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+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 44093 ***
+
+[ Symbole für Schriftarten: _kursiv_ : =gesperrt= : #fett# ]
+
+
+
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+ Tokio--Berlin.
+
+ Von der japanischen zur deutschen Kaiserstadt.
+
+ Von
+ Jintaro Omura,
+ Professor an der Kaiserlichen Adelsschule zu Tokio.
+
+ _Mit 80 Illustrationen._
+
+ Berlin 1903.
+ Ferd. Dümmlers Verlagsbuchhandlung.
+
+ Das Recht der Übersetzung in fremde Sprachen ist vorbehalten.
+
+
+ Frau
+ HELENE VENN
+ geb. KRAWEHL
+ in #Berlin#
+ in aufrichtiger Verehrung
+
+ Der Verfasser.
+
+
+
+
+Vorwort.
+
+
+Das Buch eines Japaners, von ihm in deutscher Sprache und, wie man
+hinzusetzen darf, auch in deutscher Art abgefaßt: nichts zeigt uns mehr
+die engen geistigen Verbindungen zwischen dem Lande eines Humboldt und
+Kant und dem fernen Reiche der aufgehenden Sonne! Und dieser Fremdling,
+der mit scharfem Auge Menschen, Landschaften und Dinge prüft und mit
+sicherer Hand schildert, er weilte verhältnismäßig bloß kurze Zeit
+unter uns, um hier seine Anschauungen über deutsches Leben und Weben
+zu vertiefen, die er in seiner Heimat bereits aus Büchern gewonnen.
+Mit erstaunlicher Leichtigkeit bedient er sich unserer Sprache, ein so
+gewandtes Deutsch schreibend, daß dem Unterzeichneten nur hier und da
+eine ganz leichte stilistische Retouche übrig blieb. Ja, die ersten
+Abschnitte waren in deutscher Fassung bereits auf dem Schiff entstanden,
+ehe unser Reisender je deutschen Boden betreten.
+
+Freilich hatte Professor Omura sich schon in Japan viel mit deutschem
+Wissen und den Geheimnissen unseres Sprachschatzes beschäftigt und hat
+als Lehrer an der Kaiserlichen Adelsschule in Tokio, die zum japanischen
+Kaiserhofe gehört, auf diesen Gebieten eine rege und fruchtbringende
+Tätigkeit entfaltet, ebenso an der Deutschen Schule (Doidsugaku
+Kiohaigaku), einem Gymnasium, das an tausend (japanische) Schüler zählt.
+Eine deutsche Grammatik unseres Gelehrten erlebte binnen sechs Jahren
+über 20 Auflagen, woraus am besten die weite Verbreitung unserer Sprache
+im meerumbrausten japanischen Insellande hervorgeht.
+
+Möchte sein Buch: »Tokio--Berlin« uns und unserer Heimat neue Freunde
+erwerben in dem zielbewußt emporstrebenden japanischen Reiche, wie es --
+des darf man gewiß sein -- seinem Verfasser bei uns warme Zuneigung für
+seine liebenswürdige Persönlichkeit und sein ernstes Streben erringen
+wird. Möchte das Buch ein neues Bindeglied bilden zwischen den beiden so
+fernen und doch in manchen Zügen viel Gemeinsames aufweisenden Völkern!
+
+=Berlin=, im Frühjahr 1903.
+
+ #Paul Lindenberg.#
+
+
+
+
+Inhalt.
+
+
+ Seite
+ Vorwort V
+ I. Abschied und Abfahrt von Tokio--Yokohama 1
+ II. Kobe 9
+ III. Nagasaki 11
+ IV. Shanghai 17
+ V. Hongkong 39
+ VI. Singapore 51
+ VII. Penang 67
+ VIII. Colombo 71
+ IX. Aden 93
+ X. Suez und der Suez-Kanal 108
+ XI. Port Said 118
+ XII. Neapel 124
+ XIII. Allerlei Heiteres und Ernstes aus dem Leben auf dem Schiffe 131
+ XIV. Genua 188
+ XV. Mailand 196
+ XVI. Fahrt durch die Schweiz 206
+ XVII. Die ersten Eindrücke in Berlin 209
+ XVIII. Aufruf an unsere Jugend 227
+
+
+
+
+I.
+
+Abschied und Abfahrt von Tokio--Yokohama.
+
+
+[Illustration: Tokio--Berlin.]
+
+Am 6. April des vorvergangenen Jahres trat ich die langersehnte Fahrt
+nach Europa und damit meine erste große Seereise an. Mit Tagesanbruch
+stand ich auf, verabschiedete mich von meiner Familie und fuhr dann in
+Begleitung meiner Verwandten und Freunde nach dem Bahnhof Shinbashi.
+Kopf an Kopf stand dort die Schar meiner Freunde und Schüler. »Gute
+Reise!« »Frohe Fahrt!« »Glückliche Wiederkehr!« -- so umbrauste es mich
+von allen Seiten. Das Verabschieden wollte fast kein Ende nehmen,
+bis ich mich durch die spalierbildenden Reihen meiner lieben Schüler
+durchdrängte und den Waggon bestieg. Da schlug es halb sieben, ein
+schriller Pfiff ertönte, und unter den lebhaften Abschiedsgrüßen der
+Zurückbleibenden setzte sich der Zug in Bewegung. Lange noch lehnte ich
+aus dem Fenster meines Coupés und schwenkte meinen Hut, bis ich niemand
+mehr erkennen konnte.
+
+Nach dreiviertel Stunden kam ich in Yokohama an, wohin mir ein großer
+Teil meiner Tokioer Freunde das Geleit gab. Auch dort auf dem Bahnhof
+dieselben herzlichen Auftritte wie in Shinbashi -- hier wie dort Schüler
+und Freunde versammelt. Und nun ging's in hellen Scharen nach dem Hafen,
+wo der Reichspostdampfer »König Albert« vor Anker lag. Auf der mehrere
+tausend Fuß ins Meer hineingebauten Landungsbrücke stand dichtgedrängt
+eine große Menschenmenge, durchweg Leute, die ihren nach Europa
+reisenden Lieben ein letztes Lebewohl zurufen wollten. Außer mir fuhren
+noch acht Landsleute mit: Herr Dr. Shiratori, Prof. an der Kaiserlichen
+Adelsschule, Herr Dr. Omori, praktischer Arzt vom Japanischen Roten
+Kreuz, Herr Musiklehrer Taki, Herr Takahashi, Prof. an der höheren
+Normalschule, Herr Tanaka, Prof. an der landwirtschaftlichen Fakultät
+der Universität Tokio, die Herren Studenten Saionji, Miyajima und Kato.
+Da alle uns bis in die Kajüte begleiten wollten, so herrschte auf der
+kaum einen Meter breiten Schiffstreppe solches Gedränge, daß schließlich
+der Eingang abgesperrt werden mußte. Ein Offizier mit zwei Matrosen
+stand am Fuße der Treppe Posten und ließ nur die Mitfahrenden durch. Mit
+dem Schlage neun wurden die Anker gelichtet. Rasselnd gingen die Ketten
+in die Höhe, im Tauwerke schwirrte und knarrte es, Kommandorufe der
+Offiziere ertönten, die Matrosen nahmen ihre Plätze ein, und unter den
+Klängen einer deutschen Weise glitt der mächtig dampfende Koloß langsam
+über die Fluten hin.
+
+In diesem Augenblick tönte von der Brücke her das dreimalige brausende
+>Banzai<; ich stehe am Geländer und überschaue ernsten Auges und
+bewegten Herzens die rufende Menge. Ich schwinge meinen Hut und grüße
+zum letzten Male. Größer und größer wird die Entfernung zwischen dem
+Schiff und dem Land; noch kann ich die Gesichter unterscheiden, noch
+die Stimmen vernehmen, schon aber klingt das vom Winde herübergetragene
+>Hurra< wie das leise Summen der Mücken, schwächer, immer schwächer und
+schwächer wird es, bis es schließlich ganz verschwindet. Die Gestalten
+der Menschen auf dem Gestade verkleinern sich mehr und mehr, ihre
+Umrisse werden nach und nach undeutlicher, bis sie sich in das Blaue des
+Meeres verlieren.
+
+[Illustration: Blick auf den Hafen von Yokohama.]
+
+Alles war nun erledigt, und getrosten Mutes fuhr ich in die weite
+unendliche See hinaus. Befriedigt setzte ich mich auf das Sofa meiner
+Kajüte -- und nun zog ein Bild nach dem andern im Geist an mir vorüber.
+Ich gedachte des heutigen ereignisreichen Tages und ging dann weiter in
+die Vergangenheit zurück, lebhaft stand mir wieder die Stunde vor Augen,
+als ich den Auftrag erhielt, nach Europa zu fahren. Das war am Ende
+des Jahres, am 28. Dezember 1900. Mit dem Beginn des neuen Jahrhunderts
+sollte ich meine Reise antreten. O, welch ein Freudentag war es, als mir
+der langersehnte Wunsch endlich in Erfüllung ging! Auf zwei Jahre
+nach Deutschland! Ich, der ich so lange mit der deutschen Sprache mich
+beschäftigt, der ich mich mit den deutschen Ideen und Anschauungen
+so vertraut gemacht hatte, ich sollte nun in dem Heimatlande dieser
+Sprache, dem Ausgangspunkte aller Wissenschaften und der modernen
+Zivilisation meine Studien weiter fortsetzen und vertiefen! Deutsche
+Sprache und deutsches Wesen sollte ich nun an der Quelle genauer
+erforschen und untersuchen können! Werden die Vorstellungen, die ich mir
+darüber in Japan machte, bei der unmittelbaren Berührung mit den
+Dingen bleiben oder vergehen? Welche Licht- und Schattenseiten sind dem
+deutschen Volke eigen? Welchen Einfluß wird das Leben in Deutschland
+auf mich ausüben? Mit welchen Kenntnissen und Urteilen werde ich den
+heimatlichen Boden wieder betreten? Alles Fragen, auf die ich Antwort in
+Deutschland selber zu erhalten hoffte. Ist auch die Zeit von zwei Jahren
+viel zu kurz, um obige Fragen erschöpfend zu behandeln, so hoffte ich
+doch, durch eine gute Einteilung und durch ein systematisches Vorgehen
+alles, was von Wichtigkeit ist, zu besichtigen und zu untersuchen.
+Möge es mir -- das war mein inniger Wunsch -- vergönnt sein,
+diejenige Befriedigung zu finden, welche der schönste Lohn für jeden
+ernststrebenden Menschen ist! Möge doch mein Aufenthalt in Deutschland
+unserem Vaterlande zum Nutzen und Segen gereichen! Mögen mir nur Tage
+ungetrübten Glückes und schöner Erinnerungen beschieden sein, auf daß
+ich diese zwei ersten Jahre des neuen Jahrhunderts zu den zwei schönsten
+Perlen meines Lebens zählen kann!
+
+[Illustration: Japanische Landschaft zur Frühlingszeit. (Nach einem
+japanischen Ölgemälde.)]
+
+[Illustration: Blick auf den Fujiyama. (Nach einem japanischen
+Ölgemälde.)]
+
+Und weiter träumte ich, immer weiter. Die Abschiedsaudienz, die höchste
+Auszeichnung, die der allergnädigste Landesherr, S. Majestät der
+Kaiser, mir zuteil werden ließ -- der Besuch des heiligen Tempels
+der kaiserlichen Ahnen und Vorfahren, woselbst mir der heilige Trank
+gereicht wurde -- das Gefühl der höchsten Dankbarkeit und tiefsten
+Ergebenheit, womit ich das kaiserliche Schloß verließ. Ununterbrochen
+reihten sich daran: große und kleine Abschiedsfestlichkeiten,
+Einladungen und Besuche, Erledigung vieler angefangener Arbeiten. Und da
+sehe ich mich mit einemmale wieder in den Vorbereitungen für die Reise.
+Ja, wache oder träume ich... was kommt denn da zur Tür herein? Aha,
+der Schneider mit dem dicken Schmerbauch, der Schuster mit der kahlen
+Platte, der bedächtige Zahlmeister des Agenten, der schlanke Bursche des
+Spediteurs, die sonnenverbräunten Kulis u. a. m.
+
+Das Schiff, das sich durch alle meine Träumereien nicht hatte
+stören lassen, fährt ruhig weiter und macht in einer Stunde
+ca. 15-17 Seemeilen. Ich raffe mich jetzt auf und blicke umher und
+betrachte mir das, was die Liebe mir mit auf die Fahrt gegeben hat. O,
+was bin ich doch für ein reicher Mann! Da liegen meine zwei Handkoffer,
+ein paar Büchsen mit Senbei, eine Kiste mit Konserven, eine Flasche
+Cognak, zwei Flaschen Wein, roter und weißer, eine Flasche ungarischen
+Mineralwassers, drei Körbe mit Äpfeln und Apfelsinen, alles noch wild
+durcheinander. Ich kümmere mich nicht weiter darum, steige auf das
+Promenadendeck und sehe vor mir die wunderschöne Küste der Provinz
+Totomi liegen, von den Strahlen der eben untergehenden Sonne matt
+erleuchtet. Mit Hilfe des Opernglases kann ich noch die Kiefernbäume
+unterscheiden, die wie Zwerglein mit ausgebreiteten Händen längs des
+Strandes stehen. Ein recht malerischer Anblick, den ich einrahmen und
+nach Haus zu meinen Kindern schicken möchte! Unbeweglich verharre ich so
+geraume Zeit. Die Wasserdünste werden immer dicker, dunkler und dunkler
+färbt sich der Horizont, bis alles in Nacht und Nebel verschwindet. Nur
+das Rasseln der Schrauben und das Plätschern der Wogen dringt an mein
+Ohr und am weiten Himmelszelt erblicke ich ein paar leuchtende Sterne.
+
+
+
+
+II.
+
+Kobe.
+
+
+[Illustration: Straße in Kobe.]
+
+Am zweiten Tage vormittags um 9 Uhr lief das Schiff in den Hafen
+von Kobe ein. Ich hatte die Absicht, nach Kioto zu fahren, um
+Sr. Durchlaucht dem Prinzen Konoye, unserm Präsidenten, der sich zur
+Zeit dort aufhielt, einen Besuch abzustatten; da aber der Dampfer wider
+Erwarten nur bis zum Abend vor Anker lag, so mußte ich diesen Plan
+aufgeben. Ich beschränkte mich daher auf Anraten meines Reisegefährten,
+des Herrn Dr. Erdmannsdörffer -- früher Lehrer am Gymnasium in
+Kumamoto und später an der Kadettenschule in Tokio -- einen berühmten
+Porzellanladen Bankinzan zu besichtigen. Ich sah dort viele schöne
+Porzellane, welche sämtlich in der Provinz Satsuma weiß gebrannt und in
+Kobe fein bemalt unter dem Namen Satsumayaki sehr viel verkauft werden.
+Besonders fiel mir ein kleines Tellerchen auf, das mit tausenden von
+Schmetterlingen bemalt war, und zwar so fein, daß man sie nur mit Hilfe
+einer Lupe beobachten konnte, ebenso ein kleiner Becher mit vielen
+hunderten spielender Knaben. Diese in Kobe bemalten Satsumaporzellane
+sollen in Europa einen hohen Liebhaberwert haben, meinem Geschmack sagen
+sie aber wenig zu, denn sie sind, meiner Ansicht nach, zu überladen. Die
+ungeheuer mühevolle Arbeit ist ohne Zweifel daran bewundernswert, aber
+das, was uns gefällt, ist das einfach Vornehme.
+
+Mit der Besichtigung war ich gegen Mittag fertig. Es blieb mir daher
+noch ein halber Tag übrig; ich nutzte die Zeit am besten so aus, daß
+ich einen Abstecher nach Osaka machte. Osaka ist eine sehr belebte
+Fabrikstadt, damit ist aber auch alles gesagt. Dem Auge bietet sie
+nichts Besonderes dar: eine Menge Schornsteine -- enge Gassen -- Gräben
+-- Kanäle -- hölzerne Brücken -- großes Leben auf den Straßen... das
+ist Osaka. -- Von dem vielen Umherlaufen müde, langte ich abends in
+Kobe wieder an und ging sofort an Bord, wo sich zu meiner großen Freude
+unsere japanische Kolonie um einen Landsmann vermehrt hatte. Mit dem
+neuen Ankömmling, Herrn E. Otani, dem jüngeren Bruder des gleichnamigen
+Grafen von Higaschihonganji, waren wir also jetzt im ganzen zehn
+Japaner.
+
+
+
+
+III.
+
+Nagasaki.
+
+
+[Illustration]
+
+Das berüchtigte Genkainada oder die schwarze See, der gefährlichste
+Teil des japanischen Meeres, war diesmal glatt wie ein Spiegel. Das
+volkstümlich gewordene Lied, daß selbst Vögel nicht imstande seien, über
+dieses schwarze Meer hinwegzufliegen -- Torimo kayowanu Genkainada --
+traf diesmal Gott sei Dank nicht zu, denn wir kamen schon am 6. April
+früh morgens wohlbehalten in Nagasaki an. Hier sahen wir im Hafen je
+einen deutschen, französischen und russischen Kreuzer liegen; ein paar
+andere Kriegsschiffe ankerten so weit entfernt, daß wir die Flaggen
+nicht erkennen konnten. Fast gleichzeitig mit unserem Dampfer lief
+auch eine englische Fregatte ein, deren eherner Gruß von den im Hafen
+liegenden Schiffen erwidert wurde. Der Donner der Kanonen und der
+aufsteigende Pulverdampf, in dessen Mitte wir uns befanden, galt für uns
+als eine erquickende Unterbrechung der eintönigen Wasserfahrt und wir
+ließen unsere Augen gern an diesem Schauspiel weiden.
+
+In Nagasaki besah ich mit meinen Landsleuten die Schiffswerft des
+Mitzubishikaisha, eine Privatanstalt des Baron Iwasaki. Ein Dampfer
+von 6000 Tonnen, der als Schwesterschiff des Sanukimaru für den
+Nippon-Yusenkaisha bestimmt ist, war gerade im Bau begriffen. Der Kiel
+war schon gelegt und die Hälfte des riesigen Rumpfes stand fertig da. Im
+Dock lag ein französisches Kanonenboot zur Ausbesserung. Nachdem wir die
+Gießerei, Schlosserei, Drechslerei, Tischlerei, kurz, alle Werkstätten
+der Reihe nach angesehen hatten, führte man uns in eine Schule, die
+eigens für die Knaben der zu dieser Schiffswerft gehörenden Beamten
+und Arbeiter errichtet ist. Das steinerne massive Schulgebäude ist
+nach englischem Muster aufgeführt und sah weit schöner aus, als manche
+Staatsschulen in Tokio. Die Ausstattung (Tische, Bänke, physikalische
+und chemische Apparate, Wandkarten u. s. w.) war gut geordnet und
+entsprach im großen und ganzen modernen Anforderungen. Was die
+Personalverhältnisse anbelangt, so konnte ich bei der Kürze der Zeit
+nichts Genaueres erfahren; die Schule selber scheint so gedacht zu sein,
+daß sie außer der Einprägung des allgemeinen Wissens die Heranbildung
+künftiger Fachleute für die Schiffswerft ins Auge faßt. Hoffentlich wird
+die Schule sich noch weiter entwickeln und gedeihen.
+
+[Illustration: Blick auf Nagasaki.]
+
+Zu Mittag aßen wir in einem Teehause Geiyoro mit gutem Humor und gutem
+Appetit die echt japanisch zubereiteten Speisen; diese dürften wohl auf
+zwei Jahre die letzten sein. Wir langten also tüchtig zu und würzten
+das Mahl mit ein paar Fläschchen Sake. Auch das Auge blieb nicht
+unbefriedigt, denn uns zu Füssen dehnte sich die Stadt und weiter hin
+das Meer aus. Vor uns lag stolz und majestätisch auf der Rhede unser
+»König Albert«, der sich in der Umgebung der anderen Schiffe wie ein
+gewaltiger Riese ausnahm. Ob es uns auch so ergehen wird, wenn wir von
+Europa aus unser Vaterland betrachten? Ob unser Vaterland mit anderen
+europäischen Ländern verglichen uns recht groß erscheinen wird und seine
+Schönheiten ihnen gegenüber noch mehr hervortreten werden?
+
+Ehe wir an Bord gingen, stampften wir wie zum letzten Gruße mit festem
+Tritt den heimatlichen Boden, denn Nagasaki ist ja der letzte japanische
+Hafen. Früh morgens, den 10. April, wurde der Anker gelichtet, und bald
+hatten wir das prächtige Panorama hinter uns -- da plötzlich ..... ja,
+was war das? Welch' eine süße Weise dringt an mein Ohr? Ich blicke umher
+und sehe nicht allzuweit von unserem Schiff einen englischen Kreuzer
+vorbeifahren und auf seinem Verdeck spielt die Musik ein Lied:
+
+ »Hotaruno Hikari Madono Yuki
+ Fumiyomu Tsukihi kasanezuzu.«
+
+Ein japanisches Lied -- auf dem englischen Schiffe? Wie kommt denn das
+aber? Mein Reisegefährte, Herr Musiklehrer Taki, kam mir zu Hilfe und
+sagte mir, daß das wohlbekannte japanische Lied nach der Melodie der
+englischen Nationalhymne komponiert sei. Wie in Andacht versunken stand
+ich auf dem Verdeck und hörte wonnetrunken den holden Klängen zu. O
+tönet fort, ihr süßen Himmelslieder, die ich zu Hause so manchesmal von
+der fröhlichen Jugend habe singen hören! »Musik im besten Sinne bedarf
+weniger der Neuheit, ja vielmehr je älter sie ist, je gewohnter man sie
+ist, desto mehr wirkt sie«, hat Goethe gesagt und er hat recht; denn die
+Melodie, an welche mein Ohr so lange gewöhnt ist, übte jetzt auf mich
+eine so große Wirkung aus -- mag sie auch nach der englischen komponiert
+sein oder nicht, der Erfolg ist und bleibt für mich derselbe. Jetzt,
+wo wir von der lieben Heimat Abschied nehmen -- ein japanisches Lied zu
+hören! Mit Entzücken lauschte ich der mehrmals wiederholten Melodie
+und unwillkürlich kamen mir die Worte in den Sinn, die einst Schiller
+gesungen:
+
+ »Was ahnungsvoll den tiefen Busen füllet,
+ Es spricht sich nur in meinen Tönen aus;
+ Ein holder Zauber spielt um deine Sinnen,
+ Ergieß ich meinen Strom von Harmonien;
+ In süßer Wehmut will das Herz zerrinnen,
+ Und von den Lippen will die Seele fliehen;
+ Und setz' ich meine Leiter an von Tönen,
+ Ich trage dich hinauf zum höchsten Schönen.«
+ (Huldigung der Künste.)
+
+Der Kreuzer war längst meinen Blicken entschwunden, längst war die liebe
+Weise verhallt und nun blickte ich zurück, wo im Osten noch die grünen
+Gipfel der heimatlichen Berge emporragten, als ob sie mit ihrem Grün
+mir die Hoffnung zu einer glücklichen Reise einflößen wollten. In voller
+Begeisterung nahm ich den Hut ab, nahm in Gedanken den letzten Abschied
+von dem Lande, wo meine Wiege stand und wo ich mein Teuerstes gelassen.
+Lange verweilte ich so, bis die Gipfel, von dem Schleier des immer höher
+aufsteigenden Meeres umhüllt, am Horizont verschwanden. Immer und immer
+wieder wandte ich mich um, um mir dieses entzückende Bild und dieses
+Gefühl der Begeisterung unauslöschlich einzuprägen. Vor mir lag wie eine
+unendliche Ebene ausgebreitet das ruhige spiegelglatte Meer und über dem
+ewigen Meer die unendliche Bläue.
+
+
+
+
+IV.
+
+Shanghai.
+
+
+Am 12. April rasselte der Anker herab. Anfangs glaubten wir die große
+chinesische Hafenstadt Shanghai vor uns zu haben, es war aber nur das
+kleine Städtchen Wu-sung, das an der Mündung des Yantsekiang liegt; eine
+halbstündige Dampfbootfahrt auf dem Wusungflusse, einem sehr breiten,
+tiefen Nebenflusse des Yantsekiang, war erforderlich, wenn wir Shanghai
+besehen wollten. Da der Dampfer eine große Ladung einzunehmen hatte
+und es uns infolgedessen vergönnt war, den ganzen folgenden Tag hier zu
+verweilen, so verzichteten wir auf die Bootfahrt für heute und zogen
+es vor, an Bord zu bleiben, um morgen in aller Frühe mit desto
+größerem Genuß einen Streifzug auf dem Land unternehmen zu können. Wir
+betrachteten vom Schiff aus mit Erstaunen den riesengroßen Strom, dessen
+mächtige, sich weit erstreckende Mündung eher den Namen eines Meeres
+zu verdienen scheint. Mehr noch als diese gewaltige Breite setzt den
+Fremdling etwas anderes in Erstaunen: die schmutzig-gelbe Flut. Die
+beiden Ufer, die infolge der großen Entfernung kaum sichtbar sind,
+machen die graue Wasserwüste nur noch grauer. Schon der alte chinesische
+Ausdruck »Shitoku«, d. h. die vier Unsauberkeiten, womit man die vier
+größten Ströme Chinas, den Kasui, Kosui, Waisui und Shisui, bezeichnet,
+beweist, daß ihr Anblick selbst den eingebornen Chinesen seit
+Jahrhunderten her nicht gerade angenehm war. Mit Kasui wird Hoangho oder
+der gelbe Fluß, mit Kosui der Yantsekiang, mit Waisui der Whaiho und mit
+Shisui der Shuho bezeichnet. Das chinesische Sprichwort: »Hundert Jahre
+warten, bis die gelbe Flut klar wird,« womit man die Unmöglichkeit
+einer Sache bezeichnet, läßt uns annehmen, wie außerordentlich trübe
+und unrein die Schlammflut sein muß. Daß die Chinesen in den Strömen
+das Symbol des Unsauberen und Widerwärtigen, des Schmutzes und Abscheus
+sehen, ist sehr charakteristisch.
+
+Wenn es richtig ist, daß der Charakter der Menschen von der ihn
+umgebenden Natur beeinflußt wird, so kann man sich nicht wundern, daß
+sehr viele Söhne des Reiches der Mitte so schmutzig sind. Sollten die
+beiden hervorstechenden Züge im Charakter der Chinesen: Unsauberkeit
+und Gewinnsucht, welche beide untereinander wieder in einem engeren
+Zusammenhang stehen, nicht in dem grauen, den Schmutz und Staub aller
+Jahrhunderte aufwühlenden Wasser ihren Ursprung haben? Wie der Strom --
+so das Volk! Und welch ein erhebendes Gefühl nun, wenn wir damit
+unsere heimischen Gewässer vergleichen, wo jeder Bach, Fluß oder See
+durchsichtig wie ein Krystall ist und so rein und ungetrübt sich hält,
+daß man bis auf den Grund sehen kann. Und so sind auch die Menschen. Bei
+uns ist die Reinlichkeit und Sauberkeit eine der größten Tugenden, die
+den Bürger zieren, und mit dieser Tugend verknüpft sich auch eine Reihe
+von schönen Eigenschaften, wie z. B. jene unsrem Volke so eigentümliche
+Freigebigkeit, die kein Opfer scheut und die schnöde Gewinnsucht
+verachtet.
+
+[Illustration: Pagode bei Shanghai.]
+
+Während wir so im Freundeskreise unsere Meinungen austauschten, wurde
+uns ein Besuch gemeldet: Ein Herr N. vom Kajimayoko in Shanghai. Dieser
+Herr war eigens an Bord gekommen, um uns zu einer Besichtigung von
+Shanghai abzuholen. Da wir aber, wie bereits erwähnt, den Besuch der
+Stadt auf morgen verschoben hatten, so blieb er die Nacht bei uns an
+Bord zu Gast.
+
+Am nächsten Morgen früh fuhren wir mit einem Dampfer stromaufwärts; bald
+tauchten die beiden flachen Ufer des Wusungflusses als schmale Streifen
+am Horizont auf. Allmählich kamen wir näher und nun konnten wir die
+Umgebung genauer ins Auge fassen. Auch hier ein ödes trostloses Grau,
+das mit dem Flusse zu wetteifern scheint. Das einzig Grüne, das sich
+grell von dem Grau abhebt und unsere Augen einigermaßen erfreut, ist die
+Flußweide, die hier zwar nicht kräftig, doch hinlänglich gedeiht. Weiter
+oben lassen sich hier und da regellose Gebäudemassen erkennen, aus denen
+einige hohe Häuser mit ihren freundlichen Fenstern uns entgegenleuchten.
+
+Nach dreiviertelstündiger Fahrt kamen wir endlich in Shanghai an. Der
+Wusungfluß ist hier 400 bis 500 Meter breit und so tief, daß er imstande
+ist, Schiffe von bedeutendem Tonnengehalt zu tragen, so sahen wir hier
+zu unsrer großen Freude das japanische Kriegsschiff »Maya« und weiter
+hinten einen Dampfer »Hakuaimaru«, der in Diensten des japanischen
+Roten Kreuzes steht und zur Zeit des japanisch-chinesischen Krieges als
+Hospitalschiff gute Dienste geleistet haben soll, vor Anker liegen.
+Noch einige Kriegsschiffe und mehrere Postdampfer, welche zum Teil
+den Engländern gehörten, waren sichtbar und gewährten einen imposanten
+Anblick. Hoch auf dem Mast des »Maya« flatterte die Toppflagge mit der
+lieblichen Sonne uns entgegen. Das Gefühl, fern der Heimat in einer
+fremden Welt unsere Flagge zu erblicken, ist in der Tat etwas, was das
+Herz erhebt; der edle Stolz, der uns innewohnt, ein Angehöriger des
+schönen Landes zu sein, der nationale Gedanke, von welchem jeder
+Patriot so sehr beseelt ist, begeisterten uns, wir schwangen die Hüte,
+schwenkten die Tücher und begrüßten so unsere Flagge, und unser lautes
+Hurra wurde von den auf den Rahen stehenden Matrosen freudig erwidert.
+Unsere Marine, die sich in den letzten fünf Jahren außerordentlich
+schnell entwickelt hat, weiß sich in ihrer jetzigen Gestalt fern und nah
+Achtung und Geltung zu verschaffen, was aber diejenigen, die zu Hause
+kauern und der Ruhe pflegen, leider nicht gewahr werden. Auch ich
+gehörte einst zu jenen, auch ich war der Meinung, daß es töricht sei,
+gerade für das unproduktivste Glied eines staatlichen Körpers -- für
+Militär und Marine -- die meisten Mittel zu bewilligen; bei diesem
+Anblick fühlte ich mich aber nicht wenig betroffen und aus der Kehle
+drang mir unwillkürlich der Ruf: »Unsere Marine lebe hoch! hoch! hoch!«
+in den meine Gefährten fröhlich einstimmten.
+
+[Illustration: Der »Bund« in Shanghai.]
+
+Oberhalb des kaiserlich japanischen Konsulatgebäudes landeten wir und
+bestiegen drei elegante Equipagen. Der erste Besuch galt dem Kajimayoko.
+Bald wurden wir mit den bei dieser Firma angestellten Landsleuten
+bekannt, schrieben Briefe, Ansichtskarten u. s. w. und fuhren dann
+mit unserem Begleiter in die Stadt. Diese bedeutendste Handels- und
+Hafenstadt Chinas, welche durch viele Flüsse und Kanäle mit den Seen im
+Innern, dem Kaiserkanal und dem Yantsekiang in Zusammenhang steht und
+ca. 500 000 Einwohner zählt, wurde vor etwa sechzig Jahren von den
+Engländern erobert und dem Fremdenverkehr übergeben. Bald darauf wurde
+der Hafen auch für den auswärtigen Handel eröffnet, und seitdem ist
+die Stadt in raschem Aufschwunge begriffen. Sie zerfällt in zwei
+verschiedene Teile, nämlich in die Altstadt Shanghai, die eigentliche
+Chinesenstadt, wo das Gouvernement liegt, und in die Neustadt oder die
+Fremdenstadt.
+
+[Illustration: Das »Iltis«-Denkmal in Shanghai.]
+
+Es war dies das erste fremde Land, das ich betrat. Entgegen den
+Vorstellungen, die wir von Haus mitgebracht hatten, machte die
+Neustadt einen außerordentlich einladenden, modernen Eindruck. Sie ist
+verhältnismäßig weitläufig gebaut; die Häuser stehen nach dem Strome zu
+in dichten Reihen nebeneinander, nach der Innenseite zu aber werden sie
+lichter. Sie sind zum Teil aus Steinen hoch aufgebaut, die Straßen
+sind größtenteils gepflastert, ziemlich breit und teils mit Trottoirs
+versehen. Besonders schön ist der sogen. »Bund«, von den Chinesen
+Wan-poutang genannt, eine Straße, welche am Wusungflusse entlang führt
+und größtenteils von Engländern bewohnt wird. Hier erhebt sich eine
+Reihe stattlicher Gebäude: der englische Gerichtshof, der englische
+Klub, mehrere Konsulate, Banken u. s. w. Auch mehrere japanische Firmen,
+wie die Filiale der Yokohama Speciebank, die der Nippon-Yusenkaisha und
+noch einige andere, sind hier zu finden. Der Speciebank gegenüber sehen
+wir auf einem frischgrünen Rasenplatz des Parkes das deutsche
+»Iltis«-Denkmal. Dieses sehr schöne Monument, das zum Andenken an den
+heldenhaften Untergang der »Iltis«-Mannschaft errichtet wurde, besteht
+in der Hauptsache aus einem metallenen abgebrochenen Mast, dem der Rest
+des »Iltis«-Wracks als Modell gedient hat.
+
+[Illustration: Personenkarren in Shanghai.]
+
+Die sogenannte French Town, dann die britische, amerikanische und
+Hang-kou Settlements liegen der Reihe nach nebeneinander. Hohe massive
+Häuser, teils in englisch-indischem Baustil aufgeführt, und prächtig
+ausgestattete Verkaufsläden mit Schaufenstern reihen sich aneinander;
+auch Kirchen mit hohen Türmen ragen empor und laden mit ihrem ernsten
+feierlichen Glockenklang die Andächtigen ein. Die Straße ist äußerst
+belebt: vornehme Damen in modisch feiner Tracht, elegante Herren im
+hohen Cylinder gehen und kommen; zahllose Equipagen und Droschken rollen
+hin und her; dazwischen drängen sich seltsame, von keuchenden Chinesen
+geschobene Personenkarren und leichte Fahrräder; unter Trommelschlag
+und Musik marschieren die Soldaten, japanische, englische, französische,
+alle in den Uniformen ihrer Nation, schwarz, blau, grau etc. angezogen
+-- ein buntes Bild, von dem sich die Augen schwer trennen können (wegen
+der Wirren in Nordchina waren Truppen verschiedener Nationen in Shanghai
+einquartiert). Wie wir so dahinfuhren, wähnten wir fast, wir seien
+schon in der uns vorderhand noch fremden Welt einer europäischen Stadt;
+indessen mahnten uns die Chinesen daran, daß wir uns noch nicht weit von
+unserer Heimat entfernt hatten.
+
+[Illustration: Englische Kavallerie in Shanghai.]
+
+[Illustration: Straße in Shanghai.]
+
+Wir fuhren durch einige Straßen der Neustadt, wo zu beiden Seiten
+viele chinesische Verkaufsläden stehen, und hatten Gelegenheit, das
+Straßenleben der Chinesen in Augenschein zu nehmen. Die Straßen
+sind ziemlich schmutzig, voller Lärm und Gedränge. Die Häuser sind
+größtenteils aus Holz gebaut und mit grellen Farben angestrichen; rot,
+die Lieblingsfarbe der Chinesen, wiegt vor, es findet auch grün und gelb
+große Verwendung. Aus den Fenstern sieht man hier und da Wäsche,
+alte Kleider u. dergl. herunterhängen, die, über den Häuptern der
+Vorbeigehenden gemächlich flatternd, zu dem Schmuck der Stadt in
+seltsamer Weise beitragen. Die Verkaufsläden sind meist offen und
+am Eingang hängen Schilder von verschiedener Farbe und Form, worauf
+allerlei Worte, meistens langatmige Erklärungen oder großsprecherische
+Lobpreisungen des zu verkaufenden Gegenstandes, zu lesen sind. Als
+Einfuhrartikel werden Opium, Wolltuche, Metalle, Lampen, Uhren,
+Zündhölzer, Petroleum u. s. w., als Ausfuhrartikel Seide, Tee,
+Baumwolle, Felle, Schweinsborsten, Strohgeflechte, Talg u. s. w.
+gehandelt.
+
+[Illustration: Chinesischer Schuhmacher.]
+
+Unter den Verkaufsläden trifft man auch nicht wenige, in denen Fett-
+und Eßwaren feilgeboten werden; auch getrocknete Fische, Gemüse, Früchte
+u. s. w. liegen lockend ausgebreitet zum Verkauf. Hier drängen sich
+viele Käufer, Städter wie Landleute, grell geschminkte Frauen in
+bunten Gewändern, geputzte Männer mit langen Zöpfen, jeder nach
+seinem Geschmack gekleidet. Ferner findet man auch manch' schöne,
+nach europäischem Muster eingerichtete Häuser mit Schaufenstern, die
+einheimische wie importierte Fabrikate bergen und wo man wirklich
+gute Waren beziehen kann; aber im allgemeinen haben die chinesischen
+Kaufläden und das Straßenleben, wie lebhaft sie auch den neugierigen
+Augen eines Fremden erscheinen mögen, ein düsteres, träges und
+unsauberes Aussehen.
+
+Wir fuhren nun geradenwegs durch die Straße Damaro, auch Nankinro
+genannt, zu deren Seiten sich die meisten eleganten Verkaufsläden,
+europäische und chinesische, vorfinden, und gelangten in den Lustgarten
+Gu-En[1]. Dieser Garten, den der Besitzer vielleicht aus Bescheidenheit
+so genannt, sollte wahrhaft wundervoll angelegt sein, aber leider war er
+nicht imstande, japanische Augen zu erfreuen; da er weder etwas
+Schönes noch Neues bot, so verlohnt es sich nicht, ihn ausführlich
+zu beschreiben. Ein paar Baumgruppen, deren fahles Grün nicht gerade
+anziehend wirkt, ein altes Gebäude chinesischen Stils, das so aussah,
+als wäre es nie mit einem Besen in Berührung gekommen, ein kleiner Teich
+mit trübem Wasser, worin etliche Goldfische ein elendes Dasein
+führten, einige komisch geformte Felsblöcke, die als Zeugen einer rohen
+plastischen Arbeit dastehen, und am Ausgang eine Art von Theater, in
+welchem dann und wann chinesische Operetten aufgeführt werden... das ist
+wohl alles, was man hier zu sehen bekommt. -- Zwei Dinge fielen mir
+hier besonders auf: ein paar Opiumstuben -- sehr einfache, meist nur mit
+einem Sofa ausgestattete Zimmer. Dort legt sich dann der Chinese aufs
+Ruhebett, raucht Opium und verträumt im Zustand der Betäubung den lieben
+langen Tag. Und weiter: ein paar irdene Becken, die im Garten unter
+freiem Himmel standen und eine dunkle trübe Masse enthielten. Ich
+glaubte, die Flüssigkeit sei zum Begießen der Pflanzen da, aber zu
+meinem Erstaunen erfuhr ich, daß sie zum -- Trinken aufbewahrt werde.
+Echt chinesisch!
+
+[Illustration: Im chinesischen Teelokal in Shanghai.]
