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authorRoger Frank <rfrank@pglaf.org>2025-10-14 18:37:40 -0700
committerRoger Frank <rfrank@pglaf.org>2025-10-14 18:37:40 -0700
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+ The Project Gutenberg eBook of Das Bildnis des Dorian Gray, by Oscar Wilde.
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+<div>*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 44238 ***</div>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_1" title="1"> </a></p>
+
+<div class="image-center">
+ <img src="images/cover.jpg" width="519" height="692" alt="Buchumschlag" id="coverpage" />
+</div>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_2" title="2"> </a><br /><a class="pagenum" name="Page_3" title="3"> </a></p>
+<h1>Das Bildnis des Dorian Gray</h1>
+
+<p class="title">Oscar Wilde<br />
+~~~~~~~~~~~~~<br />
+Das<br />
+Bildnis des Dorian Gray</p>
+
+<p class="center">
+<small>Ins Deutsche übertragen von<br />
+Richard Zoozmann</small>
+</p>
+<p class="center" style="margin-top: 6em;">Berlin <span class="antiqua">W</span> 50<br />
+~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~<br />
+Schreitersche Verlagsbuchhandlung<br />
+</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_4" title="4"> </a></p>
+
+<hr />
+
+<p class="center">Alle Rechte vorbehalten</p>
+<p class="center" style="margin-top: 2em;">Druck der Spamerschen Buchdruckerei in Leipzig</p>
+
+<hr />
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_5" title="5"> </a></p>
+
+
+
+
+<h2><a name="Vorbekenntnis" id="Vorbekenntnis"></a>Vorbekenntnis</h2>
+
+
+<p>Der Künstler ist der Schöpfer schöner Dinge.</p>
+
+<p>Kunst zu offenbaren und den Künstler zu verbergen, ist
+die Aufgabe der Kunst.</p>
+
+<p>Ein Kritiker ist, wer seinen Eindruck von schönen Dingen
+in eine andere Form oder in einen anderen Stoff zu übertragen
+vermag.</p>
+
+<p>Die höchste wie die niederste Form der Kritik ist eine
+Art Autobiographie.</p>
+
+<p>Wer in schönen Dingen einen häßlichen Sinn findet, ist
+verderbt, ohne anmutig zu sein. Das ist ein Fehler.</p>
+
+<p>Wer in schönen Dingen einen schönen Sinn findet, hat
+Kultur. Er berechtigt zu Hoffnungen.</p>
+
+<p>Das sind die Auserwählten, für die schöne Dinge lediglich
+Schönheit bedeuten.</p>
+
+<p>Ein moralisches oder unmoralisches Buch gibt's überhaupt
+nicht. Bücher sind gut oder schlecht geschrieben. Sonst
+nichts.</p>
+
+<p>Die Abneigung des neunzehnten Jahrhunderts gegen
+den Realismus ist die Wut Calibans, der sein eigenes Gesicht
+im Spiegel erblickt.</p>
+
+<p>Die Abneigung des neunzehnten Jahrhunderts gegen
+die Romantik ist die Wut Calibans, der sein eigenes Gesicht
+im Spiegel nicht sieht.</p>
+
+<p>Das sittliche Dasein des Menschen liefert dem Künstler
+einen Teil des Stoffgebietes, aber die Sittlichkeit der
+Kunst besteht im vollkommenen Gebrauch eines unvollkommenen
+Mittels.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_6" title="6"> </a></p>
+
+<p>Kein Künstler empfindet das Verlangen, etwas zu beweisen.
+Selbst Wahrheiten können bewiesen werden.</p>
+
+<p>Kein Künstler hat ethische Neigungen. Eine ethische
+Neigung beim Künstler ist eine unverzeihliche Manieriertheit
+des Stils.</p>
+
+<p>Kein Künstler ist an sich krankhaft. Der Künstler kann
+alles aussprechen.</p>
+
+<p>Gedanken und Sprache sind für den Künstler Werkzeuge
+einer Kunst.</p>
+
+<p>Laster und Tugend sind für den Künstler Stoffe einer
+Kunst.</p>
+
+<p>Was die Form betrifft, so ist die Kunst des Musikers
+die Urform aller Künste. Was das Gefühl betrifft, so ist
+der Beruf des Schauspielers diese Urform.</p>
+
+<p>Alle Kunst ist gleichzeitig Oberfläche und Symbol.</p>
+
+<p>Wer unter der Oberfläche schürft, tut es auf eigene
+Gefahr.</p>
+
+<p>Wer das Symbol herausdeutet, tut es auf eigene Gefahr.</p>
+
+<p>In Wahrheit wird der Betrachter und nicht das Leben
+abgespiegelt.</p>
+
+<p>Meinungsunterschiede über ein Kunstwerk beweisen seine
+Neuheit, Vielfältigkeit und Lebenskraft.</p>
+
+<p>Sind die Kritiker uneinig, so ist der Künstler einig mit
+sich selbst.</p>
+
+<p>Man kann einem Menschen verzeihen, daß er etwas
+Nützliches schafft, solang er es nicht bewundert. Die einzige
+Entschuldigung für den, der etwas Nutzloses schuf, besteht
+darin, daß es äußerst bewundert wird.</p>
+
+<p>Alle Kunst ist völlig nutzlos.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_7" title="7"> </a></p>
+
+
+
+
+<h2><a name="Erstes_Kapitel" id="Erstes_Kapitel"></a>Erstes Kapitel</h2>
+
+
+<p>Das Atelier schwamm in einem starken Rosendufte, und
+wenn der leichte Sommerwind die Bäume im Garten
+wiegte, so floß durch die offene Tür der schwere Geruch
+des Flieders herein oder der zartere Duft des Rotdorns.</p>
+
+<p>Aus der Ecke seines Diwans mit persischen Satteltaschen,
+auf dem Lord Henry Wotton lag und wie gewöhnlich unzählige
+Zigaretten rauchte, konnte er gerade noch den
+Schimmer der honigsüßen und honigfarbigen Blüten eines
+Goldregenstrauches wahrnehmen, dessen zitternde Zweige
+nur seufzend die Last einer so flammenden Schönheit zu
+tragen schienen, und dann und wann huschten die phantastischen
+Schatten vorbeifliegender Vögel über die langen
+bastseidenen Vorhänge, die vor das große Fenster
+gezogen waren. Das gab einen Augenblick lang eine Art
+japanischer Stimmung und ließ den Lord an die bleichen,
+nephritgelben Maler der Stadt Tokio denken, die mit
+Hilfe einer Kunst, die notwendigerweise erstarrt genannt
+werden muß, das Gefühl von Schnelligkeit und Bewegung
+hervorzubringen suchen. Das tiefe Gesumme der Bienen,
+die ihren zweifelnden Flug durch das hohe, ungemähte
+Gras nahmen oder mit eintöniger Zähigkeit um die bestaubten
+Goldtrichter des wuchernden Geißblattes kreisten,
+ließ die Stille noch drückender scheinen. Das dumpfe Brausen
+<a class="pagenum" name="Page_8" title="8"> </a>
+Londons murrte dazu wie die Baßtöne einer fernen
+Orgel.</p>
+
+<p>In der Mitte des Gemaches stand auf einer hoch aufgestellten
+Staffelei das lebensgroße Bildnis eines außerordentlich
+schönen Jünglings, und ihm gegenüber, ein paar
+Schritte entfernt, saß sein Schöpfer, der Maler Basil
+Hallward, dessen plötzliches Verschwinden vor einigen
+Jahren bei der Menge so viel Aufsehen gemacht und zu
+so vielen seltsamen Vermutungen Anlaß gegeben hatte.</p>
+
+<p>Während der Maler die anmutige und liebenswürdige
+Gestalt betrachtete, die seine Kunst so prachtvoll wiedergespiegelt
+hatte, huschte ein freudiges Lächeln über sein
+Gesicht und schien dort verweilen zu wollen. Plötzlich aber
+fuhr er auf, schloß die Augen und preßte die Lider mit
+den Fingern zu, als fürchte er, aus einem absonderlichen
+Traume zu erwachen, und als suche er ihn im Gehirn
+einzuschließen.</p>
+
+<p>„Es ist dein bestes Werk, Basil, das beste, was du jemals
+gemacht hast“, sagte Lord Henry schläfrig-müde.
+„Du mußt es nächstes Jahr unbedingt ins Grosvenor
+schicken. Die Akademie ist zu groß und zu gewöhnlich.
+Jedesmal, wenn ich hinging, waren entweder so viele
+Leute da, daß ich die Bilder nicht sehen konnte, und das
+war schlimm, oder so viel Bilder, daß ich die Leute nicht
+sehen konnte, und das war noch schlimmer. Das Grosvenor
+ist der einzig richtige Platz.“</p>
+
+<p>„Ich denke überhaupt nicht daran, es auszustellen“, antwortete
+der Maler und warf den Kopf in jener merkwürdigen
+Art zurück, über die schon oft seine Freunde in Oxford
+<a class="pagenum" name="Page_9" title="9"> </a>
+gelacht hatten. „Nein, ich will es nirgends ausstellen.“</p>
+
+<p>Lord Henry hob die Augenbrauen und sah den anderen
+erstaunt durch die dünnen blauen Raucharabesken an, die
+in so abenteuerlichen Wirbeln von der starken opiumgetränkten
+Zigarette aufstiegen. „Nirgends ausstellen?
+Ja warum, mein Lieber? Hast du einen Grund dafür?
+Was ihr Maler doch für Käuze seid! Ihr tut alles in der
+Welt, um euch einen Namen zu machen. Habt ihr ihn
+endlich, so <ins title="wolllt">wollt</ins> ihr ihn scheinbar wieder loswerden. Das
+ist albern von dir, denn es gibt nur ein leidiges Ding auf
+Erden, das peinlicher ist als in aller Leute Munde zu
+sein, und das ist: nicht in aller Leute Munde zu sein. Ein
+Porträt wie das da höbe dich weit über alle jungen Leute
+in England empor und würde die Alten vor Neid platzen
+lassen, soweit alte Leute überhaupt noch einer Empfindung
+fähig sind.“</p>
+
+<p>„Ich weiß, du wirst mich auslachen,“ entgegnete er,
+„aber ich kann es wahrhaftig nicht ausstellen. Es steckt da
+zuviel von mir selbst drin.“</p>
+
+<p>Lord Henry streckte sich auf dem Diwan aus und lachte.</p>
+
+<p>„Ja, ich habe das gewußt; es bleibt aber doch wahr,
+ganz sicher.“</p>
+
+<p>„Zuviel von dir soll darin sein? Auf mein Wort, Basil,
+ich hätte nie geahnt, daß du so eitel bist; ich kann wirklich
+nicht die blasseste Ähnlichkeit entdecken zwischen dir mit
+deinem groben, eckigen Gesicht und deinem kohlschwarzen
+Haar und diesem jungen Adonis, der so aussieht, als sei
+er aus Elfenbein und Rosenblättern erschaffen. Nein, mein
+<a class="pagenum" name="Page_10" title="10"> </a>
+lieber Basil, es ist ein Narziß, und du &mdash; natürlich hast
+du ein geistvolles Gesicht und so weiter. Aber Schönheit,
+wirkliche Schönheit hört da auf, wo der geistvolle Ausdruck
+anfängt. Geist ist an sich eine Art Übermaß und zerstört
+das Ebenmaß jedes Gesichts. Im Moment, wo man
+sich ans Denken begibt, wird man ganz Nase oder ganz
+Stirn oder sonst etwas Greuliches. Sieh dir doch mal alle
+die Männer an, die in gelehrten Berufen etwas geleistet
+haben. Sind sie nicht alle ausgesprochen häßlich? Natürlich
+die Männer der Kirche ausgenommen. Aber in der
+Kirche denken sie eben nicht. Ein Bischof sagt mit achtzig
+Jahren noch unveränderlich dasselbe, was ihm als
+achtzehnjährigem Bengel beigebracht wurde, und infolgedessen
+sieht er immer entzückend aus. Dein geheimnisvoller
+junger Freund, dessen Namen du mir nie verraten hast,
+dessen Bild mich aber tatsächlich bezaubert, denkt niemals.
+Davon bin ich felsenfest überzeugt. Es ist irgendein hirnloses
+schönes Geschöpf, das wir im Winter immer bei uns
+haben sollten, wenn es keine Blumen zum Anschauen gibt,
+und im Sommer, wenn wir etwas zur Abkühlung unseres
+Geistes gebrauchen. Schmeichle dir also nicht, Basil: du
+siehst ihm ganz und gar nicht ähnlich.“</p>
+
+<p>„Du verstehst mich gar nicht, Henry“, antwortete der
+Künstler. „Natürlich sehe ich ihm nicht ähnlich. Das weiß
+ich selbst. In Wirklichkeit wäre ich sogar traurig, sähe ich
+ihm ähnlich. Du brauchst nicht mit den Achseln zu zucken.
+Ich sage dir die Wahrheit. Jede körperliche und geistige
+Besonderheit umschwebt eine gewisse Tragik; so eine Tragik
+etwa, wie sich das Schicksal der Könige auf ihren Irrwegen
+<a class="pagenum" name="Page_11" title="11"> </a>
+in der Weltgeschichte an die Füße zu heften scheint.
+Es ist besser, nicht anders zu sein als die Nebenmenschen.
+Die Häßlichen und die Dummen haben das beste Leben
+der Welt. Sie können ruhig dasitzen und das Spiel sorglos
+begaffen. Sie wissen zwar nichts von Siegen, aber
+dafür bleibt ihnen auch die Bekanntschaft mit den Niederlagen
+erspart. Sie leben dahin, wie wir es alle sollten:
+ungestört, gleichgültig und ohne Mißbehagen. Sie bringen
+anderen kein Unheil und empfangen es auch nicht von
+fremder Hand. Dein Stand und dein Reichtum, Harry,
+mein Geist, soviel ich davon habe, meine Kunst, soviel
+sie wert ist, Dorian Gray für sein schönes Aussehen &mdash;
+wir müssen alle für die Geschenke der Götter leiden, schrecklich
+leiden.“</p>
+
+<p>„Dorian Gray? Heißt er so?“ fragte Lord Henry und
+ging durch das Atelier auf Basil Hallward zu.</p>
+
+<p>„Ja, so heißt er. Ich wollte dir's eigentlich nicht sagen.“</p>
+
+<p>„Aber warum nicht?“</p>
+
+<p>„Oh, ich kann's nicht so erklären. Wenn ich einen Menschen
+sehr, sehr lieb habe, verrate ich an niemand seinen
+Namen. Das käme mir so vor, als lieferte ich damit einen
+Teil von seinem Selbst aus. In mir hat sich allmählich
+eine förmliche Liebe zu Geheimnissen entwickelt. Das scheint
+noch die einzige Art zu sein, das Leben unserer Zeit mysteriös
+und wunderbar zu machen. Die gewöhnlichste Begebenheit
+wird reich an Schönheit, wenn man sie verbirgt.
+Ich sage auch nie, wohin ich reise, wenn ich mal die Stadt
+verlasse. Wenn ich's täte, wäre meine ganze Freude daran
+hin. Das mag eine alberne Gewohnheit sein, aber sie
+<a class="pagenum" name="Page_12" title="12"> </a>
+bringt doch irgendwie ein bißchen Romantik ins Leben.
+Du denkst jetzt gewiß, ich bin furchtbar närrisch?“</p>
+
+<p>„Nicht im geringsten,“ antwortete Lord Henry, „nicht
+im geringsten, mein lieber Basil. Du scheinst zu vergessen,
+daß ich verheiratet bin, und daß der Hauptreiz der Ehe
+darin liegt, daß sie beiden Teilen ein Leben der Täuschung
+zur Notwendigkeit macht. Ich weiß nie, wo meine Frau
+ist, und meine Frau weiß nie, was ich tue und treibe.
+Wenn wir beisammen sind &mdash; wir sind gelegentlich beisammen,
+wenn wir zu einem Diner eingeladen sind oder
+zum Herzog aufs Land fahren &mdash; so erzählen wir uns
+die verrücktesten Geschichten mit dem ernsthaftesten Gesicht.
+Meine Frau versteht das vorzüglich, ohne Frage besser
+als ich. Sie verwickelt sich bei den Tatsachen nie in Widersprüche,
+und bei mir kommt es beständig vor. Wenn sie
+mich aber ertappt, macht sie mir nie eine Szene. Ich
+wünschte manchmal, sie täte es. Aber sie lacht mich nur
+aus.“</p>
+
+<p>„Ich kann die Art nicht leiden, wie du über deine Ehe
+sprichst“, sagte Basil Hallward und ging langsam auf die
+Tür zu, die in den Garten führte. „Ich glaube, du bist
+in Wirklichkeit ein ganz guter Ehemann und schämst dich
+nur immer über diese Tugend. Du bist überhaupt ein sonderbarer
+Kauz: du sagst nie was Moralisches und tust
+nie was Schlechtes. Dein Zynismus ist nichts als Pose.“</p>
+
+<p>„Natürlichkeit ist immer eine Pose, und zwar die ärgerlichste
+Pose, die ich kenne“, rief Lord Henry lachend aus,
+und die beiden jungen Männer gingen zusammen in den
+Garten und ließen sich auf einer langen Bambusbank nieder,
+<a class="pagenum" name="Page_13" title="13"> </a>
+die im Schatten eines hohen Lorbeerbusches stand.
+Das Sonnenlicht flirrte tanzend über die glatten Blätter.
+Im Grase zitterten weiße Gänseblümchen.</p>
+
+<p>Nach einer Weile zog Lord Henry seine Uhr: „Ich
+fürchte, ich muß gleich fort, Basil,“ brummte er, „aber
+bevor ich gehe, mußt du mir noch unbedingt die Frage
+beantworten, die ich vorhin an dich gerichtet habe.“</p>
+
+<p>„Was war das?“ sagte der Maler, die Augen fest zu
+Boden gerichtet.</p>
+
+<p>„Na, du weißt doch.“</p>
+
+<p>„Sicher nicht, Harry.“</p>
+
+<p>„Gut, dann will ich's dir nochmals sagen. Du sollst
+mir erklären, warum du Dorian Grays Porträt nicht ausstellen
+willst. Ich bestehe darauf, den wirklichen Grund
+zu wissen.“</p>
+
+<p>„Ich habe dir den wirklichen Grund schon gesagt.“</p>
+
+<p>„Nein, das hast du nicht getan. Du hast nur gesagt,
+weil zuviel von dir selbst in dem Bilde stecke. Das ist
+aber kindisch.“</p>
+
+<p>„Harry,“ sagte Basil Hallward und sah dem anderen
+gerade ins Gesicht, „jedes Porträt, das mit Gefühl gemalt
+ist, ist ein Porträt des Künstlers, nicht des Modells.
+Das Modell ist nur der Anlaß, die Gelegenheit. Nicht
+dies wird vom Maler enthüllt; nein, der Maler offenbart
+auf der farbigen Leinwand eher sich selbst. Ich will also
+dies Bild darum nicht ausstellen, weil ich fürchte, ich habe
+das Geheimnis meiner eigenen Seele darin aufgedeckt.“</p>
+
+<p>Lord Henry lachte. „Und worin bestünde das?“
+fragte er.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_14" title="14"> </a></p>
+<p>„Ich will es sagen“, antwortete Hallward; aber in sein
+Gesicht trat ein Ausdruck von Ratlosigkeit.</p>
+
+<p>„Ich bin äußerst gespannt, Basil“, fuhr sein Gefährte
+mit einem Blick nach ihm fort.</p>
+
+<p>„Oh, es ist wirklich nicht viel zu berichten, Harry,“ entgegnete
+der Maler, „und du verstehst es wohl kaum, wie
+ich fürchte. Vielleicht auch glaubst du mir nicht einmal.“</p>
+
+<p>Lord Henry lächelte und bückte sich dann, um ein rosa
+angehauchtes Gänseblümchen aus dem Grase zu pflücken,
+das er betrachtete. „Ich werde dich ganz gewiß verstehen,“
+erwiderte er, die Blicke aufmerksam auf die kleine, goldene,
+weißgefiederte Blütenscheibe gerichtet, „und was das
+Glauben angeht, so kann ich alles glauben, vorausgesetzt,
+daß es unwahrscheinlich genug ist.“</p>
+
+<p>Der Wind schüttelte ein paar Blüten von den Bäumen,
+und die schweren, vielgesternten Traubendolden der Fliederbüsche
+bewegten sich in der schwülen Luft. Eine Grille begann
+an der Gartenmauer zu zirpen, und wie ein blauer
+Faden huschte eine lange, dünne Wasserjungfer auf ihren
+braunen Gazeflügeln vorbei. Lord Henry glaubte Basil
+Hallwards Herz pochen zu hören und war neugierig, was
+wohl kommen möchte.</p>
+
+<p>„Die Geschichte ist einfach die“, sagte der Maler nach
+einer Weile. „Vor zwei Monaten ging ich mal zu einem
+der Massenempfänge bei Lady Brandon. Du weißt, wir
+armen Künstler müssen uns von Zeit zu Zeit in der Gesellschaft
+zeigen, um das Publikum daran zu erinnern,
+daß wir keine Wilden sind. Du sagtest mir einmal: in
+Frack und weißer Binde kann selbst ein Börsenmensch in
+<a class="pagenum" name="Page_15" title="15"> </a>
+den Verdacht von Bildung kommen. Nun also, ich war
+etwa zehn Minuten da und redete mit korpulenten, aufgeputzten,
+vornehmen Witwen und platten Akademikern,
+da merkte ich plötzlich, daß mich jemand anblickte. Ich
+drehte mich halb um und sah zum ersten Male Dorian
+Gray. Ich spürte, wie ich blaß wurde, als sich unsere Blicke
+begegneten. Ein seltsames Angstgefühl überkam mich. Ich
+wußte, ich stand einem Menschen Aug-in-Auge gegenüber,
+dessen bloße Erscheinung so bezaubernd auf mich
+wirkte, daß sie, wenn ich sie gewähren ließe, meine ganze
+Natur, meine ganze Seele, ja selbst meine Kunst an sich
+reißen müßte. Ich bedurfte nie in meinem Leben irgendwelcher
+Einwirkung von außen her. Du weißt ja selbst,
+Harry, wie unabhängig ich von Haus aus bin. Ich bin
+immer mein eigener Herr gewesen; war es wenigstens so
+lange, bis ich Dorian Gray traf. Dann &mdash; aber ich weiß
+nicht, wie ich dir das begreiflich machen soll. Irgend etwas
+schien mir im voraus zu sagen, daß ich an einem schrecklichen
+Wendepunkt in meinem Leben stand. Ich hatte die
+eigentümliche Empfindung, das Schicksal halte für mich
+die ausgesuchtesten Freuden und die ausgesuchtesten
+Schmerzen in Bereitschaft. Ich bekam Furcht, und ich
+wandte mich zum Gehen. Das Gewissen trieb mich nicht
+dazu: es war eine Art Feigheit. Ich bilde mir nichts
+darauf ein, daß ich diese Flucht versuchte.“</p>
+
+<p>„In Wirklichkeit sind Gewissen und Feigheit ein und
+dasselbe. Gewissen lautet nur die eingetragene Firma.
+Weiter gar nichts.“</p>
+
+<p>„Ich glaube das nicht, Harry, und ich glaube, du wohl
+<a class="pagenum" name="Page_16" title="16"> </a>
+auch nicht. Einerlei aber, aus welchem Grunde es geschah
+&mdash; es mag auch Stolz gewesen sein, denn ich war
+schon immer sehr stolz &mdash; jedenfalls eilte ich der Türe zu.
+Natürlich prallte ich dabei mit Lady Brandon zusammen.
+‚Sie wollen doch nicht etwa schon davonlaufen, Herr
+Hallward?‛ kreischte sie auf. Du kennst ja ihre schrille
+Stimme.“</p>
+
+<p>„Ja, sie ist ein Pfau in allem, bis auf die Schönheit“,
+sagte Lord Henry und zerrupfte das Gänseblümchen zwischen
+seinen langen nervösen Fingern.</p>
+
+<p>„Ich konnte ihrer nicht loswerden. Sie zerrte mich zu
+den königlichen Hoheiten hin, zu den Leuten mit Orden und
+Sternen und zu den ältlichen Damen mit riesenhaften
+Diademen und Papageiennasen. Sie nannte mich dabei
+ihren besten Freund. Ich hatte sie nur ein einziges Mal
+vorher gesehen, aber sie setzte es sich in den Kopf, aus
+mir den Löwen des Tages zu machen. Ich glaube, damals
+hatte gerade ein Bild von mir großen Erfolg gehabt,
+wenigstens hatten die Zeitungen allerhand Geschwätz
+darüber gebracht, und das ist ja im neunzehnten
+Jahrhundert das Eichungsmaß der Unsterblichkeit. Plötzlich
+stand ich dem jungen Manne gegenüber, dessen Äußeres
+mich vorhin so merkwürdig erschüttert hatte. Wir
+standen ganz nahe beieinander und berührten uns beinah.
+Unsere Blicke trafen sich wiederum. Es war leichtsinnig
+von mir, aber ich bat Lady Brandon, mich ihm vorzustellen.
+Vielleicht war es aber doch alles in allem nicht so
+leichtsinnig. Es war einfach nicht zu umgehen. Wir hätten
+auch ohne Vorstellung miteinander gesprochen. Ich bin
+<a class="pagenum" name="Page_17" title="17"> </a>
+dessen gewiß. Dorian sagte es mir nachher. Auch er fühlte,
+daß unsere Bekanntschaft Schicksalsfügung war.“</p>
+
+<p>„Und wie hat Lady Brandon den wunderbaren Jüngling
+beschrieben?“ fragte sein Gefährte. „Ich weiß, es ist
+ihre Manier, von jedem ihrer Gäste eine kleine Skizze zu
+geben. Ich erinnere mich, wie sie mich mal einem schrecklichen,
+alten Herrn mit puterrotem Gesicht vorstellte, dessen
+Brust mit Orden und Bändern beklext war, und mir in
+einem tragischen Flüsterton, der für jedermann im Zimmer
+hörbar war, die erstaunlichsten Einzelheiten über ihn
+ins Ohr zischelte. Ich mußte einfach davonlaufen. Ich entdecke
+die Leute gerne von mir selbst aus. Aber Lady
+Brandon behandelt ihre Gäste genau so, wie ein Auktionator
+seine Waren. Sie erklärt sie einem entweder so
+lange, bis nichts mehr davon übrigbleibt, oder sie sagt
+alles, gerade mit Ausnahme dessen, was man wissen will.“</p>
+
+<p>„Die arme Lady Brandon! Du bist hart gegen sie“,
+sagte Hallward zerstreut.</p>
+
+<p>„Mein guter Junge, sie wollte einen Salon gründen
+und hat es nur bis zu einem Restaurant gebracht. Wie
+soll ich sie da bewundern? Aber sage nun endlich, was sie
+über Herrn Dorian Gray erzählt hat?“</p>
+
+<p>„Oh, so irgend was wie ‚Entzückender junger Mensch &mdash;
+seine arme Mutter und ich ganz unzertrennlich &mdash; vergaß
+ganz was er treibt &mdash; fürchte fast &mdash; gar nichts &mdash; ach
+ja, spielt Klavier &mdash; oder war es die Geige, lieber Herr
+Gray?‛ Wir mußten beide lachen und wurden sofort
+Freunde.“</p>
+
+<p>„Lachen ist wohl lange nicht der schlechteste Anfang für
+<a class="pagenum" name="Page_18" title="18"> </a>
+eine Freundschaft, und gewiß ihr schönstes Ende“, sagte
+der junge Lord und pflückte sich noch ein Gänseblümchen.</p>
+
+<p>Hallward schüttelte den Kopf. „Du hast ja keine Ahnung,
+was Freundschaft ist, Harry,“ murmelte er, „und
+ebensowenig, was Feindschaft ist. Du hast alle Welt gern;
+mit anderen Worten: dir sind alle gleichgültig.“</p>
+
+<p>„Wie grausam ungerecht von dir!“ rief Lord Henry,
+stieß seinen Hut in den Nacken und sah zu den Lämmerwolken
+empor, die gleich verwirrten Knäueln glänzendweißer
+Seide über das türkisfarbene Gewölbe des Himmels
+dahinschifften. „Ja, grausam ungerecht von dir. Ich
+unterscheide die Leute sehr scharf. Ich wählte meine
+Freunde nach ihrem guten Aussehen, meine Bekannten
+nach ihrem guten Charakter und meine Feinde nach ihrem
+guten Verstande. Der Mensch kann nicht vorsichtig genug
+sein in der Wahl seiner Feinde. Ich habe keinen einzigen,
+der ein Narr ist. Es sind sämtlich Leute von einer gewissen
+geistigen Höhe, und daher schätzen sie mich auch alle. Bin
+ich sehr eitel? Ich glaube, es ist ein bißchen eitel.“</p>
+
+<p>„Ich glaube auch, Harry. Aber nach deiner Einteilung
+zählte ich nur unter deine Bekanntschaften.“</p>
+
+<p>„Mein lieber, alter Basil, du bist weit, weit mehr als
+ein Bekannter.“</p>
+
+<p>„Und weit weniger als ein Freund! Wohl so eine Art
+Bruder?“</p>
+
+<p>„Pah, Bruder! Bleibe mir mit Brüdern vom Halse.
+Mein ältester will nicht sterben, und meine jüngeren tun
+scheinbar nichts anderes.“</p>
+
+<p>„Harry!“ rief Basil mit gerunzelter Stirne.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_19" title="19"> </a></p>
+<p>„Mein lieber Junge, ich meine es nicht so ernst. Aber
+ich kann mir nicht helfen, ich verabscheue meine Verwandten.
+Ich vermute, das schreibt sich daher, daß kein
+Mensch bei einem anderen seine eigenen Fehler vertragen
+kann. Ich verstehe durchaus die Wut der englischen Demokraten
+auf die sogenannten Laster der oberen Stände.
+Die Massen fühlen, daß Trunkenheit, Dummheit und Unsittlichkeit
+zu ihren Vorrechten gehören sollten, und daß
+jeder von uns, der sich darin bloßstellt, gewissermaßen auf
+ihrem Gebiete wildert. Als damals der Scheidungsprozeß
+des armen Southwark spielte, war ihre Entrüstung wirklich
+prachtvoll. Und trotzdem lebt meiner Überzeugung
+nach nicht der zehnte Teil des Proletariats der Sitte
+gemäß.“</p>
+
+<p>„Ich stimme keinem einzigen deiner Worte bei, und,
+was mehr ist, Harry, du selbst glaubst ja auch nicht im
+mindesten daran.“</p>
+
+<p>Lord Henry strich seinen braunen Spitzbart und stieß
+mit dem zierlichen Spazierstock aus Ebenholz gegen die
+Kappe seines eleganten Lackstiefels. „Wie englisch du bist,
+Basil! Du machst heute zum zweitenmal diesen Einwurf.
+Wenn man einem richtigen Engländer eine Idee mitteilt
+&mdash; an sich schon immer eine Unüberlegtheit &mdash;, so fällt es
+ihm nicht im Traum ein, zu erwägen, ob die Idee richtig
+oder falsch ist. Das einzige, was ihm von Belang scheint,
+ist das, ob der Sprecher selbst daran glaubt. Aber der
+Wert einer Idee hat nicht das geringste mit der Aufrichtigkeit
+dessen zu schaffen, der sie ausspricht. Aller Wahrscheinlichkeit
+nach wird die Idee um so geistreicher sein, je
+<a class="pagenum" name="Page_20" title="20"> </a>
+unaufrichtiger der Mann ist, weil sie in diesem Fall weder
+die Färbung seiner Bedürfnisse noch seiner Wünsche noch
+seiner Vorurteile annehmen wird. Indes habe ich nicht
+die Absicht, politische, soziale oder metaphysische Diskussionen
+mit dir zu führen. Mir sind Menschen lieber als
+Grundsätze und grundsatzlose Menschen überhaupt das
+Liebste auf Erden. Erzähle mir mehr von Dorian Gray.
+Wie oft siehst du ihn?“</p>
+
+<p>„Jeden Tag. Ich wäre unglücklich, wenn ich ihn mal
+einen Tag nicht sähe. Er ist für mich einfach ein Bedürfnis.“</p>
+
+<p>„Wie merkwürdig! Ich glaubte immer, du kümmertest
+dich um nichts anderes als um deine Kunst.“</p>
+
+<p>„Er ist für mich jetzt meine ganze Kunst“, sagte der
+Maler ernsthaft. „Manchmal glaube ich, Harry, daß es
+nur zwei wichtige Epochen in der Weltgeschichte gibt. Die
+erste ist das Auftreten einer neuen Kunsttechnik und die
+zweite die Erscheinung einer neuen Persönlichkeit in der
+Kunst. Was die Erfindung der Ölmalerei für die Venezianer
+war, das war das Gesicht des Antinous für die
+spätgriechische Bildhauerkunst, und das wird eines Tages
+für mich das Gesicht Dorian Grays sein. Worauf es dabei
+ankommt, ist nicht, daß ich ihn male, zeichne, skizziere. Natürlich
+hab' ich das alles getan. Aber er ist weit mehr für
+mich als ein Modell oder ein Mensch, der mir sitzt. Ich
+will gewiß nicht behaupten, daß ich unzufrieden mit dem
+bin, was ich nach ihm gemacht habe, oder daß seine Schönheit
+derart ist, daß sie die Kunst nicht ausdrücken könne.
+Es gibt überhaupt nichts, was die Kunst nicht ausdrücken
+<a class="pagenum" name="Page_21" title="21"> </a>
+kann, und ich weiß: was ich gemacht habe, seitdem ich
+Dorian Gray kenne, ist gute Arbeit, ja, die gelungenste
+Arbeit meines Lebens. Aber auf irgendeine seltsame Weise
+&mdash; ich glaube kaum, daß du das verstehen wirst &mdash; hat mir
+seine Persönlichkeit eine vollständig neue Art der Kunst,
+einen durchaus neuen Stil offenbart. Ich sehe die Dinge
+anders, ich denke darüber anders. Ich kann jetzt das Leben
+auf eine Art festhalten, die mir früher nicht gegeben war.
+‚Ein Traum von Form in unseren Tagen des Denkens‛:
+wer war es, der so sagte? Ich hab's vergessen, aber das
+bedeutet Dorian Gray für mich. Die bloße sichtbare
+Gegenwart dieses Knaben &mdash; denn für mich ist er kaum
+mehr als das, wenn er auch schon über die Zwanzig &mdash;
+seine bloße sichtbare Gegenwart &mdash; ach! ich glaube nicht,
+daß du einen Begriff davon hast, was sie für mich bedeutet!
+Ohne selbst es zu wissen, enthüllt er mir die Linien
+einer neuen Schule, einer Schule, in der enthalten ist die
+ganze Leidenschaft der Romantik und die ganze Vollkommenheit
+des griechischen Geistes. Die Harmonie von
+Seele und Leib, wieviel ist das doch! Wir in unserer Verblendung
+haben die beiden voneinander gerissen und haben
+uns einen Realismus erfunden, der gewöhnlich ist, und
+einen Idealismus, der leer ist. Harry! wenn du wissen
+könntest, was mir Dorian Gray ist! Erinnerst du dich an
+die Landschaft von mir, für die mir Agnew ein so wahnsinniges
+Geld angeboten hat und von der ich mich doch
+nie trennen wollte? Es ist sicher eins der besten Stücke,
+die ich je gemacht habe. Und warum? Weil Dorian Gray
+neben mir saß, während ich sie malte. Irgendein ganz
+<a class="pagenum" name="Page_22" title="22"> </a>
+feines Fluidum strömte von ihm zu mir, und zum erstenmal
+in meinem Leben entdeckte ich in der simpeln Waldlandschaft
+das Wunder, nach dem ich immer gesucht und
+das ich nie gefunden hatte.“</p>
+
+<p>„Basil, das ist ja eine ganz außerordentliche Geschichte.
+Ich muß Dorian Gray kennenlernen.“</p>
+
+<p>Hallward schnellte von der Bank auf und ging im
+Garten hin und her. Nach einer Weile kam er zurück.</p>
+
+<p>„Harry,“ sagte er, „Dorian Gray ist für mich nichts
+als ein künstlerisches Motiv. Vielleicht fändest du gar
+nichts in ihm. Ich finde alles in ihm. Er ist in Wirklichkeit
+nie mehr in meiner Arbeit lebendig, als wenn kein Schatten
+von ihm darin ist. Er ist für mich, wie ich sagte, die Anregung
+zu einem Stil. Ich finde ihn in den Schwingungen
+gewisser Linien wieder, in der Lieblichkeit und Zartheit
+gewisser Farben. Das ist alles.“</p>
+
+<p>„Warum aber willst du dann sein Bild nicht ausstellen?“
+fragte Lord Henry.</p>
+
+<p>„Weil ich, ohne es zu wollen, einen gewissen Ausdruck
+all dieser ganz merkwürdigen Künstlervergötterung hineingelegt
+habe, von der ich natürlich nie zu ihm sprechen
+wollte. Er hat von alledem keine Ahnung. Er soll nie
+etwas davon ahnen. Aber die Welt könnte es erraten; und
+ich will meine Seele ihren seichten, spähenden Augen nicht
+entblößen. Mein Herz sollen sie nie unter ihr Mikroskop
+bekommen. Es ist zu viel von mir selbst in dem Dinge,
+Harry &mdash; zu viel von mir selbst.“</p>
+
+<p>„Dichter nehmen's nicht so genau wie du. Die wissen,
+wie einträglich es ist, Leidenschaft zu veröffentlichen. Ein
+<a class="pagenum" name="Page_23" title="23"> </a>
+gebrochenes Herz bringt es heutzutage zu einer ganzen
+Reihe von Auflagen.“</p>
+
+<p>„Ich finde sie darum eben abscheulich!“ rief Hallward
+aus. „Ein Künstler soll Schönes schaffen, aber er soll
+nichts von seinem eigenen Leben hineintragen. Wir leben
+in einer Zeit, wo die Menschen aus der Kunst eine Art
+Autobiographie zu machen wünschen. Wir haben eben den
+klaren Begriff für Schönheit verloren. Eines Tages will
+ich der Welt zeigen, was sie ist, und deshalb soll die Welt
+mein Bild Dorian Grays niemals sehen.“</p>
+
+<p>„Ich glaube, du hast unrecht, Basil, aber ich will mit
+dir nicht streiten. Nur die geistig Entkernten streiten sich
+gern. Sag' mir, hat dich Dorian Gray sehr lieb?“</p>
+
+<p>Der Maler dachte ein paar Augenblicke nach. „Er hat
+mich gern“, antwortete er nach einer Weile; „sicher hat er
+mich gern. Natürlich schmeichle ich ihm fürchterlich. Ich
+finde eine ganz besondere Lust daran, ihm Dinge zu sagen,
+die mir später leid tun, wie ich ganz genau weiß. In der
+Regel ist er auch reizend zu mir, und wir sitzen dann im
+Atelier und schwatzen von tausend Dingen. Dann und
+wann ist er allerdings greulich gedankenlos und scheint
+große Freude darin zu finden, mir wehe zu tun. Dann,
+Harry, habe ich das Gefühl, daß ich jemand meine ganze
+Seele überantwortet habe, der sie behandelt wie eine
+Blume für das Knopfloch, wie ein kleines Ehrenzeichen,
+mit dem man seine Eitelkeit befriedigt, wie einen Zierat
+für einen Sommertag.“</p>
+
+<p>„Sommertage, Basil, pflegen manchmal lange zu währen“,
+murmelte Lord Henry. „Vielleicht wirst du seiner
+<a class="pagenum" name="Page_24" title="24"> </a>
+früher müde, als er deiner. Es ist sehr traurig, daran zu
+denken, aber es ist ohne Zweifel wahr, daß das Genie
+die Schönheit überlebt. Das erklärt auch die Tatsache,
+daß wir uns soviel Mühe geben, uns mit Bildung vollzupfropfen.
+In dem wilden Existenzkampfe ums Dasein
+wollen wir alle etwas Dauerhaftes haben, und so füllen
+wir unser Gehirn mit Plunder und Tatsachen an, in der
+dummen Hoffnung, dadurch unseren Platz zu behaupten.
+Der durch und durch unterrichtete Mann &mdash; das ist das
+moderne Ideal. Und das Gehirn dieses durch und durch
+unterrichteten Mannes hat etwas Fürchterliches. Es gleicht
+einem Kuriositätenladen, in dem es lauter Ungeheuerlichkeiten
+voll Staub gibt, und wo jeder Gegenstand über
+seinen wahren Wert hinaus ausgezeichnet. Immerhin, ich
+glaube, du wirst zuerst müde werden. Eines Tages wirst
+du deinen jungen Freund anschauen und finden, daß er
+etwas verzeichnet ist, oder du wirst an seiner Farbe etwas
+auszusetzen haben oder irgend so etwas. Du wirst ihm
+dann in deinem Herzen bittere Vorwürfe machen und ganz
+ernsthaft überzeugt sein, daß er sich recht schlecht gegen dich
+benommen hat. Wenn er dich dann das nächstemal besucht,
+wirst du völlig kühl und gleichgültig gegen ihn sein. Das
+wird sehr schade sein, denn es wird dich selbst verändern.
+Was du mir da erzählt hast, ist völlig ein Gedicht, eine
+Romanze der Kunst möchte man es nennen, und das
+Schlimmste beim Erleben von Gedichten ist nur, daß es
+einen so ganz unpoetisch zurückläßt.“</p>
+
+<p>„Harry, ich bitte, sprich nicht so. Solang' ich lebe, wird
+mich die Persönlichkeit Dorian Grays beherrschen. Du
+<a class="pagenum" name="Page_25" title="25"> </a>
+kannst meine Empfindung nicht nachfühlen. Du wandelst
+dich zu oft.“</p>
+
+<p>„Ah, mein lieber Basil, gerade darum kann ich sie
+nachempfinden. Die treuen Menschen kennen nur die triviale
+Seite der Liebe; die Treulosen allein erfahren die
+Tragödien der Liebe.“ Und Lord Henry zündete an einem
+zierlichen silbernen Büchschen ein Streichholz an und begann
+eine Zigarette zu rauchen, mit jener so selbstbewußten,
+zufriedenen Miene, als hätte er den Sinn der
+ganzen Welt in einen Satz zusammengefaßt. Man hörte
+ein leises Rauschen von zirpenden Sperlingen in den
+grünen, wie mit glänzendem Lack überzogenen Efeublättern,
+und die blauen Wolkenschatten jagten wie Schwalben
+über das Gras. Wie reizend war es doch in dem Garten
+und wie entzückend waren die Gefühlsregungen anderer
+Leute! &mdash; weit entzückender als ihre Gedanken, so schien
+es ihm. Des Menschen eigene Seele und die Leidenschaft
+seiner Freunde &mdash; das sind die fesselnden Dinge des
+Lebens. Er stellte sich mit geheimem Vergnügen das langweilige
+Frühstück vor, das er durch seinen langen Besuch
+bei Basil Hallward versäumt hatte. Wäre er zu seiner
+Tante gegangen, hätte er dort sicher Lord Goodbody getroffen,
+und das ganze Gespräch hätte sich mit der Armenernährung
+und der Notwendigkeit von Musterwohnhäusern
+beschäftigt. Menschen jedes Standes hätten die Wichtigkeit
+gerade jener Tugenden gepredigt, für die sie in
+ihrem eigenen Leben gar keine Verwendung hatten. Der
+Reiche hätte von dem Werte der Sparsamkeit geredet, und
+der Träge mit wahrhafter Beredsamkeit über die Würde<a class="pagenum" name="Page_26" title="26"> </a>
+der Arbeit. Es war reizend, all dem entgangen zu sein.
+Als er an seine Tante dachte, schien ihm etwas einzufallen.
+Er wandte sich zu Basil und sagte: „Mein lieber Junge,
+ich erinnere mich jetzt.“</p>
+
+<p>„Woran erinnerst du dich, Harry?“</p>
+
+<p>„Wo ich den Namen Dorian Grays gehört habe.“</p>
+
+<p>„Wo war das?“ fragte Hallward mit leichtem Stirnrunzeln.</p>
+
+<p>„Schau' doch nicht so böse drein, Basil. Es war bei
+meiner Tante, Lady Agatha. Sie erzählte mir, sie sei
+einem wunderhübschen jungen Menschen begegnet, der ihr
+im East-End helfen wolle, und er heiße Dorian Gray.
+Ich muß zugeben, sie hat mir nie etwas darüber gesagt,
+daß er so hübsch sei. Frauen haben kein Verständnis für
+Schönheit, wenigstens gute Frauen nicht. Sie sagte, daß
+er sehr ernst sei und eine edle Seele habe. Ich stellte mir
+natürlich sofort ein Wesen mit Brille und wallendem
+Haar und gräßlich vielen Sommersprossen vor, das auf
+riesigen Füßen umherstapfe. Ich wünsche jetzt, ich hätte
+gewußt, daß er dein Freund ist.“</p>
+
+<p>„Ich bin sehr froh, daß du es nicht gewußt hast, Harry.“</p>
+
+<p>„Warum?“</p>
+
+<p>„Ich will nicht, daß du ihn kennenlernst.“</p>
+
+<p>„Du willst nicht, daß ich ihn kennenlerne?“</p>
+
+<p>„Nein.“</p>
+
+<p>„Herr Dorian Gray ist im Atelier“, sagte der Diener,
+der in den Garten hinaustrat.</p>
+
+<p>„Jetzt mußt du mich vorstellen!“ rief Lord Henry
+lachend. Der Maler wandte sich zu seinem Diener, der<a class="pagenum" name="Page_27" title="27"> </a>
+blinzelnd in der Sonne dastand: „Bitten Sie Herrn
+Gray, zu warten, Parker; ich komme in ein paar Minuten.“
+Der Mann verbeugte sich und ging ins Haus.</p>
+
+<p>Dann sah der Maler Lord Henry an. „Dorian Gray
+ist mein teuerster Freund“, sagte er. „Er hat eine schlichte
+und edle Seele. Deine Tante hatte ganz recht mit dem,
+was sie über ihn sagte. Verdirb ihn mir nicht. Versuche
+nicht, Einfluß auf ihn auszuüben. Dein Einfluß wäre verderblich.
+Die Welt ist groß, und es gibt eine Menge köstlicher
+Menschen auf ihr. Raube mir nicht den einzigen
+Menschen, der meiner Kunst ihren ganzen Zauber verleiht,
+den sie hat: mein Leben als Künstler hängt von
+ihm ab! Denke daran, Harry, ich vertraue dir.“ Er sprach
+sehr langsam, und die Worte schienen sich ihm gegen
+seinen Willen zu entringen.</p>
+
+<p>„Was für Unsinn du redest!“ sagte Lord Henry lächelnd,
+nahm Hallward unter den Arm und führte ihn in das
+Haus.</p>
+
+<h2><a name="Zweites_Kapitel" id="Zweites_Kapitel"></a>Zweites Kapitel</h2>
+
+
+<p>Als sie eintraten, erblickten sie Dorian Gray. Er saß
+am Klavier, mit dem Rücken ihnen zu, und blätterte in
+einem Notenbande mit Schumanns Waldszenen. „Die
+mußt du mir leihen, Basil!“ rief er aus. „Ich möchte
+sie spielen lernen. Sie sind geradezu entzückend.“</p>
+
+<p>„Das hängt ganz davon ab, wie du mir heute sitzen
+wirst, Dorian.“</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_28" title="28"> </a></p>
+
+<p>„Ach, ich habe das Sitzen lange satt, und ich will gar
+kein lebensgroßes Bild von mir“, antwortete der Jüngling
+und schwang sich in dem Musikstuhl auf eine eigensinnige,
+launische Knabenart herum. Als er aber Lord
+Henry erblickte, stieg für einen Augenblick ein schwaches
+Rot in seine Wangen, und er sprang auf. „Ich bitte um
+Entschuldigung, Basil, ich wußte nicht, daß jemand bei
+dir ist.“</p>
+
+<p>„Das ist Lord Henry Wotton, Dorian, ein alter
+Freund von Oxford her. Ich habe ihm gerade erzählt,
+wie musterhaft du sitzen kannst, und jetzt hast du alles
+verdorben.“</p>
+
+<p>„Mir haben Sie das Vergnügen, Ihre Bekanntschaft
+zu machen, nicht verdorben, Herr Gray“, sagte Lord
+Henry, ging auf ihn zu und streckte ihm die Hand entgegen.
+„Meine Tante hat oft von Ihnen gesprochen. Sie
+sind einer ihrer Lieblinge und, wie ich fürchte, auch ihrer
+Opfer.“</p>
+
+<p>„Ich stehe zur Zeit auf Lady Agathas schwarzer
+Liste“, antwortete Dorian mit einem komisch reuigen
+Gesichtsausdruck. „Ich hatte ihr versprochen, sie letzten
+Dienstag nach einem Klub in Whitechapel zu begleiten,
+und ich habe dann die Abmachung vergessen. Wir sollten
+da miteinander vierhändig spielen &mdash; drei Stücke
+glaube ich. Ich weiß nun nicht, was sie mir dazu sagen
+wird. Ich habe Angst, ihr einen Besuch zu machen.“</p>
+
+<p>„Oh, ich werde Sie mit meiner Tante versöhnen. Sie
+ist Ihnen äußerst zugetan. Und ich glaube auch, es schadet
+nichts, daß Sie nicht dort waren. Die Zuhörer<a class="pagenum" name="Page_29" title="29"> </a>
+haben sicher angenommen, es sei vierhändig gespielt worden.
+Wenn sich Tante Agatha ans Klavier setzt, macht
+sie für zwei Personen reichlich Lärm.“</p>
+
+<p>„Sie sprechen sehr schlecht von ihr, und mir machen Sie
+auch gerade kein Kompliment damit“, antwortete Dorian
+lachend.</p>
+
+<p>Lord Henry sah ihn an. Ja, er war wirklich wunderbar
+schön, mit seinen feingeschwungenen dunkelroten Lippen,
+seinen offenen blauen Augen und seinem gewellten,
+goldblonden Haar. In seinem Gesicht war ein Ausdruck,
+der sofort Vertrauen erweckte. Aller Glanz der Jugend
+lag darin und ebenso all die leidenschaftliche Reinheit
+der Jugend. Man fühlte, daß er bisher noch nicht von
+der Welt befleckt war. Kein Wunder, daß ihn Basil
+Hallward anbetete.</p>
+
+<p>„Sie sind viel zu hübsch, um sich mit Wohltätigkeit abzugeben,
+Herr Gray &mdash; viel zu hübsch!“ Und Lord
+Henry warf sich auf den Diwan und öffnete seine Zigarettendose.</p>
+
+<p>Der Maler hatte inzwischen eifrig seine Farben gemischt
+und seine Pinsel zurechtgemacht. Er sah etwas gequält
+aus, und als er Lord Henrys letzte Bemerkung
+hörte, blickte er zu ihm hin, sann einen Augenblick nach
+und sagte dann: „Harry, ich möchte das Bild heute
+fertig kriegen. Fändest du es sehr grob von mir, wenn
+ich dich jetzt bäte, uns allein zu lassen?“</p>
+
+<p>Lord Henry lächelte und sah Dorian Gray an. „Soll
+ich gehen, Herr Gray?“ fragte er.</p>
+
+<p>„Oh, bitte, nein, Lord Henry. Ich sehe, Basil hat<a class="pagenum" name="Page_30" title="30"> </a>
+wieder einen seiner schlechten Tage, und ich kann ihn
+nicht vertragen, wenn er so brummt. Außerdem möchte
+ich von Ihnen erfahren, warum ich mich nicht mit Wohltätigkeit
+befassen soll?“</p>
+
+<p>„Ich weiß nicht, ob ich Ihnen das sagen soll, Herr
+Gray. Es ist ein so langweiliges Thema, daß man schon
+ernsthaft darüber reden müßte. Aber jetzt geh ich auf
+keinen Fall, nachdem Sie mir erlaubt haben, dazubleiben.
+Du hast doch nichts im Ernst dagegen, Basil? Du
+hast mir oft genug gesagt, daß es dir angenehm sei,
+wenn deine Modelle mit jemand plaudern können.“</p>
+
+<p>Hallward biß sich auf die Lippe. „Wenn es Dorian
+wünscht, wirst du natürlich dableiben. Dorians Launen
+sind Gesetze für jedermann, außer für ihn selbst.“</p>
+
+<p>Lord Henry nahm seinen Hut und seine Handschuhe.
+„Trotz deiner dringenden Aufforderung, Basil, fürchte
+ich, gehen zu müssen. Ich habe mit jemand eine Verabredung
+im Orleans-Klub. Adieu, Herr Gray! Bitte,
+besuchen Sie mich doch mal eines Nachmittags in Curzon
+Street. Um fünf Uhr treffen Sie mich fast immer. Schreiben
+Sie mir, bitte, wann Sie kommen. Es täte mir sehr
+leid, wenn Sie mich verfehlten.“</p>
+
+<p>„Basil,“ rief Dorian Gray, „wenn Lord Henry Wotton
+geht, dann gehe ich auch. Du bringst ja beim Malen
+nie die Lippen auseinander, und es ist furchtbar ermüdend,
+auf einem Podium zu stehen und sich anzustrengen,
+freundlich auszusehen. Bitte ihn, dazubleiben.
+Ich bestehe darauf.“</p>
+
+<p>„Bleib, Harry, du machst Dorian damit ein Vergnügen<a class="pagenum" name="Page_31" title="31"> </a>
+und auch mir“, sagte Hallward, ohne von seinem
+Bilde aufzublicken. „Er hat ganz recht, ich spreche nie
+ein Wort während der Arbeit und höre ebensowenig zu,
+und das muß sehr langweilig für meine unglücklichen
+Modelle sein. Ich bitte dich also, bleib.“</p>
+
+<p>„Was fange ich aber mit meinem Mann im Orleans
+an?“</p>
+
+<p>Der Maler lachte. „Ich glaube, damit wird es keine
+Schwierigkeit haben. Setz dich nur wieder, Harry. Und
+jetzt, Dorian, geh auf das Podium und bewege dich
+nicht zuviel und achte auch nicht auf das, was Lord Henry
+sagt. Er hat einen sehr bösen Einfluß auf alle seine
+Freunde, nur mich ausgenommen.“</p>
+
+<p>Dorian Gray bestieg das Podium mit der Miene eines
+jungen griechischen Märtyrers und stieß, zu Lord Henry
+gewandt, der ihm gleich gut gefallen hatte, einen kleinen
+drolligen Seufzer aus. Dieser Mann war so ganz anders
+als Basil. Die beiden bildeten einen entzückenden Gegensatz.
+Und er hatte ein so schönes Organ. Nach ein paar
+Augenblicken sagte Dorian zu ihm: „Haben Sie wirklich
+einen so bösen Einfluß, Lord Henry? Ist es so arg,
+wie Basil sagt?“</p>
+
+<p>„Es gibt keinen sogenannten guten Einfluß, Herr Gray.
+Jeder Einfluß ist unmoralisch &mdash; unmoralisch vom wissenschaftlichen
+Standpunkt aus.“</p>
+
+<p>„Wieso?“</p>
+
+<p>„Weil jemand beeinflussen soviel ist wie ihm die eigene
+Seele leihen. Er denkt dann nicht mehr seine natürlichen
+Gedanken und brennt nicht mehr in seinem natürlichen<a class="pagenum" name="Page_32" title="32"> </a>
+Feuer. Seine Tugenden sind gar nicht seine Tugenden.
+Seine Sünden, wenn es so etwas wie Sünden gibt, sind
+nur ausgeborgte. Er wird ein Echo für die Töne eines
+anderen, Schauspieler einer Rolle, die nicht für ihn geschrieben
+wurde. Der Sinn des Daseins ist: Selbstentwicklung.
+Die eigene Natur voll zum Ausdruck zu bringen
+&mdash; diese Aufgabe hat jeder von uns hier zu lösen.
+Heutzutage hat jeder Mensch Angst vor sich. Sie haben
+ihre heiligste Pflicht vergessen, nämlich die gegen sich
+selbst. Natürlich sind sie wohltätig. Sie nähren den Hungernden
+und kleiden den Bettler. Aber ihre eigenen Seelen
+darben und gehen nackt. Der Mut ist unserem Geschlecht
+abhanden gekommen. Vielleicht haben wir ihn nie
+wirklich besessen. Die Furcht vor der Gesellschaft als der
+Grundlage der Sittlichkeit, und die Furcht vor Gott, als
+dem Geheimnis der Religion &mdash; das sind die zwei Dinge,
+die uns beherrschen. Und doch &mdash;“</p>
+
+<p>„Dorian, dreh den Kopf mal ein wenig mehr nach
+rechts, sei so gut“, sagte der Maler, der ganz in sein
+Werk vertieft war, aber doch gemerkt hatte, daß in des
+Jünglings Gesicht ein Ausdruck getreten war, den er
+vorher nie darin gesehen hatte.</p>
+
+<p>„Und doch,“ fuhr Lord Henry mit seiner tiefen musikalischen
+Stimme fort, während er die Hand in der anmutigen
+Art bewegte, die er schon seinerzeit in Eton gehabt
+hatte, „ich glaube, wenn die Menschen nur ihr
+eigenes Leben voll, bis auf den letzten Rest ausleben
+würden, jedes Gefühl Gestalt bekommen lassen, jeden
+Gedanken ausdrücken, jeden Traum in Dasein umsetzen<a class="pagenum" name="Page_33" title="33"> </a>
+wollten &mdash; ich glaube, dann käme in die Welt ein solcher
+Schwung von neuer Freudigkeit, daß wir alle die Krankheiten
+des Mittelalters vergäßen und zum hellenischen
+Ideal zurückkehrten, ja wir kämen vielleicht zu etwas
+Feinerem und Reicherem, als das hellenische Ideal war.
+Aber selbst der Tapferste unter uns hat Angst vor sich selber.
+Die Selbstverstümmelung der Wilden hat ihr tragisches
+Überbleibsel in der Selbstverleugnung, die unser Leben
+verstümmelt. Wir büßen für unsere Entsagungen. Jeder
+Trieb, den wir zu ersticken suchen, frißt im Innern weiter
+und vergiftet uns. Der Körper sündigt nur einmal und
+hat sich durch die Sünde befreit, denn Tat ist immer eine
+Art Reinigung. Nichts bleibt davon zurück als die Erinnerung
+an ein Vergnügen oder die schmerzliche Wollust
+der Reue. Der einzige Weg, eine Versuchung zu bestehen,
+ist, sich ihr hinzugeben. Widerstehen Sie ihr, und Ihre
+Seele erkrankt vor Sehnsucht nach der Erfüllung, die
+sie sich selber verweigert hat, erkrankt vor dem Verlangen
+nach dem, was ihre ungeheuerlichen Gesetze ungeheuerlich
+und ungesetzmäßig gemacht haben. Es ist wohl gesagt
+worden, die großen Ereignisse der Welt gingen im Gehirn
+vor sich. Im Gehirn und ganz allein im Gehirn
+werden auch die großen Sünden der Welt begangen. Sie,
+Herr Gray, Sie selbst mit Ihrer rosenroten Jugend und
+Ihrer rosenblassen Knabenunschuld, Sie haben schon Leidenschaften
+erlebt, die Ihnen Angst einjagten, haben Gedanken
+gehabt, die Sie in Schrecken setzten, haben wachend
+und schlafend Träume gehabt, deren bloße Erinnerung
+Ihre Wangen schamrot werden ließ &mdash;“</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_34" title="34"> </a></p>
+
+<p>„Hören Sie auf,“ stammelte Dorian Gray, „hören Sie
+auf, Sie machen mich ganz wirr. Ich weiß nicht, was ich
+sagen soll. Es gibt eine Antwort darauf, aber ich kann
+sie nicht finden. Sagen Sie nichts mehr! Lassen Sie mich
+nachdenken. Oder vielmehr, lassen Sie mich versuchen, dem
+nicht nachzudenken.“</p>
+
+<p>Etwa zehn Minuten stand er bewegungslos da, mit
+halboffenen Lippen und seltsam leuchtenden Augen. Er
+war sich dumpf bewußt, daß ganz neue Einflüsse in ihm
+arbeiteten. Und doch schien es, als kämen sie in Wirklichkeit
+aus seinem eigenen Innern. Die paar Worte, die
+Basils Freund zu ihm gesagt hatte &mdash; ohne Zweifel zufällig
+hingeworfene Worte voll absichtlicher Paradoxie &mdash;
+hatten eine geheime Saite seiner Seele berührt, die vordem
+nie berührt worden war, die er aber nun zittern und
+in seltsamer Wildheit schluchzen hörte.</p>
+
+<p>Musik hatte ihn so ähnlich aufgewühlt. Musik hatte ihn
+oft in Aufruhr gebracht. Aber Musik war etwas Unbestimmtes.
+Sie bringt keine neue Welt in uns hervor;
+schafft eher ein neues Chaos in uns. Worte! Bloße
+Worte! Wie schrecklich die waren! Wie klar und lebendig
+und grausam! Man konnte ihnen nicht entrinnen. Und
+doch, welch tiefer Zauber steckte in ihnen! Sie schienen
+die Kraft zu haben, formlosen Dingen eine greifbare
+Gestalt zu geben, und schienen eine Musik in sich zu bergen,
+so süß wie die der Geige oder der Laute. Bloße
+Worte! Gab es denn irgend etwas so Wirkliches wie
+Worte?</p>
+
+<p>Ja; es hatte in seiner Knabenzeit Dinge gegeben, die<a class="pagenum" name="Page_35" title="35"> </a>
+ihm unbegreiflich geblieben waren. Jetzt verstand er sie.
+Plötzlich bekam das Leben für ihn lodernde Farben. Nun
+schien es ihm, als sei er mittenhin durch Feuer gewandelt.
+Warum hatte er es nie gemerkt?</p>
+
+<p>Lord Henry beobachtete ihn mit einem feinspürenden
+Lächeln. Er verstand sich gut auf jenen psychologischen
+Moment, in dem man kein Wort sagen darf. Er fühlte
+sich sehr stark interessiert. Die jähe Wirkung seiner Worte
+machte ihn erstaunen; nun entsann er sich eines Buches,
+das er mit sechzehn Jahren gelesen und das ihm viel bis
+dahin Unbekanntes enthüllt hatte, und er fragte sich, ob
+Dorian Gray jetzt wohl eine ähnliche Erfahrung erlebe.
+Er hatte nur einen Pfeil ins Blaue geschossen. Hatte er
+das Ziel getroffen? Wie anziehend doch dieser Junge
+war!</p>
+
+<p>Inzwischen malte Hallward in jenen wundervollen,
+kühnen Zügen weiter, die das Zeichen aller wahren Feinheit
+und Vollkommenheit sind, denn die kann der Kunst
+nur aus der Kraft werden. Er merkte die wortlose Stille
+gar nicht.</p>
+
+<p>„Basil, ich habe jetzt genug von dem Stehen!“ rief
+Dorian plötzlich aus. „Ich muß hinaus und mich im
+Garten hinsetzen. Die Luft hier ist zum Ersticken.“</p>
+
+<p>„Mein Bester, das tut mir wirklich leid. Wenn ich male,
+kann ich an nichts anderes denken. Aber du hast nie besser
+Modell gestanden. Du warst ganz ruhig. Und ich habe
+endlich den Ausdruck herausgebracht, den ich gesucht habe
+&mdash; die halb offenen Lippen und den Glanz in den Augen.
+Ich weiß nicht, was Harry dir erzählt hat, aber sicher hat<a class="pagenum" name="Page_36" title="36"> </a>
+er es bewirkt, daß du den prachtvollsten Ausdruck hast. Ich
+vermute, er hat dir Komplimente gemacht. Du darfst ihm
+nur kein einziges Wort glauben.“</p>
+
+<p>„Er hat mir nicht das kleinste Kompliment gemacht.
+Vielleicht ist das der Grund, daß ich wirklich kein Wort
+von dem glaube, was er gesagt hat.“</p>
+
+<p>„Sie wissen selbst, daß Sie jedes Wort davon glauben“,
+erwiderte Lord Harry, der ihn mit seinen weichen, träumerischen
+Augen ansah. „Wir wollen zusammen in den
+Garten gehen. Es ist furchtbar heiß hier im Atelier. Basil,
+laß uns irgendein Eisgetränk geben, irgendwas mit Erdbeeren
+darin.“</p>
+
+<p>„Gern, Harry. Klingele nur selbst, und wenn Parker
+kommt, will ich ihm sagen, was Ihr haben wollt. Ich
+muß erst den Hintergrund hier noch fertig machen und
+komme dann später nach. Halte mir Dorian aber nicht
+zu lange fest. Ich war nie in besserer Malstimmung als
+heute. Dies Porträt wird mein Meisterwerk. Wie es da
+steht, ist es schon mein Meisterwerk.“</p>
+
+<p>Lord Henry ging in den Garten hinaus und fand dort
+Dorian Gray, wie er sein Gesicht hinter den großen,
+kühlen Blütenbüscheln der Fliedersträuche versteckte und
+fieberhaft ihren Duft einsog, als tränke er Wein. Er trat
+nahe an ihn heran und legte ihm die Hand auf die
+Achsel. „Sie haben ganz recht, so zu tun“, sagte er leise.
+„Nichts hilft der Seele besser als die Sinne, sowie den
+Sinnen nichts besser als die Seele helfen kann.“</p>
+
+<p>Der Jüngling schreckte auf und trat einen Schritt zurück.
+Er war ohne Hut, und das Blattgewirr hatte seine widerspenstigen<a class="pagenum" name="Page_37" title="37"> </a>
+Locken aufgewühlt und ihre goldblonden Strähnen
+in Unordnung gebracht. In seinen Augen lag ein
+Ausdruck von Furcht, wie ihn Menschen haben, die man
+jäh aus dem Schlaf reißt. Seine zartgeformten Nasenflügel
+bebten, und ein geheimer Nerv zuckte leis an den
+scharlachroten Lippen, so daß sie beständig zitterten.</p>
+
+<p>„Ja,“ fuhr Lord Henry fort, „das ist eines der großen
+Geheimnisse des Daseins &mdash; die Seele durch die Sinne
+und die Sinne durch die Seele heilen können. Sie sind ein
+wunderbares Menschenkind! Sie wissen mehr, als Ihnen
+bewußt ist, gerade wie Sie weniger wissen, als Ihnen
+dienlich ist.“</p>
+
+<p>Dorian Gray runzelte die Stirn und wendete den Kopf
+weg. Ein unwiderstehlicher Reiz zog ihn zu diesem großen,
+anmutigen jungen Mann hin, der da neben ihm stand.
+Sein romantisches, olivenfarbiges Gesicht und der müde
+Ausdruck darin fesselten ihn. Es war etwas in dem müden
+Ton seiner Stimme, was völlig in Bann schlug. Auch seine
+Hände, kühl, weiß und blumenhaft, zogen an. Sie bewegten
+sich bei seinen Worten, begleiteten sie wie Musik
+und schienen ihre eigene Sprache zu reden. Aber er hatte
+auch Angst vor ihm und schämte sich dieser Angst. Warum
+hatte ein Fremder kommen müssen, um ihn sich selber zu
+offenbaren? Er kannte Basil Hallward nun seit Monaten,
+aber diese Freundschaft hatte ihn niemals verwandelt.
+Jetzt war plötzlich jemand in sein Leben getreten, der ihm
+des Lebens Mysterium enthüllt zu haben schien. Und doch,
+wovor sollte er sich fürchten? Er war kein Schulknabe
+und kein kleines Mädchen. Es war töricht, Angst zu haben.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_38" title="38"> </a></p>
+
+<p>„Kommen Sie und setzen wir uns in den Schatten“,
+sagte Lord Henry. „Parker hat uns was zu trinken gebracht,
+und wenn Sie noch länger in solcher Sonnenglut
+stehenbleiben, werden Sie sich Ihren Teint verderben,
+und Basil wird Sie nie mehr malen. Sie dürfen sich wirklich
+nicht von der Sonne verbrennen lassen. Es würde
+Ihnen schlecht stehen.“</p>
+
+<p>„Was läge weiter daran?“ rief Dorian Gray und
+lachte, als er sich auf eine Bank am Ende des Gartens setzte.</p>
+
+<p>„Alles sollte Ihnen daran liegen, Herr Gray.“</p>
+
+<p>„Wieso?“</p>
+
+<p>„Weil Sie die wundervollste Jugend haben, und Jugend
+ist das einzige, dessen Besitz einen Wert hat.“</p>
+
+<p>„Ich empfinde das nicht, Lord Henry.“</p>
+
+<p>„Nein, jetzt empfinden Sie es nicht. Später einmal,
+wenn Sie alt, runzlig und häßlich sind, wenn das Denken
+Furchen in Ihre Stirne gegraben und die Leidenschaft
+Ihre Lippen mit ihrem schrecklichen Feuer verbrannt hat,
+dann werden Sie es empfinden, furchtbar empfinden. Jetzt
+können Sie hingehen, wo Sie wollen, und Sie berücken
+die ganze Welt! Wird das immer so sein?... Sie haben
+ein wundervoll schönes Gesicht, Herr Gray. Runzeln Sie
+nicht die Stirn. Sie haben es. Und Schönheit ist eine Form
+des Genies &mdash; steht in Wahrheit noch höher als das
+Genie, da sie keinerlei Erklärung bedarf. Sie ist eine der
+großen Lebenstatsachen, wie das Sonnenlicht oder der
+Lenz oder wie in dunkeln Gewässern der Widerschein der
+Silbermuschel, die wir Mond nennen. Sie kann nicht bestritten
+werden. Sie hat ein göttliches, erhabenes Recht.<a class="pagenum" name="Page_39" title="39"> </a>
+Wer sie hat, den macht sie zu einem Prinzen. Sie
+lächeln? Oh, wenn Sie sie verloren haben, lächeln Sie
+nicht mehr... Die Leute sagen manchmal, Schönheit sei
+nur etwas Äußerliches. Mag sein. Aber zum mindesten
+ist sie nicht so äußerlich wie das Denken. Für mich ist
+Schönheit aller Wunder Wunder. Nur die Hohlköpfe urteilen
+nicht nach dem Äußeren. Das wahre Geheimnis der
+Welt ist das Sichtbare, nicht das Unsichtbare... Ja,
+Herr Gray, die Götter haben es gut mit Ihnen gemeint.
+Aber was die Götter schenken, rauben sie bald wieder.
+Sie haben nur ein paar Jahre, wo Sie wahrhaftig vollkommen,
+restlos leben können. Indem Ihre Jugend verrauscht
+ist, nimmt sie die Schönheit mit, und dann werden
+Sie plötzlich entdecken, daß Ihrer keine Siege mehr
+warten, oder daß Sie sich mit jenen traurigen Siegen
+werden begnügen müssen, die Ihnen die Erinnerung an
+die Vergangenheit bitterer machen wird als Niederlagen.
+Jeder Monat, der dahingeht, bringt Sie näher einem
+schrecklichen Ziele. Die Zeit ist eifersüchtig auf Sie und
+kämpft gegen Ihre Lilien und Rosen. Sie werden fahl und
+hohlwangig, und Ihre Augen werden sich trüben. Sie
+werden unsäglich leiden... Ach! leben Sie Ihre Jugend,
+solange sie da ist. Vergeuden Sie das Gold Ihrer Tage
+nicht, leihen Sie Ihr Ohr nicht den Philistern, mühen
+Sie sich nicht, hoffnungslose Verhängnisse zu verbessern,
+geben Sie Ihr Leben nicht den Unwissenden, Niedrigen,
+den gemeinen Leuten hin! Das sind die kranken Ziele, die
+falschen Ideale unserer Zeit. Leben Sie! Leben Sie das
+wunderschöne Leben, das in Ihnen ist! Lassen Sie sich<a class="pagenum" name="Page_40" title="40"> </a>
+nichts verloren sein! Suchen Sie rastlos nach neuen
+Sinneseindrücken! Fürchten Sie nichts... Ein neuer Hedonismus
+&mdash; der täte unserem Jahrhundert not. Sie könnten
+sein sichtbares Symbol werden. Mit Ihrer Persönlichkeit
+können Sie alles wagen. Die Welt gehört Ihnen
+einen Sommer hindurch... Im Augenblick, da ich Sie
+sah, merkte ich, daß Sie keine Ahnung davon haben, was
+Sie wirklich sind, was Sie wirklich sein könnten. So viel
+in Ihnen entzückte mich, daß ich förmlich gezwungen war,
+Ihnen etwas über Ihre Natur zu sagen. Ich dachte mir,
+welche Tragik darin läge, wenn Sie vergebens lebten.
+Denn Ihre Jugend währt nur so kurze Zeit &mdash; so kurze
+Zeit. Die alltäglichen Wiesenblumen welken, aber sie
+blühen wieder. Der Goldregen wird im nächsten Juni genau
+so gelb sein wie heute. In einem Monat setzt die Klematis
+purpurne Sterne an, und Jahr für Jahr umhüllt
+die grüne Nacht ihrer Blätter solche Purpursterne. Aber
+wir Menschen bekommen unsere Jugend nie wieder. Die
+Freude, die den Puls des Zwanzigjährigen peitscht, läßt
+nach. Unsere Glieder versagen, die Sinne werden seicht.
+Wir verkommen und werden greuliche Verpuppungen,
+werden verfolgt von den Erinnerungen an die Leidenschaften,
+vor denen wir zurückgeschreckt sind, und an die
+reizenden Versuchungen, denen zu erliegen wir nicht den
+Mut hatten. Jugend! Jugend! Es gibt in der Welt nichts
+weiter als Jugend!“</p>
+
+<p>Dorian Gray hörte zu, mit aufgerissenen Augen und
+staunend. Der Fliederzweig, den er in der Hand hielt, fiel
+auf den Kies. Eine Biene in ihrem Pelzkleid schoß her<a class="pagenum" name="Page_41" title="41"> </a>
+und umsummte ihn einen Augenblick. Dann krabbelte sie
+eifrig auf den kleinen Blumensternen herum. Er beobachtete
+sie mit dem seltsamen Interesse an gewöhnlichen Dingen,
+das wir in uns heranzubilden suchen, wenn wir uns vor
+entscheidenden Dingen fürchten, oder wenn uns ein neues
+Gefühl erschüttert, für das wir noch keine Formel haben,
+oder wenn ein schrecklicher Gedanke das Hirn umklammert
+und verlangt, daß wir uns ihm ausliefern sollen. Nach
+einer Weile schwirrte die Biene weg. Er sah sie in den
+bunten Trompetentrichter einer tyrischen Winde kriechen.
+Die Blume schien zusammenzuzucken und bewegte sich dann
+mit Grazie hin und her.</p>
+
+<p>Plötzlich erschien der Maler unter der Tür des Ateliers
+und forderte sie mit kurzen wiederholten Zeichen auf,
+hereinzukommen. Sie sahen sich einander an und lächelten.</p>
+
+<p>„Ich warte!“ rief er. „Kommt herein! Das Licht ist
+ganz prächtig, und ihr könnt eure Gläser mitbringen.“</p>
+
+<p>Sie standen auf und schlenderten den Weg zurück. Zwei
+grünlichweiße Schmetterlinge flatterten an ihnen vorüber,
+und in dem Birnbaum an der Gartenecke begann eine
+Drossel zu flöten.</p>
+
+<p>„Es freut Sie, mich kennengelernt zu haben, Herr
+Gray?“ fragte Lord Henry und blickte ihn an,</p>
+
+<p>„Ja, jetzt bin ich erfreut darüber. Ich weiß nicht, ob
+ich's immer sein werde!“</p>
+
+<p>„Immer! das ist ein schreckliches Wort. Ich schaudere,
+wenn ich es höre. Die Frauen haben es so gern. Sie zerstören
+sich jedes Abenteuer, indem sie ihm Ewigkeit verleihen
+wollen. Außerdem ist es ein sinnloses Wort. Der<a class="pagenum" name="Page_42" title="42"> </a>
+einzige Unterschied zwischen einer Laune und einer Leidenschaft,
+die ein Leben lang dauert, ist, daß die Laune ein
+bißchen länger dauert.“</p>
+
+<p>Als sie ins Atelier traten, legte Dorian Gray seine
+Hand auf Lord Henrys Arm. „Lassen Sie also unsere
+Freundschaft eine Laune sein“, sagte er leise und errötete
+über seine eigene Kühnheit. Dann bestieg er das Podium
+und nahm wieder seine Stellung ein.</p>
+
+<p>Lord Henry warf sich in einen bequemen Korbsessel und
+beobachtete ihn. Das Hin- und Herfahren des Pinsels
+auf der Leinwand war das einzige, die Stille unterbrechende
+Geräusch, nur manchmal hörte man den Schritt
+Hallwards, wenn er zurücktrat, um sein Werk aus der
+Entfernung zu prüfen. In den schrägen Sonnenstrahlen,
+die durch die offene Tür fluteten, tanzte der Staub in
+goldenen Schuppen. Über allem lagerte der schwere Duft
+der Rosen.</p>
+
+<p>Als etwa eine Viertelstunde vergangen war, hörte Hallward
+zu malen auf, betrachtete Dorian lange Zeit, sah
+dann lange auf das Bildnis, nagte an dem Stiel eines
+seiner großen Pinsel und runzelte die Stirn. „Ganz fertig“,
+rief er endlich, bückte sich und schrieb in großen grellroten
+Lettern seinen Namen in die linke Ecke der Leinwand.</p>
+
+<p>Lord Henry trat heran und betrachtete das Bild mit
+Kennerblick. Es war in der Tat ein wunderbares Kunstwerk
+und auch wunderbar ähnlich.</p>
+
+<p>„Lieber Junge,“ sagte er, „ich wünsche dir herzlich
+Glück. Es ist das beste Porträt unserer ganzen Zeit. Herr
+Gray, kommen Sie und sehen Sie selbst!“</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_43" title="43"> </a></p>
+
+<p>Der Jüngling schrak wie aus einem Traume auf. „Ist
+es wirklich fertig?“ murmelte er, als er vom Podium
+herabstieg.</p>
+
+<p>„Ganz fertig“, antwortete der Maler. „Und du hast
+heute glänzend Modell gestanden. Ich bin dir sehr, sehr
+dankbar.“</p>
+
+<p>„Das ist nur mein Verdienst“, warf Lord Henry ein.
+„Nicht wahr, Herr Gray?“</p>
+
+<p>Dorian gab keine Antwort, sondern trat, ohne hinzuhören,
+vor sein Bild und wandte sich dem Werke zu. Als
+er es sah, zuckte er zusammen, und seine Wangen röteten
+sich einen Augenblick vor Vergnügen. Ein Ausdruck der
+Freude blitzte in seinen Augen, als erkenne er sich selbst
+jetzt zum ersten Male. Bewegungslos und in Staunen
+versunken, stand er da und merkte dumpf, daß Hallward
+zu ihm sprach, ohne daß er den Sinn der Worte erfaßte.
+Das Gefühl seiner eigenen Schönheit kam über ihn wie
+eine Offenbarung. Er hatte es nie vorher empfunden.
+Basil Hallwards Komplimente hatte er nur für liebenswürdige
+Übertreibungen der Freundschaft gehalten. Er
+hatte sie gehört, über sie gelacht und sie vergessen. Sein
+Wesen hatten sie niemals beeinflußt. Dann war Lord
+Henry Wotton gekommen mit seinem sonderbaren Hymnus
+auf die Jugend, seiner schrecklichen Warnung von
+ihrer Flüchtigkeit. Das hatte ihn rechtzeitig aufgerüttelt,
+und als er jetzt dastand und das Abbild der eigenen
+Schönheit betrachtete, durchdrang ihn die volle Wirklichkeit
+jener Schilderung. Ja, der Tag mußte kommen,
+da sein Gesicht verrunzelt und verwelkt, die Augen trüb<a class="pagenum" name="Page_44" title="44"> </a>
+und farblos, die Anmut seiner Gestalt geknickt und entstellt
+sein würde. Das Scharlachrot der Lippen würde
+verblassen, der Goldglanz des Haares sich wegstehlen. Das
+Leben, das von seiner Seele gebildet wurde, zerstörte
+seinen Körper. Er würde häßlich, abscheuerregend und
+formlos werden.</p>
+
+<p>Als er daran dachte, durchfuhr ihn ein scharfer Schmerz
+wie ein Messerstich und ließ die feinsten Nerven seines Ichs
+erbeben. Seine Augen verdunkelten sich zu Amethysten,
+und ein Tränenflor umschleierte sie. Es war, als hätte
+sich ihm eine eiskalte Hand aufs Herz gelegt.</p>
+
+<p>„Gefällt es dir nicht?“ rief endlich Hallward, ein wenig
+gereizt durch das Schweigen des Jünglings, dessen Grund
+er nicht begriff.</p>
+
+<p>„Natürlich gefällt's ihm“, sagte Lord Henry. „Wem
+würde es nicht gefallen? Es gehört zu den größten Werken
+der modernen Kunst. Ich gebe dir jeden Betrag dafür,
+den du verlangst. Ich muß es haben.“</p>
+
+<p>„Es gehört nicht mir, Harry.“</p>
+
+<p>„Wem denn?“</p>
+
+<p>„Dorian natürlich“, antwortete der Maler.</p>
+
+<p>„Da hat er Glück...“</p>
+
+<p>„Wie traurig!“ flüsterte Dorian und hielt die Augen
+noch immer fest auf das Bild gerichtet. „Wie traurig!
+Ich werde alt werden und häßlich und widerlich. Aber
+dies Bild wird immer jung bleiben. Es wird nie über den
+heutigen Junitag hinaus altern... Wenn es nur umgekehrt
+sein könnte! Wenn ich ewig jung bliebe und dafür
+das Bild altern könnte! Dafür &mdash; dafür &mdash; gäbe ich alles!<a class="pagenum" name="Page_45" title="45"> </a>
+Ja, nichts in aller Welt wäre mir dafür zuviel! Ich gäbe
+meine Seele dafür!“</p>
+
+<p>„Dieser Tausch würde dir schwerlich passen, Basil“, rief
+Lord Henry lachend. „Das wäre schlimm für dein Bild.“</p>
+
+<p>„Ich würde mich ernstlich dagegen wehren, Harry“,
+sagte Hallward.</p>
+
+<p>Dorian Gray wandte sich zu ihm und sah ihn an. „Ich
+bin davon überzeugt, Basil. Die Kunst ist dir mehr als
+deine Freunde. Ich bedeute für dich nicht mehr als eine
+grüne Bronzefigur. Vielleicht kaum so viel, müßte ich
+sagen.“</p>
+
+<p>Der Maler war starr vor Erstaunen. So zu sprechen
+sah Dorian gar nicht ähnlich. Was war geschehen? Er
+schien ganz erregt. Sein Gesicht war gerötet, und die
+Wangen brannten.</p>
+
+<p>„Ja,“ fuhr er fort, „ich bin dir weniger als dieser Hermes
+aus Elfenbein oder der silberne Faun da. Die wirst
+du immer liebbehalten. Wie lange wirst du mich liebhaben?
+Vermutlich bis die erste Runzel mein Gesicht entstellt.
+Ich weiß jetzt, wenn man erst seine Schönheit verliert,
+hat man alles verloren. Dein Bild hat mich dies
+gelehrt. Lord Henry Wotton hat ganz recht. Jugend ist
+das einzige, was Wert hat auf der Welt. Sowie ich entdecke,
+daß ich alt werde, bringe ich mich um.“</p>
+
+<p>Hallward wurde bleich und faßte ihn bei der Hand.
+„Dorian, Dorian!“ rief er, „sage so etwas nicht. Ich habe
+nie einen Freund gehabt wie dich und werde nie wieder
+so einen haben. Du bist doch nicht auf leblose Dinge eifersüchtig?
+Du, der schöner ist als irgendeines von ihnen.“</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_46" title="46"> </a></p>
+
+<p>„Ich bin eifersüchtig auf jedes Ding, dessen Schönheit
+nicht stirbt. Ich bin eifersüchtig auf das Bild, das du von
+mir gemalt hast. Warum darf es behalten, was ich verlieren
+muß? Jeder Augenblick, der verfliegt, raubt mir
+etwas und schenkt ihm etwas. Oh, wenn es doch umgekehrt
+wäre! Wenn sich das Bild verändern und ich immer bleiben
+könnte, wie ich jetzt bin! Warum hast du es gemalt?
