgültig. Er wollte durch Gebet nie wieder eine +schreckliche Macht versuchen. Wenn das Bildnis sich wandeln +wollte, so sollte es sich wandeln. Das war einmal +so. Warum zu tief in ein Geheimnis eindringen?</p> + +<p>Allerdings müßte es ein starker Genuß sein, solchen Vorgang +zu beobachten. Er würde befähigt werden, seinem +Geist in geheime Schlupfwinkel zu folgen. Dies Bild sollte +ihm der zauberhafteste Spiegel werden. Wie es ihm seinen +Körper geoffenbart hatte, so sollte es ihm nun die Seele +enthüllen. Und wenn der Winter über das Gemälde +hereinbrach, dann stand er immer noch da, wo der Frühling +schwankt, ob er die zum Sommer führende Schwelle +überschreiten soll. Wenn das Blut aus seinem Antlitz fortschliche +und eine kreidebleiche Maske mit stummen Augen +zurückließe, dann bewahrte er immer noch den Glanz des +Säuglingsalters. Keine Blüte seiner Lieblichkeit sollte +jemals welken. Kein Pulsschlag seines Lebens jemals +erlahmen. Wie die Götter der Griechen würde er stark +und behend und heiter bleiben. Was lag daran, was aus +dem gemalten Abbild auf der Leinwand wurde? Er selbst +war seiner sicher. Darauf kam alles an.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_165" title="165"> </a></p> + +<p>Er schob den Schirm wieder auf den alten Platz vor dem +Bilde und lächelte, indem er es tat. Dann ging er in sein +Schlafzimmer, wo sein Diener schon auf ihn wartete. Eine +Stunde später war er in der Oper, und Lord Harry +beugte sich über seinen Stuhl.</p> + +<h2><a name="Neuntes_Kapitel" id="Neuntes_Kapitel"></a>Neuntes Kapitel</h2> + + +<p>Als er am nächsten Morgen beim Frühstück saß, trat +Basil Hallward ins Zimmer.</p> + +<p>„Ich bin so froh, daß ich dich treffe, Dorian“, sagte er +ernsten Tons. „Ich war gestern abend hier, und man +sagte mir, daß du in der Oper seist. Ich wußte natürlich, +daß es ja unmöglich ist. Aber es wäre mir lieber gewesen, +du hättest ein Wörtchen hinterlassen, wo du wirklich +warst. Ich habe eine schreckliche Nacht verbracht, und fürchtete +halb, daß eine Tragödie der anderen folgen würde. +Ich meine, du hättest mir wohl depeschieren können, so wie +du die Nachricht erhieltst. Ich hab' es durch Zufall im +letzten Abendblatt des Globe gelesen, das mir im Klub +in die Hände geriet. Ich eilte sofort hierher und war unglücklich, +dich nicht zu Hause anzutreffen. Ich kann dir +gar nicht sagen, wie tief mir die ganze Sache ins Herz +schneidet. Ich weiß, was du leiden mußt. Aber wo warst +du denn? Bist du hingegangen, um die Mutter des Mädchens +zu sehen? Einen Moment dachte ich daran, dir dorthin +zu folgen. In der Zeitung stand die Adresse. Irgendwo +in Euston Road, nicht wahr? Aber ich hatte Angst,<a class="pagenum" name="Page_166" title="166"> </a> +zudringlich zu sein in einem Schmerze, wo ich doch nicht abhelfen +konnte. Die arme Frau! In was für einem Zustand +muß sie sein! Und dazu ihr einziges Kind! Was hat sie zu +all dem gesagt?“</p> + +<p>„Mein lieber Basil, wie soll ich das wissen?“ sagte +Dorian Gray, nippte etwas hellgelben Wein aus einem +reizenden bauchigen venezianischen Glase, das mit Goldperlen +inkrustiert war, und sah ganz unwillig aus. „Ich +war in der Oper. Du hättest auch hinkommen sollen. Ich +habe dort Harrys <ins title="Schwester">Schwester,</ins> Lady Gwendolen, kennengelernt. +Wir waren in ihrer Loge. Sie ist ein bezauberndes +Weib; und die Patti hat göttlich gesungen. Sprich nicht +von schrecklichen Dingen! Wenn man über eine Sache +nicht spricht, ist sie nicht geschehen. Nur was man äußert, +sagt Harry, gibt den Dingen ihre Wirklichkeit. Erwähnen +möcht' ich aber, daß sie nicht das einzige Kind der Frau +war. Es ist noch ein Sohn da, ein famoser Junge vermutlich. +Aber er ist nicht beim Theater. Matrose oder so was +ähnliches. Und jetzt erzähle mir was von dir, was malst +du?“</p> + +<p>„Du warst in der Oper?“ sagte Hallward gedehnt, und +seine Stimme war gepreßt vor Schmerz. „Du warst in der +Oper, während Sibyl Vane tot in irgendeiner schmutzigen +Stube lag? Du kannst mir von anderen bezaubernden +Weibern erzählen, und daß die Patti göttlich gesungen +hat, noch ehe das Mädchen, das du geliebt hast, die Ruhe +des Grabes gefunden hat, darin sie schlafen soll? Mensch, +bedenke doch, welche Schrecknisse auf den kleinen weißen +Körper warten!“</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_167" title="167"> </a></p> + +<p>„Hör' auf, Basil, ich will davon nichts hören!“ rief +Dorian und sprang auf. „Du darfst mir über diese Dinge +nichts sagen. Was geschehen ist, ist geschehen, was vergangen +ist, ist vergangen.“</p> + +<p>„Nennst du gestern die Vergangenheit?“</p> + +<p>„Was hat die wirklich verstrichene Zeit damit zu tun? +Nur seichtes Volk braucht Jahre, um ein Gefühl zu überwinden. +Ein Mensch, der Herr über sich selbst ist, kann +einen Schmerz ebenso leicht überwinden, wie er einen +Genuß entdecken kann. Ich will nicht der Spielball meiner +Empfindungen sein. Ich will sie ausnützen, mich an ihnen +freuen und sie beherrschen.“</p> + +<p>„Dorian, es ist schauderhaft! Irgend etwas hat dich +ganz verändert. Du siehst noch genau so aus wie der +wunderhübsche Junge, der Tag für Tag in mein Atelier +kam, um für mein Bild zu sitzen. Aber damals warst du +einfacher, natürlich und herzlich. Du warst das unverdorbenste +Menschenkind auf der ganzen Welt. Ich weiß +nicht, was jetzt über dich gekommen ist. Du sprichst, als +hättest du kein Herz, kein Mitleid in dir. Das ist Harrys +Einfluß. Ich sehe es.“</p> + +<p>Der junge Mensch wurde rot, ging ans Fenster, sah ein +paar Augenblicke auf den grün schimmernden, von der +Sonne betupften Garten. „Ich schulde Harry sehr viel, sehr +viel, Basil,“ sagte er schließlich — „mehr als ich dir schulde. +Du hast mir nur Eitelkeit beigebracht.“</p> + +<p>„Ich bin bestraft worden dafür, Dorian — oder werde +es eines Tages sein.“</p> + +<p>„Ich weiß nicht, was du meinst, Basil“, rief Dorian<a class="pagenum" name="Page_168" title="168"> </a> +aus und drehte sich um. „Ich weiß nicht, was du willst. +Was willst du?“</p> + +<p>„Ich will den Dorian Gray wieder, den ich gemalt +habe“, sagte der Künstler traurig.</p> + +<p>„Basil,“ erwiderte der Jüngling, trat vor ihn hin und +legte ihm die Hand auf die Schulter, „du bist zu spät +gekommen. Als ich gestern hörte, daß sich Sibyl Vane +getötet habe — —“</p> + +<p>„Sich getötet! Gott im Himmel! ist das ganz sicher?“ +schrie Hallward und stierte ihn mit dem Ausdruck äußersten +Schreckens an.</p> + +<p>„Mein lieber Basil! Du glaubst doch nicht, daß es nur +ein gewöhnlicher Unglücksfall war? Natürlich hat sie sich +selbst getötet.“</p> + +<p>Der ältere Mann vergrub sein Gesicht in den Händen. +„Wie schrecklich!“ flüsterte er und ein Schauer durchrann +ihn.</p> + +<p>„Nein,“ sagte Dorian Gray, „es ist gar nichts Schreckliches +daran. Es ist eine der größten romantischen Tragödien +unserer Zeit. In der Regel führen Schauspieler das +alltäglichste Leben. Sie sind gute Ehemänner oder treue +Ehefrauen oder sonst irgendwas Langweiliges. Du verstehst, +was ich meine — hausbackene Tugend und lauter +solche Dinge. Wie anders war Sibyl! Sie lebte ihre beste +Tragödie. Sie war immer eine Heldin. Am letzten Abend, +wo sie spielte — an dem Abend, wo du sie gesehen hast —, +spielte sie schlecht, weil sie die Liebe als Wirklichkeit +erkannt hatte. Als sie ihre Unwirklichkeit erfuhr, starb +sie, wie Julia daran gestorben wäre. Sie entschwand<a class="pagenum" name="Page_169" title="169"> </a> +wieder in das Reich der Kunst. Sie umschwebt etwas von +einer Märtyrerin. Ihr Tod hat all die pathetische Nutzlosigkeit +der Märtyrerschaft, all seine vergeudete Schönheit. +Aber wie gesagt, du brauchst nicht zu glauben, daß +ich nicht gelitten hätte. Wenn du gestern in einem bestimmten +Augenblick, etwa um halb sechs oder um drei Viertel +sechs gekommen wärst — dann hättest du mich in Tränen +aufgelöst gefunden. Selbst Harry, der hier war und mir +erst die Nachricht brachte, hat keine Ahnung, was ich +durchgemacht habe. Ich litt namenlos. Dann ging es vorüber. +Ich kann das Gefühl nicht wiederholen. Niemand +kann das, sentimentale Menschen ausgenommen. Und du +bist furchtbar ungerecht, Basil. Du kommst hierher, um +mich zu trösten. Das ist gut und lieb von dir. Du findest +mich getröstet und bist wütend. So sieht dein Mitgefühl +aus! Du erinnerst mich an eine Geschichte, die mir Harry +über einen Philantropen erzählt hat, der sich zwanzig +Jahre seines Lebens damit abquälte, irgendeinen Mißstand +aus der Welt zu schaffen oder ein ungerechtes Gesetz +abzuändern — ich kann mich nicht mehr genau erinnern. +Schließlich gelang es ihm, und nichts konnte größer sein als +seine Enttäuschung. Er hatte nun absolut nichts mehr zu +tun, starb beinah vor Langerweile und wurde ein unversöhnlicher +Menschenhasser. Und außerdem, mein lieber, alter +Basil, wenn du mich wirklich trösten wolltest, so lehre mich +lieber vergessen, was geschehen ist, oder lehre mich's +von rein künstlerischer Seite ansehen. War es nicht Gautier, +der gern über die ‚<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">consolation des arts</span>‛ geschrieben +hat? Ich erinnere mich, daß mir mal in deinem Atelier<a class="pagenum" name="Page_170" title="170"> </a> +ein kleines Buch in Pergamentband in die Hand fiel, und +ich darin auf diesen entzückenden Ausdruck stieß. Nun, ich +bin ja nicht wie der junge Mann, von dem du mir einmal +in Marlow erzählt hast, und der zu sagen pflegte, gelber +Atlas könne einen über alles Elend im Leben hinwegtrösten. +Ich liebe schöne Dinge, die man in die Hand nehmen +und angreifen kann. Alter Brokat, grünpatinierte +Bronzen, Lackarbeiten, Elfenbeinschnitzereien, eine erlesene +Zimmerkunst, Luxus, Prunk, das sind alles Dinge, die +einem viel geben können. Aber die künstlerische Seelenstimmung, +die sie erzeugen oder mindestens offenbaren, +bedeutet mir doch noch mehr. Ein Zuschauer seines eigenen +Lebens sein, wie Harry sagt, das heißt, den Schmerzen +des Lebens entrinnen. Ich weiß, du bist erstaunt, daß ich +so zu dir spreche. Du hast noch nicht bemerkt, wie ich mich +entwickelt habe. Ich war ein Schulknabe, als du mich +kennenlerntest. Jetzt bin ich ein Mann. Ich habe neue +Leidenschaften, neue Gedanken, neue Vorstellungen. Ich +bin anders, aber du mußt mich trotzdem nicht weniger lieb +haben. Ich bin verändert, aber du mußt immer mein +Freund bleiben. Natürlich habe ich Harry sehr gern. Aber +ich weiß auch, daß du besser bist als er. Du bist nicht +stärker — dazu ängstigst du dich zu viel vorm Leben — +aber du bist besser. Und wie glücklich waren wir doch miteinander! +Verlaß mich nicht, Basil, und zanke nicht mit +mir. Ich bin, was ich bin. Mehr kann ich dazu nicht +sagen.“</p> + +<p>Der Maler war seltsam bewegt. Der junge Mensch war +ihm unsagbar teuer, und seine Erscheinung war der große<a class="pagenum" name="Page_171" title="171"> </a> +Wendepunkt in seiner Kunst gewesen. Er konnte den Gedanken +nicht ertragen, ihm noch weitere Vorwürfe zu +machen. Am Ende war seine Gleichgültigkeit nur eine vorübergehende +Laune. Es steckte ja soviel Gutes, soviel Edles +in ihm.</p> + +<p>„Gut, Dorian,“ sagte er endlich mit einem wehmütigen +Lächeln, „ich will von heut an nie wieder über diese furchtbare +Sache sprechen. Ich hoffe nur, dein Name wird +nicht in Verbindung damit genannt. Die Leichenschau +soll heute nachmittag stattfinden. Bist du vorgeladen?“</p> + +<p>Dorian schüttelte den Kopf, und eine unangenehme +Empfindung glitt bei dem Wort „Leichenschau“ über sein +Gesicht. In all diesen Dingen lag etwas so Rohes und Gemeines. +„Sie kennen meinen Namen nicht“, antwortete er.</p> + +<p>„Aber sie wußte ihn doch?“</p> + +<p>„Nur meinen Vornamen, und den hat sie gewiß niemand +gesagt. Sie erzählte mir einmal, daß alle sehr begierig +seien, zu erfahren, wer ich sei und daß sie ihnen +beständig sage, ich heiße der Prinz Märchenschön. Das war +hübsch von ihr. Du mußt mir eine Zeichnung von Sibyl +machen, Basil. Ich möchte von ihr gern etwas mehr +haben als die Erinnerung an ein paar Küsse und einige +gestammelte pathetische Worte.“</p> + +<p>„Ich will versuchen, etwas zu machen, Dorian, wenn ich +dir damit eine Freude bereite. Aber du mußt zu mir +kommen und mir selbst wieder sitzen. Ich komme ohne dich +nicht vom Fleck.“</p> + +<p>„Ich kann dir nie wieder sitzen, Basil. Das ist unmöglich!“ +rief Dorian und schrak zurück.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_172" title="172"> </a></p> + +<p>Der Maler starrte ihn an. „Mein lieber Junge, was für +ein Unsinn“, rief er. „Willst du damit sagen, daß du mein +Bild nicht gut findest? Wo ist es? Warum hast du den +Wandschirm vorgestellt? Laß es mich sehen. Es ist die +beste Arbeit, die ich je gemacht habe. Nimm den Schirm +weg, Dorian! Es ist eine Schande, daß dein Bedienter +mein Bild so versteckt. Ich merkte gleich, wie ich eintrat, +daß das Zimmer ganz verändert sei.“</p> + +<p>„Mein Diener hat nichts damit zu tun, Basil. Du +glaubst doch nicht etwa, daß ich ihm irgendeine Anordnung +in meinem Zimmer überlasse? Er ordnet zuweilen +meine Blumen — das ist alles. Nein, ich habe es selbst +getan. Das Licht war zu stark für das Bild.“</p> + +<p>„Zu stark? Gewiß nicht, mein Lieber. Es hat einen untadeligen +Platz. Laß mich's mal sehen!“ und Hallward +schritt in die Zimmerecke.</p> + +<p>Ein Schrei des Entsetzens entrang sich den Lippen +Dorian Grays, und er stürzte sich zwischen den Maler und +den Schirm. „Basil,“ sagte er und sah ganz bleich aus, +„du darfst es nicht sehen. Ich will es nicht.“</p> + +<p>„Mein eigenes Bild nicht sehen? Du meinst das doch +nicht im Ernst! Warum soll ich es nicht sehen?“ rief Hallward +lachend.</p> + +<p>„Wenn du versuchst, es anzusehen, Basil, gebe ich dir +mein Ehrenwort, daß ich, solange ich lebe, nie wieder ein +Wort mit dir spreche. Es ist mein völliger Ernst. Ich gebe +keine Erklärung, und du wirst um keine bitten. Aber denke +daran, wenn du diesen Wandschirm anrührst, dann ist +alles aus zwischen uns!“</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_173" title="173"> </a></p> + +<p>Hallward war wie vom Donner gerührt. Er sah Dorian +Gray ganz verblüfft an. So hatte er ihn vorher nie gesehen. +Der Jüngling war wirklich ganz bleich vor Zorn. +Seine Hände waren zusammengeballt, und die Pupillen +seiner Augen sahen aus wie blaue Feuerräder. Er zitterte +am ganzen Leibe.</p> + +<p>„Dorian!“</p> + +<p>„Sprich nicht!“</p> + +<p>„Aber was ist los? Ich sehe das Bild natürlich nicht +an, wenn du es nicht willst“, sagte der Maler ziemlich kühl, +drehte sich um und ging zum Fenster hinüber. „Aber es +scheint mir wahrhaftig ganz verrückt, daß ich mein eigenes +Werk nicht sehen soll, besonders, wo ich es im Herbst in +Paris ausstellen will. Ich werde es wahrscheinlich vorher +nochmals firnissen müssen, werde es also eines Tages doch +gewiß sehen, also warum nicht heute?“</p> + +<p>„Es ausstellen? Du willst es ausstellen?“ rief Dorian +Gray, den ein seltsames Angstgefühl überkam. Sollte alle +Welt sein Geheimnis erfahren? Sollte das Volk das Geheimnis +seines Lebens begaffen? Das war unmöglich. +Irgend etwas — er wußte noch nicht was — mußte +sofort geschehen.</p> + +<p>„Ja, ich denke nicht, daß du etwas dagegen haben wirst. +Georges Petit will nächstens meine besten Bilder für eine +Sonderausstellung in der Rue de Sèze sammeln, die in der +ersten Oktoberwoche eröffnet werden soll. Das Bild wird +nur einen Monat lang weg sein. Ich meine, solange könntest +du es leicht entbehren. Du bist ohnehin während dieser +Zeit nicht in der Stadt. Und wenn du es überhaupt hinter<a class="pagenum" name="Page_174" title="174"> </a> +einem Schirm versteckt halten willst, kann dir ja nicht viel +daran gelegen sein.“</p> + +<p>Dorian Gray fuhr sich mit der Hand über die Stirn. +Schweißtropfen standen darauf. Er fühlte, daß er am +Rande einer fürchterlichen Gefahr stehe. „Du hast mir vor +einem Monat gesagt, du würdest es nie ausstellen“, rief er. +„Warum hast du dich anders entschlossen? Ihr Leute, +die ihr viel Aufhebens von der Konsequenz macht, habt +genau soviel Launen wie andere. Der einzige Unterschied +ist der, daß eure Launen wenig Sinn haben. Du kannst +nicht vergessen haben, daß du mir feierlichst versichert hast, +nichts in der Welt könne dich bewegen, das Bild auf eine +Ausstellung zu bringen. Du sagtest zu Harry ganz dasselbe.“ +Er stockte plötzlich, und ein Glanz erwachte in seinen +Augen. Er erinnerte sich, daß ihm Lord Harry einmal +halb ernst und halb scherzend gesagt hatte: Willst du mal +eine merkwürdige Viertelstunde erleben, dann laß dir von +Basil sagen, warum er dein Porträt nicht ausstellen will. +Er hat mir den Grund erzählt, und es war für mich eine +Offenbarung. Ja, vielleicht hatte auch Basil sein Geheimnis. +Er wollte ihn fragen und auf die Probe stellen.</p> + +<p>„Basil,“ sagte er, und trat ganz dicht zu ihm heran +und sah ihm fest ins Gesicht, „jeder von uns hat ein Geheimnis. +Sage mir das deine, und ich laß dich meines +wissen. Was für einen Grund hattest du, die Ausstellung +meines Bildes zu verweigern?“</p> + +<p>Der Maler erschauderte, ohne daß er es wollte. „Dorian, +wenn ich es dir sagte, hättest du mich wahrscheinlich weniger +lieb und würdest mich gewiß auslachen. Keines von beiden<a class="pagenum" name="Page_175" title="175"> </a> +könnte ich ertragen. Wenn du willst, daß ich nie mehr dein +Bild ansehen soll, dann geb' ich mich zufrieden. Ich kann +dich selbst ja immer ansehen. Wenn du die beste Arbeit, +die ich je gemacht habe, vor der Welt versteckt halten willst, +soll es mir recht sein. Deine Freundschaft ist mir mehr +wert als Ruhm und Anerkennung.“</p> + +<p>„Nein, Basil, du mußt es mir sagen. Ich glaube, ich +habe ein Recht, es zu wissen.“ Sein Angstgefühl hatte ihn +verlassen, und Neugier war an dessen Stelle getreten. Er +war entschlossen, hinter Basil Hallwards Geheimnis zu +kommen.</p> + +<p>„Setzen wir uns, Dorian“, sagte der Maler, der verwirrt +aussah. „Setzen wir uns und beantworte mir eine +Frage. Hast du an dem Bild etwas Merkwürdiges bemerkt? +— etwas, das dir vielleicht anfänglich nicht aufgefallen +ist, was sich dir dann aber plötzlich enthüllte?“</p> + +<p>„Basil!“ schrie der Jüngling, umklammerte die Armlehnen +seines Stuhles mit zitternden Händen und starrte +ihn mit wilden, verstörten Augen an.</p> + +<p>„Ich sehe, du hast es bemerkt. Sage nichts. Warte, bis +du gehört hast, was ich zu sagen habe. Dorian, von dem +Augenblick an, wo ich dich kennengelernt habe, übte deine +Persönlichkeit den außerordentlichsten Einfluß auf mich aus. +Ich war beherrscht von dir, meine Seele, mein Gehirn, +meine ganze Kraft war es. Du wurdest für mich die sichtbare +Verkörperung des unsichtbaren Ideals, dessen Bild +uns Künstler wie ein köstlicher Traum verfolgt. Ich habe +dich angebetet. Ich wurde eifersüchtig auf jeden Menschen, +mit dem du sprachst. Ich wollte dich ganz für mich allein<a class="pagenum" name="Page_176" title="176"> </a> +haben. Ich war nur glücklich, wenn ich mit dir zusammen +war. Wenn du fort von mir warst, lebtest du trotzdem +in meiner Kunst weiter... Natürlich ließ ich dich nie etwas +davon wissen. Das wäre unmöglich gewesen. Du hättest +es nicht verstanden. Ich selbst hab' es kaum verstanden. Ich +wußte nur, daß ich Auge in Auge die Vollkommenheit gesehen +hatte und daß sich die Welt meinen Augen als ein +Wunder erschlossen hatte — vielleicht als ein zu mächtiges +Wunder, denn in so wahnsinniger Anbetung liegt eine Gefahr, +die Gefahr, daß die Anbetung aufhört, und die Gefahr, +daß sie bleibt... Wochen und Wochen verstrichen, +und ich ging immer mehr und mehr in dir verloren. Dann +kam ein neues Stadium. Ich hatte dich als Paris in strahlender +Rüstung gemalt und als Adonis im Jägergewand +mit blitzendem Speer. Mit schweren Lotusblüten bekränzt +hast du auf dem Bug von Hadrians Barke gesessen und in +den grünen, schlammigen Nil geblickt. Du hast dich über +das stille Gewässer einer griechischen Waldlandschaft gelehnt +und im stummen Silberspiegel das Wunder deines +eigenen Antlitzes gesehen. Und es war alles gewesen, wie +die Kunst sein soll, unbewußt, ideal und entrückt. Eines +Tages, manchmal denke ich, eines verhängnisvollen Tages, +entschloß ich mich, ein wundervolles Bildnis von dir zu +malen, wie du wirklich bist, nicht im Kostüm toter Zeiten, +sondern in deiner eigenen Tracht und deiner eigenen Zeit. +Ob es nun die Realistik der Methode war, oder der Zauber +deiner eigenen Persönlichkeit, der mir so ohne jeden +Schleier und Nebel entgegentrat, kann ich nicht sagen. Aber +ich weiß, daß mir bei der Arbeit jede Schicht Farben mein<a class="pagenum" name="Page_177" title="177"> </a> +Geheimnis zu enthüllen schien. Ich ängstigte mich, andere +könnten die Abgötterei, die ich mit dir trieb, entdecken. Ich +fühlte, Dorian, daß ich zuviel gesagt, daß ich zuviel von +mir selber hineingelegt hatte. Damals beschloß ich, das +Bild nie auszustellen. Es kränkte dich ein wenig, aber damals +verstandest du eben nicht, was es für mich bedeutete; +Harry, dem ich davon erzählte, lachte mich aus. Aber das +machte mich nicht irrig. Als das Bild fertig war, und ich +allein vor ihm dasaß, fühlte ich, daß ich recht hatte... +Schön, ein paar Tage später, als es mein Atelier verlassen, +und ich alsbald den unerträglichen Zauber seiner +Gegenwart überwunden hatte, schien es mir, daß es verrückt +von mir gewesen war, mehr darin zu sehen, als +daß du sehr hübsch seist, und ich wohl malen könne. Selbst +jetzt kann ich nicht umhin, zu fühlen, daß es ein Irrtum sein +muß, wenn man glaubt, daß die Begeisterung, die man +beim Schaffen hat, in dem Werke, das man schafft, leibhaftig +zum Ausdruck käme. Die Kunst ist immer abstrakter, +als wir uns einbilden. Form und Farbe erzählen uns von +Form und Farbe — weiter nichts. Es scheint mir oft, +daß die Kunst den Künstler viel mehr verbirgt als offenbart. +Und als ich dann den Antrag aus Paris bekam, entschloß +ich mich, dein Bild zum Hauptstück meiner Ausstellung +zu machen. Es fiel mir nie ein, daß du es nicht +zulassen würdest. Ich sehe jetzt, daß du recht hast. Das Bild +darf nicht ausgestellt werden. Du mußt mir nicht böse sein, +Dorian, wegen der Dinge, die ich gesagt habe. Ich habe +früher einmal Harry gesagt, du bist dazu geschaffen, angebetet +zu werden.“</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_178" title="178"> </a></p> + +<p>Dorian Gray atmete tief auf. Seine Wangen bekamen +wieder Farbe, und ein Lächeln umspielte seine Lippen. Die +Gefahr war vorbei. Für den Augenblick war er gerettet. +Doch er mußte unendliches Mitleid fühlen mit dem Maler, +der ihm eben diese seltsame Beichte abgelegt hatte, und +er fragte sich, ob er selbst jemals so stark von der Persönlichkeit +eines Freundes beherrscht werden könnte. Lord +Henry hatte den Reiz, sehr gefährlich zu sein. Aber das +war alles. Er war zu klug und zu zynisch, als daß man ihn +wirklich lieben könnte. Würde es je einen Menschen geben, +den er merkwürdig abgöttisch anbeten könnte? War das +eines von den Dingen, die ihm das Leben noch aufsparte?</p> + +<p>„Es ist mir wirklich ein reines Rätsel,“ sagte Hallward, +„daß du das dem Porträt angesehen haben willst. Hast +du es wirklich gesehen?“</p> + +<p>„Ich habe etwas darin gesehen,“ antwortete er, „etwas, +das mir sehr sonderbar vorkam.“</p> + +<p>„Und jetzt hast du wohl nichts mehr dawider, es einmal +zu betrachten?“</p> + +<p>Dorian schüttelte den Kopf. „Das darfst du von mir +nicht verlangen, Basil. Es ist mir unmöglich, dich vor dem +Bilde stehen zu sehen.“</p> + +<p>„Aber doch ein andermal?“</p> + +<p>„Nie!“</p> + +<p>„Schön, vielleicht hast du recht. Und jetzt adieu, Dorian. +Du bist der einzige Mensch in meinem Leben gewesen, der +wirklichen Einfluß auf meine Kunst ausgeübt hat. Was ich +je Gutes gemacht habe, danke ich dir. Ach! Du kannst dir<a class="pagenum" name="Page_179" title="179"> </a> +nicht vorstellen, was es mich gekostet hat, dir all das zu +sagen, was ich gesagt habe.“</p> + +<p>„Mein lieber Basil,“ sagte Dorian, „was hast du mir +denn gesagt? Nichts, als daß du das Gefühl habest, mich +zu sehr zu bewundern. Das ist nicht einmal ein Kompliment.“</p> + +<p>„Es sollte auch kein Kompliment sein. Es war eine +Beichte. Jetzt, da ich sie abgelegt habe, kommt es mir so +vor, als ob ich etwas verloren hätte. Man sollte seiner +Verehrung niemals das Kleid der Worte umhängen.“</p> + +<p>„Deine Beichte hat mich enttäuscht.“</p> + +<p>„Ja, was hast du denn erwartet, Dorian? Du hast doch +nicht sonst noch etwas in dem Bilde gesehen? Es war doch +nicht sonst noch etwas anderes zu sehen?“</p> + +<p>„Nein, es war sonst nichts anderes zu sehen. Warum +fragst du? Aber du solltest nicht von Verehrung sprechen. +Das ist Narrheit. Du und ich, wir sind Freunde, +Basil, und müssen es immer bleiben.“</p> + +<p>„Du hast jetzt Harry“, sagte der Maler traurig.</p> + +<p>„Oh, Harry!“ rief der junge Mann mit einem fröhlichen +Lachen. „Harry verbringt seine Tage damit, unglaubliche +Dinge zu sagen, und seine Abende, unwahrscheinliche Dinge +zu tun. Das ist genau die Art Leben, das ich führen möchte. +Immerhin glaube ich nicht, daß ich je zu Harry ginge, wenn +mich Kummer drückte. Ich würde eher zu dir kommen.“</p> + +<p>„Du willst mir wieder sitzen?“</p> + +<p>„Unmöglich!“</p> + +<p>„Du vernichtest meine künstlerische Existenz, wenn du +dich weigerst. Kein Mensch begegnet zwei Idealen. Wenige +finden eines.“</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_180" title="180"> </a></p> + +<p>„Ich kann es dir nicht erklären, Basil, aber ich darf dir +nie wieder sitzen. Es schwebt etwas Verhängnisvolles um +das Bildnis eines Menschen. Es hat ein Leben für sich. +Ich werde zu dir kommen und mit dir Tee trinken, das +wird ebenso hübsch <ins title="sein.">sein.“</ins></p> + +<p>„Für dich hübscher, fürchte ich“, sagte Hallward bekümmert +vor sich hin. „Und jetzt adieu. Es tut mir leid, +daß du mich nicht noch einmal das Bild sehen lassen +wolltest. Aber dabei ist nichts zu tun. Ich verstehe sehr +gut, was du dabei fühlst.“</p> + +<p>Als er das Zimmer verlassen hatte, lächelte sich Dorian +Gray zu. Der arme Basil! Wie wenig ahnte der doch von +dem wahren Grunde! Und wie seltsam es war, daß er es, +statt sein eigenes Geheimnis offenbaren zu müssen, fast +durch einen Zufall erreicht hatte, dem Freunde das seine +zu entreißen. Wie viel erklärte ihm doch diese merkwürdige +Beichte! Die unverständlichen Eifersuchtsanfälle des Malers, +seine ungestüme Verehrung, seine übertriebenen Lobeshymnen, +sein sonderbares Verstummen — das alles verstand +er jetzt, und er tat ihm leid. Einer Freundschaft, +die so stark von Romantik gefärbt war, schien ihm eine +gewisse Tragik inne zu wohnen.</p> + +<p>Er seufzte und drückte auf die Klingel. Das Porträt +mußte um jeden Preis versteckt werden. Er konnte sich +nicht ein zweitesmal der Gefahr solcher Entdeckung aussetzen. +Es war wahnsinnig von ihm gewesen, das Ding da +überhaupt nur eine Stunde lang in einem Zimmer zu +lassen, zu dem jeder seiner Freunde Zutritt hatte.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_181" title="181"> </a></p> + + + + +<h2><a name="Zehntes_Kapitel" id="Zehntes_Kapitel"></a>Zehntes Kapitel</h2> + + +<p>Als sein Bedienter eintrat, sah er ihn forschend an und +fragte sich, ob es ihm wohl schon eingefallen sei, hinter +den Schirm zu blicken. Der Mann sah aber ganz harmlos +aus und wartete auf seine Befehle. Dorian zündete sich +eine Zigarette an, ging zum Spiegel hinüber und sah +hinein. Er konnte Viktors Gesicht darin genau sehen. Es +war eine reglose Maske der Unterwürfigkeit. Daher war +nichts zu fürchten, daher nicht. Doch er hielt es für das +beste, auf der Hut zu sein.</p> + +<p>In sehr leisem Tone trug er ihm auf, die Haushälterin +herein zu rufen und dann zum Einrahmer zu gehen, damit +er sofort zwei Gehilfen schicke. Es schien ihm, daß die +Augen des Mannes, als er das Zimmer verließ, in die +Richtung des Schirmes gingen. Oder war das nur Einbildung +von ihm?</p> + +<p>Nach einigen Augenblicken trat Frau Leaf in ihrem +schwarzseidenen Kleid, altmodische Zwirnhandschuhe auf +den runzligen Händen, in die Bibliothek. Er verlangte von +ihr den Schlüssel zum Schulzimmer.</p> + +<p>„Das alte Schulzimmer, Herr Dorian!“ rief sie aus. +„Ei, das ist ja voller Staub. Es muß erst hergerichtet und +in Ordnung gebracht werden, bevor Sie hinein können. +Es ist jetzt nicht in einem Zustand, daß Sie es sehen könnten, +gnädiger Herr. Wirklich nicht.“</p> + +<p>„Es braucht nicht hergerichtet zu werden, gute Leaf. +Ich will nur den Schlüssel.“</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_182" title="182"> </a></p> + +<p>„Aber gnädiger Herr, Sie werden sich voller Spinnweben +machen, wenn Sie hineingehen. Ei, es ist ja beinah +seit fünf Jahren nicht geöffnet worden, seit seine Gnaden +gestorben sind.“</p> + +<p>Er zuckte zusammen bei der Erwähnung seines Großvaters. +Er hatte nur gehässige Erinnerungen an ihn. „Das +macht nichts“, erwiderte er. „Ich will das Zimmer nur +sehen — das ist alles. Geben Sie mir den Schlüssel.“</p> + +<p>„Hier ist schon der Schlüssel, gnädiger Herr“, sagte die +alte Dame, die ihren Schlüsselbund mit zitternden, unsicheren +Händen durchmustert hatte. „Hier ist der Schlüssel, +ich werde ihn gleich vom Bund haben. Aber Sie denken +doch nicht daran, dort hinaufzuziehen, gnädiger Herr, +wo Sie es hier so gemütlich haben?“</p> + +<p>„Nein, nein!“ rief er ungeduldig. „Ich danke, gute +Leaf. Ich brauche sonst nichts.“</p> + +<p>Sie verweilte noch ein paar Augenblicke und wollte über +irgendeine Angelegenheit in der Haushaltung zu quengeln +anfangen. Er seufzte und sagte, sie solle alles so erledigen, +wie sie es fürs beste halte. Mit strahlendem Gesichte verließ +sie das Zimmer.</p> + +<p>Als die Tür geschlossen war, steckte Dorian den Schlüssel +in die Tasche und blickte sich im Zimmer um. Sein +Auge fiel auf eine große purpurne Atlasdecke mit schweren +Goldstickereien, ein köstliches Stück venezianischer Arbeit +vom Ende des siebzehnten Jahrhunderts, das sein Großvater +in einem Kloster nahe bei Bologna aufgestöbert +hatte. Ja, die paßte trefflich, um das schreckliche Ding +damit zu verhüllen. Sie hatte vielleicht oft als Bahrtuch<a class="pagenum" name="Page_183" title="183"> </a> +für Tote gedient. Jetzt sollte sie etwas verhüllen, das eine +eigene Art Verwesung in sich hatte, eine ärgere als die +Verwesung des Todes — etwas, das Schrecknisse ausbrüten +und doch nie sterben würde. Was Würmer für +einen Leichnam sind, das würden seine Sünden für das +gemalte Antlitz auf der Leinwand werden. Sie würden +seine Schönheit zerstören und seine Anmut wegfressen. +Sie würden es beflecken und schänden. Und doch würde +das Bild weiterleben. Es würde immer am Leben +bleiben.</p> + +<p>Er schauderte, und einen Augenblick lang tat es ihm +leid, daß er Basil nicht den wahren Grund gesagt habe, +warum er das Bild verstecken wolle. Basil hätte ihm helfen +können, sowohl dem Einfluß Lord Henrys zu widerstehen, +als auch den noch viel giftigeren Einflüssen, die aus seiner +eigenen Natur herrührten. Die Liebe, die Basil für ihn +hegte — denn es war wirklich Liebe —, schloß nichts ein, +was nicht edel und vergeistigt wäre. Es war nicht jene +rein physische Bewunderung, die eine Geburt der Sinne +ist und mit der Ermüdung der Sinne hinstirbt. Es war +eine Liebe, wie sie Michelangelo gekannt hatte und Montaigne +und Winkelmann und auch Shakespeare. Ja, Basil +hätte ihn retten können. Aber jetzt war es zu spät. Die +Vergangenheit konnte immer vernichtet werden. Reue, +Verleugnung oder Vergessenheit konnten das bewirken. +Aber die Zukunft war unabwendlich. Er hatte Leidenschaften +in sich, die ihr fürchterliches Ausfalltor bei ihm +finden wurden, Träume, die ihre sündigen Schatten zur +Wirklichkeit umwandeln würden.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_184" title="184"> </a></p> + +<p>Er griff nach dem großen Überwurf aus Purpur und +Gold, der den Diwan bedeckte, hob ihn mit beiden Händen +auf und ging damit hinter den Schirm. War das Gesicht +auf der Leinwand jetzt häßlicher als vorher? Es erschien +ihm unverändert; und doch, sein Abscheu davor +war noch verstärkt. Goldiges Haar, blaue Augen, rosenrote +Lippen — das war alles da. Nur der Ausdruck hatte +sich verwandelt. Der war erschreckend in seiner Grausamkeit. +Im Vergleich zu den Vorwürfen und der Rüge, die +er in dem Bilde sah, wie nichtssagend waren da Basils +Vorhaltungen über Sibyl Vane gewesen — nichtssagend +und belanglos! Seine eigene Seele sah ihn an aus der +Leinwand und forderte ihn vors Gericht. Ein schmerzlicher +Zug legte sich über sein Gesicht, und er warf die prunkvolle +Sofadecke über das Bild. Während er dies tat, klopfte +es an die Tür. Er kam hinter dem Wandschirm hervor, als +sein Bedienter eintrat.</p> + +<p>„Die Leute sind da, Monsieur.“</p> + +<p>Er hatte das Gefühl, daß er den Mann jetzt los werden +müsse. Er durfte nicht wissen, wohin das Bild sollte. Er +hatte etwas Listiges an sich und nachdenkliche, verräterische +Augen. Er setzte sich an den Schreibtisch, kritzelte ein paar +Zeilen hin an Lord Henry, worin er bat, ihm etwas zum +Lesen zu schicken, und worin er ihn daran erinnerte, daß +sie sich um viertel neun heut abend treffen wollten.</p> + +<p>„Warten Sie auf Antwort,“ sagte er, indem er ihm +den Brief übergab, „und lassen Sie die Leute herein.“</p> + +<p>Nach zwei bis drei Minuten klopfte es wieder, und Herr +Hubbard, der berühmte Rahmenfabrikant aus South<a class="pagenum" name="Page_185" title="185"> </a> +Audley Street, trat mit einem struwwelig aussehenden +Gehilfen herein. Herr Hubbard war ein blühend aussehender, +rotbäckiger, kleiner Mann, dessen Bewunderung für +die Kunst beträchtlich vermindert worden war durch den +althergebrachten Geldmangel bei den meisten Künstlern, +die mit ihm zu tun hatten. In der Regel verließ er seine +Werkstatt nie. Er wartete, bis die Leute zu ihm kamen. +Aber bei Dorian Gray machte er immer eine Ausnahme. +Es war etwas an Dorian, was jeden entzückte. Ihn nur +zu sehen, das war schon ein Vergnügen.</p> + +<p>„Was steht zu Ihren Diensten, Herr Gray?“ fragte er +und rieb seine fetten, sommersprossigen Hände. „Ich +dachte, ich wollte mir selbst die Ehre geben, herüberzukommen. +Ich habe gerade ein Prachtstück von Rahmen da. +Bei einer Auktion ergattert. Alt-Florentiner. Stammt +aus Fonthill, vermute ich. Wundervoll geeignet für einen +religiösen Gegenstand, Herr Gray.“</p> + +<p>„Es tut mir leid, daß Sie sich selbst herbemüht haben, +Herr Hubbard. Ich werde gern mal vorbeikommen und +den Rahmen ansehen — obwohl ich mich gerade jetzt nicht +sehr für religiöse Kunst interessiere — aber heute möchte +ich nur ein Bild auf den Boden getragen haben. Es ist +ziemlich schwer, deshalb dachte ich mir, daß Sie so gut +wären, mir zwei von Ihren Leuten zu leihen.“</p> + +<p>„Hat gar nichts zu sagen, Herr Gray. Freue mich, +wenn ich Ihnen den kleinsten Dienst leisten kann. Wo ist +das Kunstwerk, gnädiger Herr?“</p> + +<p>„Dies da“, antwortete Dorian und schob den Schirm zurück. +„Können Sie es so hinaufbringen, wie es jetzt ist,<a class="pagenum" name="Page_186" title="186"> </a> +Decke und Bild zusammen? Ich möchte nicht, daß es die +Treppen hinauf zerschrammt wird.“</p> + +<p>„Das werden wir leicht kriegen“, sagte der muntere +Rahmenmacher und begann mit Hilfe von seinem Gesellen +das Bild von den langen Messingketten loszumachen, an +denen es aufgehängt war. „Und wo soll es jetzt hingebracht +werden, Herr Gray?“</p> + +<p>„Ich will Ihnen den Weg zeigen, Herr Hubbard, wenn +Sie so gut sein wollen, mir nur zu folgen. Oder vielleicht +gehen Sie lieber voraus. Es tut mir leid, aber es ist ganz +oben. Wir wollen über die Vordertreppe gehen, die ist +breiter.