+
+Nicht weit von Gu-En liegt Cho-En, ein in europäischem Stile
+aufgeführtes Gebäude, woselbst den Gästen Tee serviert wird -- ein
+Teehaus im strengsten Sinne des Wortes; es hat einen geräumigen, mit den
+Farben aller Nationen geschmückten Salon und sieht ganz nett aus; vor
+dem Hause breitet sich ein frischer grüner Rasenstreifen aus und ladet
+den Vorübergehenden zum Besuche ein. In nächster Nachbarschaft sahen wir
+auch eine mit allem Zubehör ausgestattete Kegelbahn.
+
+Die Equipage führte uns nun nach Shumaro oder Fukushuro, die in einer
+gewissen Bedeutung »feinste« Straße Shanghais; ein Karasumori oder
+Yanagibashi in Japan, wo viele tausende jener berühmten Shanghaier
+Sängerinnen wohnen und wo die »feinen« Herrschaften so gerne spazieren
+gehen, um zu sehen und gesehen zu werden. Hier liegt auch das Teehaus
+Kiokaro, in welchem wir zu Mittag aßen. Es ist dies eines der besten
+Wirtshäuser in Shanghai. Die ganze japanische Kolonie »König Alberts«,
+zehn an der Zahl, mit unserm Begleiter und einem Chinesen, der bei
+der Firma Kajimayoko angestellt ist und inzwischen von uns zur Tafel
+eingeladen war, nahmen nun mit knurrendem Magen an dem runden Tische
+Platz und harrten in gespannter Erwartung der Dinge, die da kommen
+sollten. Einen Speisezettel freilich gab es nicht, und wenn es auch
+einen gegeben hätte, würde er uns wenig genützt haben, da uns die Namen
+der Gerichte fremd waren. Die Speisen werden in verschiedene Klassen
+eingeteilt und danach bestellt; aber was jede von ihnen enthält, das
+gehört zu den Geheimnissen des Koches. Nichts blieb uns weiter übrig,
+als diesem die Wahl mit der stillen Hoffnung zu überlassen, daß nicht
+nur das Gute von oben, wie es in der »Glocke« von Schiller heißt,
+sondern auch von unten aus der Küche kommen möge. Zuerst wurde uns eine
+Tasse Tee serviert, nach wenigen Minuten kam die Suppe zum Vorschein
+und nun folgten verschiedene Sorten von Fettspeisen, worunter Speck die
+Hauptrolle spielte, ferner gebratene Fische von zwei, drei verschiedenen
+Arten, Hummer, Muschel, Geflügel, Lammfleisch, fast alles mit Öl und
+Fett zubereitet, Fadennudeln, Gemüse und, was unter anderm auffiel,
+Schwalbennester, Haifischflossen, Walfischbart u. a. m. -- alles
+Erzeugnisse, die zu den Delikatessen der Chinesen gehören. Zum Schluß
+gab es wiederum Suppe und dann gekochten Reis, Gebäck, Früchte u. s. w.
+Diese Speisen werden in einer großen Schüssel mitten auf die Tafel
+gestellt und jeder nimmt sich selbst daraus auf das eigene Tellerchen,
+das bei jedem Gange von dem Servierkellner gewechselt wird.
+
+[Illustration: Chinesischer Koch.]
+
+Mit wahrem Heißhunger machten sich alle daran, aber einigen wollten
+schon nach den ersten Gängen die Speisen nicht in den Gaumen hinein,
+da sie das allzu Ölige und Fette nicht ertragen konnten, wieder einige
+hatten nach acht bis neun Gängen den Magen voll und konnten nicht
+weiter. Ich, der in dem Kampfe mit Leckerbissen bisher den Rücken
+nicht hatte sehen lassen, focht auch hier in aller Tapferkeit mit
+zwei Stäbchen -- denn Gabel und Messer gab es nicht -- gegen die
+hintereinander losrückenden Feinde, aber schon bei dem elften
+Zusammenstoß hatte ich einen harten Kampf zu bestehen. Bei dem zwölften
+Angriff entschwand mir endlich der Mut, und vollgestopft wie ein
+Maltersack konnte ich weder gehen noch stehen, ich schnaufte nur und saß
+unbeweglich da. Selbst wenn alle Schätze des persischen Königs hier
+vor meinen Füßen gelegen hätten, würde ich meine Hand nicht danach
+ausgestreckt haben, um sie aufzuheben, denn auch bei der leisesten
+Bewegung drohte der überspannte Sack zu zerplatzen! Doch zwei von uns
+haben wacker gestritten bis zum 17. und letzten Angriff für die Ehre
+unserer Kolonie; daß dies aber ein Kampf auf Leben und Tod war, verriet
+schon der Schweiß, der von ihren Stirnen herabrollte. Unser langzöpfiger
+Tischgenosse war, als die Haifischflossen aufgetragen wurden,
+fortgeschwommen und ließ sich nicht mehr sehen, was uns sehr leid tat.
+Er schien über unsere Unterhaltung verstimmt zu sein; wir hatten nämlich
+u. a. gesagt, daß die Sauberkeit der Chinesen sehr zu bewundern sei,
+insbesondere beim Essen; denn sie lecken fortwährend ihre Stäbchen ab
+und fahren dann wieder in die gemeinsame Schüssel hinein, so daß die
+darin befindliche künstlich zubereitete Sauce sich mit der natürlichen
+ihres Mundes vermischt und so einen chemischen Prozeß durchzumachen
+scheint. Später hörte ich zu meinem nicht geringen Erstaunen, daß es bei
+den Chinesen Sitte sei, beim Essen die Stäbchen schön abzulecken, und
+daß derjenige, der seinen Tischgenossen eine besondere Aufmerksamkeit
+erweisen will, dies auf chinesische Art nicht besser bezeigen zu können
+glaubt, als daß er seine Stäbchen möglichst gut ableckt. Wirklich eine
+recht feine Sitte, die vom Gesichtspunkt der Bakteriologie sehr zu
+empfehlen ist! Wahrscheinlich verdanken die deutschen Wörter »Lecker«,
+»Leckerei«, »Leckerbissen« u. s. w. ihren Ursprung den Chinesen! -- Eins
+möchte ich hier noch hinzufügen, daß nämlich alle Speisen ohne Ausnahme
+warm aufgetragen werden; kalte und rohe Speisen, wie unser Sasimi,
+kennt man dort überhaupt nicht; daß sogar Wasser nur in heißem Zustande
+getrunken wird, ist bekannt. Besonders fiel mir noch auf, daß während
+des ganzen Mahles die Chinesen in einem fort getrocknete Melonenkerne
+aßen, die sich in einer gemeinsamen Schüssel in der Mitte des
+Tisches befanden. -- Noch eins: wir wurden bei der Tafel leider der
+zweifelhaften Ehre nicht teilhaftig, von jenen reich geschmückten und
+doch so leichten elastischen Gestalten bedient zu werden.
+
+Im großen und ganzen muß ich doch sagen, daß die chinesischen Köche ihre
+Kunst sehr gut verstehen. Von der geschickten Zusammenstellung des so
+viele Gerichte umfassenden Mahles abgesehen, ist auch die Zubereitung
+gut; ja, man wäre versucht, es dem japanischen beinahe vorzuziehen,
+wenn nicht zu viel Fett und Öl verwendet würde. Mit dem europäischen
+und chinesischen Mahl verglichen, ist unser japanisches einfacher. Das
+chinesische ähnelt mehr dem europäischen und ist ebenso nahrhaft und
+gehaltreich. Übrigens war das Essen, das wir an jenem Tage genommen, ein
+kantonsches, was dem europäischen verwandter ist, wie das nankinsche,
+das als ein echt chinesisches dem Gaumen der Eingeborenen wohl bekommen
+soll, aber nicht dem unsrigen. Unsere Köche verstehen zwar das Kochen an
+sich ganz gut, sie sollten aber ihr Augenmerk doch auf die Zubereitung
+und Zusammenstellung recht kräftiger und nahrhafter Kost richten. Ein
+Gericht z. B. wie das Kuchitori -- jene kuchenartige, buntaussehende
+süße Speise -- sollte ganz abgeschafft werden, da es eher den Augen als
+dem Magen zur Erquickung dient.
+
+Das einzige, was bei der chinesischen Mahlzeit abstößt, ist eben die
+Unreinlichkeit, die auch hier, wie überall beim Chinesen, an den Tag
+tritt. Die Überreste von Speisen, wie Gräten, Knochen, Schalen
+u. dergl., werden während des Essens im Wirtshause von allen Gästen ohne
+weiteres unter die Tafel geworfen; die beiden anderthalb Fuß langen
+Stäbchen und überhaupt die Eßgeschirre sollte man selbst mit der
+Serviette vorher sorgfältig reinigen, so unheimlich sehen sie aus; die
+Servietten bieten manchmal ein derart trauriges Aussehen, daß man sie
+lieber unbenutzt läßt. Schlimmer als diese sind aber die heißen Tücher,
+womit man während des Essens den Mund von allem Fett und Öl abwischt;
+sie werden, ohne irgendwie ausgewaschen zu werden, in kochendes Wasser
+getan und in heißem Zustande den Gästen mehrere Male dargereicht; sie
+machen also einen Kreislauf bei vielen Gästen, fühlen sich infolgedessen
+etwas klebrig an und haben gerade keinen angenehmen Geruch.
+
+Etwas möchte ich hier einfügen über jene Klasse der Chinesen, die
+durch ihr elendes Handwerk, vor allem aber durch ihre Schmutzigkeit und
+Dreistigkeit auffallen, ich meine die Kulis. Sie stehen fast überall mit
+ihrem von Japan importierten Rollstuhl, Jinrikisha, auf der Straße und
+fordern jeden Vorübergehenden zum Einsteigen auf; besonders wenn sie
+einen Fremden gewahr werden, machen sie für eine kurze Strecke Weges
+eine unmäßige Forderung und suchen ihn tückisch und hinterlistig zu
+übervorteilen. Ihre Forderung lassen sie auch auf ein Drittel ihrer
+ersten Ansprüche herabhandeln, aber sobald sie ihre Tour gemacht haben,
+bitten sie dreist und zudringlich um Trinkgeld oder fordern, trotz der
+vorhergegangenen Unterhandlung, das Doppelte und Dreifache. Wenn sie
+dann abgewiesen werden, kommen sie noch eine Strecke Weges hinterher
+gelaufen und betteln immer wieder oder schimpfen und schreien, bis man
+am Ende genötigt wird, mit dem Stock ihrer Forderung Genüge zu tun. Daß
+Menschen dieser Art von den dort lebenden Europäern wie Tiere angesehen
+und demgemäß behandelt werden, ist vom allgemeinen menschlichen
+Standpunkte bedauerlich, unter den obwaltenden Verhältnissen aber
+verständlich. Zwar haben wir in Japan auch eine Klasse solcher Kulis,
+diese sind jedoch weit artiger und zuvorkommender als jene. Schon ihr
+Aussehen verrät, daß sie mit ihren Kollegen in China nichts gemein
+haben. In leichten, fest anschließenden schwarzen Jacken, bedeckt bis
+zu den Füßen, stehen sie bei uns an einer Seite der Straße auf dem ihnen
+zugewiesenen Platze und warten bescheiden, bis ein Vorübergehender sie
+anruft. Und wie flink sie ihr Handwerk üben! Wie der Blitz fliegen sie
+mit ihrem Rollwagen die Straße dahin, als ob sie die darauf sitzende
+schwere Last garnicht spürten, während die chinesischen in weiten,
+blau auf grau gestickten, losen Lumpen die Straße dahintappen; daß
+der Knüttel in den Händen der Polizisten mit diesem Gesindel gute
+Bekanntschaft unterhält, ist daher leicht erklärlich.
+
+[Illustration: Indischer Polizist in Shanghai.]
+
+Eine Eigentümlichkeit von Shanghai sind die verschiedenartigen
+Polizisten, die aus Engländern, Franzosen, Amerikanern, Chinesen
+und Indern bestehen. Die indischen Polizisten gewähren einen schönen
+Anblick; sie zeichnen sich durch ihre stattliche Gestalt aus, sind groß,
+kräftig, ganz braun, tragen einen schwarzen Vollbart, sind europäisch
+gekleidet und gehen mit einem Knüttel in der Hand gravitätisch die
+Straße einher. Was den Reiz dieser Erscheinung noch erhöht, ist der
+ungeheuer große Turban. Selbst der kleinste von ihnen scheint zwei Meter
+groß zu sein -- wahrlich, herkulische Gestalten! Ihr muskulöses Aussehen
+verleitet zu der Annahme, daß sie ganz geeignet seien, einen Löwen zu
+bändigen, daß sie also spielend mit einem Verbrecher fertig würden. Aber
+wie ich höre, soll dies in Wirklichkeit nicht der Fall sein, denn so ein
+Herkules soll feige sein und Reißaus nehmen, wenn ihm etwas Ernstes in
+den Weg tritt. Was ihre Verstandeskräfte anlangt, so sollen sie auch
+leider würdige Sprößlinge ihres Stammes sein, denn wenn ihnen irgendwie
+schwierige Aufgaben gestellt werden, so wissen sie sich keinen Rat. Zwar
+können sie unterscheiden, was schön und häßlich, was gut und schlecht
+ist, wenn sie es mit eigenen Augen angeschaut haben, darüber hinaus
+geht jedoch ihre Urteilskraft nicht. Ihr langzöpfiger Kollege, der
+chinesische Polizist, scheint in manchen Stücken geschickter zu sein,
+obwohl er nicht so gut aussieht. Kurz, der indische Polizist ist mehr
+zum Paradieren da. Einen guten Zug hat er aber außerdem doch, und das
+ist seine Unparteilichkeit. Die weißen Polizisten sind, wie man sagt,
+nur zu leicht geneigt, in strittigen Fällen die Partei ihrer engeren
+Landsleute zu ergreifen; das tut aber der indische Polizist nicht,
+sondern hält sich in lobender Weise neutral.
+
+Wie im Fluge war die Zeit dahin geschwunden und darüber war es Abend
+geworden. Unsere Absicht, noch die Altstadt zu besichtigen, wurde leider
+durch einen starken Regen vereitelt, deshalb traten wir die Rückfahrt
+nach dem »König Albert« an, den wir erst spät in der Nacht erreichten.
+Aber wir alle fühlten uns von dem Verlauf des Tages durchaus befriedigt,
+so daß ihn jeder von uns in seinem Tagebuch als einen genußreichen
+aufzeichnen konnte.
+
+
+
+
+V.
+
+Hongkong.
+
+
+Die Hitze, die wir bisher in der frischen Seeluft nicht gespürt hatten,
+machte sich schon recht bemerkbar, als unser stolzer »König Albert« am
+16. April vormittags in den Hafen von Hongkong eindampfte. Hongkong,
+d. h. der »duftende Hafen«, liegt südöstlich von Kanton hart an der
+Grenze der tropischen Zone und ist eine kleine Insel von kaum 15 km
+Länge und 7-8 km Breite, welche durch einen schmalen Meeresarm vom
+Festlande, der Halbinsel Kowloon, getrennt wird. Sie ist seit dem
+Frieden von Nankin im Jahre 1842 an die Engländer abgetreten worden
+und bedeutet jetzt eine Perle der britischen Kolonieen. Die Bewohner,
+ca. 300 000, sind meist Chinesen neben etlichen tausend Indiern; unter
+den Europäern, deren Anzahl nur ein Dreißigstel der Gesamtbevölkerung
+ausmacht, sind die Portugiesen am meisten vertreten, ihnen folgen die
+Engländer mit ein paar tausend Mann Garnison. An der Nordküste der Insel
+liegt die Stadt Viktoria, die amphitheatralisch angelegt ist und im
+Schmuck ihrer hell leuchtenden Häuser und grünen Bäume, namentlich
+vom Meer aus, einen herrlichen Anblick gewährt. Was aber die Augen des
+Reisenden am meisten anzieht, ist das Treiben im Hafen.
+
+[Illustration: Hongkong (Hafen und Europäisches Viertel).]
+
+Fahrzeuge aller Art und aller Nationen erblickt man dort: mächtige
+Kriegsschiffe, insbesondere britische, welche dem chinesischen
+Geschwader angehören, große und kleine Postdampfer, schwerbeladene
+Handelsschiffe, zahllose Dschunken, Boote u. s. w. Hier läuft ein Schiff
+ein, dort sticht ein anderes in See, in dicken Säulen steigt der Rauch
+aus den Schornsteinen empor, überall ein Tuten, Pfeifen, Rasseln,
+Klirren, daß einem von all dem Geräusch fast die Sinne benommen werden.
+Und wie es im Hafen von Menschen wimmelt! Schwere Kisten werden auf-
+und abgeladen, Fässer werden gerollt, Ballen gewälzt, Gepäck geschleppt,
+Karren mit Pferden fahren hin und her, Lastträger mit Tonnen drängen
+sich ächzend durch die Menge -- kurz, alles ist in regster Bewegung.
+Daß Hongkong als Handelsplatz und als Seehafen des Weltverkehrs an der
+ganzen ostasiatischen Küste tatsächlich eine große Rolle spielt, ist
+schon daraus ersichtlich, daß fast alle Handelsstaaten hier Konsulate
+haben; Tee, Seide, Opium, Zucker, Öl, Salz, Baumwolle, Elfenbein,
+Nahrungsmittel der verschiedensten Art sind die wesentlichsten
+Gegenstände des Handels.
+
+Der reiche Mitsui, der auch hier seine Firma besitzt, holte uns mit
+seinem Dampfboot ab, und unter der sicheren Führung eines seiner Beamten
+betraten wir nun die Stadt. Wir besuchten zuerst Queen's Road, die
+schönste und belebteste Straße. An beiden Seiten reihen sich chinesische
+und europäische Verkaufsläden in buntem Gemisch aneinander; das
+Stadthaus, das Theater, mehrere Banken, Konsulatsgebäude u. s. w.
+befinden sich hier. Die nicht eben hohen, aber doch stattlich
+aussehenden Gebäude sind meist in europäischem Stil aufgeführt. Die
+Straßen sind ziemlich sauber, aber leider ein bißchen eng, was jedoch
+die Lebendigkeit des Straßenlebens bedeutend erhöht. Zum Fahren dienen
+zierliche Rollstühle, auch den Chinesen eigentümliche Tragsessel werden
+viel gebraucht; Equipagen und Droschken sieht man verhältnismäßig wenig,
+da die bergige Lage und die enge unregelmäßige Straße es nicht erlauben.
+Das Straßenleben hat mit seiner buntdurcheinandergewürfelten Bevölkerung
+große Ähnlichkeit mit jenem Shanghais.
+
+[Illustration]
+
+Nachdem wir die Straßen durchwandert, die Sehenswürdigkeiten in
+Augenschein genommen und auch einige Einkäufe, wie z. B. Tropenhüte
+u. dgl., gemacht hatten, wollten wir zum Viktoria-Park, von dem die
+Reisenden nicht genug zu erzählen wissen, hinansteigen. Die große Hitze
+jedoch und die spärlich bemessene Zeit nötigten uns von dem Vorhaben
+abzustehen und wir benutzten die Drahtseilbahn, die uns schnell auf den
+Gipfel führte. In ungefähr einer Viertelstunde waren wir am Ziel.
+Aber in diesem Augenblick kam leider der Nebel, eine sehr häufige und
+unangenehme Erscheinung dieser Gegend, heraufgezogen, und ehe wir uns
+versahen, bedeckte er mit seinem Schleier den ganzen Berg. Nicht zehn
+Schritte konnte man vor sich schauen, man hätte ihn mit einem Messer
+durchschneiden können -- so dick war er! Von der großartigen Aussicht
+nach dem Hafen war nun keine Rede mehr und es blieb uns nichts weiter
+übrig, als geduldig die Zeit abzuwarten, bis der Nebel sich gesenkt
+hatte. Wir kehrten deshalb im Wirtshaus Peak-Hotel ein, ließen uns
+die englische Küche gut schmecken und sahen zu, ob nicht durch die
+flatternden Nebelgespinste sich irgend etwas unsern Blicken darböte. Und
+sieh! Nach ungefähr einer Stunde teilte sich der Nebel und auf einmal
+lagen zu unseren Füßen Stadt, Hafen und weiter hinten die Halbinsel
+Kowloon. Wir standen in stiller Bewunderung da, die Operngläser vor den
+Augen haltend. Da unser Standpunkt nicht allzu hoch war, so konnte man
+die Form und Farbe eines jeden Gegenstandes noch deutlich unterscheiden.
+Ein entzückendes Panorama! An den Abhängen sieht man übereinander
+aufsteigende Höfe von tropischen grünen Baumgruppen umgeben und
+prächtige Villen mit herrlichen Gartenanlagen; aus den Straßen der Stadt
+erheben sich große, stattliche, wie Paläste und Schlösser aussehende
+Gebäude, darunter mischen sich die schwarzen Kuppeln und die rötlichen
+Türme der Kirchen und Kapellen. Hinter dem Halbkreis des Hafens dehnt
+sich der unendliche Ocean aus, auf dessen blauem Spiegel hunderte von
+Schiffen wie weiße Schwäne umherschwimmen. Auf der anderen Seite
+des Berges sieht man in einer talförmigen Vertiefung ein großes
+Wasserbecken, das im hellen Sonnenschein wie ein smaragdner See
+leuchtet; hier wird das Regenwasser sorgfältig gesammelt und mittelst
+Röhren in die Stadt geleitet, wo man es zum Trinkwasser verwendet.
+
+[Illustration: Hongkong (Chinesisches Viertel).]
+
+Aus dem einförmigen Leben auf dem Schiff in die Mitte dieses schönen,
+erhebenden Anblickes versetzt, fühlten wir uns so erquickt und blickten
+wie gebannt immer und immer wieder in die weite Natur hinaus, als
+wollten wir alle diese Schönheiten in unsere Brust einsaugen. Da
+fällt aber mit einem Male der Vorhang vor unseren Augen: mit dem
+wiederkehrenden Nebel ändert sich die Szene, und in einem Augenblick ist
+von all dem Gebotenen nichts mehr zu sehen. Mit der Drahtbahn rollten
+wir nun wieder mit haarsträubender Schnelligkeit den steilen Abhang
+hinab bis zu der Station, die am Fuße des Berges liegt, dann folgten wir
+der freundlichen Einladung der Firma Mitsui, stiegen einen gewundenen
+Weg hinauf und gelangten bald in eine schöne Villa, die der Firma
+gehört. Von dem Umherlaufen des langen Tages und von der Hitze im
+unheimlichen Nebelkreise müde, lehnte ich mich an das Geländer der
+Veranda und schaute in den Garten hinab, der mit den prächtigen bunten
+Blumen, wie sie der tropischen Zone eigen sind, geschmückt war; ein
+wenig unterhalb befand sich ein geräumiger Tennisplatz. Hier sah ich ein
+paar kleine japanische Mädchen von sechs bis sieben Jahren, die sich
+mit Spiel und Blumenpflücken vergnügten -- liebliche Erscheinungen
+sondergleichen, die ich schon jahrelang vermißt zu haben glaubte.
+Unverwandt ruhten meine Augen auf ihnen... was für eine Gestalt schwebt
+dir vor und woran denkst Du?...
+
+Bei der Tafel wurden uns einige Herren und Damen von der Firma
+vorgestellt und nun langten wir tüchtig zu; zu unserer großen
+Überraschung und Freude bekamen wir hier japanische Kost vorgesetzt.
+Kein Wunder, daß deshalb bei Tisch die heiterste Laune herrschte; ja,
+man konnte bei der gemütlichen Unterhaltung fast wähnen, daß man sich
+daheim im trauten Kreise der Freunde befände. Nach dem Essen spielte
+Herr Musiklehrer Taki Klavier; er gab manch japanisches Stück zum besten
+und trug dadurch wesentlich zur Erhöhung der Stimmung bei. Vom Fenster
+aus sahen wir tausende von Lichtern, die wie gesäete Sternlein auf dem
+Meere funkelten und feenhaft das Wasser beleuchteten.
+
+Am 17. mittags wurden die Anker gelichtet. Ich stand auf dem
+Verdeck, sah vor mir die schöne Insel und konnte nicht umhin, an die
+geschichtlichen Tatsachen zurückzudenken, wie und warum die Chinesen
+genötigt wurden, den Engländern dieses Eiland abzutreten. Daß der
+chinesische Kaiser Süan die Auslieferung alles in den englischen
+Schiffen und Magazinen befindlichen Opiums, dieses wichtigsten und
+gewinnbringendsten Artikels der englischen Einfuhr, forderte, um
+dem Opiumhandel mit einem Mal ein Ende zu machen und daß er die
+ausgelieferten 20 000 Kisten im Wert von 4 Mill. Pfd. Sterling
+verbrannte, daß Streitigkeiten darauf erfolgten, daß England am Ende den
+Krieg erklärte u. s. w., ist einem jeden zu bekannt, um hier wiederholt
+zu werden. Zwar ist die Insel im Vergleich zu dem ungeheuer großen Reich
+der Mitte ein kleines Stückchen Land, aber ein harter Verlust ist und
+bleibt es doch für die Chinesen, zumal wenn man bedenkt, daß ihnen seit
+der Zeit ein Stückchen Land nach dem andern verloren ging. Wehe ihnen,
+wenn sie am Ende gar noch die Mandschurei einbüßen sollten! Im großen
+und ganzen ist aber die Abtretung Hongkongs für den Weltverkehr ein
+wahrer Segen gewesen, denn in den Händen der Chinesen wäre die Insel
+bei weitem nicht zu ihrer jetzigen Blüte gelangt. Die Menge an Kapital,
+Arbeit und Fleiß, die die Engländer aufgewendet haben, um die Insel zu
+dem zu machen, was sie heute ist, ist der höchsten Anerkennung wert. Die
+großartigen Quai- und Dockanlagen sind ihr Werk, ebenso die mühevolle
+Bepflanzung des Peak, den der Viktoria-Park schmückt.
+
+[Illustration: Chinesische Kaufmannsfamilie in Festtracht.]
+
+Auch Gewerbe und Industrie verdanken ihren Aufschwung wesentlich den
+Engländern. Fabriken und Werkstätten der verschiedensten Art, wie z. B.
+Zuckerfabriken, Sägewerke, Seilereien, Ziegeleien, Zündholzfabriken,
+Fabriken für Maschinen- und Bootsbau, Glasereien, Färbereien u. a. m.,
+sind meist von den Engländern angelegt oder angeregt worden. Kurz,
+ihnen gebührt mit Recht das Verdienst, Hongkong den Namen eines
+ausgezeichneten Stapelplatzes und eines vorzüglichen Freihafens gegeben
+zu haben.
+
+Nach allem, was ich in Shanghai und Hongkong gesehen habe, kann ich
+meinen jungen Landsleuten nur den Rat erteilen: macht euch auf und
+besucht diese Städte! Dort erblickt ihr eine ganze fremde Welt,
+andere Einrichtungen, Sitten und Gebräuche! Wer die beschwerliche und
+kostspielige Reise nach Europa sparen will, findet in diesen beiden
+Städten, die nur zwei Tage Dampferfahrt von Nagasaki entfernt liegen,
+hinreichend Gelegenheit, um seine Kenntnisse zu erweitern. Insbesondere
+seien diese wichtigen Handelsplätze den jungen Japanern empfohlen, die
+kaufmännisch sich vervollkommnen wollen. Es ist entschieden gescheiter,
+die Sommerferien auf diese Weise zu einer Studienreise auszunützen, als
+sie im Gebirge oder in den Seebädern zu verbummeln!
+
+Leider war mein Aufenthalt in Hongkong nicht ungetrübt. Denn als ich
+mich nach einem meiner ehemaligen Schüler und Freunde, Herrn Dr. Okoshi,
+erkundigte, erfuhr ich zu meinem großen Schmerz, daß jener kurz vor
+meiner Ankunft am Typhus gestorben war. Mit wehen Gefühlen betrachtete
+ich das Bild des teuren Toten, der vielen noch als treues und tätiges
+Mitglied des bekannten Vereins an der Adelsakademie, Hojinkai, in
+Erinnerung sein dürfte. Fern von den Seinen und der geliebten Heimat
+ist er in einem Alter dahingeschieden, wo er erst anfangen sollte, seine
+Kenntnisse und Erfahrungen recht ordentlich anzuwenden. Ich bat mir
+die Photographie seines Leichenzuges aus und schickte sie nach Japan an
+unsere Schule; dort soll sie zum bleibenden Andenken an diesen Braven
+aufbewahrt werden.
+
+Noch ein anderes trauriges Ereignis war der Tod eines Passagiers auf
+unserm »König Albert«. Ein Engländer war mit Weib und Kind von
+Yokohama an unser Reisegefährte gewesen. Wie ich hörte, soll er an
+Lungenschwindsucht gelitten und in der guten Hoffnung, die frische
+Seeluft möge heilsam auf ihn wirken, seine Reise angetreten haben. Der
+herzzerreißende Jammer der unglücklichen Hinterbliebenen ist gar nicht
+zu beschreiben; alle Passagiere trauerten mit ihnen, die Schiffskapelle
+stellte die Musik ein. Doch war es ein Trost für die Trostlosen, daß
+die sterblichen Überreste des Dahingeschiedenen in Hongkong beigesetzt
+wurden, sonst hätte er ein nasses Grab gefunden in dem unendlichen Meer,
+wo weder Hügel noch Stein die Ruhestätte anzeigen.
+
+
+
+
+VI.
+
+Singapore.
+
+
+[Illustration: Im Dock zu Singapore.]
+
+Unser »König Albert« eilte nun rastlos nach Süden, so daß wir schon nach
+vier Tagen, den 21. April mittags 1 Uhr, die Insel Singapore erreichten.
+Die Einfahrt in den Hafen ist, wie bekannt, sehr reizend. Schon von
+weitem erblickten wir die von Palmen bedeckte Küste der Halbinsel Malaka
+und je weiter wir kamen, desto reicher entfaltete sich die Natur; hier
+und da tauchten kleine malerische Inseln auf, die Wasserstraße verengte
+sich immer mehr und das Schiff dampfte in den bogenförmigen Hafen ein.
+So schön nun dieser Hafen auch ist, er ist mit jenem von Nagasaki
+nicht zu vergleichen, denn dort hat die Natur mit gütigeren Händen ihre
+prächtigen Gaben ausgestreut. Der romantische Anblick des Strandes, die
+verschiedensten Arten und Gestalten der Vegetation, jene wunderbaren
+Figuren der Felsblöcke des Ufers und dergleichen fehlen hier gänzlich.
+Was uns hier auffiel, ist nur das überaus üppige Wachstum der Palmen;
+wohin das Auge auch schweift, sehen wir nur Palmen, nichts als Palmen,
+diese hochstämmigen Vertreterinnen der echttropischen Natur.
+
+Die Insel Singapore, welche an der Südspitze der Halbinsel Malaka liegt,
+steht wie Hongkong unter britischer Oberhoheit. Als die Engländer sie
+vor etwa 80 Jahren ihrem ehemaligen Besitzer, dem malayischen Sultan,
+abkauften, war sie noch unkultiviert. Dichter Urwald bedeckte sie und
+die Bewohner waren in der Hauptsache Fischer und Seeräuber. Jetzt aber
+bildet ihr Hafen den Hauptstapelplatz für Borneo, Sumatra, Malaka und
+andere Inseln; seit der Eröffnung der japanischen und chinesischen Häfen
+hat er erneute, von Jahr zu Jahr steigende Bedeutung als Zwischenplatz
+gewonnen. Die Bevölkerung, deren Zahl sich auf 250 000 belaufen mag,
+ist in stetem Zuwachs begriffen; sie besteht aus Chinesen, Malayen,
+Javanern, Eurasiern, Tamulen und anderen Mischlingen. Die Chinesen sind
+schon jetzt der Kopfzahl nach am stärksten vertreten und werden es auch
+wohl bleiben, da immerwährend frischer Nachschub vom Mutterlande kommt.
+
+[Illustration: Malayisches Dorf auf Singapore.]
+
+Doch genug von diesen trockenen statistischen Angaben. Nachdem unser
+Dampfer am Quai festgelegt, ging ich mit meinen Freunden an Land und
+zwar voll der größten Erwartung, denn wir hatten erfahren, daß der
+Kronprinz von England auf seiner Rundreise durch die englischen
+Kolonieen in Singapore eingetroffen sei; ihm zu Ehren sollte eine große
+Illumination stattfinden, ein großer pomphafter Aufzug sollte Tags
+darauf folgen und Gott weiß was nicht noch alles. Jetzt wurde es mir
+klar, warum unser »König Albert« beim Einlaufen in den Hafen eine
+englische Fahne gehißt hatte, warum auf allen Masten der vor Anker
+liegenden Schiffe Großbritanniens Wimpel flatterten. Man kann sich
+denken, wie erwünscht mir dieser Zwischenfall war, gab er mir doch
+Gelegenheit, dies bunte Volk in seiner Begeisterung und Freude zu
+beobachten. Also vom Dampfer herunter und in die Stadt hinein. In die
+Stadt? O nein! Von der eigentlichen Stadt war noch nichts zu erblicken,
+die lag noch eine ziemliche Strecke landeinwärts, nur ein malayisches
+Dorf mit ärmlichen, im Wasser erbauten Hütten war zu sehen. Wir mußten
+also einen Wagen nehmen. Und nun begann die Qual für uns. Sogleich
+umringten uns halbnackte malayische und indische Kutscher und kreischten
+uns in ihrer Muttersprache an, die uns nur wie eine Sammlung von
+Keif- und Zischlauten klang. In ihren Bemühungen, uns ihr Gefährt
+aufzunötigen, wurden sie sogar aufdringlich und frech. Was sollten wir
+machen? Unser Bestreben war, so schnell als möglich fortzukommen. Nach
+langer Unterhandlung mieteten wir endlich eine Droschke, bestiegen sie
+und kamen bei Einbruch der Abenddämmerung in die Stadt. Wir stiegen ab,
+gaben dem Kutscher den verabredeten Lohn und wollten schon weiter,
+als dieser unverschämte Bursche lautschreiend das Vierfache des
+Ausbedungenen verlangte. Wieso denn? fragten wir entrüstet, und der alte
+Gauner, der mit einem Mal ganz gut Englisch sprechen konnte, erklärte
+verschmitzt, daß sich der ausgemachte Preis für eine Person, nicht aber
+für vier verstände. Wir wollten uns durchaus nicht schröpfen lassen
+und machten energisch Anstalt, uns fortzubegeben, doch da hub er ein
+so wüstes Geschrei an, daß im Umsehen unsere kleine Gesellschaft von
+drohendem Gesindel umgeben war. Da eine Hilfe nirgends zu erblicken
+war, so blieb uns nichts weiter übrig, als gute Miene zum bösen Spiel zu
+machen und zu zahlen.
+
+Nachdem das Volk sich verlaufen hatte, verließen wir den Platz und
+gingen eine ins Zentrum der Stadt führende Straße hinab. Eben bogen wir
+um die Ecke -- und wie geblendet standen wir da! Soweit das Auge reichte
+-- ein Lichtmeer die ganze Stadt. Von Balkonen und Fenstern, von eigens
+für dieses Fest hergerichteten Schaugerüsten, von Mauern und Masten, von
+den Dächern sogar, kurz von überall her, wo sich nur irgendwie Lampen,
+Laternen und Ballons hatten anbringen lassen, glühte es uns in allen
+Farben entgegen. Auch die Bäume hatte man mit ganzen Sträußen farbiger
+Laternen geschmückt, welche wie funkelnde Sternchen im Grünen auf uns
+herableuchteten. Alles schwamm in Licht und es war uns zu Mute, als ob
+wir durch einen Zauber plötzlich in ein lichtes Feenreich, wie wir es
+aus den Märchen kennen, versetzt worden wären. Wirklich eine wahrhaft
+himmlische Illumination!
+
+[Illustration: Straße in Singapore.]
+
+[Illustration: Verkaufsstand in Singapore.]
+
+Und nun die Straße selbst, welch ein Blick nach oben und überallhin!
+Über sie hinweg hatte man in ihrer ganzen Länge und Breite aus roten und
+weißen Tüchern eine sie überwölbende Decke ausgespannt, sodaß gleichsam
+eine ungeheure lange farbige Festhalle gebildet war, die im Widerschein
+von tausenden bunter Lichter erglänzte und prangte. Zu beiden Seiten zog
+sich eine Menge von Schaugerüsten hin, deren Wände und Geländer man
+mit prächtigen Teppichen ausgelegt hatte. Lustige Stücke wurden auf
+den einen aufgeführt, auf anderen sahen feiertäglich geputzte Leute dem
+vorbeiflutenden Menschenstrome zu und dort waren allerlei Gegenstände
+zur Schau und zum Verkauf gestellt. Die Menschenmenge, die hier
+zusammenfloß, war in der Tat bunt genug. Alle Völker Asiens schienen
+sich hier ein Stelldichein gegeben zu haben: Chinesen, Javaner, Eurasier
+u. a. m. Besonders fielen mir die Tamulen und Malayen wegen ihrer
+farbigen Tracht in die Augen. Grelle Tücher hatten sie um ihren Leib
+geschlungen, trugen aber sonst kein Kleidungsstück, sodaß sie halbnackt
+in dem Menschengewirr dahinschritten.
+
+Bald waren wir mitten im Gewühl, aus allen Nebenstraßen und Gäßchen
+strömte neuer Zufluß in die Hauptader, sodaß binnen kurzer Zeit das
+Gedränge geradezu lebensgefährlich wurde. Ein Zurück gab es nicht mehr;
+wohl oder übel mußten wir uns dem Strome überlassen. Wir kamen aber doch
+dabei auf unsere Kosten, da wir reichliche Gelegenheit fanden, das Volk
+in seinem Vergnügen und in seiner Festtagsstimmung zu beobachten.
+Arg genug ging es allerdings dabei her. Hüben und drüben ein
+ohrenzerreißender Lärm! Hier staute sich die Menge vor einer Bude, in
+der komische Tänze aufgeführt wurden, dort umgab sie in dichtem Knäuel
+ein Brettergerüst, auf dem eine bunt ausgeputzte Musikbande ihre
+betäubenden Klänge ertönen ließ, und an anderen Stellen geberdete sie
+sich derart toll, daß es uns schließlich nicht übelzunehmen war, wenn
+wir so schnell als möglich aus diesem Treiben herauszukommen suchten.
+Das gelang uns denn auch, wenn auch erst nach vieler Mühe. Aber wohin
+gerieten wir?! Fast möchte ich sagen: vom Regen in die Traufe. Wir bogen
+in eine Gasse ein und wurden nur zu bald inne, daß wir uns in anrüchiger
+Gegend befanden. Sperrangelweit standen Tür und Fenster der Häuser
+offen, und in allen Sprachen der Welt riefen aufgedonnerte und
+geschminkte Mädchen die Vorbeigehenden an und suchten sie zum
+Nähertreten zu bewegen. Leider, leider sah ich auch unter diesen elenden
+Geschöpfen Kinder unseres Volkes, und so angenehm uns sonst der Anblick
+einer Landsmännin ist, hier ward er zur wehen Qual. Ich erkundigte mich
+nach vielen Einzelheiten dieser häßlichen Einrichtung und stellte vor
+allem die Frage, woher es käme, daß Zugehörige unseres Reiches in
+diesen von der Heimat so fernen Stätten des Lasters zu finden seien, und
+erhielt darauf die bittere Antwort, daß diese Geschöpfe zum großen Teil
+auf dem Wege des abscheulichen Mädchenhandels in diesen Sumpf gelangten.
+Oft zögen sie aus dem Vaterland in gutem Glauben fort, in der Fremde
+bessere und zwar durchaus anständige Stellen zu erhalten. Werden sie
+dann eines Tages gewahr, wo sie sich befinden, so ist es gewöhnlich
+schon zu spät, um dem sicheren Verderben zu entgehen. Was die
+Nationalität anlangt, sollen hier leider unsere Landeskinder am meisten
+vertreten sein, wieweit das zutrifft, weiß ich nicht; ich habe aber bei
+oberflächlicher Betrachtung gesehen, daß so ziemlich alle mir bekannten
+Völker Prostitutionsmaterial stellen. Auch waren alle Altersstufen
+vertreten -- von 13jährigen Mädchen bis hinauf zu 50jährigen Alten.
