diff options
Diffstat (limited to '44093-8.txt')
| -rw-r--r-- | 44093-8.txt | 4930 |
1 files changed, 0 insertions, 4930 deletions
diff --git a/44093-8.txt b/44093-8.txt deleted file mode 100644 index 66aeeec..0000000 --- a/44093-8.txt +++ /dev/null @@ -1,4930 +0,0 @@ -The Project Gutenberg EBook of Tokio - Berlin, by Jintaro Omura - -This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with -almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or -re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included -with this eBook or online at www.gutenberg.org - - -Title: Tokio - Berlin - Von der japanischen zur deutschen Kaiserstadt - -Author: Jintaro Omura - -Release Date: November 2, 2013 [EBook #44093] - -Language: German - -Character set encoding: ISO-8859-1 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK TOKIO - BERLIN *** - - - - -Produced by Alexander Bauer and the Online Distributed -Proofreading Team at http://www.pgdp.net - - - - - - - -[ Symbole für Schriftarten: _kursiv_ : =gesperrt= : #fett# ] - - - - - Tokio--Berlin. - - Von der japanischen zur deutschen Kaiserstadt. - - Von - Jintaro Omura, - Professor an der Kaiserlichen Adelsschule zu Tokio. - - _Mit 80 Illustrationen._ - - Berlin 1903. - Ferd. Dümmlers Verlagsbuchhandlung. - - Das Recht der Übersetzung in fremde Sprachen ist vorbehalten. - - - Frau - HELENE VENN - geb. KRAWEHL - in #Berlin# - in aufrichtiger Verehrung - - Der Verfasser. - - - - -Vorwort. - - -Das Buch eines Japaners, von ihm in deutscher Sprache und, wie man -hinzusetzen darf, auch in deutscher Art abgefaßt: nichts zeigt uns mehr -die engen geistigen Verbindungen zwischen dem Lande eines Humboldt und -Kant und dem fernen Reiche der aufgehenden Sonne! Und dieser Fremdling, -der mit scharfem Auge Menschen, Landschaften und Dinge prüft und mit -sicherer Hand schildert, er weilte verhältnismäßig bloß kurze Zeit -unter uns, um hier seine Anschauungen über deutsches Leben und Weben -zu vertiefen, die er in seiner Heimat bereits aus Büchern gewonnen. -Mit erstaunlicher Leichtigkeit bedient er sich unserer Sprache, ein so -gewandtes Deutsch schreibend, daß dem Unterzeichneten nur hier und da -eine ganz leichte stilistische Retouche übrig blieb. Ja, die ersten -Abschnitte waren in deutscher Fassung bereits auf dem Schiff entstanden, -ehe unser Reisender je deutschen Boden betreten. - -Freilich hatte Professor Omura sich schon in Japan viel mit deutschem -Wissen und den Geheimnissen unseres Sprachschatzes beschäftigt und hat -als Lehrer an der Kaiserlichen Adelsschule in Tokio, die zum japanischen -Kaiserhofe gehört, auf diesen Gebieten eine rege und fruchtbringende -Tätigkeit entfaltet, ebenso an der Deutschen Schule (Doidsugaku -Kiohaigaku), einem Gymnasium, das an tausend (japanische) Schüler zählt. -Eine deutsche Grammatik unseres Gelehrten erlebte binnen sechs Jahren -über 20 Auflagen, woraus am besten die weite Verbreitung unserer Sprache -im meerumbrausten japanischen Insellande hervorgeht. - -Möchte sein Buch: »Tokio--Berlin« uns und unserer Heimat neue Freunde -erwerben in dem zielbewußt emporstrebenden japanischen Reiche, wie es -- -des darf man gewiß sein -- seinem Verfasser bei uns warme Zuneigung für -seine liebenswürdige Persönlichkeit und sein ernstes Streben erringen -wird. Möchte das Buch ein neues Bindeglied bilden zwischen den beiden so -fernen und doch in manchen Zügen viel Gemeinsames aufweisenden Völkern! - -=Berlin=, im Frühjahr 1903. - - #Paul Lindenberg.# - - - - -Inhalt. - - - Seite - Vorwort V - I. Abschied und Abfahrt von Tokio--Yokohama 1 - II. Kobe 9 - III. Nagasaki 11 - IV. Shanghai 17 - V. Hongkong 39 - VI. Singapore 51 - VII. Penang 67 - VIII. Colombo 71 - IX. Aden 93 - X. Suez und der Suez-Kanal 108 - XI. Port Said 118 - XII. Neapel 124 - XIII. Allerlei Heiteres und Ernstes aus dem Leben auf dem Schiffe 131 - XIV. Genua 188 - XV. Mailand 196 - XVI. Fahrt durch die Schweiz 206 - XVII. Die ersten Eindrücke in Berlin 209 - XVIII. Aufruf an unsere Jugend 227 - - - - -I. - -Abschied und Abfahrt von Tokio--Yokohama. - - -[Illustration: Tokio--Berlin.] - -Am 6. April des vorvergangenen Jahres trat ich die langersehnte Fahrt -nach Europa und damit meine erste große Seereise an. Mit Tagesanbruch -stand ich auf, verabschiedete mich von meiner Familie und fuhr dann in -Begleitung meiner Verwandten und Freunde nach dem Bahnhof Shinbashi. -Kopf an Kopf stand dort die Schar meiner Freunde und Schüler. »Gute -Reise!« »Frohe Fahrt!« »Glückliche Wiederkehr!« -- so umbrauste es mich -von allen Seiten. Das Verabschieden wollte fast kein Ende nehmen, -bis ich mich durch die spalierbildenden Reihen meiner lieben Schüler -durchdrängte und den Waggon bestieg. Da schlug es halb sieben, ein -schriller Pfiff ertönte, und unter den lebhaften Abschiedsgrüßen der -Zurückbleibenden setzte sich der Zug in Bewegung. Lange noch lehnte ich -aus dem Fenster meines Coupés und schwenkte meinen Hut, bis ich niemand -mehr erkennen konnte. - -Nach dreiviertel Stunden kam ich in Yokohama an, wohin mir ein großer -Teil meiner Tokioer Freunde das Geleit gab. Auch dort auf dem Bahnhof -dieselben herzlichen Auftritte wie in Shinbashi -- hier wie dort Schüler -und Freunde versammelt. Und nun ging's in hellen Scharen nach dem Hafen, -wo der Reichspostdampfer »König Albert« vor Anker lag. Auf der mehrere -tausend Fuß ins Meer hineingebauten Landungsbrücke stand dichtgedrängt -eine große Menschenmenge, durchweg Leute, die ihren nach Europa -reisenden Lieben ein letztes Lebewohl zurufen wollten. Außer mir fuhren -noch acht Landsleute mit: Herr Dr. Shiratori, Prof. an der Kaiserlichen -Adelsschule, Herr Dr. Omori, praktischer Arzt vom Japanischen Roten -Kreuz, Herr Musiklehrer Taki, Herr Takahashi, Prof. an der höheren -Normalschule, Herr Tanaka, Prof. an der landwirtschaftlichen Fakultät -der Universität Tokio, die Herren Studenten Saionji, Miyajima und Kato. -Da alle uns bis in die Kajüte begleiten wollten, so herrschte auf der -kaum einen Meter breiten Schiffstreppe solches Gedränge, daß schließlich -der Eingang abgesperrt werden mußte. Ein Offizier mit zwei Matrosen -stand am Fuße der Treppe Posten und ließ nur die Mitfahrenden durch. Mit -dem Schlage neun wurden die Anker gelichtet. Rasselnd gingen die Ketten -in die Höhe, im Tauwerke schwirrte und knarrte es, Kommandorufe der -Offiziere ertönten, die Matrosen nahmen ihre Plätze ein, und unter den -Klängen einer deutschen Weise glitt der mächtig dampfende Koloß langsam -über die Fluten hin. - -In diesem Augenblick tönte von der Brücke her das dreimalige brausende ->Banzai<; ich stehe am Geländer und überschaue ernsten Auges und -bewegten Herzens die rufende Menge. Ich schwinge meinen Hut und grüße -zum letzten Male. Größer und größer wird die Entfernung zwischen dem -Schiff und dem Land; noch kann ich die Gesichter unterscheiden, noch -die Stimmen vernehmen, schon aber klingt das vom Winde herübergetragene ->Hurra< wie das leise Summen der Mücken, schwächer, immer schwächer und -schwächer wird es, bis es schließlich ganz verschwindet. Die Gestalten -der Menschen auf dem Gestade verkleinern sich mehr und mehr, ihre -Umrisse werden nach und nach undeutlicher, bis sie sich in das Blaue des -Meeres verlieren. - -[Illustration: Blick auf den Hafen von Yokohama.] - -Alles war nun erledigt, und getrosten Mutes fuhr ich in die weite -unendliche See hinaus. Befriedigt setzte ich mich auf das Sofa meiner -Kajüte -- und nun zog ein Bild nach dem andern im Geist an mir vorüber. -Ich gedachte des heutigen ereignisreichen Tages und ging dann weiter in -die Vergangenheit zurück, lebhaft stand mir wieder die Stunde vor Augen, -als ich den Auftrag erhielt, nach Europa zu fahren. Das war am Ende -des Jahres, am 28. Dezember 1900. Mit dem Beginn des neuen Jahrhunderts -sollte ich meine Reise antreten. O, welch ein Freudentag war es, als mir -der langersehnte Wunsch endlich in Erfüllung ging! Auf zwei Jahre -nach Deutschland! Ich, der ich so lange mit der deutschen Sprache mich -beschäftigt, der ich mich mit den deutschen Ideen und Anschauungen -so vertraut gemacht hatte, ich sollte nun in dem Heimatlande dieser -Sprache, dem Ausgangspunkte aller Wissenschaften und der modernen -Zivilisation meine Studien weiter fortsetzen und vertiefen! Deutsche -Sprache und deutsches Wesen sollte ich nun an der Quelle genauer -erforschen und untersuchen können! Werden die Vorstellungen, die ich mir -darüber in Japan machte, bei der unmittelbaren Berührung mit den -Dingen bleiben oder vergehen? Welche Licht- und Schattenseiten sind dem -deutschen Volke eigen? Welchen Einfluß wird das Leben in Deutschland -auf mich ausüben? Mit welchen Kenntnissen und Urteilen werde ich den -heimatlichen Boden wieder betreten? Alles Fragen, auf die ich Antwort in -Deutschland selber zu erhalten hoffte. Ist auch die Zeit von zwei Jahren -viel zu kurz, um obige Fragen erschöpfend zu behandeln, so hoffte ich -doch, durch eine gute Einteilung und durch ein systematisches Vorgehen -alles, was von Wichtigkeit ist, zu besichtigen und zu untersuchen. -Möge es mir -- das war mein inniger Wunsch -- vergönnt sein, -diejenige Befriedigung zu finden, welche der schönste Lohn für jeden -ernststrebenden Menschen ist! Möge doch mein Aufenthalt in Deutschland -unserem Vaterlande zum Nutzen und Segen gereichen! Mögen mir nur Tage -ungetrübten Glückes und schöner Erinnerungen beschieden sein, auf daß -ich diese zwei ersten Jahre des neuen Jahrhunderts zu den zwei schönsten -Perlen meines Lebens zählen kann! - -[Illustration: Japanische Landschaft zur Frühlingszeit. (Nach einem -japanischen Ölgemälde.)] - -[Illustration: Blick auf den Fujiyama. (Nach einem japanischen -Ölgemälde.)] - -Und weiter träumte ich, immer weiter. Die Abschiedsaudienz, die höchste -Auszeichnung, die der allergnädigste Landesherr, S. Majestät der -Kaiser, mir zuteil werden ließ -- der Besuch des heiligen Tempels -der kaiserlichen Ahnen und Vorfahren, woselbst mir der heilige Trank -gereicht wurde -- das Gefühl der höchsten Dankbarkeit und tiefsten -Ergebenheit, womit ich das kaiserliche Schloß verließ. Ununterbrochen -reihten sich daran: große und kleine Abschiedsfestlichkeiten, -Einladungen und Besuche, Erledigung vieler angefangener Arbeiten. Und da -sehe ich mich mit einemmale wieder in den Vorbereitungen für die Reise. -Ja, wache oder träume ich... was kommt denn da zur Tür herein? Aha, -der Schneider mit dem dicken Schmerbauch, der Schuster mit der kahlen -Platte, der bedächtige Zahlmeister des Agenten, der schlanke Bursche des -Spediteurs, die sonnenverbräunten Kulis u. a. m. - -Das Schiff, das sich durch alle meine Träumereien nicht hatte -stören lassen, fährt ruhig weiter und macht in einer Stunde -ca. 15-17 Seemeilen. Ich raffe mich jetzt auf und blicke umher und -betrachte mir das, was die Liebe mir mit auf die Fahrt gegeben hat. O, -was bin ich doch für ein reicher Mann! Da liegen meine zwei Handkoffer, -ein paar Büchsen mit Senbei, eine Kiste mit Konserven, eine Flasche -Cognak, zwei Flaschen Wein, roter und weißer, eine Flasche ungarischen -Mineralwassers, drei Körbe mit Äpfeln und Apfelsinen, alles noch wild -durcheinander. Ich kümmere mich nicht weiter darum, steige auf das -Promenadendeck und sehe vor mir die wunderschöne Küste der Provinz -Totomi liegen, von den Strahlen der eben untergehenden Sonne matt -erleuchtet. Mit Hilfe des Opernglases kann ich noch die Kiefernbäume -unterscheiden, die wie Zwerglein mit ausgebreiteten Händen längs des -Strandes stehen. Ein recht malerischer Anblick, den ich einrahmen und -nach Haus zu meinen Kindern schicken möchte! Unbeweglich verharre ich so -geraume Zeit. Die Wasserdünste werden immer dicker, dunkler und dunkler -färbt sich der Horizont, bis alles in Nacht und Nebel verschwindet. Nur -das Rasseln der Schrauben und das Plätschern der Wogen dringt an mein -Ohr und am weiten Himmelszelt erblicke ich ein paar leuchtende Sterne. - - - - -II. - -Kobe. - - -[Illustration: Straße in Kobe.] - -Am zweiten Tage vormittags um 9 Uhr lief das Schiff in den Hafen -von Kobe ein. Ich hatte die Absicht, nach Kioto zu fahren, um -Sr. Durchlaucht dem Prinzen Konoye, unserm Präsidenten, der sich zur -Zeit dort aufhielt, einen Besuch abzustatten; da aber der Dampfer wider -Erwarten nur bis zum Abend vor Anker lag, so mußte ich diesen Plan -aufgeben. Ich beschränkte mich daher auf Anraten meines Reisegefährten, -des Herrn Dr. Erdmannsdörffer -- früher Lehrer am Gymnasium in -Kumamoto und später an der Kadettenschule in Tokio -- einen berühmten -Porzellanladen Bankinzan zu besichtigen. Ich sah dort viele schöne -Porzellane, welche sämtlich in der Provinz Satsuma weiß gebrannt und in -Kobe fein bemalt unter dem Namen Satsumayaki sehr viel verkauft werden. -Besonders fiel mir ein kleines Tellerchen auf, das mit tausenden von -Schmetterlingen bemalt war, und zwar so fein, daß man sie nur mit Hilfe -einer Lupe beobachten konnte, ebenso ein kleiner Becher mit vielen -hunderten spielender Knaben. Diese in Kobe bemalten Satsumaporzellane -sollen in Europa einen hohen Liebhaberwert haben, meinem Geschmack sagen -sie aber wenig zu, denn sie sind, meiner Ansicht nach, zu überladen. Die -ungeheuer mühevolle Arbeit ist ohne Zweifel daran bewundernswert, aber -das, was uns gefällt, ist das einfach Vornehme. - -Mit der Besichtigung war ich gegen Mittag fertig. Es blieb mir daher -noch ein halber Tag übrig; ich nutzte die Zeit am besten so aus, daß -ich einen Abstecher nach Osaka machte. Osaka ist eine sehr belebte -Fabrikstadt, damit ist aber auch alles gesagt. Dem Auge bietet sie -nichts Besonderes dar: eine Menge Schornsteine -- enge Gassen -- Gräben --- Kanäle -- hölzerne Brücken -- großes Leben auf den Straßen... das -ist Osaka. -- Von dem vielen Umherlaufen müde, langte ich abends in -Kobe wieder an und ging sofort an Bord, wo sich zu meiner großen Freude -unsere japanische Kolonie um einen Landsmann vermehrt hatte. Mit dem -neuen Ankömmling, Herrn E. Otani, dem jüngeren Bruder des gleichnamigen -Grafen von Higaschihonganji, waren wir also jetzt im ganzen zehn -Japaner. - - - - -III. - -Nagasaki. - - -[Illustration] - -Das berüchtigte Genkainada oder die schwarze See, der gefährlichste -Teil des japanischen Meeres, war diesmal glatt wie ein Spiegel. Das -volkstümlich gewordene Lied, daß selbst Vögel nicht imstande seien, über -dieses schwarze Meer hinwegzufliegen -- Torimo kayowanu Genkainada -- -traf diesmal Gott sei Dank nicht zu, denn wir kamen schon am 6. April -früh morgens wohlbehalten in Nagasaki an. Hier sahen wir im Hafen je -einen deutschen, französischen und russischen Kreuzer liegen; ein paar -andere Kriegsschiffe ankerten so weit entfernt, daß wir die Flaggen -nicht erkennen konnten. Fast gleichzeitig mit unserem Dampfer lief -auch eine englische Fregatte ein, deren eherner Gruß von den im Hafen -liegenden Schiffen erwidert wurde. Der Donner der Kanonen und der -aufsteigende Pulverdampf, in dessen Mitte wir uns befanden, galt für uns -als eine erquickende Unterbrechung der eintönigen Wasserfahrt und wir -ließen unsere Augen gern an diesem Schauspiel weiden. - -In Nagasaki besah ich mit meinen Landsleuten die Schiffswerft des -Mitzubishikaisha, eine Privatanstalt des Baron Iwasaki. Ein Dampfer -von 6000 Tonnen, der als Schwesterschiff des Sanukimaru für den -Nippon-Yusenkaisha bestimmt ist, war gerade im Bau begriffen. Der Kiel -war schon gelegt und die Hälfte des riesigen Rumpfes stand fertig da. Im -Dock lag ein französisches Kanonenboot zur Ausbesserung. Nachdem wir die -Gießerei, Schlosserei, Drechslerei, Tischlerei, kurz, alle Werkstätten -der Reihe nach angesehen hatten, führte man uns in eine Schule, die -eigens für die Knaben der zu dieser Schiffswerft gehörenden Beamten -und Arbeiter errichtet ist. Das steinerne massive Schulgebäude ist -nach englischem Muster aufgeführt und sah weit schöner aus, als manche -Staatsschulen in Tokio. Die Ausstattung (Tische, Bänke, physikalische -und chemische Apparate, Wandkarten u. s. w.) war gut geordnet und -entsprach im großen und ganzen modernen Anforderungen. Was die -Personalverhältnisse anbelangt, so konnte ich bei der Kürze der Zeit -nichts Genaueres erfahren; die Schule selber scheint so gedacht zu sein, -daß sie außer der Einprägung des allgemeinen Wissens die Heranbildung -künftiger Fachleute für die Schiffswerft ins Auge faßt. Hoffentlich wird -die Schule sich noch weiter entwickeln und gedeihen. - -[Illustration: Blick auf Nagasaki.] - -Zu Mittag aßen wir in einem Teehause Geiyoro mit gutem Humor und gutem -Appetit die echt japanisch zubereiteten Speisen; diese dürften wohl auf -zwei Jahre die letzten sein. Wir langten also tüchtig zu und würzten -das Mahl mit ein paar Fläschchen Sake. Auch das Auge blieb nicht -unbefriedigt, denn uns zu Füssen dehnte sich die Stadt und weiter hin -das Meer aus. Vor uns lag stolz und majestätisch auf der Rhede unser -»König Albert«, der sich in der Umgebung der anderen Schiffe wie ein -gewaltiger Riese ausnahm. Ob es uns auch so ergehen wird, wenn wir von -Europa aus unser Vaterland betrachten? Ob unser Vaterland mit anderen -europäischen Ländern verglichen uns recht groß erscheinen wird und seine -Schönheiten ihnen gegenüber noch mehr hervortreten werden? - -Ehe wir an Bord gingen, stampften wir wie zum letzten Gruße mit festem -Tritt den heimatlichen Boden, denn Nagasaki ist ja der letzte japanische -Hafen. Früh morgens, den 10. April, wurde der Anker gelichtet, und bald -hatten wir das prächtige Panorama hinter uns -- da plötzlich ..... ja, -was war das? Welch' eine süße Weise dringt an mein Ohr? Ich blicke umher -und sehe nicht allzuweit von unserem Schiff einen englischen Kreuzer -vorbeifahren und auf seinem Verdeck spielt die Musik ein Lied: - - »Hotaruno Hikari Madono Yuki - Fumiyomu Tsukihi kasanezuzu.« - -Ein japanisches Lied -- auf dem englischen Schiffe? Wie kommt denn das -aber? Mein Reisegefährte, Herr Musiklehrer Taki, kam mir zu Hilfe und -sagte mir, daß das wohlbekannte japanische Lied nach der Melodie der -englischen Nationalhymne komponiert sei. Wie in Andacht versunken stand -ich auf dem Verdeck und hörte wonnetrunken den holden Klängen zu. O -tönet fort, ihr süßen Himmelslieder, die ich zu Hause so manchesmal von -der fröhlichen Jugend habe singen hören! »Musik im besten Sinne bedarf -weniger der Neuheit, ja vielmehr je älter sie ist, je gewohnter man sie -ist, desto mehr wirkt sie«, hat Goethe gesagt und er hat recht; denn die -Melodie, an welche mein Ohr so lange gewöhnt ist, übte jetzt auf mich -eine so große Wirkung aus -- mag sie auch nach der englischen komponiert -sein oder nicht, der Erfolg ist und bleibt für mich derselbe. Jetzt, -wo wir von der lieben Heimat Abschied nehmen -- ein japanisches Lied zu -hören! Mit Entzücken lauschte ich der mehrmals wiederholten Melodie -und unwillkürlich kamen mir die Worte in den Sinn, die einst Schiller -gesungen: - - »Was ahnungsvoll den tiefen Busen füllet, - Es spricht sich nur in meinen Tönen aus; - Ein holder Zauber spielt um deine Sinnen, - Ergieß ich meinen Strom von Harmonien; - In süßer Wehmut will das Herz zerrinnen, - Und von den Lippen will die Seele fliehen; - Und setz' ich meine Leiter an von Tönen, - Ich trage dich hinauf zum höchsten Schönen.« - (Huldigung der Künste.) - -Der Kreuzer war längst meinen Blicken entschwunden, längst war die liebe -Weise verhallt und nun blickte ich zurück, wo im Osten noch die grünen -Gipfel der heimatlichen Berge emporragten, als ob sie mit ihrem Grün -mir die Hoffnung zu einer glücklichen Reise einflößen wollten. In voller -Begeisterung nahm ich den Hut ab, nahm in Gedanken den letzten Abschied -von dem Lande, wo meine Wiege stand und wo ich mein Teuerstes gelassen. -Lange verweilte ich so, bis die Gipfel, von dem Schleier des immer höher -aufsteigenden Meeres umhüllt, am Horizont verschwanden. Immer und immer -wieder wandte ich mich um, um mir dieses entzückende Bild und dieses -Gefühl der Begeisterung unauslöschlich einzuprägen. Vor mir lag wie eine -unendliche Ebene ausgebreitet das ruhige spiegelglatte Meer und über dem -ewigen Meer die unendliche Bläue. - - - - -IV. - -Shanghai. - - -Am 12. April rasselte der Anker herab. Anfangs glaubten wir die große -chinesische Hafenstadt Shanghai vor uns zu haben, es war aber nur das -kleine Städtchen Wu-sung, das an der Mündung des Yantsekiang liegt; eine -halbstündige Dampfbootfahrt auf dem Wusungflusse, einem sehr breiten, -tiefen Nebenflusse des Yantsekiang, war erforderlich, wenn wir Shanghai -besehen wollten. Da der Dampfer eine große Ladung einzunehmen hatte -und es uns infolgedessen vergönnt war, den ganzen folgenden Tag hier zu -verweilen, so verzichteten wir auf die Bootfahrt für heute und zogen -es vor, an Bord zu bleiben, um morgen in aller Frühe mit desto -größerem Genuß einen Streifzug auf dem Land unternehmen zu können. Wir -betrachteten vom Schiff aus mit Erstaunen den riesengroßen Strom, dessen -mächtige, sich weit erstreckende Mündung eher den Namen eines Meeres -zu verdienen scheint. Mehr noch als diese gewaltige Breite setzt den -Fremdling etwas anderes in Erstaunen: die schmutzig-gelbe Flut. Die -beiden Ufer, die infolge der großen Entfernung kaum sichtbar sind, -machen die graue Wasserwüste nur noch grauer. Schon der alte chinesische -Ausdruck »Shitoku«, d. h. die vier Unsauberkeiten, womit man die vier -größten Ströme Chinas, den Kasui, Kosui, Waisui und Shisui, bezeichnet, -beweist, daß ihr Anblick selbst den eingebornen Chinesen seit -Jahrhunderten her nicht gerade angenehm war. Mit Kasui wird Hoangho oder -der gelbe Fluß, mit Kosui der Yantsekiang, mit Waisui der Whaiho und mit -Shisui der Shuho bezeichnet. Das chinesische Sprichwort: »Hundert Jahre -warten, bis die gelbe Flut klar wird,« womit man die Unmöglichkeit -einer Sache bezeichnet, läßt uns annehmen, wie außerordentlich trübe -und unrein die Schlammflut sein muß. Daß die Chinesen in den Strömen -das Symbol des Unsauberen und Widerwärtigen, des Schmutzes und Abscheus -sehen, ist sehr charakteristisch. - -Wenn es richtig ist, daß der Charakter der Menschen von der ihn -umgebenden Natur beeinflußt wird, so kann man sich nicht wundern, daß -sehr viele Söhne des Reiches der Mitte so schmutzig sind. Sollten die -beiden hervorstechenden Züge im Charakter der Chinesen: Unsauberkeit -und Gewinnsucht, welche beide untereinander wieder in einem engeren -Zusammenhang stehen, nicht in dem grauen, den Schmutz und Staub aller -Jahrhunderte aufwühlenden Wasser ihren Ursprung haben? Wie der Strom -- -so das Volk! Und welch ein erhebendes Gefühl nun, wenn wir damit -unsere heimischen Gewässer vergleichen, wo jeder Bach, Fluß oder See -durchsichtig wie ein Krystall ist und so rein und ungetrübt sich hält, -daß man bis auf den Grund sehen kann. Und so sind auch die Menschen. Bei -uns ist die Reinlichkeit und Sauberkeit eine der größten Tugenden, die -den Bürger zieren, und mit dieser Tugend verknüpft sich auch eine Reihe -von schönen Eigenschaften, wie z. B. jene unsrem Volke so eigentümliche -Freigebigkeit, die kein Opfer scheut und die schnöde Gewinnsucht -verachtet. - -[Illustration: Pagode bei Shanghai.] - -Während wir so im Freundeskreise unsere Meinungen austauschten, wurde -uns ein Besuch gemeldet: Ein Herr N. vom Kajimayoko in Shanghai. Dieser -Herr war eigens an Bord gekommen, um uns zu einer Besichtigung von -Shanghai abzuholen. Da wir aber, wie bereits erwähnt, den Besuch der -Stadt auf morgen verschoben hatten, so blieb er die Nacht bei uns an -Bord zu Gast. - -Am nächsten Morgen früh fuhren wir mit einem Dampfer stromaufwärts; bald -tauchten die beiden flachen Ufer des Wusungflusses als schmale Streifen -am Horizont auf. Allmählich kamen wir näher und nun konnten wir die -Umgebung genauer ins Auge fassen. Auch hier ein ödes trostloses Grau, -das mit dem Flusse zu wetteifern scheint. Das einzig Grüne, das sich -grell von dem Grau abhebt und unsere Augen einigermaßen erfreut, ist die -Flußweide, die hier zwar nicht kräftig, doch hinlänglich gedeiht. Weiter -oben lassen sich hier und da regellose Gebäudemassen erkennen, aus denen -einige hohe Häuser mit ihren freundlichen Fenstern uns entgegenleuchten. - -Nach dreiviertelstündiger Fahrt kamen wir endlich in Shanghai an. Der -Wusungfluß ist hier 400 bis 500 Meter breit und so tief, daß er imstande -ist, Schiffe von bedeutendem Tonnengehalt zu tragen, so sahen wir hier -zu unsrer großen Freude das japanische Kriegsschiff »Maya« und weiter -hinten einen Dampfer »Hakuaimaru«, der in Diensten des japanischen -Roten Kreuzes steht und zur Zeit des japanisch-chinesischen Krieges als -Hospitalschiff gute Dienste geleistet haben soll, vor Anker liegen. -Noch einige Kriegsschiffe und mehrere Postdampfer, welche zum Teil -den Engländern gehörten, waren sichtbar und gewährten einen imposanten -Anblick. Hoch auf dem Mast des »Maya« flatterte die Toppflagge mit der -lieblichen Sonne uns entgegen. Das Gefühl, fern der Heimat in einer -fremden Welt unsere Flagge zu erblicken, ist in der Tat etwas, was das -Herz erhebt; der edle Stolz, der uns innewohnt, ein Angehöriger des -schönen Landes zu sein, der nationale Gedanke, von welchem jeder -Patriot so sehr beseelt ist, begeisterten uns, wir schwangen die Hüte, -schwenkten die Tücher und begrüßten so unsere Flagge, und unser lautes -Hurra wurde von den auf den Rahen stehenden Matrosen freudig erwidert. -Unsere Marine, die sich in den letzten fünf Jahren außerordentlich -schnell entwickelt hat, weiß sich in ihrer jetzigen Gestalt fern und nah -Achtung und Geltung zu verschaffen, was aber diejenigen, die zu Hause -kauern und der Ruhe pflegen, leider nicht gewahr werden. Auch ich -gehörte einst zu jenen, auch ich war der Meinung, daß es töricht sei, -gerade für das unproduktivste Glied eines staatlichen Körpers -- für -Militär und Marine -- die meisten Mittel zu bewilligen; bei diesem -Anblick fühlte ich mich aber nicht wenig betroffen und aus der Kehle -drang mir unwillkürlich der Ruf: »Unsere Marine lebe hoch! hoch! hoch!« -in den meine Gefährten fröhlich einstimmten. - -[Illustration: Der »Bund« in Shanghai.] - -Oberhalb des kaiserlich japanischen Konsulatgebäudes landeten wir und -bestiegen drei elegante Equipagen. Der erste Besuch galt dem Kajimayoko. -Bald wurden wir mit den bei dieser Firma angestellten Landsleuten -bekannt, schrieben Briefe, Ansichtskarten u. s. w. und fuhren dann -mit unserem Begleiter in die Stadt. Diese bedeutendste Handels- und -Hafenstadt Chinas, welche durch viele Flüsse und Kanäle mit den Seen im -Innern, dem Kaiserkanal und dem Yantsekiang in Zusammenhang steht und -ca. 500 000 Einwohner zählt, wurde vor etwa sechzig Jahren von den -Engländern erobert und dem Fremdenverkehr übergeben. Bald darauf wurde -der Hafen auch für den auswärtigen Handel eröffnet, und seitdem ist -die Stadt in raschem Aufschwunge begriffen. Sie zerfällt in zwei -verschiedene Teile, nämlich in die Altstadt Shanghai, die eigentliche -Chinesenstadt, wo das Gouvernement liegt, und in die Neustadt oder die -Fremdenstadt. - -[Illustration: Das »Iltis«-Denkmal in Shanghai.] - -Es war dies das erste fremde Land, das ich betrat. Entgegen den -Vorstellungen, die wir von Haus mitgebracht hatten, machte die -Neustadt einen außerordentlich einladenden, modernen Eindruck. Sie ist -verhältnismäßig weitläufig gebaut; die Häuser stehen nach dem Strome zu -in dichten Reihen nebeneinander, nach der Innenseite zu aber werden sie -lichter. Sie sind zum Teil aus Steinen hoch aufgebaut, die Straßen -sind größtenteils gepflastert, ziemlich breit und teils mit Trottoirs -versehen. Besonders schön ist der sogen. »Bund«, von den Chinesen -Wan-poutang genannt, eine Straße, welche am Wusungflusse entlang führt -und größtenteils von Engländern bewohnt wird. Hier erhebt sich eine -Reihe stattlicher Gebäude: der englische Gerichtshof, der englische -Klub, mehrere Konsulate, Banken u. s. w. Auch mehrere japanische Firmen, -wie die Filiale der Yokohama Speciebank, die der Nippon-Yusenkaisha und -noch einige andere, sind hier zu finden. Der Speciebank gegenüber sehen -wir auf einem frischgrünen Rasenplatz des Parkes das deutsche -»Iltis«-Denkmal. Dieses sehr schöne Monument, das zum Andenken an den -heldenhaften Untergang der »Iltis«-Mannschaft errichtet wurde, besteht -in der Hauptsache aus einem metallenen abgebrochenen Mast, dem der Rest -des »Iltis«-Wracks als Modell gedient hat. - -[Illustration: Personenkarren in Shanghai.] - -Die sogenannte French Town, dann die britische, amerikanische und -Hang-kou Settlements liegen der Reihe nach nebeneinander. Hohe massive -Häuser, teils in englisch-indischem Baustil aufgeführt, und prächtig -ausgestattete Verkaufsläden mit Schaufenstern reihen sich aneinander; -auch Kirchen mit hohen Türmen ragen empor und laden mit ihrem ernsten -feierlichen Glockenklang die Andächtigen ein. Die Straße ist äußerst -belebt: vornehme Damen in modisch feiner Tracht, elegante Herren im -hohen Cylinder gehen und kommen; zahllose Equipagen und Droschken rollen -hin und her; dazwischen drängen sich seltsame, von keuchenden Chinesen -geschobene Personenkarren und leichte Fahrräder; unter Trommelschlag -und Musik marschieren die Soldaten, japanische, englische, französische, -alle in den Uniformen ihrer Nation, schwarz, blau, grau etc. angezogen --- ein buntes Bild, von dem sich die Augen schwer trennen können (wegen -der Wirren in Nordchina waren Truppen verschiedener Nationen in Shanghai -einquartiert). Wie wir so dahinfuhren, wähnten wir fast, wir seien -schon in der uns vorderhand noch fremden Welt einer europäischen Stadt; -indessen mahnten uns die Chinesen daran, daß wir uns noch nicht weit von -unserer Heimat entfernt hatten. - -[Illustration: Englische Kavallerie in Shanghai.] - -[Illustration: Straße in Shanghai.] - -Wir fuhren durch einige Straßen der Neustadt, wo zu beiden Seiten -viele chinesische Verkaufsläden stehen, und hatten Gelegenheit, das -Straßenleben der Chinesen in Augenschein zu nehmen. Die Straßen -sind ziemlich schmutzig, voller Lärm und Gedränge. Die Häuser sind -größtenteils aus Holz gebaut und mit grellen Farben angestrichen; rot, -die Lieblingsfarbe der Chinesen, wiegt vor, es findet auch grün und gelb -große Verwendung. Aus den Fenstern sieht man hier und da Wäsche, -alte Kleider u. dergl. herunterhängen, die, über den Häuptern der -Vorbeigehenden gemächlich flatternd, zu dem Schmuck der Stadt in -seltsamer Weise beitragen. Die Verkaufsläden sind meist offen und -am Eingang hängen Schilder von verschiedener Farbe und Form, worauf -allerlei Worte, meistens langatmige Erklärungen oder großsprecherische -Lobpreisungen des zu verkaufenden Gegenstandes, zu lesen sind. Als -Einfuhrartikel werden Opium, Wolltuche, Metalle, Lampen, Uhren, -Zündhölzer, Petroleum u. s. w., als Ausfuhrartikel Seide, Tee, -Baumwolle, Felle, Schweinsborsten, Strohgeflechte, Talg u. s. w. -gehandelt. - -[Illustration: Chinesischer Schuhmacher.] - -Unter den Verkaufsläden trifft man auch nicht wenige, in denen Fett- -und Eßwaren feilgeboten werden; auch getrocknete Fische, Gemüse, Früchte -u. s. w. liegen lockend ausgebreitet zum Verkauf. Hier drängen sich -viele Käufer, Städter wie Landleute, grell geschminkte Frauen in -bunten Gewändern, geputzte Männer mit langen Zöpfen, jeder nach -seinem Geschmack gekleidet. Ferner findet man auch manch' schöne, -nach europäischem Muster eingerichtete Häuser mit Schaufenstern, die -einheimische wie importierte Fabrikate bergen und wo man wirklich -gute Waren beziehen kann; aber im allgemeinen haben die chinesischen -Kaufläden und das Straßenleben, wie lebhaft sie auch den neugierigen -Augen eines Fremden erscheinen mögen, ein düsteres, träges und -unsauberes Aussehen. - -Wir fuhren nun geradenwegs durch die Straße Damaro, auch Nankinro -genannt, zu deren Seiten sich die meisten eleganten Verkaufsläden, -europäische und chinesische, vorfinden, und gelangten in den Lustgarten -Gu-En[1]. Dieser Garten, den der Besitzer vielleicht aus Bescheidenheit -so genannt, sollte wahrhaft wundervoll angelegt sein, aber leider war er -nicht imstande, japanische Augen zu erfreuen; da er weder etwas -Schönes noch Neues bot, so verlohnt es sich nicht, ihn ausführlich -zu beschreiben. Ein paar Baumgruppen, deren fahles Grün nicht gerade -anziehend wirkt, ein altes Gebäude chinesischen Stils, das so aussah, -als wäre es nie mit einem Besen in Berührung gekommen, ein kleiner Teich -mit trübem Wasser, worin etliche Goldfische ein elendes Dasein -führten, einige komisch geformte Felsblöcke, die als Zeugen einer rohen -plastischen Arbeit dastehen, und am Ausgang eine Art von Theater, in -welchem dann und wann chinesische Operetten aufgeführt werden... das ist -wohl alles, was man hier zu sehen bekommt. -- Zwei Dinge fielen mir -hier besonders auf: ein paar Opiumstuben -- sehr einfache, meist nur mit -einem Sofa ausgestattete Zimmer. Dort legt sich dann der Chinese aufs -Ruhebett, raucht Opium und verträumt im Zustand der Betäubung den lieben -langen Tag. Und weiter: ein paar irdene Becken, die im Garten unter -freiem Himmel standen und eine dunkle trübe Masse enthielten. Ich -glaubte, die Flüssigkeit sei zum Begießen der Pflanzen da, aber zu -meinem Erstaunen erfuhr ich, daß sie zum -- Trinken aufbewahrt werde. -Echt chinesisch! - -[Illustration: Im chinesischen Teelokal in Shanghai.] - -Nicht weit von Gu-En liegt Cho-En, ein in europäischem Stile -aufgeführtes Gebäude, woselbst den Gästen Tee serviert wird -- ein -Teehaus im strengsten Sinne des Wortes; es hat einen geräumigen, mit den -Farben aller Nationen geschmückten Salon und sieht ganz nett aus; vor -dem Hause breitet sich ein frischer grüner Rasenstreifen aus und ladet -den Vorübergehenden zum Besuche ein. In nächster Nachbarschaft sahen wir -auch eine mit allem Zubehör ausgestattete Kegelbahn. - -Die Equipage führte uns nun nach Shumaro oder Fukushuro, die in einer -gewissen Bedeutung »feinste« Straße Shanghais; ein Karasumori oder -Yanagibashi in Japan, wo viele tausende jener berühmten Shanghaier -Sängerinnen wohnen und wo die »feinen« Herrschaften so gerne spazieren -gehen, um zu sehen und gesehen zu werden. Hier liegt auch das Teehaus -Kiokaro, in welchem wir zu Mittag aßen. Es ist dies eines der besten -Wirtshäuser in Shanghai. Die ganze japanische Kolonie »König Alberts«, -zehn an der Zahl, mit unserm Begleiter und einem Chinesen, der bei -der Firma Kajimayoko angestellt ist und inzwischen von uns zur Tafel -eingeladen war, nahmen nun mit knurrendem Magen an dem runden Tische -Platz und harrten in gespannter Erwartung der Dinge, die da kommen -sollten. Einen Speisezettel freilich gab es nicht, und wenn es auch -einen gegeben hätte, würde er uns wenig genützt haben, da uns die Namen -der Gerichte fremd waren. Die Speisen werden in verschiedene Klassen -eingeteilt und danach bestellt; aber was jede von ihnen enthält, das -gehört zu den Geheimnissen des Koches. Nichts blieb uns weiter übrig, -als diesem die Wahl mit der stillen Hoffnung zu überlassen, daß nicht -nur das Gute von oben, wie es in der »Glocke« von Schiller heißt, -sondern auch von unten aus der Küche kommen möge. Zuerst wurde uns eine -Tasse Tee serviert, nach wenigen Minuten kam die Suppe zum Vorschein -und nun folgten verschiedene Sorten von Fettspeisen, worunter Speck die -Hauptrolle spielte, ferner gebratene Fische von zwei, drei verschiedenen -Arten, Hummer, Muschel, Geflügel, Lammfleisch, fast