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Langkau, Jens Sadowski and the -Online Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net - - - - - - - - - - Briefwechsel - zwischen - Abaelard und Heloise - mit der - Leidensgeschichte Abaelards - - - Aus dem - Lateinischen übersetzt und eingeleitet - von Dr. _P. Baumgärtner_ - - - _Verlag von Philipp Reclam jun. Leipzig_ - - - - - - - _Druck von Philipp Reclam jun. Leipzig_ - Printed in Germany - - - - - - - - -Inhalt. - - - _Einleitung_ 5--17 - 1. Brief: Abaelard an einen Freund (Die Leidensgeschichte) 19--73 - 2. Brief: Heloise an Abaelard 73--83 - 3. Brief: Abaelard an Heloise 83--91 - 4. Brief: Heloise an Abaelard 91--102 - 5. Brief: Abaelard an Heloise 102--125 - 6. Brief: Heloise an Abaelard 126--149 - 7. Brief: Abaelard an Heloise 149--203 - 8. Brief: Abaelard an Heloise 203--303 - 9. Brief: Heloise an Abaelard 303--305 - 10. Brief: Abaelard an Heloise (mit 2 Sammlungen von - Hymnen) 305--312 - 11. Brief: Abaelard an Heloise (mit einer Predigtsammlung) 312--313 - 12. Brief: Abaelard an Heloise (Abaelards Glaubensbekenntnis) 313--315 - - - - -Einleitung. - - -Die Übersetzung dieser Briefe ist entstanden in einer Zeit, da körperliches -Leiden mir ein selbständiges wissenschaftliches Arbeiten unmöglich machte. -Ich las und übersetzte anfangs zu meiner eigenen Unterhaltung und Übung; -doch je mächtiger diese Urkunden der Liebe und des geistigen Verkehrs -zweier so hochherziger Menschen mich selber anzogen, desto lebhafter regte -sich der Wunsch, auch anderen sie zugänglich zu machen. Unsere -kirchengeschichtliche Litteratur enthält so manchen edlen Schatz, der in -staubiger Hülle vergessen in den Bibliotheken aufgespeichert steht -- so -manches Schriftdenkmal, das in seiner fremden Sprache nur zum Gelehrten -redet, während es ans Licht gezogen und verständlich gemacht manchem -ernstergerichteten Leser Genuß und Erbauung zu bieten vermöchte. - -So sind auch die Briefe, die von Abaelard und Heloise auf uns gekommen -sind, in Deutschland wenigstens, nur wenig bekannt, obwohl die beiden zu -jenen Liebespaaren von weltgeschichtlichem Rufe gehören, deren Namen -unauflöslich miteinander verbunden sind, wie Hero und Leander, Tristan und -Isolde, Dante und Beatrice. Im Ausland dagegen und besonders in Frankreich -schenkte man diesen Briefen frühzeitig Aufmerksamkeit, und namentlich die -eigentlichen Liebesbriefe wurden mannigfach dichterisch bearbeitet und -romanhaft ausgeschmückt -- jedoch nicht zu ihrem Vorteil: man vergleiche -die Bearbeitungen, die diesem Gegenstand durch einen Pope und Colardeau -- -bei uns durch eine formvollendete poetische Übersetzung Bürgers eingeführt --- zu teil geworden sind, mit unserem Original, und man wird leicht gewahr -werden, um wie viel edler und, bei aller Leidenschaftlichkeit, keuscher -dieses letztere ist als jene pikanten Leistungen. - -Eine sehr elegante, dabei meist textgemäße französische Übersetzung der -Briefe giebt _O. Gréard_ in seinem Buche: »Lettres complètes d'Abélard et -d'Héloise, Paris, Garnier Frères«. Der französischen Übersetzung ist der -lateinische Text in der Recension von _Viktor Cousin_ beigegeben, die auch -unserer Übersetzung zu Grunde liegt. - -Im Jahre 1844 ist eine deutsche Übersetzung des Briefwechsels erschienen -von _Moriz Carrière_,[1] und dieses Werk würde meine Übersetzung -überflüssig machen, wenn es überhaupt noch im Buchhandel zu haben wäre. Da -es jedoch gänzlich vergriffen ist -- ich selbst habe es nur nach -langwierigen Bemühungen zu Gesicht bekommen -- und eine neue Auflage nicht -in Aussicht steht, so glaubte ich mich zu dieser neuen Veröffentlichung -berechtigt. -- Carrière schickt seiner Übersetzung eine ausführliche, -ebenso gelehrte wie geistvolle Einleitung voraus, in der er mit dem Feuer -einer edlen Begeisterung Abaelards philosophischen und theologischen -Standpunkt darstellt. Diese Einleitung bildet nahezu ein Drittel des ganzen -Buches, so daß eigentlich in ihr der geistige Schwerpunkt desselben zu -sehen ist. Ich meinerseits beschränke mich in dieser kurzen Einleitung auf -das, was dem Leser zum Verständnis der Briefe notwendig ist -- zumal uns in -den Briefen Abaelard doch mehr als Mensch, weniger als Gelehrter -entgegentritt. - -[Fußnote 1: M. Carrière: »Abaelard und Heloise. Ihre Briefe und -Leidensgeschichte übersetzt und eingeleitet durch eine Darstellung von -Abaelards Philosophie und seinem Kampf mit der Kirche.« (Gießen 1844, 2. -Auflage 1853.)] - -Die hier veröffentlichte Briefsammlung umfaßt im ganzen zwölf Briefe. Dabei -ist als erster Brief mitgezählt das unter dem Namen der »Leidensgeschichte« -(historia calamitatum) bekannte Schriftstück, das in Form eines Briefes, -der an einen unbekannten Freund Abaelards adressiert ist, das vielbewegte -Leben des letzteren schildert bis zu dem Zeitpunkt, wo er in den großen -Streit mit Bernhard von Clairvaux eintritt -- also ein Stück -Autobiographie, das die Einleitung zu dem folgenden Briefwechsel bildet. - -Überhaupt wurde dieser Brief die Veranlassung zu der ganzen folgenden -Korrespondenz: über ein Jahrzehnt war seit der Trennung der Liebenden -vergangen, und allem Anschein nach hatte während dieser ganzen Zeit jeder -Verkehr zwischen ihnen aufgehört. Da kam durch einen Zufall jener Brief -Abaelards in die Hände Heloisens und weckte »der alten Wunde unnennbar -schmerzliches Gefühl«. Die Geschichte der Leiden des geliebten Mannes, zu -denen er auch mit vollem Recht seine Liebe zählte, facht den Funken, der -noch immer in ihrem Herzen glimmt, zur hellen Flamme an, und noch einmal -durchlebt sie in der Erinnerung alle Freuden und alle Leiden einer hohen -Liebe. Aus der Hochflut dieser neuerwachten Gefühle heraus sind die Briefe -II und IV geschrieben: eine Beichte sondergleichen, ein Herzensaufschrei in -den unmittelbarsten, leidenschaftlichsten, kühnsten Lauten, die je über -Frauenlippen gekommen sind. Im Vergleich mit diesen Ergüssen hat man von -jeher die Antwortschreiben Abaelards auffallend ruhig und kühl gefunden. In -der That gleicht er in seinen Briefen (III und V) dem starren Felsenriff, -das unbewegt und fühllos bleibt, mitten in den ewig wiederholten -Umarmungsversuchen der Wogen. Man hat ihm aus dieser Kälte schwere -moralische Vorwürfe gemacht, ja an sein Verhalten auch schon allgemeine -philosophische Betrachtungen darüber angeknüpft, wie verschiedenartig die -beiden Geschlechter lieben. So besonders Johannes Scherr in seiner -geistreich-extremen Weise (Menschliche Tragikomödie, Bd. 2, »Heloise«). Die -Art, wie Abaelard Heloisens hungriges Herz abzuspeisen sucht, wie er der -Frau gegenüber, mit der er einst so wenig geistlich verfahren war, nun ganz -die Sprache des Geistlichen, des orakelnden Heiligen und Propheten führt, -macht im ersten Augenblick einen peinlichen, unangenehmen Eindruck, und hat -sogar stellenweise etwas Empörendes. Allein der Ton, den er anschlägt, ist -keine angenommene Maske; was er an Heloise schreibt, sind nicht bloß fromme -Phrasen, sondern es ist ihm bitterer Ernst; er ist wirklich bekehrt, er -bereut und sieht von diesem Standpunkt aus sein und Heloisens äußeres -Mißgeschick für eine gnädige Fügung Gottes zur Rettung ihrer Seelen an. -Sodann ist allerdings das Gefühl, das in Heloisens Herz eben jetzt in neuen -Flammen erwachte, in ihm gänzlich erstorben. Er macht daraus kein Hehl; er -sucht die einst Geliebte darüber nicht hinwegzutäuschen. Seine -Wahrhaftigkeit ist seine Entschuldigung. Wo aber eine Liebe erloschen ist, -da wird niemand glühende Liebesbriefe erwarten. - -Man wird solche aber auch nicht erwarten, wenn man die Verschiedenheit des -Lebenswegs und der weiteren Geschicke der einst in Liebe Verbundenen in -Betracht zieht. Heloise war einst wider ihren Willen und wider ihre Natur -ins Kloster gegangen, nur aus Gehorsam gegen den geliebten Mann. Sie hatte -damit ein Opfer gebracht, dem ihre Natur nicht gewachsen war. Ruhe hatte -sie jedenfalls nicht gefunden hinter den Klostermauern. Zwar brachte sie es -durch ihre geistige und sittliche Energie dahin, daß sie in den Ruf -besonderer Heiligkeit kam, aber man lese ihre erschütternden Selbstanklagen -im vierten Brief, um einen Einblick in dies ruhelose unbefriedigte Herz zu -gewinnen. Aus solchem Gemütszustand heraus sind jene leidenschaftlichen -Ergüsse begreiflich, denen gegenüber Abaelards Auslassungen und -beichtväterliche Ermahnungen freilich kalt erscheinen. Ferner ist zu -bedenken: mit dem Eintritt ins Kloster war Heloisens Leben eigentlich -abgeschlossen; neue gewaltige Eindrücke, durch die die alten verwischt -worden wären, erwarteten die Klosterfrau nicht mehr. Sie zehrte von einer -kurzen Vergangenheit. Was sie aber mitbrachte von Erinnerungen an die Welt, -von Lebenseindrücken, das alles war für sie beschlossen in dem Namen -Abaelard. Dieser Name, ihr Ein und Alles, lebte in ihrem Herzen und mit ihm -die Liebe, und so bedurfte es nur eines zündenden Funkens, um die -zusammengesunkene Glut aufs neue zu entfachen. -- Abaelard dagegen war aus -dem friedlichen Port des Klosters, wohin auch er sich geflüchtet hatte, -mehrmals wieder hinausgeschleudert worden auf die hochgehenden Wogen des -Lebens und der Händel dieser Welt. Er hatte in seinem Beruf, der zwar große -Aufregungen und gehässige Verfolgungen, aber auch glänzende Triumphe mit -sich brachte, einen gewissen innern Halt und Befriedigung gefunden. -Jedenfalls aber war sein Leben so reich an erschütternden neuen Eindrücken -und packenden Erlebnissen, daß jene eine Erinnerung an seine Liebe, jenes -Erlebnis mit Heloise notwendig davor erblassen mußte. Er fühlt sich -überhaupt zu der Zeit, da unsre Briefe geschrieben wurden, als ein -gehetztes Wild, das von allen Seiten bedroht ist. Er bittet Heloise und -ihre Nonnen um ihre besondere Fürsprache im Gebet; er ist ein wegmüder -Mann, hat Todesgedanken und will im »Paraklet«, dem Kloster, das er -Heloisen eingeräumt, begraben sein. Daß er in dieser Verfassung andere -Briefe schrieb, als Heloise, wird man begreiflich finden. Will man ihm -etwas anrechnen, so mag man ihm einen Vorwurf _daraus_ machen, daß er einst -das Opfer einer geheimen Ehe (wiewohl dies immer noch besser war als die -damals unter Klerikern ganz gewöhnlichen _wilden_ Ehen) -- und das noch -größere Opfer des Klostergelübdes von Heloise angenommen hat. -- - -Nicht ohne Rührung liest man, wie Heloise nun im _sechsten_ Brief die -Stimme des Herzens, die bei Abaelard kein Echo zu wecken vermocht hatte, zu -bezwingen sucht -- »wiewohl wir nichts so wenig in der Gewalt haben wie -unser Herz« -- und um dennoch den Verkehr mit Abaelard aufrecht zu -erhalten, auf das wissenschaftliche Gebiet übergeht. Sie verlangt von -Abaelard Aufschluß über die Entstehung des Mönchswesens, und bittet ihn um -Abfassung einer Klosterregel mit besonderer Rücksicht auf das weibliche -Geschlecht. -- Auf beide Anliegen bleibt Abaelard die Antwort nicht -schuldig, sondern er legt sie nieder in zwei ausführlichen Abhandlungen -(Briefe VII und VIII), von denen namentlich die zweite nach unseren -Begriffen eher ein Buch als ein Brief zu nennen wäre. Ich habe sie dennoch -beide in ihrem ganzen Umfang aufgenommen, weil sie in kultur- und -kirchenhistorischer Beziehung von allgemeinerem Interesse sind und -besonders in die Anschauungen des Mittelalters und in den Betrieb des -Klosterwesens einen lebendigen Einblick gewähren. - -Bezeichnend für Abaelard ist es, daß er am Schluß seiner Klosterregel im -Geiste Benedikts den Nonnen die Beschäftigung mit der Wissenschaft aufs -nachdrücklichste anbefohlen hatte. Im _neunten_ Briefe nun schreibt Heloise -an Abaelard, daß sie in dem Bestreben dieser seiner Vorschrift Folge zu -leisten, vielfach auf Hindernisse stoßen, da es ihnen oftmals am nötigen -Verständnis fehle und sie über einzelne Fragen nicht ins reine kommen. Und -so legt sie ihm denn zweiundvierzig Fragen zur Beantwortung vor, die meist -im Zusammenhang mit der Bibellektüre, wie sie von den Nonnen betrieben -wurde, stehen. Diese Fragen sind uns samt den Antworten Abaelards -überliefert; doch habe ich sie selbstverständlich nicht in unsre -Briefsammlung aufgenommen. Denn dieses Frag- und Antwortbuch entbehrt jedes -persönlichen Charakters und ist von ausschließlich wissenschaftlichem -Interesse. -- Die Briefe X und XI sind Begleitschreiben Abaelards zu -litterarischen Sendungen an Heloise. Der zehnte Brief ist dadurch -interessant, daß er ein Schreiben Heloisens an Abaelard rekapituliert, in -dem sie über den Mißstand klagt, der in Beziehung auf die -gottesdienstlichen Gesänge in ihrem Kloster herrsche. Abaelard verfaßte -infolge dieser Anregung selbst eine größere Anzahl von Hymnen zum -gottesdienstlichen Gebrauch für die Nonnen und hängte dieser Sammlung in -seinem Begleitschreiben den üblichen gelehrten Zopf an. -- Der _elfte_ -Brief ist ein kurzes Billet, das Abaelard mit einer Sammlung eigener -Predigten an Heloise sandte. -- Der _zwölfte_ Brief endlich enthält das -Glaubensbekenntnis Abaelards. Offenbar hatte er es für nötig befunden, die -Freundin über seine Rechtgläubigkeit zu beruhigen, die von seinen Gegnern -so lebhaft bestritten wurde. Der Brief ist durch eine Schrift seines treuen -und streitbaren Schülers Berengar auf uns gekommen; das darin enthaltene -Bekenntnis klingt für unsre Begriffe sehr orthodox. -- Auch an diese Briefe -hat man schon die Torturschraube der Echtheitsfrage angelegt, allein ohne -Erfolg: wenn irgend eine Urkunde aus dem Mittelalter, so tragen _sie_ den -Stempel der Echtheit an sich. -- - -Zum Verständnis der Briefe ist es nötig, ein kurzes Wort über _die -hauptsächlichsten Sätze und Lehren Abaelards_ zu sagen. Wir sehen aus der -Selbstbiographie, welchen Reiz litterarische Kämpfe, wissenschaftliche -Disputationen und Erörterungen für Abaelard hatten. Es scheint damals -überhaupt unter der studierenden Jugend eine wahre Disputierwut geherrscht -zu haben. Alles und nichts bewies man mittels der dialektischen Methode und -vielfach glaubte man wohl auch damals, »wenn man nur Worte hörte, es müsse -sich dabei auch etwas denken lassen.« Abaelard war ein geborenes -Disputiergenie, und schon als junger unerfahrener Schüler machte er mit -seiner Streitsucht den Lehrern zu schaffen. - -Auf dem Gebiete der Philosophie war zu jener Zeit die Kardinalfrage, über -der die Gelehrten sich in zwei Lager teilten, die Frage nach dem Verhältnis -der _Allgemeinbegriffe_ zu den _Einzeldingen_ (z. B. Menschheit -- Mensch). -Der Streit ging zurück bis auf Plato und Aristoteles. Nach Plato kommt nur -dem Allgemeinen, der Idee wirkliche Existenz zu, während die Einzeldinge -nur schwache unvollkommene Abbilder, gleichsam Schatten davon sind. So hat -z. B. die Idee, das Urbild der Schönheit (in einer andern Welt), _reale_ -Existenz und alles Einzelne, was wir hier in dieser Welt schön finden, ist -nur ein Abglanz dieses Ideals. Im Gegensatz zu dieser Meinung lehrte -Aristoteles: _reales_ Sein kommt nur dem _Einzelding_ zu, die -Allgemeinbegriffe existieren nur im menschlichen Denken, sind nichts als -Kombinationen des menschlichen Verstandes, eben nichts als Begriffe -(nomina). - -Realismus und Nominalismus wurden nun seit dem elften Jahrhundert die -Schlagworte, die die Parteien auf ihre Fahne schrieben, je nachdem sie sich -an Plato oder an Aristoteles anschlossen. Der eigentliche wissenschaftliche -Begründer des Nominalismus ist Roscelinus; der Hauptvertreter des Realismus -Wilhelm von Champeaux. Beide waren Abaelards Lehrer, aber keiner konnte ihm -ganz Genüge thun. Mit welcher Kühnheit er Wilhelm von Champeaux nötigte, -seine Lehre zu ändern, lesen wir in Abaelards erstem Briefe. Daß diese -philosophischen Theorien, je nachdem man sie auf die Theologie anwandte, zu -bedenklichen Resultaten führen konnten, sieht man an dem Beispiel -Roscelins. Dieser leugnete als konsequenter Nominalist die wirkliche -Existenz des Allgemeinbegriffs »Gottheit« und es blieben ihm nur die drei -Einzelwesen Vater, Sohn, Geist als real existierend, während ihm die -Einheit in und trotz der Dreiheit verloren ging, so daß er der Ketzerei des -Tritheismus (der Dreigötterlehre) beschuldigt wurde. Seitdem war der -Nominalismus den Vertretern der Kirchlichkeit verdächtig und anrüchig. Aber -auch Abaelard selbst bekämpfte diesen Nominalismus seines ehemaligen -Lehrers, und in der schwebenden Frage nahm er seine Stellung in der Mitte -zwischen Roscelinus und Wilhelm von Champeaux, indem er lehrte: allerdings -sei der Begriff, das Allgemeine Grund und Wesen der Einzeldinge und dürfe -nicht bloß (wie die Nominalisten behaupteten) als bloße Abstraktion des -Verstandes und Vorstellung angesehen werden. Allein ebensowenig dürfe man -den Allgemeinbegriffen eine von den Einzeldingen gesonderte Existenz -zuschreiben (wie die Realisten), vielmehr komme das Allgemeine in der Welt -der Wirklichkeit nur in Verbindung mit dem Individuellen zur Erscheinung. - -War demnach Abaelards philosophischer Standpunkt unter dem Einfluß der -Platonischen Ideenlehre eher realistisch (also nach damaligen Begriffen -korrekt) zu nennen als nominalistisch, so gingen auch auf dem Gebiete der -_Theologie_ seine wissenschaftlichen Bestrebungen nicht etwa auf Zersetzung -und Auflösung der kirchlichen Dogmen aus, sondern was die gesamte -scholastische Theologie anstrebte, die Vernünftigkeit der bestehenden -Dogmen verstandesmäßig nachzuweisen, das wollte auch er. Nur ging er dabei -mit einer Kühnheit und Konsequenz zu Werke, die ihm in kurzer Zeit eine -scharfe Gegnerschaft erwecken mußte. Schon sein _Erkenntnisprinzip_ drehte -die bisherige Anschauung geradezu um. Bis jetzt hatte in der Kirche der -Grundsatz gegolten: »credo, ut intellegam« (»ich glaube, damit ich -verstehe«), d. h. der Glaube muß dem Verständnis vorausgehen. Abaelard -dagegen lehrte, der Ausgangspunkt alles Wissens sei _der Zweifel_; etwas zu -glauben, ohne es zuvor eingesehen, mit dem Verstande durchdrungen zu haben, -sei widersinnig und unwürdig. - -Am heftigsten wurde Abaelard wegen seiner _Lehre von der Trinität_ -angegriffen; in seiner »Leidensgeschichte« schildert er aufs -anschaulichste, wie er das Buch, in dem diese Lehre enthalten war, auf der -Synode von Soissons (1121) verbrennen mußte; und noch zwanzig Jahre später, -auf der Synode zu Sens, wo er definitiv verurteilt wurde, hielt man ihm -diese Lehre als Ketzerei vor. Er lehrte nämlich über die Dreieinigkeit -folgendes: Die Substanz der einheitlichen Gottheit werde im einzelnen -bestimmt durch die drei Namen Vater, Sohn, Geist. Vater heiße die Gottheit -nach der ihr zukommenden Eigenschaft der Allmacht, Sohn nach ihrer -Weisheit, heiliger Geist nach ihrer Liebe und Güte. Gott ist also Vater, -Sohn und Geist, d. h. er ist allmächtig, weise und gütig. Diese Lehre -zeigte eine bedenkliche Verwandtschaft mit der von der Kirche verdammten -Trinitätslehre des Sabellius, der die drei Personen der Gottheit als -verschiedene Offenbarungsformen der einen Gottheit nahm (Modalismus). - -Großen Anstoß mußten auch _seine ethischen Grundsätze_ und die daraus -resultierende _Lehre von der Sünde_ erregen. Nach Abaelard kommt für das -sittliche Urteil nicht die That als ausgeführte in Betracht, sondern _die -Gesinnung_, aus der sie entspringt. Die Kriegsknechte, die den Herrn -kreuzigten und glaubten damit etwas Gutes zu thun, haben nicht gesündigt. -Andererseits kann Sünde vorhanden sein, wo die sündige That noch gar nicht -geschehen ist. Eva hatte den Sündenfall bereits in dem Augenblick begangen, -als sie den Entschluß faßte, den Apfel zu essen. Alles kommt darauf an, daß -einer Liebe hat. »Habe nur Liebe und du magst thun was du willst.« Das Echo -dieser Lehre vernehmen wir in den Briefen wiederholt. - -Während Abaelard so sehr den tiefen Ernst der Sünde verkannte, trat er auch -mit seiner _Lehre von der Erlösung_ in scharfen Gegensatz zu der -Kirchenlehre. In der Kirche war anerkannt die Satisfaktionstheorie des -Anselm von Canterbury, wonach Gott durch Hingabe seines Sohnes die erste -Sünde getilgt und die Menschheit von dem aus jener Sünde entspringenden -ewigen Verderben erlöst hat. Wie kann, ruft Abaelard aus, die -verhältnismäßig geringe Sünde durch die unendlich größere gesühnt werden, -wie sie sich in der Tötung Gottes darstellt! Vielmehr besteht die Erlösung -in einem innerlichen, rein sittlichen Prozeß. Nämlich im Leben, Leiden und -Sterben Jesu bekundet sich eine so mächtige Liebe zur Menschheit, daß -dieselbe notwendig in uns eine Gegenliebe entzündet von solcher Kraft, daß -wir dadurch von der Knechtschaft der Sünde erlöst und Kinder Gottes werden. --- - -Dies waren die hauptsächlichsten Irrlehren, die man Abaelard zum Vorwurf -machte, und solcher einzelner Sätze bedurfte man freilich, wenn man ihn auf -Kirchenversammlungen der Ketzerei überführen wollte. Im Grunde aber war der -Kampf, in dem Abaelard kämpfte und schließlich fiel, ein viel -prinzipiellerer. Es war der große Gegensatz zwischen Dialektik und -kontemplativer Mystik, dem er zum Opfer fiel. Die letztere Richtung nahm -eben damals durch ihren geistesgewaltigen Vertreter, Bernhard von -Clairvaux, einen mächtigen Aufschwung. Er ist der eine der beiden Gegner, -die Abaelard am Schluß seiner »Leidensgeschichte« wie drohende Wolken an -seinem Horizont auftauchen sieht, und seinen Machinationen ist er erlegen. -Während die Dialektik durch Vermittelung des Verstandes zur -Glaubenseinsicht und Gotteserkenntnis zu gelangen strebte, wollte die -Mystik die Gottheit unmittelbar erfahren und erfassen. Als den Weg dazu -bezeichnet Bernhard _die Liebe_. »Gott wird _erkannt_, soweit er _geliebt_ -wird« war sein Grundsatz. Nicht Nachdenken und logische Schlüsse führen in -die Nähe Gottes, sondern _die Heiligung_, deren höchste Blüte die _Ekstase_ -ist, die freilich nur wenigen in besonders geweihten Momenten zu teil wird, -und mittelst deren sich die Seele zum unmittelbaren Anschauen und Genießen -der Gottheit emporschwingt. In diesem Zustand werden ihr Offenbarungen -kund, wie sie durch Studium und Wissenschaft niemals erreicht werden. - -Dieser gewaltige Mensch, von dem selbst das Haupt der Kirche willig -Belehrung annahm, lud den Vielverfolgten zum Entscheidungskampf auf die -Synode zu Sens im Jahr 1141. Der langvorbereitete Streich fiel vernichtend -auf Abaelards Haupt. Zwar appellierte er von dem Urteil der Synode, das ihn -der Ketzerei bezichtigte, an den Papst; allein vergebens. Der päpstliche -Spruch lautete auf Exkommunikation, lebenslängliche Klosterhaft und -Verbrennung seiner Schriften. Abaelard wollte selbst seine Sache in Rom -führen und machte sich auf den Weg. Aber er kam nicht weit. Unterwegs -kehrte der müde Wanderer in der Abtei zu Clugny ein; Abt Petrus der -Ehrwürdige nahm ihn auf und bot ihm sein Kloster zum dauernden Asyl für die -kurze Zeit, die ihm noch vergönnt war, an. Abaelard machte durch die -Vermittelung des Petrus seinen Frieden mit der Kirche und mit Bernhard, und -hat wenigstens sein letztes Lebensjahr unangefochten im Frieden des -Klosters verbracht. - -Über seine letzten Lebenstage haben wir einen anschaulichen Bericht von -Petrus, den dieser an Heloise schickte. Voll Befriedigung weist der -ehrwürdige Abt darauf hin, wie gläubig und kirchlich, wir möchten sagen, -wie orthodox der große Gelehrte gestorben sei. Auf uns aber macht der -Bericht den wehmütigen Eindruck, daß der einst so geistesmächtige kühne -Streiter hingeschieden ist als ein körperlich und geistig gebrochener Mann. -Die in Betracht kommende Stelle in dem Brief des Abts Petrus lautet in der -Übersetzung folgendermaßen: »Ich erinnere mich meines Wissens nicht, in -demütiger Haltung und Gebärde seinesgleichen gesehen zu haben, so daß einem -aufmerksamen Beobachter weder Germanus niedriger, noch selbst Martinus -ärmer erscheinen konnte. Wiewohl er in der großen Schar unsrer Brüder auf -meine Veranlassung eine höhere Stellung einnahm, schien er doch in seinem -vernachlässigten Gewand der letzte von allen zu sein. Oftmals, wenn er bei -Prozessionen nach der Sitte mit mir den andern voranschritt, wunderte ich -mich und mußte staunen, daß ein Mann von solch hochberühmtem Namen sich so -sehr gering achten und demütigen könne. Es giebt in unserm Orden Leute, -denen ihr geistliches Gewand nicht kostbar genug sein kann; er war in -dieser Hinsicht so bescheiden, daß er sich mit dem unscheinbarsten -begnügte. So hielt er es auch mit Speise und Trank und mit allen leiblichen -Bedürfnissen. Nicht etwa bloß das Überflüssige, sondern alles was nicht -unumgänglich notwendig war, verwarf er für sich und andere in Wort und -Beispiel. Beständig war er mit Lesen beschäftigt, häufig im Gebet vertieft; -sein Schweigen unterbrach er nur, wenn der vertrauliche Verkehr mit den -Brüdern oder ein öffentlicher Vortrag über göttliche Dinge im Konvent ihn -dazu nötigten. Die himmlischen Sakramente feierte er so oft er konnte, Gott -das Opfer des ewigen Lamms darbringend; ja nachdem er durch meine Briefe -und Verwendung die päpstliche Gnade wieder erlangt hatte, nahm er fast -beständig daran teil. Was soll ich viel Worte machen? Sein Geist, sein -Mund, seine Handlungsweise dachte, lehrte und bezeugte allezeit göttliche, -philosophische, wissenschaftliche Wahrheiten. Also lebte er mit uns noch -eine Zeitlang schlecht und recht, gottesfürchtig und meidend das Böse, und -weihte Gott die letzten Tage seines Lebens. Da er an einem starken -Hautausschlag und andern körperlichen Beschwerden litt, sandte ich ihn zur -Erholung nach Châlons. In der Nähe der Stadt, am Saônefluß, einer der -schönsten Gegenden unsres Burgunder Landes, hatte ich ihm für einen -passenden Aufenthalt gesorgt. Hier nahm er die gewohnten Studien wieder -auf, so weit die Krankheit es ihm gestattete und saß beständig über den -Büchern. Und wie man von Gregor dem Großen erzählt, so ließ auch er keinen -Augenblick verstreichen, ohne zu beten, zu lesen, zu schreiben oder zu -diktieren. In der Ausübung solch frommer Werke fand ihn bei seiner Ankunft -der Heimsucher, von dem das Evangelium spricht, und zwar nicht schlafend -wie viele, sondern wachend. Ja wachend fand er ihn und berief ihn zur -himmlischen Hochzeit, nicht als eine thörichte, sondern als eine kluge -Jungfrau. Denn er trug bei sich die Lampe, gefüllt mit Öl, das ist ein -Gewissen erfüllt vom Zeugnis heiligen Wandels. Den gemeinsamen Tribut der -Sterblichkeit zu entrichten, wurde er stärker und stärker von der Krankheit -ergriffen und gelangte in kurzer Zeit zum Ziele. Wie fromm, wie -gottergeben, wie ganz katholisch er seinen Glauben und seine Sünden -bekannte, mit welcher Inbrunst sein sehnsüchtiges Herz die letzte -Wegzehrung und das Unterpfand des ewigen Lebens, nämlich den Leib des -Herrn, unsres Erlösers, empfing, wie gläubig er Leib und Seele für Zeit und -Ewigkeit ihm empfahl, das bezeugen alle Brüder des Klosters, in dem der -Leib des heiligen Märtyrers Marcellus ruht. Also beschloß Meister Petrus -die Tage seines Lebens. Er, der durch sein Wissen und sein Lehren fast der -ganzen Welt bekannt und überall berühmt war, hat in der Schule dessen, der -gesagt hat: 'lernet von mir, denn ich bin sanftmütig und von Herzen -demütig' -- sanftmütig und demütig ausgeharrt, und ist also, das dürfen wir -glauben, zu ihm selbst hinübergegangen.« - - * * * * * - -Ein _chronologischer Überblick_ über das Leben Abaelards und Heloisens -ergiebt nach dem heutigen Stande der Forschung folgende Daten: Abaelard ist -geboren zu Palais bei Nantes im Jahr 1079; Heloise[2] geboren zu Paris -1101. Im Jahr 1113 ist Abaelard das Haupt der Pariser Schule. Nach längerer -Abwesenheit kehrt er 1117 nach Paris zurück und lernt im Jahr 1118 die -damals siebzehnjährige Heloise kennen, ihr Verhältnis dauert während des -Jahrs 1118-19. Die Gründung des Klosters »Zum Paraklet« durch Abaelard -fällt ins Jahr 1123. Von 1125 an ist Abaelard im Kloster von St. Gildas. Im -Jahre 1129 wird Heloise mit ihren Nonnen aus St. Denis vertrieben. Vom -Jahre 1131 stammt die Bulle des Papstes Innocenz II., worin die Überweisung -des Parakleten an Heloise bestätigt wird. Aus dem Jahre 1132 ungefähr -datiert die »Leidensgeschichte« (Brief I). Im Jahre 1134 verläßt Abaelard -das Kloster St. Gildas. 1136 ist er wieder Lehrer auf dem Berge der -heiligen Genoveva. Im Jahre 1141 wird er auf dem Konzil von Sens verurteilt -und stirbt 1142 im Kloster zu St. Marcel bei Châlons-sur-Saône. Heloise -folgt ihm im Jahre 1163. - -[Fußnote 2: Über sonstige Personalien Heloisens sind wir ganz im Dunkeln. -Nicht einmal ihre Abkunft steht fest. Es sind darüber schon alle mögliche -Vermutungen aufgetaucht: von der Behauptung, sie stamme aus dem Geschlecht -der Montmorency, einem der ältesten Adelsgeschlechter Frankreichs -- bis zu -der Ansicht, sie sei nicht sowohl die Nichte des Kanonikus Fulbert gewesen, -als welche sie in den Briefen figuriert, sondern dessen eigene Tochter.] - -_Davos_, im März 1894. - -Dr. P. Baumgärtner. - - - - -I. Brief. - -Abaelard an einen Freund. - -(Die Leidensgeschichte.) - - -Gewöhnlich sind es nicht Worte, sondern handgreifliche Vorbilder, die das -menschliche Herz am meisten erregen oder aber zur Ruhe bringen. Darum habe -ich mich entschlossen, dir zum Trost _die Geschichte meiner Leiden_ -niederzuschreiben, nachdem ich schon durch mündlichen Zuspruch dich -aufzurichten versucht habe, als du das letzte Mal bei mir weiltest. Erkenne -aus diesen Zeilen, daß das, was du Leiden nennst, im Vergleich mit den -meinigen überhaupt keine sind oder doch nur geringfügige Heimsuchungen -- -und lerne sie geduldig tragen. - -Ich bin geboren in der Stadt Palais, an der Grenze der Bretagne, ungefähr -acht Stunden östlich von Nantes gelegen. Ein lebhaftes Temperament und ein -leichtempfänglicher Sinn für die Wissenschaft war das Erbe meines -heimatlichen Bodens oder des Blutes, das in meinen Adern rollte. Mein Vater -hatte sich etwas mit Wissenschaft befaßt, ehe er den ritterlichen -Waffenschmuck angelegt hatte, und später war er so sehr für das Studium -eingenommen, daß er darauf sah, alle seine Söhne zuerst wissenschaftlich -auszubilden, ehe sie sich im Waffenhandwerk übten. Und so geschah es auch. -Ich war der Erstgeborene, und je mehr er mich als solchen ins Herz -geschlossen hatte, desto mehr war er bei mir auf einen sorgfältigen -Unterricht bedacht. Die Fortschritte, die ich in den Wissenschaften mit so -leichter Mühe machte, spornten meinen Eifer nur an und schließlich war -meine Neigung zu ihnen so stark geworden, daß ich allen kriegerischen Glanz -samt meinem Erbe und den Vorrechten meiner Erstgeburt drangab und die -Jüngerschaft des Mars verlassend mich ganz in den Dienst Minervas stellte. -Und da ich allen Systemen der Philosophie die Rüstkammer der Dialektik -vorzog, legte ich meine bisherige Waffenrüstung ab und erkor mir statt der -Kriegstrophäen die Kämpfe des Geistes. Ich wurde eine Art Peripatetiker, -indem ich disputierend die Gegenden durchwanderte, von denen es hieß, daß -dort die Kunst der Dialektik besonders ausgebildet sei. - -So kam ich denn auch nach Paris, wo von alters her diese Wissenschaft in -höchster Blüte stand. Wilhelm von Champeaux, der in diesem Fache einen -wohlverdienten Ruf genoß, wurde mein Lehrer. Ich besuchte eine Zeitlang -seine Schule und war anfangs ganz wohl bei ihm gelitten; bald aber wurde -ich ihm höchst unbequem, da ich von seinen Sätzen einige zu widerlegen -versuchte und mir wiederholt herausnahm, ihn mit Gegengründen anzugreifen, -wobei ich ihm einigemale sichtlich überlegen war. Auch die bedeutendsten -meiner Mitschüler gerieten darüber höchlich in Entrüstung, um so mehr als -ich der jüngste war und von allen die kürzeste Studienzeit hinter mir -hatte. Und so begann die lange Kette meiner Leiden, die noch immer ihr Ende -nicht erreicht haben, und je weiter mein Ruf sich verbreitete, desto -heftiger entbrannte der Neid meiner Widersacher. Es geschah, daß ich meinen -jugendlichen Kräften Übermäßiges zumutend im Vertrauen auf meine -Geistesgaben noch als ganz junger Mann danach trachtete, eine eigene Schule -zu gründen und schon faßte ich einen Schauplatz für meine künftigen Thaten -in die Augen: nämlich Melun, einen Ort, der damals als königliche Residenz -von ziemlicher Bedeutung war. Mein Lehrer merkte meine Absicht, und um -meine Schule möglichst entfernt von der seinigen zu halten, bot er, so -lange ich seine Schule noch besuchte, insgeheim alle Mittel auf, um die -Einrichtung meiner eigenen zu verhindern und mir den Ort, den ich gewählt -hatte, unmöglich zu machen. Allein er hatte sich mit einigen einflußreichen -Herren des Landes verfeindet; mit ihrer Hilfe führte ich meinen Plan zum -Ziel, und gerade seine offenkundige Mißgunst verschaffte mir das Vertrauen -der Mehrzahl. Gleich durch die ersten Versuche, die ich im Unterrichten -machte, bekam ich einen solchen Namen als Meister der Dialektik, daß der -Ruhm meiner Mitschüler ja sogar der meines Lehrers selbst zu erbleichen -anfing. So wuchs mein Selbstvertrauen immer mehr und ich ruhte nicht, bis -ich meine Schule so schnell wie möglich nach Corbeil verlegt hatte, wo -wegen der Nähe von Paris meinem Ungestüm zu dialektischen Kämpfen -reichlichere Gelegenheit geboten war. - -Es dauerte jedoch nicht lange, bis ich infolge von Überanstrengung -erkrankte und in meine Heimat zurückkehren mußte. So war ich einige Jahre -aus Frankreich sozusagen verbannt und wurde von denen, die sich der -Dialektik befleißigten, lebhaft vermißt. Nach Verfluß einiger Jahre jedoch, -als ich mich längst wieder erholt hatte, änderte Wilhelm von Champeaux, -mein berühmter Lehrer und Archidiakon von Paris, plötzlich seine -Lebensweise, indem er in den Orden der regulierten Chorherrn eintrat -- man -sagte mit der Absicht, auf diese Weise den Schein größerer Frömmigkeit zu -erwecken und sich dadurch zu um so höherer Würde aufzuschwingen. Dies -gelang ihm denn auch in kürzester Zeit: er wurde Bischof von Châlons, ohne -sich jedoch durch diese Umgestaltung seines Lebens von Paris oder von der -gewohnten Beschäftigung mit der Philosophie abhalten zu lassen; vielmehr -hielt er eben in dem Kloster, in das er sich, um der Frömmigkeit zu -pflegen, zurückgezogen hatte, öffentliche Vorlesungen wie früher. Damals -kehrte ich zu ihm zurück, um Rhetorik bei ihm zu hören; abgesehen von -mancherlei sonstigen wissenschaftlichen Kämpfen, in denen wir uns -gegeneinander versuchten, brachte ich ihn durch unumstößliche Beweisgründe -dahin, daß er seine von jeher vorgetragene Lehre von den Universalien -(Allgemeinbegriffen) abänderte, ja gänzlich aufgab. Seine Lehre von der -Gemeinsamkeit der Universalien bestand darin, daß er behauptete, ein und -dieselbe Wesensbeschaffenheit liege allen Einzeldingen zu Grunde, so daß -diesen nach seiner Meinung keine _eigentliche_ Wesensverschiedenheit -zukomme, sondern nur eine Mannigfaltigkeit, die von der Menge der -hinzutretenden Accidentien herrühre. Nun änderte er seine Lehre insofern, -daß er nicht mehr die Identität der Wesensbeschaffenheit behauptete, -sondern nur ihre Indifferenz. Dieser Punkt galt aber bei den Dialektikern -von jeher als einer der wichtigsten in der Lehre von den Universalien, so -daß selbst Porphyrius in seinen Isagogen bei Gelegenheit der Besprechung -der Universalien hierüber keine Entscheidung zu treffen wagt, sondern sich -damit begnügt zu sagen: »dies ist ein sehr heikler Punkt«. Da nun Wilhelm -von Champeaux in diesem Punkt seine Lehre geändert, oder vielmehr -unfreiwillig aufgegeben hatte, kamen seine Vorlesungen dermaßen in -Mißkredit, daß man ihm kaum noch gestattete, überhaupt Dialektik zu lesen, -als ob diese ganze Wissenschaft ihren Kernpunkt in der Frage von den -Universalien hätte. - -Unter diesen Umständen wuchs das Ansehen meiner eigenen Schule nur -immermehr. Die eifrigsten Anhänger Wilhelms, die meine Lehre früher am -heftigsten bekämpft hatten, kamen nunmehr zu mir; ja, der Nachfolger -Wilhelms an der Schule zu Paris bot mir seinen Lehrstuhl an, um sich mit -den andern zu meinen Füßen zu setzen, da wo einst unser gemeinsamer Lehrer -geglänzt hatte. Und so war ich denn dort nach kurzer Zeit unbeschränkter -Herrscher auf dem Gebiete der Dialektik und als solcher ein Gegenstand -unsäglichen Neides und Schmerzes für meinen früheren Lehrer. Außer stande, -das Mißgeschick, das ihn betroffen hatte, länger zu tragen, griff er zu -unlauteren Mitteln, um mich auch jetzt wieder zu verdrängen. Da er im -offenen Kampfe nichts gegen mich vermochte, setzte er auf Grund von -allerhand ehrenrührigen Beschuldigungen die Entfernung des Mannes durch, -welcher mir seinen Lehrstuhl überlassen hatte, worauf einer meiner Gegner -an seine Stelle rückte. Daraufhin kehrte ich nach Melun zurück und begann -daselbst zu lehren wie früher, und je unverhüllter sich die Mißgunst -Wilhelms gegen mich zeigte, desto mehr trug sie zum Wachstum meines Ruhmes -bei -- nach dem Dichterwort: - - »Die Größe macht der Neid zu seinem Ziel, - Am schärfsten weht der Sturmwind auf den Höhn.« - -Bald darauf merkte Wilhelm, daß die Mehrzahl seiner Schüler an der -Aufrichtigkeit seiner Frömmigkeit zu zweifeln begann und sich allerhand -über seine Bekehrung zuraunte, da er sich nicht im geringsten veranlaßt -gesehen hatte, sich aus der Hauptstadt zurückzuziehen. Nun siedelte er mit -seinem Konventikel und mit seiner Schule an einen von der Stadt Paris -ziemlich entfernten Ort über. Alsbald kehrte ich von Melun nach Paris -zurück, in der Hoffnung, nun Ruhe vor ihm zu haben. Da jedoch, wie gesagt, -mein Platz noch von meinem Gegner eingenommen war, so ließ ich mich mit -meiner Schule außerhalb der Stadt auf dem Berg der heiligen Genoveva -nieder, als wollte ich jenen Eindringling belagern. Auf die Kunde davon war -Wilhelm unverfroren genug, alsbald nach Paris zurückzukehren; was er noch -an Schülern hatte, brachte er samt seiner kleinen Bruderschaft in seinem -alten Kloster unter; es sah aus, als wollte er den Posten, den er allein im -Feld gelassen hatte, von unsrer Belagerung befreien. Allein während er ihm -nützen wollte, schadete er ihm nur. Vorher nämlich hatte der gute Mann noch -etliche Schüler gehabt, hauptsächlich wegen seiner Vorlesungen über -Priscianus, für die ihm ein gewisser Ruf zur Seite stand. Nach der Ankunft -des Meisters jedoch verlor er vollends alle und war so genötigt, sein -Lehramt aufzugeben, und es dauerte nicht lange, bis auch er, dem Ruhme -dieser Welt völlig entsagend, ins Kloster ging. Welche Schlachten auf dem -Felde der Wissenschaft meine Schüler nach der Rückkehr Wilhelms mit ihm -selbst wie mit seinen Anhängern ausgefochten haben und wie die Gunst des -Schicksals in diesen Kämpfen mit mir und den meinigen war, das hat dir -längst der weitere Verlauf der Ereignisse gezeigt. Kühnlich, wenn auch -bescheidnern Sinnes, darf ich jenes Wort des Aiax auf mich anwenden: - - »Und fragst du nach dem Ende dieses Kampfs, - So sag ich stolz: er hat mich nicht besiegt.« - -Wollte ich darüber schweigen, die Thaten würden für sich selbst sprechen -und der schließliche Erfolg würde laut genug für mich zeugen. - -Während dieser Vorgänge drang meine geliebte Mutter Lucia in mich, nach -Hause zu kommen. Mein Vater Berengar war nämlich ins Kloster gegangen, und -meine Mutter hatte das Gleiche im Sinn. Nach Erledigung dieser -Angelegenheit kehrte ich nach Frankreich zurück, hauptsächlich mit der -Absicht, Theologie zu studieren. In diesem Fache genoß Wilhelm von -Champeaux innerhalb seines Bistums Châlons eines ziemlichen Rufes. Die -größte Autorität auf diesem Gebiete war jedoch seit lange sein Lehrer -Anselm von Laon. - -Ich besuchte also die Schule dieses ehrwürdigen Mannes, der freilich seinen -Namen mehr einer langjährigen Thätigkeit zu danken hatte als seinem Geist -und seiner Bedeutung. Wer über irgend eine Frage im Zweifel war und an -seine Thür pochte, um sich Rats zu erholen, der wußte nachher gewiß weniger -als vorher. Der Masse der Zuhörer wußte er zu imponieren, wenn man aber -unter vier Augen mit ihm sprach, machte er einen sehr dürftigen Eindruck. -Er verfügte über eine ungewöhnliche Redegewandtheit, aber es steckte im -Grunde wenig dahinter. Das Feuer, das er entzündete, füllte sein Haus nur -mit Rauch, statt es zu erleuchten. Er glich einem Baum, der in seinem -reichen Blätterschmuck von weitem vielversprechend aussah, und doch wenn -man ihn aus der Nähe genauer betrachtete, keine Früchte aufzuweisen hatte. -Daher als ich hinzutrat, um Früchte bei ihm zu finden, fand ich in ihm -jenen Feigenbaum, den der Herr einst verfluchte, oder jene alte Eiche, mit -der der Dichter Lucanus den Pompejus vergleicht, indem er sagt: - - »Von seinem Namen lebt nur noch ein Schatten, - Wie im fruchtbaren Feld der hohe Eichbaum steht.« - -Nachdem ich dies herausgefunden hatte, blieb ich nicht lange müßig in -seinem Schatten liegen, sondern besuchte seine Vorlesungen immer seltener. -Einige seiner bedeutendsten Schüler waren nun darüber empört, daß ich einem -Lehrer von solcher Bedeutung so wenig Achtung zollte und wußten ihn durch -allerlei Ränke und Verleumdungen gegen mich einzunehmen. Eines Tags nach -Abschluß einer wissenschaftlichen Besprechung unterhielten wir uns in -zwangloser Weise. Einer meiner Mitschüler fragte mich bei dieser -Gelegenheit, um mich in Verlegenheit zu bringen, was ich vom Lesen der -heiligen Schrift halte. Ich, der ich bis jetzt nur weltliche Wissenschaft -getrieben hatte, antwortete, daß es kein ersprießlicheres Studium gebe als -das der Bibel, weil diese uns über das Heil unserer Seele unterrichte; nur -müsse ich mich darüber höchlich wundern, daß den Gelehrten zum Verständnis -der heiligen Schriftsteller nicht der einfache Text und etwa die Glossen -dazu genügen, sondern daß sie noch weitere Hilfsmittel nötig hätten. -Darüber erhob sich ein allgemeines Gelächter und man fragte mich, ob ich -mir getraue, einen solchen Versuch zu machen. Ich erwiderte, daß ich zur -Probe bereit sei, wenn sie es darauf ankommen lassen wollten. »Gewiß wollen -wir,« antworteten sie mir unter Geschrei und erneutem Gelächter; »man wird -Euch zu einem weniger bekannten Text einen Ausleger anweisen und wir werden -sehen, wie Ihr Euer Versprechen haltet.« - -Sie vereinigten sich nun auf ein höchst schwieriges Kapitel des Propheten -Ezechiel; ich nahm den Ausleger an und lud sie schon auf den folgenden Tag -zu einer Vorlesung ein. Sie jedoch wollten mich gegen meinen Willen eines -Besseren belehren und meinten, eine so wichtige Sache dürfe man nicht -übereilen; da ich in diesem Fache doch noch wenig Übung habe, müsse ich -mehr Zeit auf die Ausarbeitung meiner Erklärung verwenden. Allein ich -antwortete in gereiztem Tone, daß ich gewohnt sei, mich nicht auf eine -möglichst lange Frist, sondern auf meinen Verstand zu verlassen, und ich -werde überhaupt die ganze Sache aufgeben, wenn sie sich nicht ohne Verzug -zu der Vorlesung einfinden wollten, wann ich es wünsche. Zu meiner ersten -Vorlesung fanden sich nun allerdings nur wenige ein; die meisten fanden es -lächerlich, daß ich -- bisher ganz unbewandert im Studium der heiligen -Schrift -- damit so kurzer Hand verfahren wollte. Denen aber, die meiner -Vorlesung anwohnten, gefiel sie so gut, daß sie sie nicht genug loben -konnten und mich drängten, meine Erklärung nach dieser meiner Methode -fortzusetzen. Als dies bekannt wurde, beeilten sich auch die, die bisher -ferngeblieben waren, in die zweite und dritte Vorlesung zu kommen, und -waren eifrig darauf bedacht, von dem, was ich am ersten Tag gelesen hatte, -sich eine Abschrift zu verschaffen. - -Die Folge davon war, daß der alte Anselm von gewaltiger Eifersucht befallen -wurde, und da er schon vorher infolge mißgünstiger Einflüsterungen nicht -gut auf mich zu sprechen war, verfolgte er mich nun wegen meiner -theologischen Vorlesungen gerade so, wie es einst Wilhelm wegen der -philosophischen gethan hatte. - -Für seine beiden bedeutendsten Schüler galten damals Alberich von Rheims -und Lotulph aus der Lombardei; jemehr diese von sich selber eingenommen -waren, destoweniger waren sie mir hold. Es hat sich nachmals -herausgestellt, daß Anselm sich durch ihre Vorstellungen bestimmen ließ, -mir die Fortsetzung meiner begonnenen Erklärung am Schauplatz seiner -Lehrthätigkeit kurzweg zu untersagen, unter dem Vorwand, es möchten, da -meine Erfahrung in diesem Fache noch mangelhaft sei, Verstöße vorkommen, -für die er dann verantwortlich gemacht werden würde. Als dies meinen -Schülern zu Ohren kam, war ihre Entrüstung über einen so unverblümten -Brotneid groß; denn deutlicher konnte sich ja die Eifersucht nicht zu -erkennen geben. Je mehr ich übrigens unter solchen Verfolgungen zu leiden -hatte, desto größer wurde dadurch mein Ansehen und mein Ruhm. - -So kehrte ich denn auch bald nach Paris zurück, und hatte dort den mir -schon längst bestimmten und angebotenen Lehrstuhl, von dem ich vertrieben -worden war, einige Jahre in ungestörter Ruhe inne; gleich im Anfang meiner -Wirksamkeit ging mein Streben dahin, jene Glossen zu Ezechiel zu vollenden, -die ich in Laon begonnen hatte. Dieses Werk fand beim Publikum eine äußerst -günstige Aufnahme, und man hörte bereits das Urteil, daß meine theologische -Begabung in nichts hinter meiner philosophischen zurückbleibe. Die -Begeisterung für meine Vorlesungen in beiden Fächern vermehrte die Zahl -meiner Schüler ganz erheblich; welcher Gewinn, welcher Ruhm mir daraus -erwuchs, das ist auch dir gewiß nicht unbekannt geblieben. Allein das Glück -hat von jeher die Thoren aufgebläht; die Sicherheit dieser Welt schwächt -die Kräfte der Seele und der Geist erliegt dann nur allzu leicht den -Lockungen des Fleisches. So ging es auch mir: schon hielt ich mich für den -einzigen Philosophen in der Welt, der von keiner Seite mehr einen Angriff -zu fürchten brauche, und ich, der bis jetzt die strengste Enthaltsamkeit -geübt hatte, begann nun meinen Leidenschaften die Zügel schießen zu lassen. -Je mehr ich in Philosophie und Theologie Fortschritte machte, desto weiter -blieb ich mit meinem unreinen Lebenswandel hinter den Philosophen und den -Heiligen zurück. So viel ist sicher, daß die Philosophen und noch mehr die -Heiligen, d. h. die, die ihr Leben nach den Geboten der heiligen Schrift -einrichteten, ihr Ansehen hauptsächlich ihrer Enthaltsamkeit verdanken. Ich -nun war ganz und gar von der Krankheit des Stolzes und der Sinnlichkeit -befallen, aber Gott hat mich in seiner Gnade von beiden Übeln geheilt, -freilich gegen meinen Willen, und zwar zuerst von der Sinnlichkeit, dann -vom Stolz. Von der Sinnlichkeit, indem er mich dessen beraubte, womit ich -ihr gefrönt hatte; vom Stolz, der sich auf mein Wissen gründete -- denn -»Wissen bläht auf«, sagt der Apostel -- indem er mich die Demütigung -erleben ließ, daß mein berühmtestes Buch verbrannt wurde. - -Ich möchte, daß du mit der Geschichte dieser Vorgänge nicht bloß durchs -Hörensagen bekannt würdest, sondern durch eine getreue, dem Gang der -Ereignisse folgende Darstellung. Vor dem schmutzigen Verkehr mit -Buhlerinnen hatte ich von jeher einen Abscheu, andererseits ließ mich mein -Studium, das mich ganz und gar in Anspruch nahm, nicht zum Umgang mit -edleren Frauen kommen, auch war ich in den Umgangsformen weltlichen -Verkehrs nicht bewandert. Da fand das Schicksal, mich scheinbar hätschelnd, -in Wirklichkeit aber mir feindlich gesinnt, ein bequemes Mittel, um mich -von dem Gipfel meiner Größe herabzustürzen -- ja vielmehr die göttliche -Liebe wollte mich, der ich in meinem Übermut des Dankes gegen die Gnade -Gottes vergessen hatte, durch eine tiefe Demütigung auf den rechten Weg -zurückbringen. - -Es lebte in Paris eine Jungfrau Namens Heloise, die Nichte eines Kanonikus -Fulbert, der ihr zuliebe alles that, um an ihrer wissenschaftlichen -Ausbildung nichts zu verabsäumen. Gehörte sie schon ihrem Äußern nach nicht -zu den letzten, so war sie durch den Reichtum ihres Wissens weitaus die -erste. Denn je seltener man den Vorzug wissenschaftlicher Bildung bei -Frauen findet, destomehr Reiz verlieh sie diesem Mädchen, das sich dadurch -bereits im ganzen Lande einen Namen gemacht hatte. Sie, die ich mit allem -geschmückt sah, was Liebe zu wecken pflegt, gedachte ich nun durch Bande -der Liebe an mich zu fesseln, und zweifelte keinen Augenblick an meinem -Erfolg. Mein Name war damals hoch gefeiert und ich stand in der Blüte -männlicher Jugendschöne, so daß ich keine Zurückweisung fürchten zu müssen -glaubte, wenn ich eine Frau meiner Liebe würdigte, mochte sie sein, wer sie -wollte. Von Heloise aber glaubte ich, daß sie sich mir um so lieber ergeben -werde, als sie wissenschaftliche Bildung besaß und eine Vorliebe für die -Wissenschaften hatte. Ich sagte mir, daß wir infolgedessen selbst in die -Ferne schriftlich miteinander verkehren konnten, daß man dabei der Feder -manches kühne Wort vertrauen könne, das die Lippe nicht gewagt hätte, und -daß uns so allezeit Gelegenheit zum süßesten Gedankenaustausch geboten sei. - -Von glühender Liebe zu diesem Mädchen erfüllt, suchte ich nach einer -Gelegenheit, um sie durch täglichen Verkehr in ihrem Hause näher kennen zu -lernen und sie meinen Wünschen gefügig zu machen. Ihres Oheims eigene -Freunde waren mir dabei behilflich; ich kam mit ihm überein, daß er mich um -eine beliebige Entschädigung in sein Haus aufnehmen sollte, das ganz in der -Nähe meiner Schule lag. Ich gebrauchte dabei den Vorwand, daß mir bei -meinem Gelehrtenberuf die Sorge für meine leibliche Notdurft hinderlich sei -und mir auch zu teuer zu stehen komme. Nun war Fulbert ein großer Geizhals, -dabei aber doch darauf bedacht, daß seine Nichte in ihrer gelehrten Bildung -möglichst große Fortschritte mache. Beides zusammen verschaffte mir ohne -Schwierigkeiten die Einwilligung zu dem, was ich wollte: einerseits war der -Alte auf das Geld aus, andererseits versprach er sich von meinem Unterricht -einen Vorteil für das Mädchen. Ja, er kam selber meinen Wünschen über alles -Erwarten entgegen und leistete unbewußt meiner Liebe Vorschub. Er überließ -mir Heloise ganz und gar zur Erziehung und bat mich obendrein dringend, ich -möchte doch ja alle freie Zeit, sei's bei Tag oder bei Nacht, auf ihren -Unterricht verwenden, ja, wenn sie sich träge und unaufmerksam zeige, solle -ich sie rücksichtslos bestrafen. Ich mußte nur staunen über eine solch -grenzenlose Einfalt, die das unschuldige Lamm dem hungrigen Wolf -anvertraute. Er gab sie mir also nicht bloß in die Lehre, sondern übertrug -mir auch das Recht der Züchtigung. War damit meinen Wünschen nicht Thür und -Thor geöffnet? Machte er es mir auf diese Weise doch möglich, ohne daß ich -es wollte, mit Drohen und Schlagen zum Ziele zu gelangen, wenn die Worte -der Verführung nichts nutzten! Aber ein Zweifaches hielt jeden Verdacht -fern von ihm: die Liebe zu seiner Nichte und die allbekannte -Unbescholtenheit meines bisherigen Lebens. - -Was soll ich weiter viel sagen? Zuerst Ein Haus, dann Ein Herz und Eine -Seele. Unter dem Deckmantel der Wissenschaft gaben wir uns ganz der Liebe -hin und unsere Beschäftigung bot uns von selbst die Gelegenheit des -Alleinseins, wie Liebende sie wünschen. Da war denn freilich über dem -offenen Buche mehr von Liebe die Rede als von Wissenschaft, da gab es mehr -Küsse als weise Sprüche. Nur allzu oft verirrte sich die Hand von den -Büchern weg zu ihrem Busen, und eifriger als in den Schriften lasen wir -eins in des andern Augen; ja, um jeden Verdacht unmöglich zu machen, ging -ich einigemale soweit, daß ich sie züchtigte. Aber es war Liebe, die -schlug, nicht Grimm; Neigung, nicht Zorn, und diese Züchtigungen waren -süßer als aller Balsam der Welt. Kurz: die ganze Stufenleiter der Liebe -machte unsre Leidenschaft durch, und wo die Liebe eine neue Entzückung -erfand, da haben wir sie genossen. Der Reiz der Neuheit, den diese Freuden -für uns hatten, erhöhte nur die Ausdauer unserer Glut und unsere -Unersättlichkeit. Je mehr ich ein Sklave der Lust geworden war, -destoweniger hatte ich mehr übrig für Wissenschaft und Schule. Es war mir -im Innersten zuwider, vor meine Schüler hinzutreten und unter ihnen zu -weilen; zugleich war es ein aufreibendes Leben, das ich führte: meine -Nächte gehörten der Liebe, die Tage der geistigen Arbeit. Meine Vorträge -waren gleichgültig und matt, meine Rede sprühte nicht mehr von Funken des -Geistes, erhob sich nicht mehr über das Gewöhnliche. Ich konnte nur noch -wiederholen, was ich früher ausgedacht hatte, und wenn ich dann und wann -noch imstande war, ein Lied zu dichten, so sang ich vom Lob der Minne, -nicht von den Tiefen der Weisheit. Die meisten dieser Lieder leben noch -jetzt, wie du wohl weißt, da und dort im Munde des Volkes und werden von -denen gesungen, die Gleiches erleben. - -Von der Trauer, dem Jammer, den Klagen meiner Schüler als sie entdeckten, -daß ich innerlich in dieser Weise in Anspruch genommen, ja gestört sei, -kann man sich kaum eine Vorstellung machen. Eine Sache, die so klar am Tage -lag, konnte ja unmöglich ein Geheimnis bleiben, und ich glaube fast: nur -der Mann wußte nichts davon, dessen Ehre dabei am meisten auf dem Spiele -stand, der Oheim des Mädchens selbst. Zwar wurde er mehrmals und von -verschiedenen Seiten gewarnt; allein er schenkte solchen Einflüsterungen -keinen Glauben und zwar aus den oben genannten Gründen, wegen der -unbegrenzten Liebe zu seiner Nichte und wegen der unbezweifelten Reinheit -meines Vorlebens. Denn wohl fällt es uns schwer, von denen, die wir lieben, -Schlechtes zu glauben, und wahre Liebe weiß nichts von dem schleichenden -Gifte des Argwohns. So schreibt auch der heilige Hieronymus in seinem Brief -an Sabinianus: »Gewöhnlich erfahren wir selbst es zuletzt, wenn in unserem -Hause etwas nicht in Ordnung ist, und wissen nichts von den Fehlern unserer -Kinder und Frauen, wenn die Nachbarn schon laut davon sprechen.« -- Aber -wenn auch spät, einmal wird es doch offenbar; was alle wissen, bleibt einem -einzigen auf die Dauer auch nicht verborgen. - -Dies war, nachdem einige Monate verflossen waren, auch das Schicksal -unserer Liebe. Ach, wie zerriß diese Entdeckung dem Oheim das Herz! Wie -groß war der Schmerz, der die Liebenden selbst durch die nun folgende -Trennung traf! Welche Schande, welche Verlegenheit für mich! Mit welcher -Verzweiflung erfüllte mich das Unglück des Mädchens! Welche Qualen, welche -Trauer über den Verlust meines eigenen guten Leumunds stand ich aus! Jedes -von uns beklagte nicht sein eigenes Mißgeschick, sondern nur das des -andern. Allein die körperliche Trennung befestigte nur das Band unserer -Seelen und unsere Liebe wurde um so glühender, je mehr die Befriedigung ihr -fehlte. Nachdem unsre Leidenschaft einmal die Fesseln der Scham -durchbrochen hatte, wurden wir unempfindlich gegen sie, und das Schamgefühl -hatte um so weniger Einfluß auf uns, je lockender die Sünde erschien, die -wir begangen. Wir erlebten an uns dasselbe, was der Dichter von Mars und -Venus erzählt, als sie bei einander überrascht wurden. - -Bald darauf fühlte Heloise sich Mutter; in der höchsten Freude -benachrichtigte sie mich davon und fragte mich um Rat, was nun zu thun sei. -Nachdem wir vorher darüber eins geworden waren, entführte ich sie ihrem -Oheim in einer Nacht, da er nicht zu Hause war. Unverzüglich geleitete ich -sie in meine Heimat zu meiner Schwester, bei der sie bis zur Geburt eines -Knäbleins verblieb, dem sie den Namen Astralabius gab. Fulbert gebärdete -sich bei seiner Heimkehr wie ein Rasender; nur wer es selbst mit ansah, -kann sich eine Vorstellung machen von der Wut seines Schmerzes und von -seiner peinlichen Verlegenheit. Er wußte nicht, was er mir anthun, welche -Rache er an mir nehmen sollte. Mir nach dem Leben zu stehen oder mir einen -leiblichen Schaden zuzufügen -- davon hielt ihn die Angst ab, seine -vielgeliebte Nichte möchte dies bei den Meinigen zu büßen bekommen. Auch -konnte er sich nicht etwa meiner Person bemächtigen und mich mit Gewalt in -irgend einen Gewahrsam bringen. Denn gerade in dem Punkt war ich sehr auf -meiner Hut; ich kannte ihn als einen Mann, der sich nicht lange besinnen -würde, wenn sich gute Gelegenheit zu einem Wagnis böte. Zuletzt aber bekam -ich selbst Mitleid mit dem ungemessenen Schmerz des Mannes, auch machte ich -mir Gewissensbisse über die Art und Weise, wie ich ihn um meiner Liebe -willen hintergangen hatte, und klagte mich des schwärzesten Verrates gegen -ihn an. So ging ich denn zu Fulbert, bat ihn um Vergebung und bot ihm jede -beliebige Entschädigung an. Ich beteuerte ihm, daß niemand über meine That -befremdet sein könne, der die Macht der Liebe einmal erfahren habe und der -wisse, wie schmählich von Anbeginn der Welt an selbst die größten Männer -durch die Weiber zu Fall gebracht worden seien. Um ihn völlig zu -besänftigen, bot ich ihm eine Genugthuung an, die er nicht erwarten konnte: -nämlich das verführte Mädchen zu meiner rechtmäßigen Frau zu machen, unter -der einen Bedingung, daß unsere Ehe geheim bleiben sollte, damit ich an -meinem Ruf keine Einbuße erleide. Fulbert ging darauf ein und er sowohl als -seine Freunde gaben mir die Hand darauf und besiegelten durch Küsse den -Friedensschluß -- nur um mich desto sicherer zu verraten. - -Ich kehrte nun in meine Heimat zurück und holte die Geliebte ab, um sie zu -meiner Frau zu machen. Aber Heloise war keineswegs damit einverstanden und -riet mir aus zwei Gründen dringend von meinem Vorhaben ab: nämlich wegen -der Gefahr und wegen der Unehre, der ich mich dadurch aussetze. Sie -versicherte mich, Fulbert lasse sich durch keine Genugthuung über das, was -geschehen sei, beruhigen. Es zeigte sich später, daß sie recht hatte. Sie -fragte mich, wie sie sich meines Besitzes sollte freuen können, wenn sie -dadurch meinen Ruhm untergrabe und sich und mich zugleich erniedrige. Wie -könnte sie es vor der Welt verantworten, wenn sie ihr eine solche Leuchte -entzöge! Wie viel Verwünschungen würden diesem Ehebund nachgesandt werden, -welcher Schaden würde der Kirche daraus erwachsen, wie viel Thränen würde -die Wissenschaft darüber vergießen! Wie erbärmlich und kläglich wäre es, -wenn ein Mann wie ich, geschaffen für die ganze Welt, sich durch ein Weib -binden lassen und sich unter ein schimpfliches Joch beugen wollte! Sie -verwarf diese Ehe aufs lebhafteste, da sie mir in jeder Hinsicht nachteilig -und eine Last sei. Sie hielt mir ferner die geringe Achtung vor, in der die -Ehe stehe und die Unannehmlichkeiten, die damit verbunden seien, zu deren -Vermeidung der Apostel uns mahnt mit den Worten: »Bist du los vom Weib, so -suche kein Weib. So du aber freiest, sündigest du nicht, und so eine -Jungfrau freiet, sündiget sie nicht; doch werden solche leibliche Trübsal -haben; ich verschonete aber euer gerne.« -- Und noch einmal sagt er: »ich -wollte aber, daß ihr ohne Sorge wäret.« -- Und wenn ich weder den Rat des -Apostels noch die Warnungen der heiligen Väter vor dem Joch der Ehe -annehmen wolle: so möchte ich doch wenigstens auf die Philosophen hören und -auf das, was in dieser Hinsicht entweder durch sie oder über sie -geschrieben worden sei. Auch die Kirchenväter beziehen sich ja vielfach auf -sie, um uns zu warnen. Als Beispiel führte sie den heiligen Hieronymus an, -der im ersten Kapitel seiner Schrift »Gegen Jovinianus« von Theophrastus -erzählt, daß dieser in einer ausführlichen Besprechung der unerträglichen -Beschwerden und beständigen Aufregungen, die der Ehestand mit sich bringe, -schließlich mit den überzeugendsten Gründen zu dem Schluß komme: der Weise -sollte überhaupt nicht heiraten. Am Schluß seiner Betrachtungen über jene -Äußerungen des Philosophen sagt Hieronymus selbst: »Welcher Christ muß sich -nicht beschämt fühlen, wenn er einen Theophrastus also reden hört?« In -derselben Schrift -- fuhr Heloise fort -- führt Hieronymus das Beispiel -Ciceros an. Als dieser sich von Terentia hatte scheiden lassen, redete ihm -sein Freund Hircius zu, er solle seine Schwester heiraten; allein er lehnte -dies entschieden ab, da er sich nicht zugleich einer Frau und der -Philosophie widmen könne. Er sagt nicht einfach »sich widmen«, sondern fügt -das Wort »zugleich« hinzu. Er wollte nichts thun, was ihn verhindert hätte, -seine Aufmerksamkeit völlig auf die Philosophie zu beschränken. - -Doch ich will davon nicht weiter sprechen, welches Hindernis für deinen -gelehrten Beruf eine bürgerliche Ehe wäre. Denke nur an das übrige, was sie -in ihrem Gefolge hätte. Was für ein Durcheinander! Schüler und Kammerzofen, -Schreibtisch und Kinderwagen! Bücher und Hefte beim Spinnrocken, -Schreibrohr und Griffel bei den Spindeln! Wer kann sich mit Betrachtung der -Schrift oder mit dem Studium der Philosophie abgeben und dabei das Geschrei -der kleinen Kinder, den Singsang der Amme, der sie beruhigen soll, die -geräuschvolle Schar männlicher und weiblicher Dienstboten hören? Wer mag -die beständige widerliche Unreinlichkeit der Kinder gern ertragen? Reiche -Leute wissen sich in dieser Beziehung zu helfen, das gebe ich zu, denn sie -sind in ihren fürstlichen Räumen nicht beschränkt, sie brauchen in ihrem -Überfluß nicht auf die Kosten zu sehen und die Sorge ums tägliche Brot -liegt ihnen fern. Allein die Lage der Philosophen ist eine andere als die -der Reichen und wiederum: wer nach irdischen Schätzen trachtet und in die -Sorgen dieser Welt verwickelt ist, hat keine Zeit für göttliche oder -philosophische Dinge. - -Darum haben auch die großen Philosophen der alten Zeit voll Weltverachtung -das Leben in der Welt aufgegeben, ja förmlich geflohen, jeden irdischen -Genuß sich versagend, um allein in den Armen der Weisheit Ruhe zu finden. -Einer der größten von ihnen, Seneca, giebt dem Lucilius folgende Anweisung: -»Nicht bloß deine freie Zeit darfst du der Philosophie widmen: ihr zulieb -muß man alles andere hintansetzen, nie kann man auf sie zu viel Zeit -verwenden. Vernachlässigst du das Studium der Philosophie eine Zeitlang, so -ist dies fast ebenso, wie wenn du es ganz aufgeben würdest; denn durch -zeitweise Unterbrechung geht der ganze Gewinn verloren. Anderweitigen -Ansprüchen müssen wir aus dem Wege gehen und sie fern von uns halten, statt -sie zu befriedigen.« Was noch jetzt unsere Mönche, wenigstens die diesen -Namen wahrhaft verdienen, aus Liebe zu Gott thun, das thaten in der alten -Zeit aus Liebe zur Weisheit die edlen heidnischen Philosophen. Denn in -jedem Volke, sei es heidnischen, jüdischen oder christlichen Glaubens, hat -es von jeher Männer gegeben, die durch Glauben oder Sittenreinheit über den -anderen standen und durch einen besonderen Grad von Enthaltsamkeit und -Strenge von der großen Menge geschieden waren. - -So gab es bei den Juden von alters her Nasiräer, die sich nach einer -besonderen Gesetzesvorschrift Gott weihten; da waren ferner die Söhne der -Propheten, die Jünger des Elia und Elisa, die uns im Alten Testament nach -dem Zeugnis des heiligen Hieronymus wie Mönche beschrieben werden. Etwas -ähnliches waren auch jene drei philosophischen Sekten, die Josephus in -seinen »Altertümern«, Kapitel XVIII, aufzählt und teils Pharisäer, teils -Sadducäer, teils Essäer nennt. Bei uns sind die Mönche an ihre Stelle -getreten, die entweder das gemeine Leben der Apostel nachahmen, oder nach -dem ältern Vorbild das Einsiedlerleben des Johannes. Die Heiden aber hatten -dafür, wie gesagt, ihre Philosophen. Denn unter dem Namen »Weisheit« oder -»Philosophie« verstanden sie weniger den Betrieb der Wissenschaft als eine -gottgeweihte Lebensführung; dies lehrt uns die ursprüngliche Bedeutung des -Wortes und außerdem auch das Zeugnis der heiligen Väter. So sagt der -heilige Augustin im achten Kapitel seines Buches »Vom Gottesstaat«, wo er -die verschiedenen Philosophenschulen aufzählt, folgendes: »Der Stifter der -Italischen Schule ist Pythagoras von Samos; man sagt, daß von ihm der Name -'Philosophie' herrühre. Früher nämlich wurden Männer, die sich durch -tadellose Lebensführung irgendwie über die andern erhoben, Weise genannt. -Pythagoras dagegen sagte, als man ihn nach seinem Beruf fragte, er sei ein -Philosoph, d. h. ein Jünger oder Liebhaber der Weisheit; sich einen Weisen -zu nennen, hielt er für eine Anmaßung.« - -Nun geht aus den Worten: »die sich _durch tadellose Lebensführung_ -irgendwie über die andern erhoben« -- deutlich hervor, daß die heidnischen -Weisen, d. h. die Philosophen, ihren Namen nicht dem Ruhm ihres Wissens, -sondern der Vortrefflichkeit ihres Lebenswandels verdankten. Für die -Nüchternheit und Enthaltsamkeit ihres Lebens brauche ich dir aber nicht -erst Beispiele anzuführen: das hieße Eulen nach Athen tragen. Wenn aber -Laien, und dazu Heiden, durch kein religiöses Gelübde gebunden, also gelebt -haben, was wirst dann du zu thun haben, du, ein Geistlicher und Chorherr? -Wolltest du dem Dienste Gottes niedrige Sinnenlust vorziehen und dich in -ihren Strudel hineinziehen lassen, wolltest du in diesem Schlamm versinken, -jeder Scham bar und ohne Hoffnung auf Rückkehr? Wenn dich die Rücksicht auf -deinen geistlichen Beruf nicht zurückzuhalten vermag, so wirf wenigstens -die Würde des Philosophen nicht weg. Lässest du die Gottesfurcht außer -acht, so möge doch das Ehrgefühl deine Begierde zügeln. Denke an die -unglückselige Ehe des Sokrates, und wie schwer er den Verrat an der -Philosophie büßen mußte, allen anderen zum abschreckenden Beispiel. -Hieronymus spricht davon im ersten Buch seiner Schrift »Gegen Jovinianus«, -wo er eben von Sokrates erzählt: »Xanthippe überschüttete ihn einmal vom -Fenster aus mit einer endlosen Flut von Schimpfworten. Sokrates ließ es -ruhig über sich ergehen, und als ihm seine Ehehälfte auch noch schmutziges -Wasser auf den Kopf goß, trocknete er sich ruhig ab und sagte: 'Ich wußte -wohl, daß ein solches Donnerwetter nicht ohne Regen bleiben werde.'« - -Heloise stellte mir außerdem noch vor, wie gefährlich es für mich sei, sie -nach Paris zurückzuführen, und wie viel lieber sie meine Geliebte als meine -Gattin heißen wolle, abgesehen davon, daß jenes für mich ehrenvoller sei. -Einzig und allein der freien Liebe wolle sie meinen Besitz verdanken, nicht -dem Zwang des ehelichen Bandes. Und je seltener unsere Zusammenkünfte -stattfinden könnten, desto süßer werden die Freuden unserer Vereinigung -nach der zeitweiligen Trennung sein. - -Da sie nun durch derartige Ratschläge und Warnungen meinen verblendeten -Sinn nicht umzustimmen vermochte und mich doch auch nicht beleidigen -wollte, brach sie ihre Vorstellungen unter Seufzen und Thränen mit den -Worten ab: dies allein bleibt uns noch zu thun übrig: so wird unser -gemeinsames Verderben besiegelt sein und ein Jammer über uns kommen, so -groß wie einst unser Liebesglück war. Und auch darin -- die ganze Welt weiß -es -- hatte ihr prophetischer Geist nur allzurichtig gesehen. - -Wir ließen unser Kind in der Obhut meiner Schwester und kehrten heimlich -nach Paris zurück. Dort wurden wir bald nach unserer Ankunft eines Morgens -in aller Frühe getraut, nachdem wir die Nacht in einer Kirche mit der Feier -der Vigilien in der Stille verbracht hatten. Als Zeugen waren zugegen der -Oheim Heloisens, sowie einige Verwandte von meiner und ihrer Seite. Dann -trennten wir uns alsbald -- jedes ging still seines Wegs, und von da an -sahen wir uns nur noch selten und verstohlen, da unsere Ehe geheim bleiben -sollte. - -Heloisens Oheim jedoch und seine Angehörigen, die den ihnen zugefügten -Schimpf immer noch nicht verschmerzt hatten, fingen an, unser Ehebündnis -bekannt zu machen und brachen damit das Versprechen, das sie mir gegeben -hatten. Heloise ihrerseits verschwor sich hoch und teuer, daß jene lügen, -und zog sich dadurch vielfach Mißhandlungen des erbitterten Fulbert zu. Als -ich davon hörte, brachte ich sie in das Nonnenkloster Argenteuil bei Paris, -in dem Heloise erzogen worden war. Ich ließ sie auch die Gewandung anlegen, -die das Klosterleben erfordert -- mit Ausnahme des Schleiers. Nun aber -glaubten Fulbert und seine Verwandten, ich hätte sie jetzt erst recht -hintergangen und Heloise zur Nonne gemacht, um sie los zu werden. Aufs -höchste entrüstet vereinigten sie sich zu meinem Verderben. Nachdem sie -meinen Diener durch Geld gewonnen hatten, nahmen sie eines Nachts, als ich -ruhig in meiner Kammer schlief, die denkbar grausamste und beschämendste -Rache an mir, so daß alles darüber entsetzt war: sie beraubten mich dessen, -womit ich begangen hatte, worüber sie klagten. Die Thäter ergriffen alsbald -die Flucht, zwei von ihnen wurden jedoch festgenommen, geblendet und -entmannt. Einer davon war jener Diener, der stets in meiner Umgebung -gewesen und durch seine Geldgier zum Verräter an mir geworden war. - -Als es Tag wurde, strömte die ganze Stadt vor meiner Wohnung zusammen, und -es ist schwer, ja geradezu unmöglich, die Äußerungen des Entsetzens, des -Jammers, des Geschreis, der Klagen zu beschreiben, die nun laut wurden. -Hauptsächlich die Kleriker und ganz besonders meine Schüler vermehrten -meine Qual durch ihre unerträglichen Lamentationen. Ihr Mitleid war mir -schmerzlicher, als meine Wunde selber; das Gefühl meiner Schmach war -lebendiger in mir als der körperliche Schmerz, ich dachte mehr an die -Schande als an die Verletzung. Der hohe Ruhm, dessen ich mich eben noch -erfreut hatte -- wie schwer war er in einem Augenblick geschädigt worden! -Ja, vielleicht war er für immer dahin! Wie gerecht war Gottes Strafe, die -mich an dem Teil meines Körpers schlug, mit dem ich gesündigt hatte! Wie -recht hatte der, den ich zuerst verraten hatte, wenn er mir nun Gleiches -mit Gleichem vergalt! Wie werden -- so sagte ich mir -- meine Widersacher -die Gerechtigkeit preisen, die hier so offenbar waltete! In welch -untröstliche Betrübnis wird dieser Schlag meine Eltern und Freunde -versetzen! Wie wird die Kunde von dieser seltenen Schmach die ganze Welt -durchlaufen! Blieb mir überhaupt noch ein Ausweg? Wie konnte ich's noch -wagen, in der Öffentlichkeit zu erscheinen, da alles mit Fingern auf mich -deuten und hinter mir herzischeln mußte? Würde ich nicht von allen als ein -ungeheuerliches Schauspiel betrachtet werden? - -Nicht zum wenigsten ängstigte mich auch die folgende Erwägung: nach dem -tötenden Buchstaben des Gesetzes sind Eunuchen vor Gott ein solcher Greuel, -daß Leute, die ihrer Mannheit beraubt sind, als anrüchig und unrein den -Tempel nicht betreten dürfen, und daß sogar Tiere, bei denen dies der Fall -ist, nicht zum Opfer zugelassen werden. Im Levitikus heißt es: »Du sollst -dem Herrn kein Zerstoßenes oder Zerriebenes oder Zerrissenes oder was -verwundet ist, opfern« -- und 5. Mos., Kap. 23: »Es soll kein Zerstoßener -noch Verschnittener in die Gemeinde des Herrn kommen.« - -In dieser verzweifelten Lage trieb mich weniger ein aufrichtiges religiöses -Bedürfnis -- ich gestehe es offen -- als die Verlegenheit und die Scham in -den bergenden Schutz der Klostermauern. Heloise hatte schon vorher auf -meinen Wunsch bereitwillig den Schleier genommen. Und so trugen wir nun -beide das geistliche Gewand: ich in der Abtei von St. Denis, sie im Kloster -von Argenteuil. Noch erinnere ich mich: man hatte vielfach Mitleid mit -ihrer Jugend und stellte ihr, um sie abzuschrecken, das Joch der -Klosterregel als eine unerträgliche Last dar. Vergebens: unter Thränen -schluchzend brach sie in jene klagenden Worte der Cornelia aus: - - »O herrlicher Gatte, - Besseren Ehbetts wert! So wuchtig durfte das Schicksal - Treffen ein solches Haupt? Ach mußt ich darum dich freien, - Daß dein Unstern ich würd? -- Doch nun empfange mein Opfer - Freudig bring ich es dir --« - -Mit diesen Worten trat sie vor den Altar, empfing aus der Hand des Bischofs -den geweihten Schleier und legte vor dem ganzen Konvent das Klostergelübde -ab. - -Ich hatte mich kaum von meiner Verletzung erholt, als die Kleriker in Menge -herbeiströmten und sowohl meinen Abt wie mich selbst mit Bitten bestürmten: -ich solle das, was ich bisher aus Verlangen nach Geld oder Ruhm gethan -habe, jetzt aus Liebe zu Gott thun. Ich solle bedenken, daß Gott das Pfund, -das er mir anvertraut, mit Zinsen von mir zurückverlangen werde! Bisher -habe ich mich fast nur mit Reichen abgegeben, jetzt solle ich meine Kräfte -in den Dienst der Armen stellen. Ich möchte erkennen, daß die Hand des -Herrn mich vor allem deshalb geschlagen habe, damit ich desto -unbehinderter, den Lockungen des Fleisches und dem unruhigen Treiben der -Welt entrückt, der Wissenschaft leben könne, und nicht mehr die Weisheit -dieser Welt, sondern die wahre Gottesweisheit lehren möge. - -In dem Kloster, in das ich eingetreten war, herrschte zu jener Zeit ein -überaus weltliches, sittenloses Leben. Je höher der Abt selbst seinem Range -nach über den andern stand, desto schlimmer und berüchtigter war sein -Lebenswandel. Da ich nun ihre empörende Sittenlosigkeit teils im vertrauten -Kreis, teils öffentlich mehrmals aufs nachdrücklichste rügte, so wurde ich -ihnen überaus unbequem und verhaßt. Mit Vergnügen sahen sie, wie meine -Schüler Tag für Tag unermüdlich mit Bitten in mich drangen; denn dieser -Umstand gab ihnen Gelegenheit, sich meiner zu entledigen. Da nun jene mir -unaufhörlich zusetzten und mir keine Ruhe ließen, auch der Abt und die -Brüder sich in den Handel mischten, gab ich endlich nach und zog mich in -eine Einsiedelei zurück, um meine gewohnte Lehrthätigkeit wieder -aufzunehmen. Hier strömte nun eine solche Menge von Schülern zusammen, daß -es ebenso an Raum, sie zu beherbergen, wie an Lebensmitteln zu ihrem -Unterhalt fehlte. - -Wie es meinem jetzigen Beruf entsprach, hielt ich hauptsächlich -theologische Vorlesungen. Doch gab ich die Unterweisung in den weltlichen -Wissenschaften deshalb nicht ganz auf; in ihnen war ich einst am besten -bewandert gewesen und um ihretwillen suchte man mich hauptsächlich auf. So -benutzte ich sie gleichsam als Köder, um durch diese etwas nach Philosophie -schmeckende Lockspeise meine Zuhörer für das Studium der wahren Philosophie -zu gewinnen, wie denn die »Kirchengeschichte« dasselbe Verfahren von -Origenes berichtet, jenem größten aller geistlichen Philosophen. Da es nun -aber ersichtlich wurde, daß Gott mich mit heiliger wie mit weltlicher -Wissenschaft in gleicher Weise begabt hatte, so vermehrte sich die Zahl -meiner Zuhörer in beiden Fächern, während die andern Schulen sich -bedenklich leerten. Dadurch zog ich mir den heftigsten Neid und Haß der -Lehrer zu, die nun alles aufboten, um mir Abbruch zu thun. Hauptsächlich -zwei Vorwürfe waren es, die sie immer wieder gegen mich erhoben, während -ich fern war: daß sich mit dem Beruf eines Mönchs das Studium weltlicher -Wissenschaft nimmermehr vertrage und daß ich mir ein Lehramt in der -Theologie angemaßt habe, ohne vorher selbst in die Schule gegangen zu sein. -Sie hätten es am liebsten gesehen, wenn mir die Ausübung meiner -Lehrthätigkeit ganz untersagt worden wäre, und waren unablässig bemüht, -Bischöfe, Erzbischöfe, Äbte und sonstige einflußreiche Kirchenmänner für -ihre Absicht zu gewinnen. Ich befaßte mich nun zuerst damit, das Fundament -unseres Glaubens selbst durch menschliche Vernunftgründe faßlich zu machen. -Zu diesem Zweck schrieb ich eine theologische Abhandlung »über die -göttliche Einheit und Dreiheit« für den Gebrauch meiner Schüler, die nach -vernünftigen, wissenschaftlichen Gründen verlangten, und nicht bloß Worte -hören, sondern sich auch etwas dabei denken wollten. Sie meinten, es sei -vergeblich, viele Worte zu machen, bei denen sich nichts denken lasse; man -könne doch nichts glauben, was man nicht vorher begriffen habe; es sei -lächerlich, wenn einer etwas predigen wolle, was weder er selbst noch seine -Zuhörer mit dem Verstand fassen könnten; das seien »die blinden -Blindenleiter«, von denen der Herr spreche. Mein Buch gefiel allen meinen -Schülern außerordentlich, denn hier -- so schien es -- fand man auf alle -Fragen, die über diesen Gegenstand schwebten, eine befriedigende Antwort. -Und gerade diese Fragen galten damals für ganz besonders schwierig; je -größeres Gewicht man ihnen aber beilegte, desto mehr wurde die Feinheit der -Lösung geschätzt. Meine Neider jedoch gerieten dadurch in gewaltige -Aufregung und sie beriefen gegen mich ein Konzil, an ihrer Spitze meine -beiden alten Widersacher, Alberich und Lotulf. Diese maßten sich nach dem -Tode unserer gemeinsamen Lehrer Wilhelm und Anselm die Alleinherrschaft an -und wollten sich gleichsam in das Erbe der beiden berühmten Männer teilen. - -Alberich und Lotulf lehrten damals beide zu Rheims und sie brachten es bei -ihrem Erzbischof Radulf durch allerhand Einflüsterungen in der That soweit, -daß man unter Beiziehung des Bischofs von Präneste, Conanus, der damals -päpstlicher Legat in Frankreich war, eine dürftige Versammlung unter dem -stolzen Namen eines Konzils in Soissons abhielt und mich einlud, mein -vielbesprochenes Buch »Über die Dreieinigkeit« dorthin mitzubringen. Und so -geschah es. - -Indessen hatten mich meine beiden Hauptwidersacher bei Klerus und Volk noch -vor meiner Ankunft in ein so übles Licht gestellt, daß ich mit meinen paar -Begleitern von der Menge beinahe gesteinigt worden wäre; es hieß, ich lehre -in Wort und Schrift drei Götter -- das hatte man ihnen vorgeredet. - -Sogleich nach meiner Ankunft in Soissons ging ich zum Legaten und übergab -ihm mein Buch zur Prüfung und Beurteilung; zugleich erklärte ich mich -bereit, meine Lehre zu berichtigen oder zu widerrufen, falls sie mit dem -katholischen Glauben im Widerspruch stehe. Der Legat jedoch schickte mich -mit meinem Buch zum Erzbischof und zu meinen Gegnern; die Männer sollten -über mich zu Gericht sitzen, die mich angeklagt hatten, und an mir sollte -sich das Wort erfüllen: »Meine Feinde sind meine Richter«. - -Sie durchstöberten nun mein Buch mehrmals von vorn bis hinten, fanden aber -nichts, das sie in der Versammlung gegen mich hätten vorbringen können und -verschoben darum die Verdammung des Buchs, nach der sie lechzten, bis auf -den Schluß des Konzils. Ich meinerseits benutzte die Zeit ehe die Sitzungen -abgehalten wurden täglich zu öffentlichen Vorträgen über den katholischen -Glauben, wie er in meinen Schriften zum Ausdruck kam, und unter meinen -Zuhörern war nur eine Stimme des Lobes und der Bewunderung für meine -Redegewandtheit wie für meinen Scharfsinn. Das Volk aber und die -Geistlichkeit fingen an zu murren: »Sehet, nun redet er frei und offen vor -aller Welt und niemand widerspricht ihm! Das Konzil, das doch seinetwegen -vor allem berufen wurde, ist nächstens zu Ende. Sind vielleicht die Richter -zu der Einsicht gekommen, daß sie selber irren, nicht er?