+
+So hatte denn leider unsere so heitere Festesstimmung einen häßlichen
+Nachgeschmack bekommen; wir hatten zu nichts mehr rechte Lust und
+strebten dem Hafen zu.
+
+Auf dem Rückweg entdeckten wir ein japanisches Restaurant, wie man uns
+sagte, das einzige in Singapore. Es gehört einem Japaner, der es in
+Gemeinschaft mit seiner, gleichfalls aus Japan gebürtigen Frau leitet,
+und gut leitet, wie uns die kurze Einkehr, die wir dort hielten, aufs
+beste bewies. Wir tranken ein paar Flaschen Bier, unterhielten uns mit
+den erfreuten Wirtsleuten in unserer Muttersprache und brachen dann zu
+unserm Schiffe auf. An Bord angelangt, bemerkte einer von uns, daß ihm
+sein Portemonnaie abhanden gekommen war, unwillkürlich faßten wir alle
+in unsere Taschen -- und siehe da, auch ein zweiter unserer Kameraden
+hatte einen Verlust zu beklagen, er vermißte seine wertvolle
+Zigarrentasche. Offenbar waren beide Freunde im Gedränge das Opfer
+geschickter Taschendiebe geworden.
+
+[Illustration: Jinrikisha in Singapore.]
+
+Am nächsten Morgen gingen wir wieder an Land, um den berühmten
+»Botanischen Garten« von Singapore zu besichtigen. Er liegt jenseits der
+Stadt und zwar in ziemlicher Entfernung von ihr. Auf dem Wege dorthin
+sprachen wir in der Niederlage des reichen japanischen Kaufmannes
+Mitsui vor, den ich bereits in meinen Reiseschilderungen über Hongkong
+erwähnte. Sein Vertreter, Herr N., der uns von früher her befreundet
+war, bot sich uns als Führer an und stellte uns seine Geschäftskutsche
+zur Verfügung; leider aber war sie nicht groß genug, um uns alle
+aufzunehmen. Wir sahen uns daher nach Mietsdroschken um, wohin wir aber
+auch blickten, nirgends war eine aufzutreiben, sie waren längst bei dem
+gesteigerten Verkehr dieser Festtage mit Beschlag belegt. Wir mußten
+also etwas anderes ausfindig machen und mieteten mit Mühe und Not
+endlich ein paar Rollstühle, setzten uns hinein, und heidi, ging es dem
+Botanischen Garten zu. Schon waren wir eine Strecke gefahren, da
+stellte sich ein neues Hindernis uns entgegen, diesmal in Gestalt von
+Schutzleuten, die uns verboten, weiterzufahren, denn in kürzester
+Zeit sollte Seine Hoheit vorbeikommen. Wir mußten uns also in das
+Unvermeidliche fügen, stiegen aus, und nun verlangten die Kulis, obwohl
+wir nur einen kleinen Teil der Strecke zurückgelegt hatten, den Betrag
+für die ganze Fahrt. Aus Furcht vor einer Szene, wie wir sie bereits
+früher erlebt, wollten wir schon zahlen, als unser mit den dortigen
+Verhältnissen genau vertrauter Herr N. uns zu Hilfe kam. Seinen
+Geldbeutel ziehend und eine Hand voll Münzen unter die Kulis werfend,
+war eins. Gierig stürzten die Leute darüber her, wir aber wollten uns
+dabei aus dem Staube machen, was uns jedoch nicht gelang, denn die Kerle
+kamen uns nach und erhoben von neuem ihr Geschrei. Da aber machte Herr
+N. kurzen Prozeß, nahm seinen Stock und teilte einige so tüchtige Hiebe
+aus, daß das Gesindel endlich zurückblieb. Eine Weile gingen wir nun
+zu Fuß und sahen uns das Treiben näher an. Auf beiden Seiten der Straße
+bildete das Volk dicht gedrängt Spalier, lange Schutzmannsketten standen
+davor, und den Damm hinunter fuhr in stetem Hin und Her die offizielle
+Welt: Equipagen mit Beamten in großer Uniform, Offiziere mit Orden und
+Bändern, festlich gekleidete Damen u. s. w. Die drückende Hitze machte
+das Gehen bald unerträglich, wir nahmen daher von neuem ein paar
+Rollstühle, erlebten aber damit nur eine zweite Auflage unseres
+Reinfalls. Denn bald riefen die Schutzleute wieder: >Halt! Aussteigen!<
+-- und das Feilschen um das Fahrgeld mit den Kulis begann wieder. So
+erging es uns noch ein paar Mal, bis wir uns trotz der großen Hitze
+entschlossen, den Botanischen Garten zu Fuß zu erreichen. Und das Ziel
+war noch stundenlang entfernt! Die Sonne brannte senkrecht auf unsere
+Scheitel, der alle Glut förmlich aufsaugende Boden blendete den Blick,
+der bei jedem Schritt hochaufwirbelnde aschenartige Staub vollendete die
+Höllenqual. Zwar standen auf beiden Seiten der Straße Palmen und andere
+tropische Gewächse, sie halfen aber gegen diese Backofenhitze so gut wie
+garnichts. In Schweiß gebadet, die Kleidung von demselben durchtränkt
+bei 45 Grad Celsius, kann man sich vorstellen, in welcher Verfassung wir
+uns befanden. Uns wollten fast die Sinne schwinden, so standen wir eine
+Weile still. Da mit einem Male hieß es: >Der Prinz von Wales kommt!< Und
+wirklich, er kam in prächtigem Aufzuge angefahren, in schöner Kutsche
+und umgeben von glänzendem Gefolge. Und dies Gefolge trug zumeist große
+Uniform. In dieser Hitze schwere, goldgestickte Uniformen! Was mögen die
+Armen gelitten haben, wo uns, die wir doch leicht gekleidet waren, der
+Schweiß wie Wasser vom Körper rann!
+
+Wir ließen den Zug vorüber und machten uns wieder auf den Weg. Wir waren
+ungefähr eine Stunde fortgeschritten und vor Mattigkeit und Abspannung
+mehr tot als lebendig, als uns eine leere Droschke entgegenkam. Das
+belebte unsere Sinne. Wir stürzten uns auf den Rosselenker und wurden
+auch nach vieler Mühe mit ihm handelseinig. Endlich stiegen wir ein und
+fuhren nun noch anderthalb Stunden in der brennenden Sonne dahin, bis
+wir ans Ziel gelangten und mit unseren Freunden, die Dank der Umsicht
+des Herrn N. alle Beschwerlichkeiten der Straßenabsperrung geschickt
+umgangen hatten, wieder zusammentrafen.
+
+[Illustration: Kokospalme.]
+
+Von dem seinen großen Ruf durchaus rechtfertigenden Botanischen Garten,
+der viele tropische Pflanzen enthält, kann ich nichts Besonderes
+mitteilen. Ich bin ja kein Fachmann, und das geringe, was ich zu sagen
+hätte, dürfte zur Genüge bekannt sein. Man weiß hinlänglich, daß sich
+die Flora in den tropischen Ländern durch Schönheit, üppige Fülle und
+Artenreichtum auszeichnet. Das eine nur möchte ich erwähnen, daß hier
+neben den Pflanzen des indischen Kontinents auch die des indischen
+Archipels zahlreich vertreten sind; namentlich fielen mir die vielen
+Arten von Palmen und tropischen Fruchtbäumen auf. Einer von den
+Aufsehern, ein sehr liebenswürdiger Mann, führte uns herum; für ein
+Trinkgeld nicht unempfänglich, ließ er es bei der bloßen Führung nicht
+bewenden, sondern gab uns auch dankenswerte Erläuterungen an der Hand
+von Experimenten. So pflückte er eine Mangofrucht ab, hackte sie mit
+seinem Knüttel in Stücke und erklärte uns die Frucht näher. Sie war noch
+nicht reif, sah noch ganz grün aus und enthielt einen starken ätzenden
+Saft, dessen bloße Berührung gefährlich war. Der Aufseher überreichte
+mir auch einen kleinen Zweig von schönen tropischen Blumen, die ich mit
+aufs Schiff nahm und später in gepreßtem Zustande nach Hause an meine
+Kinder schickte. -- Im Garten sahen wir auch Zwinger, worin sich wilde
+Tiere, z. B. Tiger, Riesenschlangen, Orang Utang u. a. m., befanden.
+
+Der Stolz des Botanischen Gartens ist aber die einzig in ihrer Art
+dastehende Sammlung von Orchideen. Hunderte von seltenen Exemplaren
+sind in ihr vereinigt, und der Gesamteindruck, den diese wunderbare
+Farbenpracht auf das Auge macht, ist überwältigend schön. Unser
+Reisegefährte, Herr Professor Takahashi, der sich hier als Botaniker
+von Fach ganz in seinem Element befand, klärte uns über den hohen
+Wert dieser Sammlung auf; in Japan, meinte er, wäre derartiges nicht
+heranzuziehen und zu erhalten, weil unser Klima diesen Pflanzen
+unzuträglich ist. Damit stand denn auch das in Einklang, was Herr N.
+erzählte. »Aus Japan,« so berichtete er, »kommen oft Bestellungen
+auf Orchideen. Namentlich hat es sich der bekannte Politiker und
+Parteiführer Graf Okuma, der auch als Gartenfreund und Pflanzenzüchter
+einen großen Namen hat, angelegen sein lassen, diese Pflanzen in unserer
+Heimat einzubürgern, bisher aber leider mit nur geringem Erfolg. In den
+weitaus meisten Fällen überdauern sie trotz sorgfältigster Pflege nicht
+einmal den Transport und kommen welk am Bestimmungsort an.«
+
+Etwa zwei Stunden brachten wir im Botanischen Garten zu, ruhten unter
+dem schattigen Dach der Palmen, der Mangos, der Bananen und Ananas eine
+Weile aus und fuhren gegen Abend wieder in die Stadt zurück, wo wir samt
+und sonders im größten Hôtel »Raffles« einkehrten. Die Nacht war schon
+längst hereingebrochen, als wir unsern »König Albert« wieder erreichten.
+Am nächsten Morgen fuhren wir dann ab.
+
+Einer von unserer japanischen Kolonie, Herr Professor Tanaka, blieb
+in Singapore zurück. Als Berufsbotaniker wollte er auf kurze Zeit nach
+Batavia fahren, um den dortigen Botanischen Garten, der jenen Singapores
+noch übertreffen soll, zu besichtigen.
+
+
+
+
+VII.
+
+Penang.
+
+
+Über die Fahrt von Singapore nach Penang, die anderthalb Tage dauerte,
+wüßte ich nichts Besonderes zu erwähnen, es sei denn, daß ich die
+Qualen, die uns die furchtbare Hitze bereitete, näher ausmalte. Doch
+will ich dies lieber unterlassen: soviel sei nur gesagt, daß der
+Aufenthalt in der Kajüte eine Folter war. Viele entschlossen sich daher,
+die Nacht auf Deck zuzubringen. Wir folgten indessen diesem Beispiel
+nicht, weil der Temperaturunterschied während der Nacht so groß war, daß
+die, die sich der kühlen Seeluft ausgesetzt hatten, empfindlich an ihrer
+Gesundheit gestraft wurden.
+
+Anfänglich sollte der Aufenthalt in Penang nur sechs Stunden dauern;
+da indessen unvorhergesehene große Ladung zu nehmen war, dehnte er sich
+länger aus. Sobald wir in den Hafen einliefen, nahten sich schon von
+allen Seiten die verschiedensten Frachtschiffe, um so schnell als
+möglich ihre Ladung an Bord zu bringen. Hauptsächlich bestand diese
+aus Tabakblättern. Wohl Hunderttausende von zusammengeschnürten Bündeln
+wurden verladen. Mitten in der Ladung mußte aber eine Pause eintreten,
+denn ein heftiges Gewitter entlud sich über uns. Unaufhörlich zuckte der
+Blitz, rollte der Donner, und in Strömen goß der Regen nieder. Nachdem
+sich das Gewitter verzogen hatte, wurde die Arbeit wieder aufgenommen
+und fast die ganze Nacht hindurch fortgesetzt. Unglücklicherweise
+befanden sich unsere Kajüten in unmittelbarer Nähe des Ladekrahns. Man
+kann sich kaum eine Vorstellung von diesem Lärm machen. In einem fort
+rollten die Fässer dahin, die Ketten rasselten mit lautem Getöse auf und
+nieder, dazwischen das Hin- und Hergelaufe der Arbeiter, das Fluchen und
+Kommandieren der Aufseher -- kurzum, ein ohrenbetäubender Lärm, der an
+ein Schlafen, wenn auch nur auf ein Stündchen, nicht denken ließ.
+
+Am nächsten Tag, dem 24., war die Ladung beendigt und zur Mittagsstunde
+konnten die Anker wieder gelichtet werden. Aller Gesichter heiterten
+sich auf -- doch leider, leider nur auf kurze Zeit. Denn bald begann für
+uns eine neue Qual. Es machte sich nämlich in allen Schiffsräumen ein
+ganz eigentümlicher Geruch bemerkbar, der vermutlich von den zum Teil
+durchnäßt verstauten Tabaksballen herrührte. Überall schlug einem
+süßliche, widerliche Stockluft entgegen. Am Ärgsten war es im Eßsalon;
+die Speisen wurden denn auch in vielen Fällen in Stich gelassen. Alles
+flüchtete sich an Deck, aber auch nach dort verfolgte uns der Geruch.
+Einigermaßen erträglich war der Aufenthalt nur auf dem Promenadendeck.
+So verbrachten wir denn dort, auf Rohrstühlen lagernd, diesen und die
+folgenden Tage.
+
+Der verlängerte Aufenthalt in Penang bot die Möglichkeit, an Land zu
+gehen und die Stadt in Augenschein zu nehmen. Viele nahmen auch diese
+Gelegenheit wahr. Wir Japaner aber zogen es nach der großen Abspannung,
+die uns die schlaflos verbrachte Nacht bereitet hatte, vor, an Bord zu
+bleiben. Und wir taten recht daran. Denn als unsere Mitreisenden von
+ihrem Abstecher heimkehrten, bedauerten sie lebhaft, daß sie nicht
+unserem Beispiel gefolgt wären. So hatten sie beispielsweise den großen
+Wasserfall, der eine Sehenswürdigkeit Penangs bildet, nicht in Tätigkeit
+sehen können, weil ihn die anhaltende Dürre der letzten Zeit fast ganz
+ausgetrocknet hatte; was über die Katarakte hinunter rieselte, war nicht
+der Rede wert gewesen.
+
+Soweit wäre der Aufenthalt in Penang nichts als eine Kette von
+Unerquicklichkeiten gewesen -- doch halt! Nein, es war nicht ganz so
+schlimm. Es gab auch lichte Seiten. Und dazu rechne ich das Fest, das
+der Kapitän des »König Albert« zu Ehren des Königs gab, dessen Namen
+unser Schiff trug. König Albert von Sachsen hatte am 23. seinen
+Geburtstag, der festlich begangen werden sollte. Schon am frühen Morgen
+wurde die sächsische Fahne gehißt. Am Abend sollte dann ein großes
+Festmahl sein, darauf Illumination und Tanz auf dem Promenadendeck.
+Das heraufziehende Gewitter machte indessen einen Strich durch dies
+Programm; die Illumination sowie der Tanz mußten ganz ausfallen. Das
+Festmahl fand aber statt und verlief in würdiger Weise. Küche und Keller
+gaben ihr Bestes her, und in fröhlicher Stimmung sprachen alle den
+Kunststücken unseres Hans Küchenmeisters zu.
+
+
+
+
+VIII.
+
+Colombo.
+
+
+[Illustration: Der Hafen von Colombo.]
+
+Die Fahrt von Penang bis Colombo war die bisher zweitlängste. Vom 24.
+mittags bis zum 28., also dreieinhalb Tage, waren wir auf offener See.
+Die Hitze hatte eher zu- als abgenommen, wozu dann noch die sich von Tag
+zu Tag steigernde Unruhe des Meeres kam. Auch konnten wir nicht sofort
+in den Hafen einlaufen, sei es, daß der Lotse nicht zeitig genug für uns
+frei wurde, sei es, daß irgend ein anderer Grund vorlag -- genug, wir
+mußten vor der Einfahrt vor Anker gehen und dort zwei Stunden liegen
+bleiben. Wir ließen uns diese Verzögerung nicht verdrießen, sondern
+betrachteten aufmerksamen Auges unsere Umgebung. Von allen Häfen des
+chinesischen und indischen Meeres, die ich bisher gesehen habe, ist der
+von Colombo unstreitig der schönste. Von Natur ist er nicht allzu gut
+gelegen, deshalb hat Menschenhand nachhelfen müssen; und so sind denn
+großartige Schutzanlagen geschaffen worden. Gewaltige Molen -- große
+steinerne Dämme bekanntlich -- laufen eine weite Strecke ins Meer
+hinein, und es ist ein herrlicher Anblick, wenn man sieht, wie Welle auf
+Welle gegen den Damm hochaufspritzend anprallt oder mitunter auch wohl
+über die blitzblanken Steine gischend dahinfegt.
+
+Der Blick auf Hafen und Stadt bietet ein wunderbares Panorama. Wie
+mit Schiffen vollgepfropft breitet der Hafen sich aus. Kriegsschiffe,
+Passagierdampfer, Kauffahrteischiffe aller Art und aller Nationen
+ankern in buntem Durcheinander. Dazwischen schießen, den Hafenverkehr
+vermittelnd, die einheimischen Dschunken. Und dahinter liegt dann
+die Stadt! So malerisch gelegen ist wohl keine im indischen Archipel.
+Terrassenartig steigt sie auf und wird von prächtigen Wäldern
+eingesäumt. Es war wohl nicht zuviel gesagt, wenn man von Ceylon als dem
+Paradies der Welt gesprochen hatte.
+
+[Illustration: Rathaus in Colombo mit Holländischem Turm.]
+
+[Illustration: Dagoba in Colombo.]
+
+Als nun unser Schiff endlich in den Hafen einlief, wiederholte sich das
+nämliche Schauspiel wie bisher: von allen Seiten stießen unaufhörlich
+kleinere Küstenschiffe auf uns zu, die eine schreiende Schar von
+Händlern an Bord brachten. Jeder wollte den andern im Geschäftemachen
+überbieten, und man braucht nicht erst auszumalen, welch' Konzert daraus
+entstand. Auch an uns Japaner machten sich die Leute heran; wir ließen
+uns aber nicht viel auf ihre Unterhandlungen ein. »Wir hätten keine
+Zeit« sagten wir, »wir haben heute noch viel vor und wollen an Land!«
+»An Land?« rief es da aus der Menge -- und siehe, ein Inder trat hervor
+und bot sich uns als Führer an. Er radebrechte besser englisch als die
+andern und betonte, daß er für uns wie geschaffen sei, da er selber
+längere Zeit in Japan gewesen und schon des öfteren die Ehre gehabt
+hätte, japanische Herren führen zu dürfen. »So?« fragten wir. »Gewiß!«
+erwiderte er, »bitte, meine Herren, sehen Sie sich meine Papiere an,«
+und damit überreichte er uns einen Stoß von losen Blättern.
+Neugierig blickten wir hinein, fanden auch manch von japanischer Hand
+geschriebenes Wort der Anerkennung darin, doch fehlten auch Warnungen
+vor ihm nicht. Da uns aber der Mann keinen unüblen Eindruck machte, so
+verpflichteten wir ihn nach einer Weile Feilschens für den ganzen Tag
+und zwar für einen ziemlich hohen Preis.
+
+[Illustration: In der Altstadt von Colombo.]
+
+Wir fuhren also mit unserem Führer dem Lande zu, das wir in ungefähr
+zehn Minuten erreichten. Sofort mieteten wir uns zwei elegante Wagen
+und begaben uns zuerst in die innerhalb der Festungswerke gelegene
+»Europäische Stadt«, die, wie der Name sagt, von Europäern und zwar
+besonders von holländischen Abkömmlingen bewohnt wird. Die Häuser sind
+in europäischem Stil erbaut, jedoch mit den Abänderungen, die das Klima
+bedingt. Hier befinden sich die Regierungsgebäude, eine protestantische
+und eine katholische Kirche, ein Militärhospital u. s. w. Dieser
+europäische neue Stadtteil sowie die Festungswerke sollen von den
+Holländern errichtet worden sein, welche sich seit der Mitte des
+17. Jahrhunderts hier niederließen, nachdem sie die Portugiesen
+vertrieben hatten. Nach ca. anderthalbhundert Jahren mußten aber die
+Holländer den Engländern weichen. Jetzt wird die Insel Ceylon von einem
+englischen Gouverneur verwaltet.
+
+[Illustration: »Japan!« »Japan«!]
+
+Wir fuhren aus den Festungswerken heraus und kamen damit in die
+Altstadt, wo sich die portugiesischen und holländischen Mischlinge --
+die sogenannten Eurasier -- Singhalesen, Tamilen, Mohren, Malayen, Neger
+u. a., niedergelassen haben. Die Straße, die wir hinabfuhren, war
+zu beiden Seiten mit den hier wild wachsenden Brot-, Mango- und
+Zimmetbäumen besetzt, auch an zu imposanter Höhe aufsteigenden Palmen
+fehlte es nicht. Ebenso verschieden wie die Flora war aber auch das, was
+der Mensch hier hingebaut hatte: die Häuser. Da gab es eine ganze Reihe
+von Gebäuden, auf die der Name >Haus< wohl kaum paßte, Hütten waren's
+und zwar oft der ärmlichsten Art. Daneben erhoben sich aber ansehnliche,
+ja bisweilen prächtige Gebäude in europäischer Stilart. Die Besitzer
+können sich den Luxus recht gut leisten. In der Mehrzahl sind es reiche
+Engländer, die sich vom Geschäft zurückgezogen haben und nun ganz ihrer
+Ruhe und Bequemlichkeit leben. Und sie haben entschieden einen guten
+Geschmack. Ringsum nichts als Wiese, wogende Felder und Wald. Weiter und
+weiter fuhren wir ins Land hinein, überall neue Pracht und neue Wunder.
+Wie betäubt von all dem Herrlichen waren wir und wir glaubten, daß
+dieses köstliche Fleckchen Erde frei von menschlicher Armut, von
+menschlichem Elend sein müßte. Doch dem war nicht so. Die Eingeborenen,
+die in dem schlechten Ruf stehen, Müßiggänger zu sein, schienen uns
+davon einen Beweis geben zu wollen. Allenthalben kamen halbnackte
+Kinder uns in den Weg gelaufen, hielten die Hand auf und schrieen
+ununterbrochen: »Japan! Japan!« Einige von ihnen hielten auch Blumen
+feil, aber selbst diesen kleinen Schelmen gegenüber war Vorsicht nötig.
+Kaum hatten sie nämlich das Geld in Empfang genommen, als sie sich auch
+aus dem Staube machten und zwar ohne uns die Blumen zurückzulassen.
+
+[Illustration]
+
+Die Eingeborenen sollen auch, wie dies ja von den Bewohnern der
+heißen Zone bekannt ist, leidenschaftlich und genußsüchtig bis zur
+Ausschweifung sein. Unsere Fahrt führte uns dann zum Buddhatempel, den
+wir unter Führung eines Priesters besichtigen durften. Unsere ziemlich
+hochgespannten Erwartungen wurden indessen wenig befriedigt. Der Tempel
+bietet trotz seiner oft gerühmten Schönheit nichts Besonderes. Er soll
+der Hauptsitz des Buddhismus sein; wir hatten uns daher auf ein Bauwerk
+von hohem kulturhistorischen Interesse gefaßt gemacht, hatten gehofft,
+einen von Kunstschätzen nur so strotzenden Tempelbau zu Gesicht zu
+bekommen -- und statt dessen, was sahen wir? Ein Bauwerk in neuem und
+nicht gerade schönem Stil. Die Wände im Innern waren mit grellbunten
+Farben angestrichen und mit allerhand komischwirkenden Figuren bemalt.
+Die Beleuchtung war schlecht; übelriechende und viel Rauch entwickelnde
+Kerzen hellten bloß schwach das Dunkel auf. In der Hauptpagode befindet
+sich das in Holz geschnitzte Bildnis des Buddha in liegender Stellung,
+in den Seitenräumen sind allerlei Götzenbilder aufgestellt. Die Gemälde
+an den Wänden stellen das Leben nach dem Tode vor, die Seelenwanderung,
+wie die Buddhisten sie nach ihrer Lehre annehmen. Da sahen wir auf der
+einen Seite die Hölle mit ihren teuflischen Gestalten, auf der andern
+das Paradies mit den guten, frommen Menschen, die hier nach dem Tode ein
+herrliches neues Leben führen dürfen. Hinter der Pagode, außerhalb des
+Gebäudes, befindet sich ein Grabmal -- eine Dagoba -- worin Buddhas
+Zähne oder sonstige Andenken an ihn begraben liegen sollen. Es ist
+recht stimmungsvoll angelegt. Von einem wundervollen Blumenflor ist
+es umgeben, und große Vasen, denen Weihrauch entströmt, stehen davor;
+besonders fiel mir ein Tisch ins Auge, auf dem sich kleine, weiße und
+äußerst wohlriechende Blüten in künstlerischer Anordnung befanden. Mein
+Führer bedeutete mir, daß dies Blüten eines dem Buddha geweihten Baumes
+seien, und glaubte seiner Hochachtung vor mir keinen besseren Ausdruck
+geben zu können, als daß er mir eine dieser Blüten als Geschenk
+überreichte. Mit Dank nahm ich dies Andenken an und habe es zusammen mit
+anderen dieser Art meinen Lieben zugesandt.
+
+Rechts am Eingang zum Tempel stehen kleinere Gebäude, in welchen die
+Bonzen wohnen; in ihrer Tracht gleichen sie ihren Brüdern in Japan,
+nur tragen sie mit Vorliebe Gelb. Wo man sie sieht, halten sie einen
+Rosenkranz in der Hand, auch sonst scheinen sie es mit ihrer Aufgabe
+recht ernst zu nehmen; Beten und Fasten ist augenscheinlich ihre
+Hauptbeschäftigung. Einen wohlgenährten Bonzen habe ich nicht bemerkt,
+hingegen viele bleiche, hagere und hohläugige Gestalten.
+
+[Illustration: Fruchtladen in Colombo.]
+
+Daß aber dieser Ort nicht durchaus ernsten und weltabgewandten Dingen
+geweiht ist, beweist das Vorhandensein einer ganz modernen Einrichtung:
+es liegt nämlich ein Fremdenbuch aus. Selbstverständlich verewigten auch
+wir uns darin und befolgten damit nur das, was vor uns viele Landsleute
+getan hatten. Ein flüchtiges Durchblättern zeigte mir manchen Namen aus
+meinem heimatlichen Freundeskreise. Das Fremdenbuch war denn auch für
+mich das Interessanteste, alles übrige blieb weit hinter den Erwartungen
+zurück. Ich hatte mir den Ort, der für die Lehre des Buddha soviel
+bedeutet, denn doch etwas imposanter ausgemalt. In den Ländern,
+die Buddhas Lehre weiter entwickelt und vervollkommnet haben, wie
+beispielsweise bei uns in Japan, sind zweifelsohne großartigere Anlagen
+dieser Art, als hier in Colombo. Allerdings muß ich hinzufügen, daß
+das eigentliche buddistische Heiligtum Ceylons sich in Candy, der alten
+Hauptstadt, befindet. Die Möglichkeit, dorthin zu gelangen, war uns
+gegeben worden; unter den Reisenden hatte man nämlich eine Umfrage
+gehalten, wer Candy besichtigen wolle. Da die Beteiligung groß war, so
+ließ die Eisenbahnverwaltung einen Sonderzug abgehen; wir Japaner hatten
+aber unsere Zeit bereits eingeteilt und standen deshalb zu gunsten
+anderer Besichtigungen davon ab. Nachher hat uns aber diese
+Nichtbeteiligung gereut. Denn das Heiligtum in Candy soll wirklich
+von großer Bedeutung sein. Einer meiner Reisegefährten entwarf eine
+begeisterte Schilderung davon. Auch befände sich dort die Ruine eines
+alten, zerfallenen Buddhatempels und Palastes. Die Fahrt zu diesen
+Heiligtümern soll unbeschreiblich schön sein, Mutter Natur soll hier
+ihr Meisterwerk getan haben. Mein Berichterstatter, der sonst ziemlich
+nüchtern war, war in Erinnerung an diese landschaftlichen Schönheiten
+wie umgewandelt und Ausrufe wie »Wunderbar!« »Hochromantisch!«
+unterbrachen in einem fort seine lebhafte Erzählung.
+
+[Illustration: Singhalese mit Bananen.]
+
+Die Besichtigung des Tempels hatte uns recht müde gemacht; wir hielten
+es aber nicht mit den Bonzen: Fasten war für uns nichts! Wir begaben uns
+vielmehr in ein Hôtel, das am Strand gelegen und europäisch eingerichtet
+war. Wir hatten die salzigen Gerichte an Bord herzlich satt bekommen und
+freuten uns, nun wieder etwas Frisches zu erhalten, sodaß wir uns daher
+das Vorgesetzte doppelt gut schmecken ließen und tüchtig zulangten.
+Hummern, Fische und Muscheln wurden mit vielem Appetit verzehrt; am
+meisten sprachen wir aber den Früchten zu. Was für Früchte waren das
+aber auch! In so üppiger Fülle und Form dürften sie wohl nur hier an
+der Quelle gedeihen. Da wir diese Früchte zum ersten Male genossen, so
+legten wir uns anfangs eine wohl begreifliche Vorsicht auf, doch mundete
+uns diese Götterspeise so ausgezeichnet, daß wir bald unsere Vorsicht
+sein ließen -- und es ist uns auch alles gut bekommen. Besonders
+angenehm schmeckte eine Melonenart. Sie war groß wie ein ausgewachsener
+Menschenkopf und ihr frisches, saftiges, gelbes Fleisch war wirklich
+etwas für Feinschmecker. Es war daher kein Wunder, daß wie aus einem
+Munde das Gelöbnis kam: »Wenn wir auf der Rückreise nirgends einkehren
+sollten, hier, wo so edle Gewächse reifen, tun wir es gewiß!« Auch
+die Bedienung war gut. Braune eingeborene Kellner verrichteten sie
+zur vollsten Zufriedenheit; sie sahen in ihrem sauberen weißen Linnen
+appetitlich aus, waren die Aufmerksamkeit selber und servierten flink
+und geschickt. Aber es mußte dafür auch ein hohes Trinkgeld gegeben
+werden, dessen Höhe auf der Speisekarte pro Person genau festgesetzt
+war. Wir zahlten denn auch willig und begaben uns auf die Veranda, die
+einen herrlichen Ausblick auf die See gewährte. Auf bequemen Lehnstühlen
+pflegten wir dort der Ruhe. Was das Auge sah, war von Anfang bis zu
+Ende eine entzückende Pracht. Bis an die See dehnte sich ein üppiger
+Blumengarten aus, der hier und da von prächtigen Rasenflächen
+unterbrochen wurde. Die Strandlandschaft gemahnte uns mit ihren
+mächtigen Felsen, grünen Wäldern und all dem andern Schönen an die
+japanische Küste, und so schweifte denn der freudetrunkene Blick des
+Europafahrers weit hinüber über die Fluten, die soeben durchfurcht
+worden waren, und sah die Heimat in sonnenhellem Glanze schimmern, sah
+die Lieben daheim, und sacht schloß sich das Auge in seligem Traum. Doch
+währte derselbe leider nicht lange, die Zeit mahnte zum Aufbruch.
+
+[Illustration: Landschaft bei Colombo.]
+
+Als wir aus dem Hôtel traten, kam uns ein Inder mit einem großen Korbe
+voller Schlangen entgegen; er ließ seine Reptile zischen und nach der
+Musik einer Flöte sich aus ihrem Korbe erheben, indem er sich erbot
+uns für Geld weitere Kunststücke vorzuführen. Uns war aber der Anblick
+dieser Tiere widerlich, wir wehrten deshalb entschieden ab, bestiegen
+unsere Wagen und wandten uns der zweiten Nummer unseres Pensums zu:
+Besichtigung des Hindutempels. Das Schönste an ihm ist sein Eingang,
+der reich mit Holzschnitzerei verziert und in allen möglichen Farben
+angestrichen ist. Leider entspricht das Innere nicht den Erwartungen.
+Besonders Sehenswürdiges wüßte ich darin nicht anzuführen. Auch soll
+dieser Bau mehr ein bloßer Versammlungsort als eigentlicher Tempel sein.
+An den Besuch des Hindutempels schloß sich derjenige der Moschee, in der
+die dem Mohamedanismus anhängenden Eingeborenen ihre Andacht abhalten.
+Es ist ein erst in neuerer Zeit aufgeführtes Gebäude; das Äußere war so
+einfach und schlicht wie nur möglich gehalten, und wir hatten wohl
+nicht viel verloren, wenn uns, den Bekennern eines anderen Glaubens, die
+Besichtigung des Innern vorenthalten wurde.
+
+[Illustration: Schlangenbeschwörer.]
+
+Wir fuhren daher weiter und kamen an dem sehr schönen sogenannten
+»goldenen Garten« vorbei und sahen auf der rechten Seite einen reizenden
+kleinen See liegen, welcher uns lebhaft an den Shinobazu no Ike in
+Tokio erinnerte. Unterwegs fielen uns ganz sonderbare Gestalten auf.
+Eingeborene, die auf das bunteste aufgeputzt waren und auf dem Kopf
+gewaltige Hörner trugen. Wahre Teufelsfratzen! Sie stellten in der Tat
+auch etwas Ähnliches dar. Nach Angabe unseres Führers waren es Leute,
+die sich so für ein Fest, bei dem sie als »Teufelstänzer« mitwirken
+sollten, zugerichtet hatten.
+
+[Illustration: Am See von Colombo.]
+
+[Illustration: Teufelstänzer in Colombo.]
+
+Bevor wir uns wieder zum Hafen zurückbegaben, berührten wir noch einmal
+die Stadt und machten dort Einkäufe. Diese Gelegenheit gab uns einen
+ungefähren Begriff von der großen wirtschaftlichen Produktivität
+Ceylons. Was war da nicht alles zu sehen! Von den Edelsteinen werden
+Rubine, Saphire, Topase etc. hier gewonnen; auch Bergkrystalle,
+wasserhelle und rosenrote, Granaten, rote und braune, finden sich
+hier. Dazu gesellen sich verschiedene Metalle wie Eisen, Zinn, Nickel,
+Arsenik, Gold (zwar in geringer Menge) u. s. w. Ferner ist Colombo ein
+Hauptstapelplatz für Hölzer, die nicht nur für den Bau von Häusern und
+Schiffen, sondern auch, namentlich in ihren zarteren Arten, für feinere
+Tischler- und Schnitzerarbeit sehr gesucht sind. Der Reichtum der Insel
+an Gewürz, namentlich an Pfeffer und Zimmt, ist von altersher bekannt.
+Sodann gehören der berühmte Ceylontee, Kaffeebohnen, Kokosöl und aus den
+Fasern von Palmen gewonnenes Tauwerk zu den wichtigsten Ausfuhrartikeln;
+auch kunstvolle Schnitzereien aus Elfenbein und Ebenholz, von denen
+wir einige Stücke einkauften, findet man. Alle diese Waren sahen wir
+in Hülle und Fülle in den vielen Läden aufgespeichert. Da sich indessen
+unter den wertvollen Sachen, insbesondere unter den Edelsteinen, viele
+Fälschungen befinden, so muß der Käufer sehr auf der Hut sein; auch
+tut er gut, von vornherein mit einem hohen Aufschlag zu rechnen und die
+unangenehme Kunst des Handelns tüchtig in Anwendung zu bringen.
+
+[Illustration: Tamule.]
+
+Das Straßenbild in Colombo ist äußerst bunt; da sieht man die Bonzen in
+ihrem gelben Gewande, die Araber und Türken mit roter Kopfbedeckung, die
+Eingeborenen, halbnackt, ein rotes, weißes oder anderes farbiges Tuch
+um ihre Lenden gewickelt; dazu kommen noch die elegant angekleideten
+Engländer, die Nachkommen der Holländer, der Portugiesen u. s. w. --
+Von den verschiedenen Klassen der Bevölkerung sind die Singhalesen
+hauptsächlich Handwerker und Bediente, die Parsen fast ohne Ausnahme
+Kaufleute, die Mohren Kleinhändler, die Malayen Soldaten, die Tamulen
+Feld- und Gartenarbeiter. -- Ebenso mannigfaltig wie die Bevölkerung ist
+auch die Verschiedenartigkeit der Mundarten; doch sind Singhalesisch und
+Tamulisch die beiden herrschenden Sprachen. Holländisch ist schon
+ganz ausgestorben, Englisch aber nimmt immer mehr zu und wird als
+Umgangssprache von den meisten gebraucht und verstanden.
+
+[Illustration: Tamulin.]
+
+So waren wir nun mit der Besichtigung der Stadt fertig. Am Abend ruhten
+wir im »Indischen Hôtel« dicht am Hafen aus und konnten von hier aus
+das ganze weite Becken übersehen. Die soeben untergehende goldene Sonne
+färbte mit ihrem Purpur die eine Hälfte des tiefblauen Himmels und des
+weitausgestreckten Meeres. Wir erfrischten uns an einem Glase Exportbier
+und kehrten erst spät in der Nacht zum »König Albert« zurück.
+
+Was uns in Colombo noch besonders interessierte, waren die von den
+Engländern gefangenen Buren, welche in armseligen Hütten untergebracht
+waren. Beim Vorüberfahren bemerkten wir, daß viele von diesen
+Schwergeprüften in dürftiger Kleidung umhergingen. Ein wahres Bild des
+Elends! Ein wehes, ach so unendlich wehes Gefühl beschlich uns.
+Diese Helden, die an Tapferkeit, Vaterlandsliebe und Entsagung das
+Menschenmöglichste geleistet hatten, nun hier, fern von der über alles
+geliebten Heimat, in der Verbannung, in der Fremde, im Elend! In regem
+Mitgefühl grüßten wir hinüber und unser stiller Wunsch war, daß ihrer
+Sache doch noch der Sieg beschieden sein möge, ein Wunsch, der, wie die
+weiteren Ereignisse gelehrt haben, leider ein frommer geblieben ist.
+
+Doch waren die Buren nicht allein. Sie hatten noch einen
+Schicksalsgefährten: den Egypter Arabi Pascha, den bekannten Führer des
+von den Engländern unterdrückten Aufstandes von 1881. Wir hörten jedoch,
+daß man die Absicht habe, ihn in kurzer Zeit freizulassen, da er bei den
+inzwischen veränderten Verhältnissen der Regierung nicht mehr gefährlich
+sein würde.
+
+Leider war unsere Zeit für die weitere Besichtigung von Ceylon zu
+kurz bemessen, doch hatten wir von diesem einen Tag genug, denn die
+erstickend heiße Luft wirkte so erschlaffend auf uns, daß wir froh
+waren, diesen Tag endlich glücklich überstanden zu haben. Auch die
+elend aussehenden Eingeborenen, die Art und Weise ihres Lebens u. s. w.
+wollten uns nicht besonders imponieren. Zwar hatten wir hier manche
+Naturschönheiten gesehen, aber die Ansicht derjenigen, welche uns gesagt
+hatten, daß diese Insel als Paradies der Welt zu betrachten sei, konnte
+ich leider nicht teilen, zur Bewahrheitung eines solchen Ausspruches
+gehört doch noch etwas mehr!