+Es wird mich dereinst verhöhnen &mdash; furchtbar verhöhnen!“
+Die heißen Tränen traten ihm in die Augen, er zog seine
+Hand weg, warf sich auf den Diwan und vergrub sein
+Gesicht in den Kissen, als betete er.</p>
+
+<p>„Das ist dein Werk, Harry“, sagte der Maler bitter.</p>
+
+<p>Lord Henry zuckte die Achseln. „Es ist der wahre Dorian
+Gray &mdash; sonst nichts.“</p>
+
+<p>„Das ist er nicht.“</p>
+
+<p>„Wenn er es nicht ist, was habe ich damit zu schaffen?“</p>
+
+<p>„Du hättest weggehen sollen, als ich dich darum bat“,
+grollte er.</p>
+
+<p>„Ich blieb, als du mich darum batest“, war Lord
+Henrys Erwiderung.</p>
+
+<p>„Harry, ich kann nicht auf einmal mit meinen beiden
+besten Freunden Streit anfangen, aber ihr beide habt
+schuld, daß ich das beste Stück, das mir je gelungen ist,
+hassen muß, und ich werde es vernichten. Ist es schließlich
+mehr als Leinwand und Farbe? Ich will es nicht eingreifen
+lassen in drei Leben und sie zerstören.“</p>
+
+<p>Dorian Gray hob seinen goldschimmernden Kopf von
+dem Kissen und blickte ihn mit bleichem Gesicht und tränenfeuchten
+Augen an, als er zu dem Maltische aus Kiefernholz<a class="pagenum" name="Page_47" title="47"> </a>
+trat, der unter dem hohen verhängten Fenster stand.
+Was wollte Basil beginnen? Seine Finger wühlten zwischen
+dem Wust von Blechtuben und trockenen Pinseln
+herum, als suchten sie etwas. Ja, sie suchten das lange
+Schabmesser mit der schmalen Klinge aus schmiegsamem
+Stahl. Endlich hatte er es gefunden. Er wollte die Leinwand
+zerschlitzen.</p>
+
+<p>Mit einem erstickten Schluchzen sprang der Jüngling
+vom Diwan auf, schoß auf Hallward zu, riß ihm das
+Messer aus der Hand und schleuderte es in den äußersten
+Winkel des Ateliers. „Tu es nicht, Basil, tu es nicht“,
+schrie er. „Es wäre Mord.“</p>
+
+<p>„Ich freue mich, daß dir meine Arbeit endlich doch gefällt,
+Dorian“, sagte der Maler kühl, als er sich von
+seinem Erstaunen erholt hatte. „Ich hätte es gar nicht
+geglaubt.“</p>
+
+<p>„Gefällt? Ich bin verliebt in dies Bild, Basil. Es ist
+ja ein Teil von mir selbst. Ich fühle es.“</p>
+
+<p>„Schön, sobald du trocken bist, sollst du gefirnißt, gerahmt
+und zu dir hingeschickt werden. Dann kannst du
+mit dir anfangen, was dir beliebt.“ Er schritt durch den
+Raum und klingelte nach Tee. „Du trinkst doch Tee,
+Dorian? Du auch, Harry? Oder machst du dir nichts aus
+so einfachen Genüssen?“</p>
+
+<p>„Ich bete einfache Genüsse an“, sagte Lord Henry.
+„Sie sind die letzte Zuflucht komplizierter Naturen. Aber
+für Szenen schwärme ich nicht, außer auf der Bühne. Was
+für tolle Burschen seid ihr doch, ihr beide! Wer war es
+doch gleich, der den Menschen als ein vernünftiges Tier<a class="pagenum" name="Page_48" title="48"> </a>
+definiert hat? Das war eine der voreiligsten Definitionen,
+die je aufgestellt wurden. Der Mensch hat eine ganze
+Menge Eigenschaften, aber gewiß keine Vernunft. Alles
+in allem übrigens: Gott sei Dank, obwohl mir's eigentlich
+lieber wäre, ihr beiden Wirbelköpfe zanktet euch nicht
+um das Bild. Du solltest es lieber mir gegeben haben,
+Basil. Dieses törichte Knäblein braucht es eigentlich gar
+nicht, und ich brauche es sehr.“</p>
+
+<p>„Wenn du es einem anderen geben willst als mir, Basil,
+verzeihe ich es dir nie“, rief Dorian Gray; „und ich erlaube
+niemand, mich ein törichtes Knäblein zu nennen.“</p>
+
+<p>„Du weißt, Dorian, das Bild gehört dir. Ich hab' es
+dir geschenkt, noch ehe es vorhanden war.“</p>
+
+<p>„Und Sie wissen, Herr Gray, daß Sie ein wenig töricht
+waren und daß Sie ernstlich gar nichts dagegen haben
+können, an Ihre große Jugend erinnert zu werden.“</p>
+
+<p>„Heute früh hätte ich sehr viel dagegen gehabt, Lord
+Henry.“</p>
+
+<p>„Ah! heute früh. Seitdem haben Sie einiges erlebt.“</p>
+
+<p>Es klopfte an die Tür, und der Diener trat mit einem
+besetzten Teebrett ein und servierte auf einem kleinen japanischen
+Tisch den Tee. Die Tassen und Löffel klapperten,
+und ein georgischer Samowar begann zu summen. Zwei
+gewölbte chinesische Porzellanschüsseln wurden von einem
+jungen Diener hereingebracht. Dorian Gray ging hin und
+goß den Tee ein. Die beiden Männer schlenderten zum
+Tische und sahen nach, was unter den Deckeln der Schüsseln
+war.</p>
+
+<p>„Wir wollen heute abend ins Theater gehen“, meinte<a class="pagenum" name="Page_49" title="49"> </a>
+Lord Henry. „Irgendwo wird sicher was los sein. Ich
+habe zwar zugesagt, im White-Klub zu soupieren, aber
+mich erwartet nur ein alter Freund; ich kann ihm also
+ein Telegramm schicken, daß ich nicht wohl sei oder infolge
+einer späteren Verabredung nicht kommen könne.
+Das würde ich für eine reizende Entschuldigung halten.
+Sie hat einen förmlich überraschenden Duft von Aufrichtigkeit.“</p>
+
+<p>„Es ist so lästig, sich den Frack anzuzerren“, murmelte
+Hallward. „Und wenn man ihn anhat, sieht man so gräßlich
+aus.“</p>
+
+<p>„Ja,“ antwortete Lord Henry träumerisch, „die Kleidung
+des neunzehnten Jahrhunderts ist abscheulich. Sie
+ist so düster, so deprimierend. Die Sünde ist noch das
+einzig Farbenfreudige, das im modernen Leben übriggeblieben
+ist.“</p>
+
+<p>„Du solltest wirklich nicht solche Dinge vor Dorian
+sagen, Harry!“</p>
+
+<p>„Vor welchem Dorian? Vor dem, der uns den Tee
+einschenkt, oder dem anderen auf dem Bilde?“</p>
+
+<p>„Vor keinem.“</p>
+
+<p>„Ich ginge gerne mit Ihnen ins Theater, Lord Henry“,
+sagte der Jüngling.</p>
+
+<p>„Dann kommen Sie doch. Und du auch, Basil, nicht
+wahr?“</p>
+
+<p>„Ich kann nicht, wirklich nicht. Es ist mir lieber so. Ich
+habe eine Unmenge zu tun.“</p>
+
+<p>„Schön also. Dann müssen wir zwei allein gehen, Herr
+Gray.“</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_50" title="50"> </a></p>
+
+<p>„Ich freue mich riesig darauf.“</p>
+
+<p>Der Maler biß sich auf die Lippe und schritt, die Teetasse
+in der Hand, zum Bilde. „Ich bleibe hier bei dem
+wirklichen Dorian“, sagte er traurig.</p>
+
+<p>„Ist das der wirkliche?“ rief das Original und ging
+gleichfalls langsam zu ihm hin. „Bin ich wirklich so?“</p>
+
+<p>„Ja, genau so bist du.“</p>
+
+<p>„Wie wundervoll, Basil!“</p>
+
+<p>„Du siehst wenigstens jetzt so aus. Aber das Bild wird
+sich nie ändern“, seufzte Hallward. „Das ist schon etwas.“</p>
+
+<p>„Was man heute für ein großes Wesen aus der Treue
+macht!“ rief Lord Henry aus. „Und doch ist sie selbst in
+der Liebe eine rein physiologische Frage. Sie hat auch
+nicht das mindeste mit unserem eigenen Willen zu tun.
+Junge Männer wären gerne treu und sind es nicht; alte
+würden gerne untreu sein und können es nicht: das ist
+alles, was sich darüber sagen läßt.“</p>
+
+<p>„Geh heute abend nicht ins Theater, Dorian“, bat
+Hallward. „Bleibe hier und speise mit mir.“</p>
+
+<p>„Ich kann nicht, Basil.“</p>
+
+<p>„Warum?“</p>
+
+<p>„Weil ich Lord Henry Wotton zugesagt habe, ihn zu
+begleiten.“</p>
+
+<p>„Er wird dir darum nicht mehr zugetan sein, wenn du
+so treu deine Versprechungen hältst. Er bricht seine immer.
+Ich bitte dich, nicht zu gehen.“</p>
+
+<p>Dorian Gray schüttelte lachend den Kopf.</p>
+
+<p>„Ich beschwöre dich.“</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_51" title="51"> </a></p>
+
+<p>Der junge Mann schwankte und blickte zu Lord Henry
+hinüber, der die beiden mit einem belustigten Lächeln vom
+Teetische aus beobachtete.</p>
+
+<p>„Ich muß mit, Basil“, antwortete er.</p>
+
+<p>„Schön“, sagte Hallward und ging zum Tische hinüber,
+wo er seine Tasse hinstellte. „Es ist ziemlich spät, und da
+ihr euch noch umziehen müßt, habt ihr keine Zeit mehr
+zu verlieren. Adieu, Harry! Adieu, Dorian! Komm bald
+wieder. Komm morgen.“</p>
+
+<p>„Bestimmt.“</p>
+
+<p>„Aber nicht vergessen!“</p>
+
+<p>„Nein, natürlich nicht!“ rief Dorian.</p>
+
+<p>„Und... Harry!“</p>
+
+<p>„Ja, Basil?“</p>
+
+<p>„Vergiß nicht, was ich dir sagte, als wir am Vormittag
+im Garten saßen.“</p>
+
+<p>„Ich habe es vergessen.“</p>
+
+<p>„Ich vertraue dir.“</p>
+
+<p>„Ich wünschte, ich könnte mir selbst vertrauen“, sagte
+Lord Henry lachend. „Kommen Sie, Herr Gray, mein
+Wagen steht unten, und ich kann Sie an Ihrer Wohnung
+absetzen. Adieu, Basil! Es war ein sehr unterhaltender
+Nachmittag.“</p>
+
+<p>Als sich die Tür hinter ihnen schloß, warf sich der Maler
+auf den Diwan, und in sein Gesicht trat ein schmerzlicher
+Ausdruck.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_52" title="52"> </a></p>
+
+
+
+
+<h2><a name="Drittes_Kapitel" id="Drittes_Kapitel"></a>Drittes Kapitel</h2>
+
+
+<p>Um zwölfeinhalb Uhr am nächsten Tage schlenderte
+Lord Henry Wotton von Curzon Street nach Albany hinüber,
+um einen Besuch zu machen bei seinem Onkel Lord
+Fermor, einem heiteren, aber ziemlich rauhen alten Junggesellen,
+den die Außenwelt einen Egoisten nannte, weil
+sie keinen besonderen Nutzen aus ihm ziehen konnte, der
+aber in der Gesellschaft als freigebig verschrien war, weil
+er die Leute, die ihn amüsierten, aufs beste fütterte. Sein
+Vater war britischer Gesandter in Madrid gewesen, als
+Isabella noch jung war und man noch nichts von Prim
+wußte, hatte sich aber in einem Augenblicke launischen
+Ärgers aus dem diplomatischen Dienste zurückgezogen,
+weil man ihm nicht den Gesandtenposten in Paris angeboten
+hatte, zu dem er sich vollauf berechtigt geglaubt
+hatte durch seine Geburt, seine Arbeitsunlust, sein gutes
+Englisch in seinen Depeschen und durch seine zügellose Vergnügungssucht.
+Der Sohn, der des Vaters Privatsekretär
+gewesen war, hatte mit seinem Chef zugleich den Abschied
+genommen, was man damals ziemlich verrückt fand, und
+als der Titel einige Monate später auf ihn überging, hatte
+er sich ernstlich dem großen aristokratischen Studium gewidmet,
+absolut nichts zu tun. Er besaß zwei große Häuser
+in der Stadt, zog es aber vor, in einer Junggesellenwohnung
+zu hausen, weil das weniger Umstände machte,
+und speiste meistens im Klub. Er beschäftigte sich ein wenig<a class="pagenum" name="Page_53" title="53"> </a>
+mit der Verwaltung seiner Kohlenminen in den Midlandgrafschaften
+und entschuldigte diese verwerfliche industrielle
+Tätigkeit damit, daß er sagte, der einzige Vorteil, Kohlen
+zu besitzen, sei der, es einem Gentleman möglich zu
+machen, in seinem eigenen Kamin Holz zu brennen. Politisch
+war er ein Tory, außer wenn die Tories Regierungspartei
+waren, denn in solchen Zeiten verlästerte er sie
+und schimpfte sie radikales Gesindel. Er war ein Held für
+seinen Kammerdiener, der ihn drangsalierte, und ein
+Schrecken für die meisten seiner Verwandten, die er drangsalierte.
+Nur England konnte ihn erzeugt haben, und
+er selber sagte immer, daß das Land mehr und mehr
+auf den Hund käme. Seine Grundsätze waren altmodisch,
+aber an seinen Vorurteilen war etwas dran.</p>
+
+<p>Als Lord Henry ins Zimmer trat, fand er seinen Onkel
+in einem flockigen Jagdrock, eine ziemlich wohlfeile Zigarre
+im Munde und brummend in den „Times“ lesend.</p>
+
+<p>„Na, Harry,“ sagte der alte Herr, „was bringt dich so
+früh her? Ich dachte immer, ihr Dandies steht nie vor
+zwei Uhr auf und werdet nie vor fünf Uhr sichtbar.“</p>
+
+<p>„Reine Familienliebe, auf mein Wort, Onkel Georg;
+ich brauche etwas von dir.“</p>
+
+<p>„Geld vermutlich“, sagte Lord Fermor und machte ein
+saures Gesicht. „Na gut, so setz' dich und sag' mir alles.
+Ihr jungen Leute von heutzutage bildet euch ein, das
+Geld wäre alles.“</p>
+
+<p>„Ja,“ brummelte Lord Henry, während er seine Blume
+im Knopfloch zurechtrückte, „und wenn sie älter werden,
+dann wissen sie es. Aber ich brauche kein Geld. Nur Leute,<a class="pagenum" name="Page_54" title="54"> </a>
+die ihre Rechnungen zahlen, brauchen Geld, Onkel Georg,
+und ich bezahle meine nie. Kredit ist das Kapital eines
+zweitältesten Sohnes, und man kann brillant davon leben.
+Außerdem kaufe ich immer bei Dartmoors Lieferanten, und
+daher habe ich nie Scherereien. Was ich brauche, ist eine
+Auskunft, keine nützliche Auskunft natürlich, sondern nur
+eine wertlose.“</p>
+
+<p>„Ich kann dir alles sagen, Harry, was je in einem englischen
+Blaubuch gestanden hat, obwohl diese Bengels heutzutage
+einen Haufen Unsinn zusammensudeln. Als ich noch
+Diplomat war, lagen die Dinge besser. Aber ich höre, man
+stellt jetzt die Leute auf Grund einer Prüfung ein. Was
+kann man da noch erwarten? Prüfungen, mein Bester,
+sind der reine Humbug von A bis Z. Wenn einer Gentleman
+ist, weiß er schon genug, und wenn er kein Gentleman
+ist, so mag er alles Mögliche wissen, es hilft ihm doch
+nichts.“</p>
+
+<p>„Herr Dorian Gray hat nichts mit Blaubüchern zu
+schaffen“, sagte Lord Henry in seinem schläfrigen Tone.</p>
+
+<p>„Herr Dorian Gray? Wer ist das?“ fragte Lord Fermor,
+seine buschigen weißen Augenbrauen zusammenkneifend.</p>
+
+<p>„Um das zu erfahren, bin ich gerade hergekommen, Onkel
+Georg. Oder genauer gesagt, wer es ist, weiß ich. Nämlich
+der Enkel des verstorbenen Lord Kelso. Seine Mutter war
+eine Devereux, Lady Margaret Devereux. Ich möchte, daß
+du mir etwas über seine Mutter erzählst. Was weißt du
+von ihr? Wen hat sie geheiratet? Du hast zu deiner Zeit
+doch so ziemlich alle Leute gekannt, also wahrscheinlich auch<a class="pagenum" name="Page_55" title="55"> </a>
+sie. Ich interessiere mich gegenwärtig ungemein für Herrn
+Gray. Ich habe ihn erst gestern kennengelernt.“</p>
+
+<p>„Kelsos Enkel!“ wiederholte der alte Herr, „Kelsos
+Enkel! ... natürlich ... ich war mit seiner Mutter sehr
+intim. Ich glaube, ich war sogar bei ihrer Taufe. Es war
+ein ganz außergewöhnlich schönes Mädchen, diese Margaret
+Devereux, und hat dann alle jungen Männer toll
+gemacht, als sie mit einem jungen Habenichts davonlief,
+einer absoluten Null, mein Bester, einem Fähnrich bei der
+Infanterie oder so was Ähnliches. Natürlich. Ich erinnere
+mich jetzt an die ganze Geschichte, als wäre sie gestern passiert.
+Der arme Kerl wurde dann ein paar Monate nach
+der Hochzeit in einem Duell in Spa getötet. Man erzählte
+damals eine häßliche Geschichte darüber. Man sagte,
+der alte Kelso hätte irgendeinen Schuft, so einen Abenteurer
+aus Belgien gemietet, um seinen Schwiegersohn öffentlich
+zu beleidigen, hätte ihn dafür bezahlt, mein Bester, einfach
+bezahlt, damit er es täte, und dieser Kerl spießte dann sein
+Opfer auf wie eine Taube. Die Geschichte wurde natürlich
+vertuscht, aber Kelso mußte eine Zeitlang sein Kotelett
+allein im Klub essen. Ich hörte, er brachte seine Tochter
+wieder mit, doch sie sprach nie mehr ein Wort mit ihm.
+O jawohl, das war eine böse Sache. Das Mädel starb
+dann auch, kaum ein Jahr später. So, sie hat also einen
+Sohn hinterlassen? Das hatte ich ganz vergessen. Was
+für ein Junge ist es denn? Wenn er seiner Mutter ähnlich
+sieht, muß es ein hübsches Kerlchen sein.“</p>
+
+<p>„Er ist sehr hübsch“, stimmte Lord Henry bei.</p>
+
+<p>„Ich hoffe, er wird in die rechten Hände kommen“, fuhr<a class="pagenum" name="Page_56" title="56"> </a>
+der alte Mann fort. „Es muß ein Haufen Geld auf ihn
+warten, wenn Kelso pflichtgemäß an ihm handelte. Seine
+Mutter hatte übrigens auch Geld. Der ganze Selbysche
+Besitz fiel ihr durch ihren Großvater zu. Ihr Großvater
+haßte Kelso, hielt ihn für einen gemeinen Köter. War es
+übrigens auch. Er kam mal nach Madrid, als ich dort war.
+Na, ich mußte mich des Kerls schämen. Die Königin
+pflegte mich nach dem englischen Edelmann zu fragen, der
+sich immer mit den Kutschern über die Taxe zankte. Man
+machte einen ganzen Roman daraus. Ich wagte einen
+Monat lang nicht, bei Hof zu erscheinen. Ich hoffe, er hat
+seinen Enkel besser behandelt als die Droschkenkutscher.“</p>
+
+<p>„Darüber weiß ich nichts“, erwiderte Lord Henry. „Ich
+vermute aber, der junge Mann wird einmal wohlhabend
+werden. Er ist noch nicht volljährig. Selby gehört ihm,
+das weiß ich. Er hat es mir gesagt. Und... seine Mutter
+war also sehr schön?“</p>
+
+<p>„Margaret Devereux war eines der entzückendsten Geschöpfe,
+die ich je gesehen habe, Harry. Was in aller Welt
+sie dazu getrieben hat, so zu handeln, habe ich nie verstehen
+können. Sie hätte jeden Mann heiraten können, den sie
+wollte. Carlington war wahnsinnig verschossen in sie. Aber
+sie war romantisch veranlagt. Alle Frauen dieser Familie
+waren so. Die Männer waren ein trauriges Gesindel, aber
+beim Himmel! die Weiber waren wunderbar! Carlington
+lag vor ihr auf den Knien. Hat's mir selber gebeichtet.
+Sie lachte ihn aus, und es gab damals in London kein
+Mädel, das nicht hinter ihm hergewesen wäre. Übrigens,
+Harry, da wir schon über Mesalliancen reden: was ist das<a class="pagenum" name="Page_57" title="57"> </a>
+für ein Unsinn, den mir dein Vater von Dartmoor erzählt,
+der eine Amerikanerin heiraten will? Sind englische Mädels
+für ihn nicht gut genug?“</p>
+
+<p>„Es ist jetzt Mode, Amerikanerinnen zu heiraten, Onkel
+Georg.“</p>
+
+<p>„Ich verteidige die englischen Frauen gegen die ganze
+Welt, Harry“, sagte Lord Fermor und schlug mit der
+Faust auf den Tisch.</p>
+
+<p>„Man reißt sich um die Amerikanerinnen.“</p>
+
+<p>„Sie halten sich nicht, hat man mir gesagt“, brummte
+der Onkel.</p>
+
+<p>„Ein langes Verlobtsein erschöpft sie, aber für eine
+Steeplechase sind sie brillant. Sie sind Flieger. Ich glaube
+nicht, daß Dartmoor Chance hat.“</p>
+
+<p>„Was ist's für eine Familie?“ murrte der alte Herr.
+„Hat sie überhaupt eine?“</p>
+
+<p>Lord Henry schüttelte den Kopf. „Amerikanische Mädchen
+sind ebenso klug, ihre Eltern zu verbergen, wie englische
+Frauen im Verbergen ihrer Vergangenheit“, antwortete
+er und stand auf, um wegzugehen.</p>
+
+<p>„Also vermutlich Schweinefleischhändler.“</p>
+
+<p>„Das hoffe ich, Onkel Georg, in Dartmoors Interesse.
+Man hat mir gesagt, mit Schweinefleischbüchsen zu handeln,
+soll nächst der Politik der einträglichste Beruf in
+Amerika sein.“</p>
+
+<p>„Ist sie hübsch?“</p>
+
+<p>„Sie benimmt sich so, als wäre sie es. Das tun die
+meisten Amerikanerinnen. Es ist das Geheimnis ihres
+magnetischen Reizes.“</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_58" title="58"> </a></p>
+
+<p>„Warum bleiben diese amerikanischen Weiber nicht in
+ihrem Lande? Sie sagen doch immer, es sei das Paradies
+für Frauen.“</p>
+
+<p>„Das ist es auch. Und das ist auch der Grund, warum
+sie wie Eva so gern daraus weg wollen“, sagte Lord
+Henry. „Adieu, Onkel Georg! Ich komme zu spät zum
+Frühstück, wenn ich noch länger bleibe. Danke sehr für die
+Auskunft, die du mir gabst. Ich habe immer das Bedürfnis,
+von meinen neuen Freunden alles zu hören und
+möglichst nichts von meinen alten.“</p>
+
+<p>„Wo wirst du frühstücken, Harry?“</p>
+
+<p>„Bei Tante Agatha. Ich habe mich mit Herrn Gray
+dort angesagt. Es ist ihr neuestes Protektionskind.“</p>
+
+<p>„Hm! sag' der Tante Agatha, Harry, sie soll mich mit
+ihrem Wohltätigkeitskrempel ungeschoren lassen. Ich habe
+sie bis hierher! Weiß Gott, das gute Frauenzimmer meint,
+ich hätte nichts zu tun als Schecks für ihre langweiligen
+Vereinsmeiereien auszuschreiben.“</p>
+
+<p>„Abgemacht, Onkel Georg, ich werde es ihr bestellen,
+aber es wird nichts nutzen. Wohltätigkeitsmegären verlieren
+alle Menschlichkeit. Das ist ihr hervorstechendstes
+Merkmal.“</p>
+
+<p>Der alte Herr brummte zustimmend und klingelte seinem
+Diener. Lord Henry schritt durch die niedrigen Arkaden
+nach Burlington Street und lenkte dann seine Schritte in
+die Richtung nach Berkeley Square.</p>
+
+<p>Das war also die Geschichte von Dorian Grays Eltern.
+So roh umrissen sie ihm auch geschildert worden war, sie
+hatte ihn doch nach Art eines seltsamen, geradezu modernen<a class="pagenum" name="Page_59" title="59"> </a>
+Romans erregt. Eine schöne Frau, die alles für
+eine wahnsinnige Leidenschaft einsetzt. Ein paar wilde,
+wonnige Wochen, jäh abgeschnitten durch ein abscheuliches,
+heimtückisches Verbrechen, Monate stummer Todesverzweiflung,
+und dann ein Kind unter Schmerzen geboren. Die
+Mutter vom Tode weggemäht, der Knabe der Einsamkeit
+und der Tyrannei eines alten, lieblosen Mannes ausgeliefert.
+Ja, das war ein interessanter Hintergrund. Er
+gab dem jungen Menschen Relief, machte ihn noch vollkommener.
+Hinter allem Köstlichen in der Welt lauert
+eine geheime Tragödie, Welten müssen in Schwingung
+sein, damit die kleinste Blume erblühen kann... Und wie
+entzückend war er gestern abend gewesen, als er ihm mit
+erschreckten Augen, die Lippen in scheuem Verlangen geöffnet,
+im Klub gegenüber gesessen und die roten Kerzenschirme
+das erwachende Wunder seines Gesichts in einen
+noch rosenfarbenen Ton getaucht hatten. Mit ihm
+sprechen, das war wie auf einer auserlesenen Geige spielen.
+Er gab jedem Druck nach, jeder zitternden Berührung
+des Bogens... Es lag doch etwas unerhört Knechtendes
+darin, auf jemand Einfluß auszuüben. Keine andere Tätigkeit
+kam dem gleich. Seine eigene Seele in eine anmutige
+Form gießen und sie darin einen Augenblick lang verweilen
+lassen: seine eigenen Gedankenakkorde im Echo
+zurückbekommen, bereichert durch die Musik der Leidenschaft
+und Jugend: sein eigenes Temperament in ein
+anderes hineinversenken, als wäre es das allerätherischste
+Fluidum oder ein seltener Wohlgeruch: darin lag eine
+wahre Lust &mdash; vielleicht die allerbefriedigendste Lust, die<a class="pagenum" name="Page_60" title="60"> </a>
+uns übriggeblieben ist, in einer so beschränkten und ordinären
+Zeit wie die unsere, die so derbfleischlich in ihren
+Genüssen und so grobzufassend in ihren Begierden ist...
+Auch war er ein wundervoller Typus, dieser junge Mensch,
+den er durch einen so wunderbaren Zufall in Basils Atelier
+kennengelernt hatte, oder konnte jedenfalls zu einem
+wunderbaren Typus umgemodelt werden. Anmut war ihm
+verliehen und die schneeige Reinheit der Jünglingschaft,
+und eine Schönheit, wie man sie bei alten griechischen
+Marmorbildern findet. Nichts gab es, was sich nicht aus
+ihm machen ließe. Man konnte einen Titanen oder ein
+Spielzeug aus ihm machen. Welch Jammer, daß solche
+Schönheit dahinwelken muß... Und Basil? Wie interessant
+war doch er für den Psychologen! Diese neue Art
+von Kunst, diese neue Weise, das Leben anzuschauen, die
+ihm auf das seltsamste durch die sichtbare Gegenwart
+eines Menschen erweckt wurde, der von alledem nichts
+wußte: der stille Geist, der in einer düsteren Waldlandschaft
+wohnte und ungesehen ins offene Feld entwandelte,
+enthüllte sich plötzlich wie eine Dryade, und ohne Scheu,
+weil in der Seele, die sehnsüchtig nach ihm suchte, jene
+wundersame Vision wach geworden war, der nur die
+außerordentlichen Dinge offenbar werden: die bloßen
+Formen und Linien der Dinge wurden gleichsam edler
+und bekamen eine Art von symbolischer Bedeutung, als
+wären sie selbst nur Schatten einer anderen und vollendeteren
+Form, deren Abbilder sie zur Wirklichkeit erhoben:
+wie merkwürdig das alles war! Er erinnerte sich,
+daß es in der Geschichte irgend etwas Ähnliches gab. War<a class="pagenum" name="Page_61" title="61"> </a>
+es nicht Plato, dieser Künstler in der Welt der Gedanken,
+der es als erster untersucht hatte? War es nicht Buonarotti,
+der es in den farbigen Marmor seiner Sonettreihe
+gemeißelt hatte? Aber in unserem Jahrhundert war es
+etwas Seltenes... Ja, er wollte versuchen, für Dorian
+Gray das zu sein, was der Jüngling, ohne es zu wissen,
+für den Maler war, der das prächtige Bildnis geschaffen
+hatte. Er wollte versuchen, in ihm zu herrschen &mdash; hatte
+es in Wahrheit schon zum Teil getan. Er wollte diesen
+wunderbaren Geist zu seinem eigenen machen. Es war
+etwas unwiderstehlich Magnetisches in diesem Abkömmling
+von Tod und Liebe.</p>
+
+<p>Plötzlich blieb er stehen und sah an den Häusern hinauf.
+Er entdeckte, daß er bereits an dem Hause seiner Tante
+vorbeigegangen sei, und ging stillächelnd zurück. Als er
+in die etwas düstere Halle eintrat, sagte ihm der Diener,
+die Herrschaften seien schon beim Frühstück. Er gab einem
+Lakai Hut und Stock und ging in den Speisesaal.</p>
+
+<p>„Spät wie immer, Harry“, rief seine Tante, ihm zunickend.</p>
+
+<p>Er erfand eine glaubwürdige Entschuldigung, setzte sich
+auf den leeren Platz neben sie und sah sich um, zu sehen,
+wer noch da war. Dorian begrüßte ihn schüchtern vom
+Ende des Tisches her, und seine Wangen wurden vor geheimer
+Freude rot. Gegenüber saß die Herzogin von
+Harley, eine Dame von bewunderungswürdig guter
+Laune und ebensolchem Charakter, die jeder gern hatte
+und deren Körper in jenen erhabenen architektonischen
+Maßen aufgebaut war, der von zeitgenössischen Geschichtsschreibern
+bei Frauen, die nicht gerade Herzoginnen sind,<a class="pagenum" name="Page_62" title="62"> </a>
+als Beleibtheit bezeichnet wird. Zu ihrer Rechten saß
+Sir Thomas Burdon, ein radikales Parlamentsmitglied,
+das im öffentlichen Leben seinem Parteichef Gefolge leistete
+und im privaten den besten Küchenchefs, der nach
+einer weisen und allgemein verbreiteten Lebensregel mit
+den Tories dinierte und mit den Liberalen geistig übereinstimmte.
+Den Platz an ihrer Linken nahm Herr Erskine
+of Treadley ein, ein alter prächtiger und gebildeter Herr,
+der sich die schlechte Gewohnheit des Schweigens angeeignet
+hatte, da er, wie er einmal Lady Agatha erklärte,
+schon vor seinem dreißigsten Lebensjahr alles
+gesagt hatte, was er überhaupt zu sagen hatte. Seine
+Nachbarin war Frau Vandeleur, eine der ältesten Freundinnen
+seiner Tante, eine vollendete Heilige unter den
+Frauen, aber so geschmacklos verputzt, daß man bei ihrem
+Anblick immer an ein schlechtgebundenes Gebetbuch denken
+mußte. Zu seinem Glück saß an ihrer anderen Seite
+Lord Faudel, eine sehr intelligente Mittelmäßigkeit in den
+besten Jahren, der so kahl war wie der Bericht eines
+Ministers auf eine Interpellation im Unterhaus, und mit
+ihm unterhielt sie sich in jenem intensiv-ernsten Tone, der,
+wie Lord Henry einmal selbst geäußert hatte, der eine
+unverzeihliche Irrtum ist, in den alle wirklich guten
+Menschen verfallen, und den keiner von ihnen völlig vermeiden
+kann.</p>
+
+<p>„Wir sprechen über den bedauernswerten Dartmoor,
+Henry“, rief die Herzogin, ihm vergnügt über den Tisch
+zunickend. „Glauben Sie, daß er wirklich die berückende
+junge Dame heiratet?“</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_63" title="63"> </a></p>
+
+<p>„Ich glaube, Frau Herzogin, sie hat sich fest vorgenommen,
+um das Jawort zu bitten.“</p>
+
+<p>„Wie schrecklich“, rief Lady Agatha. „Dann sollte sich
+wirklich jemand ins Mittel legen.“</p>
+
+<p>„Ich erfahre aus einer ganz vorzüglichen Quelle, daß ihr
+Vater ein Kurzwarengeschäft in Amerika hat“, sagte Sir
+Thomas Burdon mit einem überlegenen Blicke.</p>
+
+<p>„Mein Onkel hat behauptet: Schweinefleischlieferant,
+Sir Thomas.“</p>
+
+<p>„Kurzwaren! Was sind amerikanische Kurzwaren?“
+fragte die Herzogin und erhob staunend ihre großen Hände
+und dabei jede Silbe betonend.</p>
+
+<p>„Amerikanische Romane“, antwortete Lord Henry und
+nahm von den Wachteln.</p>
+
+<p>Die Herzogin machte ein erstauntes Gesicht.</p>
+
+<p>„Geben Sie nicht acht auf ihn, meine Liebe,“ wisperte
+ihr Lady Agatha zu, „er meint nie im Ernst, was er
+sagt.“</p>
+
+<p>„Als Amerika entdeckt wurde,“ sagte der radikale Abgeordnete
+und ließ einige langweilige Tatsachen vom Stapel.
+Wie alle Menschen, die bestrebt sind, ein Thema zu erschöpfen,
+erschöpfte er seine Zuhörer. Die Herzogin seufzte und
+benützte ihr Vorrecht, zu unterbrechen. &mdash; „Wollte Gott, es
+wäre überhaupt nicht entdeckt worden“, rief sie aus. „Unsere
+Töchter haben heutzutage wirklich gar keine Chance mehr.
+Das ist geradezu empörend!“</p>
+
+<p>„Vielleicht ist Amerika überhaupt nicht entdeckt worden,
+wenn man's recht betrachtet“, sagte Herr Erskine. „Ich
+würde eher sagen, daß es nur aufgefunden worden ist.“</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_64" title="64"> </a></p>
+
+<p>„Oh, ich muß aber gestehen, daß ich einige Exemplare
+seiner Bewohnerinnen gesehen habe,“ antwortete die Herzogin
+zerstreut, „ich muß zugeben, die meisten von ihnen
+sind ausgesprochen hübsch. Und außerdem ziehen sie sich gut
+an. Sie beziehen alle ihre Kleider aus Paris. Ich wollte,
+ich könnte mir das auch leisten.“</p>
+
+<p>„Man sagt: wenn gute Amerikaner sterben, so fahren sie
+nach Paris“, gluckste Sir Thomas, der eine große Kiste
+voll abgelegter Scherze sein eigen nannte.</p>
+
+<p>„In der Tat? Und wohin gehen schlechte Amerikaner,
+wenn sie sterben?“ fragte die Herzogin.</p>
+
+<p>„Sie gehen nach Amerika“, murmelte Lord Henry.</p>
+
+<p>Sir Thomas runzelte die Stirn. „Ich fürchte, Ihr Neffe
+hat Vorurteile gegen dieses große Land“, sagte er zu Lady
+Agatha. „Ich habe es ganz bereist im Eisenbahnwagen,
+die mir die Direktionen zur Verfügung stellten. Man ist
+da in diesen Dingen außerordentlich höflich. Ich versichere
+Ihnen, es ist eine vorzüglich bildende Reise da drüben.“</p>
+
+<p>„Aber müssen wir wirklich nach Chicago schwimmen, um
+unsere Bildung zu vervollständigen?“ fragte Herr Erskine
+wehmütig. „Ich fühle mich wirklich zu solcher Reise nicht
+aufgelegt.“</p>
+
+<p>Sir Thomas winkte mit der Hand. „Herr Erskine of
+Treadley besitzt die Welt auf seinen Bücherregalen. Wir
+Männer des praktischen Lebens lieben es, die Dinge zu
+sehen, nicht darüber zu lesen. Die Amerikaner sind ein
+außerordentlich interessantes Volk. Sie sind vollständig
+Vernunftmenschen. Ich glaube, das ist ihr Charaktermerkmal.
+Ja, Herr Erskine, ein ausschließlich von der Vernunft<a class="pagenum" name="Page_65" title="65"> </a>
+beherrschtes Volk. Ich versichere Ihnen, es gibt bei den
+Amerikanern keinerlei Unsinn.“</p>
+
+<p>„Wie schrecklich!“ rief Lord Henry aus. „Ich kann rohe
+Gewalt vertragen, aber rohe Vernunft ist mir unerträglich.
+Ich finde immer, daß ihre Anwendung unbillig ist.
+Es heißt den Geist unterjochen.“</p>
+
+<p>„Ich verstehe Sie nicht“, erwiderte Sir Thomas und
+wurde etwas rot.</p>
+
+<p>„Ich verstehe Sie, Lord Henry“, murmelte Herr Erskine
+lächelnd.</p>
+
+<p>„Paradoxe sind ja an und für sich recht schön und gut...“,
+nahm der Baronet wieder das Wort.</p>
+
+<p>„War das ein Paradoxon?“ fragte Herr Erskine. „Ich
+habe es nicht dafür gehalten. Vielleicht war es eins. Nun,
+der Weg zur Wahrheit scheint mit Paradoxen gepflastert
+zu sein. Um die Wahrheit zu erkennen, müssen wir sie auf
+gespanntem Seil tanzen sehen. Wenn die Wahrheiten
+Akrobaten werden, können wir sie beurteilen.“</p>
+
+<p>„Mein großer Gott!“ sagte Lady Agatha, „was für
+eine Art zu diskutieren habt ihr Männer. Ich verstehe
+nie ein einziges Wort von eurem Gerede. Mit dir, Harry,
+oh! bin ich ganz böse. Warum versuchst du, unseren lieben
+Herrn Dorian Gray zu überreden, nicht mehr ins East-End
+zu gehen? Ich versichere dir, er wäre dort für uns unschätzbar;
+sein Spiel würde die Leute ungemein begeistern.“</p>
+
+<p>„Mir ist es lieber, wenn er für mich spielt“, rief Lord
+Henry lächelnd, sah am Tisch hinunter, wo ihn ein fröhlich
+antwortender Blick traf.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_66" title="66"> </a></p>
+
+<p>„Aber sie sind in Whitechapel so unglücklich“, fuhr
+Lady Agatha wieder fort.</p>
+
+<p>„Ich kann mit allem möglichen Mitgefühl haben,“ sagte
+Lord Henry, die Achseln zuckend, „außer mit Leiden. Damit
+kann ich keine Sympathie haben. Es ist zu häßlich, zu
+schrecklich, zu niederdrückend. In der heut modernen Sympathie
+für die Leiden liegt etwas schrecklich Krankhaftes.
+Man sollte mit Farben sympathisieren, mit Schönheit, mit
+Lebensfreude. Je weniger man über das Elend des Lebens
+sagt, desto besser.“</p>
+
+<p>„Aber das East-End ist ein sehr wichtiges Problem“,
+bemerkte Sir Thomas mit ernstem Kopfschütteln.</p>
+
+<p>„Sicherlich“, antwortete der junge Lord. „Es ist das
+Problem der Sklaverei, und wir versuchen es derart zu
+lösen, daß wir die Sklaven amüsieren.“</p>
+
+<p>Der Politiker sah ihn mit einem forschenden Blicke an.
+„Welche Änderung schlagen Sie also vor?“</p>
+
+<p>Lord Henry lachte. „Ich habe gar nicht das Verlangen,
+in England etwas zu ändern außer dem Wetter“,
+entgegnete er. „Ich begnüge mich mit philosophischer
+Betrachtung. Da aber das neunzehnte Jahrhundert durch
+übermäßigen Verbrauch von Sympathie Bankrott geworden
+ist, möchte ich vorschlagen, daß man sich an die
+Wissenschaft hält, damit diese uns wieder aufrichtet. Der
+Vorteil der Gefühle liegt darin, daß sie uns in die Irre
+führen, und der Vorteil der Wissenschaft darin, daß sie
+sich mit Gefühlen nicht abgibt.“</p>
+
+<p>„Aber auf uns liegen so ernste Verantwortlichkeiten“,
+warf Frau Vandeleur schüchtern ein.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_67" title="67"> </a></p>
+
+<p>„Entsetzlich schwere“, stimmte Lady Agatha ein.</p>
+
+<p>Lord Henry sah zu Herrn Erskine hinüber. „Die Menschheit
+nimmt sich selber zu ernst. Das ist die Todsünde
+der Welt. Wenn die Höhlenmenschen schon hätten lachen
+können, hätte die Weltgeschichte andere Wege eingeschlagen.“</p>
+
+<p>„Ihre Worte klingen sehr tröstlich“, trillerte die Herzogin.
+„Ich habe immer eine Art Schuldgefühl gehabt, wenn
+ich Ihre liebe Tante besuchte, denn ich nehme nicht das
+geringste Interesse an East-End. In Zukunft werde ich
+ihr ohne zu erröten ins Gesicht sehen können.“</p>
+
+<p>„Erröten ist ein vorzügliches Schönheitsmittel“, bemerkte
+Lord Henry.</p>
+
+<p>„Nur wenn man jung ist“, antwortete sie. „Wenn eine
+alte Frau wie ich errötet, ist es ein sehr schlechtes
+Zeichen. Ach, Lord Henry, ich wünschte, Sie könnten mir
+sagen, wie man wieder jung wird!“</p>
+
+<p>Er dachte einen Augenblick nach. „Können Sie sich
+an irgendeinen großen Fehler erinnern, den Sie in der
+Jugend begangen haben?“ fragte er dann, sie fest über
+den Tisch hin ansehend.</p>
+
+<p>„An eine ganze Menge, fürchte ich!“ rief sie aus.</p>
+
+<p>„Dann begehen Sie sie wieder“, entgegnete er ernst.
+„Um seine Jugend zurückzubekommen, braucht man nur
+seine Torheiten zu wiederholen.“</p>
+
+<p>„Eine allerliebste Theorie!“ rief sie. „Ich muß sie mal
+in die Praxis umsetzen.“</p>
+
+<p>„Eine gefährliche Theorie“, sagte Sir Thomas, seine
+dünnen Lippen zusammenkneifend. Lady Agatha schüttelte<a class="pagenum" name="Page_68" title="68"> </a>
+den Kopf, aber sie amüsierte sich doch. Herr Erskine
+lauschte.</p>
+
+<p>„Ja,“ fuhr Henry fort, „das ist eines der großen
+Lebensgeheimnisse. Heutzutage sterben die meisten Leute
+an einer Art von schleichender Verständigkeit, und erst,
+wenn es zu spät ist, kommen sie dahinter, daß die einzigen
+Dinge, die man niemals bereut, die Torheiten sind.“</p>
+
+<p>Nun lachte der ganze Tisch.</p>
+
+<p>Er spielte jetzt mit diesem Einfall nach Willkür; warf
+ihn in die Luft und änderte ihn um: ließ ihn entwischen
+und haschte ihn wieder auf: ließ ihn phantastisch glitzern
+und gab ihm Paradoxe als Flügel. Als er fortfuhr, rundete
+sich dieser Ruhm der Narretei in ein philosophisches
+System und die Philosophie selbst wurde dabei jung und
+tanzte, begleitet von der tollen Musik der Lust, in ihrem
+von Wein befleckten Gewande und mit Efeu bekränzten
+Locken, wie eine Bacchantin über die Hügel des Lebens
+und neckte den plumpen Silen, weil er nüchtern blieb. Die
+Tatsachen flüchteten vor ihr wie das erschreckte Getier
+des Waldes. Ihre weißen Füße stampften in der ungefügen
+Kelter, an der der weise Omar sitzt, bis der schäumende
+Traubensaft in purpurblasigen Wellen an ihren nackten
+Gliedern aufspritzte oder in rotem Gischt über die dunkeln,
+triefenden, gewölbten Seiten der Kufe herabrann. Es war
+eine ganz brillante Improvision. Er empfand, daß die
+Augen Dorian Grays auf ihn gerichtet waren, und das
+Bewußtsein, daß es unter seinen Zuhörern einen gab,
+dessen Temperament er zu bezaubern wünschte, gab seinem
+Witz Würzigkeit und seiner Phantasie Farbe. Er<a class="pagenum" name="Page_69" title="69"> </a>
+war geistreich, phantasievoll, unwiderstehlich. Er begeisterte
+seine Zuhörer dahin, aus sich heraus zu gehen,
+und lachend folgten sie seiner Rattenfängerpfeife. Dorian
+Gray verwandte seinen Blick nicht von ihm, sondern saß
+wie unter einem Zauberbanne da, während ein Lächeln
+nach dem andern auf seine Lippen trat und sich das Staunen
+in seinen dunklen Augen immer mehr vertiefte.</p>
+
+<p>Endlich betrat die Wirklichkeit im Kleide des Alltags das
+Zimmer, und zwar in Gestalt eines Lakaien, der der Herzogin
+meldete, daß ihr Wagen warte. Sie rang ihre Hände
+in geschauspielerter Verzweiflung. „Wie schade!“ rief sie
+aus. „Ich muß fort. Muß meinen Mann im Klub abholen
+und mit ihm zu irgendeiner albernen Sitzung bei Willis
+fahren, wo er präsidiert. Wenn ich zu spät komme, ist er
+sicher ärgerlich, und in dem Hut, den ich aufhabe, könnte
+ich eine Szene nicht vertragen. Er ist viel zu gebrechlich
+dazu. Ein rauhes Wort und er wäre ruiniert. Nein,
+liebe Agatha, ich muß fort. Adieu, Lord Henry! Sie sind
+ein ganz entzückender Mensch und fürchterlich unmoralisch.
+Ich weiß wahrhaftig nicht, was ich zu Ihren Ansichten
+sagen soll. Sie müssen mal bei uns zu Abend essen. Dienstag?
+Sind Sie Dienstag frei?“</p>
+
+<p>„Für Sie würde ich jede andere Verabredung im
+Stich lassen, Frau Herzogin“, sagte Lord Henry, sich verbeugend.</p>
+
+<p>„Ah! Das ist sehr nett und sehr abscheulich von Ihnen“,
+rief sie; „vergessen Sie also nicht zu kommen“, und sie
+rauschte aus dem Zimmer, von Lady Agatha und den
+anderen Damen begleitet.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_70" title="70"> </a></p>
+
+<p>Als sich Lord Henry wieder gesetzt hatte, kam Herr
+Erskine zu ihm, zog seinen Stuhl ganz nahe zu ihm hin
+und legte die Hand auf seinen Arm.</p>
+
+<p>„Sie reden wie ein Buch“, sagte er; „warum schreiben
+Sie keins?“</p>
+
+<p>„Ich lese Bücher viel zu gerne, als daß ich Lust hätte,
+eins zu schreiben, Herr Erskine. Gewiß möchte ich manchmal
+einen Roman schreiben, der so entzückend und ebenso
+unwirklich sein müßte wie ein persischer Teppich. Aber
+in England gibt es ja kein literarisches Publikum außer
+für Zeitungen, Katechismen und Konversationslexika. Von
+allen Völkern des Erdballs haben die Engländer den
+am wenigsten entwickelten Sinn für die Schönheit der
+Literatur.“</p>
+
+<p>„Ich fürchte, Sie haben recht“, antwortete Herr Erskine.
+„Ich selbst habe einstmals literarischen Ehrgeiz gehabt, aber
+ich habe ihn längst abgelegt. Und nun, mein lieber junger
+Freund, wenn Sie mir erlauben wollen, Sie so zu nennen,
+darf ich Sie fragen, ob Sie wirklich alles im Ernst meinten,
+was Sie uns bei Tisch gesagt haben?“</p>
+
+<p>„Ich habe ganz vergessen, was ich gesagt habe“, antwortete
+Lord Henry lächelnd. „Es war wohl sehr toll?“</p>
+
+<p>„Allerdings, sehr toll! Ich glaube wirklich, daß Sie ein
+äußerst gefährlicher Mensch sind, und wenn unserer guten
+Herzogin irgend etwas zustößt, so werden wir alle Sie in
+erster Linie dafür verantwortlich machen. Aber ich würde
+mit Ihnen gern einmal länger über das Leben debattieren.
+Die Generation, in die ich hineingeboren wurde, war sehr
+langweilig. Wenn Sie mal londonmüde sind, kommen Sie<a class="pagenum" name="Page_71" title="71"> </a>
+doch nach Treadley und setzen Sie mir da Ihre Philosophie
+des Genusses auseinander bei einem ganz köstlichen
+Burgunder, den zu besitzen ich so glücklich bin.“</p>
+
+<p>„Das wird mir ein großes Vergnügen sein. Ein Besuch
+in Treadley ist ein großer Vorzug. Es hat einen vollkommenen
+Wirt und eine vollkommene Bibliothek.“</p>
+
+<p>„Die mit Ihnen vollständig werden wird“, antwortete
+der alte Herr mit einer höflichen Verbeugung. „Und jetzt
+muß ich Ihrer trefflichen Tante adieu sagen. Ich muß
+ins Athenäum. Es ist die Stunde, wo wir dort schlafen.“</p>
+
+<p>„Sie alle, Herr Erskine?“</p>
+
+<p>„Vierzig von uns in vierzig Klubsesseln. Wir üben uns
+für eine Akademie anglaise.“</p>
+
+<p>Lord Henry lachte und stand auf. „Ich gehe in den
+Park!“ rief er aus.</p>
+
+<p>Als er durch den Türrahmen schritt, berührte ihn Dorian
+Gray am Arm. „Erlauben Sie mir, mitzukommen“, flüsterte
+er.</p>
+
+<p>„Aber ich dachte, Sie haben Basil Hallward versprochen,
+ihn zu besuchen“, wandte Lord Henry ein.</p>
+
+<p>„Ich möchte lieber mit Ihnen gehen; ja ich fühle, ich
+muß mit Ihnen mitkommen. Bitte, erlauben Sie es. Und
+versprechen Sie mir, die ganze Zeit zu erzählen? Niemand
+spricht so entzückend wie Sie.“</p>
+
+<p>„Ah! Ich habe für heute gerade genug geredet“, sagte
+Lord Henry und lächelte. „Alles, was ich jetzt möchte, ist,
+das Leben zu beschauen. Sie können mitkommen und mitanschauen,
+wenn Sie wollen.“</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_72" title="72"> </a></p>
+
+
+
+
+<h2><a name="Viertes_Kapitel" id="Viertes_Kapitel"></a>Viertes Kapitel</h2>
+
+
+<p>Eines Nachmittags, einen Monat später, saß Dorian
+Gray zurückgelehnt in einem schwellenden Sessel der kleinen
+Bibliothek in Lord Henrys Hause in Mayfair. Es war in
+seiner Art ein allerliebster Raum, bis hoch hinauf mit
+olivenfarbigem Eichenholz getäfelt, mit einem cremefarbigen
+Deckenfries und mit Stuckverzierungen und mit einem
+ziegelfarbigen Filzteppich, der in langen Seidenfransen
+auslief. Auf einem niedlichen Tischchen aus Satinholz
+stand eine Figur von Clodion, und daneben lag eine Ausgabe
+der Cent Nouvelles, die für Margarete von Valois
+von Clovis Eve eingebunden und mit goldenen Gänseblümchen
+verziert war, wie sie die Königin auf ihr Wappenzeichen
+gewählt hatte. Auf dem Kaminsims standen ein
+paar große blaue Porzellanvasen mit Papageientulpen,
+und durch die schmalen, bleigerahmten Rautenfelder der
+Fenster drang das aprikosenfarbene Licht eines Londoner
+Sommertages.</p>
+
+<p>Lord Henry war noch nicht nach Hause gekommen. Er
+kam grundsätzlich zu spät, da sein Grundsatz war, Pünktlichkeit
+stehle einem die Zeit. Daher sah der junge Mann
+etwas gelangweilt aus, als er mit lässigen Fingern die
+Seiten einer reichillustrierten Ausgabe von Manon Lescaut
+durchblätterte, die er in einem der Bücherschränke gefunden
+hatte. Das abgemessene gleichförmige Ticktack der Louis-Quatorze-Uhr
+machte ihn nervös. Ein- oder zweimal
+machte er schon Miene, wegzugehen.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_73" title="73"> </a></p>
+
+<p>Endlich hörte er draußen einen Schritt und die Tür
+öffnete sich. „Wie spät du kommst, Harry!“ sagte er leisen
+Vorwurfs.</p>
+
+<p>„Zu meinem Bedauern ist es nicht Harry, Herr Gray“,
+antwortete eine schrille Stimme.</p>
+
+<p>Er sah sich rasch um und sprang auf die Füße.</p>
+
+<p>„Ich bitte um Entschuldigung, ich glaubte &mdash;“</p>
+
+<p>„Sie glaubten, es sei mein Mann. Es ist nur seine
+Frau. Ich muß mich schon selbst vorstellen. Ich kenne Sie
+aus Ihren Photographien ganz gut. Ich glaube, mein
+Mann hat ihrer siebzehn.“</p>
+
+<p>„Nicht siebzehn, Lady Henry.“</p>
+
+<p>„Schön, also achtzehn. Und dann habe ich Sie gestern
+abend mit ihm in der Oper gesehen.“ Während sie sprach,
+lachte sie nervös und beobachtete ihn mit ihren verschwommenen
+Vergißmeinnichtaugen. Sie war eine absonderliche
+Frau, deren Kleider immer so aussahen, als wären
+sie in einem Wutanfall gezeichnet und während eines
+Gewitters angezogen worden. Sie war gewöhnlich in
+irgend jemand verliebt, und da ihre Leidenschaft nie erwidert
+wurde, hatte sie sich alle ihre Illusionen bewahrt.
+Sie machte den Versuch, malerisch zu erscheinen, aber es
+gelang ihr nur, unordentlich auszusehen. Sie hieß Viktoria
+und hatte eine krankhafte Leidenschaft, in die Kirche zu
+laufen.</p>
+
+<p>„Das war im Lohengrin, Lady Henry, nicht wahr?“</p>
+
+<p>„Ja, es war bei dem entzückenden Lohengrin. Ich liebe
+Wagners Musik mehr als die irgendeines anderen. Sie ist
+so laut, daß man sich die ganze Zeit unterhalten kann, ohne<a class="pagenum" name="Page_74" title="74"> </a>
+daß die Nachbarn hören, was man sagt. Das ist ein
+dankenswerter Vorteil. Meinen Sie nicht auch, Herr Gray?“</p>
+
+<p>Über ihre dünnen Lippen kam wieder das nervöse Stakkatolachen,
+und ihre Finger begannen mit einem langen
+Papiermesser aus Schildkrot zu spielen.</p>
+
+<p>Dorian schüttelte lächelnd den Kopf. „Ich bedaure,
+Lady Henry, das ist nicht meine Meinung. Ich unterhalte
+mich nie, während man spielt &mdash; wenigstens nicht, wenn es
+gute Musik ist. Wenn man schlechte Musik hört, ist man
+freilich verpflichtet, sie durch ein Gespräch zu ertränken.“</p>
+
+<p>„Ah, das ist eine von Harrys Sentenzen, nicht wahr,
+Herr Gray? Ich bekomme Harrys Ansichten immer von
+seinen Freunden zu hören. Das ist die einzige Art, wie ich
+sie überhaupt erfahre. Aber Sie dürfen nicht glauben, daß
+ich nicht auch gute Musik liebe. Ich vergöttere sie, aber ich
+fürchte mich vor ihr. Sie macht mich zu romantisch. Ich
+habe Klavierspieler geradezu angebetet &mdash; manchmal zwei
+auf einmal, versichert Harry. Ich weiß nicht, was es für
+eine Bewandtnis mit ihnen hat. Vielleicht rührt es daher,
+daß sie Ausländer sind. Das sind sie doch alle, nicht
+wahr? Selbst die in England Geborenen werden nach
+einiger Zeit Ausländer, nicht wahr? Es ist sehr gescheit
+von ihnen und für die Kunst sehr vorteilhaft. Das macht
+sie zu Kosmopoliten, nicht wahr? Sie waren nie auf einer
+meiner Gesellschaften, Herr Gray. Sie müssen einmal
+kommen. Ich kann mir zwar keine Orchideen leisten, aber
+ich scheue in der Anschaffung von Ausländern keine Ausgabe.
+Sie geben dem Hause ein so pittoreskes Aussehen.
+Aber da ist Harry. &mdash; Harry, ich kam her, um<a class="pagenum" name="Page_75" title="75"> </a>
+dich zu suchen, um dich etwas zu fragen &mdash; ich habe ganz
+vergessen, was &mdash; und ich habe Herrn Gray hier getroffen.
+Wir haben so entzückend über Musik gesprochen. Unsere
+Ansichten darüber sind die gleichen. Nein, ich glaube, unsere
+Ansichten darüber sind ganz verschieden. Aber er ist ganz
+allerliebst gewesen. Ich freue mich so sehr, ihn einmal gesehen
+zu haben.“</p>
+
+<p>„Das ist ja reizend, meine Liebe, ganz reizend“, sagte
+Lord Henry, seine dunkeln geschwungenen Brauen hebend
+und beide mit vergnügtem Lächeln ansehend. „Es tut mir
+so leid, Dorian, daß ich mich verspätet habe. Ich war in
+Wardour Street, um mir einen alten Brokat anzusehen,
+und mußte stundenlang darum handeln. Heutzutage kennen
+die Leute den Preis von jeder Sache und den Wert von
+keiner.“</p>
+
+<p>„Ich muß leider gehen!“ rief Lady Henry aus und
+unterbrach ein verlegenes Schweigen mit ihrem jähen,
+grundlosen Lachen. „Ich habe versprochen, mit der Herzogin
+auszufahren. Adieu, Herr Gray. Adieu, Harry.
+Du speist wohl nicht zu Hause, wie? Ich auch nicht, vielleicht
+sehe ich dich bei Lady Thornbury.“</p>
+
+<p>„Höchstwahrscheinlich, meine Liebe“, sagte Lord Henry
+und schloß die Tür hinter ihr, als sie gleich einem Paradiesvogel,
+der die ganze Nacht dem Regen ausgesetzt gewesen
+war, aus dem Zimmer hinausflatterte, einen feinen
+Jasmingeruch hinterlassend. Harry zündete sich eine Zigarette
+an und warf sich auf das Sofa. „Heirate nie eine
+Frau mit strohgelbem Haar, Dorian“, sagte er nach einigen
+Zügen.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_76" title="76"> </a></p>
+
+<p>„Warum nicht, Harry?“</p>
+
+<p>„Weil sie so sentimental sind.“</p>
+
+<p>„Aber ich habe sentimentale Menschen gern.“</p>
+
+<p>„Heirate überhaupt nie, Dorian! Männer heiraten, weil
+sie müde sind; Frauen, weil sie neugierig sind: beide werden
+enttäuscht.“</p>
+
+<p>„Ich glaube nicht, daß ich heiraten werde, Harry. Dazu
+bin ich zu verliebt. Das ist einer deiner Aphorismen. Ich
+setze ihn in die Wirklichkeit um, wie alles, was du sagst.“</p>
+
+<p>„In wen bist du verliebt?“ fragte Lord Harry nach
+einer Pause.</p>
+
+<p>„In eine Schauspielerin“, sagte Dorian Gray errötend.</p>
+
+<p>Lord Henry zuckte die Achseln. „Ein recht landläufiger
+Anfang.“</p>
+
+<p>„Das würdest du nicht sagen, wenn du sie kenntest.“</p>
+
+<p>„Wer ist's denn?“</p>
+
+<p>„Sie heißt Sibyl Vane.“</p>
+
+<p>„Nie von ihr gehört.“</p>
+
+<p>„Das hat niemand. Aber später einmal wird man von
+ihr hören. Sie ist ein Genie.“</p>
+
+<p>„Mein lieber Junge, es gibt keine Frau, die ein Genie
+wäre. Die Frauen sind ein dekoratives Geschlecht. Sie
+haben niemals etwas zu sagen, aber sie sagen es entzückend.
+Die Frauen bedeuten den Triumph der Materie über den
+Geist, wie die Männer den Triumph des Geistes über die
+Sittlichkeit.“</p>
+
+<p>„Harry, wie kannst du?“</p>
+
+<p>„Mein lieber Dorian, es ist aber wahr. Ich beschäftige
+mich gerade mit der Analyse der Frauen, daher muß ich<a class="pagenum" name="Page_77" title="77"> </a>
+das wissen. Das Thema ist nicht so verwickelt, wie ich
+glaubte. Ich finde, daß es schließlich nur zwei Arten von
+Frauen gibt, die einfachen und die geschminkten. Die einfachen
+Frauen sind sehr nützlich. Wenn du als ehrbarer
+Mensch gelten willst, mußt du nur eine von ihnen zu Tisch
+führen. Die andern Frauen sind zum Entzücken. Aber sie
+begehen einen Fehler. Sie schminken sich, um jung auszusehen.
+Unsere Großmütter schminkten sich, um geistreich
+zu plaudern. Rouge und Esprit gingen Hand in Hand.
+Das ist jetzt alles vorbei. Solange eine Frau zehn Jahre
+jünger aussehen kann als ihre Tochter, ist sie gänzlich
+zufrieden. Was die Konversation betrifft, so gibt es in
+ganz London höchstens fünf Frauen, mit denen sich's zu
+reden lohnt, und zwei davon sind in anständiger Gesellschaft
+nicht möglich. Aber genug, erzähl' mir was von
+deinem Genie! Wie lange kennst du sie?“</p>
+
+<p>„Ach, Harry, deine Ansichten erschrecken mich!“</p>
+
+<p>„Mach' dir darum keine Kopfschmerzen. Wie lange kennst
+du sie also?“</p>
+
+<p>„Ungefähr drei Wochen.“</p>
+
+<p>„Und wo hast du die Entdeckung gemacht?“</p>
+
+<p>„Ich will dir's erzählen, Harry, aber du mußt nicht
+häßlich darüber reden. Übrigens wär's gar nicht dazu
+gekommen, wenn ich dich nicht kennengelernt hätte. Du hast
+mich mit einer wilden Begierde, alles im Leben kennenzulernen,
+angefüllt. Noch viele Tage, nachdem ich dich
+zuerst gesehen hatte, schien in meinen Adern etwas zu rumoren.
+Wenn ich im Park spazierte oder Piccadilly
+hinunterschlenderte, schaute ich jeden an, der mir entgegenkam,<a class="pagenum" name="Page_78" title="78"> </a>
+und wollte mit einer tollen Neugierde herauskriegen,
+was für eine Art Leben die Leute alle führten.
+Einige von ihnen fesselten mich. Andere erfüllten mich
+mit Schauder. Es schwamm ein verführerisches Gift in der
+Luft. Mich hatte eine Leidenschaft nach Erlebnissen gepackt... Eines Abends also gegen sieben beschloß ich, mich
+auf die Suche nach einem Abenteuer zu begeben. Ich hatte
+solch Gefühl, daß unser graues, riesenhaftes London mit
+seinen vielen Hunderttausenden schmutzigen Sündern und
+seinen schillernden Sünden, wie du dich mal ausdrücktest,
+irgend etwas für mich in Bereitschaft halten müsse. Ich
+erfand mir tausenderlei Dinge. Schon die bloße Gefahr
+schenkte mir einen gewissen Genuß. Ich erinnerte mich an
+das, was du mir sagtest an dem wunderbaren Abend, als
+wir das erstemal zusammen speisten: daß nämlich das
+Suchen nach Schönheit das eigentliche Geheimnis des
+Lebens sei. Ich weiß nicht, was ich erwartete, aber ich
+ging drauflos und wanderte nach dem Osten, wo ich
+meinen Weg bald in einem Wirrwarr von rußigen Straßen
+und schwarzen, graslosen Plätzen verlor. Gegen halb acht
+kam ich an einem kleinen, schnurrigen Theater mit großen,
+flackernden Gasflammen und grellen Plakaten vorbei. Ein
+widerlicher Jude, in dem erstaunlichsten Rock, den ich
+mein Lebtag gesehen habe, stand an der Tür und paffte
+eine stänkrige Zigarre. Er hatte fettige Peies, und ein
+riesiger Brillant glitzerte auf seiner schmutzigen Hemdenbrust.
+‚Eine Loge, Herr Baron?‛ fragte er mich und nahm
+seinen Hut mit grandioser Unterwürfigkeit ab. Er hatte
+etwas an sich, Harry, was mich belustigte. Er war das<a class="pagenum" name="Page_79" title="79"> </a>
+reine Monstrum. Du wirst mich auslachen, ich weiß schon,
+aber ich trat wirklich ein und erlegte ein Zwanzigmarkstück
+für die Proszeniumsloge. Ich kann mir noch heute
+nicht erklären, warum ich das tat; und doch &mdash; wenn ich's
+nicht getan hätte &mdash; bester Harry, ich wäre um das größte
+Ereignis meines Lebens gekommen. Ja, lach du nur. Es
+ist häßlich von dir.“</p>
+
+<p>„Ich lache nicht, Dorian, wenigstens nicht über dich.
+Aber du solltest es nicht das größte Ereignis deines Lebens
+nennen. Sage lieber, das erste Ereignis deines Lebens. Du
+wirst immer geliebt werden, und du wirst in die Liebe
+immer verliebt sein. Die grande Passion ist das Vorrecht
+aller Leute, die nichts zu tun haben. Das ist der einzige
+Nutzen, den die Tagediebe eines Landes bringen. Habe
+keine Angst! Himmlische Dinge warten noch deiner. Das
+ist der bloße Anfang.“</p>
+
+<p>„Hältst du meine Natur für so oberflächlich?“ rief
+Dorian Gray gekränkt.</p>
+
+<p>„Nein, ich halte sie für so tief.“</p>
+
+<p>„Wie meinst du das?“</p>
+
+<p>„Mein lieber Junge, die Leute, die nur einmal im
+Leben lieben, das sind in Wirklichkeit die Oberflächlichen.
+Was sie Anstand und Treue nennen, nenne ich entweder
+die Trägheit der Gewohnheit oder Mangel an Einbildungskraft.
+Treue ist im Gefühlsleben dasselbe, was
+Konsequenz im Geistesleben ist, nichts als das Zugeständnis
+von Schwäche. Treue! Ich muß ihren Begriff später
+mal analysieren. Freude am Besitz liegt darin. Welche
+Menge von Dingen würden wir wegwerfen, wenn wir nicht<a class="pagenum" name="Page_80" title="80"> </a>
+fürchten müßten, andere könnten sie auflesen. Aber ich
+möchte dich nicht unterbrechen. Erzähle weiter.“</p>
+
+<p>„Ich saß also in einer schauderhaften kleinen Loge, und
+ein ordinärer Vorhang starrte mir gerade ins Gesicht. Ich
+schaute hinter der Gardine vor und sah mich im Hause um.
+Es war ein schäbig-elegantes Ding, gestopft voll mit Amoretten
+und Füllhörnern, wie auf einem Hochzeitskuchen
+billigster Sorte. Galerie und Stehparterre waren leidlich
+voll, aber die zwei Reihen schmieriger Fauteuils vorne
+waren ganz leer und auf dem Platze, den sie vermutlich
+ersten Rang titulierten, saß kaum ein Mensch. Weiber
+gingen mit Orangen und Ingwerbier herum, und eine unglaubliche
+Masse von Nüssen wurde verknackt.“</p>
+
+<p>„Es muß ganz wie in der Glanzzeit des britischen
+Dramas gewesen <ins title="sein.">sein.“</ins></p>
+
+<p>„Ganz so, vermute ich, und sehr niederdrückend. Ich
+begann, zu überlegen, was um Himmels willen ich da
+anfangen sollte, als mein Blick auf den Theaterzettel fiel.
+Was glaubst du, was sie spielten, Harry?“</p>
+
+<p>„Ich vermute, der ‚kleine Kretin‛ oder ‚Blödsinnig, aber
+unschuldig‛. Unsere Väter liebten diese Art Stücke, glaube
+ich. Je länger ich lebe, Dorian, je stärker fühle ich, daß
+alles, was für unsere Väter gut genug war, für uns noch
+lange nicht gut genug ist. In der Kunst wie in der Politik
+<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">les grandpères ont toujours tort</span>.“</p>
+
+<p>„Das Stück war gut genug für uns, Harry. Es war
+‚<ins title="Romea">Romeo</ins> und Julia‛. Ich muß zugeben, daß mich der Gedanke,
+Shakespeare in einer so elenden Spelunke zu sehen,
+ärgerte. Und doch interessierte es mich irgendwie. Jedenfalls<a class="pagenum" name="Page_81" title="81"> </a>
+entschloß ich mich, den ersten Akt abzuwarten. Es
+spielte da ein schauderöses Orchester, das ein junger Hebräer
+dirigierte, der an einem schnarrenden Klavier saß,
+mich beinah zum Davonlaufen brachte; aber schließlich
+ging doch der Vorhang in die Höhe und das Stück fing
+an. Romeo war ein hahnebüchener älterer Herr mit dick gemalten
+Brauen, einer versoffenen Tragödenstimme und
+einer Falstaffgestalt wie eine Biertonne. Mercutio war
+fast ebenso arg. Er wurde vom Komiker gespielt, der
+Mätzchen eigener Improvisation einstreute und in der verwandtschaftlichsten
+Beziehung zur Galerie stand. Sie waren
+beide genau so grotesk wie die Szenerie, und die sah aus,
+als käme sie vom Jahrmarktsrummel. Aber Julia! Harry,
+stell dir ein Mädchen vor, kaum siebzehn Jahre alt, mit
+einem blumenhaften Gesichtchen, einem schmalen griechischen
+Kopf mit dunkelbraunen Zöpfen, mit Augen, wie
+veilchenblaue Brunnen heißer Leidenschaft, mit Lippen
+wie Rosenblätter. Das entzückendste Geschöpf, das ich je
+im Leben gesehen habe. Du sagtest mal zu mir, Pathos
+ergreife dich nicht, aber Schönheit, keusche Schönheit an
+sich, könnte deine Augen wohl mit Tränen füllen. Ich
+sage dir, Harry, ich konnte dieses Mädchen kaum sehen,
+von dem Tränenflor über meinen Augen. Und ihre
+Stimme &mdash; ich habe so eine Stimme nie gehört. Zuerst sehr
+leise in tiefen, vollen Molltönen, die langsam und jeder
+für sich allein ins Ohr zu träufeln schienen. Dann etwas
+lauter und erklingend wie eine Flöte oder eine ferne
+Hoboe. In der Gartenszene hatte sie jene zitternde Inbrunst,
+die man hört, wenn die Nachtigallen singen vor<a class="pagenum" name="Page_82" title="82"> </a>
+Tag und Tau. Es gab dann Augenblicke, wo ihre Stimme
+die verhaltene Leidenschaftsglut von Geigentönen hatte.
+Du weißt, wie eine Stimme einen erschüttern kann. Deine
+Stimme und die Stimme von Sibyl Vane, die beiden
+werde ich nie vergessen. Wenn ich meine Augen schließe,
+höre ich sie, und jede von ihnen sagt etwas anderes. Ich
+weiß nicht, welcher ich folgen soll. Warum sollte ich sie
+nicht lieben? Harry, ich liebe sie. Sie ist alles in meinem
+Leben. Abend für Abend gehe ich hin, um sie spielen zu
+sehen. An einem Abend ist sie Rosalinde, am nächsten
+Imogen. Ich habe sie im Düster eines italienischen Grabgewölbes
+sterben sehen, wie sie das Gift von den Lippen
+des Geliebten trinkt. Ich bin ihrer Wanderung durch die
+Ardennen gefolgt, wie sie als hübscher Knabe mit Hose,
+Wams und einem kleinen Barett verkleidet war. Sie war
+wahnsinnig und ist vor einen schuldbewußten König hingetreten
+und ließ ihn Rauten tragen und bittere Kräuter
+kosten. Sie war unschuldig, und die schwarzen Hände der
+Eifersucht haben ihren zarten Hals zusammengepreßt. Ich
+habe sie in jedem Jahrhundert und in jeder Tracht gesehen.
+Gewöhnliche Frauen sagen unserer Phantasie nichts.
+Sie sind in ihre Zeit hineingebannt. Kein Zauber kann
+sie umwandeln. Man kennt ihren Geist ebenso schnell
+wie ihre Güte. Man kennt sie immer heraus. Es gibt
+kein Geheimnis in ihnen. Sie reiten morgens in den
+Park und schnattern nachmittags beim Tee. Sie haben
+ihr stereotypes Lächeln und ihre eleganten Modemanieren.
+Aber eine Schauspielerin! Wie anders solche Schauspielerin!
+Harry! Warum hast du mir nicht gesagt,<a class="pagenum" name="Page_83" title="83"> </a>
+daß nichts geliebt zu werden verdient als eine Schauspielerin?“</p>
+
+<p>„Weil ich so viele von ihnen geliebt habe, Dorian.“</p>
+
+<p>„Oh, gewiß, gräßliche Geschöpfe mit gefärbten Haaren
+und geschminkten Gesichtern.“</p>
+
+<p>„Schmähe nicht gefärbtes Haar und geschminkte Gesichter.
+Es liegt zuweilen ein ganz besonderer Reiz darin“,
+sagte Lord Henry.</p>
+
+<p>„Ich wollte, ich hätte dir nie etwas von Sibyl Vane
+gesagt.“</p>
+
+<p>„Du hättest gar nicht anders können, Dorian. Dein
+ganzes Leben lang wirst du mir alles sagen, was du tust.“</p>
+
+<p>„Ja, Harry, ich glaube, es ist so. Ich bin geradezu gezwungen,
+dir alles zu sagen. Du hast eine seltsame Macht
+über mich. Wenn ich je ein Verbrechen beginge, käme ich
+gleich zu dir und beichtete es dir. Du würdest mich verstehen.“</p>
+
+<p>„Menschen wie du &mdash; die kühnen Sonnenstrahlen des
+Lebens &mdash; begehen keine Verbrechen, Dorian. Aber ich
+danke dir trotzdem für dein Kompliment. Und nun sag'
+mir &mdash; bitte gib mir mal die Streichhölzer herüber; danke
+&mdash; wie sind deine wirklichen Beziehungen zu Sibyl Vane?“</p>
+
+<p>Dorian Gray sprang mit geröteten Wangen und blitzenden
+Augen auf. „Harry! Sibyl Vane ist mir heilig.“</p>
+
+<p>„Nur heilige Dinge sind wert, sie anzurühren, Dorian“,
+sagte Lord Henry mit einem merkwürdigen pathetischen
+Ton in seiner Stimme. „Aber warum fühlst du dich verletzt?
+Ich vermute, sie wird dir eines Tages gehören.
+Wenn man verliebt ist, fängt man immer damit an, sich<a class="pagenum" name="Page_84" title="84"> </a>
+selbst zu betrügen, und hört immer damit auf, andere zu
+betrügen. Das nennt die Welt eine Liebesgeschichte. Auf
+jeden Fall denke ich, du kennst sie?“</p>
+
+<p>„Natürlich kenne ich sie. Schon am ersten Abend im
+Theater kam der gräßliche alte Jude nach der Vorstellung
+in meine Loge und bot mir an, mich hinter die Kulissen zu
+führen und ihr vorzustellen. Ich war wütend und sagte
+ihm, daß Julia seit Hunderten von Jahren tot sei und daß
+ihr Körper in einem Marmorgrabe zu Verona liege. Nach
+dem bestürzten Ausdruck in seinem Gesicht vermute ich,
+daß er glaubte, ich hätte zuviel Champagner oder Ähnliches
+getrunken.“</p>
+
+<p>„Kein Wunder!“</p>
+
+<p>„Dann fragte er mich, ob ich für irgendeine Zeitung
+schreibe. Ich sagte ihm, daß ich nicht mal eine lese. Das
+schien ihn furchtbar zu enttäuschen, und er vertraute mir
+an, alle Theaterkritiker hätten sich gegen ihn verschworen
+und jeder einzelne von ihnen wäre käuflich.“</p>
+
+<p>„Es sollte mich nicht wundern, wenn er ganz recht hätte.
+Andererseits aber, nach ihrem Aussehen zu schließen, können
+sie meistens gar nicht teuer sein.“</p>
+
+<p>„Einerlei, sie schienen über seine Mittel zu gehen“, sagte
+Dorian lachend. „Inzwischen aber wurden die Lichter im
+Theater ausgedreht und ich mußte fort. Er bat mich noch,
+einige Zigarren zu probieren, die er mir sehr warm
+empfahl. Ich dankte. Am nächsten Abend ging ich natürlich
+wieder hin. Als er mich sah, machte er eine tiefe Verbeugung
+und versicherte mir, ich sei ein edelmütiger Kunstmäzen.
+Er ist eine höchst abstoßende Kreatur, obwohl er<a class="pagenum" name="Page_85" title="85"> </a>
+eine außerordentliche Leidenschaft für Shakespeare hegt.
+Er erzählte mir mal mit einem Anflug von Stolz, seine
+fünf Bankrotte verdanke er nur dem ‚Barden‛; so nannte
+er nämlich hartnäckig Shakespeare. Er schien das für ein
+Verdienst zu halten.“</p>
+
+<p>„Es ist ein Verdienst, lieber Dorian &mdash; ein großes
+Verdienst. Die meisten Leute werden bankrott, weil sie
+zuviel in der Prosa des Lebens angelegt haben. Sich mit
+Poesie ruiniert zu haben, ist eine ehrenvolle Auszeichnung.
+Aber wann hast du Fräulein Sibyl Vane zum erstenmal
+<ins title="gesprochen?">gesprochen?“</ins></p>
+
+<p>„Am dritten Abend. Sie hatte die Rosalinde gespielt.
+Ich mußte hinter die Bühne gehen. Ich hatte ihr ein
+paar Blumen zugeworfen, und sie hatte zu mir hingesehen,
+wenigstens bildete ich es mir ein. Der alte Jude war
+beharrlich. Er schien entschlossen, mich mit nach hinten zu
+nehmen, und so gab ich nach. Es war sonderbar, daß ich
+sie nicht kennenlernen wollte, nicht wahr?“</p>
+
+<p>„Nein, ich glaube nicht.“</p>
+
+<p>„Warum, lieber Harry?“</p>
+
+<p>„Ich erkläre dir das ein andermal. Jetzt möchte ich
+gern von dem Mädchen hören.“</p>
+
+<p>„Von Sibyl? Oh, sie war so schüchtern und lieb. Sie ist
+noch fast wie ein Kind. Ihre Augen öffneten sich in einem
+allerliebsten Staunen, als ich ihr sagte, was ich über ihr
+Spiel dachte, und sie schien sich ihres eigenen Könnens
+gar nicht bewußt zu sein. Ich glaube, wir waren beide
+recht nervös. Der alte Jude stand grinsend an der Tür der
+staubigen Garderobe und hielt theatralische Reden über<a class="pagenum" name="Page_86" title="86"> </a>
+uns beide, während wir uns wie Kinder anstarrten. Er
+bestand darauf, mich ‚Herr Baron‛ zu nennen, so daß ich
+Sibyl versichern mußte, ich sei nichts der Art. Sie sagte in
+ganz schlichter Weise zu mir: ‚Sie sehen mehr wie ein
+Prinz aus. Ich will Sie Prinz Märchenschön nennen‛.“</p>
+
+<p>„Mein Wort, Dorian, Fräulein Sibyl versteht es,
+Schmeicheleien zu sagen.“</p>
+
+<p>„Du verstehst sie nicht, Harry. Sie betrachtete mich nur
+wie eine Figur in einem Theaterstück. Sie weiß gar nichts
+vom Leben. Sie wohnt bei ihrer Mutter, einer verblühten,
+ältlichen Frau, die am ersten Abend in einer Art
+türkisch-rotem Schlafrock die Lady Capulet spielte und den
+Eindruck machte, als hätte sie bessere Tage gesehen.“</p>
+
+<p>„Ich kenne diese Art, auszusehen. Sie stimmt mich unbehaglich“,
+sagte Lord Henry mit verhaltener Stimme und
+betrachtete seine Ringe.</p>
+
+<p>„Der Jude wollte mir ihre Lebensgeschichte erzählen,
+aber ich bemerkte, sie interessiere mich nicht.“</p>
+
+<p>„Da hattest du recht. Die Tragödien anderer Leute
+haben immer etwas unglaublich Gewöhnliches an sich.“</p>
+
+<p>„Sibyl ist das einzige, um das ich mich kümmere. Was
+geht's mich an, woher sie stammt? Von ihrem kleinen
+Kopf bis zu ihrem kleinen Fuß ist sie ein himmlisches
+Wesen. Jeden Abend, den ich erlebe, gehe ich hin, um sie
+spielen zu sehen, und jeden Abend ist sie entzückender.“</p>
+
+<p>„Ich vermute darin den Grund, weshalb du jetzt nie
+mehr mit mir zusammen ißt. Ich dachte mir gleich, daß dahinter
+irgendeine merkwürdige Geschichte stecke. Das ist so,
+aber es ist nicht ganz, was ich erwartete.“</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_87" title="87"> </a></p>
+
+<p>„Lieber Harry, wir sind jeden Tag entweder beim Frühstück
+oder beim Abendessen zusammen, und ich bin mehrere
+Male mit dir in der Oper gewesen“, sagte Dorian und
+öffnete verwundert seine blauen Augen.</p>
+
+<p>„Du kommst immer furchtbar spät.“</p>
+
+<p>„Ja, ich muß hin und Sibyl spielen sehen, und wenn
+auch nur einen Akt lang. Ich hungere nach ihrem Anblick,
+und wenn ich an die himmlische Seele denke, die in diesem
+zierlichen Elfenbeinkörper eingeschlossen ist, packt mich stille
+Ehrfurcht.“</p>
+
+<p>„Kannst du heute abend mit mir essen, Dorian?“</p>
+
+<p>Er schüttelte den Kopf. „Heute abend ist sie Imogen,“
+antwortete er, „und morgen abend Julia.“</p>
+
+<p>„Wann ist sie Sibyl Vane?“</p>
+
+<p>„Nie!“</p>
+
+<p>„Da wünsche ich dir Glück.“</p>
+
+<p>„Wie schrecklich du bist! Sie verkörpert alle die großen
+Frauengestalten der Weltgeschichte in sich. Sie ist mehr als
+ein Geschöpf. Du lachst, aber ich sage dir, sie ist ein Genie.
+Ich liebe sie und ich will's erreichen, daß sie mich auch liebt.
+Dir sind alle Geheimnisse des Lebens bekannt, du mußt mir
+sagen, wie ich Sibyl Vane so bezaubern kann, daß sie mich
+liebt. Ich will Romeo eifersüchtig machen. Ich will, daß die
+toten Liebhaber der Welt unser Lachen hören und sich grämen.
+Ich will, daß unsere strahlende Leidenschaft ihren Staub
+wieder beleben und ihre Asche zu Schmerzen auferwecken
+soll. O Gott, Harry, wie bete ich sie an!“ Er ging, während
+er sprach, im Zimmer auf und ab. Rote hektische Flecken
+brannten auf seinen Wangen. Er war furchtbar erregt.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_88" title="88"> </a></p>
+
+<p>Lord Henry betrachtete ihn mit stillem Wohlbehagen.
