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Und dieser Fremdling, +der mit scharfem Auge Menschen, Landschaften und Dinge prüft und mit +sicherer Hand schildert, er weilte verhältnismäßig bloß kurze Zeit +unter uns, um hier seine Anschauungen über deutsches Leben und Weben +zu vertiefen, die er in seiner Heimat bereits aus Büchern gewonnen. +Mit erstaunlicher Leichtigkeit bedient er sich unserer Sprache, ein so +gewandtes Deutsch schreibend, daß dem Unterzeichneten nur hier und da +eine ganz leichte stilistische Retouche übrig blieb. Ja, die ersten +Abschnitte waren in deutscher Fassung bereits auf dem Schiff entstanden, +ehe unser Reisender je deutschen Boden betreten. + +Freilich hatte Professor Omura sich schon in Japan viel mit deutschem +Wissen und den Geheimnissen unseres Sprachschatzes beschäftigt und hat +als Lehrer an der Kaiserlichen Adelsschule in Tokio, die zum japanischen +Kaiserhofe gehört, auf diesen Gebieten eine rege und fruchtbringende +Tätigkeit entfaltet, ebenso an der Deutschen Schule (Doidsugaku +Kiohaigaku), einem Gymnasium, das an tausend (japanische) Schüler zählt. +Eine deutsche Grammatik unseres Gelehrten erlebte binnen sechs Jahren +über 20 Auflagen, woraus am besten die weite Verbreitung unserer Sprache +im meerumbrausten japanischen Insellande hervorgeht. + +Möchte sein Buch: »Tokio--Berlin« uns und unserer Heimat neue Freunde +erwerben in dem zielbewußt emporstrebenden japanischen Reiche, wie es -- +des darf man gewiß sein -- seinem Verfasser bei uns warme Zuneigung für +seine liebenswürdige Persönlichkeit und sein ernstes Streben erringen +wird. Möchte das Buch ein neues Bindeglied bilden zwischen den beiden so +fernen und doch in manchen Zügen viel Gemeinsames aufweisenden Völkern! + +=Berlin=, im Frühjahr 1903. + + #Paul Lindenberg.# + + + + +Inhalt. + + + Seite + Vorwort V + I. Abschied und Abfahrt von Tokio--Yokohama 1 + II. Kobe 9 + III. Nagasaki 11 + IV. Shanghai 17 + V. Hongkong 39 + VI. Singapore 51 + VII. Penang 67 + VIII. Colombo 71 + IX. Aden 93 + X. Suez und der Suez-Kanal 108 + XI. Port Said 118 + XII. Neapel 124 + XIII. Allerlei Heiteres und Ernstes aus dem Leben auf dem Schiffe 131 + XIV. Genua 188 + XV. Mailand 196 + XVI. Fahrt durch die Schweiz 206 + XVII. Die ersten Eindrücke in Berlin 209 + XVIII. Aufruf an unsere Jugend 227 + + + + +I. + +Abschied und Abfahrt von Tokio--Yokohama. + + +[Illustration: Tokio--Berlin.] + +Am 6. April des vorvergangenen Jahres trat ich die langersehnte Fahrt +nach Europa und damit meine erste große Seereise an. Mit Tagesanbruch +stand ich auf, verabschiedete mich von meiner Familie und fuhr dann in +Begleitung meiner Verwandten und Freunde nach dem Bahnhof Shinbashi. +Kopf an Kopf stand dort die Schar meiner Freunde und Schüler. »Gute +Reise!« »Frohe Fahrt!« »Glückliche Wiederkehr!« -- so umbrauste es mich +von allen Seiten. Das Verabschieden wollte fast kein Ende nehmen, +bis ich mich durch die spalierbildenden Reihen meiner lieben Schüler +durchdrängte und den Waggon bestieg. Da schlug es halb sieben, ein +schriller Pfiff ertönte, und unter den lebhaften Abschiedsgrüßen der +Zurückbleibenden setzte sich der Zug in Bewegung. Lange noch lehnte ich +aus dem Fenster meines Coupés und schwenkte meinen Hut, bis ich niemand +mehr erkennen konnte. + +Nach dreiviertel Stunden kam ich in Yokohama an, wohin mir ein großer +Teil meiner Tokioer Freunde das Geleit gab. Auch dort auf dem Bahnhof +dieselben herzlichen Auftritte wie in Shinbashi -- hier wie dort Schüler +und Freunde versammelt. Und nun ging's in hellen Scharen nach dem Hafen, +wo der Reichspostdampfer »König Albert« vor Anker lag. Auf der mehrere +tausend Fuß ins Meer hineingebauten Landungsbrücke stand dichtgedrängt +eine große Menschenmenge, durchweg Leute, die ihren nach Europa +reisenden Lieben ein letztes Lebewohl zurufen wollten. Außer mir fuhren +noch acht Landsleute mit: Herr Dr. Shiratori, Prof. an der Kaiserlichen +Adelsschule, Herr Dr. Omori, praktischer Arzt vom Japanischen Roten +Kreuz, Herr Musiklehrer Taki, Herr Takahashi, Prof. an der höheren +Normalschule, Herr Tanaka, Prof. an der landwirtschaftlichen Fakultät +der Universität Tokio, die Herren Studenten Saionji, Miyajima und Kato. +Da alle uns bis in die Kajüte begleiten wollten, so herrschte auf der +kaum einen Meter breiten Schiffstreppe solches Gedränge, daß schließlich +der Eingang abgesperrt werden mußte. Ein Offizier mit zwei Matrosen +stand am Fuße der Treppe Posten und ließ nur die Mitfahrenden durch. Mit +dem Schlage neun wurden die Anker gelichtet. Rasselnd gingen die Ketten +in die Höhe, im Tauwerke schwirrte und knarrte es, Kommandorufe der +Offiziere ertönten, die Matrosen nahmen ihre Plätze ein, und unter den +Klängen einer deutschen Weise glitt der mächtig dampfende Koloß langsam +über die Fluten hin. + +In diesem Augenblick tönte von der Brücke her das dreimalige brausende +>Banzai<; ich stehe am Geländer und überschaue ernsten Auges und +bewegten Herzens die rufende Menge. Ich schwinge meinen Hut und grüße +zum letzten Male. Größer und größer wird die Entfernung zwischen dem +Schiff und dem Land; noch kann ich die Gesichter unterscheiden, noch +die Stimmen vernehmen, schon aber klingt das vom Winde herübergetragene +>Hurra< wie das leise Summen der Mücken, schwächer, immer schwächer und +schwächer wird es, bis es schließlich ganz verschwindet. Die Gestalten +der Menschen auf dem Gestade verkleinern sich mehr und mehr, ihre +Umrisse werden nach und nach undeutlicher, bis sie sich in das Blaue des +Meeres verlieren. + +[Illustration: Blick auf den Hafen von Yokohama.] + +Alles war nun erledigt, und getrosten Mutes fuhr ich in die weite +unendliche See hinaus. Befriedigt setzte ich mich auf das Sofa meiner +Kajüte -- und nun zog ein Bild nach dem andern im Geist an mir vorüber. +Ich gedachte des heutigen ereignisreichen Tages und ging dann weiter in +die Vergangenheit zurück, lebhaft stand mir wieder die Stunde vor Augen, +als ich den Auftrag erhielt, nach Europa zu fahren. Das war am Ende +des Jahres, am 28. Dezember 1900. Mit dem Beginn des neuen Jahrhunderts +sollte ich meine Reise antreten. O, welch ein Freudentag war es, als mir +der langersehnte Wunsch endlich in Erfüllung ging! Auf zwei Jahre +nach Deutschland! Ich, der ich so lange mit der deutschen Sprache mich +beschäftigt, der ich mich mit den deutschen Ideen und Anschauungen +so vertraut gemacht hatte, ich sollte nun in dem Heimatlande dieser +Sprache, dem Ausgangspunkte aller Wissenschaften und der modernen +Zivilisation meine Studien weiter fortsetzen und vertiefen! Deutsche +Sprache und deutsches Wesen sollte ich nun an der Quelle genauer +erforschen und untersuchen können! Werden die Vorstellungen, die ich mir +darüber in Japan machte, bei der unmittelbaren Berührung mit den +Dingen bleiben oder vergehen? Welche Licht- und Schattenseiten sind dem +deutschen Volke eigen? Welchen Einfluß wird das Leben in Deutschland +auf mich ausüben? Mit welchen Kenntnissen und Urteilen werde ich den +heimatlichen Boden wieder betreten? Alles Fragen, auf die ich Antwort in +Deutschland selber zu erhalten hoffte. Ist auch die Zeit von zwei Jahren +viel zu kurz, um obige Fragen erschöpfend zu behandeln, so hoffte ich +doch, durch eine gute Einteilung und durch ein systematisches Vorgehen +alles, was von Wichtigkeit ist, zu besichtigen und zu untersuchen. +Möge es mir -- das war mein inniger Wunsch -- vergönnt sein, +diejenige Befriedigung zu finden, welche der schönste Lohn für jeden +ernststrebenden Menschen ist! Möge doch mein Aufenthalt in Deutschland +unserem Vaterlande zum Nutzen und Segen gereichen! Mögen mir nur Tage +ungetrübten Glückes und schöner Erinnerungen beschieden sein, auf daß +ich diese zwei ersten Jahre des neuen Jahrhunderts zu den zwei schönsten +Perlen meines Lebens zählen kann! + +[Illustration: Japanische Landschaft zur Frühlingszeit. (Nach einem +japanischen Ölgemälde.)] + +[Illustration: Blick auf den Fujiyama. (Nach einem japanischen +Ölgemälde.)] + +Und weiter träumte ich, immer weiter. Die Abschiedsaudienz, die höchste +Auszeichnung, die der allergnädigste Landesherr, S. Majestät der +Kaiser, mir zuteil werden ließ -- der Besuch des heiligen Tempels +der kaiserlichen Ahnen und Vorfahren, woselbst mir der heilige Trank +gereicht wurde -- das Gefühl der höchsten Dankbarkeit und tiefsten +Ergebenheit, womit ich das kaiserliche Schloß verließ. Ununterbrochen +reihten sich daran: große und kleine Abschiedsfestlichkeiten, +Einladungen und Besuche, Erledigung vieler angefangener Arbeiten. Und da +sehe ich mich mit einemmale wieder in den Vorbereitungen für die Reise. +Ja, wache oder träume ich... was kommt denn da zur Tür herein? Aha, +der Schneider mit dem dicken Schmerbauch, der Schuster mit der kahlen +Platte, der bedächtige Zahlmeister des Agenten, der schlanke Bursche des +Spediteurs, die sonnenverbräunten Kulis u. a. m. + +Das Schiff, das sich durch alle meine Träumereien nicht hatte +stören lassen, fährt ruhig weiter und macht in einer Stunde +ca. 15-17 Seemeilen. Ich raffe mich jetzt auf und blicke umher und +betrachte mir das, was die Liebe mir mit auf die Fahrt gegeben hat. O, +was bin ich doch für ein reicher Mann! Da liegen meine zwei Handkoffer, +ein paar Büchsen mit Senbei, eine Kiste mit Konserven, eine Flasche +Cognak, zwei Flaschen Wein, roter und weißer, eine Flasche ungarischen +Mineralwassers, drei Körbe mit Äpfeln und Apfelsinen, alles noch wild +durcheinander. Ich kümmere mich nicht weiter darum, steige auf das +Promenadendeck und sehe vor mir die wunderschöne Küste der Provinz +Totomi liegen, von den Strahlen der eben untergehenden Sonne matt +erleuchtet. Mit Hilfe des Opernglases kann ich noch die Kiefernbäume +unterscheiden, die wie Zwerglein mit ausgebreiteten Händen längs des +Strandes stehen. Ein recht malerischer Anblick, den ich einrahmen und +nach Haus zu meinen Kindern schicken möchte! Unbeweglich verharre ich so +geraume Zeit. Die Wasserdünste werden immer dicker, dunkler und dunkler +färbt sich der Horizont, bis alles in Nacht und Nebel verschwindet. Nur +das Rasseln der Schrauben und das Plätschern der Wogen dringt an mein +Ohr und am weiten Himmelszelt erblicke ich ein paar leuchtende Sterne. + + + + +II. + +Kobe. + + +[Illustration: Straße in Kobe.] + +Am zweiten Tage vormittags um 9 Uhr lief das Schiff in den Hafen +von Kobe ein. Ich hatte die Absicht, nach Kioto zu fahren, um +Sr. Durchlaucht dem Prinzen Konoye, unserm Präsidenten, der sich zur +Zeit dort aufhielt, einen Besuch abzustatten; da aber der Dampfer wider +Erwarten nur bis zum Abend vor Anker lag, so mußte ich diesen Plan +aufgeben. Ich beschränkte mich daher auf Anraten meines Reisegefährten, +des Herrn Dr. Erdmannsdörffer -- früher Lehrer am Gymnasium in +Kumamoto und später an der Kadettenschule in Tokio -- einen berühmten +Porzellanladen Bankinzan zu besichtigen. Ich sah dort viele schöne +Porzellane, welche sämtlich in der Provinz Satsuma weiß gebrannt und in +Kobe fein bemalt unter dem Namen Satsumayaki sehr viel verkauft werden. +Besonders fiel mir ein kleines Tellerchen auf, das mit tausenden von +Schmetterlingen bemalt war, und zwar so fein, daß man sie nur mit Hilfe +einer Lupe beobachten konnte, ebenso ein kleiner Becher mit vielen +hunderten spielender Knaben. Diese in Kobe bemalten Satsumaporzellane +sollen in Europa einen hohen Liebhaberwert haben, meinem Geschmack sagen +sie aber wenig zu, denn sie sind, meiner Ansicht nach, zu überladen. Die +ungeheuer mühevolle Arbeit ist ohne Zweifel daran bewundernswert, aber +das, was uns gefällt, ist das einfach Vornehme. + +Mit der Besichtigung war ich gegen Mittag fertig. Es blieb mir daher +noch ein halber Tag übrig; ich nutzte die Zeit am besten so aus, daß +ich einen Abstecher nach Osaka machte. Osaka ist eine sehr belebte +Fabrikstadt, damit ist aber auch alles gesagt. Dem Auge bietet sie +nichts Besonderes dar: eine Menge Schornsteine -- enge Gassen -- Gräben +-- Kanäle -- hölzerne Brücken -- großes Leben auf den Straßen... das +ist Osaka. -- Von dem vielen Umherlaufen müde, langte ich abends in +Kobe wieder an und ging sofort an Bord, wo sich zu meiner großen Freude +unsere japanische Kolonie um einen Landsmann vermehrt hatte. Mit dem +neuen Ankömmling, Herrn E. Otani, dem jüngeren Bruder des gleichnamigen +Grafen von Higaschihonganji, waren wir also jetzt im ganzen zehn +Japaner. + + + + +III. + +Nagasaki. + + +[Illustration] + +Das berüchtigte Genkainada oder die schwarze See, der gefährlichste +Teil des japanischen Meeres, war diesmal glatt wie ein Spiegel. Das +volkstümlich gewordene Lied, daß selbst Vögel nicht imstande seien, über +dieses schwarze Meer hinwegzufliegen -- Torimo kayowanu Genkainada -- +traf diesmal Gott sei Dank nicht zu, denn wir kamen schon am 6. April +früh morgens wohlbehalten in Nagasaki an. Hier sahen wir im Hafen je +einen deutschen, französischen und russischen Kreuzer liegen; ein paar +andere Kriegsschiffe ankerten so weit entfernt, daß wir die Flaggen +nicht erkennen konnten. Fast gleichzeitig mit unserem Dampfer lief +auch eine englische Fregatte ein, deren eherner Gruß von den im Hafen +liegenden Schiffen erwidert wurde. Der Donner der Kanonen und der +aufsteigende Pulverdampf, in dessen Mitte wir uns befanden, galt für uns +als eine erquickende Unterbrechung der eintönigen Wasserfahrt und wir +ließen unsere Augen gern an diesem Schauspiel weiden. + +In Nagasaki besah ich mit meinen Landsleuten die Schiffswerft des +Mitzubishikaisha, eine Privatanstalt des Baron Iwasaki. Ein Dampfer +von 6000 Tonnen, der als Schwesterschiff des Sanukimaru für den +Nippon-Yusenkaisha bestimmt ist, war gerade im Bau begriffen. Der Kiel +war schon gelegt und die Hälfte des riesigen Rumpfes stand fertig da. Im +Dock lag ein französisches Kanonenboot zur Ausbesserung. Nachdem wir die +Gießerei, Schlosserei, Drechslerei, Tischlerei, kurz, alle Werkstätten +der Reihe nach angesehen hatten, führte man uns in eine Schule, die +eigens für die Knaben der zu dieser Schiffswerft gehörenden Beamten +und Arbeiter errichtet ist. Das steinerne massive Schulgebäude ist +nach englischem Muster aufgeführt und sah weit schöner aus, als manche +Staatsschulen in Tokio. Die Ausstattung (Tische, Bänke, physikalische +und chemische Apparate, Wandkarten u. s. w.) war gut geordnet und +entsprach im großen und ganzen modernen Anforderungen. Was die +Personalverhältnisse anbelangt, so konnte ich bei der Kürze der Zeit +nichts Genaueres erfahren; die Schule selber scheint so gedacht zu sein, +daß sie außer der Einprägung des allgemeinen Wissens die Heranbildung +künftiger Fachleute für die Schiffswerft ins Auge faßt. Hoffentlich wird +die Schule sich noch weiter entwickeln und gedeihen. + +[Illustration: Blick auf Nagasaki.] + +Zu Mittag aßen wir in einem Teehause Geiyoro mit gutem Humor und gutem +Appetit die echt japanisch zubereiteten Speisen; diese dürften wohl auf +zwei Jahre die letzten sein. Wir langten also tüchtig zu und würzten +das Mahl mit ein paar Fläschchen Sake. Auch das Auge blieb nicht +unbefriedigt, denn uns zu Füssen dehnte sich die Stadt und weiter hin +das Meer aus. Vor uns lag stolz und majestätisch auf der Rhede unser +»König Albert«, der sich in der Umgebung der anderen Schiffe wie ein +gewaltiger Riese ausnahm. Ob es uns auch so ergehen wird, wenn wir von +Europa aus unser Vaterland betrachten? Ob unser Vaterland mit anderen +europäischen Ländern verglichen uns recht groß erscheinen wird und seine +Schönheiten ihnen gegenüber noch mehr hervortreten werden? + +Ehe wir an Bord gingen, stampften wir wie zum letzten Gruße mit festem +Tritt den heimatlichen Boden, denn Nagasaki ist ja der letzte japanische +Hafen. Früh morgens, den 10. April, wurde der Anker gelichtet, und bald +hatten wir das prächtige Panorama hinter uns -- da plötzlich ..... ja, +was war das? Welch' eine süße Weise dringt an mein Ohr? Ich blicke umher +und sehe nicht allzuweit von unserem Schiff einen englischen Kreuzer +vorbeifahren und auf seinem Verdeck spielt die Musik ein Lied: + + »Hotaruno Hikari Madono Yuki + Fumiyomu Tsukihi kasanezuzu.« + +Ein japanisches Lied -- auf dem englischen Schiffe? Wie kommt denn das +aber? Mein Reisegefährte, Herr Musiklehrer Taki, kam mir zu Hilfe und +sagte mir, daß das wohlbekannte japanische Lied nach der Melodie der +englischen Nationalhymne komponiert sei. Wie in Andacht versunken stand +ich auf dem Verdeck und hörte wonnetrunken den holden Klängen zu. O +tönet fort, ihr süßen Himmelslieder, die ich zu Hause so manchesmal von +der fröhlichen Jugend habe singen hören! »Musik im besten Sinne bedarf +weniger der Neuheit, ja vielmehr je älter sie ist, je gewohnter man sie +ist, desto mehr wirkt sie«, hat Goethe gesagt und er hat recht; denn die +Melodie, an welche mein Ohr so lange gewöhnt ist, übte jetzt auf mich +eine so große Wirkung aus -- mag sie auch nach der englischen komponiert +sein oder nicht, der Erfolg ist und bleibt für mich derselbe. Jetzt, +wo wir von der lieben Heimat Abschied nehmen -- ein japanisches Lied zu +hören! Mit Entzücken lauschte ich der mehrmals wiederholten Melodie +und unwillkürlich kamen mir die Worte in den Sinn, die einst Schiller +gesungen: + + »Was ahnungsvoll den tiefen Busen füllet, + Es spricht sich nur in meinen Tönen aus; + Ein holder Zauber spielt um deine Sinnen, + Ergieß ich meinen Strom von Harmonien; + In süßer Wehmut will das Herz zerrinnen, + Und von den Lippen will die Seele fliehen; + Und setz' ich meine Leiter an von Tönen, + Ich trage dich hinauf zum höchsten Schönen.« + (Huldigung der Künste.) + +Der Kreuzer war längst meinen Blicken entschwunden, längst war die liebe +Weise verhallt und nun blickte ich zurück, wo im Osten noch die grünen +Gipfel der heimatlichen Berge emporragten, als ob sie mit ihrem Grün +mir die Hoffnung zu einer glücklichen Reise einflößen wollten. In voller +Begeisterung nahm ich den Hut ab, nahm in Gedanken den letzten Abschied +von dem Lande, wo meine Wiege stand und wo ich mein Teuerstes gelassen. +Lange verweilte ich so, bis die Gipfel, von dem Schleier des immer höher +aufsteigenden Meeres umhüllt, am Horizont verschwanden. Immer und immer +wieder wandte ich mich um, um mir dieses entzückende Bild und dieses +Gefühl der Begeisterung unauslöschlich einzuprägen. Vor mir lag wie eine +unendliche Ebene ausgebreitet das ruhige spiegelglatte Meer und über dem +ewigen Meer die unendliche Bläue. + + + + +IV. + +Shanghai. + + +Am 12. April rasselte der Anker herab. Anfangs glaubten wir die große +chinesische Hafenstadt Shanghai vor uns zu haben, es war aber nur das +kleine Städtchen Wu-sung, das an der Mündung des Yantsekiang liegt; eine +halbstündige Dampfbootfahrt auf dem Wusungflusse, einem sehr breiten, +tiefen Nebenflusse des Yantsekiang, war erforderlich, wenn wir Shanghai +besehen wollten. Da der Dampfer eine große Ladung einzunehmen hatte +und es uns infolgedessen vergönnt war, den ganzen folgenden Tag hier zu +verweilen, so verzichteten wir auf die Bootfahrt für heute und zogen +es vor, an Bord zu bleiben, um morgen in aller Frühe mit desto +größerem Genuß einen Streifzug auf dem Land unternehmen zu können. Wir +betrachteten vom Schiff aus mit Erstaunen den riesengroßen Strom, dessen +mächtige, sich weit erstreckende Mündung eher den Namen eines Meeres +zu verdienen scheint. Mehr noch als diese gewaltige Breite setzt den +Fremdling etwas anderes in Erstaunen: die schmutzig-gelbe Flut. Die +beiden Ufer, die infolge der großen Entfernung kaum sichtbar sind, +machen die graue Wasserwüste nur noch grauer. Schon der alte chinesische +Ausdruck »Shitoku«, d. h. die vier Unsauberkeiten, womit man die vier +größten Ströme Chinas, den Kasui, Kosui, Waisui und Shisui, bezeichnet, +beweist, daß ihr Anblick selbst den eingebornen Chinesen seit +Jahrhunderten her nicht gerade angenehm war. Mit Kasui wird Hoangho oder +der gelbe Fluß, mit Kosui der Yantsekiang, mit Waisui der Whaiho und mit +Shisui der Shuho bezeichnet. Das chinesische Sprichwort: »Hundert Jahre +warten, bis die gelbe Flut klar wird,« womit man die Unmöglichkeit +einer Sache bezeichnet, läßt uns annehmen, wie außerordentlich trübe +und unrein die Schlammflut sein muß. Daß die Chinesen in den Strömen +das Symbol des Unsauberen und Widerwärtigen, des Schmutzes und Abscheus +sehen, ist sehr charakteristisch. + +Wenn es richtig ist, daß der Charakter der Menschen von der ihn +umgebenden Natur beeinflußt wird, so kann man sich nicht wundern, daß +sehr viele Söhne des Reiches der Mitte so schmutzig sind. Sollten die +beiden hervorstechenden Züge im Charakter der Chinesen: Unsauberkeit +und Gewinnsucht, welche beide untereinander wieder in einem engeren +Zusammenhang stehen, nicht in dem grauen, den Schmutz und Staub aller +Jahrhunderte aufwühlenden Wasser ihren Ursprung haben? Wie der Strom -- +so das Volk! Und welch ein erhebendes Gefühl nun, wenn wir damit +unsere heimischen Gewässer vergleichen, wo jeder Bach, Fluß oder See +durchsichtig wie ein Krystall ist und so rein und ungetrübt sich hält, +daß man bis auf den Grund sehen kann. Und so sind auch die Menschen. Bei +uns ist die Reinlichkeit und Sauberkeit eine der größten Tugenden, die +den Bürger zieren, und mit dieser Tugend verknüpft sich auch eine Reihe +von schönen Eigenschaften, wie z. B. jene unsrem Volke so eigentümliche +Freigebigkeit, die kein Opfer scheut und die schnöde Gewinnsucht +verachtet. + +[Illustration: Pagode bei Shanghai.] + +Während wir so im Freundeskreise unsere Meinungen austauschten, wurde +uns ein Besuch gemeldet: Ein Herr N. vom Kajimayoko in Shanghai. Dieser +Herr war eigens an Bord gekommen, um uns zu einer Besichtigung von +Shanghai abzuholen. Da wir aber, wie bereits erwähnt, den Besuch der +Stadt auf morgen verschoben hatten, so blieb er die Nacht bei uns an +Bord zu Gast. + +Am nächsten Morgen früh fuhren wir mit einem Dampfer stromaufwärts; bald +tauchten die beiden flachen Ufer des Wusungflusses als schmale Streifen +am Horizont auf. Allmählich kamen wir näher und nun konnten wir die +Umgebung genauer ins Auge fassen. Auch hier ein ödes trostloses Grau, +das mit dem Flusse zu wetteifern scheint. Das einzig Grüne, das sich +grell von dem Grau abhebt und unsere Augen einigermaßen erfreut, ist die +Flußweide, die hier zwar nicht kräftig, doch hinlänglich gedeiht. Weiter +oben lassen sich hier und da regellose Gebäudemassen erkennen, aus denen +einige hohe Häuser mit ihren freundlichen Fenstern uns entgegenleuchten. + +Nach dreiviertelstündiger Fahrt kamen wir endlich in Shanghai an. Der +Wusungfluß ist hier 400 bis 500 Meter breit und so tief, daß er imstande +ist, Schiffe von bedeutendem Tonnengehalt zu tragen, so sahen wir hier +zu unsrer großen Freude das japanische Kriegsschiff »Maya« und weiter +hinten einen Dampfer »Hakuaimaru«, der in Diensten des japanischen +Roten Kreuzes steht und zur Zeit des japanisch-chinesischen Krieges als +Hospitalschiff gute Dienste geleistet haben soll, vor Anker liegen. +Noch einige Kriegsschiffe und mehrere Postdampfer, welche zum Teil +den Engländern gehörten, waren sichtbar und gewährten einen imposanten +Anblick. Hoch auf dem Mast des »Maya« flatterte die Toppflagge mit der +lieblichen Sonne uns entgegen. Das Gefühl, fern der Heimat in einer +fremden Welt unsere Flagge zu erblicken, ist in der Tat etwas, was das +Herz erhebt; der edle Stolz, der uns innewohnt, ein Angehöriger des +schönen Landes zu sein, der nationale Gedanke, von welchem jeder +Patriot so sehr beseelt ist, begeisterten uns, wir schwangen die Hüte, +schwenkten die Tücher und begrüßten so unsere Flagge, und unser lautes +Hurra wurde von den auf den Rahen stehenden Matrosen freudig erwidert. +Unsere Marine, die sich in den letzten fünf Jahren außerordentlich +schnell entwickelt hat, weiß sich in ihrer jetzigen Gestalt fern und nah +Achtung und Geltung zu verschaffen, was aber diejenigen, die zu Hause +kauern und der Ruhe pflegen, leider nicht gewahr werden. Auch ich +gehörte einst zu jenen, auch ich war der Meinung, daß es töricht sei, +gerade für das unproduktivste Glied eines staatlichen Körpers -- für +Militär und Marine -- die meisten Mittel zu bewilligen; bei diesem +Anblick fühlte ich mich aber nicht wenig betroffen und aus der Kehle +drang mir unwillkürlich der Ruf: »Unsere Marine lebe hoch! hoch! hoch!« +in den meine Gefährten fröhlich einstimmten. + +[Illustration: Der »Bund« in Shanghai.] + +Oberhalb des kaiserlich japanischen Konsulatgebäudes landeten wir und +bestiegen drei elegante Equipagen. Der erste Besuch galt dem Kajimayoko. +Bald wurden wir mit den bei dieser Firma angestellten Landsleuten +bekannt, schrieben Briefe, Ansichtskarten u. s. w. und fuhren dann +mit unserem Begleiter in die Stadt. Diese bedeutendste Handels- und +Hafenstadt Chinas, welche durch viele Flüsse und Kanäle mit den Seen im +Innern, dem Kaiserkanal und dem Yantsekiang in Zusammenhang steht und +ca. 500 000 Einwohner zählt, wurde vor etwa sechzig Jahren von den +Engländern erobert und dem Fremdenverkehr übergeben. Bald darauf wurde +der Hafen auch für den auswärtigen Handel eröffnet, und seitdem ist +die Stadt in raschem Aufschwunge begriffen. Sie zerfällt in zwei +verschiedene Teile, nämlich in die Altstadt Shanghai, die eigentliche +Chinesenstadt, wo das Gouvernement liegt, und in die Neustadt oder die +Fremdenstadt. + +[Illustration: Das »Iltis«-Denkmal in Shanghai.] + +Es war dies das erste fremde Land, das ich betrat. Entgegen den +Vorstellungen, die wir von Haus mitgebracht hatten, machte die +Neustadt einen außerordentlich einladenden, modernen Eindruck. Sie ist +verhältnismäßig weitläufig gebaut; die Häuser stehen nach dem Strome zu +in dichten Reihen nebeneinander, nach der Innenseite zu aber werden sie +lichter. Sie sind zum Teil aus Steinen hoch aufgebaut, die Straßen +sind größtenteils gepflastert, ziemlich breit und teils mit Trottoirs +versehen. Besonders schön ist der sogen. »Bund«, von den Chinesen +Wan-poutang genannt, eine Straße, welche am Wusungflusse entlang führt +und größtenteils von Engländern bewohnt wird. Hier erhebt sich eine +Reihe stattlicher Gebäude: der englische Gerichtshof, der englische +Klub, mehrere Konsulate, Banken u. s. w. Auch mehrere japanische Firmen, +wie die Filiale der Yokohama Speciebank, die der Nippon-Yusenkaisha und +noch einige andere, sind hier zu finden. Der Speciebank gegenüber sehen +wir auf einem frischgrünen Rasenplatz des Parkes das deutsche +»Iltis«-Denkmal. Dieses sehr schöne Monument, das zum Andenken an den +heldenhaften Untergang der »Iltis«-Mannschaft errichtet wurde, besteht +in der Hauptsache aus einem metallenen abgebrochenen Mast, dem der Rest +des »Iltis«-Wracks als Modell gedient hat. + +[Illustration: Personenkarren in Shanghai.] + +Die sogenannte French Town, dann die britische, amerikanische und +Hang-kou Settlements liegen der Reihe nach nebeneinander. Hohe massive +Häuser, teils in englisch-indischem Baustil aufgeführt, und prächtig +ausgestattete Verkaufsläden mit Schaufenstern reihen sich aneinander; +auch Kirchen mit hohen Türmen ragen empor und laden mit ihrem ernsten +feierlichen Glockenklang die Andächtigen ein. Die Straße ist äußerst +belebt: vornehme Damen in modisch feiner Tracht, elegante Herren im +hohen Cylinder gehen und kommen; zahllose Equipagen und Droschken rollen +hin und her; dazwischen drängen sich seltsame, von keuchenden Chinesen +geschobene Personenkarren und leichte Fahrräder; unter Trommelschlag +und Musik marschieren die Soldaten, japanische, englische, französische, +alle in den Uniformen ihrer Nation, schwarz, blau, grau etc. angezogen +-- ein buntes Bild, von dem sich die Augen schwer trennen können (wegen +der Wirren in Nordchina waren Truppen verschiedener Nationen in Shanghai +einquartiert). Wie wir so dahinfuhren, wähnten wir fast, wir seien +schon in der uns vorderhand noch fremden Welt einer europäischen Stadt; +indessen mahnten uns die Chinesen daran, daß wir uns noch nicht weit von +unserer Heimat entfernt hatten. + +[Illustration: Englische Kavallerie in Shanghai.] + +[Illustration: Straße in Shanghai.] + +Wir fuhren durch einige Straßen der Neustadt, wo zu beiden Seiten +viele chinesische Verkaufsläden stehen, und hatten Gelegenheit, das +Straßenleben der Chinesen in Augenschein zu nehmen. Die Straßen +sind ziemlich schmutzig, voller Lärm und Gedränge. Die Häuser sind +größtenteils aus Holz gebaut und mit grellen Farben angestrichen; rot, +die Lieblingsfarbe der Chinesen, wiegt vor, es findet auch grün und gelb +große Verwendung. Aus den Fenstern sieht man hier und da Wäsche, +alte Kleider u. dergl. herunterhängen, die, über den Häuptern der +Vorbeigehenden gemächlich flatternd, zu dem Schmuck der Stadt in +seltsamer Weise beitragen. Die Verkaufsläden sind meist offen und +am Eingang hängen Schilder von verschiedener Farbe und Form, worauf +allerlei Worte, meistens langatmige Erklärungen oder großsprecherische +Lobpreisungen des zu verkaufenden Gegenstandes, zu lesen sind. Als +Einfuhrartikel werden Opium, Wolltuche, Metalle, Lampen, Uhren, +Zündhölzer, Petroleum u. s. w., als Ausfuhrartikel Seide, Tee, +Baumwolle, Felle, Schweinsborsten, Strohgeflechte, Talg u. s. w. +gehandelt. + +[Illustration: Chinesischer Schuhmacher.] + +Unter den Verkaufsläden trifft man auch nicht wenige, in denen Fett- +und Eßwaren feilgeboten werden; auch getrocknete Fische, Gemüse, Früchte +u. s. w. liegen lockend ausgebreitet zum Verkauf. Hier drängen sich +viele Käufer, Städter wie Landleute, grell geschminkte Frauen in +bunten Gewändern, geputzte Männer mit langen Zöpfen, jeder nach +seinem Geschmack gekleidet. Ferner findet man auch manch' schöne, +nach europäischem Muster eingerichtete Häuser mit Schaufenstern, die +einheimische wie importierte Fabrikate bergen und wo man wirklich +gute Waren beziehen kann; aber im allgemeinen haben die chinesischen +Kaufläden und das Straßenleben, wie lebhaft sie auch den neugierigen +Augen eines Fremden erscheinen mögen, ein düsteres, träges und +unsauberes Aussehen. + +Wir fuhren nun geradenwegs durch die Straße Damaro, auch Nankinro +genannt, zu deren Seiten sich die meisten eleganten Verkaufsläden, +europäische und chinesische, vorfinden, und gelangten in den Lustgarten +Gu-En[1]. Dieser Garten, den der Besitzer vielleicht aus Bescheidenheit +so genannt, sollte wahrhaft wundervoll angelegt sein, aber leider war er +nicht imstande, japanische Augen zu erfreuen; da er weder etwas +Schönes noch Neues bot, so verlohnt es sich nicht, ihn ausführlich +zu beschreiben. Ein paar Baumgruppen, deren fahles Grün nicht gerade +anziehend wirkt, ein altes Gebäude chinesischen Stils, das so aussah, +als wäre es nie mit einem Besen in Berührung gekommen, ein kleiner Teich +mit trübem Wasser, worin etliche Goldfische ein elendes Dasein +führten, einige komisch geformte Felsblöcke, die als Zeugen einer rohen +plastischen Arbeit dastehen, und am Ausgang eine Art von Theater, in +welchem dann und wann chinesische Operetten aufgeführt werden... das ist +wohl alles, was man hier zu sehen bekommt. -- Zwei Dinge fielen mir +hier besonders auf: ein paar Opiumstuben -- sehr einfache, meist nur mit +einem Sofa ausgestattete Zimmer. Dort legt sich dann der Chinese aufs +Ruhebett, raucht Opium und verträumt im Zustand der Betäubung den lieben +langen Tag. Und weiter: ein paar irdene Becken, die im Garten unter +freiem Himmel standen und eine dunkle trübe Masse enthielten. Ich +glaubte, die Flüssigkeit sei zum Begießen der Pflanzen da, aber zu +meinem Erstaunen erfuhr ich, daß sie zum -- Trinken aufbewahrt werde. +Echt chinesisch! + +[Illustration: Im chinesischen Teelokal in Shanghai.] + +Nicht weit von Gu-En liegt Cho-En, ein in europäischem Stile +aufgeführtes Gebäude, woselbst den Gästen Tee serviert wird -- ein +Teehaus im strengsten Sinne des Wortes; es hat einen geräumigen, mit den +Farben aller Nationen geschmückten Salon und sieht ganz nett aus; vor +dem Hause breitet sich ein frischer grüner Rasenstreifen aus und ladet +den Vorübergehenden zum Besuche ein. In nächster Nachbarschaft sahen wir +auch eine mit allem Zubehör ausgestattete Kegelbahn. + +Die Equipage führte uns nun nach Shumaro oder Fukushuro, die in einer +gewissen Bedeutung »feinste« Straße Shanghais; ein Karasumori oder +Yanagibashi in Japan, wo viele tausende jener berühmten Shanghaier +Sängerinnen wohnen und wo die »feinen« Herrschaften so gerne spazieren +gehen, um zu sehen und gesehen zu werden. Hier liegt auch das Teehaus +Kiokaro, in welchem wir zu Mittag aßen. Es ist dies eines der besten +Wirtshäuser in Shanghai. Die ganze japanische Kolonie »König Alberts«, +zehn an der Zahl, mit unserm Begleiter und einem Chinesen, der bei +der Firma Kajimayoko angestellt ist und inzwischen von uns zur Tafel +eingeladen war, nahmen nun mit knurrendem Magen an dem runden Tische +Platz und harrten in gespannter Erwartung der Dinge, die da kommen +sollten. Einen Speisezettel freilich gab es nicht, und wenn es auch +einen gegeben