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+IX.
+
+Aden.
+
+
+Nachdem wir noch eine Nacht vor Colombo gelegen hatten, verließ unser
+»König Albert« den Hafen und setzte die Reise fort. Jetzt kam die
+längste Tour. Unsere Freude war daher groß, als am sechsten Tage der Ruf
+erscholl: »Land in Sicht!« Schon beim Verlassen des Hafens am 29. April
+vormittags 9 Uhr war das Meer unruhig und zeigte einen ziemlich hohen
+Wellengang; bei wolkenlosem Himmel blies der Wind so stark, daß das
+Schiff bald auf die rechte, bald auf die linke Seite geschleudert wurde.
+Am folgenden Tage war es noch schlimmer; der Dampfer ging abwechselnd
+vorn und hinten hoch wie ein Schaukelbrett, ab und zu schlug eine Welle
+über das Vorderdeck hinweg. Der Gischt sprang weit über unsere Köpfe und
+das unheimliche dumpfe Dröhnen und Klirren der Schiffsschrauben mischte
+sich in das Tosen der Elemente. Mit bedenklichen Gesichtern standen
+die Offiziere auf dem Deck. Eine Zeit schwerer Arbeiten begann für
+die Mannschaften. Wir nahmen Zuflucht in unsere Kajüte. Manche
+Reisegefährten zeigten recht blasse Gesichter, und die Unterhaltung
+wollte nicht recht in Fluß geraten. Die Mittagstafel im Speisesaal wies
+bedenkliche Lücken auf; von unserer Kolonie waren nur zwei vertreten.
+Wie uns der Offizier mitteilte, war das Unwetter auf einen heftigen
+Sturm zurückzuführen, der einige Tage vorher hier gewütet hatte. Doch
+unser seetüchtiger »König Albert« arbeitete rastlos weiter, durchschnitt
+stampfend mit unwiderstehlicher Kraft die drohenden Wogen, bis wir
+endlich am 3. Mai die Insel Sokotra erreichten, an der wir nördlich
+vorüberfuhren. Noch immer stürzten die Wogen mit hohen Kämmen über
+die Wasserfläche dahin, aber die eigentliche Kraft des Sturmes war
+gebrochen. Die Hitze hatte bedeutend nachgelassen, ja, es herrschte eine
+ganz angenehme Temperatur. Fliegende Fische schnellten aus dem Wasser
+empor und durchschnitten in schönem Bogen die Luft; einige von ihnen
+fielen auf das Verdeck nieder, und der dicke Hans Küchenmeister fing sie
+als willkommene Beute schmunzelnd auf.
+
+Im Laufe des Tages beruhigte sich die See vollständig und nur kleine
+Wellen kräuselten ihre Oberfläche. Es wurde Abend. Die Sonne neigte sich
+zum Untergang und warf ihre Strahlen glühend ins Meer. Weit und breit
+herrschte die tiefste Stille; nur das leise Geräusch der Wogen, die vom
+Winde spielend hin und her bewegt wurden, war hörbar. Da -- welch ein
+großartiges Schauspiel! -- steigt aus den feuchten Dünsten, gerade der
+Sonne gegenüber, leise der liebliche Vollmond herauf. Anfangs erblickt
+man nur den oberen Rand der Mondscheibe, dann wächst sie langsam,
+fortwährend ihre Gestalt verändernd und immer neue Schönheiten
+entfaltend, zu einem ungeheuer groß erscheinenden Halbkreis an. Jetzt
+wird sie in ihrer ganzen Größe, in ihrem vollen Glanze sichtbar und
+sendet ihre Strahlen auf die krystallenen Wellen, sodaß diese von einer
+Seite wie mit Silber überschüttet schienen, während sie auf der andern
+Seite von den purpurnen Strahlen der untergehenden Sonne wie fließendes
+Gold glitzerten. Die ungeheure Wasserfläche, in deren Mitte wir uns
+befanden, erscheint, so weit das Auge reicht, in einer Breite von
+tausend und abertausend Meilen mit Millionen und Millionen funkelnder
+Brillanten und Perlen übersäet. Und auf beiden Seiten des so wunderbar
+beleuchteten, unendlich breiten Meeres die beiden herrlichen, teils
+auf-, teils niedersteigenden Kugeln -- was hätte uns ergreifender sein
+können als diese Offenbarung der wunderwirkenden Kraft der Natur!
+Bald senkt sich die Sonne auf das Meer herab, um schließlich ganz
+unterzutauchen. Nur einzelne ihrer Strahlen und die herrliche
+Beleuchtung des Himmels zeigen an, wo sie sich befindet. Eine Zeitlang
+liegt der Wasserspiegel noch in stillem Dämmerlicht, bis auch dieses
+verschwindet und die Nacht ihre dunklen Schatten ausbreitet.
+
+Es ist unmöglich, dieses erhabene Schauspiel der Natur in Worten
+erschöpfend auszudrücken und ich hätte in diesem Augenblick gewünscht,
+Dichter und Maler zugleich zu sein. In seliger Wonne ließ ich meine
+Blicke bald auf das unendliche Meer, bald auf das weite Firmament
+schweifen und konnte mich nicht satt sehen an diesem Bilde herrlicher
+Gottesnatur -- lange, lange stand ich träumend noch an Bord. -- Damals
+hatte ich auch das Glück, das Südliche Kreuz bewundern zu können,
+welches an dem nächtlichen Himmel der Tropen allgemein als eins der
+schönsten Sternenbilder bekannt ist. Wegen der hohen Durchsichtigkeit
+der Tropenluft erscheint es viel größer und heller mit ruhigem
+planetarischem Licht.
+
+[Illustration: Am Hafen von Aden.]
+
+Unser Schiff arbeitete sich weiter und weiter und brachte uns am 5. Mai
+nach Aden. Wir sahen schon von weitem den gigantischen Leuchtturm, der,
+mitten im Meere stehend, den brandenden Fluten und den Angriffen von
+Wind und Wetter Trotz bietet -- ein Triumph der Baukunst! Nichts ist
+erquickender, als der Anblick eines solchen Turmes, wenn man nach
+mehrtägiger Fahrt über eine salzige Meereswüste, wo man nichts weiter
+sieht als Wasser, endlich den Hafen erblickt und des freundlichen weit
+hinaus strahlenden Lichtes gewahr wird. Der Hafen liegt am Südostende
+der Halbinsel und ist geräumig genug, um ganze Flotten zu bergen. Unser
+»König Albert« lief geradenwegs in ihn ein, und so konnten wir nun von
+Bord aus die englische Seestadt und Festung in Augenschein nehmen. Sie
+liegt auf einem ziemlich hohen, kahlen und wild zerklüfteten Felsblock,
+dessen obere Kante wie ein Zickzack ausgeschnitten erscheint. In seiner
+rötlich braunen Farbe bietet er aber dem Auge nichts Erquickendes
+dar; kein Baum, kein Strauch ist zu sehen, welcher diesem öden Felsen
+Schatten geben könnte. Nur in einzelnen Felsspalten ein spärlicher,
+halbdürrer Graswuchs -- sonst keine Spur einer Pflanzen-, noch weniger
+einer Tierwelt. Um so reicher ist das Meer damit ausgestattet. Die
+ganze Küste ist dicht bewachsen mit langen Schlingalgen, die von der
+Oberfläche des Wassers bis in eine enorme Tiefe hinabreichen. Diese
+Pflanze, die für die herannahenden Fahrzeuge natürlich eine große Gefahr
+bildet, ist für das arme Land eine Wohltat infolge der zahllosen Tiere,
+besonders Fischarten, die zwischen den Blättern dieser Schlinggewächse
+leben. Auf diese Weise hat die Natur in reichlichem Maße das ersetzt,
+was dem Lande gänzlich abgeht. Sonst wäre es kaum begreiflich, wie
+dieses Fleckchen Erde seit altersher in sich hat menschliches Leben
+bergen können.
+
+[Illustration: Cisternen von Aden.]
+
+Von den Passagieren begaben sich nur wenige an Land; auch wir zogen es
+vor, an Bord zu bleiben. Von einigen der ersteren hörten wir später, daß
+wirklich nichts Sehenswürdiges auf dem Felsblock zu finden sei, es gäbe
+dort nur einige Kohlenmagazine, Werften und Faktoreien. Das einzige, das
+ihr Interesse erregt hätte, seien die Wasserbehälter. Man hat nämlich,
+da es sehr schwer ist, auf dem Felsen Brunnenbauten vorzunehmen -- es
+soll allerdings ca. fünfzig Brunnen geben, die sehr tief in den Fels
+eingehauen sind -- mehrere große Wasserreservoirs angelegt, um das vom
+Gebirge herabströmende Regenwasser aufzufangen. Dies wird dann durch
+Röhrenleitungen an die Verbrauchsstelle befördert und somit ist dem
+großen Übelstand, dem Mangel an Trinkwasser, hinreichend Abhilfe getan.
+Der Regen tritt hier zwar nicht sehr oft auf, jedoch wenn er kommt,
+fällt er in ungeheuren Mengen und großen Tropfen nieder.
+
+Wenngleich hier keine Landesprodukte gewonnen werden und demgemäß von
+Handel überhaupt kaum gesprochen werden kann, so ist diese Stadt doch
+wegen ihrer günstigen Lage von altersher kein unwichtiger Punkt gewesen.
+Aber erst in neuerer Zeit, seitdem die Engländer sie durch Gewalt
+in ihre Hände gebracht und den ohnehin von der Natur zu einer
+uneinnehmbaren Feste geschaffenen Fels noch stärker befestigt und die
+Stadt zum Freihafen erklärt haben, ist sie sowohl in kommerzieller als
+auch in politischer Hinsicht von großer Bedeutung geworden. Sie bildet
+jetzt für England ein Bindeglied mit Ostasien und Ostafrika. Seit der
+Eröffnung des Suezkanals hat sie noch mehr an Bedeutung gewonnen. Der
+ungeheure Bedarf an Steinkohlen für die hier passierenden Schiffe wird
+allein von dieser Stadt gedeckt. So beherrscht jetzt England durch
+Aden die Einfahrt vom Indischen Ozean in das Rote und hiermit in
+das Mittelländische Meer, wie es durch Gibraltar die Einfahrt vom
+Atlantischen Ozean in das Mittelländische Meer beherrscht. Mit Recht
+nennt man daher Aden das Gibraltar des Orients.
+
+[Illustration: Vor Aden.]
+
+Unter den Bewohnern -- überwiegend mohamedanische Hindus -- herrschen
+sehr viele ansteckende Krankheiten, weshalb man uns vorher schon davor
+gewarnt hatte, von den an Bord kommenden Kaufleuten Zigarren, Kuchen
+u. dergl. zu kaufen. Selbst durch diese sollen, wie ich hörte,
+Krankheitskeime verbreitet werden; inwieweit hier eine Ansteckungsgefahr
+vorliegt, kann ich aber nicht beurteilen. Jedenfalls hatten die in
+Aden ansässigen Hindus und Araber, die an Bord kamen, zum Teil ein
+schrecklich elendes Aussehen; nicht wenige waren mit Narben, Beulen und
+Geschwüren behaftet, so daß wir den größten Ekel vor ihnen empfanden
+und schon aus diesem Grunde auf die von ihnen angebotenen Waren
+verzichteten. Drollig war es, die dunkelhäutigen Knaben zu beobachten,
+die in winzigen Kähnen unser Schiff umkreisten und nach Silbermünzen im
+Wasser tauchten. An diesem nicht gerade sehr genußreichen Ort hielt
+sich unser Schiff Gott sei Dank nur etwa fünf bis sechs Stunden auf; die
+Abfahrt in das Rote Meer erfolgte den 5. Mai mittags.
+
+Ich muß hier bemerken, daß ich in Aden einen Brief von meinem lieben
+Freunde, Herrn Professor Jamaguchi, aus Leipzig erhielt. Er war ein
+halbes Jahr vor mir nach Deutschland abgereist und hatte öfters über
+seine Reise Interessantes nach Japan berichtet, auch hatte er mir für
+meine Reiseausrüstung verschiedene Winke gegeben, aus denen ich viel
+praktischen Nutzen gezogen habe. Ebenso hatte er mir in betreff
+der Reise und der während der Fahrt zu besichtigenden Städte und
+Sehenswürdigkeiten vieles geschrieben, was mir sehr nützlich geworden
+ist, wofür ich ihm sehr dankbar bin. Der Brief war vom 17. April datiert
+und der erste, den ich während meiner Fahrt erhielt. Wie groß meine
+Freude über denselben war, kann man sich leicht denken. Als mein
+Stubensteward ihn mir auf einem Tablett in die Kajüte brachte, streckte
+ich schnell meine Hand nach ihm aus, erbrach ihn in Hast und verschlang
+förmlich seinen Inhalt, welcher im wesentlichen folgender war:
+
+»Deinen letzten Brief vom 10. März habe ich richtig erhalten. Ich ersehe
+daraus, daß Du am 6. April von Japan abgefahren bist und freue
+mich ungemein, daß uns endlich ein fröhliches Wiedersehen in nicht
+allzulanger Zeit vergönnt ist. Diesen Brief schicke ich Dir durch den
+deutschen Postdampfer »Sachsen« nach Aden, adressiert an Dich an Bord
+des »König Albert«. Du wirst wohl Langeweile auf dem Indischen Ozean
+gehabt haben, ebenso wie ich. Hoffentlich ist die Fahrt eine ruhige
+gewesen und Dir nichts passiert. Wir hatten eine schwere Überfahrt, denn
+schon in der Nähe von Hongkong war das Meer sehr bewegt. Ein Gewitter
+mit Sturm und Regen hatte sich erhoben, sodaß der Tisch beim Essen einen
+Holzrahmen erhalten mußte, um durch diesen das Herunterfallen der Teller
+zu verhüten. Sonst ging mir's auf dem Meere gut. In Aden wirst Du wohl
+nicht lange bleiben; auch ich hatte dort keine Zeit, an Land zu gehen.
+Von Aden wirst Du am Babelmandeb vorbei ins Rote Meer hineinfahren; da
+werden die Wogen höher gehen und das Schiff stark hin und her werfen,
+doch was können sie einem Schiffe wie »König Albert« anhaben? Im Roten
+Meere wirst Du Schwärme von Delphinen und Springfischen bewundern
+können. Jene wälzen sich wie dicke Fleischklumpen auf dem Wasser,
+während diese wie weiße Pfeile darüber hinschnellen. Am 8. Mai etwa
+wirst Du in Suez ankommen. Dieser Hafen ist, wie Du wohl weißt, der
+Eingang nach Europa. Als ich in Suez anlangte, kamen zwei Ärzte an Bord,
+darunter eine Dame, die von den Passagieren mit unverhohlenem Interesse
+betrachtet wurde. Sämtliche Passagiere ohne Ausnahme mußten sich einer
+Untersuchung unterziehen.
+
+»Nun will ich Dir mitteilen, wie ich und meine Landsleute uns hier
+eingerichtet haben. Ich hatte mich, wie ich Dir schon schrieb, seit
+November vorigen Jahres in Berlin niedergelassen. Da ich aber dem Leben
+in einer Großstadt die Stille und Ruhe vorziehe, war ich bald nach
+Eberswalde übergesiedelt, einem von schönen Wäldern umrahmten Ort, der
+von Berlin per Bahn in 45 Minuten zu erreichen ist. Jede Woche fuhr ich
+viermal nach Berlin, um Colleg zu hören. Im Februar dieses Jahres jedoch
+erhielt ich das Verzeichnis aller deutschen Universitäten und ersah
+daraus, daß die Universität Leipzig Berlin an Lehrkräften -- besonders
+was meine Fächer anbetrifft -- überflügelt, und so habe ich mich nach
+vorangegangener Einholung der Erlaubnis unseres Kultusministeriums in
+Leipzig niedergelassen. Wie ich aus Deinem Briefe ersehen habe, willst
+Du vorläufig in Berlin bleiben und dort die Lehranstalten besichtigen.
+Ich möchte Dir aber hiermit gleich im voraus mitteilen, daß diese
+Besichtigung mit manchen Schwierigkeiten verknüpft ist. Du mußt nämlich
+bei dem Kaiserlich Japanischen Gesandten in Berlin ein Schreiben
+einreichen, mit Angabe der zu besichtigenden Schulen und der Bitte um
+einen Erlaubnisschein. Dieses Schreiben wird von unserm Gesandten an
+den preußischen Minister des Äußern gesandt und von diesem zum
+Kultusminister. Die Genehmigung wird von diesem durch ein Dokument
+erteilt, welches wieder denselben Weg rückwärts macht, um in Deine
+Hände zu gelangen. Dieses umständliche Verfahren nimmt mehrere Wochen
+in Anspruch; bei mir hat es sogar acht Wochen gedauert. Ich konnte diese
+allzulange Zeit nicht abwarten und bat daher direkt den Kultusminister
+um Erlaubnis, erhielt jedoch die Antwort, daß ich den vorgeschriebenen
+Weg durch die Gesandtschaft innehalten müsse. Wenn Du also die Schulen
+in Preußen besichtigen willst, so schlage diesen vorgezeichneten Weg
+gleich nach Deiner Ankunft in Berlin ein. Die Zwischenzeit kannst Du
+der Besichtigung der Sehenswürdigkeiten Berlins widmen oder bei mir in
+Sachsen zubringen. In Sachsen ist der Besuch der Schulen ebenso wie in
+Bayern und Österreich ohne weitere Umstände gestattet.
+
+»Was die Universitäten anbetrifft, so ist meiner Ansicht nach die
+hiesige auch für Dich viel geeigneter. Die uns interessierenden Fächer
+sind hier besser vertreten und die Einrichtung des hiesigen
+Seminars scheint mir den Vorzug zu verdienen. Auch hat Leipzig eine
+Handelsakademie und spielt überhaupt als Industriestadt und als Zentrale
+des Buchhandels eine große Rolle. Das Studium der fremden Sprachen wird
+hier sehr eifrig betrieben und Du kannst hier auch auf diesem Gebiet
+Deinen Erfahrungskreis vergrößern. Komm also doch zu mir herüber nach
+Leipzig!
+
+»Herrn Legationskanzler Ro, Deinen alten Bekannten aus Deiner Schule,
+habe ich gebeten, daß er sich für Dich, sobald Du in Berlin angekommen
+bist, um Wohnung u. s. w. bemühen und Dir mit Rat und Tat zur Seite
+stehen möchte. Von Genua, wo Du Dein Schiff verlassen wirst, depeschiere
+doch gleich an ihn; er wird Dich dann in Berlin auf dem Anhalter Bahnhof
+erwarten und abholen. Alles andere findet sich dann von selbst und Du
+kannst Dich getrost seiner Führung überlassen.
+
+»Nun zum Schluß habe ich Dir noch etwas recht Trauriges mitzuteilen,
+nämlich, daß unser verehrungswürdiger Freund, Herr Professor Tachibana,
+am 23. März von Berlin nach Japan abgereist ist, leider aber wegen
+Krankheit. Er hat sich nämlich im Dezember vorigen Jahres eine Erkältung
+zugezogen und seitdem fieberte er sehr stark. Es stellte sich heraus,
+daß er an Lungenschwindsucht leidet, und da gerade zwei Landsleute,
+beide Ärzte, nach Japan zurückkehrten, so schloß er sich diesen an und
+schiffte sich mit ihnen in Antwerpen auf einem japanischen Dampfer ein.
+Diesem Dampfer »Hitachimaru« wirst Du wohl in Colombo oder in der Nähe
+davon auf dem Meere begegnet sein. Was Professor Tachibana in England,
+Frankreich, Deutschland und Österreich besichtigt hat, habe ich in
+seinem Auftrage für Dich notiert und werde es Dir später mitteilen.
+
+»Herr Professor Haga hat sich seit Anfang April ebenfalls eine
+starke Erkältung zugezogen; wir wollen wünschen, daß es nur etwas
+Vorübergehendes ist. Herrn Professor Fujishiro geht es sehr gut.
+
+»In Leipzig sind augenblicklich viele Deiner Freunde zu Studienzwecken
+anwesend; das Leben ist hier wirklich sehr interessant. Den nächsten
+Brief von mir wirst Du wohl in Suez oder Port Said erhalten.«
+
+Die Freude über diesen Brief war groß, nur barg er einen Wermutstropfen
+in sich: die Nachricht von der schlimmen Erkrankung meines teuren
+Freundes und Kollegen Tachibana. Es war zwischen uns ausgemacht worden,
+daß er mich in Deutschland erwarten sollte, um von mir gewissermaßen
+abgelöst zu werden. Diese Nachricht war daher eine große Enttäuschung
+und ein harter Schlag für mich. Eine dunkle Ahnung stieg in mir auf,
+daß wir uns vielleicht nicht mehr wiedersehen würden. Hätte ich doch in
+Colombo oder auf dem Meere auf einen japanischen Dampfer geachtet, ich
+hätte ihn dann vielleicht noch sehen oder sprechen können! Ich hegte
+damals den innigen Wunsch, daß Gott ihm seine Gesundheit wiedergeben
+möchte, auf daß er, von der Fahrt gekräftigt, seine Lieben in der Heimat
+umarmen könnte, ein Wunsch, der, wie ich später erfuhr, leider nicht in
+Erfüllung gehen sollte.
+
+
+
+
+X.
+
+Suez und der Suez-Kanal.
+
+
+[Illustration]
+
+Das Rote Meer! Der Name schon hatte uns ein Grauen eingeflößt, und
+mit seltsamen Erwartungen waren wir dieser unheimlichen Fahrt
+entgegengegangen. Man hatte uns nämlich gesagt, daß die Hitze
+hier außerordentlich groß sei, daß das Wasser dieses Meeres in den
+Wintermonaten über 26° C. habe und daß in der heißesten Periode die
+Temperatur des Meeres und der Luft die Blutwärme übersteige, sodaß
+die Postdampfer zur Umkehr genötigt seien u. s. w. u. s. w., alles
+Nachrichten, die unserm Ohr nicht gerade angenehm klangen. Ich hatte
+anfangs geglaubt, daß die Hitze hier nicht größer als in Penang und
+Singapore sein könnte, zumal das Meer viel weiter vom Äquator entfernt
+ist. Da es aber in der Mitte der beiden Feuerbecken, der arabischen und
+der afrikanischen Wüste liegt, so scheint die Entfernung vom Äquator
+keine besondere Rolle zu spielen. Wir waren also auf einen harten Kampf
+mit nassen wie mit sengenden Elementen gefaßt und fuhren beklommenen
+Mutes durch die breite Meerenge des Babelmandeb oder des Tores der
+Tränen -- »O, sie führt ihren Namen mit Recht,« dachten wir bei unserer
+jetzigen Stimmung -- in das Rote Meer hinein.
+
+Wir konnten daher von Glück sagen, daß wir während der ganzen Fahrt, die
+volle vier Tage in Anspruch nahm, immer schönes Wetter hatten, daß das
+Meer infolgedessen so ruhig und spiegelglatt war, wie es nur selten der
+Fall sein soll. Die so sehr gefürchtete Hitze war auch erträglicher
+als sonst und lange nicht so schlimm, wie man vermutet hatte. Zuerst
+passierten wir einige Felseninseln, welche einen schönen Anblick
+darboten und eine angenehme Abwechselung auf der eintönigen Wasserfahrt
+bildeten. Sonst gab es nichts besonders Erwähnenswertes; es war immer
+die alte Langeweile und die gewohnte Tagesordnung: essen, trinken,
+Mittagsschläfchen halten, auf dem Deck auf- und niedergehen, der
+Wellenbewegung zusehen und ins Meer hinausschauen, plaudern, gähnen
+u. s. w. Eine von den Unterhaltungen möchte ich hier anführen, die sich
+von den mancherlei unsinnigen und albernen vorteilhaft unterschied,
+nämlich die Frage, woher der Name des »roten« Meeres stamme. Einige
+meinten in dem Worte »rot« die Bedeutung des Unheimlichen, drückend
+Heißen zu finden; andere suchten den Namen historisch zu erklären, indem
+sie sagten, die mit Blut getränkten Krieger der Pharaonen hätten sich
+hier gebadet, sodaß das ganze Meer davon rot geworden sei; wieder andere
+meinten, daß das Wasser des Meeres von dem rötlichen heißen Sande der
+Ufer eine rötliche Färbung erhalte und daß der Name daher stamme. Wie
+uns aber von den vielgereisten Schiffsoffizieren mitgeteilt wurde, hat
+das Meer selbst eine sehr reine blaue Farbe, die aber des salzreichen
+Küstenwassers wegen bei tiefem Stand der Sonne gelbrot erschiene.
+Überdies sollen hier auch die aus rötlichen Fäden bestehenden Algen
+so massenhaft auftreten, daß sie oft die oberen Schichten des Wassers
+bedecken und zur Ebbezeit als schleimige blutrote Masse am Ufer einen
+breiten roten Saum bilden. Wir alle stimmten dieser Auslegung als der
+wahrscheinlichsten bei -- vielleicht könnte in der Tat das Meer davon
+seinen Namen erhalten haben.
+
+Um die Langeweile zu vertreiben, wurde während der Fahrt ein großes
+Tanzvergnügen veranstaltet. Zu diesem Zweck wurde das Promenadendeck mit
+Fahnen aller Nationen ausgeschmückt und mit bunten elektrischen Lampen
+schön erleuchtet. Nach dem Abendessen fanden sich alle Herren und Damen
+in Balltoilette in diesem improvisierten Tanzsaale ein und nach den
+Klängen der Schiffskapelle wurde bis spät in die Nacht hinein getanzt.
+
+Am 7. Mai, also kurz nach diesem Fest, fand ein anderes statt und zwar
+ein Wohltätigkeitsfest, dessen Reinertrag für verunglückte Seeleute des
+>Norddeutschen Lloyd< oder deren Hinterbliebene bestimmt war. Auf jeder
+Fahrt wird ein solches Fest veranstaltet, und die Einnahmen sollen nicht
+unbedeutend sein. An diesem Abend wurden von verschiedenen Passagieren,
+Damen und Herren, Vorträge aller Art gehalten, womit sie die Anwesenden
+prächtig unterhielten, sodaß beim Einsammeln die freiwilligen Gaben
+reichlich flossen. Auch dieses Fest währte bis spät in die Nacht hinein
+und es war schon früher Morgen, als sich die Teilnehmer ermüdet in ihre
+Kajüten zurückzogen.
+
+Mit der Fahrt auf dem Roten Meer war Gott sei Dank das schlimmste
+überstanden und wir kamen am 9. Mai vormittags um 3 Uhr wohlbehalten in
+Suez an, wo gleich mit Anbruch des Tages Ärzte an Bord stiegen, um die
+Passagiere zu untersuchen; es sollten nämlich während unserer Fahrt
+in Ostasien Seuchen ausgebrochen sein. Die Untersuchung geschah auf
+folgende Weise: wir Passagiere mußten uns alle zunächst im Eßsalon
+versammeln; dann mußten wir, nachdem die Namen einzeln aufgerufen
+worden waren, an den Ärzten, die sich an einer Seite aufgestellt hatten,
+vorbeigehen. Soviel ich davon verstehe, hatte diese ganze Besichtigung
+wenig Wert; denn wie kann ein Arzt durch einen Blick beurteilen, ob
+jemand ansteckende Krankheitskeime in sich trägt oder nicht. Nur
+ein Passagier, der ein bißchen blaß aussah und seit einigen Tagen an
+Dysenterie litt, wurde gefragt, was ihm fehle, sonst niemand. In wenigen
+Minuten war die ganze Angelegenheit erledigt. Da uns das Landen wegen
+des kurzen Aufenthaltes nicht gestattet wurde, so konnten wir eine
+Besichtigung des Ortes nicht vornehmen und mußten uns damit begnügen,
+von Bord aus Umschau zu halten. Wir blieben bis 11 Uhr hier liegen und
+setzten um ¼12 Uhr unsere Fahrt durch den Suezkanal fort.
+
+[Illustration: Eingeborenen-Barke vor Suez.]
+
+Die Hafenstadt Suez liegt bekanntlich am Ausgang des berühmten Kanals,
+den der große Franzose Lesseps mit unendlichen Mühen zustande gebracht
+hat. Der Blick auf diesen Kanal gehört mit zu dem Interessantesten, was
+wir auf der ganzen Fahrt erlebt haben. Der Kanal ist 160 km lang und
+durchschneidet den Isthmus von Suez, welcher Afrika mit Asien verbindet,
+und bringt so die beiden Meere, das Mittelländische und das Rote, in
+Verbindung. Er ist nach zehnjähriger mühevoller Arbeit im Jahre 1869
+eröffnet worden. Seine Breite ist verschieden, an manchen Stellen ist
+er so schmal, daß unser »König Albert« fast die ganze Breite einnahm;
+an einigen Stellen jedoch ist er ziemlich breit, besonders an den
+Ausweichestellen für die sich begegnenden Dampfer. Die Natur, die der
+Kanal und seine Umgebung bietet, ist wenig rühmenswert, denn an beiden
+Seiten sieht man nichts als öde Sandwüsten, nur hie und da unterbrochen
+von Oasen mit ihrem frischen Grün. Einige der Seen, welche durch
+den Kanal mit einander in Verbindung gesetzt werden und zugleich als
+Ausweichestellen dienen, gewähren jedoch einen imposanten Anblick, so
+z. B. der Bittersee, der größte von allen. Ein schlanker Leuchtturm, der
+sich an dem Ein- und Ausgang dieses Sees befindet, trägt viel zu seiner
+Verschönerung bei. Im allgemeinen kamen mir die Ansichten des linken
+Ufers interessanter vor als die des rechten, obgleich man auch nichts
+weiter als halbverdorrtes Gras und unförmliche Sandhügel zu Gesicht
+bekam. Doch der menschliche Verstand hat diese heiße Sandwüste zu
+nützlichen Zwecken zu verwerten gewußt: man hat hier -- wie mir erzählt
+wurde -- natürliche Salzsiedereien angelegt. Man gießt nämlich das hier
+bedeutend salzhaltige Küstenwasser auf den glühend heißen Sand, läßt
+es verdunsten und gewinnt so auf einfache Weise das Salz. Diese
+Veranstaltungen konnten wir von Bord aus nicht sehen, aber einige
+schwerbeladene Kamele mit ihren arabischen Treibern, die wohl zu den
+Salinen wandern mochten, zeigten uns den Ort und die Stelle an, wo sie
+lagen. Was der Mensch nicht alles auszunutzen versteht!
+
+[Illustration: Beduinen am Suez-Kanal.]
+
+Die beiden Ufer des Kanals sind aus künstlich aufgeworfenen Sanddämmen
+hergestellt, und man konnte beim Passieren unseres Schiffes deutlich das
+Auf- und Absteigen des Wassers erkennen und auch wie der Sand von den
+Dämmen dabei abgespült ward. Es versteht sich daher von selbst, daß
+Dampfbagger ständig in Tätigkeit bleiben müssen, damit der Kanal nicht
+versandet.
+
+[Illustration: Signalstation am Suez-Kanal.]
+
+Unser Dampfer bewegte sich nur ganz langsam vorwärts, als wir plötzlich
+verspürten, wie derselbe mit einem Krach auf Sand geriet. Das Wasser
+wurde trübe, und das Schiff schien sich ein klein wenig auf die eine
+Seite zu legen. Mit einem Male geriet alles an Bord in Bewegung; es war
+jedoch nichts zu befürchten, denn ein Blick auf die beiden Ufer, auf die
+man im Notfalle ganz bequem hinüberspringen konnte, gab jedem sofort das
+Gefühl der Sicherheit zurück. Endlich erlangte das Schiff seine richtige
+Lage wieder und wir vermochten mit ein paar Stunden Zeitverlust unsere
+Reise langsam fortzusetzen. Wie wir später von unserem Schiffskapitän
+hörten, hat »König Albert« solchen Tiefgang, daß der Boden des Schiffes
+kaum einen Fuß von der Kanalsohle entfernt bleibt, und der Lotse, der
+für die Fahrt durch den Kanal an Bord gekommen war, hatte aus Versehen
+ein wenig zur Seite gelenkt und so etwas Boden mitgenommen. Eigentlich
+ist der Suezkanal für Schiffe von so großem Tiefgang, wie das unsrige,
+viel zu klein angelegt. Wie langsam sich der Dampfer in diesem Kanal
+bewegte, kann man schon daraus ersehen, daß kleine Knaben, welche, bald
+»Money, Money« rufend, bald die ihnen zugeworfenen Münzen aufhebend,
+halb nackt und barfuß auf dem Sande des Ufers mitliefen, lange Strecken
+mit dem Schiffe gleichen Schritt halten konnten, ferner erblickten wir
+einige Beduinen auf schönverzierten Kamelen. Am Ufer sahen wir auch hier
+und da bescheidene Häuser, in welchen die Kanalwächter wohnen und von
+denen aus Signale gegeben werden, da streng darauf geachtet werden muß,
+daß jedes Schiff seine Zeit innehält, die zu jeder Durchfahrt genau
+berechnet und angegeben werden muß. Nach den Signalen ziehen an den
+breiten Ausweichestellen die entgegenkommenden Schiffe vorüber; aber da
+wir, wie vorher berichtet, etwa zwei bis drei Stunden Verspätung hatten,
+sammelten sich vor und hinter uns vier bis fünf Postdampfer an, sodaß
+wir an einer dieser Ausweichestellen einige Zeit lang bleiben mußten, um
+dieselben vorbeipassieren zu lassen. Bei dieser Gelegenheit wurden wir
+unseres japanischen Postdampfers mit der bekannten lieben Flagge gewahr.
+Die Hitze, die so wie so schon groß genug war, wirkte durch dieses
+mehrstündige Halten und die langsame Fahrt geradezu furchtbar, und
+einige meiner Landsleute behaupteten, hier die größte Hitze während der
+ganzen Fahrt verspürt zu haben. Spät, sehr spät, erst gegen Mitternacht,
+konnte die Abfahrt vor sich gehen, aber recht langsam, sodaß
+eine Schnecke unser Vorreiter hätte sein können. -- Die Nacht war
+glücklicherweise sehr kühl, was um so angenehmer empfunden wurde, je
+größer die Hitze des vorangegangenen Tages gewesen. An dem Leuchtturm,
+welcher mit wechselndem Licht versehen war, fuhren wir vorbei und
+setzten unsern Weg fort.
+
+
+
+
+XI.
+
+Port Said.
+
+
+[Illustration: Vor Port Said.]
+
+[Illustration: Straße in Port Said.]
+
+[Illustration: Araber.]
+
+Am 10. Mai vormittags um 9 Uhr kamen wir in Port Said an. In dieser
+Hafenstadt, die ca. 50 000 Einwohner hat, ging es sehr lebhaft zu.
+Handel und Verkehr schienen hier ziemlich bedeutend zu sein. Als
+unser Schiff in den Hafen einlief, drängte sich sogleich eine Menge
+Handelsleute an Bord, um mit den Fahrgästen Geschäfte zu machen, auch
+viele Führer kamen herauf, um uns ihre Begleitung durch die Stadt
+anzubieten. Diese umringten uns von allen Seiten und lugten mit ihren
+hinterlistigen, habgierigen Augen umher, Geiern ähnlich, die auf ihr
+Opfer losstürzen wollen. Sie machten, wie die meisten Einwohner dieses
+Ortes, einen recht unangenehmen Eindruck auf uns. Da die Stadt nur klein
+ist, verzichteten wir gern auf so wenig vertrauenerweckende Begleiter
+und hatten es auch nicht zu bereuen, denn in zwei Stunden waren wir mit
+der ganzen Besichtigung zu Ende. Sehenswertes war gar nicht vorhanden.
+Die Straßen sind ziemlich unsauber, ebenso die Häuser. Den Stadtteil, in
+dem die Araber wohnen, konnten wir leider nicht in Augenschein nehmen,
+denn bevor wir an Land gingen, war von unserm Kapitän bekannt gemacht
+worden, daß in Port Said und zwar im Araberviertel die schwarzen Pocken
+wüten sollten und daß man sich vor diesen sehr in acht nehmen müsse.
+In einer der Hauptstraßen sahen wir außer einigen japanischen Läden,
+in denen von unseren Landsleuten echte japanische Waren feilgehalten
+wurden, eine Menge Tabaksläden. Der Tabak bildet hier das Hauptprodukt,
+ist sehr billig und gut. Wegen des italienischen hohen Zolles --
+denn wir mußten ja später über Italien reisen -- durften wir jedoch
+allzugroße Einkäufe nicht machen. Besonders empfehlenswert sind hier
+einige Cafés, in deren einem wir auch einen Mocca tranken und uns
+etwas ausruhten. Nur muß man sich hier in acht nehmen, daß man nicht
+überteuert wird, wie es einem unserer Passagiere erging, der für ein
+Glas Bier, das er in einer Bierhalle nahm, den unerhörten Preis von
+einem Schilling bezahlen mußte. -- Die Straßenjungen, die auf Schritt
+und Tritt hinterher gelaufen kamen und »gib Money, gib Money«
+schrien oder uns ihre Esel zum Reiten anpriesen, waren so dreist und
+unverschämt, daß wir mitunter unsern Stock zu Hilfe nehmen mußten. Wir
+waren froh, als wir mit heiler Haut aus diesem Sumpfnest wieder an Bord
+unseres guten Schiffes gelangten.
+
+[Illustration: Ägyptischer Eseljunge in Port Said.]
+
+Bei der Besichtigung von Port Said darf man aber nicht unterlassen,
+das Denkmal Ferdinand von Lesseps', des Erbauers des Suezkanals, zu
+erwähnen. Das stattliche Monument ist aus Bronze gegossen und stellt die
+ganze Figur dieses großen Mannes dar, der in zehn Jahren mit eiserner
+Energie und unsäglicher Mühe unter angestrengter Tätigkeit die
+Durchstechung und Kanalisierung des Isthmus von Suez zustande gebracht
+hat. Auf einem Granitsockel erhebt sich eine hohe Säule und auf dieser
+steht das Standbild. Den Blick auf den Kanal gerichtet, hält er in der
+einen Hand, halb aufgerollt, die Karte desselben. Das Denkmal selbst ist
+auf einem Ende eines aus Quadersteinen hergestellten Dammes errichtet,
+welcher ziemlich weit ins Meer hineinläuft, so daß es von weitem den
+Anschein hat, als erhebe sich das Denkmal direkt aus dem Wasser heraus.
+Ein herrlicher Anblick! Der Gesichtsausdruck dieses Mannes zeigt einen
+unbeugsamen Mut, verbunden mit Energie und Arbeitsamkeit. Ich schrieb am
+Fuße dieses Denkmals Ansichtspostkarten und zwar eine an meinen Freund
+in der Heimat, die folgendermaßen lautete: »Vom Suezkanal und von
+Lesseps hört man oft, aber wenn man selber den Kanal passiert und
+vor dem Denkmal dieses großen Mannes steht, kann man nicht umhin,
+mit Hochachtung an ihn zu denken und seine großartige Willenskraft
+zu bewundern. Bedenken und Hindernisse verschiedener Art: politischen
+Widerstand, diplomatische Schwierigkeiten, heftige Beschuldigungen
+seiner Gegner, argwöhnische Vermutungen der Pforte, Eifersucht der
+englischen Regierung und Gott weiß was nicht noch alles hat der Mann
+zu bekämpfen gehabt! Und der Segen erst, den die den Kanal passierenden
+Reisenden und Schiffe heutzutage genießen! Mit Recht gilt der Mann als
+ein Held des Friedens!«
+
+Eine zweite Karte sandte ich an meinen Jungen:
+
+»Von Lesseps kannst Du was lernen! In ihm findest Du wieder, was
+Dir Zeit Deines Lebens nottut und vielen Menschen so sehr mangelt:
+Beharrlichkeit und Unbeugsamkeit. Willst Du Sieger bleiben im harten
+Wettstreit Deines Lebens, sieh Dir dieses Bild an und behalte fest im
+Kopfe das eine Wort: Willensstärke!«
+
+Noch nach tausenden von Jahren wird dieses Denkmal hier stehen, werden
+die Taten dieses Mannes der ganzen Menschheit zum Segen gereichen, man
+wird ihn ewig preisen und nie vergessen. --
+
+Nachdem wir uns wieder an Bord begeben hatten, kam ein Trupp
+italienischer Musikanten, ein paar Männer und Frauen, auf das Schiff,
+welche die Passagiere teils mit Mandolinenspiel, teils mit Gesang
+belustigten. Auch wir hörten einige Zeit zu und fanden, daß sie ihre
+Sache gut machten, wie auch, daß die italienischen Mädchen hübsche
+Gestalten hatten.