alles mit Öl und -Fett zubereitet, Fadennudeln, Gemüse und, was unter anderm auffiel, -Schwalbennester, Haifischflossen, Walfischbart u. a. m. -- alles -Erzeugnisse, die zu den Delikatessen der Chinesen gehören. Zum Schluß -gab es wiederum Suppe und dann gekochten Reis, Gebäck, Früchte u. s. w. -Diese Speisen werden in einer großen Schüssel mitten auf die Tafel -gestellt und jeder nimmt sich selbst daraus auf das eigene Tellerchen, -das bei jedem Gange von dem Servierkellner gewechselt wird. - -[Illustration: Chinesischer Koch.] - -Mit wahrem Heißhunger machten sich alle daran, aber einigen wollten -schon nach den ersten Gängen die Speisen nicht in den Gaumen hinein, -da sie das allzu Ölige und Fette nicht ertragen konnten, wieder einige -hatten nach acht bis neun Gängen den Magen voll und konnten nicht -weiter. Ich, der in dem Kampfe mit Leckerbissen bisher den Rücken -nicht hatte sehen lassen, focht auch hier in aller Tapferkeit mit -zwei Stäbchen -- denn Gabel und Messer gab es nicht -- gegen die -hintereinander losrückenden Feinde, aber schon bei dem elften -Zusammenstoß hatte ich einen harten Kampf zu bestehen. Bei dem zwölften -Angriff entschwand mir endlich der Mut, und vollgestopft wie ein -Maltersack konnte ich weder gehen noch stehen, ich schnaufte nur und saß -unbeweglich da. Selbst wenn alle Schätze des persischen Königs hier -vor meinen Füßen gelegen hätten, würde ich meine Hand nicht danach -ausgestreckt haben, um sie aufzuheben, denn auch bei der leisesten -Bewegung drohte der überspannte Sack zu zerplatzen! Doch zwei von uns -haben wacker gestritten bis zum 17. und letzten Angriff für die Ehre -unserer Kolonie; daß dies aber ein Kampf auf Leben und Tod war, verriet -schon der Schweiß, der von ihren Stirnen herabrollte. Unser langzöpfiger -Tischgenosse war, als die Haifischflossen aufgetragen wurden, -fortgeschwommen und ließ sich nicht mehr sehen, was uns sehr leid tat. -Er schien über unsere Unterhaltung verstimmt zu sein; wir hatten nämlich -u. a. gesagt, daß die Sauberkeit der Chinesen sehr zu bewundern sei, -insbesondere beim Essen; denn sie lecken fortwährend ihre Stäbchen ab -und fahren dann wieder in die gemeinsame Schüssel hinein, so daß die -darin befindliche künstlich zubereitete Sauce sich mit der natürlichen -ihres Mundes vermischt und so einen chemischen Prozeß durchzumachen -scheint. Später hörte ich zu meinem nicht geringen Erstaunen, daß es bei -den Chinesen Sitte sei, beim Essen die Stäbchen schön abzulecken, und -daß derjenige, der seinen Tischgenossen eine besondere Aufmerksamkeit -erweisen will, dies auf chinesische Art nicht besser bezeigen zu können -glaubt, als daß er seine Stäbchen möglichst gut ableckt. Wirklich eine -recht feine Sitte, die vom Gesichtspunkt der Bakteriologie sehr zu -empfehlen ist! Wahrscheinlich verdanken die deutschen Wörter »Lecker«, -»Leckerei«, »Leckerbissen« u. s. w. ihren Ursprung den Chinesen! -- Eins -möchte ich hier noch hinzufügen, daß nämlich alle Speisen ohne Ausnahme -warm aufgetragen werden; kalte und rohe Speisen, wie unser Sasimi, -kennt man dort überhaupt nicht; daß sogar Wasser nur in heißem Zustande -getrunken wird, ist bekannt. Besonders fiel mir noch auf, daß während -des ganzen Mahles die Chinesen in einem fort getrocknete Melonenkerne -aßen, die sich in einer gemeinsamen Schüssel in der Mitte des -Tisches befanden. -- Noch eins: wir wurden bei der Tafel leider der -zweifelhaften Ehre nicht teilhaftig, von jenen reich geschmückten und -doch so leichten elastischen Gestalten bedient zu werden. - -Im großen und ganzen muß ich doch sagen, daß die chinesischen Köche ihre -Kunst sehr gut verstehen. Von der geschickten Zusammenstellung des so -viele Gerichte umfassenden Mahles abgesehen, ist auch die Zubereitung -gut; ja, man wäre versucht, es dem japanischen beinahe vorzuziehen, -wenn nicht zu viel Fett und Öl verwendet würde. Mit dem europäischen -und chinesischen Mahl verglichen, ist unser japanisches einfacher. Das -chinesische ähnelt mehr dem europäischen und ist ebenso nahrhaft und -gehaltreich. Übrigens war das Essen, das wir an jenem Tage genommen, ein -kantonsches, was dem europäischen verwandter ist, wie das nankinsche, -das als ein echt chinesisches dem Gaumen der Eingeborenen wohl bekommen -soll, aber nicht dem unsrigen. Unsere Köche verstehen zwar das Kochen an -sich ganz gut, sie sollten aber ihr Augenmerk doch auf die Zubereitung -und Zusammenstellung recht kräftiger und nahrhafter Kost richten. Ein -Gericht z. B. wie das Kuchitori -- jene kuchenartige, buntaussehende -süße Speise -- sollte ganz abgeschafft werden, da es eher den Augen als -dem Magen zur Erquickung dient. - -Das einzige, was bei der chinesischen Mahlzeit abstößt, ist eben die -Unreinlichkeit, die auch hier, wie überall beim Chinesen, an den Tag -tritt. Die Überreste von Speisen, wie Gräten, Knochen, Schalen -u. dergl., werden während des Essens im Wirtshause von allen Gästen ohne -weiteres unter die Tafel geworfen; die beiden anderthalb Fuß langen -Stäbchen und überhaupt die Eßgeschirre sollte man selbst mit der -Serviette vorher sorgfältig reinigen, so unheimlich sehen sie aus; die -Servietten bieten manchmal ein derart trauriges Aussehen, daß man sie -lieber unbenutzt läßt. Schlimmer als diese sind aber die heißen Tücher, -womit man während des Essens den Mund von allem Fett und Öl abwischt; -sie werden, ohne irgendwie ausgewaschen zu werden, in kochendes Wasser -getan und in heißem Zustande den Gästen mehrere Male dargereicht; sie -machen also einen Kreislauf bei vielen Gästen, fühlen sich infolgedessen -etwas klebrig an und haben gerade keinen angenehmen Geruch. - -Etwas möchte ich hier einfügen über jene Klasse der Chinesen, die -durch ihr elendes Handwerk, vor allem aber durch ihre Schmutzigkeit und -Dreistigkeit auffallen, ich meine die Kulis. Sie stehen fast überall mit -ihrem von Japan importierten Rollstuhl, Jinrikisha, auf der Straße und -fordern jeden Vorübergehenden zum Einsteigen auf; besonders wenn sie -einen Fremden gewahr werden, machen sie für eine kurze Strecke Weges -eine unmäßige Forderung und suchen ihn tückisch und hinterlistig zu -übervorteilen. Ihre Forderung lassen sie auch auf ein Drittel ihrer -ersten Ansprüche herabhandeln, aber sobald sie ihre Tour gemacht haben, -bitten sie dreist und zudringlich um Trinkgeld oder fordern, trotz der -vorhergegangenen Unterhandlung, das Doppelte und Dreifache. Wenn sie -dann abgewiesen werden, kommen sie noch eine Strecke Weges hinterher -gelaufen und betteln immer wieder oder schimpfen und schreien, bis man -am Ende genötigt wird, mit dem Stock ihrer Forderung Genüge zu tun. Daß -Menschen dieser Art von den dort lebenden Europäern wie Tiere angesehen -und demgemäß behandelt werden, ist vom allgemeinen menschlichen -Standpunkte bedauerlich, unter den obwaltenden Verhältnissen aber -verständlich. Zwar haben wir in Japan auch eine Klasse solcher Kulis, -diese sind jedoch weit artiger und zuvorkommender als jene. Schon ihr -Aussehen verrät, daß sie mit ihren Kollegen in China nichts gemein -haben. In leichten, fest anschließenden schwarzen Jacken, bedeckt bis -zu den Füßen, stehen sie bei uns an einer Seite der Straße auf dem ihnen -zugewiesenen Platze und warten bescheiden, bis ein Vorübergehender sie -anruft. Und wie flink sie ihr Handwerk üben! Wie der Blitz fliegen sie -mit ihrem Rollwagen die Straße dahin, als ob sie die darauf sitzende -schwere Last garnicht spürten, während die chinesischen in weiten, -blau auf grau gestickten, losen Lumpen die Straße dahintappen; daß -der Knüttel in den Händen der Polizisten mit diesem Gesindel gute -Bekanntschaft unterhält, ist daher leicht erklärlich. - -[Illustration: Indischer Polizist in Shanghai.] - -Eine Eigentümlichkeit von Shanghai sind die verschiedenartigen -Polizisten, die aus Engländern, Franzosen, Amerikanern, Chinesen -und Indern bestehen. Die indischen Polizisten gewähren einen schönen -Anblick; sie zeichnen sich durch ihre stattliche Gestalt aus, sind groß, -kräftig, ganz braun, tragen einen schwarzen Vollbart, sind europäisch -gekleidet und gehen mit einem Knüttel in der Hand gravitätisch die -Straße einher. Was den Reiz dieser Erscheinung noch erhöht, ist der -ungeheuer große Turban. Selbst der kleinste von ihnen scheint zwei Meter -groß zu sein -- wahrlich, herkulische Gestalten! Ihr muskulöses Aussehen -verleitet zu der Annahme, daß sie ganz geeignet seien, einen Löwen zu -bändigen, daß sie also spielend mit einem Verbrecher fertig würden. Aber -wie ich höre, soll dies in Wirklichkeit nicht der Fall sein, denn so ein -Herkules soll feige sein und Reißaus nehmen, wenn ihm etwas Ernstes in -den Weg tritt. Was ihre Verstandeskräfte anlangt, so sollen sie auch -leider würdige Sprößlinge ihres Stammes sein, denn wenn ihnen irgendwie -schwierige Aufgaben gestellt werden, so wissen sie sich keinen Rat. Zwar -können sie unterscheiden, was schön und häßlich, was gut und schlecht -ist, wenn sie es mit eigenen Augen angeschaut haben, darüber hinaus -geht jedoch ihre Urteilskraft nicht. Ihr langzöpfiger Kollege, der -chinesische Polizist, scheint in manchen Stücken geschickter zu sein, -obwohl er nicht so gut aussieht. Kurz, der indische Polizist ist mehr -zum Paradieren da. Einen guten Zug hat er aber außerdem doch, und das -ist seine Unparteilichkeit. Die weißen Polizisten sind, wie man sagt, -nur zu leicht geneigt, in strittigen Fällen die Partei ihrer engeren -Landsleute zu ergreifen; das tut aber der indische Polizist nicht, -sondern hält sich in lobender Weise neutral. - -Wie im Fluge war die Zeit dahin geschwunden und darüber war es Abend -geworden. Unsere Absicht, noch die Altstadt zu besichtigen, wurde leider -durch einen starken Regen vereitelt, deshalb traten wir die Rückfahrt -nach dem »König Albert« an, den wir erst spät in der Nacht erreichten. -Aber wir alle fühlten uns von dem Verlauf des Tages durchaus befriedigt, -so daß ihn jeder von uns in seinem Tagebuch als einen genußreichen -aufzeichnen konnte. - - - - -V. - -Hongkong. - - -Die Hitze, die wir bisher in der frischen Seeluft nicht gespürt hatten, -machte sich schon recht bemerkbar, als unser stolzer »König Albert« am -16. April vormittags in den Hafen von Hongkong eindampfte. Hongkong, -d. h. der »duftende Hafen«, liegt südöstlich von Kanton hart an der -Grenze der tropischen Zone und ist eine kleine Insel von kaum 15 km -Länge und 7-8 km Breite, welche durch einen schmalen Meeresarm vom -Festlande, der Halbinsel Kowloon, getrennt wird. Sie ist seit dem -Frieden von Nankin im Jahre 1842 an die Engländer abgetreten worden -und bedeutet jetzt eine Perle der britischen Kolonieen. Die Bewohner, -ca. 300 000, sind meist Chinesen neben etlichen tausend Indiern; unter -den Europäern, deren Anzahl nur ein Dreißigstel der Gesamtbevölkerung -ausmacht, sind die Portugiesen am meisten vertreten, ihnen folgen die -Engländer mit ein paar tausend Mann Garnison. An der Nordküste der Insel -liegt die Stadt Viktoria, die amphitheatralisch angelegt ist und im -Schmuck ihrer hell leuchtenden Häuser und grünen Bäume, namentlich -vom Meer aus, einen herrlichen Anblick gewährt. Was aber die Augen des -Reisenden am meisten anzieht, ist das Treiben im Hafen. - -[Illustration: Hongkong (Hafen und Europäisches Viertel).] - -Fahrzeuge aller Art und aller Nationen erblickt man dort: mächtige -Kriegsschiffe, insbesondere britische, welche dem chinesischen -Geschwader angehören, große und kleine Postdampfer, schwerbeladene -Handelsschiffe, zahllose Dschunken, Boote u. s. w. Hier läuft ein Schiff -ein, dort sticht ein anderes in See, in dicken Säulen steigt der Rauch -aus den Schornsteinen empor, überall ein Tuten, Pfeifen, Rasseln, -Klirren, daß einem von all dem Geräusch fast die Sinne benommen werden. -Und wie es im Hafen von Menschen wimmelt! Schwere Kisten werden auf- -und abgeladen, Fässer werden gerollt, Ballen gewälzt, Gepäck geschleppt, -Karren mit Pferden fahren hin und her, Lastträger mit Tonnen drängen -sich ächzend durch die Menge -- kurz, alles ist in regster Bewegung. -Daß Hongkong als Handelsplatz und als Seehafen des Weltverkehrs an der -ganzen ostasiatischen Küste tatsächlich eine große Rolle spielt, ist -schon daraus ersichtlich, daß fast alle Handelsstaaten hier Konsulate -haben; Tee, Seide, Opium, Zucker, Öl, Salz, Baumwolle, Elfenbein, -Nahrungsmittel der verschiedensten Art sind die wesentlichsten -Gegenstände des Handels. - -Der reiche Mitsui, der auch hier seine Firma besitzt, holte uns mit -seinem Dampfboot ab, und unter der sicheren Führung eines seiner Beamten -betraten wir nun die Stadt. Wir besuchten zuerst Queen's Road, die -schönste und belebteste Straße. An beiden Seiten reihen sich chinesische -und europäische Verkaufsläden in buntem Gemisch aneinander; das -Stadthaus, das Theater, mehrere Banken, Konsulatsgebäude u. s. w. -befinden sich hier. Die nicht eben hohen, aber doch stattlich -aussehenden Gebäude sind meist in europäischem Stil aufgeführt. Die -Straßen sind ziemlich sauber, aber leider ein bißchen eng, was jedoch -die Lebendigkeit des Straßenlebens bedeutend erhöht. Zum Fahren dienen -zierliche Rollstühle, auch den Chinesen eigentümliche Tragsessel werden -viel gebraucht; Equipagen und Droschken sieht man verhältnismäßig wenig, -da die bergige Lage und die enge unregelmäßige Straße es nicht erlauben. -Das Straßenleben hat mit seiner buntdurcheinandergewürfelten Bevölkerung -große Ähnlichkeit mit jenem Shanghais. - -[Illustration] - -Nachdem wir die Straßen durchwandert, die Sehenswürdigkeiten in -Augenschein genommen und auch einige Einkäufe, wie z. B. Tropenhüte -u. dgl., gemacht hatten, wollten wir zum Viktoria-Park, von dem die -Reisenden nicht genug zu erzählen wissen, hinansteigen. Die große Hitze -jedoch und die spärlich bemessene Zeit nötigten uns von dem Vorhaben -abzustehen und wir benutzten die Drahtseilbahn, die uns schnell auf den -Gipfel führte. In ungefähr einer Viertelstunde waren wir am Ziel. -Aber in diesem Augenblick kam leider der Nebel, eine sehr häufige und -unangenehme Erscheinung dieser Gegend, heraufgezogen, und ehe wir uns -versahen, bedeckte er mit seinem Schleier den ganzen Berg. Nicht zehn -Schritte konnte man vor sich schauen, man hätte ihn mit einem Messer -durchschneiden können -- so dick war er! Von der großartigen Aussicht -nach dem Hafen war nun keine Rede mehr und es blieb uns nichts weiter -übrig, als geduldig die Zeit abzuwarten, bis der Nebel sich gesenkt -hatte. Wir kehrten deshalb im Wirtshaus Peak-Hotel ein, ließen uns -die englische Küche gut schmecken und sahen zu, ob nicht durch die -flatternden Nebelgespinste sich irgend etwas unsern Blicken darböte. Und -sieh! Nach ungefähr einer Stunde teilte sich der Nebel und auf einmal -lagen zu unseren Füßen Stadt, Hafen und weiter hinten die Halbinsel -Kowloon. Wir standen in stiller Bewunderung da, die Operngläser vor den -Augen haltend. Da unser Standpunkt nicht allzu hoch war, so konnte man -die Form und Farbe eines jeden Gegenstandes noch deutlich unterscheiden. -Ein entzückendes Panorama! An den Abhängen sieht man übereinander -aufsteigende Höfe von tropischen grünen Baumgruppen umgeben und -prächtige Villen mit herrlichen Gartenanlagen; aus den Straßen der Stadt -erheben sich große, stattliche, wie Paläste und Schlösser aussehende -Gebäude, darunter mischen sich die schwarzen Kuppeln und die rötlichen -Türme der Kirchen und Kapellen. Hinter dem Halbkreis des Hafens dehnt -sich der unendliche Ocean aus, auf dessen blauem Spiegel hunderte von -Schiffen wie weiße Schwäne umherschwimmen. Auf der anderen Seite -des Berges sieht man in einer talförmigen Vertiefung ein großes -Wasserbecken, das im hellen Sonnenschein wie ein smaragdner See -leuchtet; hier wird das Regenwasser sorgfältig gesammelt und mittelst -Röhren in die Stadt geleitet, wo man es zum Trinkwasser verwendet. - -[Illustration: Hongkong (Chinesisches Viertel).] - -Aus dem einförmigen Leben auf dem Schiff in die Mitte dieses schönen, -erhebenden Anblickes versetzt, fühlten wir uns so erquickt und blickten -wie gebannt immer und immer wieder in die weite Natur hinaus, als -wollten wir alle diese Schönheiten in unsere Brust einsaugen. Da -fällt aber mit einem Male der Vorhang vor unseren Augen: mit dem -wiederkehrenden Nebel ändert sich die Szene, und in einem Augenblick ist -von all dem Gebotenen nichts mehr zu sehen. Mit der Drahtbahn rollten -wir nun wieder mit haarsträubender Schnelligkeit den steilen Abhang -hinab bis zu der Station, die am Fuße des Berges liegt, dann folgten wir -der freundlichen Einladung der Firma Mitsui, stiegen einen gewundenen -Weg hinauf und gelangten bald in eine schöne Villa, die der Firma -gehört. Von dem Umherlaufen des langen Tages und von der Hitze im -unheimlichen Nebelkreise müde, lehnte ich mich an das Geländer der -Veranda und schaute in den Garten hinab, der mit den prächtigen bunten -Blumen, wie sie der tropischen Zone eigen sind, geschmückt war; ein -wenig unterhalb befand sich ein geräumiger Tennisplatz. Hier sah ich ein -paar kleine japanische Mädchen von sechs bis sieben Jahren, die sich -mit Spiel und Blumenpflücken vergnügten -- liebliche Erscheinungen -sondergleichen, die ich schon jahrelang vermißt zu haben glaubte. -Unverwandt ruhten meine Augen auf ihnen... was für eine Gestalt schwebt -dir vor und woran denkst Du?... - -Bei der Tafel wurden uns einige Herren und Damen von der Firma -vorgestellt und nun langten wir tüchtig zu; zu unserer großen -Überraschung und Freude bekamen wir hier japanische Kost vorgesetzt. -Kein Wunder, daß deshalb bei Tisch die heiterste Laune herrschte; ja, -man konnte bei der gemütlichen Unterhaltung fast wähnen, daß man sich -daheim im trauten Kreise der Freunde befände. Nach dem Essen spielte -Herr Musiklehrer Taki Klavier; er gab manch japanisches Stück zum besten -und trug dadurch wesentlich zur Erhöhung der Stimmung bei. Vom Fenster -aus sahen wir tausende von Lichtern, die wie gesäete Sternlein auf dem -Meere funkelten und feenhaft das Wasser beleuchteten. - -Am 17. mittags wurden die Anker gelichtet. Ich stand auf dem -Verdeck, sah vor mir die schöne Insel und konnte nicht umhin, an die -geschichtlichen Tatsachen zurückzudenken, wie und warum die Chinesen -genötigt wurden, den Engländern dieses Eiland abzutreten. Daß der -chinesische Kaiser Süan die Auslieferung alles in den englischen -Schiffen und Magazinen befindlichen Opiums, dieses wichtigsten und -gewinnbringendsten Artikels der englischen Einfuhr, forderte, um -dem Opiumhandel mit einem Mal ein Ende zu machen und daß er die -ausgelieferten 20 000 Kisten im Wert von 4 Mill. Pfd. Sterling -verbrannte, daß Streitigkeiten darauf erfolgten, daß England am Ende den -Krieg erklärte u. s. w., ist einem jeden zu bekannt, um hier wiederholt -zu werden. Zwar ist die Insel im Vergleich zu dem ungeheuer großen Reich -der Mitte ein kleines Stückchen Land, aber ein harter Verlust ist und -bleibt es doch für die Chinesen, zumal wenn man bedenkt, daß ihnen seit -der Zeit ein Stückchen Land nach dem andern verloren ging. Wehe ihnen, -wenn sie am Ende gar noch die Mandschurei einbüßen sollten! Im großen -und ganzen ist aber die Abtretung Hongkongs für den Weltverkehr ein -wahrer Segen gewesen, denn in den Händen der Chinesen wäre die Insel -bei weitem nicht zu ihrer jetzigen Blüte gelangt. Die Menge an Kapital, -Arbeit und Fleiß, die die Engländer aufgewendet haben, um die Insel zu -dem zu machen, was sie heute ist, ist der höchsten Anerkennung wert. Die -großartigen Quai- und Dockanlagen sind ihr Werk, ebenso die mühevolle -Bepflanzung des Peak, den der Viktoria-Park schmückt. - -[Illustration: Chinesische Kaufmannsfamilie in Festtracht.] - -Auch Gewerbe und Industrie verdanken ihren Aufschwung wesentlich den -Engländern. Fabriken und Werkstätten der verschiedensten Art, wie z. B. -Zuckerfabriken, Sägewerke, Seilereien, Ziegeleien, Zündholzfabriken, -Fabriken für Maschinen- und Bootsbau, Glasereien, Färbereien u. a. m., -sind meist von den Engländern angelegt oder angeregt worden. Kurz, -ihnen gebührt mit Recht das Verdienst, Hongkong den Namen eines -ausgezeichneten Stapelplatzes und eines vorzüglichen Freihafens gegeben -zu haben. - -Nach allem, was ich in Shanghai und Hongkong gesehen habe, kann ich -meinen jungen Landsleuten nur den Rat erteilen: macht euch auf und -besucht diese Städte! Dort erblickt ihr eine ganze fremde Welt, -andere Einrichtungen, Sitten und Gebräuche! Wer die beschwerliche und -kostspielige Reise nach Europa sparen will, findet in diesen beiden -Städten, die nur zwei Tage Dampferfahrt von Nagasaki entfernt liegen, -hinreichend Gelegenheit, um seine Kenntnisse zu erweitern. Insbesondere -seien diese wichtigen Handelsplätze den jungen Japanern empfohlen, die -kaufmännisch sich vervollkommnen wollen. Es ist entschieden gescheiter, -die Sommerferien auf diese Weise zu einer Studienreise auszunützen, als -sie im Gebirge oder in den Seebädern zu verbummeln! - -Leider war mein Aufenthalt in Hongkong nicht ungetrübt. Denn als ich -mich nach einem meiner ehemaligen Schüler und Freunde, Herrn Dr. Okoshi, -erkundigte, erfuhr ich zu meinem großen Schmerz, daß jener kurz vor -meiner Ankunft am Typhus gestorben war. Mit wehen Gefühlen betrachtete -ich das Bild des teuren Toten, der vielen noch als treues und tätiges -Mitglied des bekannten Vereins an der Adelsakademie, Hojinkai, in -Erinnerung sein dürfte. Fern von den Seinen und der geliebten Heimat -ist er in einem Alter dahingeschieden, wo er erst anfangen sollte, seine -Kenntnisse und Erfahrungen recht ordentlich anzuwenden. Ich bat mir -die Photographie seines Leichenzuges aus und schickte sie nach Japan an -unsere Schule; dort soll sie zum bleibenden Andenken an diesen Braven -aufbewahrt werden. - -Noch ein anderes trauriges Ereignis war der Tod eines Passagiers auf -unserm »König Albert«. Ein Engländer war mit Weib und Kind von -Yokohama an unser Reisegefährte gewesen. Wie ich hörte, soll er an -Lungenschwindsucht gelitten und in der guten Hoffnung, die frische -Seeluft möge heilsam auf ihn wirken, seine Reise angetreten haben. Der -herzzerreißende Jammer der unglücklichen Hinterbliebenen ist gar nicht -zu beschreiben; alle Passagiere trauerten mit ihnen, die Schiffskapelle -stellte die Musik ein. Doch war es ein Trost für die Trostlosen, daß -die sterblichen Überreste des Dahingeschiedenen in Hongkong beigesetzt -wurden, sonst hätte er ein nasses Grab gefunden in dem unendlichen Meer, -wo weder Hügel noch Stein die Ruhestätte anzeigen. - - - - -VI. - -Singapore. - - -[Illustration: Im Dock zu Singapore.] - -Unser »König Albert« eilte nun rastlos nach Süden, so daß wir schon nach -vier Tagen, den 21. April mittags 1 Uhr, die Insel Singapore erreichten. -Die Einfahrt in den Hafen ist, wie bekannt, sehr reizend. Schon von -weitem erblickten wir die von Palmen bedeckte Küste der Halbinsel Malaka -und je weiter wir kamen, desto reicher entfaltete sich die Natur; hier -und da tauchten kleine malerische Inseln auf, die Wasserstraße verengte -sich immer mehr und das Schiff dampfte in den bogenförmigen Hafen ein. -So schön nun dieser Hafen auch ist, er ist mit jenem von Nagasaki -nicht zu vergleichen, denn dort hat die Natur mit gütigeren Händen ihre -prächtigen Gaben ausgestreut. Der romantische Anblick des Strandes, die -verschiedensten Arten und Gestalten der Vegetation, jene wunderbaren -Figuren der Felsblöcke des Ufers und dergleichen fehlen hier gänzlich. -Was uns hier auffiel, ist nur das überaus üppige Wachstum der Palmen; -wohin das Auge auch schweift, sehen wir nur Palmen, nichts als Palmen, -diese hochstämmigen Vertreterinnen der echttropischen Natur. - -Die Insel Singapore, welche an der Südspitze der Halbinsel Malaka liegt, -steht wie Hongkong unter britischer Oberhoheit. Als die Engländer sie -vor etwa 80 Jahren ihrem ehemaligen Besitzer, dem malayischen Sultan, -abkauften, war sie noch unkultiviert. Dichter Urwald bedeckte sie und -die Bewohner waren in der Hauptsache Fischer und Seeräuber. Jetzt aber -bildet ihr Hafen den Hauptstapelplatz für Borneo, Sumatra, Malaka und -andere Inseln; seit der Eröffnung der japanischen und chinesischen Häfen -hat er erneute, von Jahr zu Jahr steigende Bedeutung als Zwischenplatz -gewonnen. Die Bevölkerung, deren Zahl sich auf 250 000 belaufen mag, -ist in stetem Zuwachs begriffen; sie besteht aus Chinesen, Malayen, -Javanern, Eurasiern, Tamulen und anderen Mischlingen. Die Chinesen sind -schon jetzt der Kopfzahl nach am stärksten vertreten und werden es auch -wohl bleiben, da immerwährend frischer Nachschub vom Mutterlande kommt. - -[Illustration: Malayisches Dorf auf Singapore.] - -Doch genug von diesen trockenen statistischen Angaben. Nachdem unser -Dampfer am Quai festgelegt, ging ich mit meinen Freunden an Land und -zwar voll der größten Erwartung, denn wir hatten erfahren, daß der -Kronprinz von England auf seiner Rundreise durch die englischen -Kolonieen in Singapore eingetroffen sei; ihm zu Ehren sollte eine große -Illumination stattfinden, ein großer pomphafter Aufzug sollte Tags -darauf folgen und Gott weiß was nicht noch alles. Jetzt wurde es mir -klar, warum unser »König Albert« beim Einlaufen in den Hafen eine -englische Fahne gehißt hatte, warum auf allen Masten der vor Anker -liegenden Schiffe Großbritanniens Wimpel flatterten. Man kann sich -denken, wie erwünscht mir dieser Zwischenfall war, gab er mir doch -Gelegenheit, dies bunte Volk in seiner Begeisterung und Freude zu -beobachten. Also vom Dampfer herunter und in die Stadt hinein. In die -Stadt? O nein! Von der eigentlichen Stadt war noch nichts zu erblicken, -die lag noch eine ziemliche Strecke landeinwärts, nur ein malayisches -Dorf mit ärmlichen, im Wasser erbauten Hütten war zu sehen. Wir mußten -also einen Wagen nehmen. Und nun begann die Qual für uns. Sogleich -umringten uns halbnackte malayische und indische Kutscher und kreischten -uns in ihrer Muttersprache an, die uns nur wie eine Sammlung von -Keif- und Zischlauten klang. In ihren Bemühungen, uns ihr Gefährt -aufzunötigen, wurden sie sogar aufdringlich und frech. Was sollten wir -machen? Unser Bestreben war, so schnell als möglich fortzukommen. Nach -langer Unterhandlung mieteten wir endlich eine Droschke, bestiegen sie -und kamen bei Einbruch der Abenddämmerung in die Stadt. Wir stiegen ab, -gaben dem Kutscher den verabredeten Lohn und wollten schon weiter, -als dieser unverschämte Bursche lautschreiend das Vierfache des -Ausbedungenen verlangte. Wieso denn? fragten wir entrüstet, und der alte -Gauner, der mit einem Mal ganz gut Englisch sprechen konnte, erklärte -verschmitzt, daß sich der ausgemachte Preis für eine Person, nicht aber -für vier verstände. Wir wollten uns durchaus nicht schröpfen lassen -und machten energisch Anstalt, uns fortzubegeben, doch da hub er ein -so wüstes Geschrei an, daß im Umsehen unsere kleine Gesellschaft von -drohendem Gesindel umgeben war. Da eine Hilfe nirgends zu erblicken -war, so blieb uns nichts weiter übrig, als gute Miene zum bösen Spiel zu -machen und zu zahlen. - -Nachdem das Volk sich verlaufen hatte, verließen wir den Platz und -gingen eine ins Zentrum der Stadt führende Straße hinab. Eben bogen wir -um die Ecke -- und wie geblendet standen wir da! Soweit das Auge reichte --- ein Lichtmeer die ganze Stadt. Von Balkonen und Fenstern, von eigens -für dieses Fest hergerichteten Schaugerüsten, von Mauern und Masten, von -den Dächern sogar, kurz von überall her, wo sich nur irgendwie Lampen, -Laternen und Ballons hatten anbringen lassen, glühte es uns in allen -Farben entgegen. Auch die Bäume hatte man mit ganzen Sträußen farbiger -Laternen geschmückt, welche wie funkelnde Sternchen im Grünen auf uns -herableuchteten. Alles schwamm in Licht und es war uns zu Mute, als ob -wir durch einen Zauber plötzlich in ein lichtes Feenreich, wie wir es -aus den Märchen kennen, versetzt worden wären. Wirklich eine wahrhaft -himmlische Illumination! - -[Illustration: Straße in Singapore.] - -[Illustration: Verkaufsstand in Singapore.] - -Und nun die Straße selbst, welch ein Blick nach oben und überallhin! -Über sie hinweg hatte man in ihrer ganzen Länge und Breite aus roten und -weißen Tüchern eine sie überwölbende Decke ausgespannt, sodaß gleichsam -eine ungeheure lange farbige Festhalle gebildet war, die im Widerschein -von tausenden bunter Lichter erglänzte und prangte. Zu beiden Seiten zog -sich eine Menge von Schaugerüsten hin, deren Wände und Geländer man -mit prächtigen Teppichen ausgelegt hatte. Lustige Stücke wurden auf -den einen aufgeführt, auf anderen sahen feiertäglich geputzte Leute dem -vorbeiflutenden Menschenstrome zu und dort waren allerlei Gegenstände -zur Schau und zum Verkauf gestellt. Die Menschenmenge, die hier -zusammenfloß, war in der Tat bunt genug. Alle Völker Asiens schienen -sich hier ein Stelldichein gegeben zu haben: Chinesen, Javaner, Eurasier -u. a. m. Besonders fielen mir die Tamulen und Malayen wegen ihrer -farbigen Tracht in die Augen. Grelle Tücher hatten sie um ihren Leib -geschlungen, trugen aber sonst kein Kleidungsstück, sodaß sie halbnackt -in dem Menschengewirr dahinschritten. - -Bald waren wir mitten im Gewühl, aus allen Nebenstraßen und Gäßchen -strömte neuer Zufluß in die Hauptader, sodaß binnen kurzer Zeit das -Gedränge geradezu lebensgefährlich wurde. Ein Zurück gab es nicht mehr; -wohl oder übel mußten wir uns dem Strome überlassen. Wir kamen aber doch -dabei auf unsere Kosten, da wir reichliche Gelegenheit fanden, das Volk -in seinem Vergnügen und in seiner Festtagsstimmung zu beobachten. -Arg genug ging es allerdings dabei her. Hüben und drüben ein -ohrenzerreißender Lärm! Hier staute sich die Menge vor einer Bude, in -der komische Tänze aufgeführt wurden, dort umgab sie in dichtem Knäuel -ein Brettergerüst, auf dem eine bunt ausgeputzte Musikbande ihre -betäubenden Klänge ertönen ließ, und an anderen Stellen geberdete sie -sich derart toll, daß es uns schließlich nicht übelzunehmen war, wenn -wir so schnell als möglich aus diesem Treiben herauszukommen suchten. -Das gelang uns denn auch, wenn auch erst nach vieler Mühe. Aber wohin -gerieten wir?! Fast möchte ich sagen: vom Regen in die Traufe. Wir bogen -in eine Gasse ein und wurden nur zu bald inne, daß wir uns in anrüchiger -Gegend befanden. Sperrangelweit standen Tür und Fenster der Häuser -offen, und in allen Sprachen der Welt riefen aufgedonnerte und -geschminkte Mädchen die Vorbeigehenden an und suchten sie zum -Nähertreten zu bewegen. Leider, leider sah ich auch unter diesen elenden -Geschöpfen Kinder unseres Volkes, und so angenehm uns sonst der Anblick -einer Landsmännin ist, hier ward er zur wehen Qual. Ich erkundigte mich -nach vielen Einzelheiten dieser häßlichen Einrichtung und stellte vor -allem die Frage, woher es käme, daß Zugehörige unseres Reiches in -diesen von der Heimat so fernen Stätten des Lasters zu finden seien, und -erhielt darauf die bittere Antwort, daß diese Geschöpfe zum großen Teil -auf dem Wege des abscheulichen Mädchenhandels in diesen Sumpf gelangten. -Oft zögen sie aus dem Vaterland in gutem Glauben fort, in der Fremde -bessere und zwar durchaus anständige Stellen zu erhalten. Werden sie -dann eines Tages gewahr, wo sie sich befinden, so ist es gewöhnlich -schon zu spät, um dem sicheren Verderben zu entgehen. Was die -Nationalität anlangt, sollen hier leider unsere Landeskinder am meisten -vertreten sein, wieweit das zutrifft, weiß ich nicht; ich habe aber bei -oberflächlicher Betrachtung gesehen, daß so ziemlich alle mir bekannten -Völker Prostitutionsmaterial stellen. Auch waren alle Altersstufen -vertreten -- von 13jährigen Mädchen bis hinauf zu 50jährigen Alten. - -So hatte denn leider unsere so heitere Festesstimmung einen häßlichen -Nachgeschmack bekommen; wir hatten zu nichts mehr rechte Lust und -strebten dem Hafen zu. - -Auf dem Rückweg entdeckten wir ein japanisches Restaurant, wie man uns -sagte, das einzige in Singapore. Es gehört einem Japaner, der es in -Gemeinschaft mit seiner, gleichfalls aus Japan gebürtigen Frau leitet, -und gut leitet, wie uns die kurze Einkehr, die wir dort hielten, aufs -beste bewies. Wir tranken ein paar Flaschen Bier, unterhielten uns mit -den erfreuten Wirtsleuten in unserer Muttersprache und brachen dann zu -unserm Schiffe auf. An Bord angelangt, bemerkte einer von uns, daß ihm -sein Portemonnaie abhanden gekommen war, unwillkürlich faßten wir alle -in unsere Taschen -- und siehe da, auch ein zweiter unserer Kameraden -hatte einen Verlust zu beklagen, er vermißte seine wertvolle -Zigarrentasche. Offenbar waren beide Freunde im Gedränge das Opfer -geschickter Taschendiebe geworden. - -[Illustration: Jinrikisha in Singapore.] - -Am nächsten Morgen gingen wir wieder an Land, um den berühmten -»Botanischen Garten« von Singapore zu besichtigen. Er liegt jenseits der -Stadt und zwar in ziemlicher Entfernung von ihr. Auf dem Wege dorthin -sprachen wir in der Niederlage des reichen japanischen Kaufmannes -Mitsui vor, den ich bereits in meinen Reiseschilderungen über Hongkong -erwähnte. Sein Vertreter, Herr N., der uns von früher her befreundet -war, bot sich uns als Führer an und stellte uns seine Geschäftskutsche -zur Verfügung; leider aber war sie nicht groß genug, um uns alle -aufzunehmen. Wir sahen uns daher nach Mietsdroschken um, wohin wir aber -auch blickten, nirgends war eine aufzutreiben, sie waren längst bei dem -gesteigerten Verkehr dieser Festtage mit Beschlag belegt. Wir mußten -also etwas anderes ausfindig machen und mieteten mit Mühe und Not -endlich ein paar Rollstühle, setzten uns hinein, und heidi, ging es dem -Botanischen Garten zu. Schon waren wir eine Strecke gefahren, da -stellte sich ein neues Hindernis uns entgegen, diesmal in Gestalt von -Schutzleuten, die uns verboten, weiterzufahren, denn in kürzester -Zeit sollte Seine Hoheit vorbeikommen. Wir mußten uns also in das -Unvermeidliche fügen, stiegen aus, und nun verlangten die Kulis, obwohl -wir nur einen kleinen Teil der Strecke zurückgelegt hatten, den Betrag -für die ganze Fahrt. Aus Furcht vor einer Szene, wie wir sie bereits -früher erlebt, wollten wir schon zahlen, als unser mit den dortigen -Verhältnissen genau vertrauter Herr N. uns zu Hilfe kam. Seinen -Geldbeutel ziehend und eine Hand voll Münzen unter die Kulis werfend, -war eins. Gierig stürzten die Leute darüber her, wir aber wollten uns -dabei aus dem Staube machen, was uns jedoch nicht gelang, denn die Kerle -kamen uns nach und erhoben von neuem ihr Geschrei. Da aber machte Herr -N. kurzen Prozeß, nahm seinen Stock und teilte einige so tüchtige Hiebe -aus, daß das Gesindel endlich zurückblieb. Eine Weile gingen wir nun -zu Fuß und sahen uns das Treiben näher an. Auf beiden Seiten der Straße -bildete das Volk dicht gedrängt Spalier, lange Schutzmannsketten standen -davor, und den Damm hinunter fuhr in stetem Hin und Her die offizielle -Welt: Equipagen mit Beamten in großer Uniform, Offiziere mit Orden und -Bändern, festlich gekleidete Damen u. s. w. Die drückende Hitze machte -das Gehen bald unerträglich, wir nahmen daher von neuem ein paar -Rollstühle, erlebten aber damit nur eine zweite Auflage unseres -Reinfalls. Denn bald riefen die Schutzleute wieder: >Halt! Aussteigen!