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-The Project Gutenberg EBook of Briefwechsel zwischen Abaelard und Heloise, by
-Abaelard and Heloise
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
-almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
-re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
-with this eBook or online at www.gutenberg.org
-
-
-Title: Briefwechsel zwischen Abaelard und Heloise
- mit der Lebensgeschichte Abaelards
-
-Author: Abaelard
- Heloise
-
-Release Date: October 27, 2013 [EBook #44051]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: ISO-8859-1
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK BRIEFWECHSEL ZWISCHEN ***
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-
-Produced by Norbert H. Langkau, Jens Sadowski and the
-Online Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net
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- Briefwechsel
- zwischen
- Abaelard und Heloise
- mit der
- Leidensgeschichte Abaelards
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- Aus dem
- Lateinischen übersetzt und eingeleitet
- von Dr. _P. Baumgärtner_
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- _Verlag von Philipp Reclam jun. Leipzig_
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- _Druck von Philipp Reclam jun. Leipzig_
- Printed in Germany
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-Inhalt.
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- _Einleitung_ 5--17
- 1. Brief: Abaelard an einen Freund (Die Leidensgeschichte) 19--73
- 2. Brief: Heloise an Abaelard 73--83
- 3. Brief: Abaelard an Heloise 83--91
- 4. Brief: Heloise an Abaelard 91--102
- 5. Brief: Abaelard an Heloise 102--125
- 6. Brief: Heloise an Abaelard 126--149
- 7. Brief: Abaelard an Heloise 149--203
- 8. Brief: Abaelard an Heloise 203--303
- 9. Brief: Heloise an Abaelard 303--305
- 10. Brief: Abaelard an Heloise (mit 2 Sammlungen von
- Hymnen) 305--312
- 11. Brief: Abaelard an Heloise (mit einer Predigtsammlung) 312--313
- 12. Brief: Abaelard an Heloise (Abaelards Glaubensbekenntnis) 313--315
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-
-Einleitung.
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-
-Die Übersetzung dieser Briefe ist entstanden in einer Zeit, da körperliches
-Leiden mir ein selbständiges wissenschaftliches Arbeiten unmöglich machte.
-Ich las und übersetzte anfangs zu meiner eigenen Unterhaltung und Übung;
-doch je mächtiger diese Urkunden der Liebe und des geistigen Verkehrs
-zweier so hochherziger Menschen mich selber anzogen, desto lebhafter regte
-sich der Wunsch, auch anderen sie zugänglich zu machen. Unsere
-kirchengeschichtliche Litteratur enthält so manchen edlen Schatz, der in
-staubiger Hülle vergessen in den Bibliotheken aufgespeichert steht -- so
-manches Schriftdenkmal, das in seiner fremden Sprache nur zum Gelehrten
-redet, während es ans Licht gezogen und verständlich gemacht manchem
-ernstergerichteten Leser Genuß und Erbauung zu bieten vermöchte.
-
-So sind auch die Briefe, die von Abaelard und Heloise auf uns gekommen
-sind, in Deutschland wenigstens, nur wenig bekannt, obwohl die beiden zu
-jenen Liebespaaren von weltgeschichtlichem Rufe gehören, deren Namen
-unauflöslich miteinander verbunden sind, wie Hero und Leander, Tristan und
-Isolde, Dante und Beatrice. Im Ausland dagegen und besonders in Frankreich
-schenkte man diesen Briefen frühzeitig Aufmerksamkeit, und namentlich die
-eigentlichen Liebesbriefe wurden mannigfach dichterisch bearbeitet und
-romanhaft ausgeschmückt -- jedoch nicht zu ihrem Vorteil: man vergleiche
-die Bearbeitungen, die diesem Gegenstand durch einen Pope und Colardeau --
-bei uns durch eine formvollendete poetische Übersetzung Bürgers eingeführt
--- zu teil geworden sind, mit unserem Original, und man wird leicht gewahr
-werden, um wie viel edler und, bei aller Leidenschaftlichkeit, keuscher
-dieses letztere ist als jene pikanten Leistungen.
-
-Eine sehr elegante, dabei meist textgemäße französische Übersetzung der
-Briefe giebt _O. Gréard_ in seinem Buche: »Lettres complètes d'Abélard et
-d'Héloise, Paris, Garnier Frères«. Der französischen Übersetzung ist der
-lateinische Text in der Recension von _Viktor Cousin_ beigegeben, die auch
-unserer Übersetzung zu Grunde liegt.
-
-Im Jahre 1844 ist eine deutsche Übersetzung des Briefwechsels erschienen
-von _Moriz Carrière_,[1] und dieses Werk würde meine Übersetzung
-überflüssig machen, wenn es überhaupt noch im Buchhandel zu haben wäre. Da
-es jedoch gänzlich vergriffen ist -- ich selbst habe es nur nach
-langwierigen Bemühungen zu Gesicht bekommen -- und eine neue Auflage nicht
-in Aussicht steht, so glaubte ich mich zu dieser neuen Veröffentlichung
-berechtigt. -- Carrière schickt seiner Übersetzung eine ausführliche,
-ebenso gelehrte wie geistvolle Einleitung voraus, in der er mit dem Feuer
-einer edlen Begeisterung Abaelards philosophischen und theologischen
-Standpunkt darstellt. Diese Einleitung bildet nahezu ein Drittel des ganzen
-Buches, so daß eigentlich in ihr der geistige Schwerpunkt desselben zu
-sehen ist. Ich meinerseits beschränke mich in dieser kurzen Einleitung auf
-das, was dem Leser zum Verständnis der Briefe notwendig ist -- zumal uns in
-den Briefen Abaelard doch mehr als Mensch, weniger als Gelehrter
-entgegentritt.
-
-[Fußnote 1: M. Carrière: »Abaelard und Heloise. Ihre Briefe und
-Leidensgeschichte übersetzt und eingeleitet durch eine Darstellung von
-Abaelards Philosophie und seinem Kampf mit der Kirche.« (Gießen 1844, 2.
-Auflage 1853.)]
-
-Die hier veröffentlichte Briefsammlung umfaßt im ganzen zwölf Briefe. Dabei
-ist als erster Brief mitgezählt das unter dem Namen der »Leidensgeschichte«
-(historia calamitatum) bekannte Schriftstück, das in Form eines Briefes,
-der an einen unbekannten Freund Abaelards adressiert ist, das vielbewegte
-Leben des letzteren schildert bis zu dem Zeitpunkt, wo er in den großen
-Streit mit Bernhard von Clairvaux eintritt -- also ein Stück
-Autobiographie, das die Einleitung zu dem folgenden Briefwechsel bildet.
-
-Überhaupt wurde dieser Brief die Veranlassung zu der ganzen folgenden
-Korrespondenz: über ein Jahrzehnt war seit der Trennung der Liebenden
-vergangen, und allem Anschein nach hatte während dieser ganzen Zeit jeder
-Verkehr zwischen ihnen aufgehört. Da kam durch einen Zufall jener Brief
-Abaelards in die Hände Heloisens und weckte »der alten Wunde unnennbar
-schmerzliches Gefühl«. Die Geschichte der Leiden des geliebten Mannes, zu
-denen er auch mit vollem Recht seine Liebe zählte, facht den Funken, der
-noch immer in ihrem Herzen glimmt, zur hellen Flamme an, und noch einmal
-durchlebt sie in der Erinnerung alle Freuden und alle Leiden einer hohen
-Liebe. Aus der Hochflut dieser neuerwachten Gefühle heraus sind die Briefe
-II und IV geschrieben: eine Beichte sondergleichen, ein Herzensaufschrei in
-den unmittelbarsten, leidenschaftlichsten, kühnsten Lauten, die je über
-Frauenlippen gekommen sind. Im Vergleich mit diesen Ergüssen hat man von
-jeher die Antwortschreiben Abaelards auffallend ruhig und kühl gefunden. In
-der That gleicht er in seinen Briefen (III und V) dem starren Felsenriff,
-das unbewegt und fühllos bleibt, mitten in den ewig wiederholten
-Umarmungsversuchen der Wogen. Man hat ihm aus dieser Kälte schwere
-moralische Vorwürfe gemacht, ja an sein Verhalten auch schon allgemeine
-philosophische Betrachtungen darüber angeknüpft, wie verschiedenartig die
-beiden Geschlechter lieben. So besonders Johannes Scherr in seiner
-geistreich-extremen Weise (Menschliche Tragikomödie, Bd. 2, »Heloise«). Die
-Art, wie Abaelard Heloisens hungriges Herz abzuspeisen sucht, wie er der
-Frau gegenüber, mit der er einst so wenig geistlich verfahren war, nun ganz
-die Sprache des Geistlichen, des orakelnden Heiligen und Propheten führt,
-macht im ersten Augenblick einen peinlichen, unangenehmen Eindruck, und hat
-sogar stellenweise etwas Empörendes. Allein der Ton, den er anschlägt, ist
-keine angenommene Maske; was er an Heloise schreibt, sind nicht bloß fromme
-Phrasen, sondern es ist ihm bitterer Ernst; er ist wirklich bekehrt, er
-bereut und sieht von diesem Standpunkt aus sein und Heloisens äußeres
-Mißgeschick für eine gnädige Fügung Gottes zur Rettung ihrer Seelen an.
-Sodann ist allerdings das Gefühl, das in Heloisens Herz eben jetzt in neuen
-Flammen erwachte, in ihm gänzlich erstorben. Er macht daraus kein Hehl; er
-sucht die einst Geliebte darüber nicht hinwegzutäuschen. Seine
-Wahrhaftigkeit ist seine Entschuldigung. Wo aber eine Liebe erloschen ist,
-da wird niemand glühende Liebesbriefe erwarten.
-
-Man wird solche aber auch nicht erwarten, wenn man die Verschiedenheit des
-Lebenswegs und der weiteren Geschicke der einst in Liebe Verbundenen in
-Betracht zieht. Heloise war einst wider ihren Willen und wider ihre Natur
-ins Kloster gegangen, nur aus Gehorsam gegen den geliebten Mann. Sie hatte
-damit ein Opfer gebracht, dem ihre Natur nicht gewachsen war. Ruhe hatte
-sie jedenfalls nicht gefunden hinter den Klostermauern. Zwar brachte sie es
-durch ihre geistige und sittliche Energie dahin, daß sie in den Ruf
-besonderer Heiligkeit kam, aber man lese ihre erschütternden Selbstanklagen
-im vierten Brief, um einen Einblick in dies ruhelose unbefriedigte Herz zu
-gewinnen. Aus solchem Gemütszustand heraus sind jene leidenschaftlichen
-Ergüsse begreiflich, denen gegenüber Abaelards Auslassungen und
-beichtväterliche Ermahnungen freilich kalt erscheinen. Ferner ist zu
-bedenken: mit dem Eintritt ins Kloster war Heloisens Leben eigentlich
-abgeschlossen; neue gewaltige Eindrücke, durch die die alten verwischt
-worden wären, erwarteten die Klosterfrau nicht mehr. Sie zehrte von einer
-kurzen Vergangenheit. Was sie aber mitbrachte von Erinnerungen an die Welt,
-von Lebenseindrücken, das alles war für sie beschlossen in dem Namen
-Abaelard. Dieser Name, ihr Ein und Alles, lebte in ihrem Herzen und mit ihm
-die Liebe, und so bedurfte es nur eines zündenden Funkens, um die
-zusammengesunkene Glut aufs neue zu entfachen. -- Abaelard dagegen war aus
-dem friedlichen Port des Klosters, wohin auch er sich geflüchtet hatte,
-mehrmals wieder hinausgeschleudert worden auf die hochgehenden Wogen des
-Lebens und der Händel dieser Welt. Er hatte in seinem Beruf, der zwar große
-Aufregungen und gehässige Verfolgungen, aber auch glänzende Triumphe mit
-sich brachte, einen gewissen innern Halt und Befriedigung gefunden.
-Jedenfalls aber war sein Leben so reich an erschütternden neuen Eindrücken
-und packenden Erlebnissen, daß jene eine Erinnerung an seine Liebe, jenes
-Erlebnis mit Heloise notwendig davor erblassen mußte. Er fühlt sich
-überhaupt zu der Zeit, da unsre Briefe geschrieben wurden, als ein
-gehetztes Wild, das von allen Seiten bedroht ist. Er bittet Heloise und
-ihre Nonnen um ihre besondere Fürsprache im Gebet; er ist ein wegmüder
-Mann, hat Todesgedanken und will im »Paraklet«, dem Kloster, das er
-Heloisen eingeräumt, begraben sein. Daß er in dieser Verfassung andere
-Briefe schrieb, als Heloise, wird man begreiflich finden. Will man ihm
-etwas anrechnen, so mag man ihm einen Vorwurf _daraus_ machen, daß er einst
-das Opfer einer geheimen Ehe (wiewohl dies immer noch besser war als die
-damals unter Klerikern ganz gewöhnlichen _wilden_ Ehen) -- und das noch
-größere Opfer des Klostergelübdes von Heloise angenommen hat. --
-
-Nicht ohne Rührung liest man, wie Heloise nun im _sechsten_ Brief die
-Stimme des Herzens, die bei Abaelard kein Echo zu wecken vermocht hatte, zu
-bezwingen sucht -- »wiewohl wir nichts so wenig in der Gewalt haben wie
-unser Herz« -- und um dennoch den Verkehr mit Abaelard aufrecht zu
-erhalten, auf das wissenschaftliche Gebiet übergeht. Sie verlangt von
-Abaelard Aufschluß über die Entstehung des Mönchswesens, und bittet ihn um
-Abfassung einer Klosterregel mit besonderer Rücksicht auf das weibliche
-Geschlecht. -- Auf beide Anliegen bleibt Abaelard die Antwort nicht
-schuldig, sondern er legt sie nieder in zwei ausführlichen Abhandlungen
-(Briefe VII und VIII), von denen namentlich die zweite nach unseren
-Begriffen eher ein Buch als ein Brief zu nennen wäre. Ich habe sie dennoch
-beide in ihrem ganzen Umfang aufgenommen, weil sie in kultur- und
-kirchenhistorischer Beziehung von allgemeinerem Interesse sind und
-besonders in die Anschauungen des Mittelalters und in den Betrieb des
-Klosterwesens einen lebendigen Einblick gewähren.
-
-Bezeichnend für Abaelard ist es, daß er am Schluß seiner Klosterregel im
-Geiste Benedikts den Nonnen die Beschäftigung mit der Wissenschaft aufs
-nachdrücklichste anbefohlen hatte. Im _neunten_ Briefe nun schreibt Heloise
-an Abaelard, daß sie in dem Bestreben dieser seiner Vorschrift Folge zu
-leisten, vielfach auf Hindernisse stoßen, da es ihnen oftmals am nötigen
-Verständnis fehle und sie über einzelne Fragen nicht ins reine kommen. Und
-so legt sie ihm denn zweiundvierzig Fragen zur Beantwortung vor, die meist
-im Zusammenhang mit der Bibellektüre, wie sie von den Nonnen betrieben
-wurde, stehen. Diese Fragen sind uns samt den Antworten Abaelards
-überliefert; doch habe ich sie selbstverständlich nicht in unsre
-Briefsammlung aufgenommen. Denn dieses Frag- und Antwortbuch entbehrt jedes
-persönlichen Charakters und ist von ausschließlich wissenschaftlichem
-Interesse. -- Die Briefe X und XI sind Begleitschreiben Abaelards zu
-litterarischen Sendungen an Heloise. Der zehnte Brief ist dadurch
-interessant, daß er ein Schreiben Heloisens an Abaelard rekapituliert, in
-dem sie über den Mißstand klagt, der in Beziehung auf die
-gottesdienstlichen Gesänge in ihrem Kloster herrsche. Abaelard verfaßte
-infolge dieser Anregung selbst eine größere Anzahl von Hymnen zum
-gottesdienstlichen Gebrauch für die Nonnen und hängte dieser Sammlung in
-seinem Begleitschreiben den üblichen gelehrten Zopf an. -- Der _elfte_
-Brief ist ein kurzes Billet, das Abaelard mit einer Sammlung eigener
-Predigten an Heloise sandte. -- Der _zwölfte_ Brief endlich enthält das
-Glaubensbekenntnis Abaelards. Offenbar hatte er es für nötig befunden, die
-Freundin über seine Rechtgläubigkeit zu beruhigen, die von seinen Gegnern
-so lebhaft bestritten wurde. Der Brief ist durch eine Schrift seines treuen
-und streitbaren Schülers Berengar auf uns gekommen; das darin enthaltene
-Bekenntnis klingt für unsre Begriffe sehr orthodox. -- Auch an diese Briefe
-hat man schon die Torturschraube der Echtheitsfrage angelegt, allein ohne
-Erfolg: wenn irgend eine Urkunde aus dem Mittelalter, so tragen _sie_ den
-Stempel der Echtheit an sich. --
-
-Zum Verständnis der Briefe ist es nötig, ein kurzes Wort über _die
-hauptsächlichsten Sätze und Lehren Abaelards_ zu sagen. Wir sehen aus der
-Selbstbiographie, welchen Reiz litterarische Kämpfe, wissenschaftliche
-Disputationen und Erörterungen für Abaelard hatten. Es scheint damals
-überhaupt unter der studierenden Jugend eine wahre Disputierwut geherrscht
-zu haben. Alles und nichts bewies man mittels der dialektischen Methode und
-vielfach glaubte man wohl auch damals, »wenn man nur Worte hörte, es müsse
-sich dabei auch etwas denken lassen.« Abaelard war ein geborenes
-Disputiergenie, und schon als junger unerfahrener Schüler machte er mit
-seiner Streitsucht den Lehrern zu schaffen.
-
-Auf dem Gebiete der Philosophie war zu jener Zeit die Kardinalfrage, über
-der die Gelehrten sich in zwei Lager teilten, die Frage nach dem Verhältnis
-der _Allgemeinbegriffe_ zu den _Einzeldingen_ (z. B. Menschheit -- Mensch).
-Der Streit ging zurück bis auf Plato und Aristoteles. Nach Plato kommt nur
-dem Allgemeinen, der Idee wirkliche Existenz zu, während die Einzeldinge
-nur schwache unvollkommene Abbilder, gleichsam Schatten davon sind. So hat
-z. B. die Idee, das Urbild der Schönheit (in einer andern Welt), _reale_
-Existenz und alles Einzelne, was wir hier in dieser Welt schön finden, ist
-nur ein Abglanz dieses Ideals. Im Gegensatz zu dieser Meinung lehrte
-Aristoteles: _reales_ Sein kommt nur dem _Einzelding_ zu, die
-Allgemeinbegriffe existieren nur im menschlichen Denken, sind nichts als
-Kombinationen des menschlichen Verstandes, eben nichts als Begriffe
-(nomina).
-
-Realismus und Nominalismus wurden nun seit dem elften Jahrhundert die
-Schlagworte, die die Parteien auf ihre Fahne schrieben, je nachdem sie sich
-an Plato oder an Aristoteles anschlossen. Der eigentliche wissenschaftliche
-Begründer des Nominalismus ist Roscelinus; der Hauptvertreter des Realismus
-Wilhelm von Champeaux. Beide waren Abaelards Lehrer, aber keiner konnte ihm
-ganz Genüge thun. Mit welcher Kühnheit er Wilhelm von Champeaux nötigte,
-seine Lehre zu ändern, lesen wir in Abaelards erstem Briefe. Daß diese
-philosophischen Theorien, je nachdem man sie auf die Theologie anwandte, zu
-bedenklichen Resultaten führen konnten, sieht man an dem Beispiel
-Roscelins. Dieser leugnete als konsequenter Nominalist die wirkliche
-Existenz des Allgemeinbegriffs »Gottheit« und es blieben ihm nur die drei
-Einzelwesen Vater, Sohn, Geist als real existierend, während ihm die
-Einheit in und trotz der Dreiheit verloren ging, so daß er der Ketzerei des
-Tritheismus (der Dreigötterlehre) beschuldigt wurde. Seitdem war der
-Nominalismus den Vertretern der Kirchlichkeit verdächtig und anrüchig. Aber
-auch Abaelard selbst bekämpfte diesen Nominalismus seines ehemaligen
-Lehrers, und in der schwebenden Frage nahm er seine Stellung in der Mitte
-zwischen Roscelinus und Wilhelm von Champeaux, indem er lehrte: allerdings
-sei der Begriff, das Allgemeine Grund und Wesen der Einzeldinge und dürfe
-nicht bloß (wie die Nominalisten behaupteten) als bloße Abstraktion des
-Verstandes und Vorstellung angesehen werden. Allein ebensowenig dürfe man
-den Allgemeinbegriffen eine von den Einzeldingen gesonderte Existenz
-zuschreiben (wie die Realisten), vielmehr komme das Allgemeine in der Welt
-der Wirklichkeit nur in Verbindung mit dem Individuellen zur Erscheinung.
-
-War demnach Abaelards philosophischer Standpunkt unter dem Einfluß der
-Platonischen Ideenlehre eher realistisch (also nach damaligen Begriffen
-korrekt) zu nennen als nominalistisch, so gingen auch auf dem Gebiete der
-_Theologie_ seine wissenschaftlichen Bestrebungen nicht etwa auf Zersetzung
-und Auflösung der kirchlichen Dogmen aus, sondern was die gesamte
-scholastische Theologie anstrebte, die Vernünftigkeit der bestehenden
-Dogmen verstandesmäßig nachzuweisen, das wollte auch er. Nur ging er dabei
-mit einer Kühnheit und Konsequenz zu Werke, die ihm in kurzer Zeit eine
-scharfe Gegnerschaft erwecken mußte. Schon sein _Erkenntnisprinzip_ drehte
-die bisherige Anschauung geradezu um. Bis jetzt hatte in der Kirche der
-Grundsatz gegolten: »credo, ut intellegam« (»ich glaube, damit ich
-verstehe«), d. h. der Glaube muß dem Verständnis vorausgehen. Abaelard
-dagegen lehrte, der Ausgangspunkt alles Wissens sei _der Zweifel_; etwas zu
-glauben, ohne es zuvor eingesehen, mit dem Verstande durchdrungen zu haben,
-sei widersinnig und unwürdig.
-
-Am heftigsten wurde Abaelard wegen seiner _Lehre von der Trinität_
-angegriffen; in seiner »Leidensgeschichte« schildert er aufs
-anschaulichste, wie er das Buch, in dem diese Lehre enthalten war, auf der
-Synode von Soissons (1121) verbrennen mußte; und noch zwanzig Jahre später,
-auf der Synode zu Sens, wo er definitiv verurteilt wurde, hielt man ihm
-diese Lehre als Ketzerei vor. Er lehrte nämlich über die Dreieinigkeit
-folgendes: Die Substanz der einheitlichen Gottheit werde im einzelnen
-bestimmt durch die drei Namen Vater, Sohn, Geist. Vater heiße die Gottheit
-nach der ihr zukommenden Eigenschaft der Allmacht, Sohn nach ihrer
-Weisheit, heiliger Geist nach ihrer Liebe und Güte. Gott ist also Vater,
-Sohn und Geist, d. h. er ist allmächtig, weise und gütig. Diese Lehre
-zeigte eine bedenkliche Verwandtschaft mit der von der Kirche verdammten
-Trinitätslehre des Sabellius, der die drei Personen der Gottheit als
-verschiedene Offenbarungsformen der einen Gottheit nahm (Modalismus).
-
-Großen Anstoß mußten auch _seine ethischen Grundsätze_ und die daraus
-resultierende _Lehre von der Sünde_ erregen. Nach Abaelard kommt für das
-sittliche Urteil nicht die That als ausgeführte in Betracht, sondern _die
-Gesinnung_, aus der sie entspringt. Die Kriegsknechte, die den Herrn
-kreuzigten und glaubten damit etwas Gutes zu thun, haben nicht gesündigt.
-Andererseits kann Sünde vorhanden sein, wo die sündige That noch gar nicht
-geschehen ist. Eva hatte den Sündenfall bereits in dem Augenblick begangen,
-als sie den Entschluß faßte, den Apfel zu essen. Alles kommt darauf an, daß
-einer Liebe hat. »Habe nur Liebe und du magst thun was du willst.« Das Echo
-dieser Lehre vernehmen wir in den Briefen wiederholt.
-
-Während Abaelard so sehr den tiefen Ernst der Sünde verkannte, trat er auch
-mit seiner _Lehre von der Erlösung_ in scharfen Gegensatz zu der
-Kirchenlehre. In der Kirche war anerkannt die Satisfaktionstheorie des
-Anselm von Canterbury, wonach Gott durch Hingabe seines Sohnes die erste
-Sünde getilgt und die Menschheit von dem aus jener Sünde entspringenden
-ewigen Verderben erlöst hat. Wie kann, ruft Abaelard aus, die
-verhältnismäßig geringe Sünde durch die unendlich größere gesühnt werden,
-wie sie sich in der Tötung Gottes darstellt! Vielmehr besteht die Erlösung
-in einem innerlichen, rein sittlichen Prozeß. Nämlich im Leben, Leiden und
-Sterben Jesu bekundet sich eine so mächtige Liebe zur Menschheit, daß
-dieselbe notwendig in uns eine Gegenliebe entzündet von solcher Kraft, daß
-wir dadurch von der Knechtschaft der Sünde erlöst und Kinder Gottes werden.
---
-
-Dies waren die hauptsächlichsten Irrlehren, die man Abaelard zum Vorwurf
-machte, und solcher einzelner Sätze bedurfte man freilich, wenn man ihn auf
-Kirchenversammlungen der Ketzerei überführen wollte. Im Grunde aber war der
-Kampf, in dem Abaelard kämpfte und schließlich fiel, ein viel
-prinzipiellerer. Es war der große Gegensatz zwischen Dialektik und
-kontemplativer Mystik, dem er zum Opfer fiel. Die letztere Richtung nahm
-eben damals durch ihren geistesgewaltigen Vertreter, Bernhard von
-Clairvaux, einen mächtigen Aufschwung. Er ist der eine der beiden Gegner,
-die Abaelard am Schluß seiner »Leidensgeschichte« wie drohende Wolken an
-seinem Horizont auftauchen sieht, und seinen Machinationen ist er erlegen.
-Während die Dialektik durch Vermittelung des Verstandes zur
-Glaubenseinsicht und Gotteserkenntnis zu gelangen strebte, wollte die
-Mystik die Gottheit unmittelbar erfahren und erfassen. Als den Weg dazu
-bezeichnet Bernhard _die Liebe_. »Gott wird _erkannt_, soweit er _geliebt_
-wird« war sein Grundsatz. Nicht Nachdenken und logische Schlüsse führen in
-die Nähe Gottes, sondern _die Heiligung_, deren höchste Blüte die _Ekstase_
-ist, die freilich nur wenigen in besonders geweihten Momenten zu teil wird,
-und mittelst deren sich die Seele zum unmittelbaren Anschauen und Genießen
-der Gottheit emporschwingt. In diesem Zustand werden ihr Offenbarungen
-kund, wie sie durch Studium und Wissenschaft niemals erreicht werden.
-
-Dieser gewaltige Mensch, von dem selbst das Haupt der Kirche willig
-Belehrung annahm, lud den Vielverfolgten zum Entscheidungskampf auf die
-Synode zu Sens im Jahr 1141. Der langvorbereitete Streich fiel vernichtend
-auf Abaelards Haupt. Zwar appellierte er von dem Urteil der Synode, das ihn
-der Ketzerei bezichtigte, an den Papst; allein vergebens. Der päpstliche
-Spruch lautete auf Exkommunikation, lebenslängliche Klosterhaft und
-Verbrennung seiner Schriften. Abaelard wollte selbst seine Sache in Rom
-führen und machte sich auf den Weg. Aber er kam nicht weit. Unterwegs
-kehrte der müde Wanderer in der Abtei zu Clugny ein; Abt Petrus der
-Ehrwürdige nahm ihn auf und bot ihm sein Kloster zum dauernden Asyl für die
-kurze Zeit, die ihm noch vergönnt war, an. Abaelard machte durch die
-Vermittelung des Petrus seinen Frieden mit der Kirche und mit Bernhard, und
-hat wenigstens sein letztes Lebensjahr unangefochten im Frieden des
-Klosters verbracht.
-
-Über seine letzten Lebenstage haben wir einen anschaulichen Bericht von
-Petrus, den dieser an Heloise schickte. Voll Befriedigung weist der
-ehrwürdige Abt darauf hin, wie gläubig und kirchlich, wir möchten sagen,
-wie orthodox der große Gelehrte gestorben sei. Auf uns aber macht der
-Bericht den wehmütigen Eindruck, daß der einst so geistesmächtige kühne
-Streiter hingeschieden ist als ein körperlich und geistig gebrochener Mann.
-Die in Betracht kommende Stelle in dem Brief des Abts Petrus lautet in der
-Übersetzung folgendermaßen: »Ich erinnere mich meines Wissens nicht, in
-demütiger Haltung und Gebärde seinesgleichen gesehen zu haben, so daß einem
-aufmerksamen Beobachter weder Germanus niedriger, noch selbst Martinus
-ärmer erscheinen konnte. Wiewohl er in der großen Schar unsrer Brüder auf
-meine Veranlassung eine höhere Stellung einnahm, schien er doch in seinem
-vernachlässigten Gewand der letzte von allen zu sein. Oftmals, wenn er bei
-Prozessionen nach der Sitte mit mir den andern voranschritt, wunderte ich
-mich und mußte staunen, daß ein Mann von solch hochberühmtem Namen sich so
-sehr gering achten und demütigen könne. Es giebt in unserm Orden Leute,
-denen ihr geistliches Gewand nicht kostbar genug sein kann; er war in
-dieser Hinsicht so bescheiden, daß er sich mit dem unscheinbarsten
-begnügte. So hielt er es auch mit Speise und Trank und mit allen leiblichen
-Bedürfnissen. Nicht etwa bloß das Überflüssige, sondern alles was nicht
-unumgänglich notwendig war, verwarf er für sich und andere in Wort und
-Beispiel. Beständig war er mit Lesen beschäftigt, häufig im Gebet vertieft;
-sein Schweigen unterbrach er nur, wenn der vertrauliche Verkehr mit den
-Brüdern oder ein öffentlicher Vortrag über göttliche Dinge im Konvent ihn
-dazu nötigten. Die himmlischen Sakramente feierte er so oft er konnte, Gott
-das Opfer des ewigen Lamms darbringend; ja nachdem er durch meine Briefe
-und Verwendung die päpstliche Gnade wieder erlangt hatte, nahm er fast
-beständig daran teil. Was soll ich viel Worte machen? Sein Geist, sein
-Mund, seine Handlungsweise dachte, lehrte und bezeugte allezeit göttliche,
-philosophische, wissenschaftliche Wahrheiten. Also lebte er mit uns noch
-eine Zeitlang schlecht und recht, gottesfürchtig und meidend das Böse, und
-weihte Gott die letzten Tage seines Lebens. Da er an einem starken
-Hautausschlag und andern körperlichen Beschwerden litt, sandte ich ihn zur
-Erholung nach Châlons. In der Nähe der Stadt, am Saônefluß, einer der
-schönsten Gegenden unsres Burgunder Landes, hatte ich ihm für einen
-passenden Aufenthalt gesorgt. Hier nahm er die gewohnten Studien wieder
-auf, so weit die Krankheit es ihm gestattete und saß beständig über den
-Büchern. Und wie man von Gregor dem Großen erzählt, so ließ auch er keinen
-Augenblick verstreichen, ohne zu beten, zu lesen, zu schreiben oder zu
-diktieren. In der Ausübung solch frommer Werke fand ihn bei seiner Ankunft
-der Heimsucher, von dem das Evangelium spricht, und zwar nicht schlafend
-wie viele, sondern wachend. Ja wachend fand er ihn und berief ihn zur
-himmlischen Hochzeit, nicht als eine thörichte, sondern als eine kluge
-Jungfrau. Denn er trug bei sich die Lampe, gefüllt mit Öl, das ist ein
-Gewissen erfüllt vom Zeugnis heiligen Wandels. Den gemeinsamen Tribut der
-Sterblichkeit zu entrichten, wurde er stärker und stärker von der Krankheit
-ergriffen und gelangte in kurzer Zeit zum Ziele. Wie fromm, wie
-gottergeben, wie ganz katholisch er seinen Glauben und seine Sünden
-bekannte, mit welcher Inbrunst sein sehnsüchtiges Herz die letzte
-Wegzehrung und das Unterpfand des ewigen Lebens, nämlich den Leib des
-Herrn, unsres Erlösers, empfing, wie gläubig er Leib und Seele für Zeit und
-Ewigkeit ihm empfahl, das bezeugen alle Brüder des Klosters, in dem der
-Leib des heiligen Märtyrers Marcellus ruht. Also beschloß Meister Petrus
-die Tage seines Lebens. Er, der durch sein Wissen und sein Lehren fast der
-ganzen Welt bekannt und überall berühmt war, hat in der Schule dessen, der
-gesagt hat: 'lernet von mir, denn ich bin sanftmütig und von Herzen
-demütig' -- sanftmütig und demütig ausgeharrt, und ist also, das dürfen wir
-glauben, zu ihm selbst hinübergegangen.«
-
- * * * * *
-
-Ein _chronologischer Überblick_ über das Leben Abaelards und Heloisens
-ergiebt nach dem heutigen Stande der Forschung folgende Daten: Abaelard ist
-geboren zu Palais bei Nantes im Jahr 1079; Heloise[2] geboren zu Paris
-1101. Im Jahr 1113 ist Abaelard das Haupt der Pariser Schule. Nach längerer
-Abwesenheit kehrt er 1117 nach Paris zurück und lernt im Jahr 1118 die
-damals siebzehnjährige Heloise kennen, ihr Verhältnis dauert während des
-Jahrs 1118-19. Die Gründung des Klosters »Zum Paraklet« durch Abaelard
-fällt ins Jahr 1123. Von 1125 an ist Abaelard im Kloster von St. Gildas. Im
-Jahre 1129 wird Heloise mit ihren Nonnen aus St. Denis vertrieben. Vom
-Jahre 1131 stammt die Bulle des Papstes Innocenz II., worin die Überweisung
-des Parakleten an Heloise bestätigt wird. Aus dem Jahre 1132 ungefähr
-datiert die »Leidensgeschichte« (Brief I). Im Jahre 1134 verläßt Abaelard
-das Kloster St. Gildas. 1136 ist er wieder Lehrer auf dem Berge der
-heiligen Genoveva. Im Jahre 1141 wird er auf dem Konzil von Sens verurteilt
-und stirbt 1142 im Kloster zu St. Marcel bei Châlons-sur-Saône. Heloise
-folgt ihm im Jahre 1163.
-
-[Fußnote 2: Über sonstige Personalien Heloisens sind wir ganz im Dunkeln.
-Nicht einmal ihre Abkunft steht fest. Es sind darüber schon alle mögliche
-Vermutungen aufgetaucht: von der Behauptung, sie stamme aus dem Geschlecht
-der Montmorency, einem der ältesten Adelsgeschlechter Frankreichs -- bis zu
-der Ansicht, sie sei nicht sowohl die Nichte des Kanonikus Fulbert gewesen,
-als welche sie in den Briefen figuriert, sondern dessen eigene Tochter.]
-
-_Davos_, im März 1894.
-
-Dr. P. Baumgärtner.
-
-
-
-
-I. Brief.
-
-Abaelard an einen Freund.
-
-(Die Leidensgeschichte.)
-
-
-Gewöhnlich sind es nicht Worte, sondern handgreifliche Vorbilder, die das
-menschliche Herz am meisten erregen oder aber zur Ruhe bringen. Darum habe
-ich mich entschlossen, dir zum Trost _die Geschichte meiner Leiden_
-niederzuschreiben, nachdem ich schon durch mündlichen Zuspruch dich
-aufzurichten versucht habe, als du das letzte Mal bei mir weiltest. Erkenne
-aus diesen Zeilen, daß das, was du Leiden nennst, im Vergleich mit den
-meinigen überhaupt keine sind oder doch nur geringfügige Heimsuchungen --
-und lerne sie geduldig tragen.
-
-Ich bin geboren in der Stadt Palais, an der Grenze der Bretagne, ungefähr
-acht Stunden östlich von Nantes gelegen. Ein lebhaftes Temperament und ein
-leichtempfänglicher Sinn für die Wissenschaft war das Erbe meines
-heimatlichen Bodens oder des Blutes, das in meinen Adern rollte. Mein Vater
-hatte sich etwas mit Wissenschaft befaßt, ehe er den ritterlichen
-Waffenschmuck angelegt hatte, und später war er so sehr für das Studium
-eingenommen, daß er darauf sah, alle seine Söhne zuerst wissenschaftlich
-auszubilden, ehe sie sich im Waffenhandwerk übten. Und so geschah es auch.
-Ich war der Erstgeborene, und je mehr er mich als solchen ins Herz
-geschlossen hatte, desto mehr war er bei mir auf einen sorgfältigen
-Unterricht bedacht. Die Fortschritte, die ich in den Wissenschaften mit so
-leichter Mühe machte, spornten meinen Eifer nur an und schließlich war
-meine Neigung zu ihnen so stark geworden, daß ich allen kriegerischen Glanz
-samt meinem Erbe und den Vorrechten meiner Erstgeburt drangab und die
-Jüngerschaft des Mars verlassend mich ganz in den Dienst Minervas stellte.
-Und da ich allen Systemen der Philosophie die Rüstkammer der Dialektik
-vorzog, legte ich meine bisherige Waffenrüstung ab und erkor mir statt der
-Kriegstrophäen die Kämpfe des Geistes. Ich wurde eine Art Peripatetiker,
-indem ich disputierend die Gegenden durchwanderte, von denen es hieß, daß
-dort die Kunst der Dialektik besonders ausgebildet sei.
-
-So kam ich denn auch nach Paris, wo von alters her diese Wissenschaft in
-höchster Blüte stand. Wilhelm von Champeaux, der in diesem Fache einen
-wohlverdienten Ruf genoß, wurde mein Lehrer. Ich besuchte eine Zeitlang
-seine Schule und war anfangs ganz wohl bei ihm gelitten; bald aber wurde
-ich ihm höchst unbequem, da ich von seinen Sätzen einige zu widerlegen
-versuchte und mir wiederholt herausnahm, ihn mit Gegengründen anzugreifen,
-wobei ich ihm einigemale sichtlich überlegen war. Auch die bedeutendsten
-meiner Mitschüler gerieten darüber höchlich in Entrüstung, um so mehr als
-ich der jüngste war und von allen die kürzeste Studienzeit hinter mir
-hatte. Und so begann die lange Kette meiner Leiden, die noch immer ihr Ende
-nicht erreicht haben, und je weiter mein Ruf sich verbreitete, desto
-heftiger entbrannte der Neid meiner Widersacher. Es geschah, daß ich meinen
-jugendlichen Kräften Übermäßiges zumutend im Vertrauen auf meine
-Geistesgaben noch als ganz junger Mann danach trachtete, eine eigene Schule
-zu gründen und schon faßte ich einen Schauplatz für meine künftigen Thaten
-in die Augen: nämlich Melun, einen Ort, der damals als königliche Residenz
-von ziemlicher Bedeutung war. Mein Lehrer merkte meine Absicht, und um
-meine Schule möglichst entfernt von der seinigen zu halten, bot er, so
-lange ich seine Schule noch besuchte, insgeheim alle Mittel auf, um die
-Einrichtung meiner eigenen zu verhindern und mir den Ort, den ich gewählt
-hatte, unmöglich zu machen. Allein er hatte sich mit einigen einflußreichen
-Herren des Landes verfeindet; mit ihrer Hilfe führte ich meinen Plan zum
-Ziel, und gerade seine offenkundige Mißgunst verschaffte mir das Vertrauen
-der Mehrzahl. Gleich durch die ersten Versuche, die ich im Unterrichten
-machte, bekam ich einen solchen Namen als Meister der Dialektik, daß der
-Ruhm meiner Mitschüler ja sogar der meines Lehrers selbst zu erbleichen
-anfing. So wuchs mein Selbstvertrauen immer mehr und ich ruhte nicht, bis
-ich meine Schule so schnell wie möglich nach Corbeil verlegt hatte, wo
-wegen der Nähe von Paris meinem Ungestüm zu dialektischen Kämpfen
-reichlichere Gelegenheit geboten war.
-
-Es dauerte jedoch nicht lange, bis ich infolge von Überanstrengung
-erkrankte und in meine Heimat zurückkehren mußte. So war ich einige Jahre
-aus Frankreich sozusagen verbannt und wurde von denen, die sich der
-Dialektik befleißigten, lebhaft vermißt. Nach Verfluß einiger Jahre jedoch,
-als ich mich längst wieder erholt hatte, änderte Wilhelm von Champeaux,
-mein berühmter Lehrer und Archidiakon von Paris, plötzlich seine
-Lebensweise, indem er in den Orden der regulierten Chorherrn eintrat -- man
-sagte mit der Absicht, auf diese Weise den Schein größerer Frömmigkeit zu
-erwecken und sich dadurch zu um so höherer Würde aufzuschwingen. Dies
-gelang ihm denn auch in kürzester Zeit: er wurde Bischof von Châlons, ohne
-sich jedoch durch diese Umgestaltung seines Lebens von Paris oder von der
-gewohnten Beschäftigung mit der Philosophie abhalten zu lassen; vielmehr
-hielt er eben in dem Kloster, in das er sich, um der Frömmigkeit zu
-pflegen, zurückgezogen hatte, öffentliche Vorlesungen wie früher. Damals
-kehrte ich zu ihm zurück, um Rhetorik bei ihm zu hören; abgesehen von
-mancherlei sonstigen wissenschaftlichen Kämpfen, in denen wir uns
-gegeneinander versuchten, brachte ich ihn durch unumstößliche Beweisgründe
-dahin, daß er seine von jeher vorgetragene Lehre von den Universalien
-(Allgemeinbegriffen) abänderte, ja gänzlich aufgab. Seine Lehre von der
-Gemeinsamkeit der Universalien bestand darin, daß er behauptete, ein und
-dieselbe Wesensbeschaffenheit liege allen Einzeldingen zu Grunde, so daß
-diesen nach seiner Meinung keine _eigentliche_ Wesensverschiedenheit
-zukomme, sondern nur eine Mannigfaltigkeit, die von der Menge der
-hinzutretenden Accidentien herrühre. Nun änderte er seine Lehre insofern,
-daß er nicht mehr die Identität der Wesensbeschaffenheit behauptete,
-sondern nur ihre Indifferenz. Dieser Punkt galt aber bei den Dialektikern
-von jeher als einer der wichtigsten in der Lehre von den Universalien, so
-daß selbst Porphyrius in seinen Isagogen bei Gelegenheit der Besprechung
-der Universalien hierüber keine Entscheidung zu treffen wagt, sondern sich
-damit begnügt zu sagen: »dies ist ein sehr heikler Punkt«. Da nun Wilhelm
-von Champeaux in diesem Punkt seine Lehre geändert, oder vielmehr
-unfreiwillig aufgegeben hatte, kamen seine Vorlesungen dermaßen in
-Mißkredit, daß man ihm kaum noch gestattete, überhaupt Dialektik zu lesen,
-als ob diese ganze Wissenschaft ihren Kernpunkt in der Frage von den
-Universalien hätte.
-
-Unter diesen Umständen wuchs das Ansehen meiner eigenen Schule nur
-immermehr. Die eifrigsten Anhänger Wilhelms, die meine Lehre früher am
-heftigsten bekämpft hatten, kamen nunmehr zu mir; ja, der Nachfolger
-Wilhelms an der Schule zu Paris bot mir seinen Lehrstuhl an, um sich mit
-den andern zu meinen Füßen zu setzen, da wo einst unser gemeinsamer Lehrer
-geglänzt hatte. Und so war ich denn dort nach kurzer Zeit unbeschränkter
-Herrscher auf dem Gebiete der Dialektik und als solcher ein Gegenstand
-unsäglichen Neides und Schmerzes für meinen früheren Lehrer. Außer stande,
-das Mißgeschick, das ihn betroffen hatte, länger zu tragen, griff er zu
-unlauteren Mitteln, um mich auch jetzt wieder zu verdrängen. Da er im
-offenen Kampfe nichts gegen mich vermochte, setzte er auf Grund von
-allerhand ehrenrührigen Beschuldigungen die Entfernung des Mannes durch,
-welcher mir seinen Lehrstuhl überlassen hatte, worauf einer meiner Gegner
-an seine Stelle rückte. Daraufhin kehrte ich nach Melun zurück und begann
-daselbst zu lehren wie früher, und je unverhüllter sich die Mißgunst
-Wilhelms gegen mich zeigte, desto mehr trug sie zum Wachstum meines Ruhmes
-bei -- nach dem Dichterwort:
-
- »Die Größe macht der Neid zu seinem Ziel,
- Am schärfsten weht der Sturmwind auf den Höhn.«
-
-Bald darauf merkte Wilhelm, daß die Mehrzahl seiner Schüler an der
-Aufrichtigkeit seiner Frömmigkeit zu zweifeln begann und sich allerhand
-über seine Bekehrung zuraunte, da er sich nicht im geringsten veranlaßt
-gesehen hatte, sich aus der Hauptstadt zurückzuziehen. Nun siedelte er mit
-seinem Konventikel und mit seiner Schule an einen von der Stadt Paris
-ziemlich entfernten Ort über. Alsbald kehrte ich von Melun nach Paris
-zurück, in der Hoffnung, nun Ruhe vor ihm zu haben. Da jedoch, wie gesagt,
-mein Platz noch von meinem Gegner eingenommen war, so ließ ich mich mit
-meiner Schule außerhalb der Stadt auf dem Berg der heiligen Genoveva
-nieder, als wollte ich jenen Eindringling belagern. Auf die Kunde davon war
-Wilhelm unverfroren genug, alsbald nach Paris zurückzukehren; was er noch
-an Schülern hatte, brachte er samt seiner kleinen Bruderschaft in seinem
-alten Kloster unter; es sah aus, als wollte er den Posten, den er allein im
-Feld gelassen hatte, von unsrer Belagerung befreien. Allein während er ihm
-nützen wollte, schadete er ihm nur. Vorher nämlich hatte der gute Mann noch
-etliche Schüler gehabt, hauptsächlich wegen seiner Vorlesungen über
-Priscianus, für die ihm ein gewisser Ruf zur Seite stand. Nach der Ankunft
-des Meisters jedoch verlor er vollends alle und war so genötigt, sein
-Lehramt aufzugeben, und es dauerte nicht lange, bis auch er, dem Ruhme
-dieser Welt völlig entsagend, ins Kloster ging. Welche Schlachten auf dem
-Felde der Wissenschaft meine Schüler nach der Rückkehr Wilhelms mit ihm
-selbst wie mit seinen Anhängern ausgefochten haben und wie die Gunst des
-Schicksals in diesen Kämpfen mit mir und den meinigen war, das hat dir
-längst der weitere Verlauf der Ereignisse gezeigt. Kühnlich, wenn auch
-bescheidnern Sinnes, darf ich jenes Wort des Aiax auf mich anwenden:
-
- »Und fragst du nach dem Ende dieses Kampfs,
- So sag ich stolz: er hat mich nicht besiegt.«
-
-Wollte ich darüber schweigen, die Thaten würden für sich selbst sprechen
-und der schließliche Erfolg würde laut genug für mich zeugen.
-
-Während dieser Vorgänge drang meine geliebte Mutter Lucia in mich, nach
-Hause zu kommen. Mein Vater Berengar war nämlich ins Kloster gegangen, und
-meine Mutter hatte das Gleiche im Sinn. Nach Erledigung dieser
-Angelegenheit kehrte ich nach Frankreich zurück, hauptsächlich mit der
-Absicht, Theologie zu studieren. In diesem Fache genoß Wilhelm von
-Champeaux innerhalb seines Bistums Châlons eines ziemlichen Rufes. Die
-größte Autorität auf diesem Gebiete war jedoch seit lange sein Lehrer
-Anselm von Laon.
-
-Ich besuchte also die Schule dieses ehrwürdigen Mannes, der freilich seinen
-Namen mehr einer langjährigen Thätigkeit zu danken hatte als seinem Geist
-und seiner Bedeutung. Wer über irgend eine Frage im Zweifel war und an
-seine Thür pochte, um sich Rats zu erholen, der wußte nachher gewiß weniger
-als vorher. Der Masse der Zuhörer wußte er zu imponieren, wenn man aber
-unter vier Augen mit ihm sprach, machte er einen sehr dürftigen Eindruck.
-Er verfügte über eine ungewöhnliche Redegewandtheit, aber es steckte im
-Grunde wenig dahinter. Das Feuer, das er entzündete, füllte sein Haus nur
-mit Rauch, statt es zu erleuchten. Er glich einem Baum, der in seinem
-reichen Blätterschmuck von weitem vielversprechend aussah, und doch wenn
-man ihn aus der Nähe genauer betrachtete, keine Früchte aufzuweisen hatte.
-Daher als ich hinzutrat, um Früchte bei ihm zu finden, fand ich in ihm
-jenen Feigenbaum, den der Herr einst verfluchte, oder jene alte Eiche, mit
-der der Dichter Lucanus den Pompejus vergleicht, indem er sagt:
-
- »Von seinem Namen lebt nur noch ein Schatten,
- Wie im fruchtbaren Feld der hohe Eichbaum steht.«
-
-Nachdem ich dies herausgefunden hatte, blieb ich nicht lange müßig in
-seinem Schatten liegen, sondern besuchte seine Vorlesungen immer seltener.
-Einige seiner bedeutendsten Schüler waren nun darüber empört, daß ich einem
-Lehrer von solcher Bedeutung so wenig Achtung zollte und wußten ihn durch
-allerlei Ränke und Verleumdungen gegen mich einzunehmen. Eines Tags nach
-Abschluß einer wissenschaftlichen Besprechung unterhielten wir uns in
-zwangloser Weise. Einer meiner Mitschüler fragte mich bei dieser
-Gelegenheit, um mich in Verlegenheit zu bringen, was ich vom Lesen der
-heiligen Schrift halte. Ich, der ich bis jetzt nur weltliche Wissenschaft
-getrieben hatte, antwortete, daß es kein ersprießlicheres Studium gebe als
-das der Bibel, weil diese uns über das Heil unserer Seele unterrichte; nur
-müsse ich mich darüber höchlich wundern, daß den Gelehrten zum Verständnis
-der heiligen Schriftsteller nicht der einfache Text und etwa die Glossen
-dazu genügen, sondern daß sie noch weitere Hilfsmittel nötig hätten.
-Darüber erhob sich ein allgemeines Gelächter und man fragte mich, ob ich
-mir getraue, einen solchen Versuch zu machen. Ich erwiderte, daß ich zur
-Probe bereit sei, wenn sie es darauf ankommen lassen wollten. »Gewiß wollen
-wir,« antworteten sie mir unter Geschrei und erneutem Gelächter; »man wird
-Euch zu einem weniger bekannten Text einen Ausleger anweisen und wir werden
-sehen, wie Ihr Euer Versprechen haltet.«
-
-Sie vereinigten sich nun auf ein höchst schwieriges Kapitel des Propheten
-Ezechiel; ich nahm den Ausleger an und lud sie schon auf den folgenden Tag
-zu einer Vorlesung ein. Sie jedoch wollten mich gegen meinen Willen eines
-Besseren belehren und meinten, eine so wichtige Sache dürfe man nicht
-übereilen; da ich in diesem Fache doch noch wenig Übung habe, müsse ich
-mehr Zeit auf die Ausarbeitung meiner Erklärung verwenden. Allein ich
-antwortete in gereiztem Tone, daß ich gewohnt sei, mich nicht auf eine
-möglichst lange Frist, sondern auf meinen Verstand zu verlassen, und ich
-werde überhaupt die ganze Sache aufgeben, wenn sie sich nicht ohne Verzug
-zu der Vorlesung einfinden wollten, wann ich es wünsche. Zu meiner ersten
-Vorlesung fanden sich nun allerdings nur wenige ein; die meisten fanden es
-lächerlich, daß ich -- bisher ganz unbewandert im Studium der heiligen
-Schrift -- damit so kurzer Hand verfahren wollte. Denen aber, die meiner
-Vorlesung anwohnten, gefiel sie so gut, daß sie sie nicht genug loben
-konnten und mich drängten, meine Erklärung nach dieser meiner Methode
-fortzusetzen. Als dies bekannt wurde, beeilten sich auch die, die bisher
-ferngeblieben waren, in die zweite und dritte Vorlesung zu kommen, und
-waren eifrig darauf bedacht, von dem, was ich am ersten Tag gelesen hatte,
-sich eine Abschrift zu verschaffen.
-
-Die Folge davon war, daß der alte Anselm von gewaltiger Eifersucht befallen
-wurde, und da er schon vorher infolge mißgünstiger Einflüsterungen nicht
-gut auf mich zu sprechen war, verfolgte er mich nun wegen meiner
-theologischen Vorlesungen gerade so, wie es einst Wilhelm wegen der
-philosophischen gethan hatte.
-
-Für seine beiden bedeutendsten Schüler galten damals Alberich von Rheims
-und Lotulph aus der Lombardei; jemehr diese von sich selber eingenommen
-waren, destoweniger waren sie mir hold. Es hat sich nachmals
-herausgestellt, daß Anselm sich durch ihre Vorstellungen bestimmen ließ,
-mir die Fortsetzung meiner begonnenen Erklärung am Schauplatz seiner
-Lehrthätigkeit kurzweg zu untersagen, unter dem Vorwand, es möchten, da
-meine Erfahrung in diesem Fache noch mangelhaft sei, Verstöße vorkommen,
-für die er dann verantwortlich gemacht werden würde. Als dies meinen
-Schülern zu Ohren kam, war ihre Entrüstung über einen so unverblümten
-Brotneid groß; denn deutlicher konnte sich ja die Eifersucht nicht zu
-erkennen geben. Je mehr ich übrigens unter solchen Verfolgungen zu leiden
-hatte, desto größer wurde dadurch mein Ansehen und mein Ruhm.
-
-So kehrte ich denn auch bald nach Paris zurück, und hatte dort den mir
-schon längst bestimmten und angebotenen Lehrstuhl, von dem ich vertrieben
-worden war, einige Jahre in ungestörter Ruhe inne; gleich im Anfang meiner
-Wirksamkeit ging mein Streben dahin, jene Glossen zu Ezechiel zu vollenden,
-die ich in Laon begonnen hatte. Dieses Werk fand beim Publikum eine äußerst
-günstige Aufnahme, und man hörte bereits das Urteil, daß meine theologische
-Begabung in nichts hinter meiner philosophischen zurückbleibe. Die
-Begeisterung für meine Vorlesungen in beiden Fächern vermehrte die Zahl
-meiner Schüler ganz erheblich; welcher Gewinn, welcher Ruhm mir daraus
-erwuchs, das ist auch dir gewiß nicht unbekannt geblieben. Allein das Glück
-hat von jeher die Thoren aufgebläht; die Sicherheit dieser Welt schwächt
-die Kräfte der Seele und der Geist erliegt dann nur allzu leicht den
-Lockungen des Fleisches. So ging es auch mir: schon hielt ich mich für den
-einzigen Philosophen in der Welt, der von keiner Seite mehr einen Angriff
-zu fürchten brauche, und ich, der bis jetzt die strengste Enthaltsamkeit
-geübt hatte, begann nun meinen Leidenschaften die Zügel schießen zu lassen.
-Je mehr ich in Philosophie und Theologie Fortschritte machte, desto weiter
-blieb ich mit meinem unreinen Lebenswandel hinter den Philosophen und den
-Heiligen zurück. So viel ist sicher, daß die Philosophen und noch mehr die
-Heiligen, d. h. die, die ihr Leben nach den Geboten der heiligen Schrift
-einrichteten, ihr Ansehen hauptsächlich ihrer Enthaltsamkeit verdanken. Ich
-nun war ganz und gar von der Krankheit des Stolzes und der Sinnlichkeit
-befallen, aber Gott hat mich in seiner Gnade von beiden Übeln geheilt,
-freilich gegen meinen Willen, und zwar zuerst von der Sinnlichkeit, dann
-vom Stolz. Von der Sinnlichkeit, indem er mich dessen beraubte, womit ich
-ihr gefrönt hatte; vom Stolz, der sich auf mein Wissen gründete -- denn
-»Wissen bläht auf«, sagt der Apostel -- indem er mich die Demütigung
-erleben ließ, daß mein berühmtestes Buch verbrannt wurde.
-
-Ich möchte, daß du mit der Geschichte dieser Vorgänge nicht bloß durchs
-Hörensagen bekannt würdest, sondern durch eine getreue, dem Gang der
-Ereignisse folgende Darstellung. Vor dem schmutzigen Verkehr mit
-Buhlerinnen hatte ich von jeher einen Abscheu, andererseits ließ mich mein
-Studium, das mich ganz und gar in Anspruch nahm, nicht zum Umgang mit
-edleren Frauen kommen, auch war ich in den Umgangsformen weltlichen
-Verkehrs nicht bewandert. Da fand das Schicksal, mich scheinbar hätschelnd,
-in Wirklichkeit aber mir feindlich gesinnt, ein bequemes Mittel, um mich
-von dem Gipfel meiner Größe herabzustürzen -- ja vielmehr die göttliche
-Liebe wollte mich, der ich in meinem Übermut des Dankes gegen die Gnade
-Gottes vergessen hatte, durch eine tiefe Demütigung auf den rechten Weg
-zurückbringen.
-
-Es lebte in Paris eine Jungfrau Namens Heloise, die Nichte eines Kanonikus
-Fulbert, der ihr zuliebe alles that, um an ihrer wissenschaftlichen
-Ausbildung nichts zu verabsäumen. Gehörte sie schon ihrem Äußern nach nicht
-zu den letzten, so war sie durch den Reichtum ihres Wissens weitaus die
-erste. Denn je seltener man den Vorzug wissenschaftlicher Bildung bei
-Frauen findet, destomehr Reiz verlieh sie diesem Mädchen, das sich dadurch
-bereits im ganzen Lande einen Namen gemacht hatte. Sie, die ich mit allem
-geschmückt sah, was Liebe zu wecken pflegt, gedachte ich nun durch Bande
-der Liebe an mich zu fesseln, und zweifelte keinen Augenblick an meinem
-Erfolg. Mein Name war damals hoch gefeiert und ich stand in der Blüte
-männlicher Jugendschöne, so daß ich keine Zurückweisung fürchten zu müssen
-glaubte, wenn ich eine Frau meiner Liebe würdigte, mochte sie sein, wer sie
-wollte. Von Heloise aber glaubte ich, daß sie sich mir um so lieber ergeben
-werde, als sie wissenschaftliche Bildung besaß und eine Vorliebe für die
-Wissenschaften hatte. Ich sagte mir, daß wir infolgedessen selbst in die
-Ferne schriftlich miteinander verkehren konnten, daß man dabei der Feder
-manches kühne Wort vertrauen könne, das die Lippe nicht gewagt hätte, und
-daß uns so allezeit Gelegenheit zum süßesten Gedankenaustausch geboten sei.
-
-Von glühender Liebe zu diesem Mädchen erfüllt, suchte ich nach einer
-Gelegenheit, um sie durch täglichen Verkehr in ihrem Hause näher kennen zu
-lernen und sie meinen Wünschen gefügig zu machen. Ihres Oheims eigene
-Freunde waren mir dabei behilflich; ich kam mit ihm überein, daß er mich um
-eine beliebige Entschädigung in sein Haus aufnehmen sollte, das ganz in der
-Nähe meiner Schule lag. Ich gebrauchte dabei den Vorwand, daß mir bei
-meinem Gelehrtenberuf die Sorge für meine leibliche Notdurft hinderlich sei
-und mir auch zu teuer zu stehen komme. Nun war Fulbert ein großer Geizhals,
-dabei aber doch darauf bedacht, daß seine Nichte in ihrer gelehrten Bildung
-möglichst große Fortschritte mache. Beides zusammen verschaffte mir ohne
-Schwierigkeiten die Einwilligung zu dem, was ich wollte: einerseits war der
-Alte auf das Geld aus, andererseits versprach er sich von meinem Unterricht
-einen Vorteil für das Mädchen. Ja, er kam selber meinen Wünschen über alles
-Erwarten entgegen und leistete unbewußt meiner Liebe Vorschub. Er überließ
-mir Heloise ganz und gar zur Erziehung und bat mich obendrein dringend, ich
-möchte doch ja alle freie Zeit, sei's bei Tag oder bei Nacht, auf ihren
-Unterricht verwenden, ja, wenn sie sich träge und unaufmerksam zeige, solle
-ich sie rücksichtslos bestrafen. Ich mußte nur staunen über eine solch
-grenzenlose Einfalt, die das unschuldige Lamm dem hungrigen Wolf
-anvertraute. Er gab sie mir also nicht bloß in die Lehre, sondern übertrug
-mir auch das Recht der Züchtigung. War damit meinen Wünschen nicht Thür und
-Thor geöffnet? Machte er es mir auf diese Weise doch möglich, ohne daß ich
-es wollte, mit Drohen und Schlagen zum Ziele zu gelangen, wenn die Worte
-der Verführung nichts nutzten! Aber ein Zweifaches hielt jeden Verdacht
-fern von ihm: die Liebe zu seiner Nichte und die allbekannte
-Unbescholtenheit meines bisherigen Lebens.
-
-Was soll ich weiter viel sagen? Zuerst Ein Haus, dann Ein Herz und Eine
-Seele. Unter dem Deckmantel der Wissenschaft gaben wir uns ganz der Liebe
-hin und unsere Beschäftigung bot uns von selbst die Gelegenheit des
-Alleinseins, wie Liebende sie wünschen. Da war denn freilich über dem
-offenen Buche mehr von Liebe die Rede als von Wissenschaft, da gab es mehr
-Küsse als weise Sprüche. Nur allzu oft verirrte sich die Hand von den
-Büchern weg zu ihrem Busen, und eifriger als in den Schriften lasen wir
-eins in des andern Augen; ja, um jeden Verdacht unmöglich zu machen, ging
-ich einigemale soweit, daß ich sie züchtigte. Aber es war Liebe, die
-schlug, nicht Grimm; Neigung, nicht Zorn, und diese Züchtigungen waren
-süßer als aller Balsam der Welt. Kurz: die ganze Stufenleiter der Liebe
-machte unsre Leidenschaft durch, und wo die Liebe eine neue Entzückung
-erfand, da haben wir sie genossen. Der Reiz der Neuheit, den diese Freuden
-für uns hatten, erhöhte nur die Ausdauer unserer Glut und unsere
-Unersättlichkeit. Je mehr ich ein Sklave der Lust geworden war,
-destoweniger hatte ich mehr übrig für Wissenschaft und Schule. Es war mir
-im Innersten zuwider, vor meine Schüler hinzutreten und unter ihnen zu
-weilen; zugleich war es ein aufreibendes Leben, das ich führte: meine
-Nächte gehörten der Liebe, die Tage der geistigen Arbeit. Meine Vorträge
-waren gleichgültig und matt, meine Rede sprühte nicht mehr von Funken des
-Geistes, erhob sich nicht mehr über das Gewöhnliche. Ich konnte nur noch
-wiederholen, was ich früher ausgedacht hatte, und wenn ich dann und wann
-noch imstande war, ein Lied zu dichten, so sang ich vom Lob der Minne,
-nicht von den Tiefen der Weisheit. Die meisten dieser Lieder leben noch
-jetzt, wie du wohl weißt, da und dort im Munde des Volkes und werden von
-denen gesungen, die Gleiches erleben.
-
-Von der Trauer, dem Jammer, den Klagen meiner Schüler als sie entdeckten,
-daß ich innerlich in dieser Weise in Anspruch genommen, ja gestört sei,
-kann man sich kaum eine Vorstellung machen. Eine Sache, die so klar am Tage
-lag, konnte ja unmöglich ein Geheimnis bleiben, und ich glaube fast: nur
-der Mann wußte nichts davon, dessen Ehre dabei am meisten auf dem Spiele
-stand, der Oheim des Mädchens selbst. Zwar wurde er mehrmals und von
-verschiedenen Seiten gewarnt; allein er schenkte solchen Einflüsterungen
-keinen Glauben und zwar aus den oben genannten Gründen, wegen der
-unbegrenzten Liebe zu seiner Nichte und wegen der unbezweifelten Reinheit
-meines Vorlebens. Denn wohl fällt es uns schwer, von denen, die wir lieben,
-Schlechtes zu glauben, und wahre Liebe weiß nichts von dem schleichenden
-Gifte des Argwohns. So schreibt auch der heilige Hieronymus in seinem Brief
-an Sabinianus: »Gewöhnlich erfahren wir selbst es zuletzt, wenn in unserem
-Hause etwas nicht in Ordnung ist, und wissen nichts von den Fehlern unserer
-Kinder und Frauen, wenn die Nachbarn schon laut davon sprechen.« -- Aber
-wenn auch spät, einmal wird es doch offenbar; was alle wissen, bleibt einem
-einzigen auf die Dauer auch nicht verborgen.
-
-Dies war, nachdem einige Monate verflossen waren, auch das Schicksal
-unserer Liebe. Ach, wie zerriß diese Entdeckung dem Oheim das Herz! Wie
-groß war der Schmerz, der die Liebenden selbst durch die nun folgende
-Trennung traf! Welche Schande, welche Verlegenheit für mich! Mit welcher
-Verzweiflung erfüllte mich das Unglück des Mädchens! Welche Qualen, welche
-Trauer über den Verlust meines eigenen guten Leumunds stand ich aus! Jedes
-von uns beklagte nicht sein eigenes Mißgeschick, sondern nur das des
-andern. Allein die körperliche Trennung befestigte nur das Band unserer
-Seelen und unsere Liebe wurde um so glühender, je mehr die Befriedigung ihr
-fehlte. Nachdem unsre Leidenschaft einmal die Fesseln der Scham
-durchbrochen hatte, wurden wir unempfindlich gegen sie, und das Schamgefühl
-hatte um so weniger Einfluß auf uns, je lockender die Sünde erschien, die
-wir begangen. Wir erlebten an uns dasselbe, was der Dichter von Mars und
-Venus erzählt, als sie bei einander überrascht wurden.
-
-Bald darauf fühlte Heloise sich Mutter; in der höchsten Freude
-benachrichtigte sie mich davon und fragte mich um Rat, was nun zu thun sei.
-Nachdem wir vorher darüber eins geworden waren, entführte ich sie ihrem
-Oheim in einer Nacht, da er nicht zu Hause war. Unverzüglich geleitete ich
-sie in meine Heimat zu meiner Schwester, bei der sie bis zur Geburt eines
-Knäbleins verblieb, dem sie den Namen Astralabius gab. Fulbert gebärdete
-sich bei seiner Heimkehr wie ein Rasender; nur wer es selbst mit ansah,
-kann sich eine Vorstellung machen von der Wut seines Schmerzes und von
-seiner peinlichen Verlegenheit. Er wußte nicht, was er mir anthun, welche
-Rache er an mir nehmen sollte. Mir nach dem Leben zu stehen oder mir einen
-leiblichen Schaden zuzufügen -- davon hielt ihn die Angst ab, seine
-vielgeliebte Nichte möchte dies bei den Meinigen zu büßen bekommen. Auch
-konnte er sich nicht etwa meiner Person bemächtigen und mich mit Gewalt in
-irgend einen Gewahrsam bringen. Denn gerade in dem Punkt war ich sehr auf
-meiner Hut; ich kannte ihn als einen Mann, der sich nicht lange besinnen
-würde, wenn sich gute Gelegenheit zu einem Wagnis böte. Zuletzt aber bekam
-ich selbst Mitleid mit dem ungemessenen Schmerz des Mannes, auch machte ich
-mir Gewissensbisse über die Art und Weise, wie ich ihn um meiner Liebe
-willen hintergangen hatte, und klagte mich des schwärzesten Verrates gegen
-ihn an. So ging ich denn zu Fulbert, bat ihn um Vergebung und bot ihm jede
-beliebige Entschädigung an. Ich beteuerte ihm, daß niemand über meine That
-befremdet sein könne, der die Macht der Liebe einmal erfahren habe und der
-wisse, wie schmählich von Anbeginn der Welt an selbst die größten Männer
-durch die Weiber zu Fall gebracht worden seien. Um ihn völlig zu
-besänftigen, bot ich ihm eine Genugthuung an, die er nicht erwarten konnte:
-nämlich das verführte Mädchen zu meiner rechtmäßigen Frau zu machen, unter
-der einen Bedingung, daß unsere Ehe geheim bleiben sollte, damit ich an
-meinem Ruf keine Einbuße erleide. Fulbert ging darauf ein und er sowohl als
-seine Freunde gaben mir die Hand darauf und besiegelten durch Küsse den
-Friedensschluß -- nur um mich desto sicherer zu verraten.
-
-Ich kehrte nun in meine Heimat zurück und holte die Geliebte ab, um sie zu
-meiner Frau zu machen. Aber Heloise war keineswegs damit einverstanden und
-riet mir aus zwei Gründen dringend von meinem Vorhaben ab: nämlich wegen
-der Gefahr und wegen der Unehre, der ich mich dadurch aussetze. Sie
-versicherte mich, Fulbert lasse sich durch keine Genugthuung über das, was
-geschehen sei, beruhigen. Es zeigte sich später, daß sie recht hatte. Sie
-fragte mich, wie sie sich meines Besitzes sollte freuen können, wenn sie
-dadurch meinen Ruhm untergrabe und sich und mich zugleich erniedrige. Wie
-könnte sie es vor der Welt verantworten, wenn sie ihr eine solche Leuchte
-entzöge! Wie viel Verwünschungen würden diesem Ehebund nachgesandt werden,
-welcher Schaden würde der Kirche daraus erwachsen, wie viel Thränen würde
-die Wissenschaft darüber vergießen! Wie erbärmlich und kläglich wäre es,
-wenn ein Mann wie ich, geschaffen für die ganze Welt, sich durch ein Weib
-binden lassen und sich unter ein schimpfliches Joch beugen wollte! Sie
-verwarf diese Ehe aufs lebhafteste, da sie mir in jeder Hinsicht nachteilig
-und eine Last sei. Sie hielt mir ferner die geringe Achtung vor, in der die
-Ehe stehe und die Unannehmlichkeiten, die damit verbunden seien, zu deren
-Vermeidung der Apostel uns mahnt mit den Worten: »Bist du los vom Weib, so
-suche kein Weib. So du aber freiest, sündigest du nicht, und so eine
-Jungfrau freiet, sündiget sie nicht; doch werden solche leibliche Trübsal
-haben; ich verschonete aber euer gerne.« -- Und noch einmal sagt er: »ich
-wollte aber, daß ihr ohne Sorge wäret.« -- Und wenn ich weder den Rat des
-Apostels noch die Warnungen der heiligen Väter vor dem Joch der Ehe
-annehmen wolle: so möchte ich doch wenigstens auf die Philosophen hören und
-auf das, was in dieser Hinsicht entweder durch sie oder über sie
-geschrieben worden sei. Auch die Kirchenväter beziehen sich ja vielfach auf
-sie, um uns zu warnen. Als Beispiel führte sie den heiligen Hieronymus an,
-der im ersten Kapitel seiner Schrift »Gegen Jovinianus« von Theophrastus
-erzählt, daß dieser in einer ausführlichen Besprechung der unerträglichen
-Beschwerden und beständigen Aufregungen, die der Ehestand mit sich bringe,
-schließlich mit den überzeugendsten Gründen zu dem Schluß komme: der Weise
-sollte überhaupt nicht heiraten. Am Schluß seiner Betrachtungen über jene
-Äußerungen des Philosophen sagt Hieronymus selbst: »Welcher Christ muß sich
-nicht beschämt fühlen, wenn er einen Theophrastus also reden hört?« In
-derselben Schrift -- fuhr Heloise fort -- führt Hieronymus das Beispiel
-Ciceros an. Als dieser sich von Terentia hatte scheiden lassen, redete ihm
-sein Freund Hircius zu, er solle seine Schwester heiraten; allein er lehnte
-dies entschieden ab, da er sich nicht zugleich einer Frau und der
-Philosophie widmen könne. Er sagt nicht einfach »sich widmen«, sondern fügt
-das Wort »zugleich« hinzu. Er wollte nichts thun, was ihn verhindert hätte,
-seine Aufmerksamkeit völlig auf die Philosophie zu beschränken.
-
-Doch ich will davon nicht weiter sprechen, welches Hindernis für deinen
-gelehrten Beruf eine bürgerliche Ehe wäre. Denke nur an das übrige, was sie
-in ihrem Gefolge hätte. Was für ein Durcheinander! Schüler und Kammerzofen,
-Schreibtisch und Kinderwagen! Bücher und Hefte beim Spinnrocken,
-Schreibrohr und Griffel bei den Spindeln! Wer kann sich mit Betrachtung der
-Schrift oder mit dem Studium der Philosophie abgeben und dabei das Geschrei
-der kleinen Kinder, den Singsang der Amme, der sie beruhigen soll, die
-geräuschvolle Schar männlicher und weiblicher Dienstboten hören? Wer mag
-die beständige widerliche Unreinlichkeit der Kinder gern ertragen? Reiche
-Leute wissen sich in dieser Beziehung zu helfen, das gebe ich zu, denn sie
-sind in ihren fürstlichen Räumen nicht beschränkt, sie brauchen in ihrem
-Überfluß nicht auf die Kosten zu sehen und die Sorge ums tägliche Brot
-liegt ihnen fern. Allein die Lage der Philosophen ist eine andere als die
-der Reichen und wiederum: wer nach irdischen Schätzen trachtet und in die
-Sorgen dieser Welt verwickelt ist, hat keine Zeit für göttliche oder
-philosophische Dinge.
-
-Darum haben auch die großen Philosophen der alten Zeit voll Weltverachtung
-das Leben in der Welt aufgegeben, ja förmlich geflohen, jeden irdischen
-Genuß sich versagend, um allein in den Armen der Weisheit Ruhe zu finden.
-Einer der größten von ihnen, Seneca, giebt dem Lucilius folgende Anweisung:
-»Nicht bloß deine freie Zeit darfst du der Philosophie widmen: ihr zulieb
-muß man alles andere hintansetzen, nie kann man auf sie zu viel Zeit
-verwenden. Vernachlässigst du das Studium der Philosophie eine Zeitlang, so
-ist dies fast ebenso, wie wenn du es ganz aufgeben würdest; denn durch
-zeitweise Unterbrechung geht der ganze Gewinn verloren. Anderweitigen
-Ansprüchen müssen wir aus dem Wege gehen und sie fern von uns halten, statt
-sie zu befriedigen.« Was noch jetzt unsere Mönche, wenigstens die diesen
-Namen wahrhaft verdienen, aus Liebe zu Gott thun, das thaten in der alten
-Zeit aus Liebe zur Weisheit die edlen heidnischen Philosophen. Denn in
-jedem Volke, sei es heidnischen, jüdischen oder christlichen Glaubens, hat
-es von jeher Männer gegeben, die durch Glauben oder Sittenreinheit über den
-anderen standen und durch einen besonderen Grad von Enthaltsamkeit und
-Strenge von der großen Menge geschieden waren.
-
-So gab es bei den Juden von alters her Nasiräer, die sich nach einer
-besonderen Gesetzesvorschrift Gott weihten; da waren ferner die Söhne der
-Propheten, die Jünger des Elia und Elisa, die uns im Alten Testament nach
-dem Zeugnis des heiligen Hieronymus wie Mönche beschrieben werden. Etwas
-ähnliches waren auch jene drei philosophischen Sekten, die Josephus in
-seinen »Altertümern«, Kapitel XVIII, aufzählt und teils Pharisäer, teils
-Sadducäer, teils Essäer nennt. Bei uns sind die Mönche an ihre Stelle
-getreten, die entweder das gemeine Leben der Apostel nachahmen, oder nach
-dem ältern Vorbild das Einsiedlerleben des Johannes. Die Heiden aber hatten
-dafür, wie gesagt, ihre Philosophen. Denn unter dem Namen »Weisheit« oder
-»Philosophie« verstanden sie weniger den Betrieb der Wissenschaft als eine
-gottgeweihte Lebensführung; dies lehrt uns die ursprüngliche Bedeutung des
-Wortes und außerdem auch das Zeugnis der heiligen Väter. So sagt der
-heilige Augustin im achten Kapitel seines Buches »Vom Gottesstaat«, wo er
-die verschiedenen Philosophenschulen aufzählt, folgendes: »Der Stifter der
-Italischen Schule ist Pythagoras von Samos; man sagt, daß von ihm der Name
-'Philosophie' herrühre. Früher nämlich wurden Männer, die sich durch
-tadellose Lebensführung irgendwie über die andern erhoben, Weise genannt.
-Pythagoras dagegen sagte, als man ihn nach seinem Beruf fragte, er sei ein
-Philosoph, d. h. ein Jünger oder Liebhaber der Weisheit; sich einen Weisen
-zu nennen, hielt er für eine Anmaßung.«
-
-Nun geht aus den Worten: »die sich _durch tadellose Lebensführung_
-irgendwie über die andern erhoben« -- deutlich hervor, daß die heidnischen
-Weisen, d. h. die Philosophen, ihren Namen nicht dem Ruhm ihres Wissens,
-sondern der Vortrefflichkeit ihres Lebenswandels verdankten. Für die
-Nüchternheit und Enthaltsamkeit ihres Lebens brauche ich dir aber nicht
-erst Beispiele anzuführen: das hieße Eulen nach Athen tragen. Wenn aber
-Laien, und dazu Heiden, durch kein religiöses Gelübde gebunden, also gelebt
-haben, was wirst dann du zu thun haben, du, ein Geistlicher und Chorherr?
-Wolltest du dem Dienste Gottes niedrige Sinnenlust vorziehen und dich in
-ihren Strudel hineinziehen lassen, wolltest du in diesem Schlamm versinken,
-jeder Scham bar und ohne Hoffnung auf Rückkehr? Wenn dich die Rücksicht auf
-deinen geistlichen Beruf nicht zurückzuhalten vermag, so wirf wenigstens
-die Würde des Philosophen nicht weg. Lässest du die Gottesfurcht außer
-acht, so möge doch das Ehrgefühl deine Begierde zügeln. Denke an die
-unglückselige Ehe des Sokrates, und wie schwer er den Verrat an der
-Philosophie büßen mußte, allen anderen zum abschreckenden Beispiel.
-Hieronymus spricht davon im ersten Buch seiner Schrift »Gegen Jovinianus«,
-wo er eben von Sokrates erzählt: »Xanthippe überschüttete ihn einmal vom
-Fenster aus mit einer endlosen Flut von Schimpfworten. Sokrates ließ es
-ruhig über sich ergehen, und als ihm seine Ehehälfte auch noch schmutziges
-Wasser auf den Kopf goß, trocknete er sich ruhig ab und sagte: 'Ich wußte
-wohl, daß ein solches Donnerwetter nicht ohne Regen bleiben werde.'«
-
-Heloise stellte mir außerdem noch vor, wie gefährlich es für mich sei, sie
-nach Paris zurückzuführen, und wie viel lieber sie meine Geliebte als meine
-Gattin heißen wolle, abgesehen davon, daß jenes für mich ehrenvoller sei.
-Einzig und allein der freien Liebe wolle sie meinen Besitz verdanken, nicht
-dem Zwang des ehelichen Bandes. Und je seltener unsere Zusammenkünfte
-stattfinden könnten, desto süßer werden die Freuden unserer Vereinigung
-nach der zeitweiligen Trennung sein.
-
-Da sie nun durch derartige Ratschläge und Warnungen meinen verblendeten
-Sinn nicht umzustimmen vermochte und mich doch auch nicht beleidigen
-wollte, brach sie ihre Vorstellungen unter Seufzen und Thränen mit den
-Worten ab: dies allein bleibt uns noch zu thun übrig: so wird unser
-gemeinsames Verderben besiegelt sein und ein Jammer über uns kommen, so
-groß wie einst unser Liebesglück war. Und auch darin -- die ganze Welt weiß
-es -- hatte ihr prophetischer Geist nur allzurichtig gesehen.