“</p> + +<p>Er hielt ihnen die Tür auf, und sie gingen in den Vorraum +hinaus und fingen an, hinaufzusteigen. Die ausladenden +Verzierungen des Rahmens hatten das Bild sehr +umfangreich gemacht, und hin und wieder legte Dorian mit +Hand an, um ihnen zu helfen, trotz den unterwürfigen +Einwänden des Herrn Hubbard, der die lebhafte Abneigung +des wirklichen Handwerkers gegen jede nützliche Beschäftigung +eines vornehmen Herrn hatte.</p> + +<p>„Da hat man ein ziemliches Gewicht zu schleppen“, +pustete der kleine Mann, als sie den letzten Treppenabsatz +erreicht hatten. Und er trocknete sich die glänzende Stirn.</p> + +<p>„Es tut mir leid, daß es so schwer ist“, murmelte Dorian, +während er die Tür zu dem Zimmer aufschloß, das +dieses sonderbare Geheimnis seines Lebens aufbewahren +und seine Seele vor den Blicken der Menschheit schützen +sollte.</p> + +<p>Er hatte die Stube wohl länger als vier Jahre nicht<a class="pagenum" name="Page_187" title="187"> </a> +betreten — in Wirklichkeit nicht, seitdem sie ihm in seiner +Kindheit zuerst als Spielzimmer, und dann, als er etwas +älter war, als Studierzimmer gedient hatte. Es war ein +großer Raum von schönen Verhältnissen, den der verstorbene +Lord Kelso eigens zur Benutzung für seinen +kleinen Enkel angebaut hatte, den er wegen seiner fabelhaften +Ähnlichkeit mit seiner Mutter und auch noch aus +anderen Gründen immer gehaßt hatte und möglichst +weit weg von sich haben wollte. Der Raum schien Dorian +wenig verändert. Da war der mächtige italienische Cassone +mit den phantastisch bemalten Füllungen und den abgenutzten +goldenen Ornamenten, in dem er sich als Junge +oft versteckt hatte. Da stand der polierte Bücherschrank +aus Satinholz mit seinen Schulbüchern voll Eselsohren. +An der Wand darüber hing noch derselbe zerfaserte flämische +Gobelin, auf dem ein verblichener König und eine +Königin in einem Garten Schach spielten, während ein +Trupp von Falkenieren vorbeiritt, die auf ihren Panzerhandschuhen +Vögel mit kappenverhüllten Köpfen trugen. +Wie gut er sich an alles erinnerte! Jeder Augenblick seiner +vereinsamten Kindheit kam ihm vors Gedächtnis, während +er sich umsah. Er entsann sich der fleckenlosen Reinheit +seines Knabenlebens, und es schien ihm furchtbar, +daß gerade hier das verhängnisvolle Bildnis verborgen +werden sollte. Wie wenig hatte er in diesen längst verrauschten +Tagen von alledem geahnt, was seiner warten +sollte!</p> + +<p>Aber kein anderer Ort im ganzen Hause war so sicher +vor neugierigen Augen als dieser. Er hatte den Schlüssel,<a class="pagenum" name="Page_188" title="188"> </a> +und jetzt konnte niemand weiter hinein. Hinter dem purpurnen +Bahrtuch konnte nun das gemalte Gesicht auf der +Leinwand tierisch, gedunsen und lasterhaft werden. Was +lag daran? Niemand konnte es sehen. Er selbst wollte es +nicht sehen. Warum sollte er die gräßliche Verwesung +seiner Seele verfolgen? Er behielt seine Jugend — das +mußte genügen. Und übrigens, konnte sein Wesen trotz +allem nicht edler werden? Es war kein Grund vorhanden, +daß die Zukunft so angefüllt von Lastern sein müsse. Die +Liebe konnte in sein Leben treten und ihn läutern und +ihn vor den Sünden beschützen, die ihm schon in Geist +und Blut zu gähren schienen — diese seltsamen, nicht +gemalten Sünden, deren Unbekanntheit ihnen eben den +Reiz und die Verführung lieh. Eines Tages vielleicht +verschwand der grausame Zug von dem empfindlichen +Scharlachmund, und dann würde er der Welt Basil +Hallwards Meisterwerk zeigen können.</p> + +<p>Nein, das war unmöglich. Stunde für Stunde und +Woche für Woche alterte das Antlitz auf der Leinwand. +Es mochte den Greueln der Sünde entfliehen, aber die +Greuel des Alters mußten es einholen. Die Wangen +müssen hohl oder schlaff werden. Gelbe Krähenfüße müssen +sich um die glanzlosen Augen herumringeln und sie fürchterlich +machen. Das Haar mußte seinen Glanz verlieren, +der Mund klaffen oder einfallen, blöde oder gewöhnlich +aussehen, wie eben der Mund alter Leute aussieht. Der +Hals mußte verschrumpfen, die Hände mußten kalt und von +blauen Adern durchzogen werden, der Körper mußte sich +krümmen, wie er ihn bei seinem Großvater gesehen hatte,<a class="pagenum" name="Page_189" title="189"> </a> +der so streng gegen ihn gewesen war in der Knabenzeit. +Das Bildnis mußte verborgen bleiben. Da konnte nichts +helfen.</p> + +<p>„Bitte, Herr Hubbard, bringen Sie es herein“, sagte +er abgespannt und wandte sich um. „Es tut mir leid, daß +ich Sie so lange aufhielt. Ich dachte gerade nach über +etwas.“</p> + +<p>„Immer angenehm, sich mal verschnaufen zu können, +Herr Gray“, antwortete der Rahmenmacher, der noch +immer nach Luft schnappte. „Wo sollen wir es hinstellen?“</p> + +<p>„Ach, irgendwo. Vielleicht hierher: da wird's gut +stehen. Ich will's nicht aufgehängt haben. Lehnen Sie es +nur gegen die Wand. Danke!“</p> + +<p>„Darf man das Kunstwerk mal ansehen?“</p> + +<p>Dorian erschrak. „Es würde Sie nicht interessieren, Herr +Hubbard“, sagte er und sah den Mann fest an. Er fühlte +sich imstande, auf ihn loszustürzen und ihn zu Boden zu +werfen, wenn er es wagen sollte, die schimmernde Hülle +zu lüften, die das Geheimnis seines Lebens barg. „Ich will +Sie nicht länger aufhalten. Schönsten Dank, daß Sie so +freundlich waren, herüberzukommen.“</p> + +<p>„Kein Anlaß, kein Anlaß, Herr Gray! Es ist mir +immer ein Vergnügen, für Sie etwas tun zu dürfen.“</p> + +<p>Und Herr Hubbard stapfte die Treppe hinab, sein +Gehilfe hinterher, der noch einmal nach Dorian zurückblickte, +mit einem Ausdruck scheuer Bewunderung in dem unschönen +Alltagsgesicht. Er hatte nie einen Menschen gesehen, +der so wunderhübsch war.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_190" title="190"> </a></p> + +<p>Als das Geräusch ihrer Fußtritte verklungen war, +schloß Dorian die Tür zu und steckte den Schlüssel in die +Tasche. Jetzt fühlte er sich gleichsam gerettet! Nie würde +jemand das Schrecknis sehen. Kein Auge als seines würde +mehr seine Schande erblicken.</p> + +<p>Als er wieder in die Bibliothek kam, sah er, daß es +gerade fünf Uhr war und daß der Tee schon bereit stand. +Auf einem kleinen Tisch aus dunklem, wohlriechendem +Holz, das reich mit Perlmutter ausgelegt war, einem +Geschenk der Frau seines Vormundes, Lady Radley, einer +hübschen Kranken von Beruf und Gewohnheit, die den vergangenen +Winter in Kairo zugebracht hatte, lag ein +Briefchen von Lord Henry und daneben ein Buch in +gelbem, leicht abgenutztem und an den Ecken nicht mehr +ganz sauberem Umschlag. Ein Exemplar der dritten Tagesausgabe +der St.-James-Gazette lag auf dem Teebrett. +Offenbar war Viktor zurückgekehrt. Er fragte sich, ob +er wohl die Leute in der Vorhalle getroffen hätte, als +sie das Haus verließen, und ob er sie ausgeforscht hätte, +was sie getan hätten. Er würde sicher das Bild vermissen +— hatte es ohne Zweifel schon vermißt, als er den Teetisch +zurecht machte. Der Schirm war noch nicht an seinen +Platz zurückgestellt worden, und der leere Raum an der +Wand war auffallend. Vielleicht würde er ihn eines Nachts +ertappen, wie er hinaufschlich und die Tür des Bodenzimmers +zu sprengen versuchte. Es war schrecklich, einen +Spion im Hause zu haben. Er hatte von reichen Leuten +gehört, die ihr ganzes Leben hindurch von den Erpressungen +eines Bedienten ausgesaugt wurden, der mal irgendeinen<a class="pagenum" name="Page_191" title="191"> </a> +Brief gelesen oder ein Gespräch mitangehört oder +eine Karte mit einer Adresse gefunden oder unter einem +Kissen eine verwelkte Blume oder einen Fetzen zerknitterter +Spitze entdeckt hatte.</p> + +<p>Er seufzte, goß sich etwas Tee ein und öffnete Lord +Henrys Billett. Es stand nur darin, daß er ihm die +Abendzeitung schicke und ein Buch, das ihn vielleicht +interessieren werde, und daß er ihn um Viertel neun im +Klub zu treffen hoffe. Er öffnete langsam die St.-James +und durchflog sie. Ein Strich mit Rotstift auf der fünften +Seite fiel ihm auf. Er machte auf die folgende Notiz +aufmerksam:</p> + +<blockquote> + +<p>„<em class="gesperrt">Leichenschau einer Schauspielerin.</em> Eine +gerichtliche Untersuchung wurde heute morgen von Herrn +Danby, dem Bezirks-Leichenbeschauer in der Bell Tavern, +Hoxton Road, über den Leichnam von Sibyl +Vane, einer jungen Schauspielerin, die seit kurzem am +Royal Theater in Holborn engagiert war, abgehalten. +Es wurde auf Tod durch einen Unglücksfall erkannt. +Reges Mitgefühl erweckte die Mutter der Verblichenen, +die während ihrer Aussage und der des <span class="antiqua">Dr.</span> Birrel, +der die Obduktion der Leiche vorgenommen hatte, ihrem +Schmerz erschütternden Ausdruck gab.“</p></blockquote> + +<p>Er runzelte die Stirn, zerriß das Blatt, lief im Zimmer +auf und ab und warf die Papierfetzen weg. Wie +häßlich das alles war! Und was für eine schreckliche +Wirklichkeit die Häßlichkeit allem gab! Er ärgerte sich +ein wenig über Lord Henry, daß er ihm den Bericht geschickt +hatte. Und sicher war es albern von ihm, ihn mit<a class="pagenum" name="Page_192" title="192"> </a> +Rotschrift anzustreichen. Viktor konnte ihn gelesen haben. +Der Mann verstand dafür mehr als genug Englisch.</p> + +<p>Vielleicht hatte er ihn schon gelesen und angefangen, +Verdacht zu schöpfen. Und wenn schon, was lag daran? +Was hatte Dorian Gray mit Sibyl Vanes Tod zu tun? +Es war kein Grund zur Furcht. Dorian Gray hatte sie +nicht getötet.</p> + +<p>Sein Auge fiel auf das gelbe Buch, das ihm Lord +Henry geschickt hatte. Er war gespannt, was es sein mochte. +Er trat an den kleinen perlfarbenen, achteckigen Hocker, +der ihm immer wie das Werk seltsamer ägyptischer Bienen +vorgekommen war, die ihre Waben in Silber trieben, +nahm den Band zur Hand, warf sich in einen Lehnsessel +und begann zu blättern. Nach einigen Augenblicken kam +er nicht mehr davon los. Es war das merkwürdigste Buch, +das er je gelesen hatte. Es schien ihm, als zögen in erlesenen +Prachtgewändern und zum Klange von Flöten +die Sünden der Welt in stummem Reigentanze an ihm +vorbei. Dinge, die er bestimmt geträumt hatte, wurden +plötzlich zur Wirklichkeit. Dinge, von denen er vag geträumt +hatte, wurden ihm mählich enthüllt.</p> + +<p>Es war ein Roman ohne rechte Handlung, der sich um +einen einzigen Charakter drehte, eigentlich eine bloße +psychologische Studie über einen gewissen jungen Pariser, +der sein Leben mit dem Versuche hinbrachte, im neunzehnten +Jahrhundert alle Leidenschaften und Wandlungen +der Denkungsart in Wirklichkeit umzusetzen, die jedem +Jahrhundert, außer seinem eigenen, angehört hatten, +und so die verschiedenartigen psychischen Zustände, die<a class="pagenum" name="Page_193" title="193"> </a> +irgend einmal die Weltseele durchgemacht hatte, in sich +selbst gewissermaßen zu vereinigen, indem er jene Entsagungen, +die die Menschen in ihrer Torheit Tugend genannt +haben, ihrer bloßen Künstlichkeit wegen ebenso +heftig liebte wie jene Empörungen gegen die Natur, die +weise Menschen noch immer Sünden nennen. Der Stil, in +dem das Buch geschrieben war, bestand in jener sonderbaren, +reich geschmückten Diktion, die lebendig und dunkel +zugleich ist, von Argotausdrücken und archaistischen Wendungen, +von technischen Ausdrücken und sorgsam gefeilten +Umschreibungen strotzt, wie sie die Arbeiten einiger der +feinsten Künstler aus der französischen Symbolistenschule +kennzeichnet. Es waren Metaphern darin, so abenteuerlich +an Form wie Orchideen und auch so fein angehaucht +wie deren Farbentöne. Das Leben der Sinne war mit +einer Terminologie mystischer Philosophie beschrieben. Man +wußte manchmal kaum, ob man von den vergeistigten +Entzückungen eines mittelalterlichen Heiligen las oder die +krankhaften Beichtbekenntnisse eines modernen Sünders. +Es war ein Buch voll Gift. Ein dicker Weihrauchnebel +schien über den Seiten zu schweben und sein Gehirn zu +betäuben. Schon der melodische Fall der Sätze, die gesuchte +Monotonie ihrer Musik mit der Fülle von komplizierten +Refrains und Taktgefügen, die sich in der raffiniertesten +Weise wiederholten, erzeugten im Geist des +Jünglings, als er von Kapitel zu Kapitel weiterlas, eine +Art Träumerei, ja eine förmliche Krankheit des Träumens, +so daß er den sinkenden Tag und die hereinkriechenden +Schatten nicht merkte.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_194" title="194"> </a></p> + +<p>Wolkenlos, von den Strahlen keines einzigen Sternes +durchstochen, glimmerte ein kupfergrüner Himmel durch die +Fenster. Er las bei seinem matten Licht weiter, bis er +nicht mehr lesen konnte. Nachdem ihn sein Diener mehrere +Male an die späte Stunde erinnert hatte, stand er auf, +ging ins Nebenzimmer, legte das Buch auf das Florentiner +Tischchen, das immer neben seinem Bett stand, und begann +sich zum Diner umzukleiden.</p> + +<p>Es war fast neun Uhr, als er im Klub ankam, wo er +Lord Henry allein und sehr gelangweilt aussehend, im +Frühstückszimmer sitzend, antraf.</p> + +<p>„Es tut mir zwar leid, Harry,“ rief er, „aber es ist +nur deine Schuld. Das Buch, das du mir geschickt hast, +hat mich wirklich so gefesselt, daß ich gar nicht merkte, +wo die Zeit geblieben ist.“</p> + +<p>„Ja, ich dachte mir, daß es dir gefällt“, antwortete +der Freund, sich vom Stuhle erhebend.</p> + +<p>„Ich habe nicht gesagt, daß es mir gefällt, Harry. Ich +habe gesagt, es fesselte mich. Das ist ein großer Unterschied.“</p> + +<p>„Ah, das hast du entdeckt?“ sagte Lord Henry. Und +sie gingen zusammen in den Speisesaal.</p> + +<h2><a name="Elftes_Kapitel" id="Elftes_Kapitel"></a>Elftes Kapitel</h2> + + +<p>Jahre hindurch konnte sich Dorian Gray von dem Einfluß +dieses Buches nicht losmachen. Oder es wäre vielleicht +richtiger zu sagen, er versuchte gar nicht, sich von<a class="pagenum" name="Page_195" title="195"> </a> +ihm loszumachen. Er ließ sich aus Paris nicht weniger +als neun Luxusexemplare der ersten Auflage kommen und +ließ sie verschiedenfarbig einbinden, damit sie zu den +wechselnden Launen und veränderlichen Stimmungen seiner +Natur paßten, über die er bisweilen jede Herrschaft verloren +zu haben schien. Der Held, der wunderbare junge +Pariser, bei dem das romantische und das wissenschaftliche +Temperament so merkwürdig vermischt waren, wurde +für ihn eine Art vorbildlicher Idealgestalt seiner selbst. +Und in der Tat schien ihm das ganze Buch die Geschichte +seines Lebens zu enthalten, aufgeschrieben, bevor er selbst +es gelebt hatte.</p> + +<p>In einer Beziehung aber war er glücklicher als der +phantastische Romanheld. Er kannte nie — hatte in der +Tat auch nie einen Grund dazu — das beinahe groteske +Grauen vor Spiegeln und polierten Metallflächen und +unbewegten Wassern, das den jungen Pariser so früh im +Leben überkam und das durch den jähen Verfall einer +Schönheit verursacht war, die allem Anschein nach vorher +ganz außerordentlich gewesen sein mußte. Mit einer fast +grausamen Lust — und vielleicht liegt in jeder Lust, +wie gewißlich in jedem Genuß, Grausamkeit — pflegte er +den zweiten Teil des Buches zu lesen mit dem wirklich +tragischen, wenn auch etwas übertrieben geschilderten Bericht +von den Leiden und der Verzweiflung eines Menschen, +der selbst verloren hatte, was er an anderen und an der +Welt am höchsten schätzte.</p> + +<p>Denn die wundervolle Schönheit, die Basil Hallward +so gefesselt hatte und manchen anderen auch, schien ihn nie<a class="pagenum" name="Page_196" title="196"> </a> +zu verlassen. Selbst jene, die die häßlichsten Dinge über +ihn gehört hatten — und von Zeit zu Zeit schlichen seltsame +Gerüchte über seine Lebensweise durch London und +wurden das Gespräch der Klubs — konnten, wenn sie ihn +sahen, nichts glauben, was ihm hätte zur Unehre gereichen +können. Er sah immer aus wie einer, der sich in +der Welt unbefleckt erhalten hatte. Männer, die sich anstößige +Dinge erzählten, verstummten, wenn Dorian Gray +ins Zimmer trat. In der Reinheit seines Antlitzes lag ein +Etwas, das sie in Schranken hielt. Seine bloße Gegenwart +schien in ihnen die Erinnerung an die Unschuld zu erwecken, +die sie beschmutzt hatten. Sie staunten, daß ein +so reizender und anmutiger Mensch wie er der Befleckung +durch eine Zeit hatte entgehen können, die zugleich unsauber +und sinnlich war.</p> + +<p>Oft, wenn er von einer der geheimnisvollen längeren +Abwesenheiten zurückkehrte, die so merkwürdige Vermutungen +bei seinen Freunden erregten oder bei jenen, die sich +dafür hielten, so schlich er hinauf in die verschlossene Dachstube, +öffnete die Tür mit dem Schlüssel, der ihn nun nie +mehr verließ, und stand mit einem Handspiegel vor dem +Bildnis, das Basil Hallward von ihm gemalt hatte, +und sah bald auf das schändliche und gealterte Antlitz auf +der Leinwand, bald auf das schöne, junge Gesicht, das ihn +aus der glatten Spiegelfläche anlächelte. Gerade die Stärke +dieses Kontrastes pflegte seine Lustempfindung zu erhöhen. +Er verliebte sich mehr und mehr in seine eigene Schönheit +und empfand mehr und mehr Teilnahme für die Verderbnis +seiner eigenen Seele. Er untersuchte mit peinlicher<a class="pagenum" name="Page_197" title="197"> </a> +Sorgsamkeit und manchmal mit ungeheuerlichem +und schrecklichem Wonnegefühl die häßlichen Linien, die +die runzlige Stirn durchfurchten oder sich um den üppigen +sinnlichen Mund schlängelten, und fragte sich manchmal, +ob wohl die Merkmale der Sünde schrecklicher seien oder +die Spuren des Alters? Er legte seine weißen Hände +neben die rohen, gedunsenen Hände des Bildes und lächelte. +Er machte sich lustig über den verunstalteten Leib und die +welkenden Glieder.</p> + +<p>Dann gab es in der Tat Augenblicke, nachts, wenn er +schlaflos in seinem mild durchdufteten Zimmer lag oder in +der schmuddeligen Stube der kleinen berüchtigten Kneipe +nahe den Docks, die er unter einem angenommenen Namen +und verkleidet zu besuchen pflegte, wo er mit einem +Mitgefühl, das um so beklemmender war, als es einen +rein ethischen Ursprung hatte, an das Elend dachte, das +er über seine Seele gebracht hatte. Aber Augenblicke wie +diese waren selten. Jene Neugier auf das Leben, die Lord +Henry zuerst in ihm aufgestört hatte, als sie im Garten +ihres Freundes nebeneinander saßen, schien mit ihrer Befriedigung +nur zu wachsen. Je mehr er wußte, desto mehr +wollte er wissen. Er hatte tolle Hungeranfälle, die immer +ungestillter wurden, je mehr er sie nährte.</p> + +<p>Und doch war er nicht gerade liederlich geworden, wenigstens +nicht in seinen Beziehungen zur Gesellschaft. Ein- +oder zweimal in jedem Monat während des Winters und +jeden Mittwochabend während der Saison öffnete er der +Welt sein schönes Haus, und immer waren die berühmtesten +Musiker da, um seine Gäste mit ihrer erlesenen Kunst<a class="pagenum" name="Page_198" title="198"> </a> +zu begeistern. Seine kleinen Diners, bei deren Vorbereitung +ihm Lord Henry immer half, waren ebensosehr wegen der +sorgsamen Auswahl und Tischordnung der Eingeladenen +berühmt, wie wegen des ausgesuchten Geschmackes, der +sich in der Tafeldekoration mit ihren fein abgetönten, symphonischen +Anordnungen exotischer Pflanzen, gestickter +Decken und antiker Gold- und Silbergeräte aussprach. +Tatsächlich gab es eine große Zahl, besonders von ganz +jungen Menschen, die in Dorian Gray die vollkommene +Verkörperung eines Typus sahen oder zu sehen wähnten, +von dem sie oft in den Tagen von Eton oder Oxford geträumt +hatten, eines Typus, der etwas von der wirklichen +Bildung des Gelehrten mit der Anmut, Vornehmheit und +den vollendeten Manieren eines Weltmannes vereinigte. +Ihnen erschien er als einer aus jener Menschengruppe, von +denen Dante sagt, „sie suchten sich durch die Anbetung +der Schönheit zu vervollkommnen“. Gleich Gautier war +er einer von denen, „für die die sichtbare Welt da war“.</p> + +<p>Und gewiß war für ihn das Leben die erste, die größte +Kunst, und alle übrigen Künste schienen nur die Vorschule +dazu. Natürlich übte auch die Mode, durch die das +wirklich Phantastische einen Augenblick lang Allgemeingut +wird, und das Dandytum, das auf seine Weise einen +Versuch bildet, eine absolut moderne Art von Schönheit +zu verkörpern, ihren Reiz auf ihn aus. Seine Art, sich zu +kleiden, und die besonderen Stilabweichungen, die er von +Zeit zu Zeit sehen ließ, hatten einen ausgesprochenen Einfluß +auf die jungen Stutzer der Bälle in Mayfair und +der Fenster des Pall-Mall-Klubs, die ihm in allem, was<a class="pagenum" name="Page_199" title="199"> </a> +er tat, nachahmten und jede Exzentrizität aufgriffen, die +seine Anmut erhöhte, aber ihm selbst nur teilweis ernst +war.</p> + +<p>Denn er war nur zu leicht bereit, die Stellung anzunehmen, +die ihm unmittelbar nach seiner Volljährigkeit +geboten wurde, und er fand in Wahrheit einen besonderen +Genuß in dem Gedanken, er könne für das London seiner +Zeit das werden, was für das Rom des Kaisers Nero +der Verfasser des „Satyrikon“ gewesen war, aber er +wünschte doch im innersten Herzen mehr zu werden als ein +arbiter elegantiarum, und nicht nur über das Tragen +eines Schmuckstückes oder das Binden einer Krawatte oder +die Haltung eines Spazierstockes befragt zu werden. Er +suchte ein neues Schema für die Lebensführung zu entwerfen, +das seine philosophische Grundlage und seine geordneten +Prinzipien haben und in der Vergeistigung der +Sinne seine höchste Vervollkommnung erreichen sollte.</p> + +<p>Die Pflege der Sinne ist oft und mit vielem Recht geschmäht +worden, da die Menschen einen natürlichen, instinktiven +Abscheu vor Leidenschaften und Empfindungen +haben, die stärker scheinen als sie selbst und die sie mit +weniger hoch organisierten Formen des Lebendigen gemein +zu haben sich bewußt sind. Doch kam es Dorian Gray so +vor, als ob die wahre Natur der Sinne noch nie verstanden +worden sei und als ob sie nur deshalb wild und tierisch +geblieben seien, weil die Welt versuchte, sie durch Hunger +zur Unterwerfung zu bringen oder durch Schmerzen zu +töten, statt bestrebt zu sein, sie zu Bestandteilen einer +neuen geistigen Welt zu machen, in der ein edles Schönheitsbewußtsein<a class="pagenum" name="Page_200" title="200"> </a> +die vorherrschende Triebfeder sein sollte. +Wenn er auf den Gang der Menschen durch die Weltgeschichte +zurückblickte, verfolgte ihn ein Gefühl des Verlustes. +So vielem war entsagt worden und zu so geringem +Zweck! Es hatte wahnsinnige freiwillige Entsagungen +gegeben, ungeheuerliche Formen von Selbstquälerei und +Selbstverleugnung, deren Ursprung die Furcht war und +deren Ergebnis eine Erniedrigung von unsäglich schrecklicherer +Art, als jene nur eingebildete Erniedrigung, vor +der sie sich in ihrer Unwissenheit flüchten wollten, da die +Natur in ihrer wunderbaren Ironie den Anachoreten +hinausjagte, damit er sich in Gesellschaft der Bestien der +Wüste nährte, und dem Einsiedler die Tiere des Feldes +zu Gefährten gab.</p> + +<p>Ja: es mußte, wie Lord Henry prophezeit hatte, ein +neuer Hedonismus kommen, um das Leben zu erneuern +und es von jenem strengen, häßlichen Puritanertum zu erlösen, +das in unseren Tagen seine sonderbare Auferstehung +feierte. Gewiß, er würde dem Intellekt gehorsam sein +müssen; aber niemals dürfte er eine Theorie oder ein +System anerkennen, das irgendein leidenschaftliches Erlebnis +zum Opfer forderte. Sein wahres Ziel sollte gerade +die Erfahrung selbst sein und nicht die Früchte der Erfahrung, +mochten sie nun so süß oder bitter sein, wie sie +wollten. Von dem Asketentum, das die Sinne tötet, oder +von der gewöhnlichen Ausschweifung, die sie abstumpft, +würde er nichts wissen wollen. Aber er sollte die Menschen +lehren, sich für die Momente des Lebens zu sammeln, +da dieses selbst doch nur ein Moment ist.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_201" title="201"> </a></p> + +<p>Es gibt nur wenige unter uns, die nicht manchmal vor +Tagesgrauen erwacht wären, entweder nach einer jener +traumlosen Nächte, die uns den Tod lieben lassen, oder +nach einer jener Nächte voll Schrecken und wollüstiger Albdrücken, +wo durch die Kammern des Gehirns Gespenster +flattern, die schrecklicher sind als die Wirklichkeit selbst +und erfüllt sind von dem lebendigen Dasein, das in allem +Grotesken lauert und das der gotischen Kunst ihre ewig +lebendige Kraft gibt, weil gerade diese Kunst, wie man +sagen möchte, die besondere Kunst jener ist, deren Geist +durch die Krankheit von Fieberträumen verwirrt worden +ist. Nach und nach strecken sich bleiche Finger zwischen den +Vorhängen durch und scheinen zu erzittern. In schwarzen, +abenteuerlichen Formen kriechen stumme Schatten in die +Ecken des Zimmers und kauern dort nieder. Draußen regen +sich die Vögel im Geblätter, oder man hört den Schritt +der Menschen, die zur Arbeit gehen, oder das Heulen und +Schluchzen des Windes, der von den Bergen kommt und +das schweigsame Haus umwandert, als fürchte er, die +Schläfer zu wecken, und müsse dennoch den Schlaf aus +seiner purpurnen Höhle ans Licht rufen. Schleier nach +Schleier aus feiner, dunkelfarbener Gaze heben sich, und +allmählich erhalten die Dinge ihre Formen und Farben +zurück, und wir sehen es mit an, wie die Frühdämmerung +der Welt ihre alte Gestalt zurückgibt. Die verschwommenen +Spiegel bekommen ihr Scheinleben zurück. Die lichtlosen +Lampen stehen, wo wir sie gelassen haben, und neben ihnen +liegt das halb aufgeschnittene Buch, darin wir gelesen, oder +die verwelkte Blume, die wir auf dem Ball getragen, oder<a class="pagenum" name="Page_202" title="202"> </a> +der Brief, den zu lesen wir uns gefürchtet oder den wir +zu oft gelesen haben. Nichts scheint uns geändert. Aus +den unwirklichen Schatten der Nacht tritt das wirkliche +Leben hervor, das wir kannten. Wir haben es da wieder +aufzunehmen, wo wir es unterbrochen haben, und uns +beschleicht das fürchterliche Gefühl der Notwendigkeit, seine +Energien weiter verbrauchen zu müssen in der gleichen ermüdenden +Tretmühle stereotyper Gewohnheiten, oder vielleicht +überschleicht uns eine wilde Sehnsucht, daß sich +unsere Augen eines Morgens öffnen möchten für eine +Welt, die im nächtigen Dunkel zu unserer Lust neu +erschaffen worden sei, für eine Welt, in der die Dinge +frische Linien und Farben hätten, verändert seien oder +andere Geheimnisse bürgen, für eine Welt, in der die Vergangenheit +nur einen unbedeutenden oder gar keinen +Platz hätte oder wenigstens in keiner bewußten Form +von Verpflichtung oder Reue weiterlebte, wo die Erinnerung +selbst an die Freude ihre Bitterkeit enthält +und dem Gedächtnis an den Genuß ein Schmerz beigemischt +ist.</p> + +<p>Die Erschaffung solcher Welten schien für Dorian Gray +der wahre Lebensinhalt oder wenigstens sein hauptsächlichster +Inhalt zu bedeuten; und auf seiner Suche +nach Sinnenerlebnissen, die zugleich neu und genußreich +sein sollten und jenes Element der Seltsamkeit +enthielten, die für die Romantik so wesentlich ist, eignete +er sich oft gewisse Arten zu denken an, von denen ihm +wohl bewußt war, daß sie seinem Wesen in Wirklichkeit +fremd waren, gab sich ihren subtilen Einflüssen<a class="pagenum" name="Page_203" title="203"> </a> +hin und verließ sie dann, wenn er sozusagen ihre Farbe +in sich eingesogen und seine geistige Neugier befriedigt +hatte, mit jener eigentümlichen Gleichgültigkeit, +die nicht unvereinbar ist mit einem wirklich glühenden +Temperament, und die in der Tat nach der Meinung +gewisser moderner Psychologen oft eine Bedingung dafür +ist.</p> + +<p>Einmal ging ein Gerücht von ihm, er wolle katholisch +werden; und gewiß hatte der katholische Kult eine große +Anziehungskraft für ihn. Das tägliche Meßopfer, das +wirklich viel ehrfurchterweckender ist als alle Opfer der +antiken Welt, regte ihn ebensosehr an durch seine prachtvolle +Unbekümmertheit des sinnlichen Augenscheins wie +durch die primitive Einfachheit seiner Elemente und das +ewige Pathos der menschlichen Tragödie, die es zu symbolisieren +versuchte. Er liebte es, auf das kalte Marmorpflaster +hinzuknien und den Priester zu beobachten, der +in seiner stimmungsvollen, blumengestickten Stola langsam +und mit weißen Händen den Vorhang vom Tabernakel +hinwegzog, oder die laternenförmige edelsteingeschmückte +Monstranz in die Höhe hob, die jene blasse Hostie enthielt, +von der man zuzeiten wirklich denken konnte, es sei der +panis coelestis, das Brot der Engel, oder der, in die Gewänder +der Christuspassion gehüllt, die Hostie in den +Kelch tauchte und sich um seiner Sünden willen die Brust +schlug. Die rauchenden Weihrauchkessel, die die ernsten +Knaben in ihren Spitzen- und Scharlachmänteln in der +Luft schwangen und die wie große, goldene Blumen aussahen, +übten einen tiefen Zauber auf ihn aus. Wenn er<a class="pagenum" name="Page_204" title="204"> </a> +hinaustrat, pflegte er staunend die dunkeln Beichtstühle +anzublicken und empfand eine Sehnsucht, im düsteren +Schatten eines solchen zu sitzen und den Männern und +Frauen zu lauschen, die durch das abgenutzte Gitter die +wahre Geschichte ihres Lebens flüsterten.</p> + +<p>Aber er verfiel nie dem Irrtum, seine geistige Entwicklung +durch die förmliche Annahme irgendeines Glaubens +oder Systems zu hindern oder irrtümlich ein Haus, in dem +man leben konnte, gleichsam für eine Herberge zu halten, +die nur zu kurzem Aufenthalt während einer Nacht oder +nur für ein paar Stunden während einer Nacht taugt, +wenn keine Sterne leuchten und der Mond im Wechsel +begriffen ist. Die Mystik mit ihrer wunderbaren Kraft, +uns gewöhnliche Dinge seltsam erscheinen zu lassen, und +jene tiefe Ketzersucht, die sie immer zu begleiten scheint, +reizte ihn eine Saison hindurch; und dann neigte er sich +eine andere Saison hindurch wieder den materialistischen +Lehren der Darwinistischen Bewegung in Deutschland zu +und fand einen besonderen Genuß darin, die Gedanken und +Leidenschaften der Menschen bis auf irgendeine perlgroße +Zelle im Gehirn oder auf irgendeinen weißen Nerv im +Körper zurückzuleiten, schwelgte förmlich in der Vorstellung +einer absoluten Abhängigkeit des Geistes von gewissen +physischen Bedingungen, mochten sie krankhaft oder gesund, +normal oder pathologisch sein. Aber, wie schon früher +von ihm berichtet wurde, so schien keine Lebenstheorie +von irgendeiner Bedeutung für ihn, im Vergleich mit dem +Leben selbst. Er war sich haarscharf bewußt, in welches +Irrsal jede geistige Spekulation führen mußte, wenn sie<a class="pagenum" name="Page_205" title="205"> </a> +von Handlung und Experiment getrennt ist. Er wußte, +daß die Sinne nicht weniger als die Seele ihre geistigen +Geheimnisse offenbaren mußten.</p> + +<p>Und so ergab er sich zeitweilig dem Studium der +Wohlgerüche, bemühte sich um die Geheimnisse ihrer Bereitung, +destillierte schwerduftende Öle und verbrannte +wohlriechendes Gummi, das aus dem Orient stammte. Er +erkannte, daß es keine Stimmung des Geistes gab, die nicht +ihr Seitenstück im Leben der Sinne fand, und mühte sich, +die wirkliche Beziehung zwischen beiden zu entdecken, um +herauszuklügeln, weshalb der Weihrauch den Menschen +mystisch stimmte, warum die Ambra die Leidenschaften aufstachele, +woher der Veilchenduft die Erinnerung an <ins title="gegestorbene">gestorbene</ins> +Romantik erwecke, wieso der Moschus das +Gehirn verwirre, und wodurch der Tschampak die Phantasie +beflecke: und so versuchte er manchmal, eine genaue +Psychologie der Wohlgerüche auszuarbeiten und ihre verschiedenen +Wirkungen zu bestimmen, zum Beispiel süßriechender +Wurzeln, duftiger, samentragender Blüten, aromatischer +Balsame, dunkler, starkriechender Hölzer, des +Baldrians, der zum Erbrechen reizt, der Hovenia, die einen +toll macht, und der Aloe, die imstande sein soll, die Schwermut +aus der Seele zu verjagen.</p> + +<p>Ein andermal widmete er sich gänzlich der Musik und +gab öfter Konzerte in einem langen, dämmerigen Saal, +dessen Wände mit olivengrünem Lack überzogen waren, +und dessen Decke aus einem rot und gold Muster bestand, +wobei tolle Zigeuner kleinen Zithern wilde Musik entlockten +oder ernste, in gelbe Tücher gehüllte Männer aus<a class="pagenum" name="Page_206" title="206"> </a> +Tunis die gespannten Saiten seltsam großer Lauten zupften, +während grinsende Neger eintönig auf kupferne Trommeln +schlugen und schlankschmächtige, turbanbedeckte Inder +auf scharlachroten Matten hockten und auf langen Rohr- +oder Messingpfeifen bliesen und damit große Brillenschlangen +oder schreckliche Hornvipern beschworen oder zu +beschwören schienen. Die kreischenden Intervalle und die +schrillen Mißtöne barbarischer Musik reizten ihn zuweilen, +wenn Schuberts Lieblichkeit oder Chopins süßes Schmachten +und die gewaltigen Harmonien des großen Beethoven +machtvoll in sein Ohr schlugen. Aus allen Weltteilen +sammelte er die merkwürdigsten Instrumente, die sich +finden ließen, entweder in den Gräbern toter Völker oder +unter den wenigen wilden Stämmen, die noch die Berührung +mit der westlichen Kultur überlebt haben, und +er liebte es, sie zu befühlen und zu verfügen. Er besaß das +mysteriöse Juruparis der Rio-Negro-Indianer, das die +Frauen nicht ansehen dürfen und selbst die jungen Männer +erst dann, wenn sie vorher gefastet und sich gegeißelt haben, +er besaß die irdenen Klappern der Peruaner, die den +schrillen Ton des Vogelschreis wiedergeben, und Flöten +aus Menschenknochen, wie sie Alfonso de Ovalle in Chile +gehört hat, und die wohlklingenden grünen Jaspissteine, +die bei Cuzco gefunden werden und einen Ton von eigentümlicher +Süße hervorbringen. Er hatte bemalte, mit +Kieselsteinen gefüllte Kürbisse, die beim Schütteln rasselten, +er hatte die langen Zinken der Mexikaner, in die der +Spieler nicht hineinbläst, sondern durch die er die Luft +einatmet, das rauhe Ture der Amozonenstämme, das die<a class="pagenum" name="Page_207" title="207"> </a> +Wachen ertönen lassen, wenn sie den ganzen Tag auf hohen +Bäumen sitzen, und das, wie man sagt, auf eine Entfernung +von drei Seemeilen gehört werden kann, das Teponaztli, +das zwei zitternde Holzzungen hat und auf die +man mit Stöcken schlägt, die mit einer Art elastischen Kautschuks +eingesalbt werden, das aus dem milchigen Saft +von Pflanzen gewonnen wird, er hatte die Yotlglocken +der Azteken, die wie Trauben in Büscheln hängen, und +eine große zylinderförmige Trommel, die bespannt ist mit +den Häuten großer Schlangen gleich der, die Bernal Diaz +sah, als er mit Cortez in den mexikanischen Tempel trat, +und von deren wehklagendem Tone er uns eine so lebendige +Schilderung hinterlassen hat. Das phantastische Wesen +dieser Instrumente wirkte bezaubernd auf ihn, und er empfand +einen seltsamen Genuß bei dem Gedanken, daß die +Kunst wie die Natur ihre Ungeheuer hat, Dinge von tierischer +Form und mit abscheulichen Stimmen. Aber nach +einiger Zeit wurde er ihrer müde und saß dann wieder in +seiner Loge in der Oper, entweder allein oder mit Lord +Henry, lauschte hingerissen dem Tannhäuser und erkannte +in dem Vorspiel zu diesem großen Kunstwerk eine Verkörperung +des Trauerspiels seiner eigenen Seele.</p> + +<p>Wieder ein andermal warf er sich auf das Studium der +Edelsteine und erschien auf einem Maskenfest als Anne de +Joyeuse, Admiral von Frankreich, in einem Gewand, das +mit fünfhundertsechzig Perlen bestickt war. Diese Geschmacksrichtung +hielt ihn jahrelang gefangen, ja, man kann +sagen, daß sie ihn nie verlassen hat. Er verbrachte oft +einen ganzen Tag damit, die verschiedenen Steine, die er<a class="pagenum" name="Page_208" title="208"> </a> +gesammelt hatte, aus ihren Schachteln zu nehmen und +wieder umzuordnen, wie beispielsweise der olivengrüne +Chrysoberyll, der im Lampenlicht rot wird, der Cymophan +mit seinen haarfeinen Silberlinien, der pistazienfarbene +Peridot, rosenfarbige und weingelbe Topase, scharlachfeurige +Karfunkelsteine mit zitternden, vierfach ausstrahlenden +Sternen, flammenrote Kaneelsteine, orangenfarbene +und violette Spinelle und Amethyste mit ihren +regelmäßig wechselnden Schichten von Rubin und Saphir. +Er liebte das rote Gold des Sonnensteins und die perlfarbene +Weiße des Mondsteins und den gebrochenen +Regenbogen des milchflockigen Opals. Er verschrieb sich +aus Amsterdam drei Smaragde von außerordentlicher +Größe und wunderbarem Farbenreichtum und besaß einen +Türkis <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">de la vieille roche</span>, um den ihn alle Kenner beneideten.