< --- und das Feilschen um das Fahrgeld mit den Kulis begann wieder. So -erging es uns noch ein paar Mal, bis wir uns trotz der großen Hitze -entschlossen, den Botanischen Garten zu Fuß zu erreichen. Und das Ziel -war noch stundenlang entfernt! Die Sonne brannte senkrecht auf unsere -Scheitel, der alle Glut förmlich aufsaugende Boden blendete den Blick, -der bei jedem Schritt hochaufwirbelnde aschenartige Staub vollendete die -Höllenqual. Zwar standen auf beiden Seiten der Straße Palmen und andere -tropische Gewächse, sie halfen aber gegen diese Backofenhitze so gut wie -garnichts. In Schweiß gebadet, die Kleidung von demselben durchtränkt -bei 45 Grad Celsius, kann man sich vorstellen, in welcher Verfassung wir -uns befanden. Uns wollten fast die Sinne schwinden, so standen wir eine -Weile still. Da mit einem Male hieß es: >Der Prinz von Wales kommt!< Und -wirklich, er kam in prächtigem Aufzuge angefahren, in schöner Kutsche -und umgeben von glänzendem Gefolge. Und dies Gefolge trug zumeist große -Uniform. In dieser Hitze schwere, goldgestickte Uniformen! Was mögen die -Armen gelitten haben, wo uns, die wir doch leicht gekleidet waren, der -Schweiß wie Wasser vom Körper rann! - -Wir ließen den Zug vorüber und machten uns wieder auf den Weg. Wir waren -ungefähr eine Stunde fortgeschritten und vor Mattigkeit und Abspannung -mehr tot als lebendig, als uns eine leere Droschke entgegenkam. Das -belebte unsere Sinne. Wir stürzten uns auf den Rosselenker und wurden -auch nach vieler Mühe mit ihm handelseinig. Endlich stiegen wir ein und -fuhren nun noch anderthalb Stunden in der brennenden Sonne dahin, bis -wir ans Ziel gelangten und mit unseren Freunden, die Dank der Umsicht -des Herrn N. alle Beschwerlichkeiten der Straßenabsperrung geschickt -umgangen hatten, wieder zusammentrafen. - -[Illustration: Kokospalme.] - -Von dem seinen großen Ruf durchaus rechtfertigenden Botanischen Garten, -der viele tropische Pflanzen enthält, kann ich nichts Besonderes -mitteilen. Ich bin ja kein Fachmann, und das geringe, was ich zu sagen -hätte, dürfte zur Genüge bekannt sein. Man weiß hinlänglich, daß sich -die Flora in den tropischen Ländern durch Schönheit, üppige Fülle und -Artenreichtum auszeichnet. Das eine nur möchte ich erwähnen, daß hier -neben den Pflanzen des indischen Kontinents auch die des indischen -Archipels zahlreich vertreten sind; namentlich fielen mir die vielen -Arten von Palmen und tropischen Fruchtbäumen auf. Einer von den -Aufsehern, ein sehr liebenswürdiger Mann, führte uns herum; für ein -Trinkgeld nicht unempfänglich, ließ er es bei der bloßen Führung nicht -bewenden, sondern gab uns auch dankenswerte Erläuterungen an der Hand -von Experimenten. So pflückte er eine Mangofrucht ab, hackte sie mit -seinem Knüttel in Stücke und erklärte uns die Frucht näher. Sie war noch -nicht reif, sah noch ganz grün aus und enthielt einen starken ätzenden -Saft, dessen bloße Berührung gefährlich war. Der Aufseher überreichte -mir auch einen kleinen Zweig von schönen tropischen Blumen, die ich mit -aufs Schiff nahm und später in gepreßtem Zustande nach Hause an meine -Kinder schickte. -- Im Garten sahen wir auch Zwinger, worin sich wilde -Tiere, z. B. Tiger, Riesenschlangen, Orang Utang u. a. m., befanden. - -Der Stolz des Botanischen Gartens ist aber die einzig in ihrer Art -dastehende Sammlung von Orchideen. Hunderte von seltenen Exemplaren -sind in ihr vereinigt, und der Gesamteindruck, den diese wunderbare -Farbenpracht auf das Auge macht, ist überwältigend schön. Unser -Reisegefährte, Herr Professor Takahashi, der sich hier als Botaniker -von Fach ganz in seinem Element befand, klärte uns über den hohen -Wert dieser Sammlung auf; in Japan, meinte er, wäre derartiges nicht -heranzuziehen und zu erhalten, weil unser Klima diesen Pflanzen -unzuträglich ist. Damit stand denn auch das in Einklang, was Herr N. -erzählte. »Aus Japan,« so berichtete er, »kommen oft Bestellungen -auf Orchideen. Namentlich hat es sich der bekannte Politiker und -Parteiführer Graf Okuma, der auch als Gartenfreund und Pflanzenzüchter -einen großen Namen hat, angelegen sein lassen, diese Pflanzen in unserer -Heimat einzubürgern, bisher aber leider mit nur geringem Erfolg. In den -weitaus meisten Fällen überdauern sie trotz sorgfältigster Pflege nicht -einmal den Transport und kommen welk am Bestimmungsort an.« - -Etwa zwei Stunden brachten wir im Botanischen Garten zu, ruhten unter -dem schattigen Dach der Palmen, der Mangos, der Bananen und Ananas eine -Weile aus und fuhren gegen Abend wieder in die Stadt zurück, wo wir samt -und sonders im größten Hôtel »Raffles« einkehrten. Die Nacht war schon -längst hereingebrochen, als wir unsern »König Albert« wieder erreichten. -Am nächsten Morgen fuhren wir dann ab. - -Einer von unserer japanischen Kolonie, Herr Professor Tanaka, blieb -in Singapore zurück. Als Berufsbotaniker wollte er auf kurze Zeit nach -Batavia fahren, um den dortigen Botanischen Garten, der jenen Singapores -noch übertreffen soll, zu besichtigen. - - - - -VII. - -Penang. - - -Über die Fahrt von Singapore nach Penang, die anderthalb Tage dauerte, -wüßte ich nichts Besonderes zu erwähnen, es sei denn, daß ich die -Qualen, die uns die furchtbare Hitze bereitete, näher ausmalte. Doch -will ich dies lieber unterlassen: soviel sei nur gesagt, daß der -Aufenthalt in der Kajüte eine Folter war. Viele entschlossen sich daher, -die Nacht auf Deck zuzubringen. Wir folgten indessen diesem Beispiel -nicht, weil der Temperaturunterschied während der Nacht so groß war, daß -die, die sich der kühlen Seeluft ausgesetzt hatten, empfindlich an ihrer -Gesundheit gestraft wurden. - -Anfänglich sollte der Aufenthalt in Penang nur sechs Stunden dauern; -da indessen unvorhergesehene große Ladung zu nehmen war, dehnte er sich -länger aus. Sobald wir in den Hafen einliefen, nahten sich schon von -allen Seiten die verschiedensten Frachtschiffe, um so schnell als -möglich ihre Ladung an Bord zu bringen. Hauptsächlich bestand diese -aus Tabakblättern. Wohl Hunderttausende von zusammengeschnürten Bündeln -wurden verladen. Mitten in der Ladung mußte aber eine Pause eintreten, -denn ein heftiges Gewitter entlud sich über uns. Unaufhörlich zuckte der -Blitz, rollte der Donner, und in Strömen goß der Regen nieder. Nachdem -sich das Gewitter verzogen hatte, wurde die Arbeit wieder aufgenommen -und fast die ganze Nacht hindurch fortgesetzt. Unglücklicherweise -befanden sich unsere Kajüten in unmittelbarer Nähe des Ladekrahns. Man -kann sich kaum eine Vorstellung von diesem Lärm machen. In einem fort -rollten die Fässer dahin, die Ketten rasselten mit lautem Getöse auf und -nieder, dazwischen das Hin- und Hergelaufe der Arbeiter, das Fluchen und -Kommandieren der Aufseher -- kurzum, ein ohrenbetäubender Lärm, der an -ein Schlafen, wenn auch nur auf ein Stündchen, nicht denken ließ. - -Am nächsten Tag, dem 24., war die Ladung beendigt und zur Mittagsstunde -konnten die Anker wieder gelichtet werden. Aller Gesichter heiterten -sich auf -- doch leider, leider nur auf kurze Zeit. Denn bald begann für -uns eine neue Qual. Es machte sich nämlich in allen Schiffsräumen ein -ganz eigentümlicher Geruch bemerkbar, der vermutlich von den zum Teil -durchnäßt verstauten Tabaksballen herrührte. Überall schlug einem -süßliche, widerliche Stockluft entgegen. Am Ärgsten war es im Eßsalon; -die Speisen wurden denn auch in vielen Fällen in Stich gelassen. Alles -flüchtete sich an Deck, aber auch nach dort verfolgte uns der Geruch. -Einigermaßen erträglich war der Aufenthalt nur auf dem Promenadendeck. -So verbrachten wir denn dort, auf Rohrstühlen lagernd, diesen und die -folgenden Tage. - -Der verlängerte Aufenthalt in Penang bot die Möglichkeit, an Land zu -gehen und die Stadt in Augenschein zu nehmen. Viele nahmen auch diese -Gelegenheit wahr. Wir Japaner aber zogen es nach der großen Abspannung, -die uns die schlaflos verbrachte Nacht bereitet hatte, vor, an Bord zu -bleiben. Und wir taten recht daran. Denn als unsere Mitreisenden von -ihrem Abstecher heimkehrten, bedauerten sie lebhaft, daß sie nicht -unserem Beispiel gefolgt wären. So hatten sie beispielsweise den großen -Wasserfall, der eine Sehenswürdigkeit Penangs bildet, nicht in Tätigkeit -sehen können, weil ihn die anhaltende Dürre der letzten Zeit fast ganz -ausgetrocknet hatte; was über die Katarakte hinunter rieselte, war nicht -der Rede wert gewesen. - -Soweit wäre der Aufenthalt in Penang nichts als eine Kette von -Unerquicklichkeiten gewesen -- doch halt! Nein, es war nicht ganz so -schlimm. Es gab auch lichte Seiten. Und dazu rechne ich das Fest, das -der Kapitän des »König Albert« zu Ehren des Königs gab, dessen Namen -unser Schiff trug. König Albert von Sachsen hatte am 23. seinen -Geburtstag, der festlich begangen werden sollte. Schon am frühen Morgen -wurde die sächsische Fahne gehißt. Am Abend sollte dann ein großes -Festmahl sein, darauf Illumination und Tanz auf dem Promenadendeck. -Das heraufziehende Gewitter machte indessen einen Strich durch dies -Programm; die Illumination sowie der Tanz mußten ganz ausfallen. Das -Festmahl fand aber statt und verlief in würdiger Weise. Küche und Keller -gaben ihr Bestes her, und in fröhlicher Stimmung sprachen alle den -Kunststücken unseres Hans Küchenmeisters zu. - - - - -VIII. - -Colombo. - - -[Illustration: Der Hafen von Colombo.] - -Die Fahrt von Penang bis Colombo war die bisher zweitlängste. Vom 24. -mittags bis zum 28., also dreieinhalb Tage, waren wir auf offener See. -Die Hitze hatte eher zu- als abgenommen, wozu dann noch die sich von Tag -zu Tag steigernde Unruhe des Meeres kam. Auch konnten wir nicht sofort -in den Hafen einlaufen, sei es, daß der Lotse nicht zeitig genug für uns -frei wurde, sei es, daß irgend ein anderer Grund vorlag -- genug, wir -mußten vor der Einfahrt vor Anker gehen und dort zwei Stunden liegen -bleiben. Wir ließen uns diese Verzögerung nicht verdrießen, sondern -betrachteten aufmerksamen Auges unsere Umgebung. Von allen Häfen des -chinesischen und indischen Meeres, die ich bisher gesehen habe, ist der -von Colombo unstreitig der schönste. Von Natur ist er nicht allzu gut -gelegen, deshalb hat Menschenhand nachhelfen müssen; und so sind denn -großartige Schutzanlagen geschaffen worden. Gewaltige Molen -- große -steinerne Dämme bekanntlich -- laufen eine weite Strecke ins Meer -hinein, und es ist ein herrlicher Anblick, wenn man sieht, wie Welle auf -Welle gegen den Damm hochaufspritzend anprallt oder mitunter auch wohl -über die blitzblanken Steine gischend dahinfegt. - -Der Blick auf Hafen und Stadt bietet ein wunderbares Panorama. Wie -mit Schiffen vollgepfropft breitet der Hafen sich aus. Kriegsschiffe, -Passagierdampfer, Kauffahrteischiffe aller Art und aller Nationen -ankern in buntem Durcheinander. Dazwischen schießen, den Hafenverkehr -vermittelnd, die einheimischen Dschunken. Und dahinter liegt dann -die Stadt! So malerisch gelegen ist wohl keine im indischen Archipel. -Terrassenartig steigt sie auf und wird von prächtigen Wäldern -eingesäumt. Es war wohl nicht zuviel gesagt, wenn man von Ceylon als dem -Paradies der Welt gesprochen hatte. - -[Illustration: Rathaus in Colombo mit Holländischem Turm.] - -[Illustration: Dagoba in Colombo.] - -Als nun unser Schiff endlich in den Hafen einlief, wiederholte sich das -nämliche Schauspiel wie bisher: von allen Seiten stießen unaufhörlich -kleinere Küstenschiffe auf uns zu, die eine schreiende Schar von -Händlern an Bord brachten. Jeder wollte den andern im Geschäftemachen -überbieten, und man braucht nicht erst auszumalen, welch' Konzert daraus -entstand. Auch an uns Japaner machten sich die Leute heran; wir ließen -uns aber nicht viel auf ihre Unterhandlungen ein. »Wir hätten keine -Zeit« sagten wir, »wir haben heute noch viel vor und wollen an Land!« -»An Land?« rief es da aus der Menge -- und siehe, ein Inder trat hervor -und bot sich uns als Führer an. Er radebrechte besser englisch als die -andern und betonte, daß er für uns wie geschaffen sei, da er selber -längere Zeit in Japan gewesen und schon des öfteren die Ehre gehabt -hätte, japanische Herren führen zu dürfen. »So?« fragten wir. »Gewiß!« -erwiderte er, »bitte, meine Herren, sehen Sie sich meine Papiere an,« -und damit überreichte er uns einen Stoß von losen Blättern. -Neugierig blickten wir hinein, fanden auch manch von japanischer Hand -geschriebenes Wort der Anerkennung darin, doch fehlten auch Warnungen -vor ihm nicht. Da uns aber der Mann keinen unüblen Eindruck machte, so -verpflichteten wir ihn nach einer Weile Feilschens für den ganzen Tag -und zwar für einen ziemlich hohen Preis. - -[Illustration: In der Altstadt von Colombo.] - -Wir fuhren also mit unserem Führer dem Lande zu, das wir in ungefähr -zehn Minuten erreichten. Sofort mieteten wir uns zwei elegante Wagen -und begaben uns zuerst in die innerhalb der Festungswerke gelegene -»Europäische Stadt«, die, wie der Name sagt, von Europäern und zwar -besonders von holländischen Abkömmlingen bewohnt wird. Die Häuser sind -in europäischem Stil erbaut, jedoch mit den Abänderungen, die das Klima -bedingt. Hier befinden sich die Regierungsgebäude, eine protestantische -und eine katholische Kirche, ein Militärhospital u. s. w. Dieser -europäische neue Stadtteil sowie die Festungswerke sollen von den -Holländern errichtet worden sein, welche sich seit der Mitte des -17. Jahrhunderts hier niederließen, nachdem sie die Portugiesen -vertrieben hatten. Nach ca. anderthalbhundert Jahren mußten aber die -Holländer den Engländern weichen. Jetzt wird die Insel Ceylon von einem -englischen Gouverneur verwaltet. - -[Illustration: »Japan!« »Japan«!] - -Wir fuhren aus den Festungswerken heraus und kamen damit in die -Altstadt, wo sich die portugiesischen und holländischen Mischlinge -- -die sogenannten Eurasier -- Singhalesen, Tamilen, Mohren, Malayen, Neger -u. a., niedergelassen haben. Die Straße, die wir hinabfuhren, war -zu beiden Seiten mit den hier wild wachsenden Brot-, Mango- und -Zimmetbäumen besetzt, auch an zu imposanter Höhe aufsteigenden Palmen -fehlte es nicht. Ebenso verschieden wie die Flora war aber auch das, was -der Mensch hier hingebaut hatte: die Häuser. Da gab es eine ganze Reihe -von Gebäuden, auf die der Name >Haus< wohl kaum paßte, Hütten waren's -und zwar oft der ärmlichsten Art. Daneben erhoben sich aber ansehnliche, -ja bisweilen prächtige Gebäude in europäischer Stilart. Die Besitzer -können sich den Luxus recht gut leisten. In der Mehrzahl sind es reiche -Engländer, die sich vom Geschäft zurückgezogen haben und nun ganz ihrer -Ruhe und Bequemlichkeit leben. Und sie haben entschieden einen guten -Geschmack. Ringsum nichts als Wiese, wogende Felder und Wald. Weiter und -weiter fuhren wir ins Land hinein, überall neue Pracht und neue Wunder. -Wie betäubt von all dem Herrlichen waren wir und wir glaubten, daß -dieses köstliche Fleckchen Erde frei von menschlicher Armut, von -menschlichem Elend sein müßte. Doch dem war nicht so. Die Eingeborenen, -die in dem schlechten Ruf stehen, Müßiggänger zu sein, schienen uns -davon einen Beweis geben zu wollen. Allenthalben kamen halbnackte -Kinder uns in den Weg gelaufen, hielten die Hand auf und schrieen -ununterbrochen: »Japan! Japan!« Einige von ihnen hielten auch Blumen -feil, aber selbst diesen kleinen Schelmen gegenüber war Vorsicht nötig. -Kaum hatten sie nämlich das Geld in Empfang genommen, als sie sich auch -aus dem Staube machten und zwar ohne uns die Blumen zurückzulassen. - -[Illustration] - -Die Eingeborenen sollen auch, wie dies ja von den Bewohnern der -heißen Zone bekannt ist, leidenschaftlich und genußsüchtig bis zur -Ausschweifung sein. Unsere Fahrt führte uns dann zum Buddhatempel, den -wir unter Führung eines Priesters besichtigen durften. Unsere ziemlich -hochgespannten Erwartungen wurden indessen wenig befriedigt. Der Tempel -bietet trotz seiner oft gerühmten Schönheit nichts Besonderes. Er soll -der Hauptsitz des Buddhismus sein; wir hatten uns daher auf ein Bauwerk -von hohem kulturhistorischen Interesse gefaßt gemacht, hatten gehofft, -einen von Kunstschätzen nur so strotzenden Tempelbau zu Gesicht zu -bekommen -- und statt dessen, was sahen wir? Ein Bauwerk in neuem und -nicht gerade schönem Stil. Die Wände im Innern waren mit grellbunten -Farben angestrichen und mit allerhand komischwirkenden Figuren bemalt. -Die Beleuchtung war schlecht; übelriechende und viel Rauch entwickelnde -Kerzen hellten bloß schwach das Dunkel auf. In der Hauptpagode befindet -sich das in Holz geschnitzte Bildnis des Buddha in liegender Stellung, -in den Seitenräumen sind allerlei Götzenbilder aufgestellt. Die Gemälde -an den Wänden stellen das Leben nach dem Tode vor, die Seelenwanderung, -wie die Buddhisten sie nach ihrer Lehre annehmen. Da sahen wir auf der -einen Seite die Hölle mit ihren teuflischen Gestalten, auf der andern -das Paradies mit den guten, frommen Menschen, die hier nach dem Tode ein -herrliches neues Leben führen dürfen. Hinter der Pagode, außerhalb des -Gebäudes, befindet sich ein Grabmal -- eine Dagoba -- worin Buddhas -Zähne oder sonstige Andenken an ihn begraben liegen sollen. Es ist -recht stimmungsvoll angelegt. Von einem wundervollen Blumenflor ist -es umgeben, und große Vasen, denen Weihrauch entströmt, stehen davor; -besonders fiel mir ein Tisch ins Auge, auf dem sich kleine, weiße und -äußerst wohlriechende Blüten in künstlerischer Anordnung befanden. Mein -Führer bedeutete mir, daß dies Blüten eines dem Buddha geweihten Baumes -seien, und glaubte seiner Hochachtung vor mir keinen besseren Ausdruck -geben zu können, als daß er mir eine dieser Blüten als Geschenk -überreichte. Mit Dank nahm ich dies Andenken an und habe es zusammen mit -anderen dieser Art meinen Lieben zugesandt. - -Rechts am Eingang zum Tempel stehen kleinere Gebäude, in welchen die -Bonzen wohnen; in ihrer Tracht gleichen sie ihren Brüdern in Japan, -nur tragen sie mit Vorliebe Gelb. Wo man sie sieht, halten sie einen -Rosenkranz in der Hand, auch sonst scheinen sie es mit ihrer Aufgabe -recht ernst zu nehmen; Beten und Fasten ist augenscheinlich ihre -Hauptbeschäftigung. Einen wohlgenährten Bonzen habe ich nicht bemerkt, -hingegen viele bleiche, hagere und hohläugige Gestalten. - -[Illustration: Fruchtladen in Colombo.] - -Daß aber dieser Ort nicht durchaus ernsten und weltabgewandten Dingen -geweiht ist, beweist das Vorhandensein einer ganz modernen Einrichtung: -es liegt nämlich ein Fremdenbuch aus. Selbstverständlich verewigten auch -wir uns darin und befolgten damit nur das, was vor uns viele Landsleute -getan hatten. Ein flüchtiges Durchblättern zeigte mir manchen Namen aus -meinem heimatlichen Freundeskreise. Das Fremdenbuch war denn auch für -mich das Interessanteste, alles übrige blieb weit hinter den Erwartungen -zurück. Ich hatte mir den Ort, der für die Lehre des Buddha soviel -bedeutet, denn doch etwas imposanter ausgemalt. In den Ländern, -die Buddhas Lehre weiter entwickelt und vervollkommnet haben, wie -beispielsweise bei uns in Japan, sind zweifelsohne großartigere Anlagen -dieser Art, als hier in Colombo. Allerdings muß ich hinzufügen, daß -das eigentliche buddistische Heiligtum Ceylons sich in Candy, der alten -Hauptstadt, befindet. Die Möglichkeit, dorthin zu gelangen, war uns -gegeben worden; unter den Reisenden hatte man nämlich eine Umfrage -gehalten, wer Candy besichtigen wolle. Da die Beteiligung groß war, so -ließ die Eisenbahnverwaltung einen Sonderzug abgehen; wir Japaner hatten -aber unsere Zeit bereits eingeteilt und standen deshalb zu gunsten -anderer Besichtigungen davon ab. Nachher hat uns aber diese -Nichtbeteiligung gereut. Denn das Heiligtum in Candy soll wirklich -von großer Bedeutung sein. Einer meiner Reisegefährten entwarf eine -begeisterte Schilderung davon. Auch befände sich dort die Ruine eines -alten, zerfallenen Buddhatempels und Palastes. Die Fahrt zu diesen -Heiligtümern soll unbeschreiblich schön sein, Mutter Natur soll hier -ihr Meisterwerk getan haben. Mein Berichterstatter, der sonst ziemlich -nüchtern war, war in Erinnerung an diese landschaftlichen Schönheiten -wie umgewandelt und Ausrufe wie »Wunderbar!« »Hochromantisch!« -unterbrachen in einem fort seine lebhafte Erzählung. - -[Illustration: Singhalese mit Bananen.] - -Die Besichtigung des Tempels hatte uns recht müde gemacht; wir hielten -es aber nicht mit den Bonzen: Fasten war für uns nichts! Wir begaben uns -vielmehr in ein Hôtel, das am Strand gelegen und europäisch eingerichtet -war. Wir hatten die salzigen Gerichte an Bord herzlich satt bekommen und -freuten uns, nun wieder etwas Frisches zu erhalten, sodaß wir uns daher -das Vorgesetzte doppelt gut schmecken ließen und tüchtig zulangten. -Hummern, Fische und Muscheln wurden mit vielem Appetit verzehrt; am -meisten sprachen wir aber den Früchten zu. Was für Früchte waren das -aber auch! In so üppiger Fülle und Form dürften sie wohl nur hier an -der Quelle gedeihen. Da wir diese Früchte zum ersten Male genossen, so -legten wir uns anfangs eine wohl begreifliche Vorsicht auf, doch mundete -uns diese Götterspeise so ausgezeichnet, daß wir bald unsere Vorsicht -sein ließen -- und es ist uns auch alles gut bekommen. Besonders -angenehm schmeckte eine Melonenart. Sie war groß wie ein ausgewachsener -Menschenkopf und ihr frisches, saftiges, gelbes Fleisch war wirklich -etwas für Feinschmecker. Es war daher kein Wunder, daß wie aus einem -Munde das Gelöbnis kam: »Wenn wir auf der Rückreise nirgends einkehren -sollten, hier, wo so edle Gewächse reifen, tun wir es gewiß!« Auch -die Bedienung war gut. Braune eingeborene Kellner verrichteten sie -zur vollsten Zufriedenheit; sie sahen in ihrem sauberen weißen Linnen -appetitlich aus, waren die Aufmerksamkeit selber und servierten flink -und geschickt. Aber es mußte dafür auch ein hohes Trinkgeld gegeben -werden, dessen Höhe auf der Speisekarte pro Person genau festgesetzt -war. Wir zahlten denn auch willig und begaben uns auf die Veranda, die -einen herrlichen Ausblick auf die See gewährte. Auf bequemen Lehnstühlen -pflegten wir dort der Ruhe. Was das Auge sah, war von Anfang bis zu -Ende eine entzückende Pracht. Bis an die See dehnte sich ein üppiger -Blumengarten aus, der hier und da von prächtigen Rasenflächen -unterbrochen wurde. Die Strandlandschaft gemahnte uns mit ihren -mächtigen Felsen, grünen Wäldern und all dem andern Schönen an die -japanische Küste, und so schweifte denn der freudetrunkene Blick des -Europafahrers weit hinüber über die Fluten, die soeben durchfurcht -worden waren, und sah die Heimat in sonnenhellem Glanze schimmern, sah -die Lieben daheim, und sacht schloß sich das Auge in seligem Traum. Doch -währte derselbe leider nicht lange, die Zeit mahnte zum Aufbruch. - -[Illustration: Landschaft bei Colombo.] - -Als wir aus dem Hôtel traten, kam uns ein Inder mit einem großen Korbe -voller Schlangen entgegen; er ließ seine Reptile zischen und nach der -Musik einer Flöte sich aus ihrem Korbe erheben, indem er sich erbot -uns für Geld weitere Kunststücke vorzuführen. Uns war aber der Anblick -dieser Tiere widerlich, wir wehrten deshalb entschieden ab, bestiegen -unsere Wagen und wandten uns der zweiten Nummer unseres Pensums zu: -Besichtigung des Hindutempels. Das Schönste an ihm ist sein Eingang, -der reich mit Holzschnitzerei verziert und in allen möglichen Farben -angestrichen ist. Leider entspricht das Innere nicht den Erwartungen. -Besonders Sehenswürdiges wüßte ich darin nicht anzuführen. Auch soll -dieser Bau mehr ein bloßer Versammlungsort als eigentlicher Tempel sein. -An den Besuch des Hindutempels schloß sich derjenige der Moschee, in der -die dem Mohamedanismus anhängenden Eingeborenen ihre Andacht abhalten. -Es ist ein erst in neuerer Zeit aufgeführtes Gebäude; das Äußere war so -einfach und schlicht wie nur möglich gehalten, und wir hatten wohl -nicht viel verloren, wenn uns, den Bekennern eines anderen Glaubens, die -Besichtigung des Innern vorenthalten wurde. - -[Illustration: Schlangenbeschwörer.] - -Wir fuhren daher weiter und kamen an dem sehr schönen sogenannten -»goldenen Garten« vorbei und sahen auf der rechten Seite einen reizenden -kleinen See liegen, welcher uns lebhaft an den Shinobazu no Ike in -Tokio erinnerte. Unterwegs fielen uns ganz sonderbare Gestalten auf. -Eingeborene, die auf das bunteste aufgeputzt waren und auf dem Kopf -gewaltige Hörner trugen. Wahre Teufelsfratzen! Sie stellten in der Tat -auch etwas Ähnliches dar. Nach Angabe unseres Führers waren es Leute, -die sich so für ein Fest, bei dem sie als »Teufelstänzer« mitwirken -sollten, zugerichtet hatten. - -[Illustration: Am See von Colombo.] - -[Illustration: Teufelstänzer in Colombo.] - -Bevor wir uns wieder zum Hafen zurückbegaben, berührten wir noch einmal -die Stadt und machten dort Einkäufe. Diese Gelegenheit gab uns einen -ungefähren Begriff von der großen wirtschaftlichen Produktivität -Ceylons. Was war da nicht alles zu sehen! Von den Edelsteinen werden -Rubine, Saphire, Topase etc. hier gewonnen; auch Bergkrystalle, -wasserhelle und rosenrote, Granaten, rote und braune, finden sich -hier. Dazu gesellen sich verschiedene Metalle wie Eisen, Zinn, Nickel, -Arsenik, Gold (zwar in geringer Menge) u. s. w. Ferner ist Colombo ein -Hauptstapelplatz für Hölzer, die nicht nur für den Bau von Häusern und -Schiffen, sondern auch, namentlich in ihren zarteren Arten, für feinere -Tischler- und Schnitzerarbeit sehr gesucht sind. Der Reichtum der Insel -an Gewürz, namentlich an Pfeffer und Zimmt, ist von altersher bekannt. -Sodann gehören der berühmte Ceylontee, Kaffeebohnen, Kokosöl und aus den -Fasern von Palmen gewonnenes Tauwerk zu den wichtigsten Ausfuhrartikeln; -auch kunstvolle Schnitzereien aus Elfenbein und Ebenholz, von denen -wir einige Stücke einkauften, findet man. Alle diese Waren sahen wir -in Hülle und Fülle in den vielen Läden aufgespeichert. Da sich indessen -unter den wertvollen Sachen, insbesondere unter den Edelsteinen, viele -Fälschungen befinden, so muß der Käufer sehr auf der Hut sein; auch -tut er gut, von vornherein mit einem hohen Aufschlag zu rechnen und die -unangenehme Kunst des Handelns tüchtig in Anwendung zu bringen. - -[Illustration: Tamule.] - -Das Straßenbild in Colombo ist äußerst bunt; da sieht man die Bonzen in -ihrem gelben Gewande, die Araber und Türken mit roter Kopfbedeckung, die -Eingeborenen, halbnackt, ein rotes, weißes oder anderes farbiges Tuch -um ihre Lenden gewickelt; dazu kommen noch die elegant angekleideten -Engländer, die Nachkommen der Holländer, der Portugiesen u. s. w. -- -Von den verschiedenen Klassen der Bevölkerung sind die Singhalesen -hauptsächlich Handwerker und Bediente, die Parsen fast ohne Ausnahme -Kaufleute, die Mohren Kleinhändler, die Malayen Soldaten, die Tamulen -Feld- und Gartenarbeiter. -- Ebenso mannigfaltig wie die Bevölkerung ist -auch die Verschiedenartigkeit der Mundarten; doch sind Singhalesisch und -Tamulisch die beiden herrschenden Sprachen. Holländisch ist schon -ganz ausgestorben, Englisch aber nimmt immer mehr zu und wird als -Umgangssprache von den meisten gebraucht und verstanden. - -[Illustration: Tamulin.] - -So waren wir nun mit der Besichtigung der Stadt fertig. Am Abend ruhten -wir im »Indischen Hôtel« dicht am Hafen aus und konnten von hier aus -das ganze weite Becken übersehen. Die soeben untergehende goldene Sonne -färbte mit ihrem Purpur die eine Hälfte des tiefblauen Himmels und des -weitausgestreckten Meeres. Wir erfrischten uns an einem Glase Exportbier -und kehrten erst spät in der Nacht zum »König Albert« zurück. - -Was uns in Colombo noch besonders interessierte, waren die von den -Engländern gefangenen Buren, welche in armseligen Hütten untergebracht -waren. Beim Vorüberfahren bemerkten wir, daß viele von diesen -Schwergeprüften in dürftiger Kleidung umhergingen. Ein wahres Bild des -Elends! Ein wehes, ach so unendlich wehes Gefühl beschlich uns. -Diese Helden, die an Tapferkeit, Vaterlandsliebe und Entsagung das -Menschenmöglichste geleistet hatten, nun hier, fern von der über alles -geliebten Heimat, in der Verbannung, in der Fremde, im Elend! In regem -Mitgefühl grüßten wir hinüber und unser stiller Wunsch war, daß ihrer -Sache doch noch der Sieg beschieden sein möge, ein Wunsch, der, wie die -weiteren Ereignisse gelehrt haben, leider ein frommer geblieben ist. - -Doch waren die Buren nicht allein. Sie hatten noch einen -Schicksalsgefährten: den Egypter Arabi Pascha, den bekannten Führer des -von den Engländern unterdrückten Aufstandes von 1881. Wir hörten jedoch, -daß man die Absicht habe, ihn in kurzer Zeit freizulassen, da er bei den -inzwischen veränderten Verhältnissen der Regierung nicht mehr gefährlich -sein würde. - -Leider war unsere Zeit für die weitere Besichtigung von Ceylon zu -kurz bemessen, doch hatten wir von diesem einen Tag genug, denn die -erstickend heiße Luft wirkte so erschlaffend auf uns, daß wir froh -waren, diesen Tag endlich glücklich überstanden zu haben. Auch die -elend aussehenden Eingeborenen, die Art und Weise ihres Lebens u. s. w. -wollten uns nicht besonders imponieren. Zwar hatten wir hier manche -Naturschönheiten gesehen, aber die Ansicht derjenigen, welche uns gesagt -hatten, daß diese Insel als Paradies der Welt zu betrachten sei, konnte -ich leider nicht teilen, zur Bewahrheitung eines solchen Ausspruches -gehört doch noch etwas mehr! - -[Illustration] - - - - -IX. - -Aden. - - -Nachdem wir noch eine Nacht vor Colombo gelegen hatten, verließ unser -»König Albert« den Hafen und setzte die Reise fort. Jetzt kam die -längste Tour. Unsere Freude war daher groß, als am sechsten Tage der Ruf -erscholl: »Land in Sicht!« Schon beim Verlassen des Hafens am 29. April -vormittags 9 Uhr war das Meer unruhig und zeigte einen ziemlich hohen -Wellengang; bei wolkenlosem Himmel blies der Wind so stark, daß das -Schiff bald auf die rechte, bald auf die linke Seite geschleudert wurde. -Am folgenden Tage war es noch schlimmer; der Dampfer ging abwechselnd -vorn und hinten hoch wie ein Schaukelbrett, ab und zu schlug eine Welle -über das Vorderdeck hinweg. Der Gischt sprang weit über unsere Köpfe und -das unheimliche dumpfe Dröhnen und Klirren der Schiffsschrauben mischte -sich in das Tosen der Elemente. Mit bedenklichen Gesichtern standen -die Offiziere auf dem Deck. Eine Zeit schwerer Arbeiten begann für -die Mannschaften. Wir nahmen Zuflucht in unsere Kajüte. Manche -Reisegefährten zeigten recht blasse Gesichter, und die Unterhaltung -wollte nicht recht in Fluß geraten. Die Mittagstafel im Speisesaal wies -bedenkliche Lücken auf; von unserer Kolonie waren nur zwei vertreten. -Wie uns der Offizier mitteilte, war das Unwetter auf einen heftigen -Sturm zurückzuführen, der einige Tage vorher hier gewütet hatte. Doch -unser seetüchtiger »König Albert« arbeitete rastlos weiter, durchschnitt -stampfend mit unwiderstehlicher Kraft die drohenden Wogen, bis wir -endlich am 3. Mai die Insel Sokotra erreichten, an der wir nördlich -vorüberfuhren. Noch immer stürzten die Wogen mit hohen Kämmen über -die Wasserfläche dahin, aber die eigentliche Kraft des Sturmes war -gebrochen. Die Hitze hatte bedeutend nachgelassen, ja, es herrschte eine -ganz angenehme Temperatur. Fliegende Fische schnellten aus dem Wasser -empor und durchschnitten in schönem Bogen die Luft; einige von ihnen -fielen auf das Verdeck nieder, und der dicke Hans Küchenmeister fing sie -als willkommene Beute schmunzelnd auf. - -Im Laufe des Tages beruhigte sich die See vollständig und nur kleine -Wellen kräuselten ihre Oberfläche. Es wurde Abend. Die Sonne neigte sich -zum Untergang und warf ihre Strahlen glühend ins Meer. Weit und breit -herrschte die tiefste Stille; nur das leise Geräusch der Wogen, die vom -Winde spielend hin und her bewegt wurden, war hörbar. Da -- welch ein -großartiges Schauspiel! -- steigt aus den feuchten Dünsten, gerade der -Sonne gegenüber, leise der liebliche Vollmond herauf. Anfangs erblickt -man nur den oberen Rand der Mondscheibe, dann wächst sie langsam, -fortwährend ihre Gestalt verändernd und immer neue Schönheiten -entfaltend, zu einem ungeheuer groß erscheinenden Halbkreis an. Jetzt -wird sie in ihrer ganzen Größe, in ihrem vollen Glanze sichtbar und -sendet ihre Strahlen auf die krystallenen Wellen, sodaß diese von einer -Seite wie mit Silber überschüttet schienen, während sie auf der andern -Seite von den purpurnen Strahlen der untergehenden Sonne wie fließendes -Gold glitzerten. Die ungeheure Wasserfläche, in deren Mitte wir uns -befanden, erscheint, so weit das Auge reicht, in einer Breite von -tausend und abertausend Meilen mit Millionen und Millionen funkelnder -Brillanten und Perlen übersäet. Und auf beiden Seiten des so wunderbar -beleuchteten, unendlich breiten Meeres die beiden herrlichen, teils -auf-, teils niedersteigenden Kugeln -- was hätte uns ergreifender sein -können als diese Offenbarung der wunderwirkenden Kraft der Natur! -Bald senkt sich die Sonne auf das Meer herab, um schließlich ganz -unterzutauchen. Nur einzelne ihrer Strahlen und die herrliche -Beleuchtung des Himmels zeigen an, wo sie sich befindet. Eine Zeitlang -liegt der Wasserspiegel noch in stillem Dämmerlicht, bis auch dieses -verschwindet und die Nacht ihre dunklen Schatten ausbreitet. - -Es ist unmöglich, dieses erhabene Schauspiel der Natur in Worten -erschöpfend auszudrücken und ich hätte in diesem Augenblick gewünscht, -Dichter und Maler zugleich zu sein. In seliger Wonne ließ ich meine -Blicke bald auf das unendliche Meer, bald auf das weite Firmament -schweifen und konnte mich nicht satt sehen an diesem Bilde herrlicher -Gottesnatur -- lange, lange stand ich träumend noch an Bord. -- Damals -hatte ich auch das Glück, das Südliche Kreuz bewundern zu können, -welches an dem nächtlichen Himmel der Tropen allgemein als eins der -schönsten Sternenbilder bekannt ist. Wegen der hohen Durchsichtigkeit -der Tropenluft erscheint es viel größer und heller mit ruhigem -planetarischem Licht. - -[Illustration: Am Hafen von Aden.] - -Unser Schiff arbeitete sich weiter und weiter und brachte uns am 5. Mai -nach Aden. Wir sahen schon von weitem den gigantischen Leuchtturm, der, -mitten im Meere stehend, den brandenden Fluten und den Angriffen von -Wind und Wetter Trotz bietet -- ein Triumph der Baukunst! Nichts ist -erquickender, als der Anblick eines solchen Turmes, wenn man nach -mehrtägiger Fahrt über eine salzige Meereswüste, wo man nichts weiter -sieht als Wasser, endlich den Hafen erblickt und des freundlichen weit -hinaus strahlenden Lichtes gewahr wird. Der Hafen liegt am Südostende -der Halbinsel und ist geräumig genug, um ganze Flotten zu bergen. Unser -»König Albert« lief geradenwegs in ihn ein, und so konnten wir nun von -Bord aus die englische Seestadt und Festung in Augenschein nehmen. Sie -liegt auf einem ziemlich hohen, kahlen und wild zerklüfteten Felsblock, -dessen obere Kante wie ein Zickzack ausgeschnitten erscheint. In seiner -rötlich braunen Farbe bietet er aber dem Auge nichts Erquickendes -dar; kein Baum, kein Strauch ist zu sehen, welcher diesem öden Felsen -Schatten geben könnte. Nur in einzelnen Felsspalten ein spärlicher, -halbdürrer Graswuchs -- sonst keine Spur einer Pflanzen-, noch weniger -einer Tierwelt. Um so reicher ist das Meer damit ausgestattet. Die -ganze Küste ist dicht bewachsen mit langen Schlingalgen, die von der -Oberfläche des Wassers bis in eine enorme Tiefe hinabreichen. Diese -Pflanze, die für die herannahenden Fahrzeuge natürlich eine große Gefahr -bildet, ist für das arme Land eine Wohltat infolge der zahllosen Tiere, -besonders Fischarten, die zwischen den Blättern dieser Schlinggewächse -leben. Auf diese Weise hat die Natur in reichlichem Maße das ersetzt, -was dem Lande gänzlich abgeht. Sonst wäre es kaum begreiflich, wie -dieses Fleckchen Erde seit altersher in sich hat menschliches Leben -bergen können. - -[Illustration: Cisternen von Aden.] - -Von den Passagieren begaben sich nur wenige an Land; auch wir zogen es -vor, an Bord zu bleiben. Von einigen der ersteren hörten wir später, daß -wirklich nichts Sehenswürdiges auf dem Felsblock zu finden sei, es gäbe -dort nur einige Kohlenmagazine, Werften und Faktoreien. Das einzige, das -ihr Interesse erregt hätte, seien die Wasserbehälter. Man hat nämlich, -da es sehr schwer ist, auf dem Felsen Brunnenbauten vorzunehmen -- es -soll allerdings ca. fünfzig Brunnen geben, die sehr tief in den Fels -eingehauen sind -- mehrere große Wasserreservoirs angelegt, um das vom -Gebirge herabströmende Regenwasser aufzufangen. Dies wird dann durch -Röhrenleitungen an die Verbrauchsstelle befördert und somit ist dem -großen Übelstand, dem Mangel an Trinkwasser, hinreichend Abhilfe getan. -Der Regen tritt hier zwar nicht sehr oft auf, jedoch wenn er kommt, -fällt er in ungeheuren Mengen und großen Tropfen nieder. - -Wenngleich hier keine Landesprodukte gewonnen werden und demgemäß von -Handel überhaupt kaum gesprochen werden kann, so ist diese Stadt doch -wegen ihrer günstigen Lage von altersher kein unwichtiger Punkt gewesen. -Aber erst in neuerer Zeit, seitdem die Engländer sie durch Gewalt -in ihre Hände gebracht und den ohnehin von der Natur zu einer -uneinnehmbaren Feste geschaffenen Fels noch stärker befestigt und die -Stadt zum Freihafen erklärt haben, ist sie sowohl in kommerzieller als -auch in politischer Hinsicht von großer Bedeutung geworden. Sie bildet -jetzt für England ein Bindeglied mit Ostasien und Ostafrika. Seit der -Eröffnung des Suezkanals hat sie noch mehr an Bedeutung gewonnen. Der -ungeheure Bedarf an Steinkohlen für die hier passierenden Schiffe wird -allein von dieser Stadt gedeckt. So beherrscht jetzt England durch -Aden die Einfahrt vom Indischen Ozean in das Rote und hiermit in -das Mittelländische Meer, wie es durch Gibraltar die Einfahrt vom -Atlantischen Ozean in das Mittelländische Meer beherrscht. Mit Recht -nennt man daher Aden das Gibraltar des Orients. - -[Illustration: Vor Aden.] - -Unter den Bewohnern -- überwiegend mohamedanische Hindus -- herrschen -sehr viele ansteckende Krankheiten, weshalb man uns vorher schon davor -gewarnt hatte, von den an Bord kommenden Kaufleuten Zigarren, Kuchen -u. dergl. zu kaufen. Selbst durch diese sollen, wie ich hörte, -Krankheitskeime verbreitet werden; inwieweit hier eine Ansteckungsgefahr -vorliegt, kann ich aber nicht beurteilen. Jedenfalls hatten die in -Aden ansässigen Hindus und Araber, die an Bord kamen, zum Teil ein -schrecklich elendes Aussehen; nicht wenige waren mit Narben, Beulen und -Geschwüren behaftet, so daß wir den größten Ekel vor ihnen empfanden -und schon aus diesem Grunde auf die von ihnen angebotenen Waren -verzichteten. Drollig war es, die dunkelhäutigen Knaben zu beobachten, -die in winzigen Kähnen unser Schiff umkreisten und nach Silbermünzen im -Wasser tauchten. An diesem nicht gerade sehr genußreichen Ort hielt -sich unser Schiff Gott sei Dank nur etwa fünf bis sechs Stunden auf; die -Abfahrt in das Rote Meer erfolgte den 5. Mai mittags. - -Ich muß hier bemerken, daß ich in Aden einen Brief von meinem lieben -Freunde, Herrn Professor Jamaguchi, aus Leipzig erhielt. Er war ein -halbes Jahr vor mir nach Deutschland abgereist und hatte öfters über -seine Reise Interessantes nach Japan berichtet, auch hatte er mir für -meine Reiseausrüstung verschiedene Winke gegeben, aus denen ich viel -praktischen Nutzen gezogen habe. Ebenso hatte er mir in betreff -der Reise und der während der Fahrt zu besichtigenden Städte und -Sehenswürdigkeiten vieles geschrieben, was mir sehr nützlich geworden -ist, wofür ich ihm sehr dankbar bin. Der Brief war vom 17. April datiert -und der erste, den ich während meiner Fahrt erhielt. Wie groß meine -Freude über denselben war, kann man sich leicht denken. Als mein -Stubensteward ihn mir auf einem Tablett in die Kajüte brachte, streckte -ich schnell meine Hand nach ihm aus, erbrach ihn in Hast und verschlang -förmlich seinen Inhalt, welcher im wesentlichen folgender war: - -»Deinen letzten Brief vom 10. März habe ich richtig erhalten. Ich ersehe -daraus, daß Du am 6. April von Japan abgefahren bist und freue -mich ungemein, daß uns endlich ein fröhliches Wiedersehen in nicht -allzulanger Zeit vergönnt ist. Diesen Brief schicke ich Dir durch den -deutschen Postdampfer »Sachsen« nach Aden, adressiert an Dich an Bord -des »König Albert«. Du wirst wohl Langeweile auf dem Indischen Ozean -gehabt haben, ebenso wie ich. Hoffentlich ist die Fahrt eine ruhige -gewesen und Dir nichts passiert. Wir hatten eine schwere Überfahrt, denn -schon in der Nähe von Hongkong war das Meer sehr bewegt. Ein Gewitter -mit Sturm und Regen hatte sich erhoben, sodaß der Tisch beim Essen einen -Holzrahmen erhalten mußte, um durch diesen das Herunterfallen der Teller -zu verhüten. Sonst ging mir's auf dem Meere gut. In Aden wirst Du wohl -nicht lange bleiben; auch ich hatte dort keine Zeit, an Land zu gehen. -Von Aden wirst Du am Babelmandeb vorbei ins Rote Meer hineinfahren; da -werden die Wogen höher gehen und das Schiff stark hin und her werfen, -doch was können sie einem Schiffe wie »König Albert« anhaben? Im Roten -Meere wirst Du Schwärme von Delphinen und Springfischen bewundern -können. Jene wälzen sich wie dicke Fleischklumpen auf dem Wasser, -während diese wie weiße Pfeile darüber hinschnellen. Am 8. Mai etwa -wirst Du in Suez ankommen. Dieser Hafen ist, wie Du wohl weißt, der -Eingang nach Europa. Als ich in Suez anlangte, kamen zwei Ärzte an Bord, -darunter eine Dame, die von den Passagieren mit unverhohlenem Interesse -betrachtet wurde. Sämtliche Passagiere ohne Ausnahme mußten sich einer -Untersuchung unterziehen. - -»Nun will ich Dir mitteilen, wie ich und meine Landsleute uns hier -eingerichtet haben. Ich hatte mich, wie ich Dir schon schrieb, seit -November vorigen Jahres in Berlin niedergelassen. Da ich aber dem Leben -in einer Großstadt die Stille und Ruhe vorziehe, war ich bald nach -Eberswalde übergesiedelt, einem von schönen Wäldern umrahmten Ort, der -von Berlin per Bahn in 45 Minuten zu erreichen ist. Jede Woche fuhr ich -viermal nach Berlin, um Colleg zu hören. Im Februar dieses Jahres jedoch -erhielt ich das Verzeichnis aller deutschen Universitäten und ersah -daraus, daß die Universität Leipzig Berlin an Lehrkräften -- besonders -was meine Fächer anbetrifft -- überflügelt, und so habe ich mich nach -vorangegangener Einholung der Erlaubnis unseres Kultusministeriums in -Leipzig niedergelassen. Wie ich aus Deinem Briefe ersehen habe, willst -Du vorläufig in Berlin bleiben und dort die Lehranstalten besichtigen. -Ich möchte Dir aber hiermit gleich im voraus mitteilen, daß diese -Besichtigung mit manchen Schwierigkeiten verknüpft ist. Du mußt nämlich -bei dem Kaiserlich Japanischen Gesandten in Berlin ein Schreiben -einreichen, mit Angabe der zu besichtigenden Schulen und der Bitte um -einen Erlaubnisschein. Dieses Schreiben wird von unserm Gesandten an -den preußischen Minister des Äußern gesandt und von diesem zum -Kultusminister. Die Genehmigung wird von diesem durch ein Dokument -erteilt, welches wieder denselben Weg rückwärts macht, um in Deine -Hände zu gelangen. Dieses umständliche Verfahren nimmt mehrere Wochen -in Anspruch; bei mir hat es sogar acht Wochen gedauert. Ich konnte diese -allzulange Zeit nicht abwarten und bat daher direkt den Kultusminister -um Erlaubnis, erhielt jedoch die Antwort, daß ich den vorgeschriebenen -Weg durch die Gesandtschaft innehalten müsse. Wenn Du also die Schulen -in Preußen besichtigen willst, so schlage diesen vorgezeichneten Weg -gleich nach Deiner Ankunft in Berlin ein. Die Zwischenzeit kannst Du -der Besichtigung der Sehenswürdigkeiten Berlins widmen oder bei mir in -Sachsen zubringen. In Sachsen ist der Besuch der Schulen ebenso wie in -Bayern und Österreich ohne weitere Umstände gestattet. - -»Was die Universitäten anbetrifft, so ist meiner Ansicht nach die -hiesige auch für Dich viel geeigneter. Die uns interessierenden Fächer -sind hier besser vertreten und die Einrichtung des hiesigen -Seminars scheint mir den Vorzug zu verdienen. Auch hat Leipzig eine -Handelsakademie und spielt überhaupt als Industriestadt und als Zentrale -des Buchhandels eine große Rolle. Das Studium der fremden Sprachen wird -hier sehr eifrig betrieben und Du kannst hier auch auf diesem Gebiet -Deinen Erfahrungskreis vergrößern. Komm also doch zu mir herüber nach -Leipzig! - -»Herrn Legationskanzler Ro, Deinen alten Bekannten aus Deiner Schule, -habe ich gebeten, daß er sich für Dich, sobald Du in Berlin angekommen -bist, um Wohnung u. s. w. bemühen und Dir mit Rat und Tat zur Seite -stehen möchte. Von Genua, wo Du Dein Schiff verlassen wirst, depeschiere -doch gleich an ihn; er wird Dich dann in Berlin auf dem Anhalter Bahnhof -erwarten und abholen. Alles andere findet sich dann von selbst und Du -kannst Dich getrost seiner Führung überlassen. - -»Nun zum Schluß habe ich Dir noch etwas recht Trauriges mitzuteilen, -nämlich, daß unser verehrungswürdiger Freund, Herr Professor Tachibana, -am 23. März von Berlin nach Japan abgereist ist, leider aber wegen -Krankheit. Er hat sich nämlich im Dezember vorigen Jahres eine Erkältung -zugezogen und seitdem fieberte er sehr stark. Es stellte sich heraus, -daß er an Lungenschwindsucht leidet, und da gerade zwei Landsleute, -beide Ärzte, nach Japan zurückkehrten, so schloß er sich diesen an und -schiffte sich mit ihnen in Antwerpen auf einem japanischen Dampfer ein. -Diesem Dampfer »Hitachimaru« wirst Du wohl in Colombo oder in der Nähe -davon auf dem Meere begegnet sein. Was Professor Tachibana in England, -Frankreich, Deutschland und Österreich besichtigt hat, habe ich in -seinem Auftrage für Dich notiert und werde es Dir später mitteilen. - -»Herr Professor Haga hat sich seit Anfang April ebenfalls eine -starke Erkältung zugezogen; wir wollen wünschen, daß es nur etwas -Vorübergehendes ist. Herrn Professor Fujishiro geht es sehr gut. - -»In Leipzig sind augenblicklich viele Deiner Freunde zu Studienzwecken -anwesend; das Leben ist hier wirklich sehr interessant. Den nächsten -Brief von mir wirst Du wohl in Suez oder Port Said erhalten.« - -Die Freude über diesen Brief war groß, nur barg er einen Wermutstropfen -in sich: die Nachricht von der schlimmen Erkrankung meines teuren -Freundes und Kollegen Tachibana. Es war zwischen uns ausgemacht worden, -daß er mich in Deutschland erwarten sollte, um von mir gewissermaßen -abgelöst zu werden. Diese Nachricht war daher eine große Enttäuschung -und ein harter Schlag für mich. Eine dunkle Ahnung stieg in mir auf, -daß wir uns vielleicht nicht mehr wiedersehen würden. Hätte ich doch in -Colombo oder auf dem Meere auf einen japanischen Dampfer geachtet, ich -hätte ihn dann vielleicht noch sehen oder sprechen können! Ich hegte -damals den innigen Wunsch, daß Gott ihm seine Gesundheit wiedergeben -möchte, auf daß er, von der Fahrt gekräftigt, seine Lieben in der Heimat -umarmen könnte, ein Wunsch, der, wie ich später erfuhr, leider nicht in -Erfüllung gehen sollte. - - - - -X. - -Suez und der Suez-Kanal. - - -[Illustration] - -Das Rote Meer! Der Name schon hatte uns ein Grauen eingeflößt, und -mit seltsamen Erwartungen waren wir dieser unheimlichen Fahrt -entgegengegangen. Man hatte uns nämlich gesagt, daß die Hitze -hier außerordentlich groß sei, daß das Wasser dieses Meeres in den -Wintermonaten über 26° C. habe und daß in der heißesten Periode die -Temperatur des Meeres und der Luft die Blutwärme übersteige, sodaß -die Postdampfer zur Umkehr genötigt seien u. s. w. u. s. w., alles -Nachrichten, die unserm Ohr nicht gerade angenehm klangen. Ich hatte -anfangs geglaubt, daß die Hitze hier nicht größer als in Penang und -Singapore sein könnte, zumal das Meer viel weiter vom Äquator entfernt -ist. Da es aber in der Mitte der beiden Feuerbecken, der arabischen und -der afrikanischen Wüste liegt, so scheint die Entfernung vom Äquator -keine besondere Rolle zu spielen. Wir waren also auf einen harten Kampf -mit nassen wie mit sengenden Elementen gefaßt und fuhren beklommenen -Mutes durch die breite Meerenge des Babelmandeb oder des Tores der -Tränen -- »O, sie führt ihren Namen mit Recht,« dachten wir bei unserer -jetzigen Stimmung -- in das Rote Meer hinein. - -Wir konnten daher von Glück sagen, daß wir während der ganzen Fahrt, die -volle vier Tage in Anspruch nahm, immer schönes Wetter hatten, daß das -Meer infolgedessen so ruhig und spiegelglatt war, wie es nur selten der -Fall sein soll. Die so sehr gefürchtete Hitze war auch erträglicher -als sonst und lange nicht so schlimm, wie man vermutet hatte. Zuerst -passierten wir einige Felseninseln, welche einen schönen Anblick -darboten und eine angenehme Abwechselung auf der eintönigen Wasserfahrt -bildeten. Sonst gab es nichts besonders Erwähnenswertes; es war immer -die alte Langeweile und die gewohnte Tagesordnung: essen, trinken, -Mittagsschläfchen halten, auf dem Deck auf- und niedergehen, der -Wellenbewegung zusehen und ins Meer hinausschauen, plaudern, gähnen -u. s. w. Eine von den Unterhaltungen möchte ich hier anführen, die sich -von den mancherlei unsinnigen und albernen vorteilhaft unterschied, -nämlich die Frage, woher der Name des »roten« Meeres stamme. Einige -meinten in dem Worte »rot« die Bedeutung des Unheimlichen, drückend -Heißen zu finden; andere suchten den Namen historisch zu erklären, indem -sie sagten, die mit Blut getränkten Krieger der Pharaonen hätten sich -hier gebadet, sodaß das ganze Meer davon rot geworden sei; wieder andere -meinten, daß das Wasser des Meeres von dem rötlichen heißen Sande der -Ufer eine rötliche Färbung erhalte und daß der Name daher stamme. Wie -uns aber von den vielgereisten Schiffsoffizieren mitgeteilt wurde, hat -das Meer selbst eine sehr reine blaue Farbe, die aber des salzreichen -Küstenwassers wegen bei tiefem Stand der Sonne gelbrot erschiene. -Überdies sollen hier auch die aus rötlichen Fäden bestehenden Algen -so massenhaft auftreten, daß sie oft die oberen Schichten des Wassers -bedecken und zur Ebbezeit als schleimige blutrote Masse am Ufer einen -breiten roten Saum bilden. Wir alle stimmten dieser Auslegung als der -wahrscheinlichsten bei -- vielleicht könnte in der Tat das Meer davon -seinen Namen erhalten haben. - -Um die Langeweile zu vertreiben, wurde während der Fahrt ein großes -Tanzvergnügen veranstaltet. Zu diesem Zweck wurde das Promenadendeck mit -Fahnen aller Nationen ausgeschmückt und mit bunten elektrischen Lampen -schön erleuchtet. Nach dem Abendessen fanden sich alle Herren und Damen -in Balltoilette in diesem improvisierten Tanzsaale ein und nach den -Klängen der Schiffskapelle wurde bis spät in die Nacht hinein getanzt. - -Am 7. Mai, also kurz nach diesem Fest, fand ein anderes statt und zwar -ein Wohltätigkeitsfest, dessen Reinertrag für verunglückte Seeleute des ->Norddeutschen Lloyd< oder deren Hinterbliebene bestimmt war. Auf jeder -Fahrt wird ein solches Fest veranstaltet, und die Einnahmen sollen nicht -unbedeutend sein. An diesem Abend wurden von verschiedenen Passagieren, -Damen und Herren, Vorträge aller Art gehalten, womit sie die Anwesenden -prächtig unterhielten, sodaß beim Einsammeln die freiwilligen Gaben -reichlich flossen. Auch dieses Fest währte bis spät in die Nacht hinein -und es war schon früher Morgen, als sich die Teilnehmer ermüdet in ihre -Kajüten zurückzogen. - -Mit der Fahrt auf dem Roten Meer war Gott sei Dank das schlimmste -überstanden und wir kamen am 9. Mai vormittags um 3 Uhr wohlbehalten in -Suez an, wo gleich mit Anbruch des Tages Ärzte an Bord stiegen, um die -Passagiere zu untersuchen; es sollten nämlich während unserer Fahrt -in Ostasien Seuchen ausgebrochen sein. Die Untersuchung geschah auf -folgende Weise: wir Passagiere mußten uns alle zunächst im Eßsalon -versammeln; dann mußten wir, nachdem die Namen einzeln aufgerufen -worden waren, an den Ärzten, die sich an einer Seite aufgestellt hatten, -vorbeigehen. Soviel ich davon verstehe, hatte diese ganze Besichtigung -wenig Wert; denn wie kann ein Arzt durch einen Blick beurteilen, ob -jemand ansteckende Krankheitskeime in sich trägt oder nicht. Nur -ein Passagier, der ein bißchen blaß aussah und seit einigen Tagen an -Dysenterie litt, wurde gefragt, was ihm fehle, sonst niemand. In wenigen -Minuten war die ganze Angelegenheit erledigt. Da uns das Landen wegen -des kurzen Aufenthaltes nicht gestattet wurde, so konnten wir eine -Besichtigung des Ortes nicht vornehmen und mußten uns damit begnügen, -von Bord aus Umschau zu halten. Wir blieben bis 11 Uhr hier liegen und -setzten um ¼12 Uhr unsere Fahrt durch den Suezkanal fort. - -[Illustration: Eingeborenen-Barke vor Suez.] - -Die Hafenstadt Suez liegt bekanntlich am Ausgang des berühmten Kanals, -den der große Franzose Lesseps mit unendlichen Mühen zustande gebracht -hat. Der Blick auf diesen Kanal gehört mit zu dem Interessantesten, was -wir auf der ganzen Fahrt erlebt haben. Der Kanal ist 160 km lang und -durchschneidet den Isthmus von Suez, welcher Afrika mit Asien verbindet, -und bringt so die beiden Meere, das Mittelländische und das Rote, in -Verbindung. Er ist nach zehnjähriger mühevoller Arbeit im Jahre 1869 -eröffnet worden. Seine Breite ist verschieden, an manchen Stellen ist -er so schmal, daß unser »König Albert« fast die ganze Breite einnahm; -an einigen Stellen jedoch ist er ziemlich breit, besonders an den -Ausweichestellen für die sich begegnenden Dampfer. Die Natur, die der -Kanal und seine Umgebung bietet, ist wenig rühmenswert, denn an beiden -Seiten sieht man nichts als öde Sandwüsten, nur hie und da unterbrochen -von Oasen mit ihrem frischen Grün. Einige der Seen, welche durch -den Kanal mit einander in Verbindung gesetzt werden und zugleich als -Ausweichestellen dienen, gewähren jedoch einen imposanten Anblick, so -z. B. der Bittersee, der größte von allen. Ein schlanker Leuchtturm, der -sich an dem Ein- und Ausgang dieses Sees befindet, trägt viel zu seiner -Verschönerung bei. Im allgemeinen kamen mir die Ansichten des linken -Ufers interessanter vor als die des rechten, obgleich man auch nichts -weiter als halbverdorrtes Gras und unförmliche Sandhügel zu Gesicht -bekam. Doch der menschliche Verstand hat diese heiße Sandwüste zu -nützlichen Zwecken zu verwerten gewußt: man hat hier -- wie mir erzählt -wurde -- natürliche Salzsiedereien angelegt. Man gießt nämlich das hier -bedeutend salzhaltige Küstenwasser auf den glühend heißen Sand, läßt -es verdunsten und gewinnt so auf einfache Weise das Salz. Diese -Veranstaltungen konnten wir von Bord aus nicht sehen, aber einige -schwerbeladene Kamele mit ihren arabischen Treibern, die wohl zu den -Salinen wandern mochten, zeigten uns den Ort und die Stelle an, wo sie -lagen. Was der Mensch nicht alles auszunutzen versteht! - -[Illustration: Beduinen am Suez-Kanal.] - -Die beiden Ufer des Kanals sind aus künstlich aufgeworfenen Sanddämmen -hergestellt, und man konnte beim Passieren unseres Schiffes deutlich das -Auf- und Absteigen des Wassers erkennen und auch wie der Sand von den -Dämmen dabei abgespült ward. Es versteht sich daher von selbst, daß -Dampfbagger ständig in Tätigkeit bleiben müssen, damit der Kanal nicht -versandet. - -[Illustration: Signalstation am Suez-Kanal.] - -Unser Dampfer bewegte sich nur ganz langsam vorwärts, als wir plötzlich -verspürten, wie derselbe mit einem Krach auf Sand geriet. Das Wasser -wurde trübe, und das Schiff schien sich ein klein wenig auf die eine -Seite zu legen. Mit einem Male geriet alles an Bord in Bewegung; es war -jedoch nichts zu befürchten, denn ein Blick auf die beiden Ufer, auf die -man im Notfalle ganz bequem hinüberspringen konnte, gab jedem sofort das -Gefühl der Sicherheit zurück. Endlich erlangte das Schiff seine richtige -Lage wieder und wir vermochten mit ein paar Stunden Zeitverlust unsere -Reise langsam fortzusetzen. Wie wir später von unserem Schiffskapitän -hörten, hat »König Albert« solchen Tiefgang, daß der Boden des Schiffes -kaum einen Fuß von der Kanalsohle entfernt bleibt, und der Lotse, der -für die Fahrt durch den Kanal an Bord gekommen war, hatte aus Versehen -ein wenig zur Seite gelenkt und so etwas Boden mitgenommen. Eigentlich -ist der Suezkanal für Schiffe von so großem Tiefgang, wie das unsrige, -viel zu klein angelegt. Wie langsam sich der Dampfer in diesem Kanal -bewegte, kann man schon daraus ersehen, daß kleine Knaben, welche, bald -»Money, Money« rufend, bald die ihnen zugeworfenen Münzen aufhebend, -halb nackt und barfuß auf dem Sande des Ufers mitliefen, lange Strecken -mit dem Schiffe gleichen Schritt halten konnten, ferner erblickten wir -einige Beduinen auf schönverzierten Kamelen. Am Ufer sahen wir auch hier -und da bescheidene Häuser, in welchen die Kanalwächter wohnen und von -denen aus Signale gegeben werden, da streng darauf geachtet werden muß, -daß jedes Schiff seine Zeit innehält, die zu jeder Durchfahrt genau -berechnet und angegeben werden muß. Nach den Signalen ziehen an den -breiten Ausweichestellen die entgegenkommenden Schiffe vorüber; aber da -wir, wie vorher berichtet, etwa zwei bis drei Stunden Verspätung hatten, -sammelten sich vor und hinter uns vier bis fünf Postdampfer an, sodaß -wir an einer dieser Ausweichestellen einige Zeit lang bleiben mußten, um -dieselben vorbeipassieren zu lassen. Bei dieser Gelegenheit wurden wir -unseres japanischen Postdampfers mit der bekannten lieben Flagge gewahr. -Die Hitze, die so wie so schon groß genug war, wirkte durch dieses -mehrstündige Halten und die langsame Fahrt geradezu furchtbar, und -einige meiner Landsleute behaupteten, hier die größte Hitze während der -ganzen Fahrt verspürt zu haben. Spät, sehr spät, erst gegen Mitternacht, -konnte die Abfahrt vor sich gehen, aber recht langsam, sodaß -eine Schnecke unser Vorreiter hätte sein können. -- Die Nacht war -glücklicherweise sehr kühl, was um so angenehmer empfunden wurde, je -größer die Hitze des vorangegangenen Tages gewesen. An dem Leuchtturm, -welcher mit wechselndem Licht versehen war, fuhren wir vorbei und -setzten unsern Weg fort. - - - - -XI. - -Port Said. - - -[Illustration: Vor Port Said.] - -[Illustration: Straße in Port Said.] - -[Illustration: Araber.] - -Am 10. Mai vormittags um 9 Uhr kamen wir in Port Said an. In dieser -Hafenstadt, die ca. 50 000 Einwohner hat, ging es sehr lebhaft zu. -Handel und Verkehr schienen hier ziemlich bedeutend zu sein. Als -unser Schiff in den Hafen einlief, drängte sich sogleich eine Menge -Handelsleute an Bord, um mit den Fahrgästen Geschäfte zu machen, auch -viele Führer kamen herauf, um uns ihre Begleitung durch die Stadt -anzubieten. Diese umringten uns von allen Seiten und lugten mit ihren -hinterlistigen, habgierigen Augen umher, Geiern ähnlich, die auf ihr -Opfer losstürzen wollen. Sie machten, wie die meisten Einwohner dieses -Ortes, einen recht unangenehmen Eindruck auf uns. Da die Stadt nur klein -ist, verzichteten wir gern auf so wenig vertrauenerweckende Begleiter -und hatten es auch nicht zu bereuen, denn in zwei Stunden waren wir mit -der ganzen Besichtigung zu Ende. Sehenswertes war gar nicht vorhanden. -Die Straßen sind ziemlich unsauber, ebenso die Häuser. Den Stadtteil, in -dem die Araber wohnen, konnten wir leider nicht in Augenschein nehmen, -denn bevor wir an Land gingen, war von unserm Kapitän bekannt gemacht -worden, daß in Port Said und zwar im Araberviertel die schwarzen Pocken -wüten sollten und daß man sich vor diesen sehr in acht nehmen müsse. -In einer der Hauptstraßen sahen wir außer einigen japanischen Läden, -in denen von unseren Landsleuten echte japanische Waren feilgehalten -wurden, eine Menge Tabaksläden. Der Tabak bildet hier das Hauptprodukt, -ist sehr billig und gut. Wegen des italienischen hohen Zolles -- -denn wir mußten ja später über Italien reisen -- durften wir jedoch -allzugroße Einkäufe nicht machen. Besonders empfehlenswert sind hier -einige Cafés, in deren einem wir auch einen Mocca tranken und uns -etwas ausruhten. Nur muß man sich hier in acht nehmen, daß man nicht -überteuert wird, wie es einem unserer Passagiere erging, der für ein -Glas Bier, das er in einer Bierhalle nahm, den unerhörten Preis von -einem Schilling bezahlen mußte. -- Die Straßenjungen, die auf Schritt -und Tritt hinterher gelaufen kamen und »gib Money, gib Money« -schrien oder uns ihre Esel zum Reiten anpriesen, waren so dreist und -unverschämt, daß wir mitunter unsern Stock zu Hilfe nehmen mußten. Wir -waren froh, als wir mit heiler Haut aus diesem Sumpfnest wieder an Bord -unseres guten Schiffes gelangten. - -[Illustration: Ägyptischer Eseljunge in Port Said.] - -Bei der Besichtigung von Port Said darf man aber nicht unterlassen, -das Denkmal Ferdinand von Lesseps', des Erbauers des Suezkanals, zu -erwähnen. Das stattliche Monument ist aus Bronze gegossen und stellt die -ganze Figur dieses großen Mannes dar, der in zehn Jahren mit eiserner -Energie und unsäglicher Mühe unter angestrengter Tätigkeit die -Durchstechung und Kanalisierung des Isthmus von Suez zustande gebracht -hat. Auf einem Granitsockel erhebt sich eine hohe Säule und auf dieser -steht das Standbild. Den Blick auf den Kanal gerichtet, hält er in der -einen Hand, halb aufgerollt, die Karte desselben. Das Denkmal selbst ist -auf einem Ende eines aus Quadersteinen hergestellten Dammes errichtet, -welcher ziemlich weit ins Meer hineinläuft, so daß es von weitem den -Anschein hat, als erhebe sich das Denkmal direkt aus dem Wasser heraus. -Ein herrlicher Anblick! Der Gesichtsausdruck dieses Mannes zeigt einen -unbeugsamen Mut, verbunden mit Energie und Arbeitsamkeit. Ich schrieb am -Fuße dieses Denkmals Ansichtspostkarten und zwar eine an meinen Freund -in der Heimat, die folgendermaßen lautete: »Vom Suezkanal und von -Lesseps hört man oft, aber wenn man selber den Kanal passiert und -vor dem Denkmal dieses großen Mannes steht, kann man nicht umhin, -mit Hochachtung an ihn zu denken und seine großartige Willenskraft -zu bewundern. Bedenken und Hindernisse verschiedener Art: politischen -Widerstand, diplomatische Schwierigkeiten, heftige Beschuldigungen -seiner Gegner, argwöhnische Vermutungen der Pforte, Eifersucht der -englischen Regierung und Gott weiß was nicht noch alles hat der Mann -zu bekämpfen gehabt! Und der Segen erst, den die den Kanal passierenden -Reisenden und Schiffe heutzutage genießen! Mit Recht gilt der Mann als -ein Held des Friedens!« - -Eine zweite Karte sandte ich an meinen Jungen: - -»Von Lesseps kannst Du was lernen! In ihm findest Du wieder, was -Dir Zeit Deines Lebens nottut und vielen Menschen so sehr mangelt: -Beharrlichkeit und Unbeugsamkeit. Willst Du Sieger bleiben im harten -Wettstreit Deines Lebens, sieh Dir dieses Bild an und behalte fest im -Kopfe das eine Wort: Willensstärke!« - -Noch nach tausenden von Jahren wird dieses Denkmal hier stehen, werden -die Taten dieses Mannes der ganzen Menschheit zum Segen gereichen, man -wird ihn ewig preisen und nie vergessen. -- - -Nachdem wir uns wieder an Bord begeben hatten, kam ein Trupp -italienischer Musikanten, ein paar Männer und Frauen, auf das Schiff, -welche die Passagiere teils mit Mandolinenspiel, teils mit Gesang -belustigten. Auch wir hörten einige Zeit zu und fanden, daß sie ihre -Sache gut machten, wie auch, daß die italienischen Mädchen hübsche -Gestalten hatten. - -Nicht lange danach begrüßte unser »König Albert« das Mittelländische -Meer, das uns nunmehr unserem weiteren Ziele zuführen sollte. - - - - -XII. - -Neapel. - - -[Illustration: Golf von Neapel.] - -Bei der Abfahrt von Port Said wurden wir von einer höchst erfreulichen -Nachricht überrascht, die uns alle unangenehmen Eindrücke schnell -vergessen ließ. Von neu hinzukommenden Passagieren erfuhren wir nämlich, -daß unserem japanischen Kronprinzen ein Erbe geboren worden sei. Auch in -den Zeitungen, die wir in Port Said erhalten hatten, war zu lesen, daß -das japanische Kaiserhaus am 5. Mai durch die Geburt eines Enkels und -Sohnes erfreut worden war, daß also unserm Reiche ein weiterer Thronerbe -erstanden sei. Infolgedessen versammelte sich am Abend die ganze -japanische Kolonie zu einem Fest, bei dem wir auf das Wohl unseres -Kaiserhauses tranken und bei welcher Gelegenheit ich meiner Freude mit -folgenden Worten Ausdruck gab: - -»Meine Reisegefährten und Freunde! Heute ist uns unerwartet die -erfreuliche Nachricht zugegangen von dem Glück, welches unserm -Kaiserlichen Hause zu teil geworden ist, nämlich daß unserm Kaiser -ein Enkel, unserem Kronprinzen ein Sohn geboren sei. Diese Nachricht -gereicht uns umsomehr zur Freude, als sie uns noch während der -Fahrt erreicht hat, so daß es uns noch an Bord, wo wir uns alle -zusammenbefinden, vergönnt ist, das Glas zu Ehren unseres Kaiserlichen -Hauses zu erheben. Wir können uns alle wohl vorstellen, wie groß -die Freude unseres Volkes in diesen Tagen gewesen sein mag. Unserem -Kaiserhause, das seit 2½ Jahrtausenden glücklich und weise das Land -regiert, möge mit diesem Prinzen ein weiteres bedeutsames Glied in der -langen Kette der Regenten hinzugefügt sein, auf daß auch ihm, wenn -er dereinst dazu berufen wird, eine lange und segensreiche Regierung -beschieden sein möge!« - -Ich bat meine Reisegefährten, sich mit mir zu erheben und einzustimmen -in den Ruf: »Unsere Kaiserliche Familie lebe hoch! hoch! hoch!« -welcher Aufforderung alle Anwesenden freudig nachkamen. So wurde unter -allgemeiner Freude fern der Heimat auf dem Mittelländischen Meere an -Bord eines deutschen Dampfers die Geburt unseres Kaiserlichen Enkels -gefeiert. Der Tag wird uns stets in lieber Erinnerung bleiben. - -Am 10. Mai nachmittags zwei Uhr hatten wir Port Said verlassen und -passierten am folgenden Tage die Insel Kreta. Die Hitze, welche wir -lange Zeit zu erdulden gehabt, war nicht mehr zu spüren. Wir mußten -unsere leichten Kleider einpacken und wärmere hervorholen, so daß der -Gepäckraum viel in Anspruch genommen ward. Außerdem waren nicht wenige -mit Vorbereitungen für die nahe bevorstehende Landung beschäftigt, da -sie schon in Neapel das Schiff verlassen wollten. Auch wir freuten uns, -daß wir nicht lange mehr an Bord zu bleiben brauchten, denn auch unsere -Reise zur See sollte in einigen Tagen ihr Ende erreichen. - -Am 13. Mai mittags um ¼1 Uhr kamen wir in Neapel an. Das Wetter war -recht kühl, fast kalt zu nennen -- wir fühlten uns jedoch sehr wohl -dabei. Es kam uns nur so komisch vor, innerhalb sechs Wochen Sommer und -Winter durchmachen zu müssen. - -Unser Schiff hielt sich hier nur einen halben Tag auf, so daß uns -keine Zeit verblieb, Neapel eingehend zu besichtigen. Jedoch hatten -wir gehört, daß es dort viele Sehenswürdigkeiten gäbe, insbesondere das -weltberühmte Aquarium -- von deutschen Gelehrten ins Leben gerufen und -von ihnen musterhaft verwaltet -- die Königlichen Paläste, Gallerien, -Museen, Kirchen, Konservatorien, Oper, Theater u. a. m. Es ist natürlich -rein unmöglich, dieses alles in einem halben Tage in Augenschein -zu nehmen. Außerdem verloren wir durch ein gerade zu dieser Zeit -heraufziehendes Gewitter eine gute Stunde Zeit, so daß wir es vorzogen, -auf dem Schiff zu bleiben und von Bord aus die schöne Stadt zu -betrachten. - -[Illustration: Straße in Neapel.] - -Von den Passagieren unseres »König Albert« waren viele in die Stadt -gegangen, vor allem diejenigen, welche unser Schiff für immer verließen, -um von hier aus ihre Reise zu Land durch Italien fortzusetzen. Aber auch -an Bord wurde uns die Zeit nicht lang, denn wir hatten Muße, uns gehörig -umzusehen. Vor uns lag ein wunderbares Panorama: die majestätische Bai -von Neapel, in deren Hintergrund sich terrassenförmig die Stadt mit -ihren weißen, leuchtenden Gebäuden erhebt; dazwischen herrliche Partien -mit immergrünen Bäumen und dunklen Cypressen, welche dem Bilde eine -schöne Harmonie verleihen, dann weiter hinten der feuerspeiende Berg, -der Vesuv, in seiner prächtigen, malerischen, einfachen Form, seine -schwarzen Rauchwolken gen Himmel sendend. Daß Neapel, das alte Napolis, -die Hauptstadt des ehemaligen Königreichs beider Sicilien, sich durch -seine reizvolle Lage vor allen andern Seestädten Italiens auszeichnet, -konnten wir also gleich beim ersten Anblick erkennen. Was uns an Bord -zuerst in die Augen fiel, war die ungeheuer große Zollmauer und die fünf- -bis sechsstöckigen Häuser mit Balkonen und platten Dächern. Die Häuser -am Strande sind, mit Ausnahme einzelner neuer Gebäude, älteren Datums -und erinnern uns an die italienische Bauart, wie wir sie zu Hause -durch Bilder kennen gelernt haben. Die Stadt selbst sieht wie ein -gleichmäßiges Häusermeer aus, nur unterbrochen durch die grünen Bäume -oder andere Naturschönheiten. An Kirchen besitzt Neapel mehr als genug, -aber ihre Türme ragen nirgends hervor, auch die Paläste verlieren sich -in dem unendlichen Häusermeer. Am meisten machten sich die reizenden -Villen und Kasinos auf den Hügeln, die Arsenale und Hafenbauten, das -königliche Schloß und vor allem die drei großen Kastelle bemerkbar. Wir -hatten geglaubt, unser Schiff würde sich hier wenigstens 10-12 Stunden -aufhalten und hatten uns vorgenommen, in diesem Falle die seiner Zeit -durch den Ausbruch des Vesuv verschüttete und vernichtete, jetzt aber -zum Teil wieder freigelegte Stadt Pompeji anzusehen, mußten den Plan -jedoch zu unserm Leidwesen aufgeben, da wir, wie schon gesagt, nur einen -halben Tag Zeit hatten. - -Wie die Menschen hier aussehen, wie sie leben, was sie treiben u. s. w., -konnten wir natürlich von Bord aus nicht gewahr werden; aber erzählt -wurde uns, daß das Volk hier im allgemeinen ernsten Beschäftigungen -nicht gerne nachgeht, dafür aber umso lieber Belustigungen Auge und -Ohr leiht, daß es auch allzuviel Zeit in den unzähligen Kaffeehäusern -zubringt -- mit einem Wort, daß es seiner Neigung und Laune mit -südlicher Leidenschaftlichkeit gehorcht und daß, als traurige Folge -davon, die Bevölkerung, zumal die niederen Klassen, sich in ziemlich -großer Armut und Unwissenheit befindet. - -Auch viele Händler kamen an Bord, um die verschiedensten italienischen -Gegenstände anzubieten, wobei uns insbesondere die aus Lava gefertigten -Kunstwaren, ferner geschnittene Gemmen, marmorne Frauenköpfe u. a. m. -auffielen -- alles sehr kunstvoll gearbeitete, zierliche Gegenstände. -Empfehlenswert sind besonders die aus Marmor gefertigten Sachen; -dieselben sind jedoch sehr teuer und man wird auf jeden Fall besser -daran tun, sie an Land und nicht auf dem Schiffe zu kaufen, da man dort -reeller bedient wird. Besonders vorsichtig muß man bei Gegenständen aus -Lava sein, weil diese meistens verfälscht sind. - -So wurde unsere Zeit an Bord gut ausgefüllt, bis wir abends acht Uhr -- -wir schrieben den 13. Mai -- diese herrliche Bucht von Neapel verließen -und nach Genua fuhren. - -[Illustration: Längs der italienischen Küste.] - - - - -XIII. - -Allerlei Heiteres und Ernstes aus dem Leben auf dem Schiffe. - - -In einem deutschen Liede heißt es: »Wenn jemand eine Reise tut, dann -kann er was erzählen.