+
+Nicht lange danach begrüßte unser »König Albert« das Mittelländische
+Meer, das uns nunmehr unserem weiteren Ziele zuführen sollte.
+
+
+
+
+XII.
+
+Neapel.
+
+
+[Illustration: Golf von Neapel.]
+
+Bei der Abfahrt von Port Said wurden wir von einer höchst erfreulichen
+Nachricht überrascht, die uns alle unangenehmen Eindrücke schnell
+vergessen ließ. Von neu hinzukommenden Passagieren erfuhren wir nämlich,
+daß unserem japanischen Kronprinzen ein Erbe geboren worden sei. Auch in
+den Zeitungen, die wir in Port Said erhalten hatten, war zu lesen, daß
+das japanische Kaiserhaus am 5. Mai durch die Geburt eines Enkels und
+Sohnes erfreut worden war, daß also unserm Reiche ein weiterer Thronerbe
+erstanden sei. Infolgedessen versammelte sich am Abend die ganze
+japanische Kolonie zu einem Fest, bei dem wir auf das Wohl unseres
+Kaiserhauses tranken und bei welcher Gelegenheit ich meiner Freude mit
+folgenden Worten Ausdruck gab:
+
+»Meine Reisegefährten und Freunde! Heute ist uns unerwartet die
+erfreuliche Nachricht zugegangen von dem Glück, welches unserm
+Kaiserlichen Hause zu teil geworden ist, nämlich daß unserm Kaiser
+ein Enkel, unserem Kronprinzen ein Sohn geboren sei. Diese Nachricht
+gereicht uns umsomehr zur Freude, als sie uns noch während der
+Fahrt erreicht hat, so daß es uns noch an Bord, wo wir uns alle
+zusammenbefinden, vergönnt ist, das Glas zu Ehren unseres Kaiserlichen
+Hauses zu erheben. Wir können uns alle wohl vorstellen, wie groß
+die Freude unseres Volkes in diesen Tagen gewesen sein mag. Unserem
+Kaiserhause, das seit 2½ Jahrtausenden glücklich und weise das Land
+regiert, möge mit diesem Prinzen ein weiteres bedeutsames Glied in der
+langen Kette der Regenten hinzugefügt sein, auf daß auch ihm, wenn
+er dereinst dazu berufen wird, eine lange und segensreiche Regierung
+beschieden sein möge!«
+
+Ich bat meine Reisegefährten, sich mit mir zu erheben und einzustimmen
+in den Ruf: »Unsere Kaiserliche Familie lebe hoch! hoch! hoch!«
+welcher Aufforderung alle Anwesenden freudig nachkamen. So wurde unter
+allgemeiner Freude fern der Heimat auf dem Mittelländischen Meere an
+Bord eines deutschen Dampfers die Geburt unseres Kaiserlichen Enkels
+gefeiert. Der Tag wird uns stets in lieber Erinnerung bleiben.
+
+Am 10. Mai nachmittags zwei Uhr hatten wir Port Said verlassen und
+passierten am folgenden Tage die Insel Kreta. Die Hitze, welche wir
+lange Zeit zu erdulden gehabt, war nicht mehr zu spüren. Wir mußten
+unsere leichten Kleider einpacken und wärmere hervorholen, so daß der
+Gepäckraum viel in Anspruch genommen ward. Außerdem waren nicht wenige
+mit Vorbereitungen für die nahe bevorstehende Landung beschäftigt, da
+sie schon in Neapel das Schiff verlassen wollten. Auch wir freuten uns,
+daß wir nicht lange mehr an Bord zu bleiben brauchten, denn auch unsere
+Reise zur See sollte in einigen Tagen ihr Ende erreichen.
+
+Am 13. Mai mittags um ¼1 Uhr kamen wir in Neapel an. Das Wetter war
+recht kühl, fast kalt zu nennen -- wir fühlten uns jedoch sehr wohl
+dabei. Es kam uns nur so komisch vor, innerhalb sechs Wochen Sommer und
+Winter durchmachen zu müssen.
+
+Unser Schiff hielt sich hier nur einen halben Tag auf, so daß uns
+keine Zeit verblieb, Neapel eingehend zu besichtigen. Jedoch hatten
+wir gehört, daß es dort viele Sehenswürdigkeiten gäbe, insbesondere das
+weltberühmte Aquarium -- von deutschen Gelehrten ins Leben gerufen und
+von ihnen musterhaft verwaltet -- die Königlichen Paläste, Gallerien,
+Museen, Kirchen, Konservatorien, Oper, Theater u. a. m. Es ist natürlich
+rein unmöglich, dieses alles in einem halben Tage in Augenschein
+zu nehmen. Außerdem verloren wir durch ein gerade zu dieser Zeit
+heraufziehendes Gewitter eine gute Stunde Zeit, so daß wir es vorzogen,
+auf dem Schiff zu bleiben und von Bord aus die schöne Stadt zu
+betrachten.
+
+[Illustration: Straße in Neapel.]
+
+Von den Passagieren unseres »König Albert« waren viele in die Stadt
+gegangen, vor allem diejenigen, welche unser Schiff für immer verließen,
+um von hier aus ihre Reise zu Land durch Italien fortzusetzen. Aber auch
+an Bord wurde uns die Zeit nicht lang, denn wir hatten Muße, uns gehörig
+umzusehen. Vor uns lag ein wunderbares Panorama: die majestätische Bai
+von Neapel, in deren Hintergrund sich terrassenförmig die Stadt mit
+ihren weißen, leuchtenden Gebäuden erhebt; dazwischen herrliche Partien
+mit immergrünen Bäumen und dunklen Cypressen, welche dem Bilde eine
+schöne Harmonie verleihen, dann weiter hinten der feuerspeiende Berg,
+der Vesuv, in seiner prächtigen, malerischen, einfachen Form, seine
+schwarzen Rauchwolken gen Himmel sendend. Daß Neapel, das alte Napolis,
+die Hauptstadt des ehemaligen Königreichs beider Sicilien, sich durch
+seine reizvolle Lage vor allen andern Seestädten Italiens auszeichnet,
+konnten wir also gleich beim ersten Anblick erkennen. Was uns an Bord
+zuerst in die Augen fiel, war die ungeheuer große Zollmauer und die fünf-
+bis sechsstöckigen Häuser mit Balkonen und platten Dächern. Die Häuser
+am Strande sind, mit Ausnahme einzelner neuer Gebäude, älteren Datums
+und erinnern uns an die italienische Bauart, wie wir sie zu Hause
+durch Bilder kennen gelernt haben. Die Stadt selbst sieht wie ein
+gleichmäßiges Häusermeer aus, nur unterbrochen durch die grünen Bäume
+oder andere Naturschönheiten. An Kirchen besitzt Neapel mehr als genug,
+aber ihre Türme ragen nirgends hervor, auch die Paläste verlieren sich
+in dem unendlichen Häusermeer. Am meisten machten sich die reizenden
+Villen und Kasinos auf den Hügeln, die Arsenale und Hafenbauten, das
+königliche Schloß und vor allem die drei großen Kastelle bemerkbar. Wir
+hatten geglaubt, unser Schiff würde sich hier wenigstens 10-12 Stunden
+aufhalten und hatten uns vorgenommen, in diesem Falle die seiner Zeit
+durch den Ausbruch des Vesuv verschüttete und vernichtete, jetzt aber
+zum Teil wieder freigelegte Stadt Pompeji anzusehen, mußten den Plan
+jedoch zu unserm Leidwesen aufgeben, da wir, wie schon gesagt, nur einen
+halben Tag Zeit hatten.
+
+Wie die Menschen hier aussehen, wie sie leben, was sie treiben u. s. w.,
+konnten wir natürlich von Bord aus nicht gewahr werden; aber erzählt
+wurde uns, daß das Volk hier im allgemeinen ernsten Beschäftigungen
+nicht gerne nachgeht, dafür aber umso lieber Belustigungen Auge und
+Ohr leiht, daß es auch allzuviel Zeit in den unzähligen Kaffeehäusern
+zubringt -- mit einem Wort, daß es seiner Neigung und Laune mit
+südlicher Leidenschaftlichkeit gehorcht und daß, als traurige Folge
+davon, die Bevölkerung, zumal die niederen Klassen, sich in ziemlich
+großer Armut und Unwissenheit befindet.
+
+Auch viele Händler kamen an Bord, um die verschiedensten italienischen
+Gegenstände anzubieten, wobei uns insbesondere die aus Lava gefertigten
+Kunstwaren, ferner geschnittene Gemmen, marmorne Frauenköpfe u. a. m.
+auffielen -- alles sehr kunstvoll gearbeitete, zierliche Gegenstände.
+Empfehlenswert sind besonders die aus Marmor gefertigten Sachen;
+dieselben sind jedoch sehr teuer und man wird auf jeden Fall besser
+daran tun, sie an Land und nicht auf dem Schiffe zu kaufen, da man dort
+reeller bedient wird. Besonders vorsichtig muß man bei Gegenständen aus
+Lava sein, weil diese meistens verfälscht sind.
+
+So wurde unsere Zeit an Bord gut ausgefüllt, bis wir abends acht Uhr --
+wir schrieben den 13. Mai -- diese herrliche Bucht von Neapel verließen
+und nach Genua fuhren.
+
+[Illustration: Längs der italienischen Küste.]
+
+
+
+
+XIII.
+
+Allerlei Heiteres und Ernstes aus dem Leben auf dem Schiffe.
+
+
+In einem deutschen Liede heißt es: »Wenn jemand eine Reise tut, dann
+kann er was erzählen.« So geht es auch mir. Ehe ich Abschied nehme vom
+»König Albert«, der uns so lange eine treue Unterkunft geboten, will
+ich in Folgendem versuchen, meine Erlebnisse und Beobachtungen während
+meines Aufenthaltes auf dem Schiffe niederzuschreiben; aber nur als
+treuer Berichterstatter, ohne jede weitere Ausschmückung.
+
+[Illustration: Reichspostdampfer des »Norddeutschen Lloyd«:
+»König Albert«.]
+
+
+Spiele auf dem Promenadendeck und im Rauchsalon.
+
+Da wir auf dem Schiffe nichts zu tun hatten und die Langeweile uns
+plagte, wurde alles hervorgesucht, was irgend einen Zeitvertreib oder
+eine kleine Zerstreuung bot: Gesellschaftsspiele, wie z. B. Schach,
+Domino, Dame, Kartenspiel, Würfelspiel etc., möglichst harmlose Sachen,
+nur um uns die Zeit zu vertreiben.
+
+Bei gutem Wetter zog man selbstverständlich Spiele im Freien vor, von
+denen ich besonders das Reifenspiel und das Beutelchenwerfen erwähnen
+möchte. Bei dem ersteren wird nach einem senkrecht aufgestellten Stab
+mit Reifen aus strammem Seil geworfen und zwar so, daß diese beim
+Niederfallen den Stab einschließen; bei den letzteren wird eine in
+mehrere numerierte Felder geteilte Holztafel auf den Boden gelegt, nach
+der man mit kleinen, gewöhnlich mit Sand gefüllten Beutelchen wirft --
+derjenige, der am meisten Zahlen trifft, ist Sieger.
+
+[Illustration: Spiele an Bord.]
+
+Ein anderes Spiel ist dasjenige, bei dem man runde Holzplatten mit einem
+Holzschieber -- das ist ein an einem Stabe in T-form befestigtes Brett
+-- etwa 15 Meter weit nach einem mit Kreide gezeichneten Platz stößt.
+Bei diesem Spiel werden die Mitspieler in zwei Parteien geteilt und dann
+wird gewettet. Diejenige Partei hat gewonnen, welche die meisten Platten
+in den abgegrenzten Raum gebracht hat.
+
+Im Rauchsalon wurden Karten- und Würfelspiele, Schach und anderes
+gespielt. Was uns jedoch besonders auffiel, das waren die Glücksspiele
+mit Karten und Würfeln, bei denen sich besonders Engländer hervortaten.
+Die Spieler setzten sich um den Tisch und dann wurde leidenschaftlich
+und erregt das Spiel verfolgt. Da wir von Hause aus mit dieser Art
+von Spielen nicht vertraut waren (bei uns sind dieselben gesetzlich
+verboten) und uns dieselben recht unangenehm berührten, so lehnten wir
+stets die Aufforderung zur Beteiligung ab. Wir bemerkten, daß nicht
+selten diese Spiele einen ernsten Ausgang nahmen; denn manche verloren
+dabei nicht wenig Geld, und in solchem Falle ging es nicht immer ohne
+Schimpfen und grobe Bemerkungen ab. -- Am Dominospiel dagegen, welches
+wir von einem an Bord befindlichen Deutschen erlernten, beteiligten wir
+uns gern und zwar spielten wir dieses der Belebung halber um ein Glas
+Bier. Bei dieser Gelegenheit fragte ich einige deutsche Passagiere, was
+sie von dem Spielen um Geld hielten und wie es in Deutschland und
+in andern Ländern Europas gehandhabt würde, und da hörte ich denn so
+mancherlei. In Deutschland sowie fast in ganz Europa sind Spiele um Geld
+gesetzlich erlaubt. Glücksspiele jedoch, wie das Hazard, wobei es dem
+Zufall überlassen bleibt, ob der Spieler gewinnt oder verliert, sind
+streng verboten -- speziell in den öffentlichen Lokalen -- und
+werden bestraft, besonders scharf die Spieler, bei denen es sich
+um gewerbsmäßiges Spielen handelt. So vernahm ich von einem großen
+Spielerprozeß in Deutschland, in den hochadlige junge Leute und
+Offiziere verwickelt gewesen. Dieselben hatten einen Klub gegründet mit
+dem Namen »Klub der Harmlosen«, in welchem man fast nur Glücksspielen
+gefröhnt. Ferner wurde mir erzählt, daß in einem der feinsten Klubs in
+Wien hoch gespielt worden wäre und daß bei einem Spiel zwischen einem
+ungarischen Baron und einem polnischen Grafen letzterer ungefähr zwei
+Millionen Mark verloren habe. Aber auch öffentlich darf an einigen
+Punkten Europas gespielt werden, und der bedeutendste Zufluchtsort der
+Spieler soll Monte Carlo in dem kleinen Fürstentum Monaco, unweit der
+wegen ihrer Schönheit bekannten Stadt Nizza, sein. Hier wird in einem
+nur für diesen Zweck gebauten Kasino gespielt, das märchenhaft schön
+eingerichtet sein soll. Das Kasino gehört einer Aktiengesellschaft,
+durch deren Abgaben sogar das kleine Fürstentum unterhalten wird und der
+Fürst des Landes große Einnahmen bezieht.
+
+Ferner werden in Europa bei Pferderennen große Wetten abgeschlossen
+und an eigens hierfür errichteten Wettmaschinen, Totalisator genannt,
+Einsätze in Geld für den Sieger oder den Platz gemacht. Von diesen
+Geldern, die dort angelegt werden, nimmt jeder Staat eine Steuer
+für sich in Anspruch. -- Aber auch selbst harmlose Spiele können zum
+verwerflichen Glücksspiel werden, wenn die Betreffenden um Einsätze
+spielen, welche ihrem Vermögen oder Einkommen nicht entsprechen.
+
+
+Echt deutsches Bier.
+
+Aus lauter Langeweile und vor Durst wird an Bord ziemlich viel getrunken
+und oft genug hörte man den Ruf: »Spatz!« -- so hieß nämlich der
+kleine Servierkellner im Rauchsalon. Wein, Schnaps, Brunnenwasser,
+Citronenwasser, mitunter auch Champagner, wurden getrunken, am meisten
+jedoch Bier. Von letzterem wurde jeden Tag eine Zahl Fässer geleert.
+Bier trinken am meisten die Deutschen, die Franzosen lieben den Wein
+und die Engländer ziehen allem andern den Schnaps oder Likör vor. Das
+deutsche Bier wurde von sämtlichen Passagieren hochgepriesen. Ich
+habe mir zu Haus erzählen lassen, daß das Bier als Nationalgetränk der
+Deutschen in ihrem eigenen Lande vorzüglich gebraut werde, und glaubte
+auch in diesem Bier an Bord eine ausgezeichnete Braukunst zu erkennen.
+Nun befand sich auf dem Schiff ein deutscher Braumeister, der seit
+Jahren an einer japanischen Brauerei angestellt war und jetzt auf Urlaub
+nach Deutschland fuhr. Auf meine Frage, ob er ein eben so gutes Bier in
+Japan brauen könnte, sah er mich mit großen Augen an und sagte: »Glauben
+Sie, daß dieses Bier, welches Sie hier jeden Tag trinken, ein echt
+deutsches Bier ist?« Auf meine bejahende Antwort erklärte er mir aber zu
+meiner großen Verwunderung, daß das Bier echt japanisch sei, worauf
+mir der Ausruf entschlüpfte: »Sehr komisch!« So erfuhr ich, daß bei der
+Fahrt von Deutschland nach Japan selbstverständlich deutsches Bier, aber
+bei der von Japan nach Deutschland japanisches Bier in deutschen Fässern
+von den Schiffen mitgeführt wird. Ich glaubte auf einem deutschen
+Schiffe ein echt deutsches Bier, von dem man so viel Rühmens macht,
+zu trinken und mußte nun von einem Deutschen erfahren, daß ich Bier
+getrunken habe, welches in meinem eignen Heimatlande gebraut war. Die
+Unwissenheit, welche ich hierbei an den Tag gelegt habe, bitte ich mir
+zu gute zu halten, aber man ersieht daraus wieder, daß das Fremde
+von den Menschen, die nicht genau Bescheid wissen, blindlings höher
+geschätzt wird, als das Heimatliche. »Kein Prophet wird in seinem
+Vaterlande geehrt.« Seit dieser Geschichte bestellte ich nur noch:
+»Spatz, bringen Sie mir ein Glas »sogenanntes« deutsches Bier!« worauf
+er mir mit verständnisvollem, verschmitzten Lächeln ein Glas echt
+japanischen, goldklaren, schäumenden Gerstensaftes reichte.
+
+
+Ein unfreiwilliges Bad.
+
+Die Badeeinrichtung auf dem Schiffe ist ganz anders, als man sie zu
+Hause hat. Durch ein Rohr wird das Meerwasser in die Wanne geleitet und
+je nachdem man heiß oder kalt wünscht, hat man den einen oder den andern
+Verschluß aufzudrehen. Für Süßwasser befindet sich ein Behälter, woraus
+für jeden Badnehmer ein kleines Becken voll geführt wird. Da das salzige
+Meerwasser sich unangenehm an dem Körper bemerkbar macht, so benutzt
+man dieses Süßwasser zum Nachspülen und Nachwaschen. Übrigens ist
+letzteres sehr kostbar auf den Schiffen und wird mit demselben äußerst
+sparsam umgegangen. Ich kannte die Einrichtung mit dem Auf- und Zudrehen
+der Hähne nicht recht, und als das Schiff in der Mündung jenes trüben
+Flusses, des Jangtsekiang, vor Anker lag, ging ich zum ersten Male aus
+Langeweile in die Badestube und drehte ahnungslos an dem einen Hahn. Da
+erhielt ich auf einmal von der Decke einen Sprühregen des trüben Wassers
+über meinen Kopf und die ganze Kleidung. Ich hatte unglücklicherweise
+den Hahn der Brause gefaßt. Bevor ich noch recht zur Besinnung kam,
+hörte ich mit Donnerstimme den Ruf: »Was machen Sie da!« und der
+Badesteward trat herein. Er sah mich mit böser Miene an, sagte, daß das
+Rohr von dem trüben Wasser des gelben Flusses verstopft werde, wenn man
+ihn jetzt öffnete, daß überhaupt das Baden nur während der Fahrt auf
+offenem Meere erlaubt sei, aber nicht, wenn das Schiff stille läge
+wie jetzt. Durchnäßt wie ein Pudel, von dem trüben gelben Wasser des
+Jangtsekiang von oben bis unten beschmutzt, von dem Donnerwetter des
+Badestewards noch ganz niedergeschmettert, schlich ich davon in meine
+Kajüte, um wieder einen ordentlichen Menschen aus mir zu machen. Diese
+Begebenheit ist unter meinen Landsleuten als mein »unfreiwilliges Bad«
+bekannt geworden.
+
+
+Beim Barbier.
+
+Auf dem »König Albert« gab es auch einen Barbier und von diesem wollte
+ich meine Haare schneiden lassen. Ich begab mich eines Tags zu ihm; er
+war ein netter kleiner Kerl, und es entspann sich zwischen uns folgendes
+Gespräch. Ich werde mich mit A. und den Barbier mit B. bezeichnen.
+
+B. »Mein Herr, sind Sie nicht krank gewesen?«
+
+A. »Wieso denn?«
+
+B. »Sie lassen ja Ihren Bart so wild wachsen. Wenn ich Sie so in den
+Saal treten sah, habe ich immer geglaubt, Sie wollen Ihren Bart wegen
+Krankheit nicht schneiden lassen.«
+
+A. »Bewahre! Bin im Gegenteil so gesund und munter wie ein Fisch im
+Wasser und auch immer gewesen. Aber wenn Sie meinen, daß mein Bart
+mir nicht gut steht, schneiden Sie ihn nach deutscher Mode, so gut Sie
+können, damit ich recht ordentlich und chik aussehe.«
+
+B. »Gut! Ich werde meine Kunst versuchen, aber es ist nicht so leicht,
+aus einem wild gewachsenen Bart eine gute Form zu schneiden.«
+
+Nun begann der Barbier mir meinen Bart zu verschneiden, sprach
+dabei über dieses und jenes, fragte mich, wie es in Japan in einer
+Barbierstube aussehe, was ein Barbier dort verdiene, wie groß der
+Lohn eines Gehilfen sei u. s. w. u. s. w. Zuletzt zeigte er mir seine
+Haarschneidemaschine und fragte mich:
+
+B. »Können Sie mir vielleicht angeben, wo diese Maschine gemacht worden
+ist?«
+
+A. »Keine Ahnung! Wie sollte ich so etwas wissen, ich verstehe ja von
+Ihrem Fache nichts.«
+
+B. »Das glaube ich gern, aber da diese gerade in Ihrer Heimat gemacht
+ist, möchte ich Sie darauf aufmerksam machen. Die Maschine, die ich von
+Hause mitgebracht hatte, ging entzwei und so mußte ich diese in Yokohama
+kaufen. Offen gestanden hatte ich anfangs zu ihr kein großes Vertrauen,
+aber nun sehe ich zu meinem Erstaunen, daß sie vorzüglich ist. Schade,
+daß ich nicht noch mehr davon gekauft habe! Sie ist weit billiger als
+die unsrige, aber trotzdem ist sie besser und bequemer zur Handhabung.
+In der Tat sind die Herren Japaner ein wunderbares Volk! Alles können
+sie leisten, nichts ist ihnen unmöglich!«
+
+Dabei arbeitete er unentwegt weiter; der Bart ward kürzer und kürzer, er
+besah ihn mit verständnisvollem Gesicht von der Seite und von vorn, von
+fern und nah, schnitt weiter, besah ihn wieder und so ging es eine Weile
+fort, bis ich fast keinen Bart mehr mein eigen nennen konnte. Jetzt
+rühmte er mir die Schnurrbarttracht: »Es ist erreicht!«
+
+B. »Nun müssen Sie aber Ihren Schnurrbart in die Höhe gewöhnen.«
+
+A. »Da ich mich einmal Ihren Meisterhänden anvertraut habe, so machen
+Sie nur, wie es Ihnen gefällt! Die Verantwortlichkeit liegt ganz bei
+Ihnen.«
+
+B. »Sehr gut, mein Herr! Sie brauchen nicht im geringsten besorgt zu
+sein! Mit diesem Brenneisen werde ich nun Ihren Schnurrbart ausziehen.
+So...., ach wie schneidig Sie nun aussehen! Sie sehen wie ein echter
+Deutscher aus! Aber zu einem eleganten Herrn ist ein Parfüm wohl
+unentbehrlich. Kaufen Sie doch ein Fläschchen, ich habe alle Sorten in
+meinem Schrank vorrätig -- hier, das ist Veilchen... o, wie schön das
+riecht!... dies hier ist Heliotrop, auch was Feines... Das Kostbarste
+ist aber dieses Fläschchen, Herr! Das ist Rosenöl... der edelste Tropfen
+überhaupt, den es gibt!«
+
+A. »Sie verstehen Ihre Sachen gut anzupreisen, Herr Barbier! Sie sind
+ein tüchtiger Geschäftsmann, vor dem man auf seiner Hut sein muß. Doch
+werde ich Ihnen zu Liebe ein Fläschchen abkaufen, es sei denn, daß Sie
+Ihre Sachen nicht so teuer losschlagen.«
+
+B. »I, Gott bewahre! Daß ich der reellste Mensch bin, das wissen ja alle
+Mannschaften und Passagiere des »König Albert.« Außerdem sind alle
+meine Sachen zollfrei und Sie werden sie ebenso billig kriegen wie
+in Deutschland... Ist Ihnen denn sonst nichts gefällig? Hier, diese
+Schnurrbartbinde? Kämme? Pomade?«
+
+Da aber seine Aufmunterungen zu weiteren Ankäufen bei mir nicht
+verfangen wollten, so schlug er ein anderes Thema an, indem er sagte:
+
+B. »Hören Sie, mein Herr! Die Haare der Herren Japaner sind doppelt so
+stark wie die der Europäer. Meine Werkzeuge werden demnach doppelt so
+schnell stumpf. Außerdem fliegen die struppigen Haare im Zimmer umher
+und ich muß meine Augen wohl in Acht nehmen.«
+
+Ich merkte aus seinen Reden heraus, daß er auf ein tüchtiges Trinkgeld
+reflektierte und sagte ganz verschmitzt:
+
+A. »Ganz recht! Die Arbeit eines Barbiers mag wohl eine recht schwere
+sein, besonders wenn er einen unserer Landsleute unter seiner Schere
+hat. Aber ein geschickter Meister wie Sie weiß in allem Bescheid. Ihnen
+macht wohl ein so eigenartiges Haar wie das unsrige viel Spaß beim
+Schneiden, nicht wahr?«
+
+In der Tat hatte aber der Barbier recht. Denn durch den Luftzug des
+Ventilators, der sehr gut funktionierte und die drückend heiße Luft der
+Barbierstube bedeutend herabsetzte, flogen unsere struppigen Haare in
+dem Raum umher, daß die Insassen nicht wenig davon belästigt wurden. Im
+großen und ganzen habe ich gesehen, daß der deutsche Barbier bei
+weitem ungeschickter ist als der unsrige. Außerdem ist letzterer viel
+peinlicher und vorsichtiger. -- In Schweiß gebadet, mit Haaren bedeckt,
+kam ich, eine kleine Flasche Parfüm in der Hand und unter dem Kinn den
+winzigen Schnurrbart, den letzten Rest meines ehemaligen Vollbartes,
+zurück. Einmal und nicht wieder! -- Später erfuhr ich, daß es allen
+meinen Landsleuten ebenso ergangen war und daß jeder eine Flasche Parfüm
+erstanden hatte.
+
+
+Der japanisch-russische Krieg.
+
+Unter den Passagieren befanden sich Engländer, Franzosen und Deutsche in
+ziemlich gleicher Zahl und so oft diese auf dem Verdeck zusammenkamen,
+wurden Gespräche über allerhand politische Gegenstände geführt. Wovon
+man uns besonders oft erzählte, das war der japanisch-chinesische Krieg
+und die große Tapferkeit der japanischen Soldaten, welche, wie man
+meinte, in jeder Beziehung die chinesischen bedeutend übertreffen,
+speziell im Punkte der Mannszucht und Disziplin. Es wurde auch viel
+von der großen Beute erzählt, welche die verbündeten Soldaten bei
+den letzten Unruhen in Nordchina gemacht hätten. Einige französische
+Kaufleute, welche sich auf der Rückreise von China befanden, berichteten
+uns genaue Einzelheiten und behaupteten, daß bei diesen Wirren ein
+ungeheurer Reichtum von China nach Europa transportiert worden sei: so
+zeigte einer von ihnen eine sehr schöne Uhr, eine goldene mit mehreren
+Kapseln versehene Taschenuhr, verschwenderisch mit Edelsteinen und
+Brillanten übersäet, und erzählte hierbei, daß dieselbe aus dem
+kaiserlichen Palast in Peking stammen solle. -- Ein anderer, erst in
+Singapore an Bord gekommener Passagier bemerkte mit ernster Miene, daß
+er bei seiner Abfahrt ein Gerücht vernommen hätte, daß zwischen Japan
+und Rußland ein Krieg ausgebrochen sei. Wir glaubten dies zwar nicht,
+immerhin aber war ein neues Thema angeregt und von allen Seiten wurde
+über dasselbe lebhaft debattiert. Der Brennpunkt war die Frage: welche
+der beiden Nationen Sieger bleiben werde? Wir hörten ruhig mit zu und
+nach längerem Hin- und Herraten stellte sich als Resultat heraus,
+daß Japan bei einem kürzeren Kriege die meisten Chancen hätte! Jedoch
+würden, falls der Krieg sich längere Zeit hinziehen würde, die Russen
+wohl imstande sein, die Oberhand zu gewinnen, da sie bei der Größe
+ihres Reiches im Verhältnis zu dem kleinen Japan dieses an Menschenzahl
+übertreffen. Wir enthielten uns jeder Äußerung, da trat ein
+hochgewachsener Mann mit großem Vollbart ungeduldig in den Kreis und
+sagte mit ernster, dröhnender Stimme: »Was kann denn Rußland gegen
+Japan ausrichten? Japan besitzt ja bei strengster Disziplin eine
+ausgezeichnete Kriegsmacht und eine wohlgerüstete Flotte von 25 000
+Tonnen. Die russischen Barbaren, die nur zum Sengen und Brennen, Rauben
+und Morden geeignet sind, können gegen ein so vorzüglich organisiertes
+Heer nichts tun. Wenn einige behaupten, daß die Japaner im Körperbau
+kleiner sind als die Russen, und infolgedessen im Kampfe Mann gegen Mann
+nicht standhalten könnten, so muß ich dies entschieden bestreiten, denn
+im Kriege ist der Körperbau der einzelnen Soldaten nicht maßgebend,
+sondern der in ihnen wohnende Geist, die Opferfreudigkeit, die
+Ausdauer, der unerschütterliche Mut, der den Tod nicht scheut, das
+Nationalbewußtsein, welches sie, treu ergeben bis zum letzten Atemzuge,
+ihr Leben hingeben läßt. Alle diese Tugenden sind den japanischen
+Soldaten eigen. Daß übrigens der moderne Krieg kein Kampf der einzelnen
+Menschen gegeneinander, sondern ein Wettstreit der materiellen wie der
+geistigen Kräfte ist, ist jedem wohl bekannt. Der Umstand, daß Rußland
+infolge der Größe seines Landes viel mehr Menschen ins Feld stellen
+könnte, hat auch nicht viel zu sagen; denn bei einem Kriege ist die
+Beweglichkeit der Truppen ausschlaggebend und nicht ihre Zahl. Daß die
+Japaner die flinksten Soldaten waren, das haben sie bei den letzten
+Unruhen in Nordchina vor den Augen der verbündeten Soldaten Europas und
+Amerikas vortrefflich bewiesen. Bei einer noch so langen Lanze kann
+nur die Spitze töten und die Ochsen können nicht mit Hasen um die
+Wette laufen. Die Russen haben auch unser Land vernichtet, unser Volk
+ermordet; ich habe mit meinen eigenen Augen gesehen, wie sie meine
+Eltern und Geschwister getötet haben. Wir haben Rache geschworen gegen
+diese Unmenschen. Wir haben noch zwei Millionen kriegstüchtige Männer,
+die stets bereit sind, die Waffen gegen Rußland zu kehren. Wenn also
+Japan mit Rußland in Krieg gerät, so würden wir die Russen von hinten
+anfallen, auch wenn wir dieses Unterfangen mit dem Leben bezahlen
+müßten. Wir würden alles opfern und Japan zur Seite stehen!«
+
+Wer ist denn der? fragten wir uns verwundert, worauf der Unbekannte
+unter lautem Seufzer erwiderte, daß er einer der unglücklichen,
+mißhandelten, heimatlosen Polen sei. Ob seine Reden Beifall fanden oder
+nicht, wissen wir nicht; aber wir bemerkten, daß, als er die Grausamkeit
+der Russen erwähnte, seine Augen funkelten, seine Glieder zitterten, und
+in dem Augenblick, als er seine geballte Faust erhob, konnte man wohl
+ermessen, welch glühender Haß ihn gegen die Russen beseelte. Durch das
+Feuer seiner Rede hingerissen, dachten wir unwillkürlich an das traurige
+Ende seines Reiches und fühlten mit ihm. Wir konnten nicht umhin, uns im
+Stillen zu sagen, daß manches von dem Vorgebrachten wahr sei, wenn wir
+auch nicht alles glaubten, was uns dieser Pole mit Feuereifer vortrug.
+
+
+Die Mahlzeiten auf dem Schiffe.
+
+Hans Küchenmeister, dem wir unsern leiblichen Teil anvertraut hatten,
+verstand seine Sache vortrefflich, sodaß wir unter seiner Obhut gut
+aufgehoben waren. Zudem war er sehr freigebig. Denn jeden Mittag und
+Abend bestand die Speisenfolge aus vielen Gängen, sodaß man trotz des
+gutes Appetites, den die frische Seeluft bei sämtlichen Passagieren
+erregte, nicht alles verzehren konnte. Morgens früh um 6 Uhr gab es das
+erste Frühstück mit Kaffee oder Tee, Brödchen, Früchten u. s. w., um
+8 Uhr das zweite, dazu eine warme Fleischspeise, um 11 Uhr Kaffee mit
+einem kleinen Imbiß, mittags gegen 1 Uhr das große Mittagessen mit
+vielen Gängen, dann nachmittags um 4 Uhr wieder Kaffee und um 7 Uhr das
+Abendessen, dem um 9 Uhr noch einmal Kaffee, Tee, Zitronenwasser oder
+sonstige erfrischende Getränke folgten. Ich muß wirklich gestehen, daß
+die Verpflegung auf dem Schiffe gut, sehr gut war, und doch hatte ich
+eins zu tadeln und das waren die salzigen Speisen. Als ich am ersten
+Tage meines Aufenthaltes an Bord den ersten Löffel Suppe zu Munde
+führte, glaubte ich reines Salzwasser getrunken zu haben, sodaß ich
+den Löffel sofort fortlegte, und so wie mir erging es meinen sämtlichen
+Landsleuten. Einige Tage konnten wir nichts essen, bis uns der Hunger
+quälte und wir uns nach und nach an die salzige Kost gewöhnen lernten.
+Daß der Hunger der beste Koch sei, gilt also erst recht auf dem
+Schiffe! Zwar hatte ich schon in der Heimat gehört, daß die Gerichte der
+Deutschen viel schärfer als die unsrigen wären, aber wir hatten nicht
+geahnt, daß die Speisen bei ihnen so salzig genossen würden. Daß wir
+nach dem Essen immer ungeheuren Durst empfanden, ist selbstverständlich
+und wir konnten uns nun erklären, weshalb täglich soviel Bier verzapft
+wurde und weshalb die Deutschen so große Mengen dieses Gebräues
+vertilgen.
+
+[Illustration: Ein Schiff in Sicht.]
+
+
+Charakterskizzen einzelner Nationen.
+
+Unter den vielen Nationalitäten, die sich an Bord befanden, traten die
+verschiedensten Gebräuche und Gewohnheiten hervor. So fiel es mir auf,
+daß die Engländer -- Damen wie Herren -- besonderes Gewicht auf die
+Toilette legten. Beim Abendessen z. B. erschienen die Engländer stets in
+schwarzer Kleidung, während die andern Passagiere sich so zeigten, wie
+sie gerade angezogen waren, und sich nicht erst besonders
+umkleideten. Ebenso erschienen die englischen Damen dekolletiert in
+Gesellschaftstoilette. Am Sonntag zum Gottesdienst waren fast immer nur
+Engländer zugegen, die der Predigt ihres landsmännischen Predigers,
+der lange als Missionar in China tätig gewesen sein sollte, andächtig
+zuhörten. Andere Nationen erschienen zu dieser Feier höchst selten. Auch
+waren es ausnahmsweise Engländer, die sich mit großer Beweglichkeit an
+den Spielen beteiligten und sich dabei selbst alte Leute mit den Kindern
+vergnügten. Daß die Engländer auch im Kartenspiel groß sind, habe
+ich bereits oben erwähnt. -- In Colombo war eine englische
+Schauspielertruppe an Bord gekommen. Das Benehmen derselben aber war
+nicht gerade lobenswert zu nennen. Sie waren zwar lebhaft, hatten aber
+wenig feine Manieren, wie sie bei andern ihrer Landsleute oft zu finden
+sind; besonders war das Singen, Schreien, Trinken u. s. w. der Damen
+recht unschön, sodaß wir ordentlich aufatmeten, als diese Gesellschaft
+das Schiff verließ.
+
+Die Deutschen sind stillerer Natur; sie sitzen gewöhnlich bei einem
+Glase Bier, rauchen Zigarren oder lesen irgend etwas, was sie auf
+dem Schiff bekommen, wie Novellen, Reisebeschreibungen u. s. w., die
+Bibliothek des Schiffes steht zwar jedem jederzeit zur Verfügung, wird
+aber am meisten von Deutschen in Anspruch genommen. Die interessantesten
+Bücher gehen stets von einem Deutschen zum andern, sodaß wir diese kaum
+zum Lesen erhielten. Einige von ihnen sitzen im Winkel des Rauchsalons
+und sind so in ihre Lektüre vertieft, daß sie kaum merken, was um sie
+vorgeht. Um ihr Äußeres bekümmern sich die Deutschen bedeutend weniger
+als die Engländer, sie geben sich ganz ungezwungen. Von ihnen kann man
+sagen: wahrlich ein leselustiges Volk.
+
+Die Franzosen sind immer aufgeweckt, fröhlich und gesprächig, sie
+gehen meistens in laut geführter Unterhaltung auf dem Promenadendeck
+spazieren, mischen sich in jedes Gespräch, spielen Karten, trinken,
+rauchen Cigaretten und sind immer vergnügt und guter Dinge. Ich sprach
+mit einem Franzosen und sagte, daß seine Landsleute zwar sehr leutselig,
+gewandt im Verkehr und witzig seien, aber daß sie in mancher Beziehung
+zu leichtlebig und ihrer Regierung allzuoft Sorgen bereiten, sodaß
+diese stets darauf bedacht sein müsse, neue Ablenkungen für das Volk zu
+finden, wenn es sich nicht allzuviel mit den politischen Angelegenheiten
+beschäftigen sollte. Da sagte mir der Franzose, daß diese Ansichten fast
+von allen Menschen geteilt, aber in Wirklichkeit nicht zutreffend seien.
+Er meinte, man könne wohl die Pariser so beurteilen, aber wenn man von
+dem ganzen französischen Volke spräche, so sei dies etwas übertrieben.