+Wie anders war er jetzt als jener verlegene, schüchterne
+Knabe, den er in Basil Hallwards Atelier angetroffen
+hatte! Seine Natur hatte sich entwickelt wie eine Blume
+und trug Blüten von brennendrotem Scharlach. Aus ihrem
+geheimen Versteck war seine Seele hervorgekrochen, und
+die Wollust war ihr auf halbem Wege entgegengekommen.</p>
+
+<p>„Und was hast du nun vor?“ sagte Lord Henry schließlich.</p>
+
+<p>„Ich will, du und Basil sollt mich an einem Abend
+begleiten und sie spielen sehen. Ich setze nicht die leiseste
+Besorgnis in die Wirkung. Ihr werdet zugeben müssen,
+daß sie Genie hat. Dann müssen wir sie dem Juden aus
+den Händen winden. Sie ist noch drei Jahre &mdash; genau
+zwei Jahre und acht Monate &mdash; an ihn gebunden. Natürlich
+werde ich ihm etwas zahlen müssen. Wenn das alles
+in Ordnung ist, suche ich mir ein Theater im Westend und
+lasse sie dort erst mal richtig auftreten. Sie wird die Welt
+ebenso verrückt machen wie mich.“</p>
+
+<p>„Das wird kaum gehen, lieber Junge.“</p>
+
+<p>„Ja, sie wird es; denn in ihr ist nicht nur Kunst,
+vollendetster Kunstinstinkt, sondern sie hat auch Persönlichkeit;
+und du selbst hast mir oft genug gesagt, daß nur
+Persönlichkeiten, nicht Prinzipien die Welt beherrschen.“</p>
+
+<p>„Schön, wann sollen wir also hingehen?“</p>
+
+<p>„Laß mich mal nachdenken. Heute ist Dienstag. Wollen
+wir morgen festsetzen? Morgen spielt sie die Julia.“</p>
+
+<p>„Abgemacht! Morgen um acht im Bristol. Ich werde
+Basil mitbringen.“</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_89" title="89"> </a></p>
+
+<p>„Bitte, nicht um acht Uhr, Harry. Halbsieben. Wir
+müssen dort sein, ehe der Vorhang aufgeht. Du mußt sie
+im ersten Akt bei der Begegnung mit Romeo sehen.“</p>
+
+<p>„Halbsieben Uhr! Was für eine Tageszeit! Das wäre
+ja gerade so, wie ein Abendbrot am Nachmittag essen oder
+einen englischen Roman lesen. Vor sieben Uhr geht's nicht.
+Kein Gentleman speist vor sieben. Siehst du Basil bis
+dahin? Oder soll ich ihm schreiben?“</p>
+
+<p>„Der liebe Basil! Ich habe mich eine ganze Woche lang
+nicht um ihn gekümmert. Das ist sehr häßlich von mir,
+denn er hat mir mein Porträt in einem prachtvollen Rahmen,
+den er selbst entworfen hat, geschickt, und obwohl
+ich ein bißchen eifersüchtig auf das Bild bin, weil es einen
+ganzen Monat jünger ist als ich, muß ich doch zugeben, daß
+es mich ganz entzückt. Ich bitte, schreib lieber. Ich möchte
+ihn nicht allein wiedersehen. Er sagt mir Dinge, die mich
+verstimmen. Er gibt mir gute Lehren.“</p>
+
+<p>Lord Henry lächelte. „Die Menschen haben eine starke
+Vorliebe, das wegzuschenken, was sie selber am nötigsten
+hätten. Ich nenne das den Chimborasso Freigebigkeit.“</p>
+
+<p>„Oh, Basil ist der beste Mensch, aber er scheint mir doch
+ein klein bißchen Philister zu sein. Seit ich dich kenne,
+Harry, hab' ich das entdeckt.“</p>
+
+<p>„Basil, mein lieber Junge, tränkt seine Werke mit
+allem, was an ihm entzückend ist. Die Folge ist, daß ihm
+fürs Leben nichts übrigbleibt als seine Vorurteile, seine
+Grundsätze und sein gesunder Menschenverstand. Alle Künstler,
+die ich kennengelernt habe, und die persönlich von
+Anziehungskraft sind, waren schlechte Künstler. Gute Künstler<a class="pagenum" name="Page_90" title="90"> </a>
+leben nur in ihren Schöpfungen und sind daher im
+Leben vollständig uninteressant. Ein großer Dichter, ein
+wirklich großer Dichter ist das unpoetischste Geschöpf von
+der Welt. Aber untergeordnete Dichter bezaubern immer.
+Je schlechter ihre Reime sind, desto malerischer ist ihr
+Aussehen. Die bloße Tatsache, eine Sammlung mittelmäßiger
+Sonette veröffentlicht zu haben, macht solchen
+Menschen einfach unwiderstehlich. Er lebt die Poesie, die
+er nicht schreiben kann. Die anderen schreiben die Poesie,
+die sie nicht zu leben wagen.“</p>
+
+<p>„Ich möchte wissen, ob das wirklich so ist, Harry“, sagte
+Dorian Gray, der inzwischen aus einem großen goldgefaßten
+Flakon auf dem Tische etwas Parfüm auf sein
+Taschentuch gegossen hatte. „Es wird wohl sein, wenn
+du es sagst. Jetzt aber muß ich fort. Imogen wartet auf
+mich. Vergiß nicht, morgen! Adieu!“</p>
+
+<p>Als er das Zimmer verlassen hatte, schloß Lord Henry
+die schweren Lider und begann nachzudenken. Gewiß hatten
+ihn wenige Menschen bisher so interessiert wie Dorian
+Gray, und doch verursachte ihm die wahnsinnige Leidenschaft
+des Jünglings für eine andere Person nicht im entferntesten
+Ärger oder Eifersucht. Es freute ihn. Dorian
+wurde dadurch nur noch interessanter. Die Methoden der
+Naturwissenschaft hatten ihn immer entzückt, aber der
+gewöhnliche Gegenstand dieser Wissenschaft war ihm kleinlich
+und belanglos erschienen, und so hatte er begonnen,
+sich selbst zu vivisezieren und hatte damit geendet, andere
+zu vivisezieren. Das Menschenleben &mdash; das schien ihm
+der einzige einer Untersuchung werte Gegenstand. Verglichen<a class="pagenum" name="Page_91" title="91"> </a>
+damit war alles andere ohne jegliche Bedeutung.
+Freilich, wenn man das Leben in dem seltsamen
+Schmelztiegel des Schmerzes und der Lust beobachtete,
+konnte man keine Glasmaske über dem Gesicht tragen,
+konnte auch nicht die Schwefeldämpfe abhalten, die einem
+das Gehirn verwirrten und die Phantasie mit monströsen
+Ausgeburten und mißratenen Träumen umwirbelten. Es
+gab so feine Gifte, daß man an ihnen erkrankt sein mußte,
+um ihre Eigenheiten zu kennen. Es gab so seltsame Krankheiten,
+daß man sie durchgemacht haben mußte, um
+ihre Art zu begreifen. Und doch, welchen Lohn empfing
+man dafür! Wie wunderbar wandelt sich einem dann
+die ganze Welt! Die merkwürdig strenge Logik der Leidenschaft
+und das buntgefärbte Trieb- und Gefühlsleben
+des Geistes anzumerken &mdash; zu beobachten, wo sich
+die beiden Linien schneiden und wo sie auseinandergehen,
+in welchem Punkte sie in Eintracht leben und in welchem
+sie sich wieder bekriegen &mdash; das ist ein Genuß! Was liegt
+an dem Preise dafür! Man kann nie einen zu hohen Preis
+für ein Sinnenerlebnis geben.</p>
+
+<p>Er war sich bewußt &mdash; und dieser Gedanke brachte einen
+freudigen Glanz in seine achatbraunen Augen &mdash; daß sich
+durch gewisse Worte, die er gesprochen hatte, musikalische
+Worte in melodischem Tonfall, Dorian Grays
+Seele diesem weißen Mädchen zugewendet und sich in
+Verehrung vor ihr gebeugt hatte. In hohem Maße war
+der Jüngling sein Geschöpf. Er hatte ihn vor der Zeit
+reifen lassen. Das war schon was. Die gewöhnlichen
+Menschen warten, bis ihnen das Leben seine Geheimnisse<a class="pagenum" name="Page_92" title="92"> </a>
+aufschließt, aber den wenigen Auserwählten werden die
+Mysterien des Daseins enthüllt, bevor der Schleier weggezogen
+wird. Manchmal ist das die Wirkung der Kunst,
+besonders der Dichtung, die ja unmittelbar die Leidenschaften
+und den Intellekt behandelt. Ab und zu nimmt
+aber eine komplizierte Persönlichkeit diesen Platz ein und
+übt das Amt der Kunst aus, ist eigentlich auf ihre Weise
+ein richtiges Kunstwerk, denn das Leben schafft ebenso
+seine vollendeten Meisterwerke wie die Poesie oder die
+Bildhauerkunst oder die Malerei.</p>
+
+<p>Ja, dieser Jüngling war vor der Zeit reich. Er erntete,
+während er noch lenzte. Der Puls und die Leidenschaft der
+Jugend wohnten in ihm, und er begann, seiner bewußt zu
+werden. Es war entzückend, ihn zu beobachten. Mit seinem
+schönen Angesicht und seiner schönen Seele war er ein
+Stück Leben zum Anstaunen. Es lag nichts daran, wie das
+alles endete, oder enden sollte. Er glich einer der graziösen
+Gestalten auf einem Gobelin oder in einem Schauspiel,
+deren Freuden von den unseren weit entfernt zu sein
+scheinen, aber deren Schmerzen unseren Schönheitssinn
+erregen und deren Wunden wie rote Rosen sind.</p>
+
+<p>Seele und Leib, Leib und Seele &mdash; wie geheimnisvoll
+das alles ist! Animalisches ist in der Seele, und der Leib
+hat seine Augenblicke geistiger Veredlung. Die Sinne können
+sich läutern, und der Intellekt kann sich vergröbern.
+Wer kann sagen, wo die fleischlichen Triebe endigen und die
+seelischen beginnen? Wie flach sind die willkürlichen Erklärungen
+der handwerksmäßigen Psychologen! Und doch,
+wie schwierig ist die Entscheidung zwischen den Lehren der<a class="pagenum" name="Page_93" title="93"> </a>
+einzelnen Schulen. Ist die Seele ein Schatten, der im
+Hause der Sünde wohnt? Oder ist der Körper wirklich
+in der Seele eingeschlossen, wie es sich Giordano Bruno
+dachte? Die Trennung von Geist und Stoff ist ein Geheimnis,
+und die Vereinigung von Geist und Stoff ist
+abermals ein Geheimnis.</p>
+
+<p>Er dachte darüber nach, ob wir je die Psychologie zu
+einer so exakten Wissenschaft machen können, daß uns auch
+das kleinste Triebrädchen des Lebens offenbar würde.
+Wie die Dinge heute liegen, begreifen wir uns selbst nie
+und die anderen nur selten. Die Erfahrung hat keinerlei
+ethische Bedeutung. Sie ist nur das Firmenschild, das
+die Menschen ihren Irrtümern anhängen. Die Moralisten
+haben sie meist als eine Art Warnung betrachtet, haben für
+sie eine gewisse ethische Wirksamkeit in der Bildung der
+Charaktere beansprucht, haben sie als Mittel gepriesen,
+das uns darüber aufklärt, was wir tun und lassen
+sollen. Aber in der Erfahrung liegt keine bewegende
+Kraft. Sie ist ebensowenig eine tätige Ursache wie das
+Gewissen. Alles, was sie in Wirklichkeit lehrt, ist, daß
+unsere Zukunft ebenso sein wird wie unsere Vergangenheit,
+und daß wir die Sünde, die wir dereinst mit Abscheu und
+Widerwillen begangen haben, immer und immer wieder
+und dann mit Genuß wiederholen werden.</p>
+
+<p>Er war sich darüber klar, daß die Versuchsmethode die
+einzige sei, durch die man zu irgendeiner wissenschaftlichen
+Erklärung der Leidenschaften kommen könne; und sicher
+war ihm Dorian Gray ein bequemes Objekt und schien
+reiche und wertvolle Erfolge zu versprechen. Seine jähe<a class="pagenum" name="Page_94" title="94"> </a>
+sturmartige Liebe zu Sibyl Vane war eine psychologische
+Tatsache von großem Interesse. Kein Zweifel, daß die
+Neugier dabei stark im Spiele war, Neugier und Lust an
+neuen Erlebnissen; doch es war keine einfache, sondern eher
+eine recht komplizierte Leidenschaft. Was von dem rein
+sinnlichen Triebe des Knabenalters in ihr war, das hatte
+die Mitarbeit der Phantasie umgebildet, in irgendwas
+verwandelt, das dem Jüngling selbst ganz fern von allem
+Sinnlichen schien und gerade deshalb um so gefährlicher
+war. Alle Leidenschaften, über deren Ursprung wir uns
+selbst täuschen, üben die stärkste Herrschaft auf uns aus.
+Unsere schwächsten Triebkräfte sind die, über deren Natur
+wir klar sehen. Es kommt oft vor, daß wir im Denken
+mit uns selbst Experimente anstellen und glauben, sie
+mit anderen zu versuchen.</p>
+
+<p>Während Lord Henry noch dasaß und über diese Dinge
+nachgrübelte, wurde an die Tür geklopft; ein Diener trat
+ein und erinnerte ihn, daß es Zeit sei, sich für das Abendessen
+umzukleiden. Er erhob sich und blickte auf die Straße
+hinab. Der Sonnenuntergang hatte die oberen Fenster
+der gegenüberliegenden Häuser in ein feuerrotes Gold
+getaucht. Die Scheiben glühten wie erhitzte Metallplatten.
+Der Himmel drüber glich einer verwelkten Rose. Es erinnerte
+ihn an das junge, flammenlodernde Leben seines
+Freundes, und er fragte sich, wie das alles enden würde.</p>
+
+<p>Als er dann gegen halb ein Uhr nachts nach Hause kam,
+fand er im Vorflur auf dem Tische ein Telegramm liegen.
+Er öffnete es und sah, daß es von Dorian Gray war. Es
+teilte ihm mit, daß er sich mit Sibyl Vane verlobt habe.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_95" title="95"> </a></p>
+
+
+
+
+<h2><a name="Funftes_Kapitel" id="Funftes_Kapitel"></a>Fünftes Kapitel</h2>
+
+
+<p>„Mutter, Mutter, ich bin so glücklich!“ flüsterte das
+Mädchen und barg ihr Gesicht im Schoße der verblühten,
+müde aussehenden Frau, die mit dem Rücken
+gegen das grell eindringende Licht in dem einzigen Armstuhl
+saß, den ihr armseliges Wohnzimmer enthielt. „Ich
+bin so glücklich!“ wiederholte sie, „und du wirst auch glücklich
+sein.“</p>
+
+<p>Frau Vane zuckte zusammen und legte ihre dünnen,
+wismutweißen Hände auf den Kopf ihrer Tochter. „Glücklich!“
+echote sie, „ich bin nur glücklich, Sibyl, wenn ich dich
+spielen sehe. Du darfst an nichts anderes denken als an
+deine Rollen. Herr Isaacs ist sehr gut gegen uns gewesen,
+und wir sind ihm Geld schuldig.“</p>
+
+<p>Das Mädchen sah auf und ließ die Lippen hängen.
+„Geld, Mutter?“ rief sie, „was liegt an Geld? Liebe ist
+mehr als Geld!“</p>
+
+<p>„Herr Isaacs hat uns tausend Mark Vorschuß gegeben,
+damit wir unsere Schulden zahlen und für James eine
+anständige Ausrüstung anschaffen können. Das darfst du
+nicht vergessen, Sibyl. Tausend Mark sind ein sehr großer
+Betrag. Herr Isaacs benahm sich sehr anständig.“</p>
+
+<p>„Er ist kein Gentleman, Mutter, und ich hasse die Art,
+wie er mit mir spricht“, sagte das Mädchen, stand auf
+und trat ans Fenster.</p>
+
+<p>„Ich wüßte nicht, wie wir ohne ihn vorwärts kämen“,
+entgegnete die alte Frau weinerlich.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_96" title="96"> </a></p>
+
+<p>Sibyl Vane warf den Kopf in den Nacken und lachte:
+„Wir brauchen ihn nicht mehr, Mutter, der Prinz Märchenschön
+bestimmt von jetzt ab über unser Leben.“ Dann
+schwieg sie. Eine Blutwelle schoß in ihre Wangen und
+tauchte sie in ein dunkles Rot. Der rasche Atem öffnete
+ihre blühenden Lippen. Sie zitterten. Ein Südwind heißer
+Leidenschaft durchbrauste sie und bewegte die glatten Falten
+ihrer Gewandung. „Ich liebe ihn“, sagte sie mit einfachem
+Ausdruck.</p>
+
+<p>„Närrisches Kind! närrisches Kind!“ waren die papageienhaften
+Worte, die ihr als Antwort entgegenflogen.
+Dabei machte die beschwörende Bewegung ihrer gekrümmten,
+mit unechten Ringen gezierten Finger diesen Ausruf
+noch komischer.</p>
+
+<p>Das Mädchen lachte wieder. In ihrer Stimme lag
+etwas wie der Jubel eines Vogels im Käfig. Ihre Augen
+fingen die Lachmelodie auf und wiederholten sie in ihrem
+Glanze: dann schlossen sie sich einen Augenblick, als wollten
+sie ihr Geheimnis verbergen. Als sie sich wieder öffneten,
+war der Schimmer eines Traumes über sie dahingegangen.</p>
+
+<p>Aus dem abgenutzten Stuhl sprach die Weisheit zu ihr
+mit dünnen Lippen, mahnte zur Besinnung und gab Ratschläge
+aus dem Buch der Feigheit, dem sein Autor irrtümlich
+den Titel „Gesunder Menschenverstand“ beigelegt
+hat. Sie hörte nicht hin. Im Kerker ihrer Leidenschaft
+fühlte sie sich frei. Ihr Prinz, der Prinz Märchenschön,
+war bei ihr. Sie hatte das Gedächtnis beschworen, ihn
+herbeizuschaffen. Sie hatte ihre Seele auf die Suche nach<a class="pagenum" name="Page_97" title="97"> </a>
+ihm geschickt, und die hatte ihn wieder hergebracht. Sein
+Kuß brannte wieder auf ihrem Munde. Ihre Lider brannten
+wieder von seinem Atem.</p>
+
+<p>Dann zog die Weisheit andere Register auf und sprach
+von Erkundigen und Nachforschen. Es mochte ja sein, daß
+dieser junge Mann reich sei. Wenn dem so wäre, dann
+müßte man ans Heiraten denken. Um die Ohrmuschel
+des Mädchens plätscherten die Wellen weltlicher Schlauheit.
+Die Pfeile der Weltklugheit schwirrten an ihr vorüber.
+Sie sah, wie sich die dünnen Lippen bewegten, und
+lächelte.</p>
+
+<p>Plötzlich fühlte sie das Bedürfnis, zu sprechen. Die
+wortüberfüllte Schweigsamkeit verwirrte sie. „Mutter,
+Mutter,“ rief sie, „warum liebt er mich so innig? Ich
+weiß, warum ich ihn liebe. Ich liebe ihn, weil er so ist,
+wie die Liebe selbst sein muß. Aber was findet er an mir?
+Ich bin seiner nicht wert. Und doch &mdash; ich weiß nicht,
+warum &mdash; ich fühle mich wohl tief unter ihm, aber ich
+fühle mich nicht gering. Stolz bin ich, schrecklich stolz.
+Mutter, hast du meinen Vater so geliebt, wie ich den
+Prinzen Märchenschön liebe?“</p>
+
+<p>Die alte Frau wurde bleich unter dem dicken Puder,
+womit ihre Wangen beklebt waren, und ihre verwelkten
+Lippen zitterten in krampfigem Schmerz. Sibyl stürzte
+zu ihr hin, schlang ihr ihre Arme um den Hals und küßte
+sie. „Verzeih mir, Mutter! Ich weiß, es schmerzt dich,
+an unseren Vater zu denken. Aber es schmerzt dich nur,
+weil du ihn so lieb gehabt hast. Sieh nicht so traurig
+drein. Heute bin ich so glücklich, wie du es warst vor<a class="pagenum" name="Page_98" title="98"> </a>
+zwanzig Jahren. Ach, könnte ich für immer so glücklich
+sein!“</p>
+
+<p>„Mein Kind, du bist viel zu jung, um an eine Liebschaft
+zu denken. Zudem, was weißt du von diesem jungen
+Mann? Du weißt nicht mal seinen Namen. Die ganze
+Sache ist höchst unpassend, und wahrhaftig, gerade jetzt,
+wo sich James nach Australien rüstet, und ich an so viele
+Dinge zu denken habe, da muß ich sagen, du hättest mehr
+Überlegung zeigen sollen. Immerhin, wie ich schon sagte,
+wenn er reich ist...“</p>
+
+<p>„Ach Mutter, Mutter, laß mich glücklich sein!“</p>
+
+<p>Frau Vane blickte sie an und schloß sie plötzlich mit
+einer der unwahren theatralischen Gesten in die Arme,
+wie sie den Schauspielern oft zur zweiten Natur werden.
+In diesem Augenblick öffnete sich die Tür, und ein junger
+Bursche mit struppigem, braunem Haar kam in die Stube.
+Er war von untersetzter Gestalt, und seine Hände und
+Füße waren groß und bewegten sich etwas ungelenk. Er
+war nicht so gut erzogen wie seine Schwester. Man hätte
+kaum die nahe Verwandtschaft erraten können, die zwischen
+beiden bestand. Frau Vane richtete ihre Augen auf
+ihn, und ihr Lächeln verstärkte sich. In ihrem Geiste ließ
+sie ihren Sohn die Rolle des Publikums spielen. Sie war
+überzeugt, daß das Tableau interessant war.</p>
+
+<p>„Du könntest dir wohl ein paar Küsse für mich aufheben,
+Sibyl“, sagte der Bursche mit gutmütigem Knurren.</p>
+
+<p>„Ach, Jim, du machst dir doch gar nichts aus Küssen!“
+rief sie. „Du bist ein greulicher alter Bär!“ Und sie
+hüpfte durchs Zimmer zu ihm hin und umhalste ihn.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_99" title="99"> </a></p>
+
+<p>James Vane sah seiner Schwester zärtlich in das Gesicht.
+„Ich möchte mit dir spazieren gehen, Sibyl. Ich
+glaube kaum, daß ich dies schreckliche London jemals
+wiedersehe. Ich mache mir auch wirklich nicht im geringsten
+was draus.“</p>
+
+<p>„Mein Sohn, rede doch nicht so schreckliche Dinge“,
+grollte Frau Vane, während sie seufzend ein flitteriges
+Theaterkostüm zur Hand nahm und es auszubessern begann.
+Sie fühlte eine kleine Enttäuschung, daß er sich
+der Gruppe nicht angeschlossen hatte. Es hätte die malerische
+Wirkung der Szene so hübsch erhöht.</p>
+
+<p>„Warum nicht, Mutter? Ich meine es im Ernst.“</p>
+
+<p>„Du kränkst mich, mein Sohn. Ich hoffe, daß du von
+Australien als ein gemachter Mann zurückkehrst. Ich vermute,
+es gibt in den Kolonien sozusagen keine Gesellschaft,
+wenigstens nichts, was ich Gesellschaft nenne; wenn du
+also dein Glück gemacht hast, mußt du zurückkommen und
+dich zur Geltung bringen in London.“</p>
+
+<p>„Gesellschaft“, brummelte der junge Mann. „Will davon
+nichts wissen. Möchte nur soviel Geld verdienen, um
+dich und Sibyl vom Theater wegzukriegen. Ich hasse es.“</p>
+
+<p>„O Jim,“ sagte Sibyl lachend, „wie unfreundlich von
+dir! Aber, willst du wirklich mit mir spazieren gehen? Das
+ist nett! Ich fürchtete schon, du wolltest dich bei deinen
+Freunden verabschieden, bei Tom Hardy, der dir diese
+gräßliche Pfeife geschenkt hat, oder bei Nell Langton, der
+dich auslacht, weil du sie rauchst. Es ist sehr hübsch von
+dir, daß du mir deinen letzten Nachmittag schenkst. Wohin
+werden wir gehen? Komm, wir wollen in den Park.“</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_100" title="100"> </a></p>
+
+<p>„Dazu bin ich zu schäbig angezogen“, antwortete er
+mit gerunzelter Stirn. „Nur Elegants gehen in den Park.“</p>
+
+<p>„Unsinn, Jim“, flüsterte sie, und streichelte seinen
+Ärmel.</p>
+
+<p>Er zauderte einen Augenblick. „Schön denn,“ sagte er
+schließlich, „mach' aber nicht zu lang mit dem Anziehen.“</p>
+
+<p>Sie tanzte zur Tür hinaus. Man konnte sie singen
+hören, während sie die Treppe hinauflief. Ihre kleinen
+Füße trippelten oben.</p>
+
+<p>Er ging zwei oder dreimal durch die Stube, dann
+wandte er sich zu der schweigsamen Gestalt im Lehnstuhl.</p>
+
+<p>„Mutter, sind meine Sachen gepackt?“ fragte er.</p>
+
+<p>„Alles fertig, James“, antwortete sie, ohne von ihrer
+Arbeit aufzuschauen. Seit einigen Monaten war es ihr
+unbehaglich, wenn sie mit ihrem rauhen, finsteren Sohn
+allein war. Ihre oberflächliche Natur mit ihrem unterdrückten
+Geheimnis wurde beunruhigt, wenn sich ihre
+Augen trafen. Sie fragte sich, ob er einen Verdacht habe.
+Sein Schweigen, da er sonst keine Bemerkungen machte,
+wurde ihr unerträglich. Sie fing also zu jammern an.
+Frauen verteidigen sich, indem sie angreifen, gerade, wie
+sie dadurch angreifen, daß sie unvermutet die Waffen
+strecken. „Ich hoffe, James, dein Seefahrerleben wird
+dich befriedigen. Du darfst nie vergessen, daß es deine
+eigene Wahl war. Du hättest in das Bureau eines Anwalts
+treten können. Anwälte sind eine sehr geachtete
+Menschenklasse und werden auf dem Lande oft in den
+besten Familien eingeladen.“</p>
+
+<p>„Ich hasse Bureaus und ich hasse Schreiber“, erwiderte<a class="pagenum" name="Page_101" title="101"> </a>
+er. „Aber du hast ganz recht, mein Leben habe ich mir
+selbst gewählt. Alles, was ich sage, ist: Wache über Sibyl!
+Laß ihr kein Unglück zustoßen. Mutter, du mußt über sie
+wachen!“</p>
+
+<p>„James, du hast eine merkwürdige Art, zu sprechen.
+Natürlich wache ich über sie.“</p>
+
+<p>„Ich höre, ein Herr kommt jeden Abend ins Theater
+und geht hinter die Kulissen und spricht mit ihr. Ist das
+wahr? Wie verhält sich's damit?“</p>
+
+<p>„James, du sprichst von Dingen, die du nicht verstehst.
+Wir in unserem Beruf sind gewöhnt, eine Menge wohltuender
+Aufmerksamkeiten zu empfangen. Ich selbst habe
+zu meiner Zeit viel Blumen bekommen. Damals verstand
+man noch etwas vom Spielen. Was Sibyl betrifft, so
+weiß ich im Augenblick nicht, ob ihre Neigung ernst ist
+oder nicht. Aber darüber besteht kein Zweifel, daß der
+fragliche junge Mann ein vollendeter Kavalier ist. Er ist
+immer ausgesucht höflich zu mir. Auch sieht er aus, als
+ob er reich wäre, und die Buketts, die er schickt, sind ganz
+allerliebst.“</p>
+
+<p>„Aber du weißt nicht mal seinen Namen“, warf der
+junge Mann barsch ein.</p>
+
+<p>„Nein“, antwortete die Mutter mit gelassener Miene.
+„Er hat uns seinen wirklichen Namen noch nicht verraten.
+Ich finde das sehr romantisch von ihm. Wahrscheinlich
+ist er ein Herr von Adel.“</p>
+
+<p>James Vane biß sich auf die Lippen. „Wache über
+Sibyl!“ schrie er. „Wache über sie!“</p>
+
+<p>„Mein Sohn, du verletzt mich ungemein. Sibyl steht<a class="pagenum" name="Page_102" title="102"> </a>
+unablässig unter meiner besonderen Obhut. Natürlich,
+falls dieser Herr vermögend ist, sehe ich den Grund nicht
+ein, um einer Verbindung mit ihm auszuweichen. Ich bin
+fest davon überzeugt, er gehört zur Aristokratie. Er sieht
+ganz so aus, muß ich sagen. Es wird eine brillante Partie
+für Sibyl werden. Sie würden ein entzückendes Paar abgeben.
+Seine Schönheit ist wirklich ganz bedeutend; sie
+fällt jedem auf.“</p>
+
+<p>Der junge Mann brummte etwas in sich hinein und
+trommelte mit seinen dicken Fingern gegen die Fensterscheibe.
+Er hatte sich gerade umgewandt, um etwas zu
+sagen, als die Tür aufging und Sibyl hereinflitzte.</p>
+
+<p>„Was macht ihr beide denn für ernste Gesichter!“ rief
+sie aus. „Was gibt's denn?“</p>
+
+<p>„Nichts“, antwortete er. „Man muß auch mal ernst
+sein. Adieu, Mutter; ich will um fünf essen. Alles ist gepackt
+bis auf die Hemden; du brauchst dich also um nichts
+mehr zu kümmern.“</p>
+
+<p>„Adieu, mein Sohn“, antwortete sie mit einer Verbeugung
+gemachter hoheitsvoller Würde.</p>
+
+<p>Sie war äußerst gekränkt durch den Ton, den er ihr
+gegenüber angeschlagen hatte, und in seinem Blick lag
+etwas, das ihr Angst eingeflößt hatte.</p>
+
+<p>„Gib mir einen Kuß, Mutter“, sagte das Mädchen.
+Ihre blütengleichen Lippen berührten die welken Wangen
+und wärmten ihre Frostigkeit.</p>
+
+<p>„Mein Kind! Mein Kind!“ rief Frau Vane und schaute
+zur Decke auf, als suchte sie in ihrer Einbildung eine Galerie.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_103" title="103"> </a></p>
+
+<p>„Komm, Sibyl“, sagte ihr Bruder ungeduldig. Er konnte
+die Attitüden seiner Mutter nicht ausstehen.</p>
+
+<p>Sie traten hinaus in den flimmernden, windbewegten
+Sonnenschein und schlenderten die trostlose Euston Road
+hinab. Die Vorübergehenden blickten verwundert auf den
+unfreundlichen, schwerfälligen jungen Menschen in den groben
+schlechtsitzenden Kleidern, den ein so liebliches, fein
+aussehendes Mädchen begleitete. Er glich einem Gärtnerburschen,
+der eine Rose trägt.</p>
+
+<p>Jim runzelte von Zeit zu Zeit die Stirn, wenn er den
+forschenden Blick eines Fremden bemerkte. Er hatte jene
+Abneigung gegen das Angestarrtwerden, die Menschen
+von Geist erst spät im Leben bekommen und die den
+Herdenmenschen nie verläßt. Sibyl dagegen wußte nichts
+von der Wirkung, die sie ausübte. Ihre Liebe zitterte auf
+ihren lächelnden Lippen. Sie dachte an ihren Märchenprinzen,
+und damit sie um so besser an ihn denken könnte,
+sprach sie nicht von ihm, sondern plauderte nur von dem
+Schiff, mit dem Jim abfahren sollte, von dem Gold, das
+er sicher finden würde, von der wunderhübschen Millionenerbin,
+deren Leben er verruchten rotblusigen Buschräubern
+entreißen sollte. Denn er würde nicht Matrose bleiben
+oder Verfrachter oder was er jetzt fürs erste werden sollte.
+O nein! Solch Matrosendasein war schrecklich. Er solle nur
+daran denken, in ein schreckliches Schiff hineingepfercht zu
+sein, wenn die brüllenden, katzenbuckelnden Wellen immer
+eindringen wollen und ein schwarzer Wind die Masten
+umblase und die Segel in lange, klatschnasse Streifen zerreiße.
+Er sollte in Melbourne das Schiff verlassen, dem<a class="pagenum" name="Page_104" title="104"> </a>
+Kapitän höflich Lebewohl sagen und sich sofort in die
+Goldfelder begeben. Bevor noch eine Woche um sei, werde
+er auf einen großen Klumpen puren Goldes stoßen, auf
+den größten, der je gefunden worden sei, und werde ihn
+zur Küste schaffen in einem großen Wagen, den sechs berittene
+Polizisten bewachen sollten. Die Buschklepper überfielen
+sie dreimal, würden aber nach einem ungeheuren
+Gemetzel zurückgeschlagen werden. Oder nein! Er sollte
+überhaupt nicht in die Goldfelder wandern. Das sind
+schreckliche Örter, wo sich die Leute betrinken und einander
+in Kneipen totschössen und eine schreckliche Sprache führten.
+Er sollte ein friedsamer Viehzüchter werden, und eines
+Abends, wenn er heimritte, begegnete er der schönen Erbin,
+die gerade von einem Räuber auf einem Rappen entführt
+würde, und dann setzt er ihm nach und befreit sie. Natürlich
+würde sie sich in ihn verlieben und er in sie, und
+sie heirateten dann und kehrten heim und wohnten in
+einem großen Palais in London. Ja, entzückende Dinge
+warteten auf ihn. Aber er müsse auch sehr brav sein, nie
+die Geduld verlieren oder sein Geld vergeuden. Sie sei
+nur ein Jahr älter als er, aber sie wisse schon genügend
+mehr vom Leben. Er müsse ihr auch zuverlässig an jedem
+Posttag schreiben und jeden Abend, wenn er schlafen gehe,
+beten. Gott sei sehr gut und werde über ihn wachen. Auch
+sie werde für ihn beten, und in ein paar Jahren werde er
+reich und glücklich nach Hause kommen.</p>
+
+<p>Der Bursche hörte ihr brummig zu und gab keine Antwort.
+Ihm tat das Herz weh, weil er von der Heimat
+weg mußte.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_105" title="105"> </a></p>
+
+<p>Aber es war nicht das allein, was ihn düster und verstimmt
+sein ließ. So unerfahren er war, fühlte er doch
+sehr die Gefahr, die in Sibyls Stellung lag. Dieser junge
+Stutzer, der ihr den Hof machte, konnte es nicht ehrlich
+mit ihr meinen. Es war ein vornehmes Herrchen, und das
+trug ihm seinen Haß ein, einen Haß, der aus einem sonderbaren
+Rasseinstinkt herrührte, von dem er sich keine Rechenschaft
+geben konnte und der ihn gerade deshalb um so
+stärker beherrschte. Er kannte auch die Oberflächlichkeit
+und Eitelkeit seiner Mutter und sah darin ungeheure Gefahren
+für Sibyl und Sibyls Glück. Kinder fangen damit
+an, ihre Eltern zu lieben; wenn sie älter werden, sitzen sie
+über ihnen zu Gericht, manchmal vergeben sie ihnen auch.</p>
+
+<p>Seine Mutter! Es brütete in ihm, sie über etwas zu
+fragen, was er viele schweigsame Monate hindurch mit
+sich herumgeschleppt hatte. Ein zufälliges Wort, das er
+im Theater aufgeschnappt hatte, ein hingeflüstertes Scherzwort,
+das er eines Abends auffing, als er an der Bühnentür
+wartete, hatte eine Flucht schrecklicher Gedanken entfesselt.
+Die Erinnerung daran schmerzte ihn wie der Hieb
+einer Reitpeitsche in sein Gesicht. Seine Brauen kniffen
+sich in eine tiefe Furche zusammen, und in schmerzlichem
+Krampf biß er sich auf die Lippen.</p>
+
+<p>„Du hörst auch nicht ein einziges Wort, das ich sage,
+Jim!“ rief Sibyl, „und ich schmiede die entzückendsten
+Pläne für deine Zukunft. Sag' doch mal was!“</p>
+
+<p>„Was soll ich denn sagen?“</p>
+
+<p>„Oh, daß du ein braver Bursche sein willst und uns nicht
+vergessen“, antwortete sie und lächelte ihn an.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_106" title="106"> </a></p>
+
+<p>Er zuckte die Schultern. „Es wäre eher möglich, daß du
+mich vergißt, als daß ich dich vergesse, Sibyl.“</p>
+
+<p>Sie errötete. „Wie meinst du das, Jim?“ fragte sie.</p>
+
+<p>„Du hast einen neuen Freund, wie ich höre. Wer ist es?
+Warum hast du mir nicht von ihm erzählt? Er meint es
+nicht gut mit dir.“</p>
+
+<p>„Hör' auf, Jim“, rief sie aus. „Du darfst nichts gegen
+ihn sagen. Ich liebe ihn.“</p>
+
+<p>„Was, und du weißt nicht mal seinen Namen?“ erwiderte
+er. „Wer ist es? Ich habe ein Recht, das zu wissen.“</p>
+
+<p>„Er heißt der Prinz Märchenschön. Gefällt dir der
+Name <ins title="nicht.">nicht?</ins> Oh, du törichtes Jungchen! du solltest ihn
+nie vergessen. Wenn du ihn nur ein einzigesmal sähest,
+müßtest du ihn für den entzückendsten Menschen auf Erden
+halten. Eines Tages wirst du ihn kennenlernen: wenn du
+von Australien zurückkommst. Er wird dir sehr gefallen.
+Allen Menschen gefällt er, und ich ... ich liebe ihn. Ich
+wollte, du könntest heute abend ins Theater kommen. Er
+wird kommen, und ich spiele die Julia! Oh, wie ich sie
+spielen werde! Denk dir, Jim, lieben und die Julia
+spielen! Wissen, daß er dasitzt! Zu seiner Freude spielen!
+Ich fürchte, ich werde meine Kollegen erschrecken, erschrecken
+oder hinreißen. Lieben heißt, hinauswachsen über sich selbst.
+Der gräßliche Herr Isaacs wird seinen Kumpanen am
+Schenktisch zuschreien, ich sei ein Genie. Er hat mich wie
+ein Dogma ausposaunt; heute abend wird er mich als
+Offenbarung verkündigen. Ich fühle das. Und all das
+ist sein Werk, nur sein, des Prinzen Märchenschön, meines
+wunderbaren Geliebten, meines Musengottes. Aber ich bin<a class="pagenum" name="Page_107" title="107"> </a>
+ein armes Ding neben ihm. Arm. Was liegt daran?
+Schleicht Armut in ein Haus, fliegt Liebe durchs Fenster
+hinaus. Unsere Sprichwörter müssen umgeändert werden.
+Sie sind im Winter erdacht worden, und jetzt ist Sommer,
+für mich freilich Frühling, ein Tanz von Blüten unter
+blauem Himmel.“</p>
+
+<p>„Er ist ein Herr der feinen Gesellschaft“, sagte der
+Bursche finster.</p>
+
+<p>„Ein Prinz!“ rief sie mit melodischer Stimme. „Was
+willst du mehr?“</p>
+
+<p>„Er wird dich zu seiner Sklavin machen.“</p>
+
+<p>„Ich erschrecke bei dem Gedanken, frei zu sein!“</p>
+
+<p>„Ich rate dir, dich vor ihm zu hüten.“</p>
+
+<p>„Ihn sehen, heißt ihn anbeten, ihn kennen, heißt ihm
+vertrauen!“</p>
+
+<p>„Sibyl, deine Liebe macht dich verrückt.“</p>
+
+<p>Sie lachte und nahm seinen Arm. „Du lieber, alter
+Jim, du sprichst, als wärest du hundert Jahre alt. Eines
+schönen Tages wirst du selbst lieben. Dann wirst du wissen,
+was das heißt. Guck mich nicht so brummig an. Du solltest
+dich freuen in dem Bewußtsein, daß du mich, obwohl
+du gehst, glücklicher zurückläßt, als ich je gewesen bin. Das
+Leben ist bisher hart für uns gewesen, furchtbar hart und
+schwer. Aber jetzt wird's anders. Du gehst in eine neue
+Welt, und ich habe eine neue gefunden. &mdash; Da sind zwei
+Stühle frei, wir wollen uns setzen und die eleganten Leute
+Revue passieren lassen.“</p>
+
+<p>Sie setzten sich mitten in eine Menge von Zuschauern.
+Die Tulpenbeete längs des Weges flammten wie beschwörende<a class="pagenum" name="Page_108" title="108"> </a>
+Feuerglocken. Ein weißer Dunst wie eine zitternde
+Wolke von Veilchenpuder hing in der schwülen Luft.
+Die hellfarbigen Sonnenschirme tanzten auf und ab wie
+Riesenschmetterlinge.</p>
+
+<p>Sie brachte ihren Bruder dazu, daß er von sich, seinen
+Aussichten und seinen Plänen sprach. Er redete zögernd
+und mühsam. Sie ließen ihre Worte langsam aufeinanderfolgen,
+wie sich Spieler ihre Points ansagen. Sibyl fühlte
+sich niedergedrückt. Sie konnte ihre Freude nicht mitteilen.
+Ein schwaches Lächeln, das seinen vergrämten Mund umspielte,
+war die einzige Antwort, die sie erhielt. Nach
+einiger Zeit verstummten sie beide. Plötzlich erblickte sie
+den Schimmer goldenen Haares und lachende Lippen, und
+in einem offenen Wagen fuhr Dorian Gray mit zwei
+Damen vorbei.</p>
+
+<p>Sie sprang auf. „Da ist er!“ rief sie.</p>
+
+<p>„Wer?“ fragte Jim Vane.</p>
+
+<p>„Der Märchenprinz“, antwortete sie, und spähte dem
+Wagen nach.</p>
+
+<p>Er sprang auf und faßte rauh ihren Arm. „Zeig' ihn
+mir. Welcher ist es? Zeig' ihn mir, ich muß ihn sehen!“
+rief er. Aber in diesem Augenblick fuhr der Viererzug des
+Herzogs von Verwick dazwischen, und als die Aussicht wieder
+frei war, hatte der Wagen schon den Park verlassen.</p>
+
+<p>„Er ist fort“, murmelte Sibyl traurig. „Ich wünschte,
+du hättest ihn gesehen.“</p>
+
+<p>„Ich wünschte es auch, denn so wahr ein Gott im Himmel
+ist, wenn er dir je ein Leides antut, bring' ich ihn um!“</p>
+
+<p>Sie sah ihn erschreckt an. Er wiederholte seine Worte.<a class="pagenum" name="Page_109" title="109"> </a>
+Sie durchschnitten die Luft wie ein Dolch. Die Leute
+ringsherum fingen an, auf sie hinzustarren. Eine Dame
+ganz in der Nähe kicherte.</p>
+
+<p>„Komm fort, Jim; komm fort“, flüsterte sie. Er ging
+ihr verbissenen Mundes nach, als sie die Menge durchschritt.
+Er war zufrieden, daß er das gesagt hatte.</p>
+
+<p>Als sie bei der Achillesstatue war, drehte sie sich nach
+ihm um. In ihren Augen lag Mitleid, das auf ihren
+Lippen zu einem Lachen wurde. Sie schüttelte den Kopf
+über ihn. „Du bist verdreht, Jim, völlig verdreht; ein
+ungezogener Bubi, sonst nichts. Wie kannst du so was
+Häßliches sagen? Du weißt gar nicht, was du zusammensprichst.
+Du bist einfach eifersüchtig und unfreundlich. Ach!
+ich wollte, daß du dich einmal verliebst. Liebe macht die
+Menschen gut, und was du gesagt hast, war schlecht.“</p>
+
+<p>„Ich bin erst sechzehn,“ antwortete er, „aber ich weiß,
+was ich zu tun habe. Mutter kann dir nicht helfen. Sie
+versteht es nicht, dich zu beschützen. Ich wünschte jetzt,
+ich ginge überhaupt nicht nach Australien. Ich hab' nicht
+übel Lust, die ganze Sache zu lassen. Ich tät's, wenn mein
+Vertrag nicht schon unterschrieben wäre.“</p>
+
+<p>„Ach, sei nicht so ernsthaft, Jim. Du bist wie einer von
+den Helden aus den albernen Melodramen, in denen
+Mutter so gern gespielt hat. Ich will mich mit dir
+nicht streiten. Ich hab' ihn gesehen, und ihn sehen, ist vollkommenes
+Glück. Wir wollen nicht streiten. Ich weiß, daß
+du einem, den ich liebe, nie etwas antun wirst, nicht?“</p>
+
+<p>„Solange du ihn liebst, wohl kaum“, war die finstere
+Antwort.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_110" title="110"> </a></p>
+
+<p>„Ich werde ihn immer lieben!“ rief sie.</p>
+
+<p>„Und er?“</p>
+
+<p>„Auch immer.“</p>
+
+<p>„Das ist sein Glück!“</p>
+
+<p>Sie schrak vor ihm zurück. Dann lachte sie und legte die
+Hand auf seinen Arm. Er war doch nur ein Junge.</p>
+
+<p>Am Marble Arch bestiegen sie einen Omnibus, der sie
+in die Nähe ihrer armseligen Wohnung in Euston Road
+brachte. Es war schon fünf Uhr vorüber, und Sibyl mußte
+sich noch, bevor sie auftrat, ein paar Stündchen niederlegen.
+Jim bestand darauf, daß sie es täte. Er sagte, er
+würde lieber von ihr Abschied nehmen, wenn die Mutter
+nicht dabei wäre. Sie würde sicher eine Szene machen,
+und er verabscheue Szenen aller Art.</p>
+
+<p>Sie nahmen in Sibyls Zimmer Abschied. Im Herzen
+des jungen Menschen brannte Eifersucht und ein grimmer,
+mörderischer Haß auf den Fremden, der, wie er meinte,
+zwischen sie getreten war. Als sich aber ihre Arme um
+seinen Hals schlangen, und ihre Finger durch sein Haar
+fuhren, wurde er sanfter und küßte sie mit wirklicher Zärtlichkeit.
+Als er hinunterging, standen Tränen in seinen Augen.</p>
+
+<p>Die Mutter wartete unten auf ihn. Als er eintrat,
+murrte sie über seine Unpünktlichkeit. Er gab keine Antwort,
+sondern setzte sich an sein kärgliches Mahl. Die
+Fliegen summten um den Tisch und krochen über das
+fleckige Tischtuch. Durch das Gerassel der Omnibusse und
+das Rackern der Droschken konnte er die einförmige
+Stimme hören, die ihn um jede Minute beraubte, die ihm
+noch übrig blieb.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_111" title="111"> </a></p>
+
+<p>Nach einer Weile schob er seinen Teller zurück und
+stützte den Kopf in die Hände. Er fühlte, daß er ein Recht
+habe, es zu wissen. Wenn die Dinge lagen, wie er vermutete,
+hätte man es ihm längst sagen sollen. Gepeinigt
+von Furcht, beobachtete ihn die Mutter. Die Worte
+tröpfelten ihr mechanisch von den Lippen. Ihre Finger
+zerknüllten ein zerrissenes Spitzentaschentuch. Als die Uhr
+sechs schlug, stand er auf und ging zur Tür. Dann wandte
+er sich um und sah sie an. Ihre Blicke begegneten sich.
+In den ihren las er ein inbrünstiges Bitten um Mitleid.
+Das machte ihn erst recht zornig.</p>
+
+<p>„Mutter, ich muß dich was fragen“, sagte er. Ihre
+Augen irrten im Zimmer umher. Sie gab keine Antwort.
+„Sag' mir die Wahrheit! Ich hab' ein Recht, es zu erfahren!
+Warst du mit meinem Vater verheiratet?“</p>
+
+<p>Sie stieß einen tiefen Seufzer aus. Es war ein Seufzer
+der Erleichterung. Der schreckliche Augenblick, der Augenblick,
+vor dem sie Tag und Nacht seit Wochen und Monaten
+gebangt hatte, war endlich gekommen, und doch
+empfand sie keine Furcht. Ja, es war für sie gewissermaßen
+eine Enttäuschung. Die grobe Unumwundenheit
+der Frage heischte eine unumwundene Antwort. Die Situation
+war nicht langsam gesteigert worden. Es war roh.
+Es erinnerte sie an eine mißlungene Deklamation.</p>
+
+<p>„Nein“, antwortete sie, erstaunt über die harte Einfachheit
+des Lebens.</p>
+
+<p>„Dann war mein Vater ein Schuft!“ schrie der Bursche
+und ballte die Faust.</p>
+
+<p>Sie schüttelte den Kopf. „Ich wußte, daß er nicht frei<a class="pagenum" name="Page_112" title="112"> </a>
+war. Wir haben uns sehr lieb gehabt. Wenn er am Leben
+geblieben wäre, hätte er für uns gesorgt. Sage nichts gegen
+ihn, mein Sohn. Er war dein Vater und ein Gentleman.
+Er hatte wirklich hohe Verbindungen.“</p>
+
+<p>Ein Fluch kam über seine Lippen. „Es bekümmert mich
+nicht meinetwegen,“ rief er, „aber laß Sibyl nicht... Ist
+es ein Gentleman oder nicht, der sie liebt, oder so sagt?
+Mit hohen Verbindungen, vermute ich.“</p>
+
+<p>Einen Augenblick lang kam ein schreckliches Gefühl der
+Demütigung über die Frau. Ihr Kopf sank herab. Mit
+zitternden Händen wischte sie sich die Augen. „Sibyl hat
+eine Mutter,“ flüsterte sie, „ich hatte keine.“</p>
+
+<p>Der junge Mensch war gerührt. Er ging zu ihr hin,
+beugte sich über sie und küßte sie. „Es tut mir leid, wenn
+ich dich mit der Frage nach meinem Vater verletzt habe,“
+sagte er, „aber ich konnte nicht anders. Jetzt muß ich fort.
+Lebewohl! Vergiß nicht, daß du jetzt nur noch ein Kind
+zu beschützen hast, und glaube mir, wenn dieser Mann
+meiner Schwester ein Leid zufügt, dann bringe ich schon
+heraus, wer es ist, spüre ihn auf und schlage ihn tot wie
+einen Hund. Das schwöre ich dir!“</p>
+
+<p>Die wahnwitzige Übertreibung seines Schwurs, die
+leidenschaftlichen Handbewegungen, die ihn begleiteten,
+die tollen, melodramatischen Worte machten der alten
+Frau das Leben wieder interessanter. Diese Atmosphäre
+war ihr vertraut. Sie atmete wie erlöst, und zum erstenmal
+seit vielen Monaten bewunderte sie förmlich ihren
+Sohn. Sie hätte die Szene gern auf derselben Gefühlshöhe
+fortgesetzt, aber er brach sie kurz ab. Koffer mußten<a class="pagenum" name="Page_113" title="113"> </a>
+heruntergebracht und Decken beschafft werden. Der Hausknecht
+des Mietshauses rannte geschäftig hin und her.
+Mit dem Kutscher wurde der Preis abgehandelt. So
+wurde der Augenblick durch gemeine Einzelheiten verzettelt.
+Mit einem erneuten Gefühl der Enttäuschung stand sie
+am Fenster und ließ das zerrissene Spitzentaschentuch durch
+die Luft wimpeln, als ihr Sohn wegfuhr. Es war ihr
+zumute, als sei eine große Gelegenheit verpaßt worden.
+Sie tröstete sich, indem sie Sibyl sagte, wie öde künftig
+ihr Leben sein werde, da sie jetzt nur ein einziges Kind zu
+behüten habe. Diesen Satz hatte sie sich gemerkt. Er hatte
+ihr gefallen. Von seinem Schwur sagte sie nichts. Er war
+lebendig und dramatisch deklamiert worden. Sie hatte die
+Empfindung, daß sie alle eines Tages darüber lachen
+würden.</p>
+
+<h2><a name="Sechstes_Kapitel" id="Sechstes_Kapitel"></a>Sechstes Kapitel</h2>
+
+
+<p>„Du hast doch schon die letzte Neuigkeit gehört, Basil?“
+sagte Lord Henry am selben Abend, als Hallward in das
+kleine Separatzimmer im Bristol trat, wo für drei Personen
+zum Essen gedeckt war.</p>
+
+<p>„Nein, Harry“, antwortete der Künstler, während er
+Hut und Rock dem dienernden Kellner gab. „Was ist es?
+Nichts über Politik, hoffe ich. Die interessiert mich nicht.
+Im ganzen Unterhause gibts keinen einzigen Menschen,
+den man malen möchte; wenn auch einigen von ihnen
+zur Aufbesserung etwas Firnis nicht schaden könnte.“</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_114" title="114"> </a></p>
+
+<p>„Dorian Gray hat sich verlobt“, sagte Lord Henry und
+beobachtete ihn, während er sprach.</p>
+
+<p>Hallward fuhr zurück und runzelte sofort die Stirn.
+„Dorian verlobt!“ rief er. „Unmöglich!“</p>
+
+<p>„Es ist wahrhaftig wahr.“</p>
+
+<p>„Mit wem?“</p>
+
+<p>„Mit irgendeiner kleinen Schauspielerin.“</p>
+
+<p>„Ich kann's nicht glauben. Dorian ist viel zu verständig.“</p>
+
+<p>„Dorian ist viel zu klug, um nicht von Zeit zu Zeit
+verrückte Sachen zu begehen, lieber Basil.“</p>
+
+<p>„Heiraten ist kaum eine Sache, die man von Zeit zu
+Zeit tun kann, Harry.“</p>
+
+<p>„Außer in Amerika“, erwiderte Lord Henry nachlässig.
+„Aber ich habe ja nicht gesagt, daß er verheiratet sei. Ich
+sagte, er sei verlobt. Das ist ein großer Unterschied. Ich
+erinnere mich ganz deutlich, verheiratet zu sein, aber ich
+kann mich nicht erinnern, verlobt gewesen zu sein. Ich
+glaube fast, daß ich mich nie verlobt habe.“</p>
+
+<p>„Aber überlege doch Dorians Geburt, seine Stellung,
+sein Vermögen. Es wäre sinnlos, wenn er so tief unter
+seinem Stande heiraten würde.“</p>
+
+<p>„Wenn du willst, daß er dies Mädchen heiratet, so
+brauchst du ihm das nur zu sagen, Basil. Dann tut er's
+gewiß. Wenn ein Mann etwas auserlesen Dummes tut,
+tut er's immer aus den edelsten Beweggründen.“</p>
+
+<p>„Ich hoffe, es ist ein gutes Mädchen, Harry. Ich möchte
+Dorian nicht an irgendein gewöhnliches Wesen gefesselt
+sehen, das ihn herabzieht und seinen Geist verdirbt.“</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_115" title="115"> </a></p>
+
+<p>„Oh, sie ist mehr als gut &mdash; sie ist schön“, sagte Lord
+Henry und nippte an einem Glas Wermut mit Pomeranzen.
+„Dorian sagt, sie ist schön, und in Dingen dieser
+Art irrt er nicht häufig. Sein Bild von ihm hat sein
+Urteil über die äußere Erscheinung anderer Menschen geschärft.
+Es hat unter anderem diesen glänzenden Erfolg
+gezeigt. Wir sollen sie heute abend sehen, wenn der Junge
+seine Abmachung nicht vergißt.“</p>
+
+<p>„Ist das dein Ernst?“</p>
+
+<p>„Vollständig, Basil. Es würde schlimm für mich sein,
+wenn ich je im Leben ernsthafter sein müßte als jetzt.“</p>
+
+<p>„Aber billigst du es denn, Harry?“ fragte der Maler,
+der im Zimmer auf und ab ging und sich auf die Lippen
+biß. „Du kannst es doch ganz unmöglich billigen. Es ist
+eine törichte Verblendung.“</p>
+
+<p>„Ich billige oder mißbillige nie wieder etwas. Sowas
+bringt einen in eine ganz verrückte Stellungnahme zum
+Leben. Wir sind nicht in die Welt geschickt worden, um
+unsere moralischen Vorurteile glänzen zu lassen. Ich nehme
+nie Notiz von dem, was gewöhnliche Leute sagen, und
+ich mische mich nie in Dinge, die reizende Leute vorhaben.
+Wenn mich eine Persönlichkeit fesselt, dann ist jede Ausdrucksform,
+die sich diese Persönlichkeit aussucht, für
+mich erfreulich. Dorian Gray verliebt sich in ein schönes
+Mädchen, das die Julia spielt, und will sie heiraten.
+Warum nicht? Wenn er Messalina heiraten wollte, würde
+er nicht weniger interessant sein. Du weißt, ich bin kein
+Eheapostel. Der eigentliche Nachteil der Ehe ist, daß man
+selbstlos wird. Und selbstlose Menschen sind farblos. Sie<a class="pagenum" name="Page_116" title="116"> </a>
+werden unpersönlich. Jedoch gibt es gewisse Temperamente,
+die durch die Ehe komplizierter werden. Sie behalten
+ihren Egoismus und erweitern ihn durch eine
+Reihe anderer Ichs. Sie sehen sich gezwungen, mehr als
+ein einzelnes Leben zu führen. Sie werden feiner organisiert,
+und feiner organisiert zu werden, scheint mir der
+Zweck des menschlichen Lebens. Überdies hat jede Erfahrung
+ihren Wert, und was man auch gegen die Ehe
+sagen kann, eine Erfahrung ist sie sicher. Ich hoffe, Dorian
+Gray wird dies Mädchen heiraten, wird sie sechs Monate
+hindurch leidenschaftlich anbeten, und dann wird ihn plötzlich
+eine andere anziehen. Es wäre prachtvoll, das zu
+beobachten.“</p>
+
+<p>„Du glaubst kein einziges Wort von alledem, Harry;
+und das weißt du auch. Wenn Dorian Grays Leben zerstört
+würde, wäre kein Mensch trauriger als du. Du bist
+viel besser, als du vorgibst.“</p>
+
+<p>Lord Henry lachte. „Der Grund, weshalb wir alle so
+gut von anderen denken, ist der, daß wir alle Angst
+vor uns selber haben. Die Grundlage des Optimismus
+ist nichts als Furcht. Wir halten uns für großherzig, weil
+wir unserem Nachbar Tugenden zuschreiben, aus denen
+für uns ein Nutzen erwachsen könnte. Wir rühmen den
+Bankier, damit wir unser Konto überschreiten können, und
+finden im Buschklepper gute Eigenschaften in der Hoffnung,
+daß er unseren Geldbeutel verschonen wird. Ich
+glaube jedes Wort, das ich gesprochen habe. Ich habe die
+größte Verachtung für den Optimismus. Was das zerstörte
+Leben betrifft, so ist kein Leben zerstört, dessen<a class="pagenum" name="Page_117" title="117"> </a>
+Wachstum nicht gehemmt wird. Wenn man eine Persönlichkeit
+verderben will, braucht man sie nur zu verbessern.
+Die Ehe allerdings ist eine Narretei, aber es gibt
+andere und interessantere Bande zwischen Mann und Frau.
+Natürlich würde ich dazu eher raten. Sie haben den Reiz,
+fashionabel zu sein. Aber da ist Dorian selbst. Er wird
+dir mehr sagen, als ich es kann.“</p>
+
+<p>„Lieber Harry, lieber Basil, ihr müßt mir beide Glück
+wünschen“, sagte der Jüngling, während er den Abendmantel
+mit den atlasgefütterten Flügeln abwarf und den
+Freunden die Hand schüttelte. „Ich war niemals so selig.
+Natürlich ist alles plötzlich gekommen; alles Entzückende
+kommt plötzlich. Und doch scheint es das einzige gewesen
+zu sein, wonach ich mein Leben lang auf der Suche war.“
+Er glühte vor Aufregung und Freude und sah außerordentlich
+hübsch aus.</p>
+
+<p>„Ich hoffe, du wirst immer sehr glücklich sein, Dorian,“
+sagte Hallward, „aber ich kann es dir nicht ganz verzeihen,
+daß du mir deine Verlobung nicht mitgeteilt hast.
+Harry hast du es mitgeteilt.“</p>
+
+<p>„Und ich kann es dir nicht verzeihen, daß du zu spät
+kommst“, fiel Lord Henry lächelnd ein und legte seine
+Hand auf die Schulter des jungen Mannes. „Komm, wir
+wollen uns setzen und versuchen, was der neue Chef hier
+kann, und dann erzählst du uns, wie alles gekommen ist.“</p>
+
+<p>„Da ist wirklich nicht viel zu erzählen!“ rief Dorian, als
+sie sich um den kleinen Tisch gesetzt hatten. „Was geschah,
+war einfach so. Als ich dich gestern abend verließ, Harry,
+zog ich mich an, aß in dem kleinen italienischen Restaurant<a class="pagenum" name="Page_118" title="118"> </a>
+in Rupert Street, das ich durch dich kennengelernt habe,
+und ging um acht Uhr ins Theater. Sibyl spielte die
+Rosalinde. Natürlich war die Dekoration greulich und der
+Orlando zum Lachen. Aber Sibyl! Ihr hättet sie sehen
+sollen. Als sie in ihren Knabenkleidern auftrat, war sie
+einfach wunderbar. Sie trug ein moosgrünes Samtwams
+mit zimtbraunen Ärmeln, eine kurze, braune, überm Knie
+kreuzweise geschnürte Hose, ein reizendes grünes Barett mit
+einer Falkenfeder, die von einem funkelnden Stein gehalten
+wurde, und war in einen dunkelrot gefütterten
+Kapuzenmantel gehüllt. Sie war mir nie schöner vorgekommen.
+Sie hatte all die zarte Grazie der Tanagrafigur,
+die du in deinem Atelier hast, Basil. Das Haar
+schlang sich um ihr Gesicht wie dunkles Laub um eine
+blasse Rose. Und ihr Spiel &mdash; nun, ihr werdet sie heute
+abend sehen. Sie ist eben eine geborene Künstlerin. Ich
+saß ganz verzaubert in der schmierigen Loge. Ich vergaß,
+daß ich in London war und im neunzehnten Jahrhundert
+lebte. Ich war mit meiner Geliebten weit fort in einem
+Wald, den noch kein Menschenauge gesehen hatte. Nach
+der Vorstellung ging ich hinter die Bühne und sprach mit
+ihr. Als wir nebeneinander saßen, trat plötzlich ein Ausdruck
+in ihre Augen, den ich nie vorher gesehen hatte.
+Meine Lippen fühlten sich zu ihr hingezogen. Wir küßten
+uns beide. Ich kann euch nicht beschreiben, was ich in dem
+Augenblick gefühlt habe. Mir schien, daß all mein Leben
+in einen vollkommenen Moment rosenfarbiger Wonne zusammengepreßt
+wäre. Sie zitterte am ganzen Leibe und
+bebte wie eine weiße Narzisse. Dann warf sie sich auf die<a class="pagenum" name="Page_119" title="119"> </a>
+Knie und küßte meine Hände. Ich weiß, ich sollte euch das
+alles nicht erzählen, aber ich kann mir nicht helfen. Natürlich
+ist unsere Verlobung tiefstes Geheimnis. Sie hat
+nicht einmal zu ihrer Mutter davon gesprochen. Ich weiß
+nicht, was meine Vormünder dazu sagen werden. Lord
+Radley wird sicher wütend sein. Ist mir ganz gleich. In
+weniger als einem Jahre bin ich volljährig und kann dann
+machen, was ich will. Hatte ich nicht recht, Basil, meine
+Geliebte aus dem Reich der Dichtung wegzuholen und
+meine Frau in Shakespeares Stücken zu finden? Lippen,
+die Shakespeare reden gelehrt hat, haben mir ihr Geheimnis
+ins Ohr geflüstert. Rosalindens Arme lagen um
+meinen Hals, und ich habe Julia auf den Mund geküßt.“</p>
+
+<p>„Ja, Dorian, ich glaube, du tatest recht“, sagte Hallward
+langsam.</p>
+
+<p>„Hast du sie heute schon gesehen?“ fragte Lord Henry.</p>
+
+<p>Dorian Gray schüttelte den Kopf. „Ich verließ sie im
+Ardennenwald und werde sie in einem Garten von Verona
+wiederfinden.“</p>
+
+<p>Lord Henry schlürfte nachdenklich seinen Champagner.
+„In welchem Augenblick hast du von Heirat gesprochen,
+Dorian? Und was erwiderte sie darauf? Vielleicht hast
+du das schon ganz vergessen.“</p>
+
+<p>„Lieber Harry, ich habe es nicht als Geschäft behandelt
+und habe ihr keinen förmlichen Antrag gemacht. Ich sagte
+ihr, daß ich sie liebe, und sie sagte, sie verdiene nicht, mein
+Weib zu sein. Nicht verdienen! Was ist denn die ganze
+Welt für mich, wenn ich sie mit ihr vergleiche!“</p>
+
+<p>„Die Frauen sind wunderbar praktisch,“ murmelte Lord<a class="pagenum" name="Page_120" title="120"> </a>
+Henry &mdash; „viel praktischer als wir. In Situationen dieser
+Art vergessen wir oft, etwas von Heirat zu erwähnen, und
+sie erinnern uns immer daran.“</p>
+
+<p>Hallward legte die Hand auf seinen Arm. „Nicht doch,
+Harry. Du kränkst Dorian. Er ist nicht wie andere
+Männer. Er würde nie jemand unglücklich machen. Seine
+Natur ist dafür zu edel.“</p>
+
+<p>Lord Henry blickte über den Tisch. „Dorian fühlt sich
+nie gekränkt durch mich“, antwortete er. „Ich habe aus
+dem besten Grund gefragt, den es geben kann, aus dem
+einzigen Grund, der eine Entschuldigung für eine Frage
+ist &mdash; einfach aus Neugier. Ich habe eine Theorie, wonach
+es immer Frauen sind, die uns einen Antrag machen, und
+nicht wir den Frauen. Natürlich ausgenommen die Mittelklassen.
+Aber die Mittelklassen sind eben nicht modern.“</p>
+
+<p>Dorian Gray lachte und schüttelte den Kopf. „Du bist
+ganz unverbesserlich, Harry; aber ich bin nicht böse. Man
+kann dir ja gar nicht böse sein. Wenn du Sibyl Vane
+siehst, wirst du fühlen, daß der Mann, der ihr ein Leid
+antun kann, ein Tier sein muß, ein herzloses Tier. Ich
+kann nicht begreifen, wie man es über sich gewinnen kann,
+ein Wesen, das man liebt, in Schande zu bringen. Ich
+liebe Sibyl Vane. Ich möchte sie auf einen goldenen
+Sockel stellen und dann sehen, wie die ganze Welt das
+Weib anbetet, das mir gehört. Was ist Ehe? Ein unwiderrufliches
+Gelübde. Du spottest deshalb darüber. Ach,
+spotte nicht! Ein unwiderrufliches Gelübde will ich ablegen.
+Ihr Vertrauen macht mich treu, ihr Glaube macht
+mich gut. Wenn ich bei ihr bin, verleugne ich alles, was<a class="pagenum" name="Page_121" title="121"> </a>
+du mich gelehrt hast. Ich werde ein ganz anderer Mensch
+als der, den du in mir siehst. Ich bin verwandelt, und die
+bloße Berührung von Sibyl Vanes Hand läßt mich alle
+deine falschen, bezaubernden, vergifteten, entzückenden
+Theorien vergessen.“</p>
+
+<p>„Und die wären?“ fragte Lord Henry, während er
+Salat nahm.</p>
+
+<p>„Oh, deine Theorien über das Leben, deine Theorien
+über die Liebe, deine Theorien über den Genuß. Tatsächlich
+alle deine Theorien, Harry.“</p>
+
+<p>„Genuß ist das einzige auf der Welt, das eine Theorie
+verdient“, antwortete er mit seiner sanften, musikalischen
+Stimme. „Aber ich fürchte, es ist nicht meine eigene Theorie.
+Sie gehört der Natur, nicht mir. Genuß ist das
+Siegel der Natur, das Zeichen ihrer Zustimmung. Wenn
+wir glücklich sind, dann sind wir immer gut, aber wenn
+wir gut sind, sind wir nicht immer glücklich.“</p>
+
+<p>„Ah, doch, was verstehst du unter gut?“ rief Basil
+Hallward.</p>
+
+<p>„Ja,“ wiederholte Dorian, indem er sich in seinem
+Stuhl zurücklehnte und über den massigen Strauß rotblutiger
+Schwertlilien in der Mitte des Tisches zu Lord
+Henry blickte, „was verstehst du unter gut, Harry?“</p>
+
+<p>„Gut sein, heißt mit sich selbst im Einklang sein“, antwortete
+er, den dünnen Stengel seines Glases mit blassen,
+feingespitzten Fingern umfassend. <ins title="Mißklang">„Mißklang</ins> heißt es, mit
+anderen übereinstimmen müssen. Das eigene Leben &mdash; das
+ist es, worauf es ankommt. Was das Leben unserer Nachbarn
+betrifft, nun, wenn man durchaus ein Affe oder ein<a class="pagenum" name="Page_122" title="122"> </a>
+Puritaner sein will, dann mag man ihnen ja seine moralischen
+Ansichten ins Gesicht schleudern, aber sie gehen
+einen schließlich gar nichts an. Abgesehen davon, hat der
+Individualismus in der Tat die höheren Ziele. Die moderne
+Sittlichkeit besteht darin, daß man den Maßstab
+seiner Zeit anerkennt. Ich habe die Meinung, daß jeder
+kultivierte Mensch, der den Maßstab seiner Zeit anerkennt,
+damit eines der gröbsten Sittlichkeitsverbrechen begeht.“</p>
+
+<p>„Wenn man aber nur für sich selbst lebt, Harry, muß
+man da nicht einen furchtbaren Preis dafür zahlen?“
+fragte der Maler.</p>
+
+<p>„Ja, heutzutage werden wir in allem überteuert. Ich
+glaube, die wirkliche Tragödie der Armut ist die, daß sich
+die Armen nichts leisten können als Selbstverleugnung.
+Schöne Sünden sind wie alle schönen Dinge ein Vorrecht
+der begüterten Klassen.“</p>
+
+<p>„Man muß in anderer Münze zahlen als mit Geld.“</p>
+
+<p>„In welcher Münze, Basil?“</p>
+
+<p>„Ich meine mit Gewissensbissen, mit Schmerzen, mit...
+na eben mit dem Gefühl der Erniedrigung.“</p>
+
+<p>Lord Henry zuckte die Achseln. „Mein lieber Junge, die
+mittelalterliche Kunst ist etwas Entzückendes, aber mittelalterliche
+Gefühle sind nicht mehr Mode. Man kann sie
+freilich in der Dichtung gebrauchen. Aber die einzigen
+Dinge, die in Dichtungen zu verwerten sind, sind solche,
+um die man sich in der Wirklichkeit nicht mehr kümmert.
+Glaube mir, kein zivilisierter Mensch bereut einen durchlebten
+Genuß, und kein unzivilisierter Mensch weiß, was
+ein Genuß ist.“</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_123" title="123"> </a></p>
+
+<p>„Ich weiß, was ein Genuß ist!“ rief Dorian Gray. „Jemand
+anbeten.“</p>
+
+<p>„Das ist jedenfalls besser, als angebetet zu werden“,
+antwortete Harry, während er mit einigen Früchten spielte.
+„Angebetet zu werden, ist peinlich. Die Weiber behandeln
+uns genau so wie die Menschheit ihre Götter. Sie beten
+uns an und quälen uns unaufhörlich, irgendwas für sie
+zu tun.“</p>
+
+<p>„Ich würde sagen, alles, was sie von uns verlangen,
+haben sie uns zuerst geschenkt“, sagte der Jüngling ernst
+und leise. „Sie erzeugen die Liebe in uns. Sie haben ein
+Recht, sie dann zurückzuverlangen.“</p>
+
+<p>„Das ist ganz richtig, Dorian“, rief Hallward.</p>
+
+<p>„Ganz richtig ist niemals etwas“, sagte Lord Henry.</p>
+
+<p>„Das ist es“, unterbrach Dorian. „Du mußt zugeben,
+Harry, daß nur die Frauen den Männern das reinste
+Gold des Lebens schenken.“</p>
+
+<p>„Vielleicht,“ seufzte er, „aber unweigerlich verlangen sie
+es dann in Kleingeld umgewechselt zurück. Das ist der
+Jammer dabei. ‚Die Frauen,‛ hat einmal ein witziger
+Franzose gesagt, ‚regen uns an, Meisterwerke zu schaffen,
+und verhindern uns immer, sie auszuführen.‛“</p>
+
+<p>„Harry, du bist schrecklich! Ich weiß gar nicht, warum
+ich dich so gern habe.“</p>
+
+<p>„Du wirst mich immer gern haben, Dorian“, antwortete
+er. „Wollen wir Kaffee trinken, Kinder? &mdash; Kellner, bringen
+Sie Kaffee, fine Champagne und Zigaretten. Nein, lassen
+Sie die Zigaretten, ich habe selbst bei mir. Basil, ich kann
+dir nicht erlauben, Zigarren zu rauchen. Du mußt eine<a class="pagenum" name="Page_124" title="124"> </a>
+Zigarette nehmen. Eine Zigarette ist der vollendete Ausdruck
+eines vollendeten Genusses. Er ist köstlich und läßt
+dabei unbefriedigt. Was will man mehr verlangen? Ja,
+Dorian, du wirst mich immer lieb haben. Ich bin für dich
+der Inbegriff aller Sünden, die du zu begehen nie den
+Mut haben wirst.“</p>
+
+<p>„Was für Unsinn du redest, Harry!“ rief der junge
+Mann, während er seine Zigarette an dem feuerspeienden
+Silberdrachen anzündete, den der Kellner auf den Tisch
+gestellt hatte. „Wir wollen jetzt ins Theater. Wenn Sibyl
+auftritt, werdet ihr ein neues Lebensideal bekommen. Sie
+wird euch etwas offenbaren, das ihr noch nicht gekannt
+habt.“</p>
+
+<p>„Ich habe alles kennengelernt,“ sagte Lord Henry mit
+einem müden Ausdruck in den Augen, „aber ich bin immer
+bereit, mir eine neue Emotion zu verschaffen. Nur fürchte
+ich, daß es für mich derlei kaum noch gibt. Immerhin, dein
+wunderbares Mädchen wird mich vielleicht erschüttern. Ich
+liebe die Schauspielkunst. Sie ist soviel wirklicher als das
+Leben. Wir wollen gehen. Dorian, du kannst bei mir einsteigen.
+Basil, es tut mir leid, aber in meinem Brougham
+ist nur Platz für zwei. Du mußt schon in einer Droschke
+nachfahren.“</p>
+
+<p>Sie standen auf, zogen ihre Röcke an und tranken den
+Kaffee im Stehen. Der Maler war schweigsam und bedrückt.
+Ein düsteres Gefühl lastete auf ihm. Er konnte
+diese Ehe nicht gutheißen, und sie schien ihm doch besser
+zu sein als manches andere, das hätte geschehen können.
+Nach einigen Minuten gingen sie gemeinsam die Treppe<a class="pagenum" name="Page_125" title="125"> </a>
+hinunter. Er fuhr, wie verabredet, allein, und sah auf die
+blitzenden Lichter des kleinen Wagens, der vor ihm dahinrollte.
+Das seltsame Gefühl eines großen Verlustes überkam
+ihn. Er fühlte, daß Dorian Gray nie wieder das
+für ihn sein würde, was er ihm früher gewesen war. Das
+Leben war zwischen sie getreten... Vor seinen Augen ward
+es dunkel, und die menschenvollen, erleuchteten Straßen
+verschwammen vor seinem Blick. Als seine Droschke am
+Theater vorfuhr, schien es ihm, als sei er um viele Jahre
+älter geworden.</p>
+
+<h2><a name="Siebentes_Kapitel" id="Siebentes_Kapitel"></a>Siebentes Kapitel</h2>
+
+
+<p>Aus irgendeinem Grunde war das Haus an diesem
+Abend besonders dicht gefüllt, und der fette jüdische Direktor,
+der sie an der Tür empfing, strahlte von einem
+Ohr zum anderen in einem öligen, zuckenden Lächeln. Er
+begleitete sie zu ihrer Loge mit einer gewissen prahlerischen
+Demut, die feisten, juwelenbedeckten Hände hastig
+bewegend und sich mit der Stimme beinahe überschlagend.
+Dorian verabscheute ihn mehr als je. Er hatte das Gefühl,
+als sei er gekommen, um Miranda zu besuchen und Caliban
+habe ihn empfangen. Dagegen hatte Lord Henry etwas
+für ihn übrig. Wenigstens erklärte er, daß er ihm gefiele,
+bestand darauf, ihm die Hand zu schütteln und versicherte
+ihm, er sei stolz darauf, einen Mann kennenzulernen,
+der ein bedeutendes Genie entdeckt habe und an
+einem Dichter bankerott geworden sei. Hallward unterhielt<a class="pagenum" name="Page_126" title="126"> </a>
+sich damit, die Gestalten im Stehparterre zu beobachten.
+Die Hitze war äußerst drückend, und der riesige
+Sonnenkronleuchter flammte wie eine gigantische Dahlie
+mit Blättern von gelbem Feuer. Die jungen Leute auf
+der Galerie hatten Röcke und Westen ausgezogen und sie
+über die Brüstung gehängt. Sie riefen einander quer über
+das ganze Theater zu und fütterten die grell gekleideten
+Mädchen neben ihnen mit Orangen. Ein paar Weiber
+unten im Stehparterre lachten. Ihre Stimmen waren
+schrecklich schrill und unangenehm. Vom Büfett her hörte
+man Flaschen entkorken.</p>
+
+<p>„Was für ein sonderbarer Platz, um seine Göttin zu
+finden!“ sagte Lord Henry.</p>
+
+<p>„Ja“, erwiderte Dorian Gray. „Hier habe ich sie gefunden,
+und sie ist göttlicher als alles Lebendige. Wenn
+sie spielt, wirst du alles vergessen. Diese gewöhnlichen rohen
+Leute mit ihren alltäglichen Gesichtern und brutalen Bewegungen
+werden ganz verwandelt, sobald sie auf der
+Bühne steht. Sie sitzen stumm da und beobachten sie. Sie
+weinen und lachen, wenn sie es will. Sie hält sie in Stimmung,
+wie man es mit einer Geige tut. Sie veredelt sie,
+und man spürt, daß sie vom selben Fleisch und Blut sind
+wie man selbst.“</p>
+
+<p>„Vom selben Fleisch und Blut wie man selbst? Oh, ich
+hoffe nicht!“ rief Lord Henry, der die Leute auf der
+Galerie mit seinem Opernglas musterte.</p>
+
+<p>„Höre nicht auf ihn, Dorian!“ sagte der Maler. „Ich
+begreife, was du meinst, und ich glaube an dies Mädchen.
+Der Mensch, den du liebst, muß wunderbar sein, und jedes<a class="pagenum" name="Page_127" title="127"> </a>
+Mädchen, das die von dir geschilderte Wirkung erzielt,
+muß fein und edel sein. Seine Mitmenschen veredeln &mdash;
+das verlohnt der Mühe. Wenn dies Mädchen die beseelen
+kann, die seelenlos gelebt haben, wenn sie in Menschen,
+deren Dasein schmutzig und häßlich war, einen Sinn
+für Schönheit wecken kann, wenn sie sie aus ihrem Eigennutze
+losreißen und ihnen Tränen um Sorgen entlocken
+kann, die nicht ihre eigenen sind, dann ist sie deiner Verehrung
+wert, dann ist sie der Verehrung der ganzen Welt
+wert. Solche Heirat ist ganz das Rechte. Ich dachte zuerst
+nicht so, aber jetzt gebe ich es zu. Die Götter haben
+Sibyl Vane für dich geschaffen. Ohne sie wärst du nur
+unvollständig gewesen.“</p>
+
+<p>„Danke, Basil“, antwortete Dorian Gray und drückte
+ihm die Hand. „Ich wußte, daß du mich verstehst. Harry
+ist ein Zyniker, er erschreckt mich. Aber da kommt das
+Orchester. Es ist furchtbar, aber es dauert nur knappe
+fünf Minuten. Dann geht der Vorhang auf und du erblickst
+ein Mädchen, dem ich mein ganzes Leben schenken
+will, dem ich alles überantwortet habe, was gut ist in
+mir.“</p>
+
+<p>Eine Viertelstunde später betrat Sibyl Vane unter
+einem geräuschvollen Beifallssturm die Bühne. Ja, sie war
+wirklich entzückend &mdash; eins der entzückendsten Geschöpfe,
+dachte Lord Henry, die er je gesehen hatte. Es lag etwas
+von einem Reh in ihrer scheuen Grazie und ihren erstaunten
+Augen. Ein schwaches Erröten wie der Widerschein
+einer Rose in einem silbernen Spiegel trat auf ihre
+Wangen, als sie das überfüllte und begeisterte Haus erblickte.<a class="pagenum" name="Page_128" title="128"> </a>
+Sie trat ein paar Schritte zurück, und ihre Lippen
+schienen zu zittern. Basil Hallward sprang auf und begann
+zu klatschen. Bewegungslos, und wie in tiefem Traume,
+saß Dorian Gray da und sah sie an. Lord Henry starrte
+unverwandt durch sein Glas und murmelte: „Entzückend!
+Entzückend!“</p>
+
+<p>Die Szene stellte die Halle in Capulets Hause dar, und
+Romeo war in seinem Pilgerkleid mit Mercutio und seinen
+anderen Freunden aufgetreten. Die Musik präludierte, so
+gut sie konnte, mit ein paar Akkorden, und der Tanz
+fing an. Mitten in dem Gewimmel von ungeschickten,
+schäbig gekleideten Schauspielern bewegte sich Sibyl Vane
+wie ein Geschöpf aus einer höheren Welt. Ihr Körper
+schwebte im Tanze wie eine Blume auf dem Wasser. Die
+Linien ihres Halses glichen denen einer weißen Lilie. Ihre
+Hände schienen aus kühlem Elfenbein zu sein.</p>
+
+<p>Und doch schien sie von seltsamer Abwesenheit. Sie zeigte
+kein Zeichen der Freude, während ihr Auge auf Romeo
+ruhte. Die wenigen Worte, die sie zu sprechen hatte &mdash;</p>
+
+<p class="poem">
+Nein, Pilger, lege nichts der Hand zuschulden<br />
+Für ihren sittsam-andachtsvollen Gruß;<br />
+Der Heiligen Rechte darf Berührung dulden,<br />
+Und Hand in Hand ist frommer Waller Kuß &mdash;<br />
+</p>
+
+<p class="postpoem">mit dem kurzen Dialog, der folgt, sprach sie in einem
+ganz gekünstelten Tone. Die Stimme klang wundervoll,
+aber der Ton ganz verfehlt. Er traf die Stimmungsfarbe
+nicht. Er nahm den Versen alles Leben. Er machte die
+Leidenschaft unwahr.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_129" title="129"> </a></p>
+
+<p>Dorian Gray erbleichte, als er es hörte. Er war verlegen
+und erschreckt. Seine beiden Freunde wagten nicht,
+ihm etwas zu sagen. Sie schien ja ganz talentlos zu sein.
+Sie waren furchtbar enttäuscht.</p>
+
+<p>Aber sie wußten, daß der wahre Prüfstein für jede
+Julia die Balkonszene im zweiten Akt sei. Darauf warteten
+sie. Wenn sie hier versagte, war nichts an ihr.</p>
+
+<p>Sie sah reizend aus, als sie im Mondschein auftrat.
+Das konnte niemand leugnen. Aber das Theatralische
+ihres Spiels war unerträglich und wurde im Verlauf
+immer ärger. Ihre Gesten waren lächerlich gekünstelt.
+Sie übertrieb das Pathos von allem, was sie zu sagen
+hatte. Die wundervollen Verse &mdash;</p>
+
+<p class="poem">
+Du weißt, die Nacht verschleiert mein Gesicht,<br />
+Sonst färbte Mädchenröte meine Wangen<br />
+Um das, was du vorhin mich sagen hörtest &mdash;<br />
+</p>
+
+<p class="postpoem">deklamierte sie mit der peinlichen Genauigkeit eines Schulmädchens,
+das einen mittelmäßigen Vortragslehrer in der
+Schule gehabt hat. Als sie sich über den Balkon lehnte
+und zu den herrlichen Versen kam &mdash;</p>
+
+<p class="poem">
+Obwohl ich dein mich freue,<br />
+Freu' ich mich nicht des Bundes dieser Nacht:<br />
+Er ist zu rasch, zu unbedacht, zu plötzlich,<br />
+Gleicht allzusehr dem Blitz, der schon vorbei,<br />
+Noch eh' man sagen kann: es blitzt. &mdash; Schlaf süß!<br />
+Mag warmer Sommerhauch die Liebesknospe<br />
+Zur Blume bis zum Wiedersehn entfalten &mdash;<br />
+</p>
+
+<p class="postpoem"><a class="pagenum" name="Page_130" title="130"> </a>
+sprach sie die Worte, als enthielten sie keinerlei Sinn für
+sie. Es war nicht Aufregung. Nein, weit entfernt davon,
+erregt zu sein, schien sie ganz mit sich zufrieden. Es war
+einfach schlechte Kunst. Es war ein richtiger Abfall.</p>
+
+<p>Selbst das gewöhnliche, ungebildete Publikum auf
+Stehplatz und Galerie verlor sein Interesse am Stück.