hätte, würde er uns wenig genützt haben, da uns die Namen +der Gerichte fremd waren. Die Speisen werden in verschiedene Klassen +eingeteilt und danach bestellt; aber was jede von ihnen enthält, das +gehört zu den Geheimnissen des Koches. Nichts blieb uns weiter übrig, +als diesem die Wahl mit der stillen Hoffnung zu überlassen, daß nicht +nur das Gute von oben, wie es in der »Glocke« von Schiller heißt, +sondern auch von unten aus der Küche kommen möge. Zuerst wurde uns eine +Tasse Tee serviert, nach wenigen Minuten kam die Suppe zum Vorschein +und nun folgten verschiedene Sorten von Fettspeisen, worunter Speck die +Hauptrolle spielte, ferner gebratene Fische von zwei, drei verschiedenen +Arten, Hummer, Muschel, Geflügel, Lammfleisch, fast alles mit Öl und +Fett zubereitet, Fadennudeln, Gemüse und, was unter anderm auffiel, +Schwalbennester, Haifischflossen, Walfischbart u. a. m. -- alles +Erzeugnisse, die zu den Delikatessen der Chinesen gehören. Zum Schluß +gab es wiederum Suppe und dann gekochten Reis, Gebäck, Früchte u. s. w. +Diese Speisen werden in einer großen Schüssel mitten auf die Tafel +gestellt und jeder nimmt sich selbst daraus auf das eigene Tellerchen, +das bei jedem Gange von dem Servierkellner gewechselt wird. + +[Illustration: Chinesischer Koch.] + +Mit wahrem Heißhunger machten sich alle daran, aber einigen wollten +schon nach den ersten Gängen die Speisen nicht in den Gaumen hinein, +da sie das allzu Ölige und Fette nicht ertragen konnten, wieder einige +hatten nach acht bis neun Gängen den Magen voll und konnten nicht +weiter. Ich, der in dem Kampfe mit Leckerbissen bisher den Rücken +nicht hatte sehen lassen, focht auch hier in aller Tapferkeit mit +zwei Stäbchen -- denn Gabel und Messer gab es nicht -- gegen die +hintereinander losrückenden Feinde, aber schon bei dem elften +Zusammenstoß hatte ich einen harten Kampf zu bestehen. Bei dem zwölften +Angriff entschwand mir endlich der Mut, und vollgestopft wie ein +Maltersack konnte ich weder gehen noch stehen, ich schnaufte nur und saß +unbeweglich da. Selbst wenn alle Schätze des persischen Königs hier +vor meinen Füßen gelegen hätten, würde ich meine Hand nicht danach +ausgestreckt haben, um sie aufzuheben, denn auch bei der leisesten +Bewegung drohte der überspannte Sack zu zerplatzen! Doch zwei von uns +haben wacker gestritten bis zum 17. und letzten Angriff für die Ehre +unserer Kolonie; daß dies aber ein Kampf auf Leben und Tod war, verriet +schon der Schweiß, der von ihren Stirnen herabrollte. Unser langzöpfiger +Tischgenosse war, als die Haifischflossen aufgetragen wurden, +fortgeschwommen und ließ sich nicht mehr sehen, was uns sehr leid tat. +Er schien über unsere Unterhaltung verstimmt zu sein; wir hatten nämlich +u. a. gesagt, daß die Sauberkeit der Chinesen sehr zu bewundern sei, +insbesondere beim Essen; denn sie lecken fortwährend ihre Stäbchen ab +und fahren dann wieder in die gemeinsame Schüssel hinein, so daß die +darin befindliche künstlich zubereitete Sauce sich mit der natürlichen +ihres Mundes vermischt und so einen chemischen Prozeß durchzumachen +scheint. Später hörte ich zu meinem nicht geringen Erstaunen, daß es bei +den Chinesen Sitte sei, beim Essen die Stäbchen schön abzulecken, und +daß derjenige, der seinen Tischgenossen eine besondere Aufmerksamkeit +erweisen will, dies auf chinesische Art nicht besser bezeigen zu können +glaubt, als daß er seine Stäbchen möglichst gut ableckt. Wirklich eine +recht feine Sitte, die vom Gesichtspunkt der Bakteriologie sehr zu +empfehlen ist! Wahrscheinlich verdanken die deutschen Wörter »Lecker«, +»Leckerei«, »Leckerbissen« u. s. w. ihren Ursprung den Chinesen! -- Eins +möchte ich hier noch hinzufügen, daß nämlich alle Speisen ohne Ausnahme +warm aufgetragen werden; kalte und rohe Speisen, wie unser Sasimi, +kennt man dort überhaupt nicht; daß sogar Wasser nur in heißem Zustande +getrunken wird, ist bekannt. Besonders fiel mir noch auf, daß während +des ganzen Mahles die Chinesen in einem fort getrocknete Melonenkerne +aßen, die sich in einer gemeinsamen Schüssel in der Mitte des +Tisches befanden. -- Noch eins: wir wurden bei der Tafel leider der +zweifelhaften Ehre nicht teilhaftig, von jenen reich geschmückten und +doch so leichten elastischen Gestalten bedient zu werden. + +Im großen und ganzen muß ich doch sagen, daß die chinesischen Köche ihre +Kunst sehr gut verstehen. Von der geschickten Zusammenstellung des so +viele Gerichte umfassenden Mahles abgesehen, ist auch die Zubereitung +gut; ja, man wäre versucht, es dem japanischen beinahe vorzuziehen, +wenn nicht zu viel Fett und Öl verwendet würde. Mit dem europäischen +und chinesischen Mahl verglichen, ist unser japanisches einfacher. Das +chinesische ähnelt mehr dem europäischen und ist ebenso nahrhaft und +gehaltreich. Übrigens war das Essen, das wir an jenem Tage genommen, ein +kantonsches, was dem europäischen verwandter ist, wie das nankinsche, +das als ein echt chinesisches dem Gaumen der Eingeborenen wohl bekommen +soll, aber nicht dem unsrigen. Unsere Köche verstehen zwar das Kochen an +sich ganz gut, sie sollten aber ihr Augenmerk doch auf die Zubereitung +und Zusammenstellung recht kräftiger und nahrhafter Kost richten. Ein +Gericht z. B. wie das Kuchitori -- jene kuchenartige, buntaussehende +süße Speise -- sollte ganz abgeschafft werden, da es eher den Augen als +dem Magen zur Erquickung dient. + +Das einzige, was bei der chinesischen Mahlzeit abstößt, ist eben die +Unreinlichkeit, die auch hier, wie überall beim Chinesen, an den Tag +tritt. Die Überreste von Speisen, wie Gräten, Knochen, Schalen +u. dergl., werden während des Essens im Wirtshause von allen Gästen ohne +weiteres unter die Tafel geworfen; die beiden anderthalb Fuß langen +Stäbchen und überhaupt die Eßgeschirre sollte man selbst mit der +Serviette vorher sorgfältig reinigen, so unheimlich sehen sie aus; die +Servietten bieten manchmal ein derart trauriges Aussehen, daß man sie +lieber unbenutzt läßt. Schlimmer als diese sind aber die heißen Tücher, +womit man während des Essens den Mund von allem Fett und Öl abwischt; +sie werden, ohne irgendwie ausgewaschen zu werden, in kochendes Wasser +getan und in heißem Zustande den Gästen mehrere Male dargereicht; sie +machen also einen Kreislauf bei vielen Gästen, fühlen sich infolgedessen +etwas klebrig an und haben gerade keinen angenehmen Geruch. + +Etwas möchte ich hier einfügen über jene Klasse der Chinesen, die +durch ihr elendes Handwerk, vor allem aber durch ihre Schmutzigkeit und +Dreistigkeit auffallen, ich meine die Kulis. Sie stehen fast überall mit +ihrem von Japan importierten Rollstuhl, Jinrikisha, auf der Straße und +fordern jeden Vorübergehenden zum Einsteigen auf; besonders wenn sie +einen Fremden gewahr werden, machen sie für eine kurze Strecke Weges +eine unmäßige Forderung und suchen ihn tückisch und hinterlistig zu +übervorteilen. Ihre Forderung lassen sie auch auf ein Drittel ihrer +ersten Ansprüche herabhandeln, aber sobald sie ihre Tour gemacht haben, +bitten sie dreist und zudringlich um Trinkgeld oder fordern, trotz der +vorhergegangenen Unterhandlung, das Doppelte und Dreifache. Wenn sie +dann abgewiesen werden, kommen sie noch eine Strecke Weges hinterher +gelaufen und betteln immer wieder oder schimpfen und schreien, bis man +am Ende genötigt wird, mit dem Stock ihrer Forderung Genüge zu tun. Daß +Menschen dieser Art von den dort lebenden Europäern wie Tiere angesehen +und demgemäß behandelt werden, ist vom allgemeinen menschlichen +Standpunkte bedauerlich, unter den obwaltenden Verhältnissen aber +verständlich. Zwar haben wir in Japan auch eine Klasse solcher Kulis, +diese sind jedoch weit artiger und zuvorkommender als jene. Schon ihr +Aussehen verrät, daß sie mit ihren Kollegen in China nichts gemein +haben. In leichten, fest anschließenden schwarzen Jacken, bedeckt bis +zu den Füßen, stehen sie bei uns an einer Seite der Straße auf dem ihnen +zugewiesenen Platze und warten bescheiden, bis ein Vorübergehender sie +anruft. Und wie flink sie ihr Handwerk üben! Wie der Blitz fliegen sie +mit ihrem Rollwagen die Straße dahin, als ob sie die darauf sitzende +schwere Last garnicht spürten, während die chinesischen in weiten, +blau auf grau gestickten, losen Lumpen die Straße dahintappen; daß +der Knüttel in den Händen der Polizisten mit diesem Gesindel gute +Bekanntschaft unterhält, ist daher leicht erklärlich. + +[Illustration: Indischer Polizist in Shanghai.] + +Eine Eigentümlichkeit von Shanghai sind die verschiedenartigen +Polizisten, die aus Engländern, Franzosen, Amerikanern, Chinesen +und Indern bestehen. Die indischen Polizisten gewähren einen schönen +Anblick; sie zeichnen sich durch ihre stattliche Gestalt aus, sind groß, +kräftig, ganz braun, tragen einen schwarzen Vollbart, sind europäisch +gekleidet und gehen mit einem Knüttel in der Hand gravitätisch die +Straße einher. Was den Reiz dieser Erscheinung noch erhöht, ist der +ungeheuer große Turban. Selbst der kleinste von ihnen scheint zwei Meter +groß zu sein -- wahrlich, herkulische Gestalten! Ihr muskulöses Aussehen +verleitet zu der Annahme, daß sie ganz geeignet seien, einen Löwen zu +bändigen, daß sie also spielend mit einem Verbrecher fertig würden. Aber +wie ich höre, soll dies in Wirklichkeit nicht der Fall sein, denn so ein +Herkules soll feige sein und Reißaus nehmen, wenn ihm etwas Ernstes in +den Weg tritt. Was ihre Verstandeskräfte anlangt, so sollen sie auch +leider würdige Sprößlinge ihres Stammes sein, denn wenn ihnen irgendwie +schwierige Aufgaben gestellt werden, so wissen sie sich keinen Rat. Zwar +können sie unterscheiden, was schön und häßlich, was gut und schlecht +ist, wenn sie es mit eigenen Augen angeschaut haben, darüber hinaus +geht jedoch ihre Urteilskraft nicht. Ihr langzöpfiger Kollege, der +chinesische Polizist, scheint in manchen Stücken geschickter zu sein, +obwohl er nicht so gut aussieht. Kurz, der indische Polizist ist mehr +zum Paradieren da. Einen guten Zug hat er aber außerdem doch, und das +ist seine Unparteilichkeit. Die weißen Polizisten sind, wie man sagt, +nur zu leicht geneigt, in strittigen Fällen die Partei ihrer engeren +Landsleute zu ergreifen; das tut aber der indische Polizist nicht, +sondern hält sich in lobender Weise neutral. + +Wie im Fluge war die Zeit dahin geschwunden und darüber war es Abend +geworden. Unsere Absicht, noch die Altstadt zu besichtigen, wurde leider +durch einen starken Regen vereitelt, deshalb traten wir die Rückfahrt +nach dem »König Albert« an, den wir erst spät in der Nacht erreichten. +Aber wir alle fühlten uns von dem Verlauf des Tages durchaus befriedigt, +so daß ihn jeder von uns in seinem Tagebuch als einen genußreichen +aufzeichnen konnte. + + + + +V. + +Hongkong. + + +Die Hitze, die wir bisher in der frischen Seeluft nicht gespürt hatten, +machte sich schon recht bemerkbar, als unser stolzer »König Albert« am +16. April vormittags in den Hafen von Hongkong eindampfte. Hongkong, +d. h. der »duftende Hafen«, liegt südöstlich von Kanton hart an der +Grenze der tropischen Zone und ist eine kleine Insel von kaum 15 km +Länge und 7-8 km Breite, welche durch einen schmalen Meeresarm vom +Festlande, der Halbinsel Kowloon, getrennt wird. Sie ist seit dem +Frieden von Nankin im Jahre 1842 an die Engländer abgetreten worden +und bedeutet jetzt eine Perle der britischen Kolonieen. Die Bewohner, +ca. 300 000, sind meist Chinesen neben etlichen tausend Indiern; unter +den Europäern, deren Anzahl nur ein Dreißigstel der Gesamtbevölkerung +ausmacht, sind die Portugiesen am meisten vertreten, ihnen folgen die +Engländer mit ein paar tausend Mann Garnison. An der Nordküste der Insel +liegt die Stadt Viktoria, die amphitheatralisch angelegt ist und im +Schmuck ihrer hell leuchtenden Häuser und grünen Bäume, namentlich +vom Meer aus, einen herrlichen Anblick gewährt. Was aber die Augen des +Reisenden am meisten anzieht, ist das Treiben im Hafen. + +[Illustration: Hongkong (Hafen und Europäisches Viertel).] + +Fahrzeuge aller Art und aller Nationen erblickt man dort: mächtige +Kriegsschiffe, insbesondere britische, welche dem chinesischen +Geschwader angehören, große und kleine Postdampfer, schwerbeladene +Handelsschiffe, zahllose Dschunken, Boote u. s. w. Hier läuft ein Schiff +ein, dort sticht ein anderes in See, in dicken Säulen steigt der Rauch +aus den Schornsteinen empor, überall ein Tuten, Pfeifen, Rasseln, +Klirren, daß einem von all dem Geräusch fast die Sinne benommen werden. +Und wie es im Hafen von Menschen wimmelt! Schwere Kisten werden auf- +und abgeladen, Fässer werden gerollt, Ballen gewälzt, Gepäck geschleppt, +Karren mit Pferden fahren hin und her, Lastträger mit Tonnen drängen +sich ächzend durch die Menge -- kurz, alles ist in regster Bewegung. +Daß Hongkong als Handelsplatz und als Seehafen des Weltverkehrs an der +ganzen ostasiatischen Küste tatsächlich eine große Rolle spielt, ist +schon daraus ersichtlich, daß fast alle Handelsstaaten hier Konsulate +haben; Tee, Seide, Opium, Zucker, Öl, Salz, Baumwolle, Elfenbein, +Nahrungsmittel der verschiedensten Art sind die wesentlichsten +Gegenstände des Handels. + +Der reiche Mitsui, der auch hier seine Firma besitzt, holte uns mit +seinem Dampfboot ab, und unter der sicheren Führung eines seiner Beamten +betraten wir nun die Stadt. Wir besuchten zuerst Queen's Road, die +schönste und belebteste Straße. An beiden Seiten reihen sich chinesische +und europäische Verkaufsläden in buntem Gemisch aneinander; das +Stadthaus, das Theater, mehrere Banken, Konsulatsgebäude u. s. w. +befinden sich hier. Die nicht eben hohen, aber doch stattlich +aussehenden Gebäude sind meist in europäischem Stil aufgeführt. Die +Straßen sind ziemlich sauber, aber leider ein bißchen eng, was jedoch +die Lebendigkeit des Straßenlebens bedeutend erhöht. Zum Fahren dienen +zierliche Rollstühle, auch den Chinesen eigentümliche Tragsessel werden +viel gebraucht; Equipagen und Droschken sieht man verhältnismäßig wenig, +da die bergige Lage und die enge unregelmäßige Straße es nicht erlauben. +Das Straßenleben hat mit seiner buntdurcheinandergewürfelten Bevölkerung +große Ähnlichkeit mit jenem Shanghais. + +[Illustration] + +Nachdem wir die Straßen durchwandert, die Sehenswürdigkeiten in +Augenschein genommen und auch einige Einkäufe, wie z. B. Tropenhüte +u. dgl., gemacht hatten, wollten wir zum Viktoria-Park, von dem die +Reisenden nicht genug zu erzählen wissen, hinansteigen. Die große Hitze +jedoch und die spärlich bemessene Zeit nötigten uns von dem Vorhaben +abzustehen und wir benutzten die Drahtseilbahn, die uns schnell auf den +Gipfel führte. In ungefähr einer Viertelstunde waren wir am Ziel. +Aber in diesem Augenblick kam leider der Nebel, eine sehr häufige und +unangenehme Erscheinung dieser Gegend, heraufgezogen, und ehe wir uns +versahen, bedeckte er mit seinem Schleier den ganzen Berg. Nicht zehn +Schritte konnte man vor sich schauen, man hätte ihn mit einem Messer +durchschneiden können -- so dick war er! Von der großartigen Aussicht +nach dem Hafen war nun keine Rede mehr und es blieb uns nichts weiter +übrig, als geduldig die Zeit abzuwarten, bis der Nebel sich gesenkt +hatte. Wir kehrten deshalb im Wirtshaus Peak-Hotel ein, ließen uns +die englische Küche gut schmecken und sahen zu, ob nicht durch die +flatternden Nebelgespinste sich irgend etwas unsern Blicken darböte. Und +sieh! Nach ungefähr einer Stunde teilte sich der Nebel und auf einmal +lagen zu unseren Füßen Stadt, Hafen und weiter hinten die Halbinsel +Kowloon. Wir standen in stiller Bewunderung da, die Operngläser vor den +Augen haltend. Da unser Standpunkt nicht allzu hoch war, so konnte man +die Form und Farbe eines jeden Gegenstandes noch deutlich unterscheiden. +Ein entzückendes Panorama! An den Abhängen sieht man übereinander +aufsteigende Höfe von tropischen grünen Baumgruppen umgeben und +prächtige Villen mit herrlichen Gartenanlagen; aus den Straßen der Stadt +erheben sich große, stattliche, wie Paläste und Schlösser aussehende +Gebäude, darunter mischen sich die schwarzen Kuppeln und die rötlichen +Türme der Kirchen und Kapellen. Hinter dem Halbkreis des Hafens dehnt +sich der unendliche Ocean aus, auf dessen blauem Spiegel hunderte von +Schiffen wie weiße Schwäne umherschwimmen. Auf der anderen Seite +des Berges sieht man in einer talförmigen Vertiefung ein großes +Wasserbecken, das im hellen Sonnenschein wie ein smaragdner See +leuchtet; hier wird das Regenwasser sorgfältig gesammelt und mittelst +Röhren in die Stadt geleitet, wo man es zum Trinkwasser verwendet. + +[Illustration: Hongkong (Chinesisches Viertel).] + +Aus dem einförmigen Leben auf dem Schiff in die Mitte dieses schönen, +erhebenden Anblickes versetzt, fühlten wir uns so erquickt und blickten +wie gebannt immer und immer wieder in die weite Natur hinaus, als +wollten wir alle diese Schönheiten in unsere Brust einsaugen. Da +fällt aber mit einem Male der Vorhang vor unseren Augen: mit dem +wiederkehrenden Nebel ändert sich die Szene, und in einem Augenblick ist +von all dem Gebotenen nichts mehr zu sehen. Mit der Drahtbahn rollten +wir nun wieder mit haarsträubender Schnelligkeit den steilen Abhang +hinab bis zu der Station, die am Fuße des Berges liegt, dann folgten wir +der freundlichen Einladung der Firma Mitsui, stiegen einen gewundenen +Weg hinauf und gelangten bald in eine schöne Villa, die der Firma +gehört. Von dem Umherlaufen des langen Tages und von der Hitze im +unheimlichen Nebelkreise müde, lehnte ich mich an das Geländer der +Veranda und schaute in den Garten hinab, der mit den prächtigen bunten +Blumen, wie sie der tropischen Zone eigen sind, geschmückt war; ein +wenig unterhalb befand sich ein geräumiger Tennisplatz. Hier sah ich ein +paar kleine japanische Mädchen von sechs bis sieben Jahren, die sich +mit Spiel und Blumenpflücken vergnügten -- liebliche Erscheinungen +sondergleichen, die ich schon jahrelang vermißt zu haben glaubte. +Unverwandt ruhten meine Augen auf ihnen... was für eine Gestalt schwebt +dir vor und woran denkst Du?... + +Bei der Tafel wurden uns einige Herren und Damen von der Firma +vorgestellt und nun langten wir tüchtig zu; zu unserer großen +Überraschung und Freude bekamen wir hier japanische Kost vorgesetzt. +Kein Wunder, daß deshalb bei Tisch die heiterste Laune herrschte; ja, +man konnte bei der gemütlichen Unterhaltung fast wähnen, daß man sich +daheim im trauten Kreise der Freunde befände. Nach dem Essen spielte +Herr Musiklehrer Taki Klavier; er gab manch japanisches Stück zum besten +und trug dadurch wesentlich zur Erhöhung der Stimmung bei. Vom Fenster +aus sahen wir tausende von Lichtern, die wie gesäete Sternlein auf dem +Meere funkelten und feenhaft das Wasser beleuchteten. + +Am 17. mittags wurden die Anker gelichtet. Ich stand auf dem +Verdeck, sah vor mir die schöne Insel und konnte nicht umhin, an die +geschichtlichen Tatsachen zurückzudenken, wie und warum die Chinesen +genötigt wurden, den Engländern dieses Eiland abzutreten. Daß der +chinesische Kaiser Süan die Auslieferung alles in den englischen +Schiffen und Magazinen befindlichen Opiums, dieses wichtigsten und +gewinnbringendsten Artikels der englischen Einfuhr, forderte, um +dem Opiumhandel mit einem Mal ein Ende zu machen und daß er die +ausgelieferten 20 000 Kisten im Wert von 4 Mill. Pfd. Sterling +verbrannte, daß Streitigkeiten darauf erfolgten, daß England am Ende den +Krieg erklärte u. s. w., ist einem jeden zu bekannt, um hier wiederholt +zu werden. Zwar ist die Insel im Vergleich zu dem ungeheuer großen Reich +der Mitte ein kleines Stückchen Land, aber ein harter Verlust ist und +bleibt es doch für die Chinesen, zumal wenn man bedenkt, daß ihnen seit +der Zeit ein Stückchen Land nach dem andern verloren ging. Wehe ihnen, +wenn sie am Ende gar noch die Mandschurei einbüßen sollten! Im großen +und ganzen ist aber die Abtretung Hongkongs für den Weltverkehr ein +wahrer Segen gewesen, denn in den Händen der Chinesen wäre die Insel +bei weitem nicht zu ihrer jetzigen Blüte gelangt. Die Menge an Kapital, +Arbeit und Fleiß, die die Engländer aufgewendet haben, um die Insel zu +dem zu machen, was sie heute ist, ist der höchsten Anerkennung wert. Die +großartigen Quai- und Dockanlagen sind ihr Werk, ebenso die mühevolle +Bepflanzung des Peak, den der Viktoria-Park schmückt. + +[Illustration: Chinesische Kaufmannsfamilie in Festtracht.] + +Auch Gewerbe und Industrie verdanken ihren Aufschwung wesentlich den +Engländern. Fabriken und Werkstätten der verschiedensten Art, wie z. B. +Zuckerfabriken, Sägewerke, Seilereien, Ziegeleien, Zündholzfabriken, +Fabriken für Maschinen- und Bootsbau, Glasereien, Färbereien u. a. m., +sind meist von den Engländern angelegt oder angeregt worden. Kurz, +ihnen gebührt mit Recht das Verdienst, Hongkong den Namen eines +ausgezeichneten Stapelplatzes und eines vorzüglichen Freihafens gegeben +zu haben. + +Nach allem, was ich in Shanghai und Hongkong gesehen habe, kann ich +meinen jungen Landsleuten nur den Rat erteilen: macht euch auf und +besucht diese Städte! Dort erblickt ihr eine ganze fremde Welt, +andere Einrichtungen, Sitten und Gebräuche! Wer die beschwerliche und +kostspielige Reise nach Europa sparen will, findet in diesen beiden +Städten, die nur zwei Tage Dampferfahrt von Nagasaki entfernt liegen, +hinreichend Gelegenheit, um seine Kenntnisse zu erweitern. Insbesondere +seien diese wichtigen Handelsplätze den jungen Japanern empfohlen, die +kaufmännisch sich vervollkommnen wollen. Es ist entschieden gescheiter, +die Sommerferien auf diese Weise zu einer Studienreise auszunützen, als +sie im Gebirge oder in den Seebädern zu verbummeln! + +Leider war mein Aufenthalt in Hongkong nicht ungetrübt. Denn als ich +mich nach einem meiner ehemaligen Schüler und Freunde, Herrn Dr. Okoshi, +erkundigte, erfuhr ich zu meinem großen Schmerz, daß jener kurz vor +meiner Ankunft am Typhus gestorben war. Mit wehen Gefühlen betrachtete +ich das Bild des teuren Toten, der vielen noch als treues und tätiges +Mitglied des bekannten Vereins an der Adelsakademie, Hojinkai, in +Erinnerung sein dürfte. Fern von den Seinen und der geliebten Heimat +ist er in einem Alter dahingeschieden, wo er erst anfangen sollte, seine +Kenntnisse und Erfahrungen recht ordentlich anzuwenden. Ich bat mir +die Photographie seines Leichenzuges aus und schickte sie nach Japan an +unsere Schule; dort soll sie zum bleibenden Andenken an diesen Braven +aufbewahrt werden. + +Noch ein anderes trauriges Ereignis war der Tod eines Passagiers auf +unserm »König Albert«. Ein Engländer war mit Weib und Kind von +Yokohama an unser Reisegefährte gewesen. Wie ich hörte, soll er an +Lungenschwindsucht gelitten und in der guten Hoffnung, die frische +Seeluft möge heilsam auf ihn wirken, seine Reise angetreten haben. Der +herzzerreißende Jammer der unglücklichen Hinterbliebenen ist gar nicht +zu beschreiben; alle Passagiere trauerten mit ihnen, die Schiffskapelle +stellte die Musik ein. Doch war es ein Trost für die Trostlosen, daß +die sterblichen Überreste des Dahingeschiedenen in Hongkong beigesetzt +wurden, sonst hätte er ein nasses Grab gefunden in dem unendlichen Meer, +wo weder Hügel noch Stein die Ruhestätte anzeigen. + + + + +VI. + +Singapore. + + +[Illustration: Im Dock zu Singapore.] + +Unser »König Albert« eilte nun rastlos nach Süden, so daß wir schon nach +vier Tagen, den 21. April mittags 1 Uhr, die Insel Singapore erreichten. +Die Einfahrt in den Hafen ist, wie bekannt, sehr reizend. Schon von +weitem erblickten wir die von Palmen bedeckte Küste der Halbinsel Malaka +und je weiter wir kamen, desto reicher entfaltete sich die Natur; hier +und da tauchten kleine malerische Inseln auf, die Wasserstraße verengte +sich immer mehr und das Schiff dampfte in den bogenförmigen Hafen ein. +So schön nun dieser Hafen auch ist, er ist mit jenem von Nagasaki +nicht zu vergleichen, denn dort hat die Natur mit gütigeren Händen ihre +prächtigen Gaben ausgestreut. Der romantische Anblick des Strandes, die +verschiedensten Arten und Gestalten der Vegetation, jene wunderbaren +Figuren der Felsblöcke des Ufers und dergleichen fehlen hier gänzlich. +Was uns hier auffiel, ist nur das überaus üppige Wachstum der Palmen; +wohin das Auge auch schweift, sehen wir nur Palmen, nichts als Palmen, +diese hochstämmigen Vertreterinnen der echttropischen Natur. + +Die Insel Singapore, welche an der Südspitze der Halbinsel Malaka liegt, +steht wie Hongkong unter britischer Oberhoheit. Als die Engländer sie +vor etwa 80 Jahren ihrem ehemaligen Besitzer, dem malayischen Sultan, +abkauften, war sie noch unkultiviert. Dichter Urwald bedeckte sie und +die Bewohner waren in der Hauptsache Fischer und Seeräuber. Jetzt aber +bildet ihr Hafen den Hauptstapelplatz für Borneo, Sumatra, Malaka und +andere Inseln; seit der Eröffnung der japanischen und chinesischen Häfen +hat er erneute, von Jahr zu Jahr steigende Bedeutung als Zwischenplatz +gewonnen. Die Bevölkerung, deren Zahl sich auf 250 000 belaufen mag, +ist in stetem Zuwachs begriffen; sie besteht aus Chinesen, Malayen, +Javanern, Eurasiern, Tamulen und anderen Mischlingen. Die Chinesen sind +schon jetzt der Kopfzahl nach am stärksten vertreten und werden es auch +wohl bleiben, da immerwährend frischer Nachschub vom Mutterlande kommt. + +[Illustration: Malayisches Dorf auf Singapore.] + +Doch genug von diesen trockenen statistischen Angaben. Nachdem unser +Dampfer am Quai festgelegt, ging ich mit meinen Freunden an Land und +zwar voll der größten Erwartung, denn wir hatten erfahren, daß der +Kronprinz von England auf seiner Rundreise durch die englischen +Kolonieen in Singapore eingetroffen sei; ihm zu Ehren sollte eine große +Illumination stattfinden, ein großer pomphafter Aufzug sollte Tags +darauf folgen und Gott weiß was nicht noch alles. Jetzt wurde es mir +klar, warum unser »König Albert« beim Einlaufen in den Hafen eine +englische Fahne gehißt hatte, warum auf allen Masten der vor Anker +liegenden Schiffe Großbritanniens Wimpel flatterten. Man kann sich +denken, wie erwünscht mir dieser Zwischenfall war, gab er mir doch +Gelegenheit, dies bunte Volk in seiner Begeisterung und Freude zu +beobachten. Also vom Dampfer herunter und in die Stadt hinein. In die +Stadt? O nein! Von der eigentlichen Stadt war noch nichts zu erblicken, +die lag noch eine ziemliche Strecke landeinwärts, nur ein malayisches +Dorf mit ärmlichen, im Wasser erbauten Hütten war zu sehen. Wir mußten +also einen Wagen nehmen. Und nun begann die Qual für uns. Sogleich +umringten uns halbnackte malayische und indische Kutscher und kreischten +uns in ihrer Muttersprache an, die uns nur wie eine Sammlung von +Keif- und Zischlauten klang. In ihren Bemühungen, uns ihr Gefährt +aufzunötigen, wurden sie sogar aufdringlich und frech. Was sollten wir +machen? Unser Bestreben war, so schnell als möglich fortzukommen. Nach +langer Unterhandlung mieteten wir endlich eine Droschke, bestiegen sie +und kamen bei Einbruch der Abenddämmerung in die Stadt. Wir stiegen ab, +gaben dem Kutscher den verabredeten Lohn und wollten schon weiter, +als dieser unverschämte Bursche lautschreiend das Vierfache des +Ausbedungenen verlangte. Wieso denn? fragten wir entrüstet, und der alte +Gauner, der mit einem Mal ganz gut Englisch sprechen konnte, erklärte +verschmitzt, daß sich der ausgemachte Preis für eine Person, nicht aber +für vier verstände. Wir wollten uns durchaus nicht schröpfen lassen +und machten energisch Anstalt, uns fortzubegeben, doch da hub er ein +so wüstes Geschrei an, daß im Umsehen unsere kleine Gesellschaft von +drohendem Gesindel umgeben war. Da eine Hilfe nirgends zu erblicken +war, so blieb uns nichts weiter übrig, als gute Miene zum bösen Spiel zu +machen und zu zahlen. + +Nachdem das Volk sich verlaufen hatte, verließen wir den Platz und +gingen eine ins Zentrum der Stadt führende Straße hinab. Eben bogen wir +um die Ecke -- und wie geblendet standen wir da! Soweit das Auge reichte +-- ein Lichtmeer die ganze Stadt. Von Balkonen und Fenstern, von eigens +für dieses Fest hergerichteten Schaugerüsten, von Mauern und Masten, von +den Dächern sogar, kurz von überall her, wo sich nur irgendwie Lampen, +Laternen und Ballons hatten anbringen lassen, glühte es uns in allen +Farben entgegen. Auch die Bäume hatte man mit ganzen Sträußen farbiger +Laternen geschmückt, welche wie funkelnde Sternchen im Grünen auf uns +herableuchteten. Alles schwamm in Licht und es war uns zu Mute, als ob +wir durch einen Zauber plötzlich in ein lichtes Feenreich, wie wir es +aus den Märchen kennen, versetzt worden wären. Wirklich eine wahrhaft +himmlische Illumination! + +[Illustration: Straße in Singapore.] + +[Illustration: Verkaufsstand in Singapore.] + +Und nun die Straße selbst, welch ein Blick nach oben und überallhin! +Über sie hinweg hatte man in ihrer ganzen Länge und Breite aus roten und +weißen Tüchern eine sie überwölbende Decke ausgespannt, sodaß gleichsam +eine ungeheure lange farbige Festhalle gebildet war, die im Widerschein +von tausenden bunter Lichter erglänzte und prangte. Zu beiden Seiten zog +sich eine Menge von Schaugerüsten hin, deren Wände und Geländer man +mit prächtigen Teppichen ausgelegt hatte. Lustige Stücke wurden auf +den einen aufgeführt, auf anderen sahen feiertäglich geputzte Leute dem +vorbeiflutenden Menschenstrome zu und dort waren allerlei Gegenstände +zur Schau und zum Verkauf gestellt. Die Menschenmenge, die hier +zusammenfloß, war in der Tat bunt genug. Alle Völker Asiens schienen +sich hier ein Stelldichein gegeben zu haben: Chinesen, Javaner, Eurasier +u. a. m. Besonders fielen mir die Tamulen und Malayen wegen ihrer +farbigen Tracht in die Augen. Grelle Tücher hatten sie um ihren Leib +geschlungen, trugen aber sonst kein Kleidungsstück, sodaß sie halbnackt +in dem Menschengewirr dahinschritten. + +Bald waren wir mitten im Gewühl, aus allen Nebenstraßen und Gäßchen +strömte neuer Zufluß in die Hauptader, sodaß binnen kurzer Zeit das +Gedränge geradezu lebensgefährlich wurde. Ein Zurück gab es nicht mehr; +wohl oder übel mußten wir uns dem Strome überlassen. Wir kamen aber doch +dabei auf unsere Kosten, da wir reichliche Gelegenheit fanden, das Volk +in seinem Vergnügen und in seiner Festtagsstimmung zu beobachten. +Arg genug ging es allerdings dabei her. Hüben und drüben ein +ohrenzerreißender Lärm! Hier staute sich die Menge vor einer Bude, in +der komische Tänze aufgeführt wurden, dort umgab sie in dichtem Knäuel +ein Brettergerüst, auf dem eine bunt ausgeputzte Musikbande ihre +betäubenden Klänge ertönen ließ, und an anderen Stellen geberdete sie +sich derart toll, daß es uns schließlich nicht übelzunehmen war, wenn +wir so schnell als möglich aus diesem Treiben herauszukommen suchten. +Das gelang uns denn auch, wenn auch erst nach vieler Mühe. Aber wohin +gerieten wir?! Fast möchte ich sagen: vom Regen in die Traufe. Wir bogen +in eine Gasse ein und wurden nur zu bald inne, daß wir uns in anrüchiger +Gegend befanden. Sperrangelweit standen Tür und Fenster der Häuser +offen, und in allen Sprachen der Welt riefen aufgedonnerte und +geschminkte Mädchen die Vorbeigehenden an und suchten sie zum +Nähertreten zu bewegen. Leider, leider sah ich auch unter diesen elenden +Geschöpfen Kinder unseres Volkes, und so angenehm uns sonst der Anblick +einer Landsmännin ist, hier ward er zur wehen Qual. Ich erkundigte mich +nach vielen Einzelheiten dieser häßlichen Einrichtung und stellte vor +allem die Frage, woher es käme, daß Zugehörige unseres Reiches in +diesen von der Heimat so fernen Stätten des Lasters zu finden seien, und +erhielt darauf die bittere Antwort, daß diese Geschöpfe zum großen Teil +auf dem Wege des abscheulichen Mädchenhandels in diesen Sumpf gelangten. +Oft zögen sie aus dem Vaterland in gutem Glauben fort, in der Fremde +bessere und zwar durchaus anständige Stellen zu erhalten. Werden sie +dann eines Tages gewahr, wo sie sich befinden, so ist es gewöhnlich +schon zu spät, um dem sicheren Verderben zu entgehen. Was die +Nationalität anlangt, sollen hier leider unsere Landeskinder am meisten +vertreten sein, wieweit das zutrifft, weiß ich nicht; ich habe aber bei +oberflächlicher Betrachtung gesehen, daß so ziemlich alle mir bekannten +Völker Prostitutionsmaterial stellen. Auch waren alle Altersstufen +vertreten -- von 13jährigen Mädchen bis hinauf zu 50jährigen Alten. + +So hatte denn leider unsere so heitere Festesstimmung einen häßlichen +Nachgeschmack bekommen; wir hatten zu nichts mehr rechte Lust und +strebten dem Hafen zu. + +Auf dem Rückweg entdeckten wir ein japanisches Restaurant, wie man uns +sagte, das einzige in Singapore. Es gehört einem Japaner, der es in +Gemeinschaft mit seiner, gleichfalls aus Japan gebürtigen Frau leitet, +und gut leitet, wie uns die kurze Einkehr, die wir dort hielten, aufs +beste bewies. Wir tranken ein paar Flaschen Bier, unterhielten uns mit +den erfreuten Wirtsleuten in unserer Muttersprache und brachen dann zu +unserm Schiffe auf. An Bord angelangt, bemerkte einer von uns, daß ihm +sein Portemonnaie abhanden gekommen war, unwillkürlich faßten wir alle +in unsere Taschen -- und siehe da, auch ein zweiter unserer Kameraden +hatte einen Verlust zu beklagen, er vermißte seine wertvolle +Zigarrentasche. Offenbar waren beide Freunde im Gedränge das Opfer +geschickter Taschendiebe geworden. + +[Illustration: Jinrikisha in Singapore.] + +Am nächsten Morgen gingen wir wieder an Land, um den berühmten +»Botanischen Garten« von Singapore zu besichtigen. Er liegt jenseits der +Stadt und zwar in ziemlicher Entfernung von ihr. Auf dem Wege dorthin +sprachen wir in der Niederlage des reichen japanischen Kaufmannes +Mitsui vor, den ich bereits in meinen Reiseschilderungen über Hongkong +erwähnte. Sein Vertreter, Herr N., der uns von früher her befreundet +war, bot sich uns als Führer an und stellte uns seine Geschäftskutsche +zur Verfügung; leider aber war sie nicht groß genug, um uns alle +aufzunehmen. Wir sahen uns daher nach Mietsdroschken um, wohin wir aber +auch blickten, nirgends war eine aufzutreiben, sie waren längst bei dem +gesteigerten Verkehr dieser Festtage mit Beschlag belegt. Wir mußten +also etwas anderes ausfindig machen und mieteten mit Mühe und Not +endlich ein paar Rollstühle, setzten uns hinein, und heidi, ging es dem +Botanischen Garten zu. Schon waren wir eine Strecke gefahren, da +stellte sich ein neues Hindernis uns entgegen, diesmal in Gestalt von +Schutzleuten, die uns verboten, weiterzufahren, denn in kürzester +Zeit sollte Seine Hoheit vorbeikommen. Wir mußten uns also in das +Unvermeidliche fügen, stiegen aus, und nun verlangten die Kulis, obwohl +wir nur einen kleinen Teil der Strecke zurückgelegt hatten, den Betrag +für die ganze Fahrt. Aus Furcht vor einer Szene, wie wir sie bereits +früher erlebt, wollten wir schon zahlen, als unser mit den dortigen +Verhältnissen genau vertrauter Herr N. uns zu Hilfe kam. Seinen +Geldbeutel ziehend und eine Hand voll Münzen unter die Kulis werfend, +war eins. Gierig stürzten die Leute darüber her, wir aber wollten uns +dabei aus dem Staube machen, was uns jedoch nicht gelang, denn die Kerle +kamen uns nach und erhoben von neuem ihr Geschrei. Da aber machte Herr +N. kurzen Prozeß, nahm seinen Stock und teilte einige so tüchtige Hiebe +aus, daß das Gesindel endlich zurückblieb. Eine Weile gingen wir nun +zu Fuß und sahen uns das Treiben näher an. Auf beiden Seiten der Straße +bildete das Volk dicht gedrängt Spalier, lange Schutzmannsketten standen +davor, und den Damm hinunter fuhr in stetem Hin und Her die offizielle +Welt: Equipagen mit Beamten in großer Uniform, Offiziere mit Orden und +Bändern, festlich gekleidete Damen u. s. w. Die drückende Hitze machte +das Gehen bald unerträglich, wir nahmen daher von neuem ein paar +Rollstühle, erlebten aber damit nur eine zweite Auflage unseres +Reinfalls. Denn bald riefen die Schutzleute wieder: >Halt! Aussteigen!