+Paris ist eine Weltstadt, in der alle Nationen in großer Anzahl
+vertreten sind; will man daher echte Franzosen kennen lernen, so darf
+man diese nicht in Paris suchen. Wenn man einmal ins Innere des Landes
+kommt, wird man ein Volk mit stillerem, ruhigerem Charakter antreffen,
+das von den sogenannten Parisern sehr absticht. Schlicht, einfach und
+gehorsam, sanft wie ein Lämmchen, kümmern sich diese Leute wenig oder
+garnicht um Politik. Als ein Beispiel dafür könnte man jene merkwürdige
+Begebenheit mit Dreyfus anführen, über den in Paris so viel geschrieben
+und gesprochen wurde. Man nahm an, daß dies die Stimme ganz Frankreichs
+wäre, in Wirklichkeit aber wußte man außerhalb von Paris nur wenig
+von ihm. Während die ganze Stadt in großer Aufregung war, als der
+Verurteilte nach seinem Verbannungsorte geschickt werden sollte,
+stand man dieser Sache im Lande ziemlich kühl gegenüber. Um den echten
+Franzosen kennen zu lernen, sollte man also ins Innere gehen, nur dort
+kann man Land und Leute richtig beurteilen. Ich gab seinen Ausführungen
+Recht und versicherte ihm, daß dieselben viel Überzeugendes hätten.
+
+Wie sich nun unsere Landsleute auf dem Schiffe bewegten, was sie
+trieben und wie sie lebten, brauche ich hier nicht zu erörtern, denn
+der japanische Charakter ist ja uns allen bekannt. Sollte jedoch irgend
+jemand sein, der es wissen möchte, nun gut, der mag selbst die Reise
+antreten.
+
+
+Die Seekrankheit.
+
+Ja, die Seekrankheit ist eine wunderbare Krankheit! Gottlob, daß sie
+auf unserer Fahrt nicht so schlimm auftrat, trotzdem wir von Colombo bis
+Aden fast fünf Tage lang ziemlich hohen Wellengang hatten. Es ist ein
+unheimliches Gefühl, wenn das Schiff so stark schaukelt, sich jetzt
+auf diese, nun auf jene Seite legt; bald glaubt man in einen Abgrund zu
+versinken, bald zu den Wolken emporgetragen zu werden. Und dann, wenn
+sich das Hinterschiff aus dem Wasser erhebt, das dumpfe Getöse der
+Schrauben, das man noch lange nach beendigter Fahrt zu vernehmen glaubt.
+An einem besonders stürmischen Tage konnten die meisten den Speisesaal
+nicht betreten. Eine Dame war vom Anfang der Fahrt bis zum Ende
+seekrank, sodaß sie fortwährend auf dem Verdeck liegen mußte und weder
+essen noch schlafen konnte; sie sah wirklich mitleiderregend aus. Ein
+junger Deutscher pflegte sie sehr aufopfernd, sodaß man glauben konnte,
+die beiden ständen sich auch im sonstigen Leben näher. Beide verließen
+das Schiff in Neapel, um ihre Reise von dort aus zu Land fortzusetzen.
+Unsere besten Wünsche begleiteten sie, und wir hofften, daß sie
+glücklich und gesund ihre Heimat erreicht haben.
+
+Gegen die Seekrankheit gibt es meiner Erfahrung nach zwei
+Verhaltungsweisen, entweder man liegt ganz still oder man bewegt sich
+fortwährend so viel wie nur irgend möglich. Ich habe bemerkt, daß
+korpulente Personen mehr von dieser Krankheit geplagt wurden, als andere
+Menschen. Unter meinen Landsleuten befand sich auch einer, der sehr
+leicht seekrank wurde, er blieb die meiste Zeit in der Kajüte und ließ
+sich selten sehen. Beim Essen erschien er -- da der Hunger ihn plagte --
+aß sehr schnell, fast ohne zu kauen und -- verschwand. Gingen wir jedoch
+an Land, so war unsere Kolonie stets vollzählig, sodaß wir es hinnehmen
+mußten, als ein Deutscher zu uns sagte: »Eigentümlich, wenn Sie an Land
+gehen, sind Sie vollzählig, sonst nicht.«
+
+Ich habe stets mit meiner Seetüchtigkeit geprahlt und sie auch auf
+der ganzen Fahrt bewahrt, ausgenommen an einem Tage. An diesem Tage,
+glücklicherweise dem einzigen während der ganzen Seereise, bin auch
+ich ein Opfer dieser heimtückischen Krankheit geworden. Das wollte ich
+eigentlich geheim halten, aber da ich versprochen habe, meine Erlebnisse
+treu mitzuteilen, so fühle ich mich verpflichtet, der Wahrheit zu Ehren
+auch dieses zu berichten. Die Seekrankheit verursacht ein geradezu
+unbeschreibliches Gefühl, zumal wenn man, wie ich, beim Bade von ihr
+überrascht wird. Eine große Welle stürmte heran, der ganze Schiffbau hob
+und senkte sich in schaukelnder Bewegung; es hob und senkte sich auch
+mir im Innern, sodaß ich das Gleichgewicht verlor und vergebens nach
+einem Halt suchte... Der Angstschweiß trat mir auf die Stirn... es
+schwindelte mir vor den Augen... der Magen krampfte sich zusammen... ein
+Pressen im ganzen Körper... »und es wallet und brauset und siedet« und
+-- ich war seekrank, ich, der ich sonst mit mitleidigem Lächeln auf die
+seeschwachen Passagiere herabschaute! Gottlob, daß diese Krankheit sonst
+keine nachteiligen Folgen hat! Glücklich derjenige, dem es vergönnt ist,
+von einer solchen Reiseerinnerung verschont zu bleiben!
+
+[Illustration: Auf dem Vorderdeck des »König Albert«.]
+
+
+Der Nebel.
+
+Eine der gefährlichsten Erscheinungen während der Fahrt ist der Nebel,
+und zwar am gefährlichsten, wenn das Schiff sich in der Nähe eines
+Strandes oder gar einer Klippe oder Sandbank befindet. Ein Sturm ist
+zwar für Schiffe ebenfalls gefährlich, jedoch kann man bei der festen,
+soliden Bauart der heutigen großen Dampfer und der theoretisch wie
+praktisch hochstehenden Ausbildung der Führer einem Sturm mit Ruhe
+entgegensehen, zumal wenn sich das Schiff auf hoher See befindet. Etwas
+anderes ist es aber mit dem Nebel, da nützt sowohl die Festigkeit des
+Schiffes als auch die kunstgerechte Führung fast garnichts, denn bei
+dichtem Nebel kann man ja kaum zwei Schritte weit sehen. Zwar werden
+allerlei Mittel angewendet, um die Gefahr zu verringern; man hat auch
+die verschiedensten Apparate erfunden, um die augenblickliche Lage des
+Schiffes möglichst genau zu bestimmen, aber trotz alledem ist bei einem
+Nebel die Gefahr für Schiff und Besatzung bei weitem größer als bei
+einem Sturm. Als wir von Hongkong nach Singapore fuhren und uns nicht
+weit von der Insel Formosa befanden, wurden wir eines Morgens von
+einem dichten Nebel überrascht. Dieser Teil des Meeres ist wegen der
+zahlreichen Klippen, welche jene Insel umgeben, den Schiffern als
+einer der gefährlichsten bekannt. Es verursacht ein unheimliches und
+angstvolles Gefühl, wenn auf dem Schiffe allerlei Anstalten getroffen
+werden, die auf eine ernste Gefahr hindeuten. Die Fahrgeschwindigkeit
+wird auf ein Minimum herabgesetzt, nur langsam bewegt sich das Schiff
+vorwärts; von Zeit zu Zeit liegt es ganz still. Die Glocken werden in
+einem fort geläutet; die Dampfpfeife und das Nebelhorn ertönen, um
+bei etwaiger Annäherung eines anderen Schiffes einen Zusammenstoß zu
+vermeiden, dazwischen hört man das Kommando der Offiziere. Zwar sind
+die stärksten elektrischen Lichter angezündet; da man sich jedoch
+gegenseitig auf ein paar Schritte kaum erkennen kann, so ist klar, daß
+auch dies wenig hilft. In solch einer ernsten Stunde hört alles lebhafte
+Treiben an Bord auf; es wird totenstill und jeder hat mit sich selbst
+zu tun. Er denkt an das, was ihm im Leben am nächsten steht, läßt so
+manches an sich im Geiste vorüberziehen, sein fernes Heim, seine lieben
+Angehörigen, die von dem furchtbaren Ernst der Stunde keine Ahnung
+haben. Dieser angstvolle Zustand währte etwa drei Stunden, und als dann
+der dichte Nebelschleier zerriß, sahen wir auf der einen Seite, nicht
+allzuweit von uns, einen Postdampfer vorüberfahren. Bei diesem Anblick
+befiel uns unwillkürlich ein Grausen. Was hätte uns zustoßen können,
+wenn sich der Nebel nicht aufgeklärt hätte! Durch Gottes Hilfe war
+diesmal ein Unglück vermieden, sonst hätten wir vielleicht hier ein
+nasses Grab in dem unendlichen Meere gefunden. Das schöne Lied von
+Goethe möchte ich hier anführen, worin er »die glückliche Fahrt« --
+freilich weniger nach gefährlichem Nebel als nach lang anhaltender
+Windstille -- besingt:
+
+ »Die Nebel zerreißen,
+ Der Himmel ist helle
+ Und Äolus löset
+ Das ängstliche Band.
+ Es säuseln die Winde,
+ Es rührt sich der Schiffer.
+ Geschwinde! Geschwinde!
+ Es teilt sich die Welle,
+ Es naht sich die Ferne;
+ Schon seh' ich das Land!«
+
+
+Die Schiffsbegleiter.
+
+Wirklich interessante Erscheinungen sind die verschiedenen Tierarten,
+welche dem Schiffe unterwegs begegnen oder dasselbe ein Stück begleiten.
+Zunächst sind es die Möven, jene schöne Art von Seevögeln, welche in
+großer Anzahl das Schiff umkreisen. Wenn sich letzteres dem Strande oder
+dem Hafen nähert, sieht man viele hunderte von diesen Vögeln, die auf
+den Augenblick warten, wo alle Überbleibsel der Speisen, wie Brot,
+Fleisch u. dergl., über Bord geworfen werden. Es ist ein sehr
+anziehendes Schauspiel, wenn diese Seevögel, nachdem sie eine Zeitlang
+durch die Luft geschwebt sind, mit einem Male zum Wasser hinabschießen,
+um kleine Fische zu fangen. Einige tauchen unter, andere bleiben so
+recht vergnügt auf der Oberfläche der Wellen. Wenn man von Bord aus
+dieses lustige, harmlose Treiben zwischen dem blauen Himmel und dem
+grünen Meere betrachtet, so könnte man diese zierlichen Tiere beinahe
+beneiden und meinen, man möchte wohl auch solch ein Vogel sein, um so
+recht vergnügt und froher Dinge in der freien Luft zu schweben und sich
+ohne Sorgen in Gesellschaft der Kameraden zu tummeln. Aber auch diese
+Vögel haben ein Leben voller Gefahren. So sahen wir eines Abends einige
+Möven, welche unserem Schiffe folgten und vor Mattigkeit kaum noch
+zu fliegen vermochten. Diese hatten sich wahrscheinlich von ihrem
+heimatlichen Strande zu weit entfernt und konnten ihn nicht
+mehr erreichen. Sie waren so matt, daß sie sich, ohne vor uns
+zurückzuschrecken, am Schiffsgeländer niederließen und sich mit bloßen
+Händen fangen ließen. Am nächsten Morgen gaben wir unsere kleinen
+Gefangenen, nachdem wir sie tüchtig gefüttert hatten, wieder frei, in
+der Hoffnung, daß sie den Weg zum heimatlichen Strande zurückfinden
+würden.
+
+Die eintönige Fahrt wird ferner durch die fliegenden Fische
+unterbrochen. Diese sind jedoch nicht überall anzutreffen; sie scheinen
+bestimmte Strecken im Meere zu verschiedenen Zeiten aufzusuchen. So
+sahen wir sie tagelang garnicht, an anderen Tagen dagegen konnten wir
+sie in bedeutender Zahl beobachten. Sie schnellen mittels ihrer großen
+langen Flossen über die Oberfläche des Wassers wie ein abgeschossener
+Pfeil dahin. Von weitem hat ihre Fortbewegung viel Ähnlichkeit mit dem
+Fluge einer Schwalbe.
+
+Das Interessanteste von allem aber war unsere Begegnung mit einem
+Walfisch. Ca. 400-500 m vom Schiffe entfernt, entdeckten wir eines Tages
+ein schwarzes Etwas. Wir glaubten ein Wrack oder eine Klippe vor uns zu
+haben, aber als wir einige Zeit aufmerksam hingesehen hatten, bemerkten
+wir, daß diese schwarze Masse sich immer mehr hob und dann plötzlich
+verschwand. Dieses wiederholte sich mehrmals. Da auf einmal ragte ein
+Riesenkörper empor, und nun erkannten wir einen mächtigen Walfisch.
+Weil er sich von dem Meere fast senkrecht abhob, konnten wir die ganze
+Gestalt sehr gut erkennen. Wenn wir auch bei der Entfernung die Länge
+des Tieres nicht genau nach Metern zu bemessen vermochten, so war uns
+doch das eine klar, daß wir einen mächtigen Riesen des Meeres vor uns
+hatten. Es war ein imposanter Anblick, dieses Auf- und Untertauchen des
+gewaltigen Tieres, und wir verfolgten dasselbe mit unseren Augen, so
+lange es irgend möglich war. Ich hätte gewünscht, die Fahrt des
+Schiffes auf einige Augenblicke hemmen zu können, damit auch alle andern
+Passagiere an diesem Schauspiel sich hätten weiden können, aber leider
+war es unmöglich, und so mußten die, die es nicht gesehen, mit unserer
+Erzählung fürlieb nehmen.
+
+Nicht so imposant wie diese Riesen sind die Delphine, aber auch sie
+tragen zur Unterhaltung viel bei und bringen einige Abwechslung in das
+Leben an Bord. Wir haben viele Delphine in einzelnen Gruppen beobachten
+können, einmal sogar zu mehreren Hunderten. Sie scheinen ein bis zwei
+Meter groß zu sein, tauchen mit ihrem plumpen Körper kopfüber unter
+oder schnellen aus dem Wasser heraus, um über dem Meeresspiegel ihre
+Kunststücke zu üben. -- So hat auch das Meer durch seine Bewohner seinen
+Tribut zur Unterhaltung der Passagiere dargebracht.
+
+
+Das Leben an Bord.
+
+Demjenigen, der zum ersten Male zu Schiff reist und nun mehrere Wochen
+an Bord zubringen muß, wird eigentümlich zu Mute, wenn er sich sein
+neues Heim näher ansieht. So will ich denn hier versuchen, meinen Lesern
+und besonders meinen jungen Freunden in der Heimat einen flüchtigen
+Einblick in dieses neue Leben zu verschaffen, damit sie bei einer
+späteren Reise besser Bescheid wissen. Zunächst die Kajüte. Man denke
+sich einen Raum von 2½ bis 3 m im Quadrat, auf der einen Seite zwei
+Bettstellen übereinander und neben diesen einen Kleiderschrank von etwa
+½ m Breite und ½ m Tiefe, auf der andern ein Sofa. Zwischen Sofa
+und Betten befinden sich zwei große Spiegel mit Waschtoilette schräg
+gegenüberliegend, sodaß zwischen diesen noch ein freier, allerdings
+nicht großer Raum übrig bleibt. Hier stehen die kleineren Koffer, das
+sogenannte Handgepäck, während die großen Koffer in dem Magazin für
+Passagiergepäck aufbewahrt werden, das täglich zu einer bestimmten Zeit
+den Reisenden zugänglich ist. Eine Leiter für den Inhaber des oberen
+Bettes ist selbstverständlich auch vorhanden, damit sich derselbe in
+seine in der ersten Etage liegenden Gemächer zurückziehen kann. Die
+Waschtoilette besteht aus Waschschüssel, Wasserkaraffe, Gläsern,
+Nachtgeschirr, Seife und Handtüchern und ist äußerst praktisch
+eingerichtet; man braucht sie nur herunterzuklappen, dann hat man eine
+hübsche große Fläche mit dem Nötigen vor sich. Nach Benutzung klappt man
+alles wieder hoch und spart auf diese Weise viel Raum. Auf dem Schiffe
+muß man sich überhaupt daran gewöhnen, mit wenig Raum auszukommen, da
+dieser das Kostbarste in der schwimmenden Wohnung ist. Zum Zudecken
+des Körpers während des Schlafes benutzt man wollene Decken, welche vom
+Schiffe geliefert werden. Das ist die ganze »komfortable« Einrichtung
+einer Kajüte. Anfangs schien es mir, als ob ich mich in dieser engen
+Behausung nicht frei bewegen könnte, ohne irgendwo anzustoßen, vermochte
+ich doch mit ausgestreckten Armen die Decke zu berühren! Obwohl wir
+Japaner so zierlich gebaut sind, kam mir meine neue Welt doch so winzig
+vor, daß ich glaubte, ich hätte selbst für meine kleine Person keinen
+Platz darin. Aber wie der Mensch sich an alles gewöhnt, so gewöhnten
+auch wir uns bald an unsere Kajüte und meinten später ein großes Reich
+zu besitzen. Man bedenke, ein Handausstrecken genügt, und alles was
+man haben will, kann man erreichen und fassen: kann es etwas bequemeres
+geben? So fühlten wir uns in diesem engen Raum am Ende ganz wohl, vor
+allen Dingen fanden wir ihn sehr praktisch. Wenn man an die vielen
+Zimmer denkt, die man sonst zu Hause zu bewohnen pflegt, dann muß man
+sich unwillkürlich sagen: Welch' eine Verschwendung, welch ein großer
+Luxus ist eine so große Wohnung! Kann man doch mit bedeutend weniger
+auskommen! So dachten wir oft verständnisvoll an den Griechen Diogenes,
+der in einer Tonne gelebt haben soll, an Sokrates, der gesagt hat,
+daß Nichts bedürfen göttlich sei, daß demnach derjenige, welcher am
+wenigsten bedürfe, der Gottheit am nächsten sei.
+
+Die Einrichtung der Kajüten der ersten und zweiten Klasse ist so
+ziemlich gleich, nur sind sie in der ersten Klasse etwas geräumiger und
+haben eine bessere Ausstattung. Meine Kajüte hatte einen Vorzug, das
+waren zwei Luken, durch die sie frische Luft und Licht erhielt; bei
+schönem Wetter blickte auch wohl die Sonne herein und verlieh dem
+Raum ein freundliches Aussehen. Die Kajüten aber, die in der Mitte
+des Schiffes liegen, sind dunkel und ohne Luken, sodaß man stets
+elektrisches Licht anzünden muß, um einigermaßen sehen zu können;
+außerdem sind sie mit einem Ventilator versehen, welcher elektrisch
+betrieben wird und für frische Luft sorgt. Aber leider ist seine
+Tätigkeit nur in einer bestimmten Höhe fühlbar, denn ober- und unterhalb
+derselben entsteht kein Luftzug, sodaß im ganzen in einer solchen Kabine
+keine angenehme Luft herrscht. Noch einen andern Übelstand bringt der
+Ventilator mit sich, das ist sein Geräusch, welches recht unangenehm auf
+die Nerven wirkt.
+
+Nachdem man des Nachts in der Kajüte der Ruhe gepflegt hat, fängt
+mit Anbruch des Tages das Leben auf dem Verdeck an. Sobald die Glocke
+läutet, steht man auf, geht eine Zeitlang auf dem Verdeck spazieren und
+nimmt dann, wenn die Glocke zum zweiten Male ertönt, das erste Frühstück
+ein. Einige jedoch standen schon vor dem ersten Glockenschlag auf
+und wanderten auf dem Verdeck umher, denn es ist unstreitig von allem
+Schönen das Schönste, wenn man sich früh morgens erhebt und die weite
+unendliche See mit dem wunderbaren Aufgang der Sonne betrachtet. Die
+erhabene Unendlichkeit des Meeres, von dem in mattem Rot gefärbten
+Dunstschleier am Horizont begrenzt -- welche Herrlichkeit! Ich mußte
+dabei öfters an ein Gespräch unseres verstorbenen Kultusministers
+Vicomte Mori mit dem chinesischen Staatsmann Li-Hung-Tschang denken, als
+jener noch als Gesandter von Japan am Pekinger Hofe weilte. Li fragte
+ihn nämlich einmal, was er in der Welt für das Schönste und Erhabenste
+halte, worauf jener zur Antwort gab, daß es für ihn nichts Schöneres und
+Erhabeneres gäbe, als wenn er sich mitten auf dem endlosen Meere befinde
+und das Auge über die weite, weite Fläche schweifen ließe. Nur in diesem
+Augenblick fühle man, entrückt von allem irdischen Staube, das wahrhaft
+Schönste und Erhabenste! Li-Hung-Tschang, der auf seine scheinbar
+einfache Frage vielleicht eine politische Antwort zu erhalten geglaubt
+hatte, war ob dieser unerwarteten gefühlvollen Entgegnung nicht wenig
+erstaunt und konnte nicht umhin, sein Gegenüber als einen ebenso
+empfindungsreichen wie geschickten Diplomaten anzuerkennen.
+
+Auf das erste Frühstück folgt, wie schon oben erwähnt, in langem Abstand
+das zweite. Nach diesem wird durch Lesen oder Unterhaltung die Zeit auf
+dem Promenadendeck vertrieben, bis die Glocke zum Mittagessen ruft und
+auch diese Beschäftigung unterbricht. Nach dem Essen folgt die Siesta
+bis zur Vesperzeit. Da sieht man fast alle Passagiere langgestreckt auf
+den Rohrstühlen liegen und schlafen. Erst am Abend, wenn es kühler wird,
+beginnt ein regeres Leben. Da wird der Rauchsalon stark besetzt, auf dem
+Promenadendeck spaziert man paarweise plaudernd umher oder bildet hier
+und da Gruppen, von denen Witzworte hin- und herfliegen. So geht es bis
+spät in die Nacht hinein, um endlich ermüdet seine enge Behausung
+wieder aufzusuchen und, des glücklich überstandenen Tages froh, durch
+erquickenden Schlaf sich zum nächsten Tage zu stärken. Ein Tag gleicht
+dem andern, nur das Ziel rückt immer näher und neugierigen Auges
+betrachtet man den Ort, wo sich das Schiff befindet, auf der an Bord
+befindlichen Landkarte. Jeden Tag einmal wird nämlich auf dieser
+Karte angezeigt, wieviel Meilen das Schiff in den letzten 24 Stunden
+zurückgelegt hat und welche Stelle es augenblicklich einnimmt.
+
+Im allgemeinen kann man sagen, daß nächst dem Essen und Trinken das
+Schlafen die Hauptbeschäftigung der Passagiere ausmacht und daß Morpheus
+vor allen andern Göttern hier sein Szepter schwingt:
+
+ »Hoch vor allen
+ Gaben des Himmlischen
+ Sei mir gepriesen
+ Du, der Seele
+ Lebendes Wasser,
+ Gliederlösender
+ Heiliger Schlaf.
+ -- -- -- -- -- -- --
+ -- -- -- -- -- -- --
+ Ein heilig Bad
+ Bist Du, o Schlummer,
+ Würziger Kraft voll.
+ Mut und Erneuung
+ Atmet die Psyche,
+ Wenn Deine Woge
+ Sanft die bewußtlos
+ Schwimmende trägt
+ Von Leben zu Leben,
+ Von Strand zu Strand.«
+
+So priesen wir mit Geibel den süßen erquickenden Schlaf. Er
+hauptsächlich verscheucht die furchtbare Langeweile während der öden,
+eintönigen Wasserfahrt, sei es, daß er den Schläfer in die Heimat zu
+seinen Lieben entführt, sei es, daß er vor ihm in den prächtigsten
+Farben Zukunftsbilder von dem Lande entrollt, wohin er fährt, die aber
+leider von ebenso kurzer Dauer sind, wie sie der rauhen Wirklichkeit
+wenig entsprechen. Aber auch andere Bilder ziehen vor dem Geiste des
+Träumers vorbei, und nur das Rasseln der Schrauben und das Plätschern
+der Wellen erinnern ihn von Zeit zu Zeit an die Wirklichkeit, an das
+rastlose Vorwärtsstreben des Dampfers.
+
+
+Handel an Bord.
+
+Jedesmal, wenn das Schiff in einen Hafen einläuft, wird es von den
+Landbewohnern besucht, die, mit den verschiedensten Produkten ihres
+Landes reichlich beladen, auf das Deck kommen, um mit den Insassen
+Handel zu treiben. Manchmal ist die Zahl dieser Geschäftsleute so
+ungeheuer und das Gedränge an Bord so groß, daß man sich kaum frei
+bewegen kann. Sie verursachen auch gelegentlich so großen Lärm, daß man
+nicht imstande ist, sein eigenes Wort zu verstehen. Hierbei kann man
+jedoch die verschiedensten Charaktere der Völker sehr gut kennen lernen
+und auch die Art und Weise studieren, wie sie ihre Waren feilbieten.
+
+[Illustration: Ausladen der Fracht in einem Hafen.]
+
+In Hongkong und Shanghai kommen die Chinesen. Gestickte Seide, Tusche,
+Pinsel, Geldstücke, meistenteils alte Kupfermünzen, Schnitzereien aus
+Ebenholz und Elfenbein, goldene und silberne Ringe, Knöpfe, Nadeln,
+Gürtelschlösser u. s. w. sind ihre Spezialitäten. In Penang bringen
+ebenfalls die Chinesen Schmuckgegenstände und insbesondere wunderhübsche
+Kunstkistchen in verschiedenen Größen, aus schönem Holz verfertigt,
+zum Verkauf. In Colombo erscheinen die braunen Eingeborenen mit den
+verschiedensten Sachen aus Elfenbein, mit allerlei Arten von Edelsteinen
+wie Rubinen, Saphiren, Topasen u. s. w., worunter natürlich auch
+viele falsche sind, die aber die Verkäufer mit ernster Miene als
+echte Edelsteine anpreisen. Auch Bergkristalle und Granaten, metallene
+Gegenstände, ferner Gewürz, Tee, Kaffeebohnen, alle möglichen Früchte,
+eigentümliche Waffen aus langen scharfen Knochen von Tieren und Fischen
+u. s. w. werden hier angepriesen. In Port Said werden besonders Brokat,
+goldgestickte Teppiche und Tischdecken in herrlichster Ausführung,
+Korallen, kurze Uhrketten aus Metall mit Geldstücken, Straußenfedern,
+Straußeneierschalen, buntgeflochtene Körbe und anderes angeboten; ferner
+gute und sehr billige Cigaretten, aber man darf leider nicht zu viel
+davon kaufen, denn wenn man nach Italien kommt, werden sie verzollt und
+der Zoll beträgt ungefähr das Doppelte von dem, was man dafür bezahlt
+hat. In Neapel kann man außer verschiedenen feinen Schmuckgegenständen
+geschnitzte Figuren, Knöpfe, Gemmen u. s. w. aus Lava und Marmor als
+Spezialitäten erwerben. Erwähnen möchte ich noch, daß an jedem Orte
+Photographien und Ansichtspostkarten zu haben sind. Die Verkäufer sind
+fast überall zudringliche, mitunter unsaubere Leute, so daß sie Jedem
+Abscheu einflößen und man froh ist, wenn sie das Schiff verlassen haben.
+In einzelnen Häfen kommt man diesen Händlern sogar mit größtem Mißtrauen
+entgegen, da sie als unehrliche Leute bekannt sind, und vorsichtshalber
+werden sämtliche Behälter und Türen verschlossen. In Port Said z. B.
+wurde mit ihnen sehr derb verfahren. Hier erwarteten die Matrosen,
+an der Schiffstreppe mit Knütteln Posten stehend, die Ankömmlinge und
+ließen niemanden herauf. Aber obwohl es Hiebe hagelte, wichen diese
+Kerle nicht von dannen und schließlich gelang es doch einigen von ihnen,
+hindurchzuschlüpfen oder die Matrosen mit Geld oder Waren zu bestechen.
+Gerade in Port Said, wo die Kaufleute den verschiedensten Völkern
+angehören, wie Indern, Arabern, Italienern u. a. m., widert einen die
+Gesellschaft besonders an, so daß man mit Ekel die angebotenen Sachen
+zurückstößt. Zudem sprechen diese Händler eine eigentümliche, man
+könnte sagen, eigene Weltsprache, d. h. ein Gemisch von allen Sprachen,
+Englisch, Italienisch, Französisch, Deutsch, Arabisch u. s. w., von
+jeder Sprache etwas. Im allgemeinen wird sonst Englisch gesprochen,
+oder richtiger gesagt, geschrien. Doch geht der Handel mitunter auch
+sprachlos mittelst Gestikulationen, Achselzucken u. s. w. gut von
+statten. Wie unehrlich dieses Gesindel ist, mußte einer von uns bei
+folgender Gelegenheit erkennen: derselbe kaufte eine Photographie und
+bezahlte mit einem Goldstück, worauf der Verkäufer herausgeben sollte;
+aber kaum hatte dieser das Goldstück in der Hand, so verschwand er in
+der großen Menge und kam nicht wieder zum Vorschein. Aber auch, wenn
+diese Kerle herausgeben, muß man vorsichtig sein und aufpassen, da sie
+nicht selten falsches Geld bei sich führen. Auch Wechsler erscheinen mit
+großen Beuteln voll Gold und Silbermünzen an Bord. Diese erhalten zwar
+wegen der hohen Prozente, die sie für sich beanspruchen, wenig
+Aufträge, verdienen aber doch immerhin ganz beträchtlich, da man in den
+verschiedenen Gewässern mit verschiedenen Geldsorten zahlen muß. Auch
+Schneider erscheinen mit Kleidungsstücken, die sie verhältnismäßig
+billig ablassen. Sie kaufen auch von den Passagieren und Mannschaften
+alte Kleider, Wäsche u. s. w. Im allgemeinen sind die Preise der an Bord
+feilgebotenen Gegenstände außerordentlich hoch; man muß deshalb sehr
+handeln und kann gewiß sein, das betreffende Stück schon für die Hälfte
+des geforderten Preises zu erhalten. Die meisten Sachen sind auch
+minderwertig. Die Verkäufer preisen sie jedoch ungeheuer an und wissen
+stets einige davon los zu werden. Natürlich kaufen die Passagiere in
+vielen Fällen für teures Geld Sachen, die keinen Pfennig wert sind --
+ich, der ich imitierte gefärbte Glaskugeln für echte Korallen hielt und
+kaufte, gehörte auch leider zu diesen -- aber man befindet sich einmal
+auf der Reise und da macht es doch Vergnügen, etwas mitzubringen oder
+seinen Lieben aus der Ferne Kleinigkeiten zu senden, auch wenn man diese
+Freude teuer bezahlen muß.
+
+In Singapore, Port Said und Colombo kommen auch viele kleine
+Eingeborene, Knaben, unbekleidet, fast wie Affen aussehend, mit ihren
+Kähnen zum Schiff heran. In Colombo haben dieselben aus Baumstämmen
+ausgehöhlte, langgestreckte Fahrzeuge, welche sie geschickt bewegen.
+Natürlich treiben diese Kinder keinen Handel mit den Schiffsinsassen,
+machen aber ebenso wie die andern Kaufleute gute Geschäfte. Sobald
+sie die Passagiere am Schiffsgeländer erblicken, schreien sie mit
+krächzender Stimme oder zeigen mit der Hand, daß man Geldstücke ins
+Wasser werfen möchte, wonach sie mit unglaublicher Geschicklichkeit
+hinabtauchen. Einzelne von ihnen, die besonders gewandt sind, verdienen
+hierdurch viel Geld. Da sie unbekleidet sind, infolgedessen keine
+Taschen haben, stecken sie die aufgefischten Geldstücke in den Mund. --
+In Neapel sahen wir gleichfalls derartige Taucher, doch waren es hier
+erwachsene Männer in hellen Badeanzügen, ganz fein aussehend. In dieser
+Verschiedenartigkeit prägte sich recht deutlich der Gegensatz zwischen
+den Naturvölkern und der zivilisierten Welt aus.
+
+
+Tanzvergnügen an Bord.
+
+Auf unserer Fahrt fand für die erste und zweite Klasse je ein großes
+Tanzvergnügen statt. Hierzu wurde das Promenadendeck mit farbigen
+Tüchern und Fahnen schön ausgeschmückt und abgegrenzt. Viele farbige
+elektrische Lampen wurden angezündet, so daß man glauben konnte, sich
+nicht auf einem Schiffe, sondern in einem festlich geschmückten Saale zu
+befinden. Sämtliche Herren und Damen erschienen festlich gekleidet: die
+Damen fast ohne Ausnahme in heller Toilette, die Herren in schwarzen
+Gesellschaftsanzügen oder in hellen Sommerkostümen. Nach dem Abendessen
+nahm die Schiffskapelle ihre Plätze ein und begann zu spielen. Als
+Einleitung kam ein Promenadenstück, dann folgten die verschiedenen
+Tänze wie Walzer, Polka, Rheinländer, Quadrille und wie sie alle heißen,
+welche bis tief in die Nacht hinein getanzt wurden. Wir Japaner waren
+auch dazu eingeladen und sahen diesem Treiben mit Vergnügen zu, wenn
+wir denselben auch kein allzugroßes Interesse entgegenbrachten. Die
+elastischen Gestalten drehten sich, einander mit dem Arm umschlingend,
+oder bewegten sich nach dem Kommando eines Herrn von einer Seite zur
+andern durcheinander. Bald glichen sie Schmetterlingen, die paarweis von
+Blume zu Blume flattern, bald sich drehenden Kreiseln. Wie ich hörte,
+sollen alle diese Tänze fast über ganz Europa verbreitet sein, doch soll
+fast ein jedes Land außerdem noch eigene Nationaltänze haben. Überhaupt
+wird in Europa das Tanzen sehr gepflegt und schon in frühester
+Jugend erlernen Knaben und Mädchen diese Kunst entweder im geselligen
+Zusammensein der einzelnen Familien oder bei einem Tanzlehrer, welchem
+selbst Schulen, besonders Mädchenschulen sehr entgegenkommen, so daß sie
+ihm mitunter für seine Tanzstunden die Turnhalle überlassen. So wird
+in Europa fast jede Gelegenheit ausgenutzt, um ein Tanzvergnügen zu
+veranstalten, ungerechnet jene, die in vielen öffentlichen Lokalen
+stattfinden. Ein guter Tänzer wird in Europa sehr gern gesehen und
+eingeladen; er kommt dadurch leichter in die Gesellschaft hinein und
+erhält einen großen Bekanntenkreis, der ihm in mancher Beziehung von
+Nutzen ist.
+
+Im Zusammenhang mit Obigem erzählte mir ein Deutscher, daß in größeren
+Städten große, prachtvoll ausgestattete Säle seien, wo täglich getanzt
+wird, die sogenannten öffentlichen Tanzhallen. Hier jedoch seien
+fast nur Mädchen zu finden, die keinen guten Lebenswandel führen und
+leichtlebige Herren, die auf nicht gerade anständige Art ihr Geld
+verprassen. Die besseren Tanzvergnügungen, d. h. diejenigen, die von
+Familien, Vereinen oder aus einem bestimmten Anlaß für engere Kreise
+veranstaltet werden, haben jedoch -- wenn man so sagen darf -- einen
+Vorteil, und das sind die vielen Ehen, die durch diese gestiftet werden,
+insofern sie es ermöglichen, daß die jungen Leute sich kennen lernen.
+Ich weiß nicht, ob die Eheschließung dem Tanzen wirklich so viel zu
+verdanken hat, auf jeden Fall ist es aber klar, daß der Mensch dadurch
+aufgeheitert und angeregt wird, daß bei manchem ein wirkliches Bedürfnis
+befriedigt und ihm nach anstrengender Arbeit eine wohltuende Erfrischung
+gewährt wird. Gegen diese Lichtseiten hat der Tanz natürlich auch seine
+Schattenseiten, nämlich die, daß gerade dadurch viele Menschen, Männer
+wie Frauen, leichtsinnig werden, die Arbeit im Stich lassen, nur dem
+Vergnügen huldigen, wie denn auch wohl manche moralische Untugenden und
+Laster hier ihre Brutstätte haben.
+
+Auf dem Schiffe bemerkte ich, daß sogar ältere Leute, besonders
+Engländer, viel und gern tanzten, ein Beweis, wie rüstig und gelenkig
+man sich selbst bis ins hohe Alter hinein erhalten kann. Auch bei uns in
+Japan haben wir bereits vor mehreren Jahren versucht, europäische Tänze
+einzuführen, aber da dieselben unserem Geschmack nicht entsprachen, so
+werden sie jetzt nur wenig getanzt. Einzelne Kreise haben seiner Zeit
+sogar einen Maskenball nach europäischem Muster veranstaltet, jedoch ist
+es auch hier bei diesem einen Versuch geblieben. Der Hauptgrund, daß
+wir uns an diese Tänze nicht gewöhnen können, liegt wohl in der
+Verschiedenheit unserer Kleidung, Wohnung und vor allen Dingen unserer
+althergebrachten Musik, welche zum Tanze ungeeignet ist.
+
+Im Zusammenhang hierzu möchte ich einiges über die
+
+
+Schiffskapelle
+
+mitteilen. Auf dem Schiffe wird an jedem Tage mehrere Male konzertiert,
+regelmäßig morgens und abends. Die Kapelle besteht aus Stewards, die
+ihre Sache vortrefflich verstehen und sehr gut spielen. Nachdem sie beim
+Essen aufgewartet und ihre Kellnerpflichten erfüllt haben, begeben sie
+sich auf das Verdeck und beginnen hier ihr Konzert, welches gewöhnlich
+mehrere Stücke umfaßt, jedoch werden vorwiegend lustige Sachen gespielt.
+Ich hatte geglaubt, daß die Kapelle nur aus Berufsmusikern bestände,
+habe mich jedoch davon überzeugt, daß diese nur von den Stewards
+gebildet wurde und konnte mir danach wohl vorstellen, wie weit
+verbreitet und wie hochentwickelt die Musik in Europa sein mag. In
+Europa scheint fast jeder Musiktreibender zu sein und besonders in
+Deutschland, wo die meisten ohne Unterschied des Geschlechtes mindestens
+ein Musikinstrument gut spielen sollen. Bei uns befassen sich fast nur
+Frauen mit Musik, während Männer bloß unter den Berufsmusikern zu finden
+sind. Außerdem fehlt unsern althergebrachten Instrumenten meistenteils
+die Harmonie; sie klingen teils melancholisch, teils eintönig. Auch sind
+sie wegen ihrer leisen Töne nur in einem kleinen Zimmer zu hören, in
+einem großen Raum oder im Freien würden sie einfach verhallen. Daß nach
+dem oben Gesagten unsere althergebrachte Musik nicht zum Tanze geeignet
+ist, versteht sich von selbst.
+
+[Illustration: Musik an Bord.]