+Man wurde unruhig und begann laut zu sprechen und zu
+zischen. Der jüdische Direktor, der im Hintergrunde des ersten
+Ranges stand, stampfte mit den Füßen und fluchte vor
+Wut. Einzig und allein unbewegt war das Mädchen selbst.</p>
+
+<p>Als der zweite Akt vorüber war, brach ein Sturm von
+Zischen los, und Lord Henry stand von seinem Stuhl auf
+und zog seinen Rock an. „Sie ist wunderschön, Dorian,“
+sagte er, „aber sie kann nicht spielen. Wir wollen gehen.“</p>
+
+<p>„Ich will das Stück zu Ende sehen“, antwortete der
+junge Mann mit harter, bitterer Stimme. „Es tut mir
+äußerst leid, daß ich dich veranlaßt habe, einen Abend zu
+vergeuden, Harry. Ich muß mich bei euch beiden entschuldigen.“</p>
+
+<p>„Mein lieber Dorian, ich glaube, Miß Vane war
+krank“, unterbrach ihn Hallward. „Wir wollen an einem
+anderen Abend wiederkommen.“</p>
+
+<p>„Ich wünschte, sie wäre krank“, erwiderte er. „Aber ich
+glaube, sie hat nur kein Gefühl und ist kalt. Sie ist völlig
+verändert. Gestern abend war sie eine große Künstlerin.
+Heute abend ist sie nur eine gewöhnliche, mittelmäßige
+Schauspielerin.“</p>
+
+<p>„Sprich nicht so über jemand, den du liebst, Dorian.
+Liebe ist etwas viel Wunderbareres als Kunst.“</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_131" title="131"> </a></p>
+
+<p>„Es sind beides nur Formen der Nachahmung“, bemerkte
+Lord Henry. „Aber wir wollen gehen. Dorian, du
+darfst nicht länger hier bleiben. Es schadet der Moral,
+schlechte Schauspielkunst zu sehen. Ich glaube übrigens
+nicht, daß du deine Frau auftreten lassen wirst. Was liegt
+also daran, ob sie die Julia wie eine Holzpuppe spielt!
+Sie ist wirklich bezaubernd, und wenn sie so wenig vom
+Leben weiß wie vom Theaterspielen, wird sie dir eine
+köstliche Erfahrung sein. Es gibt nur zwei Arten fesselnder
+Menschen &mdash; solche, die alles wissen, und solche, die
+gar nichts wissen. Großer Gott, mein lieber Junge, mach'
+kein so tragisches Gesicht! Das Rezept, jung zu bleiben,
+besteht einfach darin, nie eine Erregung haben, die unzuträglich
+ist. Komm mit Basil und mir in den Klub! Wir
+wollen Zigaretten rauchen und auf Sibyl Vanes Schönheit
+trinken. Sie ist schön. Was willst du noch mehr?“</p>
+
+<p>„Geh, Harry!“ rief der Jüngling. „Ich will allein sein.
+Basil, geh! Ach, könnt ihr nicht sehen, daß mir das Herz
+bricht?“ Heiße Tränen traten ihm in die Augen. Seine
+Lippen bebten, er drückte sich in die dunkelste Ecke der
+Loge, lehnte sich an die Wand und verbarg sein Gesicht in
+den Händen.</p>
+
+<p>„Komm, Basil“, sagte Lord Henry mit seltsam zärtlicher
+Stimme; und die beiden jungen Männer gingen zusammen
+hinaus.</p>
+
+<p>Ein paar Augenblicke später flammte die Rampe wieder
+auf, und der Vorhang rauschte zum dritten Akt in die
+Höhe. Dorian Gray ging auf seinen Platz zurück. Er sah
+bleich, abwesend, gleichgültig aus. Das Spiel schleppte sich<a class="pagenum" name="Page_132" title="132"> </a>
+weiter und schien endlos zu sein. Die Hälfte des Publikums
+ging weg, auf schweren Stiefeln trampelnd und
+lachend. Das Ganze war ein richtiges Fiasko. Der letzte
+Akt wurde beinah vor leeren Bänken gespielt. Der Vorhang
+fiel unter Zischen und höhnischem Gegrunze.</p>
+
+<p>Sobald es aus war, stürzte Dorian Gray hinter die Kulissen
+in die Garderobe. Das Mädchen stand allein da, mit
+einem triumphierenden Zuge im Antlitz. Die Augen leuchteten
+in einem merkwürdigen Feuer. Eine Art Glanz umschwebte
+sie. Ihre halbgeöffneten Lippen lächelten wie ein
+Geheimnis, das ihnen allein bewußt war.</p>
+
+<p>Als er eintrat, blickte sie ihn an und ein Ausdruck unsäglichen
+Glückes kam über sie. „Wie schlecht ich heute gespielt
+habe, Dorian!“ rief sie.</p>
+
+<p>„Schrecklich“, antwortete er und sah sie voll Staunen
+an &mdash; „schrecklich. Es war geradezu fürchterlich. Bist du
+krank? Du hast keine Ahnung, wie es war. Keine Ahnung,
+was ich durchgemacht habe.“</p>
+
+<p>Das Mädchen lächelte. „Dorian“, antwortete sie und
+zog seinen Namen mit einem musikalischen Klang in die
+Länge, als wäre er den roten Blüten ihres Mundes süßer
+als Honig &mdash; „Dorian, du hättest begreifen sollen. Aber
+jetzt begreifst du, nicht wahr?“</p>
+
+<p>„Was?“ fragte er heftig.</p>
+
+<p>„Warum ich heute abend so schlecht spielte. Warum ich
+immer schlecht spielen werde. Warum ich nie mehr gut
+spielen <ins title="werde.">werde.“</ins></p>
+
+<p>Er zuckte die Achseln. „Du bist gewiß krank. Wenn du
+krank bist, solltest du nicht spielen. Du machst dich nur<a class="pagenum" name="Page_133" title="133"> </a>
+lächerlich. Meine Freunde haben sich gelangweilt. Ich ebenfalls.“</p>
+
+<p>Sie schien nicht zu hören, was er sagte. Sie war wie verklärt
+vor Vergnügen. Eine Ekstase des Glücks beherrschte sie.</p>
+
+<p>„Dorian, Dorian,“ rief sie, „bevor ich dich kannte, war
+Spielen die einzige Wirklichkeit in meinem Leben. Nur
+im Theater lebte ich. Ich hielt das alles für wahr. An
+einem Abend war ich Rosalinde und Portia am andern.
+Beatrices Glück war mein Glück, und Kordelias Tränen
+waren die meinen. Ich glaubte an alles. Dies gewöhnliche
+Volk, das mit mir spielte, schien mir göttlich. Die bemalten
+Kulissen bedeuteten für mich die Welt. Ich kannte
+nichts als Schatten, und ich nahm sie für Wirklichkeit. Da
+kamst du &mdash; o mein schöner Geliebter &mdash; und befreitest
+meine Seele aus der Kerkerhaft. Du hast mich gelehrt,
+was die wahre Wirklichkeit ist. Heute habe ich zum erstenmal
+die ganze Hohlheit durchschaut, den Betrug, die Albernheit
+des falschen, verlogenen Flittertandes, zwischen
+dem ich bisher gespielt habe. Heute abend wußte ich zum
+ersten Male, daß dieser Romeo abscheulich und alt und
+geschminkt ist, daß der Mond im Garten Blendwerk, die
+ganze Szenerie ordinär ist und daß die Worte, die ich
+zu sprechen hatte, nicht wahr, nicht meine Worte sind,
+nicht, was ich hätte sagen müssen. Du hast mir etwas
+Höheres geschenkt, etwas, von dem alle Kunst nur Abglanz
+ist. Du hast mich begreifen gelehrt, was Liebe ist. Mein
+Geliebter! Mein Geliebter! Prinz Märchenschön! Prinz
+meines Lebens! Ich kann die Schatten nicht mehr ertragen.
+Du bist mir mehr, als mir alle Kunst je sein kann. Was<a class="pagenum" name="Page_134" title="134"> </a>
+hab' ich mit den Puppen eines Spiels zu schaffen? Als ich
+heute abend auftrat, konnte ich nicht begreifen, wie es gekommen
+war, daß alles verschwunden sein sollte. Ich hatte
+gedacht, ich würde wundervoll sein. Ich merkte, daß ich
+durchaus versagte. Plötzlich dämmerte es meiner Seele,
+was das alles bedeutete. Es war ein herrliches Wissen.
+Ich hörte sie zischen und lächelte. Was konnten die wissen
+von einer Liebe wie die unsere? Nimm mich fort,
+Dorian &mdash; nimm mich mit dir irgendwohin, wo wir allein
+sein können. Ich hasse das Theater. Ich konnte vielleicht
+ein Gefühl darstellen, das ich nicht spüre, aber ich kann doch
+nicht eins spielen, das mich verbrennt wie Feuer. Ach,
+Dorian, Dorian, begreifst du jetzt, was das bedeutet?
+Selbst wenn ich es zustande brächte, wär' es Entweihung,
+zu spielen, während ich liebe. Du hast mich sehend gemacht.“</p>
+
+<p>Er warf sich auf das Sofa und wandte sein Gesicht
+ab. „Du hast meine Liebe getötet“, murmelte er.</p>
+
+<p>Sie sah ihn staunend an und lachte. Er gab keine Antwort.
+Sie kam hin zu ihm und strich mit ihren kleinen
+Fingern durch sein Haar. Sie kniete nieder und preßte
+seine Hände an ihre Lippen. Er schob sie weg, und ein
+Schauder überlief ihn.</p>
+
+<p>Dann sprang er auf und schritt zur Tür. „Ja,“ rief er,
+„du hast meine Liebe getötet. Bisher hast du meine Phantasie
+gefesselt. Jetzt fesselst du nicht einmal meine Neugier.
+Du wirkst einfach nicht. Ich liebte dich, weil du ein Wunder
+warst, weil du Genie und Geist hattest, weil du die
+Träume großer Dichter verkörpertest und den Schatten
+der Kunst Gestalt und Körper verliehest. All das hast du<a class="pagenum" name="Page_135" title="135"> </a>
+weggeworfen. Jetzt bist du leer und seicht. Mein Gott.
+Was für ein Narr war ich, dich zu lieben! Wie verblendet
+war ich! Jetzt bist du mir nichts mehr. Ich will dich niemals
+wiedersehen. Nie mehr an dich denken. Nie mehr deinen
+Namen aussprechen. Du weißt nicht, was du mir einmal
+warst. Ja, einmal, einmal... Oh, ich ertrage es
+nicht, daran zu denken. Ich wünschte, ich hätte dich niemals
+gesehen. Du hast die Poesie meines Lebens vernichtet.
+Wie wenig mußt du von Liebe wissen, wenn du sagst, sie
+lähme deine Kunst! Ohne deine Kunst bist du nichts. Ich
+hätte dich berühmt gemacht, zu einem Sterne, zu etwas
+Herrlichem. Die Welt hätte dich angebetet, und du hättest
+meinen Namen getragen. Was bist du jetzt? Eine Schauspielerin
+dritten Ranges mit einem hübschen Gesichtchen.“</p>
+
+<p>Das Mädchen war totenblaß geworden und zitterte. Sie
+preßte die Hände zusammen, und die Sprache schien ihr in
+der Kehle erstickt zu sein. „Du meinst es doch nicht im
+Ernst, Dorian?“ flüsterte sie. „Du verstellst dich nur.“</p>
+
+<p>„Verstellen? Das überlaß ich dir. Du verstehst es ja so
+gut“, entgegnete er bitter.</p>
+
+<p>Sie erhob sich von den Knien und ging mit einem wehen,
+qualvollen Antlitz zu ihm hin. Sie legte ihm die Hand
+auf den Arm und sah ihm in die Augen. Er stieß sie zurück.
+„Berühre mich nicht!“ schrie er.</p>
+
+<p>Ein leises Stöhnen brach aus ihr hervor, und sie warf
+sich ihm zu Füßen und lag da wie eine zertretene Blume.
+„Dorian, Dorian, geh nicht fort von mir!“ rief sie leise.
+„Ich bin so betrübt, daß ich nicht gut gespielt habe. Ich
+dachte nur immer an dich. Aber ich will es wieder versuchen<a class="pagenum" name="Page_136" title="136"> </a>
+&mdash; wirklich, ich will es versuchen. Es kam so jäh über
+mich, die Liebe zu dir. Ich glaube, ich hätte nie etwas von
+ihr gewußt, wenn du mich nicht geküßt hättest &mdash; wenn
+wir uns nicht geküßt hätten. Küß mich wieder, Geliebter!
+Geh nicht von mir! Ich könnte es nicht überleben. Oh, verlaß
+mich nicht! Mein Bruder... nein, nichts darüber. Er
+meinte es nicht im Ernst. Er scherzte nur... Aber du, oh!
+Kannst du mir nie den heutigen Abend verzeihen? Ich
+werde so fleißig sein und mir Mühe geben, besser zu werden.
+Sei nicht grausam gegen mich, weil ich dich mehr
+liebe als alles in der Welt. Es ist doch nur ein einziges
+Mal, wo ich dir mißfallen habe. Aber du hast ganz recht,
+Dorian. Ich hätte mich mehr als Künstlerin zeigen sollen.
+Es war närrisch von mir; und doch konnte ich nicht anders.
+Ach, verlaß mich nicht, verlaß mich nicht.“ Leidenschaftliches
+Schluchzen erschütterte sie. Sie kauerte sich nieder wie ein
+wundes Tier, und Dorian Gray sah mit seinen schönen
+Augen zu ihr herab, und seine feingeschnittenen Lippen
+kräuselten sich in tiefster Verachtung. Die Gefühlsregungen
+von Menschen, die man nicht mehr liebt, haben immer
+etwas Lächerliches an sich. Sibyl Vane schien ihm überspannt
+melodramatisch zu sein. Ihre Tränen und ihr
+Schluchzen langweilten ihn nur.</p>
+
+<p>„Ich gehe“, sagte er schließlich mit seiner klaren, ruhigen
+Stimme. „Ich möchte nicht hart sein, aber ich kann dich
+nicht mehr sehen. Du hast mich enttäuscht.“</p>
+
+<p>Sie weinte still weiter und sagte nichts, sondern kroch
+näher. Ihre kleinen Hände streckten sich ins Leere hinaus
+und schienen ihn zu suchen. Er wandte sich stehenden Fußes<a class="pagenum" name="Page_137" title="137"> </a>
+herum und verließ das Zimmer. Wenige Augenblicke später
+hatte er das Theater hinter sich.</p>
+
+<p>Wohin er ging, wußte er selber kaum. Er erinnerte sich,
+durch schwach beleuchtete Gassen gewandert, an traurigen,
+in schwarze Schatten getauchten Türbogen und elend aussehenden
+Häusern vorbeigekommen zu sein, Weiber mit
+heiseren Stimmen und schrillem Lachen hatten hinter ihm
+her gerufen. Betrunkene waren fluchend und mit sich selber
+sprechend, wie Riesenaffen, an ihm vorbeigetaumelt.
+Er hatte putzige Kinder auf den Stufen kauern sehen und
+Schreien und Schimpfen aus düsteren Höfen gehört.</p>
+
+<p>Als der Morgen graute, fand er sich dicht bei Covent
+Garden. Die Dunkelheit schwand, die Luft rötete sich in
+blaßrotem Feuer, und der Himmel wölbte sich zu einer
+vollendeten Perle. Mächtige Wagen voll nickender Lilien
+rumpelten langsam die gerade, leere Straße hinab. Die
+Luft war schwer vom Dufte der Blumen, und die Schönheit
+schien seinem Schmerz Linderung zu bringen. Er trat
+in die Markthalle und sah den Männern zu, die ihre Wagen
+ausluden. Ein Fuhrmann in weißem Kittel bot ihm
+von seinen Kirschen an. Er dankte ihm, wunderte sich, warum
+er kein Geld dafür annehmen wollte, und begann zerstreut
+davon zu essen. Sie waren um Mitternacht gepflückt
+worden, und sie hatten die Kühle des Mondes in sich.
+Burschen in langer Reihe schleppten Körbe voll gestreifter
+Tulpen und von gelben und roten Rosen herbei, trotteten
+an ihm vorbei, als sie sich ihren Weg durch die großen,
+gelblichgrünen Gemüsestapel suchten. Unter den grauen,
+in der Sonne bleichen Säulen der Vorhalle lungerte ein<a class="pagenum" name="Page_138" title="138"> </a>
+Trupp von schmuddeligen Mädchen ohne Hüte und warteten,
+bis die Versteigerung vorbei war. Andere drängten
+sich um die auf- und zugehenden Türen des Kaffeehauses
+auf der Piazza. Die schweren Lastgäule glitten auf dem
+Pflaster aus und stampften über die holperigen Steine,
+ihre Glocken und Geschirre schüttelnd. Einige Fuhrmänner
+lagen schlafend auf einem Haufen von Säcken. Mit regenbogenfarbenen
+Hälsen und rötlichen Füßen trippelten die
+Tauben mitten darin umher und pickten sich Körner auf.</p>
+
+<p>Nach einer Weile rief er sich eine Droschke und fuhr nach
+Hause. Ein paar Augenblicke blieb er zögernd auf der
+Schwelle stehen, blickte über den schweigenden Platz und
+auf die Häuser mit den blanken, geschlossenen Fenstern
+und den hellen Gardinen. Der Himmel war jetzt ein wirklicher
+Opal, und die Dächer der Häuser glitzerten ihm wie
+Silber entgegen. Von einem Schornstein gegenüber stieg
+eine dünne Rauchsäule in die Höhe. Sie schlängelte sich wie
+ein violettes Band durch die perlmutterfarbene Luft.</p>
+
+<p>In der großen venezianischen Goldlaterne, einer Beute
+von der Barke irgendeines Dogen, die von der Decke der
+großen eichengetäfelten Vorhalle herabhing, brannten noch
+drei flackernde Gaslichter: wie dünne blaue Feuerblüten,
+von weißen Flammen umsäumt. Er drehte sie aus, warf
+Hut und Mantel auf den Tisch und ging durch die Bibliothek
+zur Tür seines Schlafzimmers. Das war ein großer,
+achteckiger Raum zu ebener Erde, den er in seinem neu
+erwachten Gefühl für Luxus erst unlängst einrichten und
+mit einigen schnurrigen Renaissancegobelins hatte bespannen
+lassen, die er in einer nicht mehr gebrauchten<a class="pagenum" name="Page_139" title="139"> </a>
+Dachkammer in Selby Royal entdeckt hatte. Als er eben
+nach der Klinke griff, fiel sein Blick auf das Bildnis, das
+Basil Hallward von ihm gemalt hatte. Erstaunt schrak
+er zurück. Dann ging er in sein Zimmer und sah nachdenklich
+und betroffen aus. Nachdem er die Blume aus seinem
+Knopfloch genommen hatte, schien er zu zögern. Schließlich
+ging er zurück, trat vor das Bild und musterte es. In dem
+unbestimmten, gedämpften Licht, das durch die mattgelblichen
+Seidenvorhänge drang, schien ihm das Gesicht ein
+wenig verändert. Der Ausdruck war anders. Man hätte
+sagen können, daß ein grausamer Zug um den Mund läge.
+Es war wirklich seltsam.</p>
+
+<p>Er drehte sich um, ging zum Fenster und zog den Vorhang
+auf. Der helle Morgen flutete durch das Zimmer
+und fegte die phantastischen Schatten in düstere Winkel, wo
+sie zitternd liegenblieben. Aber der seltsame Ausdruck, den
+er im Gesicht des Bildes bemerkt hatte, schien nicht nur
+dazubleiben, sondern sich noch verstärkt zu haben. Das
+heiße, zitternde Sonnenlicht zeigte ihm den grausamen Zug
+um den Mund so deutlich, als sähe er sich in einem Spiegel,
+nachdem er etwas Furchtbares verübt hätte.</p>
+
+<p>Er fuhr zusammen und nahm vom Tisch einen ovalen
+Spiegel, dessen Fassung von elfenbeinernen Liebesgöttern
+gebildet wurde, eines der vielen Geschenke Lord Henrys,
+und blickte hastig in die glänzende Tiefe. Keine Linie solcher
+Art verunstaltete seine roten Lippen. Was sollte dies
+bedeuten?</p>
+
+<p>Er rieb sich die Augen und trat ganz nahe an das Bild
+heran, um es abermals zu mustern. An der Technik der<a class="pagenum" name="Page_140" title="140"> </a>
+Malerei konnte man gar keine Spur einer Veränderung bemerken,
+und doch war kein Zweifel, daß sich der Ausdruck
+im ganzen verändert hatte. Es war keine Einbildung von
+ihm. Die Sache war schrecklich klar.</p>
+
+<p>Er warf sich in einen Stuhl und begann zu grübeln.
+Plötzlich überkam ihn die Erinnerung an die Worte, die er
+in Basil Hallwards Atelier an dem Tage gesagt hatte, wo
+das Bild fertig geworden war. Ja, er erinnerte sich ganz
+deutlich. Er hatte den sinnlosen Wunsch ausgesprochen, daß
+er selbst jung bleiben solle, und das Porträt altern: daß
+seine eigene Schönheit fleckenlos bleiben, und das Antlitz
+auf der Leinwand die Last seiner Leidenschaften und Sünden
+tragen solle: daß das gemalte Bildnis von den Linien
+des Leidens und Denkens durchfurcht werden und er selbst
+den feinen Schmelz und alle Lieblichkeit seiner Jugend behalten
+solle, deren er sich damals gerade bewußt geworden
+war. Sein Wunsch war doch nicht erfüllt worden? Solche
+Dinge bleiben unmöglich. Nur so etwas zu denken, schien
+ungeheuerlich. Und doch, da stand das Bild vor ihm und
+hatte den Zug von Grausamkeit um den Mund.</p>
+
+<p>Grausamkeit! War er grausam gewesen? Das Mädchen
+hatte schuld, nicht er. Er hatte von ihr geträumt, als einer
+großen Künstlerin, hatte ihr seine Liebe geschenkt, weil er
+sie für groß gehalten hatte. Dann hatte sie ihn enttäuscht.
+Sie war hohl und wertlos gewesen. Und doch überkam ihn
+ein Gefühl unendlichen Mitleids, als er daran dachte, wie
+sie zu seinen Füßen gelegen und wie ein kleines Kind geschluchzt
+hatte. Er erinnerte sich, mit welcher Gefühllosigkeit
+er sie betrachtet hatte. Warum war er so geschaffen<a class="pagenum" name="Page_141" title="141"> </a>
+worden? Warum war ihm eine solche Seele verliehen worden?
+Aber auch er hatte gelitten. In den drei schrecklichen
+Stunden, die das Stück dauerte, hatte er Jahrhunderte
+von Schmerzen, Ewigkeiten über Ewigkeiten von Qualen
+durchlebt. Sein Leben war gewiß soviel wert als das ihre,
+wenn er sie für das ganze Leben verwundet hatte. Sie
+hatte ihn für einen Augenblick vernichtet. Außerdem sind
+die Frauen besser dafür geeignet, Leiden zu ertragen als
+Männer. Sie leben von ihren Gefühlen. Sie denken nur
+an ihre Gefühle. Wenn sie einen Geliebten haben, so ist es
+nur, um jemand zu haben, dem sie Szenen machen können.
+Lord Henry hatte ihm das gesagt, und Lord Henry wußte,
+wie es mit den Frauen bestellt war. Warum sollte er sich
+um Sibyl Vane beunruhigen? Sie war ihm jetzt nichts
+mehr.</p>
+
+<p>Aber das Bild? Was sollte er dazu sagen? Es barg
+das Geheimnis seines Lebens in sich und erzählte seine
+Geschichte. Es hatte ihn die Liebe zur eigenen Schönheit
+gelehrt. Sollte es ihn lehren, seine eigene Seele zu verabscheuen?
+Könnte er es je wieder anblicken?</p>
+
+<p>Nein; es war nur eine Einbildung, ein Gewebe der verwirrten
+Sinne. Die fürchterliche Nacht, die er durchlebte,
+hatte Gespenster zurückgelassen. Der winzige scharlachrote
+Fleck, der die Menschen zum Wahnsinn treibt, war plötzlich
+auf seinem Gehirn zum Vorschein gekommen. Das
+Bild war nicht anders geworden. Es war Wahnsinn, das
+anzunehmen.</p>
+
+<p>Aber es blickte ihn an mit seinem wunderschönen, entstellten
+Gesicht und seinem grausamen Lächeln. Sein helles<a class="pagenum" name="Page_142" title="142"> </a>
+Haar leuchtete im Sonnengold der Frühe. Seine blauen
+Augen blickten in seine eigenen. Ein Gefühl grenzenlosen
+Mitleids durchdrang ihn, nicht mit sich selbst, nein, mit
+dem gemalten Abbild. Schon hatte es sich verändert und
+würde sich noch mehr verändern. Sein Gold wird zum
+Grau erbleichen. Seine roten und weißen Rosen werden
+welken. Für jede Sünde, die er begehen würde, wird ein
+Fleck hervortreten und seine Schönheit besudeln. Aber er
+wird nicht sündigen. Das Bildnis, verwandelt oder unverwandelt,
+soll für ihn das sichtbare Wahrzeichen des
+Gewissens sein. Er wird jeder Versuchung widerstehen. Er
+wird Lord Henry nicht wiedersehen &mdash; wenigstens nicht
+mehr seinen blendenden, giftigen Theorien lauschen, die
+in Basil Hallwards Garten zum erstenmal in ihm die Leidenschaft
+für unmögliche Dinge aufgerüttelt hatten. Er
+wird zu Sibyl Vane zurückeilen, sich bestreben, sie in ihrer
+Kunst zu verfeinern, sie heiraten und versuchen, sie wieder
+zu lieben. Ja, es war seine Pflicht, das zu tun. Sie mußte
+ja mehr gelitten haben als er. Armes Kind! Er war selbstsüchtig
+und grausam gegen sie gewesen. Der Zauber, den
+sie auf ihn ausgeübt hatte, würde wiederkehren. Sie
+würden glücklich miteinander werden. Sein Leben mit ihr
+würde schon und rein sein.</p>
+
+<p>Er stand von seinem Stuhl auf und schob einen großen
+Wandschirm vor das Bildnis. Er schrak zusammen, als er
+es anblickte. „Wie schrecklich“, flüsterte er. Dann schritt
+er zur Glastür und öffnete sie. Als er in das Grüne hinaus
+trat, atmete er tief auf. Die frische Morgenluft schien
+all die düsteren Leidenschaften zu verjagen. Er dachte nur<a class="pagenum" name="Page_143" title="143"> </a>
+noch an Sibyl. Ein schwacher Glanz seiner Liebe kehrte zurück.
+Er wiederholte ihren Namen immer wieder, immer
+wieder. Die Vögel, die in dem taubeperlten Garten sangen,
+schienen den Blumen von ihr zu erzählen.</p>
+
+<h2><a name="Achtes_Kapitel" id="Achtes_Kapitel"></a>Achtes Kapitel</h2>
+
+
+<p>Mittag war längst vorüber, als er erwachte. Sein
+Diener war mehrmals auf den Fußspitzen in das Zimmer
+geschlichen, um zu sehen, ob er wach wäre, und er hatte
+sich gewundert, weshalb sein junger Herr so lange schlafe.
+Schließlich klingelte es, und Viktor trat leise ein mit einer
+Schale Tee und einem Stoß Postsachen auf einer schmalen
+Sevresplatte und zog die olivengelben Atlasvorhänge
+mit ihrem blauglänzenden Futter vor den drei großen
+Fenstern zurück.</p>
+
+<p>„Monsieur hat heute morgen gut geschlafen“, sagte er
+lächelnd.</p>
+
+<p>„Wieviel Uhr ist es?“ fragte Dorian Gray noch verschlafen.</p>
+
+<p>„Ein Viertel zwei, Monsieur!“</p>
+
+<p>Wie spät es war! Er setzte sich auf, schlürfte einige Züge
+Tee und durchblätterte die Briefe. Einer davon war von
+Lord Henry und war diesen Morgen von einem Boten abgegeben
+worden. Er zögerte einen Augenblick und legte
+ihn dann zur Seite. Die anderen öffnete er zerstreut. Sie
+enthielten die gewöhnliche Sammlung von Karten, Einladungen<a class="pagenum" name="Page_144" title="144"> </a>
+zum Essen, Ausstellungsbilletts, Programmen
+für Wohltätigkeitskonzerte und ähnlichen Aufforderungen,
+wie sie einem jungen Mann der Gesellschaft während der
+Saison jeden Morgen ins Haus regnen. Es war auch eine
+recht große Rechnung dabei für ein Toiletteservice im
+Stile Louis des Fünfzehnten, aus getriebenem Silber, die
+er noch nicht mutig genug gewesen war, seinen Vormündern
+vorzulegen, die außerordentlich altmodische Herren
+waren und nicht begreifen konnten, daß man in einer
+Zeit lebe, wo die unnötigen Dinge unsere einzige Notwendigkeit
+sind; und außerdem war eine Reihe sehr höflich
+abgefaßter Mitteilungen aus Jermyn Street da, in
+denen man sich anbot, ihm in der kürzesten Zeit jeden
+Geldbetrag zu dem mäßigsten Zinsfuße vorzustrecken.</p>
+
+<p>Etwa nach zehn Minuten stand er auf, schlüpfte in einen
+raffinierten Schlafrock aus Kaschmirwolle mit Seidenstickereien,
+und ging in das onyxgepflasterte Badezimmer.
+Das kalte Wasser erquickte ihn nach dem langen Schlaf.
+Er schien alles vergessen zu haben, was er hinter sich hatte.
+Ein- oder zweimal durchzuckte ihn ein undeutliches Gefühl,
+als wäre er irgendwie in eine seltsame Tragödie verwickelt
+gewesen, aber die Unwirklichkeit eines Traumes webte
+darüber.</p>
+
+<p>Sobald er angezogen war, ging er in das Bibliothekszimmer
+und setzte sich zu einem leichten französischen Frühstück
+nieder, das auf einem kleinen, runden Tische nahe
+beim offenen Fenster bereit stand. Es war ein entzückender
+Tag. Die warme Luft schien mit Wohlgerüchen gewürzt.
+Eine Biene flog herein und summte um die Schale aus<a class="pagenum" name="Page_145" title="145"> </a>
+blauem Drachenporzellan, die voller schwefelgelber Rosen
+vor ihm stand. Er fühlte sich vollkommen glücklich.</p>
+
+<p>Plötzlich fiel sein Blick auf den Wandschirm, den er vor
+das Bild gestellt hatte, und er zuckte zusammen.</p>
+
+<p>„Ist es zu kalt für den gnädigen Herrn?“ fragte der
+Diener, während er eine Omelette auf den Tisch stellte.
+„Soll ich das Fenster schließen?“</p>
+
+<p>Dorian schüttelte den Kopf. „Mir ist nicht kalt“, antwortete
+er.</p>
+
+<p>War es alles wahr? Hatte sich das Bild wirklich verändert?
+Oder war es lediglich seine eigene Phantasie gewesen,
+die ihm einen Zug von Schlechtigkeit vorgespiegelt
+hatte, wo nur ein Zug von Freude gewesen war? Eine gemalte
+Leinwand konnte sich doch nicht verändern? Das
+war doch Tollheit! Das würde er eines Tages Basil als
+Märchen erzählen. Er würde darüber lächeln.</p>
+
+<p>Und doch, wie lebendig war die Erinnerung an die
+ganze Sache! Zuerst in dem schwankenden Zwielicht und
+dann in der hellen Morgenfrühe hatte er den Zug von
+Grausamkeit um die geschwungenen Lippen bemerkt. Er
+fürchtete sich förmlich davor, daß sein Diener hinausgehen
+könnte. Er wußte, er würde, sowie er allein sei, das Bild
+betrachten müssen. Er fürchtete sich vor dieser Gewißheit.
+Als der Diener Kaffee und Zigaretten gebracht hatte und
+sich zum Gehen wandte, empfand er den heftigsten Wunsch,
+ihn dableiben zu lassen. Als sich hinter ihm die Tür geschlossen
+hatte, rief er ihn zurück. Der Mann stand da und
+wartete auf seine Befehle. Dorian sah ihn einen Augenblick
+an. „Ich bin für niemand zu Hause, Viktor“, sagte er<a class="pagenum" name="Page_146" title="146"> </a>
+mit einem Seufzer. Der Mann verbeugte sich und ging
+hinaus.</p>
+
+<p>Dann stand er vom Tische auf, zündete sich eine Zigarette
+an und warf sich auf eine üppig gepolsterte Ottomane,
+die gegenüber dem Schirme stand. Es war ein alter
+Wandschirm aus vergoldetem spanischen Leder, in das ein
+blumiges Louis-Quatorze-Muster getrieben war. Er musterte
+ihn forschend und fragte sich, ob der Schirm wohl
+schon jemals das Geheimnis eines Menschenlebens verhüllt
+habe.</p>
+
+<p>Sollte er ihn überhaupt wegschieben? Warum ihn nicht
+da stehen lassen? Was half die Gewißheit? War die Sache
+wahr, so war es schrecklich. War sie nicht wahr, wozu sich
+darüber beunruhigen? Aber wie, wenn durch Schicksalstücke
+oder irgendeinen tödlichen Zufall andere Augen als die
+seinen dahinter blickten und die fürchterliche Veränderung
+sähen? Was wollte er tun, wenn Basil Hallward kam und
+sein eigenes Bild sehen wollte? Das würde Basil sicher
+tun. Nein, die Sache mußte untersucht werden, und zwar
+auf der Stelle. Alles war besser als diese schreckliche Ungewißheit.</p>
+
+<p>Er stand auf und verschloß beide Türen. Er wollte
+wenigstens allein sein, wenn er die Maske seiner Schande
+betrachtete. Dann schob er den Schirm zur Seite und sah
+sich selbst von Angesicht zu Angesicht. Es war vollständig
+wahr. Das Bildnis hatte sich verändert.</p>
+
+<p>Er erinnerte sich später oft und immer mit nicht geringer
+Verwunderung, daß er zuerst das Bild mit einem
+Gefühl von wissenschaftlichem Interesse geprüft habe. Daß<a class="pagenum" name="Page_147" title="147"> </a>
+eine solche Veränderung möglich sei, schien ihm nicht
+glaublich. Und doch war es Tatsache. Gab es irgendeine
+geheime Verwandtschaft zwischen den chemischen Atomen,
+die auf der Leinwand Form und Farbe werden, und der
+Seele, die in ihm lebte? Konnte es sein, daß sie in Wirklichkeit
+ausdrückten, was seine Seele dachte? &mdash; daß sie
+zur Wahrheit machten, was sie träumte? Oder gab es
+eine andere schreckliche Beziehung? Er schauderte zusammen
+und fühlte sich von Angst gepackt. Dann ging er zu
+der Ottomane zurück und lag nun da, das Bildnis in
+krankhaftem Schrecken anstierend.</p>
+
+<p>Eine Wirkung aber, das fühlte er, hatte es gehabt. Es
+hatte ihm klargemacht, wie ungerecht, wie grausam er
+gegen Sibyl Vane gewesen war. Noch war es nicht zu
+spät, das wieder gut zu machen. Sie konnte noch sein
+Weib werden. Seine unwahre, selbstsüchtige Liebe sollte
+einer höheren Kraft den Platz einräumen, sollte sich zu
+einer edleren Leidenschaft erhöhen und das Bildnis, das
+Basil Hallward gemalt hatte, sollte sein Führer durchs
+Leben, sollte das für ihn sein, was Heiligkeit für einige ist,
+Gewissen für andere und Gottesfurcht für uns alle ist.
+Es gab Schlafmittel für Gewissensbisse, Medikamente, die
+das Sittlichkeitsgefühl in Schlaf lullen konnten. Aber hier
+war das durch Sündigkeit hervorgerufene sichtbare Symbol
+der Erniedrigung. Hier war das ewig unauslöschliche
+Zeichen des Verderbens, das Menschen der eigenen Seele
+zufügen.</p>
+
+<p>Es schlug drei und vier, und noch eine halbe Stunde
+ließ das doppelte Zeichen erklingen, aber Dorian Gray<a class="pagenum" name="Page_148" title="148"> </a>
+rührte sich nicht. Er bemühte sich, die scharlachroten Fäden
+des Lebens zu entwirren und sie in ein Muster zu
+verschlingen; seinen Weg zu finden aus dem blutroten Irrgarten
+der Leidenschaft, den er durchwanderte. Er wußte
+nicht, was er tun, nicht, was er denken sollte. Endlich trat
+er an den Tisch und schrieb einen leidenschaftlichen Brief
+an das Mädchen, das er geliebt hatte, flehte sie an, ihm
+zu verzeihen, und beschuldigte sich des Wahnsinns. Er
+bedeckte Seite um Seite mit wilden Worten der Sorge
+und noch heftigeren des Schmerzes. Es gibt eine Wollust
+in Selbstanklagen. Wenn wir uns selbst tadeln, haben wir
+das Gefühl, daß uns kein anderer tadeln dürfe. Die
+Beichte, nicht der Priester, erteilt uns Absolution. Als
+Dorian den Brief beendet hatte, fühlte er, daß ihm vergeben
+worden sei.</p>
+
+<p>Plötzlich pochte man an die Tür und er hörte Lord
+Henrys Stimme draußen. „Lieber Junge, ich muß dich
+sehen. Laß mich gleich herein! Ich kann es nicht zugeben,
+daß du dich so absperrst!“</p>
+
+<p>Er gab zuerst keine Antwort, sondern blieb ganz still.
+Das Klopfen wiederholte sich und wurde lauter. Ja, es
+war besser, Lord Henry einzulassen und ihm zu erklären,
+daß er ein neues Leben führen wolle, mit ihm zu streiten,
+wenn Streit nötig wäre, und sich von ihm zu trennen,
+wenn Trennung stattfinden mußte. Er sprang auf, schob
+den Wandschirm hastig vor das Bild und schloß die
+Tür auf.</p>
+
+<p>„Es tut mir alles so sehr leid, Dorian“, sagte Lord Henry,
+als er eintrat. „Aber du mußt nicht zuviel daran denken.“</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_149" title="149"> </a></p>
+
+<p>„Meinst du an Sibyl Vane?“ fragte der Jüngling.</p>
+
+<p>„Ja, natürlich“, erwiderte Lord Henry, ließ sich in
+einen Stuhl nieder und zog seine gelben Handschuhe langsam
+aus. „Es ist gewiß, einerseits betrachtet, schrecklich,
+aber es war doch nicht deine Schuld. Sag' mal, bist du
+hinter die Bühne gegangen und hast du sie gesehen, als
+das Stück aus war?“</p>
+
+<p>„Ja.“</p>
+
+<p>„Ich war davon überzeugt. Hast du ihr eine Szene
+gemacht?“</p>
+
+<p>„Ich war brutal, Harry, offen gesagt, brutal. Aber
+jetzt ist alles wieder gut. Was geschehen ist, tut mir nicht
+mehr leid. Es hat mich gelehrt, mich selbst besser kennenzulernen.“</p>
+
+<p>„Ach, Dorian, da bin ich sehr froh, daß du es so auffaßt.
+Ich fürchtete, dich von Gewissensbissen zermartert
+zu finden und wie du dir die hübschen lockigen Haare zerraufst.“</p>
+
+<p>„Das habe ich alles durchgemacht“, sagte Dorian und
+schüttelte lächelnd den Kopf. „Jetzt bin ich vollkommen
+glücklich. Vor allem weiß ich jetzt, was es heißt, ein Gewissen
+zu haben. Es ist nicht das, was du mir gesagt hast.
+Es ist das Göttlichste in uns. Spotte nicht darüber, nie
+mehr, Harry &mdash; wenigstens nie mehr in meiner Gegenwart.
+Ich will jetzt gut sein. Ich kann den Gedanken nicht
+ertragen, meine Seele befleckt zu haben.“</p>
+
+<p>„Wirklich eine entzückende, künstlerische Grundlage für
+Moral, Dorian. Ich gratuliere dir dazu. Aber wie willst
+du damit anfangen?“</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_150" title="150"> </a></p>
+
+<p>„Indem ich Sibyl Vane heirate.“</p>
+
+<p>„Sibyl Vane heiraten?“ schrie Lord Henry auf, erhob
+sich und sah ihn mit der bestürztesten Verwunderung an.
+„Aber mein lieber Dorian &mdash;“</p>
+
+<p>„Ja, Harry, ich weiß, was du sagen willst. Irgend
+etwas Häßliches über die Ehe. Sag' es nicht. Sag' mir
+nie wieder solche Dinge. Vor zwei Tagen habe ich Sibyl
+gebeten, mich zu heiraten. Ich werde mein Wort nicht
+brechen. Sie soll meine Frau werden.“</p>
+
+<p>„Deine Frau, Dorian... Hast du denn meinen Brief
+nicht bekommen? Ich habe dir heute früh geschrieben und
+schickte die Mitteilung durch meinen Diener her.“</p>
+
+<p>„Deinen Brief? Ach ja, ich erinnere mich. Ich hab'
+ihn noch nicht gelesen, Harry. Ich fürchtete, daß etwas
+drin stünde, was mir nicht gefallen könnte. Du vivisezierst
+das Leben mit deinen Aphorismen.“</p>
+
+<p>„Dann weißt du also nichts.“</p>
+
+<p>„Wovon sprichst du?“</p>
+
+<p>Lord Henry wanderte durch das Zimmer, setzte sich
+dann neben Dorian Gray, nahm seine beiden Hände und
+hielt sie fest. „Dorian,“ sagte er, „mein Brief &mdash; erschrick
+nicht &mdash; sollte dir melden, daß Sibyl Vane tot ist.“</p>
+
+<p>Ein Schmerzensschrei gellte von den Lippen des Jünglings,
+und er sprang auf und riß seine Hände aus Lord
+Henrys Umklammerung los. „Tot! Sibyl tot!“ Es ist
+nicht wahr. Es ist eine furchtbare Lüge. Wie wagst du
+es, das zu sagen?“</p>
+
+<p>„Es ist völlig wahr, Dorian“, sagte Lord Henry ernst.
+„Es steht in allen Morgenblättern. Ich schrieb dir's gleich<a class="pagenum" name="Page_151" title="151"> </a>
+und bat, du solltest niemand empfangen, bis ich käme.
+Es muß natürlich eine Untersuchung stattfinden, und du
+darfst da nicht hineingezogen werden. Dinge dieser Art
+machen in Paris einen Mann zum Helden des Tages.
+Aber in London haben die Leute zuviel Vorurteile. Hier
+darf man nie mit einem Skandal debütieren. Man muß
+sich das aufheben, um im Alter noch interessant zu sein.
+Ich nehme an, man weiß im Theater deinen Namen
+nicht. In dem Fall ist alles gut. Hat dich jemand in die
+Garderobe gehen sehen? Das ist ein wichtiger Faktor.“</p>
+
+<p>Ein paar Augenblicke lang antwortete Dorian nicht. Er
+war vor Entsetzen gelähmt. Schließlich stammelte er mit
+erstickter Stimme: „Harry, sagtest du eine Untersuchung?
+Was meintest du damit? Hat sich Sibyl &mdash;? Oh, Harry,
+ich kann's nicht ertragen. Mach's kurz. Sag' mir alles
+auf einmal.“</p>
+
+<p>„Ich zweifle nicht daran, daß es kein Versehen war,
+Dorian, wenn man es auch dem Publikum so darstellen
+muß. Es scheint, sie hat das Theater mit ihrer Mutter
+verlassen, gegen halb eins ungefähr, und dann sagte sie
+plötzlich, sie habe oben etwas vergessen. Man wartete
+einige Zeit auf sie, aber sie kam nicht wieder herunter.
+Schließlich fanden sie sie tot auf dem Boden in ihrem
+Ankleidezimmer. Sie hatte aus Versehen irgend etwas
+getrunken, irgend solche gräßliche Sache, die man in den
+Theatern braucht. Ich weiß nicht genau, was es war,
+aber es muß entweder Blausäure oder Bleiweiß gewesen
+sein. Ich vermute, Blausäure, denn sie scheint sofort tot
+gewesen zu sein.“</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_152" title="152"> </a></p>
+
+<p>„Harry, Harry, es ist furchtbar!“ schrie der Jüngling.</p>
+
+<p>„Ja; natürlich ist's sehr tragisch, aber du mußt sehen,
+nicht mit in die Sache verwickelt zu wenden. Ich habe im
+‚Standard‛ gelesen, daß sie siebzehn Jahre alt war. Ich
+hätte sie noch eher für jünger gehalten. Sie sah ganz wie
+ein Kind aus und schien so wenig von der Schauspielerei
+zu verstehen. Dorian, du darfst die Sache nicht so an die
+Nerven gehen lassen. Du mußt mitkommen und mit mir
+essen, und nachher wollen wir noch 'n bißchen in die Oper
+gehen. Die Patti singt, und alle Welt wird da sein. Du
+kannst mit in die Loge von meiner Schwester kommen.
+Sie bringt ein paar famose Frauen mit.“</p>
+
+<p>„So habe ich also Sibyl Vane gemordet,“ sagte Dorian
+Gray halb zu sich selbst &mdash; „sie gemordet, so sicher, als
+hätte ich ihre zarte Kehle mit einem Messer durchschnitten.
+Und doch sind darum die Rosen nicht weniger entzückend.
+Die Vögel in meinem Garten singen genau so lustig. Und
+heute abend geh' ich mit dir essen und dann in die Oper
+und nachher vermutlich irgendwo soupieren. Wie merkwürdig
+dramatisch das Leben ist. Wenn ich das alles in
+einem Buche gelesen hätte, Harry, ich glaube, ich hätte
+darüber geweint. Aber jetzt, wo es in Wirklichkeit geschehen
+ist, wo es mir selbst geschehen ist, scheint es mir zu wunderbar
+für Tränen. Da liegt der erste leidenschaftliche Liebesbrief,
+den ich in meinem Leben geschrieben habe. Seltsam,
+daß mein erster leidenschaftlicher Liebesbrief an ein totes
+Mädchen gerichtet ist. Ich möchte wohl wissen, ob sie noch
+ein Gefühl haben, diese weißen, verstummten Menschen,
+die wir Tote nennen. Sibyl! Kann sie fühlen, oder wissen,<a class="pagenum" name="Page_153" title="153"> </a>
+oder hören? O Harry, wie hab' ich sie einmal geliebt!
+Es scheint mir jetzt vor Jahren gewesen zu sein. Sie war
+mir alles. Dann kam dieser schreckliche Abend, &mdash; war es
+wirklich erst gestern? wo sie so schlecht spielte und mir fast
+das Herz zerriß. Sie hat mir alles erklärt. Es war furchtbar
+rührend. Aber es machte nicht den mindesten Eindruck
+auf mich. Ich hielt sie für ein oberflächliches Geschöpf.
+Dann geschah plötzlich etwas, was mir Furcht einjagte. Ich
+kann dir nicht sagen, was es war, aber es war furchtbar.
+Ich nahm mir vor, zu ihr zurückzukehren. Ich empfand,
+daß ich unrecht gehabt habe. Und jetzt ist sie tot. Mein
+Gott! Mein Gott! Harry, was soll ich tun? Du kennst
+die Gefahr nicht, in der ich schwebe und es gibt nichts,
+was mich aufrechterhalten könnte. Sie hätte es für mich
+getan. Sie hatte kein Recht, sich umzubringen. Es war
+selbstsüchtig von ihr.“</p>
+
+<p>„Mein lieber Dorian,“ antwortete Lord Harry, während
+er eine Zigarette aus dem Etui nahm und ein goldenes
+Streichholzbüchschen hervorholte, „die einzige Art,
+auf die eine Frau einen Mann bessern kann, besteht darin,
+sie langweilt ihn so gründlich, daß er alles Interesse am
+Leben verliert. Wenn du dieses Mädchen geheiratet
+hättest, wärst du verdorben worden. Natürlich hättest
+du sie gütig behandelt. Menschen, für die man nichts
+übrig hat, kann man immer gütig behandeln. Aber sie
+hätte bald herausgefunden, daß du gar nichts für sie übrig
+hast. Und wenn eine Frau bei ihrem Mann Gleichgültigkeit
+wittert, vernachlässigt sie sich entweder schrecklich, oder
+sie trägt überelegante Hüte, die der Mann einer anderen<a class="pagenum" name="Page_154" title="154"> </a>
+Frau bezahlen muß. Ich will nichts über das soziale Mißverhältnis
+sagen, das schauderhaft gewesen wäre; ich hätte
+selbstverständlich die Sache nie zugegeben, aber ich versichere
+dir, die Sache wäre in jedem Falle ganz verfehlt
+gewesen.“</p>
+
+<p>„Vermutlich“, murmelte der junge Mann, während er
+mit furchtbar blassem Gesicht im Zimmer auf und ab
+schritt. „Aber ich glaube, es sei meine Pflicht. Es ist nicht
+meine Schuld, daß mich dieses schreckliche Trauerspiel verhindert
+hat, das Rechte zu tun. Ich erinnere mich, daß
+du einmal gesagt hast, ein sonderbares Verhängnis schwebe
+über guten Vorsätzen &mdash; daß man sie nämlich immer zu
+spät fasse. Bei meinem war es gewiß der Fall.“</p>
+
+<p>„Gute Vorsätze sind nutzlose Versuche, Naturgesetze umzustoßen.
+Ihr Ursprung ist reine Eitelkeit. Ihr Erfolg ist
+absolut gleich Null. Sie geben uns dann und wann etwas
+jener unfruchtbaren Lustempfindungen, die auf schwache
+Menschen einen gewissen Reiz ausüben. Das ist alles, was
+man zu ihren Gunsten vorbringen kann. Sie sind bloße
+Schecks, die man auf eine Bank ausstellt, bei der man
+kein Konto hat.“</p>
+
+<p>„Harry“, rief Dorian Gray, der sich näherte und
+neben ihn setzte. „Warum kann ich diese Tragödie nicht so
+stark empfinden, wie ich müßte? Ich kann nicht glauben,
+daß ich herzlos bin. Glaubst du das von mir?“</p>
+
+<p>„Du hast in den letzten vierzehn Tagen zuviel törichte
+Streiche begangen, als daß du einen Anspruch auf diesen
+Ehrentitel haben könntest, Dorian“, erwiderte Lord Harry
+mit seinem stillen, melancholischen Lächeln.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_155" title="155"> </a></p>
+
+<p>Der Jüngling runzelte die Stirn. „Diese Erklärung besagt
+mir eigentlich nichts, Harry, aber ich bin dennoch
+froh, daß du mich nicht für herzlos hältst. Ich bin es gewiß
+nicht. Ich weiß, daß ich es nicht bin. Und doch muß ich
+zugeben, daß dies Ereignis mich nicht so angreift, wie es
+sollte. Es kommt mir wie der wunderbare Szenenschluß
+eines wunderbaren Dramas vor. Es hat die schreckliche
+Schönheit einer griechischen Tragödie, einer Tragödie, in
+der ich eine große Rolle gespielt habe, aber in der ich
+selbst nicht verwundet worden bin.“</p>
+
+<p>„Es ist eine interessante Frage,“ sagte Lord Harry, dem
+es ein ausgesuchtes Vergnügen bereitete, mit dem unbewußten
+Egoismus des jungen Mannes zu spielen &mdash; „eine
+außerordentlich interessante Frage. Ich meine, die wahre
+Erklärung ist wohl die. Es kommt oft vor, daß sich die
+Wirklichkeits-Tragödien des Lebens in einer so unkünstlerischen
+Form abspielen, daß sie uns durch ihre rohe Gewalt,
+ihren absoluten Mangel an Zusammenhang, durch
+ihre lächerliche Sinnlosigkeit und ihre außerordentliche
+Stillosigkeit verletzen. Sie betrüben uns genau so,
+wie es die Gemeinheit tut. Sie geben uns ein Gefühl
+einer jähen, brutalen Gewalt, und wir lehnen uns
+dagegen auf. Manchmal aber kreuzt eine Tragödie unser
+Leben, die künstlerische Schönheitselemente in sich birgt.
+Wenn diese Schönheitselemente wirklich vorhanden sind,
+dann ergreift die ganze Sache nur unseren Sinn für dramatische
+Wirkung. Wir entdecken auf einmal, daß wir nicht
+mehr die Darsteller, sondern die Zuschauer des Stückes
+sind. Oder richtiger, wir sind beides. Wir beobachten uns<a class="pagenum" name="Page_156" title="156"> </a>
+selbst und werden von dem Wundersamen des Schicksals
+erschüttert. Was ist in vorliegendem Falle wirklich geschehen?
+Jemand hat sich aus Liebe zu dir umgebracht.
+Ich wollte, mir wäre je so ein Erlebnis passiert. Ich wäre
+den Rest meines Lebens in die Liebe verliebt gewesen. Die
+Menschen, die mich angebetet haben &mdash; es waren ihrer
+nicht sehr viele, aber doch immerhin einige &mdash;, waren immer
+darauf versessen, weiterzuleben, noch lange, nachdem ich
+aufgehört hatte, mich um sie zu kümmern, oder sie, sich um
+mich zu kümmern. Sie sind dann dick und langweilig geworden,
+und wenn ich ihnen jetzt begegne, schwelgen sie
+sofort in Erinnerungen. Dies furchtbare zähe Gedächtnis
+der Frauen! Was für 'ne schreckliche Sache das ist! Und
+was für einen völligen geistigen Stillstand offenbart es.
+Man sollte die Farbe des Lebens in sich aufsaugen, aber
+sich niemals an Einzelheiten erinnern. Einzelheiten sind
+immer gewöhnlich.“</p>
+
+<p>„Ich muß Mohnblumen in meinen Garten säen“, seufzte
+Dorian.</p>
+
+<p>„Das ist nicht notwendig“, erwiderte sein Gefährte.
+„Das Leben selbst hat immer Mohnblumen vorrätig.
+Natürlich, dann und wann halten die Dinge länger an.
+Einmal habe ich eine ganze Saison lang nichts als Veilchen
+getragen, als eine Art künstlerischer Trauer für einen
+Roman, der nicht sterben wollte. Schließlich indessen ist er
+gestorben. Ich kann mich nicht mehr erinnern, was ihn
+getötet hat. Ich vermute, es kam durch ihren Vorschlag,
+mir die ganze Welt aufzuopfern. Das ist immer ein schrecklicher
+Augenblick. Er erfüllt einen mit den Schrecknissen<a class="pagenum" name="Page_157" title="157"> </a>
+der Ewigkeit. Schon &mdash; würdest du es nun glauben? &mdash;
+Vorige Woche, bei Lady Hampshire, saß ich bei Tisch
+neben der fraglichen Dame, und sie konnte wiederum nicht
+anders, als die ganze Sache durchzunehmen, die Vergangenheit
+aufzuwühlen und die Zukunft auszumalen.
+Ich hatte den ganzen Roman unter einem Asphodelosbeet
+begraben. Sie scharrte ihn wieder aus und versicherte
+mir, daß ich ihr Leben zerstört habe. Ich fühle mich
+verpflichtet festzustellen, daß sie trotzdem mit staunenswertem
+Appetite aß, so daß ich gar keine Gewissensbisse
+empfand. Aber welchen Mangel an Taktgefühl bewies sie!
+Der einzige Reiz der Vergangenheit liegt eben darin,
+daß sie vergangen ist. Aber Frauen wissen nie, wann der
+Vorhang gefallen ist. Sie wollen immer noch einen sechsten
+Akt, und sowie das ganze Interesse an dem Stück erlahmt
+ist, schlagen sie vor, weiterzuspielen. Wenn man ihnen
+ihren Willen ließe, erlebte jede Komödie einen tragischen
+Schluß, und jede Komödie gipfelte in einer Farce. Sie
+sind oft entzückende Kunstprodukte, aber sie haben keinen
+Sinn für die Kunst. Du bist glücklicher als ich. Ich versichere
+dir, Dorian, nicht eine einzige Frau, die ich gekannt
+habe, hätte für mich getan, was Sibyl Vane für dich vollbrachte.
+Gewöhnliche Frauen trösten sich immer. Einige
+von ihnen tun es, indem sie sich in empfindsame Farben
+verlieben. Traue niemals einer Frau, die Malven trägt,
+wie alt sie auch sein mag, oder einer Frau über fünfunddreißig,
+die rosa Bänder liebt. Das bedeutet immer,
+daß sie eine Geschichte haben. Andere finden starken Trost
+darin, plötzlich die Vorzüge ihrer Männer zu entdecken.<a class="pagenum" name="Page_158" title="158"> </a>
+Sie reiben einem ihr eheliches Glück unter die Nase, als
+wäre das die fesselndste Sünde. Einige wieder tröstet die
+Religion. Ihre Mysterien haben alle Reize einer Liebelei
+an sich, hat mir einmal eine Frau versichert und ich kann
+es wohl verstehen. Übrigens macht unsereinen nichts so
+eitel, als wenn einem gesagt wird, man wäre ein Sünder.
+Das Gewissen macht uns alle zu Egoisten. Ja; die Tröstungen
+haben wirklich kein Ende, die die Frauen im
+modernen Leben finden. Die wichtigste habe ich noch gar
+nicht erwähnt.“</p>
+
+<p>„Welche ist das, Harry?“ fragte der junge Mann zerstreut.</p>
+
+<p>„Oh, der alltäglichste Trost. Einer anderen Frau ihren
+Anbeter nehmen, wenn man den eigenen verloren hat.
+In der guten Gesellschaft findet eine Frau auf solche
+Weise immer ihr Fahrwasser wieder. Aber wirklich, Dorian,
+wie anders muß Sibyl Vane gewesen sein als alle
+die sonstigen Frauen, denen man begegnet. Für mich liegt
+in ihrem Tod etwas ganz Wunderschönes. Es freut mich,
+daß ich in einem Jahrhundert lebe, wo solche Wunder
+noch geschehen. Sie geben uns neuen Glauben an die Wirklichkeit
+der Dinge, mit denen wir sonst spielen, wie Romantik,
+Leidenschaft und Liebe.“</p>
+
+<p>„Ich war furchtbar grausam gegen sie. Du vergißt
+das.“</p>
+
+<p>„Ich fürchte, die Frauen schätzen die Grausamkeit, die
+ganz alltägliche Grausamkeit mehr als irgend etwas anderes.
+Sie haben wundervoll primitive Instinkte. Wir
+haben sie emanzipiert, aber sie bleiben Sklavinnen, die den<a class="pagenum" name="Page_159" title="159"> </a>
+Blick auf ihre Herren gerichtet halten, trotz allem. Sie
+lieben es, beherrscht zu werden. Ich bin überzeugt, daß
+du glänzend aufgetreten bist. Ich habe dich nie wirklich
+und durchaus erzürnt gesehen, aber ich kann mir vorstellen,
+wie entzückend du ausgesehen haben mußt. Und
+außerdem sagtest du vorgestern etwas zu mir, was mir
+damals nur ein phantastischer Einfall schien, aber jetzt sehe
+ich, daß es völlig wahr gewesen ist, und ich halte es für
+den Schlüssel zu dem ganzen Ereignis.“</p>
+
+<p>„Was war das, Harry?“</p>
+
+<p>„Du hast zu mir gesagt, Sibyl Vane verkörpere dir alle
+Frauengestalten der Romantik &mdash; sie sei an einem Abend
+Desdemona und am anderen Ophelia; wenn sie als Julia
+sterbe, erwache sie als Imogen wieder zum Leben.“</p>
+
+<p>„Sie wird nie wieder zum Leben erwachen“, ächzte der
+Jüngling und barg sein Gesicht in den Händen.</p>
+
+<p>„Nein, sie wird nie wieder zum Leben erwachen. Sie
+hat ihre letzte Rolle gespielt. Aber du mußt an diesen
+einsamen Tod in dem ärmlichen Garderobenzimmer denken
+wie an ein seltsam schauriges Fragment aus einer Tragödie
+von der Zeit König Jakobs her, wie an eine wunderbare
+Szene bei Webster oder Ford oder Cyril Tourneur. Das
+Mädchen hat nie wirklich gelebt, also ist sie auch nie wirklich
+gestorben. Für dich war sie ja niemals mehr als ein
+Traum, ein Schattengeist, der durch Shakespeares Dramen
+huschte und sie durch ihr Dasein noch reizvoller machte,
+der Ton einer Flöte, durch die Shakespeares Musik noch
+reicher und freudiger ertönte. Im Augenblick, wo sie das
+wirkliche Leben berührte, zerstörte sie es, und es zerstörte<a class="pagenum" name="Page_160" title="160"> </a>
+sie, und so schied sie dahin. Trauere um Ophelia, wenn
+es dir behagt. Streu Asche auf dein Haupt, weil Kordelia
+erwürgt wurde. Schrei zum Himmel, weil die Tochter des
+Brabantio starb. Aber verschwende deine Tränen nicht
+um Sibyl Vane. Sie war weniger wirklich, als jene
+sind.“</p>
+
+<p>Es entstand ein Schweigen. Der Abend dämmerte im
+Zimmer. Geräuschlos auf silbernen Fußen schlichen die
+Schatten aus dem Garten herein. Die Farben verschwanden
+müde aus allen Dingen.</p>
+
+<p>Nach einer Weile sah Dorian Gray auf. „Du hast mich
+mir selber klargemacht“, flüsterte er mit einem Seufzer
+der Erleichterung. „Alles, was du gesagt hast, habe ich
+auch gefühlt, nur hab' ich mich davor geängstigt, und ich
+konnte es mir selbst nicht ausdrücken. Wie gut du mich
+kennst! Aber wir wollen, von dem was geschehen ist,
+nie wieder sprechen. Es war ein wundersames Erlebnis.
+Das ist alles. Ich möchte wissen, ob meiner noch etwas so
+Wunderbares im Leben harrt.“</p>
+
+<p>„Das Leben hat alles für dich vorrätig, Dorian. Es
+gibt nichts, was du mit deiner außerordentlichen Schönheit
+nicht tun könntest.“</p>
+
+<p>„Aber stelle dir vor, Harry, wenn ich hager und alt
+und runzlich würde, was dann?“</p>
+
+<p>„Ach dann,“ sagte Lord Harry und erhob sich zum
+Gehen &mdash; „dann, mein bester Dorian, würdest du um
+deine Siege kämpfen müssen. Wie es ist, werden sie dir
+noch entgegengetragen. Nein, du mußt schön bleiben, wie
+du noch bist. Wir leben in einer Zeit, in der zuviel gelesen<a class="pagenum" name="Page_161" title="161"> </a>
+wird, als daß sie weise wäre, und in der zuviel
+gedacht wird, als daß sie schön wäre. Wir können dich
+nicht entbehren. Und jetzt tätest du besser, dich anzuziehen
+und in den Klub zu fahren. Wir kommen ohnehin schon
+zu spät.“</p>
+
+<p>„Ich meine, ich treffe dich lieber in der Oper, Harry.
+Ich bin zu müde, um etwas zu essen. Welche Nummer
+hat die Loge deiner Schwester?“</p>
+
+<p>„Siebenundzwanzig, glaub' ich, sie liegt im ersten Rang.
+Du findest ihren Namen an der Tür. Aber es tut mir
+leid, daß du nicht mit essen kommst.“</p>
+
+<p>„Ich bin nicht aufgelegt dazu,“ sagte Dorian zerstreut,
+„aber ich bin dir sehr dankbar für alles, was du zu mir
+gesagt hast. Du bist wirklich mein bester Freund. Niemand
+hat mich je richtiger verstanden als du.“</p>
+
+<p>„Wir stehen erst am Anfang unserer Freundschaft, Dorian“,
+erwiderte Lord Harry und schüttelte ihm die Hand.
+„Adieu! Ich hoffe, dich vor halb zehn zu sehen. Vergiß
+nicht: die Patti singt.“</p>
+
+<p>Als sich die Tür hinter ihm schloß, klingelte Dorian
+Gray, und nach ein paar Minuten erschien Viktor mit den
+Lampen und ließ die Vorhänge herab. Er wartete ungeduldig,
+daß der Diener wieder verschwände. Der Mann
+schien eine unglaubliche Zeit für alles zu gebrauchen.</p>
+
+<p>Sobald er wieder draußen war, stürzte Dorian auf den
+Schirm zu und schob ihn zurück. Nein, das Bild hatte sich
+nicht wieder verändert. Es hatte die Nachricht von Sibyl
+Vanes Tod erhalten, bevor er selbst davon gewußt hatte.
+Es kannte die Ereignisse des Lebens, sobald sie sich ereigneten.<a class="pagenum" name="Page_162" title="162"> </a>
+Dieser Zug böser Grausamkeit, der die feinen Linien
+des Mundes verunstaltete, war zweifellos im Augenblick
+aufgetaucht, als das Mädchen das Gift genommen hatte.
+Oder kümmerte sich das Bild nicht um die Wirkungen
+einer Tat? Nahm es nur von Vorgängen in der Seele
+Kenntnis? Er hätte es gar zu gern gewußt und hoffte,
+eines Tages solche Wandlung vor seinen Augen geschehen
+zu sehen, und er schauderte, während er es hoffte.</p>
+
+<p>Die arme Sibyl! Wie sonderbar romantisch alles gewesen
+war! Sie hatte oft den Tod auf der Bühne dargestellt.
+Dann hatte sie der Tod selbst gepackt und weggeholt.
+Wie mochte sie die grauenvolle letzte Szene gespielt haben?
+Hatte sie ihn im Sterben verflucht? Nein; sie war aus
+Liebe zu ihm gestorben, und die Liebe sollte ihm von jetzt
+ab immer ein Heiligtum bleiben. Sie hatte alles gebüßt
+durch das Opfer ihres Lebens. Er wollte nicht mehr
+daran denken, was er ihretwegen an jenem schrecklichen
+Theaterabend durchgemacht hatte. Wenn er an sie dachte,
+sollte es sein wie an eine wundersam tragische Gestalt, die
+auf die Weltbühne gestellt worden war, um die höchste
+Verwirklichung der Liebe zu künden. Eine wundersam tragische
+Gestalt? Tränen traten ihm in die Augen, als er
+sich ihres kindlichen Aussehens, ihrer fröhlichen, phantastischen
+Art, ihrer scheuen, zaghaften Anmut entsann. Er
+verscheuchte alles hastig und blickte wieder auf das Porträt.</p>
+
+<p>Er fühlte, daß nun der Zeitpunkt gekommen sei, zu
+wählen. Oder war die Wahl schon getroffen? Ja, das
+Leben hatte für ihn entschieden &mdash; das Leben und seine
+unermeßliche Neugier auf das Leben. Ewige Jugend,<a class="pagenum" name="Page_163" title="163"> </a>
+unerschöpfliche Leidenschaft, ausgesuchte, geheimnisvolle
+Genüsse, wilde Freuden und noch wildere Sünden &mdash; all
+das sollte er haben. Das Bildnis sollte die Last seiner
+Schmach tragen: das war alles.</p>
+
+<p>Ein peinliches Gefühl beschlich ihn, als er an die Entweihung
+dachte, die dieses schönen Gesichtes auf der Leinwand
+harrte. Einmal hatte er in knabenhafter Parodie
+des Narzissus die gemalten Lippen, die ihn jetzt so grausam
+anlächelten, geküßt oder doch zum Schein geküßt.
+Morgen für Morgen hatte er vor dem Bild gesessen und
+seine Schönheit angestaunt; zu Zeiten kam es ihm vor,
+als sei er in sein eigenes Bild verliebt. Sollte es sich nun
+wandeln mit jeder Laune, der er nachgab? Sollte es
+ein ungeheuerliches, widerliches Ding werden, das man im
+verhängten Winkel verschließen müsse vor dem Glanz der
+Sonne, der so oft das lockige Wunder seines Haares noch
+goldiger hatte aufleuchten lassen? Wie schade! Wie schade!</p>
+
+<p>Einen Augenblick dachte er daran, zu beten, daß die
+entsetzliche Beziehung zwischen ihm und dem Bilde aufhören
+möge. Es hatte sich verwandelt, da er darum gebeten
+hatte; es könnte vielleicht, wenn er darum bäte,
+auch wieder unverändert bleiben. Und doch, wer, der eine
+Ahnung vom Leben hat, würde die Möglichkeit, immer
+jung zu bleiben, aufgeben, mochte die Möglichkeit noch so
+phantastisch und mit noch so verhängnisreichen Folgen verknüpft
+sein? Überdies, stand es wirklich in seiner Macht?
+War wirklich das Gebet die Ursache der Verwandlung?
+Konnte es für die ganze Sache nicht irgendeine merkwürdige
+wissenschaftliche Ursache geben? Wenn das Denken<a class="pagenum" name="Page_164" title="164"> </a>
+eine Wirkung auf einen lebenden Organismus ausüben
+konnte, konnte da nicht das Denken auch auf tote unorganische
+Dinge Einfluß haben? Ja, konnten nicht ohne
+Gedanken und bewußte Wünsche Dinge eingreifen, die
+ganz außerhalb unserer Person stehen, im Einklange mit
+unseren Launen und Leidenschaftsanfällen erzittern, konnte
+nicht Atom zu Atom sprechen in geheimer Neigung oder
+seltsamer Verwandtschaft? Aber schließlich waren die Ursachen
+gleichgültig. Er wollte durch Gebet nie wieder eine
+schreckliche Macht versuchen. Wenn das Bildnis sich wandeln
+wollte, so sollte es sich wandeln. Das war einmal
+so. Warum zu tief in ein Geheimnis eindringen?</p>
+
+<p>Allerdings müßte es ein starker Genuß sein, solchen Vorgang
+zu beobachten. Er würde befähigt werden, seinem
+Geist in geheime Schlupfwinkel zu folgen. Dies Bild sollte
+ihm der zauberhafteste Spiegel werden. Wie es ihm seinen
+Körper geoffenbart hatte, so sollte es ihm nun die Seele
+enthüllen. Und wenn der Winter über das Gemälde
+hereinbrach, dann stand er immer noch da, wo der Frühling
+schwankt, ob er die zum Sommer führende Schwelle
+überschreiten soll. Wenn das Blut aus seinem Antlitz fortschliche
+und eine kreidebleiche Maske mit stummen Augen
+zurückließe, dann bewahrte er immer noch den Glanz des
+Säuglingsalters. Keine Blüte seiner Lieblichkeit sollte
+jemals welken. Kein Pulsschlag seines Lebens jemals
+erlahmen. Wie die Götter der Griechen würde er stark
+und behend und heiter bleiben. Was lag daran, was aus
+dem gemalten Abbild auf der Leinwand wurde? Er selbst
+war seiner sicher. Darauf kam alles an.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_165" title="165"> </a></p>
+
+<p>Er schob den Schirm wieder auf den alten Platz vor dem
+Bilde und lächelte, indem er es tat. Dann ging er in sein
+Schlafzimmer, wo sein Diener schon auf ihn wartete. Eine
+Stunde später war er in der Oper, und Lord Harry
+beugte sich über seinen Stuhl.</p>
+
+<h2><a name="Neuntes_Kapitel" id="Neuntes_Kapitel"></a>Neuntes Kapitel</h2>
+
+
+<p>Als er am nächsten Morgen beim Frühstück saß, trat
+Basil Hallward ins Zimmer.</p>
+
+<p>„Ich bin so froh, daß ich dich treffe, Dorian“, sagte er
+ernsten Tons. „Ich war gestern abend hier, und man
+sagte mir, daß du in der Oper seist. Ich wußte natürlich,
+daß es ja unmöglich ist. Aber es wäre mir lieber gewesen,
+du hättest ein Wörtchen hinterlassen, wo du wirklich
+warst. Ich habe eine schreckliche Nacht verbracht, und fürchtete
+halb, daß eine Tragödie der anderen folgen würde.
+Ich meine, du hättest mir wohl depeschieren können, so wie
+du die Nachricht erhieltst. Ich hab' es durch Zufall im
+letzten Abendblatt des Globe gelesen, das mir im Klub
+in die Hände geriet. Ich eilte sofort hierher und war unglücklich,
+dich nicht zu Hause anzutreffen. Ich kann dir
+gar nicht sagen, wie tief mir die ganze Sache ins Herz
+schneidet. Ich weiß, was du leiden mußt. Aber wo warst
+du denn? Bist du hingegangen, um die Mutter des Mädchens
+zu sehen? Einen Moment dachte ich daran, dir dorthin
+zu folgen. In der Zeitung stand die Adresse. Irgendwo
+in Euston Road, nicht wahr? Aber ich hatte Angst,<a class="pagenum" name="Page_166" title="166"> </a>
+zudringlich zu sein in einem Schmerze, wo ich doch nicht abhelfen
+konnte. Die arme Frau! In was für einem Zustand
+muß sie sein! Und dazu ihr einziges Kind! Was hat sie zu
+all dem gesagt?“</p>
+
+<p>„Mein lieber Basil, wie soll ich das wissen?“ sagte
+Dorian Gray, nippte etwas hellgelben Wein aus einem
+reizenden bauchigen venezianischen Glase, das mit Goldperlen
+inkrustiert war, und sah ganz unwillig aus. „Ich
+war in der Oper. Du hättest auch hinkommen sollen. Ich
+habe dort Harrys <ins title="Schwester">Schwester,</ins> Lady Gwendolen, kennengelernt.
+Wir waren in ihrer Loge. Sie ist ein bezauberndes
+Weib; und die Patti hat göttlich gesungen. Sprich nicht
+von schrecklichen Dingen! Wenn man über eine Sache
+nicht spricht, ist sie nicht geschehen. Nur was man äußert,
+sagt Harry, gibt den Dingen ihre Wirklichkeit. Erwähnen
+möcht' ich aber, daß sie nicht das einzige Kind der Frau
+war. Es ist noch ein Sohn da, ein famoser Junge vermutlich.
+Aber er ist nicht beim Theater. Matrose oder so was
+ähnliches. Und jetzt erzähle mir was von dir, was malst
+du?“</p>
+
+<p>„Du warst in der Oper?“ sagte Hallward gedehnt, und
+seine Stimme war gepreßt vor Schmerz. „Du warst in der
+Oper, während Sibyl Vane tot in irgendeiner schmutzigen
+Stube lag? Du kannst mir von anderen bezaubernden
+Weibern erzählen, und daß die Patti göttlich gesungen
+hat, noch ehe das Mädchen, das du geliebt hast, die Ruhe
+des Grabes gefunden hat, darin sie schlafen soll? Mensch,
+bedenke doch, welche Schrecknisse auf den kleinen weißen
+Körper warten!“</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_167" title="167"> </a></p>
+
+<p>„Hör' auf, Basil, ich will davon nichts hören!“ rief
+Dorian und sprang auf. „Du darfst mir über diese Dinge
+nichts sagen. Was geschehen ist, ist geschehen, was vergangen
+ist, ist vergangen.“</p>
+
+<p>„Nennst du gestern die Vergangenheit?“</p>
+
+<p>„Was hat die wirklich verstrichene Zeit damit zu tun?
+Nur seichtes Volk braucht Jahre, um ein Gefühl zu überwinden.
+Ein Mensch, der Herr über sich selbst ist, kann
+einen Schmerz ebenso leicht überwinden, wie er einen
+Genuß entdecken kann. Ich will nicht der Spielball meiner
+Empfindungen sein. Ich will sie ausnützen, mich an ihnen
+freuen und sie beherrschen.“</p>
+
+<p>„Dorian, es ist schauderhaft! Irgend etwas hat dich
+ganz verändert. Du siehst noch genau so aus wie der
+wunderhübsche Junge, der Tag für Tag in mein Atelier
+kam, um für mein Bild zu sitzen. Aber damals warst du
+einfacher, natürlich und herzlich. Du warst das unverdorbenste
+Menschenkind auf der ganzen Welt. Ich weiß
+nicht, was jetzt über dich gekommen ist. Du sprichst, als
+hättest du kein Herz, kein Mitleid in dir. Das ist Harrys
+Einfluß. Ich sehe es.“</p>
+
+<p>Der junge Mensch wurde rot, ging ans Fenster, sah ein
+paar Augenblicke auf den grün schimmernden, von der
+Sonne betupften Garten. „Ich schulde Harry sehr viel, sehr
+viel, Basil,“ sagte er schließlich &mdash; „mehr als ich dir schulde.
+Du hast mir nur Eitelkeit beigebracht.“</p>
+
+<p>„Ich bin bestraft worden dafür, Dorian &mdash; oder werde
+es eines Tages sein.“</p>
+
+<p>„Ich weiß nicht, was du meinst, Basil“, rief Dorian<a class="pagenum" name="Page_168" title="168"> </a>
+aus und drehte sich um. „Ich weiß nicht, was du willst.
+Was willst du?“</p>
+
+<p>„Ich will den Dorian Gray wieder, den ich gemalt
+habe“, sagte der Künstler traurig.</p>
+
+<p>„Basil,“ erwiderte der Jüngling, trat vor ihn hin und
+legte ihm die Hand auf die Schulter, „du bist zu spät
+gekommen. Als ich gestern hörte, daß sich Sibyl Vane
+getötet habe &mdash; &mdash;“</p>
+
+<p>„Sich getötet! Gott im Himmel! ist das ganz sicher?“
+schrie Hallward und stierte ihn mit dem Ausdruck äußersten
+Schreckens an.</p>
+
+<p>„Mein lieber Basil! Du glaubst doch nicht, daß es nur
+ein gewöhnlicher Unglücksfall war? Natürlich hat sie sich
+selbst getötet.“</p>
+
+<p>Der ältere Mann vergrub sein Gesicht in den Händen.
+„Wie schrecklich!“ flüsterte er und ein Schauer durchrann
+ihn.</p>
+
+<p>„Nein,“ sagte Dorian Gray, „es ist gar nichts Schreckliches
+daran. Es ist eine der größten romantischen Tragödien
+unserer Zeit. In der Regel führen Schauspieler das
+alltäglichste Leben. Sie sind gute Ehemänner oder treue
+Ehefrauen oder sonst irgendwas Langweiliges. Du verstehst,
+was ich meine &mdash; hausbackene Tugend und lauter
+solche Dinge. Wie anders war Sibyl! Sie lebte ihre beste
+Tragödie. Sie war immer eine Heldin. Am letzten Abend,
+wo sie spielte &mdash; an dem Abend, wo du sie gesehen hast &mdash;,
+spielte sie schlecht, weil sie die Liebe als Wirklichkeit
+erkannt hatte. Als sie ihre Unwirklichkeit erfuhr, starb
+sie, wie Julia daran gestorben wäre. Sie entschwand<a class="pagenum" name="Page_169" title="169"> </a>
+wieder in das Reich der Kunst. Sie umschwebt etwas von
+einer Märtyrerin. Ihr Tod hat all die pathetische Nutzlosigkeit
+der Märtyrerschaft, all seine vergeudete Schönheit.
+Aber wie gesagt, du brauchst nicht zu glauben, daß
+ich nicht gelitten hätte. Wenn du gestern in einem bestimmten
+Augenblick, etwa um halb sechs oder um drei Viertel
+sechs gekommen wärst &mdash; dann hättest du mich in Tränen
+aufgelöst gefunden. Selbst Harry, der hier war und mir
+erst die Nachricht brachte, hat keine Ahnung, was ich
+durchgemacht habe. Ich litt namenlos. Dann ging es vorüber.
+Ich kann das Gefühl nicht wiederholen. Niemand
+kann das, sentimentale Menschen ausgenommen. Und du
+bist furchtbar ungerecht, Basil. Du kommst hierher, um
+mich zu trösten. Das ist gut und lieb von dir. Du findest
+mich getröstet und bist wütend. So sieht dein Mitgefühl
+aus! Du erinnerst mich an eine Geschichte, die mir Harry
+über einen Philantropen erzählt hat, der sich zwanzig
+Jahre seines Lebens damit abquälte, irgendeinen Mißstand
+aus der Welt zu schaffen oder ein ungerechtes Gesetz
+abzuändern &mdash; ich kann mich nicht mehr genau erinnern.
+Schließlich gelang es ihm, und nichts konnte größer sein als
+seine Enttäuschung. Er hatte nun absolut nichts mehr zu
+tun, starb beinah vor Langerweile und wurde ein unversöhnlicher
+Menschenhasser. Und außerdem, mein lieber, alter
+Basil, wenn du mich wirklich trösten wolltest, so lehre mich
+lieber vergessen, was geschehen ist, oder lehre mich's
+von rein künstlerischer Seite ansehen. War es nicht Gautier,
+der gern über die ‚<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">consolation des arts</span>‛ geschrieben
+hat? Ich erinnere mich, daß mir mal in deinem Atelier<a class="pagenum" name="Page_170" title="170"> </a>
+ein kleines Buch in Pergamentband in die Hand fiel, und
+ich darin auf diesen entzückenden Ausdruck stieß. Nun, ich
+bin ja nicht wie der junge Mann, von dem du mir einmal
+in Marlow erzählt hast, und der zu sagen pflegte, gelber
+Atlas könne einen über alles Elend im Leben hinwegtrösten.
+Ich liebe schöne Dinge, die man in die Hand nehmen
+und angreifen kann. Alter Brokat, grünpatinierte
+Bronzen, Lackarbeiten, Elfenbeinschnitzereien, eine erlesene
+Zimmerkunst, Luxus, Prunk, das sind alles Dinge, die
+einem viel geben können. Aber die künstlerische Seelenstimmung,
+die sie erzeugen oder mindestens offenbaren,
+bedeutet mir doch noch mehr. Ein Zuschauer seines eigenen
+Lebens sein, wie Harry sagt, das heißt, den Schmerzen
+des Lebens entrinnen. Ich weiß, du bist erstaunt, daß ich
+so zu dir spreche. Du hast noch nicht bemerkt, wie ich mich
+entwickelt habe. Ich war ein Schulknabe, als du mich
+kennenlerntest. Jetzt bin ich ein Mann. Ich habe neue
+Leidenschaften, neue Gedanken, neue Vorstellungen. Ich
+bin anders, aber du mußt mich trotzdem nicht weniger lieb
+haben. Ich bin verändert, aber du mußt immer mein
+Freund bleiben. Natürlich habe ich Harry sehr gern. Aber
+ich weiß auch, daß du besser bist als er. Du bist nicht
+stärker &mdash; dazu ängstigst du dich zu viel vorm Leben &mdash;
+aber du bist besser. Und wie glücklich waren wir doch miteinander!
+Verlaß mich nicht, Basil, und zanke nicht mit
+mir. Ich bin, was ich bin. Mehr kann ich dazu nicht
+sagen.“</p>
+
+<p>Der Maler war seltsam bewegt. Der junge Mensch war
+ihm unsagbar teuer, und seine Erscheinung war der große<a class="pagenum" name="Page_171" title="171"> </a>
+Wendepunkt in seiner Kunst gewesen. Er konnte den Gedanken
+nicht ertragen, ihm noch weitere Vorwürfe zu
+machen. Am Ende war seine Gleichgültigkeit nur eine vorübergehende
+Laune. Es steckte ja soviel Gutes, soviel Edles
+in ihm.</p>
+
+<p>„Gut, Dorian,“ sagte er endlich mit einem wehmütigen
+Lächeln, „ich will von heut an nie wieder über diese furchtbare
+Sache sprechen. Ich hoffe nur, dein Name wird
+nicht in Verbindung damit genannt. Die Leichenschau
+soll heute nachmittag stattfinden. Bist du vorgeladen?“</p>
+
+<p>Dorian schüttelte den Kopf, und eine unangenehme
+Empfindung glitt bei dem Wort „Leichenschau“ über sein
+Gesicht. In all diesen Dingen lag etwas so Rohes und Gemeines.
+„Sie kennen meinen Namen nicht“, antwortete er.</p>
+
+<p>„Aber sie wußte ihn doch?“</p>
+
+<p>„Nur meinen Vornamen, und den hat sie gewiß niemand
+gesagt. Sie erzählte mir einmal, daß alle sehr begierig
+seien, zu erfahren, wer ich sei und daß sie ihnen
+beständig sage, ich heiße der Prinz Märchenschön. Das war
+hübsch von ihr. Du mußt mir eine Zeichnung von Sibyl
+machen, Basil. Ich möchte von ihr gern etwas mehr
+haben als die Erinnerung an ein paar Küsse und einige
+gestammelte pathetische Worte.“</p>
+
+<p>„Ich will versuchen, etwas zu machen, Dorian, wenn ich
+dir damit eine Freude bereite. Aber du mußt zu mir
+kommen und mir selbst wieder sitzen. Ich komme ohne dich
+nicht vom Fleck.“</p>
+
+<p>„Ich kann dir nie wieder sitzen, Basil. Das ist unmöglich!“
+rief Dorian und schrak zurück.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_172" title="172"> </a></p>
+
+<p>Der Maler starrte ihn an. „Mein lieber Junge, was für
+ein Unsinn“, rief er. „Willst du damit sagen, daß du mein
+Bild nicht gut findest? Wo ist es? Warum hast du den
+Wandschirm vorgestellt? Laß es mich sehen. Es ist die
+beste Arbeit, die ich je gemacht habe. Nimm den Schirm
+weg, Dorian! Es ist eine Schande, daß dein Bedienter
+mein Bild so versteckt. Ich merkte gleich, wie ich eintrat,
+daß das Zimmer ganz verändert sei.“</p>
+
+<p>„Mein Diener hat nichts damit zu tun, Basil. Du
+glaubst doch nicht etwa, daß ich ihm irgendeine Anordnung
+in meinem Zimmer überlasse? Er ordnet zuweilen
+meine Blumen &mdash; das ist alles. Nein, ich habe es selbst
+getan. Das Licht war zu stark für das Bild.“</p>
+
+<p>„Zu stark? Gewiß nicht, mein Lieber. Es hat einen untadeligen
+Platz. Laß mich's mal sehen!“ und Hallward
+schritt in die Zimmerecke.</p>
+
+<p>Ein Schrei des Entsetzens entrang sich den Lippen
+Dorian Grays, und er stürzte sich zwischen den Maler und
+den Schirm. „Basil,“ sagte er und sah ganz bleich aus,
+„du darfst es nicht sehen. Ich will es nicht.“</p>
+
+<p>„Mein eigenes Bild nicht sehen? Du meinst das doch
+nicht im Ernst! Warum soll ich es nicht sehen?“ rief Hallward
+lachend.</p>
+
+<p>„Wenn du versuchst, es anzusehen, Basil, gebe ich dir
+mein Ehrenwort, daß ich, solange ich lebe, nie wieder ein
+Wort mit dir spreche. Es ist mein völliger Ernst. Ich gebe
+keine Erklärung, und du wirst um keine bitten. Aber denke
+daran, wenn du diesen Wandschirm anrührst, dann ist
+alles aus zwischen uns!“</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_173" title="173"> </a></p>
+
+<p>Hallward war wie vom Donner gerührt. Er sah Dorian
+Gray ganz verblüfft an. So hatte er ihn vorher nie gesehen.