« So geht es auch mir. Ehe ich Abschied nehme vom -»König Albert«, der uns so lange eine treue Unterkunft geboten, will -ich in Folgendem versuchen, meine Erlebnisse und Beobachtungen während -meines Aufenthaltes auf dem Schiffe niederzuschreiben; aber nur als -treuer Berichterstatter, ohne jede weitere Ausschmückung. - -[Illustration: Reichspostdampfer des »Norddeutschen Lloyd«: -»König Albert«.] - - -Spiele auf dem Promenadendeck und im Rauchsalon. - -Da wir auf dem Schiffe nichts zu tun hatten und die Langeweile uns -plagte, wurde alles hervorgesucht, was irgend einen Zeitvertreib oder -eine kleine Zerstreuung bot: Gesellschaftsspiele, wie z. B. Schach, -Domino, Dame, Kartenspiel, Würfelspiel etc., möglichst harmlose Sachen, -nur um uns die Zeit zu vertreiben. - -Bei gutem Wetter zog man selbstverständlich Spiele im Freien vor, von -denen ich besonders das Reifenspiel und das Beutelchenwerfen erwähnen -möchte. Bei dem ersteren wird nach einem senkrecht aufgestellten Stab -mit Reifen aus strammem Seil geworfen und zwar so, daß diese beim -Niederfallen den Stab einschließen; bei den letzteren wird eine in -mehrere numerierte Felder geteilte Holztafel auf den Boden gelegt, nach -der man mit kleinen, gewöhnlich mit Sand gefüllten Beutelchen wirft -- -derjenige, der am meisten Zahlen trifft, ist Sieger. - -[Illustration: Spiele an Bord.] - -Ein anderes Spiel ist dasjenige, bei dem man runde Holzplatten mit einem -Holzschieber -- das ist ein an einem Stabe in T-form befestigtes Brett --- etwa 15 Meter weit nach einem mit Kreide gezeichneten Platz stößt. -Bei diesem Spiel werden die Mitspieler in zwei Parteien geteilt und dann -wird gewettet. Diejenige Partei hat gewonnen, welche die meisten Platten -in den abgegrenzten Raum gebracht hat. - -Im Rauchsalon wurden Karten- und Würfelspiele, Schach und anderes -gespielt. Was uns jedoch besonders auffiel, das waren die Glücksspiele -mit Karten und Würfeln, bei denen sich besonders Engländer hervortaten. -Die Spieler setzten sich um den Tisch und dann wurde leidenschaftlich -und erregt das Spiel verfolgt. Da wir von Hause aus mit dieser Art -von Spielen nicht vertraut waren (bei uns sind dieselben gesetzlich -verboten) und uns dieselben recht unangenehm berührten, so lehnten wir -stets die Aufforderung zur Beteiligung ab. Wir bemerkten, daß nicht -selten diese Spiele einen ernsten Ausgang nahmen; denn manche verloren -dabei nicht wenig Geld, und in solchem Falle ging es nicht immer ohne -Schimpfen und grobe Bemerkungen ab. -- Am Dominospiel dagegen, welches -wir von einem an Bord befindlichen Deutschen erlernten, beteiligten wir -uns gern und zwar spielten wir dieses der Belebung halber um ein Glas -Bier. Bei dieser Gelegenheit fragte ich einige deutsche Passagiere, was -sie von dem Spielen um Geld hielten und wie es in Deutschland und -in andern Ländern Europas gehandhabt würde, und da hörte ich denn so -mancherlei. In Deutschland sowie fast in ganz Europa sind Spiele um Geld -gesetzlich erlaubt. Glücksspiele jedoch, wie das Hazard, wobei es dem -Zufall überlassen bleibt, ob der Spieler gewinnt oder verliert, sind -streng verboten -- speziell in den öffentlichen Lokalen -- und -werden bestraft, besonders scharf die Spieler, bei denen es sich -um gewerbsmäßiges Spielen handelt. So vernahm ich von einem großen -Spielerprozeß in Deutschland, in den hochadlige junge Leute und -Offiziere verwickelt gewesen. Dieselben hatten einen Klub gegründet mit -dem Namen »Klub der Harmlosen«, in welchem man fast nur Glücksspielen -gefröhnt. Ferner wurde mir erzählt, daß in einem der feinsten Klubs in -Wien hoch gespielt worden wäre und daß bei einem Spiel zwischen einem -ungarischen Baron und einem polnischen Grafen letzterer ungefähr zwei -Millionen Mark verloren habe. Aber auch öffentlich darf an einigen -Punkten Europas gespielt werden, und der bedeutendste Zufluchtsort der -Spieler soll Monte Carlo in dem kleinen Fürstentum Monaco, unweit der -wegen ihrer Schönheit bekannten Stadt Nizza, sein. Hier wird in einem -nur für diesen Zweck gebauten Kasino gespielt, das märchenhaft schön -eingerichtet sein soll. Das Kasino gehört einer Aktiengesellschaft, -durch deren Abgaben sogar das kleine Fürstentum unterhalten wird und der -Fürst des Landes große Einnahmen bezieht. - -Ferner werden in Europa bei Pferderennen große Wetten abgeschlossen -und an eigens hierfür errichteten Wettmaschinen, Totalisator genannt, -Einsätze in Geld für den Sieger oder den Platz gemacht. Von diesen -Geldern, die dort angelegt werden, nimmt jeder Staat eine Steuer -für sich in Anspruch. -- Aber auch selbst harmlose Spiele können zum -verwerflichen Glücksspiel werden, wenn die Betreffenden um Einsätze -spielen, welche ihrem Vermögen oder Einkommen nicht entsprechen. - - -Echt deutsches Bier. - -Aus lauter Langeweile und vor Durst wird an Bord ziemlich viel getrunken -und oft genug hörte man den Ruf: »Spatz!« -- so hieß nämlich der -kleine Servierkellner im Rauchsalon. Wein, Schnaps, Brunnenwasser, -Citronenwasser, mitunter auch Champagner, wurden getrunken, am meisten -jedoch Bier. Von letzterem wurde jeden Tag eine Zahl Fässer geleert. -Bier trinken am meisten die Deutschen, die Franzosen lieben den Wein -und die Engländer ziehen allem andern den Schnaps oder Likör vor. Das -deutsche Bier wurde von sämtlichen Passagieren hochgepriesen. Ich -habe mir zu Haus erzählen lassen, daß das Bier als Nationalgetränk der -Deutschen in ihrem eigenen Lande vorzüglich gebraut werde, und glaubte -auch in diesem Bier an Bord eine ausgezeichnete Braukunst zu erkennen. -Nun befand sich auf dem Schiff ein deutscher Braumeister, der seit -Jahren an einer japanischen Brauerei angestellt war und jetzt auf Urlaub -nach Deutschland fuhr. Auf meine Frage, ob er ein eben so gutes Bier in -Japan brauen könnte, sah er mich mit großen Augen an und sagte: »Glauben -Sie, daß dieses Bier, welches Sie hier jeden Tag trinken, ein echt -deutsches Bier ist?« Auf meine bejahende Antwort erklärte er mir aber zu -meiner großen Verwunderung, daß das Bier echt japanisch sei, worauf -mir der Ausruf entschlüpfte: »Sehr komisch!« So erfuhr ich, daß bei der -Fahrt von Deutschland nach Japan selbstverständlich deutsches Bier, aber -bei der von Japan nach Deutschland japanisches Bier in deutschen Fässern -von den Schiffen mitgeführt wird. Ich glaubte auf einem deutschen -Schiffe ein echt deutsches Bier, von dem man so viel Rühmens macht, -zu trinken und mußte nun von einem Deutschen erfahren, daß ich Bier -getrunken habe, welches in meinem eignen Heimatlande gebraut war. Die -Unwissenheit, welche ich hierbei an den Tag gelegt habe, bitte ich mir -zu gute zu halten, aber man ersieht daraus wieder, daß das Fremde -von den Menschen, die nicht genau Bescheid wissen, blindlings höher -geschätzt wird, als das Heimatliche. »Kein Prophet wird in seinem -Vaterlande geehrt.« Seit dieser Geschichte bestellte ich nur noch: -»Spatz, bringen Sie mir ein Glas »sogenanntes« deutsches Bier!« worauf -er mir mit verständnisvollem, verschmitzten Lächeln ein Glas echt -japanischen, goldklaren, schäumenden Gerstensaftes reichte. - - -Ein unfreiwilliges Bad. - -Die Badeeinrichtung auf dem Schiffe ist ganz anders, als man sie zu -Hause hat. Durch ein Rohr wird das Meerwasser in die Wanne geleitet und -je nachdem man heiß oder kalt wünscht, hat man den einen oder den andern -Verschluß aufzudrehen. Für Süßwasser befindet sich ein Behälter, woraus -für jeden Badnehmer ein kleines Becken voll geführt wird. Da das salzige -Meerwasser sich unangenehm an dem Körper bemerkbar macht, so benutzt -man dieses Süßwasser zum Nachspülen und Nachwaschen. Übrigens ist -letzteres sehr kostbar auf den Schiffen und wird mit demselben äußerst -sparsam umgegangen. Ich kannte die Einrichtung mit dem Auf- und Zudrehen -der Hähne nicht recht, und als das Schiff in der Mündung jenes trüben -Flusses, des Jangtsekiang, vor Anker lag, ging ich zum ersten Male aus -Langeweile in die Badestube und drehte ahnungslos an dem einen Hahn. Da -erhielt ich auf einmal von der Decke einen Sprühregen des trüben Wassers -über meinen Kopf und die ganze Kleidung. Ich hatte unglücklicherweise -den Hahn der Brause gefaßt. Bevor ich noch recht zur Besinnung kam, -hörte ich mit Donnerstimme den Ruf: »Was machen Sie da!« und der -Badesteward trat herein. Er sah mich mit böser Miene an, sagte, daß das -Rohr von dem trüben Wasser des gelben Flusses verstopft werde, wenn man -ihn jetzt öffnete, daß überhaupt das Baden nur während der Fahrt auf -offenem Meere erlaubt sei, aber nicht, wenn das Schiff stille läge -wie jetzt. Durchnäßt wie ein Pudel, von dem trüben gelben Wasser des -Jangtsekiang von oben bis unten beschmutzt, von dem Donnerwetter des -Badestewards noch ganz niedergeschmettert, schlich ich davon in meine -Kajüte, um wieder einen ordentlichen Menschen aus mir zu machen. Diese -Begebenheit ist unter meinen Landsleuten als mein »unfreiwilliges Bad« -bekannt geworden. - - -Beim Barbier. - -Auf dem »König Albert« gab es auch einen Barbier und von diesem wollte -ich meine Haare schneiden lassen. Ich begab mich eines Tags zu ihm; er -war ein netter kleiner Kerl, und es entspann sich zwischen uns folgendes -Gespräch. Ich werde mich mit A. und den Barbier mit B. bezeichnen. - -B. »Mein Herr, sind Sie nicht krank gewesen?« - -A. »Wieso denn?« - -B. »Sie lassen ja Ihren Bart so wild wachsen. Wenn ich Sie so in den -Saal treten sah, habe ich immer geglaubt, Sie wollen Ihren Bart wegen -Krankheit nicht schneiden lassen.« - -A. »Bewahre! Bin im Gegenteil so gesund und munter wie ein Fisch im -Wasser und auch immer gewesen. Aber wenn Sie meinen, daß mein Bart -mir nicht gut steht, schneiden Sie ihn nach deutscher Mode, so gut Sie -können, damit ich recht ordentlich und chik aussehe.« - -B. »Gut! Ich werde meine Kunst versuchen, aber es ist nicht so leicht, -aus einem wild gewachsenen Bart eine gute Form zu schneiden.« - -Nun begann der Barbier mir meinen Bart zu verschneiden, sprach -dabei über dieses und jenes, fragte mich, wie es in Japan in einer -Barbierstube aussehe, was ein Barbier dort verdiene, wie groß der -Lohn eines Gehilfen sei u. s. w. u. s. w. Zuletzt zeigte er mir seine -Haarschneidemaschine und fragte mich: - -B. »Können Sie mir vielleicht angeben, wo diese Maschine gemacht worden -ist?« - -A. »Keine Ahnung! Wie sollte ich so etwas wissen, ich verstehe ja von -Ihrem Fache nichts.« - -B. »Das glaube ich gern, aber da diese gerade in Ihrer Heimat gemacht -ist, möchte ich Sie darauf aufmerksam machen. Die Maschine, die ich von -Hause mitgebracht hatte, ging entzwei und so mußte ich diese in Yokohama -kaufen. Offen gestanden hatte ich anfangs zu ihr kein großes Vertrauen, -aber nun sehe ich zu meinem Erstaunen, daß sie vorzüglich ist. Schade, -daß ich nicht noch mehr davon gekauft habe! Sie ist weit billiger als -die unsrige, aber trotzdem ist sie besser und bequemer zur Handhabung. -In der Tat sind die Herren Japaner ein wunderbares Volk! Alles können -sie leisten, nichts ist ihnen unmöglich!« - -Dabei arbeitete er unentwegt weiter; der Bart ward kürzer und kürzer, er -besah ihn mit verständnisvollem Gesicht von der Seite und von vorn, von -fern und nah, schnitt weiter, besah ihn wieder und so ging es eine Weile -fort, bis ich fast keinen Bart mehr mein eigen nennen konnte. Jetzt -rühmte er mir die Schnurrbarttracht: »Es ist erreicht!« - -B. »Nun müssen Sie aber Ihren Schnurrbart in die Höhe gewöhnen.« - -A. »Da ich mich einmal Ihren Meisterhänden anvertraut habe, so machen -Sie nur, wie es Ihnen gefällt! Die Verantwortlichkeit liegt ganz bei -Ihnen.« - -B. »Sehr gut, mein Herr! Sie brauchen nicht im geringsten besorgt zu -sein! Mit diesem Brenneisen werde ich nun Ihren Schnurrbart ausziehen. -So...., ach wie schneidig Sie nun aussehen! Sie sehen wie ein echter -Deutscher aus! Aber zu einem eleganten Herrn ist ein Parfüm wohl -unentbehrlich. Kaufen Sie doch ein Fläschchen, ich habe alle Sorten in -meinem Schrank vorrätig -- hier, das ist Veilchen... o, wie schön das -riecht!... dies hier ist Heliotrop, auch was Feines... Das Kostbarste -ist aber dieses Fläschchen, Herr! Das ist Rosenöl... der edelste Tropfen -überhaupt, den es gibt!« - -A. »Sie verstehen Ihre Sachen gut anzupreisen, Herr Barbier! Sie sind -ein tüchtiger Geschäftsmann, vor dem man auf seiner Hut sein muß. Doch -werde ich Ihnen zu Liebe ein Fläschchen abkaufen, es sei denn, daß Sie -Ihre Sachen nicht so teuer losschlagen.« - -B. »I, Gott bewahre! Daß ich der reellste Mensch bin, das wissen ja alle -Mannschaften und Passagiere des »König Albert.« Außerdem sind alle -meine Sachen zollfrei und Sie werden sie ebenso billig kriegen wie -in Deutschland... Ist Ihnen denn sonst nichts gefällig? Hier, diese -Schnurrbartbinde? Kämme? Pomade?« - -Da aber seine Aufmunterungen zu weiteren Ankäufen bei mir nicht -verfangen wollten, so schlug er ein anderes Thema an, indem er sagte: - -B. »Hören Sie, mein Herr! Die Haare der Herren Japaner sind doppelt so -stark wie die der Europäer. Meine Werkzeuge werden demnach doppelt so -schnell stumpf. Außerdem fliegen die struppigen Haare im Zimmer umher -und ich muß meine Augen wohl in Acht nehmen.« - -Ich merkte aus seinen Reden heraus, daß er auf ein tüchtiges Trinkgeld -reflektierte und sagte ganz verschmitzt: - -A. »Ganz recht! Die Arbeit eines Barbiers mag wohl eine recht schwere -sein, besonders wenn er einen unserer Landsleute unter seiner Schere -hat. Aber ein geschickter Meister wie Sie weiß in allem Bescheid. Ihnen -macht wohl ein so eigenartiges Haar wie das unsrige viel Spaß beim -Schneiden, nicht wahr?« - -In der Tat hatte aber der Barbier recht. Denn durch den Luftzug des -Ventilators, der sehr gut funktionierte und die drückend heiße Luft der -Barbierstube bedeutend herabsetzte, flogen unsere struppigen Haare in -dem Raum umher, daß die Insassen nicht wenig davon belästigt wurden. Im -großen und ganzen habe ich gesehen, daß der deutsche Barbier bei -weitem ungeschickter ist als der unsrige. Außerdem ist letzterer viel -peinlicher und vorsichtiger. -- In Schweiß gebadet, mit Haaren bedeckt, -kam ich, eine kleine Flasche Parfüm in der Hand und unter dem Kinn den -winzigen Schnurrbart, den letzten Rest meines ehemaligen Vollbartes, -zurück. Einmal und nicht wieder! -- Später erfuhr ich, daß es allen -meinen Landsleuten ebenso ergangen war und daß jeder eine Flasche Parfüm -erstanden hatte. - - -Der japanisch-russische Krieg. - -Unter den Passagieren befanden sich Engländer, Franzosen und Deutsche in -ziemlich gleicher Zahl und so oft diese auf dem Verdeck zusammenkamen, -wurden Gespräche über allerhand politische Gegenstände geführt. Wovon -man uns besonders oft erzählte, das war der japanisch-chinesische Krieg -und die große Tapferkeit der japanischen Soldaten, welche, wie man -meinte, in jeder Beziehung die chinesischen bedeutend übertreffen, -speziell im Punkte der Mannszucht und Disziplin. Es wurde auch viel -von der großen Beute erzählt, welche die verbündeten Soldaten bei -den letzten Unruhen in Nordchina gemacht hätten. Einige französische -Kaufleute, welche sich auf der Rückreise von China befanden, berichteten -uns genaue Einzelheiten und behaupteten, daß bei diesen Wirren ein -ungeheurer Reichtum von China nach Europa transportiert worden sei: so -zeigte einer von ihnen eine sehr schöne Uhr, eine goldene mit mehreren -Kapseln versehene Taschenuhr, verschwenderisch mit Edelsteinen und -Brillanten übersäet, und erzählte hierbei, daß dieselbe aus dem -kaiserlichen Palast in Peking stammen solle. -- Ein anderer, erst in -Singapore an Bord gekommener Passagier bemerkte mit ernster Miene, daß -er bei seiner Abfahrt ein Gerücht vernommen hätte, daß zwischen Japan -und Rußland ein Krieg ausgebrochen sei. Wir glaubten dies zwar nicht, -immerhin aber war ein neues Thema angeregt und von allen Seiten wurde -über dasselbe lebhaft debattiert. Der Brennpunkt war die Frage: welche -der beiden Nationen Sieger bleiben werde? Wir hörten ruhig mit zu und -nach längerem Hin- und Herraten stellte sich als Resultat heraus, -daß Japan bei einem kürzeren Kriege die meisten Chancen hätte! Jedoch -würden, falls der Krieg sich längere Zeit hinziehen würde, die Russen -wohl imstande sein, die Oberhand zu gewinnen, da sie bei der Größe -ihres Reiches im Verhältnis zu dem kleinen Japan dieses an Menschenzahl -übertreffen. Wir enthielten uns jeder Äußerung, da trat ein -hochgewachsener Mann mit großem Vollbart ungeduldig in den Kreis und -sagte mit ernster, dröhnender Stimme: »Was kann denn Rußland gegen -Japan ausrichten? Japan besitzt ja bei strengster Disziplin eine -ausgezeichnete Kriegsmacht und eine wohlgerüstete Flotte von 25 000 -Tonnen. Die russischen Barbaren, die nur zum Sengen und Brennen, Rauben -und Morden geeignet sind, können gegen ein so vorzüglich organisiertes -Heer nichts tun. Wenn einige behaupten, daß die Japaner im Körperbau -kleiner sind als die Russen, und infolgedessen im Kampfe Mann gegen Mann -nicht standhalten könnten, so muß ich dies entschieden bestreiten, denn -im Kriege ist der Körperbau der einzelnen Soldaten nicht maßgebend, -sondern der in ihnen wohnende Geist, die Opferfreudigkeit, die -Ausdauer, der unerschütterliche Mut, der den Tod nicht scheut, das -Nationalbewußtsein, welches sie, treu ergeben bis zum letzten Atemzuge, -ihr Leben hingeben läßt. Alle diese Tugenden sind den japanischen -Soldaten eigen. Daß übrigens der moderne Krieg kein Kampf der einzelnen -Menschen gegeneinander, sondern ein Wettstreit der materiellen wie der -geistigen Kräfte ist, ist jedem wohl bekannt. Der Umstand, daß Rußland -infolge der Größe seines Landes viel mehr Menschen ins Feld stellen -könnte, hat auch nicht viel zu sagen; denn bei einem Kriege ist die -Beweglichkeit der Truppen ausschlaggebend und nicht ihre Zahl. Daß die -Japaner die flinksten Soldaten waren, das haben sie bei den letzten -Unruhen in Nordchina vor den Augen der verbündeten Soldaten Europas und -Amerikas vortrefflich bewiesen. Bei einer noch so langen Lanze kann -nur die Spitze töten und die Ochsen können nicht mit Hasen um die -Wette laufen. Die Russen haben auch unser Land vernichtet, unser Volk -ermordet; ich habe mit meinen eigenen Augen gesehen, wie sie meine -Eltern und Geschwister getötet haben. Wir haben Rache geschworen gegen -diese Unmenschen. Wir haben noch zwei Millionen kriegstüchtige Männer, -die stets bereit sind, die Waffen gegen Rußland zu kehren. Wenn also -Japan mit Rußland in Krieg gerät, so würden wir die Russen von hinten -anfallen, auch wenn wir dieses Unterfangen mit dem Leben bezahlen -müßten. Wir würden alles opfern und Japan zur Seite stehen!« - -Wer ist denn der? fragten wir uns verwundert, worauf der Unbekannte -unter lautem Seufzer erwiderte, daß er einer der unglücklichen, -mißhandelten, heimatlosen Polen sei. Ob seine Reden Beifall fanden oder -nicht, wissen wir nicht; aber wir bemerkten, daß, als er die Grausamkeit -der Russen erwähnte, seine Augen funkelten, seine Glieder zitterten, und -in dem Augenblick, als er seine geballte Faust erhob, konnte man wohl -ermessen, welch glühender Haß ihn gegen die Russen beseelte. Durch das -Feuer seiner Rede hingerissen, dachten wir unwillkürlich an das traurige -Ende seines Reiches und fühlten mit ihm. Wir konnten nicht umhin, uns im -Stillen zu sagen, daß manches von dem Vorgebrachten wahr sei, wenn wir -auch nicht alles glaubten, was uns dieser Pole mit Feuereifer vortrug. - - -Die Mahlzeiten auf dem Schiffe. - -Hans Küchenmeister, dem wir unsern leiblichen Teil anvertraut hatten, -verstand seine Sache vortrefflich, sodaß wir unter seiner Obhut gut -aufgehoben waren. Zudem war er sehr freigebig. Denn jeden Mittag und -Abend bestand die Speisenfolge aus vielen Gängen, sodaß man trotz des -gutes Appetites, den die frische Seeluft bei sämtlichen Passagieren -erregte, nicht alles verzehren konnte. Morgens früh um 6 Uhr gab es das -erste Frühstück mit Kaffee oder Tee, Brödchen, Früchten u. s. w., um -8 Uhr das zweite, dazu eine warme Fleischspeise, um 11 Uhr Kaffee mit -einem kleinen Imbiß, mittags gegen 1 Uhr das große Mittagessen mit -vielen Gängen, dann nachmittags um 4 Uhr wieder Kaffee und um 7 Uhr das -Abendessen, dem um 9 Uhr noch einmal Kaffee, Tee, Zitronenwasser oder -sonstige erfrischende Getränke folgten. Ich muß wirklich gestehen, daß -die Verpflegung auf dem Schiffe gut, sehr gut war, und doch hatte ich -eins zu tadeln und das waren die salzigen Speisen. Als ich am ersten -Tage meines Aufenthaltes an Bord den ersten Löffel Suppe zu Munde -führte, glaubte ich reines Salzwasser getrunken zu haben, sodaß ich -den Löffel sofort fortlegte, und so wie mir erging es meinen sämtlichen -Landsleuten. Einige Tage konnten wir nichts essen, bis uns der Hunger -quälte und wir uns nach und nach an die salzige Kost gewöhnen lernten. -Daß der Hunger der beste Koch sei, gilt also erst recht auf dem -Schiffe! Zwar hatte ich schon in der Heimat gehört, daß die Gerichte der -Deutschen viel schärfer als die unsrigen wären, aber wir hatten nicht -geahnt, daß die Speisen bei ihnen so salzig genossen würden. Daß wir -nach dem Essen immer ungeheuren Durst empfanden, ist selbstverständlich -und wir konnten uns nun erklären, weshalb täglich soviel Bier verzapft -wurde und weshalb die Deutschen so große Mengen dieses Gebräues -vertilgen. - -[Illustration: Ein Schiff in Sicht.] - - -Charakterskizzen einzelner Nationen. - -Unter den vielen Nationalitäten, die sich an Bord befanden, traten die -verschiedensten Gebräuche und Gewohnheiten hervor. So fiel es mir auf, -daß die Engländer -- Damen wie Herren -- besonderes Gewicht auf die -Toilette legten. Beim Abendessen z. B. erschienen die Engländer stets in -schwarzer Kleidung, während die andern Passagiere sich so zeigten, wie -sie gerade angezogen waren, und sich nicht erst besonders -umkleideten. Ebenso erschienen die englischen Damen dekolletiert in -Gesellschaftstoilette. Am Sonntag zum Gottesdienst waren fast immer nur -Engländer zugegen, die der Predigt ihres landsmännischen Predigers, -der lange als Missionar in China tätig gewesen sein sollte, andächtig -zuhörten. Andere Nationen erschienen zu dieser Feier höchst selten. Auch -waren es ausnahmsweise Engländer, die sich mit großer Beweglichkeit an -den Spielen beteiligten und sich dabei selbst alte Leute mit den Kindern -vergnügten. Daß die Engländer auch im Kartenspiel groß sind, habe -ich bereits oben erwähnt. -- In Colombo war eine englische -Schauspielertruppe an Bord gekommen. Das Benehmen derselben aber war -nicht gerade lobenswert zu nennen. Sie waren zwar lebhaft, hatten aber -wenig feine Manieren, wie sie bei andern ihrer Landsleute oft zu finden -sind; besonders war das Singen, Schreien, Trinken u. s. w. der Damen -recht unschön, sodaß wir ordentlich aufatmeten, als diese Gesellschaft -das Schiff verließ. - -Die Deutschen sind stillerer Natur; sie sitzen gewöhnlich bei einem -Glase Bier, rauchen Zigarren oder lesen irgend etwas, was sie auf -dem Schiff bekommen, wie Novellen, Reisebeschreibungen u. s. w., die -Bibliothek des Schiffes steht zwar jedem jederzeit zur Verfügung, wird -aber am meisten von Deutschen in Anspruch genommen. Die interessantesten -Bücher gehen stets von einem Deutschen zum andern, sodaß wir diese kaum -zum Lesen erhielten. Einige von ihnen sitzen im Winkel des Rauchsalons -und sind so in ihre Lektüre vertieft, daß sie kaum merken, was um sie -vorgeht. Um ihr Äußeres bekümmern sich die Deutschen bedeutend weniger -als die Engländer, sie geben sich ganz ungezwungen. Von ihnen kann man -sagen: wahrlich ein leselustiges Volk. - -Die Franzosen sind immer aufgeweckt, fröhlich und gesprächig, sie -gehen meistens in laut geführter Unterhaltung auf dem Promenadendeck -spazieren, mischen sich in jedes Gespräch, spielen Karten, trinken, -rauchen Cigaretten und sind immer vergnügt und guter Dinge. Ich sprach -mit einem Franzosen und sagte, daß seine Landsleute zwar sehr leutselig, -gewandt im Verkehr und witzig seien, aber daß sie in mancher Beziehung -zu leichtlebig und ihrer Regierung allzuoft Sorgen bereiten, sodaß -diese stets darauf bedacht sein müsse, neue Ablenkungen für das Volk zu -finden, wenn es sich nicht allzuviel mit den politischen Angelegenheiten -beschäftigen sollte. Da sagte mir der Franzose, daß diese Ansichten fast -von allen Menschen geteilt, aber in Wirklichkeit nicht zutreffend seien. -Er meinte, man könne wohl die Pariser so beurteilen, aber wenn man von -dem ganzen französischen Volke spräche, so sei dies etwas übertrieben. -Paris ist eine Weltstadt, in der alle Nationen in großer Anzahl -vertreten sind; will man daher echte Franzosen kennen lernen, so darf -man diese nicht in Paris suchen. Wenn man einmal ins Innere des Landes -kommt, wird man ein Volk mit stillerem, ruhigerem Charakter antreffen, -das von den sogenannten Parisern sehr absticht. Schlicht, einfach und -gehorsam, sanft wie ein Lämmchen, kümmern sich diese Leute wenig oder -garnicht um Politik. Als ein Beispiel dafür könnte man jene merkwürdige -Begebenheit mit Dreyfus anführen, über den in Paris so viel geschrieben -und gesprochen wurde. Man nahm an, daß dies die Stimme ganz Frankreichs -wäre, in Wirklichkeit aber wußte man außerhalb von Paris nur wenig -von ihm. Während die ganze Stadt in großer Aufregung war, als der -Verurteilte nach seinem Verbannungsorte geschickt werden sollte, -stand man dieser Sache im Lande ziemlich kühl gegenüber. Um den echten -Franzosen kennen zu lernen, sollte man also ins Innere gehen, nur dort -kann man Land und Leute richtig beurteilen. Ich gab seinen Ausführungen -Recht und versicherte ihm, daß dieselben viel Überzeugendes hätten. - -Wie sich nun unsere Landsleute auf dem Schiffe bewegten, was sie -trieben und wie sie lebten, brauche ich hier nicht zu erörtern, denn -der japanische Charakter ist ja uns allen bekannt. Sollte jedoch irgend -jemand sein, der es wissen möchte, nun gut, der mag selbst die Reise -antreten. - - -Die Seekrankheit. - -Ja, die Seekrankheit ist eine wunderbare Krankheit! Gottlob, daß sie -auf unserer Fahrt nicht so schlimm auftrat, trotzdem wir von Colombo bis -Aden fast fünf Tage lang ziemlich hohen Wellengang hatten. Es ist ein -unheimliches Gefühl, wenn das Schiff so stark schaukelt, sich jetzt -auf diese, nun auf jene Seite legt; bald glaubt man in einen Abgrund zu -versinken, bald zu den Wolken emporgetragen zu werden. Und dann, wenn -sich das Hinterschiff aus dem Wasser erhebt, das dumpfe Getöse der -Schrauben, das man noch lange nach beendigter Fahrt zu vernehmen glaubt. -An einem besonders stürmischen Tage konnten die meisten den Speisesaal -nicht betreten. Eine Dame war vom Anfang der Fahrt bis zum Ende -seekrank, sodaß sie fortwährend auf dem Verdeck liegen mußte und weder -essen noch schlafen konnte; sie sah wirklich mitleiderregend aus. Ein -junger Deutscher pflegte sie sehr aufopfernd, sodaß man glauben konnte, -die beiden ständen sich auch im sonstigen Leben näher. Beide verließen -das Schiff in Neapel, um ihre Reise von dort aus zu Land fortzusetzen. -Unsere besten Wünsche begleiteten sie, und wir hofften, daß sie -glücklich und gesund ihre Heimat erreicht haben. - -Gegen die Seekrankheit gibt es meiner Erfahrung nach zwei -Verhaltungsweisen, entweder man liegt ganz still oder man bewegt sich -fortwährend so viel wie nur irgend möglich. Ich habe bemerkt, daß -korpulente Personen mehr von dieser Krankheit geplagt wurden, als andere -Menschen. Unter meinen Landsleuten befand sich auch einer, der sehr -leicht seekrank wurde, er blieb die meiste Zeit in der Kajüte und ließ -sich selten sehen. Beim Essen erschien er -- da der Hunger ihn plagte -- -aß sehr schnell, fast ohne zu kauen und -- verschwand. Gingen wir jedoch -an Land, so war unsere Kolonie stets vollzählig, sodaß wir es hinnehmen -mußten, als ein Deutscher zu uns sagte: »Eigentümlich, wenn Sie an Land -gehen, sind Sie vollzählig, sonst nicht.« - -Ich habe stets mit meiner Seetüchtigkeit geprahlt und sie auch auf -der ganzen Fahrt bewahrt, ausgenommen an einem Tage. An diesem Tage, -glücklicherweise dem einzigen während der ganzen Seereise, bin auch -ich ein Opfer dieser heimtückischen Krankheit geworden. Das wollte ich -eigentlich geheim halten, aber da ich versprochen habe, meine Erlebnisse -treu mitzuteilen, so fühle ich mich verpflichtet, der Wahrheit zu Ehren -auch dieses zu berichten. Die Seekrankheit verursacht ein geradezu -unbeschreibliches Gefühl, zumal wenn man, wie ich, beim Bade von ihr -überrascht wird. Eine große Welle stürmte heran, der ganze Schiffbau hob -und senkte sich in schaukelnder Bewegung; es hob und senkte sich auch -mir im Innern, sodaß ich das Gleichgewicht verlor und vergebens nach -einem Halt suchte... Der Angstschweiß trat mir auf die Stirn... es -schwindelte mir vor den Augen... der Magen krampfte sich zusammen... ein -Pressen im ganzen Körper... »und es wallet und brauset und siedet« und --- ich war seekrank, ich, der ich sonst mit mitleidigem Lächeln auf die -seeschwachen Passagiere herabschaute! Gottlob, daß diese Krankheit sonst -keine nachteiligen Folgen hat! Glücklich derjenige, dem es vergönnt ist, -von einer solchen Reiseerinnerung verschont zu bleiben! - -[Illustration: Auf dem Vorderdeck des »König Albert«.] - - -Der Nebel. - -Eine der gefährlichsten Erscheinungen während der Fahrt ist der Nebel, -und zwar am gefährlichsten, wenn das Schiff sich in der Nähe eines -Strandes oder gar einer Klippe oder Sandbank befindet. Ein Sturm ist -zwar für Schiffe ebenfalls gefährlich, jedoch kann man bei der festen, -soliden Bauart der heutigen großen Dampfer und der theoretisch wie -praktisch hochstehenden Ausbildung der Führer einem Sturm mit Ruhe -entgegensehen, zumal wenn sich das Schiff auf hoher See befindet. Etwas -anderes ist es aber mit dem Nebel, da nützt sowohl die Festigkeit des -Schiffes als auch die kunstgerechte Führung fast garnichts, denn bei -dichtem Nebel kann man ja kaum zwei Schritte weit sehen. Zwar werden -allerlei Mittel angewendet, um die Gefahr zu verringern; man hat auch -die verschiedensten Apparate erfunden, um die augenblickliche Lage des -Schiffes möglichst genau zu bestimmen, aber trotz alledem ist bei einem -Nebel die Gefahr für Schiff und Besatzung bei weitem größer als bei -einem Sturm. Als wir von Hongkong nach Singapore fuhren und uns nicht -weit von der Insel Formosa befanden, wurden wir eines Morgens von -einem dichten Nebel überrascht. Dieser Teil des Meeres ist wegen der -zahlreichen Klippen, welche jene Insel umgeben, den Schiffern als -einer der gefährlichsten bekannt. Es verursacht ein unheimliches und -angstvolles Gefühl, wenn auf dem Schiffe allerlei Anstalten getroffen -werden, die auf eine ernste Gefahr hindeuten. Die Fahrgeschwindigkeit -wird auf ein Minimum herabgesetzt, nur langsam bewegt sich das Schiff -vorwärts; von Zeit zu Zeit liegt es ganz still. Die Glocken werden in -einem fort geläutet; die Dampfpfeife und das Nebelhorn ertönen, um -bei etwaiger Annäherung eines anderen Schiffes einen Zusammenstoß zu -vermeiden, dazwischen hört man das Kommando der Offiziere. Zwar sind -die stärksten elektrischen Lichter angezündet; da man sich jedoch -gegenseitig auf ein paar Schritte kaum erkennen kann, so ist klar, daß -auch dies wenig hilft. In solch einer ernsten Stunde hört alles lebhafte -Treiben an Bord auf; es wird totenstill und jeder hat mit sich selbst -zu tun. Er denkt an das, was ihm im Leben am nächsten steht, läßt so -manches an sich im Geiste vorüberziehen, sein fernes Heim, seine lieben -Angehörigen, die von dem furchtbaren Ernst der Stunde keine Ahnung -haben. Dieser angstvolle Zustand währte etwa drei Stunden, und als dann -der dichte Nebelschleier zerriß, sahen wir auf der einen Seite, nicht -allzuweit von uns, einen Postdampfer vorüberfahren. Bei diesem Anblick -befiel uns unwillkürlich ein Grausen. Was hätte uns zustoßen können, -wenn sich der Nebel nicht aufgeklärt hätte! Durch Gottes Hilfe war -diesmal ein Unglück vermieden, sonst hätten wir vielleicht hier ein -nasses Grab in dem unendlichen Meere gefunden. Das schöne Lied von -Goethe möchte ich hier anführen, worin er »die glückliche Fahrt« -- -freilich weniger nach gefährlichem Nebel als nach lang anhaltender -Windstille -- besingt: - - »Die Nebel zerreißen, - Der Himmel ist helle - Und Äolus löset - Das ängstliche Band. - Es säuseln die Winde, - Es rührt sich der Schiffer. - Geschwinde! Geschwinde! - Es teilt sich die Welle, - Es naht sich die Ferne; - Schon seh' ich das Land!