</p> + +<p>Er entdeckte auch wunderbare Geschichten über Edelsteine. +In Alfons „<span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">Clericalis disciplina</span>“ wurde eine +Schlange erwähnt mit Augen aus wirklichen Hyazinthsteinen, +und in der romantischen Alexandersage hieß es +von dem Eroberer Emathias, er habe im Jordantale +Schlangen gefunden „mit Halsgeschmeiden aus wirklichen +Smaragden, die ihnen auf dem Rücken gewachsen waren“. +Im Gehirn des Drachen war nach dem Bericht des Philostratus +ein Edelstein, und „durch das Entgegenhalten +goldener Lettern und eines scharlachroten Gewandes“ +konnte das Ungeheuer in einen magischen Schlaf versetzt +und getötet werden. Nach der Meinung des großen Alchimisten +Pierre de Boniface sollte der Diamant den Menschen<a class="pagenum" name="Page_209" title="209"> </a> +unsichtbar und der indische Achat ihn beredt machen. +Der Karneol beschwichtigte den Zorn, und der Hyazinth +schläferte ein, und der Amethyst verscheuchte den Weindunst. +Der Granat trieb Teufel aus, und der Hydrophyt +beraubte den Mond seiner Farbe. Der Selenit nahm mit +dem Monde zu und ab, und der Meloceus, der die Diebe +entdeckte, verlor seine Kraft nur, wenn man ihn mit dem +Blut junger Ziegen betropfte. Leonardus Camillus hatte +einen weißen Stein gesehen, den man aus dem Gehirn +einer frisch getöteten Kröte genommen hatte und der ein +sicheres Gegenmittel gegen Gift war. Der Bezoar, den +man im Herzen des arabischen Hirsches fand, war ein +Zauber, der die Pest zu heilen vermochte. In den Nestern +arabischer Vögel kam der Aspilates vor, der nach der +Angabe des Demokrit seinen Träger vor jeder Feuersgefahr +beschützte.</p> + +<p>Der König von Seilan ritt bei seiner Krönungsfeier, +mit einem großen Rubin in der Hand, durch seine Stadt. +Die Tore zum Palast des Johannes, des Priesters, waren +aus Sarder verfertigt, in den das Horn der Hornviper +verarbeitet war, so daß kein Mensch Gift in das Haus +bringen konnte. Über dem Giebel waren „zwei goldene +Äpfel, die zwei Karfunkelsteine enthielten“, so daß am +Tage das Gold glänzen konnte und die Karfunkelsteine bei +Nacht. In Lodges seltsamem Roman „Eine amerikanische +Perle“ heißt es, daß man in dem Zimmer der Königin +„alle keuschen Frauen der Welt, wie in Silber getrieben, +wahrnehmen konnte, wenn man durch fleckenfreie Spiegel +aus Chrysolithen, Karfunkelsteinen, Saphiren und grünen<a class="pagenum" name="Page_210" title="210"> </a> +Smaragden blickte“. Marco Polo hatte gesehen, wie die +Einwohner von Zipangu den Toten rosenfarbige Perlen +in den Mund steckten. Ein Seeungeheuer war in die Perle +verliebt, die ein Taucher dem König Perozes brachte, und +es hatte den Dieb getötet und sieben Monate lang über +den Verlust getrauert. Als die Hunnen den König in den +großen Hinterhalt lockten, warf er die Perle weg — Prokopius +erzählt die Geschichte — und sie wurde nie wieder +gefunden, obwohl Kaiser Anastasius dafür fünf Zentner +Goldstücke aussetzte. Der König von Malabar hatte einmal +einem Venezianer einen Rosenkranz aus dreihundertvier +Perlen gezeigt, eine Perle für jeden Gott, den er verehrte.</p> + +<p>Als der Herzog von Valentinois, der Sohn Alexanders +des Sechsten, Ludwig den Zwölften von Frankreich besuchte, +war nach Brantôme sein Pferd mit goldenen Blättern +bedeckt, und ein Barett trug eine doppelte Reihe von +Rubinen, die ein mächtiges Licht ausstrahlten. Karl von +England ritt in Steigbügeln, die mit vierhunderteinundzwanzig +Diamanten besetzt waren. Richard der Zweite hatte +ein Gewand, das mit Balasrubinen besetzt war, und auf +dreißigtausend Mark geschätzt wurde. Hall beschrieb Heinrich +den Achten auf seinem Wege zur Krönung nach dem +Tower folgendermaßen: er trug ein „Panzerkleid aus +erhabenem Gold, die Brust war mit Diamanten und +anderen Edelsteinen bestickt, und um den Hals hing ihm +eine mächtige Kette aus schweren Balasrubinen“. Die +Günstlinge Jakobs des Ersten trugen Ohrringe aus Smaragden, +die in Goldfiligran gefaßt waren. Eduard der<a class="pagenum" name="Page_211" title="211"> </a> +Zweite schenkte dem Piers Gaveston eine vollständige +Rüstung aus rotem Golde, die mit Hyazinthsteinen besetzt +war, eine Halsberge aus goldenen Rosen, in die Türkise +eingelassen waren, und eine mit Perlen übersäte Sturmhaube. +Heinrich der Zweite trug Handschuhe bis zum +Ellenbogen hinauf, die mit Edelsteinen besetzt waren, und er +hatte einen Falkenierhandschuh, den zwölf Rubinen und +zweiundfünfzig große Perlen zierten. Der Herzogshut +Karls des Kühnen, des letzten Burgunder Herzogs seines +Geschlechts, war behängt mit birnenförmigen Perlen und +überstreut mit Saphiren.</p> + +<p>Wie köstlich das Leben einst gewesen war! Wie schwelgerisch +in seinem Pomp und Schmuck! Von dem Reichtum +der Toten auch nur zu lesen war schon wunderbar.</p> + +<p>Dann wandte er seine Aufmerksamkeit wieder den +Stickereien zu und den Gobelins, die in den frostigen +Räumen der nördlichen Völker Europas die Stelle der +Freskogemälde vertraten. Als er sich in dieses Gebiet +vertiefte — und er besaß immer eine außerordentliche +Fähigkeit, sich für den Augenblick von allem absorbieren zu +lassen, was er in Angriff nahm — wurde er ordentlich +traurig bei dem Gedanken an die Vernichtung, die die +Zeit schönen und wundervollen Dingen bereitete. Er +wenigstens war ihr entronnen. Sommer folgte dem Sommer, +die gelben Jonquillen hatten geblüht und waren +viele Male verwelkt, und schreckliche Nächte wiederholten +die Geschichte ihrer Schande, aber er blieb unverändert. +Kein Winter entstellte sein Antlitz oder beschädigte seinen +blütengleichen Schmelz. Wie anders war das mit den<a class="pagenum" name="Page_212" title="212"> </a> +materiellen Dingen! Wohin waren die entschwunden? +Wo war das große krokusfarbene Gewand, auf dem die +Götter die Giganten bekämpft hatten, das von braunen +Mädchen der Athene zur Freude gestickt worden war? Wo +war das große Velarium, das Nero über das Kolosseum +in Rom hatte ausspannen lassen, dieses gigantische Purpursegel, +auf dem der Sternenhimmel abgebildet war, und +Apollo, wie er einen Wagen lenkt, den weiße, von goldenen +Zügeln gebändigte Streitrosse ziehen? Er sehnte sich, die +sonderbaren Tischdecken zu sehen, die für den Sonnenpriester +gewebt worden waren, und in die alle Leckerbissen +und Speisen eingewirkt waren, die man für ein Festmahl +nur wünschen konnte, das Sterbekleid des Königs Hilperich +mit seinen dreihundert goldenen Bienen, die phantastischen +Gewandungen, die die Entrüstung des Bischofs +von Pontus erregten und auf denen „Löwen, Panther, +Bären, Hunde, Wälder, Felsen, Jäger — kurz alles dargestellt +war, was ein Maler der Natur ablauschen kann“, +und den Rock, den Karl von Orleans einstmals getragen +hatte, auf dessen Ärmel die Verse eines Gedichtes gestickt +waren, das begann: <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">Madame, je suis tout joyeux</span>, während +die Noten hierzu mit Goldfäden eingestickt waren +und jeder Notenkopf, damals noch viereckig, aus vier Perlen +gebildet war. Er las von dem Zimmer, das man im +Palast von Reims für den Gebrauch der Königin Johanna +von Burgund hergerichtet hatte, „und das ausgeschmückt +war mit dreizehnhunderteinundzwanzig gestickten Papageien, +die das Wappen des Königs trugen, und mit fünfhunderteinundsechzig +Schmetterlingen, deren Flügel auf<a class="pagenum" name="Page_213" title="213"> </a> +dieselbe Weise mit dem Wappen der Königin geschmückt +waren, das Ganze in Gold gearbeitet.“ Katharina von +Medici hatte sich ein Trauerbett machen lassen aus schwarzem +Samt, bestickt mit Halbmonden und Sonnen. Seine +Vorhänge waren aus Damast, und auf einem Grunde +von Gold und Silber waren Zweige und Girlanden gestickt, +und die Bordüren bestanden aus Fransen mit Perlen, +und es stand in einem Zimmer, das mit einem Silbertuch +bespannt war, auf dem reihenweise die Wahlsprüche der +Königin in schwarzem, geschorenem Samt appliziert waren. +Ludwig der Vierzehnte hatte in seinem Gemach goldgestickte, +fünfzehn Fuß hohe Karyatiden. Das Staatsbett +Sobieskis, des Königs von Polen, bestand aus Smyrna-Goldbrokat, +und Verse aus dem Koran waren aus Türkisen +hineingestickt. Seine Füße waren aus vergoldetem +Silber, schön getrieben und verschwenderisch mit Medaillons +aus Email und Edelsteinen besetzt. Es war bei +der Belagerung von Wien aus dem türkischen Lager erbeutet +worden, und die Fahne Mohammeds war unter +dem flimmerigen Gold seines Baldachins angebracht.</p> + +<p>Und so suchte er ein ganzes Jahr lang die erlesensten +Proben zusammen, die er von Webekunst und Stickereiarbeiten +auftreiben konnte, er verschaffte sich die duftigen +Delhi-Musselins, die zart mit goldenen Palmblättern +und mit irisierenden Käferflügeln bestickt waren, die Gazestoffe +aus Dhaka, die man im Orient ihrer Durchsichtigkeit +wegen „gewebte Luft“, „rieselndes Wasser“ und „Abendtau“ +nennt: Tücher aus Java mit seltsamen Figuren: +feine, gelbe chinesische Gardinen: Bücher, die in lohfarbigen<a class="pagenum" name="Page_214" title="214"> </a> +Atlas oder hellblaue Seide gebunden und eingepreßte +heraldinische Lilien, Vögel und Schildereien zeigten Pointslace-Schleiergewebe +aus Ungarn: sizilianische Brokate +und steife spanische Sammete: georgische Arbeiten mit +ihren goldenen Münzen, und japanische Fukusas mit +ihren grünen Goldtönen und ihren gefiederten Vögeln +wunderbarster Arbeit.</p> + +<p>Er hatte dann eine besondere Leidenschaft für kirchliche +Gewänder wie für alles, was mit dem religiösen Ritus +zusammenhing. In den langen Kästen aus Zedernholz, +die auf der westlichen Galerie seines Hauses standen, hatte +er viele seltene, schöne Proben des wahrhaften Kleides +der Christusbraut angesammelt, die sich in Purpur, in +Edelsteine und feines Linnen kleiden muß, um den bleichen, +abgezehrten Leib darin zu verhüllen, der erschöpft ist von +den Leiden, die sie sucht, und verwundet von selbst zugefügten +Schmerzen. Er besaß einen prachtvollen Chorrock +aus karminroter Seide und goldgewirktem Damast, +der mit einem sich wiederholenden Muster von goldenen +Granatäpfeln geziert war, die auf sechsblättrigen, regelmäßigen +Blüten saßen, worunter auf jeder Seite ein in +Staubperlen gestickter Tannenzapfen war. Die Goldstickereien +waren in einzelne Felder geteilt, in denen Szenen +aus dem Leben der Jungfrau abgebildet waren und die +Krönung der Jungfrau war in der dazu gehörigen Kappe +in farbiger Seide oben eingestickt. Es war italienische +Arbeit aus dem fünfzehnten Jahrhundert. Ein anderer +Chorrock war aus grünem Samt, bestickt mit herzförmigen +Bündeln von Akanthusblättern, aus denen langgestielte<a class="pagenum" name="Page_215" title="215"> </a> +weiße Blüten hervorsprossen, die zart mit silbernen Fäden +und farbigen Kristallperlen ausgearbeitet waren. Auf der +Spange war der Kopf eines Seraphs in erhabener +Goldstickerei ausgeführt. Die Borten waren fortlaufend +auf blumigem Tuch in roter und goldener Seide eingewebt +und mit den Medaillonbildnissen vieler Heiligen und Märtyrer +ausstaffiert, unter denen sich der heilige Sebastian +befand. Er hatte auch Meßgewänder aus bernsteinfarbiger +Seide und blauer Seide und goldenem Brokat und +aus gelbem Seidendamast und goldenem Tuch, die bedeckt +waren mit Darstellungen der Passion und der Kreuzigung +Christi, und bestickt mit Löwen, Pfauen und anderen Emblemen, +er hatte Dalmatikas aus weißem Atlas und +rosarotem Seidendamast, geziert mit Tulpen, Delphinen +und heraldischen Lilien: Altardecken aus karmoisinrotem +Samt und blauem Linnen, und viele Decken für Meßgeräte, +Kelchhüllen und Schweißtücher. In den mystischen +Diensten, zu denen diese Dinge bestimmt waren, lag +etwas, das seine Einbildungskraft anregte.</p> + +<p>Denn diese Schätze und überhaupt alles, was er in +seinem wunderbaren Hause ansammelte, waren für ihn +Mittel zum Vergessen, Liebhabereien, durch die er eine +Zeitlang der Angst entrinnen konnte, die ihm oft zu groß +erschien, um sie zu ertragen. An die Wand des verlassenen, +verschlossenen Raumes, worin er einen so großen Teil seiner +Knabenzeit verbracht hatte, hatte er mit seinen eigenen +Händen das fürchterliche Porträt aufgehängt, dessen Züge +ihm in ihrer Veränderung die wahrhafte Erniedrigung +seines Lebens zeigten, und darüber hatte er als Vorhang<a class="pagenum" name="Page_216" title="216"> </a> +das Bahrtuch aus Gold und Purpur angebracht. Wochenlang +mochte er nicht dahin gehen, wollte er das gräßliche +Gemälde vergessen und gewann dann wieder sein leichtes +Herz zurück, seine wunderbare Fröhlichkeit und seine +Kraft zu leidenschaftlicher Versenkung ins Leben. Dann +aber schlich er plötzlich in einer Nacht aus dem Hause, +besuchte schaurige Orte in der Nähe von Blue Gate Fields +und blieb dort Tag um Tag, bis es ihn wieder wegtrieb. +Nach seiner Rückkehr saß er dann wohl vor dem Bilde, +manchmal voll Haß vor ihm und vor sich selbst, ein +andermal aber erfüllt mit dem Stolze auf das eigene +Wesen, der den halben Reiz der Sünde ausmacht, und +er lächelte dann mit geheimem Vergnügen das verunstaltete +Abbild an, das die Last zu tragen hatte, die eigentlich +für ihn bestimmt war.</p> + +<p>Nach einigen Jahren konnte er es nicht aushalten, lange +von England weg zu sein, und gab das Landhaus auf, +das er gemeinsam mit Lord Henry in Trouville innegehabt +hatte, und ebenso das kleine, von weißer Mauer umrahmte +Haus in Algier, wo sie mehr als einmal den +Winter verbracht hatten. Er konnte es nicht ertragen, von +dem Porträt getrennt zu sein, das jetzt gewissermaßen +ein Teil seines Lebens geworden war, und er fürchtete +auch, es könne in seiner Abwesenheit irgend jemand Zutritt +bekommen trotz den sorgfältig gearbeiteten Sicherheitsschlössern, +die er an der Türe hatte anbringen lassen.</p> + +<p>Er war sich vollauf bewußt, daß niemand etwas verraten +könne. Allerdings bewahrte das Bild unter all der +Gemeinheit und Häßlichkeit seines Antlitzes noch eine deutliche<a class="pagenum" name="Page_217" title="217"> </a> +Ähnlichkeit mit ihm, aber was konnte das den Leuten +sagen? Er würde jeden auslachen, der es versuchen wollte, ihn +zu schmähen. Er hatte es ja nicht gemalt. Was ging es ihn +an, wie abscheulich und schändlich es aussah? Selbst wenn +er jemand die Wahrheit erzählte, konnte sie einer glauben?</p> + +<p>Und doch hatte er Angst. Wenn er manchmal in seinem +großen Hause in Nottinghamshire war und die <ins title="eleganganten">eleganten</ins> +jungen Leute, die meistens seine Gesellschaft bildeten, +bewirtete, und die Leute der Grafschaft durch den +ausschweifenden Luxus und den verschwenderischen Glanz +seines Lebens in Erstaunen setzte, dann verließ er wohl +plötzlich seine Gäste und eilte zurück in die Stadt, um nachzusehen, +ob sich niemand an der Türe zu schaffen gemacht +habe und ob das Bild noch da sei. Wie, wenn es jemand +gestohlen hätte? Der bloße Gedanke erfüllte ihn mit kaltem +Entsetzen. Gewiß würde dann die Welt sein Geheimnis +erfahren. Vielleicht hatte sie schon Verdacht geschöpft.</p> + +<p>Denn genau wie er viele fesselte, gab es auch nicht wenige, +die ihm mißtrauten. Er wäre fast schwarz ballotiert +worden in einem Westend-Klub, zu dessen Mitgliedschaft +ihn soziale Stellung und Geburt vollständig berechtigten, +und es hieß, daß einmal, als ihn ein Freund in das +Rauchzimmer des Curchill-Klubs mitgebracht hatte, der +Herzog von Berwick und ein anderer Herr in auffallender +Weise aufgestanden und hinausgegangen wären. Sonderbare +Geschichten waren über ihn im Umlauf, als er sein +fünfundzwanzigstes Jahr vollendet hatte. Man munkelte, +daß man ihn in einer elenden Kaschemme in einem entlegenen +Winkel Whitechapels mit fremden Matrosen habe<a class="pagenum" name="Page_218" title="218"> </a> +zechen sehen, und daß er mit Dieben und Falschmünzern +umgehe und die Geheimnisse ihres Gewerbes kenne. Seine +auffallende Gewohnheit, zu bestimmten Zeiten zu verschwinden, +war bekannt, und wenn er dann wieder in der +Gesellschaft auftauchte, flüsterte man sich in den Ecken Bemerkungen +zu oder man ging an ihm mit einem unzweideutigen +Lächeln oder mit kühlen, forschenden Blicken vorbei, +als wäre man entschlossen, sein Geheimnis zu enthüllen.</p> + +<p>Von diesen Unverschämtheiten und versuchten Beleidigungen +nahm er natürlich keine Notiz, und in den Augen +der meisten Leute war sein offenes, freundliches Wesen, +sein reizendes Knabenlächeln und die unendliche Grazie +der wundervollen Jugend, die ihn nie zu verlassen schien, +an sich eine genügende Antwort auf die Verleumdungen, +denn so nannte man es, die über ihn im Umlauf waren. +Indessen bemerkte man, daß einige von denen, die früher +sehr innig mit ihm verkehrt hatten, ihn nach einiger Zeit +zu meiden anfingen. Frauen, die ihn glühend geliebt +hatten und um seinetwillen allem Tadel der Gesellschaft +getrotzt und die Konvention verachtet hatten, konnte man +vor Scham oder Entsetzen erbleichen sehen, wenn Dorian +Gray ins Zimmer trat.</p> + +<p>Doch dieses Skandalgeflüster erhöhte in den Augen vieler +nur seinen seltsamen und gefährlichen Reiz. Auch sein +großer Reichtum bot ein gewisses Unterpfand der Sicherheit. +Die Gesellschaft, wenigstens die zivilisierte Gesellschaft, +ist niemals schnell geneigt, etwas Schlechtes von +denen zu glauben, die zugleich reich und interessant sind. +Sie begreift instinktiv, daß Manieren wichtiger sind als<a class="pagenum" name="Page_219" title="219"> </a> +Moral, und ihrer Meinung nach ist die höchste Ehrbarkeit +weniger wert als der Besitz eines guten Küchenchefs. Und +schließlich ist es auch ein sehr schwacher Trost, wenn einem +gesagt wird, daß der Mann, bei dem es ein schlechtes +Diner oder einen elenden Wein gegeben hat, in seinem +Privatleben unantastbar dasteht. Selbst die Kardinaltugenden +können nicht für kalt gewordene Entrees entschädigen, +bemerkte Lord Henry einmal, als man über +dieses Thema sprach; und für seine Ansicht spricht wahrscheinlich +sehr viel. Denn die Gesetze der guten Gesellschaft +sind oder sollten wenigstens dieselben sein, wie die Regeln +der Kunst. Form ist für sie unbedingt wesentlich. Sie +sollte die Würde ebenso wie die Unwirklichkeit einer +Zeremonie haben und sollte den unaufrichtigen Schein +eines romantischen Schauspiels mit dem Witz und der +Schönheit verbinden, die für uns das Entzücken solcher +Spiele ausmachen. Ist Unaufrichtigkeit denn etwas so +Furchtbares? Ich glaube nicht. Sie ist nur ein Mittel, +wodurch wir unsere Persönlichkeit vervielfachen können.</p> + +<p>Das war wenigstens die Meinung von Dorian Gray. Er +pflegte sich über die seichte Psychologie derer zu wundern, +die sich das Ich eines Menschen als etwas Einfaches, +Beständiges, Verläßliches und Einheitliches vorstellen. Für +ihn war der Mensch ein Wesen mit Myriaden von Leben +und Myriaden von Gefühlen, ein kompliziertes, vielgestaltetes +Geschöpf, das seltsame Erbschaften in seinen Gedanken +und Leidenschaften mit sich herumtrug und dessen +Fleisch von den ungeheuerlichen Krankheiten der Verstorbenen +angesteckt war. Er liebte es, die kahle, kalte<a class="pagenum" name="Page_220" title="220"> </a> +Bildergalerie auf seinem Landsitze zu durchschlendern +und die verschiedenen Porträts der Menschen zu betrachten, +deren Blut in seinen Adern floß. Hier war Philipp +Herbert, den Francis Osborne in seinen „Memoiren +über die Herrscherzeit der Königin Elisabeth und des +Königs Jakob“ als einen beschrieb, „den der Hof seines +hübschen Gesichtes wegen lieb hatte, das ihm aber nicht +lange Gesellschaft leistete“. War es das Leben des jungen +Herbert, das er manchmal führte? Hatte sich irgendein +merkwürdiger, gifttragender Keim von Körper zu Körper +übertragen, bis er seinen eigenen erreicht hatte? War es +eine dumpfe Erinnerung an diesen verwelkten Liebreiz +gewesen, die damals in Basil Hallwards Atelier so jäh +und fast ohne Grund über ihn hereinbrach, daß er jenes +wahnsinnige Gebet sprechen mußte, das sein Leben so sehr +verändert hatte? Hier stand in goldgesticktem rotem +Wams, in einem mit Juwelen geschmückten Überrock +und goldgefaßten Hals- und Ärmelkrausen Sir Anthony +Sherard, die Beine mit silbernen und schwarzen Schienen +gepanzert. Was war das Vermächtnis dieses Mannes +gewesen? Hatte ihm der Geliebte der Giovanna von +Neapel ein Erbteil der Sünde und Schande hinterlassen? +Waren seine eigenen Handlungen nur die Träume, die der +Tote nicht zu verwirklichen gewagt hatte? Hier lächelte +von einer verblaßten Leinwand Lady Elisabeth Devereux +in ihrer Gazehaube, dem perlenbestickten Brustschmuck und +den roten Schlitzärmeln. Sie hielt in der rechten Hand +eine Blume, und die linke umfaßte einen emaillierten +Halsschmuck aus weißen und Damaszener Rosen. Auf<a class="pagenum" name="Page_221" title="221"> </a> +einem Tisch neben ihr lag eine Mandoline und ein Apfel. +Auf ihren kleinen, spitzen Schuhen saßen große, grüne Rosetten. +Er kannte ihr Leben und die seltsamen Geschichten, +die man über ihre Liebhaber erzählte. Hatte er etwas von +ihrem Temperament an sich? Diese ovalen Augen mit den +schweren Lidern schienen ihn so sonderbar anzublicken. +Wie stand es um George Willoughby mit seinem gepuderten +Haar und seinen phantastischen Schönheitspflästerchen? +Wie böse er aussah! Das Gesicht war melancholisch +und bräunlich, und die sinnlichen Lippen schienen verächtlich +zusammengekniffen. Kostbare Spitzenmanschetten rieselten +über die mageren gelben Hände, die mit Ringen so +sehr überladen waren. Er war im achtzehnten Jahrhundert +ein Stutzer gewesen und in seiner Jugend ein Freund von +Lord Ferrars. Wie war es mit dem zweiten Lord Beckenham, +dem Gefährten des Prinzregenten in seinen wildesten +Tagen und einem der Zeugen bei seiner heimlichen Eheschließung +mit Frau Fitzherbert? Wie stolz und hübsch +war er mit seinen kastanienbrauen Locken und der herausfordernden +Haltung! Welche Leidenschaften hatte er ihm +vererbt? Die Welt hatte ihn für ehrlos gehalten. Er hatte +bei den Orgien in Carlton House den Vorsitz geführt. Der +Stern des Hosenbandordens strahlte auf seiner Brust. +Neben ihm hing das Bild seiner Gemahlin, einer blassen, +dünnlippigen Frau in schwarzem Kleide. Auch ihr Blut +flutete in ihm. Wie merkwürdig schien das alles! Und seine +Mutter mit ihrem Lady Hamilton-Gesicht und ihren feuchten, +wie vom Wein benetzten Lippen — er wußte, was er +von ihr mitbekommen hatte. Von ihr hatte er seine Schönheit<a class="pagenum" name="Page_222" title="222"> </a> +geerbt und seine Leidenschaft für die Schönheit anderer. +Sie lachte ihn an in ihrem losen Bacchantinnenkleide. In +ihrem Haare waren Weinblätter. Über den Becher, den +sie hielt, schäumte der Purpur. Die Fleischfarbe des Gemäldes +war verblaßt, aber die Augen waren noch wunderbar +in ihrer Tiefe und ihrem Farbenglanz. Sie schienen +ihm überall hin zu folgen, wo er auch ging.</p> + +<p>Aber man hatte Vorfahren ebensogut in der Literatur +wie in dem eigenen Geschlecht, und viele davon standen +einem vielleicht näher in ihrem Menschentum und in ihrem +Temperament und hatten sicher einen Einfluß, von dem +man sich genauere Rechenschaft zu geben vermochte. Es gab +Zeiten, wo Dorian Gray den Eindruck hatte, als wäre +die ganze Weltgeschichte nur ein Bericht seines eigenen +Lebens, nicht wie er es nach Taten und Umständen gelebt +hatte, sondern wie es seine Phantasie für ihn erschaffen +hatte, wie es in seinem Gehirn und in seinen Sinnentrieben +war. Er fühlte, daß er sie alle gekannt hatte, diese merkwürdigen +schrecklichen Gestalten, die über die Weltenbühne +geschritten waren und die Sünde so glänzend und +das Böse so tief und fein gemacht hatten. Es wollte ihm +scheinen, daß auf irgendeine geheimnisvolle Weise ihr +Leben auch sein eigenes gewesen sei.</p> + +<p>Der Held des wunderbaren Romans, der sein Leben so +stark beeinflußt hatte, war auch von diesem seltsamen +Einfall ergriffen gewesen. Im siebenten Kapitel erzählt +er: wie er, bekränzt mit Lorbeer, damit ihn der Blitz +nicht treffe, als Tiberius in einem Garten von Capri gesessen +und die schändlichen Bücher von Elephantis gelesen<a class="pagenum" name="Page_223" title="223"> </a> +habe, während Zwerge und Pfauen um ihn herumstolzierten +und der Flötenspieler den Weihrauchschwinger verspottete: +wie er als Caligula mit den grünbeschürzten +Stallknechten in ihren Ställen gezecht und aus einer elfenbeinernen +Krippe ein Mahl genommen habe mit einem +Rosse, das ein edelsteingeschmücktes Stirnband trug, und +wie er als Domitian durch einen Korridor gewandert sei, +dessen Wände mit Marmorspiegeln bedeckt waren, in denen +er mit verstörten Augen nach dem Widerschein des Dolches +gesucht habe, der seine Tage enden sollte, erkrankt an der +Langeweile, dem schrecklichen <span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">Taedium vitae</span>, das alle +befällt, denen das Leben nichts versagt: und wie er durch +einen hellen Smaragd den blutrünstigen Schlächterszenen +im Zirkus zugeschaut habe und dann in einer Karosse aus +Perlen und Purpur, die von silberfarbig gesprenkelten +Maultieren gezogen wurde, durch eine Straße mit Granatbäumen +zu einem goldenen Hause gefahren sei und gehört +habe, wie ihm die Menschenmenge zurief: Kaiser Nero, +als er vorbeifuhr, und wie er sich als Heliogabal das Gesicht +geschminkt, mit den Weibern am Spinnrocken gewebt +und den Mond aus Karthago geholt habe, um ihn in +mystischer Ehe mit der Sonne zu vermählen.</p> + +<p>Wieder und wieder las Dorian dieses phantastische Kapitel +und die zwei unmittelbar folgenden, in denen wie auf +wunderlichen Gobelins oder kunstvoll gearbeiteten Emaillen +die greulich-schönen Gestalten jener dargestellt waren, die +Laster und Blut und Übersättigung zu Ungeheuern oder +Narren gemacht hatte: Filippo, der Herzog von Mailand, +der sein Weib getötet und ihre Lippen mit scharlachrotem<a class="pagenum" name="Page_224" title="224"> </a> +Gift gefärbt hatte, damit ihr Geliebter von dem Leichnam, +wenn er ihn liebkoste, den Tod saugen möge: der +Venezianer Pietro Barbi, bekannt als Paul der Zweite, +der in seiner Eitelkeit den Beinamen Formosus annehmen +wollte und dessen Tiara, die zweihunderttausend Gulden +Wert hatte, mit einer furchtbaren Sünde erkauft worden +war: Gian Maria Visconti, der Hunde benutzte, um auf +lebende Menschen Jagd zu machen, und dessen Leichnam +nach seiner Ermordung von einer Dirne, die ihn geliebt +hatte, mit Rosen bedeckt ward: der Borgia auf seinem +Schimmel, neben dem der Brudermord hoch zu Rosse saß, +und dessen Mantel mit dem Blute Perottos befleckt war: +Pietro Riario, der junge Kardinalerzbischof von Florenz, +das Kind und der Liebling Sixtus des Sechsten, dessen +Schönheit nur von seiner Lasterhaftigkeit übertroffen +wurde, und der Leonora von Aragonien in einem Zelt aus +weißer und karmesinfarbener Seide empfing, das voll +Nymphen und Zentauren war, und der einen Knaben vergoldete, +damit er bei dem Feste als Ganymed oder Hylas +aufwarte: Etzelin, dessen Schwermut nur durch das Schauspiel +des Todes geheilt werden konnte und der eine Leidenschaft +für rotes Blut hatte, wie andere Menschen für roten +Wein — den man den Sohn des Satans hieß und der +seinen Vater beim Würfeln betrogen hatte, als er mit +ihm um seine Seele spielte: Giambattista Cibo, der aus +Hohn den Namen Innozentius annahm und in dessen +verdumpfte Adern ein jüdischer Arzt das Blut von drei +Jünglingen einpumpte: Sigismondo Malatesta, der Liebhaber +der Isotta und der Herr von Rimini, der zu Rom<a class="pagenum" name="Page_225" title="225"> </a> +im Bilde als ein Feind Gottes und der Menschen verbrannt +wurde, und der Polyssena mit einer Serviette erdrosselte, +und der Ginevra d'Este aus einem Smaragdbecher +Gift zu trinken gab und, um eine schändliche Leidenschaft +zu ehren, einen heidnischen Tempel zur Anbetung +für die Christen baute: Karl der Sechste, der für das Weib +seines Bruders so ungestüm erglühte, daß ihm ein Aussätziger +den Irrsinn prophezeite, der über ihn kommen +werde, und der, als sein Geist krank geworden war und +sich verwirrt hatte, nur durch sarazenische Spielkarten besänftigt +wurde, auf denen Liebe, Tod und Wahnsinn abgebildet +waren: und in seinem gezierten Kamisol und in +seinem edelsteingeschmückten Barett und den akanthusgleichen +Locken Grifonetto Baglioni, der Astorre bei seiner +Braut und Simonetto bei seinem Pagen erschlug, und +dessen Anmut so groß war, daß, als er sterbend auf der +gelben Piazza in Perugia lag, selbst seine Hasser das +Schluchzen nicht unterdrücken konnten, und ihn Atalanta +segnete, die ihn verflucht hatte.</p> + +<p>Ein grauenhafter Zauber war in alledem. Er sah sie +bei Nacht, und während des Tages verwirrten sie seine +Vorstellungen. Die Renaissance kannte seltsame Arten, zu +vergiften — zu vergiften durch einen Helm und eine angezündete +Fackel, einen bestickten Handschuh und einen +edelsteinbesetzten Fächer, ein vergoldetes Riechbüchschen +und eine Bernsteinkette. Dorian Gray war durch ein Buch +vergiftet worden. Es gab Augenblicke, in denen er die +Sünde einzig als eine Möglichkeit ansah, seinen Schönheitsbegriff +zu verwirklichen.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_226" title="226"> </a></p> + + + + +<h2><a name="Zwolftes_Kapitel" id="Zwolftes_Kapitel"></a>Zwölftes Kapitel</h2> + + +<p>Es war am neunten November, am Vorabend seines +achtunddreißigsten Geburtstages, wie er sich später oftmals +erinnerte.</p> + +<p>Er ging gegen elf Uhr aus Lord Henrys Wohnung, +bei dem er gegessen hatte, nach Hause und war in einen +schweren Pelz gehüllt, da die Nacht kalt und neblig war. +An der Ecke von Grosvenor Square und South Audley +Street ging im Nebel ein Mann sehr eilig an ihm vorbei, +der den Kragen seines grauen Ulsters hochgeschlagen hatte. +Er trug eine Reisetasche. Dorian erkannte ihn. Es war +Basil Hallward. Ein seltsames Angstgefühl, über das er +sich keine Rechenschaft geben konnte, befiel ihn. Er ließ +nicht merken, daß er ihn erkannt hatte und setzte rasch +seinen Weg fort in der Richtung seines Hauses.</p> + +<p>Aber Hallward hatte ihn gesehen. Dorian hörte, wie er +zuerst auf dem Trottoir stehenblieb und ihm dann nacheilte. +In ein paar Augenblicken lag eine Hand auf seinem +Arm.</p> + +<p>„Dorian! Was für ein besonders glücklicher Zufall! Ich +habe seit neun Uhr in deiner Bibliothek auf dich gewartet. +Schließlich tat mir dein ermüdeter Diener leid, und +als er mich herunterließ, sagte ich ihm, er möchte zu Bett +gehen. Ich fahre mit dem Mitternachtszug nach Paris, +und ich hatte den dringendsten Wunsch, dich vor meiner +Abreise noch zu sehen. Ich dachte, das mußt du sein, +oder mindestens dein Pelz, als du vorbeigingst. Aber ich<a class="pagenum" name="Page_227" title="227"> </a> +war doch nicht ganz sicher. Hast du mich denn nicht erkannt?“</p> + +<p>„Bei so einem Nebel, lieber Basil? Ich kann nicht einmal +Grosvenor Square erkennen. Ich vermute, mein Haus +ist hier irgendwo in der Nähe, aber ich bin mir nicht ganz +sicher. Es tut mir leid, daß du verreist, denn ich habe dich +ja eine Ewigkeit nicht gesehen. Aber ich denke, du kommst +doch bald wieder?“</p> + +<p>„Nein; ich bleibe sechs Monate von England fort. Ich +will mir in Paris ein Atelier mieten und mich darin einschließen, +bis ein großes Bild fertig ist, das ich im Kopf +habe. Aber ich wollte nicht über mich reden. Da sind wir +an deiner Tür. Laß mich einen Augenblick mit herein. Ich +habe dir was zu sagen.“</p> + +<p>„Es wird mir eine große Freude sein. Aber versäumst +du auch deinen Zug nicht?“ sagte Dorian Gray mit müder +Stimme, als er die Treppe hinaufstieg und die Tür mit +seinem Drücker öffnete.</p> + +<p>Das Lampenlicht kämpfte mit dem Nebel, und Hallward +sah auf die Uhr. „Ich habe noch eine Menge Zeit“, +antwortete er. „Der Zug geht zwölf Uhr fünfzehn, und +es ist eben elf. Offen gesagt, ich war gerade auf dem Weg +in den Klub, um dich zu suchen, als ich dich traf. Mein +Gepäck wird mich, wie du siehst, nicht sehr aufhalten, weil +ich die schweren Sachen vorausgeschickt habe. Hier in der +Tasche ist alles, was ich mitnehme, und nach Victoria +Station kann ich bequem in zwanzig Minuten kommen!“</p> + +<p>Dorian sah ihn lächelnd an. „Für einen berühmten Maler +eine merkwürdige Art, zu reisen! Eine Handtasche und<a class="pagenum" name="Page_228" title="228"> </a> +ein Ulster! Komm herein, sonst dringt der Nebel ins Haus! +Und bitte, sprich über nichts Ernsthaftes mit mir. Nichts +ist heutzutage ernsthaft. Wenigstens sollte es nichts sein.“</p> + +<p>Hallward schüttelte den Kopf als er eintrat, und folgte +Dorian ins Bibliothekzimmer. Dort brannte in dem offenen +Kamin ein helles Holzfeuer. Die Lampen waren angezündet, +und ein offenstehender holländischer Likörkasten aus +Silber stand nebst ein paar Sodawassersiphons und großen +geschliffenen Gläsern auf einem eingelegten Tischchen.</p> + +<p>„Du siehst, dein Diener hat es mir gemütlich gemacht, +Dorian. Er hat mir alles gegeben, was ich brauchte, sogar +deine besten Zigaretten mit Goldmundstück. Es ist ein recht +gastfreundlicher Mensch. Ich mag ihn viel lieber als den +Franzosen, den du vor ihm hattest. Was ist übrigens aus +dem Franzosen geworden?“</p> + +<p>Dorian zuckte die Achseln. „Ich glaube, er hat Lady +Radleys Kammermädchen geheiratet und sie in Paris als +englische Schneiderin etabliert. Ich höre, daß Anglomanie +zurzeit drüben sehr Mode ist. Scheint mir recht töricht von +den Franzosen, nicht wahr? Aber — weißt du noch? — er +war wirklich kein schlechter Bedienter. Ich mochte ihn +zwar auch nie so recht leiden, aber er gab mir keinen +Grund zur Klage. Man bildet sich oft Dinge ein, die ganz +sinnlos sind. Er war mir wirklich sehr ergeben und schien +ganz traurig, als er wegging. Willst du noch einen Kognak +und Soda? Oder lieber Wein mit Selter? Ich +nehme immer Wein mit Selter. Es ist gewiß etwas im +Nebenzimmer.“</p> + +<p>„Danke, ich nehme nichts mehr“, sagte der Maler, legte<a class="pagenum" name="Page_229" title="229"> </a> +Mütze und Überrock ab und warf sie auf die Reisetasche, +die er in die Zimmerecke gestellt hatte. „Und jetzt, lieber +Freund, möchte ich mit dir mal ernsthaft sprechen. Du +mußt nicht so böse aussehen. Du machst es mir dadurch +nur schwerer.“</p> + +<p>„Was soll das alles?“ rief Dorian, offen seine Verdrießlichkeit +zeigend und warf sich auf das Sofa. „Ich +hoffe, es handelt sich nicht um mich. Ich habe heute abend +genug von mir. Ich wünschte, ich wäre ein anderer.“</p> + +<p>„Es handelt sich um dich,“ antwortete Hallward mit +seiner ernsten, tiefen Stimme, „und ich muß es dir sagen. +Ich werde dich kaum ein halbes Stündchen aufhalten.“</p> + +<p>Dorian seufzte und steckte sich eine Zigarette an. „Ein +halb Stündchen“, flüsterte er.</p> + +<p>„Das ist nicht viel von dir verlangt, Dorian, und ich +spreche wirklich nur zu deinem Besten. Ich halte es für +angebracht, daß du endlich die schrecklichen Dinge erfährst, +die über dich in London geredet werden.“</p> + +<p>„Ich will nicht das mindeste davon wissen. Ich habe +Tratsch über andere Leute recht gern, aber Tratsch über +mich interessiert mich ganz und gar nicht. Es hat nicht mal +den Reiz der Neuheit.