-
-Wir ließen unser Kind in der Obhut meiner Schwester und kehrten heimlich
-nach Paris zurück. Dort wurden wir bald nach unserer Ankunft eines Morgens
-in aller Frühe getraut, nachdem wir die Nacht in einer Kirche mit der Feier
-der Vigilien in der Stille verbracht hatten. Als Zeugen waren zugegen der
-Oheim Heloisens, sowie einige Verwandte von meiner und ihrer Seite. Dann
-trennten wir uns alsbald -- jedes ging still seines Wegs, und von da an
-sahen wir uns nur noch selten und verstohlen, da unsere Ehe geheim bleiben
-sollte.
-
-Heloisens Oheim jedoch und seine Angehörigen, die den ihnen zugefügten
-Schimpf immer noch nicht verschmerzt hatten, fingen an, unser Ehebündnis
-bekannt zu machen und brachen damit das Versprechen, das sie mir gegeben
-hatten. Heloise ihrerseits verschwor sich hoch und teuer, daß jene lügen,
-und zog sich dadurch vielfach Mißhandlungen des erbitterten Fulbert zu. Als
-ich davon hörte, brachte ich sie in das Nonnenkloster Argenteuil bei Paris,
-in dem Heloise erzogen worden war. Ich ließ sie auch die Gewandung anlegen,
-die das Klosterleben erfordert -- mit Ausnahme des Schleiers. Nun aber
-glaubten Fulbert und seine Verwandten, ich hätte sie jetzt erst recht
-hintergangen und Heloise zur Nonne gemacht, um sie los zu werden. Aufs
-höchste entrüstet vereinigten sie sich zu meinem Verderben. Nachdem sie
-meinen Diener durch Geld gewonnen hatten, nahmen sie eines Nachts, als ich
-ruhig in meiner Kammer schlief, die denkbar grausamste und beschämendste
-Rache an mir, so daß alles darüber entsetzt war: sie beraubten mich dessen,
-womit ich begangen hatte, worüber sie klagten. Die Thäter ergriffen alsbald
-die Flucht, zwei von ihnen wurden jedoch festgenommen, geblendet und
-entmannt. Einer davon war jener Diener, der stets in meiner Umgebung
-gewesen und durch seine Geldgier zum Verräter an mir geworden war.
-
-Als es Tag wurde, strömte die ganze Stadt vor meiner Wohnung zusammen, und
-es ist schwer, ja geradezu unmöglich, die Äußerungen des Entsetzens, des
-Jammers, des Geschreis, der Klagen zu beschreiben, die nun laut wurden.
-Hauptsächlich die Kleriker und ganz besonders meine Schüler vermehrten
-meine Qual durch ihre unerträglichen Lamentationen. Ihr Mitleid war mir
-schmerzlicher, als meine Wunde selber; das Gefühl meiner Schmach war
-lebendiger in mir als der körperliche Schmerz, ich dachte mehr an die
-Schande als an die Verletzung. Der hohe Ruhm, dessen ich mich eben noch
-erfreut hatte -- wie schwer war er in einem Augenblick geschädigt worden!
-Ja, vielleicht war er für immer dahin! Wie gerecht war Gottes Strafe, die
-mich an dem Teil meines Körpers schlug, mit dem ich gesündigt hatte! Wie
-recht hatte der, den ich zuerst verraten hatte, wenn er mir nun Gleiches
-mit Gleichem vergalt! Wie werden -- so sagte ich mir -- meine Widersacher
-die Gerechtigkeit preisen, die hier so offenbar waltete! In welch
-untröstliche Betrübnis wird dieser Schlag meine Eltern und Freunde
-versetzen! Wie wird die Kunde von dieser seltenen Schmach die ganze Welt
-durchlaufen! Blieb mir überhaupt noch ein Ausweg? Wie konnte ich's noch
-wagen, in der Öffentlichkeit zu erscheinen, da alles mit Fingern auf mich
-deuten und hinter mir herzischeln mußte? Würde ich nicht von allen als ein
-ungeheuerliches Schauspiel betrachtet werden?
-
-Nicht zum wenigsten ängstigte mich auch die folgende Erwägung: nach dem
-tötenden Buchstaben des Gesetzes sind Eunuchen vor Gott ein solcher Greuel,
-daß Leute, die ihrer Mannheit beraubt sind, als anrüchig und unrein den
-Tempel nicht betreten dürfen, und daß sogar Tiere, bei denen dies der Fall
-ist, nicht zum Opfer zugelassen werden. Im Levitikus heißt es: »Du sollst
-dem Herrn kein Zerstoßenes oder Zerriebenes oder Zerrissenes oder was
-verwundet ist, opfern« -- und 5. Mos., Kap. 23: »Es soll kein Zerstoßener
-noch Verschnittener in die Gemeinde des Herrn kommen.«
-
-In dieser verzweifelten Lage trieb mich weniger ein aufrichtiges religiöses
-Bedürfnis -- ich gestehe es offen -- als die Verlegenheit und die Scham in
-den bergenden Schutz der Klostermauern. Heloise hatte schon vorher auf
-meinen Wunsch bereitwillig den Schleier genommen. Und so trugen wir nun
-beide das geistliche Gewand: ich in der Abtei von St. Denis, sie im Kloster
-von Argenteuil. Noch erinnere ich mich: man hatte vielfach Mitleid mit
-ihrer Jugend und stellte ihr, um sie abzuschrecken, das Joch der
-Klosterregel als eine unerträgliche Last dar. Vergebens: unter Thränen
-schluchzend brach sie in jene klagenden Worte der Cornelia aus:
-
- »O herrlicher Gatte,
- Besseren Ehbetts wert! So wuchtig durfte das Schicksal
- Treffen ein solches Haupt? Ach mußt ich darum dich freien,
- Daß dein Unstern ich würd? -- Doch nun empfange mein Opfer
- Freudig bring ich es dir --«
-
-Mit diesen Worten trat sie vor den Altar, empfing aus der Hand des Bischofs
-den geweihten Schleier und legte vor dem ganzen Konvent das Klostergelübde
-ab.
-
-Ich hatte mich kaum von meiner Verletzung erholt, als die Kleriker in Menge
-herbeiströmten und sowohl meinen Abt wie mich selbst mit Bitten bestürmten:
-ich solle das, was ich bisher aus Verlangen nach Geld oder Ruhm gethan
-habe, jetzt aus Liebe zu Gott thun. Ich solle bedenken, daß Gott das Pfund,
-das er mir anvertraut, mit Zinsen von mir zurückverlangen werde! Bisher
-habe ich mich fast nur mit Reichen abgegeben, jetzt solle ich meine Kräfte
-in den Dienst der Armen stellen. Ich möchte erkennen, daß die Hand des
-Herrn mich vor allem deshalb geschlagen habe, damit ich desto
-unbehinderter, den Lockungen des Fleisches und dem unruhigen Treiben der
-Welt entrückt, der Wissenschaft leben könne, und nicht mehr die Weisheit
-dieser Welt, sondern die wahre Gottesweisheit lehren möge.
-
-In dem Kloster, in das ich eingetreten war, herrschte zu jener Zeit ein
-überaus weltliches, sittenloses Leben. Je höher der Abt selbst seinem Range
-nach über den andern stand, desto schlimmer und berüchtigter war sein
-Lebenswandel. Da ich nun ihre empörende Sittenlosigkeit teils im vertrauten
-Kreis, teils öffentlich mehrmals aufs nachdrücklichste rügte, so wurde ich
-ihnen überaus unbequem und verhaßt. Mit Vergnügen sahen sie, wie meine
-Schüler Tag für Tag unermüdlich mit Bitten in mich drangen; denn dieser
-Umstand gab ihnen Gelegenheit, sich meiner zu entledigen. Da nun jene mir
-unaufhörlich zusetzten und mir keine Ruhe ließen, auch der Abt und die
-Brüder sich in den Handel mischten, gab ich endlich nach und zog mich in
-eine Einsiedelei zurück, um meine gewohnte Lehrthätigkeit wieder
-aufzunehmen. Hier strömte nun eine solche Menge von Schülern zusammen, daß
-es ebenso an Raum, sie zu beherbergen, wie an Lebensmitteln zu ihrem
-Unterhalt fehlte.
-
-Wie es meinem jetzigen Beruf entsprach, hielt ich hauptsächlich
-theologische Vorlesungen. Doch gab ich die Unterweisung in den weltlichen
-Wissenschaften deshalb nicht ganz auf; in ihnen war ich einst am besten
-bewandert gewesen und um ihretwillen suchte man mich hauptsächlich auf. So
-benutzte ich sie gleichsam als Köder, um durch diese etwas nach Philosophie
-schmeckende Lockspeise meine Zuhörer für das Studium der wahren Philosophie
-zu gewinnen, wie denn die »Kirchengeschichte« dasselbe Verfahren von
-Origenes berichtet, jenem größten aller geistlichen Philosophen. Da es nun
-aber ersichtlich wurde, daß Gott mich mit heiliger wie mit weltlicher
-Wissenschaft in gleicher Weise begabt hatte, so vermehrte sich die Zahl
-meiner Zuhörer in beiden Fächern, während die andern Schulen sich
-bedenklich leerten. Dadurch zog ich mir den heftigsten Neid und Haß der
-Lehrer zu, die nun alles aufboten, um mir Abbruch zu thun. Hauptsächlich
-zwei Vorwürfe waren es, die sie immer wieder gegen mich erhoben, während
-ich fern war: daß sich mit dem Beruf eines Mönchs das Studium weltlicher
-Wissenschaft nimmermehr vertrage und daß ich mir ein Lehramt in der
-Theologie angemaßt habe, ohne vorher selbst in die Schule gegangen zu sein.
-Sie hätten es am liebsten gesehen, wenn mir die Ausübung meiner
-Lehrthätigkeit ganz untersagt worden wäre, und waren unablässig bemüht,
-Bischöfe, Erzbischöfe, Äbte und sonstige einflußreiche Kirchenmänner für
-ihre Absicht zu gewinnen. Ich befaßte mich nun zuerst damit, das Fundament
-unseres Glaubens selbst durch menschliche Vernunftgründe faßlich zu machen.
-Zu diesem Zweck schrieb ich eine theologische Abhandlung ȟber die
-göttliche Einheit und Dreiheit« für den Gebrauch meiner Schüler, die nach
-vernünftigen, wissenschaftlichen Gründen verlangten, und nicht bloß Worte
-hören, sondern sich auch etwas dabei denken wollten. Sie meinten, es sei
-vergeblich, viele Worte zu machen, bei denen sich nichts denken lasse; man
-könne doch nichts glauben, was man nicht vorher begriffen habe; es sei
-lächerlich, wenn einer etwas predigen wolle, was weder er selbst noch seine
-Zuhörer mit dem Verstand fassen könnten; das seien »die blinden
-Blindenleiter«, von denen der Herr spreche. Mein Buch gefiel allen meinen
-Schülern außerordentlich, denn hier -- so schien es -- fand man auf alle
-Fragen, die über diesen Gegenstand schwebten, eine befriedigende Antwort.
-Und gerade diese Fragen galten damals für ganz besonders schwierig; je
-größeres Gewicht man ihnen aber beilegte, desto mehr wurde die Feinheit der
-Lösung geschätzt. Meine Neider jedoch gerieten dadurch in gewaltige
-Aufregung und sie beriefen gegen mich ein Konzil, an ihrer Spitze meine
-beiden alten Widersacher, Alberich und Lotulf. Diese maßten sich nach dem
-Tode unserer gemeinsamen Lehrer Wilhelm und Anselm die Alleinherrschaft an
-und wollten sich gleichsam in das Erbe der beiden berühmten Männer teilen.
-
-Alberich und Lotulf lehrten damals beide zu Rheims und sie brachten es bei
-ihrem Erzbischof Radulf durch allerhand Einflüsterungen in der That soweit,
-daß man unter Beiziehung des Bischofs von Präneste, Conanus, der damals
-päpstlicher Legat in Frankreich war, eine dürftige Versammlung unter dem
-stolzen Namen eines Konzils in Soissons abhielt und mich einlud, mein
-vielbesprochenes Buch »Über die Dreieinigkeit« dorthin mitzubringen. Und so
-geschah es.
-
-Indessen hatten mich meine beiden Hauptwidersacher bei Klerus und Volk noch
-vor meiner Ankunft in ein so übles Licht gestellt, daß ich mit meinen paar
-Begleitern von der Menge beinahe gesteinigt worden wäre; es hieß, ich lehre
-in Wort und Schrift drei Götter -- das hatte man ihnen vorgeredet.
-
-Sogleich nach meiner Ankunft in Soissons ging ich zum Legaten und übergab
-ihm mein Buch zur Prüfung und Beurteilung; zugleich erklärte ich mich
-bereit, meine Lehre zu berichtigen oder zu widerrufen, falls sie mit dem
-katholischen Glauben im Widerspruch stehe. Der Legat jedoch schickte mich
-mit meinem Buch zum Erzbischof und zu meinen Gegnern; die Männer sollten
-über mich zu Gericht sitzen, die mich angeklagt hatten, und an mir sollte
-sich das Wort erfüllen: »Meine Feinde sind meine Richter«.
-
-Sie durchstöberten nun mein Buch mehrmals von vorn bis hinten, fanden aber
-nichts, das sie in der Versammlung gegen mich hätten vorbringen können und
-verschoben darum die Verdammung des Buchs, nach der sie lechzten, bis auf
-den Schluß des Konzils. Ich meinerseits benutzte die Zeit ehe die Sitzungen
-abgehalten wurden täglich zu öffentlichen Vorträgen über den katholischen
-Glauben, wie er in meinen Schriften zum Ausdruck kam, und unter meinen
-Zuhörern war nur eine Stimme des Lobes und der Bewunderung für meine
-Redegewandtheit wie für meinen Scharfsinn. Das Volk aber und die
-Geistlichkeit fingen an zu murren: »Sehet, nun redet er frei und offen vor
-aller Welt und niemand widerspricht ihm! Das Konzil, das doch seinetwegen
-vor allem berufen wurde, ist nächstens zu Ende. Sind vielleicht die Richter
-zu der Einsicht gekommen, daß sie selber irren, nicht er?«
-
-Infolgedessen stieg die Wut meiner Gegner von Tag zu Tag. Eines Tags nun
-kam Alberich mit einigen seiner Schüler zu mir, um mir eine Schlinge zu
-legen. Nach einigen einleitenden höflichen Redensarten sagte er, eine
-Stelle in meinem Buch habe ihn befremdet: nämlich, obwohl Gott Gott gezeugt
-habe und nur ein Gott sei, leugne ich doch, daß Gott sich selber gezeugt
-habe. Unverzüglich antwortete ich ihm: »ich bin bereit, hierüber
-Rechenschaft abzulegen, wenn es euch genehm ist«. Darauf versetzte er: »In
-solchen Fragen lassen wir nicht menschliche Vernunftgründe oder unsre
-eigene Weisheit gelten, sondern einzig und allein die Autorität der Väter.«
--- »Schlaget nur in meinem Buche nach,« erwiderte ich, »und ihr werdet eine
-solche Autorität finden.« -- Das Buch war zur Hand; er hatte es selbst
-mitgebracht. Ich schlug die Stelle auf, die ich im Kopfe hatte und die dem
-Alberich entgangen war, weil er nur nach solchen suchte, die mir schaden
-konnten. Gott wollte es, daß ich das Gewünschte alsbald fand. Es war ein
-Citat aus dem ersten Buche von Augustins Werk »Über die Dreieinigkeit« und
-lautete: »Wer da glaubt, Gott habe die Macht sich selbst zu erzeugen, ist
-in einem schweren Irrtum befangen, denn diese Fähigkeit kommt Gott so wenig
-zu wie irgend einer anderen geistigen oder leiblichen Kreatur; es giebt
-überhaupt kein Wesen, welches sich selbst erzeugen könnte.«
-
-Diese Worte versetzten die Schüler Alberichs in peinliche Verlegenheit. Er
-selbst, um nur irgend etwas zu sagen, meinte: »Das ist allerdings
-deutlich.« Ich erwiderte ihm, diese Ansicht sei nicht neu, allein für den
-Augenblick falle sie nicht ins Gewicht, da er ja nur nach Worten suche und
-nicht den tieferen Sinn, der ihnen zu Grunde liege. Falls er aber eine
-Darlegung und Begründung ihres eigentlichen Sinnes anhören wolle, so sei
-ich bereit, ihm aus seinen eigenen Worten nachzuweisen, daß er in die
-Ketzerei verfallen sei, die annehme, daß Gott-Vater sein eigener Sohn sei.
-Daraufhin geriet Alberich in große Wut, nahm seine Zuflucht zu Drohungen
-und versicherte mich, daß weder meine eigene Weisheit, noch meine Berufung
-auf andere Autoritäten mir etwas helfen sollten. -- Und damit ging er.
-
-Der letzte Tag des Konzils war herangekommen. Vor der Sitzung hatten der
-Legat und der Erzbischof von Rheims mit meinen Gegnern und einigen andern
-Personen eine lange Beratung darüber, was in Anbetracht meiner Person und
-meines Buches zu thun sei; denn um dieser Sache willen war ja das Konzil
-hauptsächlich berufen worden. In meinen Worten oder in meiner Schrift, die
-vorlag, fand man nichts, was man gegen mich hätte vorbringen können. Einen
-Augenblick herrschte allgemeines Schweigen und was sich hören ließ, waren
-nur schüchterne Einwürfe. Da ergriff Gottfried, Bischof von Chartres, durch
-den Ruf seiner Frömmigkeit und das Ansehen seines Stuhles den übrigen
-Bischöfen überlegen, das Wort und sprach also: »Würdige Herren! Euch allen,
-die ihr hier versammelt seid, ist es wohl bekannt, daß die Lehre dieses
-Mannes, welcher Art sie auch sein mag, und der Reichtum seines Geistes,
-welchem Gebiet immer er sich zugewandt hat, viel Beifall gefunden und große
-Anziehungskraft ausgeübt haben, so daß dadurch selbst der Ruhm seiner und
-unserer Lehrer verdunkelt worden ist und man fast sagen könnte, die Reben
-seines Weinbergs seien von Meer zu Meer gerankt.
-
-Wolltet ihr nun, was ich nicht glauben kann, einen solchen Mann ungehört
-verurteilen, so würdet ihr mit einem solchen Urteil, selbst wenn es seinen
-guten Grund hätte, sicherlich vielen Leuten vor den Kopf stoßen, und es
-würde nicht an solchen fehlen, die für ihn Partei ergreifen würden; zumal
-sich in der Schrift, die er vorgelegt hat, nichts findet, was einer offenen
-Ketzerei ähnlich wäre. Denken wir an das Wort des Hieronymus: 'Stets hat
-die Tüchtigkeit den Neid zum Begleiter' und daran, daß 'der Blitz die
-höchsten Gipfel trifft'! Hüten wir uns davor, seinen Namen durch ein
-gewaltsames Vorgehen noch mehr zum Gegenstand der allgemeinen Teilnahme zu
-machen. Wir würden uns selbst dadurch, daß wir uns den Vorwurf des Neides
-zuziehen, mehr schädigen, als wir dem Angeklagten durch unsern
-Richterspruch schaden können. Denn 'falscher Ruhm' -- sagt der ebengenannte
-Lehrer -- 'erlischt schnell und die Folgezeit richtet das Vorleben.'«
-
-»Beliebt es euch aber, nach Recht und Brauch mit ihm zu handeln, so möge
-seine Lehre oder sein Buch hier öffentlich vorgetragen werden und ihm
-selbst soll gestattet sein auf die Fragen, die man ihm vorlegt, Rede und
-Antwort zu geben, um dann, wenn er überwiesen und zum Widerruf bewogen
-werden könnte, für immer zu schweigen. Dies war schon die Meinung des
-frommen Nikodemus, als er, um dem Herrn selbst die Freiheit zu ermöglichen,
-sagte: 'Richtet unser Gesetz auch einen Menschen, ehe man ihn verhöret und
-erkenne was er thut?'«
-
-Auf diese Worte hin erhoben meine Gegner einen gewaltigen Lärm: »Schöne
-Weisheit«, riefen sie, »die uns zumutet, mit diesem Wortkünstler zu
-streiten, dessen Schlüssen und Finten die ganze Welt nicht standhalten
-kann!« -- Und doch -- es war gewiß noch viel schwerer, mit Christus selbst
-zu streiten; trotzdem hat Nikodemus ihn vor seinen Richtern zum Wort kommen
-lassen wollen, wie es das Gesetz gestattet.
-
-Als nun der Bischof Gottfried die Anwesenden nicht für seine Absicht
-gewinnen konnte, suchte er ihre Mißgunst durch ein anderes Mittel zu
-zügeln. Er machte geltend, daß die Versammlung nicht vollzählig genug sei,
-um über eine so wichtige Sache zu entscheiden, und daß diese Angelegenheit
-einer gründlichen Prüfung bedürfe. Sein Rat gehe deshalb dahin, mein Abt
-solle mich in das Kloster St. Denis zurückbringen, woselbst dann meine
-Sache einer größeren Anzahl von gelehrten Männern zu erneuter gründlicherer
-Untersuchung vorgelegt werden solle. Dieser letzte Vorschlag fand den
-Beifall des Legaten und aller übrigen Anwesenden. Alsbald erhob sich der
-Legat, um vor dem Beginn der Sitzung die Messe zu lesen, und ließ mir durch
-den Bischof Gottfried die förmliche Erlaubnis zur Rückkehr in mein Kloster
-übermitteln, wo ich dann das weitere erwarten solle.
-
-Nun aber fiel es meinen Gegnern ein, daß für sie nichts gewonnen wäre, wenn
-mein Prozeß außerhalb ihres Sprengels geführt würde, wo sie dann auf das
-Urteil keinen Einfluß ausüben könnten; denn bei dem Gedanken, einfach der
-Gerechtigkeit den Lauf zu lassen, konnten sie sich freilich nicht
-beruhigen. Darum stellten sie dem Erzbischof vor, daß es eine große Schande
-für sie wäre, diese Sache an eine andere Behörde zu verweisen und daß es
-gefährlich sei, mich so davonkommen zu lassen. Sie liefen auch zum Legaten
-und wußten ihn, halb gegen seinen Willen, dahin umzustimmen, daß er mein
-Buch unbesehen verdammte, es vor aller Augen verbrannte und über mich
-lebenslängliche Haft in einem auswärtigen Kloster verfügte. Sie sagten
-nämlich, zur Verurteilung meines Buches sei schon der Umstand hinreichend,
-daß ich mir erlaubt habe, es ohne die Genehmigung des Papstes oder der
-Kirche öffentlich vorzutragen und daß ich es schon vielen zum abschreiben
-überlassen habe; es könne nur zur Kräftigung des christlichen Glaubens
-dienen, wenn einmal, um einer ähnlichen Anmaßung zuvorzukommen, an mir ein
-Exempel statuiert werde. Der Legat war wissenschaftlich nicht so gebildet,
-wie er hätte sein sollen, und folgte deshalb in der Hauptsache dem Rate des
-Erzbischofs; dieser seinerseits ließ sich von meinen Gegnern bestimmen.
-
-Als der Bischof von Chartres hiervon Kunde erhielt, setzte er mich alsbald
-von diesen Umtrieben in Kenntnis und ermahnte mich eindringlich, ich möchte
-diese Wendung geduldig tragen, um so mehr, als das Vorgehen meiner
-Widersacher eine offenbare Vergewaltigung sei. Eine solche, klar am Tag
-liegende, gewaltthätige Mißgunst könne jenen nur schaden, mir nur Nutzen
-bringen -- davon dürfe ich überzeugt sein; auch solle ich mir wegen der
-Klosterhaft keine Sorgen machen: er wisse gewiß, daß der Legat, der sich
-dieses Urteil nur habe abnötigen lassen, mich nach seiner Abreise von hier
-alsbald in volle Freiheit setzen werde. So suchte er mich zu trösten so gut
-es ging, indem er selbst mit dem Weinenden weinte.
-
-Ich wurde vor das Konzil berufen, und ohne Untersuchung, ohne Prüfung zwang
-man mich, mein Buch mit eigener Hand ins Feuer zu werfen. Und so ging es in
-Flammen auf. Während dieses Vorgangs schien jedermann absichtlich zu
-schweigen. Nur einer meiner Gegner machte schüchtern die Bemerkung, er habe
-in dem Buch den Satz gefunden, Gott-Vater allein sei allmächtig. Auf diese
-Bemerkung antwortete der Legat höchlich erstaunt: einen solchen Irrtum
-dürfe man ja nicht einmal einem Kinde zutrauen, da doch der gemeinsame
-Glaube ausdrücklich dahingehe, das alle drei Personen der Gottheit
-allmächtig seien. -- Daraufhin citierte ein gewisser Terricus, Vorsteher
-einer Schule, höhnisch den Satz des Athanasius: »und dennoch nicht drei
-allmächtig, sondern einer allmächtig«. Und als ihn sein Bischof
-zurechtweisen und zum Schweigen bringen wollte, als hätte er ein
-Majestätsverbrechen begangen, ließ er sich nicht im mindesten
-einschüchtern, sondern sprach wie ein zweiter Daniel also: »Seid ihr von
-Israel solche Narren, daß ihr einen Sohn Israels verdammt, ehe ihr die
-Sache erforschet und gewiß werdet? Kehret wieder um vors Gericht und
-richtet den Richter selber. Denn der Richter, den ihr eingesetzt habt zur
-Unterweisung im Glauben und zur Beseitigung des Irrtums, der hat sich
-selbst gerichtet durch seinen eigenen Mund, da er andere richten sollte.
-Den Mann, dessen Unschuld heute Gottes Barmherzigkeit an den Tag gebracht
-hat -- befreiet ihn, wie einst die Susanna, von seinen falschen Klägern.«
-
-Nun erhob sich der Erzbischof, und indem er die Worte den Umständen gemäß
-leicht abänderte, bestätigte er den Satz des Legaten mit den Worten: »In
-der That, ehrwürdiger Herr, allmächtig ist der Vater, allmächtig der Sohn,
-allmächtig der heilige Geist, und wer von dieser Meinung abweicht, ist in
-offenbarem Irrtum befangen und nicht anzuhören. Doch vielleicht dürfte es
-sich empfehlen, daß dieser unser Bruder seinen Glauben vor der ganzen
-Versammlung bekenne, damit er je nach Umständen gebilligt oder beanstandet
-und verbessert werde.« Als ich mich daraufhin anschickte, mein
-Glaubensbekenntnis abzulegen, und meinen Gedanken einen selbständigen
-Ausdruck geben wollte, da riefen meine Gegner mir zu, ich brauche nur das
-Athanasianische Glaubensbekenntnis herzusagen, was jedes Kind ebensogut
-hätte thun können. Und damit ich nicht etwa die Ausrede gebrauchen könnte,
-ich wisse den Wortlaut nicht auswendig, gab man mir den geschriebenen Text
-zum Vorlesen. Unter Seufzern und mit thränenerstickter Stimme las ich, so
-gut es ging. Hierauf wurde ich wie ein seines Vergehens überwiesener
-Verbrecher dem Abt von St. Medardus, der auf dem Konzil anwesend war,
-übergeben und in dessen Kloster, als in mein Gefängnis, abgeführt. Das
-Konzil selbst wurde alsbald aufgelöst.
-
-Der Abt indessen und seine Mönche, die nicht anders glaubten, als daß ich
-nun für immer bei ihnen bleiben werde, nahmen mich mit Freuden auf und
-bemühten sich vergeblich, mich durch möglichst liebevolle Behandlung über
-mein Schicksal zu trösten. O Gott, der du gerecht richtest! So sehr war
-mein Herz vergiftet und verbittert, daß ich in verblendetem Wahn wider dich
-selbst murrte und Klage erhob und unablässig jenen Seufzer des heiligen
-Antonius wiederholte: »Guter Jesus, wo warest du?« Schmerz, Beschämung,
-Verzweiflung -- damals habe ich all diese Gefühle durchgekostet, aber sie
-zu beschreiben, ist mir nicht möglich. Was ich jetzt zu leiden hatte, hielt
-ich zusammen mit dem früheren Unglück, das mir an meinem Körper widerfahren
-war, und ich achtete mich für das elendste aller Menschenkinder. Im
-Vergleich mit diesem neuen Unglück erschien mir jene ruchlose That
-geringfügig, und ich beklagte weniger den Schaden meines Leibes als den
-Verlust meines Ruhms. Jenen hatte ich gewissermaßen selbst verschuldet.
-Dieser offenen Gewalt aber war ich zum Opfer gefallen, obwohl mich nichts
-anderes als die lauterste Absicht und die Liebe zu unserem Glauben zum
-Schreiben gedrängt hatte.
-
-Wohin auch die Kunde von diesem grausamen und brutalen Verfahren gegen mich
-gelangte, überall fand es lebhafte Mißbilligung; von denen, die bei der
-Verhandlung gewesen waren, schob nun jeder die Schuld auf den andern. Sogar
-meine Feinde leugneten jetzt, daß sie an dem Urteil der Synode schuld
-seien, und der Legat bedauerte öffentlich die Mißgunst der Franzosen.
-Während er für den Augenblick ihrer feindseligen Absicht gegen mich
-unfreiwillig nachgegeben hatte, bereute er gleich darauf seine Maßregel und
-ließ mich nach einigen Tagen schon aus dem fremden Kloster in mein eigenes
-nach St. Denis zurückkehren.
-
-Freilich waren dessen Insassen mir fast alle schon von früher her feindlich
-gesinnt. Bei der Unordentlichkeit ihres Lebenswandels und dem freien Ton,
-der unter ihnen herrschte, war ich ihnen ein höchst unbequemer Mahner. Es
-vergingen nur wenige Monate, da bot sich ihnen eine geschickte Gelegenheit,
-mich zu verderben. Eines Tages fand ich nämlich beim Lesen zufällig eine
-Stelle in Bedas Auslegung der Apostelgeschichte, worin die Ansicht
-ausgesprochen war, daß Dionysius Areopagita nicht Bischof von Athen,
-sondern von Korinth gewesen sei. Dies mußte natürlich die sehr befremden,
-die in dem Schutzpatron ihres Klosters eben jenen Dionysius Areopagita
-verehren, in dessen Lebensgeschichte ausdrücklich stand, daß er Bischof von
-Athen gewesen sei. Ich zeigte einigen der umherstehenden Brüder halb im
-Scherz jene Stelle des Beda, die gegen uns sprach. Sie aber erklärten in
-höchster Entrüstung den Beda für einen Erzlügner und beriefen sich auf
-ihren Abt Hilduin, als auf einen zuverlässigeren Zeugen. Dieser habe lange
-Zeit in Griechenland selbst Forschungen gemacht und dann den wahren
-Sachverhalt in einer Lebensbeschreibung des Dionysius ganz unanfechtbar
-dargestellt. Einer der Umstehenden drang mit der Frage in mich, wem ich in
-diesem Streite recht gebe, dem Beda oder dem Hilduin. Ich sagte, das
-Zeugnis des Beda, dessen Schriften in der ganzen abendländischen Kirche in
-Ansehen stünden, scheine mir gewichtiger zu sein. Als die Mönche das
-vernahmen, erhoben sie ein wütendes Geschrei: nun trete die feindselige
-Gesinnung, die ich von jeher gegen unser Kloster gehegt habe, einmal
-deutlich hervor; am ganzen Land werde ich zum Verräter, indem ich es seines
-höchsten Ruhmestitels beraube, da ich leugne, daß Dionysius Areopagita ihr
-Schutzpatron sei. Ich erwiderte, das leugne ich ja gar nicht, und überdies
-komme wenig darauf an, ob ihr Schutzpatron wirklich der Areopagite gewesen
-sei oder ein Mann von anderer Herkunft, da er doch jedenfalls von Gott so
-großer Ehre würdig befunden worden sei. Sie aber liefen zum Abt und zeigten
-ihm an, was sie mir zur Last legten. Dieser begrüßte die Gelegenheit, mich
-einmal demütigen zu können, mit Freuden; denn da er ein sittenloseres Leben
-führte als alle übrigen, so fürchtete er sich vor mir um so mehr. Vor
-versammeltem Konvent erteilte er mir einen scharfen Verweis und drohte, er
-wolle mich unverzüglich vor den König schicken, damit mich die Strafe
-treffe, die dem gebühre, der den Ruhm und die Ehre des Königreichs antaste.
-Inzwischen bis zu der Zeit, da er mich dem König vorführen wollte, ließ er
-mich unter strenge Aufsicht stellen. Vergebens erklärte ich mich bereit,
-die vorgeschriebene Buße auf mich zu nehmen, falls ich etwas verbrochen
-hätte. Und nun ergriff mich ein förmlicher Ekel vor der Schlechtigkeit
-dieser Menschen, und ich, den seit so langer Zeit das Mißgeschick
-unablässig verfolgte, geriet an den Rand der Verzweiflung: die ganze Welt
--- so schien es -- war gegen mich verschworen. So entwich ich denn mit
-Wissen einiger Brüder, die Mitleid mit mir hatten, und unter Beihilfe
-einiger meiner Schüler heimlich bei Nacht aus dem Kloster und flüchtete in
-das angrenzende Gebiet des Grafen Theobald, wo ich früher in einer
-Einsiedelei gelebt hatte.
-
-Der Graf selbst war mir nicht ganz unbekannt; auch hatte er mit großer
-Teilnahme von meinem mannigfachen Unglück gehört. Ich hielt mich zunächst
-bei dem Schloß Provins auf, in einer Klause der Mönche von Troyes, deren
-Prior mir vorzeiten befreundet gewesen war und mich ins Herz geschlossen
-hatte. Dieser nahm den Flüchtling mit Freuden auf und sorgte für mich auf
-die liebenswürdigste Weise.
-
-Eines Tags nun kam mein Abt in geschäftlichen Angelegenheiten zum Grafen
-auf das Schloß. Als ich dies erfuhr, ging ich mit dem Prior ebenfalls zum
-Grafen und bat ihn, er möchte sich bei meinem Abt für mich verwenden, daß
-er mich absolviere und mir die Erlaubnis gebe, als Mönch zu leben, wo ich
-einen passenden Ort finde. Der Abt und seine Begleiter zogen die Sache in
-Erwägung und wollten den Grafen noch am gleichen Tage vor ihrer Heimkehr
-darüber Bescheid sagen. Als sie nun die Sache näher überlegten, kamen sie
-auf die Meinung, ich wolle in ein anderes Kloster eintreten, was nach ihrer
-Ansicht eine große Schande für sie gewesen wäre. Denn sie thaten sich viel
-darauf zu gut, daß ich mich gerade in ihr Kloster zurückgezogen hatte, sie
-sahen darin eine Bevorzugung des ihrigen vor allen andern Klöstern, und
-jetzt, fürchteten sie, würde es ihnen zu großer Unehre gereichen, wenn ich
-ihr Kloster verließe und mich an ein anderes wendete. Deshalb hörten sie
-weder mich noch den Grafen in dieser Sache an, sondern begnügten sich
-damit, mich mit der Exkommunikation zu bedrohen, falls ich nicht
-unverzüglich ins Kloster zurückkehre. Dem Prior aber, bei dem ich eine
-Zuflucht gefunden hatte, untersagten sie aufs strengste, mich weiterhin bei
-sich zu behalten, falls er nicht ebenfalls der Strafe der Exkommunikation
-verfallen wolle. Dieser Bescheid erfüllte den Prior und mich mit großer
-Besorgnis. Da starb zum Glück mein Abt wenige Tage, nachdem er mit dieser
-Drohung in sein Kloster zurückgekehrt war.
-
-Als sein Nachfolger eingesetzt war, ging ich mit dem Bischof von Meaux zu
-ihm und bat ihn, er möchte mir die Bitte gewähren, die ich schon an seinen
-Vorgänger gerichtet habe. Als auch er zuerst nicht recht auf die Sache
-eingehen wollte, gewann ich durch Vermittlung einiger Freunde den König und
-seinen Rat für mein Anliegen und erreichte so meinen Zweck. Der damalige
-Seneschall des Königs, Stephanus, nahm den Abt und dessen Vertraute
-beiseite und stellte ihnen vor, warum sie mich gegen meinen Willen
-zurückhalten wollten; sie könnten sich dadurch leicht in ärgerliche Händel
-verwickeln und hätten jedenfalls wenig Nutzen davon, da meine Lebensweise
-und die ihrige nun einmal nicht zusammenpasse. Ich wußte aber, daß man im
-königlichen Rat dem Kloster absichtlich manche Unregelmäßigkeit hingehen
-ließ, um es dafür dem König desto gefügiger zu erhalten und es für
-weltliche Zwecke ausbeuten zu können. Darum glaubte ich auch, die
-Zustimmung des Königs und seiner Räte für mein Vorhaben erlangen zu können.
-Und wirklich, es gelang mir.
-
-Damit aber unser Kloster des Ruhmes, den es an meiner Person hatte, nicht
-verlustig gehe, sollte ich mich zwar zurückziehen dürfen, wohin ich wollte,
-aber unter der Bedingung, daß ich nicht in ein anderes Kloster eintrete.
-Dies wurde in Gegenwart des Königs und seiner Räte von beiden Seiten
-gutgeheißen und bekräftigt. So begab ich mich in eine einsame Gegend im
-Gebiet von Troyes, die mir von früher bekannt war. Dort wurde mir von
-einigen Leuten ein Stück Land zur Verfügung gestellt, und mit Genehmigung
-des Bischofs erbaute ich daselbst nur aus Binsen und Stroh eine Kapelle zu
-Ehren der heiligen Dreifaltigkeit. In dieser Einsamkeit, mit einem
-befreundeten Kleriker lebend, konnte ich allen Ernstes dem Herrn das Lied
-singen: »Siehe, ich habe mich ferne weggemacht und bin in der Wüste
-geblieben.«
-
-Bald kam die Kunde von meinem neuen Aufenthalt zu meinen Schülern. Und nun
-belebte sich meine Einsamkeit. Sie verließen die Städte und festen Plätze
-und ihre behaglichen Wohnungen, um sich hier elende Hütten zu bauen; ihre
-ausgesuchten Mahlzeiten vertauschten sie mit der dürftigen Nahrung, die in
-Kräutern und trockenem Brot bestand; statt weicher Betten gab es hier nur
-ein Lager aus Binsen oder Stroh und die Tische mußten durch Rasenbänke
-ersetzt werden. Man hätte wirklich glauben können, sie wollen die alten
-Philosophen nachahmen, deren Lebensweise dem heiligen Hieronymus im zweiten
-Buch seiner Schrift »Gegen Jovinianus« zu folgender Betrachtung Anlaß
-giebt: »Durch unsere Sinne dringen die Laster wie durch eine Art Fenster
-ins Herz ein. Die Stadt und Festung der Vernunft kann nicht genommen
-werden, wenn das feindliche Heer nicht durch die Thore eindringt. Wenn
-jemand seine Lust hat an Cirkusspielen, an Ringkämpfen, an Gauklerkünsten,
-an üppigen Frauen, an prächtigem Geschmeide, an Kleiderputz und dergleichen
-Dingen, dessen Seele hat ihre Freiheit durch die Fenster der Augen verloren
-und von ihm gilt das Wort des Propheten: 'Der Tod ist hereingekommen durch
-unsere Fenster.' Wenn nun die Anfechtungen dieser Welt wie ein feindlicher
-Keil durch solche Thore in die Burg unsres Herzens eingedrungen sind -- wo
-wird dann unsre Freiheit bleiben, wo unsre Tapferkeit, wo der Gedanke an
-Gott? Zumal das einmal geweckte Herz auch die vergangenen Freuden mit neuen
-Farben sich ausmalt, mit der Erinnerung an einstige Leidenschaften neue
-Schmerzen in der Seele weckt und sie gewissermaßen etwas, was in
-Wirklichkeit nicht mehr besteht, noch einmal durchzumachen nötigt. Aus
-diesen Gründen haben viele Philosophen die volksbelebten Städte und die
-städtischen Lustgärten verlassen, wo das bewässerte Land, das Grün der
-Bäume, das Zwitschern der Vögel, die krystallklare Quelle, der murmelnde
-Bach und so manches andre Aug' und Ohr bezauberte; sie wichen der Üppigkeit
-und der Überfülle, die sich ihnen darbot, aus, damit die Kraft ihrer Seele
-nicht erschlaffe und ihre Keuschheit nicht befleckt werde. Und in der That:
-der öftere Anblick dessen, was uns berücken könnte, kann ja nur schädlich
-wirken, und warum sollte man einen Genuß kennen lernen wollen, auf den man
-nachher nur mit Schmerzen wieder verzichten kann?«
-
-Auch die Schüler des Pythagoras gingen dem Treiben der Welt aus dem Wege
-und wohnten in der Einsamkeit und in der Wüste. Selbst Plato, der mit den
-Gütern dieser Welt gesegnet war und welchem Diogenes einmal sein Ruhebett
-mit schmutzigen Schuhen bearbeitete, selbst er wählte, um ganz Philosoph
-sein zu können, einen Ort auf dem Lande, fern von der Stadt, nicht bloß in
-abgelegener, sondern auch in ungesunder Gegend: durch die beständige
-Besorgnis vor Krankheiten sollten die Begierden erstickt werden, und seine
-Schüler sollten keinen anderen Genuß kennen, als den des Studiums. Eine
-ähnliche Lebensweise sollen auch die Jünger des Propheten Elisa geführt
-haben. Hieronymus stellt sie als die Mönche jener Zeit dar und schreibt
-über sie dem Mönche Rusticus unter anderem folgendes: »Die
-Prophetenschüler, von denen das Alte Testament wie von Mönchen redet,
-bauten sich an den Ufern des Jordan kleine Hütten, verließen die
-Gesellschaft und die Stätten der Menschen und lebten von Mais und Kräutern
-des Feldes.«
-
-In dieser Weise bauten sich auch meine Schüler ihre Hütten am Ufer des
-Flusses Arduzon, und man meinte eher Einsiedler vor sich zu haben als
-Jünger der Wissenschaft. Je größer aber der Zulauf von Schülern wurde und
-je härter die Lebensweise war, die sie meinem Unterricht zuliebe auf sich
-nahmen, desto ängstlicher sahen meine Nebenbuhler meinen Ruhm wachsen und
-ihr eigenes Ansehen sinken. Zu ihrem großen Leidwesen mußten sie es
-erleben, daß alles Böse, das sie mir zugedacht, zu meinem Vorteil
-ausschlug, und obwohl ich nach dem Wort des Hieronymus fern von dem Treiben
-der Städte und Märkte, fern von den Händeln der Welt lebte -- dennoch fand
-mich, wie Quintilian sagt, selbst in der Verborgenheit der Neid. Seufzend
-und klagend sprachen jene zu sich selbst: »Siehe, die ganze Welt läuft ihm
-nach; nichts haben wir ausgerichtet mit unseren Verfolgungen, ja, wir haben
-seinen Ruhm nur noch größer gemacht. Wir gedachten, die Leuchte seines
-Namens zu verlöschen, und wir haben sie nur heller angefacht. In den
-Städten haben die Schüler alles zur Hand, was sie brauchen, aber auf alle
-Genüsse menschlicher Kultur verzichtend, strömen sie hinaus in die
-unwirtliche Einöde und setzen sich freiwillig dem Mangel aus.«
-
-Zu jener Zeit nötigte mich meine drückende Armut, eine regelrechte Schule
-einzurichten; denn graben mochte ich nicht und schämte mich zu betteln. An
-Stelle der Handarbeit nahm ich darum, zu meiner eigentlichen Kunst
-zurückkehrend, die Arbeit des Geistes wieder auf. Gern reichten mir meine
-Schüler dar, was ich an Nahrung und Kleidung brauchte, sie nahmen mir auch
-die Bestellung des Feldes und die Errichtung notwendiger Baulichkeiten ab,
-damit ich durch keine wirtschaftliche Sorge von der Wissenschaft abgezogen
-würde. Da unsere Kapelle nur den kleinsten Teil der Anwesenden fassen
-konnte, so vergrößerten sie dieselbe und verwandten zu dem Umbau nunmehr
-ein besseres Material, nämlich Stein und Holz. Ich hatte die Kapelle einst
-im Namen der heiligen Dreifaltigkeit gegründet und sie ihr geweiht. Nun
-aber gab ich ihr den Namen »Paraklet« (Tröster),[3] in dankbarer Erinnerung
-an die Wohlthat, die mir einst hier zu teil geworden war: denn an diesem
-Ort hatte ich, ein schon verzweifelnder Flüchtling, die Gnade des
-göttlichen Trostes gefunden, hier hatte ich zuerst wieder aufatmen dürfen.
-Viele Leute erstaunten nicht wenig über diesen Namen; ja einige griffen
-mich deshalb heftig an und behaupteten, nach altem Herkommen könne man eine
-Kirche nicht dem heiligen Geist im besonderen weihen, so wenig als Gott dem
-Vater allein; sondern nur entweder dem Sohn allein oder der ganzen
-Dreieinigkeit zusammen. Zu diesem Angriff ließen sie sich jedenfalls
-dadurch verführen, daß sie zwischen den Begriffen »Paraklet« und »Geist
-Paraklet« keinen Unterschied machten. In Wirklichkeit kann ja der Trinität
-und jeder einzelnen Person der Trinität mit dem gleichen Recht, wie sie
-Gott oder Helfer genannt wird, auch der Name Paraklet, d. h. Tröster,
-beigelegt werden -- nach dem Wort des Apostels: »Gelobet sei Gott und der
-Vater unsres Herrn Jesu Christi, der Vater der Barmherzigkeit und Gott
-alles Trostes, der uns tröstet in aller unsrer Trübsal« -- und auch nach
-dem Wort, das die Wahrheit spricht: »Und er soll euch einen andern Tröster
-geben.« -- Da doch jede Kirche im Namen des Vaters und des Sohnes und des
-heiligen Geistes geweiht wird und sie alle drei an dem Besitz gleichen
-Anteil haben -- warum soll man denn nicht auch einmal ein Gotteshaus Gott
-dem Vater oder dem heiligen Geist im besondern zueignen dürfen, so gut wie
-dem Sohne? Wer wollte sich erlauben, den Namen dessen, dem das Haus gehört,
-über dem Eingang zu tilgen? Oder wenn der Sohn sich dem Vater zum Opfer
-darbringt und demgemäß bei der Messe die Gebete an Gott den Vater besonders
-gerichtet werden, wie auch er es ist, dem das Opfer gebracht wird: sollte
-da nicht der Altar ganz im besonderen ihm zu eigen sein, dem doch Gebet wie
-Opfer gilt? Ist der Altar nicht mit größerem Rechte dem zuzusprechen,
-welchem geopfert wird als dem, der geopfert wird? Oder wollte jemand
-behaupten, daß dem Kreuz oder Grab des Erlösers, oder dem heiligen Michael,
-Johannes, Petrus oder sonst einem Heiligen ein Altar zukomme, da doch weder
-sie selbst mit einem Opfer irgend etwas zu thun haben, noch auch Gebete an
-sie gerichtet werden? Auch bei den Heiden wurden nur denjenigen Wesen
-Altäre oder Tempel zugeeignet, denen man Opfer und göttliche Ehren
-darbringen wollte. Aber vielleicht möchte jemand glauben, es sei deshalb
-nicht zulässig, Gott dem Vater Kirchen oder Altäre zu weihen, weil es kein
-Fest in der Kirche gebe, das zu seiner besonderen Feier eingesetzt wäre.
-Dieser Grund mag zwar gegen die Trinität angeführt werden, allein in
-betreff des heiligen Geistes gilt er nicht, denn dieser hat zum Gedächtnis
-an sein Herabkommen ein eigenes Fest, nämlich Pfingsten, so gut wie der
-Sohn das Fest seiner Geburt hat. Denn wie einstens der Sohn in die Welt
-gesandt wurde, so kam der heilige Geist auf die Jünger und hat zum Andenken
-daran mit Recht sein eigenes Fest. Ja, wenn wir die Meinung der Apostel und
-die Wirksamkeit des heiligen Geistes genauer ins Auge fassen, so muß es uns
-natürlicher erscheinen, ihm einen Tempel zu weihen als irgend einer der
-andern göttlichen Personen. Denn keiner der letzteren schreibt der Apostel
-ausdrücklich einen geistigen Tempel zu, wie dem heiligen Geist. Denn er
-spricht nicht von einem Tempel des Vaters oder des Sohnes, wohl aber von
-einem solchen des heiligen Geistes, wenn er im ersten Korintherbrief sagt:
-»Wer dem Herrn anhängt, der ist ein Geist mit ihm« und ferner: »Oder wisset
-ihr nicht, daß euer Leib ein Tempel des heiligen Geistes ist, der in euch
-ist, welchen ihr habt von Gott und seid nicht euer selbst.« Und wer wollte
-verkennen, daß die Wohlthat der heiligen Sakramente, welche in der Kirche
-verwaltet werden, ganz ausdrücklich der Wirkung der göttlichen Gnade d. h.
-des heiligen Geistes zugeschrieben werden? Aus Wasser und aus Geist werden
-wir ja in der Taufe wiedergeboren, und erst dadurch wird aus uns ein
-eigentlicher Tempel Gottes. Und zum vollständigen Ausbau dieses Tempels
-wird uns in siebenfacher Gnadengabe der heilige Geist zu teil, und so
-erhält der Tempel Gottes seinen Schmuck und seine Weihe. Was hat es also
-auf sich, wenn wir dem einen sichtbaren Tempel weihen, welchem der Apostel
-einen geistigen zuteilt? Oder welcher Person der Dreieinigkeit könnte man
-mit größerem Recht eine Kirche zueignen, als derjenigen, welcher alle
-Gnadenwirkungen, die die Kirche vermittelt, vor anderen zugeschrieben
-werden? -- Wenn ich übrigens meiner Kapelle den Namen »Paraklet« beilegte,
-so wollte ich sie damit nicht einer der drei göttlichen Personen geweiht
-haben. Ich habe schon oben gesagt, warum ich sie so genannt habe: nämlich
-zur Erinnerung an den Trost, den ich hier gefunden. Im übrigen -- auch wenn
-ich das Gotteshaus in jenem anderen Sinn so genannt hätte, wäre dies nicht
-gegen die Vernunft, sondern nur gegen das gewöhnliche Herkommen gewesen.
-
-[Fußnote 3: Nach Joh. XIV., 16. 17. 26.]
-
-Dieses Asyl gewährte zwar meiner Person den Schutz der Verborgenheit, aber
-Gerüchte über mich durchliefen gerade damals die ganze Welt und ließen sich
-allerorten hören nach Art jenes Fabelwesens, Echo genannt, das viel Lärm
-macht und doch ein wesenloses Ding ist. Meine alten Feinde, ihren eigenen
-Anstrengungen keinen Erfolg mehr zutrauend, erweckten nun zwei neue Apostel
-gegen mich, denen die Welt großen Glauben schenkte. Der eine von ihnen
-rühmte sich, dem Leben der regulierten Chorherren, der andere, dem der
-Mönche einen neuen Aufschwung gegeben zu haben. Diese Menschen liefen
-predigend in der Welt herum, verketzerten mich mit der Unverfrorenheit, die
-ihnen eigen war, und machten mich, wenigstens für den Augenblick, bei
-weltlichen und geistlichen Obrigkeiten verächtlich. Ja, sie sprengten über
-meinen Glauben und über mein Leben so abenteuerliche Gerüchte aus, daß
-selbst achtungswerte Freunde sich von mir abwandten und auch diejenigen,
-welche mir ihre Freundschaft bis auf einen gewissen Grad erhielten, doch
-aus Furcht vor jenen nicht den Mut hatten, dieselbe irgendwie zu bekennen.
-Gott ist mein Zeuge: so oft ich vernahm, daß eine Versammlung von Männern
-der Kirche im Werk sei, fürchtete ich schon, es geschehe zum Zweck meiner
-Verurteilung. Wie einer, der jeden Augenblick fürchten muß, vom Blitz
-getroffen zu werden, so wartete ich in dumpfer Angst darauf, daß ich als
-Ketzer und räudiges Schaf vor ihre Versammlungen und Schulen geschleppt
-würde. Und in der That -- wenn man den Floh mit dem Löwen, die Ameise mit
-dem Elefanten vergleichen darf -- ich wurde damals von meinen Gegnern mit
-derselben unbarmherzigen Wut verfolgt, wie einst der heilige Athanasius von
-den Ketzern. Ja oftmals -- Gott weiß es -- kam ich in meiner Verzweiflung
-auf den Gedanken, das Gebiet der Christenheit überhaupt zu verlassen und
-mich zu den Heiden zu wenden, um bei den Feinden Christi in Ruhe christlich
-zu leben, unter welcher Bedingung es auch sei. Ich sagte mir, sie werden um
-so eher geneigt sein, mich bei sich aufzunehmen, als mein Christentum ihnen
-wegen der Verfolgungen, die ich von Christen erlitt, verdächtig erscheinen
-mußte; vielleicht würden sie aus demselben Grund auch meinen, sie könnten
-mich zu ihrer Religion bekehren.
-
-Während ich nun unausgesetzt von solchen Seelenängsten gequält wurde, so
-daß ich als letztes Mittel bereits den Gedanken gefaßt hatte, bei den
-Feinden Christi eine Zuflucht zu Christus zu suchen: schien sich mir ein
-Ausweg aus diesen Nöten zu eröffnen, der mich jedoch in Wirklichkeit nur in
-die Hände von Christen und dazu noch Mönchen führte, die unbändiger und
-schlechter waren als die Heiden.
-
-In der Bretagne, im Bistum Vannes, lag ein Kloster des St. Gildas von Ruys.
-Dieses war durch den Tod seines Abtes verwaist, und die einstimmige Wahl
-der Mönche rief mich mit Genehmigung des Landesfürsten an diese Stelle,
-womit auch mein Abt und sein Konvent zufrieden waren. So trieb mich die
-Feindschaft der Franken nach dem Westen, wie einst den Hieronymus die der
-Römer nach dem Osten. Denn niemals wäre ich, bei Gott, auf jenen Vorschlag
-eingegangen, wenn ich nicht gehofft hätte, so den fortwährenden
-Anfeindungen, die ich zu leiden hatte, einigermaßen aus dem Wege zu gehen.
-Das Land war mir fremd, die Landessprache mir unbekannt, die Lebensweise
-der dortigen Mönche wegen ihrer Unordentlichkeit und Zuchtlosigkeit weithin
-berüchtigt, die übrige Bevölkerung roh und unkultiviert. Wie einer, um dem
-drohenden Todesstreich zu entgehen, in seiner Angst sich in den Abgrund
-stürzt und so eine Todesart mit der andern vertauscht, nur um eine Sekunde
-Frist zu gewinnen: so habe ich mich aus einer Gefahr wissentlich in eine
-andere begeben. Dort wo des Oceans donnernde Wogen am Ufer sich brachen, am
-Ende der Erde, darüber hinaus es keine Flucht mehr gab, da hab ich, ach,
-wie oft jenes Gebet wiederholt: »Von den Enden der Erde habe ich zu dir
-geschrieen, da meine Seele in Ängsten war.« Ich glaube, es ist niemand
-verborgen geblieben, wie mich jene zuchtlose Herde von Mönchen, über die
-ich gesetzt war, Tag und Nacht quälte und ängstete und mich mit allen
-Gefahren des Leibes und der Seele vertraut machte. Es stand mir zweifellos
-fest, daß ich mein Leben verwirkt habe, wenn ich sie zu dem kanonischen
-Leben, dem sie sich doch geweiht hatten, zu zwingen versuchen würde,
-andererseits war ich zu verdammen, wenn ich in dieser Hinsicht nicht alles
-that was in meinen Kräften stand. Die Abtei selber hatte der in seiner
-Macht unbeschränkte Landesfürst, indem er sich die ungeordneten
-Verhältnisse des Klosters zu nutze machte, so sehr unter seine Botmäßigkeit
-gebracht, daß er sich die Nutzniesung des gesamten Klostergebietes
-angeeignet und den Mönchen schwerere Abgaben auferlegt hatte, als selbst
-die steuerpflichtigen Juden zu entrichten haben.
-
-Die Mönche lagen mir fortwährend mit ihren täglichen Bedürfnissen in den
-Ohren. Ein Gemeinschaftsbesitz, aus dem man diese Bedürfnisse hätte
-befriedigen können, war nicht vorhanden, und so unterhielt jeder von seinem
-beigebrachten Eigentum sich und seine Konkubine mit Söhnen und Töchtern. Es
-war ihnen ein Vergnügen, mir Verlegenheiten zu bereiten, ja, sie scheuten
-sich selbst nicht davor, zu stehlen und an sich zu nehmen was sie konnten,
-damit ich mit der Verwaltung nicht zurechtkäme und so gezwungen wäre, bei
-der Ausübung der Disciplin ein Auge zuzudrücken, oder ganz von derselben
-abzusehen. Da aber das ganze Land in seiner Barbarei in der gleichen
-Gesetz- und Zuchtlosigkeit steckte, so konnte ich mich an niemand um Hilfe
-wenden; allen stand ich gleich fremd gegenüber. Draußen waren es der Fürst
-und seine Gefolgschaft, die mich fortwährend bedrängten, drinnen wurde ich
-unaufhörlich von den Brüdern angefeindet. Das Wort des Apostels: »Draußen
-Streit, drinnen Furcht« schien geradezu für mich geschrieben zu sein. Oft
-quälte ich mich mit dem Gedanken, wie nutzlos und elend mein Leben
-dahingehe, wie weder ich noch sonst jemand etwas davon habe. Früher hatte
-ich doch unter meinen Schülern eine große Wirksamkeit geübt, jetzt, nachdem
-ich sie verlassen hatte und zu den Mönchen gegangen war, war ich weder für
-diese noch für jene von irgend welchem Nutzen. Fruchtlos und ohne Wert war
-alles, was ich jetzt begann und versuchte und man konnte mir mit Recht den
-Vorwurf machen: »Dieser Mensch hob an zu bauen und kann es nicht
-hinausführen.« Der Gedanke an das, was ich verlassen und was ich dafür
-eingetauscht hatte, brachte mich zur Verzweiflung. Meine früheren
-Mißgeschicke achtete ich für nichts im Vergleich mit der traurigen
-Gegenwart, und seufzend mußte ich mir oftmals selber sagen: »Ich leide nur,
-was ich verdient habe; den Parakleten, das ist den Tröster, habe ich
-verlassen und habe mich der sicheren Trostlosigkeit ausgeliefert; Drohungen
-fürchtete ich und in offenbare Gefahren habe ich mich hineingestürzt.« Das
-aber war mein größter Schmerz, daß in der verlassenen Kapelle jede
-gottesdienstliche Feier unterbleiben mußte, da die Dürftigkeit jener Gegend
-kaum für die Bedürfnisse eines Menschen genügte. Allein der wahre Tröster
-selbst senkte in mein trostloses Herz den echten Trost und sorgte für sein
-eigenes Haus, wie es sich ziemte.
-
-Es begab sich nämlich, daß der Abt von St. Denis auf jenes Kloster
-Argenteuil Ansprüche erhob, in welchem Heloise, jetzt vielmehr meine
-Schwester in Christo als meine Gattin, einst den Schleier genommen hatte.
-Nachdem er es unter dem Vorwand, daß es von alters her unter die
-Gerichtsbarkeit von St. Denis gehört habe, an sich gebracht hatte, vertrieb
-er mit Gewalt den ganzen Konvent der Nonnen, deren Äbtissin meine Freundin
-gewesen war. Während diese sich nun heimatlos in alle Winde zerstreuten,
-kam mir der Gedanke, daß der Herr selbst mir hier eine Gelegenheit biete,
-für mein Oratorium zu sorgen. Ich kehrte nun dorthin zurück und lud Heloise
-mit den wenigen Nonnen aus ihrer Kongregation, die bei ihr geblieben waren,
-ein, nach dem Paraklet zu kommen. Hierauf setzte ich sie in den Besitz des
-Oratoriums mit allem, was dazu gehörte. Und diese Schenkung wurde, dank der
-Zustimmung und Verwendung des Landesbischof, von Papst Innocenz II. ihnen
-und ihren Nachfolgerinnen durch ein Privilegium für alle Zeiten bestätigt.
-
-Anfangs zwar führten die Frauen dort ein dürftiges Leben und manchmal
-wollten sie den Mut verlieren; allein Gott, dem sie in Frömmigkeit dienten,
-sah barmherzig ihr Elend an und tröstete sie in kurzem; auch ihnen zeigte
-er sich als der wahre Paraklet und wandte die Herzen der benachbarten
-Bevölkerung zur Barmherzigkeit und Mildthätigkeit. Und nach Verfluß eines
-Jahres -- Gott mag es bezeugen -- waren sie an irdischem Besitz reicher als
-ich es geworden wäre, wenn ich hundert Jahre dort gelebt hätte. Denn eben
-weil das weibliche Geschlecht das schwächere ist, regt seine hilflose Lage
-das menschliche Mitgefühl an, und die Tugend der Frauen ist vor Gott und
-Menschen um so angenehmer. Gott aber ließ unsere geliebte Schwester, die
-den anderen vorstand, in aller Augen so viel Gnade finden, daß sie von den
-Bischöfen wie eine Tochter, von den Äbten wie eine Schwester, von den Laien
-wie eine Mutter geliebt wurde, und alles rühmte gleicherweise ihre
-Frömmigkeit, Klugheit und unvergleichliche Sanftmut und Geduld, die sie bei
-jeder Gelegenheit bewahrte. Selten ließ sie sich in der Öffentlichkeit
-sehen, um bei geschlossener Thür ungestört dem Gebet und frommer
-Betrachtung zu leben. Um so begieriger suchten Leute, die in der Welt
-lebten, die Gelegenheit auf, sie zu sehen und ihre erbaulichen Reden zu
-genießen.
-
-Die Nachbarn des Klosters machten mir lebhafte Vorwürfe, daß ich für die
-Bedürfnisse der Nonnen nicht in dem Grade besorgt sei, wie ich könnte und
-müßte, da ich doch in meiner Predigt ein leichtes Mittel dazu habe; daher
-besuchte ich sie öfters, um ihnen so viel wie möglich behilflich zu sein.
-Allein auch so entging ich nicht mißgünstigem Gerede und dem, was die
-reinste Liebe mich zu thun drängte, legte die Schlechtigkeit meiner Neider
-die gemeinsten Beweggründe unter; ich sei eben noch immer im Banne
-sinnlichen Verlangens und könne den Verlust der einstigen Geliebten schwer
-oder überhaupt nicht verschmerzen. Oft mußte ich da an die Klage des
-heiligen Hieronymus denken, die er in dem Brief an Asella über falsche
-Freunde erhebt: »Nichts macht man mir zum Vorwurf als mein Geschlecht und
-auch das nur, seitdem Paula mit mir nach Jerusalem gegangen ist.« Ferner
-sagte er: »Ehe ich in das Haus der frommen Paula kam, war nur eine Stimme
-des Lobes über mich in der ganzen Stadt; ja, ich war nach dem Urteil aller
-würdig, das Amt des höchsten Priesters in der Kirche zu bekleiden. Aber ich
-gedenke trotz guten und schlechten Geredes durchzudringen zum Himmelreich.«
-Indem ich mir die Ungerechtigkeit und Verleumdung vorstellte, unter der
-selbst ein solcher Mann zu leiden hatte, schöpfte ich daraus einen nicht
-geringen Trost. Ich sagte mir: Wie würde ich schlecht gemacht werden, wenn
-meine Feinde einen derartigen Verdachtsgrund bei mir ausfindig machen
-könnten! Nun aber, da Gottes Barmherzigkeit mich von der Möglichkeit
-solchen Verdachtes befreit hat und mir die Fähigkeit in dieser Hinsicht
-mich zu vergehen geradezu benommen ist, wie kommt es, daß die Stimme der
-Verleumdung trotzdem nicht schweigt? Was sollte diese neueste freche
-Beschuldigung heißen? Der Zustand, in dem ich mich befinde, beseitigt ja
-doch sonst insgemein jeglichen Argwohn derartiger Ausschreitungen so
-gründlich, daß wer Frauen in sicherer Aufsicht wissen will, Eunuchen zu
-diesem Zweck anstellt: so berichtet die heilige Geschichte von Esther und
-von den anderen Frauen des Ahasverus. Wir lesen auch von jenem vornehmen
-Schatzmeister der Königin von Candace, daß er ein Eunuch gewesen, zu dessen
-Bekehrung und Taufe der Apostel Philippus vom Engel des Herrn angewiesen
-wurde.
-
-Solche Männer standen bei ehrbaren unbescholtenen Frauen von jeher in hohem
-Ansehen und genossen ihr besonderes Vertrauen, eben weil der Verkehr mit
-ihnen jeden Verdacht unmöglich machte. Von Origenes, dem größten aller
-christlichen Philosophen, erzählt die »Kirchengeschichte« im sechsten Buch,
-er habe selbst Hand an sich gelegt, um bei dem Unterricht der Frauen, dem
-er sich widmete, von jeder Verdächtigung verschont zu bleiben. Dabei mußte
-ich mir sagen, daß es die göttliche Barmherzigkeit mit mir noch besser
-gemeint habe als mit jenem. Denn bei Origenes kann man der Ansicht sein,
-daß er im Übereifer gehandelt und so ein schweres Verbrechen an sich selbst
-verübt habe. Mich dagegen ließ Gott, um mich in ähnlicher Weise wie jenen
-freizumachen, durch fremde Schuld dasselbe erleben; auch die Schmerzen
-waren bei mir geringer, da mein Geschick mich so rasch und plötzlich
-ereilte; wurde ich doch im Schlaf überfallen, so daß ich fast nichts von
-Schmerz empfand, als man Hand an mich legte. Aber wenn damals mein
-körperlicher Schmerz verhältnismäßig gering war, so leide ich jetzt um so
-mehr unter der Verleumdung und der Verlust meines Ruhmes quält mich mehr
-als der Schaden an meinem Körper. Denn so steht geschrieben: »Ein guter
-Name ist besser als große Schätze Goldes« -- und der heilige Augustin sagt
-in einer Predigt über Leben und Sitten des Geistlichen: »Wer im Vertrauen
-auf sein gutes Gewissen keine Rücksicht auf seinen Ruf nimmt, der ist
-grausam gegen sich selbst.« Und weiter oben: »Wir wollen nicht nur vor
-Gott, sondern auch vor den Menschen rechtschaffen dastehen. Für uns genügt
-das Zeugnis unseres Gewissens; aber der andern wegen darf unser guter Name
-nicht befleckt werden, sondern muß fleckenlos bleiben. Gewissen und Ruf
-sind zweierlei Dinge: an das eine magst du dich halten, an das andere hält
-sich dein Nächster.«
-
-Aber würden jene Leute mit ihren bösen Zungen selbst Christum oder seine
-Glieder, die Propheten und Apostel oder sonst die heiligen Väter, verschont
-haben, wenn sie in jener Zeit gelebt hätten? besonders wenn sie gesehen
-hätten, wie diese Männer bei unversehrtem Körper gerade mit Frauen im
-vertrautesten Umgang standen. Auch der heilige Augustin zeigt in seinem
-Buch »Vom Werk der Mönche«, wie eben die Frauen die unzertrennlichen
-Begleiterinnen Christi und der Apostel gewesen, und daß sie ihnen überall
-folgten, wo sie predigend umherwanderten. »In ihrem Gefolge« -- sagte er --
-»befanden sich gläubige Frauen, die mit den Gütern dieser Welt gesegnet
-waren, und ihnen von ihrem Überfluß Handreichung thaten, damit sie an dem,
-was zum Unterhalt des Lebens nötig ist, keinen Mangel litten.« Und wer es
-etwa nicht glauben wollte, daß die Apostel sich die Begleitung von frommen
-Frauen auf ihren Wanderungen haben gefallen lassen, der mag aus dem
-Evangelium selbst ersehen, wie sie hierin dem Beispiel des Herrn selber
-folgten. Es steht nämlich im Evangelium zu lesen: »Und es begab sich
-danach, daß er reisete durch die Städte und Märkte und predigte und
-verkündigte das Evangelium vom Reich Gottes und die Zwölfe mit ihm. Dazu
-etliche Weiber, die er gesund hatte gemacht von den bösen Geistern und
-Krankheiten, nämlich Maria, die da Magdalena heißet, von welcher waren
-sieben Teufel ausgefahren, und Johanna, das Weib Chusa, des Pflegers
-Herodis, und Susanna und viel andere, die ihnen Handreichung thaten von
-ihrer Habe.« Auch Leo IX. sagt in seiner Erwiderung auf den Brief des
-Parmenianus »Über das Klosterleben«: »Wir halten durchaus daran fest, daß
-kein Bischof, Presbyter, Diakon oder Subdiakon unter dem Vorwande der
-Religion sich der Fürsorge für seine Ehefrau entschlagen darf; und zwar
-verstehen wir dies so, daß er sie mit Nahrung und Kleidung versorgen, nicht
-aber geschlechtlichen Umgang mit ihr haben soll.« So haben es auch die
-heiligen Apostel gehalten, wie denn Paulus sagt: »Haben wir nicht auch
-Macht, eine Schwester als Weib mit umherzuführen, wie die Brüder des Herrn
-und Kephas?« Thorheit wäre es zu behaupten, er habe gesagt: »Haben wir
-nicht auch Macht mit einer Schwester in der Ehe zu leben?« Vielmehr heißt
-es 'sie mit herumzuführen'. Sie sollten also diese Frauen von dem Ertrag
-ihrer Predigt unterhalten, ohne doch durch das Band ehelichen Verkehrs
-vereinigt zu sein.
-
-Jener Pharisäer, welcher von dem Herrn im stillen sagte: »Wenn dieser ein
-Prophet wäre, so wüßte er, wer und welch ein Weib das ist, die ihn
-anrühret, denn sie ist eine Sünderin« -- dieser Pharisäer konnte nach
-menschlichem Urteil viel eher dazu kommen, über Jesus einen schlimmen
-Verdacht zu fassen, als meine Gegner mir gegenüber Anlaß dazu hatten. Oder
-wer an die Mutter des Herrn denkt, die dem Jüngling anvertraut wird, und an
-die Propheten, die so vielfach bei Witwen zu Gaste waren und mit ihnen
-verkehrten, könnte ja am Ende darin noch viel eher etwas Verdächtiges
-sehen.
-
-Ja, was hätten meine Neider erst gesagt, wenn sie jenen gefangenen Mönch
-Malchus, von welchem Hieronymus erzählt, mit seinem Weib unter einem Dach
-hätten leben sehen. Was hätten sie für ein Geschrei erhoben über eine
-Sache, von welcher der große Kirchenlehrer mit großer Anerkennung spricht.
-Nachdem er persönlich sich davon überzeugt hatte, läßt er sich
-folgendermaßen darüber aus: »Es war da ein hochbetagter Mann, Namens
-Malchus, in der dortigen Gegend selbst geboren. Eine alte Frau teilte mit
-ihm seine Wohnung. Beide waren voll religiösen Eifers und wichen nicht von
-der Schwelle der Kirche; man hätte sie für Zacharias und Elisabeth im
-Evangelium halten können, nur daß ein Johannes fehlte.« Warum, frage ich,
-verleumden jene nicht auch die heiligen Väter, von denen wir so häufig
-lesen oder auch mit eigenen Augen sehen, daß sie Frauenklöster einrichten
-und sich in den Dienst derselben stellen -- nach dem Beispiel jener sieben
-ersten Diakonen, welche von den Aposteln an deren eigener Stelle eingesetzt
-wurden, um für die leiblichen Bedürfnisse der Frauen zu sorgen. Das
-schwächere Geschlecht ist auf die Hilfe des stärkeren angewiesen. Darum
-verordnet auch der Apostel, daß der Mann stets des Weibes Haupt sein solle;
-und des zum Zeichen sollen die Frauen ihr Haupt verhüllt tragen.
-
-Darum bin ich auch nicht wenig erstaunt, daß in den Klöstern diese alten
-Bräuche längst vergessen sind, sofern man jetzt Äbtissinnen über die Nonnen
-setzt, wie man für die Mönche Äbte hat und daß beide, Nonnen wie Mönche,
-auf ein und dieselbe Regel verpflichtet werden, während diese doch manches
-enthält, was von Frauen niemals eingehalten werden kann, von den
-Vorgesetzten so wenig wie von den Untergebenen. Vielfach kann man ja sogar
-die Beobachtung machen, daß das natürliche Verhältnis sich umgekehrt hat
-und Äbtissinnen und Nonnen über die Kleriker herrschen, von denen das Volk
-abhängig ist. Je unumschränkter ein solches Weiberregiment ist, desto
-leichter bietet sich die Gelegenheit, in den Männern unerlaubte Gelüste zu
-wecken und sie unter einem drückenden Joch zu halten. Darum sagt auch ein
-satirischer Dichter mit Recht: »Unerträglicher nichts, als Macht in den
-Händen des Weibes.«
-
-Nachdem ich mich mit solchen Gedanken des öftern beschäftigt hatte, war ich
-zu dem Entschluß gekommen, für die Schwestern im Paraklet nach Möglichkeit
-zu sorgen und mich ihrer anzunehmen; auch, da ihre Verehrung für mich groß
-war, durch persönliche Anwesenheit bei ihnen aufmunternd zu wirken, und auf
-diese Weise ihren Bedürfnissen mehr Rechnung zu tragen. Gerade damals hatte
-ich häufiger und heftiger unter der Verfolgung meiner eigenen Söhne zu
-leiden als in früheren Zeiten unter derjenigen meiner Brüder; und so
-flüchtete ich mich aus der Drangsal dieses Sturmes zu den Schwestern wie in
-einen stillen Hafen, um dort ein wenig Atem zu schöpfen. Bei jenen Frauen
-gedachte ich einigermaßen im Segen zu wirken, der ich an den Mönchen keine
-Frucht erlebt hatte. Und je notwendiger meine Wirksamkeit ihrer Schwachheit
-war, desto segensreicher sollte sie für mich selber werden. Aber der Satan
-hat mir nicht vergönnt, irgendwo zur Ruhe zu kommen und ein
-menschenwürdiges Dasein zu führen; sondern der Fluch des Kain lastete auf
-mir: unstet und flüchtig umherzuirren von Ort zu Ort. Ich bin der Mann, den
--- wie ich schon sagte -- »draußen Streit, drinnen Furcht« unablässig
-quälen, ja, vielmehr beides zugleich innen und außen Streit und Furcht.
-
-Die Angriffe, die ich von meinen Söhnen zu erleiden habe, sind viel
-gefährlicher und viel zahlreicher als die meiner Feinde. Denn mit meinen
-Söhnen muß ich fortwährend leben, und habe mich unausgesetzt ihrer
-Nachstellungen zu erwehren. Wenn mir mein Feind mit Gewalt nach dem Leben
-steht, so kann ich die Gefahr bemerken, wenn ich außerhalb des Klosters
-meines Weges ziehe. Aber im Kloster selber bin ich fortwährend
-gewaltthätigen wie hinterlistigen Angriffen ausgesetzt, und zwar von seiten
-meiner eigenen Söhne, d. h. der Mönche, die unter meiner, ihres Abtes,
-väterlicher Obhut stehen. O wie oft suchten sie mich durch Gift aus dem Weg
-zu schaffen, wie man es dem heiligen Benedikt bereitet hat. Derselbe Grund,
-der den heiligen Mann veranlaßt hat, seine Söhne zu verlassen, konnte auch
-mich dazu treiben, seinem Beispiel zu folgen; denn andernfalls setzte ich
-mich der sicheren Gefahr aus, und meine Verwegenheit konnte man mir eher
-als Leichtsinn gegen mich selbst und als ein Gottversuchen auslegen, denn
-als Liebe zu Gott.
-
-Da ich vor derartigen Nachstellungen, die mir von seiten der Mönche täglich
-drohten, auf der Hut war so gut ich konnte und namentlich Speise und Trank,
-die ich zu mir nahm, sorgfältig überwachte, so suchten sie mich sogar
-während des Hochamts am Altar zu vergiften, indem sie mir Gift in den Kelch
-mischten. Als ich eines Tages nach Nantes ging, um den Grafen in seiner
-Krankheit zu besuchen und bei einem meiner leiblichen Brüder zu Gaste war,
-so versuchten sie, mich durch einen Diener aus meinem eigenen Gefolge
-vergiften zu lassen, in der Meinung, daß ich auf einen Anschlag von dieser
-Seite nicht gefaßt sein werde. Allein der Himmel fügte es so, daß ich von
-der Speise, die man mir vorsetzte, nichts anrührte, während ein
-Klosterbruder, den ich mitgenommen hatte, ahnungslos davon aß und auf der
-Stelle tot niederfiel, worauf jener Diener, durch sein Gewissen und durch
-den unleugbaren Sachverhalt erschreckt, die Flucht ergriff. Da sich die
-Ruchlosigkeit meiner Mönche so schamlos breit machte, so ergriff ich von
-jetzt an ganz offen meine Vorsichtsmaßregeln so gut ich konnte: ich
-entfernte mich aus der Abtei und hielt mich mit wenigen Getreuen in kleinen
-Zellen auf. Hatten jene in Erfahrung gebracht, daß ich irgend wohin gehen
-müsse, so stellten sie gedungene Mörder auf meinen Weg, um mich auf die
-Seite zu schaffen.
-
-Während ich in solchen Gefahren schwebte, traf mich auch noch die Hand des
-Herrn gar schwer: ich stürzte eines Tages vom Pferd und verletzte mich
-dabei an den Halswirbeln, und dieser unglückliche Sturz machte mir mehr zu
-schaffen als meine einstige Verletzung.
-
-Von Zeit zu Zeit versuchte ich der unbändigen Zuchtlosigkeit der Mönche
-durch die Strafe der Exkommunikation entgegenzutreten, und einige von
-ihnen, die ich am meisten zu fürchten hatte, brachte ich dazu, daß sie mir
-durch einen feierlichen Eid vor Zeugen versprachen, die Abtei für immer zu
-räumen und mich in keiner Weise mehr zu beunruhigen. Allein sie brachen
-ganz offen und in frechster Weise Wort und Eidschwur und erst als Papst
-Innocenz selber sich der Sache annahm und einen besonderen Legaten deswegen
-entsandte, brachte man sie dazu, daß sie in Gegenwart des Grafen und der
-Bischöfe zu dem alten Versprechen und außerdem zu verschiedenen anderen
-Bedingungen aufs neue sich eidlich verpflichteten. Aber trotz alledem gaben
-sie noch immer keine Ruhe. Erst vor kurzem noch, als diese Menschen aus dem
-Kloster vertrieben waren und ich dahin zurückkehrte, um mich den Brüdern
-anzuvertrauen, die ich weniger fürchten zu müssen glaubte, mußte ich die
-traurige Erfahrung machen, daß die Zurückgebliebenen noch schlimmer waren
-als die anderen. Sie griffen allerdings nicht zum Gift, dafür aber
-bedrohten sie mein Leben mit dem Schwert, so daß ich mich unter dem Schutz
-eines angesehenen Herrn mit Mühe und Not rettete. Und selbst jetzt noch
-schwebt diese Gefahr über mir, und Tag für Tag sehe ich das Schwert über
-meinem Haupt hängen, so daß ich kaum ruhig bei Tische sitzen kann. Es ging
-mir wie jenem Mann, der die Macht und die Schätze des Tyrannen Dionysius
-für das höchste Glück der Erde hielt und durch den Anblick eines Schwertes,
-das an einem Faden über seinem Haupt hing, darüber belehrt wurde, was es
-mit dem Glück irdischer Macht für eine Bewandtnis habe. Dieselbe Erfahrung
-muß ich nun tagtäglich machen, der ich vom unscheinbaren Mönch zu der Würde
-des Abtes emporgestiegen bin und mit der größeren Ehre nur größere Mühsal
-mir erkoren habe, auf daß ich denen zum warnenden Beispiel dienen möge, die
-ihr Ehrgeiz nach hohen Dingen zu streben treibt.