+Der Jüngling war wirklich ganz bleich vor Zorn.
+Seine Hände waren zusammengeballt, und die Pupillen
+seiner Augen sahen aus wie blaue Feuerräder. Er zitterte
+am ganzen Leibe.</p>
+
+<p>„Dorian!“</p>
+
+<p>„Sprich nicht!“</p>
+
+<p>„Aber was ist los? Ich sehe das Bild natürlich nicht
+an, wenn du es nicht willst“, sagte der Maler ziemlich kühl,
+drehte sich um und ging zum Fenster hinüber. „Aber es
+scheint mir wahrhaftig ganz verrückt, daß ich mein eigenes
+Werk nicht sehen soll, besonders, wo ich es im Herbst in
+Paris ausstellen will. Ich werde es wahrscheinlich vorher
+nochmals firnissen müssen, werde es also eines Tages doch
+gewiß sehen, also warum nicht heute?“</p>
+
+<p>„Es ausstellen? Du willst es ausstellen?“ rief Dorian
+Gray, den ein seltsames Angstgefühl überkam. Sollte alle
+Welt sein Geheimnis erfahren? Sollte das Volk das Geheimnis
+seines Lebens begaffen? Das war unmöglich.
+Irgend etwas &mdash; er wußte noch nicht was &mdash; mußte
+sofort geschehen.</p>
+
+<p>„Ja, ich denke nicht, daß du etwas dagegen haben wirst.
+Georges Petit will nächstens meine besten Bilder für eine
+Sonderausstellung in der Rue de Sèze sammeln, die in der
+ersten Oktoberwoche eröffnet werden soll. Das Bild wird
+nur einen Monat lang weg sein. Ich meine, solange könntest
+du es leicht entbehren. Du bist ohnehin während dieser
+Zeit nicht in der Stadt. Und wenn du es überhaupt hinter<a class="pagenum" name="Page_174" title="174"> </a>
+einem Schirm versteckt halten willst, kann dir ja nicht viel
+daran gelegen sein.“</p>
+
+<p>Dorian Gray fuhr sich mit der Hand über die Stirn.
+Schweißtropfen standen darauf. Er fühlte, daß er am
+Rande einer fürchterlichen Gefahr stehe. „Du hast mir vor
+einem Monat gesagt, du würdest es nie ausstellen“, rief er.
+„Warum hast du dich anders entschlossen? Ihr Leute,
+die ihr viel Aufhebens von der Konsequenz macht, habt
+genau soviel Launen wie andere. Der einzige Unterschied
+ist der, daß eure Launen wenig Sinn haben. Du kannst
+nicht vergessen haben, daß du mir feierlichst versichert hast,
+nichts in der Welt könne dich bewegen, das Bild auf eine
+Ausstellung zu bringen. Du sagtest zu Harry ganz dasselbe.“
+Er stockte plötzlich, und ein Glanz erwachte in seinen
+Augen. Er erinnerte sich, daß ihm Lord Harry einmal
+halb ernst und halb scherzend gesagt hatte: Willst du mal
+eine merkwürdige Viertelstunde erleben, dann laß dir von
+Basil sagen, warum er dein Porträt nicht ausstellen will.
+Er hat mir den Grund erzählt, und es war für mich eine
+Offenbarung. Ja, vielleicht hatte auch Basil sein Geheimnis.
+Er wollte ihn fragen und auf die Probe stellen.</p>
+
+<p>„Basil,“ sagte er, und trat ganz dicht zu ihm heran
+und sah ihm fest ins Gesicht, „jeder von uns hat ein Geheimnis.
+Sage mir das deine, und ich laß dich meines
+wissen. Was für einen Grund hattest du, die Ausstellung
+meines Bildes zu verweigern?“</p>
+
+<p>Der Maler erschauderte, ohne daß er es wollte. „Dorian,
+wenn ich es dir sagte, hättest du mich wahrscheinlich weniger
+lieb und würdest mich gewiß auslachen. Keines von beiden<a class="pagenum" name="Page_175" title="175"> </a>
+könnte ich ertragen. Wenn du willst, daß ich nie mehr dein
+Bild ansehen soll, dann geb' ich mich zufrieden. Ich kann
+dich selbst ja immer ansehen. Wenn du die beste Arbeit,
+die ich je gemacht habe, vor der Welt versteckt halten willst,
+soll es mir recht sein. Deine Freundschaft ist mir mehr
+wert als Ruhm und Anerkennung.“</p>
+
+<p>„Nein, Basil, du mußt es mir sagen. Ich glaube, ich
+habe ein Recht, es zu wissen.“ Sein Angstgefühl hatte ihn
+verlassen, und Neugier war an dessen Stelle getreten. Er
+war entschlossen, hinter Basil Hallwards Geheimnis zu
+kommen.</p>
+
+<p>„Setzen wir uns, Dorian“, sagte der Maler, der verwirrt
+aussah. „Setzen wir uns und beantworte mir eine
+Frage. Hast du an dem Bild etwas Merkwürdiges bemerkt?
+&mdash; etwas, das dir vielleicht anfänglich nicht aufgefallen
+ist, was sich dir dann aber plötzlich enthüllte?“</p>
+
+<p>„Basil!“ schrie der Jüngling, umklammerte die Armlehnen
+seines Stuhles mit zitternden Händen und starrte
+ihn mit wilden, verstörten Augen an.</p>
+
+<p>„Ich sehe, du hast es bemerkt. Sage nichts. Warte, bis
+du gehört hast, was ich zu sagen habe. Dorian, von dem
+Augenblick an, wo ich dich kennengelernt habe, übte deine
+Persönlichkeit den außerordentlichsten Einfluß auf mich aus.
+Ich war beherrscht von dir, meine Seele, mein Gehirn,
+meine ganze Kraft war es. Du wurdest für mich die sichtbare
+Verkörperung des unsichtbaren Ideals, dessen Bild
+uns Künstler wie ein köstlicher Traum verfolgt. Ich habe
+dich angebetet. Ich wurde eifersüchtig auf jeden Menschen,
+mit dem du sprachst. Ich wollte dich ganz für mich allein<a class="pagenum" name="Page_176" title="176"> </a>
+haben. Ich war nur glücklich, wenn ich mit dir zusammen
+war. Wenn du fort von mir warst, lebtest du trotzdem
+in meiner Kunst weiter... Natürlich ließ ich dich nie etwas
+davon wissen. Das wäre unmöglich gewesen. Du hättest
+es nicht verstanden. Ich selbst hab' es kaum verstanden. Ich
+wußte nur, daß ich Auge in Auge die Vollkommenheit gesehen
+hatte und daß sich die Welt meinen Augen als ein
+Wunder erschlossen hatte &mdash; vielleicht als ein zu mächtiges
+Wunder, denn in so wahnsinniger Anbetung liegt eine Gefahr,
+die Gefahr, daß die Anbetung aufhört, und die Gefahr,
+daß sie bleibt... Wochen und Wochen verstrichen,
+und ich ging immer mehr und mehr in dir verloren. Dann
+kam ein neues Stadium. Ich hatte dich als Paris in strahlender
+Rüstung gemalt und als Adonis im Jägergewand
+mit blitzendem Speer. Mit schweren Lotusblüten bekränzt
+hast du auf dem Bug von Hadrians Barke gesessen und in
+den grünen, schlammigen Nil geblickt. Du hast dich über
+das stille Gewässer einer griechischen Waldlandschaft gelehnt
+und im stummen Silberspiegel das Wunder deines
+eigenen Antlitzes gesehen. Und es war alles gewesen, wie
+die Kunst sein soll, unbewußt, ideal und entrückt. Eines
+Tages, manchmal denke ich, eines verhängnisvollen Tages,
+entschloß ich mich, ein wundervolles Bildnis von dir zu
+malen, wie du wirklich bist, nicht im Kostüm toter Zeiten,
+sondern in deiner eigenen Tracht und deiner eigenen Zeit.
+Ob es nun die Realistik der Methode war, oder der Zauber
+deiner eigenen Persönlichkeit, der mir so ohne jeden
+Schleier und Nebel entgegentrat, kann ich nicht sagen. Aber
+ich weiß, daß mir bei der Arbeit jede Schicht Farben mein<a class="pagenum" name="Page_177" title="177"> </a>
+Geheimnis zu enthüllen schien. Ich ängstigte mich, andere
+könnten die Abgötterei, die ich mit dir trieb, entdecken. Ich
+fühlte, Dorian, daß ich zuviel gesagt, daß ich zuviel von
+mir selber hineingelegt hatte. Damals beschloß ich, das
+Bild nie auszustellen. Es kränkte dich ein wenig, aber damals
+verstandest du eben nicht, was es für mich bedeutete;
+Harry, dem ich davon erzählte, lachte mich aus. Aber das
+machte mich nicht irrig. Als das Bild fertig war, und ich
+allein vor ihm dasaß, fühlte ich, daß ich recht hatte...
+Schön, ein paar Tage später, als es mein Atelier verlassen,
+und ich alsbald den unerträglichen Zauber seiner
+Gegenwart überwunden hatte, schien es mir, daß es verrückt
+von mir gewesen war, mehr darin zu sehen, als
+daß du sehr hübsch seist, und ich wohl malen könne. Selbst
+jetzt kann ich nicht umhin, zu fühlen, daß es ein Irrtum sein
+muß, wenn man glaubt, daß die Begeisterung, die man
+beim Schaffen hat, in dem Werke, das man schafft, leibhaftig
+zum Ausdruck käme. Die Kunst ist immer abstrakter,
+als wir uns einbilden. Form und Farbe erzählen uns von
+Form und Farbe &mdash; weiter nichts. Es scheint mir oft,
+daß die Kunst den Künstler viel mehr verbirgt als offenbart.
+Und als ich dann den Antrag aus Paris bekam, entschloß
+ich mich, dein Bild zum Hauptstück meiner Ausstellung
+zu machen. Es fiel mir nie ein, daß du es nicht
+zulassen würdest. Ich sehe jetzt, daß du recht hast. Das Bild
+darf nicht ausgestellt werden. Du mußt mir nicht böse sein,
+Dorian, wegen der Dinge, die ich gesagt habe. Ich habe
+früher einmal Harry gesagt, du bist dazu geschaffen, angebetet
+zu werden.“</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_178" title="178"> </a></p>
+
+<p>Dorian Gray atmete tief auf. Seine Wangen bekamen
+wieder Farbe, und ein Lächeln umspielte seine Lippen. Die
+Gefahr war vorbei. Für den Augenblick war er gerettet.
+Doch er mußte unendliches Mitleid fühlen mit dem Maler,
+der ihm eben diese seltsame Beichte abgelegt hatte, und
+er fragte sich, ob er selbst jemals so stark von der Persönlichkeit
+eines Freundes beherrscht werden könnte. Lord
+Henry hatte den Reiz, sehr gefährlich zu sein. Aber das
+war alles. Er war zu klug und zu zynisch, als daß man ihn
+wirklich lieben könnte. Würde es je einen Menschen geben,
+den er merkwürdig abgöttisch anbeten könnte? War das
+eines von den Dingen, die ihm das Leben noch aufsparte?</p>
+
+<p>„Es ist mir wirklich ein reines Rätsel,“ sagte Hallward,
+„daß du das dem Porträt angesehen haben willst. Hast
+du es wirklich gesehen?“</p>
+
+<p>„Ich habe etwas darin gesehen,“ antwortete er, „etwas,
+das mir sehr sonderbar vorkam.“</p>
+
+<p>„Und jetzt hast du wohl nichts mehr dawider, es einmal
+zu betrachten?“</p>
+
+<p>Dorian schüttelte den Kopf. „Das darfst du von mir
+nicht verlangen, Basil. Es ist mir unmöglich, dich vor dem
+Bilde stehen zu sehen.“</p>
+
+<p>„Aber doch ein andermal?“</p>
+
+<p>„Nie!“</p>
+
+<p>„Schön, vielleicht hast du recht. Und jetzt adieu, Dorian.
+Du bist der einzige Mensch in meinem Leben gewesen, der
+wirklichen Einfluß auf meine Kunst ausgeübt hat. Was ich
+je Gutes gemacht habe, danke ich dir. Ach! Du kannst dir<a class="pagenum" name="Page_179" title="179"> </a>
+nicht vorstellen, was es mich gekostet hat, dir all das zu
+sagen, was ich gesagt habe.“</p>
+
+<p>„Mein lieber Basil,“ sagte Dorian, „was hast du mir
+denn gesagt? Nichts, als daß du das Gefühl habest, mich
+zu sehr zu bewundern. Das ist nicht einmal ein Kompliment.“</p>
+
+<p>„Es sollte auch kein Kompliment sein. Es war eine
+Beichte. Jetzt, da ich sie abgelegt habe, kommt es mir so
+vor, als ob ich etwas verloren hätte. Man sollte seiner
+Verehrung niemals das Kleid der Worte umhängen.“</p>
+
+<p>„Deine Beichte hat mich enttäuscht.“</p>
+
+<p>„Ja, was hast du denn erwartet, Dorian? Du hast doch
+nicht sonst noch etwas in dem Bilde gesehen? Es war doch
+nicht sonst noch etwas anderes zu sehen?“</p>
+
+<p>„Nein, es war sonst nichts anderes zu sehen. Warum
+fragst du? Aber du solltest nicht von Verehrung sprechen.
+Das ist Narrheit. Du und ich, wir sind Freunde,
+Basil, und müssen es immer bleiben.“</p>
+
+<p>„Du hast jetzt Harry“, sagte der Maler traurig.</p>
+
+<p>„Oh, Harry!“ rief der junge Mann mit einem fröhlichen
+Lachen. „Harry verbringt seine Tage damit, unglaubliche
+Dinge zu sagen, und seine Abende, unwahrscheinliche Dinge
+zu tun. Das ist genau die Art Leben, das ich führen möchte.
+Immerhin glaube ich nicht, daß ich je zu Harry ginge, wenn
+mich Kummer drückte. Ich würde eher zu dir kommen.“</p>
+
+<p>„Du willst mir wieder sitzen?“</p>
+
+<p>„Unmöglich!“</p>
+
+<p>„Du vernichtest meine künstlerische Existenz, wenn du
+dich weigerst. Kein Mensch begegnet zwei Idealen. Wenige
+finden eines.“</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_180" title="180"> </a></p>
+
+<p>„Ich kann es dir nicht erklären, Basil, aber ich darf dir
+nie wieder sitzen. Es schwebt etwas Verhängnisvolles um
+das Bildnis eines Menschen. Es hat ein Leben für sich.
+Ich werde zu dir kommen und mit dir Tee trinken, das
+wird ebenso hübsch <ins title="sein.">sein.“</ins></p>
+
+<p>„Für dich hübscher, fürchte ich“, sagte Hallward bekümmert
+vor sich hin. „Und jetzt adieu. Es tut mir leid,
+daß du mich nicht noch einmal das Bild sehen lassen
+wolltest. Aber dabei ist nichts zu tun. Ich verstehe sehr
+gut, was du dabei fühlst.“</p>
+
+<p>Als er das Zimmer verlassen hatte, lächelte sich Dorian
+Gray zu. Der arme Basil! Wie wenig ahnte der doch von
+dem wahren Grunde! Und wie seltsam es war, daß er es,
+statt sein eigenes Geheimnis offenbaren zu müssen, fast
+durch einen Zufall erreicht hatte, dem Freunde das seine
+zu entreißen. Wie viel erklärte ihm doch diese merkwürdige
+Beichte! Die unverständlichen Eifersuchtsanfälle des Malers,
+seine ungestüme Verehrung, seine übertriebenen Lobeshymnen,
+sein sonderbares Verstummen &mdash; das alles verstand
+er jetzt, und er tat ihm leid. Einer Freundschaft,
+die so stark von Romantik gefärbt war, schien ihm eine
+gewisse Tragik inne zu wohnen.</p>
+
+<p>Er seufzte und drückte auf die Klingel. Das Porträt
+mußte um jeden Preis versteckt werden. Er konnte sich
+nicht ein zweitesmal der Gefahr solcher Entdeckung aussetzen.
+Es war wahnsinnig von ihm gewesen, das Ding da
+überhaupt nur eine Stunde lang in einem Zimmer zu
+lassen, zu dem jeder seiner Freunde Zutritt hatte.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_181" title="181"> </a></p>
+
+
+
+
+<h2><a name="Zehntes_Kapitel" id="Zehntes_Kapitel"></a>Zehntes Kapitel</h2>
+
+
+<p>Als sein Bedienter eintrat, sah er ihn forschend an und
+fragte sich, ob es ihm wohl schon eingefallen sei, hinter
+den Schirm zu blicken. Der Mann sah aber ganz harmlos
+aus und wartete auf seine Befehle. Dorian zündete sich
+eine Zigarette an, ging zum Spiegel hinüber und sah
+hinein. Er konnte Viktors Gesicht darin genau sehen. Es
+war eine reglose Maske der Unterwürfigkeit. Daher war
+nichts zu fürchten, daher nicht. Doch er hielt es für das
+beste, auf der Hut zu sein.</p>
+
+<p>In sehr leisem Tone trug er ihm auf, die Haushälterin
+herein zu rufen und dann zum Einrahmer zu gehen, damit
+er sofort zwei Gehilfen schicke. Es schien ihm, daß die
+Augen des Mannes, als er das Zimmer verließ, in die
+Richtung des Schirmes gingen. Oder war das nur Einbildung
+von ihm?</p>
+
+<p>Nach einigen Augenblicken trat Frau Leaf in ihrem
+schwarzseidenen Kleid, altmodische Zwirnhandschuhe auf
+den runzligen Händen, in die Bibliothek. Er verlangte von
+ihr den Schlüssel zum Schulzimmer.</p>
+
+<p>„Das alte Schulzimmer, Herr Dorian!“ rief sie aus.
+„Ei, das ist ja voller Staub. Es muß erst hergerichtet und
+in Ordnung gebracht werden, bevor Sie hinein können.
+Es ist jetzt nicht in einem Zustand, daß Sie es sehen könnten,
+gnädiger Herr. Wirklich nicht.“</p>
+
+<p>„Es braucht nicht hergerichtet zu werden, gute Leaf.
+Ich will nur den Schlüssel.“</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_182" title="182"> </a></p>
+
+<p>„Aber gnädiger Herr, Sie werden sich voller Spinnweben
+machen, wenn Sie hineingehen. Ei, es ist ja beinah
+seit fünf Jahren nicht geöffnet worden, seit seine Gnaden
+gestorben sind.“</p>
+
+<p>Er zuckte zusammen bei der Erwähnung seines Großvaters.
+Er hatte nur gehässige Erinnerungen an ihn. „Das
+macht nichts“, erwiderte er. „Ich will das Zimmer nur
+sehen &mdash; das ist alles. Geben Sie mir den Schlüssel.“</p>
+
+<p>„Hier ist schon der Schlüssel, gnädiger Herr“, sagte die
+alte Dame, die ihren Schlüsselbund mit zitternden, unsicheren
+Händen durchmustert hatte. „Hier ist der Schlüssel,
+ich werde ihn gleich vom Bund haben. Aber Sie denken
+doch nicht daran, dort hinaufzuziehen, gnädiger Herr,
+wo Sie es hier so gemütlich haben?“</p>
+
+<p>„Nein, nein!“ rief er ungeduldig. „Ich danke, gute
+Leaf. Ich brauche sonst nichts.“</p>
+
+<p>Sie verweilte noch ein paar Augenblicke und wollte über
+irgendeine Angelegenheit in der Haushaltung zu quengeln
+anfangen. Er seufzte und sagte, sie solle alles so erledigen,
+wie sie es fürs beste halte. Mit strahlendem Gesichte verließ
+sie das Zimmer.</p>
+
+<p>Als die Tür geschlossen war, steckte Dorian den Schlüssel
+in die Tasche und blickte sich im Zimmer um. Sein
+Auge fiel auf eine große purpurne Atlasdecke mit schweren
+Goldstickereien, ein köstliches Stück venezianischer Arbeit
+vom Ende des siebzehnten Jahrhunderts, das sein Großvater
+in einem Kloster nahe bei Bologna aufgestöbert
+hatte. Ja, die paßte trefflich, um das schreckliche Ding
+damit zu verhüllen. Sie hatte vielleicht oft als Bahrtuch<a class="pagenum" name="Page_183" title="183"> </a>
+für Tote gedient. Jetzt sollte sie etwas verhüllen, das eine
+eigene Art Verwesung in sich hatte, eine ärgere als die
+Verwesung des Todes &mdash; etwas, das Schrecknisse ausbrüten
+und doch nie sterben würde. Was Würmer für
+einen Leichnam sind, das würden seine Sünden für das
+gemalte Antlitz auf der Leinwand werden. Sie würden
+seine Schönheit zerstören und seine Anmut wegfressen.
+Sie würden es beflecken und schänden. Und doch würde
+das Bild weiterleben. Es würde immer am Leben
+bleiben.</p>
+
+<p>Er schauderte, und einen Augenblick lang tat es ihm
+leid, daß er Basil nicht den wahren Grund gesagt habe,
+warum er das Bild verstecken wolle. Basil hätte ihm helfen
+können, sowohl dem Einfluß Lord Henrys zu widerstehen,
+als auch den noch viel giftigeren Einflüssen, die aus seiner
+eigenen Natur herrührten. Die Liebe, die Basil für ihn
+hegte &mdash; denn es war wirklich Liebe &mdash;, schloß nichts ein,
+was nicht edel und vergeistigt wäre. Es war nicht jene
+rein physische Bewunderung, die eine Geburt der Sinne
+ist und mit der Ermüdung der Sinne hinstirbt. Es war
+eine Liebe, wie sie Michelangelo gekannt hatte und Montaigne
+und Winkelmann und auch Shakespeare. Ja, Basil
+hätte ihn retten können. Aber jetzt war es zu spät. Die
+Vergangenheit konnte immer vernichtet werden. Reue,
+Verleugnung oder Vergessenheit konnten das bewirken.
+Aber die Zukunft war unabwendlich. Er hatte Leidenschaften
+in sich, die ihr fürchterliches Ausfalltor bei ihm
+finden wurden, Träume, die ihre sündigen Schatten zur
+Wirklichkeit umwandeln würden.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_184" title="184"> </a></p>
+
+<p>Er griff nach dem großen Überwurf aus Purpur und
+Gold, der den Diwan bedeckte, hob ihn mit beiden Händen
+auf und ging damit hinter den Schirm. War das Gesicht
+auf der Leinwand jetzt häßlicher als vorher? Es erschien
+ihm unverändert; und doch, sein Abscheu davor
+war noch verstärkt. Goldiges Haar, blaue Augen, rosenrote
+Lippen &mdash; das war alles da. Nur der Ausdruck hatte
+sich verwandelt. Der war erschreckend in seiner Grausamkeit.
+Im Vergleich zu den Vorwürfen und der Rüge, die
+er in dem Bilde sah, wie nichtssagend waren da Basils
+Vorhaltungen über Sibyl Vane gewesen &mdash; nichtssagend
+und belanglos! Seine eigene Seele sah ihn an aus der
+Leinwand und forderte ihn vors Gericht. Ein schmerzlicher
+Zug legte sich über sein Gesicht, und er warf die prunkvolle
+Sofadecke über das Bild. Während er dies tat, klopfte
+es an die Tür. Er kam hinter dem Wandschirm hervor, als
+sein Bedienter eintrat.</p>
+
+<p>„Die Leute sind da, Monsieur.“</p>
+
+<p>Er hatte das Gefühl, daß er den Mann jetzt los werden
+müsse. Er durfte nicht wissen, wohin das Bild sollte. Er
+hatte etwas Listiges an sich und nachdenkliche, verräterische
+Augen. Er setzte sich an den Schreibtisch, kritzelte ein paar
+Zeilen hin an Lord Henry, worin er bat, ihm etwas zum
+Lesen zu schicken, und worin er ihn daran erinnerte, daß
+sie sich um viertel neun heut abend treffen wollten.</p>
+
+<p>„Warten Sie auf Antwort,“ sagte er, indem er ihm
+den Brief übergab, „und lassen Sie die Leute herein.“</p>
+
+<p>Nach zwei bis drei Minuten klopfte es wieder, und Herr
+Hubbard, der berühmte Rahmenfabrikant aus South<a class="pagenum" name="Page_185" title="185"> </a>
+Audley Street, trat mit einem struwwelig aussehenden
+Gehilfen herein. Herr Hubbard war ein blühend aussehender,
+rotbäckiger, kleiner Mann, dessen Bewunderung für
+die Kunst beträchtlich vermindert worden war durch den
+althergebrachten Geldmangel bei den meisten Künstlern,
+die mit ihm zu tun hatten. In der Regel verließ er seine
+Werkstatt nie. Er wartete, bis die Leute zu ihm kamen.
+Aber bei Dorian Gray machte er immer eine Ausnahme.
+Es war etwas an Dorian, was jeden entzückte. Ihn nur
+zu sehen, das war schon ein Vergnügen.</p>
+
+<p>„Was steht zu Ihren Diensten, Herr Gray?“ fragte er
+und rieb seine fetten, sommersprossigen Hände. „Ich
+dachte, ich wollte mir selbst die Ehre geben, herüberzukommen.
+Ich habe gerade ein Prachtstück von Rahmen da.
+Bei einer Auktion ergattert. Alt-Florentiner. Stammt
+aus Fonthill, vermute ich. Wundervoll geeignet für einen
+religiösen Gegenstand, Herr Gray.“</p>
+
+<p>„Es tut mir leid, daß Sie sich selbst herbemüht haben,
+Herr Hubbard. Ich werde gern mal vorbeikommen und
+den Rahmen ansehen &mdash; obwohl ich mich gerade jetzt nicht
+sehr für religiöse Kunst interessiere &mdash; aber heute möchte
+ich nur ein Bild auf den Boden getragen haben. Es ist
+ziemlich schwer, deshalb dachte ich mir, daß Sie so gut
+wären, mir zwei von Ihren Leuten zu leihen.“</p>
+
+<p>„Hat gar nichts zu sagen, Herr Gray. Freue mich,
+wenn ich Ihnen den kleinsten Dienst leisten kann. Wo ist
+das Kunstwerk, gnädiger Herr?“</p>
+
+<p>„Dies da“, antwortete Dorian und schob den Schirm zurück.
+„Können Sie es so hinaufbringen, wie es jetzt ist,<a class="pagenum" name="Page_186" title="186"> </a>
+Decke und Bild zusammen? Ich möchte nicht, daß es die
+Treppen hinauf zerschrammt wird.“</p>
+
+<p>„Das werden wir leicht kriegen“, sagte der muntere
+Rahmenmacher und begann mit Hilfe von seinem Gesellen
+das Bild von den langen Messingketten loszumachen, an
+denen es aufgehängt war. „Und wo soll es jetzt hingebracht
+werden, Herr Gray?“</p>
+
+<p>„Ich will Ihnen den Weg zeigen, Herr Hubbard, wenn
+Sie so gut sein wollen, mir nur zu folgen. Oder vielleicht
+gehen Sie lieber voraus. Es tut mir leid, aber es ist ganz
+oben. Wir wollen über die Vordertreppe gehen, die ist
+breiter.“</p>
+
+<p>Er hielt ihnen die Tür auf, und sie gingen in den Vorraum
+hinaus und fingen an, hinaufzusteigen. Die ausladenden
+Verzierungen des Rahmens hatten das Bild sehr
+umfangreich gemacht, und hin und wieder legte Dorian mit
+Hand an, um ihnen zu helfen, trotz den unterwürfigen
+Einwänden des Herrn Hubbard, der die lebhafte Abneigung
+des wirklichen Handwerkers gegen jede nützliche Beschäftigung
+eines vornehmen Herrn hatte.</p>
+
+<p>„Da hat man ein ziemliches Gewicht zu schleppen“,
+pustete der kleine Mann, als sie den letzten Treppenabsatz
+erreicht hatten. Und er trocknete sich die glänzende Stirn.</p>
+
+<p>„Es tut mir leid, daß es so schwer ist“, murmelte Dorian,
+während er die Tür zu dem Zimmer aufschloß, das
+dieses sonderbare Geheimnis seines Lebens aufbewahren
+und seine Seele vor den Blicken der Menschheit schützen
+sollte.</p>
+
+<p>Er hatte die Stube wohl länger als vier Jahre nicht<a class="pagenum" name="Page_187" title="187"> </a>
+betreten &mdash; in Wirklichkeit nicht, seitdem sie ihm in seiner
+Kindheit zuerst als Spielzimmer, und dann, als er etwas
+älter war, als Studierzimmer gedient hatte. Es war ein
+großer Raum von schönen Verhältnissen, den der verstorbene
+Lord Kelso eigens zur Benutzung für seinen
+kleinen Enkel angebaut hatte, den er wegen seiner fabelhaften
+Ähnlichkeit mit seiner Mutter und auch noch aus
+anderen Gründen immer gehaßt hatte und möglichst
+weit weg von sich haben wollte. Der Raum schien Dorian
+wenig verändert. Da war der mächtige italienische Cassone
+mit den phantastisch bemalten Füllungen und den abgenutzten
+goldenen Ornamenten, in dem er sich als Junge
+oft versteckt hatte. Da stand der polierte Bücherschrank
+aus Satinholz mit seinen Schulbüchern voll Eselsohren.
+An der Wand darüber hing noch derselbe zerfaserte flämische
+Gobelin, auf dem ein verblichener König und eine
+Königin in einem Garten Schach spielten, während ein
+Trupp von Falkenieren vorbeiritt, die auf ihren Panzerhandschuhen
+Vögel mit kappenverhüllten Köpfen trugen.
+Wie gut er sich an alles erinnerte! Jeder Augenblick seiner
+vereinsamten Kindheit kam ihm vors Gedächtnis, während
+er sich umsah. Er entsann sich der fleckenlosen Reinheit
+seines Knabenlebens, und es schien ihm furchtbar,
+daß gerade hier das verhängnisvolle Bildnis verborgen
+werden sollte. Wie wenig hatte er in diesen längst verrauschten
+Tagen von alledem geahnt, was seiner warten
+sollte!</p>
+
+<p>Aber kein anderer Ort im ganzen Hause war so sicher
+vor neugierigen Augen als dieser. Er hatte den Schlüssel,<a class="pagenum" name="Page_188" title="188"> </a>
+und jetzt konnte niemand weiter hinein. Hinter dem purpurnen
+Bahrtuch konnte nun das gemalte Gesicht auf der
+Leinwand tierisch, gedunsen und lasterhaft werden. Was
+lag daran? Niemand konnte es sehen. Er selbst wollte es
+nicht sehen. Warum sollte er die gräßliche Verwesung
+seiner Seele verfolgen? Er behielt seine Jugend &mdash; das
+mußte genügen. Und übrigens, konnte sein Wesen trotz
+allem nicht edler werden? Es war kein Grund vorhanden,
+daß die Zukunft so angefüllt von Lastern sein müsse. Die
+Liebe konnte in sein Leben treten und ihn läutern und
+ihn vor den Sünden beschützen, die ihm schon in Geist
+und Blut zu gähren schienen &mdash; diese seltsamen, nicht
+gemalten Sünden, deren Unbekanntheit ihnen eben den
+Reiz und die Verführung lieh. Eines Tages vielleicht
+verschwand der grausame Zug von dem empfindlichen
+Scharlachmund, und dann würde er der Welt Basil
+Hallwards Meisterwerk zeigen können.</p>
+
+<p>Nein, das war unmöglich. Stunde für Stunde und
+Woche für Woche alterte das Antlitz auf der Leinwand.
+Es mochte den Greueln der Sünde entfliehen, aber die
+Greuel des Alters mußten es einholen. Die Wangen
+müssen hohl oder schlaff werden. Gelbe Krähenfüße müssen
+sich um die glanzlosen Augen herumringeln und sie fürchterlich
+machen. Das Haar mußte seinen Glanz verlieren,
+der Mund klaffen oder einfallen, blöde oder gewöhnlich
+aussehen, wie eben der Mund alter Leute aussieht. Der
+Hals mußte verschrumpfen, die Hände mußten kalt und von
+blauen Adern durchzogen werden, der Körper mußte sich
+krümmen, wie er ihn bei seinem Großvater gesehen hatte,<a class="pagenum" name="Page_189" title="189"> </a>
+der so streng gegen ihn gewesen war in der Knabenzeit.
+Das Bildnis mußte verborgen bleiben. Da konnte nichts
+helfen.</p>
+
+<p>„Bitte, Herr Hubbard, bringen Sie es herein“, sagte
+er abgespannt und wandte sich um. „Es tut mir leid, daß
+ich Sie so lange aufhielt. Ich dachte gerade nach über
+etwas.“</p>
+
+<p>„Immer angenehm, sich mal verschnaufen zu können,
+Herr Gray“, antwortete der Rahmenmacher, der noch
+immer nach Luft schnappte. „Wo sollen wir es hinstellen?“</p>
+
+<p>„Ach, irgendwo. Vielleicht hierher: da wird's gut
+stehen. Ich will's nicht aufgehängt haben. Lehnen Sie es
+nur gegen die Wand. Danke!“</p>
+
+<p>„Darf man das Kunstwerk mal ansehen?“</p>
+
+<p>Dorian erschrak. „Es würde Sie nicht interessieren, Herr
+Hubbard“, sagte er und sah den Mann fest an. Er fühlte
+sich imstande, auf ihn loszustürzen und ihn zu Boden zu
+werfen, wenn er es wagen sollte, die schimmernde Hülle
+zu lüften, die das Geheimnis seines Lebens barg. „Ich will
+Sie nicht länger aufhalten. Schönsten Dank, daß Sie so
+freundlich waren, herüberzukommen.“</p>
+
+<p>„Kein Anlaß, kein Anlaß, Herr Gray! Es ist mir
+immer ein Vergnügen, für Sie etwas tun zu dürfen.“</p>
+
+<p>Und Herr Hubbard stapfte die Treppe hinab, sein
+Gehilfe hinterher, der noch einmal nach Dorian zurückblickte,
+mit einem Ausdruck scheuer Bewunderung in dem unschönen
+Alltagsgesicht. Er hatte nie einen Menschen gesehen,
+der so wunderhübsch war.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_190" title="190"> </a></p>
+
+<p>Als das Geräusch ihrer Fußtritte verklungen war,
+schloß Dorian die Tür zu und steckte den Schlüssel in die
+Tasche. Jetzt fühlte er sich gleichsam gerettet! Nie würde
+jemand das Schrecknis sehen. Kein Auge als seines würde
+mehr seine Schande erblicken.</p>
+
+<p>Als er wieder in die Bibliothek kam, sah er, daß es
+gerade fünf Uhr war und daß der Tee schon bereit stand.
+Auf einem kleinen Tisch aus dunklem, wohlriechendem
+Holz, das reich mit Perlmutter ausgelegt war, einem
+Geschenk der Frau seines Vormundes, Lady Radley, einer
+hübschen Kranken von Beruf und Gewohnheit, die den vergangenen
+Winter in Kairo zugebracht hatte, lag ein
+Briefchen von Lord Henry und daneben ein Buch in
+gelbem, leicht abgenutztem und an den Ecken nicht mehr
+ganz sauberem Umschlag. Ein Exemplar der dritten Tagesausgabe
+der St.-James-Gazette lag auf dem Teebrett.
+Offenbar war Viktor zurückgekehrt. Er fragte sich, ob
+er wohl die Leute in der Vorhalle getroffen hätte, als
+sie das Haus verließen, und ob er sie ausgeforscht hätte,
+was sie getan hätten. Er würde sicher das Bild vermissen
+&mdash; hatte es ohne Zweifel schon vermißt, als er den Teetisch
+zurecht machte. Der Schirm war noch nicht an seinen
+Platz zurückgestellt worden, und der leere Raum an der
+Wand war auffallend. Vielleicht würde er ihn eines Nachts
+ertappen, wie er hinaufschlich und die Tür des Bodenzimmers
+zu sprengen versuchte. Es war schrecklich, einen
+Spion im Hause zu haben. Er hatte von reichen Leuten
+gehört, die ihr ganzes Leben hindurch von den Erpressungen
+eines Bedienten ausgesaugt wurden, der mal irgendeinen<a class="pagenum" name="Page_191" title="191"> </a>
+Brief gelesen oder ein Gespräch mitangehört oder
+eine Karte mit einer Adresse gefunden oder unter einem
+Kissen eine verwelkte Blume oder einen Fetzen zerknitterter
+Spitze entdeckt hatte.</p>
+
+<p>Er seufzte, goß sich etwas Tee ein und öffnete Lord
+Henrys Billett. Es stand nur darin, daß er ihm die
+Abendzeitung schicke und ein Buch, das ihn vielleicht
+interessieren werde, und daß er ihn um Viertel neun im
+Klub zu treffen hoffe. Er öffnete langsam die St.-James
+und durchflog sie. Ein Strich mit Rotstift auf der fünften
+Seite fiel ihm auf. Er machte auf die folgende Notiz
+aufmerksam:</p>
+
+<blockquote>
+
+<p>„<em class="gesperrt">Leichenschau einer Schauspielerin.</em> Eine
+gerichtliche Untersuchung wurde heute morgen von Herrn
+Danby, dem Bezirks-Leichenbeschauer in der Bell Tavern,
+Hoxton Road, über den Leichnam von Sibyl
+Vane, einer jungen Schauspielerin, die seit kurzem am
+Royal Theater in Holborn engagiert war, abgehalten.
+Es wurde auf Tod durch einen Unglücksfall erkannt.
+Reges Mitgefühl erweckte die Mutter der Verblichenen,
+die während ihrer Aussage und der des <span class="antiqua">Dr.</span> Birrel,
+der die Obduktion der Leiche vorgenommen hatte, ihrem
+Schmerz erschütternden Ausdruck gab.“</p></blockquote>
+
+<p>Er runzelte die Stirn, zerriß das Blatt, lief im Zimmer
+auf und ab und warf die Papierfetzen weg. Wie
+häßlich das alles war! Und was für eine schreckliche
+Wirklichkeit die Häßlichkeit allem gab! Er ärgerte sich
+ein wenig über Lord Henry, daß er ihm den Bericht geschickt
+hatte. Und sicher war es albern von ihm, ihn mit<a class="pagenum" name="Page_192" title="192"> </a>
+Rotschrift anzustreichen. Viktor konnte ihn gelesen haben.
+Der Mann verstand dafür mehr als genug Englisch.</p>
+
+<p>Vielleicht hatte er ihn schon gelesen und angefangen,
+Verdacht zu schöpfen. Und wenn schon, was lag daran?
+Was hatte Dorian Gray mit Sibyl Vanes Tod zu tun?
+Es war kein Grund zur Furcht. Dorian Gray hatte sie
+nicht getötet.</p>
+
+<p>Sein Auge fiel auf das gelbe Buch, das ihm Lord
+Henry geschickt hatte. Er war gespannt, was es sein mochte.
+Er trat an den kleinen perlfarbenen, achteckigen Hocker,
+der ihm immer wie das Werk seltsamer ägyptischer Bienen
+vorgekommen war, die ihre Waben in Silber trieben,
+nahm den Band zur Hand, warf sich in einen Lehnsessel
+und begann zu blättern. Nach einigen Augenblicken kam
+er nicht mehr davon los. Es war das merkwürdigste Buch,
+das er je gelesen hatte. Es schien ihm, als zögen in erlesenen
+Prachtgewändern und zum Klange von Flöten
+die Sünden der Welt in stummem Reigentanze an ihm
+vorbei. Dinge, die er bestimmt geträumt hatte, wurden
+plötzlich zur Wirklichkeit. Dinge, von denen er vag geträumt
+hatte, wurden ihm mählich enthüllt.</p>
+
+<p>Es war ein Roman ohne rechte Handlung, der sich um
+einen einzigen Charakter drehte, eigentlich eine bloße
+psychologische Studie über einen gewissen jungen Pariser,
+der sein Leben mit dem Versuche hinbrachte, im neunzehnten
+Jahrhundert alle Leidenschaften und Wandlungen
+der Denkungsart in Wirklichkeit umzusetzen, die jedem
+Jahrhundert, außer seinem eigenen, angehört hatten,
+und so die verschiedenartigen psychischen Zustände, die<a class="pagenum" name="Page_193" title="193"> </a>
+irgend einmal die Weltseele durchgemacht hatte, in sich
+selbst gewissermaßen zu vereinigen, indem er jene Entsagungen,
+die die Menschen in ihrer Torheit Tugend genannt
+haben, ihrer bloßen Künstlichkeit wegen ebenso
+heftig liebte wie jene Empörungen gegen die Natur, die
+weise Menschen noch immer Sünden nennen. Der Stil, in
+dem das Buch geschrieben war, bestand in jener sonderbaren,
+reich geschmückten Diktion, die lebendig und dunkel
+zugleich ist, von Argotausdrücken und archaistischen Wendungen,
+von technischen Ausdrücken und sorgsam gefeilten
+Umschreibungen strotzt, wie sie die Arbeiten einiger der
+feinsten Künstler aus der französischen Symbolistenschule
+kennzeichnet. Es waren Metaphern darin, so abenteuerlich
+an Form wie Orchideen und auch so fein angehaucht
+wie deren Farbentöne. Das Leben der Sinne war mit
+einer Terminologie mystischer Philosophie beschrieben. Man
+wußte manchmal kaum, ob man von den vergeistigten
+Entzückungen eines mittelalterlichen Heiligen las oder die
+krankhaften Beichtbekenntnisse eines modernen Sünders.
+Es war ein Buch voll Gift. Ein dicker Weihrauchnebel
+schien über den Seiten zu schweben und sein Gehirn zu
+betäuben. Schon der melodische Fall der Sätze, die gesuchte
+Monotonie ihrer Musik mit der Fülle von komplizierten
+Refrains und Taktgefügen, die sich in der raffiniertesten
+Weise wiederholten, erzeugten im Geist des
+Jünglings, als er von Kapitel zu Kapitel weiterlas, eine
+Art Träumerei, ja eine förmliche Krankheit des Träumens,
+so daß er den sinkenden Tag und die hereinkriechenden
+Schatten nicht merkte.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_194" title="194"> </a></p>
+
+<p>Wolkenlos, von den Strahlen keines einzigen Sternes
+durchstochen, glimmerte ein kupfergrüner Himmel durch die
+Fenster. Er las bei seinem matten Licht weiter, bis er
+nicht mehr lesen konnte. Nachdem ihn sein Diener mehrere
+Male an die späte Stunde erinnert hatte, stand er auf,
+ging ins Nebenzimmer, legte das Buch auf das Florentiner
+Tischchen, das immer neben seinem Bett stand, und begann
+sich zum Diner umzukleiden.</p>
+
+<p>Es war fast neun Uhr, als er im Klub ankam, wo er
+Lord Henry allein und sehr gelangweilt aussehend, im
+Frühstückszimmer sitzend, antraf.</p>
+
+<p>„Es tut mir zwar leid, Harry,“ rief er, „aber es ist
+nur deine Schuld. Das Buch, das du mir geschickt hast,
+hat mich wirklich so gefesselt, daß ich gar nicht merkte,
+wo die Zeit geblieben ist.“</p>
+
+<p>„Ja, ich dachte mir, daß es dir gefällt“, antwortete
+der Freund, sich vom Stuhle erhebend.</p>
+
+<p>„Ich habe nicht gesagt, daß es mir gefällt, Harry. Ich
+habe gesagt, es fesselte mich. Das ist ein großer Unterschied.“</p>
+
+<p>„Ah, das hast du entdeckt?“ sagte Lord Henry. Und
+sie gingen zusammen in den Speisesaal.</p>
+
+<h2><a name="Elftes_Kapitel" id="Elftes_Kapitel"></a>Elftes Kapitel</h2>
+
+
+<p>Jahre hindurch konnte sich Dorian Gray von dem Einfluß
+dieses Buches nicht losmachen. Oder es wäre vielleicht
+richtiger zu sagen, er versuchte gar nicht, sich von<a class="pagenum" name="Page_195" title="195"> </a>
+ihm loszumachen. Er ließ sich aus Paris nicht weniger
+als neun Luxusexemplare der ersten Auflage kommen und
+ließ sie verschiedenfarbig einbinden, damit sie zu den
+wechselnden Launen und veränderlichen Stimmungen seiner
+Natur paßten, über die er bisweilen jede Herrschaft verloren
+zu haben schien. Der Held, der wunderbare junge
+Pariser, bei dem das romantische und das wissenschaftliche
+Temperament so merkwürdig vermischt waren, wurde
+für ihn eine Art vorbildlicher Idealgestalt seiner selbst.
+Und in der Tat schien ihm das ganze Buch die Geschichte
+seines Lebens zu enthalten, aufgeschrieben, bevor er selbst
+es gelebt hatte.</p>
+
+<p>In einer Beziehung aber war er glücklicher als der
+phantastische Romanheld. Er kannte nie &mdash; hatte in der
+Tat auch nie einen Grund dazu &mdash; das beinahe groteske
+Grauen vor Spiegeln und polierten Metallflächen und
+unbewegten Wassern, das den jungen Pariser so früh im
+Leben überkam und das durch den jähen Verfall einer
+Schönheit verursacht war, die allem Anschein nach vorher
+ganz außerordentlich gewesen sein mußte. Mit einer fast
+grausamen Lust &mdash; und vielleicht liegt in jeder Lust,
+wie gewißlich in jedem Genuß, Grausamkeit &mdash; pflegte er
+den zweiten Teil des Buches zu lesen mit dem wirklich
+tragischen, wenn auch etwas übertrieben geschilderten Bericht
+von den Leiden und der Verzweiflung eines Menschen,
+der selbst verloren hatte, was er an anderen und an der
+Welt am höchsten schätzte.</p>
+
+<p>Denn die wundervolle Schönheit, die Basil Hallward
+so gefesselt hatte und manchen anderen auch, schien ihn nie<a class="pagenum" name="Page_196" title="196"> </a>
+zu verlassen. Selbst jene, die die häßlichsten Dinge über
+ihn gehört hatten &mdash; und von Zeit zu Zeit schlichen seltsame
+Gerüchte über seine Lebensweise durch London und
+wurden das Gespräch der Klubs &mdash; konnten, wenn sie ihn
+sahen, nichts glauben, was ihm hätte zur Unehre gereichen
+können. Er sah immer aus wie einer, der sich in
+der Welt unbefleckt erhalten hatte. Männer, die sich anstößige
+Dinge erzählten, verstummten, wenn Dorian Gray
+ins Zimmer trat. In der Reinheit seines Antlitzes lag ein
+Etwas, das sie in Schranken hielt. Seine bloße Gegenwart
+schien in ihnen die Erinnerung an die Unschuld zu erwecken,
+die sie beschmutzt hatten. Sie staunten, daß ein
+so reizender und anmutiger Mensch wie er der Befleckung
+durch eine Zeit hatte entgehen können, die zugleich unsauber
+und sinnlich war.</p>
+
+<p>Oft, wenn er von einer der geheimnisvollen längeren
+Abwesenheiten zurückkehrte, die so merkwürdige Vermutungen
+bei seinen Freunden erregten oder bei jenen, die sich
+dafür hielten, so schlich er hinauf in die verschlossene Dachstube,
+öffnete die Tür mit dem Schlüssel, der ihn nun nie
+mehr verließ, und stand mit einem Handspiegel vor dem
+Bildnis, das Basil Hallward von ihm gemalt hatte,
+und sah bald auf das schändliche und gealterte Antlitz auf
+der Leinwand, bald auf das schöne, junge Gesicht, das ihn
+aus der glatten Spiegelfläche anlächelte. Gerade die Stärke
+dieses Kontrastes pflegte seine Lustempfindung zu erhöhen.
+Er verliebte sich mehr und mehr in seine eigene Schönheit
+und empfand mehr und mehr Teilnahme für die Verderbnis
+seiner eigenen Seele. Er untersuchte mit peinlicher<a class="pagenum" name="Page_197" title="197"> </a>
+Sorgsamkeit und manchmal mit ungeheuerlichem
+und schrecklichem Wonnegefühl die häßlichen Linien, die
+die runzlige Stirn durchfurchten oder sich um den üppigen
+sinnlichen Mund schlängelten, und fragte sich manchmal,
+ob wohl die Merkmale der Sünde schrecklicher seien oder
+die Spuren des Alters? Er legte seine weißen Hände
+neben die rohen, gedunsenen Hände des Bildes und lächelte.
+Er machte sich lustig über den verunstalteten Leib und die
+welkenden Glieder.</p>
+
+<p>Dann gab es in der Tat Augenblicke, nachts, wenn er
+schlaflos in seinem mild durchdufteten Zimmer lag oder in
+der schmuddeligen Stube der kleinen berüchtigten Kneipe
+nahe den Docks, die er unter einem angenommenen Namen
+und verkleidet zu besuchen pflegte, wo er mit einem
+Mitgefühl, das um so beklemmender war, als es einen
+rein ethischen Ursprung hatte, an das Elend dachte, das
+er über seine Seele gebracht hatte. Aber Augenblicke wie
+diese waren selten. Jene Neugier auf das Leben, die Lord
+Henry zuerst in ihm aufgestört hatte, als sie im Garten
+ihres Freundes nebeneinander saßen, schien mit ihrer Befriedigung
+nur zu wachsen. Je mehr er wußte, desto mehr
+wollte er wissen. Er hatte tolle Hungeranfälle, die immer
+ungestillter wurden, je mehr er sie nährte.</p>
+
+<p>Und doch war er nicht gerade liederlich geworden, wenigstens
+nicht in seinen Beziehungen zur Gesellschaft. Ein-
+oder zweimal in jedem Monat während des Winters und
+jeden Mittwochabend während der Saison öffnete er der
+Welt sein schönes Haus, und immer waren die berühmtesten
+Musiker da, um seine Gäste mit ihrer erlesenen Kunst<a class="pagenum" name="Page_198" title="198"> </a>
+zu begeistern. Seine kleinen Diners, bei deren Vorbereitung
+ihm Lord Henry immer half, waren ebensosehr wegen der
+sorgsamen Auswahl und Tischordnung der Eingeladenen
+berühmt, wie wegen des ausgesuchten Geschmackes, der
+sich in der Tafeldekoration mit ihren fein abgetönten, symphonischen
+Anordnungen exotischer Pflanzen, gestickter
+Decken und antiker Gold- und Silbergeräte aussprach.
+Tatsächlich gab es eine große Zahl, besonders von ganz
+jungen Menschen, die in Dorian Gray die vollkommene
+Verkörperung eines Typus sahen oder zu sehen wähnten,
+von dem sie oft in den Tagen von Eton oder Oxford geträumt
+hatten, eines Typus, der etwas von der wirklichen
+Bildung des Gelehrten mit der Anmut, Vornehmheit und
+den vollendeten Manieren eines Weltmannes vereinigte.
+Ihnen erschien er als einer aus jener Menschengruppe, von
+denen Dante sagt, „sie suchten sich durch die Anbetung
+der Schönheit zu vervollkommnen“. Gleich Gautier war
+er einer von denen, „für die die sichtbare Welt da war“.</p>
+
+<p>Und gewiß war für ihn das Leben die erste, die größte
+Kunst, und alle übrigen Künste schienen nur die Vorschule
+dazu. Natürlich übte auch die Mode, durch die das
+wirklich Phantastische einen Augenblick lang Allgemeingut
+wird, und das Dandytum, das auf seine Weise einen
+Versuch bildet, eine absolut moderne Art von Schönheit
+zu verkörpern, ihren Reiz auf ihn aus. Seine Art, sich zu
+kleiden, und die besonderen Stilabweichungen, die er von
+Zeit zu Zeit sehen ließ, hatten einen ausgesprochenen Einfluß
+auf die jungen Stutzer der Bälle in Mayfair und
+der Fenster des Pall-Mall-Klubs, die ihm in allem, was<a class="pagenum" name="Page_199" title="199"> </a>
+er tat, nachahmten und jede Exzentrizität aufgriffen, die
+seine Anmut erhöhte, aber ihm selbst nur teilweis ernst
+war.</p>
+
+<p>Denn er war nur zu leicht bereit, die Stellung anzunehmen,
+die ihm unmittelbar nach seiner Volljährigkeit
+geboten wurde, und er fand in Wahrheit einen besonderen
+Genuß in dem Gedanken, er könne für das London seiner
+Zeit das werden, was für das Rom des Kaisers Nero
+der Verfasser des „Satyrikon“ gewesen war, aber er
+wünschte doch im innersten Herzen mehr zu werden als ein
+arbiter elegantiarum, und nicht nur über das Tragen
+eines Schmuckstückes oder das Binden einer Krawatte oder
+die Haltung eines Spazierstockes befragt zu werden. Er
+suchte ein neues Schema für die Lebensführung zu entwerfen,
+das seine philosophische Grundlage und seine geordneten
+Prinzipien haben und in der Vergeistigung der
+Sinne seine höchste Vervollkommnung erreichen sollte.</p>
+
+<p>Die Pflege der Sinne ist oft und mit vielem Recht geschmäht
+worden, da die Menschen einen natürlichen, instinktiven
+Abscheu vor Leidenschaften und Empfindungen
+haben, die stärker scheinen als sie selbst und die sie mit
+weniger hoch organisierten Formen des Lebendigen gemein
+zu haben sich bewußt sind. Doch kam es Dorian Gray so
+vor, als ob die wahre Natur der Sinne noch nie verstanden
+worden sei und als ob sie nur deshalb wild und tierisch
+geblieben seien, weil die Welt versuchte, sie durch Hunger
+zur Unterwerfung zu bringen oder durch Schmerzen zu
+töten, statt bestrebt zu sein, sie zu Bestandteilen einer
+neuen geistigen Welt zu machen, in der ein edles Schönheitsbewußtsein<a class="pagenum" name="Page_200" title="200"> </a>
+die vorherrschende Triebfeder sein sollte.
+Wenn er auf den Gang der Menschen durch die Weltgeschichte
+zurückblickte, verfolgte ihn ein Gefühl des Verlustes.
+So vielem war entsagt worden und zu so geringem
+Zweck! Es hatte wahnsinnige freiwillige Entsagungen
+gegeben, ungeheuerliche Formen von Selbstquälerei und
+Selbstverleugnung, deren Ursprung die Furcht war und
+deren Ergebnis eine Erniedrigung von unsäglich schrecklicherer
+Art, als jene nur eingebildete Erniedrigung, vor
+der sie sich in ihrer Unwissenheit flüchten wollten, da die
+Natur in ihrer wunderbaren Ironie den Anachoreten
+hinausjagte, damit er sich in Gesellschaft der Bestien der
+Wüste nährte, und dem Einsiedler die Tiere des Feldes
+zu Gefährten gab.</p>
+
+<p>Ja: es mußte, wie Lord Henry prophezeit hatte, ein
+neuer Hedonismus kommen, um das Leben zu erneuern
+und es von jenem strengen, häßlichen Puritanertum zu erlösen,
+das in unseren Tagen seine sonderbare Auferstehung
+feierte. Gewiß, er würde dem Intellekt gehorsam sein
+müssen; aber niemals dürfte er eine Theorie oder ein
+System anerkennen, das irgendein leidenschaftliches Erlebnis
+zum Opfer forderte. Sein wahres Ziel sollte gerade
+die Erfahrung selbst sein und nicht die Früchte der Erfahrung,
+mochten sie nun so süß oder bitter sein, wie sie
+wollten. Von dem Asketentum, das die Sinne tötet, oder
+von der gewöhnlichen Ausschweifung, die sie abstumpft,
+würde er nichts wissen wollen. Aber er sollte die Menschen
+lehren, sich für die Momente des Lebens zu sammeln,
+da dieses selbst doch nur ein Moment ist.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_201" title="201"> </a></p>
+
+<p>Es gibt nur wenige unter uns, die nicht manchmal vor
+Tagesgrauen erwacht wären, entweder nach einer jener
+traumlosen Nächte, die uns den Tod lieben lassen, oder
+nach einer jener Nächte voll Schrecken und wollüstiger Albdrücken,
+wo durch die Kammern des Gehirns Gespenster
+flattern, die schrecklicher sind als die Wirklichkeit selbst
+und erfüllt sind von dem lebendigen Dasein, das in allem
+Grotesken lauert und das der gotischen Kunst ihre ewig
+lebendige Kraft gibt, weil gerade diese Kunst, wie man
+sagen möchte, die besondere Kunst jener ist, deren Geist
+durch die Krankheit von Fieberträumen verwirrt worden
+ist. Nach und nach strecken sich bleiche Finger zwischen den
+Vorhängen durch und scheinen zu erzittern. In schwarzen,
+abenteuerlichen Formen kriechen stumme Schatten in die
+Ecken des Zimmers und kauern dort nieder. Draußen regen
+sich die Vögel im Geblätter, oder man hört den Schritt
+der Menschen, die zur Arbeit gehen, oder das Heulen und
+Schluchzen des Windes, der von den Bergen kommt und
+das schweigsame Haus umwandert, als fürchte er, die
+Schläfer zu wecken, und müsse dennoch den Schlaf aus
+seiner purpurnen Höhle ans Licht rufen. Schleier nach
+Schleier aus feiner, dunkelfarbener Gaze heben sich, und
+allmählich erhalten die Dinge ihre Formen und Farben
+zurück, und wir sehen es mit an, wie die Frühdämmerung
+der Welt ihre alte Gestalt zurückgibt. Die verschwommenen
+Spiegel bekommen ihr Scheinleben zurück. Die lichtlosen
+Lampen stehen, wo wir sie gelassen haben, und neben ihnen
+liegt das halb aufgeschnittene Buch, darin wir gelesen, oder
+die verwelkte Blume, die wir auf dem Ball getragen, oder<a class="pagenum" name="Page_202" title="202"> </a>
+der Brief, den zu lesen wir uns gefürchtet oder den wir
+zu oft gelesen haben. Nichts scheint uns geändert. Aus
+den unwirklichen Schatten der Nacht tritt das wirkliche
+Leben hervor, das wir kannten. Wir haben es da wieder
+aufzunehmen, wo wir es unterbrochen haben, und uns
+beschleicht das fürchterliche Gefühl der Notwendigkeit, seine
+Energien weiter verbrauchen zu müssen in der gleichen ermüdenden
+Tretmühle stereotyper Gewohnheiten, oder vielleicht
+überschleicht uns eine wilde Sehnsucht, daß sich
+unsere Augen eines Morgens öffnen möchten für eine
+Welt, die im nächtigen Dunkel zu unserer Lust neu
+erschaffen worden sei, für eine Welt, in der die Dinge
+frische Linien und Farben hätten, verändert seien oder
+andere Geheimnisse bürgen, für eine Welt, in der die Vergangenheit
+nur einen unbedeutenden oder gar keinen
+Platz hätte oder wenigstens in keiner bewußten Form
+von Verpflichtung oder Reue weiterlebte, wo die Erinnerung
+selbst an die Freude ihre Bitterkeit enthält
+und dem Gedächtnis an den Genuß ein Schmerz beigemischt
+ist.</p>
+
+<p>Die Erschaffung solcher Welten schien für Dorian Gray
+der wahre Lebensinhalt oder wenigstens sein hauptsächlichster
+Inhalt zu bedeuten; und auf seiner Suche
+nach Sinnenerlebnissen, die zugleich neu und genußreich
+sein sollten und jenes Element der Seltsamkeit
+enthielten, die für die Romantik so wesentlich ist, eignete
+er sich oft gewisse Arten zu denken an, von denen ihm
+wohl bewußt war, daß sie seinem Wesen in Wirklichkeit
+fremd waren, gab sich ihren subtilen Einflüssen<a class="pagenum" name="Page_203" title="203"> </a>
+hin und verließ sie dann, wenn er sozusagen ihre Farbe
+in sich eingesogen und seine geistige Neugier befriedigt
+hatte, mit jener eigentümlichen Gleichgültigkeit,
+die nicht unvereinbar ist mit einem wirklich glühenden
+Temperament, und die in der Tat nach der Meinung
+gewisser moderner Psychologen oft eine Bedingung dafür
+ist.</p>
+
+<p>Einmal ging ein Gerücht von ihm, er wolle katholisch
+werden; und gewiß hatte der katholische Kult eine große
+Anziehungskraft für ihn. Das tägliche Meßopfer, das
+wirklich viel ehrfurchterweckender ist als alle Opfer der
+antiken Welt, regte ihn ebensosehr an durch seine prachtvolle
+Unbekümmertheit des sinnlichen Augenscheins wie
+durch die primitive Einfachheit seiner Elemente und das
+ewige Pathos der menschlichen Tragödie, die es zu symbolisieren
+versuchte. Er liebte es, auf das kalte Marmorpflaster
+hinzuknien und den Priester zu beobachten, der
+in seiner stimmungsvollen, blumengestickten Stola langsam
+und mit weißen Händen den Vorhang vom Tabernakel
+hinwegzog, oder die laternenförmige edelsteingeschmückte
+Monstranz in die Höhe hob, die jene blasse Hostie enthielt,
+von der man zuzeiten wirklich denken konnte, es sei der
+panis coelestis, das Brot der Engel, oder der, in die Gewänder
+der Christuspassion gehüllt, die Hostie in den
+Kelch tauchte und sich um seiner Sünden willen die Brust
+schlug. Die rauchenden Weihrauchkessel, die die ernsten
+Knaben in ihren Spitzen- und Scharlachmänteln in der
+Luft schwangen und die wie große, goldene Blumen aussahen,
+übten einen tiefen Zauber auf ihn aus. Wenn er<a class="pagenum" name="Page_204" title="204"> </a>
+hinaustrat, pflegte er staunend die dunkeln Beichtstühle
+anzublicken und empfand eine Sehnsucht, im düsteren
+Schatten eines solchen zu sitzen und den Männern und
+Frauen zu lauschen, die durch das abgenutzte Gitter die
+wahre Geschichte ihres Lebens flüsterten.</p>
+
+<p>Aber er verfiel nie dem Irrtum, seine geistige Entwicklung
+durch die förmliche Annahme irgendeines Glaubens
+oder Systems zu hindern oder irrtümlich ein Haus, in dem
+man leben konnte, gleichsam für eine Herberge zu halten,
+die nur zu kurzem Aufenthalt während einer Nacht oder
+nur für ein paar Stunden während einer Nacht taugt,
+wenn keine Sterne leuchten und der Mond im Wechsel
+begriffen ist. Die Mystik mit ihrer wunderbaren Kraft,
+uns gewöhnliche Dinge seltsam erscheinen zu lassen, und
+jene tiefe Ketzersucht, die sie immer zu begleiten scheint,
+reizte ihn eine Saison hindurch; und dann neigte er sich
+eine andere Saison hindurch wieder den materialistischen
+Lehren der Darwinistischen Bewegung in Deutschland zu
+und fand einen besonderen Genuß darin, die Gedanken und
+Leidenschaften der Menschen bis auf irgendeine perlgroße
+Zelle im Gehirn oder auf irgendeinen weißen Nerv im
+Körper zurückzuleiten, schwelgte förmlich in der Vorstellung
+einer absoluten Abhängigkeit des Geistes von gewissen
+physischen Bedingungen, mochten sie krankhaft oder gesund,
+normal oder pathologisch sein. Aber, wie schon früher
+von ihm berichtet wurde, so schien keine Lebenstheorie
+von irgendeiner Bedeutung für ihn, im Vergleich mit dem
+Leben selbst. Er war sich haarscharf bewußt, in welches
+Irrsal jede geistige Spekulation führen mußte, wenn sie<a class="pagenum" name="Page_205" title="205"> </a>
+von Handlung und Experiment getrennt ist. Er wußte,
+daß die Sinne nicht weniger als die Seele ihre geistigen
+Geheimnisse offenbaren mußten.</p>
+
+<p>Und so ergab er sich zeitweilig dem Studium der
+Wohlgerüche, bemühte sich um die Geheimnisse ihrer Bereitung,
+destillierte schwerduftende Öle und verbrannte
+wohlriechendes Gummi, das aus dem Orient stammte. Er
+erkannte, daß es keine Stimmung des Geistes gab, die nicht
+ihr Seitenstück im Leben der Sinne fand, und mühte sich,
+die wirkliche Beziehung zwischen beiden zu entdecken, um
+herauszuklügeln, weshalb der Weihrauch den Menschen
+mystisch stimmte, warum die Ambra die Leidenschaften aufstachele,
+woher der Veilchenduft die Erinnerung an <ins title="gegestorbene">gestorbene</ins>
+Romantik erwecke, wieso der Moschus das
+Gehirn verwirre, und wodurch der Tschampak die Phantasie
+beflecke: und so versuchte er manchmal, eine genaue
+Psychologie der Wohlgerüche auszuarbeiten und ihre verschiedenen
+Wirkungen zu bestimmen, zum Beispiel süßriechender
+Wurzeln, duftiger, samentragender Blüten, aromatischer
+Balsame, dunkler, starkriechender Hölzer, des
+Baldrians, der zum Erbrechen reizt, der Hovenia, die einen
+toll macht, und der Aloe, die imstande sein soll, die Schwermut
+aus der Seele zu verjagen.</p>
+
+<p>Ein andermal widmete er sich gänzlich der Musik und
+gab öfter Konzerte in einem langen, dämmerigen Saal,
+dessen Wände mit olivengrünem Lack überzogen waren,
+und dessen Decke aus einem rot und gold Muster bestand,
+wobei tolle Zigeuner kleinen Zithern wilde Musik entlockten
+oder ernste, in gelbe Tücher gehüllte Männer aus<a class="pagenum" name="Page_206" title="206"> </a>
+Tunis die gespannten Saiten seltsam großer Lauten zupften,
+während grinsende Neger eintönig auf kupferne Trommeln
+schlugen und schlankschmächtige, turbanbedeckte Inder
+auf scharlachroten Matten hockten und auf langen Rohr-
+oder Messingpfeifen bliesen und damit große Brillenschlangen
+oder schreckliche Hornvipern beschworen oder zu
+beschwören schienen. Die kreischenden Intervalle und die
+schrillen Mißtöne barbarischer Musik reizten ihn zuweilen,
+wenn Schuberts Lieblichkeit oder Chopins süßes Schmachten
+und die gewaltigen Harmonien des großen Beethoven
+machtvoll in sein Ohr schlugen. Aus allen Weltteilen
+sammelte er die merkwürdigsten Instrumente, die sich
+finden ließen, entweder in den Gräbern toter Völker oder
+unter den wenigen wilden Stämmen, die noch die Berührung
+mit der westlichen Kultur überlebt haben, und
+er liebte es, sie zu befühlen und zu verfügen. Er besaß das
+mysteriöse Juruparis der Rio-Negro-Indianer, das die
+Frauen nicht ansehen dürfen und selbst die jungen Männer
+erst dann, wenn sie vorher gefastet und sich gegeißelt haben,
+er besaß die irdenen Klappern der Peruaner, die den
+schrillen Ton des Vogelschreis wiedergeben, und Flöten
+aus Menschenknochen, wie sie Alfonso de Ovalle in Chile
+gehört hat, und die wohlklingenden grünen Jaspissteine,
+die bei Cuzco gefunden werden und einen Ton von eigentümlicher
+Süße hervorbringen. Er hatte bemalte, mit
+Kieselsteinen gefüllte Kürbisse, die beim Schütteln rasselten,
+er hatte die langen Zinken der Mexikaner, in die der
+Spieler nicht hineinbläst, sondern durch die er die Luft
+einatmet, das rauhe Ture der Amozonenstämme, das die<a class="pagenum" name="Page_207" title="207"> </a>
+Wachen ertönen lassen, wenn sie den ganzen Tag auf hohen
+Bäumen sitzen, und das, wie man sagt, auf eine Entfernung
+von drei Seemeilen gehört werden kann, das Teponaztli,
+das zwei zitternde Holzzungen hat und auf die
+man mit Stöcken schlägt, die mit einer Art elastischen Kautschuks
+eingesalbt werden, das aus dem milchigen Saft
+von Pflanzen gewonnen wird, er hatte die Yotlglocken
+der Azteken, die wie Trauben in Büscheln hängen, und
+eine große zylinderförmige Trommel, die bespannt ist mit
+den Häuten großer Schlangen gleich der, die Bernal Diaz
+sah, als er mit Cortez in den mexikanischen Tempel trat,
+und von deren wehklagendem Tone er uns eine so lebendige
+Schilderung hinterlassen hat. Das phantastische Wesen
+dieser Instrumente wirkte bezaubernd auf ihn, und er empfand
+einen seltsamen Genuß bei dem Gedanken, daß die
+Kunst wie die Natur ihre Ungeheuer hat, Dinge von tierischer
+Form und mit abscheulichen Stimmen. Aber nach
+einiger Zeit wurde er ihrer müde und saß dann wieder in
+seiner Loge in der Oper, entweder allein oder mit Lord
+Henry, lauschte hingerissen dem Tannhäuser und erkannte
+in dem Vorspiel zu diesem großen Kunstwerk eine Verkörperung
+des Trauerspiels seiner eigenen Seele.</p>
+
+<p>Wieder ein andermal warf er sich auf das Studium der
+Edelsteine und erschien auf einem Maskenfest als Anne de
+Joyeuse, Admiral von Frankreich, in einem Gewand, das
+mit fünfhundertsechzig Perlen bestickt war. Diese Geschmacksrichtung
+hielt ihn jahrelang gefangen, ja, man kann
+sagen, daß sie ihn nie verlassen hat. Er verbrachte oft
+einen ganzen Tag damit, die verschiedenen Steine, die er<a class="pagenum" name="Page_208" title="208"> </a>
+gesammelt hatte, aus ihren Schachteln zu nehmen und
+wieder umzuordnen, wie beispielsweise der olivengrüne
+Chrysoberyll, der im Lampenlicht rot wird, der Cymophan
+mit seinen haarfeinen Silberlinien, der pistazienfarbene
+Peridot, rosenfarbige und weingelbe Topase, scharlachfeurige
+Karfunkelsteine mit zitternden, vierfach ausstrahlenden
+Sternen, flammenrote Kaneelsteine, orangenfarbene
+und violette Spinelle und Amethyste mit ihren
+regelmäßig wechselnden Schichten von Rubin und Saphir.
+Er liebte das rote Gold des Sonnensteins und die perlfarbene
+Weiße des Mondsteins und den gebrochenen
+Regenbogen des milchflockigen Opals. Er verschrieb sich
+aus Amsterdam drei Smaragde von außerordentlicher
+Größe und wunderbarem Farbenreichtum und besaß einen
+Türkis <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">de la vieille roche</span>, um den ihn alle Kenner beneideten.</p>
+
+<p>Er entdeckte auch wunderbare Geschichten über Edelsteine.
+In Alfons „<span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">Clericalis disciplina</span>“ wurde eine
+Schlange erwähnt mit Augen aus wirklichen Hyazinthsteinen,
+und in der romantischen Alexandersage hieß es
+von dem Eroberer Emathias, er habe im Jordantale
+Schlangen gefunden „mit Halsgeschmeiden aus wirklichen
+Smaragden, die ihnen auf dem Rücken gewachsen waren“.
+Im Gehirn des Drachen war nach dem Bericht des Philostratus
+ein Edelstein, und „durch das Entgegenhalten
+goldener Lettern und eines scharlachroten Gewandes“
+konnte das Ungeheuer in einen magischen Schlaf versetzt
+und getötet werden. Nach der Meinung des großen Alchimisten
+Pierre de Boniface sollte der Diamant den Menschen<a class="pagenum" name="Page_209" title="209"> </a>
+unsichtbar und der indische Achat ihn beredt machen.
+Der Karneol beschwichtigte den Zorn, und der Hyazinth
+schläferte ein, und der Amethyst verscheuchte den Weindunst.
+Der Granat trieb Teufel aus, und der Hydrophyt
+beraubte den Mond seiner Farbe. Der Selenit nahm mit
+dem Monde zu und ab, und der Meloceus, der die Diebe
+entdeckte, verlor seine Kraft nur, wenn man ihn mit dem
+Blut junger Ziegen betropfte. Leonardus Camillus hatte
+einen weißen Stein gesehen, den man aus dem Gehirn
+einer frisch getöteten Kröte genommen hatte und der ein
+sicheres Gegenmittel gegen Gift war. Der Bezoar, den
+man im Herzen des arabischen Hirsches fand, war ein
+Zauber, der die Pest zu heilen vermochte. In den Nestern
+arabischer Vögel kam der Aspilates vor, der nach der
+Angabe des Demokrit seinen Träger vor jeder Feuersgefahr
+beschützte.</p>
+
+<p>Der König von Seilan ritt bei seiner Krönungsfeier,
+mit einem großen Rubin in der Hand, durch seine Stadt.
+Die Tore zum Palast des Johannes, des Priesters, waren
+aus Sarder verfertigt, in den das Horn der Hornviper
+verarbeitet war, so daß kein Mensch Gift in das Haus
+bringen konnte. Über dem Giebel waren „zwei goldene
+Äpfel, die zwei Karfunkelsteine enthielten“, so daß am
+Tage das Gold glänzen konnte und die Karfunkelsteine bei
+Nacht. In Lodges seltsamem Roman „Eine amerikanische
+Perle“ heißt es, daß man in dem Zimmer der Königin
+„alle keuschen Frauen der Welt, wie in Silber getrieben,
+wahrnehmen konnte, wenn man durch fleckenfreie Spiegel
+aus Chrysolithen, Karfunkelsteinen, Saphiren und grünen<a class="pagenum" name="Page_210" title="210"> </a>
+Smaragden blickte“. Marco Polo hatte gesehen, wie die
+Einwohner von Zipangu den Toten rosenfarbige Perlen
+in den Mund steckten. Ein Seeungeheuer war in die Perle
+verliebt, die ein Taucher dem König Perozes brachte, und
+es hatte den Dieb getötet und sieben Monate lang über
+den Verlust getrauert. Als die Hunnen den König in den
+großen Hinterhalt lockten, warf er die Perle weg &mdash; Prokopius
+erzählt die Geschichte &mdash; und sie wurde nie wieder
+gefunden, obwohl Kaiser Anastasius dafür fünf Zentner
+Goldstücke aussetzte. Der König von Malabar hatte einmal
+einem Venezianer einen Rosenkranz aus dreihundertvier
+Perlen gezeigt, eine Perle für jeden Gott, den er verehrte.</p>
+
+<p>Als der Herzog von Valentinois, der Sohn Alexanders
+des Sechsten, Ludwig den Zwölften von Frankreich besuchte,
+war nach Brantôme sein Pferd mit goldenen Blättern
+bedeckt, und ein Barett trug eine doppelte Reihe von
+Rubinen, die ein mächtiges Licht ausstrahlten. Karl von
+England ritt in Steigbügeln, die mit vierhunderteinundzwanzig
+Diamanten besetzt waren. Richard der Zweite hatte
+ein Gewand, das mit Balasrubinen besetzt war, und auf
+dreißigtausend Mark geschätzt wurde. Hall beschrieb Heinrich
+den Achten auf seinem Wege zur Krönung nach dem
+Tower folgendermaßen: er trug ein „Panzerkleid aus
+erhabenem Gold, die Brust war mit Diamanten und
+anderen Edelsteinen bestickt, und um den Hals hing ihm
+eine mächtige Kette aus schweren Balasrubinen“. Die
+Günstlinge Jakobs des Ersten trugen Ohrringe aus Smaragden,
+die in Goldfiligran gefaßt waren. Eduard der<a class="pagenum" name="Page_211" title="211"> </a>
+Zweite schenkte dem Piers Gaveston eine vollständige
+Rüstung aus rotem Golde, die mit Hyazinthsteinen besetzt
+war, eine Halsberge aus goldenen Rosen, in die Türkise
+eingelassen waren, und eine mit Perlen übersäte Sturmhaube.
+Heinrich der Zweite trug Handschuhe bis zum
+Ellenbogen hinauf, die mit Edelsteinen besetzt waren, und er
+hatte einen Falkenierhandschuh, den zwölf Rubinen und
+zweiundfünfzig große Perlen zierten. Der Herzogshut
+Karls des Kühnen, des letzten Burgunder Herzogs seines
+Geschlechts, war behängt mit birnenförmigen Perlen und
+überstreut mit Saphiren.</p>
+
+<p>Wie köstlich das Leben einst gewesen war! Wie schwelgerisch
+in seinem Pomp und Schmuck! Von dem Reichtum
+der Toten auch nur zu lesen war schon wunderbar.</p>
+
+<p>Dann wandte er seine Aufmerksamkeit wieder den
+Stickereien zu und den Gobelins, die in den frostigen
+Räumen der nördlichen Völker Europas die Stelle der
+Freskogemälde vertraten. Als er sich in dieses Gebiet
+vertiefte &mdash; und er besaß immer eine außerordentliche
+Fähigkeit, sich für den Augenblick von allem absorbieren zu
+lassen, was er in Angriff nahm &mdash; wurde er ordentlich
+traurig bei dem Gedanken an die Vernichtung, die die
+Zeit schönen und wundervollen Dingen bereitete. Er
+wenigstens war ihr entronnen. Sommer folgte dem Sommer,
+die gelben Jonquillen hatten geblüht und waren
+viele Male verwelkt, und schreckliche Nächte wiederholten
+die Geschichte ihrer Schande, aber er blieb unverändert.
+Kein Winter entstellte sein Antlitz oder beschädigte seinen
+blütengleichen Schmelz. Wie anders war das mit den<a class="pagenum" name="Page_212" title="212"> </a>
+materiellen Dingen! Wohin waren die entschwunden?
+Wo war das große krokusfarbene Gewand, auf dem die
+Götter die Giganten bekämpft hatten, das von braunen
+Mädchen der Athene zur Freude gestickt worden war? Wo
+war das große Velarium, das Nero über das Kolosseum
+in Rom hatte ausspannen lassen, dieses gigantische Purpursegel,
+auf dem der Sternenhimmel abgebildet war, und
+Apollo, wie er einen Wagen lenkt, den weiße, von goldenen
+Zügeln gebändigte Streitrosse ziehen? Er sehnte sich, die
+sonderbaren Tischdecken zu sehen, die für den Sonnenpriester
+gewebt worden waren, und in die alle Leckerbissen
+und Speisen eingewirkt waren, die man für ein Festmahl
+nur wünschen konnte, das Sterbekleid des Königs Hilperich
+mit seinen dreihundert goldenen Bienen, die phantastischen
+Gewandungen, die die Entrüstung des Bischofs
+von Pontus erregten und auf denen „Löwen, Panther,
+Bären, Hunde, Wälder, Felsen, Jäger &mdash; kurz alles dargestellt
+war, was ein Maler der Natur ablauschen kann“,
+und den Rock, den Karl von Orleans einstmals getragen
+hatte, auf dessen Ärmel die Verse eines Gedichtes gestickt
+waren, das begann: <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">Madame, je suis tout joyeux</span>, während
+die Noten hierzu mit Goldfäden eingestickt waren
+und jeder Notenkopf, damals noch viereckig, aus vier Perlen
+gebildet war. Er las von dem Zimmer, das man im
+Palast von Reims für den Gebrauch der Königin Johanna
+von Burgund hergerichtet hatte, „und das ausgeschmückt
+war mit dreizehnhunderteinundzwanzig gestickten Papageien,
+die das Wappen des Königs trugen, und mit fünfhunderteinundsechzig
+Schmetterlingen, deren Flügel auf<a class="pagenum" name="Page_213" title="213"> </a>
+dieselbe Weise mit dem Wappen der Königin geschmückt
+waren, das Ganze in Gold gearbeitet.“ Katharina von
+Medici hatte sich ein Trauerbett machen lassen aus schwarzem
+Samt, bestickt mit Halbmonden und Sonnen. Seine
+Vorhänge waren aus Damast, und auf einem Grunde
+von Gold und Silber waren Zweige und Girlanden gestickt,
+und die Bordüren bestanden aus Fransen mit Perlen,
+und es stand in einem Zimmer, das mit einem Silbertuch
+bespannt war, auf dem reihenweise die Wahlsprüche der
+Königin in schwarzem, geschorenem Samt appliziert waren.
+Ludwig der Vierzehnte hatte in seinem Gemach goldgestickte,
+fünfzehn Fuß hohe Karyatiden. Das Staatsbett
+Sobieskis, des Königs von Polen, bestand aus Smyrna-Goldbrokat,
+und Verse aus dem Koran waren aus Türkisen
+hineingestickt. Seine Füße waren aus vergoldetem
+Silber, schön getrieben und verschwenderisch mit Medaillons
+aus Email und Edelsteinen besetzt. Es war bei
+der Belagerung von Wien aus dem türkischen Lager erbeutet
+worden, und die Fahne Mohammeds war unter
+dem flimmerigen Gold seines Baldachins angebracht.</p>
+
+<p>Und so suchte er ein ganzes Jahr lang die erlesensten
+Proben zusammen, die er von Webekunst und Stickereiarbeiten
+auftreiben konnte, er verschaffte sich die duftigen
+Delhi-Musselins, die zart mit goldenen Palmblättern
+und mit irisierenden Käferflügeln bestickt waren, die Gazestoffe
+aus Dhaka, die man im Orient ihrer Durchsichtigkeit
+wegen „gewebte Luft“, „rieselndes Wasser“ und „Abendtau“
+nennt: Tücher aus Java mit seltsamen Figuren:
+feine, gelbe chinesische Gardinen: Bücher, die in lohfarbigen<a class="pagenum" name="Page_214" title="214"> </a>
+Atlas oder hellblaue Seide gebunden und eingepreßte
+heraldinische Lilien, Vögel und Schildereien zeigten Pointslace-Schleiergewebe
+aus Ungarn: sizilianische Brokate
+und steife spanische Sammete: georgische Arbeiten mit
+ihren goldenen Münzen, und japanische Fukusas mit
+ihren grünen Goldtönen und ihren gefiederten Vögeln
+wunderbarster Arbeit.</p>
+
+<p>Er hatte dann eine besondere Leidenschaft für kirchliche
+Gewänder wie für alles, was mit dem religiösen Ritus
+zusammenhing. In den langen Kästen aus Zedernholz,
+die auf der westlichen Galerie seines Hauses standen, hatte
+er viele seltene, schöne Proben des wahrhaften Kleides
+der Christusbraut angesammelt, die sich in Purpur, in
+Edelsteine und feines Linnen kleiden muß, um den bleichen,
+abgezehrten Leib darin zu verhüllen, der erschöpft ist von
+den Leiden, die sie sucht, und verwundet von selbst zugefügten
+Schmerzen. Er besaß einen prachtvollen Chorrock
+aus karminroter Seide und goldgewirktem Damast,
+der mit einem sich wiederholenden Muster von goldenen
+Granatäpfeln geziert war, die auf sechsblättrigen, regelmäßigen
+Blüten saßen, worunter auf jeder Seite ein in
+Staubperlen gestickter Tannenzapfen war. Die Goldstickereien
+waren in einzelne Felder geteilt, in denen Szenen
+aus dem Leben der Jungfrau abgebildet waren und die
+Krönung der Jungfrau war in der dazu gehörigen Kappe
+in farbiger Seide oben eingestickt. Es war italienische
+Arbeit aus dem fünfzehnten Jahrhundert. Ein anderer
+Chorrock war aus grünem Samt, bestickt mit herzförmigen
+Bündeln von Akanthusblättern, aus denen langgestielte<a class="pagenum" name="Page_215" title="215"> </a>
+weiße Blüten hervorsprossen, die zart mit silbernen Fäden
+und farbigen Kristallperlen ausgearbeitet waren. Auf der
+Spange war der Kopf eines Seraphs in erhabener
+Goldstickerei ausgeführt. Die Borten waren fortlaufend
+auf blumigem Tuch in roter und goldener Seide eingewebt
+und mit den Medaillonbildnissen vieler Heiligen und Märtyrer
+ausstaffiert, unter denen sich der heilige Sebastian
+befand. Er hatte auch Meßgewänder aus bernsteinfarbiger
+Seide und blauer Seide und goldenem Brokat und
+aus gelbem Seidendamast und goldenem Tuch, die bedeckt
+waren mit Darstellungen der Passion und der Kreuzigung
+Christi, und bestickt mit Löwen, Pfauen und anderen Emblemen,
+er hatte Dalmatikas aus weißem Atlas und
+rosarotem Seidendamast, geziert mit Tulpen, Delphinen
+und heraldischen Lilien: Altardecken aus karmoisinrotem
+Samt und blauem Linnen, und viele Decken für Meßgeräte,
+Kelchhüllen und Schweißtücher. In den mystischen
+Diensten, zu denen diese Dinge bestimmt waren, lag
+etwas, das seine Einbildungskraft anregte.</p>
+
+<p>Denn diese Schätze und überhaupt alles, was er in
+seinem wunderbaren Hause ansammelte, waren für ihn
+Mittel zum Vergessen, Liebhabereien, durch die er eine
+Zeitlang der Angst entrinnen konnte, die ihm oft zu groß
+erschien, um sie zu ertragen. An die Wand des verlassenen,
+verschlossenen Raumes, worin er einen so großen Teil seiner
+Knabenzeit verbracht hatte, hatte er mit seinen eigenen
+Händen das fürchterliche Porträt aufgehängt, dessen Züge
+ihm in ihrer Veränderung die wahrhafte Erniedrigung
+seines Lebens zeigten, und darüber hatte er als Vorhang<a class="pagenum" name="Page_216" title="216"> </a>
+das Bahrtuch aus Gold und Purpur angebracht. Wochenlang
+mochte er nicht dahin gehen, wollte er das gräßliche
+Gemälde vergessen und gewann dann wieder sein leichtes
+Herz zurück, seine wunderbare Fröhlichkeit und seine
+Kraft zu leidenschaftlicher Versenkung ins Leben. Dann
+aber schlich er plötzlich in einer Nacht aus dem Hause,
+besuchte schaurige Orte in der Nähe von Blue Gate Fields
+und blieb dort Tag um Tag, bis es ihn wieder wegtrieb.