« - -Infolgedessen stieg die Wut meiner Gegner von Tag zu Tag. Eines Tags nun -kam Alberich mit einigen seiner Schüler zu mir, um mir eine Schlinge zu -legen. Nach einigen einleitenden höflichen Redensarten sagte er, eine -Stelle in meinem Buch habe ihn befremdet: nämlich, obwohl Gott Gott gezeugt -habe und nur ein Gott sei, leugne ich doch, daß Gott sich selber gezeugt -habe. Unverzüglich antwortete ich ihm: »ich bin bereit, hierüber -Rechenschaft abzulegen, wenn es euch genehm ist«. Darauf versetzte er: »In -solchen Fragen lassen wir nicht menschliche Vernunftgründe oder unsre -eigene Weisheit gelten, sondern einzig und allein die Autorität der Väter.« --- »Schlaget nur in meinem Buche nach,« erwiderte ich, »und ihr werdet eine -solche Autorität finden.« -- Das Buch war zur Hand; er hatte es selbst -mitgebracht. Ich schlug die Stelle auf, die ich im Kopfe hatte und die dem -Alberich entgangen war, weil er nur nach solchen suchte, die mir schaden -konnten. Gott wollte es, daß ich das Gewünschte alsbald fand. Es war ein -Citat aus dem ersten Buche von Augustins Werk »Über die Dreieinigkeit« und -lautete: »Wer da glaubt, Gott habe die Macht sich selbst zu erzeugen, ist -in einem schweren Irrtum befangen, denn diese Fähigkeit kommt Gott so wenig -zu wie irgend einer anderen geistigen oder leiblichen Kreatur; es giebt -überhaupt kein Wesen, welches sich selbst erzeugen könnte.« - -Diese Worte versetzten die Schüler Alberichs in peinliche Verlegenheit. Er -selbst, um nur irgend etwas zu sagen, meinte: »Das ist allerdings -deutlich.« Ich erwiderte ihm, diese Ansicht sei nicht neu, allein für den -Augenblick falle sie nicht ins Gewicht, da er ja nur nach Worten suche und -nicht den tieferen Sinn, der ihnen zu Grunde liege. Falls er aber eine -Darlegung und Begründung ihres eigentlichen Sinnes anhören wolle, so sei -ich bereit, ihm aus seinen eigenen Worten nachzuweisen, daß er in die -Ketzerei verfallen sei, die annehme, daß Gott-Vater sein eigener Sohn sei. -Daraufhin geriet Alberich in große Wut, nahm seine Zuflucht zu Drohungen -und versicherte mich, daß weder meine eigene Weisheit, noch meine Berufung -auf andere Autoritäten mir etwas helfen sollten. -- Und damit ging er. - -Der letzte Tag des Konzils war herangekommen. Vor der Sitzung hatten der -Legat und der Erzbischof von Rheims mit meinen Gegnern und einigen andern -Personen eine lange Beratung darüber, was in Anbetracht meiner Person und -meines Buches zu thun sei; denn um dieser Sache willen war ja das Konzil -hauptsächlich berufen worden. In meinen Worten oder in meiner Schrift, die -vorlag, fand man nichts, was man gegen mich hätte vorbringen können. Einen -Augenblick herrschte allgemeines Schweigen und was sich hören ließ, waren -nur schüchterne Einwürfe. Da ergriff Gottfried, Bischof von Chartres, durch -den Ruf seiner Frömmigkeit und das Ansehen seines Stuhles den übrigen -Bischöfen überlegen, das Wort und sprach also: »Würdige Herren! Euch allen, -die ihr hier versammelt seid, ist es wohl bekannt, daß die Lehre dieses -Mannes, welcher Art sie auch sein mag, und der Reichtum seines Geistes, -welchem Gebiet immer er sich zugewandt hat, viel Beifall gefunden und große -Anziehungskraft ausgeübt haben, so daß dadurch selbst der Ruhm seiner und -unserer Lehrer verdunkelt worden ist und man fast sagen könnte, die Reben -seines Weinbergs seien von Meer zu Meer gerankt. - -Wolltet ihr nun, was ich nicht glauben kann, einen solchen Mann ungehört -verurteilen, so würdet ihr mit einem solchen Urteil, selbst wenn es seinen -guten Grund hätte, sicherlich vielen Leuten vor den Kopf stoßen, und es -würde nicht an solchen fehlen, die für ihn Partei ergreifen würden; zumal -sich in der Schrift, die er vorgelegt hat, nichts findet, was einer offenen -Ketzerei ähnlich wäre. Denken wir an das Wort des Hieronymus: 'Stets hat -die Tüchtigkeit den Neid zum Begleiter' und daran, daß 'der Blitz die -höchsten Gipfel trifft'! Hüten wir uns davor, seinen Namen durch ein -gewaltsames Vorgehen noch mehr zum Gegenstand der allgemeinen Teilnahme zu -machen. Wir würden uns selbst dadurch, daß wir uns den Vorwurf des Neides -zuziehen, mehr schädigen, als wir dem Angeklagten durch unsern -Richterspruch schaden können. Denn 'falscher Ruhm' -- sagt der ebengenannte -Lehrer -- 'erlischt schnell und die Folgezeit richtet das Vorleben.'« - -»Beliebt es euch aber, nach Recht und Brauch mit ihm zu handeln, so möge -seine Lehre oder sein Buch hier öffentlich vorgetragen werden und ihm -selbst soll gestattet sein auf die Fragen, die man ihm vorlegt, Rede und -Antwort zu geben, um dann, wenn er überwiesen und zum Widerruf bewogen -werden könnte, für immer zu schweigen. Dies war schon die Meinung des -frommen Nikodemus, als er, um dem Herrn selbst die Freiheit zu ermöglichen, -sagte: 'Richtet unser Gesetz auch einen Menschen, ehe man ihn verhöret und -erkenne was er thut?'« - -Auf diese Worte hin erhoben meine Gegner einen gewaltigen Lärm: »Schöne -Weisheit«, riefen sie, »die uns zumutet, mit diesem Wortkünstler zu -streiten, dessen Schlüssen und Finten die ganze Welt nicht standhalten -kann!« -- Und doch -- es war gewiß noch viel schwerer, mit Christus selbst -zu streiten; trotzdem hat Nikodemus ihn vor seinen Richtern zum Wort kommen -lassen wollen, wie es das Gesetz gestattet. - -Als nun der Bischof Gottfried die Anwesenden nicht für seine Absicht -gewinnen konnte, suchte er ihre Mißgunst durch ein anderes Mittel zu -zügeln. Er machte geltend, daß die Versammlung nicht vollzählig genug sei, -um über eine so wichtige Sache zu entscheiden, und daß diese Angelegenheit -einer gründlichen Prüfung bedürfe. Sein Rat gehe deshalb dahin, mein Abt -solle mich in das Kloster St. Denis zurückbringen, woselbst dann meine -Sache einer größeren Anzahl von gelehrten Männern zu erneuter gründlicherer -Untersuchung vorgelegt werden solle. Dieser letzte Vorschlag fand den -Beifall des Legaten und aller übrigen Anwesenden. Alsbald erhob sich der -Legat, um vor dem Beginn der Sitzung die Messe zu lesen, und ließ mir durch -den Bischof Gottfried die förmliche Erlaubnis zur Rückkehr in mein Kloster -übermitteln, wo ich dann das weitere erwarten solle. - -Nun aber fiel es meinen Gegnern ein, daß für sie nichts gewonnen wäre, wenn -mein Prozeß außerhalb ihres Sprengels geführt würde, wo sie dann auf das -Urteil keinen Einfluß ausüben könnten; denn bei dem Gedanken, einfach der -Gerechtigkeit den Lauf zu lassen, konnten sie sich freilich nicht -beruhigen. Darum stellten sie dem Erzbischof vor, daß es eine große Schande -für sie wäre, diese Sache an eine andere Behörde zu verweisen und daß es -gefährlich sei, mich so davonkommen zu lassen. Sie liefen auch zum Legaten -und wußten ihn, halb gegen seinen Willen, dahin umzustimmen, daß er mein -Buch unbesehen verdammte, es vor aller Augen verbrannte und über mich -lebenslängliche Haft in einem auswärtigen Kloster verfügte. Sie sagten -nämlich, zur Verurteilung meines Buches sei schon der Umstand hinreichend, -daß ich mir erlaubt habe, es ohne die Genehmigung des Papstes oder der -Kirche öffentlich vorzutragen und daß ich es schon vielen zum abschreiben -überlassen habe; es könne nur zur Kräftigung des christlichen Glaubens -dienen, wenn einmal, um einer ähnlichen Anmaßung zuvorzukommen, an mir ein -Exempel statuiert werde. Der Legat war wissenschaftlich nicht so gebildet, -wie er hätte sein sollen, und folgte deshalb in der Hauptsache dem Rate des -Erzbischofs; dieser seinerseits ließ sich von meinen Gegnern bestimmen. - -Als der Bischof von Chartres hiervon Kunde erhielt, setzte er mich alsbald -von diesen Umtrieben in Kenntnis und ermahnte mich eindringlich, ich möchte -diese Wendung geduldig tragen, um so mehr, als das Vorgehen meiner -Widersacher eine offenbare Vergewaltigung sei. Eine solche, klar am Tag -liegende, gewaltthätige Mißgunst könne jenen nur schaden, mir nur Nutzen -bringen -- davon dürfe ich überzeugt sein; auch solle ich mir wegen der -Klosterhaft keine Sorgen machen: er wisse gewiß, daß der Legat, der sich -dieses Urteil nur habe abnötigen lassen, mich nach seiner Abreise von hier -alsbald in volle Freiheit setzen werde. So suchte er mich zu trösten so gut -es ging, indem er selbst mit dem Weinenden weinte. - -Ich wurde vor das Konzil berufen, und ohne Untersuchung, ohne Prüfung zwang -man mich, mein Buch mit eigener Hand ins Feuer zu werfen. Und so ging es in -Flammen auf. Während dieses Vorgangs schien jedermann absichtlich zu -schweigen. Nur einer meiner Gegner machte schüchtern die Bemerkung, er habe -in dem Buch den Satz gefunden, Gott-Vater allein sei allmächtig. Auf diese -Bemerkung antwortete der Legat höchlich erstaunt: einen solchen Irrtum -dürfe man ja nicht einmal einem Kinde zutrauen, da doch der gemeinsame -Glaube ausdrücklich dahingehe, das alle drei Personen der Gottheit -allmächtig seien. -- Daraufhin citierte ein gewisser Terricus, Vorsteher -einer Schule, höhnisch den Satz des Athanasius: »und dennoch nicht drei -allmächtig, sondern einer allmächtig«. Und als ihn sein Bischof -zurechtweisen und zum Schweigen bringen wollte, als hätte er ein -Majestätsverbrechen begangen, ließ er sich nicht im mindesten -einschüchtern, sondern sprach wie ein zweiter Daniel also: »Seid ihr von -Israel solche Narren, daß ihr einen Sohn Israels verdammt, ehe ihr die -Sache erforschet und gewiß werdet? Kehret wieder um vors Gericht und -richtet den Richter selber. Denn der Richter, den ihr eingesetzt habt zur -Unterweisung im Glauben und zur Beseitigung des Irrtums, der hat sich -selbst gerichtet durch seinen eigenen Mund, da er andere richten sollte. -Den Mann, dessen Unschuld heute Gottes Barmherzigkeit an den Tag gebracht -hat -- befreiet ihn, wie einst die Susanna, von seinen falschen Klägern.« - -Nun erhob sich der Erzbischof, und indem er die Worte den Umständen gemäß -leicht abänderte, bestätigte er den Satz des Legaten mit den Worten: »In -der That, ehrwürdiger Herr, allmächtig ist der Vater, allmächtig der Sohn, -allmächtig der heilige Geist, und wer von dieser Meinung abweicht, ist in -offenbarem Irrtum befangen und nicht anzuhören. Doch vielleicht dürfte es -sich empfehlen, daß dieser unser Bruder seinen Glauben vor der ganzen -Versammlung bekenne, damit er je nach Umständen gebilligt oder beanstandet -und verbessert werde.« Als ich mich daraufhin anschickte, mein -Glaubensbekenntnis abzulegen, und meinen Gedanken einen selbständigen -Ausdruck geben wollte, da riefen meine Gegner mir zu, ich brauche nur das -Athanasianische Glaubensbekenntnis herzusagen, was jedes Kind ebensogut -hätte thun können. Und damit ich nicht etwa die Ausrede gebrauchen könnte, -ich wisse den Wortlaut nicht auswendig, gab man mir den geschriebenen Text -zum Vorlesen. Unter Seufzern und mit thränenerstickter Stimme las ich, so -gut es ging. Hierauf wurde ich wie ein seines Vergehens überwiesener -Verbrecher dem Abt von St. Medardus, der auf dem Konzil anwesend war, -übergeben und in dessen Kloster, als in mein Gefängnis, abgeführt. Das -Konzil selbst wurde alsbald aufgelöst. - -Der Abt indessen und seine Mönche, die nicht anders glaubten, als daß ich -nun für immer bei ihnen bleiben werde, nahmen mich mit Freuden auf und -bemühten sich vergeblich, mich durch möglichst liebevolle Behandlung über -mein Schicksal zu trösten. O Gott, der du gerecht richtest! So sehr war -mein Herz vergiftet und verbittert, daß ich in verblendetem Wahn wider dich -selbst murrte und Klage erhob und unablässig jenen Seufzer des heiligen -Antonius wiederholte: »Guter Jesus, wo warest du?« Schmerz, Beschämung, -Verzweiflung -- damals habe ich all diese Gefühle durchgekostet, aber sie -zu beschreiben, ist mir nicht möglich. Was ich jetzt zu leiden hatte, hielt -ich zusammen mit dem früheren Unglück, das mir an meinem Körper widerfahren -war, und ich achtete mich für das elendste aller Menschenkinder. Im -Vergleich mit diesem neuen Unglück erschien mir jene ruchlose That -geringfügig, und ich beklagte weniger den Schaden meines Leibes als den -Verlust meines Ruhms. Jenen hatte ich gewissermaßen selbst verschuldet. -Dieser offenen Gewalt aber war ich zum Opfer gefallen, obwohl mich nichts -anderes als die lauterste Absicht und die Liebe zu unserem Glauben zum -Schreiben gedrängt hatte. - -Wohin auch die Kunde von diesem grausamen und brutalen Verfahren gegen mich -gelangte, überall fand es lebhafte Mißbilligung; von denen, die bei der -Verhandlung gewesen waren, schob nun jeder die Schuld auf den andern. Sogar -meine Feinde leugneten jetzt, daß sie an dem Urteil der Synode schuld -seien, und der Legat bedauerte öffentlich die Mißgunst der Franzosen. -Während er für den Augenblick ihrer feindseligen Absicht gegen mich -unfreiwillig nachgegeben hatte, bereute er gleich darauf seine Maßregel und -ließ mich nach einigen Tagen schon aus dem fremden Kloster in mein eigenes -nach St. Denis zurückkehren. - -Freilich waren dessen Insassen mir fast alle schon von früher her feindlich -gesinnt. Bei der Unordentlichkeit ihres Lebenswandels und dem freien Ton, -der unter ihnen herrschte, war ich ihnen ein höchst unbequemer Mahner. Es -vergingen nur wenige Monate, da bot sich ihnen eine geschickte Gelegenheit, -mich zu verderben. Eines Tages fand ich nämlich beim Lesen zufällig eine -Stelle in Bedas Auslegung der Apostelgeschichte, worin die Ansicht -ausgesprochen war, daß Dionysius Areopagita nicht Bischof von Athen, -sondern von Korinth gewesen sei. Dies mußte natürlich die sehr befremden, -die in dem Schutzpatron ihres Klosters eben jenen Dionysius Areopagita -verehren, in dessen Lebensgeschichte ausdrücklich stand, daß er Bischof von -Athen gewesen sei. Ich zeigte einigen der umherstehenden Brüder halb im -Scherz jene Stelle des Beda, die gegen uns sprach. Sie aber erklärten in -höchster Entrüstung den Beda für einen Erzlügner und beriefen sich auf -ihren Abt Hilduin, als auf einen zuverlässigeren Zeugen. Dieser habe lange -Zeit in Griechenland selbst Forschungen gemacht und dann den wahren -Sachverhalt in einer Lebensbeschreibung des Dionysius ganz unanfechtbar -dargestellt. Einer der Umstehenden drang mit der Frage in mich, wem ich in -diesem Streite recht gebe, dem Beda oder dem Hilduin. Ich sagte, das -Zeugnis des Beda, dessen Schriften in der ganzen abendländischen Kirche in -Ansehen stünden, scheine mir gewichtiger zu sein. Als die Mönche das -vernahmen, erhoben sie ein wütendes Geschrei: nun trete die feindselige -Gesinnung, die ich von jeher gegen unser Kloster gehegt habe, einmal -deutlich hervor; am ganzen Land werde ich zum Verräter, indem ich es seines -höchsten Ruhmestitels beraube, da ich leugne, daß Dionysius Areopagita ihr -Schutzpatron sei. Ich erwiderte, das leugne ich ja gar nicht, und überdies -komme wenig darauf an, ob ihr Schutzpatron wirklich der Areopagite gewesen -sei oder ein Mann von anderer Herkunft, da er doch jedenfalls von Gott so -großer Ehre würdig befunden worden sei. Sie aber liefen zum Abt und zeigten -ihm an, was sie mir zur Last legten. Dieser begrüßte die Gelegenheit, mich -einmal demütigen zu können, mit Freuden; denn da er ein sittenloseres Leben -führte als alle übrigen, so fürchtete er sich vor mir um so mehr. Vor -versammeltem Konvent erteilte er mir einen scharfen Verweis und drohte, er -wolle mich unverzüglich vor den König schicken, damit mich die Strafe -treffe, die dem gebühre, der den Ruhm und die Ehre des Königreichs antaste. -Inzwischen bis zu der Zeit, da er mich dem König vorführen wollte, ließ er -mich unter strenge Aufsicht stellen. Vergebens erklärte ich mich bereit, -die vorgeschriebene Buße auf mich zu nehmen, falls ich etwas verbrochen -hätte. Und nun ergriff mich ein förmlicher Ekel vor der Schlechtigkeit -dieser Menschen, und ich, den seit so langer Zeit das Mißgeschick -unablässig verfolgte, geriet an den Rand der Verzweiflung: die ganze Welt --- so schien es -- war gegen mich verschworen. So entwich ich denn mit -Wissen einiger Brüder, die Mitleid mit mir hatten, und unter Beihilfe -einiger meiner Schüler heimlich bei Nacht aus dem Kloster und flüchtete in -das angrenzende Gebiet des Grafen Theobald, wo ich früher in einer -Einsiedelei gelebt hatte. - -Der Graf selbst war mir nicht ganz unbekannt; auch hatte er mit großer -Teilnahme von meinem mannigfachen Unglück gehört. Ich hielt mich zunächst -bei dem Schloß Provins auf, in einer Klause der Mönche von Troyes, deren -Prior mir vorzeiten befreundet gewesen war und mich ins Herz geschlossen -hatte. Dieser nahm den Flüchtling mit Freuden auf und sorgte für mich auf -die liebenswürdigste Weise. - -Eines Tags nun kam mein Abt in geschäftlichen Angelegenheiten zum Grafen -auf das Schloß. Als ich dies erfuhr, ging ich mit dem Prior ebenfalls zum -Grafen und bat ihn, er möchte sich bei meinem Abt für mich verwenden, daß -er mich absolviere und mir die Erlaubnis gebe, als Mönch zu leben, wo ich -einen passenden Ort finde. Der Abt und seine Begleiter zogen die Sache in -Erwägung und wollten den Grafen noch am gleichen Tage vor ihrer Heimkehr -darüber Bescheid sagen. Als sie nun die Sache näher überlegten, kamen sie -auf die Meinung, ich wolle in ein anderes Kloster eintreten, was nach ihrer -Ansicht eine große Schande für sie gewesen wäre. Denn sie thaten sich viel -darauf zu gut, daß ich mich gerade in ihr Kloster zurückgezogen hatte, sie -sahen darin eine Bevorzugung des ihrigen vor allen andern Klöstern, und -jetzt, fürchteten sie, würde es ihnen zu großer Unehre gereichen, wenn ich -ihr Kloster verließe und mich an ein anderes wendete. Deshalb hörten sie -weder mich noch den Grafen in dieser Sache an, sondern begnügten sich -damit, mich mit der Exkommunikation zu bedrohen, falls ich nicht -unverzüglich ins Kloster zurückkehre. Dem Prior aber, bei dem ich eine -Zuflucht gefunden hatte, untersagten sie aufs strengste, mich weiterhin bei -sich zu behalten, falls er nicht ebenfalls der Strafe der Exkommunikation -verfallen wolle. Dieser Bescheid erfüllte den Prior und mich mit großer -Besorgnis. Da starb zum Glück mein Abt wenige Tage, nachdem er mit dieser -Drohung in sein Kloster zurückgekehrt war. - -Als sein Nachfolger eingesetzt war, ging ich mit dem Bischof von Meaux zu -ihm und bat ihn, er möchte mir die Bitte gewähren, die ich schon an seinen -Vorgänger gerichtet habe. Als auch er zuerst nicht recht auf die Sache -eingehen wollte, gewann ich durch Vermittlung einiger Freunde den König und -seinen Rat für mein Anliegen und erreichte so meinen Zweck. Der damalige -Seneschall des Königs, Stephanus, nahm den Abt und dessen Vertraute -beiseite und stellte ihnen vor, warum sie mich gegen meinen Willen -zurückhalten wollten; sie könnten sich dadurch leicht in ärgerliche Händel -verwickeln und hätten jedenfalls wenig Nutzen davon, da meine Lebensweise -und die ihrige nun einmal nicht zusammenpasse. Ich wußte aber, daß man im -königlichen Rat dem Kloster absichtlich manche Unregelmäßigkeit hingehen -ließ, um es dafür dem König desto gefügiger zu erhalten und es für -weltliche Zwecke ausbeuten zu können. Darum glaubte ich auch, die -Zustimmung des Königs und seiner Räte für mein Vorhaben erlangen zu können. -Und wirklich, es gelang mir. - -Damit aber unser Kloster des Ruhmes, den es an meiner Person hatte, nicht -verlustig gehe, sollte ich mich zwar zurückziehen dürfen, wohin ich wollte, -aber unter der Bedingung, daß ich nicht in ein anderes Kloster eintrete. -Dies wurde in Gegenwart des Königs und seiner Räte von beiden Seiten -gutgeheißen und bekräftigt. So begab ich mich in eine einsame Gegend im -Gebiet von Troyes, die mir von früher bekannt war. Dort wurde mir von -einigen Leuten ein Stück Land zur Verfügung gestellt, und mit Genehmigung -des Bischofs erbaute ich daselbst nur aus Binsen und Stroh eine Kapelle zu -Ehren der heiligen Dreifaltigkeit. In dieser Einsamkeit, mit einem -befreundeten Kleriker lebend, konnte ich allen Ernstes dem Herrn das Lied -singen: »Siehe, ich habe mich ferne weggemacht und bin in der Wüste -geblieben.« - -Bald kam die Kunde von meinem neuen Aufenthalt zu meinen Schülern. Und nun -belebte sich meine Einsamkeit. Sie verließen die Städte und festen Plätze -und ihre behaglichen Wohnungen, um sich hier elende Hütten zu bauen; ihre -ausgesuchten Mahlzeiten vertauschten sie mit der dürftigen Nahrung, die in -Kräutern und trockenem Brot bestand; statt weicher Betten gab es hier nur -ein Lager aus Binsen oder Stroh und die Tische mußten durch Rasenbänke -ersetzt werden. Man hätte wirklich glauben können, sie wollen die alten -Philosophen nachahmen, deren Lebensweise dem heiligen Hieronymus im zweiten -Buch seiner Schrift »Gegen Jovinianus« zu folgender Betrachtung Anlaß -giebt: »Durch unsere Sinne dringen die Laster wie durch eine Art Fenster -ins Herz ein. Die Stadt und Festung der Vernunft kann nicht genommen -werden, wenn das feindliche Heer nicht durch die Thore eindringt. Wenn -jemand seine Lust hat an Cirkusspielen, an Ringkämpfen, an Gauklerkünsten, -an üppigen Frauen, an prächtigem Geschmeide, an Kleiderputz und dergleichen -Dingen, dessen Seele hat ihre Freiheit durch die Fenster der Augen verloren -und von ihm gilt das Wort des Propheten: 'Der Tod ist hereingekommen durch -unsere Fenster.' Wenn nun die Anfechtungen dieser Welt wie ein feindlicher -Keil durch solche Thore in die Burg unsres Herzens eingedrungen sind -- wo -wird dann unsre Freiheit bleiben, wo unsre Tapferkeit, wo der Gedanke an -Gott? Zumal das einmal geweckte Herz auch die vergangenen Freuden mit neuen -Farben sich ausmalt, mit der Erinnerung an einstige Leidenschaften neue -Schmerzen in der Seele weckt und sie gewissermaßen etwas, was in -Wirklichkeit nicht mehr besteht, noch einmal durchzumachen nötigt. Aus -diesen Gründen haben viele Philosophen die volksbelebten Städte und die -städtischen Lustgärten verlassen, wo das bewässerte Land, das Grün der -Bäume, das Zwitschern der Vögel, die krystallklare Quelle, der murmelnde -Bach und so manches andre Aug' und Ohr bezauberte; sie wichen der Üppigkeit -und der Überfülle, die sich ihnen darbot, aus, damit die Kraft ihrer Seele -nicht erschlaffe und ihre Keuschheit nicht befleckt werde. Und in der That: -der öftere Anblick dessen, was uns berücken könnte, kann ja nur schädlich -wirken, und warum sollte man einen Genuß kennen lernen wollen, auf den man -nachher nur mit Schmerzen wieder verzichten kann?« - -Auch die Schüler des Pythagoras gingen dem Treiben der Welt aus dem Wege -und wohnten in der Einsamkeit und in der Wüste. Selbst Plato, der mit den -Gütern dieser Welt gesegnet war und welchem Diogenes einmal sein Ruhebett -mit schmutzigen Schuhen bearbeitete, selbst er wählte, um ganz Philosoph -sein zu können, einen Ort auf dem Lande, fern von der Stadt, nicht bloß in -abgelegener, sondern auch in ungesunder Gegend: durch die beständige -Besorgnis vor Krankheiten sollten die Begierden erstickt werden, und seine -Schüler sollten keinen anderen Genuß kennen, als den des Studiums. Eine -ähnliche Lebensweise sollen auch die Jünger des Propheten Elisa geführt -haben. Hieronymus stellt sie als die Mönche jener Zeit dar und schreibt -über sie dem Mönche Rusticus unter anderem folgendes: »Die -Prophetenschüler, von denen das Alte Testament wie von Mönchen redet, -bauten sich an den Ufern des Jordan kleine Hütten, verließen die -Gesellschaft und die Stätten der Menschen und lebten von Mais und Kräutern -des Feldes.« - -In dieser Weise bauten sich auch meine Schüler ihre Hütten am Ufer des -Flusses Arduzon, und man meinte eher Einsiedler vor sich zu haben als -Jünger der Wissenschaft. Je größer aber der Zulauf von Schülern wurde und -je härter die Lebensweise war, die sie meinem Unterricht zuliebe auf sich -nahmen, desto ängstlicher sahen meine Nebenbuhler meinen Ruhm wachsen und -ihr eigenes Ansehen sinken. Zu ihrem großen Leidwesen mußten sie es -erleben, daß alles Böse, das sie mir zugedacht, zu meinem Vorteil -ausschlug, und obwohl ich nach dem Wort des Hieronymus fern von dem Treiben -der Städte und Märkte, fern von den Händeln der Welt lebte -- dennoch fand -mich, wie Quintilian sagt, selbst in der Verborgenheit der Neid. Seufzend -und klagend sprachen jene zu sich selbst: »Siehe, die ganze Welt läuft ihm -nach; nichts haben wir ausgerichtet mit unseren Verfolgungen, ja, wir haben -seinen Ruhm nur noch größer gemacht. Wir gedachten, die Leuchte seines -Namens zu verlöschen, und wir haben sie nur heller angefacht. In den -Städten haben die Schüler alles zur Hand, was sie brauchen, aber auf alle -Genüsse menschlicher Kultur verzichtend, strömen sie hinaus in die -unwirtliche Einöde und setzen sich freiwillig dem Mangel aus.« - -Zu jener Zeit nötigte mich meine drückende Armut, eine regelrechte Schule -einzurichten; denn graben mochte ich nicht und schämte mich zu betteln. An -Stelle der Handarbeit nahm ich darum, zu meiner eigentlichen Kunst -zurückkehrend, die Arbeit des Geistes wieder auf. Gern reichten mir meine -Schüler dar, was ich an Nahrung und Kleidung brauchte, sie nahmen mir auch -die Bestellung des Feldes und die Errichtung notwendiger Baulichkeiten ab, -damit ich durch keine wirtschaftliche Sorge von der Wissenschaft abgezogen -würde. Da unsere Kapelle nur den kleinsten Teil der Anwesenden fassen -konnte, so vergrößerten sie dieselbe und verwandten zu dem Umbau nunmehr -ein besseres Material, nämlich Stein und Holz. Ich hatte die Kapelle einst -im Namen der heiligen Dreifaltigkeit gegründet und sie ihr geweiht. Nun -aber gab ich ihr den Namen »Paraklet« (Tröster),[3] in dankbarer Erinnerung -an die Wohlthat, die mir einst hier zu teil geworden war: denn an diesem -Ort hatte ich, ein schon verzweifelnder Flüchtling, die Gnade des -göttlichen Trostes gefunden, hier hatte ich zuerst wieder aufatmen dürfen. -Viele Leute erstaunten nicht wenig über diesen Namen; ja einige griffen -mich deshalb heftig an und behaupteten, nach altem Herkommen könne man eine -Kirche nicht dem heiligen Geist im besonderen weihen, so wenig als Gott dem -Vater allein; sondern nur entweder dem Sohn allein oder der ganzen -Dreieinigkeit zusammen. Zu diesem Angriff ließen sie sich jedenfalls -dadurch verführen, daß sie zwischen den Begriffen »Paraklet« und »Geist -Paraklet« keinen Unterschied machten. In Wirklichkeit kann ja der Trinität -und jeder einzelnen Person der Trinität mit dem gleichen Recht, wie sie -Gott oder Helfer genannt wird, auch der Name Paraklet, d. h. Tröster, -beigelegt werden -- nach dem Wort des Apostels: »Gelobet sei Gott und der -Vater unsres Herrn Jesu Christi, der Vater der Barmherzigkeit und Gott -alles Trostes, der uns tröstet in aller unsrer Trübsal« -- und auch nach -dem Wort, das die Wahrheit spricht: »Und er soll euch einen andern Tröster -geben.« -- Da doch jede Kirche im Namen des Vaters und des Sohnes und des -heiligen Geistes geweiht wird und sie alle drei an dem Besitz gleichen -Anteil haben -- warum soll man denn nicht auch einmal ein Gotteshaus Gott -dem Vater oder dem heiligen Geist im besondern zueignen dürfen, so gut wie -dem Sohne? Wer wollte sich erlauben, den Namen dessen, dem das Haus gehört, -über dem Eingang zu tilgen? Oder wenn der Sohn sich dem Vater zum Opfer -darbringt und demgemäß bei der Messe die Gebete an Gott den Vater besonders -gerichtet werden, wie auch er es ist, dem das Opfer gebracht wird: sollte -da nicht der Altar ganz im besonderen ihm zu eigen sein, dem doch Gebet wie -Opfer gilt? Ist der Altar nicht mit größerem Rechte dem zuzusprechen, -welchem geopfert wird als dem, der geopfert wird? Oder wollte jemand -behaupten, daß dem Kreuz oder Grab des Erlösers, oder dem heiligen Michael, -Johannes, Petrus oder sonst einem Heiligen ein Altar zukomme, da doch weder -sie selbst mit einem Opfer irgend etwas zu thun haben, noch auch Gebete an -sie gerichtet werden? Auch bei den Heiden wurden nur denjenigen Wesen -Altäre oder Tempel zugeeignet, denen man Opfer und göttliche Ehren -darbringen wollte. Aber vielleicht möchte jemand glauben, es sei deshalb -nicht zulässig, Gott dem Vater Kirchen oder Altäre zu weihen, weil es kein -Fest in der Kirche gebe, das zu seiner besonderen Feier eingesetzt wäre. -Dieser Grund mag zwar gegen die Trinität angeführt werden, allein in -betreff des heiligen Geistes gilt er nicht, denn dieser hat zum Gedächtnis -an sein Herabkommen ein eigenes Fest, nämlich Pfingsten, so gut wie der -Sohn das Fest seiner Geburt hat. Denn wie einstens der Sohn in die Welt -gesandt wurde, so kam der heilige Geist auf die Jünger und hat zum Andenken -daran mit Recht sein eigenes Fest. Ja, wenn wir die Meinung der Apostel und -die Wirksamkeit des heiligen Geistes genauer ins Auge fassen, so muß es uns -natürlicher erscheinen, ihm einen Tempel zu weihen als irgend einer der -andern göttlichen Personen. Denn keiner der letzteren schreibt der Apostel -ausdrücklich einen geistigen Tempel zu, wie dem heiligen Geist. Denn er -spricht nicht von einem Tempel des Vaters oder des Sohnes, wohl aber von -einem solchen des heiligen Geistes, wenn er im ersten Korintherbrief sagt: -»Wer dem Herrn anhängt, der ist ein Geist mit ihm« und ferner: »Oder wisset -ihr nicht, daß euer Leib ein Tempel des heiligen Geistes ist, der in euch -ist, welchen ihr habt von Gott und seid nicht euer selbst.« Und wer wollte -verkennen, daß die Wohlthat der heiligen Sakramente, welche in der Kirche -verwaltet werden, ganz ausdrücklich der Wirkung der göttlichen Gnade d. h. -des heiligen Geistes zugeschrieben werden? Aus Wasser und aus Geist werden -wir ja in der Taufe wiedergeboren, und erst dadurch wird aus uns ein -eigentlicher Tempel Gottes. Und zum vollständigen Ausbau dieses Tempels -wird uns in siebenfacher Gnadengabe der heilige Geist zu teil, und so -erhält der Tempel Gottes seinen Schmuck und seine Weihe. Was hat es also -auf sich, wenn wir dem einen sichtbaren Tempel weihen, welchem der Apostel -einen geistigen zuteilt? Oder welcher Person der Dreieinigkeit könnte man -mit größerem Recht eine Kirche zueignen, als derjenigen, welcher alle -Gnadenwirkungen, die die Kirche vermittelt, vor anderen zugeschrieben -werden? -- Wenn ich übrigens meiner Kapelle den Namen »Paraklet« beilegte, -so wollte ich sie damit nicht einer der drei göttlichen Personen geweiht -haben. Ich habe schon oben gesagt, warum ich sie so genannt habe: nämlich -zur Erinnerung an den Trost, den ich hier gefunden. Im übrigen -- auch wenn -ich das Gotteshaus in jenem anderen Sinn so genannt hätte, wäre dies nicht -gegen die Vernunft, sondern nur gegen das gewöhnliche Herkommen gewesen. - -[Fußnote 3: Nach Joh. XIV., 16. 17. 26.] - -Dieses Asyl gewährte zwar meiner Person den Schutz der Verborgenheit, aber -Gerüchte über mich durchliefen gerade damals die ganze Welt und ließen sich -allerorten hören nach Art jenes Fabelwesens, Echo genannt, das viel Lärm -macht und doch ein wesenloses Ding ist. Meine alten Feinde, ihren eigenen -Anstrengungen keinen Erfolg mehr zutrauend, erweckten nun zwei neue Apostel -gegen mich, denen die Welt großen Glauben schenkte. Der eine von ihnen -rühmte sich, dem Leben der regulierten Chorherren, der andere, dem der -Mönche einen neuen Aufschwung gegeben zu haben. Diese Menschen liefen -predigend in der Welt herum, verketzerten mich mit der Unverfrorenheit, die -ihnen eigen war, und machten mich, wenigstens für den Augenblick, bei -weltlichen und geistlichen Obrigkeiten verächtlich. Ja, sie sprengten über -meinen Glauben und über mein Leben so abenteuerliche Gerüchte aus, daß -selbst achtungswerte Freunde sich von mir abwandten und auch diejenigen, -welche mir ihre Freundschaft bis auf einen gewissen Grad erhielten, doch -aus Furcht vor jenen nicht den Mut hatten, dieselbe irgendwie zu bekennen. -Gott ist mein Zeuge: so oft ich vernahm, daß eine Versammlung von Männern -der Kirche im Werk sei, fürchtete ich schon, es geschehe zum Zweck meiner -Verurteilung. Wie einer, der jeden Augenblick fürchten muß, vom Blitz -getroffen zu werden, so wartete ich in dumpfer Angst darauf, daß ich als -Ketzer und räudiges Schaf vor ihre Versammlungen und Schulen geschleppt -würde. Und in der That -- wenn man den Floh mit dem Löwen, die Ameise mit -dem Elefanten vergleichen darf -- ich wurde damals von meinen Gegnern mit -derselben unbarmherzigen Wut verfolgt, wie einst der heilige Athanasius von -den Ketzern. Ja oftmals -- Gott weiß es -- kam ich in meiner Verzweiflung -auf den Gedanken, das Gebiet der Christenheit überhaupt zu verlassen und -mich zu den Heiden zu wenden, um bei den Feinden Christi in Ruhe christlich -zu leben, unter welcher Bedingung es auch sei. Ich sagte mir, sie werden um -so eher geneigt sein, mich bei sich aufzunehmen, als mein Christentum ihnen -wegen der Verfolgungen, die ich von Christen erlitt, verdächtig erscheinen -mußte; vielleicht würden sie aus demselben Grund auch meinen, sie könnten -mich zu ihrer Religion bekehren. - -Während ich nun unausgesetzt von solchen Seelenängsten gequält wurde, so -daß ich als letztes Mittel bereits den Gedanken gefaßt hatte, bei den -Feinden Christi eine Zuflucht zu Christus zu suchen: schien sich mir ein -Ausweg aus diesen Nöten zu eröffnen, der mich jedoch in Wirklichkeit nur in -die Hände von Christen und dazu noch Mönchen führte, die unbändiger und -schlechter waren als die Heiden. - -In der Bretagne, im Bistum Vannes, lag ein Kloster des St. Gildas von Ruys. -Dieses war durch den Tod seines Abtes verwaist, und die einstimmige Wahl -der Mönche rief mich mit Genehmigung des Landesfürsten an diese Stelle, -womit auch mein Abt und sein Konvent zufrieden waren. So trieb mich die -Feindschaft der Franken nach dem Westen, wie einst den Hieronymus die der -Römer nach dem Osten. Denn niemals wäre ich, bei Gott, auf jenen Vorschlag -eingegangen, wenn ich nicht gehofft hätte, so den fortwährenden -Anfeindungen, die ich zu leiden hatte, einigermaßen aus dem Wege zu gehen. -Das Land war mir fremd, die Landessprache mir unbekannt, die Lebensweise -der dortigen Mönche wegen ihrer Unordentlichkeit und Zuchtlosigkeit weithin -berüchtigt, die übrige Bevölkerung roh und unkultiviert. Wie einer, um dem -drohenden Todesstreich zu entgehen, in seiner Angst sich in den Abgrund -stürzt und so eine Todesart mit der andern vertauscht, nur um eine Sekunde -Frist zu gewinnen: so habe ich mich aus einer Gefahr wissentlich in eine -andere begeben. Dort wo des Oceans donnernde Wogen am Ufer sich brachen, am -Ende der Erde, darüber hinaus es keine Flucht mehr gab, da hab ich, ach, -wie oft jenes Gebet wiederholt: »Von den Enden der Erde habe ich zu dir -geschrieen, da meine Seele in Ängsten war.« Ich glaube, es ist niemand -verborgen geblieben, wie mich jene zuchtlose Herde von Mönchen, über die -ich gesetzt war, Tag und Nacht quälte und ängstete und mich mit allen -Gefahren des Leibes und der Seele vertraut machte. Es stand mir zweifellos -fest, daß ich mein Leben verwirkt habe, wenn ich sie zu dem kanonischen -Leben, dem sie sich doch geweiht hatten, zu zwingen versuchen würde, -andererseits war ich zu verdammen, wenn ich in dieser Hinsicht nicht alles -that was in meinen Kräften stand. Die Abtei selber hatte der in seiner -Macht unbeschränkte Landesfürst, indem er sich die ungeordneten -Verhältnisse des Klosters zu nutze machte, so sehr unter seine Botmäßigkeit -gebracht, daß er sich die Nutzniesung des gesamten Klostergebietes -angeeignet und den Mönchen schwerere Abgaben auferlegt hatte, als selbst -die steuerpflichtigen Juden zu entrichten haben. - -Die Mönche lagen mir fortwährend mit ihren täglichen Bedürfnissen in den -Ohren. Ein Gemeinschaftsbesitz, aus dem man diese Bedürfnisse hätte -befriedigen können, war nicht vorhanden, und so unterhielt jeder von seinem -beigebrachten Eigentum sich und seine Konkubine mit Söhnen und Töchtern. Es -war ihnen ein Vergnügen, mir Verlegenheiten zu bereiten, ja, sie scheuten -sich selbst nicht davor, zu stehlen und an sich zu nehmen was sie konnten, -damit ich mit der Verwaltung nicht zurechtkäme und so gezwungen wäre, bei -der Ausübung der Disciplin ein Auge zuzudrücken, oder ganz von derselben -abzusehen. Da aber das ganze Land in seiner Barbarei in der gleichen -Gesetz- und Zuchtlosigkeit steckte, so konnte ich mich an niemand um Hilfe -wenden; allen stand ich gleich fremd gegenüber. Draußen waren es der Fürst -und seine Gefolgschaft, die mich fortwährend bedrängten, drinnen wurde ich -unaufhörlich von den Brüdern angefeindet. Das Wort des Apostels: »Draußen -Streit, drinnen Furcht« schien geradezu für mich geschrieben zu sein. Oft -quälte ich mich mit dem Gedanken, wie nutzlos und elend mein Leben -dahingehe, wie weder ich noch sonst jemand etwas davon habe. Früher hatte -ich doch unter meinen Schülern eine große Wirksamkeit geübt, jetzt, nachdem -ich sie verlassen hatte und zu den Mönchen gegangen war, war ich weder für -diese noch für jene von irgend welchem Nutzen. Fruchtlos und ohne Wert war -alles, was ich jetzt begann und versuchte und man konnte mir mit Recht den -Vorwurf machen: »Dieser Mensch hob an zu bauen und kann es nicht -hinausführen.« Der Gedanke an das, was ich verlassen und was ich dafür -eingetauscht hatte, brachte mich zur Verzweiflung. Meine früheren -Mißgeschicke achtete ich für nichts im Vergleich mit der traurigen -Gegenwart, und seufzend mußte ich mir oftmals selber sagen: »Ich leide nur, -was ich verdient habe; den Parakleten, das ist den Tröster, habe ich -verlassen und habe mich der sicheren Trostlosigkeit ausgeliefert; Drohungen -fürchtete ich und in offenbare Gefahren habe ich mich hineingestürzt.« Das -aber war mein größter Schmerz, daß in der verlassenen Kapelle jede -gottesdienstliche Feier unterbleiben mußte, da die Dürftigkeit jener Gegend -kaum für die Bedürfnisse eines Menschen genügte. Allein der wahre Tröster -selbst senkte in mein trostloses Herz den echten Trost und sorgte für sein -eigenes Haus, wie es sich ziemte. - -Es begab sich nämlich, daß der Abt von St. Denis auf jenes Kloster -Argenteuil Ansprüche erhob, in welchem Heloise, jetzt vielmehr meine -Schwester in Christo als meine Gattin, einst den Schleier genommen hatte. -Nachdem er es unter dem Vorwand, daß es von alters her unter die -Gerichtsbarkeit von St. Denis gehört habe, an sich gebracht hatte, vertrieb -er mit Gewalt den ganzen Konvent der Nonnen, deren Äbtissin meine Freundin -gewesen war. Während diese sich nun heimatlos in alle Winde zerstreuten, -kam mir der Gedanke, daß der Herr selbst mir hier eine Gelegenheit biete, -für mein Oratorium zu sorgen. Ich kehrte nun dorthin zurück und lud Heloise -mit den wenigen Nonnen aus ihrer Kongregation, die bei ihr geblieben waren, -ein, nach dem Paraklet zu kommen. Hierauf setzte ich sie in den Besitz des -Oratoriums mit allem, was dazu gehörte. Und diese Schenkung wurde, dank der -Zustimmung und Verwendung des Landesbischof, von Papst Innocenz II. ihnen -und ihren Nachfolgerinnen durch ein Privilegium für alle Zeiten bestätigt. - -Anfangs zwar führten die Frauen dort ein dürftiges Leben und manchmal -wollten sie den Mut verlieren; allein Gott, dem sie in Frömmigkeit dienten, -sah barmherzig ihr Elend an und tröstete sie in kurzem; auch ihnen zeigte -er sich als der wahre Paraklet und wandte die Herzen der benachbarten -Bevölkerung zur Barmherzigkeit und Mildthätigkeit. Und nach Verfluß eines -Jahres -- Gott mag es bezeugen -- waren sie an irdischem Besitz reicher als -ich es geworden wäre, wenn ich hundert Jahre dort gelebt hätte. Denn eben -weil das weibliche Geschlecht das schwächere ist, regt seine hilflose Lage -das menschliche Mitgefühl an, und die Tugend der Frauen ist vor Gott und -Menschen um so angenehmer. Gott aber ließ unsere geliebte Schwester, die -den anderen vorstand, in aller Augen so viel Gnade finden, daß sie von den -Bischöfen wie eine Tochter, von den Äbten wie eine Schwester, von den Laien -wie eine Mutter geliebt wurde, und alles rühmte gleicherweise ihre -Frömmigkeit, Klugheit und unvergleichliche Sanftmut und Geduld, die sie bei -jeder Gelegenheit bewahrte. Selten ließ sie sich in der Öffentlichkeit -sehen, um bei geschlossener Thür ungestört dem Gebet und frommer -Betrachtung zu leben. Um so begieriger suchten Leute, die in der Welt -lebten, die Gelegenheit auf, sie zu sehen und ihre erbaulichen Reden zu -genießen. - -Die Nachbarn des Klosters machten mir lebhafte Vorwürfe, daß ich für die -Bedürfnisse der Nonnen nicht in dem Grade besorgt sei, wie ich könnte und -müßte, da ich doch in meiner Predigt ein leichtes Mittel dazu habe; daher -besuchte ich sie öfters, um ihnen so viel wie möglich behilflich zu sein. -Allein auch so entging ich nicht mißgünstigem Gerede und dem, was die -reinste Liebe mich zu thun drängte, legte die Schlechtigkeit meiner Neider -die gemeinsten Beweggründe unter; ich sei eben noch immer im Banne -sinnlichen Verlangens und könne den Verlust der einstigen Geliebten schwer -oder überhaupt nicht verschmerzen. Oft mußte ich da an die Klage des -heiligen Hieronymus denken, die er in dem Brief an Asella über falsche -Freunde erhebt: »Nichts macht man mir zum Vorwurf als mein Geschlecht und -auch das nur, seitdem Paula mit mir nach Jerusalem gegangen ist.« Ferner -sagte er: »Ehe ich in das Haus der frommen Paula kam, war nur eine Stimme -des Lobes über mich in der ganzen Stadt; ja, ich war nach dem Urteil aller -würdig, das Amt des höchsten Priesters in der Kirche zu bekleiden. Aber ich -gedenke trotz guten und schlechten Geredes durchzudringen zum Himmelreich.« -Indem ich mir die Ungerechtigkeit und Verleumdung vorstellte, unter der -selbst ein solcher Mann zu leiden hatte, schöpfte ich daraus einen nicht -geringen Trost. Ich sagte mir: Wie würde ich schlecht gemacht werden, wenn -meine Feinde einen derartigen Verdachtsgrund bei mir ausfindig machen -könnten! Nun aber, da Gottes Barmherzigkeit mich von der Möglichkeit -solchen Verdachtes befreit hat und mir die Fähigkeit in dieser Hinsicht -mich zu vergehen geradezu benommen ist, wie kommt es, daß die Stimme der -Verleumdung trotzdem nicht schweigt? Was sollte diese neueste freche -Beschuldigung heißen? Der Zustand, in dem ich mich befinde, beseitigt ja -doch sonst insgemein jeglichen Argwohn derartiger Ausschreitungen so -gründlich, daß wer Frauen in sicherer Aufsicht wissen will, Eunuchen zu -diesem Zweck anstellt: so berichtet die heilige Geschichte von Esther und -von den anderen Frauen des Ahasverus. Wir lesen auch von jenem vornehmen -Schatzmeister der Königin von Candace, daß er ein Eunuch gewesen, zu dessen -Bekehrung und Taufe der Apostel Philippus vom Engel des Herrn angewiesen -wurde. - -Solche Männer standen bei ehrbaren unbescholtenen Frauen von jeher in hohem -Ansehen und genossen ihr besonderes Vertrauen, eben weil der Verkehr mit -ihnen jeden Verdacht unmöglich machte. Von Origenes, dem größten aller -christlichen Philosophen, erzählt die »Kirchengeschichte« im sechsten Buch, -er habe selbst Hand an sich gelegt, um bei dem Unterricht der Frauen, dem -er sich widmete, von jeder Verdächtigung verschont zu bleiben. Dabei mußte -ich mir sagen, daß es die göttliche Barmherzigkeit mit mir noch besser -gemeint habe als mit jenem. Denn bei Origenes kann man der Ansicht sein, -daß er im Übereifer gehandelt und so ein schweres Verbrechen an sich selbst -verübt habe. Mich dagegen ließ Gott, um mich in ähnlicher Weise wie jenen -freizumachen, durch fremde Schuld dasselbe erleben; auch die Schmerzen -waren bei mir geringer, da mein Geschick mich so rasch und plötzlich -ereilte; wurde ich doch im Schlaf überfallen, so daß ich fast nichts von -Schmerz empfand, als man Hand an mich legte. Aber wenn damals mein -körperlicher Schmerz verhältnismäßig gering war, so leide ich jetzt um so -mehr unter der Verleumdung und der Verlust meines Ruhmes quält mich mehr -als der Schaden an meinem Körper. Denn so steht geschrieben: »Ein guter -Name ist besser als große Schätze Goldes« -- und der heilige Augustin sagt -in einer Predigt über Leben und Sitten des Geistlichen: »Wer im Vertrauen -auf sein gutes Gewissen keine Rücksicht auf seinen Ruf nimmt, der ist -grausam gegen sich selbst.« Und weiter oben: »Wir wollen nicht nur vor -Gott, sondern auch vor den Menschen rechtschaffen dastehen. Für uns genügt -das Zeugnis unseres Gewissens; aber der andern wegen darf unser guter Name -nicht befleckt werden, sondern muß fleckenlos bleiben. Gewissen und Ruf -sind zweierlei Dinge: an das eine magst du dich halten, an das andere hält -sich dein Nächster.« - -Aber würden jene Leute mit ihren bösen Zungen selbst Christum oder seine -Glieder, die Propheten und Apostel oder sonst die heiligen Väter, verschont -haben, wenn sie in jener Zeit gelebt hätten? besonders wenn sie gesehen -hätten, wie diese Männer bei unversehrtem Körper gerade mit Frauen im -vertrautesten Umgang standen. Auch der heilige Augustin zeigt in seinem -Buch »Vom Werk der Mönche«, wie eben die Frauen die unzertrennlichen -Begleiterinnen Christi und der Apostel gewesen, und daß sie ihnen überall -folgten, wo sie predigend umherwanderten. »In ihrem Gefolge« -- sagte er -- -»befanden sich gläubige Frauen, die mit den Gütern dieser Welt gesegnet -waren, und ihnen von ihrem Überfluß Handreichung thaten, damit sie an dem, -was zum Unterhalt des Lebens nötig ist, keinen Mangel litten.« Und wer es -etwa nicht glauben wollte, daß die Apostel sich die Begleitung von frommen -Frauen auf ihren Wanderungen haben gefallen lassen, der mag aus dem -Evangelium selbst ersehen, wie sie hierin dem Beispiel des Herrn selber -folgten. Es steht nämlich im Evangelium zu lesen: »Und es begab sich -danach, daß er reisete durch die Städte und Märkte und predigte und -verkündigte das Evangelium vom Reich Gottes und die Zwölfe mit ihm. Dazu -etliche Weiber, die er gesund hatte gemacht von den bösen Geistern und -Krankheiten, nämlich Maria, die da Magdalena heißet, von welcher waren -sieben Teufel ausgefahren, und Johanna, das Weib Chusa, des Pflegers -Herodis, und Susanna und viel andere, die ihnen Handreichung thaten von -ihrer Habe.« Auch Leo IX. sagt in seiner Erwiderung auf den Brief des -Parmenianus »Über das Klosterleben«: »Wir halten durchaus daran fest, daß -kein Bischof, Presbyter, Diakon oder Subdiakon unter dem Vorwande der -Religion sich der Fürsorge für seine Ehefrau entschlagen darf; und zwar -verstehen wir dies so, daß er sie mit Nahrung und Kleidung versorgen, nicht -aber geschlechtlichen Umgang mit ihr haben soll.« So haben es auch die -heiligen Apostel gehalten, wie denn Paulus sagt: »Haben wir nicht auch -Macht, eine Schwester als Weib mit umherzuführen, wie die Brüder des Herrn -und Kephas?« Thorheit wäre es zu behaupten, er habe gesagt: »Haben wir -nicht auch Macht mit einer Schwester in der Ehe zu leben?« Vielmehr heißt -es 'sie mit herumzuführen'. Sie sollten also diese Frauen von dem Ertrag -ihrer Predigt unterhalten, ohne doch durch das Band ehelichen Verkehrs -vereinigt zu sein. - -Jener Pharisäer, welcher von dem Herrn im stillen sagte: »Wenn dieser ein -Prophet wäre, so wüßte er, wer und welch ein Weib das ist, die ihn -anrühret, denn sie ist eine Sünderin« -- dieser Pharisäer konnte nach -menschlichem Urteil viel eher dazu kommen, über Jesus einen schlimmen -Verdacht zu fassen, als meine Gegner mir gegenüber Anlaß dazu hatten. Oder -wer an die Mutter des Herrn denkt, die dem Jüngling anvertraut wird, und an -die Propheten, die so vielfach bei Witwen zu Gaste waren und mit ihnen -verkehrten, könnte ja am Ende darin noch viel eher etwas Verdächtiges -sehen. - -Ja, was hätten meine Neider erst gesagt, wenn sie jenen gefangenen Mönch -Malchus, von welchem Hieronymus erzählt, mit seinem Weib unter einem Dach -hätten leben sehen. Was hätten sie für ein Geschrei erhoben über eine -Sache, von welcher der große Kirchenlehrer mit großer Anerkennung spricht. -Nachdem er persönlich sich davon überzeugt hatte, läßt er sich -folgendermaßen darüber aus: »Es war da ein hochbetagter Mann, Namens -Malchus, in der dortigen Gegend selbst geboren. Eine alte Frau teilte mit -ihm seine Wohnung. Beide waren voll religiösen Eifers und wichen nicht von -der Schwelle der Kirche; man hätte sie für Zacharias und Elisabeth im -Evangelium halten können, nur daß ein Johannes fehlte.« Warum, frage ich, -verleumden jene nicht auch die heiligen Väter, von denen wir so häufig -lesen oder auch mit eigenen Augen sehen, daß sie Frauenklöster einrichten -und sich in den Dienst derselben stellen -- nach dem Beispiel jener sieben -ersten Diakonen, welche von den Aposteln an deren eigener Stelle eingesetzt -wurden, um für die leiblichen Bedürfnisse der Frauen zu sorgen. Das -schwächere Geschlecht ist auf die Hilfe des stärkeren angewiesen. Darum -verordnet auch der Apostel, daß der Mann stets des Weibes Haupt sein solle; -und des zum Zeichen sollen die Frauen ihr Haupt verhüllt tragen. - -Darum bin ich auch nicht wenig erstaunt, daß in den Klöstern diese alten -Bräuche längst vergessen sind, sofern man jetzt Äbtissinnen über die Nonnen -setzt, wie man für die Mönche Äbte hat und daß beide, Nonnen wie Mönche, -auf ein und dieselbe Regel verpflichtet werden, während diese doch manches -enthält, was von Frauen niemals eingehalten werden kann, von den -Vorgesetzten so wenig wie von den Untergebenen. Vielfach kann man ja sogar -die Beobachtung machen, daß das natürliche Verhältnis sich umgekehrt hat -und Äbtissinnen und Nonnen über die Kleriker herrschen, von denen das Volk -abhängig ist. Je unumschränkter ein solches Weiberregiment ist, desto -leichter bietet sich die Gelegenheit, in den Männern unerlaubte Gelüste zu -wecken und sie unter einem drückenden Joch zu halten. Darum sagt auch ein -satirischer Dichter mit Recht: »Unerträglicher nichts, als Macht in den -Händen des Weibes.« - -Nachdem ich mich mit solchen Gedanken des öftern beschäftigt hatte, war ich -zu dem Entschluß gekommen, für die Schwestern im Paraklet nach Möglichkeit -zu sorgen und mich ihrer anzunehmen; auch, da ihre Verehrung für mich groß -war, durch persönliche Anwesenheit bei ihnen aufmunternd zu wirken, und auf -diese Weise ihren Bedürfnissen mehr Rechnung zu tragen. Gerade damals hatte -ich häufiger und heftiger unter der Verfolgung meiner eigenen Söhne zu -leiden als in früheren Zeiten unter derjenigen meiner Brüder; und so -flüchtete ich mich aus der Drangsal dieses Sturmes zu den Schwestern wie in -einen stillen Hafen, um dort ein wenig Atem zu schöpfen. Bei jenen Frauen -gedachte ich einigermaßen im Segen zu wirken, der ich an den Mönchen keine -Frucht erlebt hatte. Und je notwendiger meine Wirksamkeit ihrer Schwachheit -war, desto segensreicher sollte sie für mich selber werden. Aber der Satan -hat mir nicht vergönnt, irgendwo zur Ruhe zu kommen und ein -menschenwürdiges Dasein zu führen; sondern der Fluch des Kain lastete auf -mir: unstet und flüchtig umherzuirren von Ort zu Ort. Ich bin der Mann, den --- wie ich schon sagte -- »draußen Streit, drinnen Furcht« unablässig -quälen, ja, vielmehr beides zugleich innen und außen Streit und Furcht. - -Die Angriffe, die ich von meinen Söhnen zu erleiden habe, sind viel -gefährlicher und viel zahlreicher als die meiner Feinde. Denn mit meinen -Söhnen muß ich fortwährend leben, und habe mich unausgesetzt ihrer -Nachstellungen zu erwehren. Wenn mir mein Feind mit Gewalt nach dem Leben -steht, so kann ich die Gefahr bemerken, wenn ich außerhalb des Klosters -meines Weges ziehe. Aber im Kloster selber bin ich fortwährend -gewaltthätigen wie hinterlistigen Angriffen ausgesetzt, und zwar von seiten -meiner eigenen Söhne, d. h. der Mönche, die unter meiner, ihres Abtes, -väterlicher Obhut stehen. O wie oft suchten sie mich durch Gift aus dem Weg -zu schaffen, wie man es dem heiligen Benedikt bereitet hat. Derselbe Grund, -der den heiligen Mann veranlaßt hat, seine Söhne zu verlassen, konnte auch -mich dazu treiben, seinem Beispiel zu folgen; denn andernfalls setzte ich -mich der sicheren Gefahr aus, und meine Verwegenheit konnte man mir eher -als Leichtsinn gegen mich selbst und als ein Gottversuchen auslegen, denn -als Liebe zu Gott. - -Da ich vor derartigen Nachstellungen, die mir von seiten der Mönche täglich -drohten, auf der Hut war so gut ich konnte und namentlich Speise und Trank, -die ich zu mir nahm, sorgfältig überwachte, so suchten sie mich sogar -während des Hochamts am Altar zu vergiften, indem sie mir Gift in den Kelch -mischten. Als ich eines Tages nach Nantes ging, um den Grafen in seiner -Krankheit zu besuchen und bei einem meiner leiblichen Brüder zu Gaste war, -so versuchten sie, mich durch einen Diener aus meinem eigenen Gefolge -vergiften zu lassen, in der Meinung, daß ich auf einen Anschlag von dieser -Seite nicht gefaßt sein werde. Allein der Himmel fügte es so, daß ich von -der Speise, die man mir vorsetzte, nichts anrührte, während ein -Klosterbruder, den ich mitgenommen hatte, ahnungslos davon aß und auf der -Stelle tot niederfiel, worauf jener Diener, durch sein Gewissen und durch -den unleugbaren Sachverhalt erschreckt, die Flucht ergriff. Da sich die -Ruchlosigkeit meiner Mönche so schamlos breit machte, so ergriff ich von -jetzt an ganz offen meine Vorsichtsmaßregeln so gut ich konnte: ich -entfernte mich aus der Abtei und hielt mich mit wenigen Getreuen in kleinen -Zellen auf. Hatten jene in Erfahrung gebracht, daß ich irgend wohin gehen -müsse, so stellten sie gedungene Mörder auf meinen Weg, um mich auf die -Seite zu schaffen. - -Während ich in solchen Gefahren schwebte, traf mich auch noch die Hand des -Herrn gar schwer: ich stürzte eines Tages vom Pferd und verletzte mich -dabei an den Halswirbeln, und dieser unglückliche Sturz machte mir mehr zu -schaffen als meine einstige Verletzung. - -Von Zeit zu Zeit versuchte ich der unbändigen Zuchtlosigkeit der Mönche -durch die Strafe der Exkommunikation entgegenzutreten, und einige von -ihnen, die ich am meisten zu fürchten hatte, brachte ich dazu, daß sie mir -durch einen feierlichen Eid vor Zeugen versprachen, die Abtei für immer zu -räumen und mich in keiner Weise mehr zu beunruhigen. Allein sie brachen -ganz offen und in frechster Weise Wort und Eidschwur und erst als Papst -Innocenz selber sich der Sache annahm und einen besonderen Legaten deswegen -entsandte, brachte man sie dazu, daß sie in Gegenwart des Grafen und der -Bischöfe zu dem alten Versprechen und außerdem zu verschiedenen anderen -Bedingungen aufs neue sich eidlich verpflichteten. Aber trotz alledem gaben -sie noch immer keine Ruhe. Erst vor kurzem noch, als diese Menschen aus dem -Kloster vertrieben waren und ich dahin zurückkehrte, um mich den Brüdern -anzuvertrauen, die ich weniger fürchten zu müssen glaubte, mußte ich die -traurige Erfahrung machen, daß die Zurückgebliebenen noch schlimmer waren -als die anderen. Sie griffen allerdings nicht zum Gift, dafür aber -bedrohten sie mein Leben mit dem Schwert, so daß ich mich unter dem Schutz -eines angesehenen Herrn mit Mühe und Not rettete. Und selbst jetzt noch -schwebt diese Gefahr über mir, und Tag für Tag sehe ich das Schwert über -meinem Haupt hängen, so daß ich kaum ruhig bei Tische sitzen kann. Es ging -mir wie jenem Mann, der die Macht und die Schätze des Tyrannen Dionysius -für das höchste Glück der Erde hielt und durch den Anblick eines Schwertes, -das an einem Faden über seinem Haupt hing, darüber belehrt wurde, was es -mit dem Glück irdischer Macht für eine Bewandtnis habe. Dieselbe Erfahrung -muß ich nun tagtäglich machen, der ich vom unscheinbaren Mönch zu der Würde -des Abtes emporgestiegen bin und mit der größeren Ehre nur größere Mühsal -mir erkoren habe, auf daß ich denen zum warnenden Beispiel dienen möge, die -ihr Ehrgeiz nach hohen Dingen zu streben treibt. - -Geliebter Bruder in Christo und altbewährter Freund! Was ich dir bis -hierher mitgeteilt habe von der Geschichte meiner Leiden, die mich von der -Wiege an ohne Aufhören heimgesucht haben, möge genügen, um dich über dein -Mißgeschick zu trösten. Wie ich gleich im Anfang sagte, war es meine -Absicht, dich zu der Überzeugung zu bringen, daß dein Leiden im Vergleich -zu dem meinigen überhaupt nicht nennenswert oder doch erträglich sei. Je -mehr es bei näherer Betrachtung an Schwere verliert, desto geduldiger magst -du es tragen und dich trösten mit dem Wort, das Christus seinen Gliedern -von den Gliedern des Satans vorausgesagt hat: »Haben sie mich verfolgt, so -werden sie euch auch verfolgen. So die Welt euch hasset, so wisset, daß sie -mich vor euch gehasset hat. Wäret ihr von der Welt, so hätte die Welt das -Ihre lieb.« An einer andern Stelle sagt der Apostel: »Alle, die gottselig -leben wollen in Christo, müssen Verfolgung leiden.« Und ferner: »Gedenke -ich Menschen zu gefallen? wenn ich den Menschen noch gefällig wäre, so wäre -ich Christi Knecht nicht.« Und der Psalmist sagt: »Die den Menschen -gefallen, sind zu Schanden geworden, weil Gott sie verworfen hat.« In -diesem Sinn sagt auch der heilige Hieronymus, der mir die Leiden der -Verleumdung als ein besonderes Erbteil hinterlassen zu haben scheint, in -seinem Brief an Nepotianus: »Der Apostel schreibt: wenn ich den Menschen -noch gefällig wäre, so wäre ich Christi Knecht nicht -- er hat aufgehört, -den Menschen zu gefallen und ist ein Knecht Christi geworden.« Derselbe -Kirchenlehrer schreibt an Asella in der Schrift über falsche Freunde: »Ich -danke meinem Gott, daß ich würdig bin, von der Welt gehaßt zu werden.« Und -an den Mönch Heliodorus: »Du bist sehr im Irrtum, lieber Bruder, wenn du -glaubst, daß ein Christ jemals der Verfolgung entgehen werde. Unser -Widersacher schleicht umher wie ein brüllender Löwe und sucht, wen er -verschlinge, und du glaubst an Frieden? Der Feind lauert im Hinterhalt mit -den Mächtigen dieser Welt.« - -Aus solchen Sprüchen und Beispielen wollen wir Mut schöpfen und das was uns -zustößt tragen, je unverdienter es ist, desto mutiger. Wenn unsre Leiden -uns nicht zum Verdienst angerechnet werden, so dienen sie doch -- so viel -ist sicher -- zu unserer Läuterung. Und weil doch alles nach Gottes -Ratschluß sich vollzieht, so kann sich jeder Gläubige in aller Not -wenigstens damit trösten, daß Gottes Güte nichts Unrechtes geschehen läßt -und daß er selber alles, was der göttlichen Ordnung widerspricht, zu einem -guten Ende führt. Darum ist es gut, in jeder Lebenslage zu sprechen: »Dein -Wille geschehe.« - -Welch kräftiger Trost für die, so Gott lieben, in dem Wort des Apostels: -»Wir wissen, daß denen, die Gott lieben, alle Dinge zum besten dienen.« -Dies meinte auch der Weiseste der Weisen, wenn er im Buch der Sprüche sagt: -»Es wird dem Gerechten kein Leid geschehen, was ihm auch widerfahre.« Damit -sagt er deutlich, daß diejenigen vom rechten Pfad abweichen, die sich gegen -irgend eine Prüfung auflehnen, von der sie doch wissen, daß Gottes Hand sie -ihnen auferlegt. Solche Menschen richten sich nach ihrem eigenen, statt -nach Gottes Willen; sie führen wohl das Wort im Munde: »Dein Wille -geschehe,« aber die verborgenen Wünsche ihres Herzens stehen damit im -Widerspruch, da sie ihren eigenen Willen über den Willen Gottes setzen. -- -Lebe wohl! - - - - -II. Brief. - -Heloise an Abaelard. - -(Ihrem Herrn, ja vielmehr Vater; ihrem Gatten, vielmehr Bruder -- seine -Magd, nein, seine Tochter; seine Gattin, nein seine Schwester; ihrem -Abaelard -- Heloise.) - - -Der Brief, den Ihr einem Freund zum Trost geschrieben, innig geliebter -Mann, ist vor kurzem durch einen Zufall in meine Hände gekommen. Gleich an -den ersten Worten erkannte ich Euch und mit wahrer Gier verschlang ich den -Brief; steht doch der Schreiber dieser Worte meinem Herzen so nahe! und -habe ich ihn selbst gleich für immer verloren, so sollten doch seine Worte, -aus denen sein teures Bild mich ansah, mein Herz erquicken. - -Freilich, ich weiß, deine Worte waren voll Galle und Wermut, da du, mein -Einziger, die traurige Geschichte unserer Bekehrung und deine endlosen -Leiden erzähltest. In der That: du hast gehalten, was du dem Freund im -Anfang des Briefes versprochen: er konnte wirklich seine eigenen -Beschwerden, wenn er sie mit den deinigen verglich, für nichts oder doch -für gering ansehen. Du schilderst die Verfolgungen, die du von seiten -deiner Lehrer zu erdulden hattest und die ruchlose Schandthat, die man an -deinem Leibe verübt hat, endlich die verabscheuungswürdige Mißgunst und -Gehässigkeit deiner eigenen Mitschüler, des Alberich von Reims und Lotulfs, -des Lombarden. Du erzählst das traurige Schicksal, das infolge ihrer -Verleumdung dein ruhmvolles theologisches Werk ereilte, und wie du selbst -zur Kerkerhaft verurteilt wurdest. Alsdann kommst du an die Erzählung von -der Tücke deines Abtes und deiner falschen Brüder und von dem schweren -Schaden, den dir jene beiden Lügenapostel zufügten, aufgehetzt von den oben -genannten Nebenbuhlern, und gedenkst ferner des Ärgernisses, das viele -daran nahmen, daß du dein Oratorium gegen das gewöhnliche Herkommen dem -Parakleten weihtest. Und endlich beschließest du die Geschichte deiner -Leiden mit der Schilderung jener schrecklichen Verfolgungen, die du durch -deinen unversöhnlichen Feind und die ruchlosen Mönche, die du deine Söhne -nennst, zu erdulden hattest und vor welchen du selbst jetzt noch nicht -sicher bist. - -Niemand, glaube ich, kann diese traurige Geschichte trockenen Auges lesen -oder anhören. Je lebhafter und eingehender deine Schilderungen sind, desto -lebhafter ist das Gefühl des Schmerzes, das sie aufs neue in mir weckten; -ja, meine Angst wächst noch im Gedanken daran, daß du selber von immer noch -wachsenden Gefahren sprichst. So müssen wir denn alle für dein Leben -zittern, und mit klopfendem Herzen und bebender Brust Tag für Tag der -Trauerbotschaft von deinem Tode gewärtig sein. Darum im Namen dessen, der -dich bisher aus allen Gefahren zu seiner Ehre gerettet hat, im Namen Jesu -Christi bitten wir dich, du mögest seinen und deinen Dienerinnen durch -öftere Nachricht Gewißheit verschaffen über die Stürme, von denen dein -Lebensschiff jetzt noch hin- und hergeworfen wird; so wirst du wenigstens -an uns, die wir allein dir treu geblieben, Genossinnen deiner Leiden und -deiner Freuden haben. Geteilter Schmerz, sagt man ja, ist halber Schmerz, -und jede Last wird leichter oder läßt sich ganz vergessen, wenn andere -daran mittragen. Und wenn der gegenwärtige Sturm sich ein wenig gelegt hat, -dann laß es uns um so früher wissen und solche Botschaft wird uns um so -willkommener sein. Im übrigen: was es auch sei, das du uns schreibst, immer -werden deine Briefe eine Wohlthat für uns sein schon darum, weil wir daran -sehen, daß du unsrer gedenkst. Welche Freude uns Briefe von Freunden in der -Ferne bereiten, das bestätigt Seneca aus eigener Erfahrung; in einem Brief -an seinen Freund Lucilius heißt es: »Ich bin dir sehr dankbar, daß du mir -so fleißig schreibst. Ist dies doch unter den gegebenen Umständen die -einzig mögliche Art, dich bei mir einzustellen. Jeder Brief, den ich von -dir erhalte, schlingt das Band der Gemeinschaft um uns. Wir erfreuen uns an -den Bildern der fernen Freunde, weil die Erinnerung an sie dadurch -aufgefrischt wird und weil uns der Anblick des Bildes für die mangelnde -Gegenwart derselben ein Ersatz ist, wenngleich ein trügerischer und -dürftiger. Wie viel wertvoller müssen uns erst Briefe sein, die uns -wirkliche Lebenszeichen von dem abwesenden Freunde geben!« Gott sei Dank, -daß du wenigstens auf diese Weise unter uns weilen kannst, ohne die -Verleumdung fürchten zu müssen und ohne auf Hindernisse zu stoßen: darum -beschwöre ich dich, du wollest nicht gleichgültig säumen! - -Den Freund hast du in einem ausführlichen Brief getröstet und hast ihm -deine eigenen Mühsale erzählt, damit er die seinigen vergesse. Während du -aber ihn mit der ausführlichen Schilderung deiner Leiden zu trösten -suchtest, hast du uns jeder Hoffnung beraubt; während du _seine_ Wunden zu -heilen dich bestrebtest, hast du uns neue schmerzliche Wunden geschlagen -und die alten noch vertieft. Heile nun, ich bitte dich, wo du selber -verletzt hast, der du, was andre verübt haben, gut zu machen bestrebt bist. -Deinem Freund und Genossen hast du Genüge gethan und hast ihm den Zoll der -Freundschaft und Brüderlichkeit entrichtet: uns gegenüber jedoch bist du -noch mehr verpflichtet; denn wir dürfen uns nicht bloß deine Freundinnen, -sondern deine Herzensvertrauten, nicht deine Genossinnen, vielmehr deine -Töchter nennen, oder wenn es einen anderen Namen giebt, noch süßer, noch -heiliger: uns kommt er zu. Wie sehr du aber unser Schuldner bist, dafür -braucht es keine Beweise, keine Zeugen; hier ist ein Zweifel nicht möglich, -und wenn alle schweigen, die Sache selbst redet laut und deutlich. Du -allein bist, nächst Gott, der Gründer dieses Klosters, du allein der -Erbauer dieses Oratoriums, du und nur du der Stifter dieser heiligen -Gemeinschaft. Nicht auf fremden Grund hast du gebaut. Deine Schöpfung ist -alles, was hier ist. Wildnis war ringsumher, nur wilden Tieren oder Räubern -eine Zuflucht gewährend; nirgends eine menschliche Wohnung, kein Haus weit -und breit. Unter den Lagerstätten des Wildes, bei den Höhlen der Räuber, wo -selbst der Name Gottes unbekannt war, hast du das göttliche Tabernakel -aufgerichtet und einen Tempel dem heiligen Geist geweiht. Nicht hast du zum -Bau desselben Könige und Fürsten um ihre Schätze angegangen, obwohl du sie -in reicher Fülle hättest haben können; vielmehr alles was geschah, wolltest -du dir allein verdanken. Geistliche und Schüler, die um die Wette hier -zusammenströmten, um deinen Unterricht zu genießen, thaten die nötige -Handreichung. Leute, die selber auf Kosten der Kirche ihren Unterhalt -fristeten, die nicht ans Schenken denken konnten, sondern nur aufs -Empfangen angewiesen waren, und welche die Hand nicht zum Geben, sondern -nur zum Nehmen offen hatten: die waren jetzt mit Leistungen zur Hand und -waren verschwenderisch damit. - -Dein also, ja wirklich dein eigen ist diese neue gottgeweihte Pflanzung und -das Wachstum ihrer zarten Sprossen erheischt reichliche Bewässerung. Schon -infolge der zarten Natur ihres Geschlechts ist es ja eine schwache -Pflanzung; sie wäre nicht stark, auch wenn sie nicht so jung wäre. Darum -hat sie sorgfältige und vielfache Pflege nötig nach jenem Wort des -Apostels: »Ich habe gepflanzt, Apollo hat begossen, aber Gott hat das -Gedeihen gegeben.« Gepflanzt hatte der Apostel und im Glauben begründet -durch Lehre und Predigt die Korinther, denen er schrieb. Begossen hatte sie -später des Apostels Schüler Apollo mit frommen Mahnungen, und also wurde -ihnen durch die göttliche Gnade Wachstum in aller Tugend geschenkt. Den -fremden Weinstock, den du nicht gepflanzt und dessen Süßigkeit sich dir in -Bitternis verwandelt hat, suchst du vergeblich mit Mahnung und frommer -Zurede zu erbauen. Denke doch an deine eigene Pflanzung, der du auf die -fremde so viel Sorgfalt verwendest. Du lehrst und mahnst die Empörer und -richtest nichts aus. Vergeblich wirfst du die Perlen des göttlichen Worts -vor die Säue. Der du für Widerspenstige also viel übrig hast, vergiß nicht, -was du denen schuldig bist, die dir gerne gehorchen. Deinen Widersachern -schenkst du so reichlich, o gedenke auch deiner Töchter! Um von den -Schwestern zu schweigen: wäge selbst die Schuld ab, die du mir gegenüber -einzulösen hast, und was du den frommen Frauen allen zusammen schuldest, -das entrichte um so gewissenhafter der einen, die ganz und gar dein ist. -Die zahlreichen, ausführlichen Schriften der heiligen Väter zur Belehrung, -Mahnung und Tröstung frommer Frauen, und die Liebe, mit welcher dieselben -geschrieben wurden, sind deinem hohen Wissen besser bekannt als meinem -geringen Gedächtnis. Darum hat es mich nicht wenig befremdet, daß du das -von dir begonnene Werk unsrer gottgeweihten Lebensgestaltung sobald wieder -vergessen konntest. Nicht Gottesfurcht, nicht Liebe zu uns, nicht das -Beispiel der heiligen Väter konnte dich bewegen, selber zu mir zu kommen, -mich zu trösten oder doch durch Briefe mein unruhiges Herz aufzurichten, -das sich in seinem alten Gram verzehrt. - -Und doch, du weißt es wohl, daß du mir vor andern verpflichtet bist; ist es -doch das heilige Band der Ehe, das uns verbunden hält, und mein Schuldner -bist du um so mehr, als ich dich allezeit -- wer weiß es nicht? -- mit -grenzenloser Liebe umfaßt habe. Du weißt es, Geliebter, und die Welt weiß -es, was ich in dir verloren habe, und wie jene allgemein bekannte -verräterische Schandthat mich so vernichtend getroffen hat wie dich, und -daß mich die Art und Weise des Verlustes unendlich tiefer schmerzt als das -Unglück selbst. Aber wo viel Grund zum Schmerz vorhanden ist, da müssen -auch stärkere Trostmittel angewandt werden. Aber nicht fremden Trostes -begehr' ich, sondern du allein, der du meines Leidens Grund bist, du allein -magst mich nun auch trösten. Du allein kannst mich elend machen, du nur -mein Herz erfreuen und mich trösten. Und du allein hast auch die Pflicht es -zu thun; war ich doch allezeit deinem Willen so blind ergeben, daß ich auf -ein Wort von dir mich selbst vernichtet hätte, denn dir zuwider zu handeln, -war mir unmöglich. - -Aber noch mehr widerfuhr mir, noch Seltsameres; meine Liebe selbst wurde -zum Wahnsinn, also daß sie selber auf das, was sie einzig begehrte, -verzichtete ohne Hoffnung, es je wieder zu erlangen. Dies geschah damals, -als ich deinem Willen gehorsam zugleich mit dem Gewand auch mein Herz zu -ändern unternahm, um dir zu zeigen, daß du allein Herr meines Leibes und -meiner Seele seist. Nichts habe ich je bei dir gesucht -- Gott weiß es -- -als dich selbst; dich nur begehrt' ich, nicht das, was dein war. Kein -Ehebündnis, keine Morgengabe hab ich erwartet; nicht meine Lust und meinen -Willen suchte ich zu befriedigen, sondern den deinen, das weißt du wohl. -Mag dir der Name »Gattin« heiliger und ehrbarer scheinen, mir klang es -allzeit reizender, deine »Geliebte« zu heißen; oder gar -- verarg es mir -nicht -- deine »Buhle«, deine »Dirne«. Je tiefer ich mich um deinetwillen -erniedrigte, desto mehr wollte ich dadurch Gnade vor deinen Augen finden, -und um so weniger dachte ich auf diese Weise deinem glänzenden Rufe zu -schaden. Und du selbst sprichst in jenem Trostbrief an deinen Freund von -dieser meiner Gesinnung. Du hast es nicht verschmäht, einige der Gründe -anzuführen, mit denen ich versuchte, dir den unseligen Gedanken an ein -Ehebündnis auszureden; allein du hast diejenigen fast alle unerwähnt -gelassen, die mich bestimmten, die Liebe der Ehe, die Freiheit dem Zwang -vorzuziehen. Gott ist mein Zeuge: wollte mich heute der Kaiser, der Herr -der Welt, der Ehre seines Ehebetts würdigen und mich für immer über die -ganze Welt gebieten lassen: für süßer und würdiger achtete ich's, deine -Buhle zu heißen als seine Kaiserin. Denn der Wert eines Menschen richtet -sich ja nicht nach seinem Reichtum und seiner Macht, diese sind Zufall, -jener ist Verdienst. Die muß sich ja selbst für eine feile Person halten, -die einen Mann seines Goldes wegen einem Armen vorzieht und weniger den -Mann selber begehrt als das, was er hat. Gewiß, die Frau, die ein solches -Gelüste zur Ehe treibt, sollte man bezahlen, nicht lieben. Denn es liegt ja -auf der Hand, daß sie nach dem Besitz verlangt, nicht nach dem Mann, und -daß sie sich, wenn sie nur Gelegenheit hätte, einem reicheren Mann noch -lieber preisgeben würde. Diesen Sinn hat auch eine philosophische -Ausführung der berühmten Aspasia, die sie in einem Gespräch mit Xenophon -und seiner Gattin bei Äschines, einem Schüler des Sokrates, vorbrachte. Die -Philosophin wollte die beiden Gatten miteinander aussöhnen und schloß ihre -Beweisführung mit folgenden Worten: »Sobald ihr es dahin gebracht habt, daß -es in der ganzen Welt keinen Mann und kein Weib giebt, besser und -auserlesener als ihr, werdet ihr sicherlich das zu erlangen suchen, was ihr -für das beste haltet: du wirst die beste Frau haben wollen und sie wird mit -dem besten Mann verheiratet sein wollen.« - -Wahrlich ein verehrungswürdiger und mehr als philosophischer Ausspruch, der -aus der Weisheit selbst, nicht bloß aus der Liebe zur Weisheit stammt! -Heiliger Irrtum, selige Täuschung, wo die eheliche Liebe so groß ist, daß -eins das andre für vollkommen hält; da wird das Band der Ehe unverletzt -erhalten bleiben nicht durch die Keuschheit des Leibs, sondern durch die -Einfalt der Seelen. Aber was bei den andern doch immer nur eine Einbildung -ist, das habe ich wirklich und wahrhaftig besessen. Denn was andere Frauen -in ihre Männer nur hineinlegen, das habe ich, das hat die ganze Welt von -dir nicht bloß geglaubt, sondern sicher gewußt, und so ist denn meine Liebe -zu dir um so wahrhaftiger, je mehr der Irrtum von ihr ausgeschlossen ist. - -Denn wo ist der König oder der Weise, der dir an Ruhm gleichkäme? In -welchem Land, in welcher Stadt, in welchem Dorf war man nicht darauf -erpicht, dich zu sehen? Wer, frage ich, beeilte sich nicht, dich zu -erblicken, wenn du in der Öffentlichkeit erschienst, und zogst du dich -zurück, folgte man dir da nicht nach mit gerecktem Hals und unverwandtem -Blick? Sehnte sich nicht jede Frau, jedes Mädchen nach dem Abwesenden? -Glühten sie nicht alle für dich, wenn du zugegen warst? Welche Fürstin, -welche hohe Dame beneidete mich nicht um meine Freuden, um das Lager meiner -Liebe? - -Ein Zwiefaches war es vor allem, das dir die Herzen aller Frauen unfehlbar -gewann: die Gabe der Dichtung und des Gesanges, die man sonst meines -Wissens bei Philosophen nicht findet. Bei ihr erholtest du dich wie bei -einem Spiel von den Anstrengungen deiner geistigen Arbeit, und eine ganze -Anzahl von Gedichten und Liebesweisen sind von dir noch vorhanden, die um -ihres schönen Wortlauts und um ihrer lieblichen Melodie willen oft und viel -gesungen deinen Namen in aller Munde lebendig erhielten. Schon die Anmut -deiner Weisen machte auch ungebildete Leute mit deinem Namen vertraut. Und -das vor allem war der Zauber, mit dem du den Frauen Seufzer der Liebe -entlocktest. Die große Mehrzahl dieser Gedichte feierte unsere Liebe und so -klang mein Name in kurzem weit hinaus in die Lande und weckte in mancher -Frau die Eifersucht. Denn welche Gabe des Körpers und des Geistes zierte -nicht deine Jugend? Welche Frau, die mich einst beneidete, würde nicht -jetzt, da ich solcher Wonne beraubt bin, durch mein Unglück zum Mitleid -gestimmt? Wo ist der Mann, die Frau, und wären sie mir einst noch so feind -gewesen, die sich jetzt nicht erweichen ließen durch das natürliche Gefühl -des Mitleids mit mir? - -Ganz schuldig bin ich, und doch auch, du weißt es, ganz und gar schuldlos. -Denn nicht die bloße That für sich, sondern die Gemütsverfassung des -Thäters muß man in Betracht ziehen, und ein billiger Richter sieht nicht -allein darauf, was geschieht, sondern in welcher Gesinnung etwas geschieht. -Welche Gesinnung mich aber dir gegenüber allezeit beseelt, das kannst du -allein beurteilen, der du's erfahren hast. Deinem Urteil überlasse ich -ruhig alles, deiner Entscheidung füge ich mich in allen Stücken. - -Nur das eine sag mir, wenn du kannst: warum du nach meinem Eintritt ins -Kloster, der doch nur auf dein Geheiß geschah, mich so ganz vernachlässigt -und vergessen hast, daß mir weder die Erquickung des mündlichen Wortes, -noch der Trost eines Briefes von deiner Seite zu teil wurde. Warum das? sag -an, wenn du kannst, oder ich spreche aus, was ich denke, ja, was jedermann -argwöhnt. Ach! Begierde mehr als Freundschaft gesellte dich zu mir, -glühende Sinnenlust mehr als Liebe. Nun dahin ist, was du begehrtest, ist -auch das Gefühl erloschen, das du einst an den Tag legtest, um dein Ziel zu -erreichen. Das, mein Geliebter, ist nicht etwa meine besondere Meinung, -sondern alle Welt denkt so. - -Wäre es doch nur ein Wahn von mir! Daß es doch eine Rechtfertigung deiner -Liebe gäbe, durch die mein Schmerz einigermaßen besänftigt werden könnte! -Könnte ich doch Gründe entdecken, dich zu entschuldigen und zugleich mein -Elend zu decken! - -Höre meine Bitte, ich beschwöre dich! Ihre Erfüllung ist dir ein Geringes -und Leichtes. Da ich nun einmal deiner Gegenwart beraubt bin, so laß doch -in Worten der Liebe, die dir so reichlich zu Gebote stehen, dein süßes Bild -bei mir einkehren! Wie darf ich auf deine Freigebigkeit hoffen, wenn es -sich einmal wirklich darum handelt, da du selbst mit deinen Worten geizest. -Ich hatte geglaubt, ich hätte mir ein Recht auf deinen Dank erworben, da -ich um deinetwillen alles that und bis heute unter deinem Willen stehe. -Denn nicht Frömmigkeit, sondern dein Wille allein hat mich in blühender -Jugend dem düsteren Klosterleben zugeführt; habe ich dadurch nicht deinen -Dank verdient, dann -- das mußt du selbst sagen -- war mein Opfer -vergeblich. Denn von Gott versehe ich mich keines Lohns dafür, da -nimmermehr aus Liebe zu ihm geschehen ist, was ich gethan. - -Da du bei Gott deine Zuflucht suchtest, bin ich dir gefolgt, nein, -vorangeeilt bin ich dir. Als dächtest du an Lots Weib, das sich einst -rückwärts wandte, hast du erst mich den Schleier nehmen und das Gelübde -ablegen lassen, ehe du selbst dich Gott zum Eigentum weihtest. Mit Schmerz -und Scham hat es mich erfüllt, ich sage es offen, daß du mir damals weniger -zutrautest als dir selbst. Und doch, bei Gott, ich wäre auf dein Wort ohne -Zögern dir in die Hölle vorangeeilt oder gefolgt. Mein Herz war ja nicht -mehr mein, ich hatte es an dich verloren. Und wenn es jetzt auch bei dir -keine Statt mehr findet, dann hat es überhaupt keine Heimat mehr, denn ohne -dich mag es nirgendwo sein. Ach, laß es bei dir geborgen sein, ich bitte -dich drum. Und wohlgeborgen wird es bei dir sein, wenn es dich gütig -findet, wenn du Liebe mit Liebe vergelten willst, Großes mit Kleinem, Opfer -mit Worten. Ach, wärst du, Geliebter, meiner Liebe doch nicht so sicher, du -würdest dich mehr darum sorgen! Nun, da ich dich so sicher gemacht, muß ich -deine Gleichgültigkeit tragen. Ach, denke dran, was ich für dich gethan -habe und vergiß nicht, was du mir schuldest. Als ich des Fleisches Lust in -deinen Armen genoß, da konnte man zweifeln, ob Liebe oder Lüsternheit mich -dazu treibe. Jetzt aber zeigt ja der Ausgang, was für Gefühle mich einstens -geleitet haben. Auf alle Freuden habe ich verzichtet, um deinem Willen zu -leben. Nichts habe ich mir zurückbehalten, als den Wunsch, ganz und gar nur -dir zu gehören. - -Darum bedenke, wie ungerecht du an mir handelst, wenn du mir geringeren -Dank entrichtest als ich verdiene, oder wenn du überhaupt nichts für mich -übrig hast -- zumal da es ja ein Geringes und eine Kleinigkeit für dich -ist, was ich verlange. Darum, bei dem Gott, dem du dich zu eigen gegeben, -beschwöre ich dich: erfreue mich mit deiner Gegenwart, so gut es geht und -laß mir zum Trost wenigstens eine schriftliche Kunde von dir zukommen, -damit ich, also gestärkt, mit neuer Freudigkeit dem Dienste Gottes mich -weihen möge. - -Ach, einstens, da du die Freuden der Welt bei mir suchtest, spartest du -deine Briefe nicht, und der Name deiner Heloise, in so manchem Liede -gefeiert, war in aller Munde; auf allen Gassen, in jedem Hause erklang er. -Wie vielmehr solltest du mich jetzt zur Gottesliebe erwecken, da du mich -einst zur Wollust verlocktest! - -Bedenke, was du mir schuldest und höre auf meine Bitte. Und so laß mich den -langen Brief mit dem kurzen Worte beschließen: Lebe wohl, du mein Ein und -Alles! - - - - -III. Brief. - -Abaelard an Heloise. - -(An Heloise, seine geliebte Schwester in Christo -- Abaelard, ihr Bruder im -Herrn.) - - -Daß ich seit unserem Rückzuge aus der Welt zu Gott noch keine Worte des -Trostes und der Mahnung an dich geschrieben habe, darfst du nicht meiner -Gleichgültigkeit zuschreiben, sondern deiner eigenen Verständigkeit, auf -welche ich allezeit große Stücke gehalten habe. Ich dachte nicht, daß du es -nötig hättest, da dich die göttliche Gnade mit allem, was not thut, -überreichlich ausgestattet hat -- also, daß du selber die Irrenden durch -Wort und Beispiel belehren, die Kleinmütigen trösten, furchtsame Seelen -aufrichten kannst; und dieses zu thun, bist du ja schon seit jener Zeit -gewöhnt, da du noch einer Äbtissin untergeben warst und das Amt einer -Priorin bekleidetest. Wenn du jetzt mit derselben Liebe für deine Töchter -besorgt bist, wie ehemals für die Schwestern, so wirst du gewiß allen -Ansprüchen genügen und einer Belehrung und Mahnung von meiner Seite wird es -dann sicher nicht bedürfen. Wenn du aber in deiner Bescheidenheit anderer -Meinung bist und auch in religiösen Dingen meine schriftliche Belehrung -nötig zu haben glaubst, so teile mir mit, über welchen Gegenstand du -belehrt sein willst und ich werde dir antworten, soweit der Herr mir die -Kraft dazu schenkt. - -Gott aber sei gedankt, der eurem Herzen die Sorge um die schweren und -beständigen Gefahren, denen ich ausgesetzt bin, eingeflößt und euch zu -Genossinnen meiner Anfechtungen gemacht hat. So wird Gottes Barmherzigkeit -mich um eurer Gebete willen beschützen und bald den Satan unter meine Füße -treten. Darum beeile ich mich, dir den Psalter zu schicken, den du so -dringend verlangtest, liebe Schwester, einst in der Welt mir so teuer und -noch viel teurer jetzt in Christo. Aus ihm magst du zur Sühnung meiner -vielen schweren Sünden und zur Abwehr der Gefahren, die mir täglich drohen, -dem Herrn ein beständiges Gebetsopfer entrichten. - -Wie viel aber bei Gott und seinen Heiligen das Gebet der Gläubigen vermag, -insbesondere das Gebet von Frauen für solche, die ihnen lieb sind und -dasjenige der Gattinnen für ihre Männer, dafür haben wir viel Zeugnisse und -Beispiele. Dies hat auch der Apostel im Auge, wenn er uns mahnt, ohne -Unterlaß zu beten. Wir lesen, daß der Herr zu Moses sagte: »Laß mich, daß -mein Zorn über sie ergrimme.