“</p> + +<p>„Es muß dich interessieren, Dorian. Jeder anständige +Mensch ist an seinem guten Ruf interessiert. Du darfst doch +nicht die Leute von dir reden lassen, wie von einem gesunkenen +und abscheulich lasterhaften Menschen. Natürlich +hast du deine Stellung, deinen Reichtum und all dergleichen. +Aber Stellung und Reichtum sind nicht alles. Auf +mein Wort, ich glaube von diesen Gerüchten nichts. Wenigstens<a class="pagenum" name="Page_230" title="230"> </a> +kann ich ihnen nicht glauben, wenn ich dich sehe. Die +Sünde steht jedem Menschen auf der Stirn geschrieben. +Man kann sie nicht verhehlen. Die Menschen schwatzen +manchmal von geheimen Lastern. So etwas gibt es nicht. +Wenn ein unseliger Mensch ein Laster hat, so zeigt sichs +in den Linien seines Mundes, in seinen herabgesunkenen +Augenlidern, selbst in der Form seiner Hände. Jemand +— ich will seinen Namen nicht nennen, aber du kennst ihn +— kam voriges Jahr zu mir und wollte sich malen lassen. +Ich hatte ihn nie vorher gesehen und damals nie etwas +von ihm gehört, seitdem aber hat man mir eine Menge +von ihm erzählt. Er bot mir einen fabelhaften Preis an. +Ich habe abgelehnt. An der Form seiner Finger war +etwas, das mir ekelhaft war. Jetzt weiß ich, daß ich mit +meiner Vermutung über ihn ganz recht hatte. Sein Leben +ist fürchterlich. Aber von dir, Dorian, mit deinem reinen, +leuchtenden, unschuldigen Gesicht und deiner wunderbaren +unberührten Jugend — ich kann nicht das Häßliche glauben, +das man gegen dich vorbringt. Und doch, ich sehe +dich jetzt so selten, und du kommst gar nicht mehr in mein +Atelier, und wenn ich nicht mit dir zusammen bin und alle +die abscheulichen Dinge höre, die sich die Leute über dich +zuflüstern, dann weiß ich nicht, was ich sagen soll. Woher +kommt es, Dorian, daß ein Mann wie der Herzog von +Berwick aufsteht und das Klubzimmer verläßt, wenn du +eintrittst? Warum wollen so viele Männer in London nicht +zu dir kommen und dich niemals zu sich einladen? Du +warst doch mit Lord Staveley befreundet. Ich traf ihn +vorige Woche bei einem Diner. Dein Name tauchte zufällig<a class="pagenum" name="Page_231" title="231"> </a> +im Gespräch in Verbindung mit den Miniaturen +auf, die du der Dudley-Ausstellung hergeliehen hast. Staveley +verzog die Lippen und sagte, es mag ja sein, daß +du einen äußerst künstlerischen Geschmack habest, aber +du seist ein Mann, den kein reines Mädchen kennenlernen +solle und mit dem keine anständige Frau im selben Zimmer +sein dürfe. Ich gab ihm zu verstehen, daß ich dein Freund +sei, und fragte ihn, was er damit meine. Er sagte es mir. +Er sagte es mir vor allen Leuten geradeheraus. Es war +scheußlich! Warum ist deine Freundschaft für junge Männer +solch ein Unglück? Da war der unselige Bursch in +der Leibgarde, der Selbstmord begangen hat. Du warst +sein bester Freund. Da war Sir Henry Ashton, der England +mit einem besudelten Namen verlassen mußte. Du +und er, ihr beide wart unzertrennlich. Wie ist es mit +Adrian Singleton bestellt und seinem furchtbaren Ende? +Was war das mit dem einzigen Sohn Lord Kents und +seiner Karriere? Ich traf seinen Vater gestern in St. James +Street. Er schien vor Schande und Herzleid gebrochen. +Was hattest du mit dem jungen Herzog von Perth? Was +für ein Leben führt er jetzt? Welcher Gentleman wollte +noch mit ihm Umgang haben?“</p> + +<p>„Hör auf, Basil, du sprichst von Dingen, von denen du +nichts weißt“, sagte Dorian Gray, der sich auf die Lippen +biß und in seine Stimme einen Ton unsäglicher Verachtung +legte. „Du fragst mich, warum Berwick aus dem +Zimmer geht, wenn ich eintrete. Er tut das, weil ich sein +Leben durch und durch kenne, nicht weil er etwas von mir +wüßte. Wie könnte er bei dem Blut, das in seinen Adern<a class="pagenum" name="Page_232" title="232"> </a> +rollt, nicht viel auf dem Kerbholz haben? Du fragst +mich nach Henry Ashton und dem jungen Perth. Habe +ich dem einen seine Laster, dem anderen seine Ausschweifungen +beigebracht? Wenn sich Kents schwachköpfiger Sohn +sein Weib von der Straße holt, was gehts mich an? Wenn +Adrian Singleton den Namen seines Freundes auf einen +Wechsel schreibt, bin ich sein Hüter? Ich weiß, wie die +Leute in England klatschen. Die Mittelklassen spreizen sich +bei ihren endlosen Diners mit ihren moralischen Vorurteilen +und munkeln von etwas, das sie die Ausschweifungen +derer nennen, denen es besser geht, und um sich damit zu +brüsten, daß sie in der feinen Gesellschaft verkehren und +intim mit den Leuten sind, die sie durchhecheln. Bei uns +zulande genügt es, daß einer Vornehmheit und Geist hat, +damit sich jede gemeine Zunge an ihm wetzt. Und was +für eine Art Leben führen denn diese Menschen selber, die +sich so auf die Moral hinausspielen? Mein lieber Junge, +du vergißt, daß wir in der Heimat der Heuchelei leben.“</p> + +<p>„Dorian,“ rief Hallward, „darum handelt sich's nicht. +Wie schlecht es um England bestellt ist, weiß ich selbst +und wie die englische Gesellschaft verrottet ist. Gerade +deshalb wünsche ich, daß du gut bleibst. Du bist nicht +gut geblieben. Man hat ein Recht darauf, einen Menschen +nach der Wirkung zu beurteilen, die er auf seine Freunde +ausübt. Deine Freunde scheinen alles Gefühl für Ehre, +für Anstand, für Reinheit zu verlieren. Du hast sie mit +einer wahnsinnigen Genußsucht erfüllt. Sie sind tief gesunken. +Ja: und du hast sie da hinabgeführt, und doch +kannst du lächeln, und du lächelst jetzt noch. Und es gibt<a class="pagenum" name="Page_233" title="233"> </a> +noch viel Schlimmeres. Ich weiß, du und Harry seid unzertrennlich. +Schon aus diesem Grunde, wenn aus keinem +anderen, hättest du den Namen seiner Schwester nicht +zum Spott machen dürfen!“</p> + +<p>„Nimm dich in acht, Basil. Du gehst zu weit.“</p> + +<p>„Ich muß sprechen, und du mußt mich hören. Als du +Lady Gwendolen kennenlerntest, hatte sie noch nicht der +leiseste Hauch übler Nachrede berührt. Gibt es jetzt eine +einzige anständige Frau in London, die mit ihr im Park +spazieren fahren würde? Ja, nicht einmal ihre Kinder +dürfen bei ihr wohnen. Dann gibt es andere Geschichten +— Geschichten, daß man dich gesehen hat, wie du in der +Dämmerung aus schrecklichen Häusern herausgeschlichen +bist, daß du dich verkleidet in den niederträchtigsten Kneipen +Londons herumtreibst. Ist das wahr? Kann das +wahr sein? Als ich das erstemal so etwas hörte, lachte +ich. Jetzt höre ich es mit Schaudern. Wie steht es mit +deinem Landhause und dem Leben, das dort geführt wird? +Dorian, du weißt nicht, was man über dich spricht. Ich +will dir das nicht vorhalten, ich will dir keine Predigt +halten. Ich erinnere mich, daß Harry einmal gesagt hat, +jeder Mensch, der sich als Moralprediger versuchen will, +fängt damit an, daß er sagt, er wolle nicht predigen und +dann sein Wort bricht. Ich will dir also eine Predigt +halten. Ich möchte dich ein solches Leben führen sehen, +daß die Welt Achtung vor dir haben soll. Ich will, +daß du einen reinen Namen und einen guten Ruf hast. +Ich will, daß du dich von den gräßlichen Menschen losmachst, +mit denen du jetzt fraternisierst. Zucke nicht mit<a class="pagenum" name="Page_234" title="234"> </a> +den Achseln. Sei nicht so gleichgültig. Du hast einen mächtigen +Einfluß. Laß ihn zum Guten und nicht zum Bösen +wirken. Man sagt, du verderbest jeden Menschen, mit dem +du intim wirst, und es sei völlig hinreichend, daß du ein +Haus betrittst, damit dir Schande irgendeiner Art auf +dem Fuße folge. Ich weiß nicht, ob dem so ist oder nicht. +Wie sollte ich's auch wissen? Aber man sagte es von dir. +Man sagte mir Dinge, die ich unmöglich länger anzweifeln +kann. Lord Gloucester war einer meiner liebsten +Freunde in Oxford. Er hat mir den Brief gezeigt, den ihm +seine Frau geschrieben hat, als sie allein in ihrer Villa in +Mentone auf dem Sterbebette lag. Dein Name war da in +die fürchterlichste Beichte verwickelt, die ich je gelesen habe. +Ich sagte ihm, daß es Tollheit wäre, daß ich dich durch +und durch kennte und daß du zu irgend etwas Derartigem +unfähig wärest. Kenne ich dich? Ich frage mich, kenne +ich dich! Bevor ich darauf antworten kann, müßte ich +deine Seele sehen.“</p> + +<p>„Meine Seele sehen“, murmelte Dorian Gray, stand +vom Sofa auf und wurde beinah weiß vor Angst.</p> + +<p>„Ja,“ antwortete Hallward ernst und ein tiefschmerzlicher +Klang zitterte in seiner Stimme — „deine Seele +sehen. Aber das kann nur Gott.“</p> + +<p>Ein bitter-höhnisches Gelächter brach aus dem Munde +des Jüngeren. „Du sollst sie selbst sehen, noch heute nacht!“ +rief er aus und nahm eine Lampe vom Tisch. „Komm: +sie ist das Werk deiner eigenen Hand. Warum solltest +du es nicht sehen? Du kannst nachher aller Welt davon +erzählen, wenn du willst. Niemand würde dir glauben.<a class="pagenum" name="Page_235" title="235"> </a> +Wenn sie dir glaubten, haben sie mich deswegen nur um +so lieber. Ich kenne unsere Zeit besser als du, obwohl du +darüber so langweilig faseln kannst. Komm, sag' ich dir. +Du hast genug über Verderbnis geschwatzt. Jetzt sollst du +sie von Angesicht zu Angesicht sehen.“</p> + +<p>In jedem Wort, das er sprach, klang der Wahnsinn +des Hochmuts. Er stampfte in seiner knabenhaften, dreisten +Art mit dem Fuß auf die Dielen. Er empfand ein furchtbares +Vergnügen bei dem Gedanken, daß ein anderer jetzt +sein Geheimnis teilen solle und daß der Mann, der sein +Bild gemalt hatte, das der Ursprung all seiner Schande +war, für den Rest seines Lebens die Last der gräßlichen +Erinnerung an seine Tat mit sich herumschleppen müsse.</p> + +<p>„Ja,“ fuhr er fort und trat näher zu ihm heran und +sah ihm fest in die ernsten Augen, „ich werde dir meine +Seele zeigen. Du sollst das Machwerk sehen, von dem du +glaubst, daß es nur Gott sehen kann.“</p> + +<p>Hallward schrak zurück. „Das ist Gotteslästerung, Dorian. +Du darfst nicht solche Dinge sagen. Sie sind schrecklich +und unverständig.“</p> + +<p>„Glaubst du?“ Er lachte wieder.</p> + +<p>„Ich weiß es. Was ich dir heute abend gesagt habe, +hab' ich zu deinem Besten gesagt. Du weißt, ich war dir +immer ein guter Freund.“</p> + +<p>„Werde nur nicht rührselig. Mach' Schluß mit dem, +was du noch zu sagen hast.“</p> + +<p>Ein wehevolles Zucken ging durch das Gesicht des Malers. +Er schwieg einen Augenblick und ein heftiger Mitleidsschmerz +überkam ihn. Welches Recht hatte er schließlich,<a class="pagenum" name="Page_236" title="236"> </a> +in Dorian Grays Leben hineinzuspähen? Wenn er +nur den zehnten Teil von dem getan hatte, wovon die +Gerüchte gingen, wie qualvoll mußte er gelitten haben! +Dann richtete er sich auf, ging zum Kamin hinüber und +blieb da stehen, versunken in den Anblick der brennenden +Holzscheite, die mit ihrer weißen Asche wie bereift aussahen +und stierte ihre zuckenden Feuerherzen an.</p> + +<p>„Ich warte, Basil“, sagte der junge Mann mit harter, +spitzer Stimme.</p> + +<p>Er drehte sich um. „Was ich noch zu sagen habe, ist +das“, rief er. „Du mußt mir eine Antwort geben auf diese +fürchterlichen Anklagen, die gegen dich erhoben werden. +Wenn du mir sagst, daß sie von Anfang bis zu Ende +unwahr sind, werde ich dir glauben. Leugne sie ab, Dorian, +leugne sie ab! Kannst du nicht sehen, was ich durchmache? +Mein Gott, sage mir nicht, daß du schlecht und +verderbt und schändlich bist!“</p> + +<p>Dorian Gray lächelte. Seine Lippen krausten sich in +Verachtung. „Komm hinauf, Basil“, sagte er ruhig. „Ich +führe da ein Tagebuch meines Lebens, Tag für Tag, und +es verläßt niemals das Zimmer, in dem es geschrieben +wird. Ich will es dir zeigen, wenn du mit mir kommst.“</p> + +<p>„Ich komme mit, Dorian, wenn du es haben willst. +Ich sehe, daß ich meinen Zug versäumt habe. Das tut +nichts. Ich kann morgen fahren. Aber verlange nicht von +mir, daß ich heute nacht noch etwas lese. Was ich will, +ist eine klare Antwort auf meine Frage.“</p> + +<p>„Die soll dir oben zuteil werden. Ich kann sie dir hier +nicht geben. Du wirst nicht lange zu lesen haben.“</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_237" title="237"> </a></p> + + + + +<h2><a name="Dreizehntes_Kapitel" id="Dreizehntes_Kapitel"></a>Dreizehntes Kapitel</h2> + + +<p>Er verließ das Zimmer und begann die Treppe hinaufzugehen, +Basil Hallward folgte dicht hinter ihm. Sie +gingen leise, wie man es bei Nacht instinktiv tut. Die +Lampe warf phantastische Schatten auf Wand und +Treppe. Im Winde, der sich erhoben hatte, klirrten einige +Fenster.</p> + +<p>Als sie den obersten Absatz erreicht hatten, stellte Dorian +die Lampe auf den Boden, nahm den Schlüssel heraus +und schloß auf. „Du bestehst auf einer Antwort, Basil?“ +fragte er mit gedämpfter Stimme.</p> + +<p>„Ja.“</p> + +<p>„Das freut mich“, antwortete er lächelnd. Dann fügte +er ziemlich scharf hinzu: „Du bist der einzige Mensch in +der Welt, der alles über mich wissen darf. Du hast mehr +mit meinem Leben zu schaffen gehabt, als du dir denkst“, +und damit nahm er die Lampe auf, öffnete die Tür und +trat ein. Ein kalter Luftzug strich an ihnen vorbei, und +das Licht zuckte einen Augenblick in einer düstern Orangefarbe +auf. Er schauderte. „Schließe die Tür hinter dir“, +flüsterte er, während er die Lampe auf den Tisch stellte.</p> + +<p>Hallward blickte erstaunt umher. Das Zimmer sah aus, +als wär' es seit langen Jahren nicht bewohnt worden. Ein +fadenscheiniger flämischer Gobelin, ein verhängtes Bild, ein +alter italienischer Cassone und ein fast leerer Bücherschrank +— das war außer einem Stuhl und einem Tisch alles, +was darin zu sein schien. Als Dorian Gray eine halb<a class="pagenum" name="Page_238" title="238"> </a> +abgebrannte Kerze, die auf dem Kamin stand, angezündet +hatte, sah der Maler, daß der ganze Raum mit Staub +bedeckt und der Teppich zerfetzt und durchlöchert war. +Eine Maus lief erschreckt hinter die Täfelung. Ein dumpfer +Modergeruch machte sich bemerkbar. —</p> + +<p>„Du glaubst also, daß Gott allein die Seele sieht, Basil? +Zieh den Vorhang zurück, und du wirst die meine +sehen.“</p> + +<p>Die Stimme, die das sprach, klang kalt und grausam.</p> + +<p>„Du bist wahnsinnig, Dorian, oder spielst Komödie“, +sagte Hallward und runzelte die Stirn.</p> + +<p>„Du willst nicht? Dann muß ich es selbst tun“, sagte +der junge Mann, und riß den Vorhang von seiner Stange +und schleuderte ihn zu Boden.</p> + +<p>Ein Entsetzensschrei kam von den Lippen des Malers, +als er in der düsteren Beleuchtung das gräßliche Gesicht +auf der Leinwand erblickte, das ihm entgegengrinste. In +seinem Ausdruck war etwas, das ihn mit Ekel und Abscheu +erfüllte. Gott im Himmel! Es war Dorian Grays +eigenes Antlitz, das er sah! Das Schreckliche, was es +auch sein mochte, hatte die wundervolle Schönheit noch +nicht ganz zerstört. Noch war etwas Gold in dem gelichteten +Haar und etwas Purpur auf dem sinnlichen Mund. +Die stumpfgewordenen Augen hatten noch etwas von +ihrem lieblichen Blau behalten, der edle Schwung der +Linien um die feingewölbten Nasenflügel und den plastischen +Hals war noch nicht ganz verschwunden. Ja, es war +Dorian selbst. Aber wer hatte das gemalt? Er glaubte, +das Werk seines eigenen Pinsels zu erkennen, und der<a class="pagenum" name="Page_239" title="239"> </a> +Rahmen war von ihm selbst gezeichnet. Die Vorstellung +war ungeheuerlich, und doch fürchtete er sich. Er nahm die +brennende Kerze und hielt sie nahe an das Bild. In der +linken Ecke stand ein Name in langen, hellroten Lettern.</p> + +<p>Es war irgendeine infame Parodie, eine niederträchtige, +elende Satire. Er hatte das niemals gemalt. Und doch, es +war sein eigenes Bild. Er wußte es und ihm war, als ob +sich sein Blut in einem Augenblick aus Feuer in starrendes +Eis verwandelt hätte. Sein eigenes Bild! Was sollte das +heißen? Warum hatte es sich verändert? Er drehte sich um +und sah Dorian Gray mit krankhaften Augen an. Sein +Mund zuckte, seine trockne Zunge schien jedes Lautes ganz +unfähig zu sein. Er fuhr sich mit der Hand über die Stirn. +Kühle Schweißperlen standen darauf.</p> + +<p>Der junge Mann lehnte gegen den Kamin und beobachtete +ihn mit dem merkwürdigen Ausdruck, den man auf +den Gesichtern von Menschen sieht, die von dem Spiel +eines großen Schauspielers hingerissen sind. In seinem Gesicht +war weder wirklicher Schmerz noch wirkliche Freude. +Da war nur die Leidenschaft des Zuschauers und höchstens +in den Augen flackerte ein triumphierendes Leuchten. Er +hatte die Blume aus seinem Knopfloch genommen und +roch daran oder tat mindestens so.</p> + +<p>„Was bedeutet das?“ rief Hallward endlich. Seine +eigene Stimme klang ihm schrill und fremd in die Ohren.</p> + +<p>„Vor vielen Jahren, als ich noch ein Knabe war,“ sagte +Dorian Gray, während er die Blume in seiner Hand zerdrückte, +„hast du mich kennengelernt, hast mir geschmeichelt +und mich gelehrt, auf meine Schönheit eitel zu sein. Eines<a class="pagenum" name="Page_240" title="240"> </a> +Tages stelltest du mich einem deiner Freunde vor, der mir +das Wunder der Jugend erklärte, und damals beendetest +du ein Porträt von mir, das mir das Wunder der Schönheit +offenbarte. In einem Augenblick des Wahnsinns, und +ich weiß noch jetzt nicht, ob ich ihn bedaure oder nicht, +sprach ich einen Wunsch aus, vielleicht würdest du es ein +Gebet nennen.“</p> + +<p>„Ich erinnere mich! Oh, wie gut erinnere ich mich! +Nein! so etwas ist unmöglich. Das Zimmer ist feucht. +Die Leinwand ist stockig geworden. In den Farben, die ich +verwandte, war irgendein mineralisches Gift enthalten. +Ich sage dir, so etwas ist unmöglich.“</p> + +<p>„Pah, was ist unmöglich?“ murmelte der junge Mann, +ging zum Fenster und preßte seine Stirn an die kalte, +nebelfeuchte Scheibe.</p> + +<p>„Du sagtest mir, du hättest es zerstört.“</p> + +<p>„Ich habe mich geirrt. Es hat mich zerstört.“</p> + +<p>„Ich kann's nicht glauben, daß es mein Bild ist.“</p> + +<p>„Kannst du dein Ideal nicht darin erkennen?“ fragte +Dorian bitter.</p> + +<p>„Mein Ideal, wie du es nennst...“</p> + +<p>„Wie du es nanntest.“</p> + +<p>„Es hatte nichts Schlimmes in sich, nichts Schändliches. +Du warst für mich ein Ideal, wie ich ihm nie wieder begegnen +werde. Dies ist das Gesicht eines Fauns.“</p> + +<p>„Es ist das Gesicht meiner Seele.“</p> + +<p>„Jesus, mein! Was für ein Ding habe ich angebetet! +Es hat die Augen eines Teufels.“</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_241" title="241"> </a></p> + +<p>„Jeder von uns hat Himmel und Hölle in sich, Basil“, +rief Dorian mit einer wilden, verzweifelten Gebärde.</p> + +<p>Hallward wandte sich wieder dem Bilde zu und starrte +es an. „Mein Gott! Es ist wahr,“ rief er aus, „und das +hast du aus deinem Leben gemacht und danach also mußt +du noch schlechter sein, als die es ahnen, die gegen dich +sprechen.“ Er hielt das Licht wieder dicht an die Leinwand +und musterte sie scharf. Die Oberfläche schien ganz unzerstört +und so, wie sie aus seiner Hand gekommen war. +Von innen also war die Fäulnis und das Entsetzliche hervorgedrungen. +Durch einen sonderbaren inneren Zeugungsvorgang +fraß der Aussatz der Sünde langsam das ganze +Bildnis hinweg. Die Verwesung eines Leichnams in einem +feuchten Grabe konnte nicht so grauenvoll sein.</p> + +<p>Seine Hand zitterte und die Kerze fiel aus dem Leuchter +auf den Boden und lag rauchend da. Er trat mit dem +Fuß darauf und erstickte sie. Dann warf er sich selbst in +den wackligen Stuhl vor dem Tische und vergrub das Gesicht +in seinen Händen.</p> + +<p>„Großer Gott, Dorian, was für eine Lehre! Was für +eine furchtbare Lehre!“ Es kam keine Antwort, aber er +konnte den jungen Mann am Fenster schluchzen hören. +„Bete, Dorian, bete“, sagte er leise. „Was war es doch, +was man uns in der Kindheit hersagen gelehrt hat? ‚Führe +uns nicht in Versuchung! Vergib uns unsere Sünden! +Nimm unsere Missetat von uns!‛ Wir wollen das zusammen +aufsagen. Das Gebet deines Stolzes ist erhört +werden. Das Gebet deiner Reue wird auch erhört werden. +Ich habe dich zu sehr geliebt. Ich bin dafür bestraft worden.<a class="pagenum" name="Page_242" title="242"> </a> +Du hast dich selbst zu sehr geliebt. Wir haben beide +unsere Strafe.“</p> + +<p>Dorian Gray wandte sich langsam um und sah ihn mit +tränenschimmernden Augen an. „Es ist zu spät, Basil“, +flüsterte er.</p> + +<p>„Es ist nie zu spät, Dorian. Wir wollen niederknien und +versuchen, ob wir uns nicht an ein Gebet erinnern können. +Steht nicht irgendwo ein Vers: ‚Und wären deine Sünden +wie Scharlach, ich will sie weiß machen wie Schnee?‛“</p> + +<p>„Solche Worte haben für mich keinen Sinn mehr.“</p> + +<p>„Still! Sage nicht so etwas. Du hast genug Böses getan +im Leben. Mein Gott! Siehst du nicht, wie uns das fürchterliche +Ding anstiert?“</p> + +<p>Dorian Gray blickte nach dem Bild, und plötzlich überkam +ihn ein unbezwingliches Haßgefühl auf Basil Hallward, +als sei er ihm von dem Bildnis auf der Leinwand +eingeflößt, von diesen grinsenden Lippen in sein Ohr gewispert +worden. Die wilde Zornwut eines gehetzten Tieres +kochte in ihm, und er haßte den Mann, der da an dem +Tisch saß, mehr als er in seinem ganzen Leben irgend +etwas gehaßt hatte. Er spähte wild um sich. Auf der +Platte der bemalten Truhe, die ihm gegenüberstand, glitzerte +etwas. Sein Blick fiel darauf. Er erkannte, was es +war. Ein Messer war's, das er vor einigen Tagen mit +hinaufgenommen hatte, um ein Stück Schnur zu durchschneiden, +und das er wieder mit herunterzunehmen vergessen +hatte. Er ging langsam darauf zu und mußte dabei +an Hallward vorüber. Sobald er hinter ihm stand, ergriff +er das Messer und drehte sich um. Hallward rührte sich<a class="pagenum" name="Page_243" title="243"> </a> +in seinem Stuhl, als wollte er soeben aufstehen. Er stürzte +sich auf ihn und bohrte ihm das Messer tief in die Schlagader +hinter dem Ohr, preßte den Kopf des Mannes auf +den Tisch herunter und stieß immer und immer wieder zu.</p> + +<p>Man hörte ein unterdrücktes Röcheln und den fürchterlichen +Ton eines Menschen, der in seinem Blut erstickt. +Dreimal schlugen die krampfhaft ausgestreckten Arme um +sich, und die Hände fuhren mit eigentümlich steifen Fingern +durch die Luft. Er stieß noch zweimal zu, aber der Mann +rührte sich nicht mehr. Etwas begann auf den Boden zu +tröpfeln. Er wartete einen Augenblick und drückte den Kopf +immer noch nach unten. Dann warf er das Messer auf den +Tisch und horchte.</p> + +<p>Er konnte nichts hören, als das Tropf-Tropf auf den +fadenscheinigen Teppich. Er öffnete die Tür und ging bis +an den Treppenabsatz. Das Haus war vollständig ruhig. +Niemand war wach. Über das Geländer gebeugt, stand er +ein paar Augenblicke da und forschte hinab in den schwarzen +brodelnden Schacht von Dunkelheit. Dann zog er den +Schlüssel ab, ging in das Zimmer zurück und schloß sich +darin ein.</p> + +<p>Das Wesen saß noch immer in dem Stuhl und hing mit +gebeugtem Kopf und gekrümmtem Rücken und langen phantastischen +Armen über den Tisch. Wäre nicht der rote, +klaffende Riß im Nacken gewesen und die dunkle, geronnene +Lache, die sich nach und nach auf dem Tisch vergrößerte, +so hätte man glauben können, der Mann schlafe nur.</p> + +<p>Wie schnell das alles geschehen war! Er fühlte sich +merkwürdig ruhig, ging zur Balkontür, öffnete sie und<a class="pagenum" name="Page_244" title="244"> </a> +trat hinaus. Der Wind hatte die Nebeltücher auseinandergeblasen, +und der Himmel sah aus wie der Schweif eines +ungeheuren Pfaus, der mit Myriaden goldener Augen +bestirnt war. Er blickte hinab und sah, wie der Polizist +seine Runde machte und das lange Streiflicht seiner Laterne +über die Türen der schweigsamen Häuser gleiten ließ. +Das rotgelbe Licht einer vorbeitrödelnden Droschke glomm +an der Straßenecke auf und verschwand wieder. Ein Weib +in einem flatternden Kopftuch schob sich langsam am Gitter +des Platzes vorbei und taumelte im Gehen. Dann und +wann stand sie still und sah zurück. Auf einmal begann sie +mit heiserer Stimme zu singen. Der Schutzmann schlenderte +über den Damm her und sagte etwas zu ihr. Sie humpelte +lachend weiter. Ein scharfer Luftzug fegte über den Platz. +Die Gasflammen zuckten und wurden blau, und die entlaubten +Bäume schüttelten ihr schwarzes Geäste hin und +her, das wie ein Eisengeflecht aussah. Ihn fröstelte und +er trat, das Fenster schließend, wieder zurück.</p> + +<p>Als er bei der Türe war, drehte er den Schlüssel und +öffnete sie. Er blickte den Ermordeten mit keinem Blicke +mehr an. Er empfand, daß das Geheimnis der ganzen +Sache darin beruhe, sich die Sachlage nicht zu vergegenwärtigen. +Der Freund, der das verhängnisvolle Bild gemalt +hatte, von dem all sein Elend herrührte, war aus +seinem Leben verschwunden. Das war genug.</p> + +<p>Dann fiel ihm die Lampe ein. Es war eine ziemlich +merkwürdige maurische Arbeit, mattes Silber mit eingelegten +Arabesken aus dunkelpoliertem Stahl und besetzt +mit ungeschliffenen Türkisen. Sie mochte vielleicht von<a class="pagenum" name="Page_245" title="245"> </a> +seinem Diener vermißt werden und er könnte danach fragen. +Er zögerte einen Augenblick, dann ging er zurück und +nahm sie vom Tisch. Dabei mußte er die tote Gestalt +sehen. Wie ruhig sie war! Wie furchtbar weiß die langen +Hände aussahen! Es schien eine gräßliche Wachsfigur zu +sein.</p> + +<p>Er schloß die Türe hinter sich und schlich langsam die +Treppe hinunter. Das Holz knarrte und schien wie vor +Schmerz aufzustöhnen. Er blieb einige Male stehen und +wartete. Nein, alles war still. Er hörte nur den Widerhall +seiner eigenen Schritte.</p> + +<p>Als er in seinem Bibliothekszimmer war, erblickte er die +Tasche und den Rock in der Ecke. Die mußten irgendwo +verborgen werden. Er öffnete einen Geheimschrank, der in +der Holztäfelung war, in dem er seine eigenen Verkleidungen +aufbewahrte, und schob die Sachen hinein. Er +konnte sie später leicht einmal verbrennen. Dann zog er +seine Uhr. Es war zwanzig Minuten vor zwei.</p> + +<p>Er setzte sich und begann nachzudenken. Jahr für Jahr +— fast jeden Monat — werden in England Leute gehenkt +für so etwas, wie er soeben getan hatte. Irgendeine wahnwitzige +Mordlust hatte in der Luft gelegen. Irgendein +blutroter Stern war der Erde zu nahe gekommen... Und +doch, wie wollte man es ihm beweisen? Basil Hallward +hatte das Haus um elf Uhr verlassen. Niemand hatte ihn +noch einmal wiederkommen sehen. Die meisten Diener +waren in Selby Royal. Sein eigener Diener war schlafen +gegangen... Paris! Ja. Basil war nach Paris gefahren, +und zwar mit dem Mitternachtszug, wie es seine Absicht<a class="pagenum" name="Page_246" title="246"> </a> +gewesen war. Bei seinen merkwürdigen Gewohnheiten, sich +zurückzuziehen, würden Monate vergehen, bevor irgendein +Verdacht entstehen würde. Monate! Alle Spuren konnten +lange vorher getilgt sein.</p> + +<p>Ein plötzlicher Einfall durchzuckte ihn. Er zog seinen +Pelz an, setzte seinen Hut auf und ging in die Vorhalle +hinaus. Dort blieb er stehen, weil er den langsamen, +schweren Tritt des Schutzmanns draußen auf dem Pflaster +hörte und den tanzenden Widerschein seiner Blendlaterne +im Türfenster sah. Er wartete und hielt den +Atem an.</p> + +<p>Nach einigen Augenblicken schob er den Riegel zurück +und schlüpfte hinaus, das Tor ganz leise hinter sich schließend. +Dann zog er die Klingel. Nach etwa fünf Minuten +erschien sein Diener, halb angezogen und sehr verschlafen.</p> + +<p>„Es tut mir leid, daß ich Sie wecken mußte, Francis“, +sagte er eintretend und ging die Stufen hinauf; „aber ich +habe meinen Hausschlüssel vergessen. Wieviel Uhr ist es?“</p> + +<p>„Zehn Minuten nach zwei, gnädiger Herr“, sagte der +Mann mit einem blinzelnden Blick auf die Uhr.</p> + +<p>„Zehn Minuten nach zwei? Wie schrecklich spät! Sie +müssen mich morgen um neun Uhr wecken. Ich habe zu +tun.“</p> + +<p>„Zu Befehl, gnädiger Herr.“</p> + +<p>„War jemand heute abend hier?“</p> + +<p>„Herr Hallward, gnädiger Herr. Er hat hier bis elf +Uhr gewartet und ging dann, um seinen Zug nicht zu versäumen.“</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_247" title="247"> </a></p> + +<p>„Es tut mir leid, daß ich ihn nicht getroffen habe. +Sollen Sie mir etwas bestellen?“</p> + +<p>„Nein, gnädiger Herr, nur, daß er von Paris schreiben +würde, wenn er Sie im Klub nicht treffen sollte.“</p> + +<p>„Es ist gut, Francis. Vergessen Sie nicht, mich morgen +um neun zu wecken.“</p> + +<p>„Nein, gnädiger Herr!“</p> + +<p>Der Mann schlurfte in seinen Pantoffeln durch den Torweg +die Dienertreppe hinab.</p> + +<p>Dorian Gray warf Hut und Stock auf den Tisch und +trat ins Bücherzimmer. Eine Viertelstunde lang ging er +auf und ab, biß sich auf die Lippen und grübelte. Dann +nahm er das blaue Adreßbuch von einem Regal und begann +zu blättern. „Alan Campbell, Hertford Street 152, +Mayfair.“ Ja, das war der Mann, den er brauchte.</p> + +<h2><a name="Vierzehntes_Kapitel" id="Vierzehntes_Kapitel"></a>Vierzehntes Kapitel</h2> + + +<p>Am nächsten Morgen um neun Uhr kam sein Diener +mit einer Tasse Schokolade auf einem Servierbrett herein +und öffnete die Fensterläden. Dorian lag auf der rechten +Seite, eine Hand unter seiner Wange und schlief ganz +friedlich. Er sah aus wie ein Knabe, der beim Spiel oder +Lernen müde geworden ist.</p> + +<p>Der Mann mußte ihn zweimal an der Schulter berühren, +bevor er aufwachte, und als er die Augen öffnete, +huschte ein leichtes Lächeln über seine Lippen, als wäre +er von einem entzückenden Traum befangen gewesen. Aber<a class="pagenum" name="Page_248" title="248"> </a> +er hatte gar nicht geträumt. Seine Nacht war weder +von Bildern der Freude noch des Grauens gestört worden. +Doch die Jugend lächelt ohne Grund. Das ist einer ihrer +besonderen Reize.</p> + +<p>Er drehte sich um, stützte sich auf den Ellbogen und begann +seine Schokolade zu schlürfen. Die matte Novembersonne +strömte in das Zimmer. Der Himmel war wolkenlos, +eine heitere Wärme lag in der Luft. Es war fast wie ein +Maimorgen.</p> + +<p>Allmählich schlichen die Vorgänge der vergangenen +Nacht auf lautlosen, blutbefleckten Sohlen in sein Gehirn +und bauten sich dort mit furchtbarer Deutlichkeit wieder +auf. Er erschauerte bei dem Gedächtnis an alles, was er +durchlitten hatte, und einen Augenblick lang kehrte in ihm +derselbe sonderbare Haß auf Basil Hallward zurück, der +ihn dazu getrieben hatte, ihn zu töten, als er im Stuhl +saß, er wurde kalt vor Wut. Der Tote saß noch immer da +oben und jetzt dazu im Sonnenlicht. Wie schrecklich das +war! So gräßliche Dinge gehörten in die Dunkelheit, +nicht an den Tag.</p> + +<p>Er fühlte, daß er krank oder wahnsinnig würde, wenn +er über das brütete, was er hinter sich hatte. Es gibt +Sünden, deren Reiz mehr in der Erinnerung liegt als in +der Begehung, seltsame Siege, die mehr dem Stolz Genüge +tun als der Leidenschaft und die dem Geist ein +Lustgefühl geben, das stärker ist als jede Wonne, die sie +Sinnen verschaffen oder jemals verschaffen können. Aber +diesmal war es keine von diesen. Dies war eine, die man +aus dem Geiste verjagen, die man mit einem Opiat vergiften,<a class="pagenum" name="Page_249" title="249"> </a> +die man ersticken mußte, da sie einen sonst selbst +ersticken würde.</p> + +<p>Als es halb schlug, fuhr er sich mit der Hand über die +Stirn, stand dann rasch auf und zog sich beinahe mit noch +größerer Sorgfalt an, als gewöhnlich, indem er die größte +Aufmerksamkeit auf die Wahl seiner Krawatte und seiner +Nadel verwandte und seine Ringe mehr als einmal wechselte. +Er verbrachte auch beim Frühstück längere Zeit, +kostete von den verschiedenen Gerichten, sprach mit seinem +Bedienten über neue Livreen, die er der Dienerschaft in +Selby machen lassen wollte, und sah seine Briefschaften +durch. Bei einigen Zuschriften lächelte er. Drei ödeten +ihn an. Einen Brief las er mehrmals durch und zerriß ihn +dann mit einem leichten Ärger in seinen Mienen. „Was für +ein gräßliches Ding das Gedächtnis einer Frau ist“, +hatte Lord Henry einmal gesagt.</p> + +<p>Als er seine Schale schwarzen Kaffee getrunken hatte, +trocknete er die Lippen langsam an seiner Serviette ab, +gab dem Diener ein Zeichen zu warten, ging zum Schreibtisch +hinüber, setzte sich und schrieb zwei Briefe. Einen +steckte er in die Tasche, den anderen reichte er dem +Diener.</p> + +<p>„Bringen Sie den nach Hertford Street 152, Francis, +und wenn Herr Campbell nicht in der Stadt ist, lassen Sie +sich seine Adresse geben.“</p> + +<p>Sobald er allein war, zündete er sich eine Zigarette an +und begann auf einem Blatt Papier Skizzen zu machen, +zeichnete zuerst Blumen, dann Architekturstücke und dann +menschliche Gesichter. Plötzlich bemerkte er, daß jedes Gesicht,<a class="pagenum" name="Page_250" title="250"> </a> +das er entwarf, eine phantastische Ähnlichkeit mit Basil +Hallward zu haben schien. Er runzelte die Stirn, stand auf, +ging zum Bücherschrank und nahm auf gut Glück einen +Band heraus. Er war fest entschlossen, an das Geschehene +nicht eher zu denken, als bis es unbedingt notwendig +war.</p> + +<p>Als er sich auf dem Sofa ausgestreckt hatte, sah er auf +den Titel des Buches. Es waren Gautiers „<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">Emaux et +Camées</span>“, Charpentiers Ausgabe auf japanischem Papier, +mit Radierungen von Jacquemart. Der Einband war aus +zitronengelbem Leder mit einem Blinddruckmuster von +goldenem Laubwerk und Granatäpfeln in Punktmanier. +Es war ein Geschenk Adrian Singletons. Als er darin +blätterte, fiel sein Auge auf das Gedicht über die Hand +Lacenaires, die kalte gelbe Hand „<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">du supplice encore +mal lavée</span>“, mit ihren rötlichen Flaumhärchen und ihren +„<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">doigts de faune</span>“. Er blickte auf seine eigenen weißen, +spitzen Finger, schauderte unwillkürlich zusammen, las +dann weiter, bis er zu den lieblichen Versen auf Venedig +kam.</p> + +<p class="poem"><span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr"> +Sur une gamme chromatique,</span><br /> +<span style="margin-left: 1em;">Le sein de perles ruisselant,</span><br /> +La Vénus de l'Adriatique<br /> +<span style="margin-left: 1em;">Sort de l'eau son corps rose et blanc.</span></p> + +<p class="poem" style="margin-top: 0;"><span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr"> +Les dômes, sur l'azur des ondes<br /> +<span style="margin-left: 1em;">Suivant la phrase au pur contur,</span><br /> +S'enflent comme des gorges rondes<br /> +<span style="margin-left: 1em;">Que soulève un soupir d'amour.</span></span><a class="pagenum" name="Page_251" title="251"> </a></p> + + +<p class="poem" style="margin-top: 0;"><span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr"> +L'esquif aborde et me dépose,<br /> +<span style="margin-left: 1em;">Jetant son amarre au pilier,</span><br /> +Devant une façade rose,<br /> +<span style="margin-left: 1em;">Sur le marbre d'un escalier.</span></span><br /> +</p> + +<p>Wie entzückend die Verse waren! Wenn man sie las, +hatte man die Empfindung, durch die grünen Wasserstraßen +dieser rot- und perlfarbigen Stadt zu gleiten, in +einer schwarzen Gondel mit silbernem Schnabel und schleppenden +Vorhängen. Schon die Zeilen sahen so aus wie die +geraden, türkisblauen Kiellinien, die einem folgten, wenn +man nach dem Lido hinausrudert. Die plötzlichen Farbenblitze +erinnerten ihn an den Schimmer jener Vögel mit +opal- und regenbogenfarbenen Hälsen, die um den schlanken, +wabenartig durchlöcherten Kampanile flattern oder +mit prächtiger Anmut durch die düstern, staubigen Arkaden +trippeln. Zurückgelehnt mit halb geschlossenen Augen +sagte er immer und immer wieder zu sich: —</p> + +<p class="poem"> +<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">Devant une façade rose,<br /> +<span style="margin-left: 1em;">Sur le marbre d'un escalier.</span></span> +</p> + +<p class="postpoem">Das ganze Venedig war in diesen zwei Versen enthalten. +Er dachte an den Herbst, den er dort verbracht hatte, und +eine himmlische Liebelei, die ihn zu wahnsinnigen, entzückenden +Torheiten getrieben hatte. Es gab Romantik in +jedem Erdenwinkel. Aber Venedig hatte noch wie Oxford +den Hintergrund für Romantik bewahrt, und für den wahren +Romantiker ist der Hintergrund alles oder fast alles. +Basil war einen Teil der Zeit bei ihm gewesen und war<a class="pagenum" name="Page_252" title="252"> </a> +ganz wild vor Bewunderung für Tintoretto. Der arme +Basil! Was für eine schreckliche Art, so zu sterben!