< +-- und das Feilschen um das Fahrgeld mit den Kulis begann wieder. So +erging es uns noch ein paar Mal, bis wir uns trotz der großen Hitze +entschlossen, den Botanischen Garten zu Fuß zu erreichen. Und das Ziel +war noch stundenlang entfernt! Die Sonne brannte senkrecht auf unsere +Scheitel, der alle Glut förmlich aufsaugende Boden blendete den Blick, +der bei jedem Schritt hochaufwirbelnde aschenartige Staub vollendete die +Höllenqual. Zwar standen auf beiden Seiten der Straße Palmen und andere +tropische Gewächse, sie halfen aber gegen diese Backofenhitze so gut wie +garnichts. In Schweiß gebadet, die Kleidung von demselben durchtränkt +bei 45 Grad Celsius, kann man sich vorstellen, in welcher Verfassung wir +uns befanden. Uns wollten fast die Sinne schwinden, so standen wir eine +Weile still. Da mit einem Male hieß es: >Der Prinz von Wales kommt!< Und +wirklich, er kam in prächtigem Aufzuge angefahren, in schöner Kutsche +und umgeben von glänzendem Gefolge. Und dies Gefolge trug zumeist große +Uniform. In dieser Hitze schwere, goldgestickte Uniformen! Was mögen die +Armen gelitten haben, wo uns, die wir doch leicht gekleidet waren, der +Schweiß wie Wasser vom Körper rann! + +Wir ließen den Zug vorüber und machten uns wieder auf den Weg. Wir waren +ungefähr eine Stunde fortgeschritten und vor Mattigkeit und Abspannung +mehr tot als lebendig, als uns eine leere Droschke entgegenkam. Das +belebte unsere Sinne. Wir stürzten uns auf den Rosselenker und wurden +auch nach vieler Mühe mit ihm handelseinig. Endlich stiegen wir ein und +fuhren nun noch anderthalb Stunden in der brennenden Sonne dahin, bis +wir ans Ziel gelangten und mit unseren Freunden, die Dank der Umsicht +des Herrn N. alle Beschwerlichkeiten der Straßenabsperrung geschickt +umgangen hatten, wieder zusammentrafen. + +[Illustration: Kokospalme.] + +Von dem seinen großen Ruf durchaus rechtfertigenden Botanischen Garten, +der viele tropische Pflanzen enthält, kann ich nichts Besonderes +mitteilen. Ich bin ja kein Fachmann, und das geringe, was ich zu sagen +hätte, dürfte zur Genüge bekannt sein. Man weiß hinlänglich, daß sich +die Flora in den tropischen Ländern durch Schönheit, üppige Fülle und +Artenreichtum auszeichnet. Das eine nur möchte ich erwähnen, daß hier +neben den Pflanzen des indischen Kontinents auch die des indischen +Archipels zahlreich vertreten sind; namentlich fielen mir die vielen +Arten von Palmen und tropischen Fruchtbäumen auf. Einer von den +Aufsehern, ein sehr liebenswürdiger Mann, führte uns herum; für ein +Trinkgeld nicht unempfänglich, ließ er es bei der bloßen Führung nicht +bewenden, sondern gab uns auch dankenswerte Erläuterungen an der Hand +von Experimenten. So pflückte er eine Mangofrucht ab, hackte sie mit +seinem Knüttel in Stücke und erklärte uns die Frucht näher. Sie war noch +nicht reif, sah noch ganz grün aus und enthielt einen starken ätzenden +Saft, dessen bloße Berührung gefährlich war. Der Aufseher überreichte +mir auch einen kleinen Zweig von schönen tropischen Blumen, die ich mit +aufs Schiff nahm und später in gepreßtem Zustande nach Hause an meine +Kinder schickte. -- Im Garten sahen wir auch Zwinger, worin sich wilde +Tiere, z. B. Tiger, Riesenschlangen, Orang Utang u. a. m., befanden. + +Der Stolz des Botanischen Gartens ist aber die einzig in ihrer Art +dastehende Sammlung von Orchideen. Hunderte von seltenen Exemplaren +sind in ihr vereinigt, und der Gesamteindruck, den diese wunderbare +Farbenpracht auf das Auge macht, ist überwältigend schön. Unser +Reisegefährte, Herr Professor Takahashi, der sich hier als Botaniker +von Fach ganz in seinem Element befand, klärte uns über den hohen +Wert dieser Sammlung auf; in Japan, meinte er, wäre derartiges nicht +heranzuziehen und zu erhalten, weil unser Klima diesen Pflanzen +unzuträglich ist. Damit stand denn auch das in Einklang, was Herr N. +erzählte. »Aus Japan,« so berichtete er, »kommen oft Bestellungen +auf Orchideen. Namentlich hat es sich der bekannte Politiker und +Parteiführer Graf Okuma, der auch als Gartenfreund und Pflanzenzüchter +einen großen Namen hat, angelegen sein lassen, diese Pflanzen in unserer +Heimat einzubürgern, bisher aber leider mit nur geringem Erfolg. In den +weitaus meisten Fällen überdauern sie trotz sorgfältigster Pflege nicht +einmal den Transport und kommen welk am Bestimmungsort an.« + +Etwa zwei Stunden brachten wir im Botanischen Garten zu, ruhten unter +dem schattigen Dach der Palmen, der Mangos, der Bananen und Ananas eine +Weile aus und fuhren gegen Abend wieder in die Stadt zurück, wo wir samt +und sonders im größten Hôtel »Raffles« einkehrten. Die Nacht war schon +längst hereingebrochen, als wir unsern »König Albert« wieder erreichten. +Am nächsten Morgen fuhren wir dann ab. + +Einer von unserer japanischen Kolonie, Herr Professor Tanaka, blieb +in Singapore zurück. Als Berufsbotaniker wollte er auf kurze Zeit nach +Batavia fahren, um den dortigen Botanischen Garten, der jenen Singapores +noch übertreffen soll, zu besichtigen. + + + + +VII. + +Penang. + + +Über die Fahrt von Singapore nach Penang, die anderthalb Tage dauerte, +wüßte ich nichts Besonderes zu erwähnen, es sei denn, daß ich die +Qualen, die uns die furchtbare Hitze bereitete, näher ausmalte. Doch +will ich dies lieber unterlassen: soviel sei nur gesagt, daß der +Aufenthalt in der Kajüte eine Folter war. Viele entschlossen sich daher, +die Nacht auf Deck zuzubringen. Wir folgten indessen diesem Beispiel +nicht, weil der Temperaturunterschied während der Nacht so groß war, daß +die, die sich der kühlen Seeluft ausgesetzt hatten, empfindlich an ihrer +Gesundheit gestraft wurden. + +Anfänglich sollte der Aufenthalt in Penang nur sechs Stunden dauern; +da indessen unvorhergesehene große Ladung zu nehmen war, dehnte er sich +länger aus. Sobald wir in den Hafen einliefen, nahten sich schon von +allen Seiten die verschiedensten Frachtschiffe, um so schnell als +möglich ihre Ladung an Bord zu bringen. Hauptsächlich bestand diese +aus Tabakblättern. Wohl Hunderttausende von zusammengeschnürten Bündeln +wurden verladen. Mitten in der Ladung mußte aber eine Pause eintreten, +denn ein heftiges Gewitter entlud sich über uns. Unaufhörlich zuckte der +Blitz, rollte der Donner, und in Strömen goß der Regen nieder. Nachdem +sich das Gewitter verzogen hatte, wurde die Arbeit wieder aufgenommen +und fast die ganze Nacht hindurch fortgesetzt. Unglücklicherweise +befanden sich unsere Kajüten in unmittelbarer Nähe des Ladekrahns. Man +kann sich kaum eine Vorstellung von diesem Lärm machen. In einem fort +rollten die Fässer dahin, die Ketten rasselten mit lautem Getöse auf und +nieder, dazwischen das Hin- und Hergelaufe der Arbeiter, das Fluchen und +Kommandieren der Aufseher -- kurzum, ein ohrenbetäubender Lärm, der an +ein Schlafen, wenn auch nur auf ein Stündchen, nicht denken ließ. + +Am nächsten Tag, dem 24., war die Ladung beendigt und zur Mittagsstunde +konnten die Anker wieder gelichtet werden. Aller Gesichter heiterten +sich auf -- doch leider, leider nur auf kurze Zeit. Denn bald begann für +uns eine neue Qual. Es machte sich nämlich in allen Schiffsräumen ein +ganz eigentümlicher Geruch bemerkbar, der vermutlich von den zum Teil +durchnäßt verstauten Tabaksballen herrührte. Überall schlug einem +süßliche, widerliche Stockluft entgegen. Am Ärgsten war es im Eßsalon; +die Speisen wurden denn auch in vielen Fällen in Stich gelassen. Alles +flüchtete sich an Deck, aber auch nach dort verfolgte uns der Geruch. +Einigermaßen erträglich war der Aufenthalt nur auf dem Promenadendeck. +So verbrachten wir denn dort, auf Rohrstühlen lagernd, diesen und die +folgenden Tage. + +Der verlängerte Aufenthalt in Penang bot die Möglichkeit, an Land zu +gehen und die Stadt in Augenschein zu nehmen. Viele nahmen auch diese +Gelegenheit wahr. Wir Japaner aber zogen es nach der großen Abspannung, +die uns die schlaflos verbrachte Nacht bereitet hatte, vor, an Bord zu +bleiben. Und wir taten recht daran. Denn als unsere Mitreisenden von +ihrem Abstecher heimkehrten, bedauerten sie lebhaft, daß sie nicht +unserem Beispiel gefolgt wären. So hatten sie beispielsweise den großen +Wasserfall, der eine Sehenswürdigkeit Penangs bildet, nicht in Tätigkeit +sehen können, weil ihn die anhaltende Dürre der letzten Zeit fast ganz +ausgetrocknet hatte; was über die Katarakte hinunter rieselte, war nicht +der Rede wert gewesen. + +Soweit wäre der Aufenthalt in Penang nichts als eine Kette von +Unerquicklichkeiten gewesen -- doch halt! Nein, es war nicht ganz so +schlimm. Es gab auch lichte Seiten. Und dazu rechne ich das Fest, das +der Kapitän des »König Albert« zu Ehren des Königs gab, dessen Namen +unser Schiff trug. König Albert von Sachsen hatte am 23. seinen +Geburtstag, der festlich begangen werden sollte. Schon am frühen Morgen +wurde die sächsische Fahne gehißt. Am Abend sollte dann ein großes +Festmahl sein, darauf Illumination und Tanz auf dem Promenadendeck. +Das heraufziehende Gewitter machte indessen einen Strich durch dies +Programm; die Illumination sowie der Tanz mußten ganz ausfallen. Das +Festmahl fand aber statt und verlief in würdiger Weise. Küche und Keller +gaben ihr Bestes her, und in fröhlicher Stimmung sprachen alle den +Kunststücken unseres Hans Küchenmeisters zu. + + + + +VIII. + +Colombo. + + +[Illustration: Der Hafen von Colombo.] + +Die Fahrt von Penang bis Colombo war die bisher zweitlängste. Vom 24. +mittags bis zum 28., also dreieinhalb Tage, waren wir auf offener See. +Die Hitze hatte eher zu- als abgenommen, wozu dann noch die sich von Tag +zu Tag steigernde Unruhe des Meeres kam. Auch konnten wir nicht sofort +in den Hafen einlaufen, sei es, daß der Lotse nicht zeitig genug für uns +frei wurde, sei es, daß irgend ein anderer Grund vorlag -- genug, wir +mußten vor der Einfahrt vor Anker gehen und dort zwei Stunden liegen +bleiben. Wir ließen uns diese Verzögerung nicht verdrießen, sondern +betrachteten aufmerksamen Auges unsere Umgebung. Von allen Häfen des +chinesischen und indischen Meeres, die ich bisher gesehen habe, ist der +von Colombo unstreitig der schönste. Von Natur ist er nicht allzu gut +gelegen, deshalb hat Menschenhand nachhelfen müssen; und so sind denn +großartige Schutzanlagen geschaffen worden. Gewaltige Molen -- große +steinerne Dämme bekanntlich -- laufen eine weite Strecke ins Meer +hinein, und es ist ein herrlicher Anblick, wenn man sieht, wie Welle auf +Welle gegen den Damm hochaufspritzend anprallt oder mitunter auch wohl +über die blitzblanken Steine gischend dahinfegt. + +Der Blick auf Hafen und Stadt bietet ein wunderbares Panorama. Wie +mit Schiffen vollgepfropft breitet der Hafen sich aus. Kriegsschiffe, +Passagierdampfer, Kauffahrteischiffe aller Art und aller Nationen +ankern in buntem Durcheinander. Dazwischen schießen, den Hafenverkehr +vermittelnd, die einheimischen Dschunken. Und dahinter liegt dann +die Stadt! So malerisch gelegen ist wohl keine im indischen Archipel. +Terrassenartig steigt sie auf und wird von prächtigen Wäldern +eingesäumt. Es war wohl nicht zuviel gesagt, wenn man von Ceylon als dem +Paradies der Welt gesprochen hatte. + +[Illustration: Rathaus in Colombo mit Holländischem Turm.] + +[Illustration: Dagoba in Colombo.] + +Als nun unser Schiff endlich in den Hafen einlief, wiederholte sich das +nämliche Schauspiel wie bisher: von allen Seiten stießen unaufhörlich +kleinere Küstenschiffe auf uns zu, die eine schreiende Schar von +Händlern an Bord brachten. Jeder wollte den andern im Geschäftemachen +überbieten, und man braucht nicht erst auszumalen, welch' Konzert daraus +entstand. Auch an uns Japaner machten sich die Leute heran; wir ließen +uns aber nicht viel auf ihre Unterhandlungen ein. »Wir hätten keine +Zeit« sagten wir, »wir haben heute noch viel vor und wollen an Land!« +»An Land?« rief es da aus der Menge -- und siehe, ein Inder trat hervor +und bot sich uns als Führer an. Er radebrechte besser englisch als die +andern und betonte, daß er für uns wie geschaffen sei, da er selber +längere Zeit in Japan gewesen und schon des öfteren die Ehre gehabt +hätte, japanische Herren führen zu dürfen. »So?« fragten wir. »Gewiß!« +erwiderte er, »bitte, meine Herren, sehen Sie sich meine Papiere an,« +und damit überreichte er uns einen Stoß von losen Blättern. +Neugierig blickten wir hinein, fanden auch manch von japanischer Hand +geschriebenes Wort der Anerkennung darin, doch fehlten auch Warnungen +vor ihm nicht. Da uns aber der Mann keinen unüblen Eindruck machte, so +verpflichteten wir ihn nach einer Weile Feilschens für den ganzen Tag +und zwar für einen ziemlich hohen Preis. + +[Illustration: In der Altstadt von Colombo.] + +Wir fuhren also mit unserem Führer dem Lande zu, das wir in ungefähr +zehn Minuten erreichten. Sofort mieteten wir uns zwei elegante Wagen +und begaben uns zuerst in die innerhalb der Festungswerke gelegene +»Europäische Stadt«, die, wie der Name sagt, von Europäern und zwar +besonders von holländischen Abkömmlingen bewohnt wird. Die Häuser sind +in europäischem Stil erbaut, jedoch mit den Abänderungen, die das Klima +bedingt. Hier befinden sich die Regierungsgebäude, eine protestantische +und eine katholische Kirche, ein Militärhospital u. s. w. Dieser +europäische neue Stadtteil sowie die Festungswerke sollen von den +Holländern errichtet worden sein, welche sich seit der Mitte des +17. Jahrhunderts hier niederließen, nachdem sie die Portugiesen +vertrieben hatten. Nach ca. anderthalbhundert Jahren mußten aber die +Holländer den Engländern weichen. Jetzt wird die Insel Ceylon von einem +englischen Gouverneur verwaltet. + +[Illustration: »Japan!« »Japan«!] + +Wir fuhren aus den Festungswerken heraus und kamen damit in die +Altstadt, wo sich die portugiesischen und holländischen Mischlinge -- +die sogenannten Eurasier -- Singhalesen, Tamilen, Mohren, Malayen, Neger +u. a., niedergelassen haben. Die Straße, die wir hinabfuhren, war +zu beiden Seiten mit den hier wild wachsenden Brot-, Mango- und +Zimmetbäumen besetzt, auch an zu imposanter Höhe aufsteigenden Palmen +fehlte es nicht. Ebenso verschieden wie die Flora war aber auch das, was +der Mensch hier hingebaut hatte: die Häuser. Da gab es eine ganze Reihe +von Gebäuden, auf die der Name >Haus< wohl kaum paßte, Hütten waren's +und zwar oft der ärmlichsten Art. Daneben erhoben sich aber ansehnliche, +ja bisweilen prächtige Gebäude in europäischer Stilart. Die Besitzer +können sich den Luxus recht gut leisten. In der Mehrzahl sind es reiche +Engländer, die sich vom Geschäft zurückgezogen haben und nun ganz ihrer +Ruhe und Bequemlichkeit leben. Und sie haben entschieden einen guten +Geschmack. Ringsum nichts als Wiese, wogende Felder und Wald. Weiter und +weiter fuhren wir ins Land hinein, überall neue Pracht und neue Wunder. +Wie betäubt von all dem Herrlichen waren wir und wir glaubten, daß +dieses köstliche Fleckchen Erde frei von menschlicher Armut, von +menschlichem Elend sein müßte. Doch dem war nicht so. Die Eingeborenen, +die in dem schlechten Ruf stehen, Müßiggänger zu sein, schienen uns +davon einen Beweis geben zu wollen. Allenthalben kamen halbnackte +Kinder uns in den Weg gelaufen, hielten die Hand auf und schrieen +ununterbrochen: »Japan! Japan!« Einige von ihnen hielten auch Blumen +feil, aber selbst diesen kleinen Schelmen gegenüber war Vorsicht nötig. +Kaum hatten sie nämlich das Geld in Empfang genommen, als sie sich auch +aus dem Staube machten und zwar ohne uns die Blumen zurückzulassen. + +[Illustration] + +Die Eingeborenen sollen auch, wie dies ja von den Bewohnern der +heißen Zone bekannt ist, leidenschaftlich und genußsüchtig bis zur +Ausschweifung sein. Unsere Fahrt führte uns dann zum Buddhatempel, den +wir unter Führung eines Priesters besichtigen durften. Unsere ziemlich +hochgespannten Erwartungen wurden indessen wenig befriedigt. Der Tempel +bietet trotz seiner oft gerühmten Schönheit nichts Besonderes. Er soll +der Hauptsitz des Buddhismus sein; wir hatten uns daher auf ein Bauwerk +von hohem kulturhistorischen Interesse gefaßt gemacht, hatten gehofft, +einen von Kunstschätzen nur so strotzenden Tempelbau zu Gesicht zu +bekommen -- und statt dessen, was sahen wir? Ein Bauwerk in neuem und +nicht gerade schönem Stil. Die Wände im Innern waren mit grellbunten +Farben angestrichen und mit allerhand komischwirkenden Figuren bemalt. +Die Beleuchtung war schlecht; übelriechende und viel Rauch entwickelnde +Kerzen hellten bloß schwach das Dunkel auf. In der Hauptpagode befindet +sich das in Holz geschnitzte Bildnis des Buddha in liegender Stellung, +in den Seitenräumen sind allerlei Götzenbilder aufgestellt. Die Gemälde +an den Wänden stellen das Leben nach dem Tode vor, die Seelenwanderung, +wie die Buddhisten sie nach ihrer Lehre annehmen. Da sahen wir auf der +einen Seite die Hölle mit ihren teuflischen Gestalten, auf der andern +das Paradies mit den guten, frommen Menschen, die hier nach dem Tode ein +herrliches neues Leben führen dürfen. Hinter der Pagode, außerhalb des +Gebäudes, befindet sich ein Grabmal -- eine Dagoba -- worin Buddhas +Zähne oder sonstige Andenken an ihn begraben liegen sollen. Es ist +recht stimmungsvoll angelegt. Von einem wundervollen Blumenflor ist +es umgeben, und große Vasen, denen Weihrauch entströmt, stehen davor; +besonders fiel mir ein Tisch ins Auge, auf dem sich kleine, weiße und +äußerst wohlriechende Blüten in künstlerischer Anordnung befanden. Mein +Führer bedeutete mir, daß dies Blüten eines dem Buddha geweihten Baumes +seien, und glaubte seiner Hochachtung vor mir keinen besseren Ausdruck +geben zu können, als daß er mir eine dieser Blüten als Geschenk +überreichte. Mit Dank nahm ich dies Andenken an und habe es zusammen mit +anderen dieser Art meinen Lieben zugesandt. + +Rechts am Eingang zum Tempel stehen kleinere Gebäude, in welchen die +Bonzen wohnen; in ihrer Tracht gleichen sie ihren Brüdern in Japan, +nur tragen sie mit Vorliebe Gelb. Wo man sie sieht, halten sie einen +Rosenkranz in der Hand, auch sonst scheinen sie es mit ihrer Aufgabe +recht ernst zu nehmen; Beten und Fasten ist augenscheinlich ihre +Hauptbeschäftigung. Einen wohlgenährten Bonzen habe ich nicht bemerkt, +hingegen viele bleiche, hagere und hohläugige Gestalten. + +[Illustration: Fruchtladen in Colombo.] + +Daß aber dieser Ort nicht durchaus ernsten und weltabgewandten Dingen +geweiht ist, beweist das Vorhandensein einer ganz modernen Einrichtung: +es liegt nämlich ein Fremdenbuch aus. Selbstverständlich verewigten auch +wir uns darin und befolgten damit nur das, was vor uns viele Landsleute +getan hatten. Ein flüchtiges Durchblättern zeigte mir manchen Namen aus +meinem heimatlichen Freundeskreise. Das Fremdenbuch war denn auch für +mich das Interessanteste, alles übrige blieb weit hinter den Erwartungen +zurück. Ich hatte mir den Ort, der für die Lehre des Buddha soviel +bedeutet, denn doch etwas imposanter ausgemalt. In den Ländern, +die Buddhas Lehre weiter entwickelt und vervollkommnet haben, wie +beispielsweise bei uns in Japan, sind zweifelsohne großartigere Anlagen +dieser Art, als hier in Colombo. Allerdings muß ich hinzufügen, daß +das eigentliche buddistische Heiligtum Ceylons sich in Candy, der alten +Hauptstadt, befindet. Die Möglichkeit, dorthin zu gelangen, war uns +gegeben worden; unter den Reisenden hatte man nämlich eine Umfrage +gehalten, wer Candy besichtigen wolle. Da die Beteiligung groß war, so +ließ die Eisenbahnverwaltung einen Sonderzug abgehen; wir Japaner hatten +aber unsere Zeit bereits eingeteilt und standen deshalb zu gunsten +anderer Besichtigungen davon ab. Nachher hat uns aber diese +Nichtbeteiligung gereut. Denn das Heiligtum in Candy soll wirklich +von großer Bedeutung sein. Einer meiner Reisegefährten entwarf eine +begeisterte Schilderung davon. Auch befände sich dort die Ruine eines +alten, zerfallenen Buddhatempels und Palastes. Die Fahrt zu diesen +Heiligtümern soll unbeschreiblich schön sein, Mutter Natur soll hier +ihr Meisterwerk getan haben. Mein Berichterstatter, der sonst ziemlich +nüchtern war, war in Erinnerung an diese landschaftlichen Schönheiten +wie umgewandelt und Ausrufe wie »Wunderbar!« »Hochromantisch!« +unterbrachen in einem fort seine lebhafte Erzählung. + +[Illustration: Singhalese mit Bananen.] + +Die Besichtigung des Tempels hatte uns recht müde gemacht; wir hielten +es aber nicht mit den Bonzen: Fasten war für uns nichts! Wir begaben uns +vielmehr in ein Hôtel, das am Strand gelegen und europäisch eingerichtet +war. Wir hatten die salzigen Gerichte an Bord herzlich satt bekommen und +freuten uns, nun wieder etwas Frisches zu erhalten, sodaß wir uns daher +das Vorgesetzte doppelt gut schmecken ließen und tüchtig zulangten. +Hummern, Fische und Muscheln wurden mit vielem Appetit verzehrt; am +meisten sprachen wir aber den Früchten zu. Was für Früchte waren das +aber auch! In so üppiger Fülle und Form dürften sie wohl nur hier an +der Quelle gedeihen. Da wir diese Früchte zum ersten Male genossen, so +legten wir uns anfangs eine wohl begreifliche Vorsicht auf, doch mundete +uns diese Götterspeise so ausgezeichnet, daß wir bald unsere Vorsicht +sein ließen -- und es ist uns auch alles gut bekommen. Besonders +angenehm schmeckte eine Melonenart. Sie war groß wie ein ausgewachsener +Menschenkopf und ihr frisches, saftiges, gelbes Fleisch war wirklich +etwas für Feinschmecker. Es war daher kein Wunder, daß wie aus einem +Munde das Gelöbnis kam: »Wenn wir auf der Rückreise nirgends einkehren +sollten, hier, wo so edle Gewächse reifen, tun wir es gewiß!« Auch +die Bedienung war gut. Braune eingeborene Kellner verrichteten sie +zur vollsten Zufriedenheit; sie sahen in ihrem sauberen weißen Linnen +appetitlich aus, waren die Aufmerksamkeit selber und servierten flink +und geschickt. Aber es mußte dafür auch ein hohes Trinkgeld gegeben +werden, dessen Höhe auf der Speisekarte pro Person genau festgesetzt +war. Wir zahlten denn auch willig und begaben uns auf die Veranda, die +einen herrlichen Ausblick auf die See gewährte. Auf bequemen Lehnstühlen +pflegten wir dort der Ruhe. Was das Auge sah, war von Anfang bis zu +Ende eine entzückende Pracht. Bis an die See dehnte sich ein üppiger +Blumengarten aus, der hier und da von prächtigen Rasenflächen +unterbrochen wurde. Die Strandlandschaft gemahnte uns mit ihren +mächtigen Felsen, grünen Wäldern und all dem andern Schönen an die +japanische Küste, und so schweifte denn der freudetrunkene Blick des +Europafahrers weit hinüber über die Fluten, die soeben durchfurcht +worden waren, und sah die Heimat in sonnenhellem Glanze schimmern, sah +die Lieben daheim, und sacht schloß sich das Auge in seligem Traum. Doch +währte derselbe leider nicht lange, die Zeit mahnte zum Aufbruch. + +[Illustration: Landschaft bei Colombo.] + +Als wir aus dem Hôtel traten, kam uns ein Inder mit einem großen Korbe +voller Schlangen entgegen; er ließ seine Reptile zischen und nach der +Musik einer Flöte sich aus ihrem Korbe erheben, indem er sich erbot +uns für Geld weitere Kunststücke vorzuführen. Uns war aber der Anblick +dieser Tiere widerlich, wir wehrten deshalb entschieden ab, bestiegen +unsere Wagen und wandten uns der zweiten Nummer unseres Pensums zu: +Besichtigung des Hindutempels. Das Schönste an ihm ist sein Eingang, +der reich mit Holzschnitzerei verziert und in allen möglichen Farben +angestrichen ist. Leider entspricht das Innere nicht den Erwartungen. +Besonders Sehenswürdiges wüßte ich darin nicht anzuführen. Auch soll +dieser Bau mehr ein bloßer Versammlungsort als eigentlicher Tempel sein. +An den Besuch des Hindutempels schloß sich derjenige der Moschee, in der +die dem Mohamedanismus anhängenden Eingeborenen ihre Andacht abhalten. +Es ist ein erst in neuerer Zeit aufgeführtes Gebäude; das Äußere war so +einfach und schlicht wie nur möglich gehalten, und wir hatten wohl +nicht viel verloren, wenn uns, den Bekennern eines anderen Glaubens, die +Besichtigung des Innern vorenthalten wurde. + +[Illustration: Schlangenbeschwörer.] + +Wir fuhren daher weiter und kamen an dem sehr schönen sogenannten +»goldenen Garten« vorbei und sahen auf der rechten Seite einen reizenden +kleinen See liegen, welcher uns lebhaft an den Shinobazu no Ike in +Tokio erinnerte. Unterwegs fielen uns ganz sonderbare Gestalten auf. +Eingeborene, die auf das bunteste aufgeputzt waren und auf dem Kopf +gewaltige Hörner trugen. Wahre Teufelsfratzen! Sie stellten in der Tat +auch etwas Ähnliches dar. Nach Angabe unseres Führers waren es Leute, +die sich so für ein Fest, bei dem sie als »Teufelstänzer« mitwirken +sollten, zugerichtet hatten. + +[Illustration: Am See von Colombo.] + +[Illustration: Teufelstänzer in Colombo.] + +Bevor wir uns wieder zum Hafen zurückbegaben, berührten wir noch einmal +die Stadt und machten dort Einkäufe. Diese Gelegenheit gab uns einen +ungefähren Begriff von der großen wirtschaftlichen Produktivität +Ceylons. Was war da nicht alles zu sehen! Von den Edelsteinen werden +Rubine, Saphire, Topase etc. hier gewonnen; auch Bergkrystalle, +wasserhelle und rosenrote, Granaten, rote und braune, finden sich +hier. Dazu gesellen sich verschiedene Metalle wie Eisen, Zinn, Nickel, +Arsenik, Gold (zwar in geringer Menge) u. s. w. Ferner ist Colombo ein +Hauptstapelplatz für Hölzer, die nicht nur für den Bau von Häusern und +Schiffen, sondern auch, namentlich in ihren zarteren Arten, für feinere +Tischler- und Schnitzerarbeit sehr gesucht sind. Der Reichtum der Insel +an Gewürz, namentlich an Pfeffer und Zimmt, ist von altersher bekannt. +Sodann gehören der berühmte Ceylontee, Kaffeebohnen, Kokosöl und aus den +Fasern von Palmen gewonnenes Tauwerk zu den wichtigsten Ausfuhrartikeln; +auch kunstvolle Schnitzereien aus Elfenbein und Ebenholz, von denen +wir einige Stücke einkauften, findet man. Alle diese Waren sahen wir +in Hülle und Fülle in den vielen Läden aufgespeichert. Da sich indessen +unter den wertvollen Sachen, insbesondere unter den Edelsteinen, viele +Fälschungen befinden, so muß der Käufer sehr auf der Hut sein; auch +tut er gut, von vornherein mit einem hohen Aufschlag zu rechnen und die +unangenehme Kunst des Handelns tüchtig in Anwendung zu bringen. + +[Illustration: Tamule.] + +Das Straßenbild in Colombo ist äußerst bunt; da sieht man die Bonzen in +ihrem gelben Gewande, die Araber und Türken mit roter Kopfbedeckung, die +Eingeborenen, halbnackt, ein rotes, weißes oder anderes farbiges Tuch +um ihre Lenden gewickelt; dazu kommen noch die elegant angekleideten +Engländer, die Nachkommen der Holländer, der Portugiesen u. s. w. -- +Von den verschiedenen Klassen der Bevölkerung sind die Singhalesen +hauptsächlich Handwerker und Bediente, die Parsen fast ohne Ausnahme +Kaufleute, die Mohren Kleinhändler, die Malayen Soldaten, die Tamulen +Feld- und Gartenarbeiter. -- Ebenso mannigfaltig wie die Bevölkerung ist +auch die Verschiedenartigkeit der Mundarten; doch sind Singhalesisch und +Tamulisch die beiden herrschenden Sprachen. Holländisch ist schon +ganz ausgestorben, Englisch aber nimmt immer mehr zu und wird als +Umgangssprache von den meisten gebraucht und verstanden. + +[Illustration: Tamulin.] + +So waren wir nun mit der Besichtigung der Stadt fertig. Am Abend ruhten +wir im »Indischen Hôtel« dicht am Hafen aus und konnten von hier aus +das ganze weite Becken übersehen. Die soeben untergehende goldene Sonne +färbte mit ihrem Purpur die eine Hälfte des tiefblauen Himmels und des +weitausgestreckten Meeres. Wir erfrischten uns an einem Glase Exportbier +und kehrten erst spät in der Nacht zum »König Albert« zurück. + +Was uns in Colombo noch besonders interessierte, waren die von den +Engländern gefangenen Buren, welche in armseligen Hütten untergebracht +waren. Beim Vorüberfahren bemerkten wir, daß viele von diesen +Schwergeprüften in dürftiger Kleidung umhergingen. Ein wahres Bild des +Elends! Ein wehes, ach so unendlich wehes Gefühl beschlich uns. +Diese Helden, die an Tapferkeit, Vaterlandsliebe und Entsagung das +Menschenmöglichste geleistet hatten, nun hier, fern von der über alles +geliebten Heimat, in der Verbannung, in der Fremde, im Elend! In regem +Mitgefühl grüßten wir hinüber und unser stiller Wunsch war, daß ihrer +Sache doch noch der Sieg beschieden sein möge, ein Wunsch, der, wie die +weiteren Ereignisse gelehrt haben, leider ein frommer geblieben ist. + +Doch waren die Buren nicht allein. Sie hatten noch einen +Schicksalsgefährten: den Egypter Arabi Pascha, den bekannten Führer des +von den Engländern unterdrückten Aufstandes von 1881. Wir hörten jedoch, +daß man die Absicht habe, ihn in kurzer Zeit freizulassen, da er bei den +inzwischen veränderten Verhältnissen der Regierung nicht mehr gefährlich +sein würde. + +Leider war unsere Zeit für die weitere Besichtigung von Ceylon zu +kurz bemessen, doch hatten wir von diesem einen Tag genug, denn die +erstickend heiße Luft wirkte so erschlaffend auf uns, daß wir froh +waren, diesen Tag endlich glücklich überstanden zu haben. Auch die +elend aussehenden Eingeborenen, die Art und Weise ihres Lebens u. s. w. +wollten uns nicht besonders imponieren. Zwar hatten wir hier manche +Naturschönheiten gesehen, aber die Ansicht derjenigen, welche uns gesagt +hatten, daß diese Insel als Paradies der Welt zu betrachten sei, konnte +ich leider nicht teilen, zur Bewahrheitung eines solchen Ausspruches +gehört doch noch etwas mehr! + +[Illustration] + + + + +IX. + +Aden. + + +Nachdem wir noch eine Nacht vor Colombo gelegen hatten, verließ unser +»König Albert« den Hafen und setzte die Reise fort. Jetzt kam die +längste Tour. Unsere Freude war daher groß, als am sechsten Tage der Ruf +erscholl: »Land in Sicht!