« Und zu Jeremia spricht der Herr: »Du sollst -für dies Volk nicht bitten und mir nicht widerstehen.« In diesen Worten -gesteht der Herr selbst deutlich zu, daß durch das Gebet der Gerechten -seinem Zorn gewissermaßen ein Zügel angelegt werde, damit er nicht in -seiner ganzen Schwere über die Sünder komme, wie sie es eigentlich -verdienen. Seine Gerechtigkeit treibt ihn unwillkürlich zur Rache, aber die -Fürbitte der Frommen stimmt ihn um und nötigt ihn gleichsam gegen seinen -Willen, einzuhalten. Und so wird dem, der bittet oder bitten will, gesagt: -»Laß mich und widerstehe mir nicht!« Der Herr verbietet also, daß man für -den Gottlosen bete. Allein der Fromme legt Fürbitte ein gegen den Willen -Gottes, und wirklich erlangt er von ihm, was er bittet, und hebt den Spruch -des erzürnten Richters auf. So heißt es denn weiter von Moses: »Und der -Herr ließ sich versöhnen und strafte sein Volk nicht, wie er gesagt hatte.« -An einer andern Stelle heißt es von den Werken Gottes überhaupt: »Er -spricht, so geschieht's.« Hier aber wird erzählt, Gott habe zwar gesagt, -daß sein Volk Strafe verdiene, allein durch die Kraft des Gebetes -umgestimmt, habe er seine Drohung nicht ausgeführt. - -Erkenne daraus, wie groß die Wirkung des Gebets ist, wenn wir so beten, wie -wir sollen: hat doch der Prophet selbst durch ein Gebet, das Gott ihm -eigentlich verboten hatte, erreicht was er wollte, und hat den Herrn -dadurch von seinem Vorhaben abgebracht. - -Ein anderer Prophet sagt zu ihm: »Und wenn du erzürnt bist, so gedenke -deiner Barmherzigkeit.« Das mögen die Fürsten dieser Welt zu Herzen nehmen -und danach thun, die so oft unter dem Vorwand der unbeugsamen Gerechtigkeit -mehr eigensinnig als gerecht erfunden werden; die nicht barmherzig sein -wollen, weil sie fürchten für schwach gehalten zu werden oder für -wortbrüchig, wenn sie einen Befehl, den sie erlassen, abändern, eine -unüberlegt getroffene Bestimmung nicht ausführen, womit sie doch nur ihre -Worte durch ihre Handlungen verbessern würden. Solche Menschen sind wie -Jephtha, der die Thorheit seines Gelübdes noch dadurch steigerte, daß er es -erfüllte und sein einziges Kind opferte. Wer aber ein Kind Gottes sein -will, der spricht mit dem Psalmisten: »Deine Barmherzigkeit und dein -Gericht will ich preisen, o Herr.« -- »Die Barmherzigkeit« -- heißt es in -der Schrift -- »rühmet sich wider das Gericht.« Aber wohlgemerkt: die -heilige Schrift enthält auch die Drohung: »Es wird ein unbarmherziges -Gericht über den gehen, der nicht Barmherzigkeit gethan hat.« - -So hat auch der königliche Psalmsänger selber auf die Bitte der Gattin -Nabals, des Karmeliten, seinen Eid, den er nach dem Recht geschworen hatte, -ihren Mann und sein Haus zu vernichten, aus Mitleid rückgängig gemacht. Er -hat also das Flehen über die Gerechtigkeit gestellt, und was der Mann -verbrochen hatte, wurde durch die Fürbitte der Frau wieder gutgemacht. - -Dies, liebe Schwester, möge dir ein Vorbild und eine sichere Bürgschaft -sein: wenn schon das Gebet dieses Weibes bei einem Menschen so viel -vermochte, so kannst du daraus sehen, wie viel erst deine Fürbitte für mich -bei Gott auszurichten vermag. Gott, der unser Vater ist, liebt ja seine -Kinder mehr als David jenes bittende Weib liebte. David war ja wohl fromm -und barmherzig; Gott aber ist die Liebe und Barmherzigkeit selber. Und jene -Frau, die damals ihre Bitte vorbrachte, gehörte der Welt an und weltlichem -Volk, und war nicht, wie du, Gott geweiht durch ein heiliges Gelübde. Und -sollte dein eigenes Gebet nicht zum Ziele führen, so wird die heilige Schar -der Jungfrauen und Witwen, die um dich ist, gewiß das erlangen, wozu dein -Gebet allein nicht ausreicht. Jesus sagt zu seinen Jüngern: »Wo zwei oder -drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich mitten unter ihnen« und -weiter: »Wo zwei unter euch eins werden auf Erden, warum es ist, daß sie -bitten wollen, das soll ihnen widerfahren von meinem Vater im Himmel.« Ist -hieraus nicht deutlich zu sehen, wie viel das inständige Gebet einer -frommen Gemeinschaft bei Gott vermag? Der Apostel sagt: »Das Gebet des -Gerechten vermag viel, wenn es ernstlich ist« -- wie viel dürfen wir dann -erst von dem Gebet einer frommen Gemeinde erwarten? - -Aus der 38. Homilie des heiligen Gregor weißt du, geliebte Schwester, wie -einem Bruder ganz gegen seinen Willen das Gebet der Mitbrüder mächtig -geholfen hat. Deiner Klugheit ist wohl bekannt, was dort erzählt wird: wie -der Mann schon in den letzten Zügen lag, wie seine arme Seele mit der -Todesangst rang, und wie er in seiner Verzweiflung im Lebensüberdruß die -Brüder vom Gebet abhalten wollte. Möge dies Beispiel dir und dem Konvent -der frommen Schwestern Mut machen, für mich zu beten, auf daß der mich euch -am Leben erhalte, durch den, nach dem Zeugnis des Paulus, »die Weiber haben -selbst ihre Toten von der Auferstehung wiedergenommen.« - -Schlage die Schriften des alten und neuen Bundes nach und du wirst finden, -daß die großen Wunder der Totenerweckung allein oder vornehmlich Frauen -zulieb geschehen sind, für sie oder an ihnen bewirkt wurden. Das Alte -Testament weiß von zwei Toten, die auf die Bitte ihrer Mütter durch Elias -und durch dessen Schüler Elisäus erweckt wurden. Das Evangelium aber -erzählt von drei Totenerweckungen, welche der Herr Frauen zuliebe vollzogen -hat, und jenes Wort des Apostels, das ich oben angeführt habe, erhält -dadurch seine Bestätigung: »Die Weiber haben ihre Toten von der -Auferstehung wiedergenommen.« Den Sohn der Witwe von Nain hat Jesus vor dem -Thore der Stadt erweckt und hat ihn, von Mitleid bewegt, seiner Mutter -wiedergegeben. Auch Lazarus, seinen Freund, hat er auf die Bitten seiner -Schwestern Maria und Martha ins Leben zurückgerufen. Und wenn er dem -Töchterlein des Jairus dieselbe Gnade auch auf die Bitte ihres Vaters -erwiesen hat, so haben doch auch hier »die Weiber ihre Toten von der -Auferstehung wiedergenommen«; denn wie jene den Leichnam der Ihrigen, so -erhielt sie ihren eigenen Leib aus den Banden des Todes zurück. Und diese -Erweckungen geschahen alle auf die Bitte einer kleinen Anzahl von Leuten. -Wenn aber eure ganze fromme Gemeinschaft sich im Gebet für die Erhaltung -meines Lebens vereinigt, so wird eure Bitte gewiß erfüllt werden. Je mehr -das Gelübde der Armut und Keuschheit, das ihr Gott abgelegt habt, angenehm -vor ihm ist, desto geneigter werdet ihr ihn finden. Und vielleicht waren -die meisten von denen, welche vom Tod erweckt wurden, nicht einmal -Gläubige; wenigstens lesen wir von jener Witwe, der Jesus ihren Sohn -erweckte, ohne daß sie darum bat, nicht, daß sie gläubig gewesen sei. Uns -aber verbindet miteinander nicht allein die Gemeinschaft des unverfälschten -Glaubens, sondern auch ein und dasselbe heilige Gelübde. - -Aber ich will von der heiligen Gemeinschaft eures Kollegiums schweigen, in -welchem die Schar frommer Jungfrauen und Witwen Gott beständig dient. Ich -will allein von dir reden, deren Frömmigkeit gewiß bei Gott viel vermag, -und die mir besonders jetzt ihre Hilfe nicht versagen darf, da ich mit so -viel Mißgeschick zu kämpfen habe. Gedenke in deinen Gebeten allezeit -dessen, der dein ist in ganz besonderem Sinn und wache mit um so größerem -Vertrauen im Gebet, als du ja weißt, daß es nur recht und billig ist, was -du thust, und daß du dem, zu welchem du flehst, nur um so angenehmer bist -um deines Gebetes willen. - -Höre mit dem Ohr des Herzens, was du schon so oft mit dem leiblichen Ohr -gehört hast. In den Sprüchen steht geschrieben: »Ein fleißiges Weib ist -eine Krone ihres Mannes« und »Wer eine Ehefrau findet, der findet was Gutes -und bekommt Wohlgefallen vom Herrn«. Weiter heißt es; »Haus und Güter -vererben die Eltern, aber ein vernünftiges Weib kommt vom Herrn«. Der -»Prediger« aber sagt: »Selig der Mann, dem ein gutes Weib beschieden ist«, -und bald darauf: »Ein gutes Weib, ein gutes Teil.« Und die Meinung des -Apostels ist: »Der ungläubige Mann ist geheiligt durch ein gläubiges Weib«. -Diese Wahrheiten hat die göttliche Gnade gerade in unserer Heimat, im -Frankenreich, durch ein glänzendes Beispiel bestätigt. Wurde ja doch der -König Chlodwig nicht durch die Predigt der Priester, sondern durch das -Gebet seiner Gemahlin dem christlichen Glauben zugeführt; das ganze Reich -wurde infolgedessen unter das göttliche Gebot gestellt, und durch das -Beispiel der Großen wurden die Unterthanen zur Beharrlichkeit im Gebet -veranlaßt. - -Zu solcher Ausdauer ladet uns gar dringend das Gleichnis des Herrn ein, in -welchem er sagt: »Und ob er nicht aufstehet und giebt ihm darum, daß er -sein Freund ist, so wird er doch um seines unverschämten Geilens willen -aufstehen und ihm geben, wieviel er bedarf.« Mit dieser -- wenn man so -sagen darf -- Aufdringlichkeit des Gebetes hat Moses, wie ich oben erwähnt, -die Strenge der göttlichen Gerechtigkeit erweicht und Gottes Spruch -aufgehoben. - -Du weißt es, Geliebte, welche Liebesglut einst euer ganzer Konvent in den -Gebeten für mich an den Tag legte, da ich noch unter euch weilte. Jeden Tag -pflegtet ihr zum Abschluß der Horen ein besonderes Gebet für mich zu -verrichten und zwar so, daß, nachdem Versus und Responsum gesungen war, -Gebet und Kollekte sich anschloß in folgendem Wortlaut: - -_Responsum_: »Verlaß mich nicht, o Herr, und weiche nicht von mir.« - -_Versus_: »Sei allzeit zu meiner Hilfe bereit, o Herr.« - -_Gebet_: »Errette deinen Knecht, o mein Gott, denn er harret auf dich. -Herr, erhöre mein Gebet, und mein Geschrei komme vor dich.« - -_Kollekte_: »O Gott, der du deine Mägde gewürdigt hast, durch deinen Knecht -in deinem Namen vereinigt zu werden, wir bitten dich, laß ihn und uns in -deinem Willen beharren. Durch unsern Herrn Jesum Christum.« - -Jetzt aber bin ich fern von euch und habe den Beistand eures Gebetes um so -nötiger, als die Angst und Gefahr, in der ich schwebe, größer geworden ist. -Darum bitte ich euch herzlich und dringend, daß ich gerade jetzt in der -Ferne die Wahrhaftigkeit eurer Liebe möge erfahren dürfen; wollet also dem -Schluß der Horen noch das folgende besondere Gebet für mich beifügen: - -_Responsum_: »Verlaß mich nicht, o Herr, Vater und Gebieter meines Lebens, -auf daß ich nicht falle vor den Augen meiner Feinde, daß sich mein -Widersacher nicht freue.« - -_Versus_: »Nimm deine Wehr und Waffen und erhebe dich zu meiner Hilfe, daß -mein Feind sich nicht freue.« - -_Gebet_: »Errette deinen Knecht, o mein Gott, denn er harret auf dich. -Sende ihm Hilfe, o Herr, von deinem Heiligtum, und gewähre ihm Schutz von -Zion. Sei du ihm, o Herr, ein fester Turm, vor dem Antlitz seines Feindes. -Herr, erhöre mein Gebet und mein Geschrei komme vor dich.« - -_Kollekte_: »Gott, der du deine Mägde gewürdigt hast, durch deinen Knecht -in deinem Namen vereinigt zu werden, wir bitten dich, schütze ihn vor allem -Unheil und gieb ihn wohlbehalten deinen Mägden wieder. Durch Jesum Christum -unsern Herrn.« - -Sollte mich aber der Herr in die Hände meiner Feinde fallen lassen -- sei's -daß sie mich überwältigen und töten oder daß ich sonstwie ferne von euch -den Weg alles Fleisches gehe -- so beschwöre ich euch: lasset meinen -Leichnam, wo er auch begraben sei oder liege, in euren Friedhof überführen. -Da mögen dann meine Töchter, meine Schwestern in Christo, mein Grab -besuchen und dann und wann Gebete für mich zum Himmel schicken. Denn ich -wüßte für eine schmerzvolle und ob des Irrtums ihrer Sünden trauernde Seele -keinen weihevolleren heilsameren Ort als den, der dem Parakleten, das ist -dem Tröster, zum Eigentum geweiht ist und dessen Namen trägt. Auch ruht ein -Christ wohl bei keiner gläubigen Gemeinschaft so süß, wie bei gottgeweihten -Frauen. Denn Frauen waren einst besorgt um das Begräbnis unseres Herrn und -salbten ihn vor und nach seinem Tod mit köstlichen Salben, und sie weinten -an seinem Grab, wie geschrieben steht: »Frauen saßen am Grab und weinten -und klagten um den Herrn«. Dort wurden sie auch zuerst mit der Kunde von -der Auferstehung getröstet, durch die Erscheinung und Ansprache der Engel, -und gleich darauf durften sie zu ihrer Freude den Auferstandenen selber -sehen und mit Händen berühren, der ihnen zweimal erschien. - -Zum Schluß über alles andere die eine Bitte: sorget dereinst mit der -gleichen Angst um das Heil meiner Seele, wie ihr jetzt um mein Leben fast -allzu ängstlich besorgt seid, und erweiset dem Toten die Liebe, die ihr dem -Lebenden nicht versagt habt, indem ihr ihm mit der besondern Hilfe eures -Gebets beistehet. - -Lebe wohl, du und deine Schwestern, lebet dem Herrn und gedenket mein! - - - - -IV. Brief. - -Heloise an Abaelard. - -(Ihrem Ein und Alles nach Christus die Seinige ganz in Christus.) - - -Es befremdet mich, teuerster Freund, daß du gegen den sonstigen Gebrauch, -ja gegen die natürliche Ordnung der Dinge selbst in der Anrede deines -Briefes meine Person vor die deinige zu setzen beliebtest: die Frau vor den -Mann, die Gattin vor den Gatten, die Magd vor den Herrn, die Nonne vor den -Mönch und Priester, die Diakonisse vor den Abt. Nach gutem Recht und Brauch -setzt man den Namen des Briefempfängers vor den eigenen, wenn man an -Vorgesetzte oder Gleichstehende schreibt. Schreibt man dagegen an -Untergebene, so richtet sich die Reihenfolge der Namen nach derjenigen des -Ranges der einzelnen. - -Auch das hat uns nicht wenig befremdet, daß du die Angst derjenigen noch -vermehrt hast, denen du den Balsam des Trostes hättest reichen sollen, und -daß du, statt Thränen zu stillen, Thränen geweckt hast. Denn wer von uns -kann mit trockenen Augen anhören, was am Schluß deines Briefes steht: -»Falls mich Gott in die Hände meiner Feinde fallen läßt, daß sie mich -überwältigen und töten« u. s. w. O mein Geliebter, wie konntest du so etwas -denken und aussprechen! Möge Gott niemals seine Dienerinnen so weit -vergessen, daß er sie deinen Tod erleben lasse. Möge er uns nimmermehr ein -Leben fristen lassen, das schwerer ist als alle Qualen des Todes. Dir ziemt -es, unsere Exequien zu feiern, du mußt Gott unsere Seelen empfehlen und -diejenigen zu ihm vorangehen lassen, die du zu einer Gemeinde Gottes -vereinigt hast. Von keiner Sorge um sie wirst du dann mehr beunruhigt -werden, und um so freudiger wirst du uns nachfolgen, je gewisser du über -unser Seelenheil geworden bist. - -Verschone uns, ich beschwöre dich, mein Gebieter, mit solchen Worten, die -unser Unglück zur Verzweiflung steigern; nimm uns nicht vor dem Tod, was -uns das Leben noch möglich macht. Es ist genug, daß ein jeglicher Tag seine -eigene Plage habe, und jener Tag, ganz in Bitterkeit gehüllt, wird jedem, -dem er anbricht, Angst genug bereiten. »Denn wozu soll man,« sagt Seneca, -»Übel heraufbeschwören und das Leben vor dem Tod verlieren?« - -Du bittest darum, mein einzig Geliebter, wir sollen deinen Leichnam, falls -du dein Leben fern von uns beschließen solltest, nach unserer -Begräbnisstätte überführen lassen, auf daß dir die Gebete, in welchen wir -deiner beständig gedenken, eine reiche Frucht des Segens schaffen mögen. -Aber wie kannst du glauben, daß dein Andenken überhaupt aus unserm -Gedächtnis schwinden könne? Oder wird es _dann_ Zeit zum Gebet sein, wenn -die höchste Seelenangst uns ruhelos umtreibt? wenn der Geist die Fähigkeit -zum Denken verliert und die Zunge nicht mehr der Rede mächtig sein wird? -Wenn das Herz in seinem Wahn sich gegen Gott empört und ihn mit seinem -Murren zum Zorn reizt, statt ihn mit Gebeten zu begütigen? Dann werden wir -Armen nur noch Thränen haben und kein Wort des Gebetes finden, und wir -werden größere Eile haben, dir im Tode nachzufolgen als dich zu bestatten, -und wir werden selbst für das Grab reif sein, statt daß wir dich begraben. -Da uns mit dir unser Leben verloren geht -- wie sollen wir weiter leben, -wenn du von uns scheidest? Ach würde es uns erspart, auch nur bis dahin zu -leben! Schon der Gedanke an deinen Tod ist so gut wie Tod für uns. Möge -Gott nicht zugeben, daß wir am Leben bleiben, um an dir diese Liebespflicht -zu erfüllen und diesen letzten Dienst dir zu erweisen, den wir vielmehr von -dir erwarten. Darin wollen wir dir vorangehen, nicht folgen! - -Darum schone unser, ich beschwöre dich, schone wenigstens derjenigen, die -nur in dir lebt; laß uns nicht solche Worte hören, die gleich tödlichen -Schwertern durch unsere Seele gehen, also daß was dem Tod vorangeht, -schwerer ist als der Tod selbst. Ein kummerschweres Herz findet keine Ruhe -und ein geängsteter Geist kann sich nicht wahrhaft mit Gott beschäftigen. -Ich bitte dich, mach uns den Dienst des Herrn nicht unmöglich, dem kein -anderer als du uns geweiht hat. Wenn uns eine schwere Heimsuchung droht, -die unvermeidlich ist, dann möge sie lieber schnell hereinbrechen, damit -nicht ein Geschick uns lange vorher mit unnützer Angst quält, das doch -durch keine Vorsicht abzuwenden ist. So meint es auch der Dichter, wenn er -Gott bittet: - - »Plötzlich komme, was du verhängst, und blind für die Zukunft - Bleibe des Menschen Sinn, und Hoffnung lindre die Furcht ihm.« - -Aber welche Hoffnung bleibt mir, wenn ich dich verloren habe? Oder was -könnte mich dann noch bestimmen, meine irdische Pilgerschaft fortzusetzen, -in der ich keinen andern Trost habe als dich. Ja selbst von dir bleibt mir -ja nur noch das frohe Bewußtsein, daß du lebst, da die Wonne, die ich einst -bei dir fand, dahin ist. Ja, nicht einmal deine Gegenwart ist mir vergönnt, -in deren Genuß ich doch von Zeit zu Zeit wenigstens mich wiederfinden -könnte. - -Ja, wenn's kein Frevel wäre -- wollte ich's hinausrufen in alle Welt: »O du -grausamer Gott, grausam in allen Stücken! O unbarmherzige Barmherzigkeit! O -unseliges Geschick!« Alle seine bitteren Geschosse hat es an mich -verschwendet, und es bleibt ihm keines mehr übrig, um gegen andere zu -wüten. Seinen ganzen vollen Köcher hat es an mir erschöpft, so daß niemand -mehr seine Pfeile zu fürchten braucht. Ja, selbst wenn es noch ein Geschoß -übrig hätte, es wäre kein gesunder Fleck an mir, der noch verwundet werden -könnte. Nur das eine hat es bei so vielen Wunden zu fürchten, daß mein Tod -diesen Qualen ein Ende mache! und obwohl es nicht aufhört, mich zu martern, -so fürchtet es sich, daß mein Tod, an welchem es arbeitet, zu schnell -herbeikommen möchte! - -O ich Elendeste der Elenden! Ich aller Unglücklichen Unglücklichste! Stand -ich nicht höher als alle Frauen der Welt, da du mich über alle stelltest? -Um so tiefer und schwerer war der Fall, den ich an dir und mir zugleich -erleben mußte. Denn je höher einer emporgestiegen, desto tiefer ist der -Sturz, wenn er fällt. Gab es unter allen edlen und hohen Frauen eine, deren -Glück das meinige überstiegen hätte oder ihm auch nur gleichgekommen wäre? -Aber giebt es auch eine, die das Geschick so in die Tiefe gestürzt hat und -so mit Leid überschütten konnte? Den höchsten Ruhm hat es mir durch dich -gebracht und hat mir das tiefste Elend in dir bereitet. Nicht im Guten, -nicht im Bösen hat es Maß gehalten, grenzenlos hat es mir beides beschert. -Nur um mich zur elendesten aller Frauen zu machen, hat es mich vorher so -glücklich gemacht, damit ich im Gedanken an das Verlorene desto lauter -klagen sollte, je schwerer ich geschädigt worden war. Der Verlust sollte -mich um so mehr schmerzen, je teurer mir der Besitz gewesen war. Und das -Ende der höchsten Lust und Wonne sollte die tiefste Trauer sein. - -Ja, um uns noch mehr zu reizen, wurden alle Gebote der Gerechtigkeit an uns -in Ungerechtigkeit verwandelt. Denn so lange wir sorglos die Freuden der -Liebe genossen und, um ein stärkeres aber bezeichnenderes Wort zu -gebrauchen, der Buhlerei uns hingaben, so lange hat Gott seine Strenge -nicht gegen uns angewandt. Als wir aber an Stelle der verbotenen Liebe die -erlaubte setzten und das Anstößige unseres freien Liebesverkehrs durch ein -ehrbares Ehebündnis gedeckt hatten, da erst hat uns der Herr in seinem -Grimm seine gewaltige Hand fühlen lassen, und das reine Ehebett fand keine -Gnade vor dem, der das befleckte vorher so lange geduldet hatte. - -Für Männer, die man im Ehebruch betroffen hätte, wäre die Strafe hart genug -gewesen, die dich ereilt hat. Was andere durch das Vergehen des Ehebruchs -verdienen, das hast du infolge deiner rechtmäßigen Ehe erlitten, durch -welche du alle Sünden glaubtest gebüßt zu haben. Was Buhlerinnen ihren -Mitschuldigen zuziehen sollten, das hat deine Gattin über dich gebracht. -Unser Geschick hat uns auch nicht ereilt, so lange wir in den alten -Genüssen schwelgten; vielmehr lebten wir ja gerade damals in keuscher -Trennung voneinander: du hieltest in Paris deine Schule, ich lebte auf -deinen Wunsch unter den Nonnen zu Argenteuil. So hatten wir unsere -Gemeinschaft aufgehoben, damit du desto eifriger dem Unterricht obliegen -könntest, ich um so ungestörter dem Gebet und frommer Betrachtung mich -widmete, und während wir keuscher und darum unsträflicher lebten als sonst, -hast du an deinem Leib die Schuld allein bezahlt, die wir beide gemeinsam -begangen hatten. Schuldig waren wir beide, gestraft wurdest nur du; du, der -weniger schuldig war, hast die ganze Strafe getragen. Du hattest aller -Gerechtigkeit genug gethan, da du dich um meinetwillen erniedrigtest, mich -aber und mein ganzes Geschlecht zu dir emporhobst, um so weniger durftest -du Strafe fürchten von Gott oder gar von den Verrätern, denen du zum Opfer -gefallen bist. - -Ich Unselige! mußte ich geboren werden, um die Ursache eines solchen -Verbrechens zu werden? Daß doch den größten Männern allezeit von Frauen das -tiefste Verderben droht! Darum steht auch in den Sprüchen die Warnung vor -den Weibern: »Mein Sohn, höre mich und merke auf die Worte meines Mundes: -laß dein Herz nicht weichen auf ihren Weg und laß dich nicht verführen auf -ihrer Bahn. Denn sie hat viele verwundet und gefället und sind allerlei -Mächtige von ihr erwürget. Ihr Haus sind Wege zur Hölle, da man -hinunterfährt in des Todes Kammer.« Und im »Prediger« heißt es: »Ich habe -alle Dinge durchforscht in meinem Geist und fand, daß ein solches Weib, -welches Herz Netz und Strick ist und ihre Hände Bande sind, bitterer sei, -denn der Tod. Wer Gott gefällt, der wird ihr entrinnen; aber der Sünder -wird durch sie gefangen.« - -Schon das erste Weib im Paradies hat den Mann verführt und während sie ihm -von Gott zur Gehilfin geschaffen war, ist sie ihm zum größten Fluch -geworden. - -Der starke Simson, der durch das Nasiräergelübde dem Herrn geweiht war und -dessen Geburt seiner Mutter durch einen Engel verkündigt wurde -- Delila -allein hat ihn überwunden, sie war es, die ihn seinen Feinden in die Hände -lieferte; sie war schuld daran, daß er des Augenlichtes beraubt, endlich in -wildem Schmerz sich und seine Feinde unter den Trümmern des Tempels -begraben hat. - -Salomo, aller Weisen Weisester, wurde allein durch das Weib, mit dem er -sich verbunden hatte, zum Thoren. Durch sie verlor er so gänzlich seinen -Verstand, daß er, den doch der Herr zum Erbauer seines Tempels auserlesen -hatte, während der fromme David, Salomos Vater, nicht dazu gewürdigt worden -war, bis an sein Lebensende zum Götzendienst sich verleiten ließ und von -dem wahren Gott, den er in Wort und Schrift predigte und lehrte, abfiel. - -Der fromme Hiob hatte den letzten und härtesten Kampf mit seinem Weibe zu -bestehen, die ihn dazu verleiten wollte, Gott zu fluchen. Der schlaue -Versucher wußte wohl -- er hatte es zu oft erprobt -- daß die Männer am -leichtesten durch ihre Frauen zu Fall kommen. - -So hat er denn seine gewohnte Teufelei auch auf uns angewandt und hat dich -durch die Ehe zu Fall gebracht, da er dich durch die verbotene Liebe nicht -verderben konnte. Das Schlechte hatte er nicht zu unserem Schaden ausnützen -dürfen, darum wirkte er aus dem Guten Schlechtes. - -Gott aber sei Dank wenigstens dafür, daß mich der Versucher nicht wie die -genannten Frauen mit meiner Zustimmung schuldig werden lassen durfte, wenn -schon er meine Liebe als Werkzeug für seine Bosheit benutzt hat. Und doch, -wenn ich auch in diesem Punkt ein reines Gewissen habe und mich keine -Schuld an jenem Verbrechen trifft, so habe ich doch vorher so viele Sünden -begangen, daß ich mich auch nicht ganz von der Schuld an diesem Vergehen -freizusprechen wage. - -Denn lange vorher schon hatte ich den Lockungen fleischlicher Lüste -nachgegeben; schon damals hätte ich verdient, was ich jetzt leide und das -Geschick, das mich später ereilte, ist die gerechte Strafe für meine -früheren Sünden. Hat man schlimm angefangen, so muß man sich auch auf einen -schlimmen Ausgang gefaßt machen. Ja, könnte ich nur wenigstens recht -ernstlich bereuen, was ich gethan! Könnte ich durch anhaltende Reue und -Zerknirschung die schreckliche Wunde, die man dir geschlagen hat, nur -einigermaßen gut machen. Den Schmerz, den du einen Augenblick lang an -deinem Körper aushalten mußtest -- wie gerne wollte ich ihn -- es wäre ja -nur recht und billig -- mein ganzes Leben lang in meinem trauernden Herzen -tragen und so, wenn nicht Gott, doch wenigstens dir Genugthuung leisten. - -Allein, laß mich die ganze Schwachheit meines geängsteten Herzens bekennen: -ich finde in mir nicht die Kraft einer wahren Reue, mit der ich Gott -versöhnen könnte; ja, ich muß ihn vielmehr ob jener ungerechten Heimsuchung -der höchsten Grausamkeit zeihen, ich murre wider seine Fügung und reize ihn -durch meine Widerspenstigkeit zum Zorn, statt ihn durch aufrichtige -Bußfertigkeit zu begütigen. Denn mag man den Leib noch so sehr kasteien: -kann man da von wahrer Reue sprechen, wo das Herz an der Lust zur Sünde -noch festhält und nach den alten Genüssen noch immer glühend verlangt? Es -ist wohl leicht, seine Sünden zu bekennen und sich selber anzuklagen, oder -dem Leib durch äußerliche Bußübung wehe zu thun; aber schwer, unendlich -schwer ist es, das Herz loszureißen von der Sehnsucht nach den süßesten -Genüssen. Darum, wenn der fromme Hiob sagt: »Ich will meine Klage bei mir -gehen lassen!« d. h. ich will meinen Mund öffnen und mich frei und offen -meiner Sünden anklagen -- so fügt er mit Recht alsbald hinzu: »Ich will -reden von Betrübnis meiner Seele«. Der heilige Gregorius erklärt diese -Worte also: »Es giebt Leute, die mit lauter Stimme ihre Sünden bekennen; -aber ihr Sündenbekenntnis entlockt ihnen keinen Seufzer, und mit fröhlicher -Miene sprechen sie Dinge aus, über die sie weinen sollten.« So ist es denn -nicht damit gethan, daß man seine Sünden verurteilt und bekennt, sondern -man muß sie in der Betrübnis seiner Seele bekennen, und diese Betrübnis muß -eben die Strafe sein für die Sünden, welche die vom Gewissen geleitete -Zunge bekennt. - -Aber wie selten dieses bittere Gefühl wahrer Reue sich finde, das spricht -der heilige Ambrosius aus in dem Satz: »Ich habe mehr Leute kennen gelernt, -die ihre Unschuld unverletzt bewahrt als solche, die Buße gethan haben«. -Ich fand in den Freuden der Liebe, die wir miteinander genossen, so viel -Wonne, daß sie noch jetzt ihren Reiz für mich haben und mich der Gedanke -daran kaum verläßt. Wohin ich mich wende, immer stehen sie mir vor Augen -und wecken sehnsüchtiges Verlangen. Bis in meinen Schlummer verfolgen mich -die lockenden Phantasien. Mitten im feierlichen Hochamt, wo das Gebet -reiner zu Gott sich erheben soll als sonst, wird mein armes Herz so ganz -von jenen wohllüstigen Gebilden eingenommen, daß ich nur für ihre -Lüsternheiten Gedanken habe, nicht für das Gebet. Ich sollte über meine -Sünden weinen und ich seufze nach dem, was ich verloren. - -Und nicht allein was wir gethan steht lebendig vor meiner Seele; nein, auch -die Orte, die Stunden, in denen wir gesündigt, haben sich so fest meinem -Herzen eingeprägt, daß ich immer wieder aufs neue alles mit dir durchlebe -und auch im Schlaf keine Ruhe finden kann. Dann und wann verrät eine -unwillkürliche Bewegung des Körpers meines Herzens Gedanken oder ein Wort, -das sich mir wider Willen auf die Lippen drängt. O gewiß, mein Elend ist -groß! und ich darf wohl einstimmen in die Klage eines bangen Herzens: »Ich -unglückseliger Mensch, wer wird mich erlösen von dem Leibe dieses Todes?« O -könnte ich auch die darauffolgenden Worte aus vollem Herzen nachsprechen: -»Ich danke Gott durch Jesum Christum, unsern Herrn.« - -Dir, mein Geliebter, ist die göttliche Gnade entgegengekommen und hat dich -auf einmal von all diesen Anfechtungen befreit, durch eine körperliche -Wunde hat sie dich aller Seelenleiden enthoben, und wo Gott es böse mit dir -zu machen schien, gerade darin hat sich seine Güte gegen dich gezeigt: nach -Art eines guten Arztes, der, um zu heilen, den Schmerz nicht erspart. Bei -mir dagegen werden die Reizungen des Fleisches, die Begierde nach Genuß -noch verschärft durch die Glut meines jungen Blutes und durch die -Erinnerung an die wonnigen Genüsse, die ich einst gekostet habe. Und je -schwächer die Natur ist, der der Angriff gilt, desto leichter erliege ich -dem Ansturm der Leidenschaften. Man nennt mich keusch, weil man nicht weiß, -daß alles nur Schein ist. Man rechnet mir die Reinheit des Fleisches als -Tugend an, aber nicht Reinheit des Leibes, sondern Keuschheit der Seele ist -Tugend! Menschen rühmen mich, vor Gott aber, der Herzen und Nieren prüft -und ins Verborgene siehet, habe ich kein Verdienst. Man nennt mich fromm zu -einer Zeit, in der nur der geringste Teil der Frömmigkeit nicht Heuchelei -ist; wo der am meisten gelobt wird, der niemand vor den Kopf stößt. - -Es ist ja wohl lobenswert und vor Gott gewiß angenehm, wenn jemand, was für -eine Gesinnung er sonst habe, nicht durch seine Handlungen ein schlechtes -Beispiel giebt und der Kirche Ärgernis dadurch bereitet, oder wenn er sich -davor hütet, daß nicht um seinetwillen der Name Gottes gelästert werde -unter den Heiden oder daß er den Kindern der Welt keinen Anlaß gebe, seinen -heiligen Stand zu verunglimpfen. Aber auch das ist eigentlich nur ein -Geschenk der göttlichen Gnade; von ihr allein kommt uns die Kraft, das Gute -zu thun und das Böse zu lassen. Vergeblich aber ist es, das erstere zu -thun, wenn das andere nicht auch geschieht; denn es steht geschrieben: -»Wende dich ab vom Bösen und thue das Gute.« Und beides ist wiederum -vergeblich, wenn uns nicht die Liebe Gottes dazu treibt. - -Ich aber habe -- Gott weiß es -- jederzeit mich mehr davor gescheut, dich -zu beleidigen als Gott. Du bist es, dem ich gefallen will, nicht Gott. Dein -Befehl hat mich zur Nonne gemacht, nicht die Liebe zu Gott. Ach sieh mein -Unglück an, führe ich nicht das jammerwürdigste Leben, wenn das alles, was -ich leide, umsonst ist und kein Dank in der Zukunft mich erwartet? Auch du -hast dich, gleich vielen anderen, durch den Schein betrügen lassen und hast -meine Heuchelei für Frömmigkeit gehalten. Darum empfiehlst du dich so -dringend für mein Gebet und verlangst von mir, was ich von dir erwarte. Ich -beschwöre dich, du wollest keine so hohe Meinung von mir haben und nicht -aufhören, deinerseits für mich zu beten. Halte mich nicht für gesund, damit -du mir nicht die Wohlthat deiner Arznei entziehest. Glaube nicht, ich -brauche nichts und zögere nicht, mir in meiner Not zu helfen. Denke nicht, -ich sei stark: ich möchte sonst stürzen, ehe du mich halten könntest. -Vielen hat schon falsches Lob Schaden gebracht und ihnen die Stütze -genommen, die sie brauchten. Durch den Mund des Jesaias ruft der Herr: -»Mein Volk, deine Tröster verführen dich und zerstören den Weg, den du -gehen sollst«. Und bei Ezechiel heißt es: »Wehe euch, die ihr Kissen machet -den Leuten unter die Arme und Pfühle zu den Häuptern, beides Jungen und -Alten, die Seele zu fahen«. - -Dagegen finden wir bei Salomo den Spruch: »Die Worte der Weisen sind Spieße -und tief eingeschlagene Nägel, die nicht die Haut ritzen, sondern tiefe -Wunden reißen.« - -Ich bitte dich, höre auf mich zu loben, damit du nicht den Vorwurf -niedriger Schmeichelei dir zuziehest oder des Vergehens der Lüge dich -schuldig machest. Oder wenn du wirklich glaubst, daß etwas Gutes an mir -sei, so gieb acht, daß nicht das, was du an mir lobst durch den giftigen -Hauch der Eitelkeit zu nichte werde. Kein erfahrener Arzt beurteilt eine -innere Krankheit bloß nach dem Befund des äußerlichen Zustandes eines -Kranken. Leistungen, welche Verworfene so gut aufweisen können wie -Auserwählte, haben vor Gottes Augen keinen Wert. Derart sind aber die -äußerlichen guten Werke und keiner der Heiligen ist so eifrig darauf -bedacht, wie die Heuchler. »Es ist das Herz ein trotziges und verzagtes -Ding, wer kann es ergründen?« Ferner: »Es gefällt manchem ein Weg wohl; -aber endlich bringt er ihn zum Tode«. -- »Der Mensch soll nicht voreilig -über Dinge urteilen, die allein dem Urteil Gottes vorbehalten sind.« Darum -steht auch geschrieben: »Man soll keinen Menschen loben, so lange er lebt«. -Das ist so viel als: lobe keinen Menschen, weil zu fürchten steht, daß du -ihn durch dein Lob weniger lobenswert machest. - -Für mich selber ist ein Lob von dir um so gefährlicher, je angenehmer es -mir ist; und es klingt mir um so verführerischer und schmeichlerischer ins -Ohr, weil ich dir in allem gefallen möchte. Ich bitte dich: laß allezeit -deine Furcht um mich größer sein als das Vertrauen, das du auf mich -setzest, damit mir stets deine fürsorgende Hilfe zur Seite stehe. Und jetzt -hast du ganz besonderen Grund, für mich zu fürchten, weil mein sinnliches -Verlangen bei dir keine Befriedigung mehr finden kann. Sage mir nicht: »Die -Kraft ist in den Schwachen mächtig« oder: »Niemand wird gekrönt, er kämpfe -denn recht«. Ich verlange keine Siegeskrone; es ist mir genug, wenn ich der -Gefahr entgehe. Es ist leichter, der Gefahr aus dem Wege zu gehen als den -Kampf aufzunehmen. Welchen Winkel seines Himmels Gott mir anweisen will -- -ich werde zufrieden sein. Dort wird keiner den andern beneiden, jeder wird -mit dem was er hat, sich begnügen. Um diese meine Ansicht durch das Gewicht -einer Autorität zu stützen, will ich das Wort des heiligen Hieronymus -anführen: »Ich gestehe meine Schwachheit ein, ich will nicht kämpfen in der -Hoffnung auf Sieg, damit ich des Sieges nicht verlustig gehe.« Sollten wir -sicheres aufgeben und Unsicherem nachjagen? - - - - -V. Brief. - -Abaelard an Heloise. - -(An die Braut Christi -- der Knecht Christi.) - - -Dein letzter Brief zerfällt, so viel ich mich erinnere, der Hauptsache nach -in vier Abschnitte, in welchen du deinem Schmerz Ausdruck giebst. Fürs -erste klagst du darüber, daß in der Anrede meines Briefes dein Name vor den -meinigen gesetzt sei, was in Briefen sonst nicht üblich sei und sogar der -natürlichen Ordnung der Dinge widerspreche. Zum zweiten beklagst du dich -darüber, daß ich eure Seelenangst vermehrt habe, statt euch Trost zu -bringen, daß ich, statt Thränen zu stillen, solche geweckt habe durch jenes -Wort in meinem Brief: »Falls mich Gott in die Hände meiner Feinde fallen -läßt« u. s. w. Zum dritten wiederholst du jene alte Klage gegen Gott über -die Art und Weise unserer Bekehrung und über den ruchlosen Verrat, dem ich -zum Opfer gefallen bin. Endlich erhebst du im Gegensatz zu dem Lob, das ich -dir gespendet, eine Anklage wider dich selbst und bittest mich dringend, -ich solle in Zukunft keine so hohe Meinung mehr von dir haben. - -Ich will dir nun auf jeden einzelnen dieser Punkte antworten, nicht um mich -zu entschuldigen, sondern um dich zu belehren und aufzurichten, und ich -denke du wirst meinen Forderungen um so bereitwilliger Gehör schenken, je -mehr du einsehen lernst, wie berechtigt sie sind. Du wirst die Wünsche, die -ich in Beziehung auf deine Person ausspreche, um so lieber erfüllen als du -finden wirst, daß ich mit denselben nur recht habe, und du wirst um so -weniger geneigt sein, meinen Rat gering zu achten, je weniger tadelnswert -ich dir erscheine. - -Was nun zunächst die, wie du meinst, verkehrte Reihenfolge der Namen in der -Anrede meines Briefes betrifft, so stimmt dieselbe, wenn du näher zusiehst, -mit deiner eigenen Ansicht überein. Sagst du doch selbst in deinem Brief -- -und niemand bezweifelt dies -- daß, wenn man an Höhergestellte schreibt, -die Namen derselben vorangestellt werden. Bedenke, daß du über mir stehst -seit der Zeit, da du als die Braut Gottes meine Herrin geworden bist, wie -auch der heilige Hieronymus an Eustochium schreibt: »Darum schreibe ich: -meine Herrin. Denn Herrin muß ich nennen die Verlobte meines Herrn«. - -Glücklicher Tausch des Ehebundes, der dich, einstmals die Gattin eines -armen elenden Menschen, nun in das Brautgemach des Königs aller Könige -erhebt und dich durch diese hohe Ehre nicht allein über deinen bisherigen -Gatten, sondern über alle Knechte dieses Königs setzt. Darum wundere dich -nicht, wenn ich mich für Leben und Sterben in den Schutz deines Gebetes -befehle; denn nach dem allgemeinen Recht gilt ja bei den Herren des Hauses -die Fürsprache der Ehefrau mehr als diejenige des Gesindes, die Herrin mehr -als die Knechte. Als das Urbild solcher Frauen wird uns jene Königin und -Braut des höchsten Königs beschrieben, wenn es im Psalm heißt: »Die Braut -steht zu deiner Rechten«. Weiter ausgeführt will dies besagen: »Sie steht -mit ihm in trautem Verein Seite an Seite und schreitet neben ihm einher, -während alle anderen in ehrfurchtsvoller Ferne stehen oder nachfolgen.« - -Der Freude über dieses hohe Vorrecht giebt die Braut im Hohenlied, jene -Äthiopierin, in den Worten Ausdruck: »Ich bin schwarz, aber gar lieblich, -ihr Töchter Jerusalems; darum hat mich der König geliebt und in seine -Kammer geführt«. Und weiter: »Sehet mich nicht an, daß ich so schwarz bin, -denn die Sonne hat mich so verbrannt«. Diese Worte beziehen sich im -allgemeinen auf die beschauliche Seele, die im besonderen die Braut Christi -genannt wird; aber noch deutlicher bezeugt es das Gewand, das ihr traget, -daß die Worte auf euch sich beziehen. Denn die Tracht eurer schwarzen -Gewänder aus grobem Stoff, ähnlich dem Trauergewand der frommen Witwen, -welche um die Männer, die sie geliebt hatten, trauern, bezeugt, daß ihr -nach dem Wort des Apostels rechte, untröstliche Witwen in dieser Welt seid, -die von den Almosen der Kirche leben. Von der Trauer solcher Witwen um -ihren Bräutigam am Kreuz spricht die Schrift, wenn sie sagt: »Frauen saßen -am Grab und klagten und weinten um den Herrn.« - -Die Äthiopierin erscheint äußerlich allerdings von schwarzer Farbe und der -oberflächlichen Betrachtung mag sie häßlicher scheinen als andere Frauen. -Aber an inneren Vorzügen steht sie ihnen nicht nach; ja einiges an ihr ist -sogar schöner und weißer als bei den andern, z. B. ihre Knochen und ihre -Zähne. Die weiße Farbe der letzteren wird ja auch von ihrem Geliebten -gefeiert, welcher sagt: »Und ihre Zähne sind weißer als Milch«. Sie ist -also äußerlich angesehen schwarz, im Innern aber lieblich und schön. Denn -die vielfachen Widerwärtigkeiten und Anfechtungen dieses Lebens haben ihren -Körper angegriffen und lassen ihn äußerlich schwarz erscheinen; sagt doch -auch der Apostel: »Alle, die gottselig leben wollen in Christo Jesu, müssen -Verfolgung leiden«. Wie nämlich durch die weiße Farbe das Glück bezeichnet -wird, ebenso passend kann man Schwarz als Symbol des Unglücks ansehen. Im -Innern aber, gleichsam an den Gebeinen, ist sie weiß, weil ihre Seele an -allen Tugenden reich ist, wie geschrieben steht, »des Königs Tochter ist -inwendig ganz herrlich«. Denn die Gebeine, welche im Innern sind und nach -außen von Fleisch umgeben werden, bilden die Kraft und Stärke eben des -Fleisches, welches sie stützen und tragen und stellen so in einem -anschaulichen Bilde _die menschliche Seele_ dar, welche den Körper, in dem -sie wohnt, belebt, aufrecht erhält, bewegt und lenkt und ihre Kraft ihm -mitteilt. Ihre Weiße und Schönheit sind die Tugenden, mit denen sie sich -schmückt. Äußerlich angesehen ist freilich auch sie von schwarzer Farbe, -denn während ihrer Pilgerfahrt hienieden in der Fremde hält sie sich -unscheinbar und gering, bis sie dereinst in jenem andern Leben, das mit -Christus in Gott verborgen ist, in ihre Herrlichkeit eingesetzt wird, wenn -sie die Heimat erreicht hat. Die Sonne der Wahrheit aber verfärbt sie, wenn -die Liebe ihres himmlischen Bräutigams sie demütigt und mit schmerzlichen -Anfechtungen heimsucht, damit sie ihres Glückes sich nicht überhebe. - -Die Sonne verfärbt sie, d. h. so viel als: sie macht sie den anderen Frauen -unähnlich, die nur auf irdisches Gut bedacht sind und nach weltlichem -Ansehen geizen, so wird sie durch ihre Demut in Wahrheit die Lilie im -Thale, nicht eine Lilie der Berge wie jene thörichten Jungfrauen, welche -auf ihre fleischliche Reinheit und äußerliche Keuschheit eitel sind, in -ihrem Innern aber von glühenden Begierden verzehrt werden. - -Mit gutem Recht aber redet sie die Töchter Jerusalems, d. h. die im Glauben -Schwachen -- daher sie Töchter heißen, nicht Söhne -- mit den Worten an: -»Sehet mich nicht an, daß ich so schwarz bin, denn die Sonne hat mich so -verbrannt«. Mit diesen Worten will sie sagen: »daß ich mich demütige und -alle Widerwärtigkeiten so männlich trage, ist nicht mein Verdienst, sondern -das Gnadengeschenk dessen, dem ich diene«. Ganz anders die Häretiker und -die Heuchler: vor dem Angesicht der Menschen pflegen sie sich gar demütig -zu gebärden und sich viel unnütze Lasten aufzulegen. Eine solche Demut und -Selbstpeinigung kann nur unsern Widerwillen erregen; denn diese Menschen -sind ja bedauernswerter als alle anderen, da sie weder die Güter dieses -Lebens, noch die des zukünftigen genießen. Im Hinblick darauf sagt die -Braut: »Wundert euch nicht, daß ich also thue«. Wundern muß man sich -vielmehr über diejenigen, welche vergeblich glühend von Begierde nach -irdischen Ruhm sich doch alle irdischen Güter vorenthalten, und die darum -hienieden so elend sind wie einst im Jenseits. Ihre Enthaltsamkeit ist wie -diejenige der thörichten Jungfrauen, vor denen die Thür zugeschlossen -wurde. - -Mit Recht sagt sie auch, daß sie, weil schwarz und lieblich, vom König -geliebt und in seine Kammer geführt worden sei, d. h. in die geheimnisvolle -Ruhe der Betrachtung, und in jenes Bett, von welchem sie an einer andern -Stelle sagt: »Ich suchte des Nachts in meinem Bette, den meine Seele -liebt«. Denn wegen der Schwärze ihrer Farbe hält sie sich lieber im -Verborgenen auf als in der Öffentlichkeit und liebt mehr die Einsamkeit als -große Gesellschaft. Ein solches Weib wird auch die verschwiegenen Freuden, -die sie mit ihrem Mann genießt, allen öffentlichen Vergnügungen vorziehen; -sie wird sich lieber im Ehebett fühlbar machen, als bei Tische glänzen. - -Vielfach ist auch die Haut dunkelfarbiger Frauen zwar weniger lockend für -das Auge, aber um so reizvoller bei der Berührung, und darum ist der -geheime Liebesgenuß, welchen sie spenden, größer und süßer als öffentliche -Freuden; und um ihn zu genießen, werden solche Frauen von ihren Männern -lieber in das Schlafgemach geführt als in die Öffentlichkeit. - -Nachdem die Seelenbraut in dieser bildlichen Weise die Worte -vorausgeschickt hat: »Ich bin schwarz aber lieblich« -- fügt sie alsbald -hinzu: »Darum hat mich der König geliebt und in seine Kammer geführt«, und -setzt so die einzelnen Worte in bestimmte Beziehung zu einander: »Weil ich -schön, hat er mich geliebt -- weil schwarz, hat er mich in die Kammer -geführt«. -- »Schön« bezieht sich, wie schon gesagt, auf ihre inneren -Vorzüge, welche der Bräutigam liebt; »Schwarz« -- auf die leiblichen -Anfechtungen und Widerwärtigkeiten. Diese Schwärze, d. h. diese -körperlichen Anfechtungen, lenken das Herz der Gläubigen unwillkürlich -hinweg von der Unruhe des Weltlebens zur friedlichen Stille frommer -Betrachtung. So ging es nach dem Berichte des Hieronymus auch dem Paulus, -dem Begründer des Klosterlebens, das wir erwählt haben. - -Auch die Dürftigkeit unserer Ordenstracht ist mehr für die Einsamkeit -berechnet als für den Verkehr in der Welt und paßt vortrefflich für die -Rauheit und Abgeschiedenheit des Ortes, wie sie unsere Regel verlangt. Denn -nichts verlockt so sehr dazu, in der Öffentlichkeit sich zu zeigen, als -eine kostbare Gewandung. Und daß man nach einer solchen begehre einzig und -allein, um der nichtigen Eitelkeit und Großthuerei willen, dies bestätigt -schon der heilige Gregorius mit den Worten: »Niemand schmückt sich für die -Einsamkeit, sondern um sich sehen zu lassen«. - -Unter dem obengenannten Brautgemach ist die Kammer gemeint, in welche uns -der Bräutigam selbst im Evangelium zum Gebet einladet mit den Worten: »Wenn -du aber betest, so gehe in dein Kämmerlein und schließ die Thür zu und bete -zu deinem Vater«; mit andern Worten: »nicht auf den Gassen und Märkten wie -die Heuchler«. Unter der Kammer ist also verstanden ein einsamer, dem Lärm -und den Augen der Welt entrückter Ort, da man gesammelter und reiner beten -kann als anderswo. Dies trifft zu bei der Stille klösterlicher -Zurückgezogenheit; auch da sollen wir die Thüre schließen, d. h. alle -Zugänge sperren, damit die Reinheit unseres Gebetes nicht gestört werde und -unser Auge unsere arme Seele nicht verführe. Schmerzlich empfinden wir's, -daß es unter denen, die unser Gewand tragen, so viele Verächter dieses -Rates oder vielmehr dieser göttlichen Vorschrift giebt. Wenn sie das -heilige Hochamt feiern, sperren sie Thüren und Chöre auf und geben sich -ohne Scham den neugierigen Blicken der Frauen wie der Männer preis, und -besonders benutzen sie die hohen Feste als Gelegenheit, um vor den Laien im -glänzenden Schmuck ihrer Gewänder zu prahlen. Nach ihrer Meinung ist ein -Fest um so schöner, je mehr Pomp dabei entfaltet wird und je üppiger das -nachfolgende Festmahl ausfällt. Über die unselige Verblendung dieser Leute, -die zu der armen Religion Christi ganz und gar im Widerspruch steht, ist es -besser kein Wort zu verlieren, um kein Ärgernis zu erregen. Ganz in -jüdischer Weise setzen sie an Stelle der Regel ihr eigenes Herkommen und -haben Gottes Gebot zu nichte gemacht durch Menschensatzungen; sie fragen -nicht danach, was Pflicht, sondern was Gewohnheit ist. Und doch -- der -heilige Augustin erinnert daran -- der Herr hat gesagt: »Ich bin die -Wahrheit«, nicht: »Ich bin die Gewohnheit«. - -Ihrem Gebet, das bei offener Thür verrichtet wird, mag sich anbefehlen, wer -da will. Ihr aber, liebe Schwestern, die ihr, eingeführt in das Gemach des -himmlischen Königs und in seinen Armen ruhend, bei allezeit verschlossener -Thür ganz euch ihm hingebet: je inniger ihr euch mit ihm vereiniget -- nach -dem Wort des Apostels: »Wer dem Herrn anhanget, ist ein Geist mit ihm« -- -desto reiner und wirksamer, das glaube ich fest, wird euer Gebet sein, und -darum bitten wir auch so dringend um seine Beihilfe, und ich meine: ihr -müsset es um so andächtiger verrichten, je größer die Liebe ist, die uns -verbindet. - -Ich habe euch ferner durch die Erwähnung der Gefahr, in welcher ich schwebe -und durch meine Todesfurcht in Aufregung versetzt; allein das ist auf deine -eigene Aufforderung, ja, auf deine dringende Bitte hin geschehen. In dem -ersten Brief, den du an mich geschrieben, heißt es folgendermaßen: »Darum -im Namen dessen, der dich bisher aus allen Gefahren zu seiner Ehre errettet -hat, im Namen Jesu Christi bitten wir dich, du mögest seinen und deinen -Dienerinnen durch öftere Nachricht Gewißheit verschaffen über die Stürme, -von denen dein Lebensschiff jetzt noch hin- und hergeworfen wird; so wirst -du wenigstens an uns, die wir allein dir getreu geblieben, Genossinnen -deiner Leiden und deiner Freuden haben. Geteilter Schmerz, sagt man ja, ist -halber Schmerz und jede Last wird leichter oder läßt sich ganz vergessen, -wenn andere daran mittragen«. Warum also wirfst du mir vor, daß ich euch in -meine Angst eingeweiht habe, da du mich doch selbst so dringend dazu -aufgefordert hast? Wolltet ihr euch freuen, während ich unter Ängsten und -Nöten mein Leben friste? Wollet ihr nur Genossinnen meiner Freude, nicht -auch meines Leides sein, wollet ihr euch nur mit den Freuenden freuen, -nicht auch weinen mit den Weinenden? Darin eben unterscheiden sich wahre -Freunde von falschen, daß jene im Unglück, diese nur im Glück uns treu -sind. Ich bitte dich, höre auf mit solchen Vorwürfen und halte an dich mit -derartigen Klagen, die dem Wesen der Liebe so fremd sind. Wenn aber dein -Herz noch immer verwundet ist durch die Beschreibung meiner Leiden, so -bedenke, daß es bei der drohenden Gefahr, in der ich schwebe und bei der -Hoffnungslosigkeit, die mich jeden Tag am Leben verzweifeln läßt, meine -Pflicht ist, mich ängstlich um das Heil meiner Seele zu kümmern, und so -lange es Zeit ist, für dasselbe zu sorgen. Und du wirst mir diese Besorgnis -gewiß nicht übel nehmen, wenn du mich wirklich liebst. Ja, wenn du dir von -der göttlichen Barmherzigkeit irgend etwas für mich versprechen könntest, -dann solltest du mir die Erlösung von den Mühsalen dieses Lebens um so -lebhafter wünschen, als du weißt, wie unerträglich sie für mich geworden -sind. Du weißt ja, daß jeder, der mich vom Leben befreit, den größten -Qualen mich entreißt. Was mir die Zukunft noch bringen wird, ist ungewiß; -aber was ich hinter mir lasse, wenn ich befreit werde, das weiß ich. Dem -Unglücklichen ist das Ende des Lebens stets willkommen, und wer wirklich -aufrichtiges Mitleid mit dem Gequälten hat, der kann ihm nur das Ende -wünschen; selbst in dem Fall, daß jemand den Leidenden wahrhaft liebt und -sein Tod ihn schmerzt, soll er doch nicht sein eigenes Bestes wünschen, -sondern das des anderen. So wird selbst eine Mutter ihrem langsam -hinsiechenden Kind den Tod und damit das Ende des Siechtums wünschen, das -sie nicht mehr mit ansehen kann; lieber erträgt sie den Verlust ihres -Kindes als daß sie es leidend behalten möchte. Und wenn jemand noch so gern -der Gegenwart eines Freundes sich erfreuen möchte, so wird er ihn doch -lieber in der Ferne glücklich wissen als ihn zu seinem eigenen Nachteil in -der Nähe haben wollen; denn wenn wir die Leiden anderer nicht mildern -können, dann mögen wir sie lieber gar nicht leiden sehen. Dir ist der Genuß -meiner Gegenwart, selbst einer unbefriedigenden, versagt. Ich sehe deshalb -nicht ein, warum du mir nicht lieber ein seliges Ende als ein elendes Leben -wünschen solltest, besonders da du ja gar nichts von mir hast. Wünschest du -aber nur in Rücksicht auf dein eigenes Wohlbehagen eine Verlängerung meiner -Leiden, dann würdest du als Feindin, nicht als Freundin an mir handeln. -Willst du diesen schlimmen Schein meiden, dann, ich beschwöre dich noch -einmal, höre auf mit diesen Klagen. - -Daß du mein Lob ablehnst, billige ich; denn du zeigst dich dadurch -desselben nur um so würdiger. Es steht ja geschrieben: »Der Gerechte klagt -sich selber zuerst an« und: »Wer sich selbst erniedrigt, der soll erhöhet -werden«. Nur daß es auch in deinem Herzen wirklich so aussieht, wie du -schreibst! Ist dem wirklich so, dann ist deine Demut echt und kann durch -meine Worte nicht geschädigt werden. Aber sieh doch ja zu, daß du nicht -eben, indem du das Lob vermeiden zu wollen scheinst, vielmehr nach Lob -trachtest, und das, was du mit dem Munde zurückweisest, im Herzen begehrst. -Der heilige Hieronymus schreibt darüber unter anderem an die Jungfrau -Eustochium folgendes: »Wir lassen uns durch unsere böse Naturanlage -verleiten. Denen, die uns schmeicheln, schenken wir nur zu gerne Gehör; wir -beteuern wohl unsere Unwürdigkeit und eine gemachte Schamröte bedeckt unser -Gesicht, aber dennoch freuen wir uns im innersten Herzen des uns -gespendeten Lobes«. Ähnlich beschreibt Virgil die Schlauheit der lüsternen -Galathea, die das was sie wollte durch die Flucht zu erlangen suchte und -den Geliebten durch scheinbare Zurückweisung nur begieriger nach ihrem -Besitz machte. »Flüchtet sich ins Gebüsch mit dem Wunsch, er möchte sie -sehen.« Ehe sie sich versteckt, möchte sie noch von ihm gesehen werden; die -Flucht selber, durch welche sie der Umarmung des Jünglings scheinbar sich -entziehen will, muß ihr zum Zwecke behilflich sein. So fliehen auch wir -oftmals scheinbar das Lob der Menschen und lenken es eben dadurch nur noch -mehr auf uns, und während wir so thun, als wollten wir unbemerkt bleiben, -damit niemand etwas an uns zu loben finde, täuschen wir dadurch thörichte -Menschen und veranlassen sie nur noch mehr dazu, uns zu loben, weil wir -durch unsere scheinbare Bescheidenheit in ihren Augen des Lobes um so -würdiger werden. Dies sage ich nur, weil es gar häufig in der Welt so -zugeht, nicht etwa weil ich dir so etwas zutrauen würde, denn an der -Echtheit deiner Demut zweifle ich nicht. Ich möchte dich nur davor warnen, -Äußerungen zu thun, die dir Leute, welche dich nicht näher kennen, so -auslegen könnten, als wolltest du, um mit Hieronymus zu reden, »Ruhm -suchen, indem du vor ihm fliehst«. Ein Lob von meiner Seite wird dich gewiß -nicht eitel machen, sondern es wird dich nur zum Guten antreiben und du -wirst in den Stücken, die ich an dir lobenswert finde, immer mehr dich zu -vervollkommnen trachten, wenn es anders wirklich dein Wunsch ist, mir zu -gefallen. Wenn ich dich lobe, so bist du darum deiner Tugendhaftigkeit noch -lange nicht sicher und darfst dir nichts darauf zu gute thun. Die -Anerkennung der Freunde darf man nicht allzuhoch anschlagen, so wenig wie -Verunglimpfungen der Feinde. - -Ich komme nun noch auf deine alte und ewig sich wiederholende Klage über -die Art und Weise unserer Bekehrung zu sprechen, durch welche du dir -erlaubst, Gott zu beschuldigen, statt wie es sich ziemte, ihn zu preisen. -Ich hätte gedacht, deine Verbitterung sei längst gewichen vor dem Gedanken -an die sichtlich so barmherzige Fügung Gottes. Dieser Gemütszustand, in -welchem du dich an Leib und Seele verzehrst, ist für dich selbst eine große -Gefahr und ein Unglück, und für mich eine Pein. Wenn es wirklich wahr ist, -daß du in allen Stücken mir zu Gefallen leben willst, so höre wenigstens -auf, mich zu quälen, und wenn du mir einen Gefallen thun willst, stehe ab -von dieser Gesinnung, mit der du meinen Beifall nicht gewinnen kannst und -mit welcher du nicht mit mir die ewige Seligkeit erlangen wirst. Könntest -du's ertragen, wenn ich ohne dich dorthin ginge, du, die mir selbst in die -Hölle nachfolgen wollte? Thu was du kannst, um durch deine Frömmigkeit das -zu erlangen, daß du nicht von mir getrennt werdest, wenn ich, wie du -glaubst, zu Gott eile; und der Gedanke an das selige Ziel, dem wir -entgegengehen, wird dich in deinem Eifer bestärken. Dann wird unsere -Gemeinschaft erst recht glücklich und selig sein. - -Erinnere dich dessen, was du über die Umstände gesagt und geschrieben hast, -durch welche unser Leben ein anderes wurde. Gott, den man wegen jener -Fügung vielfach der Härte gegen mich beschuldigt, habe sich mir vielmehr, -wie es ja offenbar ist, gnädig erwiesen in seinem Thun. Laß dir seinen -Ratschluß wenigstens im Gedanken daran gefallen, daß er zu meinem Heil -gedient hat; ja, nicht bloß zu meinem, sondern gleicherweise auch zu deinem -Heil: das wirst du einsehen, wenn dein Schmerz dir erst wieder den Gebrauch -des klaren Verstandes verstattet. Bedauere nicht, die Ursache einer so -großen Wohlthat zu sein und glaube, daß du eben damit den Zweck erfüllt -hast, zu welchem du von Gott erschaffen bist. Klage nicht über das, was ich -zu leiden hatte, weine vielmehr über die Leiden der Märtyrer und über den -Tod des Herrn, der zu unserem Heil gestorben ist. Wenn ich mein Unglück -verdient hätte, würdest du es dann geduldiger tragen, würde es dich weniger -empören? Wahrhaftig, wäre es so, dann müßte dein Schmerz noch viel größer -sein; denn dann wäre mein Unglück für mich wirklich eine Schande und meinen -Feinden ein Triumph; sie stünden gerechtfertigt da und auf mir läge die -ganze Schmach der Schuld: niemand würde fürder mehr bedauern, was mir -zugestoßen ist, oder mich bemitleiden. - -Um indes deinen bittern Schmerz noch weiter zu besänftigen, will ich -zeigen, daß das, was uns zugestoßen ist, ebenso gerecht wie heilsam für uns -war, und daß Gott uns mit vollem Recht strafte, als wir in rechtmäßiger Ehe -lebten und nicht während wir verbotener Liebe huldigten. Du erinnerst dich: -als du nach unserer Verheiratung bei den Nonnen im Kloster Argentueil -lebtest, kam ich einmal zu heimlichem Besuche zu dir und du weißt wohl -noch, wie weit ich mich in meiner unbändigen Leidenschaft mit dir vergaß, -und zwar in einem Winkel des Refektoriums selber, da wir sonst keinen Ort -hatten, wohin wir uns hätten zurückziehen können. Du weißt, daß wir damals -durch unser Thun den ehrwürdigen, der heiligen Jungfrau geweihten Ort -geschändet haben. Dies allein hätte schon eine viel schwerere Strafe -verdient, abgesehen von allen unseren früheren Sünden. Soll ich von dem -unkeuschen Leben, das wir führten und von dem Schmutz reden, mit welchem -wir uns ohne Scham befleckten, ehe wir den Ehebund geschlossen hatten? Soll -ich erinnern an den empörenden Verrat, dessen ich mich um deinetwillen -deinem Oheim gegenüber schuldig machte, mit dem ich so lange unter einem -Dache gelebt hatte? Muß nicht jedermann zugeben, daß ich mit vollem Recht -von dem Manne betrogen wurde, den ich vorher selbst so schändlich betrogen -hatte? Glaubst du, der kurze Schmerz meiner damaligen Verwundung sei eine -genügende Strafe für solche Vergehen gewesen? Vielmehr: habe ich mit -solchen Schulden so viel Gnade verdient? Welcher Schlag, glaubst du, konnte -der göttlichen Gerechtigkeit Genüge thun für die Schändung des der Mutter -Gottes geweihten Ortes. Ja, wenn mich nicht alles täuscht, so büße ich -diese Sünden nicht durch jenen Schlag, der ja nur heilsam für mich war, -sondern durch die Qualen, die ich jetzt noch täglich ohne Ende erdulde. - -Du erinnerst dich auch wohl noch daran, wie ich dich damals, als du -schwanger warst, in meine Heimat gebracht habe, und zwar, um den Schein zu -erwecken, als seist du eine Nonne, angethan mit dem heiligen Gewand; durch -diese Vermummung habe ich damals den heiligen Stand verhöhnt, dem du jetzt -angehörst. Wie richtig war es, wenn dich die göttliche Gerechtigkeit, ja, -vielmehr die göttliche Gnade gegen deinen Willen in den Stand versetzt hat, -welchen zu verhöhnen du dich nicht gescheut hast: so mußtest du in eben dem -Gewand büßen, gegen welches du dich vergangen hattest, und der wirkliche -Verlauf der Dinge mußte die Lüge wieder gut machen und den Betrug -verbessern. - -Wenn du, abgesehen von der Gerechtigkeit Gottes, noch das in Betracht -ziehen willst, was zu unserem Besten geschehen ist, so kann man das, was -Gott damals an uns gethan, schon nicht mehr Gerechtigkeit, sondern nur -Gnade nennen. Denke doch daran, Geliebte, wie uns der Herr mit Netzen -seiner Barmherzigkeit aus dem tiefen Meere des Verderbens gezogen hat; ja, -aus dem Strudel der Charybdis, in dem wir Schiffbruch gelitten, hat er uns -gegen unsern Willen errettet, und wir beide können ausrufen: »Der Herr hat -sich Sorge gemacht um meinetwillen«. Erinnere dich wieder und wieder daran, -in welche Gefahren wir uns hineinbegeben hatten und wie der Herr uns ihnen -entrissen hat; erzähle es allezeit mit innigem Dank, wie Großes der Herr an -uns gethan und tröste mit unserm Beispiel alle Sünder, welche an Gottes -Güte verzweifeln wollen, auf daß alle inne werden, was denen zu teil wird, -die demütig bitten, da schon an Sündern und Undankbaren so Großes -geschieht. Erwäge den hohen Ratschluß der göttlichen Liebe über uns, die -Barmherzigkeit, mit welcher der Herr sein Gericht uns zur Besserung werden -ließ und die Weisheit, der selbst das Böse zum Guten dienen mußte, die aus -gottlos gottselig zu machen verstand, die, indem sie einen Teil meines -Leibes verletzte, wie es mir gehörte, zwei Seelen geheilt hat. Vergleiche -miteinander die Gefahr und die Art der Befreiung. Vergleiche die Krankheit -und das Heilmittel. Sieh an, was wir verdient und bewundere die liebevolle -Barmherzigkeit. - -Du weißt, mit welchen Schamlosigkeiten unser Leib durch meine zügellose -Begierde vertraut geworden war. Selbst in den Tagen der Passion unseres -Herrn und an den höchsten Festen wälzte ich mich im Schmutz der -Lüsternheit, ohne mich durch Schamgefühl oder Gottesfurcht abhalten zu -lassen. Ja, mehr als einmal habe ich dich, selbst wenn du nicht wolltest, -obwohl du ja von Natur schwächer warst, mit Drohungen und Schlägen -gezwungen, mir zu Willen zu sein, trotz deines Sträubens und deiner -Widerrede. Denn so widerstandslos kettete mich die Glut meiner Begierde an -dich, daß ich über jenen elenden Genüssen, deren Namen uns schon erröten -macht, Gott und mich selber vergaß; es war soweit gekommen, daß die -göttliche Gnade mich offenbar nicht anders mehr retten konnte, als dadurch, -daß sie mir jede Aussicht auf ferneren sinnlichen Genuß von Grund aus -benahm. So hat die göttliche Gerechtigkeit und Milde den schmählichen -Verrat deines Oheims als Werkzeug benutzt und hat mich, auf daß ich in -vielen anderen Stücken wüchse, um denjenigen Teil meines Körpers verkürzt, -welcher der Sitz der sündlichen Lust war und die Ursache meines unreinen -Begehrens. Es entsprach ganz der göttlichen Gerechtigkeit, daß das Glied -getroffen wurde, welches mich zur Sünde verleitet hatte, und daß es durch -sein Leiden für die sträflichen Freuden büßen mußte, die es gewährt hatte. -So wurde ich nach Leib und Seele von aller Unreinigkeit befreit, in die ich -versunken war wie in einen Sumpf; und für den heiligen Dienst des Altars -wurde ich um so tauglicher, als mich nun kein fleischliches Gelüste mehr -störte. Wie milde ist Gottes Fügung auch darin gewesen, daß er mich nur an -dem Gliede strafte, dessen Verlust meiner Seele zum Heil diente und -zugleich den Körper nicht entstellte; auch an der Ausübung meines Amtes -mich in keiner Weise hinderte, sondern mich im Gegenteil zu jeglichem -ehrbaren Thun nur tüchtiger machte, in dem Maße, als er mich von dem -schweren Joch der Sinnenlust befreite. Wenn mich also die göttliche Gnade -von diesen verächtlichen Gliedern, die wegen ihrer niedrigen Verrichtungen -nur Schamglieder heißen und nicht einmal mit ihrem eigentlichen Namen -genannt werden können -- wenn mich die göttliche Gnade davon befreit hat -- -eine Beraubung war es ja nicht --: hat sie damit nicht bloß den Schmutz und -das Laster entfernt und die Reinheit und Tugend gerettet? - -Im heftigen Verlangen nach solcher Reinheit und Keuschheit haben einige -weise Männer, so wird uns berichtet, selbst Hand an sich gelegt, um die -Sünde der Wollust mit der Wurzel in sich auszurotten. Man glaubt ja sogar -von dem Apostel Paulus, er habe den Herrn um Befreiung von diesem Pfahl im -Fleisch gebeten, ohne jedoch Erhörung zu finden. Ein anderes Beispiel dafür -ist jener große christliche Philosoph Origenes, der sich nicht scheute, -selbst Hand an sich zu legen, um die Flamme in seinem Innern für immer zu -ersticken. Nach dem strengen Buchstaben der Schrift hielt er wohl nur -diejenigen für wahrhaft selig, die sich selbst verschneiden um des -Himmelreichs willen, und scheint der Meinung gewesen zu sein, daß nur -solche Leute das Gebot wirklich erfüllen, welches der Herr in betreff der -Glieder, die uns ärgern, ausgesprochen hat: nämlich, daß man sie abhauen -und von sich werfen solle. Auch hat er offenbar jenes prophetische Wort des -Jesaias wörtlich statt mystisch aufgefaßt, nach welchem der Herr die -Eunuchen den übrigen Gläubigen vorzieht. Dasselbe lautet: »Den -Verschnittenen, welche meine Sabbathe halten, und erwählen was mir -wohlgefällt und meinen Bund fest fassen: ich will ihnen in meinem Hause und -in meinen Mauern einen Ort geben und einen bessern Namen, denn den Söhnen -und Töchtern; einen ewigen Namen will ich ihnen geben, der nicht vergehen -soll«. Dennoch hat Origenes eine schwere Schuld auf sich geladen, da er, um -der Sünde zu entgehen, seinen Leib verstümmelte. Er eiferte um Gott, gewiß; -aber es war ein blinder Eifer, und so hat er die Schuld des Mordes auf sich -geladen, indem er gegen sich selbst wütete. Entweder war es teuflische -Eingebung oder ein höchst bedauerlicher Wahn, was ihn trieb, das an sich zu -vollstrecken, was die Barmherzigkeit Gottes an mir durch einen andern -Menschen hat verüben lassen. Ich entgehe der Schuld, ohne anderweitig -Gefahr zu laufen. Ich verdiene den Tod und erlange das Leben. Gott ruft -mir, und ich widerstrebe. Ich beharre in meinen Sünden, und die Verzeihung -wird mir aufgenötigt. Der Apostel bittet und wird nicht erhört; er hält an -mit Flehen und erlangt nichts. Wahrlich: »Gott hat sich Sorge gemacht um -meinetwillen«. Darum will ich hingehen und verkünden, »wie große Dinge der -Herr an mir gethan hat«. - -Tritt auch du herzu, meine treuverbundene Gefährtin und vereinige dein -Dankgebet mit dem meinigen, die du Sünde und Gnade mit mir geteilt hast. -Denn auch deines Heils vergißt der Herr nicht; vielmehr gedenkt er deiner -vor anderen; ja, indem er dich nach seinem eigenen Namen, der Heloim -lautet, Heloissa genannt hat, wollte er schon durch deinen Namen wie durch -eine Art Prophezeiung andeuten, daß du in ganz besonderem Sinne sein -Eigentum sein sollest. Er hat in seinem milden Rat beschlossen, durch das -eine von uns alle beide zu retten, während der Teufel uns miteinander zu -vernichten trachtete. - -Denn ganz kurz, bevor das Ereignis eintrat, hatte er uns durch das -unlösliche Band der heiligen Ehe miteinander verbunden. Wohl war es mein -Wunsch, dich, die ich über alles liebte, auf diese Weise für immer an -meiner Seite festzuhalten; aber eigentlich war es doch Gott selber, der -diese Wendung der Dinge dazu benutzte, uns beide zu sich zu ziehen. Denn -hätte dich nicht schon das Band der Ehe an mich gefesselt, als ich mich aus -der Welt zurückzog, du hättest dich vielleicht durch das Zureden deiner -Angehörigen oder durch die lockende Aussicht auf des Fleisches Lust -bestimmen lassen, an der Welt hängen zu bleiben. Darum siehe, wie Gott sich -um uns bemüht hat, als hätte er uns noch zu großen Dingen bestimmt, als -wäre er unwillig und bekümmert darüber, daß die reiche Gabe der -Gelehrsamkeit und Wissenschaft, die er uns beiden verliehen, nicht zur Ehre -seines Namens verwendet werde; oder als fürchte er, es möchte bei der -Unenthaltsamkeit seines schwachen Knechtes auch auf ihn das Wort der -Schrift seine Anwendung finden: »Die Weiber machen auch Weise abtrünnig«, -wofür der weise Salomo ein treffendes Beispiel ist. - -Welch reichliche Zinsen trägt das Pfund deiner Weisheit Tag für Tag dem -Herrn! Wie viel geistliche Töchter hast du ihm schon geboren, während ich -gänzlich unfruchtbar bleibe und mich vergeblich abmühe mit den Kindern des -Verderbens! Welch unheilvoller Verlust, welch beklagenswerter Schaden, wenn -du dich den schmutzigen Lüsten des Fleisches hingegeben, mit Schmerzen -wenige Kinder zur Welt gebracht hättest, die du jetzt mit Freuden eine -zahlreiche Schar für das Himmelreich gebierst. Ein Weib wärest du geblieben -wie alle anderen, die du jetzt hoch selbst über den Männern stehst, die du -Evas Fluch in den Segen der Maria gewandelt hast! Wie wären diese heiligen -Hände, die jetzt nur in Berührung kommen mit den Blättern der heiligen -Bücher, entweiht worden durch die Beschäftigung mit der Kleinlichkeit -weiblicher Sorgen! - -Gott selbst hat geruht, uns der Berührung mit dem Gemeinen und diesen -schmutzigen Freuden zu entreißen und uns zu sich zu ziehen mit jener -Gewalt, durch die einst Paulus erschüttert und bekehrt worden ist; -vielleicht wollte er durch unser Beispiel auch andere, die in den -Wissenschaften bewandert sind, von ähnlicher Überhebung abschrecken. - -Darum, liebe Schwester, laß dich unser Geschick nicht anfechten und werde -dem Vater, der uns so väterlich zurechtgewiesen, durch deine Klagen nicht -lästig. Denke an den Spruch: »Welchen der Herr lieb hat, den züchtiget er; -er stäupet aber einen jeglichen Sohn, den er annimmt« und an den anderen: -»Wer der Rute schonet, der hasset seinen Sohn«. Unsere Strafe ist eine -zeitliche, nicht eine ewige; wir werden geläutert, nicht verurteilt. Richte -dich auf an dem Wort des Propheten: »Der Herr geht nicht zweimal ins -Gericht mit Einer Sünde; es wird das Unglück nicht zweimal kommen«. Nimm zu -Herzen jene hohe und wichtige Mahnung dessen, der die Wahrheit selbst war: -»So ihr geduldig seid, werdet ihr eure Seelen erretten«. Daher auch Salomo -spricht: »Ein Geduldiger ist besser denn ein Starker und der seines Mutes -Herr ist, denn der Städte gewinnet«. - -Rührt dich nicht das Bild des eingeborenen Gottessohnes zu Thränen und -Trauer? Er, um deinet- und aller Welt willen von den Sündern ergriffen, vor -den Richter geschleppt, gegeißelt, verhöhnt, ins Angesicht geschlagen, -verspeit, mit Dornen gekrönt und zuletzt am Schandpfahl des Kreuzes unter -Mördern aufgehenkt und erwürgt durch den martervollsten fluchwürdigsten -Tod? Ihn, liebe Schwester, deinen und der ganzen Kirche wahrhaftigen -Bräutigam, habe stets vor Augen und im Herzen. Sieh auf ihn, wie er -hinausgeht, um für dich sich kreuzigen zu lassen und wie er selber sein -Kreuz trägt. Mische dich unter das Volk und die Frauen, die um ihn weinten -und klagten, wie Lukas erzählt: »Es folget ihm aber nach ein großer Haufe -Volks und Weiber, die klageten und beweineten ihn«. Und er, in milder Güte -zu ihnen gewandt, kündet ihnen das Verderben, das zur Strafe für seinen Tod -hereinbrechen werde, vor dem sie sich aber retten können, wenn sie klug -seien und seinen Worten folgen: »Ihr Töchter Jerusalems, sprach er, weinet -nicht über mich, sondern weinet über euch selbst und über eure Kinder. Denn -siehe, es wird die Zeit kommen, in welcher man sagen wird: 'Selig sind die -Unfruchtbaren und die Leiber, die nicht geboren haben und die Brüste, die -nicht gesäuget haben. Dann werden sie anfahen zu sagen zu den Bergen: -Fallet über uns! und zu den Hügeln: Decket uns! Denn so man das thut am -grünen Holz, was will am dürren werden?'« - -Leide mit dem, der, dich zu erlösen, freiwillig leidet! und traure um ihn, -der um deinetwillen ans Kreuz geschlagen ist. Steh im Geist allezeit an -seinem Grabe und weine und klage mit den gläubigen Frauen. Von ihnen heißt -es, wie ich schon oben gesagt habe, in der Schrift: »Frauen saßen am Grab, -klagten und weinten um den Herrn«. Bereite mit ihnen Spezereien zu seinem -Begräbnis, aber nicht stoffliche, sondern bessere, geistige: denn nur wer -diese nicht kennt, verlangt nach jenen. Von solchen Gedanken laß dein Herz -bis ins Innerste erschüttern. - -Der Herr selbst ermahnt die Gläubigen durch den Mund des Propheten Jeremia -zur herzlichen Teilnahme an seinem Leiden also: »Ihr alle, die ihr -vorübergeht, schauet doch und sehet, ob irgend ein Schmerz sei wie mein -Schmerz«; d. h. ob irgend ein Leidender so sehr Mitleid verdient wie ich, -der ich allein schuldlos die Sünden anderer büße. Er selbst aber ist der -Weg, durch den die Gläubigen aus der Fremde eingehen zum Vaterland. Darum -hat er sein Kreuz, von dem herab er uns also zuruft, für uns aufgerichtet -als eine Leiter des Heils. Er ist für dich getötet, der Eingeborene Gottes -ist geopfert worden, also war es sein Wille. Er allein verdient dein -schmerzvolles Mitleid und deinen mitleidigen Schmerz. Mache wahr, was der -Prophet Zacharias von den frommen Seelen weissagt: »Sie werden ihn klagen, -wie man klaget ein einiges Kind und werden sich um ihn betrüben, wie man -sich betrübet um ein erstes Kind«. - -Sieh zu, meine Schwester, welche Klage unter den Freunden eines Königs sich -erhebt, wenn sein erstgeborener und einziger Sohn stirbt. Betrachte, in -welchen Jammer, in welche Trauer die Königsfamilie und der ganze Hof -versetzt wird, und das Wehgeschrei, das die Braut des Toten erhebt, wirst -du gar nicht mit anhören können. Also, meine Schwester, soll deine Trauer -und deine Klage beschaffen sein, denn du hast mit jenem herrlichen -Bräutigam den seligen Ehebund geschlossen. Er hat dich erworben nicht mit -seinen Schätzen, sondern mit sich selber. Mit seinem eigenen Blut hat er -dich erkauft und hat dich erlöset. Darum bedenke, welches Recht er auf dich -hat und vergiß nicht, wie teuer du erkauft bist. Im Gedanken an diesen -Kaufpreis und in Erwägung der Frage, was der in Wirklichkeit wert sei, für -den ein solcher Preis bezahlt wurde und was für einen Dank er für diese -hohe Gnade erstatten könne, sagt der Apostel: »Es sei aber ferne von mir, -rühmen, denn allein von dem Kreuz unseres Herrn Jesu Christi, durch welchen -mir die Welt gekreuzigt ist und ich der Welt«. - -Mehr als der Himmel bist du, mehr als die Welt, du, für welche sich der -Schöpfer der Welt selbst zum Preis gegeben hat. Sprich, was hat er an dir -gefunden, er, der keines Menschen bedarf, daß er, um dich zu gewinnen, die -Qualen des schrecklichsten, schimpflichsten Todes durchgekämpft hat? Was -sucht er an dir, ich frage noch einmal, wenn nicht dich selbst? Der ist -dein wahrer Freund, der nicht das deine begehrt, sondern dich selber. Das -ist der wahre Freund, der für dich in den Tod gehend sprach: »Niemand hat -größere Liebe denn die, daß er sein Leben lässet für seine Freunde«. Er hat -dich wahrhaft geliebt, nicht ich. Meine Liebe, die uns beide in Sünden -verstrickte, verdient den Namen Begierde, nicht den der Liebe. Befriedigung -meiner sündlichen Lüste suchte ich bei dir, das war meine ganze Liebe. Für -dich habe ich gelitten, sagst du, und vielleicht ist etwas Wahres daran; -aber noch mehr durch dich und auch das wider meinen Willen; nicht aus Liebe -zu dir geschah es, sondern weil ich der Gewaltthat erlag, und nicht zu -deinem Heil, sondern zu deinem Schmerz. Er aber hat um deines Heiles -willen, er hat aus eigenem Trieb für dich gelitten. Er heilt durch sein -Leiden alle Krankheit, er stillt alles Leid. Ihm, ich bitte dich, nicht mir -weihe deine ganze Liebe, dein ganzes Mitleid, deinen ganzen Schmerz. Weine -über die Grausamkeit und Ungerechtigkeit, die sich so an der Unschuld -vergreifen durfte, nicht über die gerechte Strafe, die mich betroffen und -die für uns beide, ich wiederhole es, die größte Wohlthat war. Denn die -Gerechtigkeit nicht lieben, heißt ungerecht sein, und ganz ungerecht bist -du, wenn du mit Wissen dem Willen oder vielmehr der hohen Gnade Gottes -widerstrebst. - -Klage um deinen Retter, nicht um deinen Verführer; um deinen Erlöser, nicht -um deinen Buhlen; um den Herrn, der für dich gestorben, nicht um den -Knecht, der noch lebt, ja, der erst jetzt wirklich vom Tode befreit ist. -Gieb acht, ich beschwöre dich, daß man nicht zu deiner Schande das Wort auf -dich anwenden könne, das einst Pompejus zu der trauernden Cornelia gesagt -hat: - - »Noch lebt nach dem Kampfe die Größe; - Aber das Glück ist tot: _das_ hast du geliebt, das beweinst du.