« - - -Die Schiffsbegleiter. - -Wirklich interessante Erscheinungen sind die verschiedenen Tierarten, -welche dem Schiffe unterwegs begegnen oder dasselbe ein Stück begleiten. -Zunächst sind es die Möven, jene schöne Art von Seevögeln, welche in -großer Anzahl das Schiff umkreisen. Wenn sich letzteres dem Strande oder -dem Hafen nähert, sieht man viele hunderte von diesen Vögeln, die auf -den Augenblick warten, wo alle Überbleibsel der Speisen, wie Brot, -Fleisch u. dergl., über Bord geworfen werden. Es ist ein sehr -anziehendes Schauspiel, wenn diese Seevögel, nachdem sie eine Zeitlang -durch die Luft geschwebt sind, mit einem Male zum Wasser hinabschießen, -um kleine Fische zu fangen. Einige tauchen unter, andere bleiben so -recht vergnügt auf der Oberfläche der Wellen. Wenn man von Bord aus -dieses lustige, harmlose Treiben zwischen dem blauen Himmel und dem -grünen Meere betrachtet, so könnte man diese zierlichen Tiere beinahe -beneiden und meinen, man möchte wohl auch solch ein Vogel sein, um so -recht vergnügt und froher Dinge in der freien Luft zu schweben und sich -ohne Sorgen in Gesellschaft der Kameraden zu tummeln. Aber auch diese -Vögel haben ein Leben voller Gefahren. So sahen wir eines Abends einige -Möven, welche unserem Schiffe folgten und vor Mattigkeit kaum noch -zu fliegen vermochten. Diese hatten sich wahrscheinlich von ihrem -heimatlichen Strande zu weit entfernt und konnten ihn nicht -mehr erreichen. Sie waren so matt, daß sie sich, ohne vor uns -zurückzuschrecken, am Schiffsgeländer niederließen und sich mit bloßen -Händen fangen ließen. Am nächsten Morgen gaben wir unsere kleinen -Gefangenen, nachdem wir sie tüchtig gefüttert hatten, wieder frei, in -der Hoffnung, daß sie den Weg zum heimatlichen Strande zurückfinden -würden. - -Die eintönige Fahrt wird ferner durch die fliegenden Fische -unterbrochen. Diese sind jedoch nicht überall anzutreffen; sie scheinen -bestimmte Strecken im Meere zu verschiedenen Zeiten aufzusuchen. So -sahen wir sie tagelang garnicht, an anderen Tagen dagegen konnten wir -sie in bedeutender Zahl beobachten. Sie schnellen mittels ihrer großen -langen Flossen über die Oberfläche des Wassers wie ein abgeschossener -Pfeil dahin. Von weitem hat ihre Fortbewegung viel Ähnlichkeit mit dem -Fluge einer Schwalbe. - -Das Interessanteste von allem aber war unsere Begegnung mit einem -Walfisch. Ca. 400-500 m vom Schiffe entfernt, entdeckten wir eines Tages -ein schwarzes Etwas. Wir glaubten ein Wrack oder eine Klippe vor uns zu -haben, aber als wir einige Zeit aufmerksam hingesehen hatten, bemerkten -wir, daß diese schwarze Masse sich immer mehr hob und dann plötzlich -verschwand. Dieses wiederholte sich mehrmals. Da auf einmal ragte ein -Riesenkörper empor, und nun erkannten wir einen mächtigen Walfisch. -Weil er sich von dem Meere fast senkrecht abhob, konnten wir die ganze -Gestalt sehr gut erkennen. Wenn wir auch bei der Entfernung die Länge -des Tieres nicht genau nach Metern zu bemessen vermochten, so war uns -doch das eine klar, daß wir einen mächtigen Riesen des Meeres vor uns -hatten. Es war ein imposanter Anblick, dieses Auf- und Untertauchen des -gewaltigen Tieres, und wir verfolgten dasselbe mit unseren Augen, so -lange es irgend möglich war. Ich hätte gewünscht, die Fahrt des -Schiffes auf einige Augenblicke hemmen zu können, damit auch alle andern -Passagiere an diesem Schauspiel sich hätten weiden können, aber leider -war es unmöglich, und so mußten die, die es nicht gesehen, mit unserer -Erzählung fürlieb nehmen. - -Nicht so imposant wie diese Riesen sind die Delphine, aber auch sie -tragen zur Unterhaltung viel bei und bringen einige Abwechslung in das -Leben an Bord. Wir haben viele Delphine in einzelnen Gruppen beobachten -können, einmal sogar zu mehreren Hunderten. Sie scheinen ein bis zwei -Meter groß zu sein, tauchen mit ihrem plumpen Körper kopfüber unter -oder schnellen aus dem Wasser heraus, um über dem Meeresspiegel ihre -Kunststücke zu üben. -- So hat auch das Meer durch seine Bewohner seinen -Tribut zur Unterhaltung der Passagiere dargebracht. - - -Das Leben an Bord. - -Demjenigen, der zum ersten Male zu Schiff reist und nun mehrere Wochen -an Bord zubringen muß, wird eigentümlich zu Mute, wenn er sich sein -neues Heim näher ansieht. So will ich denn hier versuchen, meinen Lesern -und besonders meinen jungen Freunden in der Heimat einen flüchtigen -Einblick in dieses neue Leben zu verschaffen, damit sie bei einer -späteren Reise besser Bescheid wissen. Zunächst die Kajüte. Man denke -sich einen Raum von 2½ bis 3 m im Quadrat, auf der einen Seite zwei -Bettstellen übereinander und neben diesen einen Kleiderschrank von etwa -½ m Breite und ½ m Tiefe, auf der andern ein Sofa. Zwischen Sofa -und Betten befinden sich zwei große Spiegel mit Waschtoilette schräg -gegenüberliegend, sodaß zwischen diesen noch ein freier, allerdings -nicht großer Raum übrig bleibt. Hier stehen die kleineren Koffer, das -sogenannte Handgepäck, während die großen Koffer in dem Magazin für -Passagiergepäck aufbewahrt werden, das täglich zu einer bestimmten Zeit -den Reisenden zugänglich ist. Eine Leiter für den Inhaber des oberen -Bettes ist selbstverständlich auch vorhanden, damit sich derselbe in -seine in der ersten Etage liegenden Gemächer zurückziehen kann. Die -Waschtoilette besteht aus Waschschüssel, Wasserkaraffe, Gläsern, -Nachtgeschirr, Seife und Handtüchern und ist äußerst praktisch -eingerichtet; man braucht sie nur herunterzuklappen, dann hat man eine -hübsche große Fläche mit dem Nötigen vor sich. Nach Benutzung klappt man -alles wieder hoch und spart auf diese Weise viel Raum. Auf dem Schiffe -muß man sich überhaupt daran gewöhnen, mit wenig Raum auszukommen, da -dieser das Kostbarste in der schwimmenden Wohnung ist. Zum Zudecken -des Körpers während des Schlafes benutzt man wollene Decken, welche vom -Schiffe geliefert werden. Das ist die ganze »komfortable« Einrichtung -einer Kajüte. Anfangs schien es mir, als ob ich mich in dieser engen -Behausung nicht frei bewegen könnte, ohne irgendwo anzustoßen, vermochte -ich doch mit ausgestreckten Armen die Decke zu berühren! Obwohl wir -Japaner so zierlich gebaut sind, kam mir meine neue Welt doch so winzig -vor, daß ich glaubte, ich hätte selbst für meine kleine Person keinen -Platz darin. Aber wie der Mensch sich an alles gewöhnt, so gewöhnten -auch wir uns bald an unsere Kajüte und meinten später ein großes Reich -zu besitzen. Man bedenke, ein Handausstrecken genügt, und alles was -man haben will, kann man erreichen und fassen: kann es etwas bequemeres -geben? So fühlten wir uns in diesem engen Raum am Ende ganz wohl, vor -allen Dingen fanden wir ihn sehr praktisch. Wenn man an die vielen -Zimmer denkt, die man sonst zu Hause zu bewohnen pflegt, dann muß man -sich unwillkürlich sagen: Welch' eine Verschwendung, welch ein großer -Luxus ist eine so große Wohnung! Kann man doch mit bedeutend weniger -auskommen! So dachten wir oft verständnisvoll an den Griechen Diogenes, -der in einer Tonne gelebt haben soll, an Sokrates, der gesagt hat, -daß Nichts bedürfen göttlich sei, daß demnach derjenige, welcher am -wenigsten bedürfe, der Gottheit am nächsten sei. - -Die Einrichtung der Kajüten der ersten und zweiten Klasse ist so -ziemlich gleich, nur sind sie in der ersten Klasse etwas geräumiger und -haben eine bessere Ausstattung. Meine Kajüte hatte einen Vorzug, das -waren zwei Luken, durch die sie frische Luft und Licht erhielt; bei -schönem Wetter blickte auch wohl die Sonne herein und verlieh dem -Raum ein freundliches Aussehen. Die Kajüten aber, die in der Mitte -des Schiffes liegen, sind dunkel und ohne Luken, sodaß man stets -elektrisches Licht anzünden muß, um einigermaßen sehen zu können; -außerdem sind sie mit einem Ventilator versehen, welcher elektrisch -betrieben wird und für frische Luft sorgt. Aber leider ist seine -Tätigkeit nur in einer bestimmten Höhe fühlbar, denn ober- und unterhalb -derselben entsteht kein Luftzug, sodaß im ganzen in einer solchen Kabine -keine angenehme Luft herrscht. Noch einen andern Übelstand bringt der -Ventilator mit sich, das ist sein Geräusch, welches recht unangenehm auf -die Nerven wirkt. - -Nachdem man des Nachts in der Kajüte der Ruhe gepflegt hat, fängt -mit Anbruch des Tages das Leben auf dem Verdeck an. Sobald die Glocke -läutet, steht man auf, geht eine Zeitlang auf dem Verdeck spazieren und -nimmt dann, wenn die Glocke zum zweiten Male ertönt, das erste Frühstück -ein. Einige jedoch standen schon vor dem ersten Glockenschlag auf -und wanderten auf dem Verdeck umher, denn es ist unstreitig von allem -Schönen das Schönste, wenn man sich früh morgens erhebt und die weite -unendliche See mit dem wunderbaren Aufgang der Sonne betrachtet. Die -erhabene Unendlichkeit des Meeres, von dem in mattem Rot gefärbten -Dunstschleier am Horizont begrenzt -- welche Herrlichkeit! Ich mußte -dabei öfters an ein Gespräch unseres verstorbenen Kultusministers -Vicomte Mori mit dem chinesischen Staatsmann Li-Hung-Tschang denken, als -jener noch als Gesandter von Japan am Pekinger Hofe weilte. Li fragte -ihn nämlich einmal, was er in der Welt für das Schönste und Erhabenste -halte, worauf jener zur Antwort gab, daß es für ihn nichts Schöneres und -Erhabeneres gäbe, als wenn er sich mitten auf dem endlosen Meere befinde -und das Auge über die weite, weite Fläche schweifen ließe. Nur in diesem -Augenblick fühle man, entrückt von allem irdischen Staube, das wahrhaft -Schönste und Erhabenste! Li-Hung-Tschang, der auf seine scheinbar -einfache Frage vielleicht eine politische Antwort zu erhalten geglaubt -hatte, war ob dieser unerwarteten gefühlvollen Entgegnung nicht wenig -erstaunt und konnte nicht umhin, sein Gegenüber als einen ebenso -empfindungsreichen wie geschickten Diplomaten anzuerkennen. - -Auf das erste Frühstück folgt, wie schon oben erwähnt, in langem Abstand -das zweite. Nach diesem wird durch Lesen oder Unterhaltung die Zeit auf -dem Promenadendeck vertrieben, bis die Glocke zum Mittagessen ruft und -auch diese Beschäftigung unterbricht. Nach dem Essen folgt die Siesta -bis zur Vesperzeit. Da sieht man fast alle Passagiere langgestreckt auf -den Rohrstühlen liegen und schlafen. Erst am Abend, wenn es kühler wird, -beginnt ein regeres Leben. Da wird der Rauchsalon stark besetzt, auf dem -Promenadendeck spaziert man paarweise plaudernd umher oder bildet hier -und da Gruppen, von denen Witzworte hin- und herfliegen. So geht es bis -spät in die Nacht hinein, um endlich ermüdet seine enge Behausung -wieder aufzusuchen und, des glücklich überstandenen Tages froh, durch -erquickenden Schlaf sich zum nächsten Tage zu stärken. Ein Tag gleicht -dem andern, nur das Ziel rückt immer näher und neugierigen Auges -betrachtet man den Ort, wo sich das Schiff befindet, auf der an Bord -befindlichen Landkarte. Jeden Tag einmal wird nämlich auf dieser -Karte angezeigt, wieviel Meilen das Schiff in den letzten 24 Stunden -zurückgelegt hat und welche Stelle es augenblicklich einnimmt. - -Im allgemeinen kann man sagen, daß nächst dem Essen und Trinken das -Schlafen die Hauptbeschäftigung der Passagiere ausmacht und daß Morpheus -vor allen andern Göttern hier sein Szepter schwingt: - - »Hoch vor allen - Gaben des Himmlischen - Sei mir gepriesen - Du, der Seele - Lebendes Wasser, - Gliederlösender - Heiliger Schlaf. - -- -- -- -- -- -- -- - -- -- -- -- -- -- -- - Ein heilig Bad - Bist Du, o Schlummer, - Würziger Kraft voll. - Mut und Erneuung - Atmet die Psyche, - Wenn Deine Woge - Sanft die bewußtlos - Schwimmende trägt - Von Leben zu Leben, - Von Strand zu Strand.« - -So priesen wir mit Geibel den süßen erquickenden Schlaf. Er -hauptsächlich verscheucht die furchtbare Langeweile während der öden, -eintönigen Wasserfahrt, sei es, daß er den Schläfer in die Heimat zu -seinen Lieben entführt, sei es, daß er vor ihm in den prächtigsten -Farben Zukunftsbilder von dem Lande entrollt, wohin er fährt, die aber -leider von ebenso kurzer Dauer sind, wie sie der rauhen Wirklichkeit -wenig entsprechen. Aber auch andere Bilder ziehen vor dem Geiste des -Träumers vorbei, und nur das Rasseln der Schrauben und das Plätschern -der Wellen erinnern ihn von Zeit zu Zeit an die Wirklichkeit, an das -rastlose Vorwärtsstreben des Dampfers. - - -Handel an Bord. - -Jedesmal, wenn das Schiff in einen Hafen einläuft, wird es von den -Landbewohnern besucht, die, mit den verschiedensten Produkten ihres -Landes reichlich beladen, auf das Deck kommen, um mit den Insassen -Handel zu treiben. Manchmal ist die Zahl dieser Geschäftsleute so -ungeheuer und das Gedränge an Bord so groß, daß man sich kaum frei -bewegen kann. Sie verursachen auch gelegentlich so großen Lärm, daß man -nicht imstande ist, sein eigenes Wort zu verstehen. Hierbei kann man -jedoch die verschiedensten Charaktere der Völker sehr gut kennen lernen -und auch die Art und Weise studieren, wie sie ihre Waren feilbieten. - -[Illustration: Ausladen der Fracht in einem Hafen.] - -In Hongkong und Shanghai kommen die Chinesen. Gestickte Seide, Tusche, -Pinsel, Geldstücke, meistenteils alte Kupfermünzen, Schnitzereien aus -Ebenholz und Elfenbein, goldene und silberne Ringe, Knöpfe, Nadeln, -Gürtelschlösser u. s. w. sind ihre Spezialitäten. In Penang bringen -ebenfalls die Chinesen Schmuckgegenstände und insbesondere wunderhübsche -Kunstkistchen in verschiedenen Größen, aus schönem Holz verfertigt, -zum Verkauf. In Colombo erscheinen die braunen Eingeborenen mit den -verschiedensten Sachen aus Elfenbein, mit allerlei Arten von Edelsteinen -wie Rubinen, Saphiren, Topasen u. s. w., worunter natürlich auch -viele falsche sind, die aber die Verkäufer mit ernster Miene als -echte Edelsteine anpreisen. Auch Bergkristalle und Granaten, metallene -Gegenstände, ferner Gewürz, Tee, Kaffeebohnen, alle möglichen Früchte, -eigentümliche Waffen aus langen scharfen Knochen von Tieren und Fischen -u. s. w. werden hier angepriesen. In Port Said werden besonders Brokat, -goldgestickte Teppiche und Tischdecken in herrlichster Ausführung, -Korallen, kurze Uhrketten aus Metall mit Geldstücken, Straußenfedern, -Straußeneierschalen, buntgeflochtene Körbe und anderes angeboten; ferner -gute und sehr billige Cigaretten, aber man darf leider nicht zu viel -davon kaufen, denn wenn man nach Italien kommt, werden sie verzollt und -der Zoll beträgt ungefähr das Doppelte von dem, was man dafür bezahlt -hat. In Neapel kann man außer verschiedenen feinen Schmuckgegenständen -geschnitzte Figuren, Knöpfe, Gemmen u. s. w. aus Lava und Marmor als -Spezialitäten erwerben. Erwähnen möchte ich noch, daß an jedem Orte -Photographien und Ansichtspostkarten zu haben sind. Die Verkäufer sind -fast überall zudringliche, mitunter unsaubere Leute, so daß sie Jedem -Abscheu einflößen und man froh ist, wenn sie das Schiff verlassen haben. -In einzelnen Häfen kommt man diesen Händlern sogar mit größtem Mißtrauen -entgegen, da sie als unehrliche Leute bekannt sind, und vorsichtshalber -werden sämtliche Behälter und Türen verschlossen. In Port Said z. B. -wurde mit ihnen sehr derb verfahren. Hier erwarteten die Matrosen, -an der Schiffstreppe mit Knütteln Posten stehend, die Ankömmlinge und -ließen niemanden herauf. Aber obwohl es Hiebe hagelte, wichen diese -Kerle nicht von dannen und schließlich gelang es doch einigen von ihnen, -hindurchzuschlüpfen oder die Matrosen mit Geld oder Waren zu bestechen. -Gerade in Port Said, wo die Kaufleute den verschiedensten Völkern -angehören, wie Indern, Arabern, Italienern u. a. m., widert einen die -Gesellschaft besonders an, so daß man mit Ekel die angebotenen Sachen -zurückstößt. Zudem sprechen diese Händler eine eigentümliche, man -könnte sagen, eigene Weltsprache, d. h. ein Gemisch von allen Sprachen, -Englisch, Italienisch, Französisch, Deutsch, Arabisch u. s. w., von -jeder Sprache etwas. Im allgemeinen wird sonst Englisch gesprochen, -oder richtiger gesagt, geschrien. Doch geht der Handel mitunter auch -sprachlos mittelst Gestikulationen, Achselzucken u. s. w. gut von -statten. Wie unehrlich dieses Gesindel ist, mußte einer von uns bei -folgender Gelegenheit erkennen: derselbe kaufte eine Photographie und -bezahlte mit einem Goldstück, worauf der Verkäufer herausgeben sollte; -aber kaum hatte dieser das Goldstück in der Hand, so verschwand er in -der großen Menge und kam nicht wieder zum Vorschein. Aber auch, wenn -diese Kerle herausgeben, muß man vorsichtig sein und aufpassen, da sie -nicht selten falsches Geld bei sich führen. Auch Wechsler erscheinen mit -großen Beuteln voll Gold und Silbermünzen an Bord. Diese erhalten zwar -wegen der hohen Prozente, die sie für sich beanspruchen, wenig -Aufträge, verdienen aber doch immerhin ganz beträchtlich, da man in den -verschiedenen Gewässern mit verschiedenen Geldsorten zahlen muß. Auch -Schneider erscheinen mit Kleidungsstücken, die sie verhältnismäßig -billig ablassen. Sie kaufen auch von den Passagieren und Mannschaften -alte Kleider, Wäsche u. s. w. Im allgemeinen sind die Preise der an Bord -feilgebotenen Gegenstände außerordentlich hoch; man muß deshalb sehr -handeln und kann gewiß sein, das betreffende Stück schon für die Hälfte -des geforderten Preises zu erhalten. Die meisten Sachen sind auch -minderwertig. Die Verkäufer preisen sie jedoch ungeheuer an und wissen -stets einige davon los zu werden. Natürlich kaufen die Passagiere in -vielen Fällen für teures Geld Sachen, die keinen Pfennig wert sind -- -ich, der ich imitierte gefärbte Glaskugeln für echte Korallen hielt und -kaufte, gehörte auch leider zu diesen -- aber man befindet sich einmal -auf der Reise und da macht es doch Vergnügen, etwas mitzubringen oder -seinen Lieben aus der Ferne Kleinigkeiten zu senden, auch wenn man diese -Freude teuer bezahlen muß. - -In Singapore, Port Said und Colombo kommen auch viele kleine -Eingeborene, Knaben, unbekleidet, fast wie Affen aussehend, mit ihren -Kähnen zum Schiff heran. In Colombo haben dieselben aus Baumstämmen -ausgehöhlte, langgestreckte Fahrzeuge, welche sie geschickt bewegen. -Natürlich treiben diese Kinder keinen Handel mit den Schiffsinsassen, -machen aber ebenso wie die andern Kaufleute gute Geschäfte. Sobald -sie die Passagiere am Schiffsgeländer erblicken, schreien sie mit -krächzender Stimme oder zeigen mit der Hand, daß man Geldstücke ins -Wasser werfen möchte, wonach sie mit unglaublicher Geschicklichkeit -hinabtauchen. Einzelne von ihnen, die besonders gewandt sind, verdienen -hierdurch viel Geld. Da sie unbekleidet sind, infolgedessen keine -Taschen haben, stecken sie die aufgefischten Geldstücke in den Mund. -- -In Neapel sahen wir gleichfalls derartige Taucher, doch waren es hier -erwachsene Männer in hellen Badeanzügen, ganz fein aussehend. In dieser -Verschiedenartigkeit prägte sich recht deutlich der Gegensatz zwischen -den Naturvölkern und der zivilisierten Welt aus. - - -Tanzvergnügen an Bord. - -Auf unserer Fahrt fand für die erste und zweite Klasse je ein großes -Tanzvergnügen statt. Hierzu wurde das Promenadendeck mit farbigen -Tüchern und Fahnen schön ausgeschmückt und abgegrenzt. Viele farbige -elektrische Lampen wurden angezündet, so daß man glauben konnte, sich -nicht auf einem Schiffe, sondern in einem festlich geschmückten Saale zu -befinden. Sämtliche Herren und Damen erschienen festlich gekleidet: die -Damen fast ohne Ausnahme in heller Toilette, die Herren in schwarzen -Gesellschaftsanzügen oder in hellen Sommerkostümen. Nach dem Abendessen -nahm die Schiffskapelle ihre Plätze ein und begann zu spielen. Als -Einleitung kam ein Promenadenstück, dann folgten die verschiedenen -Tänze wie Walzer, Polka, Rheinländer, Quadrille und wie sie alle heißen, -welche bis tief in die Nacht hinein getanzt wurden. Wir Japaner waren -auch dazu eingeladen und sahen diesem Treiben mit Vergnügen zu, wenn -wir denselben auch kein allzugroßes Interesse entgegenbrachten. Die -elastischen Gestalten drehten sich, einander mit dem Arm umschlingend, -oder bewegten sich nach dem Kommando eines Herrn von einer Seite zur -andern durcheinander. Bald glichen sie Schmetterlingen, die paarweis von -Blume zu Blume flattern, bald sich drehenden Kreiseln. Wie ich hörte, -sollen alle diese Tänze fast über ganz Europa verbreitet sein, doch soll -fast ein jedes Land außerdem noch eigene Nationaltänze haben. Überhaupt -wird in Europa das Tanzen sehr gepflegt und schon in frühester -Jugend erlernen Knaben und Mädchen diese Kunst entweder im geselligen -Zusammensein der einzelnen Familien oder bei einem Tanzlehrer, welchem -selbst Schulen, besonders Mädchenschulen sehr entgegenkommen, so daß sie -ihm mitunter für seine Tanzstunden die Turnhalle überlassen. So wird -in Europa fast jede Gelegenheit ausgenutzt, um ein Tanzvergnügen zu -veranstalten, ungerechnet jene, die in vielen öffentlichen Lokalen -stattfinden. Ein guter Tänzer wird in Europa sehr gern gesehen und -eingeladen; er kommt dadurch leichter in die Gesellschaft hinein und -erhält einen großen Bekanntenkreis, der ihm in mancher Beziehung von -Nutzen ist. - -Im Zusammenhang mit Obigem erzählte mir ein Deutscher, daß in größeren -Städten große, prachtvoll ausgestattete Säle seien, wo täglich getanzt -wird, die sogenannten öffentlichen Tanzhallen. Hier jedoch seien -fast nur Mädchen zu finden, die keinen guten Lebenswandel führen und -leichtlebige Herren, die auf nicht gerade anständige Art ihr Geld -verprassen. Die besseren Tanzvergnügungen, d. h. diejenigen, die von -Familien, Vereinen oder aus einem bestimmten Anlaß für engere Kreise -veranstaltet werden, haben jedoch -- wenn man so sagen darf -- einen -Vorteil, und das sind die vielen Ehen, die durch diese gestiftet werden, -insofern sie es ermöglichen, daß die jungen Leute sich kennen lernen. -Ich weiß nicht, ob die Eheschließung dem Tanzen wirklich so viel zu -verdanken hat, auf jeden Fall ist es aber klar, daß der Mensch dadurch -aufgeheitert und angeregt wird, daß bei manchem ein wirkliches Bedürfnis -befriedigt und ihm nach anstrengender Arbeit eine wohltuende Erfrischung -gewährt wird. Gegen diese Lichtseiten hat der Tanz natürlich auch seine -Schattenseiten, nämlich die, daß gerade dadurch viele Menschen, Männer -wie Frauen, leichtsinnig werden, die Arbeit im Stich lassen, nur dem -Vergnügen huldigen, wie denn auch wohl manche moralische Untugenden und -Laster hier ihre Brutstätte haben. - -Auf dem Schiffe bemerkte ich, daß sogar ältere Leute, besonders -Engländer, viel und gern tanzten, ein Beweis, wie rüstig und gelenkig -man sich selbst bis ins hohe Alter hinein erhalten kann. Auch bei uns in -Japan haben wir bereits vor mehreren Jahren versucht, europäische Tänze -einzuführen, aber da dieselben unserem Geschmack nicht entsprachen, so -werden sie jetzt nur wenig getanzt. Einzelne Kreise haben seiner Zeit -sogar einen Maskenball nach europäischem Muster veranstaltet, jedoch ist -es auch hier bei diesem einen Versuch geblieben. Der Hauptgrund, daß -wir uns an diese Tänze nicht gewöhnen können, liegt wohl in der -Verschiedenheit unserer Kleidung, Wohnung und vor allen Dingen unserer -althergebrachten Musik, welche zum Tanze ungeeignet ist. - -Im Zusammenhang hierzu möchte ich einiges über die - - -Schiffskapelle - -mitteilen. Auf dem Schiffe wird an jedem Tage mehrere Male konzertiert, -regelmäßig morgens und abends. Die Kapelle besteht aus Stewards, die -ihre Sache vortrefflich verstehen und sehr gut spielen. Nachdem sie beim -Essen aufgewartet und ihre Kellnerpflichten erfüllt haben, begeben sie -sich auf das Verdeck und beginnen hier ihr Konzert, welches gewöhnlich -mehrere Stücke umfaßt, jedoch werden vorwiegend lustige Sachen gespielt. -Ich hatte geglaubt, daß die Kapelle nur aus Berufsmusikern bestände, -habe mich jedoch davon überzeugt, daß diese nur von den Stewards -gebildet wurde und konnte mir danach wohl vorstellen, wie weit -verbreitet und wie hochentwickelt die Musik in Europa sein mag. In -Europa scheint fast jeder Musiktreibender zu sein und besonders in -Deutschland, wo die meisten ohne Unterschied des Geschlechtes mindestens -ein Musikinstrument gut spielen sollen. Bei uns befassen sich fast nur -Frauen mit Musik, während Männer bloß unter den Berufsmusikern zu finden -sind. Außerdem fehlt unsern althergebrachten Instrumenten meistenteils -die Harmonie; sie klingen teils melancholisch, teils eintönig. Auch sind -sie wegen ihrer leisen Töne nur in einem kleinen Zimmer zu hören, in -einem großen Raum oder im Freien würden sie einfach verhallen. Daß nach -dem oben Gesagten unsere althergebrachte Musik nicht zum Tanze geeignet -ist, versteht sich von selbst. - -[Illustration: Musik an Bord.] - -In der Tat ist es eine Lücke in der Kultur unseres Landes, daß man -bisher auf das ästhetisch so bedeutsame Mittel der Musik keine -besondere Sorgfalt verwendet hat. Es werden jedoch jetzt in den Schulen -Gesangstunden abgehalten; in der Musikschule, in welcher ein deutscher -Kapellmeister angestellt ist, werden alle europäischen Musikinstrumente -gelehrt; die Militär- und Marinekapellen sind ganz nach europäischem -Muster eingerichtet, auch gibt es eine Hofkapelle und mehrere -Privatkapellen, die echt europäische Musik vortragen. Aber da die Musik -ebenso wie die Malerei, ja wie jede Kunst, mit dem Charakter des Volkes -aufs innigste zusammenhängt, so werden noch Jahre vergehen, bevor sich -diese Musik in ihrer modernen Technik in unserm Heimatlande eingebürgert -haben wird. Von einem jungaufblühenden Lande kann man ja nicht -verlangen, daß es mit einem Schlage in allen Dingen gleich die höchste -Stufe erreicht; man muß ihm vielmehr Zeit lassen und allmählich wird -unser Volk sicher auch diese ihm bisher noch fehlenden Talente zur -Entwickelung bringen, um dann auch hier einen ehrenvollen Platz -einzunehmen. In materiellen Dingen kann man ja schnell Riesenschritte -machen, aber in Kunst und Wissenschaft, die dem Volke in Fleisch und -Blut übergehen sollen, da muß man sich schon in Geduld fassen; doch -die Zukunft wird auch hierin Wandel schaffen, ja vielleicht Wunder -vollbringen. - - -Wohltätigkeitskonzerte, - -deren Reinertrag für verunglückte Angestellte des >Norddeutschen Lloyd< -oder deren Witwen und Waisen verwendet werden sollen, werden auf jeder -Fahrt einmal arrangiert und daran beteiligen sich sämtliche Passagiere. -Für das unsrige war ein vielseitiges Programm aufgestellt, von dem ich -hier einige Nummern anführen möchte. Eingeleitet wurde das Fest durch -Ansprache des Kapitäns und des für dieses Fest gebildeten Komitees, -worin besonders der Zweck betont und schon im Voraus der Dank für die -Mildtätigkeit der Teilnehmer und Spender ausgesprochen wurde. Hierauf -folgten die heiteren Vorträge: ein Herr spielte vorzüglich Klavier, eine -Dame trug einige Stücke auf der Zither vor, von mehreren Passagieren -wurden verschiedene kleine Possen aufgeführt, eine junge Dame -erfreute die Zuhörer durch den Gesang einiger schöner Lieder u. s. w. -Hervorzuheben war die Leistung eines amerikanischen Offiziers, der als -Dame verkleidet und schön geschminkt, die drolligsten Sachen vortrug und -bei sämtlichen Zuhörern wahre Lachsalven erweckte. Hierauf wurden von -mehreren Damen die Gaben eingesammelt und jeder gab soviel er geben -konnte. Wie man uns beim Schluß des Festes mitteilte, war eine ziemlich -bedeutende Summe zusammengekommen. - - -Die entgegengesetzten Gefühle der Hin- und Herreise. - -Welch' ein bedeutender Unterschied liegt in den Gefühlen, mit welchen -man die Hinreise macht und denen, die die Rückreise erweckt, und doch -wohnen diese beiden Gegensätze auf einem und demselben Schiffe friedlich -nebeneinander. Ein eifriger Beobachter könnte hier die schönsten Studien -machen. Um bei uns, die wir uns auf der Fahrt von der Heimat befanden, -anzufangen, so fühlten wir mit jedem Tage die Entfernung, welche uns von -unsern Lieben trennte, größer werden. In den ersten Nächten blieb uns -erquickender Schlummer fern. Denn ein eigentümliches Gefühl, gemischt -aus der freudigen Aussicht, viel Schönes zu sehen und zu lernen, und -aus dem Unbehagen, das Vaterland und die Seinigen so lange zu verlassen, -hielt uns wach. Ja, es war, als ob eine Leere im Herzen entstünde, und -in gleichem Maße, wie die Entfernung wuchs, glaubte man von Tag zu Tag -ein Fortschreiten dieser Empfindung wahrzunehmen. Es ist uns dabei zu -Mute, als ob jemand hinter unserem Rücken stände und uns fortwährend -nach hinten zöge. - -Wie anders dagegen ist das Gefühl derjenigen, die sich auf der Rückreise -befinden. Mit jedem Tage nähert man sich mehr und mehr der heimatlichen -Küste und man kann wohl sagen, mit jeder Meile wächst die Freude und die -Sehnsucht, die Lieben wieder vor sich zu haben, sie sprechen zu hören -und sie in die Arme schließen zu können. Schon auf dem Schiff erzählten -die auf der Rückreise Befindlichen gern und viel von der Heimat und man -fühlt hier so recht die Wahrheit des Wortes: »Weß das Herz voll ist, -deß läuft der Mund über,« während die Dahinfahrenden -- besonders in -den ersten Tagen -- meist stumm und nachdenklich den Kopf hängen -lassen oder, die Hände aufs Schiffsgeländer gestützt, in das weite Meer -hinausstarren. Man könnte diese beiden Arten, die ich eben geschildert -habe, als die normalen bezeichnen, denn ein jeder, welcher eine Heimat -besitzt, wird beim Abschied Schmerz, beim Wiedersehen Freude empfinden. - -Nun gibt es aber noch Menschen, die sozusagen keine Heimat haben, -d. h. die nach einem neuen Ziele streben und die Brücke hinter sich -vollständig abgebrochen haben, oder solche, die aus reiner Reiselust -von einem Weltteil zum andern fahren, bald hier, bald dort ihr Heim -aufschlagen und überall zu Hause sind. Die Gefühle dieser Menschen sind -selbstverständlich andere, oder vielleicht könnte man von ihnen sagen, -sie fühlen überhaupt nichts Besonderes, da sie ja nichts zu verlieren -und nichts zu gewinnen haben. - - -Unser Schiff. - -[Illustration: Staatskabine des »König Albert«.] - -Wie schon mehrfach erwähnt, hatten wir uns auf dem deutschen -Reichspostdampfer »König Albert«, dem >Norddeutschen Lloyd< gehörig, -eingeschifft, und da uns dieser Dampfer bei der Überfahrt so gute -Dienste geleistet hat, so fühle ich mich verpflichtet, über ihn zu -schreiben und ihn meinen Landsleuten, die nach mir die Fahrt nach -Deutschland unternehmen werden, zu empfehlen. Der Dampfer ist ca. 150 m -lang und 20 m breit und ist der größte Dampfer des >Norddeutschen -Lloyd<, welcher von Japan nach Deutschland verkehrt. Er kann außer einer -ungeheuren Ladung noch etwa 2400 Passagiere (davon 2000 dritter Klasse) -beherbergen. Auf unserer Fahrt wurden an Kajütenpassagieren erster -und zweiter Klasse aufgenommen 54 Personen in Japan, 40 Personen in -Shanghai, 40 in Hongkong, 45 in Singapore, 13 in Penang und 15 in -Colombo. Wie viele Passagiere sich außerdem noch in der dritten -Klasse befanden, ist mir nicht bekannt. Auch eine ziemlich bedeutende -Schiffsbesatzung -- ungefähr 200 Köpfe -- war an Bord. - -[Illustration: Promenadendeck des »König Albert«.] - -Auf dem Dampfer unterscheidet man das Hauptdeck, über diesem das -Oberdeck, hierüber das untere, dann das obere Promenadendeck und -ganz oben das kleine Sonnendeck. Vorzüglich eingerichtet und wahrhaft -künstlerisch ausgestattet ist der Speisesaal, welcher auf dem unteren -Promenadendeck liegt; ferner das sehr große Musikzimmer, beide für -Passagiere erster Klasse. Aber auch Speisesaal und Damenzimmer für die -Passagiere zweiter Klasse, welche sich auf dem Oberdeck befinden, sind -äußerst geräumig und schön eingerichtet. Für die Passagiere erster -sowohl wie zweiter Klasse ist je ein Rauchsalon vorhanden. Sämtliche -Räume werden mittels unzähliger elektrischer Glühlampen erleuchtet. -Einer besonders luxuriösen Ausstattung erfreut sich die Staatskabine, -die ihrerseits wieder aus Wohn-, Schlaf- und Badezimmer besteht. Aber -auch die Kajüten erster und zweiter Klasse sind gut und praktisch -eingerichtet und man kann in ihnen die lange Überfahrt, auch wenn sie -sechs Wochen oder noch länger dauert, bequem überstehen. Wir haben uns -darin jedenfalls sehr wohl gefühlt und ich glaube dasselbe von jedem -andern Passagier annehmen zu dürfen. Auch die Verpflegung auf dem Schiff -ist -- wie ich schon einmal erwähnt habe -- geradezu ausgezeichnet, -ich will nicht verfehlen, auch an dieser Stelle meiner Zufriedenheit -Ausdruck zu geben. Es ist dies ja nur eine Bestätigung dessen, was -man öfters sagen hört, daß der >Norddeutsche Lloyd< und -die >Hamburg-Amerika-Linie<, diese beiden größten deutschen -Schiffsgesellschaften, alles aufbieten, um die schnellsten und -größten, zugleich aber auch die bequemsten und mit den neuesten -Sicherheitsmaßregeln versehenen Schiffe in Dienst zu stellen. Hoffen -wir, daß es ihnen noch lange gelingen wird, in diesem edlen Wettstreit -an der Spitze zu bleiben, denn davon würden wir als Passagiere den -größten Vorteil haben; das Reisen würde immer sicherer und angenehmer -werden. - -[Illustration: Damensalon des »König Albert«.] - - -Trauriges während der Fahrt. - -Wie uns auf unserer Fahrt viel Interessantes und Erfreuliches passiert -ist, so hat es uns aber auch am Gegenteil nicht gefehlt. - -Bei einer langen Fahrt, die anderthalb Monate dauert, und bei der großen -Menge von Fahrgästen, die sich auf unserm Schiff befand, kann es nicht -vermieden werden, daß manch' unangenehme Ereignisse vorkommen. So -erzählte man mir, daß fast jede Fahrt Unglücksfälle, ja sogar nicht -selten Todesfälle aufzuweisen hat. Leider traten diese beiden bei -unserer Fahrt in verstärktem Maße vor, denn sie fingen bereits nach -einer Fahrt von acht Tagen an. Zuerst überraschte uns der bereits -erwähnte Todesfall eines Passagiers, eines Engländers, der mit seiner -Familie von Japan nach Hause reiste. Der Verstorbene soll lungenleidend -gewesen sein und hatte wohl von der Seefahrt Stärkung und Besserung -seiner Krankheit erwartet. Aber der Mensch denkt und Gott lenkt! Der -Leichnam des Verstorbenen wurde in Hongkong beigesetzt. In wie großer -Trauer seine Hinterlassenen zurückblieben, läßt sich denken. - -Bei der betreffenden Stelle meines Reiseberichts habe ich schon erwähnt, -wie unerwartet und erschreckend mich die Nachricht getroffen hatte, daß -in Hongkong mein Freund und früherer Schüler Dr. Okoshi, den ich -dort aufsuchen wollte, verstorben war, und daß einen Tag vorher sein -Leichenbegängnis stattgefunden hatte. - -Im Indischen Ozean hörten wir plötzlich, daß ein Matrose verschwunden -sei. Es wurde überall nach ihm gesucht, aber vergebens; er konnte nicht -aufgefunden werden. Da entdeckte man nach etwa vier Tagen seine Leiche -im Kohlenlager auf dem Boden des Schiffes. Man nahm an, daß er entweder -von der ungeheuren Höhe herabgestürzt oder daß er durch Kohlengase -erstickt sei. Der Leichnam wurde nach Seemannsart in das Meer gesenkt. -Wohin man einen Leichnam zur Ruhe bestattet -- ob in die dunkle Erde -oder in das tiefe Meer -- scheint ziemlich gleich zu sein, und doch ist -es ein unheimliches Gefühl, wenn man sieht, wie in stiller Nacht beim -Mondschein der Überrest eines unserer Mitmenschen in die Tiefe der -unendlichen weiten See versenkt wird. Die Erde hat den Menschen geboren -und es ist naturgemäß, daß er wieder in die Erde hineingesenkt wird. -Heißt es doch: »Von Erde bist Du geworden, zur Erde sollst Du wieder -werden!« Nur in der Erde findet man die rechte Ruhe, nur auf der Erde -kann man einen Grabhügel errichten, mit Denkmal und Blumen zieren, nur -vor dem Grabhügel haben die Hinterbliebenen das Gefühl, dem Toten immer -noch nahe zu sein. In dem ewig bewegten Meere, in dem wild stürmenden -Element scheint uns ein sanftes Ruhen nicht möglich. Doch des Seemanns -Los ist es, daß er fern von der Heimat in der Tiefe der See sein Grab -findet, wo kein Hügel, kein Stein später an ihn erinnert. Aber trotzdem -wünscht sich jeder Seemann gerade den Tod auf der See und dort sein -Begräbnis. - -In Aden mußte ich erfahren, daß mein Kollege, Prof. Tachibana, welcher -mich in Deutschland erwarten sollte, von einer schweren Krankheit -befallen, seine Rückreise nach Japan angetreten habe. Ich wollte diesen -Herrn auf seinem Posten in Deutschland ablösen und hatte geglaubt, ihn -in voller Gesundheit anzutreffen. In meiner auf dem Schiffe verfaßten -Reisebeschreibung hatte ich der Hoffnung Ausdruck gegeben, daß mein -Kollege, wenn auch nicht ganz gesund, so doch gestärkt und gekräftigt -sein Heimatland wieder erreichen und seine Lieben umarmen möge. Aber als -ich in Berlin ankam, erhielt ich die tief erschütternde Nachricht, daß -er unterwegs auf dem Schiffe dahingeschieden sei -- eine Kunde, die mich -in große Trauer versetzte. Aus den Briefen meiner Freunde, die ich zu -gleicher Zeit aus meiner Heimat erhielt, ersah ich, daß mein Kollege -noch das japanische Meer erreicht und noch vor seinem letzten Atemzuge -am Horizont die blauen Gipfel seines teuren Vaterlandes emportauchen -gesehen hat. In stiller Wehmut soll er die Heimat mit seinen Blicken -verschlungen haben, als wollte er sie tief in sein Herz versenken. Mit -den Worten, daß es ihm doch noch vergönnt gewesen, die heimatlichen -Berge zu schauen, soll er verschieden sein. Würde er nur noch wenige -Stunden gelebt haben, so hätte er noch den Heimatboden betreten und -seine Familie begrüßen können. Allein, wie der deutsche Dichter sagt: -»Mit des Geschickes Mächten ist kein ew'ger Bund zu flechten,« das -Unglück kommt unerwartet und »rasch tritt der Tod den Menschen an.