« Schon beim Verlassen des Hafens am 29. April +vormittags 9 Uhr war das Meer unruhig und zeigte einen ziemlich hohen +Wellengang; bei wolkenlosem Himmel blies der Wind so stark, daß das +Schiff bald auf die rechte, bald auf die linke Seite geschleudert wurde. +Am folgenden Tage war es noch schlimmer; der Dampfer ging abwechselnd +vorn und hinten hoch wie ein Schaukelbrett, ab und zu schlug eine Welle +über das Vorderdeck hinweg. Der Gischt sprang weit über unsere Köpfe und +das unheimliche dumpfe Dröhnen und Klirren der Schiffsschrauben mischte +sich in das Tosen der Elemente. Mit bedenklichen Gesichtern standen +die Offiziere auf dem Deck. Eine Zeit schwerer Arbeiten begann für +die Mannschaften. Wir nahmen Zuflucht in unsere Kajüte. Manche +Reisegefährten zeigten recht blasse Gesichter, und die Unterhaltung +wollte nicht recht in Fluß geraten. Die Mittagstafel im Speisesaal wies +bedenkliche Lücken auf; von unserer Kolonie waren nur zwei vertreten. +Wie uns der Offizier mitteilte, war das Unwetter auf einen heftigen +Sturm zurückzuführen, der einige Tage vorher hier gewütet hatte. Doch +unser seetüchtiger »König Albert« arbeitete rastlos weiter, durchschnitt +stampfend mit unwiderstehlicher Kraft die drohenden Wogen, bis wir +endlich am 3. Mai die Insel Sokotra erreichten, an der wir nördlich +vorüberfuhren. Noch immer stürzten die Wogen mit hohen Kämmen über +die Wasserfläche dahin, aber die eigentliche Kraft des Sturmes war +gebrochen. Die Hitze hatte bedeutend nachgelassen, ja, es herrschte eine +ganz angenehme Temperatur. Fliegende Fische schnellten aus dem Wasser +empor und durchschnitten in schönem Bogen die Luft; einige von ihnen +fielen auf das Verdeck nieder, und der dicke Hans Küchenmeister fing sie +als willkommene Beute schmunzelnd auf. + +Im Laufe des Tages beruhigte sich die See vollständig und nur kleine +Wellen kräuselten ihre Oberfläche. Es wurde Abend. Die Sonne neigte sich +zum Untergang und warf ihre Strahlen glühend ins Meer. Weit und breit +herrschte die tiefste Stille; nur das leise Geräusch der Wogen, die vom +Winde spielend hin und her bewegt wurden, war hörbar. Da -- welch ein +großartiges Schauspiel! -- steigt aus den feuchten Dünsten, gerade der +Sonne gegenüber, leise der liebliche Vollmond herauf. Anfangs erblickt +man nur den oberen Rand der Mondscheibe, dann wächst sie langsam, +fortwährend ihre Gestalt verändernd und immer neue Schönheiten +entfaltend, zu einem ungeheuer groß erscheinenden Halbkreis an. Jetzt +wird sie in ihrer ganzen Größe, in ihrem vollen Glanze sichtbar und +sendet ihre Strahlen auf die krystallenen Wellen, sodaß diese von einer +Seite wie mit Silber überschüttet schienen, während sie auf der andern +Seite von den purpurnen Strahlen der untergehenden Sonne wie fließendes +Gold glitzerten. Die ungeheure Wasserfläche, in deren Mitte wir uns +befanden, erscheint, so weit das Auge reicht, in einer Breite von +tausend und abertausend Meilen mit Millionen und Millionen funkelnder +Brillanten und Perlen übersäet. Und auf beiden Seiten des so wunderbar +beleuchteten, unendlich breiten Meeres die beiden herrlichen, teils +auf-, teils niedersteigenden Kugeln -- was hätte uns ergreifender sein +können als diese Offenbarung der wunderwirkenden Kraft der Natur! +Bald senkt sich die Sonne auf das Meer herab, um schließlich ganz +unterzutauchen. Nur einzelne ihrer Strahlen und die herrliche +Beleuchtung des Himmels zeigen an, wo sie sich befindet. Eine Zeitlang +liegt der Wasserspiegel noch in stillem Dämmerlicht, bis auch dieses +verschwindet und die Nacht ihre dunklen Schatten ausbreitet. + +Es ist unmöglich, dieses erhabene Schauspiel der Natur in Worten +erschöpfend auszudrücken und ich hätte in diesem Augenblick gewünscht, +Dichter und Maler zugleich zu sein. In seliger Wonne ließ ich meine +Blicke bald auf das unendliche Meer, bald auf das weite Firmament +schweifen und konnte mich nicht satt sehen an diesem Bilde herrlicher +Gottesnatur -- lange, lange stand ich träumend noch an Bord. -- Damals +hatte ich auch das Glück, das Südliche Kreuz bewundern zu können, +welches an dem nächtlichen Himmel der Tropen allgemein als eins der +schönsten Sternenbilder bekannt ist. Wegen der hohen Durchsichtigkeit +der Tropenluft erscheint es viel größer und heller mit ruhigem +planetarischem Licht. + +[Illustration: Am Hafen von Aden.] + +Unser Schiff arbeitete sich weiter und weiter und brachte uns am 5. Mai +nach Aden. Wir sahen schon von weitem den gigantischen Leuchtturm, der, +mitten im Meere stehend, den brandenden Fluten und den Angriffen von +Wind und Wetter Trotz bietet -- ein Triumph der Baukunst! Nichts ist +erquickender, als der Anblick eines solchen Turmes, wenn man nach +mehrtägiger Fahrt über eine salzige Meereswüste, wo man nichts weiter +sieht als Wasser, endlich den Hafen erblickt und des freundlichen weit +hinaus strahlenden Lichtes gewahr wird. Der Hafen liegt am Südostende +der Halbinsel und ist geräumig genug, um ganze Flotten zu bergen. Unser +»König Albert« lief geradenwegs in ihn ein, und so konnten wir nun von +Bord aus die englische Seestadt und Festung in Augenschein nehmen. Sie +liegt auf einem ziemlich hohen, kahlen und wild zerklüfteten Felsblock, +dessen obere Kante wie ein Zickzack ausgeschnitten erscheint. In seiner +rötlich braunen Farbe bietet er aber dem Auge nichts Erquickendes +dar; kein Baum, kein Strauch ist zu sehen, welcher diesem öden Felsen +Schatten geben könnte. Nur in einzelnen Felsspalten ein spärlicher, +halbdürrer Graswuchs -- sonst keine Spur einer Pflanzen-, noch weniger +einer Tierwelt. Um so reicher ist das Meer damit ausgestattet. Die +ganze Küste ist dicht bewachsen mit langen Schlingalgen, die von der +Oberfläche des Wassers bis in eine enorme Tiefe hinabreichen. Diese +Pflanze, die für die herannahenden Fahrzeuge natürlich eine große Gefahr +bildet, ist für das arme Land eine Wohltat infolge der zahllosen Tiere, +besonders Fischarten, die zwischen den Blättern dieser Schlinggewächse +leben. Auf diese Weise hat die Natur in reichlichem Maße das ersetzt, +was dem Lande gänzlich abgeht. Sonst wäre es kaum begreiflich, wie +dieses Fleckchen Erde seit altersher in sich hat menschliches Leben +bergen können. + +[Illustration: Cisternen von Aden.] + +Von den Passagieren begaben sich nur wenige an Land; auch wir zogen es +vor, an Bord zu bleiben. Von einigen der ersteren hörten wir später, daß +wirklich nichts Sehenswürdiges auf dem Felsblock zu finden sei, es gäbe +dort nur einige Kohlenmagazine, Werften und Faktoreien. Das einzige, das +ihr Interesse erregt hätte, seien die Wasserbehälter. Man hat nämlich, +da es sehr schwer ist, auf dem Felsen Brunnenbauten vorzunehmen -- es +soll allerdings ca. fünfzig Brunnen geben, die sehr tief in den Fels +eingehauen sind -- mehrere große Wasserreservoirs angelegt, um das vom +Gebirge herabströmende Regenwasser aufzufangen. Dies wird dann durch +Röhrenleitungen an die Verbrauchsstelle befördert und somit ist dem +großen Übelstand, dem Mangel an Trinkwasser, hinreichend Abhilfe getan. +Der Regen tritt hier zwar nicht sehr oft auf, jedoch wenn er kommt, +fällt er in ungeheuren Mengen und großen Tropfen nieder. + +Wenngleich hier keine Landesprodukte gewonnen werden und demgemäß von +Handel überhaupt kaum gesprochen werden kann, so ist diese Stadt doch +wegen ihrer günstigen Lage von altersher kein unwichtiger Punkt gewesen. +Aber erst in neuerer Zeit, seitdem die Engländer sie durch Gewalt +in ihre Hände gebracht und den ohnehin von der Natur zu einer +uneinnehmbaren Feste geschaffenen Fels noch stärker befestigt und die +Stadt zum Freihafen erklärt haben, ist sie sowohl in kommerzieller als +auch in politischer Hinsicht von großer Bedeutung geworden. Sie bildet +jetzt für England ein Bindeglied mit Ostasien und Ostafrika. Seit der +Eröffnung des Suezkanals hat sie noch mehr an Bedeutung gewonnen. Der +ungeheure Bedarf an Steinkohlen für die hier passierenden Schiffe wird +allein von dieser Stadt gedeckt. So beherrscht jetzt England durch +Aden die Einfahrt vom Indischen Ozean in das Rote und hiermit in +das Mittelländische Meer, wie es durch Gibraltar die Einfahrt vom +Atlantischen Ozean in das Mittelländische Meer beherrscht. Mit Recht +nennt man daher Aden das Gibraltar des Orients. + +[Illustration: Vor Aden.] + +Unter den Bewohnern -- überwiegend mohamedanische Hindus -- herrschen +sehr viele ansteckende Krankheiten, weshalb man uns vorher schon davor +gewarnt hatte, von den an Bord kommenden Kaufleuten Zigarren, Kuchen +u. dergl. zu kaufen. Selbst durch diese sollen, wie ich hörte, +Krankheitskeime verbreitet werden; inwieweit hier eine Ansteckungsgefahr +vorliegt, kann ich aber nicht beurteilen. Jedenfalls hatten die in +Aden ansässigen Hindus und Araber, die an Bord kamen, zum Teil ein +schrecklich elendes Aussehen; nicht wenige waren mit Narben, Beulen und +Geschwüren behaftet, so daß wir den größten Ekel vor ihnen empfanden +und schon aus diesem Grunde auf die von ihnen angebotenen Waren +verzichteten. Drollig war es, die dunkelhäutigen Knaben zu beobachten, +die in winzigen Kähnen unser Schiff umkreisten und nach Silbermünzen im +Wasser tauchten. An diesem nicht gerade sehr genußreichen Ort hielt +sich unser Schiff Gott sei Dank nur etwa fünf bis sechs Stunden auf; die +Abfahrt in das Rote Meer erfolgte den 5. Mai mittags. + +Ich muß hier bemerken, daß ich in Aden einen Brief von meinem lieben +Freunde, Herrn Professor Jamaguchi, aus Leipzig erhielt. Er war ein +halbes Jahr vor mir nach Deutschland abgereist und hatte öfters über +seine Reise Interessantes nach Japan berichtet, auch hatte er mir für +meine Reiseausrüstung verschiedene Winke gegeben, aus denen ich viel +praktischen Nutzen gezogen habe. Ebenso hatte er mir in betreff +der Reise und der während der Fahrt zu besichtigenden Städte und +Sehenswürdigkeiten vieles geschrieben, was mir sehr nützlich geworden +ist, wofür ich ihm sehr dankbar bin. Der Brief war vom 17. April datiert +und der erste, den ich während meiner Fahrt erhielt. Wie groß meine +Freude über denselben war, kann man sich leicht denken. Als mein +Stubensteward ihn mir auf einem Tablett in die Kajüte brachte, streckte +ich schnell meine Hand nach ihm aus, erbrach ihn in Hast und verschlang +förmlich seinen Inhalt, welcher im wesentlichen folgender war: + +»Deinen letzten Brief vom 10. März habe ich richtig erhalten. Ich ersehe +daraus, daß Du am 6. April von Japan abgefahren bist und freue +mich ungemein, daß uns endlich ein fröhliches Wiedersehen in nicht +allzulanger Zeit vergönnt ist. Diesen Brief schicke ich Dir durch den +deutschen Postdampfer »Sachsen« nach Aden, adressiert an Dich an Bord +des »König Albert«. Du wirst wohl Langeweile auf dem Indischen Ozean +gehabt haben, ebenso wie ich. Hoffentlich ist die Fahrt eine ruhige +gewesen und Dir nichts passiert. Wir hatten eine schwere Überfahrt, denn +schon in der Nähe von Hongkong war das Meer sehr bewegt. Ein Gewitter +mit Sturm und Regen hatte sich erhoben, sodaß der Tisch beim Essen einen +Holzrahmen erhalten mußte, um durch diesen das Herunterfallen der Teller +zu verhüten. Sonst ging mir's auf dem Meere gut. In Aden wirst Du wohl +nicht lange bleiben; auch ich hatte dort keine Zeit, an Land zu gehen. +Von Aden wirst Du am Babelmandeb vorbei ins Rote Meer hineinfahren; da +werden die Wogen höher gehen und das Schiff stark hin und her werfen, +doch was können sie einem Schiffe wie »König Albert« anhaben? Im Roten +Meere wirst Du Schwärme von Delphinen und Springfischen bewundern +können. Jene wälzen sich wie dicke Fleischklumpen auf dem Wasser, +während diese wie weiße Pfeile darüber hinschnellen. Am 8. Mai etwa +wirst Du in Suez ankommen. Dieser Hafen ist, wie Du wohl weißt, der +Eingang nach Europa. Als ich in Suez anlangte, kamen zwei Ärzte an Bord, +darunter eine Dame, die von den Passagieren mit unverhohlenem Interesse +betrachtet wurde. Sämtliche Passagiere ohne Ausnahme mußten sich einer +Untersuchung unterziehen. + +»Nun will ich Dir mitteilen, wie ich und meine Landsleute uns hier +eingerichtet haben. Ich hatte mich, wie ich Dir schon schrieb, seit +November vorigen Jahres in Berlin niedergelassen. Da ich aber dem Leben +in einer Großstadt die Stille und Ruhe vorziehe, war ich bald nach +Eberswalde übergesiedelt, einem von schönen Wäldern umrahmten Ort, der +von Berlin per Bahn in 45 Minuten zu erreichen ist. Jede Woche fuhr ich +viermal nach Berlin, um Colleg zu hören. Im Februar dieses Jahres jedoch +erhielt ich das Verzeichnis aller deutschen Universitäten und ersah +daraus, daß die Universität Leipzig Berlin an Lehrkräften -- besonders +was meine Fächer anbetrifft -- überflügelt, und so habe ich mich nach +vorangegangener Einholung der Erlaubnis unseres Kultusministeriums in +Leipzig niedergelassen. Wie ich aus Deinem Briefe ersehen habe, willst +Du vorläufig in Berlin bleiben und dort die Lehranstalten besichtigen. +Ich möchte Dir aber hiermit gleich im voraus mitteilen, daß diese +Besichtigung mit manchen Schwierigkeiten verknüpft ist. Du mußt nämlich +bei dem Kaiserlich Japanischen Gesandten in Berlin ein Schreiben +einreichen, mit Angabe der zu besichtigenden Schulen und der Bitte um +einen Erlaubnisschein. Dieses Schreiben wird von unserm Gesandten an +den preußischen Minister des Äußern gesandt und von diesem zum +Kultusminister. Die Genehmigung wird von diesem durch ein Dokument +erteilt, welches wieder denselben Weg rückwärts macht, um in Deine +Hände zu gelangen. Dieses umständliche Verfahren nimmt mehrere Wochen +in Anspruch; bei mir hat es sogar acht Wochen gedauert. Ich konnte diese +allzulange Zeit nicht abwarten und bat daher direkt den Kultusminister +um Erlaubnis, erhielt jedoch die Antwort, daß ich den vorgeschriebenen +Weg durch die Gesandtschaft innehalten müsse. Wenn Du also die Schulen +in Preußen besichtigen willst, so schlage diesen vorgezeichneten Weg +gleich nach Deiner Ankunft in Berlin ein. Die Zwischenzeit kannst Du +der Besichtigung der Sehenswürdigkeiten Berlins widmen oder bei mir in +Sachsen zubringen. In Sachsen ist der Besuch der Schulen ebenso wie in +Bayern und Österreich ohne weitere Umstände gestattet. + +»Was die Universitäten anbetrifft, so ist meiner Ansicht nach die +hiesige auch für Dich viel geeigneter. Die uns interessierenden Fächer +sind hier besser vertreten und die Einrichtung des hiesigen +Seminars scheint mir den Vorzug zu verdienen. Auch hat Leipzig eine +Handelsakademie und spielt überhaupt als Industriestadt und als Zentrale +des Buchhandels eine große Rolle. Das Studium der fremden Sprachen wird +hier sehr eifrig betrieben und Du kannst hier auch auf diesem Gebiet +Deinen Erfahrungskreis vergrößern. Komm also doch zu mir herüber nach +Leipzig! + +»Herrn Legationskanzler Ro, Deinen alten Bekannten aus Deiner Schule, +habe ich gebeten, daß er sich für Dich, sobald Du in Berlin angekommen +bist, um Wohnung u. s. w. bemühen und Dir mit Rat und Tat zur Seite +stehen möchte. Von Genua, wo Du Dein Schiff verlassen wirst, depeschiere +doch gleich an ihn; er wird Dich dann in Berlin auf dem Anhalter Bahnhof +erwarten und abholen. Alles andere findet sich dann von selbst und Du +kannst Dich getrost seiner Führung überlassen. + +»Nun zum Schluß habe ich Dir noch etwas recht Trauriges mitzuteilen, +nämlich, daß unser verehrungswürdiger Freund, Herr Professor Tachibana, +am 23. März von Berlin nach Japan abgereist ist, leider aber wegen +Krankheit. Er hat sich nämlich im Dezember vorigen Jahres eine Erkältung +zugezogen und seitdem fieberte er sehr stark. Es stellte sich heraus, +daß er an Lungenschwindsucht leidet, und da gerade zwei Landsleute, +beide Ärzte, nach Japan zurückkehrten, so schloß er sich diesen an und +schiffte sich mit ihnen in Antwerpen auf einem japanischen Dampfer ein. +Diesem Dampfer »Hitachimaru« wirst Du wohl in Colombo oder in der Nähe +davon auf dem Meere begegnet sein. Was Professor Tachibana in England, +Frankreich, Deutschland und Österreich besichtigt hat, habe ich in +seinem Auftrage für Dich notiert und werde es Dir später mitteilen. + +»Herr Professor Haga hat sich seit Anfang April ebenfalls eine +starke Erkältung zugezogen; wir wollen wünschen, daß es nur etwas +Vorübergehendes ist. Herrn Professor Fujishiro geht es sehr gut. + +»In Leipzig sind augenblicklich viele Deiner Freunde zu Studienzwecken +anwesend; das Leben ist hier wirklich sehr interessant. Den nächsten +Brief von mir wirst Du wohl in Suez oder Port Said erhalten.« + +Die Freude über diesen Brief war groß, nur barg er einen Wermutstropfen +in sich: die Nachricht von der schlimmen Erkrankung meines teuren +Freundes und Kollegen Tachibana. Es war zwischen uns ausgemacht worden, +daß er mich in Deutschland erwarten sollte, um von mir gewissermaßen +abgelöst zu werden. Diese Nachricht war daher eine große Enttäuschung +und ein harter Schlag für mich. Eine dunkle Ahnung stieg in mir auf, +daß wir uns vielleicht nicht mehr wiedersehen würden. Hätte ich doch in +Colombo oder auf dem Meere auf einen japanischen Dampfer geachtet, ich +hätte ihn dann vielleicht noch sehen oder sprechen können! Ich hegte +damals den innigen Wunsch, daß Gott ihm seine Gesundheit wiedergeben +möchte, auf daß er, von der Fahrt gekräftigt, seine Lieben in der Heimat +umarmen könnte, ein Wunsch, der, wie ich später erfuhr, leider nicht in +Erfüllung gehen sollte. + + + + +X. + +Suez und der Suez-Kanal. + + +[Illustration] + +Das Rote Meer! Der Name schon hatte uns ein Grauen eingeflößt, und +mit seltsamen Erwartungen waren wir dieser unheimlichen Fahrt +entgegengegangen. Man hatte uns nämlich gesagt, daß die Hitze +hier außerordentlich groß sei, daß das Wasser dieses Meeres in den +Wintermonaten über 26° C. habe und daß in der heißesten Periode die +Temperatur des Meeres und der Luft die Blutwärme übersteige, sodaß +die Postdampfer zur Umkehr genötigt seien u. s. w. u. s. w., alles +Nachrichten, die unserm Ohr nicht gerade angenehm klangen. Ich hatte +anfangs geglaubt, daß die Hitze hier nicht größer als in Penang und +Singapore sein könnte, zumal das Meer viel weiter vom Äquator entfernt +ist. Da es aber in der Mitte der beiden Feuerbecken, der arabischen und +der afrikanischen Wüste liegt, so scheint die Entfernung vom Äquator +keine besondere Rolle zu spielen. Wir waren also auf einen harten Kampf +mit nassen wie mit sengenden Elementen gefaßt und fuhren beklommenen +Mutes durch die breite Meerenge des Babelmandeb oder des Tores der +Tränen -- »O, sie führt ihren Namen mit Recht,« dachten wir bei unserer +jetzigen Stimmung -- in das Rote Meer hinein. + +Wir konnten daher von Glück sagen, daß wir während der ganzen Fahrt, die +volle vier Tage in Anspruch nahm, immer schönes Wetter hatten, daß das +Meer infolgedessen so ruhig und spiegelglatt war, wie es nur selten der +Fall sein soll. Die so sehr gefürchtete Hitze war auch erträglicher +als sonst und lange nicht so schlimm, wie man vermutet hatte. Zuerst +passierten wir einige Felseninseln, welche einen schönen Anblick +darboten und eine angenehme Abwechselung auf der eintönigen Wasserfahrt +bildeten. Sonst gab es nichts besonders Erwähnenswertes; es war immer +die alte Langeweile und die gewohnte Tagesordnung: essen, trinken, +Mittagsschläfchen halten, auf dem Deck auf- und niedergehen, der +Wellenbewegung zusehen und ins Meer hinausschauen, plaudern, gähnen +u. s. w. Eine von den Unterhaltungen möchte ich hier anführen, die sich +von den mancherlei unsinnigen und albernen vorteilhaft unterschied, +nämlich die Frage, woher der Name des »roten« Meeres stamme. Einige +meinten in dem Worte »rot« die Bedeutung des Unheimlichen, drückend +Heißen zu finden; andere suchten den Namen historisch zu erklären, indem +sie sagten, die mit Blut getränkten Krieger der Pharaonen hätten sich +hier gebadet, sodaß das ganze Meer davon rot geworden sei; wieder andere +meinten, daß das Wasser des Meeres von dem rötlichen heißen Sande der +Ufer eine rötliche Färbung erhalte und daß der Name daher stamme. Wie +uns aber von den vielgereisten Schiffsoffizieren mitgeteilt wurde, hat +das Meer selbst eine sehr reine blaue Farbe, die aber des salzreichen +Küstenwassers wegen bei tiefem Stand der Sonne gelbrot erschiene. +Überdies sollen hier auch die aus rötlichen Fäden bestehenden Algen +so massenhaft auftreten, daß sie oft die oberen Schichten des Wassers +bedecken und zur Ebbezeit als schleimige blutrote Masse am Ufer einen +breiten roten Saum bilden. Wir alle stimmten dieser Auslegung als der +wahrscheinlichsten bei -- vielleicht könnte in der Tat das Meer davon +seinen Namen erhalten haben. + +Um die Langeweile zu vertreiben, wurde während der Fahrt ein großes +Tanzvergnügen veranstaltet. Zu diesem Zweck wurde das Promenadendeck mit +Fahnen aller Nationen ausgeschmückt und mit bunten elektrischen Lampen +schön erleuchtet. Nach dem Abendessen fanden sich alle Herren und Damen +in Balltoilette in diesem improvisierten Tanzsaale ein und nach den +Klängen der Schiffskapelle wurde bis spät in die Nacht hinein getanzt. + +Am 7. Mai, also kurz nach diesem Fest, fand ein anderes statt und zwar +ein Wohltätigkeitsfest, dessen Reinertrag für verunglückte Seeleute des +>Norddeutschen Lloyd< oder deren Hinterbliebene bestimmt war. Auf jeder +Fahrt wird ein solches Fest veranstaltet, und die Einnahmen sollen nicht +unbedeutend sein. An diesem Abend wurden von verschiedenen Passagieren, +Damen und Herren, Vorträge aller Art gehalten, womit sie die Anwesenden +prächtig unterhielten, sodaß beim Einsammeln die freiwilligen Gaben +reichlich flossen. Auch dieses Fest währte bis spät in die Nacht hinein +und es war schon früher Morgen, als sich die Teilnehmer ermüdet in ihre +Kajüten zurückzogen. + +Mit der Fahrt auf dem Roten Meer war Gott sei Dank das schlimmste +überstanden und wir kamen am 9. Mai vormittags um 3 Uhr wohlbehalten in +Suez an, wo gleich mit Anbruch des Tages Ärzte an Bord stiegen, um die +Passagiere zu untersuchen; es sollten nämlich während unserer Fahrt +in Ostasien Seuchen ausgebrochen sein. Die Untersuchung geschah auf +folgende Weise: wir Passagiere mußten uns alle zunächst im Eßsalon +versammeln; dann mußten wir, nachdem die Namen einzeln aufgerufen +worden waren, an den Ärzten, die sich an einer Seite aufgestellt hatten, +vorbeigehen. Soviel ich davon verstehe, hatte diese ganze Besichtigung +wenig Wert; denn wie kann ein Arzt durch einen Blick beurteilen, ob +jemand ansteckende Krankheitskeime in sich trägt oder nicht. Nur +ein Passagier, der ein bißchen blaß aussah und seit einigen Tagen an +Dysenterie litt, wurde gefragt, was ihm fehle, sonst niemand. In wenigen +Minuten war die ganze Angelegenheit erledigt. Da uns das Landen wegen +des kurzen Aufenthaltes nicht gestattet wurde, so konnten wir eine +Besichtigung des Ortes nicht vornehmen und mußten uns damit begnügen, +von Bord aus Umschau zu halten. Wir blieben bis 11 Uhr hier liegen und +setzten um ¼12 Uhr unsere Fahrt durch den Suezkanal fort. + +[Illustration: Eingeborenen-Barke vor Suez.] + +Die Hafenstadt Suez liegt bekanntlich am Ausgang des berühmten Kanals, +den der große Franzose Lesseps mit unendlichen Mühen zustande gebracht +hat. Der Blick auf diesen Kanal gehört mit zu dem Interessantesten, was +wir auf der ganzen Fahrt erlebt haben. Der Kanal ist 160 km lang und +durchschneidet den Isthmus von Suez, welcher Afrika mit Asien verbindet, +und bringt so die beiden Meere, das Mittelländische und das Rote, in +Verbindung. Er ist nach zehnjähriger mühevoller Arbeit im Jahre 1869 +eröffnet worden. Seine Breite ist verschieden, an manchen Stellen ist +er so schmal, daß unser »König Albert« fast die ganze Breite einnahm; +an einigen Stellen jedoch ist er ziemlich breit, besonders an den +Ausweichestellen für die sich begegnenden Dampfer. Die Natur, die der +Kanal und seine Umgebung bietet, ist wenig rühmenswert, denn an beiden +Seiten sieht man nichts als öde Sandwüsten, nur hie und da unterbrochen +von Oasen mit ihrem frischen Grün. Einige der Seen, welche durch +den Kanal mit einander in Verbindung gesetzt werden und zugleich als +Ausweichestellen dienen, gewähren jedoch einen imposanten Anblick, so +z. B. der Bittersee, der größte von allen. Ein schlanker Leuchtturm, der +sich an dem Ein- und Ausgang dieses Sees befindet, trägt viel zu seiner +Verschönerung bei. Im allgemeinen kamen mir die Ansichten des linken +Ufers interessanter vor als die des rechten, obgleich man auch nichts +weiter als halbverdorrtes Gras und unförmliche Sandhügel zu Gesicht +bekam. Doch der menschliche Verstand hat diese heiße Sandwüste zu +nützlichen Zwecken zu verwerten gewußt: man hat hier -- wie mir erzählt +wurde -- natürliche Salzsiedereien angelegt. Man gießt nämlich das hier +bedeutend salzhaltige Küstenwasser auf den glühend heißen Sand, läßt +es verdunsten und gewinnt so auf einfache Weise das Salz. Diese +Veranstaltungen konnten wir von Bord aus nicht sehen, aber einige +schwerbeladene Kamele mit ihren arabischen Treibern, die wohl zu den +Salinen wandern mochten, zeigten uns den Ort und die Stelle an, wo sie +lagen. Was der Mensch nicht alles auszunutzen versteht! + +[Illustration: Beduinen am Suez-Kanal.] + +Die beiden Ufer des Kanals sind aus künstlich aufgeworfenen Sanddämmen +hergestellt, und man konnte beim Passieren unseres Schiffes deutlich das +Auf- und Absteigen des Wassers erkennen und auch wie der Sand von den +Dämmen dabei abgespült ward. Es versteht sich daher von selbst, daß +Dampfbagger ständig in Tätigkeit bleiben müssen, damit der Kanal nicht +versandet. + +[Illustration: Signalstation am Suez-Kanal.] + +Unser Dampfer bewegte sich nur ganz langsam vorwärts, als wir plötzlich +verspürten, wie derselbe mit einem Krach auf Sand geriet. Das Wasser +wurde trübe, und das Schiff schien sich ein klein wenig auf die eine +Seite zu legen. Mit einem Male geriet alles an Bord in Bewegung; es war +jedoch nichts zu befürchten, denn ein Blick auf die beiden Ufer, auf die +man im Notfalle ganz bequem hinüberspringen konnte, gab jedem sofort das +Gefühl der Sicherheit zurück. Endlich erlangte das Schiff seine richtige +Lage wieder und wir vermochten mit ein paar Stunden Zeitverlust unsere +Reise langsam fortzusetzen. Wie wir später von unserem Schiffskapitän +hörten, hat »König Albert« solchen Tiefgang, daß der Boden des Schiffes +kaum einen Fuß von der Kanalsohle entfernt bleibt, und der Lotse, der +für die Fahrt durch den Kanal an Bord gekommen war, hatte aus Versehen +ein wenig zur Seite gelenkt und so etwas Boden mitgenommen. Eigentlich +ist der Suezkanal für Schiffe von so großem Tiefgang, wie das unsrige, +viel zu klein angelegt. Wie langsam sich der Dampfer in diesem Kanal +bewegte, kann man schon daraus ersehen, daß kleine Knaben, welche, bald +»Money, Money« rufend, bald die ihnen zugeworfenen Münzen aufhebend, +halb nackt und barfuß auf dem Sande des Ufers mitliefen, lange Strecken +mit dem Schiffe gleichen Schritt halten konnten, ferner erblickten wir +einige Beduinen auf schönverzierten Kamelen. Am Ufer sahen wir auch hier +und da bescheidene Häuser, in welchen die Kanalwächter wohnen und von +denen aus Signale gegeben werden, da streng darauf geachtet werden muß, +daß jedes Schiff seine Zeit innehält, die zu jeder Durchfahrt genau +berechnet und angegeben werden muß. Nach den Signalen ziehen an den +breiten Ausweichestellen die entgegenkommenden Schiffe vorüber; aber da +wir, wie vorher berichtet, etwa zwei bis drei Stunden Verspätung hatten, +sammelten sich vor und hinter uns vier bis fünf Postdampfer an, sodaß +wir an einer dieser Ausweichestellen einige Zeit lang bleiben mußten, um +dieselben vorbeipassieren zu lassen. Bei dieser Gelegenheit wurden wir +unseres japanischen Postdampfers mit der bekannten lieben Flagge gewahr. +Die Hitze, die so wie so schon groß genug war, wirkte durch dieses +mehrstündige Halten und die langsame Fahrt geradezu furchtbar, und +einige meiner Landsleute behaupteten, hier die größte Hitze während der +ganzen Fahrt verspürt zu haben. Spät, sehr spät, erst gegen Mitternacht, +konnte die Abfahrt vor sich gehen, aber recht langsam, sodaß +eine Schnecke unser Vorreiter hätte sein können. -- Die Nacht war +glücklicherweise sehr kühl, was um so angenehmer empfunden wurde, je +größer die Hitze des vorangegangenen Tages gewesen. An dem Leuchtturm, +welcher mit wechselndem Licht versehen war, fuhren wir vorbei und +setzten unsern Weg fort. + + + + +XI. + +Port Said. + + +[Illustration: Vor Port Said.] + +[Illustration: Straße in Port Said.] + +[Illustration: Araber.] + +Am 10. Mai vormittags um 9 Uhr kamen wir in Port Said an. In dieser +Hafenstadt, die ca. 50 000 Einwohner hat, ging es sehr lebhaft zu. +Handel und Verkehr schienen hier ziemlich bedeutend zu sein. Als +unser Schiff in den Hafen einlief, drängte sich sogleich eine Menge +Handelsleute an Bord, um mit den Fahrgästen Geschäfte zu machen, auch +viele Führer kamen herauf, um uns ihre Begleitung durch die Stadt +anzubieten. Diese umringten uns von allen Seiten und lugten mit ihren +hinterlistigen, habgierigen Augen umher, Geiern ähnlich, die auf ihr +Opfer losstürzen wollen. Sie machten, wie die meisten Einwohner dieses +Ortes, einen recht unangenehmen Eindruck auf uns. Da die Stadt nur klein +ist, verzichteten wir gern auf so wenig vertrauenerweckende Begleiter +und hatten es auch nicht zu bereuen, denn in zwei Stunden waren wir mit +der ganzen Besichtigung zu Ende. Sehenswertes war gar nicht vorhanden. +Die Straßen sind ziemlich unsauber, ebenso die Häuser. Den Stadtteil, in +dem die Araber wohnen, konnten wir leider nicht in Augenschein nehmen, +denn bevor wir an Land gingen, war von unserm Kapitän bekannt gemacht +worden, daß in Port Said und zwar im Araberviertel die schwarzen Pocken +wüten sollten und daß man sich vor diesen sehr in acht nehmen müsse. +In einer der Hauptstraßen sahen wir außer einigen japanischen Läden, +in denen von unseren Landsleuten echte japanische Waren feilgehalten +wurden, eine Menge Tabaksläden. Der Tabak bildet hier das Hauptprodukt, +ist sehr billig und gut. Wegen des italienischen hohen Zolles -- +denn wir mußten ja später über Italien reisen -- durften wir jedoch +allzugroße Einkäufe nicht machen. Besonders empfehlenswert sind hier +einige Cafés, in deren einem wir auch einen Mocca tranken und uns +etwas ausruhten. Nur muß man sich hier in acht nehmen, daß man nicht +überteuert wird, wie es einem unserer Passagiere erging, der für ein +Glas Bier, das er in einer Bierhalle nahm, den unerhörten Preis von +einem Schilling bezahlen mußte. -- Die Straßenjungen, die auf Schritt +und Tritt hinterher gelaufen kamen und »gib Money, gib Money« +schrien oder uns ihre Esel zum Reiten anpriesen, waren so dreist und +unverschämt, daß wir mitunter unsern Stock zu Hilfe nehmen mußten. Wir +waren froh, als wir mit heiler Haut aus diesem Sumpfnest wieder an Bord +unseres guten Schiffes gelangten. + +[Illustration: Ägyptischer Eseljunge in Port Said.] + +Bei der Besichtigung von Port Said darf man aber nicht unterlassen, +das Denkmal Ferdinand von Lesseps', des Erbauers des Suezkanals, zu +erwähnen. Das stattliche Monument ist aus Bronze gegossen und stellt die +ganze Figur dieses großen Mannes dar, der in zehn Jahren mit eiserner +Energie und unsäglicher Mühe unter angestrengter Tätigkeit die +Durchstechung und Kanalisierung des Isthmus von Suez zustande gebracht +hat. Auf einem Granitsockel erhebt sich eine hohe Säule und auf dieser +steht das Standbild. Den Blick auf den Kanal gerichtet, hält er in der +einen Hand, halb aufgerollt, die Karte desselben. Das Denkmal selbst ist +auf einem Ende eines aus Quadersteinen hergestellten Dammes errichtet, +welcher ziemlich weit ins Meer hineinläuft, so daß es von weitem den +Anschein hat, als erhebe sich das Denkmal direkt aus dem Wasser heraus. +Ein herrlicher Anblick! Der Gesichtsausdruck dieses Mannes zeigt einen +unbeugsamen Mut, verbunden mit Energie und Arbeitsamkeit. Ich schrieb am +Fuße dieses Denkmals Ansichtspostkarten und zwar eine an meinen Freund +in der Heimat, die folgendermaßen lautete: »Vom Suezkanal und von +Lesseps hört man oft, aber wenn man selber den Kanal passiert und +vor dem Denkmal dieses großen Mannes steht, kann man nicht umhin, +mit Hochachtung an ihn zu denken und seine großartige Willenskraft +zu bewundern. Bedenken und Hindernisse verschiedener Art: politischen +Widerstand, diplomatische Schwierigkeiten, heftige Beschuldigungen +seiner Gegner, argwöhnische Vermutungen der Pforte, Eifersucht der +englischen Regierung und Gott weiß was nicht noch alles hat der Mann +zu bekämpfen gehabt! Und der Segen erst, den die den Kanal passierenden +Reisenden und Schiffe heutzutage genießen! Mit Recht gilt der Mann als +ein Held des Friedens!« + +Eine zweite Karte sandte ich an meinen Jungen: + +»Von Lesseps kannst Du was lernen! In ihm findest Du wieder, was +Dir Zeit Deines Lebens nottut und vielen Menschen so sehr mangelt: +Beharrlichkeit und Unbeugsamkeit. Willst Du Sieger bleiben im harten +Wettstreit Deines Lebens, sieh Dir dieses Bild an und behalte fest im +Kopfe das eine Wort: Willensstärke!