-
-Geliebter Bruder in Christo und altbewährter Freund! Was ich dir bis
-hierher mitgeteilt habe von der Geschichte meiner Leiden, die mich von der
-Wiege an ohne Aufhören heimgesucht haben, möge genügen, um dich über dein
-Mißgeschick zu trösten. Wie ich gleich im Anfang sagte, war es meine
-Absicht, dich zu der Überzeugung zu bringen, daß dein Leiden im Vergleich
-zu dem meinigen überhaupt nicht nennenswert oder doch erträglich sei. Je
-mehr es bei näherer Betrachtung an Schwere verliert, desto geduldiger magst
-du es tragen und dich trösten mit dem Wort, das Christus seinen Gliedern
-von den Gliedern des Satans vorausgesagt hat: »Haben sie mich verfolgt, so
-werden sie euch auch verfolgen. So die Welt euch hasset, so wisset, daß sie
-mich vor euch gehasset hat. Wäret ihr von der Welt, so hätte die Welt das
-Ihre lieb.« An einer andern Stelle sagt der Apostel: »Alle, die gottselig
-leben wollen in Christo, müssen Verfolgung leiden.« Und ferner: »Gedenke
-ich Menschen zu gefallen? wenn ich den Menschen noch gefällig wäre, so wäre
-ich Christi Knecht nicht.« Und der Psalmist sagt: »Die den Menschen
-gefallen, sind zu Schanden geworden, weil Gott sie verworfen hat.« In
-diesem Sinn sagt auch der heilige Hieronymus, der mir die Leiden der
-Verleumdung als ein besonderes Erbteil hinterlassen zu haben scheint, in
-seinem Brief an Nepotianus: »Der Apostel schreibt: wenn ich den Menschen
-noch gefällig wäre, so wäre ich Christi Knecht nicht -- er hat aufgehört,
-den Menschen zu gefallen und ist ein Knecht Christi geworden.« Derselbe
-Kirchenlehrer schreibt an Asella in der Schrift über falsche Freunde: »Ich
-danke meinem Gott, daß ich würdig bin, von der Welt gehaßt zu werden.« Und
-an den Mönch Heliodorus: »Du bist sehr im Irrtum, lieber Bruder, wenn du
-glaubst, daß ein Christ jemals der Verfolgung entgehen werde. Unser
-Widersacher schleicht umher wie ein brüllender Löwe und sucht, wen er
-verschlinge, und du glaubst an Frieden? Der Feind lauert im Hinterhalt mit
-den Mächtigen dieser Welt.«
-
-Aus solchen Sprüchen und Beispielen wollen wir Mut schöpfen und das was uns
-zustößt tragen, je unverdienter es ist, desto mutiger. Wenn unsre Leiden
-uns nicht zum Verdienst angerechnet werden, so dienen sie doch -- so viel
-ist sicher -- zu unserer Läuterung. Und weil doch alles nach Gottes
-Ratschluß sich vollzieht, so kann sich jeder Gläubige in aller Not
-wenigstens damit trösten, daß Gottes Güte nichts Unrechtes geschehen läßt
-und daß er selber alles, was der göttlichen Ordnung widerspricht, zu einem
-guten Ende führt. Darum ist es gut, in jeder Lebenslage zu sprechen: »Dein
-Wille geschehe.«
-
-Welch kräftiger Trost für die, so Gott lieben, in dem Wort des Apostels:
-»Wir wissen, daß denen, die Gott lieben, alle Dinge zum besten dienen.«
-Dies meinte auch der Weiseste der Weisen, wenn er im Buch der Sprüche sagt:
-»Es wird dem Gerechten kein Leid geschehen, was ihm auch widerfahre.« Damit
-sagt er deutlich, daß diejenigen vom rechten Pfad abweichen, die sich gegen
-irgend eine Prüfung auflehnen, von der sie doch wissen, daß Gottes Hand sie
-ihnen auferlegt. Solche Menschen richten sich nach ihrem eigenen, statt
-nach Gottes Willen; sie führen wohl das Wort im Munde: »Dein Wille
-geschehe,« aber die verborgenen Wünsche ihres Herzens stehen damit im
-Widerspruch, da sie ihren eigenen Willen über den Willen Gottes setzen. --
-Lebe wohl!
-
-
-
-
-II. Brief.
-
-Heloise an Abaelard.
-
-(Ihrem Herrn, ja vielmehr Vater; ihrem Gatten, vielmehr Bruder -- seine
-Magd, nein, seine Tochter; seine Gattin, nein seine Schwester; ihrem
-Abaelard -- Heloise.)
-
-
-Der Brief, den Ihr einem Freund zum Trost geschrieben, innig geliebter
-Mann, ist vor kurzem durch einen Zufall in meine Hände gekommen. Gleich an
-den ersten Worten erkannte ich Euch und mit wahrer Gier verschlang ich den
-Brief; steht doch der Schreiber dieser Worte meinem Herzen so nahe! und
-habe ich ihn selbst gleich für immer verloren, so sollten doch seine Worte,
-aus denen sein teures Bild mich ansah, mein Herz erquicken.
-
-Freilich, ich weiß, deine Worte waren voll Galle und Wermut, da du, mein
-Einziger, die traurige Geschichte unserer Bekehrung und deine endlosen
-Leiden erzähltest. In der That: du hast gehalten, was du dem Freund im
-Anfang des Briefes versprochen: er konnte wirklich seine eigenen
-Beschwerden, wenn er sie mit den deinigen verglich, für nichts oder doch
-für gering ansehen. Du schilderst die Verfolgungen, die du von seiten
-deiner Lehrer zu erdulden hattest und die ruchlose Schandthat, die man an
-deinem Leibe verübt hat, endlich die verabscheuungswürdige Mißgunst und
-Gehässigkeit deiner eigenen Mitschüler, des Alberich von Reims und Lotulfs,
-des Lombarden. Du erzählst das traurige Schicksal, das infolge ihrer
-Verleumdung dein ruhmvolles theologisches Werk ereilte, und wie du selbst
-zur Kerkerhaft verurteilt wurdest. Alsdann kommst du an die Erzählung von
-der Tücke deines Abtes und deiner falschen Brüder und von dem schweren
-Schaden, den dir jene beiden Lügenapostel zufügten, aufgehetzt von den oben
-genannten Nebenbuhlern, und gedenkst ferner des Ärgernisses, das viele
-daran nahmen, daß du dein Oratorium gegen das gewöhnliche Herkommen dem
-Parakleten weihtest. Und endlich beschließest du die Geschichte deiner
-Leiden mit der Schilderung jener schrecklichen Verfolgungen, die du durch
-deinen unversöhnlichen Feind und die ruchlosen Mönche, die du deine Söhne
-nennst, zu erdulden hattest und vor welchen du selbst jetzt noch nicht
-sicher bist.
-
-Niemand, glaube ich, kann diese traurige Geschichte trockenen Auges lesen
-oder anhören. Je lebhafter und eingehender deine Schilderungen sind, desto
-lebhafter ist das Gefühl des Schmerzes, das sie aufs neue in mir weckten;
-ja, meine Angst wächst noch im Gedanken daran, daß du selber von immer noch
-wachsenden Gefahren sprichst. So müssen wir denn alle für dein Leben
-zittern, und mit klopfendem Herzen und bebender Brust Tag für Tag der
-Trauerbotschaft von deinem Tode gewärtig sein. Darum im Namen dessen, der
-dich bisher aus allen Gefahren zu seiner Ehre gerettet hat, im Namen Jesu
-Christi bitten wir dich, du mögest seinen und deinen Dienerinnen durch
-öftere Nachricht Gewißheit verschaffen über die Stürme, von denen dein
-Lebensschiff jetzt noch hin- und hergeworfen wird; so wirst du wenigstens
-an uns, die wir allein dir treu geblieben, Genossinnen deiner Leiden und
-deiner Freuden haben. Geteilter Schmerz, sagt man ja, ist halber Schmerz,
-und jede Last wird leichter oder läßt sich ganz vergessen, wenn andere
-daran mittragen. Und wenn der gegenwärtige Sturm sich ein wenig gelegt hat,
-dann laß es uns um so früher wissen und solche Botschaft wird uns um so
-willkommener sein. Im übrigen: was es auch sei, das du uns schreibst, immer
-werden deine Briefe eine Wohlthat für uns sein schon darum, weil wir daran
-sehen, daß du unsrer gedenkst. Welche Freude uns Briefe von Freunden in der
-Ferne bereiten, das bestätigt Seneca aus eigener Erfahrung; in einem Brief
-an seinen Freund Lucilius heißt es: »Ich bin dir sehr dankbar, daß du mir
-so fleißig schreibst. Ist dies doch unter den gegebenen Umständen die
-einzig mögliche Art, dich bei mir einzustellen. Jeder Brief, den ich von
-dir erhalte, schlingt das Band der Gemeinschaft um uns. Wir erfreuen uns an
-den Bildern der fernen Freunde, weil die Erinnerung an sie dadurch
-aufgefrischt wird und weil uns der Anblick des Bildes für die mangelnde
-Gegenwart derselben ein Ersatz ist, wenngleich ein trügerischer und
-dürftiger. Wie viel wertvoller müssen uns erst Briefe sein, die uns
-wirkliche Lebenszeichen von dem abwesenden Freunde geben!« Gott sei Dank,
-daß du wenigstens auf diese Weise unter uns weilen kannst, ohne die
-Verleumdung fürchten zu müssen und ohne auf Hindernisse zu stoßen: darum
-beschwöre ich dich, du wollest nicht gleichgültig säumen!
-
-Den Freund hast du in einem ausführlichen Brief getröstet und hast ihm
-deine eigenen Mühsale erzählt, damit er die seinigen vergesse. Während du
-aber ihn mit der ausführlichen Schilderung deiner Leiden zu trösten
-suchtest, hast du uns jeder Hoffnung beraubt; während du _seine_ Wunden zu
-heilen dich bestrebtest, hast du uns neue schmerzliche Wunden geschlagen
-und die alten noch vertieft. Heile nun, ich bitte dich, wo du selber
-verletzt hast, der du, was andre verübt haben, gut zu machen bestrebt bist.
-Deinem Freund und Genossen hast du Genüge gethan und hast ihm den Zoll der
-Freundschaft und Brüderlichkeit entrichtet: uns gegenüber jedoch bist du
-noch mehr verpflichtet; denn wir dürfen uns nicht bloß deine Freundinnen,
-sondern deine Herzensvertrauten, nicht deine Genossinnen, vielmehr deine
-Töchter nennen, oder wenn es einen anderen Namen giebt, noch süßer, noch
-heiliger: uns kommt er zu. Wie sehr du aber unser Schuldner bist, dafür
-braucht es keine Beweise, keine Zeugen; hier ist ein Zweifel nicht möglich,
-und wenn alle schweigen, die Sache selbst redet laut und deutlich. Du
-allein bist, nächst Gott, der Gründer dieses Klosters, du allein der
-Erbauer dieses Oratoriums, du und nur du der Stifter dieser heiligen
-Gemeinschaft. Nicht auf fremden Grund hast du gebaut. Deine Schöpfung ist
-alles, was hier ist. Wildnis war ringsumher, nur wilden Tieren oder Räubern
-eine Zuflucht gewährend; nirgends eine menschliche Wohnung, kein Haus weit
-und breit. Unter den Lagerstätten des Wildes, bei den Höhlen der Räuber, wo
-selbst der Name Gottes unbekannt war, hast du das göttliche Tabernakel
-aufgerichtet und einen Tempel dem heiligen Geist geweiht. Nicht hast du zum
-Bau desselben Könige und Fürsten um ihre Schätze angegangen, obwohl du sie
-in reicher Fülle hättest haben können; vielmehr alles was geschah, wolltest
-du dir allein verdanken. Geistliche und Schüler, die um die Wette hier
-zusammenströmten, um deinen Unterricht zu genießen, thaten die nötige
-Handreichung. Leute, die selber auf Kosten der Kirche ihren Unterhalt
-fristeten, die nicht ans Schenken denken konnten, sondern nur aufs
-Empfangen angewiesen waren, und welche die Hand nicht zum Geben, sondern
-nur zum Nehmen offen hatten: die waren jetzt mit Leistungen zur Hand und
-waren verschwenderisch damit.
-
-Dein also, ja wirklich dein eigen ist diese neue gottgeweihte Pflanzung und
-das Wachstum ihrer zarten Sprossen erheischt reichliche Bewässerung. Schon
-infolge der zarten Natur ihres Geschlechts ist es ja eine schwache
-Pflanzung; sie wäre nicht stark, auch wenn sie nicht so jung wäre. Darum
-hat sie sorgfältige und vielfache Pflege nötig nach jenem Wort des
-Apostels: »Ich habe gepflanzt, Apollo hat begossen, aber Gott hat das
-Gedeihen gegeben.« Gepflanzt hatte der Apostel und im Glauben begründet
-durch Lehre und Predigt die Korinther, denen er schrieb. Begossen hatte sie
-später des Apostels Schüler Apollo mit frommen Mahnungen, und also wurde
-ihnen durch die göttliche Gnade Wachstum in aller Tugend geschenkt. Den
-fremden Weinstock, den du nicht gepflanzt und dessen Süßigkeit sich dir in
-Bitternis verwandelt hat, suchst du vergeblich mit Mahnung und frommer
-Zurede zu erbauen. Denke doch an deine eigene Pflanzung, der du auf die
-fremde so viel Sorgfalt verwendest. Du lehrst und mahnst die Empörer und
-richtest nichts aus. Vergeblich wirfst du die Perlen des göttlichen Worts
-vor die Säue. Der du für Widerspenstige also viel übrig hast, vergiß nicht,
-was du denen schuldig bist, die dir gerne gehorchen. Deinen Widersachern
-schenkst du so reichlich, o gedenke auch deiner Töchter! Um von den
-Schwestern zu schweigen: wäge selbst die Schuld ab, die du mir gegenüber
-einzulösen hast, und was du den frommen Frauen allen zusammen schuldest,
-das entrichte um so gewissenhafter der einen, die ganz und gar dein ist.
-Die zahlreichen, ausführlichen Schriften der heiligen Väter zur Belehrung,
-Mahnung und Tröstung frommer Frauen, und die Liebe, mit welcher dieselben
-geschrieben wurden, sind deinem hohen Wissen besser bekannt als meinem
-geringen Gedächtnis. Darum hat es mich nicht wenig befremdet, daß du das
-von dir begonnene Werk unsrer gottgeweihten Lebensgestaltung sobald wieder
-vergessen konntest. Nicht Gottesfurcht, nicht Liebe zu uns, nicht das
-Beispiel der heiligen Väter konnte dich bewegen, selber zu mir zu kommen,
-mich zu trösten oder doch durch Briefe mein unruhiges Herz aufzurichten,
-das sich in seinem alten Gram verzehrt.
-
-Und doch, du weißt es wohl, daß du mir vor andern verpflichtet bist; ist es
-doch das heilige Band der Ehe, das uns verbunden hält, und mein Schuldner
-bist du um so mehr, als ich dich allezeit -- wer weiß es nicht? -- mit
-grenzenloser Liebe umfaßt habe. Du weißt es, Geliebter, und die Welt weiß
-es, was ich in dir verloren habe, und wie jene allgemein bekannte
-verräterische Schandthat mich so vernichtend getroffen hat wie dich, und
-daß mich die Art und Weise des Verlustes unendlich tiefer schmerzt als das
-Unglück selbst. Aber wo viel Grund zum Schmerz vorhanden ist, da müssen
-auch stärkere Trostmittel angewandt werden. Aber nicht fremden Trostes
-begehr' ich, sondern du allein, der du meines Leidens Grund bist, du allein
-magst mich nun auch trösten. Du allein kannst mich elend machen, du nur
-mein Herz erfreuen und mich trösten. Und du allein hast auch die Pflicht es
-zu thun; war ich doch allezeit deinem Willen so blind ergeben, daß ich auf
-ein Wort von dir mich selbst vernichtet hätte, denn dir zuwider zu handeln,
-war mir unmöglich.
-
-Aber noch mehr widerfuhr mir, noch Seltsameres; meine Liebe selbst wurde
-zum Wahnsinn, also daß sie selber auf das, was sie einzig begehrte,
-verzichtete ohne Hoffnung, es je wieder zu erlangen. Dies geschah damals,
-als ich deinem Willen gehorsam zugleich mit dem Gewand auch mein Herz zu
-ändern unternahm, um dir zu zeigen, daß du allein Herr meines Leibes und
-meiner Seele seist. Nichts habe ich je bei dir gesucht -- Gott weiß es --
-als dich selbst; dich nur begehrt' ich, nicht das, was dein war. Kein
-Ehebündnis, keine Morgengabe hab ich erwartet; nicht meine Lust und meinen
-Willen suchte ich zu befriedigen, sondern den deinen, das weißt du wohl.
-Mag dir der Name »Gattin« heiliger und ehrbarer scheinen, mir klang es
-allzeit reizender, deine »Geliebte« zu heißen; oder gar -- verarg es mir
-nicht -- deine »Buhle«, deine »Dirne«. Je tiefer ich mich um deinetwillen
-erniedrigte, desto mehr wollte ich dadurch Gnade vor deinen Augen finden,
-und um so weniger dachte ich auf diese Weise deinem glänzenden Rufe zu
-schaden. Und du selbst sprichst in jenem Trostbrief an deinen Freund von
-dieser meiner Gesinnung. Du hast es nicht verschmäht, einige der Gründe
-anzuführen, mit denen ich versuchte, dir den unseligen Gedanken an ein
-Ehebündnis auszureden; allein du hast diejenigen fast alle unerwähnt
-gelassen, die mich bestimmten, die Liebe der Ehe, die Freiheit dem Zwang
-vorzuziehen. Gott ist mein Zeuge: wollte mich heute der Kaiser, der Herr
-der Welt, der Ehre seines Ehebetts würdigen und mich für immer über die
-ganze Welt gebieten lassen: für süßer und würdiger achtete ich's, deine
-Buhle zu heißen als seine Kaiserin. Denn der Wert eines Menschen richtet
-sich ja nicht nach seinem Reichtum und seiner Macht, diese sind Zufall,
-jener ist Verdienst. Die muß sich ja selbst für eine feile Person halten,
-die einen Mann seines Goldes wegen einem Armen vorzieht und weniger den
-Mann selber begehrt als das, was er hat. Gewiß, die Frau, die ein solches
-Gelüste zur Ehe treibt, sollte man bezahlen, nicht lieben. Denn es liegt ja
-auf der Hand, daß sie nach dem Besitz verlangt, nicht nach dem Mann, und
-daß sie sich, wenn sie nur Gelegenheit hätte, einem reicheren Mann noch
-lieber preisgeben würde. Diesen Sinn hat auch eine philosophische
-Ausführung der berühmten Aspasia, die sie in einem Gespräch mit Xenophon
-und seiner Gattin bei Äschines, einem Schüler des Sokrates, vorbrachte. Die
-Philosophin wollte die beiden Gatten miteinander aussöhnen und schloß ihre
-Beweisführung mit folgenden Worten: »Sobald ihr es dahin gebracht habt, daß
-es in der ganzen Welt keinen Mann und kein Weib giebt, besser und
-auserlesener als ihr, werdet ihr sicherlich das zu erlangen suchen, was ihr
-für das beste haltet: du wirst die beste Frau haben wollen und sie wird mit
-dem besten Mann verheiratet sein wollen.«
-
-Wahrlich ein verehrungswürdiger und mehr als philosophischer Ausspruch, der
-aus der Weisheit selbst, nicht bloß aus der Liebe zur Weisheit stammt!
-Heiliger Irrtum, selige Täuschung, wo die eheliche Liebe so groß ist, daß
-eins das andre für vollkommen hält; da wird das Band der Ehe unverletzt
-erhalten bleiben nicht durch die Keuschheit des Leibs, sondern durch die
-Einfalt der Seelen. Aber was bei den andern doch immer nur eine Einbildung
-ist, das habe ich wirklich und wahrhaftig besessen. Denn was andere Frauen
-in ihre Männer nur hineinlegen, das habe ich, das hat die ganze Welt von
-dir nicht bloß geglaubt, sondern sicher gewußt, und so ist denn meine Liebe
-zu dir um so wahrhaftiger, je mehr der Irrtum von ihr ausgeschlossen ist.
-
-Denn wo ist der König oder der Weise, der dir an Ruhm gleichkäme? In
-welchem Land, in welcher Stadt, in welchem Dorf war man nicht darauf
-erpicht, dich zu sehen? Wer, frage ich, beeilte sich nicht, dich zu
-erblicken, wenn du in der Öffentlichkeit erschienst, und zogst du dich
-zurück, folgte man dir da nicht nach mit gerecktem Hals und unverwandtem
-Blick? Sehnte sich nicht jede Frau, jedes Mädchen nach dem Abwesenden?
-Glühten sie nicht alle für dich, wenn du zugegen warst? Welche Fürstin,
-welche hohe Dame beneidete mich nicht um meine Freuden, um das Lager meiner
-Liebe?
-
-Ein Zwiefaches war es vor allem, das dir die Herzen aller Frauen unfehlbar
-gewann: die Gabe der Dichtung und des Gesanges, die man sonst meines
-Wissens bei Philosophen nicht findet. Bei ihr erholtest du dich wie bei
-einem Spiel von den Anstrengungen deiner geistigen Arbeit, und eine ganze
-Anzahl von Gedichten und Liebesweisen sind von dir noch vorhanden, die um
-ihres schönen Wortlauts und um ihrer lieblichen Melodie willen oft und viel
-gesungen deinen Namen in aller Munde lebendig erhielten. Schon die Anmut
-deiner Weisen machte auch ungebildete Leute mit deinem Namen vertraut. Und
-das vor allem war der Zauber, mit dem du den Frauen Seufzer der Liebe
-entlocktest. Die große Mehrzahl dieser Gedichte feierte unsere Liebe und so
-klang mein Name in kurzem weit hinaus in die Lande und weckte in mancher
-Frau die Eifersucht. Denn welche Gabe des Körpers und des Geistes zierte
-nicht deine Jugend? Welche Frau, die mich einst beneidete, würde nicht
-jetzt, da ich solcher Wonne beraubt bin, durch mein Unglück zum Mitleid
-gestimmt? Wo ist der Mann, die Frau, und wären sie mir einst noch so feind
-gewesen, die sich jetzt nicht erweichen ließen durch das natürliche Gefühl
-des Mitleids mit mir?
-
-Ganz schuldig bin ich, und doch auch, du weißt es, ganz und gar schuldlos.
-Denn nicht die bloße That für sich, sondern die Gemütsverfassung des
-Thäters muß man in Betracht ziehen, und ein billiger Richter sieht nicht
-allein darauf, was geschieht, sondern in welcher Gesinnung etwas geschieht.
-Welche Gesinnung mich aber dir gegenüber allezeit beseelt, das kannst du
-allein beurteilen, der du's erfahren hast. Deinem Urteil überlasse ich
-ruhig alles, deiner Entscheidung füge ich mich in allen Stücken.
-
-Nur das eine sag mir, wenn du kannst: warum du nach meinem Eintritt ins
-Kloster, der doch nur auf dein Geheiß geschah, mich so ganz vernachlässigt
-und vergessen hast, daß mir weder die Erquickung des mündlichen Wortes,
-noch der Trost eines Briefes von deiner Seite zu teil wurde. Warum das? sag
-an, wenn du kannst, oder ich spreche aus, was ich denke, ja, was jedermann
-argwöhnt. Ach! Begierde mehr als Freundschaft gesellte dich zu mir,
-glühende Sinnenlust mehr als Liebe. Nun dahin ist, was du begehrtest, ist
-auch das Gefühl erloschen, das du einst an den Tag legtest, um dein Ziel zu
-erreichen. Das, mein Geliebter, ist nicht etwa meine besondere Meinung,
-sondern alle Welt denkt so.
-
-Wäre es doch nur ein Wahn von mir! Daß es doch eine Rechtfertigung deiner
-Liebe gäbe, durch die mein Schmerz einigermaßen besänftigt werden könnte!
-Könnte ich doch Gründe entdecken, dich zu entschuldigen und zugleich mein
-Elend zu decken!
-
-Höre meine Bitte, ich beschwöre dich! Ihre Erfüllung ist dir ein Geringes
-und Leichtes. Da ich nun einmal deiner Gegenwart beraubt bin, so laß doch
-in Worten der Liebe, die dir so reichlich zu Gebote stehen, dein süßes Bild
-bei mir einkehren! Wie darf ich auf deine Freigebigkeit hoffen, wenn es
-sich einmal wirklich darum handelt, da du selbst mit deinen Worten geizest.
-Ich hatte geglaubt, ich hätte mir ein Recht auf deinen Dank erworben, da
-ich um deinetwillen alles that und bis heute unter deinem Willen stehe.
-Denn nicht Frömmigkeit, sondern dein Wille allein hat mich in blühender
-Jugend dem düsteren Klosterleben zugeführt; habe ich dadurch nicht deinen
-Dank verdient, dann -- das mußt du selbst sagen -- war mein Opfer
-vergeblich. Denn von Gott versehe ich mich keines Lohns dafür, da
-nimmermehr aus Liebe zu ihm geschehen ist, was ich gethan.
-
-Da du bei Gott deine Zuflucht suchtest, bin ich dir gefolgt, nein,
-vorangeeilt bin ich dir. Als dächtest du an Lots Weib, das sich einst
-rückwärts wandte, hast du erst mich den Schleier nehmen und das Gelübde
-ablegen lassen, ehe du selbst dich Gott zum Eigentum weihtest. Mit Schmerz
-und Scham hat es mich erfüllt, ich sage es offen, daß du mir damals weniger
-zutrautest als dir selbst. Und doch, bei Gott, ich wäre auf dein Wort ohne
-Zögern dir in die Hölle vorangeeilt oder gefolgt. Mein Herz war ja nicht
-mehr mein, ich hatte es an dich verloren. Und wenn es jetzt auch bei dir
-keine Statt mehr findet, dann hat es überhaupt keine Heimat mehr, denn ohne
-dich mag es nirgendwo sein. Ach, laß es bei dir geborgen sein, ich bitte
-dich drum. Und wohlgeborgen wird es bei dir sein, wenn es dich gütig
-findet, wenn du Liebe mit Liebe vergelten willst, Großes mit Kleinem, Opfer
-mit Worten. Ach, wärst du, Geliebter, meiner Liebe doch nicht so sicher, du
-würdest dich mehr darum sorgen! Nun, da ich dich so sicher gemacht, muß ich
-deine Gleichgültigkeit tragen. Ach, denke dran, was ich für dich gethan
-habe und vergiß nicht, was du mir schuldest. Als ich des Fleisches Lust in
-deinen Armen genoß, da konnte man zweifeln, ob Liebe oder Lüsternheit mich
-dazu treibe. Jetzt aber zeigt ja der Ausgang, was für Gefühle mich einstens
-geleitet haben. Auf alle Freuden habe ich verzichtet, um deinem Willen zu
-leben. Nichts habe ich mir zurückbehalten, als den Wunsch, ganz und gar nur
-dir zu gehören.
-
-Darum bedenke, wie ungerecht du an mir handelst, wenn du mir geringeren
-Dank entrichtest als ich verdiene, oder wenn du überhaupt nichts für mich
-übrig hast -- zumal da es ja ein Geringes und eine Kleinigkeit für dich
-ist, was ich verlange. Darum, bei dem Gott, dem du dich zu eigen gegeben,
-beschwöre ich dich: erfreue mich mit deiner Gegenwart, so gut es geht und
-laß mir zum Trost wenigstens eine schriftliche Kunde von dir zukommen,
-damit ich, also gestärkt, mit neuer Freudigkeit dem Dienste Gottes mich
-weihen möge.
-
-Ach, einstens, da du die Freuden der Welt bei mir suchtest, spartest du
-deine Briefe nicht, und der Name deiner Heloise, in so manchem Liede
-gefeiert, war in aller Munde; auf allen Gassen, in jedem Hause erklang er.
-Wie vielmehr solltest du mich jetzt zur Gottesliebe erwecken, da du mich
-einst zur Wollust verlocktest!
-
-Bedenke, was du mir schuldest und höre auf meine Bitte. Und so laß mich den
-langen Brief mit dem kurzen Worte beschließen: Lebe wohl, du mein Ein und
-Alles!
-
-
-
-
-III. Brief.
-
-Abaelard an Heloise.
-
-(An Heloise, seine geliebte Schwester in Christo -- Abaelard, ihr Bruder im
-Herrn.)
-
-
-Daß ich seit unserem Rückzuge aus der Welt zu Gott noch keine Worte des
-Trostes und der Mahnung an dich geschrieben habe, darfst du nicht meiner
-Gleichgültigkeit zuschreiben, sondern deiner eigenen Verständigkeit, auf
-welche ich allezeit große Stücke gehalten habe. Ich dachte nicht, daß du es
-nötig hättest, da dich die göttliche Gnade mit allem, was not thut,
-überreichlich ausgestattet hat -- also, daß du selber die Irrenden durch
-Wort und Beispiel belehren, die Kleinmütigen trösten, furchtsame Seelen
-aufrichten kannst; und dieses zu thun, bist du ja schon seit jener Zeit
-gewöhnt, da du noch einer Äbtissin untergeben warst und das Amt einer
-Priorin bekleidetest. Wenn du jetzt mit derselben Liebe für deine Töchter
-besorgt bist, wie ehemals für die Schwestern, so wirst du gewiß allen
-Ansprüchen genügen und einer Belehrung und Mahnung von meiner Seite wird es
-dann sicher nicht bedürfen. Wenn du aber in deiner Bescheidenheit anderer
-Meinung bist und auch in religiösen Dingen meine schriftliche Belehrung
-nötig zu haben glaubst, so teile mir mit, über welchen Gegenstand du
-belehrt sein willst und ich werde dir antworten, soweit der Herr mir die
-Kraft dazu schenkt.
-
-Gott aber sei gedankt, der eurem Herzen die Sorge um die schweren und
-beständigen Gefahren, denen ich ausgesetzt bin, eingeflößt und euch zu
-Genossinnen meiner Anfechtungen gemacht hat. So wird Gottes Barmherzigkeit
-mich um eurer Gebete willen beschützen und bald den Satan unter meine Füße
-treten. Darum beeile ich mich, dir den Psalter zu schicken, den du so
-dringend verlangtest, liebe Schwester, einst in der Welt mir so teuer und
-noch viel teurer jetzt in Christo. Aus ihm magst du zur Sühnung meiner
-vielen schweren Sünden und zur Abwehr der Gefahren, die mir täglich drohen,
-dem Herrn ein beständiges Gebetsopfer entrichten.
-
-Wie viel aber bei Gott und seinen Heiligen das Gebet der Gläubigen vermag,
-insbesondere das Gebet von Frauen für solche, die ihnen lieb sind und
-dasjenige der Gattinnen für ihre Männer, dafür haben wir viel Zeugnisse und
-Beispiele. Dies hat auch der Apostel im Auge, wenn er uns mahnt, ohne
-Unterlaß zu beten. Wir lesen, daß der Herr zu Moses sagte: »Laß mich, daß
-mein Zorn über sie ergrimme.« Und zu Jeremia spricht der Herr: »Du sollst
-für dies Volk nicht bitten und mir nicht widerstehen.« In diesen Worten
-gesteht der Herr selbst deutlich zu, daß durch das Gebet der Gerechten
-seinem Zorn gewissermaßen ein Zügel angelegt werde, damit er nicht in
-seiner ganzen Schwere über die Sünder komme, wie sie es eigentlich
-verdienen. Seine Gerechtigkeit treibt ihn unwillkürlich zur Rache, aber die
-Fürbitte der Frommen stimmt ihn um und nötigt ihn gleichsam gegen seinen
-Willen, einzuhalten. Und so wird dem, der bittet oder bitten will, gesagt:
-»Laß mich und widerstehe mir nicht!« Der Herr verbietet also, daß man für
-den Gottlosen bete. Allein der Fromme legt Fürbitte ein gegen den Willen
-Gottes, und wirklich erlangt er von ihm, was er bittet, und hebt den Spruch
-des erzürnten Richters auf. So heißt es denn weiter von Moses: »Und der
-Herr ließ sich versöhnen und strafte sein Volk nicht, wie er gesagt hatte.«
-An einer andern Stelle heißt es von den Werken Gottes überhaupt: »Er
-spricht, so geschieht's.« Hier aber wird erzählt, Gott habe zwar gesagt,
-daß sein Volk Strafe verdiene, allein durch die Kraft des Gebetes
-umgestimmt, habe er seine Drohung nicht ausgeführt.
-
-Erkenne daraus, wie groß die Wirkung des Gebets ist, wenn wir so beten, wie
-wir sollen: hat doch der Prophet selbst durch ein Gebet, das Gott ihm
-eigentlich verboten hatte, erreicht was er wollte, und hat den Herrn
-dadurch von seinem Vorhaben abgebracht.
-
-Ein anderer Prophet sagt zu ihm: »Und wenn du erzürnt bist, so gedenke
-deiner Barmherzigkeit.« Das mögen die Fürsten dieser Welt zu Herzen nehmen
-und danach thun, die so oft unter dem Vorwand der unbeugsamen Gerechtigkeit
-mehr eigensinnig als gerecht erfunden werden; die nicht barmherzig sein
-wollen, weil sie fürchten für schwach gehalten zu werden oder für
-wortbrüchig, wenn sie einen Befehl, den sie erlassen, abändern, eine
-unüberlegt getroffene Bestimmung nicht ausführen, womit sie doch nur ihre
-Worte durch ihre Handlungen verbessern würden. Solche Menschen sind wie
-Jephtha, der die Thorheit seines Gelübdes noch dadurch steigerte, daß er es
-erfüllte und sein einziges Kind opferte. Wer aber ein Kind Gottes sein
-will, der spricht mit dem Psalmisten: »Deine Barmherzigkeit und dein
-Gericht will ich preisen, o Herr.« -- »Die Barmherzigkeit« -- heißt es in
-der Schrift -- »rühmet sich wider das Gericht.« Aber wohlgemerkt: die
-heilige Schrift enthält auch die Drohung: »Es wird ein unbarmherziges
-Gericht über den gehen, der nicht Barmherzigkeit gethan hat.«
-
-So hat auch der königliche Psalmsänger selber auf die Bitte der Gattin
-Nabals, des Karmeliten, seinen Eid, den er nach dem Recht geschworen hatte,
-ihren Mann und sein Haus zu vernichten, aus Mitleid rückgängig gemacht. Er
-hat also das Flehen über die Gerechtigkeit gestellt, und was der Mann
-verbrochen hatte, wurde durch die Fürbitte der Frau wieder gutgemacht.
-
-Dies, liebe Schwester, möge dir ein Vorbild und eine sichere Bürgschaft
-sein: wenn schon das Gebet dieses Weibes bei einem Menschen so viel
-vermochte, so kannst du daraus sehen, wie viel erst deine Fürbitte für mich
-bei Gott auszurichten vermag. Gott, der unser Vater ist, liebt ja seine
-Kinder mehr als David jenes bittende Weib liebte. David war ja wohl fromm
-und barmherzig; Gott aber ist die Liebe und Barmherzigkeit selber. Und jene
-Frau, die damals ihre Bitte vorbrachte, gehörte der Welt an und weltlichem
-Volk, und war nicht, wie du, Gott geweiht durch ein heiliges Gelübde. Und
-sollte dein eigenes Gebet nicht zum Ziele führen, so wird die heilige Schar
-der Jungfrauen und Witwen, die um dich ist, gewiß das erlangen, wozu dein
-Gebet allein nicht ausreicht. Jesus sagt zu seinen Jüngern: »Wo zwei oder
-drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich mitten unter ihnen« und
-weiter: »Wo zwei unter euch eins werden auf Erden, warum es ist, daß sie
-bitten wollen, das soll ihnen widerfahren von meinem Vater im Himmel.« Ist
-hieraus nicht deutlich zu sehen, wie viel das inständige Gebet einer
-frommen Gemeinschaft bei Gott vermag? Der Apostel sagt: »Das Gebet des
-Gerechten vermag viel, wenn es ernstlich ist« -- wie viel dürfen wir dann
-erst von dem Gebet einer frommen Gemeinde erwarten?
-
-Aus der 38. Homilie des heiligen Gregor weißt du, geliebte Schwester, wie
-einem Bruder ganz gegen seinen Willen das Gebet der Mitbrüder mächtig
-geholfen hat. Deiner Klugheit ist wohl bekannt, was dort erzählt wird: wie
-der Mann schon in den letzten Zügen lag, wie seine arme Seele mit der
-Todesangst rang, und wie er in seiner Verzweiflung im Lebensüberdruß die
-Brüder vom Gebet abhalten wollte. Möge dies Beispiel dir und dem Konvent
-der frommen Schwestern Mut machen, für mich zu beten, auf daß der mich euch
-am Leben erhalte, durch den, nach dem Zeugnis des Paulus, »die Weiber haben
-selbst ihre Toten von der Auferstehung wiedergenommen.«
-
-Schlage die Schriften des alten und neuen Bundes nach und du wirst finden,
-daß die großen Wunder der Totenerweckung allein oder vornehmlich Frauen
-zulieb geschehen sind, für sie oder an ihnen bewirkt wurden. Das Alte
-Testament weiß von zwei Toten, die auf die Bitte ihrer Mütter durch Elias
-und durch dessen Schüler Elisäus erweckt wurden. Das Evangelium aber
-erzählt von drei Totenerweckungen, welche der Herr Frauen zuliebe vollzogen
-hat, und jenes Wort des Apostels, das ich oben angeführt habe, erhält
-dadurch seine Bestätigung: »Die Weiber haben ihre Toten von der
-Auferstehung wiedergenommen.« Den Sohn der Witwe von Nain hat Jesus vor dem
-Thore der Stadt erweckt und hat ihn, von Mitleid bewegt, seiner Mutter
-wiedergegeben. Auch Lazarus, seinen Freund, hat er auf die Bitten seiner
-Schwestern Maria und Martha ins Leben zurückgerufen. Und wenn er dem
-Töchterlein des Jairus dieselbe Gnade auch auf die Bitte ihres Vaters
-erwiesen hat, so haben doch auch hier »die Weiber ihre Toten von der
-Auferstehung wiedergenommen«; denn wie jene den Leichnam der Ihrigen, so
-erhielt sie ihren eigenen Leib aus den Banden des Todes zurück. Und diese
-Erweckungen geschahen alle auf die Bitte einer kleinen Anzahl von Leuten.
-Wenn aber eure ganze fromme Gemeinschaft sich im Gebet für die Erhaltung
-meines Lebens vereinigt, so wird eure Bitte gewiß erfüllt werden. Je mehr
-das Gelübde der Armut und Keuschheit, das ihr Gott abgelegt habt, angenehm
-vor ihm ist, desto geneigter werdet ihr ihn finden. Und vielleicht waren
-die meisten von denen, welche vom Tod erweckt wurden, nicht einmal
-Gläubige; wenigstens lesen wir von jener Witwe, der Jesus ihren Sohn
-erweckte, ohne daß sie darum bat, nicht, daß sie gläubig gewesen sei. Uns
-aber verbindet miteinander nicht allein die Gemeinschaft des unverfälschten
-Glaubens, sondern auch ein und dasselbe heilige Gelübde.
-
-Aber ich will von der heiligen Gemeinschaft eures Kollegiums schweigen, in
-welchem die Schar frommer Jungfrauen und Witwen Gott beständig dient. Ich
-will allein von dir reden, deren Frömmigkeit gewiß bei Gott viel vermag,
-und die mir besonders jetzt ihre Hilfe nicht versagen darf, da ich mit so
-viel Mißgeschick zu kämpfen habe. Gedenke in deinen Gebeten allezeit
-dessen, der dein ist in ganz besonderem Sinn und wache mit um so größerem
-Vertrauen im Gebet, als du ja weißt, daß es nur recht und billig ist, was
-du thust, und daß du dem, zu welchem du flehst, nur um so angenehmer bist
-um deines Gebetes willen.
-
-Höre mit dem Ohr des Herzens, was du schon so oft mit dem leiblichen Ohr
-gehört hast. In den Sprüchen steht geschrieben: »Ein fleißiges Weib ist
-eine Krone ihres Mannes« und »Wer eine Ehefrau findet, der findet was Gutes
-und bekommt Wohlgefallen vom Herrn«. Weiter heißt es; »Haus und Güter
-vererben die Eltern, aber ein vernünftiges Weib kommt vom Herrn«. Der
-»Prediger« aber sagt: »Selig der Mann, dem ein gutes Weib beschieden ist«,
-und bald darauf: »Ein gutes Weib, ein gutes Teil.« Und die Meinung des
-Apostels ist: »Der ungläubige Mann ist geheiligt durch ein gläubiges Weib«.
-Diese Wahrheiten hat die göttliche Gnade gerade in unserer Heimat, im
-Frankenreich, durch ein glänzendes Beispiel bestätigt. Wurde ja doch der
-König Chlodwig nicht durch die Predigt der Priester, sondern durch das
-Gebet seiner Gemahlin dem christlichen Glauben zugeführt; das ganze Reich
-wurde infolgedessen unter das göttliche Gebot gestellt, und durch das
-Beispiel der Großen wurden die Unterthanen zur Beharrlichkeit im Gebet
-veranlaßt.
-
-Zu solcher Ausdauer ladet uns gar dringend das Gleichnis des Herrn ein, in
-welchem er sagt: »Und ob er nicht aufstehet und giebt ihm darum, daß er
-sein Freund ist, so wird er doch um seines unverschämten Geilens willen
-aufstehen und ihm geben, wieviel er bedarf.« Mit dieser -- wenn man so
-sagen darf -- Aufdringlichkeit des Gebetes hat Moses, wie ich oben erwähnt,
-die Strenge der göttlichen Gerechtigkeit erweicht und Gottes Spruch
-aufgehoben.
-
-Du weißt es, Geliebte, welche Liebesglut einst euer ganzer Konvent in den
-Gebeten für mich an den Tag legte, da ich noch unter euch weilte. Jeden Tag
-pflegtet ihr zum Abschluß der Horen ein besonderes Gebet für mich zu
-verrichten und zwar so, daß, nachdem Versus und Responsum gesungen war,
-Gebet und Kollekte sich anschloß in folgendem Wortlaut:
-
-_Responsum_: »Verlaß mich nicht, o Herr, und weiche nicht von mir.«
-
-_Versus_: »Sei allzeit zu meiner Hilfe bereit, o Herr.«
-
-_Gebet_: »Errette deinen Knecht, o mein Gott, denn er harret auf dich.
-Herr, erhöre mein Gebet, und mein Geschrei komme vor dich.«
-
-_Kollekte_: »O Gott, der du deine Mägde gewürdigt hast, durch deinen Knecht
-in deinem Namen vereinigt zu werden, wir bitten dich, laß ihn und uns in
-deinem Willen beharren. Durch unsern Herrn Jesum Christum.«
-
-Jetzt aber bin ich fern von euch und habe den Beistand eures Gebetes um so
-nötiger, als die Angst und Gefahr, in der ich schwebe, größer geworden ist.
-Darum bitte ich euch herzlich und dringend, daß ich gerade jetzt in der
-Ferne die Wahrhaftigkeit eurer Liebe möge erfahren dürfen; wollet also dem
-Schluß der Horen noch das folgende besondere Gebet für mich beifügen:
-
-_Responsum_: »Verlaß mich nicht, o Herr, Vater und Gebieter meines Lebens,
-auf daß ich nicht falle vor den Augen meiner Feinde, daß sich mein
-Widersacher nicht freue.«
-
-_Versus_: »Nimm deine Wehr und Waffen und erhebe dich zu meiner Hilfe, daß
-mein Feind sich nicht freue.«
-
-_Gebet_: »Errette deinen Knecht, o mein Gott, denn er harret auf dich.
-Sende ihm Hilfe, o Herr, von deinem Heiligtum, und gewähre ihm Schutz von
-Zion. Sei du ihm, o Herr, ein fester Turm, vor dem Antlitz seines Feindes.
-Herr, erhöre mein Gebet und mein Geschrei komme vor dich.«
-
-_Kollekte_: »Gott, der du deine Mägde gewürdigt hast, durch deinen Knecht
-in deinem Namen vereinigt zu werden, wir bitten dich, schütze ihn vor allem
-Unheil und gieb ihn wohlbehalten deinen Mägden wieder. Durch Jesum Christum
-unsern Herrn.«
-
-Sollte mich aber der Herr in die Hände meiner Feinde fallen lassen -- sei's
-daß sie mich überwältigen und töten oder daß ich sonstwie ferne von euch
-den Weg alles Fleisches gehe -- so beschwöre ich euch: lasset meinen
-Leichnam, wo er auch begraben sei oder liege, in euren Friedhof überführen.
-Da mögen dann meine Töchter, meine Schwestern in Christo, mein Grab
-besuchen und dann und wann Gebete für mich zum Himmel schicken. Denn ich
-wüßte für eine schmerzvolle und ob des Irrtums ihrer Sünden trauernde Seele
-keinen weihevolleren heilsameren Ort als den, der dem Parakleten, das ist
-dem Tröster, zum Eigentum geweiht ist und dessen Namen trägt. Auch ruht ein
-Christ wohl bei keiner gläubigen Gemeinschaft so süß, wie bei gottgeweihten
-Frauen. Denn Frauen waren einst besorgt um das Begräbnis unseres Herrn und
-salbten ihn vor und nach seinem Tod mit köstlichen Salben, und sie weinten
-an seinem Grab, wie geschrieben steht: »Frauen saßen am Grab und weinten
-und klagten um den Herrn«. Dort wurden sie auch zuerst mit der Kunde von
-der Auferstehung getröstet, durch die Erscheinung und Ansprache der Engel,
-und gleich darauf durften sie zu ihrer Freude den Auferstandenen selber
-sehen und mit Händen berühren, der ihnen zweimal erschien.
-
-Zum Schluß über alles andere die eine Bitte: sorget dereinst mit der
-gleichen Angst um das Heil meiner Seele, wie ihr jetzt um mein Leben fast
-allzu ängstlich besorgt seid, und erweiset dem Toten die Liebe, die ihr dem
-Lebenden nicht versagt habt, indem ihr ihm mit der besondern Hilfe eures
-Gebets beistehet.
-
-Lebe wohl, du und deine Schwestern, lebet dem Herrn und gedenket mein!
-
-
-
-
-IV. Brief.
-
-Heloise an Abaelard.
-
-(Ihrem Ein und Alles nach Christus die Seinige ganz in Christus.)
-
-
-Es befremdet mich, teuerster Freund, daß du gegen den sonstigen Gebrauch,
-ja gegen die natürliche Ordnung der Dinge selbst in der Anrede deines
-Briefes meine Person vor die deinige zu setzen beliebtest: die Frau vor den
-Mann, die Gattin vor den Gatten, die Magd vor den Herrn, die Nonne vor den
-Mönch und Priester, die Diakonisse vor den Abt. Nach gutem Recht und Brauch
-setzt man den Namen des Briefempfängers vor den eigenen, wenn man an
-Vorgesetzte oder Gleichstehende schreibt. Schreibt man dagegen an
-Untergebene, so richtet sich die Reihenfolge der Namen nach derjenigen des
-Ranges der einzelnen.
-
-Auch das hat uns nicht wenig befremdet, daß du die Angst derjenigen noch
-vermehrt hast, denen du den Balsam des Trostes hättest reichen sollen, und
-daß du, statt Thränen zu stillen, Thränen geweckt hast. Denn wer von uns
-kann mit trockenen Augen anhören, was am Schluß deines Briefes steht:
-»Falls mich Gott in die Hände meiner Feinde fallen läßt, daß sie mich
-überwältigen und töten« u. s. w. O mein Geliebter, wie konntest du so etwas
-denken und aussprechen! Möge Gott niemals seine Dienerinnen so weit
-vergessen, daß er sie deinen Tod erleben lasse. Möge er uns nimmermehr ein
-Leben fristen lassen, das schwerer ist als alle Qualen des Todes. Dir ziemt
-es, unsere Exequien zu feiern, du mußt Gott unsere Seelen empfehlen und
-diejenigen zu ihm vorangehen lassen, die du zu einer Gemeinde Gottes
-vereinigt hast. Von keiner Sorge um sie wirst du dann mehr beunruhigt
-werden, und um so freudiger wirst du uns nachfolgen, je gewisser du über
-unser Seelenheil geworden bist.
-
-Verschone uns, ich beschwöre dich, mein Gebieter, mit solchen Worten, die
-unser Unglück zur Verzweiflung steigern; nimm uns nicht vor dem Tod, was
-uns das Leben noch möglich macht. Es ist genug, daß ein jeglicher Tag seine
-eigene Plage habe, und jener Tag, ganz in Bitterkeit gehüllt, wird jedem,
-dem er anbricht, Angst genug bereiten. »Denn wozu soll man,« sagt Seneca,
-»Übel heraufbeschwören und das Leben vor dem Tod verlieren?«
-
-Du bittest darum, mein einzig Geliebter, wir sollen deinen Leichnam, falls
-du dein Leben fern von uns beschließen solltest, nach unserer
-Begräbnisstätte überführen lassen, auf daß dir die Gebete, in welchen wir
-deiner beständig gedenken, eine reiche Frucht des Segens schaffen mögen.
-Aber wie kannst du glauben, daß dein Andenken überhaupt aus unserm
-Gedächtnis schwinden könne? Oder wird es _dann_ Zeit zum Gebet sein, wenn
-die höchste Seelenangst uns ruhelos umtreibt? wenn der Geist die Fähigkeit
-zum Denken verliert und die Zunge nicht mehr der Rede mächtig sein wird?
-Wenn das Herz in seinem Wahn sich gegen Gott empört und ihn mit seinem
-Murren zum Zorn reizt, statt ihn mit Gebeten zu begütigen? Dann werden wir
-Armen nur noch Thränen haben und kein Wort des Gebetes finden, und wir
-werden größere Eile haben, dir im Tode nachzufolgen als dich zu bestatten,
-und wir werden selbst für das Grab reif sein, statt daß wir dich begraben.
-Da uns mit dir unser Leben verloren geht -- wie sollen wir weiter leben,
-wenn du von uns scheidest? Ach würde es uns erspart, auch nur bis dahin zu
-leben! Schon der Gedanke an deinen Tod ist so gut wie Tod für uns. Möge
-Gott nicht zugeben, daß wir am Leben bleiben, um an dir diese Liebespflicht
-zu erfüllen und diesen letzten Dienst dir zu erweisen, den wir vielmehr von
-dir erwarten. Darin wollen wir dir vorangehen, nicht folgen!
-
-Darum schone unser, ich beschwöre dich, schone wenigstens derjenigen, die
-nur in dir lebt; laß uns nicht solche Worte hören, die gleich tödlichen
-Schwertern durch unsere Seele gehen, also daß was dem Tod vorangeht,
-schwerer ist als der Tod selbst. Ein kummerschweres Herz findet keine Ruhe
-und ein geängsteter Geist kann sich nicht wahrhaft mit Gott beschäftigen.
-Ich bitte dich, mach uns den Dienst des Herrn nicht unmöglich, dem kein
-anderer als du uns geweiht hat. Wenn uns eine schwere Heimsuchung droht,
-die unvermeidlich ist, dann möge sie lieber schnell hereinbrechen, damit
-nicht ein Geschick uns lange vorher mit unnützer Angst quält, das doch
-durch keine Vorsicht abzuwenden ist. So meint es auch der Dichter, wenn er
-Gott bittet:
-
- »Plötzlich komme, was du verhängst, und blind für die Zukunft
- Bleibe des Menschen Sinn, und Hoffnung lindre die Furcht ihm.«
-
-Aber welche Hoffnung bleibt mir, wenn ich dich verloren habe? Oder was
-könnte mich dann noch bestimmen, meine irdische Pilgerschaft fortzusetzen,
-in der ich keinen andern Trost habe als dich. Ja selbst von dir bleibt mir
-ja nur noch das frohe Bewußtsein, daß du lebst, da die Wonne, die ich einst
-bei dir fand, dahin ist. Ja, nicht einmal deine Gegenwart ist mir vergönnt,
-in deren Genuß ich doch von Zeit zu Zeit wenigstens mich wiederfinden
-könnte.
-
-Ja, wenn's kein Frevel wäre -- wollte ich's hinausrufen in alle Welt: »O du
-grausamer Gott, grausam in allen Stücken! O unbarmherzige Barmherzigkeit! O
-unseliges Geschick!« Alle seine bitteren Geschosse hat es an mich
-verschwendet, und es bleibt ihm keines mehr übrig, um gegen andere zu
-wüten. Seinen ganzen vollen Köcher hat es an mir erschöpft, so daß niemand
-mehr seine Pfeile zu fürchten braucht. Ja, selbst wenn es noch ein Geschoß
-übrig hätte, es wäre kein gesunder Fleck an mir, der noch verwundet werden
-könnte. Nur das eine hat es bei so vielen Wunden zu fürchten, daß mein Tod
-diesen Qualen ein Ende mache! und obwohl es nicht aufhört, mich zu martern,
-so fürchtet es sich, daß mein Tod, an welchem es arbeitet, zu schnell
-herbeikommen möchte!
-
-O ich Elendeste der Elenden! Ich aller Unglücklichen Unglücklichste! Stand
-ich nicht höher als alle Frauen der Welt, da du mich über alle stelltest?
-Um so tiefer und schwerer war der Fall, den ich an dir und mir zugleich
-erleben mußte. Denn je höher einer emporgestiegen, desto tiefer ist der
-Sturz, wenn er fällt. Gab es unter allen edlen und hohen Frauen eine, deren
-Glück das meinige überstiegen hätte oder ihm auch nur gleichgekommen wäre?
-Aber giebt es auch eine, die das Geschick so in die Tiefe gestürzt hat und
-so mit Leid überschütten konnte? Den höchsten Ruhm hat es mir durch dich
-gebracht und hat mir das tiefste Elend in dir bereitet. Nicht im Guten,
-nicht im Bösen hat es Maß gehalten, grenzenlos hat es mir beides beschert.
-Nur um mich zur elendesten aller Frauen zu machen, hat es mich vorher so
-glücklich gemacht, damit ich im Gedanken an das Verlorene desto lauter
-klagen sollte, je schwerer ich geschädigt worden war. Der Verlust sollte
-mich um so mehr schmerzen, je teurer mir der Besitz gewesen war. Und das
-Ende der höchsten Lust und Wonne sollte die tiefste Trauer sein.
-
-Ja, um uns noch mehr zu reizen, wurden alle Gebote der Gerechtigkeit an uns
-in Ungerechtigkeit verwandelt. Denn so lange wir sorglos die Freuden der
-Liebe genossen und, um ein stärkeres aber bezeichnenderes Wort zu
-gebrauchen, der Buhlerei uns hingaben, so lange hat Gott seine Strenge
-nicht gegen uns angewandt. Als wir aber an Stelle der verbotenen Liebe die
-erlaubte setzten und das Anstößige unseres freien Liebesverkehrs durch ein
-ehrbares Ehebündnis gedeckt hatten, da erst hat uns der Herr in seinem
-Grimm seine gewaltige Hand fühlen lassen, und das reine Ehebett fand keine
-Gnade vor dem, der das befleckte vorher so lange geduldet hatte.
-
-Für Männer, die man im Ehebruch betroffen hätte, wäre die Strafe hart genug
-gewesen, die dich ereilt hat. Was andere durch das Vergehen des Ehebruchs
-verdienen, das hast du infolge deiner rechtmäßigen Ehe erlitten, durch
-welche du alle Sünden glaubtest gebüßt zu haben. Was Buhlerinnen ihren
-Mitschuldigen zuziehen sollten, das hat deine Gattin über dich gebracht.
-Unser Geschick hat uns auch nicht ereilt, so lange wir in den alten
-Genüssen schwelgten; vielmehr lebten wir ja gerade damals in keuscher
-Trennung voneinander: du hieltest in Paris deine Schule, ich lebte auf
-deinen Wunsch unter den Nonnen zu Argenteuil. So hatten wir unsere
-Gemeinschaft aufgehoben, damit du desto eifriger dem Unterricht obliegen
-könntest, ich um so ungestörter dem Gebet und frommer Betrachtung mich
-widmete, und während wir keuscher und darum unsträflicher lebten als sonst,
-hast du an deinem Leib die Schuld allein bezahlt, die wir beide gemeinsam
-begangen hatten. Schuldig waren wir beide, gestraft wurdest nur du; du, der
-weniger schuldig war, hast die ganze Strafe getragen. Du hattest aller
-Gerechtigkeit genug gethan, da du dich um meinetwillen erniedrigtest, mich
-aber und mein ganzes Geschlecht zu dir emporhobst, um so weniger durftest
-du Strafe fürchten von Gott oder gar von den Verrätern, denen du zum Opfer
-gefallen bist.
-
-Ich Unselige! mußte ich geboren werden, um die Ursache eines solchen
-Verbrechens zu werden? Daß doch den größten Männern allezeit von Frauen das
-tiefste Verderben droht! Darum steht auch in den Sprüchen die Warnung vor
-den Weibern: »Mein Sohn, höre mich und merke auf die Worte meines Mundes:
-laß dein Herz nicht weichen auf ihren Weg und laß dich nicht verführen auf
-ihrer Bahn. Denn sie hat viele verwundet und gefället und sind allerlei
-Mächtige von ihr erwürget. Ihr Haus sind Wege zur Hölle, da man
-hinunterfährt in des Todes Kammer.« Und im »Prediger« heißt es: »Ich habe
-alle Dinge durchforscht in meinem Geist und fand, daß ein solches Weib,
-welches Herz Netz und Strick ist und ihre Hände Bande sind, bitterer sei,
-denn der Tod. Wer Gott gefällt, der wird ihr entrinnen; aber der Sünder
-wird durch sie gefangen.«
-
-Schon das erste Weib im Paradies hat den Mann verführt und während sie ihm
-von Gott zur Gehilfin geschaffen war, ist sie ihm zum größten Fluch
-geworden.
-
-Der starke Simson, der durch das Nasiräergelübde dem Herrn geweiht war und
-dessen Geburt seiner Mutter durch einen Engel verkündigt wurde -- Delila
-allein hat ihn überwunden, sie war es, die ihn seinen Feinden in die Hände
-lieferte; sie war schuld daran, daß er des Augenlichtes beraubt, endlich in
-wildem Schmerz sich und seine Feinde unter den Trümmern des Tempels
-begraben hat.
-
-Salomo, aller Weisen Weisester, wurde allein durch das Weib, mit dem er
-sich verbunden hatte, zum Thoren. Durch sie verlor er so gänzlich seinen
-Verstand, daß er, den doch der Herr zum Erbauer seines Tempels auserlesen
-hatte, während der fromme David, Salomos Vater, nicht dazu gewürdigt worden
-war, bis an sein Lebensende zum Götzendienst sich verleiten ließ und von
-dem wahren Gott, den er in Wort und Schrift predigte und lehrte, abfiel.
-
-Der fromme Hiob hatte den letzten und härtesten Kampf mit seinem Weibe zu
-bestehen, die ihn dazu verleiten wollte, Gott zu fluchen. Der schlaue
-Versucher wußte wohl -- er hatte es zu oft erprobt -- daß die Männer am
-leichtesten durch ihre Frauen zu Fall kommen.
-
-So hat er denn seine gewohnte Teufelei auch auf uns angewandt und hat dich
-durch die Ehe zu Fall gebracht, da er dich durch die verbotene Liebe nicht
-verderben konnte. Das Schlechte hatte er nicht zu unserem Schaden ausnützen
-dürfen, darum wirkte er aus dem Guten Schlechtes.
-
-Gott aber sei Dank wenigstens dafür, daß mich der Versucher nicht wie die
-genannten Frauen mit meiner Zustimmung schuldig werden lassen durfte, wenn
-schon er meine Liebe als Werkzeug für seine Bosheit benutzt hat. Und doch,
-wenn ich auch in diesem Punkt ein reines Gewissen habe und mich keine
-Schuld an jenem Verbrechen trifft, so habe ich doch vorher so viele Sünden
-begangen, daß ich mich auch nicht ganz von der Schuld an diesem Vergehen
-freizusprechen wage.
-
-Denn lange vorher schon hatte ich den Lockungen fleischlicher Lüste
-nachgegeben; schon damals hätte ich verdient, was ich jetzt leide und das
-Geschick, das mich später ereilte, ist die gerechte Strafe für meine
-früheren Sünden. Hat man schlimm angefangen, so muß man sich auch auf einen
-schlimmen Ausgang gefaßt machen. Ja, könnte ich nur wenigstens recht
-ernstlich bereuen, was ich gethan! Könnte ich durch anhaltende Reue und
-Zerknirschung die schreckliche Wunde, die man dir geschlagen hat, nur
-einigermaßen gut machen. Den Schmerz, den du einen Augenblick lang an
-deinem Körper aushalten mußtest -- wie gerne wollte ich ihn -- es wäre ja
-nur recht und billig -- mein ganzes Leben lang in meinem trauernden Herzen
-tragen und so, wenn nicht Gott, doch wenigstens dir Genugthuung leisten.
-
-Allein, laß mich die ganze Schwachheit meines geängsteten Herzens bekennen:
-ich finde in mir nicht die Kraft einer wahren Reue, mit der ich Gott
-versöhnen könnte; ja, ich muß ihn vielmehr ob jener ungerechten Heimsuchung
-der höchsten Grausamkeit zeihen, ich murre wider seine Fügung und reize ihn
-durch meine Widerspenstigkeit zum Zorn, statt ihn durch aufrichtige
-Bußfertigkeit zu begütigen. Denn mag man den Leib noch so sehr kasteien:
-kann man da von wahrer Reue sprechen, wo das Herz an der Lust zur Sünde
-noch festhält und nach den alten Genüssen noch immer glühend verlangt? Es
-ist wohl leicht, seine Sünden zu bekennen und sich selber anzuklagen, oder
-dem Leib durch äußerliche Bußübung wehe zu thun; aber schwer, unendlich
-schwer ist es, das Herz loszureißen von der Sehnsucht nach den süßesten
-Genüssen. Darum, wenn der fromme Hiob sagt: »Ich will meine Klage bei mir
-gehen lassen!« d. h. ich will meinen Mund öffnen und mich frei und offen
-meiner Sünden anklagen -- so fügt er mit Recht alsbald hinzu: »Ich will
-reden von Betrübnis meiner Seele«. Der heilige Gregorius erklärt diese
-Worte also: »Es giebt Leute, die mit lauter Stimme ihre Sünden bekennen;
-aber ihr Sündenbekenntnis entlockt ihnen keinen Seufzer, und mit fröhlicher
-Miene sprechen sie Dinge aus, über die sie weinen sollten.« So ist es denn
-nicht damit gethan, daß man seine Sünden verurteilt und bekennt, sondern
-man muß sie in der Betrübnis seiner Seele bekennen, und diese Betrübnis muß
-eben die Strafe sein für die Sünden, welche die vom Gewissen geleitete
-Zunge bekennt.
-
-Aber wie selten dieses bittere Gefühl wahrer Reue sich finde, das spricht
-der heilige Ambrosius aus in dem Satz: »Ich habe mehr Leute kennen gelernt,
-die ihre Unschuld unverletzt bewahrt als solche, die Buße gethan haben«.
-Ich fand in den Freuden der Liebe, die wir miteinander genossen, so viel
-Wonne, daß sie noch jetzt ihren Reiz für mich haben und mich der Gedanke
-daran kaum verläßt. Wohin ich mich wende, immer stehen sie mir vor Augen
-und wecken sehnsüchtiges Verlangen. Bis in meinen Schlummer verfolgen mich
-die lockenden Phantasien. Mitten im feierlichen Hochamt, wo das Gebet
-reiner zu Gott sich erheben soll als sonst, wird mein armes Herz so ganz
-von jenen wohllüstigen Gebilden eingenommen, daß ich nur für ihre
-Lüsternheiten Gedanken habe, nicht für das Gebet. Ich sollte über meine
-Sünden weinen und ich seufze nach dem, was ich verloren.
-
-Und nicht allein was wir gethan steht lebendig vor meiner Seele; nein, auch
-die Orte, die Stunden, in denen wir gesündigt, haben sich so fest meinem
-Herzen eingeprägt, daß ich immer wieder aufs neue alles mit dir durchlebe
-und auch im Schlaf keine Ruhe finden kann. Dann und wann verrät eine
-unwillkürliche Bewegung des Körpers meines Herzens Gedanken oder ein Wort,
-das sich mir wider Willen auf die Lippen drängt. O gewiß, mein Elend ist
-groß! und ich darf wohl einstimmen in die Klage eines bangen Herzens: »Ich
-unglückseliger Mensch, wer wird mich erlösen von dem Leibe dieses Todes?« O
-könnte ich auch die darauffolgenden Worte aus vollem Herzen nachsprechen:
-»Ich danke Gott durch Jesum Christum, unsern Herrn.«
-
-Dir, mein Geliebter, ist die göttliche Gnade entgegengekommen und hat dich
-auf einmal von all diesen Anfechtungen befreit, durch eine körperliche
-Wunde hat sie dich aller Seelenleiden enthoben, und wo Gott es böse mit dir
-zu machen schien, gerade darin hat sich seine Güte gegen dich gezeigt: nach
-Art eines guten Arztes, der, um zu heilen, den Schmerz nicht erspart. Bei
-mir dagegen werden die Reizungen des Fleisches, die Begierde nach Genuß
-noch verschärft durch die Glut meines jungen Blutes und durch die
-Erinnerung an die wonnigen Genüsse, die ich einst gekostet habe. Und je
-schwächer die Natur ist, der der Angriff gilt, desto leichter erliege ich
-dem Ansturm der Leidenschaften. Man nennt mich keusch, weil man nicht weiß,
-daß alles nur Schein ist. Man rechnet mir die Reinheit des Fleisches als
-Tugend an, aber nicht Reinheit des Leibes, sondern Keuschheit der Seele ist
-Tugend! Menschen rühmen mich, vor Gott aber, der Herzen und Nieren prüft
-und ins Verborgene siehet, habe ich kein Verdienst. Man nennt mich fromm zu
-einer Zeit, in der nur der geringste Teil der Frömmigkeit nicht Heuchelei
-ist; wo der am meisten gelobt wird, der niemand vor den Kopf stößt.
-
-Es ist ja wohl lobenswert und vor Gott gewiß angenehm, wenn jemand, was für
-eine Gesinnung er sonst habe, nicht durch seine Handlungen ein schlechtes
-Beispiel giebt und der Kirche Ärgernis dadurch bereitet, oder wenn er sich
-davor hütet, daß nicht um seinetwillen der Name Gottes gelästert werde
-unter den Heiden oder daß er den Kindern der Welt keinen Anlaß gebe, seinen
-heiligen Stand zu verunglimpfen. Aber auch das ist eigentlich nur ein
-Geschenk der göttlichen Gnade; von ihr allein kommt uns die Kraft, das Gute
-zu thun und das Böse zu lassen. Vergeblich aber ist es, das erstere zu
-thun, wenn das andere nicht auch geschieht; denn es steht geschrieben:
-»Wende dich ab vom Bösen und thue das Gute.« Und beides ist wiederum
-vergeblich, wenn uns nicht die Liebe Gottes dazu treibt.
-
-Ich aber habe -- Gott weiß es -- jederzeit mich mehr davor gescheut, dich
-zu beleidigen als Gott. Du bist es, dem ich gefallen will, nicht Gott. Dein
-Befehl hat mich zur Nonne gemacht, nicht die Liebe zu Gott. Ach sieh mein
-Unglück an, führe ich nicht das jammerwürdigste Leben, wenn das alles, was
-ich leide, umsonst ist und kein Dank in der Zukunft mich erwartet? Auch du
-hast dich, gleich vielen anderen, durch den Schein betrügen lassen und hast
-meine Heuchelei für Frömmigkeit gehalten. Darum empfiehlst du dich so
-dringend für mein Gebet und verlangst von mir, was ich von dir erwarte. Ich
-beschwöre dich, du wollest keine so hohe Meinung von mir haben und nicht
-aufhören, deinerseits für mich zu beten. Halte mich nicht für gesund, damit
-du mir nicht die Wohlthat deiner Arznei entziehest. Glaube nicht, ich
-brauche nichts und zögere nicht, mir in meiner Not zu helfen. Denke nicht,
-ich sei stark: ich möchte sonst stürzen, ehe du mich halten könntest.
-Vielen hat schon falsches Lob Schaden gebracht und ihnen die Stütze
-genommen, die sie brauchten. Durch den Mund des Jesaias ruft der Herr:
-»Mein Volk, deine Tröster verführen dich und zerstören den Weg, den du
-gehen sollst«. Und bei Ezechiel heißt es: »Wehe euch, die ihr Kissen machet
-den Leuten unter die Arme und Pfühle zu den Häuptern, beides Jungen und
-Alten, die Seele zu fahen«.
-
-Dagegen finden wir bei Salomo den Spruch: »Die Worte der Weisen sind Spieße
-und tief eingeschlagene Nägel, die nicht die Haut ritzen, sondern tiefe
-Wunden reißen.«
-
-Ich bitte dich, höre auf mich zu loben, damit du nicht den Vorwurf
-niedriger Schmeichelei dir zuziehest oder des Vergehens der Lüge dich
-schuldig machest. Oder wenn du wirklich glaubst, daß etwas Gutes an mir
-sei, so gieb acht, daß nicht das, was du an mir lobst durch den giftigen
-Hauch der Eitelkeit zu nichte werde. Kein erfahrener Arzt beurteilt eine
-innere Krankheit bloß nach dem Befund des äußerlichen Zustandes eines
-Kranken. Leistungen, welche Verworfene so gut aufweisen können wie
-Auserwählte, haben vor Gottes Augen keinen Wert. Derart sind aber die
-äußerlichen guten Werke und keiner der Heiligen ist so eifrig darauf
-bedacht, wie die Heuchler. »Es ist das Herz ein trotziges und verzagtes
-Ding, wer kann es ergründen?« Ferner: »Es gefällt manchem ein Weg wohl;
-aber endlich bringt er ihn zum Tode«. -- »Der Mensch soll nicht voreilig
-über Dinge urteilen, die allein dem Urteil Gottes vorbehalten sind.« Darum
-steht auch geschrieben: »Man soll keinen Menschen loben, so lange er lebt«.
-Das ist so viel als: lobe keinen Menschen, weil zu fürchten steht, daß du
-ihn durch dein Lob weniger lobenswert machest.
-
-Für mich selber ist ein Lob von dir um so gefährlicher, je angenehmer es
-mir ist; und es klingt mir um so verführerischer und schmeichlerischer ins
-Ohr, weil ich dir in allem gefallen möchte. Ich bitte dich: laß allezeit
-deine Furcht um mich größer sein als das Vertrauen, das du auf mich
-setzest, damit mir stets deine fürsorgende Hilfe zur Seite stehe. Und jetzt
-hast du ganz besonderen Grund, für mich zu fürchten, weil mein sinnliches
-Verlangen bei dir keine Befriedigung mehr finden kann. Sage mir nicht: »Die
-Kraft ist in den Schwachen mächtig« oder: »Niemand wird gekrönt, er kämpfe
-denn recht«. Ich verlange keine Siegeskrone; es ist mir genug, wenn ich der
-Gefahr entgehe. Es ist leichter, der Gefahr aus dem Wege zu gehen als den
-Kampf aufzunehmen. Welchen Winkel seines Himmels Gott mir anweisen will --
-ich werde zufrieden sein. Dort wird keiner den andern beneiden, jeder wird
-mit dem was er hat, sich begnügen. Um diese meine Ansicht durch das Gewicht
-einer Autorität zu stützen, will ich das Wort des heiligen Hieronymus
-anführen: »Ich gestehe meine Schwachheit ein, ich will nicht kämpfen in der
-Hoffnung auf Sieg, damit ich des Sieges nicht verlustig gehe.« Sollten wir
-sicheres aufgeben und Unsicherem nachjagen?
-
-
-
-
-V. Brief.
-
-Abaelard an Heloise.
-
-(An die Braut Christi -- der Knecht Christi.)
-
-
-Dein letzter Brief zerfällt, so viel ich mich erinnere, der Hauptsache nach
-in vier Abschnitte, in welchen du deinem Schmerz Ausdruck giebst. Fürs
-erste klagst du darüber, daß in der Anrede meines Briefes dein Name vor den
-meinigen gesetzt sei, was in Briefen sonst nicht üblich sei und sogar der
-natürlichen Ordnung der Dinge widerspreche. Zum zweiten beklagst du dich
-darüber, daß ich eure Seelenangst vermehrt habe, statt euch Trost zu
-bringen, daß ich, statt Thränen zu stillen, solche geweckt habe durch jenes
-Wort in meinem Brief: »Falls mich Gott in die Hände meiner Feinde fallen
-läßt« u. s. w. Zum dritten wiederholst du jene alte Klage gegen Gott über
-die Art und Weise unserer Bekehrung und über den ruchlosen Verrat, dem ich
-zum Opfer gefallen bin. Endlich erhebst du im Gegensatz zu dem Lob, das ich
-dir gespendet, eine Anklage wider dich selbst und bittest mich dringend,
-ich solle in Zukunft keine so hohe Meinung mehr von dir haben.
-
-Ich will dir nun auf jeden einzelnen dieser Punkte antworten, nicht um mich
-zu entschuldigen, sondern um dich zu belehren und aufzurichten, und ich
-denke du wirst meinen Forderungen um so bereitwilliger Gehör schenken, je
-mehr du einsehen lernst, wie berechtigt sie sind. Du wirst die Wünsche, die
-ich in Beziehung auf deine Person ausspreche, um so lieber erfüllen als du
-finden wirst, daß ich mit denselben nur recht habe, und du wirst um so
-weniger geneigt sein, meinen Rat gering zu achten, je weniger tadelnswert
-ich dir erscheine.
-
-Was nun zunächst die, wie du meinst, verkehrte Reihenfolge der Namen in der
-Anrede meines Briefes betrifft, so stimmt dieselbe, wenn du näher zusiehst,
-mit deiner eigenen Ansicht überein. Sagst du doch selbst in deinem Brief --
-und niemand bezweifelt dies -- daß, wenn man an Höhergestellte schreibt,
-die Namen derselben vorangestellt werden. Bedenke, daß du über mir stehst
-seit der Zeit, da du als die Braut Gottes meine Herrin geworden bist, wie
-auch der heilige Hieronymus an Eustochium schreibt: »Darum schreibe ich:
-meine Herrin. Denn Herrin muß ich nennen die Verlobte meines Herrn«.
-
-Glücklicher Tausch des Ehebundes, der dich, einstmals die Gattin eines
-armen elenden Menschen, nun in das Brautgemach des Königs aller Könige
-erhebt und dich durch diese hohe Ehre nicht allein über deinen bisherigen
-Gatten, sondern über alle Knechte dieses Königs setzt. Darum wundere dich
-nicht, wenn ich mich für Leben und Sterben in den Schutz deines Gebetes
-befehle; denn nach dem allgemeinen Recht gilt ja bei den Herren des Hauses
-die Fürsprache der Ehefrau mehr als diejenige des Gesindes, die Herrin mehr
-als die Knechte. Als das Urbild solcher Frauen wird uns jene Königin und
-Braut des höchsten Königs beschrieben, wenn es im Psalm heißt: »Die Braut
-steht zu deiner Rechten«. Weiter ausgeführt will dies besagen: »Sie steht
-mit ihm in trautem Verein Seite an Seite und schreitet neben ihm einher,
-während alle anderen in ehrfurchtsvoller Ferne stehen oder nachfolgen.«
-
-Der Freude über dieses hohe Vorrecht giebt die Braut im Hohenlied, jene
-Äthiopierin, in den Worten Ausdruck: »Ich bin schwarz, aber gar lieblich,
-ihr Töchter Jerusalems; darum hat mich der König geliebt und in seine
-Kammer geführt«. Und weiter: »Sehet mich nicht an, daß ich so schwarz bin,
-denn die Sonne hat mich so verbrannt«. Diese Worte beziehen sich im
-allgemeinen auf die beschauliche Seele, die im besonderen die Braut Christi
-genannt wird; aber noch deutlicher bezeugt es das Gewand, das ihr traget,
-daß die Worte auf euch sich beziehen. Denn die Tracht eurer schwarzen
-Gewänder aus grobem Stoff, ähnlich dem Trauergewand der frommen Witwen,
-welche um die Männer, die sie geliebt hatten, trauern, bezeugt, daß ihr
-nach dem Wort des Apostels rechte, untröstliche Witwen in dieser Welt seid,
-die von den Almosen der Kirche leben. Von der Trauer solcher Witwen um
-ihren Bräutigam am Kreuz spricht die Schrift, wenn sie sagt: »Frauen saßen
-am Grab und klagten und weinten um den Herrn.«
-
-Die Äthiopierin erscheint äußerlich allerdings von schwarzer Farbe und der
-oberflächlichen Betrachtung mag sie häßlicher scheinen als andere Frauen.
-Aber an inneren Vorzügen steht sie ihnen nicht nach; ja einiges an ihr ist
-sogar schöner und weißer als bei den andern, z. B. ihre Knochen und ihre
-Zähne. Die weiße Farbe der letzteren wird ja auch von ihrem Geliebten
-gefeiert, welcher sagt: »Und ihre Zähne sind weißer als Milch«. Sie ist
-also äußerlich angesehen schwarz, im Innern aber lieblich und schön. Denn
-die vielfachen Widerwärtigkeiten und Anfechtungen dieses Lebens haben ihren
-Körper angegriffen und lassen ihn äußerlich schwarz erscheinen; sagt doch
-auch der Apostel: »Alle, die gottselig leben wollen in Christo Jesu, müssen
-Verfolgung leiden«. Wie nämlich durch die weiße Farbe das Glück bezeichnet
-wird, ebenso passend kann man Schwarz als Symbol des Unglücks ansehen. Im
-Innern aber, gleichsam an den Gebeinen, ist sie weiß, weil ihre Seele an
-allen Tugenden reich ist, wie geschrieben steht, »des Königs Tochter ist
-inwendig ganz herrlich«. Denn die Gebeine, welche im Innern sind und nach
-außen von Fleisch umgeben werden, bilden die Kraft und Stärke eben des
-Fleisches, welches sie stützen und tragen und stellen so in einem
-anschaulichen Bilde _die menschliche Seele_ dar, welche den Körper, in dem
-sie wohnt, belebt, aufrecht erhält, bewegt und lenkt und ihre Kraft ihm
-mitteilt. Ihre Weiße und Schönheit sind die Tugenden, mit denen sie sich
-schmückt. Äußerlich angesehen ist freilich auch sie von schwarzer Farbe,
-denn während ihrer Pilgerfahrt hienieden in der Fremde hält sie sich
-unscheinbar und gering, bis sie dereinst in jenem andern Leben, das mit
-Christus in Gott verborgen ist, in ihre Herrlichkeit eingesetzt wird, wenn
-sie die Heimat erreicht hat. Die Sonne der Wahrheit aber verfärbt sie, wenn
-die Liebe ihres himmlischen Bräutigams sie demütigt und mit schmerzlichen
-Anfechtungen heimsucht, damit sie ihres Glückes sich nicht überhebe.
-
-Die Sonne verfärbt sie, d. h. so viel als: sie macht sie den anderen Frauen
-unähnlich, die nur auf irdisches Gut bedacht sind und nach weltlichem
-Ansehen geizen, so wird sie durch ihre Demut in Wahrheit die Lilie im
-Thale, nicht eine Lilie der Berge wie jene thörichten Jungfrauen, welche
-auf ihre fleischliche Reinheit und äußerliche Keuschheit eitel sind, in
-ihrem Innern aber von glühenden Begierden verzehrt werden.