« - -Die Frau und Kinder des Heimgegangenen, die ihn an der Landungsbrücke -mit Sehnsucht erwarteten, um ihn nach langer Abwesenheit in ihrer Mitte -zu bewillkommnen, konnten nur noch seine leblose Hülle umarmen. -Diese herzzerreißende, qualvolle Szene, welche sich entwickelte, -soll unbeschreiblich gewesen sein. Mein Freund, der mich hiervon -benachrichtigte, schrieb mir, daß ihn selbst der Anblick dieser Trauer -so ergriffen habe, daß er mir, statt einer eingehenden Beschreibung, -nur noch Tränen hätte senden können. Dieses läßt sich aber auch leicht -denken! Ein trostloseres und erschütternderes Bild kann man sich schwer -vorstellen. Auch ich kann nicht schildern, wie sehr mein Gemüt bei der -Nachricht vom Tode meines Kollegen in Mitleidenschaft gezogen wurde. -Als ich meine diesbezüglichen Aufzeichnungen in meinem Tagebuch -niederschrieb, war jede Silbe eine Träne! - -So hat das unerbittliche Schicksal dafür gesorgt, daß mir auf meiner -Reise auch das Traurige nicht erspart geblieben ist. - - -Die englischen Kolonien. - -Daß England die größte Seemacht ist und große Kolonien besitzt, ist -allgemein bekannt. Wenn man aber eine Weltreise macht, so kann man sich -davon überzeugen, daß die englischen Besitzungen tatsächlich über die -ganze Erde zerstreut liegen. - -Der größte Teil meiner langen Fahrt ging auch an der Küste der -englischen Kolonien entlang. Die ganze Strecke, von Hongkong aus längs -der indischen Küste, also Singapore, Penang, Colombo, Aden bis in das -Mittelländische Meer, gehört den Engländern und so beherrschen sie den -ganzen Ozean. Wie die Engländer zu allen diesen Besitzungen gekommen -sind, ist zu bekannt, als daß es hier wiederholt zu werden brauchte. -Ebenso braucht nicht erzählt zu werden, welch' große Reichtümer England -aus all seinen Kolonien zieht. - -Sehe ich aber mit meinen eigenen Augen die Völkerschaften längs der -ganzen Küste, so kann ich nicht umhin, an ihren früheren Zustand -zurückzudenken, an die Zeiten, in welchen diese Nationen noch ihre -Freiheit und Selbständigkeit besaßen. Jetzt liegen sie da, von der -gewaltigen Macht niedergedrückt und zerquetscht, so daß sie nur noch -als Tributpflichtige dem Gewaltherrscher zu Füßen liegen. Nicht selten -findet man jedoch unter diesen Völkern Männer, welche ihr Los beklagen -und ihre Freiheit mit Wehmut zurücksehnen. Allein damit ist es wohl -für immer vorbei, denn die Ketten, welche der Starke um sie geschlungen -hält, sind felsenfest und können nicht mehr abgeschüttelt werden. -Wenn es in der Welt so bleibt, wenn der Stärkere immer den Schwächeren -niederzwingt, wenn stets nur Macht und Recht des Stärkeren Geltung -finden: dann wird der Friede der Welt wohl immer gestört werden, und dem -Schwachen wird nichts weiter übrig bleiben, als sein Unglück in Demut zu -ertragen und dem Starken Handlangerdienste zu leisten. Wenn der Stärkere -nur aus Egoismus handelt, wenn dieser der ausgesprochenste maß- und -rücksichtsloseste ist, verbunden mit Brutalität und Barbarei, dann -werden alle Grundsätze der Humanität mit Füßen getreten. Wie die -entsetzlichen Barbareien des jüngsten südafrikanischen Krieges, der sich -aus dem räuberischen Einfall des Jameson entwickelt hat, die Empörung -aller Parteien der zivilisierten Länder wachgerufen haben, und bei -allen, die ein Herz in der Brust fühlen und denen die Grundsätze -der Gerechtigkeit und der Menschlichkeit teuer sind, gerechten Zorn -entflammten, so wird auch jeder andere Übergriff immer beurteilt werden, -und dem Schwächeren wird Beistand nicht fehlen. - - - - -XIV. - -Genua. - - -[Illustration: Hafen von Genua.] - -Die Fahrt zwischen Neapel und Genua war sehr schön, das Meer wie -gewöhnlich sehr ruhig. Auf dieser Fahrt habe ich auch die Schönheit des -italienischen Himmels bewundern können mit seinem wunderbaren Blau, wie -man es nur hier sieht. Am 14. Mai abends ½6 Uhr kamen wir endlich in -dem von uns langersehnten Hafen von Genua an. Hier verließen die meisten -Passagiere das Schiff, so daß ein beträchtliches Gedränge entstand. Noch -größer ward es dadurch, daß jeder Reisende seine Koffer mit sich ans -Land nehmen mußte; nachdem auch wir beinahe zwei Stunden gewartet -hatten, konnten wir endlich eine Gondel bekommen, in der die ganze -japanische Kolonie »König Alberts« Platz nahm, um zum europäischen -Festland zu fahren und zum ersten Male den Boden Europas zu betreten. -Von unseren Landsleuten blieb Herr Kato an Bord, da er die Absicht -hatte, bis nach England weiter zu fahren, wo er mehrere Jahre Studien -halber zu verweilen gedenkt. Uns allen ward es schwer, diesen netten -Reisegefährten mutterseelenallein an Bord zu lassen; doch wir konnten -nicht anders und so reichten wir uns, auf ein fröhliches Wiedersehen -hoffend, die Hand zum Abschiede. - -Wir wurden nun sogleich zum Zollamt geführt, wo man uns nach den zu -verzollenden Sachen fragte. Wir hatten nur unser Handgepäck bei uns, -denn die größeren Gepäckstücke waren an Bord geblieben, um die Reise bis -Hamburg per Schiff zu machen und von dort nach Berlin weiter befördert -zu werden. So wurden wir sehr schnell abgefertigt, denn auf unsere -Erklärung hin, daß alles nur Reiseeffekten seien, wurde bloß ein -Blick in unsere Koffer getan, und die Zollangelegenheit war somit bald -erledigt. Aber nicht bei allen ging es so glatt ab. So wurden bei einem -unserer Reisegefährten, der ebenfalls auf die Frage, ob er verzollbare -Gegenstände bei sich führe, mit »Nein« geantwortet hatte, Zigarren -entdeckt, und die Strafe folgte hier sofort -- er mußte als Zoll das -Mehrfache dessen erlegen, was die Zigarren gekostet hatten. Wie groß -das Gedränge und Gewühl war, das bei der Landung und bei dem Zollamte -herrschte, kann man aus nachstehendem Erlebnis ersehen: ein x'scher -Professor, ebenfalls ein Reisegefährte von uns, hatte mehrere Monate -in Ceylon als Naturforscher geweilt. Die Resultate seines langen -Aufenthaltes: photographische Aufnahmen, Sammlungen u. s. w., befanden -sich in einem Koffer, den er als ein unschätzbares Gut mit sich -führte. Aber in dem großen Gedränge war mit einem Male der große Koffer -verschwunden. Der sonst so gemütliche Herr war wie rasend, er bot eine -hohe Summe für die Wiedererlangung des verschwundenen Gepäckstücks, -doch umsonst. Der Koffer ist, soviel ich weiß, auch während unseres -dreitägigen Aufenthaltes in Genua nicht wieder aufgefunden worden. Den -Schmerz und Jammer des Gelehrten über diesen unersetzbaren Verlust kann -man sich wohl vorstellen. - -Wir kehrten im Hôtel de la Ville, einem der größten Hôtels in Genua, -ein. Dieses Hôtel soll früher ein Palast gewesen sein, in dem auch -Vasco de Gama logiert haben soll. Die Zimmer waren alle sehr groß, sie -erschienen uns sogar unheimlich groß, da wir direkt vom Schiff, aus -unserer früheren engen Kajütenwohnung, in diese Räume versetzt wurden. -Die Decke und Wände waren mit prächtigen Malereien geschmückt, die -Säulen von Marmor, über den Betten waren Baldachine angebracht, -die größer waren als die Kajüte unseres Schiffes. Der vierzigtägige -Aufenthalt in der kleinen Kabine, wo man so eng wohnen mußte, wo man mit -den Händen die Decke berühren konnte, war nun vorüber, und uns kam es -vor wie ein gepreßter Gummiball, der sich mit einem Male ausdehnen -kann, so weit er will. Beim Abendessen ließen wir uns den italienischen -Chianti gut schmecken, um mit dem Gedanken, in ein paar Tagen unser -Ziel, Berlin, erreichen zu können, in fröhlicher Stimmung zu Bett zu -gehen. Im Schlaf wähnten wir noch immer an Bord zu sein, fortwährend -glaubte das Ohr das Stampfen der Maschinen und das Plätschern der Wellen -zu vernehmen. - -Die Stadt Genua besitzt viele Sehenswürdigkeiten, wie das berühmte Campo -Santo, den königlichen Palast, den Rigiberg, die Gallerien, Parkanlagen -u. s. w., deren Besichtigung aber ziemlich viel Zeit in Anspruch nimmt. -Glücklicherweise erwartete uns in Genua ein deutscher Herr, Namens -Erdmannsdörffer, der Bruder unseres bereits einmal erwähnten deutschen -Reisegefährten. Unter der sicheren Führung dieses Herrn, der sich schon -mehrere Jahre in Italien aufhielt und mit den dortigen Verhältnissen -vollkommen vertraut war, konnten wir einige der genannten -Sehenswürdigkeiten mit Ruhe in Augenschein nehmen. Zuerst besuchten wir -das Campo Santo. Es ist wohl der schönste Kirchhof in Europa, sowohl was -seine paradiesische Anlage wie die herrlichen Grabdenkmäler betrifft. -Diese reihen sich zu mehreren Hunderten in einem viereckig laufenden -marmornen Säulengang aneinander und sind fast alle in graziösen -Formen aus Marmor gemeißelt. Einige von ihnen gewährten zwar einen -grausenerweckenden Anblick, aber im allgemeinen kann man sagen, daß -sie auf uns einen ungemein beruhigenden Eindruck machten und in uns ein -versöhnendes Gefühl gegenüber dem furchtbaren Tode, dem alle Menschen -einmal anheim fallen müssen, wachriefen. Eine dieser Figuren hat mich -bis in das innerste Mark erfaßt: am Sarge des geliebten Mannes ein -junges Weib und neben ihr ein zartes Knäblein mit langem Lockenhaar. Wie -sie den schönen Kopf so wehmütig hängen läßt! Wie sie mit ihrem sanften -Auge so tieftraurig auf den Leichnam des Geliebten blickt! Nichts -Grelles, nichts Übertriebenes ist in ihren Zügen und doch so grenzenlos -der Schmerz, so sprachlos die innere Bewegung!.... Wie man in stiller -Andacht zum Grabe eines Freundes tritt, so trat ich vor all diese -Grabdenkmäler und mit ähnlichen Gefühlen verließ ich sie. Im Hintergrund -des Kirchhofs erhebt sich ein Hügel mit der Aussicht auf das herrliche -Panorama der Stadt und auf den Golf von Genua. - -[Illustration: Marktplatz in Genua.] - -Vom Campo Santo fuhren wir mit der Drahtseilbahn den Rigi hinauf, um -von oben die großartigste Aussicht über die Stadt Genua mit dem Hafen zu -genießen. Die Fahrt bis zur Höhe des Berges dauerte ungefähr 20 Minuten. -Die Lage von Genua ist nach der von Neapel, mit der sie eine auffallende -Ähnlichkeit hat, gewiß eine der schönsten in Italien. Neapel hat -freilich die Inseln und den Vesuv voraus, sonst dürfte Genua ihm -wohl den Rang streitig machen. Ein herrliches Amphitheater von -übereinanderliegenden Straßen und Berghöhen, liegt die Stadt Genua -mit ihren prächtigen Gebäuden vor uns. Dazu die beiden großartigen -Hafendämme, welche wie zwei riesige Arme ins Meer hinausgreifen, mit dem -berühmten malerischen Leuchtturm an ihren Enden, der frei und stolz -wie eine Säule emporragt. Den Hafen füllen alle nur möglichen Arten von -Fahrzeugen, die ziemlich regelmäßig nebeneinander gereiht daliegen, in -der Mitte eine breite Wasserstraße übrig lassend. Auch die den Hafen -umschließende Verteidigungsmauer bemerkt man. Diese hängt mit der von -der Landseite die Stadt umgebenden Mauer zusammen, zieht sich bis -hinauf zu den Höhen, auf denen wir standen, und bildet ein mächtiges -Befestigungswerk, das aber jetzt bloß als Zeuge vergangener Schanzkunst -dient. Über die Stadt und den Hafen hinweg schweift das Auge auf -das weite blaue Meer, auf dem hie und da weiße Segel oder schwarze -Rauchwölkchen bemerkbar sind. Eine herrliche Aussicht, die in der Tat -über jede Beschreibung erhaben ist! - -Nach kurzem hatten wir die halbe Stadt durchwandert und bald dieses, -bald jenes -- Paläste, Denkmäler, Parkanlagen, Kirchen u. s. w. -- -gesehen. An Palästen ist Genua wirklich reich; sie gleichen marmornen -Schmuckkästchen mit ihren prunkhaften Vorhallen und Säulenhöfen, die -reich mit Bildhauerarbeit verziert sind; die Straßen oder vielmehr -Gassen sind meist eng und unscheinbar. An ihren beiden Seiten reihen -sich hohe Häuser von 6 bis 8 Stockwerken aneinander, welche zum Teil alt -sind und keinen schönen Anblick gewähren. Infolge ihrer ungeheuren -Höhe machen die Häuser die Straße dunkler, was auch nicht wenig -dazu beiträgt, dem ganzen Straßenbild ein düsteres, unsauberes, -unfreundliches Aussehen zu verleihen. Viele Straßen sind treppenartig -gebaut und führen zu den höher liegenden Stadtteilen hinauf -- natürlich -sind sie unfahrbar. Überall aber herrscht ein ungeheures Leben, ein -buntes Durcheinander von Menschen, ein Gedränge, ein Wirrwarr, daß es -schon eine gewisse Geschicklichkeit und Kunst erfordert, durch dasselbe -seinen Weg zu finden. Die Lastträger mit einem kurzen Beinkleid von -gestreiftem Segeltuch, die Matrosen mit blauen Hemden und breiten -Kragen, die Verkäufer mit allerhand Waren, die sie laut ausrufen, die -Frauen mit schwarzem üppigem Haar und dunklen leuchtenden Augen, ihre -Schönheit durch weiße wallende Schleier noch mehr erhöhend, nebenher -die schneidigen, diensteifrigen Kavaliere und hie und da die recht -unschneidigen, unbeholfenen Reisenden in ihren grauen Jacken, die dieses -Straßenbild ansehen und zu denen wir vielleicht auch gehörten... alle -diese Gestalten bilden zusammen ein großes Menschengewühl, welches gegen -Abend sogar noch größer wird. - -Es hatte bereits Mitternacht geschlagen, als wir wieder nach unserm -Hôtel zurückkehrten, aber die Straßen waren noch immer mit Menschen -gefüllt. - - - - -XV. - -Mailand. - - -Am 16. Mai früh 8 Uhr brachen wir von Genua auf und kamen nach einer -prächtigen Fahrt von vier Stunden, auf der wir mehrere große und kleine -Tunnel passierten, in Mailand an. In unserer Gesellschaft befand sich -der oben erwähnte deutsche Herr, sodaß wir auch hier die Stadt unter -sachkundiger Führung besichtigen konnten. Wir waren im Hôtel du Nord -abgestiegen und gingen dann sogleich in die Stadt hinein. Vor allem -andern sahen wir uns den berühmten Dom an, ein Meisterwerk der Baukunst, -ja, das wunderbarste, das ich je gesehen habe. Die schönen Glasmalereien -an den Fenstern, die Marmorschnitzereien in und außerhalb des Gebäudes, -ein ganzes Heer von Bildsäulen, der prächtige Marmorboden der weiten -Hallen, hunderte von schlanken Türmchen auf dem Dache u. s. w., dies -Werk von Menschenhand übertrifft an Pracht, Großartigkeit und Kunst -wirklich alles bisher Gesehene. Wir stiegen bis auf die höchste Spitze -des Turmes und sahen zu unseren Füßen die ganze Stadt und die blühende -lombardische Ebene liegen. Gar manches ist bereits über diesen Dom -geschrieben worden, aber nachdem ich ihn mit meinen eigenen Augen -gesehen, muß ich doch sagen, daß es keinem gelungen ist, die wahre -Pracht und majestätische Größe dieses Wunderwerkes treffend zu -schildern. Lassen wir hier einige kurze Skizzen namhafter Autoren -folgen, die zeigen werden, was für Mühe sich mancher gegeben hat, um -dieses Wunder aus Marmor zu beschreiben: - -»Über den Domplatz kamen wir zum Dom; langsam stiegen wir die schmalen -Stufen des Domes hinauf, um zur Höhe des Schiffes zu gelangen. Dann -hatten wir noch 900 Stufen, von denen allein 150 Stufen für die Türme -sind. Die Treppen winden sich in den einzelnen Seitentürmen hinauf, -während die Türme durch offene Galerien miteinander verbunden sind. Auch -die Türme sind nach allen Seiten durchbrochen, von jeder Treppenstufe -hat man die freie Aussicht über die lombardische Ebene, welche sich, -je höher man hinaufsteigt, in einem immer unvergleichlicheren Bilde -aufrollt. Die großartigen Einzelheiten des Baues selbst, den die -Mailänder mit Recht »das achte Wunder« der Welt nennen, kann man nur im -Hinaufsteigen betrachten und bewundern. Nächst der Peterskirche in -Rom und dem Dom zu Sevilla ist der Mailänder Dom die größte Kirche -in Europa; an Pracht und Reichtum, in ihren äußeren Verzierungen und -Statuenschmuck keine von beiden mit ihr zu vergleichen. Der Dom zu -Mailand ist mit nicht weniger als 4500 Statuen an seiner Außenseite -geschmückt, über dem Dach erheben sich, alle durch in den zierlichsten -Arabesken gewundene Galerien mit einander verbunden, 98 gotische -Spitzsäulen, jede Säule ist auf ihren einzelnen Pfeilern und auf der -Spitze mit einer Statue geschmückt. Ganz oben auf der Spitze des Turmes, -der eine Höhe von 335 Fuß hat, thront die kollossale vergoldete Statue -der heiligen Jungfrau, der die Kirche geweiht ist. Der ganze Bau in -allen seinen Einzelheiten ist von weißem Marmor und unbedingt der -großartigste neugotischen Stils, welchen Italien besitzt. Endlich -standen wir oben, auf der obersten Galerie, über der durchsichtigen -Guglia. Gerade über uns thronte die goldene Statue, deren Fußgestalt wir -mit der Hand berühren konnten. Ich blickte zuerst hinab. Ich habe schon -manchen hohen Berggipfel erstiegen, denn ich kenne die Alpen in ihrer -ganzen Ausdehnung durch Mitteleuropa. Auf wie viele Wälder habe ich von -all diesen Höhen herabgeschaut, auf dunkle schwarze Tannenwälder, -auf breite rauschende Tannenkronen, auf grüne Buchengipfel, auf -breitblättrige Platanen und auf Lorbeer- und Cypressenwälder; von -dieser Höhe blicke ich zum ersten Male in meinem Leben auf einen weißen -Marmorwald. Hunderte von gotischen Türmen und Spitzsäulen und Tausende -von Statuen erhoben rings um mich ihre schneeweißen Häupter...« (Gustav -Rasch »Frei bis zur Adria.«) - -»Wenn man auf dem Marmordache des Doms von Mailand, etwa 300 Fuß über -der lombardischen Ebene, bei heiterem Himmel sich umschaut, welch' ein -unvergeßliches Panorama öffnet sich den Blicken! Im gewaltigen Halbbogen -umsäumen von Westen nach Norden und Osten die langgestreckten Ketten -bedeutsamer Alpenglieder einen Garten, einem Walde gleich, aus dessen -Lichtungen tausende und abertausende von Ansiedlungen herabschimmern, -die dem Ganzen das Gepräge eines Parkes verleihen... Welch' ein Blick -auf die Alpen, welche umfassende Alpenansicht! Schwerlich dürfte ein -Punkt der Erde, selbst nicht der indischen Ebene auf die Riesenzinnen -des Himalaya, einen ähnlichen umfassenden Überblick, ähnliche Schönheit -der Begrenzungslinien darbieten, als dieser ungeheure Halbbogen der -südlichen Alpen von diesem eigentümlich schönen Standpunkte. Trunken -hängt der Blick an den Linien der Ferne, von welcher sich eine Menge -lebensspendender Wasseradern gleich silbernen Fäden durch den grünen -Teppich der gesegneten Aue, der Po an ihrer Spitze, hindurchschlängelt. -Rings um uns aber ein Wald von Marmortürmchen mit den Tausenden ihrer -Bildsäulen, und unter uns das Gewirr der von 180 000 Menschen bewohnten -4000 Häuser, über deren flache Ziegeldächer eine Menge vielgestaltiger -Türme emporsteigt, mitten im Brennpunkte eines unvergleichlichen -Landschaftsbildes und Völkerlebens.« (K. Müller, »Am Südabhang der -rhätischen Alpen.«) - -»Der ganze zauberische Bau ist wie ein Gebet, wie ein Opfer, das -alle Zungen und alle Herzen der ganzen Stadt dem Allerhöchsten hier -dargebracht haben: ein solch Werk der Begeisterung und der Schönheit tut -wohl in der jetzt so vernüchterten Welt. Wie verklärt und veredelt es -alles rund um: wie die Flammen der Abendröte auch die geringste Hütte -ebenso wie die riesigen Gletscher mit ihrem Purpur bekleiden, so adelt -er mit seinem Schwung und seiner Schönheit die ganze Stadt, hält sie -zusammen, ist ihr König, auf den sich alles bezieht, auf den man immer -wieder die Blicke zu richten sich gezwungen sieht (Fried. Pecht u. -Andere)...« - -[Illustration: Italienerin.] - -Nachdem wir den Dom eingehend besichtigt hatten, sahen wir uns die Stadt -mit ihrem bunten Straßenleben an. Es fand gerade eine Korsofahrt statt -und so hatten wir Gelegenheit, die schönen Mailänderinnen in ihren -eleganten Equipagen, gezogen von stattlichen, wohlgenährten Pferden, -bewundern zu können. Alles in allem erschien uns Mailand weit -gemütlicher als Genua, und man wird sich daher nicht wundern, daß wir -bis spät in die Nacht hinein durch die Stadt und den Park, in welchem -eine Militärkapelle durch ihre außerordentlich lebhafte Weise unsere -Ohren entzückte, spazieren gingen. Daß die Italienerinnen sehr schön und -graziös seien, hatten wir schon vorher gehört, hier aber konnten wir uns -davon mit unseren eigenen Augen überzeugen. Besonders gefielen sie durch -ihren ungezwungenen leichten Gang und ihr liebliches anmutiges Wesen, -noch mehr aber durch ihre feurigen, funkelnden schwarzen Augen, die -zusammen mit den schwarzen wallenden Haaren und der milchweißen Haut -einen reizenden Anblick darboten. Wenn auch Salomo gesagt hat: »Lieblich -und schön ist Nichts« und Claudius: »Ein Ding, das in sich keinen Wert -hat, das nur kurz währet, das im Hause nicht sonderlich nützt und nicht -eigentlich Liebe macht, so ein Ding ist die Schönheit, mehr ist sie -nicht, und Ihr müßt mir nicht böse sein, Ihr schönen Mädchen, daß sie -nicht mehr ist« -- so stimmte ich doch beim Anblick dieser schönen -Gestalten mehr den Worten Schillers bei, der da sang: - - »Zürne der Schönheit nicht, daß sie schön ist, daß sie verdienstlos - Wie der Lilie Kelch prangt durch der Venus Geschenk; - Laß sie die Göttliche sein, du schaust sie, du bist der Beglückte, - Wie sie ohne Verdienst glänzt, so entzücket sie dich.« - -So sehr Italien einerseits durch seine herrliche Natur und Kunst unser -Gefallen erregte, so sehr hat uns leider andrerseits ein Teil seiner -Landeskinder durch ihre allzugroße Gewinnsucht und geschäftliche -Verschmitztheit Verdruß bereitet. Ich hätte davon am liebsten -geschwiegen, jedoch mit Rücksicht auf die vielen Landsleute, die noch -nach uns dieses schöne Land besuchen und durchreisen werden, halte ich -es für meine Pflicht, diesen unerfreulichen Punkt hier zur Sprache zu -bringen. Um ein Beispiel anzuführen, so wurden wir fast überall, wenn -wir Einkäufe machten, Sehenswürdigkeiten besuchten oder sonst etwas -unternahmen, ungeheuer übervorteilt, und da die meisten der Italiener -außer ihrer Muttersprache kein Wort verstanden oder verstehen wollten, -mußten wir, weil wir ihrer Sprache nicht mächtig waren, immer den -Kürzeren ziehen. Einmal mußten wir z. B. für zehn Stück Zigarren, die -wir im Hôtel durch den Kellner bringen ließen, den geradezu enormen -Preis von 30 Franks erlegen; ähnlich war es überall, sodaß wir fast -immer Unannehmlichkeiten hatten, wenn es ans Bezahlen ging. Nichts von -warmer Gastfreundlichkeit und wohltuender Liebenswürdigkeit, welche die -unkundigen, von dem äußersten Zipfel der Erde kommenden Fremdlinge so -sehr erfreut haben würden! Italien, dieses an Natur und Kunst so schöne -und reiche Land, wäre doch im wahren Sinne des Wortes nur dann schön -und reich zu nennen, wenn auch der Charakter vieler seiner Landeskinder -etwas von diesen Eigenschaften offenbarte... meinten wir. Und doch -sollte man glauben, daß eben dieses Volk am meisten Ursache hätte, -den Fremden, die das Land besuchen, freundlich und rücksichtsvoll -entgegenzukommen, denn diese bringen bei ihrer großen Zahl jährlich -recht ansehnliche Summen Geldes in das Land. Die Freude am Schönen wird -jedem sehr leicht verdorben, wenn ihm fortwährend Unannehmlichkeiten in -den Weg kommen; nur da, wo freundliche Menschen anderen ein fröhliches -und aufrichtiges Entgegenkommen bezeigen, wird man sich wohl und -glücklich fühlen. Hoffen wir, daß sich auch dieses Volk im Laufe der -Zeit zu seinem Vorteil verändern werde, daß es seine unveräußerlichen -Güter, die Schönheiten der Natur und der Kunst, durch eigene seelische -Vorzüge erst wirkungs- und wertvoller machen lerne! Da auch unser Land -den Ruf hat, ein herrliches Land der Künste wie der Natur zu sein und da -es auch von so vielen Reisenden aus aller Herren Länder besucht wird, -so mögen die Japaner das italienische Volk nicht zum Vorbilde nehmen, -sondern im Gegenteil danach streben, ihre edlen Tugenden, wie die -Gastfreundlichkeit, Höflichkeit, Opferfreudigkeit u. s. w., die ihnen -ja eigen sind, noch weiter zu entwickeln, damit jeder, dessen Fuß einmal -ihr Land betritt, in frohem Entzücken ausrufen möge: »Ach, wie ist es -hier doch so schön!« - -Wir wollten uns von Mailand noch nach Venedig begeben, aber da wir dem -italienischen Volke nach dem eben Gesagten kein allzu großes Interesse -mehr entgegenbrachten, so zogen wir es vor, direkt nach Berlin zu -fahren. Am 17. Mai früh ½8 Uhr waren wir also auf dem Bahnhof, um den -Zug zu besteigen. Dieser war jedoch schon überfüllt, wenigstens die eine -Hälfte desselben, die direkt nach Deutschland durchfährt, sodaß wir -nur mit Mühe ein Unterkommen darin finden konnten. Da bemerkte ich auf -einmal, daß einige von uns in der anderen Hälfte des Zuges, die nicht -nach Deutschland fuhr, Platz genommen hatten; ich erschrak, stieg hurtig -aus, rannte hin und her, fand sie endlich heraus und nur mit knapper Not -kamen wir, eng aneinander gedrückt, in einem Coupé unter. Aber o weh! -In diesem großen Gedränge und in der Aufregung hatten wir unsere Koffer -vollständig außer acht gelassen und da wir keine Zeit mehr hatten, -mußten wir sie alle stehen lassen. Was tun? In dieser schlimmen -Verlegenheit fiel glücklicherweise mein Blick auf Herrn Erdmannsdörffer, -der uns freundlichst bis nach dem Bahnhof begleitet hatte. Ich -hatte kaum Zeit, ihm durch das Fenster schnell von dem Vorgefallenen -Mitteilung zu machen, worauf er mir versprach, daß er die Koffer direkt -nach Berlin nachsenden werde. Diesem Herrn waren wir schon für seine -Begleitung und Führung in Genua und Mailand zu großem Dank verpflichtet, -und nun erwies er uns noch diesen Dienst! Sicherlich ein besonderes -Glück für uns, denn ohne ihn wäre unser Gepäck wahrscheinlich verloren -gegangen. - -Der kurze Aufenthalt in Italien war somit ein recht mühsamer und die -Abfahrt von Mailand der aufregendste Teil der ganzen Reise von Japan -nach Deutschland gewesen, namentlich für mich, der ich sämtliche -Besorgungen für all meine Landsleute allein übernommen hatte und daher -auch die geschäftlichen Unannehmlichkeiten am meisten empfinden mußte. -Aber in der frohen Hoffnung, daß wir nach ca. dreißig Stunden Berlin, -unser letztes Ziel, erreichen würden, fuhren wir, eng gepreßt zwar -- -es war ja auch ein Ex-Preßzug! -- aber doch getrost ab. An der Grenze -Italiens und der Schweiz hatten wir abermals eine Zollrevision, jedoch -verlief dieselbe sehr schnell, weil ja unser Gepäck in Mailand stehen -geblieben war. - - - - -XVI. - -Fahrt durch die Schweiz. - - -Auf der Reise von Mailand nach Berlin kamen wir durch die schöne -Schweiz. Das Wetter war herrlich und vom Fenster unseres Coupés -erblickten wir zu beiden Seiten die herrlichen Alpenlandschaften. Bald -ging die Fahrt über Höhen, bald durch Täler, oben sahen wir auf -dem Gipfel die schneebedeckten Häupter der Bergriesen, unten die -weitgestreckten Wiesen mit den Obstbäumen im zauberhaften Blütenschmuck. -Die grünen Matten unten am Fuße und die weißen Gipfel oben in den Höhen -machten einen geradezu imposanten Eindruck auf uns. Der Zug fährt -immer weiter. Mit jeder Minute verändert sich die Landschaft: große -Felsblöcke, die über unseren Häuptern herunterhingen, reißende Flüsse -und Bäche, Wasserfälle, große und kleine Seen, von Sennerinnen bewohnte -Alpenhütten, die vereinzelt auf ziemlicher Höhe liegen, wohlgenährte -Kühe mit ihren Glocken, die zahlreich auf den Matten weideten und deren -Geläut unseren Ohren wie liebliche Musik ertönte -- alles dieses machte -auf uns einen unvergeßlichen Eindruck. Von der großen Naturschönheit der -Schweiz hatten wir schon oft viel Rühmenswertes gehört, nun sahen wir -diese Schönheiten vor unseren Augen ausgebreitet und überzeugten uns, -daß sie mit Recht zu den größten Europas gezählt werden. Ich hatte -manchmal daran gedacht, einen Vergleich zwischen der Natur dieses Landes -und der unserer Heimat anzustellen, aber jetzt, nachdem ich alles -selber angeschaut habe, bin ich zu dem Schluß gekommen, daß beide Länder -eigentlich gar nicht mit einander verglichen werden können, denn im -großen Ganzen sind unsere Naturschönheiten idyllischer und lieblicher -Art, während diejenigen der Schweiz romantischer und großartiger -sind. Natürlich kann ich noch kein richtiges und abschließendes Urteil -abgeben, da ich die Schweiz nur vom Fenster des Zuges aus während der -Fahrt gesehen habe. Im stillen aber gelobte ich mir, später einmal, wenn -es die Zeit irgend erlaubt, eine Schweizerreise zu unternehmen, um die -Natur dieses Landes genauer zu studieren, und meine damaligen Pläne -verwirklichten sich denn auch. - -[Illustration: Felspartie am St. Gotthard.] - -Im Coupé war es sehr angenehm, es war selbstverständlich noch geheizt. -Als wir den berühmten St. Gotthard-Tunnel passierten -- die Durchfahrt -dauerte ungefähr 15 Minuten -- aßen wir gerade im Speisewagen zu Mittag, -wobei wir nicht versäumten, uns den bekannten Schweizer Wein und Käse -vorsetzen zu lassen. Gegen Abend schon langten wir in Stuttgart an. Hier -nahmen wir im Schlafwagen Platz, in welchem wir eine ganz behagliche -Nacht verbrachten. - -Am 18. Mai vormittags ½10 Uhr trafen wir wohlbehalten in Berlin -auf dem Anhalter Bahnhof ein, wo wir von mehreren Landsleuten erwartet -wurden. Als wir unter den herzlichsten Glückwünschen unserer Landsleute -einander die Hände drückten, überkam uns ein recht angenehmes, freudiges -Gefühl bei dem Gedanken, endlich die Hauptstadt des Deutschen Reiches -betreten zu haben, wo wir nun für längere Zeit unser Heim aufschlagen -sollten. Wir nahmen eine Droschke und fuhren in das Hôtel Bellevue am -Potsdamer Platz, in dem wir einstweilen absteigen wollten. So war die -lange große Reise glücklich überstanden und unser Ziel erreicht! - - - - -XVII. - -Die ersten Eindrücke in Berlin. - - -[Illustration] - -In Folgendem will ich versuchen, einiges von dem niederzuschreiben, -was mir in den ersten Tagen meines Berliner Aufenthaltes besonders -aufgefallen ist. Selbstverständlich mußte vieles meinen an europäische -Verhältnisse nicht gewöhnten Augen fremd erscheinen, wodurch vielleicht -meine Auffassung beeinflußt wurde. Es darf dies jedoch nicht in Frage -kommen, da mir eben daran liegt, eine individuelle Schilderung meiner -ersten Eindrücke und Empfindungen wiederzugeben. Einem Fremdling, der -mehrere tausend Meilen von Osten hierher kommt und vom Schiff aus durch -die Bahn direkt in die Mitte der großen Weltstadt getragen wird, muß -vieles wie ein Wunder vorkommen und er wird Dinge und Menschen ganz -anders betrachten, als ein Einheimischer. - -Wie jedem Fremden, erging es auch mir, der das westeuropäische Leben und -Treiben nur vom Hörensagen und aus Büchern kannte. Meine Spannung hatte -natürlich den höchsten Grad erreicht, als ich nach der langen Reise -in Berlin auf dem Anhalter Bahnhof ankam, empfangen von mehreren -landsmännischen Freunden. Eine innere Genugtuung erfüllte mich nach der -unendlichen Fahrt. Die zehntausend tapferen Griechen können das Meer -mit ihrem »Thalassa«-Rufe nicht freudiger begrüßt haben, als ich mein -Endziel: die Kaiserstadt Berlin! Hier sollte ich endlich zur Ruhe -kommen, denn Berlin sollte für längere Zeit meinen Aufenthalt bilden. -Ich war freudig überrascht, daß ich vom ersten Augenblick an dasjenige, -was ich von dem deutschen Volk schon in Japan gehört, gedacht und -gelesen hatte, vollkommen bestätigt fand, worüber ich später eingehend -zu schildern gedenke. - -Vom Anhalter Bahnhof fuhr ich zum naheliegenden Potsdamer Platz, an -dem das Hôtel Bellevue liegt, woselbst ich Wohnung nahm. Der Potsdamer -Platz, in dem sich einige mächtige Arterien des Berliner Lebens einigen, -bietet mit seinem riesigen Verkehr -- wie ich mir erzählen ließ, soll -er ein Kreuzpunkt von vielen Dutzenden elektrischer Straßenbahnlinien, -sowie von kolossalen Menschenmengen sein -- einen wahrhaft verblüffenden -Anblick. - -[Illustration: Reinigungsmannschaften.] - -Was mir zuerst auffiel und mich angenehm überraschte, war die peinliche -Sauberkeit und Gleichmäßigkeit der Straßen, die aus dem Fahrdamm und -den zu beiden Seiten laufenden Bürgersteigen (Trottoirs) bestehen. Die -Straßen sind ohne Ausnahme gepflastert oder asphaltiert und sehr breit, -an beiden Seiten mit Bäumen geschmückt und mit Gasbeleuchtung oder -elektrischem Licht versehen. Die Straßen werden so sauber gehalten, wie -ein Hausflur oder eine Stubendiele; überall, wohin man blickt, sieht man -die uniformierten Straßenreiniger ihrer Beschäftigung nachgehen und -mit Gummischiebern den Asphalt abwaschen, mit Besen und Schippe -den Straßendamm reinigen. Große Sprengwagen liefern das Wasser zur -Reinigung, kleine Handwagen beseitigen den Kehrricht, und so greift -eines ins andere, um eine wirklich ideale Straßensäuberung mit -unglaublicher Geschwindigkeit herbeizuführen. Es kann daher kein Wunder -nehmen, daß diese Reinlichkeit auch auf die Luft in sanitärer Beziehung -vorzügliche Wirkungen ausübt und zum Gesundheitszustand Berlins viel -beiträgt. - -Andererseits war es mir ein wahrer Genuß, in den sauberen Straßen -spazieren zu gehen, ohne fürchten zu müssen, sich schmutzige Kleider -oder Stiefel zu holen. Unwillkürlich stellte ich einen Vergleich -zwischen meiner Heimat und Berlin an, der sehr zu Ungunsten der ersteren -ausfiel, wenn ich an den Zustand unserer heimatlichen Straßen und Wege -dachte, von denen sich manche noch im Naturzustand befinden, so daß man -bei Regenwetter nicht ohne gehörigen Schmutz wegkommt. Und dabei drängte -sich mir auch der Gedanke an die oft in letzter Zeit in Japan auf die -Tagesordnung gebrachte Frage der Reform unserer Frauenkleidung auf. -Nach dem, was ich hier gesehen habe, möchte ich nur meine Ansicht -wiederholen, daß die Straßen in gewissem Zusammenhang mit der Reform -der Kleidungstücke stehen, daß zuerst unsere Straßen und Wege verbessert -werden müßten, bevor an die Kleiderreform gegangen werden kann. Also -in allererster Linie die Straßenreform, ohne die eine Kleiderreform, -speziell hinsichtlich der Damenkleidung, illusorisch sein würde. - -[Illustration: Berlinerin.] - -Zu beiden Seiten der Berliner Straßen reihen sich die regelmäßig -aufgebauten Häuser aneinander, alle ohne Ausnahme massiv aus Stein -erbaut und fast sämtlich 4-5 stöckige Neubauten in modernem Stil. Ein -Beweis, daß Berlin im Vergleich zu anderen Großstädten, wie London, -Paris oder Wien, noch eine jungaufblühende, im Wachstum begriffene Stadt -ist. Während bei uns die Häuser sich in mannigfaltiger Aufführung und -Gestalt zeigen und manche noch ihren villenartigen Charakter bewahren, -sind die Bauten in Berlin ziemlich gleichförmig, wie nach einer -Schablone errichtet. Ein Haus ähnelt im Großen und Ganzen dem andern und -fast an allen sieht man Balkone und Verzierungen aller Art, ohne daß -sie dadurch in ihrer Einförmigkeit beeinträchtigt werden. Was mir an -den Gebäuden ganz besonders in die Augen fiel, war der Umstand, daß -fast alle Häuser nur nach der Vorder- und Hinterfront Fenster -besitzen, während an den Giebelseiten -- sofern zwei Häuser nicht dicht -zusammengebaut sind -- bloß glatte Mauerwände zu sehen sind. Es könnte -dies einerseits damit zusammenhängen, daß infolge des unmittelbaren -Nebeneinanderstehens der Häuser keine Fenster angebracht werden können; -andererseits würde die Ursache darin zu suchen sein, daß man hier bei -Bauten an den Winter denkt, wie es ja bei uns den Anschein hat, als ob -unsere Häuser für den Sommer errichtet wären, weil sie -- wenn irgend -möglich -- nach allen Seiten mit vielen Fenstern ausgestattet sind und -dadurch viel luftiger und heller erscheinen. Jede dieser Bauarten dürfte -ihre Vorteile und Nachteile haben. Sind die Gebäude bei uns heller, -so sind dieselben hier wärmer, erscheinen die unsrigen luftiger und -leichter, so sind die hiesigen solider und massiver. - -Beim Durchwandern der Berliner Straßen, die Kleidung der Passanten -betrachtend, machte ich die Wahrnehmung, daß Männer und Frauen fast -durchweg schwarze oder graue Kleidung tragen, sodaß man wohl behaupten -könnte, diese beiden Farben seien vorherrschend Straßenfarben. Bunte -Gewänder werden meistens vermißt; die Farbenpracht auf der Straße, wie -man sie bei uns findet, scheint hier fast gänzlich zu fehlen. Vielleicht -sind sie doch im Sommer anzutreffen. Was ich noch vielfach bemerkt habe, -ist, daß die Berliner Damen lange Schleppen lieben und mit ihnen die -Straßen durchschreiten. Ich wünschte, daß die Schleppen ein bischen -kürzer oder die Beine ihrer Besitzerinnen ein bischen länger wären! Am -Ende habe ich doch anerkennen müssen, daß die langen Schleppen nebenbei -zur Polierung der Straßen geschaffen sind. Jedenfalls haben sie mir -nach