« - -Daran denke und halte dein Schamgefühl wach: du möchtest sonst die -begangenen Frevel durch noch Frevelhafteres verstärken. Und so nimm denn -geduldig hin, meine liebe Schwester, ich bitte dich drum, was die göttliche -Barmherzigkeit über uns geschickt hat. Das ist die Rute des Vaters, nicht -das Schwert des Verfolgers. Der Vater züchtigt, um zu bessern, damit nicht -der Feind schlage, um zu töten. Durch die Wunde führt er nicht den Tod -herbei, sondern rettet vor ihm; er wendet das Messer an, um abzuschneiden, -was krank ist. Er verwundet den Leib und heilt die Seele. Er hätte töten -sollen und macht lebendig. Er entfernt die Unreinigkeit, bis alles rein -ist. Er straft einmal, um nicht ewig strafen zu müssen. Einer muß die -Verletzung erleiden, damit zwei mit dem Tode verschont werden. Zwei in der -Schuld, einer in der Strafe. Die göttliche Barmherzigkeit hat Nachsicht -gehabt mit der Unkraft deiner Natur, und das gewiß mit Recht. Schon durch -dein Geschlecht warst du von Natur schwächer und dennoch stärker in der -Enthaltsamkeit, und darum weniger strafwürdig. Auch dafür sage ich dem -Herrn Dank, daß er dir die Strafe erlassen und dir die Ehrenkrone -aufbehalten hat. In mir hat er, um mich zu retten, durch einen einmaligen -körperlichen Schmerz für immer alle Glut der Begierde erstickt, in der mich -meine unbändige Leidenschaft gefangen hielt. Dein junges Herz hat er durch -die beständige Lockung des Fleisches vielen noch größeren Leiden -anheimgegeben, um dich der Märtyrerkrone teilhaftig werden zu lassen. Es -mag dich vielleicht verdrießen, dies zu hören; du möchtest mir vielleicht -das Wort verbieten, aber es ist die offenkundige Wahrheit selber, die hier -redet. Wer beständig zu kämpfen hat, dem wird zuletzt auch die Krone zu -teil; denn »keiner wird gekrönt, er kämpfe denn recht«. Mir aber winkt -keine Krone, weil ich keinen Anlaß zum Kampfe mehr habe. Wem der Stachel -der Begierde genommen ist, dem fehlt der Grund zum Kämpfen. - -Doch wenn ich schon hienieden keine Krone erlange, so ist es doch gewiß -immer schon etwas, daß ich keine Strafe mehr zu fürchten habe und daß mir -um den schmerzhaften Augenblick meiner Bestrafung auf Erden vielleicht -viele Strafen in der Ewigkeit erlassen werden. Denn von den Menschen, die -an dieses elende Leben sich hängen, gilt das Wort der Schrift, das von den -Tieren geschrieben steht: »Das Vieh ist verfault in seinem Mist«. - -Ich will mich nicht darüber beklagen, daß ich mein Verdienst schwinden -sehe, weil ich dessen sicher bin, daß das deinige zunimmt. Denn in Christus -sind wir beide eins, ein Fleisch durch das Band der Ehe. Alles was dein -ist, achte ich auch mir nicht fremd. Dein aber ist Christus, denn du bist -seine Braut geworden. Darum bin ich jetzt, wie ich schon oben sagte, dein -Knecht, ich, den du einst deinen Herrn nanntest: doch bin ich dir mehr in -geistiger Liebe verbunden, als in Furcht unterthan. Darum verspreche ich -mir auch so viel von deiner Verwendung für mich bei Jesus Christus und -hoffe durch deine Fürsprache zu erlangen, was mein eigen Gebet nicht -erwirken kann; vornehmlich in dieser bedrängten Zeit, wo tägliche Gefahr -und Anfechtung mir kaum Zeit zum Leben, geschweige zum Beten läßt. Auch -kann ich nicht dem Beispiel jenes frommen Eunuchen folgen, jenes vornehmen -Mannes am Hofe der Äthiopenkönigin Candace, der über alle ihre Schätze -gesetzt war und die weite Reise gemacht hatte, um in Jerusalem anzubeten. -Zu ihm wurde auf dem Heimweg vom Engel des Herrn der Apostel Philippus -gesandt, daß er ihn zum rechten Glauben bekehre: denn der Mann hatte es -verdient durch sein Gebet und durch fleißiges Lesen der heiligen Schrift. -Nicht einmal unterwegs ließ er davon ab; darum fügte es Gott in seiner -gnädigen Nachsicht, wiewohl jener ein reicher Mann und Heide war, also, daß -er auf eine Stelle der heiligen Schrift stieß, die dem Apostel eine -treffliche Gelegenheit zur Anknüpfung bot. - -Damit aber meiner Bitte nichts im Wege stehe und die Erfüllung derselben -hinausschiebe, so beeile ich mich, den Wortlaut des Gebetes, welches ihr -für mich in Demut vor den Herrn bringen möget, hier aufzusetzen und dir zu -übersenden: - -»O Gott, der du von Anbeginn der Schöpfung, da du aus der Rippe des Mannes -das Weib gebildet, das heilige Sakrament der Ehe eingesetzt und es zu -unendlicher Ehre erhoben hast, indem du selbst durch ein Weib Mensch -geworden bist und dein erstes Wunder auf einer Hochzeit gethan hast; der du -auch meiner Unenthaltsamkeit und Schwachheit die Ehe als Heilmittel nach -deinem Wohlgefallen gewährt hast: verschmähe nicht die Bitten deiner Magd, -die ich für meine und meines Geliebten Vergehen in Demut vor dein heiliges -Angesicht bringe. Vergieb, o Allgütiger, der du die Güte selber bist, -vergieb uns unsere Sünden, so groß und viel sie sind, und laß an der Menge -unserer Schulden den Reichtum deiner unaussprechlichen Barmherzigkeit -offenbar werden. Ich flehe dich an: strafe die Schuldigen hienieden, damit -du sie drüben schonen könnest. Strafe sie in der Zeit, daß du nicht in der -Ewigkeit strafen müssest. Nimm die Rute der Zucht für deine Knechte zur -Hand, nicht das Schwert deines Grimms. Schlage das Fleisch, daß die Seelen -erhalten bleiben. Läutere uns, aber vergilt uns nicht nach unserer -Missethat: laß deine Güte walten mehr als Gerechtigkeit; sei uns ein -barmherziger Vater, nicht ein strenger Herr.« - -»Prüfe und versuche uns so, wie der Prophet es für sich selber von dir -erfleht mit Worten, die so viel sagen wollen als: siehe zuerst auf meine -Kräfte und bemiß nach ihnen die Last der Prüfung. Auch der heilige Paulus -giebt ja seinen Gläubigen den Trost: 'Denn Gott ist getreu, der euch nicht -lässet versuchen über euer Vermögen, sondern macht, daß die Versuchung so -ein Ende gewinne, daß ihr es könnet ertragen'.« - -»Du hast uns vereint, o Herr, und wiederum getrennt, wie und wann es dir -gefallen hat. Nun Herr, vollende in deiner großen Barmherzigkeit, was du so -gnädig begonnen; die du in der Welt für kurze Zeit auseinander gerissen, -vereinige sie mit dir im Himmel für alle Ewigkeit. Denn du bist unsere -Hoffnung, unser Erbteil, unsere Sehnsucht, unser Trost, o Herr, gepriesen -in Ewigkeit. Amen.« - -Lebe wohl in Christo, du Braut Christi, in Christo lebewohl, und lebe -Christo! Amen. - - - - -VI. Brief. - -Heloise an Abaelard. - -(Ihrem unumschränkten Herrn seine ergebene Dienerin.) - - -Damit du mich nicht in irgend einem Stück des Ungehorsams zeihen könnest, -so habe ich nach deinem Befehl den Äußerungen meines Schmerzes, so groß er -ist, Zügel angelegt und will mich wenigstens beim Schreiben davor hüten, -Worte zu gebrauchen, die ich bei der mündlichen Rede schwerlich, ja -unmöglich würde zurückhalten können. Denn nichts haben wir so wenig in der -Gewalt als unser Herz und statt ihm gebieten zu können, müssen wir ihm -folgen. Darum, wenn wir den Stachel seiner Leidenschaften fühlen, ist -niemand imstande, seine ungestümen Triebe so zu dämpfen, daß sie nicht -leicht zu Thaten werden und noch leichter durch Worte sich Luft machen, -welche stets die bereitwilligen Dolmetscher leidenschaftlicher Herzen sind, -nach dem Worte der Schrift: »Wes das Herz voll ist, des gehet der Mund -über«. Darum will ich wenigstens beim Schreiben meiner Hand Halt gebieten, -wenn ich schon meiner Zunge das Wort nicht verbieten könnte. Wäre doch mein -trauerndes Herz so bereit zu gehorchen, wie die schreibende Hand! - -Etwas kannst du doch zur Milderung unseres Schmerzes beitragen, wenn du ihn -auch nicht ganz zu stillen vermagst. Wie nämlich ein Nagel durch den andern -ausgetrieben wird, so verdrängt ein Gedanke den andern, und der Geist, in -anderer Richtung in Anspruch genommen, muß die Erinnerung an Früheres -schwinden oder doch in Hintergrund treten lassen. Ein Gedanke beschäftigt -aber den Geist um so lebhafter und ausschließlicher, je edler sein Inhalt -ist und je notwendiger die Angelegenheit erscheint, auf welche wir unser -Sinnen und Denken richten. Wir alle nun, Dienerinnen Christi und in -Christus deine Töchter, bringen in Demut zwei Bitten vor dich als unsern -Vater, deren Erfüllung für uns von der höchsten Wichtigkeit ist. Die erste -Bitte ist die: du möchtest uns über den Ursprung des Standes der Nonnen und -über das Wesen unseres Berufes aufklären. Die zweite: du möchtest uns eine -Regel aufstellen und zusenden, in welcher den besonderen Bedürfnissen des -weiblichen Geschlechts Rechnung getragen und die Einrichtung und Gestaltung -unseres Ordenslebens von Grund aus festgesetzt würde: denn wir haben uns -überzeugt, daß dies von den heiligen Vätern bis jetzt unterlassen worden -ist. Diese Versäumnis hat die unangenehme Folge, daß jetzt bei der Aufnahme -ins Kloster Männer und Frauen gleicherweise auf ein und dieselbe Regel -verpflichtet werden, und daß das schwache Geschlecht unter dieselbe -Klosterordnung sich beugen muß wie das starke. Zu der Regel des heiligen -Benediktus bekennen sich in der abendländischen Kirche die Frauen genau so -wie die Männer. Es ist aber klar, daß sie ausschließlich für Männer -aufgestellt worden ist und darum auch nur von Männern eingehalten werden -kann, von Untergebenen wie von Vorgesetzten. Um von anderen Bestimmungen -der Regel zu schweigen: was sollen wir Frauen anfangen mit den Vorschriften -über Kutten, Beinkleider, Skapulire? Wie können sich Frauen die Bestimmung -über Unterkleider oder wollene Hemden zu eigen machen, da sie doch solche -wegen ihrer monatlichen Reinigung gerade gar nicht brauchen können? Was -soll ihnen ferner die Vorschrift, daß der Abt das Evangelium selbst -verlesen und danach den Hymnus anstimmen solle? Und daß der Abt mit den -Pilgern und Gästen abseits an einem besonderen Tische sitzen solle? Was -schickt sich für unsern Stand? Sollen wir überhaupt keine Männer gastlich -aufnehmen oder soll die Äbtissin mit den Männern, die zu Gaste sind, an -Einem Tisch essen? O wie schnell ist es um ein Herz geschehen, wo Männer -und Frauen unter Einem Dach zusammenwohnen! Vollends aber bei Tische, wo so -oft Völlerei und Trunkenheit herrscht und wo im süßbethörenden Wein die -Lüsternheit lauert. Davor warnt auch der heilige Hieronymus in seinem Brief -an eine Mutter und ihre Tochter: »Schwer ist's, bei Schmausereien die -Keuschheit zu wahren«. Auch Ovid, aller lüsternen Üppigkeit Sänger und -Meister, beschreibt es in seinem Buch von der »Kunst zu lieben« des langen -und breiten, wie bei festlichen Gelagen die Buhlerei ihre Rechnung finde: - - »Sind vom Wein erst benetzt die durstigen Flügel Cupidos, - Dann verweilt er und weicht nimmer von selbigem Ort. - Frohes Lachen ertönt, der Traurige hebet das Haupt nun - Sorg' entweichet und Schmerz, glatt wird die faltige Stirn. - Manchem Knaben ging so das Herz an die Mädchen verloren; - Lieb' durchströmet den Leib, Glut sich entzündet an Glut.« - -Ja, selbst wenn man nur Frauen Herberge und Tischgemeinschaft gewährt: -lauert nicht auch hier schon die Gefahr? Wahrhaftig, das wirksamste Mittel, -ein Weib zu verführen, sind die Schmeicheleien durch ein anderes Weib. Auch -vertraut am liebsten eine Frau der andern ihr verdorbenes Herz an. Darum -warnt auch Hieronymus Frauen, die sich einem heiligen Beruf geweiht haben, -nachdrücklich vor dem Verkehr mit weltlichen Frauen. - -Wenn wir nun aber die Männer von unserer Gastfreundschaft ausschließen und -nur Frauen unsere Pforte öffnen, so werden wir -- das sieht jeder ein -- -durch solche Unfreundlichkeit den Männern, auf deren Unterstützung die -Klöster des schwächeren Geschlechts angewiesen sind, vor den Kopf stoßen, -da es dann den Anschein hat, als wollten wir denen wenig oder nichts geben, -von denen wir das meiste empfangen. - -Können wir aber nicht den ganzen Inhalt der Regel befolgen, so fürchte ich, -es möchte in jenem Worte des Apostels Jakobus auch unsere Verurteilung -ausgesprochen sein: »So jemand das ganze Gesetz hält und sündiget an einem, -der ist's ganz schuldig«. Das heißt: Einer, der viel thut, wird gerade -dadurch schuldig, daß er nicht alles erfüllt. Zum Übertreter des Gesetzes -wird er schon durch eine Versäumnis; erfüllt hat er das Gesetz erst dann, -wenn er alle Gebote desselben befolgt hat. Dies meint auch der Apostel, -wenn er sagt: »Der gesagt hat: du sollst nicht ehebrechen, der hat auch -gesagt: du sollst nicht töten. So du nun nicht ehebrichst, tötest aber, -bist du ein Übertreter des Gesetzes«. Deutlicher ausgedrückt soll dies -heißen: Weil der Herr selbst das eine Gebot so gut wie das andere -aufgestellt hat, darum macht sich der Übertretung des Ganzen schuldig, wer -auch nur Eines nicht hält, gleichviel was für eines es sei. Und die -Übertretung jedes einzelnen Gebotes ist eine Mißachtung gegen den -Gesetzgeber, der sein Gesetz nicht etwa auf Ein Gebot gestellt hat, sondern -gleichmäßig auf alle zusammen. - -Doch ich will nicht reden von den Bestimmungen der Regel, die wir überhaupt -nicht, oder doch nicht ohne Gefahr einzuhalten vermögen. Ich möchte nur -fragen: wo in aller Welt ist es Sitte, daß Nonnen aufs Feld gehen, um die -Ernte einzuheimsen und den Acker zu bestellen? Ferner: ist ein einziges -Probejahr genügend für die Frauen, die in den Orden aufgenommen sein -wollen, und sind sie hinreichend unterrichtet, wenn man ihnen die Regel -dreimal vorgelesen hat, wie dies die Regel selber verlangt? Was ist -thörichter, als einen unbekannten und noch nicht deutlich gezeichneten Weg -zu beschreiten? Was ist voreiliger, als ein Leben zu erwählen und zu seinem -Beruf zu machen, das man noch gar nicht kennt, oder ein Gelübde zu thun, -das man doch nicht halten kann? Wenn die Klugheit die Mutter aller Tugenden -ist und die Vernunft die Vermittlerin aller Güter -- wer wird dann etwas, -das mit ihnen in Widerspruch steht, für ein Gut oder für eine Tugend -halten? Selbst die Tugenden, sagt Hieronymus, können zum Laster werden, -wenn sie Maß und Ziel überschreiten. Das ist aber ganz gewiß ein unkluges -vernunftwidriges Verfahren, wenn man jemand eine Last auflegen will, ohne -vorher die Kräfte dessen, der sie tragen soll, zu untersuchen, so daß die -zugemutete Leistung im richtigen Verhältnis zur natürlichen Fähigkeit -steht. Wer wird einem Esel die gleiche Last zumuten wie einem Elefanten? -Wer wird Kindern und Greisen dieselbe Bürde aufladen wie Männern? Schwachen -so viel wie Starken, Kranken so viel wie Gesunden, Frauen so viel wie -Männern? Dem schwächeren Geschlecht so viel wie dem starken? - -Mit Rücksicht darauf hat der Papst Gregorius im 24. Kapitel seines -»Pastoralis« in Beziehung auf Ermahnungen und Vorschriften folgenden -Unterschied gemacht: »Anders sind Männer zu ermahnen, anders Frauen; jenen -kann man Schwereres zumuten, diesen nur Leichtes. Männer mögen sich in -harter Übung bewähren, Frauen werden am besten durch Sanftmut und Milde -gewonnen«. Diejenigen aber, welche Klosterregeln aufgestellt haben, haben -nicht nur die Frauen mit gänzlichem Stillschweigen übergangen, sondern sie -haben auch Bestimmungen getroffen, von denen sie wissen mußten, daß sie für -Frauen keineswegs passen: wußten sie ja doch auch sehr wohl, daß man nicht -Stier und Kuh unter das gleiche Joch spannen darf, weil man denen, die von -Natur verschieden sind, nicht die gleiche Arbeit zumuten kann. - -Diesen Unterschied hat der heilige Benediktus keineswegs vergessen, und -gleichsam vom Geiste aller Gerechten erfüllt, trägt er in allem der -Verschiedenheit der Menschen wie der Zeiten Rechnung, damit alles, wie er -dies selbst in seiner Regel festsetzt, im richtigen Maße geschehe. Beim Abt -beginnend, verlangt er von demselben, er solle in der Weise das Regiment -führen, daß er dem Charakter und der Einsicht eines jeden seiner -Untergebenen Rechnung trage und sich so mit allen in ein gutes Einvernehmen -setze; so werde er es nicht erleben müssen, daß die ihm anvertraute Herde -Schaden nehme, im Gegenteil werde er sich ihres Wachstums freuen dürfen ... -Seine eigene Gebrechlichkeit solle er niemals vergessen und daran denken, -daß man das geknickte Rohr nicht zertreten dürfe. Er soll auch mit den -besonderen Zeitumständen rechnen und sich die Klugheit des frommen Jakob -zum Beispiel nehmen, welcher sagte: »Wenn sie einen Tag übertrieben würden, -würde mir die ganze Herde sterben.« Solche und ähnliche Beispiele von -kluger Erwägung, die aller Tugenden Mutter ist, soll er vor Augen haben und -in allem so maßvoll handeln, daß die Starken genug zu thun haben und die -Schwachen nicht zurückschrecken. - -Diesem Bestreben, allen gerecht zu werden und überall das richtige Maß zu -halten, verdanken ihren Ursprung die Ausnahmebestimmungen für Kinder, -Greise und überhaupt gebrechliche Leute, ferner die Verordnung, daß der -Vorleser, der, welcher den Wochendienst hat und der Koch vor den übrigen -ihr Essen bekommen sollen, endlich die Fürsorge dafür, daß beim gemeinsamen -Mahl Speise und Trank nach Güte und Menge mit Rücksicht auf die Art der -einzelnen Leute verteilt werden -- worüber genaue Einzelvorschrift -vorhanden sind. Auch für die festgesetzten Fastenzeiten sind in der -Ordensregel in Rücksicht auf die Jahreszeit oder ausnahmsweise Arbeitslast -mildernde Bestimmungen enthalten, wie die Schwachheit der menschlichen -Natur sie erfordert. - -Der Mann, der in solcher Weise in allen Stücken der besonderen -Beschaffenheit der Menschen und der Zeiten Rechnung getragen hat, so daß -seine Verordnungen von allen ohne Murren erfüllt werden können: wie hätte -der die besonderen Bedürfnisse der Frauen berücksichtigt, wenn er seine -Ordensregel, die ursprünglich nur für Männer bestimmt war, auch auf das -weibliche Geschlecht hätte ausdehnen wollen! Sieht er sich schon in -Rücksicht auf Knaben, Greise und Kranke wegen der Hinfälligkeit und -Schwachheit der menschlichen Natur genötigt, in einigen Stücken von der -Strenge der Regel etwas nachzulassen: wie viel mehr hätte er Sorge getragen -für das zarte Geschlecht, das von Natur -- wie jeder weiß -- schwach und -kraftlos ist. Darum so erwäge, wie es jedem vernünftigen Denken -widersprechen würde, wollte man Frauen und Männer auf ein und dieselbe -Regel verpflichten und die gleiche Last Schwachen wie Starken auflegen. Ich -glaube, daß es in Anbetracht unserer Schwachheit genug ist, wenn wir in der -Tugend des Gehorsams und der Keuschheit den Leitern der Kirche und den -Geistlichen, die in frommen Gemeinschaften leben, gleichstehen; auch der -Mund der Wahrheit spricht ja: »Es ist dem Jünger genug, daß er sei wie sein -Meister«. Schon das müßte uns als Leistung angerechnet werden, wenn wir es -nur frommen Laien gleichthun könnten. Denn an Starken schätzt man manches -nicht sonderlich, was man am Schwachen bewundert, und nach dem Wort des -Apostels »ist die Kraft in den Schwachen mächtig«. - -Wir wollen nur die Frömmigkeit von Laien, wie Abraham, David, Hiob, wiewohl -sie im Stand der Ehe lebten, nicht geringschätzen! Es fällt mir da eine -Stelle aus der siebenten Predigt des Chrysostomus über den Hebräerbrief -ein: »Es giebt mancherlei Mittel, womit man das wilde Tier im Innern -einschläfern kann. Was für Mittel sind das? Der Hände Arbeit, Lesen, -Nachtwachen. Aber was geht das uns an, die wir keine Mönche sind? Das -entgegnest du mir? Sag es doch dem Paulus, bei dem es heißt: 'Haltet an mit -Wachen und Beten in aller Geduld'; oder: 'Wartet des Leibes nicht also, daß -er geil werde'. Diese Worte sind nicht bloß für Mönche geschrieben, sondern -für alle, die zu einem bürgerlichen Gemeinwesen gehören. Denn ein Laie soll -vor einem Mönch nichts weiter voraushaben, als daß er mit seiner Frau -zusammenleben darf. Das ist sein Vorrecht, ein anderes giebt es nicht für -ihn, vielmehr soll er in allem anderen leben wie ein Mönch. Denn auch die -Seligpreisungen, die Christus ausgesprochen hat, sind nicht bloß den -Mönchen verheißen. Die ganze Welt müßte ja zu Grunde gehen, wenn alles, was -Tugend heißt, in den engen Raum eines Klosters eingeschlossen wäre. Und wie -könnte der Stand der Ehe ehrlich sein, wenn sie ein so großes Hindernis für -unser Seelenheit wäre?« - -Daraus geht deutlich hervor: Wer zu den Geboten des Evangeliums noch die -Tugend der Enthaltsamkeit hinzufügt, der erreicht die sittliche -Vollkommenheit des Mönchs. Möchten wir es in unserm Stande doch nur dahin -bringen, daß wir das Evangelium erfüllten, ohne es überbieten zu wollen; -daß wir doch nicht mehr sein wollten als gute Christen! - -Von diesem Gedanken geleitet, haben, wenn ich mich nicht täusche, die -frommen Väter darauf verzichtet, auch für uns Frauen, wie für die Männer, -eine besondere Regel, gleichsam als ein neues Gesetz aufzustellen und durch -schwere Gelübde unsere Schwachheit zu belasten. Sie dachten dabei wohl an -das Wort des Apostels: »Das Gesetz richtet nur Zorn an; denn wo das Gesetz -nicht ist, da ist auch keine Übertretung« und ferner: »Das Gesetz aber ist -neben einkommen, auf daß die Sünde mächtiger würde«. Derselbe strenge -Prediger der Enthaltsamkeit nötigt aber doch gewissermaßen im Gedanken an -unsere Schwachheit die jungen Witwen zur zweiten Ehe, indem er sagt: »So -will ich nun, daß die jungen Witwen freien, Kinder zeugen, Haus halten, dem -Widersacher keine Ursach' zu schelten geben«. Auch der heilige Hieronymus -hält diese Verordnung für ganz heilsam und giebt der Jungfrau Eustochium -mit Rücksicht auf unbedachte Gelübde von Frauen folgenden Rat: »Wenn sogar -diejenigen, die ihre Jungfräulichkeit bewahrt haben, wegen ihrer sonstigen -Sünden nicht vorwurfsfrei sind: was wird erst denen geschehen, die die -Glieder Christi preisgegeben und den Tempel des heiligen Geistes in ein -Freudenhaus verwandelt haben? Es ist dem Menschen besser, das Joch der Ehe -auf sich zu nehmen und auf der ebenen Erde zu bleiben als hoch hinaus zu -wollen und schließlich in den Rachen der Hölle hinabzustürzen«. Auch der -heilige Augustin schreibt in seinem Buch »Über die Enthaltsamkeit der -Witwen« an Julian folgendes zur Warnung vor unbesonnenem Ablegen eines -Gelübdes: »Die, welche sich noch nicht gebunden hat, soll es sich wohl -überlegen, hat sie aber einmal den Schritt gethan, dann soll sie auch dabei -bleiben. Man soll dem Widersacher keine Gelegenheit geben und Christus kein -Opfer entziehen.« Darum steht auch in den Kanones mit Rücksicht auf unsere -Schwachheit die Bestimmung, daß Diakonissen nicht vor dem vierzigsten Jahr -ordiniert werden dürfen und auch dann nur, wenn sie ein gutes Zeugnis -haben; während man zum Diakon schon vom zwanzigsten Jahr an befördert -werden kann. - -In klösterlichen Vereinigungen leben aber auch die sogenannten regulierten -Chorherren, die sich, wie man sagt, zu einer Regel des heiligen Augustin -bekennen und sich in keinem Stück geringer achten als die Mönche, obwohl -sie, wie bekannt, Fleisch zu essen und linnene Gewänder zu tragen sich -erlauben. Wenn unsere Schwachheit wenigstens diese Stufe der Vollkommenheit -erreichen könnte, wäre das für nichts zu achten? - -Man könnte uns, was die Nahrung anbelangt, schon deshalb ohne Gefahr alle -Speisen erlauben, weil die Natur selbst uns vor Ausschreitungen behütet, -indem sie unserem Geschlecht an der Tugend der Nüchternheit einen -schützenden Halt gegeben hat. Man weiß, daß Frauen zu ihrem leiblichen -Unterhalt weniger bedürfen als die Männer und die Physik lehrt uns, daß das -weibliche Geschlecht auch weniger leicht der Trunkenheit anheimfällt. -Macrobius Theodosius macht im 7. Kapitel seiner Saturnalia folgende -Bemerkung: »Aristoteles sagt, die Weiber werden selten berauscht, die -Greise oft. Der Körper des Weibes hat einen sehr großen -Feuchtigkeitsgehalt. Ein Beweis dafür ist die Glätte und der Glanz ihrer -Haut, und ganz besonders sprechen dafür die regelmäßigen Reinigungen, durch -welche ihr Körper von überflüssiger Feuchtigkeit entlastet wird. Der Wein -verliert seine Stärke, wenn er mit so überreichem flüssigem Stoff sich -mischt und steigt nicht so leicht zu Kopfe, da seine Wirkung auf diese -Weise gelähmt wird«. Ferner heißt es dort: »Der weibliche Körper unterliegt -häufigen Reinigungen und hat an seiner Oberfläche zahlreiche Öffnungen und -Poren, durch welche die Feuchtigkeit ihren Ausgang sucht und findet. Durch -diese Poren entweicht auch der Dunst des Weines gar schnell. Alte Männer -dagegen haben einen ausgetrockneten Körper, was man schon an der Rauheit -und der dunklen Farbe ihrer Haut sehen kann«. - -Du magst hieraus ersehen, wie durchaus ungefährlich, ja, wie billig es ist, -uns in Anbetracht unserer schwachen Natur in Speise und Trank volle -Freiheit zu gewähren, da wir ja der Schwelgerei und der Trunkenheit nicht -leicht zum Opfer fallen können; vor jener bewahrt uns unsere -Bedürfnislosigkeit, vor dieser die Beschaffenheit des weiblichen Körpers, -wie oben ausgeführt worden ist. Für unsere schwachen Kräfte muß es genug -sein und alles, was man verlangen kann, wenn wir enthaltsam und besitzlos -leben, mit dem Dienst Gottes unsere Zeit ausfüllen und im Essen und Trinken -es halten, wie die Leiter der Kirche selbst oder wie fromme Laien oder -endlich wie die regulierten Chorherren, die vor andern ein apostolisches -Leben zu führen behaupten. - -Es ist ein Beweis von großer Klugheit, wenn die, welche sich Gott durch ein -Gelübde verpflichten, weniger versprechen und mehr halten, so daß sie -allezeit einen Überschuß haben, den sie aus freien Stücken zu der -pflichtmäßigen Leistung hinzufügen können. Die Wahrheit selber spricht: -»Wenn ihr alles gethan habt, so sprechet: Wir sind unnütze Knechte, wir -haben gethan, was wir schuldig waren«. Deutlicher ausgedrückt soll dies -heißen: Darum sind wir für unnütz und unwert zu achten und ohne Verdienst, -weil wir, zufrieden mit der Erfüllung des Notwendigen, nicht aus freien -Stücken mehr gethan haben. Über solche freiwillige Leistungen sagt der Herr -selbst an einer andern Stelle gleichnisweise: »So du was mehr wirst -darthun, so will ich dir's bezahlen, wenn ich wiederkomme«. - -Möchten dies doch in unserer Zeit alle diejenigen zu Herzen nehmen, die -leichtsinnig das Klostergelübde ablegen; wollten sie sich's doch klar -machen, was es mit diesem Gelübde für ein Bewandtnis hat und vorher die -Regel nach ihrem ganzen Inhalt genau durchforschen: dann kämen weniger -Verstöße gegen dieselbe und weniger Fahrlässigkeitssünden vor. Jetzt aber -drängt sich alles ohne Wahl zum Klosterleben; so oberflächlich die Aufnahme -solcher Leute vor sich geht, ebenso ist nachher das Leben, das sie führen. -Leichtsinnig verpflichten sie sich auf eine Regel, die sie gar nicht -kennen, ebenso leichtsinnig lassen sie dieselbe nachher unbeachtet und -setzen an die Stelle des Gebotes das was ihnen beliebt. Darum wollen wir -Frauen uns hüten, eine Last auf uns zu nehmen, unter der wir die Männer -fast alle wanken, ja erliegen sehen. Es scheint, als wäre die Welt alt -geworden, als hätten die Menschen samt den anderen Kreaturen ihre -ursprüngliche Jugendfrische verloren, als wäre, nach dem Worte der -Wahrheit, die Liebe nicht bloß in vielen, sondern in allen erkaltet. Da -sich die Menschen geändert haben, sollte man auch die sittlichen Gebote, -die für sie aufgestellt sind, ändern oder ihre Strenge mäßigen. - -Diesen Unterschied hat der heilige Benediktus wohl beachtet; er giebt von -seiner Regel zu, die Strenge der mönchischen Askese sei durch dieselbe so -ermäßigt worden, daß seine Regel im Vergleich zu den früheren Bräuchen nur -eine Art Anleitung zur Rechtschaffenheit und eine Einführung ins -Klosterleben genannt werden könne. »Diese Regel, sagt er, haben wir -verfaßt, damit sie uns, wenn wir nach ihr leben, ein Wegweiser zur -Rechtschaffenheit oder die Grundlage unserer Lebensweise werde. Im übrigen, -wer nach Vollkommenheit strebt, dem stehen die Lehren der heiligen Väter zu -Gebote, deren Befolgung den Menschen zur Höhe der Vollendung emporführt«. -Weiter sagt er: »Wer du auch seist, der du der himmlischen Heimat -zustrebst: erfülle zuerst mit Christi Hilfe zur Vorübung das Geringe, das -unsere Regel verlangt, alsdann erst wirst du unter Gottes Schutz zu den -erhabenen Gipfeln der Weisheit und Tugend gelangen.« Während wir von den -heiligen Vätern lesen, daß sie an Einem Tag den ganzen Psalter gebetet -haben, sagt Benedikt selber, er habe in Anbetracht der lauen Gemüter die -Übung des Psalmodierens dahin ermäßigt, daß die Psalmen über die ganze -Woche verteilt wurden, so daß jetzt die Mönche sogar weniger zu thun haben -als die Kleriker. - -Was ist dem frommen Stand und der Ruhe des Klosterlebens mehr zuwider als -das, was der Üppigkeit Nahrung zuführt und Streit und Zank erregt, ja, das -Ebenbild Gottes in uns, das uns von den andern Kreaturen scheidet, das -heißt die Vernunft, zerstört? Dies aber thut der Wein; darum versichert uns -die Schrift, daß er von allem, was dem Menschen zur Nahrung dient, am -schädlichsten sei und warnt uns vor ihm. Der größte aller Weisen sagt im -Buch der Sprüche von ihm: »Der Wein macht lose Leute und starkes Getränke -macht wild; wer dazu Lust hat, wird nimmer weise ... Wo ist Weh, wo ist -Leid? Wo ist Zank? Wo ist Klagen? Wo sind Wunden ohne Ursach'? Wo sind rote -Augen? Nämlich wo man beim Wein liegt und kommt auszusaufen, was -eingeschenket ist. Siehe den Wein nicht an, daß er so rot ist und im Glase -so schön stehet. Er gehet glatt ein, aber danach beißt er wie eine Schlange -und sticht wie eine Otter. So werden deine Augen nach andern Weibern sehen -und dein Herz wird verkehrte Dinge reden. Und du wirst sein wie einer, der -mitten im Meer schläft, wie ein Steuermann, der eingeschlafen ist und das -Ruder verloren hat. Und du wirst sprechen: Sie schlagen mich, aber es thut -mir nicht wehe, sie zerren mich hin und her, aber ich fühle es nicht. Wann -will ich aufwachen, daß ich wiederum Wein finde?« Und weiter heißt es: »O -nicht den Königen, Lamuel, gieb den Königen nicht Wein zu trinken, denn -nichts bleibt geheim, wo die Trunkenheit herrscht. Sie möchten trinken und -der Rechte vergessen und verändern die Sache irgend der armen Leute«. Im -Buch Sirach steht geschrieben: »Wein und die Weiber bethören die Weisen«. - -Auch Hieronymus, in seinem Brief an Nepotianus »vom Leben der Kleriker«, -hält sich darüber auf, daß die Priester des alten Bundes in der -Enthaltsamkeit von allen berauschenden Getränken strenger waren als die -heutigen. Er sagt: »Rieche nicht an den Wein, damit du dir nicht das Wort -des Philosophen sagen lassen mußt: hoc non est osculum porrigere, sed vinum -propinare (das heißt nicht küssen, sondern die Schale zum Munde führen)«. - -Auch der Apostel verurteilt weinselige Priester, und das Gesetz Mosis -verbietet ihnen den Weingenuß: »Die den Dienst des Altars besorgen, sollen -nicht Wein und Gegorenes trinken«. -- »Sicera« heißt im Hebräischen jedes -berauschende Getränk, gleichviel, ob es bereitet wird aus dem gegorenen -Saft von Früchten oder aus eingekochtem Honig und Kräutern oder aus der -gepreßten Frucht der Palme oder aus Früchten, die man zu Sirup zerkocht. -»Alles was berauscht und dich um den Verstand bringt, das fliehe wie den -Wein.« - -Der Wein also, vor dessen Genuß die Könige gewarnt werden, der den -Priestern gänzlich verboten wird, ist sicherlich von allen Nahrungsmitteln -das gefährlichste. Gleichwohl sieht sich ein so geistbegnadeter Mann wie -der heilige Benedikt genötigt, den Bedürfnissen seiner Zeit Rechnung zu -tragen und für die Mönche eine Ermäßigung eintreten zu lassen. »Wir lesen -zwar,« sagt er, »daß der Wein für die Mönche überhaupt nichts sei, allein -weil man in unserer Zeit die Mönche davon doch nicht überzeugen kann u. s. -w.« - -Er hatte wahrscheinlich auch gelesen, was in dem »Leben der Altväter« -berichtet wird: »Man hatte einem Vater von einem Mönche gesagt, daß er -keinen Wein trinke, worauf dieser erwiderte: der Wein ist überhaupt nichts -für Mönche«. Ferner ist dort zu lesen: »Eines Tages feierte man die Messe -auf dem Berge des Vaters Antonius, und fand daselbst ein Gefäß mit Wein. -Einer der Alten hob es auf und brachte einen Becher voll dem Vater Sisoi. -Der trank ihn aus, nahm zum zweitenmal und leerte ihn wieder. Als ihm aber -zum drittenmal angeboten wurde, wies er's zurück und sagte: 'Laß genug -sein, Bruder, vergissest du, daß der Teufel darin steckt?'« Und weiter wird -von dem Vater Sisoi berichtet: »Abraham sagte zu seinen Schülern: 'Wenn man -an einem Feiertag oder Sonntag zur Kirche geht und trinkt drei Kelche Wein, -ist das nicht zu viel?' Und es antwortete der Alte: 'Es wäre nicht zu viel, -wenn der Satan nicht wäre'«. - -Wo in aller Welt, ich bitte dich, ist der Fleischgenuß von Gott mißbilligt -und den Mönchen verboten worden? Beachte wohl, wie Benedikt sich genötigt -sah, die Strenge seiner Regel zu ermäßigen, sogar in einem Stück, das für -die Mönche noch viel gefährlicher ist und wovon er wußte, daß es überhaupt -nichts für sie sei; er that es, weil er die Mönche zu seiner Zeit schon -nicht mehr von der Notwendigkeit, in diesem Stück enthaltsam zu sein, -überzeugen konnte. Möchte man doch auch in unserer Zeit mit derselben -Schonung verfahren, und wenigstens die Dinge, welche in der Mitte zwischen -Gut und Böse liegen und darum Indifferentien heißen, mit derselben -Unbefangenheit behandeln. Etwas, das jetzt niemand mehr einleuchtet, sollte -das Gelübde nicht verlangen; man sollte sich damit begnügen, alles, was in -der Mitte liegt, zu erlauben, ohne Anstoß daran zu nehmen und nur das -wirklich Sündhafte zu verbieten. Auch in Beziehung auf Nahrung und Kleidung -sollte man die Forderungen dahin ermäßigen, daß man sich dessen bedienen -dürfte, was billig zu haben ist; in allem sollte man auf das Notwendige -sehen und alles Überflüssige meiden. Denn was uns nicht tüchtig macht für -das Reich Gottes oder was uns vor Gott nicht besser macht, das ist auch -unserer Sorge nicht wert. Dazu gehören alle äußerlichen Verrichtungen, an -denen Verworfene und Auserwählte, Heuchler und Fromme in gleicher Weise -teilnehmen. In nichts unterscheiden sich Christen und Juden so sehr als in -den äußeren und inneren Werken; denn die Liebe allein, die der Apostel des -Gesetzes Erfüllung und Ende nennt, scheidet die Söhne Gottes von denen des -Teufels. Darum setzt der Apostel auch den Ruhm der Werke so sehr herunter, -um dafür die Gerechtigkeit durch den Glauben zu erheben und ruft den Juden -zu: »Wo bleibt nun der Ruhm? Er ist aus. Durch welch Gesetz? Durch der -Werke Gesetz? Nicht also, sondern durch des Glaubens Gesetz. So halten wir -es nun, daß der Mensch gerecht werde ohne des Gesetzes Werke allein durch -den Glauben«. Weiter heißt es: »Ist Abraham durch die Werke gerecht, so hat -er wohl Ruhm, aber nicht vor Gott. Was saget aber die Schrift? Abraham hat -Gott geglaubt und das ward ihm zur Gerechtigkeit gerechnet«. Und wiederum -sagt er: »Dem, der nicht mit Werken umgehet, glaubet aber an den, der die -Gottlosen gerecht macht, dem wird sein Glaube gerechnet zur Gerechtigkeit, -nach dem Vorsatz der Gnade Gottes«. - -Derselbe Apostel giebt auch den Christen volle Freiheit, alle Speisen zu -essen und unterscheidet davon das, was wirklich gerecht macht: »Das Reich -Gottes, sagt er, ist nicht Essen und Trinken, sondern Gerechtigkeit und -Friede und Freude im heiligen Geist. Es ist zwar alles rein, aber es ist -nicht gut dem, der es isset mit einem Anstoß seines Gewissens. Es ist viel -besser du essest kein Fleisch und trinkest keinen Wein oder das, daran sich -dein Bruder stößt oder ärgert oder schwach wird«. - -An dieser Stelle wird nicht der Genuß einer Speise überhaupt verboten, -sondern das Ärgernis, das daraus entstehen könnte; wie denn wirklich einige -der bekehrten Juden Ärgernis daran genommen hatten, als sie sahen, wie die -anderen auch solche Speisen aßen, die im Gesetz verboten waren. Diesen -Anstoß wollte auch der Apostel Petrus vermeiden und wurde darum von Paulus -nach dessen eigenem Bericht im Galaterbrief schwer getadelt und heilsam -zurechtgewiesen. Dasselbe schreibt er den Korinthern: »Die Speise macht uns -nicht besser vor Gott« und wiederum: »Alles was feil ist auf dem -Fleischmarkt, das esset ... denn die Erde ist des Herrn und was drinnen -ist«. Und an die Kolosser schreibt der Apostel: »So lasset nun niemand euch -Gewissen machen über Speise oder über Trank« und gleich darauf: »So ihr -denn nun abgestorben seid mit Christus den Satzungen der Welt, was lasset -ihr euch dann fangen mit Satzungen, als lebetet ihr noch in der Welt, die -da sagen: du sollst das nicht angreifen, du sollst das nicht kosten, du -sollst das nicht anrühren, welches sich doch alles unter Händen verzehret, -und ist Menschengebot und Lehre«. - -Satzungen dieser Welt nennt er die Anfangsstufen des Gesetzes, welche sich -auf die äußerlichen Regeln des Fleisches beziehen, in deren Befolgung die -Welt, das heißt ein bislang noch fleischliches Volk, sich anfangs übte, wie -an einem Alphabet. Diesen Anfangsstufen, d. h. diesen Regeln des Fleisches -sind die abgestorben, die Christo angehören. Sie bedürfen ihrer nicht mehr, -da sie nicht mehr in dieser Welt leben, d. h. nicht mehr im Fleisch nach -dem Sichtbaren trachten und Unterschiede machen in den Speisen und in -anderen Dingen, indem sie sagen: rühret dieses und jenes nicht an. Solche -Dinge können durch die Art und Weise, wie man sie gebraucht, der Seele zum -Verderben werden, wenn man sie, um mit dem Apostel zu reden, angreift, -kostet, anrührt; aber man kann sich ihrer auch in demütiger Gesinnung -bedienen; »Menschengebot und Lehre« soll heißen: Gebot und Lehre -fleischlich gesinnter, das Gesetz nur in äußerlichem Sinn verstehender -Menschen, nicht Lehre Christi und der Seinigen. Denn er hat seinen Jüngern, -als er sie aussandte zu predigen, in Beziehung auf Essen und Trinken volle -Freiheit gelassen, obwohl es gerade für sie besonders wichtig war, jeden -Anstoß zu vermeiden. Wo sie gastlich aufgenommen wurden, da sollten sie -leben wie ihre Gastgeber, und essen und trinken, was man ihnen vorsetzte. -Paulus scheint indessen schon im Geiste vorausgesehen zu haben, daß man von -dieser Vorschrift des Herrn, die zugleich seine eigene war, abkommen werde. -Denn an Timotheus schreibt er: »Der Geist aber saget deutlich, daß in den -letzten Zeiten werden etliche von dem Glauben abtreten und anhangen den -verführerischen Geistern und Lehren der Teufel durch die, so in Gleißnerei -Lügenredner sind, und verbieten, ehelich zu werden und zu meiden die -Speise, die Gott geschaffen hat, zu nehmen mit Danksagung, den Gläubigen -und denen die die Wahrheit erkennen. Denn alle Kreatur Gottes ist gut und -nichts verwerflich, das mit Danksagung empfangen wird. Denn es wird -geheiliget durch das Wort Gottes und Gebet. Wenn du den Brüdern solches -vorhältst, so wirst du ein guter Diener Jesu Christi sein, auferzogen in -den Worten des Glaubens und der guten Lehre, bei welcher du immerdar -gewesen bist«. - -Wenn man allein das äußere Werk der Enthaltsamkeit mit dem leiblichen Auge -ansehen wollte, müßte man da nicht den Johannes und seine Jünger, die sich -mit übertriebener Kasteiung quälten, über Jesus und seine Jünger stellen? -Haben doch eben die Jünger Johannes, weil sie noch in der äußerlichen -Werkheiligkeit der Juden steckten, Christum und die Seinigen getadelt und -den Herrn selbst gefragt: »Warum fasten wir und die Pharisäer so viel und -deine Jünger fasten nicht?« - -In Erwägung dieses Gedankens macht der heilige Augustin einen Unterschied -zwischen echter und äußerlicher Tugend und urteilt, daß durch rein -äußerliche Werke kein besonderes Verdienst erworben werden könne. So sagt -er in seiner Schrift »Über das Gut der Ehe«: »Keuschheit ist nicht eine -Tugend des Leibes, sondern der Seele. Tugenden der Seele aber zeigen sich -bisweilen am Körper, bisweilen bethätigen sie sich in der Gesinnung: so -wird die Tugend der Märtyrer offenbar, wenn sie körperliche Leiden -erdulden«. Weiter sagt er: »Hiob besaß schon vorher die Geduld, dem Herrn -war sie bekannt und er legte Zeugnis davon ab, aber die Menschen lernten -sie erst durch die Prüfungen und Heimsuchungen kennen, die er durchzumachen -hatte«. Ferner: »Um aber ganz deutlich zu machen, daß die Tugend in der -Gesinnung bestehen könne, auch ohne äußerlich sichtbares Werk, so will ich -ein Beispiel anführen, das jeden Gläubigen überzeugen wird. Daß der Herr -Jesus in Wirklichkeit gehungert und gedürstet, gegessen und getrunken habe, -daran zweifelt keiner, der an das Evangelium glaubt. Stand er darum in der -Tugend der Enthaltsamkeit von Speise und Trank vielleicht Johannes dem -Täufer nach? Denn: 'Johannes ist kommen, aß nicht Brot und trank keinen -Wein, so sagten sie: er hat den Teufel. Des Menschen Sohn ist kommen, isset -und trinket, so sagen sie: Siehe der Mensch ist ein Fresser und Weinsäufer, -der Zöllner und Sünder Freund'. Und nachdem er von Johannes und von sich -selber dies ausgesagt, fügte er noch bei: 'Die Weisheit ist gerechtfertigt -worden durch ihre Kinder, welche sehen, daß es bei der Tugend der -Enthaltsamkeit allezeit in erster Linie auf die Beschaffenheit des Herzens -ankomme, daß sie sich aber je nach Zeit und Gelegenheit auch äußerlich -bethätige, wie die Tugend der heiligen Märtyrer durch ihre Geduld im -Leiden.' Darum ist das Verdienst des Petrus, der den Märtyrertod erlitten, -nicht größer als das des Johannes, der nicht gelitten hat; auch hat sich -Johannes, der nie verehelicht war, durch seine Enthaltsamkeit kein größeres -Verdienst erworben als Abraham, der Kinder gezeugt hat: beide haben an -ihrem Teil und zu ihrer Zeit Christo gedient, der eine im ehelosen Stand, -der andere in der Ehe. Aber Johannes hat die Enthaltsamkeit auch äußerlich -bethätigt, Abraham übte sie nur in der Gesinnung. Auf die Tage der -Patriarchen folgte eine Zeit, in welcher durch das Gesetz jeder verdammt -wurde, der in Israel keine Nachkommenschaft erzeugte; dennoch traf -denjenigen nicht der Fluch des Gesetzes, der unfähig war, Kinder zu -erzeugen. Nun aber ist die Fülle der Zeiten erschienen, wo es heißt: 'Wer -es fassen kann, der fasse es; wer da hat, der wirke Werke; wer aber nicht -Werke wirken will, der sage nicht, daß er etwas in sich habe'«. Aus diesen -Worten geht klar hervor, daß vor Gott die tugendhafte Gesinnung allein ein -Verdienst hat und daß alle, die an solcher Gesinnung einander gleich sind, -und wären sie in Ansehung der Werke noch so verschieden, von Christus -gleich belohnt werden. Darum sind alle wahren Christen so ganz mit ihrem -inneren Menschen beschäftigt, ihn mit Tugenden zu zieren und von Fehlern zu -reinigen, daß sie sich um das Außenwerk nicht oder wenig kümmern. So lesen -wir auch von den Aposteln, daß ihr äußeres Gebaren, selbst als sie dem -Herrn nachfolgten, so bäurisch und fast unanständig gewesen sei, daß es -aussah, als hätten sie Ehrfurcht und Anstandsgefühl gänzlich vergessen. -Scheuten sie sich doch nicht, beim Gang durch die Felder Ähren zu raufen, -mit den Händen zu zerreiben und zu essen, wie Kinder, und auch mit dem -Waschen der Hände vor dem Essen nahmen sie es nicht genau. Als sie aber -deswegen von den Leuten der Unreinlichkeit gezeiht wurden, entschuldigte -sie der Herr mit den Worten: »Mit ungewaschenen Händen essen verunreinigt -den Menschen nicht.« Und er fügt gleich den allgemeinen Satz hinzu, daß -überhaupt durch Äußerlichkeiten die Seele nicht befleckt werden könne, -sondern nur durch das, was aus dem Herzen hervorkomme, nämlich arge -Gedanken, Ehebruch, Mord u. s. w. Denn wenn nicht durch den bösen Willen -die Seele vorher verderbt würde, so könnte das, was äußerlich mit dem Leibe -geschieht, nicht Sünde sein. Darum heißt es ganz richtig, daß auch der -Ehebruch und der Mord aus dem Herzen komme. Denn keine körperliche -Berührung ist dazu nötig -- nach dem Spruch: »Wer ein Weib ansiehet, ihrer -zu begehren, der hat schon mit ihr die Ehe gebrochen in seinem Herzen« und -nach dem andern: »Wer seinen Bruder hasset, der ist ein Totschläger«. -Andererseits bewirkt die bloße äußere körperliche Berührung oder Verletzung -noch keineswegs das Verbrechen: ein Weib, das der Gewalt erliegt, wird -niemand des Ehebruchs zeihen, so wenig wie einen Richter, der nach Recht -und Gerechtigkeit einen Verbrecher zum Tode verurteilt, des Mordes. »Denn -kein Mörder -- steht geschrieben -- hat teil am Reiche Gottes«. - -Wir müssen also weniger darauf sehen, was geschieht, als darauf, aus -welcher Gesinnung eine Handlung entspringt, wenn wir dem gefallen wollen, -der Herzen und Nieren prüft und im Verborgenen siehet, der, wie Paulus -sagt, »richten wird das Verborgene der Menschen laut meines Evangeliums«, -d. h. nach der Lehre meiner Predigt. Darum ist auch die bescheidene Gabe -der Witwe, die zwei Scherflein einlegte, die machen einen Heller, allen -prunkenden Gaben der Reichen von dem vorgezogen worden, zu welchem wir -sprechen: »Du bedarfst nicht meiner Güter«, und der die Gabe nach dem Geber -beurteilt, nicht den Geber nach der Gabe, wie geschrieben steht: »Der Herr -sah gnädig an Abel und sein Opfer«; das will sagen: er sah vorher an die -Frömmigkeit des Opfernden und um deswillen, der es gab, war ihm das Opfer -angenehm. - -Wahre Herzensfrömmigkeit hat vor Gott um so höheren Wert, je weniger wir -unser Vertrauen auf äußere Werke setzen. Darum schreibt auch der Apostel -dem Timotheus, nachdem er in der oben geschilderten Weise den Genuß aller -Speisen freigegeben, über leibliche Übung und Kasteiung folgendes: »Übe -dich selbst in der Gottseligkeit; denn die leibliche Übung ist wenig nutz, -aber die Gottseligkeit ist zu allen Dingen nütze und hat die Verheißung -dieses und des zukünftigen Lebens«. Denn die fromme Ergebung in Gott erhält -von ihm die Notdurft dieses Lebens und dereinst die Güter der Ewigkeit. - -Aus diesen Zeugnissen sollen wir nichts anderes lernen als die christliche -Weisheit; wir sollen, gleich Jakob, von den Tieren des Hauses unserem Vater -eine Labung bereiten, nicht wie Esau draußen nach Wildbret fahnden und in -jüdischer Art am Außenwerk hängen bleiben. So ist auch jenes Wort des -Psalmisten gemeint: »Vor mir sind, o mein Gott, die Gelübde, die ich dir -gethan, und ich will sie lösen, indem ich dich preise«. Nimm dazu noch das -Wort des Dichters: »Suche dein Wesen nicht außer dir selbst«. - -Viele, ja unzählige Aussprüche weltlicher und geistlicher Lehrer legen -Zeugnis dafür ab, daß man sich um äußerliche und gleichgültige Dinge nicht -gar sehr kümmern solle. Wo nicht, so müßten ja die Werke des Gesetzes und -das nach dem Ausspruch des Petrus unerträgliche Joch seiner Knechtschaft -der Freiheit des Evangeliums vorzuziehen sein, und dem sanften Joch Christi -und seiner leichten Last. Christus selbst ladet uns ein zu diesem sanften -Joch, zu dieser leichten Last: »Kommet her zu mir, ruft er, alle die ihr -mühselig und beladen seid«. Darum hat auch der Apostel einige zum -Christentum bekehrte Juden scharf getadelt, als sie dafür hielten, man -müsse die Werke des Gesetzes noch beibehalten. Nach dem Bericht der -Apostelgeschichte sagte er: »Ihr Männer, lieben Brüder, was versucht ihr -denn nun Gott mit Auflegen des Jochs auf der Jünger Hälse, welches weder -unsere Väter noch wir haben mögen tragen. Sondern wir glauben durch die -Gnade des Herrn Jesu Christi selig zu werden, gleicherweise wie auch sie«. - -Dich selbst aber, der du nicht bloß Christi Vorbild nachlebst, sondern auch -seinem Apostel durch deine Klugheit wie durch deinen Namen gleichst, -beschwöre ich: halte in den Forderungen äußerer Werke das Maß, welches -durch die Rücksicht auf unsere schwache Natur geboten ist, damit wir uns um -so mehr dem Dienste und Preise Gottes widmen können. Denn nachdem der Herr -alle äußerlichen Opfer abgelehnt hat, empfiehlt er dieses ausdrücklich mit -den Worten: »Wo mich hungerte, wollte ich dir nicht davon sagen; denn der -Erdboden ist mein und alles was darinnen ist. Meinest du, daß ich -Ochsenfleisch essen wollte oder Bocksblut trinken? Opfere Gott Dank und -bezahle dem Höchsten deine Gelübde. Und rufe mich an in der Not, so will -ich dich erretten, so sollst du mich preisen«. - -Wir reden nicht davon als wollten wir überhaupt die Anstrengung äußerlicher -Arbeit verwerfen, soweit dieselbe notwendig ist; nur wollen wir das, was -der leiblichen Notdurft dient und uns in der Verrichtung des Gottesdienstes -hinderlich ist, nicht gar zu hoch schätzen; besonders da durch apostolische -Autorität frommen Frauen gerade das zugestanden wird, daß sie mehr durch -fremde Handreichung ihren Lebensunterhalt bestreiten als durch eigene -Arbeit. Darum schreibt auch Paulus an den Timotheus: »So aber ein Gläubiger -Witwen hat, der versorge dieselbigen und lasse die Gemeine nicht beschweret -werden; auf daß die, so rechte Witwen sind, genug haben«. Unter rechten -Witwen versteht er nämlich diejenigen, welche sich Christo geweiht haben, -denen nicht nur ihr Mann gestorben, sondern denen auch die Welt gekreuzigt -ist und sie der Welt. Diese haben ein gutes Recht darauf aus den Mitteln -der Kirche, die gleichsam das Eigentum ihres himmlischen Bräutigams sind, -unterhalten zu werden. Darum hat auch der Herr seine Mutter unter den -Schutz des Apostels gestellt, nicht unter den ihres Mannes, und die Apostel -haben sieben Diakonen, d. h. Diener der Kirche, eingesetzt, die den -gläubigen Frauen Handreichung thun sollten. - -Wir wissen zwar wohl, daß der Apostel in seinem Brief an die Thessalonicher -einen Teil der Gemeinde, der sich einem müßigen, träumerischen Leben ergab, -scharf verurteilt hat und auch die Regel aufstellte: »Wer nicht arbeiten -will, der soll auch nicht essen«; auch ist uns bekannt, daß der heilige -Benedikt, um dem Müßiggang zu steuern, Handarbeit vorgeschrieben hat. -Allein saß nicht auch Maria einst müßig zu den Füßen des Herrn, um ihm -zuzuhören, während Martha ihr und dem Herrn diente und mit einem gewissen -Neid über die Saumseligkeit der Schwester murrte, welche sie allein des -Tages Last und die Hitze tragen lasse? So sehen wir noch heute oftmals -diejenigen, die mit äußerlichen Geschäften sich abmühen, murren, wenn sie -denen mit der irdischen Notdurft dienen sollen, welche sich dem Dienste -Gottes geweiht haben. Und oftmals beklagen sie sich über einen Verlust, den -sie durch eine Gewaltthat erleiden, nicht so sehr, wie über das, was sie -solchen müßigen Faulenzern, wie sie sagen, entrichten müssen. Und doch -sehen sie, daß solche Leute nicht allein damit beschäftigt sind, die Worte -Christi zu hören, sondern daß ihre Zeit auch mit dem Lesen und Singen -derselben ausgefüllt ist. Sie vergessen, daß es, wie der Apostel sagt, -nichts besonderes ist, wenn sie diejenigen mit dem Leiblichen versorgen, -von denen sie geistliche Gaben erwarten, und daß es nicht mehr als billig -ist, wenn die, deren Streben auf das Irdische gerichtet ist, denen dienen, -welche sich mit dem Geistlichen beschäftigen. Darum ist diese heilsame Muße -und Freiheit auch vom Gesetz selber den Dienern der Kirche eingeräumt -worden: der Stamm Levi sollte keinen Teil an dem erblichen Landbesitz -haben, um desto ungestörter dem Herrn dienen zu können; dafür sollten ihm -Zehnten und Abgaben von der Arbeit der anderen zufallen. - -Was Fasten und Enthaltsamkeit betrifft, die der Christ mehr den Lastern -gegenüber üben soll als in Beziehung auf Essen und Trinken, so wird es sich -fragen, ob es sich empfiehlt, hierin zu der kirchlichen Vorschrift noch -weitere Forderungen hinzuzufügen, und dann soll man diejenige Verordnung -geben, die für uns am besten paßt. Ganz besonders richte dein Augenmerk auf -die gottesdienstlichen Verrichtungen und auf die Verteilung der Psalmen, -und trage wenigstens in diesem Stück, wenn irgend möglich, unserer -Schwachheit Rechnung. Wir wollen nicht jede Woche den ganzen Psalter -durchmachen und so immer dieselben Psalmen wiederholen müssen. Auch der -heilige Benedikt, der die Woche so einteilte, wie er's für angemessen -hielt, hat doch seinen Nachfolgern in diesem Punkt freie Hand gelassen, -indem er sie ermahnt, eine andere Ordnung einzuführen, wenn sie sich mehr -empfehlen sollte. Er war sich dessen bewußt, daß im Laufe der Zeit die -Herrlichkeit der Kirche immer schöner sich entfalten werde und daß sie, -anfangs gegründet auf ein unscheinbares Fundament, dereinst zum herrlichen -Bauwerk sich erheben werde. - -Das aber bitten wir dich vor allem festzusetzen, wie wir uns zu verhalten -haben in Beziehung auf die Verlesung des Evangeliums und auf die -nächtlichen Vigilien. Denn um diese Zeit Priester oder Diakonen zu solcher -Verrichtung bei uns einzulassen, scheint mir gefährlich, da wir doch die -Nähe und den Anblick von Männern peinlich meiden sollen, um uns desto -aufrichtiger Gott widmen zu können und vor Versuchungen desto sicherer zu -sein. - -Dir, mein Geliebter fällt die Aufgabe zu, so lange du noch lebst, uns eine -Regel zu geben, die für alle Zeiten bei uns in Geltung bleiben soll. Du -bist ja doch nächst Gott der Gründer dieses Heiligtums, du warst durch -Gottes Hand der Schöpfer unserer Gemeinschaft, du sollst jetzt mit Gottes -Hilfe der Gesetzgeber unseres Ordens sein. Vielleicht bekommen wir einst -nach dir einen andern Lehrer, der einen andern Grund legen und darauf bauen -möchte. Wir fürchten, ein solcher möchte weniger für uns besorgt sein oder -es möchte uns schwerer fallen, ihm zu gehorchen; auch könnte er vielleicht -wohl den guten Willen, aber nicht die Kraft zum Vollbringen haben. Rede du -zu uns und wir werden hören. Lebe wohl! - - - - -VII. Brief. - -Abaelard an Heloise. - - -Geliebte Schwester! Deine Liebe verlangt in deinem und in deiner geistigen -Töchter Namen Aufschluß über den Orden, welchem ihr angehöret und über den -Ursprung des Standes der Nonnen: ich will dir so kurz und knapp als möglich -darüber Auskunft geben. - -Die erste Grundlage seiner Lebensordnung hat der Stand der Mönche und -Nonnen von unserem Herrn Jesus Christus selber überkommen. Gleichwohl gab -es auch schon vor der Menschwerdung des Herrn unter Männer und Frauen -gewisse Anfänge dieser Lebensform. So schreibt Hieronymus an Eustochium: -»Die Söhne der Propheten, von denen wir im Alten Testament lesen als von -Mönchen«. Auch erzählt der Evangelist von jener Hanna, die beständig im -Tempel und beim Gottesdienst war und die zugleich mit Simeon den Herrn im -Tempel begrüßen durfte und dabei vom prophetischen Geiste erfüllt wurde. -Dann, als die Zeit erfüllet war, kam Christus, das Ende des Gesetzes und -alles Guten Vollendung, um das angefangene Gute hinauszuführen und das, was -noch unbekannt war, auszurichten. Wie er gekommen war, um beide -Geschlechter zu sich zu rufen und zu erlösen, so hat es ihm auch gefallen, -beide Geschlechter in dem wahren Mönchtum seiner Gemeinschaft zu -vereinigen. Dadurch sollte dieser Beruf für Männer wie für Frauen seine -weihevolle Bedeutung erhalten, und allen wurde durch Christus die -Vollkommenheit des Lebens vor Augen gestellt, der sie nachstreben sollten. -Und so lesen wir denn von einer Gemeinschaft frommer Frauen, die mit den -Aposteln und übrigen Jüngern und mit der Mutter des Herrn in Verbindung -standen. Diese Frauen entsagten der Welt und verzichteten auf jeden eigenen -Besitz, um Christum allein zu gewinnen, wie geschrieben steht: »Der Herr -ist mein Erbteil«. Sie erfüllten in frommem Eifer die Bedingung, welche -nach der vom Herrn aufgestellten Regel alle erfüllen müssen, die der Welt -den Abschied geben und in die Gemeinschaft dieses frommen Lebens eintreten -wollen. »Wer nicht verleugnet alles was er hat, der kann nicht mein Jünger -sein.« - -Mit welcher Ergebenheit diese heiligen Frauen und wahren Nonnen dem Herrn -nachgefolgt sind, und wie ihre Frömmigkeit von Christus selbst und nachher -von den Aposteln anerkannt und in Ehren gehalten worden ist, das steht -ausführlich in der heiligen Geschichte zu lesen. Wir lesen im Evangelium, -wie der murrende Pharisäer, bei dem der Herr zu Gaste war, von diesem -getadelt und der Liebesdienst des sündigen Weibes weit über die genossene -Gastfreundschaft gestellt wurde. Wir lesen weiter, wie Lazarus nach seiner -Auferweckung mit den andern bei Tische saß und seine Schwester Martha -allein die Bedienung übernahm, wie Maria ein Pfund köstlicher Salbe auf die -Füße des Herrn goß und mit ihren eigenen Haaren sie abtrocknete, und wie -vom Duft dieser köstlichen Salbe das ganze Haus erfüllt wurde, und wie im -Gedanken an ihre Kostbarkeit und weil hier eine unnötige Verschwendung -getrieben zu werden schien, der Geiz des Judas und der Unwille der übrigen -Jünger geweckt wurde. Während also Martha sich um die Bewirtung bemüht, -bereitet Maria Wohlgerüche, die eine erquickt den Müden innerlich, die -andere läßt ihm äußerliche Pflege angedeihen. - -Nur von Frauen erzählen die Evangelien, daß sie dem Herrn gedient haben. -Sie gaben ihr Eigentum für seinen täglichen Unterhalt hin und versorgten -ihn besonders mit der Notdurft dieses Lebens. Er selbst hat sich seinen -Jüngern gegenüber bei Tisch, bei der Fußwaschung zum Diener erniedrigt. Es -ist uns aber nichts davon bekannt, daß ihm von einem seiner Jünger oder -überhaupt von einem Manne ein ähnlicher Dienst erwiesen worden sei: die -Frauen allein stellten ihm, wie schon gesagt, in solchen und allen anderen -Fällen der Bedürftigkeit ihre Dienste zur Verfügung. Das Gegenstück zu der -dienenden Demut des Herrn bei Tische sehen wir in dem Walten der Martha, -und im Liebesdienst der Maria das Gegenstück zur Fußwaschung. Maria zeigt -dabei um so mehr frommen Eifer, je schuldvoller ihre Vergangenheit gewesen -war. Der Herr goß Wasser in eine Schale, um die Fußwaschung zu verrichten: -sie aber netzte seine Füße mit Thränen tiefinnerster Reue, nicht mit -äußerlichem Wasser. Jesus trocknete mit einem Linnen den Jüngern die Füße, -ihr mußten die Haare statt des Tuches dienen. Maria fügte noch -wohlriechende Salben hinzu, während uns nicht bekannt ist, daß der Herr -etwas Ähnliches gethan habe. Ferner weiß ja jedermann, daß sie im Vertrauen -auf seine Güte und Nachsicht sich nicht scheute, ihre Salbe über sein Haupt -auszugießen. Und zwar wird berichtet, daß sie die Salbe nicht aus dem Gefäß -habe träufeln lassen, sondern sie habe das Gefäß zerbrochen und so dessen -Inhalt über den Herrn ausgegossen. Sie wollte damit der Glut ihres frommen -Eifers Ausdruck geben; denn ein Gegenstand, der so hohen Dienstes gewürdigt -war, sollte hinfort zu nichts anderem mehr benutzt werden. Durch diese That -stellte sie jenen Verbrauch der Salbe dar, von dem der Prophet Daniel -geweissagt hatte: wann der Heilige der Heiligen werde gesalbt werden. - -Siehe da, ein Weib salbt den Heiligen der Heiligen und legt durch ihre That -Zeugnis ab, daß er zugleich derjenige ist, an den sie glaubt und der, -welchen der Prophet im voraus angekündigt hatte. Welch unbegreifliche Güte -des Herrn, oder was für ein besonderes Verdienst kommt den Frauen zu, daß -er nur ihnen sein Haupt wie seine Füße anvertraut, sie zu salben? Wie kommt -das schwächere Geschlecht zu dem hohen Vorrechte, daß ein Weib den Herrn -der Herrlichkeit salben durfte, der doch von seiner Empfängnis an mit dem -heiligen Geist gesalbt und geweiht war. Mit sichtbaren Weihemitteln durfte -sie ihn zum König und Priester weihen und ihn so auch äußerlich zum -Christus, d. h. zum Gesalbten machen. - -Wir wissen, daß zuerst der Erzvater Jakob einen Stein gesalbt hat, in -prophetischem Hinweis auf den Herrn. Und auch später war es nur den Männern -gestattet, die Salbung von Königen oder Priestern vorzunehmen oder -überhaupt die Sakramente zu verwalten, nur das Recht zu taufen wurde den -Frauen unter Umständen eingeräumt. Der Erzvater hatte einst den Stein zum -Tempel geweiht, und noch jetzt weiht der Priester den Altar mit Öl ein. -Also die Männer geben nur den Abbildern die Weihe, das Weib dagegen hat am -Urbild selbst ihre Wirkung ausgeübt, wie denn die Wahrheit selbst bezeugt: -»Sie hat ein gutes Werk an mir gethan«. Christus selbst wird von einem -Weibe gesalbt, die Christen von Männern, das Haupt von einer Frau, die -Glieder von Männern. - -Mit vollem Recht wird von ihr erzählt, sie habe die Salbe auf sein Haupt -nicht geträufelt, sondern darüber ausgegossen, nach jenem Wort, das die -Braut im Hohenlied von dem Herrn sagt: »Dein Name ist eine ausgegossene -Salbe«. Auf die überströmende Fülle dieser Salbe deutet auch der Psalmist -vorbildlich hin, wenn er von einer Salbe spricht, die vom Haupt bis zum -Saum des Kleides hinabfloß: »Wie der köstliche Balsam ist, der herabfließt -vom Haupt Aarons in seinen ganzen Bart, der herabfließt in sein Kleid«. - -Von David lesen wir, daß er eine dreifache Salbung erhalten habe, und auch -Hieronymus erwähnt dies zu Psalm XXVI. Eine dreifache erhalten auch -Christus und die Christen: an den Füßen und am Haupt ist der Herr von einem -Weibe gesalbt worden, seinen Leichnam haben, nach dem Bericht des Johannes, -Joseph von Arimathia und Nikodemus mit Spezereien bestattet. Und auch die -Christen werden durch dreifache Salbung geweiht: die erste geschieht durch -die Taufe, die zweite durch die Konfirmation, die dritte durch die letzte -Ölung. - -Erkenne nun, wie die Frau hier bevorzugt wird: Zweimal wird der lebendige -Christus von ihr gesalbt, an Füßen und Haupt, und erhält von ihr die Weihe -des Königs und des Priesters. Die Salbe aus Myrrhen und Aloe, die zur -Einbalsamierung der Leichen dient, deutet im voraus hin auf die -Unverweslichkeit des Leibes des Herrn, welche auch die Auserwählten in der -Auferstehung erlangen. Die vorausgehende Salbung durch das Weib aber deutet -an die einzigartige Würde seines Königtums wie seiner Priesterwürde; und -zwar die Salbung des Hauptes bedeutet die höhere, die der Füße die -niedrigere Würde. Siehe da! selbst die Weihe des Königs empfängt er von -einem Weibe, der doch die von Männern ihm gebotene Krone ausschlug und -ihnen entfloh, als sie ihn mit Gewalt zum König machen wollten. -Himmlischen, nicht irdischen Königtums Weihe vollzieht das Weib an ihm, der -selbst später von sich gesagt hat: »Mein Reich ist nicht von dieser Welt.« - -Bischöfe rühmen sich, wenn sie unter dem Beifallsruf der Menge irdische -Könige salben, wenn sie, angethan mit ihren prächtigen goldglänzenden -Gewändern, sterbliche Priester weihen und dabei oftmals diejenigen segnen, -die Gott verflucht. Hier das einfache Weib in ihrem gewöhnlichen Kleid, -ohne Pomp und Prunk; trotz des Unwillens der Apostel vollzieht sie an -Christus die Weihe; nicht hoher Rang giebt ihr das Recht dazu, sondern -allein ihre hingebende Frömmigkeit. O starke Glaubensbeharrlichkeit, o -unsagbare Liebesglut, die alles glaubet, alles hoffet, alles träget! Der -Pharisäer murrt, daß des Herrn Füße von einer Sünderin sollen gesalbt -werden; die Apostel mißbilligen es laut, daß das Weib selbst sein Haupt zu -berühren wagt. Aber ihr Glaube bleibt allenthalben unerschüttert, sie traut -auf die Güte des Herrn, und der Herr läßt sie nicht ohne Schutz und Hilfe. -Wie lieblich und angenehm ihm diese Salbung gewesen, gesteht er ja selbst, -indem er verlangt, man solle sie gewähren lassen, und zu dem entrüsteten -Judas sagt: »Laß sie mit Frieden, sie mag's so halten zum Tag meiner -Begräbnis«. Als wollte er sagen: mißgönne nicht diesen Liebesdienst dem -Lebendigen, damit du nicht dadurch zugleich dem Toten das letzte fromme -Zeichen der Verehrung entziehest. Bekannt ist ja, daß auch für die -Bestattung des Herrn fromme Frauen Spezereien bereitet haben. Maria hätte -dabei vielleicht nicht mitgewirkt, wenn sie bei jener ersten Gelegenheit -durch eine Zurückweisung in Verlegenheit versetzt worden wäre. Ja, als die -Jünger über die große Kühnheit des Weibes unwillig wurden und nach dem -Bericht des Markus sie anfuhren, besänftigte er ihren Zorn durch milden -Zuspruch und erhob dann des Weibes That also hoch, daß er sie ins -Evangelium aufgenommen wünschte und voraussagte, daß wo in aller Welt von -ihm gepredigt werden werde, man auch das sagen werde zu Lob und Gedächtnis -dieser Frau, die damals ihrer Kühnheit wegen sich tadeln lassen mußte. Wir -wissen von keiner andern That der Liebe, die in solcher Weise vom Herrn -selber gelobt und anerkannt worden wäre. Auch an dem Beispiel der armen -Witwe, deren Almosen er allen reichen Kirchenstiftungen vorzog, hat er -deutlich gezeigt, wie angenehm vor ihm die Frömmigkeit der Frauen sei. - -Petrus hat sich nicht gescheut, es laut auszusprechen, daß er und seine -Mitjünger alles um Christi willen verlassen haben. Zachäus, voll Sehnsucht -die Ankunft des Herrn erwartend, schenkt die Hälfte seiner Güter den Armen -und ist bereit, so er jemand betrogen hat, es vierfältig wiederzugeben. -Viele andere haben es sich im Namen Christi oder für Christum noch viel -mehr kosten lassen und haben viel größere Herrlichkeiten in seinen Dienst -gestellt oder um seinetwillen verlassen. Und doch haben sie alle nicht das -hohe Lob des Herrn geerntet wie die Frauen. - -Wie groß ihre fromme Hingabe für ihn war, das lehren uns am deutlichsten -die Vorgänge beim Tode des Herrn. Sie, die Frauen, harren unerschrocken -aus, während das Haupt der Apostel seinen Herrn verleugnet, während der -Jünger, den der Herr lieb hatte, entflieht und die übrigen sich zerstreuen. -Keine Furcht, keine Verzweiflung konnte die Frauen während seines Leidens -und in der Stunde des Todes von Christus trennen. Auf sie ganz besonders -scheint das Wort des Apostels zu passen: »Wer will uns scheiden von der -Liebe Gottes? Trübsal oder Angst?« Darum hat auch Matthäus, nachdem er von -sich selber und von den andern Jüngern gleicherweise berichtet hatte: »Da -verließen ihn alle Jünger und flohen von ihm« -- im weiteren Verlauf seiner -Erzählung das treue Ausharren der Frauen hervorgehoben, die selbst dem -Gekreuzigten noch zur Seite standen, soweit es ihnen verstattet wurde: »Und -es waren viel Weiber da, die von ferne zusahen, die da Jesu waren -nachgefolget aus Galiläa und hatten ihm gedienet«. Auch erzählt derselbe -Evangelist getreulich, wie sie sich selbst vom Grabe des Herrn nicht -trennen konnten: »Es waren aber Maria Magdalena und die andere Maria, die -setzten sich gegen das Grab«. Von diesen Frauen berichtet auch Markus: »Es -waren auch Weiber da, die von ferne solches schaueten, unter welchen war -Maria Magdalena und Maria des kleinen Jakobs und Joses Mutter, und Salome, -die ihm auch nachgefolget, da er in Galiläa war und gedienet hatten, und -viele andere, die mit ihm hinauf gen Jerusalem gegangen waren«. - -Johannes erzählt, sie seien unter dem Kreuze gestanden, und auch er selbst, -der vorher geflohen war, sei bei dem Gekreuzigten gestanden; aber von dem -Ausharren der Frauen spricht er zuerst, wie wenn er durch ihr Beispiel -ermutigt und zurückgerufen worden wäre. »Es stund aber bei dem Kreuze Jesu -seine Mutter, und seiner Mutter Schwester, Maria, Kleophas Weib, und Maria -Magdalena. Da nun Jesus seine Mutter sahe und den Jünger dabei stehen« u. -s. w. - -Diese Ausdauer der heiligen Frauen und die Schwachheit der Jünger hat lange -vor dieser Zeit der fromme Hiob für die Person Christi angedeutet in -prophetischen Worten: »All mein Fleisch ist geschwunden und an meiner Haut -hängt das Gebein, und nur die Lippen an meinen Zähnen sind übrig -geblieben«. Auf den Gebeinen nämlich beruht die Rüstigkeit des Körpers, -weil sie dem Fleisch und der Haut zur Stütze dienen. In dem Leib Christi -nun, d. h. in der Kirche, ist unter dem Gebein der feste Grund des -christlichen Glaubens gemeint oder jene glühende Liebe, von welcher es im -Lied der Lieder heißt, daß auch viel Wasserströme die Liebe nicht mögen -verlöschen; von welcher auch der Apostel sagt: »Sie träget alles, sie -glaubet alles, sie hoffet alles, sie duldet alles«. Das Fleisch aber bildet -am Körper das Innere, die Haut das Äußere. Die Apostel, die durch ihre -Predigt für die Nahrung der Seele sorgen und die Frauen, die sich um die -Bedürfnisse des Körpers bemühen, werden mit dem Fleisch und mit der Haut -(am Leibe Christi) verglichen. Da nun das Fleisch dahinschwand, hing das -Gebein Christi unmittelbar an der Haut; das heißt: als die Jünger am Leiden -ihres Herrn Anstoß nahmen und über seinen Tod in Verzweiflung gerieten, -blieb die fromme Ergebenheit der Frauen unerschüttert und wich keinen Zoll -breit von dem Gebein Christi. Denn die Beharrlichkeit des Glaubens, der -Hoffnung, der Liebe hielt sie so fest bei ihm zurück, daß sie selbst von -dem Toten sich nicht trennen konnten, weder in Gedanken noch körperlich. -Die Männer sind ja von Natur an Geist und Körper den Frauen überlegen. -Darum wird mit Recht die männliche Natur unter dem Bilde des Fleisches -dargestellt, welches dem Gebein näher ist, die schwache Natur des Weibes -dagegen unter dem Bilde der Haut. Ferner: die Aufgabe der Apostel ist es, -die sündigen Menschen durch ihre Rüge gleichsam zu beißen, darum stellen -sie die Zähne des Herrn dar. Ihnen sind nur noch die Lippen übrig -geblieben, das heißt Worte statt Thaten; denn in ihrer Hoffnungslosigkeit -redeten sie wohl von Christus, thaten aber nichts für ihn. In dieser -Verfassung waren auch die beiden Jünger, die nach Emmaus gingen und -miteinander redeten von allem, was in diesen Tagen geschehen war; denen -dann der Herr erschien und ihrer Mutlosigkeit aufhalf. Endlich: was hatten -Petrus und die übrigen Jünger anderes als Worte, als der Herr seinen -Leidensweg betreten mußte und der Herr selbst ihnen vorausgesagt hatte, daß -sie sich an seinem Leiden ärgern werden? »Wenn sie auch alle, sprach -Petrus, sich an dir ärgerten, so will ich doch mich nimmermehr ärgern.« Und -noch mehr: »Und wenn ich mit dir sterben müßte, so will ich dich nicht -verleugnen. Desgleichen sagten auch alle Jünger«. Freilich: sie sagten mehr -als sie thaten. Jener erste und größte Apostel, der mit dem Munde so -standhaft war, daß er zum Herrn sagte: »Ich bin bereit, mit dir ins -Gefängnis und in den Tod zu gehen«; dem der Herr seine Kirche im besonderen -anvertraut hatte mit den Worten: »Wenn du dich dermaleins bekehrst, so -stärke deine Brüder« -- er schämt sich nicht, auf das Wort einer Magd hin -seinen Herrn zu verleugnen. Und nicht bloß einmal thut er das, sondern -dreimal hintereinander; während sein Meister noch lebt, verleugnet er ihn, -und ebenso fliehen alle übrigen Jünger von ihm in alle Winde; die Frauen -dagegen lassen sich von ihm, auch nach seinem Tode, nicht trennen, weder -geistig noch körperlich. Eine von ihnen, jene fromme Sünderin, spricht, -indem sie den Toten noch sucht und ihn ihren Herrn nennt: »Sie haben meinen -Herrn weggenommen«, und weiter: »Hast du ihn weggetragen, so sage mir, wo -hast du ihn hingeleget, so will ich ihn holen«. Die Widder, ja vielmehr die -Hirten, der Herde des Herrn, sie fliehen: die Schafe harren mutig aus. -Seine Jünger mußte der Herr ihrer fleischlichen Schwäche wegen tadeln, denn -sie vermochten selbst in seiner höchsten Leidensnot nicht eine Stunde mit -ihm zu wachen. Die Frauen brachten an seinem Grab eine schlaflose Nacht -unter Thränen zu und wurden gewürdigt, die Herrlichkeit des Auferstandenen -zuerst zu sehen. Dem sie so treu waren bis in den Tod, sie haben ihm ihre -Liebe, während er lebte, nicht mit Worten, sondern mit Thaten bewiesen. Und -von der Angst, die sie um sein Leiden und Sterben erlitten hatten, wurden -sie zuerst befreit durch die frohe Kunde, daß er auferstanden sei und lebe. - -Während, nach Johannes, Joseph von Arimathia und Nikodemus den Leichnam des -Herrn in Leinwand wickelten und mit Spezereien bestatteten, sahen, nach dem -Berichte des Markus, Maria Magdalena und Maria, die Mutter Joses, mit Eifer -zu, wohin er gelegt wurde. Auch Lukas erzählt von ihnen; »Es folgten aber -die Weiber nach, die mit ihm kommen waren aus Galiläa und beschaueten das -Grab und wie sein Leib gelegt ward; sie kehreten aber um und bereiteten -Spezereien«. Sie begnügten sich nicht mit den Spezereien des Nikodemus, sie -wollten auch die ihrigen noch dazu thun. Und den Sabbath über waren sie -stille nach dem Gesetz; nach Markus aber kamen, als der Sabbath um war, in -aller Frühe am Tage der Auferstehung selbst Maria Magdalena und Maria -Jakobi und Salome zum Grab. - -Nachdem wir nun ihren frommen Eifer gezeigt haben, wollen wir weiter sehen, -welcher Ehre sie gewürdigt wurden. Fürs erste wurden sie durch die -Erscheinung des Engels getröstet mit der Kunde, daß der Herr schon -auferstanden sei; sodann durften sie zuerst den Herrn sehen und berühren. -Und zwar vor allen andern Maria Magdalena, deren Liebesglut die lebendigste -war; dann die andern mit ihr, von welchen es heißt, daß sie nach der -Engelserscheinung »zum Grabe hinausgingen und liefen, daß sie es seinen -Jüngern verkündigeten, und siehe da begegnet ihnen Jesus und sprach: Seid -gegrüßet. Und sie traten zu ihm und griffen an seine Füße und fielen vor -ihm nieder. Da sprach Jesus: Gehet hin und verkündiget es meinen Brüdern, -daß sie gehen nach Galiläa: daselbst werden sie mich sehen«. Auch Lukas -berichtet darüber in ähnlicher Weise: »Es waren aber Maria Magdalena und -Johanna und Maria Jakobi, und andere mit ihnen, die solches den Aposteln -sagten«. Auch Markus verschweigt es nicht, daß die Frauen zuerst von dem -Engel zu den Aposteln geschickt worden seien, um es ihnen zu verkündigen; -er läßt den Engel zu den Weibern sagen: »Er ist auferstanden, er ist nicht -hier. Gehet aber hin und saget es seinen Jüngern und Petrus, daß er vor -euch hingehen wird in Galiläa«. Auch der Herr selbst, da er zuerst der -Maria Magdalena erscheint, sagt zu ihr: »Gehe hin zu meinen Brüdern und sag -ihnen, ich fahre auf zu meinem Vater.« - -Wir sehen aus diesen Berichten, daß jene frommen Frauen gleichsam als -Apostelinnen über die Apostel gesetzt wurden, da sie entweder vom Herrn -oder von den Engeln zu ihnen gesandt werden, um ihnen die Freudenbotschaft -der Auferstehung zu bringen, auf die alle warteten, so daß die Apostel von -den Frauen zuerst erfuhren, was sie nachher aller Welt predigten. - -Der Evangelist hat, wie wir oben sahen, erzählt, daß der Herr die Frauen -grüßte, als er ihnen nach seiner Auferstehung begegnete: durch seine -Begegnung wie durch seinen Gruß wollte er ihnen zeigen, wie sehr sie -Gegenstand seiner fürsorgenden Liebe seien. Wir erfahren nirgends, daß er -anderen gegenüber das ausdrückliche Begrüßungswort: »seid gegrüßet« -gebraucht habe: im Gegenteil hat er ja früher seinen Jüngern das Grüßen -untersagt mit den Worten: »Und grüßet niemand auf dem Wege«. Es ist, als -hätte er dieses Vorrecht bis jetzt den frommen Frauen aufbehalten und -selbst an ihnen ausüben wollen, nachdem er schon die Glorie der -Unsterblichkeit erlangt hatte. - -Auch in der Apostelgeschichte, welche berichtet, daß die Apostel alsbald -nach der Himmelfahrt des Herrn vom Ölberg nach Jerusalem zurückgekehrt -seien, und die Frömmigkeit jener heiligen Gemeinschaft ausführlich -schildert, wird der fromme Eifer und die Standhaftigkeit der Frauen im -Glauben nicht mit Stillschweigen übergangen, sondern es heißt von ihnen: -»diese alle waren stets bei einander einmütig mit Bitten und Flehen samt -den Weibern und Maria, der Mutter Jesu«. - -Aber wir wollen nicht weiter sprechen von den jüdischen Frauen, die gleich -im Anfang, während der Herr selbst noch lebte und das Evangelium -verkündigte, zum Glauben kamen und den Grund legten zu der Lebensweise, die -ihr erwählt habt. Sondern wir wollen auch der griechischen Witwen gedenken, -welche später von den Aposteln in die Gemeinde aufgenommen worden sind; wir -werden da sehen, mit welcher Liebe und Sorgfalt die Apostel ihnen -entgegenkamen und wie jener ruhmreiche Bannerträger des christlichen -Häufleins, Stephanus, der erste der Märtyrer, mit einigen anderen -geistbegabten Männern von den Aposteln zu ihrem Dienste aufgestellt wurde. -Auch hierüber berichtet die Apostelgeschichte: »In den Tagen aber, da der -Jünger viel wurden, erhub sich ein Murmeln unter den Griechen wider die -Hebräer, darum daß ihre Witwen übersehen wurden in der täglichen -Handreichung. Da riefen die Zwölfe die Menge der Jünger zusammen und -sprachen: 'Es taugt nicht, daß wir das Wort Gottes unterlassen und zu -Tische dienen. Darum, ihr lieben Brüder, sehet unter euch nach sieben -Männern, die ein gut Gerücht haben und voll heiligen Geists und Weisheit -sind, welche wir bestellen mögen zu dieser Notdurft. Wir aber wollen -anhalten am Gebet und am Amt des Wortes.' Und die Rede gefiel der ganzen -Menge wohl und erwähleten Stephanum, einen Mann voll Glauben und heiligen -Geistes und Philippum und Prochorum und Nikanor und Timon und Parmenam und -Nikolaum, den Judengenossen von Antiochia. Diese stellten sie vor die -Apostel und beteten und legten die Hände auf sie«. Es spricht gar sehr für -die Enthaltsamkeit des Stephanus, daß er zum Dienst und zur Fürsorge für -die frommen Frauen bestellt wurde. Was für ein hohes Ehrenamt die -Verwaltung dieses Dienstes war und wie verdienstlich vor Gott und in den -Augen der Apostel, das haben sie selber bezeugt durch das Gebet, mit dem -sie die Handlung weihten, und durch Auflegung der Hände, als wollten sie -diejenigen, die damit betraut wurden, beschwören, Treue zu halten, und -durch ihren Segen und ihr Gebet ihnen die Kraft dazu verleihen. - -Auch der Apostel Paulus nimmt diesen Dienst als ein Recht seines -Apostelamtes in Anspruch: »Haben wir nicht Macht, sagt er, eine Schwester -zum Weibe mit umherzuführen, wie die andern Apostel?