+Nach seiner Rückkehr saß er dann wohl vor dem Bilde,
+manchmal voll Haß vor ihm und vor sich selbst, ein
+andermal aber erfüllt mit dem Stolze auf das eigene
+Wesen, der den halben Reiz der Sünde ausmacht, und
+er lächelte dann mit geheimem Vergnügen das verunstaltete
+Abbild an, das die Last zu tragen hatte, die eigentlich
+für ihn bestimmt war.</p>
+
+<p>Nach einigen Jahren konnte er es nicht aushalten, lange
+von England weg zu sein, und gab das Landhaus auf,
+das er gemeinsam mit Lord Henry in Trouville innegehabt
+hatte, und ebenso das kleine, von weißer Mauer umrahmte
+Haus in Algier, wo sie mehr als einmal den
+Winter verbracht hatten. Er konnte es nicht ertragen, von
+dem Porträt getrennt zu sein, das jetzt gewissermaßen
+ein Teil seines Lebens geworden war, und er fürchtete
+auch, es könne in seiner Abwesenheit irgend jemand Zutritt
+bekommen trotz den sorgfältig gearbeiteten Sicherheitsschlössern,
+die er an der Türe hatte anbringen lassen.</p>
+
+<p>Er war sich vollauf bewußt, daß niemand etwas verraten
+könne. Allerdings bewahrte das Bild unter all der
+Gemeinheit und Häßlichkeit seines Antlitzes noch eine deutliche<a class="pagenum" name="Page_217" title="217"> </a>
+Ähnlichkeit mit ihm, aber was konnte das den Leuten
+sagen? Er würde jeden auslachen, der es versuchen wollte, ihn
+zu schmähen. Er hatte es ja nicht gemalt. Was ging es ihn
+an, wie abscheulich und schändlich es aussah? Selbst wenn
+er jemand die Wahrheit erzählte, konnte sie einer glauben?</p>
+
+<p>Und doch hatte er Angst. Wenn er manchmal in seinem
+großen Hause in Nottinghamshire war und die <ins title="eleganganten">eleganten</ins>
+jungen Leute, die meistens seine Gesellschaft bildeten,
+bewirtete, und die Leute der Grafschaft durch den
+ausschweifenden Luxus und den verschwenderischen Glanz
+seines Lebens in Erstaunen setzte, dann verließ er wohl
+plötzlich seine Gäste und eilte zurück in die Stadt, um nachzusehen,
+ob sich niemand an der Türe zu schaffen gemacht
+habe und ob das Bild noch da sei. Wie, wenn es jemand
+gestohlen hätte? Der bloße Gedanke erfüllte ihn mit kaltem
+Entsetzen. Gewiß würde dann die Welt sein Geheimnis
+erfahren. Vielleicht hatte sie schon Verdacht geschöpft.</p>
+
+<p>Denn genau wie er viele fesselte, gab es auch nicht wenige,
+die ihm mißtrauten. Er wäre fast schwarz ballotiert
+worden in einem Westend-Klub, zu dessen Mitgliedschaft
+ihn soziale Stellung und Geburt vollständig berechtigten,
+und es hieß, daß einmal, als ihn ein Freund in das
+Rauchzimmer des Curchill-Klubs mitgebracht hatte, der
+Herzog von Berwick und ein anderer Herr in auffallender
+Weise aufgestanden und hinausgegangen wären. Sonderbare
+Geschichten waren über ihn im Umlauf, als er sein
+fünfundzwanzigstes Jahr vollendet hatte. Man munkelte,
+daß man ihn in einer elenden Kaschemme in einem entlegenen
+Winkel Whitechapels mit fremden Matrosen habe<a class="pagenum" name="Page_218" title="218"> </a>
+zechen sehen, und daß er mit Dieben und Falschmünzern
+umgehe und die Geheimnisse ihres Gewerbes kenne. Seine
+auffallende Gewohnheit, zu bestimmten Zeiten zu verschwinden,
+war bekannt, und wenn er dann wieder in der
+Gesellschaft auftauchte, flüsterte man sich in den Ecken Bemerkungen
+zu oder man ging an ihm mit einem unzweideutigen
+Lächeln oder mit kühlen, forschenden Blicken vorbei,
+als wäre man entschlossen, sein Geheimnis zu enthüllen.</p>
+
+<p>Von diesen Unverschämtheiten und versuchten Beleidigungen
+nahm er natürlich keine Notiz, und in den Augen
+der meisten Leute war sein offenes, freundliches Wesen,
+sein reizendes Knabenlächeln und die unendliche Grazie
+der wundervollen Jugend, die ihn nie zu verlassen schien,
+an sich eine genügende Antwort auf die Verleumdungen,
+denn so nannte man es, die über ihn im Umlauf waren.
+Indessen bemerkte man, daß einige von denen, die früher
+sehr innig mit ihm verkehrt hatten, ihn nach einiger Zeit
+zu meiden anfingen. Frauen, die ihn glühend geliebt
+hatten und um seinetwillen allem Tadel der Gesellschaft
+getrotzt und die Konvention verachtet hatten, konnte man
+vor Scham oder Entsetzen erbleichen sehen, wenn Dorian
+Gray ins Zimmer trat.</p>
+
+<p>Doch dieses Skandalgeflüster erhöhte in den Augen vieler
+nur seinen seltsamen und gefährlichen Reiz. Auch sein
+großer Reichtum bot ein gewisses Unterpfand der Sicherheit.
+Die Gesellschaft, wenigstens die zivilisierte Gesellschaft,
+ist niemals schnell geneigt, etwas Schlechtes von
+denen zu glauben, die zugleich reich und interessant sind.
+Sie begreift instinktiv, daß Manieren wichtiger sind als<a class="pagenum" name="Page_219" title="219"> </a>
+Moral, und ihrer Meinung nach ist die höchste Ehrbarkeit
+weniger wert als der Besitz eines guten Küchenchefs. Und
+schließlich ist es auch ein sehr schwacher Trost, wenn einem
+gesagt wird, daß der Mann, bei dem es ein schlechtes
+Diner oder einen elenden Wein gegeben hat, in seinem
+Privatleben unantastbar dasteht. Selbst die Kardinaltugenden
+können nicht für kalt gewordene Entrees entschädigen,
+bemerkte Lord Henry einmal, als man über
+dieses Thema sprach; und für seine Ansicht spricht wahrscheinlich
+sehr viel. Denn die Gesetze der guten Gesellschaft
+sind oder sollten wenigstens dieselben sein, wie die Regeln
+der Kunst. Form ist für sie unbedingt wesentlich. Sie
+sollte die Würde ebenso wie die Unwirklichkeit einer
+Zeremonie haben und sollte den unaufrichtigen Schein
+eines romantischen Schauspiels mit dem Witz und der
+Schönheit verbinden, die für uns das Entzücken solcher
+Spiele ausmachen. Ist Unaufrichtigkeit denn etwas so
+Furchtbares? Ich glaube nicht. Sie ist nur ein Mittel,
+wodurch wir unsere Persönlichkeit vervielfachen können.</p>
+
+<p>Das war wenigstens die Meinung von Dorian Gray. Er
+pflegte sich über die seichte Psychologie derer zu wundern,
+die sich das Ich eines Menschen als etwas Einfaches,
+Beständiges, Verläßliches und Einheitliches vorstellen. Für
+ihn war der Mensch ein Wesen mit Myriaden von Leben
+und Myriaden von Gefühlen, ein kompliziertes, vielgestaltetes
+Geschöpf, das seltsame Erbschaften in seinen Gedanken
+und Leidenschaften mit sich herumtrug und dessen
+Fleisch von den ungeheuerlichen Krankheiten der Verstorbenen
+angesteckt war. Er liebte es, die kahle, kalte<a class="pagenum" name="Page_220" title="220"> </a>
+Bildergalerie auf seinem Landsitze zu durchschlendern
+und die verschiedenen Porträts der Menschen zu betrachten,
+deren Blut in seinen Adern floß. Hier war Philipp
+Herbert, den Francis Osborne in seinen „Memoiren
+über die Herrscherzeit der Königin Elisabeth und des
+Königs Jakob“ als einen beschrieb, „den der Hof seines
+hübschen Gesichtes wegen lieb hatte, das ihm aber nicht
+lange Gesellschaft leistete“. War es das Leben des jungen
+Herbert, das er manchmal führte? Hatte sich irgendein
+merkwürdiger, gifttragender Keim von Körper zu Körper
+übertragen, bis er seinen eigenen erreicht hatte? War es
+eine dumpfe Erinnerung an diesen verwelkten Liebreiz
+gewesen, die damals in Basil Hallwards Atelier so jäh
+und fast ohne Grund über ihn hereinbrach, daß er jenes
+wahnsinnige Gebet sprechen mußte, das sein Leben so sehr
+verändert hatte? Hier stand in goldgesticktem rotem
+Wams, in einem mit Juwelen geschmückten Überrock
+und goldgefaßten Hals- und Ärmelkrausen Sir Anthony
+Sherard, die Beine mit silbernen und schwarzen Schienen
+gepanzert. Was war das Vermächtnis dieses Mannes
+gewesen? Hatte ihm der Geliebte der Giovanna von
+Neapel ein Erbteil der Sünde und Schande hinterlassen?
+Waren seine eigenen Handlungen nur die Träume, die der
+Tote nicht zu verwirklichen gewagt hatte? Hier lächelte
+von einer verblaßten Leinwand Lady Elisabeth Devereux
+in ihrer Gazehaube, dem perlenbestickten Brustschmuck und
+den roten Schlitzärmeln. Sie hielt in der rechten Hand
+eine Blume, und die linke umfaßte einen emaillierten
+Halsschmuck aus weißen und Damaszener Rosen. Auf<a class="pagenum" name="Page_221" title="221"> </a>
+einem Tisch neben ihr lag eine Mandoline und ein Apfel.
+Auf ihren kleinen, spitzen Schuhen saßen große, grüne Rosetten.
+Er kannte ihr Leben und die seltsamen Geschichten,
+die man über ihre Liebhaber erzählte. Hatte er etwas von
+ihrem Temperament an sich? Diese ovalen Augen mit den
+schweren Lidern schienen ihn so sonderbar anzublicken.
+Wie stand es um George Willoughby mit seinem gepuderten
+Haar und seinen phantastischen Schönheitspflästerchen?
+Wie böse er aussah! Das Gesicht war melancholisch
+und bräunlich, und die sinnlichen Lippen schienen verächtlich
+zusammengekniffen. Kostbare Spitzenmanschetten rieselten
+über die mageren gelben Hände, die mit Ringen so
+sehr überladen waren. Er war im achtzehnten Jahrhundert
+ein Stutzer gewesen und in seiner Jugend ein Freund von
+Lord Ferrars. Wie war es mit dem zweiten Lord Beckenham,
+dem Gefährten des Prinzregenten in seinen wildesten
+Tagen und einem der Zeugen bei seiner heimlichen Eheschließung
+mit Frau Fitzherbert? Wie stolz und hübsch
+war er mit seinen kastanienbrauen Locken und der herausfordernden
+Haltung! Welche Leidenschaften hatte er ihm
+vererbt? Die Welt hatte ihn für ehrlos gehalten. Er hatte
+bei den Orgien in Carlton House den Vorsitz geführt. Der
+Stern des Hosenbandordens strahlte auf seiner Brust.
+Neben ihm hing das Bild seiner Gemahlin, einer blassen,
+dünnlippigen Frau in schwarzem Kleide. Auch ihr Blut
+flutete in ihm. Wie merkwürdig schien das alles! Und seine
+Mutter mit ihrem Lady Hamilton-Gesicht und ihren feuchten,
+wie vom Wein benetzten Lippen &mdash; er wußte, was er
+von ihr mitbekommen hatte. Von ihr hatte er seine Schönheit<a class="pagenum" name="Page_222" title="222"> </a>
+geerbt und seine Leidenschaft für die Schönheit anderer.
+Sie lachte ihn an in ihrem losen Bacchantinnenkleide. In
+ihrem Haare waren Weinblätter. Über den Becher, den
+sie hielt, schäumte der Purpur. Die Fleischfarbe des Gemäldes
+war verblaßt, aber die Augen waren noch wunderbar
+in ihrer Tiefe und ihrem Farbenglanz. Sie schienen
+ihm überall hin zu folgen, wo er auch ging.</p>
+
+<p>Aber man hatte Vorfahren ebensogut in der Literatur
+wie in dem eigenen Geschlecht, und viele davon standen
+einem vielleicht näher in ihrem Menschentum und in ihrem
+Temperament und hatten sicher einen Einfluß, von dem
+man sich genauere Rechenschaft zu geben vermochte. Es gab
+Zeiten, wo Dorian Gray den Eindruck hatte, als wäre
+die ganze Weltgeschichte nur ein Bericht seines eigenen
+Lebens, nicht wie er es nach Taten und Umständen gelebt
+hatte, sondern wie es seine Phantasie für ihn erschaffen
+hatte, wie es in seinem Gehirn und in seinen Sinnentrieben
+war. Er fühlte, daß er sie alle gekannt hatte, diese merkwürdigen
+schrecklichen Gestalten, die über die Weltenbühne
+geschritten waren und die Sünde so glänzend und
+das Böse so tief und fein gemacht hatten. Es wollte ihm
+scheinen, daß auf irgendeine geheimnisvolle Weise ihr
+Leben auch sein eigenes gewesen sei.</p>
+
+<p>Der Held des wunderbaren Romans, der sein Leben so
+stark beeinflußt hatte, war auch von diesem seltsamen
+Einfall ergriffen gewesen. Im siebenten Kapitel erzählt
+er: wie er, bekränzt mit Lorbeer, damit ihn der Blitz
+nicht treffe, als Tiberius in einem Garten von Capri gesessen
+und die schändlichen Bücher von Elephantis gelesen<a class="pagenum" name="Page_223" title="223"> </a>
+habe, während Zwerge und Pfauen um ihn herumstolzierten
+und der Flötenspieler den Weihrauchschwinger verspottete:
+wie er als Caligula mit den grünbeschürzten
+Stallknechten in ihren Ställen gezecht und aus einer elfenbeinernen
+Krippe ein Mahl genommen habe mit einem
+Rosse, das ein edelsteingeschmücktes Stirnband trug, und
+wie er als Domitian durch einen Korridor gewandert sei,
+dessen Wände mit Marmorspiegeln bedeckt waren, in denen
+er mit verstörten Augen nach dem Widerschein des Dolches
+gesucht habe, der seine Tage enden sollte, erkrankt an der
+Langeweile, dem schrecklichen <span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">Taedium vitae</span>, das alle
+befällt, denen das Leben nichts versagt: und wie er durch
+einen hellen Smaragd den blutrünstigen Schlächterszenen
+im Zirkus zugeschaut habe und dann in einer Karosse aus
+Perlen und Purpur, die von silberfarbig gesprenkelten
+Maultieren gezogen wurde, durch eine Straße mit Granatbäumen
+zu einem goldenen Hause gefahren sei und gehört
+habe, wie ihm die Menschenmenge zurief: Kaiser Nero,
+als er vorbeifuhr, und wie er sich als Heliogabal das Gesicht
+geschminkt, mit den Weibern am Spinnrocken gewebt
+und den Mond aus Karthago geholt habe, um ihn in
+mystischer Ehe mit der Sonne zu vermählen.</p>
+
+<p>Wieder und wieder las Dorian dieses phantastische Kapitel
+und die zwei unmittelbar folgenden, in denen wie auf
+wunderlichen Gobelins oder kunstvoll gearbeiteten Emaillen
+die greulich-schönen Gestalten jener dargestellt waren, die
+Laster und Blut und Übersättigung zu Ungeheuern oder
+Narren gemacht hatte: Filippo, der Herzog von Mailand,
+der sein Weib getötet und ihre Lippen mit scharlachrotem<a class="pagenum" name="Page_224" title="224"> </a>
+Gift gefärbt hatte, damit ihr Geliebter von dem Leichnam,
+wenn er ihn liebkoste, den Tod saugen möge: der
+Venezianer Pietro Barbi, bekannt als Paul der Zweite,
+der in seiner Eitelkeit den Beinamen Formosus annehmen
+wollte und dessen Tiara, die zweihunderttausend Gulden
+Wert hatte, mit einer furchtbaren Sünde erkauft worden
+war: Gian Maria Visconti, der Hunde benutzte, um auf
+lebende Menschen Jagd zu machen, und dessen Leichnam
+nach seiner Ermordung von einer Dirne, die ihn geliebt
+hatte, mit Rosen bedeckt ward: der Borgia auf seinem
+Schimmel, neben dem der Brudermord hoch zu Rosse saß,
+und dessen Mantel mit dem Blute Perottos befleckt war:
+Pietro Riario, der junge Kardinalerzbischof von Florenz,
+das Kind und der Liebling Sixtus des Sechsten, dessen
+Schönheit nur von seiner Lasterhaftigkeit übertroffen
+wurde, und der Leonora von Aragonien in einem Zelt aus
+weißer und karmesinfarbener Seide empfing, das voll
+Nymphen und Zentauren war, und der einen Knaben vergoldete,
+damit er bei dem Feste als Ganymed oder Hylas
+aufwarte: Etzelin, dessen Schwermut nur durch das Schauspiel
+des Todes geheilt werden konnte und der eine Leidenschaft
+für rotes Blut hatte, wie andere Menschen für roten
+Wein &mdash; den man den Sohn des Satans hieß und der
+seinen Vater beim Würfeln betrogen hatte, als er mit
+ihm um seine Seele spielte: Giambattista Cibo, der aus
+Hohn den Namen Innozentius annahm und in dessen
+verdumpfte Adern ein jüdischer Arzt das Blut von drei
+Jünglingen einpumpte: Sigismondo Malatesta, der Liebhaber
+der Isotta und der Herr von Rimini, der zu Rom<a class="pagenum" name="Page_225" title="225"> </a>
+im Bilde als ein Feind Gottes und der Menschen verbrannt
+wurde, und der Polyssena mit einer Serviette erdrosselte,
+und der Ginevra d'Este aus einem Smaragdbecher
+Gift zu trinken gab und, um eine schändliche Leidenschaft
+zu ehren, einen heidnischen Tempel zur Anbetung
+für die Christen baute: Karl der Sechste, der für das Weib
+seines Bruders so ungestüm erglühte, daß ihm ein Aussätziger
+den Irrsinn prophezeite, der über ihn kommen
+werde, und der, als sein Geist krank geworden war und
+sich verwirrt hatte, nur durch sarazenische Spielkarten besänftigt
+wurde, auf denen Liebe, Tod und Wahnsinn abgebildet
+waren: und in seinem gezierten Kamisol und in
+seinem edelsteingeschmückten Barett und den akanthusgleichen
+Locken Grifonetto Baglioni, der Astorre bei seiner
+Braut und Simonetto bei seinem Pagen erschlug, und
+dessen Anmut so groß war, daß, als er sterbend auf der
+gelben Piazza in Perugia lag, selbst seine Hasser das
+Schluchzen nicht unterdrücken konnten, und ihn Atalanta
+segnete, die ihn verflucht hatte.</p>
+
+<p>Ein grauenhafter Zauber war in alledem. Er sah sie
+bei Nacht, und während des Tages verwirrten sie seine
+Vorstellungen. Die Renaissance kannte seltsame Arten, zu
+vergiften &mdash; zu vergiften durch einen Helm und eine angezündete
+Fackel, einen bestickten Handschuh und einen
+edelsteinbesetzten Fächer, ein vergoldetes Riechbüchschen
+und eine Bernsteinkette. Dorian Gray war durch ein Buch
+vergiftet worden. Es gab Augenblicke, in denen er die
+Sünde einzig als eine Möglichkeit ansah, seinen Schönheitsbegriff
+zu verwirklichen.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_226" title="226"> </a></p>
+
+
+
+
+<h2><a name="Zwolftes_Kapitel" id="Zwolftes_Kapitel"></a>Zwölftes Kapitel</h2>
+
+
+<p>Es war am neunten November, am Vorabend seines
+achtunddreißigsten Geburtstages, wie er sich später oftmals
+erinnerte.</p>
+
+<p>Er ging gegen elf Uhr aus Lord Henrys Wohnung,
+bei dem er gegessen hatte, nach Hause und war in einen
+schweren Pelz gehüllt, da die Nacht kalt und neblig war.
+An der Ecke von Grosvenor Square und South Audley
+Street ging im Nebel ein Mann sehr eilig an ihm vorbei,
+der den Kragen seines grauen Ulsters hochgeschlagen hatte.
+Er trug eine Reisetasche. Dorian erkannte ihn. Es war
+Basil Hallward. Ein seltsames Angstgefühl, über das er
+sich keine Rechenschaft geben konnte, befiel ihn. Er ließ
+nicht merken, daß er ihn erkannt hatte und setzte rasch
+seinen Weg fort in der Richtung seines Hauses.</p>
+
+<p>Aber Hallward hatte ihn gesehen. Dorian hörte, wie er
+zuerst auf dem Trottoir stehenblieb und ihm dann nacheilte.
+In ein paar Augenblicken lag eine Hand auf seinem
+Arm.</p>
+
+<p>„Dorian! Was für ein besonders glücklicher Zufall! Ich
+habe seit neun Uhr in deiner Bibliothek auf dich gewartet.
+Schließlich tat mir dein ermüdeter Diener leid, und
+als er mich herunterließ, sagte ich ihm, er möchte zu Bett
+gehen. Ich fahre mit dem Mitternachtszug nach Paris,
+und ich hatte den dringendsten Wunsch, dich vor meiner
+Abreise noch zu sehen. Ich dachte, das mußt du sein,
+oder mindestens dein Pelz, als du vorbeigingst. Aber ich<a class="pagenum" name="Page_227" title="227"> </a>
+war doch nicht ganz sicher. Hast du mich denn nicht erkannt?“</p>
+
+<p>„Bei so einem Nebel, lieber Basil? Ich kann nicht einmal
+Grosvenor Square erkennen. Ich vermute, mein Haus
+ist hier irgendwo in der Nähe, aber ich bin mir nicht ganz
+sicher. Es tut mir leid, daß du verreist, denn ich habe dich
+ja eine Ewigkeit nicht gesehen. Aber ich denke, du kommst
+doch bald wieder?“</p>
+
+<p>„Nein; ich bleibe sechs Monate von England fort. Ich
+will mir in Paris ein Atelier mieten und mich darin einschließen,
+bis ein großes Bild fertig ist, das ich im Kopf
+habe. Aber ich wollte nicht über mich reden. Da sind wir
+an deiner Tür. Laß mich einen Augenblick mit herein. Ich
+habe dir was zu sagen.“</p>
+
+<p>„Es wird mir eine große Freude sein. Aber versäumst
+du auch deinen Zug nicht?“ sagte Dorian Gray mit müder
+Stimme, als er die Treppe hinaufstieg und die Tür mit
+seinem Drücker öffnete.</p>
+
+<p>Das Lampenlicht kämpfte mit dem Nebel, und Hallward
+sah auf die Uhr. „Ich habe noch eine Menge Zeit“,
+antwortete er. „Der Zug geht zwölf Uhr fünfzehn, und
+es ist eben elf. Offen gesagt, ich war gerade auf dem Weg
+in den Klub, um dich zu suchen, als ich dich traf. Mein
+Gepäck wird mich, wie du siehst, nicht sehr aufhalten, weil
+ich die schweren Sachen vorausgeschickt habe. Hier in der
+Tasche ist alles, was ich mitnehme, und nach Victoria
+Station kann ich bequem in zwanzig Minuten kommen!“</p>
+
+<p>Dorian sah ihn lächelnd an. „Für einen berühmten Maler
+eine merkwürdige Art, zu reisen! Eine Handtasche und<a class="pagenum" name="Page_228" title="228"> </a>
+ein Ulster! Komm herein, sonst dringt der Nebel ins Haus!
+Und bitte, sprich über nichts Ernsthaftes mit mir. Nichts
+ist heutzutage ernsthaft. Wenigstens sollte es nichts sein.“</p>
+
+<p>Hallward schüttelte den Kopf als er eintrat, und folgte
+Dorian ins Bibliothekzimmer. Dort brannte in dem offenen
+Kamin ein helles Holzfeuer. Die Lampen waren angezündet,
+und ein offenstehender holländischer Likörkasten aus
+Silber stand nebst ein paar Sodawassersiphons und großen
+geschliffenen Gläsern auf einem eingelegten Tischchen.</p>
+
+<p>„Du siehst, dein Diener hat es mir gemütlich gemacht,
+Dorian. Er hat mir alles gegeben, was ich brauchte, sogar
+deine besten Zigaretten mit Goldmundstück. Es ist ein recht
+gastfreundlicher Mensch. Ich mag ihn viel lieber als den
+Franzosen, den du vor ihm hattest. Was ist übrigens aus
+dem Franzosen geworden?“</p>
+
+<p>Dorian zuckte die Achseln. „Ich glaube, er hat Lady
+Radleys Kammermädchen geheiratet und sie in Paris als
+englische Schneiderin etabliert. Ich höre, daß Anglomanie
+zurzeit drüben sehr Mode ist. Scheint mir recht töricht von
+den Franzosen, nicht wahr? Aber &mdash; weißt du noch? &mdash; er
+war wirklich kein schlechter Bedienter. Ich mochte ihn
+zwar auch nie so recht leiden, aber er gab mir keinen
+Grund zur Klage. Man bildet sich oft Dinge ein, die ganz
+sinnlos sind. Er war mir wirklich sehr ergeben und schien
+ganz traurig, als er wegging. Willst du noch einen Kognak
+und Soda? Oder lieber Wein mit Selter? Ich
+nehme immer Wein mit Selter. Es ist gewiß etwas im
+Nebenzimmer.“</p>
+
+<p>„Danke, ich nehme nichts mehr“, sagte der Maler, legte<a class="pagenum" name="Page_229" title="229"> </a>
+Mütze und Überrock ab und warf sie auf die Reisetasche,
+die er in die Zimmerecke gestellt hatte. „Und jetzt, lieber
+Freund, möchte ich mit dir mal ernsthaft sprechen. Du
+mußt nicht so böse aussehen. Du machst es mir dadurch
+nur schwerer.“</p>
+
+<p>„Was soll das alles?“ rief Dorian, offen seine Verdrießlichkeit
+zeigend und warf sich auf das Sofa. „Ich
+hoffe, es handelt sich nicht um mich. Ich habe heute abend
+genug von mir. Ich wünschte, ich wäre ein anderer.“</p>
+
+<p>„Es handelt sich um dich,“ antwortete Hallward mit
+seiner ernsten, tiefen Stimme, „und ich muß es dir sagen.
+Ich werde dich kaum ein halbes Stündchen aufhalten.“</p>
+
+<p>Dorian seufzte und steckte sich eine Zigarette an. „Ein
+halb Stündchen“, flüsterte er.</p>
+
+<p>„Das ist nicht viel von dir verlangt, Dorian, und ich
+spreche wirklich nur zu deinem Besten. Ich halte es für
+angebracht, daß du endlich die schrecklichen Dinge erfährst,
+die über dich in London geredet werden.“</p>
+
+<p>„Ich will nicht das mindeste davon wissen. Ich habe
+Tratsch über andere Leute recht gern, aber Tratsch über
+mich interessiert mich ganz und gar nicht. Es hat nicht mal
+den Reiz der Neuheit.“</p>
+
+<p>„Es muß dich interessieren, Dorian. Jeder anständige
+Mensch ist an seinem guten Ruf interessiert. Du darfst doch
+nicht die Leute von dir reden lassen, wie von einem gesunkenen
+und abscheulich lasterhaften Menschen. Natürlich
+hast du deine Stellung, deinen Reichtum und all dergleichen.
+Aber Stellung und Reichtum sind nicht alles. Auf
+mein Wort, ich glaube von diesen Gerüchten nichts. Wenigstens<a class="pagenum" name="Page_230" title="230"> </a>
+kann ich ihnen nicht glauben, wenn ich dich sehe. Die
+Sünde steht jedem Menschen auf der Stirn geschrieben.
+Man kann sie nicht verhehlen. Die Menschen schwatzen
+manchmal von geheimen Lastern. So etwas gibt es nicht.
+Wenn ein unseliger Mensch ein Laster hat, so zeigt sichs
+in den Linien seines Mundes, in seinen herabgesunkenen
+Augenlidern, selbst in der Form seiner Hände. Jemand
+&mdash; ich will seinen Namen nicht nennen, aber du kennst ihn
+&mdash; kam voriges Jahr zu mir und wollte sich malen lassen.
+Ich hatte ihn nie vorher gesehen und damals nie etwas
+von ihm gehört, seitdem aber hat man mir eine Menge
+von ihm erzählt. Er bot mir einen fabelhaften Preis an.
+Ich habe abgelehnt. An der Form seiner Finger war
+etwas, das mir ekelhaft war. Jetzt weiß ich, daß ich mit
+meiner Vermutung über ihn ganz recht hatte. Sein Leben
+ist fürchterlich. Aber von dir, Dorian, mit deinem reinen,
+leuchtenden, unschuldigen Gesicht und deiner wunderbaren
+unberührten Jugend &mdash; ich kann nicht das Häßliche glauben,
+das man gegen dich vorbringt. Und doch, ich sehe
+dich jetzt so selten, und du kommst gar nicht mehr in mein
+Atelier, und wenn ich nicht mit dir zusammen bin und alle
+die abscheulichen Dinge höre, die sich die Leute über dich
+zuflüstern, dann weiß ich nicht, was ich sagen soll. Woher
+kommt es, Dorian, daß ein Mann wie der Herzog von
+Berwick aufsteht und das Klubzimmer verläßt, wenn du
+eintrittst? Warum wollen so viele Männer in London nicht
+zu dir kommen und dich niemals zu sich einladen? Du
+warst doch mit Lord Staveley befreundet. Ich traf ihn
+vorige Woche bei einem Diner. Dein Name tauchte zufällig<a class="pagenum" name="Page_231" title="231"> </a>
+im Gespräch in Verbindung mit den Miniaturen
+auf, die du der Dudley-Ausstellung hergeliehen hast. Staveley
+verzog die Lippen und sagte, es mag ja sein, daß
+du einen äußerst künstlerischen Geschmack habest, aber
+du seist ein Mann, den kein reines Mädchen kennenlernen
+solle und mit dem keine anständige Frau im selben Zimmer
+sein dürfe. Ich gab ihm zu verstehen, daß ich dein Freund
+sei, und fragte ihn, was er damit meine. Er sagte es mir.
+Er sagte es mir vor allen Leuten geradeheraus. Es war
+scheußlich! Warum ist deine Freundschaft für junge Männer
+solch ein Unglück? Da war der unselige Bursch in
+der Leibgarde, der Selbstmord begangen hat. Du warst
+sein bester Freund. Da war Sir Henry Ashton, der England
+mit einem besudelten Namen verlassen mußte. Du
+und er, ihr beide wart unzertrennlich. Wie ist es mit
+Adrian Singleton bestellt und seinem furchtbaren Ende?
+Was war das mit dem einzigen Sohn Lord Kents und
+seiner Karriere? Ich traf seinen Vater gestern in St. James
+Street. Er schien vor Schande und Herzleid gebrochen.
+Was hattest du mit dem jungen Herzog von Perth? Was
+für ein Leben führt er jetzt? Welcher Gentleman wollte
+noch mit ihm Umgang haben?“</p>
+
+<p>„Hör auf, Basil, du sprichst von Dingen, von denen du
+nichts weißt“, sagte Dorian Gray, der sich auf die Lippen
+biß und in seine Stimme einen Ton unsäglicher Verachtung
+legte. „Du fragst mich, warum Berwick aus dem
+Zimmer geht, wenn ich eintrete. Er tut das, weil ich sein
+Leben durch und durch kenne, nicht weil er etwas von mir
+wüßte. Wie könnte er bei dem Blut, das in seinen Adern<a class="pagenum" name="Page_232" title="232"> </a>
+rollt, nicht viel auf dem Kerbholz haben? Du fragst
+mich nach Henry Ashton und dem jungen Perth. Habe
+ich dem einen seine Laster, dem anderen seine Ausschweifungen
+beigebracht? Wenn sich Kents schwachköpfiger Sohn
+sein Weib von der Straße holt, was gehts mich an? Wenn
+Adrian Singleton den Namen seines Freundes auf einen
+Wechsel schreibt, bin ich sein Hüter? Ich weiß, wie die
+Leute in England klatschen. Die Mittelklassen spreizen sich
+bei ihren endlosen Diners mit ihren moralischen Vorurteilen
+und munkeln von etwas, das sie die Ausschweifungen
+derer nennen, denen es besser geht, und um sich damit zu
+brüsten, daß sie in der feinen Gesellschaft verkehren und
+intim mit den Leuten sind, die sie durchhecheln. Bei uns
+zulande genügt es, daß einer Vornehmheit und Geist hat,
+damit sich jede gemeine Zunge an ihm wetzt. Und was
+für eine Art Leben führen denn diese Menschen selber, die
+sich so auf die Moral hinausspielen? Mein lieber Junge,
+du vergißt, daß wir in der Heimat der Heuchelei leben.“</p>
+
+<p>„Dorian,“ rief Hallward, „darum handelt sich's nicht.
+Wie schlecht es um England bestellt ist, weiß ich selbst
+und wie die englische Gesellschaft verrottet ist. Gerade
+deshalb wünsche ich, daß du gut bleibst. Du bist nicht
+gut geblieben. Man hat ein Recht darauf, einen Menschen
+nach der Wirkung zu beurteilen, die er auf seine Freunde
+ausübt. Deine Freunde scheinen alles Gefühl für Ehre,
+für Anstand, für Reinheit zu verlieren. Du hast sie mit
+einer wahnsinnigen Genußsucht erfüllt. Sie sind tief gesunken.
+Ja: und du hast sie da hinabgeführt, und doch
+kannst du lächeln, und du lächelst jetzt noch. Und es gibt<a class="pagenum" name="Page_233" title="233"> </a>
+noch viel Schlimmeres. Ich weiß, du und Harry seid unzertrennlich.
+Schon aus diesem Grunde, wenn aus keinem
+anderen, hättest du den Namen seiner Schwester nicht
+zum Spott machen dürfen!“</p>
+
+<p>„Nimm dich in acht, Basil. Du gehst zu weit.“</p>
+
+<p>„Ich muß sprechen, und du mußt mich hören. Als du
+Lady Gwendolen kennenlerntest, hatte sie noch nicht der
+leiseste Hauch übler Nachrede berührt. Gibt es jetzt eine
+einzige anständige Frau in London, die mit ihr im Park
+spazieren fahren würde? Ja, nicht einmal ihre Kinder
+dürfen bei ihr wohnen. Dann gibt es andere Geschichten
+&mdash; Geschichten, daß man dich gesehen hat, wie du in der
+Dämmerung aus schrecklichen Häusern herausgeschlichen
+bist, daß du dich verkleidet in den niederträchtigsten Kneipen
+Londons herumtreibst. Ist das wahr? Kann das
+wahr sein? Als ich das erstemal so etwas hörte, lachte
+ich. Jetzt höre ich es mit Schaudern. Wie steht es mit
+deinem Landhause und dem Leben, das dort geführt wird?
+Dorian, du weißt nicht, was man über dich spricht. Ich
+will dir das nicht vorhalten, ich will dir keine Predigt
+halten. Ich erinnere mich, daß Harry einmal gesagt hat,
+jeder Mensch, der sich als Moralprediger versuchen will,
+fängt damit an, daß er sagt, er wolle nicht predigen und
+dann sein Wort bricht. Ich will dir also eine Predigt
+halten. Ich möchte dich ein solches Leben führen sehen,
+daß die Welt Achtung vor dir haben soll. Ich will,
+daß du einen reinen Namen und einen guten Ruf hast.
+Ich will, daß du dich von den gräßlichen Menschen losmachst,
+mit denen du jetzt fraternisierst. Zucke nicht mit<a class="pagenum" name="Page_234" title="234"> </a>
+den Achseln. Sei nicht so gleichgültig. Du hast einen mächtigen
+Einfluß. Laß ihn zum Guten und nicht zum Bösen
+wirken. Man sagt, du verderbest jeden Menschen, mit dem
+du intim wirst, und es sei völlig hinreichend, daß du ein
+Haus betrittst, damit dir Schande irgendeiner Art auf
+dem Fuße folge. Ich weiß nicht, ob dem so ist oder nicht.
+Wie sollte ich's auch wissen? Aber man sagte es von dir.
+Man sagte mir Dinge, die ich unmöglich länger anzweifeln
+kann. Lord Gloucester war einer meiner liebsten
+Freunde in Oxford. Er hat mir den Brief gezeigt, den ihm
+seine Frau geschrieben hat, als sie allein in ihrer Villa in
+Mentone auf dem Sterbebette lag. Dein Name war da in
+die fürchterlichste Beichte verwickelt, die ich je gelesen habe.
+Ich sagte ihm, daß es Tollheit wäre, daß ich dich durch
+und durch kennte und daß du zu irgend etwas Derartigem
+unfähig wärest. Kenne ich dich? Ich frage mich, kenne
+ich dich! Bevor ich darauf antworten kann, müßte ich
+deine Seele sehen.“</p>
+
+<p>„Meine Seele sehen“, murmelte Dorian Gray, stand
+vom Sofa auf und wurde beinah weiß vor Angst.</p>
+
+<p>„Ja,“ antwortete Hallward ernst und ein tiefschmerzlicher
+Klang zitterte in seiner Stimme &mdash; „deine Seele
+sehen. Aber das kann nur Gott.“</p>
+
+<p>Ein bitter-höhnisches Gelächter brach aus dem Munde
+des Jüngeren. „Du sollst sie selbst sehen, noch heute nacht!“
+rief er aus und nahm eine Lampe vom Tisch. „Komm:
+sie ist das Werk deiner eigenen Hand. Warum solltest
+du es nicht sehen? Du kannst nachher aller Welt davon
+erzählen, wenn du willst. Niemand würde dir glauben.<a class="pagenum" name="Page_235" title="235"> </a>
+Wenn sie dir glaubten, haben sie mich deswegen nur um
+so lieber. Ich kenne unsere Zeit besser als du, obwohl du
+darüber so langweilig faseln kannst. Komm, sag' ich dir.
+Du hast genug über Verderbnis geschwatzt. Jetzt sollst du
+sie von Angesicht zu Angesicht sehen.“</p>
+
+<p>In jedem Wort, das er sprach, klang der Wahnsinn
+des Hochmuts. Er stampfte in seiner knabenhaften, dreisten
+Art mit dem Fuß auf die Dielen. Er empfand ein furchtbares
+Vergnügen bei dem Gedanken, daß ein anderer jetzt
+sein Geheimnis teilen solle und daß der Mann, der sein
+Bild gemalt hatte, das der Ursprung all seiner Schande
+war, für den Rest seines Lebens die Last der gräßlichen
+Erinnerung an seine Tat mit sich herumschleppen müsse.</p>
+
+<p>„Ja,“ fuhr er fort und trat näher zu ihm heran und
+sah ihm fest in die ernsten Augen, „ich werde dir meine
+Seele zeigen. Du sollst das Machwerk sehen, von dem du
+glaubst, daß es nur Gott sehen kann.“</p>
+
+<p>Hallward schrak zurück. „Das ist Gotteslästerung, Dorian.
+Du darfst nicht solche Dinge sagen. Sie sind schrecklich
+und unverständig.“</p>
+
+<p>„Glaubst du?“ Er lachte wieder.</p>
+
+<p>„Ich weiß es. Was ich dir heute abend gesagt habe,
+hab' ich zu deinem Besten gesagt. Du weißt, ich war dir
+immer ein guter Freund.“</p>
+
+<p>„Werde nur nicht rührselig. Mach' Schluß mit dem,
+was du noch zu sagen hast.“</p>
+
+<p>Ein wehevolles Zucken ging durch das Gesicht des Malers.
+Er schwieg einen Augenblick und ein heftiger Mitleidsschmerz
+überkam ihn. Welches Recht hatte er schließlich,<a class="pagenum" name="Page_236" title="236"> </a>
+in Dorian Grays Leben hineinzuspähen? Wenn er
+nur den zehnten Teil von dem getan hatte, wovon die
+Gerüchte gingen, wie qualvoll mußte er gelitten haben!
+Dann richtete er sich auf, ging zum Kamin hinüber und
+blieb da stehen, versunken in den Anblick der brennenden
+Holzscheite, die mit ihrer weißen Asche wie bereift aussahen
+und stierte ihre zuckenden Feuerherzen an.</p>
+
+<p>„Ich warte, Basil“, sagte der junge Mann mit harter,
+spitzer Stimme.</p>
+
+<p>Er drehte sich um. „Was ich noch zu sagen habe, ist
+das“, rief er. „Du mußt mir eine Antwort geben auf diese
+fürchterlichen Anklagen, die gegen dich erhoben werden.
+Wenn du mir sagst, daß sie von Anfang bis zu Ende
+unwahr sind, werde ich dir glauben. Leugne sie ab, Dorian,
+leugne sie ab! Kannst du nicht sehen, was ich durchmache?
+Mein Gott, sage mir nicht, daß du schlecht und
+verderbt und schändlich bist!“</p>
+
+<p>Dorian Gray lächelte. Seine Lippen krausten sich in
+Verachtung. „Komm hinauf, Basil“, sagte er ruhig. „Ich
+führe da ein Tagebuch meines Lebens, Tag für Tag, und
+es verläßt niemals das Zimmer, in dem es geschrieben
+wird. Ich will es dir zeigen, wenn du mit mir kommst.“</p>
+
+<p>„Ich komme mit, Dorian, wenn du es haben willst.
+Ich sehe, daß ich meinen Zug versäumt habe. Das tut
+nichts. Ich kann morgen fahren. Aber verlange nicht von
+mir, daß ich heute nacht noch etwas lese. Was ich will,
+ist eine klare Antwort auf meine Frage.“</p>
+
+<p>„Die soll dir oben zuteil werden. Ich kann sie dir hier
+nicht geben. Du wirst nicht lange zu lesen haben.“</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_237" title="237"> </a></p>
+
+
+
+
+<h2><a name="Dreizehntes_Kapitel" id="Dreizehntes_Kapitel"></a>Dreizehntes Kapitel</h2>
+
+
+<p>Er verließ das Zimmer und begann die Treppe hinaufzugehen,
+Basil Hallward folgte dicht hinter ihm. Sie
+gingen leise, wie man es bei Nacht instinktiv tut. Die
+Lampe warf phantastische Schatten auf Wand und
+Treppe. Im Winde, der sich erhoben hatte, klirrten einige
+Fenster.</p>
+
+<p>Als sie den obersten Absatz erreicht hatten, stellte Dorian
+die Lampe auf den Boden, nahm den Schlüssel heraus
+und schloß auf. „Du bestehst auf einer Antwort, Basil?“
+fragte er mit gedämpfter Stimme.</p>
+
+<p>„Ja.“</p>
+
+<p>„Das freut mich“, antwortete er lächelnd. Dann fügte
+er ziemlich scharf hinzu: „Du bist der einzige Mensch in
+der Welt, der alles über mich wissen darf. Du hast mehr
+mit meinem Leben zu schaffen gehabt, als du dir denkst“,
+und damit nahm er die Lampe auf, öffnete die Tür und
+trat ein. Ein kalter Luftzug strich an ihnen vorbei, und
+das Licht zuckte einen Augenblick in einer düstern Orangefarbe
+auf. Er schauderte. „Schließe die Tür hinter dir“,
+flüsterte er, während er die Lampe auf den Tisch stellte.</p>
+
+<p>Hallward blickte erstaunt umher. Das Zimmer sah aus,
+als wär' es seit langen Jahren nicht bewohnt worden. Ein
+fadenscheiniger flämischer Gobelin, ein verhängtes Bild, ein
+alter italienischer Cassone und ein fast leerer Bücherschrank
+&mdash; das war außer einem Stuhl und einem Tisch alles,
+was darin zu sein schien. Als Dorian Gray eine halb<a class="pagenum" name="Page_238" title="238"> </a>
+abgebrannte Kerze, die auf dem Kamin stand, angezündet
+hatte, sah der Maler, daß der ganze Raum mit Staub
+bedeckt und der Teppich zerfetzt und durchlöchert war.
+Eine Maus lief erschreckt hinter die Täfelung. Ein dumpfer
+Modergeruch machte sich bemerkbar. &mdash;</p>
+
+<p>„Du glaubst also, daß Gott allein die Seele sieht, Basil?
+Zieh den Vorhang zurück, und du wirst die meine
+sehen.“</p>
+
+<p>Die Stimme, die das sprach, klang kalt und grausam.</p>
+
+<p>„Du bist wahnsinnig, Dorian, oder spielst Komödie“,
+sagte Hallward und runzelte die Stirn.</p>
+
+<p>„Du willst nicht? Dann muß ich es selbst tun“, sagte
+der junge Mann, und riß den Vorhang von seiner Stange
+und schleuderte ihn zu Boden.</p>
+
+<p>Ein Entsetzensschrei kam von den Lippen des Malers,
+als er in der düsteren Beleuchtung das gräßliche Gesicht
+auf der Leinwand erblickte, das ihm entgegengrinste. In
+seinem Ausdruck war etwas, das ihn mit Ekel und Abscheu
+erfüllte. Gott im Himmel! Es war Dorian Grays
+eigenes Antlitz, das er sah! Das Schreckliche, was es
+auch sein mochte, hatte die wundervolle Schönheit noch
+nicht ganz zerstört. Noch war etwas Gold in dem gelichteten
+Haar und etwas Purpur auf dem sinnlichen Mund.
+Die stumpfgewordenen Augen hatten noch etwas von
+ihrem lieblichen Blau behalten, der edle Schwung der
+Linien um die feingewölbten Nasenflügel und den plastischen
+Hals war noch nicht ganz verschwunden. Ja, es war
+Dorian selbst. Aber wer hatte das gemalt? Er glaubte,
+das Werk seines eigenen Pinsels zu erkennen, und der<a class="pagenum" name="Page_239" title="239"> </a>
+Rahmen war von ihm selbst gezeichnet. Die Vorstellung
+war ungeheuerlich, und doch fürchtete er sich. Er nahm die
+brennende Kerze und hielt sie nahe an das Bild. In der
+linken Ecke stand ein Name in langen, hellroten Lettern.</p>
+
+<p>Es war irgendeine infame Parodie, eine niederträchtige,
+elende Satire. Er hatte das niemals gemalt. Und doch, es
+war sein eigenes Bild. Er wußte es und ihm war, als ob
+sich sein Blut in einem Augenblick aus Feuer in starrendes
+Eis verwandelt hätte. Sein eigenes Bild! Was sollte das
+heißen? Warum hatte es sich verändert? Er drehte sich um
+und sah Dorian Gray mit krankhaften Augen an. Sein
+Mund zuckte, seine trockne Zunge schien jedes Lautes ganz
+unfähig zu sein. Er fuhr sich mit der Hand über die Stirn.
+Kühle Schweißperlen standen darauf.</p>
+
+<p>Der junge Mann lehnte gegen den Kamin und beobachtete
+ihn mit dem merkwürdigen Ausdruck, den man auf
+den Gesichtern von Menschen sieht, die von dem Spiel
+eines großen Schauspielers hingerissen sind. In seinem Gesicht
+war weder wirklicher Schmerz noch wirkliche Freude.
+Da war nur die Leidenschaft des Zuschauers und höchstens
+in den Augen flackerte ein triumphierendes Leuchten. Er
+hatte die Blume aus seinem Knopfloch genommen und
+roch daran oder tat mindestens so.</p>
+
+<p>„Was bedeutet das?“ rief Hallward endlich. Seine
+eigene Stimme klang ihm schrill und fremd in die Ohren.</p>
+
+<p>„Vor vielen Jahren, als ich noch ein Knabe war,“ sagte
+Dorian Gray, während er die Blume in seiner Hand zerdrückte,
+„hast du mich kennengelernt, hast mir geschmeichelt
+und mich gelehrt, auf meine Schönheit eitel zu sein. Eines<a class="pagenum" name="Page_240" title="240"> </a>
+Tages stelltest du mich einem deiner Freunde vor, der mir
+das Wunder der Jugend erklärte, und damals beendetest
+du ein Porträt von mir, das mir das Wunder der Schönheit
+offenbarte. In einem Augenblick des Wahnsinns, und
+ich weiß noch jetzt nicht, ob ich ihn bedaure oder nicht,
+sprach ich einen Wunsch aus, vielleicht würdest du es ein
+Gebet nennen.“</p>
+
+<p>„Ich erinnere mich! Oh, wie gut erinnere ich mich!
+Nein! so etwas ist unmöglich. Das Zimmer ist feucht.
+Die Leinwand ist stockig geworden. In den Farben, die ich
+verwandte, war irgendein mineralisches Gift enthalten.
+Ich sage dir, so etwas ist unmöglich.“</p>
+
+<p>„Pah, was ist unmöglich?“ murmelte der junge Mann,
+ging zum Fenster und preßte seine Stirn an die kalte,
+nebelfeuchte Scheibe.</p>
+
+<p>„Du sagtest mir, du hättest es zerstört.“</p>
+
+<p>„Ich habe mich geirrt. Es hat mich zerstört.“</p>
+
+<p>„Ich kann's nicht glauben, daß es mein Bild ist.“</p>
+
+<p>„Kannst du dein Ideal nicht darin erkennen?“ fragte
+Dorian bitter.</p>
+
+<p>„Mein Ideal, wie du es nennst...“</p>
+
+<p>„Wie du es nanntest.“</p>
+
+<p>„Es hatte nichts Schlimmes in sich, nichts Schändliches.
+Du warst für mich ein Ideal, wie ich ihm nie wieder begegnen
+werde. Dies ist das Gesicht eines Fauns.“</p>
+
+<p>„Es ist das Gesicht meiner Seele.“</p>
+
+<p>„Jesus, mein! Was für ein Ding habe ich angebetet!
+Es hat die Augen eines Teufels.“</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_241" title="241"> </a></p>
+
+<p>„Jeder von uns hat Himmel und Hölle in sich, Basil“,
+rief Dorian mit einer wilden, verzweifelten Gebärde.</p>
+
+<p>Hallward wandte sich wieder dem Bilde zu und starrte
+es an. „Mein Gott! Es ist wahr,“ rief er aus, „und das
+hast du aus deinem Leben gemacht und danach also mußt
+du noch schlechter sein, als die es ahnen, die gegen dich
+sprechen.“ Er hielt das Licht wieder dicht an die Leinwand
+und musterte sie scharf. Die Oberfläche schien ganz unzerstört
+und so, wie sie aus seiner Hand gekommen war.
+Von innen also war die Fäulnis und das Entsetzliche hervorgedrungen.
+Durch einen sonderbaren inneren Zeugungsvorgang
+fraß der Aussatz der Sünde langsam das ganze
+Bildnis hinweg. Die Verwesung eines Leichnams in einem
+feuchten Grabe konnte nicht so grauenvoll sein.</p>
+
+<p>Seine Hand zitterte und die Kerze fiel aus dem Leuchter
+auf den Boden und lag rauchend da. Er trat mit dem
+Fuß darauf und erstickte sie. Dann warf er sich selbst in
+den wackligen Stuhl vor dem Tische und vergrub das Gesicht
+in seinen Händen.</p>
+
+<p>„Großer Gott, Dorian, was für eine Lehre! Was für
+eine furchtbare Lehre!“ Es kam keine Antwort, aber er
+konnte den jungen Mann am Fenster schluchzen hören.
+„Bete, Dorian, bete“, sagte er leise. „Was war es doch,
+was man uns in der Kindheit hersagen gelehrt hat? ‚Führe
+uns nicht in Versuchung! Vergib uns unsere Sünden!
+Nimm unsere Missetat von uns!‛ Wir wollen das zusammen
+aufsagen. Das Gebet deines Stolzes ist erhört
+werden. Das Gebet deiner Reue wird auch erhört werden.
+Ich habe dich zu sehr geliebt. Ich bin dafür bestraft worden.<a class="pagenum" name="Page_242" title="242"> </a>
+Du hast dich selbst zu sehr geliebt. Wir haben beide
+unsere Strafe.“</p>
+
+<p>Dorian Gray wandte sich langsam um und sah ihn mit
+tränenschimmernden Augen an. „Es ist zu spät, Basil“,
+flüsterte er.</p>
+
+<p>„Es ist nie zu spät, Dorian. Wir wollen niederknien und
+versuchen, ob wir uns nicht an ein Gebet erinnern können.
+Steht nicht irgendwo ein Vers: ‚Und wären deine Sünden
+wie Scharlach, ich will sie weiß machen wie Schnee?‛“</p>
+
+<p>„Solche Worte haben für mich keinen Sinn mehr.“</p>
+
+<p>„Still! Sage nicht so etwas. Du hast genug Böses getan
+im Leben. Mein Gott! Siehst du nicht, wie uns das fürchterliche
+Ding anstiert?“</p>
+
+<p>Dorian Gray blickte nach dem Bild, und plötzlich überkam
+ihn ein unbezwingliches Haßgefühl auf Basil Hallward,
+als sei er ihm von dem Bildnis auf der Leinwand
+eingeflößt, von diesen grinsenden Lippen in sein Ohr gewispert
+worden. Die wilde Zornwut eines gehetzten Tieres
+kochte in ihm, und er haßte den Mann, der da an dem
+Tisch saß, mehr als er in seinem ganzen Leben irgend
+etwas gehaßt hatte. Er spähte wild um sich. Auf der
+Platte der bemalten Truhe, die ihm gegenüberstand, glitzerte
+etwas. Sein Blick fiel darauf. Er erkannte, was es
+war. Ein Messer war's, das er vor einigen Tagen mit
+hinaufgenommen hatte, um ein Stück Schnur zu durchschneiden,
+und das er wieder mit herunterzunehmen vergessen
+hatte. Er ging langsam darauf zu und mußte dabei
+an Hallward vorüber. Sobald er hinter ihm stand, ergriff
+er das Messer und drehte sich um. Hallward rührte sich<a class="pagenum" name="Page_243" title="243"> </a>
+in seinem Stuhl, als wollte er soeben aufstehen. Er stürzte
+sich auf ihn und bohrte ihm das Messer tief in die Schlagader
+hinter dem Ohr, preßte den Kopf des Mannes auf
+den Tisch herunter und stieß immer und immer wieder zu.</p>
+
+<p>Man hörte ein unterdrücktes Röcheln und den fürchterlichen
+Ton eines Menschen, der in seinem Blut erstickt.
+Dreimal schlugen die krampfhaft ausgestreckten Arme um
+sich, und die Hände fuhren mit eigentümlich steifen Fingern
+durch die Luft. Er stieß noch zweimal zu, aber der Mann
+rührte sich nicht mehr. Etwas begann auf den Boden zu
+tröpfeln. Er wartete einen Augenblick und drückte den Kopf
+immer noch nach unten. Dann warf er das Messer auf den
+Tisch und horchte.</p>
+
+<p>Er konnte nichts hören, als das Tropf-Tropf auf den
+fadenscheinigen Teppich. Er öffnete die Tür und ging bis
+an den Treppenabsatz. Das Haus war vollständig ruhig.
+Niemand war wach. Über das Geländer gebeugt, stand er
+ein paar Augenblicke da und forschte hinab in den schwarzen
+brodelnden Schacht von Dunkelheit. Dann zog er den
+Schlüssel ab, ging in das Zimmer zurück und schloß sich
+darin ein.</p>
+
+<p>Das Wesen saß noch immer in dem Stuhl und hing mit
+gebeugtem Kopf und gekrümmtem Rücken und langen phantastischen
+Armen über den Tisch. Wäre nicht der rote,
+klaffende Riß im Nacken gewesen und die dunkle, geronnene
+Lache, die sich nach und nach auf dem Tisch vergrößerte,
+so hätte man glauben können, der Mann schlafe nur.</p>
+
+<p>Wie schnell das alles geschehen war! Er fühlte sich
+merkwürdig ruhig, ging zur Balkontür, öffnete sie und<a class="pagenum" name="Page_244" title="244"> </a>
+trat hinaus. Der Wind hatte die Nebeltücher auseinandergeblasen,
+und der Himmel sah aus wie der Schweif eines
+ungeheuren Pfaus, der mit Myriaden goldener Augen
+bestirnt war. Er blickte hinab und sah, wie der Polizist
+seine Runde machte und das lange Streiflicht seiner Laterne
+über die Türen der schweigsamen Häuser gleiten ließ.
+Das rotgelbe Licht einer vorbeitrödelnden Droschke glomm
+an der Straßenecke auf und verschwand wieder. Ein Weib
+in einem flatternden Kopftuch schob sich langsam am Gitter
+des Platzes vorbei und taumelte im Gehen. Dann und
+wann stand sie still und sah zurück. Auf einmal begann sie
+mit heiserer Stimme zu singen. Der Schutzmann schlenderte
+über den Damm her und sagte etwas zu ihr. Sie humpelte
+lachend weiter. Ein scharfer Luftzug fegte über den Platz.
+Die Gasflammen zuckten und wurden blau, und die entlaubten
+Bäume schüttelten ihr schwarzes Geäste hin und
+her, das wie ein Eisengeflecht aussah. Ihn fröstelte und
+er trat, das Fenster schließend, wieder zurück.</p>
+
+<p>Als er bei der Türe war, drehte er den Schlüssel und
+öffnete sie. Er blickte den Ermordeten mit keinem Blicke
+mehr an. Er empfand, daß das Geheimnis der ganzen
+Sache darin beruhe, sich die Sachlage nicht zu vergegenwärtigen.
+Der Freund, der das verhängnisvolle Bild gemalt
+hatte, von dem all sein Elend herrührte, war aus
+seinem Leben verschwunden. Das war genug.</p>
+
+<p>Dann fiel ihm die Lampe ein. Es war eine ziemlich
+merkwürdige maurische Arbeit, mattes Silber mit eingelegten
+Arabesken aus dunkelpoliertem Stahl und besetzt
+mit ungeschliffenen Türkisen. Sie mochte vielleicht von<a class="pagenum" name="Page_245" title="245"> </a>
+seinem Diener vermißt werden und er könnte danach fragen.
+Er zögerte einen Augenblick, dann ging er zurück und
+nahm sie vom Tisch. Dabei mußte er die tote Gestalt
+sehen. Wie ruhig sie war! Wie furchtbar weiß die langen
+Hände aussahen! Es schien eine gräßliche Wachsfigur zu
+sein.</p>
+
+<p>Er schloß die Türe hinter sich und schlich langsam die
+Treppe hinunter. Das Holz knarrte und schien wie vor
+Schmerz aufzustöhnen. Er blieb einige Male stehen und
+wartete. Nein, alles war still. Er hörte nur den Widerhall
+seiner eigenen Schritte.</p>
+
+<p>Als er in seinem Bibliothekszimmer war, erblickte er die
+Tasche und den Rock in der Ecke. Die mußten irgendwo
+verborgen werden. Er öffnete einen Geheimschrank, der in
+der Holztäfelung war, in dem er seine eigenen Verkleidungen
+aufbewahrte, und schob die Sachen hinein. Er
+konnte sie später leicht einmal verbrennen. Dann zog er
+seine Uhr. Es war zwanzig Minuten vor zwei.</p>
+
+<p>Er setzte sich und begann nachzudenken. Jahr für Jahr
+&mdash; fast jeden Monat &mdash; werden in England Leute gehenkt
+für so etwas, wie er soeben getan hatte. Irgendeine wahnwitzige
+Mordlust hatte in der Luft gelegen. Irgendein
+blutroter Stern war der Erde zu nahe gekommen... Und
+doch, wie wollte man es ihm beweisen? Basil Hallward
+hatte das Haus um elf Uhr verlassen. Niemand hatte ihn
+noch einmal wiederkommen sehen. Die meisten Diener
+waren in Selby Royal. Sein eigener Diener war schlafen
+gegangen... Paris! Ja. Basil war nach Paris gefahren,
+und zwar mit dem Mitternachtszug, wie es seine Absicht<a class="pagenum" name="Page_246" title="246"> </a>
+gewesen war. Bei seinen merkwürdigen Gewohnheiten, sich
+zurückzuziehen, würden Monate vergehen, bevor irgendein
+Verdacht entstehen würde. Monate! Alle Spuren konnten
+lange vorher getilgt sein.</p>
+
+<p>Ein plötzlicher Einfall durchzuckte ihn. Er zog seinen
+Pelz an, setzte seinen Hut auf und ging in die Vorhalle
+hinaus. Dort blieb er stehen, weil er den langsamen,
+schweren Tritt des Schutzmanns draußen auf dem Pflaster
+hörte und den tanzenden Widerschein seiner Blendlaterne
+im Türfenster sah. Er wartete und hielt den
+Atem an.</p>
+
+<p>Nach einigen Augenblicken schob er den Riegel zurück
+und schlüpfte hinaus, das Tor ganz leise hinter sich schließend.
+Dann zog er die Klingel. Nach etwa fünf Minuten
+erschien sein Diener, halb angezogen und sehr verschlafen.</p>
+
+<p>„Es tut mir leid, daß ich Sie wecken mußte, Francis“,
+sagte er eintretend und ging die Stufen hinauf; „aber ich
+habe meinen Hausschlüssel vergessen. Wieviel Uhr ist es?“</p>
+
+<p>„Zehn Minuten nach zwei, gnädiger Herr“, sagte der
+Mann mit einem blinzelnden Blick auf die Uhr.</p>
+
+<p>„Zehn Minuten nach zwei? Wie schrecklich spät! Sie
+müssen mich morgen um neun Uhr wecken. Ich habe zu
+tun.“</p>
+
+<p>„Zu Befehl, gnädiger Herr.“</p>
+
+<p>„War jemand heute abend hier?“</p>
+
+<p>„Herr Hallward, gnädiger Herr. Er hat hier bis elf
+Uhr gewartet und ging dann, um seinen Zug nicht zu versäumen.“</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_247" title="247"> </a></p>
+
+<p>„Es tut mir leid, daß ich ihn nicht getroffen habe.
+Sollen Sie mir etwas bestellen?“</p>
+
+<p>„Nein, gnädiger Herr, nur, daß er von Paris schreiben
+würde, wenn er Sie im Klub nicht treffen sollte.“</p>
+
+<p>„Es ist gut, Francis. Vergessen Sie nicht, mich morgen
+um neun zu wecken.“</p>
+
+<p>„Nein, gnädiger Herr!“</p>
+
+<p>Der Mann schlurfte in seinen Pantoffeln durch den Torweg
+die Dienertreppe hinab.</p>
+
+<p>Dorian Gray warf Hut und Stock auf den Tisch und
+trat ins Bücherzimmer. Eine Viertelstunde lang ging er
+auf und ab, biß sich auf die Lippen und grübelte. Dann
+nahm er das blaue Adreßbuch von einem Regal und begann
+zu blättern. „Alan Campbell, Hertford Street 152,
+Mayfair.“ Ja, das war der Mann, den er brauchte.</p>
+
+<h2><a name="Vierzehntes_Kapitel" id="Vierzehntes_Kapitel"></a>Vierzehntes Kapitel</h2>
+
+
+<p>Am nächsten Morgen um neun Uhr kam sein Diener
+mit einer Tasse Schokolade auf einem Servierbrett herein
+und öffnete die Fensterläden. Dorian lag auf der rechten
+Seite, eine Hand unter seiner Wange und schlief ganz
+friedlich. Er sah aus wie ein Knabe, der beim Spiel oder
+Lernen müde geworden ist.</p>
+
+<p>Der Mann mußte ihn zweimal an der Schulter berühren,
+bevor er aufwachte, und als er die Augen öffnete,
+huschte ein leichtes Lächeln über seine Lippen, als wäre
+er von einem entzückenden Traum befangen gewesen. Aber<a class="pagenum" name="Page_248" title="248"> </a>
+er hatte gar nicht geträumt. Seine Nacht war weder
+von Bildern der Freude noch des Grauens gestört worden.
+Doch die Jugend lächelt ohne Grund. Das ist einer ihrer
+besonderen Reize.</p>
+
+<p>Er drehte sich um, stützte sich auf den Ellbogen und begann
+seine Schokolade zu schlürfen. Die matte Novembersonne
+strömte in das Zimmer. Der Himmel war wolkenlos,
+eine heitere Wärme lag in der Luft. Es war fast wie ein
+Maimorgen.</p>
+
+<p>Allmählich schlichen die Vorgänge der vergangenen
+Nacht auf lautlosen, blutbefleckten Sohlen in sein Gehirn
+und bauten sich dort mit furchtbarer Deutlichkeit wieder
+auf. Er erschauerte bei dem Gedächtnis an alles, was er
+durchlitten hatte, und einen Augenblick lang kehrte in ihm
+derselbe sonderbare Haß auf Basil Hallward zurück, der
+ihn dazu getrieben hatte, ihn zu töten, als er im Stuhl
+saß, er wurde kalt vor Wut. Der Tote saß noch immer da
+oben und jetzt dazu im Sonnenlicht. Wie schrecklich das
+war! So gräßliche Dinge gehörten in die Dunkelheit,
+nicht an den Tag.</p>
+
+<p>Er fühlte, daß er krank oder wahnsinnig würde, wenn
+er über das brütete, was er hinter sich hatte. Es gibt
+Sünden, deren Reiz mehr in der Erinnerung liegt als in
+der Begehung, seltsame Siege, die mehr dem Stolz Genüge
+tun als der Leidenschaft und die dem Geist ein
+Lustgefühl geben, das stärker ist als jede Wonne, die sie
+Sinnen verschaffen oder jemals verschaffen können. Aber
+diesmal war es keine von diesen. Dies war eine, die man
+aus dem Geiste verjagen, die man mit einem Opiat vergiften,<a class="pagenum" name="Page_249" title="249"> </a>
+die man ersticken mußte, da sie einen sonst selbst
+ersticken würde.</p>
+
+<p>Als es halb schlug, fuhr er sich mit der Hand über die
+Stirn, stand dann rasch auf und zog sich beinahe mit noch
+größerer Sorgfalt an, als gewöhnlich, indem er die größte
+Aufmerksamkeit auf die Wahl seiner Krawatte und seiner
+Nadel verwandte und seine Ringe mehr als einmal wechselte.
+Er verbrachte auch beim Frühstück längere Zeit,
+kostete von den verschiedenen Gerichten, sprach mit seinem
+Bedienten über neue Livreen, die er der Dienerschaft in
+Selby machen lassen wollte, und sah seine Briefschaften
+durch. Bei einigen Zuschriften lächelte er. Drei ödeten
+ihn an. Einen Brief las er mehrmals durch und zerriß ihn
+dann mit einem leichten Ärger in seinen Mienen. „Was für
+ein gräßliches Ding das Gedächtnis einer Frau ist“,
+hatte Lord Henry einmal gesagt.</p>
+
+<p>Als er seine Schale schwarzen Kaffee getrunken hatte,
+trocknete er die Lippen langsam an seiner Serviette ab,
+gab dem Diener ein Zeichen zu warten, ging zum Schreibtisch
+hinüber, setzte sich und schrieb zwei Briefe. Einen
+steckte er in die Tasche, den anderen reichte er dem
+Diener.</p>
+
+<p>„Bringen Sie den nach Hertford Street 152, Francis,
+und wenn Herr Campbell nicht in der Stadt ist, lassen Sie
+sich seine Adresse geben.“</p>
+
+<p>Sobald er allein war, zündete er sich eine Zigarette an
+und begann auf einem Blatt Papier Skizzen zu machen,
+zeichnete zuerst Blumen, dann Architekturstücke und dann
+menschliche Gesichter. Plötzlich bemerkte er, daß jedes Gesicht,<a class="pagenum" name="Page_250" title="250"> </a>
+das er entwarf, eine phantastische Ähnlichkeit mit Basil
+Hallward zu haben schien. Er runzelte die Stirn, stand auf,
+ging zum Bücherschrank und nahm auf gut Glück einen
+Band heraus. Er war fest entschlossen, an das Geschehene
+nicht eher zu denken, als bis es unbedingt notwendig
+war.</p>
+
+<p>Als er sich auf dem Sofa ausgestreckt hatte, sah er auf
+den Titel des Buches. Es waren Gautiers „<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">Emaux et
+Camées</span>“, Charpentiers Ausgabe auf japanischem Papier,
+mit Radierungen von Jacquemart. Der Einband war aus
+zitronengelbem Leder mit einem Blinddruckmuster von
+goldenem Laubwerk und Granatäpfeln in Punktmanier.
+Es war ein Geschenk Adrian Singletons. Als er darin
+blätterte, fiel sein Auge auf das Gedicht über die Hand
+Lacenaires, die kalte gelbe Hand „<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">du supplice encore
+mal lavée</span>“, mit ihren rötlichen Flaumhärchen und ihren
+„<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">doigts de faune</span>“. Er blickte auf seine eigenen weißen,
+spitzen Finger, schauderte unwillkürlich zusammen, las
+dann weiter, bis er zu den lieblichen Versen auf Venedig
+kam.</p>
+
+<p class="poem"><span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">
+Sur une gamme chromatique,</span><br />
+<span style="margin-left: 1em;">Le sein de perles ruisselant,</span><br />
+La Vénus de l'Adriatique<br />
+<span style="margin-left: 1em;">Sort de l'eau son corps rose et blanc.</span></p>
+
+<p class="poem" style="margin-top: 0;"><span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">
+Les dômes, sur l'azur des ondes<br />
+<span style="margin-left: 1em;">Suivant la phrase au pur contur,</span><br />
+S'enflent comme des gorges rondes<br />
+<span style="margin-left: 1em;">Que soulève un soupir d'amour.</span></span><a class="pagenum" name="Page_251" title="251"> </a></p>
+
+
+<p class="poem" style="margin-top: 0;"><span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">
+L'esquif aborde et me dépose,<br />
+<span style="margin-left: 1em;">Jetant son amarre au pilier,</span><br />
+Devant une façade rose,<br />
+<span style="margin-left: 1em;">Sur le marbre d'un escalier.</span></span><br />
+</p>
+
+<p>Wie entzückend die Verse waren! Wenn man sie las,
+hatte man die Empfindung, durch die grünen Wasserstraßen
+dieser rot- und perlfarbigen Stadt zu gleiten, in
+einer schwarzen Gondel mit silbernem Schnabel und schleppenden
+Vorhängen. Schon die Zeilen sahen so aus wie die
+geraden, türkisblauen Kiellinien, die einem folgten, wenn
+man nach dem Lido hinausrudert. Die plötzlichen Farbenblitze
+erinnerten ihn an den Schimmer jener Vögel mit
+opal- und regenbogenfarbenen Hälsen, die um den schlanken,
+wabenartig durchlöcherten Kampanile flattern oder
+mit prächtiger Anmut durch die düstern, staubigen Arkaden
+trippeln. Zurückgelehnt mit halb geschlossenen Augen
+sagte er immer und immer wieder zu sich: &mdash;</p>
+
+<p class="poem">
+<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">Devant une façade rose,<br />
+<span style="margin-left: 1em;">Sur le marbre d'un escalier.</span></span>
+</p>
+
+<p class="postpoem">Das ganze Venedig war in diesen zwei Versen enthalten.
+Er dachte an den Herbst, den er dort verbracht hatte, und
+eine himmlische Liebelei, die ihn zu wahnsinnigen, entzückenden
+Torheiten getrieben hatte. Es gab Romantik in
+jedem Erdenwinkel. Aber Venedig hatte noch wie Oxford
+den Hintergrund für Romantik bewahrt, und für den wahren
+Romantiker ist der Hintergrund alles oder fast alles.
+Basil war einen Teil der Zeit bei ihm gewesen und war<a class="pagenum" name="Page_252" title="252"> </a>
+ganz wild vor Bewunderung für Tintoretto. Der arme
+Basil! Was für eine schreckliche Art, so zu sterben!</p>
+
+<p>Er seufzte, nahm das Buch wieder auf und suchte zu vergessen.
+Er las von den Schwalben, die aus- und einfliegen
+in dem kleinen Café zu Smyrna, wo die Hadjis sitzen und
+ihre Bernsteinperlen durch die Hand laufen lassen, und wo
+die Kaufleute im Turban ihre langen, quastenbehängten
+Pfeifen rauchen und ernsthaft miteinander sprechen: er las
+von dem Obelisk auf der Place de la Concorde, der in
+seiner vereinsamten, sonnenlosen Verbannung granitene
+Tränen weint und sich zurücksehnt nach dem heißen, lotosbedeckten
+Nil, wo die Sphinxe sind, und rosenrote Ibisse
+und weiße Geier mit goldenen Klauen und Krokodile mit
+kleinen Beryllaugen, die durch den grünen, dampfenden
+Schlamm dahinkriechen: er fing an, den Versen nachzusinnen,
+die ihre Musik aus Marmor locken, der von Küssen
+fleckig geworden ist, und die uns von der sonderbaren
+Statue erzählen, die Gautier einer Altstimme vergleicht, von
+dem „<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">monstre charmant</span>“, das in dem Porphyrsaal des
+Louvre steht. Aber nach einiger Zeit entfiel seinen Händen
+das Buch. Er wurde nervös, und ein gräßlicher Angstanfall
+schüttelte ihn. Was nun tun, wenn Alan Campbell nicht
+in England war? Tage könnten möglicherweise verstreichen,
+bevor er zurückkäme. Vielleicht weigerte er sich, zu kommen.
+Was sollte er dann tun? Jeder Augenblick war von tödlicher
+Bedeutung.</p>
+
+<p>Sie waren einmal sehr befreundet gewesen, vor fünf
+Jahren &mdash; sogar fast unzertrennlich. Dann hatte die
+Intimität plötzlich ein Ende. Wenn sie sich jetzt in Gesellschaft<a class="pagenum" name="Page_253" title="253"> </a>
+trafen, war es nur noch Dorian Gray, der da
+lächelte, niemals Alan Campbell.</p>
+
+<p>Er war ein außerordentlich begabter junger Mann,
+wenn er auch kein eigentliches Verhältnis zu den sichtbaren
+Künsten hatte, und der geringe Sinn für Poesie, den er
+besaß, vollständig von Dorian herrührte. Die geistige
+Leidenschaft, die ihn beherrschte, erstreckte sich nur auf die
+Wissenschaft. In Cambridge hatte er einen großen Teil
+seiner Zeit mit Arbeiten im Laboratorium verbracht und
+hatte sein Examen in den Naturwissenschaften mit vorzüglich
+bestanden. Noch jetzt war er dem Studium der Chemie
+ergeben und hatte ein eigenes Laboratorium, in das er
+sich häufig den ganzen Tag einzuschließen pflegte, zum
+großen Kummer seiner Mutter, die sich darauf verbissen
+hatte, daß er für das Parlament kandidieren sollte, und die
+eine unklare Vorstellung hatte, ein Chemiker sei ein Mensch,
+der Rezepte anfertige. Indessen war er ein ausgezeichneter
+Musiker und spielte Geige und Klavier besser als die
+meisten Dilettanten. Die Musik war es denn auch wirklich,
+die Dorian Gray und ihn zueinander gebracht hatte &mdash; die
+Musik und die unerklärliche Anziehungskraft, die Dorian
+ausüben konnte, wenn er wollte, und auch oft ausübte,
+ohne es zu wissen. Sie hatten sich bei Lady Berkshire an
+dem Abend kennengelernt, als Rubinstein dort spielte, und
+man sah sie von da an immer zusammen in der Oper und
+überall, wo es gute Musik gab. Achtzehn Monate dauerte
+diese Freundschaft. Campbell war regelmäßig entweder
+in Selby Royal oder in Grosvenor Square. Für ihn wie
+für viele andere war Dorian Gray die Verkörperung<a class="pagenum" name="Page_254" title="254"> </a>
+alles dessen, was wunderbar und bezaubernd im Leben
+ist. Ob zwischen ihnen ein Streit vorgefallen war oder
+nicht, wußte kein Mensch. Aber plötzlich bemerkten die
+Leute, daß sie kaum miteinander sprachen, wenn sie sich
+trafen, und daß Campbell jede Gesellschaft frühzeitig
+verließ, in der Dorian anwesend war. Er war auch verändert
+&mdash; bisweilen merkwürdig melancholisch, schien kaum
+noch Musik hören zu können, spielte nie mehr selbst und
+gab, wenn man ihn dazu aufforderte, als Entschuldigung
+an, daß ihn die Wissenschaft so stark in Anspruch nähme,
+daß er keine Zeit mehr zum Üben habe. Und das war auch
+der Fall. Er schien jeden Tag mehr Interesse für biologische
+Studien zu gewinnen, und sein Name erschien ein- oder
+zweimal in wissenschaftlichen Zeitschriften in Verbindung
+mit gewissen außergewöhnlichen Experimenten.</p>
+
+<p>Das war der Mann, auf den Dorian Gray wartete.
+Jede Sekunde blickte er auf die Uhr. Als Minute um
+Minute verstrich, wurde er furchtbar aufgeregt. Schließlich
+stand er auf und begann im Zimmer hin und her
+zu gehen wie irgendeine schöne Bestie im Käfig. Er holte
+weiten Schrittes, fast sprunghaft, aus und trat leise auf.
+Seine Hände waren eigentümlich kalt.</p>
+
+<p>Das Warten wurde unerträglich. Die Zeit schien ihm
+mit bleiernen Füßen zu schleichen, während er von ungeheuren
+Wirbelwinden zum zackigen Grat einer schwarzen
+Kluft oder eines Abgrundes hingefegt wurde. Er wußte,
+was dort seiner harrte; er sah es und preßte schaudernd
+mit feuchten Händen seine brennenden Lider zusammen,
+als wolle er sein Gehirn der Sehkraft berauben und die<a class="pagenum" name="Page_255" title="255"> </a>
+Augäpfel in ihre Höhlen zurückdrängen. Es war umsonst.
+Das Gehirn hatte seine eigene Nahrung, mit der es sich
+mästete, und die durch den Schrecken grotesk gemachte Einbildungskraft
+krümmte sich vor Schmerz wie ein lebendes
+Wesen, tanzte wie eine widerwärtige Marionette in einer
+Schaubude und grinste durch bewegliche Masken hindurch.
+Dann blieb auf einmal die Zeit für ihn stehen. Ja, dieses
+blinde, langsamatmende Wesen kroch nicht mehr, und da
+sie tot war, stürzten sich gräßliche Gedanken mit Blitzesschnelle
+über ihn hin und zerrten eine scheußliche Zukunft
+aus ihrem Grabe und zeigten sie ihm. Er starrte darauf hin.
+Ihre Entsetzlichkeit versteinerte ihn.</p>
+
+<p>Endlich öffnete sich die Tür, und sein Bedienter trat ein.
+Er wandte ihm seine gläsernen Augen zu.</p>
+
+<p>„Herr Campbell, gnädiger Herr“, sagte der Mann.</p>
+
+<p>Ein Seufzer der Erleichterung kam von seinen trockenen
+Lippen und die Farbe kehrte in seine Wangen zurück.</p>
+
+<p>„Bitten Sie ihn sofort herein, Francis.“ Er fühlte,
+daß er wieder er selbst war. Der Anfall von Feigheit war
+überwunden.</p>
+
+<p>Der Diener verbeugte sich und ging. Nach einigen
+Augenblicken trat Alan Campbell ein, mit sehr strengem
+Gesicht und etwas bleich, und seine blasse Farbe wurde
+durch das kohlschwarze Haar und die dunkeln Brauen noch
+verstärkt.</p>
+
+<p>„Alan! das ist freundlich von dir. Ich danke dir, daß
+du gekommen bist.“</p>
+
+<p>„Ich hatte die Absicht, dein Haus nie wieder zu betreten,
+Gray. Aber du schriebst, es handle sich um Leben und<a class="pagenum" name="Page_256" title="256"> </a>
+Tod.“ Seine Stimme war hart und kalt. Er sprach langsam
+und überlegt. Ein Zug von Verachtung lag in dem
+festen, forschenden Blick, den er auf Dorian richtete. Er
+behielt die Hände in den Taschen seines Astrachanpelzes
+und schien die Bewegung, mit der ihm die Hand entgegengestreckt
+worden war, nicht zu bemerken.</p>
+
+<p>„Ja, es handelt sich um Leben und Tod, und für mehr
+als einen Menschen, Alan. Setze dich.“</p>
+
+<p>Campbell nahm einen Stuhl am Tisch, und Dorian
+setzte sich ihm gegenüber. Die Augen der beiden Männer
+trafen sich. In denen Dorians lag unendliches Mitleid.
+Er wußte, was er jetzt tun werde, war schrecklich.</p>
+
+<p>Nach einem Augenblick peinlichen Schweigens beugte er
+sich nach vorn und sagte sehr ruhig, die Wirkung jedes
+Wortes auf dem Gesicht des Mannes ablesend, den er
+hatte holen lassen: „Alan, in einem verschlossenen Dachzimmer
+dieses Hauses, in einem Zimmer, zu dem kein einziger
+Mensch außer mir Zutritt hat, sitzt ein toter Mann
+an einem Tisch. Er ist jetzt seit zehn Stunden tot. Bleib'
+ruhig sitzen und sieh mich nicht so an. Wer der Mann ist,
+warum er starb, wie er starb, sind Dinge, die dich nicht
+kümmern. Was du zu tun hast, ist &mdash;“</p>
+
+<p>„Halt, Gray! Ich will nichts mehr wissen. Ob das, was
+du mir gesagt hast, wahr ist oder nicht, geht mich nichts an.
+Ich lehne es entschieden ab, in dein Leben verwickelt zu
+werden. Behalte deine fürchterlichen Geheimnisse für dich!
+Sie interessieren mich nicht mehr.“</p>
+
+<p>„Alan, du wirst dafür Interesse haben müssen. Dies
+eine Geheimnis wird dich interessieren müssen. Es tut mir<a class="pagenum" name="Page_257" title="257"> </a>
+furchtbar leid um dich, Alan. Aber ich kann dir nicht
+helfen. Du bist der einzige Mensch, der mich zu retten vermag.
+Ich bin gezwungen, dich in die Sache hineinzuziehen.
+Ich habe keine Wahl. Alan, du bist ein Mann der Naturwissenschaft.