</p> + +<p>Er seufzte, nahm das Buch wieder auf und suchte zu vergessen. +Er las von den Schwalben, die aus- und einfliegen +in dem kleinen Café zu Smyrna, wo die Hadjis sitzen und +ihre Bernsteinperlen durch die Hand laufen lassen, und wo +die Kaufleute im Turban ihre langen, quastenbehängten +Pfeifen rauchen und ernsthaft miteinander sprechen: er las +von dem Obelisk auf der Place de la Concorde, der in +seiner vereinsamten, sonnenlosen Verbannung granitene +Tränen weint und sich zurücksehnt nach dem heißen, lotosbedeckten +Nil, wo die Sphinxe sind, und rosenrote Ibisse +und weiße Geier mit goldenen Klauen und Krokodile mit +kleinen Beryllaugen, die durch den grünen, dampfenden +Schlamm dahinkriechen: er fing an, den Versen nachzusinnen, +die ihre Musik aus Marmor locken, der von Küssen +fleckig geworden ist, und die uns von der sonderbaren +Statue erzählen, die Gautier einer Altstimme vergleicht, von +dem „<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">monstre charmant</span>“, das in dem Porphyrsaal des +Louvre steht. Aber nach einiger Zeit entfiel seinen Händen +das Buch. Er wurde nervös, und ein gräßlicher Angstanfall +schüttelte ihn. Was nun tun, wenn Alan Campbell nicht +in England war? Tage könnten möglicherweise verstreichen, +bevor er zurückkäme. Vielleicht weigerte er sich, zu kommen. +Was sollte er dann tun? Jeder Augenblick war von tödlicher +Bedeutung.</p> + +<p>Sie waren einmal sehr befreundet gewesen, vor fünf +Jahren — sogar fast unzertrennlich. Dann hatte die +Intimität plötzlich ein Ende. Wenn sie sich jetzt in Gesellschaft<a class="pagenum" name="Page_253" title="253"> </a> +trafen, war es nur noch Dorian Gray, der da +lächelte, niemals Alan Campbell.</p> + +<p>Er war ein außerordentlich begabter junger Mann, +wenn er auch kein eigentliches Verhältnis zu den sichtbaren +Künsten hatte, und der geringe Sinn für Poesie, den er +besaß, vollständig von Dorian herrührte. Die geistige +Leidenschaft, die ihn beherrschte, erstreckte sich nur auf die +Wissenschaft. In Cambridge hatte er einen großen Teil +seiner Zeit mit Arbeiten im Laboratorium verbracht und +hatte sein Examen in den Naturwissenschaften mit vorzüglich +bestanden. Noch jetzt war er dem Studium der Chemie +ergeben und hatte ein eigenes Laboratorium, in das er +sich häufig den ganzen Tag einzuschließen pflegte, zum +großen Kummer seiner Mutter, die sich darauf verbissen +hatte, daß er für das Parlament kandidieren sollte, und die +eine unklare Vorstellung hatte, ein Chemiker sei ein Mensch, +der Rezepte anfertige. Indessen war er ein ausgezeichneter +Musiker und spielte Geige und Klavier besser als die +meisten Dilettanten. Die Musik war es denn auch wirklich, +die Dorian Gray und ihn zueinander gebracht hatte — die +Musik und die unerklärliche Anziehungskraft, die Dorian +ausüben konnte, wenn er wollte, und auch oft ausübte, +ohne es zu wissen. Sie hatten sich bei Lady Berkshire an +dem Abend kennengelernt, als Rubinstein dort spielte, und +man sah sie von da an immer zusammen in der Oper und +überall, wo es gute Musik gab. Achtzehn Monate dauerte +diese Freundschaft. Campbell war regelmäßig entweder +in Selby Royal oder in Grosvenor Square. Für ihn wie +für viele andere war Dorian Gray die Verkörperung<a class="pagenum" name="Page_254" title="254"> </a> +alles dessen, was wunderbar und bezaubernd im Leben +ist. Ob zwischen ihnen ein Streit vorgefallen war oder +nicht, wußte kein Mensch. Aber plötzlich bemerkten die +Leute, daß sie kaum miteinander sprachen, wenn sie sich +trafen, und daß Campbell jede Gesellschaft frühzeitig +verließ, in der Dorian anwesend war. Er war auch verändert +— bisweilen merkwürdig melancholisch, schien kaum +noch Musik hören zu können, spielte nie mehr selbst und +gab, wenn man ihn dazu aufforderte, als Entschuldigung +an, daß ihn die Wissenschaft so stark in Anspruch nähme, +daß er keine Zeit mehr zum Üben habe. Und das war auch +der Fall. Er schien jeden Tag mehr Interesse für biologische +Studien zu gewinnen, und sein Name erschien ein- oder +zweimal in wissenschaftlichen Zeitschriften in Verbindung +mit gewissen außergewöhnlichen Experimenten.</p> + +<p>Das war der Mann, auf den Dorian Gray wartete. +Jede Sekunde blickte er auf die Uhr. Als Minute um +Minute verstrich, wurde er furchtbar aufgeregt. Schließlich +stand er auf und begann im Zimmer hin und her +zu gehen wie irgendeine schöne Bestie im Käfig. Er holte +weiten Schrittes, fast sprunghaft, aus und trat leise auf. +Seine Hände waren eigentümlich kalt.</p> + +<p>Das Warten wurde unerträglich. Die Zeit schien ihm +mit bleiernen Füßen zu schleichen, während er von ungeheuren +Wirbelwinden zum zackigen Grat einer schwarzen +Kluft oder eines Abgrundes hingefegt wurde. Er wußte, +was dort seiner harrte; er sah es und preßte schaudernd +mit feuchten Händen seine brennenden Lider zusammen, +als wolle er sein Gehirn der Sehkraft berauben und die<a class="pagenum" name="Page_255" title="255"> </a> +Augäpfel in ihre Höhlen zurückdrängen. Es war umsonst. +Das Gehirn hatte seine eigene Nahrung, mit der es sich +mästete, und die durch den Schrecken grotesk gemachte Einbildungskraft +krümmte sich vor Schmerz wie ein lebendes +Wesen, tanzte wie eine widerwärtige Marionette in einer +Schaubude und grinste durch bewegliche Masken hindurch. +Dann blieb auf einmal die Zeit für ihn stehen. Ja, dieses +blinde, langsamatmende Wesen kroch nicht mehr, und da +sie tot war, stürzten sich gräßliche Gedanken mit Blitzesschnelle +über ihn hin und zerrten eine scheußliche Zukunft +aus ihrem Grabe und zeigten sie ihm. Er starrte darauf hin. +Ihre Entsetzlichkeit versteinerte ihn.</p> + +<p>Endlich öffnete sich die Tür, und sein Bedienter trat ein. +Er wandte ihm seine gläsernen Augen zu.</p> + +<p>„Herr Campbell, gnädiger Herr“, sagte der Mann.</p> + +<p>Ein Seufzer der Erleichterung kam von seinen trockenen +Lippen und die Farbe kehrte in seine Wangen zurück.</p> + +<p>„Bitten Sie ihn sofort herein, Francis.“ Er fühlte, +daß er wieder er selbst war. Der Anfall von Feigheit war +überwunden.</p> + +<p>Der Diener verbeugte sich und ging. Nach einigen +Augenblicken trat Alan Campbell ein, mit sehr strengem +Gesicht und etwas bleich, und seine blasse Farbe wurde +durch das kohlschwarze Haar und die dunkeln Brauen noch +verstärkt.</p> + +<p>„Alan! das ist freundlich von dir. Ich danke dir, daß +du gekommen bist.“</p> + +<p>„Ich hatte die Absicht, dein Haus nie wieder zu betreten, +Gray. Aber du schriebst, es handle sich um Leben und<a class="pagenum" name="Page_256" title="256"> </a> +Tod.“ Seine Stimme war hart und kalt. Er sprach langsam +und überlegt. Ein Zug von Verachtung lag in dem +festen, forschenden Blick, den er auf Dorian richtete. Er +behielt die Hände in den Taschen seines Astrachanpelzes +und schien die Bewegung, mit der ihm die Hand entgegengestreckt +worden war, nicht zu bemerken.</p> + +<p>„Ja, es handelt sich um Leben und Tod, und für mehr +als einen Menschen, Alan. Setze dich.“</p> + +<p>Campbell nahm einen Stuhl am Tisch, und Dorian +setzte sich ihm gegenüber. Die Augen der beiden Männer +trafen sich. In denen Dorians lag unendliches Mitleid. +Er wußte, was er jetzt tun werde, war schrecklich.</p> + +<p>Nach einem Augenblick peinlichen Schweigens beugte er +sich nach vorn und sagte sehr ruhig, die Wirkung jedes +Wortes auf dem Gesicht des Mannes ablesend, den er +hatte holen lassen: „Alan, in einem verschlossenen Dachzimmer +dieses Hauses, in einem Zimmer, zu dem kein einziger +Mensch außer mir Zutritt hat, sitzt ein toter Mann +an einem Tisch. Er ist jetzt seit zehn Stunden tot. Bleib' +ruhig sitzen und sieh mich nicht so an. Wer der Mann ist, +warum er starb, wie er starb, sind Dinge, die dich nicht +kümmern. Was du zu tun hast, ist —“</p> + +<p>„Halt, Gray! Ich will nichts mehr wissen. Ob das, was +du mir gesagt hast, wahr ist oder nicht, geht mich nichts an. +Ich lehne es entschieden ab, in dein Leben verwickelt zu +werden. Behalte deine fürchterlichen Geheimnisse für dich! +Sie interessieren mich nicht mehr.“</p> + +<p>„Alan, du wirst dafür Interesse haben müssen. Dies +eine Geheimnis wird dich interessieren müssen. Es tut mir<a class="pagenum" name="Page_257" title="257"> </a> +furchtbar leid um dich, Alan. Aber ich kann dir nicht +helfen. Du bist der einzige Mensch, der mich zu retten vermag. +Ich bin gezwungen, dich in die Sache hineinzuziehen. +Ich habe keine Wahl. Alan, du bist ein Mann der Naturwissenschaft. +Du verstehst dich auf Chemie und diese Dinge. +Du hast Experimente gemacht. Was du zu tun hast, ist, +das Wesen da oben zu vernichten, so zu vernichten, daß +auch nicht eine Spur davon übrigbleibt. Niemand hat +diesen Menschen in mein Haus kommen sehen. Man vermutet +ihn im Augenblick in Paris. Monatelang wird er +nicht vermißt werden. Wenn er vermißt wird, darf hier +keine Spur von ihm gefunden werden. Alan, du mußt ihn, +ihn und alles, was zu ihm gehört, in eine Handvoll Asche +verwandeln, die ich in die Luft streuen kann.“</p> + +<p>„Du bist wahnsinnig, Dorian.“</p> + +<p>„Ah! wie ich darauf gewartet habe, daß du mich +wieder Dorian nennst.“</p> + +<p>„Du bist wahnsinnig, sag' ich dir — wahnsinnig, daß +du dir einbildest, ich wurde auch nur einen Finger rühren, +dir zu helfen, wahnsinnig, daß du mir dieses ungeheuerliche +Geständnis ablegst. Ich will damit nichts zu tun +haben, was es auch sei. Glaubst du, ich setze meine Ehre +für dich aufs Spiel? Was geht's mich an, mit welchem +Teufelswerk du zu tun hast.“</p> + +<p>„Es war ein Selbstmord, Alan.“</p> + +<p>„Das freut mich, aber wer hat ihn dazu getrieben? Du, +vermute ich.“</p> + +<p>„Weigerst du dich noch immer, das für mich zu tun?“</p> + +<p>„Natürlich weigere ich mich. Ich will absolut nichts damit<a class="pagenum" name="Page_258" title="258"> </a> +zu schaffen haben. Es liegt mir gar nichts daran, was +für eine Schande über dich kommt. Du verdienst es vollauf. +Es würde mir nicht leid tun, wenn ich dich entehrt, +öffentlich entehrt sähe. Wie kannst du es wagen, mich, +gerade mich von allen Menschen in der Welt in diese +Scheußlichkeit hineinbringen zu wollen? Ich hätte geglaubt, +du verständest mehr vom Charakter der Menschen. +Dein Freund, Lord Henry Wotton, kann dich nicht sehr +über Psychologie aufgeklärt haben, worüber er dich auch +sonst aufgeklärt hat. Nichts wird mich dazu vermögen, +auch nur einen Schritt zu tun, um dir zu helfen. Du bist +an den falschen Mann gekommen. Geh zu einem deiner +Freunde, nicht zu mir.“</p> + +<p>„Alan, es war Mord. Ich habe ihn umgebracht. Du +weißt nicht, was ich durch ihn gelitten habe. Mein Leben +mag sein, wie es wolle, er hatte mehr damit zu tun, es zu +erschaffen und zu zerstören, als der arme Harry. Er mag +es nicht gewollt haben, die Wirkung ist dieselbe.“</p> + +<p>„Mord! Guter Gott, Dorian, bist du jetzt soweit gekommen? +Ich werde dich nicht anzeigen. Das ist meines +Amtes nicht. Im übrigen wird man dich fassen, auch wenn +ich mich nicht in die Sache mische. Niemand begeht ein +Verbrechen, ohne dabei eine Dummheit zu machen. Also +ich will nichts damit zu tun haben.“</p> + +<p>„Du mußt etwas damit zu tun haben. Warte, warte +noch einen Augenblick; hör' mich an. Nur anhören, Alan. +Alles, was ich von dir verlange, ist ein bestimmtes wissenschaftliches +Experiment. Du gehst in Spitäler und Leichenhäuser, +und das Schreckliche, was du dort tust, rührt dich<a class="pagenum" name="Page_259" title="259"> </a> +nicht. Wenn du diesen Mann in irgendeinem gräßlichen +Seziersaal oder in einem mißduftenden Laboratorium auf +einem rohen Tisch liegen sähest, mit roten Röhren, die +man in ihn hineingebohrt hat, damit daraus das Blut +durchfließen kann, dann würdest du ihn einfach als ein +bewundernswertes Objekt betrachten. Kein Härchen würde +sich dir sträuben. Du hättest nicht die Empfindung, irgend +etwas Unrechtes zu tun. Im Gegenteil, du würdest wahrscheinlich +glauben, der Menschheit eine Wohltat zu erweisen, +oder die Summe des menschlichen Wissens zu vermehren +oder den intellektuellen Wissensdrang zu befriedigen +oder so etwas dergleichen. Was ich von dir fordere, +ist nichts anderes, als was du schon oft getan hast. Wahrhaftig, +es muß viel weniger gräßlich sein, einen Leichnam +aus der Welt zu schaffen, als das, was du gewöhnlich tust. +Und bedenke, es ist der einzige Beweis gegen mich. Wenn +er entdeckt wird, bin ich verloren; und er muß sicher entdeckt +werden, wenn du mir nicht hilfst.“</p> + +<p>„Ich habe keine Lust, dir zu helfen. Du vergißt das. +Die ganze Sache ist mir gleichgültig. Ich habe nichts damit +zu tun.“</p> + +<p>„Alan, ich beschwöre dich. Denke an die Lage, in der ich +bin. Jetzt eben, ehe du kamst, war ich fast ohnmächtig vor +Schreck. Du kannst eines Tages selbst einmal die Angst +kennenlernen. Nein, denke nicht daran! Betrachte die +Sache vom rein wissenschaftlichen Standpunkte aus. Du +forschst doch sonst nicht danach, woher die toten Wesen +kommen, mit denen du experimentierst. Forsche auch jetzt +nicht danach. Ich habe dir ohnehin zuviel gesagt. Aber<a class="pagenum" name="Page_260" title="260"> </a> +ich bitte dich, tu, um was ich dich bat. Wir waren doch einmal +Freunde, Alan.“</p> + +<p>„Sprich nicht von jenen Tagen, Dorian; sie sind tot.“</p> + +<p>„Die Toten verweilen manchmal. Der Mann da oben +geht nicht weg. Er sitzt am Tisch mit vorgebeugtem Kopf +und ausgestreckten Armen. Alan! Alan! wenn du mir +nicht zu Hilfe kommst, bin ich verloren. Alan! man wird +mich hängen! Begreifst du nicht? Man wird mich hängen, +für das, was ich getan habe.“</p> + +<p>„Es hat keinen Sinn, diese Szene weiter auszudehnen. +Ich weigere mich ganz entschieden, etwas damit zu tun +zu haben. Es ist Tollheit von dir, mich darum zu +bitten.“</p> + +<p>„Du weigerst dich?“</p> + +<p>„Ja!“</p> + +<p>„Ich beschwöre dich, Alan!“</p> + +<p>„Es ist nutzlos.“</p> + +<p>Derselbe mitleidige Ausdruck kam in Dorian Grays +Augen. Dann reckte er die Hand aus, nahm ein Stück +Papier und schrieb etwas darauf. Er las es zweimal durch, +faltete es sorgfältig zusammen und schob es über den Tisch. +Nachdem er dies getan hatte, stand er auf und trat ans +Fenster.</p> + +<p>Campbell sah ihn verwundert an, nahm dann das Papier +und öffnete es. Als er es gelesen hatte, wurde sein +Gesicht totenblaß und er sank in seinen Stuhl zurück. Ein +fürchterliches Gefühl der Schwäche überwältigte ihn. Ihm +war, als ob sich sein Herz in einer leeren Höhle zu Tode +schlüge.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_261" title="261"> </a></p> + +<p>Nach zwei oder drei Minuten furchtbaren Schweigens +wandte sich Dorian um, ging zu ihm hin, stellte sich hinter +ihn und legte ihm die Hand auf die Schulter.</p> + +<p>„Es tut mir so leid um dich, Alan,“ flüsterte er, „aber +du läßt mir keine Wahl. Ich habe den Brief schon geschrieben. +Hier ist er. Du siehst die Adresse. Wenn du mir +nicht hilfst, muß ich ihn abschicken. Du weißt, was darauf +erfolgt. Aber du wirst mir helfen. Es ist unmöglich, daß +du jetzt noch nein sagst. Ich wollte dir das ersparen. Du +mußt mir die Gerechtigkeit widerfahren lassen, das zuzugeben. +Du warst bitter, hart, beleidigend. Du hast mich +behandelt, wie es nie ein Mensch gewagt hat, mich zu behandeln. +Wenigstens kein lebender Mensch. Ich ertrug es +alles. Jetzt ist es an mir, Bedingungen zu diktieren.“</p> + +<p>Campbell vergrub sein Gesicht in den Händen und ein +Frösteln überlief ihn.</p> + +<p>„Ja, jetzt ist die Reihe an mir, Bedingungen zu diktieren, +Alan. Du weißt, was ich verlange. Die Sache ist +ganz einfach. Komm, schraube dich nicht in ein Fieber +hinein. Die Sache muß geschehen. Schau ihr ins Gesicht +und vollbringe sie.“</p> + +<p>Ein Stöhnen klang von Campbells Lippen, und er +zitterte am ganzen Leibe. Das Ticken der Uhr auf dem +Kaminsims schien ihm die Zeit in einzelne Atome eines +Todeskampfes zu zerstückeln, von denen das kleinste schon +zu schrecklich war, um es zu ertragen. Er hatte das Gefühl, +als ob ein eiserner Ring um seine Stirn nach und +nach festgespannt wurde, als ob die Schande, mit der man +ihn bedrohte, schon über ihn käme. Die Hand auf seiner<a class="pagenum" name="Page_262" title="262"> </a> +Schulter beschwerte ihn wie ein Gewicht von Blei. Sie war +unerträglich. Sie schien ihn zu zerquetschen.</p> + +<p>„Komm, Alan, du mußt dich gleich entscheiden.“</p> + +<p>„Ich kann es nicht tun“, sagte er mechanisch, als könnten +die Worte etwas ändern.</p> + +<p>„Du mußt. Du hast keine Wahl. Zaudere nicht.“</p> + +<p>Er schwankte einen Augenblick. „Ist ein Ofen da oben?“</p> + +<p>„Ja, ein Gasofen mit Asbest.“</p> + +<p>„Dann muß ich nach Hause gehen und einiges aus dem +Laboratorium holen.“</p> + +<p>„Nein, Alan, du darfst das Haus nicht verlassen. +Schreib' auf ein Blatt Papier, was du brauchst, und mein +Diener nimmt eine Droschke und wird dir die Sachen +bringen.“</p> + +<p>Campbell kritzelte ein paar Zeilen hin, trocknete sie ab +und adressierte ein Kuvert an seinen Assistenten. Dorian +nahm das Briefchen und las es aufmerksam durch. Dann +klingelte er und gab es seinem Diener mit dem Auftrag, so +rasch als möglich zurückzukommen und die im Schreiben +bezeichneten Sachen mitzubringen.</p> + +<p>Als die Haustür ins Schloß fiel, zuckte Campbell nervös +zusammen, stand vom Stuhl auf und ging zum Kamin +hinüber. Er schüttelte sich in einer Art kalten Fiebers. Fast +zwanzig Minuten lang sprach keiner der beiden Männer. +Eine Fliege schwirrte summend durch das Zimmer, und das +Ticktack der Uhr klang wie der Fall eines Hammers.</p> + +<p>Als es eins schlug, drehte sich Campbell um, blickte auf +Dorian Gray und sah, daß seine Augen mit Tränen gefüllt +waren. In den reinen, edlen Zügen dieses traurigen Gesichts<a class="pagenum" name="Page_263" title="263"> </a> +lag etwas, was ihn wütend zu machen schien. +„Du bist infam, ganz infam“, rief er mit unterdrückter +Stimme.</p> + +<p>„Ruhig, Alan, du hast mir das Leben gerettet“, sagte +Dorian.</p> + +<p>„Dein Leben? Gott im Himmel! Was für ein Leben +ist das! Du bist von Verderbnis zu Verderbnis geschritten, +und jetzt hast du mit Mord den Gipfel erreicht. Wenn ich +tue, was ich tun werde, was du mich zu tun zwingst, so +denke ich dabei wahrhaftig nicht an dein Leben.“</p> + +<p>„Ach, Alan,“ flüsterte Dorian seufzend, „ich wünschte, +du hättest den tausendsten Teil des Mitleids mit mir, das +ich mit dir habe.“ Er kehrte sich während dieser Worte ab +und stand da und blickte in den Garten hinaus. Campbell +gab keine Antwort.</p> + +<p>Nach etwa zehn Minuten klopfte es an die Tür, und +der Diener trat ein und brachte einen großen Mahagonikasten +mit Chemikalien, eine lange Rolle Stahl- und +Platindraht und zwei absonderlich geformte Eisenklammern.</p> + +<p>„Soll ich die Sachen hier lassen, gnädiger Herr?“ fragte +er Campbell.</p> + +<p>„Ja“, antwortete Dorian. „Und ich bedaure, Francis, +aber ich habe noch einen Weg für Sie. Wie heißt der +Mann in Richmond, der Selby mit Orchideen versorgt?“</p> + +<p>„Harden, gnädiger Herr.“</p> + +<p>„Richtig — Harden. Sie müssen gleich nach Richmond +fahren, Harden selbst sprechen und ihm sagen, er solle doppelt +soviel Orchideen schicken, als ich bestellt habe, und +möglichst wenig weiße dabei. Eigentlich will ich überhaupt<a class="pagenum" name="Page_264" title="264"> </a> +keine weißen. Es ist ein schöner Tag, Francis, und Richmond +ein hübscher Ort, sonst würde ich Sie damit nicht +behelligen.“</p> + +<p>„Nichts zu sagen, gnädiger Herr. Zu welcher Zeit soll +ich zurück sein?“</p> + +<p>Dorian sah Campbell an. „Wie lange wird dein Experiment +dauern, Alan?“ fragte er mit ruhiger, gleichgültiger +Stimme. Die Gegenwart eines Dritten im Zimmer +schien ihm außerordentlichen Mut einzuflößen.</p> + +<p>Campbell runzelte die Stirn und biß sich auf die Lippen. +„Es wird ungefähr fünf Stunden beanspruchen“, antwortete +er.</p> + +<p>„Dann ist es früh genug, wenn Sie um sieben zurück +sind, Francis. Oder halt: legen Sie meine Sachen zum +Umkleiden zurecht, Sie können dann den Abend für sich +verwenden. Ich esse nicht zu Hause, brauche Sie also +nicht.“</p> + +<p>„Ich danke, gnädiger Herr“, sagte der Mann und verließ +das Zimmer.</p> + +<p>„Jetzt, Alan, ist kein Augenblick zu verlieren. Wie schwer +der Kasten ist! Ich will ihn dir tragen. Nimm du die anderen +Sachen.“ Er sprach hastig und in befehlendem Tone. +Campbell fühlte sich von ihm beherrscht. Sie verließen +das Zimmer gleichzeitig.</p> + +<p>Als sie den obersten Treppenabsatz erreicht hatten, nahm +Dorian den Schlüssel heraus und schloß auf. Dann blieb +er stehen, und ein Ausdruck von Unruhe zeigte sich in +seinem Blick. Er schauderte. „Ich glaube, ich kann nicht +hineingehen, Alan“, flüsterte er.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_265" title="265"> </a></p> + +<p>„Das ist mir ganz gleich. Ich brauche dich nicht“, sagte +Campbell kalt.</p> + +<p>Dorian öffnete die Tür zur Hälfte. Als er dies tat, sah +er seinem Porträt, das im hellen Sonnenlicht hing, grade +ins Gesicht. Davor lag auf den Dielen der herabgerissene +Vorhang. Er erinnerte sich, daß er in der vergangenen +Nacht zum ersten Male in seinem Leben vergessen hatte, +die verhängnisvolle Leinwand zu verhüllen, und wollte +eben nach vorn stürzen, als er schaudernd zurückprallte.</p> + +<p>Was war das für ein widerlicher, roter Fleck, der naß +und glänzend an einer der Hände klebte, als hätte die +Leinwand Blut geschwitzt? Wie schrecklich das war! — +Schrecklicher schien es ihm in diesem Augenblick als das +schweigsame Ding, das, wie er wußte, noch über den Tisch +gebeugt dasaß, das Ding, dessen grotesker, unglückseliger +Schatten auf dem fleckigen Teppich ihm zeigte, daß es sich +nicht bewegt hatte, sondern noch da war, wo er es gelassen +hatte.</p> + +<p>Er atmete tief auf, öffnete die Tür etwas weiter und +ging mit halbgeschlossenen Augen und abgewandtem Kopf +rasch hinein, entschlossen, mit keinem einzigen Blick nach +dem Toten hinzusehen. Dann bückte er sich, nahm den gold- +und purpurschimmernden Vorhang auf und warf ihn +gerade über das Bild.</p> + +<p>Dann blieb er stehen, voll Angst, sich umzuwenden und +seine Augen richteten sich auf die verschlungenen Muster +des Vorhangs. Er hörte Campbell den schweren Kasten +hereinbringen, und die Eisenklammern und die anderen +Geräte, die er sich für seine entsetzliche Arbeit hatte kommen<a class="pagenum" name="Page_266" title="266"> </a> +lassen. Er begann sich zu fragen, ob Campbell und Basil +Hallward einander je begegnet waren und wenn, welche +Meinung sie voneinander gehabt hätten.</p> + +<p>„Lasse mich jetzt allein“, sagte eine rauhe Stimme +hinter ihm.</p> + +<p>Er kehrte sich um und lief hinaus, eben noch gerade wahrnehmend, +daß der Tote in seinen Stuhl zurückgelehnt worden +war und daß Campbell in ein schimmerndes, gelbes +Gesicht starrte. Als er die Stufen hinabging, hörte er, +wie der Schlüssel im Schloß umgedreht wurde.</p> + +<p>Es war lange nach sieben Uhr, als Campbell wieder +in die Bibliothek trat. Er war blaß, aber vollständig +ruhig. „Ich habe getan, was du von mir verlangt hast“, +sagte er leise. „Und jetzt adieu. Wir wollen uns nie wiedersehen.“</p> + +<p>„Du hast mich vorm Untergang gerettet, Alan“, sagte +Dorian ganz schlicht. „Ich kann das nie vergessen.“</p> + +<p>Sobald ihn Campbell verlassen hatte, ging er hinauf. +Ein schrecklicher Geruch von Salpetersäure war im Zimmer. +Aber das Ding, das am Tisch gesessen hatte, war fort.</p> + +<h2><a name="Funfzehntes_Kapitel" id="Funfzehntes_Kapitel"></a>Fünfzehntes Kapitel</h2> + + +<p>Am selben Abend um halb neun Uhr wurde Dorian +Gray in sorgfältigster Toilette, im Knopfloch einen großen +Strauß Parmaveilchen tragend, von dienernden Lakaien +in den Salon Lady Narboroughs geführt. Er hatte heftiges<a class="pagenum" name="Page_267" title="267"> </a> +Kopfweh und furchtbar überreizte Nerven, aber seine +Gebärde, als er sich über die Hand seiner Gastgeberin +beugte, war ebenso leicht und anmutig wie sonst. Vielleicht +sieht man nie gelassener aus, als wenn man eine Rolle +zu spielen hat. Gewiß hätte niemand, der Dorian Gray an +diesem Abend sah, geglaubt, daß er eine Tragödie hinter +sich habe, die so schrecklich war wie irgendeine Tragödie +unserer Zeit. Diese feingeformten Finger konnten doch nie +ein Messer gezückt haben, um eine Sünde zu begehen, diese +lächelnden Lippen nie Gott und Gottes Güte geschmäht +haben. Er selbst mußte sich über die Ruhe seines Benehmens +wundern und einen Augenblick lang spürte er in ganzer +Stärke den grauenvollen Genuß eines Doppeldaseins.</p> + +<p>Es war eine kleine Gesellschaft, die Lady Narborough +kurzer Hand zusammengeladen hatte, und die Gastgeberin +war eine sehr gescheite Frau mit ansehnlichen Überbleibseln +einer unleugbar hervorragenden Häßlichkeit, wie es +Lord Henry auszudrücken liebte. Sie hatte sich einem unserer +langweiligsten Botschafter als eine ausgezeichnete +Frau erwiesen, und nachdem sie ihren Gemahl, wie sich's +geziemte, in einem marmornen Mausoleum beigesetzt hatte, +das nach ihren eigenen Entwürfen erbaut worden war, +und seitdem sie ihre Töchter an einige reiche, etwas angejahrte +Herren verheiratet hatte, widmete sie sich den +Genüssen französischer Romane, französischer Kochkunst und +französischen Geistes, wenn sie ihn auftreiben konnte.</p> + +<p>Dorian war einer ihrer erklärten Lieblinge, und sie sagte +ihm immer, sie sei äußerst froh darüber, ihn nicht in früheren +Jahren kennengelernt zu haben. „Ich weiß, mein<a class="pagenum" name="Page_268" title="268"> </a> +Lieber, ich hätte mich sinnlos in Sie verliebt,“ pflegte sie +zu sagen, „und wäre Ihretwillen der größten Tollheiten +fähig gewesen. Es ist ein großes Glück, daß man damals +noch gar nicht an Sie dachte. Zu meiner Zeit waren die +Tollheiten eine so seltene Ware, daß ich nicht einmal eine +harmlose Liebelei mit jemand gehabt habe. Indessen war +das nur die Schuld Narboroughs. Er war schrecklich kurzsichtig, +und es ist alles andere als ein Vergnügen, einen +Ehemann zu betrügen, der nie etwas sieht.“</p> + +<p>Ihre Gäste waren an diesem Abend ziemlich langweilig. +Die Sache war so, wie sie Dorian hinter einem ziemlich +schäbigen Fächer erklärte, daß eine ihrer verheirateten Töchter +plötzlich zu Besuch gekommen war, und, was die Sache +noch ärgerlicher machte, obendrein ihren Mann mitgebracht +hatte.</p> + +<p>„Ich finde das sehr unliebenswürdig von ihr, mein +Lieber“, flüsterte sie ihm zu. „Natürlich bin ich jeden +Sommer mit ihnen zusammen, wenn ich von Homburg +komme, aber eine alte Frau wie ich muß eben manchmal +frische Luft haben, und außerdem rüttle ich sie dann etwas +auf. Sie ahnen ja gar nicht, was die für ein Leben da +hinten führen. Es ist das reine, unverfälschte Landleben. +Sie stehen früh auf, weil sie so viel zu tun haben, und +gehen früh zu Bett, weil sie so wenig zu denken haben. +In der ganzen Gegend da hat es seit der Zeit der Königin +Elisabeth keinen Skandal gegeben, und infolgedessen schlafen +sie alle nach dem Essen ein. Sie sollen aber nicht neben +einem von ihnen sitzen. Sie sollen neben mir sitzen und +mich amüsieren.“</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_269" title="269"> </a></p> + +<p>Dorian murmelte ein anmutiges Kompliment und blickte +sich im Zimmer um. Ja, es war wirklich eine öde Gesellschaft. +Zwei von den Anwesenden hatte er vordem nie +gesehen, und die anderen waren Ernest Harrowden, eine +der Mittelmäßigkeiten in mittleren Jahren, denen man so +häufig in Londoner Klubs begegnet, die keine Feinde +haben, die aber keiner ihrer Freunde leiden kann: dann +Lady Ruxton, eine aufgeputzte Dame mit einer Papageiennase, +im Alter von siebenundvierzig Jahren, die sich unablässig +bemühte, sich zu kompromittieren, die aber so lächerlich +häßlich war, daß zu ihrer großen Enttäuschung niemals +einer etwas Schlechtes von ihr glauben wollte: Frau +Erlynne, eine zudringliche Nichtigkeit mit einem entzückenden +Lispeln und venezianisch rotem Haar: Lady Alice +Chapman, die Tochter der Wirtin, eine schlechtgekleidete, +bedeutungslose Frau mit einem der charakteristischen englischen +Gesichter, an die man sich nie wieder erinnert, wenn +man sie einmal gesehen hat, und ihr Mann, ein rotbäckiges, +weißbärtiges Geschöpf, das, wie so viele seiner Kaste, der +Überzeugung lebte, daß ungewöhnliche Liebenswürdigkeit +den vollständigen Mangel an Gedanken ersetzen könne.</p> + +<p>Es tat ihm beinah leid, daß er gekommen war, bis Lady +Narborough einen Blick auf die große goldene Pendeluhr +warf, die sich mit ihren geschmacklosen Zieraten auf dem +malvefarbig behängten Kamin spreizte, und ausrief: „Wie +häßlich von Henry Wotton, zu spät zu kommen! Ich +schickte heute früh auf gut Glück zu ihm hinüber und er hat +fest zugesagt, mich nicht im Stich zu lassen.“</p> + +<p>Es war ein Trost, daß Harry kommen sollte, und als<a class="pagenum" name="Page_270" title="270"> </a> +sich die Tür öffnete und er seine sanfte musikalische +Stimme hörte, die irgendeine läppische Ausrede bezaubernd +hervorbrachte, schwand seine Verdrießlichkeit.</p> + +<p>Aber er konnte bei Tisch dennoch nichts essen. Platte +nach Platte wurde, von ihm unberührt, weggetragen. Lady +Narborough schalt ihn unaufhörlich, weil sie darin „eine +Beleidigung sah für den armen Adolphe, der das ganze +Menü eigens für sie erfunden hätte“, und dann und wann +blickte Lord Henry zu ihm herüber und verwunderte sich +über sein Schweigen und sein zerstreutes Wesen. Von Zeit +zu Zeit füllte der Diener sein Glas mit Champagner. Er +trank hastig, und sein Durst schien zu wachsen.</p> + +<p>„Dorian,“ sagte Lord Henry endlich, als das Chaudfroid +herumgereicht wurde, „was ist heute abend mit dir +los? Du bist ja so verstimmt.“</p> + +<p>„Ich glaube, er ist verliebt,“ sagte Lady Narborough, +„und er hat Angst, es mir zu erzählen, aus Furcht, daß ich +eifersüchtig würde. Er hat auch ganz recht. Ich würde es +gewiß.“</p> + +<p>„Teure Lady Narborough,“ flüsterte Dorian lächelnd, +„ich bin seit einer vollen Woche nicht verliebt gewesen — +genau gesagt, nicht seitdem Madame de Ferrol aus London +weg ist.“</p> + +<p>„Daß ihr Männer euch in diese Frau verlieben könnt!“ +rief die alte Dame. „Ich kann es wirklich nicht verstehen.“</p> + +<p>„Das kommt einfach daher, weil sie Sie an die Zeit +erinnert, wo Sie ein kleines Mädchen waren, Lady Narborough“, +sagte Lord Henry. „Sie ist das einzige Bindeglied +zwischen uns und Ihren kurzen Röckchen.“</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_271" title="271"> </a></p> + +<p>„Sie erinnert mich wirklich nicht an meine kurzen Röckchen, +Lord Henry. Aber ich entsinne mich ihrer sehr gut +in Wien vor dreißig Jahren und wie sie sich damals +dekolletierte.“</p> + +<p>„Sie dekolletiert sich noch immer,“ antwortete er und +nahm eine Olive in seine langen Finger, „und wenn sie +sehr elegant gekleidet ist, sieht sie aus wie die Luxusausgabe +eines schlechten, französischen Romans. Sie ist wirklich +wunderbar und voller Überraschungen. Ihr Talent +für Familienliebe ist außerordentlich. Als ihr dritter Mann +starb, wurde ihr Haar vor Trauer ganz goldblond.“</p> + +<p>„Wie kannst du so etwas sagen, Harry!“ rief Dorian.</p> + +<p>„Das ist eine höchst romantische Erklärung“, lachte die +Gastgeberin. „Aber ihr dritter Mann, Lord Henry! Sie +wollen doch nicht sagen, daß Ferrol der vierte ist?“</p> + +<p>„Doch, Lady Narborough.“</p> + +<p>„Ich glaube kein Wort davon.“</p> + +<p>„Gut, dann fragen Sie Herrn Gray, er ist einer ihrer +intimsten Freunde.“</p> + +<p>„Ist das wahr, Herr Gray?“</p> + +<p>„Sie versichert es mir, Lady Narborough“, erwiderte +Dorian. „Ich fragte sie, ob sie wie Margarete von Navarra +ihre Herzen einbalsamiert habe und am Gürtel +trage. Sie sagte mir, sie täte das nicht, weil keiner von +ihnen überhaupt ein Herz gehabt hätte.“</p> + +<p>„Vier Männer! Auf mein Wort, das ist <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">trop de zêle</span>.“</p> + +<p>„<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">Trop d'audace</span> sagte ich ihr“, entgegnete Dorian.</p> + +<p>„Oh! sie ist mutig genug, alles zu tun, mein Lieber. +Und wie ist Ferrol? Ich kenne ihn nicht.“</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_272" title="272"> </a></p> + +<p>„Die Männer sehr schöner Frauen gehören zur Verbrecherklasse“, +sagte Lord Henry und schlürfte seinen Wein.</p> + +<p>Lady Narborough schlug ihn mit dem Fächer. „Lord +Henry, ich bin nicht im mindesten überrascht, daß die ganze +Welt über Ihre Ruchlosigkeit klagt.“</p> + +<p>„Aber welche ganze Welt tut das?“ fragte Lord Henry, +seine Brauen hochziehend. „Es kann nur die Nachwelt +sein. Denn diese Welt und ich, wir stehen brillant miteinander.“</p> + +<p>„Alle meine Bekannten sagen, daß Sie sehr ruchlos +sind!“ rief die alte Dame den Kopf schüttelnd.</p> + +<p>Lord Henry sah einige Augenblicke ernsthaft aus. „Es +ist ganz abscheulich,“ sagte er schließlich, „wie die Leute +heutzutage herumgehen und einem hinterm Rücken Dinge +nachsagen, die ganz und gar auf Wahrheit beruhen.“</p> + +<p>„Ist er nicht unverbesserlich?“ rief Dorian und beugte +sich in seinem Stuhl vor.</p> + +<p>„Ich hoffe“ sagte die Wirtin lachend. „Aber wenn Sie +wirklich alle Madame de Ferrol in dieser lächerlichen +Weise anbeten, so muß ich auch wieder heiraten, um in +Mode zu kommen.“</p> + +<p>„Sie werden nie wieder heiraten, Lady Narborough“, +unterbrach Lord Henry. „Sie waren viel zu glücklich. Wenn +eine Frau wieder heiratet, so tut sie es, weil sie ihren ersten +Mann verabscheute. Wenn ein Mann wieder heiratet, so +tut er es, weil er seine erste Frau anbetete. Frauen versuchen +ihr Glück, Männer setzen das ihre aufs Spiel.“</p> + +<p>„Narborough war nicht vollkommen!“ rief die alte +Dame.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_273" title="273"> </a></p> + +<p>„Wenn er es gewesen wäre, hätten Sie ihn nicht geliebt, +meine teure Lady“, war die Antwort. „Frauen +lieben uns um unserer Fehler willen. Wenn wir ihrer genug +haben, vergeben sie uns alles, selbst unseren Geist. +Ich fürchte, Sie werden mich nie wieder zu einem Diner +bitten, nachdem ich das gesagt habe, Lady Narborough, +aber es ist völlig wahr.“</p> + +<p>„Natürlich ist es wahr, Lord Henry. Wenn wir Frauen +euch nicht eurer Fehler halber liebten, wo wäret ihr alle? +Nicht ein einziger von euch würde verheiratet sein. Und ihr +wäret eine Sekte unglücklicher Junggesellen. Das würde +aber nicht viel an euch ändern. Heutzutage leben alle Ehemänner +wie Junggesellen und alle Junggesellen wie Ehemänner.“</p> + +<p>„<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">Fin de siècle</span>“, flüsterte Lord Henry.</p> + +<p>„<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">Fin du globe</span>“, entgegnete die Gastgeberin.</p> + +<p>„Ich wollte, es wäre <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">fin du globe</span>“, sagte Dorian mit +einem Seufzer. „Das Leben ist eine große Enttäuschung.“</p> + +<p>„Ah, mein Lieber!“ rief Lady Narborough und zog +ihre Handschuhe an, „sagen Sie mir nicht, daß Sie das +Leben erschöpft haben. Wenn ein Mann das sagt, weiß +man, daß das Leben ihn erschöpft hat. Lord Henry ist im +höchsten Grade ruchlos, und ich wünsche manchmal, ich wäre +es auch gewesen; aber Sie sind geschaffen, um gut zu +sein — Sie sehen so gut aus. Ich muß Ihnen eine hübsche +Frau verschaffen. Lord Henry, meinen Sie nicht, daß Herr +Gray heiraten sollte?“</p> + +<p>„Ich sage ihm das immer, Lady Narborough“, erwiderte +Lord Henry mit einer Verbeugung.