« Als wollte er sagen: -Ist es uns nicht erlaubt, ein Gefolge von frommen Frauen zu haben und sie -auf unsern Missionsreisen mit uns zu führen, wie die andern Apostel, damit -sie, während wir das Wort Gottes predigen, von dem Ihrigen unsere äußeren -Bedürfnisse befriedigen? Darum sagt auch der heilige Augustin in seinem -Buch »Vom Werk der Mönche«: »Darum gingen gläubige Weiber mit ihnen, die -mit den Gütern dieser Welt gesegnet waren, und thaten ihnen von dem Ihrigen -Handreichung, damit sie an dem, was zum Unterhalt des Lebens dient, nicht -Mangel litten«. Ferner: »Wer nicht glauben will, daß die Apostel frommen -Frauen gestatteten, sie überall hin zu begleiten, wo sie das Evangelium -verkündigten, der möge das Evangelium selbst nachlesen und daraus ersehen, -daß sie hierin dem Beispiel des Herrn selber folgten. Denn im Evangelium -heißt es: 'Und es begab sich danach, daß er reisete durch Städte und Märkte -und predigte und verkündigte das Evangelium vom Reich Gottes, und die -Zwölfe mit ihm; dazu etliche Weiber, die er gesund hatte gemacht von den -bösen Geistern und Krankheiten, nämlich Maria, die da Magdalena heißet, und -Johanna, das Weib Chusa, des Pflegers Herodis, und Susanna und viel andere, -die ihnen Handreichung thaten von ihrer Habe'. Hieraus geht also deutlich -hervor, daß der Herr, während er predigend umherzog, von dienenden Frauen -mit den Bedürfnissen des äußerlichen Lebens versorgt wurde und daß diese -Frauen gleichwie die Apostel seine unzertrennliche Begleitung bildeten.« - -Als dann der Drang zu einem gottgeweihten Leben unter Männern und Frauen -sich häufiger einstellte, hatten schon in den Anfangszeiten der Kirche -Frauen wie Männer besondere klösterliche Behausungen. So erwähnt die -»Kirchengeschichte« das Lob, welches der beredte Jude Philo über die -alexandrinische Kirche unter der Leitung des Markus nicht nur -ausgesprochen, sondern auch schriftlich in hohen Ausdrücken niedergelegt -hat; es heißt dort Buch II, Kapitel XVI unter anderem: »In vielen Gegenden -der Erde leben solche Menschen«. Und bald darauf: »An jedem dieser Orte -befindet sich ein der Andacht geweihtes Haus, welches 'senivor' oder -'Monasterium' genannt wird«. Ferner heißt es weiter unten: »Sie kennen -nicht bloß die besten frommen Lieder der Alten, sondern dichten auch selbst -neue zur Ehre Gottes, welche sie nach verschiedenen Rhythmen und Tonarten -gar lieblich singen«. Es wird dann verschiedenes von ihrer Enthaltsamkeit -und von der Art ihres Gottesdienstes berichtet, worauf es weiter heißt: -»Bei den Männern, von denen wir sprechen, befinden sich auch Frauen, -darunter mehrere schon hochbetagte Jungfrauen, welche ihren Leib unberührt -und keusch bewahren, nicht aus irgend welchem Zwang, sondern aus -Frömmigkeit; die, während sie mit Eifer dem Studium der Weisheit obliegen, -nicht allein ihre Seele, sondern auch den Leib heiligen und es für unwürdig -halten, daß das zur Aufnahme der Weisheit bestimmte Gefäß der Lust diene, -oder daß diejenigen sterbliche Kinder gebären, die nach der geheiligten -unsterblichen Frucht des göttlichen Wortes streben und die eine -Nachkommenschaft hinterlassen sollen, die nimmermehr dem Tod und der -Vernichtung anheimfällt«. Weiter heißt es von Philo: »Er schreibt auch von -ihren Gemeinschaften, daß Männer und Weiber getrennt in besonderen -Vereinigungen leben, und daß sie Vigilien halten, wie es bei uns jetzt noch -Sitte ist«. - -Hierher gehört auch, was die »Dreiteilige Geschichte« zum Lobe der -christlichen Philosophie, d. h. des Mönchslebens sagt, dem Frauen wie -Männer sich ergeben. Es heißt da Buch I, Kapitel XI: »Die Begründer dieser -tiefsinnigen Philosophie waren, wie einige behaupten, der Prophet Elias und -Johannes der Täufer.« Der Pythagoräer Philo aber erzählt, daß zu seiner -Zeit fromme Hebräer aus verschiedenen Gegenden sich in einem Landhaus bei -einem Sumpf Maria, auf einem Hügel gelegen, vereinigt und dort der -Philosophie gelebt haben. Ihre Wohnung aber und die Art, sich zu ernähren -und ihre ganze Lebensweise schildert er so, wie wir sie bei den ägyptischen -Mönchen jetzt noch beobachten. Er schreibt, daß sie vor Sonnenuntergang -keine Speise zu sich nehmen, des Weines und des Fleisches sich gänzlich -enthalten, als Speise diene ihnen Brot, Salz und Ysop, als Trank Wasser. -Mit ihnen zusammen wohnen hochbetagte Weiber, die aus Liebe zur Philosophie -Jungfrauen geblieben waren und freiwillig auf die Ehe verzichtet hatten. - -Ähnlich lautet, was Hieronymus im 8. Kapitel seines Buches »Berühmte -Männer« zum Lobe des Markus und seiner Kirche schreibt: »Er zuerst predigte -in Alexandria von Christus und gründete daselbst eine Kirche, durch Lehre -und Sittenstrenge so ausgezeichnet, daß sich alle Christen an ihr ein -Beispiel nehmen mußten«. Endlich hat Philo, der gewandteste Schriftsteller -der Juden, welcher die erste damals noch judenchristliche Kirche zu -Alexandria erlebte, zur Verherrlichung seines Volkes ein Buch über dessen -Bekehrung geschrieben, und wie Lukas erzählt, daß die Gläubigen in -Jerusalem alles gemeinsam besessen haben, so hat auch Philo die Vorgänge in -der unter der Leitung des Markus stehenden alexandrinischen Kirche dem -Gedächtnis überliefert. - -Ebenso sagt Hieronymus des weiteren im 11. Kapitel: »Der Jude Philo, von -Geburt ein Alexandriner und einer Priesterfamilie angehörend, wird von uns -darum unter die Kirchenschriftsteller gezählt, weil er in seinem Buch über -die erste, vom Evangelisten Markus gegründete Kirche von Alexandria sich in -Lobsprüchen über die Unsrigen ergeht und erwähnt, daß dieselben nicht bloß -hier, sondern auch in vielen anderen Provinzen sich aufhalten, und ihre -Wohnungen Klöster nennt«. - -Daraus geht doch hervor, daß im Anfang die Gemeinschaft der Christen von -der Art gewesen ist, wie sie jetzt die Mönche nachahmen und erstreben: da -besaß keiner etwas für sich, da gab es weder arm noch reich; was man hatte, -wurde unter die Bedürftigen verteilt, im übrigen füllte man die Zeit aus -mit Gebet und Singen, mit Predigt und Übung in der Enthaltsamkeit, wie dies -Lukas in ähnlicher Weise von der ersten Christengemeinde in Jerusalem -berichtet. - -Lesen wir die Geschichten des Alten Testamentes nach, so finden wir da, daß -in allen Angelegenheiten, welche Gott oder besondere religiöse Leistungen -betreffen, die Frauen nicht hinter den Männern zurückgeblieben sind. Die -heiligen Urkunden berichten, daß sie ebenso wie die Männer Lieder zur Ehre -Gottes nicht bloß gesungen, sondern auch selbst gedichtet haben. Das erste -Lied von der Befreiung Israels haben nicht die Männer allein, sondern mit -ihnen die Frauen dem Herrn zum Preise gesungen, und sie haben sich dadurch -das Recht erworben, beim Gottesdienst im Tempel mitzuwirken. Denn also -steht geschrieben: »Und Mirjam, die Prophetin, Aarons Schwester, nahm eine -Pauke in ihre Hand, und alle Weiber folgten ihr nach, hinaus mit Pauken am -Reigen und sie sang ihnen vor: 'lasset uns dem Herrn singen, denn er hat -eine herrliche That gethan'«. Dort wird Moses nicht genannt und von ihm -wird nicht gesagt, daß er wie Mirjam vorgesungen habe, überhaupt wird von -den Männern nicht berichtet, daß sie gleich den Weibern mit Pauken am -Reigen gegangen seien. Wenn nun Mirjam die vorsingende Prophetin genannt -wird, so scheint sie jenen Gesang nicht bloß vorgetragen und abgesungen, -sondern in prophetischer Begeisterung gedichtet zu haben. Wenn es ferner -heißt, sie habe den übrigen vorgesungen, so ist das ein Beweis für die -strenge Ordnung und Harmonie ihres Spiels. Und daß sie nicht bloß einfach -sangen, sondern ihren Gesang mit Pauken begleiteten und besondere Singchöre -bildeten, zeugt nicht allein für ihren großen Eifer, sondern deutet auch -vorbildlich hin auf den geistlichen Gesang in den klösterlichen -Gemeinschaften. Auch der Psalmist ermuntert uns dazu mit den Worten: »Lobet -ihn mit Pauken und Reigen«, d. h. so viel als: durch Abtötung des Fleisches -und durch jene einträchtige Liebe, von der geschrieben steht: »Die Menge -der Gläubigen war Ein Herz und Eine Seele«. - -Auch das, womit die Frauen ihren Gesang nach dem Berichte begleitet haben, -ist nicht ohne sinnbildliche Bedeutung: es wird dadurch dargestellt der -Jubel der in Gott versunkenen Seele, welche, indem sie sich zu den -himmlischen Regionen emporschwingt, gleichsam die Hütte ihrer irdischen -Behausung verläßt und aus der tiefen Wonne ihrer Gottversunkenheit heraus -frohlockend dem Herrn ein Loblied singt. - -Wir haben im Alten Testament auch noch Lieder von Debora, Hanna und von der -Witwe Judith, sowie im Evangelium eines von der Mutter des Herrn. Indem -Hanna ihren Knaben Samuel dem Tempel des Herrn geweiht hat, hat sie damit -den Klöstern das Recht zur Aufnahme von Kindern gegeben. Daher schreibt -Isidorus in seinem Brief an die im Kloster des Honorianus lebenden Brüder, -Kapitel V: »Wer von seinen Eltern dem Kloster geweiht worden ist, der soll -wissen, daß er daselbst für immer zu bleiben hat. Denn auch Hanna hat ihren -Sohn Samuel dem Herrn dargebracht, und er blieb beim Dienste des Tempels, -zu welchem er von seiner Mutter bestimmt worden war, und diente an dem -Platze, auf den man ihn gestellt hatte«. Es ist auch sicher, daß die -Töchter Aarons am Dienste des Heiligtums und am Erbe Levis denselben Anteil -hatten wie ihre Brüder; Gott wies ihnen ebenso ihren Unterhalt an, wie im -Buche Numeri geschrieben steht, wo der Herr selbst zu Aaron spricht: »Alle -Hebopfer, welche die Kinder Israel heiligen dem Herrn, habe ich dir gegeben -und deinen Söhnen und Töchtern samt dir zum ewigen Recht«. Es scheint -demnach, als habe man auch für den Stand der Kleriker keinen Unterschied -gemacht zwischen Mann und Weib. Sicher ist vielmehr, daß die Frauen mit den -Männern durch Gleichheit der Benennung verbunden sind, denn man redet ja -von Diakonissen so gut wie von Diakonen, als sollten wir in diesen beiden -Namen Gegenstücke finden zu den Leviten und Levitinnen. - -In demselben Buch finden wir auch, daß jenes strenge Gelübde und die Weihe -der Nasiräer ebenso für Frauen wie für Männer seine Geltung hatte, denn der -Herr selbst spricht zu Mose: »Sage den Kindern Israel und sprich zu ihnen: -Wenn ein Mann oder Weib ein Gelübde thut, dem Herrn sich zu enthalten, der -soll sich Weins und starken Getränks enthalten. Weinessig oder starken -Getränks Essig soll er auch nicht trinken, auch nichts, das aus Weinbeeren -gemacht wird. Er soll weder frische noch dürre Weinbeeren essen, so lange -solches sein Gelübde währet; auch soll er nichts essen, das man vom -Weinstock machet, weder Weinkern noch Hülsen, so lange die Zeit solches -seines Gelübdes währet«. Dieses Gelübde, glaube ich, hatten jene Weiber auf -sich genommen, die an der Thüre des Heiligtums Wache hielten, aus deren -Spiegeln Moses ein Gefäß verfertigte, in welchem sich Aaron und seine Söhne -waschen sollten, wie geschrieben steht: »Moses stellte ein ehernes Becken -auf, daß Aaron und seine Söhne sich daraus wüschen; das er verfertigt hatte -aus den Spiegeln der Weiber, die an der Thüre des Heiligtums wachten«. -Ausdrücklich wird hervorgehoben die Glut ihres frommen Eifers, mit welcher -sie selbst bei geschlossenem Heiligtum nicht von dessen Schwelle wichen, -sondern wachend die heiligen Vigilien einhielten, auch die Nacht im Gebete -verbringend und von dem Dienste Gottes nicht lassend, während die Männer -schliefen. Durch die Erwähnung, daß das Heiligtum ihnen verschlossen war, -wird treffend hingedeutet auf das Leben der Büßenden, welche sich von den -übrigen Menschen absondern, um sich in reuevoller Buße desto härter -anzugreifen. Dieses Leben ist ein besonders deutliches Abbild der -mönchischen Lebensweise, in welcher man im großen Ganzen eine mildere Form -der Buße sehen kann. Das Heiligtum aber, an dessen Thüre die Frauen -wachten, ist das mystische Abbild dessen, wovon der Apostel im Brief an die -Hebräer spricht: »Wir haben einen Altar, davon nicht Macht haben zu essen, -die der Hütte pflegen«, d. h. an welchem teilzunehmen diejenigen nicht -würdig sind, die ihrem Körper, in welchem sie hienieden, als gleichsam in -einem Lager, dienen, zur Lüsternheit verhelfen. Die Thür des Heiligtums -aber bedeutet das Ende dieses Lebens, wann die Seele vom Körper ausgeht und -die Schwelle des ewigen Lebens betritt. Die an dieser Thüre wachen, sind -die, welche über den Ausgang aus diesem Leben und über den Eintritt ins -zukünftige sich Sorge machen und durch Buße diesen Ausgang also gestalten, -daß sie dereinst jenes Eingangs gewürdigt werden. Auf diesen täglichen -Eingang und Ausgang der heiligen Gemeinde bezieht sich das Gebet des -Psalmisten: »Der Herr behüte deinen Eingang und Ausgang«. Denn unsern -Eingang und Ausgang behütet er dann, wenn er uns, die wir von hier -ausziehen und vorher durch die Buße uns gereinigt haben, alsbald dort -einläßt. Mit Recht aber nennt David den Eingang vor dem Ausgang, nicht -sowohl mit Rücksicht auf die Reihenfolge, als vielmehr auf das geringere -oder höhere Ansehen der beiden Begriffe. Denn dieser Ausgang des -sterblichen Lebens vollzieht sich nur unter Schmerzen, während jener -Eintritt ins ewige Leben mit der höchsten Wonne verbunden ist. Die Spiegel -der Frauen sind die äußeren Werke, nach denen man die Häßlichkeit oder -Schönheit der Seele beurteilen kann, wie man in einem wirklichen Spiegel -die Beschaffenheit des menschlichen Angesichtes erkennt. Aus diesen ihren -Spiegeln wird ein Gefäß verfertigt, in dem sich Aaron und seine Söhne -waschen sollen; dies soll heißen: die guten Werke der frommen Frauen und -die Treue des schwachen Geschlechts gegen Gott verurteilen aufs schärfste -die Lässigkeit der Priester und Ältesten und veranlassen sie zu Thränen der -Reue, und so erwirken die Frauen durch ihre Werke jenen die Gnade, durch -welche sie von ihren Sünden reingewaschen werden. Aus solchen Spiegeln hat -gewiß der heilige Gregorius sich ein Gefäß der Buße bereitet, als er die -Mannhaftigkeit frommer Frauen und das siegreiche Martyrium des schwachen -Geschlechts bewundernd mit einem Seufzer fragte: »Was werden die rauhen -Männer sagen, wenn sie zarte Jungfrauen solche Leiden um Christi willen -ertragen und das gebrechliche Geschlecht aus dem schwersten Kampfe -siegreich hervorgehen sehen, so daß man ihm oft die doppelte Krone der -Jungfräulichkeit und des Martyriums zuerkennen muß?« - -Ich zweifle nicht daran, daß zu den oben erwähnten Frauen, die an der Thüre -der Stiftshütte wachen und die als eine Art Nasiräerinnen ihre Witwenschaft -dem Herrn geweiht haben, auch jene fromme Hanna gehört, die zugleich mit -dem heiligen Simeon gewürdigt wurde, den vornehmsten Nasiräer, unsern Herrn -Jesum Christum, im Tempel zu begrüßen und die, was keinem Propheten -vergönnt war, zur selben Stunde wie Simeon den Heiland durch Mitteilung des -Geistes erkennen, sein Erscheinen anzeigen und öffentlich verkündigen -durfte. Ihr zum Lobe erzählt der Evangelist: »Und es war eine Prophetin -Hanna, eine Tochter Phanuel, vom Geschlecht Aser. Die war wohlbetagt und -hatte gelebt sieben Jahr mit ihrem Mann nach ihrer Jungfrauschaft. Und war -nun eine Witwe bei vierundachtzig Jahren; die kam nimmer vom Tempel, diente -Gott mit Fasten und Beten Tag und Nacht. Dieselbige trat auch hinzu zu -derselbigen Stunde und preisete den Herrn und redete von ihm zu allen, die -da auf die Erlösung zu Jerusalem warteten«. - -Merke jedes einzelne Wort und sieh, wie der Evangelist sich Mühe giebt mit -dem Lob dieser Witwe, und in welch hohen Ausdrücken er ihre -Vortrefflichkeit erhebt. Alles ist hier sorgfältig aufgezählt: die Gabe der -Prophetin, die ihr verliehen war, ihr Vater, ihr Geschlecht, die lange Zeit -ihres gottgeweihten Witwenstandes, welche auf die sieben Jahre folgte, die -sie mit ihrem Manne gelebt hatte, ihre Anhänglichkeit an den Tempel, ihr -anhaltendes Fasten und Beten, das Lob, das sie dem Herrn spendete, der -Dank, den sie ihm darbrachte und ihr öffentliches Reden von dem verheißenen -und nunmehr geborenen Heiland. - -Auch den Simeon lobt der Evangelist, aber nicht wegen der Gabe der -Prophetin, sondern wegen seiner Gerechtigkeit; auch erwähnt er nicht von -ihm, daß er in der Tugend der Enthaltsamkeit so stark und im Dienste des -Herrn so eifrig gewesen sei, weiß auch nichts davon, daß er andern -gegenüber vom Messias geredet habe. - -Diesem Stand und Lebensberuf gehören auch jene rechten Witwen an, über -welche der Apostel dem Timotheus folgendes schreibt: »Ehre die Witwen, -welche rechte Witwen sind.« Ferner: »Das ist aber eine rechte Witwe, die -einsam ist, die ihre Hoffnung auf Gott stellet und bleibet am Gebet und -Flehen Tag und Nacht. Solches gebeut, auf daß sie untadelig seien.« Und -weiter: »So aber ein Gläubiger Witwen hat, der versorge dieselbigen und -lasse die Gemeine nicht beschweret werden, auf daß die so rechte Witwen -sind, mögen genug haben«. Rechte Witwen nennt der Apostel diejenigen, -welche ihren Witwenstand nicht durch eine zweite Heirat entweiht haben, -oder solche, die aus Frömmigkeit, nicht aus Zwang, in diesem Stande -verharrend, sich dem Herrn geweiht haben. Einsam nennt er sie, weil sie -allem entsagen und von irdischem Trost nichts mehr erwarten oder weil sie -niemand haben, der für sie Sorge trägt. Solche Witwen sollen, nach der -Vorschrift des Apostels, geehrt und aus den Mitteln der Kirche unterhalten -werden, als aus dem Eigentum ihres himmlischen Bräutigams. - -Er bestimmt auch genau, welche von den Witwen zum Diakonissenamte zu wählen -seien: »Laß keine Witwe erwählet werden unter sechzig Jahren, und die da -gewesen sei Eines Mannes Weib und die ein Zeugnis habe guter Werke, so sie -Kinder aufgezogen hat, so sie gastfrei gewesen ist, so sie der Heiligen -Füße gewaschen hat, so sie den Trübseligen Handreichung gethan hat, so sie -allem guten Werk nachgekommen ist. Der jungen Witwen aber entschlage dich«. - -Diesen letzteren Punkt führt der heilige Hieronymus noch weiterhin also -aus: »Vermeide es, sie mit dem Diakonissenamte zu betrauen, damit nicht ein -böses statt ein gutes Beispiel gegeben werde, wenn Jüngere zu diesem Amt -gewählt werden, die der Versuchung leichter zugänglich und von Natur noch -schwächer sind: sie möchten sonst, da sie noch nicht ein langes, an -Erfahrungen reiches Leben hinter sich haben, denen ein übles Beispiel -geben, welchen sie ein Vorbild im Guten sein sollten«. Von dem üblen -Beispiel, das durch junge Witwen gegeben werden könne, redet der Apostel so -offen, weil er in dieser Beziehung seine Erfahrungen gemacht hatte, und -diesem Übelstand will er durch seinen Rat vorbeugen. Nachdem er gesagt hat: -»Der jungen Witwen entschlage dich«, fügt er alsbald den Grund und das -Mittel zur Abhilfe hinzu, indem er weiter sagt: »Denn wenn sie geil worden -sind wider Christum (d. h. trotz Christus), so wollen sie freien und haben -ihr Urteil, daß sie die erste Treue gebrochen haben; daneben sind sie faul -und lernen umlaufen durch die Häuser; nicht allein aber sind sie faul, -sondern auch schwätzig und vorwitzig und reden, das nicht sein soll. So -will ich nun, daß die jungen Witwen freien, Kinder zeugen, Haus halten, dem -Widersacher keine Ursache geben zu schelten. Denn es sind schon etliche -umgewandt dem Satan nach«. - -Diese Vorsicht des Apostels in Beziehung auf die Wahl der Diakonissen teilt -der heilige Gregorius in seinem Brief an Maximus, den Bischof von Syrakus, -in welchem er sagt: »Junge Äbtissinnen wollen wir durchaus nicht; deine -brüderliche Liebe möge daher den Bischöfen gebieten, nur Jungfrauen, die -das sechzigste Lebensjahr erreicht haben und deren Leben und Sitten erprobt -sind, den Schleier zu geben«. Was wir jetzt Äbtissin nennen, nannte man -früher Diakonisse, da man sie mehr als Dienerinnen ansah denn als Mutter. -Diakon heißt Diener und man hielt dafür, daß die Diakonissen nach ihrem -dienenden Amt, nicht nach ihrer bevorzugten Stellung zu benennen seien, wie -uns dies der Herr durch sein Beispiel und Wort gelehrt hat, der da spricht: -»Wer unter euch der Größeste ist, der soll aller Diener sein«. Und -wiederum: »Welcher ist der Größeste, der zu Tische sitzt oder der da -dienet? Ich aber bin unter euch wie ein Diener«. Und an einer andern -Stelle: »Des Menschen Sohn ist nicht gekommen, daß er ihm dienen lasse, -sondern daß er diene.« Darum hat auch Hieronymus sich nicht gescheut, kraft -göttlicher Autorität den Titel »Abt«, den damals schon viele mit Stolz -führten, zu verwerfen. In seiner Auslegung der Stelle des Galaterbriefs: -»Der schreiet: Abba, lieber Vater«, sagt er: »Abba bedeutet im Hebräischen -'Vater'. Da nun Abba im Hebräischen und Syrischen 'Vater' heißt und der -Herr im Evangelium gebietet, man solle niemand Vater nennen, als Gott, so -weiß ich nicht, mit welchem Recht wir in den Klöstern entweder andere bei -diesem Namen nennen oder uns selber so nennen lassen. Gewiß ist derjenige, -welcher dieses Gebot ausgesprochen hat, doch derselbe, der auch gesagt hat: -du sollst nicht schwören. Wenn wir nicht schwören, so dürfen wir auch -niemand Vater nennen. Wenn wir aber das Wort 'Vater' anders auslegen, so -müssen wir notwendig auch über das Gebot vom Schwören anders denken«. - -Eine solche Diakonisse war jene Phöbe, welche der Apostel Paulus der -römischen Gemeinde so angelegentlich empfahl und für die er folgendes gute -Wort einlegte: »Ich befehle euch aber unsere Schwester Phöbe, welche ist am -Dienst der Gemeine zu Kenchreä, daß ihr sie aufnehmet in dem Herrn, wie -sich's ziemet den Heiligen, und thut ihr Beistand in allem Geschäft, -darinnen sie eurer bedarf. Denn sie hat auch vielen Beistand gethan, auch -mir selbst«. Cassiodorius und Claudius, die diese Stelle erklären, sagen -ebenfalls aus, daß sie in jener Gemeinde Diakonisse gewesen sei. Bei -Cassiodorius heißt es: »Der Apostel deutet an, daß sie Diakonisse der -Muttergemeinde gewesen sei. Dieses Amt wird in der griechischen Kirche noch -heutzutage von Frauen gleichsam als ein Kriegsdienst des Herrn ausgeübt; -auch das Recht zu taufen wird ihnen in dieser Kirche zuerkannt«. Claudius -sagt darüber: »Diese Stelle beweist, daß nach apostolischer Verordnung auch -Frauen im Dienste der Kirche verwendet wurden. Ein solches Amt bekleidete -in der Gemeinde von Kenchreä Phöbe, welche der Apostel so sehr lobt und -warm empfiehlt«. - -In seinem Brief an Timotheus rechnet er solche Frauen unter die Diakonen -selbst und giebt ihnen ganz ähnliche sittliche Verhaltungsmaßregeln. Er -sagt dort an einer Stelle, bei der Besprechung der verschiedenen -Abstufungen kirchlicher Ämter, indem er vom Bischof auf die Diakonen zu -sprechen kommt: »Desselbigen gleichen die Diener sollen ehrbar sein, nicht -zweizüngig, nicht Weinsäufer, nicht unehrliche Handtierung treiben, die das -Geheimnis des Glaubens in reinem Gewissen haben«. Ferner: »Und dieselbigen -lasse man zuvor versuchen, danach lasse man sie dienen, wenn sie -unsträflich sind. Desselbigen gleichen ihre Weiber sollen ehrbar sein, -nicht Lästerinnen, nüchtern, treu in allen Dingen. Die Diener laß einen -jeglichen sein Eines Weibes Mann, die ihren Kindern wohl vorstehen und -ihren eigenen Häusern. Welche aber wohl dienen, die erwerben ihnen selbst -eine gute Stufe und eine große Freudigkeit im Glauben in Christo Jesu«. - -Also, was er dort von den Diakonen sagt: »Sie seien nicht zweizüngig!« das -gilt hier von den Diakonissen: »nicht Lästerinnen«; wie er dort sagt: -»nicht Weinsäufer«, so hier: »nüchtern«, und was dort sonst noch näher -ausgeführt wird, das faßt er hier zusammen in den Worten: »Treu in allen -Dingen«. Wie er den Bischöfen und Diakonen verbietet, mehr als eine Frau zu -haben, so gebietet er den Diakonissen, wie wir gesehen haben, Eines Mannes -Weib zu sein. »Laß keine Witwe erwählet werden, sagt er, unter sechzig -Jahren, und die da gewesen sei Eines Mannes Weib, und die ein Zeugnis habe -guter Werke, so sie Kinder aufgezogen hat, so sie gastfrei gewesen ist, so -sie der Heiligen Füße gewaschen hat, so sie den Trübseligen Handreichung -gethan hat, so sie allem guten Werk nachgekommen ist. Der jungen Witwen -aber entschlage dich.« - -Wie sorgfältig der Apostel in der Schilderung und Instruktion der -Diakonissen gewesen ist, kann man am besten beurteilen, wenn man die -vorangehenden Vorschriften für Bischöfe und Diakonen damit vergleicht. Von -dem »ein Zeugnis haben guter Werke« oder von »gastfrei sein« wird bei den -Diakonen nichts erwähnt. Oder wenn er bei den Diakonissen beifügt: »so sie -der Heiligen Füße gewaschen hat, so sie den Trübseligen« u. s. w., so -findet man bei den Bischöfen und Diakonen von diesen Forderungen nichts. -Zwar verlangt er von Bischöfen und Diakonen, daß sie »unsträflich« seien. -Von den Diakonissen aber verlangt er nicht bloß, daß sie untadelig seien, -sondern auch, daß sie »allem guten Werk nachgekommen seien«. Sehr -vorsichtig ist er auch in der Bestimmung ihrer Altersgrenze, damit ihr -Ansehen in allen Stücken um so größer sei: »nicht unter sechzig Jahren«; -nicht bloß vor ihrer Lebensführung, sondern auch vor ihrem hohen, an -Erfahrungen reichen Alter sollte man Respekt haben. So hat auch der Herr -wohl den Johannes am meisten geliebt und doch den Petrus, weil er älter -war, über ihn und die anderen Jünger gesetzt. Denn jedermann erträgt -leichter einen Älteren als Vorgesetzten, denn einen Jüngeren, und lieber -gehorchen wir einem älteren Mann, welchen nicht bloß zufällige -Lebensumstände, sondern die Natur und die Zeitverhältnisse über uns -gestellt haben. - -So sagt auch Hieronymus im ersten Buch seiner Schrift »Gegen Jovinianus«, -indem er von der Bevorzugung des Petrus spricht: »Einer wird erwählt, damit -ein Oberhaupt da sei und so der Anlaß zu einer Spaltung beseitigt werde. -Aber warum ist nicht Johannes dazu erwählt worden? Jesus hat dem Alter den -Vorzug gegeben. Petrus war der Ältere, und es sollte nicht der Jüngling, -der fast noch ein Knabe war, Männern von vorgerückterem Alter vorgezogen -werden. Der gute Meister, der seinen Jüngern jeden Anlaß zum Streit -benehmen mußte, wäre ja sonst gewissermaßen selbst schuld gewesen, wenn man -seinen Lieblingsjünger mit Mißgunst angesehen hätte.« - -Von dieser Erwägung ließ sich auch jener Abt leiten, der, wie in dem »Leben -der Altväter« erzählt wird, dem jüngeren von zwei Brüdern, obwohl er früher -in den Orden eingetreten war, die höhere Stelle verweigerte und sie dem -älteren gab, aus dem einzigen Grunde, weil dieser vorgerückteren Alters war -als jener. Er fürchtete, daß selbst der leibliche Bruder durch die -Bevorzugung des Jüngeren sich verletzt fühlen möchte. Er erinnerte sich, -daß auch die Apostel über die beiden Brüder aus ihrer Mitte unwillig -wurden, die durch die Vermittlung ihrer Mutter von Christus eine -Bevorzugung erlangen wollten, wobei obendrein noch der eine von den beiden, -nämlich der obengenannte Johannes, jünger war, als die übrigen Apostel. - -Aber nicht bloß bei der Einsetzung der Diakonissen verfuhr der Apostel mit -der größten Sorgfalt, sondern er war überhaupt bestrebt, den Witwen, die -ein gottgeweihtes Leben führen wollten, jeden Anlaß zu einer Versuchung aus -dem Weg zu räumen. Denn seinen Worten: »Ehre die Witwen, welche rechte -Witwen sind« -- fügt er sogleich bei: »So aber eine Witwe Kinder oder -Neffen hat, solche laß zuvor lernen ihre eigenen Häuser göttlich regieren -und den Eltern gleiches vergelten«. Und einige Zeilen weiter unten heißt -es: »So aber jemand die Seinen, sonderlich seine Hausgenossen, nicht -versorget, der hat den Glauben verleugnet und ist ärger denn ein Heide«. - -Mit dieser Verordnung trägt der Apostel zugleich den Pflichten der -Menschlichkeit und denen der Religion Rechnung. Er will verhüten, daß unter -dem Vorwand der Frömmigkeit hilflose Kinder verlassen werden, und daß die -Stimme des Blutes in einer Witwe das Mitleid für die Hilfsbedürftigen -wecke, sie dadurch in ihrem frommen Vorsatz irre mache und rückwärts zu -sehen nötige, ja, daß sie unter Umständen gar zum Verbrechen am Heiligtum -verleitet werde und, um den Ihrigen etwas zuzuwenden, die Gemeinde betrüge. -Daher erscheint durchaus notwendig sein Rat, daß solche, die noch mit -häuslichen Sorgen zu thun haben, ehe sie mit ihrem Witwenstand wirklich -Ernst machen und sich ganz in den Dienst Gottes stellen, vorher »ihren -Eltern gleiches vergelten sollen«, d. h. daß sie ihren Kindern vorher die -gleiche Fürsorge zu teil werden lassen, mit der sie einst selbst von ihren -Eltern aufgezogen worden sind. - -Um den Stand der Witwen zu vervollkommnen, verlangt er von ihnen, daß sie -anhalten mit Gebet und Flehen Tag und Nacht. In der aufrichtigen Sorge um -ihre Bedürfnisse sagt der Apostel: »So aber ein Gläubiger Witwen hat, der -versorge dieselbigen und lasse die Gemeine nicht beschweret werden, auf daß -die, so rechte Witwen sind, mögen genug haben«. Dies soll so viel heißen -als: wenn irgendwo eine Witwe ist, welche solche Angehörige hat, die sie -von ihrer Habe unterstützen können, so sollen diese für sie sorgen, damit -für den Unterhalt der übrigen die Gemeindekasse ausreiche. Daraus geht -deutlich hervor, daß diejenigen, welche sich weigern, ihre Witwen zu -unterstützen, auf Grund apostolischer Autorität zu ihrer Verpflichtung -angehalten werden sollen. - -Aber nicht allein auf ihre äußeren Bedürfnisse, sondern auch auf ihre Ehre -ist der Apostel bedacht, wenn er sagt: »Ehre die Witwen, welche rechte -Witwen sind«. Solche waren gewiß jene Frauen, deren eine der Apostel selbst -seine Mutter, deren andere der Evangelist Johannes seine Herrin nennt, aus -Ehrfurcht vor ihrem heiligen Berufe. »Grüßet Rufum, schreibt Paulus an die -Römer, den Auserwählten in dem Herrn, und seine und meine Mutter« -- und -Johannes beginnt seinen zweiten Brief: »Der Älteste der auserwählten Herrin -und ihren Kindern«. Er fügt auch weiter unten die Aufforderung bei, sie -möge ihn lieben: »Und nun bitte ich dich, Herrin, daß wir uns untereinander -lieben«. - -Im Vertrauen auf dieses Vorbild hat auch Hieronymus in seinem Brief an die -Jungfrau Eustochium, die sich demselben Lebensberuf gewidmet hatte, wie -ihr, sich nicht geschämt, sie seine Herrin zu nennen; ja, er fügt noch -sogleich hinzu, warum dies sogar seine Pflicht sei: »darum nenne ich -Eustochium meine Herrin, weil ich die Verlobte meines Herrn also nennen -muß«. Auch sagt er weiter unten in demselben Brief, indem er das Vorrecht -dieses heiligen Berufes über alle Herrlichkeit irdischen Glückes stellt: -»Ich will nicht haben, daß du viel mit Damen verkehrst und in den Häusern -vornehmer Frauen aus und ein gehst; ich will nicht, daß du dasjenige häufig -siehst, was du gering geachtet, um im jungfräulichen Stande zu bleiben. Mag -die Schar ehrgeiziger Schmeichlerinnen sich um des Kaisers Gemahl drängen --- solltest du darum deinem Manne sein Recht verkürzen? Du, Gottes Braut, -wolltest dienstfertig zu eines Menschen Gattin eilen? Lerne in diesem Stück -heiligen Stolz; wisse, daß du mehr bist denn jene«. - -Derselbe Hieronymus schreibt an eine Jungfrau, die sich Gott geweiht hatte, -über die himmlische Seligkeit und über das hohe Ansehen, das gottgeweihten -Jungfrauen schon auf Erden zu teil werde, unter anderem folgendes: »Welche -Seligkeit dem heiligen Stande der Jungfrauen im Himmel zu teil wird, das -sehen wir nicht bloß aus den Zeugnissen der Heiligen Schrift, sondern auch -aus dem Brauch der Kirche, welcher uns zeigt, daß die Jungfrauen, welche -die geistliche Weihe empfangen, ein ganz besonderes Verdienst dadurch -erwerben. Denn während von der großen Menge der Gläubigen alle die gleichen -Gnadengaben empfangen und alle der gleichen Segnungen der Sakramente sich -erfreuen, so haben jene etwas vor den übrigen voraus, denn aus der heiligen -und unbefleckten Herde der Kirche werden sie zum Lohn für ihren heiligen -Entschluß vom heiligen Geist auserlesen als besonders heilige und reine -Opfer und werden als solche durch den höchsten Priester Gott vor seinem -Altar dargebracht«. Und weiter heißt es: »Es besitzt also der jungfräuliche -Stand etwas, das die andern nicht haben, da eine besondere Gnadengabe mit -ihm verbunden ist und er sich auch, sozusagen, bei seiner Weihe eines -besonderen Vorrechtes erfreut. Denn die Weihe der Jungfrauen darf ja -- es -sei denn bei drohender Todesgefahr -- zu keiner andern Zeit vollzogen -werden als an Epiphanias und an den Weißen Ostern, oder an den Feiertagen -der Apostel. Auch dürfen die Jungfrauen selbst wie die Schleier, die ihr -gottgeweihtes Haupt bedecken sollen, nur vom obersten Priester, d. h. vom -Bischof geweiht werden«. Die Mönche dagegen, obwohl sie demselben Stande -und dem bevorzugten Geschlecht angehören können, auch wenn sie rein -geblieben sind wie Jungfrauen, an jedem beliebigen Tag vom Abt die -Einsegnung für sich selbst und für ihr Gewand, d. h. für ihre Kutte, -erhalten. Priester und niedere Kleriker können während der Quatemberfasten, -Bischöfe an jedem Sonntag die Weihe erhalten. Die Weihe der Jungfrauen ist -je köstlicher, je seltener und ist besonders hohen Fest- und Freudentagen -vorbehalten. Ob ihrer wunderbaren Tugend freut sich die ganze Kirche mit, -sowie der Psalmist prophetisch davon redet in den Worten: »Jungfrauen -führet man zum Könige«, und weiter: »Man führet sie mit Freuden und Wonne -und gehen in des Königs Palast«. Man glaubt auch, daß der Apostel und -Evangelist Matthäus selber die Liturgie zu dieser Weihe niedergeschrieben -oder im mündlichen Gebrauch gehabt habe; wenigstens lesen wir dies in -seiner Leidensgeschichte, wo auch erzählt wird, der Apostel sei für die -Weihe und die Heiligkeit des jungfräulichen Standes den Märtyrertod -gestorben. Für Kleriker und Mönche aber haben uns die Apostel keine -Weiheformel hinterlassen. - -Der heilige Stand der Frauen wird schon durch den ihnen eigentümlichen -Namen angedeutet; heißen sie doch Sanktimonialen, und dieses Wort kommt her -von sanctimonia oder sanctitas, d. h. so viel als Heiligkeit. Denn je -schwächer das weibliche Geschlecht, desto angenehmer ist es vor Gott, desto -vollkommener ihre Tugend -- nach dem Zeugnis des Herrn selbst, der den -mutlosen Apostel ermahnt, auszuharren im Kampf bis zum Sieg, indem er -spricht: »Laß dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft ist in den -Schwachen mächtig«. Er ist es auch, der durch den Mund des Apostels in -demselben zweiten Brief an die Korinther über die Glieder seines Leibes, d. -h. der Kirche, so redet, als wollte er den Wert der schwachen Glieder -besonders hervorheben; es heißt dort: »Sondern vielmehr die Glieder des -Leibes, die uns dünken die schwächsten zu sein, sind die nötigsten, und die -uns dünken die unehrlichsten zu sein, denselbigen legen wir am meisten Ehre -an, und die uns übel anstehen, die schmücket man am meisten. Denn die uns -wohlanstehen, die bedürfens nicht. Aber Gott hat den Leib also vermenget -und dem dürftigen Glied am meisten Ehre gegeben, auf daß nicht eine -Spaltung im Leibe sei, sondern die Glieder füreinander gleich sorgen«. - -Wer möchte behaupten, daß die Fülle der göttlichen Gnade und Nachsicht -irgendwo anders so reichlich sich ergossen habe wie über das schwache -Geschlecht der Frauen, welches durch seine Schuld wie durch seine Natur -sich verächtlich gemacht hatte? Sieh die verschiedenen Stände dieses -Geschlechts an und du wirst finden, daß der Reichtum der Gnade Christi sich -erweist nicht bloß an Jungfrauen, Witwen oder Ehefrauen, sondern selbst an -den verworfensten Dirnen, dem Abschaum ihres Geschlechts. Da geht es nach -dem Wort des Herrn und des Apostels: »Die letzten werden die ersten und die -ersten werden die letzten sein« -- »wo aber die Sünde mächtig ist, da ist -die Gnade noch viel mächtiger«. Wenn wir uns die Gnadengaben und -Auszeichnungen vergegenwärtigen, die von Anbeginn der Welt Gott dem -weiblichen Geschlecht hat zukommen lassen, so finden wir, daß schon bei der -Schöpfung die höhere Würde des Weibes sich zu erkennen giebt, sofern sie im -Paradiese selbst, der Mann dagegen außerhalb desselben erschaffen wurde. -Daraus sollten die Frauen lernen, daß das Paradies ihre angestammte Heimat -sei und daß es ihnen wohl anstehe, die Unschuld paradiesischen Lebens zu -pflegen. Ambrosius sagt in seinem Buch »Vom Paradies«: »Und Gott nahm den -Menschen, welchen er gemacht hatte, und setzte ihn ins Paradies«. Also der, -der schon war, wird ergriffen und ins Paradies gesetzt; demnach ist der -Mann außerhalb des Paradieses erschaffen worden, die Frau dagegen im -Paradies. Der Mann, der am geringeren Ort entstand, erweist sich als der -bessere, und die Frau, die am bevorzugten Ort geschaffen wurde, als die -geringere. Auch hat der Herr zuerst das, was Eva, die Urheberin aller -Sünde, gesündigt hatte, durch Maria wieder gutgemacht, dann erst die Sünde -Adams durch Christus. Und wie die Schuld von einer Frau herkam, so hat auch -die Gnade ihren Ursprung aus der Frau genommen, und das Ansehen der -Jungfräulichkeit ist aufs neue erblüht. Zuerst ist die Form einer -gottgeweihten Lebensweise durch Anna und Maria den Witwen und den -Jungfrauen vorgebildet worden, dann erst haben Johannes und die Apostel den -Männern das Beispiel mönchischen Lebens gegeben. - -Sehen wir, nach Eva, auf die Tugend einer Debora, Judith, Esther, so werden -wir finden, daß das starke Geschlecht allen Grund hat, darüber zu erröten. -Debora, die Richterin des auserwählten Volkes, hat Schlachten geschlagen, -als es an Männern gebrach, und nach dem Sieg über den Feind und der -Befreiung ihres Volkes Triumphe gefeiert. Die wehrlose Judith hat mit ihrer -Dienerin Abra ein schreckliches Heer angegriffen und den Holofernes mit -seinem eigenen Schwert enthauptet; sie allein hat die ganze Feindesschar -geschlagen und ihr verzweifelndes Volk errettet. Esther, obwohl im -Widerspruch zum Gesetz mit einem heidnischen Fürsten vermählt, hat mittels -der geheimnisvollen Einwirkung des heiligen Geistes den Rat des gottlosen -Haman und das grausame Gebot des Königs zunichte gemacht und hat in einem -Augenblick das Gegenteil von dem bewirkt, was bei dem König beschlossene -Sache gewesen war. - -Man macht so viel Aufhebens davon, daß David mit Schleuder und Stein den -Goliath angegriffen und besiegt hat. Judith, die Witwe, zog gegen das -feindliche Heer, ohne Schleuder und ohne Wurfgeschoß, ohne irgend ein -Waffenstück. Esther befreite ihr Volk durch ihr bloßes Wort und wandte das -Verdammungsurteil auf ihre Feinde zurück, so daß sie selbst in die Grube -fielen, welche sie gegraben hatten. Mit Recht ist bei den Juden zum -Andenken an diese Heldenthat ein jährlich wiederkehrendes Freudenfest -eingesetzt worden, eine Verherrlichung, welche selbst den glänzendsten -Mannesthaten nicht zu teil geworden ist. Wer denkt nicht mit Bewunderung an -den Mut der Mutter jener sieben Söhne, die nach dem Berichte des Buchs der -Makkabäer zusammen mit ihrer Mutter gefangen genommen wurden, und welche -der grausame König Antiochus vergeblich zwingen wollte, Schweinefleisch zu -essen, was im Gesetz verboten ist. Diese Mutter, ihre eigene Natur -verleugnend und alles menschliche Gefühl vergessend, hatte nichts als nur -Gott vor Augen; so viel Söhne sie unter frommen Ermahnungen den Todesweg -vorangehen ließ, so viel Märtyrerkronen hat sie selber sich errungen, und -zuletzt wurde sie vollendet durch ihren eigenen Märtyrertod. - -Wenn wir das ganze Alte Testament durchblättern -- wo findet sich etwas, -das dem beharrlichen Mute dieses Weibes gleichkäme? Jener unerbittliche -Versucher, der dem frommen Hiob bis aufs äußerste zusetzte, sagt im -Hinblick auf die menschliche Schwachheit dem Tode gegenüber: »Haut für Haut -und alles wird der Mensch für sein Leben geben«. Denn uns alle erfüllt der -Gedanke an die Schrecken des Todes unwillkürlich mit solcher Angst, daß -wir, um das eine Glied zu schützen, oft das andere preisgeben und keine -Mühsal scheuen, wenn wir nur unser Leben retten können. Diese Frau aber hat -nicht bloß ihre Habe geopfert, sondern ihr und ihrer Kinder Leben mutig -drangegeben, nur um sich auch nicht gegen Eine Satzung zu verfehlen. Was -war es eigentlich, wozu man sie zwingen wollte? Sollte sie Gott verleugnen -oder den Götzen Weihrauch streuen? O nein, nichts anderes verlangte man von -ihnen als daß sie das Fleisch essen sollten, das ihnen im Gesetz verboten -war. O meine Brüder, durch Ein Gelübde mit mir verbunden, die ihr ohne -Scheu tagtäglich nach Fleisch seufzet, im Widerspruch gegen die Regel und -gegen unser Ordensgelübde: was saget ihr zur Standhaftigkeit dieses Weibes? -Oder hättet ihr euch so ganz jeden Schamgefühls entäußert, daß ihr dies -anhören könntet ohne zu erröten? Denket daran, meine Brüder, wie der Herr -die Ungläubigen drohend auf die Königin von Mittag hinweist: »Die Königin -von Mittag wird auftreten am jüngsten Gericht mit diesem Geschlecht und -wird es verdammen«. Bedenket, daß ihr euch die Standhaftigkeit dieser Frau -um so mehr zur Aufmunterung dienen lassen müsset, als ihre Leistung viel -größer war als die eurigen, und ihr durch euer Ordensgelübde viel enger an -euren heiligen Beruf gebunden seid. - -Die Kirche hat der Tugend dieser Frau, die in so schwerem Kampfe sich -bewährt hat, ein besonderes Vorrecht eingeräumt, nämlich daß ihr Martyrium -durch feierliche Schriftlektion und eigene Messe gefeiert wird, eine -Auszeichnung, die keinem der Frommen des alten Bundes zu teil geworden, -welche vor der Ankunft des Herrn gestorben sind: wiewohl eben in der -Geschichte der Makkabäer berichtet wird, daß der ehrwürdige Greis Eleazar, -einer der vornehmsten Schriftgelehrten, um derselben Ursache willen schon -vorher die Krone des Martyriums erlangt habe. Allein weil die Tugend des -schwächeren weiblichen Geschlechts, wie ich schon sagte, vor Gott um so -angenehmer ist und größerer Auszeichnung würdig erscheint, so wurde dieses -Martyrium, bei welchem keine Frau beteiligt war, einer besonderen Feier -nicht gewürdigt, da man es für nichts besonderes achtete, wenn das stärkere -Geschlecht sich auch im Leiden stärker zeigte. Darum verkündet auch die -Schrift das Lob jener Frau mit hohen Worten, indem sie sagt: »Es war aber -ein großes Wunder an der Mutter, und ist ein Beispiel, das wohl wert ist, -daß man's von ihr schreibe. Denn sie sah ihre Söhne alle sieben auf Einen -Tag nacheinander martern, und litt es mit großer Geduld um der Hoffnung -willen, die sie zu Gott hatte. Dadurch ward sie so mutig, daß sie einen -Sohn um den andern auf ihre Sprache tröstete und faßte ein männlich Herz«. - -Wer könnte, wo es den Preis der Jungfrauen gilt, die Tochter Jephthas -vergessen? Um den Vater nicht wortbrüchig werden zu lassen an seinem -unüberlegten Gelübde, und damit die Gottheit, die sich so gnädig gezeigt -hatte, nicht um das versprochene Opfer käme, redet sie selber dem -siegreichen Vater zu, das Messer gegen sie zu zücken. Was glaubet ihr, daß -sie als Christin für ihren Glauben gethan hätte, wenn sie von den -Ungläubigen zur Gottesverleugnung und zum Abfall genötigt worden wäre? -Hätte sie wohl, über Christus befragt, mit dem Haupt der Apostel -gesprochen: »Ich kenne den Menschen nicht«? Zwei Monate wurden ihr noch von -ihrem Vater freigegeben, und wie die Frist um ist, stellt sie sich bei ihm -ein, um zu sterben. Freiwillig geht sie in den Tod; statt ihn zu fürchten, -verlangt sie danach. Sie büßt mit ihrem Leben das thörichte Gelübde des -Vaters und löst sein Versprechen ein, aus lauterster Liebe zur Wahrheit. -Sie, die den Vater nicht wortbrüchig sehen kann, wie ferne muß sie selbst -davon gewesen sein! Welch eine Liebesglut in diesem Mädchen für den -irdischen wie für den himmlischen Vater! durch ihren Tod will sie jenem die -Lüge ersparen und diesem halten, was ihm gelobt war. Wohl hat dieses -hochherzige Mädchen die hohe Auszeichnung verdient, daß alljährlich die -Töchter Israels sich versammeln und mit feierlichen Liedern das Gedächtnis -an den Tod der Jungfrau feiern und in frommen Klagen der Trauer um ihr -leidvolles Schicksal Ausdruck geben. - -Um aber von allem andern zu schweigen: Was war für unsere Erlösung und für -das Heil der ganzen Welt so notwendig als das weibliche Geschlecht, das uns -den Erlöser selber gebracht hat? Diesen einzigartigen Ruhmestitel hat jenes -Weib, das zuerst mit ihrem Anliegen den heiligen Hilarion zu bestürmen -wagte, diesem zu seiner hohen Überraschung entgegengehalten, indem sie ihm -zurief: »Was wendest du dich ab? Was weichst du zurück vor meinem Flehen? -Sieh in mir nicht das Weib, sieh die Unglückliche in mir. Mein Geschlecht -hat den Heiland geboren«. - -Was ist dem Ruhme zu vergleichen, den dies Geschlecht in der Mutter des -Herrn sich erworben hat? Unser Erlöser hätte ja wohl, wenn er gewollt -hätte, von einem Manne seine Körperlichkeit annehmen können, so gut als es -ihm beliebt hat, die erste Frau aus dem Körper des Mannes zu bilden. Allein -er hat durch die sonderliche Gnade seiner Erniedrigung das schwächere -Geschlecht geehrt. Auch hätte er sich durch einen andern edleren Teil des -weiblichen Körpers gebären lassen können als derjenige ist, durch welchen -die übrigen Menschen zugleich empfangen und zur Welt gebracht werden. -Allein um dem schwächeren Körper eine unvergleichliche Ehre zu erweisen, -hat er durch seine Geburt dem weiblichen Zeugungsorgan eine weit höhere -Weihe gegeben als dies dem männlichen durch die Beschneidung geschehen war. - -Aber ich will nicht weiter reden von der einzigartigen Auszeichnung, die in -Sonderheit den Jungfrauen zukommt, sondern auch zu den andern Frauen mich -wenden, wie ich mir vorgenommen habe. So merke denn darauf, welche große -Gnade alsbald mit der Ankunft Christi für Elisabeth, die Ehefrau, und für -Hanna, die Witwe, verbunden war. Dem Manne der Elisabeth, Zacharias, dem -Hohenpriester des Herrn, war zur Strafe für seine Ungläubigkeit die Zunge -noch gelähmt, als Elisabeth, voll heiligen Geistes, bei der Ankunft und -Begrüßung der Maria das Kind in ihrem Leibe hüpfen fühlte und, indem sie -zuerst die erfolgte Empfängnis der Maria prophetischen Geistes verkündete, -mehr als Prophetin war. Ja, die bereits geschehene Empfängnis der Jungfrau -zeigte sie an und veranlaßte dadurch die Mutter des Herrn selbst, den Herrn -dafür zu lobpreisen. Die Gabe der Prophetin erscheint bei Elisabeth noch -vollkommener als bei Johannes, da sie imstande war, alsbald den erst -empfangenen Gottessohn zu erkennen, während er nur auf den längst Geborenen -hinzuweisen brauchte. Wie wir also die Maria Magdalena gewissermaßen einen -weiblichen Apostel nennen können, so tragen wir auch kein Bedenken, die -Elisabeth oder jene fromme Witwe Hanna, von der wir oben ausführlich -gesprochen haben, als Prophetin den Propheten an die Seite zu stellen. - -Wollen wir unsere Beobachtungen über die Gabe der Prophetie bis zu den -Heiden ausdehnen, dann mag vor allen die Seherin Sibylle hervortreten und -uns vernehmen lassen, was ihr über Christus geoffenbart worden ist. -Vergleichen wir mit ihr sämtliche Propheten, selbst den Jesaias, von dem -Hieronymus versichert, er sei mehr ein Evangelist als ein Prophet zu -nennen, so werden wir finden, daß auch mit dieser Gnadengabe die Frauen -weit reichlicher bedacht worden sind als die Männer. Augustinus beruft sich -auf sie gegen die Ketzer und sagt von ihr: »Vernehmen wir auch, was die -Sibylle, ihre Prophetin, über ihn sagt: Einen andern hat der Herr den -gläubigen Menschen gegeben, daß sie ihn anbeten. Ferner: Erkenne du selbst, -daß dein Herr Gottes Sohn sei. An einer andern Stelle nennt sie den Sohn -Gottes Symbolum, d. h. Berater. Und der Prophet sagt: Sein Name ist: -Wunderbar -- Rat. Wiederum sagt derselbe Kirchenvater im 18. Kapitel seines -Buches vom 'Gottesstaat' folgendes über sie aus: In jener Zeit soll nach -verschiedenen Berichten die Erythräische Sibylle -- manche behaupten auch, -es sei diejenige von Cumä gewesen -- geweissagt haben.« Man hat von ihr -siebenundzwanzig Verse, deren Inhalt er in lateinischen Versen angiebt, wie -folgt: - - »Erde mit Schweiß bedeckt, verkündet die Nähe des Richters - Und vom Himmel herab naht, ewig zu herrschen, ein König, - In leibhaftigem Fleisch erscheint er, zu richten den Erdkreis.« - -Fügt man die griechischen Anfangsbuchstaben dieser Verse aneinander, so -kommt heraus: »Jesus Christus. Sohn Gottes, Heiland«. - -Auch Lactantius führt einige messianische Weissagungen der Sibylle an: »Er -wird nachmals in die Hände der Ungläubigen fallen. Sie werden mit ihren -sündigen Händen dem Gotte Backenstreiche geben und giftigen Speichel werden -sie ausspeien aus unreinem Munde. Er aber wird demütig seinen heiligen -Rücken darbieten und schweigend wird er sich ins Angesicht schlagen lassen, -damit keiner das Wort erkenne und niemand den Geistern der Hölle sage, -woher er gekommen, und mit einer Dornenkrone wird er gekrönt werden. Für -den Hunger geben sie ihm Galle, und Essig zum trinken; also werden sie ihn -bewirten. O du verblendetes Volk, deinen Gott, den aller Sterblichen Geist -preisen sollte, hast du nicht erkannt; mit Dornen hast du ihn gekrönt, -Galle hast du ihm gemischt. Der Vorhang im Tempel wird zerreißen, mitten am -Tag wird es finster sein drei Stunden lang und er wird sterben, drei Tage -wird ihn der Schlummer befangen, alsdann wird er aus der Unterwelt ans -Licht kommen, als Erstling der Auferstehung«. - -Diese sibyllinische Weissagung hat wohl, wenn ich nicht irre, der größte -unserer Dichter, Virgilius, gehört und bei sich bewegt; denn in seiner -vierten Ekloge verkündigt er für die nächste Zeit der Regierung des Kaisers -Augustus und für das Konsulat des Pollio die wunderbare Geburt eines -Knaben, der vom Himmel auf die Erde gesandt werden solle, der auch der Welt -Sünden tragen und ein neues Zeitalter wunderbar über die Welt heraufführen -werde. Der Dichter selbst sagt, die Prophezeiung des Cumäischen Gedichtes, -d. h. der Sibylle, welche die Cumäische genannt wird, habe ihn zu dieser -Äußerung angeregt. Seine Worte klingen so, als wollte er alle Menschen -auffordern, sich mit ihm zu freuen, mit ihm zu singen und zu schreiben von -der Geburt dieses Kindes; alle andern Gegenstände scheinen ihm im Vergleich -mit diesem unwichtig und gemein, und so sagt er: - - »Laßt mich ein höheres Lied anstimmen, Sicilische Musen; - Denn nicht jeden erfreut Gestrüpp und niedriges Buschwerk. -- - Schon bricht an des Cumäischen Liedes äußerstes Alter, - Und von neuem beginnt gewaltiger Umschwung der Zeiten. - Nun kehrt die Jungfrau zurück, Saturn beginnt wieder zu herrschen, - Und ein neues Geschlecht wird aus himmlischen Höhen entsendet.« - -Betrachte die einzelnen Aussprüche der Sibylle: wie vollständig und wie -deutlich umfassen sie die Summe des christlichen Glaubens! Weder seine -Gottheit noch seine Menschheit, weder sein zweifaches Kommen noch das -zweifache Gericht hat sie in Weissagung und Schrift übergangen, nämlich das -erste Gericht, durch das er ungerecht verurteilt wurde in seiner Passion, -und das zweite, in dem er gerecht die Welt richten wird in seiner -Herrlichkeit. Ja, indem sie weder die Niederfahrt zur Hölle noch die -Herrlichkeit der Auferstehung übergeht, scheint sie nicht bloß die -Propheten, sondern die Evangelisten selbst zu übertreffen, die von Christi -Höllenfahrt nichts berichtet haben. - -Müssen wir ferner uns nicht alle höchlich wundern über das vertrauliche, -lange Gespräch, in welchem Jesus die Heidin, die Samariterin, mit so viel -Liebe unter vier Augen zu belehren geruht hat, also, daß darob selbst die -Apostel staunten? Von der Ungläubigen, die noch dazu wegen ihrer vielen -Männer anrüchig war, hat er zu trinken verlangt, da uns doch sonst nicht -bekannt ist, daß er von irgend jemand Speise erbeten hätte. Die Apostel -kommen dazu, bieten ihm die eingekauften Speisen an und sprechen: »Rabbi, -iß« -- er aber nimmt das Dargebotene nicht an und gleichsam zu seiner -Entschuldigung sagt er: »Ich habe eine Speise zu essen, da wisset ihr nicht -von«. Von dem Weibe aber verlangt er selber zu trinken. Und sie will sich -dieser Dienstleistung entziehen mit den Worten: »Wie bittest du von mir zu -trinken, so du ein Jude bist und ich ein samaritisches Weib? Denn die Juden -haben keine Gemeinschaft mit den Samaritern«. Und weiter: »Hast du doch -nichts, damit du schöpfest und der Brunnen ist tief«. So verlangt er also -von der Heidin, die's ihm verweigert, zu trinken, der doch die Speisen, -welche die Apostel ihm anbieten, nicht berührt. Ist das nicht eine gnädige -Bevorzugung des schwachen Geschlechts, wenn der, der allen das Leben -gebracht hat, ein Weib um Wasser bittet? Warum, frage ich, that er dies, -wenn nicht mit der Absicht, deutlich zu zeigen, daß ihm die Tugend der -Frauen um so angenehmer sei, je schwächer sie eingestandenermaßen von Natur -sind, und daß er um so mehr nach ihrem Heil verlange und dürste, je -bewundernswerter ihre Tugend sei. Daher, indem er von einer Frau zu trinken -verlangt, giebt er zu verstehen, daß er diesen seinen Durst vorzüglich -durch die Rettung weiblicher Seelen gestillt wissen wolle. Diesen Trank -nennt er auch Speise, indem er sagt: »Ich habe eine Speise zu essen, da -wisset ihr nicht von«. Und was er unter dieser Speise verstehe, setzt er im -folgenden auseinander: »Meine Speise ist, daß ich thue den Willen meines -Vaters« -- und deutet damit an, daß der Wille seines Vaters in Sonderheit -da geschehe, wo es sich um das Seelenheil der Frauen handelt. - -Es ist uns berichtet, daß Jesus auch mit Nikodemus, jenem Obersten der -Juden, ein vertrautes Zwiegespräch gehalten habe, in welchem er auch -diesen, der im geheimen zu ihm gekommen war, über das Heil seiner Seele -belehrte; aber es wird zugleich erzählt, daß dieses Gespräch keinen ebenso -guten Erfolg gehabt habe. Die Samariterin, das ist sicher, wurde damals von -prophetischem Geist erfüllt, der ihr eingab, daß Christus bereits zu den -Juden gekommen sei und daß er auch zu den Heiden kommen werde; und so -sprach sie: »Ich weiß, daß Messias kommt, der da Christus heißt. Wenn -derselbe kommen wird, so wird er es uns alles verkündigen«. Und viele Leute -aus jener Stadt, heißt es, seien auf das Wort des Weibes hin zu Christus -hinausgelaufen und haben an ihn geglaubt und ihn zwei Tage bei sich -behalten, der doch selbst an einer andern Stelle zu seinen Jüngern sagt: -»Gehet nicht auf der Heiden Straße und ziehet nicht in der Samariter -Städte«. - -Derselbe Johannes erzählt ein andermal, einige Heiden, die nach Jerusalem -gekommen seien, um das Fest mitzufeiern, haben durch Philippus und Andreas -dem Herrn sagen lassen, sie möchten ihn gerne sehen. Er sagt aber nichts -davon, daß sie wirklich zugelassen wurden und daß ihnen, die doch darum -baten, so reiche Gelegenheit gegeben wurde, Christus zu sprechen, wie der -Samariterin, die gar nicht danach verlangte. Mit ihr scheint er seine -Wirksamkeit unter den Heiden angefangen zu haben, und er hat nicht bloß sie -allein bekehrt, sondern hat durch sie -- so wird berichtet -- viele andere -gewonnen. Die Magier, durch den Stern erleuchtet und zu Christus geführt, -haben, so heißt es, viele andere durch ihre Aufmunterung und Belehrung zu -ihm gezogen: aber selbst zu ihm gekommen sind nur sie. Auch daraus geht -hervor, in welch hoher Gunst das heidnische Weib bei Christus stand, das -nach Hause eilend und in der Stadt seine Ankunft und was er ihr gesagt -hatte verkündigend, so schnell eine ganze Menge ihrer Landsleute für ihn -gewonnen hat. - -Wenn wir die Schriften des Alten Testaments oder die Evangelien -nachschlagen, so finden wir, daß die göttliche Gnade, jene höchste Wohlthat -der Auferweckung eines Toten, insbesondere Frauen erwiesen wurde, und daß -nur ihnen zulieb oder an ihnen solche Wunder verrichtet worden sind. So -lesen wir zunächst, daß auf die Bitte der Mütter von Elia und Elisäus ihre -Söhne auferweckt und ihnen wiedergegeben wurden. Und der Herr selbst läßt -die Wohlthat dieses unerhörten Wunders mit Vorliebe Frauen zu gute kommen, -wenn er den Sohn einer Witwe, die Tochter des Synagogenvorstehers, und den -Lazarus auf die Bitten seiner Schwestern auferweckt. Darum sagt der Apostel -in seinem Brief an die Hebräer: »Die Weiber haben ihre Toten aus der -Auferstehung wiedergenommen«. Denn das auferweckte Mädchen hat seinen toten -Körper wieder zurückbekommen so gut wie die übrigen Frauen durch die -Auferweckung und Rückgabe ihrer Toten, die sie beweinten, getröstet wurden. -Es geht daraus hervor, wie sehr der Herr stets die Frauen bevorzugte, indem -er sie zunächst durch ihre eigene und durch der Ihrigen Wiederbelebung -erfreute und zuletzt sie bei seiner eigenen Auferstehung dadurch ganz -besonders auszeichnete, daß er ihnen, wie schon erwähnt wurde, zuerst -erschien. Diesen Vorzug hat dieses Geschlecht vielleicht verdient durch das -natürliche Gefühl des Mitleids, das es dem Herrn inmitten eines -feindseligen Volkes zollte. Denn nach dem Berichte des Lukas, während die -Männer ihn zur Kreuzigung führten, folgten die Frauen nach und klagten und -weinten um den Herrn. Und er wendet sich nach ihnen um und wie zum Dank für -ihre Liebe verkündigt er ihnen in der drohenden Leidensgefahr selbst aus -Mitleid, damit sie ihm entrinnen möchten, den bevorstehenden Untergang: -»Ihr Töchter von Jerusalem, ruft er ihnen zu, weinet nicht über mich, -sondern weinet über euch selbst und über eure Kinder. Denn siehe, es wird -die Zeit kommen, in welcher man sagen wird: Selig sind die Unfruchtbaren -und die Leiber, die nicht geboren haben.« - -Ferner erzählt Matthäus, daß die Frau des ungerechten Richters treulich an -der Befreiung des Herrn gearbeitet habe; er sagt von ihr: »Und da er auf -dem Richtstuhl saß, schickte sein Weib zu ihm und ließ ihm sagen: Habe du -nichts zu schaffen mit diesem Gerechten; ich habe heute viel erlitten im -Traum von seinetwegen«. Und wiederum war es von der ganzen Schar, die der -Predigt Jesu zuhörte, eine Frau, die ihre Stimme zu dem hohen Lobe erhob, -daß sie ausrief: »Selig der Leib, der dich getragen hat und die Brüste, die -dich gesäuget haben«. Und alsbald mußte sie sich für ihr Bekenntnis, so -richtig es war, eine Zurechtweisung vom Herrn gefallen lassen, der ihre -Worte also verbesserte: »Ja, selig sind, die Gottes Wort hören und -bewahren«! - -Unter den Aposteln genoß allein Johannes das Vorrecht der besonderen Liebe -des Meisters, so daß er der Lieblingsjünger des Herrn genannt wurde. Von -Martha aber und Maria schreibt Johannes selber: »Denn Jesus hatte Martha -lieb und ihre Schwester Maria und Lazarus«. Derselbe Apostel, der infolge -besonderer Bevorzugung, die er genoß, sich als den Lieblingsjünger des -Herrn bezeichnet, schreibt den Frauen dasselbe Vorrecht zu, das er doch -keinem der andern Apostel zugesteht. Und wenn er auch den Bruder derselben -an der gleichen Ehre teilnehmen läßt, so nennt er doch die Frauen vor ihm, -als wollte er damit andeuten, daß sie dem Herzen Jesu näher standen. - -Endlich will ich auf die Frauen zurückkommen, die der christlichen Kirche -bereits angehörten, und die Barmherzigkeit Gottes, die sich bis zur -Verworfenheit öffentlicher Dirnen herabläßt, staunend verkünden und sie -verkündigend anstaunen. Hatten nicht Maria Magdalena oder Maria Ägyptiaca, -die nachmals durch die göttliche Gnade zu Ehren und Würden erhoben wurden, -ein Vorleben der verworfensten Art geführt? Jene lebte später, wie schon -erwähnt, beständig in der Gemeinschaft der Apostel; von der andern wird -berichtet, sie habe als Einsiedlerin einen übermenschlich harten Bußkampf -durchgekämpft, so daß der Tugend der heiligen Frauen die erste Stelle -gebührt, wenn man die Mönche beiderlei Geschlechts ins Auge faßt, ja daß -das Wort, welches der Herr an die Ungläubigen richtete: »Die Huren werden -eher ins Reich Gottes kommen als ihr« -- seine Anwendung selbst auf -gläubige Männer zu finden scheint, und daß die, welche ihrem Geschlecht und -ihrem Leben nach die letzten waren, die ersten werden und die ersten -- die -letzten. Endlich, wer weiß es nicht, mit welch heiligem Eifer die Frauen -die Mahnung Christi und den Rat des Apostels zur Keuschheit befolgt haben, -so daß sie, um Leib und Seele unverletzt zu erhalten, sich im Märtyrertod -Gott zum Opfer dargebracht haben und im Schmuck der zweifachen Krone dem -Lamm, das den Jungfrauen verlobt ist, zu folgen begehrten, wohin es ging. -Solche Vollkommenheit finden wir selten bei Männern, häufig dagegen bei -Frauen. Ja, einige von ihnen, so wird uns erzählt, hielten mit solchem -Eifer an dieser höheren Würde ihres keuschen Leibes fest, daß sie nicht -zögerten, selbst Hand an sich zu legen, um nicht ihre Jungfräulichkeit, die -sie Gott geweiht hatten, zu verlieren, sondern als Jungfrauen zu ihrem -jungfräulichen Bräutigam zu kommen. - -Und er hat zu erkennen gegeben, wie angenehm vor ihm die Frömmigkeit -heiliger Jungfrauen sei. Als bei einem Ausbruch des Ätna die Menge des -heidnischen Volkes hilfesuchend zur heiligen Agathe eilte, wurden sie durch -den Schleier der Heiligen, den diese dem furchtbaren Feuer entgegenhielt, -vom Verderben des Leibes und der Seele gerettet. Wir wissen nichts davon, -daß dem Gewand irgend eines Mönches solche Segenskräfte verliehen worden -wären. Zwar lesen wir, daß durch Elias' Mantel der Jordan geteilt wurde, so -daß er und Elisäus trockenen Fußes hindurchgingen: dort aber wird durch den -Schleier einer Jungfrau die gewaltige Menge eines bisher ungläubigen Volkes -an Leib und Seele gerettet und den dadurch Bekehrten der Weg zum Himmel -eröffnet. - -Auch das ist bezeichnend für die hohe Würde heiliger Frauen, daß sie bei -ihrer Weihe die Worte aussprechen: »Durch seinen Ring hat er mich erworben, -seine Braut bin ich«. Es sind dies Worte der heiligen Agnes, durch welche -die Jungfrauen, die ihr Gelübde ablegen, sich mit Christus vermählen. - -Will man bis auf die heidnischen Zeiten zurückgehen, um zu erfahren, welche -Gestalt und welches Ansehen euer Stand damals gehabt habe, und zu eurer -Ermunterung einige Beispiele aus jener Zeit anführen, so ist die -Beobachtung leicht zu machen, daß es schon damals einige Einrichtungen gab, -die diesem Beruf ähnlich waren, abgesehen davon, daß der richtige Glaube -noch fehlte, und daß unter Heiden und Juden manches bestand, was die Kirche -von ihnen herübergenommen und in verbesserter Form beibehalten hat. So ist -allgemein bekannt, daß die Kirche die ganze Stufenleiter des geistlichen -Standes vom Thürhüter bis zum Bischof, den Gebrauch der Tonsur, dem sich -die Geistlichen unterwerfen müssen, die Quatemberfasten, das Fest der süßen -Brote, ja sogar die Verzierungen an den priesterlichen Gewändern und manche -heiligen Gebräuche bei Weihungen und anderen Gelegenheiten -- von der -Synagoge übernommen hat. Ebenso bekannt ist, daß die Kirche mit weiser -Mäßigung nicht bloß die Stufenleiter der weltlichen Würden, wie die der -Könige und Fürsten, ferner manche Gesetzesbestimmungen und moralische -Anschauungen und Vorschriften unter den bekehrten Völkern weiter bestehen -ließ: sondern sie hat sogar einige kirchliche Würden, die Art und Weise der -Ausübung der Enthaltsamkeit und Vorschriften in Beziehung auf körperliche -Reinigungen von ihnen angenommen. Es ist sicher, daß jetzt Bischöfe und -Erzbischöfe im Amt sind, wo damals die Flamines und Archiflamines waren, -und daß die Tempel, welche damals den Dämonen gehörten, später dem Herrn -geheiligt und dem Gedächtnis der Heiligen geweiht wurden. - -Man weiß auch, daß bei den Heiden der jungfräuliche Stand besonderes -Ansehen genoß, während die Juden durch ihr Gesetz zur Ehe angehalten -wurden; ja, bei den Heiden wurde diese Tugend fleischlicher Unbeflecktheit -so hoch gehalten, daß in ihren Tempeln große Gemeinschaften von Frauen sich -aufhielten, die dem ehelosen Leben sich ergeben hatten. Daher Hieronymus im -dritten Buch seines Kommentars zum Galaterbrief sagt: »Was werden wir zu -thun haben, wenn uns zur Beschämung Juno ihre geweihten Frauen, Vesta ihre -Jungfrauen, und andere Götzen ihre Enthaltsamkeit übenden Verehrer haben?« -Wenn er Frauen und Jungfrauen nennt, so versteht er unter den ersteren -solche, die einst mit Männern verkehrt hatten, nun aber für sich leben, -unter den letzteren solche, die von jeher als Jungfrauen für sich gelebt -hatten. Denn die Worte monos und monachos, welch letzteres vom ersten -abgeleitet ist und soviel wie Einsiedler bedeutet, haben ein und denselben -Sinn. - -Derselbe Schriftsteller sagt im ersten Buche seiner Schrift »gegen -Jovinianus«, nachdem er viele Beispiele von der Keuschheit und -Enthaltsamkeit heidnischer Frauen angeführt hatte: »Ich bin bei der -Aufzählung dieser Frauen absichtlich so ausführlich gewesen, damit -diejenigen, welche die christliche Schamhaftigkeit gering achten, -wenigstens von den Heiden Keuschheit lernen«. Weiter oben in derselben -Schrift erhebt er die Tugend der Enthaltsamkeit so hoch, daß es scheinen -könnte, als hätte Gott an der Reinheit des Fleisches bei allen Völkern ein -ganz besonderes Wohlgefallen, und als habe er diese Tugend durch besondere -Belohnung ihres Verdienstes oder gar durch Wunderthaten in ihrem ganzen -Wert anerkannt. »Was soll ich reden, sagt er, von der Erythräischen und -Kumäischen Sibylle und von den anderen acht? Denn Varro behauptet, es seien -zehn gewesen. Was sie von andern unterscheidet, ist ihre Jungfräulichkeit -und die Sehergabe, die ihnen zum Lohn dafür verliehen ist.« Weiter heißt es -da: »Als die Vestalin Claudia des Vergehens der Unzucht verdächtigt wurde, -soll sie an ihrem Gürtel ein Floß fortgezogen haben, das Tausende von -Menschen nicht hatten von der Stelle bringen können«. Und Sidonius, Bischof -von Clermont, sagt im Vorwort zu seinem Buch folgendes: - - »So war Tanaquil nicht, noch auch die Jungfrau, - Deren Vater du warst, o Tricipitinus; - So nicht war die Geweihte der phrygischen Vesta, - Die durch der Albula hochaufschwellende Fluten - Mit jungfräulichem Haar das Floß gezogen.« - -Augustinus sagt im 22. Buch seiner Schrift »vom Gottesstaat«: »Kommen wir -nunmehr zu ihren Wundern, welche sie als von ihren Göttern verrichtet -unsern Märtyrern entgegenstellen -- werden wir da nicht finden, daß auch -sie nur unsern Zwecken dienen und unserer Sache förderlich sind? Unter den -großen Wunderthaten ihrer Götter ist gewiß eine der größten die, welche -Varro erzählt: eine vestalische Jungfrau habe, als sie fälschlicherweise -der Unkeuschheit verdächtigt wurde, ein Sieb mit Wasser aus dem Tiber -angefüllt und vor ihre Richter getragen, ohne daß ein Tropfen verloren -gegangen sei. Wer hat das schwere Wasser aufgehalten, trotz der vielen -Öffnungen, durch die es hätte abfließen können? Sollte nicht der -allmächtige Gott einem irdischen Körper sein Schwergewicht nehmen und -dasselbe Element mit Leben erfüllen können, in welchem nach seinem Willen -der lebenschaffende Geist seinen Sitz hat?« - -Wundern wir uns nicht, daß Gott durch solche und andere Wunder auch unter -den Heiden die Tugend der Keuschheit zu Ehren gebracht hat oder vielmehr -sie durch die Wirksamkeit der Dämonen zu Ehren hat bringen lassen. Es ist -geschehen, um die jetzt Gläubigen destomehr für sie zu begeistern, wenn sie -sehen, daß diese Tugend selbst unter den Heiden schon so hochgehalten -wurde. Wir wissen ja, daß auch dem Kaiphas die Gabe der Prophetie nicht um -seiner Person, sondern um seines Amtes willen verliehen worden, ja, daß -selbst Lügenapostel bisweilen mit Wunderthaten prunken durften, und dies -wiederum nicht ihrer Person verstattet war, sondern dem Amt, das sie -führten. Was ist es also besonderes, wenn der Herr ein solch wunderbares -Ereignis verstattet hat nicht etwa der Person der ungläubigen Frauen, -sondern ihrer tugendsamen Enthaltsamkeit, um eine unschuldige Jungfrau zu -retten und die Schlechtigkeit der falschen Ankläger zunichte zu machen? - -Es steht fest, daß die Enthaltsamkeit auch unter den Heiden als ein hohes -Gut angesehen wird, wie auch das Verlangen nach strenger Bewahrung des -ehelichen Bundes allen Völkern gleichmäßig von Gott als ein Geschenk -verliehen worden ist. Darum kann es niemand befremden, wenn Gott seine -eigenen wohltätigen Einrichtungen, nicht etwa den Irrtum des Unglaubens, -durch Wunderzeichen zu Ehren bringt, die in der Heidenwelt, nicht unter den -Gläubigen, geschehen -- vollends wenn dadurch, wie gesagt, die Unschuld -gerettet und die Bosheit schlechter Menschen vereitelt wird, oder wenn -durch die Verherrlichung einer solchen Tugend die Menschen zu ihrer -Ausübung angefeuert werden; denn auch unter den Heiden kommen um so weniger -Verfehlungen in dieser Hinsicht vor, je mehr man bei ihnen die Lüste des -Fleisches meidet. - -So hat Hieronymus in Übereinstimmung mit den meisten andern Kirchenlehrern -die Zügellosigkeit des obengenannten Häretikers (Jovinian) sehr passend -bekämpft, indem er ihm zurief, er möge unter die Heiden gehen, um bei ihnen -mit Erröten die Tugenden zu finden, welche er an den Christen gering achte. -Wer wollte verkennen, daß auch die Majestät ungläubiger Fürsten, selbst -wenn sie dieselbe mißbrauchen, ihre Gerechtigkeitsliebe und Milde, die sie, -dem natürlichen Gesetze folgend, an den Tag legen und alles andere, was den -Fürsten ziert, ein Geschenk Gottes sei? Wer wollte das Gute als solches -verkennen, weil es mit Schlechtem vermischt ist? -- besonders da doch, wie -der heilige Augustin bemerkt und der gesunde Menschenverstand es bezeugt, -Übel nur in einer sonst guten Natur sein können? Wer stimmt nicht dem Worte -des Dichters bei: »Gute fliehen das Laster aus Liebe zur Tugend?« Wer -wollte nicht, statt es zu leugnen, vielmehr Zeugnis ablegen für das Wunder, -welches nach dem Berichte des Suetonius Vespasian vor seiner -Thronbesteigung an einem Blinden und an einem Lahmen verrichtet hat oder -für das, was der heilige Gregorius an der Seele Trajans gethan haben soll --- die andern Fürsten mögen sich dadurch zur Nachahmung solcher Tugenden -bewegen lassen! - -Die Menschen verstehen es, im Schmutz die Perle zu finden und die Körner -aus dem Stroh zu lesen: so kann auch Gott die Gnadengaben, die er dem -Unglauben verliehen, nicht vergessen und nichts von dem, was er gemacht -hat, hassen. Je mehr die Welt in Wundern strahlt, desto deutlicher giebt er -sie dadurch als sein Werk zu erkennen, das durch die Schlechtigkeit der -Menschen nicht verderbt werden kann, und die Gläubigen sollen daran -erkennen, was das für ein Gott sei, der also selbst den Ungläubigen sich -erweist. - -Ein Beweis für das hohe Ansehen, in welchem die dem Dienste des Herrn -geweihte Keuschheit bei den Heiden stand, ist die strenge Strafe, die auf -die Verletzung des Gelübdes gesetzt war. Worin dieselbe bestand, das sagt -Juvenalis in seiner vierten Satire, die gegen Crispinus gerichtet ist, mit -folgenden Worten: »Mit dem sie noch neulich gebuhlt hat, wird die -Priesterin nun lebendigen Leibes begraben«. So auch Augustin im dritten -Buche des »Gottesstaates«: »Die alten Römer begruben lebendig die über dem -Vergehen der Unzucht betroffenen Vestalinnen. Ehebrecherische Frauen -dagegen bestraften sie zwar, aber nicht mit dem Tode«. So sühnten sie -strenger als die Befleckung des menschlichen Ehebettes die Verletzung -dessen, was in ihren Augen eine geheimnisvolle Verbindung mit der Gottheit -war. Bei uns aber lassen sich christliche Fürsten den Schutz der Keuschheit -angelegen sein, um so mehr, als sie auf einem noch viel heiligeren Gelübde -beruht. Darum hat der Kaiser Justinianus folgende Bestimmung getroffen: -»Wenn jemand sich untersteht, eine gottgeweihte Jungfrau, ich sage nicht -bloß: zu entführen, sondern nur zur Ehe zu verlocken, so soll er dies mit -dem Leben büßen«. Daß auch die kirchliche Zucht, die doch den Sünder zur -Buße leiten und nicht seinen Tod will, mit großer Strenge gegen -Verfehlungen von eurer Seite einschreitet, ist bekannt. Daher die -Verordnung des Papstes Innocenz an den Bischof Victricius von Rouen, -Kapitel XIII: »Frauen, die sich geistig mit Christus vermählt und den -Schleier genommen haben, dürfen, wenn sie sich später öffentlich -verheiratet haben oder im geheimen verführt worden sind, zur Buße nicht -zugelassen werden, außer wenn der, mit dem sie die Verbindung eingegangen -hatten, nicht mehr am Leben ist«. Diejenigen aber, welche zwar noch nicht -eingekleidet waren, aber doch den Vorsatz gefaßt hatten, im jungfräulichen -Stande zu verbleiben, sollen, wenn schon sie den Schleier noch nicht -genommen haben, dennoch eine bestimmte Zeit lang Buße thun, weil Gott ihr -Gelübde angenommen hatte. Denn wenn man schon unter Menschen einen -abgeschlossenen Vertrag unter keinem Vorwand brechen soll, wie viel weniger -kann man ein Versprechen, das man Gott gegeben hat, straflos brechen? Wenn -der Apostel Paulus von den Frauen, die den Witwenstand aufgegeben, sagt, -sie seien verwerflich, weil sie die erste Treue nicht gehalten haben: wie -viel mehr gilt dies von den Jungfrauen, welche ihr zuerst gegebenes Wort -brechen? Daher schreibt auch der berühmte Pelagius an die Tochter des -Mauritius: »Die an Christus zur Ehebrecherin wird, ist verwerflicher als -die, welche ihrem Mann die Treue bricht. Darum hat die römische Kirche erst -vor kurzem mit Recht bestimmt, daß diejenigen Frauen, welche ihren -gottgeweihten Leib durch Unkeuschheit beflecken, kaum der Buße mehr würdig -zu achten seien«. - -Wollen wir untersuchen, welche Sorgfalt, Freundschaft und Liebe die -heiligen Lehrer der Kirche nach dem Vorbilde des Herrn selbst und der -Apostel stets den gottgeweihten Frauen gewidmet haben, so finden wir, daß -sie mit dem liebevollsten Eifer ihre frommen Neigungen gehegt und gepflegt -und mit reichlicher Mahnung und Belehrung sie in ihrem göttlichen Berufe -unterrichtet und gefördert haben. Um von den übrigen zu schweigen, will ich -nur die bedeutendsten Kirchenlehrer anführen: Origenes, Ambrosius und -Hieronymus. - -Der erste derselben, jener größte christliche Philosoph, hat sich mit -solchem Eifer dem Stande der gottgeweihten Frauen gewidmet, daß er sich -nach dem Bericht der »Kirchengeschichte« selbst entmannte, um nicht durch -irgendwelche Verdächtigung im Unterricht der Frauen behindert zu werden. -Wem wäre es ferner nicht bekannt, welch reichliche Ernte von heiligen -Schriften Hieronymus auf die Veranlassung der Frauen Paula und Eustochium -der Kirche hinterlassen hat? Er selbst gesteht dies in seiner Abhandlung -über die Himmelfahrt der Mutter des Herrn, welche er auf die Bitte der -Frauen schrieb, zu in den Worten: »Weil ich aber, durch meine große Liebe -zu euch, überwunden, nichts abschlagen kann, was ihr wünscht, so will ich -den Versuch machen, euer Verlangen zu stillen«. Dagegen wissen wir, daß -manchmal hochbedeutende, durch ihre Stellung und würdige Lebensführung -ausgezeichnete Lehrer ausführlich an ihn geschrieben und nicht einmal eine -kurze Antwort, um die sie ihn gebeten, von ihm erhalten haben. Daher jene -Äußerung des heiligen Augustinus im 2. Buch der Retraktationen: »Ich habe -an den Presbyter Hieronymus, während er in Bethlehem sich aufhielt, zwei -Schriften geschickt: eine 'über den Ursprung der Seele' und eine zweite -über den Satz des Apostels Jakobus: 'So jemand das Gesetz hält und sündiget -an Einem, der ist's ganz schuldig.' Über beide Schriften bat ich ihn um -sein Urteil. In der ersten habe ich die Frage, die ich aufgeworfen, selbst -ungelöst gelassen; in der zweiten habe ich meine Ansicht nicht -verschwiegen, fragte aber bei ihm an, ob er dieselbe billige. Er -antwortete, daß er sich über meine Frage gefreut habe, daß er aber keine -Zeit habe, sie zu beantworten. Ich aber wollte die Bücher nicht herausgeben -so lange er lebte in der Erwartung, daß er mir doch irgend einmal antworten -würde und ich sie dann zusammen mit dieser Antwort herausgeben könnte. -Allein er starb darüber, und erst dann habe ich sie veröffentlicht«. Man -sieht also, daß der große Mann so lange Zeit vergeblich auf eine, wenn auch -nur kurze Antwort des Hieronymus gewartet hat. Und doch wissen wir, daß -derselbe Mann jenen Frauen zulieb viele umfangreiche Bücher im Schweiß -seines Angesichts übersetzt oder geschrieben und ihnen demnach größere -Rücksicht erwiesen hat als dem Bischof. Vielleicht hat er ihre Tugend darum -so eifrig gepflegt und alles vermieden, was sie betrüben konnte, weil er -die Empfindlichkeit der weiblichen Natur kannte. Die Lebendigkeit seiner -Liebe gegen solche Frauen erscheint manchmal so groß, daß er bei seinen -Lobeserhebungen bisweilen fast die Grenze des Wahren überschreitet, und als -sei er sich dessen selber bewußt, sagt er irgendwo; »Die Liebe kennt keine -Grenze«. In der Vorrede zum Leben der heiligen Paula sagt er, um die -Aufmerksamkeit des Lesers anzuspannen: »Wenn alle meine Glieder sich in -Zungen verwandelten und alle meine Gelenke reden könnten, ich könnte doch -keine Worte finden, die Tugenden der heiligen, verehrungswürdigen Paula -würdig zu preisen«. - -Er hat auch einige Lebensbilder von heiligen Vätern geschrieben -- der -höchsten Verehrung würdig und im Glanz von Wunderthaten strahlend -- und -was hier berichtet wird, ist noch viel wunderbarer. Dennoch hat er, so viel -ich sehe, keinen derselben mit so hohen Ruhmesworten gefeiert, wie diese -Witwe. Auch seinen Brief an die Jungfrau Demetrias eröffnet er sofort mit -einer so starken Lobeserhebung, daß sie uns fast als eine übertriebene -Schmeichelei erscheinen muß. »Von allen Gegenständen, sagt er, über welche -ich von meiner frühesten Jugend an bis zu meinem jetzigen Alter geschrieben -habe oder habe schreiben lassen, ist keiner schwieriger als das -gegenwärtige Werk. Denn ich schicke mich an, an Demetrias zu schreiben, die -Jungfrau Christi, die an Edelmut und an Reichtum die erste in Rom ist. Wenn -ich ihre Tugenden preise, wie sie's verdienen, wird man von mir sagen, ich -sei ein Schmeichler«. Es war für den heiligen Mann ein süßes Amt, durch die -Kunst seiner Worte das schwache Geschlecht zur schweren Übung der Tugend -anzuleiten. Weil aber Thaten sprechendere Beweise sind als Worte, hat er -sich seiner weiblichen Schutzbefohlenen mit solcher Liebe angenommen, daß -sein eigener guter Ruf, trotz seiner ungemessenen Heiligkeit, darunter zu -leiden hatte. Er spricht selber davon in seinem Brief an Asella, wo er von -falschen Freunden handelt, die ihn verleumden: »Mögen sie mich, heißt es -da, immerhin für einen Verbrecher halten, bedeckt mit allen Schandtaten; du -aber thust wohl daran, wenn du deinem Herzen folgend auch die Schlechten -für gut hältst. Denn es ist gefährlich, über den Knecht eines andern zu -richten, und wer Gutes schlecht macht, dem wird nur schwer verziehen. Sie -haben mir die Hände geküßt und mich mit ihrer giftigen Zunge verleumdet. -Mit den Lippen bedauerten sie mich, im Herzen lachten sie. Sie mögen selbst -sagen, ob sie jemals etwas anderes an mir gefunden, als was einem Christen -sich ziemte. Was man mir zum Vorwurf macht, ist einzig und allein mein -Geschlecht, und auch das würde man mir nicht vorwerfen, wenn Paula nicht -nach Jerusalem gekommen wäre.