+Du verstehst dich auf Chemie und diese Dinge.
+Du hast Experimente gemacht. Was du zu tun hast, ist,
+das Wesen da oben zu vernichten, so zu vernichten, daß
+auch nicht eine Spur davon übrigbleibt. Niemand hat
+diesen Menschen in mein Haus kommen sehen. Man vermutet
+ihn im Augenblick in Paris. Monatelang wird er
+nicht vermißt werden. Wenn er vermißt wird, darf hier
+keine Spur von ihm gefunden werden. Alan, du mußt ihn,
+ihn und alles, was zu ihm gehört, in eine Handvoll Asche
+verwandeln, die ich in die Luft streuen kann.“</p>
+
+<p>„Du bist wahnsinnig, Dorian.“</p>
+
+<p>„Ah! wie ich darauf gewartet habe, daß du mich
+wieder Dorian nennst.“</p>
+
+<p>„Du bist wahnsinnig, sag' ich dir &mdash; wahnsinnig, daß
+du dir einbildest, ich wurde auch nur einen Finger rühren,
+dir zu helfen, wahnsinnig, daß du mir dieses ungeheuerliche
+Geständnis ablegst. Ich will damit nichts zu tun
+haben, was es auch sei. Glaubst du, ich setze meine Ehre
+für dich aufs Spiel? Was geht's mich an, mit welchem
+Teufelswerk du zu tun hast.“</p>
+
+<p>„Es war ein Selbstmord, Alan.“</p>
+
+<p>„Das freut mich, aber wer hat ihn dazu getrieben? Du,
+vermute ich.“</p>
+
+<p>„Weigerst du dich noch immer, das für mich zu tun?“</p>
+
+<p>„Natürlich weigere ich mich. Ich will absolut nichts damit<a class="pagenum" name="Page_258" title="258"> </a>
+zu schaffen haben. Es liegt mir gar nichts daran, was
+für eine Schande über dich kommt. Du verdienst es vollauf.
+Es würde mir nicht leid tun, wenn ich dich entehrt,
+öffentlich entehrt sähe. Wie kannst du es wagen, mich,
+gerade mich von allen Menschen in der Welt in diese
+Scheußlichkeit hineinbringen zu wollen? Ich hätte geglaubt,
+du verständest mehr vom Charakter der Menschen.
+Dein Freund, Lord Henry Wotton, kann dich nicht sehr
+über Psychologie aufgeklärt haben, worüber er dich auch
+sonst aufgeklärt hat. Nichts wird mich dazu vermögen,
+auch nur einen Schritt zu tun, um dir zu helfen. Du bist
+an den falschen Mann gekommen. Geh zu einem deiner
+Freunde, nicht zu mir.“</p>
+
+<p>„Alan, es war Mord. Ich habe ihn umgebracht. Du
+weißt nicht, was ich durch ihn gelitten habe. Mein Leben
+mag sein, wie es wolle, er hatte mehr damit zu tun, es zu
+erschaffen und zu zerstören, als der arme Harry. Er mag
+es nicht gewollt haben, die Wirkung ist dieselbe.“</p>
+
+<p>„Mord! Guter Gott, Dorian, bist du jetzt soweit gekommen?
+Ich werde dich nicht anzeigen. Das ist meines
+Amtes nicht. Im übrigen wird man dich fassen, auch wenn
+ich mich nicht in die Sache mische. Niemand begeht ein
+Verbrechen, ohne dabei eine Dummheit zu machen. Also
+ich will nichts damit zu tun haben.“</p>
+
+<p>„Du mußt etwas damit zu tun haben. Warte, warte
+noch einen Augenblick; hör' mich an. Nur anhören, Alan.
+Alles, was ich von dir verlange, ist ein bestimmtes wissenschaftliches
+Experiment. Du gehst in Spitäler und Leichenhäuser,
+und das Schreckliche, was du dort tust, rührt dich<a class="pagenum" name="Page_259" title="259"> </a>
+nicht. Wenn du diesen Mann in irgendeinem gräßlichen
+Seziersaal oder in einem mißduftenden Laboratorium auf
+einem rohen Tisch liegen sähest, mit roten Röhren, die
+man in ihn hineingebohrt hat, damit daraus das Blut
+durchfließen kann, dann würdest du ihn einfach als ein
+bewundernswertes Objekt betrachten. Kein Härchen würde
+sich dir sträuben. Du hättest nicht die Empfindung, irgend
+etwas Unrechtes zu tun. Im Gegenteil, du würdest wahrscheinlich
+glauben, der Menschheit eine Wohltat zu erweisen,
+oder die Summe des menschlichen Wissens zu vermehren
+oder den intellektuellen Wissensdrang zu befriedigen
+oder so etwas dergleichen. Was ich von dir fordere,
+ist nichts anderes, als was du schon oft getan hast. Wahrhaftig,
+es muß viel weniger gräßlich sein, einen Leichnam
+aus der Welt zu schaffen, als das, was du gewöhnlich tust.
+Und bedenke, es ist der einzige Beweis gegen mich. Wenn
+er entdeckt wird, bin ich verloren; und er muß sicher entdeckt
+werden, wenn du mir nicht hilfst.“</p>
+
+<p>„Ich habe keine Lust, dir zu helfen. Du vergißt das.
+Die ganze Sache ist mir gleichgültig. Ich habe nichts damit
+zu tun.“</p>
+
+<p>„Alan, ich beschwöre dich. Denke an die Lage, in der ich
+bin. Jetzt eben, ehe du kamst, war ich fast ohnmächtig vor
+Schreck. Du kannst eines Tages selbst einmal die Angst
+kennenlernen. Nein, denke nicht daran! Betrachte die
+Sache vom rein wissenschaftlichen Standpunkte aus. Du
+forschst doch sonst nicht danach, woher die toten Wesen
+kommen, mit denen du experimentierst. Forsche auch jetzt
+nicht danach. Ich habe dir ohnehin zuviel gesagt. Aber<a class="pagenum" name="Page_260" title="260"> </a>
+ich bitte dich, tu, um was ich dich bat. Wir waren doch einmal
+Freunde, Alan.“</p>
+
+<p>„Sprich nicht von jenen Tagen, Dorian; sie sind tot.“</p>
+
+<p>„Die Toten verweilen manchmal. Der Mann da oben
+geht nicht weg. Er sitzt am Tisch mit vorgebeugtem Kopf
+und ausgestreckten Armen. Alan! Alan! wenn du mir
+nicht zu Hilfe kommst, bin ich verloren. Alan! man wird
+mich hängen! Begreifst du nicht? Man wird mich hängen,
+für das, was ich getan habe.“</p>
+
+<p>„Es hat keinen Sinn, diese Szene weiter auszudehnen.
+Ich weigere mich ganz entschieden, etwas damit zu tun
+zu haben. Es ist Tollheit von dir, mich darum zu
+bitten.“</p>
+
+<p>„Du weigerst dich?“</p>
+
+<p>„Ja!“</p>
+
+<p>„Ich beschwöre dich, Alan!“</p>
+
+<p>„Es ist nutzlos.“</p>
+
+<p>Derselbe mitleidige Ausdruck kam in Dorian Grays
+Augen. Dann reckte er die Hand aus, nahm ein Stück
+Papier und schrieb etwas darauf. Er las es zweimal durch,
+faltete es sorgfältig zusammen und schob es über den Tisch.
+Nachdem er dies getan hatte, stand er auf und trat ans
+Fenster.</p>
+
+<p>Campbell sah ihn verwundert an, nahm dann das Papier
+und öffnete es. Als er es gelesen hatte, wurde sein
+Gesicht totenblaß und er sank in seinen Stuhl zurück. Ein
+fürchterliches Gefühl der Schwäche überwältigte ihn. Ihm
+war, als ob sich sein Herz in einer leeren Höhle zu Tode
+schlüge.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_261" title="261"> </a></p>
+
+<p>Nach zwei oder drei Minuten furchtbaren Schweigens
+wandte sich Dorian um, ging zu ihm hin, stellte sich hinter
+ihn und legte ihm die Hand auf die Schulter.</p>
+
+<p>„Es tut mir so leid um dich, Alan,“ flüsterte er, „aber
+du läßt mir keine Wahl. Ich habe den Brief schon geschrieben.
+Hier ist er. Du siehst die Adresse. Wenn du mir
+nicht hilfst, muß ich ihn abschicken. Du weißt, was darauf
+erfolgt. Aber du wirst mir helfen. Es ist unmöglich, daß
+du jetzt noch nein sagst. Ich wollte dir das ersparen. Du
+mußt mir die Gerechtigkeit widerfahren lassen, das zuzugeben.
+Du warst bitter, hart, beleidigend. Du hast mich
+behandelt, wie es nie ein Mensch gewagt hat, mich zu behandeln.
+Wenigstens kein lebender Mensch. Ich ertrug es
+alles. Jetzt ist es an mir, Bedingungen zu diktieren.“</p>
+
+<p>Campbell vergrub sein Gesicht in den Händen und ein
+Frösteln überlief ihn.</p>
+
+<p>„Ja, jetzt ist die Reihe an mir, Bedingungen zu diktieren,
+Alan. Du weißt, was ich verlange. Die Sache ist
+ganz einfach. Komm, schraube dich nicht in ein Fieber
+hinein. Die Sache muß geschehen. Schau ihr ins Gesicht
+und vollbringe sie.“</p>
+
+<p>Ein Stöhnen klang von Campbells Lippen, und er
+zitterte am ganzen Leibe. Das Ticken der Uhr auf dem
+Kaminsims schien ihm die Zeit in einzelne Atome eines
+Todeskampfes zu zerstückeln, von denen das kleinste schon
+zu schrecklich war, um es zu ertragen. Er hatte das Gefühl,
+als ob ein eiserner Ring um seine Stirn nach und
+nach festgespannt wurde, als ob die Schande, mit der man
+ihn bedrohte, schon über ihn käme. Die Hand auf seiner<a class="pagenum" name="Page_262" title="262"> </a>
+Schulter beschwerte ihn wie ein Gewicht von Blei. Sie war
+unerträglich. Sie schien ihn zu zerquetschen.</p>
+
+<p>„Komm, Alan, du mußt dich gleich entscheiden.“</p>
+
+<p>„Ich kann es nicht tun“, sagte er mechanisch, als könnten
+die Worte etwas ändern.</p>
+
+<p>„Du mußt. Du hast keine Wahl. Zaudere nicht.“</p>
+
+<p>Er schwankte einen Augenblick. „Ist ein Ofen da oben?“</p>
+
+<p>„Ja, ein Gasofen mit Asbest.“</p>
+
+<p>„Dann muß ich nach Hause gehen und einiges aus dem
+Laboratorium holen.“</p>
+
+<p>„Nein, Alan, du darfst das Haus nicht verlassen.
+Schreib' auf ein Blatt Papier, was du brauchst, und mein
+Diener nimmt eine Droschke und wird dir die Sachen
+bringen.“</p>
+
+<p>Campbell kritzelte ein paar Zeilen hin, trocknete sie ab
+und adressierte ein Kuvert an seinen Assistenten. Dorian
+nahm das Briefchen und las es aufmerksam durch. Dann
+klingelte er und gab es seinem Diener mit dem Auftrag, so
+rasch als möglich zurückzukommen und die im Schreiben
+bezeichneten Sachen mitzubringen.</p>
+
+<p>Als die Haustür ins Schloß fiel, zuckte Campbell nervös
+zusammen, stand vom Stuhl auf und ging zum Kamin
+hinüber. Er schüttelte sich in einer Art kalten Fiebers. Fast
+zwanzig Minuten lang sprach keiner der beiden Männer.
+Eine Fliege schwirrte summend durch das Zimmer, und das
+Ticktack der Uhr klang wie der Fall eines Hammers.</p>
+
+<p>Als es eins schlug, drehte sich Campbell um, blickte auf
+Dorian Gray und sah, daß seine Augen mit Tränen gefüllt
+waren. In den reinen, edlen Zügen dieses traurigen Gesichts<a class="pagenum" name="Page_263" title="263"> </a>
+lag etwas, was ihn wütend zu machen schien.
+„Du bist infam, ganz infam“, rief er mit unterdrückter
+Stimme.</p>
+
+<p>„Ruhig, Alan, du hast mir das Leben gerettet“, sagte
+Dorian.</p>
+
+<p>„Dein Leben? Gott im Himmel! Was für ein Leben
+ist das! Du bist von Verderbnis zu Verderbnis geschritten,
+und jetzt hast du mit Mord den Gipfel erreicht. Wenn ich
+tue, was ich tun werde, was du mich zu tun zwingst, so
+denke ich dabei wahrhaftig nicht an dein Leben.“</p>
+
+<p>„Ach, Alan,“ flüsterte Dorian seufzend, „ich wünschte,
+du hättest den tausendsten Teil des Mitleids mit mir, das
+ich mit dir habe.“ Er kehrte sich während dieser Worte ab
+und stand da und blickte in den Garten hinaus. Campbell
+gab keine Antwort.</p>
+
+<p>Nach etwa zehn Minuten klopfte es an die Tür, und
+der Diener trat ein und brachte einen großen Mahagonikasten
+mit Chemikalien, eine lange Rolle Stahl- und
+Platindraht und zwei absonderlich geformte Eisenklammern.</p>
+
+<p>„Soll ich die Sachen hier lassen, gnädiger Herr?“ fragte
+er Campbell.</p>
+
+<p>„Ja“, antwortete Dorian. „Und ich bedaure, Francis,
+aber ich habe noch einen Weg für Sie. Wie heißt der
+Mann in Richmond, der Selby mit Orchideen versorgt?“</p>
+
+<p>„Harden, gnädiger Herr.“</p>
+
+<p>„Richtig &mdash; Harden. Sie müssen gleich nach Richmond
+fahren, Harden selbst sprechen und ihm sagen, er solle doppelt
+soviel Orchideen schicken, als ich bestellt habe, und
+möglichst wenig weiße dabei. Eigentlich will ich überhaupt<a class="pagenum" name="Page_264" title="264"> </a>
+keine weißen. Es ist ein schöner Tag, Francis, und Richmond
+ein hübscher Ort, sonst würde ich Sie damit nicht
+behelligen.“</p>
+
+<p>„Nichts zu sagen, gnädiger Herr. Zu welcher Zeit soll
+ich zurück sein?“</p>
+
+<p>Dorian sah Campbell an. „Wie lange wird dein Experiment
+dauern, Alan?“ fragte er mit ruhiger, gleichgültiger
+Stimme. Die Gegenwart eines Dritten im Zimmer
+schien ihm außerordentlichen Mut einzuflößen.</p>
+
+<p>Campbell runzelte die Stirn und biß sich auf die Lippen.
+„Es wird ungefähr fünf Stunden beanspruchen“, antwortete
+er.</p>
+
+<p>„Dann ist es früh genug, wenn Sie um sieben zurück
+sind, Francis. Oder halt: legen Sie meine Sachen zum
+Umkleiden zurecht, Sie können dann den Abend für sich
+verwenden. Ich esse nicht zu Hause, brauche Sie also
+nicht.“</p>
+
+<p>„Ich danke, gnädiger Herr“, sagte der Mann und verließ
+das Zimmer.</p>
+
+<p>„Jetzt, Alan, ist kein Augenblick zu verlieren. Wie schwer
+der Kasten ist! Ich will ihn dir tragen. Nimm du die anderen
+Sachen.“ Er sprach hastig und in befehlendem Tone.
+Campbell fühlte sich von ihm beherrscht. Sie verließen
+das Zimmer gleichzeitig.</p>
+
+<p>Als sie den obersten Treppenabsatz erreicht hatten, nahm
+Dorian den Schlüssel heraus und schloß auf. Dann blieb
+er stehen, und ein Ausdruck von Unruhe zeigte sich in
+seinem Blick. Er schauderte. „Ich glaube, ich kann nicht
+hineingehen, Alan“, flüsterte er.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_265" title="265"> </a></p>
+
+<p>„Das ist mir ganz gleich. Ich brauche dich nicht“, sagte
+Campbell kalt.</p>
+
+<p>Dorian öffnete die Tür zur Hälfte. Als er dies tat, sah
+er seinem Porträt, das im hellen Sonnenlicht hing, grade
+ins Gesicht. Davor lag auf den Dielen der herabgerissene
+Vorhang. Er erinnerte sich, daß er in der vergangenen
+Nacht zum ersten Male in seinem Leben vergessen hatte,
+die verhängnisvolle Leinwand zu verhüllen, und wollte
+eben nach vorn stürzen, als er schaudernd zurückprallte.</p>
+
+<p>Was war das für ein widerlicher, roter Fleck, der naß
+und glänzend an einer der Hände klebte, als hätte die
+Leinwand Blut geschwitzt? Wie schrecklich das war! &mdash;
+Schrecklicher schien es ihm in diesem Augenblick als das
+schweigsame Ding, das, wie er wußte, noch über den Tisch
+gebeugt dasaß, das Ding, dessen grotesker, unglückseliger
+Schatten auf dem fleckigen Teppich ihm zeigte, daß es sich
+nicht bewegt hatte, sondern noch da war, wo er es gelassen
+hatte.</p>
+
+<p>Er atmete tief auf, öffnete die Tür etwas weiter und
+ging mit halbgeschlossenen Augen und abgewandtem Kopf
+rasch hinein, entschlossen, mit keinem einzigen Blick nach
+dem Toten hinzusehen. Dann bückte er sich, nahm den gold-
+und purpurschimmernden Vorhang auf und warf ihn
+gerade über das Bild.</p>
+
+<p>Dann blieb er stehen, voll Angst, sich umzuwenden und
+seine Augen richteten sich auf die verschlungenen Muster
+des Vorhangs. Er hörte Campbell den schweren Kasten
+hereinbringen, und die Eisenklammern und die anderen
+Geräte, die er sich für seine entsetzliche Arbeit hatte kommen<a class="pagenum" name="Page_266" title="266"> </a>
+lassen. Er begann sich zu fragen, ob Campbell und Basil
+Hallward einander je begegnet waren und wenn, welche
+Meinung sie voneinander gehabt hätten.</p>
+
+<p>„Lasse mich jetzt allein“, sagte eine rauhe Stimme
+hinter ihm.</p>
+
+<p>Er kehrte sich um und lief hinaus, eben noch gerade wahrnehmend,
+daß der Tote in seinen Stuhl zurückgelehnt worden
+war und daß Campbell in ein schimmerndes, gelbes
+Gesicht starrte. Als er die Stufen hinabging, hörte er,
+wie der Schlüssel im Schloß umgedreht wurde.</p>
+
+<p>Es war lange nach sieben Uhr, als Campbell wieder
+in die Bibliothek trat. Er war blaß, aber vollständig
+ruhig. „Ich habe getan, was du von mir verlangt hast“,
+sagte er leise. „Und jetzt adieu. Wir wollen uns nie wiedersehen.“</p>
+
+<p>„Du hast mich vorm Untergang gerettet, Alan“, sagte
+Dorian ganz schlicht. „Ich kann das nie vergessen.“</p>
+
+<p>Sobald ihn Campbell verlassen hatte, ging er hinauf.
+Ein schrecklicher Geruch von Salpetersäure war im Zimmer.
+Aber das Ding, das am Tisch gesessen hatte, war fort.</p>
+
+<h2><a name="Funfzehntes_Kapitel" id="Funfzehntes_Kapitel"></a>Fünfzehntes Kapitel</h2>
+
+
+<p>Am selben Abend um halb neun Uhr wurde Dorian
+Gray in sorgfältigster Toilette, im Knopfloch einen großen
+Strauß Parmaveilchen tragend, von dienernden Lakaien
+in den Salon Lady Narboroughs geführt. Er hatte heftiges<a class="pagenum" name="Page_267" title="267"> </a>
+Kopfweh und furchtbar überreizte Nerven, aber seine
+Gebärde, als er sich über die Hand seiner Gastgeberin
+beugte, war ebenso leicht und anmutig wie sonst. Vielleicht
+sieht man nie gelassener aus, als wenn man eine Rolle
+zu spielen hat. Gewiß hätte niemand, der Dorian Gray an
+diesem Abend sah, geglaubt, daß er eine Tragödie hinter
+sich habe, die so schrecklich war wie irgendeine Tragödie
+unserer Zeit. Diese feingeformten Finger konnten doch nie
+ein Messer gezückt haben, um eine Sünde zu begehen, diese
+lächelnden Lippen nie Gott und Gottes Güte geschmäht
+haben. Er selbst mußte sich über die Ruhe seines Benehmens
+wundern und einen Augenblick lang spürte er in ganzer
+Stärke den grauenvollen Genuß eines Doppeldaseins.</p>
+
+<p>Es war eine kleine Gesellschaft, die Lady Narborough
+kurzer Hand zusammengeladen hatte, und die Gastgeberin
+war eine sehr gescheite Frau mit ansehnlichen Überbleibseln
+einer unleugbar hervorragenden Häßlichkeit, wie es
+Lord Henry auszudrücken liebte. Sie hatte sich einem unserer
+langweiligsten Botschafter als eine ausgezeichnete
+Frau erwiesen, und nachdem sie ihren Gemahl, wie sich's
+geziemte, in einem marmornen Mausoleum beigesetzt hatte,
+das nach ihren eigenen Entwürfen erbaut worden war,
+und seitdem sie ihre Töchter an einige reiche, etwas angejahrte
+Herren verheiratet hatte, widmete sie sich den
+Genüssen französischer Romane, französischer Kochkunst und
+französischen Geistes, wenn sie ihn auftreiben konnte.</p>
+
+<p>Dorian war einer ihrer erklärten Lieblinge, und sie sagte
+ihm immer, sie sei äußerst froh darüber, ihn nicht in früheren
+Jahren kennengelernt zu haben. „Ich weiß, mein<a class="pagenum" name="Page_268" title="268"> </a>
+Lieber, ich hätte mich sinnlos in Sie verliebt,“ pflegte sie
+zu sagen, „und wäre Ihretwillen der größten Tollheiten
+fähig gewesen. Es ist ein großes Glück, daß man damals
+noch gar nicht an Sie dachte. Zu meiner Zeit waren die
+Tollheiten eine so seltene Ware, daß ich nicht einmal eine
+harmlose Liebelei mit jemand gehabt habe. Indessen war
+das nur die Schuld Narboroughs. Er war schrecklich kurzsichtig,
+und es ist alles andere als ein Vergnügen, einen
+Ehemann zu betrügen, der nie etwas sieht.“</p>
+
+<p>Ihre Gäste waren an diesem Abend ziemlich langweilig.
+Die Sache war so, wie sie Dorian hinter einem ziemlich
+schäbigen Fächer erklärte, daß eine ihrer verheirateten Töchter
+plötzlich zu Besuch gekommen war, und, was die Sache
+noch ärgerlicher machte, obendrein ihren Mann mitgebracht
+hatte.</p>
+
+<p>„Ich finde das sehr unliebenswürdig von ihr, mein
+Lieber“, flüsterte sie ihm zu. „Natürlich bin ich jeden
+Sommer mit ihnen zusammen, wenn ich von Homburg
+komme, aber eine alte Frau wie ich muß eben manchmal
+frische Luft haben, und außerdem rüttle ich sie dann etwas
+auf. Sie ahnen ja gar nicht, was die für ein Leben da
+hinten führen. Es ist das reine, unverfälschte Landleben.
+Sie stehen früh auf, weil sie so viel zu tun haben, und
+gehen früh zu Bett, weil sie so wenig zu denken haben.
+In der ganzen Gegend da hat es seit der Zeit der Königin
+Elisabeth keinen Skandal gegeben, und infolgedessen schlafen
+sie alle nach dem Essen ein. Sie sollen aber nicht neben
+einem von ihnen sitzen. Sie sollen neben mir sitzen und
+mich amüsieren.“</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_269" title="269"> </a></p>
+
+<p>Dorian murmelte ein anmutiges Kompliment und blickte
+sich im Zimmer um. Ja, es war wirklich eine öde Gesellschaft.
+Zwei von den Anwesenden hatte er vordem nie
+gesehen, und die anderen waren Ernest Harrowden, eine
+der Mittelmäßigkeiten in mittleren Jahren, denen man so
+häufig in Londoner Klubs begegnet, die keine Feinde
+haben, die aber keiner ihrer Freunde leiden kann: dann
+Lady Ruxton, eine aufgeputzte Dame mit einer Papageiennase,
+im Alter von siebenundvierzig Jahren, die sich unablässig
+bemühte, sich zu kompromittieren, die aber so lächerlich
+häßlich war, daß zu ihrer großen Enttäuschung niemals
+einer etwas Schlechtes von ihr glauben wollte: Frau
+Erlynne, eine zudringliche Nichtigkeit mit einem entzückenden
+Lispeln und venezianisch rotem Haar: Lady Alice
+Chapman, die Tochter der Wirtin, eine schlechtgekleidete,
+bedeutungslose Frau mit einem der charakteristischen englischen
+Gesichter, an die man sich nie wieder erinnert, wenn
+man sie einmal gesehen hat, und ihr Mann, ein rotbäckiges,
+weißbärtiges Geschöpf, das, wie so viele seiner Kaste, der
+Überzeugung lebte, daß ungewöhnliche Liebenswürdigkeit
+den vollständigen Mangel an Gedanken ersetzen könne.</p>
+
+<p>Es tat ihm beinah leid, daß er gekommen war, bis Lady
+Narborough einen Blick auf die große goldene Pendeluhr
+warf, die sich mit ihren geschmacklosen Zieraten auf dem
+malvefarbig behängten Kamin spreizte, und ausrief: „Wie
+häßlich von Henry Wotton, zu spät zu kommen! Ich
+schickte heute früh auf gut Glück zu ihm hinüber und er hat
+fest zugesagt, mich nicht im Stich zu lassen.“</p>
+
+<p>Es war ein Trost, daß Harry kommen sollte, und als<a class="pagenum" name="Page_270" title="270"> </a>
+sich die Tür öffnete und er seine sanfte musikalische
+Stimme hörte, die irgendeine läppische Ausrede bezaubernd
+hervorbrachte, schwand seine Verdrießlichkeit.</p>
+
+<p>Aber er konnte bei Tisch dennoch nichts essen. Platte
+nach Platte wurde, von ihm unberührt, weggetragen. Lady
+Narborough schalt ihn unaufhörlich, weil sie darin „eine
+Beleidigung sah für den armen Adolphe, der das ganze
+Menü eigens für sie erfunden hätte“, und dann und wann
+blickte Lord Henry zu ihm herüber und verwunderte sich
+über sein Schweigen und sein zerstreutes Wesen. Von Zeit
+zu Zeit füllte der Diener sein Glas mit Champagner. Er
+trank hastig, und sein Durst schien zu wachsen.</p>
+
+<p>„Dorian,“ sagte Lord Henry endlich, als das Chaudfroid
+herumgereicht wurde, „was ist heute abend mit dir
+los? Du bist ja so verstimmt.“</p>
+
+<p>„Ich glaube, er ist verliebt,“ sagte Lady Narborough,
+„und er hat Angst, es mir zu erzählen, aus Furcht, daß ich
+eifersüchtig würde. Er hat auch ganz recht. Ich würde es
+gewiß.“</p>
+
+<p>„Teure Lady Narborough,“ flüsterte Dorian lächelnd,
+„ich bin seit einer vollen Woche nicht verliebt gewesen &mdash;
+genau gesagt, nicht seitdem Madame de Ferrol aus London
+weg ist.“</p>
+
+<p>„Daß ihr Männer euch in diese Frau verlieben könnt!“
+rief die alte Dame. „Ich kann es wirklich nicht verstehen.“</p>
+
+<p>„Das kommt einfach daher, weil sie Sie an die Zeit
+erinnert, wo Sie ein kleines Mädchen waren, Lady Narborough“,
+sagte Lord Henry. „Sie ist das einzige Bindeglied
+zwischen uns und Ihren kurzen Röckchen.“</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_271" title="271"> </a></p>
+
+<p>„Sie erinnert mich wirklich nicht an meine kurzen Röckchen,
+Lord Henry. Aber ich entsinne mich ihrer sehr gut
+in Wien vor dreißig Jahren und wie sie sich damals
+dekolletierte.“</p>
+
+<p>„Sie dekolletiert sich noch immer,“ antwortete er und
+nahm eine Olive in seine langen Finger, „und wenn sie
+sehr elegant gekleidet ist, sieht sie aus wie die Luxusausgabe
+eines schlechten, französischen Romans. Sie ist wirklich
+wunderbar und voller Überraschungen. Ihr Talent
+für Familienliebe ist außerordentlich. Als ihr dritter Mann
+starb, wurde ihr Haar vor Trauer ganz goldblond.“</p>
+
+<p>„Wie kannst du so etwas sagen, Harry!“ rief Dorian.</p>
+
+<p>„Das ist eine höchst romantische Erklärung“, lachte die
+Gastgeberin. „Aber ihr dritter Mann, Lord Henry! Sie
+wollen doch nicht sagen, daß Ferrol der vierte ist?“</p>
+
+<p>„Doch, Lady Narborough.“</p>
+
+<p>„Ich glaube kein Wort davon.“</p>
+
+<p>„Gut, dann fragen Sie Herrn Gray, er ist einer ihrer
+intimsten Freunde.“</p>
+
+<p>„Ist das wahr, Herr Gray?“</p>
+
+<p>„Sie versichert es mir, Lady Narborough“, erwiderte
+Dorian. „Ich fragte sie, ob sie wie Margarete von Navarra
+ihre Herzen einbalsamiert habe und am Gürtel
+trage. Sie sagte mir, sie täte das nicht, weil keiner von
+ihnen überhaupt ein Herz gehabt hätte.“</p>
+
+<p>„Vier Männer! Auf mein Wort, das ist <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">trop de zêle</span>.“</p>
+
+<p>„<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">Trop d'audace</span> sagte ich ihr“, entgegnete Dorian.</p>
+
+<p>„Oh! sie ist mutig genug, alles zu tun, mein Lieber.
+Und wie ist Ferrol? Ich kenne ihn nicht.“</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_272" title="272"> </a></p>
+
+<p>„Die Männer sehr schöner Frauen gehören zur Verbrecherklasse“,
+sagte Lord Henry und schlürfte seinen Wein.</p>
+
+<p>Lady Narborough schlug ihn mit dem Fächer. „Lord
+Henry, ich bin nicht im mindesten überrascht, daß die ganze
+Welt über Ihre Ruchlosigkeit klagt.“</p>
+
+<p>„Aber welche ganze Welt tut das?“ fragte Lord Henry,
+seine Brauen hochziehend. „Es kann nur die Nachwelt
+sein. Denn diese Welt und ich, wir stehen brillant miteinander.“</p>
+
+<p>„Alle meine Bekannten sagen, daß Sie sehr ruchlos
+sind!“ rief die alte Dame den Kopf schüttelnd.</p>
+
+<p>Lord Henry sah einige Augenblicke ernsthaft aus. „Es
+ist ganz abscheulich,“ sagte er schließlich, „wie die Leute
+heutzutage herumgehen und einem hinterm Rücken Dinge
+nachsagen, die ganz und gar auf Wahrheit beruhen.“</p>
+
+<p>„Ist er nicht unverbesserlich?“ rief Dorian und beugte
+sich in seinem Stuhl vor.</p>
+
+<p>„Ich hoffe“ sagte die Wirtin lachend. „Aber wenn Sie
+wirklich alle Madame de Ferrol in dieser lächerlichen
+Weise anbeten, so muß ich auch wieder heiraten, um in
+Mode zu kommen.“</p>
+
+<p>„Sie werden nie wieder heiraten, Lady Narborough“,
+unterbrach Lord Henry. „Sie waren viel zu glücklich. Wenn
+eine Frau wieder heiratet, so tut sie es, weil sie ihren ersten
+Mann verabscheute. Wenn ein Mann wieder heiratet, so
+tut er es, weil er seine erste Frau anbetete. Frauen versuchen
+ihr Glück, Männer setzen das ihre aufs Spiel.“</p>
+
+<p>„Narborough war nicht vollkommen!“ rief die alte
+Dame.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_273" title="273"> </a></p>
+
+<p>„Wenn er es gewesen wäre, hätten Sie ihn nicht geliebt,
+meine teure Lady“, war die Antwort. „Frauen
+lieben uns um unserer Fehler willen. Wenn wir ihrer genug
+haben, vergeben sie uns alles, selbst unseren Geist.
+Ich fürchte, Sie werden mich nie wieder zu einem Diner
+bitten, nachdem ich das gesagt habe, Lady Narborough,
+aber es ist völlig wahr.“</p>
+
+<p>„Natürlich ist es wahr, Lord Henry. Wenn wir Frauen
+euch nicht eurer Fehler halber liebten, wo wäret ihr alle?
+Nicht ein einziger von euch würde verheiratet sein. Und ihr
+wäret eine Sekte unglücklicher Junggesellen. Das würde
+aber nicht viel an euch ändern. Heutzutage leben alle Ehemänner
+wie Junggesellen und alle Junggesellen wie Ehemänner.“</p>
+
+<p>„<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">Fin de siècle</span>“, flüsterte Lord Henry.</p>
+
+<p>„<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">Fin du globe</span>“, entgegnete die Gastgeberin.</p>
+
+<p>„Ich wollte, es wäre <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">fin du globe</span>“, sagte Dorian mit
+einem Seufzer. „Das Leben ist eine große Enttäuschung.“</p>
+
+<p>„Ah, mein Lieber!“ rief Lady Narborough und zog
+ihre Handschuhe an, „sagen Sie mir nicht, daß Sie das
+Leben erschöpft haben. Wenn ein Mann das sagt, weiß
+man, daß das Leben ihn erschöpft hat. Lord Henry ist im
+höchsten Grade ruchlos, und ich wünsche manchmal, ich wäre
+es auch gewesen; aber Sie sind geschaffen, um gut zu
+sein &mdash; Sie sehen so gut aus. Ich muß Ihnen eine hübsche
+Frau verschaffen. Lord Henry, meinen Sie nicht, daß Herr
+Gray heiraten sollte?“</p>
+
+<p>„Ich sage ihm das immer, Lady Narborough“, erwiderte
+Lord Henry mit einer Verbeugung.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_274" title="274"> </a></p>
+
+<p>„Schön, so wollen wir uns nach einer guten Partie für
+ihn umsehen. Ich werde heute nacht den Adelskalender
+aufmerksam durchgehen und eine Liste aller in Frage
+kommenden jungen Damen aufstellen.“</p>
+
+<p>„Mit ihrer Altersangabe, Lady Narborough?“ fragte
+Dorian.</p>
+
+<p>„Natürlich mit ihrem Alter, ein wenig retuschiert. Aber
+man darf nichts übereilen. Ich will, daß es genau das
+wird, was die Morning Post eine passende Verbindung
+nennt, und ihr sollt beide glücklich werden.“</p>
+
+<p>„Was die Menschen doch für einen Unsinn über
+glückliche Ehen reden!“ rief Lord Henry. „Ein Mann
+kann mit jeder Frau glücklich werden, solange er sie nicht
+liebt.“</p>
+
+<p>„Pfui! Was sind Sie für ein Zyniker!“ rief die alte
+Dame, schob ihren Stuhl zurück und nickte Lady Ruxton zu.
+„Sie müssen bald wiederkommen und bei mir essen. Sie
+sind wirklich ein wunderbarer Appetitanreger, viel besser
+als das, was mir mein Hausarzt verschreibt. Sie müssen
+mir sagen, was für Leute Sie gern treffen würden. Es
+soll ein entzückendes Beisammensein werden.“</p>
+
+<p>„Ich liebe Männer, die eine Zukunft haben, und
+Frauen, die eine Vergangenheit haben“, antwortete er.
+„Oder beabsichtigen Sie, eine Weibergesellschaft zustande
+zu bringen?“</p>
+
+<p>„Ich fürchte fast“, sagte sie lachend, indem sie sich erhob.
+„Ach, verzeihen Sie tausendmal, Lady Ruxton,“ fuhr
+sie fort, „ich habe nicht bemerkt, daß Sie mit Ihrer Zigarette
+noch nicht fertig waren.“</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_275" title="275"> </a></p>
+
+<p>„Macht nichts, Lady Narborough. Ich rauche viel zuviel.
+Ich muß mich darin in Zukunft einschränken.“</p>
+
+<p>„Bitte, tun Sie das nicht, Lady Ruxton“, sagte Lord
+Henry. „Mäßigung ist eine unglückliche Sache. Genug ist
+nicht besser als eine Mahlzeit. Mehr als genug ist so gut
+wie ein Festessen.“</p>
+
+<p>Lady Ruxton sah ihn neugierig an. „Lord Henry, Sie
+müssen mich eines Nachmittags besuchen und mir das erklären.
+Es klingt wie eine verlockende Theorie“, sagte sie,
+während sie aus dem Zimmer rauschte.</p>
+
+<p>„Jetzt bitte, sitzt mir nicht zu lange bei eurer Politik
+und euerm Klatsch!“ rief Lady Narborough von der Tür
+aus. „Wenn ihr das tut, zanken wir sicher mit euch, wenn
+ihr nach oben kommt.“</p>
+
+<p>Die Männer lachten, und Herr Chapman stand feierlich
+vom Ende der Tafel auf und setzte sich oben hin. Dorian
+Gray wechselte seinen Platz und setzte sich neben Lord
+Henry. Herr Chapman begann mit lauter Stimme über
+die parlamentarische Lage zu sprechen. Er heulte laut auf
+über seine Widersacher. Das Wort Doktrinär &mdash; ein Wort
+voller Schrecken für den britischen Geist &mdash; tauchte von
+Zeit zu Zeit in seinen Wutausbrüchen auf. Eine doppelt ausgesprochene
+Vorsilbe diente seiner Rede als Alliteration zum
+Schmuck. Er hißte den Union Jack auf dem Mast des Gedankens
+auf. Die angestammte Dummheit der Rasse &mdash; gesunder
+englischer Menschenverstand nannte er sie wohlwollend
+&mdash; wurde als das Hauptbollwerk der Gesellschaft hingestellt.</p>
+
+<p>Ein Lächeln kräuselte Lord Henrys Lippen, und er drehte
+sich um und blickte zu Dorian hin.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_276" title="276"> </a></p>
+
+<p>„Geht dir's jetzt besser, lieber Junge?“ fragte er. „Du
+schienst bei Tisch gar nicht recht wohl zu sein.“</p>
+
+<p>„Mir ist ganz wohl. Ich bin müde. Sonst nichts.“</p>
+
+<p>„Du warst entzückend gestern abend. Die kleine Herzogin
+hat dich ganz in ihr Herzchen geschlossen. Sie hat mir
+erzählt, sie käme nach Selby.“</p>
+
+<p>„Sie hat mir versprochen, am zwanzigsten zu kommen.“</p>
+
+<p>„Wird Monmouth auch da sein?“</p>
+
+<p>„Oh, gewiß, Harry!“</p>
+
+<p>„Er langweilt mich entsetzlich, fast ebenso sehr, wie er sie
+langweilt. Sie ist sehr verständig, zu verständig für eine
+Frau. Es fehlt ihr der unbeschreibliche Reiz der Schwäche.
+Die tönernen Füße sind's, die erst das Gold der Bildsäule
+wertvoll machen. Ihre Füße sind ganz allerliebst,
+aber es sind keine Tonfüße. Weiße Porzellanfüße, wenn
+du willst. Sie sind schon im Feuer gewesen, und was das
+Feuer nicht zerstört, macht es hart. Sie hat ihre Erfahrungen.“</p>
+
+<p>„Wie lange ist sie verheiratet?“ fragte Dorian.</p>
+
+<p>„Sie sagt, eine Ewigkeit. Nach dem Adelskalender,
+glaube ich, sind es wohl zehn Jahre, aber zehn Jahre mit
+Monmouth müssen wie eine Ewigkeit gewesen sein, wenn
+man die Zeit mitrechnet. Wer kommt sonst noch?“</p>
+
+<p>„Oh, die Willoughbys, Lord Rugby und seine Frau,
+unsere Wirtin, Geoffrey Clouston, die gewöhnliche Aufmachung.
+Ich habe auch Lord Grotrian gebeten.“</p>
+
+<p>„Den habe ich recht gern“, sagte Lord Henry. „Viele
+Leute können ihn nicht leiden, aber ich finde ihn reizend.
+Dafür, daß seine Kleidung manchmal übertrieben elegant<a class="pagenum" name="Page_277" title="277"> </a>
+ist, entschädigt er dadurch, daß er immer übertrieben gebildet
+ist. Es ist ein ganz moderner Typus.“</p>
+
+<p>„Ich weiß nicht, ob er kommen kann, Harry. Es ist
+möglich, daß er mit seinem Vater nach Monte Carlo muß.“</p>
+
+<p>„Ach, was für ein Kreuz die Familiensimpelei ist! Versuch
+doch, daß er kommt. Übrigens, Dorian, du bist gestern
+abend sehr früh weggelaufen. Du hast uns vor elf Uhr
+sitzen lassen. Was hast du denn noch vorgehabt? Bist du
+gleich nach Hause gegangen?“</p>
+
+<p>Dorian blickte ihn rasch an und runzelte die Stirn.
+„Nein, Harry,“ sagte er endlich, „es war schon fast drei,
+als ich nach Hause kam.“</p>
+
+<p>„Warst du noch im Klub?“</p>
+
+<p>„Ja“, antwortete er. Dann biß er sich auf die Lippen.
+„Nein, das wollte ich nicht sagen. Ich war nicht im Klub.
+Ich ging nur so herum. Ich weiß nicht mehr, was ich getan
+habe... Wie du einen ins Verhör nimmst, Harry!
+Du willst immer wissen, was man getan hat. Ich will
+immer vergessen, was ich getan habe. Wenn du aber
+die genaue Zeit wissen willst, ich bin um halb drei nach
+Hause gekommen. Ich hatte meinen Hausschlüssel vergessen,
+und mein Diener mußte mich einlassen. Wenn du
+vielleicht noch eine Zeugenaussage über mein Alibi
+wünschst, kannst du ihn ja fragen.“</p>
+
+<p>Lord Henry zuckte die Achseln. „Aber, lieber Junge,
+als ob mir daran etwas läge? Wir wollen in den Salon
+hinauf. Keinen Sherry, nein danke, Herr Chapman. Dir
+ist etwas zugestoßen, Dorian. Sage mir, was es ist. Du
+bist heute abend nicht du selber.“</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_278" title="278"> </a></p>
+
+<p>„Sei nicht böse, Harry. Ich bin gereizt und übel gelaunt.
+Ich komme morgen oder übermorgen zu dir. Bitte,
+entschuldige mich bei Lady Narborough. Ich gehe nicht
+mehr hinauf. Ich gehe nach Hause. Ich muß nach Hause
+gehn.“</p>
+
+<p>„Schön, Dorian. Ich hoffe, dich morgen zum Tee zu
+sehen. Die Herzogin kommt.“</p>
+
+<p>„Ich will versuchen da zu sein, Harry“, sagte er und
+verließ das Zimmer. Als er nach Hause fuhr, merkte er,
+daß das Angstgefühl wiedergekehrt sei, das er erstickt zu
+haben glaubte. Lord Henrys zufällige Frage hatte ihm für
+einen Moment die Fassung genommen und nervös gemacht
+und er brauchte seine Nerven noch. Dinge, die Gefahr
+bringen konnten, mußten zerstört werden. Er schauerte
+zusammen. Der Gedanke, sie auch nur zu berühren, war
+ihm furchtbar.</p>
+
+<p>Und doch mußte es geschehen. Er war sich darüber klar,
+und als er die Tür seines Bibliothekzimmers verschlossen
+hatte, öffnete er den geheimen Schrank, in den er Basil
+Hallwards Mantel und Tasche gesteckt hatte. Es loderte
+ein mächtiges Feuer. Er legte noch ein Stück Holz nach.
+Der Geruch der sengenden Kleider und des schwelenden
+Leders war entsetzlich. Er brauchte drei Viertelstunden,
+um alles zu verbrennen. Als es vorbei war, fühlte er sich
+schwach und krank, und nachdem er einige algerische Räucherkerzchen
+in einer durchbrochenen Kupferpfanne angezündet
+hatte, wusch er sich Hände und Stirn in kaltem,
+moschusduftendem Essig.</p>
+
+<p>Plötzlich schrak er zusammen. Seine Augen bekamen<a class="pagenum" name="Page_279" title="279"> </a>
+einen merkwürdigen Glanz und er nagte nervös an der
+Unterlippe. Zwischen zwei Fenstern stand ein großer Florentiner
+Ebenholzschrank mit Elfenbein und Lapislazuli
+eingelegt. Er starrte ihn an, als wär er ein Etwas, das
+fesseln und ängstigen könne, als schließe er etwas ein, das
+er sehnsüchtig begehrte und doch beinahe verabscheute. Sein
+Atem ging schneller. Eine wilde Gier überkam ihn. Er zündete
+eine Zigarette an und warf sie gleich wieder weg.
+Seine Augenlider senkten sich, bis die langen Wimpern fast
+die Wangen berührten. Aber er sah noch immer nach dem
+Schranke hin. Endlich erhob er sich vom Sofa, auf dem er
+gelegen hatte, ging zu dem Schrank hinüber, schloß ihn auf
+und drückte an eine geheime Feder. Ein dreieckiges Schubfach
+kam langsam zum Vorschein. Seine Finger bewegten
+sich instinktiv danach, griffen hinein und faßten etwas.
+Es war ein kleines chinesisches Kästchen aus schwarzem,
+goldbetupftem Lack, das sehr sorgfältig gearbeitet war,
+und dessen Seiten gekrümmte Wellenlinien zierten, und
+an dessen seidenen Schnüren runde Kristalle mit Quasten
+aus geflochtenen Metallfäden hingen. Er öffnete das Kästchen.
+Eine grünlich-glänzende, wachsartige Masse von seltsam
+schwerem und durchdringendem Geruch lag darin.</p>
+
+<p>Er zögerte ein paar Augenblicke mit einem seltsam unbeweglichen
+Lächeln auf seinem Antlitz. Dann schauerte er
+zusammen, obwohl es im Zimmer ganz außergewöhnlich
+heiß war, raffte sich auf und sah nach der Uhr. Es fehlten
+zwanzig Minuten an zwölf. Er legte das Kästchen zurück,
+schloß die Türen des Schrankes und ging in sein Schlafzimmer.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_280" title="280"> </a></p>
+
+<p>Als die Mitternacht ihre metallenen Schläge durch die
+dunkle Luft schickte, schlich Dorian Gray in ordinärer
+Kleidung und ein Tuch um den Hals geschlungen, leise
+aus dem Hause. In Bond Street traf er eine Droschke
+mit einem guten Pferd. Er ließ sie halten und sagte dem
+Kutscher mit leiser Stimme eine Adresse.</p>
+
+<p>Der Mann schüttelte den Kopf. „Das ist mir zu weit“,
+brummte er.</p>
+
+<p>„Da haben Sie ein Goldstück. Sie sollen noch eins kriegen,
+wenn Sie rasch fahren.“</p>
+
+<p>„Schön, Herr!“ antwortete der Mann, „wir werden in
+einer Stunde da sein“, und nachdem sein Fahrgast eingestiegen
+war, lenkte er um und fuhr rasch der Themse zu.</p>
+
+
+<h2><a name="Sechzehntes_Kapitel" id="Sechzehntes_Kapitel"></a>Sechzehntes Kapitel</h2>
+
+
+<p>Ein kalter Regen begann zu fallen und die flackernden
+Laternen sahen in dem herabsickernden Nebel geisterhaft
+aus. Die Schenken wurden eben geschlossen, und Männer
+und Frauen drängten sich in schattenhaften Gruppen vor
+den Türen. Aus einigen Wirtschaften scholl ein gräßliches
+Lachen. In anderen lärmten und grölten Betrunkene.</p>
+
+<p>In die Droschke zurückgelehnt, den Hut tief in die Stirn
+gezogen, blickte Dorian Gray mit gleichgültigen Augen
+auf das Elend und den Schmutz der Großstadt, und dann
+und wann wiederholte er sich die Worte, die ihm Lord
+Henry am ersten Tage, wo sie sich kennengelernt hatten,<a class="pagenum" name="Page_281" title="281"> </a>
+gesagt hatte: „die Seele durch die Sinne und die Sinne
+durch die Seele zu heilen“. Ja, das war das Geheimnis.
+Er hatte es oft versucht und wollte es jetzt wieder versuchen.
+Es gab Opiumkneipen, wo man Vergessenheit
+kaufen konnte, Kneipen des Grauens, wo die Erinnerung
+an alte Sünden durch den Wahnsinn neuer ausgelöscht
+werden kann.</p>
+
+<p>Der Mond hing tief am Himmel wie eine gelbe Hirnschale.
+Von Zeit zu Zeit streckte eine dicke, unförmige
+Wolke einen langen Arm nach ihm aus und verbarg ihn.
+Die Gaslaternen wurden spärlicher und die Straßen enger
+und düsterer. Einmal verlor der Kutscher seinen Weg und
+mußte einige hundert Meter zurückfahren. Das Roß
+dampfte, während es in den Pfützen patschte. Die Seitenfenster
+des Wagens waren wie mit grauem Flanell ausgeschlagen.</p>
+
+<p>„Die Seele durch die Sinne und die Sinne durch die
+Seele zu heilen &mdash;!“ Wie ihm die Worte in den Ohren
+klangen! Seine Seele war jedenfalls todkrank. War es
+denkbar, daß die Sinne sie heilen konnten? Unschuldiges
+Blut war vergossen worden. Welche Sühne konnte es dafür
+geben? Ach! dafür gab es keine Sühne; aber wenn auch
+Vergebung unmöglich war, Vergessen war doch möglich,
+und er war entschlossen, zu vergessen, die Sache zu Boden
+zu treten, sie zu vernichten wie eine Natter, die einen gebissen
+hat. Welches Recht hatte denn Basil gehabt, so zu
+ihm zu sprechen, wie er es getan hatte? Wer hatte ihn
+zum Richter über andere gesetzt? Er hatte Dinge gesagt,
+die schrecklich waren, entsetzlich, nicht zu ertragen.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_282" title="282"> </a></p>
+
+<p>Weiter und weiter rollte die Droschke, und es schien ihm,
+als führe sie mit jedem Schritt langsamer. Er riß das
+Schiebefenster auf und rief dem Kutscher hinter ihm zu,
+schneller zu fahren. Der gräßliche Hunger nach Opium
+fing an, in ihm zu nagen. Die Kehle brannte ihm, und
+seine zarten Finger spielten nervös miteinander. Er schlug
+mit dem Spazierstock wie toll auf den Gaul ein. Der
+Kutscher lachte und hieb mit der Peitsche zu. Er lachte
+auch dazu, und der Mann auf dem Bocke schwieg.</p>
+
+<p>Der Weg schien endlos zu sein und die Straßen dehnten
+sich aus wie ein schwarzes, durcheinander gewirrtes Spinngewebe.
+Die Eintönigkeit wurde unerträglich, und als sich
+der Nebel dichter ballte, empfand er Furcht.</p>
+
+<p>Dann fuhren sie an einsamen Ziegeleien vorüber. Der
+Nebel ward hier durchsichtiger, und er konnte die merkwürdigen,
+kürbisflaschenartigen Brennöfen mit ihren orangefarbenen
+fächerartigen Feuerzungen erkennen. Ein Köter
+schlug an, als sie vorbeirasselten, und weit entfernt in der
+Dunkelheit schrie eine schlaflose Möwe. Das Pferd stolperte
+in irgendeiner Rinne, scheute und verfiel in Galopp.</p>
+
+<p>Nach einiger Zeit verließen sie den Lehmweg und ratterten
+wieder über ein holpriges Straßenpflaster. Die meisten
+Fenster waren dunkel, aber dann und wann sah man phantastische
+Schatten wie Silhouetten hinter einem erleuchteten
+Rouleau. Er spähte neugierig darauf hin. Sie bewegten
+sich wie riesenhafte Marionetten und gestikulierten wie
+lebende Wesen. Eine Art Haß auf sie überkam ihn. Ein
+dumpfer Zorn kochte in seinem Herzen. Als sie um eine<a class="pagenum" name="Page_283" title="283"> </a>
+Ecke bogen, rief ihnen ein Weib aus einer offenen Tür
+etwas zu, und zwei Männer rannten ein paar hundert
+Meter hinter der Droschke her. Der Kutscher schlug mit
+seiner Peitsche nach ihnen.</p>
+
+<p>Man sagt, die Leidenschaft wirble einem die Gedanken
+im Kreise umher. Jedenfalls formten die zerbissenen Lippen
+Dorian Grays in endloser Wiederholung die feingesetzten
+Worte von der Seele und den Sinnen und formten
+sie immer wieder, bis er in ihnen sozusagen den vollsten
+Ausdruck seiner Stimmung gefunden und durch die Zustimmung
+des Verstandes Leidenschaften gerechtfertigt hatte,
+die auch ohne solche Rechtfertigung sein Temperament beherrscht
+hätten. Von Zelle zu Zelle seines Gehirns kroch
+der eine Gedanke und die wilde Lebensgier, das schrecklichste
+aller menschlichen Hungergelüste, ließ sich jeden
+zuckenden Nerv und Muskel gewaltsam emporbäumen.
+Das Häßliche, das er einst gehaßt hatte, weil es den
+Dingen Wirklichkeit verlieh, wurde ihm jetzt aus demselben
+Grunde lieb. Das Häßliche war das einzig Wirkliche. Das
+rohe Geschrei, die ekelhafte Kneipe, die ordinäre Gewalttätigkeit
+eines liederlichen Lebens, die widerliche Verworfenheit
+der Diebe und Verbrecher waren in der intensiven
+Wirklichkeit ihrer Eindrücke mehr vom Leben erfüllt,
+als all die anmutigen Formen der Kunst, die träumerischen
+Schatten der Dichtung. Das war es, was er zum
+Vergessen brauchte. In drei Tagen würde er frei sein.</p>
+
+<p>Plötzlich hielt der Mann am Ende einer finstern Straße
+mit einem Ruck an. Über die niedrigen Dächer und gezackten
+Schornsteine der Häuser hinaus ragten die schwarzen<a class="pagenum" name="Page_284" title="284"> </a>
+Maste der Schiffe. Weiße Nebelfetzen hingen wie gespensterhafte
+Segel über den Werften.</p>
+
+<p>„Irgendwo hier, nicht wahr, Herr?“ ertönte die rauhe
+Stimme des Kutschers durch das Schiebefenster.</p>
+
+<p>Dorian fuhr auf und blickte sich um. „Schon gut“, antwortete
+er, stieg rasch aus, gab dem Kutscher Trinkgeld,
+das er ihm versprochen hatte, und ging eilig dem Kai zu.
+Hier und da flimmerte eine Laterne am Heck eines großen
+Kauffahrers. Das Licht zitterte und zersplitterte sich in den
+Pfützen. Ein rotes Geglitzer kam von einem weit draußen
+ankernden Dampfer, der Kohlen verlud. Das schlüpfrige
+Pflaster sah aus wie ein regenglänzender Gummimantel.</p>
+
+<p>Er hastete nach links weiter und blickte sich dann und
+wann um, ob ihm niemand folgte. Nach sieben oder acht
+Minuten erreichte er ein kleines, elendes Haus, das zwischen
+zwei große Faktoreien eingequetscht war. In einem
+der Giebelfenster brannte eine Lampe. Er blieb stehen und
+klopfte wie auf eine verabredete Art an.</p>
+
+<p>Nach einer kleinen Pause hörte er Schritte im Flur und
+wie die Türkette losgemacht wurde. Die Tür öffnete sich
+vorsichtig, und er trat hinein, ohne ein Wort zu der kleinen
+erbärmlichen Gestalt zu sagen, die sich in den Schatten
+drückte, als er vorbeischritt. Am Ende des Flurs hing ein
+zerlumpter grüner Vorhang, der sich in dem starken Luftzug,
+den er von der Straße her mitbrachte, hin und her
+bauschte. Er schob ihn beiseite und trat in einen langen,
+niedrigen Raum, der so aussah, als wäre er früher ein
+Tanzlokal dritten Ranges gewesen. Grell flackernde Gasflammen,
+die in den fliegenbeschmutzten Spiegeln gegenüber<a class="pagenum" name="Page_285" title="285"> </a>
+matt und verzehrt erschienen, brannten rings an den
+Wänden. Schmierige Reflektoren aus geripptem Wellblech
+waren dahinter angebracht und warfen tanzende Lichtkreise.
+Der Boden war mit ockerfarbigen Sägespänen bestreut, die
+an einzelnen Stellen zu Schmutzklumpen zertreten waren
+und auf denen sich von vergossenen Getränken schwarze
+Ringe abzeichneten. Ein paar Malaien hockten mit untergeschlagenen
+Beinen an einem kleinen Kohlenofen, spielten
+mit knöchernen Würfeln und zeigten beim Sprechen ihre
+weißlichen Zähne. In einem Winkel, den Kopf auf die
+Hände gestützt, räkelte sich ein Matrose über den Tisch, und
+an dem schreiend bemalten Büfett, das eine ganze Seite
+des Raumes einnahm, standen zwei heruntergekommene
+Weibspersonen und höhnten einen alten Mann, der mit
+einem Ausdruck des Ekels die Ärmel seines Rockes bürstete.
+„Er denkt, er hat sich Läuse geholt“, lachte die eine, als
+Dorian vorüberging. Der Mann sah sie erschreckt an und
+begann zu jammern.</p>
+
+<p>Am Ende des Zimmers war eine kleine Treppe, die in
+eine verdunkelte Kammer führte. Als Dorian die drei
+wackligen Stufen hinaufhastete, schlug ihm der schwere
+Geruch des Opiums entgegen. Er holte tief Atem, und
+seine Nasenflügel zitterten vor Lust. Als er eintrat, blickte
+ein junger Mann mit glattgescheiteltem Blondhaar zu ihm
+auf, der sich über eine Lampe beugte, an der er eine lange,
+dünne Pfeife anzündete, und zögernd nickte.</p>
+
+<p>„Du hier, Adrian?“ flüsterte Dorian.</p>
+
+<p>„Wo soll ich sonst sein?“ antwortete er gleichgültig.
+„Kein Mensch will jetzt mehr mit mir sprechen.“</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_286" title="286"> </a></p>
+
+<p>„Ich dachte, du wärst aus England fort?“</p>
+
+<p>„Darlington wird nichts gegen mich unternehmen. Mein
+Bruder hat den Wechsel schließlich gezahlt. George spricht
+auch nicht mehr mit mir ... Ist mir auch einerlei“, fügte
+er seufzend hinzu. „Solange man noch das Zeug da hat,
+braucht man keine Freunde. Ich denke, ich habe zu viele
+Freunde gehabt.“</p>
+
+<p>Dorian zuckte zusammen und sah sich nach den grotesken
+Gestalten um, die da in so abenteuerlichen Stellungen auf
+den zerlumpten Matratzen lagen. Die verkrümmten Glieder,
+die offenen Mäuler, die stierenden, glanzlosen Augen
+übten eine starke Anziehungskraft auf ihn aus. Er kannte
+die absonderlichen Paradiese, in denen sie litten, und
+welche dumpfe Höllen sie in das Geheimnis neuer Genüsse
+einweihten. Sie waren besser daran als er. Ihn hielten
+seine Gedanken eingekerkert. Die Erinnerung fraß wie eine
+fürchterliche Krankheit an seiner Seele. Von Zeit zu Zeit
+glaubte er die Augen Basil Hallwards auf sich gerichtet zu
+sehen. Aber er fühlte, daß er hier nicht bleiben konnte.
+Die Anwesenheit Adrian Singletons störte ihn. Er wollte
+irgendwo sein, wo ihn niemand kennt. Er wollte sich selbst
+entfliehen.</p>
+
+<p>„Ich gehe in das andere Lokal“, sagte er nach einer
+Pause.</p>
+
+<p>„Auf der Werft?“</p>
+
+<p>„Ja.“</p>
+
+<p>„Die tolle Katze ist sicher da. Sie wollen sie hier nicht
+mehr haben.“</p>
+
+<p>Dorian zuckte die Achseln. „Ich habe die Weiber, die<a class="pagenum" name="Page_287" title="287"> </a>
+einen lieben, satt. Weiber, die einen hassen, sind viel
+interessanter. Übrigens ist dort der Stoff besser.“</p>
+
+<p>„Ganz derselbe.“</p>
+
+<p>„Mir schmeckt er da besser. Komm, wir wollen was
+trinken. Ich muß was haben.“</p>
+
+<p>„Ich brauche nichts“, murmelte der junge Mann.</p>
+
+<p>„Macht nichts.“</p>
+
+<p>Adrian Singleton stand schläfrig auf und folgte Dorian
+ans Büfett. Ein Mischling in zerrissenem Turban und
+schäbigem Ulster grinste ihnen einen widerlichen Gruß zu,
+als er zwei Gläser und eine Branntweinflasche vor sie hinstellte.
+Die Weiber torkelten herbei und begannen zu
+schwatzen. Dorian kehrte ihnen den Rücken zu und sagte
+leise etwas zu Adrian Singleton.</p>
+
+<p>Ein Grinsen gleich einem krummen malaischen Dolch verzerrte
+das Gesicht des einen Weibes. „Wir sind sehr stolz
+heute abend“, höhnte sie lachend.</p>
+
+<p>„Um Gottes willen, rede nicht mit mir!“ schrie Dorian
+und stampfte mit dem Fuß auf den Boden. „Was willst
+du? Geld? Da! Aber sprich kein Wort mehr zu mir!“</p>
+
+<p>Zwei rote Funken blitzten für einen Augenblick in den
+wässerigen Augen des Weibes auf, dann verloschen sie
+wieder und ließen sie trübe und gläsern erscheinen. Sie
+warf den Kopf in den Nacken und raffte mit gierigen
+Fingern die Münzen auf dem Schenktisch zusammen. Ihre
+Gefährtin beobachtete sie neidisch.</p>
+
+<p>„Es hat keinen Zweck“, sagte Adrian Singleton seufzend.
+„Ich will nicht mehr zurück. Was macht's aus? Ich
+fühle mich hier ganz wohl.“</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_288" title="288"> </a></p>
+
+<p>„Du wirst mir doch schreiben, wenn du was brauchst?“
+fragte Dorian nach einer Weile.</p>
+
+<p>„Vielleicht.“</p>
+
+<p>„Dann gute Nacht!“</p>
+
+<p>„Gute Nacht!“ antwortete der junge Mann, schritt die
+Stufen hinauf und wischte sich den trockenen Mund mit
+dem Taschentuch ab.</p>
+
+<p>Dorian schritt mit einem qualvollen Zug im Gesicht zur
+Tür. Als er den Vorhang beiseitezog, scholl ein gräßliches
+Lachen von den geschminkten Lippen des Weibes,
+das sein Geld genommen hatte. „Da geht er hin, der
+Seelenverschacherer!“ stieß sie mit einer heiser glucksenden
+Stimme hervor.</p>
+
+<p>„Der Satan hol' dich!“ antwortete er, „du sollst mich
+nicht so nennen!“</p>
+
+<p>Sie schnippte mit den Fingern. „Was, du willst wohl
+Prinz Märchenschön genannt werden, das paßte dir, he?“
+kreischte sie hinter ihm her.</p>
+
+<p>Bei diesen Worten sprang der schläfrige Matrose auf
+und blickte sich wild um. Das Geräusch der zufallenden
+Haustür drang an sein Ohr. Er stürzte hinaus, als ob er
+ihn verfolgen wollte.</p>
+
+<p>Dorian Gray eilte rasch durch den herabstäubenden
+Regen den Kai entlang. Sein Zusammentreffen mit
+Adrian Singleton hatte ihn sonderbar bewegt, und er
+grübelte darüber nach, ob der Untergang dieses jungen
+Lebens wirklich sein Werk war, wie ihm Basil Hallward
+mit so schändlicher Beschimpfung schuldgegeben hatte. Er
+biß sich auf die Lippen, und für ein paar Augenblicke<a class="pagenum" name="Page_289" title="289"> </a>
+wurde sein Auge traurig. Aber schließlich, was ging es ihn
+an? Das bißchen Leben war zu kurz, als daß man die
+Sünden anderer auf seine Schultern laden könnte. Jeder
+lebte sein eigenes Leben und zahlte seinen eigenen Preis
+dafür. Das einzige Unglück war, daß man für ein einziges
+Vergehen so oftmals zahlen mußte. Man mußte immer
+und immer wieder zahlen. In seinem Handel mit dem
+Menschen glich das Schicksal sein Schuldbuch nie aus.</p>
+
+<p>Die Psychologen sagen uns, daß es Augenblicke gibt,
+wo die Anreizung zu Sünden oder zu dem, was die Welt
+Sünden nennt, eine Natur so beherrscht, daß jede Faser
+des Körpers, jede Zelle des Gehirns von fürchterlichen
+Kräften gestachelt zu sein scheint. Männer und Frauen
+verlieren in solchen Augenblicken die Willensfreiheit. Sie
+bewegen sich wie Automaten ihrem schrecklichen Ende zu.
+Die Wahl ist ihnen geraubt, und das Gewissen ist entweder
+tot oder, wenn es noch lebt, so lebt es nur, um der Empörung
+ihren Reiz und dem Ungehorsam ihren besonderen
+Zauber zu verleihen. Denn alle Sünden sind, wie die Theologen
+nicht müde werden, uns vorzuhalten, Sünden des
+Ungehorsams. Als jener hohe Geist, der Morgenstern
+alles Bösen vom Himmel fiel, da fiel er, weil er ein
+Rebell war.</p>
+
+<p>Unempfindlich, nur mit dem einen Gedanken ans Böse
+erfüllt, mit verfinstertem Geist, mit einer Seele, die nach
+Empörung lechzte, hastete Dorian Gray weiter, und beschleunigte,
+während er ging, seine Schritte immer mehr;
+aber als er in einen dunkeln Torweg einbog, der ihm oft
+genug als abgekürzter Weg zu dem berüchtigten Orte gedient<a class="pagenum" name="Page_290" title="290"> </a>
+hatte, den er jetzt aufsuchen wollte, fühlte er sich plötzlich
+von rückwärts gepackt, und bevor er Zeit hatte, sich
+zu wehren, wurde er gegen eine Mauer geschleudert und
+fühlte seinen Hals von einer brutalen Hand umklammert.</p>
+
+<p>Er kämpfte wie wahnsinnig um sein Leben, und mit
+furchtbarer Anstrengung glückte es ihm, sich aus den umschnürenden
+Fingern loszureißen. Einen Augenblick darauf
+hörte er das Knacken eines Revolvers und sah den Glanz
+eines blanken Laufes gerade gegen seinen Kopf gerichtet
+und die dunkle Gestalt eines untersetzten Mannes vor
+sich.</p>
+
+<p>„Was wollen Sie?“ keuchte er.</p>
+
+<p>„Sei still“, sagte der Mann. „Wenn du dich rührst,
+schieß' ich dich nieder!“</p>
+
+<p>„Sie sind toll. Was hab' ich Ihnen getan?“</p>
+
+<p>„Du hast das Leben Sibyl Vanes zugrunde gerichtet!“
+war die Antwort, „und Sibyl Vane war meine Schwester.
+Sie hat sich getötet. Ich weiß es. Ihr Tod ist deine
+Schuld. Ich habe geschworen, dich dafür zu töten. Jahrelang
+habe ich dich gesucht. Aber ich hatte keinen Anhaltspunkt,
+keine Spur. Die zwei Menschen, die dich hätten beschreiben
+können, waren tot. Ich wußte nichts von dir als den
+Kosenamen, den sie dir gab. Heute nacht habe ich ihn durch
+Zufall gehört. Mach' deinen Frieden mit Gott, denn heute
+nacht mußt du sterben.“</p>
+
+<p>Dorian Gray wurde fast ohnmächtig vor Furcht. „Ich
+habe sie nie gekannt“, stammelte er. „Ich habe nie von ihr
+gehört. Sie sind verrückt.“</p>
+
+<p>„Gesteh' lieber deine Sünden ein, denn so wahr ich<a class="pagenum" name="Page_291" title="291"> </a>
+James Vane heiße, so gewiß sollst du jetzt sterben.“ Es
+war ein entsetzlicher Augenblick. Dorian wußte nicht, was
+er sagen oder tun sollte. „Auf die Knie!“ brüllte der
+Mann. „Ich geb' dir eine Minute, deinen Frieden zu
+machen &mdash; nicht mehr! Ich muß heute nacht an Bord
+nach Indien, und muß vorher meine Arbeit getan haben.
+Eine Minute. Mehr nicht!“</p>
+
+<p>Dorians Arme sanken herab. Von Todesangst gelähmt,
+wußte er nicht, was er beginnen sollte. Plötzlich zuckte eine
+jähe Hoffnung in seinem Gehirn auf. „Halt!“ schrie er.
+„Wie lang ist es her, daß Ihre Schwester gestorben ist?
+Rasch, sagen Sie!“</p>
+
+<p>„Achtzehn Jahre“, sagte der Mann. „Warum fragst
+du? Was machen die Jahre?“</p>
+
+<p>„Achtzehn Jahre!“ lachte Dorian mit einem triumphierenden
+Ton in seiner Stimme. „Achtzehn Jahre!
+Bringen Sie mich unter die Laterne und sehen Sie mein
+Gesicht an!“</p>
+
+<p>James Vane zögerte einen Augenblick und begriff nicht,
+was er meinte. Dann packte er Dorian Gray und schleifte
+ihn aus dem Torweg heraus.</p>
+
+<p>So dunkel und flackernd das windverwehte Licht auch
+war, es genügte doch, ihm den furchtbaren Irrtum zu
+zeigen, in den er geraten zu sein schien. Denn das Antlitz
+des Mannes, den er töten wollte, wies die ganze Blütenweichheit
+der Jugend auf, zeigte all die unbefleckte Reinheit
+der Jugend. Er schien kaum älter als ein Jüngling
+von zwanzig Lenzen, kaum älter, als seine Schwester gewesen
+war, als sie vor so vielen Jahren Abschied voneinander<a class="pagenum" name="Page_292" title="292"> </a>
+genommen hatten. Es war klar, daß dies nicht der
+Mann war, der ihr Leben zerstört hatte.</p>
+
+<p>Er ließ seine Faust von ihm los und taumelte zurück.
+„Mein Gott, mein Gott!“ rief er aus, „und ich hätte Sie
+fast ermordet!“</p>
+
+<p>Dorian Gray schöpfte tief Atem. „Sie waren dicht
+daran, ein furchtbares Verbrechen zu begehen, Mann“,
+sagte er mit einem strengen Blick. „Lassen Sie sich das eine
+Warnung sein, eine Rache nicht mit eigener Hand zu übernehmen.“</p>
+
+<p>„Verzeihen Sie mir, Herr!“ stammelte James Vane.
+„Ich habe mich täuschen lassen. Ein zufälliges Wort, das
+ich in der verfluchten Kneipe hörte, brachte mich auf die
+falsche Spur.“</p>
+
+<p>„Sie sollten lieber nach Hause gehen und Ihre Pistole
+wegtun, sonst kommen Sie noch in Ungelegenheiten“,
+sagte Dorian, drehte sich um und ging langsam die Straße
+hinunter.</p>
+
+<p>James Vane stand voller Entsetzen auf dem Pflaster. Er
+zitterte von Kopf bis Fuß. Nach einer kleinen Weile bewegte
+sich ein schwarzer Schatten, der längs der regenfeuchten
+Wand hingeschlichen war, ins Licht hinaus und
+glitt mit verstohlenen Schritten an seine Seite. Er spürte
+eine Hand auf seinem Arm und drehte sich mit jähem Ruck
+um. Es war eines der Weiber, die am Büfett getrunken
+hatten.</p>
+
+<p>„Warum hast du ihn nicht umgebracht?“ zischte sie und
+brachte ihr verlebtes Gesicht ganz dicht an das seine. „Ich
+wußte, daß du ihm folgtest, als du aus Dalys Haus fortranntest.<a class="pagenum" name="Page_293" title="293"> </a>
+Du Narr! Du hättest ihn totschlagen sollen. Er
+hat einen Haufen Geld und ist schlechter als sonst wer.“</p>
+
+<p>„Er ist nicht der Mann, den ich suche,“ antwortete er,
+„und ich suche keines Menschen Geld. Ich such' eines Menschen
+Leben. Der Mann, dessen Leben ich suche, muß jetzt
+an die Vierzig sein. Der da war fast noch ein Knabe. Ich
+danke Gott, daß nicht sein Blut an meinen Händen klebt.“</p>
+
+<p>Das Weib stieß ein bitteres Lachen aus. „Fast noch ein
+Knabe!“ höhnte sie. „Wahrhaftig, Mensch, es ist fast
+achtzehn Jahre her, seit Prinz Märchenschön das aus mir
+gemacht hat, was ich heute bin!“</p>
+
+<p>„Du lügst!“ schrie James Vane.</p>
+
+<p>Sie hob die Hände gen Himmel. „Bei Gott, ich sage die
+Wahrheit!“ rief sie.</p>
+
+<p>„Bei Gott?“</p>
+
+<p>„Du kannst mich kaltmachen, wenn es nicht so ist. Er ist
+der Schlechteste von allen, die herkommen. Sie sagen, er
+hat dem Teufel seine Seele für sein hübsches Gesicht verkauft.
+Es sind fast achtzehn Jahre, daß ich ihn kennenlernte.
+Er hat sich seitdem wenig verändert. Ich um so
+mehr“, fügte sie mit einem traurigen Blinzeln hinzu.</p>
+
+<p>„Beschwörst du das?“</p>
+
+<p>„Ich schwöre es“, klang es wie ein heiseres Echo aus
+ihrem entstellten Munde. „Aber verrate mich ihm nicht“,
+winselte sie; „ich habe Angst vor ihm. Gib mir 'n paar
+Groschen zum Nachtquartier.“</p>
+
+<p>Mit einem Fluch riß er sich von ihr los und stürzte an
+die Straßenecke; aber Dorian Gray war verschwunden.
+Als er zurückblickte, war auch das Weib schon weg.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_294" title="294"> </a></p>
+
+
+
+
+<h2><a name="Siebzehntes_Kapitel" id="Siebzehntes_Kapitel"></a>Siebzehntes Kapitel</h2>
+
+
+<p>Eine Woche später saß Dorian Gray im Gewächshaus
+von Selby Royal und plauderte mit der hübschen Herzogin
+von Monmouth, die sich mit ihrem Gatten, einem ermüdet
+aussehenden Manne von sechzig Jahren, unter seinen
+Gästen befand. Es war zur Teezeit, und das sanfte Licht
+der großen, mit einem Spitzenschleier verhängten Lampe,
+die auf dem Tische stand, erleuchtete das kostbare Porzellan
+und das getriebene Silberservice, das neben der
+Herzogin stand. Ihre weißen Hände machten sich zierlich
+zwischen den Tassen zu schaffen, und ihre vollen, roten
+Lippen lächelten über etwas, das ihr Dorian zugeflüstert
+hatte. Lord Henry lag zurückgelehnt in einem mit Silberseide
+bezogenen Rohrsessel und sah beide an. Auf einem
+pfirsichfarbenen Diwan saß Lady Narborough und tat so,
+als ob sie der Beschreibung des Herzogs zuhörte, die den
+letzten brasilianischen Käfer betraf, den er seiner Sammlung
+einverleibt hatte. Drei junge Leute in gewählter Gesellschaftstoilette
+boten den Damen Teekuchen an. Die Gesellschaft
+bestand aus zwölf Personen, und für den nächsten
+Tag wurden noch einige erwartet.</p>
+
+<p>„Worüber sprecht ihr beide?“ fragte Lord Henry,
+während er gemächlich zu dem Teetisch ging und seine Tasse
+niederstellte. „Ich hoffe, Dorian hat dir von meinem
+Plan, alles umzutaufen, erzählt, Gladys. Es ist eine allerliebste
+Idee.“</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_295" title="295"> </a></p>
+
+<p>„Aber ich will nicht umgetauft werden, Harry“, erwiderte
+die Herzogin und sah ihn mit ihren reizend schönen
+Augen an. „Ich bin mit meinem Namen ganz zufrieden
+und ich denke, Herr Gray kann auch mit seinem zufrieden
+sein.“</p>
+
+<p>„Meine teure Gladys, ich würde um keinen Preis der
+Welt einen der beiden Namen umändern wollen. Sie sind
+beide vollendet. Ich dachte hauptsächlich an Blumen.
+Gestern schnitt ich mir eine Orchidee für mein Knopfloch. Es
+war eine wundervoll gesprenkelte Blume, so wirkungsvoll
+wie die sieben Todsünden. In einem Anfall von Gedankenträgheit
+fragte ich einen der Gärtner, wie sie heiße. Er sagte
+mir, es sei ein schönes Exemplar der Robinsoniana oder
+irgendeine derartige gräßliche Bezeichnung. Es ist eine
+traurige Wahrheit, aber wir haben die glückliche Gabe
+verloren, den Dingen schöne Namen zu geben. Und
+Namen sind alles. Ich kämpfe nie gegen Taten an. Mein
+einziger Kampf richtet sich gegen die Worte. Das ist der
+Grund, weshalb ich den vulgären Realismus in der
+Literatur verabscheue. Der Mann, der imstande ist,
+einen Spaten einen Spaten zu nennen, sollte gezwungen
+werden, selbst einen in die Hand zu nehmen. Es ist die
+einzige Sache, zu der er tauglich wäre.“</p>
+
+<p>„Wie sollen wir also dich nennen, Harry?“ fragte sie.</p>
+
+<p>„Sein Name ist Prinz Paradox“, sagte Dorian.</p>
+
+<p>„Der wird sofort akzeptiert!“ rief die Herzogin.</p>
+
+<p>„Ich will ihn nicht hören“, lachte Lord Henry und ließ
+sich in ein Fauteuil fallen. „Vor einem solchen Etikettchen
+kann man sich nicht retten. Ich weise den Titel zurück.“</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_296" title="296"> </a></p>
+
+<p>„Fürstlichkeiten können nicht abdanken“, warnten ihn
+schöne Lippen.</p>
+
+<p>„Du willst also, daß ich meinen Thron verteidige?“</p>
+
+<p>„Ja.“</p>
+
+<p>„Ich sage die Wahrheiten von morgen.“</p>
+
+<p>„Ich ziehe die Irrtümer von heute vor“, antwortete
+sie.</p>
+
+<p>„Du entwaffnest mich, Gladys!“ rief er, entzückt von
+ihrer übermütigen Laune.</p>
+
+<p>„Deines Schildes, Harry, nicht deines Speeres.“</p>
+
+<p>„Ich kämpfe nie gegen Schönheit“, sagte er mit einer
+huldigenden Handbewegung.</p>
+
+<p>„Das ist dein Fehler, Harry, glaube mir's. Du überschätzest
+die Schönheit.“</p>
+
+<p>„Wie kannst du das sagen? Ich gebe zu, daß ich es für
+besser halte, schön zu sein als gut. Aber andererseits ist
+niemand eher als ich bereit zuzugeben, daß es besser ist,
+gut zu sein als häßlich.“</p>
+
+<p>„Dann also ist Häßlichkeit eine der sieben tödlichen Sünden?“
+rief die Herzogin. „Wie steht es nun mit deinem
+<ins title="Orchideengleichnis?">Orchideengleichnis?“</ins></p>
+
+<p>„Häßlichkeit ist eine von den sieben tödlichen Tugenden,
+Gladys. Du als gute Tory darfst sie nicht unterschätzen.
+Das Bier, die Bibel und die sieben tödlichen Tugenden
+haben aus England gemacht, was es heute ist.“</p>
+
+<p>„Du liebst also dein Vaterland nicht?“ fragte sie.</p>
+
+<p>„Ich lebe darin.“</p>
+
+<p>„Damit du es besser tadeln kannst.“</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_297" title="297"> </a></p>
+
+<p>„Sähest du es lieber, daß ich mir das Urteil Europas
+über unser Land aneigne?“ fragte er.</p>
+
+<p>„Was sagt man von uns?“</p>
+
+<p>„Daß Tartüff nach England ausgewandert sei und dort
+einen Laden aufgemacht habe.“</p>
+
+<p>„Ist das von dir, Harry?“</p>
+
+<p>„Ich schenke es dir.“</p>
+
+<p>„Ich kann's nicht gebrauchen. Es ist zu wahr.“</p>
+
+<p>„Du brauchst dich nicht zu ängstigen. Unsere Landsleute
+erkennen sich nie in ihrem Steckbrief wieder.“</p>
+
+<p>„Du bist so praktisch.“</p>
+
+<p>„Eher gerissen als praktisch. Wenn sie ihr Kontokorrent
+abschließen, dann saldieren sie Dummheit mit Reichtum
+und Laster mit Heuchelei.“</p>
+
+<p>„Und doch haben wir große Dinge vollbracht.“</p>
+
+<p>„Große Dinge sind uns auferlegt worden, Gladys.“</p>
+
+<p>„Wir haben ihre Last zu tragen vermocht.“</p>
+
+<p>„Nur bis zur Börse.“</p>
+
+<p>Sie schüttelte den Kopf. „Ich glaube an unsere Rasse!“
+rief sie.</p>
+
+<p>„Sie vertritt den überlebenden Ellbogenstreber.“</p>
+
+<p>„Sie hat das Zeug zur Entwicklung.“</p>
+
+<p>„Verfall reizt mich mehr.“</p>
+
+<p>„Und die Kunst?“ fragte sie.</p>
+
+<p>„Eine Krankheit.“</p>
+
+<p>„Liebe?“</p>
+
+<p>„Einbildung.“</p>
+
+<p>„Religion?“</p>
+
+<p>„Modesurrogat für den Glauben.“</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_298" title="298"> </a></p>
+
+<p>„Du bist ein Skeptiker!“</p>
+
+<p>„Niemals! Skeptizismus ist der Anfang des Glaubens.“</p>
+
+<p>„Was bist du?“</p>
+
+<p>„Definieren heißt beschränken.“</p>
+
+<p>„Reich mir den Ariadnefaden!“</p>
+
+<p>„Fäden zerreißen. Du wurdest deinen Weg im Labyrinth
+verlieren.“</p>
+
+<p>„Du machst mich wirre. Laß uns von einem anderen
+sprechen.“</p>
+
+<p>„Unser Wirt ist ein entzückendes Thema. Vor vielen
+Jahren nannte man ihn den Prinz Märchenschön.“</p>
+
+<p>„Ach! Erinnere mich nicht daran!“ rief Dorian Gray.</p>
+
+<p>„Unser Wirt ist recht greulich heute abend“, antwortete
+die Herzogin und errötete. „Er denkt wohl, Monmouth
+habe mich nur aus wissenschaftlichen Gründen geheiratet,
+weil ich das beste Musterbeispiel eines modernen Schmetterlings
+bin.“</p>
+
+<p>„Ich hoffe aber, er wird Sie nicht auf Stecknadeln
+spießen, Frau Herzogin“, lachte Dorian.</p>
+
+<p>„Oh! Das besorgt schon meine Kammerjungfer, Herr
+Gray, wenn sie sich über mich ärgert.“</p>
+
+<p>„Und worüber ärgert sie sich, Frau Herzogin?“</p>
+
+<p>„Über die geringsten Dinge, Herr Gray, glauben Sie
+nur! Gewöhnlich, wenn ich zehn Minuten vor neun nach
+Hause komme und ihr sage, daß ich bis halb neun angezogen
+sein muß.“</p>
+
+<p>„Wie unvernünftig von ihr! Sie sollten ihr den Laufpaß
+geben!“</p>
+
+<p>„Das wag' ich nicht, Herr Gray. Sie erfindet nämlich<a class="pagenum" name="Page_299" title="299"> </a>
+meine Hüte. Sie erinnern sich nicht an den Hut, den ich
+auf Lady Hilstones Gartenfest getragen habe? Natürlich
+nicht, aber es ist hübsch von Ihnen, daß Sie so tun. Also
+der war geradezu aus nichts gemacht. Alle guten Hüte
+werden aus nichts gemacht.“</p>
+
+<p>„Wie jeder gute Ruf, Gladys!“ unterbrach Lord Henry.
+„Jede Wirkung, die man erzielt, schafft uns einen
+Feind. Man muß eine Mittelmäßigkeit sein, wenn man
+eine Beliebtheit sein will.“</p>
+
+<p>„Nicht unter Frauen“, sagte die Herzogin und schüttelte
+den Kopf; „und Frauen regieren die Welt. Ich behaupte
+steif und fest, wir können Mittelmäßigkeiten nicht vertragen.