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_274" title="274"> </a></p> + +<p>„Schön, so wollen wir uns nach einer guten Partie für +ihn umsehen. Ich werde heute nacht den Adelskalender +aufmerksam durchgehen und eine Liste aller in Frage +kommenden jungen Damen aufstellen.“</p> + +<p>„Mit ihrer Altersangabe, Lady Narborough?“ fragte +Dorian.</p> + +<p>„Natürlich mit ihrem Alter, ein wenig retuschiert. Aber +man darf nichts übereilen. Ich will, daß es genau das +wird, was die Morning Post eine passende Verbindung +nennt, und ihr sollt beide glücklich werden.“</p> + +<p>„Was die Menschen doch für einen Unsinn über +glückliche Ehen reden!“ rief Lord Henry. „Ein Mann +kann mit jeder Frau glücklich werden, solange er sie nicht +liebt.“</p> + +<p>„Pfui! Was sind Sie für ein Zyniker!“ rief die alte +Dame, schob ihren Stuhl zurück und nickte Lady Ruxton zu. +„Sie müssen bald wiederkommen und bei mir essen. Sie +sind wirklich ein wunderbarer Appetitanreger, viel besser +als das, was mir mein Hausarzt verschreibt. Sie müssen +mir sagen, was für Leute Sie gern treffen würden. Es +soll ein entzückendes Beisammensein werden.“</p> + +<p>„Ich liebe Männer, die eine Zukunft haben, und +Frauen, die eine Vergangenheit haben“, antwortete er. +„Oder beabsichtigen Sie, eine Weibergesellschaft zustande +zu bringen?“</p> + +<p>„Ich fürchte fast“, sagte sie lachend, indem sie sich erhob. +„Ach, verzeihen Sie tausendmal, Lady Ruxton,“ fuhr +sie fort, „ich habe nicht bemerkt, daß Sie mit Ihrer Zigarette +noch nicht fertig waren.“</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_275" title="275"> </a></p> + +<p>„Macht nichts, Lady Narborough. Ich rauche viel zuviel. +Ich muß mich darin in Zukunft einschränken.“</p> + +<p>„Bitte, tun Sie das nicht, Lady Ruxton“, sagte Lord +Henry. „Mäßigung ist eine unglückliche Sache. Genug ist +nicht besser als eine Mahlzeit. Mehr als genug ist so gut +wie ein Festessen.“</p> + +<p>Lady Ruxton sah ihn neugierig an. „Lord Henry, Sie +müssen mich eines Nachmittags besuchen und mir das erklären. +Es klingt wie eine verlockende Theorie“, sagte sie, +während sie aus dem Zimmer rauschte.</p> + +<p>„Jetzt bitte, sitzt mir nicht zu lange bei eurer Politik +und euerm Klatsch!“ rief Lady Narborough von der Tür +aus. „Wenn ihr das tut, zanken wir sicher mit euch, wenn +ihr nach oben kommt.“</p> + +<p>Die Männer lachten, und Herr Chapman stand feierlich +vom Ende der Tafel auf und setzte sich oben hin. Dorian +Gray wechselte seinen Platz und setzte sich neben Lord +Henry. Herr Chapman begann mit lauter Stimme über +die parlamentarische Lage zu sprechen. Er heulte laut auf +über seine Widersacher. Das Wort Doktrinär — ein Wort +voller Schrecken für den britischen Geist — tauchte von +Zeit zu Zeit in seinen Wutausbrüchen auf. Eine doppelt ausgesprochene +Vorsilbe diente seiner Rede als Alliteration zum +Schmuck. Er hißte den Union Jack auf dem Mast des Gedankens +auf. Die angestammte Dummheit der Rasse — gesunder +englischer Menschenverstand nannte er sie wohlwollend +— wurde als das Hauptbollwerk der Gesellschaft hingestellt.</p> + +<p>Ein Lächeln kräuselte Lord Henrys Lippen, und er drehte +sich um und blickte zu Dorian hin.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_276" title="276"> </a></p> + +<p>„Geht dir's jetzt besser, lieber Junge?“ fragte er. „Du +schienst bei Tisch gar nicht recht wohl zu sein.“</p> + +<p>„Mir ist ganz wohl. Ich bin müde. Sonst nichts.“</p> + +<p>„Du warst entzückend gestern abend. Die kleine Herzogin +hat dich ganz in ihr Herzchen geschlossen. Sie hat mir +erzählt, sie käme nach Selby.“</p> + +<p>„Sie hat mir versprochen, am zwanzigsten zu kommen.“</p> + +<p>„Wird Monmouth auch da sein?“</p> + +<p>„Oh, gewiß, Harry!“</p> + +<p>„Er langweilt mich entsetzlich, fast ebenso sehr, wie er sie +langweilt. Sie ist sehr verständig, zu verständig für eine +Frau. Es fehlt ihr der unbeschreibliche Reiz der Schwäche. +Die tönernen Füße sind's, die erst das Gold der Bildsäule +wertvoll machen. Ihre Füße sind ganz allerliebst, +aber es sind keine Tonfüße. Weiße Porzellanfüße, wenn +du willst. Sie sind schon im Feuer gewesen, und was das +Feuer nicht zerstört, macht es hart. Sie hat ihre Erfahrungen.“</p> + +<p>„Wie lange ist sie verheiratet?“ fragte Dorian.</p> + +<p>„Sie sagt, eine Ewigkeit. Nach dem Adelskalender, +glaube ich, sind es wohl zehn Jahre, aber zehn Jahre mit +Monmouth müssen wie eine Ewigkeit gewesen sein, wenn +man die Zeit mitrechnet. Wer kommt sonst noch?“</p> + +<p>„Oh, die Willoughbys, Lord Rugby und seine Frau, +unsere Wirtin, Geoffrey Clouston, die gewöhnliche Aufmachung. +Ich habe auch Lord Grotrian gebeten.“</p> + +<p>„Den habe ich recht gern“, sagte Lord Henry. „Viele +Leute können ihn nicht leiden, aber ich finde ihn reizend. +Dafür, daß seine Kleidung manchmal übertrieben elegant<a class="pagenum" name="Page_277" title="277"> </a> +ist, entschädigt er dadurch, daß er immer übertrieben gebildet +ist. Es ist ein ganz moderner Typus.“</p> + +<p>„Ich weiß nicht, ob er kommen kann, Harry. Es ist +möglich, daß er mit seinem Vater nach Monte Carlo muß.“</p> + +<p>„Ach, was für ein Kreuz die Familiensimpelei ist! Versuch +doch, daß er kommt. Übrigens, Dorian, du bist gestern +abend sehr früh weggelaufen. Du hast uns vor elf Uhr +sitzen lassen. Was hast du denn noch vorgehabt? Bist du +gleich nach Hause gegangen?“</p> + +<p>Dorian blickte ihn rasch an und runzelte die Stirn. +„Nein, Harry,“ sagte er endlich, „es war schon fast drei, +als ich nach Hause kam.“</p> + +<p>„Warst du noch im Klub?“</p> + +<p>„Ja“, antwortete er. Dann biß er sich auf die Lippen. +„Nein, das wollte ich nicht sagen. Ich war nicht im Klub. +Ich ging nur so herum. Ich weiß nicht mehr, was ich getan +habe... Wie du einen ins Verhör nimmst, Harry! +Du willst immer wissen, was man getan hat. Ich will +immer vergessen, was ich getan habe. Wenn du aber +die genaue Zeit wissen willst, ich bin um halb drei nach +Hause gekommen. Ich hatte meinen Hausschlüssel vergessen, +und mein Diener mußte mich einlassen. Wenn du +vielleicht noch eine Zeugenaussage über mein Alibi +wünschst, kannst du ihn ja fragen.“</p> + +<p>Lord Henry zuckte die Achseln. „Aber, lieber Junge, +als ob mir daran etwas läge? Wir wollen in den Salon +hinauf. Keinen Sherry, nein danke, Herr Chapman. Dir +ist etwas zugestoßen, Dorian. Sage mir, was es ist. Du +bist heute abend nicht du selber.“</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_278" title="278"> </a></p> + +<p>„Sei nicht böse, Harry. Ich bin gereizt und übel gelaunt. +Ich komme morgen oder übermorgen zu dir. Bitte, +entschuldige mich bei Lady Narborough. Ich gehe nicht +mehr hinauf. Ich gehe nach Hause. Ich muß nach Hause +gehn.“</p> + +<p>„Schön, Dorian. Ich hoffe, dich morgen zum Tee zu +sehen. Die Herzogin kommt.“</p> + +<p>„Ich will versuchen da zu sein, Harry“, sagte er und +verließ das Zimmer. Als er nach Hause fuhr, merkte er, +daß das Angstgefühl wiedergekehrt sei, das er erstickt zu +haben glaubte. Lord Henrys zufällige Frage hatte ihm für +einen Moment die Fassung genommen und nervös gemacht +und er brauchte seine Nerven noch. Dinge, die Gefahr +bringen konnten, mußten zerstört werden. Er schauerte +zusammen. Der Gedanke, sie auch nur zu berühren, war +ihm furchtbar.</p> + +<p>Und doch mußte es geschehen. Er war sich darüber klar, +und als er die Tür seines Bibliothekzimmers verschlossen +hatte, öffnete er den geheimen Schrank, in den er Basil +Hallwards Mantel und Tasche gesteckt hatte. Es loderte +ein mächtiges Feuer. Er legte noch ein Stück Holz nach. +Der Geruch der sengenden Kleider und des schwelenden +Leders war entsetzlich. Er brauchte drei Viertelstunden, +um alles zu verbrennen. Als es vorbei war, fühlte er sich +schwach und krank, und nachdem er einige algerische Räucherkerzchen +in einer durchbrochenen Kupferpfanne angezündet +hatte, wusch er sich Hände und Stirn in kaltem, +moschusduftendem Essig.</p> + +<p>Plötzlich schrak er zusammen. Seine Augen bekamen<a class="pagenum" name="Page_279" title="279"> </a> +einen merkwürdigen Glanz und er nagte nervös an der +Unterlippe. Zwischen zwei Fenstern stand ein großer Florentiner +Ebenholzschrank mit Elfenbein und Lapislazuli +eingelegt. Er starrte ihn an, als wär er ein Etwas, das +fesseln und ängstigen könne, als schließe er etwas ein, das +er sehnsüchtig begehrte und doch beinahe verabscheute. Sein +Atem ging schneller. Eine wilde Gier überkam ihn. Er zündete +eine Zigarette an und warf sie gleich wieder weg. +Seine Augenlider senkten sich, bis die langen Wimpern fast +die Wangen berührten. Aber er sah noch immer nach dem +Schranke hin. Endlich erhob er sich vom Sofa, auf dem er +gelegen hatte, ging zu dem Schrank hinüber, schloß ihn auf +und drückte an eine geheime Feder. Ein dreieckiges Schubfach +kam langsam zum Vorschein. Seine Finger bewegten +sich instinktiv danach, griffen hinein und faßten etwas. +Es war ein kleines chinesisches Kästchen aus schwarzem, +goldbetupftem Lack, das sehr sorgfältig gearbeitet war, +und dessen Seiten gekrümmte Wellenlinien zierten, und +an dessen seidenen Schnüren runde Kristalle mit Quasten +aus geflochtenen Metallfäden hingen. Er öffnete das Kästchen. +Eine grünlich-glänzende, wachsartige Masse von seltsam +schwerem und durchdringendem Geruch lag darin.</p> + +<p>Er zögerte ein paar Augenblicke mit einem seltsam unbeweglichen +Lächeln auf seinem Antlitz. Dann schauerte er +zusammen, obwohl es im Zimmer ganz außergewöhnlich +heiß war, raffte sich auf und sah nach der Uhr. Es fehlten +zwanzig Minuten an zwölf. Er legte das Kästchen zurück, +schloß die Türen des Schrankes und ging in sein Schlafzimmer.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_280" title="280"> </a></p> + +<p>Als die Mitternacht ihre metallenen Schläge durch die +dunkle Luft schickte, schlich Dorian Gray in ordinärer +Kleidung und ein Tuch um den Hals geschlungen, leise +aus dem Hause. In Bond Street traf er eine Droschke +mit einem guten Pferd. Er ließ sie halten und sagte dem +Kutscher mit leiser Stimme eine Adresse.</p> + +<p>Der Mann schüttelte den Kopf. „Das ist mir zu weit“, +brummte er.</p> + +<p>„Da haben Sie ein Goldstück. Sie sollen noch eins kriegen, +wenn Sie rasch fahren.“</p> + +<p>„Schön, Herr!“ antwortete der Mann, „wir werden in +einer Stunde da sein“, und nachdem sein Fahrgast eingestiegen +war, lenkte er um und fuhr rasch der Themse zu.</p> + + +<h2><a name="Sechzehntes_Kapitel" id="Sechzehntes_Kapitel"></a>Sechzehntes Kapitel</h2> + + +<p>Ein kalter Regen begann zu fallen und die flackernden +Laternen sahen in dem herabsickernden Nebel geisterhaft +aus. Die Schenken wurden eben geschlossen, und Männer +und Frauen drängten sich in schattenhaften Gruppen vor +den Türen. Aus einigen Wirtschaften scholl ein gräßliches +Lachen. In anderen lärmten und grölten Betrunkene.</p> + +<p>In die Droschke zurückgelehnt, den Hut tief in die Stirn +gezogen, blickte Dorian Gray mit gleichgültigen Augen +auf das Elend und den Schmutz der Großstadt, und dann +und wann wiederholte er sich die Worte, die ihm Lord +Henry am ersten Tage, wo sie sich kennengelernt hatten,<a class="pagenum" name="Page_281" title="281"> </a> +gesagt hatte: „die Seele durch die Sinne und die Sinne +durch die Seele zu heilen“. Ja, das war das Geheimnis. +Er hatte es oft versucht und wollte es jetzt wieder versuchen. +Es gab Opiumkneipen, wo man Vergessenheit +kaufen konnte, Kneipen des Grauens, wo die Erinnerung +an alte Sünden durch den Wahnsinn neuer ausgelöscht +werden kann.</p> + +<p>Der Mond hing tief am Himmel wie eine gelbe Hirnschale. +Von Zeit zu Zeit streckte eine dicke, unförmige +Wolke einen langen Arm nach ihm aus und verbarg ihn. +Die Gaslaternen wurden spärlicher und die Straßen enger +und düsterer. Einmal verlor der Kutscher seinen Weg und +mußte einige hundert Meter zurückfahren. Das Roß +dampfte, während es in den Pfützen patschte. Die Seitenfenster +des Wagens waren wie mit grauem Flanell ausgeschlagen.</p> + +<p>„Die Seele durch die Sinne und die Sinne durch die +Seele zu heilen —!“ Wie ihm die Worte in den Ohren +klangen! Seine Seele war jedenfalls todkrank. War es +denkbar, daß die Sinne sie heilen konnten? Unschuldiges +Blut war vergossen worden. Welche Sühne konnte es dafür +geben? Ach! dafür gab es keine Sühne; aber wenn auch +Vergebung unmöglich war, Vergessen war doch möglich, +und er war entschlossen, zu vergessen, die Sache zu Boden +zu treten, sie zu vernichten wie eine Natter, die einen gebissen +hat. Welches Recht hatte denn Basil gehabt, so zu +ihm zu sprechen, wie er es getan hatte? Wer hatte ihn +zum Richter über andere gesetzt? Er hatte Dinge gesagt, +die schrecklich waren, entsetzlich, nicht zu ertragen.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_282" title="282"> </a></p> + +<p>Weiter und weiter rollte die Droschke, und es schien ihm, +als führe sie mit jedem Schritt langsamer. Er riß das +Schiebefenster auf und rief dem Kutscher hinter ihm zu, +schneller zu fahren. Der gräßliche Hunger nach Opium +fing an, in ihm zu nagen. Die Kehle brannte ihm, und +seine zarten Finger spielten nervös miteinander. Er schlug +mit dem Spazierstock wie toll auf den Gaul ein. Der +Kutscher lachte und hieb mit der Peitsche zu. Er lachte +auch dazu, und der Mann auf dem Bocke schwieg.</p> + +<p>Der Weg schien endlos zu sein und die Straßen dehnten +sich aus wie ein schwarzes, durcheinander gewirrtes Spinngewebe. +Die Eintönigkeit wurde unerträglich, und als sich +der Nebel dichter ballte, empfand er Furcht.</p> + +<p>Dann fuhren sie an einsamen Ziegeleien vorüber. Der +Nebel ward hier durchsichtiger, und er konnte die merkwürdigen, +kürbisflaschenartigen Brennöfen mit ihren orangefarbenen +fächerartigen Feuerzungen erkennen. Ein Köter +schlug an, als sie vorbeirasselten, und weit entfernt in der +Dunkelheit schrie eine schlaflose Möwe. Das Pferd stolperte +in irgendeiner Rinne, scheute und verfiel in Galopp.</p> + +<p>Nach einiger Zeit verließen sie den Lehmweg und ratterten +wieder über ein holpriges Straßenpflaster. Die meisten +Fenster waren dunkel, aber dann und wann sah man phantastische +Schatten wie Silhouetten hinter einem erleuchteten +Rouleau. Er spähte neugierig darauf hin. Sie bewegten +sich wie riesenhafte Marionetten und gestikulierten wie +lebende Wesen. Eine Art Haß auf sie überkam ihn. Ein +dumpfer Zorn kochte in seinem Herzen. Als sie um eine<a class="pagenum" name="Page_283" title="283"> </a> +Ecke bogen, rief ihnen ein Weib aus einer offenen Tür +etwas zu, und zwei Männer rannten ein paar hundert +Meter hinter der Droschke her. Der Kutscher schlug mit +seiner Peitsche nach ihnen.</p> + +<p>Man sagt, die Leidenschaft wirble einem die Gedanken +im Kreise umher. Jedenfalls formten die zerbissenen Lippen +Dorian Grays in endloser Wiederholung die feingesetzten +Worte von der Seele und den Sinnen und formten +sie immer wieder, bis er in ihnen sozusagen den vollsten +Ausdruck seiner Stimmung gefunden und durch die Zustimmung +des Verstandes Leidenschaften gerechtfertigt hatte, +die auch ohne solche Rechtfertigung sein Temperament beherrscht +hätten. Von Zelle zu Zelle seines Gehirns kroch +der eine Gedanke und die wilde Lebensgier, das schrecklichste +aller menschlichen Hungergelüste, ließ sich jeden +zuckenden Nerv und Muskel gewaltsam emporbäumen. +Das Häßliche, das er einst gehaßt hatte, weil es den +Dingen Wirklichkeit verlieh, wurde ihm jetzt aus demselben +Grunde lieb. Das Häßliche war das einzig Wirkliche. Das +rohe Geschrei, die ekelhafte Kneipe, die ordinäre Gewalttätigkeit +eines liederlichen Lebens, die widerliche Verworfenheit +der Diebe und Verbrecher waren in der intensiven +Wirklichkeit ihrer Eindrücke mehr vom Leben erfüllt, +als all die anmutigen Formen der Kunst, die träumerischen +Schatten der Dichtung. Das war es, was er zum +Vergessen brauchte. In drei Tagen würde er frei sein.</p> + +<p>Plötzlich hielt der Mann am Ende einer finstern Straße +mit einem Ruck an. Über die niedrigen Dächer und gezackten +Schornsteine der Häuser hinaus ragten die schwarzen<a class="pagenum" name="Page_284" title="284"> </a> +Maste der Schiffe. Weiße Nebelfetzen hingen wie gespensterhafte +Segel über den Werften.</p> + +<p>„Irgendwo hier, nicht wahr, Herr?“ ertönte die rauhe +Stimme des Kutschers durch das Schiebefenster.</p> + +<p>Dorian fuhr auf und blickte sich um. „Schon gut“, antwortete +er, stieg rasch aus, gab dem Kutscher Trinkgeld, +das er ihm versprochen hatte, und ging eilig dem Kai zu. +Hier und da flimmerte eine Laterne am Heck eines großen +Kauffahrers. Das Licht zitterte und zersplitterte sich in den +Pfützen. Ein rotes Geglitzer kam von einem weit draußen +ankernden Dampfer, der Kohlen verlud. Das schlüpfrige +Pflaster sah aus wie ein regenglänzender Gummimantel.</p> + +<p>Er hastete nach links weiter und blickte sich dann und +wann um, ob ihm niemand folgte. Nach sieben oder acht +Minuten erreichte er ein kleines, elendes Haus, das zwischen +zwei große Faktoreien eingequetscht war. In einem +der Giebelfenster brannte eine Lampe. Er blieb stehen und +klopfte wie auf eine verabredete Art an.</p> + +<p>Nach einer kleinen Pause hörte er Schritte im Flur und +wie die Türkette losgemacht wurde. Die Tür öffnete sich +vorsichtig, und er trat hinein, ohne ein Wort zu der kleinen +erbärmlichen Gestalt zu sagen, die sich in den Schatten +drückte, als er vorbeischritt. Am Ende des Flurs hing ein +zerlumpter grüner Vorhang, der sich in dem starken Luftzug, +den er von der Straße her mitbrachte, hin und her +bauschte. Er schob ihn beiseite und trat in einen langen, +niedrigen Raum, der so aussah, als wäre er früher ein +Tanzlokal dritten Ranges gewesen. Grell flackernde Gasflammen, +die in den fliegenbeschmutzten Spiegeln gegenüber<a class="pagenum" name="Page_285" title="285"> </a> +matt und verzehrt erschienen, brannten rings an den +Wänden. Schmierige Reflektoren aus geripptem Wellblech +waren dahinter angebracht und warfen tanzende Lichtkreise. +Der Boden war mit ockerfarbigen Sägespänen bestreut, die +an einzelnen Stellen zu Schmutzklumpen zertreten waren +und auf denen sich von vergossenen Getränken schwarze +Ringe abzeichneten. Ein paar Malaien hockten mit untergeschlagenen +Beinen an einem kleinen Kohlenofen, spielten +mit knöchernen Würfeln und zeigten beim Sprechen ihre +weißlichen Zähne. In einem Winkel, den Kopf auf die +Hände gestützt, räkelte sich ein Matrose über den Tisch, und +an dem schreiend bemalten Büfett, das eine ganze Seite +des Raumes einnahm, standen zwei heruntergekommene +Weibspersonen und höhnten einen alten Mann, der mit +einem Ausdruck des Ekels die Ärmel seines Rockes bürstete. +„Er denkt, er hat sich Läuse geholt“, lachte die eine, als +Dorian vorüberging. Der Mann sah sie erschreckt an und +begann zu jammern.</p> + +<p>Am Ende des Zimmers war eine kleine Treppe, die in +eine verdunkelte Kammer führte. Als Dorian die drei +wackligen Stufen hinaufhastete, schlug ihm der schwere +Geruch des Opiums entgegen. Er holte tief Atem, und +seine Nasenflügel zitterten vor Lust. Als er eintrat, blickte +ein junger Mann mit glattgescheiteltem Blondhaar zu ihm +auf, der sich über eine Lampe beugte, an der er eine lange, +dünne Pfeife anzündete, und zögernd nickte.</p> + +<p>„Du hier, Adrian?“ flüsterte Dorian.</p> + +<p>„Wo soll ich sonst sein?“ antwortete er gleichgültig. +„Kein Mensch will jetzt mehr mit mir sprechen.“</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_286" title="286"> </a></p> + +<p>„Ich dachte, du wärst aus England fort?“</p> + +<p>„Darlington wird nichts gegen mich unternehmen. Mein +Bruder hat den Wechsel schließlich gezahlt. George spricht +auch nicht mehr mit mir ... Ist mir auch einerlei“, fügte +er seufzend hinzu. „Solange man noch das Zeug da hat, +braucht man keine Freunde. Ich denke, ich habe zu viele +Freunde gehabt.“</p> + +<p>Dorian zuckte zusammen und sah sich nach den grotesken +Gestalten um, die da in so abenteuerlichen Stellungen auf +den zerlumpten Matratzen lagen. Die verkrümmten Glieder, +die offenen Mäuler, die stierenden, glanzlosen Augen +übten eine starke Anziehungskraft auf ihn aus. Er kannte +die absonderlichen Paradiese, in denen sie litten, und +welche dumpfe Höllen sie in das Geheimnis neuer Genüsse +einweihten. Sie waren besser daran als er. Ihn hielten +seine Gedanken eingekerkert. Die Erinnerung fraß wie eine +fürchterliche Krankheit an seiner Seele. Von Zeit zu Zeit +glaubte er die Augen Basil Hallwards auf sich gerichtet zu +sehen. Aber er fühlte, daß er hier nicht bleiben konnte. +Die Anwesenheit Adrian Singletons störte ihn. Er wollte +irgendwo sein, wo ihn niemand kennt. Er wollte sich selbst +entfliehen.</p> + +<p>„Ich gehe in das andere Lokal“, sagte er nach einer +Pause.</p> + +<p>„Auf der Werft?“</p> + +<p>„Ja.“</p> + +<p>„Die tolle Katze ist sicher da. Sie wollen sie hier nicht +mehr haben.“</p> + +<p>Dorian zuckte die Achseln. „Ich habe die Weiber, die<a class="pagenum" name="Page_287" title="287"> </a> +einen lieben, satt. Weiber, die einen hassen, sind viel +interessanter. Übrigens ist dort der Stoff besser.“</p> + +<p>„Ganz derselbe.“</p> + +<p>„Mir schmeckt er da besser. Komm, wir wollen was +trinken. Ich muß was haben.“</p> + +<p>„Ich brauche nichts“, murmelte der junge Mann.</p> + +<p>„Macht nichts.“</p> + +<p>Adrian Singleton stand schläfrig auf und folgte Dorian +ans Büfett. Ein Mischling in zerrissenem Turban und +schäbigem Ulster grinste ihnen einen widerlichen Gruß zu, +als er zwei Gläser und eine Branntweinflasche vor sie hinstellte. +Die Weiber torkelten herbei und begannen zu +schwatzen. Dorian kehrte ihnen den Rücken zu und sagte +leise etwas zu Adrian Singleton.</p> + +<p>Ein Grinsen gleich einem krummen malaischen Dolch verzerrte +das Gesicht des einen Weibes. „Wir sind sehr stolz +heute abend“, höhnte sie lachend.</p> + +<p>„Um Gottes willen, rede nicht mit mir!“ schrie Dorian +und stampfte mit dem Fuß auf den Boden. „Was willst +du? Geld? Da! Aber sprich kein Wort mehr zu mir!“</p> + +<p>Zwei rote Funken blitzten für einen Augenblick in den +wässerigen Augen des Weibes auf, dann verloschen sie +wieder und ließen sie trübe und gläsern erscheinen. Sie +warf den Kopf in den Nacken und raffte mit gierigen +Fingern die Münzen auf dem Schenktisch zusammen. Ihre +Gefährtin beobachtete sie neidisch.</p> + +<p>„Es hat keinen Zweck“, sagte Adrian Singleton seufzend. +„Ich will nicht mehr zurück. Was macht's aus? Ich +fühle mich hier ganz wohl.“</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_288" title="288"> </a></p> + +<p>„Du wirst mir doch schreiben, wenn du was brauchst?“ +fragte Dorian nach einer Weile.</p> + +<p>„Vielleicht.“</p> + +<p>„Dann gute Nacht!“</p> + +<p>„Gute Nacht!“ antwortete der junge Mann, schritt die +Stufen hinauf und wischte sich den trockenen Mund mit +dem Taschentuch ab.</p> + +<p>Dorian schritt mit einem qualvollen Zug im Gesicht zur +Tür. Als er den Vorhang beiseitezog, scholl ein gräßliches +Lachen von den geschminkten Lippen des Weibes, +das sein Geld genommen hatte. „Da geht er hin, der +Seelenverschacherer!“ stieß sie mit einer heiser glucksenden +Stimme hervor.</p> + +<p>„Der Satan hol' dich!“ antwortete er, „du sollst mich +nicht so nennen!“</p> + +<p>Sie schnippte mit den Fingern. „Was, du willst wohl +Prinz Märchenschön genannt werden, das paßte dir, he?“ +kreischte sie hinter ihm her.</p> + +<p>Bei diesen Worten sprang der schläfrige Matrose auf +und blickte sich wild um. Das Geräusch der zufallenden +Haustür drang an sein Ohr. Er stürzte hinaus, als ob er +ihn verfolgen wollte.</p> + +<p>Dorian Gray eilte rasch durch den herabstäubenden +Regen den Kai entlang. Sein Zusammentreffen mit +Adrian Singleton hatte ihn sonderbar bewegt, und er +grübelte darüber nach, ob der Untergang dieses jungen +Lebens wirklich sein Werk war, wie ihm Basil Hallward +mit so schändlicher Beschimpfung schuldgegeben hatte. Er +biß sich auf die Lippen, und für ein paar Augenblicke<a class="pagenum" name="Page_289" title="289"> </a> +wurde sein Auge traurig. Aber schließlich, was ging es ihn +an? Das bißchen Leben war zu kurz, als daß man die +Sünden anderer auf seine Schultern laden könnte. Jeder +lebte sein eigenes Leben und zahlte seinen eigenen Preis +dafür. Das einzige Unglück war, daß man für ein einziges +Vergehen so oftmals zahlen mußte. Man mußte immer +und immer wieder zahlen. In seinem Handel mit dem +Menschen glich das Schicksal sein Schuldbuch nie aus.</p> + +<p>Die Psychologen sagen uns, daß es Augenblicke gibt, +wo die Anreizung zu Sünden oder zu dem, was die Welt +Sünden nennt, eine Natur so beherrscht, daß jede Faser +des Körpers, jede Zelle des Gehirns von fürchterlichen +Kräften gestachelt zu sein scheint. Männer und Frauen +verlieren in solchen Augenblicken die Willensfreiheit. Sie +bewegen sich wie Automaten ihrem schrecklichen Ende zu. +Die Wahl ist ihnen geraubt, und das Gewissen ist entweder +tot oder, wenn es noch lebt, so lebt es nur, um der Empörung +ihren Reiz und dem Ungehorsam ihren besonderen +Zauber zu verleihen. Denn alle Sünden sind, wie die Theologen +nicht müde werden, uns vorzuhalten, Sünden des +Ungehorsams. Als jener hohe Geist, der Morgenstern +alles Bösen vom Himmel fiel, da fiel er, weil er ein +Rebell war.</p> + +<p>Unempfindlich, nur mit dem einen Gedanken ans Böse +erfüllt, mit verfinstertem Geist, mit einer Seele, die nach +Empörung lechzte, hastete Dorian Gray weiter, und beschleunigte, +während er ging, seine Schritte immer mehr; +aber als er in einen dunkeln Torweg einbog, der ihm oft +genug als abgekürzter Weg zu dem berüchtigten Orte gedient<a class="pagenum" name="Page_290" title="290"> </a> +hatte, den er jetzt aufsuchen wollte, fühlte er sich plötzlich +von rückwärts gepackt, und bevor er Zeit hatte, sich +zu wehren, wurde er gegen eine Mauer geschleudert und +fühlte seinen Hals von einer brutalen Hand umklammert.</p> + +<p>Er kämpfte wie wahnsinnig um sein Leben, und mit +furchtbarer Anstrengung glückte es ihm, sich aus den umschnürenden +Fingern loszureißen. Einen Augenblick darauf +hörte er das Knacken eines Revolvers und sah den Glanz +eines blanken Laufes gerade gegen seinen Kopf gerichtet +und die dunkle Gestalt eines untersetzten Mannes vor +sich.</p> + +<p>„Was wollen Sie?“ keuchte er.</p> + +<p>„Sei still“, sagte der Mann. „Wenn du dich rührst, +schieß' ich dich nieder!“</p> + +<p>„Sie sind toll. Was hab' ich Ihnen getan?“</p> + +<p>„Du hast das Leben Sibyl Vanes zugrunde gerichtet!“ +war die Antwort, „und Sibyl Vane war meine Schwester. +Sie hat sich getötet. Ich weiß es. Ihr Tod ist deine +Schuld. Ich habe geschworen, dich dafür zu töten. Jahrelang +habe ich dich gesucht. Aber ich hatte keinen Anhaltspunkt, +keine Spur. Die zwei Menschen, die dich hätten beschreiben +können, waren tot. Ich wußte nichts von dir als den +Kosenamen, den sie dir gab. Heute nacht habe ich ihn durch +Zufall gehört. Mach' deinen Frieden mit Gott, denn heute +nacht mußt du sterben.“</p> + +<p>Dorian Gray wurde fast ohnmächtig vor Furcht. „Ich +habe sie nie gekannt“, stammelte er. „Ich habe nie von ihr +gehört. Sie sind verrückt.“</p> + +<p>„Gesteh' lieber deine Sünden ein, denn so wahr ich<a class="pagenum" name="Page_291" title="291"> </a> +James Vane heiße, so gewiß sollst du jetzt sterben.“ Es +war ein entsetzlicher Augenblick. Dorian wußte nicht, was +er sagen oder tun sollte. „Auf die Knie!“ brüllte der +Mann. „Ich geb' dir eine Minute, deinen Frieden zu +machen — nicht mehr! Ich muß heute nacht an Bord +nach Indien, und muß vorher meine Arbeit getan haben. +Eine Minute. Mehr nicht!“</p> + +<p>Dorians Arme sanken herab. Von Todesangst gelähmt, +wußte er nicht, was er beginnen sollte. Plötzlich zuckte eine +jähe Hoffnung in seinem Gehirn auf. „Halt!“ schrie er. +„Wie lang ist es her, daß Ihre Schwester gestorben ist? +Rasch, sagen Sie!“</p> + +<p>„Achtzehn Jahre“, sagte der Mann. „Warum fragst +du? Was machen die Jahre?“</p> + +<p>„Achtzehn Jahre!“ lachte Dorian mit einem triumphierenden +Ton in seiner Stimme. „Achtzehn Jahre! +Bringen Sie mich unter die Laterne und sehen Sie mein +Gesicht an!“</p> + +<p>James Vane zögerte einen Augenblick und begriff nicht, +was er meinte. Dann packte er Dorian Gray und schleifte +ihn aus dem Torweg heraus.</p> + +<p>So dunkel und flackernd das windverwehte Licht auch +war, es genügte doch, ihm den furchtbaren Irrtum zu +zeigen, in den er geraten zu sein schien. Denn das Antlitz +des Mannes, den er töten wollte, wies die ganze Blütenweichheit +der Jugend auf, zeigte all die unbefleckte Reinheit +der Jugend. Er schien kaum älter als ein Jüngling +von zwanzig Lenzen, kaum älter, als seine Schwester gewesen +war, als sie vor so vielen Jahren Abschied voneinander<a class="pagenum" name="Page_292" title="292"> </a> +genommen hatten. Es war klar, daß dies nicht der +Mann war, der ihr Leben zerstört hatte.</p> + +<p>Er ließ seine Faust von ihm los und taumelte zurück. +„Mein Gott, mein Gott!“ rief er aus, „und ich hätte Sie +fast ermordet!“</p> + +<p>Dorian Gray schöpfte tief Atem. „Sie waren dicht +daran, ein furchtbares Verbrechen zu begehen, Mann“, +sagte er mit einem strengen Blick. „Lassen Sie sich das eine +Warnung sein, eine Rache nicht mit eigener Hand zu übernehmen.“</p> + +<p>„Verzeihen Sie mir, Herr!“ stammelte James Vane. +„Ich habe mich täuschen lassen. Ein zufälliges Wort, das +ich in der verfluchten Kneipe hörte, brachte mich auf die +falsche Spur.“</p> + +<p>„Sie sollten lieber nach Hause gehen und Ihre Pistole +wegtun, sonst kommen Sie noch in Ungelegenheiten“, +sagte Dorian, drehte sich um und ging langsam die Straße +hinunter.</p> + +<p>James Vane stand voller Entsetzen auf dem Pflaster. Er +zitterte von Kopf bis Fuß. Nach einer kleinen Weile bewegte +sich ein schwarzer Schatten, der längs der regenfeuchten +Wand hingeschlichen war, ins Licht hinaus und +glitt mit verstohlenen Schritten an seine Seite. Er spürte +eine Hand auf seinem Arm und drehte sich mit jähem Ruck +um. Es war eines der Weiber, die am Büfett getrunken +hatten.</p> + +<p>„Warum hast du ihn nicht umgebracht?“ zischte sie und +brachte ihr verlebtes Gesicht ganz dicht an das seine. „Ich +wußte, daß du ihm folgtest, als du aus Dalys Haus fortranntest.<a class="pagenum" name="Page_293" title="293"> </a> +Du Narr! Du hättest ihn totschlagen sollen. Er +hat einen Haufen Geld und ist schlechter als sonst wer.“</p> + +<p>„Er ist nicht der Mann, den ich suche,“ antwortete er, +„und ich suche keines Menschen Geld. Ich such' eines Menschen +Leben. Der Mann, dessen Leben ich suche, muß jetzt +an die Vierzig sein. Der da war fast noch ein Knabe. Ich +danke Gott, daß nicht sein Blut an meinen Händen klebt.“</p> + +<p>Das Weib stieß ein bitteres Lachen aus. „Fast noch ein +Knabe!“ höhnte sie. „Wahrhaftig, Mensch, es ist fast +achtzehn Jahre her, seit Prinz Märchenschön das aus mir +gemacht hat, was ich heute bin!“</p> + +<p>„Du lügst!“ schrie James Vane.</p> + +<p>Sie hob die Hände gen Himmel. „Bei Gott, ich sage die +Wahrheit!“ rief sie.</p> + +<p>„Bei Gott?“</p> + +<p>„Du kannst mich kaltmachen, wenn es nicht so ist. Er ist +der Schlechteste von allen, die herkommen. Sie sagen, er +hat dem Teufel seine Seele für sein hübsches Gesicht verkauft. +Es sind fast achtzehn Jahre, daß ich ihn kennenlernte. +Er hat sich seitdem wenig verändert. Ich um so +mehr“, fügte sie mit einem traurigen Blinzeln hinzu.</p> + +<p>„Beschwörst du das?“</p> + +<p>„Ich schwöre es“, klang es wie ein heiseres Echo aus +ihrem entstellten Munde. „Aber verrate mich ihm nicht“, +winselte sie; „ich habe Angst vor ihm. Gib mir 'n paar +Groschen zum Nachtquartier.“</p> + +<p>Mit einem Fluch riß er sich von ihr los und stürzte an +die Straßenecke; aber Dorian Gray war verschwunden. +Als er zurückblickte, war auch das Weib schon weg.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_294" title="294"> </a></p> + + + + +<h2><a name="Siebzehntes_Kapitel" id="Siebzehntes_Kapitel"></a>Siebzehntes Kapitel</h2> + + +<p>Eine Woche später saß Dorian Gray im Gewächshaus +von Selby Royal und plauderte mit der hübschen Herzogin +von Monmouth, die sich mit ihrem Gatten, einem ermüdet +aussehenden Manne von sechzig Jahren, unter seinen +Gästen befand. Es war zur Teezeit, und das sanfte Licht +der großen, mit einem Spitzenschleier verhängten Lampe, +die auf dem Tische stand, erleuchtete das kostbare Porzellan +und das getriebene Silberservice, das neben der +Herzogin stand. Ihre weißen Hände machten sich zierlich +zwischen den Tassen zu schaffen, und ihre vollen, roten +Lippen lächelten über etwas, das ihr Dorian zugeflüstert +hatte. Lord Henry lag zurückgelehnt in einem mit Silberseide +bezogenen Rohrsessel und sah beide an. Auf einem +pfirsichfarbenen Diwan saß Lady Narborough und tat so, +als ob sie der Beschreibung des Herzogs zuhörte, die den +letzten brasilianischen Käfer betraf, den er seiner Sammlung +einverleibt hatte. Drei junge Leute in gewählter Gesellschaftstoilette +boten den Damen Teekuchen an. Die Gesellschaft +bestand aus zwölf Personen, und für den nächsten +Tag wurden noch einige erwartet.</p> + +<p>„Worüber sprecht ihr beide?“ fragte Lord Henry, +während er gemächlich zu dem Teetisch ging und seine Tasse +niederstellte. „Ich hoffe, Dorian hat dir von meinem +Plan, alles umzutaufen, erzählt, Gladys. Es ist eine allerliebste +Idee.“</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_295" title="295"> </a></p> + +<p>„Aber ich will nicht umgetauft werden, Harry“, erwiderte +die Herzogin und sah ihn mit ihren reizend schönen +Augen an. „Ich bin mit meinem Namen ganz zufrieden +und ich denke, Herr Gray kann auch mit seinem zufrieden +sein.“</p> + +<p>„Meine teure Gladys, ich würde um keinen Preis der +Welt einen der beiden Namen umändern wollen. Sie sind +beide vollendet. Ich dachte hauptsächlich an Blumen. +Gestern schnitt ich mir eine Orchidee für mein Knopfloch. Es +war eine wundervoll gesprenkelte Blume, so wirkungsvoll +wie die sieben Todsünden. In einem Anfall von Gedankenträgheit +fragte ich einen der Gärtner, wie sie heiße. Er sagte +mir, es sei ein schönes Exemplar der Robinsoniana oder +irgendeine derartige gräßliche Bezeichnung. Es ist eine +traurige Wahrheit, aber wir haben die glückliche Gabe +verloren, den Dingen schöne Namen zu geben. Und +Namen sind alles. Ich kämpfe nie gegen Taten an. Mein +einziger Kampf richtet sich gegen die Worte. Das ist der +Grund, weshalb ich den vulgären Realismus in der +Literatur verabscheue. Der Mann, der imstande ist, +einen Spaten einen Spaten zu nennen, sollte gezwungen +werden, selbst einen in die Hand zu nehmen. Es ist die +einzige Sache, zu der er tauglich wäre.“</p> + +<p>„Wie sollen wir also dich nennen, Harry?“ fragte sie.</p> + +<p>„Sein Name ist Prinz Paradox“, sagte Dorian.</p> + +<p>„Der wird sofort akzeptiert!“ rief die Herzogin.</p> + +<p>„Ich will ihn nicht hören“, lachte Lord Henry und ließ +sich in ein Fauteuil fallen. „Vor einem solchen Etikettchen +kann man sich nicht retten. Ich weise den Titel zurück.“</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_296" title="296"> </a></p> + +<p>„Fürstlichkeiten können nicht abdanken“, warnten ihn +schöne Lippen.</p> + +<p>„Du willst also, daß ich meinen Thron verteidige?“</p> + +<p>„Ja.“</p> + +<p>„Ich sage die Wahrheiten von morgen.“</p> + +<p>„Ich ziehe die Irrtümer von heute vor“, antwortete +sie.</p> + +<p>„Du entwaffnest mich, Gladys!“ rief er, entzückt von +ihrer übermütigen Laune.</p> + +<p>„Deines Schildes, Harry, nicht deines Speeres.“</p> + +<p>„Ich kämpfe nie gegen Schönheit“, sagte er mit einer +huldigenden Handbewegung.</p> + +<p>„Das ist dein Fehler, Harry, glaube mir's. Du überschätzest +die Schönheit.“</p> + +<p>„Wie kannst du das sagen? Ich gebe zu, daß ich es für +besser halte, schön zu sein als gut. Aber andererseits ist +niemand eher als ich bereit zuzugeben, daß es besser ist, +gut zu sein als häßlich.