« + +Noch nach tausenden von Jahren wird dieses Denkmal hier stehen, werden +die Taten dieses Mannes der ganzen Menschheit zum Segen gereichen, man +wird ihn ewig preisen und nie vergessen. -- + +Nachdem wir uns wieder an Bord begeben hatten, kam ein Trupp +italienischer Musikanten, ein paar Männer und Frauen, auf das Schiff, +welche die Passagiere teils mit Mandolinenspiel, teils mit Gesang +belustigten. Auch wir hörten einige Zeit zu und fanden, daß sie ihre +Sache gut machten, wie auch, daß die italienischen Mädchen hübsche +Gestalten hatten. + +Nicht lange danach begrüßte unser »König Albert« das Mittelländische +Meer, das uns nunmehr unserem weiteren Ziele zuführen sollte. + + + + +XII. + +Neapel. + + +[Illustration: Golf von Neapel.] + +Bei der Abfahrt von Port Said wurden wir von einer höchst erfreulichen +Nachricht überrascht, die uns alle unangenehmen Eindrücke schnell +vergessen ließ. Von neu hinzukommenden Passagieren erfuhren wir nämlich, +daß unserem japanischen Kronprinzen ein Erbe geboren worden sei. Auch in +den Zeitungen, die wir in Port Said erhalten hatten, war zu lesen, daß +das japanische Kaiserhaus am 5. Mai durch die Geburt eines Enkels und +Sohnes erfreut worden war, daß also unserm Reiche ein weiterer Thronerbe +erstanden sei. Infolgedessen versammelte sich am Abend die ganze +japanische Kolonie zu einem Fest, bei dem wir auf das Wohl unseres +Kaiserhauses tranken und bei welcher Gelegenheit ich meiner Freude mit +folgenden Worten Ausdruck gab: + +»Meine Reisegefährten und Freunde! Heute ist uns unerwartet die +erfreuliche Nachricht zugegangen von dem Glück, welches unserm +Kaiserlichen Hause zu teil geworden ist, nämlich daß unserm Kaiser +ein Enkel, unserem Kronprinzen ein Sohn geboren sei. Diese Nachricht +gereicht uns umsomehr zur Freude, als sie uns noch während der +Fahrt erreicht hat, so daß es uns noch an Bord, wo wir uns alle +zusammenbefinden, vergönnt ist, das Glas zu Ehren unseres Kaiserlichen +Hauses zu erheben. Wir können uns alle wohl vorstellen, wie groß +die Freude unseres Volkes in diesen Tagen gewesen sein mag. Unserem +Kaiserhause, das seit 2½ Jahrtausenden glücklich und weise das Land +regiert, möge mit diesem Prinzen ein weiteres bedeutsames Glied in der +langen Kette der Regenten hinzugefügt sein, auf daß auch ihm, wenn +er dereinst dazu berufen wird, eine lange und segensreiche Regierung +beschieden sein möge!« + +Ich bat meine Reisegefährten, sich mit mir zu erheben und einzustimmen +in den Ruf: »Unsere Kaiserliche Familie lebe hoch! hoch! hoch!« +welcher Aufforderung alle Anwesenden freudig nachkamen. So wurde unter +allgemeiner Freude fern der Heimat auf dem Mittelländischen Meere an +Bord eines deutschen Dampfers die Geburt unseres Kaiserlichen Enkels +gefeiert. Der Tag wird uns stets in lieber Erinnerung bleiben. + +Am 10. Mai nachmittags zwei Uhr hatten wir Port Said verlassen und +passierten am folgenden Tage die Insel Kreta. Die Hitze, welche wir +lange Zeit zu erdulden gehabt, war nicht mehr zu spüren. Wir mußten +unsere leichten Kleider einpacken und wärmere hervorholen, so daß der +Gepäckraum viel in Anspruch genommen ward. Außerdem waren nicht wenige +mit Vorbereitungen für die nahe bevorstehende Landung beschäftigt, da +sie schon in Neapel das Schiff verlassen wollten. Auch wir freuten uns, +daß wir nicht lange mehr an Bord zu bleiben brauchten, denn auch unsere +Reise zur See sollte in einigen Tagen ihr Ende erreichen. + +Am 13. Mai mittags um ¼1 Uhr kamen wir in Neapel an. Das Wetter war +recht kühl, fast kalt zu nennen -- wir fühlten uns jedoch sehr wohl +dabei. Es kam uns nur so komisch vor, innerhalb sechs Wochen Sommer und +Winter durchmachen zu müssen. + +Unser Schiff hielt sich hier nur einen halben Tag auf, so daß uns +keine Zeit verblieb, Neapel eingehend zu besichtigen. Jedoch hatten +wir gehört, daß es dort viele Sehenswürdigkeiten gäbe, insbesondere das +weltberühmte Aquarium -- von deutschen Gelehrten ins Leben gerufen und +von ihnen musterhaft verwaltet -- die Königlichen Paläste, Gallerien, +Museen, Kirchen, Konservatorien, Oper, Theater u. a. m. Es ist natürlich +rein unmöglich, dieses alles in einem halben Tage in Augenschein +zu nehmen. Außerdem verloren wir durch ein gerade zu dieser Zeit +heraufziehendes Gewitter eine gute Stunde Zeit, so daß wir es vorzogen, +auf dem Schiff zu bleiben und von Bord aus die schöne Stadt zu +betrachten. + +[Illustration: Straße in Neapel.] + +Von den Passagieren unseres »König Albert« waren viele in die Stadt +gegangen, vor allem diejenigen, welche unser Schiff für immer verließen, +um von hier aus ihre Reise zu Land durch Italien fortzusetzen. Aber auch +an Bord wurde uns die Zeit nicht lang, denn wir hatten Muße, uns gehörig +umzusehen. Vor uns lag ein wunderbares Panorama: die majestätische Bai +von Neapel, in deren Hintergrund sich terrassenförmig die Stadt mit +ihren weißen, leuchtenden Gebäuden erhebt; dazwischen herrliche Partien +mit immergrünen Bäumen und dunklen Cypressen, welche dem Bilde eine +schöne Harmonie verleihen, dann weiter hinten der feuerspeiende Berg, +der Vesuv, in seiner prächtigen, malerischen, einfachen Form, seine +schwarzen Rauchwolken gen Himmel sendend. Daß Neapel, das alte Napolis, +die Hauptstadt des ehemaligen Königreichs beider Sicilien, sich durch +seine reizvolle Lage vor allen andern Seestädten Italiens auszeichnet, +konnten wir also gleich beim ersten Anblick erkennen. Was uns an Bord +zuerst in die Augen fiel, war die ungeheuer große Zollmauer und die fünf- +bis sechsstöckigen Häuser mit Balkonen und platten Dächern. Die Häuser +am Strande sind, mit Ausnahme einzelner neuer Gebäude, älteren Datums +und erinnern uns an die italienische Bauart, wie wir sie zu Hause +durch Bilder kennen gelernt haben. Die Stadt selbst sieht wie ein +gleichmäßiges Häusermeer aus, nur unterbrochen durch die grünen Bäume +oder andere Naturschönheiten. An Kirchen besitzt Neapel mehr als genug, +aber ihre Türme ragen nirgends hervor, auch die Paläste verlieren sich +in dem unendlichen Häusermeer. Am meisten machten sich die reizenden +Villen und Kasinos auf den Hügeln, die Arsenale und Hafenbauten, das +königliche Schloß und vor allem die drei großen Kastelle bemerkbar. Wir +hatten geglaubt, unser Schiff würde sich hier wenigstens 10-12 Stunden +aufhalten und hatten uns vorgenommen, in diesem Falle die seiner Zeit +durch den Ausbruch des Vesuv verschüttete und vernichtete, jetzt aber +zum Teil wieder freigelegte Stadt Pompeji anzusehen, mußten den Plan +jedoch zu unserm Leidwesen aufgeben, da wir, wie schon gesagt, nur einen +halben Tag Zeit hatten. + +Wie die Menschen hier aussehen, wie sie leben, was sie treiben u. s. w., +konnten wir natürlich von Bord aus nicht gewahr werden; aber erzählt +wurde uns, daß das Volk hier im allgemeinen ernsten Beschäftigungen +nicht gerne nachgeht, dafür aber umso lieber Belustigungen Auge und +Ohr leiht, daß es auch allzuviel Zeit in den unzähligen Kaffeehäusern +zubringt -- mit einem Wort, daß es seiner Neigung und Laune mit +südlicher Leidenschaftlichkeit gehorcht und daß, als traurige Folge +davon, die Bevölkerung, zumal die niederen Klassen, sich in ziemlich +großer Armut und Unwissenheit befindet. + +Auch viele Händler kamen an Bord, um die verschiedensten italienischen +Gegenstände anzubieten, wobei uns insbesondere die aus Lava gefertigten +Kunstwaren, ferner geschnittene Gemmen, marmorne Frauenköpfe u. a. m. +auffielen -- alles sehr kunstvoll gearbeitete, zierliche Gegenstände. +Empfehlenswert sind besonders die aus Marmor gefertigten Sachen; +dieselben sind jedoch sehr teuer und man wird auf jeden Fall besser +daran tun, sie an Land und nicht auf dem Schiffe zu kaufen, da man dort +reeller bedient wird. Besonders vorsichtig muß man bei Gegenständen aus +Lava sein, weil diese meistens verfälscht sind. + +So wurde unsere Zeit an Bord gut ausgefüllt, bis wir abends acht Uhr -- +wir schrieben den 13. Mai -- diese herrliche Bucht von Neapel verließen +und nach Genua fuhren. + +[Illustration: Längs der italienischen Küste.] + + + + +XIII. + +Allerlei Heiteres und Ernstes aus dem Leben auf dem Schiffe. + + +In einem deutschen Liede heißt es: »Wenn jemand eine Reise tut, dann +kann er was erzählen.« So geht es auch mir. Ehe ich Abschied nehme vom +»König Albert«, der uns so lange eine treue Unterkunft geboten, will +ich in Folgendem versuchen, meine Erlebnisse und Beobachtungen während +meines Aufenthaltes auf dem Schiffe niederzuschreiben; aber nur als +treuer Berichterstatter, ohne jede weitere Ausschmückung. + +[Illustration: Reichspostdampfer des »Norddeutschen Lloyd«: +»König Albert«.] + + +Spiele auf dem Promenadendeck und im Rauchsalon. + +Da wir auf dem Schiffe nichts zu tun hatten und die Langeweile uns +plagte, wurde alles hervorgesucht, was irgend einen Zeitvertreib oder +eine kleine Zerstreuung bot: Gesellschaftsspiele, wie z. B. Schach, +Domino, Dame, Kartenspiel, Würfelspiel etc., möglichst harmlose Sachen, +nur um uns die Zeit zu vertreiben. + +Bei gutem Wetter zog man selbstverständlich Spiele im Freien vor, von +denen ich besonders das Reifenspiel und das Beutelchenwerfen erwähnen +möchte. Bei dem ersteren wird nach einem senkrecht aufgestellten Stab +mit Reifen aus strammem Seil geworfen und zwar so, daß diese beim +Niederfallen den Stab einschließen; bei den letzteren wird eine in +mehrere numerierte Felder geteilte Holztafel auf den Boden gelegt, nach +der man mit kleinen, gewöhnlich mit Sand gefüllten Beutelchen wirft -- +derjenige, der am meisten Zahlen trifft, ist Sieger. + +[Illustration: Spiele an Bord.] + +Ein anderes Spiel ist dasjenige, bei dem man runde Holzplatten mit einem +Holzschieber -- das ist ein an einem Stabe in T-form befestigtes Brett +-- etwa 15 Meter weit nach einem mit Kreide gezeichneten Platz stößt. +Bei diesem Spiel werden die Mitspieler in zwei Parteien geteilt und dann +wird gewettet. Diejenige Partei hat gewonnen, welche die meisten Platten +in den abgegrenzten Raum gebracht hat. + +Im Rauchsalon wurden Karten- und Würfelspiele, Schach und anderes +gespielt. Was uns jedoch besonders auffiel, das waren die Glücksspiele +mit Karten und Würfeln, bei denen sich besonders Engländer hervortaten. +Die Spieler setzten sich um den Tisch und dann wurde leidenschaftlich +und erregt das Spiel verfolgt. Da wir von Hause aus mit dieser Art +von Spielen nicht vertraut waren (bei uns sind dieselben gesetzlich +verboten) und uns dieselben recht unangenehm berührten, so lehnten wir +stets die Aufforderung zur Beteiligung ab. Wir bemerkten, daß nicht +selten diese Spiele einen ernsten Ausgang nahmen; denn manche verloren +dabei nicht wenig Geld, und in solchem Falle ging es nicht immer ohne +Schimpfen und grobe Bemerkungen ab. -- Am Dominospiel dagegen, welches +wir von einem an Bord befindlichen Deutschen erlernten, beteiligten wir +uns gern und zwar spielten wir dieses der Belebung halber um ein Glas +Bier. Bei dieser Gelegenheit fragte ich einige deutsche Passagiere, was +sie von dem Spielen um Geld hielten und wie es in Deutschland und +in andern Ländern Europas gehandhabt würde, und da hörte ich denn so +mancherlei. In Deutschland sowie fast in ganz Europa sind Spiele um Geld +gesetzlich erlaubt. Glücksspiele jedoch, wie das Hazard, wobei es dem +Zufall überlassen bleibt, ob der Spieler gewinnt oder verliert, sind +streng verboten -- speziell in den öffentlichen Lokalen -- und +werden bestraft, besonders scharf die Spieler, bei denen es sich +um gewerbsmäßiges Spielen handelt. So vernahm ich von einem großen +Spielerprozeß in Deutschland, in den hochadlige junge Leute und +Offiziere verwickelt gewesen. Dieselben hatten einen Klub gegründet mit +dem Namen »Klub der Harmlosen«, in welchem man fast nur Glücksspielen +gefröhnt. Ferner wurde mir erzählt, daß in einem der feinsten Klubs in +Wien hoch gespielt worden wäre und daß bei einem Spiel zwischen einem +ungarischen Baron und einem polnischen Grafen letzterer ungefähr zwei +Millionen Mark verloren habe. Aber auch öffentlich darf an einigen +Punkten Europas gespielt werden, und der bedeutendste Zufluchtsort der +Spieler soll Monte Carlo in dem kleinen Fürstentum Monaco, unweit der +wegen ihrer Schönheit bekannten Stadt Nizza, sein. Hier wird in einem +nur für diesen Zweck gebauten Kasino gespielt, das märchenhaft schön +eingerichtet sein soll. Das Kasino gehört einer Aktiengesellschaft, +durch deren Abgaben sogar das kleine Fürstentum unterhalten wird und der +Fürst des Landes große Einnahmen bezieht. + +Ferner werden in Europa bei Pferderennen große Wetten abgeschlossen +und an eigens hierfür errichteten Wettmaschinen, Totalisator genannt, +Einsätze in Geld für den Sieger oder den Platz gemacht. Von diesen +Geldern, die dort angelegt werden, nimmt jeder Staat eine Steuer +für sich in Anspruch. -- Aber auch selbst harmlose Spiele können zum +verwerflichen Glücksspiel werden, wenn die Betreffenden um Einsätze +spielen, welche ihrem Vermögen oder Einkommen nicht entsprechen. + + +Echt deutsches Bier. + +Aus lauter Langeweile und vor Durst wird an Bord ziemlich viel getrunken +und oft genug hörte man den Ruf: »Spatz!« -- so hieß nämlich der +kleine Servierkellner im Rauchsalon. Wein, Schnaps, Brunnenwasser, +Citronenwasser, mitunter auch Champagner, wurden getrunken, am meisten +jedoch Bier. Von letzterem wurde jeden Tag eine Zahl Fässer geleert. +Bier trinken am meisten die Deutschen, die Franzosen lieben den Wein +und die Engländer ziehen allem andern den Schnaps oder Likör vor. Das +deutsche Bier wurde von sämtlichen Passagieren hochgepriesen. Ich +habe mir zu Haus erzählen lassen, daß das Bier als Nationalgetränk der +Deutschen in ihrem eigenen Lande vorzüglich gebraut werde, und glaubte +auch in diesem Bier an Bord eine ausgezeichnete Braukunst zu erkennen. +Nun befand sich auf dem Schiff ein deutscher Braumeister, der seit +Jahren an einer japanischen Brauerei angestellt war und jetzt auf Urlaub +nach Deutschland fuhr. Auf meine Frage, ob er ein eben so gutes Bier in +Japan brauen könnte, sah er mich mit großen Augen an und sagte: »Glauben +Sie, daß dieses Bier, welches Sie hier jeden Tag trinken, ein echt +deutsches Bier ist?« Auf meine bejahende Antwort erklärte er mir aber zu +meiner großen Verwunderung, daß das Bier echt japanisch sei, worauf +mir der Ausruf entschlüpfte: »Sehr komisch!« So erfuhr ich, daß bei der +Fahrt von Deutschland nach Japan selbstverständlich deutsches Bier, aber +bei der von Japan nach Deutschland japanisches Bier in deutschen Fässern +von den Schiffen mitgeführt wird. Ich glaubte auf einem deutschen +Schiffe ein echt deutsches Bier, von dem man so viel Rühmens macht, +zu trinken und mußte nun von einem Deutschen erfahren, daß ich Bier +getrunken habe, welches in meinem eignen Heimatlande gebraut war. Die +Unwissenheit, welche ich hierbei an den Tag gelegt habe, bitte ich mir +zu gute zu halten, aber man ersieht daraus wieder, daß das Fremde +von den Menschen, die nicht genau Bescheid wissen, blindlings höher +geschätzt wird, als das Heimatliche. »Kein Prophet wird in seinem +Vaterlande geehrt.« Seit dieser Geschichte bestellte ich nur noch: +»Spatz, bringen Sie mir ein Glas »sogenanntes« deutsches Bier!« worauf +er mir mit verständnisvollem, verschmitzten Lächeln ein Glas echt +japanischen, goldklaren, schäumenden Gerstensaftes reichte. + + +Ein unfreiwilliges Bad. + +Die Badeeinrichtung auf dem Schiffe ist ganz anders, als man sie zu +Hause hat. Durch ein Rohr wird das Meerwasser in die Wanne geleitet und +je nachdem man heiß oder kalt wünscht, hat man den einen oder den andern +Verschluß aufzudrehen. Für Süßwasser befindet sich ein Behälter, woraus +für jeden Badnehmer ein kleines Becken voll geführt wird. Da das salzige +Meerwasser sich unangenehm an dem Körper bemerkbar macht, so benutzt +man dieses Süßwasser zum Nachspülen und Nachwaschen. Übrigens ist +letzteres sehr kostbar auf den Schiffen und wird mit demselben äußerst +sparsam umgegangen. Ich kannte die Einrichtung mit dem Auf- und Zudrehen +der Hähne nicht recht, und als das Schiff in der Mündung jenes trüben +Flusses, des Jangtsekiang, vor Anker lag, ging ich zum ersten Male aus +Langeweile in die Badestube und drehte ahnungslos an dem einen Hahn. Da +erhielt ich auf einmal von der Decke einen Sprühregen des trüben Wassers +über meinen Kopf und die ganze Kleidung. Ich hatte unglücklicherweise +den Hahn der Brause gefaßt. Bevor ich noch recht zur Besinnung kam, +hörte ich mit Donnerstimme den Ruf: »Was machen Sie da!« und der +Badesteward trat herein. Er sah mich mit böser Miene an, sagte, daß das +Rohr von dem trüben Wasser des gelben Flusses verstopft werde, wenn man +ihn jetzt öffnete, daß überhaupt das Baden nur während der Fahrt auf +offenem Meere erlaubt sei, aber nicht, wenn das Schiff stille läge +wie jetzt. Durchnäßt wie ein Pudel, von dem trüben gelben Wasser des +Jangtsekiang von oben bis unten beschmutzt, von dem Donnerwetter des +Badestewards noch ganz niedergeschmettert, schlich ich davon in meine +Kajüte, um wieder einen ordentlichen Menschen aus mir zu machen. Diese +Begebenheit ist unter meinen Landsleuten als mein »unfreiwilliges Bad« +bekannt geworden. + + +Beim Barbier. + +Auf dem »König Albert« gab es auch einen Barbier und von diesem wollte +ich meine Haare schneiden lassen. Ich begab mich eines Tags zu ihm; er +war ein netter kleiner Kerl, und es entspann sich zwischen uns folgendes +Gespräch. Ich werde mich mit A. und den Barbier mit B. bezeichnen. + +B. »Mein Herr, sind Sie nicht krank gewesen?« + +A. »Wieso denn?« + +B. »Sie lassen ja Ihren Bart so wild wachsen. Wenn ich Sie so in den +Saal treten sah, habe ich immer geglaubt, Sie wollen Ihren Bart wegen +Krankheit nicht schneiden lassen.« + +A. »Bewahre! Bin im Gegenteil so gesund und munter wie ein Fisch im +Wasser und auch immer gewesen. Aber wenn Sie meinen, daß mein Bart +mir nicht gut steht, schneiden Sie ihn nach deutscher Mode, so gut Sie +können, damit ich recht ordentlich und chik aussehe.« + +B. »Gut! Ich werde meine Kunst versuchen, aber es ist nicht so leicht, +aus einem wild gewachsenen Bart eine gute Form zu schneiden.« + +Nun begann der Barbier mir meinen Bart zu verschneiden, sprach +dabei über dieses und jenes, fragte mich, wie es in Japan in einer +Barbierstube aussehe, was ein Barbier dort verdiene, wie groß der +Lohn eines Gehilfen sei u. s. w. u. s. w. Zuletzt zeigte er mir seine +Haarschneidemaschine und fragte mich: + +B. »Können Sie mir vielleicht angeben, wo diese Maschine gemacht worden +ist?« + +A. »Keine Ahnung! Wie sollte ich so etwas wissen, ich verstehe ja von +Ihrem Fache nichts.« + +B. »Das glaube ich gern, aber da diese gerade in Ihrer Heimat gemacht +ist, möchte ich Sie darauf aufmerksam machen. Die Maschine, die ich von +Hause mitgebracht hatte, ging entzwei und so mußte ich diese in Yokohama +kaufen. Offen gestanden hatte ich anfangs zu ihr kein großes Vertrauen, +aber nun sehe ich zu meinem Erstaunen, daß sie vorzüglich ist. Schade, +daß ich nicht noch mehr davon gekauft habe! Sie ist weit billiger als +die unsrige, aber trotzdem ist sie besser und bequemer zur Handhabung. +In der Tat sind die Herren Japaner ein wunderbares Volk! Alles können +sie leisten, nichts ist ihnen unmöglich!« + +Dabei arbeitete er unentwegt weiter; der Bart ward kürzer und kürzer, er +besah ihn mit verständnisvollem Gesicht von der Seite und von vorn, von +fern und nah, schnitt weiter, besah ihn wieder und so ging es eine Weile +fort, bis ich fast keinen Bart mehr mein eigen nennen konnte. Jetzt +rühmte er mir die Schnurrbarttracht: »Es ist erreicht!« + +B. »Nun müssen Sie aber Ihren Schnurrbart in die Höhe gewöhnen.« + +A. »Da ich mich einmal Ihren Meisterhänden anvertraut habe, so machen +Sie nur, wie es Ihnen gefällt! Die Verantwortlichkeit liegt ganz bei +Ihnen.« + +B. »Sehr gut, mein Herr! Sie brauchen nicht im geringsten besorgt zu +sein! Mit diesem Brenneisen werde ich nun Ihren Schnurrbart ausziehen. +So...., ach wie schneidig Sie nun aussehen! Sie sehen wie ein echter +Deutscher aus! Aber zu einem eleganten Herrn ist ein Parfüm wohl +unentbehrlich. Kaufen Sie doch ein Fläschchen, ich habe alle Sorten in +meinem Schrank vorrätig -- hier, das ist Veilchen... o, wie schön das +riecht!... dies hier ist Heliotrop, auch was Feines... Das Kostbarste +ist aber dieses Fläschchen, Herr! Das ist Rosenöl... der edelste Tropfen +überhaupt, den es gibt!« + +A. »Sie verstehen Ihre Sachen gut anzupreisen, Herr Barbier! Sie sind +ein tüchtiger Geschäftsmann, vor dem man auf seiner Hut sein muß. Doch +werde ich Ihnen zu Liebe ein Fläschchen abkaufen, es sei denn, daß Sie +Ihre Sachen nicht so teuer losschlagen.« + +B. »I, Gott bewahre! Daß ich der reellste Mensch bin, das wissen ja alle +Mannschaften und Passagiere des »König Albert.« Außerdem sind alle +meine Sachen zollfrei und Sie werden sie ebenso billig kriegen wie +in Deutschland... Ist Ihnen denn sonst nichts gefällig? Hier, diese +Schnurrbartbinde? Kämme? Pomade?« + +Da aber seine Aufmunterungen zu weiteren Ankäufen bei mir nicht +verfangen wollten, so schlug er ein anderes Thema an, indem er sagte: + +B. »Hören Sie, mein Herr! Die Haare der Herren Japaner sind doppelt so +stark wie die der Europäer. Meine Werkzeuge werden demnach doppelt so +schnell stumpf. Außerdem fliegen die struppigen Haare im Zimmer umher +und ich muß meine Augen wohl in Acht nehmen.« + +Ich merkte aus seinen Reden heraus, daß er auf ein tüchtiges Trinkgeld +reflektierte und sagte ganz verschmitzt: + +A. »Ganz recht! Die Arbeit eines Barbiers mag wohl eine recht schwere +sein, besonders wenn er einen unserer Landsleute unter seiner Schere +hat. Aber ein geschickter Meister wie Sie weiß in allem Bescheid. Ihnen +macht wohl ein so eigenartiges Haar wie das unsrige viel Spaß beim +Schneiden, nicht wahr?« + +In der Tat hatte aber der Barbier recht. Denn durch den Luftzug des +Ventilators, der sehr gut funktionierte und die drückend heiße Luft der +Barbierstube bedeutend herabsetzte, flogen unsere struppigen Haare in +dem Raum umher, daß die Insassen nicht wenig davon belästigt wurden. Im +großen und ganzen habe ich gesehen, daß der deutsche Barbier bei +weitem ungeschickter ist als der unsrige. Außerdem ist letzterer viel +peinlicher und vorsichtiger. -- In Schweiß gebadet, mit Haaren bedeckt, +kam ich, eine kleine Flasche Parfüm in der Hand und unter dem Kinn den +winzigen Schnurrbart, den letzten Rest meines ehemaligen Vollbartes, +zurück. Einmal und nicht wieder! -- Später erfuhr ich, daß es allen +meinen Landsleuten ebenso ergangen war und daß jeder eine Flasche Parfüm +erstanden hatte. + + +Der japanisch-russische Krieg. + +Unter den Passagieren befanden sich Engländer, Franzosen und Deutsche in +ziemlich gleicher Zahl und so oft diese auf dem Verdeck zusammenkamen, +wurden Gespräche über allerhand politische Gegenstände geführt. Wovon +man uns besonders oft erzählte, das war der japanisch-chinesische Krieg +und die große Tapferkeit der japanischen Soldaten, welche, wie man +meinte, in jeder Beziehung die chinesischen bedeutend übertreffen, +speziell im Punkte der Mannszucht und Disziplin. Es wurde auch viel +von der großen Beute erzählt, welche die verbündeten Soldaten bei +den letzten Unruhen in Nordchina gemacht hätten. Einige französische +Kaufleute, welche sich auf der Rückreise von China befanden, berichteten +uns genaue Einzelheiten und behaupteten, daß bei diesen Wirren ein +ungeheurer Reichtum von China nach Europa transportiert worden sei: so +zeigte einer von ihnen eine sehr schöne Uhr, eine goldene mit mehreren +Kapseln versehene Taschenuhr, verschwenderisch mit Edelsteinen und +Brillanten übersäet, und erzählte hierbei, daß dieselbe aus dem +kaiserlichen Palast in Peking stammen solle. -- Ein anderer, erst in +Singapore an Bord gekommener Passagier bemerkte mit ernster Miene, daß +er bei seiner Abfahrt ein Gerücht vernommen hätte, daß zwischen Japan +und Rußland ein Krieg ausgebrochen sei. Wir glaubten dies zwar nicht, +immerhin aber war ein neues Thema angeregt und von allen Seiten wurde +über dasselbe lebhaft debattiert. Der Brennpunkt war die Frage: welche +der beiden Nationen Sieger bleiben werde? Wir hörten ruhig mit zu und +nach längerem Hin- und Herraten stellte sich als Resultat heraus, +daß Japan bei einem kürzeren Kriege die meisten Chancen hätte! Jedoch +würden, falls der Krieg sich längere Zeit hinziehen würde, die Russen +wohl imstande sein, die Oberhand zu gewinnen, da sie bei der Größe +ihres Reiches im Verhältnis zu dem kleinen Japan dieses an Menschenzahl +übertreffen. Wir enthielten uns jeder Äußerung, da trat ein +hochgewachsener Mann mit großem Vollbart ungeduldig in den Kreis und +sagte mit ernster, dröhnender Stimme: »Was kann denn Rußland gegen +Japan ausrichten? Japan besitzt ja bei strengster Disziplin eine +ausgezeichnete Kriegsmacht und eine wohlgerüstete Flotte von 25 000 +Tonnen. Die russischen Barbaren, die nur zum Sengen und Brennen, Rauben +und Morden geeignet sind, können gegen ein so vorzüglich organisiertes +Heer nichts tun. Wenn einige behaupten, daß die Japaner im Körperbau +kleiner sind als die Russen, und infolgedessen im Kampfe Mann gegen Mann +nicht standhalten könnten, so muß ich dies entschieden bestreiten, denn +im Kriege ist der Körperbau der einzelnen Soldaten nicht maßgebend, +sondern der in ihnen wohnende Geist, die Opferfreudigkeit, die +Ausdauer, der unerschütterliche Mut, der den Tod nicht scheut, das +Nationalbewußtsein, welches sie, treu ergeben bis zum letzten Atemzuge, +ihr Leben hingeben läßt. Alle diese Tugenden sind den japanischen +Soldaten eigen. Daß übrigens der moderne Krieg kein Kampf der einzelnen +Menschen gegeneinander, sondern ein Wettstreit der materiellen wie der +geistigen Kräfte ist, ist jedem wohl bekannt. Der Umstand, daß Rußland +infolge der Größe seines Landes viel mehr Menschen ins Feld stellen +könnte, hat auch nicht viel zu sagen; denn bei einem Kriege ist die +Beweglichkeit der Truppen ausschlaggebend und nicht ihre Zahl. Daß die +Japaner die flinksten Soldaten waren, das haben sie bei den letzten +Unruhen in Nordchina vor den Augen der verbündeten Soldaten Europas und +Amerikas vortrefflich bewiesen. Bei einer noch so langen Lanze kann +nur die Spitze töten und die Ochsen können nicht mit Hasen um die +Wette laufen. Die Russen haben auch unser Land vernichtet, unser Volk +ermordet; ich habe mit meinen eigenen Augen gesehen, wie sie meine +Eltern und Geschwister getötet haben. Wir haben Rache geschworen gegen +diese Unmenschen. Wir haben noch zwei Millionen kriegstüchtige Männer, +die stets bereit sind, die Waffen gegen Rußland zu kehren. Wenn also +Japan mit Rußland in Krieg gerät, so würden wir die Russen von hinten +anfallen, auch wenn wir dieses Unterfangen mit dem Leben bezahlen +müßten. Wir würden alles opfern und Japan zur Seite stehen!« + +Wer ist denn der? fragten wir uns verwundert, worauf der Unbekannte +unter lautem Seufzer erwiderte, daß er einer der unglücklichen, +mißhandelten, heimatlosen Polen sei. Ob seine Reden Beifall fanden oder +nicht, wissen wir nicht; aber wir bemerkten, daß, als er die Grausamkeit +der Russen erwähnte, seine Augen funkelten, seine Glieder zitterten, und +in dem Augenblick, als er seine geballte Faust erhob, konnte man wohl +ermessen, welch glühender Haß ihn gegen die Russen beseelte. Durch das +Feuer seiner Rede hingerissen, dachten wir unwillkürlich an das traurige +Ende seines Reiches und fühlten mit ihm. Wir konnten nicht umhin, uns im +Stillen zu sagen, daß manches von dem Vorgebrachten wahr sei, wenn wir +auch nicht alles glaubten, was uns dieser Pole mit Feuereifer vortrug. + + +Die Mahlzeiten auf dem Schiffe. + +Hans Küchenmeister, dem wir unsern leiblichen Teil anvertraut hatten, +verstand seine Sache vortrefflich, sodaß wir unter seiner Obhut gut +aufgehoben waren. Zudem war er sehr freigebig. Denn jeden Mittag und +Abend bestand die Speisenfolge aus vielen Gängen, sodaß man trotz des +gutes Appetites, den die frische Seeluft bei sämtlichen Passagieren +erregte, nicht alles verzehren konnte. Morgens früh um 6 Uhr gab es das +erste Frühstück mit Kaffee oder Tee, Brödchen, Früchten u. s. w., um +8 Uhr das zweite, dazu eine warme Fleischspeise, um 11 Uhr Kaffee mit +einem kleinen Imbiß, mittags gegen 1 Uhr das große Mittagessen mit +vielen Gängen, dann nachmittags um 4 Uhr wieder Kaffee und um 7 Uhr das +Abendessen, dem um 9 Uhr noch einmal Kaffee, Tee, Zitronenwasser oder +sonstige erfrischende Getränke folgten. Ich muß wirklich gestehen, daß +die Verpflegung auf dem Schiffe gut, sehr gut war, und doch hatte ich +eins zu tadeln und das waren die salzigen Speisen. Als ich am ersten +Tage meines Aufenthaltes an Bord den ersten Löffel Suppe zu Munde +führte, glaubte ich reines Salzwasser getrunken zu haben, sodaß ich +den Löffel sofort fortlegte, und so wie mir erging es meinen sämtlichen +Landsleuten. Einige Tage konnten wir nichts essen, bis uns der Hunger +quälte und wir uns nach und nach an die salzige Kost gewöhnen lernten. +Daß der Hunger der beste Koch sei, gilt also erst recht auf dem +Schiffe! Zwar hatte ich schon in der Heimat gehört, daß die Gerichte der +Deutschen viel schärfer als die unsrigen wären, aber wir hatten nicht +geahnt, daß die Speisen bei ihnen so salzig genossen würden. Daß wir +nach dem Essen immer ungeheuren Durst empfanden, ist selbstverständlich +und wir konnten uns nun erklären, weshalb täglich soviel Bier verzapft +wurde und weshalb die Deutschen so große Mengen dieses Gebräues +vertilgen. + +[Illustration: Ein Schiff in Sicht.] + + +Charakterskizzen einzelner Nationen. + +Unter den vielen Nationalitäten, die sich an Bord befanden, traten die +verschiedensten Gebräuche und Gewohnheiten hervor. So fiel es mir auf, +daß die Engländer -- Damen wie Herren -- besonderes Gewicht auf die +Toilette legten. Beim Abendessen z. B. erschienen die Engländer stets in +schwarzer Kleidung, während die andern Passagiere sich so zeigten, wie +sie gerade angezogen waren, und sich nicht erst besonders +umkleideten. Ebenso erschienen die englischen Damen dekolletiert in +Gesellschaftstoilette. Am Sonntag zum Gottesdienst waren fast immer nur +Engländer zugegen, die der Predigt ihres landsmännischen Predigers, +der lange als Missionar in China tätig gewesen sein sollte, andächtig +zuhörten. Andere Nationen erschienen zu dieser Feier höchst selten. Auch +waren es ausnahmsweise Engländer, die sich mit großer Beweglichkeit an +den Spielen beteiligten und sich dabei selbst alte Leute mit den Kindern +vergnügten. Daß die Engländer auch im Kartenspiel groß sind, habe +ich bereits oben erwähnt. -- In Colombo war eine englische +Schauspielertruppe an Bord gekommen. Das Benehmen derselben aber war +nicht gerade lobenswert zu nennen. Sie waren zwar lebhaft, hatten aber +wenig feine Manieren, wie sie bei andern ihrer Landsleute oft zu finden +sind; besonders war das Singen, Schreien, Trinken u. s. w. der Damen +recht unschön, sodaß wir ordentlich aufatmeten, als diese Gesellschaft +das Schiff verließ. + +Die Deutschen sind stillerer Natur; sie sitzen gewöhnlich bei einem +Glase Bier, rauchen Zigarren oder lesen irgend etwas, was sie auf +dem Schiff bekommen, wie Novellen, Reisebeschreibungen u. s. w., die +Bibliothek des Schiffes steht zwar jedem jederzeit zur Verfügung, wird +aber am meisten von Deutschen in Anspruch genommen. Die interessantesten +Bücher gehen stets von einem Deutschen zum andern, sodaß wir diese kaum +zum Lesen erhielten. Einige von ihnen sitzen im Winkel des Rauchsalons +und sind so in ihre Lektüre vertieft, daß sie kaum merken, was um sie +vorgeht. Um ihr Äußeres bekümmern sich die Deutschen bedeutend weniger +als die Engländer, sie geben sich ganz ungezwungen. Von ihnen kann man +sagen: wahrlich ein leselustiges Volk. + +Die Franzosen sind immer aufgeweckt, fröhlich und gesprächig, sie +gehen meistens in laut geführter Unterhaltung auf dem Promenadendeck +spazieren, mischen sich in jedes Gespräch, spielen Karten, trinken, +rauchen Cigaretten und sind immer vergnügt und guter Dinge. Ich sprach +mit einem Franzosen und sagte, daß seine Landsleute zwar sehr leutselig, +gewandt im Verkehr und witzig seien, aber daß sie in mancher Beziehung +zu leichtlebig und ihrer Regierung allzuoft Sorgen bereiten, sodaß +diese stets darauf bedacht sein müsse, neue Ablenkungen für das Volk zu +finden, wenn es sich nicht allzuviel mit den politischen Angelegenheiten +beschäftigen sollte. Da sagte mir der Franzose, daß diese Ansichten fast +von allen Menschen geteilt, aber in Wirklichkeit nicht zutreffend seien. +Er meinte, man könne wohl die Pariser so beurteilen, aber wenn man von +dem ganzen französischen Volke spräche, so sei dies etwas übertrieben. +Paris ist eine Weltstadt, in der alle Nationen in großer Anzahl +vertreten sind; will man daher echte Franzosen kennen lernen, so darf +man diese nicht in Paris suchen. Wenn man einmal ins Innere des Landes +kommt, wird man ein Volk mit stillerem, ruhigerem Charakter antreffen, +das von den sogenannten Parisern sehr absticht. Schlicht, einfach und +gehorsam, sanft wie ein Lämmchen, kümmern sich diese Leute wenig oder +garnicht um Politik. Als ein Beispiel dafür könnte man jene merkwürdige +Begebenheit mit Dreyfus anführen, über den in Paris so viel geschrieben +und gesprochen wurde. Man nahm an, daß dies die Stimme ganz Frankreichs +wäre, in Wirklichkeit aber wußte man außerhalb von Paris nur wenig +von ihm. Während die ganze Stadt in großer Aufregung war, als der +Verurteilte nach seinem Verbannungsorte geschickt werden sollte, +stand man dieser Sache im Lande ziemlich kühl gegenüber. Um den echten +Franzosen kennen zu lernen, sollte man also ins Innere gehen, nur dort +kann man Land und Leute richtig beurteilen. Ich gab seinen Ausführungen +Recht und versicherte ihm, daß dieselben viel Überzeugendes hätten. + +Wie sich nun unsere Landsleute auf dem Schiffe bewegten, was sie +trieben und wie sie lebten, brauche ich hier nicht zu erörtern, denn +der japanische Charakter ist ja uns allen bekannt. Sollte jedoch irgend +jemand sein, der es wissen möchte, nun gut, der mag selbst die Reise +antreten. + + +Die Seekrankheit. + +Ja, die Seekrankheit ist eine wunderbare Krankheit! Gottlob, daß sie +auf unserer Fahrt nicht so schlimm auftrat, trotzdem wir von Colombo bis +Aden fast fünf Tage lang ziemlich hohen Wellengang hatten. Es ist ein +unheimliches Gefühl, wenn das Schiff so stark schaukelt, sich jetzt +auf diese, nun auf jene Seite legt; bald glaubt man in einen Abgrund zu +versinken, bald zu den Wolken emporgetragen zu werden. Und dann, wenn +sich das Hinterschiff aus dem Wasser erhebt, das dumpfe Getöse der +Schrauben, das man noch lange nach beendigter Fahrt zu vernehmen glaubt. +An einem besonders stürmischen Tage konnten die meisten den Speisesaal +nicht betreten. Eine Dame war vom Anfang der Fahrt bis zum Ende +seekrank, sodaß sie fortwährend auf dem Verdeck liegen mußte und weder +essen noch schlafen konnte; sie sah wirklich mitleiderregend aus. Ein +junger Deutscher pflegte sie sehr aufopfernd, sodaß man glauben konnte, +die beiden ständen sich auch im sonstigen Leben näher. Beide verließen +das Schiff in Neapel, um ihre Reise von dort aus zu Land fortzusetzen. +Unsere besten Wünsche begleiteten sie, und wir hofften, daß sie +glücklich und gesund ihre Heimat erreicht haben. + +Gegen die Seekrankheit gibt es meiner Erfahrung nach zwei +Verhaltungsweisen, entweder man liegt ganz still oder man bewegt sich +fortwährend so viel wie nur irgend möglich. Ich habe bemerkt, daß +korpulente Personen mehr von dieser Krankheit geplagt wurden, als andere +Menschen. Unter meinen Landsleuten befand sich auch einer, der sehr +leicht seekrank wurde, er blieb die meiste Zeit in der Kajüte und ließ +sich selten sehen. Beim Essen erschien er -- da der Hunger ihn plagte -- +aß sehr schnell, fast ohne zu kauen und -- verschwand. Gingen wir jedoch +an Land, so war unsere Kolonie stets vollzählig, sodaß wir es hinnehmen +mußten, als ein Deutscher zu uns sagte: »Eigentümlich, wenn Sie an Land +gehen, sind Sie vollzählig, sonst nicht.