-
-Mit gutem Recht aber redet sie die Töchter Jerusalems, d. h. die im Glauben
-Schwachen -- daher sie Töchter heißen, nicht Söhne -- mit den Worten an:
-»Sehet mich nicht an, daß ich so schwarz bin, denn die Sonne hat mich so
-verbrannt«. Mit diesen Worten will sie sagen: »daß ich mich demütige und
-alle Widerwärtigkeiten so männlich trage, ist nicht mein Verdienst, sondern
-das Gnadengeschenk dessen, dem ich diene«. Ganz anders die Häretiker und
-die Heuchler: vor dem Angesicht der Menschen pflegen sie sich gar demütig
-zu gebärden und sich viel unnütze Lasten aufzulegen. Eine solche Demut und
-Selbstpeinigung kann nur unsern Widerwillen erregen; denn diese Menschen
-sind ja bedauernswerter als alle anderen, da sie weder die Güter dieses
-Lebens, noch die des zukünftigen genießen. Im Hinblick darauf sagt die
-Braut: »Wundert euch nicht, daß ich also thue«. Wundern muß man sich
-vielmehr über diejenigen, welche vergeblich glühend von Begierde nach
-irdischen Ruhm sich doch alle irdischen Güter vorenthalten, und die darum
-hienieden so elend sind wie einst im Jenseits. Ihre Enthaltsamkeit ist wie
-diejenige der thörichten Jungfrauen, vor denen die Thür zugeschlossen
-wurde.
-
-Mit Recht sagt sie auch, daß sie, weil schwarz und lieblich, vom König
-geliebt und in seine Kammer geführt worden sei, d. h. in die geheimnisvolle
-Ruhe der Betrachtung, und in jenes Bett, von welchem sie an einer andern
-Stelle sagt: »Ich suchte des Nachts in meinem Bette, den meine Seele
-liebt«. Denn wegen der Schwärze ihrer Farbe hält sie sich lieber im
-Verborgenen auf als in der Öffentlichkeit und liebt mehr die Einsamkeit als
-große Gesellschaft. Ein solches Weib wird auch die verschwiegenen Freuden,
-die sie mit ihrem Mann genießt, allen öffentlichen Vergnügungen vorziehen;
-sie wird sich lieber im Ehebett fühlbar machen, als bei Tische glänzen.
-
-Vielfach ist auch die Haut dunkelfarbiger Frauen zwar weniger lockend für
-das Auge, aber um so reizvoller bei der Berührung, und darum ist der
-geheime Liebesgenuß, welchen sie spenden, größer und süßer als öffentliche
-Freuden; und um ihn zu genießen, werden solche Frauen von ihren Männern
-lieber in das Schlafgemach geführt als in die Öffentlichkeit.
-
-Nachdem die Seelenbraut in dieser bildlichen Weise die Worte
-vorausgeschickt hat: »Ich bin schwarz aber lieblich« -- fügt sie alsbald
-hinzu: »Darum hat mich der König geliebt und in seine Kammer geführt«, und
-setzt so die einzelnen Worte in bestimmte Beziehung zu einander: »Weil ich
-schön, hat er mich geliebt -- weil schwarz, hat er mich in die Kammer
-geführt«. -- »Schön« bezieht sich, wie schon gesagt, auf ihre inneren
-Vorzüge, welche der Bräutigam liebt; »Schwarz« -- auf die leiblichen
-Anfechtungen und Widerwärtigkeiten. Diese Schwärze, d. h. diese
-körperlichen Anfechtungen, lenken das Herz der Gläubigen unwillkürlich
-hinweg von der Unruhe des Weltlebens zur friedlichen Stille frommer
-Betrachtung. So ging es nach dem Berichte des Hieronymus auch dem Paulus,
-dem Begründer des Klosterlebens, das wir erwählt haben.
-
-Auch die Dürftigkeit unserer Ordenstracht ist mehr für die Einsamkeit
-berechnet als für den Verkehr in der Welt und paßt vortrefflich für die
-Rauheit und Abgeschiedenheit des Ortes, wie sie unsere Regel verlangt. Denn
-nichts verlockt so sehr dazu, in der Öffentlichkeit sich zu zeigen, als
-eine kostbare Gewandung. Und daß man nach einer solchen begehre einzig und
-allein, um der nichtigen Eitelkeit und Großthuerei willen, dies bestätigt
-schon der heilige Gregorius mit den Worten: »Niemand schmückt sich für die
-Einsamkeit, sondern um sich sehen zu lassen«.
-
-Unter dem obengenannten Brautgemach ist die Kammer gemeint, in welche uns
-der Bräutigam selbst im Evangelium zum Gebet einladet mit den Worten: »Wenn
-du aber betest, so gehe in dein Kämmerlein und schließ die Thür zu und bete
-zu deinem Vater«; mit andern Worten: »nicht auf den Gassen und Märkten wie
-die Heuchler«. Unter der Kammer ist also verstanden ein einsamer, dem Lärm
-und den Augen der Welt entrückter Ort, da man gesammelter und reiner beten
-kann als anderswo. Dies trifft zu bei der Stille klösterlicher
-Zurückgezogenheit; auch da sollen wir die Thüre schließen, d. h. alle
-Zugänge sperren, damit die Reinheit unseres Gebetes nicht gestört werde und
-unser Auge unsere arme Seele nicht verführe. Schmerzlich empfinden wir's,
-daß es unter denen, die unser Gewand tragen, so viele Verächter dieses
-Rates oder vielmehr dieser göttlichen Vorschrift giebt. Wenn sie das
-heilige Hochamt feiern, sperren sie Thüren und Chöre auf und geben sich
-ohne Scham den neugierigen Blicken der Frauen wie der Männer preis, und
-besonders benutzen sie die hohen Feste als Gelegenheit, um vor den Laien im
-glänzenden Schmuck ihrer Gewänder zu prahlen. Nach ihrer Meinung ist ein
-Fest um so schöner, je mehr Pomp dabei entfaltet wird und je üppiger das
-nachfolgende Festmahl ausfällt. Über die unselige Verblendung dieser Leute,
-die zu der armen Religion Christi ganz und gar im Widerspruch steht, ist es
-besser kein Wort zu verlieren, um kein Ärgernis zu erregen. Ganz in
-jüdischer Weise setzen sie an Stelle der Regel ihr eigenes Herkommen und
-haben Gottes Gebot zu nichte gemacht durch Menschensatzungen; sie fragen
-nicht danach, was Pflicht, sondern was Gewohnheit ist. Und doch -- der
-heilige Augustin erinnert daran -- der Herr hat gesagt: »Ich bin die
-Wahrheit«, nicht: »Ich bin die Gewohnheit«.
-
-Ihrem Gebet, das bei offener Thür verrichtet wird, mag sich anbefehlen, wer
-da will. Ihr aber, liebe Schwestern, die ihr, eingeführt in das Gemach des
-himmlischen Königs und in seinen Armen ruhend, bei allezeit verschlossener
-Thür ganz euch ihm hingebet: je inniger ihr euch mit ihm vereiniget -- nach
-dem Wort des Apostels: »Wer dem Herrn anhanget, ist ein Geist mit ihm« --
-desto reiner und wirksamer, das glaube ich fest, wird euer Gebet sein, und
-darum bitten wir auch so dringend um seine Beihilfe, und ich meine: ihr
-müsset es um so andächtiger verrichten, je größer die Liebe ist, die uns
-verbindet.
-
-Ich habe euch ferner durch die Erwähnung der Gefahr, in welcher ich schwebe
-und durch meine Todesfurcht in Aufregung versetzt; allein das ist auf deine
-eigene Aufforderung, ja, auf deine dringende Bitte hin geschehen. In dem
-ersten Brief, den du an mich geschrieben, heißt es folgendermaßen: »Darum
-im Namen dessen, der dich bisher aus allen Gefahren zu seiner Ehre errettet
-hat, im Namen Jesu Christi bitten wir dich, du mögest seinen und deinen
-Dienerinnen durch öftere Nachricht Gewißheit verschaffen über die Stürme,
-von denen dein Lebensschiff jetzt noch hin- und hergeworfen wird; so wirst
-du wenigstens an uns, die wir allein dir getreu geblieben, Genossinnen
-deiner Leiden und deiner Freuden haben. Geteilter Schmerz, sagt man ja, ist
-halber Schmerz und jede Last wird leichter oder läßt sich ganz vergessen,
-wenn andere daran mittragen«. Warum also wirfst du mir vor, daß ich euch in
-meine Angst eingeweiht habe, da du mich doch selbst so dringend dazu
-aufgefordert hast? Wolltet ihr euch freuen, während ich unter Ängsten und
-Nöten mein Leben friste? Wollet ihr nur Genossinnen meiner Freude, nicht
-auch meines Leides sein, wollet ihr euch nur mit den Freuenden freuen,
-nicht auch weinen mit den Weinenden? Darin eben unterscheiden sich wahre
-Freunde von falschen, daß jene im Unglück, diese nur im Glück uns treu
-sind. Ich bitte dich, höre auf mit solchen Vorwürfen und halte an dich mit
-derartigen Klagen, die dem Wesen der Liebe so fremd sind. Wenn aber dein
-Herz noch immer verwundet ist durch die Beschreibung meiner Leiden, so
-bedenke, daß es bei der drohenden Gefahr, in der ich schwebe und bei der
-Hoffnungslosigkeit, die mich jeden Tag am Leben verzweifeln läßt, meine
-Pflicht ist, mich ängstlich um das Heil meiner Seele zu kümmern, und so
-lange es Zeit ist, für dasselbe zu sorgen. Und du wirst mir diese Besorgnis
-gewiß nicht übel nehmen, wenn du mich wirklich liebst. Ja, wenn du dir von
-der göttlichen Barmherzigkeit irgend etwas für mich versprechen könntest,
-dann solltest du mir die Erlösung von den Mühsalen dieses Lebens um so
-lebhafter wünschen, als du weißt, wie unerträglich sie für mich geworden
-sind. Du weißt ja, daß jeder, der mich vom Leben befreit, den größten
-Qualen mich entreißt. Was mir die Zukunft noch bringen wird, ist ungewiß;
-aber was ich hinter mir lasse, wenn ich befreit werde, das weiß ich. Dem
-Unglücklichen ist das Ende des Lebens stets willkommen, und wer wirklich
-aufrichtiges Mitleid mit dem Gequälten hat, der kann ihm nur das Ende
-wünschen; selbst in dem Fall, daß jemand den Leidenden wahrhaft liebt und
-sein Tod ihn schmerzt, soll er doch nicht sein eigenes Bestes wünschen,
-sondern das des anderen. So wird selbst eine Mutter ihrem langsam
-hinsiechenden Kind den Tod und damit das Ende des Siechtums wünschen, das
-sie nicht mehr mit ansehen kann; lieber erträgt sie den Verlust ihres
-Kindes als daß sie es leidend behalten möchte. Und wenn jemand noch so gern
-der Gegenwart eines Freundes sich erfreuen möchte, so wird er ihn doch
-lieber in der Ferne glücklich wissen als ihn zu seinem eigenen Nachteil in
-der Nähe haben wollen; denn wenn wir die Leiden anderer nicht mildern
-können, dann mögen wir sie lieber gar nicht leiden sehen. Dir ist der Genuß
-meiner Gegenwart, selbst einer unbefriedigenden, versagt. Ich sehe deshalb
-nicht ein, warum du mir nicht lieber ein seliges Ende als ein elendes Leben
-wünschen solltest, besonders da du ja gar nichts von mir hast. Wünschest du
-aber nur in Rücksicht auf dein eigenes Wohlbehagen eine Verlängerung meiner
-Leiden, dann würdest du als Feindin, nicht als Freundin an mir handeln.
-Willst du diesen schlimmen Schein meiden, dann, ich beschwöre dich noch
-einmal, höre auf mit diesen Klagen.
-
-Daß du mein Lob ablehnst, billige ich; denn du zeigst dich dadurch
-desselben nur um so würdiger. Es steht ja geschrieben: »Der Gerechte klagt
-sich selber zuerst an« und: »Wer sich selbst erniedrigt, der soll erhöhet
-werden«. Nur daß es auch in deinem Herzen wirklich so aussieht, wie du
-schreibst! Ist dem wirklich so, dann ist deine Demut echt und kann durch
-meine Worte nicht geschädigt werden. Aber sieh doch ja zu, daß du nicht
-eben, indem du das Lob vermeiden zu wollen scheinst, vielmehr nach Lob
-trachtest, und das, was du mit dem Munde zurückweisest, im Herzen begehrst.
-Der heilige Hieronymus schreibt darüber unter anderem an die Jungfrau
-Eustochium folgendes: »Wir lassen uns durch unsere böse Naturanlage
-verleiten. Denen, die uns schmeicheln, schenken wir nur zu gerne Gehör; wir
-beteuern wohl unsere Unwürdigkeit und eine gemachte Schamröte bedeckt unser
-Gesicht, aber dennoch freuen wir uns im innersten Herzen des uns
-gespendeten Lobes«. Ähnlich beschreibt Virgil die Schlauheit der lüsternen
-Galathea, die das was sie wollte durch die Flucht zu erlangen suchte und
-den Geliebten durch scheinbare Zurückweisung nur begieriger nach ihrem
-Besitz machte. »Flüchtet sich ins Gebüsch mit dem Wunsch, er möchte sie
-sehen.« Ehe sie sich versteckt, möchte sie noch von ihm gesehen werden; die
-Flucht selber, durch welche sie der Umarmung des Jünglings scheinbar sich
-entziehen will, muß ihr zum Zwecke behilflich sein. So fliehen auch wir
-oftmals scheinbar das Lob der Menschen und lenken es eben dadurch nur noch
-mehr auf uns, und während wir so thun, als wollten wir unbemerkt bleiben,
-damit niemand etwas an uns zu loben finde, täuschen wir dadurch thörichte
-Menschen und veranlassen sie nur noch mehr dazu, uns zu loben, weil wir
-durch unsere scheinbare Bescheidenheit in ihren Augen des Lobes um so
-würdiger werden. Dies sage ich nur, weil es gar häufig in der Welt so
-zugeht, nicht etwa weil ich dir so etwas zutrauen würde, denn an der
-Echtheit deiner Demut zweifle ich nicht. Ich möchte dich nur davor warnen,
-Äußerungen zu thun, die dir Leute, welche dich nicht näher kennen, so
-auslegen könnten, als wolltest du, um mit Hieronymus zu reden, »Ruhm
-suchen, indem du vor ihm fliehst«. Ein Lob von meiner Seite wird dich gewiß
-nicht eitel machen, sondern es wird dich nur zum Guten antreiben und du
-wirst in den Stücken, die ich an dir lobenswert finde, immer mehr dich zu
-vervollkommnen trachten, wenn es anders wirklich dein Wunsch ist, mir zu
-gefallen. Wenn ich dich lobe, so bist du darum deiner Tugendhaftigkeit noch
-lange nicht sicher und darfst dir nichts darauf zu gute thun. Die
-Anerkennung der Freunde darf man nicht allzuhoch anschlagen, so wenig wie
-Verunglimpfungen der Feinde.
-
-Ich komme nun noch auf deine alte und ewig sich wiederholende Klage über
-die Art und Weise unserer Bekehrung zu sprechen, durch welche du dir
-erlaubst, Gott zu beschuldigen, statt wie es sich ziemte, ihn zu preisen.
-Ich hätte gedacht, deine Verbitterung sei längst gewichen vor dem Gedanken
-an die sichtlich so barmherzige Fügung Gottes. Dieser Gemütszustand, in
-welchem du dich an Leib und Seele verzehrst, ist für dich selbst eine große
-Gefahr und ein Unglück, und für mich eine Pein. Wenn es wirklich wahr ist,
-daß du in allen Stücken mir zu Gefallen leben willst, so höre wenigstens
-auf, mich zu quälen, und wenn du mir einen Gefallen thun willst, stehe ab
-von dieser Gesinnung, mit der du meinen Beifall nicht gewinnen kannst und
-mit welcher du nicht mit mir die ewige Seligkeit erlangen wirst. Könntest
-du's ertragen, wenn ich ohne dich dorthin ginge, du, die mir selbst in die
-Hölle nachfolgen wollte? Thu was du kannst, um durch deine Frömmigkeit das
-zu erlangen, daß du nicht von mir getrennt werdest, wenn ich, wie du
-glaubst, zu Gott eile; und der Gedanke an das selige Ziel, dem wir
-entgegengehen, wird dich in deinem Eifer bestärken. Dann wird unsere
-Gemeinschaft erst recht glücklich und selig sein.
-
-Erinnere dich dessen, was du über die Umstände gesagt und geschrieben hast,
-durch welche unser Leben ein anderes wurde. Gott, den man wegen jener
-Fügung vielfach der Härte gegen mich beschuldigt, habe sich mir vielmehr,
-wie es ja offenbar ist, gnädig erwiesen in seinem Thun. Laß dir seinen
-Ratschluß wenigstens im Gedanken daran gefallen, daß er zu meinem Heil
-gedient hat; ja, nicht bloß zu meinem, sondern gleicherweise auch zu deinem
-Heil: das wirst du einsehen, wenn dein Schmerz dir erst wieder den Gebrauch
-des klaren Verstandes verstattet. Bedauere nicht, die Ursache einer so
-großen Wohlthat zu sein und glaube, daß du eben damit den Zweck erfüllt
-hast, zu welchem du von Gott erschaffen bist. Klage nicht über das, was ich
-zu leiden hatte, weine vielmehr über die Leiden der Märtyrer und über den
-Tod des Herrn, der zu unserem Heil gestorben ist. Wenn ich mein Unglück
-verdient hätte, würdest du es dann geduldiger tragen, würde es dich weniger
-empören? Wahrhaftig, wäre es so, dann müßte dein Schmerz noch viel größer
-sein; denn dann wäre mein Unglück für mich wirklich eine Schande und meinen
-Feinden ein Triumph; sie stünden gerechtfertigt da und auf mir läge die
-ganze Schmach der Schuld: niemand würde fürder mehr bedauern, was mir
-zugestoßen ist, oder mich bemitleiden.
-
-Um indes deinen bittern Schmerz noch weiter zu besänftigen, will ich
-zeigen, daß das, was uns zugestoßen ist, ebenso gerecht wie heilsam für uns
-war, und daß Gott uns mit vollem Recht strafte, als wir in rechtmäßiger Ehe
-lebten und nicht während wir verbotener Liebe huldigten. Du erinnerst dich:
-als du nach unserer Verheiratung bei den Nonnen im Kloster Argentueil
-lebtest, kam ich einmal zu heimlichem Besuche zu dir und du weißt wohl
-noch, wie weit ich mich in meiner unbändigen Leidenschaft mit dir vergaß,
-und zwar in einem Winkel des Refektoriums selber, da wir sonst keinen Ort
-hatten, wohin wir uns hätten zurückziehen können. Du weißt, daß wir damals
-durch unser Thun den ehrwürdigen, der heiligen Jungfrau geweihten Ort
-geschändet haben. Dies allein hätte schon eine viel schwerere Strafe
-verdient, abgesehen von allen unseren früheren Sünden. Soll ich von dem
-unkeuschen Leben, das wir führten und von dem Schmutz reden, mit welchem
-wir uns ohne Scham befleckten, ehe wir den Ehebund geschlossen hatten? Soll
-ich erinnern an den empörenden Verrat, dessen ich mich um deinetwillen
-deinem Oheim gegenüber schuldig machte, mit dem ich so lange unter einem
-Dache gelebt hatte? Muß nicht jedermann zugeben, daß ich mit vollem Recht
-von dem Manne betrogen wurde, den ich vorher selbst so schändlich betrogen
-hatte? Glaubst du, der kurze Schmerz meiner damaligen Verwundung sei eine
-genügende Strafe für solche Vergehen gewesen? Vielmehr: habe ich mit
-solchen Schulden so viel Gnade verdient? Welcher Schlag, glaubst du, konnte
-der göttlichen Gerechtigkeit Genüge thun für die Schändung des der Mutter
-Gottes geweihten Ortes. Ja, wenn mich nicht alles täuscht, so büße ich
-diese Sünden nicht durch jenen Schlag, der ja nur heilsam für mich war,
-sondern durch die Qualen, die ich jetzt noch täglich ohne Ende erdulde.
-
-Du erinnerst dich auch wohl noch daran, wie ich dich damals, als du
-schwanger warst, in meine Heimat gebracht habe, und zwar, um den Schein zu
-erwecken, als seist du eine Nonne, angethan mit dem heiligen Gewand; durch
-diese Vermummung habe ich damals den heiligen Stand verhöhnt, dem du jetzt
-angehörst. Wie richtig war es, wenn dich die göttliche Gerechtigkeit, ja,
-vielmehr die göttliche Gnade gegen deinen Willen in den Stand versetzt hat,
-welchen zu verhöhnen du dich nicht gescheut hast: so mußtest du in eben dem
-Gewand büßen, gegen welches du dich vergangen hattest, und der wirkliche
-Verlauf der Dinge mußte die Lüge wieder gut machen und den Betrug
-verbessern.
-
-Wenn du, abgesehen von der Gerechtigkeit Gottes, noch das in Betracht
-ziehen willst, was zu unserem Besten geschehen ist, so kann man das, was
-Gott damals an uns gethan, schon nicht mehr Gerechtigkeit, sondern nur
-Gnade nennen. Denke doch daran, Geliebte, wie uns der Herr mit Netzen
-seiner Barmherzigkeit aus dem tiefen Meere des Verderbens gezogen hat; ja,
-aus dem Strudel der Charybdis, in dem wir Schiffbruch gelitten, hat er uns
-gegen unsern Willen errettet, und wir beide können ausrufen: »Der Herr hat
-sich Sorge gemacht um meinetwillen«. Erinnere dich wieder und wieder daran,
-in welche Gefahren wir uns hineinbegeben hatten und wie der Herr uns ihnen
-entrissen hat; erzähle es allezeit mit innigem Dank, wie Großes der Herr an
-uns gethan und tröste mit unserm Beispiel alle Sünder, welche an Gottes
-Güte verzweifeln wollen, auf daß alle inne werden, was denen zu teil wird,
-die demütig bitten, da schon an Sündern und Undankbaren so Großes
-geschieht. Erwäge den hohen Ratschluß der göttlichen Liebe über uns, die
-Barmherzigkeit, mit welcher der Herr sein Gericht uns zur Besserung werden
-ließ und die Weisheit, der selbst das Böse zum Guten dienen mußte, die aus
-gottlos gottselig zu machen verstand, die, indem sie einen Teil meines
-Leibes verletzte, wie es mir gehörte, zwei Seelen geheilt hat. Vergleiche
-miteinander die Gefahr und die Art der Befreiung. Vergleiche die Krankheit
-und das Heilmittel. Sieh an, was wir verdient und bewundere die liebevolle
-Barmherzigkeit.
-
-Du weißt, mit welchen Schamlosigkeiten unser Leib durch meine zügellose
-Begierde vertraut geworden war. Selbst in den Tagen der Passion unseres
-Herrn und an den höchsten Festen wälzte ich mich im Schmutz der
-Lüsternheit, ohne mich durch Schamgefühl oder Gottesfurcht abhalten zu
-lassen. Ja, mehr als einmal habe ich dich, selbst wenn du nicht wolltest,
-obwohl du ja von Natur schwächer warst, mit Drohungen und Schlägen
-gezwungen, mir zu Willen zu sein, trotz deines Sträubens und deiner
-Widerrede. Denn so widerstandslos kettete mich die Glut meiner Begierde an
-dich, daß ich über jenen elenden Genüssen, deren Namen uns schon erröten
-macht, Gott und mich selber vergaß; es war soweit gekommen, daß die
-göttliche Gnade mich offenbar nicht anders mehr retten konnte, als dadurch,
-daß sie mir jede Aussicht auf ferneren sinnlichen Genuß von Grund aus
-benahm. So hat die göttliche Gerechtigkeit und Milde den schmählichen
-Verrat deines Oheims als Werkzeug benutzt und hat mich, auf daß ich in
-vielen anderen Stücken wüchse, um denjenigen Teil meines Körpers verkürzt,
-welcher der Sitz der sündlichen Lust war und die Ursache meines unreinen
-Begehrens. Es entsprach ganz der göttlichen Gerechtigkeit, daß das Glied
-getroffen wurde, welches mich zur Sünde verleitet hatte, und daß es durch
-sein Leiden für die sträflichen Freuden büßen mußte, die es gewährt hatte.
-So wurde ich nach Leib und Seele von aller Unreinigkeit befreit, in die ich
-versunken war wie in einen Sumpf; und für den heiligen Dienst des Altars
-wurde ich um so tauglicher, als mich nun kein fleischliches Gelüste mehr
-störte. Wie milde ist Gottes Fügung auch darin gewesen, daß er mich nur an
-dem Gliede strafte, dessen Verlust meiner Seele zum Heil diente und
-zugleich den Körper nicht entstellte; auch an der Ausübung meines Amtes
-mich in keiner Weise hinderte, sondern mich im Gegenteil zu jeglichem
-ehrbaren Thun nur tüchtiger machte, in dem Maße, als er mich von dem
-schweren Joch der Sinnenlust befreite. Wenn mich also die göttliche Gnade
-von diesen verächtlichen Gliedern, die wegen ihrer niedrigen Verrichtungen
-nur Schamglieder heißen und nicht einmal mit ihrem eigentlichen Namen
-genannt werden können -- wenn mich die göttliche Gnade davon befreit hat --
-eine Beraubung war es ja nicht --: hat sie damit nicht bloß den Schmutz und
-das Laster entfernt und die Reinheit und Tugend gerettet?
-
-Im heftigen Verlangen nach solcher Reinheit und Keuschheit haben einige
-weise Männer, so wird uns berichtet, selbst Hand an sich gelegt, um die
-Sünde der Wollust mit der Wurzel in sich auszurotten. Man glaubt ja sogar
-von dem Apostel Paulus, er habe den Herrn um Befreiung von diesem Pfahl im
-Fleisch gebeten, ohne jedoch Erhörung zu finden. Ein anderes Beispiel dafür
-ist jener große christliche Philosoph Origenes, der sich nicht scheute,
-selbst Hand an sich zu legen, um die Flamme in seinem Innern für immer zu
-ersticken. Nach dem strengen Buchstaben der Schrift hielt er wohl nur
-diejenigen für wahrhaft selig, die sich selbst verschneiden um des
-Himmelreichs willen, und scheint der Meinung gewesen zu sein, daß nur
-solche Leute das Gebot wirklich erfüllen, welches der Herr in betreff der
-Glieder, die uns ärgern, ausgesprochen hat: nämlich, daß man sie abhauen
-und von sich werfen solle. Auch hat er offenbar jenes prophetische Wort des
-Jesaias wörtlich statt mystisch aufgefaßt, nach welchem der Herr die
-Eunuchen den übrigen Gläubigen vorzieht. Dasselbe lautet: »Den
-Verschnittenen, welche meine Sabbathe halten, und erwählen was mir
-wohlgefällt und meinen Bund fest fassen: ich will ihnen in meinem Hause und
-in meinen Mauern einen Ort geben und einen bessern Namen, denn den Söhnen
-und Töchtern; einen ewigen Namen will ich ihnen geben, der nicht vergehen
-soll«. Dennoch hat Origenes eine schwere Schuld auf sich geladen, da er, um
-der Sünde zu entgehen, seinen Leib verstümmelte. Er eiferte um Gott, gewiß;
-aber es war ein blinder Eifer, und so hat er die Schuld des Mordes auf sich
-geladen, indem er gegen sich selbst wütete. Entweder war es teuflische
-Eingebung oder ein höchst bedauerlicher Wahn, was ihn trieb, das an sich zu
-vollstrecken, was die Barmherzigkeit Gottes an mir durch einen andern
-Menschen hat verüben lassen. Ich entgehe der Schuld, ohne anderweitig
-Gefahr zu laufen. Ich verdiene den Tod und erlange das Leben. Gott ruft
-mir, und ich widerstrebe. Ich beharre in meinen Sünden, und die Verzeihung
-wird mir aufgenötigt. Der Apostel bittet und wird nicht erhört; er hält an
-mit Flehen und erlangt nichts. Wahrlich: »Gott hat sich Sorge gemacht um
-meinetwillen«. Darum will ich hingehen und verkünden, »wie große Dinge der
-Herr an mir gethan hat«.
-
-Tritt auch du herzu, meine treuverbundene Gefährtin und vereinige dein
-Dankgebet mit dem meinigen, die du Sünde und Gnade mit mir geteilt hast.
-Denn auch deines Heils vergißt der Herr nicht; vielmehr gedenkt er deiner
-vor anderen; ja, indem er dich nach seinem eigenen Namen, der Heloim
-lautet, Heloissa genannt hat, wollte er schon durch deinen Namen wie durch
-eine Art Prophezeiung andeuten, daß du in ganz besonderem Sinne sein
-Eigentum sein sollest. Er hat in seinem milden Rat beschlossen, durch das
-eine von uns alle beide zu retten, während der Teufel uns miteinander zu
-vernichten trachtete.
-
-Denn ganz kurz, bevor das Ereignis eintrat, hatte er uns durch das
-unlösliche Band der heiligen Ehe miteinander verbunden. Wohl war es mein
-Wunsch, dich, die ich über alles liebte, auf diese Weise für immer an
-meiner Seite festzuhalten; aber eigentlich war es doch Gott selber, der
-diese Wendung der Dinge dazu benutzte, uns beide zu sich zu ziehen. Denn
-hätte dich nicht schon das Band der Ehe an mich gefesselt, als ich mich aus
-der Welt zurückzog, du hättest dich vielleicht durch das Zureden deiner
-Angehörigen oder durch die lockende Aussicht auf des Fleisches Lust
-bestimmen lassen, an der Welt hängen zu bleiben. Darum siehe, wie Gott sich
-um uns bemüht hat, als hätte er uns noch zu großen Dingen bestimmt, als
-wäre er unwillig und bekümmert darüber, daß die reiche Gabe der
-Gelehrsamkeit und Wissenschaft, die er uns beiden verliehen, nicht zur Ehre
-seines Namens verwendet werde; oder als fürchte er, es möchte bei der
-Unenthaltsamkeit seines schwachen Knechtes auch auf ihn das Wort der
-Schrift seine Anwendung finden: »Die Weiber machen auch Weise abtrünnig«,
-wofür der weise Salomo ein treffendes Beispiel ist.
-
-Welch reichliche Zinsen trägt das Pfund deiner Weisheit Tag für Tag dem
-Herrn! Wie viel geistliche Töchter hast du ihm schon geboren, während ich
-gänzlich unfruchtbar bleibe und mich vergeblich abmühe mit den Kindern des
-Verderbens! Welch unheilvoller Verlust, welch beklagenswerter Schaden, wenn
-du dich den schmutzigen Lüsten des Fleisches hingegeben, mit Schmerzen
-wenige Kinder zur Welt gebracht hättest, die du jetzt mit Freuden eine
-zahlreiche Schar für das Himmelreich gebierst. Ein Weib wärest du geblieben
-wie alle anderen, die du jetzt hoch selbst über den Männern stehst, die du
-Evas Fluch in den Segen der Maria gewandelt hast! Wie wären diese heiligen
-Hände, die jetzt nur in Berührung kommen mit den Blättern der heiligen
-Bücher, entweiht worden durch die Beschäftigung mit der Kleinlichkeit
-weiblicher Sorgen!
-
-Gott selbst hat geruht, uns der Berührung mit dem Gemeinen und diesen
-schmutzigen Freuden zu entreißen und uns zu sich zu ziehen mit jener
-Gewalt, durch die einst Paulus erschüttert und bekehrt worden ist;
-vielleicht wollte er durch unser Beispiel auch andere, die in den
-Wissenschaften bewandert sind, von ähnlicher Überhebung abschrecken.
-
-Darum, liebe Schwester, laß dich unser Geschick nicht anfechten und werde
-dem Vater, der uns so väterlich zurechtgewiesen, durch deine Klagen nicht
-lästig. Denke an den Spruch: »Welchen der Herr lieb hat, den züchtiget er;
-er stäupet aber einen jeglichen Sohn, den er annimmt« und an den anderen:
-»Wer der Rute schonet, der hasset seinen Sohn«. Unsere Strafe ist eine
-zeitliche, nicht eine ewige; wir werden geläutert, nicht verurteilt. Richte
-dich auf an dem Wort des Propheten: »Der Herr geht nicht zweimal ins
-Gericht mit Einer Sünde; es wird das Unglück nicht zweimal kommen«. Nimm zu
-Herzen jene hohe und wichtige Mahnung dessen, der die Wahrheit selbst war:
-»So ihr geduldig seid, werdet ihr eure Seelen erretten«. Daher auch Salomo
-spricht: »Ein Geduldiger ist besser denn ein Starker und der seines Mutes
-Herr ist, denn der Städte gewinnet«.
-
-Rührt dich nicht das Bild des eingeborenen Gottessohnes zu Thränen und
-Trauer? Er, um deinet- und aller Welt willen von den Sündern ergriffen, vor
-den Richter geschleppt, gegeißelt, verhöhnt, ins Angesicht geschlagen,
-verspeit, mit Dornen gekrönt und zuletzt am Schandpfahl des Kreuzes unter
-Mördern aufgehenkt und erwürgt durch den martervollsten fluchwürdigsten
-Tod? Ihn, liebe Schwester, deinen und der ganzen Kirche wahrhaftigen
-Bräutigam, habe stets vor Augen und im Herzen. Sieh auf ihn, wie er
-hinausgeht, um für dich sich kreuzigen zu lassen und wie er selber sein
-Kreuz trägt. Mische dich unter das Volk und die Frauen, die um ihn weinten
-und klagten, wie Lukas erzählt: »Es folget ihm aber nach ein großer Haufe
-Volks und Weiber, die klageten und beweineten ihn«. Und er, in milder Güte
-zu ihnen gewandt, kündet ihnen das Verderben, das zur Strafe für seinen Tod
-hereinbrechen werde, vor dem sie sich aber retten können, wenn sie klug
-seien und seinen Worten folgen: »Ihr Töchter Jerusalems, sprach er, weinet
-nicht über mich, sondern weinet über euch selbst und über eure Kinder. Denn
-siehe, es wird die Zeit kommen, in welcher man sagen wird: 'Selig sind die
-Unfruchtbaren und die Leiber, die nicht geboren haben und die Brüste, die
-nicht gesäuget haben. Dann werden sie anfahen zu sagen zu den Bergen:
-Fallet über uns! und zu den Hügeln: Decket uns! Denn so man das thut am
-grünen Holz, was will am dürren werden?'«
-
-Leide mit dem, der, dich zu erlösen, freiwillig leidet! und traure um ihn,
-der um deinetwillen ans Kreuz geschlagen ist. Steh im Geist allezeit an
-seinem Grabe und weine und klage mit den gläubigen Frauen. Von ihnen heißt
-es, wie ich schon oben gesagt habe, in der Schrift: »Frauen saßen am Grab,
-klagten und weinten um den Herrn«. Bereite mit ihnen Spezereien zu seinem
-Begräbnis, aber nicht stoffliche, sondern bessere, geistige: denn nur wer
-diese nicht kennt, verlangt nach jenen. Von solchen Gedanken laß dein Herz
-bis ins Innerste erschüttern.
-
-Der Herr selbst ermahnt die Gläubigen durch den Mund des Propheten Jeremia
-zur herzlichen Teilnahme an seinem Leiden also: »Ihr alle, die ihr
-vorübergeht, schauet doch und sehet, ob irgend ein Schmerz sei wie mein
-Schmerz«; d. h. ob irgend ein Leidender so sehr Mitleid verdient wie ich,
-der ich allein schuldlos die Sünden anderer büße. Er selbst aber ist der
-Weg, durch den die Gläubigen aus der Fremde eingehen zum Vaterland. Darum
-hat er sein Kreuz, von dem herab er uns also zuruft, für uns aufgerichtet
-als eine Leiter des Heils. Er ist für dich getötet, der Eingeborene Gottes
-ist geopfert worden, also war es sein Wille. Er allein verdient dein
-schmerzvolles Mitleid und deinen mitleidigen Schmerz. Mache wahr, was der
-Prophet Zacharias von den frommen Seelen weissagt: »Sie werden ihn klagen,
-wie man klaget ein einiges Kind und werden sich um ihn betrüben, wie man
-sich betrübet um ein erstes Kind«.
-
-Sieh zu, meine Schwester, welche Klage unter den Freunden eines Königs sich
-erhebt, wenn sein erstgeborener und einziger Sohn stirbt. Betrachte, in
-welchen Jammer, in welche Trauer die Königsfamilie und der ganze Hof
-versetzt wird, und das Wehgeschrei, das die Braut des Toten erhebt, wirst
-du gar nicht mit anhören können. Also, meine Schwester, soll deine Trauer
-und deine Klage beschaffen sein, denn du hast mit jenem herrlichen
-Bräutigam den seligen Ehebund geschlossen. Er hat dich erworben nicht mit
-seinen Schätzen, sondern mit sich selber. Mit seinem eigenen Blut hat er
-dich erkauft und hat dich erlöset. Darum bedenke, welches Recht er auf dich
-hat und vergiß nicht, wie teuer du erkauft bist. Im Gedanken an diesen
-Kaufpreis und in Erwägung der Frage, was der in Wirklichkeit wert sei, für
-den ein solcher Preis bezahlt wurde und was für einen Dank er für diese
-hohe Gnade erstatten könne, sagt der Apostel: »Es sei aber ferne von mir,
-rühmen, denn allein von dem Kreuz unseres Herrn Jesu Christi, durch welchen
-mir die Welt gekreuzigt ist und ich der Welt«.
-
-Mehr als der Himmel bist du, mehr als die Welt, du, für welche sich der
-Schöpfer der Welt selbst zum Preis gegeben hat. Sprich, was hat er an dir
-gefunden, er, der keines Menschen bedarf, daß er, um dich zu gewinnen, die
-Qualen des schrecklichsten, schimpflichsten Todes durchgekämpft hat? Was
-sucht er an dir, ich frage noch einmal, wenn nicht dich selbst? Der ist
-dein wahrer Freund, der nicht das deine begehrt, sondern dich selber. Das
-ist der wahre Freund, der für dich in den Tod gehend sprach: »Niemand hat
-größere Liebe denn die, daß er sein Leben lässet für seine Freunde«. Er hat
-dich wahrhaft geliebt, nicht ich. Meine Liebe, die uns beide in Sünden
-verstrickte, verdient den Namen Begierde, nicht den der Liebe. Befriedigung
-meiner sündlichen Lüste suchte ich bei dir, das war meine ganze Liebe. Für
-dich habe ich gelitten, sagst du, und vielleicht ist etwas Wahres daran;
-aber noch mehr durch dich und auch das wider meinen Willen; nicht aus Liebe
-zu dir geschah es, sondern weil ich der Gewaltthat erlag, und nicht zu
-deinem Heil, sondern zu deinem Schmerz. Er aber hat um deines Heiles
-willen, er hat aus eigenem Trieb für dich gelitten. Er heilt durch sein
-Leiden alle Krankheit, er stillt alles Leid. Ihm, ich bitte dich, nicht mir
-weihe deine ganze Liebe, dein ganzes Mitleid, deinen ganzen Schmerz. Weine
-über die Grausamkeit und Ungerechtigkeit, die sich so an der Unschuld
-vergreifen durfte, nicht über die gerechte Strafe, die mich betroffen und
-die für uns beide, ich wiederhole es, die größte Wohlthat war. Denn die
-Gerechtigkeit nicht lieben, heißt ungerecht sein, und ganz ungerecht bist
-du, wenn du mit Wissen dem Willen oder vielmehr der hohen Gnade Gottes
-widerstrebst.
-
-Klage um deinen Retter, nicht um deinen Verführer; um deinen Erlöser, nicht
-um deinen Buhlen; um den Herrn, der für dich gestorben, nicht um den
-Knecht, der noch lebt, ja, der erst jetzt wirklich vom Tode befreit ist.
-Gieb acht, ich beschwöre dich, daß man nicht zu deiner Schande das Wort auf
-dich anwenden könne, das einst Pompejus zu der trauernden Cornelia gesagt
-hat:
-
- »Noch lebt nach dem Kampfe die Größe;
- Aber das Glück ist tot: _das_ hast du geliebt, das beweinst du.«
-
-Daran denke und halte dein Schamgefühl wach: du möchtest sonst die
-begangenen Frevel durch noch Frevelhafteres verstärken. Und so nimm denn
-geduldig hin, meine liebe Schwester, ich bitte dich drum, was die göttliche
-Barmherzigkeit über uns geschickt hat. Das ist die Rute des Vaters, nicht
-das Schwert des Verfolgers. Der Vater züchtigt, um zu bessern, damit nicht
-der Feind schlage, um zu töten. Durch die Wunde führt er nicht den Tod
-herbei, sondern rettet vor ihm; er wendet das Messer an, um abzuschneiden,
-was krank ist. Er verwundet den Leib und heilt die Seele. Er hätte töten
-sollen und macht lebendig. Er entfernt die Unreinigkeit, bis alles rein
-ist. Er straft einmal, um nicht ewig strafen zu müssen. Einer muß die
-Verletzung erleiden, damit zwei mit dem Tode verschont werden. Zwei in der
-Schuld, einer in der Strafe. Die göttliche Barmherzigkeit hat Nachsicht
-gehabt mit der Unkraft deiner Natur, und das gewiß mit Recht. Schon durch
-dein Geschlecht warst du von Natur schwächer und dennoch stärker in der
-Enthaltsamkeit, und darum weniger strafwürdig. Auch dafür sage ich dem
-Herrn Dank, daß er dir die Strafe erlassen und dir die Ehrenkrone
-aufbehalten hat. In mir hat er, um mich zu retten, durch einen einmaligen
-körperlichen Schmerz für immer alle Glut der Begierde erstickt, in der mich
-meine unbändige Leidenschaft gefangen hielt. Dein junges Herz hat er durch
-die beständige Lockung des Fleisches vielen noch größeren Leiden
-anheimgegeben, um dich der Märtyrerkrone teilhaftig werden zu lassen. Es
-mag dich vielleicht verdrießen, dies zu hören; du möchtest mir vielleicht
-das Wort verbieten, aber es ist die offenkundige Wahrheit selber, die hier
-redet. Wer beständig zu kämpfen hat, dem wird zuletzt auch die Krone zu
-teil; denn »keiner wird gekrönt, er kämpfe denn recht«. Mir aber winkt
-keine Krone, weil ich keinen Anlaß zum Kampfe mehr habe. Wem der Stachel
-der Begierde genommen ist, dem fehlt der Grund zum Kämpfen.
-
-Doch wenn ich schon hienieden keine Krone erlange, so ist es doch gewiß
-immer schon etwas, daß ich keine Strafe mehr zu fürchten habe und daß mir
-um den schmerzhaften Augenblick meiner Bestrafung auf Erden vielleicht
-viele Strafen in der Ewigkeit erlassen werden. Denn von den Menschen, die
-an dieses elende Leben sich hängen, gilt das Wort der Schrift, das von den
-Tieren geschrieben steht: »Das Vieh ist verfault in seinem Mist«.
-
-Ich will mich nicht darüber beklagen, daß ich mein Verdienst schwinden
-sehe, weil ich dessen sicher bin, daß das deinige zunimmt. Denn in Christus
-sind wir beide eins, ein Fleisch durch das Band der Ehe. Alles was dein
-ist, achte ich auch mir nicht fremd. Dein aber ist Christus, denn du bist
-seine Braut geworden. Darum bin ich jetzt, wie ich schon oben sagte, dein
-Knecht, ich, den du einst deinen Herrn nanntest: doch bin ich dir mehr in
-geistiger Liebe verbunden, als in Furcht unterthan. Darum verspreche ich
-mir auch so viel von deiner Verwendung für mich bei Jesus Christus und
-hoffe durch deine Fürsprache zu erlangen, was mein eigen Gebet nicht
-erwirken kann; vornehmlich in dieser bedrängten Zeit, wo tägliche Gefahr
-und Anfechtung mir kaum Zeit zum Leben, geschweige zum Beten läßt. Auch
-kann ich nicht dem Beispiel jenes frommen Eunuchen folgen, jenes vornehmen
-Mannes am Hofe der Äthiopenkönigin Candace, der über alle ihre Schätze
-gesetzt war und die weite Reise gemacht hatte, um in Jerusalem anzubeten.
-Zu ihm wurde auf dem Heimweg vom Engel des Herrn der Apostel Philippus
-gesandt, daß er ihn zum rechten Glauben bekehre: denn der Mann hatte es
-verdient durch sein Gebet und durch fleißiges Lesen der heiligen Schrift.
-Nicht einmal unterwegs ließ er davon ab; darum fügte es Gott in seiner
-gnädigen Nachsicht, wiewohl jener ein reicher Mann und Heide war, also, daß
-er auf eine Stelle der heiligen Schrift stieß, die dem Apostel eine
-treffliche Gelegenheit zur Anknüpfung bot.
-
-Damit aber meiner Bitte nichts im Wege stehe und die Erfüllung derselben
-hinausschiebe, so beeile ich mich, den Wortlaut des Gebetes, welches ihr
-für mich in Demut vor den Herrn bringen möget, hier aufzusetzen und dir zu
-übersenden:
-
-»O Gott, der du von Anbeginn der Schöpfung, da du aus der Rippe des Mannes
-das Weib gebildet, das heilige Sakrament der Ehe eingesetzt und es zu
-unendlicher Ehre erhoben hast, indem du selbst durch ein Weib Mensch
-geworden bist und dein erstes Wunder auf einer Hochzeit gethan hast; der du
-auch meiner Unenthaltsamkeit und Schwachheit die Ehe als Heilmittel nach
-deinem Wohlgefallen gewährt hast: verschmähe nicht die Bitten deiner Magd,
-die ich für meine und meines Geliebten Vergehen in Demut vor dein heiliges
-Angesicht bringe. Vergieb, o Allgütiger, der du die Güte selber bist,
-vergieb uns unsere Sünden, so groß und viel sie sind, und laß an der Menge
-unserer Schulden den Reichtum deiner unaussprechlichen Barmherzigkeit
-offenbar werden. Ich flehe dich an: strafe die Schuldigen hienieden, damit
-du sie drüben schonen könnest. Strafe sie in der Zeit, daß du nicht in der
-Ewigkeit strafen müssest. Nimm die Rute der Zucht für deine Knechte zur
-Hand, nicht das Schwert deines Grimms. Schlage das Fleisch, daß die Seelen
-erhalten bleiben. Läutere uns, aber vergilt uns nicht nach unserer
-Missethat: laß deine Güte walten mehr als Gerechtigkeit; sei uns ein
-barmherziger Vater, nicht ein strenger Herr.«
-
-»Prüfe und versuche uns so, wie der Prophet es für sich selber von dir
-erfleht mit Worten, die so viel sagen wollen als: siehe zuerst auf meine
-Kräfte und bemiß nach ihnen die Last der Prüfung. Auch der heilige Paulus
-giebt ja seinen Gläubigen den Trost: 'Denn Gott ist getreu, der euch nicht
-lässet versuchen über euer Vermögen, sondern macht, daß die Versuchung so
-ein Ende gewinne, daß ihr es könnet ertragen'.«
-
-»Du hast uns vereint, o Herr, und wiederum getrennt, wie und wann es dir
-gefallen hat. Nun Herr, vollende in deiner großen Barmherzigkeit, was du so
-gnädig begonnen; die du in der Welt für kurze Zeit auseinander gerissen,
-vereinige sie mit dir im Himmel für alle Ewigkeit. Denn du bist unsere
-Hoffnung, unser Erbteil, unsere Sehnsucht, unser Trost, o Herr, gepriesen
-in Ewigkeit. Amen.«
-
-Lebe wohl in Christo, du Braut Christi, in Christo lebewohl, und lebe
-Christo! Amen.
-
-
-
-
-VI. Brief.
-
-Heloise an Abaelard.
-
-(Ihrem unumschränkten Herrn seine ergebene Dienerin.)
-
-
-Damit du mich nicht in irgend einem Stück des Ungehorsams zeihen könnest,
-so habe ich nach deinem Befehl den Äußerungen meines Schmerzes, so groß er
-ist, Zügel angelegt und will mich wenigstens beim Schreiben davor hüten,
-Worte zu gebrauchen, die ich bei der mündlichen Rede schwerlich, ja
-unmöglich würde zurückhalten können. Denn nichts haben wir so wenig in der
-Gewalt als unser Herz und statt ihm gebieten zu können, müssen wir ihm
-folgen. Darum, wenn wir den Stachel seiner Leidenschaften fühlen, ist
-niemand imstande, seine ungestümen Triebe so zu dämpfen, daß sie nicht
-leicht zu Thaten werden und noch leichter durch Worte sich Luft machen,
-welche stets die bereitwilligen Dolmetscher leidenschaftlicher Herzen sind,
-nach dem Worte der Schrift: »Wes das Herz voll ist, des gehet der Mund
-über«. Darum will ich wenigstens beim Schreiben meiner Hand Halt gebieten,
-wenn ich schon meiner Zunge das Wort nicht verbieten könnte. Wäre doch mein
-trauerndes Herz so bereit zu gehorchen, wie die schreibende Hand!
-
-Etwas kannst du doch zur Milderung unseres Schmerzes beitragen, wenn du ihn
-auch nicht ganz zu stillen vermagst. Wie nämlich ein Nagel durch den andern
-ausgetrieben wird, so verdrängt ein Gedanke den andern, und der Geist, in
-anderer Richtung in Anspruch genommen, muß die Erinnerung an Früheres
-schwinden oder doch in Hintergrund treten lassen. Ein Gedanke beschäftigt
-aber den Geist um so lebhafter und ausschließlicher, je edler sein Inhalt
-ist und je notwendiger die Angelegenheit erscheint, auf welche wir unser
-Sinnen und Denken richten. Wir alle nun, Dienerinnen Christi und in
-Christus deine Töchter, bringen in Demut zwei Bitten vor dich als unsern
-Vater, deren Erfüllung für uns von der höchsten Wichtigkeit ist. Die erste
-Bitte ist die: du möchtest uns über den Ursprung des Standes der Nonnen und
-über das Wesen unseres Berufes aufklären. Die zweite: du möchtest uns eine
-Regel aufstellen und zusenden, in welcher den besonderen Bedürfnissen des
-weiblichen Geschlechts Rechnung getragen und die Einrichtung und Gestaltung
-unseres Ordenslebens von Grund aus festgesetzt würde: denn wir haben uns
-überzeugt, daß dies von den heiligen Vätern bis jetzt unterlassen worden
-ist. Diese Versäumnis hat die unangenehme Folge, daß jetzt bei der Aufnahme
-ins Kloster Männer und Frauen gleicherweise auf ein und dieselbe Regel
-verpflichtet werden, und daß das schwache Geschlecht unter dieselbe
-Klosterordnung sich beugen muß wie das starke. Zu der Regel des heiligen
-Benediktus bekennen sich in der abendländischen Kirche die Frauen genau so
-wie die Männer. Es ist aber klar, daß sie ausschließlich für Männer
-aufgestellt worden ist und darum auch nur von Männern eingehalten werden
-kann, von Untergebenen wie von Vorgesetzten. Um von anderen Bestimmungen
-der Regel zu schweigen: was sollen wir Frauen anfangen mit den Vorschriften
-über Kutten, Beinkleider, Skapulire? Wie können sich Frauen die Bestimmung
-über Unterkleider oder wollene Hemden zu eigen machen, da sie doch solche
-wegen ihrer monatlichen Reinigung gerade gar nicht brauchen können? Was
-soll ihnen ferner die Vorschrift, daß der Abt das Evangelium selbst
-verlesen und danach den Hymnus anstimmen solle? Und daß der Abt mit den
-Pilgern und Gästen abseits an einem besonderen Tische sitzen solle? Was
-schickt sich für unsern Stand? Sollen wir überhaupt keine Männer gastlich
-aufnehmen oder soll die Äbtissin mit den Männern, die zu Gaste sind, an
-Einem Tisch essen? O wie schnell ist es um ein Herz geschehen, wo Männer
-und Frauen unter Einem Dach zusammenwohnen! Vollends aber bei Tische, wo so
-oft Völlerei und Trunkenheit herrscht und wo im süßbethörenden Wein die
-Lüsternheit lauert. Davor warnt auch der heilige Hieronymus in seinem Brief
-an eine Mutter und ihre Tochter: »Schwer ist's, bei Schmausereien die
-Keuschheit zu wahren«. Auch Ovid, aller lüsternen Üppigkeit Sänger und
-Meister, beschreibt es in seinem Buch von der »Kunst zu lieben« des langen
-und breiten, wie bei festlichen Gelagen die Buhlerei ihre Rechnung finde:
-
- »Sind vom Wein erst benetzt die durstigen Flügel Cupidos,
- Dann verweilt er und weicht nimmer von selbigem Ort.
- Frohes Lachen ertönt, der Traurige hebet das Haupt nun
- Sorg' entweichet und Schmerz, glatt wird die faltige Stirn.
- Manchem Knaben ging so das Herz an die Mädchen verloren;
- Lieb' durchströmet den Leib, Glut sich entzündet an Glut.«
-
-Ja, selbst wenn man nur Frauen Herberge und Tischgemeinschaft gewährt:
-lauert nicht auch hier schon die Gefahr? Wahrhaftig, das wirksamste Mittel,
-ein Weib zu verführen, sind die Schmeicheleien durch ein anderes Weib. Auch
-vertraut am liebsten eine Frau der andern ihr verdorbenes Herz an. Darum
-warnt auch Hieronymus Frauen, die sich einem heiligen Beruf geweiht haben,
-nachdrücklich vor dem Verkehr mit weltlichen Frauen.
-
-Wenn wir nun aber die Männer von unserer Gastfreundschaft ausschließen und
-nur Frauen unsere Pforte öffnen, so werden wir -- das sieht jeder ein --
-durch solche Unfreundlichkeit den Männern, auf deren Unterstützung die
-Klöster des schwächeren Geschlechts angewiesen sind, vor den Kopf stoßen,
-da es dann den Anschein hat, als wollten wir denen wenig oder nichts geben,
-von denen wir das meiste empfangen.
-
-Können wir aber nicht den ganzen Inhalt der Regel befolgen, so fürchte ich,
-es möchte in jenem Worte des Apostels Jakobus auch unsere Verurteilung
-ausgesprochen sein: »So jemand das ganze Gesetz hält und sündiget an einem,
-der ist's ganz schuldig«. Das heißt: Einer, der viel thut, wird gerade
-dadurch schuldig, daß er nicht alles erfüllt. Zum Übertreter des Gesetzes
-wird er schon durch eine Versäumnis; erfüllt hat er das Gesetz erst dann,
-wenn er alle Gebote desselben befolgt hat. Dies meint auch der Apostel,
-wenn er sagt: »Der gesagt hat: du sollst nicht ehebrechen, der hat auch
-gesagt: du sollst nicht töten. So du nun nicht ehebrichst, tötest aber,
-bist du ein Übertreter des Gesetzes«. Deutlicher ausgedrückt soll dies
-heißen: Weil der Herr selbst das eine Gebot so gut wie das andere
-aufgestellt hat, darum macht sich der Übertretung des Ganzen schuldig, wer
-auch nur Eines nicht hält, gleichviel was für eines es sei. Und die
-Übertretung jedes einzelnen Gebotes ist eine Mißachtung gegen den
-Gesetzgeber, der sein Gesetz nicht etwa auf Ein Gebot gestellt hat, sondern
-gleichmäßig auf alle zusammen.
-
-Doch ich will nicht reden von den Bestimmungen der Regel, die wir überhaupt
-nicht, oder doch nicht ohne Gefahr einzuhalten vermögen. Ich möchte nur
-fragen: wo in aller Welt ist es Sitte, daß Nonnen aufs Feld gehen, um die
-Ernte einzuheimsen und den Acker zu bestellen? Ferner: ist ein einziges
-Probejahr genügend für die Frauen, die in den Orden aufgenommen sein
-wollen, und sind sie hinreichend unterrichtet, wenn man ihnen die Regel
-dreimal vorgelesen hat, wie dies die Regel selber verlangt? Was ist
-thörichter, als einen unbekannten und noch nicht deutlich gezeichneten Weg
-zu beschreiten? Was ist voreiliger, als ein Leben zu erwählen und zu seinem
-Beruf zu machen, das man noch gar nicht kennt, oder ein Gelübde zu thun,
-das man doch nicht halten kann? Wenn die Klugheit die Mutter aller Tugenden
-ist und die Vernunft die Vermittlerin aller Güter -- wer wird dann etwas,
-das mit ihnen in Widerspruch steht, für ein Gut oder für eine Tugend
-halten? Selbst die Tugenden, sagt Hieronymus, können zum Laster werden,
-wenn sie Maß und Ziel überschreiten. Das ist aber ganz gewiß ein unkluges
-vernunftwidriges Verfahren, wenn man jemand eine Last auflegen will, ohne
-vorher die Kräfte dessen, der sie tragen soll, zu untersuchen, so daß die
-zugemutete Leistung im richtigen Verhältnis zur natürlichen Fähigkeit
-steht. Wer wird einem Esel die gleiche Last zumuten wie einem Elefanten?
-Wer wird Kindern und Greisen dieselbe Bürde aufladen wie Männern? Schwachen
-so viel wie Starken, Kranken so viel wie Gesunden, Frauen so viel wie
-Männern? Dem schwächeren Geschlecht so viel wie dem starken?
-
-Mit Rücksicht darauf hat der Papst Gregorius im 24. Kapitel seines
-»Pastoralis« in Beziehung auf Ermahnungen und Vorschriften folgenden
-Unterschied gemacht: »Anders sind Männer zu ermahnen, anders Frauen; jenen
-kann man Schwereres zumuten, diesen nur Leichtes. Männer mögen sich in
-harter Übung bewähren, Frauen werden am besten durch Sanftmut und Milde
-gewonnen«. Diejenigen aber, welche Klosterregeln aufgestellt haben, haben
-nicht nur die Frauen mit gänzlichem Stillschweigen übergangen, sondern sie
-haben auch Bestimmungen getroffen, von denen sie wissen mußten, daß sie für
-Frauen keineswegs passen: wußten sie ja doch auch sehr wohl, daß man nicht
-Stier und Kuh unter das gleiche Joch spannen darf, weil man denen, die von
-Natur verschieden sind, nicht die gleiche Arbeit zumuten kann.
-
-Diesen Unterschied hat der heilige Benediktus keineswegs vergessen, und
-gleichsam vom Geiste aller Gerechten erfüllt, trägt er in allem der
-Verschiedenheit der Menschen wie der Zeiten Rechnung, damit alles, wie er
-dies selbst in seiner Regel festsetzt, im richtigen Maße geschehe. Beim Abt
-beginnend, verlangt er von demselben, er solle in der Weise das Regiment
-führen, daß er dem Charakter und der Einsicht eines jeden seiner
-Untergebenen Rechnung trage und sich so mit allen in ein gutes Einvernehmen
-setze; so werde er es nicht erleben müssen, daß die ihm anvertraute Herde
-Schaden nehme, im Gegenteil werde er sich ihres Wachstums freuen dürfen ...
-Seine eigene Gebrechlichkeit solle er niemals vergessen und daran denken,
-daß man das geknickte Rohr nicht zertreten dürfe. Er soll auch mit den
-besonderen Zeitumständen rechnen und sich die Klugheit des frommen Jakob
-zum Beispiel nehmen, welcher sagte: »Wenn sie einen Tag übertrieben würden,
-würde mir die ganze Herde sterben.« Solche und ähnliche Beispiele von
-kluger Erwägung, die aller Tugenden Mutter ist, soll er vor Augen haben und
-in allem so maßvoll handeln, daß die Starken genug zu thun haben und die
-Schwachen nicht zurückschrecken.
-
-Diesem Bestreben, allen gerecht zu werden und überall das richtige Maß zu
-halten, verdanken ihren Ursprung die Ausnahmebestimmungen für Kinder,
-Greise und überhaupt gebrechliche Leute, ferner die Verordnung, daß der
-Vorleser, der, welcher den Wochendienst hat und der Koch vor den übrigen
-ihr Essen bekommen sollen, endlich die Fürsorge dafür, daß beim gemeinsamen
-Mahl Speise und Trank nach Güte und Menge mit Rücksicht auf die Art der
-einzelnen Leute verteilt werden -- worüber genaue Einzelvorschrift
-vorhanden sind. Auch für die festgesetzten Fastenzeiten sind in der
-Ordensregel in Rücksicht auf die Jahreszeit oder ausnahmsweise Arbeitslast
-mildernde Bestimmungen enthalten, wie die Schwachheit der menschlichen
-Natur sie erfordert.
-
-Der Mann, der in solcher Weise in allen Stücken der besonderen
-Beschaffenheit der Menschen und der Zeiten Rechnung getragen hat, so daß
-seine Verordnungen von allen ohne Murren erfüllt werden können: wie hätte
-der die besonderen Bedürfnisse der Frauen berücksichtigt, wenn er seine
-Ordensregel, die ursprünglich nur für Männer bestimmt war, auch auf das
-weibliche Geschlecht hätte ausdehnen wollen! Sieht er sich schon in
-Rücksicht auf Knaben, Greise und Kranke wegen der Hinfälligkeit und
-Schwachheit der menschlichen Natur genötigt, in einigen Stücken von der
-Strenge der Regel etwas nachzulassen: wie viel mehr hätte er Sorge getragen
-für das zarte Geschlecht, das von Natur -- wie jeder weiß -- schwach und
-kraftlos ist. Darum so erwäge, wie es jedem vernünftigen Denken
-widersprechen würde, wollte man Frauen und Männer auf ein und dieselbe
-Regel verpflichten und die gleiche Last Schwachen wie Starken auflegen. Ich
-glaube, daß es in Anbetracht unserer Schwachheit genug ist, wenn wir in der
-Tugend des Gehorsams und der Keuschheit den Leitern der Kirche und den
-Geistlichen, die in frommen Gemeinschaften leben, gleichstehen; auch der
-Mund der Wahrheit spricht ja: »Es ist dem Jünger genug, daß er sei wie sein
-Meister«. Schon das müßte uns als Leistung angerechnet werden, wenn wir es
-nur frommen Laien gleichthun könnten. Denn an Starken schätzt man manches
-nicht sonderlich, was man am Schwachen bewundert, und nach dem Wort des
-Apostels »ist die Kraft in den Schwachen mächtig«.
-
-Wir wollen nur die Frömmigkeit von Laien, wie Abraham, David, Hiob, wiewohl
-sie im Stand der Ehe lebten, nicht geringschätzen! Es fällt mir da eine
-Stelle aus der siebenten Predigt des Chrysostomus über den Hebräerbrief
-ein: »Es giebt mancherlei Mittel, womit man das wilde Tier im Innern
-einschläfern kann. Was für Mittel sind das? Der Hände Arbeit, Lesen,
-Nachtwachen. Aber was geht das uns an, die wir keine Mönche sind? Das
-entgegnest du mir? Sag es doch dem Paulus, bei dem es heißt: 'Haltet an mit
-Wachen und Beten in aller Geduld'; oder: 'Wartet des Leibes nicht also, daß
-er geil werde'. Diese Worte sind nicht bloß für Mönche geschrieben, sondern
-für alle, die zu einem bürgerlichen Gemeinwesen gehören. Denn ein Laie soll
-vor einem Mönch nichts weiter voraushaben, als daß er mit seiner Frau
-zusammenleben darf. Das ist sein Vorrecht, ein anderes giebt es nicht für
-ihn, vielmehr soll er in allem anderen leben wie ein Mönch. Denn auch die
-Seligpreisungen, die Christus ausgesprochen hat, sind nicht bloß den
-Mönchen verheißen. Die ganze Welt müßte ja zu Grunde gehen, wenn alles, was
-Tugend heißt, in den engen Raum eines Klosters eingeschlossen wäre. Und wie
-könnte der Stand der Ehe ehrlich sein, wenn sie ein so großes Hindernis für
-unser Seelenheit wäre?«
-
-Daraus geht deutlich hervor: Wer zu den Geboten des Evangeliums noch die
-Tugend der Enthaltsamkeit hinzufügt, der erreicht die sittliche
-Vollkommenheit des Mönchs. Möchten wir es in unserm Stande doch nur dahin
-bringen, daß wir das Evangelium erfüllten, ohne es überbieten zu wollen;
-daß wir doch nicht mehr sein wollten als gute Christen!
-
-Von diesem Gedanken geleitet, haben, wenn ich mich nicht täusche, die
-frommen Väter darauf verzichtet, auch für uns Frauen, wie für die Männer,
-eine besondere Regel, gleichsam als ein neues Gesetz aufzustellen und durch
-schwere Gelübde unsere Schwachheit zu belasten. Sie dachten dabei wohl an
-das Wort des Apostels: »Das Gesetz richtet nur Zorn an; denn wo das Gesetz
-nicht ist, da ist auch keine Übertretung« und ferner: »Das Gesetz aber ist
-neben einkommen, auf daß die Sünde mächtiger würde«. Derselbe strenge
-Prediger der Enthaltsamkeit nötigt aber doch gewissermaßen im Gedanken an
-unsere Schwachheit die jungen Witwen zur zweiten Ehe, indem er sagt: »So
-will ich nun, daß die jungen Witwen freien, Kinder zeugen, Haus halten, dem
-Widersacher keine Ursach' zu schelten geben«. Auch der heilige Hieronymus
-hält diese Verordnung für ganz heilsam und giebt der Jungfrau Eustochium
-mit Rücksicht auf unbedachte Gelübde von Frauen folgenden Rat: »Wenn sogar
-diejenigen, die ihre Jungfräulichkeit bewahrt haben, wegen ihrer sonstigen
-Sünden nicht vorwurfsfrei sind: was wird erst denen geschehen, die die
-Glieder Christi preisgegeben und den Tempel des heiligen Geistes in ein
-Freudenhaus verwandelt haben? Es ist dem Menschen besser, das Joch der Ehe
-auf sich zu nehmen und auf der ebenen Erde zu bleiben als hoch hinaus zu
-wollen und schließlich in den Rachen der Hölle hinabzustürzen«. Auch der
-heilige Augustin schreibt in seinem Buch Ȇber die Enthaltsamkeit der
-Witwen« an Julian folgendes zur Warnung vor unbesonnenem Ablegen eines
-Gelübdes: »Die, welche sich noch nicht gebunden hat, soll es sich wohl
-überlegen, hat sie aber einmal den Schritt gethan, dann soll sie auch dabei
-bleiben. Man soll dem Widersacher keine Gelegenheit geben und Christus kein
-Opfer entziehen.« Darum steht auch in den Kanones mit Rücksicht auf unsere
-Schwachheit die Bestimmung, daß Diakonissen nicht vor dem vierzigsten Jahr
-ordiniert werden dürfen und auch dann nur, wenn sie ein gutes Zeugnis
-haben; während man zum Diakon schon vom zwanzigsten Jahr an befördert
-werden kann.
-
-In klösterlichen Vereinigungen leben aber auch die sogenannten regulierten
-Chorherren, die sich, wie man sagt, zu einer Regel des heiligen Augustin
-bekennen und sich in keinem Stück geringer achten als die Mönche, obwohl
-sie, wie bekannt, Fleisch zu essen und linnene Gewänder zu tragen sich
-erlauben. Wenn unsere Schwachheit wenigstens diese Stufe der Vollkommenheit
-erreichen könnte, wäre das für nichts zu achten?
-
-Man könnte uns, was die Nahrung anbelangt, schon deshalb ohne Gefahr alle
-Speisen erlauben, weil die Natur selbst uns vor Ausschreitungen behütet,
-indem sie unserem Geschlecht an der Tugend der Nüchternheit einen
-schützenden Halt gegeben hat. Man weiß, daß Frauen zu ihrem leiblichen
-Unterhalt weniger bedürfen als die Männer und die Physik lehrt uns, daß das
-weibliche Geschlecht auch weniger leicht der Trunkenheit anheimfällt.
-Macrobius Theodosius macht im 7. Kapitel seiner Saturnalia folgende
-Bemerkung: »Aristoteles sagt, die Weiber werden selten berauscht, die
-Greise oft. Der Körper des Weibes hat einen sehr großen
-Feuchtigkeitsgehalt. Ein Beweis dafür ist die Glätte und der Glanz ihrer
-Haut, und ganz besonders sprechen dafür die regelmäßigen Reinigungen, durch
-welche ihr Körper von überflüssiger Feuchtigkeit entlastet wird. Der Wein
-verliert seine Stärke, wenn er mit so überreichem flüssigem Stoff sich
-mischt und steigt nicht so leicht zu Kopfe, da seine Wirkung auf diese
-Weise gelähmt wird«. Ferner heißt es dort: »Der weibliche Körper unterliegt
-häufigen Reinigungen und hat an seiner Oberfläche zahlreiche Öffnungen und
-Poren, durch welche die Feuchtigkeit ihren Ausgang sucht und findet. Durch
-diese Poren entweicht auch der Dunst des Weines gar schnell. Alte Männer
-dagegen haben einen ausgetrockneten Körper, was man schon an der Rauheit
-und der dunklen Farbe ihrer Haut sehen kann«.
-
-Du magst hieraus ersehen, wie durchaus ungefährlich, ja, wie billig es ist,
-uns in Anbetracht unserer schwachen Natur in Speise und Trank volle
-Freiheit zu gewähren, da wir ja der Schwelgerei und der Trunkenheit nicht
-leicht zum Opfer fallen können; vor jener bewahrt uns unsere
-Bedürfnislosigkeit, vor dieser die Beschaffenheit des weiblichen Körpers,
-wie oben ausgeführt worden ist. Für unsere schwachen Kräfte muß es genug
-sein und alles, was man verlangen kann, wenn wir enthaltsam und besitzlos
-leben, mit dem Dienst Gottes unsere Zeit ausfüllen und im Essen und Trinken
-es halten, wie die Leiter der Kirche selbst oder wie fromme Laien oder
-endlich wie die regulierten Chorherren, die vor andern ein apostolisches
-Leben zu führen behaupten.
-
-Es ist ein Beweis von großer Klugheit, wenn die, welche sich Gott durch ein
-Gelübde verpflichten, weniger versprechen und mehr halten, so daß sie
-allezeit einen Überschuß haben, den sie aus freien Stücken zu der
-pflichtmäßigen Leistung hinzufügen können. Die Wahrheit selber spricht:
-»Wenn ihr alles gethan habt, so sprechet: Wir sind unnütze Knechte, wir
-haben gethan, was wir schuldig waren«. Deutlicher ausgedrückt soll dies
-heißen: Darum sind wir für unnütz und unwert zu achten und ohne Verdienst,
-weil wir, zufrieden mit der Erfüllung des Notwendigen, nicht aus freien
-Stücken mehr gethan haben. Über solche freiwillige Leistungen sagt der Herr
-selbst an einer andern Stelle gleichnisweise: »So du was mehr wirst
-darthun, so will ich dir's bezahlen, wenn ich wiederkomme«.
-
-Möchten dies doch in unserer Zeit alle diejenigen zu Herzen nehmen, die
-leichtsinnig das Klostergelübde ablegen; wollten sie sich's doch klar
-machen, was es mit diesem Gelübde für ein Bewandtnis hat und vorher die
-Regel nach ihrem ganzen Inhalt genau durchforschen: dann kämen weniger
-Verstöße gegen dieselbe und weniger Fahrlässigkeitssünden vor. Jetzt aber
-drängt sich alles ohne Wahl zum Klosterleben; so oberflächlich die Aufnahme
-solcher Leute vor sich geht, ebenso ist nachher das Leben, das sie führen.
-Leichtsinnig verpflichten sie sich auf eine Regel, die sie gar nicht
-kennen, ebenso leichtsinnig lassen sie dieselbe nachher unbeachtet und
-setzen an die Stelle des Gebotes das was ihnen beliebt. Darum wollen wir
-Frauen uns hüten, eine Last auf uns zu nehmen, unter der wir die Männer
-fast alle wanken, ja erliegen sehen. Es scheint, als wäre die Welt alt
-geworden, als hätten die Menschen samt den anderen Kreaturen ihre
-ursprüngliche Jugendfrische verloren, als wäre, nach dem Worte der
-Wahrheit, die Liebe nicht bloß in vielen, sondern in allen erkaltet. Da
-sich die Menschen geändert haben, sollte man auch die sittlichen Gebote,
-die für sie aufgestellt sind, ändern oder ihre Strenge mäßigen.
-
-Diesen Unterschied hat der heilige Benediktus wohl beachtet; er giebt von
-seiner Regel zu, die Strenge der mönchischen Askese sei durch dieselbe so
-ermäßigt worden, daß seine Regel im Vergleich zu den früheren Bräuchen nur
-eine Art Anleitung zur Rechtschaffenheit und eine Einführung ins
-Klosterleben genannt werden könne. »Diese Regel, sagt er, haben wir
-verfaßt, damit sie uns, wenn wir nach ihr leben, ein Wegweiser zur
-Rechtschaffenheit oder die Grundlage unserer Lebensweise werde. Im übrigen,
-wer nach Vollkommenheit strebt, dem stehen die Lehren der heiligen Väter zu
-Gebote, deren Befolgung den Menschen zur Höhe der Vollendung emporführt«.
-Weiter sagt er: »Wer du auch seist, der du der himmlischen Heimat
-zustrebst: erfülle zuerst mit Christi Hilfe zur Vorübung das Geringe, das
-unsere Regel verlangt, alsdann erst wirst du unter Gottes Schutz zu den
-erhabenen Gipfeln der Weisheit und Tugend gelangen.« Während wir von den
-heiligen Vätern lesen, daß sie an Einem Tag den ganzen Psalter gebetet
-haben, sagt Benedikt selber, er habe in Anbetracht der lauen Gemüter die
-Übung des Psalmodierens dahin ermäßigt, daß die Psalmen über die ganze
-Woche verteilt wurden, so daß jetzt die Mönche sogar weniger zu thun haben
-als die Kleriker.
-
-Was ist dem frommen Stand und der Ruhe des Klosterlebens mehr zuwider als
-das, was der Üppigkeit Nahrung zuführt und Streit und Zank erregt, ja, das
-Ebenbild Gottes in uns, das uns von den andern Kreaturen scheidet, das
-heißt die Vernunft, zerstört? Dies aber thut der Wein; darum versichert uns
-die Schrift, daß er von allem, was dem Menschen zur Nahrung dient, am
-schädlichsten sei und warnt uns vor ihm. Der größte aller Weisen sagt im
-Buch der Sprüche von ihm: »Der Wein macht lose Leute und starkes Getränke
-macht wild; wer dazu Lust hat, wird nimmer weise ... Wo ist Weh, wo ist
-Leid? Wo ist Zank? Wo ist Klagen? Wo sind Wunden ohne Ursach'? Wo sind rote
-Augen? Nämlich wo man beim Wein liegt und kommt auszusaufen, was
-eingeschenket ist. Siehe den Wein nicht an, daß er so rot ist und im Glase
-so schön stehet. Er gehet glatt ein, aber danach beißt er wie eine Schlange
-und sticht wie eine Otter. So werden deine Augen nach andern Weibern sehen
-und dein Herz wird verkehrte Dinge reden. Und du wirst sein wie einer, der
-mitten im Meer schläft, wie ein Steuermann, der eingeschlafen ist und das
-Ruder verloren hat. Und du wirst sprechen: Sie schlagen mich, aber es thut
-mir nicht wehe, sie zerren mich hin und her, aber ich fühle es nicht. Wann
-will ich aufwachen, daß ich wiederum Wein finde?« Und weiter heißt es: »O
-nicht den Königen, Lamuel, gieb den Königen nicht Wein zu trinken, denn
-nichts bleibt geheim, wo die Trunkenheit herrscht. Sie möchten trinken und
-der Rechte vergessen und verändern die Sache irgend der armen Leute«. Im
-Buch Sirach steht geschrieben: »Wein und die Weiber bethören die Weisen«.
-
-Auch Hieronymus, in seinem Brief an Nepotianus »vom Leben der Kleriker«,
-hält sich darüber auf, daß die Priester des alten Bundes in der
-Enthaltsamkeit von allen berauschenden Getränken strenger waren als die
-heutigen. Er sagt: »Rieche nicht an den Wein, damit du dir nicht das Wort
-des Philosophen sagen lassen mußt: hoc non est osculum porrigere, sed vinum
-propinare (das heißt nicht küssen, sondern die Schale zum Munde führen)«.
-
-Auch der Apostel verurteilt weinselige Priester, und das Gesetz Mosis
-verbietet ihnen den Weingenuß: »Die den Dienst des Altars besorgen, sollen
-nicht Wein und Gegorenes trinken«. -- »Sicera« heißt im Hebräischen jedes
-berauschende Getränk, gleichviel, ob es bereitet wird aus dem gegorenen
-Saft von Früchten oder aus eingekochtem Honig und Kräutern oder aus der
-gepreßten Frucht der Palme oder aus Früchten, die man zu Sirup zerkocht.
-»Alles was berauscht und dich um den Verstand bringt, das fliehe wie den
-Wein.«
-
-Der Wein also, vor dessen Genuß die Könige gewarnt werden, der den
-Priestern gänzlich verboten wird, ist sicherlich von allen Nahrungsmitteln
-das gefährlichste. Gleichwohl sieht sich ein so geistbegnadeter Mann wie
-der heilige Benedikt genötigt, den Bedürfnissen seiner Zeit Rechnung zu
-tragen und für die Mönche eine Ermäßigung eintreten zu lassen. »Wir lesen
-zwar,« sagt er, »daß der Wein für die Mönche überhaupt nichts sei, allein
-weil man in unserer Zeit die Mönche davon doch nicht überzeugen kann u. s.
-w.«
-
-Er hatte wahrscheinlich auch gelesen, was in dem »Leben der Altväter«
-berichtet wird: »Man hatte einem Vater von einem Mönche gesagt, daß er
-keinen Wein trinke, worauf dieser erwiderte: der Wein ist überhaupt nichts
-für Mönche«. Ferner ist dort zu lesen: »Eines Tages feierte man die Messe
-auf dem Berge des Vaters Antonius, und fand daselbst ein Gefäß mit Wein.
-Einer der Alten hob es auf und brachte einen Becher voll dem Vater Sisoi.
-Der trank ihn aus, nahm zum zweitenmal und leerte ihn wieder. Als ihm aber
-zum drittenmal angeboten wurde, wies er's zurück und sagte: 'Laß genug
-sein, Bruder, vergissest du, daß der Teufel darin steckt?'« Und weiter wird
-von dem Vater Sisoi berichtet: »Abraham sagte zu seinen Schülern: 'Wenn man
-an einem Feiertag oder Sonntag zur Kirche geht und trinkt drei Kelche Wein,
-ist das nicht zu viel?' Und es antwortete der Alte: 'Es wäre nicht zu viel,
-wenn der Satan nicht wäre'«.