“</p> + +<p>„Dann also ist Häßlichkeit eine der sieben tödlichen Sünden?“ +rief die Herzogin. „Wie steht es nun mit deinem +<ins title="Orchideengleichnis?">Orchideengleichnis?“</ins></p> + +<p>„Häßlichkeit ist eine von den sieben tödlichen Tugenden, +Gladys. Du als gute Tory darfst sie nicht unterschätzen. +Das Bier, die Bibel und die sieben tödlichen Tugenden +haben aus England gemacht, was es heute ist.“</p> + +<p>„Du liebst also dein Vaterland nicht?“ fragte sie.</p> + +<p>„Ich lebe darin.“</p> + +<p>„Damit du es besser tadeln kannst.“</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_297" title="297"> </a></p> + +<p>„Sähest du es lieber, daß ich mir das Urteil Europas +über unser Land aneigne?“ fragte er.</p> + +<p>„Was sagt man von uns?“</p> + +<p>„Daß Tartüff nach England ausgewandert sei und dort +einen Laden aufgemacht habe.“</p> + +<p>„Ist das von dir, Harry?“</p> + +<p>„Ich schenke es dir.“</p> + +<p>„Ich kann's nicht gebrauchen. Es ist zu wahr.“</p> + +<p>„Du brauchst dich nicht zu ängstigen. Unsere Landsleute +erkennen sich nie in ihrem Steckbrief wieder.“</p> + +<p>„Du bist so praktisch.“</p> + +<p>„Eher gerissen als praktisch. Wenn sie ihr Kontokorrent +abschließen, dann saldieren sie Dummheit mit Reichtum +und Laster mit Heuchelei.“</p> + +<p>„Und doch haben wir große Dinge vollbracht.“</p> + +<p>„Große Dinge sind uns auferlegt worden, Gladys.“</p> + +<p>„Wir haben ihre Last zu tragen vermocht.“</p> + +<p>„Nur bis zur Börse.“</p> + +<p>Sie schüttelte den Kopf. „Ich glaube an unsere Rasse!“ +rief sie.</p> + +<p>„Sie vertritt den überlebenden Ellbogenstreber.“</p> + +<p>„Sie hat das Zeug zur Entwicklung.“</p> + +<p>„Verfall reizt mich mehr.“</p> + +<p>„Und die Kunst?“ fragte sie.</p> + +<p>„Eine Krankheit.“</p> + +<p>„Liebe?“</p> + +<p>„Einbildung.“</p> + +<p>„Religion?“</p> + +<p>„Modesurrogat für den Glauben.“</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_298" title="298"> </a></p> + +<p>„Du bist ein Skeptiker!“</p> + +<p>„Niemals! Skeptizismus ist der Anfang des Glaubens.“</p> + +<p>„Was bist du?“</p> + +<p>„Definieren heißt beschränken.“</p> + +<p>„Reich mir den Ariadnefaden!“</p> + +<p>„Fäden zerreißen. Du wurdest deinen Weg im Labyrinth +verlieren.“</p> + +<p>„Du machst mich wirre. Laß uns von einem anderen +sprechen.“</p> + +<p>„Unser Wirt ist ein entzückendes Thema. Vor vielen +Jahren nannte man ihn den Prinz Märchenschön.“</p> + +<p>„Ach! Erinnere mich nicht daran!“ rief Dorian Gray.</p> + +<p>„Unser Wirt ist recht greulich heute abend“, antwortete +die Herzogin und errötete. „Er denkt wohl, Monmouth +habe mich nur aus wissenschaftlichen Gründen geheiratet, +weil ich das beste Musterbeispiel eines modernen Schmetterlings +bin.“</p> + +<p>„Ich hoffe aber, er wird Sie nicht auf Stecknadeln +spießen, Frau Herzogin“, lachte Dorian.</p> + +<p>„Oh! Das besorgt schon meine Kammerjungfer, Herr +Gray, wenn sie sich über mich ärgert.“</p> + +<p>„Und worüber ärgert sie sich, Frau Herzogin?“</p> + +<p>„Über die geringsten Dinge, Herr Gray, glauben Sie +nur! Gewöhnlich, wenn ich zehn Minuten vor neun nach +Hause komme und ihr sage, daß ich bis halb neun angezogen +sein muß.“</p> + +<p>„Wie unvernünftig von ihr! Sie sollten ihr den Laufpaß +geben!“</p> + +<p>„Das wag' ich nicht, Herr Gray. Sie erfindet nämlich<a class="pagenum" name="Page_299" title="299"> </a> +meine Hüte. Sie erinnern sich nicht an den Hut, den ich +auf Lady Hilstones Gartenfest getragen habe? Natürlich +nicht, aber es ist hübsch von Ihnen, daß Sie so tun. Also +der war geradezu aus nichts gemacht. Alle guten Hüte +werden aus nichts gemacht.“</p> + +<p>„Wie jeder gute Ruf, Gladys!“ unterbrach Lord Henry. +„Jede Wirkung, die man erzielt, schafft uns einen +Feind. Man muß eine Mittelmäßigkeit sein, wenn man +eine Beliebtheit sein will.“</p> + +<p>„Nicht unter Frauen“, sagte die Herzogin und schüttelte +den Kopf; „und Frauen regieren die Welt. Ich behaupte +steif und fest, wir können Mittelmäßigkeiten nicht vertragen. +Wir Frauen, hat mal jemand gesagt, lieben mit +den Ohren, gerade so, wie ihr Männer mit den Augen +liebt, wenn ihr überhaupt liebt.“</p> + +<p>„Es scheint mir, daß wir überhaupt nie etwas anderes +tun“, flüsterte Dorian.</p> + +<p>„Ach! Herr Gray, dann lieben Sie nie in Wirklichkeit“, +antwortete die Herzogin wie in spöttischer Trauer.</p> + +<p>„Meine liebe Gladys.“ rief Lord Henry. „Wie kannst +du das sagen? Die Romantik lebt von Wiederholung, +und die Wiederholung verwandelt jeden Anreiz in Kunst. +Übrigens, jedesmal, wenn man liebt, ist es das erstemal, +daß man geliebt hat. Die Verschiedenheit des Objektes +verändert die Einzigkeit der Leidenschaft nicht. Sie macht +sie nur stärker. Wir können im Leben bestenfalls nur ein +einziges großes Erlebnis haben, und das Geheimnis des +Lebens besteht darin, dieses Erlebnis so oft als möglich zu +wiederholen.“</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_300" title="300"> </a></p> + +<p>„Selbst wenn es einen verwundet hat, Harry?“ fragte +die Herzogin nach einer Pause.</p> + +<p>„Besonders wenn es einen verwundet hat“, entgegnete +Lord Henry.</p> + +<p>Die Herzogin wandte sich um und sah Dorian Gray an +mit einem seltsamen Ausdruck in ihren Augen. „Was sagen +Sie dazu, Herr Gray?“ forschte sie.</p> + +<p>Dorian zögerte einen Augenblick. Dann warf er den +Kopf zurück und lachte. „Ich stimme mit Harry immer +überein, Frau Herzogin.“</p> + +<p>„Auch wenn er unrecht hat?“</p> + +<p>„Harry hat nie unrecht, Frau Herzogin.“</p> + +<p>„Und macht Sie seine Philosophie glücklich?“</p> + +<p>„Glück habe ich nie gesucht. Wer braucht Glück? Ich +habe Vergnügen gesucht.“</p> + +<p>„Und gefunden, Herr Gray?“</p> + +<p>„Oft. Zu oft.“</p> + +<p>Die Herzogin seufzte. „Ich suche Frieden,“ sagte sie, +„und wenn ich jetzt nicht gehe und mich anziehe, habe ich +ihn heut abend nicht.“</p> + +<p>„Lassen Sie mich Ihnen ein paar Orchideen holen, +Frau Herzogin!“ rief Dorian, sprang auf und ging ins +Gewächshaus hinunter.</p> + +<p>„Du flirtest ganz schändlich mit ihm“, sagte Lord Henry +zu seiner Kusine. „Du solltest dich lieber in acht nehmen. +Er kann sehr faszinieren.“</p> + +<p>„Wenn er es nicht könnte, gäb's keinen Kampf.“</p> + +<p>„Also Griechen kämpfen gegen Griechen?“</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_301" title="301"> </a></p> + +<p>„Ich bin auf seiten der Trojaner. Sie kämpften für ein +Weib.“</p> + +<p>„Sie wurden besiegt.“</p> + +<p>„Es gibt ärgere Dinge als Gefangenschaft“, erwiderte +sie.</p> + +<p>„Du galoppierst mit verhängtem Zügel.“</p> + +<p>„Das Tempo macht Leben“, war die Antwort.</p> + +<p>„Ich will mir das heut abend in mein Tagebuch schreiben.“</p> + +<p>„Was?“</p> + +<p>„Daß ein gebranntes Kind das Feuer liebt.“</p> + +<p>„Ich bin noch nicht einmal versengt. Meine Flügel +sind unberührt.“</p> + +<p>„Du gebrauchst sie zu allem, nur nicht zur Flucht.“</p> + +<p>„Der Mut ist von den Männern zu den Frauen gewandert. +Das ist ein neues Erlebnis für uns.“</p> + +<p>„Du hast eine Rivalin.“</p> + +<p>„Wen?“</p> + +<p>Er lachte. „Lady Narborough“, flüsterte er. „Sie betet +ihn an.“</p> + +<p>„Du machst mir Angst. Die Beschwörung des Altertums +ist für uns Romantiker stets gefährlich.“</p> + +<p>„Romantiker! Du hast alle Methoden der Wissenschaft.“</p> + +<p>„Männer haben uns erzogen.“</p> + +<p>„Aber nicht erklärt.“</p> + +<p>„Gib uns eine Definition unseres Geschlechtes“, forderte +sie ihn heraus.</p> + +<p>„Sphinxe ohne Geheimnisse.“</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_302" title="302"> </a></p> + +<p>Sie sah ihn lächelnd an. „Wie lange Herr Gray wegbleibt“, +sagte sie. „Wir wollen ihm helfen. Ich habe ihm +noch nicht einmal die Farbe meines Kleides angegeben.“</p> + +<p>„Pah! Du mußt dein Kleid seinen Blumen anpassen, +Gladys.“</p> + +<p>„Das wäre eine zu frühe Übergabe.“</p> + +<p>„Die romantische Kunst beginnt mit dem Höhepunkt.“</p> + +<p>„Ich muß mir die Möglichkeit des Rückzuges offen +halten.“</p> + +<p>„Wie die Parther?“</p> + +<p>„Sie fanden Schutz in der Wüste. Mir wäre das nicht +möglich.“</p> + +<p>„Man läßt den Frauen nicht immer die Wahl“, entgegnete +er; aber kaum hatte er den Satz zu Ende gesprochen, +als von dem äußersten Winkel des Gewächshauses +her ein unterdrücktes Stöhnen kam, dem das dumpfe Gerausch +eines schweren Falles folgte. Alles sprang auf. +Die Herzogin stand regungslos da vor Schreck. Mit ängstlichen +Augen stürzte Lord Henry durch die wehenden +Fächer der Palmen und fand Dorian Gray in einer +todesähnlichen Ohnmacht am Boden liegend, mit dem Gesicht +auf den kühlen Fliesen.</p> + +<p>Er wurde sofort in den blauen Salon gebracht und auf +ein Sofa gelegt. Nach einer kurzen Weile kam er wieder +zu sich und sah sich verstört um.</p> + +<p>„Was ist geschehen?“ fragte er. „Ach! jetzt fällt mir's +ein. Bin ich hier sicher, Harry?“ Er begann zu zittern.</p> + +<p>„Mein lieber Dorian,“ antwortete Lord Henry, „es war +ein Ohnmachtsanfall. Weiter nichts. Du mußt dich wohl<a class="pagenum" name="Page_303" title="303"> </a> +übermüdet haben. Komm lieber nicht zum Diner hinunter. +Ich werde dich vertreten.“</p> + +<p>„Nein, ich will herunterkommen“, sagte er und mühte +sich, auf den Füßen zu stehen. „Ich komme lieber herunter! +Ich darf nicht allein sein.“</p> + +<p>Er ging in sein Zimmer und zog sich um. Als er bei +Tisch saß, war in seinem Gehaben eine wilde, übermütige +Lustigkeit, aber hin und wieder überlief ihn ein Angstschauer, +wenn er sich erinnerte, daß er, gegen die Fensterscheiben +des Gewächshauses gepreßt, das lauernde Gesicht +James Vanes wie ein weißes Tuch erblickt hatte.</p> + +<h2><a name="Achtzehntes_Kapitel" id="Achtzehntes_Kapitel"></a>Achtzehntes Kapitel</h2> + + +<p>Am nächsten Tage verließ er das Haus nicht und verbrachte +den größten Teil der Zeit in seinem Zimmer, +durchrüttelt von einer wilden Todesfurcht und dem Leben +gegenüber doch gleichgültig. Das Bewußtsein, gejagt, umzingelt, +aufgestöbert zu werden, fing an, ihn gänzlich zu +beherrschen. Wenn nur die Vorhänge im Winde rauschten, +schrak er zusammen. Die toten Blätter, die gegen die verbleiten +Scheiben gefegt wurden, schienen ihm seine eigenen +vergeudeten Vorsätze und ungestümen Gewissensbisse zu +sein. Wenn er die Augen schloß, sah er wieder das Gesicht +des Matrosen vor sich, wie es durch das feuchtbeschlagene +Glas stierte, und das Entsetzen schien ihm noch einmal seine +Hand aufs Herz zu legen.</p> + +<p>Aber vielleicht war es nur seine Phantasie gewesen, die<a class="pagenum" name="Page_304" title="304"> </a> +die Rache aus der Nacht heraufbeschworen und ihm die +gräßliche Gestalt der Strafe vorgetäuscht hatte. Das wirkliche +Leben war ein Chaos, aber es war eine furchtbare +Logik in der Phantasie. Die Phantasie hetzte die Gewissensbisse +hinter den flüchtigen Sohlen der Sünde her. +Die Phantasie ließ jedes Verbrechen seine mißgestaltete +Brut in sich tragen. In der gewöhnlichen Welt der Tatsachen +wurden die Schlechten so wenig bestraft wie die +Guten belohnt. Der Erfolg gehörte den Starken, Unglück +machte die Schwachen unterliegen. Das war alles. Zudem, +wenn ein Fremder um das Haus herumgestrolcht +wäre, so hätten ihn die Diener oder Wächter entdeckt. +Wären irgendwelche Fußtapfen in den Beeten bemerkt +worden, so hätten es die Gärtner gemeldet. Ja: es war +alles bloße Einbildung. Sybil Vanes Bruder war nicht +zurückgekommen, um ihn zu ermorden. Er war mit seinem +Schiff abgesegelt, um in irgendeiner arktischen See zu ertrinken. +Vor dem war er also sicher. Der Mann wußte +gar nicht, wer er war und konnte es nicht wissen. Die +Maske der Jugend hatte ihn gerettet.</p> + +<p>Und doch, wenn es eine bloße Ausgeburt der Einbildung +gewesen war, wie schrecklich war doch der Gedanke, +daß das Gewissen so fürchterliche Hirngespinste entstehen +lassen und ihnen sichtbare Form und Bewegung geben +konnte! Was für eine Art Leben würde er führen, wenn +Tag und Nacht die Schatten seines Verbrechens aus düsteren +Winkeln nach ihm spähten, ihn von geheimen Stellen +aus neckten, ihm ins Ohr flüsterten, wenn er beim Mahle +saß, ihn mit eisigen Fingern weckten, wenn er schlief! Als<a class="pagenum" name="Page_305" title="305"> </a> +dieser Gedanke durch sein Hirn kroch, wurde er blaß vor +Schrecken, und die Luft schien ihm plötzlich kälter geworden +zu sein. Oh! in was für einer wilden Wahnsinnsstunde +hatte er seinen Freund umgebracht! Wie bluterstarrend +war nur die Erinnerung an diese Szene! Er sah es alles +wieder. Jede gräßliche Einzelheit kam mit vermehrtem +Entsetzen wieder zu ihm. Aus dem schwarzen Grabverlies +der Zeit stieg schrecklich und in Scharlachrot gehüllt das +Bild seiner Sünde empor. Als Lord Henry um sechs Uhr +eintrat, fand er ihn schluchzend, als ob ihm das Herz +brechen wolle.</p> + +<p>Erst am dritten Tage wagte er auszugehen. Es lag +etwas in der klaren, tannenduftenden Luft dieses Wintermorgens, +das ihm seine Fröhlichkeit und seine Lebenslust +wiederzugeben schien. Aber nicht nur die physischen Bedingungen +seiner Umgebung hatten diese Wandlung zuwege +gebracht. Seine eigene Natur hatte sich gegen das Übermaß +der Angst empört, die ihre vollendete Ruhe zu stören +und zu vernichten versucht hatte. Mit feinen und subtil +organisierten Temperamenten ist es immer so. Ihre heftigen +Leidenschaften können nur Hammer oder Amboß +sein. Entweder töten sie den Menschen oder sterben selbst. +Oberflächliche Sorgen, oberflächliche Liebesempfindungen +können weiter leben. Tiefe Liebesempfindungen und große +Sorgen gehen durch ihre eigene Überfülle zugrunde. Überdies +hatte er sich jetzt überzeugt, daß er das Opfer einer +erschreckten Einbildungskraft gewesen war, und sah jetzt auf +seine Ängste mit einer Art Mitleid und nicht geringer Verachtung +zurück.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_306" title="306"> </a></p> + +<p>Nach dem Frühstück ging er mit der Herzogin ein +Stündchen im Garten spazieren und fuhr dann durch den +Park, um mit der Jagdgesellschaft zusammenzutreffen. +Der feinperlige Reif lag wie Salz auf dem Rasen. Der +Himmel sah aus wie ein umgestülpter Pokal aus blauem +Metall. Ein dünner Eisgallert umsäumte den seichten, +schilfbewachsenen Teich.</p> + +<p>Am Eingang des Tannenwaldes erblickte er Sir Geoffrey +Clouston, den Bruder der Herzogin, der eben zwei +verschossene Patronen aus seiner Flinte stieß. Dorian +sprang aus dem Wagen, sagte dem Groom, er solle mit +dem Gespann nach Hause fahren, und ging durch das welke +Farnkraut und das gestrüppige Unterholz auf seinen +Gast zu.</p> + +<p>„Gute Jagd gehabt, Geoffrey?“ fragte er.</p> + +<p>„Nicht berühmt, Dorian. Die meisten Vögel, glaub' ich, +sind auf die Felder geflüchtet. Vielleicht wird's nachmittag +besser sein, wenn wir auf frisches Revier kommen.“</p> + +<p>Dorian schlenderte neben ihm weiter. Die starke, aromatische +Luft, die braunen und roten Lichter, die den Wald +durchflimmerten, das rauhe Geschrei der Treiber, das von +Zeit zu Zeit aufgellte, und der scharfe Knall der Flinten, +der dann folgte, das alles fesselte ihn und erfüllte ihn mit +einem Gefühl entzückender Freiheit. Er war beherrscht von +einem sorglosen Glück, von einer großartigen Gleichgültigkeit +der Freude.</p> + +<p>Plötzlich brach aus einem dicken Büschel alten Grases, +vielleicht zwanzig Meter vor ihnen, ein Hase aus, die +schwarzgesprenkelten Löffel steif aufgerichtet und die langen<a class="pagenum" name="Page_307" title="307"> </a> +Hinterläufe nach vorn werfend. Er schnellte auf ein +Erlendickicht los. Sir Goeffrey riß das Gewehr an die +Schulter, aber in der anmutigen Bewegung des Tieres +lag etwas, das Dorian Gray seltsam entzückte, und er +rief hastig: „Schieß nicht, Geoffrey. Laß ihn laufen!“</p> + +<p>„Ach, Unsinn, Dorian“, sagte lachend sein Gefährte, +und noch ehe der Hase in das Dickicht setzte, schoß er zu. +Man hörte zwei Schreie, den Schrei eines verwundeten +Hasen, der schrecklich ist, und den Schrei eines sterbenden +Menschen, der noch schrecklicher ist.</p> + +<p>„Gott im Himmel, ich habe einen Treiber getroffen!“ +rief Sir Geoffrey aus. „Was für 'n Esel der Mann ist, +einem direkt vors Gewehr zu laufen! Hört auf mit Schießen!“ +rief er mit seiner lautesten Stimme. „Ein Mann ist +getroffen worden!“</p> + +<p>Der Hegemeister kam mit einem Stock in der Hand herbeigelaufen.</p> + +<p>„Wo, Herr? Wo ist er?“ rief er. Im selben Augenblick +hörte das Schießen auf der ganzen Linie auf.</p> + +<p>„Hier!“ antwortete Sir Geoffrey ärgerlich und rannte +auf das Dickicht zu. „Warum, zum Kuckuck, halten Sie +Ihre Leute nicht weiter zurück? Für heute hab' ich die +ganze Jagd im Magen.“</p> + +<p>Dorian sah ihnen nach, wie sie in die Erlenbüsche eindrangen +und die biegsamen Zweige zur Seite bogen. Nach +einigen Augenblicken erschienen sie wieder und zogen einen +Körper ans Tageslicht. Er wandte sich entsetzt ab. Es schien +ihm, als folge ihm das Mißgeschick überallhin. Er hörte, +wie Sir Geoffrey fragte, ob der Mann wirklich tot wäre,<a class="pagenum" name="Page_308" title="308"> </a> +und vernahm die bejahende Antwort des Hegemeisters. +Es schien ihm, als wimmele der Wald urplötzlich von Gesichtern. +Er hörte das Gelaufe von unzähligen Füßen +und das gedämpfte Flüstern von Stimmen. Ein großer +Fasan mit kupferfarbener Brust rauschte durch die Äste +über ihm dahin.</p> + +<p>Nach einigen Augenblicken, die ihm in seiner Fassungslosigkeit +wie endlose, peinvolle Stunden vorkamen, fühlte +er eine Hand auf seiner Schulter. Er zuckte zusammen +und wandte sich um.</p> + +<p>„Dorian,“ sagte Lord Henry, „ich halt 's für richtiger, +die Jagd für heute beendet sein zu lassen. Es würde nicht +gut aussehen, sie fortzusetzen.“</p> + +<p>„Ich wollte, sie wäre für immer beendet, Harry“, antwortete +er bitter. „Die ganze Geschichte ist gräßlich und +grausam ist der Mann...?“ Er konnte den Satz nicht +vollenden.</p> + +<p>„Ja leider“, entgegnete Lord Henry. <ins title="Er">„Er</ins> hat die ganze +Ladung in die Brust gekriegt. Er muß augenblicklich gestorben +sein. Komm, wir wollen nach Hause.“</p> + +<p>Sie schritten nebeneinander auf die Allee zu und sprachen +etwa fünfzig Meter weit kein Wort. Dann sah Dorian +Lord Henry an und sagte mit einem tiefen Seufzer: „Das +ist ein böses Omen, Harry, ein sehr böses Omen.“</p> + +<p>„Was denn?“ fragte Lord Henry. „Oh! diesen Unglücksfall +meinst du. Lieber Junge, daran ist nichts zu +ändern. Der Mann hatte ja selber schuld. Warum lief +er in die Schußlinie? Überdies ist es nicht unsere Sache. +Für Geoffrey ist es natürlich nicht gerade angenehm! Es<a class="pagenum" name="Page_309" title="309"> </a> +ist nicht hübsch, Treiber niederzupuffen. Die Leute denken +gleich, man wäre ein Sonntagsjäger. Und das ist Geoffrey +nicht; er schießt sogar brillant. Aber es hat keinen +Zweck, über den Unfall weiter zu reden.“</p> + +<p>Dorian schüttelte den Kopf. „Es ist ein böses Omen, +Harry. Ich habe das Gefühl, als müßte einem von uns +etwas Schreckliches zustoßen. Mir selbst vielleicht“, fügte +er hinzu und legte mit einer schmerzlichen Bewegung die +Hand über die Augen.</p> + +<p>Der ältere lachte. „Das einzig Schreckliche in der Welt +ist Langeweile, Dorian. Das ist die einzige Sünde, für die +es keine Vergebung gibt. Aber wir werden darunter +schwerlich zu leiden haben, wenn die Gesellschaft bei Tisch +nicht etwa noch über die Sache viel Aufhebens macht. +Ich muß den Leuten sagen, daß dieses Thema einfach +Tabu ist. Und Omina —so was wie Omina gibt's nicht. +Das Geschick sendet uns keine Herolde. Es ist zu weise +dazu oder zu grausam. Übrigens, was in aller Welt sollte +dir geschehen, Dorian? Du hast alles, was sich ein Mensch +hienieden wünschen kann. Ich wüßte niemand, der nicht +freudig mit dir tauschen möchte.“</p> + +<p>„Es gibt keinen, mit dem ich nicht tauschen möchte, +Harry. Lach' nicht darüber. Ich spreche die Wahrheit. +Der elende Bauer, der da gestorben ist, ist besser daran +als ich. Ich habe keine Angst vor dem Tode. Das Sterben +ist's, wovor ich mich <ins title="änstige">ängstige</ins>. Seine ungeheuren Flügel +scheinen mich rings in der bleiernen Luft zu umschatten. +Herr des Himmels, siehst du nicht, daß da hinter den Bäumen +ein Mann auf mich lauert und mich beobachtet?“</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_310" title="310"> </a></p> + +<p>Lord Henry sah in die Richtung, wohin die behandschuhte +Hand zitternd wies. „Ja,“ sagte er lächelnd, „ich +sehe da den Gärtner auf dich warten. Er will dich vermutlich +fragen, welche Blumen du heute auf dem Tisch +haben willst. Wie lächerlich nervös du heute bist, lieber +Junge! Du mußt gleich meinen Doktor konsultieren, wenn +wir wieder in der Stadt sind.“</p> + +<p>Dorian seufzte erleichtert auf, als er den Gärtner herankommen +sah. Der Mann legte die Hand an den Hut, +blickte erst zaudernd auf Lord Henry und zog dann einen +Brief hervor, den er seinem Herrn überreichte. „Ihre Gnaden +hat mir aufgetragen, auf Antwort zu warten“, sagte +er halblaut.</p> + +<p>Dorian steckte den Brief in die Tasche. „Sagen Sie +Ihrer Gnaden, ich würde kommen“, sagte er kühl. Der +Mann kehrte um und schritt rasch dem Hause zu.</p> + +<p>„Wie gern doch die Frauen gefährliche Dinge tun!“ +sagte Lord Henry lachend. „Das ist eine von ihren Eigenschaften, +die ich am meisten bewundere. Eine Frau ist +mit jedem auf der Welt zu flirten bereit, solange andere +Leute dabei Zuschauer sind.“</p> + +<p>„Wie gern du doch gefährliche Dinge sagst, Harry! +In diesem Falle bist du aber ganz auf dem Holzwege. Ich +habe die Herzogin sehr gern, aber ich liebe sie nicht.“</p> + +<p>„Und die Herzogin liebt dich sehr, aber sie hat dich nicht +gern, also paßt ihr beide famos zusammen.“</p> + +<p>„Du machst Klatschereien, Harry, und diesmal ist gar +kein Grund zu Klatschereien vorhanden.“</p> + +<p>„Die Grundlage für jeden Klatsch ist eine unmoralische<a class="pagenum" name="Page_311" title="311"> </a> +Verläßlichkeit“, sagte Lord Henry und zündete sich eine +Zigarette an.</p> + +<p>„Du würdest jeden von uns bloßstellen, Harry, um einen +Witz zu machen.“</p> + +<p>„Die Welt legt sich aus freien Stücken auf den Opferaltar“, +war die Antwort.</p> + +<p>„Ich wollte, ich könnte lieben!“ rief Dorian Gray mit +einem tiefpathetischen Klang in seiner Stimme. „Aber es +scheint, ich habe die Glut der Leidenschaft verloren und +die Sehnsucht des Begehrens vergessen. Ich bin zu sehr in +mich selber konzentriert. Meine eigene Person ist eine Last +für mich geworden. Ich möchte entfliehen, weggehen, vergessen. +Es war albern von mir, überhaupt herzukommen. +Ich denke, ich telegraphiere an Harvey, daß er die Jacht +instand setzt. Auf einer Jacht ist man sicher.“</p> + +<p>„Wovor sicher, Dorian? Du hast Unruhe. Warum sagst +du mir nicht, was es ist? Du weißt, daß ich dir helfen +könnte.“</p> + +<p>„Ich kann es dir nicht sagen, Harry“, erwiderte er traurig. +„Und es mag wohl alles nur Einbildung sein. Der +unglückselige Zwischenfall hat mich aus dem Gleichgewicht +gebracht. Ich habe eine schreckliche Vorahnung, daß mir +etwas Ähnliches zustößt.“</p> + +<p>„Was für Unsinn!“</p> + +<p>„Ich hoffe, es ist Unsinn, aber ich kann dies Gefühl +nicht loswerden. Ah! da kommt die Herzogin und sieht aus +wie Artemis in einem Tailormade-Kleide. Sie sehen, wir +sind zurück, Frau Herzogin.“</p> + +<p>„Ich habe schon alles gehört, Herr Gray“, antwortete<a class="pagenum" name="Page_312" title="312"> </a> +sie. „Der arme Geoffrey ist ganz außer Fassung. Und +man sagt, Sie hatten ihn gebeten, nicht auf den Hasen zu +schießen. Wie seltsam!“</p> + +<p>„Ja, es war sehr seltsam. Ich kann nicht mal sagen, +warum ich es getan habe. Eine Eingebung vermute ich. +Er sah so niedlich aus, der kleine Kerl. Aber ich bedaure +sehr, daß man Ihnen von dem Manne erzählt hat. +Es ist ein peinliches Thema.“</p> + +<p>„Es ist ein langweiliges Thema“, unterbrach ihn Lord +Henry. „Es hat keinerlei psychologischen Wert. Wenn es +Geoffrey noch absichtlich getan hätte, wie interessant wäre +es dann! Ich würde gern jemand kennenlernen, der einen +wirklichen Mord begangen hat.“</p> + +<p>„Wie abscheulich von dir“, schrie die Herzogin auf. +„Nicht war, Herr Gray? Harry, Herrn Gray ist wieder +unwohl. Er wird ohnmächtig.“</p> + +<p>Dorian hielt sich gewaltsam aufrecht und lächelte. „Es +ist nichts, Frau Herzogin,“ murmelte er, „meine Nerven +sind schrecklich in Unordnung. Nichts weiter. Ich fürchte, +ich bin heut morgen zuviel gegangen. Ich habe gar nicht +gehört, was Harry gesagt hat. War es sehr toll? Sie +müssen es mir ein andermal erzählen. Ich halte es fürs +beste, mich jetzt ein bißchen hinzulegen. Sie entschuldigen +mich, nicht wahr?“</p> + +<p>Sie hatten die große Treppe erreicht, deren Stufen vom +Gewächshaus auf die Terrasse emporführten. Als sich die +Glastür hinter Dorian geschlossen hatte, wandte sich Lord +Henry um und sah die Herzogin mit seinen schläfrigen +Augen an. „Bist du sehr in ihn verliebt?“ fragte er.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_313" title="313"> </a></p> + +<p>Sie gab eine Weile keine Antwort, sondern stand da +und blickte auf die Landschaft. „Ich möchte es selber +wissen“, sagte sie endlich.</p> + +<p>Er schüttelte den Kopf. „Wissen, wäre ein Verhängnis. +Nur die Ungewißheit hat für uns Reiz. Ein Nebel macht +die Dinge wunderbar.“</p> + +<p>„Man kann darin seinen Weg verlieren.“</p> + +<p>„Alle Wege enden am selben Punkt, meine liebe Gladys.“</p> + +<p>„Wie heißt der?“</p> + +<p>„Enttäuschung.“</p> + +<p>„So war mein Debüt im Leben“, seufzte sie.</p> + +<p>„Sie kam mit einer Krone zu dir.“</p> + +<p>„Ich bin der Erdbeerblätter in unserer Krone müde.“</p> + +<p>„Sie steht dir gut.“</p> + +<p>„Nur in der Öffentlichkeit.“</p> + +<p>„Sie würde dir fehlen“, sagte Lord Henry.</p> + +<p>„Ich werde mich von keinem Blättchen trennen.“</p> + +<p>„Monmouth hat Ohren.“</p> + +<p>„Das Alter ist schwerhörig.“</p> + +<p>„War er nie eifersüchtig?“</p> + +<p>„Ich wollte, er wäre es.“ Dabei lachte sie. Ihre Zähne +sahen aus wie weiße Kerne in einer scharlachfarbenen +Frucht. Indessen lag oben in seinem Zimmer Dorian Gray +auf einem Sofa, Schrecken in jeder zuckenden Fiber seines +Körpers. Das Leben war für ihn urplötzlich eine so +schwere Last geworden, daß er sie nicht mehr tragen konnte. +Der gräßliche Tod des unglücklichen Treibers, der in dem +Dickicht wie ein wildes Tier niedergeknallt worden war, +schien ihm selbst den Tod vorauszusagen. Er war fast in<a class="pagenum" name="Page_314" title="314"> </a> +Ohnmacht gefallen bei dem zynischen Scherz, den Lord +Henry in einer zufälligen Laune gemacht hatte.</p> + +<p>Um fünf Uhr klingelte er seinem Diener und hieß ihn +seine Sachen für den Nachtschnellzug nach London zu +packen und den Wagen für halb neun vors Tor zu bestellen. +Er war entschlossen, keine Nacht mehr in Selby +Royal zu schlafen. Es war ein Ort voll böser Vorzeichen. +Der Tod ging dort am hellen Tage um. Das Gras des +Waldes war mit Blut befleckt.</p> + +<p>Dann schrieb er ein Billett an Lord Henry, in dem er +ihm mitteilte, daß er in die Stadt fahre, um den Arzt zu +konsultieren, und ihn bat, seine Gäste in seiner Abwesenheit +zu unterhalten. Als er die Zeilen in ein Kuvert legte, +klopfte es an die Tür, und sein Diener meldete ihm, daß +ihn der Hegemeister sprechen wolle. Er runzelte die Stirn +und biß sich auf die Lippen. „Lassen Sie ihn eintreten“, +murmelte er nach einigem Zögern.</p> + +<p>Während der Mann eintrat, holte Dorian sein Scheckbuch +aus einer Schublade hervor und legte es vor sich +hin.</p> + +<p>„Sie kommen vermutlich wegen des Unglücksfalles von +heute morgen, Thornton“, sagte er und nahm eine Feder +auf.</p> + +<p>„Ja, Herr“, antwortete der Hegemeister.</p> + +<p>„War der arme Kerl verheiratet? Hatte er Angehörige +zu versorgen?“ fragte Dorian mit einem müden Gesicht. +„Wenn sich's so verhält, möchte ich nicht, daß sie in Not +zurückbleiben, und ich will ihnen jede Summe schicken, die +Sie für notwendig halten.“</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_315" title="315"> </a></p> + +<p>„Wir wissen nicht, wer es ist, gnädiger Herr. Deshalb +war ich so frei, herzukommen.“</p> + +<p>„Sie wissen nicht, wer es ist?“ sagte Dorian zerstreut. +„Wie meinen Sie das? War es nicht einer von Ihren +Leuten?“</p> + +<p>„Nein Herr. Ich hab' ihn mein Lebtag nicht gesehen. +Er sieht aus wie ein Matrose, gnädiger Herr.“</p> + +<p>Die Feder fiel Dorian Gray aus der Hand, und er +hatte das Gefühl, als höre sein Herz plötzlich zu schlagen +auf. „Ein Matrose!“ schrie er auf. „Sagten Sie, ein +Matrose?“</p> + +<p>„Ja, gnädiger Herr. Er sieht aus wie ein Matrose; +auf beiden Armen tätowiert und überhaupt so in der Art.“</p> + +<p>„Hat man irgend etwas bei ihm gefunden?“ fragte +Dorian, beugte sich vor und sah den Mann mit aufgerissenen +Augen an. „Irgend etwas, woraus man seinen Namen +erführe?“</p> + +<p>„Nur Geld, gnädiger Herr — nicht viel, und einen +sechsläufigen Revolver. Nichts von Namen. Der Mann +sieht sonst anständig aus, aber gewöhnlich. Wir halten ihn +für eine Art Matrosen.“</p> + +<p>Dorian sprang auf die Füße. Eine furchtbare Hoffnung +durchblitzte ihn. Er klammerte sich wahnsinnig an sie an. +„Wo ist der Leichnam?“ rief er aus. „Rasch, ich muß +ihn sofort sehen.“</p> + +<p>„Er liegt in einem leeren Stall im Wirtschaftsgebäude, +gnädiger Herr. Die Leute wollen so was nicht in ihren +vier Wänden haben. Sie sagen, eine Leiche bringt Unglück.“</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_316" title="316"> </a></p> + +<p>„Im Wirtschaftsgebäude! Gehen Sie sogleich voraus +und warten Sie da auf mich. Sagen Sie einem der +Grooms, er soll mein Pferd herbringen. Nein. Lieber +nicht. Ich will selbst in den Stall kommen. Das geht +rascher.“</p> + +<p>Kaum eine Viertelstunde später galoppierte Dorian, +so rasch er konnte, die lange Allee hinunter. Die Bäume +schienen in gespenstischer Parade an ihm vorbeizufliegen +und ihm wilde Schatten in den Weg zu schleudern. Einmal +scheute die Stute vor einem weißen Pfahle und warf ihn +fast ab. Er schlug ihr die Gerte um den Hals. Sie durchschnitt +die dunkle Luft wie ein Pfeil. Die Steine stoben +unter ihren Hufen.</p> + +<p>Endlich erreichte er das Wirtschaftsgebäude. Zwei Männer +lungerten im Hof herum. Er sprang aus dem Sattel +und warf einem die Zügel hin. In dem letzten Stall +flimmerte ein Licht. Irgend etwas schien ihm zu sagen, +daß dort der Leichnam liege, und er ging rasch auf die +Tür zu und legte die Hand auf die Klinke.</p> + +<p>Da hielt er einen Augenblick inne und wurde sich bewußt, +daß er vor der Schwelle einer Entdeckung stehe, +die ihm entweder ein neues Leben gab oder es zerstörte. +Dann stieß er die Tür auf und trat ein.</p> + +<p>Auf einem Haufen Säcke im entferntesten Winkel lag +der tote Körper eines Mannes, bekleidet mit einem groben +Blusenhemd und blauen Hosen. Ein unsauberes Taschentuch +war ihm übers Gesicht gebreitet worden. Eine billige +Kerze steckte in einer Flasche und flackerte düster.</p> + +<p>Dorian Gray schauerte. Er fühlte, daß er nicht mit<a class="pagenum" name="Page_317" title="317"> </a> +eigener Hand das Taschentuch wegziehen könne, und rief +nach einem der Stallknechte.</p> + +<p>„Nehmen Sie das da vom Gesicht weg. Ich will es +sehen“, sagte er und hielt sich an dem Türpfosten fest.</p> + +<p>Als es der Knecht getan hatte, machte er einen Schritt +nach vorn. Ein Freudenschrei kam von seinen Lippen. +Der Mann, der im Dickicht erschossen worden war, war +James Vane.</p> + +<p>Er stand einige Minuten da und starrte auf den toten +Körper. Als er nach Hause ritt, waren seine Augen von +Tränen umschleiert, denn er wußte jetzt, daß er gerettet +war.</p> + +<h2><a name="Neunzehntes_Kapitel" id="Neunzehntes_Kapitel"></a>Neunzehntes Kapitel</h2> + + +<p>„Es hat gar keinen Sinn, mir zu erzählen, daß du gut +werden willst!“ rief Lord Henry und tauchte seine weißen +Finger in eine rote, mit Rosenwasser gefüllte Kupferschale. +„Du bist vollkommen. Bitte ändere dich nicht.“</p> + +<p>Dorian Gray schüttelte den Kopf. „Nein, Harry, ich +habe zuviel gräßliche Dinge getan in meinem Leben. +Ich will keine mehr tun. Ich habe gestern mit meinen +guten Taten den Anfang gemacht.“</p> + +<p>„Wo warst du gestern?“</p> + +<p>„Auf dem Lande, Harry. Ich war mutterseelenallein +in einem kleinen Gasthof.“</p> + +<p>„Lieber Junge,“ sagte Lord Henry lächelnd, „auf dem +Lande kann jeder Mensch gut sein. Dort gibt's keine Versuchungen.<a class="pagenum" name="Page_318" title="318"> </a> +Das ist der Grund, warum Leute, die nicht +in der Stadt wohnen, so gänzlich unzivilisiert sind. Zivilisation +ist wahrhaftig nicht leicht zu erreichen. Es gibt nur +zwei Wege, um zu ihr zu kommen. Der eine ist Kultur, der +andere Korruption. Die Landbevölkerung hat keine Gelegenheit +zu dieser noch zu jener, und so bleiben sie so in +ihrer Entwicklung stehen.“</p> + +<p>„Kultur und Korruption“, wiederholte Dorian. „Ich +habe von beiden etwas kennengelernt. Es scheint mir jetzt +schrecklich, daß man sie immer beisammen findet. Denn +ich habe ein neues Ideal, Harry. Ich will anders werden. +Ich glaube, ich bin schon anders geworden.“</p> + +<p>„Du hast mir noch nicht berichtet, worin deine gute +Handlung bestand. Oder sagtest du nicht, du hättest mehr +als eine getan?“ fragte der Freund und schüttete sich eine +kleine rote Pyramide Erdbeeren auf seinen Teller, auf +die er aus einem muschelförmigen Sieblöffel weißen Zucker +streute.</p> + +<p>„Ich kann dir's ja erzählen, Harry. Es ist eine Geschichte, +die ich einem anderen nicht erzählen könnte. Ich +habe jemand verschont. Es klingt eitel, aber du verstehst, +was ich meine. Sie war sehr schön und hatte eine wunderbare +Ähnlichkeit mit Sibyl Vane. Ich glaube, das war das +erste, was mich bei ihr anzog. Du erinnerst dich doch noch an +Sibyl, nicht? Wie lange das her ist! Also Hetty gehörte +natürlich nicht unserem Stand an. Sie war eine Dorfschöne. +Aber ich liebte sie wirklich. Ich weiß bestimmt, +daß ich sie liebte. In dem ganzen wundervollen Maimonat, +den wir jetzt hatten, bin ich zwei-, dreimal in der Woche<a class="pagenum" name="Page_319" title="319"> </a> +hingefahren, um sie zu sehen. Gestern erwartete sie mich +in einem kleinen Obstgarten. Die Apfelblüten schneiten +auf ihr Haar herab, und sie lachte. Heute morgen in aller +Herrgottsfrühe sollte sie mit mir kommen. Plötzlich entschloß +ich mich, sie so einer Blume gleich zu lassen, wie ich +sie gefunden hatte.“</p> + +<p>„Ich vermute, die Neuheit der Empfindung muß dir +einen förmlichen Wonneschauer bereitet haben, Dorian“, +unterbrach ihn Lord Henry. „Aber ich kann dir dein +Idyll zu Ende erzählen. Du gabst ihr gute Lehren und +brachst ihr das Herz. Das ist der Anfang deiner Besserung.“</p> + +<p>„Harry, du bist schrecklich! Du darfst so häßliche Dinge +nicht sagen. Hettys Herz ist nicht gebrochen. Natürlich +weinte sie und dergleichen. Aber keine Schande ist auf sie +gekommen. Sie kann weiterleben wie Perdita in ihrem +Garten bei Pfefferminze und Ringelblumen.“</p> + +<p>„Und einem treulosen Florizel nachweinen“, rief Lord +Henry lachend und lehnte sich in seinem Stuhl zurück. +„Teuerster Dorian, du hast manchmal die sonderbarsten +Knabenanwandlungen. Glaubst du, dieses Mädchen wird +sich jemals mit einem ihres eigenen Standes glücklich +fühlen? Ich vermute, sie wird eines schönen Tages +einen rohen Fuhrmann oder einen grinsenden Bauernlümmel +heiraten. Schön also, die Tatsache, daß sie dich +kennengelernt und geliebt hat, wird sie dahin bringen, +ihren Mann zu verachten, und sie wird unglücklich werden. +Vom moralischen Standpunkte aus kann ich also nicht +finden, daß deine Entsagung sehr wertvoll war. Selbst<a class="pagenum" name="Page_320" title="320"> </a> +als ein Anfang ist sie armselig. Außerdem, woher +willst du wissen, ob Hetty in diesem Augenblick nicht in +einem sternbeglänzten Mühlteich schwimmt, von lieblichen +Wasserlilien umkränzt wie Ophelia?