+Wir Frauen, hat mal jemand gesagt, lieben mit
+den Ohren, gerade so, wie ihr Männer mit den Augen
+liebt, wenn ihr überhaupt liebt.“</p>
+
+<p>„Es scheint mir, daß wir überhaupt nie etwas anderes
+tun“, flüsterte Dorian.</p>
+
+<p>„Ach! Herr Gray, dann lieben Sie nie in Wirklichkeit“,
+antwortete die Herzogin wie in spöttischer Trauer.</p>
+
+<p>„Meine liebe Gladys.“ rief Lord Henry. „Wie kannst
+du das sagen? Die Romantik lebt von Wiederholung,
+und die Wiederholung verwandelt jeden Anreiz in Kunst.
+Übrigens, jedesmal, wenn man liebt, ist es das erstemal,
+daß man geliebt hat. Die Verschiedenheit des Objektes
+verändert die Einzigkeit der Leidenschaft nicht. Sie macht
+sie nur stärker. Wir können im Leben bestenfalls nur ein
+einziges großes Erlebnis haben, und das Geheimnis des
+Lebens besteht darin, dieses Erlebnis so oft als möglich zu
+wiederholen.“</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_300" title="300"> </a></p>
+
+<p>„Selbst wenn es einen verwundet hat, Harry?“ fragte
+die Herzogin nach einer Pause.</p>
+
+<p>„Besonders wenn es einen verwundet hat“, entgegnete
+Lord Henry.</p>
+
+<p>Die Herzogin wandte sich um und sah Dorian Gray an
+mit einem seltsamen Ausdruck in ihren Augen. „Was sagen
+Sie dazu, Herr Gray?“ forschte sie.</p>
+
+<p>Dorian zögerte einen Augenblick. Dann warf er den
+Kopf zurück und lachte. „Ich stimme mit Harry immer
+überein, Frau Herzogin.“</p>
+
+<p>„Auch wenn er unrecht hat?“</p>
+
+<p>„Harry hat nie unrecht, Frau Herzogin.“</p>
+
+<p>„Und macht Sie seine Philosophie glücklich?“</p>
+
+<p>„Glück habe ich nie gesucht. Wer braucht Glück? Ich
+habe Vergnügen gesucht.“</p>
+
+<p>„Und gefunden, Herr Gray?“</p>
+
+<p>„Oft. Zu oft.“</p>
+
+<p>Die Herzogin seufzte. „Ich suche Frieden,“ sagte sie,
+„und wenn ich jetzt nicht gehe und mich anziehe, habe ich
+ihn heut abend nicht.“</p>
+
+<p>„Lassen Sie mich Ihnen ein paar Orchideen holen,
+Frau Herzogin!“ rief Dorian, sprang auf und ging ins
+Gewächshaus hinunter.</p>
+
+<p>„Du flirtest ganz schändlich mit ihm“, sagte Lord Henry
+zu seiner Kusine. „Du solltest dich lieber in acht nehmen.
+Er kann sehr faszinieren.“</p>
+
+<p>„Wenn er es nicht könnte, gäb's keinen Kampf.“</p>
+
+<p>„Also Griechen kämpfen gegen Griechen?“</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_301" title="301"> </a></p>
+
+<p>„Ich bin auf seiten der Trojaner. Sie kämpften für ein
+Weib.“</p>
+
+<p>„Sie wurden besiegt.“</p>
+
+<p>„Es gibt ärgere Dinge als Gefangenschaft“, erwiderte
+sie.</p>
+
+<p>„Du galoppierst mit verhängtem Zügel.“</p>
+
+<p>„Das Tempo macht Leben“, war die Antwort.</p>
+
+<p>„Ich will mir das heut abend in mein Tagebuch schreiben.“</p>
+
+<p>„Was?“</p>
+
+<p>„Daß ein gebranntes Kind das Feuer liebt.“</p>
+
+<p>„Ich bin noch nicht einmal versengt. Meine Flügel
+sind unberührt.“</p>
+
+<p>„Du gebrauchst sie zu allem, nur nicht zur Flucht.“</p>
+
+<p>„Der Mut ist von den Männern zu den Frauen gewandert.
+Das ist ein neues Erlebnis für uns.“</p>
+
+<p>„Du hast eine Rivalin.“</p>
+
+<p>„Wen?“</p>
+
+<p>Er lachte. „Lady Narborough“, flüsterte er. „Sie betet
+ihn an.“</p>
+
+<p>„Du machst mir Angst. Die Beschwörung des Altertums
+ist für uns Romantiker stets gefährlich.“</p>
+
+<p>„Romantiker! Du hast alle Methoden der Wissenschaft.“</p>
+
+<p>„Männer haben uns erzogen.“</p>
+
+<p>„Aber nicht erklärt.“</p>
+
+<p>„Gib uns eine Definition unseres Geschlechtes“, forderte
+sie ihn heraus.</p>
+
+<p>„Sphinxe ohne Geheimnisse.“</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_302" title="302"> </a></p>
+
+<p>Sie sah ihn lächelnd an. „Wie lange Herr Gray wegbleibt“,
+sagte sie. „Wir wollen ihm helfen. Ich habe ihm
+noch nicht einmal die Farbe meines Kleides angegeben.“</p>
+
+<p>„Pah! Du mußt dein Kleid seinen Blumen anpassen,
+Gladys.“</p>
+
+<p>„Das wäre eine zu frühe Übergabe.“</p>
+
+<p>„Die romantische Kunst beginnt mit dem Höhepunkt.“</p>
+
+<p>„Ich muß mir die Möglichkeit des Rückzuges offen
+halten.“</p>
+
+<p>„Wie die Parther?“</p>
+
+<p>„Sie fanden Schutz in der Wüste. Mir wäre das nicht
+möglich.“</p>
+
+<p>„Man läßt den Frauen nicht immer die Wahl“, entgegnete
+er; aber kaum hatte er den Satz zu Ende gesprochen,
+als von dem äußersten Winkel des Gewächshauses
+her ein unterdrücktes Stöhnen kam, dem das dumpfe Gerausch
+eines schweren Falles folgte. Alles sprang auf.
+Die Herzogin stand regungslos da vor Schreck. Mit ängstlichen
+Augen stürzte Lord Henry durch die wehenden
+Fächer der Palmen und fand Dorian Gray in einer
+todesähnlichen Ohnmacht am Boden liegend, mit dem Gesicht
+auf den kühlen Fliesen.</p>
+
+<p>Er wurde sofort in den blauen Salon gebracht und auf
+ein Sofa gelegt. Nach einer kurzen Weile kam er wieder
+zu sich und sah sich verstört um.</p>
+
+<p>„Was ist geschehen?“ fragte er. „Ach! jetzt fällt mir's
+ein. Bin ich hier sicher, Harry?“ Er begann zu zittern.</p>
+
+<p>„Mein lieber Dorian,“ antwortete Lord Henry, „es war
+ein Ohnmachtsanfall. Weiter nichts. Du mußt dich wohl<a class="pagenum" name="Page_303" title="303"> </a>
+übermüdet haben. Komm lieber nicht zum Diner hinunter.
+Ich werde dich vertreten.“</p>
+
+<p>„Nein, ich will herunterkommen“, sagte er und mühte
+sich, auf den Füßen zu stehen. „Ich komme lieber herunter!
+Ich darf nicht allein sein.“</p>
+
+<p>Er ging in sein Zimmer und zog sich um. Als er bei
+Tisch saß, war in seinem Gehaben eine wilde, übermütige
+Lustigkeit, aber hin und wieder überlief ihn ein Angstschauer,
+wenn er sich erinnerte, daß er, gegen die Fensterscheiben
+des Gewächshauses gepreßt, das lauernde Gesicht
+James Vanes wie ein weißes Tuch erblickt hatte.</p>
+
+<h2><a name="Achtzehntes_Kapitel" id="Achtzehntes_Kapitel"></a>Achtzehntes Kapitel</h2>
+
+
+<p>Am nächsten Tage verließ er das Haus nicht und verbrachte
+den größten Teil der Zeit in seinem Zimmer,
+durchrüttelt von einer wilden Todesfurcht und dem Leben
+gegenüber doch gleichgültig. Das Bewußtsein, gejagt, umzingelt,
+aufgestöbert zu werden, fing an, ihn gänzlich zu
+beherrschen. Wenn nur die Vorhänge im Winde rauschten,
+schrak er zusammen. Die toten Blätter, die gegen die verbleiten
+Scheiben gefegt wurden, schienen ihm seine eigenen
+vergeudeten Vorsätze und ungestümen Gewissensbisse zu
+sein. Wenn er die Augen schloß, sah er wieder das Gesicht
+des Matrosen vor sich, wie es durch das feuchtbeschlagene
+Glas stierte, und das Entsetzen schien ihm noch einmal seine
+Hand aufs Herz zu legen.</p>
+
+<p>Aber vielleicht war es nur seine Phantasie gewesen, die<a class="pagenum" name="Page_304" title="304"> </a>
+die Rache aus der Nacht heraufbeschworen und ihm die
+gräßliche Gestalt der Strafe vorgetäuscht hatte. Das wirkliche
+Leben war ein Chaos, aber es war eine furchtbare
+Logik in der Phantasie. Die Phantasie hetzte die Gewissensbisse
+hinter den flüchtigen Sohlen der Sünde her.
+Die Phantasie ließ jedes Verbrechen seine mißgestaltete
+Brut in sich tragen. In der gewöhnlichen Welt der Tatsachen
+wurden die Schlechten so wenig bestraft wie die
+Guten belohnt. Der Erfolg gehörte den Starken, Unglück
+machte die Schwachen unterliegen. Das war alles. Zudem,
+wenn ein Fremder um das Haus herumgestrolcht
+wäre, so hätten ihn die Diener oder Wächter entdeckt.
+Wären irgendwelche Fußtapfen in den Beeten bemerkt
+worden, so hätten es die Gärtner gemeldet. Ja: es war
+alles bloße Einbildung. Sybil Vanes Bruder war nicht
+zurückgekommen, um ihn zu ermorden. Er war mit seinem
+Schiff abgesegelt, um in irgendeiner arktischen See zu ertrinken.
+Vor dem war er also sicher. Der Mann wußte
+gar nicht, wer er war und konnte es nicht wissen. Die
+Maske der Jugend hatte ihn gerettet.</p>
+
+<p>Und doch, wenn es eine bloße Ausgeburt der Einbildung
+gewesen war, wie schrecklich war doch der Gedanke,
+daß das Gewissen so fürchterliche Hirngespinste entstehen
+lassen und ihnen sichtbare Form und Bewegung geben
+konnte! Was für eine Art Leben würde er führen, wenn
+Tag und Nacht die Schatten seines Verbrechens aus düsteren
+Winkeln nach ihm spähten, ihn von geheimen Stellen
+aus neckten, ihm ins Ohr flüsterten, wenn er beim Mahle
+saß, ihn mit eisigen Fingern weckten, wenn er schlief! Als<a class="pagenum" name="Page_305" title="305"> </a>
+dieser Gedanke durch sein Hirn kroch, wurde er blaß vor
+Schrecken, und die Luft schien ihm plötzlich kälter geworden
+zu sein. Oh! in was für einer wilden Wahnsinnsstunde
+hatte er seinen Freund umgebracht! Wie bluterstarrend
+war nur die Erinnerung an diese Szene! Er sah es alles
+wieder. Jede gräßliche Einzelheit kam mit vermehrtem
+Entsetzen wieder zu ihm. Aus dem schwarzen Grabverlies
+der Zeit stieg schrecklich und in Scharlachrot gehüllt das
+Bild seiner Sünde empor. Als Lord Henry um sechs Uhr
+eintrat, fand er ihn schluchzend, als ob ihm das Herz
+brechen wolle.</p>
+
+<p>Erst am dritten Tage wagte er auszugehen. Es lag
+etwas in der klaren, tannenduftenden Luft dieses Wintermorgens,
+das ihm seine Fröhlichkeit und seine Lebenslust
+wiederzugeben schien. Aber nicht nur die physischen Bedingungen
+seiner Umgebung hatten diese Wandlung zuwege
+gebracht. Seine eigene Natur hatte sich gegen das Übermaß
+der Angst empört, die ihre vollendete Ruhe zu stören
+und zu vernichten versucht hatte. Mit feinen und subtil
+organisierten Temperamenten ist es immer so. Ihre heftigen
+Leidenschaften können nur Hammer oder Amboß
+sein. Entweder töten sie den Menschen oder sterben selbst.
+Oberflächliche Sorgen, oberflächliche Liebesempfindungen
+können weiter leben. Tiefe Liebesempfindungen und große
+Sorgen gehen durch ihre eigene Überfülle zugrunde. Überdies
+hatte er sich jetzt überzeugt, daß er das Opfer einer
+erschreckten Einbildungskraft gewesen war, und sah jetzt auf
+seine Ängste mit einer Art Mitleid und nicht geringer Verachtung
+zurück.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_306" title="306"> </a></p>
+
+<p>Nach dem Frühstück ging er mit der Herzogin ein
+Stündchen im Garten spazieren und fuhr dann durch den
+Park, um mit der Jagdgesellschaft zusammenzutreffen.
+Der feinperlige Reif lag wie Salz auf dem Rasen. Der
+Himmel sah aus wie ein umgestülpter Pokal aus blauem
+Metall. Ein dünner Eisgallert umsäumte den seichten,
+schilfbewachsenen Teich.</p>
+
+<p>Am Eingang des Tannenwaldes erblickte er Sir Geoffrey
+Clouston, den Bruder der Herzogin, der eben zwei
+verschossene Patronen aus seiner Flinte stieß. Dorian
+sprang aus dem Wagen, sagte dem Groom, er solle mit
+dem Gespann nach Hause fahren, und ging durch das welke
+Farnkraut und das gestrüppige Unterholz auf seinen
+Gast zu.</p>
+
+<p>„Gute Jagd gehabt, Geoffrey?“ fragte er.</p>
+
+<p>„Nicht berühmt, Dorian. Die meisten Vögel, glaub' ich,
+sind auf die Felder geflüchtet. Vielleicht wird's nachmittag
+besser sein, wenn wir auf frisches Revier kommen.“</p>
+
+<p>Dorian schlenderte neben ihm weiter. Die starke, aromatische
+Luft, die braunen und roten Lichter, die den Wald
+durchflimmerten, das rauhe Geschrei der Treiber, das von
+Zeit zu Zeit aufgellte, und der scharfe Knall der Flinten,
+der dann folgte, das alles fesselte ihn und erfüllte ihn mit
+einem Gefühl entzückender Freiheit. Er war beherrscht von
+einem sorglosen Glück, von einer großartigen Gleichgültigkeit
+der Freude.</p>
+
+<p>Plötzlich brach aus einem dicken Büschel alten Grases,
+vielleicht zwanzig Meter vor ihnen, ein Hase aus, die
+schwarzgesprenkelten Löffel steif aufgerichtet und die langen<a class="pagenum" name="Page_307" title="307"> </a>
+Hinterläufe nach vorn werfend. Er schnellte auf ein
+Erlendickicht los. Sir Goeffrey riß das Gewehr an die
+Schulter, aber in der anmutigen Bewegung des Tieres
+lag etwas, das Dorian Gray seltsam entzückte, und er
+rief hastig: „Schieß nicht, Geoffrey. Laß ihn laufen!“</p>
+
+<p>„Ach, Unsinn, Dorian“, sagte lachend sein Gefährte,
+und noch ehe der Hase in das Dickicht setzte, schoß er zu.
+Man hörte zwei Schreie, den Schrei eines verwundeten
+Hasen, der schrecklich ist, und den Schrei eines sterbenden
+Menschen, der noch schrecklicher ist.</p>
+
+<p>„Gott im Himmel, ich habe einen Treiber getroffen!“
+rief Sir Geoffrey aus. „Was für 'n Esel der Mann ist,
+einem direkt vors Gewehr zu laufen! Hört auf mit Schießen!“
+rief er mit seiner lautesten Stimme. „Ein Mann ist
+getroffen worden!“</p>
+
+<p>Der Hegemeister kam mit einem Stock in der Hand herbeigelaufen.</p>
+
+<p>„Wo, Herr? Wo ist er?“ rief er. Im selben Augenblick
+hörte das Schießen auf der ganzen Linie auf.</p>
+
+<p>„Hier!“ antwortete Sir Geoffrey ärgerlich und rannte
+auf das Dickicht zu. „Warum, zum Kuckuck, halten Sie
+Ihre Leute nicht weiter zurück? Für heute hab' ich die
+ganze Jagd im Magen.“</p>
+
+<p>Dorian sah ihnen nach, wie sie in die Erlenbüsche eindrangen
+und die biegsamen Zweige zur Seite bogen. Nach
+einigen Augenblicken erschienen sie wieder und zogen einen
+Körper ans Tageslicht. Er wandte sich entsetzt ab. Es schien
+ihm, als folge ihm das Mißgeschick überallhin. Er hörte,
+wie Sir Geoffrey fragte, ob der Mann wirklich tot wäre,<a class="pagenum" name="Page_308" title="308"> </a>
+und vernahm die bejahende Antwort des Hegemeisters.
+Es schien ihm, als wimmele der Wald urplötzlich von Gesichtern.
+Er hörte das Gelaufe von unzähligen Füßen
+und das gedämpfte Flüstern von Stimmen. Ein großer
+Fasan mit kupferfarbener Brust rauschte durch die Äste
+über ihm dahin.</p>
+
+<p>Nach einigen Augenblicken, die ihm in seiner Fassungslosigkeit
+wie endlose, peinvolle Stunden vorkamen, fühlte
+er eine Hand auf seiner Schulter. Er zuckte zusammen
+und wandte sich um.</p>
+
+<p>„Dorian,“ sagte Lord Henry, „ich halt 's für richtiger,
+die Jagd für heute beendet sein zu lassen. Es würde nicht
+gut aussehen, sie fortzusetzen.“</p>
+
+<p>„Ich wollte, sie wäre für immer beendet, Harry“, antwortete
+er bitter. „Die ganze Geschichte ist gräßlich und
+grausam ist der Mann...?“ Er konnte den Satz nicht
+vollenden.</p>
+
+<p>„Ja leider“, entgegnete Lord Henry. <ins title="Er">„Er</ins> hat die ganze
+Ladung in die Brust gekriegt. Er muß augenblicklich gestorben
+sein. Komm, wir wollen nach Hause.“</p>
+
+<p>Sie schritten nebeneinander auf die Allee zu und sprachen
+etwa fünfzig Meter weit kein Wort. Dann sah Dorian
+Lord Henry an und sagte mit einem tiefen Seufzer: „Das
+ist ein böses Omen, Harry, ein sehr böses Omen.“</p>
+
+<p>„Was denn?“ fragte Lord Henry. „Oh! diesen Unglücksfall
+meinst du. Lieber Junge, daran ist nichts zu
+ändern. Der Mann hatte ja selber schuld. Warum lief
+er in die Schußlinie? Überdies ist es nicht unsere Sache.
+Für Geoffrey ist es natürlich nicht gerade angenehm! Es<a class="pagenum" name="Page_309" title="309"> </a>
+ist nicht hübsch, Treiber niederzupuffen. Die Leute denken
+gleich, man wäre ein Sonntagsjäger. Und das ist Geoffrey
+nicht; er schießt sogar brillant. Aber es hat keinen
+Zweck, über den Unfall weiter zu reden.“</p>
+
+<p>Dorian schüttelte den Kopf. „Es ist ein böses Omen,
+Harry. Ich habe das Gefühl, als müßte einem von uns
+etwas Schreckliches zustoßen. Mir selbst vielleicht“, fügte
+er hinzu und legte mit einer schmerzlichen Bewegung die
+Hand über die Augen.</p>
+
+<p>Der ältere lachte. „Das einzig Schreckliche in der Welt
+ist Langeweile, Dorian. Das ist die einzige Sünde, für die
+es keine Vergebung gibt. Aber wir werden darunter
+schwerlich zu leiden haben, wenn die Gesellschaft bei Tisch
+nicht etwa noch über die Sache viel Aufhebens macht.
+Ich muß den Leuten sagen, daß dieses Thema einfach
+Tabu ist. Und Omina &mdash;so was wie Omina gibt's nicht.
+Das Geschick sendet uns keine Herolde. Es ist zu weise
+dazu oder zu grausam. Übrigens, was in aller Welt sollte
+dir geschehen, Dorian? Du hast alles, was sich ein Mensch
+hienieden wünschen kann. Ich wüßte niemand, der nicht
+freudig mit dir tauschen möchte.“</p>
+
+<p>„Es gibt keinen, mit dem ich nicht tauschen möchte,
+Harry. Lach' nicht darüber. Ich spreche die Wahrheit.
+Der elende Bauer, der da gestorben ist, ist besser daran
+als ich. Ich habe keine Angst vor dem Tode. Das Sterben
+ist's, wovor ich mich <ins title="änstige">ängstige</ins>. Seine ungeheuren Flügel
+scheinen mich rings in der bleiernen Luft zu umschatten.
+Herr des Himmels, siehst du nicht, daß da hinter den Bäumen
+ein Mann auf mich lauert und mich beobachtet?“</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_310" title="310"> </a></p>
+
+<p>Lord Henry sah in die Richtung, wohin die behandschuhte
+Hand zitternd wies. „Ja,“ sagte er lächelnd, „ich
+sehe da den Gärtner auf dich warten. Er will dich vermutlich
+fragen, welche Blumen du heute auf dem Tisch
+haben willst. Wie lächerlich nervös du heute bist, lieber
+Junge! Du mußt gleich meinen Doktor konsultieren, wenn
+wir wieder in der Stadt sind.“</p>
+
+<p>Dorian seufzte erleichtert auf, als er den Gärtner herankommen
+sah. Der Mann legte die Hand an den Hut,
+blickte erst zaudernd auf Lord Henry und zog dann einen
+Brief hervor, den er seinem Herrn überreichte. „Ihre Gnaden
+hat mir aufgetragen, auf Antwort zu warten“, sagte
+er halblaut.</p>
+
+<p>Dorian steckte den Brief in die Tasche. „Sagen Sie
+Ihrer Gnaden, ich würde kommen“, sagte er kühl. Der
+Mann kehrte um und schritt rasch dem Hause zu.</p>
+
+<p>„Wie gern doch die Frauen gefährliche Dinge tun!“
+sagte Lord Henry lachend. „Das ist eine von ihren Eigenschaften,
+die ich am meisten bewundere. Eine Frau ist
+mit jedem auf der Welt zu flirten bereit, solange andere
+Leute dabei Zuschauer sind.“</p>
+
+<p>„Wie gern du doch gefährliche Dinge sagst, Harry!
+In diesem Falle bist du aber ganz auf dem Holzwege. Ich
+habe die Herzogin sehr gern, aber ich liebe sie nicht.“</p>
+
+<p>„Und die Herzogin liebt dich sehr, aber sie hat dich nicht
+gern, also paßt ihr beide famos zusammen.“</p>
+
+<p>„Du machst Klatschereien, Harry, und diesmal ist gar
+kein Grund zu Klatschereien vorhanden.“</p>
+
+<p>„Die Grundlage für jeden Klatsch ist eine unmoralische<a class="pagenum" name="Page_311" title="311"> </a>
+Verläßlichkeit“, sagte Lord Henry und zündete sich eine
+Zigarette an.</p>
+
+<p>„Du würdest jeden von uns bloßstellen, Harry, um einen
+Witz zu machen.“</p>
+
+<p>„Die Welt legt sich aus freien Stücken auf den Opferaltar“,
+war die Antwort.</p>
+
+<p>„Ich wollte, ich könnte lieben!“ rief Dorian Gray mit
+einem tiefpathetischen Klang in seiner Stimme. „Aber es
+scheint, ich habe die Glut der Leidenschaft verloren und
+die Sehnsucht des Begehrens vergessen. Ich bin zu sehr in
+mich selber konzentriert. Meine eigene Person ist eine Last
+für mich geworden. Ich möchte entfliehen, weggehen, vergessen.
+Es war albern von mir, überhaupt herzukommen.
+Ich denke, ich telegraphiere an Harvey, daß er die Jacht
+instand setzt. Auf einer Jacht ist man sicher.“</p>
+
+<p>„Wovor sicher, Dorian? Du hast Unruhe. Warum sagst
+du mir nicht, was es ist? Du weißt, daß ich dir helfen
+könnte.“</p>
+
+<p>„Ich kann es dir nicht sagen, Harry“, erwiderte er traurig.
+„Und es mag wohl alles nur Einbildung sein. Der
+unglückselige Zwischenfall hat mich aus dem Gleichgewicht
+gebracht. Ich habe eine schreckliche Vorahnung, daß mir
+etwas Ähnliches zustößt.“</p>
+
+<p>„Was für Unsinn!“</p>
+
+<p>„Ich hoffe, es ist Unsinn, aber ich kann dies Gefühl
+nicht loswerden. Ah! da kommt die Herzogin und sieht aus
+wie Artemis in einem Tailormade-Kleide. Sie sehen, wir
+sind zurück, Frau Herzogin.“</p>
+
+<p>„Ich habe schon alles gehört, Herr Gray“, antwortete<a class="pagenum" name="Page_312" title="312"> </a>
+sie. „Der arme Geoffrey ist ganz außer Fassung. Und
+man sagt, Sie hatten ihn gebeten, nicht auf den Hasen zu
+schießen. Wie seltsam!“</p>
+
+<p>„Ja, es war sehr seltsam. Ich kann nicht mal sagen,
+warum ich es getan habe. Eine Eingebung vermute ich.
+Er sah so niedlich aus, der kleine Kerl. Aber ich bedaure
+sehr, daß man Ihnen von dem Manne erzählt hat.
+Es ist ein peinliches Thema.“</p>
+
+<p>„Es ist ein langweiliges Thema“, unterbrach ihn Lord
+Henry. „Es hat keinerlei psychologischen Wert. Wenn es
+Geoffrey noch absichtlich getan hätte, wie interessant wäre
+es dann! Ich würde gern jemand kennenlernen, der einen
+wirklichen Mord begangen hat.“</p>
+
+<p>„Wie abscheulich von dir“, schrie die Herzogin auf.
+„Nicht war, Herr Gray? Harry, Herrn Gray ist wieder
+unwohl. Er wird ohnmächtig.“</p>
+
+<p>Dorian hielt sich gewaltsam aufrecht und lächelte. „Es
+ist nichts, Frau Herzogin,“ murmelte er, „meine Nerven
+sind schrecklich in Unordnung. Nichts weiter. Ich fürchte,
+ich bin heut morgen zuviel gegangen. Ich habe gar nicht
+gehört, was Harry gesagt hat. War es sehr toll? Sie
+müssen es mir ein andermal erzählen. Ich halte es fürs
+beste, mich jetzt ein bißchen hinzulegen. Sie entschuldigen
+mich, nicht wahr?“</p>
+
+<p>Sie hatten die große Treppe erreicht, deren Stufen vom
+Gewächshaus auf die Terrasse emporführten. Als sich die
+Glastür hinter Dorian geschlossen hatte, wandte sich Lord
+Henry um und sah die Herzogin mit seinen schläfrigen
+Augen an. „Bist du sehr in ihn verliebt?“ fragte er.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_313" title="313"> </a></p>
+
+<p>Sie gab eine Weile keine Antwort, sondern stand da
+und blickte auf die Landschaft. „Ich möchte es selber
+wissen“, sagte sie endlich.</p>
+
+<p>Er schüttelte den Kopf. „Wissen, wäre ein Verhängnis.
+Nur die Ungewißheit hat für uns Reiz. Ein Nebel macht
+die Dinge wunderbar.“</p>
+
+<p>„Man kann darin seinen Weg verlieren.“</p>
+
+<p>„Alle Wege enden am selben Punkt, meine liebe Gladys.“</p>
+
+<p>„Wie heißt der?“</p>
+
+<p>„Enttäuschung.“</p>
+
+<p>„So war mein Debüt im Leben“, seufzte sie.</p>
+
+<p>„Sie kam mit einer Krone zu dir.“</p>
+
+<p>„Ich bin der Erdbeerblätter in unserer Krone müde.“</p>
+
+<p>„Sie steht dir gut.“</p>
+
+<p>„Nur in der Öffentlichkeit.“</p>
+
+<p>„Sie würde dir fehlen“, sagte Lord Henry.</p>
+
+<p>„Ich werde mich von keinem Blättchen trennen.“</p>
+
+<p>„Monmouth hat Ohren.“</p>
+
+<p>„Das Alter ist schwerhörig.“</p>
+
+<p>„War er nie eifersüchtig?“</p>
+
+<p>„Ich wollte, er wäre es.“ Dabei lachte sie. Ihre Zähne
+sahen aus wie weiße Kerne in einer scharlachfarbenen
+Frucht. Indessen lag oben in seinem Zimmer Dorian Gray
+auf einem Sofa, Schrecken in jeder zuckenden Fiber seines
+Körpers. Das Leben war für ihn urplötzlich eine so
+schwere Last geworden, daß er sie nicht mehr tragen konnte.
+Der gräßliche Tod des unglücklichen Treibers, der in dem
+Dickicht wie ein wildes Tier niedergeknallt worden war,
+schien ihm selbst den Tod vorauszusagen. Er war fast in<a class="pagenum" name="Page_314" title="314"> </a>
+Ohnmacht gefallen bei dem zynischen Scherz, den Lord
+Henry in einer zufälligen Laune gemacht hatte.</p>
+
+<p>Um fünf Uhr klingelte er seinem Diener und hieß ihn
+seine Sachen für den Nachtschnellzug nach London zu
+packen und den Wagen für halb neun vors Tor zu bestellen.
+Er war entschlossen, keine Nacht mehr in Selby
+Royal zu schlafen. Es war ein Ort voll böser Vorzeichen.
+Der Tod ging dort am hellen Tage um. Das Gras des
+Waldes war mit Blut befleckt.</p>
+
+<p>Dann schrieb er ein Billett an Lord Henry, in dem er
+ihm mitteilte, daß er in die Stadt fahre, um den Arzt zu
+konsultieren, und ihn bat, seine Gäste in seiner Abwesenheit
+zu unterhalten. Als er die Zeilen in ein Kuvert legte,
+klopfte es an die Tür, und sein Diener meldete ihm, daß
+ihn der Hegemeister sprechen wolle. Er runzelte die Stirn
+und biß sich auf die Lippen. „Lassen Sie ihn eintreten“,
+murmelte er nach einigem Zögern.</p>
+
+<p>Während der Mann eintrat, holte Dorian sein Scheckbuch
+aus einer Schublade hervor und legte es vor sich
+hin.</p>
+
+<p>„Sie kommen vermutlich wegen des Unglücksfalles von
+heute morgen, Thornton“, sagte er und nahm eine Feder
+auf.</p>
+
+<p>„Ja, Herr“, antwortete der Hegemeister.</p>
+
+<p>„War der arme Kerl verheiratet? Hatte er Angehörige
+zu versorgen?“ fragte Dorian mit einem müden Gesicht.
+„Wenn sich's so verhält, möchte ich nicht, daß sie in Not
+zurückbleiben, und ich will ihnen jede Summe schicken, die
+Sie für notwendig halten.“</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_315" title="315"> </a></p>
+
+<p>„Wir wissen nicht, wer es ist, gnädiger Herr. Deshalb
+war ich so frei, herzukommen.“</p>
+
+<p>„Sie wissen nicht, wer es ist?“ sagte Dorian zerstreut.
+„Wie meinen Sie das? War es nicht einer von Ihren
+Leuten?“</p>
+
+<p>„Nein Herr. Ich hab' ihn mein Lebtag nicht gesehen.
+Er sieht aus wie ein Matrose, gnädiger Herr.“</p>
+
+<p>Die Feder fiel Dorian Gray aus der Hand, und er
+hatte das Gefühl, als höre sein Herz plötzlich zu schlagen
+auf. „Ein Matrose!“ schrie er auf. „Sagten Sie, ein
+Matrose?“</p>
+
+<p>„Ja, gnädiger Herr. Er sieht aus wie ein Matrose;
+auf beiden Armen tätowiert und überhaupt so in der Art.“</p>
+
+<p>„Hat man irgend etwas bei ihm gefunden?“ fragte
+Dorian, beugte sich vor und sah den Mann mit aufgerissenen
+Augen an. „Irgend etwas, woraus man seinen Namen
+erführe?“</p>
+
+<p>„Nur Geld, gnädiger Herr &mdash; nicht viel, und einen
+sechsläufigen Revolver. Nichts von Namen. Der Mann
+sieht sonst anständig aus, aber gewöhnlich. Wir halten ihn
+für eine Art Matrosen.“</p>
+
+<p>Dorian sprang auf die Füße. Eine furchtbare Hoffnung
+durchblitzte ihn. Er klammerte sich wahnsinnig an sie an.
+„Wo ist der Leichnam?“ rief er aus. „Rasch, ich muß
+ihn sofort sehen.“</p>
+
+<p>„Er liegt in einem leeren Stall im Wirtschaftsgebäude,
+gnädiger Herr. Die Leute wollen so was nicht in ihren
+vier Wänden haben. Sie sagen, eine Leiche bringt Unglück.“</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_316" title="316"> </a></p>
+
+<p>„Im Wirtschaftsgebäude! Gehen Sie sogleich voraus
+und warten Sie da auf mich. Sagen Sie einem der
+Grooms, er soll mein Pferd herbringen. Nein. Lieber
+nicht. Ich will selbst in den Stall kommen. Das geht
+rascher.“</p>
+
+<p>Kaum eine Viertelstunde später galoppierte Dorian,
+so rasch er konnte, die lange Allee hinunter. Die Bäume
+schienen in gespenstischer Parade an ihm vorbeizufliegen
+und ihm wilde Schatten in den Weg zu schleudern. Einmal
+scheute die Stute vor einem weißen Pfahle und warf ihn
+fast ab. Er schlug ihr die Gerte um den Hals. Sie durchschnitt
+die dunkle Luft wie ein Pfeil. Die Steine stoben
+unter ihren Hufen.</p>
+
+<p>Endlich erreichte er das Wirtschaftsgebäude. Zwei Männer
+lungerten im Hof herum. Er sprang aus dem Sattel
+und warf einem die Zügel hin. In dem letzten Stall
+flimmerte ein Licht. Irgend etwas schien ihm zu sagen,
+daß dort der Leichnam liege, und er ging rasch auf die
+Tür zu und legte die Hand auf die Klinke.</p>
+
+<p>Da hielt er einen Augenblick inne und wurde sich bewußt,
+daß er vor der Schwelle einer Entdeckung stehe,
+die ihm entweder ein neues Leben gab oder es zerstörte.
+Dann stieß er die Tür auf und trat ein.</p>
+
+<p>Auf einem Haufen Säcke im entferntesten Winkel lag
+der tote Körper eines Mannes, bekleidet mit einem groben
+Blusenhemd und blauen Hosen. Ein unsauberes Taschentuch
+war ihm übers Gesicht gebreitet worden. Eine billige
+Kerze steckte in einer Flasche und flackerte düster.</p>
+
+<p>Dorian Gray schauerte. Er fühlte, daß er nicht mit<a class="pagenum" name="Page_317" title="317"> </a>
+eigener Hand das Taschentuch wegziehen könne, und rief
+nach einem der Stallknechte.</p>
+
+<p>„Nehmen Sie das da vom Gesicht weg. Ich will es
+sehen“, sagte er und hielt sich an dem Türpfosten fest.</p>
+
+<p>Als es der Knecht getan hatte, machte er einen Schritt
+nach vorn. Ein Freudenschrei kam von seinen Lippen.
+Der Mann, der im Dickicht erschossen worden war, war
+James Vane.</p>
+
+<p>Er stand einige Minuten da und starrte auf den toten
+Körper. Als er nach Hause ritt, waren seine Augen von
+Tränen umschleiert, denn er wußte jetzt, daß er gerettet
+war.</p>
+
+<h2><a name="Neunzehntes_Kapitel" id="Neunzehntes_Kapitel"></a>Neunzehntes Kapitel</h2>
+
+
+<p>„Es hat gar keinen Sinn, mir zu erzählen, daß du gut
+werden willst!“ rief Lord Henry und tauchte seine weißen
+Finger in eine rote, mit Rosenwasser gefüllte Kupferschale.
+„Du bist vollkommen. Bitte ändere dich nicht.“</p>
+
+<p>Dorian Gray schüttelte den Kopf. „Nein, Harry, ich
+habe zuviel gräßliche Dinge getan in meinem Leben.
+Ich will keine mehr tun. Ich habe gestern mit meinen
+guten Taten den Anfang gemacht.“</p>
+
+<p>„Wo warst du gestern?“</p>
+
+<p>„Auf dem Lande, Harry. Ich war mutterseelenallein
+in einem kleinen Gasthof.“</p>
+
+<p>„Lieber Junge,“ sagte Lord Henry lächelnd, „auf dem
+Lande kann jeder Mensch gut sein. Dort gibt's keine Versuchungen.<a class="pagenum" name="Page_318" title="318"> </a>
+Das ist der Grund, warum Leute, die nicht
+in der Stadt wohnen, so gänzlich unzivilisiert sind. Zivilisation
+ist wahrhaftig nicht leicht zu erreichen. Es gibt nur
+zwei Wege, um zu ihr zu kommen. Der eine ist Kultur, der
+andere Korruption. Die Landbevölkerung hat keine Gelegenheit
+zu dieser noch zu jener, und so bleiben sie so in
+ihrer Entwicklung stehen.“</p>
+
+<p>„Kultur und Korruption“, wiederholte Dorian. „Ich
+habe von beiden etwas kennengelernt. Es scheint mir jetzt
+schrecklich, daß man sie immer beisammen findet. Denn
+ich habe ein neues Ideal, Harry. Ich will anders werden.
+Ich glaube, ich bin schon anders geworden.“</p>
+
+<p>„Du hast mir noch nicht berichtet, worin deine gute
+Handlung bestand. Oder sagtest du nicht, du hättest mehr
+als eine getan?“ fragte der Freund und schüttete sich eine
+kleine rote Pyramide Erdbeeren auf seinen Teller, auf
+die er aus einem muschelförmigen Sieblöffel weißen Zucker
+streute.</p>
+
+<p>„Ich kann dir's ja erzählen, Harry. Es ist eine Geschichte,
+die ich einem anderen nicht erzählen könnte. Ich
+habe jemand verschont. Es klingt eitel, aber du verstehst,
+was ich meine. Sie war sehr schön und hatte eine wunderbare
+Ähnlichkeit mit Sibyl Vane. Ich glaube, das war das
+erste, was mich bei ihr anzog. Du erinnerst dich doch noch an
+Sibyl, nicht? Wie lange das her ist! Also Hetty gehörte
+natürlich nicht unserem Stand an. Sie war eine Dorfschöne.
+Aber ich liebte sie wirklich. Ich weiß bestimmt,
+daß ich sie liebte. In dem ganzen wundervollen Maimonat,
+den wir jetzt hatten, bin ich zwei-, dreimal in der Woche<a class="pagenum" name="Page_319" title="319"> </a>
+hingefahren, um sie zu sehen. Gestern erwartete sie mich
+in einem kleinen Obstgarten. Die Apfelblüten schneiten
+auf ihr Haar herab, und sie lachte. Heute morgen in aller
+Herrgottsfrühe sollte sie mit mir kommen. Plötzlich entschloß
+ich mich, sie so einer Blume gleich zu lassen, wie ich
+sie gefunden hatte.“</p>
+
+<p>„Ich vermute, die Neuheit der Empfindung muß dir
+einen förmlichen Wonneschauer bereitet haben, Dorian“,
+unterbrach ihn Lord Henry. „Aber ich kann dir dein
+Idyll zu Ende erzählen. Du gabst ihr gute Lehren und
+brachst ihr das Herz. Das ist der Anfang deiner Besserung.“</p>
+
+<p>„Harry, du bist schrecklich! Du darfst so häßliche Dinge
+nicht sagen. Hettys Herz ist nicht gebrochen. Natürlich
+weinte sie und dergleichen. Aber keine Schande ist auf sie
+gekommen. Sie kann weiterleben wie Perdita in ihrem
+Garten bei Pfefferminze und Ringelblumen.“</p>
+
+<p>„Und einem treulosen Florizel nachweinen“, rief Lord
+Henry lachend und lehnte sich in seinem Stuhl zurück.
+„Teuerster Dorian, du hast manchmal die sonderbarsten
+Knabenanwandlungen. Glaubst du, dieses Mädchen wird
+sich jemals mit einem ihres eigenen Standes glücklich
+fühlen? Ich vermute, sie wird eines schönen Tages
+einen rohen Fuhrmann oder einen grinsenden Bauernlümmel
+heiraten. Schön also, die Tatsache, daß sie dich
+kennengelernt und geliebt hat, wird sie dahin bringen,
+ihren Mann zu verachten, und sie wird unglücklich werden.
+Vom moralischen Standpunkte aus kann ich also nicht
+finden, daß deine Entsagung sehr wertvoll war. Selbst<a class="pagenum" name="Page_320" title="320"> </a>
+als ein Anfang ist sie armselig. Außerdem, woher
+willst du wissen, ob Hetty in diesem Augenblick nicht in
+einem sternbeglänzten Mühlteich schwimmt, von lieblichen
+Wasserlilien umkränzt wie Ophelia?“</p>
+
+<p>„Ich kann es nicht aushalten, Harry! Du spottest über
+alles und beschwörst dann die ernsthaftesten Tragödien
+herauf. Es tut mir jetzt leid, daß ich es dir erzählt habe.
+Es kümmert mich auch nicht, was du sagst. Ich weiß, ich
+habe recht gehandelt. Arme Hetty! Als ich heute früh am
+Gehöft vorbeiritt, sah ich ihr Gesicht weiß wie einen
+Jasminzweig am Fenster. Wir wollen nicht länger davon
+reden, und du sollst nicht versuchen, mich zu überzeugen,
+daß die erste gute Handlung, die ich seit Jahren getan
+habe, das erste kleine Opfer, das ich jemals gebracht
+habe, in Wahrheit eine Art Sünde wäre. Ich will mich
+jetzt bessern. Und ich werde mich bessern. Erzähle mir etwas
+von dir. Was geht in der Stadt vor? Ich war tagelang
+nicht im Klub.“</p>
+
+<p>„Die Leute sprechen noch immer über das Verschwinden
+des armen Basil.“</p>
+
+<p>„Ich sollte meinen, daß sie inzwischen davon genug
+bekommen hätten“, sagte Dorian, während er sich etwas
+Wein einschenkte und leicht die Stirn runzelte.</p>
+
+<p>„Mein lieber Junge, sie reden ja erst seit sechs Wochen
+davon, und das englische Publikum ist wirklich nicht der
+geistigen Anstrengung gewachsen, alle drei Monate mehr
+als ein Gesprächsthema zu haben. Immerhin haben sie
+in der letzten Zeit Glück gehabt. Sie hatten meinen eigenen
+Ehescheidungsprozeß und Alan Campbells Selbstmord.<a class="pagenum" name="Page_321" title="321"> </a>
+Jetzt haben sie das geheimnisvolle Verschwinden eines
+Künstlers. In Scotland Yard bleibt man hartnäckig dabei,
+daß der Mann im grauen Ulster, der in der Nacht des
+neunten November mit dem Zwölfuhrzug nach Paris fuhr,
+der arme Basil war, und die französische Polizei erklärt,
+Basil wäre überhaupt nie in Paris eingetroffen. Vermutlich
+wird man uns etwa in vierzehn Tagen auftischen, daß
+er in San Francisco gesehen worden ist. Es ist eine
+schwierige Geschichte, aber von jedem Menschen, der verschwindet,
+heißt es, daß er in San Francisco gesehen
+worden ist. Das muß eine entzückende Stadt sein, die alle
+Reize der zukünftigen Welt ihr Eigen nennt.“</p>
+
+<p>„Was glaubst du, daß Basil zugestoßen sei?“ fragte
+Dorian, hielt seinen Burgunder gegen das Licht und
+wunderte sich, daß er über diese Sache so ruhig plaudern
+konnte.</p>
+
+<p>„Ich habe nicht die leiseste Ahnung. Wenn sich Basil
+ein Vergnügen daraus macht, Versteck zu spielen, so ist
+das nicht meine Sache. Wenn er tot ist, will ich nicht
+weiter an ihn denken. Der Tod ist das einzige, was mir
+Angst macht. Ich hasse ihn.“</p>
+
+<p>„Warum?“ fragte der jüngere müde.</p>
+
+<p>„Weil,“ sagte Lord Henry und führte die vergoldete
+Netzöffnung eines Riechbüchschens zur Nase, „weil man
+heutzutage alles überleben kann, ausgenommen den Tod.
+Tod und Philisterei sind die zwei einzigen Tatsachen des
+neunzehnten Jahrhunderts, die man nicht wegerklären
+kann. Wir wollen den Kaffee im Musikzimmer trinken,
+Dorian. Du mußt mir Chopin vorspielen. Der Mann, mit<a class="pagenum" name="Page_322" title="322"> </a>
+dem meine Frau durchbrannte, spielte Chopin hinreißend.
+Die arme Viktoria! Ich habe sie recht gern gehabt. Das
+Haus ist ohne sie recht einsam. Natürlich ist das Eheleben
+nur eine Gewohnheit, eine schlechte Gewohnheit. Aber
+schließlich bedauert man den Verlust selbst seiner schlechtesten
+Gewohnheiten. Vielleicht bedauert man die gerade
+am meisten. Sie sind ein so wesentlicher Teil unserer Persönlichkeit.“</p>
+
+<p>Dorian sagte nichts, sondern stand vom Tisch auf,
+ging in das Nebenzimmer, setzte sich an das Klavier und
+ließ seine Finger über das weiße und schwarze Elfenbein
+der Tasten gleiten. Als der Kaffee gebracht wurde, hörte
+er auf, sah zu Lord Henry hinüber und sagte: „Harry,
+ist es dir nie eingefallen, daß Basil ermordet worden sein
+könnte?“</p>
+
+<p>Lord Henry gähnte. „Basil war sehr populär und trug
+immer nur eine Waterburyuhr. Warum hätte man ihn ermorden
+sollen? Er war nicht klug genug, um Feinde zu
+haben. Freilich hatte er ein wunderbares Genie als Maler.
+Aber ein Mensch kann malen wie Velasquez und doch so
+langweilig als möglich sein. In Wirklichkeit war Basil
+ziemlich langweilig. Er interessierte mich nur ein einziges
+Mal, und das war damals, als er mir vor vielen Jahren
+gestand, daß er dich so ungestüm anbete und daß du das
+Leitmotiv seiner Kunst seist.“</p>
+
+<p>„Ich habe Basil sehr gern gehabt“, sagte Dorian mit
+einem traurigen Klang in seiner Stimme. „Aber behauptet
+denn das Publikum nicht, daß er ermordet worden
+ist?“</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_323" title="323"> </a></p>
+
+<p>„Pah, in einigen Zeitungen steht es. Es scheint mir nicht
+im geringsten wahrscheinlich. Ich weiß, es gibt fürchterliche
+Orte in Paris, aber Basil war nicht die Art
+Mensch, sie aufzusuchen. Er war nicht neugierig. Das war
+sein Hauptfehler.“</p>
+
+<p>„Was würdest du dazu sagen, Harry, wenn ich dir versicherte,
+daß ich Basil ermordet habe?“ fragte der jüngere.
+Er beobachtete ihn scharf, nachdem er das gesagt hatte.</p>
+
+<p>„Lieber Freund, ich würde sagen, daß du einen Charakter
+posierst, der dich nicht kleidet. Jedes Verbrechen ist
+ordinär, gerade wie alles Ordinäre ein Verbrechen ist.
+Du hast nicht die Gabe, Dorian, einen Mord zu begehen.
+Es sollte mir leid tun, wenn ich dich durch diese Meinung
+in deiner Eitelkeit kränkte, aber ich versichere dich, es ist
+wahr. Das Verbrechen ist ein ausschließliches Vorrecht der
+unteren Klassen. Ich will sie damit durchaus nicht tadeln.
+Ich vermute einfach, das Verbrechen ist für sie, was die
+Kunst für uns ist, einfach ein Verfahren, um sich außerordentliche
+Empfindungen zu verschaffen.“</p>
+
+<p>„Ein Verfahren, sich Empfindungen zu verschaffen?
+Glaubst du also, daß ein Mensch, der einmal einen Mord
+begangen hat, imstande wäre, das nämliche Verbrechen
+zu wiederholen? Das rede mir nicht ein.“</p>
+
+<p>„Oh! Alles wird zu einem Vergnügen, wenn man es
+zu oft tut!“ rief Lord Henry lachend. „Das ist eines der
+wichtigsten Geheimnisse des Lebens. Immerhin bin ich
+des Glaubens, daß der Mord stets ein Mißgriff ist. Man
+sollte nie etwas tun, worüber man sich nicht nach dem Essen
+unterhalten kann. Aber wir wollen jetzt den armen Basil<a class="pagenum" name="Page_324" title="324"> </a>
+lassen. Ich wollte, ich könnte glauben, daß er ein so romantisches
+Ende genommen hat, wie du durchblicken läßt; aber
+ich kann es nicht. Ich glaube eher, daß er von einem Omnibus
+in die Seine gefallen ist und der Kondukteur hat
+den Skandal vertuscht. Ja, ich glaube wirklich, so war sein
+Ende. Ich sehe ihn jetzt auf dem Rücken liegen unter dem
+dunkelgrünen Wasser, und die schweren Lastkähne schwimmen
+über ihm hin, und lange Tangflechten verwickeln sich
+in sein Haar. Weißt du, ich glaube nicht, daß er noch viel
+Gutes gemacht hätte. In den letzten zehn Jahren ist seine
+Malerei nicht mehr berühmt gewesen.“</p>
+
+<p>Dorian seufzte und Lord Henry schlenderte durch das
+Zimmer und unterhielt sich damit, einem merkwürdigen
+Papagei aus Java den Kopf zu krauen, einem großen,
+graugefiederten Vogel mit rotem Schopf und Schwanz,
+der auf einem Bambusstab balancierte. Als ihn seine
+spitzen Finger berührten, ließ er die weiße Nickhaut seiner
+Liderfalten über die schwarzen Glaskugelaugen fallen und
+begann sich hin- und herzuwiegen.</p>
+
+<p>„Ja,“ fuhr er fort, während er sich umdrehte, und sein
+Taschentuch aus der Tasche nahm, „seine Malerei ist nicht
+mehr weither gewesen. Es schien mir so, als hätte sie
+irgend etwas eingebüßt. Sie hatte ein Ideal verloren.
+Als ihr beide aufhörtet, intime Freunde zu sein, hörte er
+auf, ein großer Künstler zu sein. Was hat euch auseinander
+gebracht? Ich vermute, er langweilte dich. Wenn das der
+Fall war, dann hat er dir nie verziehen. Das ist gewöhnlich
+so bei langweiligen Menschen. Was ist übrigens aus dem
+wundervollen Porträt geworden, das er von dir gemacht<a class="pagenum" name="Page_325" title="325"> </a>
+hat? Ich kann mich nicht erinnern, es jemals wiedergesehen
+zu haben, seit es fertig wurde. Ah! Jetzt besinne ich mich,
+daß du mir vor Jahren erzählt hast, du hättest es nach
+Selby geschickt und es wäre unterwegs auf irgendeine
+Weise gestohlen worden oder in Verlust geraten. Hast du
+es nie wieder bekommen? Wie schade! Es war faktisch
+ein Meisterwerk. Ich entsinne mich, daß ich es kaufen
+wollte. Ich wünschte, ich hätte es jetzt. Es stammte aus
+Basils bester Zeit. Seitdem bestanden alle seine Arbeiten
+aus dem eigentümlichen Gemengsel von schlechter Malerei
+und guten Absichten, das einen Mann berechtigt, ein britischer
+Künstler von Bedeutung genannt zu werden. Hast
+du deswegen eigentlich gar nicht annonciert? Das hättest
+du tun sollen.“</p>
+
+<p>„Ich weiß es nicht mehr“, antwortete Dorian. „Ich
+glaube, ich tat es. Aber ehrlich gesagt, ich habe das Bild
+nie gemocht. Es tut mir überhaupt leid, daß ich dazu gesessen
+habe. Schon die Erinnerung an das Ding ist mir
+greulich. Warum sprichst du davon? Es hat mich immer
+an ein paar merkwürdige Zeilen aus einem Theaterstück
+erinnert &mdash; aus Hamlet, glaube ich &mdash; wie heißen
+sie? &mdash;</p>
+
+<p class="poem">
+‚Gleich dem Bildnis eines Grams,<br />
+ein Antlitz ohne Herz.‛<br />
+</p>
+
+<p>Ja, so sah es aus.“</p>
+
+<p>Lord Henry lachte. „Wenn ein Mensch das Leben
+künstlerisch behandelt, ist sein Hirn sein Herz“, antwortete
+er und ließ sich in einen Armsessel fallen.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_326" title="326"> </a></p>
+
+<p>Dorian Gray schüttelte den Kopf und schlug ein paar
+sanfte Akkorde auf dem Klavier an. „Gleich dem Bildnis
+eines Grams, ein Antlitz ohne Herz“, wiederholte er, „ein
+Antlitz ohne Herz.“</p>
+
+<p>Der ältere Freund saß zurückgelehnt und blickte mit halbgeschlossenen
+Augen zu ihm hinüber. „Übrigens, Dorian,“
+sagte er nach einer Pause, „was hülfe es einem Menschen,
+so er die ganze Welt gewönne und &mdash; wie heißt die Stelle
+doch? &mdash; seine eigene Seele verlöre?“</p>
+
+<p>Die Musik brach schrill ab und Dorian Gray schnellte
+auf und starrte seinen Freund an. „Warum fragst du mich
+das, Harry?“</p>
+
+<p>„Aber bester Junge,“ sagte Lord Henry und zog verwundert
+die Augenbrauen in die Höhe, „ich habe dich
+gefragt, weil ich dachte, du könntest mir eine Antwort
+geben. Das ist alles. Ich bin letzten Sonntag durch Hyde
+Park gegangen, und nahe beim Marble Arch stand eine
+kleine Ansammlung schäbig aussehender Menschen, die
+irgendeinem ordinären Straßenprediger lauschten. Als ich
+vorbeiging, hörte ich den Mann diese Frage seinen Zuhörern
+entgegenschreien. Es berührte mich ordentlich dramatisch.
+London ist sehr reich an seltsamen Wirkungen
+solcher Art. Ein regnerischer Sonntag, ein unmanierlicher
+Christ in einem Regenmantel, ein Kreis krankhafter, bleicher
+Gesichter unter dem wellenförmigen Dach tropfender Regenschirme
+und ein wunderbarer Satz, von schrillen, hysterischen
+Lippen in die Luft geschleudert, das war auf seine
+Art wirklich sehr gut, es lag geradezu eine gewisse Suggestion
+darin. Ich dachte zuerst daran, dem Propheten zu<a class="pagenum" name="Page_327" title="327"> </a>
+sagen, daß die Kunst eine Seele habe, aber nicht der
+Mensch, aber ich fürchte, er hätte mich doch nicht verstanden.“</p>
+
+<p>„Nein, Harry. Die Seele ist eine fürchterliche Gewißheit.
+Sie kann gekauft werden und verkauft und umgetauscht.
+Sie kann vergiftet werden oder vervollkommnet.
+In jedem von uns lebt eine Seele. Ich weiß es.“</p>
+
+<p>„Bist du dessen ganz sicher, Dorian?“</p>
+
+<p>„Ganz sicher.“</p>
+
+<p>„Pah! Dann muß es Einbildung sein. Die Dinge, die
+man für ganz sicher hält, sind nun und nimmer wahr. Das
+ist das Verhängnis des Glaubens und die Weisheit der
+Romantik. Wie feierlich du tust! Sei nicht so ernsthaft.
+Was hast du oder ich mit dem Aberglauben unserer Zeit
+zu tun? Nein: wir haben unseren Glauben an die Seele
+aufgegeben. Spiel' mir was vor. Spiel' mir ein Nokturno,
+Dorian, und während du spielst, sage mir mit leiser Stimme,
+wie du es möglich gemacht hast, dir deine Jugend zu erhalten.
+Du mußt irgendein Geheimmittel haben. Ich bin
+nur zehn Jahre älter als du, und bin runzlig und verwelkt
+und gelb. Du bist in der Tat wundervoll, Dorian. Du hast
+nie entzückender ausgesehen als heute abend. Du rufst mir
+den Tag ins Gedächtnis zurück, an dem ich dich zum
+erstenmal sah. Du warst etwas schnippisch, sehr scheu und
+ganz und gar außergewöhnlich. Seitdem hast du dich natürlich
+verändert, aber nicht im Aussehen. Ich wünschte, du
+verrietest mir dein Geheimnis. Um meine Jugend zurückzubekommen,
+täte ich alles auf der Welt, außer Gymnastik
+treiben, früh aufstehen oder ehrbar sein. Jugend! Nichts<a class="pagenum" name="Page_328" title="328"> </a>
+kommt ihr gleich. Es ist absurd, von der Unwissenheit der
+Jugend zu schwatzen. Die einzigen Leute, deren Ansichten
+ich jetzt mit einigem Respekt anhöre, sind Leute, die viel
+jünger sind als ich. Die scheinen mir weit voraus zu sein.
+Das Leben hat ihnen sein letztes Wunder enthüllt. Was
+die älteren betrifft, denen widerspreche ich immer. Ich tue
+es aus Prinzip. Wenn du einen um seine Meinung über
+etwas fragst, das gestern passiert ist, dann gibt er dir feierlichen
+Aufschluß über die Meinungen, die Anno 1820 im
+Schwunge waren, als die Leute hohe Halsbinden trugen,
+an alles glaubten und absolut nichts wußten. Wie hübsch
+das ist, was du da spielst! Ich möchte wohl wissen, ob es
+Chopin in Majorca geschrieben hat, während das Meer
+seine Villa umklagte und der Salzschaum klatschend gegen
+die Fensterscheiben spritzte. Es ist entzückend romantisch.
+Was für ein Segen es ist, daß es doch die eine Kunst
+gibt, die nicht aus Nachahmung besteht. Hör' nicht auf. Ich
+brauche Musik heut abend. Es kommt mir so vor, als ob
+du der junge Apollo bist und ich Marsyas, der dir zuhört.
+Ich habe meine eigenen Sorgen, Dorian, von denen nicht
+einmal du etwas weißt. Die Tragödie des Alters beruht
+nicht darin, daß man alt ist, sondern daß man jung ist.
+Ich bin manchmal ganz erschrocken über meine eigene Aufrichtigkeit.
+Ach, Dorian, wie glücklich bist du! Was für
+ein köstliches Leben hast du gehabt! Du hast tief aus jedem
+Quell getrunken! Du hast die Trauben an deinem Gaumen
+zerdrückt. Nichts ist dir verborgen geblieben. Und all das
+ist dir nicht mehr gewesen als ein Klang von Musik. Es hat
+dir nichts anhaben können. Du bist noch heute derselbe.“</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_329" title="329"> </a></p>
+
+<p>„Ich bin nicht derselbe, Harry.“</p>
+
+<p>„Ja, du bist derselbe. Ich bin gespannt, wie dein
+Leben weiter verlaufen wird. Verdirb es nicht durch Entsagung.
+Jetzt bist du ein vollkommener Typus. Mach' dich
+nicht unvollkommen. Du bist jetzt ganz ohne Tadel. Du
+brauchst den Kopf nicht zu schütteln: du weißt, du bist
+es. Und dann, Dorian, betrüge dich nicht selbst. Das Leben
+wird nicht durch Willen oder Absicht regiert. Das Leben
+ist eine Angelegenheit der Nerven und Muskeln und der
+langsam aufgemauerten Zellen, in denen die Gedanken
+hausen und die Leidenschaft ihren Träumen nachhängt.
+Du redest dir ein, sicher dazustehen und stark zu sein. Aber
+ein zufälliger Farbenton in einem Zimmer oder ein Morgenhimmel,
+ein besonderer Geruch, den du einmal geliebt
+hast und der versteckte Erinnerungen aufweckt, eine Zeile
+aus einem vergessenen Gedicht, die dir plötzlich wieder einfällt,
+ein paar Tonreihen aus einem Musikstück, das du
+längst nicht mehr spielst &mdash; ich sage dir, Dorian, von solchen
+Dingen hängt unser Leben ab. Browning hat irgendwo
+mal darüber geschrieben, aber unsere eigenen Sinne geben
+uns ohnehin davon Gewißheit. Es gibt Augenblicke, da
+durchblitzt mich plötzlich der Geruch von weißem Flieder,
+und ich muß wieder den sonderbarsten Monat meines Daseins
+durchleben. Ich wollte, ich könnte mit dir tauschen,
+Dorian. Die Welt hat über uns beide gezetert, aber sie
+hat dich immer bewundert. Sie wird dich immer bewundern.
+Du bist eben der Typus dessen, wonach unsere Zeit
+sucht und was sie fürchtet gefunden zu haben. Ich bin so
+froh darüber, daß du nie etwas getan hast, nie eine Statue<a class="pagenum" name="Page_330" title="330"> </a>
+gemeißelt oder ein Bild gemalt oder irgend etwas aus
+dir heraus produziert hast. Das Leben war deine Kunst.
+Du hast dich selbst in Musik gesetzt. Deine Tage sind deine
+Sonette.“</p>
+
+<p>Dorian stand vom Klavier auf und fuhr sich mit der
+Hand durchs Haar. „Ja, das Leben ist himmlisch gewesen,“
+sagte er vor sich hin, „aber dieses Leben werde ich nicht
+fortsetzen, Harry. Und du sollst nicht so überspannte Dinge
+zu mir sagen. Du weißt nicht alles von mir. Ich glaube,
+wenn du es wüßtest, so würdest selbst du dich von mir abwenden.
+Du lachst. Lache nicht!“</p>
+
+<p>„Warum hast du zu spielen aufgehört, Dorian? Geh
+wieder ans Klavier und spiel' mir nochmal das Nokturno.
+Sieh den großen honigfarbenen Mond, der in der dunklen
+Luft hängt. Er wartet, daß du ihn bezauberst, und wenn
+du spielst, wird er sich der Erde nähern. Du willst nicht?
+Dann laß uns in den Klub gehen. Es war ein reizender
+Abend, und wir müssen ihn reizend beenden. Bei White
+wartet jemand, der darauf brennt, dich kennenzulernen &mdash;
+der junge Lord Pool, der älteste Sohn von Bournemouth.
+Er kopiert schon deine Krawatten und hat mich bestürmt,
+ihn dir vorzustellen. Er ist ganz entzückend und erinnert
+mich ein bißchen an dich.“</p>
+
+<p>„Ich hoffe nicht“, sagte Dorian mit einem wehmütigen
+Blick in den Augen. „Aber ich bin heute abend müde,
+Harry. Ich gehe nicht mehr in den Klub. Es ist fast elf,
+und ich will früh zu Bett gehen.“</p>
+
+<p>„Bleibe noch, du hast nie so schön gespielt wie diesen
+Abend. In deinem Anschlag lag etwas, es war ganz wundervoll.<a class="pagenum" name="Page_331" title="331"> </a>
+Es hatte mehr Ausdruck, als ich jemals bei dir
+gehört habe.“</p>
+
+<p>„Das kommt daher, weil ich jetzt gut werden will“, antwortete
+er lächelnd. „Ich bin schon ein bißchen anders.“</p>
+
+<p>„Für mich kannst du kein anderer werden, Dorian“,
+sagte Lord Henry. „Du und ich, wir werden immer
+Freunde sein.“</p>
+
+<p>„Aber einstmals hast du mich mit einem Buch vergiftet.
+Ich sollte das nicht vergeben. Harry, versprich mir, daß
+du dieses Buch nie wieder jemand leihen willst. Es stiftet
+Unheil.“</p>
+
+<p>„Mein lieber Junge, du fängst wirklich an, Moralpredigten
+zu halten. Du wirst bald umherlaufen, wie ein
+Bekehrter und ein Erweckungsprediger, und wirst die Menschen
+vor all den Sünden warnen, deren du müde geworden
+bist. Aber dazu bist du viel zu entzückend. Außerdem
+hat es keinen Zweck. Du und ich, wir sind, was wir sind,
+und werden immer sein, was wir sein werden. Und vergiftet
+werden durch ein Buch, sowas gibt es einfach nicht.
+Kunst hat keinen Einfluß auf die Tat. Sie vernichtet den
+Trieb zu handeln. Sie ist auf eine herrliche Art zeugungsunfähig.
+Die Bücher, die die Welt unmoralisch nennt,
+sind Bücher, die der Welt ihre eigene Schande vorhalten.
+Sonst nichts. Aber wir wollen nicht über Literatur streiten.
+Komm morgen wieder her! Ich reite um elf aus. Wir
+können zusammen reiten, und ich nehme dich nachher zum
+Frühstück zu Lady Branksome mit. Es ist eine entzückende
+Frau und sie will dich zu Rate ziehen über ein paar Gobelins,
+die sie kaufen möchte. Vergiß nicht zu kommen. Oder<a class="pagenum" name="Page_332" title="332"> </a>
+wollen wir bei unserer kleinen Herzogin frühstücken? Sie
+sagt, sie sieht dich jetzt gar nicht mehr. Vielleicht hast du
+genug von Gladys? Ich dachte mir's, daß es so kommen
+würde. Ihr gewandtes Züngelein fällt einem auf die
+Nerven. Also, jedenfalls bist du um elf hier.“</p>
+
+<p>„Muß ich wirklich kommen, Harry?“</p>
+
+<p>„Unbedingt. Der Park ist jetzt herrlich. Ich glaube nicht,
+daß es wieder solchen Flieder gegeben hat seit jenem Jahr,
+wo ich dich kennenlernte.“</p>
+
+<p>„Gut. Ich werde also um elf hier sein“, sagte Dorian.
+„Gute Nacht, Harry!“ Als er an der Tür war, zögerte er
+einen Augenblick, als hätte er noch etwas zu sagen. Dann
+seufzte er und ging.</p>
+
+<h2><a name="Zwanzigstes_Kapitel" id="Zwanzigstes_Kapitel"></a>Zwanzigstes Kapitel</h2>
+
+
+<p>Es war eine wundervolle Nacht, so warm, daß er seinen
+Mantel über den Arm hing und nicht einmal das seidene
+Halstuch umlegte. Als er nach Hause schlenderte, seine Zigarette
+rauchend, gingen zwei Herren in Gesellschaftstoilette
+an ihm vorbei. Er hörte, wie der eine dem anderen
+zuflüsterte: „Das ist Dorian Gray.“ Er erinnerte sich,
+wie schmeichelhaft es ihm früher gewesen war, wenn man
+auf ihn zeigte oder ihn anstarrte oder über ihn sprach. Jetzt
+war er es müde, seinen eigenen Namen zu hören. Der
+halbe Reiz des kleinen Dorfes, wo er kürzlich so oft gewesen<a class="pagenum" name="Page_333" title="333"> </a>
+war, bestand darin, daß dort niemand wußte, wer
+er war. Er hatte dem Mädchen, das er zur Liebe verlockt
+hatte, oft gesagt, daß er arm sei, und sie hatte es geglaubt.
+Er hatte ihr einmal gesagt, daß er schlecht sei, und sie hatte
+ihn ausgelacht und geantwortet, schlechte Menschen seien
+immer sehr alt und sehr häßlich. Was für ein Lachen sie
+hatte! &mdash; gerade wie der Gesang einer Drossel. Und wie
+hübsch sie ausgesehen hatte in ihren Kattunkleidern und
+großen Hüten! Sie wußte nichts, aber sie besaß alles,
+was er verloren hatte.</p>
+
+<p>Als er nach Hause kam, wartete sein Diener auf ihn.
+Er schickte ihn zu Bett und warf sich auf das Sofa in der
+Bibliothek und begann über einiges von dem nachzudenken,
+was ihm Lord Henry gesagt hatte.</p>
+
+<p>War es wirklich wahr, daß man nie anders werden
+konnte? Er fühlte eine wilde Sehnsucht nach der makellosen
+Reinheit seiner Knabenzeit &mdash; seiner rosenweißen
+Knabenzeit, wie Lord Henry einmal gesagt hatte. Er
+wußte, er hatte sich besudelt, hatte seinen Geist mit Verderbnis
+angefüllt und sein Gewissen mit Entsetzen belastet,
+er war ein schlimmer Einfluß für andere gewesen und hatte
+eine schreckliche Freude daran gehabt; und von den Menschenleben,
+die das seine gekreuzt hatten, waren es die
+reinsten und verheißungsvollsten gewesen, die er in Schande
+gestürzt hatte. Aber war da nichts wieder gut zu machen?
+Gab es keine Hoffnung mehr für ihn?</p>
+
+<p>Ah! In was für einem ungeheuerlichen Augenblick von
+Hochmut und Leidenschaft hatte er gebetet, es möchte das
+Bildnis die Last seiner Tage auf sich nehmen und er sich<a class="pagenum" name="Page_334" title="334"> </a>
+den ungetrübten Glanz ewiger Jugend bewahren! Das
+war an seinem ganzen verfehlten Leben schuld. Es wäre
+besser für ihn gewesen, wenn jede Sünde seines Lebens ihre
+gewisse und schnelle Strafe mit sich gebracht hätte. In
+der Strafe lag Reinigung. Nicht „Vergib uns unsere
+Sünden“, sondern „Züchtige uns für unsere Missetaten“
+sollte das Gebet des Menschen zu einem allgerechten
+Gotte lauten.</p>
+
+<p>Der mit merkwürdigen Schnitzereien umrahmte Spiegel,
+den ihm Lord Henry vor so vielen Jahren geschenkt hatte,
+stand auf dem Tisch, und die weißgliedrigen Liebesgötter
+lachten ringsherum wie ehedem. Er nahm ihn, wie er es
+in jener Schreckensnacht getan hatte, als er zum ersten
+Male die Veränderung in dem verhängnisvollen Bildnis
+bemerkt hatte, und blickte mit verzweifelten, tränenfeuchten
+Augen auf die glatte Fläche. Einmal hatte ihm jemand,
+der ihn abgöttisch geliebt hatte, einen wahnsinnigen Brief
+geschrieben, dessen Schluß lautete: „Die Welt ist anders
+geworden, weil du aus Elfenbein und Gold geschaffen
+wurdest. Der Linienschwung deiner Lippen schreibt die
+Weltgeschichte um.“ Diese Sätze kamen ihm ins Gedächtnis
+zurück, und er wiederholte sie immer und immer wieder.
+Dann haßte er seine eigene Schönheit und schleuderte den
+Spiegel zu Boden und zertrat ihn unter seinem Fuße in
+silberne Splitter. Seine Schönheit war es, die ihn zugrunde
+gerichtet hatte, seine Schönheit und Jugend, um
+die er gefleht hatte. Wären diese beiden nicht gewesen, so
+hätte er sein Leben wohl fleckenlos erhalten können. Die
+Schönheit war für ihn nur eine Maske gewesen, die Jugend<a class="pagenum" name="Page_335" title="335"> </a>
+nur ein Blendwerk. Was war Jugend im besten
+Falle? Eine grüne, unreife Zeit, eine Zeit seichter Stimmungen
+und kranker Einfälle. Warum hatte er ihre Tracht
+angelegt? Die Jugend hatte ihn zugrunde gerichtet.</p>
+
+<p>Es war besser, nicht an die Vergangenheit zu denken.
+Er mußte an sich selber und an seine Zukunft denken.
+James Vane war in einem namenlosen Grabe auf dem
+Kirchhof in Selby geborgen. Alan Campbell hatte sich
+eines Nachts in seinem Laboratorium erschossen, aber das
+Geheimnis nicht verraten, das ihm aufgezwungen worden
+war. Die Erregung über Basil Hallwards Verschwinden
+würde sich bald legen. Sie hatte schon nachgelassen. Da
+war er völlig sicher. Es war auch in der Tat nicht der
+Tod Basil Hallwards, der sein Gemüt am schwersten belastete.
+Es war der lebendige Tod seiner eigenen Seele,
+der ihm die Ruhe raubte. Basil hatte das Bildnis gemalt,
+das sein Leben vernichtet hatte. Er konnte ihm das nicht
+vergeben. Das Porträt war an allem schuld. Basil hatte
+ihm Dinge gesagt, die unerträglich waren und die er doch
+geduldig ertragen hatte. Der Mord war nur der Wahnsinn
+eines Augenblicks gewesen. Was Alan Campbell
+anlangte, so war der Selbstmord seine eigene Tat gewesen.
+Er war sein freier Entschluß. Das ging ihn
+nichts an.</p>
+
+<p>Ein neues Leben! Das war es, was er wollte. Das war
+es, worauf er wartete. Gewiß hatte er es schon begonnen.
+Ein unschuldiges Wesen hatte er jedenfalls geschont. Nie
+wieder wollte er die Unschuld in Versuchung führen. Er
+wollte gut sein.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_336" title="336"> </a></p>
+
+<p>Als er an Hetty Merton dachte, begann er sich zu fragen,
+ob sich das Bild in dem verschlossenen Zimmer oben
+wohl verändert habe. Es konnte doch sicher nicht mehr
+so häßlich sein, wie es gewesen war. Vielleicht könnte er,
+wenn sein Leben jetzt rein würde, imstande sein, jedes Anzeichen
+niedriger Leidenschaften aus dem Antlitz zu tilgen.
+Vielleicht waren die Spuren des Bösen schon verschwunden.
+Er wollte hinauf und nachsehen.</p>
+
+<p>Er nahm die Lampe vom Tisch und schlich die Treppe
+hinan. Als er die Tür aufschloß, huschte ein frohes Lächeln
+über sein seltsam junges Gesicht und verweilte einen
+Augenblick auf seinen Lippen. Ja, er wollte gut sein, und
+das gräßliche Ding, das er verborgen hatte, würde dann
+nicht länger ein Schrecken für ihn sein. Ihm war, als
+wäre diese Last schon jetzt von ihm genommen.</p>
+
+<p>Er ging ruhig hinein, schloß die Tür nach seiner Gewohnheit
+hinter sich ab und zog den Purpurvorhang von
+dem Bildnis hinweg. Ein Schrei voll Schmerz und Entrüstung
+scholl von seinen Lippen. Er konnte keine Verwandlung
+bemerken, außer daß ein schlauer Ausdruck in
+den Augen lag und um den Mund der gekniffene Zug des
+Heuchlers. Das Ding war noch immer abscheulich, womöglich
+noch abscheulicher als vordem &mdash; und der scharlachrote
+Tau, der die Hand befleckte, schien heller zu glänzen
+und mehr wie frisch vergossenes Blut auszusehen. Er
+erzitterte. War es bloße Eitelkeit gewesen, die ihn dazu
+getrieben hatte, einmal etwas Gutes zu tun? Oder die
+Begier nach einer neuartigen Empfindung, wie Lord
+Henry mit seinem spöttischen Lachen angedeutet hatte?<a class="pagenum" name="Page_337" title="337"> </a>
+Oder das Verlangen, eine Rolle zu spielen, das uns
+manchmal Dinge begehen läßt, die edler sind als wir
+selbst? Oder vielleicht das alles zusammen? Und warum
+war der rote Fleck jetzt größer als er vorher war? Er
+schien sich wie ein fürchterlicher Aussatz über die runzligen
+Finger weiter gefressen zu haben. Es war Blut auf den
+gemalten Füßen, als wäre es von den Händen herabgetropft
+&mdash; Blut selbst auf der Hand, die das Messer nicht
+geführt hatte. Bekennen? Bedeutete dies, daß er bekennen
+sollte? Sich selbst aufgeben und hingerichtet werden?
+Er lachte. Er fühlte, daß der Einfall ungeheuerlich wäre.
+Überdies selbst wenn er es eingestände, wer würde ihm
+glauben? Nirgends gab es eine Spur des Ermordeten.
+Alles, was zu ihm gehörte, war zerstört. Er selbst hatte
+verbrannt, was unten geblieben war. Die Welt würde einfach
+sagen, daß er wahnsinnig sei. Sie würden ihn irgendwo
+einsperren, wenn er bei seiner Erzählung beharrte...
+Aber doch war es seine Pflicht, ein Geständnis abzulegen,
+öffentlich Schande zu erleiden und öffentlich Buße zu tun.
+Es war ein Gott, der den Menschen zurief, ihre Sünden
+der Erde so gut wie dem Himmel zu beichten. Nichts, was
+er sonst tun konnte, würde ihn reinigen, bis er seine Sünde
+selber bekannt hätte. Seine Sünde? Er zuckte die Achseln.
+Der Tod Basil Hallwards schien ihm nur unwesentlich.
+Er dachte an Hetty Merton. Denn es war ein ungerechter
+Spiegel. Dieser Spiegel seiner Seele, in den er hineinblickte.
+Eitelkeit? Neugier? Heuchelei? War sonst nichts in
+seinen Entsagungen gewesen? Es war noch etwas darin
+gewesen. Er glaubte es wenigstens. Aber wer konnte das<a class="pagenum" name="Page_338" title="338"> </a>
+sagen...? Nein. Es war weiter nichts darin gewesen.
+Aus Eitelkeit hatte er sie geschont. Aus Heuchelei hatte
+er die Maske der Güte getragen. Aus Neugier hatte
+er es mit der Verzichtleistung versucht. Er erkannte das
+jetzt.</p>
+
+<p>Aber dieser Mord &mdash; sollte er ihn sein ganzes Leben
+lang verfolgen? Sollte er immer die Last seiner Vergangenheit
+tragen müssen? Sollte er wirklich eingestehen?
+Niemals. Es gab nur einen einzigen Beweis gegen ihn.
+Das Bildnis selbst &mdash; das war ein Beweis. Er wollte es
+zerstören. Warum hatte er es solange aufgehoben. Früher
+einmal war es ihm ein Vergnügen gewesen, seine Änderung,
+sein Altern zu beobachten. In der letzten Zeit hatte
+er dieses Vergnügen nicht mehr empfunden. Es hatte ihm
+schlaflose Nächte bereitet. Wenn er außer dem Hause war,
+erfüllte ihn eine Todesangst, daß fremde Augen das Bild
+erblicken könnten. Es hatte Schwermut in seine Leidenschaften
+getröpfelt. Die bloße Erinnerung daran hatte ihm
+manchen Augenblick der Freude vergällt. Es hatte bei
+ihm die Rolle des Gewissens übernommen. Ja, es war
+sein Gewissen gewesen. Er wollte es zerstören.</p>
+
+<p>Er sah sich um und erblickte das Messer, das Basil
+Hallward erstochen hatte. Er hatte es oft gereinigt, bis
+kein Fleck mehr darauf war. Es war blank und glitzerte.
+Wie es den Maler getötet hatte, sollte es des Malers
+Werk töten und alles, was es bedeutete. Es sollte die
+Vergangenheit töten, und wenn die tot war, würde er
+frei sein. Es sollte dieses ungeheuerliche Seelenleben töten,
+und sobald diese gräßlichen Warnungen nicht mehr vorhanden<a class="pagenum" name="Page_339" title="339"> </a>
+waren, würde er Frieden haben. Er ergriff es
+und durchbohrte damit das Bildnis.</p>
+
+<p>Man hörte einen Schrei und einen Fall. Der Schrei
+war mit seinem Todesröcheln so schrecklich, daß die Dienerschaft
+erschreckt aufwachte und aus ihren Kammern stürzte.
+Zwei Herren, die auf dem Platze unten vorbeigingen, blieben
+stehen und spähten an dem stattlichen Hause empor.
+Sie gingen weiter, bis sie einen Schutzmann trafen und
+dann mit ihm umkehrten. Der Mann zog mehrmals die
+Klingel, aber es erfolgte keine Antwort. Bis auf ein Licht
+in einem der Giebelfenster war das ganze Haus dunkel.
+Nach einiger Zeit ging er weg, stellte sich unter einen Torweg
+in der Nähe und verhielt sich abwartend.</p>
+
+<p>„Wem gehört das Haus, Herr Wachtmeister?“ fragte
+der ältere der beiden Herren.</p>
+
+<p>„Herrn Dorian Gray“, antwortete der Schutzmann.</p>
+
+<p>Sie sahen einander an, gingen weiter und lächelten.
+Einer von ihnen war Sir Henry Ashtons Onkel.</p>
+
+<p>Drinnen in den Dienerzimmern sprachen die halbangezogenen
+Bedienten in leisem Wispern miteinander.
+Die alte Frau Leaf weinte und rang die Hände. Francis
+war bleich wie der Tod.</p>
+
+<p>Nach etwa einer Viertelstunde holte er sich den Kutscher
+und einen der Lakaien und schlich mit ihnen hinauf. Sie
+klopften, aber es kam keine Antwort. Sie riefen. Alles
+war still. Schließlich, nachdem sie erfolglos versucht hatten,
+die Tür zu sprengen, kletterten sie auf das Dach und
+ließen sich auf den Balkon herab. Die Glastür gab leicht
+nach; ihre Riegel waren alt.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_340" title="340"> </a></p>
+
+<p>Als sie eintraten, sahen sie an der Wand ein wunderbares
+Bild ihres Herrn hängen, so wie sie ihn zuletzt
+gesehen hatten, in all dem Glanz seiner entzückenden Jugend
+und Schönheit. Auf dem Boden lag ein toter Mann
+im Gesellschaftsanzug, mit einem Messer im Herzen. Er
+war welk, runzlig und häßlich von Angesicht. Erst als sie
+die Ringe untersuchten, erkannten sie, wer es war.</p>
+
+<p class="center" style="margin-top:2em;"><em class="gesperrt">Ende</em></p>
+
+
+<div class="transcribers-note">
+<p class="center"><a name="tn-bottom"><b>Anmerkungen zur Transkription:</b></a></p>
+
+<p>Die folgende Liste enthält alle geänderten Textstellen,
+jeweils zuerst im Original und darunter in der geänderten Fassung.</p>
+
+<ul id="corrections">
+<li><a href="#Page_9">Seite 9</a>:<br />
+Habt ihr ihn endlich, so <span class="correction">wolllt</span> ihr ihn scheinbar<br />
+Habt ihr ihn endlich, so <span class="correction">wollt</span> ihr ihn scheinbar
+</li>
+<li><a href="#Page_80">Seite 80</a>:<br />
+Dramas gewesen sein.<br />
+Dramas gewesen sein.<span class="correction">“</span>
+</li>
+<li><a href="#Page_80">Seite 80</a>:<br />
+Es war ‚<span class="correction">Romea</span> und Julia‛.<br />
+Es war ‚<span class="correction">Romeo</span> und Julia‛.
+</li>
+<li><a href="#Page_85">Seite 85</a>:<br />
+zum erstenmal gesprochen?<br />
+zum erstenmal gesprochen?<span class="correction">“</span>
+</li>
+<li><a href="#Page_106">Seite 106</a>:<br />
+Gefällt dir der Name nicht<span class="correction">.</span><br />
+Gefällt dir der Name nicht<span class="correction">?</span>
+</li>
+<li><a href="#Page_121">Seite 121</a>:<br />
+Mißklang heißt es, mit<br />
+<span class="correction">„</span>Mißklang heißt es, mit
+</li>
+<li><a href="#Page_132">Seite 132</a>:<br />
+Warum ich nie mehr gut spielen werde.<br />
+Warum ich nie mehr gut spielen werde.<span class="correction">“</span>
+</li>
+<li><a href="#Page_166">Seite 166</a>:<br />
+Harrys Schwester Lady Gwendolen, kennengelernt.<br />
+Harrys Schwester<span class="correction">,</span> Lady Gwendolen, kennengelernt.
+</li>
+<li><a href="#Page_180">Seite 180</a>:<br />
+wird ebenso hübsch sein.<br />
+wird ebenso hübsch sein.<span class="correction">“</span>
+</li>
+<li><a href="#Page_205">Seite 205</a>:<br />
+die Erinnerung an <span class="correction">gegestorbene</span> Romantik<br />
+die Erinnerung an <span class="correction">gestorbene</span> Romantik
+</li>
+<li><a href="#Page_217">Seite 217</a>:<br />
+und die <span class="correction">eleganganten</span> jungen Leute,<br />
+und die <span class="correction">eleganten</span> jungen Leute,
+</li>
+<li><a href="#Page_296">Seite 296</a>:<br />
+mit deinem Orchideengleichnis?<br />
+mit deinem Orchideengleichnis?<span class="correction">“</span>
+</li>
+<li><a href="#Page_308">Seite 308</a>:<br />
+Er hat die ganze<br />
+<span class="correction">„</span>Er hat die ganze
+</li>
+<li><a href="#Page_309">Seite 309</a>:<br />
+wovor ich mich <span class="correction">änstige</span><br />
+wovor ich mich <span class="correction">ängstige</span>
+</li>
+</ul>
+</div>
+
+<div>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 44238 ***</div>
+</body>
+</html>
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