« + +Ich habe stets mit meiner Seetüchtigkeit geprahlt und sie auch auf +der ganzen Fahrt bewahrt, ausgenommen an einem Tage. An diesem Tage, +glücklicherweise dem einzigen während der ganzen Seereise, bin auch +ich ein Opfer dieser heimtückischen Krankheit geworden. Das wollte ich +eigentlich geheim halten, aber da ich versprochen habe, meine Erlebnisse +treu mitzuteilen, so fühle ich mich verpflichtet, der Wahrheit zu Ehren +auch dieses zu berichten. Die Seekrankheit verursacht ein geradezu +unbeschreibliches Gefühl, zumal wenn man, wie ich, beim Bade von ihr +überrascht wird. Eine große Welle stürmte heran, der ganze Schiffbau hob +und senkte sich in schaukelnder Bewegung; es hob und senkte sich auch +mir im Innern, sodaß ich das Gleichgewicht verlor und vergebens nach +einem Halt suchte... Der Angstschweiß trat mir auf die Stirn... es +schwindelte mir vor den Augen... der Magen krampfte sich zusammen... ein +Pressen im ganzen Körper... »und es wallet und brauset und siedet« und +-- ich war seekrank, ich, der ich sonst mit mitleidigem Lächeln auf die +seeschwachen Passagiere herabschaute! Gottlob, daß diese Krankheit sonst +keine nachteiligen Folgen hat! Glücklich derjenige, dem es vergönnt ist, +von einer solchen Reiseerinnerung verschont zu bleiben! + +[Illustration: Auf dem Vorderdeck des »König Albert«.] + + +Der Nebel. + +Eine der gefährlichsten Erscheinungen während der Fahrt ist der Nebel, +und zwar am gefährlichsten, wenn das Schiff sich in der Nähe eines +Strandes oder gar einer Klippe oder Sandbank befindet. Ein Sturm ist +zwar für Schiffe ebenfalls gefährlich, jedoch kann man bei der festen, +soliden Bauart der heutigen großen Dampfer und der theoretisch wie +praktisch hochstehenden Ausbildung der Führer einem Sturm mit Ruhe +entgegensehen, zumal wenn sich das Schiff auf hoher See befindet. Etwas +anderes ist es aber mit dem Nebel, da nützt sowohl die Festigkeit des +Schiffes als auch die kunstgerechte Führung fast garnichts, denn bei +dichtem Nebel kann man ja kaum zwei Schritte weit sehen. Zwar werden +allerlei Mittel angewendet, um die Gefahr zu verringern; man hat auch +die verschiedensten Apparate erfunden, um die augenblickliche Lage des +Schiffes möglichst genau zu bestimmen, aber trotz alledem ist bei einem +Nebel die Gefahr für Schiff und Besatzung bei weitem größer als bei +einem Sturm. Als wir von Hongkong nach Singapore fuhren und uns nicht +weit von der Insel Formosa befanden, wurden wir eines Morgens von +einem dichten Nebel überrascht. Dieser Teil des Meeres ist wegen der +zahlreichen Klippen, welche jene Insel umgeben, den Schiffern als +einer der gefährlichsten bekannt. Es verursacht ein unheimliches und +angstvolles Gefühl, wenn auf dem Schiffe allerlei Anstalten getroffen +werden, die auf eine ernste Gefahr hindeuten. Die Fahrgeschwindigkeit +wird auf ein Minimum herabgesetzt, nur langsam bewegt sich das Schiff +vorwärts; von Zeit zu Zeit liegt es ganz still. Die Glocken werden in +einem fort geläutet; die Dampfpfeife und das Nebelhorn ertönen, um +bei etwaiger Annäherung eines anderen Schiffes einen Zusammenstoß zu +vermeiden, dazwischen hört man das Kommando der Offiziere. Zwar sind +die stärksten elektrischen Lichter angezündet; da man sich jedoch +gegenseitig auf ein paar Schritte kaum erkennen kann, so ist klar, daß +auch dies wenig hilft. In solch einer ernsten Stunde hört alles lebhafte +Treiben an Bord auf; es wird totenstill und jeder hat mit sich selbst +zu tun. Er denkt an das, was ihm im Leben am nächsten steht, läßt so +manches an sich im Geiste vorüberziehen, sein fernes Heim, seine lieben +Angehörigen, die von dem furchtbaren Ernst der Stunde keine Ahnung +haben. Dieser angstvolle Zustand währte etwa drei Stunden, und als dann +der dichte Nebelschleier zerriß, sahen wir auf der einen Seite, nicht +allzuweit von uns, einen Postdampfer vorüberfahren. Bei diesem Anblick +befiel uns unwillkürlich ein Grausen. Was hätte uns zustoßen können, +wenn sich der Nebel nicht aufgeklärt hätte! Durch Gottes Hilfe war +diesmal ein Unglück vermieden, sonst hätten wir vielleicht hier ein +nasses Grab in dem unendlichen Meere gefunden. Das schöne Lied von +Goethe möchte ich hier anführen, worin er »die glückliche Fahrt« -- +freilich weniger nach gefährlichem Nebel als nach lang anhaltender +Windstille -- besingt: + + »Die Nebel zerreißen, + Der Himmel ist helle + Und Äolus löset + Das ängstliche Band. + Es säuseln die Winde, + Es rührt sich der Schiffer. + Geschwinde! Geschwinde! + Es teilt sich die Welle, + Es naht sich die Ferne; + Schon seh' ich das Land!« + + +Die Schiffsbegleiter. + +Wirklich interessante Erscheinungen sind die verschiedenen Tierarten, +welche dem Schiffe unterwegs begegnen oder dasselbe ein Stück begleiten. +Zunächst sind es die Möven, jene schöne Art von Seevögeln, welche in +großer Anzahl das Schiff umkreisen. Wenn sich letzteres dem Strande oder +dem Hafen nähert, sieht man viele hunderte von diesen Vögeln, die auf +den Augenblick warten, wo alle Überbleibsel der Speisen, wie Brot, +Fleisch u. dergl., über Bord geworfen werden. Es ist ein sehr +anziehendes Schauspiel, wenn diese Seevögel, nachdem sie eine Zeitlang +durch die Luft geschwebt sind, mit einem Male zum Wasser hinabschießen, +um kleine Fische zu fangen. Einige tauchen unter, andere bleiben so +recht vergnügt auf der Oberfläche der Wellen. Wenn man von Bord aus +dieses lustige, harmlose Treiben zwischen dem blauen Himmel und dem +grünen Meere betrachtet, so könnte man diese zierlichen Tiere beinahe +beneiden und meinen, man möchte wohl auch solch ein Vogel sein, um so +recht vergnügt und froher Dinge in der freien Luft zu schweben und sich +ohne Sorgen in Gesellschaft der Kameraden zu tummeln. Aber auch diese +Vögel haben ein Leben voller Gefahren. So sahen wir eines Abends einige +Möven, welche unserem Schiffe folgten und vor Mattigkeit kaum noch +zu fliegen vermochten. Diese hatten sich wahrscheinlich von ihrem +heimatlichen Strande zu weit entfernt und konnten ihn nicht +mehr erreichen. Sie waren so matt, daß sie sich, ohne vor uns +zurückzuschrecken, am Schiffsgeländer niederließen und sich mit bloßen +Händen fangen ließen. Am nächsten Morgen gaben wir unsere kleinen +Gefangenen, nachdem wir sie tüchtig gefüttert hatten, wieder frei, in +der Hoffnung, daß sie den Weg zum heimatlichen Strande zurückfinden +würden. + +Die eintönige Fahrt wird ferner durch die fliegenden Fische +unterbrochen. Diese sind jedoch nicht überall anzutreffen; sie scheinen +bestimmte Strecken im Meere zu verschiedenen Zeiten aufzusuchen. So +sahen wir sie tagelang garnicht, an anderen Tagen dagegen konnten wir +sie in bedeutender Zahl beobachten. Sie schnellen mittels ihrer großen +langen Flossen über die Oberfläche des Wassers wie ein abgeschossener +Pfeil dahin. Von weitem hat ihre Fortbewegung viel Ähnlichkeit mit dem +Fluge einer Schwalbe. + +Das Interessanteste von allem aber war unsere Begegnung mit einem +Walfisch. Ca. 400-500 m vom Schiffe entfernt, entdeckten wir eines Tages +ein schwarzes Etwas. Wir glaubten ein Wrack oder eine Klippe vor uns zu +haben, aber als wir einige Zeit aufmerksam hingesehen hatten, bemerkten +wir, daß diese schwarze Masse sich immer mehr hob und dann plötzlich +verschwand. Dieses wiederholte sich mehrmals. Da auf einmal ragte ein +Riesenkörper empor, und nun erkannten wir einen mächtigen Walfisch. +Weil er sich von dem Meere fast senkrecht abhob, konnten wir die ganze +Gestalt sehr gut erkennen. Wenn wir auch bei der Entfernung die Länge +des Tieres nicht genau nach Metern zu bemessen vermochten, so war uns +doch das eine klar, daß wir einen mächtigen Riesen des Meeres vor uns +hatten. Es war ein imposanter Anblick, dieses Auf- und Untertauchen des +gewaltigen Tieres, und wir verfolgten dasselbe mit unseren Augen, so +lange es irgend möglich war. Ich hätte gewünscht, die Fahrt des +Schiffes auf einige Augenblicke hemmen zu können, damit auch alle andern +Passagiere an diesem Schauspiel sich hätten weiden können, aber leider +war es unmöglich, und so mußten die, die es nicht gesehen, mit unserer +Erzählung fürlieb nehmen. + +Nicht so imposant wie diese Riesen sind die Delphine, aber auch sie +tragen zur Unterhaltung viel bei und bringen einige Abwechslung in das +Leben an Bord. Wir haben viele Delphine in einzelnen Gruppen beobachten +können, einmal sogar zu mehreren Hunderten. Sie scheinen ein bis zwei +Meter groß zu sein, tauchen mit ihrem plumpen Körper kopfüber unter +oder schnellen aus dem Wasser heraus, um über dem Meeresspiegel ihre +Kunststücke zu üben. -- So hat auch das Meer durch seine Bewohner seinen +Tribut zur Unterhaltung der Passagiere dargebracht. + + +Das Leben an Bord. + +Demjenigen, der zum ersten Male zu Schiff reist und nun mehrere Wochen +an Bord zubringen muß, wird eigentümlich zu Mute, wenn er sich sein +neues Heim näher ansieht. So will ich denn hier versuchen, meinen Lesern +und besonders meinen jungen Freunden in der Heimat einen flüchtigen +Einblick in dieses neue Leben zu verschaffen, damit sie bei einer +späteren Reise besser Bescheid wissen. Zunächst die Kajüte. Man denke +sich einen Raum von 2½ bis 3 m im Quadrat, auf der einen Seite zwei +Bettstellen übereinander und neben diesen einen Kleiderschrank von etwa +½ m Breite und ½ m Tiefe, auf der andern ein Sofa. Zwischen Sofa +und Betten befinden sich zwei große Spiegel mit Waschtoilette schräg +gegenüberliegend, sodaß zwischen diesen noch ein freier, allerdings +nicht großer Raum übrig bleibt. Hier stehen die kleineren Koffer, das +sogenannte Handgepäck, während die großen Koffer in dem Magazin für +Passagiergepäck aufbewahrt werden, das täglich zu einer bestimmten Zeit +den Reisenden zugänglich ist. Eine Leiter für den Inhaber des oberen +Bettes ist selbstverständlich auch vorhanden, damit sich derselbe in +seine in der ersten Etage liegenden Gemächer zurückziehen kann. Die +Waschtoilette besteht aus Waschschüssel, Wasserkaraffe, Gläsern, +Nachtgeschirr, Seife und Handtüchern und ist äußerst praktisch +eingerichtet; man braucht sie nur herunterzuklappen, dann hat man eine +hübsche große Fläche mit dem Nötigen vor sich. Nach Benutzung klappt man +alles wieder hoch und spart auf diese Weise viel Raum. Auf dem Schiffe +muß man sich überhaupt daran gewöhnen, mit wenig Raum auszukommen, da +dieser das Kostbarste in der schwimmenden Wohnung ist. Zum Zudecken +des Körpers während des Schlafes benutzt man wollene Decken, welche vom +Schiffe geliefert werden. Das ist die ganze »komfortable« Einrichtung +einer Kajüte. Anfangs schien es mir, als ob ich mich in dieser engen +Behausung nicht frei bewegen könnte, ohne irgendwo anzustoßen, vermochte +ich doch mit ausgestreckten Armen die Decke zu berühren! Obwohl wir +Japaner so zierlich gebaut sind, kam mir meine neue Welt doch so winzig +vor, daß ich glaubte, ich hätte selbst für meine kleine Person keinen +Platz darin. Aber wie der Mensch sich an alles gewöhnt, so gewöhnten +auch wir uns bald an unsere Kajüte und meinten später ein großes Reich +zu besitzen. Man bedenke, ein Handausstrecken genügt, und alles was +man haben will, kann man erreichen und fassen: kann es etwas bequemeres +geben? So fühlten wir uns in diesem engen Raum am Ende ganz wohl, vor +allen Dingen fanden wir ihn sehr praktisch. Wenn man an die vielen +Zimmer denkt, die man sonst zu Hause zu bewohnen pflegt, dann muß man +sich unwillkürlich sagen: Welch' eine Verschwendung, welch ein großer +Luxus ist eine so große Wohnung! Kann man doch mit bedeutend weniger +auskommen! So dachten wir oft verständnisvoll an den Griechen Diogenes, +der in einer Tonne gelebt haben soll, an Sokrates, der gesagt hat, +daß Nichts bedürfen göttlich sei, daß demnach derjenige, welcher am +wenigsten bedürfe, der Gottheit am nächsten sei. + +Die Einrichtung der Kajüten der ersten und zweiten Klasse ist so +ziemlich gleich, nur sind sie in der ersten Klasse etwas geräumiger und +haben eine bessere Ausstattung. Meine Kajüte hatte einen Vorzug, das +waren zwei Luken, durch die sie frische Luft und Licht erhielt; bei +schönem Wetter blickte auch wohl die Sonne herein und verlieh dem +Raum ein freundliches Aussehen. Die Kajüten aber, die in der Mitte +des Schiffes liegen, sind dunkel und ohne Luken, sodaß man stets +elektrisches Licht anzünden muß, um einigermaßen sehen zu können; +außerdem sind sie mit einem Ventilator versehen, welcher elektrisch +betrieben wird und für frische Luft sorgt. Aber leider ist seine +Tätigkeit nur in einer bestimmten Höhe fühlbar, denn ober- und unterhalb +derselben entsteht kein Luftzug, sodaß im ganzen in einer solchen Kabine +keine angenehme Luft herrscht. Noch einen andern Übelstand bringt der +Ventilator mit sich, das ist sein Geräusch, welches recht unangenehm auf +die Nerven wirkt. + +Nachdem man des Nachts in der Kajüte der Ruhe gepflegt hat, fängt +mit Anbruch des Tages das Leben auf dem Verdeck an. Sobald die Glocke +läutet, steht man auf, geht eine Zeitlang auf dem Verdeck spazieren und +nimmt dann, wenn die Glocke zum zweiten Male ertönt, das erste Frühstück +ein. Einige jedoch standen schon vor dem ersten Glockenschlag auf +und wanderten auf dem Verdeck umher, denn es ist unstreitig von allem +Schönen das Schönste, wenn man sich früh morgens erhebt und die weite +unendliche See mit dem wunderbaren Aufgang der Sonne betrachtet. Die +erhabene Unendlichkeit des Meeres, von dem in mattem Rot gefärbten +Dunstschleier am Horizont begrenzt -- welche Herrlichkeit! Ich mußte +dabei öfters an ein Gespräch unseres verstorbenen Kultusministers +Vicomte Mori mit dem chinesischen Staatsmann Li-Hung-Tschang denken, als +jener noch als Gesandter von Japan am Pekinger Hofe weilte. Li fragte +ihn nämlich einmal, was er in der Welt für das Schönste und Erhabenste +halte, worauf jener zur Antwort gab, daß es für ihn nichts Schöneres und +Erhabeneres gäbe, als wenn er sich mitten auf dem endlosen Meere befinde +und das Auge über die weite, weite Fläche schweifen ließe. Nur in diesem +Augenblick fühle man, entrückt von allem irdischen Staube, das wahrhaft +Schönste und Erhabenste! Li-Hung-Tschang, der auf seine scheinbar +einfache Frage vielleicht eine politische Antwort zu erhalten geglaubt +hatte, war ob dieser unerwarteten gefühlvollen Entgegnung nicht wenig +erstaunt und konnte nicht umhin, sein Gegenüber als einen ebenso +empfindungsreichen wie geschickten Diplomaten anzuerkennen. + +Auf das erste Frühstück folgt, wie schon oben erwähnt, in langem Abstand +das zweite. Nach diesem wird durch Lesen oder Unterhaltung die Zeit auf +dem Promenadendeck vertrieben, bis die Glocke zum Mittagessen ruft und +auch diese Beschäftigung unterbricht. Nach dem Essen folgt die Siesta +bis zur Vesperzeit. Da sieht man fast alle Passagiere langgestreckt auf +den Rohrstühlen liegen und schlafen. Erst am Abend, wenn es kühler wird, +beginnt ein regeres Leben. Da wird der Rauchsalon stark besetzt, auf dem +Promenadendeck spaziert man paarweise plaudernd umher oder bildet hier +und da Gruppen, von denen Witzworte hin- und herfliegen. So geht es bis +spät in die Nacht hinein, um endlich ermüdet seine enge Behausung +wieder aufzusuchen und, des glücklich überstandenen Tages froh, durch +erquickenden Schlaf sich zum nächsten Tage zu stärken. Ein Tag gleicht +dem andern, nur das Ziel rückt immer näher und neugierigen Auges +betrachtet man den Ort, wo sich das Schiff befindet, auf der an Bord +befindlichen Landkarte. Jeden Tag einmal wird nämlich auf dieser +Karte angezeigt, wieviel Meilen das Schiff in den letzten 24 Stunden +zurückgelegt hat und welche Stelle es augenblicklich einnimmt. + +Im allgemeinen kann man sagen, daß nächst dem Essen und Trinken das +Schlafen die Hauptbeschäftigung der Passagiere ausmacht und daß Morpheus +vor allen andern Göttern hier sein Szepter schwingt: + + »Hoch vor allen + Gaben des Himmlischen + Sei mir gepriesen + Du, der Seele + Lebendes Wasser, + Gliederlösender + Heiliger Schlaf. + -- -- -- -- -- -- -- + -- -- -- -- -- -- -- + Ein heilig Bad + Bist Du, o Schlummer, + Würziger Kraft voll. + Mut und Erneuung + Atmet die Psyche, + Wenn Deine Woge + Sanft die bewußtlos + Schwimmende trägt + Von Leben zu Leben, + Von Strand zu Strand.« + +So priesen wir mit Geibel den süßen erquickenden Schlaf. Er +hauptsächlich verscheucht die furchtbare Langeweile während der öden, +eintönigen Wasserfahrt, sei es, daß er den Schläfer in die Heimat zu +seinen Lieben entführt, sei es, daß er vor ihm in den prächtigsten +Farben Zukunftsbilder von dem Lande entrollt, wohin er fährt, die aber +leider von ebenso kurzer Dauer sind, wie sie der rauhen Wirklichkeit +wenig entsprechen. Aber auch andere Bilder ziehen vor dem Geiste des +Träumers vorbei, und nur das Rasseln der Schrauben und das Plätschern +der Wellen erinnern ihn von Zeit zu Zeit an die Wirklichkeit, an das +rastlose Vorwärtsstreben des Dampfers. + + +Handel an Bord. + +Jedesmal, wenn das Schiff in einen Hafen einläuft, wird es von den +Landbewohnern besucht, die, mit den verschiedensten Produkten ihres +Landes reichlich beladen, auf das Deck kommen, um mit den Insassen +Handel zu treiben. Manchmal ist die Zahl dieser Geschäftsleute so +ungeheuer und das Gedränge an Bord so groß, daß man sich kaum frei +bewegen kann. Sie verursachen auch gelegentlich so großen Lärm, daß man +nicht imstande ist, sein eigenes Wort zu verstehen. Hierbei kann man +jedoch die verschiedensten Charaktere der Völker sehr gut kennen lernen +und auch die Art und Weise studieren, wie sie ihre Waren feilbieten. + +[Illustration: Ausladen der Fracht in einem Hafen.] + +In Hongkong und Shanghai kommen die Chinesen. Gestickte Seide, Tusche, +Pinsel, Geldstücke, meistenteils alte Kupfermünzen, Schnitzereien aus +Ebenholz und Elfenbein, goldene und silberne Ringe, Knöpfe, Nadeln, +Gürtelschlösser u. s. w. sind ihre Spezialitäten. In Penang bringen +ebenfalls die Chinesen Schmuckgegenstände und insbesondere wunderhübsche +Kunstkistchen in verschiedenen Größen, aus schönem Holz verfertigt, +zum Verkauf. In Colombo erscheinen die braunen Eingeborenen mit den +verschiedensten Sachen aus Elfenbein, mit allerlei Arten von Edelsteinen +wie Rubinen, Saphiren, Topasen u. s. w., worunter natürlich auch +viele falsche sind, die aber die Verkäufer mit ernster Miene als +echte Edelsteine anpreisen. Auch Bergkristalle und Granaten, metallene +Gegenstände, ferner Gewürz, Tee, Kaffeebohnen, alle möglichen Früchte, +eigentümliche Waffen aus langen scharfen Knochen von Tieren und Fischen +u. s. w. werden hier angepriesen. In Port Said werden besonders Brokat, +goldgestickte Teppiche und Tischdecken in herrlichster Ausführung, +Korallen, kurze Uhrketten aus Metall mit Geldstücken, Straußenfedern, +Straußeneierschalen, buntgeflochtene Körbe und anderes angeboten; ferner +gute und sehr billige Cigaretten, aber man darf leider nicht zu viel +davon kaufen, denn wenn man nach Italien kommt, werden sie verzollt und +der Zoll beträgt ungefähr das Doppelte von dem, was man dafür bezahlt +hat. In Neapel kann man außer verschiedenen feinen Schmuckgegenständen +geschnitzte Figuren, Knöpfe, Gemmen u. s. w. aus Lava und Marmor als +Spezialitäten erwerben. Erwähnen möchte ich noch, daß an jedem Orte +Photographien und Ansichtspostkarten zu haben sind. Die Verkäufer sind +fast überall zudringliche, mitunter unsaubere Leute, so daß sie Jedem +Abscheu einflößen und man froh ist, wenn sie das Schiff verlassen haben. +In einzelnen Häfen kommt man diesen Händlern sogar mit größtem Mißtrauen +entgegen, da sie als unehrliche Leute bekannt sind, und vorsichtshalber +werden sämtliche Behälter und Türen verschlossen. In Port Said z. B. +wurde mit ihnen sehr derb verfahren. Hier erwarteten die Matrosen, +an der Schiffstreppe mit Knütteln Posten stehend, die Ankömmlinge und +ließen niemanden herauf. Aber obwohl es Hiebe hagelte, wichen diese +Kerle nicht von dannen und schließlich gelang es doch einigen von ihnen, +hindurchzuschlüpfen oder die Matrosen mit Geld oder Waren zu bestechen. +Gerade in Port Said, wo die Kaufleute den verschiedensten Völkern +angehören, wie Indern, Arabern, Italienern u. a. m., widert einen die +Gesellschaft besonders an, so daß man mit Ekel die angebotenen Sachen +zurückstößt. Zudem sprechen diese Händler eine eigentümliche, man +könnte sagen, eigene Weltsprache, d. h. ein Gemisch von allen Sprachen, +Englisch, Italienisch, Französisch, Deutsch, Arabisch u. s. w., von +jeder Sprache etwas. Im allgemeinen wird sonst Englisch gesprochen, +oder richtiger gesagt, geschrien. Doch geht der Handel mitunter auch +sprachlos mittelst Gestikulationen, Achselzucken u. s. w. gut von +statten. Wie unehrlich dieses Gesindel ist, mußte einer von uns bei +folgender Gelegenheit erkennen: derselbe kaufte eine Photographie und +bezahlte mit einem Goldstück, worauf der Verkäufer herausgeben sollte; +aber kaum hatte dieser das Goldstück in der Hand, so verschwand er in +der großen Menge und kam nicht wieder zum Vorschein. Aber auch, wenn +diese Kerle herausgeben, muß man vorsichtig sein und aufpassen, da sie +nicht selten falsches Geld bei sich führen. Auch Wechsler erscheinen mit +großen Beuteln voll Gold und Silbermünzen an Bord. Diese erhalten zwar +wegen der hohen Prozente, die sie für sich beanspruchen, wenig +Aufträge, verdienen aber doch immerhin ganz beträchtlich, da man in den +verschiedenen Gewässern mit verschiedenen Geldsorten zahlen muß. Auch +Schneider erscheinen mit Kleidungsstücken, die sie verhältnismäßig +billig ablassen. Sie kaufen auch von den Passagieren und Mannschaften +alte Kleider, Wäsche u. s. w. Im allgemeinen sind die Preise der an Bord +feilgebotenen Gegenstände außerordentlich hoch; man muß deshalb sehr +handeln und kann gewiß sein, das betreffende Stück schon für die Hälfte +des geforderten Preises zu erhalten. Die meisten Sachen sind auch +minderwertig. Die Verkäufer preisen sie jedoch ungeheuer an und wissen +stets einige davon los zu werden. Natürlich kaufen die Passagiere in +vielen Fällen für teures Geld Sachen, die keinen Pfennig wert sind -- +ich, der ich imitierte gefärbte Glaskugeln für echte Korallen hielt und +kaufte, gehörte auch leider zu diesen -- aber man befindet sich einmal +auf der Reise und da macht es doch Vergnügen, etwas mitzubringen oder +seinen Lieben aus der Ferne Kleinigkeiten zu senden, auch wenn man diese +Freude teuer bezahlen muß. + +In Singapore, Port Said und Colombo kommen auch viele kleine +Eingeborene, Knaben, unbekleidet, fast wie Affen aussehend, mit ihren +Kähnen zum Schiff heran. In Colombo haben dieselben aus Baumstämmen +ausgehöhlte, langgestreckte Fahrzeuge, welche sie geschickt bewegen. +Natürlich treiben diese Kinder keinen Handel mit den Schiffsinsassen, +machen aber ebenso wie die andern Kaufleute gute Geschäfte. Sobald +sie die Passagiere am Schiffsgeländer erblicken, schreien sie mit +krächzender Stimme oder zeigen mit der Hand, daß man Geldstücke ins +Wasser werfen möchte, wonach sie mit unglaublicher Geschicklichkeit +hinabtauchen. Einzelne von ihnen, die besonders gewandt sind, verdienen +hierdurch viel Geld. Da sie unbekleidet sind, infolgedessen keine +Taschen haben, stecken sie die aufgefischten Geldstücke in den Mund. -- +In Neapel sahen wir gleichfalls derartige Taucher, doch waren es hier +erwachsene Männer in hellen Badeanzügen, ganz fein aussehend. In dieser +Verschiedenartigkeit prägte sich recht deutlich der Gegensatz zwischen +den Naturvölkern und der zivilisierten Welt aus. + + +Tanzvergnügen an Bord. + +Auf unserer Fahrt fand für die erste und zweite Klasse je ein großes +Tanzvergnügen statt. Hierzu wurde das Promenadendeck mit farbigen +Tüchern und Fahnen schön ausgeschmückt und abgegrenzt. Viele farbige +elektrische Lampen wurden angezündet, so daß man glauben konnte, sich +nicht auf einem Schiffe, sondern in einem festlich geschmückten Saale zu +befinden. Sämtliche Herren und Damen erschienen festlich gekleidet: die +Damen fast ohne Ausnahme in heller Toilette, die Herren in schwarzen +Gesellschaftsanzügen oder in hellen Sommerkostümen. Nach dem Abendessen +nahm die Schiffskapelle ihre Plätze ein und begann zu spielen. Als +Einleitung kam ein Promenadenstück, dann folgten die verschiedenen +Tänze wie Walzer, Polka, Rheinländer, Quadrille und wie sie alle heißen, +welche bis tief in die Nacht hinein getanzt wurden. Wir Japaner waren +auch dazu eingeladen und sahen diesem Treiben mit Vergnügen zu, wenn +wir denselben auch kein allzugroßes Interesse entgegenbrachten. Die +elastischen Gestalten drehten sich, einander mit dem Arm umschlingend, +oder bewegten sich nach dem Kommando eines Herrn von einer Seite zur +andern durcheinander. Bald glichen sie Schmetterlingen, die paarweis von +Blume zu Blume flattern, bald sich drehenden Kreiseln. Wie ich hörte, +sollen alle diese Tänze fast über ganz Europa verbreitet sein, doch soll +fast ein jedes Land außerdem noch eigene Nationaltänze haben. Überhaupt +wird in Europa das Tanzen sehr gepflegt und schon in frühester +Jugend erlernen Knaben und Mädchen diese Kunst entweder im geselligen +Zusammensein der einzelnen Familien oder bei einem Tanzlehrer, welchem +selbst Schulen, besonders Mädchenschulen sehr entgegenkommen, so daß sie +ihm mitunter für seine Tanzstunden die Turnhalle überlassen. So wird +in Europa fast jede Gelegenheit ausgenutzt, um ein Tanzvergnügen zu +veranstalten, ungerechnet jene, die in vielen öffentlichen Lokalen +stattfinden. Ein guter Tänzer wird in Europa sehr gern gesehen und +eingeladen; er kommt dadurch leichter in die Gesellschaft hinein und +erhält einen großen Bekanntenkreis, der ihm in mancher Beziehung von +Nutzen ist. + +Im Zusammenhang mit Obigem erzählte mir ein Deutscher, daß in größeren +Städten große, prachtvoll ausgestattete Säle seien, wo täglich getanzt +wird, die sogenannten öffentlichen Tanzhallen. Hier jedoch seien +fast nur Mädchen zu finden, die keinen guten Lebenswandel führen und +leichtlebige Herren, die auf nicht gerade anständige Art ihr Geld +verprassen. Die besseren Tanzvergnügungen, d. h. diejenigen, die von +Familien, Vereinen oder aus einem bestimmten Anlaß für engere Kreise +veranstaltet werden, haben jedoch -- wenn man so sagen darf -- einen +Vorteil, und das sind die vielen Ehen, die durch diese gestiftet werden, +insofern sie es ermöglichen, daß die jungen Leute sich kennen lernen. +Ich weiß nicht, ob die Eheschließung dem Tanzen wirklich so viel zu +verdanken hat, auf jeden Fall ist es aber klar, daß der Mensch dadurch +aufgeheitert und angeregt wird, daß bei manchem ein wirkliches Bedürfnis +befriedigt und ihm nach anstrengender Arbeit eine wohltuende Erfrischung +gewährt wird. Gegen diese Lichtseiten hat der Tanz natürlich auch seine +Schattenseiten, nämlich die, daß gerade dadurch viele Menschen, Männer +wie Frauen, leichtsinnig werden, die Arbeit im Stich lassen, nur dem +Vergnügen huldigen, wie denn auch wohl manche moralische Untugenden und +Laster hier ihre Brutstätte haben. + +Auf dem Schiffe bemerkte ich, daß sogar ältere Leute, besonders +Engländer, viel und gern tanzten, ein Beweis, wie rüstig und gelenkig +man sich selbst bis ins hohe Alter hinein erhalten kann. Auch bei uns in +Japan haben wir bereits vor mehreren Jahren versucht, europäische Tänze +einzuführen, aber da dieselben unserem Geschmack nicht entsprachen, so +werden sie jetzt nur wenig getanzt. Einzelne Kreise haben seiner Zeit +sogar einen Maskenball nach europäischem Muster veranstaltet, jedoch ist +es auch hier bei diesem einen Versuch geblieben. Der Hauptgrund, daß +wir uns an diese Tänze nicht gewöhnen können, liegt wohl in der +Verschiedenheit unserer Kleidung, Wohnung und vor allen Dingen unserer +althergebrachten Musik, welche zum Tanze ungeeignet ist. + +Im Zusammenhang hierzu möchte ich einiges über die + + +Schiffskapelle + +mitteilen. Auf dem Schiffe wird an jedem Tage mehrere Male konzertiert, +regelmäßig morgens und abends. Die Kapelle besteht aus Stewards, die +ihre Sache vortrefflich verstehen und sehr gut spielen. Nachdem sie beim +Essen aufgewartet und ihre Kellnerpflichten erfüllt haben, begeben sie +sich auf das Verdeck und beginnen hier ihr Konzert, welches gewöhnlich +mehrere Stücke umfaßt, jedoch werden vorwiegend lustige Sachen gespielt. +Ich hatte geglaubt, daß die Kapelle nur aus Berufsmusikern bestände, +habe mich jedoch davon überzeugt, daß diese nur von den Stewards +gebildet wurde und konnte mir danach wohl vorstellen, wie weit +verbreitet und wie hochentwickelt die Musik in Europa sein mag. In +Europa scheint fast jeder Musiktreibender zu sein und besonders in +Deutschland, wo die meisten ohne Unterschied des Geschlechtes mindestens +ein Musikinstrument gut spielen sollen. Bei uns befassen sich fast nur +Frauen mit Musik, während Männer bloß unter den Berufsmusikern zu finden +sind. Außerdem fehlt unsern althergebrachten Instrumenten meistenteils +die Harmonie; sie klingen teils melancholisch, teils eintönig. Auch sind +sie wegen ihrer leisen Töne nur in einem kleinen Zimmer zu hören, in +einem großen Raum oder im Freien würden sie einfach verhallen. Daß nach +dem oben Gesagten unsere althergebrachte Musik nicht zum Tanze geeignet +ist, versteht sich von selbst. + +[Illustration: Musik an Bord.] + +In der Tat ist es eine Lücke in der Kultur unseres Landes, daß man +bisher auf das ästhetisch so bedeutsame Mittel der Musik keine +besondere Sorgfalt verwendet hat. Es werden jedoch jetzt in den Schulen +Gesangstunden abgehalten; in der Musikschule, in welcher ein deutscher +Kapellmeister angestellt ist, werden alle europäischen Musikinstrumente +gelehrt; die Militär- und Marinekapellen sind ganz nach europäischem +Muster eingerichtet, auch gibt es eine Hofkapelle und mehrere +Privatkapellen, die echt europäische Musik vortragen. Aber da die Musik +ebenso wie die Malerei, ja wie jede Kunst, mit dem Charakter des Volkes +aufs innigste zusammenhängt, so werden noch Jahre vergehen, bevor sich +diese Musik in ihrer modernen Technik in unserm