+
+In der Tat ist es eine Lücke in der Kultur unseres Landes, daß man
+bisher auf das ästhetisch so bedeutsame Mittel der Musik keine
+besondere Sorgfalt verwendet hat. Es werden jedoch jetzt in den Schulen
+Gesangstunden abgehalten; in der Musikschule, in welcher ein deutscher
+Kapellmeister angestellt ist, werden alle europäischen Musikinstrumente
+gelehrt; die Militär- und Marinekapellen sind ganz nach europäischem
+Muster eingerichtet, auch gibt es eine Hofkapelle und mehrere
+Privatkapellen, die echt europäische Musik vortragen. Aber da die Musik
+ebenso wie die Malerei, ja wie jede Kunst, mit dem Charakter des Volkes
+aufs innigste zusammenhängt, so werden noch Jahre vergehen, bevor sich
+diese Musik in ihrer modernen Technik in unserm Heimatlande eingebürgert
+haben wird. Von einem jungaufblühenden Lande kann man ja nicht
+verlangen, daß es mit einem Schlage in allen Dingen gleich die höchste
+Stufe erreicht; man muß ihm vielmehr Zeit lassen und allmählich wird
+unser Volk sicher auch diese ihm bisher noch fehlenden Talente zur
+Entwickelung bringen, um dann auch hier einen ehrenvollen Platz
+einzunehmen. In materiellen Dingen kann man ja schnell Riesenschritte
+machen, aber in Kunst und Wissenschaft, die dem Volke in Fleisch und
+Blut übergehen sollen, da muß man sich schon in Geduld fassen; doch
+die Zukunft wird auch hierin Wandel schaffen, ja vielleicht Wunder
+vollbringen.
+
+
+Wohltätigkeitskonzerte,
+
+deren Reinertrag für verunglückte Angestellte des >Norddeutschen Lloyd<
+oder deren Witwen und Waisen verwendet werden sollen, werden auf jeder
+Fahrt einmal arrangiert und daran beteiligen sich sämtliche Passagiere.
+Für das unsrige war ein vielseitiges Programm aufgestellt, von dem ich
+hier einige Nummern anführen möchte. Eingeleitet wurde das Fest durch
+Ansprache des Kapitäns und des für dieses Fest gebildeten Komitees,
+worin besonders der Zweck betont und schon im Voraus der Dank für die
+Mildtätigkeit der Teilnehmer und Spender ausgesprochen wurde. Hierauf
+folgten die heiteren Vorträge: ein Herr spielte vorzüglich Klavier, eine
+Dame trug einige Stücke auf der Zither vor, von mehreren Passagieren
+wurden verschiedene kleine Possen aufgeführt, eine junge Dame
+erfreute die Zuhörer durch den Gesang einiger schöner Lieder u. s. w.
+Hervorzuheben war die Leistung eines amerikanischen Offiziers, der als
+Dame verkleidet und schön geschminkt, die drolligsten Sachen vortrug und
+bei sämtlichen Zuhörern wahre Lachsalven erweckte. Hierauf wurden von
+mehreren Damen die Gaben eingesammelt und jeder gab soviel er geben
+konnte. Wie man uns beim Schluß des Festes mitteilte, war eine ziemlich
+bedeutende Summe zusammengekommen.
+
+
+Die entgegengesetzten Gefühle der Hin- und Herreise.
+
+Welch' ein bedeutender Unterschied liegt in den Gefühlen, mit welchen
+man die Hinreise macht und denen, die die Rückreise erweckt, und doch
+wohnen diese beiden Gegensätze auf einem und demselben Schiffe friedlich
+nebeneinander. Ein eifriger Beobachter könnte hier die schönsten Studien
+machen. Um bei uns, die wir uns auf der Fahrt von der Heimat befanden,
+anzufangen, so fühlten wir mit jedem Tage die Entfernung, welche uns von
+unsern Lieben trennte, größer werden. In den ersten Nächten blieb uns
+erquickender Schlummer fern. Denn ein eigentümliches Gefühl, gemischt
+aus der freudigen Aussicht, viel Schönes zu sehen und zu lernen, und
+aus dem Unbehagen, das Vaterland und die Seinigen so lange zu verlassen,
+hielt uns wach. Ja, es war, als ob eine Leere im Herzen entstünde, und
+in gleichem Maße, wie die Entfernung wuchs, glaubte man von Tag zu Tag
+ein Fortschreiten dieser Empfindung wahrzunehmen. Es ist uns dabei zu
+Mute, als ob jemand hinter unserem Rücken stände und uns fortwährend
+nach hinten zöge.
+
+Wie anders dagegen ist das Gefühl derjenigen, die sich auf der Rückreise
+befinden. Mit jedem Tage nähert man sich mehr und mehr der heimatlichen
+Küste und man kann wohl sagen, mit jeder Meile wächst die Freude und die
+Sehnsucht, die Lieben wieder vor sich zu haben, sie sprechen zu hören
+und sie in die Arme schließen zu können. Schon auf dem Schiff erzählten
+die auf der Rückreise Befindlichen gern und viel von der Heimat und man
+fühlt hier so recht die Wahrheit des Wortes: »Weß das Herz voll ist,
+deß läuft der Mund über,« während die Dahinfahrenden -- besonders in
+den ersten Tagen -- meist stumm und nachdenklich den Kopf hängen
+lassen oder, die Hände aufs Schiffsgeländer gestützt, in das weite Meer
+hinausstarren. Man könnte diese beiden Arten, die ich eben geschildert
+habe, als die normalen bezeichnen, denn ein jeder, welcher eine Heimat
+besitzt, wird beim Abschied Schmerz, beim Wiedersehen Freude empfinden.
+
+Nun gibt es aber noch Menschen, die sozusagen keine Heimat haben,
+d. h. die nach einem neuen Ziele streben und die Brücke hinter sich
+vollständig abgebrochen haben, oder solche, die aus reiner Reiselust
+von einem Weltteil zum andern fahren, bald hier, bald dort ihr Heim
+aufschlagen und überall zu Hause sind. Die Gefühle dieser Menschen sind
+selbstverständlich andere, oder vielleicht könnte man von ihnen sagen,
+sie fühlen überhaupt nichts Besonderes, da sie ja nichts zu verlieren
+und nichts zu gewinnen haben.
+
+
+Unser Schiff.
+
+[Illustration: Staatskabine des »König Albert«.]
+
+Wie schon mehrfach erwähnt, hatten wir uns auf dem deutschen
+Reichspostdampfer »König Albert«, dem >Norddeutschen Lloyd< gehörig,
+eingeschifft, und da uns dieser Dampfer bei der Überfahrt so gute
+Dienste geleistet hat, so fühle ich mich verpflichtet, über ihn zu
+schreiben und ihn meinen Landsleuten, die nach mir die Fahrt nach
+Deutschland unternehmen werden, zu empfehlen. Der Dampfer ist ca. 150 m
+lang und 20 m breit und ist der größte Dampfer des >Norddeutschen
+Lloyd<, welcher von Japan nach Deutschland verkehrt. Er kann außer einer
+ungeheuren Ladung noch etwa 2400 Passagiere (davon 2000 dritter Klasse)
+beherbergen. Auf unserer Fahrt wurden an Kajütenpassagieren erster
+und zweiter Klasse aufgenommen 54 Personen in Japan, 40 Personen in
+Shanghai, 40 in Hongkong, 45 in Singapore, 13 in Penang und 15 in
+Colombo. Wie viele Passagiere sich außerdem noch in der dritten
+Klasse befanden, ist mir nicht bekannt. Auch eine ziemlich bedeutende
+Schiffsbesatzung -- ungefähr 200 Köpfe -- war an Bord.
+
+[Illustration: Promenadendeck des »König Albert«.]
+
+Auf dem Dampfer unterscheidet man das Hauptdeck, über diesem das
+Oberdeck, hierüber das untere, dann das obere Promenadendeck und
+ganz oben das kleine Sonnendeck. Vorzüglich eingerichtet und wahrhaft
+künstlerisch ausgestattet ist der Speisesaal, welcher auf dem unteren
+Promenadendeck liegt; ferner das sehr große Musikzimmer, beide für
+Passagiere erster Klasse. Aber auch Speisesaal und Damenzimmer für die
+Passagiere zweiter Klasse, welche sich auf dem Oberdeck befinden, sind
+äußerst geräumig und schön eingerichtet. Für die Passagiere erster
+sowohl wie zweiter Klasse ist je ein Rauchsalon vorhanden. Sämtliche
+Räume werden mittels unzähliger elektrischer Glühlampen erleuchtet.
+Einer besonders luxuriösen Ausstattung erfreut sich die Staatskabine,
+die ihrerseits wieder aus Wohn-, Schlaf- und Badezimmer besteht. Aber
+auch die Kajüten erster und zweiter Klasse sind gut und praktisch
+eingerichtet und man kann in ihnen die lange Überfahrt, auch wenn sie
+sechs Wochen oder noch länger dauert, bequem überstehen. Wir haben uns
+darin jedenfalls sehr wohl gefühlt und ich glaube dasselbe von jedem
+andern Passagier annehmen zu dürfen. Auch die Verpflegung auf dem Schiff
+ist -- wie ich schon einmal erwähnt habe -- geradezu ausgezeichnet,
+ich will nicht verfehlen, auch an dieser Stelle meiner Zufriedenheit
+Ausdruck zu geben. Es ist dies ja nur eine Bestätigung dessen, was
+man öfters sagen hört, daß der >Norddeutsche Lloyd< und
+die >Hamburg-Amerika-Linie<, diese beiden größten deutschen
+Schiffsgesellschaften, alles aufbieten, um die schnellsten und
+größten, zugleich aber auch die bequemsten und mit den neuesten
+Sicherheitsmaßregeln versehenen Schiffe in Dienst zu stellen. Hoffen
+wir, daß es ihnen noch lange gelingen wird, in diesem edlen Wettstreit
+an der Spitze zu bleiben, denn davon würden wir als Passagiere den
+größten Vorteil haben; das Reisen würde immer sicherer und angenehmer
+werden.
+
+[Illustration: Damensalon des »König Albert«.]
+
+
+Trauriges während der Fahrt.
+
+Wie uns auf unserer Fahrt viel Interessantes und Erfreuliches passiert
+ist, so hat es uns aber auch am Gegenteil nicht gefehlt.
+
+Bei einer langen Fahrt, die anderthalb Monate dauert, und bei der großen
+Menge von Fahrgästen, die sich auf unserm Schiff befand, kann es nicht
+vermieden werden, daß manch' unangenehme Ereignisse vorkommen. So
+erzählte man mir, daß fast jede Fahrt Unglücksfälle, ja sogar nicht
+selten Todesfälle aufzuweisen hat. Leider traten diese beiden bei
+unserer Fahrt in verstärktem Maße vor, denn sie fingen bereits nach
+einer Fahrt von acht Tagen an. Zuerst überraschte uns der bereits
+erwähnte Todesfall eines Passagiers, eines Engländers, der mit seiner
+Familie von Japan nach Hause reiste. Der Verstorbene soll lungenleidend
+gewesen sein und hatte wohl von der Seefahrt Stärkung und Besserung
+seiner Krankheit erwartet. Aber der Mensch denkt und Gott lenkt! Der
+Leichnam des Verstorbenen wurde in Hongkong beigesetzt. In wie großer
+Trauer seine Hinterlassenen zurückblieben, läßt sich denken.
+
+Bei der betreffenden Stelle meines Reiseberichts habe ich schon erwähnt,
+wie unerwartet und erschreckend mich die Nachricht getroffen hatte, daß
+in Hongkong mein Freund und früherer Schüler Dr. Okoshi, den ich
+dort aufsuchen wollte, verstorben war, und daß einen Tag vorher sein
+Leichenbegängnis stattgefunden hatte.
+
+Im Indischen Ozean hörten wir plötzlich, daß ein Matrose verschwunden
+sei. Es wurde überall nach ihm gesucht, aber vergebens; er konnte nicht
+aufgefunden werden. Da entdeckte man nach etwa vier Tagen seine Leiche
+im Kohlenlager auf dem Boden des Schiffes. Man nahm an, daß er entweder
+von der ungeheuren Höhe herabgestürzt oder daß er durch Kohlengase
+erstickt sei. Der Leichnam wurde nach Seemannsart in das Meer gesenkt.
+Wohin man einen Leichnam zur Ruhe bestattet -- ob in die dunkle Erde
+oder in das tiefe Meer -- scheint ziemlich gleich zu sein, und doch ist
+es ein unheimliches Gefühl, wenn man sieht, wie in stiller Nacht beim
+Mondschein der Überrest eines unserer Mitmenschen in die Tiefe der
+unendlichen weiten See versenkt wird. Die Erde hat den Menschen geboren
+und es ist naturgemäß, daß er wieder in die Erde hineingesenkt wird.
+Heißt es doch: »Von Erde bist Du geworden, zur Erde sollst Du wieder
+werden!« Nur in der Erde findet man die rechte Ruhe, nur auf der Erde
+kann man einen Grabhügel errichten, mit Denkmal und Blumen zieren, nur
+vor dem Grabhügel haben die Hinterbliebenen das Gefühl, dem Toten immer
+noch nahe zu sein. In dem ewig bewegten Meere, in dem wild stürmenden
+Element scheint uns ein sanftes Ruhen nicht möglich. Doch des Seemanns
+Los ist es, daß er fern von der Heimat in der Tiefe der See sein Grab
+findet, wo kein Hügel, kein Stein später an ihn erinnert. Aber trotzdem
+wünscht sich jeder Seemann gerade den Tod auf der See und dort sein
+Begräbnis.
+
+In Aden mußte ich erfahren, daß mein Kollege, Prof. Tachibana, welcher
+mich in Deutschland erwarten sollte, von einer schweren Krankheit
+befallen, seine Rückreise nach Japan angetreten habe. Ich wollte diesen
+Herrn auf seinem Posten in Deutschland ablösen und hatte geglaubt, ihn
+in voller Gesundheit anzutreffen. In meiner auf dem Schiffe verfaßten
+Reisebeschreibung hatte ich der Hoffnung Ausdruck gegeben, daß mein
+Kollege, wenn auch nicht ganz gesund, so doch gestärkt und gekräftigt
+sein Heimatland wieder erreichen und seine Lieben umarmen möge. Aber als
+ich in Berlin ankam, erhielt ich die tief erschütternde Nachricht, daß
+er unterwegs auf dem Schiffe dahingeschieden sei -- eine Kunde, die mich
+in große Trauer versetzte. Aus den Briefen meiner Freunde, die ich zu
+gleicher Zeit aus meiner Heimat erhielt, ersah ich, daß mein Kollege
+noch das japanische Meer erreicht und noch vor seinem letzten Atemzuge
+am Horizont die blauen Gipfel seines teuren Vaterlandes emportauchen
+gesehen hat. In stiller Wehmut soll er die Heimat mit seinen Blicken
+verschlungen haben, als wollte er sie tief in sein Herz versenken. Mit
+den Worten, daß es ihm doch noch vergönnt gewesen, die heimatlichen
+Berge zu schauen, soll er verschieden sein. Würde er nur noch wenige
+Stunden gelebt haben, so hätte er noch den Heimatboden betreten und
+seine Familie begrüßen können. Allein, wie der deutsche Dichter sagt:
+»Mit des Geschickes Mächten ist kein ew'ger Bund zu flechten,« das
+Unglück kommt unerwartet und »rasch tritt der Tod den Menschen an.«
+
+Die Frau und Kinder des Heimgegangenen, die ihn an der Landungsbrücke
+mit Sehnsucht erwarteten, um ihn nach langer Abwesenheit in ihrer Mitte
+zu bewillkommnen, konnten nur noch seine leblose Hülle umarmen.
+Diese herzzerreißende, qualvolle Szene, welche sich entwickelte,
+soll unbeschreiblich gewesen sein. Mein Freund, der mich hiervon
+benachrichtigte, schrieb mir, daß ihn selbst der Anblick dieser Trauer
+so ergriffen habe, daß er mir, statt einer eingehenden Beschreibung,
+nur noch Tränen hätte senden können. Dieses läßt sich aber auch leicht
+denken! Ein trostloseres und erschütternderes Bild kann man sich schwer
+vorstellen. Auch ich kann nicht schildern, wie sehr mein Gemüt bei der
+Nachricht vom Tode meines Kollegen in Mitleidenschaft gezogen wurde.
+Als ich meine diesbezüglichen Aufzeichnungen in meinem Tagebuch
+niederschrieb, war jede Silbe eine Träne!
+
+So hat das unerbittliche Schicksal dafür gesorgt, daß mir auf meiner
+Reise auch das Traurige nicht erspart geblieben ist.
+
+
+Die englischen Kolonien.
+
+Daß England die größte Seemacht ist und große Kolonien besitzt, ist
+allgemein bekannt. Wenn man aber eine Weltreise macht, so kann man sich
+davon überzeugen, daß die englischen Besitzungen tatsächlich über die
+ganze Erde zerstreut liegen.
+
+Der größte Teil meiner langen Fahrt ging auch an der Küste der
+englischen Kolonien entlang. Die ganze Strecke, von Hongkong aus längs
+der indischen Küste, also Singapore, Penang, Colombo, Aden bis in das
+Mittelländische Meer, gehört den Engländern und so beherrschen sie den
+ganzen Ozean. Wie die Engländer zu allen diesen Besitzungen gekommen
+sind, ist zu bekannt, als daß es hier wiederholt zu werden brauchte.
+Ebenso braucht nicht erzählt zu werden, welch' große Reichtümer England
+aus all seinen Kolonien zieht.
+
+Sehe ich aber mit meinen eigenen Augen die Völkerschaften längs der
+ganzen Küste, so kann ich nicht umhin, an ihren früheren Zustand
+zurückzudenken, an die Zeiten, in welchen diese Nationen noch ihre
+Freiheit und Selbständigkeit besaßen. Jetzt liegen sie da, von der
+gewaltigen Macht niedergedrückt und zerquetscht, so daß sie nur noch
+als Tributpflichtige dem Gewaltherrscher zu Füßen liegen. Nicht selten
+findet man jedoch unter diesen Völkern Männer, welche ihr Los beklagen
+und ihre Freiheit mit Wehmut zurücksehnen. Allein damit ist es wohl
+für immer vorbei, denn die Ketten, welche der Starke um sie geschlungen
+hält, sind felsenfest und können nicht mehr abgeschüttelt werden.
+Wenn es in der Welt so bleibt, wenn der Stärkere immer den Schwächeren
+niederzwingt, wenn stets nur Macht und Recht des Stärkeren Geltung
+finden: dann wird der Friede der Welt wohl immer gestört werden, und dem
+Schwachen wird nichts weiter übrig bleiben, als sein Unglück in Demut zu
+ertragen und dem Starken Handlangerdienste zu leisten. Wenn der Stärkere
+nur aus Egoismus handelt, wenn dieser der ausgesprochenste maß- und
+rücksichtsloseste ist, verbunden mit Brutalität und Barbarei, dann
+werden alle Grundsätze der Humanität mit Füßen getreten. Wie die
+entsetzlichen Barbareien des jüngsten südafrikanischen Krieges, der sich
+aus dem räuberischen Einfall des Jameson entwickelt hat, die Empörung
+aller Parteien der zivilisierten Länder wachgerufen haben, und bei
+allen, die ein Herz in der Brust fühlen und denen die Grundsätze
+der Gerechtigkeit und der Menschlichkeit teuer sind, gerechten Zorn
+entflammten, so wird auch jeder andere Übergriff immer beurteilt werden,
+und dem Schwächeren wird Beistand nicht fehlen.
+
+
+
+
+XIV.
+
+Genua.
+
+
+[Illustration: Hafen von Genua.]
+
+Die Fahrt zwischen Neapel und Genua war sehr schön, das Meer wie
+gewöhnlich sehr ruhig. Auf dieser Fahrt habe ich auch die Schönheit des
+italienischen Himmels bewundern können mit seinem wunderbaren Blau, wie
+man es nur hier sieht. Am 14. Mai abends ½6 Uhr kamen wir endlich in
+dem von uns langersehnten Hafen von Genua an. Hier verließen die meisten
+Passagiere das Schiff, so daß ein beträchtliches Gedränge entstand. Noch
+größer ward es dadurch, daß jeder Reisende seine Koffer mit sich ans
+Land nehmen mußte; nachdem auch wir beinahe zwei Stunden gewartet
+hatten, konnten wir endlich eine Gondel bekommen, in der die ganze
+japanische Kolonie »König Alberts« Platz nahm, um zum europäischen
+Festland zu fahren und zum ersten Male den Boden Europas zu betreten.
+Von unseren Landsleuten blieb Herr Kato an Bord, da er die Absicht
+hatte, bis nach England weiter zu fahren, wo er mehrere Jahre Studien
+halber zu verweilen gedenkt. Uns allen ward es schwer, diesen netten
+Reisegefährten mutterseelenallein an Bord zu lassen; doch wir konnten
+nicht anders und so reichten wir uns, auf ein fröhliches Wiedersehen
+hoffend, die Hand zum Abschiede.
+
+Wir wurden nun sogleich zum Zollamt geführt, wo man uns nach den zu
+verzollenden Sachen fragte. Wir hatten nur unser Handgepäck bei uns,
+denn die größeren Gepäckstücke waren an Bord geblieben, um die Reise bis
+Hamburg per Schiff zu machen und von dort nach Berlin weiter befördert
+zu werden. So wurden wir sehr schnell abgefertigt, denn auf unsere
+Erklärung hin, daß alles nur Reiseeffekten seien, wurde bloß ein
+Blick in unsere Koffer getan, und die Zollangelegenheit war somit bald
+erledigt. Aber nicht bei allen ging es so glatt ab. So wurden bei einem
+unserer Reisegefährten, der ebenfalls auf die Frage, ob er verzollbare
+Gegenstände bei sich führe, mit »Nein« geantwortet hatte, Zigarren
+entdeckt, und die Strafe folgte hier sofort -- er mußte als Zoll das
+Mehrfache dessen erlegen, was die Zigarren gekostet hatten. Wie groß
+das Gedränge und Gewühl war, das bei der Landung und bei dem Zollamte
+herrschte, kann man aus nachstehendem Erlebnis ersehen: ein x'scher
+Professor, ebenfalls ein Reisegefährte von uns, hatte mehrere Monate
+in Ceylon als Naturforscher geweilt. Die Resultate seines langen
+Aufenthaltes: photographische Aufnahmen, Sammlungen u. s. w., befanden
+sich in einem Koffer, den er als ein unschätzbares Gut mit sich
+führte. Aber in dem großen Gedränge war mit einem Male der große Koffer
+verschwunden. Der sonst so gemütliche Herr war wie rasend, er bot eine
+hohe Summe für die Wiedererlangung des verschwundenen Gepäckstücks,
+doch umsonst. Der Koffer ist, soviel ich weiß, auch während unseres
+dreitägigen Aufenthaltes in Genua nicht wieder aufgefunden worden. Den
+Schmerz und Jammer des Gelehrten über diesen unersetzbaren Verlust kann
+man sich wohl vorstellen.
+
+Wir kehrten im Hôtel de la Ville, einem der größten Hôtels in Genua,
+ein. Dieses Hôtel soll früher ein Palast gewesen sein, in dem auch
+Vasco de Gama logiert haben soll. Die Zimmer waren alle sehr groß, sie
+erschienen uns sogar unheimlich groß, da wir direkt vom Schiff, aus
+unserer früheren engen Kajütenwohnung, in diese Räume versetzt wurden.
+Die Decke und Wände waren mit prächtigen Malereien geschmückt, die
+Säulen von Marmor, über den Betten waren Baldachine angebracht,
+die größer waren als die Kajüte unseres Schiffes. Der vierzigtägige
+Aufenthalt in der kleinen Kabine, wo man so eng wohnen mußte, wo man mit
+den Händen die Decke berühren konnte, war nun vorüber, und uns kam es
+vor wie ein gepreßter Gummiball, der sich mit einem Male ausdehnen
+kann, so weit er will. Beim Abendessen ließen wir uns den italienischen
+Chianti gut schmecken, um mit dem Gedanken, in ein paar Tagen unser
+Ziel, Berlin, erreichen zu können, in fröhlicher Stimmung zu Bett zu
+gehen. Im Schlaf wähnten wir noch immer an Bord zu sein, fortwährend
+glaubte das Ohr das Stampfen der Maschinen und das Plätschern der Wellen
+zu vernehmen.
+
+Die Stadt Genua besitzt viele Sehenswürdigkeiten, wie das berühmte Campo
+Santo, den königlichen Palast, den Rigiberg, die Gallerien, Parkanlagen
+u. s. w., deren Besichtigung aber ziemlich viel Zeit in Anspruch nimmt.
+Glücklicherweise erwartete uns in Genua ein deutscher Herr, Namens
+Erdmannsdörffer, der Bruder unseres bereits einmal erwähnten deutschen
+Reisegefährten. Unter der sicheren Führung dieses Herrn, der sich schon
+mehrere Jahre in Italien aufhielt und mit den dortigen Verhältnissen
+vollkommen vertraut war, konnten wir einige der genannten
+Sehenswürdigkeiten mit Ruhe in Augenschein nehmen. Zuerst besuchten wir
+das Campo Santo. Es ist wohl der schönste Kirchhof in Europa, sowohl was
+seine paradiesische Anlage wie die herrlichen Grabdenkmäler betrifft.
+Diese reihen sich zu mehreren Hunderten in einem viereckig laufenden
+marmornen Säulengang aneinander und sind fast alle in graziösen
+Formen aus Marmor gemeißelt. Einige von ihnen gewährten zwar einen
+grausenerweckenden Anblick, aber im allgemeinen kann man sagen, daß
+sie auf uns einen ungemein beruhigenden Eindruck machten und in uns ein
+versöhnendes Gefühl gegenüber dem furchtbaren Tode, dem alle Menschen
+einmal anheim fallen müssen, wachriefen. Eine dieser Figuren hat mich
+bis in das innerste Mark erfaßt: am Sarge des geliebten Mannes ein
+junges Weib und neben ihr ein zartes Knäblein mit langem Lockenhaar. Wie
+sie den schönen Kopf so wehmütig hängen läßt! Wie sie mit ihrem sanften
+Auge so tieftraurig auf den Leichnam des Geliebten blickt! Nichts
+Grelles, nichts Übertriebenes ist in ihren Zügen und doch so grenzenlos
+der Schmerz, so sprachlos die innere Bewegung!.... Wie man in stiller
+Andacht zum Grabe eines Freundes tritt, so trat ich vor all diese
+Grabdenkmäler und mit ähnlichen Gefühlen verließ ich sie. Im Hintergrund
+des Kirchhofs erhebt sich ein Hügel mit der Aussicht auf das herrliche
+Panorama der Stadt und auf den Golf von Genua.
+
+[Illustration: Marktplatz in Genua.]
+
+Vom Campo Santo fuhren wir mit der Drahtseilbahn den Rigi hinauf, um
+von oben die großartigste Aussicht über die Stadt Genua mit dem Hafen zu
+genießen. Die Fahrt bis zur Höhe des Berges dauerte ungefähr 20 Minuten.
+Die Lage von Genua ist nach der von Neapel, mit der sie eine auffallende
+Ähnlichkeit hat, gewiß eine der schönsten in Italien. Neapel hat
+freilich die Inseln und den Vesuv voraus, sonst dürfte Genua ihm
+wohl den Rang streitig machen. Ein herrliches Amphitheater von
+übereinanderliegenden Straßen und Berghöhen, liegt die Stadt Genua
+mit ihren prächtigen Gebäuden vor uns. Dazu die beiden großartigen
+Hafendämme, welche wie zwei riesige Arme ins Meer hinausgreifen, mit dem
+berühmten malerischen Leuchtturm an ihren Enden, der frei und stolz
+wie eine Säule emporragt. Den Hafen füllen alle nur möglichen Arten von
+Fahrzeugen, die ziemlich regelmäßig nebeneinander gereiht daliegen, in
+der Mitte eine breite Wasserstraße übrig lassend. Auch die den Hafen
+umschließende Verteidigungsmauer bemerkt man. Diese hängt mit der von
+der Landseite die Stadt umgebenden Mauer zusammen, zieht sich bis
+hinauf zu den Höhen, auf denen wir standen, und bildet ein mächtiges
+Befestigungswerk, das aber jetzt bloß als Zeuge vergangener Schanzkunst
+dient. Über die Stadt und den Hafen hinweg schweift das Auge auf
+das weite blaue Meer, auf dem hie und da weiße Segel oder schwarze
+Rauchwölkchen bemerkbar sind. Eine herrliche Aussicht, die in der Tat
+über jede Beschreibung erhaben ist!
+
+Nach kurzem hatten wir die halbe Stadt durchwandert und bald dieses,
+bald jenes -- Paläste, Denkmäler, Parkanlagen, Kirchen u. s. w. --
+gesehen. An Palästen ist Genua wirklich reich; sie gleichen marmornen
+Schmuckkästchen mit ihren prunkhaften Vorhallen und Säulenhöfen, die
+reich mit Bildhauerarbeit verziert sind; die Straßen oder vielmehr
+Gassen sind meist eng und unscheinbar. An ihren beiden Seiten reihen
+sich hohe Häuser von 6 bis 8 Stockwerken aneinander, welche zum Teil alt
+sind und keinen schönen Anblick gewähren. Infolge ihrer ungeheuren
+Höhe machen die Häuser die Straße dunkler, was auch nicht wenig
+dazu beiträgt, dem ganzen Straßenbild ein düsteres, unsauberes,
+unfreundliches Aussehen zu verleihen. Viele Straßen sind treppenartig
+gebaut und führen zu den höher liegenden Stadtteilen hinauf -- natürlich
+sind sie unfahrbar. Überall aber herrscht ein ungeheures Leben, ein
+buntes Durcheinander von Menschen, ein Gedränge, ein Wirrwarr, daß es
+schon eine gewisse Geschicklichkeit und Kunst erfordert, durch dasselbe
+seinen Weg zu finden. Die Lastträger mit einem kurzen Beinkleid von
+gestreiftem Segeltuch, die Matrosen mit blauen Hemden und breiten
+Kragen, die Verkäufer mit allerhand Waren, die sie laut ausrufen, die
+Frauen mit schwarzem üppigem Haar und dunklen leuchtenden Augen, ihre
+Schönheit durch weiße wallende Schleier noch mehr erhöhend, nebenher
+die schneidigen, diensteifrigen Kavaliere und hie und da die recht
+unschneidigen, unbeholfenen Reisenden in ihren grauen Jacken, die dieses
+Straßenbild ansehen und zu denen wir vielleicht auch gehörten... alle
+diese Gestalten bilden zusammen ein großes Menschengewühl, welches gegen
+Abend sogar noch größer wird.
+
+Es hatte bereits Mitternacht geschlagen, als wir wieder nach unserm
+Hôtel zurückkehrten, aber die Straßen waren noch immer mit Menschen
+gefüllt.
+
+
+
+
+XV.
+
+Mailand.
+
+
+Am 16. Mai früh 8 Uhr brachen wir von Genua auf und kamen nach einer
+prächtigen Fahrt von vier Stunden, auf der wir mehrere große und kleine
+Tunnel passierten, in Mailand an. In unserer Gesellschaft befand sich
+der oben erwähnte deutsche Herr, sodaß wir auch hier die Stadt unter
+sachkundiger Führung besichtigen konnten. Wir waren im Hôtel du Nord
+abgestiegen und gingen dann sogleich in die Stadt hinein. Vor allem
+andern sahen wir uns den berühmten Dom an, ein Meisterwerk der Baukunst,
+ja, das wunderbarste, das ich je gesehen habe. Die schönen Glasmalereien
+an den Fenstern, die Marmorschnitzereien in und außerhalb des Gebäudes,
+ein ganzes Heer von Bildsäulen, der prächtige Marmorboden der weiten
+Hallen, hunderte von schlanken Türmchen auf dem Dache u. s. w., dies
+Werk von Menschenhand übertrifft an Pracht, Großartigkeit und Kunst
+wirklich alles bisher Gesehene. Wir stiegen bis auf die höchste Spitze
+des Turmes und sahen zu unseren Füßen die ganze Stadt und die blühende
+lombardische Ebene liegen. Gar manches ist bereits über diesen Dom
+geschrieben worden, aber nachdem ich ihn mit meinen eigenen Augen
+gesehen, muß ich doch sagen, daß es keinem gelungen ist, die wahre
+Pracht und majestätische Größe dieses Wunderwerkes treffend zu
+schildern. Lassen wir hier einige kurze Skizzen namhafter Autoren
+folgen, die zeigen werden, was für Mühe sich mancher gegeben hat, um
+dieses Wunder aus Marmor zu beschreiben:
+
+Ȇber den Domplatz kamen wir zum Dom; langsam stiegen wir die schmalen
+Stufen des Domes hinauf, um zur Höhe des Schiffes zu gelangen. Dann
+hatten wir noch 900 Stufen, von denen allein 150 Stufen für die Türme
+sind. Die Treppen winden sich in den einzelnen Seitentürmen hinauf,
+während die Türme durch offene Galerien miteinander verbunden sind. Auch
+die Türme sind nach allen Seiten durchbrochen, von jeder Treppenstufe
+hat man die freie Aussicht über die lombardische Ebene, welche sich,
+je höher man hinaufsteigt, in einem immer unvergleichlicheren Bilde
+aufrollt. Die großartigen Einzelheiten des Baues selbst, den die
+Mailänder mit Recht »das achte Wunder« der Welt nennen, kann man nur im
+Hinaufsteigen betrachten und bewundern. Nächst der Peterskirche in
+Rom und dem Dom zu Sevilla ist der Mailänder Dom die größte Kirche
+in Europa; an Pracht und Reichtum, in ihren äußeren Verzierungen und
+Statuenschmuck keine von beiden mit ihr zu vergleichen. Der Dom zu
+Mailand ist mit nicht weniger als 4500 Statuen an seiner Außenseite
+geschmückt, über dem Dach erheben sich, alle durch in den zierlichsten
+Arabesken gewundene Galerien mit einander verbunden, 98 gotische
+Spitzsäulen, jede Säule ist auf ihren einzelnen Pfeilern und auf der
+Spitze mit einer Statue geschmückt. Ganz oben auf der Spitze des Turmes,
+der eine Höhe von 335 Fuß hat, thront die kollossale vergoldete Statue
+der heiligen Jungfrau, der die Kirche geweiht ist. Der ganze Bau in
+allen seinen Einzelheiten ist von weißem Marmor und unbedingt der
+großartigste neugotischen Stils, welchen Italien besitzt. Endlich
+standen wir oben, auf der obersten Galerie, über der durchsichtigen
+Guglia. Gerade über uns thronte die goldene Statue, deren Fußgestalt wir
+mit der Hand berühren konnten. Ich blickte zuerst hinab. Ich habe schon
+manchen hohen Berggipfel erstiegen, denn ich kenne die Alpen in ihrer
+ganzen Ausdehnung durch Mitteleuropa. Auf wie viele Wälder habe ich von
+all diesen Höhen herabgeschaut, auf dunkle schwarze Tannenwälder,
+auf breite rauschende Tannenkronen, auf grüne Buchengipfel, auf
+breitblättrige Platanen und auf Lorbeer- und Cypressenwälder; von
+dieser Höhe blicke ich zum ersten Male in meinem Leben auf einen weißen
+Marmorwald. Hunderte von gotischen Türmen und Spitzsäulen und Tausende
+von Statuen erhoben rings um mich ihre schneeweißen Häupter...« (Gustav
+Rasch »Frei bis zur Adria.«)
+
+»Wenn man auf dem Marmordache des Doms von Mailand, etwa 300 Fuß über
+der lombardischen Ebene, bei heiterem Himmel sich umschaut, welch' ein
+unvergeßliches Panorama öffnet sich den Blicken! Im gewaltigen Halbbogen
+umsäumen von Westen nach Norden und Osten die langgestreckten Ketten
+bedeutsamer Alpenglieder einen Garten, einem Walde gleich, aus dessen
+Lichtungen tausende und abertausende von Ansiedlungen herabschimmern,
+die dem Ganzen das Gepräge eines Parkes verleihen... Welch' ein Blick
+auf die Alpen, welche umfassende Alpenansicht! Schwerlich dürfte ein
+Punkt der Erde, selbst nicht der indischen Ebene auf die Riesenzinnen
+des Himalaya, einen ähnlichen umfassenden Überblick, ähnliche Schönheit
+der Begrenzungslinien darbieten, als dieser ungeheure Halbbogen der
+südlichen Alpen von diesem eigentümlich schönen Standpunkte. Trunken
+hängt der Blick an den Linien der Ferne, von welcher sich eine Menge
+lebensspendender Wasseradern gleich silbernen Fäden durch den grünen
+Teppich der gesegneten Aue, der Po an ihrer Spitze, hindurchschlängelt.
+Rings um uns aber ein Wald von Marmortürmchen mit den Tausenden ihrer
+Bildsäulen, und unter uns das Gewirr der von 180 000 Menschen bewohnten
+4000 Häuser, über deren flache Ziegeldächer eine Menge vielgestaltiger
+Türme emporsteigt, mitten im Brennpunkte eines unvergleichlichen
+Landschaftsbildes und Völkerlebens.« (K. Müller, »Am Südabhang der
+rhätischen Alpen.«)
+
+»Der ganze zauberische Bau ist wie ein Gebet, wie ein Opfer, das
+alle Zungen und alle Herzen der ganzen Stadt dem Allerhöchsten hier
+dargebracht haben: ein solch Werk der Begeisterung und der Schönheit tut
+wohl in der jetzt so vernüchterten Welt. Wie verklärt und veredelt es
+alles rund um: wie die Flammen der Abendröte auch die geringste Hütte
+ebenso wie die riesigen Gletscher mit ihrem Purpur bekleiden, so adelt
+er mit seinem Schwung und seiner Schönheit die ganze Stadt, hält sie
+zusammen, ist ihr König, auf den sich alles bezieht, auf den man immer
+wieder die Blicke zu richten sich gezwungen sieht (Fried. Pecht u.
+Andere)...«
+
+[Illustration: Italienerin.]