-
-Wo in aller Welt, ich bitte dich, ist der Fleischgenuß von Gott mißbilligt
-und den Mönchen verboten worden? Beachte wohl, wie Benedikt sich genötigt
-sah, die Strenge seiner Regel zu ermäßigen, sogar in einem Stück, das für
-die Mönche noch viel gefährlicher ist und wovon er wußte, daß es überhaupt
-nichts für sie sei; er that es, weil er die Mönche zu seiner Zeit schon
-nicht mehr von der Notwendigkeit, in diesem Stück enthaltsam zu sein,
-überzeugen konnte. Möchte man doch auch in unserer Zeit mit derselben
-Schonung verfahren, und wenigstens die Dinge, welche in der Mitte zwischen
-Gut und Böse liegen und darum Indifferentien heißen, mit derselben
-Unbefangenheit behandeln. Etwas, das jetzt niemand mehr einleuchtet, sollte
-das Gelübde nicht verlangen; man sollte sich damit begnügen, alles, was in
-der Mitte liegt, zu erlauben, ohne Anstoß daran zu nehmen und nur das
-wirklich Sündhafte zu verbieten. Auch in Beziehung auf Nahrung und Kleidung
-sollte man die Forderungen dahin ermäßigen, daß man sich dessen bedienen
-dürfte, was billig zu haben ist; in allem sollte man auf das Notwendige
-sehen und alles Überflüssige meiden. Denn was uns nicht tüchtig macht für
-das Reich Gottes oder was uns vor Gott nicht besser macht, das ist auch
-unserer Sorge nicht wert. Dazu gehören alle äußerlichen Verrichtungen, an
-denen Verworfene und Auserwählte, Heuchler und Fromme in gleicher Weise
-teilnehmen. In nichts unterscheiden sich Christen und Juden so sehr als in
-den äußeren und inneren Werken; denn die Liebe allein, die der Apostel des
-Gesetzes Erfüllung und Ende nennt, scheidet die Söhne Gottes von denen des
-Teufels. Darum setzt der Apostel auch den Ruhm der Werke so sehr herunter,
-um dafür die Gerechtigkeit durch den Glauben zu erheben und ruft den Juden
-zu: »Wo bleibt nun der Ruhm? Er ist aus. Durch welch Gesetz? Durch der
-Werke Gesetz? Nicht also, sondern durch des Glaubens Gesetz. So halten wir
-es nun, daß der Mensch gerecht werde ohne des Gesetzes Werke allein durch
-den Glauben«. Weiter heißt es: »Ist Abraham durch die Werke gerecht, so hat
-er wohl Ruhm, aber nicht vor Gott. Was saget aber die Schrift? Abraham hat
-Gott geglaubt und das ward ihm zur Gerechtigkeit gerechnet«. Und wiederum
-sagt er: »Dem, der nicht mit Werken umgehet, glaubet aber an den, der die
-Gottlosen gerecht macht, dem wird sein Glaube gerechnet zur Gerechtigkeit,
-nach dem Vorsatz der Gnade Gottes«.
-
-Derselbe Apostel giebt auch den Christen volle Freiheit, alle Speisen zu
-essen und unterscheidet davon das, was wirklich gerecht macht: »Das Reich
-Gottes, sagt er, ist nicht Essen und Trinken, sondern Gerechtigkeit und
-Friede und Freude im heiligen Geist. Es ist zwar alles rein, aber es ist
-nicht gut dem, der es isset mit einem Anstoß seines Gewissens. Es ist viel
-besser du essest kein Fleisch und trinkest keinen Wein oder das, daran sich
-dein Bruder stößt oder ärgert oder schwach wird«.
-
-An dieser Stelle wird nicht der Genuß einer Speise überhaupt verboten,
-sondern das Ärgernis, das daraus entstehen könnte; wie denn wirklich einige
-der bekehrten Juden Ärgernis daran genommen hatten, als sie sahen, wie die
-anderen auch solche Speisen aßen, die im Gesetz verboten waren. Diesen
-Anstoß wollte auch der Apostel Petrus vermeiden und wurde darum von Paulus
-nach dessen eigenem Bericht im Galaterbrief schwer getadelt und heilsam
-zurechtgewiesen. Dasselbe schreibt er den Korinthern: »Die Speise macht uns
-nicht besser vor Gott« und wiederum: »Alles was feil ist auf dem
-Fleischmarkt, das esset ... denn die Erde ist des Herrn und was drinnen
-ist«. Und an die Kolosser schreibt der Apostel: »So lasset nun niemand euch
-Gewissen machen über Speise oder über Trank« und gleich darauf: »So ihr
-denn nun abgestorben seid mit Christus den Satzungen der Welt, was lasset
-ihr euch dann fangen mit Satzungen, als lebetet ihr noch in der Welt, die
-da sagen: du sollst das nicht angreifen, du sollst das nicht kosten, du
-sollst das nicht anrühren, welches sich doch alles unter Händen verzehret,
-und ist Menschengebot und Lehre«.
-
-Satzungen dieser Welt nennt er die Anfangsstufen des Gesetzes, welche sich
-auf die äußerlichen Regeln des Fleisches beziehen, in deren Befolgung die
-Welt, das heißt ein bislang noch fleischliches Volk, sich anfangs übte, wie
-an einem Alphabet. Diesen Anfangsstufen, d. h. diesen Regeln des Fleisches
-sind die abgestorben, die Christo angehören. Sie bedürfen ihrer nicht mehr,
-da sie nicht mehr in dieser Welt leben, d. h. nicht mehr im Fleisch nach
-dem Sichtbaren trachten und Unterschiede machen in den Speisen und in
-anderen Dingen, indem sie sagen: rühret dieses und jenes nicht an. Solche
-Dinge können durch die Art und Weise, wie man sie gebraucht, der Seele zum
-Verderben werden, wenn man sie, um mit dem Apostel zu reden, angreift,
-kostet, anrührt; aber man kann sich ihrer auch in demütiger Gesinnung
-bedienen; »Menschengebot und Lehre« soll heißen: Gebot und Lehre
-fleischlich gesinnter, das Gesetz nur in äußerlichem Sinn verstehender
-Menschen, nicht Lehre Christi und der Seinigen. Denn er hat seinen Jüngern,
-als er sie aussandte zu predigen, in Beziehung auf Essen und Trinken volle
-Freiheit gelassen, obwohl es gerade für sie besonders wichtig war, jeden
-Anstoß zu vermeiden. Wo sie gastlich aufgenommen wurden, da sollten sie
-leben wie ihre Gastgeber, und essen und trinken, was man ihnen vorsetzte.
-Paulus scheint indessen schon im Geiste vorausgesehen zu haben, daß man von
-dieser Vorschrift des Herrn, die zugleich seine eigene war, abkommen werde.
-Denn an Timotheus schreibt er: »Der Geist aber saget deutlich, daß in den
-letzten Zeiten werden etliche von dem Glauben abtreten und anhangen den
-verführerischen Geistern und Lehren der Teufel durch die, so in Gleißnerei
-Lügenredner sind, und verbieten, ehelich zu werden und zu meiden die
-Speise, die Gott geschaffen hat, zu nehmen mit Danksagung, den Gläubigen
-und denen die die Wahrheit erkennen. Denn alle Kreatur Gottes ist gut und
-nichts verwerflich, das mit Danksagung empfangen wird. Denn es wird
-geheiliget durch das Wort Gottes und Gebet. Wenn du den Brüdern solches
-vorhältst, so wirst du ein guter Diener Jesu Christi sein, auferzogen in
-den Worten des Glaubens und der guten Lehre, bei welcher du immerdar
-gewesen bist«.
-
-Wenn man allein das äußere Werk der Enthaltsamkeit mit dem leiblichen Auge
-ansehen wollte, müßte man da nicht den Johannes und seine Jünger, die sich
-mit übertriebener Kasteiung quälten, über Jesus und seine Jünger stellen?
-Haben doch eben die Jünger Johannes, weil sie noch in der äußerlichen
-Werkheiligkeit der Juden steckten, Christum und die Seinigen getadelt und
-den Herrn selbst gefragt: »Warum fasten wir und die Pharisäer so viel und
-deine Jünger fasten nicht?«
-
-In Erwägung dieses Gedankens macht der heilige Augustin einen Unterschied
-zwischen echter und äußerlicher Tugend und urteilt, daß durch rein
-äußerliche Werke kein besonderes Verdienst erworben werden könne. So sagt
-er in seiner Schrift »Über das Gut der Ehe«: »Keuschheit ist nicht eine
-Tugend des Leibes, sondern der Seele. Tugenden der Seele aber zeigen sich
-bisweilen am Körper, bisweilen bethätigen sie sich in der Gesinnung: so
-wird die Tugend der Märtyrer offenbar, wenn sie körperliche Leiden
-erdulden«. Weiter sagt er: »Hiob besaß schon vorher die Geduld, dem Herrn
-war sie bekannt und er legte Zeugnis davon ab, aber die Menschen lernten
-sie erst durch die Prüfungen und Heimsuchungen kennen, die er durchzumachen
-hatte«. Ferner: »Um aber ganz deutlich zu machen, daß die Tugend in der
-Gesinnung bestehen könne, auch ohne äußerlich sichtbares Werk, so will ich
-ein Beispiel anführen, das jeden Gläubigen überzeugen wird. Daß der Herr
-Jesus in Wirklichkeit gehungert und gedürstet, gegessen und getrunken habe,
-daran zweifelt keiner, der an das Evangelium glaubt. Stand er darum in der
-Tugend der Enthaltsamkeit von Speise und Trank vielleicht Johannes dem
-Täufer nach? Denn: 'Johannes ist kommen, aß nicht Brot und trank keinen
-Wein, so sagten sie: er hat den Teufel. Des Menschen Sohn ist kommen, isset
-und trinket, so sagen sie: Siehe der Mensch ist ein Fresser und Weinsäufer,
-der Zöllner und Sünder Freund'. Und nachdem er von Johannes und von sich
-selber dies ausgesagt, fügte er noch bei: 'Die Weisheit ist gerechtfertigt
-worden durch ihre Kinder, welche sehen, daß es bei der Tugend der
-Enthaltsamkeit allezeit in erster Linie auf die Beschaffenheit des Herzens
-ankomme, daß sie sich aber je nach Zeit und Gelegenheit auch äußerlich
-bethätige, wie die Tugend der heiligen Märtyrer durch ihre Geduld im
-Leiden.' Darum ist das Verdienst des Petrus, der den Märtyrertod erlitten,
-nicht größer als das des Johannes, der nicht gelitten hat; auch hat sich
-Johannes, der nie verehelicht war, durch seine Enthaltsamkeit kein größeres
-Verdienst erworben als Abraham, der Kinder gezeugt hat: beide haben an
-ihrem Teil und zu ihrer Zeit Christo gedient, der eine im ehelosen Stand,
-der andere in der Ehe. Aber Johannes hat die Enthaltsamkeit auch äußerlich
-bethätigt, Abraham übte sie nur in der Gesinnung. Auf die Tage der
-Patriarchen folgte eine Zeit, in welcher durch das Gesetz jeder verdammt
-wurde, der in Israel keine Nachkommenschaft erzeugte; dennoch traf
-denjenigen nicht der Fluch des Gesetzes, der unfähig war, Kinder zu
-erzeugen. Nun aber ist die Fülle der Zeiten erschienen, wo es heißt: 'Wer
-es fassen kann, der fasse es; wer da hat, der wirke Werke; wer aber nicht
-Werke wirken will, der sage nicht, daß er etwas in sich habe'«. Aus diesen
-Worten geht klar hervor, daß vor Gott die tugendhafte Gesinnung allein ein
-Verdienst hat und daß alle, die an solcher Gesinnung einander gleich sind,
-und wären sie in Ansehung der Werke noch so verschieden, von Christus
-gleich belohnt werden. Darum sind alle wahren Christen so ganz mit ihrem
-inneren Menschen beschäftigt, ihn mit Tugenden zu zieren und von Fehlern zu
-reinigen, daß sie sich um das Außenwerk nicht oder wenig kümmern. So lesen
-wir auch von den Aposteln, daß ihr äußeres Gebaren, selbst als sie dem
-Herrn nachfolgten, so bäurisch und fast unanständig gewesen sei, daß es
-aussah, als hätten sie Ehrfurcht und Anstandsgefühl gänzlich vergessen.
-Scheuten sie sich doch nicht, beim Gang durch die Felder Ähren zu raufen,
-mit den Händen zu zerreiben und zu essen, wie Kinder, und auch mit dem
-Waschen der Hände vor dem Essen nahmen sie es nicht genau. Als sie aber
-deswegen von den Leuten der Unreinlichkeit gezeiht wurden, entschuldigte
-sie der Herr mit den Worten: »Mit ungewaschenen Händen essen verunreinigt
-den Menschen nicht.« Und er fügt gleich den allgemeinen Satz hinzu, daß
-überhaupt durch Äußerlichkeiten die Seele nicht befleckt werden könne,
-sondern nur durch das, was aus dem Herzen hervorkomme, nämlich arge
-Gedanken, Ehebruch, Mord u. s. w. Denn wenn nicht durch den bösen Willen
-die Seele vorher verderbt würde, so könnte das, was äußerlich mit dem Leibe
-geschieht, nicht Sünde sein. Darum heißt es ganz richtig, daß auch der
-Ehebruch und der Mord aus dem Herzen komme. Denn keine körperliche
-Berührung ist dazu nötig -- nach dem Spruch: »Wer ein Weib ansiehet, ihrer
-zu begehren, der hat schon mit ihr die Ehe gebrochen in seinem Herzen« und
-nach dem andern: »Wer seinen Bruder hasset, der ist ein Totschläger«.
-Andererseits bewirkt die bloße äußere körperliche Berührung oder Verletzung
-noch keineswegs das Verbrechen: ein Weib, das der Gewalt erliegt, wird
-niemand des Ehebruchs zeihen, so wenig wie einen Richter, der nach Recht
-und Gerechtigkeit einen Verbrecher zum Tode verurteilt, des Mordes. »Denn
-kein Mörder -- steht geschrieben -- hat teil am Reiche Gottes«.
-
-Wir müssen also weniger darauf sehen, was geschieht, als darauf, aus
-welcher Gesinnung eine Handlung entspringt, wenn wir dem gefallen wollen,
-der Herzen und Nieren prüft und im Verborgenen siehet, der, wie Paulus
-sagt, »richten wird das Verborgene der Menschen laut meines Evangeliums«,
-d. h. nach der Lehre meiner Predigt. Darum ist auch die bescheidene Gabe
-der Witwe, die zwei Scherflein einlegte, die machen einen Heller, allen
-prunkenden Gaben der Reichen von dem vorgezogen worden, zu welchem wir
-sprechen: »Du bedarfst nicht meiner Güter«, und der die Gabe nach dem Geber
-beurteilt, nicht den Geber nach der Gabe, wie geschrieben steht: »Der Herr
-sah gnädig an Abel und sein Opfer«; das will sagen: er sah vorher an die
-Frömmigkeit des Opfernden und um deswillen, der es gab, war ihm das Opfer
-angenehm.
-
-Wahre Herzensfrömmigkeit hat vor Gott um so höheren Wert, je weniger wir
-unser Vertrauen auf äußere Werke setzen. Darum schreibt auch der Apostel
-dem Timotheus, nachdem er in der oben geschilderten Weise den Genuß aller
-Speisen freigegeben, über leibliche Übung und Kasteiung folgendes: »Übe
-dich selbst in der Gottseligkeit; denn die leibliche Übung ist wenig nutz,
-aber die Gottseligkeit ist zu allen Dingen nütze und hat die Verheißung
-dieses und des zukünftigen Lebens«. Denn die fromme Ergebung in Gott erhält
-von ihm die Notdurft dieses Lebens und dereinst die Güter der Ewigkeit.
-
-Aus diesen Zeugnissen sollen wir nichts anderes lernen als die christliche
-Weisheit; wir sollen, gleich Jakob, von den Tieren des Hauses unserem Vater
-eine Labung bereiten, nicht wie Esau draußen nach Wildbret fahnden und in
-jüdischer Art am Außenwerk hängen bleiben. So ist auch jenes Wort des
-Psalmisten gemeint: »Vor mir sind, o mein Gott, die Gelübde, die ich dir
-gethan, und ich will sie lösen, indem ich dich preise«. Nimm dazu noch das
-Wort des Dichters: »Suche dein Wesen nicht außer dir selbst«.
-
-Viele, ja unzählige Aussprüche weltlicher und geistlicher Lehrer legen
-Zeugnis dafür ab, daß man sich um äußerliche und gleichgültige Dinge nicht
-gar sehr kümmern solle. Wo nicht, so müßten ja die Werke des Gesetzes und
-das nach dem Ausspruch des Petrus unerträgliche Joch seiner Knechtschaft
-der Freiheit des Evangeliums vorzuziehen sein, und dem sanften Joch Christi
-und seiner leichten Last. Christus selbst ladet uns ein zu diesem sanften
-Joch, zu dieser leichten Last: »Kommet her zu mir, ruft er, alle die ihr
-mühselig und beladen seid«. Darum hat auch der Apostel einige zum
-Christentum bekehrte Juden scharf getadelt, als sie dafür hielten, man
-müsse die Werke des Gesetzes noch beibehalten. Nach dem Bericht der
-Apostelgeschichte sagte er: »Ihr Männer, lieben Brüder, was versucht ihr
-denn nun Gott mit Auflegen des Jochs auf der Jünger Hälse, welches weder
-unsere Väter noch wir haben mögen tragen. Sondern wir glauben durch die
-Gnade des Herrn Jesu Christi selig zu werden, gleicherweise wie auch sie«.
-
-Dich selbst aber, der du nicht bloß Christi Vorbild nachlebst, sondern auch
-seinem Apostel durch deine Klugheit wie durch deinen Namen gleichst,
-beschwöre ich: halte in den Forderungen äußerer Werke das Maß, welches
-durch die Rücksicht auf unsere schwache Natur geboten ist, damit wir uns um
-so mehr dem Dienste und Preise Gottes widmen können. Denn nachdem der Herr
-alle äußerlichen Opfer abgelehnt hat, empfiehlt er dieses ausdrücklich mit
-den Worten: »Wo mich hungerte, wollte ich dir nicht davon sagen; denn der
-Erdboden ist mein und alles was darinnen ist. Meinest du, daß ich
-Ochsenfleisch essen wollte oder Bocksblut trinken? Opfere Gott Dank und
-bezahle dem Höchsten deine Gelübde. Und rufe mich an in der Not, so will
-ich dich erretten, so sollst du mich preisen«.
-
-Wir reden nicht davon als wollten wir überhaupt die Anstrengung äußerlicher
-Arbeit verwerfen, soweit dieselbe notwendig ist; nur wollen wir das, was
-der leiblichen Notdurft dient und uns in der Verrichtung des Gottesdienstes
-hinderlich ist, nicht gar zu hoch schätzen; besonders da durch apostolische
-Autorität frommen Frauen gerade das zugestanden wird, daß sie mehr durch
-fremde Handreichung ihren Lebensunterhalt bestreiten als durch eigene
-Arbeit. Darum schreibt auch Paulus an den Timotheus: »So aber ein Gläubiger
-Witwen hat, der versorge dieselbigen und lasse die Gemeine nicht beschweret
-werden; auf daß die, so rechte Witwen sind, genug haben«. Unter rechten
-Witwen versteht er nämlich diejenigen, welche sich Christo geweiht haben,
-denen nicht nur ihr Mann gestorben, sondern denen auch die Welt gekreuzigt
-ist und sie der Welt. Diese haben ein gutes Recht darauf aus den Mitteln
-der Kirche, die gleichsam das Eigentum ihres himmlischen Bräutigams sind,
-unterhalten zu werden. Darum hat auch der Herr seine Mutter unter den
-Schutz des Apostels gestellt, nicht unter den ihres Mannes, und die Apostel
-haben sieben Diakonen, d. h. Diener der Kirche, eingesetzt, die den
-gläubigen Frauen Handreichung thun sollten.
-
-Wir wissen zwar wohl, daß der Apostel in seinem Brief an die Thessalonicher
-einen Teil der Gemeinde, der sich einem müßigen, träumerischen Leben ergab,
-scharf verurteilt hat und auch die Regel aufstellte: »Wer nicht arbeiten
-will, der soll auch nicht essen«; auch ist uns bekannt, daß der heilige
-Benedikt, um dem Müßiggang zu steuern, Handarbeit vorgeschrieben hat.
-Allein saß nicht auch Maria einst müßig zu den Füßen des Herrn, um ihm
-zuzuhören, während Martha ihr und dem Herrn diente und mit einem gewissen
-Neid über die Saumseligkeit der Schwester murrte, welche sie allein des
-Tages Last und die Hitze tragen lasse? So sehen wir noch heute oftmals
-diejenigen, die mit äußerlichen Geschäften sich abmühen, murren, wenn sie
-denen mit der irdischen Notdurft dienen sollen, welche sich dem Dienste
-Gottes geweiht haben. Und oftmals beklagen sie sich über einen Verlust, den
-sie durch eine Gewaltthat erleiden, nicht so sehr, wie über das, was sie
-solchen müßigen Faulenzern, wie sie sagen, entrichten müssen. Und doch
-sehen sie, daß solche Leute nicht allein damit beschäftigt sind, die Worte
-Christi zu hören, sondern daß ihre Zeit auch mit dem Lesen und Singen
-derselben ausgefüllt ist. Sie vergessen, daß es, wie der Apostel sagt,
-nichts besonderes ist, wenn sie diejenigen mit dem Leiblichen versorgen,
-von denen sie geistliche Gaben erwarten, und daß es nicht mehr als billig
-ist, wenn die, deren Streben auf das Irdische gerichtet ist, denen dienen,
-welche sich mit dem Geistlichen beschäftigen. Darum ist diese heilsame Muße
-und Freiheit auch vom Gesetz selber den Dienern der Kirche eingeräumt
-worden: der Stamm Levi sollte keinen Teil an dem erblichen Landbesitz
-haben, um desto ungestörter dem Herrn dienen zu können; dafür sollten ihm
-Zehnten und Abgaben von der Arbeit der anderen zufallen.
-
-Was Fasten und Enthaltsamkeit betrifft, die der Christ mehr den Lastern
-gegenüber üben soll als in Beziehung auf Essen und Trinken, so wird es sich
-fragen, ob es sich empfiehlt, hierin zu der kirchlichen Vorschrift noch
-weitere Forderungen hinzuzufügen, und dann soll man diejenige Verordnung
-geben, die für uns am besten paßt. Ganz besonders richte dein Augenmerk auf
-die gottesdienstlichen Verrichtungen und auf die Verteilung der Psalmen,
-und trage wenigstens in diesem Stück, wenn irgend möglich, unserer
-Schwachheit Rechnung. Wir wollen nicht jede Woche den ganzen Psalter
-durchmachen und so immer dieselben Psalmen wiederholen müssen. Auch der
-heilige Benedikt, der die Woche so einteilte, wie er's für angemessen
-hielt, hat doch seinen Nachfolgern in diesem Punkt freie Hand gelassen,
-indem er sie ermahnt, eine andere Ordnung einzuführen, wenn sie sich mehr
-empfehlen sollte. Er war sich dessen bewußt, daß im Laufe der Zeit die
-Herrlichkeit der Kirche immer schöner sich entfalten werde und daß sie,
-anfangs gegründet auf ein unscheinbares Fundament, dereinst zum herrlichen
-Bauwerk sich erheben werde.
-
-Das aber bitten wir dich vor allem festzusetzen, wie wir uns zu verhalten
-haben in Beziehung auf die Verlesung des Evangeliums und auf die
-nächtlichen Vigilien. Denn um diese Zeit Priester oder Diakonen zu solcher
-Verrichtung bei uns einzulassen, scheint mir gefährlich, da wir doch die
-Nähe und den Anblick von Männern peinlich meiden sollen, um uns desto
-aufrichtiger Gott widmen zu können und vor Versuchungen desto sicherer zu
-sein.
-
-Dir, mein Geliebter fällt die Aufgabe zu, so lange du noch lebst, uns eine
-Regel zu geben, die für alle Zeiten bei uns in Geltung bleiben soll. Du
-bist ja doch nächst Gott der Gründer dieses Heiligtums, du warst durch
-Gottes Hand der Schöpfer unserer Gemeinschaft, du sollst jetzt mit Gottes
-Hilfe der Gesetzgeber unseres Ordens sein. Vielleicht bekommen wir einst
-nach dir einen andern Lehrer, der einen andern Grund legen und darauf bauen
-möchte. Wir fürchten, ein solcher möchte weniger für uns besorgt sein oder
-es möchte uns schwerer fallen, ihm zu gehorchen; auch könnte er vielleicht
-wohl den guten Willen, aber nicht die Kraft zum Vollbringen haben. Rede du
-zu uns und wir werden hören. Lebe wohl!
-
-
-
-
-VII. Brief.
-
-Abaelard an Heloise.
-
-
-Geliebte Schwester! Deine Liebe verlangt in deinem und in deiner geistigen
-Töchter Namen Aufschluß über den Orden, welchem ihr angehöret und über den
-Ursprung des Standes der Nonnen: ich will dir so kurz und knapp als möglich
-darüber Auskunft geben.
-
-Die erste Grundlage seiner Lebensordnung hat der Stand der Mönche und
-Nonnen von unserem Herrn Jesus Christus selber überkommen. Gleichwohl gab
-es auch schon vor der Menschwerdung des Herrn unter Männer und Frauen
-gewisse Anfänge dieser Lebensform. So schreibt Hieronymus an Eustochium:
-»Die Söhne der Propheten, von denen wir im Alten Testament lesen als von
-Mönchen«. Auch erzählt der Evangelist von jener Hanna, die beständig im
-Tempel und beim Gottesdienst war und die zugleich mit Simeon den Herrn im
-Tempel begrüßen durfte und dabei vom prophetischen Geiste erfüllt wurde.
-Dann, als die Zeit erfüllet war, kam Christus, das Ende des Gesetzes und
-alles Guten Vollendung, um das angefangene Gute hinauszuführen und das, was
-noch unbekannt war, auszurichten. Wie er gekommen war, um beide
-Geschlechter zu sich zu rufen und zu erlösen, so hat es ihm auch gefallen,
-beide Geschlechter in dem wahren Mönchtum seiner Gemeinschaft zu
-vereinigen. Dadurch sollte dieser Beruf für Männer wie für Frauen seine
-weihevolle Bedeutung erhalten, und allen wurde durch Christus die
-Vollkommenheit des Lebens vor Augen gestellt, der sie nachstreben sollten.
-Und so lesen wir denn von einer Gemeinschaft frommer Frauen, die mit den
-Aposteln und übrigen Jüngern und mit der Mutter des Herrn in Verbindung
-standen. Diese Frauen entsagten der Welt und verzichteten auf jeden eigenen
-Besitz, um Christum allein zu gewinnen, wie geschrieben steht: »Der Herr
-ist mein Erbteil«. Sie erfüllten in frommem Eifer die Bedingung, welche
-nach der vom Herrn aufgestellten Regel alle erfüllen müssen, die der Welt
-den Abschied geben und in die Gemeinschaft dieses frommen Lebens eintreten
-wollen. »Wer nicht verleugnet alles was er hat, der kann nicht mein Jünger
-sein.«
-
-Mit welcher Ergebenheit diese heiligen Frauen und wahren Nonnen dem Herrn
-nachgefolgt sind, und wie ihre Frömmigkeit von Christus selbst und nachher
-von den Aposteln anerkannt und in Ehren gehalten worden ist, das steht
-ausführlich in der heiligen Geschichte zu lesen. Wir lesen im Evangelium,
-wie der murrende Pharisäer, bei dem der Herr zu Gaste war, von diesem
-getadelt und der Liebesdienst des sündigen Weibes weit über die genossene
-Gastfreundschaft gestellt wurde. Wir lesen weiter, wie Lazarus nach seiner
-Auferweckung mit den andern bei Tische saß und seine Schwester Martha
-allein die Bedienung übernahm, wie Maria ein Pfund köstlicher Salbe auf die
-Füße des Herrn goß und mit ihren eigenen Haaren sie abtrocknete, und wie
-vom Duft dieser köstlichen Salbe das ganze Haus erfüllt wurde, und wie im
-Gedanken an ihre Kostbarkeit und weil hier eine unnötige Verschwendung
-getrieben zu werden schien, der Geiz des Judas und der Unwille der übrigen
-Jünger geweckt wurde. Während also Martha sich um die Bewirtung bemüht,
-bereitet Maria Wohlgerüche, die eine erquickt den Müden innerlich, die
-andere läßt ihm äußerliche Pflege angedeihen.
-
-Nur von Frauen erzählen die Evangelien, daß sie dem Herrn gedient haben.
-Sie gaben ihr Eigentum für seinen täglichen Unterhalt hin und versorgten
-ihn besonders mit der Notdurft dieses Lebens. Er selbst hat sich seinen
-Jüngern gegenüber bei Tisch, bei der Fußwaschung zum Diener erniedrigt. Es
-ist uns aber nichts davon bekannt, daß ihm von einem seiner Jünger oder
-überhaupt von einem Manne ein ähnlicher Dienst erwiesen worden sei: die
-Frauen allein stellten ihm, wie schon gesagt, in solchen und allen anderen
-Fällen der Bedürftigkeit ihre Dienste zur Verfügung. Das Gegenstück zu der
-dienenden Demut des Herrn bei Tische sehen wir in dem Walten der Martha,
-und im Liebesdienst der Maria das Gegenstück zur Fußwaschung. Maria zeigt
-dabei um so mehr frommen Eifer, je schuldvoller ihre Vergangenheit gewesen
-war. Der Herr goß Wasser in eine Schale, um die Fußwaschung zu verrichten:
-sie aber netzte seine Füße mit Thränen tiefinnerster Reue, nicht mit
-äußerlichem Wasser. Jesus trocknete mit einem Linnen den Jüngern die Füße,
-ihr mußten die Haare statt des Tuches dienen. Maria fügte noch
-wohlriechende Salben hinzu, während uns nicht bekannt ist, daß der Herr
-etwas Ähnliches gethan habe. Ferner weiß ja jedermann, daß sie im Vertrauen
-auf seine Güte und Nachsicht sich nicht scheute, ihre Salbe über sein Haupt
-auszugießen. Und zwar wird berichtet, daß sie die Salbe nicht aus dem Gefäß
-habe träufeln lassen, sondern sie habe das Gefäß zerbrochen und so dessen
-Inhalt über den Herrn ausgegossen. Sie wollte damit der Glut ihres frommen
-Eifers Ausdruck geben; denn ein Gegenstand, der so hohen Dienstes gewürdigt
-war, sollte hinfort zu nichts anderem mehr benutzt werden. Durch diese That
-stellte sie jenen Verbrauch der Salbe dar, von dem der Prophet Daniel
-geweissagt hatte: wann der Heilige der Heiligen werde gesalbt werden.
-
-Siehe da, ein Weib salbt den Heiligen der Heiligen und legt durch ihre That
-Zeugnis ab, daß er zugleich derjenige ist, an den sie glaubt und der,
-welchen der Prophet im voraus angekündigt hatte. Welch unbegreifliche Güte
-des Herrn, oder was für ein besonderes Verdienst kommt den Frauen zu, daß
-er nur ihnen sein Haupt wie seine Füße anvertraut, sie zu salben? Wie kommt
-das schwächere Geschlecht zu dem hohen Vorrechte, daß ein Weib den Herrn
-der Herrlichkeit salben durfte, der doch von seiner Empfängnis an mit dem
-heiligen Geist gesalbt und geweiht war. Mit sichtbaren Weihemitteln durfte
-sie ihn zum König und Priester weihen und ihn so auch äußerlich zum
-Christus, d. h. zum Gesalbten machen.
-
-Wir wissen, daß zuerst der Erzvater Jakob einen Stein gesalbt hat, in
-prophetischem Hinweis auf den Herrn. Und auch später war es nur den Männern
-gestattet, die Salbung von Königen oder Priestern vorzunehmen oder
-überhaupt die Sakramente zu verwalten, nur das Recht zu taufen wurde den
-Frauen unter Umständen eingeräumt. Der Erzvater hatte einst den Stein zum
-Tempel geweiht, und noch jetzt weiht der Priester den Altar mit Öl ein.
-Also die Männer geben nur den Abbildern die Weihe, das Weib dagegen hat am
-Urbild selbst ihre Wirkung ausgeübt, wie denn die Wahrheit selbst bezeugt:
-»Sie hat ein gutes Werk an mir gethan«. Christus selbst wird von einem
-Weibe gesalbt, die Christen von Männern, das Haupt von einer Frau, die
-Glieder von Männern.
-
-Mit vollem Recht wird von ihr erzählt, sie habe die Salbe auf sein Haupt
-nicht geträufelt, sondern darüber ausgegossen, nach jenem Wort, das die
-Braut im Hohenlied von dem Herrn sagt: »Dein Name ist eine ausgegossene
-Salbe«. Auf die überströmende Fülle dieser Salbe deutet auch der Psalmist
-vorbildlich hin, wenn er von einer Salbe spricht, die vom Haupt bis zum
-Saum des Kleides hinabfloß: »Wie der köstliche Balsam ist, der herabfließt
-vom Haupt Aarons in seinen ganzen Bart, der herabfließt in sein Kleid«.
-
-Von David lesen wir, daß er eine dreifache Salbung erhalten habe, und auch
-Hieronymus erwähnt dies zu Psalm XXVI. Eine dreifache erhalten auch
-Christus und die Christen: an den Füßen und am Haupt ist der Herr von einem
-Weibe gesalbt worden, seinen Leichnam haben, nach dem Bericht des Johannes,
-Joseph von Arimathia und Nikodemus mit Spezereien bestattet. Und auch die
-Christen werden durch dreifache Salbung geweiht: die erste geschieht durch
-die Taufe, die zweite durch die Konfirmation, die dritte durch die letzte
-Ölung.
-
-Erkenne nun, wie die Frau hier bevorzugt wird: Zweimal wird der lebendige
-Christus von ihr gesalbt, an Füßen und Haupt, und erhält von ihr die Weihe
-des Königs und des Priesters. Die Salbe aus Myrrhen und Aloe, die zur
-Einbalsamierung der Leichen dient, deutet im voraus hin auf die
-Unverweslichkeit des Leibes des Herrn, welche auch die Auserwählten in der
-Auferstehung erlangen. Die vorausgehende Salbung durch das Weib aber deutet
-an die einzigartige Würde seines Königtums wie seiner Priesterwürde; und
-zwar die Salbung des Hauptes bedeutet die höhere, die der Füße die
-niedrigere Würde. Siehe da! selbst die Weihe des Königs empfängt er von
-einem Weibe, der doch die von Männern ihm gebotene Krone ausschlug und
-ihnen entfloh, als sie ihn mit Gewalt zum König machen wollten.
-Himmlischen, nicht irdischen Königtums Weihe vollzieht das Weib an ihm, der
-selbst später von sich gesagt hat: »Mein Reich ist nicht von dieser Welt.«
-
-Bischöfe rühmen sich, wenn sie unter dem Beifallsruf der Menge irdische
-Könige salben, wenn sie, angethan mit ihren prächtigen goldglänzenden
-Gewändern, sterbliche Priester weihen und dabei oftmals diejenigen segnen,
-die Gott verflucht. Hier das einfache Weib in ihrem gewöhnlichen Kleid,
-ohne Pomp und Prunk; trotz des Unwillens der Apostel vollzieht sie an
-Christus die Weihe; nicht hoher Rang giebt ihr das Recht dazu, sondern
-allein ihre hingebende Frömmigkeit. O starke Glaubensbeharrlichkeit, o
-unsagbare Liebesglut, die alles glaubet, alles hoffet, alles träget! Der
-Pharisäer murrt, daß des Herrn Füße von einer Sünderin sollen gesalbt
-werden; die Apostel mißbilligen es laut, daß das Weib selbst sein Haupt zu
-berühren wagt. Aber ihr Glaube bleibt allenthalben unerschüttert, sie traut
-auf die Güte des Herrn, und der Herr läßt sie nicht ohne Schutz und Hilfe.
-Wie lieblich und angenehm ihm diese Salbung gewesen, gesteht er ja selbst,
-indem er verlangt, man solle sie gewähren lassen, und zu dem entrüsteten
-Judas sagt: »Laß sie mit Frieden, sie mag's so halten zum Tag meiner
-Begräbnis«. Als wollte er sagen: mißgönne nicht diesen Liebesdienst dem
-Lebendigen, damit du nicht dadurch zugleich dem Toten das letzte fromme
-Zeichen der Verehrung entziehest. Bekannt ist ja, daß auch für die
-Bestattung des Herrn fromme Frauen Spezereien bereitet haben. Maria hätte
-dabei vielleicht nicht mitgewirkt, wenn sie bei jener ersten Gelegenheit
-durch eine Zurückweisung in Verlegenheit versetzt worden wäre. Ja, als die
-Jünger über die große Kühnheit des Weibes unwillig wurden und nach dem
-Bericht des Markus sie anfuhren, besänftigte er ihren Zorn durch milden
-Zuspruch und erhob dann des Weibes That also hoch, daß er sie ins
-Evangelium aufgenommen wünschte und voraussagte, daß wo in aller Welt von
-ihm gepredigt werden werde, man auch das sagen werde zu Lob und Gedächtnis
-dieser Frau, die damals ihrer Kühnheit wegen sich tadeln lassen mußte. Wir
-wissen von keiner andern That der Liebe, die in solcher Weise vom Herrn
-selber gelobt und anerkannt worden wäre. Auch an dem Beispiel der armen
-Witwe, deren Almosen er allen reichen Kirchenstiftungen vorzog, hat er
-deutlich gezeigt, wie angenehm vor ihm die Frömmigkeit der Frauen sei.
-
-Petrus hat sich nicht gescheut, es laut auszusprechen, daß er und seine
-Mitjünger alles um Christi willen verlassen haben. Zachäus, voll Sehnsucht
-die Ankunft des Herrn erwartend, schenkt die Hälfte seiner Güter den Armen
-und ist bereit, so er jemand betrogen hat, es vierfältig wiederzugeben.
-Viele andere haben es sich im Namen Christi oder für Christum noch viel
-mehr kosten lassen und haben viel größere Herrlichkeiten in seinen Dienst
-gestellt oder um seinetwillen verlassen. Und doch haben sie alle nicht das
-hohe Lob des Herrn geerntet wie die Frauen.
-
-Wie groß ihre fromme Hingabe für ihn war, das lehren uns am deutlichsten
-die Vorgänge beim Tode des Herrn. Sie, die Frauen, harren unerschrocken
-aus, während das Haupt der Apostel seinen Herrn verleugnet, während der
-Jünger, den der Herr lieb hatte, entflieht und die übrigen sich zerstreuen.
-Keine Furcht, keine Verzweiflung konnte die Frauen während seines Leidens
-und in der Stunde des Todes von Christus trennen. Auf sie ganz besonders
-scheint das Wort des Apostels zu passen: »Wer will uns scheiden von der
-Liebe Gottes? Trübsal oder Angst?« Darum hat auch Matthäus, nachdem er von
-sich selber und von den andern Jüngern gleicherweise berichtet hatte: »Da
-verließen ihn alle Jünger und flohen von ihm« -- im weiteren Verlauf seiner
-Erzählung das treue Ausharren der Frauen hervorgehoben, die selbst dem
-Gekreuzigten noch zur Seite standen, soweit es ihnen verstattet wurde: »Und
-es waren viel Weiber da, die von ferne zusahen, die da Jesu waren
-nachgefolget aus Galiläa und hatten ihm gedienet«. Auch erzählt derselbe
-Evangelist getreulich, wie sie sich selbst vom Grabe des Herrn nicht
-trennen konnten: »Es waren aber Maria Magdalena und die andere Maria, die
-setzten sich gegen das Grab«. Von diesen Frauen berichtet auch Markus: »Es
-waren auch Weiber da, die von ferne solches schaueten, unter welchen war
-Maria Magdalena und Maria des kleinen Jakobs und Joses Mutter, und Salome,
-die ihm auch nachgefolget, da er in Galiläa war und gedienet hatten, und
-viele andere, die mit ihm hinauf gen Jerusalem gegangen waren«.
-
-Johannes erzählt, sie seien unter dem Kreuze gestanden, und auch er selbst,
-der vorher geflohen war, sei bei dem Gekreuzigten gestanden; aber von dem
-Ausharren der Frauen spricht er zuerst, wie wenn er durch ihr Beispiel
-ermutigt und zurückgerufen worden wäre. »Es stund aber bei dem Kreuze Jesu
-seine Mutter, und seiner Mutter Schwester, Maria, Kleophas Weib, und Maria
-Magdalena. Da nun Jesus seine Mutter sahe und den Jünger dabei stehen« u.
-s. w.
-
-Diese Ausdauer der heiligen Frauen und die Schwachheit der Jünger hat lange
-vor dieser Zeit der fromme Hiob für die Person Christi angedeutet in
-prophetischen Worten: »All mein Fleisch ist geschwunden und an meiner Haut
-hängt das Gebein, und nur die Lippen an meinen Zähnen sind übrig
-geblieben«. Auf den Gebeinen nämlich beruht die Rüstigkeit des Körpers,
-weil sie dem Fleisch und der Haut zur Stütze dienen. In dem Leib Christi
-nun, d. h. in der Kirche, ist unter dem Gebein der feste Grund des
-christlichen Glaubens gemeint oder jene glühende Liebe, von welcher es im
-Lied der Lieder heißt, daß auch viel Wasserströme die Liebe nicht mögen
-verlöschen; von welcher auch der Apostel sagt: »Sie träget alles, sie
-glaubet alles, sie hoffet alles, sie duldet alles«. Das Fleisch aber bildet
-am Körper das Innere, die Haut das Äußere. Die Apostel, die durch ihre
-Predigt für die Nahrung der Seele sorgen und die Frauen, die sich um die
-Bedürfnisse des Körpers bemühen, werden mit dem Fleisch und mit der Haut
-(am Leibe Christi) verglichen. Da nun das Fleisch dahinschwand, hing das
-Gebein Christi unmittelbar an der Haut; das heißt: als die Jünger am Leiden
-ihres Herrn Anstoß nahmen und über seinen Tod in Verzweiflung gerieten,
-blieb die fromme Ergebenheit der Frauen unerschüttert und wich keinen Zoll
-breit von dem Gebein Christi. Denn die Beharrlichkeit des Glaubens, der
-Hoffnung, der Liebe hielt sie so fest bei ihm zurück, daß sie selbst von
-dem Toten sich nicht trennen konnten, weder in Gedanken noch körperlich.
-Die Männer sind ja von Natur an Geist und Körper den Frauen überlegen.
-Darum wird mit Recht die männliche Natur unter dem Bilde des Fleisches
-dargestellt, welches dem Gebein näher ist, die schwache Natur des Weibes
-dagegen unter dem Bilde der Haut. Ferner: die Aufgabe der Apostel ist es,
-die sündigen Menschen durch ihre Rüge gleichsam zu beißen, darum stellen
-sie die Zähne des Herrn dar. Ihnen sind nur noch die Lippen übrig
-geblieben, das heißt Worte statt Thaten; denn in ihrer Hoffnungslosigkeit
-redeten sie wohl von Christus, thaten aber nichts für ihn. In dieser
-Verfassung waren auch die beiden Jünger, die nach Emmaus gingen und
-miteinander redeten von allem, was in diesen Tagen geschehen war; denen
-dann der Herr erschien und ihrer Mutlosigkeit aufhalf. Endlich: was hatten
-Petrus und die übrigen Jünger anderes als Worte, als der Herr seinen
-Leidensweg betreten mußte und der Herr selbst ihnen vorausgesagt hatte, daß
-sie sich an seinem Leiden ärgern werden? »Wenn sie auch alle, sprach
-Petrus, sich an dir ärgerten, so will ich doch mich nimmermehr ärgern.« Und
-noch mehr: »Und wenn ich mit dir sterben müßte, so will ich dich nicht
-verleugnen. Desgleichen sagten auch alle Jünger«. Freilich: sie sagten mehr
-als sie thaten. Jener erste und größte Apostel, der mit dem Munde so
-standhaft war, daß er zum Herrn sagte: »Ich bin bereit, mit dir ins
-Gefängnis und in den Tod zu gehen«; dem der Herr seine Kirche im besonderen
-anvertraut hatte mit den Worten: »Wenn du dich dermaleins bekehrst, so
-stärke deine Brüder« -- er schämt sich nicht, auf das Wort einer Magd hin
-seinen Herrn zu verleugnen. Und nicht bloß einmal thut er das, sondern
-dreimal hintereinander; während sein Meister noch lebt, verleugnet er ihn,
-und ebenso fliehen alle übrigen Jünger von ihm in alle Winde; die Frauen
-dagegen lassen sich von ihm, auch nach seinem Tode, nicht trennen, weder
-geistig noch körperlich. Eine von ihnen, jene fromme Sünderin, spricht,
-indem sie den Toten noch sucht und ihn ihren Herrn nennt: »Sie haben meinen
-Herrn weggenommen«, und weiter: »Hast du ihn weggetragen, so sage mir, wo
-hast du ihn hingeleget, so will ich ihn holen«. Die Widder, ja vielmehr die
-Hirten, der Herde des Herrn, sie fliehen: die Schafe harren mutig aus.
-Seine Jünger mußte der Herr ihrer fleischlichen Schwäche wegen tadeln, denn
-sie vermochten selbst in seiner höchsten Leidensnot nicht eine Stunde mit
-ihm zu wachen. Die Frauen brachten an seinem Grab eine schlaflose Nacht
-unter Thränen zu und wurden gewürdigt, die Herrlichkeit des Auferstandenen
-zuerst zu sehen. Dem sie so treu waren bis in den Tod, sie haben ihm ihre
-Liebe, während er lebte, nicht mit Worten, sondern mit Thaten bewiesen. Und
-von der Angst, die sie um sein Leiden und Sterben erlitten hatten, wurden
-sie zuerst befreit durch die frohe Kunde, daß er auferstanden sei und lebe.
-
-Während, nach Johannes, Joseph von Arimathia und Nikodemus den Leichnam des
-Herrn in Leinwand wickelten und mit Spezereien bestatteten, sahen, nach dem
-Berichte des Markus, Maria Magdalena und Maria, die Mutter Joses, mit Eifer
-zu, wohin er gelegt wurde. Auch Lukas erzählt von ihnen; »Es folgten aber
-die Weiber nach, die mit ihm kommen waren aus Galiläa und beschaueten das
-Grab und wie sein Leib gelegt ward; sie kehreten aber um und bereiteten
-Spezereien«. Sie begnügten sich nicht mit den Spezereien des Nikodemus, sie
-wollten auch die ihrigen noch dazu thun. Und den Sabbath über waren sie
-stille nach dem Gesetz; nach Markus aber kamen, als der Sabbath um war, in
-aller Frühe am Tage der Auferstehung selbst Maria Magdalena und Maria
-Jakobi und Salome zum Grab.
-
-Nachdem wir nun ihren frommen Eifer gezeigt haben, wollen wir weiter sehen,
-welcher Ehre sie gewürdigt wurden. Fürs erste wurden sie durch die
-Erscheinung des Engels getröstet mit der Kunde, daß der Herr schon
-auferstanden sei; sodann durften sie zuerst den Herrn sehen und berühren.
-Und zwar vor allen andern Maria Magdalena, deren Liebesglut die lebendigste
-war; dann die andern mit ihr, von welchen es heißt, daß sie nach der
-Engelserscheinung »zum Grabe hinausgingen und liefen, daß sie es seinen
-Jüngern verkündigeten, und siehe da begegnet ihnen Jesus und sprach: Seid
-gegrüßet. Und sie traten zu ihm und griffen an seine Füße und fielen vor
-ihm nieder. Da sprach Jesus: Gehet hin und verkündiget es meinen Brüdern,
-daß sie gehen nach Galiläa: daselbst werden sie mich sehen«. Auch Lukas
-berichtet darüber in ähnlicher Weise: »Es waren aber Maria Magdalena und
-Johanna und Maria Jakobi, und andere mit ihnen, die solches den Aposteln
-sagten«. Auch Markus verschweigt es nicht, daß die Frauen zuerst von dem
-Engel zu den Aposteln geschickt worden seien, um es ihnen zu verkündigen;
-er läßt den Engel zu den Weibern sagen: »Er ist auferstanden, er ist nicht
-hier. Gehet aber hin und saget es seinen Jüngern und Petrus, daß er vor
-euch hingehen wird in Galiläa«. Auch der Herr selbst, da er zuerst der
-Maria Magdalena erscheint, sagt zu ihr: »Gehe hin zu meinen Brüdern und sag
-ihnen, ich fahre auf zu meinem Vater.«
-
-Wir sehen aus diesen Berichten, daß jene frommen Frauen gleichsam als
-Apostelinnen über die Apostel gesetzt wurden, da sie entweder vom Herrn
-oder von den Engeln zu ihnen gesandt werden, um ihnen die Freudenbotschaft
-der Auferstehung zu bringen, auf die alle warteten, so daß die Apostel von
-den Frauen zuerst erfuhren, was sie nachher aller Welt predigten.
-
-Der Evangelist hat, wie wir oben sahen, erzählt, daß der Herr die Frauen
-grüßte, als er ihnen nach seiner Auferstehung begegnete: durch seine
-Begegnung wie durch seinen Gruß wollte er ihnen zeigen, wie sehr sie
-Gegenstand seiner fürsorgenden Liebe seien. Wir erfahren nirgends, daß er
-anderen gegenüber das ausdrückliche Begrüßungswort: »seid gegrüßet«
-gebraucht habe: im Gegenteil hat er ja früher seinen Jüngern das Grüßen
-untersagt mit den Worten: »Und grüßet niemand auf dem Wege«. Es ist, als
-hätte er dieses Vorrecht bis jetzt den frommen Frauen aufbehalten und
-selbst an ihnen ausüben wollen, nachdem er schon die Glorie der
-Unsterblichkeit erlangt hatte.
-
-Auch in der Apostelgeschichte, welche berichtet, daß die Apostel alsbald
-nach der Himmelfahrt des Herrn vom Ölberg nach Jerusalem zurückgekehrt
-seien, und die Frömmigkeit jener heiligen Gemeinschaft ausführlich
-schildert, wird der fromme Eifer und die Standhaftigkeit der Frauen im
-Glauben nicht mit Stillschweigen übergangen, sondern es heißt von ihnen:
-»diese alle waren stets bei einander einmütig mit Bitten und Flehen samt
-den Weibern und Maria, der Mutter Jesu«.
-
-Aber wir wollen nicht weiter sprechen von den jüdischen Frauen, die gleich
-im Anfang, während der Herr selbst noch lebte und das Evangelium
-verkündigte, zum Glauben kamen und den Grund legten zu der Lebensweise, die
-ihr erwählt habt. Sondern wir wollen auch der griechischen Witwen gedenken,
-welche später von den Aposteln in die Gemeinde aufgenommen worden sind; wir
-werden da sehen, mit welcher Liebe und Sorgfalt die Apostel ihnen
-entgegenkamen und wie jener ruhmreiche Bannerträger des christlichen
-Häufleins, Stephanus, der erste der Märtyrer, mit einigen anderen
-geistbegabten Männern von den Aposteln zu ihrem Dienste aufgestellt wurde.
-Auch hierüber berichtet die Apostelgeschichte: »In den Tagen aber, da der
-Jünger viel wurden, erhub sich ein Murmeln unter den Griechen wider die
-Hebräer, darum daß ihre Witwen übersehen wurden in der täglichen
-Handreichung. Da riefen die Zwölfe die Menge der Jünger zusammen und
-sprachen: 'Es taugt nicht, daß wir das Wort Gottes unterlassen und zu
-Tische dienen. Darum, ihr lieben Brüder, sehet unter euch nach sieben
-Männern, die ein gut Gerücht haben und voll heiligen Geists und Weisheit
-sind, welche wir bestellen mögen zu dieser Notdurft. Wir aber wollen
-anhalten am Gebet und am Amt des Wortes.' Und die Rede gefiel der ganzen
-Menge wohl und erwähleten Stephanum, einen Mann voll Glauben und heiligen
-Geistes und Philippum und Prochorum und Nikanor und Timon und Parmenam und
-Nikolaum, den Judengenossen von Antiochia. Diese stellten sie vor die
-Apostel und beteten und legten die Hände auf sie«. Es spricht gar sehr für
-die Enthaltsamkeit des Stephanus, daß er zum Dienst und zur Fürsorge für
-die frommen Frauen bestellt wurde. Was für ein hohes Ehrenamt die
-Verwaltung dieses Dienstes war und wie verdienstlich vor Gott und in den
-Augen der Apostel, das haben sie selber bezeugt durch das Gebet, mit dem
-sie die Handlung weihten, und durch Auflegung der Hände, als wollten sie
-diejenigen, die damit betraut wurden, beschwören, Treue zu halten, und
-durch ihren Segen und ihr Gebet ihnen die Kraft dazu verleihen.
-
-Auch der Apostel Paulus nimmt diesen Dienst als ein Recht seines
-Apostelamtes in Anspruch: »Haben wir nicht Macht, sagt er, eine Schwester
-zum Weibe mit umherzuführen, wie die andern Apostel?« Als wollte er sagen:
-Ist es uns nicht erlaubt, ein Gefolge von frommen Frauen zu haben und sie
-auf unsern Missionsreisen mit uns zu führen, wie die andern Apostel, damit
-sie, während wir das Wort Gottes predigen, von dem Ihrigen unsere äußeren
-Bedürfnisse befriedigen? Darum sagt auch der heilige Augustin in seinem
-Buch »Vom Werk der Mönche«: »Darum gingen gläubige Weiber mit ihnen, die
-mit den Gütern dieser Welt gesegnet waren, und thaten ihnen von dem Ihrigen
-Handreichung, damit sie an dem, was zum Unterhalt des Lebens dient, nicht
-Mangel litten«. Ferner: »Wer nicht glauben will, daß die Apostel frommen
-Frauen gestatteten, sie überall hin zu begleiten, wo sie das Evangelium
-verkündigten, der möge das Evangelium selbst nachlesen und daraus ersehen,
-daß sie hierin dem Beispiel des Herrn selber folgten. Denn im Evangelium
-heißt es: 'Und es begab sich danach, daß er reisete durch Städte und Märkte
-und predigte und verkündigte das Evangelium vom Reich Gottes, und die
-Zwölfe mit ihm; dazu etliche Weiber, die er gesund hatte gemacht von den
-bösen Geistern und Krankheiten, nämlich Maria, die da Magdalena heißet, und
-Johanna, das Weib Chusa, des Pflegers Herodis, und Susanna und viel andere,
-die ihnen Handreichung thaten von ihrer Habe'. Hieraus geht also deutlich
-hervor, daß der Herr, während er predigend umherzog, von dienenden Frauen
-mit den Bedürfnissen des äußerlichen Lebens versorgt wurde und daß diese
-Frauen gleichwie die Apostel seine unzertrennliche Begleitung bildeten.«
-
-Als dann der Drang zu einem gottgeweihten Leben unter Männern und Frauen
-sich häufiger einstellte, hatten schon in den Anfangszeiten der Kirche
-Frauen wie Männer besondere klösterliche Behausungen. So erwähnt die
-»Kirchengeschichte« das Lob, welches der beredte Jude Philo über die
-alexandrinische Kirche unter der Leitung des Markus nicht nur
-ausgesprochen, sondern auch schriftlich in hohen Ausdrücken niedergelegt
-hat; es heißt dort Buch II, Kapitel XVI unter anderem: »In vielen Gegenden
-der Erde leben solche Menschen«. Und bald darauf: »An jedem dieser Orte
-befindet sich ein der Andacht geweihtes Haus, welches 'senivor' oder
-'Monasterium' genannt wird«. Ferner heißt es weiter unten: »Sie kennen
-nicht bloß die besten frommen Lieder der Alten, sondern dichten auch selbst
-neue zur Ehre Gottes, welche sie nach verschiedenen Rhythmen und Tonarten
-gar lieblich singen«. Es wird dann verschiedenes von ihrer Enthaltsamkeit
-und von der Art ihres Gottesdienstes berichtet, worauf es weiter heißt:
-»Bei den Männern, von denen wir sprechen, befinden sich auch Frauen,
-darunter mehrere schon hochbetagte Jungfrauen, welche ihren Leib unberührt
-und keusch bewahren, nicht aus irgend welchem Zwang, sondern aus
-Frömmigkeit; die, während sie mit Eifer dem Studium der Weisheit obliegen,
-nicht allein ihre Seele, sondern auch den Leib heiligen und es für unwürdig
-halten, daß das zur Aufnahme der Weisheit bestimmte Gefäß der Lust diene,
-oder daß diejenigen sterbliche Kinder gebären, die nach der geheiligten
-unsterblichen Frucht des göttlichen Wortes streben und die eine
-Nachkommenschaft hinterlassen sollen, die nimmermehr dem Tod und der
-Vernichtung anheimfällt«. Weiter heißt es von Philo: »Er schreibt auch von
-ihren Gemeinschaften, daß Männer und Weiber getrennt in besonderen
-Vereinigungen leben, und daß sie Vigilien halten, wie es bei uns jetzt noch
-Sitte ist«.
-
-Hierher gehört auch, was die »Dreiteilige Geschichte« zum Lobe der
-christlichen Philosophie, d. h. des Mönchslebens sagt, dem Frauen wie
-Männer sich ergeben. Es heißt da Buch I, Kapitel XI: »Die Begründer dieser
-tiefsinnigen Philosophie waren, wie einige behaupten, der Prophet Elias und
-Johannes der Täufer.« Der Pythagoräer Philo aber erzählt, daß zu seiner
-Zeit fromme Hebräer aus verschiedenen Gegenden sich in einem Landhaus bei
-einem Sumpf Maria, auf einem Hügel gelegen, vereinigt und dort der
-Philosophie gelebt haben. Ihre Wohnung aber und die Art, sich zu ernähren
-und ihre ganze Lebensweise schildert er so, wie wir sie bei den ägyptischen
-Mönchen jetzt noch beobachten. Er schreibt, daß sie vor Sonnenuntergang
-keine Speise zu sich nehmen, des Weines und des Fleisches sich gänzlich
-enthalten, als Speise diene ihnen Brot, Salz und Ysop, als Trank Wasser.
-Mit ihnen zusammen wohnen hochbetagte Weiber, die aus Liebe zur Philosophie
-Jungfrauen geblieben waren und freiwillig auf die Ehe verzichtet hatten.
-
-Ähnlich lautet, was Hieronymus im 8. Kapitel seines Buches »Berühmte
-Männer« zum Lobe des Markus und seiner Kirche schreibt: »Er zuerst predigte
-in Alexandria von Christus und gründete daselbst eine Kirche, durch Lehre
-und Sittenstrenge so ausgezeichnet, daß sich alle Christen an ihr ein
-Beispiel nehmen mußten«. Endlich hat Philo, der gewandteste Schriftsteller
-der Juden, welcher die erste damals noch judenchristliche Kirche zu
-Alexandria erlebte, zur Verherrlichung seines Volkes ein Buch über dessen
-Bekehrung geschrieben, und wie Lukas erzählt, daß die Gläubigen in
-Jerusalem alles gemeinsam besessen haben, so hat auch Philo die Vorgänge in
-der unter der Leitung des Markus stehenden alexandrinischen Kirche dem
-Gedächtnis überliefert.
-
-Ebenso sagt Hieronymus des weiteren im 11. Kapitel: »Der Jude Philo, von
-Geburt ein Alexandriner und einer Priesterfamilie angehörend, wird von uns
-darum unter die Kirchenschriftsteller gezählt, weil er in seinem Buch über
-die erste, vom Evangelisten Markus gegründete Kirche von Alexandria sich in
-Lobsprüchen über die Unsrigen ergeht und erwähnt, daß dieselben nicht bloß
-hier, sondern auch in vielen anderen Provinzen sich aufhalten, und ihre
-Wohnungen Klöster nennt«.
-
-Daraus geht doch hervor, daß im Anfang die Gemeinschaft der Christen von
-der Art gewesen ist, wie sie jetzt die Mönche nachahmen und erstreben: da
-besaß keiner etwas für sich, da gab es weder arm noch reich; was man hatte,
-wurde unter die Bedürftigen verteilt, im übrigen füllte man die Zeit aus
-mit Gebet und Singen, mit Predigt und Übung in der Enthaltsamkeit, wie dies
-Lukas in ähnlicher Weise von der ersten Christengemeinde in Jerusalem
-berichtet.
-
-Lesen wir die Geschichten des Alten Testamentes nach, so finden wir da, daß
-in allen Angelegenheiten, welche Gott oder besondere religiöse Leistungen
-betreffen, die Frauen nicht hinter den Männern zurückgeblieben sind. Die
-heiligen Urkunden berichten, daß sie ebenso wie die Männer Lieder zur Ehre
-Gottes nicht bloß gesungen, sondern auch selbst gedichtet haben. Das erste
-Lied von der Befreiung Israels haben nicht die Männer allein, sondern mit
-ihnen die Frauen dem Herrn zum Preise gesungen, und sie haben sich dadurch
-das Recht erworben, beim Gottesdienst im Tempel mitzuwirken. Denn also
-steht geschrieben: »Und Mirjam, die Prophetin, Aarons Schwester, nahm eine
-Pauke in ihre Hand, und alle Weiber folgten ihr nach, hinaus mit Pauken am
-Reigen und sie sang ihnen vor: 'lasset uns dem Herrn singen, denn er hat
-eine herrliche That gethan'«. Dort wird Moses nicht genannt und von ihm
-wird nicht gesagt, daß er wie Mirjam vorgesungen habe, überhaupt wird von
-den Männern nicht berichtet, daß sie gleich den Weibern mit Pauken am
-Reigen gegangen seien. Wenn nun Mirjam die vorsingende Prophetin genannt
-wird, so scheint sie jenen Gesang nicht bloß vorgetragen und abgesungen,
-sondern in prophetischer Begeisterung gedichtet zu haben. Wenn es ferner
-heißt, sie habe den übrigen vorgesungen, so ist das ein Beweis für die
-strenge Ordnung und Harmonie ihres Spiels. Und daß sie nicht bloß einfach
-sangen, sondern ihren Gesang mit Pauken begleiteten und besondere Singchöre
-bildeten, zeugt nicht allein für ihren großen Eifer, sondern deutet auch
-vorbildlich hin auf den geistlichen Gesang in den klösterlichen
-Gemeinschaften. Auch der Psalmist ermuntert uns dazu mit den Worten: »Lobet
-ihn mit Pauken und Reigen«, d. h. so viel als: durch Abtötung des Fleisches
-und durch jene einträchtige Liebe, von der geschrieben steht: »Die Menge
-der Gläubigen war Ein Herz und Eine Seele«.
-
-Auch das, womit die Frauen ihren Gesang nach dem Berichte begleitet haben,
-ist nicht ohne sinnbildliche Bedeutung: es wird dadurch dargestellt der
-Jubel der in Gott versunkenen Seele, welche, indem sie sich zu den
-himmlischen Regionen emporschwingt, gleichsam die Hütte ihrer irdischen
-Behausung verläßt und aus der tiefen Wonne ihrer Gottversunkenheit heraus
-frohlockend dem Herrn ein Loblied singt.
-
-Wir haben im Alten Testament auch noch Lieder von Debora, Hanna und von der
-Witwe Judith, sowie im Evangelium eines von der Mutter des Herrn. Indem
-Hanna ihren Knaben Samuel dem Tempel des Herrn geweiht hat, hat sie damit
-den Klöstern das Recht zur Aufnahme von Kindern gegeben. Daher schreibt
-Isidorus in seinem Brief an die im Kloster des Honorianus lebenden Brüder,
-Kapitel V: »Wer von seinen Eltern dem Kloster geweiht worden ist, der soll
-wissen, daß er daselbst für immer zu bleiben hat. Denn auch Hanna hat ihren
-Sohn Samuel dem Herrn dargebracht, und er blieb beim Dienste des Tempels,
-zu welchem er von seiner Mutter bestimmt worden war, und diente an dem
-Platze, auf den man ihn gestellt hatte«. Es ist auch sicher, daß die
-Töchter Aarons am Dienste des Heiligtums und am Erbe Levis denselben Anteil
-hatten wie ihre Brüder; Gott wies ihnen ebenso ihren Unterhalt an, wie im
-Buche Numeri geschrieben steht, wo der Herr selbst zu Aaron spricht: »Alle
-Hebopfer, welche die Kinder Israel heiligen dem Herrn, habe ich dir gegeben
-und deinen Söhnen und Töchtern samt dir zum ewigen Recht«. Es scheint
-demnach, als habe man auch für den Stand der Kleriker keinen Unterschied
-gemacht zwischen Mann und Weib. Sicher ist vielmehr, daß die Frauen mit den
-Männern durch Gleichheit der Benennung verbunden sind, denn man redet ja
-von Diakonissen so gut wie von Diakonen, als sollten wir in diesen beiden
-Namen Gegenstücke finden zu den Leviten und Levitinnen.
-
-In demselben Buch finden wir auch, daß jenes strenge Gelübde und die Weihe
-der Nasiräer ebenso für Frauen wie für Männer seine Geltung hatte, denn der
-Herr selbst spricht zu Mose: »Sage den Kindern Israel und sprich zu ihnen:
-Wenn ein Mann oder Weib ein Gelübde thut, dem Herrn sich zu enthalten, der
-soll sich Weins und starken Getränks enthalten. Weinessig oder starken
-Getränks Essig soll er auch nicht trinken, auch nichts, das aus Weinbeeren
-gemacht wird. Er soll weder frische noch dürre Weinbeeren essen, so lange
-solches sein Gelübde währet; auch soll er nichts essen, das man vom
-Weinstock machet, weder Weinkern noch Hülsen, so lange die Zeit solches
-seines Gelübdes währet«. Dieses Gelübde, glaube ich, hatten jene Weiber auf
-sich genommen, die an der Thüre des Heiligtums Wache hielten, aus deren
-Spiegeln Moses ein Gefäß verfertigte, in welchem sich Aaron und seine Söhne
-waschen sollten, wie geschrieben steht: »Moses stellte ein ehernes Becken
-auf, daß Aaron und seine Söhne sich daraus wüschen; das er verfertigt hatte
-aus den Spiegeln der Weiber, die an der Thüre des Heiligtums wachten«.
-Ausdrücklich wird hervorgehoben die Glut ihres frommen Eifers, mit welcher
-sie selbst bei geschlossenem Heiligtum nicht von dessen Schwelle wichen,
-sondern wachend die heiligen Vigilien einhielten, auch die Nacht im Gebete
-verbringend und von dem Dienste Gottes nicht lassend, während die Männer
-schliefen. Durch die Erwähnung, daß das Heiligtum ihnen verschlossen war,
-wird treffend hingedeutet auf das Leben der Büßenden, welche sich von den
-übrigen Menschen absondern, um sich in reuevoller Buße desto härter
-anzugreifen. Dieses Leben ist ein besonders deutliches Abbild der
-mönchischen Lebensweise, in welcher man im großen Ganzen eine mildere Form
-der Buße sehen kann. Das Heiligtum aber, an dessen Thüre die Frauen
-wachten, ist das mystische Abbild dessen, wovon der Apostel im Brief an die
-Hebräer spricht: »Wir haben einen Altar, davon nicht Macht haben zu essen,
-die der Hütte pflegen«, d. h. an welchem teilzunehmen diejenigen nicht
-würdig sind, die ihrem Körper, in welchem sie hienieden, als gleichsam in
-einem Lager, dienen, zur Lüsternheit verhelfen. Die Thür des Heiligtums
-aber bedeutet das Ende dieses Lebens, wann die Seele vom Körper ausgeht und
-die Schwelle des ewigen Lebens betritt. Die an dieser Thüre wachen, sind
-die, welche über den Ausgang aus diesem Leben und über den Eintritt ins
-zukünftige sich Sorge machen und durch Buße diesen Ausgang also gestalten,
-daß sie dereinst jenes Eingangs gewürdigt werden. Auf diesen täglichen
-Eingang und Ausgang der heiligen Gemeinde bezieht sich das Gebet des
-Psalmisten: »Der Herr behüte deinen Eingang und Ausgang«. Denn unsern
-Eingang und Ausgang behütet er dann, wenn er uns, die wir von hier
-ausziehen und vorher durch die Buße uns gereinigt haben, alsbald dort
-einläßt. Mit Recht aber nennt David den Eingang vor dem Ausgang, nicht
-sowohl mit Rücksicht auf die Reihenfolge, als vielmehr auf das geringere
-oder höhere Ansehen der beiden Begriffe. Denn dieser Ausgang des
-sterblichen Lebens vollzieht sich nur unter Schmerzen, während jener
-Eintritt ins ewige Leben mit der höchsten Wonne verbunden ist. Die Spiegel
-der Frauen sind die äußeren Werke, nach denen man die Häßlichkeit oder
-Schönheit der Seele beurteilen kann, wie man in einem wirklichen Spiegel
-die Beschaffenheit des menschlichen Angesichtes erkennt. Aus diesen ihren
-Spiegeln wird ein Gefäß verfertigt, in dem sich Aaron und seine Söhne
-waschen sollen; dies soll heißen: die guten Werke der frommen Frauen und
-die Treue des schwachen Geschlechts gegen Gott verurteilen aufs schärfste
-die Lässigkeit der Priester und Ältesten und veranlassen sie zu Thränen der
-Reue, und so erwirken die Frauen durch ihre Werke jenen die Gnade, durch
-welche sie von ihren Sünden reingewaschen werden. Aus solchen Spiegeln hat
-gewiß der heilige Gregorius sich ein Gefäß der Buße bereitet, als er die
-Mannhaftigkeit frommer Frauen und das siegreiche Martyrium des schwachen
-Geschlechts bewundernd mit einem Seufzer fragte: »Was werden die rauhen
-Männer sagen, wenn sie zarte Jungfrauen solche Leiden um Christi willen
-ertragen und das gebrechliche Geschlecht aus dem schwersten Kampfe
-siegreich hervorgehen sehen, so daß man ihm oft die doppelte Krone der
-Jungfräulichkeit und des Martyriums zuerkennen muß?«
-
-Ich zweifle nicht daran, daß zu den oben erwähnten Frauen, die an der Thüre
-der Stiftshütte wachen und die als eine Art Nasiräerinnen ihre Witwenschaft
-dem Herrn geweiht haben, auch jene fromme Hanna gehört, die zugleich mit
-dem heiligen Simeon gewürdigt wurde, den vornehmsten Nasiräer, unsern Herrn
-Jesum Christum, im Tempel zu begrüßen und die, was keinem Propheten
-vergönnt war, zur selben Stunde wie Simeon den Heiland durch Mitteilung des
-Geistes erkennen, sein Erscheinen anzeigen und öffentlich verkündigen
-durfte. Ihr zum Lobe erzählt der Evangelist: »Und es war eine Prophetin
-Hanna, eine Tochter Phanuel, vom Geschlecht Aser. Die war wohlbetagt und
-hatte gelebt sieben Jahr mit ihrem Mann nach ihrer Jungfrauschaft. Und war
-nun eine Witwe bei vierundachtzig Jahren; die kam nimmer vom Tempel, diente
-Gott mit Fasten und Beten Tag und Nacht. Dieselbige trat auch hinzu zu
-derselbigen Stunde und preisete den Herrn und redete von ihm zu allen, die
-da auf die Erlösung zu Jerusalem warteten«.
-
-Merke jedes einzelne Wort und sieh, wie der Evangelist sich Mühe giebt mit
-dem Lob dieser Witwe, und in welch hohen Ausdrücken er ihre
-Vortrefflichkeit erhebt. Alles ist hier sorgfältig aufgezählt: die Gabe der
-Prophetin, die ihr verliehen war, ihr Vater, ihr Geschlecht, die lange Zeit
-ihres gottgeweihten Witwenstandes, welche auf die sieben Jahre folgte, die
-sie mit ihrem Manne gelebt hatte, ihre Anhänglichkeit an den Tempel, ihr
-anhaltendes Fasten und Beten, das Lob, das sie dem Herrn spendete, der
-Dank, den sie ihm darbrachte und ihr öffentliches Reden von dem verheißenen
-und nunmehr geborenen Heiland.
-
-Auch den Simeon lobt der Evangelist, aber nicht wegen der Gabe der
-Prophetin, sondern wegen seiner Gerechtigkeit; auch erwähnt er nicht von
-ihm, daß er in der Tugend der Enthaltsamkeit so stark und im Dienste des
-Herrn so eifrig gewesen sei, weiß auch nichts davon, daß er andern
-gegenüber vom Messias geredet habe.
-
-Diesem Stand und Lebensberuf gehören auch jene rechten Witwen an, über
-welche der Apostel dem Timotheus folgendes schreibt: »Ehre die Witwen,
-welche rechte Witwen sind.« Ferner: »Das ist aber eine rechte Witwe, die
-einsam ist, die ihre Hoffnung auf Gott stellet und bleibet am Gebet und
-Flehen Tag und Nacht. Solches gebeut, auf daß sie untadelig seien.« Und
-weiter: »So aber ein Gläubiger Witwen hat, der versorge dieselbigen und
-lasse die Gemeine nicht beschweret werden, auf daß die so rechte Witwen
-sind, mögen genug haben«. Rechte Witwen nennt der Apostel diejenigen,
-welche ihren Witwenstand nicht durch eine zweite Heirat entweiht haben,
-oder solche, die aus Frömmigkeit, nicht aus Zwang, in diesem Stande
-verharrend, sich dem Herrn geweiht haben. Einsam nennt er sie, weil sie
-allem entsagen und von irdischem Trost nichts mehr erwarten oder weil sie
-niemand haben, der für sie Sorge trägt. Solche Witwen sollen, nach der
-Vorschrift des Apostels, geehrt und aus den Mitteln der Kirche unterhalten
-werden, als aus dem Eigentum ihres himmlischen Bräutigams.
-
-Er bestimmt auch genau, welche von den Witwen zum Diakonissenamte zu wählen
-seien: »Laß keine Witwe erwählet werden unter sechzig Jahren, und die da
-gewesen sei Eines Mannes Weib und die ein Zeugnis habe guter Werke, so sie
-Kinder aufgezogen hat, so sie gastfrei gewesen ist, so sie der Heiligen
-Füße gewaschen hat, so sie den Trübseligen Handreichung gethan hat, so sie
-allem guten Werk nachgekommen ist. Der jungen Witwen aber entschlage dich«.
-
-Diesen letzteren Punkt führt der heilige Hieronymus noch weiterhin also
-aus: »Vermeide es, sie mit dem Diakonissenamte zu betrauen, damit nicht ein
-böses statt ein gutes Beispiel gegeben werde, wenn Jüngere zu diesem Amt
-gewählt werden, die der Versuchung leichter zugänglich und von Natur noch
-schwächer sind: sie möchten sonst, da sie noch nicht ein langes, an
-Erfahrungen reiches Leben hinter sich haben, denen ein übles Beispiel
-geben, welchen sie ein Vorbild im Guten sein sollten«. Von dem üblen
-Beispiel, das durch junge Witwen gegeben werden könne, redet der Apostel so
-offen, weil er in dieser Beziehung seine Erfahrungen gemacht hatte, und
-diesem Übelstand will er durch seinen Rat vorbeugen. Nachdem er gesagt hat:
-»Der jungen Witwen entschlage dich«, fügt er alsbald den Grund und das
-Mittel zur Abhilfe hinzu, indem er weiter sagt: »Denn wenn sie geil worden
-sind wider Christum (d. h. trotz Christus), so wollen sie freien und haben
-ihr Urteil, daß sie die erste Treue gebrochen haben; daneben sind sie faul
-und lernen umlaufen durch die Häuser; nicht allein aber sind sie faul,
-sondern auch schwätzig und vorwitzig und reden, das nicht sein soll. So
-will ich nun, daß die jungen Witwen freien, Kinder zeugen, Haus halten, dem
-Widersacher keine Ursache geben zu schelten. Denn es sind schon etliche
-umgewandt dem Satan nach«.
-
-Diese Vorsicht des Apostels in Beziehung auf die Wahl der Diakonissen teilt
-der heilige Gregorius in seinem Brief an Maximus, den Bischof von Syrakus,
-in welchem er sagt: »Junge Äbtissinnen wollen wir durchaus nicht; deine
-brüderliche Liebe möge daher den Bischöfen gebieten, nur Jungfrauen, die
-das sechzigste Lebensjahr erreicht haben und deren Leben und Sitten erprobt
-sind, den Schleier zu geben«. Was wir jetzt Äbtissin nennen, nannte man
-früher Diakonisse, da man sie mehr als Dienerinnen ansah denn als Mutter.
-Diakon heißt Diener und man hielt dafür, daß die Diakonissen nach ihrem
-dienenden Amt, nicht nach ihrer bevorzugten Stellung zu benennen seien, wie
-uns dies der Herr durch sein Beispiel und Wort gelehrt hat, der da spricht:
-»Wer unter euch der Größeste ist, der soll aller Diener sein«. Und
-wiederum: »Welcher ist der Größeste, der zu Tische sitzt oder der da
-dienet? Ich aber bin unter euch wie ein Diener«. Und an einer andern
-Stelle: »Des Menschen Sohn ist nicht gekommen, daß er ihm dienen lasse,
-sondern daß er diene.« Darum hat auch Hieronymus sich nicht gescheut, kraft
-göttlicher Autorität den Titel »Abt«, den damals schon viele mit Stolz
-führten, zu verwerfen. In seiner Auslegung der Stelle des Galaterbriefs:
-»Der schreiet: Abba, lieber Vater«, sagt er: »Abba bedeutet im Hebräischen
-'Vater'. Da nun Abba im Hebräischen und Syrischen 'Vater' heißt und der
-Herr im Evangelium gebietet, man solle niemand Vater nennen, als Gott, so
-weiß ich nicht, mit welchem Recht wir in den Klöstern entweder andere bei
-diesem Namen nennen oder uns selber so nennen lassen. Gewiß ist derjenige,
-welcher dieses Gebot ausgesprochen hat, doch derselbe, der auch gesagt hat:
-du sollst nicht schwören. Wenn wir nicht schwören, so dürfen wir auch
-niemand Vater nennen. Wenn wir aber das Wort 'Vater' anders auslegen, so
-müssen wir notwendig auch über das Gebot vom Schwören anders denken«.
-
-Eine solche Diakonisse war jene Phöbe, welche der Apostel Paulus der
-römischen Gemeinde so angelegentlich empfahl und für die er folgendes gute
-Wort einlegte: »Ich befehle euch aber unsere Schwester Phöbe, welche ist am
-Dienst der Gemeine zu Kenchreä, daß ihr sie aufnehmet in dem Herrn, wie
-sich's ziemet den Heiligen, und thut ihr Beistand in allem Geschäft,
-darinnen sie eurer bedarf. Denn sie hat auch vielen Beistand gethan, auch
-mir selbst«. Cassiodorius und Claudius, die diese Stelle erklären, sagen
-ebenfalls aus, daß sie in jener Gemeinde Diakonisse gewesen sei. Bei
-Cassiodorius heißt es: »Der Apostel deutet an, daß sie Diakonisse der
-Muttergemeinde gewesen sei. Dieses Amt wird in der griechischen Kirche noch
-heutzutage von Frauen gleichsam als ein Kriegsdienst des Herrn ausgeübt;
-auch das Recht zu taufen wird ihnen in dieser Kirche zuerkannt«. Claudius
-sagt darüber: »Diese Stelle beweist, daß nach apostolischer Verordnung auch
-Frauen im Dienste der Kirche verwendet wurden. Ein solches Amt bekleidete
-in der Gemeinde von Kenchreä Phöbe, welche der Apostel so sehr lobt und
-warm empfiehlt«.
-
-In seinem Brief an Timotheus rechnet er solche Frauen unter die Diakonen
-selbst und giebt ihnen ganz ähnliche sittliche Verhaltungsmaßregeln. Er
-sagt dort an einer Stelle, bei der Besprechung der verschiedenen
-Abstufungen kirchlicher Ämter, indem er vom Bischof auf die Diakonen zu
-sprechen kommt: »Desselbigen gleichen die Diener sollen ehrbar sein, nicht
-zweizüngig, nicht Weinsäufer, nicht unehrliche Handtierung treiben, die das
-Geheimnis des Glaubens in reinem Gewissen haben«. Ferner: »Und dieselbigen
-lasse man zuvor versuchen, danach lasse man sie dienen, wenn sie
-unsträflich sind. Desselbigen gleichen ihre Weiber sollen ehrbar sein,
-nicht Lästerinnen, nüchtern, treu in allen Dingen. Die Diener laß einen
-jeglichen sein Eines Weibes Mann, die ihren Kindern wohl vorstehen und
-ihren eigenen Häusern. Welche aber wohl dienen, die erwerben ihnen selbst
-eine gute Stufe und eine große Freudigkeit im Glauben in Christo Jesu«.