Heimatlande eingebürgert +haben wird. Von einem jungaufblühenden Lande kann man ja nicht +verlangen, daß es mit einem Schlage in allen Dingen gleich die höchste +Stufe erreicht; man muß ihm vielmehr Zeit lassen und allmählich wird +unser Volk sicher auch diese ihm bisher noch fehlenden Talente zur +Entwickelung bringen, um dann auch hier einen ehrenvollen Platz +einzunehmen. In materiellen Dingen kann man ja schnell Riesenschritte +machen, aber in Kunst und Wissenschaft, die dem Volke in Fleisch und +Blut übergehen sollen, da muß man sich schon in Geduld fassen; doch +die Zukunft wird auch hierin Wandel schaffen, ja vielleicht Wunder +vollbringen. + + +Wohltätigkeitskonzerte, + +deren Reinertrag für verunglückte Angestellte des >Norddeutschen Lloyd< +oder deren Witwen und Waisen verwendet werden sollen, werden auf jeder +Fahrt einmal arrangiert und daran beteiligen sich sämtliche Passagiere. +Für das unsrige war ein vielseitiges Programm aufgestellt, von dem ich +hier einige Nummern anführen möchte. Eingeleitet wurde das Fest durch +Ansprache des Kapitäns und des für dieses Fest gebildeten Komitees, +worin besonders der Zweck betont und schon im Voraus der Dank für die +Mildtätigkeit der Teilnehmer und Spender ausgesprochen wurde. Hierauf +folgten die heiteren Vorträge: ein Herr spielte vorzüglich Klavier, eine +Dame trug einige Stücke auf der Zither vor, von mehreren Passagieren +wurden verschiedene kleine Possen aufgeführt, eine junge Dame +erfreute die Zuhörer durch den Gesang einiger schöner Lieder u. s. w. +Hervorzuheben war die Leistung eines amerikanischen Offiziers, der als +Dame verkleidet und schön geschminkt, die drolligsten Sachen vortrug und +bei sämtlichen Zuhörern wahre Lachsalven erweckte. Hierauf wurden von +mehreren Damen die Gaben eingesammelt und jeder gab soviel er geben +konnte. Wie man uns beim Schluß des Festes mitteilte, war eine ziemlich +bedeutende Summe zusammengekommen. + + +Die entgegengesetzten Gefühle der Hin- und Herreise. + +Welch' ein bedeutender Unterschied liegt in den Gefühlen, mit welchen +man die Hinreise macht und denen, die die Rückreise erweckt, und doch +wohnen diese beiden Gegensätze auf einem und demselben Schiffe friedlich +nebeneinander. Ein eifriger Beobachter könnte hier die schönsten Studien +machen. Um bei uns, die wir uns auf der Fahrt von der Heimat befanden, +anzufangen, so fühlten wir mit jedem Tage die Entfernung, welche uns von +unsern Lieben trennte, größer werden. In den ersten Nächten blieb uns +erquickender Schlummer fern. Denn ein eigentümliches Gefühl, gemischt +aus der freudigen Aussicht, viel Schönes zu sehen und zu lernen, und +aus dem Unbehagen, das Vaterland und die Seinigen so lange zu verlassen, +hielt uns wach. Ja, es war, als ob eine Leere im Herzen entstünde, und +in gleichem Maße, wie die Entfernung wuchs, glaubte man von Tag zu Tag +ein Fortschreiten dieser Empfindung wahrzunehmen. Es ist uns dabei zu +Mute, als ob jemand hinter unserem Rücken stände und uns fortwährend +nach hinten zöge. + +Wie anders dagegen ist das Gefühl derjenigen, die sich auf der Rückreise +befinden. Mit jedem Tage nähert man sich mehr und mehr der heimatlichen +Küste und man kann wohl sagen, mit jeder Meile wächst die Freude und die +Sehnsucht, die Lieben wieder vor sich zu haben, sie sprechen zu hören +und sie in die Arme schließen zu können. Schon auf dem Schiff erzählten +die auf der Rückreise Befindlichen gern und viel von der Heimat und man +fühlt hier so recht die Wahrheit des Wortes: »Weß das Herz voll ist, +deß läuft der Mund über,« während die Dahinfahrenden -- besonders in +den ersten Tagen -- meist stumm und nachdenklich den Kopf hängen +lassen oder, die Hände aufs Schiffsgeländer gestützt, in das weite Meer +hinausstarren. Man könnte diese beiden Arten, die ich eben geschildert +habe, als die normalen bezeichnen, denn ein jeder, welcher eine Heimat +besitzt, wird beim Abschied Schmerz, beim Wiedersehen Freude empfinden. + +Nun gibt es aber noch Menschen, die sozusagen keine Heimat haben, +d. h. die nach einem neuen Ziele streben und die Brücke hinter sich +vollständig abgebrochen haben, oder solche, die aus reiner Reiselust +von einem Weltteil zum andern fahren, bald hier, bald dort ihr Heim +aufschlagen und überall zu Hause sind. Die Gefühle dieser Menschen sind +selbstverständlich andere, oder vielleicht könnte man von ihnen sagen, +sie fühlen überhaupt nichts Besonderes, da sie ja nichts zu verlieren +und nichts zu gewinnen haben. + + +Unser Schiff. + +[Illustration: Staatskabine des »König Albert«.] + +Wie schon mehrfach erwähnt, hatten wir uns auf dem deutschen +Reichspostdampfer »König Albert«, dem >Norddeutschen Lloyd< gehörig, +eingeschifft, und da uns dieser Dampfer bei der Überfahrt so gute +Dienste geleistet hat, so fühle ich mich verpflichtet, über ihn zu +schreiben und ihn meinen Landsleuten, die nach mir die Fahrt nach +Deutschland unternehmen werden, zu empfehlen. Der Dampfer ist ca. 150 m +lang und 20 m breit und ist der größte Dampfer des >Norddeutschen +Lloyd<, welcher von Japan nach Deutschland verkehrt. Er kann außer einer +ungeheuren Ladung noch etwa 2400 Passagiere (davon 2000 dritter Klasse) +beherbergen. Auf unserer Fahrt wurden an Kajütenpassagieren erster +und zweiter Klasse aufgenommen 54 Personen in Japan, 40 Personen in +Shanghai, 40 in Hongkong, 45 in Singapore, 13 in Penang und 15 in +Colombo. Wie viele Passagiere sich außerdem noch in der dritten +Klasse befanden, ist mir nicht bekannt. Auch eine ziemlich bedeutende +Schiffsbesatzung -- ungefähr 200 Köpfe -- war an Bord. + +[Illustration: Promenadendeck des »König Albert«.] + +Auf dem Dampfer unterscheidet man das Hauptdeck, über diesem das +Oberdeck, hierüber das untere, dann das obere Promenadendeck und +ganz oben das kleine Sonnendeck. Vorzüglich eingerichtet und wahrhaft +künstlerisch ausgestattet ist der Speisesaal, welcher auf dem unteren +Promenadendeck liegt; ferner das sehr große Musikzimmer, beide für +Passagiere erster Klasse. Aber auch Speisesaal und Damenzimmer für die +Passagiere zweiter Klasse, welche sich auf dem Oberdeck befinden, sind +äußerst geräumig und schön eingerichtet. Für die Passagiere erster +sowohl wie zweiter Klasse ist je ein Rauchsalon vorhanden. Sämtliche +Räume werden mittels unzähliger elektrischer Glühlampen erleuchtet. +Einer besonders luxuriösen Ausstattung erfreut sich die Staatskabine, +die ihrerseits wieder aus Wohn-, Schlaf- und Badezimmer besteht. Aber +auch die Kajüten erster und zweiter Klasse sind gut und praktisch +eingerichtet und man kann in ihnen die lange Überfahrt, auch wenn sie +sechs Wochen oder noch länger dauert, bequem überstehen. Wir haben uns +darin jedenfalls sehr wohl gefühlt und ich glaube dasselbe von jedem +andern Passagier annehmen zu dürfen. Auch die Verpflegung auf dem Schiff +ist -- wie ich schon einmal erwähnt habe -- geradezu ausgezeichnet, +ich will nicht verfehlen, auch an dieser Stelle meiner Zufriedenheit +Ausdruck zu geben. Es ist dies ja nur eine Bestätigung dessen, was +man öfters sagen hört, daß der >Norddeutsche Lloyd< und +die >Hamburg-Amerika-Linie<, diese beiden größten deutschen +Schiffsgesellschaften, alles aufbieten, um die schnellsten und +größten, zugleich aber auch die bequemsten und mit den neuesten +Sicherheitsmaßregeln versehenen Schiffe in Dienst zu stellen. Hoffen +wir, daß es ihnen noch lange gelingen wird, in diesem edlen Wettstreit +an der Spitze zu bleiben, denn davon würden wir als Passagiere den +größten Vorteil haben; das Reisen würde immer sicherer und angenehmer +werden. + +[Illustration: Damensalon des »König Albert«.] + + +Trauriges während der Fahrt. + +Wie uns auf unserer Fahrt viel Interessantes und Erfreuliches passiert +ist, so hat es uns aber auch am Gegenteil nicht gefehlt. + +Bei einer langen Fahrt, die anderthalb Monate dauert, und bei der großen +Menge von Fahrgästen, die sich auf unserm Schiff befand, kann es nicht +vermieden werden, daß manch' unangenehme Ereignisse vorkommen. So +erzählte man mir, daß fast jede Fahrt Unglücksfälle, ja sogar nicht +selten Todesfälle aufzuweisen hat. Leider traten diese beiden bei +unserer Fahrt in verstärktem Maße vor, denn sie fingen bereits nach +einer Fahrt von acht Tagen an. Zuerst überraschte uns der bereits +erwähnte Todesfall eines Passagiers, eines Engländers, der mit seiner +Familie von Japan nach Hause reiste. Der Verstorbene soll lungenleidend +gewesen sein und hatte wohl von der Seefahrt Stärkung und Besserung +seiner Krankheit erwartet. Aber der Mensch denkt und Gott lenkt! Der +Leichnam des Verstorbenen wurde in Hongkong beigesetzt. In wie großer +Trauer seine Hinterlassenen zurückblieben, läßt sich denken. + +Bei der betreffenden Stelle meines Reiseberichts habe ich schon erwähnt, +wie unerwartet und erschreckend mich die Nachricht getroffen hatte, daß +in Hongkong mein Freund und früherer Schüler Dr. Okoshi, den ich +dort aufsuchen wollte, verstorben war, und daß einen Tag vorher sein +Leichenbegängnis stattgefunden hatte. + +Im Indischen Ozean hörten wir plötzlich, daß ein Matrose verschwunden +sei. Es wurde überall nach ihm gesucht, aber vergebens; er konnte nicht +aufgefunden werden. Da entdeckte man nach etwa vier Tagen seine Leiche +im Kohlenlager auf dem Boden des Schiffes. Man nahm an, daß er entweder +von der ungeheuren Höhe herabgestürzt oder daß er durch Kohlengase +erstickt sei. Der Leichnam wurde nach Seemannsart in das Meer gesenkt. +Wohin man einen Leichnam zur Ruhe bestattet -- ob in die dunkle Erde +oder in das tiefe Meer -- scheint ziemlich gleich zu sein, und doch ist +es ein unheimliches Gefühl, wenn man sieht, wie in stiller Nacht beim +Mondschein der Überrest eines unserer Mitmenschen in die Tiefe der +unendlichen weiten See versenkt wird. Die Erde hat den Menschen geboren +und es ist naturgemäß, daß er wieder in die Erde hineingesenkt wird. +Heißt es doch: »Von Erde bist Du geworden, zur Erde sollst Du wieder +werden!« Nur in der Erde findet man die rechte Ruhe, nur auf der Erde +kann man einen Grabhügel errichten, mit Denkmal und Blumen zieren, nur +vor dem Grabhügel haben die Hinterbliebenen das Gefühl, dem Toten immer +noch nahe zu sein. In dem ewig bewegten Meere, in dem wild stürmenden +Element scheint uns ein sanftes Ruhen nicht möglich. Doch des Seemanns +Los ist es, daß er fern von der Heimat in der Tiefe der See sein Grab +findet, wo kein Hügel, kein Stein später an ihn erinnert. Aber trotzdem +wünscht sich jeder Seemann gerade den Tod auf der See und dort sein +Begräbnis. + +In Aden mußte ich erfahren, daß mein Kollege, Prof. Tachibana, welcher +mich in Deutschland erwarten sollte, von einer schweren Krankheit +befallen, seine Rückreise nach Japan angetreten habe. Ich wollte diesen +Herrn auf seinem Posten in Deutschland ablösen und hatte geglaubt, ihn +in voller Gesundheit anzutreffen. In meiner auf dem Schiffe verfaßten +Reisebeschreibung hatte ich der Hoffnung Ausdruck gegeben, daß mein +Kollege, wenn auch nicht ganz gesund, so doch gestärkt und gekräftigt +sein Heimatland wieder erreichen und seine Lieben umarmen möge. Aber als +ich in Berlin ankam, erhielt ich die tief erschütternde Nachricht, daß +er unterwegs auf dem Schiffe dahingeschieden sei -- eine Kunde, die mich +in große Trauer versetzte. Aus den Briefen meiner Freunde, die ich zu +gleicher Zeit aus meiner Heimat erhielt, ersah ich, daß mein Kollege +noch das japanische Meer erreicht und noch vor seinem letzten Atemzuge +am Horizont die blauen Gipfel seines teuren Vaterlandes emportauchen +gesehen hat. In stiller Wehmut soll er die Heimat mit seinen Blicken +verschlungen haben, als wollte er sie tief in sein Herz versenken. Mit +den Worten, daß es ihm doch noch vergönnt gewesen, die heimatlichen +Berge zu schauen, soll er verschieden sein. Würde er nur noch wenige +Stunden gelebt haben, so hätte er noch den Heimatboden betreten und +seine Familie begrüßen können. Allein, wie der deutsche Dichter sagt: +»Mit des Geschickes Mächten ist kein ew'ger Bund zu flechten,« das +Unglück kommt unerwartet und »rasch tritt der Tod den Menschen an.« + +Die Frau und Kinder des Heimgegangenen, die ihn an der Landungsbrücke +mit Sehnsucht erwarteten, um ihn nach langer Abwesenheit in ihrer Mitte +zu bewillkommnen, konnten nur noch seine leblose Hülle umarmen. +Diese herzzerreißende, qualvolle Szene, welche sich entwickelte, +soll unbeschreiblich gewesen sein. Mein Freund, der mich hiervon +benachrichtigte, schrieb mir, daß ihn selbst der Anblick dieser Trauer +so ergriffen habe, daß er mir, statt einer eingehenden Beschreibung, +nur noch Tränen hätte senden können. Dieses läßt sich aber auch leicht +denken! Ein trostloseres und erschütternderes Bild kann man sich schwer +vorstellen. Auch ich kann nicht schildern, wie sehr mein Gemüt bei der +Nachricht vom Tode meines Kollegen in Mitleidenschaft gezogen wurde. +Als ich meine diesbezüglichen Aufzeichnungen in meinem Tagebuch +niederschrieb, war jede Silbe eine Träne! + +So hat das unerbittliche Schicksal dafür gesorgt, daß mir auf meiner +Reise auch das Traurige nicht erspart geblieben ist. + + +Die englischen Kolonien. + +Daß England die größte Seemacht ist und große Kolonien besitzt, ist +allgemein bekannt. Wenn man aber eine Weltreise macht, so kann man sich +davon überzeugen, daß die englischen Besitzungen tatsächlich über die +ganze Erde zerstreut liegen. + +Der größte Teil meiner langen Fahrt ging auch an der Küste der +englischen Kolonien entlang. Die ganze Strecke, von Hongkong aus längs +der indischen Küste, also Singapore, Penang, Colombo, Aden bis in das +Mittelländische Meer, gehört den Engländern und so beherrschen sie den +ganzen Ozean. Wie die Engländer zu allen diesen Besitzungen gekommen +sind, ist zu bekannt, als daß es hier wiederholt zu werden brauchte. +Ebenso braucht nicht erzählt zu werden, welch' große Reichtümer England +aus all seinen Kolonien zieht. + +Sehe ich aber mit meinen eigenen Augen die Völkerschaften längs der +ganzen Küste, so kann ich nicht umhin, an ihren früheren Zustand +zurückzudenken, an die Zeiten, in welchen diese Nationen noch ihre +Freiheit und Selbständigkeit besaßen. Jetzt liegen sie da, von der +gewaltigen Macht niedergedrückt und zerquetscht, so daß sie nur noch +als Tributpflichtige dem Gewaltherrscher zu Füßen liegen. Nicht selten +findet man jedoch unter diesen Völkern Männer, welche ihr Los beklagen +und ihre Freiheit mit Wehmut zurücksehnen. Allein damit ist es wohl +für immer vorbei, denn die Ketten, welche der Starke um sie geschlungen +hält, sind felsenfest und können nicht mehr abgeschüttelt werden. +Wenn es in der Welt so bleibt, wenn der Stärkere immer den Schwächeren +niederzwingt, wenn stets nur Macht und Recht des Stärkeren Geltung +finden: dann wird der Friede der Welt wohl immer gestört werden, und dem +Schwachen wird nichts weiter übrig bleiben, als sein Unglück in Demut zu +ertragen und dem Starken Handlangerdienste zu leisten. Wenn der Stärkere +nur aus Egoismus handelt, wenn dieser der ausgesprochenste maß- und +rücksichtsloseste ist, verbunden mit Brutalität und Barbarei, dann +werden alle Grundsätze der Humanität mit Füßen getreten. Wie die +entsetzlichen Barbareien des jüngsten südafrikanischen Krieges, der sich +aus dem räuberischen Einfall des Jameson entwickelt hat, die Empörung +aller Parteien der zivilisierten Länder wachgerufen haben, und bei +allen, die ein Herz in der Brust fühlen und denen die Grundsätze +der Gerechtigkeit und der Menschlichkeit teuer sind, gerechten Zorn +entflammten, so wird auch jeder andere Übergriff immer beurteilt werden, +und dem Schwächeren wird Beistand nicht fehlen. + + + + +XIV. + +Genua. + + +[Illustration: Hafen von Genua.] + +Die Fahrt zwischen Neapel und Genua war sehr schön, das Meer wie +gewöhnlich sehr ruhig. Auf dieser Fahrt habe ich auch die Schönheit des +italienischen Himmels bewundern können mit seinem wunderbaren Blau, wie +man es nur hier sieht. Am 14. Mai abends ½6 Uhr kamen wir endlich in +dem von uns langersehnten Hafen von Genua an. Hier verließen die meisten +Passagiere das Schiff, so daß ein beträchtliches Gedränge entstand. Noch +größer ward es dadurch, daß jeder Reisende seine Koffer mit sich ans +Land nehmen mußte; nachdem auch wir beinahe zwei Stunden gewartet +hatten, konnten wir endlich eine Gondel bekommen, in der die ganze +japanische Kolonie »König Alberts« Platz nahm, um zum europäischen +Festland zu fahren und zum ersten Male den Boden Europas zu betreten. +Von unseren Landsleuten blieb Herr Kato an Bord, da er die Absicht +hatte, bis nach England weiter zu fahren, wo er mehrere Jahre Studien +halber zu verweilen gedenkt. Uns allen ward es schwer, diesen netten +Reisegefährten mutterseelenallein an Bord zu lassen; doch wir konnten +nicht anders und so reichten wir uns, auf ein fröhliches Wiedersehen +hoffend, die Hand zum Abschiede. + +Wir wurden nun sogleich zum Zollamt geführt, wo man uns nach den zu +verzollenden Sachen fragte. Wir hatten nur unser Handgepäck bei uns, +denn die größeren Gepäckstücke waren an Bord geblieben, um die Reise bis +Hamburg per Schiff zu machen und von dort nach Berlin weiter befördert +zu werden. So wurden wir sehr schnell abgefertigt, denn auf unsere +Erklärung hin, daß alles nur Reiseeffekten seien, wurde bloß ein +Blick in unsere Koffer getan, und die Zollangelegenheit war somit bald +erledigt. Aber nicht bei allen ging es so glatt ab. So wurden bei einem +unserer Reisegefährten, der ebenfalls auf die Frage, ob er verzollbare +Gegenstände bei sich führe, mit »Nein« geantwortet hatte, Zigarren +entdeckt, und die Strafe folgte hier sofort -- er mußte als Zoll das +Mehrfache dessen erlegen, was die Zigarren gekostet hatten. Wie groß +das Gedränge und Gewühl war, das bei der Landung und bei dem Zollamte +herrschte, kann man aus nachstehendem Erlebnis ersehen: ein x'scher +Professor, ebenfalls ein Reisegefährte von uns, hatte mehrere Monate +in Ceylon als Naturforscher geweilt. Die Resultate seines langen +Aufenthaltes: photographische Aufnahmen, Sammlungen u. s. w., befanden +sich in einem Koffer, den er als ein unschätzbares Gut mit sich +führte. Aber in dem großen Gedränge war mit einem Male der große Koffer +verschwunden. Der sonst so gemütliche Herr war wie rasend, er bot eine +hohe Summe für die Wiedererlangung des verschwundenen Gepäckstücks, +doch umsonst. Der Koffer ist, soviel ich weiß, auch während unseres +dreitägigen Aufenthaltes in Genua nicht wieder aufgefunden worden. Den +Schmerz und Jammer des Gelehrten über diesen unersetzbaren Verlust kann +man sich wohl vorstellen. + +Wir kehrten im Hôtel de la Ville, einem der größten Hôtels in Genua, +ein. Dieses Hôtel soll früher ein Palast gewesen sein, in dem auch +Vasco de Gama logiert haben soll. Die Zimmer waren alle sehr groß, sie +erschienen uns sogar unheimlich groß, da wir direkt vom Schiff, aus +unserer früheren engen Kajütenwohnung, in diese Räume versetzt wurden. +Die Decke und Wände waren mit prächtigen Malereien geschmückt, die +Säulen von Marmor, über den Betten waren Baldachine angebracht, +die größer waren als die Kajüte unseres Schiffes. Der vierzigtägige +Aufenthalt in der kleinen Kabine, wo man so eng wohnen mußte, wo man mit +den Händen die Decke berühren konnte, war nun vorüber, und uns kam es +vor wie ein gepreßter Gummiball, der sich mit einem Male ausdehnen +kann, so weit er will. Beim Abendessen ließen wir uns den italienischen +Chianti gut schmecken, um mit dem Gedanken, in ein paar Tagen unser +Ziel, Berlin, erreichen zu können, in fröhlicher Stimmung zu Bett zu +gehen. Im Schlaf wähnten wir noch immer an Bord zu sein, fortwährend +glaubte das Ohr das Stampfen der Maschinen und das Plätschern der Wellen +zu vernehmen. + +Die Stadt Genua besitzt viele Sehenswürdigkeiten, wie das berühmte Campo +Santo, den königlichen Palast, den Rigiberg, die Gallerien, Parkanlagen +u. s. w., deren Besichtigung aber ziemlich viel Zeit in Anspruch nimmt. +Glücklicherweise erwartete uns in Genua ein deutscher Herr, Namens +Erdmannsdörffer, der Bruder unseres bereits einmal erwähnten deutschen +Reisegefährten. Unter der sicheren Führung dieses Herrn, der sich schon +mehrere Jahre in Italien aufhielt und mit den dortigen Verhältnissen +vollkommen vertraut war, konnten wir einige der genannten +Sehenswürdigkeiten mit Ruhe in Augenschein nehmen. Zuerst besuchten wir +das Campo Santo. Es ist wohl der schönste Kirchhof in Europa, sowohl was +seine paradiesische Anlage wie die herrlichen Grabdenkmäler betrifft. +Diese reihen sich zu mehreren Hunderten in einem viereckig laufenden +marmornen Säulengang aneinander und sind fast alle in graziösen +Formen aus Marmor gemeißelt. Einige von ihnen gewährten zwar einen +grausenerweckenden Anblick, aber im allgemeinen kann man sagen, daß +sie auf uns einen ungemein beruhigenden Eindruck machten und in uns ein +versöhnendes Gefühl gegenüber dem furchtbaren Tode, dem alle Menschen +einmal anheim fallen müssen, wachriefen. Eine dieser Figuren hat mich +bis in das innerste Mark erfaßt: am Sarge des geliebten Mannes ein +junges Weib und neben ihr ein zartes Knäblein mit langem Lockenhaar. Wie +sie den schönen Kopf so wehmütig hängen läßt! Wie sie mit ihrem sanften +Auge so tieftraurig auf den Leichnam des Geliebten blickt! Nichts +Grelles, nichts Übertriebenes ist in ihren Zügen und doch so grenzenlos +der Schmerz, so sprachlos die innere Bewegung!.... Wie man in stiller +Andacht zum Grabe eines Freundes tritt, so trat ich vor all diese +Grabdenkmäler und mit ähnlichen Gefühlen verließ ich sie. Im Hintergrund +des Kirchhofs erhebt sich ein Hügel mit der Aussicht auf das herrliche +Panorama der Stadt und auf den Golf von Genua. + +[Illustration: Marktplatz in Genua.] + +Vom Campo Santo fuhren wir mit der Drahtseilbahn den Rigi hinauf, um +von oben die großartigste Aussicht über die Stadt Genua mit dem Hafen zu +genießen. Die Fahrt bis zur Höhe des Berges dauerte ungefähr 20 Minuten. +Die Lage von Genua ist nach der von Neapel, mit der sie eine auffallende +Ähnlichkeit hat, gewiß eine der schönsten in Italien. Neapel hat +freilich die Inseln und den Vesuv voraus, sonst dürfte Genua ihm +wohl den Rang streitig machen. Ein herrliches Amphitheater von +übereinanderliegenden Straßen und Berghöhen, liegt die Stadt Genua +mit ihren prächtigen Gebäuden vor uns. Dazu die beiden großartigen +Hafendämme, welche wie zwei riesige Arme ins Meer hinausgreifen, mit dem +berühmten malerischen Leuchtturm an ihren Enden, der frei und stolz +wie eine Säule emporragt. Den Hafen füllen alle nur möglichen Arten von +Fahrzeugen, die ziemlich regelmäßig nebeneinander gereiht daliegen, in +der Mitte eine breite Wasserstraße übrig lassend. Auch die den Hafen +umschließende Verteidigungsmauer bemerkt man. Diese hängt mit der von +der Landseite die Stadt umgebenden Mauer zusammen, zieht sich bis +hinauf zu den Höhen, auf denen wir standen, und bildet ein mächtiges +Befestigungswerk, das aber jetzt bloß als Zeuge vergangener Schanzkunst +dient. Über die Stadt und den Hafen hinweg schweift das Auge auf +das weite blaue Meer, auf dem hie und da weiße Segel oder schwarze +Rauchwölkchen bemerkbar sind. Eine herrliche Aussicht, die in der Tat +über jede Beschreibung erhaben ist! + +Nach kurzem hatten wir die halbe Stadt durchwandert und bald dieses, +bald jenes -- Paläste, Denkmäler, Parkanlagen, Kirchen u. s. w. -- +gesehen. An Palästen ist Genua wirklich reich; sie gleichen marmornen +Schmuckkästchen mit ihren prunkhaften Vorhallen und Säulenhöfen, die +reich mit Bildhauerarbeit verziert sind; die Straßen oder vielmehr +Gassen sind meist eng und unscheinbar. An ihren beiden Seiten reihen +sich hohe Häuser von 6 bis 8 Stockwerken aneinander, welche zum Teil alt +sind und keinen schönen Anblick gewähren. Infolge ihrer ungeheuren +Höhe machen die Häuser die Straße dunkler, was auch nicht wenig +dazu beiträgt, dem ganzen Straßenbild ein düsteres, unsauberes, +unfreundliches Aussehen zu verleihen. Viele Straßen sind treppenartig +gebaut und führen zu den höher liegenden Stadtteilen hinauf -- natürlich +sind sie unfahrbar. Überall aber herrscht ein ungeheures Leben, ein +buntes Durcheinander von Menschen, ein Gedränge, ein Wirrwarr, daß es +schon eine gewisse Geschicklichkeit und Kunst erfordert, durch dasselbe +seinen Weg zu finden. Die Lastträger mit einem kurzen Beinkleid von +gestreiftem Segeltuch, die Matrosen mit blauen Hemden und breiten +Kragen, die Verkäufer mit allerhand Waren, die sie laut ausrufen, die +Frauen mit schwarzem üppigem Haar und dunklen leuchtenden Augen, ihre +Schönheit durch weiße wallende Schleier noch mehr erhöhend, nebenher +die schneidigen, diensteifrigen Kavaliere und hie und da die recht +unschneidigen, unbeholfenen Reisenden in ihren grauen Jacken, die dieses +Straßenbild ansehen und zu denen wir vielleicht auch gehörten... alle +diese Gestalten bilden zusammen ein großes Menschengewühl, welches gegen +Abend sogar noch größer wird. + +Es hatte bereits Mitternacht geschlagen, als wir wieder nach unserm +Hôtel zurückkehrten, aber die Straßen waren noch immer mit Menschen +gefüllt. + + + + +XV. + +Mailand. + + +Am 16. Mai früh 8 Uhr brachen wir von Genua auf und kamen nach einer +prächtigen Fahrt von vier Stunden, auf der wir mehrere große und kleine +Tunnel passierten, in Mailand an. In unserer Gesellschaft befand sich +der oben erwähnte deutsche Herr, sodaß wir auch hier die Stadt unter +sachkundiger Führung besichtigen konnten. Wir waren im Hôtel du Nord +abgestiegen und gingen dann sogleich in die Stadt hinein. Vor allem +andern sahen wir uns den berühmten Dom an, ein Meisterwerk der Baukunst, +ja, das wunderbarste, das ich je gesehen habe. Die schönen Glasmalereien +an den Fenstern, die Marmorschnitzereien in und außerhalb des Gebäudes, +ein ganzes Heer von Bildsäulen, der prächtige Marmorboden der weiten +Hallen, hunderte von schlanken Türmchen auf dem Dache u. s. w., dies +Werk von Menschenhand übertrifft an Pracht, Großartigkeit und Kunst +wirklich alles bisher Gesehene. Wir stiegen bis auf die höchste Spitze +des Turmes und sahen zu unseren Füßen die ganze Stadt und die blühende +lombardische Ebene liegen. Gar manches ist bereits über diesen Dom +geschrieben worden, aber nachdem ich ihn mit meinen eigenen Augen +gesehen, muß ich doch sagen, daß es keinem gelungen ist, die wahre +Pracht und majestätische Größe dieses Wunderwerkes treffend zu +schildern. Lassen wir hier einige kurze Skizzen namhafter Autoren +folgen, die zeigen werden, was für Mühe sich mancher gegeben hat, um +dieses Wunder aus Marmor zu beschreiben: + +»Über den Domplatz kamen wir zum Dom; langsam stiegen wir die schmalen +Stufen des Domes hinauf, um zur Höhe des Schiffes zu gelangen. Dann +hatten wir noch 900 Stufen, von denen allein 150 Stufen für die Türme +sind. Die Treppen winden sich in den einzelnen Seitentürmen hinauf, +während die Türme durch offene Galerien miteinander verbunden sind. Auch +die Türme sind nach allen Seiten durchbrochen, von jeder Treppenstufe +hat man die freie Aussicht über die lombardische Ebene, welche sich, +je höher man hinaufsteigt, in einem immer unvergleichlicheren Bilde +aufrollt. Die großartigen Einzelheiten des Baues selbst, den die +Mailänder mit Recht »das achte Wunder« der Welt nennen, kann man nur im +Hinaufsteigen betrachten und bewundern. Nächst der Peterskirche in +Rom und dem Dom zu Sevilla ist der Mailänder Dom die größte Kirche +in Europa; an Pracht und Reichtum, in ihren äußeren Verzierungen und +Statuenschmuck keine von beiden mit ihr zu vergleichen. Der Dom zu +Mailand ist mit nicht weniger als 4500 Statuen an seiner Außenseite +geschmückt, über dem Dach erheben sich, alle durch in den zierlichsten +Arabesken gewundene Galerien mit einander verbunden, 98 gotische +Spitzsäulen, jede Säule ist auf ihren einzelnen Pfeilern und auf der +Spitze mit einer Statue geschmückt. Ganz oben auf der Spitze des Turmes, +der eine Höhe von 335 Fuß hat, thront die kollossale vergoldete Statue +der heiligen Jungfrau, der die Kirche geweiht ist. Der ganze Bau in +allen seinen Einzelheiten ist von weißem Marmor und unbedingt der +großartigste neugotischen Stils, welchen Italien besitzt. Endlich +standen wir oben, auf der obersten Galerie, über der durchsichtigen +Guglia. Gerade über uns thronte die goldene Statue, deren Fußgestalt wir +mit der Hand berühren konnten. Ich blickte zuerst hinab. Ich habe schon +manchen hohen Berggipfel erstiegen, denn ich kenne die Alpen in ihrer +ganzen Ausdehnung durch Mitteleuropa. Auf wie viele Wälder habe ich von +all diesen Höhen herabgeschaut, auf dunkle schwarze Tannenwälder, +auf breite rauschende Tannenkronen, auf grüne Buchengipfel, auf +breitblättrige Platanen und auf Lorbeer- und Cypressenwälder; von +dieser Höhe blicke ich zum ersten Male in meinem Leben auf einen weißen +Marmorwald. Hunderte von gotischen Türmen und Spitzsäulen und Tausende +von Statuen erhoben rings um mich ihre schneeweißen Häupter...« (Gustav +Rasch »Frei bis zur Adria.«) + +»Wenn man auf dem Marmordache des Doms von Mailand, etwa 300 Fuß über +der lombardischen Ebene, bei heiterem Himmel sich umschaut, welch' ein +unvergeßliches Panorama öffnet sich den Blicken! Im gewaltigen Halbbogen +umsäumen von Westen nach Norden und Osten die langgestreckten Ketten +bedeutsamer Alpenglieder einen Garten, einem Walde gleich, aus dessen +Lichtungen tausende und abertausende von Ansiedlungen herabschimmern, +die dem Ganzen das Gepräge eines Parkes verleihen... Welch' ein Blick +auf die Alpen, welche umfassende Alpenansicht! Schwerlich dürfte ein +Punkt der Erde, selbst nicht der indischen Ebene auf die Riesenzinnen +des Himalaya, einen ähnlichen umfassenden Überblick, ähnliche Schönheit +der Begrenzungslinien darbieten, als dieser ungeheure Halbbogen der +südlichen Alpen von diesem eigentümlich schönen Standpunkte. Trunken +hängt der Blick an den Linien der Ferne, von welcher sich eine Menge +lebensspendender Wasseradern gleich silbernen Fäden durch den grünen +Teppich der gesegneten Aue, der Po an ihrer Spitze, hindurchschlängelt. +Rings um uns aber ein Wald von Marmortürmchen mit den Tausenden ihrer +Bildsäulen, und unter uns das Gewirr der von 180 000 Menschen bewohnten +4000 Häuser, über deren flache Ziegeldächer eine Menge vielgestaltiger +Türme emporsteigt, mitten im Brennpunkte eines unvergleichlichen +Landschaftsbildes und Völkerlebens.« (K. Müller, »Am Südabhang der +rhätischen Alpen.«) + +»Der ganze zauberische Bau ist wie ein Gebet, wie ein Opfer, das +alle Zungen und alle Herzen der ganzen Stadt dem Allerhöchsten hier +dargebracht haben: ein solch Werk der Begeisterung und der Schönheit tut +wohl in der jetzt so vernüchterten Welt. Wie verklärt und veredelt es +alles rund um: wie die Flammen der Abendröte auch die geringste Hütte +ebenso wie die riesigen Gletscher mit ihrem Purpur bekleiden, so adelt +er mit seinem Schwung und seiner Schönheit die ganze Stadt, hält sie +zusammen, ist ihr König, auf den sich alles bezieht, auf den man immer +wieder die Blicke zu richten sich gezwungen sieht (Fried. Pecht u. +Andere)...« + +[Illustration: Italienerin.] + +Nachdem wir den Dom eingehend besichtigt hatten, sahen wir uns die Stadt +mit ihrem bunten Straßenleben an. Es fand gerade eine Korsofahrt statt +und so hatten wir Gelegenheit, die schönen Mailänderinnen in ihren +eleganten Equipagen, gezogen von stattlichen, wohlgenährten Pferden, +bewundern zu können. Alles in allem erschien uns Mailand weit +gemütlicher als Genua, und man wird sich daher nicht wundern, daß wir +bis spät in die Nacht hinein durch die Stadt und den Park, in welchem +eine Militärkapelle durch ihre außerordentlich lebhafte Weise unsere +Ohren entzückte, spazieren gingen. Daß die Italienerinnen sehr schön und +graziös seien, hatten wir schon vorher gehört, hier aber konnten wir uns +davon mit unseren eigenen Augen überzeugen. Besonders gefielen sie durch +ihren ungezwungenen leichten Gang und ihr liebliches anmutiges Wesen, +noch mehr aber durch ihre feurigen, funkelnden schwarzen Augen, die +zusammen mit den schwarzen wallenden Haaren und der milchweißen Haut +einen reizenden Anblick darboten. Wenn auch Salomo gesagt hat: »Lieblich +und schön ist Nichts« und Claudius: »Ein Ding, das in sich keinen Wert +hat, das nur kurz währet, das im Hause nicht sonderlich nützt und nicht +eigentlich Liebe macht, so ein Ding ist die Schönheit, mehr ist sie +nicht, und Ihr müßt mir nicht böse sein, Ihr schönen Mädchen, daß sie +nicht mehr ist« -- so stimmte ich doch beim Anblick dieser schönen +Gestalten mehr den Worten Schillers bei, der da sang: + + »Zürne der Schönheit nicht, daß sie schön ist, daß sie verdienstlos + Wie der Lilie Kelch prangt durch der Venus Geschenk; + Laß sie die Göttliche sein, du schaust sie, du bist der Beglückte, + Wie sie ohne Verdienst glänzt, so entzücket sie dich.