« Weiter heißt es: »Ehe ich in das Haus der -frommen Paula kam, war nur Eine Stimme des Lobes über mich in der ganzen -Stadt; ja, ich war nach dem Urteil aller würdig, das Amt des höchsten -Priesters in der Kirche zu bekleiden. Aber seitdem ich anfing, sie nach dem -Verdienst ihrer Frömmigkeit zu verehren und zu lieben, war ich auf einmal -aller Tugenden bar.« Und etwas weiter unten sagt er: »Grüße Paula und -Eustochium, die mein sind in Christo, man sage was man wolle«. - -Lesen wir doch von dem Herrn selbst, er habe die fromme Sünderin mit solch -vertraulicher Güte behandelt, daß der Pharisäer, welcher ihn eingeladen -hatte, darob irre an ihm wurde und bei sich sagte: »Wenn dieser ein Prophet -wäre, wüßte er, wer und welch ein Weib das ist, die ihn anrühret«. Was -Wunder also, wenn, um solche Seelen zu gewinnen, auch die Glieder Christi, -durch sein Beispiel angetrieben, die Verunglimpfung ihres guten Namens -nicht achten? Origenes, um dem zu entgehen, ist, wie schon erwähnt, nicht -davor zurückgeschreckt, an seinem Leib schweren Schaden zu nehmen. - -Aber nicht bloß in Belehrung und Unterweisung der Frauen haben die heiligen -Väter eine wunderbare Liebe an den Tag gelegt: auch wenn es galt, sie zu -trösten, ist dieser Liebeseifer zuweilen so heftig zum Ausbruch gekommen, -daß es fast scheint, als hätten sie sich durch ihr unbegrenztes Mitleid, -nur um den Schmerz der Frauen zu lindern, zu Versprechungen verleiten -lassen, die mit dem christlichen Glauben im Widerspruch standen. Derart ist -der Trost, welchen der heilige Ambrosius nach dem Tode des Kaisers -Valentinian dessen Schwestern zu schreiben wagte, indem er sie versicherte, -daß ihr Bruder, der doch als Katechumen gestorben ist, der Seligkeit -teilhaftig geworden sei -- eine Behauptung, die mit dem katholischen -Glauben und mit der evangelischen Lehre durchaus nicht übereinstimmt. Sie -wußten wohl, wie angenehm vor Gott allezeit die Tugend des schwächeren -Geschlechtes gewesen sei. - -So kommt es, daß wir zwar eine unzählige Schar von Jungfrauen dem Beispiel -der Mutter des Herrn folgen und den sittlich vollkommeneren Stand erwählen -sehen, daß wir aber nur wenige Männer kennen, welche die Gnadengabe dieser -Tugend erlangt haben, vermöge deren sie dem Lamme selbst überall hin folgen -konnten. Im Eifer um diese Tugend haben mehrere Frauen sogar Hand an sich -selber gelegt, damit sie die Keuschheit auch des Leibes, welche sie Gott -gelobt hatten, sich erhielten, und man hat sie darob nicht nur nicht -getadelt, sondern bei den meisten wurde ihr freiwilliger Opfertod Anlaß zu -ihrer kirchlichen Verehrung. Ja, sogar bereits verlobte Jungfrauen, wenn -sie sich vor der fleischlichen Vereinigung mit ihren Männern für die Wahl -des Klosterlebens entschließen, ihren Mann aufgeben und sich Gott verloben -wollen, haben darin freie Hand, während wir von einer solchen -Rechtsbestimmung für die Männer nichts wissen. - -Einige Frauen waren von solchem Eifer für ihre Keuschheit erfüllt, daß sie -nicht allein unerlaubterweise, um ihre Keuschheit zu wahren, sich für -Männer ausgaben, sondern dann auch, unter den Mönchen lebend, sich durch -ihre Tugenden also auszeichneten, daß sie des Abtstuhls für würdig befunden -wurden, wie wir dies von der heiligen Eugenia lesen, welche mit Wissen, ja, -auf Zureden des frommen Bischofs Helenus Männerkleider anlegte, von ihm -getauft und in ein Mönchskloster aufgenommen wurde. - -Die erste deiner Fragen, geliebte Schwester in Christo, das Ansehen eures -Standes und die Hoheit seiner ihm eigenen Würde betreffend, glaube ich -hiemit genügend beantwortet zu haben. Je mehr ihr die Herrlichkeit eures -Berufes nun erkannt habt, mit desto größerem Eifer werdet ihr ihn erfassen. -Möchten eure Verdienste und Gebete bewirken, daß ich weiterhin mit Gottes -Zustimmung auch deine zweite Frage beantworten kann. -- Lebe wohl! - - - - -VIII. Brief. - -Abaelard an Heloise. - - -Zu einem Teil habe ich deine Bitte erfüllt, so gut ich's vermochte. Es -bleibt mir noch übrig, mit Gottes Beistand zu erledigen, was noch im -Rückstand ist und so deine und deiner geistigen Töchter Wünsche zu -befriedigen. Der weitere Inhalt eurer Forderung geht dahin: ich soll euch -eine bestimmte Vorschrift, die euch als Regel für euren Orden dienen -könnte, aufsetzen und zusenden, damit ihr an dem geschriebenen Buchstaben -einen sicherern Anhaltspunkt für euer Thun und Lassen habet als an dem -bloßen Herkommen. So habe ich mir denn vorgenommen, teils altbewährte -Gebräuche, teils die Zeugnisse der heiligen Schrift und der Vernunft zu -Grunde zu legen und daraus ein Ganzes zu bilden. Den geistigen Tempel -Gottes, welcher ihr seid, möchte ich damit ausschmücken wie mit schönen -Malereien und aus verschiedenen Bruchstücken ein einheitliches Werk -aufbauen. Dabei will ich mir den Maler Zeuxis zum Vorbild nehmen und bei -der Ausschmückung meines geistigen Tempels so verfahren, wie er es einst -bei einem sichtbaren gemacht hat. Cicero erzählt nämlich in seinem Buch -»Rhetorica« folgendes: »Die Bürger von Kroton beriefen den Zeuxis, um einen -Tempel, der ihnen besonders heilig war, von ihm mit prächtigen Gemälden -ausschmücken zu lassen. Zu diesem Zweck wählte er sich aus der Bevölkerung -die fünf schönsten Mädchen, die bei seiner Arbeit vor ihm standen und deren -Schönheit ihm zum Muster diente. Dies ist aus zwei Gründen ganz wohl -glaublich: einmal, weil dieser Maler nach der Mitteilung des genannten -Schriftstellers eine besondere Geschicklichkeit darin hatte, Frauen zu -malen; sodann auch, weil weibliche Formen selbstverständlich einen -feineren, lieblicheren Eindruck machen als männliche. Mehrere Mädchen aber, -sagt der erwähnte Philosoph, habe er ausgewählt, weil er nicht glaubte, daß -er eine finden werde, bei der alle Glieder gleich formvollendet wären, und -daß die Natur eine einzige mit so reicher Schönheit ausgestattet habe, daß -sie lauter gleich schöne Körperteile aufzuweisen hätte. Die Natur, das war -seine Meinung, bilde in der Körperwelt nichts durchaus und gleichmäßig -Vollendetes, als fürchtete sie, wenn sie alle Vorzüge auf einen Gegenstand -vereinige, für die anderen nichts mehr übrig zu haben.« - -So will auch ich verfahren, indem ich mich anschicke, die Schönheit der -Seele zu malen und die Vollkommenheit der Braut Christi zu beschreiben. -Möget ihr mein Werk als einen Spiegel der rechten gottgeweihten Jungfrau -allezeit vor Augen haben und daraus eure Schönheit oder Häßlichkeit -erkennen. Ich will zu dem Zweck aus den zahlreichen Schriften der heiligen -Väter und aus den bewährtesten Klostergebräuchen eine Regel für euch -zusammenstellen. Von allem, was mir ins Gedächtnis kommt, will ich das -Beste nehmen und alles gleichsam in Ein Bündel sammeln, was mit eurem -heiligen Berufe sich berührt. Und zwar werde ich dabei nicht bloß die -Bestimmungen für Nonnen berücksichtigen, sondern auch diejenigen für -Mönche; denn wie euch Ein Name und dasselbe Gelübde der Enthaltsamkeit mit -uns verbindet, so gelten auch fast alle unsere Bestimmungen ebenso für -euch. Aus diesem Vorrat, wie gesagt, will ich dieses und jenes auswählen, -gleichsam eine Blumenlese, mit der ich die Lilien eurer Keuschheit -schmücken will, und zu dem Zweck werde ich auf die Beschreibung der Braut -Christi mehr Fleiß verwenden müssen als Zeuxis auf sein Götzenbild. Er -glaubte es sei genug, wenn er fünf Jungfrauen habe, um ihre Schönheit -nachzubilden. Uns aber steht der ganze Reichtum von Schriften der Väter zu -Gebote und so hoffen wir im Vertrauen auf die göttliche Hilfe, euch ein -vollkommeneres Werk zu hinterlassen, das euch tüchtig macht zu dem Los und -zu den Tugenden jener fünf klugen Jungfrauen, die uns der Herr im -Evangelium zeigt als Vorbilder christlicher Jungfräulichkeit. Mögen eure -Gebete mir dazu helfen, daß dem Wollen das Vollbringen nicht mangle. Seid -in Christo gegrüßt, ihr Bräute Christi! - -Ich habe beschlossen, die Schrift, welche ich zu eurer Belehrung verfassen -will und in welcher ich euren frommen Stand beschreiben und fest umgrenzen, -sowie über die würdige Begehung des Gottesdienstes reden werde, in drei -Abschnitte einzuteilen. Denn drei Stücke sind, so glaube ich, der -Hauptsache nach wesentlich für das klösterliche Leben: Keuschheit, -Besitzlosigkeit und Schweigen; das heißt nach der Vorschrift, welche der -Herr im Evangelium giebt: die Lenden umgürten, allem entsagen, müßige Worte -vermeiden. Unter Keuschheit aber ist diejenige Enthaltsamkeit zu verstehen, -welche der Apostel empfiehlt mit den Worten: »Welche nicht freiet, die -sorget was dem Herrn angehöret, daß sie heilig sei, beide an Leib und auch -am Geist«. Am Leib, sagt er, und meint damit den ganzen, nicht bloß ein -einzelnes Glied, damit nicht irgend eines in Worten oder Handlungen zur -Unreinigkeit abirre. Heilig an der Seele ist sie dann, wenn weder in ihrem -Herzen ein unreiner Gedanke aufsteigen darf noch auch der Stolz sie -aufbläht, wie die fünf thörichten Jungfrauen, die, während sie -zurückliefen, um Öl zu kaufen, hinausgeschlossen wurden. Und als sie nun -vergebens an die geschlossene Thür pochten und riefen: »Herr, Herr, thue -uns auf!« -- da wird ihnen von diesem selbst die furchtbare Antwort zu -teil: »Wahrlich, ich sage euch, ich kenne euch nicht«. - -Sodann aber verlassen wir alles und folgen nackt dem nackten Christus nach, -wie es die heiligen Apostel gemacht haben. Dazu gehört, daß wir um -seinetwillen nicht bloß irdischen Besitz oder Bande des Blutes, sondern -auch unsern eigenen Willen hintansetzen, so daß wir nicht nach eigenem -Gutdünken leben, sondern durch den Willen unseres Vorgesetzten uns lenken -lassen und uns dem, der an Christi Statt unser Oberhaupt ist, völlig -unterwerfen wie Christo selbst. Er sagt selbst von solchen: »Wer euch -höret, der höret mich, und wer euch verachtet, der verachtet mich«. Selbst -wenn jener, was Gott verhüte, einen üblen Lebenswandel führen sollte -- -wenn er nur gute Vorschriften giebt; denn um der schlechten Menschen willen -darf man Gottes gute Absicht nicht verachten. In dieser Beziehung sagt der -Herr selbst: »Was sie euch sagen, das haltet und thut, aber nach ihren -Werken sollt ihr nicht thun«. Worin aber diese Bekehrung von der Welt zu -Gott bestehe, darüber äußert er sich deutlich also: »Wer nicht entsagt -allem, das er hat, der kann nicht mein Jünger sein«. Ferner: »So jemand zu -mir kommt und hasset nicht seinen Vater, Mutter, Weib, Kind, Brüder, -Schwestern, auch dazu sein eigen Leben, der kann nicht mein Jünger sein«. -Seinen Vater oder seine Mutter hassen heißt aber so viel als: sich nicht -durch die Rücksicht auf Bande des Blutes halten lassen; gleichwie sein -Leben hassen so viel ist als: auf seinen eigenen Willen verzichten. Dieses -Verlangen stellt der Herr selbst ein anderes Mal an uns mit den Worten: -»Will mir jemand nachfolgen, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz -auf sich und folge mir«. Denn also gehen wir hinter ihm drein auf seiner -Spur, wir folgen ihm nach, indem wir mit Eifer sein Beispiel nachahmen, der -gesagt hat: »Ich suche nicht meinen Willen, sondern des Vaters Willen, der -mich gesandt hat«. Als wollte er sagen: wir sollen alles im Gehorsam thun. -Denn was heißt »sich selbst verleugnen« anderes als: das Behagen des -Fleisches und den eigenen Willen hintansetzen und sich von fremdem, nicht -vom eigenen Gutdünken leiten lassen? Und so empfängt der Mensch sein Kreuz -nicht aus eines anderen Hand, sondern er nimmt es selbst auf sich, und -durch dasselbe ist ihm die Welt gekreuzigt und er der Welt, wenn er durch -ein freiwilliges Gelübde allen weltlichen und irdischen Wünschen entsagt, -d. h. auf seinen eigenen Willen verzichtet. Denn was wollen die, die vom -Fleische sind, anderes als _ihren_ Willen durchsetzen? Und giebt es eine -höhere irdische Lust, als die Befriedigung des eigenen Willens, wenn -dieselbe gleich mit höchster Mühe und Gefahr erkauft werden muß? Dagegen -das Kreuz tragen, d. h. eine Qual aushalten -- was ist es anderes, als -etwas geschehen lassen, was unserem Willen zuwider ist, wiewohl die -Durchsetzung desselben uns leicht und angenehm wäre? Darum spricht ein -anderer Jesus, der freilich an den wahren nicht hinanreicht, im Buch Sirach -die Warnung aus: »Folge nicht deinen bösen Lüsten, sondern brich deinen -Willen, denn wo du deinen bösen Lüsten folgest, so wirst du dich deinen -Feinden selbst zum Spott machen«. Wenn wir aber so unsern Wünschen wie uns -selber ganz und gar entsagen, dann geben wir in Wirklichkeit jeden -Eigenbesitz auf und führen jenes apostolische Leben, dem alles gemeinsam -ist, wie geschrieben steht: »Die Menge aber der Gläubigen war Ein Herz und -Eine Seele; auch keiner sagete von seinen Gütern, daß sie sein wären, -sondern es war ihnen alles gemein, und es wurde jedem zugeteilt nach dem -ihm not war«. Nicht alle hatten ja die gleichen Bedürfnisse, darum teilte -man nicht allen das gleiche Maß zu, sondern jedem, nachdem ihm not war. -»Ein Herz« -- im Glauben, denn mit dem Herzen glaubt man. »Eine Seele« -- -denn aus Liebe kamen sie einander mit ihren Wünschen entgegen; jeder -wünschte dem andern das, was er selbst wollte, und niemand war mehr auf den -eigenen Vorteil bedacht als auf den des Nächsten, sondern alles wurde dem -allgemeinen Wohl dienstbar gemacht. Niemand suchte und erstrebte das Seine, -sondern das, was Jesu Christi ist. Denn anders wäre ein Leben ohne -persönliches Eigentum nicht denkbar, das mehr im Ehrgeiz als im -eigentlichen Besitz seinen Grund hat. - -Jedes überflüssige, müßige Wort ist ebensogut wie Schwatzhaftigkeit. Der -heilige Augustin sagt im ersten Buch seiner Retraktationen: »Es sei ferne -von mir, den Vorwurf der Schwatzhaftigkeit zu erheben, wo Notwendiges -geredet wird, sei es auch mit großer Wortfülle und Ausführlichkeit«. Und -Salomo seinerseits sagt: »Wer viel redet, der wird leicht in Sünden fallen; -wer aber seine Zunge im Zaum hält, der ist klug«. Wir dürfen uns also wohl -hüten vor einem Ding, das so leicht zur Sünde führt; je gefährlicher die -Krankheit ist und je schwieriger zu vermeiden, desto ängstlicher müssen wir -vor ihr auf der Hut sein. Im Hinblick darauf sagt der heilige Benedikt: -»Die Mönche sollen sich allezeit des Schweigens befleißigen«. Aus dem -Schweigen eine förmliche Übung zu machen, ist sicherlich mehr als einfach -Schweigen beobachten. Denn zum Begriff der Übung gehört es, daß man den -Willen streng dazu anhält, irgend etwas zu thun. Denn vieles thun wir -nachlässig oder unwillkürlich; soll aber etwas herauskommen, so muß unser -Wille und unsere Aufmerksamkeit dabei sein. - -Wie schwer, aber auch wie nützlich es ist, seine Zunge im Zaume zu halten, -das weiß der Apostel Jakobus wohl und sagt deshalb: »Wir fehlen alle -manchfältiglich; wer aber auch in keinem Wort fehlet, der ist ein -vollkommener Mann«. Und weiter sagt er: »Alle Natur der Tiere und der Vögel -und der Schlangen und der Meerwunder werden gezähmet und sind gezähmet von -der menschlichen Natur«. Indem er sich aber deutlich macht, wie die Zunge -eine Urheberin von so viel Bösem und alles Guten Zerstörerin ist, sagt der -Apostel weiter oben und weiter unten in seinem Brief: »Die Zunge ist ein -klein Glied, aber welch ein Feuer! Welch einen Wald zündet's an!... eine -Welt voll Ungerechtigkeit, ein unruhiges Übel, voll tödlichen Giftes«. Was -aber ist gefährlicher und mehr zu fürchten als Gift? Wie also durchs Gift -das Leben vernichtet wird, so zerstört die Geschwätzigkeit alle -Frömmigkeit. Darum heißt es im gleichen Briefe weiter vorn: »So aber sich -jemand unter euch lässet dünken, er diene Gott und hält seine Zunge nicht -im Zaum, sondern verführet sein Herz, des Gottesdienst ist eitel«. So heißt -es auch in den Sprüchen: »Ein Mann, der seinen Geist nicht halten kann, ist -wie eine Stadt ohne Mauern«. So meinte es auch jener Greis, als ihm -Antonius in Beziehung auf einige vielredende Brüder, welche sich zu ihm -gesellt hatten, sagte: »Du hast rechtschaffene Brüder angetroffen, mein -Vater.« Jener antwortete: »Rechtschaffene wohl, aber ihr Haus hat keine -Thüre. Wer nur will, kann in ihren Stall eintreten und den Esel losbinden«. -Denn unsere Seele ist gleichsam angebunden an die Krippe des Herrn, und -nährt und erquickt sich da mit frommen Betrachtungen. Von dieser Krippe -wird sie gelöst und schweift mit ihren Gedanken in der ganzen Welt herum, -wenn das Gebot des Schweigens sie nicht zurückhält. Durch Worte wird die -vernunftbegabte Seele veranlaßt, auf das, was sie hört, aufzumerken und -darüber nachzudenken. Mit Gott aber reden wir in Gedanken, wie mit den -Menschen in Worten. Während wir nun hier auf die Worte der Menschen hören, -muß unsere Aufmerksamkeit notwendig von dort abgezogen werden, denn wir -können nicht Gott und den Menschen zugleich unsere Aufmerksamkeit schenken. - -Und nicht bloß müßige Worte sollen wir vermeiden, sondern auch solche, mit -denen vielleicht einiger Nutzen verbunden sein könnte; denn allzuleicht -kommt man vom Notwendigen aufs Unnütze und vom Unnützen aufs Schädliche. -Denn »die Zunge, sagt Jakobus, ist ein unruhiges Übel«. Je kleiner und -feiner sie ist als die übrigen Glieder, desto beweglicher, und während die -andern durch Bewegung müde werden, ermattet sie, wenn sie nicht in Bewegung -gesetzt wird, und gerade die Ruhe ist ihr unerträglich. Je feiner und -biegsamer sie aber infolge der Weichheit unseres Körpers ist, desto -lebhafter ist ihre Neigung, sich zu bewegen und zu sprechen, und so kann -sie zur Pflanzstätte alles Bösen werden. - -Der Apostel wußte, daß die Zunge hauptsächlich euch viel zu schaffen mache -und untersagt deshalb den Frauen das Sprechen in der gottesdienstlichen -Versammlung, selbst das Reden über religiöse Fragen; sie sollen zu Hause -ihre Männer fragen, und auch wenn sie über solche Dinge belehrt werden, -sollen sie, wie überhaupt bei all ihrem Thun, demütiges Schweigen -beobachten. Dem Timotheus schreibt er hierüber: »Ein Weib lerne in der -Stille mit aller Unterthänigkeit; einem Weib aber gestatte ich nicht, daß -sie lehre, auch nicht daß sie des Mannes Herr sei, sondern stille sei«. -Wenn nun der Apostel Laien und verheirateten Frauen solche Vorschriften in -Betreff des Schweigens giebt -- was werdet dann ihr zu thun haben? Indem er -dem Timotheus solche Vorschriften giebt, will er damit sagen, daß die -Frauen wortreich seien und gern reden, wo es nicht nötig ist. - -Um diesem Übel nun einigermaßen zu steuern, soll die Zunge im Zaum gehalten -und vollständiges Schweigen beobachtet werden an folgenden Orten und zu -folgenden Zeiten: beim Gottesdienst, im Kloster, im Schlafsaal, im -Refektorium, beim Essen, in der Küche und ganz besonders nach dem -Kompletorium. Wenn es notwendig ist, kann man an den genannten Orten und zu -den vorgeschriebenen Zeiten statt der Worte Zeichen anwenden. Man hat dafür -Sorge zu tragen, daß jedermann diese Zeichen erlerne. Durch dieselben kann -man einander, wenn man notwendig etwas zu sagen hat, auch an einen -geeigneten, dazu bestimmten Ort bestellen. Und nachdem man sich mit -möglichst wenig Worten verständigt hat, gehe man an seinen vorigen Platz -zurück oder thue, was zu thun ist. Auch soll man den Mißbrauch von Worten -oder Zeichen schonungslos tadeln, besonders aber das Übermaß von Worten, -weil hier die größte Gefahr droht. - -In dem lebhaften Wunsche, dieser vielfachen und großen Gefahr zu steuern, -giebt uns der heilige Gregorius im achten Buch seiner »Moralia« folgende -Vorschrift: »Wenn wir uns nicht vor überflüssigen Worten hüten, so kommen -wir bald bei den wirklich schädlichen an. Daraus entstehen dann Reibereien -und Streitigkeiten, der Zündstoff des Hasses gerät in Flammen und mit dem -Frieden des Herzens ist es vorbei«. Daher sagt Salomo mit Recht: »Wer -Wasser verschüttet, der ruft Streit hervor«. Wasser verschütten, das heißt: -seiner Zunge den Lauf lassen. Dagegen sagt er in lobendem Sinn: »Tiefes -Wasser kommt aus dem Munde des Mannes«. Also wer Wasser verschüttet, der -ruft Streit hervor: denn wer seine Zunge nicht im Zaum hat, der sät -Zwietracht. Darum heißt es in der Schrift: »Wer einem Narren Schweigen -gebietet, der lindert den Zorn«. - -Das ist eine deutliche Mahnung für uns, gegen diesen Fehler die größte -Strenge walten zu lassen und ja keine Nachsicht ihm gegenüber zu üben, -wodurch die Frömmigkeit schwer gefährdet würde. Denn aus dieser Quelle -entspringen Verleumdung, Streit, Verunglimpfung, ja manchmal -Zusammenrottungen und Verschwörungen, welche das Gebäude der Religion -erschüttern, ja über den Haufen werfen. Ist dieses Laster ausgerottet, so -werden damit freilich nicht auch zugleich die bösen Gedanken unterdrückt, -doch werden wenigstens andere vor Ansteckung bewahrt. - -Der Abt Macarius warnte vor diesem Laster so nachdrücklich, als glaubte er, -daß die Vermeidung desselben allein schon zur Frömmigkeit genüge. Es wird -von ihm erzählt: »Der Abt Macarius in Skythien gab seinen Mönchen die -Weisung: 'Nach der Messe meidet einander, meine Brüder'. Da sagte einer der -Mönche: 'Vater, wohin sollen wir, um eine größere Einsamkeit zu finden als -diese?' Da legte er den Finger an die Lippen und sagte: 'Das ist es, was -ihr fliehen sollt'. Damit trat er in seine Zelle, schloß die Thür hinter -sich zu und blieb allein«. Diese Tugend des Schweigens, die nach Jakobus -den Menschen vollkommen macht und von der Jesaias sagt: »Schweigen ist -Pflege der Gerechtigkeit« -- sie wurde von den heiligen Vätern mit so -glühendem Eifer geübt, daß z. B. der Vater Agatho drei Jahre lang einen -Stein im Munde trug, bis er schweigen lernte. - -Wiewohl die Seligkeit nicht am Ort hängt, so kann er doch unter Umständen -zur Bewahrung und Festigung der Frömmigkeit förderlich sein, und je nachdem -trägt er zur Förderung oder zur Beeinträchtigung derselben bei. Darum zogen -sich auch die Schüler der Propheten, von denen Hieronymus sagt, sie seien -die Mönche des alten Bundes, in die Einsamkeit zurück und bauten sich an -den Ufern des Jordans ihre Hütten. Auch Johannes und seine Schüler, die -Begründer unserer Lebensweise, ferner Paulus, Antonius, Macarius und alle -hervorragenden Vertreter unseres Standes haben dem Lärm der an Versuchungen -so reichen Welt den Rücken gekehrt und haben sich in der Einsamkeit eine -Stätte frommer Betrachtung errichtet, um ganz ungestört des Umgangs mit -Gott zu pflegen. - -Selbst unser Herr, der doch für keine Versuchung zugänglich war, giebt uns -in dieser Hinsicht ein Beispiel, indem er, wenn er etwas Großes vorhatte, -mit Vorliebe die Einsamkeit aufsuchte und dem Lärm des Volks aus dem Wege -ging. So hat der Herr selbst durch sein vierzigtägiges Fasten die Wüste für -uns geheiligt, in der Wüste hat er die Menge gespeist, und um von seinem -Gebet jede Störung fernzuhalten, hat er sich nicht bloß von der Menge, -sondern auch von seinen Jüngern zurückgezogen. Auch die Jünger hat er -abseits auf einem Berg unterrichtet und erwählt, die Einöde war es, die vom -Glanze seiner Verklärung wiederstrahlte, auf einem Berge teilte er den -versammelten Jüngern die freudige Gewißheit seiner Auferstehung mit, und -vom Berge fuhr er gen Himmel, und außerdem verrichtete er noch viele -mächtige Thaten in der Wüste oder an einsamen Örtern. - -Auch dem Moses und den alten Vätern ist Gott in der Wüste erschienen; durch -die Wüste hat er sein Volk ins gelobte Land geführt, in der Wüste hat er es -festgehalten, ihm sein Gesetz gegeben, Manna regnen lassen, Wasser aus dem -Fels gespendet, durch häufige Erscheinungen sein Volk getröstet und viel -Wunder gethan. Durch all das hat das einzigartige Wesen uns deutlich -gezeigt, wie sehr es die Einsamkeit für uns liebe, weil wir in derselben -reineren Umgangs mit ihm pflegen können. - -Ja, unter dem mystischen Bilde des Waldesels, der die Wildnis liebt, die -Freiheit beschreibend und preisend, spricht Gott zu dem frommen Hiob: »Wer -hat den Waldesel so frei lassen gehen, wer hat die Bande des Wildes -aufgelöst? Dem ich das Feld zum Hause gegeben und die Wüste zur Wohnung. Er -verlacht das Getümmel der Stadt, das Pochen des Treibers hört er nicht. Er -schauet nach den Bergen, da seine Weide ist und suchet, wo es grün ist«. - -Es ist als wollte er sagen: Wer hat das gemacht? Bin Ich es nicht? Unter -dem, was wir Waldesel nennen, ist der Mönch zu verstehen, der ledig aller -weltlichen Bande die ruhevolle Freiheit des einsamen Lebens aufgesucht hat -und der Welt entflohen ist. Er wohnt in der Wüste, denn seine Glieder sind -ausgetrocknet und abgemagert vom Fasten. Das Pochen des Treibers hört er -nicht, wohl aber seine Stimme, weil er seinen Magen nicht überladet, -sondern ihm nur das Notwendige zukommen läßt. Denn wer ist tagtäglich ein -ungestümerer Treiber als der Magen? Er erhebt ein Geschrei, d. h. er -verlangt mit Ungeduld nach überflüssigen und leckeren Speisen, und darauf -darf man durchaus nicht hören. Die Berge, da seine Weide ist, das sind die -Lebensbilder und Lehren der ehrwürdigen Väter, die wir zu unserer Stärkung -lesen und betrachten. Unter dem Grünen sind zu verstehen alle die -Schriften, die uns den Weg zum himmlischen, unverwelklichen Leben zeigen. - -Eine Mahnung zur Einsamkeit enthält auch das Wort, welches Hieronymus an -den Mönch Heliodorus schreibt: »Besinne dich auf die Bedeutung des Wortes -'Mönch', d. h. des Namens, den du trägst. Was thust du unter der Menge, der -du der Einsamkeit gehörst?« Derselbe Schriftsteller unterscheidet unsere -Lebensweise von derjenigen der Kleriker in einem Brief an den Presbyter -Paulus folgendermaßen: »Wenn du das Amt eines Presbyters verwalten willst, -wenn dir die Würde oder vielmehr die Bürde eines Bischofs gefällt, dann -wohne in Städten und festen Plätzen und suche dein Glück im Seelenheil -anderer. Willst du aber sein, was du heißest, nämlich ein Mönch, d. h. ein -Einsamer, was thust du dann in den Städten, die doch nicht Aufenthaltsorte -für Einsame sind, sondern für die Menge? Jeder Stand hat seine obersten -Vertreter ... um nun auf den unsrigen zu kommen: Bischöfe und Presbyter -mögen sich die Apostel und apostolischen Männer zum Vorbild nehmen und sich -bestreben, ihnen nicht bloß an Rang, sondern auch an Tugend gleichzukommen. -Wir aber sollen als unsere Vorbilder betrachten Männer wie Paulus, -Antonius, Hilarion, Macarius. Und um wieder auf das zu kommen, was die -Schrift uns sagt: unsere Oberhäupter sind Elias, Elisäus, auch die -Prophetenschüler sind unsere Führer, welche wohnten im wüsten Gefilde und -sich Hütten bauten an den Ufern des Jordans. Zu ihnen gehören auch jene -Söhne des Rechab, die keinen Wein und kein gegorenes Getränke tranken, die -in Zelten wohnten und welche durch die aus Jeremias ertönende Stimme Gottes -gelobt wurden: es solle in ihrem Stamme nie an Männern fehlen, die in -Gottes Dienst stehen«. - -So sollen also auch wir unsere Wohnung in der Einsamkeit aufschlagen, damit -wir fähig sind, vor Gott zu stehen und seinem Dienste uns widmen können. Da -wird kein Zudrang von Menschen unsere Ruhestätte erschüttern, unser -Stillleben stören, uns mit Versuchungen nahen und die Gedanken von unserem -heiligen Beruf abziehen. - -Uns allen mag der heilige Arsenius ein deutliches Vorbild sein, den der -Herr zur Freiheit eines beschaulichen Lebens geführt hat. Von ihm wird -erzählt: »Der Vater Arsenius, als er noch in seinem Palast lebte, betete zu -Gott: 'Herr, führe mich auf den Weg des Heils'. Da ertönte eine Stimme, die -sprach: 'Arsenius, fliehe die Menschen und du wirst gesund werden'. Er -ergab sich nun dem Mönchsleben und betete wieder einmal mit denselben -Worten: 'Herr, führe mich auf den Weg des Heils'. Und er vernahm eine -Stimme, die sprach: 'Arsenius, fliehe, schweig, halte Ruh', das sind die -Wurzeln der Sündlosigkeit'«. Diese göttliche Vorschrift machte er sich zu -seiner Regel und floh nicht bloß selber die Menschen, sondern sorgte auch -dafür, daß sie vor ihm flohen. Als einmal der Erzbischof in Begleitung -einer Magistratsperson ihn besuchen und ein erbauliches Gespräch mit ihm -führen wollte, sagte Arsenius: »Und wenn ich euch etwas sagen werde, werdet -ihr euch danach richten?« Als sie dies bejahten, sagte er: »Überall, wo ihr -hören werdet: Arsenius ist da -- da bleibet ferne«. Als ihn der Erzbischof -ein zweites Mal besuchen wollte, schickte er zuvor zu ihm, um zu sehen, ob -er ihn empfangen werde. Arsenius ließ ihm sagen: »Wenn du kommst, so werde -ich dir zwar meine Thür öffnen; habe ich aber dir geöffnet, so muß ich auch -allen andern öffnen, und dann wird meines Bleibens hier nicht länger sein«. -Darauf sagte der Bischof: »Wenn ihn mein Besuch nur vertreibt, so will ich -nie mehr zu dem heiligen Manne gehen«. Einer römischen Dame, die gekommen -war, um seiner Heiligkeit zu huldigen, sagte er: »Was ist dir eingefallen, -eine so weite Reise zu machen? Weißt du nicht, daß du ein Weib bist und -nicht in der Welt herumfahren sollst? Oder willst du den andern Frauen in -Rom erzählen: ich habe den Arsenius gesehen -- so daß das Meer bald von -Weibern wimmeln wird, die mich besuchen wollen?« Die Frau antwortete: »Wenn -Gott mir die Rückkehr nach Rom verstattet, so will ich dafür sorgen, daß -niemand hierher kommt. Aber bitte für mich und gedenke allezeit meiner.« -Darauf Arsenius: »Ja, ich will Gott bitten, daß er die Erinnerung an dich -aus meinem Herzen verwische«. Als die Dame dies vernahm, entfernte sie sich -ganz betroffen. - -Es wird weiter von ihm erzählt: als der Vater Markus ihn fragte, warum er -den Menschen so sehr aus dem Wege gehe, habe er geantwortet: »Weiß Gott, -ich liebe die Menschen, aber ich kann nicht mit Gott und mit den Menschen -zugleich verkehren«. - -Die heiligen Väter scheuten den Verkehr und die Bekanntschaft mit den -Leuten so sehr, daß einige von ihnen, nur um die Menschen ganz fern von -sich zu halten, sich wahnsinnig stellten, ja, was fast unglaublich ist, -sich selbst für Ketzer ausgaben. In dem »Leben der Altväter« kann man es -lesen, was der Vater Simeon für Anstalten machte, als der Statthalter der -Provinz ihn besuchen wollte: er bedeckte sich mit einem Sack, nahm ein -Stück Brot und Käse in die Hand, setzte sich unter die Thür seiner Zelle -und fing an zu essen. Man lese auch die Geschichte von jenem Einsiedler, -der, als er erfuhr, daß Leute mit Fackeln zu ihm kommen, seine Kleider -auszog, sie in den Fluß warf und alsdann ganz nackt sich anschickte, sie zu -waschen. Sein Diener errötete bei diesem Anblick und bat die Leute: »Kehret -um, der Alte hat den Verstand verloren«. Als er wieder zu ihm kam, fragte -er ihn: »Was hast du denn gemacht, Vater? Alle, die dich sahen, sagten: der -Alte ist besessen«. Da antwortete der Greis: »Das eben wollte ich hören«. - -Von dem Vater Moses ist ferner zu lesen, daß er, um dem Besuch des -Statthalters zu entgehen, sich in einen Sumpf flüchtete. Unterwegs -begegnete ihm der Statthalter mit seinen Leuten und fragte ihn: »Sag uns, -Alter, wo ist die Zelle des Moses?« Dieser antwortete: »Was wollt ihr von -ihm? Er ist ein Narr und ein Ketzer«. Was soll man dazu sagen, daß der -Vater Pastor sich nicht von dem Statthalter besuchen ließ, obgleich er -dadurch den Sohn seiner Schwester, die ihn flehentlich darum bat, aus dem -Gefängnis hätte befreien können? Wie seltsam! Die Mächtigen dieser Welt -kommen voll Verehrung und Demut, die Heiligen zu besuchen, und diese sind -bestrebt, sie gänzlich von sich fernzuhalten, selbst auf Kosten ihres guten -Rufes. - -Damit ihr aber auch euer eigenes Geschlecht in der Ausübung dieser Tugend -kennen lernet: wer vermöchte jene Jungfrau würdig zu preisen, welche selbst -den Besuch des heiligen Martinus zurückwies, um in ihrer Andacht nicht -gestört zu werden? Hieronymus schreibt darüber an den Mönch Oceanus: »Im -Leben des heiligen Martinus erzählt Sulpitius: der heilige Martinus wollte, -da sein Weg ihn vorbeiführte, eine durch ihre Sittenstrenge berühmte -Jungfrau besuchen. Allein diese wollte nicht, sondern schickte ihm ein -Geschenk und rief dem frommen Mann vom Fenster aus zu: bete dort, mein -Vater, denn noch niemals hat mich ein Mann besucht. Martinus, dies -vernehmend, dankte Gott, daß sie, von solchem sittlichen Ernst erfüllt, -ihrem keuschen Vorsatz treu geblieben war. Er segnete sie und ging fröhlich -von dannen«. Diese Jungfrau verschmähte es oder scheute sich, von dem Lager -ihrer frommen Betrachtung aufzustehen und war bereit, dem Freunde, der an -ihre Thür pochte, zu antworten: »Ich habe meine Füße gewaschen, wie soll -ich sie wieder besudeln?« Wie würden sich Bischöfe und Prälaten in unserer -Zeit gekränkt fühlen, wenn sie eine solche Zurückweisung von Arsenius oder -von dieser Jungfrau erfahren hätten! Möchten sich durch diese Beispiele die -Mönche beschämen lassen, die jetzt in der Einsamkeit leben und sich so sehr -über den Besuch von Bischöfen freuen, daß sie zu ihrer Aufnahme eigene -Häuser bauen. Statt die Herren dieser Welt, die gewöhnlich großes Gefolge -mitbringen, zu meiden, laden sie dieselben ein, und unter dem Vorwand der -Gastfreundschaft vergrößern sie ihre Niederlassungen und machen die -Einsamkeit, die sie aufgesucht haben, zur belebten Stadt. Gewiß ist es das -Werk des alten listigen Versuchers, daß fast alle heutigen Klöster, während -sie in alter Zeit, um den Menschen zu entgehen, in der Abgeschiedenheit -gegründet worden waren, später, als die Glut der Frömmigkeit erkaltete, -Leute herbeigezogen, Knechte und Mägde in Menge angestellt und große -Baulichkeiten an den der Einsamkeit geweihten Orten errichtet haben; so -sind sie selber in die Welt zurückgekehrt oder haben vielmehr die Welt bei -sich eingeschleppt. In die größten Erbärmlichkeiten verwickelt und von -weltlicher wie von geistlicher Gewalt geknechtet, haben sie zugleich Namen -und Wesen des Mönchs, d. h. des Einsiedlers, verloren, während sie müßig -und von der Arbeit anderer leben wollten. Ihre Lage ist oftmals eine so -bedrängte, daß sie, mit der Verteidigung ihrer Schutzbefohlenen und ihres -Eigentums beschäftigt, oft ihr eigenes Besitztum einbüßen, und daß bei dem -häufigen Brande der benachbarten Häuser auch die Klöster selbst vom Feuer -ergriffen werden. Und dennoch legen sie ihrem Übermut keine Zügel an. - -Solche Menschen halten es innerhalb des Klosterbezirks nicht aus, sondern -selbzweit und selbdritt, manchmal auch allein, durchstreifen sie Dörfer, -Schlösser und Städte, ohne um eine Ordensregel sich zu kümmern. Sie sind -viel schlechter als die Weltmenschen, weil sie an ihrem Gelübde zu -Verrätern werden. Die Häuser, in welchen sie wohnen, nennen sie -mißbräuchlich »Obedientien«, und doch wird hier keine Regel eingehalten und -nur dem Bauch und dem Fleische wird Gehorsam geleistet. Hier hausen sie mit -ihren Verwandten und guten Freunden und leben ungestört nach ihres Herzens -Gelüste, da sie von ihrem Gewissen nichts zu fürchten haben. Solchen -frechen Verrätern werden gewiß auch solche Ausschweifungen zum Verbrechen, -die bei anderen Menschen verzeihlich sind. - -Mit derartigen Menschen dürfet ihr nicht bloß nicht in Berührung kommen -- -ihr solltet nicht einmal von ihnen hören. Für eure Schwachheit aber ist die -Einsamkeit darum so notwendig, weil wir hier den Angriffen fleischlicher -Versuchungen weniger ausgesetzt sind und unsern Sinnen weniger Gelegenheit -geboten ist, uns zum Stofflichen hinabzuziehen. Darum sagt auch der heilige -Antonius: »Wer in der Einsamkeit wohnt und ein beschauliches Leben führt, -dem bleiben dreierlei Kämpfe erspart, der mit dem Gehör, der mit der Zunge -und der mit den Augen, und nur Ein Kampf bleibt ihm zu bestehen: der mit -dem Herzen«. Diese Vorzüge der Einsamkeit hat auch der große Kirchenlehrer -Hieronymus gar wohl erkannt, und dem Mönche Heliodorus sie vorhaltend, ruft -er aus: »O Einsamkeit, die du dich des vertrauten Umgangs mit Gott -erfreust! Mein Bruder, was machst du dir in der Welt zu schaffen, der du -über der Welt stehst!« - -Nachdem ich nun im allgemeinen darüber gesprochen habe, wo ein Kloster -passend anzulegen sei, will ich noch zeigen, wie die Lage des Ortes selbst -des näheren beschaffen sein soll. Bei der Wahl des Ortes für ein Kloster -ist, soweit dies irgend geschehen kann, der Rat des heiligen Benediktus zu -befolgen: innerhalb des klösterlichen Bezirkes soll womöglich alles das -beschlossen sein, was für ein Kloster unumgänglich notwendig ist: nämlich -Garten, Brunnen, Mühle, Bäckerei mit Backofen und Räumlichkeiten, wo die -Schwestern ihre täglichen Geschäfte verrichten können, so daß kein Anlaß -vorhanden ist, draußen herumzuschweifen. - -Wie im Kriegslager eines weltlichen Heeres, so muß auch in den Lagern des -Herrn, d. h. in den klösterlichen Gemeinschaften, ein Oberhaupt sein, das -den andern zu gebieten hat. Dort steht Ein Befehlshaber, dessen Wink in -allem befolgt wird, an der Spitze des Ganzen. Wegen der Größe des Heeres -und seiner zahlreichen Amtspflichten überträgt er einen Teil seiner Last -auf andere und setzt zu diesem Zweck mehrere Unterbefehlshaber ein, welche -die einzelnen Abteilungen beaufsichtigen und den Dienst überwachen. So soll -es auch in den Klöstern gehalten werden: eine würdige Schwester soll die -Oberaufsicht über die andern haben; nach ihrer Meinung und nach ihrem -Gutdünken sollen sich die andern richten, keine soll sich unterstehen, ihr -Schwierigkeiten zu machen oder gegen ihren Befehl zu murren. Denn keine -menschliche Gemeinschaft, nicht einmal die kleine Genossenschaft auch nur -Einer Familie kann bestehen, wenn man nicht streng auf Einigkeit hält und -nicht das Regiment in der Hand eines Einzigen liegt. Darum schloß auch die -Arche, das Abbild der Kirche, mit Einer Elle ab, obwohl sie deren in die -Länge und Breite viele hatte. Und in den Sprüchen steht geschrieben: »Um -ihrer Sünden willen hat die Erde viele Herren«. Auch nach dem Tod -Alexanders vermehrte sich mit den Königen zugleich das Unheil, und in Rom -hatte die Eintracht keinen Bestand, als mehrere sich in die Herrschaft -teilten; daher sagt Lukanus im ersten Buch seiner Gedichte: - - »Den Grund deiner Leiden - Schufst du dir selbst, o Rom, da du drei Herren gehorchtest: - Nie noch ward ein Vertrag, der die Herrschaft teilte, zum Segen.« - --- -- -- Und einige Verse weiter unten heißt es: - - »Ja, so lange die Erde das Meer, der Äther den Erdball - Trägt, und die Sonne den Lauf in weiten Bahnen vollendet, - Und den Tag ablösend die Nacht mit denselben Zeichen heraufzieht: - _So lang_ traut von mehreren Herrn nicht einer dem andern, - Und kein Herrscher trägt mit Geduld den Genossen der Herrschaft.« - -So ging es gewiß auch mit den Jüngern des frommen Abtes Frontonius. Er -hatte deren in seinem Geburtsort gegen siebzig um sich versammelt und große -Gnade bei Gott und den Menschen erlangt. Auf einmal verließ er das Kloster -in der Stadt und alles, was er an Gütern besaß, und nahm seine Jünger, von -allem entblößt, mit sich in die Wüste. Nach kurzer Zeit murrten sie, wie -einst das Volk Israel gegen Moses, weil er sie von den Fleischtöpfen -Ägyptens und dem Überfluß des Landes in die Wüste geführt habe, und -sprachen: »Ist die Keuschheit nur in der Wüste zu Hause, nicht auch in den -Städten? Warum kehren wir nicht zurück in die Stadt, die wir nur auf kurze -Zeit verlassen wollten? Oder erhört Gott nur in der Wüste Gebete? Wer kann -von der Speise der Engel leben? Wer macht sich gern zum Genossen der wilden -Tiere? Was nötigt uns, hier zu bleiben? Warum kehren wir nicht zurück in -die Heimat, um dort Gott zu preisen?« - -Daher mahnt auch der Apostel Jakobus: »Liebe Brüder, unterwinde sich nicht -jedermann Lehrer zu sein und wisset, daß wir desto mehr Urteil empfahen -werden«. Und Hieronymus schreibt in der Lebensregel, die er dem Mönch -Rusticus gab: »Keine Kunst lernt sich ohne Lehrer. Selbst die -unvernünftigen Geschöpfe und die Rudel wilder Tiere haben ihre Führer, -denen sie folgen. Bei den Bienen geht Eine voran und die andern folgen. Die -Kraniche folgen ihrem Führer in geschlossener Ordnung. Ein Herrscher, Ein -Richter der Provinz. Als Rom gegründet wurde, konnte es die beiden Brüder -nicht zugleich als Herrscher ertragen, und es kam darob zum Brudermord. Im -Leib der Rebekka haben Esau und Jakob einander bekämpft. Jeder Bischof, -jeder Oberpriester, jeder Archidiakon und überhaupt der ganze hierarchische -Stand hat seinen Vorgesetzten. Im Schiff Ein Steuermann, im Haus Ein Herr. -Im größten Heere sieht alles auf den Wink eines Einzigen. Durch all dies -will ich nur soviel klar machen, daß man im Kloster nicht nach seinem -eigenen Willen lebt, sondern unter der Zucht eines einzigen Vorgesetzten -und in der Gemeinschaft mit vielen«. - -Um aber die Einigkeit aufrecht zu erhalten, ist es notwendig, daß Eine -Schwester allen andern vorstehe, und daß ihr alle übrigen gehorchen. Unter -ihr sollen dann wieder andere gleichsam als Hilfsbeamte stehen, welche sie -nach eigenem Ermessen wählen mag. Diese sollen ihres Amtes warten in dem -Umfang, wie es ihnen von der Oberin übertragen worden ist, und gleichsam -die Anführer und Berater im Heere des Herrn sein. Die Gesamtheit der -übrigen aber soll als der Truppenkörper unter ihrer Leitung gegen den Bösen -und seine Trabanten tapfer ankämpfen. - -Ich bin der Meinung, daß für die gesamte Verwaltung des Klosters nicht mehr -und nicht weniger als sieben Schwestern notwendig sind: nämlich eine -Pförtnerin, eine Kellermeisterin, eine Kleiderbewahrerin, eine -Krankenpflegerin, eine Vorsängerin, eine Sakristane, endlich eine -Diakonisse, oder, wie man sie jetzt nennt, eine Äbtissin. Diese Diakonisse -bekleidet gleichsam die Stelle des Feldherrn, dem alles gehorcht, in diesem -geistlichen Lager, in diesem Kriegsdienst des Herrn; steht ja doch -geschrieben: »Des Menschen Leben auf der Erde ist ein Kriegsdienst« -- und -anderswo: »Schrecklich wie Heeresspitzen«. Die sechs andern Schwestern, die -wir Offizialen nennen, stehen unter dem Befehl der ersten und nehmen den -Platz der Führer und Konsuln ein. Alle übrigen Nonnen aber, die wir -Klausnerinnen nennen, verrichten nach Art von Kriegern den göttlichen -Dienst, in welchem sie stehen. Solche Schwestern aber, die sich bekehrt -und, ebenfalls der Welt entsagend, sich den Nonnen angeschlossen haben und -ein frommes, wenngleich nicht klösterliches Leben führen, nehmen eine mehr -untergeordnete Stellung ein, wie der Troß bei einem weltlichen Heer. - -Nun aber bleibt noch übrig, unter der Leitung des göttlichen Geistes die -einzelnen Rangstufen in diesem Heerwesen genau festzusetzen, damit sie den -Angriffen der bösen Geister gegenüber wirkliche »Heeresspitzen« seien. - -Bei der Aufstellung unserer Regel wollen wir mit dem Oberhaupte, nämlich -mit der Diakonisse, beginnen und unsere Anordnungen über diejenige Person -feststellen, die dann wiederum alles andere anzuordnen hat. Ich habe schon -in meinem letzten Brief erwähnt, wie der Apostel Paulus dem Timotheus ihre -Frömmigkeit als eine solche beschreibt, die ganz besonders hervorragend und -erprobt sein müsse; nämlich also: »Laß keine Witwe erwählt werden unter -sechzig Jahren, und die da gewesen sei Eines Mannes Weib und die ein -Zeugnis habe guter Werke, so sie Kinder aufgezogen hat, so sie gastfrei -gewesen ist, so sie der Heiligen Füße gewaschen hat, so sie den Trübseligen -Handreichung gethan hat, so sie allem guten Werk nachgekommen ist. Der -jungen Witwen aber entschlage dich«. Derselbe Apostel sagt in seiner -Unterweisung für Diakonen über die Diakonissen: »Desselbengleichen ihre -Weiber sollen ehrbar sein, nicht Lästerinnen, nüchtern, treu in allen -Dingen«. Den Zweck und die Absicht, welche der Apostel mit diesen -Bestimmungen verfolgt, glaube ich in meinem letzten Brief genügend -besprochen zu haben, besonders auch die Frage, warum die Diakonisse nach -dem Willen des Apostels Eines Mannes Weib und vorgerückten Alters sein -soll. Darum können wir uns auch nicht genug wundern, daß in die Kirche der -verderbliche Brauch sich eingeschlichen hat, lieber Jungfrauen als gewesene -Ehefrauen mit diesem Amte zu betrauen und öfters Jüngere den Älteren -vorzuziehen, da doch der Prediger sagt: »Wehe dir, Land, des König ein Kind -ist« -- und da wir doch alle gewiß dem Worte des frommen Hiob recht geben: -»Bei den Großvätern ist Weisheit und Verstand bei den Alten«. Darum heißt -es auch in den Sprüchen: »Graue Haare sind eine Krone der Ehren, die auf -den Wegen der Gerechtigkeit gefunden werden«. Und im Buche Sirach: »O wie -fein steht's, wenn die grauen Häupter weise und die Alten klug und die -Herren vernünftig und vorsichtig sind! Das ist der Alten Krone, wenn sie -viel erfahren haben; und ihre Ehre ist, wenn sie Gott fürchten.« Weiter -heißt es da: »Der Älteste soll reden, denn es gebühret ihm, als der -erfahren ist ... Ein Jüngling mag auch wohl reden einmal oder zwei, wenn's -not ist; und wenn man ihn fragt, soll er's kurz machen, und sich halten als -der nicht viel wisse und lieber schweige. Und soll sich nicht den Herrn -gleich achten und wenn ein Alter redet, nicht drein waschen«. - -Darum nennt man auch die Priester, welche in der Kirche über dem Volk -stehen, Älteste; schon ihr Name will ausdrücken, was sie sein sollen. Und -in den Lebensbeschreibungen der Heiligen heißen diejenigen, die wir jetzt -Väter nennen, Alte. - -Mit allem Ernst also hat man darauf zu sehen, daß bei der Wahl und Weihe -der Diakonisse vor allem der Rat des Apostels befolgt und eine Schwester -gewählt werde, welche durch ihre Lebensführung und durch ihr Wissen den -andern überlegen ist; ihr reifes Alter soll eine Bürgschaft sein auch für -die Zuverlässigkeit ihrer Sitten; durch Gehorsam soll sie sich das Recht -zum Befehlen erworben haben; die Regel soll sie nicht bloß vom Hörensagen, -sondern vom Ausüben kennen gelernt und sich fest eingeprägt haben. Wenn sie -nicht durch Gelehrsamkeit glänzt, so mag sie sich darüber trösten: sie ist -ja nicht zu philosophischen Verhandlungen und dialektischen Übungen da, -sondern sie soll sich mit der Kunst des regelrechten Lebens und mit der -Ausübung guter Werke befassen. So heißt es vom Herrn: er fing an zu thun -und zu lehren -- also zuerst thun, dann erst lehren. Denn die Kunst des -Handelns ist besser und vollkommener als die des Redens, die That ist mehr -wert als das Wort. Wir wollen uns das Wort merken, das vom Vater Ipitius -überliefert ist: »Der ist der rechte Weise, der nicht durch Worte, sondern -durch Thaten andere belehrt«. Diese Äußerung ist dazu angethan, uns in -dieser Hinsicht Kraft und Vertrauen mitzuteilen. - -Wir wollen uns auch den Ausspruch des heiligen Antonius merken, mit dem er -phrasenreiche Philosophen abwies, die über seine Art zu lehren spotteten, -als sei er ein einfältiger, ungebildeter Mensch. »Antwortet mir« -- sagte -er zu ihnen -- »was ist älter: der gesunde Menschenverstand oder die -Gelehrsamkeit? Und welches von beiden ist aus dem andern entstanden, der -Verstand aus der Gelehrsamkeit oder die Gelehrsamkeit aus dem gesunden -Menschenverstand?« Auf ihre Antwort, daß der Verstand Urheber und Erfinder -der Gelehrsamkeit sei, erwiderte Antonius: »Also braucht sich, wer gesunden -Menschenverstand besitzt, um Gelehrsamkeit nicht zu kümmern«. - -Man vernehme auch das Wort des Apostels, das uns Stärke verleiht im Herrn: -»Hat nicht Gott die Weisheit dieser Welt zur Thorheit gemacht?« Und -wiederum; »Was thöricht ist vor der Welt, das hat Gott erwählet, daß er die -Weisen zu schanden mache, und was schwach ist vor der Welt, das hat Gott -erwählet, daß er zu schanden mache, was stark ist, und das Unedle vor der -Welt und das Verachtete hat Gott erwählet, und das da nichts ist, daß er zu -nichte mache, was etwas ist, auf daß sich vor ihm kein Fleisch rühme«. Denn -das Reich Gottes besteht, wie er selbst sagt, nicht in Worten, sondern in -Kraft. - -Hält es die Äbtissin jedoch für nötig, zu gründlicherer Erkenntnis dieses -oder jenes Gegenstandes sich an die Schrift zu wenden, so mag sie, ohne zu -erröten, sachverständige, gelehrte Leute darüber befragen, etwas Neues -lernen und hierbei die Aufschlüsse, welche die Wissenschaft giebt, nicht -gering achten, sondern sich dieselben bescheiden und sorgfältig aneignen; -hat doch auch das Haupt der Apostel sogar die Rüge seines Mitapostels -Paulus geduldig hingenommen. Auch der heilige Benedikt bestätigt es, daß -der Herr oft gerade den Geringsten sich am herrlichsten offenbart. - -Um aber dem göttlichen Willen, so wie der Apostel ihn oben gekennzeichnet -hat, noch weiter zu willfahren; so soll man bei der Wahl der Äbtissin, wenn -nicht die gebieterische Not und triftige Gründe eine andere Maßregel -erheischen, von vornehmen, in der Welt einflußreichen Personen absehen. -Denn solche könnten im Vertrauen auf ihre Abkunft leicht hochfahrend, -anspruchsvoll und stolz werden; die Wahl solcher Frauen würde dem Kloster -zum Verderben ausschlagen, besonders dann, wenn dieselben Landeskinder -sind. Denn es steht zu befürchten, daß die Nähe ihrer Angehörigen sie in -ihrer Anmaßung bestärke, daß das Kloster durch den häufigen Besuch ihrer -Verwandten belastet und in seiner Ruhe gestört werde, daß sie selbst durch -die Ihrigen die Klosterordnung antasten lasse oder die Mißbilligung anderer -sich zuziehe nach dem Worte der Wahrheit; »Der Prophet gilt nirgends -weniger als in seinem Vaterlande«. - -Dies hat auch der heilige Hieronymus im Auge, wenn er nach Aufzählung alles -dessen, was einem Mönche, der in seiner Heimat bleibe, zum Schaden -gereichen könne, in seinem Brief an Heliodorus sagt: »Aus diesen Erwägungen -geht hervor, daß ein Mönch in seinem Vaterlande nicht zur Vollkommenheit -gelangen kann. Nicht vollkommen werden wollen ist aber so viel wie Sünde -begehen«. Wie großen Schaden aber werden die anvertrauten Seelen nehmen, -wenn es diejenige mit den Pflichten der Religion nicht genau nimmt, die -dazu bestellt ist, über die Erfüllung derselben zu wachen? Für die Menge -der untergeordneten Schwestern genügt es, wenn sie die eine oder andere -Tugend aufzuweisen haben. Die Äbtissin muß alle Tugenden mustergültig in -sich vereinigen, so daß sie in allem, was sie von den andern verlangt, -selbst mit gutem Beispiel vorangehen kann, und nicht etwa ihre Sitten mit -ihren eigenen Geboten im Widerspruch stehen, oder daß sie nicht mit Worten -aufbaut und mit Thaten selbst wieder einreißt und so das Wort der -Zurechtweisung aus ihrem Munde verloren gehe, daß sie erröten müßte andere -zu tadeln über Fehler, deren sie sich selber schuldig macht. - -Diesem Fehler zu entgehen, bittet der Psalmist den Herrn: »Laß die Wahrheit -nimmer ferne sein von meinem Munde«; denn er gedenkt der schweren Drohung -des Herrn, die er an anderer Stelle erwähnt, wenn er sagt: »Zu dem Sünder -aber hat Gott gesprochen: Was verkündigest du meine Rechte und nimmst -meinen Bund in deinen Mund, so du doch Zucht hassest und wirfst meine Worte -hinter dich?« Und der Apostel Paulus, diesem Vorwurf zu entgehen, sagt: -»Ich betäube meinen Leib und zähme ihn, daß ich nicht den andern predige -und selbst verwerflich werde«. Denn wessen Leben verächtlich ist, der darf -sich nicht wundern, wenn auch seine Predigt und Lehre mißachtet wird. Und -wenn der, der einen andern heilen sollte, an der nämlichen Krankheit selbst -leidet, so kann ihm der Kranke mit Recht zurufen: »Arzt, hilf dir selber!« - -Möchte sich doch jeder, der in der Kirche eine gebietende Stellung -einnimmt, klar machen, welch große Zerstörung sein eigener Fall verursacht, -da er seine Untergebenen mit hinunterreißt in den Abgrund des Verderbens. -Die Wahrheit spricht: »Wer eines von diesen kleinsten Geboten auflöset und -lehret die Leute also, der wird der Kleinste heißen im Himmelreich«. Es -löst aber das Gebot auf, wer das Gegenteil davon thut, und ein solcher -Mann, der durch sein schlimmes Beispiel auch andere verdirbt, sitzt auf -seinem Stuhl als ein Lehrer der Pestilenz. Wenn nun einer, der sich also -verschuldet, der Kleinste heißen soll im Himmelreich: wofür soll dann ein -schlechter Vorgesetzter gelten, von dessen Pflichtvergessenheit der Herr -nicht bloß das Blut seiner eigenen Seele, sondern auch aller ihm -untergebenen Seelen Blut verlangen wird? - -Darum spricht die »Weisheit« folgende Drohung aus: »Denn euch ist die -Obrigkeit gegeben vom Herrn und die Gewalt vom Höchsten, welcher wird -fragen, wie ihr handelt, und forschen, was ihr ordnet. Denn ihr seid seines -Reiches Amtleute; aber ihr führet euer Amt nicht fein, und haltet kein -Recht, und thut nicht nach dem, das der Herr geordnet hat. Er wird gar -greulich und kurz über euch kommen, und es wird ein gar scharf Gericht -gehen über die Oberherrn. Denn den Geringen widerfähret Gnade; aber die -Gewaltigen werden gewaltiglich gestraft werden, und über die Mächtigen wird -ein stark Gericht gehalten werden«. - -Der Untergebene hat genug gethan, wenn er seine eigene Seele vor Sünde -bewahrt. Den Vorgesetzten droht der Tod auch für fremde Vergehungen. Denn -mit der Größe der anvertrauten Gabe wächst auch die Verantwortung, und wem -viel gegeben ist, von dem wird auch viel gefordert werden. Das Buch der -»Sprüche« warnt uns vor dieser großen Gefahr eindringlich mit den Worten: -»Mein Kind, wirst du Bürge für deinen Nächsten und hast deine Hand bei -einem Fremden verhaftet, so bist du verknüpft mit der Rede deines Mundes -und gefangen mit den Reden deines Mundes. So thue doch, mein Kind, also und -errette dich, denn du bist deinem Nächsten in die Hände gekommen. Eile, -dränge und treibe deinen Nächsten. Laß deine Augen nicht schlafen noch -deine Augenlider schlummern«. - -Bürge für einen Freund werden wir, indem unsere Liebe irgend jemand in -unsere Lebensgemeinschaft aufnimmt. Wir sagen ihm unsere liebevolle -Fürsorge zu, wie er seinerseits uns Gehorsam verspricht. Und unsere Hand -»verhaften« wir insofern bei ihm, als wir infolge des Gelübdes ihn zum -Gegenstand unserer thätigen Fürsorge machen. Endlich sind wir ihm auch »in -die Hände gekommen«, denn, wenn wir uns nicht vor ihm vorsehen, so kann er -zum Mörder unserer Seele werden. Um dieser Gefahr zu entgehen, ist der Rat -zu befolgen: »Eile, dränge und treibe« u. s. w. - -So soll denn die Äbtissin gleich einem umsichtigen, unermüdlichen Feldherrn -bald hier bald dort sein und ihr Lager in Ordnung halten und mustern, damit -nicht durch Nachlässigkeit dem ein Zugang sich öffne, der umhergeht wie ein -brüllender Löwe und sucht, wen er verschlinge. Alle Schäden des Hauses soll -sie zuerst bemerken, damit sie von ihr gutgemacht werden können, ehe sie -von andern bemerkt werden und böses Beispiel geben. Möge es ihr nicht so -gehen, wie den thörichten oder nachlässigen Leuten, denen der heilige -Hieronymus den Vorwurf macht: »Gewöhnlich erfahren wir selbst es zuletzt, -wenn in unserem Hause etwas nicht in Ordnung ist und wissen nichts von den -Fehlern unserer Kinder und Frauen, wenn die Nachbarn schon laut davon -sprechen«. - -Die Schwester, die den andern vorsteht, mag allezeit bedenken, daß sie die -Verantwortung für Leib und Seele der Ihrigen übernommen hat. Für die Obhut -des Leibes findet sich eine Mahnung im Jesus Sirach: »Hast du Töchter, so -bewahre ihren Leib und zeige ihnen kein allzu heiteres Angesicht«. Und -weiter: »Eine Tochter macht dem Vater viel Wachens, davon niemand weiß, und -das Sorgen für sie nimmt ihm viel Schlaf, da sie möchte geschändet werden«. -Wir schänden aber unsern Körper nicht bloß durch Unzucht, sondern durch -jede unreine That, geschehe sie nun mit der Zunge oder mit irgend einem -andern Glied, indem wir es zu irgend einem flüchtigen sinnlichen Genuß -mißbrauchen. Es steht geschrieben: »Der Tod dringt ein durch unsere -Fenster«, d. h. die Sünde gelangt ins Herz auf dem Weg unserer fünf Sinne. -Giebt es einen schrecklicheren Tod als den Tod der Seele, und ist irgend -etwas schwerer zu behüten als sie? »Die Wahrheit« spricht: »Fürchtet euch -nicht vor denen, die den Leib töten und die Seele nicht mögen töten«. Von -allen, die diesen Rat vernehmen: wer fürchtet nicht mehr den leiblichen Tod -als den der Seele? Wer flieht nicht ängstlicher das Schwert als die Lüge? -Und doch steht geschrieben: »Der Mund, der da lüget, tötet die Seele«. Was -ist so leicht zu töten wie die Seele? Welcher Pfeil ist so schnell fertig -wie die Sünde? Wer ist auch nur über seine Gedanken Herr? Wer ist fähig, -sich selbst vor Sünde zu bewahren, geschweige denn andere? Welcher -menschliche Hirte ist imstande, seine geistlichen Schafe vor den -geistlichen Wölfen, eine unsichtbare Schar vor dem unsichtbaren Feinde zu -bewahren? Wer hätte nicht Angst vor dem Räuber, der nicht aufhört uns -anzugreifen, den kein Wall auszuschließen, kein Schwert zu töten oder zu -verwunden vermag? der ohn' Unterlaß uns nachstellt und besonders die -Frommen verfolgt nach dem Wort des Propheten Habakuk: »Seine Lockspeisen -sind auserlesen«. Der Apostel Petrus warnt uns vor ihm mit den Worten: -»Euer Widersacher, der Teufel, geht umher wie ein brüllender Löwe und -suchet, welchen er verschlinge«. Und wie sicher er in der Hoffnung ist, uns -zu verschlingen, das sagt der Herr in dem Wort an Hiob: »Siehe, er schluckt -in sich den Strom und achtet es nicht groß; läßt sich dünken, er wolle den -Jordan mit seinem Munde ausschöpfen«. Denn was sollte der nicht anzugreifen -wagen, der den Herrn selbst zu versuchen sich nicht gescheut hat? Der schon -die ersten Menschen im Paradies überlistet und aus der Schar der Apostel -dem Herrn einen Jünger geraubt hat? Welcher Ort wäre sicher vor ihm? -Welches Schloß vermöchte er nicht zu sprengen? Wer vermag sich zu schützen -gegen seine Nachstellungen, wer seinen Anläufen zu widerstehen? - -Er ist es, der durch Einen Stoß die vier Wände des frommen Hiob zu Fall -gebracht und seine unschuldigen Söhne und Töchter gewaltsam umgebracht hat. -Was wird vollends das schwache Geschlecht gegen ihn vermögen? Wer hat seine -Verführungskünste mehr zu fürchten als die Frau? Denn bei ihr hat er mit -der Verführung angefangen und hat durch sie den Mann und die ganze -Nachkommenschaft überlistet. Die Begierde nach dem Besitz eines noch -höheren Gutes hat das Weib auch um den des geringeren gebracht. - -Diese Verführungskunst wird er auch jetzt noch beim Weib mit Erfolg -anwenden, da sie lieber herrschen als gehorchen will und sich durch das -Verlangen nach Besitz und Ehre bestimmen läßt. Das was nachfolgt, wirft ein -Licht auf das, was vorangegangen ist. Wenn die Vorgesetzte ein -genußreicheres Leben führt als die Untergebene oder wenn sie sich etwas -erlaubt, was über das eigentliche Bedürfnis hinausgeht, so ist doch außer -Zweifel, daß sie danach Verlangen getragen hat. Wenn sie jetzt nach -kostbarerem Schmuck trachtet als sie früher hatte, so muß ihr Herz doch -gewiß von eitlem Wahn erfüllt sein. Ihr Vorleben wird durch ihr späteres -Verhalten gerichtet. Ob das, was sie früher gethan hat, echte Tugend oder -nur Heuchelei war, das kommt nach ihrer Erhöhung an den Tag. Sie soll sich -auf ihren hohen Ehrenplatz eher mit Gewalt ziehen lassen als von selber -kommen -- nach dem Worte des Herrn; »Alle, die kommen, sind Diebe und -Räuber«. -- »Es sind gekommen,« sagt Hieronymus, »die nicht gesandt waren.« -Man soll sich eine Ehre lieber aufzwingen lassen als sie erzwingen. »Denn -niemand,« sagt der Apostel, »nimmt sich selbst die Ehre, sondern der auch -berufen sei von Gott, gleichwie Aaron.« Wirst du berufen, so traure wie -eine, die zum Tode geführt wird, wirst du verschmäht, so freue dich, als -wärest du dem Tode entgangen. - -Wir erröten über Worte, durch welche wir uns anderen überlegen zeigen; wenn -wir aber zu einem Ehrenamt erwählt werden, und durch die Verhältnisse -selbst unsere Tüchtigkeit dargelegt wird, dann sind wir ohne Schüchternheit -und Scham. Und doch weiß jedermann, daß es die Besseren sind, die den -anderen vorgezogen werden. Darum heißt es in den Moralia, Kapitel XXIV: -»Wer die Menschen nicht gut zu vermahnen und zurechtzuweisen versteht, der -soll auch nicht die Leitung derselben übernehmen. Wer dazu erwählt wird, -daß er die Fehler anderer verbessere, der darf nicht selber begehen, was er -ausrotten soll«. - -Wenn wir aber bei einer solchen Wahl einen oberflächlichen Widerstand -leisten mit angenommener Bescheidenheit und uns der angebotenen Ehre für -unwürdig erklären, so klagen wir uns gewiß nur darum an, weil wir dadurch -den Schein um so größerer Gerechtigkeit und Würdigkeit erwecken wollen. Wie -viele habe ich bei ihrer Wahl mit den Augen weinen und mit dem Herzen -lachen sehen! Des Unwertes zeihen sie sich, um dadurch nur noch mehr -Beifall und Gunst bei den Menschen zu erjagen. Sie wissen, daß geschrieben -steht: »Der Gerechte klagt sich selber zuerst an«. Und wenn sich später -einmal wirklich eine Anklage gegen solche Leute erhebt und ihnen -Gelegenheit geboten wäre zu weichen, dann halten sie aufs unpassendste und -unverschämteste an der Ehrenstelle fest, und doch haben sie einst mit -falschen Thränen und wahren Anklagen gegen sich selbst bewiesen, daß sie -ihnen aufgenötigt worden sei. - -Wie oft habe ich es mit angesehen, daß Kanoniker ihren Bischöfen, die ihnen -die heiligen Weihen aufnötigen wollten, widerstrebt und erklärt haben, sie -seien eines solchen Amtes unwürdig und könnten es nicht mit gutem Gewissen -annehmen. Wenn sie dann der Klerus später zum Bischofsamt erwählte, fand er -geringen oder gar keinen Widerstand. Und solche, die gestern noch das -Diakonat ausschlugen, um, wie sie sagten, nicht für ihre Seele Gefahr zu -laufen, fürchteten sich schon am andern Tage nicht mehr vor dem Sturz von -viel höherer Stufe, als wären sie über Nacht tüchtig geworden. Von ihnen -gilt das Wort, das in den »Sprüchen« geschrieben steht: »Ein Thor klatscht -in die Hände, wenn er für seinen Freund Bürge geworden ist«. Denn der -Unglückliche freut sich da, wo er viel eher Ursache zur Trauer hätte: -nämlich wenn er den Oberbefehl über andere erhält und sich selbst -verpflichtet, für seine Untergebenen zu sorgen, von denen er mehr geliebt -als gefürchtet werden soll. - -Um solchem Verderben nach Möglichkeit zu steuern, verbieten wir durchaus, -daß die Äbtissin ein besseres und gemächlicheres Leben führe als ihre -Untergebenen. Weder beim Essen noch beim Schlafen soll sie sich von den -übrigen absondern, sondern sie soll alles in Gemeinschaft der ihr -anvertrauten Herde thun und dadurch, daß sie immer zugegen ist, Gelegenheit -haben, um so besser für sie zu sorgen. Es ist uns zwar wohl bekannt, daß -der heilige Benedikt, in seiner Fürsorge für Pilger und Gäste, dem Abt -gestattete, mit diesen an einem besonderen Tische zu sitzen. Diese -Bestimmung ist damals in gutem Glauben getroffen worden, später aber ist -sie zum Besten der Klöster dahin geändert worden, daß der Abt den Konvent -nicht verlassen, sondern daß ein zuverlässiger Hausmeister die Sorge für -die Pilger übernehmen solle. Denn während der Mahlzeit kann gar leicht ein -Verstoß vorkommen, und gerade bei dieser Gelegenheit muß besonders streng -auf Ordnung gehalten werden. Es kommt auch vor, daß man unter dem Vorwand -der Gastfreundschaft mehr sich selber etwas Gutes gönnt als den Gästen. -Dadurch setzt man sich bei denen, die nicht dabei sind, dem schlimmsten -Verdacht aus und erregt ihre Unzufriedenheit. Je weniger die Lebensführung -des Abtes den Seinigen bekannt ist, desto geringer ist sein Ansehen. Jede -Art von Entbehrung erscheint dagegen allen dann erträglicher, wenn alles -gleicherweise daran trägt, und in erster Linie die Vorgesetzten. Dies lehrt -uns das Beispiel Catos. Denn von ihm wird berichtet: sein Heer mußte mit -ihm Durst leiden; als man ihm nun ein wenig Wasser anbot, verschmähte er -die Gabe und goß es zur allgemeinen Befriedigung aus. - -Da also den Vorgesetzten vor allen Dingen Nüchternheit not thut, so müssen -sie selber um so genügsamer leben, da sie ja auch noch für andere zu sorgen -haben. Um die Gabe Gottes, d. h. das ihnen verliehene Ehrenamt, nicht in -Übermut zu verkehren und dadurch besonders bei ihren Untergebenen Anstoß zu -erregen, mögen sie sich zu Herzen nehmen, was geschrieben steht: »Sei nicht -ein Löwe in deinem Hause und nicht ein Wüterich gegen dein Gesinde, denn -Hochmut ist bei Gott und Menschen verhaßt. Gott hat die hoffärtigen Fürsten -vom Stuhl heruntergeworfen und demütige darauf gesetzt. Man hat dich zum -Lenker gemacht: wolle dich darum nicht überheben, sondern sei wie einer von -den andern«. Auch der Apostel, indem er dem Timotheus Verhaltungsmaßregeln -gegen Untergebene giebt, sagt: »Einen Alten schelte nicht, sondern ermahne -ihn als einen Vater, die Jungen als die Brüder, die alten Weiber als die -Mütter, die jungen als die Schwestern«. -- »Nicht ihr habt mich erwählt« -- -spricht der Herr -- »sondern ich habe euch erwählt«. Alle andern -Vorgesetzten werden von den Untergebenen gewählt und eingesetzt, denn man -nimmt sie weniger zum Herrschen als zum Dienen. Gott allein ist der wahre -Herr und kann sich seine Unterthanen auswählen zu seinem Dienst. Und doch -hat er sich weniger als Herrn denn als Diener gezeigt, und die Seinigen, -welche nach der höchsten Ehre trachten, weist er zurecht durch sein eigenes -Vorbild und indem er sagt: »Die weltlichen Könige herrschen und die -Gewaltigen heißet man gnädige Herrn. Ihr aber nicht also«. - -Die weltlichen Könige ahmt also nach, wer über seine Untergebenen nur -herrschen will, statt ihnen zu dienen, und wer lieber gefürchtet als -geliebt sein will; wer, aufgebläht durch sein hohes Amt, bei Tische gern -oben sitzt und in der Synagoge auf dem vordersten Platz; wer sich gern -grüßen läßt auf dem Markt und sich gern Rabbi nennen läßt von den Leuten. -Diesen Ehrentitel verbietet der Herr anzunehmen, damit wir auch unserer -Namen uns nicht rühmen und in allen Stücken auf Demut gehalten werde. Darum -sagt er: »Ihr aber sollt euch nicht Rabbi nennen lassen und niemand Vater -heißen auf Erden«. Und endlich, um allem Rühmen ein Ende zu machen, sagt -er: »Wer sich selbst erhöhet, der wird erniedriget werden«. - -Auch das muß vermieden werden, daß die Herde durch Abwesenheit der Hirten -Gefahr laufe, und daß, während die Vorgesetzten draußen herumschweifen, im -Kloster die Regel beiseite gesetzt werde. Wir bestimmen daher, daß die -Äbtissin mehr für die geistlichen als für die leiblichen Bedürfnisse ihrer -Schwestern sorgen und das Kloster nicht um äußerlicher Angelegenheiten -willen verlassen soll. Vielmehr möge sie ihre ganze Sorgfalt mit allem -Eifer auf die ihr anvertrauten Seelen wenden; auch wird sie unter den -Menschen ein um so größeres Ansehen genießen, je seltener sie sich unter -ihnen sehen läßt -- wie geschrieben steht: »Wenn du von einem Mächtigen -gerufen wirst, so halte dich ferne; denn er wird dich nur um so dringender -rufen«. Wenn aber das Kloster eine Sendung zu verrichten hat, so mögen dies -Mönche oder deren Laienbrüder besorgen. Denn allezeit sollen die Männer für -die Bedürfnisse der Frauen Sorge tragen. Und je frömmer die letzteren sind, -desto mehr Zeit verwenden sie auf den Dienst des Herrn, und desto mehr sind -sie auf die Hilfe der Männer angewiesen. Darum wird auch dem Joseph die -Sorge für die Mutter des Herrn vom Engel übertragen, wiewohl er ihr nicht -beiwohnen durfte. Und der Herr selbst hat seiner Mutter sterbend gleichsam -einen zweiten Sohn bestellt, der für ihr zeitliches Wohl Sorge tragen -sollte. Wie sehr auch die Apostel für die frommen Frauen besorgt waren, ist -allgemein bekannt, wir haben davon schon anderswo gesprochen. Zu ihrer -Unterstützung haben sie ja auch die sieben Diakonen eingesetzt. Ihrer -Autorität folgend, und da die Verhältnisse es gebieterisch verlangen, -bestimmen wir, daß Mönche und Laienbrüder nach der Weise der Apostel und -Diakonen in den Frauenklöstern diejenigen Besorgungen auf sich nehmen, die -zum äußeren Leben notwendig sind. Und zwar braucht man die Mönche -hauptsächlich für die Messen, die Laienbrüder für die sonstigen Arbeiten. - -Es ist also notwendig, daß den Frauenklöstern Mönchsklöster zur Seite -stehen, und daß die äußeren Angelegenheiten der Frauen von Männern besorgt -werden, welche durch das gleiche Gelübde gebunden sind. Dieser Brauch -bestand schon in den Anfangszeiten der Kirche zu Alexandria unter der -Leitung des Evangelisten Markus. Und ich glaube, daß in den Nonnenklöstern -die Ordensregel strenger gehalten wird, wenn dieselben der Sorgfalt und -Leitung geistlicher Männer unterstellt sind und für Schafe und Widder ein -und derselbe Hirte eingesetzt wird, so daß derjenige, der über die Männer -gebietet, auch über die Frauen die Aufsicht führe und die apostolische -Verordnung bestehen bleibe: »Der Mann ist des Weibes Haupt, wie Christus -des Mannes Haupt ist, Gott aber ist Christi Haupt«. - -So wurde auch das Kloster der heiligen Scholastica, das auf dem Grund und -Boden eines Mönchsklosters lag, durch ihren Bruder geleitet, und seine oder -der anderen Brüder häufige Besuche dienten den Frauen zur Belehrung und zum -Trost. Die Regel des heiligen Basilius giebt an irgend einer Stelle über -eine derartige Oberleitung folgende Verhaltensmaßregeln: »Frage: Darf außer -der Äbtissin auch der Abt eines benachbarten Mönchsklosters mit den Nonnen -seelsorgerliche Gespräche führen? Antwort: Ja, wenn dabei die Vorschrift -des Apostels bewahrt wird: 'lasset alles ehrlich und ordentlich bei euch -zugehen'«. Ebenso im folgenden Kapitel: »Frage: Darf ein Abt mit einer -Äbtissin häufig reden, besonders wenn einige von den Brüdern daran Ärgernis -nehmen? Antwort: Der Apostel sagt zwar: 'Warum sollte ich meine Freiheit -lassen urteilen von eines andern Gewissen' -- aber es ist gut, sich nach -seinen folgenden Worten zu richten: 'Wir haben solcher Macht nicht -gebraucht, damit wir nicht dem Evangelium Christi eine Hindernis machten'. -Man soll die Frauen so selten wie möglich besuchen und die Unterredung -möglichst kurz machen.