-
-Also, was er dort von den Diakonen sagt: »Sie seien nicht zweizüngig!« das
-gilt hier von den Diakonissen: »nicht Lästerinnen«; wie er dort sagt:
-»nicht Weinsäufer«, so hier: »nüchtern«, und was dort sonst noch näher
-ausgeführt wird, das faßt er hier zusammen in den Worten: »Treu in allen
-Dingen«. Wie er den Bischöfen und Diakonen verbietet, mehr als eine Frau zu
-haben, so gebietet er den Diakonissen, wie wir gesehen haben, Eines Mannes
-Weib zu sein. »Laß keine Witwe erwählet werden, sagt er, unter sechzig
-Jahren, und die da gewesen sei Eines Mannes Weib, und die ein Zeugnis habe
-guter Werke, so sie Kinder aufgezogen hat, so sie gastfrei gewesen ist, so
-sie der Heiligen Füße gewaschen hat, so sie den Trübseligen Handreichung
-gethan hat, so sie allem guten Werk nachgekommen ist. Der jungen Witwen
-aber entschlage dich.«
-
-Wie sorgfältig der Apostel in der Schilderung und Instruktion der
-Diakonissen gewesen ist, kann man am besten beurteilen, wenn man die
-vorangehenden Vorschriften für Bischöfe und Diakonen damit vergleicht. Von
-dem »ein Zeugnis haben guter Werke« oder von »gastfrei sein« wird bei den
-Diakonen nichts erwähnt. Oder wenn er bei den Diakonissen beifügt: »so sie
-der Heiligen Füße gewaschen hat, so sie den Trübseligen« u. s. w., so
-findet man bei den Bischöfen und Diakonen von diesen Forderungen nichts.
-Zwar verlangt er von Bischöfen und Diakonen, daß sie »unsträflich« seien.
-Von den Diakonissen aber verlangt er nicht bloß, daß sie untadelig seien,
-sondern auch, daß sie »allem guten Werk nachgekommen seien«. Sehr
-vorsichtig ist er auch in der Bestimmung ihrer Altersgrenze, damit ihr
-Ansehen in allen Stücken um so größer sei: »nicht unter sechzig Jahren«;
-nicht bloß vor ihrer Lebensführung, sondern auch vor ihrem hohen, an
-Erfahrungen reichen Alter sollte man Respekt haben. So hat auch der Herr
-wohl den Johannes am meisten geliebt und doch den Petrus, weil er älter
-war, über ihn und die anderen Jünger gesetzt. Denn jedermann erträgt
-leichter einen Älteren als Vorgesetzten, denn einen Jüngeren, und lieber
-gehorchen wir einem älteren Mann, welchen nicht bloß zufällige
-Lebensumstände, sondern die Natur und die Zeitverhältnisse über uns
-gestellt haben.
-
-So sagt auch Hieronymus im ersten Buch seiner Schrift »Gegen Jovinianus«,
-indem er von der Bevorzugung des Petrus spricht: »Einer wird erwählt, damit
-ein Oberhaupt da sei und so der Anlaß zu einer Spaltung beseitigt werde.
-Aber warum ist nicht Johannes dazu erwählt worden? Jesus hat dem Alter den
-Vorzug gegeben. Petrus war der Ältere, und es sollte nicht der Jüngling,
-der fast noch ein Knabe war, Männern von vorgerückterem Alter vorgezogen
-werden. Der gute Meister, der seinen Jüngern jeden Anlaß zum Streit
-benehmen mußte, wäre ja sonst gewissermaßen selbst schuld gewesen, wenn man
-seinen Lieblingsjünger mit Mißgunst angesehen hätte.«
-
-Von dieser Erwägung ließ sich auch jener Abt leiten, der, wie in dem »Leben
-der Altväter« erzählt wird, dem jüngeren von zwei Brüdern, obwohl er früher
-in den Orden eingetreten war, die höhere Stelle verweigerte und sie dem
-älteren gab, aus dem einzigen Grunde, weil dieser vorgerückteren Alters war
-als jener. Er fürchtete, daß selbst der leibliche Bruder durch die
-Bevorzugung des Jüngeren sich verletzt fühlen möchte. Er erinnerte sich,
-daß auch die Apostel über die beiden Brüder aus ihrer Mitte unwillig
-wurden, die durch die Vermittlung ihrer Mutter von Christus eine
-Bevorzugung erlangen wollten, wobei obendrein noch der eine von den beiden,
-nämlich der obengenannte Johannes, jünger war, als die übrigen Apostel.
-
-Aber nicht bloß bei der Einsetzung der Diakonissen verfuhr der Apostel mit
-der größten Sorgfalt, sondern er war überhaupt bestrebt, den Witwen, die
-ein gottgeweihtes Leben führen wollten, jeden Anlaß zu einer Versuchung aus
-dem Weg zu räumen. Denn seinen Worten: »Ehre die Witwen, welche rechte
-Witwen sind« -- fügt er sogleich bei: »So aber eine Witwe Kinder oder
-Neffen hat, solche laß zuvor lernen ihre eigenen Häuser göttlich regieren
-und den Eltern gleiches vergelten«. Und einige Zeilen weiter unten heißt
-es: »So aber jemand die Seinen, sonderlich seine Hausgenossen, nicht
-versorget, der hat den Glauben verleugnet und ist ärger denn ein Heide«.
-
-Mit dieser Verordnung trägt der Apostel zugleich den Pflichten der
-Menschlichkeit und denen der Religion Rechnung. Er will verhüten, daß unter
-dem Vorwand der Frömmigkeit hilflose Kinder verlassen werden, und daß die
-Stimme des Blutes in einer Witwe das Mitleid für die Hilfsbedürftigen
-wecke, sie dadurch in ihrem frommen Vorsatz irre mache und rückwärts zu
-sehen nötige, ja, daß sie unter Umständen gar zum Verbrechen am Heiligtum
-verleitet werde und, um den Ihrigen etwas zuzuwenden, die Gemeinde betrüge.
-Daher erscheint durchaus notwendig sein Rat, daß solche, die noch mit
-häuslichen Sorgen zu thun haben, ehe sie mit ihrem Witwenstand wirklich
-Ernst machen und sich ganz in den Dienst Gottes stellen, vorher »ihren
-Eltern gleiches vergelten sollen«, d. h. daß sie ihren Kindern vorher die
-gleiche Fürsorge zu teil werden lassen, mit der sie einst selbst von ihren
-Eltern aufgezogen worden sind.
-
-Um den Stand der Witwen zu vervollkommnen, verlangt er von ihnen, daß sie
-anhalten mit Gebet und Flehen Tag und Nacht. In der aufrichtigen Sorge um
-ihre Bedürfnisse sagt der Apostel: »So aber ein Gläubiger Witwen hat, der
-versorge dieselbigen und lasse die Gemeine nicht beschweret werden, auf daß
-die, so rechte Witwen sind, mögen genug haben«. Dies soll so viel heißen
-als: wenn irgendwo eine Witwe ist, welche solche Angehörige hat, die sie
-von ihrer Habe unterstützen können, so sollen diese für sie sorgen, damit
-für den Unterhalt der übrigen die Gemeindekasse ausreiche. Daraus geht
-deutlich hervor, daß diejenigen, welche sich weigern, ihre Witwen zu
-unterstützen, auf Grund apostolischer Autorität zu ihrer Verpflichtung
-angehalten werden sollen.
-
-Aber nicht allein auf ihre äußeren Bedürfnisse, sondern auch auf ihre Ehre
-ist der Apostel bedacht, wenn er sagt: »Ehre die Witwen, welche rechte
-Witwen sind«. Solche waren gewiß jene Frauen, deren eine der Apostel selbst
-seine Mutter, deren andere der Evangelist Johannes seine Herrin nennt, aus
-Ehrfurcht vor ihrem heiligen Berufe. »Grüßet Rufum, schreibt Paulus an die
-Römer, den Auserwählten in dem Herrn, und seine und meine Mutter« -- und
-Johannes beginnt seinen zweiten Brief: »Der Älteste der auserwählten Herrin
-und ihren Kindern«. Er fügt auch weiter unten die Aufforderung bei, sie
-möge ihn lieben: »Und nun bitte ich dich, Herrin, daß wir uns untereinander
-lieben«.
-
-Im Vertrauen auf dieses Vorbild hat auch Hieronymus in seinem Brief an die
-Jungfrau Eustochium, die sich demselben Lebensberuf gewidmet hatte, wie
-ihr, sich nicht geschämt, sie seine Herrin zu nennen; ja, er fügt noch
-sogleich hinzu, warum dies sogar seine Pflicht sei: »darum nenne ich
-Eustochium meine Herrin, weil ich die Verlobte meines Herrn also nennen
-muß«. Auch sagt er weiter unten in demselben Brief, indem er das Vorrecht
-dieses heiligen Berufes über alle Herrlichkeit irdischen Glückes stellt:
-»Ich will nicht haben, daß du viel mit Damen verkehrst und in den Häusern
-vornehmer Frauen aus und ein gehst; ich will nicht, daß du dasjenige häufig
-siehst, was du gering geachtet, um im jungfräulichen Stande zu bleiben. Mag
-die Schar ehrgeiziger Schmeichlerinnen sich um des Kaisers Gemahl drängen
--- solltest du darum deinem Manne sein Recht verkürzen? Du, Gottes Braut,
-wolltest dienstfertig zu eines Menschen Gattin eilen? Lerne in diesem Stück
-heiligen Stolz; wisse, daß du mehr bist denn jene«.
-
-Derselbe Hieronymus schreibt an eine Jungfrau, die sich Gott geweiht hatte,
-über die himmlische Seligkeit und über das hohe Ansehen, das gottgeweihten
-Jungfrauen schon auf Erden zu teil werde, unter anderem folgendes: »Welche
-Seligkeit dem heiligen Stande der Jungfrauen im Himmel zu teil wird, das
-sehen wir nicht bloß aus den Zeugnissen der Heiligen Schrift, sondern auch
-aus dem Brauch der Kirche, welcher uns zeigt, daß die Jungfrauen, welche
-die geistliche Weihe empfangen, ein ganz besonderes Verdienst dadurch
-erwerben. Denn während von der großen Menge der Gläubigen alle die gleichen
-Gnadengaben empfangen und alle der gleichen Segnungen der Sakramente sich
-erfreuen, so haben jene etwas vor den übrigen voraus, denn aus der heiligen
-und unbefleckten Herde der Kirche werden sie zum Lohn für ihren heiligen
-Entschluß vom heiligen Geist auserlesen als besonders heilige und reine
-Opfer und werden als solche durch den höchsten Priester Gott vor seinem
-Altar dargebracht«. Und weiter heißt es: »Es besitzt also der jungfräuliche
-Stand etwas, das die andern nicht haben, da eine besondere Gnadengabe mit
-ihm verbunden ist und er sich auch, sozusagen, bei seiner Weihe eines
-besonderen Vorrechtes erfreut. Denn die Weihe der Jungfrauen darf ja -- es
-sei denn bei drohender Todesgefahr -- zu keiner andern Zeit vollzogen
-werden als an Epiphanias und an den Weißen Ostern, oder an den Feiertagen
-der Apostel. Auch dürfen die Jungfrauen selbst wie die Schleier, die ihr
-gottgeweihtes Haupt bedecken sollen, nur vom obersten Priester, d. h. vom
-Bischof geweiht werden«. Die Mönche dagegen, obwohl sie demselben Stande
-und dem bevorzugten Geschlecht angehören können, auch wenn sie rein
-geblieben sind wie Jungfrauen, an jedem beliebigen Tag vom Abt die
-Einsegnung für sich selbst und für ihr Gewand, d. h. für ihre Kutte,
-erhalten. Priester und niedere Kleriker können während der Quatemberfasten,
-Bischöfe an jedem Sonntag die Weihe erhalten. Die Weihe der Jungfrauen ist
-je köstlicher, je seltener und ist besonders hohen Fest- und Freudentagen
-vorbehalten. Ob ihrer wunderbaren Tugend freut sich die ganze Kirche mit,
-sowie der Psalmist prophetisch davon redet in den Worten: »Jungfrauen
-führet man zum Könige«, und weiter: »Man führet sie mit Freuden und Wonne
-und gehen in des Königs Palast«. Man glaubt auch, daß der Apostel und
-Evangelist Matthäus selber die Liturgie zu dieser Weihe niedergeschrieben
-oder im mündlichen Gebrauch gehabt habe; wenigstens lesen wir dies in
-seiner Leidensgeschichte, wo auch erzählt wird, der Apostel sei für die
-Weihe und die Heiligkeit des jungfräulichen Standes den Märtyrertod
-gestorben. Für Kleriker und Mönche aber haben uns die Apostel keine
-Weiheformel hinterlassen.
-
-Der heilige Stand der Frauen wird schon durch den ihnen eigentümlichen
-Namen angedeutet; heißen sie doch Sanktimonialen, und dieses Wort kommt her
-von sanctimonia oder sanctitas, d. h. so viel als Heiligkeit. Denn je
-schwächer das weibliche Geschlecht, desto angenehmer ist es vor Gott, desto
-vollkommener ihre Tugend -- nach dem Zeugnis des Herrn selbst, der den
-mutlosen Apostel ermahnt, auszuharren im Kampf bis zum Sieg, indem er
-spricht: »Laß dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft ist in den
-Schwachen mächtig«. Er ist es auch, der durch den Mund des Apostels in
-demselben zweiten Brief an die Korinther über die Glieder seines Leibes, d.
-h. der Kirche, so redet, als wollte er den Wert der schwachen Glieder
-besonders hervorheben; es heißt dort: »Sondern vielmehr die Glieder des
-Leibes, die uns dünken die schwächsten zu sein, sind die nötigsten, und die
-uns dünken die unehrlichsten zu sein, denselbigen legen wir am meisten Ehre
-an, und die uns übel anstehen, die schmücket man am meisten. Denn die uns
-wohlanstehen, die bedürfens nicht. Aber Gott hat den Leib also vermenget
-und dem dürftigen Glied am meisten Ehre gegeben, auf daß nicht eine
-Spaltung im Leibe sei, sondern die Glieder füreinander gleich sorgen«.
-
-Wer möchte behaupten, daß die Fülle der göttlichen Gnade und Nachsicht
-irgendwo anders so reichlich sich ergossen habe wie über das schwache
-Geschlecht der Frauen, welches durch seine Schuld wie durch seine Natur
-sich verächtlich gemacht hatte? Sieh die verschiedenen Stände dieses
-Geschlechts an und du wirst finden, daß der Reichtum der Gnade Christi sich
-erweist nicht bloß an Jungfrauen, Witwen oder Ehefrauen, sondern selbst an
-den verworfensten Dirnen, dem Abschaum ihres Geschlechts. Da geht es nach
-dem Wort des Herrn und des Apostels: »Die letzten werden die ersten und die
-ersten werden die letzten sein« -- »wo aber die Sünde mächtig ist, da ist
-die Gnade noch viel mächtiger«. Wenn wir uns die Gnadengaben und
-Auszeichnungen vergegenwärtigen, die von Anbeginn der Welt Gott dem
-weiblichen Geschlecht hat zukommen lassen, so finden wir, daß schon bei der
-Schöpfung die höhere Würde des Weibes sich zu erkennen giebt, sofern sie im
-Paradiese selbst, der Mann dagegen außerhalb desselben erschaffen wurde.
-Daraus sollten die Frauen lernen, daß das Paradies ihre angestammte Heimat
-sei und daß es ihnen wohl anstehe, die Unschuld paradiesischen Lebens zu
-pflegen. Ambrosius sagt in seinem Buch »Vom Paradies«: »Und Gott nahm den
-Menschen, welchen er gemacht hatte, und setzte ihn ins Paradies«. Also der,
-der schon war, wird ergriffen und ins Paradies gesetzt; demnach ist der
-Mann außerhalb des Paradieses erschaffen worden, die Frau dagegen im
-Paradies. Der Mann, der am geringeren Ort entstand, erweist sich als der
-bessere, und die Frau, die am bevorzugten Ort geschaffen wurde, als die
-geringere. Auch hat der Herr zuerst das, was Eva, die Urheberin aller
-Sünde, gesündigt hatte, durch Maria wieder gutgemacht, dann erst die Sünde
-Adams durch Christus. Und wie die Schuld von einer Frau herkam, so hat auch
-die Gnade ihren Ursprung aus der Frau genommen, und das Ansehen der
-Jungfräulichkeit ist aufs neue erblüht. Zuerst ist die Form einer
-gottgeweihten Lebensweise durch Anna und Maria den Witwen und den
-Jungfrauen vorgebildet worden, dann erst haben Johannes und die Apostel den
-Männern das Beispiel mönchischen Lebens gegeben.
-
-Sehen wir, nach Eva, auf die Tugend einer Debora, Judith, Esther, so werden
-wir finden, daß das starke Geschlecht allen Grund hat, darüber zu erröten.
-Debora, die Richterin des auserwählten Volkes, hat Schlachten geschlagen,
-als es an Männern gebrach, und nach dem Sieg über den Feind und der
-Befreiung ihres Volkes Triumphe gefeiert. Die wehrlose Judith hat mit ihrer
-Dienerin Abra ein schreckliches Heer angegriffen und den Holofernes mit
-seinem eigenen Schwert enthauptet; sie allein hat die ganze Feindesschar
-geschlagen und ihr verzweifelndes Volk errettet. Esther, obwohl im
-Widerspruch zum Gesetz mit einem heidnischen Fürsten vermählt, hat mittels
-der geheimnisvollen Einwirkung des heiligen Geistes den Rat des gottlosen
-Haman und das grausame Gebot des Königs zunichte gemacht und hat in einem
-Augenblick das Gegenteil von dem bewirkt, was bei dem König beschlossene
-Sache gewesen war.
-
-Man macht so viel Aufhebens davon, daß David mit Schleuder und Stein den
-Goliath angegriffen und besiegt hat. Judith, die Witwe, zog gegen das
-feindliche Heer, ohne Schleuder und ohne Wurfgeschoß, ohne irgend ein
-Waffenstück. Esther befreite ihr Volk durch ihr bloßes Wort und wandte das
-Verdammungsurteil auf ihre Feinde zurück, so daß sie selbst in die Grube
-fielen, welche sie gegraben hatten. Mit Recht ist bei den Juden zum
-Andenken an diese Heldenthat ein jährlich wiederkehrendes Freudenfest
-eingesetzt worden, eine Verherrlichung, welche selbst den glänzendsten
-Mannesthaten nicht zu teil geworden ist. Wer denkt nicht mit Bewunderung an
-den Mut der Mutter jener sieben Söhne, die nach dem Berichte des Buchs der
-Makkabäer zusammen mit ihrer Mutter gefangen genommen wurden, und welche
-der grausame König Antiochus vergeblich zwingen wollte, Schweinefleisch zu
-essen, was im Gesetz verboten ist. Diese Mutter, ihre eigene Natur
-verleugnend und alles menschliche Gefühl vergessend, hatte nichts als nur
-Gott vor Augen; so viel Söhne sie unter frommen Ermahnungen den Todesweg
-vorangehen ließ, so viel Märtyrerkronen hat sie selber sich errungen, und
-zuletzt wurde sie vollendet durch ihren eigenen Märtyrertod.
-
-Wenn wir das ganze Alte Testament durchblättern -- wo findet sich etwas,
-das dem beharrlichen Mute dieses Weibes gleichkäme? Jener unerbittliche
-Versucher, der dem frommen Hiob bis aufs äußerste zusetzte, sagt im
-Hinblick auf die menschliche Schwachheit dem Tode gegenüber: »Haut für Haut
-und alles wird der Mensch für sein Leben geben«. Denn uns alle erfüllt der
-Gedanke an die Schrecken des Todes unwillkürlich mit solcher Angst, daß
-wir, um das eine Glied zu schützen, oft das andere preisgeben und keine
-Mühsal scheuen, wenn wir nur unser Leben retten können. Diese Frau aber hat
-nicht bloß ihre Habe geopfert, sondern ihr und ihrer Kinder Leben mutig
-drangegeben, nur um sich auch nicht gegen Eine Satzung zu verfehlen. Was
-war es eigentlich, wozu man sie zwingen wollte? Sollte sie Gott verleugnen
-oder den Götzen Weihrauch streuen? O nein, nichts anderes verlangte man von
-ihnen als daß sie das Fleisch essen sollten, das ihnen im Gesetz verboten
-war. O meine Brüder, durch Ein Gelübde mit mir verbunden, die ihr ohne
-Scheu tagtäglich nach Fleisch seufzet, im Widerspruch gegen die Regel und
-gegen unser Ordensgelübde: was saget ihr zur Standhaftigkeit dieses Weibes?
-Oder hättet ihr euch so ganz jeden Schamgefühls entäußert, daß ihr dies
-anhören könntet ohne zu erröten? Denket daran, meine Brüder, wie der Herr
-die Ungläubigen drohend auf die Königin von Mittag hinweist: »Die Königin
-von Mittag wird auftreten am jüngsten Gericht mit diesem Geschlecht und
-wird es verdammen«. Bedenket, daß ihr euch die Standhaftigkeit dieser Frau
-um so mehr zur Aufmunterung dienen lassen müsset, als ihre Leistung viel
-größer war als die eurigen, und ihr durch euer Ordensgelübde viel enger an
-euren heiligen Beruf gebunden seid.
-
-Die Kirche hat der Tugend dieser Frau, die in so schwerem Kampfe sich
-bewährt hat, ein besonderes Vorrecht eingeräumt, nämlich daß ihr Martyrium
-durch feierliche Schriftlektion und eigene Messe gefeiert wird, eine
-Auszeichnung, die keinem der Frommen des alten Bundes zu teil geworden,
-welche vor der Ankunft des Herrn gestorben sind: wiewohl eben in der
-Geschichte der Makkabäer berichtet wird, daß der ehrwürdige Greis Eleazar,
-einer der vornehmsten Schriftgelehrten, um derselben Ursache willen schon
-vorher die Krone des Martyriums erlangt habe. Allein weil die Tugend des
-schwächeren weiblichen Geschlechts, wie ich schon sagte, vor Gott um so
-angenehmer ist und größerer Auszeichnung würdig erscheint, so wurde dieses
-Martyrium, bei welchem keine Frau beteiligt war, einer besonderen Feier
-nicht gewürdigt, da man es für nichts besonderes achtete, wenn das stärkere
-Geschlecht sich auch im Leiden stärker zeigte. Darum verkündet auch die
-Schrift das Lob jener Frau mit hohen Worten, indem sie sagt: »Es war aber
-ein großes Wunder an der Mutter, und ist ein Beispiel, das wohl wert ist,
-daß man's von ihr schreibe. Denn sie sah ihre Söhne alle sieben auf Einen
-Tag nacheinander martern, und litt es mit großer Geduld um der Hoffnung
-willen, die sie zu Gott hatte. Dadurch ward sie so mutig, daß sie einen
-Sohn um den andern auf ihre Sprache tröstete und faßte ein männlich Herz«.
-
-Wer könnte, wo es den Preis der Jungfrauen gilt, die Tochter Jephthas
-vergessen? Um den Vater nicht wortbrüchig werden zu lassen an seinem
-unüberlegten Gelübde, und damit die Gottheit, die sich so gnädig gezeigt
-hatte, nicht um das versprochene Opfer käme, redet sie selber dem
-siegreichen Vater zu, das Messer gegen sie zu zücken. Was glaubet ihr, daß
-sie als Christin für ihren Glauben gethan hätte, wenn sie von den
-Ungläubigen zur Gottesverleugnung und zum Abfall genötigt worden wäre?
-Hätte sie wohl, über Christus befragt, mit dem Haupt der Apostel
-gesprochen: »Ich kenne den Menschen nicht«? Zwei Monate wurden ihr noch von
-ihrem Vater freigegeben, und wie die Frist um ist, stellt sie sich bei ihm
-ein, um zu sterben. Freiwillig geht sie in den Tod; statt ihn zu fürchten,
-verlangt sie danach. Sie büßt mit ihrem Leben das thörichte Gelübde des
-Vaters und löst sein Versprechen ein, aus lauterster Liebe zur Wahrheit.
-Sie, die den Vater nicht wortbrüchig sehen kann, wie ferne muß sie selbst
-davon gewesen sein! Welch eine Liebesglut in diesem Mädchen für den
-irdischen wie für den himmlischen Vater! durch ihren Tod will sie jenem die
-Lüge ersparen und diesem halten, was ihm gelobt war. Wohl hat dieses
-hochherzige Mädchen die hohe Auszeichnung verdient, daß alljährlich die
-Töchter Israels sich versammeln und mit feierlichen Liedern das Gedächtnis
-an den Tod der Jungfrau feiern und in frommen Klagen der Trauer um ihr
-leidvolles Schicksal Ausdruck geben.
-
-Um aber von allem andern zu schweigen: Was war für unsere Erlösung und für
-das Heil der ganzen Welt so notwendig als das weibliche Geschlecht, das uns
-den Erlöser selber gebracht hat? Diesen einzigartigen Ruhmestitel hat jenes
-Weib, das zuerst mit ihrem Anliegen den heiligen Hilarion zu bestürmen
-wagte, diesem zu seiner hohen Überraschung entgegengehalten, indem sie ihm
-zurief: »Was wendest du dich ab? Was weichst du zurück vor meinem Flehen?
-Sieh in mir nicht das Weib, sieh die Unglückliche in mir. Mein Geschlecht
-hat den Heiland geboren«.
-
-Was ist dem Ruhme zu vergleichen, den dies Geschlecht in der Mutter des
-Herrn sich erworben hat? Unser Erlöser hätte ja wohl, wenn er gewollt
-hätte, von einem Manne seine Körperlichkeit annehmen können, so gut als es
-ihm beliebt hat, die erste Frau aus dem Körper des Mannes zu bilden. Allein
-er hat durch die sonderliche Gnade seiner Erniedrigung das schwächere
-Geschlecht geehrt. Auch hätte er sich durch einen andern edleren Teil des
-weiblichen Körpers gebären lassen können als derjenige ist, durch welchen
-die übrigen Menschen zugleich empfangen und zur Welt gebracht werden.
-Allein um dem schwächeren Körper eine unvergleichliche Ehre zu erweisen,
-hat er durch seine Geburt dem weiblichen Zeugungsorgan eine weit höhere
-Weihe gegeben als dies dem männlichen durch die Beschneidung geschehen war.
-
-Aber ich will nicht weiter reden von der einzigartigen Auszeichnung, die in
-Sonderheit den Jungfrauen zukommt, sondern auch zu den andern Frauen mich
-wenden, wie ich mir vorgenommen habe. So merke denn darauf, welche große
-Gnade alsbald mit der Ankunft Christi für Elisabeth, die Ehefrau, und für
-Hanna, die Witwe, verbunden war. Dem Manne der Elisabeth, Zacharias, dem
-Hohenpriester des Herrn, war zur Strafe für seine Ungläubigkeit die Zunge
-noch gelähmt, als Elisabeth, voll heiligen Geistes, bei der Ankunft und
-Begrüßung der Maria das Kind in ihrem Leibe hüpfen fühlte und, indem sie
-zuerst die erfolgte Empfängnis der Maria prophetischen Geistes verkündete,
-mehr als Prophetin war. Ja, die bereits geschehene Empfängnis der Jungfrau
-zeigte sie an und veranlaßte dadurch die Mutter des Herrn selbst, den Herrn
-dafür zu lobpreisen. Die Gabe der Prophetin erscheint bei Elisabeth noch
-vollkommener als bei Johannes, da sie imstande war, alsbald den erst
-empfangenen Gottessohn zu erkennen, während er nur auf den längst Geborenen
-hinzuweisen brauchte. Wie wir also die Maria Magdalena gewissermaßen einen
-weiblichen Apostel nennen können, so tragen wir auch kein Bedenken, die
-Elisabeth oder jene fromme Witwe Hanna, von der wir oben ausführlich
-gesprochen haben, als Prophetin den Propheten an die Seite zu stellen.
-
-Wollen wir unsere Beobachtungen über die Gabe der Prophetie bis zu den
-Heiden ausdehnen, dann mag vor allen die Seherin Sibylle hervortreten und
-uns vernehmen lassen, was ihr über Christus geoffenbart worden ist.
-Vergleichen wir mit ihr sämtliche Propheten, selbst den Jesaias, von dem
-Hieronymus versichert, er sei mehr ein Evangelist als ein Prophet zu
-nennen, so werden wir finden, daß auch mit dieser Gnadengabe die Frauen
-weit reichlicher bedacht worden sind als die Männer. Augustinus beruft sich
-auf sie gegen die Ketzer und sagt von ihr: »Vernehmen wir auch, was die
-Sibylle, ihre Prophetin, über ihn sagt: Einen andern hat der Herr den
-gläubigen Menschen gegeben, daß sie ihn anbeten. Ferner: Erkenne du selbst,
-daß dein Herr Gottes Sohn sei. An einer andern Stelle nennt sie den Sohn
-Gottes Symbolum, d. h. Berater. Und der Prophet sagt: Sein Name ist:
-Wunderbar -- Rat. Wiederum sagt derselbe Kirchenvater im 18. Kapitel seines
-Buches vom 'Gottesstaat' folgendes über sie aus: In jener Zeit soll nach
-verschiedenen Berichten die Erythräische Sibylle -- manche behaupten auch,
-es sei diejenige von Cumä gewesen -- geweissagt haben.« Man hat von ihr
-siebenundzwanzig Verse, deren Inhalt er in lateinischen Versen angiebt, wie
-folgt:
-
- »Erde mit Schweiß bedeckt, verkündet die Nähe des Richters
- Und vom Himmel herab naht, ewig zu herrschen, ein König,
- In leibhaftigem Fleisch erscheint er, zu richten den Erdkreis.«
-
-Fügt man die griechischen Anfangsbuchstaben dieser Verse aneinander, so
-kommt heraus: »Jesus Christus. Sohn Gottes, Heiland«.
-
-Auch Lactantius führt einige messianische Weissagungen der Sibylle an: »Er
-wird nachmals in die Hände der Ungläubigen fallen. Sie werden mit ihren
-sündigen Händen dem Gotte Backenstreiche geben und giftigen Speichel werden
-sie ausspeien aus unreinem Munde. Er aber wird demütig seinen heiligen
-Rücken darbieten und schweigend wird er sich ins Angesicht schlagen lassen,
-damit keiner das Wort erkenne und niemand den Geistern der Hölle sage,
-woher er gekommen, und mit einer Dornenkrone wird er gekrönt werden. Für
-den Hunger geben sie ihm Galle, und Essig zum trinken; also werden sie ihn
-bewirten. O du verblendetes Volk, deinen Gott, den aller Sterblichen Geist
-preisen sollte, hast du nicht erkannt; mit Dornen hast du ihn gekrönt,
-Galle hast du ihm gemischt. Der Vorhang im Tempel wird zerreißen, mitten am
-Tag wird es finster sein drei Stunden lang und er wird sterben, drei Tage
-wird ihn der Schlummer befangen, alsdann wird er aus der Unterwelt ans
-Licht kommen, als Erstling der Auferstehung«.
-
-Diese sibyllinische Weissagung hat wohl, wenn ich nicht irre, der größte
-unserer Dichter, Virgilius, gehört und bei sich bewegt; denn in seiner
-vierten Ekloge verkündigt er für die nächste Zeit der Regierung des Kaisers
-Augustus und für das Konsulat des Pollio die wunderbare Geburt eines
-Knaben, der vom Himmel auf die Erde gesandt werden solle, der auch der Welt
-Sünden tragen und ein neues Zeitalter wunderbar über die Welt heraufführen
-werde. Der Dichter selbst sagt, die Prophezeiung des Cumäischen Gedichtes,
-d. h. der Sibylle, welche die Cumäische genannt wird, habe ihn zu dieser
-Äußerung angeregt. Seine Worte klingen so, als wollte er alle Menschen
-auffordern, sich mit ihm zu freuen, mit ihm zu singen und zu schreiben von
-der Geburt dieses Kindes; alle andern Gegenstände scheinen ihm im Vergleich
-mit diesem unwichtig und gemein, und so sagt er:
-
- »Laßt mich ein höheres Lied anstimmen, Sicilische Musen;
- Denn nicht jeden erfreut Gestrüpp und niedriges Buschwerk. --
- Schon bricht an des Cumäischen Liedes äußerstes Alter,
- Und von neuem beginnt gewaltiger Umschwung der Zeiten.
- Nun kehrt die Jungfrau zurück, Saturn beginnt wieder zu herrschen,
- Und ein neues Geschlecht wird aus himmlischen Höhen entsendet.«
-
-Betrachte die einzelnen Aussprüche der Sibylle: wie vollständig und wie
-deutlich umfassen sie die Summe des christlichen Glaubens! Weder seine
-Gottheit noch seine Menschheit, weder sein zweifaches Kommen noch das
-zweifache Gericht hat sie in Weissagung und Schrift übergangen, nämlich das
-erste Gericht, durch das er ungerecht verurteilt wurde in seiner Passion,
-und das zweite, in dem er gerecht die Welt richten wird in seiner
-Herrlichkeit. Ja, indem sie weder die Niederfahrt zur Hölle noch die
-Herrlichkeit der Auferstehung übergeht, scheint sie nicht bloß die
-Propheten, sondern die Evangelisten selbst zu übertreffen, die von Christi
-Höllenfahrt nichts berichtet haben.
-
-Müssen wir ferner uns nicht alle höchlich wundern über das vertrauliche,
-lange Gespräch, in welchem Jesus die Heidin, die Samariterin, mit so viel
-Liebe unter vier Augen zu belehren geruht hat, also, daß darob selbst die
-Apostel staunten? Von der Ungläubigen, die noch dazu wegen ihrer vielen
-Männer anrüchig war, hat er zu trinken verlangt, da uns doch sonst nicht
-bekannt ist, daß er von irgend jemand Speise erbeten hätte. Die Apostel
-kommen dazu, bieten ihm die eingekauften Speisen an und sprechen: »Rabbi,
-iß« -- er aber nimmt das Dargebotene nicht an und gleichsam zu seiner
-Entschuldigung sagt er: »Ich habe eine Speise zu essen, da wisset ihr nicht
-von«. Von dem Weibe aber verlangt er selber zu trinken. Und sie will sich
-dieser Dienstleistung entziehen mit den Worten: »Wie bittest du von mir zu
-trinken, so du ein Jude bist und ich ein samaritisches Weib? Denn die Juden
-haben keine Gemeinschaft mit den Samaritern«. Und weiter: »Hast du doch
-nichts, damit du schöpfest und der Brunnen ist tief«. So verlangt er also
-von der Heidin, die's ihm verweigert, zu trinken, der doch die Speisen,
-welche die Apostel ihm anbieten, nicht berührt. Ist das nicht eine gnädige
-Bevorzugung des schwachen Geschlechts, wenn der, der allen das Leben
-gebracht hat, ein Weib um Wasser bittet? Warum, frage ich, that er dies,
-wenn nicht mit der Absicht, deutlich zu zeigen, daß ihm die Tugend der
-Frauen um so angenehmer sei, je schwächer sie eingestandenermaßen von Natur
-sind, und daß er um so mehr nach ihrem Heil verlange und dürste, je
-bewundernswerter ihre Tugend sei. Daher, indem er von einer Frau zu trinken
-verlangt, giebt er zu verstehen, daß er diesen seinen Durst vorzüglich
-durch die Rettung weiblicher Seelen gestillt wissen wolle. Diesen Trank
-nennt er auch Speise, indem er sagt: »Ich habe eine Speise zu essen, da
-wisset ihr nicht von«. Und was er unter dieser Speise verstehe, setzt er im
-folgenden auseinander: »Meine Speise ist, daß ich thue den Willen meines
-Vaters« -- und deutet damit an, daß der Wille seines Vaters in Sonderheit
-da geschehe, wo es sich um das Seelenheil der Frauen handelt.
-
-Es ist uns berichtet, daß Jesus auch mit Nikodemus, jenem Obersten der
-Juden, ein vertrautes Zwiegespräch gehalten habe, in welchem er auch
-diesen, der im geheimen zu ihm gekommen war, über das Heil seiner Seele
-belehrte; aber es wird zugleich erzählt, daß dieses Gespräch keinen ebenso
-guten Erfolg gehabt habe. Die Samariterin, das ist sicher, wurde damals von
-prophetischem Geist erfüllt, der ihr eingab, daß Christus bereits zu den
-Juden gekommen sei und daß er auch zu den Heiden kommen werde; und so
-sprach sie: »Ich weiß, daß Messias kommt, der da Christus heißt. Wenn
-derselbe kommen wird, so wird er es uns alles verkündigen«. Und viele Leute
-aus jener Stadt, heißt es, seien auf das Wort des Weibes hin zu Christus
-hinausgelaufen und haben an ihn geglaubt und ihn zwei Tage bei sich
-behalten, der doch selbst an einer andern Stelle zu seinen Jüngern sagt:
-»Gehet nicht auf der Heiden Straße und ziehet nicht in der Samariter
-Städte«.
-
-Derselbe Johannes erzählt ein andermal, einige Heiden, die nach Jerusalem
-gekommen seien, um das Fest mitzufeiern, haben durch Philippus und Andreas
-dem Herrn sagen lassen, sie möchten ihn gerne sehen. Er sagt aber nichts
-davon, daß sie wirklich zugelassen wurden und daß ihnen, die doch darum
-baten, so reiche Gelegenheit gegeben wurde, Christus zu sprechen, wie der
-Samariterin, die gar nicht danach verlangte. Mit ihr scheint er seine
-Wirksamkeit unter den Heiden angefangen zu haben, und er hat nicht bloß sie
-allein bekehrt, sondern hat durch sie -- so wird berichtet -- viele andere
-gewonnen. Die Magier, durch den Stern erleuchtet und zu Christus geführt,
-haben, so heißt es, viele andere durch ihre Aufmunterung und Belehrung zu
-ihm gezogen: aber selbst zu ihm gekommen sind nur sie. Auch daraus geht
-hervor, in welch hoher Gunst das heidnische Weib bei Christus stand, das
-nach Hause eilend und in der Stadt seine Ankunft und was er ihr gesagt
-hatte verkündigend, so schnell eine ganze Menge ihrer Landsleute für ihn
-gewonnen hat.
-
-Wenn wir die Schriften des Alten Testaments oder die Evangelien
-nachschlagen, so finden wir, daß die göttliche Gnade, jene höchste Wohlthat
-der Auferweckung eines Toten, insbesondere Frauen erwiesen wurde, und daß
-nur ihnen zulieb oder an ihnen solche Wunder verrichtet worden sind. So
-lesen wir zunächst, daß auf die Bitte der Mütter von Elia und Elisäus ihre
-Söhne auferweckt und ihnen wiedergegeben wurden. Und der Herr selbst läßt
-die Wohlthat dieses unerhörten Wunders mit Vorliebe Frauen zu gute kommen,
-wenn er den Sohn einer Witwe, die Tochter des Synagogenvorstehers, und den
-Lazarus auf die Bitten seiner Schwestern auferweckt. Darum sagt der Apostel
-in seinem Brief an die Hebräer: »Die Weiber haben ihre Toten aus der
-Auferstehung wiedergenommen«. Denn das auferweckte Mädchen hat seinen toten
-Körper wieder zurückbekommen so gut wie die übrigen Frauen durch die
-Auferweckung und Rückgabe ihrer Toten, die sie beweinten, getröstet wurden.
-Es geht daraus hervor, wie sehr der Herr stets die Frauen bevorzugte, indem
-er sie zunächst durch ihre eigene und durch der Ihrigen Wiederbelebung
-erfreute und zuletzt sie bei seiner eigenen Auferstehung dadurch ganz
-besonders auszeichnete, daß er ihnen, wie schon erwähnt wurde, zuerst
-erschien. Diesen Vorzug hat dieses Geschlecht vielleicht verdient durch das
-natürliche Gefühl des Mitleids, das es dem Herrn inmitten eines
-feindseligen Volkes zollte. Denn nach dem Berichte des Lukas, während die
-Männer ihn zur Kreuzigung führten, folgten die Frauen nach und klagten und
-weinten um den Herrn. Und er wendet sich nach ihnen um und wie zum Dank für
-ihre Liebe verkündigt er ihnen in der drohenden Leidensgefahr selbst aus
-Mitleid, damit sie ihm entrinnen möchten, den bevorstehenden Untergang:
-»Ihr Töchter von Jerusalem, ruft er ihnen zu, weinet nicht über mich,
-sondern weinet über euch selbst und über eure Kinder. Denn siehe, es wird
-die Zeit kommen, in welcher man sagen wird: Selig sind die Unfruchtbaren
-und die Leiber, die nicht geboren haben.«
-
-Ferner erzählt Matthäus, daß die Frau des ungerechten Richters treulich an
-der Befreiung des Herrn gearbeitet habe; er sagt von ihr: »Und da er auf
-dem Richtstuhl saß, schickte sein Weib zu ihm und ließ ihm sagen: Habe du
-nichts zu schaffen mit diesem Gerechten; ich habe heute viel erlitten im
-Traum von seinetwegen«. Und wiederum war es von der ganzen Schar, die der
-Predigt Jesu zuhörte, eine Frau, die ihre Stimme zu dem hohen Lobe erhob,
-daß sie ausrief: »Selig der Leib, der dich getragen hat und die Brüste, die
-dich gesäuget haben«. Und alsbald mußte sie sich für ihr Bekenntnis, so
-richtig es war, eine Zurechtweisung vom Herrn gefallen lassen, der ihre
-Worte also verbesserte: »Ja, selig sind, die Gottes Wort hören und
-bewahren«!
-
-Unter den Aposteln genoß allein Johannes das Vorrecht der besonderen Liebe
-des Meisters, so daß er der Lieblingsjünger des Herrn genannt wurde. Von
-Martha aber und Maria schreibt Johannes selber: »Denn Jesus hatte Martha
-lieb und ihre Schwester Maria und Lazarus«. Derselbe Apostel, der infolge
-besonderer Bevorzugung, die er genoß, sich als den Lieblingsjünger des
-Herrn bezeichnet, schreibt den Frauen dasselbe Vorrecht zu, das er doch
-keinem der andern Apostel zugesteht. Und wenn er auch den Bruder derselben
-an der gleichen Ehre teilnehmen läßt, so nennt er doch die Frauen vor ihm,
-als wollte er damit andeuten, daß sie dem Herzen Jesu näher standen.
-
-Endlich will ich auf die Frauen zurückkommen, die der christlichen Kirche
-bereits angehörten, und die Barmherzigkeit Gottes, die sich bis zur
-Verworfenheit öffentlicher Dirnen herabläßt, staunend verkünden und sie
-verkündigend anstaunen. Hatten nicht Maria Magdalena oder Maria Ägyptiaca,
-die nachmals durch die göttliche Gnade zu Ehren und Würden erhoben wurden,
-ein Vorleben der verworfensten Art geführt? Jene lebte später, wie schon
-erwähnt, beständig in der Gemeinschaft der Apostel; von der andern wird
-berichtet, sie habe als Einsiedlerin einen übermenschlich harten Bußkampf
-durchgekämpft, so daß der Tugend der heiligen Frauen die erste Stelle
-gebührt, wenn man die Mönche beiderlei Geschlechts ins Auge faßt, ja daß
-das Wort, welches der Herr an die Ungläubigen richtete: »Die Huren werden
-eher ins Reich Gottes kommen als ihr« -- seine Anwendung selbst auf
-gläubige Männer zu finden scheint, und daß die, welche ihrem Geschlecht und
-ihrem Leben nach die letzten waren, die ersten werden und die ersten -- die
-letzten. Endlich, wer weiß es nicht, mit welch heiligem Eifer die Frauen
-die Mahnung Christi und den Rat des Apostels zur Keuschheit befolgt haben,
-so daß sie, um Leib und Seele unverletzt zu erhalten, sich im Märtyrertod
-Gott zum Opfer dargebracht haben und im Schmuck der zweifachen Krone dem
-Lamm, das den Jungfrauen verlobt ist, zu folgen begehrten, wohin es ging.
-Solche Vollkommenheit finden wir selten bei Männern, häufig dagegen bei
-Frauen. Ja, einige von ihnen, so wird uns erzählt, hielten mit solchem
-Eifer an dieser höheren Würde ihres keuschen Leibes fest, daß sie nicht
-zögerten, selbst Hand an sich zu legen, um nicht ihre Jungfräulichkeit, die
-sie Gott geweiht hatten, zu verlieren, sondern als Jungfrauen zu ihrem
-jungfräulichen Bräutigam zu kommen.
-
-Und er hat zu erkennen gegeben, wie angenehm vor ihm die Frömmigkeit
-heiliger Jungfrauen sei. Als bei einem Ausbruch des Ätna die Menge des
-heidnischen Volkes hilfesuchend zur heiligen Agathe eilte, wurden sie durch
-den Schleier der Heiligen, den diese dem furchtbaren Feuer entgegenhielt,
-vom Verderben des Leibes und der Seele gerettet. Wir wissen nichts davon,
-daß dem Gewand irgend eines Mönches solche Segenskräfte verliehen worden
-wären. Zwar lesen wir, daß durch Elias' Mantel der Jordan geteilt wurde, so
-daß er und Elisäus trockenen Fußes hindurchgingen: dort aber wird durch den
-Schleier einer Jungfrau die gewaltige Menge eines bisher ungläubigen Volkes
-an Leib und Seele gerettet und den dadurch Bekehrten der Weg zum Himmel
-eröffnet.
-
-Auch das ist bezeichnend für die hohe Würde heiliger Frauen, daß sie bei
-ihrer Weihe die Worte aussprechen: »Durch seinen Ring hat er mich erworben,
-seine Braut bin ich«. Es sind dies Worte der heiligen Agnes, durch welche
-die Jungfrauen, die ihr Gelübde ablegen, sich mit Christus vermählen.
-
-Will man bis auf die heidnischen Zeiten zurückgehen, um zu erfahren, welche
-Gestalt und welches Ansehen euer Stand damals gehabt habe, und zu eurer
-Ermunterung einige Beispiele aus jener Zeit anführen, so ist die
-Beobachtung leicht zu machen, daß es schon damals einige Einrichtungen gab,
-die diesem Beruf ähnlich waren, abgesehen davon, daß der richtige Glaube
-noch fehlte, und daß unter Heiden und Juden manches bestand, was die Kirche
-von ihnen herübergenommen und in verbesserter Form beibehalten hat. So ist
-allgemein bekannt, daß die Kirche die ganze Stufenleiter des geistlichen
-Standes vom Thürhüter bis zum Bischof, den Gebrauch der Tonsur, dem sich
-die Geistlichen unterwerfen müssen, die Quatemberfasten, das Fest der süßen
-Brote, ja sogar die Verzierungen an den priesterlichen Gewändern und manche
-heiligen Gebräuche bei Weihungen und anderen Gelegenheiten -- von der
-Synagoge übernommen hat. Ebenso bekannt ist, daß die Kirche mit weiser
-Mäßigung nicht bloß die Stufenleiter der weltlichen Würden, wie die der
-Könige und Fürsten, ferner manche Gesetzesbestimmungen und moralische
-Anschauungen und Vorschriften unter den bekehrten Völkern weiter bestehen
-ließ: sondern sie hat sogar einige kirchliche Würden, die Art und Weise der
-Ausübung der Enthaltsamkeit und Vorschriften in Beziehung auf körperliche
-Reinigungen von ihnen angenommen. Es ist sicher, daß jetzt Bischöfe und
-Erzbischöfe im Amt sind, wo damals die Flamines und Archiflamines waren,
-und daß die Tempel, welche damals den Dämonen gehörten, später dem Herrn
-geheiligt und dem Gedächtnis der Heiligen geweiht wurden.
-
-Man weiß auch, daß bei den Heiden der jungfräuliche Stand besonderes
-Ansehen genoß, während die Juden durch ihr Gesetz zur Ehe angehalten
-wurden; ja, bei den Heiden wurde diese Tugend fleischlicher Unbeflecktheit
-so hoch gehalten, daß in ihren Tempeln große Gemeinschaften von Frauen sich
-aufhielten, die dem ehelosen Leben sich ergeben hatten. Daher Hieronymus im
-dritten Buch seines Kommentars zum Galaterbrief sagt: »Was werden wir zu
-thun haben, wenn uns zur Beschämung Juno ihre geweihten Frauen, Vesta ihre
-Jungfrauen, und andere Götzen ihre Enthaltsamkeit übenden Verehrer haben?«
-Wenn er Frauen und Jungfrauen nennt, so versteht er unter den ersteren
-solche, die einst mit Männern verkehrt hatten, nun aber für sich leben,
-unter den letzteren solche, die von jeher als Jungfrauen für sich gelebt
-hatten. Denn die Worte monos und monachos, welch letzteres vom ersten
-abgeleitet ist und soviel wie Einsiedler bedeutet, haben ein und denselben
-Sinn.
-
-Derselbe Schriftsteller sagt im ersten Buche seiner Schrift »gegen
-Jovinianus«, nachdem er viele Beispiele von der Keuschheit und
-Enthaltsamkeit heidnischer Frauen angeführt hatte: »Ich bin bei der
-Aufzählung dieser Frauen absichtlich so ausführlich gewesen, damit
-diejenigen, welche die christliche Schamhaftigkeit gering achten,
-wenigstens von den Heiden Keuschheit lernen«. Weiter oben in derselben
-Schrift erhebt er die Tugend der Enthaltsamkeit so hoch, daß es scheinen
-könnte, als hätte Gott an der Reinheit des Fleisches bei allen Völkern ein
-ganz besonderes Wohlgefallen, und als habe er diese Tugend durch besondere
-Belohnung ihres Verdienstes oder gar durch Wunderthaten in ihrem ganzen
-Wert anerkannt. »Was soll ich reden, sagt er, von der Erythräischen und
-Kumäischen Sibylle und von den anderen acht? Denn Varro behauptet, es seien
-zehn gewesen. Was sie von andern unterscheidet, ist ihre Jungfräulichkeit
-und die Sehergabe, die ihnen zum Lohn dafür verliehen ist.« Weiter heißt es
-da: »Als die Vestalin Claudia des Vergehens der Unzucht verdächtigt wurde,
-soll sie an ihrem Gürtel ein Floß fortgezogen haben, das Tausende von
-Menschen nicht hatten von der Stelle bringen können«. Und Sidonius, Bischof
-von Clermont, sagt im Vorwort zu seinem Buch folgendes:
-
- »So war Tanaquil nicht, noch auch die Jungfrau,
- Deren Vater du warst, o Tricipitinus;
- So nicht war die Geweihte der phrygischen Vesta,
- Die durch der Albula hochaufschwellende Fluten
- Mit jungfräulichem Haar das Floß gezogen.«
-
-Augustinus sagt im 22. Buch seiner Schrift »vom Gottesstaat«: »Kommen wir
-nunmehr zu ihren Wundern, welche sie als von ihren Göttern verrichtet
-unsern Märtyrern entgegenstellen -- werden wir da nicht finden, daß auch
-sie nur unsern Zwecken dienen und unserer Sache förderlich sind? Unter den
-großen Wunderthaten ihrer Götter ist gewiß eine der größten die, welche
-Varro erzählt: eine vestalische Jungfrau habe, als sie fälschlicherweise
-der Unkeuschheit verdächtigt wurde, ein Sieb mit Wasser aus dem Tiber
-angefüllt und vor ihre Richter getragen, ohne daß ein Tropfen verloren
-gegangen sei. Wer hat das schwere Wasser aufgehalten, trotz der vielen
-Öffnungen, durch die es hätte abfließen können? Sollte nicht der
-allmächtige Gott einem irdischen Körper sein Schwergewicht nehmen und
-dasselbe Element mit Leben erfüllen können, in welchem nach seinem Willen
-der lebenschaffende Geist seinen Sitz hat?«
-
-Wundern wir uns nicht, daß Gott durch solche und andere Wunder auch unter
-den Heiden die Tugend der Keuschheit zu Ehren gebracht hat oder vielmehr
-sie durch die Wirksamkeit der Dämonen zu Ehren hat bringen lassen. Es ist
-geschehen, um die jetzt Gläubigen destomehr für sie zu begeistern, wenn sie
-sehen, daß diese Tugend selbst unter den Heiden schon so hochgehalten
-wurde. Wir wissen ja, daß auch dem Kaiphas die Gabe der Prophetie nicht um
-seiner Person, sondern um seines Amtes willen verliehen worden, ja, daß
-selbst Lügenapostel bisweilen mit Wunderthaten prunken durften, und dies
-wiederum nicht ihrer Person verstattet war, sondern dem Amt, das sie
-führten. Was ist es also besonderes, wenn der Herr ein solch wunderbares
-Ereignis verstattet hat nicht etwa der Person der ungläubigen Frauen,
-sondern ihrer tugendsamen Enthaltsamkeit, um eine unschuldige Jungfrau zu
-retten und die Schlechtigkeit der falschen Ankläger zunichte zu machen?
-
-Es steht fest, daß die Enthaltsamkeit auch unter den Heiden als ein hohes
-Gut angesehen wird, wie auch das Verlangen nach strenger Bewahrung des
-ehelichen Bundes allen Völkern gleichmäßig von Gott als ein Geschenk
-verliehen worden ist. Darum kann es niemand befremden, wenn Gott seine
-eigenen wohltätigen Einrichtungen, nicht etwa den Irrtum des Unglaubens,
-durch Wunderzeichen zu Ehren bringt, die in der Heidenwelt, nicht unter den
-Gläubigen, geschehen -- vollends wenn dadurch, wie gesagt, die Unschuld
-gerettet und die Bosheit schlechter Menschen vereitelt wird, oder wenn
-durch die Verherrlichung einer solchen Tugend die Menschen zu ihrer
-Ausübung angefeuert werden; denn auch unter den Heiden kommen um so weniger
-Verfehlungen in dieser Hinsicht vor, je mehr man bei ihnen die Lüste des
-Fleisches meidet.
-
-So hat Hieronymus in Übereinstimmung mit den meisten andern Kirchenlehrern
-die Zügellosigkeit des obengenannten Häretikers (Jovinian) sehr passend
-bekämpft, indem er ihm zurief, er möge unter die Heiden gehen, um bei ihnen
-mit Erröten die Tugenden zu finden, welche er an den Christen gering achte.
-Wer wollte verkennen, daß auch die Majestät ungläubiger Fürsten, selbst
-wenn sie dieselbe mißbrauchen, ihre Gerechtigkeitsliebe und Milde, die sie,
-dem natürlichen Gesetze folgend, an den Tag legen und alles andere, was den
-Fürsten ziert, ein Geschenk Gottes sei? Wer wollte das Gute als solches
-verkennen, weil es mit Schlechtem vermischt ist? -- besonders da doch, wie
-der heilige Augustin bemerkt und der gesunde Menschenverstand es bezeugt,
-Übel nur in einer sonst guten Natur sein können? Wer stimmt nicht dem Worte
-des Dichters bei: »Gute fliehen das Laster aus Liebe zur Tugend?« Wer
-wollte nicht, statt es zu leugnen, vielmehr Zeugnis ablegen für das Wunder,
-welches nach dem Berichte des Suetonius Vespasian vor seiner
-Thronbesteigung an einem Blinden und an einem Lahmen verrichtet hat oder
-für das, was der heilige Gregorius an der Seele Trajans gethan haben soll
--- die andern Fürsten mögen sich dadurch zur Nachahmung solcher Tugenden
-bewegen lassen!
-
-Die Menschen verstehen es, im Schmutz die Perle zu finden und die Körner
-aus dem Stroh zu lesen: so kann auch Gott die Gnadengaben, die er dem
-Unglauben verliehen, nicht vergessen und nichts von dem, was er gemacht
-hat, hassen. Je mehr die Welt in Wundern strahlt, desto deutlicher giebt er
-sie dadurch als sein Werk zu erkennen, das durch die Schlechtigkeit der
-Menschen nicht verderbt werden kann, und die Gläubigen sollen daran
-erkennen, was das für ein Gott sei, der also selbst den Ungläubigen sich
-erweist.
-
-Ein Beweis für das hohe Ansehen, in welchem die dem Dienste des Herrn
-geweihte Keuschheit bei den Heiden stand, ist die strenge Strafe, die auf
-die Verletzung des Gelübdes gesetzt war. Worin dieselbe bestand, das sagt
-Juvenalis in seiner vierten Satire, die gegen Crispinus gerichtet ist, mit
-folgenden Worten: »Mit dem sie noch neulich gebuhlt hat, wird die
-Priesterin nun lebendigen Leibes begraben«. So auch Augustin im dritten
-Buche des »Gottesstaates«: »Die alten Römer begruben lebendig die über dem
-Vergehen der Unzucht betroffenen Vestalinnen. Ehebrecherische Frauen
-dagegen bestraften sie zwar, aber nicht mit dem Tode«. So sühnten sie
-strenger als die Befleckung des menschlichen Ehebettes die Verletzung
-dessen, was in ihren Augen eine geheimnisvolle Verbindung mit der Gottheit
-war. Bei uns aber lassen sich christliche Fürsten den Schutz der Keuschheit
-angelegen sein, um so mehr, als sie auf einem noch viel heiligeren Gelübde
-beruht. Darum hat der Kaiser Justinianus folgende Bestimmung getroffen:
-»Wenn jemand sich untersteht, eine gottgeweihte Jungfrau, ich sage nicht
-bloß: zu entführen, sondern nur zur Ehe zu verlocken, so soll er dies mit
-dem Leben büßen«. Daß auch die kirchliche Zucht, die doch den Sünder zur
-Buße leiten und nicht seinen Tod will, mit großer Strenge gegen
-Verfehlungen von eurer Seite einschreitet, ist bekannt. Daher die
-Verordnung des Papstes Innocenz an den Bischof Victricius von Rouen,
-Kapitel XIII: »Frauen, die sich geistig mit Christus vermählt und den
-Schleier genommen haben, dürfen, wenn sie sich später öffentlich
-verheiratet haben oder im geheimen verführt worden sind, zur Buße nicht
-zugelassen werden, außer wenn der, mit dem sie die Verbindung eingegangen
-hatten, nicht mehr am Leben ist«. Diejenigen aber, welche zwar noch nicht
-eingekleidet waren, aber doch den Vorsatz gefaßt hatten, im jungfräulichen
-Stande zu verbleiben, sollen, wenn schon sie den Schleier noch nicht
-genommen haben, dennoch eine bestimmte Zeit lang Buße thun, weil Gott ihr
-Gelübde angenommen hatte. Denn wenn man schon unter Menschen einen
-abgeschlossenen Vertrag unter keinem Vorwand brechen soll, wie viel weniger
-kann man ein Versprechen, das man Gott gegeben hat, straflos brechen? Wenn
-der Apostel Paulus von den Frauen, die den Witwenstand aufgegeben, sagt,
-sie seien verwerflich, weil sie die erste Treue nicht gehalten haben: wie
-viel mehr gilt dies von den Jungfrauen, welche ihr zuerst gegebenes Wort
-brechen? Daher schreibt auch der berühmte Pelagius an die Tochter des
-Mauritius: »Die an Christus zur Ehebrecherin wird, ist verwerflicher als
-die, welche ihrem Mann die Treue bricht. Darum hat die römische Kirche erst
-vor kurzem mit Recht bestimmt, daß diejenigen Frauen, welche ihren
-gottgeweihten Leib durch Unkeuschheit beflecken, kaum der Buße mehr würdig
-zu achten seien«.
-
-Wollen wir untersuchen, welche Sorgfalt, Freundschaft und Liebe die
-heiligen Lehrer der Kirche nach dem Vorbilde des Herrn selbst und der
-Apostel stets den gottgeweihten Frauen gewidmet haben, so finden wir, daß
-sie mit dem liebevollsten Eifer ihre frommen Neigungen gehegt und gepflegt
-und mit reichlicher Mahnung und Belehrung sie in ihrem göttlichen Berufe
-unterrichtet und gefördert haben. Um von den übrigen zu schweigen, will ich
-nur die bedeutendsten Kirchenlehrer anführen: Origenes, Ambrosius und
-Hieronymus.
-
-Der erste derselben, jener größte christliche Philosoph, hat sich mit
-solchem Eifer dem Stande der gottgeweihten Frauen gewidmet, daß er sich
-nach dem Bericht der »Kirchengeschichte« selbst entmannte, um nicht durch
-irgendwelche Verdächtigung im Unterricht der Frauen behindert zu werden.
-Wem wäre es ferner nicht bekannt, welch reichliche Ernte von heiligen
-Schriften Hieronymus auf die Veranlassung der Frauen Paula und Eustochium
-der Kirche hinterlassen hat? Er selbst gesteht dies in seiner Abhandlung
-über die Himmelfahrt der Mutter des Herrn, welche er auf die Bitte der
-Frauen schrieb, zu in den Worten: »Weil ich aber, durch meine große Liebe
-zu euch, überwunden, nichts abschlagen kann, was ihr wünscht, so will ich
-den Versuch machen, euer Verlangen zu stillen«. Dagegen wissen wir, daß
-manchmal hochbedeutende, durch ihre Stellung und würdige Lebensführung
-ausgezeichnete Lehrer ausführlich an ihn geschrieben und nicht einmal eine
-kurze Antwort, um die sie ihn gebeten, von ihm erhalten haben. Daher jene
-Äußerung des heiligen Augustinus im 2. Buch der Retraktationen: »Ich habe
-an den Presbyter Hieronymus, während er in Bethlehem sich aufhielt, zwei
-Schriften geschickt: eine 'über den Ursprung der Seele' und eine zweite
-über den Satz des Apostels Jakobus: 'So jemand das Gesetz hält und sündiget
-an Einem, der ist's ganz schuldig.' Über beide Schriften bat ich ihn um
-sein Urteil. In der ersten habe ich die Frage, die ich aufgeworfen, selbst
-ungelöst gelassen; in der zweiten habe ich meine Ansicht nicht
-verschwiegen, fragte aber bei ihm an, ob er dieselbe billige. Er
-antwortete, daß er sich über meine Frage gefreut habe, daß er aber keine
-Zeit habe, sie zu beantworten. Ich aber wollte die Bücher nicht herausgeben
-so lange er lebte in der Erwartung, daß er mir doch irgend einmal antworten
-würde und ich sie dann zusammen mit dieser Antwort herausgeben könnte.
-Allein er starb darüber, und erst dann habe ich sie veröffentlicht«. Man
-sieht also, daß der große Mann so lange Zeit vergeblich auf eine, wenn auch
-nur kurze Antwort des Hieronymus gewartet hat. Und doch wissen wir, daß
-derselbe Mann jenen Frauen zulieb viele umfangreiche Bücher im Schweiß
-seines Angesichts übersetzt oder geschrieben und ihnen demnach größere
-Rücksicht erwiesen hat als dem Bischof. Vielleicht hat er ihre Tugend darum
-so eifrig gepflegt und alles vermieden, was sie betrüben konnte, weil er
-die Empfindlichkeit der weiblichen Natur kannte. Die Lebendigkeit seiner
-Liebe gegen solche Frauen erscheint manchmal so groß, daß er bei seinen
-Lobeserhebungen bisweilen fast die Grenze des Wahren überschreitet, und als
-sei er sich dessen selber bewußt, sagt er irgendwo; »Die Liebe kennt keine
-Grenze«. In der Vorrede zum Leben der heiligen Paula sagt er, um die
-Aufmerksamkeit des Lesers anzuspannen: »Wenn alle meine Glieder sich in
-Zungen verwandelten und alle meine Gelenke reden könnten, ich könnte doch
-keine Worte finden, die Tugenden der heiligen, verehrungswürdigen Paula
-würdig zu preisen«.
-
-Er hat auch einige Lebensbilder von heiligen Vätern geschrieben -- der
-höchsten Verehrung würdig und im Glanz von Wunderthaten strahlend -- und
-was hier berichtet wird, ist noch viel wunderbarer. Dennoch hat er, so viel
-ich sehe, keinen derselben mit so hohen Ruhmesworten gefeiert, wie diese
-Witwe. Auch seinen Brief an die Jungfrau Demetrias eröffnet er sofort mit
-einer so starken Lobeserhebung, daß sie uns fast als eine übertriebene
-Schmeichelei erscheinen muß. »Von allen Gegenständen, sagt er, über welche
-ich von meiner frühesten Jugend an bis zu meinem jetzigen Alter geschrieben
-habe oder habe schreiben lassen, ist keiner schwieriger als das
-gegenwärtige Werk. Denn ich schicke mich an, an Demetrias zu schreiben, die
-Jungfrau Christi, die an Edelmut und an Reichtum die erste in Rom ist. Wenn
-ich ihre Tugenden preise, wie sie's verdienen, wird man von mir sagen, ich
-sei ein Schmeichler«. Es war für den heiligen Mann ein süßes Amt, durch die
-Kunst seiner Worte das schwache Geschlecht zur schweren Übung der Tugend
-anzuleiten. Weil aber Thaten sprechendere Beweise sind als Worte, hat er
-sich seiner weiblichen Schutzbefohlenen mit solcher Liebe angenommen, daß
-sein eigener guter Ruf, trotz seiner ungemessenen Heiligkeit, darunter zu
-leiden hatte. Er spricht selber davon in seinem Brief an Asella, wo er von
-falschen Freunden handelt, die ihn verleumden: »Mögen sie mich, heißt es
-da, immerhin für einen Verbrecher halten, bedeckt mit allen Schandtaten; du
-aber thust wohl daran, wenn du deinem Herzen folgend auch die Schlechten
-für gut hältst. Denn es ist gefährlich, über den Knecht eines andern zu
-richten, und wer Gutes schlecht macht, dem wird nur schwer verziehen. Sie
-haben mir die Hände geküßt und mich mit ihrer giftigen Zunge verleumdet.
-Mit den Lippen bedauerten sie mich, im Herzen lachten sie. Sie mögen selbst
-sagen, ob sie jemals etwas anderes an mir gefunden, als was einem Christen
-sich ziemte. Was man mir zum Vorwurf macht, ist einzig und allein mein
-Geschlecht, und auch das würde man mir nicht vorwerfen, wenn Paula nicht
-nach Jerusalem gekommen wäre.« Weiter heißt es: »Ehe ich in das Haus der
-frommen Paula kam, war nur Eine Stimme des Lobes über mich in der ganzen
-Stadt; ja, ich war nach dem Urteil aller würdig, das Amt des höchsten
-Priesters in der Kirche zu bekleiden. Aber seitdem ich anfing, sie nach dem
-Verdienst ihrer Frömmigkeit zu verehren und zu lieben, war ich auf einmal
-aller Tugenden bar.« Und etwas weiter unten sagt er: »Grüße Paula und
-Eustochium, die mein sind in Christo, man sage was man wolle«.
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-Lesen wir doch von dem Herrn selbst, er habe die fromme Sünderin mit solch
-vertraulicher Güte behandelt, daß der Pharisäer, welcher ihn eingeladen
-hatte, darob irre an ihm wurde und bei sich sagte: »Wenn dieser ein Prophet
-wäre, wüßte er, wer und welch ein Weib das ist, die ihn anrühret«. Was
-Wunder also, wenn, um solche Seelen zu gewinnen, auch die Glieder Christi,
-durch sein Beispiel angetrieben, die Verunglimpfung ihres guten Namens
-nicht achten? Origenes, um dem zu entgehen, ist, wie schon erwähnt, nicht
-davor zurückgeschreckt, an seinem Leib schweren Schaden zu nehmen.
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-Aber nicht bloß in Belehrung und Unterweisung der Frauen haben die heiligen
-Väter eine wunderbare Liebe an den Tag gelegt: auch wenn es galt, sie zu
-trösten, ist dieser Liebeseifer zuweilen so heftig zum Ausbruch gekommen,
-daß es fast scheint, als hätten sie sich durch ihr unbegrenztes Mitleid,
-nur um den Schmerz der Frauen zu lindern, zu Versprechungen verleiten
-lassen, die mit dem christlichen Glauben im Widerspruch standen. Derart ist
-der Trost, welchen der heilige Ambrosius nach dem Tode des Kaisers
-Valentinian dessen Schwestern zu schreiben wagte, indem er sie versicherte,
-daß ihr Bruder, der doch als Katechumen gestorben ist, der Seligkeit
-teilhaftig geworden sei -- eine Behauptung, die mit dem katholischen
-Glauben und mit der evangelischen Lehre durchaus nicht übereinstimmt. Sie
-wußten wohl, wie angenehm vor Gott allezeit die Tugend des schwächeren
-Geschlechtes gewesen sei.
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-So kommt es, daß wir zwar eine unzählige Schar von Jungfrauen dem Beispiel
-der Mutter des Herrn folgen und den sittlich vollkommeneren Stand erwählen
-sehen, daß wir aber nur wenige Männer kennen, welche die Gnadengabe dieser
-Tugend erlangt haben, vermöge deren sie dem Lamme selbst überall hin folgen
-konnten. Im Eifer um diese Tugend haben mehrere Frauen sogar Hand an sich
-selber gelegt, damit sie die Keuschheit auch des Leibes, welche sie Gott
-gelobt hatten, sich erhielten, und man hat sie darob nicht nur nicht
-getadelt, sondern bei den meisten wurde ihr freiwilliger Opfertod Anlaß zu
-ihrer kirchlichen Verehrung. Ja, sogar bereits verlobte Jungfrauen, wenn
-sie sich vor der fleischlichen Vereinigung mit ihren Männern für die Wahl
-des Klosterlebens entschließen, ihren Mann aufgeben und sich Gott verloben
-wollen, haben darin freie Hand, während wir von einer solchen
-Rechtsbestimmung für die Männer nichts wissen.
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-Einige Frauen waren von solchem Eifer für ihre Keuschheit erfüllt, daß sie
-nicht allein unerlaubterweise, um ihre Keuschheit zu wahren, sich für
-Männer ausgaben, sondern dann auch, unter den Mönchen lebend, sich durch
-ihre Tugenden also auszeichneten, daß sie des Abtstuhls für würdig befunden
-wurden, wie wir dies von der heiligen Eugenia lesen, welche mit Wissen, ja,
-auf Zureden des frommen Bischofs Helenus Männerkleider anlegte, von ihm
-getauft und in ein Mönchskloster aufgenommen wurde.
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-Die erste deiner Fragen, geliebte Schwester in Christo, das Ansehen eures
-Standes und die Hoheit seiner ihm eigenen Würde betreffend, glaube ich
-hiemit genügend beantwortet zu haben. Je mehr ihr die Herrlichkeit eures
-Berufes nun erkannt habt, mit desto größerem Eifer werdet ihr ihn erfassen.
-Möchten eure Verdienste und Gebete bewirken, daß ich weiterhin mit Gottes
-Zustimmung auch deine zweite Frage beantworten kann. -- Lebe wohl!
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-
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-VIII. Brief.
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-Abaelard an Heloise.
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-Zu einem Teil habe ich deine Bitte erfüllt, so gut ich's vermochte. Es
-bleibt mir noch übrig, mit Gottes Beistand zu erledigen, was noch im
-Rückstand ist und so deine und deiner geistigen Töchter Wünsche zu
-befriedigen. Der weitere Inhalt eurer Forderung geht dahin: ich soll euch
-eine bestimmte Vorschrift, die euch als Regel für euren Orden dienen
-könnte, aufsetzen und zusenden, damit ihr an dem geschriebenen Buchstaben
-einen sicherern Anhaltspunkt für euer Thun und Lassen habet als an dem
-bloßen Herkommen. So habe ich mir denn vorgenommen, teils altbewährte
-Gebräuche, teils die Zeugnisse der heiligen Schrift und der Vernunft zu
-Grunde zu legen und daraus ein Ganzes zu bilden. Den geistigen Tempel
-Gottes, welcher ihr seid, möchte ich damit ausschmücken wie mit schönen
-Malereien und aus verschiedenen Bruchstücken ein einheitliches Werk
-aufbauen. Dabei will ich mir den Maler Zeuxis zum Vorbild nehmen und bei
-der Ausschmückung meines geistigen Tempels so verfahren, wie er es einst
-bei einem sichtbaren gemacht hat. Cicero erzählt nämlich in seinem Buch
-»Rhetorica« folgendes: »Die Bürger von Kroton beriefen den Zeuxis, um einen
-Tempel, der ihnen besonders heilig war, von ihm mit prächtigen Gemälden
-ausschmücken zu lassen. Zu diesem Zweck wählte er sich aus der Bevölkerung
-die fünf schönsten Mädchen, die bei seiner Arbeit vor ihm standen und deren
-Schönheit ihm zum Muster diente. Dies ist aus zwei Gründen ganz wohl
-glaublich: einmal, weil dieser Maler nach der Mitteilung des genannten
-Schriftstellers eine besondere Geschicklichkeit darin hatte, Frauen zu
-malen; sodann auch, weil weibliche Formen selbstverständlich einen
-feineren, lieblicheren Eindruck machen als männliche. Mehrere Mädchen aber,
-sagt der erwähnte Philosoph, habe er ausgewählt, weil er nicht glaubte, daß
-er eine finden werde, bei der alle Glieder gleich formvollendet wären, und
-daß die Natur eine einzige mit so reicher Schönheit ausgestattet habe, daß
-sie lauter gleich schöne Körperteile aufzuweisen hätte. Die Natur, das war
-seine Meinung, bilde in der Körperwelt nichts durchaus und gleichmäßig
-Vollendetes, als fürchtete sie, wenn sie alle Vorzüge auf einen Gegenstand
-vereinige, für die anderen nichts mehr übrig zu haben.«
-
-So will auch ich verfahren, indem ich mich anschicke, die Schönheit der
-Seele zu malen und die Vollkommenheit der Braut Christi zu beschreiben.
-Möget ihr mein Werk als einen Spiegel der rechten gottgeweihten Jungfrau
-allezeit vor Augen haben und daraus eure Schönheit oder Häßlichkeit
-erkennen. Ich will zu dem Zweck aus den zahlreichen Schriften der heiligen
-Väter und aus den bewährtesten Klostergebräuchen eine Regel für euch
-zusammenstellen. Von allem, was mir ins Gedächtnis kommt, will ich das
-Beste nehmen und alles gleichsam in Ein Bündel sammeln, was mit eurem
-heiligen Berufe sich berührt. Und zwar werde ich dabei nicht bloß die
-Bestimmungen für Nonnen berücksichtigen, sondern auch diejenigen für
-Mönche; denn wie euch Ein Name und dasselbe Gelübde der Enthaltsamkeit mit
-uns verbindet, so gelten auch fast alle unsere Bestimmungen ebenso für
-euch. Aus diesem Vorrat, wie gesagt, will ich dieses und jenes auswählen,
-gleichsam eine Blumenlese, mit der ich die Lilien eurer Keuschheit
-schmücken will, und zu dem Zweck werde ich auf die Beschreibung der Braut
-Christi mehr Fleiß verwenden müssen als Zeuxis auf sein Götzenbild. Er
-glaubte es sei genug, wenn er fünf Jungfrauen habe, um ihre Schönheit
-nachzubilden. Uns aber steht der ganze Reichtum von Schriften der Väter zu
-Gebote und so hoffen wir im Vertrauen auf die göttliche Hilfe, euch ein
-vollkommeneres Werk zu hinterlassen, das euch tüchtig macht zu dem Los und
-zu den Tugenden jener fünf klugen Jungfrauen, die uns der Herr im
-Evangelium zeigt als Vorbilder christlicher Jungfräulichkeit. Mögen eure
-Gebete mir dazu helfen, daß dem Wollen das Vollbringen nicht mangle. Seid
-in Christo gegrüßt, ihr Bräute Christi!
-
-Ich habe beschlossen, die Schrift, welche ich zu eurer Belehrung verfassen
-will und in welcher ich euren frommen Stand beschreiben und fest umgrenzen,
-sowie über die würdige Begehung des Gottesdienstes reden werde, in drei
-Abschnitte einzuteilen. Denn drei Stücke sind, so glaube ich, der
-Hauptsache nach wesentlich für das klösterliche Leben: Keuschheit,
-Besitzlosigkeit und Schweigen; das heißt nach der Vorschrift, welche der
-Herr im Evangelium giebt: die Lenden umgürten, allem entsagen, müßige Worte
-vermeiden. Unter Keuschheit aber ist diejenige Enthaltsamkeit zu verstehen,
-welche der Apostel empfiehlt mit den Worten: »Welche nicht freiet, die
-sorget was dem Herrn angehöret, daß sie heilig sei, beide an Leib und auch
-am Geist«. Am Leib, sagt er, und meint damit den ganzen, nicht bloß ein
-einzelnes Glied, damit nicht irgend eines in Worten oder Handlungen zur
-Unreinigkeit abirre. Heilig an der Seele ist sie dann, wenn weder in ihrem
-Herzen ein unreiner Gedanke aufsteigen darf noch auch der Stolz sie
-aufbläht, wie die fünf thörichten Jungfrauen, die, während sie
-zurückliefen, um Öl zu kaufen, hinausgeschlossen wurden. Und als sie nun
-vergebens an die geschlossene Thür pochten und riefen: »Herr, Herr, thue
-uns auf!« -- da wird ihnen von diesem selbst die furchtbare Antwort zu
-teil: »Wahrlich, ich sage euch, ich kenne euch nicht«.
-
-Sodann aber verlassen wir alles und folgen nackt dem nackten Christus nach,
-wie es die heiligen Apostel gemacht haben. Dazu gehört, daß wir um
-seinetwillen nicht bloß irdischen Besitz oder Bande des Blutes, sondern
-auch unsern eigenen Willen hintansetzen, so daß wir nicht nach eigenem
-Gutdünken leben, sondern durch den Willen unseres Vorgesetzten uns lenken
-lassen und uns dem, der an Christi Statt unser Oberhaupt ist, völlig
-unterwerfen wie Christo selbst. Er sagt selbst von solchen: »Wer euch
-höret, der höret mich, und wer euch verachtet, der verachtet mich«. Selbst
-wenn jener, was Gott verhüte, einen üblen Lebenswandel führen sollte --
-wenn er nur gute Vorschriften giebt; denn um der schlechten Menschen willen
-darf man Gottes gute Absicht nicht verachten. In dieser Beziehung sagt der
-Herr selbst: »Was sie euch sagen, das haltet und thut, aber nach ihren
-Werken sollt ihr nicht thun«. Worin aber diese Bekehrung von der Welt zu
-Gott bestehe, darüber äußert er sich deutlich also: »Wer nicht entsagt
-allem, das er hat, der kann nicht mein Jünger sein«. Ferner: »So jemand zu
-mir kommt und hasset nicht seinen Vater, Mutter, Weib, Kind, Brüder,
-Schwestern, auch dazu sein eigen Leben, der kann nicht mein Jünger sein«.
-Seinen Vater oder seine Mutter hassen heißt aber so viel als: sich nicht
-durch die Rücksicht auf Bande des Blutes halten lassen; gleichwie sein
-Leben hassen so viel ist als: auf seinen eigenen Willen verzichten. Dieses
-Verlangen stellt der Herr selbst ein anderes Mal an uns mit den Worten:
-»Will mir jemand nachfolgen, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz
-auf sich und folge mir«. Denn also gehen wir hinter ihm drein auf seiner
-Spur, wir folgen ihm nach, indem wir mit Eifer sein Beispiel nachahmen, der
-gesagt hat: »Ich suche nicht meinen Willen, sondern des Vaters Willen, der
-mich gesandt hat«. Als wollte er sagen: wir sollen alles im Gehorsam thun.