“</p> + +<p>„Ich kann es nicht aushalten, Harry! Du spottest über +alles und beschwörst dann die ernsthaftesten Tragödien +herauf. Es tut mir jetzt leid, daß ich es dir erzählt habe. +Es kümmert mich auch nicht, was du sagst. Ich weiß, ich +habe recht gehandelt. Arme Hetty! Als ich heute früh am +Gehöft vorbeiritt, sah ich ihr Gesicht weiß wie einen +Jasminzweig am Fenster. Wir wollen nicht länger davon +reden, und du sollst nicht versuchen, mich zu überzeugen, +daß die erste gute Handlung, die ich seit Jahren getan +habe, das erste kleine Opfer, das ich jemals gebracht +habe, in Wahrheit eine Art Sünde wäre. Ich will mich +jetzt bessern. Und ich werde mich bessern. Erzähle mir etwas +von dir. Was geht in der Stadt vor? Ich war tagelang +nicht im Klub.“</p> + +<p>„Die Leute sprechen noch immer über das Verschwinden +des armen Basil.“</p> + +<p>„Ich sollte meinen, daß sie inzwischen davon genug +bekommen hätten“, sagte Dorian, während er sich etwas +Wein einschenkte und leicht die Stirn runzelte.</p> + +<p>„Mein lieber Junge, sie reden ja erst seit sechs Wochen +davon, und das englische Publikum ist wirklich nicht der +geistigen Anstrengung gewachsen, alle drei Monate mehr +als ein Gesprächsthema zu haben. Immerhin haben sie +in der letzten Zeit Glück gehabt. Sie hatten meinen eigenen +Ehescheidungsprozeß und Alan Campbells Selbstmord.<a class="pagenum" name="Page_321" title="321"> </a> +Jetzt haben sie das geheimnisvolle Verschwinden eines +Künstlers. In Scotland Yard bleibt man hartnäckig dabei, +daß der Mann im grauen Ulster, der in der Nacht des +neunten November mit dem Zwölfuhrzug nach Paris fuhr, +der arme Basil war, und die französische Polizei erklärt, +Basil wäre überhaupt nie in Paris eingetroffen. Vermutlich +wird man uns etwa in vierzehn Tagen auftischen, daß +er in San Francisco gesehen worden ist. Es ist eine +schwierige Geschichte, aber von jedem Menschen, der verschwindet, +heißt es, daß er in San Francisco gesehen +worden ist. Das muß eine entzückende Stadt sein, die alle +Reize der zukünftigen Welt ihr Eigen nennt.“</p> + +<p>„Was glaubst du, daß Basil zugestoßen sei?“ fragte +Dorian, hielt seinen Burgunder gegen das Licht und +wunderte sich, daß er über diese Sache so ruhig plaudern +konnte.</p> + +<p>„Ich habe nicht die leiseste Ahnung. Wenn sich Basil +ein Vergnügen daraus macht, Versteck zu spielen, so ist +das nicht meine Sache. Wenn er tot ist, will ich nicht +weiter an ihn denken. Der Tod ist das einzige, was mir +Angst macht. Ich hasse ihn.“</p> + +<p>„Warum?“ fragte der jüngere müde.</p> + +<p>„Weil,“ sagte Lord Henry und führte die vergoldete +Netzöffnung eines Riechbüchschens zur Nase, „weil man +heutzutage alles überleben kann, ausgenommen den Tod. +Tod und Philisterei sind die zwei einzigen Tatsachen des +neunzehnten Jahrhunderts, die man nicht wegerklären +kann. Wir wollen den Kaffee im Musikzimmer trinken, +Dorian. Du mußt mir Chopin vorspielen. Der Mann, mit<a class="pagenum" name="Page_322" title="322"> </a> +dem meine Frau durchbrannte, spielte Chopin hinreißend. +Die arme Viktoria! Ich habe sie recht gern gehabt. Das +Haus ist ohne sie recht einsam. Natürlich ist das Eheleben +nur eine Gewohnheit, eine schlechte Gewohnheit. Aber +schließlich bedauert man den Verlust selbst seiner schlechtesten +Gewohnheiten. Vielleicht bedauert man die gerade +am meisten. Sie sind ein so wesentlicher Teil unserer Persönlichkeit.“</p> + +<p>Dorian sagte nichts, sondern stand vom Tisch auf, +ging in das Nebenzimmer, setzte sich an das Klavier und +ließ seine Finger über das weiße und schwarze Elfenbein +der Tasten gleiten. Als der Kaffee gebracht wurde, hörte +er auf, sah zu Lord Henry hinüber und sagte: „Harry, +ist es dir nie eingefallen, daß Basil ermordet worden sein +könnte?“</p> + +<p>Lord Henry gähnte. „Basil war sehr populär und trug +immer nur eine Waterburyuhr. Warum hätte man ihn ermorden +sollen? Er war nicht klug genug, um Feinde zu +haben. Freilich hatte er ein wunderbares Genie als Maler. +Aber ein Mensch kann malen wie Velasquez und doch so +langweilig als möglich sein. In Wirklichkeit war Basil +ziemlich langweilig. Er interessierte mich nur ein einziges +Mal, und das war damals, als er mir vor vielen Jahren +gestand, daß er dich so ungestüm anbete und daß du das +Leitmotiv seiner Kunst seist.“</p> + +<p>„Ich habe Basil sehr gern gehabt“, sagte Dorian mit +einem traurigen Klang in seiner Stimme. „Aber behauptet +denn das Publikum nicht, daß er ermordet worden +ist?“</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_323" title="323"> </a></p> + +<p>„Pah, in einigen Zeitungen steht es. Es scheint mir nicht +im geringsten wahrscheinlich. Ich weiß, es gibt fürchterliche +Orte in Paris, aber Basil war nicht die Art +Mensch, sie aufzusuchen. Er war nicht neugierig. Das war +sein Hauptfehler.“</p> + +<p>„Was würdest du dazu sagen, Harry, wenn ich dir versicherte, +daß ich Basil ermordet habe?“ fragte der jüngere. +Er beobachtete ihn scharf, nachdem er das gesagt hatte.</p> + +<p>„Lieber Freund, ich würde sagen, daß du einen Charakter +posierst, der dich nicht kleidet. Jedes Verbrechen ist +ordinär, gerade wie alles Ordinäre ein Verbrechen ist. +Du hast nicht die Gabe, Dorian, einen Mord zu begehen. +Es sollte mir leid tun, wenn ich dich durch diese Meinung +in deiner Eitelkeit kränkte, aber ich versichere dich, es ist +wahr. Das Verbrechen ist ein ausschließliches Vorrecht der +unteren Klassen. Ich will sie damit durchaus nicht tadeln. +Ich vermute einfach, das Verbrechen ist für sie, was die +Kunst für uns ist, einfach ein Verfahren, um sich außerordentliche +Empfindungen zu verschaffen.“</p> + +<p>„Ein Verfahren, sich Empfindungen zu verschaffen? +Glaubst du also, daß ein Mensch, der einmal einen Mord +begangen hat, imstande wäre, das nämliche Verbrechen +zu wiederholen? Das rede mir nicht ein.“</p> + +<p>„Oh! Alles wird zu einem Vergnügen, wenn man es +zu oft tut!“ rief Lord Henry lachend. „Das ist eines der +wichtigsten Geheimnisse des Lebens. Immerhin bin ich +des Glaubens, daß der Mord stets ein Mißgriff ist. Man +sollte nie etwas tun, worüber man sich nicht nach dem Essen +unterhalten kann. Aber wir wollen jetzt den armen Basil<a class="pagenum" name="Page_324" title="324"> </a> +lassen. Ich wollte, ich könnte glauben, daß er ein so romantisches +Ende genommen hat, wie du durchblicken läßt; aber +ich kann es nicht. Ich glaube eher, daß er von einem Omnibus +in die Seine gefallen ist und der Kondukteur hat +den Skandal vertuscht. Ja, ich glaube wirklich, so war sein +Ende. Ich sehe ihn jetzt auf dem Rücken liegen unter dem +dunkelgrünen Wasser, und die schweren Lastkähne schwimmen +über ihm hin, und lange Tangflechten verwickeln sich +in sein Haar. Weißt du, ich glaube nicht, daß er noch viel +Gutes gemacht hätte. In den letzten zehn Jahren ist seine +Malerei nicht mehr berühmt gewesen.“</p> + +<p>Dorian seufzte und Lord Henry schlenderte durch das +Zimmer und unterhielt sich damit, einem merkwürdigen +Papagei aus Java den Kopf zu krauen, einem großen, +graugefiederten Vogel mit rotem Schopf und Schwanz, +der auf einem Bambusstab balancierte. Als ihn seine +spitzen Finger berührten, ließ er die weiße Nickhaut seiner +Liderfalten über die schwarzen Glaskugelaugen fallen und +begann sich hin- und herzuwiegen.</p> + +<p>„Ja,“ fuhr er fort, während er sich umdrehte, und sein +Taschentuch aus der Tasche nahm, „seine Malerei ist nicht +mehr weither gewesen. Es schien mir so, als hätte sie +irgend etwas eingebüßt. Sie hatte ein Ideal verloren. +Als ihr beide aufhörtet, intime Freunde zu sein, hörte er +auf, ein großer Künstler zu sein. Was hat euch auseinander +gebracht? Ich vermute, er langweilte dich. Wenn das der +Fall war, dann hat er dir nie verziehen. Das ist gewöhnlich +so bei langweiligen Menschen. Was ist übrigens aus dem +wundervollen Porträt geworden, das er von dir gemacht<a class="pagenum" name="Page_325" title="325"> </a> +hat? Ich kann mich nicht erinnern, es jemals wiedergesehen +zu haben, seit es fertig wurde. Ah! Jetzt besinne ich mich, +daß du mir vor Jahren erzählt hast, du hättest es nach +Selby geschickt und es wäre unterwegs auf irgendeine +Weise gestohlen worden oder in Verlust geraten. Hast du +es nie wieder bekommen? Wie schade! Es war faktisch +ein Meisterwerk. Ich entsinne mich, daß ich es kaufen +wollte. Ich wünschte, ich hätte es jetzt. Es stammte aus +Basils bester Zeit. Seitdem bestanden alle seine Arbeiten +aus dem eigentümlichen Gemengsel von schlechter Malerei +und guten Absichten, das einen Mann berechtigt, ein britischer +Künstler von Bedeutung genannt zu werden. Hast +du deswegen eigentlich gar nicht annonciert? Das hättest +du tun sollen.“</p> + +<p>„Ich weiß es nicht mehr“, antwortete Dorian. „Ich +glaube, ich tat es. Aber ehrlich gesagt, ich habe das Bild +nie gemocht. Es tut mir überhaupt leid, daß ich dazu gesessen +habe. Schon die Erinnerung an das Ding ist mir +greulich. Warum sprichst du davon? Es hat mich immer +an ein paar merkwürdige Zeilen aus einem Theaterstück +erinnert — aus Hamlet, glaube ich — wie heißen +sie? —</p> + +<p class="poem"> +‚Gleich dem Bildnis eines Grams,<br /> +ein Antlitz ohne Herz.‛<br /> +</p> + +<p>Ja, so sah es aus.“</p> + +<p>Lord Henry lachte. „Wenn ein Mensch das Leben +künstlerisch behandelt, ist sein Hirn sein Herz“, antwortete +er und ließ sich in einen Armsessel fallen.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_326" title="326"> </a></p> + +<p>Dorian Gray schüttelte den Kopf und schlug ein paar +sanfte Akkorde auf dem Klavier an. „Gleich dem Bildnis +eines Grams, ein Antlitz ohne Herz“, wiederholte er, „ein +Antlitz ohne Herz.“</p> + +<p>Der ältere Freund saß zurückgelehnt und blickte mit halbgeschlossenen +Augen zu ihm hinüber. „Übrigens, Dorian,“ +sagte er nach einer Pause, „was hülfe es einem Menschen, +so er die ganze Welt gewönne und — wie heißt die Stelle +doch? — seine eigene Seele verlöre?“</p> + +<p>Die Musik brach schrill ab und Dorian Gray schnellte +auf und starrte seinen Freund an. „Warum fragst du mich +das, Harry?“</p> + +<p>„Aber bester Junge,“ sagte Lord Henry und zog verwundert +die Augenbrauen in die Höhe, „ich habe dich +gefragt, weil ich dachte, du könntest mir eine Antwort +geben. Das ist alles. Ich bin letzten Sonntag durch Hyde +Park gegangen, und nahe beim Marble Arch stand eine +kleine Ansammlung schäbig aussehender Menschen, die +irgendeinem ordinären Straßenprediger lauschten. Als ich +vorbeiging, hörte ich den Mann diese Frage seinen Zuhörern +entgegenschreien. Es berührte mich ordentlich dramatisch. +London ist sehr reich an seltsamen Wirkungen +solcher Art. Ein regnerischer Sonntag, ein unmanierlicher +Christ in einem Regenmantel, ein Kreis krankhafter, bleicher +Gesichter unter dem wellenförmigen Dach tropfender Regenschirme +und ein wunderbarer Satz, von schrillen, hysterischen +Lippen in die Luft geschleudert, das war auf seine +Art wirklich sehr gut, es lag geradezu eine gewisse Suggestion +darin. Ich dachte zuerst daran, dem Propheten zu<a class="pagenum" name="Page_327" title="327"> </a> +sagen, daß die Kunst eine Seele habe, aber nicht der +Mensch, aber ich fürchte, er hätte mich doch nicht verstanden.“</p> + +<p>„Nein, Harry. Die Seele ist eine fürchterliche Gewißheit. +Sie kann gekauft werden und verkauft und umgetauscht. +Sie kann vergiftet werden oder vervollkommnet. +In jedem von uns lebt eine Seele. Ich weiß es.“</p> + +<p>„Bist du dessen ganz sicher, Dorian?“</p> + +<p>„Ganz sicher.“</p> + +<p>„Pah! Dann muß es Einbildung sein. Die Dinge, die +man für ganz sicher hält, sind nun und nimmer wahr. Das +ist das Verhängnis des Glaubens und die Weisheit der +Romantik. Wie feierlich du tust! Sei nicht so ernsthaft. +Was hast du oder ich mit dem Aberglauben unserer Zeit +zu tun? Nein: wir haben unseren Glauben an die Seele +aufgegeben. Spiel' mir was vor. Spiel' mir ein Nokturno, +Dorian, und während du spielst, sage mir mit leiser Stimme, +wie du es möglich gemacht hast, dir deine Jugend zu erhalten. +Du mußt irgendein Geheimmittel haben. Ich bin +nur zehn Jahre älter als du, und bin runzlig und verwelkt +und gelb. Du bist in der Tat wundervoll, Dorian. Du hast +nie entzückender ausgesehen als heute abend. Du rufst mir +den Tag ins Gedächtnis zurück, an dem ich dich zum +erstenmal sah. Du warst etwas schnippisch, sehr scheu und +ganz und gar außergewöhnlich. Seitdem hast du dich natürlich +verändert, aber nicht im Aussehen. Ich wünschte, du +verrietest mir dein Geheimnis. Um meine Jugend zurückzubekommen, +täte ich alles auf der Welt, außer Gymnastik +treiben, früh aufstehen oder ehrbar sein. Jugend! Nichts<a class="pagenum" name="Page_328" title="328"> </a> +kommt ihr gleich. Es ist absurd, von der Unwissenheit der +Jugend zu schwatzen. Die einzigen Leute, deren Ansichten +ich jetzt mit einigem Respekt anhöre, sind Leute, die viel +jünger sind als ich. Die scheinen mir weit voraus zu sein. +Das Leben hat ihnen sein letztes Wunder enthüllt. Was +die älteren betrifft, denen widerspreche ich immer. Ich tue +es aus Prinzip. Wenn du einen um seine Meinung über +etwas fragst, das gestern passiert ist, dann gibt er dir feierlichen +Aufschluß über die Meinungen, die Anno 1820 im +Schwunge waren, als die Leute hohe Halsbinden trugen, +an alles glaubten und absolut nichts wußten. Wie hübsch +das ist, was du da spielst! Ich möchte wohl wissen, ob es +Chopin in Majorca geschrieben hat, während das Meer +seine Villa umklagte und der Salzschaum klatschend gegen +die Fensterscheiben spritzte. Es ist entzückend romantisch. +Was für ein Segen es ist, daß es doch die eine Kunst +gibt, die nicht aus Nachahmung besteht. Hör' nicht auf. Ich +brauche Musik heut abend. Es kommt mir so vor, als ob +du der junge Apollo bist und ich Marsyas, der dir zuhört. +Ich habe meine eigenen Sorgen, Dorian, von denen nicht +einmal du etwas weißt. Die Tragödie des Alters beruht +nicht darin, daß man alt ist, sondern daß man jung ist. +Ich bin manchmal ganz erschrocken über meine eigene Aufrichtigkeit. +Ach, Dorian, wie glücklich bist du! Was für +ein köstliches Leben hast du gehabt! Du hast tief aus jedem +Quell getrunken! Du hast die Trauben an deinem Gaumen +zerdrückt. Nichts ist dir verborgen geblieben. Und all das +ist dir nicht mehr gewesen als ein Klang von Musik. Es hat +dir nichts anhaben können. Du bist noch heute derselbe.“</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_329" title="329"> </a></p> + +<p>„Ich bin nicht derselbe, Harry.“</p> + +<p>„Ja, du bist derselbe. Ich bin gespannt, wie dein +Leben weiter verlaufen wird. Verdirb es nicht durch Entsagung. +Jetzt bist du ein vollkommener Typus. Mach' dich +nicht unvollkommen. Du bist jetzt ganz ohne Tadel. Du +brauchst den Kopf nicht zu schütteln: du weißt, du bist +es. Und dann, Dorian, betrüge dich nicht selbst. Das Leben +wird nicht durch Willen oder Absicht regiert. Das Leben +ist eine Angelegenheit der Nerven und Muskeln und der +langsam aufgemauerten Zellen, in denen die Gedanken +hausen und die Leidenschaft ihren Träumen nachhängt. +Du redest dir ein, sicher dazustehen und stark zu sein. Aber +ein zufälliger Farbenton in einem Zimmer oder ein Morgenhimmel, +ein besonderer Geruch, den du einmal geliebt +hast und der versteckte Erinnerungen aufweckt, eine Zeile +aus einem vergessenen Gedicht, die dir plötzlich wieder einfällt, +ein paar Tonreihen aus einem Musikstück, das du +längst nicht mehr spielst — ich sage dir, Dorian, von solchen +Dingen hängt unser Leben ab. Browning hat irgendwo +mal darüber geschrieben, aber unsere eigenen Sinne geben +uns ohnehin davon Gewißheit. Es gibt Augenblicke, da +durchblitzt mich plötzlich der Geruch von weißem Flieder, +und ich muß wieder den sonderbarsten Monat meines Daseins +durchleben. Ich wollte, ich könnte mit dir tauschen, +Dorian. Die Welt hat über uns beide gezetert, aber sie +hat dich immer bewundert. Sie wird dich immer bewundern. +Du bist eben der Typus dessen, wonach unsere Zeit +sucht und was sie fürchtet gefunden zu haben. Ich bin so +froh darüber, daß du nie etwas getan hast, nie eine Statue<a class="pagenum" name="Page_330" title="330"> </a> +gemeißelt oder ein Bild gemalt oder irgend etwas aus +dir heraus produziert hast. Das Leben war deine Kunst. +Du hast dich selbst in Musik gesetzt. Deine Tage sind deine +Sonette.“</p> + +<p>Dorian stand vom Klavier auf und fuhr sich mit der +Hand durchs Haar. „Ja, das Leben ist himmlisch gewesen,“ +sagte er vor sich hin, „aber dieses Leben werde ich nicht +fortsetzen, Harry. Und du sollst nicht so überspannte Dinge +zu mir sagen. Du weißt nicht alles von mir. Ich glaube, +wenn du es wüßtest, so würdest selbst du dich von mir abwenden. +Du lachst. Lache nicht!“</p> + +<p>„Warum hast du zu spielen aufgehört, Dorian? Geh +wieder ans Klavier und spiel' mir nochmal das Nokturno. +Sieh den großen honigfarbenen Mond, der in der dunklen +Luft hängt. Er wartet, daß du ihn bezauberst, und wenn +du spielst, wird er sich der Erde nähern. Du willst nicht? +Dann laß uns in den Klub gehen. Es war ein reizender +Abend, und wir müssen ihn reizend beenden. Bei White +wartet jemand, der darauf brennt, dich kennenzulernen — +der junge Lord Pool, der älteste Sohn von Bournemouth. +Er kopiert schon deine Krawatten und hat mich bestürmt, +ihn dir vorzustellen. Er ist ganz entzückend und erinnert +mich ein bißchen an dich.“</p> + +<p>„Ich hoffe nicht“, sagte Dorian mit einem wehmütigen +Blick in den Augen. „Aber ich bin heute abend müde, +Harry. Ich gehe nicht mehr in den Klub. Es ist fast elf, +und ich will früh zu Bett gehen.“</p> + +<p>„Bleibe noch, du hast nie so schön gespielt wie diesen +Abend. In deinem Anschlag lag etwas, es war ganz wundervoll.<a class="pagenum" name="Page_331" title="331"> </a> +Es hatte mehr Ausdruck, als ich jemals bei dir +gehört habe.“</p> + +<p>„Das kommt daher, weil ich jetzt gut werden will“, antwortete +er lächelnd. „Ich bin schon ein bißchen anders.“</p> + +<p>„Für mich kannst du kein anderer werden, Dorian“, +sagte Lord Henry. „Du und ich, wir werden immer +Freunde sein.“</p> + +<p>„Aber einstmals hast du mich mit einem Buch vergiftet. +Ich sollte das nicht vergeben. Harry, versprich mir, daß +du dieses Buch nie wieder jemand leihen willst. Es stiftet +Unheil.“</p> + +<p>„Mein lieber Junge, du fängst wirklich an, Moralpredigten +zu halten. Du wirst bald umherlaufen, wie ein +Bekehrter und ein Erweckungsprediger, und wirst die Menschen +vor all den Sünden warnen, deren du müde geworden +bist. Aber dazu bist du viel zu entzückend. Außerdem +hat es keinen Zweck. Du und ich, wir sind, was wir sind, +und werden immer sein, was wir sein werden. Und vergiftet +werden durch ein Buch, sowas gibt es einfach nicht. +Kunst hat keinen Einfluß auf die Tat. Sie vernichtet den +Trieb zu handeln. Sie ist auf eine herrliche Art zeugungsunfähig. +Die Bücher, die die Welt unmoralisch nennt, +sind Bücher, die der Welt ihre eigene Schande vorhalten. +Sonst nichts. Aber wir wollen nicht über Literatur streiten. +Komm morgen wieder her! Ich reite um elf aus. Wir +können zusammen reiten, und ich nehme dich nachher zum +Frühstück zu Lady Branksome mit. Es ist eine entzückende +Frau und sie will dich zu Rate ziehen über ein paar Gobelins, +die sie kaufen möchte. Vergiß nicht zu kommen. Oder<a class="pagenum" name="Page_332" title="332"> </a> +wollen wir bei unserer kleinen Herzogin frühstücken? Sie +sagt, sie sieht dich jetzt gar nicht mehr. Vielleicht hast du +genug von Gladys? Ich dachte mir's, daß es so kommen +würde. Ihr gewandtes Züngelein fällt einem auf die +Nerven. Also, jedenfalls bist du um elf hier.“</p> + +<p>„Muß ich wirklich kommen, Harry?“</p> + +<p>„Unbedingt. Der Park ist jetzt herrlich. Ich glaube nicht, +daß es wieder solchen Flieder gegeben hat seit jenem Jahr, +wo ich dich kennenlernte.“</p> + +<p>„Gut. Ich werde also um elf hier sein“, sagte Dorian. +„Gute Nacht, Harry!“ Als er an der Tür war, zögerte er +einen Augenblick, als hätte er noch etwas zu sagen. Dann +seufzte er und ging.</p> + +<h2><a name="Zwanzigstes_Kapitel" id="Zwanzigstes_Kapitel"></a>Zwanzigstes Kapitel</h2> + + +<p>Es war eine wundervolle Nacht, so warm, daß er seinen +Mantel über den Arm hing und nicht einmal das seidene +Halstuch umlegte. Als er nach Hause schlenderte, seine Zigarette +rauchend, gingen zwei Herren in Gesellschaftstoilette +an ihm vorbei. Er hörte, wie der eine dem anderen +zuflüsterte: „Das ist Dorian Gray.“ Er erinnerte sich, +wie schmeichelhaft es ihm früher gewesen war, wenn man +auf ihn zeigte oder ihn anstarrte oder über ihn sprach. Jetzt +war er es müde, seinen eigenen Namen zu hören. Der +halbe Reiz des kleinen Dorfes, wo er kürzlich so oft gewesen<a class="pagenum" name="Page_333" title="333"> </a> +war, bestand darin, daß dort niemand wußte, wer +er war. Er hatte dem Mädchen, das er zur Liebe verlockt +hatte, oft gesagt, daß er arm sei, und sie hatte es geglaubt. +Er hatte ihr einmal gesagt, daß er schlecht sei, und sie hatte +ihn ausgelacht und geantwortet, schlechte Menschen seien +immer sehr alt und sehr häßlich. Was für ein Lachen sie +hatte! — gerade wie der Gesang einer Drossel. Und wie +hübsch sie ausgesehen hatte in ihren Kattunkleidern und +großen Hüten! Sie wußte nichts, aber sie besaß alles, +was er verloren hatte.</p> + +<p>Als er nach Hause kam, wartete sein Diener auf ihn. +Er schickte ihn zu Bett und warf sich auf das Sofa in der +Bibliothek und begann über einiges von dem nachzudenken, +was ihm Lord Henry gesagt hatte.</p> + +<p>War es wirklich wahr, daß man nie anders werden +konnte? Er fühlte eine wilde Sehnsucht nach der makellosen +Reinheit seiner Knabenzeit — seiner rosenweißen +Knabenzeit, wie Lord Henry einmal gesagt hatte. Er +wußte, er hatte sich besudelt, hatte seinen Geist mit Verderbnis +angefüllt und sein Gewissen mit Entsetzen belastet, +er war ein schlimmer Einfluß für andere gewesen und hatte +eine schreckliche Freude daran gehabt; und von den Menschenleben, +die das seine gekreuzt hatten, waren es die +reinsten und verheißungsvollsten gewesen, die er in Schande +gestürzt hatte. Aber war da nichts wieder gut zu machen? +Gab es keine Hoffnung mehr für ihn?</p> + +<p>Ah! In was für einem ungeheuerlichen Augenblick von +Hochmut und Leidenschaft hatte er gebetet, es möchte das +Bildnis die Last seiner Tage auf sich nehmen und er sich<a class="pagenum" name="Page_334" title="334"> </a> +den ungetrübten Glanz ewiger Jugend bewahren! Das +war an seinem ganzen verfehlten Leben schuld. Es wäre +besser für ihn gewesen, wenn jede Sünde seines Lebens ihre +gewisse und schnelle Strafe mit sich gebracht hätte. In +der Strafe lag Reinigung. Nicht „Vergib uns unsere +Sünden“, sondern „Züchtige uns für unsere Missetaten“ +sollte das Gebet des Menschen zu einem allgerechten +Gotte lauten.</p> + +<p>Der mit merkwürdigen Schnitzereien umrahmte Spiegel, +den ihm Lord Henry vor so vielen Jahren geschenkt hatte, +stand auf dem Tisch, und die weißgliedrigen Liebesgötter +lachten ringsherum wie ehedem. Er nahm ihn, wie er es +in jener Schreckensnacht getan hatte, als er zum ersten +Male die Veränderung in dem verhängnisvollen Bildnis +bemerkt hatte, und blickte mit verzweifelten, tränenfeuchten +Augen auf die glatte Fläche. Einmal hatte ihm jemand, +der ihn abgöttisch geliebt hatte, einen wahnsinnigen Brief +geschrieben, dessen Schluß lautete: „Die Welt ist anders +geworden, weil du aus Elfenbein und Gold geschaffen +wurdest. Der Linienschwung deiner Lippen schreibt die +Weltgeschichte um.“ Diese Sätze kamen ihm ins Gedächtnis +zurück, und er wiederholte sie immer und immer wieder. +Dann haßte er seine eigene Schönheit und schleuderte den +Spiegel zu Boden und zertrat ihn unter seinem Fuße in +silberne Splitter. Seine Schönheit war es, die ihn zugrunde +gerichtet hatte, seine Schönheit und Jugend, um +die er gefleht hatte. Wären diese beiden nicht gewesen, so +hätte er sein Leben wohl fleckenlos erhalten können. Die +Schönheit war für ihn nur eine Maske gewesen, die Jugend<a class="pagenum" name="Page_335" title="335"> </a> +nur ein Blendwerk. Was war Jugend im besten +Falle? Eine grüne, unreife Zeit, eine Zeit seichter Stimmungen +und kranker Einfälle. Warum hatte er ihre Tracht +angelegt? Die Jugend hatte ihn zugrunde gerichtet.</p> + +<p>Es war besser, nicht an die Vergangenheit zu denken. +Er mußte an sich selber und an seine Zukunft denken. +James Vane war in einem namenlosen Grabe auf dem +Kirchhof in Selby geborgen. Alan Campbell hatte sich +eines Nachts in seinem Laboratorium erschossen, aber das +Geheimnis nicht verraten, das ihm aufgezwungen worden +war. Die Erregung über Basil Hallwards Verschwinden +würde sich bald legen. Sie hatte schon nachgelassen. Da +war er völlig sicher. Es war auch in der Tat nicht der +Tod Basil Hallwards, der sein Gemüt am schwersten belastete. +Es war der lebendige Tod seiner eigenen Seele, +der ihm die Ruhe raubte. Basil hatte das Bildnis gemalt, +das sein Leben vernichtet hatte. Er konnte ihm das nicht +vergeben. Das Porträt war an allem schuld. Basil hatte +ihm Dinge gesagt, die unerträglich waren und die er doch +geduldig ertragen hatte. Der Mord war nur der Wahnsinn +eines Augenblicks gewesen. Was Alan Campbell +anlangte, so war der Selbstmord seine eigene Tat gewesen. +Er war sein freier Entschluß. Das ging ihn +nichts an.</p> + +<p>Ein neues Leben! Das war es, was er wollte. Das war +es, worauf er wartete. Gewiß hatte er es schon begonnen. +Ein unschuldiges Wesen hatte er jedenfalls geschont. Nie +wieder wollte er die Unschuld in Versuchung führen. Er +wollte gut sein.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_336" title="336"> </a></p> + +<p>Als er an Hetty Merton dachte, begann er sich zu fragen, +ob sich das Bild in dem verschlossenen Zimmer oben +wohl verändert habe. Es konnte doch sicher nicht mehr +so häßlich sein, wie es gewesen war. Vielleicht könnte er, +wenn sein Leben jetzt rein würde, imstande sein, jedes Anzeichen +niedriger Leidenschaften aus dem Antlitz zu tilgen. +Vielleicht waren die Spuren des Bösen schon verschwunden. +Er wollte hinauf und nachsehen.</p> + +<p>Er nahm die Lampe vom Tisch und schlich die Treppe +hinan. Als er die Tür aufschloß, huschte ein frohes Lächeln +über sein seltsam junges Gesicht und verweilte einen +Augenblick auf seinen Lippen. Ja, er wollte gut sein, und +das gräßliche Ding, das er verborgen hatte, würde dann +nicht länger ein Schrecken für ihn sein. Ihm war, als +wäre diese Last schon jetzt von ihm genommen.</p> + +<p>Er ging ruhig hinein, schloß die Tür nach seiner Gewohnheit +hinter sich ab und zog den Purpurvorhang von +dem Bildnis hinweg. Ein Schrei voll Schmerz und Entrüstung +scholl von seinen Lippen. Er konnte keine Verwandlung +bemerken, außer daß ein schlauer Ausdruck in +den Augen lag und um den Mund der gekniffene Zug des +Heuchlers. Das Ding war noch immer abscheulich, womöglich +noch abscheulicher als vordem — und der scharlachrote +Tau, der die Hand befleckte, schien heller zu glänzen +und mehr wie frisch vergossenes Blut auszusehen. Er +erzitterte. War es bloße Eitelkeit gewesen, die ihn dazu +getrieben hatte, einmal etwas Gutes zu tun? Oder die +Begier nach einer neuartigen Empfindung, wie Lord +Henry mit seinem spöttischen Lachen angedeutet hatte?<a class="pagenum" name="Page_337" title="337"> </a> +Oder das Verlangen, eine Rolle zu spielen, das uns +manchmal Dinge begehen läßt, die edler sind als wir +selbst? Oder vielleicht das alles zusammen? Und warum +war der rote Fleck jetzt größer als er vorher war? Er +schien sich wie ein fürchterlicher Aussatz über die runzligen +Finger weiter gefressen zu haben. Es war Blut auf den +gemalten Füßen, als wäre es von den Händen herabgetropft +— Blut selbst auf der Hand, die das Messer nicht +geführt hatte. Bekennen? Bedeutete dies, daß er bekennen +sollte? Sich selbst aufgeben und hingerichtet werden? +Er lachte. Er fühlte, daß der Einfall ungeheuerlich wäre. +Überdies selbst wenn er es eingestände, wer würde ihm +glauben? Nirgends gab es eine Spur des Ermordeten. +Alles, was zu ihm gehörte, war zerstört. Er selbst hatte +verbrannt, was unten geblieben war. Die Welt würde einfach +sagen, daß er wahnsinnig sei. Sie würden ihn irgendwo +einsperren, wenn er bei seiner Erzählung beharrte... +Aber doch war es seine Pflicht, ein Geständnis abzulegen, +öffentlich Schande zu erleiden und öffentlich Buße zu tun. +Es war ein Gott, der den Menschen zurief, ihre Sünden +der Erde so gut wie dem Himmel zu beichten. Nichts, was +er sonst tun konnte, würde ihn reinigen, bis er seine Sünde +selber bekannt hätte. Seine Sünde? Er zuckte die Achseln. +Der Tod Basil Hallwards schien ihm nur unwesentlich. +Er dachte an Hetty Merton. Denn es war ein ungerechter +Spiegel. Dieser Spiegel seiner Seele, in den er hineinblickte. +Eitelkeit? Neugier? Heuchelei? War sonst nichts in +seinen Entsagungen gewesen? Es war noch etwas darin +gewesen. Er glaubte es wenigstens. Aber wer konnte das<a class="pagenum" name="Page_338" title="338"> </a> +sagen...? Nein. Es war weiter nichts darin gewesen. +Aus Eitelkeit hatte er sie geschont. Aus Heuchelei hatte +er die Maske der Güte getragen. Aus Neugier hatte +er es mit der Verzichtleistung versucht. Er erkannte das +jetzt.</p> + +<p>Aber dieser Mord — sollte er ihn sein ganzes Leben +lang verfolgen? Sollte er immer die Last seiner Vergangenheit +tragen müssen? Sollte er wirklich eingestehen? +Niemals. Es gab nur einen einzigen Beweis gegen ihn. +Das Bildnis selbst — das war ein Beweis. Er wollte es +zerstören. Warum hatte er es solange aufgehoben. Früher +einmal war es ihm ein Vergnügen gewesen, seine Änderung, +sein Altern zu beobachten. In der letzten Zeit hatte +er dieses Vergnügen nicht mehr empfunden. Es hatte ihm +schlaflose Nächte bereitet. Wenn er außer dem Hause war, +erfüllte ihn eine Todesangst, daß fremde Augen das Bild +erblicken könnten. Es hatte Schwermut in seine Leidenschaften +getröpfelt. Die bloße Erinnerung daran hatte ihm +manchen Augenblick der Freude vergällt. Es hatte bei +ihm die Rolle des Gewissens übernommen. Ja, es war +sein Gewissen gewesen. Er wollte es zerstören.</p> + +<p>Er sah sich um und erblickte das Messer, das Basil +Hallward erstochen hatte. Er hatte es oft gereinigt, bis +kein Fleck mehr darauf war. Es war blank und glitzerte. +Wie es den Maler getötet hatte, sollte es des Malers +Werk töten und alles, was es bedeutete. Es sollte die +Vergangenheit töten, und wenn die tot war, würde er +frei sein. Es sollte dieses ungeheuerliche Seelenleben töten, +und sobald diese gräßlichen Warnungen nicht mehr vorhanden<a class="pagenum" name="Page_339" title="339"> </a> +waren, würde er Frieden haben. Er ergriff es +und durchbohrte damit das Bildnis.</p> + +<p>Man hörte einen Schrei und einen Fall. Der Schrei +war mit seinem Todesröcheln so schrecklich, daß die Dienerschaft +erschreckt aufwachte und aus ihren Kammern stürzte. +Zwei Herren, die auf dem Platze unten vorbeigingen, blieben +stehen und spähten an dem stattlichen Hause empor. +Sie gingen weiter, bis sie einen Schutzmann trafen und +dann mit ihm umkehrten. Der Mann zog mehrmals die +Klingel, aber es erfolgte keine Antwort. Bis auf ein Licht +in einem der Giebelfenster war das ganze Haus dunkel. +Nach einiger Zeit ging er weg, stellte sich unter einen Torweg +in der Nähe und verhielt sich abwartend.</p> + +<p>„Wem gehört das Haus, Herr Wachtmeister?“ fragte +der ältere der beiden Herren.</p> + +<p>„Herrn Dorian Gray“, antwortete der Schutzmann.</p> + +<p>Sie sahen einander an, gingen weiter und lächelten. +Einer von ihnen war Sir Henry Ashtons Onkel.</p> + +<p>Drinnen in den Dienerzimmern sprachen die halbangezogenen +Bedienten in leisem Wispern miteinander. +Die alte Frau Leaf weinte und rang die Hände. Francis +war bleich wie der Tod.</p> + +<p>Nach etwa einer Viertelstunde holte er sich den Kutscher +und einen der Lakaien und schlich mit ihnen hinauf. Sie +klopften, aber es kam keine Antwort. Sie riefen. Alles +war still. Schließlich, nachdem sie erfolglos versucht hatten, +die Tür zu sprengen, kletterten sie auf das Dach und +ließen sich auf den Balkon herab. Die Glastür gab leicht +nach; ihre Riegel waren alt.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_340" title="340"> </a></p> + +<p>Als sie eintraten, sahen sie an der Wand ein wunderbares +Bild ihres Herrn hängen, so wie sie ihn zuletzt +gesehen hatten, in all dem Glanz seiner entzückenden Jugend +und Schönheit. Auf dem Boden lag ein toter Mann +im Gesellschaftsanzug, mit einem Messer im Herzen. Er +war welk, runzlig und häßlich von Angesicht. Erst als sie +die Ringe untersuchten, erkannten sie, wer es war.</p> + +<p class="center" style="margin-top:2em;"><em class="gesperrt">Ende</em></p> + + +<div class="transcribers-note"> +<p class="center"><a name="tn-bottom"><b>Anmerkungen zur Transkription:</b></a></p> + +<p>Die folgende Liste enthält alle geänderten Textstellen, +jeweils zuerst im Original und darunter in der geänderten Fassung.</p> + +<ul id="corrections"> +<li><a href="#Page_9">Seite 9</a>:<br /> +Habt ihr ihn endlich, so <span class="correction">wolllt</span> ihr ihn scheinbar<br /> +Habt ihr ihn endlich, so <span class="correction">wollt</span> ihr ihn scheinbar +</li> +<li><a href="#Page_80">Seite 80</a>:<br /> +Dramas gewesen sein.<br /> +Dramas gewesen sein.<span class="correction">“</span> +</li> +<li><a href="#Page_80">Seite 80</a>:<br /> +Es war ‚<span class="correction">Romea</span> und Julia‛.<br /> +Es war ‚<span class="correction">Romeo</span> und Julia‛. +</li> +<li><a href="#Page_85">Seite 85</a>:<br /> +zum erstenmal gesprochen?<br /> +zum erstenmal gesprochen?<span class="correction">“</span> +</li> +<li><a href="#Page_106">Seite 106</a>:<br /> +Gefällt dir der Name nicht<span class="correction">.</span><br /> +Gefällt dir der Name nicht<span class="correction">?</span> +</li> +<li><a href="#Page_121">Seite 121</a>:<br /> +Mißklang heißt es, mit<br /> +<span class="correction">„</span>Mißklang heißt es, mit +</li> +<li><a href="#Page_132">Seite 132</a>:<br /> +Warum ich nie mehr gut spielen werde.<br /> +Warum ich nie mehr gut spielen werde.<span class="correction">“</span> +</li> +<li><a href="#Page_166">Seite 166</a>:<br /> +Harrys Schwester Lady Gwendolen, kennengelernt.<br /> +Harrys Schwester<span class="correction">,</span> Lady Gwendolen, kennengelernt. +</li> +<li><a href="#Page_180">Seite 180</a>:<br /> +wird ebenso hübsch sein.<br /> +wird ebenso hübsch sein.<span class="correction">“</span> +</li> +<li><a href="#Page_205">Seite 205</a>:<br /> +die Erinnerung an <span class="correction">gegestorbene</span> Romantik<br /> +die Erinnerung an <span class="correction">gestorbene</span> Romantik +</li> +<li><a href="#Page_217">Seite 217</a>:<br /> +und die <span class="correction">eleganganten</span> jungen Leute,<br /> +und die <span class="correction">eleganten</span> jungen Leute, +</li> +<li><a href="#Page_296">Seite 296</a>:<br /> +mit deinem Orchideengleichnis?<br /> +mit deinem Orchideengleichnis?<span class="correction">“</span> +</li> +<li><a href="#Page_308">Seite 308</a>:<br /> +Er hat die ganze<br /> +<span class="correction">„</span>Er hat die ganze +</li> +<li><a href="#Page_309">Seite 309</a>:<br /> +wovor ich mich <span class="correction">änstige</span><br /> +wovor ich mich <span class="correction">ängstige</span> +</li> +</ul> +</div> + +<div>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 44238 ***</div> +</body> +</html> diff --git a/44238-h/images/cover.jpg b/44238-h/images/cover.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..689ae73 --- /dev/null +++ b/44238-h/images/cover.jpg |