« - -Daher auch der Beschluß des Konzils von Hispalis: »Einstimmig haben wir -beschlossen, daß die Frauenklöster in der Provinz Bätica von Mönchen -bedient und verwaltet werden sollen. Denn wir glauben für das Wohl der -Christo geweihten Jungfrauen zu sorgen, wenn wir geistliche Väter für sie -erwählen, nicht bloß um ihnen durch eine solche Oberleitung einen Schutz zu -verschaffen, sondern auch damit sie von ihnen belehrt und erbaut werden. -Doch soll in Betreff der Mönche die Einschränkung gelten, daß sie in kein -näheres Verhältnis zu den Nonnen treten, auch keinen Zutritt in den Vorraum -des Kloster haben sollen. Auch soll der Abt, oder wer sonst die -Oberaufsicht hat, nicht mit Umgehung der Äbtissin den Nonnen Anweisung über -ihr sittliches Verhalten geben. Auch mit der Äbtissin selbst soll er nicht -zu oft und nicht unter vier Augen reden, sondern in Gegenwart von zwei oder -drei Schwestern; sein Besuch soll selten sein, und die Unterredung kurz«. - -Ferne sei es von uns, zu wollen, was auch nur auszusprechen schon eine -Sünde wäre, daß die Mönche mit den Jungfrauen Christi in vertrauten Umgang -kämen, sondern sie sollen gemäß den Bestimmungen der Regeln und -Vorschriften in strenger Geschiedenheit von ihnen leben. Wir stellen die -Frauenklöster nur unter die Oberleitung von Mönchen und bestimmen, daß aus -den Mönchen ein besonders erprobter Mann erwählt werde, dessen Sorge es -sein soll, ihre Güter auf dem Lande oder in der Stadt zu überwachen, die -nötigen Bauten auszuführen und für die sonstigen Bedürfnisse des Klosters -zu sorgen, damit die Dienerinnen Christi allein mit dem Heil ihrer Seele -beschäftigt ausschließlich dem Dienste des Herrn leben und frommen Werken -obliegen können. Auch soll, wer von seinem Abte zu solchem Amte -vorgeschlagen wird, die Bestätigung des Bischofs einholen. - -Die Nonnen aber sollen den Mönchen, deren Schutz sie erwarten, die nötigen -Kleider anfertigen, wofür sie dann wiederum die Früchte ihrer Arbeit und -die helfende Fürsorge derselben zu genießen haben sollen. - -Dieser weisen Einrichtung folgend wollen wir, daß die Frauenklöster -allezeit Männerklöstern unterstellt werden, damit die Brüder für die -Schwestern sorgen und beide Ein gemeinsames väterliches Oberhaupt haben, -auf dessen Fürsorge beide Klöster angewiesen sind: so wird dann Eine Herde -und Ein Hirte im Herrn sein. Eine solche brüderliche geistige -Genossenschaft ist darum vor Gott und Menschen so angenehm, weil sie den -Bedürfnissen beider Geschlechter, soweit sie sich dem Klosterleben weihen, -entgegenkommt. Die Mönche sollen Männer, die Nonnen Frauen aufnehmen, und -so wird jede Seele, die um ihr Heil bekümmert ist, finden, was ihr not -thut. Und wenn einer zugleich mit seiner Mutter oder Schwester oder Tochter -oder einer Pflegebefohlenen sich dem Klosterleben weihen will, so wird er -hier vollen Trost finden. Solche Mönchs- und Nonnenklöster werden um so -liebevoller miteinander verbunden und füreinander besorgt sein, je mehr -unter den Insassen derselben Freunde und Verwandte sich befinden, welche -nun dieses neue Band noch enger umschlingt. - -Wir wollen aber, daß der Vorgesetzte der Mönche, den man Abt nennt, die -Aufsicht über die Nonnen in der Weise führe, daß er in ihnen, die Gottes -Bräute sind -- und er ist Gottes Diener -- seine Herrinnen erblicke, über -die er nicht gebieten, sondern denen er nur nützen soll. Er soll sein wie -der Kämmerer im königlichen Palaste, der auch nicht durch sein Regiment die -Fürstin belästigt, sondern nur auf ihr Wohl bedacht ist. Was sie braucht, -wird er ihr ohne Widerrede beschaffen; für das, was ihr nachteilig sein -könnte, wird er kein Ohr haben; alle äußeren Angelegenheiten wird er so -erledigen, daß er niemals das Innere ihrer Gemächer betritt, außer wenn er -befohlen wird. - -In dieser Weise soll -- das ist unser Wille -- der Knecht Christi Sorgen -tragen für die Bräute Christi und ihnen an des Herrn Statt ein treuer -Haushalter sein. Alle ihre Bedürfnisse soll er mit der Diakonisse -besprechen und ohne sie zu Rat gezogen zu haben, soll er über die -Dienerinnen Christi und ihre Angelegenheiten keine Bestimmung treffen, auch -soll er keiner von ihnen etwas vorschreiben und mit keiner reden ohne die -Vermittlung der Äbtissin. So oft ihn die letztere ruft, soll er -bereitwillig kommen und soll das, was die Äbtissin selbst oder ihre -Untergebenen nötig haben, unverzüglich und so gut wie möglich erledigen. -Wird er von der Äbtissin gerufen, so soll er stets nur öffentlich und in -Gegenwart erprobter Personen mit ihr reden, nicht allzu nahe zu ihr -hintreten und sie nicht mit langer Rede hinhalten. - -Alles, was an Mundvorräten, Kleidern, auch an Geld vorhanden ist, soll bei -den Dienerinnen Christi niedergelegt und aufbewahrt werden, und von dem, -was den Schwestern übrig bleibt, soll den Brüdern mitgeteilt werden. Das, -was draußen zu holen ist, sollen die Brüder beschaffen, und die Schwestern -sollen nur das thun, was im Innern des Klosters passenderweise von Frauen -besorgt werden kann: den Brüdern Kleider anfertigen oder reinigen, Brot -bereiten, zum Backen einliefern und das Gebackene wieder in Empfang nehmen. -Ihnen liegt auch die Milchwirtschaft, sowie die Hühner- oder Gänsezucht ob, -überhaupt alle Verrichtungen, die besser für Frauen passen als für Männer. - -Der Abt selbst soll nach seiner Einsetzung in Gegenwart des Bischofs und -der Schwestern schwören, daß er ihnen ein treuer Haushalter im Herrn sein -und sie vor aller Befleckung des Fleisches sorglich behüten wolle. Und wenn -er, was ferne sei, vom Bischof über der Vernachlässigung der übernommenen -Pflichten betroffen werden sollte, so soll er alsbald als ein Meineidiger -abgesetzt werden. Auch alle Brüder sollen bei Ablegung ihres Gelübdes sich -den Schwestern gegenüber eidlich verpflichten, daß sie dieselben in keiner -Weise werden belästigen lassen und daß sie zur Erhaltung ihrer Keuschheit -ihr möglichstes beitragen werden. - -Keinem Mann soll der Zutritt zu den Schwestern verstattet sein ohne die -ausdrückliche Erlaubnis des Oberen, und alles, was ihnen von den Schwestern -zugeschickt wird, muß durch die Hand des Oberen gehen. Nie soll eine -Schwester die Umfriedigung des Klosters überschreiten, sondern alle äußeren -Angelegenheiten sollen, wie gesagt, von den Brüdern besorgt werden -- die -Starken mögen im Schweiß ihres Angesichtes die schwere Arbeit verrichten. -Auch soll keiner der Brüder den Bereich des Klosters betreten, er habe denn -die ausdrückliche Erlaubnis dazu vom Abt und von der Diakonisse im Fall -einer dringlichen, ehrbaren Angelegenheit. Wenn jemand sich untersteht, -diesem Gebote zuwiderzuhandeln, soll er ohne Verzug aus dem Kloster -ausgewiesen werden. - -Damit aber die Männer ihre überlegene Stärke nicht zu irgend welchen -Bedrückungen der Frauen mißbrauchen, so bestimmen wir, daß sie nichts gegen -den Willen der Äbtissin unternehmen dürfen, sondern auch sie sollen in -allem ihres Winkes gewärtig sein. Alle, Männer wie Frauen, sollen vor der -Äbtissin das Gelöbnis des Gehorsams ablegen! Friede und Eintracht werden um -so fester gewahrt werden, je weniger man dem starken Geschlecht erlaubt. -Und die Starken werden um so williger den Schwachen Folge leisten, je -weniger sie von den letzteren etwas zu fürchten haben, und je gewisser es -ist, daß der erhöht wird, der sich hienieden vor Gott erniedrigt. Die -Bestimmungen, betreffend die Äbtissin, mögen damit erledigt sein, und ich -will mich nunmehr zu den verschiedenen Klosterämtern wenden. - -Die _Meßnerin_, die zugleich auch Schatzmeisterin ist, hat die Aufsicht -über das Gotteshaus; sie bewahrt die Schlüssel dazu und alles was zum -Gottesdienst notwendig ist. Gaben, welche dem Kloster dargebracht werden, -hat sie in Empfang zu nehmen und für alles, was im Gotteshaus zu machen -oder wiederherzustellen ist, sowie für die gesamte Ausschmückung desselben -Sorge zu tragen. Außerdem fällt ihr die Sorge zu für die Hostien, für die -Gefäße und Becher, die auf den Altar gehören und überhaupt für dessen -Ausschmückung; ferner für die Reliquien, für den Weihrauch, für die Kerzen, -für den Stundenzeiger und für die verschiedenen Glockenzeichen. Die Hostien -sollen womöglich die Jungfrauen selbst bereiten und das Mehl dazu reinigen, -auch sollen sie die Altargefäße reinhalten. Doch soll weder die Meßnerin -noch sonst eine der Nonnen die Reliquien oder die Altargefäße oder -Altardecken berühren, wenn sie ihnen nicht zum Zweck der Reinigung -übergeben werden. Zu diesem Behuf soll man Mönche oder Laienbrüder -herbeirufen und auf ihre Ankunft warten. Wenn nötig, sollen unter Aufsicht -der Meßnerin aus ihrer Zahl etliche zu diesem Geschäft bestellt werden, die -würdig sind, die Gefäße zu berühren. Die Schwester soll die Schränke -öffnen, und die Mönche sollen die Gefäße daraus nehmen und wieder -hineinstellen. Diejenige Schwester, welche diese Aufsicht über das -Sanktuarium hat, muß sich durch Reinheit ihres Lebenswandels besonders -auszeichnen. An Leib und Seele soll sie, soweit möglich, tadellos und von -erprobter Enthaltsamkeit und Keuschheit sein. Auch muß sie in der -Berechnung der kirchlichen Festtage nach dem Lauf des Mondes bewandert -sein, damit die Festzeiten im Gottesdienst genau eingehalten werden. - -Die _Vorsängerin_ hat die Aufsicht über den ganzen Chor; sie hat für die -Musik beim Gottesdienst zu sorgen und lehrt die anderen singen, Noten -lesen, schreiben und diktieren. Sie führt auch die Aufsicht über die -Bücherschränke, giebt Bücher daraus ab und reiht solche ein und sorgt für -das Abschreiben und Ausschmücken der Bücher. Sie ordnet an, wie man im Chor -zu sitzen hat, und verteilt die Plätze; sie bestimmt diejenigen, welche -vorzulesen oder zu singen haben, und hat ein Verzeichnis der Abschnitte, -die wöchentlich im Kapitel gelesen werden sollen, anzulegen. Darum muß sie -im Schriftwesen wohl bewandert sein und vor allem Kenntnisse in der Musik -haben. Auch soll sie nächst der Äbtissin für die Aufrechterhaltung der -Klosterzucht überhaupt sorgen, und wenn diese anderweitig in Anspruch -genommen ist, soll sie ihre Stelle vertreten. - -Die _Krankenwärterin_ hat den Dienst der Kranken unter sich und soll -dieselben vor Sündenschuld wie vor leiblicher Not bewahren. Was Kranke -nötig haben an Speise, an Bädern oder sonstigen Dingen, das soll ihr ohne -weiteres zur Verfügung gestellt werden. Denn hier gilt das bekannte -Sprichwort: »Für Kranke giebt es kein Gesetz«. Fleisch soll ihnen nicht -vorenthalten werden, es sei denn am Freitag, an den Hauptfestvigilien, an -den Quatember- und an den Osterfasten. Vor Sünde sollen die Kranken um so -mehr bewahrt werden, je näher es jedem liegt, an sein Ende zu denken. Vor -allem wird hier Schweigen zu beobachten sein, denn in diesem Punkt vergeht -man sich gar so leicht, und anhalten soll man am Gebet, wie geschrieben -steht: »Mein Sohn, in deiner Krankheit verzweifle nicht an dir selbst, -sondern bitte Gott, und er selbst wird dich heilen. Wende dich ab von der -Sünde und strecke die Hand nach ihm aus und reinige dein Herz von aller -Sünde«. Es ist notwendig, daß eine Krankenwache eingerichtet werde, die -jederzeit zur Hilfeleistung für die Kranken bereit ist, und das Haus muß -mit allem, was für Kranke notwendig ist, versehen sein. Auch für die -Beschaffung von Arzneimitteln soll man Sorge tragen, so gut es die -örtlichen Verhältnisse erlauben. Zu dem Zweck wird es sehr gut sein, wenn -die Krankenwärterin etwas von der Heilkunde versteht. Auch das Verfahren -der Blutentziehung ist ihre Sache. Sie muß zur Ader lassen können, damit -man nicht zu einer solchen Verrichtung einem Mann den Eintritt zu den -Frauen verstatten muß. Die Krankenwärterin hat auch für die Einhaltung der -kanonischen Stunden und für die Kommunion bei den Kranken zu sorgen; am -Sonntag wenigstens sollten sie kommunizieren nach jedesmal vorangegangener -Beichte und Buße, soweit dies möglich ist. - -Die letzte Ölung der Kranken soll genau nach der Vorschrift des heiligen -Apostels Jakobus vollzogen werden. Wenn der Zustand einer Kranken -hoffnungslos geworden ist, soll man aus dem Mönchskloster zwei Priester von -gesetztem Alter und einen Diakonen holen. Die sollen das geweihte Öl -mitbringen und in Gegenwart der versammelten Schwestern, aber durch eine -besondere Wand von ihnen getrennt, die heilige Handlung vollziehen. Ähnlich -soll man es auch mit der Kommunion halten, wenn sie nötig geworden ist. - -Das Krankenhaus muß daher so angelegt sein, daß die Mönche zu diesen -Verrichtungen bequem ab und zu gehen können, ohne den Konvent der -Schwestern zu sehen und von diesem gesehen zu werden. - -Zum mindesten einmal jeden Tag soll die Äbtissin mit der Kellermeisterin -die Kranken, und in ihnen Christum, besuchen, um für ihre Bedürfnisse zu -sorgen, sowohl in geistlicher als in leiblicher Hinsicht, damit das Wort -des Herrn von ihnen gelte: »Ich bin krank gewesen und ihr habt mich -besucht«. Geht es mit einer Kranken zu Ende, und tritt der Todeskampf ein, -so soll alsbald die dienende Schwester mit der Klapper in den Konvent -eilen, und durch das Geräusch, das sie mit derselben macht, den Tod der -Schwester ankündigen, und der ganze Konvent, zu welcher Stunde des Tages -oder der Nacht es auch sei, soll zu der Sterbenden eilen, außer wenn -kirchliche Pflichten davon abhalten. Ist das letztere der Fall, so genügt -es auch -- denn nichts geht über den Dienst des Herrn -- daß die Äbtissin -mit einigen auserlesenen Schwestern herbeieile, und der übrige Konvent -später nachfolge. Alle aber, die auf den Ton der Klapper herbeikommen, -sollen alsbald die Litanei anstimmen und bei ihrer Anrufung die ganze Zahl -aller männlichen und weiblichen Heiligen durchmachen. Darauf mögen die -Psalmen folgen und die übrigen Gesänge, die bei Leichenbegängnissen üblich -sind. - -Wie segensreich es sei, zu Kranken und Toten zu gehen, das spricht der -Prediger deutlich aus: »Es ist besser in das Klagehaus gehen, denn in das -Trinkhaus; in jenem ist das Ende aller Menschen, und der Lebendige nimmt's -zu Herzen«. Ferner: »Das Herz der Weisen ist im Klaghause«. Der Leichnam -der Verstorbenen soll alsbald von den Schwestern gewaschen, mit einem -einfachen aber reinen Hemd bekleidet und mit Schuhen angethan werden. Dann -soll man ihn auf eine Bahre legen und das Haupt mit einem Schleier -verhüllen. Die Kleider sollen fest zusammengenäht und dem Körper so -angefügt sein, daß kein Spielraum übrig bleibt. Der Leichnam soll von den -Schwestern in die Kirche getragen und, wenn es Zeit ist, von den Mönchen -bestattet werden. Während dessen sollen die Schwestern im Oratorium Psalmen -singen und beten. Die Äbtissin soll bei ihrem Begräbnis nur das vor den -übrigen voraushaben, daß ihr Körper in ein härenes Hemd gehüllt und sie -darin eingenäht werden soll wie in einen Sack. - -Die _Kleiderverwalterin_ hat die Sorge für die gesamten Kleidungsstücke auf -sich zu nehmen, sowohl was das Schuhwerk als was die andern Sachen -betrifft. Sie hat die Schafschur zu veranlassen und nimmt das Leder für das -Schuhzeug in Empfang. Sie versieht alle Schwestern mit Faden, Nadel und -Schere. Sie hat den Schlafsaal zu beaufsichtigen und für die Betten zu -sorgen. Ferner liegt ihr ob die Sorge für Tischdecken, Handtücher und für -die gesamte übrige Wäsche, sowie für das Zuschneiden, Nähen, Waschen -derselben. Auf sie bezieht sich im besonderen das Schriftwort: »Sie gehet -mit Wolle und Flachs um und arbeitet gern mit ihren Händen. Sie streckt -ihre Hand nach dem Rocken, und ihre Finger fassen die Spindel. Sie fürchtet -ihres Hauses nicht vor dem Schnee, denn ihr ganzes Haus hat zwiefache -Kleider, und sie lacht am letzten Tage. Sie schauet, wie es in ihrem Haus -zugehet, und isset ihr Brot nicht mit Faulheit. Ihre Söhne kommen auf und -preisen sie selig«. Die Werkzeuge, die sie zu ihren Arbeiten nötig hat, -sollen ihr zur Verfügung stehen, und sie soll jede der Schwestern mit der -für sie passenden Arbeit versehen. Denn auch der Novizen soll sie sich -annehmen, bis zu ihrer Aufnahme in den Orden. - -Die _Kellermeisterin_ hat Sorge zu tragen für alles was ins Gebiet des -Lebensunterhaltes gehört: sie hat die Aufsicht über den Keller, das -Refektorium, die Küche, die Mühle, die Bäckerei mit dem Backofen, über den -Baum- und den Gemüsegarten und über den gesamten Feldbau, auch über die -Bienenzucht, über das Groß- und Kleinvieh und über das Geflügel. Von ihr -wird geholt, was man zum Essen braucht. Sie darf vor allem nicht knauserig -sein, sondern freigebig und gern bereit, zu liefern was man braucht. Denn -»einen fröhlichen Geber hat Gott lieb«. Überhaupt warnen wir sie davor, daß -sie nicht ihr Amt in eigennütziger Weise mißbrauche, daß sie nicht sich -selber eine bessere Schüssel gönne oder etwas für sich behalte auf Kosten -der anderen. »Der beste Haushalter -- sagt Hieronymus -- ist der, der -nichts für sich zurückbehält«. Judas, der sein Amt dazu mißbrauchte, sich -selber zu bereichern, ging aus der Zahl der Jünger verloren. Auch Ananias -und Sapphira mußten's mit dem Tode büßen, als sie unrecht Gut -zurückbehielten. - -Zum Amt der _Thürhüterin_ oder _Pförtnerin_ gehört die Aufnahme der Gäste. -Sie muß alle Ankömmlinge anmelden und dahin führen, wohin sie begehren; ihr -liegt die Fürsorge für die Bewirtung ob. Sie muß reif an Alter und Verstand -sein, damit sie Red' und Antwort zu geben vermag und beurteilen kann, wie -und wer überhaupt aufzunehmen ist und wer nicht. Sie soll gleichsam der -Vorhof des Herrn sein, von dem aus ein lichter Schimmer aufs ganze Kloster -fällt, denn bei ihr empfängt der Ankömmling den ersten Eindruck vom -Kloster. Demgemäß sei sie freundlich in ihren Worten, mild in der Anrede. -Auch diejenigen, die sie abweisen muß, sollen durch die Art, wie sie ihre -Gründe darlegt, in der Liebe erbaut werden. Denn es steht geschrieben: -»Eine linde Antwort stillet den Zorn, aber ein hart Wort richtet Grimm an«. -Und anderswo: »Ein gütiges Wort mehrt die Freunde und besänftigt die -Feinde«. Sie soll auch öfters nach den Armen sehen und je nachdem sie ihre -Bedürfnisse kennen gelernt hat, sie mit Speise oder Kleidern unterstützen. -Bedarf sie oder eine der andern Schwestern in ihrer Amtsführung eine Hilfe -oder Erleichterung, so sollen ihnen von der Äbtissin Gehilfinnen zugewiesen -werden. Diese soll man womöglich aus den Laienschwestern nehmen, damit -keine der Nonnen vom Gottesdienst abgehalten werde oder im Kapitel und -Refektorium fehle. - -Die Pförtnerin soll ihre Zelle neben der Eingangsthür haben, woselbst sie -oder ihre Stellvertreterin allezeit der Ankommenden gewärtig sein soll. -Doch sollen sie während dem nicht müßig sein und sich des Schweigens um so -mehr befleißigen, je weniger ihre Geschwätzigkeit denen, die draußen sind, -verborgen bleibt. Die Aufgabe der Pförtnerin ist es, nicht allein den -Männern unbefugten Eintritt zu versagen, sondern überhaupt jeden Lärm -fernzuhalten, damit er nicht die Stille des Klosters störe, und sie trägt -für alle Ausschreitungen in dieser Hinsicht die Verantwortung. Hört sie -etwas, was zu wissen wichtig ist, so hat sie es in aller Stille der -Äbtissin zu hinterbringen, und diese mag dann, wenn es ihr der Mühe wert -scheint, darüber beraten. - -Sobald ans Thor geklopft oder draußen gerufen wird, soll die Schwester, -welche an der Pforte ist, die Ankömmlinge nach ihrem Namen und Begehren -fragen, und wenn es nötig ist, die Pforte öffnen und die Fremden -hereinlassen. Nur Frauen dürfen im Innern des Klosters beherbergt werden; -die Männer sind zu den Mönchen zu weisen; keiner darf unter irgend einem -Vorwand eingelassen werden, es sei denn, daß die Äbtissin vorher befragt -worden sei und es befohlen habe. Frauen dagegen sollen ohne weiteres -Zutritt haben. Die aufgenommenen Frauen und die Männer, die wegen irgend -welcher besonderen Sache eingelassen worden sind, soll die Pförtnerin -zunächst in ihre Zelle führen, bis sie von der Äbtissin oder von den -Schwestern, wenn dies nötig und ratsam ist, empfangen werden. Armen aber, -welche der Fußwaschung bedürfen, soll dieser Dienst der Gastfreundschaft -von der Äbtissin selbst oder von den Schwestern mit Sorgfalt geleistet -werden. Denn auch der Apostel hat sich gerade durch diesen Liebesdienst den -Namen des Diakonen verdient. So sagt auch im »Leben der Altväter« einer von -ihnen: »Um deinetwillen ist der Erlöser Knecht geworden. Er hat sich mit -einer Schürze umgürtet und seinen Jüngern die Füße gewaschen, und hat ihnen -geboten, den Brüdern die Füße zu waschen«. Und der Herr selbst spricht: -»Ich bin ein Gast gewesen und ihr habt mich beherberget«. So sagt auch der -Apostel von der Diakonisse: »So sie gastfrei gewesen ist, so sie der -Heiligen Füße gewaschen hat«. Alle mit Ämtern beauftragten Schwestern, die -sich mit den Wissenschaften nicht befassen, sollen mit diesen Pflichten -bekannt gemacht werden mit Ausnahme der Vorsängerin und derjenigen -Schwestern, die für das Studium sich tauglich erweisen. Diesen soll man -freie Zeit für die Wissenschaften lassen. - -Der Schmuck des Gotteshauses soll sich auf das Notwendige beschränken; es -ist mehr auf Sauberkeit als auf Prunk zu sehen. Nichts in demselben soll -aus Gold oder Silber gefertigt sein, außer ein silberner Kelch oder auch -mehrere, wenn es nötig ist. Verzierungen aus Seide sollen nur an den Stolen -und Armbinden angebracht sein. Keine Bildhauerarbeiten sollen im Gotteshaus -sein. Nur ein hölzernes Kreuz soll am Altar errichtet werden, worauf das -Bild des Erlösers gemalt werden kann, wenn man will. Aber andere Bildwerke -sollen den Altären fremd bleiben. Das Kloster soll sich mit zwei Glocken -begnügen. Ein Gefäß mit Weihwasser soll außen am Eingang zum Oratorium -angebracht werden, damit sich die in der Frühe Eintretenden, und wer nach -dem Gottesdienst hinausgeht, damit weihen. Keine der Nonnen soll bei den -Horen fehlen; vielmehr sobald das Zeichen mit der Glocke gegeben wird, -sollen sie alles andere beiseite legen und zum Gottesdienst eilen, doch -bescheidenen Ganges. Beim Eintritt ins Oratorium sollen die, die es können, -für sich sprechen: »Ich gehe ein in dein Haus und bete an in deinem -heiligen Tempel« u. s. w. Im Chor darf kein anderes Buch geduldet werden -als das, welches zum jedesmaligen Gottesdienst gerade nötig ist. Die -Psalmen sollen laut und deutlich gesprochen werden, die Psalmodie oder der -Gesang soll so gemäßigt sein, daß auch die, welche eine schwache Stimme -haben, aufkommen können. In der Kirche soll nichts gelesen oder gesungen -werden, was nicht der Heiligen Schrift selbst entnommen ist, also dem Neuen -oder Alten Testament, welche beide so in Leseabschnitte einzuteilen sind, -daß sie jedes Jahr in der Kirche einmal zur Verlesung kommen. Abhandlungen -oder Predigten der Kirchenlehrer oder sonst erbauliche Schriften werden bei -Tisch oder im Kapitel vorgelesen; doch soll das Lesen auch sonst überall -gestattet werden. Doch soll keine Schwester sich etwas vorzulesen oder zu -singen erlauben, wovon sie nicht vorher Kenntnis genommen hat. Wenn eine im -Oratorium etwas Unpassendes vor die Versammlung bringt, so soll sie in -Gegenwart aller Schwestern um Verzeihung bitten, indem sie für sich die -Worte spricht: »Verzeihe mir, Herr, auch dieses Mal meine Nachlässigkeit«. - -Um Mitternacht erhebt man sich nach der Anweisung des Propheten zu den -nächtlichen Vigilien. Es ist darum notwendig so frühe schlafen zu gehen, -daß die zarte Natur der Schwestern diese Nachtwachen ertragen und das -Tagewerk mit Sonnenaufgang begonnen werden kann, wie dies auch der heilige -Benediktus vorschreibt. Nach den Vigilien soll man sich wieder zur Ruhe -begeben, bis das Zeichen zur Matutine ertönt. Während des übrigen Teils der -Nacht soll die Natur zu ihrem Recht kommen. Denn der Schlaf vor allem -erquickt den müden Körper, macht ihn wieder arbeitsfähig und erhält ihn -gesund und munter. Wer aber das Bedürfnis hat, über die Psalmen oder irgend -welche Lektionen zu meditieren, wie dies auch der heilige Benediktus -erwähnt, der soll dies so thun, daß die Ruhenden nicht im Schlafe gestört -werden. Benedikt hat für diesen Ort weniger das Lesen als das Meditieren -empfohlen, damit nicht durch das Lesen die Ruhe der anderen gestört werde. -Übrigens hat er auch zu dieser Meditation die Mönche nicht gezwungen; er -sagt nur: »Wer von den Brüdern das Bedürfnis hat«. Auch beim Einüben von -Gesängen soll man diese Rücksichten walten lassen. Die Matutine soll beim -ersten Tageslicht gefeiert werden, und das Zeichen dazu beim Sonnenaufgang -selbst, wenn man ihn sehen kann, ertönen. Im Sommer, wo die Nacht kurz und -die Morgenzeit lang ist, verbieten wir den Schwestern nicht, vor der Prima -noch etwas zu schlafen, bis das Zeichen dazu ertönt. Von dieser Ruhe nach -den Matutinen spricht auch der heilige Gregorius im zweiten Kapitel seiner -Dialoge, wo er von dem ehrwürdigen Libertinus folgendes sagt: »Auf den -folgenden Tag war eine für das Kloster wichtige Maßnahme beschlossen -worden. Nach Vollendung der feierlichen Matutinen ging Libertinus an das -Bett des Abtes und erbat sich von ihm demütig den Segen«. Diese Morgenruhe -soll also verstattet sein von Ostern bis zur Herbst-Tag- und Nachtgleiche, -von wo an die Tage wieder kürzer werden. - -Nach dem Verlassen des Schlafsaals sollen sich die Schwestern waschen, ihre -Bücher in Empfang nehmen und lesend oder singend im Kreuzgang sitzen, bis -es zur Prima läutet. Nach der Prima begiebt man sich in den Kapitelsaal; -dort setzt sich alles nieder und nach Verkündigung des Datums wird ein -Abschnitt aus der Märtyrergeschichte vorgelesen. Darauf kann eine -erbauliche Besprechung folgen oder ein Abschnitt der Regel vorgelesen und -erklärt werden. Endlich soll hier erledigt werden, was etwa zu tadeln oder -neu anzuordnen ist. - -Man darf übrigens nicht vergessen, daß weder ein Kloster noch sonst -überhaupt ein Haus ohne weiteres ungeordnet genannt werden darf, wenn -irgend etwas Ordnungswidriges darin geschieht, sondern nur dann, wenn -derartige Vorkommnisse nicht sorgfältig wieder gut gemacht werden. Denn -welcher Ort bleibt völlig rein von Sünde? Dessen war auch der heilige -Augustinus wohl bewußt, wenn er in einer Unterweisung an seinen Klerus -sagt: »Mag ich die Ordnung in meinem Haus noch so streng aufrecht erhalten: -ich bin ein Mensch und muß mit Menschen leben. Ich wage auch nicht mir -anzumaßen, daß mein Haus reiner sein soll als die Arche Noah, da doch unter -den acht Menschen, die darin waren, sich ein Schlechter fand; oder besser -als Abrahams Haus, wo es auch einst hieß: 'treibe aus die Magd mit ihrem -Kinde'; oder besser als Isaaks Haus, wo der Herr sprach: 'Den Jakob habe -ich geliebt und den Esau habe ich gehaßt'. Oder besser als das Haus Jakobs, -in dem der Sohn des Vaters Ehebett schändete; oder besser als das Haus -Davids, dessen einer Sohn sich mit seiner eigenen Schwester vergangen, und -der andere sich gegen seinen Vater empört hat; oder besser als die -Gesellschaft des Paulus, der, wenn er mit guten Menschen zusammengelebt -hätte, wohl kaum gesagt hätte, er habe 'auswendig Streit, inwendig Furcht'; -oder: 'niemand ist, der so herzlich für euch sorget; denn sie suchen alle -das ihre'; oder besser als die Gesellschaft Christi selbst, in welcher die -elf Guten den Verräter und Dieb Judas ertragen mußten; oder endlich gar -besser als der Himmel, von dem die Engel gefallen sind«. - -Derselbe Kirchenvater, der uns so eindringlich zur Befolgung der -klösterlichen Regel ermahnt, fügt die Worte bei: »Ich bekenne vor Gott, -seitdem ich Gott zu dienen angefangen habe, habe ich selten vollkommenere -Menschen gesehen als die, welche in Klöstern sich gut gehalten haben; -andererseits aber habe ich auch keine schlechteren gesehen, als Mönche, die -gefallen waren«. So ist auch das Wort der Offenbarung zu verstehen; »Wer -heilig ist, der sei immerhin heilig und wer unrein ist, der sei immerhin -unrein«. - -In der Bestrafung soll insofern ein Unterschied gemacht werden, als -diejenige, welche bei einer andern einen Fehler gesehen hat und ihn -verheimlicht, strenger bestraft werden soll als die eigentlich Schuldige. -Darum soll niemand säumen, seine eigenen Vergehen wie diejenigen der -anderen anzugeben. Diejenige Schwester, die der Anklage durch andere -zuvorkommt, indem sie sich selbst angiebt -- nach dem Worte der Schrift: -»Der Gerechte klagt sich selber zuerst an« -- soll mit einer milderen -Strafe wegkommen, wenn sie von ihrem Fehler abläßt. Keine soll die andere -zu entschuldigen versuchen, wenn nicht die Äbtissin, falls ihr der wahre -Sachverhalt unbekannt ist, danach fragt. Keine soll sich unterstehen, eine -Schwester wegen irgend einer Verschuldung zu schlagen, außer wer von der -Äbtissin dazu beauftragt wird. Von der Strafe der Züchtigung aber steht -geschrieben: »Mein Sohn, achte nicht gering die Züchtigung des Herrn und -verzage nicht, wenn du von ihm gestraft wirst. Denn welchen der Herr lieb -hat, den züchtiget er und hat Wohlgefallen an ihm wie ein Vater am Sohn«; -ferner: »Wer seiner Rute schonet, der hasset seinen Sohn; wer ihn aber lieb -hat, der züchtiget ihn bald. Schläget man den Spötter, so wird der Alberne -witzig; straft man den Spötter, so wird der Geringe verständig. Dem Roß -eine Geißel und dem Esel einen Zaum und dem Narren eine Rute auf den -Rücken. Wer einen Menschen züchtiget, der findet hernach mehr Dank bei ihm, -als der ihn mit Schmeichelworten täuscht. Alle Züchtigung aber, wenn sie da -ist, dünkt sie uns nicht Freude, sondern Traurigkeit zu sein; aber danach -wird sie geben eine friedsame Frucht der Gerechtigkeit denen, die dadurch -geübet sind. Ein närrischer Sohn ist seines Vaters Betrübnis, und eine -thörichte Tochter gereicht ihm zur Schande. Wer sein Kind lieb hat, der -hält es stets unter der Rute, daß er hernach Freude an ihm erlebe. Wer sein -Kind in der Zucht hält, der wird sich seiner freuen und darf sich seiner -bei den Bekannten nicht schämen. Ein verwöhnt Kind wird mutwillig wie ein -wild Pferd. Zärtle mit deinem Kinde, so mußt du dich hernach vor ihm -fürchten; spiele mit ihm, so wird es dich hernach betrüben«. - -Bei gemeinsamer Beratung steht es jeder Schwester frei, ihre Meinung zu -äußern, aber der Beschluß der Äbtissin soll unumstößlich sein, sollte sie -selbst, was ferne sei, in Irrtum verfallen und das weniger Zweckmäßige -beschließen. Daher das Wort des heiligen Augustinus in seinen Konfessionen: -»Schwer versündigt sich, wer seinen Vorgesetzten in irgend einem Stück -ungehorsam ist, selbst wenn das, was er selber zu thun erwählt, besser sein -sollte, als das, was ihm befohlen worden ist«. Es ist uns besser, recht zu -thun als das Rechte zu thun, und nicht darauf kommt es an, was geschieht, -sondern wie und in welcher Gesinnung etwas gethan wird. Alles was im -Gehorsam geschieht, ist gut, wenn es auch keineswegs so aussieht. In allen -Stücken muß darum den Vorgesetzten Gehorsam geleistet werden, selbst wenn -dies zum größten Schaden ausschlüge, wenn nur die Seele nicht dadurch -gefährdet wird. - -Der Vorgesetzte soll darauf sehen, seine Befehle vernünftig einzurichten, -weil die Untergebenen einfach zu gehorchen haben und ihrem Gelübde gemäß -nicht nach ihrem eigenen Willen handeln, sondern nach dem ihrer -Vorgesetzten. Wir sind durchaus dagegen, daß jemals die Gewohnheit den -Vorzug vor der Vernunft erhalte und daß etwas damit entschuldigt werde, daß -es Gewohnheit sei. Nicht weil etwas Herkommen ist, soll es festgehalten -werden, sondern weil es gut ist, und je besser eine Anordnung ist, desto -bereitwilliger soll sie aufgenommen werden. Sonst müßten wir ja nach -jüdischer Art dem alten Gesetzeswesen vor dem Evangelium den Vorzug geben. -So sagt auch der heilige Augustinus, indem er sich mehrfach auf das Zeugnis -des Cyprianus beruft: »Wer die Wahrheit außer acht läßt und blindlings der -Gewohnheit folgt, der handelt neidisch oder boshaft an den Brüdern, denen -die Wahrheit geoffenbart ist, oder aber ist er undankbar gegen Gott, durch -dessen Eingebung die Kirche erleuchtet wird«. Ferner sagt er: »Im -Evangelium sagt der Herr: 'Ich bin die Wahrheit', nicht aber: 'Ich bin die -Gewohnheit'. Darum soll die Gewohnheit der offenbaren Wahrheit weichen«. -Weiter: »Ist die Wahrheit offenbar geworden, so soll der Irrtum der -Wahrheit weichen, wie auch Petrus, der zuerst für die Beschneidung war, dem -Paulus, der die Wahrheit predigte, gewichen ist«. - -Derselbe Kirchenvater sagt in seinem Buch »über die Taufe« Kapitel IV: -»Vergebens halten uns diejenigen, die durch die Vernunft besiegt werden, -das Recht der Gewohnheit vor, als wäre die Gewohnheit mehr als die -Wahrheit, und als müßte man nicht in geistlichen Dingen dasjenige thun, was -uns vom heiligen Geist als das Bessere geoffenbart worden ist«. - -Das ist sicher wahr, daß Vernunft und Wahrheit über das Herkommen zu -stellen sind. Gregor VII. schreibt an den Bischof Vimund: »Sicherlich, um -des heiligen Cyprianus' Meinung zu folgen, ist jede Gewohnheit, sei sie -auch noch so alt und noch so verbreitet, der Wahrheit ohne weiteres zu -unterwerfen, und ein Brauch, der mit der Wahrheit im Widerspruch steht, -abzuschaffen«. Mit welcher Liebe wir an der Wahrheit auch in Worten -festhalten sollen, sagt uns Jesus Sirach: »Schäme dich nicht, für deine -Seele das Recht zu bekennen«; weiter: »Rede nicht wider die Wahrheit«; und -wiederum: »Laß all deinem Werk das Wort der Wahrheit vorausgehen und all -deinem Thun einen festen Ratschluß«. Man soll auch nicht darauf sehen, ob -viele etwas thun, sondern ob etwas den Beifall der Weisen und Guten hat. -»Der Narren Zahl, sagt Salomo, ist unendlich.« Und die Wahrheit versichert: -»Viele sind berufen, aber wenige sind auserwählt«. Alles was kostbar ist, -ist selten, und was in Überfluß vorhanden ist, verliert an Wert. Niemand -soll in der Ratsversammlung der größeren Partei folgen, sondern der -besseren. Nicht auf das Alter eines Menschen soll man sehen, sondern auf -seine Weisheit; nicht gutes Einvernehmen, sondern Wahrheit soll man suchen. -Daher das Wort des Dichters: »Auch vom Feind sollst du dich lassen -belehren«. - -So oft eine Beratung nötig ist, soll sie ohne Verzug abgehalten werden. Bei -dringenden Angelegenheiten soll der Konvent zusammenberufen werden; bei -weniger wichtigen Dingen genügt es, wenn die Äbtissin einige ältere -Schwestern zu sich beruft. Vom Rat steht auch geschrieben: »Wo nicht Rat -ist, da gehet das Volk unter; wo aber viel Ratgeber sind, da gehet es wohl -zu. Der Weg des Narren ist recht in seinen Augen; aber ein vernünftiger -Mann verachtet nicht guten Rat. Mein Sohn, thue nichts ohne Rat, so -gereut's dich nicht nach der That«. Wenn auch dann und wann eine -Angelegenheit ohne Beratung glücklich erledigt wird, so entbindet die -Wohlthat des Geschickes den Menschen doch nicht von seiner Aufgabe. Und -wenn umgekehrt auch nach gepflogener Beratung falsche Maßregeln ergriffen -werden, so soll man den, der den Rat eingeholt hat, nicht der -Fahrlässigkeit beschuldigen. Denn ihn, der in gutem Glauben gehandelt hat, -trifft weniger Schuld als diejenigen, auf die er sich irrtümlicherweise -verlassen hat. - -Haben die Schwestern den Kapitelsaal verlassen, so sollen sie die -vorgeschriebenen Arbeiten vornehmen und sich mit Lesen oder Singen oder mit -Handarbeit beschäftigen bis zur Terz. Nach der Terz soll die Messe gelesen -werden, wozu ein Mönchspriester den Wochendienst hat. Dieser soll, wenn -Leute genug vorhanden sind, einen Diakon und Subdiakon mitbringen, welche -ihm administrieren und ihres Amtes walten. Sie sollen in der Weise kommen -und gehen, daß sie mit den Schwestern nicht zusammentreffen. Sind mehrere -nötig, so ist auch dafür zu sorgen, und zwar soll man dabei darauf sehen, -daß die Mönche niemals wegen der Messen im Nonnenkloster ihrem eigenen -Konvent beim Gottesdienst entzogen werden. - -Wenn die Schwestern kommunizieren wollen, so soll dazu ein älterer Priester -ausgewählt werden, der ihnen nach der Messe das Abendmahl giebt; vorher -aber sollen sich der Diakon und Subdiakon entfernen, um jeden Anlaß einer -Anfechtung zu entfernen. Mindestens dreimal im Jahr sollen alle Nonnen -kommunizieren, an Ostern, an Pfingsten und an Weihnachten, wie dies von den -Vätern auch für die Laien angeordnet ist. Zu diesen Kommunionen sollen sie -sich so vorbereiten, daß alle sich drei Tage vorher der Beichte und -entsprechenden Buße unterziehen, und in aller Demut und Furcht drei Tage -mit Fasten bei Wasser und Brot und unter anhaltendem Gebet verbringen, -immer wieder den furchtbaren Spruch des Apostels sich ins Gedächtnis -zurückrufend: »Welcher nun unwürdig von diesem Brot isset und von dem Kelch -des Herrn trinket, der ist schuldig an dem Leib und Blut des Herrn. Der -Mensch prüfe aber sich selbst, und also esse er von diesem Brot und trinke -von diesem Kelch. Denn welcher unwürdig isset und trinket, der isset und -trinket ihm selber das Gericht damit, daß er nicht unterscheidet den Leib -des Herrn. Darum sind auch so viele Schwache und Kranke unter euch, und ein -gut Teil schlafen. Denn so wir uns selber richteten, so würden wir nicht -gerichtet«. - -Auch nach der Messe sollen die Schwestern wieder zur Arbeit zurückkehren -bis zur Sext; überhaupt sollen sie nie müßig sein, sondern jede soll -arbeiten, was sie kann und muß. Nach der Sext soll man zum Essen gehen, -falls nicht ein Fasttag ist. In diesem Fall soll man mit dem Essen warten -bis zur None, in der großen Fastenzeit bis zur Vesper. - -Zu keiner Zeit soll im Konvent das Vorlesen unterbleiben. Will die Äbtissin -aufhören, so sage sie: es ist genug. Und alsbald sollen sich alle zum -Dankgebet erheben. Im Sommer soll man nach dem Essen bis zur None im -Dormitorium ruhen, nach der None wieder an die Arbeit gehen bis zur Vesper. -Unmittelbar nach der Vesper wird das Abendessen eingenommen oder das -Fastenmahl, je nach den Zeitumständen. Samstags findet vor dem Abendimbiß -eine Reinigung statt, bestehend im Waschen der Füße und Hände. Bei dieser -Verrichtung soll die Äbtissin thätig sein im Verein mit den Schwestern, -welche den Wochendienst in der Küche haben. Nach dem Abendessen geht man -alsbald zur Komplett; hierauf begiebt man sich zur Ruhe. - -In Nahrung und Kleidung halte man sich an das Wort des Apostels: »Wenn wir -aber Nahrung und Kleider haben, so lasset uns begnügen«. Man begnüge sich -mit dem Notwendigen und suche nicht den Überfluß. Was billig beschafft -werden kann und sich leicht trägt, ohne Anstoß zu erregen, das wird sich -empfehlen. Nur die Verletzung des eigenen oder eines fremden Gewissens mit -den Speisen verbietet der Apostel, da er wohl weiß, daß nicht das Essen an -sich Sünde ist, sondern die Begierde. »Welcher isset, sagt er, der verachte -den nicht, der da nicht isset; und welcher nicht isset, der richte den -nicht, der da isset. Wer bist du, daß du einen fremden Knecht richtest? -Welcher isset, der isset dem Herrn, denn er danket Gott; welcher nicht -isset, der isset dem Herrn nicht, und danket Gott. Darum lasset uns nicht -mehr einer den andern richten, sondern das richtet vielmehr, daß niemand -seinem Bruder einen Anstoß oder Ärgernis darstelle. Ich weiß und bin's -gewiß in dem Herrn Jesu, daß nichts gemein ist an ihm selbst; ohne der es -rechnet für gemein, demselbigen ist es gemein. Das Reich Gottes ist nicht -Essen und Trinken, sondern Gerechtigkeit und Friede und Freude im heiligen -Geiste. Es ist zwar alles rein, aber es ist nicht gut dem, der es isset mit -einem Anstoß seines Gewissens. Es ist viel besser, du essest kein Fleisch -und trinkest keinen Wein oder das, daran sich dein Bruder stößet oder -ärgert oder schwach wird«. Nach dem Ärgernis, das der Bruder nimmt, redet -der Apostel von dem Anstoß, den sich derjenige selber bereitet, der gegen -sein Gewissen ißt: »Selig ist, der ihm selbst kein Gewissen machet in dem, -das er annimmt. Wer aber darüber zweifelt und isset doch, der ist verdammt; -denn es gehet nicht aus dem Glauben: was aber nicht aus dem Glauben gehet, -das ist Sünde«. - -Zur Sünde wird uns alles, was wir gegen unser Gewissen und gegen das, was -wir glauben, thun. Und durch das, was wir billigen, d. h. durch das Gesetz, -welches wir annehmen, richten und verurteilen wir uns selbst: wenn wir z. -B. solche Speisen essen, bei denen wir zweifeln, d. h. die wir durch das -Gesetz verbieten und als unrein ausschließen. Denn das Zeugnis unseres -Gewissens ist so geartet, daß es uns bei Gott anklagt oder entschuldigt. -Daher sagt auch Johannes in seinem ersten Brief: »Ihr Lieben, so uns unser -Herz nicht verdammt, so haben wir eine Freudigkeit zu Gott. Und was wir -bitten, werden wir von ihm nehmen; denn wir halten seine Gebote und thun, -was vor ihm gefällig ist«. Darum sagt auch Paulus an der obigen Stelle ganz -richtig, nichts sei gemein in Christus, nur für den sei es so, der es -rechne für gemein, d. h. der glaube, daß etwas für ihn unrein und verboten -sei. - -Gemein nennen wir diejenigen Speisen, welche nach dem Gesetz unrein heißen, -die das Gesetz seinen Gläubigen verbietet und denen freigiebt, die außer -dem Gesetze leben. Daher sind auch die öffentlichen Frauen unrein, und -alles Gemeinsame und Öffentliche ist gering und weniger kostbar. Der -Apostel versichert mit Berufung auf Christus, keine Speise sei gemein, d. -h. unrein, weil das Gesetz Christi keine verbietet, es sei denn, wie -gesagt, um den Anstoß des eigenen oder des fremden Gewissens zu vermeiden. -In dieser Beziehung sagt er an anderer Stelle: »Darum, so die Speise meinen -Bruder ärgert, wollte ich nimmermehr Fleisch essen, auf daß ich meinen -Bruder nicht ärgerte. Bin ich nicht frei? Bin ich nicht ein Apostel?« Das -heißt soviel als: habe ich nicht die Freiheit, die der Herr seinen Aposteln -verliehen hat, alles Beliebige zu essen oder Unterstützung von anderen -anzunehmen? Denn als der Herr seine Jünger aussandte, sagte er: »Esset und -trinket, was ihr bei ihnen findet«, und er hat dabei nicht eine Speise von -der anderen unterschieden. Nach diesem Vorbild giebt der Apostel den -Christen alle Arten von Speisen frei, auch wenn sie von Ungläubigen und vom -Götzenopfer herrühren; nur will er, wie oben gesagt, das Ärgernis vermieden -wissen: »Ich habe es zwar alles Macht,« sagt er, »aber es frommt nicht -alles; ich habe es alles Macht, aber es bessert nicht alles. Niemand suche, -was sein ist, sondern ein jeglicher, was des andern ist. Alles was feil ist -auf dem Fleischmarkt, das esset, und forschet nichts, auf daß ihr des -Gewissens verschonet. Denn die Erde ist des Herrn und was darinnen ist. So -aber jemand von den Ungläubigen euch ladet, und ihr wollt hingehen, so -esset alles, was euch vorgetragen wird, und forschet nicht, auf daß ihr des -Gewissens verschonet. Wo aber jemand zu euch würde sagen: das ist -Götzenopfer -- so esset nicht um deswillen, der es anzeigte, auf daß ihr -des Gewissens verschonet. Ich sage aber vom Gewissen nicht deiner selbst, -sondern des andern. Seid nicht ärgerlich weder den Juden noch den Griechen -noch der Gemeine Gottes«. - -Aus diesen Worten des Apostels geht deutlich hervor, daß uns nicht verboten -ist, was wir ohne Verletzung des eigenen oder eines fremden Gewissens essen -können. Ohne Verletzung des eigenen Gewissens handeln wir dann, wenn wir -bei unserem Thun unserem Lebensberuf, der uns zum Heil führen soll, treu -bleiben können. Ohne Verletzung eines fremden Gewissens dann, wenn wir so -leben, daß man von uns glaubt, daß wir selig werden. Und so können wir -leben, wenn wir bei aller Nachsicht gegen die unumgänglichen Forderungen -der Natur die Sünde meiden, und nicht im Vertrauen auf unsere Tugend unser -Leben durch ein Gelübde unter ein Joch beugen, das uns zu schwer ist, und -unter dem wir deshalb erliegen, wobei dann der Fall um so tiefer ist, je -höher die Stufe war, auf die das Gelübde uns hätte heben sollen. - -Diesem Fall und der Ablegung eines unbedachten Gelübdes zuvorzukommen, sagt -der Prediger: »Wenn du Gott ein Gelübde thust, so verziehe nicht, es zu -halten. Denn er hat keinen Gefallen an den Narren. Was du gelobest, das -halte. Es ist besser, du gelobest nichts, denn daß du nicht hältst, was du -gelobest«. Dieser Gefahr will auch jener Rat des Apostels begegnen: »So -will ich nun, daß die jungen Witwen freien, Kinder zeugen, haushalten, dem -Widersacher keine Ursach' geben, zu schelten. Denn es sind schon etliche -umgewandt dem Satan nach«. Die Natur des schwachen Geschlechtes bedenkend, -empfiehlt er als Mittel gegen die Gefahr, die ein sittlich höheres Leben -mit sich bringt, eine weniger strenge Lebensweise. Er giebt den Rat, unten -zu bleiben, damit nicht ein jäher Sturz aus der Höhe erfolge. Dieser -Ansicht folgt auch der heilige Hieronymus, wenn er in seiner Unterweisung -an die Jungfrau Eustochium sagt: »Wenn aber die, die wirklich Jungfrauen -sind, um anderer Sünden willen nicht selig werden, was wird aus denen -werden, die die Glieder Christi zur Unzucht preisgegeben und den Tempel des -heiligen Geistes in ein Freudenhaus verwandelt haben? Besser wäre es dem -Menschen, das Joch der Ehe auf sich zu nehmen und in der Ebene zu wandeln, -als in die Höhe zu streben und in den Abgrund der Hölle zu stürzen«. - -Wenn wir sämtliche Aussprüche des Apostels nachschlagen, so werden wir -finden, daß er eine zweite Ehe immer nur den Frauen gestattet hat. Die -Männer dagegen ermahnt er zur Enthaltsamkeit und ruft ihnen zu: »Ist jemand -beschnitten berufen, der zeuge keine Vorhaut«, und: »Bist du los vom Weibe, -so suche kein Weib«. Moses dagegen räumt den Männern mehr Freiheit ein als -den Frauen und gestattet einem Mann mehrere Frauen, nicht aber einer Frau -mehrere Männer. Auch bestraft er den Ehebruch bei Frauen strenger als bei -Männern. »Ein Weib,« sagt der Apostel, »ist frei vom Gesetz, so der Mann -stirbet, daß sie nicht eine Ehebrecherin ist, wo sie eines andern Mannes -wird.« Und an anderer Stelle: »Ich sage aber den Ledigen und Witwen: es ist -ihnen gut, wenn sie auch bleiben wie ich. So sie aber sich nicht enthalten, -so laß sie freien; es ist besser freien denn Brunst leiden.« Und wiederum -heißt es: »Ein Weib, so ihr Mann entschläft, ist sie frei, sich zu -verheiraten, welchem sie will; allein, daß es in dem Herrn geschehe. -Seliger ist sie aber, wo sie also bleibet, nach meiner Meinung«. - -Nicht bloß eine zweite Ehe gestattet der Apostel dem schwachen Geschlecht, -sondern er beschränkt die Zahl der Eheschließungen nicht einmal auf ein -bestimmtes Maß; vielmehr, wenn ihre Männer entschlafen sind, gestattet er -ihnen, sich wieder zu verheiraten. Er schreibt für die Eheschließung keine -bestimmte Zahl vor, wenn die Frauen nur dadurch der Sünde der Hurerei -entgehen. Lieber sollen sie mehrmals heiraten als einmal in Unkeuschheit -verfallen. Denn haben sie sich erst Einem preisgegeben, so werden sie bald -mit vielen anderen dem Verlangen nach geschlechtlichem Verkehr nachgeben. -Zwar ist auch die rechtmäßige Befriedigung dieses Verlangens nicht ganz -frei von Sünde, allein man übt Nachsicht mit der kleineren Sünde, um die -größere zu vermeiden. Was ist also dabei, wenn man ihnen, um anderweitige -Sünde zu verhüten, etwas verstattet, wobei gar keine Sünde ist, nämlich die -notwendigen Speisen, nur nicht im Überfluß? Denn nicht die Speise wird uns -zur Sünde, sondern die Begierde, die da will, was nicht erlaubt ist, die -begehrt, was verboten ist, die oftmals sich übernimmt und so viel Ärgernis -verursacht. - -Welches von allen Nahrungsmitteln der Menschen ist aber so gefährlich, so -schädlich und unserem Beruf und der frommen Beschaulichkeit so unzuträglich -wie der Wein? Der größte der Weisen warnt uns gar eindringlich vor ihm: -»Der Wein macht lose Leute, und stark Getränke macht wilde; wer dazu Lust -hat, wird nimmer weise. Wo ist Weh, wo ist Leid? Wo ist Zank? Wo ist -Klagen? Wo sind Wunden ohne Ursach'? Wo sind rote Augen? Nämlich, wo man -beim Wein liegt und kommt auszusaufen, was eingeschenkt ist. Siehe den Wein -nicht an, daß er so rot ist und im Glase so schön stehet. Er geht glatt -ein, aber danach beißt er wie eine Schlange und sticht wie eine Otter. So -werden deine Augen nach andern Weibern sehen und dein Herz wird verkehrte -Dinge reden. Und wirst sein wie einer, der mitten im Meer schläft, und wie -einer schläft oben auf dem Mastbaum, und wirst sagen: sie schlagen mich, -aber es thut mir nicht wehe; sie klopfen mich, aber ich fühle es nicht. -Wann will ich aufwachen, daß ich's mehr treibe?« Weiter: »O nicht den -Königen, Lamuel, gieb den Königen nicht Wein zu trinken, denn wo -Trunkenheit herrscht, wird kein Geheimnis bewahrt; sie möchten trinken und -der Rechte vergessen und verändern die Sache der elenden Leute«. Und im -Buch Sirach heißt es: »Ein Arbeiter, der sich gern vollsäuft, der wird -nicht reich, und wer ein Geringes nicht zu Rat hält, der nimmt für und für -ab. Wein und Weiber bethören die Weisen«. - -Auch der Prophet Jesaias, der sonst von keiner Speise redet, erwähnt doch -des Weines als einer Ursache zur Gefangenschaft seines Volkes: »Wehe denen, -die des Morgens frühe auf sind, des Saufens sich zu fleißigen, und sitzen -bis in die Nacht, daß sie der Wein erhitzt. Und haben Harfen, Psalter, -Pauken, Pfeifen und Wein in ihrem Wohlleben, und sehen nicht auf das Werk -des Herrn. Darum wird mein Volk müssen weggeführt werden, weil es nicht -Vernunft angenommen hat. Weh denen, so Helden sind Wein zu saufen und -Krieger in Völlerei!« Vom Volk bis zu den Priestern und Propheten dehnt er -seine Klage aus: »Dazu sind diese auch vom Wein toll worden und taumeln von -starkem Getränk. Denn beide, Priester und Propheten, sind toll von starkem -Getränk, sind im Wein ersoffen und taumeln von starkem Getränk; sie sind -toll im Weissagen und speien die Urteile heraus. Denn alle Tische sind voll -Speiens und Unrats an allen Orten. Wen soll er denn lehren das Erkenntnis? -Wem soll er zu verstehen geben die Predigt?« Der Herr spricht durch den -Mund Joëls: »Wachet auf, ihr Trunkenen, und heulet alle Weinsäufer!« - -In notwendigen Fällen wird ja der Weingenuß nicht verboten; so rät der -Apostel dem Timotheus: »Um deines Magens willen, und weil du oft krank -bist« -- nicht bloß 'krank', sondern 'oft krank'. Noah hat zuerst den -Weinstock gepflanzt, ohne noch das Laster der Trunkenheit zu ahnen, und im -Rausch hat er seine Scham entblößt; denn mit dem Wein verbündet sich -schändliche Üppigkeit. Vom eigenen Sohn verspottet, hat er ihn verflucht -und ihm das Joch der Knechtschaft auferlegt, was vorher niemals, soviel wir -wissen, geschehen ist. Die Töchter Lots wußten wohl, daß sie den frommen -Mann nur in der Trunkenheit zur Blutschande verleiten konnten. Und Judith, -die selige Witwe, hat im Vertrauen auf dieses trügerische Mittel allein den -stolzen Holofernes zu Fall gebracht. Von den Engeln, welche den Erzvätern -erschienen und von diesen bewirtet wurden, lesen wir, daß sie Fleisch zu -sich genommen haben, nicht aber Wein. Und dem Elias, unserem großen -Vorbild, haben die Raben, als er in der Wüste sich verbarg, des Morgens und -des Abends Brot und Fleisch zur Speise gebracht, nicht Wein. Auch vom Volk -Israel lesen wir, daß es in der Wüste mit der köstlichen Speise der -Wachteln genährt worden sei, aber keinen Wein gehabt und dessen auch nicht -begehrt habe. Und bei jenen Speisungen mit Brot und Fisch, womit in der -Wüste das Volk gesättigt wurde, wird auch nichts von Wein berichtet. Nur -auf einer Hochzeit, wo man sich des Weines, der die Quelle der Wollust ist, -allerdings nicht enthält, ist dem Wein zulieb ein Wunder geschehen. Aber -die Wüste, die eigentliche Wohnung der Mönche, kennt mehr die Wohlthat des -Fleisches als die des Weins. Eine Hauptbestimmung im Gelübde der Nasiräer, -womit sie sich Gott weihten, war die, Wein und geistige Getränke zu meiden. - -Denn was bleibt an einem Trunkenen noch tugendhaft und gut? Darum lesen -wir, daß in der alten Zeit den Priestern nicht bloß der Wein, sondern alle -geistigen Getränke verboten waren. Hieronymus in seinem Buch »vom Leben der -Kleriker«, das an Nepotianus gerichtet ist, ereifert sich sehr darüber, daß -die Priester des alten Bundes darin, daß sie sich aller geistigen Getränke -enthielten, vollkommener waren, als die unsrigen. Er sagt: »Rieche nicht an -den Wein, damit du dir nicht das Wort des Philosophen sagen lassen mußt: -'Das heißt nicht küssen, sondern die Schale zum Munde führen'«. - -Auch der Apostel verurteilt weinselige Priester, und das Gesetz Mosis -verbietet den Weingenuß. »Die den Dienst des Altars besorgen, sollen nicht -Wein und Gegorenes trinken.« -- »Sicera« heißt im Hebräischen jedes -berauschende Getränke, gleichviel, ob es bereitet wird aus dem gegorenen -Saft von Früchten oder aus eingekochtem Honig und Kräutern oder aus der -gepreßten Frucht der Palme oder aus Früchten, die man zu Sirup zerkocht. -»Alles was berauscht und dich um den Verstand bringt, das fliehe wie den -Wein.« - -Nach der Regel des heiligen Pachomius soll niemand, mit Ausnahme der -Kranken, Wein oder sonst geistige Getränke berühren. Und wem von euch -sollte unbekannt sein, daß der Wein für Mönche überhaupt nichts sei und daß -die Mönche ihn einst so verabscheut haben, daß sie ihn, um von ihm -abzuschrecken, den Satan selber nannten? So lesen wir im »Leben der -Altväter«: »Es erzählten einige Leute dem Vater Pastor von einem Mönch, der -keinen Wein trank, worauf dieser sagte: 'Der Wein ist überhaupt nichts für -Mönche'. Ferner ist dort zu lesen: 'Man feierte eines Tags die Messe auf -dem Berg des Vaters Antonius, und fand daselbst ein Gefäß mit Wein. Einer -der Alten hob es auf und brachte einen Becher voll dem Vater Sisoi. Der -trank ihn aus, nahm zum zweitenmal und leerte ihn wieder. Als ihm aber zum -drittenmal angeboten wurde, wies er's zurück und sagte: Laß genug sein, -Bruder, vergissest du, daß der Teufel darin steckt?'« Und weiter wird von -dem Vater Sisoi berichtet: »Abraham sagte zu seinen Schülern: 'Wenn man an -einem Feiertag oder Sonntag zur Kirche geht und drei Kelche Wein trinkt, -ist das nicht zu viel?' Und es antwortete der Alte: 'Es wäre nicht zu viel, -wenn der Satan nicht wäre.'« Daran denkt auch der heilige Benediktus, wenn -er für gewisse Fälle seinen Mönchen den Weingenuß gestattet. Er sagt: »Wohl -lesen wir, daß der Wein für die Mönche überhaupt nichts sei; allein man -wird in unserer Zeit die Mönche nicht völlig davon überzeugen können«. - -Es wäre nichts besonderes, wenn den Mönchen durchaus versagt würde, was -auch den Frauen, die von Natur schwächer sind, wenn auch widerstandsfähiger -gegen den Wein, vom heiligen Hieronymus gänzlich verboten wird. Er schreibt -nämlich an die christliche Jungfrau Eustochium, indem er sie über die -Bewahrung der Jungfräulichkeit belehrt, folgende dringende Mahnung: »Wenn -mein Rat irgend etwas gelten soll und du meiner Erfahrung Glauben schenken -willst, so ist meine erste Mahnung und Bitte, daß eine Braut Christi den -Wein fliehen möge wie Gift. Denn das ist die schärfste Waffe der Dämonen -gegen die Jugend. So sehr knechtet nicht der Geiz, so bläht der Stolz nicht -auf, so viel Reize besitzt nicht der Ehrgeiz. Anderen Lastern entfliehen -wir leicht; diesen Feind tragen wir im Innern; wohin wir uns wenden, wir -tragen ihn bei uns. Wein und Jugend eine zwiefache Nahrung des Feuers der -Wollust. Sollen wir noch Öl in die Flamme gießen? Sollen wir dem brennenden -Leib noch neuen Zündstoff zuführen?« - -Übrigens belehren uns die Schriften der Naturforscher, daß der Wein den -Frauen weit weniger anhaben könne als den Männern. Macrobius Theodosius -führt dafür im siebenten Buch seiner Saturnalia folgenden Grund an: -»Aristoteles sagt, die Weiber werden selten berauscht, Greise oft. Der -Körper des Weibes hat einen sehr großen Feuchtigkeitsgehalt. Ein Beweis -dafür ist die Glätte und der Glanz ihrer Haut, und besonders sprechen dafür -die regelmäßigen Reinigungen, durch welche ihr Körper von überflüssiger -Feuchtigkeit entlastet wird. Der Wein verliert seine Stärke, wenn er mit so -überreichem flüssigem Stoffe sich mischt, und steigt nicht mehr so leicht -zu Kopfe, da seine Wirkung auf diese Weise gelähmt wird«. Ferner heißt es -dort: »Der weibliche Körper unterliegt häufigen Reinigungen und hat an -seiner Oberfläche zahlreiche Öffnungen und Poren, durch welche die -Feuchtigkeit ihren Ausgang sucht und findet. Durch diese Poren entweicht -auch der Dunst des Weines gar schnell«. - -Warum also sollte man den Mönchen gestatten, was dem schwächeren Geschlecht -versagt wird? Wie unvernünftig, es denen zu gestatten, die den größeren -Schaden davon haben, und den andern es zu verbieten! Was wäre thörichter -als wenn man unterließe, die Mönche von dem abzuschrecken, was ihrem -frommen Beruf am meisten zuwider ist und zum Abfall von Gott verführt? Ist -es nicht ein Frevel, wenn Christen in dem Stück, in dem die Könige und -Priester des alten Bundes Enthaltsamkeit übten, sich nicht nur nicht -kasteien, sondern sich sogar bis zur Schwelgerei vergessen? Denn man weiß -ja, wie eifrig Kleriker und Mönche in unserer Zeit sich um den Weinkeller -bemühen, ihn mit den verschiedenen Sorten anzufüllen; wie sie den Wein mit -Kräutern, Honig und Würzwerk zu mischen verstehen, um desto besser sich -berauschen zu können, und wie sie je mehr das Feuer der Sinnlichkeit -schüren, je mehr sie beim Wein sich erhitzen. Welche Verirrung, nein, -welcher Wahnsinn, daß die, welche durch ihr Gelübde sich zur Enthaltsamkeit -verpflichten, nicht nur nichts dazu thun, es zu halten, sondern -geflissentlich zum Bruch desselben beitragen! Zwar ihr Leib ist hinter -Klostermauern festgebannt, aber ihr Herz ist voll unreiner Lust und brennt -vor Verlangen nach Unzucht. - -Zwar der Apostel schreibt an Timotheus: »Trinke nicht mehr Wasser, sondern -brauche ein wenig Wein um deines Magens willen, und weil du so oft krank -bist«. Also wegen seiner Kränklichkeit wird ihm mäßiger Weingenuß -verstattet; es versteht sich aber von selbst, daß er keinen getrunken -hätte, wäre er gesund gewesen. Wenn wir uns das apostolische Leben zum -Vorbild nehmen, wenn wir ein Leben der Buße führen und der Welt entsagen -wollen: warum hat gerade das den großen Reiz für uns und erscheint uns -köstlicher als alle andern Nahrungsmittel, was doch unserem Beruf offenbar -am meisten hinderlich ist? - -Der heilige Ambrosius, der das Wesen der Buße so trefflich beschreibt, hat -an der Lebensweise der Büßenden nichts auszusetzen als den Weingenuß. »Oder -glaubt jemand«, sagt er, »daß da wahre Buße ist, wo der Ehrgeiz herrscht, -wo der Wein in Strömen fließt, wo man in ehelicher Gemeinschaft lebt? Man -muß der Welt gänzlich absagen. Leichter habe ich solche gefunden, die ihre -Unschuld bewahrt, als solche, die recht Buße gethan haben.« Und in dem -Buche »von der Weltflucht« heißt es: »In Wahrheit fliehst du die Welt, wenn -dein Auge Becher und Trinkschalen meidet, daß es nicht lüstern werde, wenn -es beim Wein verweilt«. Von allen Nahrungsmitteln erwähnt »die Weltflucht« -nur den Wein, und versichert uns, wenn wir ihn meiden, können wir der Welt -entfliehen, als wenn alle Reize der Welt im Wein beschlossen wären. Und er -sagt nicht: wenn euer Gaumen sich des Geschmackes enthält, sondern: wenn -das Auge nicht danach sieht, damit es nicht von Lust und Verlangen sich -fangen lasse, wenn es öfter hinsieht. Daher auch der Spruch Salomos, den -wir oben angeführt haben: »Siehe den Wein nicht an, daß er so rot ist und -im Glase so schön steht«. Aber was sagen wir dazu, die wir uns am Geschmack -wie am Anblick des Weines ergötzen, ihn mit Honig, Kräutern und allen -möglichen Würzen mischen und ihn aus großen Schalen trinken wollen? - -Genötigt, dem Wein ein Zugeständnis zu machen, sagt der heilige Benediktus: -»Wenigstens wollen wir das festhalten, daß man nicht bis zur Sättigung -trinken soll, sondern weniger; denn der Wein macht auch die Weisen zu -Thoren«. Wenn wir uns nur damit begnügen könnten, bis zur Stillung des -Durstes zu trinken und uns nicht so leicht zur Überschreitung des rechten -Maßes verleiten ließen. Auch der heilige Augustinus sagt in der Regel für -die Mönchsklöster, welche er eingerichtet hatte: »Nur Samstags und -Sonntags, wie es der Brauch ist, sollen die, die es wollen, Wein bekommen«; -dies geschah zur Feier des Sonntags und der betreffenden Vigilie, welche -Samstags gehalten wird, und sodann, weil an diesem Tag die in ihren Klausen -zerstreut lebenden Brüder sich versammelten. So sagt auch der heilige -Hieronymus, indem er von einem Ort redet, den er Cella nennt: »Jeder lebt -für sich in seiner Klause. Doch am Sonnabend und Sonntag kommen sie in der -gemeinsamen Kirche zusammen, und sehen hier einander wie im Himmel -Vereinigte«. Diese Ausnahme war gewiß berechtigt: die Brüder sollten bei -ihrer Zusammenkunft durch eine Erfrischung erfreut werden, und wenn sie es -auch nicht aussprachen, doch das Gefühl haben: »Siehe wie fein und lieblich -ist es, wenn Brüder einträchtig bei einander wohnen«. - -Wir enthalten uns des Fleisches; aber was haben wir für ein Verdienst -dabei, wenn wir uns an andern Speisen bis zum Übermaß sättigen? Wenn wir -mit vielen Kosten mancherlei Gerichte von Fischen bereiten, wenn wir -Pfeffer und andere starke Gewürze dreinmischen, wenn wir, trunken vom -gewöhnlichen Wein, unsern Bechern und Schalen noch den Reiz besonderer -Würzen verleihen, so muß für all dies die Fleischenthaltung uns vor der -Welt entschuldigen: als ob es auf die Art und nicht vielmehr auf das Maß -der Speisen ankäme, während uns doch der Herr nur Völlerei und Trunkenheit -verbietet, d. h. jedes Übermaß in Speise und Trank, nicht aber eine -bestimmte Art von beiden. - -Von dieser Einsicht geleitet sieht auch der heilige Augustin in keinem -andern Nahrungsmittel eine Gefahr, außer im Wein: er macht keinen -Unterschied zwischen den verschiedenen Arten von Speisen, und glaubt, daß -für die Abstinenz folgende kurze Vorschrift genüge: »Kasteiet euer Fleisch -mit Fasten und mit Enthaltsamkeit von Speise und Trank, soweit eure -Gesundheit es gestattet«. Er hatte wohl den Satz des heiligen Athanasius in -dessen Mahnwort an die Mönche gelesen: »Für das Fasten soll dem freien -Willen keine bestimmte Grenze gesetzt werden; jeder mag fasten, soviel es -ihm mit Rücksicht auf seine Gesundheit möglich ist; alle Tage, außer am -Sonntag, kann man Fasten halten, aber sie sollen nicht Gegenstand eines -Gelübdes sein«. Das heißt so viel als: wenn die Fasten infolge eines -Gelübdes übernommen werden, können sie jederzeit mit Ausnahme der Festtage -gehalten werden. Hier werden also keine bestimmten Fasten vorgeschrieben, -man soll sich damit nach dem Stand der Gesundheit richten. Denn es heißt: -»Er sieht allein auf die Fähigkeit, die jeder von Natur hat, und es ist -jedem freigestellt, sich selbst sein Maß zu bestimmen; denn wo das rechte -Maß eingehalten wird, kommen keine Verfehlungen vor«. Wir sollen uns nicht -allzusehr durch Genüsse verweichlichen lassen, wie jenes Volk, das mit -Weizen und mit gutem Traubenblut genährt war und von dem geschrieben steht: -»Es ist fett und dick und stark geworden und hat Gott fahren lassen«. Wir -sollen uns auch nicht über das Maß mit Kasteiung quälen, damit wir nicht -entweder ganz erliegen oder aber durch Murren unseres Lohns verlustig gehen -oder uns unserer Trefflichkeit rühmen. Der »Prediger« warnt davor mit den -Worten: »Ein Gerechter gehet unter in seiner Gerechtigkeit; sei nicht allzu -gerecht und nicht allzu weise, daß du dich nicht verderbest«, d. h. daß du -nicht aus Bewunderung für deine Vortrefflichkeit hochmütig werdest. - -Aller Eifer in dieser Hinsicht soll geleitet werden von weiser Erwägung, -der Mutter aller Tugenden. Sie soll jedem die Last zuweisen, die er tragen -kann, die Natur nicht vergewaltigen, sondern sich nach ihr richten, nicht -die Notdurft verbieten, aber Schwelgerei und Überfluß fernhalten. So wird -das Laster ausgerottet, und die Natur doch nicht verletzt. Es ist für die -Schwachen genug, wenn sie die Sünde meiden, auch wenn sie nicht bis zum -Gipfel der Vollkommenheit emporsteigen. Wenn du nicht bei den Märtyrern -Platz findest, laß dir an einem Winkel im Paradiese genügen. Es ist -sicherer, ein bescheidenes Gelübde abzulegen, damit man aus freien Stücken -noch etwas Überverdienstliches hinzuthun kann. Darum steht geschrieben: -»Wenn ihr alles gethan habt, was euch befohlen ist, so sprechet: wir sind -unnütze Knechte, wir haben gethan, was wir zu thun schuldig waren«. -- »Das -Gesetz,« sagt der Apostel, »richtet nur Zorn an; denn wo das Gesetz nicht -ist, da ist auch keine Übertretung«. Und weiter: »Denn ohne das Gesetz war -die Sünde tot. Ich aber lebte weiland ohne Gesetz. Da aber das Gebot kam, -ward die Sünde wieder lebendig. Ich aber starb; und es befand sich, daß das -Gebot mir zum Tode gereichte, das mir doch zum Leben gegeben war. Denn die -Sünde nahm Ursache am Gebot und betrog mich und tötete mich durch -dasselbige Gebot; auf daß die Sünde würde überaus sündig durch das Gebot«. -Augustinus an Simplicianus sagt: »Durch das Verbot ist das Verlangen -gemehrt worden und verlockender erschienen, und so sind wir verführt -worden«. Derselbe Augustinus sagt in seinem Buch »Quästiones« in der 67. -Frage: »Wir lassen uns durch unser Gelüste leichter zur Sünde verführen, -wenn ein Verbot da ist«. -- »Was versagt ist, begehren wir stets, das -Verbotene reizt uns«. - -Höre mit Furcht und Zittern jeder diese Worte, der das Joch irgend einer -Ordensregel auf sich nehmen und sich durch ein neues Gesetz binden lassen -will. Er wähle, was er durchzuführen vermag, und meide, was über seine -Kräfte geht. Niemand wird schuldig des Gesetzes, der nicht vorher sich zu -ihm bekannt hat. Ehe du dich bindest, besinne dich; hast du's gethan, dann -bleibe fest. Jetzt ist Freiheit, was nachher Zwang ist. »In meines Vaters -Hause,« sagt die Wahrheit, »sind viele Wohnungen.« Darum giebt es auch -vielerlei Wege, die dorthin führen. Nicht werden die Ehegatten verdammt, -aber leichter werden selig, die sich enthalten. Nicht damit wir überhaupt -erst selig würden, sind uns die Regeln der heiligen Väter gegeben, sondern -damit wir leichter den Weg zur Seligkeit finden und reineren Verkehr mit -Gott pflegen können. »Und so eine Jungfrau freiet,« sagt der Apostel, -»sündiget sie nicht; doch werden solche leibliche Trübsal haben. Ich -verschonete aber euer gerne.« Ferner: »Welche nicht freiet, die sorget, was -dem Herrn angehöret, daß sie heilig sei, beide am Leib und auch am Geist; -die aber freiet, die sorget, was der Welt angehört, wie sie dem Manne -gefalle. Solches aber sage ich zu eurem Nutzen, nicht daß ich euch einen -Strick an den Hals werfe, sondern dazu, daß es fein ist, und ihr stets und -unverändert dem Herrn dienen könnet«. - -Dies aber erreichen wir dann am leichtesten, wenn wir auch körperlich uns -von der Welt zurückziehen und uns hinter Klostermauern bergen, daß nicht -der Lärm der Welt unsere Ruhe störe. Aber nicht nur, wer das Gesetz auf -sich nimmt, sondern auch der, der es auflegt, sehe sich vor, daß er nicht -durch Häufung der Gebote auch die Übertretungen mehre. Das Wort Gottes, das -im Fleisch erschienen ist, hat das Wort des Gesetzes abgekürzt. Moses hat -vieles geredet und doch, wie der Apostel sagt: »Das Gesetz konnte nichts -vollkommen machen«. Es hatte viele und so schwere Gebote, daß der Apostel -Petrus sagte, niemand könne sie halten. »Ihr Männer, liebe Brüder,« sprach -er, »was versuchet ihr Gott mit Auflegen des Jochs auf der Jünger Hälse, -welches weder unsere Väter noch wir haben mögen tragen. Sondern wir glauben -durch die Gnade des Herrn Jesu Christi selig zu werden, gleicherweise wie -auch sie.« Mit wenig Worten hat Christus seine Jünger über die sittliche -Haltung und heilige Lebensführung belehrt und ihnen den Weg zur -Vollkommenheit gewiesen. Das Strenge und Ernste beiseite lassend hat er -ihnen seine Vorschriften, in denen seine ganze Lehre beschlossen war, -lieblich und leicht gemacht: »Kommet her zu mir alle, die ihr mühselig und -beladen seid, ich will euch erquicken. Nehmet auf euch mein Joch und lernet -von mir, denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig -- so werdet ihr -Ruhe finden für eure Seelen. Denn mein Joch ist sanft und meine Last ist -leicht«. - -Denn bei den Werken der Frömmigkeit geht es oft wie bei weltlichen -Geschäften. Mancher arbeitet sich müde in seinem Geschäft und hat doch -wenig Gewinn davon, und mancher hat viel äußere Anfechtung und doch wenig -Verdienst vor Gott, denn er sieht das Herz an, nicht das Werk. Solche -Leute, je mehr sie mit Äußerlichem sich beschäftigen, desto weniger haben -sie Zeit für innerliche Dinge; je mehr sie bei Leuten, deren Urteil in -Außendingen etwas gilt, bekannt werden, desto größer wird ihr Ruhm und -desto leichter lassen sie sich zum Hochmut verführen. Diesem Irrtum zu -begegnen, setzt der Apostel die äußeren Werke tief herunter und erhebt -dagegen die Rechtfertigung durch den Glauben. »Ist Abraham durch die Werke -gerecht, so hat er wohl Ruhm, aber nicht vor Gott. Was saget denn die -Schrift? Abraham hat Gott geglaubt, und das ist ihm zur Gerechtigkeit -gerechnet.« Und weiter: »Was wollen wir nun hie sagen? Das wollen wir -sagen: die Heiden, die nicht haben nach der Gerechtigkeit gestanden, haben -die Gerechtigkeit erlangt; ich sage aber von der Gerechtigkeit, die aus dem -Glauben kommt. Israel aber hat dem Gesetz der Gerechtigkeit nachgestanden -und hat das Gesetz der Gerechtigkeit nicht überkommen. Warum das? Darum, -daß sie es nicht aus dem Glauben, sondern als aus den Werken des Gesetzes -suchen«. - -Sie gleichen den Leuten, die ihre Gefäße und Geschirre nur von außen -reinigen und sie innen schmutzig lassen, und mehr für das Fleisch besorgt -als für den Geist, sind sie fleischliche Leute, nicht geistliche. Wir aber, -die wir danach trachten, daß Christus durch den Glauben in unserem inneren -Menschen Wohnung mache, achten das Äußere gering, an dem der Schlechte wie -der Gute teilhaben kann, und denken an das Wort: »In meinem Herzen sind die -Gelübde und die Lobpreisungen, die ich dir, mein Gott, darbringen werde«. - -Und so ahmen wir auch jene äußerliche gesetzliche Enthaltsamkeit nicht -nach, die zur wahren Gerechtigkeit sicherlich nichts beiträgt. Denn auch -der Herr giebt uns kein Speiseverbot; nur Völlerei und Trunkenheit, d. h. -den Überfluß, verbietet er. Darum sagte er von sich selber: »Johannes ist -kommen, aß nicht und trank nicht, so sagen sie: er hat den Teufel. Des -Menschen Sohn ist kommen, isset und trinket, so sagen sie: siehe, wie ist -der Mensch ein Fresser und ein Weinsäufer«. Er entschuldigt auch seine -Jünger, weil sie nicht, wie die Jünger Johannes, fasteten und mit -ungewaschenen Händen zu Tische saßen: »Wie können die Hochzeitleute Leid -tragen, so lange der Bräutigam bei ihnen ist?« Und ein andermal: »Was zum -Munde eingehet, das verunreiniget den Menschen nicht, sondern was zum Munde -ausgehet, das verunreiniget den Menschen. Was aber zum Munde herausgehet, -das kommt aus dem Herzen, und das verunreiniget den Menschen. Aber mit -ungewaschenen Händen essen verunreiniget den Menschen nicht«. - -Keine Speise also verunreinigt die Seele, dies geschieht durch die Begierde -nach verbotener Speise. Denn wie der Leib nur durch leiblichen Schmutz -verunreinigt werden kann, so die Seele nur durch geistigen. Und nichts ist -zu fürchten bei allem was der Leib verrichtet, wenn nur der Geist nicht -seine Einwilligung dazu giebt. Auf die Reinheit des Fleisches dürfen wir -nicht pochen, wenn die Seele durch bösen Willen verderbt wird. Im Herzen -also liegt Tod und Leben der Seele beschlossen. Daher Salomo in den -Sprüchen sagt: »Behüte dein Herz mit allem Fleiß, denn daraus gehet das -Leben«. Und nach dem Worte der »Wahrheit«, das wir oben gehört, kommt aus -dem Herzen, was den Menschen verunreiniget: denn nach ihren guten oder -bösen Gelüsten wird die Seele gerettet oder verdammt. Weil aber die -Verbindung zwischen Seele und Leib so gar eng ist, müssen wir uns vorsehen, -daß nicht die Seele von der Fleischeslust sich mit fortreißen lasse, und -daß nicht das Fleisch, wenn man ihm allzusehr nachgiebt, im Übermut dem -Geist widerstrebe, und so das, was unterthan sein sollte, Herr werde. Dies -werden wir vermeiden, wenn wir alles Notwendige gestatten, allen Überfluß -aber, wie schon öfters gesagt, fernhalten, und dem schwachen Geschlecht -erlauben, alle Speisen mit Maß, keine aber unmäßig zu gebrauchen. - -Mögen sie alles gebrauchen, nichts aber mißbrauchen. »Denn,« sagt der -Apostel, »alle Kreatur Gottes ist gut, und nichts verwerflich, das mit -Danksagung empfangen wird. Denn es wird geheiliget durch das Wort Gottes -und Gebet. Wenn du den Brüdern solches vorhältst, so wirst du ein guter -Diener Jesu Christi sein, auferzogen in den Worten des Glaubens und der -guten Lehre, bei welcher du immerdar gewesen bist.« Auch wir wollen mit -Timotheus diese Lehre des Apostels befolgen und nach der Vorschrift des -Herrn uns nur hüten vor Völlerei und Trunkenheit; in allem wollen wir so -Maß halten, daß der leiblichen Schwäche aufgeholfen, nicht aber das Laster -großgezogen werde. Und besonders bei den Dingen, die, im Überfluß genossen, -Gefahren mit sich bringen, soll ein strenges Maß angelegt werden. Es ist -ein größeres Verdienst und löblicher, mit Maß zu essen, als ganz sich zu -enthalten. Daher auch der heilige Augustinus in seinem Buch »Über das Gut -der Ehe«, wo es von den Nahrungsmitteln handelt, sagt: »Nur derjenige macht -einen richtigen Gebrauch von den Dingen, der sie so braucht, daß er sie -auch entbehren kann. Vielen fällt es leichter, sich eines Genusses ganz zu -enthalten als denselben durch das richtige Maß zu regeln. Niemand aber -macht einen weisen Gebrauch von den Gütern dieser Welt, der nicht auch -imstande ist, sich ihrer zu enthalten«. In dieser Gesinnung hat auch Paulus -das Wort gesagt: »Ich kann beides: übrig haben und Mangel leiden«. Mangel -leiden, das kann jeden treffen, aber den Mangel recht ertragen können, das -ist Sache großer Menschen. So kann auch wohl jeder beliebige Mensch »übrig -haben«; aber in der rechten Weise übrig haben können nur die, die sich vom -Überfluß nicht verderben lassen. - -Des Weines also, der, wie gesagt, lose Leute macht, und darum der guten -Zucht und der Schweigsamkeit feind ist, sollen sich die Frauen um Gottes -willen entweder ganz enthalten, wie sich heidnische Frauen desselben -enthalten aus Furcht vor dem Ehebruch; oder aber sollen sie ihn mit Wasser -mischen, was für den Durst wie für die Gesundheit zuträglich ist, und -wodurch er seine schädliche Wirkung verliert. Dies wird, glaube ich, -erreicht, wenn zu drei Teilen Wein ein Teil Wasser gemischt wird. Sehr -schwierig aber ist es, sich zu hüten, daß man von dem vorgesetzten Wein -nicht bis zur Sättigung trinke, wie dies der heilige Benediktus verlangt. -Darum achten wir es für sicherer, wenn wir auch den Genuß bis zur Sättigung -nicht verbieten, damit uns aus dem Verbot nicht eine neue Gefahr erwachse. -Denn, wie wir schon wiederholt gesagt haben, nicht die Sättigung ist Sünde, -sondern die Unmäßigkeit. Auch ist nichts dagegen einzuwenden, daß für -Kranke gewürzte Weine bereitet werden, und daß sie ungemischten Wein -bekommen. Doch im Konvent soll solcher nie getrunken werden, sondern allein -von den Kranken. - -Daß Brot aus reinem Weizenmehl gemacht werde, verbieten wir streng, -vielmehr soll stets mindestens ein Dritteil gröberen Mehles darunter -gemengt werden. Auch soll man das Brot nicht essen, solang es noch warm -ist, sondern nur solches, das mindestens einen Tag alt ist. Die Fürsorge -für die übrigen Nahrungsmittel soll die Äbtissin in der Weise treffen, daß -sie mit dem, was billig und leicht zu haben ist, den Bedürfnissen des -schwachen Geschlechts entgegenkommt. Denn wie thöricht wäre es, wenn wir -bei andern Leuten kaufen wollten, was wir selber haben, und wenn wir -draußen im Überfluß suchen wollten, was wir zu Hause zur Genüge haben! Wenn -uns zu Gebote steht, was wir brauchen, warum sollten wir uns dann um das -Überflüssige bemühen? - -Zu dieser weisen Mäßigung werden wir nicht bloß durch menschliches Vorbild -angehalten, sondern sogar durch dasjenige der Engel und des Herrn selbst, -und wir sehen daraus, daß wir zur Befriedigung der Notdurft dieses Lebens -nicht lange wählerisch sein sollen, was die Speisen anbelangt, sondern -zufrieden sein mit dem, das da ist. So hat Abraham Fleisch zubereitet, und -die Engel haben es gegessen, und als in der Wüste sich Fische vorfanden, -hat Jesus damit das hungernde Volk gespeist. Daraus sehen wir deutlich, daß -zwischen Fleisch und Fisch kein Unterschied zu machen und beides nicht zu -verachten ist, und daß man das nehmen soll, woran keine Sünde hängt, was -sich leicht und ohne große Umstände darbietet und am wenigsten kostet. -Daher sagt auch Seneca, dieser große Freund der Armut und Enthaltsamkeit -und unter allen Philosophen der größte Sittenlehrer: »Es ist unsere -Aufgabe, der Natur gemäß zu leben. Der Natur zuwider ist es, seinen Körper -zu quälen, kostenlose Reinlichkeit zu scheuen, den Schmutz aufzusuchen und -Speisen zu sich zu nehmen, die nicht bloß einfach, sondern schlecht und -ekelhaft sind. Wie es einerseits eine Üppigkeit ist, ausgesucht feine Dinge -zu begehren, so ist es auch thöricht, sich bescheidene und leicht zu -verschaffende Genüsse zu versagen. Mäßigkeit verlangt die Philosophie, -nicht Kasteiung. Man kann auch eine geordnete Mäßigung walten lassen. Das -ist die Art, die mir gefällt«. Daher auch Gregorius im 30. Buch seiner -»Moralia« lehrt, daß es für die Sitten der Menschen weniger auf die -Beschaffenheit ihrer Nahrung als ihrer Gesinnung ankomme, und wo er die -verschiedenen Gelüste des Gaumens unterscheidet, folgendes sagt: »Einmal -verlangt man nach den ausgesuchtesten Speisen, ein andermal begehrt man das -nächste Beste, aber gut zubereitet. Manchmal aber ist es etwas ganz -Gewöhnliches, das man sich wünscht, und doch versündigt man sich dabei -durch die unmäßige Gier, womit man danach trachtet«. - -Das Volk, das aus Ägypten ausgeführt wurde, ist in der Wüste erlegen, weil -es das Manna verschmähte und nach Fleisch verlangte, weil ihm dies -schmackhafter erschien. Und Esau hat sein Erstgeburtsrecht verloren, weil -er mit heißer Gier eine ganz gewöhnliche Speise, nämlich ein Linsengericht, -begehrte; indem er sein Erstgeburtsrecht dafür drangab, hat er deutlich -gezeigt, welch heftiges Verlangen er nach jener Speise hatte. Denn nicht an -der Speise, sondern am Verlangen hängt die Sünde. Wir können die -gewähltesten Speisen zu uns nehmen, ohne uns zu verschulden, und vielleicht -die geringsten nicht ohne Gewissensbisse essen. Der eben erwähnte Esau hat -durch ein elendes Linsengericht sein Erstgeburtsrecht verloren, Elias in -der Wüste hat seine Tugend bewahrt, obwohl er Fleisch aß. Darum hat auch -der alte Feind, wohl wissend, daß nicht die Speise selbst, sondern die -Begierde danach die Ursache des Verderbens ist, den ersten Menschen nicht -durch Fleisch, sondern durch einen Apfel in seine Gewalt gebracht, und den -zweiten nicht mit Fleisch, sondern mit Brot versucht. Und so begehen wir -oftmals die Sünde Adams, auch wenn wir geringe und gewöhnliche Kost zu uns -nehmen. - -Wir sollen also das zu unserer Nahrung wählen, was dem natürlichen -Bedürfnis entspricht, nicht das, was unser Gelüste uns eingiebt. Unser -Verlangen ist aber nach solchen Dingen weniger stark, von denen wir sehen, -daß sie weniger kostbar und im Überfluß vorhanden sind und darum billig -gekauft werden: wie dies bei der gewöhnlichen Fleischspeise der Fall ist, -welche viel kräftiger ist als das Fleisch von Fischen, weniger kostet und -leichter zuzubereiten ist. - -Der Genuß von Fleisch und Wein liegt, wie die Ehe, in der Mitte zwischen -gut und böse, d. h. diese Dinge werden für indifferent geachtet, wiewohl -der eheliche Verkehr nicht ganz der Sünde bar ist, und der Wein mehr -Gefahren in sich birgt als alle übrigen Nahrungsmittel. Aber wenn selbst -der Wein, im rechten Maße genossen, dem gottgeweihten Stande nicht verboten -wird, was brauchen wir dann von den anderen Nahrungsmitteln zu fürchten, -wenn nur das richtige Maß auch bei ihrem Genuß nicht überschritten wird? -Der heilige Benediktus sieht sich genötigt, bei einem Gegenstand, von dem -er selbst sagt, daß er eigentlich für Mönche überhaupt nichts sei, in -Rücksicht auf unsere Zeit, da die erste Liebe schon erkaltet ist, -Zugeständnisse zu machen. Sollten wir also den Frauen nicht auch Freiheit -lassen in Dingen, die ihnen bis jetzt überhaupt in keiner Regel verboten -werden? Wenn die Bischöfe und Leiter der heiligen Kirche, wenn die Kleriker -in ihren religiösen Gemeinschaften ohne Anstoß Fleisch essen dürfen, weil -keine Regel sie bindet: wer wollte uns dann einen Vorwurf daraus machen, -daß wir gegen die Frauen die gleiche Nachsicht üben, besonders da sie im -übrigen größere Strenge bewahren? Es ist dem Jünger genug, daß er sei wie -sein Meister, und es wäre eine große Thorheit, wenn man den Frauenklöstern -versagen wollte, was den Mönchsklöstern erlaubt ist. Es ist schon genug, -wenn die Frauen bei der sonstigen Strenge ihrer Regel, auch wenn sie in dem -Einen Punkte des Fleischessens Freiheit haben, im übrigen nicht hinter der -Frömmigkeit gläubiger Laien zurückbleiben, besonders da nach dem Zeugnis -des Chrysostomus den Weltleuten nicht mehr erlaubt sein soll als den -Mönchen, nur daß jene mit einer Frau leben dürfen. Auch der heilige -Hieronymus, der den Stand der Weltgeistlichen nicht geringer achtet als den -der Mönche, sagt: »Als ob nicht alles, was für die Mönche gilt, auch für -die Weltgeistlichen zuträfe, die die Väter der Mönche sind«. - -Wer wüßte auch nicht, daß es aller Vernunft widerstreitet, wenn man dem -Schwachen die gleiche Last aufbürdet wie dem Starken, wenn man von Frauen -dieselbe Abstinenz verlangt wie von Männern? Verlangt jemand hierüber außer -dem Beweis, den die Natur selbst giebt, noch eine besondere Autorität, so -möge er den heiligen Gregorius darüber hören. Dieser große Lenker und -Lehrer der Kirche hat auch über diesen Gegenstand die übrigen Lehrer der -Kirche genau unterwiesen und sagt im 24. Kapitel seines »Liber Pastoralis« -folgendes: »Anders sind die Männer zu ermahnen, anders die Frauen; jenen -kann man Schweres zumuten, diesen nur Leichtes. Jene sollen sich in harter -Übung bewähren, diese werden am besten durch leichte Lasten und durch -sanften Zuspruch gewonnen. Denn was dem Starken eine leichte Sache ist, das -dünkt dem Schwachen ein groß Ding«. - -Freilich hat der Genuß von gewöhnlichem Fleisch weniger Reiz als das -Fleisch von Fischen und Vögeln, die doch der heilige Benediktus auch nicht -verbietet. Auch der Apostel unterscheidet mehrere Gattungen von Fleisch: -»Nicht ist alles Fleisch einerlei Fleisch, sondern ein anderes Fleisch ist -der Menschen, ein anderes des Viehes, ein anderes der Fische, ein anderes -der Vögel«. Und das Gesetz schreibt für das Opfer zwar das Fleisch vom Vieh -und Vogel vor, nicht aber das von Fischen, damit niemand glaube, es sei vor -Gott reiner, Fische zu essen als Fleisch. Fische sind auch für die Armen -schwieriger zu beschaffen und teurer, denn es giebt weniger, und ihr -Fleisch ist nicht so kräftig; also auf der einen Seite ist es teurer, auf -der andern erfüllt es seinen Zweck weniger gut. - -Indem wir also zugleich die Auslagen und die Natur der Menschen -berücksichtigen, verbieten wir von Nahrungsmitteln überhaupt nichts, nur in -allem das Übermaß. Wir setzen den Genuß von Fleisch und anderen -Nahrungsmitteln aber auf ein solches Maß herab, daß die Enthaltsamkeit der -Nonnen, trotzdem ihnen alles erlaubt ist, dennoch sich mehr bewährt als die -der Mönche, denen einiges verboten ist. Und so wollen wir den Genuß des -Fleisches in der Weise beschränkt wissen, daß im Tag nicht mehr als einmal -davon gegessen werden soll; auch darf nicht ein und dieselbe Person mehrere -Fleischgerichte erhalten, Gemüse sollen nicht hinzugefügt werden und nicht -öfters als dreimal in der Woche soll Fleisch erlaubt sein, nämlich am -ersten, dritten und fünften Wochentage, wenn auch hohe Feste auf die andern -Tage fallen. Denn je höher ein Fest ist, desto mehr soll es durch fromme -Enthaltsamkeit gefeiert werden. Der berühmte Lehrer Gregorius von Nazianz -ermahnt eindringlich dazu in seinem Buch: »Von der Lichtmesse oder den -zweiten Epiphanien«, Kapitel III: »Den Festtag sollen wir feiern, nicht -indem wir dem Bauche dienen, sondern indem wir uns freuen im Geist«. -Derselbe sagt im 4. Kapitel des Buches »Über Pfingsten und den heiligen -Geist«: »Und das ist unser Festtag: in die Schatzkammer der Seele etwas -Dauerndes und Bleibendes sammeln, nicht was vorübergeht und verweht. Der -Leib ist schon so sündhaft genug, er braucht keine reichlichere Nahrung; -das wilde Tier würde durch üppigere Nahrung nur noch wilder und würde uns -härter bedrängen«. Darum soll man ein Fest in geistlicher Weise feiern. -Dieser Meinung ist auch der heilige Hieronymus, der Schüler des Gregor; er -sagt in seinem Brief »Über die Annahme von Geschenken«: »Darum müssen wir -uns sorgfältig davor hüten, daß wir den Festtag nicht durch reichliche -Mahlzeit feiern, sondern durch freudige Erhebung des Geistes, denn es wäre -gewiß verkehrt, durch Übersättigung einen Märtyrer ehren zu wollen, von dem -wir wissen, daß er durch Fasten Gott wohlgefällig war«. Augustinus in -seiner Schrift: »Über das Heilmittel der Buße« sagt: »Siehe die Tausende -von Märtyrern an! Warum feiert man ihren Todestag so gern mit schnöden -Gelagen, die reinen Sitten ihres Lebens aber will man nicht nachahmen?