dem Regenwetter auf den Straßen einen recht appetitlichen Eindruck -gemacht. - -[Illustration: Jung-Berlin.] - -Männer wie Frauen durcheilen hier die Straßen sehr geschäftig und -scheinen keine Zeit übrig zu haben, um an die Ausschmückung mit -farbenprächtigen Toiletten zu denken. Jeder strebt seinem Ziele zu. Nur -selten sieht man Leute, die ziellos die Straßen durchschlendern; jeder -geht festen Schrittes einher, und einer eilt -- mit Ausnahme von einigen -Straßen wie die Friedrichstraße und Unter den Linden -- an dem andern -vorüber, ohne sich um ihn zu kümmern. Bei allen macht sich der Grundsatz -bemerklich: »Zeit ist Geld«. Sogar die Jugend hastet oft rasch dahin; -bewundernswert ist die Frühreife und Selbständigkeit der Berliner -Kinder, die, wie ein Volkswort sagt, sich nicht die Butter vom Brot -nehmen lassen. Sechs- wie siebenjährige Knaben und Mädchen schwingen -sich gewandt auf die Waggons der Straßenbahnen, überschreiten mit -merkwürdiger Ruhe die schlimmsten Straßenpassagen und benehmen sich -in der Stadtbahn genau so wie die Großen, die Türen der Wagen im -Fluge öffnend und schließend. In gewissem Sinne berühmt wegen ihrer -schlagfertigen Antworten, die sie Niemandem schuldig bleiben, sind die -Berliner Lehrlinge, namentlich des Schusterhandwerks; aber ihnen mag -auch mancher Witz in die Schuhe geschoben werden, der auf das Conto von -Angehörigen anderer Berufszweige zu setzen ist. - -[Illustration: Berliner Schusterjunge.] - -Eine besonders bemerkenswerte Erscheinung ist, daß man auf den Berliner -Straßen weit mehr Frauen sieht, als bei uns, ja, man könnte wohl sagen, -man begegnet hier mehr Frauen als Männern, es ist also gerade das -Gegenteil von unserem Straßenbilde. Daß die Männer außerhalb des Hauses, -die Frauen im Hause ihren Pflichten und Arbeiten nachgehen, scheint hier -im allgemeinen nicht der Fall zu sein. Ich hatte schon in Japan gehört, -daß es hier viele selbständige Frauen gibt, d. h. solche, die sich -selbst ernähren und regelmäßige Beschäftigungen haben wie Männer. Davon -habe ich mich wirklich überzeugt. Das Arbeitsgebiet der Frauen scheint -hier ein ziemlich großes zu sein, und offenbar hat man hier dem zarten -Geschlecht viele Berufszweige geöffnet, sodaß sich ihre Zugehörigen ihre -Selbständigkeit bewahren können. Allerdings scheint die Selbsthilfe der -Frauen, wie mir mitgeteilt wurde, auf die Zahl der Ehen in verminderndem -Sinne einzuwirken. Ob dieser Umstand die Menschheit zur Seligkeit führt, -ob sie dadurch ihre Ideale verwirklicht sieht, lasse ich dahingestellt -sein. Die Frauenfrage und Frauenbewegung, die auch bei uns bereits -ihre Wurzeln geschlagen haben, ist hier, wie ja überall, eine der -brennendsten sozialen Fragen, auf die ich an dieser Stelle nicht näher -eingehen kann. - -Daß die Frauen hier viel mehr arbeiten, als bei uns, ist eine durchaus -lobenswerte Tatsache, die schon an ihrem Äußeren, in ihrem Gang und -Wesen und in ihrem starken Körperbau ersichtlich ist. Nicht selten hörte -ich auf der Straße hinter mir feste Schritte und glaubte anfangs, sie -rührten von einem Soldaten her; zu meinem nicht geringen Erstaunen mußte -ich jedoch bemerken, daß dieser vermeintliche Soldat, als er an mir -vorüberschritt, eine Dame war! Man kann hieraus entnehmen, mit welchen -derben Füßen die Damen hier auftreten. Im allgemeinen habe ich gefunden, -daß die deutschen Damen alle ziemlich fest einherschreiten. - -Wie ich mir sagen ließ und selbst bemerkt habe, legt man in Deutschland -auf die körperliche Erziehung beider Geschlechter sehr viel Wert. -Tatsache ist es, daß die Menschen hier im allgemeinen größer sind, als -unsere Landsleute. Es liegt allerdings wohl schon in der Rasse, aber -auch die körperliche Pflege dürfte zweifellos nicht wenig zur Erzielung -einer kräftigen, gut entwickelten Menschengattung beitragen. Die -durchschnittliche Größe der Deutschen ist aber Gott sei Dank nicht so -bedeutend, wie ich sie mir daheim vorgestellt hatte. Ich hatte nämlich -geglaubt, daß ich in Deutschland als ein Zwerg unter Riesen erscheinen -müsse. Dem war jedoch glücklicherweise nicht so: als ich sah, daß es -hier auch kleinere Menschen gibt wie ich und als ich dann bemerkte, daß -ich noch nicht zu den kleinsten gehörte, fühlte ich mich sehr beruhigt. -Die Deutschen sind auch im Großen und Ganzen korpulenter als die -Japaner. Ich wurde wirklich manchmal durch kolossale Exemplare -überrascht, die nicht selten wandelnden Bierfässern gleichen. Besonders -sind mir unter der Damenwelt viele »gewichtige« Figuren aufgefallen; -einzelne von ihnen hatten eine solche Mächtigkeit, daß sie sich kaum -fortbewegen konnten. Wie mir zu Mute ward, als ich zum ersten Mal mit -der Straßenbahn fuhr und unglücklicherweise an der Seite eines -solchen Kolosses in die Ecke gedrückt sitzen mußte, kann man sich wohl -vorstellen. - -Aus unseren neuesten schulhygienischen Mitteilungen ist ersichtlich, -daß die Körperlänge unseres jüngeren Geschlechtes, namentlich beim -weiblichen, im Zunehmen begriffen ist, seitdem man für die körperlichen -Übungen, besonders in den Schulen, mehr Sorge getragen hat und im -modernen Leben Tische und Stühle verwendet. Ich empfehle meinen -Landsleuten körperliche Pflege und Bewegung auf das energischste und -rate ihnen entschieden das Hocken auf den Matten ab. - -[Illustration: Schutzmann.] - -Von allem, was ich hier in den ersten Tagen meiner Ankunft gesehen habe, -hat mir der riesige Verkehr am meisten Bewunderung abgerungen. Die -neuen Verkehrsmittel in Berlin sind geradezu phänomenal. Straßenbahnen, -Stadtbahnen, Hoch- und Untergrundbahn, Omnibusse, Droschken, Automobile, -Fahrräder und noch vieles andere, all diese Fahrgelegenheiten -durchkreuzen die Stadt nach sämtlichen Richtungen und machen das -Straßenleben ungeheuer lebhaft. - -[Illustration: Viel Zeit.] - -In den unter sorgsamster polizeilicher Aufsicht stehenden -verkehrsreichsten Straßen, wie z. B. der Friedrichstraße, war es mir -oft kaum möglich, meinen Weg durch die Menschenmenge zu finden. Anfangs -glaubte ich, diese Menschen strömten aus irgend einem besonderen Anlaß -herbei, aber dem war nicht so, denn bis spät in die Nacht ging es hier -so zu. Es könnte fast scheinen, als ob die meisten dieser Passanten -keinen besonderen Lebenszweck hätten, aber man muß berücksichtigen, -daß ein großer Teil davon -- wie man mir mitteilte -- nicht Berliner, -sondern Fremde sind, die sich des Vergnügens wegen hier aufhalten. -Wie in einem Kaleidoskop sind hier alle Arten von Menschen -zusammengewürfelt: geschniegelte und gebügelte Männer mit Cylinder, -geschminkte Weiber in auffallender Kleidung, schneidige Offiziere, -vornehme Damen, Studenten in ihren Couleurmützen, Landleute mit -ihren kerngesunden, geröteten Gesichtern, Provinzler, Straßenhändler, -Zeitungs- und Blumenverkäufer u. a. m., alles strömt hier bunt -durcheinander und macht auf uns Ausländer einen ganz eigenartigen -Eindruck. - -Eins von den eigentümlichsten Straßenbildern, das man bei uns nie zu -sehen bekommt und uns viel Spaß macht, ist auch der Hundehändler. Sie -stehen an der Seite der Straße, halten ein paar junge Hündchen auf -den Händen oder führen größere Hunde an der Leine und bieten sie -den Vorübergehenden feil. Ich weiß nicht, ob sie mit diesem neuen -Berufszweige gute Geschäfte machen oder nicht, kurz und gut, sie üben -auf uns eine drollige Wirkung aus. Noch eine andere eigentümliche -Erscheinung auf der Straße bilden die Soldaten mit ihren -»Herzallerliebsten« an der Seite -- auch ein possierlicher Anblick, -den man bei uns nicht hat. Ich habe oft beobachtet, wie ein solcher -Vaterlandsverteidiger Hand in Hand oder Arm in Arm mit seinem Schatz -durch die Straßen wandelte oder dem Tanzboden zusteuerte. Ich hatte -immer geglaubt, die deutschen Soldaten, die durch ihre Tapferkeit und -Disziplin so weltberühmt sind, würden sich solche Dinge nicht erlauben, -aber vielleicht tut es ihrem Ansehen keinen Abbruch. Jedenfalls -mutete es mich in der ersten Zeit seltsam an, weil, wie gesagt, solch' -öffentliche Liebeleien bei unseren Marssöhnen nicht Mode sind. - -[Illustration: Ein Hund gefällig?] - -[Illustration: Militärische Annäherung.] - -Was dann meine Augen besonders in den Hauptstraßen Berlins entzückte, -das sind die großartigen Schaufenster der Geschäfte. Die Dekoration, die -Zusammenstellung und der Aufbau der Waren verraten wirklich eine große -Kunst. Die Schaufenster gewähren einen äußerst einladenden Anblick, wie -sie überhaupt ein großartiges Aushängeschild für das Kaufhaus selbst -bedeuten. Wenn ich vor einem solchen schöndekorierten Schaufenster -stand, wandelte mich stets die Versuchung an, in das Geschäft zu gehen -und mir irgendwelche schöne Sachen zu kaufen. Sämtliche Gegenstände -sind so bequem und gut zurechtgelegt, daß man mit einem Blick sofort -übersehen kann, was in dem betreffenden Laden zu haben ist. Bei uns -liegen die Verhältnisse ganz anders. Da werden die Waren der größeren -Geschäfte gewöhnlich im Magazin aufbewahrt und werden erst mühsam -einzeln auf Verlangen des Käufers hervorgeholt. Entschieden ist die -hiesige Art und Weise unseren Geschäftsleuten sehr zu empfehlen; ich bin -fest überzeugt, daß sowohl das Publikum, wie die Geschäftsinhaber bei -der neuen, auf Berliner Art eingeführten Ordnung ihre Rechnung finden -werden. - -[Illustration: In einem Restaurant Unter den Linden.] - -Der größte Teil der hiesigen offenen Läden besteht aus Restaurants, -Gastwirtschaften und Destillationen, in denen kolossale Mengen geistiger -Getränke, am meisten Bier, vertilgt werden. In zweiter Linie folgen -die Cigarrenhandlungen, die fast jede Ecke besetzt halten. Aus dem -Übergewicht dieser beiden Geschäftsbranchen läßt sich leicht der Schluß -ziehen, daß der Genuß von Bier und Tabak den Deutschen dringendes -Bedürfnis ist. - -Angenehme Empfindungen erweckten in mir dann die vielen Blumengeschäfte: -vor diesen blieb ich mit besonderer Freude regelmäßig stehen, weil sie -mich so lebhaft an meine Heimat mit ihrer wunderbaren Natur erinnerten -und mich ihr gleichsam näherten. - -Was ich dann in jeder Straße zu Dutzenden antraf, sind die Verkaufsläden -für Ansichtspostkarten. Ihr Verbrauch soll sich hier auf Millionen -beziffern, sodaß sich infolgedessen ein besonderer Industriezweig -ausgebildet haben soll, der sich lediglich mit der Anfertigung von -Ansichtspostkarten befaßt. Anstatt einen Brief zu schreiben, kauft -man hier eine solche Karte, schreibt die Adresse und sendet sie als -Lebenszeichen in die Welt. Eine vortreffliche Einrichtung, von -welcher ich auch manchen Gebrauch zu machen gedenke, aber nicht aus -- -Schreibfaulheitsgründen! - -Noch eins! Was mir in Berlin in den ersten Tagen recht imponierte, sind -die vielen kunstvollen Denkmäler, Statuen, Büsten u. s. w., meist aus -Marmor oder Bronze. Überall, wohin man kommt, auf den sogen. Plätzen, -in den Parkanlagen, auf den Brücken u. s. w. wird man dieser schönen -Verzierungen gewahr, dieser edlen, feinen Kunstprodukte, die wir zu -Hause leider noch so sehr vermissen! - -Soviel in Kürze! Die ersten Eindrücke, die ich oben im Vorbeigehen -geschildert habe, waren für mich als Ausländer aus einer fremden -Kulturwelt so überwältigend, daß ich tatsächlich in den ersten Tagen -meines Hierseins nicht im stande war, alles richtig zu erfassen; erst -später vermochte ich mich mit den verschiedenen Gegenständen eingehend -zu beschäftigen. In meinem nur Berlin gewidmeten Buche werde ich auf die -zahlreichen Einzelheiten näher eingehen und versuchen, sie der Wahrheit -gemäß zu schildern. - - - - -XVIII. - -Aufruf an unsere Jugend. - - -Indem ich nunmehr zum Schluß meiner Reisebeschreibung schreite, möchte -ich als Resultat meiner Erfahrungen unserer Jugend die Mahnung dringend -ans Herz legen: Möge jeder, der es mit seinen Verhältnissen irgend -vereinbaren kann, Reisen ins Ausland unternehmen! Ich meine damit -natürlich nicht, daß die jungen Japaner ihre Studien aufgeben und ihren -Vergnügungen nachgehen sollen -- durchaus nicht! Allein unserer -Jugend, der männlichen nämlich, mangelt bis jetzt noch immer der -Unternehmungsgeist und frische Wagemut, hinauszugehen und fremde Länder -und Leute mit ihren Sitten und Gebräuchen aus eigener Anschauung kennen -zu lernen. Immer war unser Land seit alter Zeit ein abgeschlossenes -Inselreich und erst seit drei Jahrzehnten hat es den Verkehr mit fremden -Völkern angebahnt, aber der Riesenfortschritt, den wir in dieser kurzen -Zeit gemacht haben, und die dadurch geschaffenen Verhältnisse erlauben -nicht mehr, länger zu Hause zu sitzen und angenehm der Ruhe zu pflegen. - -Von allem Nutzen abgesehen, den eine Studienreise auf wissenschaftlichen -Gebieten gewährt, ist es für junge Geschlechter von großem Wert, wenn -sich ihr Blick für alles erweitert und sie sich daran gewöhnen, Gefahren -und Zufälligkeiten aller Art zu begegnen. Kommt einem nicht schon -durch das Lesen einer Beschreibung aus dem Innern Afrikas oder einer -Nordpolfahrt der Gedanke, den kühnen Forschern nachzuahmen und nicht -tatenlos zuzuschauen? Ich will selbstverständlich damit unserer -Jugend nicht das Wort zu Abenteuern reden, ihr auch nicht dazu raten, -blindlings in die Ferne zu ziehen; ich möchte sie nur dringend -mahnen, nicht zu Hause müßig sitzen zu bleiben, sondern auf dem großen -Schauplatz der Welt ihre Kraft auf die Probe zu stellen. - -In Europa ist es etwas ganz Gewöhnliches, daß selbst königliche Prinzen -weite Reisen unternehmen, um einerseits den Wissenschaften zu dienen, -andererseits aber ihre Erfahrungen und Kenntnisse zu bereichern. Die -Europäer sind überhaupt zu Unternehmungen viel leichter geneigt als wir. -Auf meiner Reise durch Europa habe ich nicht selten gefunden, daß sogar -junge Damen, ihre geschnürten Bündel und Ränzel selbst tragend, allein -in die weite Welt hinausreisten. Oben auf der Höhe der Jungfrau, die ich -erstieg, im Reiche des ewigen Eises und Schnees versetzte mich eins noch -mehr in Bewunderung als die kolossale Alpenlandschaft, nämlich, daß -ich unter den Bergsteigern nicht wenig Vertreterinnen des zarten -Geschlechtes erblickte. In dieser schwindelnden Höhe, wohin man nur -mit Hilfe von Bergstöcken, Haken und Seilen, sowie an der Hand sicherer -Führer gelangen kann, waren Frauen zugegen! Bei uns zu Hause würde dem -schönen Geschlecht nie in den Sinn kommen, sich den Strapazen -einer derartigen Bergtour auszusetzen. Ob Damen überhaupt derartige -Anstrengungen zu empfehlen und zuträglich sind, will ich dahingestellt -sein lassen. Aber jedenfalls sprechen solche Vorkommnisse für meine -Behauptung, daß Europas Bewohner mehr von einem großen, vor keiner -Gefahr zurückschreckenden Unternehmungsgeist beseelt sind als wir. - -Darum, japanische Jugend, erwache und gehe kraftvoll und hoffnungsfreudig -an die Arbeit! Die Konkurrenz im großen Völkerwettstreit leidet keine -Ruhe -- und nur dem Mutigen gehört die Welt! - -[Illustration] - - -Druck von G. Bernstein in Berlin. - - - - -Fußnote - - -[1]: Gu = dumm, En = Garten. - - - - -[Hinweise zur Transkription - - -Offensichtliche Satzfehler wurden korrigiert, sonst der Originaltext -beibehalten. Änderungen sind in der nachstehenden Liste ausgewiesen. - - -Änderungen - - Seitenangabe - originaler Text - geänderter Text - - Seite 4 - Alles war nun erledigt, und gestrosten Mutes - Alles war nun erledigt, und getrosten Mutes - - Seite 12 - Bänke, physikalische und chemische Apparate, Wandkarten u. s w. - Bänke, physikalische und chemische Apparate, Wandkarten u. s. w. - - Seite 24 - mehrere Konsulate, Banken usw. - mehrere Konsulate, Banken u. s. w. - - Seite 42 - Straßenleben hat mit seiner buntdurcheindergewürfelten Bevölkerung - Straßenleben hat mit seiner buntdurcheinandergewürfelten Bevölkerung - - Seite 47 - gewinnbringendsten Artikels der englichen Einfuhr - gewinnbringendsten Artikels der englischen Einfuhr - - Seite 79 - wie beipielsweise bei uns in Japan - wie beispielsweise bei uns in Japan - - Seite 110 - Färbung erhalte nnd daß der Name daherstamme - Färbung erhalte und daß der Name daher stamme - - Seite 127 - die Hauptstadt des ehemaligen Königsreichs beider Sicilien - die Hauptstadt des ehemaligen Königreichs beider Sicilien - - und die fünf bis sechsstöckigen Häuser - und die fünf- bis sechsstöckigen Häuser - - Seite 133 - mit kleinen, gewöhnlich mit Sand gefüllen Beutelchen wirft - mit kleinen, gewöhnlich mit Sand gefüllten Beutelchen wirft - - Seite 137 - und mußte nun von einem Deutchen erfahren - und mußte nun von einem Deutschen erfahren - - Seite 138 - so benutzt man man dieses Süßwasser zum Nachspülen - so benutzt man dieses Süßwasser zum Nachspülen - - Seite 144 - daß die Japaner im Körperbau kleiner sind, als die Russen - daß die Japaner im Körperbau kleiner sind als die Russen, - - Seite 152 - und sie auch auf der ganzen Fahrt bewährt - und sie auch auf der ganzen Fahrt bewahrt - - Seite 157 - man möchte wohl anch solch ein Vogel sein - man möchte wohl auch solch ein Vogel sein - - Seite 166 - Rubinen, Saphieren, Topasen - Rubinen, Saphiren, Topasen - - Seite 179 - an Kajütenpassagieren erster nnd zweiter Klasse - an Kajütenpassagieren erster und zweiter Klasse - - Seite 182 - mein Freund und früherer Schüler Dr. Okoski - mein Freund und früherer Schüler Dr. Okoshi - - Seite 190 - ein x scher Professor, ebenfalls ein Reisegefährte - ein x'scher Professor, ebenfalls ein Reisegefährte - - Seite 196 - brachen wir von Genua auf und und kamen - brachen wir von Genua auf und kamen - - Seite 216 - In gegewissem Sinne berühmt wegen ihrer - In gewissem Sinne berühmt wegen ihrer] - - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Tokio - Berlin, by Jintaro Omura - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK TOKIO - BERLIN *** - -***** This file should be named 44093-8.txt or 44093-8.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/4/4/0/9/44093/ - -Produced by Alexander Bauer and the Online Distributed -Proofreading Team at http://www.pgdp.net - - -Updated editions will replace the previous one--the old editions -will be renamed. - -Creating the works from public domain print editions means that no -one owns a United States copyright in these works, so the Foundation -(and you!) can copy and distribute it in the United States without -permission and without paying copyright royalties. Special rules, -set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to -copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to -protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project -Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you -charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you -do not charge anything for copies of this eBook, complying with the -rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose -such as creation of derivative works, reports, performances and -research. They may be modified and printed and given away--you may do -practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is -subject to the trademark license, especially commercial -redistribution. - - - -*** START: FULL LICENSE *** - -THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE -PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK - -To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free -distribution of electronic works, by using or distributing this work -(or any other work associated in any way with the phrase "Project -Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project -Gutenberg-tm License available with this file or online at - www.gutenberg.org/license. - - -Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm -electronic works - -1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm -electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to -and accept all the terms of this license and intellectual property -(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all -the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy -all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your possession. -If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project -Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the -terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or -entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8. - -1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be -used on or associated in any way with an electronic work by people who -agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few -things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works -even without complying with the full terms of this agreement. See -paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project -Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement -and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic -works. See paragraph 1.E below. - -1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation" -or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project -Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the -collection are in the public domain in the United States. If an -individual work is in the public domain in the United States and you are -located in the United States, we do not claim a right to prevent you from -copying, distributing, performing, displaying or creating derivative -works based on the work as long as all references to Project Gutenberg -are removed. Of course, we hope that you will support the Project -Gutenberg-tm mission of promoting free access to electronic works by -freely sharing Project Gutenberg-tm works in compliance with the terms of -this agreement for keeping the Project Gutenberg-tm name associated with -the work. You can easily comply with the terms of this agreement by -keeping this work in the same format with its attached full Project -Gutenberg-tm License when you share it without charge with others. - -1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern -what you can do with this work. Copyright laws in most countries are in -a constant state of change. If you are outside the United States, check -the laws of your country in addition to the terms of this agreement -before downloading, copying, displaying, performing, distributing or -creating derivative works based on this work or any other Project -Gutenberg-tm work. The Foundation makes no representations concerning -the copyright status of any work in any country outside the United -States. - -1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg: - -1.E.1. The following sentence, with active links to, or other immediate -access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear prominently -whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work on which the -phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the phrase "Project -Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, performed, viewed, -copied or distributed: - -This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with -almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or -re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included -with this eBook or online at www.gutenberg.org - -1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is derived -from the public domain (does not contain a notice indicating that it is -posted with permission of the copyright holder), the work can be copied -and distributed to anyone in the United States without paying any fees -or charges. If you are redistributing or providing access to a work -with the phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the -work, you must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1 -through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the -Project Gutenberg-tm trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or -1.E.9. - -1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted -with the permission of the copyright holder, your use and distribution -must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional -terms imposed by the copyright holder. Additional terms will be linked -to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the -permission of the copyright holder found at the beginning of this work. - -1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm -License terms from this work, or any files containing a part of this -work or any other work associated with Project Gutenberg-tm. - -1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this -electronic work, or any part of this electronic work, without -prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with -active links or immediate access to the full terms of the Project -Gutenberg-tm License. - -1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary, -compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any -word processing or hypertext form. However, if you provide access to or -distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format other than -"Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official version -posted on the official Project Gutenberg-tm web site (www.gutenberg.org), -you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a -copy, a means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon -request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other -form. Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm -License as specified in paragraph 1.E.1. - -1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying, -performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works -unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9. - -1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing -access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works provided -that - -- You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from - the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method - you already use to calculate your applicable taxes. The fee is - owed to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he - has agreed to donate royalties under this paragraph to the - Project Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments - must be paid within 60 days following each date on which you - prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax - returns. Royalty payments should be clearly marked as such and - sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the - address specified in Section 4, "Information about donations to - the Project Gutenberg Literary Archive Foundation." - -- You provide a full refund of any money paid by a user who notifies - you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he - does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm - License. You must require such a user to return or - destroy all copies of the works possessed in a physical medium - and discontinue all use of and all access to other copies of - Project Gutenberg-tm works. - -- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any - money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the - electronic work is discovered and reported to you within 90 days - of receipt of the work. - -- You comply with all other terms of this agreement for free - distribution of Project Gutenberg-tm works. - -1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm -electronic work or group of works on different terms than are set -forth in this agreement, you must obtain permission in writing from -both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael -Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the -Foundation as set forth in Section 3 below. - -1.F. - -1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable -effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread -public domain works in creating the Project Gutenberg-tm -collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic -works, and the medium on which they may be stored, may contain -"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or -corrupt data, transcription errors, a copyright or other intellectual -property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a -computer virus, or computer codes that damage or cannot be read by -your equipment. - -1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right -of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project -Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project -Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project -Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all -liability to you for damages, costs and expenses, including legal -fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT -LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE -PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE -TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE -LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR -INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH -DAMAGE. - -1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a -defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can -receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a -written explanation to the person you received the work from. If you -received the work on a physical medium, you must return the medium with -your written explanation. The person or entity that provided you with -the defective work may elect to provide a replacement copy in lieu of a -refund. If you received the work electronically, the person or entity -providing it to you may choose to give you a second opportunity to -receive the work electronically in lieu of a refund. If the second copy -is also defective, you may demand a refund in writing without further -opportunities to fix the problem. - -1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth -in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS', WITH NO OTHER -WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO -WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE. - -1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied -warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages. -If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the -law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be -interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by -the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any -provision of this agreement shall not void the remaining provisions. - -1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the -trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone -providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance -with this agreement, and any volunteers associated with the production, -promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works, -harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees, -that arise directly or indirectly from any of the following which you do -or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm -work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any -Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause. - - -Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm - -Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of -electronic works in formats readable by the widest variety of computers -including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists -because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from -people in all walks of life. - -Volunteers and financial support to provide volunteers with the -assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's -goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will -remain freely available for generations to come. In 2001, the Project -Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure -and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. -To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation -and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 -and the Foundation information page at www.gutenberg.org - - -Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive -Foundation - -The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit -501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the -state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal -Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification -number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent -permitted by U.S. federal laws and your state's laws. - -The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. -Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered -throughout numerous locations. Its business office is located at 809 -North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email -contact links and up to date contact information can be found at the -Foundation's web site and official page at www.gutenberg.org/contact - -For additional contact information: - Dr. Gregory B. Newby - Chief Executive and Director - gbnewby@pglaf.org - -Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation - -Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide -spread public support and donations to carry out its mission of -increasing the number of public domain and licensed works that can be -freely distributed in machine readable form accessible by the widest -array of equipment including outdated equipment. Many small donations -($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt -status with the IRS. - -The Foundation is committed to complying with the laws regulating -charities and charitable donations in all 50 states of the United -States. Compliance requirements are not uniform and it takes a -considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up -with these requirements. We do not solicit donations in locations -where we have not received written confirmation of compliance. To -SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any -particular state visit www.gutenberg.org/donate - -While we cannot and do not solicit contributions from states where we -have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition -against accepting unsolicited donations from donors in such states who -approach us with offers to donate. - -International donations are gratefully accepted, but we cannot make -any statements concerning tax treatment of donations received from -outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff. - -Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation -methods and addresses. Donations are accepted in a number of other -ways including checks, online payments and credit card donations. -To donate, please visit: www.gutenberg.org/donate - - -Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic -works. - -Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm -concept of a library of electronic works that could be freely shared -with anyone. For forty years, he produced and distributed Project -Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support. - -Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed -editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S. -unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily -keep eBooks in compliance with any particular paper edition. - -Most people start at our Web site which has the main PG search facility: - - www.gutenberg.org - -This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, -including how to make donations to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to -subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. - |