-Denn was heißt »sich selbst verleugnen« anderes als: das Behagen des
-Fleisches und den eigenen Willen hintansetzen und sich von fremdem, nicht
-vom eigenen Gutdünken leiten lassen? Und so empfängt der Mensch sein Kreuz
-nicht aus eines anderen Hand, sondern er nimmt es selbst auf sich, und
-durch dasselbe ist ihm die Welt gekreuzigt und er der Welt, wenn er durch
-ein freiwilliges Gelübde allen weltlichen und irdischen Wünschen entsagt,
-d. h. auf seinen eigenen Willen verzichtet. Denn was wollen die, die vom
-Fleische sind, anderes als _ihren_ Willen durchsetzen? Und giebt es eine
-höhere irdische Lust, als die Befriedigung des eigenen Willens, wenn
-dieselbe gleich mit höchster Mühe und Gefahr erkauft werden muß? Dagegen
-das Kreuz tragen, d. h. eine Qual aushalten -- was ist es anderes, als
-etwas geschehen lassen, was unserem Willen zuwider ist, wiewohl die
-Durchsetzung desselben uns leicht und angenehm wäre? Darum spricht ein
-anderer Jesus, der freilich an den wahren nicht hinanreicht, im Buch Sirach
-die Warnung aus: »Folge nicht deinen bösen Lüsten, sondern brich deinen
-Willen, denn wo du deinen bösen Lüsten folgest, so wirst du dich deinen
-Feinden selbst zum Spott machen«. Wenn wir aber so unsern Wünschen wie uns
-selber ganz und gar entsagen, dann geben wir in Wirklichkeit jeden
-Eigenbesitz auf und führen jenes apostolische Leben, dem alles gemeinsam
-ist, wie geschrieben steht: »Die Menge aber der Gläubigen war Ein Herz und
-Eine Seele; auch keiner sagete von seinen Gütern, daß sie sein wären,
-sondern es war ihnen alles gemein, und es wurde jedem zugeteilt nach dem
-ihm not war«. Nicht alle hatten ja die gleichen Bedürfnisse, darum teilte
-man nicht allen das gleiche Maß zu, sondern jedem, nachdem ihm not war.
-»Ein Herz« -- im Glauben, denn mit dem Herzen glaubt man. »Eine Seele« --
-denn aus Liebe kamen sie einander mit ihren Wünschen entgegen; jeder
-wünschte dem andern das, was er selbst wollte, und niemand war mehr auf den
-eigenen Vorteil bedacht als auf den des Nächsten, sondern alles wurde dem
-allgemeinen Wohl dienstbar gemacht. Niemand suchte und erstrebte das Seine,
-sondern das, was Jesu Christi ist. Denn anders wäre ein Leben ohne
-persönliches Eigentum nicht denkbar, das mehr im Ehrgeiz als im
-eigentlichen Besitz seinen Grund hat.
-
-Jedes überflüssige, müßige Wort ist ebensogut wie Schwatzhaftigkeit. Der
-heilige Augustin sagt im ersten Buch seiner Retraktationen: »Es sei ferne
-von mir, den Vorwurf der Schwatzhaftigkeit zu erheben, wo Notwendiges
-geredet wird, sei es auch mit großer Wortfülle und Ausführlichkeit«. Und
-Salomo seinerseits sagt: »Wer viel redet, der wird leicht in Sünden fallen;
-wer aber seine Zunge im Zaum hält, der ist klug«. Wir dürfen uns also wohl
-hüten vor einem Ding, das so leicht zur Sünde führt; je gefährlicher die
-Krankheit ist und je schwieriger zu vermeiden, desto ängstlicher müssen wir
-vor ihr auf der Hut sein. Im Hinblick darauf sagt der heilige Benedikt:
-»Die Mönche sollen sich allezeit des Schweigens befleißigen«. Aus dem
-Schweigen eine förmliche Übung zu machen, ist sicherlich mehr als einfach
-Schweigen beobachten. Denn zum Begriff der Übung gehört es, daß man den
-Willen streng dazu anhält, irgend etwas zu thun. Denn vieles thun wir
-nachlässig oder unwillkürlich; soll aber etwas herauskommen, so muß unser
-Wille und unsere Aufmerksamkeit dabei sein.
-
-Wie schwer, aber auch wie nützlich es ist, seine Zunge im Zaume zu halten,
-das weiß der Apostel Jakobus wohl und sagt deshalb: »Wir fehlen alle
-manchfältiglich; wer aber auch in keinem Wort fehlet, der ist ein
-vollkommener Mann«. Und weiter sagt er: »Alle Natur der Tiere und der Vögel
-und der Schlangen und der Meerwunder werden gezähmet und sind gezähmet von
-der menschlichen Natur«. Indem er sich aber deutlich macht, wie die Zunge
-eine Urheberin von so viel Bösem und alles Guten Zerstörerin ist, sagt der
-Apostel weiter oben und weiter unten in seinem Brief: »Die Zunge ist ein
-klein Glied, aber welch ein Feuer! Welch einen Wald zündet's an!... eine
-Welt voll Ungerechtigkeit, ein unruhiges Übel, voll tödlichen Giftes«. Was
-aber ist gefährlicher und mehr zu fürchten als Gift? Wie also durchs Gift
-das Leben vernichtet wird, so zerstört die Geschwätzigkeit alle
-Frömmigkeit. Darum heißt es im gleichen Briefe weiter vorn: »So aber sich
-jemand unter euch lässet dünken, er diene Gott und hält seine Zunge nicht
-im Zaum, sondern verführet sein Herz, des Gottesdienst ist eitel«. So heißt
-es auch in den Sprüchen: »Ein Mann, der seinen Geist nicht halten kann, ist
-wie eine Stadt ohne Mauern«. So meinte es auch jener Greis, als ihm
-Antonius in Beziehung auf einige vielredende Brüder, welche sich zu ihm
-gesellt hatten, sagte: »Du hast rechtschaffene Brüder angetroffen, mein
-Vater.« Jener antwortete: »Rechtschaffene wohl, aber ihr Haus hat keine
-Thüre. Wer nur will, kann in ihren Stall eintreten und den Esel losbinden«.
-Denn unsere Seele ist gleichsam angebunden an die Krippe des Herrn, und
-nährt und erquickt sich da mit frommen Betrachtungen. Von dieser Krippe
-wird sie gelöst und schweift mit ihren Gedanken in der ganzen Welt herum,
-wenn das Gebot des Schweigens sie nicht zurückhält. Durch Worte wird die
-vernunftbegabte Seele veranlaßt, auf das, was sie hört, aufzumerken und
-darüber nachzudenken. Mit Gott aber reden wir in Gedanken, wie mit den
-Menschen in Worten. Während wir nun hier auf die Worte der Menschen hören,
-muß unsere Aufmerksamkeit notwendig von dort abgezogen werden, denn wir
-können nicht Gott und den Menschen zugleich unsere Aufmerksamkeit schenken.
-
-Und nicht bloß müßige Worte sollen wir vermeiden, sondern auch solche, mit
-denen vielleicht einiger Nutzen verbunden sein könnte; denn allzuleicht
-kommt man vom Notwendigen aufs Unnütze und vom Unnützen aufs Schädliche.
-Denn »die Zunge, sagt Jakobus, ist ein unruhiges Übel«. Je kleiner und
-feiner sie ist als die übrigen Glieder, desto beweglicher, und während die
-andern durch Bewegung müde werden, ermattet sie, wenn sie nicht in Bewegung
-gesetzt wird, und gerade die Ruhe ist ihr unerträglich. Je feiner und
-biegsamer sie aber infolge der Weichheit unseres Körpers ist, desto
-lebhafter ist ihre Neigung, sich zu bewegen und zu sprechen, und so kann
-sie zur Pflanzstätte alles Bösen werden.
-
-Der Apostel wußte, daß die Zunge hauptsächlich euch viel zu schaffen mache
-und untersagt deshalb den Frauen das Sprechen in der gottesdienstlichen
-Versammlung, selbst das Reden über religiöse Fragen; sie sollen zu Hause
-ihre Männer fragen, und auch wenn sie über solche Dinge belehrt werden,
-sollen sie, wie überhaupt bei all ihrem Thun, demütiges Schweigen
-beobachten. Dem Timotheus schreibt er hierüber: »Ein Weib lerne in der
-Stille mit aller Unterthänigkeit; einem Weib aber gestatte ich nicht, daß
-sie lehre, auch nicht daß sie des Mannes Herr sei, sondern stille sei«.
-Wenn nun der Apostel Laien und verheirateten Frauen solche Vorschriften in
-Betreff des Schweigens giebt -- was werdet dann ihr zu thun haben? Indem er
-dem Timotheus solche Vorschriften giebt, will er damit sagen, daß die
-Frauen wortreich seien und gern reden, wo es nicht nötig ist.
-
-Um diesem Übel nun einigermaßen zu steuern, soll die Zunge im Zaum gehalten
-und vollständiges Schweigen beobachtet werden an folgenden Orten und zu
-folgenden Zeiten: beim Gottesdienst, im Kloster, im Schlafsaal, im
-Refektorium, beim Essen, in der Küche und ganz besonders nach dem
-Kompletorium. Wenn es notwendig ist, kann man an den genannten Orten und zu
-den vorgeschriebenen Zeiten statt der Worte Zeichen anwenden. Man hat dafür
-Sorge zu tragen, daß jedermann diese Zeichen erlerne. Durch dieselben kann
-man einander, wenn man notwendig etwas zu sagen hat, auch an einen
-geeigneten, dazu bestimmten Ort bestellen. Und nachdem man sich mit
-möglichst wenig Worten verständigt hat, gehe man an seinen vorigen Platz
-zurück oder thue, was zu thun ist. Auch soll man den Mißbrauch von Worten
-oder Zeichen schonungslos tadeln, besonders aber das Übermaß von Worten,
-weil hier die größte Gefahr droht.
-
-In dem lebhaften Wunsche, dieser vielfachen und großen Gefahr zu steuern,
-giebt uns der heilige Gregorius im achten Buch seiner »Moralia« folgende
-Vorschrift: »Wenn wir uns nicht vor überflüssigen Worten hüten, so kommen
-wir bald bei den wirklich schädlichen an. Daraus entstehen dann Reibereien
-und Streitigkeiten, der Zündstoff des Hasses gerät in Flammen und mit dem
-Frieden des Herzens ist es vorbei«. Daher sagt Salomo mit Recht: »Wer
-Wasser verschüttet, der ruft Streit hervor«. Wasser verschütten, das heißt:
-seiner Zunge den Lauf lassen. Dagegen sagt er in lobendem Sinn: »Tiefes
-Wasser kommt aus dem Munde des Mannes«. Also wer Wasser verschüttet, der
-ruft Streit hervor: denn wer seine Zunge nicht im Zaum hat, der sät
-Zwietracht. Darum heißt es in der Schrift: »Wer einem Narren Schweigen
-gebietet, der lindert den Zorn«.
-
-Das ist eine deutliche Mahnung für uns, gegen diesen Fehler die größte
-Strenge walten zu lassen und ja keine Nachsicht ihm gegenüber zu üben,
-wodurch die Frömmigkeit schwer gefährdet würde. Denn aus dieser Quelle
-entspringen Verleumdung, Streit, Verunglimpfung, ja manchmal
-Zusammenrottungen und Verschwörungen, welche das Gebäude der Religion
-erschüttern, ja über den Haufen werfen. Ist dieses Laster ausgerottet, so
-werden damit freilich nicht auch zugleich die bösen Gedanken unterdrückt,
-doch werden wenigstens andere vor Ansteckung bewahrt.
-
-Der Abt Macarius warnte vor diesem Laster so nachdrücklich, als glaubte er,
-daß die Vermeidung desselben allein schon zur Frömmigkeit genüge. Es wird
-von ihm erzählt: »Der Abt Macarius in Skythien gab seinen Mönchen die
-Weisung: 'Nach der Messe meidet einander, meine Brüder'. Da sagte einer der
-Mönche: 'Vater, wohin sollen wir, um eine größere Einsamkeit zu finden als
-diese?' Da legte er den Finger an die Lippen und sagte: 'Das ist es, was
-ihr fliehen sollt'. Damit trat er in seine Zelle, schloß die Thür hinter
-sich zu und blieb allein«. Diese Tugend des Schweigens, die nach Jakobus
-den Menschen vollkommen macht und von der Jesaias sagt: »Schweigen ist
-Pflege der Gerechtigkeit« -- sie wurde von den heiligen Vätern mit so
-glühendem Eifer geübt, daß z. B. der Vater Agatho drei Jahre lang einen
-Stein im Munde trug, bis er schweigen lernte.
-
-Wiewohl die Seligkeit nicht am Ort hängt, so kann er doch unter Umständen
-zur Bewahrung und Festigung der Frömmigkeit förderlich sein, und je nachdem
-trägt er zur Förderung oder zur Beeinträchtigung derselben bei. Darum zogen
-sich auch die Schüler der Propheten, von denen Hieronymus sagt, sie seien
-die Mönche des alten Bundes, in die Einsamkeit zurück und bauten sich an
-den Ufern des Jordans ihre Hütten. Auch Johannes und seine Schüler, die
-Begründer unserer Lebensweise, ferner Paulus, Antonius, Macarius und alle
-hervorragenden Vertreter unseres Standes haben dem Lärm der an Versuchungen
-so reichen Welt den Rücken gekehrt und haben sich in der Einsamkeit eine
-Stätte frommer Betrachtung errichtet, um ganz ungestört des Umgangs mit
-Gott zu pflegen.
-
-Selbst unser Herr, der doch für keine Versuchung zugänglich war, giebt uns
-in dieser Hinsicht ein Beispiel, indem er, wenn er etwas Großes vorhatte,
-mit Vorliebe die Einsamkeit aufsuchte und dem Lärm des Volks aus dem Wege
-ging. So hat der Herr selbst durch sein vierzigtägiges Fasten die Wüste für
-uns geheiligt, in der Wüste hat er die Menge gespeist, und um von seinem
-Gebet jede Störung fernzuhalten, hat er sich nicht bloß von der Menge,
-sondern auch von seinen Jüngern zurückgezogen. Auch die Jünger hat er
-abseits auf einem Berg unterrichtet und erwählt, die Einöde war es, die vom
-Glanze seiner Verklärung wiederstrahlte, auf einem Berge teilte er den
-versammelten Jüngern die freudige Gewißheit seiner Auferstehung mit, und
-vom Berge fuhr er gen Himmel, und außerdem verrichtete er noch viele
-mächtige Thaten in der Wüste oder an einsamen Örtern.
-
-Auch dem Moses und den alten Vätern ist Gott in der Wüste erschienen; durch
-die Wüste hat er sein Volk ins gelobte Land geführt, in der Wüste hat er es
-festgehalten, ihm sein Gesetz gegeben, Manna regnen lassen, Wasser aus dem
-Fels gespendet, durch häufige Erscheinungen sein Volk getröstet und viel
-Wunder gethan. Durch all das hat das einzigartige Wesen uns deutlich
-gezeigt, wie sehr es die Einsamkeit für uns liebe, weil wir in derselben
-reineren Umgangs mit ihm pflegen können.
-
-Ja, unter dem mystischen Bilde des Waldesels, der die Wildnis liebt, die
-Freiheit beschreibend und preisend, spricht Gott zu dem frommen Hiob: »Wer
-hat den Waldesel so frei lassen gehen, wer hat die Bande des Wildes
-aufgelöst? Dem ich das Feld zum Hause gegeben und die Wüste zur Wohnung. Er
-verlacht das Getümmel der Stadt, das Pochen des Treibers hört er nicht. Er
-schauet nach den Bergen, da seine Weide ist und suchet, wo es grün ist«.
-
-Es ist als wollte er sagen: Wer hat das gemacht? Bin Ich es nicht? Unter
-dem, was wir Waldesel nennen, ist der Mönch zu verstehen, der ledig aller
-weltlichen Bande die ruhevolle Freiheit des einsamen Lebens aufgesucht hat
-und der Welt entflohen ist. Er wohnt in der Wüste, denn seine Glieder sind
-ausgetrocknet und abgemagert vom Fasten. Das Pochen des Treibers hört er
-nicht, wohl aber seine Stimme, weil er seinen Magen nicht überladet,
-sondern ihm nur das Notwendige zukommen läßt. Denn wer ist tagtäglich ein
-ungestümerer Treiber als der Magen? Er erhebt ein Geschrei, d. h. er
-verlangt mit Ungeduld nach überflüssigen und leckeren Speisen, und darauf
-darf man durchaus nicht hören. Die Berge, da seine Weide ist, das sind die
-Lebensbilder und Lehren der ehrwürdigen Väter, die wir zu unserer Stärkung
-lesen und betrachten. Unter dem Grünen sind zu verstehen alle die
-Schriften, die uns den Weg zum himmlischen, unverwelklichen Leben zeigen.
-
-Eine Mahnung zur Einsamkeit enthält auch das Wort, welches Hieronymus an
-den Mönch Heliodorus schreibt: »Besinne dich auf die Bedeutung des Wortes
-'Mönch', d. h. des Namens, den du trägst. Was thust du unter der Menge, der
-du der Einsamkeit gehörst?« Derselbe Schriftsteller unterscheidet unsere
-Lebensweise von derjenigen der Kleriker in einem Brief an den Presbyter
-Paulus folgendermaßen: »Wenn du das Amt eines Presbyters verwalten willst,
-wenn dir die Würde oder vielmehr die Bürde eines Bischofs gefällt, dann
-wohne in Städten und festen Plätzen und suche dein Glück im Seelenheil
-anderer. Willst du aber sein, was du heißest, nämlich ein Mönch, d. h. ein
-Einsamer, was thust du dann in den Städten, die doch nicht Aufenthaltsorte
-für Einsame sind, sondern für die Menge? Jeder Stand hat seine obersten
-Vertreter ... um nun auf den unsrigen zu kommen: Bischöfe und Presbyter
-mögen sich die Apostel und apostolischen Männer zum Vorbild nehmen und sich
-bestreben, ihnen nicht bloß an Rang, sondern auch an Tugend gleichzukommen.
-Wir aber sollen als unsere Vorbilder betrachten Männer wie Paulus,
-Antonius, Hilarion, Macarius. Und um wieder auf das zu kommen, was die
-Schrift uns sagt: unsere Oberhäupter sind Elias, Elisäus, auch die
-Prophetenschüler sind unsere Führer, welche wohnten im wüsten Gefilde und
-sich Hütten bauten an den Ufern des Jordans. Zu ihnen gehören auch jene
-Söhne des Rechab, die keinen Wein und kein gegorenes Getränke tranken, die
-in Zelten wohnten und welche durch die aus Jeremias ertönende Stimme Gottes
-gelobt wurden: es solle in ihrem Stamme nie an Männern fehlen, die in
-Gottes Dienst stehen«.
-
-So sollen also auch wir unsere Wohnung in der Einsamkeit aufschlagen, damit
-wir fähig sind, vor Gott zu stehen und seinem Dienste uns widmen können. Da
-wird kein Zudrang von Menschen unsere Ruhestätte erschüttern, unser
-Stillleben stören, uns mit Versuchungen nahen und die Gedanken von unserem
-heiligen Beruf abziehen.
-
-Uns allen mag der heilige Arsenius ein deutliches Vorbild sein, den der
-Herr zur Freiheit eines beschaulichen Lebens geführt hat. Von ihm wird
-erzählt: »Der Vater Arsenius, als er noch in seinem Palast lebte, betete zu
-Gott: 'Herr, führe mich auf den Weg des Heils'. Da ertönte eine Stimme, die
-sprach: 'Arsenius, fliehe die Menschen und du wirst gesund werden'. Er
-ergab sich nun dem Mönchsleben und betete wieder einmal mit denselben
-Worten: 'Herr, führe mich auf den Weg des Heils'. Und er vernahm eine
-Stimme, die sprach: 'Arsenius, fliehe, schweig, halte Ruh', das sind die
-Wurzeln der Sündlosigkeit'«. Diese göttliche Vorschrift machte er sich zu
-seiner Regel und floh nicht bloß selber die Menschen, sondern sorgte auch
-dafür, daß sie vor ihm flohen. Als einmal der Erzbischof in Begleitung
-einer Magistratsperson ihn besuchen und ein erbauliches Gespräch mit ihm
-führen wollte, sagte Arsenius: »Und wenn ich euch etwas sagen werde, werdet
-ihr euch danach richten?« Als sie dies bejahten, sagte er: »Überall, wo ihr
-hören werdet: Arsenius ist da -- da bleibet ferne«. Als ihn der Erzbischof
-ein zweites Mal besuchen wollte, schickte er zuvor zu ihm, um zu sehen, ob
-er ihn empfangen werde. Arsenius ließ ihm sagen: »Wenn du kommst, so werde
-ich dir zwar meine Thür öffnen; habe ich aber dir geöffnet, so muß ich auch
-allen andern öffnen, und dann wird meines Bleibens hier nicht länger sein«.
-Darauf sagte der Bischof: »Wenn ihn mein Besuch nur vertreibt, so will ich
-nie mehr zu dem heiligen Manne gehen«. Einer römischen Dame, die gekommen
-war, um seiner Heiligkeit zu huldigen, sagte er: »Was ist dir eingefallen,
-eine so weite Reise zu machen? Weißt du nicht, daß du ein Weib bist und
-nicht in der Welt herumfahren sollst? Oder willst du den andern Frauen in
-Rom erzählen: ich habe den Arsenius gesehen -- so daß das Meer bald von
-Weibern wimmeln wird, die mich besuchen wollen?« Die Frau antwortete: »Wenn
-Gott mir die Rückkehr nach Rom verstattet, so will ich dafür sorgen, daß
-niemand hierher kommt. Aber bitte für mich und gedenke allezeit meiner.«
-Darauf Arsenius: »Ja, ich will Gott bitten, daß er die Erinnerung an dich
-aus meinem Herzen verwische«. Als die Dame dies vernahm, entfernte sie sich
-ganz betroffen.
-
-Es wird weiter von ihm erzählt: als der Vater Markus ihn fragte, warum er
-den Menschen so sehr aus dem Wege gehe, habe er geantwortet: »Weiß Gott,
-ich liebe die Menschen, aber ich kann nicht mit Gott und mit den Menschen
-zugleich verkehren«.
-
-Die heiligen Väter scheuten den Verkehr und die Bekanntschaft mit den
-Leuten so sehr, daß einige von ihnen, nur um die Menschen ganz fern von
-sich zu halten, sich wahnsinnig stellten, ja, was fast unglaublich ist,
-sich selbst für Ketzer ausgaben. In dem »Leben der Altväter« kann man es
-lesen, was der Vater Simeon für Anstalten machte, als der Statthalter der
-Provinz ihn besuchen wollte: er bedeckte sich mit einem Sack, nahm ein
-Stück Brot und Käse in die Hand, setzte sich unter die Thür seiner Zelle
-und fing an zu essen. Man lese auch die Geschichte von jenem Einsiedler,
-der, als er erfuhr, daß Leute mit Fackeln zu ihm kommen, seine Kleider
-auszog, sie in den Fluß warf und alsdann ganz nackt sich anschickte, sie zu
-waschen. Sein Diener errötete bei diesem Anblick und bat die Leute: »Kehret
-um, der Alte hat den Verstand verloren«. Als er wieder zu ihm kam, fragte
-er ihn: »Was hast du denn gemacht, Vater? Alle, die dich sahen, sagten: der
-Alte ist besessen«. Da antwortete der Greis: »Das eben wollte ich hören«.
-
-Von dem Vater Moses ist ferner zu lesen, daß er, um dem Besuch des
-Statthalters zu entgehen, sich in einen Sumpf flüchtete. Unterwegs
-begegnete ihm der Statthalter mit seinen Leuten und fragte ihn: »Sag uns,
-Alter, wo ist die Zelle des Moses?« Dieser antwortete: »Was wollt ihr von
-ihm? Er ist ein Narr und ein Ketzer«. Was soll man dazu sagen, daß der
-Vater Pastor sich nicht von dem Statthalter besuchen ließ, obgleich er
-dadurch den Sohn seiner Schwester, die ihn flehentlich darum bat, aus dem
-Gefängnis hätte befreien können? Wie seltsam! Die Mächtigen dieser Welt
-kommen voll Verehrung und Demut, die Heiligen zu besuchen, und diese sind
-bestrebt, sie gänzlich von sich fernzuhalten, selbst auf Kosten ihres guten
-Rufes.
-
-Damit ihr aber auch euer eigenes Geschlecht in der Ausübung dieser Tugend
-kennen lernet: wer vermöchte jene Jungfrau würdig zu preisen, welche selbst
-den Besuch des heiligen Martinus zurückwies, um in ihrer Andacht nicht
-gestört zu werden? Hieronymus schreibt darüber an den Mönch Oceanus: »Im
-Leben des heiligen Martinus erzählt Sulpitius: der heilige Martinus wollte,
-da sein Weg ihn vorbeiführte, eine durch ihre Sittenstrenge berühmte
-Jungfrau besuchen. Allein diese wollte nicht, sondern schickte ihm ein
-Geschenk und rief dem frommen Mann vom Fenster aus zu: bete dort, mein
-Vater, denn noch niemals hat mich ein Mann besucht. Martinus, dies
-vernehmend, dankte Gott, daß sie, von solchem sittlichen Ernst erfüllt,
-ihrem keuschen Vorsatz treu geblieben war. Er segnete sie und ging fröhlich
-von dannen«. Diese Jungfrau verschmähte es oder scheute sich, von dem Lager
-ihrer frommen Betrachtung aufzustehen und war bereit, dem Freunde, der an
-ihre Thür pochte, zu antworten: »Ich habe meine Füße gewaschen, wie soll
-ich sie wieder besudeln?« Wie würden sich Bischöfe und Prälaten in unserer
-Zeit gekränkt fühlen, wenn sie eine solche Zurückweisung von Arsenius oder
-von dieser Jungfrau erfahren hätten! Möchten sich durch diese Beispiele die
-Mönche beschämen lassen, die jetzt in der Einsamkeit leben und sich so sehr
-über den Besuch von Bischöfen freuen, daß sie zu ihrer Aufnahme eigene
-Häuser bauen. Statt die Herren dieser Welt, die gewöhnlich großes Gefolge
-mitbringen, zu meiden, laden sie dieselben ein, und unter dem Vorwand der
-Gastfreundschaft vergrößern sie ihre Niederlassungen und machen die
-Einsamkeit, die sie aufgesucht haben, zur belebten Stadt. Gewiß ist es das
-Werk des alten listigen Versuchers, daß fast alle heutigen Klöster, während
-sie in alter Zeit, um den Menschen zu entgehen, in der Abgeschiedenheit
-gegründet worden waren, später, als die Glut der Frömmigkeit erkaltete,
-Leute herbeigezogen, Knechte und Mägde in Menge angestellt und große
-Baulichkeiten an den der Einsamkeit geweihten Orten errichtet haben; so
-sind sie selber in die Welt zurückgekehrt oder haben vielmehr die Welt bei
-sich eingeschleppt. In die größten Erbärmlichkeiten verwickelt und von
-weltlicher wie von geistlicher Gewalt geknechtet, haben sie zugleich Namen
-und Wesen des Mönchs, d. h. des Einsiedlers, verloren, während sie müßig
-und von der Arbeit anderer leben wollten. Ihre Lage ist oftmals eine so
-bedrängte, daß sie, mit der Verteidigung ihrer Schutzbefohlenen und ihres
-Eigentums beschäftigt, oft ihr eigenes Besitztum einbüßen, und daß bei dem
-häufigen Brande der benachbarten Häuser auch die Klöster selbst vom Feuer
-ergriffen werden. Und dennoch legen sie ihrem Übermut keine Zügel an.
-
-Solche Menschen halten es innerhalb des Klosterbezirks nicht aus, sondern
-selbzweit und selbdritt, manchmal auch allein, durchstreifen sie Dörfer,
-Schlösser und Städte, ohne um eine Ordensregel sich zu kümmern. Sie sind
-viel schlechter als die Weltmenschen, weil sie an ihrem Gelübde zu
-Verrätern werden. Die Häuser, in welchen sie wohnen, nennen sie
-mißbräuchlich »Obedientien«, und doch wird hier keine Regel eingehalten und
-nur dem Bauch und dem Fleische wird Gehorsam geleistet. Hier hausen sie mit
-ihren Verwandten und guten Freunden und leben ungestört nach ihres Herzens
-Gelüste, da sie von ihrem Gewissen nichts zu fürchten haben. Solchen
-frechen Verrätern werden gewiß auch solche Ausschweifungen zum Verbrechen,
-die bei anderen Menschen verzeihlich sind.
-
-Mit derartigen Menschen dürfet ihr nicht bloß nicht in Berührung kommen --
-ihr solltet nicht einmal von ihnen hören. Für eure Schwachheit aber ist die
-Einsamkeit darum so notwendig, weil wir hier den Angriffen fleischlicher
-Versuchungen weniger ausgesetzt sind und unsern Sinnen weniger Gelegenheit
-geboten ist, uns zum Stofflichen hinabzuziehen. Darum sagt auch der heilige
-Antonius: »Wer in der Einsamkeit wohnt und ein beschauliches Leben führt,
-dem bleiben dreierlei Kämpfe erspart, der mit dem Gehör, der mit der Zunge
-und der mit den Augen, und nur Ein Kampf bleibt ihm zu bestehen: der mit
-dem Herzen«. Diese Vorzüge der Einsamkeit hat auch der große Kirchenlehrer
-Hieronymus gar wohl erkannt, und dem Mönche Heliodorus sie vorhaltend, ruft
-er aus: »O Einsamkeit, die du dich des vertrauten Umgangs mit Gott
-erfreust! Mein Bruder, was machst du dir in der Welt zu schaffen, der du
-über der Welt stehst!«
-
-Nachdem ich nun im allgemeinen darüber gesprochen habe, wo ein Kloster
-passend anzulegen sei, will ich noch zeigen, wie die Lage des Ortes selbst
-des näheren beschaffen sein soll. Bei der Wahl des Ortes für ein Kloster
-ist, soweit dies irgend geschehen kann, der Rat des heiligen Benediktus zu
-befolgen: innerhalb des klösterlichen Bezirkes soll womöglich alles das
-beschlossen sein, was für ein Kloster unumgänglich notwendig ist: nämlich
-Garten, Brunnen, Mühle, Bäckerei mit Backofen und Räumlichkeiten, wo die
-Schwestern ihre täglichen Geschäfte verrichten können, so daß kein Anlaß
-vorhanden ist, draußen herumzuschweifen.
-
-Wie im Kriegslager eines weltlichen Heeres, so muß auch in den Lagern des
-Herrn, d. h. in den klösterlichen Gemeinschaften, ein Oberhaupt sein, das
-den andern zu gebieten hat. Dort steht Ein Befehlshaber, dessen Wink in
-allem befolgt wird, an der Spitze des Ganzen. Wegen der Größe des Heeres
-und seiner zahlreichen Amtspflichten überträgt er einen Teil seiner Last
-auf andere und setzt zu diesem Zweck mehrere Unterbefehlshaber ein, welche
-die einzelnen Abteilungen beaufsichtigen und den Dienst überwachen. So soll
-es auch in den Klöstern gehalten werden: eine würdige Schwester soll die
-Oberaufsicht über die andern haben; nach ihrer Meinung und nach ihrem
-Gutdünken sollen sich die andern richten, keine soll sich unterstehen, ihr
-Schwierigkeiten zu machen oder gegen ihren Befehl zu murren. Denn keine
-menschliche Gemeinschaft, nicht einmal die kleine Genossenschaft auch nur
-Einer Familie kann bestehen, wenn man nicht streng auf Einigkeit hält und
-nicht das Regiment in der Hand eines Einzigen liegt. Darum schloß auch die
-Arche, das Abbild der Kirche, mit Einer Elle ab, obwohl sie deren in die
-Länge und Breite viele hatte. Und in den Sprüchen steht geschrieben: »Um
-ihrer Sünden willen hat die Erde viele Herren«. Auch nach dem Tod
-Alexanders vermehrte sich mit den Königen zugleich das Unheil, und in Rom
-hatte die Eintracht keinen Bestand, als mehrere sich in die Herrschaft
-teilten; daher sagt Lukanus im ersten Buch seiner Gedichte:
-
- »Den Grund deiner Leiden
- Schufst du dir selbst, o Rom, da du drei Herren gehorchtest:
- Nie noch ward ein Vertrag, der die Herrschaft teilte, zum Segen.«
-
--- -- -- Und einige Verse weiter unten heißt es:
-
- »Ja, so lange die Erde das Meer, der Äther den Erdball
- Trägt, und die Sonne den Lauf in weiten Bahnen vollendet,
- Und den Tag ablösend die Nacht mit denselben Zeichen heraufzieht:
- _So lang_ traut von mehreren Herrn nicht einer dem andern,
- Und kein Herrscher trägt mit Geduld den Genossen der Herrschaft.«
-
-So ging es gewiß auch mit den Jüngern des frommen Abtes Frontonius. Er
-hatte deren in seinem Geburtsort gegen siebzig um sich versammelt und große
-Gnade bei Gott und den Menschen erlangt. Auf einmal verließ er das Kloster
-in der Stadt und alles, was er an Gütern besaß, und nahm seine Jünger, von
-allem entblößt, mit sich in die Wüste. Nach kurzer Zeit murrten sie, wie
-einst das Volk Israel gegen Moses, weil er sie von den Fleischtöpfen
-Ägyptens und dem Überfluß des Landes in die Wüste geführt habe, und
-sprachen: »Ist die Keuschheit nur in der Wüste zu Hause, nicht auch in den
-Städten? Warum kehren wir nicht zurück in die Stadt, die wir nur auf kurze
-Zeit verlassen wollten? Oder erhört Gott nur in der Wüste Gebete? Wer kann
-von der Speise der Engel leben? Wer macht sich gern zum Genossen der wilden
-Tiere? Was nötigt uns, hier zu bleiben? Warum kehren wir nicht zurück in
-die Heimat, um dort Gott zu preisen?«
-
-Daher mahnt auch der Apostel Jakobus: »Liebe Brüder, unterwinde sich nicht
-jedermann Lehrer zu sein und wisset, daß wir desto mehr Urteil empfahen
-werden«. Und Hieronymus schreibt in der Lebensregel, die er dem Mönch
-Rusticus gab: »Keine Kunst lernt sich ohne Lehrer. Selbst die
-unvernünftigen Geschöpfe und die Rudel wilder Tiere haben ihre Führer,
-denen sie folgen. Bei den Bienen geht Eine voran und die andern folgen. Die
-Kraniche folgen ihrem Führer in geschlossener Ordnung. Ein Herrscher, Ein
-Richter der Provinz. Als Rom gegründet wurde, konnte es die beiden Brüder
-nicht zugleich als Herrscher ertragen, und es kam darob zum Brudermord. Im
-Leib der Rebekka haben Esau und Jakob einander bekämpft. Jeder Bischof,
-jeder Oberpriester, jeder Archidiakon und überhaupt der ganze hierarchische
-Stand hat seinen Vorgesetzten. Im Schiff Ein Steuermann, im Haus Ein Herr.
-Im größten Heere sieht alles auf den Wink eines Einzigen. Durch all dies
-will ich nur soviel klar machen, daß man im Kloster nicht nach seinem
-eigenen Willen lebt, sondern unter der Zucht eines einzigen Vorgesetzten
-und in der Gemeinschaft mit vielen«.
-
-Um aber die Einigkeit aufrecht zu erhalten, ist es notwendig, daß Eine
-Schwester allen andern vorstehe, und daß ihr alle übrigen gehorchen. Unter
-ihr sollen dann wieder andere gleichsam als Hilfsbeamte stehen, welche sie
-nach eigenem Ermessen wählen mag. Diese sollen ihres Amtes warten in dem
-Umfang, wie es ihnen von der Oberin übertragen worden ist, und gleichsam
-die Anführer und Berater im Heere des Herrn sein. Die Gesamtheit der
-übrigen aber soll als der Truppenkörper unter ihrer Leitung gegen den Bösen
-und seine Trabanten tapfer ankämpfen.
-
-Ich bin der Meinung, daß für die gesamte Verwaltung des Klosters nicht mehr
-und nicht weniger als sieben Schwestern notwendig sind: nämlich eine
-Pförtnerin, eine Kellermeisterin, eine Kleiderbewahrerin, eine
-Krankenpflegerin, eine Vorsängerin, eine Sakristane, endlich eine
-Diakonisse, oder, wie man sie jetzt nennt, eine Äbtissin. Diese Diakonisse
-bekleidet gleichsam die Stelle des Feldherrn, dem alles gehorcht, in diesem
-geistlichen Lager, in diesem Kriegsdienst des Herrn; steht ja doch
-geschrieben: »Des Menschen Leben auf der Erde ist ein Kriegsdienst« -- und
-anderswo: »Schrecklich wie Heeresspitzen«. Die sechs andern Schwestern, die
-wir Offizialen nennen, stehen unter dem Befehl der ersten und nehmen den
-Platz der Führer und Konsuln ein. Alle übrigen Nonnen aber, die wir
-Klausnerinnen nennen, verrichten nach Art von Kriegern den göttlichen
-Dienst, in welchem sie stehen. Solche Schwestern aber, die sich bekehrt
-und, ebenfalls der Welt entsagend, sich den Nonnen angeschlossen haben und
-ein frommes, wenngleich nicht klösterliches Leben führen, nehmen eine mehr
-untergeordnete Stellung ein, wie der Troß bei einem weltlichen Heer.
-
-Nun aber bleibt noch übrig, unter der Leitung des göttlichen Geistes die
-einzelnen Rangstufen in diesem Heerwesen genau festzusetzen, damit sie den
-Angriffen der bösen Geister gegenüber wirkliche »Heeresspitzen« seien.
-
-Bei der Aufstellung unserer Regel wollen wir mit dem Oberhaupte, nämlich
-mit der Diakonisse, beginnen und unsere Anordnungen über diejenige Person
-feststellen, die dann wiederum alles andere anzuordnen hat. Ich habe schon
-in meinem letzten Brief erwähnt, wie der Apostel Paulus dem Timotheus ihre
-Frömmigkeit als eine solche beschreibt, die ganz besonders hervorragend und
-erprobt sein müsse; nämlich also: »Laß keine Witwe erwählt werden unter
-sechzig Jahren, und die da gewesen sei Eines Mannes Weib und die ein
-Zeugnis habe guter Werke, so sie Kinder aufgezogen hat, so sie gastfrei
-gewesen ist, so sie der Heiligen Füße gewaschen hat, so sie den Trübseligen
-Handreichung gethan hat, so sie allem guten Werk nachgekommen ist. Der
-jungen Witwen aber entschlage dich«. Derselbe Apostel sagt in seiner
-Unterweisung für Diakonen über die Diakonissen: »Desselbengleichen ihre
-Weiber sollen ehrbar sein, nicht Lästerinnen, nüchtern, treu in allen
-Dingen«. Den Zweck und die Absicht, welche der Apostel mit diesen
-Bestimmungen verfolgt, glaube ich in meinem letzten Brief genügend
-besprochen zu haben, besonders auch die Frage, warum die Diakonisse nach
-dem Willen des Apostels Eines Mannes Weib und vorgerückten Alters sein
-soll. Darum können wir uns auch nicht genug wundern, daß in die Kirche der
-verderbliche Brauch sich eingeschlichen hat, lieber Jungfrauen als gewesene
-Ehefrauen mit diesem Amte zu betrauen und öfters Jüngere den Älteren
-vorzuziehen, da doch der Prediger sagt: »Wehe dir, Land, des König ein Kind
-ist« -- und da wir doch alle gewiß dem Worte des frommen Hiob recht geben:
-»Bei den Großvätern ist Weisheit und Verstand bei den Alten«. Darum heißt
-es auch in den Sprüchen: »Graue Haare sind eine Krone der Ehren, die auf
-den Wegen der Gerechtigkeit gefunden werden«. Und im Buche Sirach: »O wie
-fein steht's, wenn die grauen Häupter weise und die Alten klug und die
-Herren vernünftig und vorsichtig sind! Das ist der Alten Krone, wenn sie
-viel erfahren haben; und ihre Ehre ist, wenn sie Gott fürchten.« Weiter
-heißt es da: »Der Älteste soll reden, denn es gebühret ihm, als der
-erfahren ist ... Ein Jüngling mag auch wohl reden einmal oder zwei, wenn's
-not ist; und wenn man ihn fragt, soll er's kurz machen, und sich halten als
-der nicht viel wisse und lieber schweige. Und soll sich nicht den Herrn
-gleich achten und wenn ein Alter redet, nicht drein waschen«.
-
-Darum nennt man auch die Priester, welche in der Kirche über dem Volk
-stehen, Älteste; schon ihr Name will ausdrücken, was sie sein sollen. Und
-in den Lebensbeschreibungen der Heiligen heißen diejenigen, die wir jetzt
-Väter nennen, Alte.
-
-Mit allem Ernst also hat man darauf zu sehen, daß bei der Wahl und Weihe
-der Diakonisse vor allem der Rat des Apostels befolgt und eine Schwester
-gewählt werde, welche durch ihre Lebensführung und durch ihr Wissen den
-andern überlegen ist; ihr reifes Alter soll eine Bürgschaft sein auch für
-die Zuverlässigkeit ihrer Sitten; durch Gehorsam soll sie sich das Recht
-zum Befehlen erworben haben; die Regel soll sie nicht bloß vom Hörensagen,
-sondern vom Ausüben kennen gelernt und sich fest eingeprägt haben. Wenn sie
-nicht durch Gelehrsamkeit glänzt, so mag sie sich darüber trösten: sie ist
-ja nicht zu philosophischen Verhandlungen und dialektischen Übungen da,
-sondern sie soll sich mit der Kunst des regelrechten Lebens und mit der
-Ausübung guter Werke befassen. So heißt es vom Herrn: er fing an zu thun
-und zu lehren -- also zuerst thun, dann erst lehren. Denn die Kunst des
-Handelns ist besser und vollkommener als die des Redens, die That ist mehr
-wert als das Wort. Wir wollen uns das Wort merken, das vom Vater Ipitius
-überliefert ist: »Der ist der rechte Weise, der nicht durch Worte, sondern
-durch Thaten andere belehrt«. Diese Äußerung ist dazu angethan, uns in
-dieser Hinsicht Kraft und Vertrauen mitzuteilen.
-
-Wir wollen uns auch den Ausspruch des heiligen Antonius merken, mit dem er
-phrasenreiche Philosophen abwies, die über seine Art zu lehren spotteten,
-als sei er ein einfältiger, ungebildeter Mensch. »Antwortet mir« -- sagte
-er zu ihnen -- »was ist älter: der gesunde Menschenverstand oder die
-Gelehrsamkeit? Und welches von beiden ist aus dem andern entstanden, der
-Verstand aus der Gelehrsamkeit oder die Gelehrsamkeit aus dem gesunden
-Menschenverstand?« Auf ihre Antwort, daß der Verstand Urheber und Erfinder
-der Gelehrsamkeit sei, erwiderte Antonius: »Also braucht sich, wer gesunden
-Menschenverstand besitzt, um Gelehrsamkeit nicht zu kümmern«.
-
-Man vernehme auch das Wort des Apostels, das uns Stärke verleiht im Herrn:
-»Hat nicht Gott die Weisheit dieser Welt zur Thorheit gemacht?« Und
-wiederum; »Was thöricht ist vor der Welt, das hat Gott erwählet, daß er die
-Weisen zu schanden mache, und was schwach ist vor der Welt, das hat Gott
-erwählet, daß er zu schanden mache, was stark ist, und das Unedle vor der
-Welt und das Verachtete hat Gott erwählet, und das da nichts ist, daß er zu
-nichte mache, was etwas ist, auf daß sich vor ihm kein Fleisch rühme«. Denn
-das Reich Gottes besteht, wie er selbst sagt, nicht in Worten, sondern in
-Kraft.
-
-Hält es die Äbtissin jedoch für nötig, zu gründlicherer Erkenntnis dieses
-oder jenes Gegenstandes sich an die Schrift zu wenden, so mag sie, ohne zu
-erröten, sachverständige, gelehrte Leute darüber befragen, etwas Neues
-lernen und hierbei die Aufschlüsse, welche die Wissenschaft giebt, nicht
-gering achten, sondern sich dieselben bescheiden und sorgfältig aneignen;
-hat doch auch das Haupt der Apostel sogar die Rüge seines Mitapostels
-Paulus geduldig hingenommen. Auch der heilige Benedikt bestätigt es, daß
-der Herr oft gerade den Geringsten sich am herrlichsten offenbart.
-
-Um aber dem göttlichen Willen, so wie der Apostel ihn oben gekennzeichnet
-hat, noch weiter zu willfahren; so soll man bei der Wahl der Äbtissin, wenn
-nicht die gebieterische Not und triftige Gründe eine andere Maßregel
-erheischen, von vornehmen, in der Welt einflußreichen Personen absehen.
-Denn solche könnten im Vertrauen auf ihre Abkunft leicht hochfahrend,
-anspruchsvoll und stolz werden; die Wahl solcher Frauen würde dem Kloster
-zum Verderben ausschlagen, besonders dann, wenn dieselben Landeskinder
-sind. Denn es steht zu befürchten, daß die Nähe ihrer Angehörigen sie in
-ihrer Anmaßung bestärke, daß das Kloster durch den häufigen Besuch ihrer
-Verwandten belastet und in seiner Ruhe gestört werde, daß sie selbst durch
-die Ihrigen die Klosterordnung antasten lasse oder die Mißbilligung anderer
-sich zuziehe nach dem Worte der Wahrheit; »Der Prophet gilt nirgends
-weniger als in seinem Vaterlande«.
-
-Dies hat auch der heilige Hieronymus im Auge, wenn er nach Aufzählung alles
-dessen, was einem Mönche, der in seiner Heimat bleibe, zum Schaden
-gereichen könne, in seinem Brief an Heliodorus sagt: »Aus diesen Erwägungen
-geht hervor, daß ein Mönch in seinem Vaterlande nicht zur Vollkommenheit
-gelangen kann. Nicht vollkommen werden wollen ist aber so viel wie Sünde
-begehen«. Wie großen Schaden aber werden die anvertrauten Seelen nehmen,
-wenn es diejenige mit den Pflichten der Religion nicht genau nimmt, die
-dazu bestellt ist, über die Erfüllung derselben zu wachen? Für die Menge
-der untergeordneten Schwestern genügt es, wenn sie die eine oder andere
-Tugend aufzuweisen haben. Die Äbtissin muß alle Tugenden mustergültig in
-sich vereinigen, so daß sie in allem, was sie von den andern verlangt,
-selbst mit gutem Beispiel vorangehen kann, und nicht etwa ihre Sitten mit
-ihren eigenen Geboten im Widerspruch stehen, oder daß sie nicht mit Worten
-aufbaut und mit Thaten selbst wieder einreißt und so das Wort der
-Zurechtweisung aus ihrem Munde verloren gehe, daß sie erröten müßte andere
-zu tadeln über Fehler, deren sie sich selber schuldig macht.
-
-Diesem Fehler zu entgehen, bittet der Psalmist den Herrn: »Laß die Wahrheit
-nimmer ferne sein von meinem Munde«; denn er gedenkt der schweren Drohung
-des Herrn, die er an anderer Stelle erwähnt, wenn er sagt: »Zu dem Sünder
-aber hat Gott gesprochen: Was verkündigest du meine Rechte und nimmst
-meinen Bund in deinen Mund, so du doch Zucht hassest und wirfst meine Worte
-hinter dich?« Und der Apostel Paulus, diesem Vorwurf zu entgehen, sagt:
-»Ich betäube meinen Leib und zähme ihn, daß ich nicht den andern predige
-und selbst verwerflich werde«. Denn wessen Leben verächtlich ist, der darf
-sich nicht wundern, wenn auch seine Predigt und Lehre mißachtet wird. Und
-wenn der, der einen andern heilen sollte, an der nämlichen Krankheit selbst
-leidet, so kann ihm der Kranke mit Recht zurufen: »Arzt, hilf dir selber!«
-
-Möchte sich doch jeder, der in der Kirche eine gebietende Stellung
-einnimmt, klar machen, welch große Zerstörung sein eigener Fall verursacht,
-da er seine Untergebenen mit hinunterreißt in den Abgrund des Verderbens.
-Die Wahrheit spricht: »Wer eines von diesen kleinsten Geboten auflöset und
-lehret die Leute also, der wird der Kleinste heißen im Himmelreich«. Es
-löst aber das Gebot auf, wer das Gegenteil davon thut, und ein solcher
-Mann, der durch sein schlimmes Beispiel auch andere verdirbt, sitzt auf
-seinem Stuhl als ein Lehrer der Pestilenz. Wenn nun einer, der sich also
-verschuldet, der Kleinste heißen soll im Himmelreich: wofür soll dann ein
-schlechter Vorgesetzter gelten, von dessen Pflichtvergessenheit der Herr
-nicht bloß das Blut seiner eigenen Seele, sondern auch aller ihm
-untergebenen Seelen Blut verlangen wird?
-
-Darum spricht die »Weisheit« folgende Drohung aus: »Denn euch ist die
-Obrigkeit gegeben vom Herrn und die Gewalt vom Höchsten, welcher wird
-fragen, wie ihr handelt, und forschen, was ihr ordnet. Denn ihr seid seines
-Reiches Amtleute; aber ihr führet euer Amt nicht fein, und haltet kein
-Recht, und thut nicht nach dem, das der Herr geordnet hat. Er wird gar
-greulich und kurz über euch kommen, und es wird ein gar scharf Gericht
-gehen über die Oberherrn. Denn den Geringen widerfähret Gnade; aber die
-Gewaltigen werden gewaltiglich gestraft werden, und über die Mächtigen wird
-ein stark Gericht gehalten werden«.
-
-Der Untergebene hat genug gethan, wenn er seine eigene Seele vor Sünde
-bewahrt. Den Vorgesetzten droht der Tod auch für fremde Vergehungen. Denn
-mit der Größe der anvertrauten Gabe wächst auch die Verantwortung, und wem
-viel gegeben ist, von dem wird auch viel gefordert werden. Das Buch der
-»Sprüche« warnt uns vor dieser großen Gefahr eindringlich mit den Worten:
-»Mein Kind, wirst du Bürge für deinen Nächsten und hast deine Hand bei
-einem Fremden verhaftet, so bist du verknüpft mit der Rede deines Mundes
-und gefangen mit den Reden deines Mundes. So thue doch, mein Kind, also und
-errette dich, denn du bist deinem Nächsten in die Hände gekommen. Eile,
-dränge und treibe deinen Nächsten. Laß deine Augen nicht schlafen noch
-deine Augenlider schlummern«.
-
-Bürge für einen Freund werden wir, indem unsere Liebe irgend jemand in
-unsere Lebensgemeinschaft aufnimmt. Wir sagen ihm unsere liebevolle
-Fürsorge zu, wie er seinerseits uns Gehorsam verspricht. Und unsere Hand
-»verhaften« wir insofern bei ihm, als wir infolge des Gelübdes ihn zum
-Gegenstand unserer thätigen Fürsorge machen. Endlich sind wir ihm auch »in
-die Hände gekommen«, denn, wenn wir uns nicht vor ihm vorsehen, so kann er
-zum Mörder unserer Seele werden. Um dieser Gefahr zu entgehen, ist der Rat
-zu befolgen: »Eile, dränge und treibe« u. s. w.
-
-So soll denn die Äbtissin gleich einem umsichtigen, unermüdlichen Feldherrn
-bald hier bald dort sein und ihr Lager in Ordnung halten und mustern, damit
-nicht durch Nachlässigkeit dem ein Zugang sich öffne, der umhergeht wie ein
-brüllender Löwe und sucht, wen er verschlinge. Alle Schäden des Hauses soll
-sie zuerst bemerken, damit sie von ihr gutgemacht werden können, ehe sie
-von andern bemerkt werden und böses Beispiel geben. Möge es ihr nicht so
-gehen, wie den thörichten oder nachlässigen Leuten, denen der heilige
-Hieronymus den Vorwurf macht: »Gewöhnlich erfahren wir selbst es zuletzt,
-wenn in unserem Hause etwas nicht in Ordnung ist und wissen nichts von den
-Fehlern unserer Kinder und Frauen, wenn die Nachbarn schon laut davon
-sprechen«.
-
-Die Schwester, die den andern vorsteht, mag allezeit bedenken, daß sie die
-Verantwortung für Leib und Seele der Ihrigen übernommen hat. Für die Obhut
-des Leibes findet sich eine Mahnung im Jesus Sirach: »Hast du Töchter, so
-bewahre ihren Leib und zeige ihnen kein allzu heiteres Angesicht«. Und
-weiter: »Eine Tochter macht dem Vater viel Wachens, davon niemand weiß, und
-das Sorgen für sie nimmt ihm viel Schlaf, da sie möchte geschändet werden«.
-Wir schänden aber unsern Körper nicht bloß durch Unzucht, sondern durch
-jede unreine That, geschehe sie nun mit der Zunge oder mit irgend einem
-andern Glied, indem wir es zu irgend einem flüchtigen sinnlichen Genuß
-mißbrauchen. Es steht geschrieben: »Der Tod dringt ein durch unsere
-Fenster«, d. h. die Sünde gelangt ins Herz auf dem Weg unserer fünf Sinne.
-Giebt es einen schrecklicheren Tod als den Tod der Seele, und ist irgend
-etwas schwerer zu behüten als sie? »Die Wahrheit« spricht: »Fürchtet euch
-nicht vor denen, die den Leib töten und die Seele nicht mögen töten«. Von
-allen, die diesen Rat vernehmen: wer fürchtet nicht mehr den leiblichen Tod
-als den der Seele? Wer flieht nicht ängstlicher das Schwert als die Lüge?
-Und doch steht geschrieben: »Der Mund, der da lüget, tötet die Seele«. Was
-ist so leicht zu töten wie die Seele? Welcher Pfeil ist so schnell fertig
-wie die Sünde? Wer ist auch nur über seine Gedanken Herr? Wer ist fähig,
-sich selbst vor Sünde zu bewahren, geschweige denn andere? Welcher
-menschliche Hirte ist imstande, seine geistlichen Schafe vor den
-geistlichen Wölfen, eine unsichtbare Schar vor dem unsichtbaren Feinde zu
-bewahren? Wer hätte nicht Angst vor dem Räuber, der nicht aufhört uns
-anzugreifen, den kein Wall auszuschließen, kein Schwert zu töten oder zu
-verwunden vermag? der ohn' Unterlaß uns nachstellt und besonders die
-Frommen verfolgt nach dem Wort des Propheten Habakuk: »Seine Lockspeisen
-sind auserlesen«. Der Apostel Petrus warnt uns vor ihm mit den Worten:
-»Euer Widersacher, der Teufel, geht umher wie ein brüllender Löwe und
-suchet, welchen er verschlinge«. Und wie sicher er in der Hoffnung ist, uns
-zu verschlingen, das sagt der Herr in dem Wort an Hiob: »Siehe, er schluckt
-in sich den Strom und achtet es nicht groß; läßt sich dünken, er wolle den
-Jordan mit seinem Munde ausschöpfen«. Denn was sollte der nicht anzugreifen
-wagen, der den Herrn selbst zu versuchen sich nicht gescheut hat? Der schon
-die ersten Menschen im Paradies überlistet und aus der Schar der Apostel
-dem Herrn einen Jünger geraubt hat? Welcher Ort wäre sicher vor ihm?
-Welches Schloß vermöchte er nicht zu sprengen? Wer vermag sich zu schützen
-gegen seine Nachstellungen, wer seinen Anläufen zu widerstehen?
-
-Er ist es, der durch Einen Stoß die vier Wände des frommen Hiob zu Fall
-gebracht und seine unschuldigen Söhne und Töchter gewaltsam umgebracht hat.
-Was wird vollends das schwache Geschlecht gegen ihn vermögen? Wer hat seine
-Verführungskünste mehr zu fürchten als die Frau? Denn bei ihr hat er mit
-der Verführung angefangen und hat durch sie den Mann und die ganze
-Nachkommenschaft überlistet. Die Begierde nach dem Besitz eines noch
-höheren Gutes hat das Weib auch um den des geringeren gebracht.
-
-Diese Verführungskunst wird er auch jetzt noch beim Weib mit Erfolg
-anwenden, da sie lieber herrschen als gehorchen will und sich durch das
-Verlangen nach Besitz und Ehre bestimmen läßt. Das was nachfolgt, wirft ein
-Licht auf das, was vorangegangen ist. Wenn die Vorgesetzte ein
-genußreicheres Leben führt als die Untergebene oder wenn sie sich etwas
-erlaubt, was über das eigentliche Bedürfnis hinausgeht, so ist doch außer
-Zweifel, daß sie danach Verlangen getragen hat. Wenn sie jetzt nach
-kostbarerem Schmuck trachtet als sie früher hatte, so muß ihr Herz doch
-gewiß von eitlem Wahn erfüllt sein. Ihr Vorleben wird durch ihr späteres
-Verhalten gerichtet. Ob das, was sie früher gethan hat, echte Tugend oder
-nur Heuchelei war, das kommt nach ihrer Erhöhung an den Tag. Sie soll sich
-auf ihren hohen Ehrenplatz eher mit Gewalt ziehen lassen als von selber
-kommen -- nach dem Worte des Herrn; »Alle, die kommen, sind Diebe und
-Räuber«. -- »Es sind gekommen,« sagt Hieronymus, »die nicht gesandt waren.«
-Man soll sich eine Ehre lieber aufzwingen lassen als sie erzwingen. »Denn
-niemand,« sagt der Apostel, »nimmt sich selbst die Ehre, sondern der auch
-berufen sei von Gott, gleichwie Aaron.« Wirst du berufen, so traure wie
-eine, die zum Tode geführt wird, wirst du verschmäht, so freue dich, als
-wärest du dem Tode entgangen.
-
-Wir erröten über Worte, durch welche wir uns anderen überlegen zeigen; wenn
-wir aber zu einem Ehrenamt erwählt werden, und durch die Verhältnisse
-selbst unsere Tüchtigkeit dargelegt wird, dann sind wir ohne Schüchternheit
-und Scham. Und doch weiß jedermann, daß es die Besseren sind, die den
-anderen vorgezogen werden. Darum heißt es in den Moralia, Kapitel XXIV:
-»Wer die Menschen nicht gut zu vermahnen und zurechtzuweisen versteht, der
-soll auch nicht die Leitung derselben übernehmen. Wer dazu erwählt wird,
-daß er die Fehler anderer verbessere, der darf nicht selber begehen, was er
-ausrotten soll«.
-
-Wenn wir aber bei einer solchen Wahl einen oberflächlichen Widerstand
-leisten mit angenommener Bescheidenheit und uns der angebotenen Ehre für
-unwürdig erklären, so klagen wir uns gewiß nur darum an, weil wir dadurch
-den Schein um so größerer Gerechtigkeit und Würdigkeit erwecken wollen. Wie
-viele habe ich bei ihrer Wahl mit den Augen weinen und mit dem Herzen
-lachen sehen! Des Unwertes zeihen sie sich, um dadurch nur noch mehr
-Beifall und Gunst bei den Menschen zu erjagen. Sie wissen, daß geschrieben
-steht: »Der Gerechte klagt sich selber zuerst an«. Und wenn sich später
-einmal wirklich eine Anklage gegen solche Leute erhebt und ihnen
-Gelegenheit geboten wäre zu weichen, dann halten sie aufs unpassendste und
-unverschämteste an der Ehrenstelle fest, und doch haben sie einst mit
-falschen Thränen und wahren Anklagen gegen sich selbst bewiesen, daß sie
-ihnen aufgenötigt worden sei.
-
-Wie oft habe ich es mit angesehen, daß Kanoniker ihren Bischöfen, die ihnen
-die heiligen Weihen aufnötigen wollten, widerstrebt und erklärt haben, sie
-seien eines solchen Amtes unwürdig und könnten es nicht mit gutem Gewissen
-annehmen. Wenn sie dann der Klerus später zum Bischofsamt erwählte, fand er
-geringen oder gar keinen Widerstand. Und solche, die gestern noch das
-Diakonat ausschlugen, um, wie sie sagten, nicht für ihre Seele Gefahr zu
-laufen, fürchteten sich schon am andern Tage nicht mehr vor dem Sturz von
-viel höherer Stufe, als wären sie über Nacht tüchtig geworden. Von ihnen
-gilt das Wort, das in den »Sprüchen« geschrieben steht: »Ein Thor klatscht
-in die Hände, wenn er für seinen Freund Bürge geworden ist«. Denn der
-Unglückliche freut sich da, wo er viel eher Ursache zur Trauer hätte:
-nämlich wenn er den Oberbefehl über andere erhält und sich selbst
-verpflichtet, für seine Untergebenen zu sorgen, von denen er mehr geliebt
-als gefürchtet werden soll.
-
-Um solchem Verderben nach Möglichkeit zu steuern, verbieten wir durchaus,
-daß die Äbtissin ein besseres und gemächlicheres Leben führe als ihre
-Untergebenen. Weder beim Essen noch beim Schlafen soll sie sich von den
-übrigen absondern, sondern sie soll alles in Gemeinschaft der ihr
-anvertrauten Herde thun und dadurch, daß sie immer zugegen ist, Gelegenheit
-haben, um so besser für sie zu sorgen. Es ist uns zwar wohl bekannt, daß
-der heilige Benedikt, in seiner Fürsorge für Pilger und Gäste, dem Abt
-gestattete, mit diesen an einem besonderen Tische zu sitzen. Diese
-Bestimmung ist damals in gutem Glauben getroffen worden, später aber ist
-sie zum Besten der Klöster dahin geändert worden, daß der Abt den Konvent
-nicht verlassen, sondern daß ein zuverlässiger Hausmeister die Sorge für
-die Pilger übernehmen solle. Denn während der Mahlzeit kann gar leicht ein
-Verstoß vorkommen, und gerade bei dieser Gelegenheit muß besonders streng
-auf Ordnung gehalten werden. Es kommt auch vor, daß man unter dem Vorwand
-der Gastfreundschaft mehr sich selber etwas Gutes gönnt als den Gästen.
-Dadurch setzt man sich bei denen, die nicht dabei sind, dem schlimmsten
-Verdacht aus und erregt ihre Unzufriedenheit. Je weniger die Lebensführung
-des Abtes den Seinigen bekannt ist, desto geringer ist sein Ansehen. Jede
-Art von Entbehrung erscheint dagegen allen dann erträglicher, wenn alles
-gleicherweise daran trägt, und in erster Linie die Vorgesetzten. Dies lehrt
-uns das Beispiel Catos. Denn von ihm wird berichtet: sein Heer mußte mit
-ihm Durst leiden; als man ihm nun ein wenig Wasser anbot, verschmähte er
-die Gabe und goß es zur allgemeinen Befriedigung aus.
-
-Da also den Vorgesetzten vor allen Dingen Nüchternheit not thut, so müssen
-sie selber um so genügsamer leben, da sie ja auch noch für andere zu sorgen
-haben. Um die Gabe Gottes, d. h. das ihnen verliehene Ehrenamt, nicht in
-Übermut zu verkehren und dadurch besonders bei ihren Untergebenen Anstoß zu
-erregen, mögen sie sich zu Herzen nehmen, was geschrieben steht: »Sei nicht
-ein Löwe in deinem Hause und nicht ein Wüterich gegen dein Gesinde, denn
-Hochmut ist bei Gott und Menschen verhaßt. Gott hat die hoffärtigen Fürsten
-vom Stuhl heruntergeworfen und demütige darauf gesetzt. Man hat dich zum
-Lenker gemacht: wolle dich darum nicht überheben, sondern sei wie einer von
-den andern«. Auch der Apostel, indem er dem Timotheus Verhaltungsmaßregeln
-gegen Untergebene giebt, sagt: »Einen Alten schelte nicht, sondern ermahne
-ihn als einen Vater, die Jungen als die Brüder, die alten Weiber als die
-Mütter, die jungen als die Schwestern«. -- »Nicht ihr habt mich erwählt« --
-spricht der Herr -- »sondern ich habe euch erwählt«. Alle andern
-Vorgesetzten werden von den Untergebenen gewählt und eingesetzt, denn man
-nimmt sie weniger zum Herrschen als zum Dienen. Gott allein ist der wahre
-Herr und kann sich seine Unterthanen auswählen zu seinem Dienst. Und doch
-hat er sich weniger als Herrn denn als Diener gezeigt, und die Seinigen,
-welche nach der höchsten Ehre trachten, weist er zurecht durch sein eigenes
-Vorbild und indem er sagt: »Die weltlichen Könige herrschen und die
-Gewaltigen heißet man gnädige Herrn. Ihr aber nicht also«.
-
-Die weltlichen Könige ahmt also nach, wer über seine Untergebenen nur
-herrschen will, statt ihnen zu dienen, und wer lieber gefürchtet als
-geliebt sein will; wer, aufgebläht durch sein hohes Amt, bei Tische gern
-oben sitzt und in der Synagoge auf dem vordersten Platz; wer sich gern
-grüßen läßt auf dem Markt und sich gern Rabbi nennen läßt von den Leuten.
-Diesen Ehrentitel verbietet der Herr anzunehmen, damit wir auch unserer
-Namen uns nicht rühmen und in allen Stücken auf Demut gehalten werde. Darum
-sagt er: »Ihr aber sollt euch nicht Rabbi nennen lassen und niemand Vater
-heißen auf Erden«. Und endlich, um allem Rühmen ein Ende zu machen, sagt
-er: »Wer sich selbst erhöhet, der wird erniedriget werden«.
-
-Auch das muß vermieden werden, daß die Herde durch Abwesenheit der Hirten
-Gefahr laufe, und daß, während die Vorgesetzten draußen herumschweifen, im
-Kloster die Regel beiseite gesetzt werde. Wir bestimmen daher, daß die
-Äbtissin mehr für die geistlichen als für die leiblichen Bedürfnisse ihrer
-Schwestern sorgen und das Kloster nicht um äußerlicher Angelegenheiten
-willen verlassen soll. Vielmehr möge sie ihre ganze Sorgfalt mit allem
-Eifer auf die ihr anvertrauten Seelen wenden; auch wird sie unter den
-Menschen ein um so größeres Ansehen genießen, je seltener sie sich unter
-ihnen sehen läßt -- wie geschrieben steht: »Wenn du von einem Mächtigen
-gerufen wirst, so halte dich ferne; denn er wird dich nur um so dringender
-rufen«. Wenn aber das Kloster eine Sendung zu verrichten hat, so mögen dies
-Mönche oder deren Laienbrüder besorgen. Denn allezeit sollen die Männer für
-die Bedürfnisse der Frauen Sorge tragen. Und je frömmer die letzteren sind,
-desto mehr Zeit verwenden sie auf den Dienst des Herrn, und desto mehr sind
-sie auf die Hilfe der Männer angewiesen. Darum wird auch dem Joseph die
-Sorge für die Mutter des Herrn vom Engel übertragen, wiewohl er ihr nicht
-beiwohnen durfte. Und der Herr selbst hat seiner Mutter sterbend gleichsam
-einen zweiten Sohn bestellt, der für ihr zeitliches Wohl Sorge tragen
-sollte. Wie sehr auch die Apostel für die frommen Frauen besorgt waren, ist
-allgemein bekannt, wir haben davon schon anderswo gesprochen. Zu ihrer
-Unterstützung haben sie ja auch die sieben Diakonen eingesetzt. Ihrer
-Autorität folgend, und da die Verhältnisse es gebieterisch verlangen,
-bestimmen wir, daß Mönche und Laienbrüder nach der Weise der Apostel und
-Diakonen in den Frauenklöstern diejenigen Besorgungen auf sich nehmen, die
-zum äußeren Leben notwendig sind. Und zwar braucht man die Mönche
-hauptsächlich für die Messen, die Laienbrüder für die sonstigen Arbeiten.
-
-Es ist also notwendig, daß den Frauenklöstern Mönchsklöster zur Seite
-stehen, und daß die äußeren Angelegenheiten der Frauen von Männern besorgt
-werden, welche durch das gleiche Gelübde gebunden sind. Dieser Brauch
-bestand schon in den Anfangszeiten der Kirche zu Alexandria unter der
-Leitung des Evangelisten Markus. Und ich glaube, daß in den Nonnenklöstern
-die Ordensregel strenger gehalten wird, wenn dieselben der Sorgfalt und
-Leitung geistlicher Männer unterstellt sind und für Schafe und Widder ein
-und derselbe Hirte eingesetzt wird, so daß derjenige, der über die Männer
-gebietet, auch über die Frauen die Aufsicht führe und die apostolische
-Verordnung bestehen bleibe: »Der Mann ist des Weibes Haupt, wie Christus
-des Mannes Haupt ist, Gott aber ist Christi Haupt«.
-
-So wurde auch das Kloster der heiligen Scholastica, das auf dem Grund und
-Boden eines Mönchsklosters lag, durch ihren Bruder geleitet, und seine oder
-der anderen Brüder häufige Besuche dienten den Frauen zur Belehrung und zum
-Trost. Die Regel des heiligen Basilius giebt an irgend einer Stelle über
-eine derartige Oberleitung folgende Verhaltensmaßregeln: »Frage: Darf außer
-der Äbtissin auch der Abt eines benachbarten Mönchsklosters mit den Nonnen
-seelsorgerliche Gespräche führen? Antwort: Ja, wenn dabei die Vorschrift
-des Apostels bewahrt wird: 'lasset alles ehrlich und ordentlich bei euch
-zugehen'«. Ebenso im folgenden Kapitel: »Frage: Darf ein Abt mit einer
-Äbtissin häufig reden, besonders wenn einige von den Brüdern daran Ärgernis
-nehmen? Antwort: Der Apostel sagt zwar: 'Warum sollte ich meine Freiheit
-lassen urteilen von eines andern Gewissen' -- aber es ist gut, sich nach
-seinen folgenden Worten zu richten: 'Wir haben solcher Macht nicht
-gebraucht, damit wir nicht dem Evangelium Christi eine Hindernis machten'.
-Man soll die Frauen so selten wie möglich besuchen und die Unterredung
-möglichst kurz machen.«
-
-Daher auch der Beschluß des Konzils von Hispalis: »Einstimmig haben wir
-beschlossen, daß die Frauenklöster in der Provinz Bätica von Mönchen
-bedient und verwaltet werden sollen. Denn wir glauben für das Wohl der
-Christo geweihten Jungfrauen zu sorgen, wenn wir geistliche Väter für sie
-erwählen, nicht bloß um ihnen durch eine solche Oberleitung einen Schutz zu
-verschaffen, sondern auch damit sie von ihnen belehrt und erbaut werden.
-Doch soll in Betreff der Mönche die Einschränkung gelten, daß sie in kein
-näheres Verhältnis zu den Nonnen treten, auch keinen Zutritt in den Vorraum
-des Kloster haben sollen. Auch soll der Abt, oder wer sonst die
-Oberaufsicht hat, nicht mit Umgehung der Äbtissin den Nonnen Anweisung über
-ihr sittliches Verhalten geben. Auch mit der Äbtissin selbst soll er nicht
-zu oft und nicht unter vier Augen reden, sondern in Gegenwart von zwei oder
-drei Schwestern; sein Besuch soll selten sein, und die Unterredung kurz«.
-
-Ferne sei es von uns, zu wollen, was auch nur auszusprechen schon eine
-Sünde wäre, daß die Mönche mit den Jungfrauen Christi in vertrauten Umgang
-kämen, sondern sie sollen gemäß den Bestimmungen der Regeln und
-Vorschriften in strenger Geschiedenheit von ihnen leben. Wir stellen die
-Frauenklöster nur unter die Oberleitung von Mönchen und bestimmen, daß aus
-den Mönchen ein besonders erprobter Mann erwählt werde, dessen Sorge es
-sein soll, ihre Güter auf dem Lande oder in der Stadt zu überwachen, die
-nötigen Bauten auszuführen und für die sonstigen Bedürfnisse des Klosters
-zu sorgen, damit die Dienerinnen Christi allein mit dem Heil ihrer Seele
-beschäftigt ausschließlich dem Dienste des Herrn leben und frommen Werken
-obliegen können. Auch soll, wer von seinem Abte zu solchem Amte
-vorgeschlagen wird, die Bestätigung des Bischofs einholen.
-
-Die Nonnen aber sollen den Mönchen, deren Schutz sie erwarten, die nötigen
-Kleider anfertigen, wofür sie dann wiederum die Früchte ihrer Arbeit und
-die helfende Fürsorge derselben zu genießen haben sollen.
-
-Dieser weisen Einrichtung folgend wollen wir, daß die Frauenklöster
-allezeit Männerklöstern unterstellt werden, damit die Brüder für die
-Schwestern sorgen und beide Ein gemeinsames väterliches Oberhaupt haben,
-auf dessen Fürsorge beide Klöster angewiesen sind: so wird dann Eine Herde
-und Ein Hirte im Herrn sein. Eine solche brüderliche geistige
-Genossenschaft ist darum vor Gott und Menschen so angenehm, weil sie den
-Bedürfnissen beider Geschlechter, soweit sie sich dem Klosterleben weihen,
-entgegenkommt. Die Mönche sollen Männer, die Nonnen Frauen aufnehmen, und
-so wird jede Seele, die um ihr Heil bekümmert ist, finden, was ihr not
-thut. Und wenn einer zugleich mit seiner Mutter oder Schwester oder Tochter
-oder einer Pflegebefohlenen sich dem Klosterleben weihen will, so wird er
-hier vollen Trost finden. Solche Mönchs- und Nonnenklöster werden um so
-liebevoller miteinander verbunden und füreinander besorgt sein, je mehr
-unter den Insassen derselben Freunde und Verwandte sich befinden, welche
-nun dieses neue Band noch enger umschlingt.
-
-Wir wollen aber, daß der Vorgesetzte der Mönche, den man Abt nennt, die
-Aufsicht über die Nonnen in der Weise führe, daß er in ihnen, die Gottes
-Bräute sind -- und er ist Gottes Diener -- seine Herrinnen erblicke, über
-die er nicht gebieten, sondern denen er nur nützen soll. Er soll sein wie
-der Kämmerer im königlichen Palaste, der auch nicht durch sein Regiment die
-Fürstin belästigt, sondern nur auf ihr Wohl bedacht ist. Was sie braucht,
-wird er ihr ohne Widerrede beschaffen; für das, was ihr nachteilig sein
-könnte, wird er kein Ohr haben; alle äußeren Angelegenheiten wird er so
-erledigen, daß er niemals das Innere ihrer Gemächer betritt, außer wenn er
-befohlen wird.
-
-In dieser Weise soll -- das ist unser Wille -- der Knecht Christi Sorgen
-tragen für die Bräute Christi und ihnen an des Herrn Statt ein treuer
-Haushalter sein. Alle ihre Bedürfnisse soll er mit der Diakonisse
-besprechen und ohne sie zu Rat gezogen zu haben, soll er über die
-Dienerinnen Christi und ihre Angelegenheiten keine Bestimmung treffen, auch
-soll er keiner von ihnen etwas vorschreiben und mit keiner reden ohne die
-Vermittlung der Äbtissin. So oft ihn die letztere ruft, soll er
-bereitwillig kommen und soll das, was die Äbtissin selbst oder ihre
-Untergebenen nötig haben, unverzüglich und so gut wie möglich erledigen.
-Wird er von der Äbtissin gerufen, so soll er stets nur öffentlich und in
-Gegenwart erprobter Personen mit ihr reden, nicht allzu nahe zu ihr
-hintreten und sie nicht mit langer Rede hinhalten.
-
-Alles, was an Mundvorräten, Kleidern, auch an Geld vorhanden ist, soll bei
-den Dienerinnen Christi niedergelegt und aufbewahrt werden, und von dem,
-was den Schwestern übrig bleibt, soll den Brüdern mitgeteilt werden. Das,
-was draußen zu holen ist, sollen die Brüder beschaffen, und die Schwestern
-sollen nur das thun, was im Innern des Klosters passenderweise von Frauen
-besorgt werden kann: den Brüdern Kleider anfertigen oder reinigen, Brot
-bereiten, zum Backen einliefern und das Gebackene wieder in Empfang nehmen.
-Ihnen liegt auch die Milchwirtschaft, sowie die Hühner- oder Gänsezucht ob,
-überhaupt alle Verrichtungen, die besser für Frauen passen als für Männer.
-
-Der Abt selbst soll nach seiner Einsetzung in Gegenwart des Bischofs und
-der Schwestern schwören, daß er ihnen ein treuer Haushalter im Herrn sein
-und sie vor aller Befleckung des Fleisches sorglich behüten wolle. Und wenn
-er, was ferne sei, vom Bischof über der Vernachlässigung der übernommenen
-Pflichten betroffen werden sollte, so soll er alsbald als ein Meineidiger
-abgesetzt werden. Auch alle Brüder sollen bei Ablegung ihres Gelübdes sich
-den Schwestern gegenüber eidlich verpflichten, daß sie dieselben in keiner
-Weise werden belästigen lassen und daß sie zur Erhaltung ihrer Keuschheit
-ihr möglichstes beitragen werden.
-
-Keinem Mann soll der Zutritt zu den Schwestern verstattet sein ohne die
-ausdrückliche Erlaubnis des Oberen, und alles, was ihnen von den Schwestern
-zugeschickt wird, muß durch die Hand des Oberen gehen. Nie soll eine
-Schwester die Umfriedigung des Klosters überschreiten, sondern alle äußeren
-Angelegenheiten sollen, wie gesagt, von den Brüdern besorgt werden -- die
-Starken mögen im Schweiß ihres Angesichtes die schwere Arbeit verrichten.
-Auch soll keiner der Brüder den Bereich des Klosters betreten, er habe denn
-die ausdrückliche Erlaubnis dazu vom Abt und von der Diakonisse im Fall
-einer dringlichen, ehrbaren Angelegenheit. Wenn jemand sich untersteht,
-diesem Gebote zuwiderzuhandeln, soll er ohne Verzug aus dem Kloster
-ausgewiesen werden.
-
-Damit aber die Männer ihre überlegene Stärke nicht zu irgend welchen
-Bedrückungen der Frauen mißbrauchen, so bestimmen wir, daß sie nichts gegen
-den Willen der Äbtissin unternehmen dürfen, sondern auch sie sollen in
-allem ihres Winkes gewärtig sein. Alle, Männer wie Frauen, sollen vor der
-Äbtissin das Gelöbnis des Gehorsams ablegen! Friede und Eintracht werden um
-so fester gewahrt werden, je weniger man dem starken Geschlecht erlaubt.
-Und die Starken werden um so williger den Schwachen Folge leisten, je
-weniger sie von den letzteren etwas zu fürchten haben, und je gewisser es
-ist, daß der erhöht wird, der sich hienieden vor Gott erniedrigt. Die
-Bestimmungen, betreffend die Äbtissin, mögen damit erledigt sein, und ich
-will mich nunmehr zu den verschiedenen Klosterämtern wenden.