« - -Wenn es kein Fleisch giebt, so gestatten wir zwei Gerichte von -irgendwelchem Gemüse, und auch Fische können dazu gegeben werden. Kostbare -Gewürze sollen nicht zugesetzt werden, sondern die Schwestern sollen mit -den Erzeugnissen des Landes zufrieden sein. Früchte soll es nur abends zu -essen geben. Für die, deren Gesundheit es verlangt, können jederzeit -Kräuter oder Wurzeln oder Früchte oder sonstige Heilmittel aufgetragen -werden. - -Ist eine fremde Nonne als Gast zugegen, so soll ihr aus gastfreundlicher -Liebe eine Schüssel mehr verabreicht werden. Wenn sie will, kann sie davon -auch den andern mitteilen. Die Gäste sollen an dem größeren Tisch Platz -nehmen, und die Äbtissin soll sie bedienen und dann nachher mit den -Schwestern, die bei Tische bedient haben, essen. - -Will eine der Schwestern durch spärlichere Kost ihren Leib kasteien, so -soll sie dazu die ausdrückliche Erlaubnis einholen, und diese darf ihr -nicht versagt werden, wenn ihr Vorsatz nicht aus Leichtsinn, sondern aus -wirklichem Ernst entsprungen zu sein scheint, und ihre Gesundheit -voraussichtlich dabei keine Gefahr leidet. Keiner aber soll es gestattet -sein, über diesem Zweck die Pflichten gegen den Konvent zu verabsäumen oder -einen Tag ganz ohne Speise zu verbringen. Freitags sollen die Schwestern -nie Fleischkost genießen, sondern sich mit der Fastenspeise begnügen, und -auf diese Weise durch Enthaltsamkeit gewissermaßen an dem Leiden ihres -Bräutigams teilnehmen, der an diesem Tag gelitten hat. Eine Unsitte, die in -vielen Klöstern herrscht, ist mit aller Strenge zu bekämpfen: daß man -nämlich an den übriggebliebenen Stückchen Brot, die den Armen zugehören, -Hände und Messer reinigt und abwischt und, um die Tischtücher zu schonen, -das Brot der Armen besudelt oder vielmehr das Brot desjenigen, der sich -selber zu den Armen rechnend gesagt hat: »Was ihr gethan habt Einem unter -diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir gethan«. - -Was die Fasten betrifft, so mag für die Schwestern die allgemeine -kirchliche Ordnung genügen; wir wollen sie in diesem Stück nicht schwerer -belasten als die gläubigen Laien auch belastet sind, und wir nehmen es -nicht auf uns, von ihrer Schwäche mehr zu verlangen als von dem starken -Geschlecht. Doch glauben wir, daß von der Herbst-Tagundnachtgleiche bis -Ostern wegen der Kürze der Tage Eine Mahlzeit täglich genügen wird. Wir -verordnen dies wegen der kurzen Dauer des Tages, nicht um zum Fasten zu -veranlassen, und machen dabei in den verschiedenen Arten der Speisen keinen -Unterschied. - -Das Prunken mit Kleidern, das die Schrift überall verwirft, soll durchaus -vermieden werden. Der Herr warnt uns ausdrücklich davor, indem er den -reichen Mann derhalben tadelt und dagegen die Einfachheit des Johannes -lobt. Daher der heilige Gregorius in seiner vierten Homilie über die -Evangelien sagt: »Was will jenes Wort: 'Die da reiche Kleider tragen, sind -in der Könige Häusern', anders, als klar und deutlich zeigen, daß für das -irdische, nicht für das himmlische Reich kämpft, wer, statt um Gottes -willen zu leiden, allen Härten aus dem Wege geht und nur den Außendingen -ergeben die Weichlichkeit und den Genuß dieses Lebens sucht?« Ebenso in der -elften Homilie: »Es giebt Leute, welche das Tragen von feinen kostbaren -Kleidern nicht für Sünde halten. Und doch, wenn keine Schuld damit -verbunden wäre, so würde der Herr in seinem Gleichnis nicht so ausdrücklich -davon reden, daß der Reiche, der zur Hölle verdammt wurde, mit Purpur und -Seide angethan war. Denn niemand schafft sich kostbare Gewänder an, wenn er -nicht eitlen Prunk entfalten und vornehmer scheinen will als andere Leute. -Nur um eitlen Prunkes willen ist man auf kostbare Gewänder aus. Der beste -Beweis dafür ist der Umstand, daß niemand sich kostbar kleidet, wenn er -sich nicht vor anderen sehen lassen kann«. - -Auch Petrus in seinem ersten Brief warnt weltliche verheiratete Frauen vor -dieser Untugend: »Desselbigengleichen sollen die Weiber ihren Männern -unterthan sein, auf daß auch die, so nicht glauben an das Wort, durch der -Weiber Wandel ohne Wort gewonnen werden, wenn sie ansehen euren keuschen -Wandel in der Furcht. Welcher Geschmuck soll nicht auswendig sein mit -Haarflechten und Goldumhängen oder Kleider anlegen, sondern der verborgene -Mensch des Herzens unverrückt mit sanftem und stillem Geiste, das ist -köstlich vor Gott«. - -Mit Recht glaubte der Apostel, mehr die Frauen als die Männer vor dieser -Eitelkeit warnen zu müssen, denn der ersteren unsteter Sinn begehrt -lebhafter nach Dingen, die ihrer Üppigkeit Nahrung zuführen. Wenn aber -schon weltlichen Frauen in diesem Hang Einhalt gethan wird, was wird dann -denen ziemen, die sich Christo geweiht haben, deren Schmuck eben darin -besteht, daß sie schmucklos sind? Darum, wer von ihnen nach solchem Schmuck -trachtet und ihn nicht zurückweist, wenn er ihr angeboten wird: die -verliert den Ehrentitel der Keuschheit. Von einer solchen mag man denken, -sie rüste sich nicht zum Gebet, sondern zur Unzucht, sie ist nicht einer -Nonne, sondern einer Dirne gleich zu achten, der ihr Schmuck zum Herold für -ihre Unkeuschheit dient und ihr buhlerisches Herz verrät, wie geschrieben -steht: »Denn seine Kleidung, Lachen und Gang zeigen ihn an«. - -Wir lesen, daß der Herr an Johannes, wie schon erwähnt, die Dürftigkeit und -Rauheit seiner Kleidung mehr lobte als die seiner Nahrung: »Was seid ihr -hinausgegangen zu sehen«, sagt er, »wolltet ihr einen Menschen in reichen -Kleidern sehen?« Denn der Genuß ausgesuchter Speisen hat manchmal einen -nützlichen Zweck und ist darum zu entschuldigen, was bei den Kleidern nicht -der Fall ist. Je kostbarer sie sind, desto mehr muß man acht auf sie geben, -desto weniger sind sie etwas nütze, desto teurer kommen sie zu stehen; je -feiner der Stoff, desto empfindlicher sind sie und desto weniger Schutz -gewähren sie dem Körper. - -Für die ernste Tracht der Buße ist kein Stoff geeigneter als der schwarze, -und kein Pelzwerk kleidet die Bräute Christi besser als das der Lämmer: so -zeigen sie schon durch ihr Gewand, daß sie das Lamm, das den Jungfrauen -verlobt ist, angezogen haben oder anziehen sollen. - -Die Schleier sollen nicht aus Seide, sondern aus einem gefärbten -Linnenstoff sein. Zwei Arten von Schleiern sind zu unterscheiden: die einen -für die Jungfrauen, welche ihr Gelübde schon abgelegt, die andern für -solche, die dies noch nicht gethan haben. Die Schleier der geweihten -Jungfrauen sollen mit dem Kreuz gezeichnet sein. Dies Zeichen soll -bedeuten, daß sie mit der Unberührtheit auch ihres Leibes ganz und gar -Christo angehören, und wie sie durch ihre Weihe von den übrigen sich -unterscheiden, so soll auch ihr Gewand ein besonderes Zeichen tragen, das -die Gläubigen abschrecken soll, ein irdisches Verlangen nach ihnen zu -tragen. Dieses Zeichen jungfräulicher Reinheit, aus weißem Faden genäht, -soll die Jungfrau auf dem Haupte tragen, aber nicht eher als bis sie vom -Bischof die Weihe empfangen hat: kein anderer Schleier soll dieses Zeichen -tragen. - -Auf dem bloßen Leib sollen die Schwestern reine Hemden tragen, und auch in -denselben schlafen. Auch wollen wir in Anbetracht ihrer schwachen Natur den -Gebrauch von Matratzen und Betttüchern nicht verbieten. Jede aber soll für -sich schlafen und essen. Keine soll sich beschweren, wenn Kleider oder -sonstige Dinge, die ihr von andern überlassen wurden, einer Schwester -zugewiesen werden, die sie mehr nötig hat. Vielmehr soll sie sich darüber -freuen, daß ihr die Bedürftigkeit ihrer Schwester eine Gelegenheit zum -Almosen gegeben hat, und soll daran denken, daß sie nicht für sich, sondern -für andere lebt. Wo nicht, so gehört sie auch nicht zu der heiligen -Genossenschaft und ist schuldig des Frevels, eigenen Besitz zu haben. - -Zur Bekleidung des Körpers scheint uns zu genügen ein Hemd, ein Pelz, ein -Gewand, und wenn es sehr kalt ist, darüber ein Mantel. Diesen können die -Schwestern beim Schlafen auch als Decke benutzen. Wegen des Ungeziefers und -wegen notwendiger Reinigung sollen alle diese Kleidungsstücke doppelt -gehalten werden, so wie Salomo in seinem Lob der wackeren und sorgsamen -Hausfrau sagt: »Sie fürchtet ihres Hauses nicht vor dem Schnee, denn ihr -ganzes Haus hat zwiefache Kleider«. Die Kleider sollen der Länge nach nicht -weiter als bis zum Absatz reichen, damit kein Staub aufgewirbelt wird. Die -Ärmel sollen nicht länger sein als Arm und Hand zusammen. Die Beine und -Füße sollen mit Schuhen und Strümpfen bekleidet sein, und nie sollen die -Schwestern barfuß gehen, auch nicht unter dem Vorwand der Frömmigkeit. Für -die Betten genügt eine Matratze, ein Polster, ein Kissen, eine Decke und -ein Leintuch. Auf dem Kopf sollen die Schwestern eine weiße Binde tragen, -darüber einen schwarzen Schleier, und wo es nötig ist, auf der Tonsur eine -Mütze aus Lammfell. - -Aber nicht allein bei Nahrung und Kleidung soll alles Überflüssige gemieden -werden, sondern auch an den Gebäuden und sonstigen Besitzungen. An den -Gebäuden zeigt es sich deutlich, ob sie größer oder schöner angelegt sind -als ihr Zweck es erfordert, oder ob wir, mit Werken der Bildhauerkunst und -der Malerei sie schmückend, Königspaläste bauen, statt Hütten der Armut. -»Des Menschen Sohn,« sagt Hieronymus, »hat nicht, da er sein Haupt hinlege, -und du baust weite Hallen und deckst gewaltige Häuser ein?« Wenn wir uns -teure und schöne Pferde halten, so ist das nicht bloß Überfluß, sondern -eitler Übermut. Mit unsern Herden und unserm Landbesitz wächst unser Hunger -nach äußerem Gut, und je mehr wir auf dieser Erde besitzen, desto mehr -müssen sich unsere Gedanken damit beschäftigen und werden von der -Betrachtung der himmlischen Dinge abgezogen. Und ob wir auch den Leib -hinter Klostermauern verschließen, die Seele muß doch dem nachgehen, was -draußen ist und was sie liebt, und zerstreut sich dahin und dorthin. Je -mehr Besitztum wir verlieren können, desto größer die Furcht, die uns -quält; je kostbarer der Besitz, desto mehr hängt man an ihm, desto mehr -fesselt er das arme Herz an sich. - -Darum ist dafür zu sorgen, daß wir unserem Haus und unserem Vermögen eine -bestimmte Grenze setzen und nichts, was nicht notwendig ist, begehren, -annehmen oder zurückbehalten. Denn alles was über das eigentliche Bedürfnis -hinausgeht, besitzen wir nur wie einen Raub und machen uns schuldig am Tode -so vieler Armen als wir mit unserem Überfluß hätten erhalten können. Jedes -Jahr also, nachdem die Früchte eingeerntet sind, ist der Bedarf des Jahres -zu überschlagen; was übrig bleibt, das soll den Armen geschenkt oder -vielmehr zurückgegeben werden. - -Es giebt Leute, die, der weisen Mäßigung vergessend, sich ihrer zahlreichen -Familie freuen, während sie doch nur wenig Einkünfte haben. Fällt ihnen nun -die Unterhaltung derselben schwer, so fangen sie an, in unverschämter Weise -zu betteln oder andern mit Gewalt zu nehmen, was sie brauchen. Wir haben -mit den Vätern mancher Klöster ähnliche Erfahrungen gemacht: sie rühmen -sich ihres zahlreichen Konventes, sehen nur darauf, viele, nicht aber gute -Söhne zu haben und halten sich für etwas Besonderes, wenn sie unter vielen -die größten sind. Sie ziehen die Leute in ihre Behausungen, versprechen -ihnen gute Tage, da sie ihnen doch ein hartes Leben ankündigen sollten, und -weil sie ungeprüft und ohne Unterschied jeden aufnehmen, so verlieren sie -ihre Leute wieder durch Abfall. Gegen solche, wenn ich recht sehe, richtet -sich die »Wahrheit« in dem Wort: »Wehe euch, die ihr Land und Wasser -umziehet, daß ihr einen Judengenossen machet; und wenn er's worden ist, -machet ihr aus ihm ein Kind der Hölle, zwiefältig mehr, denn ihr seid«. -Gewiß würden sie ihren Ruhm weniger in einer großen Menge suchen, wenn sie -statt der Zahl mehr das Heil der Seelen im Auge hätten und wenn sie sich -nicht mehr Kraft zur Leitung einer Gemeinschaft zutrauten, als sie haben. -Der Herr hat nur wenige Jünger erwählt, und doch ist auch von diesen -wenigen einer abgefallen, so daß der Herr selbst sagte: »Habe ich nicht -euch Zwölfe erwählt und eurer Einer ist ein Teufel?« Und wie Judas aus der -Zahl der Apostel, so ging von den sieben Diakonen Nikolaus verloren. Und -als die Apostel erst wenige um sich gesammelt hatten, haben Ananias und -Sapphira sich die Todesstrafe zugezogen. Auch beim Herrn selbst blieb nur -eine kleine Schar zurück, während viele seiner Jünger hinter sich gingen. -Denn der Weg ist schmal, der zum Leben führt, und wenig ist ihrer, die -darauf wandeln. Dagegen ist der breit und geräumig, der zum Tode führt, und -viele sind, die sich nach ihm drängen. Darum bezeugt der Herr selbst ein -andermal: »Viele sind berufen, aber wenige sind auserwählt«. Und Salomo -sagt: »Der Narren Zahl hat kein Ende«. - -Darum hüte sich jeder, der sich der Menge der Untergebenen freut, daß nicht -unter ihnen nach dem Worte des Herrn wenig Auserwählte seien, und daß ihm -nicht, während er seine Herde maßlos vermehrt, die Kräfte zu ihrer -Überwachung fehlen; sonst möchten ihm geistlich Gesinnte das Wort des -Propheten vorhalten: »Du hast dein Volk gemehrt, aber seine Freude hast du -nicht erhöht«. Solche Leute müssen, um ihre und der Ihrigen Angelegenheiten -zu besorgen, oftmals auswärts gehen, in die Welt zurückkehren und sie -bettelnd durchstreifen. Sie verwickeln sich in zeitliche Sorgen und -vergessen das Ewige und holen sich oft mehr Schande als Ruhm. Dies wäre für -die Frauen eine um so größere Schande, als es für sie mit Gefahren -verbunden ist, wenn sie in der Welt herumziehen. - -Darum, wer in Ruhe und Ehrbarkeit leben, für den Dienst des Herrn Zeit -behalten und vor Gott und den Menschen wohlgefällig sein will, der scheue -sich zu sammeln, was er nicht unterhalten kann und rechne bei seinen -Ausgaben nicht auf den Geldbeutel anderer Leute; er trachte danach, Almosen -auszuteilen, nicht einzusammeln. Paulus, der gewaltige Prediger des -Evangeliums, obwohl er Macht hat, von seiner Predigt zu leben, lebt von -seiner Hände Arbeit, um niemand lästig zu fallen und seines Ruhmes nicht -verlustig zu gehen. Sollten also wir, die wir nicht predigen, sondern über -die Sünde trauern, die Kühnheit oder Schamlosigkeit haben, zu betteln, um -die, die wir gedankenlos aufgenommen haben, zu unterhalten? Gehen wir doch -schon so weit in wahnsinniger Verblendung, daß wir, weil wir nicht selbst -predigen können, andere Prediger für Geld werben, und diese Lügenapostel -führen wir mit uns herum und tragen unsere Kreuze und Reliquien bei uns und -verkaufen dies samt dem Worte Gottes, ja selbst des Teufels Blendwerk, an -die einfältigen bornierten Christenleute und versprechen ihnen um Geld -alles, was sie wollen. - -Jedermann weiß, wie sehr bereits unser Stand und die Predigt des göttlichen -Wortes in Mißachtung gefallen ist um dieser schamlosen Habgier willen, die -nur das Ihre sucht, nicht das was Jesu Christi ist. Ja, auch die Äbte und -Obersten der Klöster machen sich in aufdringlicher Weise an die weltlichen -Fürsten und ihre Höfe und finden sich bereits im fleischlichen Leben besser -zurecht als im klösterlichen. Nach Menschengunst mit allen Künsten jagend -verstehen sie sich besser darauf, mit den Menschen zu verhandeln, als mit -Gott zu reden. Jene Warnung des heiligen Antonius lesen sie -- wie oft! -- -vergebens und schlagen sie in den Wind, oder hören sie zwar, befolgen sie -aber nicht. Er sagt: »Wie der Fisch auf trockenem Lande stirbt, so wird der -Mönch, der außer seiner Zelle verzieht und mit Weltleuten verkehrt, seinem -beschaulichen Lebensberuf entfremdet«. Darum: wie der Fisch zum Meer, so -müssen wir zu unserer Zelle zurückeilen, damit wir nicht über dem Draußen -vergessen, unser Inneres zu hüten. - -Auch der Urheber der Klosterregel selbst, der heilige Benediktus, hat durch -Wort und That deutlich gezeigt, wie es sein Wunsch sei, daß die Äbte -dauernd in ihrem Kloster anwesend seien und sorglich über ihre Herde -wachen. Als er nämlich einmal das Kloster verlassen hatte, um seine fromme -Schwester zu besuchen, und diese ihn nur Eine Nacht zu erbaulichem Gespräch -zurückhalten wollte, sagte er offen, er dürfe durchaus nicht außerhalb des -Klosters bleiben. Er sagt nicht: »wir dürfen nicht«, sondern: »ich darf -nicht«; denn die Brüder durften es mit seiner Erlaubnis, er selbst aber -nicht, es sei denn, daß ihm hierüber, wie dies später geschah, von Gott -eine besondere Offenbarung zu teil wurde. Darum steht auch in seiner Regel -nirgends etwas vom Ausgehen des Abtes, sondern nur von dem der Brüder. Für -die ständige Anwesenheit des Abtes sorgt er so vorsichtig, daß er eine -Vorschrift hat, wonach an den Vigilien der Sonn- und Feiertage die -Verlesung des Evangeliums und was damit zusammenhängt, nur vom Abt -verrichtet werden darf. Er bestimmt auch, daß der Abt stets mit den Pilgern -und Gästen zu Tische sitzen solle, und wenn keine Gäste da sind, soll er -von den Brüdern an seine Seite rufen, wen er will, und die andern unter der -Aufsicht eines oder zweier Ältesten lassen. Daraus geht deutlich sein Wille -hervor, daß der Abt zur Essenszeit stets im Kloster sein soll und nicht, an -die leckeren Schüsseln der Großen gewöhnt, die Klosterbrüder beim trockenen -Brot zurücklasse. Von solchen Menschen sagt die »Wahrheit«: »Sie binden -schwere und unerträgliche Bürden und legen sie den Menschen auf den Hals; -aber sie wollen dieselben nicht mit einem Finger regen«. Und ein andermal -von den falschen Predigern: »Hütet euch vor den falschen Propheten, die zu -euch kommen. Sie kommen von sich aus, nicht von Gott gesandt und haben -keinen Auftrag von ihm«. - -Johannes der Täufer, unser Oberhaupt, hatte durch seine Geburt ein Recht -auf das Hohepriestertum; aber er entwich aus der Stadt in die Wüste und gab -das hohepriesterliche Amt für das Mönchsleben, die Stadt für die Wüste -dran. Und das Volk ging zu ihm hinaus, nicht er kam zum Volke. Obwohl er so -groß war, daß man glaubte, er sei Christus, und er in den Städten viel -Gutes hätte wirken können: er lag schon in jenem Bettlein, von dem aus er -für den klopfenden Freund die Antwort bereit hatte: »Ich habe meinen Rock -ausgezogen, wie soll ich ihn wieder anziehen? Ich habe meine Füße -gewaschen, wie soll ich sie wieder besudeln?« - -Darum jeder, der sich nach der Abgeschiedenheit klösterlicher Ruhe sehnt, -der freue sich seines Bettes, vielmehr seines Bettlein. Denn von Einem -Bett, sagt die »Wahrheit«, wird der eine angenommen, der andere wird -verlassen werden. Ein Bettlein aber hat die Braut, d. h. die beschauliche -Seele, die mit Christus aufs engste verbunden ist und mit höchstem -Verlangen an ihm hängt. Von niemand, der da hineinging, lesen wir, daß er -verlassen worden sei. Die Braut selber sagt davon: »Ich suchte des Nachts -in meinem Bettlein, den meine Seele liebet«. Dieses Bettlein ist es auch, -von welchem aufzustehen sie sich weigert oder sich scheut, und von wo aus -sie dem klopfenden Freund die oben angeführten Worte zuruft. Denn außer -ihrem Bett, glaubt sie, sei der Schmutz, mit dem sie die Füße zu besudeln -fürchtet. Dina ist hinausgegangen, um die Fremden zu sehen, und hat ihre -Ehre dabei verloren. Und jener gefangene Mönch Malchus hat nachher an sich -selbst erfahren, was sein Abt ihm vorausgesagt hatte: ein Schaf, das den -Schafstall verläßt, fällt leicht dem Wolf zum Opfer. - -Darum wollen wir keine zu große Gemeinschaft sammeln, deren Bedürfnisse uns -Gelegenheit geben, ja uns nötigen, auswärts zu gehen: wir würden sonst -andere gewinnen und selber dabei Schaden nehmen nach Art des Bleis, das -sich verzehren lassen muß, damit das Silber im Tiegel erhalten bleibe. -Fürchten wir uns vielmehr davor, daß nicht Blei und Silber zugleich vom -heftigen Feuer der Anfechtungen verzehrt werde. Die »Wahrheit«, wird man -uns entgegnen, hat gesagt: »Wer zu mir kommt, den will ich nicht -hinauswerfen«. Auch wir wollen nicht hinauswerfen, wen wir einmal -aufgenommen haben, aber wir wollen bei der Aufnahme vorsichtig sein: nicht -daß wir uns selber hinauswerfen, während wir sie hereinnehmen. Denn auch -der Herr selbst, so lesen wir, hat nicht einen bereits Aufgenommenen -hinausgeworfen, sondern er hat einen, der sich ihm antrug, zurückgewiesen. -Als der ihm sagte: »Meister, ich will dir folgen, wohin du gehst,« hat er -ihm geantwortet: »Die Füchse haben Gruben« u. s. w. Er ermahnt uns auch -dringend, wenn wir etwas auszuführen gedenken, vorher die Kosten, die zur -Unternehmung notwendig sind, zu überschlagen, indem er sagt: »Wer ist aber -unter euch, der einen Turm bauen will, und sitzt nicht zuvor, und -überschlägt die Kosten, ob er's habe hinauszuführen? Auf daß nicht, wo er -den Grund gelegt hat und kann's nicht hinausführen, alle, die es sehen, -fahen an, seiner zu spotten. Und sagen: 'dieser Mensch hub an zu bauen, und -kann es nicht hinausführen'«. Es ist schon viel, wenn einer für sein eigen -Heil zu sorgen weiß, und gefährlich ist's, wenn einer für viele sorgen -soll, der kaum sich selber zu behüten fertig wird. Im Bewahren aber ist nur -der gewissenhaft, der beim Aufnehmen ängstlich war, und niemand bleibt so -fest bei dem, was er einmal angefangen, wie der, der langsam und vorsichtig -drangegangen ist. Frauen aber sollten in diesem Stück um so vorsichtiger -sein, als sie in ihrer Schwachheit weniger schwere Lasten zu tragen -vermögen und ihnen Ruhe ganz besonders notthut. - -Die Heilige Schrift ist ein Spiegel der Seele. Ja gewiß: wer in ihr lesend -lebt und ihr Verständnis sich zu Nutzen macht, der erkennt aus ihr die -Schönheit seiner Sitten oder wird ihrer Häßlichkeit gewahr, so daß er jene -mehren, diese beseitigen kann. An diesen Spiegel erinnert uns der heilige -Gregorius im zweiten Kapitel seiner »Moralia«: »Die Heilige Schrift wird -unserem geistigen Auge vorgehalten wie ein Spiegel, daß wir darin unser -inneres Gesicht wahrnehmen können. Hier erkennen wir unsere häßlichen wie -unsere schönen Züge. Hier merken wir, was für Fortschritte wir gemacht -haben und wie weit wir vom Fortschritt entfernt sind«. Wer aber die Heilige -Schrift ansieht, ohne sie zu verstehen, dem geht es wie dem Blinden, der -sich einen Spiegel vor die Augen hält, ohne daß er sich darin sehen kann; -ein solcher sucht nicht Belehrung aus der Schrift, wiewohl sie doch eben -dazu da ist. Er sitzt müßig vor der Schrift, wie der Esel vor der Leier. Er -gleicht dem Hungernden, der ein Brot vor sich hat und sich doch nicht damit -sättigen kann. Ihm ist das Wort Gottes eine unnütze Speise, mit der er -nichts anzufangen weiß, weil er weder selbst mit dem Verstand in sie -eindringen kann, noch auch ein anderer sie ihm mundgerecht macht, indem er -ihn belehrt. - -Darum sagt auch der Apostel, indem er uns zum Studium der Schrift im -allgemeinen ermahnt: »Was aber geschrieben ist, das ist uns zur Lehre -geschrieben, auf daß wir durch Geduld und Trost der Schrift Hoffnung -haben«. Und an anderer Stelle: »Werdet voll heiligen Geistes und redet -untereinander in Psalmen und Lobgesängen und geistlichen Liedern«. Mit sich -selber nämlich redet, wer versteht, was er vorbringt und aus seinen Worten -Nutzen zu ziehen weiß. Derselbe Apostel schreibt an Timotheus: »Halt an mit -Lesen, mit Ermahnen, mit Lehren, bis ich komme«. Und wiederum: »Du aber -bleibe in dem, das du gelernet hast und dir vertrauet ist, sintemal du -weißest, von wem du gelernet hast. Und weil du von Kind auf die Heilige -Schrift weißest, kann dich dieselbige unterweisen zur Seligkeit durch den -Glauben an Christum Jesum. Denn alle Schrift, von Gott eingegeben, ist -nütze zur Lehre, zur Strafe, zur Besserung, zur Züchtigung in der -Gerechtigkeit, daß ein Mensch Gottes sei vollkommen, zu allem guten Werk -geschickt«. Auch die Korinther ermahnt der Apostel zum Studium der Schrift, -damit sie, was andere über die Schrift sagen, auslegen können: »Strebet -nach der Liebe. Fleißiget euch der geistlichen Gaben, am meisten aber, daß -ihr weissagen möget. Denn der mit Zungen redet, der redet nicht den -Menschen, sondern Gott; wer aber weissaget, der bessert die Gemeinde. -Darum, wer mit Zungen redet, der bete also, daß er's auch auslege. Ich will -beten mit dem Geist und will beten auch im Sinn; ich will Psalmen singen im -Geist und will auch Psalmen singen mit dem Sinn. Wenn du aber segnest im -Geist, wie soll der, so an Statt des Laien stehet, Amen sagen auf deine -Danksagung, sintemal er nicht weiß, was du sagest? Du danksagest wohl fein, -aber der andere wird nicht davon gebessert. Ich danke meinem Gott, daß ich -mehr mit Zungen rede denn ihr alle. Aber ich will in der Gemeine lieber -fünf Worte reden mit meinem Sinn, auf daß ich auch andere unterweise, denn -sonst zehntausend Worte mit Zungen. Liebe Brüder, werdet nicht Kinder an -dem Verständnis, sondern an der Bosheit seid Kinder, an dem Verständnis -aber seid vollkommen«. - -Zungen reden heißt: bloße Worte ausstoßen, ohne sie durch Auslegung -verständlich zu machen. Weissagen oder auslegen heißt: nach Art der -Propheten, welche Seher, d. h. Einsehende genannt werden, verstehen was man -sagt, so daß man es auch anderen auslegen kann. Im Geiste betet oder singt -Psalmen, wer nur hörbare Laute von sich giebt, ohne einen verständigen Sinn -damit zu verbinden. Wenn aber unser Geist betet, d. h. wenn wir nur -zusammenhangslose Laute hervorbringen, ohne mit dem Herzen zu fassen, was -die Lippen sprechen, so bleibt unsere Seele ohne die Frucht, die sie doch -vom Gebet haben sollte: nämlich, daß sie durch den Sinn der ausgesprochenen -Worte zur Sehnsucht und zum Verlangen nach Gott entflammt würde. - -Darum ermahnt uns der Apostel, wir sollen unsere Reden so gestalten, daß -wir nicht, wie so viele andere, nur Laute hervorbringen, sondern auch einen -Sinn damit verbinden, und er will nicht, daß wir anders beten oder Psalmen -singen, weil dies ohne Frucht bleibe. Darin folgt ihm auch der heilige -Benedikt, wenn er sagt: »Wir sollen in solcher Verfassung Psalmen singen, -daß unser Geist mit dem, was wir singen, übereinstimmt«. Dies verlangt auch -der Psalmist mit dem Wort: »Lobsinget mit Verstand«. Den Worten und Lauten -soll die Würze des vernünftigen Sinnes nicht fehlen, damit wir in Wahrheit -zum Herrn sprechen können: »Wie lieblich sind deine Worte in meinem Munde«. -Und an anderer Stelle: »Nicht mit Flöten wird der Mann sich angenehm machen -vor Gott«. Nämlich die Flöte ertönt zu Lustbarkeit und Vergnügen, nicht zu -ernstem Nachdenken. Daher man von denen, die von ihrer eigenen Musik so -entzückt sind, daß sie die Erbauung des Verstandes darüber vergessen, mit -Recht sagen kann: sie spielen die Flöte, ohne damit Gott zu gefallen. Wie -soll man, sagt der Apostel, zu den Gebeten in der Kirche Amen sagen, wenn -man nicht versteht, was gebetet wird, und nicht weiß, ob es etwas Gutes -oder etwas Schlimmes ist, um was man betet. So erleben wir's ja oft, daß -Laien, die den Sinn der Worte nicht verstehen, in der Kirche aus Irrtum -sich selbst Böses erflehen, statt Gutes: wenn es z. B. heißt: »Laß uns so -durch das Zeitliche gehen, ut _non_ amittamus aeterna«[4] -- werden manche -durch den ähnlich klingenden Laut irregeführt und sagen: »ut _nos_ -amittamus aeterna«[5] oder: »ut non admittamus aeterna«.[6] Dieser Gefahr -will der Apostel vorbeugen mit den Worten: »Wenn du aber segnest im Geist«, -d. h. wenn du beim Segnen nur unverständliche Laute von dir giebst, »wie -soll der, so an Statt des Laien stehet, Amen sagen?«, d. h. wer von den -Assistierenden, deren Aufgabe es ist, an Stelle der Laien zu antworten, -wird dann antworten können? »Wie soll er Amen sagen?«, weiß er doch nicht, -ob er es zu einem Segen oder zu einem Fluch sagt. Endlich, wer die Schrift -nicht versteht, wie kann sich der am Wort erbauen, wie soll er die Regel -auslegen und verstehen, oder verbessern, was unrichtig ist? - -[Fußnote 4: Daß wir das Ewige _nicht_ verlieren.] - -[Fußnote 5: Daß _wir_ das Ewige verlieren.] - -[Fußnote 6: Daß wir das Ewige nicht _zulassen_.] - -Darum sind wir auch nicht wenig erstaunt, daß man in den Klöstern, einer -Eingebung des Teufels folgend, keine Studien zum Verständnis der Schrift -treibt, sondern nur zum Gesang und zum Aussprechen der Wörter, nicht aber -zum Verstehen derselben Anleitung giebt: als ob das Blöken der Schafe -wichtiger wäre als das Weiden. Denn das Verständnis der Heiligen Schrift -ist die Speise und geistliche Erquickung der Seele. Darum läßt der Herr den -Ezechiel, ehe er ihn zum Predigen bestimmt, ein Buch verschlingen, das -alsbald in seinem Munde ward wie süßer Honig. Von dieser Speise redet auch -Jeremia: »Die jungen Kinder heischen Brot und ist niemand, der es ihnen -breche«. Den Kindern nämlich bricht Brot, wer den Sinn der Schrift den -Einfältigen eröffnet. Und diese Kinder, die verlangen, daß man ihnen das -Brot breche, das sind die, die ihr Herz sättigen wollen am Verständnis der -Schrift, wie der Herr an einer andern Stelle bezeugt: »Ich werde einen -Hunger ins Land schicken, nicht einen Hunger nach Brot oder Durst nach -Wasser, sondern nach dem Worte des Herrn, zu hören«. Dagegen aber hat der -alte Feind einen Hunger und Durst, zu hören Menschenworte und das Geräusch -der Welt, in die Mauern der Klöster geschickt, also daß über eitlem -Geschwätz das Wort Gottes uns entleidet, zumal es uns ohne die Süßigkeit -und Würze des Verständnisses ungenießbar erscheint. Daher sagt der -Psalmist, wie oben erwähnt: »Wie lieblich sind deine Worte in meinem Munde. -Dein Wort ist meinem Munde süßer denn Honig«. Worin diese Süßigkeit -bestehe, fügt er sogleich hinzu: »Dein Wort macht mich klug«. Das heißt: -aus deinem Wort, nicht aus Menschenworten, habe ich Klugheit gelernt, dein -Wort hat mich unterrichtet und belehrt. Auch was die Frucht dieses -Verständnisses betrifft, fügt er hinzu: »Darum hasse ich alle falschen -Wege«. Viele bösen Wege sind an sich schon so deutlich als solche zu -erkennen, daß alle sie von selbst hassen und verabscheuen; aber alle bösen -Wege können wir mit Hilfe des göttlichen Wortes erkennen und meiden. Daher -auch das Wort: »Deine Worte sind in meinem Herzen geborgen, daß ich mich -nicht an dir versündige«. In unserem Herzen sind sie geborgen und tönen -nicht von unsern Lippen, wenn wir durch stilles Nachdenken zu ihrem -Verständnis gekommen sind. Je weniger wir nach diesem Verständnis trachten, -desto weniger vermögen wir die bösen Wege zu erkennen und zu meiden und uns -vor der Sünde zu hüten. - -Eine Versäumnis in dieser Hinsicht ist namentlich Mönchen, die nach -Vollkommenheit streben sollen, schwer anzurechnen, denn sie können die -Belehrung leichter haben, da ihnen eine Menge heiliger Bücher zu Gebote -steht und sie Zeit und Ruhe genug dazu haben. Jener Alte in dem Buch »Leben -der Altväter« tadelt mit Recht diejenigen, welche die Menge der -Schriftsteller rühmen, aber zum Lesen derselben keine Zeit finden. »Die -Propheten,« sagt er, »haben Bücher geschrieben, und nach ihnen sind unsere -Väter gekommen und haben über diesen Büchern gearbeitet. Ihre Nachfolger -haben sie dem Gedächtnis der Nachwelt empfohlen. Dann ist das heutige -Geschlecht gekommen und hat die Bücher abgeschrieben auf Papier und -Pergament und hat sie unbenutzt in den Fächern liegen lassen.« Auch der -Vater Palladius mahnt uns dringend zum Lernen wie zum Lehren: »Eine Seele, -die nach dem Willen Christi beschaffen sein will, muß fleißig lernen, was -sie nicht weiß und frei lehren, was sie erkannt hat«. Wenn sie aber beides, -obwohl sie könnte, nicht will, dann leidet sie an Wahnsinn. Denn der Anfang -des Abfalls von Gott ist der Ekel an der Wissenschaft, und wie kann man -Gott lieben, wenn man nicht begehrt, wonach die Seele allezeit hungert? - -Auch dem heiligen Anastasius ist das Lernen und Studieren so wichtig, daß -er in seiner Mahnung an die Mönche den Rat giebt, die religiösen Übungen -damit zu unterbrechen. »Ich will den Weg unserer Lebensweise vorzeichnen,« -sagt er; »das erste ist die Sorge für die Abstinenz, Geduld im Fasten, -Anhalten am Gebet und Fleiß im Lesen, oder wenn einer der Schrift noch -nicht mächtig ist, im Zuhören, gefördert durch das Verlangen, zu lernen. -Das ist gleichsam das erste Kinderspielzeug in die Wiege derer, die noch -Säuglinge sind in der Gotteserkenntnis.« Nach einigen weiteren Sätzen sagt -er dann zuerst: »am Gebet soll man also anhalten, daß dasselbe fast keine -Unterbrechung erleidet«; dann aber fügt er hinzu: »Wenn möglich, sollen die -Gebete nur durch Lesen unterbrochen werden«. Auch der Apostel Petrus sagt -dasselbe in seiner Mahnung: »Seid allezeit bereit zur Verantwortung -jedermann, der Grund fordert der Hoffnung, die in euch ist«. Und der -Apostel Paulus sagt: »Wir hören nicht auf zu beten, daß ihr erfüllet werdet -mit Erkenntnis seines Willens in allerlei geistlicher Weisheit und -Verstand«; und weiter: »Lasset das Wort Christi unter euch reichlich wohnen -in aller Weisheit«. - -Auch im Alten Testament wird den Menschen in ähnlicher Weise eingeschärft, -sich mit den heiligen Geboten vertraut zu machen. Denn so spricht David: -»Wohl dem, der nicht wandelt im Rat der Gottlosen, noch tritt auf den Weg -der Sünder, noch sitzet, da die Spötter sitzen; sondern hat Lust zum Gesetz -des Herrn«. Und zu Josua, dem Sohne Nuns, sagt der Herr: »Laß das Buch -dieses Gesetzes nicht aus deinen Händen kommen, sondern betrachte es Tag -und Nacht«. - -Freilich drängen sich oft auch in diese fromme Beschäftigung unheilige -verführerische Gedanken ein, und ob wir auch unsern Geist mit allem Eifer -auf Gott gerichtet haben, so macht uns doch die Sorge dieser Welt zu -schaffen. Und wenn derjenige solchen Anfechtungen ausgesetzt ist, der in -Erfüllung seines heiligen Berufes begriffen ist, dann wird jedenfalls der -Müßige ihnen auch nicht entgehen. Der heilige Papst Gregorius sagt im 19. -Kapitel seiner »Moralia«: »Mit Seufzen sehen wir jetzt Zeiten anbrechen, da -viele, die einen kirchlichen Beruf haben, entweder ihr Thun nicht nach dem, -was sie wissen, einrichten wollen, oder aber überhaupt verschmähen, das -Wort Gottes kennen zu lernen und zu verstehen. Sie verschließen ihr Ohr vor -der Wahrheit und wenden sich den Fabeleien zu; denn sie suchen alle das -Ihre, nicht was Jesu Christi ist. Überall tritt uns das Wort Gottes vor die -Augen, aber die Menschen mögen es nicht kennen lernen. Fast keiner begehrt -zu wissen, was er glaubt«. - -Und doch ermahnen uns dazu die Klosterregeln, wie die Vorbilder der -heiligen Väter. Der heilige Benediktus giebt über das Lehren und Lernen des -Gesangs keine bestimmte Vorschrift, wohl aber hat er genaue Bestimmungen -über das Lesen. Er setzt für das Lesen wie für die Arbeit eine bestimmte -Zeit genau fest und ist für die Übung im Lesen und Schreiben so besorgt, -daß er unter den notwendigen Gegenständen, die der Mönch von seinem Abt -anzusprechen hat, auch Feder und Papier nicht vergißt. Er hat unter anderem -die Bestimmung, daß bei Beginn der Fasten jeder Mönch aus der Bibliothek -ein Buch empfangen soll, das er ganz durchzulesen hat; was aber wäre -lächerlicher als seine Zeit mit Lesen zu verbringen, ohne darauf zu achten, -ob man den Inhalt versteht oder nicht? Bekannt ist das Wort jenes Weisen: -»Lesen ohne zu verstehen ist mißverstehen«. Auf einen solchen Leser paßt -das Wort des Philosophen vom Esel vor der Leier. Denn ein Leser, der ein -Buch in der Hand hält, ohne daß er etwas damit anfangen kann, ist wie ein -Esel, der vor einer Leier sitzt. Und viel vernünftiger wäre es, wenn solche -Menschen sich sonstwie nützlich beschäftigen würden, statt müßig -dazusitzen, die Buchstaben anzusehen und die Blätter umzudrehen. An solchen -Lesern sehen wir das Wort des Jesaia sich erfüllen: »Daß euch aller -Propheten Gesichte sein werden wie die Worte eines versiegelten Buchs, -welches, so man's gäbe einem, der lesen kann, und spräche: 'Lieber, lies -das', und er spräche: 'Ich kann nicht, denn es ist versiegelt'. Oder gleich -als wenn man's gäbe dem, der nicht lesen kann, und spräche: 'Lieber, lies -das,' und er spräche: 'Ich kann nicht lesen'. Und der Herr spricht 'Darum, -daß dies Volk zu mir nahet mit seinem Munde, und mit seinen Lippen mich -ehret, aber ihr Herz ferne von mir ist, und mich fürchten nach -Menschengebot, das sie lehren: so will ich auch mit diesem Volk wunderlich -umgehen, aufs wunderlichste und seltsamste, daß die Weisheit seiner Weisen -untergehe und der Verstand seiner Klugen verblendet werde'«. - -Man sagt im Kloster, daß die sich auf die Schrift verstehen, die sie lesen -können. Allein wenn sie hinsichtlich des Verständnisses der Schrift -gestehen müssen, daß sie davon nichts wissen, so ist ihnen ihr Buch -versiegelt, so gut wie denen, die da sagen, sie können nicht lesen. Gott -aber bezichtigt sie, daß sie ihm mit Mund und Lippen nahen, nicht aber mit -dem Herzen, weil sie das, was sie allenfalls lesen können, nicht im -mindesten verstehen. Solche Menschen, indem sie des Verständnisses der -Schrift entbehren, machen nur eine äußerliche Gewohnheit mit, haben aber -keinen Nutzen von der Schrift. Darum droht der Herr, daß er auch ihre -sogenannten Weisen und Gelehrten mit Blindheit schlagen wolle. - -Hieronymus, der größte Lehrer der Kirche und die schönste Zierde des -Mönchsstandes, ermahnt uns zur Liebe der Wissenschaften, indem er sagt: -»Liebe die Wissenschaft und du wirst die schnöde Lust des Fleisches nicht -lieben«; und er legt selbst Zeugnis davon ab, wie viel Zeit und Mühe er -darauf verwandt habe. Neben dem, was er, um uns durch sein Beispiel zu -lehren, über sein eigenes Studium schreibt, sagt er in einem Brief an -Pammachius und Oceanus folgendes: »In meiner Jugend war ich von einer -brennenden Lernbegierde erfüllt. Und ich war nicht, wie andere sich heraus -nehmen, mein eigener Lehrer, sondern ich habe zu Antiochia fleißig den -Apollinaris gehört und bin mit ihm verkehrt, während er mich in den -heiligen Schriften unterrichtete. Schon färbte mein Haar sich grau, und ich -hätte demnach eher Lehrer sein sollen als noch Schüler. Dennoch ging ich -nach Alexandria. Ich hörte da den Didymus; viel verdanke ich ihm, viel -Neues hat er mich gelehrt. Die Leute meinten, nun hätte ich endlich -ausgelernt. Da lernte ich noch in Jerusalem und in Bethlehem mit Mühe und -um teures Geld nächtlicherweile Hebräisch bei Barannias. Denn er fürchtete -sich vor den Juden und ward mir ein zweiter Nikodemus«. Wahrlich, er hatte -sich treulich gemerkt, was im Buch Sirach zu lesen ist: »Liebes Kind, laß -dich die Weisheit ziehen von Jugend auf, so wird ein weiser Mann aus dir«. -Nicht allein aus den Worten der Schrift, sondern auch aus dem Vorbild der -heiligen Väter hat er sich belehrt, und unter den Lobsprüchen, die er dem -dortigen musterhaften Kloster spendet, findet sich folgende Bemerkung über -die ausgezeichnete Pflege des Schriftstudiums in demselben: »Nirgends habe -ich ein so tiefes Studium und Verständnis der Heiligen Schrift und eine so -eifrige Pflege der Gottesgelehrtheit gefunden, wie hier. Man hätte jeden -der Mönche für einen Lehrer der göttlichen Weisheit halten können«. - -Auch der heilige Beda, der schon als Knabe ins Kloster aufgenommen wurde, -wie er in der »Geschichte der Angelsachsen« berichtet, sagt: »Seitdem -brachte ich mein ganzes Leben in ein und demselben Kloster zu und habe mich -ganz dem Studium der Heiligen Schrift hingegeben; neben der Beobachtung der -Klosterregel und der täglichen Pflicht des Singens in der Kirche war es -allezeit mein höchstes Vergnügen, zu lernen oder zu schreiben«. - -Jetzt aber bleiben die, die in Klöstern erzogen werden, so einfältig, daß -sie, zufrieden mit dem leeren Schall der Worte, sich um das Verständnis der -Schrift nicht kümmern, und nicht fürs Herz etwas lernen, sondern nur die -Zunge üben wollen. Sie trifft der Spruch Salomos: »Das Herz des Weisen -sucht Weisheit, aber des Narren Mund weidet sich an der Thorheit«, nämlich -wenn er sich an Worten erfreut, die er nicht versteht. Solche Leute können -ja Gott nicht lieben und in Liebe zu ihm entbrennen, da sie vom Verständnis -der Schrift, die uns über Gott belehrt, so weit entfernt sind. - -Diese Zustände in den Klöstern sind hauptsächlich auf zwei Ursachen -zurückzuführen: einmal auf die Eifersucht der Laien und Laienbrüder, ja -auch der Vorgesetzten selbst, sodann auf das leere Geschwätz und die -Müßiggängerei, die in den heutigen Klöstern vielfach zu Hause sind. Jene -wollen mit uns nur in irdischem Handel und Wandel zu thun haben, nicht aber -in geistlichem Verkehr mit uns stehen und gleichen den Philistern, die den -Isaak verfolgten, als er einen Brunnen graben wollte, und ihm das Wasser -wehrten, indem sie Erde hineinwarfen. Gregorius legt diese Geschichte in -seinen »Moralia«, Kapitel XVI, also aus: »Oft, wenn wir uns mit der -Heiligen Schrift beschäftigen, haben wir unter den Angriffen der bösen -Geister schwer zu leiden: sie streuen uns den Staub irdischer Gedanken in -den Sinn, um das Auge unserer Betrachtung für das Licht der inneren -Beschauung blind zu machen«. Dies hatte der Psalmist nur allzusehr -erfahren, als er sagte: »Weichet von mir, ihr Übelthäter, ich will -erforschen die Gebote meines Gottes«. Er erklärt damit deutlich, daß er die -Gebote Gottes nicht erforschen konnte, weil sein Geist zu kämpfen hatte -gegen die Anläufe der Dämonen. Sie sind dasselbe, was die bösen. Philister -bei Isaaks Brunnen waren, als sie ihn mit Erde füllten. Denn solche Brunnen -graben wir in der That, wenn wir in die verborgenen Tiefen der Schrift -eindringen. Es ist, als deckten die Philister uns den Brunnen zu, wenn -unreine Geister, während wir zum Himmel streben, uns irdische Gedanken -eingeben, und uns gleichsam das Wasser der göttlichen Erkenntnis, das wir -gefunden haben, entziehen. Aber weil niemand diese Feinde aus eigener Kraft -zu überwinden vermag, sagt Eliphas uns das Wort: »Und der Allmächtige wird -gegen deine Feinde sein, und Silber wird dir zugehäuft werden«. Das soll -heißen: wenn der Herr mit seiner Stärke die bösen Geister von dir treibt, -dann wird der Schatz des göttlichen Wortes leuchtend in dir sich vermehren. - -Gregorius hatte wohl gelesen die Homilien des großen Christenphilosophen -Origenes über die Genesis und hat aus dessen Brunnen geschöpft, was er uns -über diese Brunnen sagt. Denn dieser eifrige geistliche Brunnengräber -ermahnt uns nicht nur eindringlich, aus diesen Brunnen zu schöpfen, sondern -auch sie zu graben. So sagt er in der zwölften der genannten Homilien: -»Lasset uns thun, wozu die Weisheit uns ermahnt: 'Trinke Wasser aus deiner -Grube und Flüsse aus deinem Brunnen; habe du sie aber alleine'. Trachte -also auch du, mein lieber Zuhörer, danach, einen eigenen Brunnquell zu -haben, daß, wenn du ein Buch der Heiligen Schrift vornimmst, du auch durch -eigenes Nachdenken einen Sinn herausbringest, und nach dem, was du in der -Kirche gelernt hast, trachte auch du zu trinken aus dem Brunnen deines -Geistes. Es sprudelt in dir ein Quell lebendigen Wassers, Geist und -Vernunft durchströmen dich in unversieglichen Adern und reichlichen Fluten, -nur dürfen sie nicht mit Erde und Schmutz angefüllt werden. Darum gieb dir -Mühe, dein Land umzugraben und den Unrat auszufegen, d. h. den Geist zu -bilden, die Trägheit auszurotten und des Herzens Härtigkeit zu erweichen. -Höre, was die Schrift sagt: 'Wenn man das Auge drückt, so gehen Thränen -heraus, und wenn man einem das Herz trifft, so läßt er sich merken'. -Reinige auch du deinen Geist, damit du dereinst aus deinem eigenen Brunnen -trinkest und aus deinen Quellen lebendiges Wasser schöpfest. Denn hast du -in dir aufgenommen das Wort Gottes, hast du von Jesus Lebenswasser -empfangen, im Glauben empfangen, so wird es in dir ein Brunnen des Wassers -werden, das in das ewige Leben quillt«. - -Derselbe Origenes sagt in der folgenden Homilie über den obenerwähnten -Isaaksbrunnen: »Unter den Philistern, die den Brunnen mit Erde bedeckten, -sind ohne Zweifel die Leute zu verstehen, welche den Weg zur geistlichen -Erkenntnis verschließen, so daß sie selbst nicht trinken können und auch -andere daran verhindert werden«. Höre, was der Herr spricht: »Wehe euch -Schriftgelehrten und Pharisäern, die ihr den Schlüssel der Erkenntnis -weggenommen habt. Ihr kommt nicht hinein, und wehret denen, die hinein -wollen«. Wir aber wollen nicht aufhören, Brunnen lebendigen Wassers zu -graben, und bald mit Altem, bald mit Neuem uns beschäftigend wollen wir -jenem Schriftgelehrten im Evangelium ähnlich werden, von dem der Herr sagt: -»Der aus seinem Schatz Neues und Altes hervorträgt«. - -Ebenso heißt es dort: »Lasset uns zu Isaak gehen und mit ihm graben einen -Brunnen lebendigen Wassers; auch wenn die Philister uns widerstehen und -Streit anfangen, wollen wir doch mit ihm ausharren beim Brunnen, damit man -auch zu uns sagen könne: 'Trinke Wasser aus deinen Gefäßen und aus deinem -Brunnen'. Und also wollen wir graben, daß unsere Gefäße überströmen vom -Wasser des Brunnens, daß wir nicht genug haben, wenn wir für uns allein die -Schrift verstehen, sondern auch andere lehren und anweisen, zu trinken. -Mensch und Vieh sollen trinken, wie der Prophet sagt: 'Tier und Menschen -machst du gesund, Herr'«. - -Und weiter unten heißt es: »Wer ein Philister ist und nach Irdischem -trachtet, der weiß auf der ganzen Erde kein Wasser zu finden, noch auch -verständigen Sinn«. - -Was nützt es dich, Wissenschaft zu haben, wenn du sie nicht zu gebrauchen -weißt? Was nützt dich das Wort, wenn du es nicht anwenden kannst? Das ist -die Art der Knechte Isaaks, die in irgend einem beliebigen Land nach -lebendigem Wasser graben. Ihr aber nicht also: lasset ferne von euch sein -alles leere Geschwätz, und diejenigen unter euch, denen die Gabe des -Lernens verliehen ist, sollen sich mit Eifer in den göttlichen Dingen -unterrichten lassen, wie es von dem frommen Manne heißt: »Sondern er hat -Lust zum Gesetz des Herrn und redet von seinem Gesetz Tag und Nacht«. Und -welchen Nutzen das unermüdliche Studium im Gesetz des Herrn bringe, das -besagen gleich die folgenden Worte: »Der ist wie ein Baum, gepflanzet an -den Wasserbächen«. Denn wer von den Wassern des göttlichen Wortes nicht -benetzt wird, der ist wie ein dürrer, unfruchtbarer Baum. Dieses Wort ist -gemeint, wenn es heißt: »Von des Leibe werden Ströme des lebendigen Wassers -fließen«. Das sind jene Fluten, von welchen die Braut im Hohenlied zum Lobe -ihres Bräutigams singt: »Seine Augen sind wie Taubenaugen an den -Wasserbächen, mit Milch gewaschen, und stehen in der Fülle«. - -Auch ihr also setzet euch, mit Milch gewaschen, d. h. im reinen Glanze -eurer Keuschheit strahlend, wie Tauben an diese Wasserbäche, und schöpfet -Weisheit daraus, auf daß ihr nicht bloß lernet, sondern auch lehren und -andern den Weg zeigen könnet; daß ihr den Bräutigam nicht bloß selber -sehen, sondern auch andern beschreiben möget! - -Wir wissen: von der Einen Braut, die den Bräutigam durch das Ohr des -Herzens zu empfangen gewürdigt worden ist, steht geschrieben: »Maria -behielt alle diese Worte und bewegte sie in ihrem Herzen«. Also die Mutter -des höchsten Wortes nahm seine Worte mehr zu Herzen als in den Mund und -bewegte sie im Herzen; sie überlegte jedes einzelne mit Fleiß und verglich -sie miteinander, ob sie genau übereinstimmen. - -Aus dem Gesetz wußte sie, daß alles Tier unrein genannt wird, das nicht -wiederkäuet und die Klauen spaltet. So ist auch keine Seele rein, die nicht -die göttlichen Gebote wiederkäuet, indem sie darüber nachdenkt, so viel sie -vermag, und ihren Verstand anwendet, um sie zu befolgen, so daß sie nicht -bloß äußerlich Gutes thut, sondern wirklich gut, d. h. mit der richtigen -Gesinnung, handelt. Die gespaltenen Klauen aber bedeuten das -Unterscheidungsvermögen der Seele, worüber geschrieben steht: »Wenn du -recht anbietest, aber nicht recht teilest, so sündigst du«. - -»Wer mich liebt,« sagt die 'Wahrheit', »der hält meine Worte.« Wer aber -wird die Worte und Gebote seines Herrn gehorsam halten können, wenn er sie -nicht vorher verstanden hat? Niemand wird eifrig im Thun sein, der nicht -vorher ein aufmerksamer Hörer war. So, wie wir von dem frommen Weib lesen, -das, alles andere vergessend, zu Jesu Füßen saß und auf seine Worte hörte, -gewiß mit jener verständnisvollen Aufmerksamkeit, die der Herr selbst von -uns verlangt, wenn er sagt: »Wer Ohren hat zu hören, der höre«. Könnet ihr -euch aber nicht zu solch hingebender Glut entflammen, dann ahmet im Eifer -und in der Begeisterung für die heiligen Wissenschaften wenigstens jene -frommen Schülerinnen des heiligen Hieronymus nach: Paula und Eustochium, -auf deren Antrieb dieser große Lehrer die Kirche durch so manche Schrift -erleuchtet hat. - - - - -IX. Brief. - -Heloise an Abaelard. - -(Mit 42 biblisch-theologischen Fragen.) - - -Deiner Weisheit ist es besser bekannt als meiner Einfalt, wie der selige -Hieronymus der frommen Marcella das Studium der Heiligen Schrift und der -damit zusammenhängenden Fragen, für welches sie glühend begeistert war, gar -sehr empfohlen und sie nachdrücklich darin bestärkt hat, und wie er ihr -weithintönendes Lob dafür gespendet hat. In seinem Kommentar zum Brief des -Paulus an die Galater thut er ihrer im ersten Buch in folgender Weise -Erwähnung: »Ich kenne ihren Eifer, ich kenne ihren Glauben und das glühende -Verlangen, das sie in der Brust trägt: ihr Geschlecht zu überwinden, die -Menschen zu vergessen, den Paukenschall des göttlichen Wortes ertönen zu -lassen und das Rote Meer dieser Welt zu durchschreiten. In der That, so oft -ich in Rom war, hat sie mich nie auch nur einen Augenblick gesehen, ohne -mir irgend eine Frage über die heiligen Schriften vorzulegen. Dabei war sie -nicht nach Pythagoräer Weise mit jeder beliebigen Antwort zufrieden; auch -beugte sie sich nicht unter die bloße Autorität, wenn triftige Gründe -fehlten; vielmehr prüfte sie alles und mit scharfem Verstand wog sie alles -ab, so daß ich oft das Gefühl hatte, ich habe nicht eine Schülerin, sondern -eine Richterin vor mir«. - -Hieronymus sah sie infolge dieses Eifers bald solche Fortschritte machen, -daß er sie den anderen Frauen, die sich um das gleiche Studium bemühten, -zur Lehrerin setzte. Daher schreibt er an die Jungfrau Principia unter -anderem folgendes: »Du hast dort zur Leitung im Studium der Schrift und in -der Heiligung des Leibes und der Seele Marcella und Asella; die eine mag -dich durch die grünenden Wiesen und durch den bunten Blumenflor der -heiligen Schriften zu dem führen, der im Lied der Lieder sagt: 'Ich bin -eine Blume zu Saron, und eine Rose im Thal'; die andere, selbst eine Blume -des Herrn, ist würdig, zugleich mit dir das Wort zu vernehmen: 'Wie eine -Rose unter den Dornen, so ist meine Freundin unter den Töchtern'«. - -Wozu aber sage ich dies, du von vielen Geliebter, uns aber Geliebtester? -Ich will dir ja nichts erzählen, ich will dich mahnen: meine Worte sollen -dich an deine Schuld erinnern und dich nicht länger säumen lassen mit der -Einlösung. Die Mägde Christi, deine geistlichen Töchter, hast du in eigenem -Oratorium vereinigt und sie mit dem Dienste Gottes betraut; stets pflegtest -du uns das Studium des göttlichen Wortes und das Lesen heiliger Schriften -besonders ans Herz zu legen. Ja, so nachdrücklich hast du uns die Kenntnis -der Heiligen Schrift empfohlen, daß du sie einen Seelenspiegel nanntest, in -dem man seiner Schönheit oder Häßlichkeit gewahr werde, und du verlangtest, -daß keine Braut Christi dieser Spiegel fehlen dürfe, wenn sie dem Herrn -gefallen wolle, dem sie sich angelobt. Du sagtest noch weiter zu unserer -Aufmunterung, das Lesen der Heiligen Schrift, wenn man sie nicht verstehe, -nütze so viel, wie dem Blinden ein Spiegel. - -Durch diese Mahnungen sind wir, ich sowohl wie die Schwestern, zu mächtigem -Eifer angeregt worden, indem wir auch in diesem Stück nach Kräften dir zu -gehorchen bestrebt sind. Allein während wir uns alle Mühe geben und von -derjenigen Liebe zu den Wissenschaften ergriffen sind, über die der -obengenannte Lehrer einmal sagt: »Liebe die Wissenschaften, und du wirst -die Laster des Fleisches nicht lieben«, -- wird unser Eifer durch die -vielen Fragen, die uns verwirren, lahmgelegt. Und was wir in den heiligen -Schriften weniger verstehen, das müssen wir notwendig auch weniger lieben, -da wir fühlen, daß es eine fruchtlose Arbeit ist, die wir thun. - -Darum stellen die Schülerinnen ihrem Lehrer, die Töchter ihrem Vater einige -Fragen, und bitten demütigst, du möchtest es nicht unter deiner Würde -achten, dieselben für sie zu lösen. Denn auf dein mahnendes Wort, ja auf -deinen Befehl hin haben wir dies Studium in Angriff genommen. Wir haben bei -der Aufstellung der Fragen nicht die Reihenfolge der heiligen Schriften -eingehalten, sondern wie sie uns täglich aufgestoßen sind, so haben wir sie -aufgezeichnet und übersenden sie nun dir zur Lösung. - - - - -X. Brief. - -Abaelard an Heloise. - -(Begleitschreiben zu einer Sammlung geistlicher Lieder, von Abaelard -gedichtet für die Nonnen des Paraklet.) - - -I. - -Meine liebe Schwester Heloise, einst in der Welt mir teuer und nun erst -recht teuer in Christus, auf deine dringende Bitte habe ich Lieder -gedichtet, auf griechisch Hymnen, auf hebräisch Tehillim geheißen. Da du -und deine frommen Frauen mich wiederholt zu der Abfassung solcher Lieder -drängtet, so habe ich nach dem Grund eures Wunsches geforscht. Denn ich -sagte mir, es sei unnötig, neue Lieder zu dichten, während ihr alte in -reicher Fülle habt, ja, es wollte mir wie ein Verbrechen erscheinen, den -alten Gesängen heiliger Dichter neue von sündigen Menschen vorzuziehen oder -an die Seite zu stellen. - -Während ich nun von verschiedenen Seiten verschiedene Meinungen zu hören -bekam, führtest du, soviel ich mich erinnere, unter anderem folgenden Grund -an. »Wir wissen,« sagtest du, »daß die römische und besonders die -gallicanische Kirche in betreff der Psalmen und Hymnen sich mehr nach ihrer -Gewohnheit richten als nach einer Autorität. Wir wissen ja heute noch -nicht, von wem die Übersetzung des Psalters herrührt, welche in unserer, d. -h. in der gallicanischen Kirche, im Gebrauch ist, und nach den Äußerungen -derjenigen zu urteilen, die uns über die Verschiedenheit der Übersetzungen -belehrt haben, weicht die unsrige von allen übrigen weit ab und kann, wie -ich glaube, auf ein höheres Ansehen keinen Anspruch machen. Allein ihr -Gebrauch hat sich durch langjährige Gewohnheit so sehr eingebürgert, daß -wir gerade beim Psalter, den wir doch am häufigsten brauchen, einer -apokryphen Übersetzung folgen, während wir die andern biblischen Bücher in -der korrekten Übersetzung des seligen Hieronymus lesen. Was aber die Hymnen -betrifft, die wir jetzt gebrauchen, so herrscht hierin eine solche -Unordnung, daß fast nie eine Überschrift ihre Art oder ihre Verfasser -bezeichnet. Und wenn man doch bei einigen mit Wahrscheinlichkeit auf -bestimmte Verfasser schließen kann, als deren älteste man Hilarius und -Ambrosius, dann Prudentius und viele andere annimmt, so ist häufig das -Silbenmaß so wenig entsprechend, daß man den Liedern kaum eine Melodie -unterlegen kann, ohne die doch ein Hymnus keinen Zweck hat, der ja ein -wohltönendes Lob Gottes sein soll.« - -Auch fügtest du noch bei, daß es für die meisten Feste an eigentümlichen -Liedern fehle, so auch für die Feier der unschuldigen Kindlein, der -Evangelisten oder derjenigen weiblichen Heiligen, die weder Jungfrauen noch -Märtyrerinnen waren. Es fehle auch nicht an solchen, versichertest du, bei -denen die Singenden eine Unwahrheit aussprechen müssen, sei's wegen der -Zeitumstände, die nicht zum Liede passen, oder wegen des falschen Inhaltes. -Manche der Gläubigen halten aus irgend einem zufälligen Grund oder infolge -besonderer Erlaubnis die bestimmte vorgeschriebene Stunde nicht ein und -kommen nun entweder zu früh oder zu spät, so daß sie genötigt sind, -wenigstens in Beziehung auf die Zeit zu lügen, wenn sie die für die Nacht -bestimmten Lieder bei Tag, die für den Tag bestimmten bei Nacht singen. -Nach der Vorschrift des Propheten und der Satzung der Kirche soll ja auch -während der Nacht das Lob Gottes nicht verstummen, wie geschrieben steht: -»Des Nachts gedenke ich an deinen Namen, o Herr« und: »Mitten in der Nacht -erhebe ich mich, mit dir zu reden«, d. h. dich zu lobpreisen. Dagegen darf -der siebenfache Lobgesang, dessen der Prophet Erwähnung thut mit den -Worten: »Siebenmal des Tages lobe ich dich« -- nur bei Tage dargebracht -werden. Der erste derselben, der Morgenlobgesang genannt, und von demselben -Propheten bezeichnet mit den Worten: »Des Morgens gedenke ich dein, o Herr« --- soll angestimmt werden in der ersten Frühe des Tages, wenn die -Morgenröte oder der Morgenstern erscheint. - -Bei den meisten Hymnen giebt sich diese Unterscheidung von selber. So -kennzeichnen sich gewisse Lieder selbst deutlich als solche, die bei Nacht -zu singen sind, wenn es z. B. heißt: »Wohl auf zur Nacht und laßt uns alle -wachen« -- oder: »Gesang durchtönt die stille Nacht«; ferner: »Die lange -Nachtzeit kürzen wir, erstehen zum Bekenntnis dir«. Oder ein andermal: »Die -schwarze Nacht hält nun bedeckt, was auf der Erd' in Farben strahlt« -- -oder: »Wir stehn von unsrem Lager auf zur Zeit der ruhig stillen Nacht«, -und ferner: »Wie wir die Stunden stiller Nacht nun unterbrechen mit Gesang« -u. s. w. - -So geben auch manche Morgenhymnen die Zeit, zu welcher sie zu singen sind, -selber an. Zum Beispiel, wenn es heißt: »Der nächt'ge Schatten weichet -schon« -- oder: »Golden erstrahlt des Tages Licht«; ferner: »Am Himmel -steht das Morgenrot« -- »Das Morgenrot im Rosenlicht« oder »Der Vogel ist -des Tags Herold; er kündet uns des Lichtes Nahn« -- und: »Wie schön -leuchtet der Morgenstern«. Solche Lieder belehren uns selbst darüber, zu -welcher Zeit sie gesungen sein wollen, und wollten wir diese ihre Zeiten -nicht einhalten, so würden wir bei ihrem Vortrag als Lügner erfunden. -Allein in den meisten Fällen ist es weniger die Nachlässigkeit, die solche -Abweichungen verursacht, als der Zwang der Verhältnisse oder die förmliche -Befreiung davon; dazu nötigt namentlich in den kleineren Parochialkirchen -schon die Beschäftigung der Bevölkerung fast jeden Tag, so daß hier aller -Gottesdienst fast das ganze Jahr hindurch bei Tag abgehalten werden muß. - -Aber nicht bloß das Nichteinhalten der Zeit bringt uns in die Lage, lügen -zu müssen, sondern bei gewissen Liedern sind es die Verfasser selbst, die -uns dazu veranlassen. Diese nämlich, sei es, daß sie von ihrer eigenen -Zerknirschung auf den Seelenzustand anderer schlossen, oder daß sie ihre -Heiligen durch übertrieben frommen Eifer erheben wollten -- haben manchmal -so sehr das Maß überschritten, daß wir in manchen Liedern oft gegen unsere -eigene Überzeugung etwas aussprechen, von dem wir das Gefühl haben, daß es -der Wahrheit nicht entspreche. Die wenigsten werden so vom Feuer der -heiligen Andacht glühen oder in der Zerknirschung über ihre Sünden so in -Thränen und Seufzer aufgelöst sein, daß sie mit Recht singen können: »Wir -nahen weinend zum Gebet; erlaß uns unsere Sünden«, oder: »Hör unsere -Seufzer, unsern Sang in Gnaden an«. So giebt es noch manches, was nur für -Auserwählte, und darum für wenige, paßt. Auch mag deine Einsicht -entscheiden, ob es nicht eine Anmaßung ist, vor der wir uns scheuen -sollten, wenn wir alljährlich singen: »Martinus, den Aposteln gleich«, oder -wenn wir diesen oder jenen Bekenner seiner Wunder wegen in übertriebener -Weise rühmen, indem wir z. B. sagen: »An dessen heil'gem Grab so mancher -Heilung fand«. - -Diese und ähnliche Gründe, die ihr anführtet, haben mich bewogen, aus -Ehrfurcht vor eurer Frömmigkeit, Hymnen zu dichten für den ganzen Lauf des -Jahres. Da ihr also dies von mir erbeten habt, ihr Bräute und Mägde -Christi, so bitte ich hinwiederum euch: daß ihr die Last, die ihr auf meine -Schultern gelegt habt, durch die Handreichung eures Gebetes erleichtern -möget, auf daß, wer da säet und wer da erntet, zusammen arbeite und -zusammen sich freue. - - -II. - -Die Feier des Gottesdienstes besteht aus drei Teilen. Der Apostel der -Heiden hat es so verordnet im Brief an die Ephesier, wo es heißt: »Und -saufet euch nicht voll Weins, daraus ein unordentlich Wesen folget, sondern -werdet voll Geistes, und redet untereinander von Psalmen und Lobgesängen -und geistlichen Liedern, singet und spielet dem Herrn in eurem Herzen«. Und -weiter an die Colosser schreibt er: »Lasset das Wort Christi unter euch -reichlich wohnen in aller Weisheit, lehret und ermahnet euch selbst mit -Psalmen und Lobgesängen und geistlichen lieblichen Liedern und singet dem -Herrn in eurem Herzen«. Die Psalmen und Lieder sind ja seit alter Zeit aus -den kanonischen Schriften entnommen, und es bedarf nicht erst unserer Mühe, -sie zu dichten. Über die Hymnen aber findet sich in den heiligen Schriften -kein bestimmendes Merkmal, wiewohl einige Psalmen auch die Bezeichnung -»Hymne« oder »heiliges Lied« als Aufschrift tragen -- und so ist über sie -von verschiedenen Schriftstellern da und dort nachträglich geschrieben -worden; auch wurden für die verschiedenen Zeiten, Stunden und Feste -besondere Hymnen bestimmt. Diese nennen wir jetzt »Hymnen« im eigentlichen -Sinn, wiewohl in der alten Zeit einige Schriftsteller alle in einem -bestimmten Versmaß gedichteten Lieder, die zum Lobe Gottes dienten, sowohl -Hymnen als auch Psalmen nannten. Daher sagt Eusebius von Cäsarea im 19. -Kapitel seiner Kirchengeschichte, wo er die Lobsprüche erwähnt, die der -beredte Jude Philo der alexandrinischen Kirche unter der Leitung des Markus -spendet, unter anderem folgendes: »Dann kommt er darauf zu sprechen, daß -sie selbst neue Psalmen dichten, und sagt: 'Sie kennen nicht allein die -Lieder der geistvollen Alten, sondern dichten selbst neue Lieder zum Preis -Gottes und singen dieselben in allen möglichen Weisen und Melodien mit -guter und lieblicher Harmonie.'« - -Es ist vielleicht nicht unangezeigt, alle Psalmen, die in hebräischem -Versmaß und Rhythmus gedichtet und mit einer lieblichen Melodie versehen -sind, ebenfalls Hymnen zu nennen -- unbeschadet unserer Erklärung im ersten -Vorwort. Allein da die Psalmen, wenn sie in eine andere Sprache übersetzt -werden, vom Gesetz des Versmaßes und des Rhythmus entbunden sind, so hat -der Apostel in seinem Brief an die Ephesier, die ja Griechen sind, mit -Recht die Hymnen wie auch die Lieder von den Psalmen unterschieden. - -So habe ich denn in diesem Punkt eurer Bitte zum Teil wenigstens, soweit -Gott es mir gestattete, Genüge gethan, geliebte Schwestern in Christo, da -ihr meinen schwachen Geist mit vielem Flehen gar sehr bedrängt und auch -noch die Gründe angegeben habt, warum dies euch nötig erscheine. Das erste -Büchlein enthält die Hymnen zum täglichen Gottesdienst. Ihr werdet -erkennen, daß sie nach zweierlei Melodien und Rhythmen gehen, und daß -jedesmal alle Tageslieder und alle Nachtlieder beides gemeinsam haben. Auch -den Dankhymnus, der nach dem Essen zu sprechen ist, habe ich nicht -vergessen -- nach dem Wort des Evangeliums: »Und da sie den Lobgesang -gesprochen hatten, gingen sie hinaus«. - -Die vorstehenden Hymnen sind in der Weise abgefaßt, daß der Inhalt der -nächtlichen Lieder sich deckt mit dem, was sie feiern, und daß die -Tageslieder die allegorische oder moralische Auslegung dieses Inhaltes -darbieten. So kommt es, daß das Dunkel der Geschichte der Nacht aufbehalten -wird, während der helle Tag das Licht der Erklärung bringt. Nun bleibt mir -nur noch übrig, die Hilfe eures Gebets anzurufen, damit ich euch die -gewünschte bescheidene Gabe zukommen lassen kann. - - -III. - -In den beiden vorstehenden Büchlein habe ich Hymnen für den täglichen -Gottesdienst und eigene für die hohen Feste zusammengestellt. Nun bleibt -mir noch übrig, zur Verherrlichung des himmlischen Königs und zur -gemeinsamen Erbauung der Gläubigen den Sitz der himmlischen Residenz mit -würdigen Lobeshymnen nach Kräften zu erheben. Mögen mich bei diesem Werke -die Verdienste derjenigen unterstützen, deren ruhmreiches Andenken ich -durch den bescheidenen Zoll meiner Lobpreisungen erhöhen möchte -- nach dem -Wort der Schrift: »Das Gedächtnis des Gerechten ermangelt nicht des Lobes«, -und wiederum: »Lasset uns preisen die Ruhmvollen« u. s. w. - -Auch euch bitte ich, teure, Christo geweihte Schwestern, auf deren Flehen -hauptsächlich ich dies Werk in Angriff genommen habe: unterstützet mich -durch die Andacht eures Gebetes, denket an jenen frommen Gesetzgeber, der -mit seinem Gebet mehr ausrichtete, als das Volk mit dem Schwert. Und eure -Liebe wird sich reich erweisen in der Fülle des Gebetes, wenn ihr daran -denket, wie freigebig ich in Erfüllung eures Wunsches gewesen bin. Während -ich mich nach den schwachen Kräften meines Geistes mühte, das Lob der -göttlichen Gnade würdig zu singen, habe ich durch die Menge der Lieder zu -ersetzen gesucht, was ihnen an Schönheit des Ausdrucks abging, und so habe -ich für die nächtliche Feier jedes einzelnen Festes eigene Hymnen -gedichtet, während bisher nur Ein bestimmter Hymnus bei der Nachtfeier von -Festen und Feiertagen gesungen wurde. - -Vier Hymnen also habe ich für jedes Fest so bestimmt, daß bei jeder der -drei nächtlichen Vigilien ein besonderer Hymnus gesungen werden kann, und -außerdem noch die Matutine ihren eigenen hat. Ferner habe ich die -Bestimmung getroffen, daß von diesen vier Hymnen bei der Vigilie zwei zu -einem Hymnus verbunden werden und die beiden andern in ähnlicher Weise bei -der Vesper am Festtage selbst gesungen werden können; oder daß sie je zwei -und zwei auf jede Vesper verteilt, und so der eine Hymnus mit den beiden -ersten Psalmen, der andere mit den beiden übrigen gesungen werden. - -Dem Kreuz habe ich fünf Hymnen gewidmet, von denen der erste die -jedesmaligen Horen einleiten mag, indem er den Diakon auffordert, das Kreuz -vom Altar zu heben, es in die Mitte des Chors zu tragen und dort zur -Anbetung und Verehrung aufzustellen, so daß es über die ganze Zeit der -gottesdienstlichen Feier anwesend ist. - - - - -XI. Brief. - -Abaelard an Heloise. - -(Mit einer Sammlung von Predigten.) - - -In Christo verehrungswürdige und liebenswerte Schwester Heloise! Nachdem -ich kürzlich auf deine Bitten ein Buch mit Hymnen und Sequenzen vollendet, -so habe ich jetzt deinem Wunsche gemäß für dich und deine geistlichen -Töchter, die in unserem Oratorium vereint sind, eine Reihe von Predigten -verfaßt -- eiliger als ich es sonst gewohnt bin. Da ich mehr der -Wissenschaft als der Predigt ergeben bin, so sehe ich hauptsächlich auf -Klarheit der Darlegung, weniger auf kunstvolle Beredsamkeit; ich suche mehr -den Wortsinn zu ergründen, als die Rede künstlich auszuschmücken. Und -vielleicht wird eine reine, nicht ausgeschmückte Redeweise infolge ihrer -größeren Klarheit einem einfachen Gemüt faßlicher sein, und eine gewisse -Art von Zuhörern wird vielleicht gerade in der Einfachheit einer -schmucklosen Rede die Schönheit und Feinheit sehen, und eine Würze darin -finden, die einer einfachen Fassungsgabe wohlthut. - -Die Predigten sind nach der Reihenfolge der Feiertage niedergeschrieben und -geordnet; begonnen habe ich mit dem Anfang unserer Erlösung. Lebe wohl im -Herrn, du, seine Magd, einst in der Welt mir teuer, nun erst ganz teuer in -Christus: damals meine Gattin im Fleisch, jetzt meine Schwester im Geist -und Genossin im Bekenntnis des heiligen Gelübdes! - - - - -XII. Brief. - -Abaelard an Heloise. - -(Abaelards Glaubensbekenntnis.) - - -Liebe Schwester Heloise, einst mir teuer in der Welt, nun erst ganz teuer -in Christus: um der Logik willen bin ich der Welt verhaßt. Die blinden -Blindenleiter, deren Weisheit Verderben ist, behaupten nämlich, in der -Logik sei ich zwar wohlbewandert, aber im Paulus -- da hinke ich stark. Und -während sie meinen Scharfsinn preisen, verdächtigen sie die Reinheit meines -christlichen Glaubens. Denn, wie mir scheint, folgen sie nur ihrem -Vorurteil, statt durch die Erfahrung sich leiten zu lassen. - -Ich will nicht in der Weise Philosoph sein, daß ich den Paulus -zurückstieße, nicht so Aristoteles, daß ich von Christus getrennt würde. -Denn es ist kein anderer Name unter dem Himmel, in dem ich selig werden -könnte. Ich bete an Christum, der zur Rechten des Vaters regieret. Ich -umfasse ihn mit den Armen des Glaubens, der im jungfräulichen Fleisch, das -er vom heiligen Geist empfangen, Herrliches wirkt in der Kraft Gottes. Und -daß die unruhige Sorge und jeglicher Zweifel aus deinem Herzen weiche, so -halte das fest, daß ich mein Gewissen auf jenen Felsen gegründet habe, auf -dem Christus seine Kirche erbaut hat. Und des Felsens Aufschrift will ich -dir in kurzen Worten mitteilen. - -Ich glaube an den Vater, Sohn und Heiligen Geist, an den von Natur Einen -und wahren Gott, der in seinen Personen die Dreieinigkeit also darstellt, -daß er in seiner Wesenheit stets die Einheit bewahrt. Ich glaube, daß der -Sohn in allem dem Vater gleich ist, an Ewigkeit, Macht, Willen und Werk. -Ich folge nicht dem Arius, der verblendeten Sinns, ja, von teuflischem -Geiste verführt, Stufen in der Dreieinigkeit annimmt, indem er lehrt, daß -der Vater größer, der Sohn kleiner sei und das Gebot vergißt: »Du sollst -nicht auf Stufen zu meinem Altar heraufsteigen«. Denn auf Stufen steigt zum -Altar Gottes empor, wer ein Früher und Später in der Dreieinigkeit setzt. -Auch den Heiligen Geist bekenne ich als wesensgleich und eins mit dem Vater -und dem Sohne, wie denn meine Schriften vielfach erklären, daß ihm der Name -der Liebe zukomme. Ich verdamme den Sabellius, der behauptet, daß Vater und -Sohn ein und dieselbe Person seien und daß der Vater gelitten habe, woher -seine Anhänger Patripassianer heißen. - -Ich glaube auch, daß der Gottessohn zum Menschensohn geworden, daß er, -obwohl Eine Person, aus und in zwei Naturen besteht. Der, nachdem er seine -Aufgabe in der angenommenen Menschennatur erfüllt hatte, gelitten hat, -gestorben und auferstanden ist, aufgefahren gen Himmel, von dannen er -wieder kommen wird, zu richten die Lebendigen und die Toten. - -Ich behaupte auch, daß in der Taufe alle Sünden vergeben werden; daß wir -der Gnade bedürfen, um das Gute anzufangen und zu vollenden, und daß die -Gefallenen durch Buße wiederhergestellt werden. Über die Auferstehung des -Fleisches aber -- was brauche ich darüber zu sagen, da ich mich des -Christennamens vergeblich rühmen würde, wenn ich nicht glaubte, daß ich -auferstehen werde? - -Dies also ist der Glaube, auf welchem ich ruhe, aus dem ich meine feste -Hoffnung schöpfe. Auf ihn ist mein Heil gegründet, und so fürchte ich nicht -das Geheul der Scylla, ich spotte der strudelnden Charybdis, und der -totbringende Sang der Sirenen schreckt mich nicht. Mag der Sturm -hereinbrechen, ich wanke nicht; mögen die Winde blasen, ich stehe fest. -Denn auf einen starken Felsen bin ich gegründet. - - - - -Anmerkungen zur Transkription - - -Falsch gesetzte Anführungszeichen wurden stillschweigend korrigiert. Alle -anderen offensichtlichen Druckfehler wurden korrigiert wie hier aufgeführt -(vorher/nachher): - - ... Unbescholtenheit meines bisherigens Lebens. ... - ... Unbescholtenheit meines bisherigen Lebens. ... - - ... jetzt Abtissinnen über die Nonnen setzt, wie man für die ... - ... jetzt Äbtissinnen über die Nonnen setzt, wie man für die ... - - ... Mönche Abte hat und daß beide, Nonnen wie Mönche, auf ... - ... Mönche Äbte hat und daß beide, Nonnen wie Mönche, auf ... - - ... Täuschung, wo die eheliche Liebe so groß ist, das eins das ... - ... Täuschung, wo die eheliche Liebe so groß ist, daß eins das ... - - ... da du noch einer Abtissin untergeben warst und das Amt ... - ... da du noch einer Äbtissin untergeben warst und das Amt ... - - ... Glaubst du, der kurze Schmerz meiner damaligen Verwundrung ... - ... Glaubst du, der kurze Schmerz meiner damaligen Verwundung ... - - ... Wort des Philosophen sagen lassen mußt: hoc no nest osculum ... - ... Wort des Philosophen sagen lassen mußt: hoc non est osculum ... - - ... er nämlich diejenigen, welche sich Christo geweiht haben ... - ... er nämlich diejenigen, welche sich Christo geweiht haben, ... - - ... über das, was sie solchen müßigen Faullenzern, wie sie sagen, ... - ... über das, was sie solchen müßigen Faulenzern, wie sie sagen, ... - - ... mußte der Herr ihrer fleichlichen Schwäche wegen tadeln, ... - ... mußte der Herr ihrer fleischlichen Schwäche wegen tadeln, ... - - ... Hatten nicht Maria Magdalena oder Maria Agyptiaca, die ... - ... Hatten nicht Maria Magdalena oder Maria Ägyptiaca, die ... - - ... Daher mahnt auch der Apostel Jakobus: »Lieben Brüder, ... - ... Daher mahnt auch der Apostel Jakobus: »Liebe Brüder, ... - - ... Die Abtissin muß alle Tugenden mustergültig in sich vereinigen, ... - ... Die Äbtissin muß alle Tugenden mustergültig in sich vereinigen, ... - - ... Abtissin für die Aufrechterhaltung der Klosterzucht überhaupt ... - ... Äbtissin für die Aufrechterhaltung der Klosterzucht überhaupt ... - - ... denn, daß die Abtissin vorher befragt worden sei und es befohlen ... - ... denn, daß die Äbtissin vorher befragt worden sei und es befohlen ... - - ... oder schwach wird«. Nach dem Argernis, das der Bruder ... - ... oder schwach wird«. Nach dem Ärgernis, das der Bruder ... - - ... das Argernis vermieden wissen: »Ich habe es zwar alles ... - ... das Ärgernis vermieden wissen: »Ich habe es zwar alles ... - - ... Das Volk, das aus Agypten ausgeführt wurde, ist in ... - ... Das Volk, das aus Ägypten ausgeführt wurde, ist in ... - - ... wohlgefällig war«. Augustinus in seiner Schrift: »Uber ... - ... wohlgefällig war«. Augustinus in seiner Schrift: »Über ... - - ... aufgewirbelt wird. Die Armel sollen nicht länger sein als ... - ... aufgewirbelt wird. Die Ärmel sollen nicht länger sein als ... - - ... habe ich einso tiefes Studium und Verständnis der Heiligen ... - ... habe ich ein so tiefes Studium und Verständnis der Heiligen ... - - ... allzusehr erfahren, als er sagte: »Weichet von mir, ihr - Ubelthäter, ... - ... allzusehr erfahren, als er sagte: »Weichet von mir, ihr - Übelthäter, ... - - ... Ubersetzungen belehrt haben, weicht die unsrige von allen ... - ... Übersetzungen belehrt haben, weicht die unsrige von allen ... - - ... einer apokryphen Ubersetzung folgen, während wir die ... - ... einer apokryphen Übersetzung folgen, während wir die ... - - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Briefwechsel zwischen Abaelard und -Heloise, by Abaelard and Heloise - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK BRIEFWECHSEL ZWISCHEN *** - -***** This file should be named 44051-8.txt or 44051-8.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/4/4/0/5/44051/ - -Produced by Norbert H. 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