+
+Nachdem wir den Dom eingehend besichtigt hatten, sahen wir uns die Stadt
+mit ihrem bunten Straßenleben an. Es fand gerade eine Korsofahrt statt
+und so hatten wir Gelegenheit, die schönen Mailänderinnen in ihren
+eleganten Equipagen, gezogen von stattlichen, wohlgenährten Pferden,
+bewundern zu können. Alles in allem erschien uns Mailand weit
+gemütlicher als Genua, und man wird sich daher nicht wundern, daß wir
+bis spät in die Nacht hinein durch die Stadt und den Park, in welchem
+eine Militärkapelle durch ihre außerordentlich lebhafte Weise unsere
+Ohren entzückte, spazieren gingen. Daß die Italienerinnen sehr schön und
+graziös seien, hatten wir schon vorher gehört, hier aber konnten wir uns
+davon mit unseren eigenen Augen überzeugen. Besonders gefielen sie durch
+ihren ungezwungenen leichten Gang und ihr liebliches anmutiges Wesen,
+noch mehr aber durch ihre feurigen, funkelnden schwarzen Augen, die
+zusammen mit den schwarzen wallenden Haaren und der milchweißen Haut
+einen reizenden Anblick darboten. Wenn auch Salomo gesagt hat: »Lieblich
+und schön ist Nichts« und Claudius: »Ein Ding, das in sich keinen Wert
+hat, das nur kurz währet, das im Hause nicht sonderlich nützt und nicht
+eigentlich Liebe macht, so ein Ding ist die Schönheit, mehr ist sie
+nicht, und Ihr müßt mir nicht böse sein, Ihr schönen Mädchen, daß sie
+nicht mehr ist« -- so stimmte ich doch beim Anblick dieser schönen
+Gestalten mehr den Worten Schillers bei, der da sang:
+
+ »Zürne der Schönheit nicht, daß sie schön ist, daß sie verdienstlos
+ Wie der Lilie Kelch prangt durch der Venus Geschenk;
+ Laß sie die Göttliche sein, du schaust sie, du bist der Beglückte,
+ Wie sie ohne Verdienst glänzt, so entzücket sie dich.«
+
+So sehr Italien einerseits durch seine herrliche Natur und Kunst unser
+Gefallen erregte, so sehr hat uns leider andrerseits ein Teil seiner
+Landeskinder durch ihre allzugroße Gewinnsucht und geschäftliche
+Verschmitztheit Verdruß bereitet. Ich hätte davon am liebsten
+geschwiegen, jedoch mit Rücksicht auf die vielen Landsleute, die noch
+nach uns dieses schöne Land besuchen und durchreisen werden, halte ich
+es für meine Pflicht, diesen unerfreulichen Punkt hier zur Sprache zu
+bringen. Um ein Beispiel anzuführen, so wurden wir fast überall, wenn
+wir Einkäufe machten, Sehenswürdigkeiten besuchten oder sonst etwas
+unternahmen, ungeheuer übervorteilt, und da die meisten der Italiener
+außer ihrer Muttersprache kein Wort verstanden oder verstehen wollten,
+mußten wir, weil wir ihrer Sprache nicht mächtig waren, immer den
+Kürzeren ziehen. Einmal mußten wir z. B. für zehn Stück Zigarren, die
+wir im Hôtel durch den Kellner bringen ließen, den geradezu enormen
+Preis von 30 Franks erlegen; ähnlich war es überall, sodaß wir fast
+immer Unannehmlichkeiten hatten, wenn es ans Bezahlen ging. Nichts von
+warmer Gastfreundlichkeit und wohltuender Liebenswürdigkeit, welche die
+unkundigen, von dem äußersten Zipfel der Erde kommenden Fremdlinge so
+sehr erfreut haben würden! Italien, dieses an Natur und Kunst so schöne
+und reiche Land, wäre doch im wahren Sinne des Wortes nur dann schön
+und reich zu nennen, wenn auch der Charakter vieler seiner Landeskinder
+etwas von diesen Eigenschaften offenbarte... meinten wir. Und doch
+sollte man glauben, daß eben dieses Volk am meisten Ursache hätte,
+den Fremden, die das Land besuchen, freundlich und rücksichtsvoll
+entgegenzukommen, denn diese bringen bei ihrer großen Zahl jährlich
+recht ansehnliche Summen Geldes in das Land. Die Freude am Schönen wird
+jedem sehr leicht verdorben, wenn ihm fortwährend Unannehmlichkeiten in
+den Weg kommen; nur da, wo freundliche Menschen anderen ein fröhliches
+und aufrichtiges Entgegenkommen bezeigen, wird man sich wohl und
+glücklich fühlen. Hoffen wir, daß sich auch dieses Volk im Laufe der
+Zeit zu seinem Vorteil verändern werde, daß es seine unveräußerlichen
+Güter, die Schönheiten der Natur und der Kunst, durch eigene seelische
+Vorzüge erst wirkungs- und wertvoller machen lerne! Da auch unser Land
+den Ruf hat, ein herrliches Land der Künste wie der Natur zu sein und da
+es auch von so vielen Reisenden aus aller Herren Länder besucht wird,
+so mögen die Japaner das italienische Volk nicht zum Vorbilde nehmen,
+sondern im Gegenteil danach streben, ihre edlen Tugenden, wie die
+Gastfreundlichkeit, Höflichkeit, Opferfreudigkeit u. s. w., die ihnen
+ja eigen sind, noch weiter zu entwickeln, damit jeder, dessen Fuß einmal
+ihr Land betritt, in frohem Entzücken ausrufen möge: »Ach, wie ist es
+hier doch so schön!«
+
+Wir wollten uns von Mailand noch nach Venedig begeben, aber da wir dem
+italienischen Volke nach dem eben Gesagten kein allzu großes Interesse
+mehr entgegenbrachten, so zogen wir es vor, direkt nach Berlin zu
+fahren. Am 17. Mai früh ½8 Uhr waren wir also auf dem Bahnhof, um den
+Zug zu besteigen. Dieser war jedoch schon überfüllt, wenigstens die eine
+Hälfte desselben, die direkt nach Deutschland durchfährt, sodaß wir
+nur mit Mühe ein Unterkommen darin finden konnten. Da bemerkte ich auf
+einmal, daß einige von uns in der anderen Hälfte des Zuges, die nicht
+nach Deutschland fuhr, Platz genommen hatten; ich erschrak, stieg hurtig
+aus, rannte hin und her, fand sie endlich heraus und nur mit knapper Not
+kamen wir, eng aneinander gedrückt, in einem Coupé unter. Aber o weh!
+In diesem großen Gedränge und in der Aufregung hatten wir unsere Koffer
+vollständig außer acht gelassen und da wir keine Zeit mehr hatten,
+mußten wir sie alle stehen lassen. Was tun? In dieser schlimmen
+Verlegenheit fiel glücklicherweise mein Blick auf Herrn Erdmannsdörffer,
+der uns freundlichst bis nach dem Bahnhof begleitet hatte. Ich
+hatte kaum Zeit, ihm durch das Fenster schnell von dem Vorgefallenen
+Mitteilung zu machen, worauf er mir versprach, daß er die Koffer direkt
+nach Berlin nachsenden werde. Diesem Herrn waren wir schon für seine
+Begleitung und Führung in Genua und Mailand zu großem Dank verpflichtet,
+und nun erwies er uns noch diesen Dienst! Sicherlich ein besonderes
+Glück für uns, denn ohne ihn wäre unser Gepäck wahrscheinlich verloren
+gegangen.
+
+Der kurze Aufenthalt in Italien war somit ein recht mühsamer und die
+Abfahrt von Mailand der aufregendste Teil der ganzen Reise von Japan
+nach Deutschland gewesen, namentlich für mich, der ich sämtliche
+Besorgungen für all meine Landsleute allein übernommen hatte und daher
+auch die geschäftlichen Unannehmlichkeiten am meisten empfinden mußte.
+Aber in der frohen Hoffnung, daß wir nach ca. dreißig Stunden Berlin,
+unser letztes Ziel, erreichen würden, fuhren wir, eng gepreßt zwar --
+es war ja auch ein Ex-Preßzug! -- aber doch getrost ab. An der Grenze
+Italiens und der Schweiz hatten wir abermals eine Zollrevision, jedoch
+verlief dieselbe sehr schnell, weil ja unser Gepäck in Mailand stehen
+geblieben war.
+
+
+
+
+XVI.
+
+Fahrt durch die Schweiz.
+
+
+Auf der Reise von Mailand nach Berlin kamen wir durch die schöne
+Schweiz. Das Wetter war herrlich und vom Fenster unseres Coupés
+erblickten wir zu beiden Seiten die herrlichen Alpenlandschaften. Bald
+ging die Fahrt über Höhen, bald durch Täler, oben sahen wir auf
+dem Gipfel die schneebedeckten Häupter der Bergriesen, unten die
+weitgestreckten Wiesen mit den Obstbäumen im zauberhaften Blütenschmuck.
+Die grünen Matten unten am Fuße und die weißen Gipfel oben in den Höhen
+machten einen geradezu imposanten Eindruck auf uns. Der Zug fährt
+immer weiter. Mit jeder Minute verändert sich die Landschaft: große
+Felsblöcke, die über unseren Häuptern herunterhingen, reißende Flüsse
+und Bäche, Wasserfälle, große und kleine Seen, von Sennerinnen bewohnte
+Alpenhütten, die vereinzelt auf ziemlicher Höhe liegen, wohlgenährte
+Kühe mit ihren Glocken, die zahlreich auf den Matten weideten und deren
+Geläut unseren Ohren wie liebliche Musik ertönte -- alles dieses machte
+auf uns einen unvergeßlichen Eindruck. Von der großen Naturschönheit der
+Schweiz hatten wir schon oft viel Rühmenswertes gehört, nun sahen wir
+diese Schönheiten vor unseren Augen ausgebreitet und überzeugten uns,
+daß sie mit Recht zu den größten Europas gezählt werden. Ich hatte
+manchmal daran gedacht, einen Vergleich zwischen der Natur dieses Landes
+und der unserer Heimat anzustellen, aber jetzt, nachdem ich alles
+selber angeschaut habe, bin ich zu dem Schluß gekommen, daß beide Länder
+eigentlich gar nicht mit einander verglichen werden können, denn im
+großen Ganzen sind unsere Naturschönheiten idyllischer und lieblicher
+Art, während diejenigen der Schweiz romantischer und großartiger
+sind. Natürlich kann ich noch kein richtiges und abschließendes Urteil
+abgeben, da ich die Schweiz nur vom Fenster des Zuges aus während der
+Fahrt gesehen habe. Im stillen aber gelobte ich mir, später einmal, wenn
+es die Zeit irgend erlaubt, eine Schweizerreise zu unternehmen, um die
+Natur dieses Landes genauer zu studieren, und meine damaligen Pläne
+verwirklichten sich denn auch.
+
+[Illustration: Felspartie am St. Gotthard.]
+
+Im Coupé war es sehr angenehm, es war selbstverständlich noch geheizt.
+Als wir den berühmten St. Gotthard-Tunnel passierten -- die Durchfahrt
+dauerte ungefähr 15 Minuten -- aßen wir gerade im Speisewagen zu Mittag,
+wobei wir nicht versäumten, uns den bekannten Schweizer Wein und Käse
+vorsetzen zu lassen. Gegen Abend schon langten wir in Stuttgart an. Hier
+nahmen wir im Schlafwagen Platz, in welchem wir eine ganz behagliche
+Nacht verbrachten.
+
+Am 18. Mai vormittags ½10 Uhr trafen wir wohlbehalten in Berlin
+auf dem Anhalter Bahnhof ein, wo wir von mehreren Landsleuten erwartet
+wurden. Als wir unter den herzlichsten Glückwünschen unserer Landsleute
+einander die Hände drückten, überkam uns ein recht angenehmes, freudiges
+Gefühl bei dem Gedanken, endlich die Hauptstadt des Deutschen Reiches
+betreten zu haben, wo wir nun für längere Zeit unser Heim aufschlagen
+sollten. Wir nahmen eine Droschke und fuhren in das Hôtel Bellevue am
+Potsdamer Platz, in dem wir einstweilen absteigen wollten. So war die
+lange große Reise glücklich überstanden und unser Ziel erreicht!
+
+
+
+
+XVII.
+
+Die ersten Eindrücke in Berlin.
+
+
+[Illustration]
+
+In Folgendem will ich versuchen, einiges von dem niederzuschreiben,
+was mir in den ersten Tagen meines Berliner Aufenthaltes besonders
+aufgefallen ist. Selbstverständlich mußte vieles meinen an europäische
+Verhältnisse nicht gewöhnten Augen fremd erscheinen, wodurch vielleicht
+meine Auffassung beeinflußt wurde. Es darf dies jedoch nicht in Frage
+kommen, da mir eben daran liegt, eine individuelle Schilderung meiner
+ersten Eindrücke und Empfindungen wiederzugeben. Einem Fremdling, der
+mehrere tausend Meilen von Osten hierher kommt und vom Schiff aus durch
+die Bahn direkt in die Mitte der großen Weltstadt getragen wird, muß
+vieles wie ein Wunder vorkommen und er wird Dinge und Menschen ganz
+anders betrachten, als ein Einheimischer.
+
+Wie jedem Fremden, erging es auch mir, der das westeuropäische Leben und
+Treiben nur vom Hörensagen und aus Büchern kannte. Meine Spannung hatte
+natürlich den höchsten Grad erreicht, als ich nach der langen Reise
+in Berlin auf dem Anhalter Bahnhof ankam, empfangen von mehreren
+landsmännischen Freunden. Eine innere Genugtuung erfüllte mich nach der
+unendlichen Fahrt. Die zehntausend tapferen Griechen können das Meer
+mit ihrem »Thalassa«-Rufe nicht freudiger begrüßt haben, als ich mein
+Endziel: die Kaiserstadt Berlin! Hier sollte ich endlich zur Ruhe
+kommen, denn Berlin sollte für längere Zeit meinen Aufenthalt bilden.
+Ich war freudig überrascht, daß ich vom ersten Augenblick an dasjenige,
+was ich von dem deutschen Volk schon in Japan gehört, gedacht und
+gelesen hatte, vollkommen bestätigt fand, worüber ich später eingehend
+zu schildern gedenke.
+
+Vom Anhalter Bahnhof fuhr ich zum naheliegenden Potsdamer Platz, an
+dem das Hôtel Bellevue liegt, woselbst ich Wohnung nahm. Der Potsdamer
+Platz, in dem sich einige mächtige Arterien des Berliner Lebens einigen,
+bietet mit seinem riesigen Verkehr -- wie ich mir erzählen ließ, soll
+er ein Kreuzpunkt von vielen Dutzenden elektrischer Straßenbahnlinien,
+sowie von kolossalen Menschenmengen sein -- einen wahrhaft verblüffenden
+Anblick.
+
+[Illustration: Reinigungsmannschaften.]
+
+Was mir zuerst auffiel und mich angenehm überraschte, war die peinliche
+Sauberkeit und Gleichmäßigkeit der Straßen, die aus dem Fahrdamm und
+den zu beiden Seiten laufenden Bürgersteigen (Trottoirs) bestehen. Die
+Straßen sind ohne Ausnahme gepflastert oder asphaltiert und sehr breit,
+an beiden Seiten mit Bäumen geschmückt und mit Gasbeleuchtung oder
+elektrischem Licht versehen. Die Straßen werden so sauber gehalten, wie
+ein Hausflur oder eine Stubendiele; überall, wohin man blickt, sieht man
+die uniformierten Straßenreiniger ihrer Beschäftigung nachgehen und
+mit Gummischiebern den Asphalt abwaschen, mit Besen und Schippe
+den Straßendamm reinigen. Große Sprengwagen liefern das Wasser zur
+Reinigung, kleine Handwagen beseitigen den Kehrricht, und so greift
+eines ins andere, um eine wirklich ideale Straßensäuberung mit
+unglaublicher Geschwindigkeit herbeizuführen. Es kann daher kein Wunder
+nehmen, daß diese Reinlichkeit auch auf die Luft in sanitärer Beziehung
+vorzügliche Wirkungen ausübt und zum Gesundheitszustand Berlins viel
+beiträgt.
+
+Andererseits war es mir ein wahrer Genuß, in den sauberen Straßen
+spazieren zu gehen, ohne fürchten zu müssen, sich schmutzige Kleider
+oder Stiefel zu holen. Unwillkürlich stellte ich einen Vergleich
+zwischen meiner Heimat und Berlin an, der sehr zu Ungunsten der ersteren
+ausfiel, wenn ich an den Zustand unserer heimatlichen Straßen und Wege
+dachte, von denen sich manche noch im Naturzustand befinden, so daß man
+bei Regenwetter nicht ohne gehörigen Schmutz wegkommt. Und dabei drängte
+sich mir auch der Gedanke an die oft in letzter Zeit in Japan auf die
+Tagesordnung gebrachte Frage der Reform unserer Frauenkleidung auf.
+Nach dem, was ich hier gesehen habe, möchte ich nur meine Ansicht
+wiederholen, daß die Straßen in gewissem Zusammenhang mit der Reform
+der Kleidungstücke stehen, daß zuerst unsere Straßen und Wege verbessert
+werden müßten, bevor an die Kleiderreform gegangen werden kann. Also
+in allererster Linie die Straßenreform, ohne die eine Kleiderreform,
+speziell hinsichtlich der Damenkleidung, illusorisch sein würde.
+
+[Illustration: Berlinerin.]
+
+Zu beiden Seiten der Berliner Straßen reihen sich die regelmäßig
+aufgebauten Häuser aneinander, alle ohne Ausnahme massiv aus Stein
+erbaut und fast sämtlich 4-5 stöckige Neubauten in modernem Stil. Ein
+Beweis, daß Berlin im Vergleich zu anderen Großstädten, wie London,
+Paris oder Wien, noch eine jungaufblühende, im Wachstum begriffene Stadt
+ist. Während bei uns die Häuser sich in mannigfaltiger Aufführung und
+Gestalt zeigen und manche noch ihren villenartigen Charakter bewahren,
+sind die Bauten in Berlin ziemlich gleichförmig, wie nach einer
+Schablone errichtet. Ein Haus ähnelt im Großen und Ganzen dem andern und
+fast an allen sieht man Balkone und Verzierungen aller Art, ohne daß
+sie dadurch in ihrer Einförmigkeit beeinträchtigt werden. Was mir an
+den Gebäuden ganz besonders in die Augen fiel, war der Umstand, daß
+fast alle Häuser nur nach der Vorder- und Hinterfront Fenster
+besitzen, während an den Giebelseiten -- sofern zwei Häuser nicht dicht
+zusammengebaut sind -- bloß glatte Mauerwände zu sehen sind. Es könnte
+dies einerseits damit zusammenhängen, daß infolge des unmittelbaren
+Nebeneinanderstehens der Häuser keine Fenster angebracht werden können;
+andererseits würde die Ursache darin zu suchen sein, daß man hier bei
+Bauten an den Winter denkt, wie es ja bei uns den Anschein hat, als ob
+unsere Häuser für den Sommer errichtet wären, weil sie -- wenn irgend
+möglich -- nach allen Seiten mit vielen Fenstern ausgestattet sind und
+dadurch viel luftiger und heller erscheinen. Jede dieser Bauarten dürfte
+ihre Vorteile und Nachteile haben. Sind die Gebäude bei uns heller,
+so sind dieselben hier wärmer, erscheinen die unsrigen luftiger und
+leichter, so sind die hiesigen solider und massiver.
+
+Beim Durchwandern der Berliner Straßen, die Kleidung der Passanten
+betrachtend, machte ich die Wahrnehmung, daß Männer und Frauen fast
+durchweg schwarze oder graue Kleidung tragen, sodaß man wohl behaupten
+könnte, diese beiden Farben seien vorherrschend Straßenfarben. Bunte
+Gewänder werden meistens vermißt; die Farbenpracht auf der Straße, wie
+man sie bei uns findet, scheint hier fast gänzlich zu fehlen. Vielleicht
+sind sie doch im Sommer anzutreffen. Was ich noch vielfach bemerkt habe,
+ist, daß die Berliner Damen lange Schleppen lieben und mit ihnen die
+Straßen durchschreiten. Ich wünschte, daß die Schleppen ein bischen
+kürzer oder die Beine ihrer Besitzerinnen ein bischen länger wären! Am
+Ende habe ich doch anerkennen müssen, daß die langen Schleppen nebenbei
+zur Polierung der Straßen geschaffen sind. Jedenfalls haben sie mir
+nach dem Regenwetter auf den Straßen einen recht appetitlichen Eindruck
+gemacht.
+
+[Illustration: Jung-Berlin.]
+
+Männer wie Frauen durcheilen hier die Straßen sehr geschäftig und
+scheinen keine Zeit übrig zu haben, um an die Ausschmückung mit
+farbenprächtigen Toiletten zu denken. Jeder strebt seinem Ziele zu. Nur
+selten sieht man Leute, die ziellos die Straßen durchschlendern; jeder
+geht festen Schrittes einher, und einer eilt -- mit Ausnahme von einigen
+Straßen wie die Friedrichstraße und Unter den Linden -- an dem andern
+vorüber, ohne sich um ihn zu kümmern. Bei allen macht sich der Grundsatz
+bemerklich: »Zeit ist Geld«. Sogar die Jugend hastet oft rasch dahin;
+bewundernswert ist die Frühreife und Selbständigkeit der Berliner
+Kinder, die, wie ein Volkswort sagt, sich nicht die Butter vom Brot
+nehmen lassen. Sechs- wie siebenjährige Knaben und Mädchen schwingen
+sich gewandt auf die Waggons der Straßenbahnen, überschreiten mit
+merkwürdiger Ruhe die schlimmsten Straßenpassagen und benehmen sich
+in der Stadtbahn genau so wie die Großen, die Türen der Wagen im
+Fluge öffnend und schließend. In gewissem Sinne berühmt wegen ihrer
+schlagfertigen Antworten, die sie Niemandem schuldig bleiben, sind die
+Berliner Lehrlinge, namentlich des Schusterhandwerks; aber ihnen mag
+auch mancher Witz in die Schuhe geschoben werden, der auf das Conto von
+Angehörigen anderer Berufszweige zu setzen ist.
+
+[Illustration: Berliner Schusterjunge.]
+
+Eine besonders bemerkenswerte Erscheinung ist, daß man auf den Berliner
+Straßen weit mehr Frauen sieht, als bei uns, ja, man könnte wohl sagen,
+man begegnet hier mehr Frauen als Männern, es ist also gerade das
+Gegenteil von unserem Straßenbilde. Daß die Männer außerhalb des Hauses,
+die Frauen im Hause ihren Pflichten und Arbeiten nachgehen, scheint hier
+im allgemeinen nicht der Fall zu sein. Ich hatte schon in Japan gehört,
+daß es hier viele selbständige Frauen gibt, d. h. solche, die sich
+selbst ernähren und regelmäßige Beschäftigungen haben wie Männer. Davon
+habe ich mich wirklich überzeugt. Das Arbeitsgebiet der Frauen scheint
+hier ein ziemlich großes zu sein, und offenbar hat man hier dem zarten
+Geschlecht viele Berufszweige geöffnet, sodaß sich ihre Zugehörigen ihre
+Selbständigkeit bewahren können. Allerdings scheint die Selbsthilfe der
+Frauen, wie mir mitgeteilt wurde, auf die Zahl der Ehen in verminderndem
+Sinne einzuwirken. Ob dieser Umstand die Menschheit zur Seligkeit führt,
+ob sie dadurch ihre Ideale verwirklicht sieht, lasse ich dahingestellt
+sein. Die Frauenfrage und Frauenbewegung, die auch bei uns bereits
+ihre Wurzeln geschlagen haben, ist hier, wie ja überall, eine der
+brennendsten sozialen Fragen, auf die ich an dieser Stelle nicht näher
+eingehen kann.
+
+Daß die Frauen hier viel mehr arbeiten, als bei uns, ist eine durchaus
+lobenswerte Tatsache, die schon an ihrem Äußeren, in ihrem Gang und
+Wesen und in ihrem starken Körperbau ersichtlich ist. Nicht selten hörte
+ich auf der Straße hinter mir feste Schritte und glaubte anfangs, sie
+rührten von einem Soldaten her; zu meinem nicht geringen Erstaunen mußte
+ich jedoch bemerken, daß dieser vermeintliche Soldat, als er an mir
+vorüberschritt, eine Dame war! Man kann hieraus entnehmen, mit welchen
+derben Füßen die Damen hier auftreten. Im allgemeinen habe ich gefunden,
+daß die deutschen Damen alle ziemlich fest einherschreiten.
+
+Wie ich mir sagen ließ und selbst bemerkt habe, legt man in Deutschland
+auf die körperliche Erziehung beider Geschlechter sehr viel Wert.
+Tatsache ist es, daß die Menschen hier im allgemeinen größer sind, als
+unsere Landsleute. Es liegt allerdings wohl schon in der Rasse, aber
+auch die körperliche Pflege dürfte zweifellos nicht wenig zur Erzielung
+einer kräftigen, gut entwickelten Menschengattung beitragen. Die
+durchschnittliche Größe der Deutschen ist aber Gott sei Dank nicht so
+bedeutend, wie ich sie mir daheim vorgestellt hatte. Ich hatte nämlich
+geglaubt, daß ich in Deutschland als ein Zwerg unter Riesen erscheinen
+müsse. Dem war jedoch glücklicherweise nicht so: als ich sah, daß es
+hier auch kleinere Menschen gibt wie ich und als ich dann bemerkte, daß
+ich noch nicht zu den kleinsten gehörte, fühlte ich mich sehr beruhigt.
+Die Deutschen sind auch im Großen und Ganzen korpulenter als die
+Japaner. Ich wurde wirklich manchmal durch kolossale Exemplare
+überrascht, die nicht selten wandelnden Bierfässern gleichen. Besonders
+sind mir unter der Damenwelt viele »gewichtige« Figuren aufgefallen;
+einzelne von ihnen hatten eine solche Mächtigkeit, daß sie sich kaum
+fortbewegen konnten. Wie mir zu Mute ward, als ich zum ersten Mal mit
+der Straßenbahn fuhr und unglücklicherweise an der Seite eines
+solchen Kolosses in die Ecke gedrückt sitzen mußte, kann man sich wohl
+vorstellen.
+
+Aus unseren neuesten schulhygienischen Mitteilungen ist ersichtlich,
+daß die Körperlänge unseres jüngeren Geschlechtes, namentlich beim
+weiblichen, im Zunehmen begriffen ist, seitdem man für die körperlichen
+Übungen, besonders in den Schulen, mehr Sorge getragen hat und im
+modernen Leben Tische und Stühle verwendet. Ich empfehle meinen
+Landsleuten körperliche Pflege und Bewegung auf das energischste und
+rate ihnen entschieden das Hocken auf den Matten ab.
+
+[Illustration: Schutzmann.]
+
+Von allem, was ich hier in den ersten Tagen meiner Ankunft gesehen habe,
+hat mir der riesige Verkehr am meisten Bewunderung abgerungen. Die
+neuen Verkehrsmittel in Berlin sind geradezu phänomenal. Straßenbahnen,
+Stadtbahnen, Hoch- und Untergrundbahn, Omnibusse, Droschken, Automobile,
+Fahrräder und noch vieles andere, all diese Fahrgelegenheiten
+durchkreuzen die Stadt nach sämtlichen Richtungen und machen das
+Straßenleben ungeheuer lebhaft.
+
+[Illustration: Viel Zeit.]
+
+In den unter sorgsamster polizeilicher Aufsicht stehenden
+verkehrsreichsten Straßen, wie z. B. der Friedrichstraße, war es mir
+oft kaum möglich, meinen Weg durch die Menschenmenge zu finden. Anfangs
+glaubte ich, diese Menschen strömten aus irgend einem besonderen Anlaß
+herbei, aber dem war nicht so, denn bis spät in die Nacht ging es hier
+so zu. Es könnte fast scheinen, als ob die meisten dieser Passanten
+keinen besonderen Lebenszweck hätten, aber man muß berücksichtigen,
+daß ein großer Teil davon -- wie man mir mitteilte -- nicht Berliner,
+sondern Fremde sind, die sich des Vergnügens wegen hier aufhalten.
+Wie in einem Kaleidoskop sind hier alle Arten von Menschen
+zusammengewürfelt: geschniegelte und gebügelte Männer mit Cylinder,
+geschminkte Weiber in auffallender Kleidung, schneidige Offiziere,
+vornehme Damen, Studenten in ihren Couleurmützen, Landleute mit
+ihren kerngesunden, geröteten Gesichtern, Provinzler, Straßenhändler,
+Zeitungs- und Blumenverkäufer u. a. m., alles strömt hier bunt
+durcheinander und macht auf uns Ausländer einen ganz eigenartigen
+Eindruck.
+
+Eins von den eigentümlichsten Straßenbildern, das man bei uns nie zu
+sehen bekommt und uns viel Spaß macht, ist auch der Hundehändler. Sie
+stehen an der Seite der Straße, halten ein paar junge Hündchen auf
+den Händen oder führen größere Hunde an der Leine und bieten sie
+den Vorübergehenden feil. Ich weiß nicht, ob sie mit diesem neuen
+Berufszweige gute Geschäfte machen oder nicht, kurz und gut, sie üben
+auf uns eine drollige Wirkung aus. Noch eine andere eigentümliche
+Erscheinung auf der Straße bilden die Soldaten mit ihren
+»Herzallerliebsten« an der Seite -- auch ein possierlicher Anblick,
+den man bei uns nicht hat. Ich habe oft beobachtet, wie ein solcher
+Vaterlandsverteidiger Hand in Hand oder Arm in Arm mit seinem Schatz
+durch die Straßen wandelte oder dem Tanzboden zusteuerte. Ich hatte
+immer geglaubt, die deutschen Soldaten, die durch ihre Tapferkeit und
+Disziplin so weltberühmt sind, würden sich solche Dinge nicht erlauben,
+aber vielleicht tut es ihrem Ansehen keinen Abbruch. Jedenfalls
+mutete es mich in der ersten Zeit seltsam an, weil, wie gesagt, solch'
+öffentliche Liebeleien bei unseren Marssöhnen nicht Mode sind.
+
+[Illustration: Ein Hund gefällig?]
+
+[Illustration: Militärische Annäherung.]
+
+Was dann meine Augen besonders in den Hauptstraßen Berlins entzückte,
+das sind die großartigen Schaufenster der Geschäfte. Die Dekoration, die
+Zusammenstellung und der Aufbau der Waren verraten wirklich eine große
+Kunst. Die Schaufenster gewähren einen äußerst einladenden Anblick, wie
+sie überhaupt ein großartiges Aushängeschild für das Kaufhaus selbst
+bedeuten. Wenn ich vor einem solchen schöndekorierten Schaufenster
+stand, wandelte mich stets die Versuchung an, in das Geschäft zu gehen
+und mir irgendwelche schöne Sachen zu kaufen. Sämtliche Gegenstände
+sind so bequem und gut zurechtgelegt, daß man mit einem Blick sofort
+übersehen kann, was in dem betreffenden Laden zu haben ist. Bei uns
+liegen die Verhältnisse ganz anders. Da werden die Waren der größeren
+Geschäfte gewöhnlich im Magazin aufbewahrt und werden erst mühsam
+einzeln auf Verlangen des Käufers hervorgeholt. Entschieden ist die
+hiesige Art und Weise unseren Geschäftsleuten sehr zu empfehlen; ich bin
+fest überzeugt, daß sowohl das Publikum, wie die Geschäftsinhaber bei
+der neuen, auf Berliner Art eingeführten Ordnung ihre Rechnung finden
+werden.
+
+[Illustration: In einem Restaurant Unter den Linden.]
+
+Der größte Teil der hiesigen offenen Läden besteht aus Restaurants,
+Gastwirtschaften und Destillationen, in denen kolossale Mengen geistiger
+Getränke, am meisten Bier, vertilgt werden. In zweiter Linie folgen
+die Cigarrenhandlungen, die fast jede Ecke besetzt halten. Aus dem
+Übergewicht dieser beiden Geschäftsbranchen läßt sich leicht der Schluß
+ziehen, daß der Genuß von Bier und Tabak den Deutschen dringendes
+Bedürfnis ist.
+
+Angenehme Empfindungen erweckten in mir dann die vielen Blumengeschäfte:
+vor diesen blieb ich mit besonderer Freude regelmäßig stehen, weil sie
+mich so lebhaft an meine Heimat mit ihrer wunderbaren Natur erinnerten
+und mich ihr gleichsam näherten.
+
+Was ich dann in jeder Straße zu Dutzenden antraf, sind die Verkaufsläden
+für Ansichtspostkarten. Ihr Verbrauch soll sich hier auf Millionen
+beziffern, sodaß sich infolgedessen ein besonderer Industriezweig
+ausgebildet haben soll, der sich lediglich mit der Anfertigung von
+Ansichtspostkarten befaßt. Anstatt einen Brief zu schreiben, kauft
+man hier eine solche Karte, schreibt die Adresse und sendet sie als
+Lebenszeichen in die Welt. Eine vortreffliche Einrichtung, von
+welcher ich auch manchen Gebrauch zu machen gedenke, aber nicht aus --
+Schreibfaulheitsgründen!
+
+Noch eins! Was mir in Berlin in den ersten Tagen recht imponierte, sind
+die vielen kunstvollen Denkmäler, Statuen, Büsten u. s. w., meist aus
+Marmor oder Bronze. Überall, wohin man kommt, auf den sogen. Plätzen,
+in den Parkanlagen, auf den Brücken u. s. w. wird man dieser schönen
+Verzierungen gewahr, dieser edlen, feinen Kunstprodukte, die wir zu
+Hause leider noch so sehr vermissen!
+
+Soviel in Kürze! Die ersten Eindrücke, die ich oben im Vorbeigehen
+geschildert habe, waren für mich als Ausländer aus einer fremden
+Kulturwelt so überwältigend, daß ich tatsächlich in den ersten Tagen
+meines Hierseins nicht im stande war, alles richtig zu erfassen; erst
+später vermochte ich mich mit den verschiedenen Gegenständen eingehend
+zu beschäftigen. In meinem nur Berlin gewidmeten Buche werde ich auf die
+zahlreichen Einzelheiten näher eingehen und versuchen, sie der Wahrheit
+gemäß zu schildern.
+
+
+
+
+XVIII.
+
+Aufruf an unsere Jugend.
+
+
+Indem ich nunmehr zum Schluß meiner Reisebeschreibung schreite, möchte
+ich als Resultat meiner Erfahrungen unserer Jugend die Mahnung dringend
+ans Herz legen: Möge jeder, der es mit seinen Verhältnissen irgend
+vereinbaren kann, Reisen ins Ausland unternehmen! Ich meine damit
+natürlich nicht, daß die jungen Japaner ihre Studien aufgeben und ihren
+Vergnügungen nachgehen sollen -- durchaus nicht! Allein unserer
+Jugend, der männlichen nämlich, mangelt bis jetzt noch immer der
+Unternehmungsgeist und frische Wagemut, hinauszugehen und fremde Länder
+und Leute mit ihren Sitten und Gebräuchen aus eigener Anschauung kennen
+zu lernen. Immer war unser Land seit alter Zeit ein abgeschlossenes
+Inselreich und erst seit drei Jahrzehnten hat es den Verkehr mit fremden
+Völkern angebahnt, aber der Riesenfortschritt, den wir in dieser kurzen
+Zeit gemacht haben, und die dadurch geschaffenen Verhältnisse erlauben
+nicht mehr, länger zu Hause zu sitzen und angenehm der Ruhe zu pflegen.
+
+Von allem Nutzen abgesehen, den eine Studienreise auf wissenschaftlichen
+Gebieten gewährt, ist es für junge Geschlechter von großem Wert, wenn
+sich ihr Blick für alles erweitert und sie sich daran gewöhnen, Gefahren
+und Zufälligkeiten aller Art zu begegnen. Kommt einem nicht schon
+durch das Lesen einer Beschreibung aus dem Innern Afrikas oder einer
+Nordpolfahrt der Gedanke, den kühnen Forschern nachzuahmen und nicht
+tatenlos zuzuschauen? Ich will selbstverständlich damit unserer
+Jugend nicht das Wort zu Abenteuern reden, ihr auch nicht dazu raten,
+blindlings in die Ferne zu ziehen; ich möchte sie nur dringend
+mahnen, nicht zu Hause müßig sitzen zu bleiben, sondern auf dem großen
+Schauplatz der Welt ihre Kraft auf die Probe zu stellen.
+
+In Europa ist es etwas ganz Gewöhnliches, daß selbst königliche Prinzen
+weite Reisen unternehmen, um einerseits den Wissenschaften zu dienen,
+andererseits aber ihre Erfahrungen und Kenntnisse zu bereichern. Die
+Europäer sind überhaupt zu Unternehmungen viel leichter geneigt als wir.
+Auf meiner Reise durch Europa habe ich nicht selten gefunden, daß sogar
+junge Damen, ihre geschnürten Bündel und Ränzel selbst tragend, allein
+in die weite Welt hinausreisten. Oben auf der Höhe der Jungfrau, die ich
+erstieg, im Reiche des ewigen Eises und Schnees versetzte mich eins noch
+mehr in Bewunderung als die kolossale Alpenlandschaft, nämlich, daß
+ich unter den Bergsteigern nicht wenig Vertreterinnen des zarten
+Geschlechtes erblickte. In dieser schwindelnden Höhe, wohin man nur
+mit Hilfe von Bergstöcken, Haken und Seilen, sowie an der Hand sicherer
+Führer gelangen kann, waren Frauen zugegen! Bei uns zu Hause würde dem
+schönen Geschlecht nie in den Sinn kommen, sich den Strapazen
+einer derartigen Bergtour auszusetzen. Ob Damen überhaupt derartige
+Anstrengungen zu empfehlen und zuträglich sind, will ich dahingestellt
+sein lassen. Aber jedenfalls sprechen solche Vorkommnisse für meine
+Behauptung, daß Europas Bewohner mehr von einem großen, vor keiner
+Gefahr zurückschreckenden Unternehmungsgeist beseelt sind als wir.
+
+Darum, japanische Jugend, erwache und gehe kraftvoll und hoffnungsfreudig
+an die Arbeit! Die Konkurrenz im großen Völkerwettstreit leidet keine
+Ruhe -- und nur dem Mutigen gehört die Welt!
+
+[Illustration]
+
+
+Druck von G. Bernstein in Berlin.
+
+
+
+
+Fußnote
+
+
+[1]: Gu = dumm, En = Garten.
+
+
+
+
+[Hinweise zur Transkription
+
+
+Offensichtliche Satzfehler wurden korrigiert, sonst der Originaltext
+beibehalten. Änderungen sind in der nachstehenden Liste ausgewiesen.
+
+
+Änderungen
+
+ Seitenangabe
+ originaler Text
+ geänderter Text
+
+ Seite 4
+ Alles war nun erledigt, und gestrosten Mutes
+ Alles war nun erledigt, und getrosten Mutes
+
+ Seite 12
+ Bänke, physikalische und chemische Apparate, Wandkarten u. s w.
+ Bänke, physikalische und chemische Apparate, Wandkarten u. s. w.
+
+ Seite 24
+ mehrere Konsulate, Banken usw.
+ mehrere Konsulate, Banken u. s. w.
+
+ Seite 42
+ Straßenleben hat mit seiner buntdurcheindergewürfelten Bevölkerung
+ Straßenleben hat mit seiner buntdurcheinandergewürfelten Bevölkerung
+
+ Seite 47
+ gewinnbringendsten Artikels der englichen Einfuhr
+ gewinnbringendsten Artikels der englischen Einfuhr
+
+ Seite 79
+ wie beipielsweise bei uns in Japan
+ wie beispielsweise bei uns in Japan
+
+ Seite 110
+ Färbung erhalte nnd daß der Name daherstamme
+ Färbung erhalte und daß der Name daher stamme
+
+ Seite 127
+ die Hauptstadt des ehemaligen Königsreichs beider Sicilien
+ die Hauptstadt des ehemaligen Königreichs beider Sicilien
+
+ und die fünf bis sechsstöckigen Häuser
+ und die fünf- bis sechsstöckigen Häuser
+
+ Seite 133
+ mit kleinen, gewöhnlich mit Sand gefüllen Beutelchen wirft
+ mit kleinen, gewöhnlich mit Sand gefüllten Beutelchen wirft
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+ Seite 137
+ und mußte nun von einem Deutchen erfahren
+ und mußte nun von einem Deutschen erfahren
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+ Seite 138
+ so benutzt man man dieses Süßwasser zum Nachspülen
+ so benutzt man dieses Süßwasser zum Nachspülen
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+ Seite 144
+ daß die Japaner im Körperbau kleiner sind, als die Russen
+ daß die Japaner im Körperbau kleiner sind als die Russen,
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+ Seite 152
+ und sie auch auf der ganzen Fahrt bewährt
+ und sie auch auf der ganzen Fahrt bewahrt
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+ Seite 157
+ man möchte wohl anch solch ein Vogel sein
+ man möchte wohl auch solch ein Vogel sein
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+ Seite 166
+ Rubinen, Saphieren, Topasen
+ Rubinen, Saphiren, Topasen
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+ Seite 179
+ an Kajütenpassagieren erster nnd zweiter Klasse
+ an Kajütenpassagieren erster und zweiter Klasse
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+ Seite 182
+ mein Freund und früherer Schüler Dr. Okoski
+ mein Freund und früherer Schüler Dr. Okoshi
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+ Seite 190
+ ein x scher Professor, ebenfalls ein Reisegefährte
+ ein x'scher Professor, ebenfalls ein Reisegefährte
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+ Seite 196
+ brachen wir von Genua auf und und kamen
+ brachen wir von Genua auf und kamen
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+ Seite 216
+ In gegewissem Sinne berühmt wegen ihrer
+ In gewissem Sinne berühmt wegen ihrer]
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+End of the Project Gutenberg EBook of Tokio - Berlin, by Jintaro Omura
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+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 44093 ***