« + +So sehr Italien einerseits durch seine herrliche Natur und Kunst unser +Gefallen erregte, so sehr hat uns leider andrerseits ein Teil seiner +Landeskinder durch ihre allzugroße Gewinnsucht und geschäftliche +Verschmitztheit Verdruß bereitet. Ich hätte davon am liebsten +geschwiegen, jedoch mit Rücksicht auf die vielen Landsleute, die noch +nach uns dieses schöne Land besuchen und durchreisen werden, halte ich +es für meine Pflicht, diesen unerfreulichen Punkt hier zur Sprache zu +bringen. Um ein Beispiel anzuführen, so wurden wir fast überall, wenn +wir Einkäufe machten, Sehenswürdigkeiten besuchten oder sonst etwas +unternahmen, ungeheuer übervorteilt, und da die meisten der Italiener +außer ihrer Muttersprache kein Wort verstanden oder verstehen wollten, +mußten wir, weil wir ihrer Sprache nicht mächtig waren, immer den +Kürzeren ziehen. Einmal mußten wir z. B. für zehn Stück Zigarren, die +wir im Hôtel durch den Kellner bringen ließen, den geradezu enormen +Preis von 30 Franks erlegen; ähnlich war es überall, sodaß wir fast +immer Unannehmlichkeiten hatten, wenn es ans Bezahlen ging. Nichts von +warmer Gastfreundlichkeit und wohltuender Liebenswürdigkeit, welche die +unkundigen, von dem äußersten Zipfel der Erde kommenden Fremdlinge so +sehr erfreut haben würden! Italien, dieses an Natur und Kunst so schöne +und reiche Land, wäre doch im wahren Sinne des Wortes nur dann schön +und reich zu nennen, wenn auch der Charakter vieler seiner Landeskinder +etwas von diesen Eigenschaften offenbarte... meinten wir. Und doch +sollte man glauben, daß eben dieses Volk am meisten Ursache hätte, +den Fremden, die das Land besuchen, freundlich und rücksichtsvoll +entgegenzukommen, denn diese bringen bei ihrer großen Zahl jährlich +recht ansehnliche Summen Geldes in das Land. Die Freude am Schönen wird +jedem sehr leicht verdorben, wenn ihm fortwährend Unannehmlichkeiten in +den Weg kommen; nur da, wo freundliche Menschen anderen ein fröhliches +und aufrichtiges Entgegenkommen bezeigen, wird man sich wohl und +glücklich fühlen. Hoffen wir, daß sich auch dieses Volk im Laufe der +Zeit zu seinem Vorteil verändern werde, daß es seine unveräußerlichen +Güter, die Schönheiten der Natur und der Kunst, durch eigene seelische +Vorzüge erst wirkungs- und wertvoller machen lerne! Da auch unser Land +den Ruf hat, ein herrliches Land der Künste wie der Natur zu sein und da +es auch von so vielen Reisenden aus aller Herren Länder besucht wird, +so mögen die Japaner das italienische Volk nicht zum Vorbilde nehmen, +sondern im Gegenteil danach streben, ihre edlen Tugenden, wie die +Gastfreundlichkeit, Höflichkeit, Opferfreudigkeit u. s. w., die ihnen +ja eigen sind, noch weiter zu entwickeln, damit jeder, dessen Fuß einmal +ihr Land betritt, in frohem Entzücken ausrufen möge: »Ach, wie ist es +hier doch so schön!« + +Wir wollten uns von Mailand noch nach Venedig begeben, aber da wir dem +italienischen Volke nach dem eben Gesagten kein allzu großes Interesse +mehr entgegenbrachten, so zogen wir es vor, direkt nach Berlin zu +fahren. Am 17. Mai früh ½8 Uhr waren wir also auf dem Bahnhof, um den +Zug zu besteigen. Dieser war jedoch schon überfüllt, wenigstens die eine +Hälfte desselben, die direkt nach Deutschland durchfährt, sodaß wir +nur mit Mühe ein Unterkommen darin finden konnten. Da bemerkte ich auf +einmal, daß einige von uns in der anderen Hälfte des Zuges, die nicht +nach Deutschland fuhr, Platz genommen hatten; ich erschrak, stieg hurtig +aus, rannte hin und her, fand sie endlich heraus und nur mit knapper Not +kamen wir, eng aneinander gedrückt, in einem Coupé unter. Aber o weh! +In diesem großen Gedränge und in der Aufregung hatten wir unsere Koffer +vollständig außer acht gelassen und da wir keine Zeit mehr hatten, +mußten wir sie alle stehen lassen. Was tun? In dieser schlimmen +Verlegenheit fiel glücklicherweise mein Blick auf Herrn Erdmannsdörffer, +der uns freundlichst bis nach dem Bahnhof begleitet hatte. Ich +hatte kaum Zeit, ihm durch das Fenster schnell von dem Vorgefallenen +Mitteilung zu machen, worauf er mir versprach, daß er die Koffer direkt +nach Berlin nachsenden werde. Diesem Herrn waren wir schon für seine +Begleitung und Führung in Genua und Mailand zu großem Dank verpflichtet, +und nun erwies er uns noch diesen Dienst! Sicherlich ein besonderes +Glück für uns, denn ohne ihn wäre unser Gepäck wahrscheinlich verloren +gegangen. + +Der kurze Aufenthalt in Italien war somit ein recht mühsamer und die +Abfahrt von Mailand der aufregendste Teil der ganzen Reise von Japan +nach Deutschland gewesen, namentlich für mich, der ich sämtliche +Besorgungen für all meine Landsleute allein übernommen hatte und daher +auch die geschäftlichen Unannehmlichkeiten am meisten empfinden mußte. +Aber in der frohen Hoffnung, daß wir nach ca. dreißig Stunden Berlin, +unser letztes Ziel, erreichen würden, fuhren wir, eng gepreßt zwar -- +es war ja auch ein Ex-Preßzug! -- aber doch getrost ab. An der Grenze +Italiens und der Schweiz hatten wir abermals eine Zollrevision, jedoch +verlief dieselbe sehr schnell, weil ja unser Gepäck in Mailand stehen +geblieben war. + + + + +XVI. + +Fahrt durch die Schweiz. + + +Auf der Reise von Mailand nach Berlin kamen wir durch die schöne +Schweiz. Das Wetter war herrlich und vom Fenster unseres Coupés +erblickten wir zu beiden Seiten die herrlichen Alpenlandschaften. Bald +ging die Fahrt über Höhen, bald durch Täler, oben sahen wir auf +dem Gipfel die schneebedeckten Häupter der Bergriesen, unten die +weitgestreckten Wiesen mit den Obstbäumen im zauberhaften Blütenschmuck. +Die grünen Matten unten am Fuße und die weißen Gipfel oben in den Höhen +machten einen geradezu imposanten Eindruck auf uns. Der Zug fährt +immer weiter. Mit jeder Minute verändert sich die Landschaft: große +Felsblöcke, die über unseren Häuptern herunterhingen, reißende Flüsse +und Bäche, Wasserfälle, große und kleine Seen, von Sennerinnen bewohnte +Alpenhütten, die vereinzelt auf ziemlicher Höhe liegen, wohlgenährte +Kühe mit ihren Glocken, die zahlreich auf den Matten weideten und deren +Geläut unseren Ohren wie liebliche Musik ertönte -- alles dieses machte +auf uns einen unvergeßlichen Eindruck. Von der großen Naturschönheit der +Schweiz hatten wir schon oft viel Rühmenswertes gehört, nun sahen wir +diese Schönheiten vor unseren Augen ausgebreitet und überzeugten uns, +daß sie mit Recht zu den größten Europas gezählt werden. Ich hatte +manchmal daran gedacht, einen Vergleich zwischen der Natur dieses Landes +und der unserer Heimat anzustellen, aber jetzt, nachdem ich alles +selber angeschaut habe, bin ich zu dem Schluß gekommen, daß beide Länder +eigentlich gar nicht mit einander verglichen werden können, denn im +großen Ganzen sind unsere Naturschönheiten idyllischer und lieblicher +Art, während diejenigen der Schweiz romantischer und großartiger +sind. Natürlich kann ich noch kein richtiges und abschließendes Urteil +abgeben, da ich die Schweiz nur vom Fenster des Zuges aus während der +Fahrt gesehen habe. Im stillen aber gelobte ich mir, später einmal, wenn +es die Zeit irgend erlaubt, eine Schweizerreise zu unternehmen, um die +Natur dieses Landes genauer zu studieren, und meine damaligen Pläne +verwirklichten sich denn auch. + +[Illustration: Felspartie am St. Gotthard.] + +Im Coupé war es sehr angenehm, es war selbstverständlich noch geheizt. +Als wir den berühmten St. Gotthard-Tunnel passierten -- die Durchfahrt +dauerte ungefähr 15 Minuten -- aßen wir gerade im Speisewagen zu Mittag, +wobei wir nicht versäumten, uns den bekannten Schweizer Wein und Käse +vorsetzen zu lassen. Gegen Abend schon langten wir in Stuttgart an. Hier +nahmen wir im Schlafwagen Platz, in welchem wir eine ganz behagliche +Nacht verbrachten. + +Am 18. Mai vormittags ½10 Uhr trafen wir wohlbehalten in Berlin +auf dem Anhalter Bahnhof ein, wo wir von mehreren Landsleuten erwartet +wurden. Als wir unter den herzlichsten Glückwünschen unserer Landsleute +einander die Hände drückten, überkam uns ein recht angenehmes, freudiges +Gefühl bei dem Gedanken, endlich die Hauptstadt des Deutschen Reiches +betreten zu haben, wo wir nun für längere Zeit unser Heim aufschlagen +sollten. Wir nahmen eine Droschke und fuhren in das Hôtel Bellevue am +Potsdamer Platz, in dem wir einstweilen absteigen wollten. So war die +lange große Reise glücklich überstanden und unser Ziel erreicht! + + + + +XVII. + +Die ersten Eindrücke in Berlin. + + +[Illustration] + +In Folgendem will ich versuchen, einiges von dem niederzuschreiben, +was mir in den ersten Tagen meines Berliner Aufenthaltes besonders +aufgefallen ist. Selbstverständlich mußte vieles meinen an europäische +Verhältnisse nicht gewöhnten Augen fremd erscheinen, wodurch vielleicht +meine Auffassung beeinflußt wurde. Es darf dies jedoch nicht in Frage +kommen, da mir eben daran liegt, eine individuelle Schilderung meiner +ersten Eindrücke und Empfindungen wiederzugeben. Einem Fremdling, der +mehrere tausend Meilen von Osten hierher kommt und vom Schiff aus durch +die Bahn direkt in die Mitte der großen Weltstadt getragen wird, muß +vieles wie ein Wunder vorkommen und er wird Dinge und Menschen ganz +anders betrachten, als ein Einheimischer. + +Wie jedem Fremden, erging es auch mir, der das westeuropäische Leben und +Treiben nur vom Hörensagen und aus Büchern kannte. Meine Spannung hatte +natürlich den höchsten Grad erreicht, als ich nach der langen Reise +in Berlin auf dem Anhalter Bahnhof ankam, empfangen von mehreren +landsmännischen Freunden. Eine innere Genugtuung erfüllte mich nach der +unendlichen Fahrt. Die zehntausend tapferen Griechen können das Meer +mit ihrem »Thalassa«-Rufe nicht freudiger begrüßt haben, als ich mein +Endziel: die Kaiserstadt Berlin! Hier sollte ich endlich zur Ruhe +kommen, denn Berlin sollte für längere Zeit meinen Aufenthalt bilden. +Ich war freudig überrascht, daß ich vom ersten Augenblick an dasjenige, +was ich von dem deutschen Volk schon in Japan gehört, gedacht und +gelesen hatte, vollkommen bestätigt fand, worüber ich später eingehend +zu schildern gedenke. + +Vom Anhalter Bahnhof fuhr ich zum naheliegenden Potsdamer Platz, an +dem das Hôtel Bellevue liegt, woselbst ich Wohnung nahm. Der Potsdamer +Platz, in dem sich einige mächtige Arterien des Berliner Lebens einigen, +bietet mit seinem riesigen Verkehr -- wie ich mir erzählen ließ, soll +er ein Kreuzpunkt von vielen Dutzenden elektrischer Straßenbahnlinien, +sowie von kolossalen Menschenmengen sein -- einen wahrhaft verblüffenden +Anblick. + +[Illustration: Reinigungsmannschaften.] + +Was mir zuerst auffiel und mich angenehm überraschte, war die peinliche +Sauberkeit und Gleichmäßigkeit der Straßen, die aus dem Fahrdamm und +den zu beiden Seiten laufenden Bürgersteigen (Trottoirs) bestehen. Die +Straßen sind ohne Ausnahme gepflastert oder asphaltiert und sehr breit, +an beiden Seiten mit Bäumen geschmückt und mit Gasbeleuchtung oder +elektrischem Licht versehen. Die Straßen werden so sauber gehalten, wie +ein Hausflur oder eine Stubendiele; überall, wohin man blickt, sieht man +die uniformierten Straßenreiniger ihrer Beschäftigung nachgehen und +mit Gummischiebern den Asphalt abwaschen, mit Besen und Schippe +den Straßendamm reinigen. Große Sprengwagen liefern das Wasser zur +Reinigung, kleine Handwagen beseitigen den Kehrricht, und so greift +eines ins andere, um eine wirklich ideale Straßensäuberung mit +unglaublicher Geschwindigkeit herbeizuführen. Es kann daher kein Wunder +nehmen, daß diese Reinlichkeit auch auf die Luft in sanitärer Beziehung +vorzügliche Wirkungen ausübt und zum Gesundheitszustand Berlins viel +beiträgt. + +Andererseits war es mir ein wahrer Genuß, in den sauberen Straßen +spazieren zu gehen, ohne fürchten zu müssen, sich schmutzige Kleider +oder Stiefel zu holen. Unwillkürlich stellte ich einen Vergleich +zwischen meiner Heimat und Berlin an, der sehr zu Ungunsten der ersteren +ausfiel, wenn ich an den Zustand unserer heimatlichen Straßen und Wege +dachte, von denen sich manche noch im Naturzustand befinden, so daß man +bei Regenwetter nicht ohne gehörigen Schmutz wegkommt. Und dabei drängte +sich mir auch der Gedanke an die oft in letzter Zeit in Japan auf die +Tagesordnung gebrachte Frage der Reform unserer Frauenkleidung auf. +Nach dem, was ich hier gesehen habe, möchte ich nur meine Ansicht +wiederholen, daß die Straßen in gewissem Zusammenhang mit der Reform +der Kleidungstücke stehen, daß zuerst unsere Straßen und Wege verbessert +werden müßten, bevor an die Kleiderreform gegangen werden kann. Also +in allererster Linie die Straßenreform, ohne die eine Kleiderreform, +speziell hinsichtlich der Damenkleidung, illusorisch sein würde. + +[Illustration: Berlinerin.] + +Zu beiden Seiten der Berliner Straßen reihen sich die regelmäßig +aufgebauten Häuser aneinander, alle ohne Ausnahme massiv aus Stein +erbaut und fast sämtlich 4-5 stöckige Neubauten in modernem Stil. Ein +Beweis, daß Berlin im Vergleich zu anderen Großstädten, wie London, +Paris oder Wien, noch eine jungaufblühende, im Wachstum begriffene Stadt +ist. Während bei uns die Häuser sich in mannigfaltiger Aufführung und +Gestalt zeigen und manche noch ihren villenartigen Charakter bewahren, +sind die Bauten in Berlin ziemlich gleichförmig, wie nach einer +Schablone errichtet. Ein Haus ähnelt im Großen und Ganzen dem andern und +fast an allen sieht man Balkone und Verzierungen aller Art, ohne daß +sie dadurch in ihrer Einförmigkeit beeinträchtigt werden. Was mir an +den Gebäuden ganz besonders in die Augen fiel, war der Umstand, daß +fast alle Häuser nur nach der Vorder- und Hinterfront Fenster +besitzen, während an den Giebelseiten -- sofern zwei Häuser nicht dicht +zusammengebaut sind -- bloß glatte Mauerwände zu sehen sind. Es könnte +dies einerseits damit zusammenhängen, daß infolge des unmittelbaren +Nebeneinanderstehens der Häuser keine Fenster angebracht werden können; +andererseits würde die Ursache darin zu suchen sein, daß man hier bei +Bauten an den Winter denkt, wie es ja bei uns den Anschein hat, als ob +unsere Häuser für den Sommer errichtet wären, weil sie -- wenn irgend +möglich -- nach allen Seiten mit vielen Fenstern ausgestattet sind und +dadurch viel luftiger und heller erscheinen. Jede dieser Bauarten dürfte +ihre Vorteile und Nachteile haben. Sind die Gebäude bei uns heller, +so sind dieselben hier wärmer, erscheinen die unsrigen luftiger und +leichter, so sind die hiesigen solider und massiver. + +Beim Durchwandern der Berliner Straßen, die Kleidung der Passanten +betrachtend, machte ich die Wahrnehmung, daß Männer und Frauen fast +durchweg schwarze oder graue Kleidung tragen, sodaß man wohl behaupten +könnte, diese beiden Farben seien vorherrschend Straßenfarben. Bunte +Gewänder werden meistens vermißt; die Farbenpracht auf der Straße, wie +man sie bei uns findet, scheint hier fast gänzlich zu fehlen. Vielleicht +sind sie doch im Sommer anzutreffen. Was ich noch vielfach bemerkt habe, +ist, daß die Berliner Damen lange Schleppen lieben und mit ihnen die +Straßen durchschreiten. Ich wünschte, daß die Schleppen ein bischen +kürzer oder die Beine ihrer Besitzerinnen ein bischen länger wären! Am +Ende habe ich doch anerkennen müssen, daß die langen Schleppen nebenbei +zur Polierung der Straßen geschaffen sind. Jedenfalls haben sie mir +nach dem Regenwetter auf den Straßen einen recht appetitlichen Eindruck +gemacht. + +[Illustration: Jung-Berlin.] + +Männer wie Frauen durcheilen hier die Straßen sehr geschäftig und +scheinen keine Zeit übrig zu haben, um an die Ausschmückung mit +farbenprächtigen Toiletten zu denken. Jeder strebt seinem Ziele zu. Nur +selten sieht man Leute, die ziellos die Straßen durchschlendern; jeder +geht festen Schrittes einher, und einer eilt -- mit Ausnahme von einigen +Straßen wie die Friedrichstraße und Unter den Linden -- an dem andern +vorüber, ohne sich um ihn zu kümmern. Bei allen macht sich der Grundsatz +bemerklich: »Zeit ist Geld«. Sogar die Jugend hastet oft rasch dahin; +bewundernswert ist die Frühreife und Selbständigkeit der Berliner +Kinder, die, wie ein Volkswort sagt, sich nicht die Butter vom Brot +nehmen lassen. Sechs- wie siebenjährige Knaben und Mädchen schwingen +sich gewandt auf die Waggons der Straßenbahnen, überschreiten mit +merkwürdiger Ruhe die schlimmsten Straßenpassagen und benehmen sich +in der Stadtbahn genau so wie die Großen, die Türen der Wagen im +Fluge öffnend und schließend. In gewissem Sinne berühmt wegen ihrer +schlagfertigen Antworten, die sie Niemandem schuldig bleiben, sind die +Berliner Lehrlinge, namentlich des Schusterhandwerks; aber ihnen mag +auch mancher Witz in die Schuhe geschoben werden, der auf das Conto von +Angehörigen anderer Berufszweige zu setzen ist. + +[Illustration: Berliner Schusterjunge.] + +Eine besonders bemerkenswerte Erscheinung ist, daß man auf den Berliner +Straßen weit mehr Frauen sieht, als bei uns, ja, man könnte wohl sagen, +man begegnet hier mehr Frauen als Männern, es ist also gerade das +Gegenteil von unserem Straßenbilde. Daß die Männer außerhalb des Hauses, +die Frauen im Hause ihren Pflichten und Arbeiten nachgehen, scheint hier +im allgemeinen nicht der Fall zu sein. Ich hatte schon in Japan gehört, +daß es hier viele selbständige Frauen gibt, d. h. solche, die sich +selbst ernähren und regelmäßige Beschäftigungen haben wie Männer. Davon +habe ich mich wirklich überzeugt. Das Arbeitsgebiet der Frauen scheint +hier ein ziemlich großes zu sein, und offenbar hat man hier dem zarten +Geschlecht viele Berufszweige geöffnet, sodaß sich ihre Zugehörigen ihre +Selbständigkeit bewahren können. Allerdings scheint die Selbsthilfe der +Frauen, wie mir mitgeteilt wurde, auf die Zahl der Ehen in verminderndem +Sinne einzuwirken. Ob dieser Umstand die Menschheit zur Seligkeit führt, +ob sie dadurch ihre Ideale verwirklicht sieht, lasse ich dahingestellt +sein. Die Frauenfrage und Frauenbewegung, die auch bei uns bereits +ihre Wurzeln geschlagen haben, ist hier, wie ja überall, eine der +brennendsten sozialen Fragen, auf die ich an dieser Stelle nicht näher +eingehen kann. + +Daß die Frauen hier viel mehr arbeiten, als bei uns, ist eine durchaus +lobenswerte Tatsache, die schon an ihrem Äußeren, in ihrem Gang und +Wesen und in ihrem starken Körperbau ersichtlich ist. Nicht selten hörte +ich auf der Straße hinter mir feste Schritte und glaubte anfangs, sie +rührten von einem Soldaten her; zu meinem nicht geringen Erstaunen mußte +ich jedoch bemerken, daß dieser vermeintliche Soldat, als er an mir +vorüberschritt, eine Dame war! Man kann hieraus entnehmen, mit welchen +derben Füßen die Damen hier auftreten. Im allgemeinen habe ich gefunden, +daß die deutschen Damen alle ziemlich fest einherschreiten. + +Wie ich mir sagen ließ und selbst bemerkt habe, legt man in Deutschland +auf die körperliche Erziehung beider Geschlechter sehr viel Wert. +Tatsache ist es, daß die Menschen hier im allgemeinen größer sind, als +unsere Landsleute. Es liegt allerdings wohl schon in der Rasse, aber +auch die körperliche Pflege dürfte zweifellos nicht wenig zur Erzielung +einer kräftigen, gut entwickelten Menschengattung beitragen. Die +durchschnittliche Größe der Deutschen ist aber Gott sei Dank nicht so +bedeutend, wie ich sie mir daheim vorgestellt hatte. Ich hatte nämlich +geglaubt, daß ich in Deutschland als ein Zwerg unter Riesen erscheinen +müsse. Dem war jedoch glücklicherweise nicht so: als ich sah, daß es +hier auch kleinere Menschen gibt wie ich und als ich dann bemerkte, daß +ich noch nicht zu den kleinsten gehörte, fühlte ich mich sehr beruhigt. +Die Deutschen sind auch im Großen und Ganzen korpulenter als die +Japaner. Ich wurde wirklich manchmal durch kolossale Exemplare +überrascht, die nicht selten wandelnden Bierfässern gleichen. Besonders +sind mir unter der Damenwelt viele »gewichtige« Figuren aufgefallen; +einzelne von ihnen hatten eine solche Mächtigkeit, daß sie sich kaum +fortbewegen konnten. Wie mir zu Mute ward, als ich zum ersten Mal mit +der Straßenbahn fuhr und unglücklicherweise an der Seite eines +solchen Kolosses in die Ecke gedrückt sitzen mußte, kann man sich wohl +vorstellen. + +Aus unseren neuesten schulhygienischen Mitteilungen ist ersichtlich, +daß die Körperlänge unseres jüngeren Geschlechtes, namentlich beim +weiblichen, im Zunehmen begriffen ist, seitdem man für die körperlichen +Übungen, besonders in den Schulen, mehr Sorge getragen hat und im +modernen Leben Tische und Stühle verwendet. Ich empfehle meinen +Landsleuten körperliche Pflege und Bewegung auf das energischste und +rate ihnen entschieden das Hocken auf den Matten ab. + +[Illustration: Schutzmann.] + +Von allem, was ich hier in den ersten Tagen meiner Ankunft gesehen habe, +hat mir der riesige Verkehr am meisten Bewunderung abgerungen. Die +neuen Verkehrsmittel in Berlin sind geradezu phänomenal. Straßenbahnen, +Stadtbahnen, Hoch- und Untergrundbahn, Omnibusse, Droschken, Automobile, +Fahrräder und noch vieles andere, all diese Fahrgelegenheiten +durchkreuzen die Stadt nach sämtlichen Richtungen und machen das +Straßenleben ungeheuer lebhaft. + +[Illustration: Viel Zeit.] + +In den unter sorgsamster polizeilicher Aufsicht stehenden +verkehrsreichsten Straßen, wie z. B. der Friedrichstraße, war es mir +oft kaum möglich, meinen Weg durch die Menschenmenge zu finden. Anfangs +glaubte ich, diese Menschen strömten aus irgend einem besonderen Anlaß +herbei, aber dem war nicht so, denn bis spät in die Nacht ging es hier +so zu. Es könnte fast scheinen, als ob die meisten dieser Passanten +keinen besonderen Lebenszweck hätten, aber man muß berücksichtigen, +daß ein großer Teil davon -- wie man mir mitteilte -- nicht Berliner, +sondern Fremde sind, die sich des Vergnügens wegen hier aufhalten. +Wie in einem Kaleidoskop sind hier alle Arten von Menschen +zusammengewürfelt: geschniegelte und gebügelte Männer mit Cylinder, +geschminkte Weiber in auffallender Kleidung, schneidige Offiziere, +vornehme Damen, Studenten in ihren Couleurmützen, Landleute mit +ihren kerngesunden, geröteten Gesichtern, Provinzler, Straßenhändler, +Zeitungs- und Blumenverkäufer u. a. m., alles strömt hier bunt +durcheinander und macht auf uns Ausländer einen ganz eigenartigen +Eindruck. + +Eins von den eigentümlichsten Straßenbildern, das man bei uns nie zu +sehen bekommt und uns viel Spaß macht, ist auch der Hundehändler. Sie +stehen an der Seite der Straße, halten ein paar junge Hündchen auf +den Händen oder führen größere Hunde an der Leine und bieten sie +den Vorübergehenden feil. Ich weiß nicht, ob sie mit diesem neuen +Berufszweige gute Geschäfte machen oder nicht, kurz und gut, sie üben +auf uns eine drollige Wirkung aus. Noch eine andere eigentümliche +Erscheinung auf der Straße bilden die Soldaten mit ihren +»Herzallerliebsten« an der Seite -- auch ein possierlicher Anblick, +den man bei uns nicht hat. Ich habe oft beobachtet, wie ein solcher +Vaterlandsverteidiger Hand in Hand oder Arm in Arm mit seinem Schatz +durch die Straßen wandelte oder dem Tanzboden zusteuerte. Ich hatte +immer geglaubt, die deutschen Soldaten, die durch ihre Tapferkeit und +Disziplin so weltberühmt sind, würden sich solche Dinge nicht erlauben, +aber vielleicht tut es ihrem Ansehen keinen Abbruch. Jedenfalls +mutete es mich in der ersten Zeit seltsam an, weil, wie gesagt, solch' +öffentliche Liebeleien bei unseren Marssöhnen nicht Mode sind. + +[Illustration: Ein Hund gefällig?] + +[Illustration: Militärische Annäherung.] + +Was dann meine Augen besonders in den Hauptstraßen Berlins entzückte, +das sind die großartigen Schaufenster der Geschäfte. Die Dekoration, die +Zusammenstellung und der Aufbau der Waren verraten wirklich eine große +Kunst. Die Schaufenster gewähren einen äußerst einladenden Anblick, wie +sie überhaupt ein großartiges Aushängeschild für das Kaufhaus selbst +bedeuten. Wenn ich vor einem solchen schöndekorierten Schaufenster +stand, wandelte mich stets die Versuchung an, in das Geschäft zu gehen +und mir irgendwelche schöne Sachen zu kaufen. Sämtliche Gegenstände +sind so bequem und gut zurechtgelegt, daß man mit einem Blick sofort +übersehen kann, was in dem betreffenden Laden zu haben ist. Bei uns +liegen die Verhältnisse ganz anders. Da werden die Waren der größeren +Geschäfte gewöhnlich im Magazin aufbewahrt und werden erst mühsam +einzeln auf Verlangen des Käufers hervorgeholt. Entschieden ist die +hiesige Art und Weise unseren Geschäftsleuten sehr zu empfehlen; ich bin +fest überzeugt, daß sowohl das Publikum, wie die Geschäftsinhaber bei +der neuen, auf Berliner Art eingeführten Ordnung ihre Rechnung finden +werden. + +[Illustration: In einem Restaurant Unter den Linden.] + +Der größte Teil der hiesigen offenen Läden besteht aus Restaurants, +Gastwirtschaften und Destillationen, in denen kolossale Mengen geistiger +Getränke, am meisten Bier, vertilgt werden. In zweiter Linie folgen +die Cigarrenhandlungen, die fast jede Ecke besetzt halten. Aus dem +Übergewicht dieser beiden Geschäftsbranchen läßt sich leicht der Schluß +ziehen, daß der Genuß von Bier und Tabak den Deutschen dringendes +Bedürfnis ist. + +Angenehme Empfindungen erweckten in mir dann die vielen Blumengeschäfte: +vor diesen blieb ich mit besonderer Freude regelmäßig stehen, weil sie +mich so lebhaft an meine Heimat mit ihrer wunderbaren Natur erinnerten +und mich ihr gleichsam näherten. + +Was ich dann in jeder Straße zu Dutzenden antraf, sind die Verkaufsläden +für Ansichtspostkarten. Ihr Verbrauch soll sich hier auf Millionen +beziffern, sodaß sich infolgedessen ein besonderer Industriezweig +ausgebildet haben soll, der sich lediglich mit der Anfertigung von +Ansichtspostkarten befaßt. Anstatt einen Brief zu schreiben, kauft +man hier eine solche Karte, schreibt die Adresse und sendet sie als +Lebenszeichen in die Welt. Eine vortreffliche Einrichtung, von +welcher ich auch manchen Gebrauch zu machen gedenke, aber nicht aus -- +Schreibfaulheitsgründen! + +Noch eins! Was mir in Berlin in den ersten Tagen recht imponierte, sind +die vielen kunstvollen Denkmäler, Statuen, Büsten u. s. w., meist aus +Marmor oder Bronze. Überall, wohin man kommt, auf den sogen. Plätzen, +in den Parkanlagen, auf den Brücken u. s. w. wird man dieser schönen +Verzierungen gewahr, dieser edlen, feinen Kunstprodukte, die wir zu +Hause leider noch so sehr vermissen! + +Soviel in Kürze! Die ersten Eindrücke, die ich oben im Vorbeigehen +geschildert habe, waren für mich als Ausländer aus einer fremden +Kulturwelt so überwältigend, daß ich tatsächlich in den ersten Tagen +meines Hierseins nicht im stande war, alles richtig zu erfassen; erst +später vermochte ich mich mit den verschiedenen Gegenständen eingehend +zu beschäftigen. In meinem nur Berlin gewidmeten Buche werde ich auf die +zahlreichen Einzelheiten näher eingehen und versuchen, sie der Wahrheit +gemäß zu schildern. + + + + +XVIII. + +Aufruf an unsere Jugend. + + +Indem ich nunmehr zum Schluß meiner Reisebeschreibung schreite, möchte +ich als Resultat meiner Erfahrungen unserer Jugend die Mahnung dringend +ans Herz legen: Möge jeder, der es mit seinen Verhältnissen irgend +vereinbaren kann, Reisen ins Ausland unternehmen! Ich meine damit +natürlich nicht, daß die jungen Japaner ihre Studien aufgeben und ihren +Vergnügungen nachgehen sollen -- durchaus nicht! Allein unserer +Jugend, der männlichen nämlich, mangelt bis jetzt noch immer der +Unternehmungsgeist und frische Wagemut, hinauszugehen und fremde Länder +und Leute mit ihren Sitten und Gebräuchen aus eigener Anschauung kennen +zu lernen. Immer war unser Land seit alter Zeit ein abgeschlossenes +Inselreich und erst seit drei Jahrzehnten hat es den Verkehr mit fremden +Völkern angebahnt, aber der Riesenfortschritt, den wir in dieser kurzen +Zeit gemacht haben, und die dadurch geschaffenen Verhältnisse erlauben +nicht mehr, länger zu Hause zu sitzen und angenehm der Ruhe zu pflegen. + +Von allem Nutzen abgesehen, den eine Studienreise auf wissenschaftlichen +Gebieten gewährt, ist es für junge Geschlechter von großem Wert, wenn +sich ihr Blick für alles erweitert und sie sich daran gewöhnen, Gefahren +und Zufälligkeiten aller Art zu begegnen. Kommt einem nicht schon +durch das Lesen einer Beschreibung aus dem Innern Afrikas oder einer +Nordpolfahrt der Gedanke, den kühnen Forschern nachzuahmen und nicht +tatenlos zuzuschauen? Ich will selbstverständlich damit unserer +Jugend nicht das Wort zu Abenteuern reden, ihr auch nicht dazu raten, +blindlings in die Ferne zu ziehen; ich möchte sie nur dringend +mahnen, nicht zu Hause müßig sitzen zu bleiben, sondern auf dem großen +Schauplatz der Welt ihre Kraft auf die Probe zu stellen. + +In Europa ist es etwas ganz Gewöhnliches, daß selbst königliche Prinzen +weite Reisen unternehmen, um einerseits den Wissenschaften zu dienen, +andererseits aber ihre Erfahrungen und Kenntnisse zu bereichern. Die +Europäer sind überhaupt zu Unternehmungen viel leichter geneigt als wir. +Auf meiner Reise durch Europa habe ich nicht selten gefunden, daß sogar +junge Damen, ihre geschnürten Bündel und Ränzel selbst tragend, allein +in die weite Welt hinausreisten. Oben auf der Höhe der Jungfrau, die ich +erstieg, im Reiche des ewigen Eises und Schnees versetzte mich eins noch +mehr in Bewunderung als die kolossale Alpenlandschaft, nämlich, daß +ich unter den Bergsteigern nicht wenig Vertreterinnen des zarten +Geschlechtes erblickte. In dieser schwindelnden Höhe, wohin man nur +mit Hilfe von Bergstöcken, Haken und Seilen, sowie an der Hand sicherer +Führer gelangen kann, waren Frauen zugegen! Bei uns zu Hause würde dem +schönen Geschlecht nie in den Sinn kommen, sich den Strapazen +einer derartigen Bergtour auszusetzen. Ob Damen überhaupt derartige +Anstrengungen zu empfehlen und zuträglich sind, will ich dahingestellt +sein lassen. Aber jedenfalls sprechen solche Vorkommnisse für meine +Behauptung, daß Europas Bewohner mehr von einem großen, vor keiner +Gefahr zurückschreckenden Unternehmungsgeist beseelt sind als wir. + +Darum, japanische Jugend, erwache und gehe kraftvoll und hoffnungsfreudig +an die Arbeit! Die Konkurrenz im großen Völkerwettstreit leidet keine +Ruhe -- und nur dem Mutigen gehört die Welt! + +[Illustration] + + +Druck von G. Bernstein in Berlin. + + + + +Fußnote + + +[1]: Gu = dumm, En = Garten. + + + + +[Hinweise zur Transkription + + +Offensichtliche Satzfehler wurden korrigiert, sonst der Originaltext +beibehalten. Änderungen sind in der nachstehenden Liste ausgewiesen. + + +Änderungen + + Seitenangabe + originaler Text + geänderter Text + + Seite 4 + Alles war nun erledigt, und gestrosten Mutes + Alles war nun erledigt, und getrosten Mutes + + Seite 12 + Bänke, physikalische und chemische Apparate, Wandkarten u. s w. + Bänke, physikalische und chemische Apparate, Wandkarten u. s. w. + + Seite 24 + mehrere Konsulate, Banken usw. + mehrere Konsulate, Banken u. s. w. + + Seite 42 + Straßenleben hat mit seiner buntdurcheindergewürfelten Bevölkerung + Straßenleben hat mit seiner buntdurcheinandergewürfelten Bevölkerung + + Seite 47 + gewinnbringendsten Artikels der englichen Einfuhr + gewinnbringendsten Artikels der englischen Einfuhr + + Seite 79 + wie beipielsweise bei uns in Japan + wie beispielsweise bei uns in Japan + + Seite 110 + Färbung erhalte nnd daß der Name daherstamme + Färbung erhalte und daß der Name daher stamme + + Seite 127 + die Hauptstadt des ehemaligen Königsreichs beider Sicilien + die Hauptstadt des ehemaligen Königreichs beider Sicilien + + und die fünf bis sechsstöckigen Häuser + und die fünf- bis sechsstöckigen Häuser + + Seite 133 + mit kleinen, gewöhnlich mit Sand gefüllen Beutelchen wirft + mit kleinen, gewöhnlich mit Sand gefüllten Beutelchen wirft + + Seite 137 + und mußte nun von einem Deutchen erfahren + und mußte nun von einem Deutschen erfahren + + Seite 138 + so benutzt man man dieses Süßwasser zum Nachspülen + so benutzt man dieses Süßwasser zum Nachspülen + + Seite 144 + daß die Japaner im Körperbau kleiner sind, als die Russen + daß die Japaner im Körperbau kleiner sind als die Russen, + + Seite 152 + und sie auch auf der ganzen Fahrt bewährt + und sie auch auf der ganzen Fahrt bewahrt + + Seite 157 + man möchte wohl anch solch ein Vogel sein + man möchte wohl auch solch ein Vogel sein + + Seite 166 + Rubinen, Saphieren, Topasen + Rubinen, Saphiren, Topasen + + Seite 179 + an Kajütenpassagieren erster nnd zweiter Klasse + an Kajütenpassagieren erster und zweiter Klasse + + Seite 182 + mein Freund und früherer Schüler Dr. Okoski + mein Freund und früherer Schüler Dr. Okoshi + + Seite 190 + ein x scher Professor, ebenfalls ein Reisegefährte + ein x'scher Professor, ebenfalls ein Reisegefährte + + Seite 196 + brachen wir von Genua auf und und kamen + brachen wir von Genua auf und kamen + + Seite 216 + In gegewissem Sinne berühmt wegen ihrer + In gewissem Sinne berühmt wegen ihrer] + + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Tokio - Berlin, by Jintaro Omura + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 44093 *** |