-
-Die _Meßnerin_, die zugleich auch Schatzmeisterin ist, hat die Aufsicht
-über das Gotteshaus; sie bewahrt die Schlüssel dazu und alles was zum
-Gottesdienst notwendig ist. Gaben, welche dem Kloster dargebracht werden,
-hat sie in Empfang zu nehmen und für alles, was im Gotteshaus zu machen
-oder wiederherzustellen ist, sowie für die gesamte Ausschmückung desselben
-Sorge zu tragen. Außerdem fällt ihr die Sorge zu für die Hostien, für die
-Gefäße und Becher, die auf den Altar gehören und überhaupt für dessen
-Ausschmückung; ferner für die Reliquien, für den Weihrauch, für die Kerzen,
-für den Stundenzeiger und für die verschiedenen Glockenzeichen. Die Hostien
-sollen womöglich die Jungfrauen selbst bereiten und das Mehl dazu reinigen,
-auch sollen sie die Altargefäße reinhalten. Doch soll weder die Meßnerin
-noch sonst eine der Nonnen die Reliquien oder die Altargefäße oder
-Altardecken berühren, wenn sie ihnen nicht zum Zweck der Reinigung
-übergeben werden. Zu diesem Behuf soll man Mönche oder Laienbrüder
-herbeirufen und auf ihre Ankunft warten. Wenn nötig, sollen unter Aufsicht
-der Meßnerin aus ihrer Zahl etliche zu diesem Geschäft bestellt werden, die
-würdig sind, die Gefäße zu berühren. Die Schwester soll die Schränke
-öffnen, und die Mönche sollen die Gefäße daraus nehmen und wieder
-hineinstellen. Diejenige Schwester, welche diese Aufsicht über das
-Sanktuarium hat, muß sich durch Reinheit ihres Lebenswandels besonders
-auszeichnen. An Leib und Seele soll sie, soweit möglich, tadellos und von
-erprobter Enthaltsamkeit und Keuschheit sein. Auch muß sie in der
-Berechnung der kirchlichen Festtage nach dem Lauf des Mondes bewandert
-sein, damit die Festzeiten im Gottesdienst genau eingehalten werden.
-
-Die _Vorsängerin_ hat die Aufsicht über den ganzen Chor; sie hat für die
-Musik beim Gottesdienst zu sorgen und lehrt die anderen singen, Noten
-lesen, schreiben und diktieren. Sie führt auch die Aufsicht über die
-Bücherschränke, giebt Bücher daraus ab und reiht solche ein und sorgt für
-das Abschreiben und Ausschmücken der Bücher. Sie ordnet an, wie man im Chor
-zu sitzen hat, und verteilt die Plätze; sie bestimmt diejenigen, welche
-vorzulesen oder zu singen haben, und hat ein Verzeichnis der Abschnitte,
-die wöchentlich im Kapitel gelesen werden sollen, anzulegen. Darum muß sie
-im Schriftwesen wohl bewandert sein und vor allem Kenntnisse in der Musik
-haben. Auch soll sie nächst der Äbtissin für die Aufrechterhaltung der
-Klosterzucht überhaupt sorgen, und wenn diese anderweitig in Anspruch
-genommen ist, soll sie ihre Stelle vertreten.
-
-Die _Krankenwärterin_ hat den Dienst der Kranken unter sich und soll
-dieselben vor Sündenschuld wie vor leiblicher Not bewahren. Was Kranke
-nötig haben an Speise, an Bädern oder sonstigen Dingen, das soll ihr ohne
-weiteres zur Verfügung gestellt werden. Denn hier gilt das bekannte
-Sprichwort: »Für Kranke giebt es kein Gesetz«. Fleisch soll ihnen nicht
-vorenthalten werden, es sei denn am Freitag, an den Hauptfestvigilien, an
-den Quatember- und an den Osterfasten. Vor Sünde sollen die Kranken um so
-mehr bewahrt werden, je näher es jedem liegt, an sein Ende zu denken. Vor
-allem wird hier Schweigen zu beobachten sein, denn in diesem Punkt vergeht
-man sich gar so leicht, und anhalten soll man am Gebet, wie geschrieben
-steht: »Mein Sohn, in deiner Krankheit verzweifle nicht an dir selbst,
-sondern bitte Gott, und er selbst wird dich heilen. Wende dich ab von der
-Sünde und strecke die Hand nach ihm aus und reinige dein Herz von aller
-Sünde«. Es ist notwendig, daß eine Krankenwache eingerichtet werde, die
-jederzeit zur Hilfeleistung für die Kranken bereit ist, und das Haus muß
-mit allem, was für Kranke notwendig ist, versehen sein. Auch für die
-Beschaffung von Arzneimitteln soll man Sorge tragen, so gut es die
-örtlichen Verhältnisse erlauben. Zu dem Zweck wird es sehr gut sein, wenn
-die Krankenwärterin etwas von der Heilkunde versteht. Auch das Verfahren
-der Blutentziehung ist ihre Sache. Sie muß zur Ader lassen können, damit
-man nicht zu einer solchen Verrichtung einem Mann den Eintritt zu den
-Frauen verstatten muß. Die Krankenwärterin hat auch für die Einhaltung der
-kanonischen Stunden und für die Kommunion bei den Kranken zu sorgen; am
-Sonntag wenigstens sollten sie kommunizieren nach jedesmal vorangegangener
-Beichte und Buße, soweit dies möglich ist.
-
-Die letzte Ölung der Kranken soll genau nach der Vorschrift des heiligen
-Apostels Jakobus vollzogen werden. Wenn der Zustand einer Kranken
-hoffnungslos geworden ist, soll man aus dem Mönchskloster zwei Priester von
-gesetztem Alter und einen Diakonen holen. Die sollen das geweihte Öl
-mitbringen und in Gegenwart der versammelten Schwestern, aber durch eine
-besondere Wand von ihnen getrennt, die heilige Handlung vollziehen. Ähnlich
-soll man es auch mit der Kommunion halten, wenn sie nötig geworden ist.
-
-Das Krankenhaus muß daher so angelegt sein, daß die Mönche zu diesen
-Verrichtungen bequem ab und zu gehen können, ohne den Konvent der
-Schwestern zu sehen und von diesem gesehen zu werden.
-
-Zum mindesten einmal jeden Tag soll die Äbtissin mit der Kellermeisterin
-die Kranken, und in ihnen Christum, besuchen, um für ihre Bedürfnisse zu
-sorgen, sowohl in geistlicher als in leiblicher Hinsicht, damit das Wort
-des Herrn von ihnen gelte: »Ich bin krank gewesen und ihr habt mich
-besucht«. Geht es mit einer Kranken zu Ende, und tritt der Todeskampf ein,
-so soll alsbald die dienende Schwester mit der Klapper in den Konvent
-eilen, und durch das Geräusch, das sie mit derselben macht, den Tod der
-Schwester ankündigen, und der ganze Konvent, zu welcher Stunde des Tages
-oder der Nacht es auch sei, soll zu der Sterbenden eilen, außer wenn
-kirchliche Pflichten davon abhalten. Ist das letztere der Fall, so genügt
-es auch -- denn nichts geht über den Dienst des Herrn -- daß die Äbtissin
-mit einigen auserlesenen Schwestern herbeieile, und der übrige Konvent
-später nachfolge. Alle aber, die auf den Ton der Klapper herbeikommen,
-sollen alsbald die Litanei anstimmen und bei ihrer Anrufung die ganze Zahl
-aller männlichen und weiblichen Heiligen durchmachen. Darauf mögen die
-Psalmen folgen und die übrigen Gesänge, die bei Leichenbegängnissen üblich
-sind.
-
-Wie segensreich es sei, zu Kranken und Toten zu gehen, das spricht der
-Prediger deutlich aus: »Es ist besser in das Klagehaus gehen, denn in das
-Trinkhaus; in jenem ist das Ende aller Menschen, und der Lebendige nimmt's
-zu Herzen«. Ferner: »Das Herz der Weisen ist im Klaghause«. Der Leichnam
-der Verstorbenen soll alsbald von den Schwestern gewaschen, mit einem
-einfachen aber reinen Hemd bekleidet und mit Schuhen angethan werden. Dann
-soll man ihn auf eine Bahre legen und das Haupt mit einem Schleier
-verhüllen. Die Kleider sollen fest zusammengenäht und dem Körper so
-angefügt sein, daß kein Spielraum übrig bleibt. Der Leichnam soll von den
-Schwestern in die Kirche getragen und, wenn es Zeit ist, von den Mönchen
-bestattet werden. Während dessen sollen die Schwestern im Oratorium Psalmen
-singen und beten. Die Äbtissin soll bei ihrem Begräbnis nur das vor den
-übrigen voraushaben, daß ihr Körper in ein härenes Hemd gehüllt und sie
-darin eingenäht werden soll wie in einen Sack.
-
-Die _Kleiderverwalterin_ hat die Sorge für die gesamten Kleidungsstücke auf
-sich zu nehmen, sowohl was das Schuhwerk als was die andern Sachen
-betrifft. Sie hat die Schafschur zu veranlassen und nimmt das Leder für das
-Schuhzeug in Empfang. Sie versieht alle Schwestern mit Faden, Nadel und
-Schere. Sie hat den Schlafsaal zu beaufsichtigen und für die Betten zu
-sorgen. Ferner liegt ihr ob die Sorge für Tischdecken, Handtücher und für
-die gesamte übrige Wäsche, sowie für das Zuschneiden, Nähen, Waschen
-derselben. Auf sie bezieht sich im besonderen das Schriftwort: »Sie gehet
-mit Wolle und Flachs um und arbeitet gern mit ihren Händen. Sie streckt
-ihre Hand nach dem Rocken, und ihre Finger fassen die Spindel. Sie fürchtet
-ihres Hauses nicht vor dem Schnee, denn ihr ganzes Haus hat zwiefache
-Kleider, und sie lacht am letzten Tage. Sie schauet, wie es in ihrem Haus
-zugehet, und isset ihr Brot nicht mit Faulheit. Ihre Söhne kommen auf und
-preisen sie selig«. Die Werkzeuge, die sie zu ihren Arbeiten nötig hat,
-sollen ihr zur Verfügung stehen, und sie soll jede der Schwestern mit der
-für sie passenden Arbeit versehen. Denn auch der Novizen soll sie sich
-annehmen, bis zu ihrer Aufnahme in den Orden.
-
-Die _Kellermeisterin_ hat Sorge zu tragen für alles was ins Gebiet des
-Lebensunterhaltes gehört: sie hat die Aufsicht über den Keller, das
-Refektorium, die Küche, die Mühle, die Bäckerei mit dem Backofen, über den
-Baum- und den Gemüsegarten und über den gesamten Feldbau, auch über die
-Bienenzucht, über das Groß- und Kleinvieh und über das Geflügel. Von ihr
-wird geholt, was man zum Essen braucht. Sie darf vor allem nicht knauserig
-sein, sondern freigebig und gern bereit, zu liefern was man braucht. Denn
-»einen fröhlichen Geber hat Gott lieb«. Überhaupt warnen wir sie davor, daß
-sie nicht ihr Amt in eigennütziger Weise mißbrauche, daß sie nicht sich
-selber eine bessere Schüssel gönne oder etwas für sich behalte auf Kosten
-der anderen. »Der beste Haushalter -- sagt Hieronymus -- ist der, der
-nichts für sich zurückbehält«. Judas, der sein Amt dazu mißbrauchte, sich
-selber zu bereichern, ging aus der Zahl der Jünger verloren. Auch Ananias
-und Sapphira mußten's mit dem Tode büßen, als sie unrecht Gut
-zurückbehielten.
-
-Zum Amt der _Thürhüterin_ oder _Pförtnerin_ gehört die Aufnahme der Gäste.
-Sie muß alle Ankömmlinge anmelden und dahin führen, wohin sie begehren; ihr
-liegt die Fürsorge für die Bewirtung ob. Sie muß reif an Alter und Verstand
-sein, damit sie Red' und Antwort zu geben vermag und beurteilen kann, wie
-und wer überhaupt aufzunehmen ist und wer nicht. Sie soll gleichsam der
-Vorhof des Herrn sein, von dem aus ein lichter Schimmer aufs ganze Kloster
-fällt, denn bei ihr empfängt der Ankömmling den ersten Eindruck vom
-Kloster. Demgemäß sei sie freundlich in ihren Worten, mild in der Anrede.
-Auch diejenigen, die sie abweisen muß, sollen durch die Art, wie sie ihre
-Gründe darlegt, in der Liebe erbaut werden. Denn es steht geschrieben:
-»Eine linde Antwort stillet den Zorn, aber ein hart Wort richtet Grimm an«.
-Und anderswo: »Ein gütiges Wort mehrt die Freunde und besänftigt die
-Feinde«. Sie soll auch öfters nach den Armen sehen und je nachdem sie ihre
-Bedürfnisse kennen gelernt hat, sie mit Speise oder Kleidern unterstützen.
-Bedarf sie oder eine der andern Schwestern in ihrer Amtsführung eine Hilfe
-oder Erleichterung, so sollen ihnen von der Äbtissin Gehilfinnen zugewiesen
-werden. Diese soll man womöglich aus den Laienschwestern nehmen, damit
-keine der Nonnen vom Gottesdienst abgehalten werde oder im Kapitel und
-Refektorium fehle.
-
-Die Pförtnerin soll ihre Zelle neben der Eingangsthür haben, woselbst sie
-oder ihre Stellvertreterin allezeit der Ankommenden gewärtig sein soll.
-Doch sollen sie während dem nicht müßig sein und sich des Schweigens um so
-mehr befleißigen, je weniger ihre Geschwätzigkeit denen, die draußen sind,
-verborgen bleibt. Die Aufgabe der Pförtnerin ist es, nicht allein den
-Männern unbefugten Eintritt zu versagen, sondern überhaupt jeden Lärm
-fernzuhalten, damit er nicht die Stille des Klosters störe, und sie trägt
-für alle Ausschreitungen in dieser Hinsicht die Verantwortung. Hört sie
-etwas, was zu wissen wichtig ist, so hat sie es in aller Stille der
-Äbtissin zu hinterbringen, und diese mag dann, wenn es ihr der Mühe wert
-scheint, darüber beraten.
-
-Sobald ans Thor geklopft oder draußen gerufen wird, soll die Schwester,
-welche an der Pforte ist, die Ankömmlinge nach ihrem Namen und Begehren
-fragen, und wenn es nötig ist, die Pforte öffnen und die Fremden
-hereinlassen. Nur Frauen dürfen im Innern des Klosters beherbergt werden;
-die Männer sind zu den Mönchen zu weisen; keiner darf unter irgend einem
-Vorwand eingelassen werden, es sei denn, daß die Äbtissin vorher befragt
-worden sei und es befohlen habe. Frauen dagegen sollen ohne weiteres
-Zutritt haben. Die aufgenommenen Frauen und die Männer, die wegen irgend
-welcher besonderen Sache eingelassen worden sind, soll die Pförtnerin
-zunächst in ihre Zelle führen, bis sie von der Äbtissin oder von den
-Schwestern, wenn dies nötig und ratsam ist, empfangen werden. Armen aber,
-welche der Fußwaschung bedürfen, soll dieser Dienst der Gastfreundschaft
-von der Äbtissin selbst oder von den Schwestern mit Sorgfalt geleistet
-werden. Denn auch der Apostel hat sich gerade durch diesen Liebesdienst den
-Namen des Diakonen verdient. So sagt auch im »Leben der Altväter« einer von
-ihnen: »Um deinetwillen ist der Erlöser Knecht geworden. Er hat sich mit
-einer Schürze umgürtet und seinen Jüngern die Füße gewaschen, und hat ihnen
-geboten, den Brüdern die Füße zu waschen«. Und der Herr selbst spricht:
-»Ich bin ein Gast gewesen und ihr habt mich beherberget«. So sagt auch der
-Apostel von der Diakonisse: »So sie gastfrei gewesen ist, so sie der
-Heiligen Füße gewaschen hat«. Alle mit Ämtern beauftragten Schwestern, die
-sich mit den Wissenschaften nicht befassen, sollen mit diesen Pflichten
-bekannt gemacht werden mit Ausnahme der Vorsängerin und derjenigen
-Schwestern, die für das Studium sich tauglich erweisen. Diesen soll man
-freie Zeit für die Wissenschaften lassen.
-
-Der Schmuck des Gotteshauses soll sich auf das Notwendige beschränken; es
-ist mehr auf Sauberkeit als auf Prunk zu sehen. Nichts in demselben soll
-aus Gold oder Silber gefertigt sein, außer ein silberner Kelch oder auch
-mehrere, wenn es nötig ist. Verzierungen aus Seide sollen nur an den Stolen
-und Armbinden angebracht sein. Keine Bildhauerarbeiten sollen im Gotteshaus
-sein. Nur ein hölzernes Kreuz soll am Altar errichtet werden, worauf das
-Bild des Erlösers gemalt werden kann, wenn man will. Aber andere Bildwerke
-sollen den Altären fremd bleiben. Das Kloster soll sich mit zwei Glocken
-begnügen. Ein Gefäß mit Weihwasser soll außen am Eingang zum Oratorium
-angebracht werden, damit sich die in der Frühe Eintretenden, und wer nach
-dem Gottesdienst hinausgeht, damit weihen. Keine der Nonnen soll bei den
-Horen fehlen; vielmehr sobald das Zeichen mit der Glocke gegeben wird,
-sollen sie alles andere beiseite legen und zum Gottesdienst eilen, doch
-bescheidenen Ganges. Beim Eintritt ins Oratorium sollen die, die es können,
-für sich sprechen: »Ich gehe ein in dein Haus und bete an in deinem
-heiligen Tempel« u. s. w. Im Chor darf kein anderes Buch geduldet werden
-als das, welches zum jedesmaligen Gottesdienst gerade nötig ist. Die
-Psalmen sollen laut und deutlich gesprochen werden, die Psalmodie oder der
-Gesang soll so gemäßigt sein, daß auch die, welche eine schwache Stimme
-haben, aufkommen können. In der Kirche soll nichts gelesen oder gesungen
-werden, was nicht der Heiligen Schrift selbst entnommen ist, also dem Neuen
-oder Alten Testament, welche beide so in Leseabschnitte einzuteilen sind,
-daß sie jedes Jahr in der Kirche einmal zur Verlesung kommen. Abhandlungen
-oder Predigten der Kirchenlehrer oder sonst erbauliche Schriften werden bei
-Tisch oder im Kapitel vorgelesen; doch soll das Lesen auch sonst überall
-gestattet werden. Doch soll keine Schwester sich etwas vorzulesen oder zu
-singen erlauben, wovon sie nicht vorher Kenntnis genommen hat. Wenn eine im
-Oratorium etwas Unpassendes vor die Versammlung bringt, so soll sie in
-Gegenwart aller Schwestern um Verzeihung bitten, indem sie für sich die
-Worte spricht: »Verzeihe mir, Herr, auch dieses Mal meine Nachlässigkeit«.
-
-Um Mitternacht erhebt man sich nach der Anweisung des Propheten zu den
-nächtlichen Vigilien. Es ist darum notwendig so frühe schlafen zu gehen,
-daß die zarte Natur der Schwestern diese Nachtwachen ertragen und das
-Tagewerk mit Sonnenaufgang begonnen werden kann, wie dies auch der heilige
-Benediktus vorschreibt. Nach den Vigilien soll man sich wieder zur Ruhe
-begeben, bis das Zeichen zur Matutine ertönt. Während des übrigen Teils der
-Nacht soll die Natur zu ihrem Recht kommen. Denn der Schlaf vor allem
-erquickt den müden Körper, macht ihn wieder arbeitsfähig und erhält ihn
-gesund und munter. Wer aber das Bedürfnis hat, über die Psalmen oder irgend
-welche Lektionen zu meditieren, wie dies auch der heilige Benediktus
-erwähnt, der soll dies so thun, daß die Ruhenden nicht im Schlafe gestört
-werden. Benedikt hat für diesen Ort weniger das Lesen als das Meditieren
-empfohlen, damit nicht durch das Lesen die Ruhe der anderen gestört werde.
-Übrigens hat er auch zu dieser Meditation die Mönche nicht gezwungen; er
-sagt nur: »Wer von den Brüdern das Bedürfnis hat«. Auch beim Einüben von
-Gesängen soll man diese Rücksichten walten lassen. Die Matutine soll beim
-ersten Tageslicht gefeiert werden, und das Zeichen dazu beim Sonnenaufgang
-selbst, wenn man ihn sehen kann, ertönen. Im Sommer, wo die Nacht kurz und
-die Morgenzeit lang ist, verbieten wir den Schwestern nicht, vor der Prima
-noch etwas zu schlafen, bis das Zeichen dazu ertönt. Von dieser Ruhe nach
-den Matutinen spricht auch der heilige Gregorius im zweiten Kapitel seiner
-Dialoge, wo er von dem ehrwürdigen Libertinus folgendes sagt: »Auf den
-folgenden Tag war eine für das Kloster wichtige Maßnahme beschlossen
-worden. Nach Vollendung der feierlichen Matutinen ging Libertinus an das
-Bett des Abtes und erbat sich von ihm demütig den Segen«. Diese Morgenruhe
-soll also verstattet sein von Ostern bis zur Herbst-Tag- und Nachtgleiche,
-von wo an die Tage wieder kürzer werden.
-
-Nach dem Verlassen des Schlafsaals sollen sich die Schwestern waschen, ihre
-Bücher in Empfang nehmen und lesend oder singend im Kreuzgang sitzen, bis
-es zur Prima läutet. Nach der Prima begiebt man sich in den Kapitelsaal;
-dort setzt sich alles nieder und nach Verkündigung des Datums wird ein
-Abschnitt aus der Märtyrergeschichte vorgelesen. Darauf kann eine
-erbauliche Besprechung folgen oder ein Abschnitt der Regel vorgelesen und
-erklärt werden. Endlich soll hier erledigt werden, was etwa zu tadeln oder
-neu anzuordnen ist.
-
-Man darf übrigens nicht vergessen, daß weder ein Kloster noch sonst
-überhaupt ein Haus ohne weiteres ungeordnet genannt werden darf, wenn
-irgend etwas Ordnungswidriges darin geschieht, sondern nur dann, wenn
-derartige Vorkommnisse nicht sorgfältig wieder gut gemacht werden. Denn
-welcher Ort bleibt völlig rein von Sünde? Dessen war auch der heilige
-Augustinus wohl bewußt, wenn er in einer Unterweisung an seinen Klerus
-sagt: »Mag ich die Ordnung in meinem Haus noch so streng aufrecht erhalten:
-ich bin ein Mensch und muß mit Menschen leben. Ich wage auch nicht mir
-anzumaßen, daß mein Haus reiner sein soll als die Arche Noah, da doch unter
-den acht Menschen, die darin waren, sich ein Schlechter fand; oder besser
-als Abrahams Haus, wo es auch einst hieß: 'treibe aus die Magd mit ihrem
-Kinde'; oder besser als Isaaks Haus, wo der Herr sprach: 'Den Jakob habe
-ich geliebt und den Esau habe ich gehaßt'. Oder besser als das Haus Jakobs,
-in dem der Sohn des Vaters Ehebett schändete; oder besser als das Haus
-Davids, dessen einer Sohn sich mit seiner eigenen Schwester vergangen, und
-der andere sich gegen seinen Vater empört hat; oder besser als die
-Gesellschaft des Paulus, der, wenn er mit guten Menschen zusammengelebt
-hätte, wohl kaum gesagt hätte, er habe 'auswendig Streit, inwendig Furcht';
-oder: 'niemand ist, der so herzlich für euch sorget; denn sie suchen alle
-das ihre'; oder besser als die Gesellschaft Christi selbst, in welcher die
-elf Guten den Verräter und Dieb Judas ertragen mußten; oder endlich gar
-besser als der Himmel, von dem die Engel gefallen sind«.
-
-Derselbe Kirchenvater, der uns so eindringlich zur Befolgung der
-klösterlichen Regel ermahnt, fügt die Worte bei: »Ich bekenne vor Gott,
-seitdem ich Gott zu dienen angefangen habe, habe ich selten vollkommenere
-Menschen gesehen als die, welche in Klöstern sich gut gehalten haben;
-andererseits aber habe ich auch keine schlechteren gesehen, als Mönche, die
-gefallen waren«. So ist auch das Wort der Offenbarung zu verstehen; »Wer
-heilig ist, der sei immerhin heilig und wer unrein ist, der sei immerhin
-unrein«.
-
-In der Bestrafung soll insofern ein Unterschied gemacht werden, als
-diejenige, welche bei einer andern einen Fehler gesehen hat und ihn
-verheimlicht, strenger bestraft werden soll als die eigentlich Schuldige.
-Darum soll niemand säumen, seine eigenen Vergehen wie diejenigen der
-anderen anzugeben. Diejenige Schwester, die der Anklage durch andere
-zuvorkommt, indem sie sich selbst angiebt -- nach dem Worte der Schrift:
-»Der Gerechte klagt sich selber zuerst an« -- soll mit einer milderen
-Strafe wegkommen, wenn sie von ihrem Fehler abläßt. Keine soll die andere
-zu entschuldigen versuchen, wenn nicht die Äbtissin, falls ihr der wahre
-Sachverhalt unbekannt ist, danach fragt. Keine soll sich unterstehen, eine
-Schwester wegen irgend einer Verschuldung zu schlagen, außer wer von der
-Äbtissin dazu beauftragt wird. Von der Strafe der Züchtigung aber steht
-geschrieben: »Mein Sohn, achte nicht gering die Züchtigung des Herrn und
-verzage nicht, wenn du von ihm gestraft wirst. Denn welchen der Herr lieb
-hat, den züchtiget er und hat Wohlgefallen an ihm wie ein Vater am Sohn«;
-ferner: »Wer seiner Rute schonet, der hasset seinen Sohn; wer ihn aber lieb
-hat, der züchtiget ihn bald. Schläget man den Spötter, so wird der Alberne
-witzig; straft man den Spötter, so wird der Geringe verständig. Dem Roß
-eine Geißel und dem Esel einen Zaum und dem Narren eine Rute auf den
-Rücken. Wer einen Menschen züchtiget, der findet hernach mehr Dank bei ihm,
-als der ihn mit Schmeichelworten täuscht. Alle Züchtigung aber, wenn sie da
-ist, dünkt sie uns nicht Freude, sondern Traurigkeit zu sein; aber danach
-wird sie geben eine friedsame Frucht der Gerechtigkeit denen, die dadurch
-geübet sind. Ein närrischer Sohn ist seines Vaters Betrübnis, und eine
-thörichte Tochter gereicht ihm zur Schande. Wer sein Kind lieb hat, der
-hält es stets unter der Rute, daß er hernach Freude an ihm erlebe. Wer sein
-Kind in der Zucht hält, der wird sich seiner freuen und darf sich seiner
-bei den Bekannten nicht schämen. Ein verwöhnt Kind wird mutwillig wie ein
-wild Pferd. Zärtle mit deinem Kinde, so mußt du dich hernach vor ihm
-fürchten; spiele mit ihm, so wird es dich hernach betrüben«.
-
-Bei gemeinsamer Beratung steht es jeder Schwester frei, ihre Meinung zu
-äußern, aber der Beschluß der Äbtissin soll unumstößlich sein, sollte sie
-selbst, was ferne sei, in Irrtum verfallen und das weniger Zweckmäßige
-beschließen. Daher das Wort des heiligen Augustinus in seinen Konfessionen:
-»Schwer versündigt sich, wer seinen Vorgesetzten in irgend einem Stück
-ungehorsam ist, selbst wenn das, was er selber zu thun erwählt, besser sein
-sollte, als das, was ihm befohlen worden ist«. Es ist uns besser, recht zu
-thun als das Rechte zu thun, und nicht darauf kommt es an, was geschieht,
-sondern wie und in welcher Gesinnung etwas gethan wird. Alles was im
-Gehorsam geschieht, ist gut, wenn es auch keineswegs so aussieht. In allen
-Stücken muß darum den Vorgesetzten Gehorsam geleistet werden, selbst wenn
-dies zum größten Schaden ausschlüge, wenn nur die Seele nicht dadurch
-gefährdet wird.
-
-Der Vorgesetzte soll darauf sehen, seine Befehle vernünftig einzurichten,
-weil die Untergebenen einfach zu gehorchen haben und ihrem Gelübde gemäß
-nicht nach ihrem eigenen Willen handeln, sondern nach dem ihrer
-Vorgesetzten. Wir sind durchaus dagegen, daß jemals die Gewohnheit den
-Vorzug vor der Vernunft erhalte und daß etwas damit entschuldigt werde, daß
-es Gewohnheit sei. Nicht weil etwas Herkommen ist, soll es festgehalten
-werden, sondern weil es gut ist, und je besser eine Anordnung ist, desto
-bereitwilliger soll sie aufgenommen werden. Sonst müßten wir ja nach
-jüdischer Art dem alten Gesetzeswesen vor dem Evangelium den Vorzug geben.
-So sagt auch der heilige Augustinus, indem er sich mehrfach auf das Zeugnis
-des Cyprianus beruft: »Wer die Wahrheit außer acht läßt und blindlings der
-Gewohnheit folgt, der handelt neidisch oder boshaft an den Brüdern, denen
-die Wahrheit geoffenbart ist, oder aber ist er undankbar gegen Gott, durch
-dessen Eingebung die Kirche erleuchtet wird«. Ferner sagt er: »Im
-Evangelium sagt der Herr: 'Ich bin die Wahrheit', nicht aber: 'Ich bin die
-Gewohnheit'. Darum soll die Gewohnheit der offenbaren Wahrheit weichen«.
-Weiter: »Ist die Wahrheit offenbar geworden, so soll der Irrtum der
-Wahrheit weichen, wie auch Petrus, der zuerst für die Beschneidung war, dem
-Paulus, der die Wahrheit predigte, gewichen ist«.
-
-Derselbe Kirchenvater sagt in seinem Buch »über die Taufe« Kapitel IV:
-»Vergebens halten uns diejenigen, die durch die Vernunft besiegt werden,
-das Recht der Gewohnheit vor, als wäre die Gewohnheit mehr als die
-Wahrheit, und als müßte man nicht in geistlichen Dingen dasjenige thun, was
-uns vom heiligen Geist als das Bessere geoffenbart worden ist«.
-
-Das ist sicher wahr, daß Vernunft und Wahrheit über das Herkommen zu
-stellen sind. Gregor VII. schreibt an den Bischof Vimund: »Sicherlich, um
-des heiligen Cyprianus' Meinung zu folgen, ist jede Gewohnheit, sei sie
-auch noch so alt und noch so verbreitet, der Wahrheit ohne weiteres zu
-unterwerfen, und ein Brauch, der mit der Wahrheit im Widerspruch steht,
-abzuschaffen«. Mit welcher Liebe wir an der Wahrheit auch in Worten
-festhalten sollen, sagt uns Jesus Sirach: »Schäme dich nicht, für deine
-Seele das Recht zu bekennen«; weiter: »Rede nicht wider die Wahrheit«; und
-wiederum: »Laß all deinem Werk das Wort der Wahrheit vorausgehen und all
-deinem Thun einen festen Ratschluß«. Man soll auch nicht darauf sehen, ob
-viele etwas thun, sondern ob etwas den Beifall der Weisen und Guten hat.
-»Der Narren Zahl, sagt Salomo, ist unendlich.« Und die Wahrheit versichert:
-»Viele sind berufen, aber wenige sind auserwählt«. Alles was kostbar ist,
-ist selten, und was in Überfluß vorhanden ist, verliert an Wert. Niemand
-soll in der Ratsversammlung der größeren Partei folgen, sondern der
-besseren. Nicht auf das Alter eines Menschen soll man sehen, sondern auf
-seine Weisheit; nicht gutes Einvernehmen, sondern Wahrheit soll man suchen.
-Daher das Wort des Dichters: »Auch vom Feind sollst du dich lassen
-belehren«.
-
-So oft eine Beratung nötig ist, soll sie ohne Verzug abgehalten werden. Bei
-dringenden Angelegenheiten soll der Konvent zusammenberufen werden; bei
-weniger wichtigen Dingen genügt es, wenn die Äbtissin einige ältere
-Schwestern zu sich beruft. Vom Rat steht auch geschrieben: »Wo nicht Rat
-ist, da gehet das Volk unter; wo aber viel Ratgeber sind, da gehet es wohl
-zu. Der Weg des Narren ist recht in seinen Augen; aber ein vernünftiger
-Mann verachtet nicht guten Rat. Mein Sohn, thue nichts ohne Rat, so
-gereut's dich nicht nach der That«. Wenn auch dann und wann eine
-Angelegenheit ohne Beratung glücklich erledigt wird, so entbindet die
-Wohlthat des Geschickes den Menschen doch nicht von seiner Aufgabe. Und
-wenn umgekehrt auch nach gepflogener Beratung falsche Maßregeln ergriffen
-werden, so soll man den, der den Rat eingeholt hat, nicht der
-Fahrlässigkeit beschuldigen. Denn ihn, der in gutem Glauben gehandelt hat,
-trifft weniger Schuld als diejenigen, auf die er sich irrtümlicherweise
-verlassen hat.
-
-Haben die Schwestern den Kapitelsaal verlassen, so sollen sie die
-vorgeschriebenen Arbeiten vornehmen und sich mit Lesen oder Singen oder mit
-Handarbeit beschäftigen bis zur Terz. Nach der Terz soll die Messe gelesen
-werden, wozu ein Mönchspriester den Wochendienst hat. Dieser soll, wenn
-Leute genug vorhanden sind, einen Diakon und Subdiakon mitbringen, welche
-ihm administrieren und ihres Amtes walten. Sie sollen in der Weise kommen
-und gehen, daß sie mit den Schwestern nicht zusammentreffen. Sind mehrere
-nötig, so ist auch dafür zu sorgen, und zwar soll man dabei darauf sehen,
-daß die Mönche niemals wegen der Messen im Nonnenkloster ihrem eigenen
-Konvent beim Gottesdienst entzogen werden.
-
-Wenn die Schwestern kommunizieren wollen, so soll dazu ein älterer Priester
-ausgewählt werden, der ihnen nach der Messe das Abendmahl giebt; vorher
-aber sollen sich der Diakon und Subdiakon entfernen, um jeden Anlaß einer
-Anfechtung zu entfernen. Mindestens dreimal im Jahr sollen alle Nonnen
-kommunizieren, an Ostern, an Pfingsten und an Weihnachten, wie dies von den
-Vätern auch für die Laien angeordnet ist. Zu diesen Kommunionen sollen sie
-sich so vorbereiten, daß alle sich drei Tage vorher der Beichte und
-entsprechenden Buße unterziehen, und in aller Demut und Furcht drei Tage
-mit Fasten bei Wasser und Brot und unter anhaltendem Gebet verbringen,
-immer wieder den furchtbaren Spruch des Apostels sich ins Gedächtnis
-zurückrufend: »Welcher nun unwürdig von diesem Brot isset und von dem Kelch
-des Herrn trinket, der ist schuldig an dem Leib und Blut des Herrn. Der
-Mensch prüfe aber sich selbst, und also esse er von diesem Brot und trinke
-von diesem Kelch. Denn welcher unwürdig isset und trinket, der isset und
-trinket ihm selber das Gericht damit, daß er nicht unterscheidet den Leib
-des Herrn. Darum sind auch so viele Schwache und Kranke unter euch, und ein
-gut Teil schlafen. Denn so wir uns selber richteten, so würden wir nicht
-gerichtet«.
-
-Auch nach der Messe sollen die Schwestern wieder zur Arbeit zurückkehren
-bis zur Sext; überhaupt sollen sie nie müßig sein, sondern jede soll
-arbeiten, was sie kann und muß. Nach der Sext soll man zum Essen gehen,
-falls nicht ein Fasttag ist. In diesem Fall soll man mit dem Essen warten
-bis zur None, in der großen Fastenzeit bis zur Vesper.
-
-Zu keiner Zeit soll im Konvent das Vorlesen unterbleiben. Will die Äbtissin
-aufhören, so sage sie: es ist genug. Und alsbald sollen sich alle zum
-Dankgebet erheben. Im Sommer soll man nach dem Essen bis zur None im
-Dormitorium ruhen, nach der None wieder an die Arbeit gehen bis zur Vesper.
-Unmittelbar nach der Vesper wird das Abendessen eingenommen oder das
-Fastenmahl, je nach den Zeitumständen. Samstags findet vor dem Abendimbiß
-eine Reinigung statt, bestehend im Waschen der Füße und Hände. Bei dieser
-Verrichtung soll die Äbtissin thätig sein im Verein mit den Schwestern,
-welche den Wochendienst in der Küche haben. Nach dem Abendessen geht man
-alsbald zur Komplett; hierauf begiebt man sich zur Ruhe.
-
-In Nahrung und Kleidung halte man sich an das Wort des Apostels: »Wenn wir
-aber Nahrung und Kleider haben, so lasset uns begnügen«. Man begnüge sich
-mit dem Notwendigen und suche nicht den Überfluß. Was billig beschafft
-werden kann und sich leicht trägt, ohne Anstoß zu erregen, das wird sich
-empfehlen. Nur die Verletzung des eigenen oder eines fremden Gewissens mit
-den Speisen verbietet der Apostel, da er wohl weiß, daß nicht das Essen an
-sich Sünde ist, sondern die Begierde. »Welcher isset, sagt er, der verachte
-den nicht, der da nicht isset; und welcher nicht isset, der richte den
-nicht, der da isset. Wer bist du, daß du einen fremden Knecht richtest?
-Welcher isset, der isset dem Herrn, denn er danket Gott; welcher nicht
-isset, der isset dem Herrn nicht, und danket Gott. Darum lasset uns nicht
-mehr einer den andern richten, sondern das richtet vielmehr, daß niemand
-seinem Bruder einen Anstoß oder Ärgernis darstelle. Ich weiß und bin's
-gewiß in dem Herrn Jesu, daß nichts gemein ist an ihm selbst; ohne der es
-rechnet für gemein, demselbigen ist es gemein. Das Reich Gottes ist nicht
-Essen und Trinken, sondern Gerechtigkeit und Friede und Freude im heiligen
-Geiste. Es ist zwar alles rein, aber es ist nicht gut dem, der es isset mit
-einem Anstoß seines Gewissens. Es ist viel besser, du essest kein Fleisch
-und trinkest keinen Wein oder das, daran sich dein Bruder stößet oder
-ärgert oder schwach wird«. Nach dem Ärgernis, das der Bruder nimmt, redet
-der Apostel von dem Anstoß, den sich derjenige selber bereitet, der gegen
-sein Gewissen ißt: »Selig ist, der ihm selbst kein Gewissen machet in dem,
-das er annimmt. Wer aber darüber zweifelt und isset doch, der ist verdammt;
-denn es gehet nicht aus dem Glauben: was aber nicht aus dem Glauben gehet,
-das ist Sünde«.
-
-Zur Sünde wird uns alles, was wir gegen unser Gewissen und gegen das, was
-wir glauben, thun. Und durch das, was wir billigen, d. h. durch das Gesetz,
-welches wir annehmen, richten und verurteilen wir uns selbst: wenn wir z.
-B. solche Speisen essen, bei denen wir zweifeln, d. h. die wir durch das
-Gesetz verbieten und als unrein ausschließen. Denn das Zeugnis unseres
-Gewissens ist so geartet, daß es uns bei Gott anklagt oder entschuldigt.
-Daher sagt auch Johannes in seinem ersten Brief: »Ihr Lieben, so uns unser
-Herz nicht verdammt, so haben wir eine Freudigkeit zu Gott. Und was wir
-bitten, werden wir von ihm nehmen; denn wir halten seine Gebote und thun,
-was vor ihm gefällig ist«. Darum sagt auch Paulus an der obigen Stelle ganz
-richtig, nichts sei gemein in Christus, nur für den sei es so, der es
-rechne für gemein, d. h. der glaube, daß etwas für ihn unrein und verboten
-sei.
-
-Gemein nennen wir diejenigen Speisen, welche nach dem Gesetz unrein heißen,
-die das Gesetz seinen Gläubigen verbietet und denen freigiebt, die außer
-dem Gesetze leben. Daher sind auch die öffentlichen Frauen unrein, und
-alles Gemeinsame und Öffentliche ist gering und weniger kostbar. Der
-Apostel versichert mit Berufung auf Christus, keine Speise sei gemein, d.
-h. unrein, weil das Gesetz Christi keine verbietet, es sei denn, wie
-gesagt, um den Anstoß des eigenen oder des fremden Gewissens zu vermeiden.
-In dieser Beziehung sagt er an anderer Stelle: »Darum, so die Speise meinen
-Bruder ärgert, wollte ich nimmermehr Fleisch essen, auf daß ich meinen
-Bruder nicht ärgerte. Bin ich nicht frei? Bin ich nicht ein Apostel?« Das
-heißt soviel als: habe ich nicht die Freiheit, die der Herr seinen Aposteln
-verliehen hat, alles Beliebige zu essen oder Unterstützung von anderen
-anzunehmen? Denn als der Herr seine Jünger aussandte, sagte er: »Esset und
-trinket, was ihr bei ihnen findet«, und er hat dabei nicht eine Speise von
-der anderen unterschieden. Nach diesem Vorbild giebt der Apostel den
-Christen alle Arten von Speisen frei, auch wenn sie von Ungläubigen und vom
-Götzenopfer herrühren; nur will er, wie oben gesagt, das Ärgernis vermieden
-wissen: »Ich habe es zwar alles Macht,« sagt er, »aber es frommt nicht
-alles; ich habe es alles Macht, aber es bessert nicht alles. Niemand suche,
-was sein ist, sondern ein jeglicher, was des andern ist. Alles was feil ist
-auf dem Fleischmarkt, das esset, und forschet nichts, auf daß ihr des
-Gewissens verschonet. Denn die Erde ist des Herrn und was darinnen ist. So
-aber jemand von den Ungläubigen euch ladet, und ihr wollt hingehen, so
-esset alles, was euch vorgetragen wird, und forschet nicht, auf daß ihr des
-Gewissens verschonet. Wo aber jemand zu euch würde sagen: das ist
-Götzenopfer -- so esset nicht um deswillen, der es anzeigte, auf daß ihr
-des Gewissens verschonet. Ich sage aber vom Gewissen nicht deiner selbst,
-sondern des andern. Seid nicht ärgerlich weder den Juden noch den Griechen
-noch der Gemeine Gottes«.
-
-Aus diesen Worten des Apostels geht deutlich hervor, daß uns nicht verboten
-ist, was wir ohne Verletzung des eigenen oder eines fremden Gewissens essen
-können. Ohne Verletzung des eigenen Gewissens handeln wir dann, wenn wir
-bei unserem Thun unserem Lebensberuf, der uns zum Heil führen soll, treu
-bleiben können. Ohne Verletzung eines fremden Gewissens dann, wenn wir so
-leben, daß man von uns glaubt, daß wir selig werden. Und so können wir
-leben, wenn wir bei aller Nachsicht gegen die unumgänglichen Forderungen
-der Natur die Sünde meiden, und nicht im Vertrauen auf unsere Tugend unser
-Leben durch ein Gelübde unter ein Joch beugen, das uns zu schwer ist, und
-unter dem wir deshalb erliegen, wobei dann der Fall um so tiefer ist, je
-höher die Stufe war, auf die das Gelübde uns hätte heben sollen.
-
-Diesem Fall und der Ablegung eines unbedachten Gelübdes zuvorzukommen, sagt
-der Prediger: »Wenn du Gott ein Gelübde thust, so verziehe nicht, es zu
-halten. Denn er hat keinen Gefallen an den Narren. Was du gelobest, das
-halte. Es ist besser, du gelobest nichts, denn daß du nicht hältst, was du
-gelobest«. Dieser Gefahr will auch jener Rat des Apostels begegnen: »So
-will ich nun, daß die jungen Witwen freien, Kinder zeugen, haushalten, dem
-Widersacher keine Ursach' geben, zu schelten. Denn es sind schon etliche
-umgewandt dem Satan nach«. Die Natur des schwachen Geschlechtes bedenkend,
-empfiehlt er als Mittel gegen die Gefahr, die ein sittlich höheres Leben
-mit sich bringt, eine weniger strenge Lebensweise. Er giebt den Rat, unten
-zu bleiben, damit nicht ein jäher Sturz aus der Höhe erfolge. Dieser
-Ansicht folgt auch der heilige Hieronymus, wenn er in seiner Unterweisung
-an die Jungfrau Eustochium sagt: »Wenn aber die, die wirklich Jungfrauen
-sind, um anderer Sünden willen nicht selig werden, was wird aus denen
-werden, die die Glieder Christi zur Unzucht preisgegeben und den Tempel des
-heiligen Geistes in ein Freudenhaus verwandelt haben? Besser wäre es dem
-Menschen, das Joch der Ehe auf sich zu nehmen und in der Ebene zu wandeln,
-als in die Höhe zu streben und in den Abgrund der Hölle zu stürzen«.
-
-Wenn wir sämtliche Aussprüche des Apostels nachschlagen, so werden wir
-finden, daß er eine zweite Ehe immer nur den Frauen gestattet hat. Die
-Männer dagegen ermahnt er zur Enthaltsamkeit und ruft ihnen zu: »Ist jemand
-beschnitten berufen, der zeuge keine Vorhaut«, und: »Bist du los vom Weibe,
-so suche kein Weib«. Moses dagegen räumt den Männern mehr Freiheit ein als
-den Frauen und gestattet einem Mann mehrere Frauen, nicht aber einer Frau
-mehrere Männer. Auch bestraft er den Ehebruch bei Frauen strenger als bei
-Männern. »Ein Weib,« sagt der Apostel, »ist frei vom Gesetz, so der Mann
-stirbet, daß sie nicht eine Ehebrecherin ist, wo sie eines andern Mannes
-wird.« Und an anderer Stelle: »Ich sage aber den Ledigen und Witwen: es ist
-ihnen gut, wenn sie auch bleiben wie ich. So sie aber sich nicht enthalten,
-so laß sie freien; es ist besser freien denn Brunst leiden.« Und wiederum
-heißt es: »Ein Weib, so ihr Mann entschläft, ist sie frei, sich zu
-verheiraten, welchem sie will; allein, daß es in dem Herrn geschehe.
-Seliger ist sie aber, wo sie also bleibet, nach meiner Meinung«.
-
-Nicht bloß eine zweite Ehe gestattet der Apostel dem schwachen Geschlecht,
-sondern er beschränkt die Zahl der Eheschließungen nicht einmal auf ein
-bestimmtes Maß; vielmehr, wenn ihre Männer entschlafen sind, gestattet er
-ihnen, sich wieder zu verheiraten. Er schreibt für die Eheschließung keine
-bestimmte Zahl vor, wenn die Frauen nur dadurch der Sünde der Hurerei
-entgehen. Lieber sollen sie mehrmals heiraten als einmal in Unkeuschheit
-verfallen. Denn haben sie sich erst Einem preisgegeben, so werden sie bald
-mit vielen anderen dem Verlangen nach geschlechtlichem Verkehr nachgeben.
-Zwar ist auch die rechtmäßige Befriedigung dieses Verlangens nicht ganz
-frei von Sünde, allein man übt Nachsicht mit der kleineren Sünde, um die
-größere zu vermeiden. Was ist also dabei, wenn man ihnen, um anderweitige
-Sünde zu verhüten, etwas verstattet, wobei gar keine Sünde ist, nämlich die
-notwendigen Speisen, nur nicht im Überfluß? Denn nicht die Speise wird uns
-zur Sünde, sondern die Begierde, die da will, was nicht erlaubt ist, die
-begehrt, was verboten ist, die oftmals sich übernimmt und so viel Ärgernis
-verursacht.
-
-Welches von allen Nahrungsmitteln der Menschen ist aber so gefährlich, so
-schädlich und unserem Beruf und der frommen Beschaulichkeit so unzuträglich
-wie der Wein? Der größte der Weisen warnt uns gar eindringlich vor ihm:
-»Der Wein macht lose Leute, und stark Getränke macht wilde; wer dazu Lust
-hat, wird nimmer weise. Wo ist Weh, wo ist Leid? Wo ist Zank? Wo ist
-Klagen? Wo sind Wunden ohne Ursach'? Wo sind rote Augen? Nämlich, wo man
-beim Wein liegt und kommt auszusaufen, was eingeschenkt ist. Siehe den Wein
-nicht an, daß er so rot ist und im Glase so schön stehet. Er geht glatt
-ein, aber danach beißt er wie eine Schlange und sticht wie eine Otter. So
-werden deine Augen nach andern Weibern sehen und dein Herz wird verkehrte
-Dinge reden. Und wirst sein wie einer, der mitten im Meer schläft, und wie
-einer schläft oben auf dem Mastbaum, und wirst sagen: sie schlagen mich,
-aber es thut mir nicht wehe; sie klopfen mich, aber ich fühle es nicht.
-Wann will ich aufwachen, daß ich's mehr treibe?« Weiter: »O nicht den
-Königen, Lamuel, gieb den Königen nicht Wein zu trinken, denn wo
-Trunkenheit herrscht, wird kein Geheimnis bewahrt; sie möchten trinken und
-der Rechte vergessen und verändern die Sache der elenden Leute«. Und im
-Buch Sirach heißt es: »Ein Arbeiter, der sich gern vollsäuft, der wird
-nicht reich, und wer ein Geringes nicht zu Rat hält, der nimmt für und für
-ab. Wein und Weiber bethören die Weisen«.
-
-Auch der Prophet Jesaias, der sonst von keiner Speise redet, erwähnt doch
-des Weines als einer Ursache zur Gefangenschaft seines Volkes: »Wehe denen,
-die des Morgens frühe auf sind, des Saufens sich zu fleißigen, und sitzen
-bis in die Nacht, daß sie der Wein erhitzt. Und haben Harfen, Psalter,
-Pauken, Pfeifen und Wein in ihrem Wohlleben, und sehen nicht auf das Werk
-des Herrn. Darum wird mein Volk müssen weggeführt werden, weil es nicht
-Vernunft angenommen hat. Weh denen, so Helden sind Wein zu saufen und
-Krieger in Völlerei!« Vom Volk bis zu den Priestern und Propheten dehnt er
-seine Klage aus: »Dazu sind diese auch vom Wein toll worden und taumeln von
-starkem Getränk. Denn beide, Priester und Propheten, sind toll von starkem
-Getränk, sind im Wein ersoffen und taumeln von starkem Getränk; sie sind
-toll im Weissagen und speien die Urteile heraus. Denn alle Tische sind voll
-Speiens und Unrats an allen Orten. Wen soll er denn lehren das Erkenntnis?
-Wem soll er zu verstehen geben die Predigt?« Der Herr spricht durch den
-Mund Joëls: »Wachet auf, ihr Trunkenen, und heulet alle Weinsäufer!«
-
-In notwendigen Fällen wird ja der Weingenuß nicht verboten; so rät der
-Apostel dem Timotheus: »Um deines Magens willen, und weil du oft krank
-bist« -- nicht bloß 'krank', sondern 'oft krank'. Noah hat zuerst den
-Weinstock gepflanzt, ohne noch das Laster der Trunkenheit zu ahnen, und im
-Rausch hat er seine Scham entblößt; denn mit dem Wein verbündet sich
-schändliche Üppigkeit. Vom eigenen Sohn verspottet, hat er ihn verflucht
-und ihm das Joch der Knechtschaft auferlegt, was vorher niemals, soviel wir
-wissen, geschehen ist. Die Töchter Lots wußten wohl, daß sie den frommen
-Mann nur in der Trunkenheit zur Blutschande verleiten konnten. Und Judith,
-die selige Witwe, hat im Vertrauen auf dieses trügerische Mittel allein den
-stolzen Holofernes zu Fall gebracht. Von den Engeln, welche den Erzvätern
-erschienen und von diesen bewirtet wurden, lesen wir, daß sie Fleisch zu
-sich genommen haben, nicht aber Wein. Und dem Elias, unserem großen
-Vorbild, haben die Raben, als er in der Wüste sich verbarg, des Morgens und
-des Abends Brot und Fleisch zur Speise gebracht, nicht Wein. Auch vom Volk
-Israel lesen wir, daß es in der Wüste mit der köstlichen Speise der
-Wachteln genährt worden sei, aber keinen Wein gehabt und dessen auch nicht
-begehrt habe. Und bei jenen Speisungen mit Brot und Fisch, womit in der
-Wüste das Volk gesättigt wurde, wird auch nichts von Wein berichtet. Nur
-auf einer Hochzeit, wo man sich des Weines, der die Quelle der Wollust ist,
-allerdings nicht enthält, ist dem Wein zulieb ein Wunder geschehen. Aber
-die Wüste, die eigentliche Wohnung der Mönche, kennt mehr die Wohlthat des
-Fleisches als die des Weins. Eine Hauptbestimmung im Gelübde der Nasiräer,
-womit sie sich Gott weihten, war die, Wein und geistige Getränke zu meiden.
-
-Denn was bleibt an einem Trunkenen noch tugendhaft und gut? Darum lesen
-wir, daß in der alten Zeit den Priestern nicht bloß der Wein, sondern alle
-geistigen Getränke verboten waren. Hieronymus in seinem Buch »vom Leben der
-Kleriker«, das an Nepotianus gerichtet ist, ereifert sich sehr darüber, daß
-die Priester des alten Bundes darin, daß sie sich aller geistigen Getränke
-enthielten, vollkommener waren, als die unsrigen. Er sagt: »Rieche nicht an
-den Wein, damit du dir nicht das Wort des Philosophen sagen lassen mußt:
-'Das heißt nicht küssen, sondern die Schale zum Munde führen'«.
-
-Auch der Apostel verurteilt weinselige Priester, und das Gesetz Mosis
-verbietet den Weingenuß. »Die den Dienst des Altars besorgen, sollen nicht
-Wein und Gegorenes trinken.« -- »Sicera« heißt im Hebräischen jedes
-berauschende Getränke, gleichviel, ob es bereitet wird aus dem gegorenen
-Saft von Früchten oder aus eingekochtem Honig und Kräutern oder aus der
-gepreßten Frucht der Palme oder aus Früchten, die man zu Sirup zerkocht.
-»Alles was berauscht und dich um den Verstand bringt, das fliehe wie den
-Wein.«
-
-Nach der Regel des heiligen Pachomius soll niemand, mit Ausnahme der
-Kranken, Wein oder sonst geistige Getränke berühren. Und wem von euch
-sollte unbekannt sein, daß der Wein für Mönche überhaupt nichts sei und daß
-die Mönche ihn einst so verabscheut haben, daß sie ihn, um von ihm
-abzuschrecken, den Satan selber nannten? So lesen wir im »Leben der
-Altväter«: »Es erzählten einige Leute dem Vater Pastor von einem Mönch, der
-keinen Wein trank, worauf dieser sagte: 'Der Wein ist überhaupt nichts für
-Mönche'. Ferner ist dort zu lesen: 'Man feierte eines Tags die Messe auf
-dem Berg des Vaters Antonius, und fand daselbst ein Gefäß mit Wein. Einer
-der Alten hob es auf und brachte einen Becher voll dem Vater Sisoi. Der
-trank ihn aus, nahm zum zweitenmal und leerte ihn wieder. Als ihm aber zum
-drittenmal angeboten wurde, wies er's zurück und sagte: Laß genug sein,
-Bruder, vergissest du, daß der Teufel darin steckt?'« Und weiter wird von
-dem Vater Sisoi berichtet: »Abraham sagte zu seinen Schülern: 'Wenn man an
-einem Feiertag oder Sonntag zur Kirche geht und drei Kelche Wein trinkt,
-ist das nicht zu viel?' Und es antwortete der Alte: 'Es wäre nicht zu viel,
-wenn der Satan nicht wäre.'« Daran denkt auch der heilige Benediktus, wenn
-er für gewisse Fälle seinen Mönchen den Weingenuß gestattet. Er sagt: »Wohl
-lesen wir, daß der Wein für die Mönche überhaupt nichts sei; allein man
-wird in unserer Zeit die Mönche nicht völlig davon überzeugen können«.
-
-Es wäre nichts besonderes, wenn den Mönchen durchaus versagt würde, was
-auch den Frauen, die von Natur schwächer sind, wenn auch widerstandsfähiger
-gegen den Wein, vom heiligen Hieronymus gänzlich verboten wird. Er schreibt
-nämlich an die christliche Jungfrau Eustochium, indem er sie über die
-Bewahrung der Jungfräulichkeit belehrt, folgende dringende Mahnung: »Wenn
-mein Rat irgend etwas gelten soll und du meiner Erfahrung Glauben schenken
-willst, so ist meine erste Mahnung und Bitte, daß eine Braut Christi den
-Wein fliehen möge wie Gift. Denn das ist die schärfste Waffe der Dämonen
-gegen die Jugend. So sehr knechtet nicht der Geiz, so bläht der Stolz nicht
-auf, so viel Reize besitzt nicht der Ehrgeiz. Anderen Lastern entfliehen
-wir leicht; diesen Feind tragen wir im Innern; wohin wir uns wenden, wir
-tragen ihn bei uns. Wein und Jugend eine zwiefache Nahrung des Feuers der
-Wollust. Sollen wir noch Öl in die Flamme gießen? Sollen wir dem brennenden
-Leib noch neuen Zündstoff zuführen?«
-
-Übrigens belehren uns die Schriften der Naturforscher, daß der Wein den
-Frauen weit weniger anhaben könne als den Männern. Macrobius Theodosius
-führt dafür im siebenten Buch seiner Saturnalia folgenden Grund an:
-»Aristoteles sagt, die Weiber werden selten berauscht, Greise oft. Der
-Körper des Weibes hat einen sehr großen Feuchtigkeitsgehalt. Ein Beweis
-dafür ist die Glätte und der Glanz ihrer Haut, und besonders sprechen dafür
-die regelmäßigen Reinigungen, durch welche ihr Körper von überflüssiger
-Feuchtigkeit entlastet wird. Der Wein verliert seine Stärke, wenn er mit so
-überreichem flüssigem Stoffe sich mischt, und steigt nicht mehr so leicht
-zu Kopfe, da seine Wirkung auf diese Weise gelähmt wird«. Ferner heißt es
-dort: »Der weibliche Körper unterliegt häufigen Reinigungen und hat an
-seiner Oberfläche zahlreiche Öffnungen und Poren, durch welche die
-Feuchtigkeit ihren Ausgang sucht und findet. Durch diese Poren entweicht
-auch der Dunst des Weines gar schnell«.
-
-Warum also sollte man den Mönchen gestatten, was dem schwächeren Geschlecht
-versagt wird? Wie unvernünftig, es denen zu gestatten, die den größeren
-Schaden davon haben, und den andern es zu verbieten! Was wäre thörichter
-als wenn man unterließe, die Mönche von dem abzuschrecken, was ihrem
-frommen Beruf am meisten zuwider ist und zum Abfall von Gott verführt? Ist
-es nicht ein Frevel, wenn Christen in dem Stück, in dem die Könige und
-Priester des alten Bundes Enthaltsamkeit übten, sich nicht nur nicht
-kasteien, sondern sich sogar bis zur Schwelgerei vergessen? Denn man weiß
-ja, wie eifrig Kleriker und Mönche in unserer Zeit sich um den Weinkeller
-bemühen, ihn mit den verschiedenen Sorten anzufüllen; wie sie den Wein mit
-Kräutern, Honig und Würzwerk zu mischen verstehen, um desto besser sich
-berauschen zu können, und wie sie je mehr das Feuer der Sinnlichkeit
-schüren, je mehr sie beim Wein sich erhitzen. Welche Verirrung, nein,
-welcher Wahnsinn, daß die, welche durch ihr Gelübde sich zur Enthaltsamkeit
-verpflichten, nicht nur nichts dazu thun, es zu halten, sondern
-geflissentlich zum Bruch desselben beitragen! Zwar ihr Leib ist hinter
-Klostermauern festgebannt, aber ihr Herz ist voll unreiner Lust und brennt
-vor Verlangen nach Unzucht.
-
-Zwar der Apostel schreibt an Timotheus: »Trinke nicht mehr Wasser, sondern
-brauche ein wenig Wein um deines Magens willen, und weil du so oft krank
-bist«. Also wegen seiner Kränklichkeit wird ihm mäßiger Weingenuß
-verstattet; es versteht sich aber von selbst, daß er keinen getrunken
-hätte, wäre er gesund gewesen. Wenn wir uns das apostolische Leben zum
-Vorbild nehmen, wenn wir ein Leben der Buße führen und der Welt entsagen
-wollen: warum hat gerade das den großen Reiz für uns und erscheint uns
-köstlicher als alle andern Nahrungsmittel, was doch unserem Beruf offenbar
-am meisten hinderlich ist?
-
-Der heilige Ambrosius, der das Wesen der Buße so trefflich beschreibt, hat
-an der Lebensweise der Büßenden nichts auszusetzen als den Weingenuß. »Oder
-glaubt jemand«, sagt er, »daß da wahre Buße ist, wo der Ehrgeiz herrscht,
-wo der Wein in Strömen fließt, wo man in ehelicher Gemeinschaft lebt? Man
-muß der Welt gänzlich absagen. Leichter habe ich solche gefunden, die ihre
-Unschuld bewahrt, als solche, die recht Buße gethan haben.« Und in dem
-Buche »von der Weltflucht« heißt es: »In Wahrheit fliehst du die Welt, wenn
-dein Auge Becher und Trinkschalen meidet, daß es nicht lüstern werde, wenn
-es beim Wein verweilt«. Von allen Nahrungsmitteln erwähnt »die Weltflucht«
-nur den Wein, und versichert uns, wenn wir ihn meiden, können wir der Welt
-entfliehen, als wenn alle Reize der Welt im Wein beschlossen wären. Und er
-sagt nicht: wenn euer Gaumen sich des Geschmackes enthält, sondern: wenn
-das Auge nicht danach sieht, damit es nicht von Lust und Verlangen sich
-fangen lasse, wenn es öfter hinsieht. Daher auch der Spruch Salomos, den
-wir oben angeführt haben: »Siehe den Wein nicht an, daß er so rot ist und
-im Glase so schön steht«. Aber was sagen wir dazu, die wir uns am Geschmack
-wie am Anblick des Weines ergötzen, ihn mit Honig, Kräutern und allen
-möglichen Würzen mischen und ihn aus großen Schalen trinken wollen?
-
-Genötigt, dem Wein ein Zugeständnis zu machen, sagt der heilige Benediktus:
-»Wenigstens wollen wir das festhalten, daß man nicht bis zur Sättigung
-trinken soll, sondern weniger; denn der Wein macht auch die Weisen zu
-Thoren«. Wenn wir uns nur damit begnügen könnten, bis zur Stillung des
-Durstes zu trinken und uns nicht so leicht zur Überschreitung des rechten
-Maßes verleiten ließen. Auch der heilige Augustinus sagt in der Regel für
-die Mönchsklöster, welche er eingerichtet hatte: »Nur Samstags und
-Sonntags, wie es der Brauch ist, sollen die, die es wollen, Wein bekommen«;
-dies geschah zur Feier des Sonntags und der betreffenden Vigilie, welche
-Samstags gehalten wird, und sodann, weil an diesem Tag die in ihren Klausen
-zerstreut lebenden Brüder sich versammelten. So sagt auch der heilige
-Hieronymus, indem er von einem Ort redet, den er Cella nennt: »Jeder lebt
-für sich in seiner Klause. Doch am Sonnabend und Sonntag kommen sie in der
-gemeinsamen Kirche zusammen, und sehen hier einander wie im Himmel
-Vereinigte«. Diese Ausnahme war gewiß berechtigt: die Brüder sollten bei
-ihrer Zusammenkunft durch eine Erfrischung erfreut werden, und wenn sie es
-auch nicht aussprachen, doch das Gefühl haben: »Siehe wie fein und lieblich
-ist es, wenn Brüder einträchtig bei einander wohnen«.
-
-Wir enthalten uns des Fleisches; aber was haben wir für ein Verdienst
-dabei, wenn wir uns an andern Speisen bis zum Übermaß sättigen? Wenn wir
-mit vielen Kosten mancherlei Gerichte von Fischen bereiten, wenn wir
-Pfeffer und andere starke Gewürze dreinmischen, wenn wir, trunken vom
-gewöhnlichen Wein, unsern Bechern und Schalen noch den Reiz besonderer
-Würzen verleihen, so muß für all dies die Fleischenthaltung uns vor der
-Welt entschuldigen: als ob es auf die Art und nicht vielmehr auf das Maß
-der Speisen ankäme, während uns doch der Herr nur Völlerei und Trunkenheit
-verbietet, d. h. jedes Übermaß in Speise und Trank, nicht aber eine
-bestimmte Art von beiden.
-
-Von dieser Einsicht geleitet sieht auch der heilige Augustin in keinem
-andern Nahrungsmittel eine Gefahr, außer im Wein: er macht keinen
-Unterschied zwischen den verschiedenen Arten von Speisen, und glaubt, daß
-für die Abstinenz folgende kurze Vorschrift genüge: »Kasteiet euer Fleisch
-mit Fasten und mit Enthaltsamkeit von Speise und Trank, soweit eure
-Gesundheit es gestattet«. Er hatte wohl den Satz des heiligen Athanasius in
-dessen Mahnwort an die Mönche gelesen: »Für das Fasten soll dem freien
-Willen keine bestimmte Grenze gesetzt werden; jeder mag fasten, soviel es
-ihm mit Rücksicht auf seine Gesundheit möglich ist; alle Tage, außer am
-Sonntag, kann man Fasten halten, aber sie sollen nicht Gegenstand eines
-Gelübdes sein«. Das heißt so viel als: wenn die Fasten infolge eines
-Gelübdes übernommen werden, können sie jederzeit mit Ausnahme der Festtage
-gehalten werden. Hier werden also keine bestimmten Fasten vorgeschrieben,
-man soll sich damit nach dem Stand der Gesundheit richten. Denn es heißt:
-»Er sieht allein auf die Fähigkeit, die jeder von Natur hat, und es ist
-jedem freigestellt, sich selbst sein Maß zu bestimmen; denn wo das rechte
-Maß eingehalten wird, kommen keine Verfehlungen vor«. Wir sollen uns nicht
-allzusehr durch Genüsse verweichlichen lassen, wie jenes Volk, das mit
-Weizen und mit gutem Traubenblut genährt war und von dem geschrieben steht:
-»Es ist fett und dick und stark geworden und hat Gott fahren lassen«. Wir
-sollen uns auch nicht über das Maß mit Kasteiung quälen, damit wir nicht
-entweder ganz erliegen oder aber durch Murren unseres Lohns verlustig gehen
-oder uns unserer Trefflichkeit rühmen. Der »Prediger« warnt davor mit den
-Worten: »Ein Gerechter gehet unter in seiner Gerechtigkeit; sei nicht allzu
-gerecht und nicht allzu weise, daß du dich nicht verderbest«, d. h. daß du
-nicht aus Bewunderung für deine Vortrefflichkeit hochmütig werdest.
-
-Aller Eifer in dieser Hinsicht soll geleitet werden von weiser Erwägung,
-der Mutter aller Tugenden. Sie soll jedem die Last zuweisen, die er tragen
-kann, die Natur nicht vergewaltigen, sondern sich nach ihr richten, nicht
-die Notdurft verbieten, aber Schwelgerei und Überfluß fernhalten. So wird
-das Laster ausgerottet, und die Natur doch nicht verletzt. Es ist für die
-Schwachen genug, wenn sie die Sünde meiden, auch wenn sie nicht bis zum
-Gipfel der Vollkommenheit emporsteigen. Wenn du nicht bei den Märtyrern
-Platz findest, laß dir an einem Winkel im Paradiese genügen. Es ist
-sicherer, ein bescheidenes Gelübde abzulegen, damit man aus freien Stücken
-noch etwas Überverdienstliches hinzuthun kann. Darum steht geschrieben:
-»Wenn ihr alles gethan habt, was euch befohlen ist, so sprechet: wir sind
-unnütze Knechte, wir haben gethan, was wir zu thun schuldig waren«. -- »Das
-Gesetz,« sagt der Apostel, »richtet nur Zorn an; denn wo das Gesetz nicht
-ist, da ist auch keine Übertretung«. Und weiter: »Denn ohne das Gesetz war
-die Sünde tot. Ich aber lebte weiland ohne Gesetz. Da aber das Gebot kam,
-ward die Sünde wieder lebendig. Ich aber starb; und es befand sich, daß das
-Gebot mir zum Tode gereichte, das mir doch zum Leben gegeben war. Denn die
-Sünde nahm Ursache am Gebot und betrog mich und tötete mich durch
-dasselbige Gebot; auf daß die Sünde würde überaus sündig durch das Gebot«.
-Augustinus an Simplicianus sagt: »Durch das Verbot ist das Verlangen
-gemehrt worden und verlockender erschienen, und so sind wir verführt
-worden«. Derselbe Augustinus sagt in seinem Buch »Quästiones« in der 67.
-Frage: »Wir lassen uns durch unser Gelüste leichter zur Sünde verführen,
-wenn ein Verbot da ist«. -- »Was versagt ist, begehren wir stets, das
-Verbotene reizt uns«.
-
-Höre mit Furcht und Zittern jeder diese Worte, der das Joch irgend einer
-Ordensregel auf sich nehmen und sich durch ein neues Gesetz binden lassen
-will. Er wähle, was er durchzuführen vermag, und meide, was über seine
-Kräfte geht. Niemand wird schuldig des Gesetzes, der nicht vorher sich zu
-ihm bekannt hat. Ehe du dich bindest, besinne dich; hast du's gethan, dann
-bleibe fest. Jetzt ist Freiheit, was nachher Zwang ist. »In meines Vaters
-Hause,« sagt die Wahrheit, »sind viele Wohnungen.« Darum giebt es auch
-vielerlei Wege, die dorthin führen. Nicht werden die Ehegatten verdammt,
-aber leichter werden selig, die sich enthalten. Nicht damit wir überhaupt
-erst selig würden, sind uns die Regeln der heiligen Väter gegeben, sondern
-damit wir leichter den Weg zur Seligkeit finden und reineren Verkehr mit
-Gott pflegen können. »Und so eine Jungfrau freiet,« sagt der Apostel,
-»sündiget sie nicht; doch werden solche leibliche Trübsal haben. Ich
-verschonete aber euer gerne.« Ferner: »Welche nicht freiet, die sorget, was
-dem Herrn angehöret, daß sie heilig sei, beide am Leib und auch am Geist;
-die aber freiet, die sorget, was der Welt angehört, wie sie dem Manne
-gefalle. Solches aber sage ich zu eurem Nutzen, nicht daß ich euch einen
-Strick an den Hals werfe, sondern dazu, daß es fein ist, und ihr stets und
-unverändert dem Herrn dienen könnet«.
-
-Dies aber erreichen wir dann am leichtesten, wenn wir auch körperlich uns
-von der Welt zurückziehen und uns hinter Klostermauern bergen, daß nicht
-der Lärm der Welt unsere Ruhe störe. Aber nicht nur, wer das Gesetz auf
-sich nimmt, sondern auch der, der es auflegt, sehe sich vor, daß er nicht
-durch Häufung der Gebote auch die Übertretungen mehre. Das Wort Gottes, das
-im Fleisch erschienen ist, hat das Wort des Gesetzes abgekürzt. Moses hat
-vieles geredet und doch, wie der Apostel sagt: »Das Gesetz konnte nichts
-vollkommen machen«. Es hatte viele und so schwere Gebote, daß der Apostel
-Petrus sagte, niemand könne sie halten. »Ihr Männer, liebe Brüder,« sprach
-er, »was versuchet ihr Gott mit Auflegen des Jochs auf der Jünger Hälse,
-welches weder unsere Väter noch wir haben mögen tragen. Sondern wir glauben
-durch die Gnade des Herrn Jesu Christi selig zu werden, gleicherweise wie
-auch sie.« Mit wenig Worten hat Christus seine Jünger über die sittliche
-Haltung und heilige Lebensführung belehrt und ihnen den Weg zur
-Vollkommenheit gewiesen. Das Strenge und Ernste beiseite lassend hat er
-ihnen seine Vorschriften, in denen seine ganze Lehre beschlossen war,
-lieblich und leicht gemacht: »Kommet her zu mir alle, die ihr mühselig und
-beladen seid, ich will euch erquicken. Nehmet auf euch mein Joch und lernet
-von mir, denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig -- so werdet ihr
-Ruhe finden für eure Seelen. Denn mein Joch ist sanft und meine Last ist
-leicht«.
-
-Denn bei den Werken der Frömmigkeit geht es oft wie bei weltlichen
-Geschäften. Mancher arbeitet sich müde in seinem Geschäft und hat doch
-wenig Gewinn davon, und mancher hat viel äußere Anfechtung und doch wenig
-Verdienst vor Gott, denn er sieht das Herz an, nicht das Werk. Solche
-Leute, je mehr sie mit Äußerlichem sich beschäftigen, desto weniger haben
-sie Zeit für innerliche Dinge; je mehr sie bei Leuten, deren Urteil in
-Außendingen etwas gilt, bekannt werden, desto größer wird ihr Ruhm und
-desto leichter lassen sie sich zum Hochmut verführen. Diesem Irrtum zu
-begegnen, setzt der Apostel die äußeren Werke tief herunter und erhebt
-dagegen die Rechtfertigung durch den Glauben. »Ist Abraham durch die Werke
-gerecht, so hat er wohl Ruhm, aber nicht vor Gott. Was saget denn die
-Schrift? Abraham hat Gott geglaubt, und das ist ihm zur Gerechtigkeit
-gerechnet.« Und weiter: »Was wollen wir nun hie sagen? Das wollen wir
-sagen: die Heiden, die nicht haben nach der Gerechtigkeit gestanden, haben
-die Gerechtigkeit erlangt; ich sage aber von der Gerechtigkeit, die aus dem
-Glauben kommt. Israel aber hat dem Gesetz der Gerechtigkeit nachgestanden
-und hat das Gesetz der Gerechtigkeit nicht überkommen. Warum das? Darum,
-daß sie es nicht aus dem Glauben, sondern als aus den Werken des Gesetzes
-suchen«.
-
-Sie gleichen den Leuten, die ihre Gefäße und Geschirre nur von außen
-reinigen und sie innen schmutzig lassen, und mehr für das Fleisch besorgt
-als für den Geist, sind sie fleischliche Leute, nicht geistliche. Wir aber,
-die wir danach trachten, daß Christus durch den Glauben in unserem inneren
-Menschen Wohnung mache, achten das Äußere gering, an dem der Schlechte wie
-der Gute teilhaben kann, und denken an das Wort: »In meinem Herzen sind die
-Gelübde und die Lobpreisungen, die ich dir, mein Gott, darbringen werde«.
-
-Und so ahmen wir auch jene äußerliche gesetzliche Enthaltsamkeit nicht
-nach, die zur wahren Gerechtigkeit sicherlich nichts beiträgt. Denn auch
-der Herr giebt uns kein Speiseverbot; nur Völlerei und Trunkenheit, d. h.
-den Überfluß, verbietet er. Darum sagte er von sich selber: »Johannes ist
-kommen, aß nicht und trank nicht, so sagen sie: er hat den Teufel. Des
-Menschen Sohn ist kommen, isset und trinket, so sagen sie: siehe, wie ist
-der Mensch ein Fresser und ein Weinsäufer«. Er entschuldigt auch seine
-Jünger, weil sie nicht, wie die Jünger Johannes, fasteten und mit
-ungewaschenen Händen zu Tische saßen: »Wie können die Hochzeitleute Leid
-tragen, so lange der Bräutigam bei ihnen ist?« Und ein andermal: »Was zum
-Munde eingehet, das verunreiniget den Menschen nicht, sondern was zum Munde
-ausgehet, das verunreiniget den Menschen. Was aber zum Munde herausgehet,
-das kommt aus dem Herzen, und das verunreiniget den Menschen. Aber mit
-ungewaschenen Händen essen verunreiniget den Menschen nicht«.
-
-Keine Speise also verunreinigt die Seele, dies geschieht durch die Begierde
-nach verbotener Speise. Denn wie der Leib nur durch leiblichen Schmutz
-verunreinigt werden kann, so die Seele nur durch geistigen. Und nichts ist
-zu fürchten bei allem was der Leib verrichtet, wenn nur der Geist nicht
-seine Einwilligung dazu giebt. Auf die Reinheit des Fleisches dürfen wir
-nicht pochen, wenn die Seele durch bösen Willen verderbt wird. Im Herzen
-also liegt Tod und Leben der Seele beschlossen. Daher Salomo in den
-Sprüchen sagt: »Behüte dein Herz mit allem Fleiß, denn daraus gehet das
-Leben«. Und nach dem Worte der »Wahrheit«, das wir oben gehört, kommt aus
-dem Herzen, was den Menschen verunreiniget: denn nach ihren guten oder
-bösen Gelüsten wird die Seele gerettet oder verdammt. Weil aber die
-Verbindung zwischen Seele und Leib so gar eng ist, müssen wir uns vorsehen,
-daß nicht die Seele von der Fleischeslust sich mit fortreißen lasse, und
-daß nicht das Fleisch, wenn man ihm allzusehr nachgiebt, im Übermut dem
-Geist widerstrebe, und so das, was unterthan sein sollte, Herr werde. Dies
-werden wir vermeiden, wenn wir alles Notwendige gestatten, allen Überfluß
-aber, wie schon öfters gesagt, fernhalten, und dem schwachen Geschlecht
-erlauben, alle Speisen mit Maß, keine aber unmäßig zu gebrauchen.
-
-Mögen sie alles gebrauchen, nichts aber mißbrauchen. »Denn,« sagt der
-Apostel, »alle Kreatur Gottes ist gut, und nichts verwerflich, das mit
-Danksagung empfangen wird. Denn es wird geheiliget durch das Wort Gottes
-und Gebet. Wenn du den Brüdern solches vorhältst, so wirst du ein guter
-Diener Jesu Christi sein, auferzogen in den Worten des Glaubens und der
-guten Lehre, bei welcher du immerdar gewesen bist.« Auch wir wollen mit
-Timotheus diese Lehre des Apostels befolgen und nach der Vorschrift des
-Herrn uns nur hüten vor Völlerei und Trunkenheit; in allem wollen wir so
-Maß halten, daß der leiblichen Schwäche aufgeholfen, nicht aber das Laster
-großgezogen werde. Und besonders bei den Dingen, die, im Überfluß genossen,
-Gefahren mit sich bringen, soll ein strenges Maß angelegt werden. Es ist
-ein größeres Verdienst und löblicher, mit Maß zu essen, als ganz sich zu
-enthalten. Daher auch der heilige Augustinus in seinem Buch Ȇber das Gut
-der Ehe«, wo es von den Nahrungsmitteln handelt, sagt: »Nur derjenige macht
-einen richtigen Gebrauch von den Dingen, der sie so braucht, daß er sie
-auch entbehren kann. Vielen fällt es leichter, sich eines Genusses ganz zu
-enthalten als denselben durch das richtige Maß zu regeln. Niemand aber
-macht einen weisen Gebrauch von den Gütern dieser Welt, der nicht auch
-imstande ist, sich ihrer zu enthalten«. In dieser Gesinnung hat auch Paulus
-das Wort gesagt: »Ich kann beides: übrig haben und Mangel leiden«. Mangel
-leiden, das kann jeden treffen, aber den Mangel recht ertragen können, das
-ist Sache großer Menschen. So kann auch wohl jeder beliebige Mensch »übrig
-haben«; aber in der rechten Weise übrig haben können nur die, die sich vom
-Überfluß nicht verderben lassen.
-
-Des Weines also, der, wie gesagt, lose Leute macht, und darum der guten
-Zucht und der Schweigsamkeit feind ist, sollen sich die Frauen um Gottes
-willen entweder ganz enthalten, wie sich heidnische Frauen desselben
-enthalten aus Furcht vor dem Ehebruch; oder aber sollen sie ihn mit Wasser
-mischen, was für den Durst wie für die Gesundheit zuträglich ist, und
-wodurch er seine schädliche Wirkung verliert. Dies wird, glaube ich,
-erreicht, wenn zu drei Teilen Wein ein Teil Wasser gemischt wird. Sehr
-schwierig aber ist es, sich zu hüten, daß man von dem vorgesetzten Wein
-nicht bis zur Sättigung trinke, wie dies der heilige Benediktus verlangt.
-Darum achten wir es für sicherer, wenn wir auch den Genuß bis zur Sättigung
-nicht verbieten, damit uns aus dem Verbot nicht eine neue Gefahr erwachse.
-Denn, wie wir schon wiederholt gesagt haben, nicht die Sättigung ist Sünde,
-sondern die Unmäßigkeit. Auch ist nichts dagegen einzuwenden, daß für
-Kranke gewürzte Weine bereitet werden, und daß sie ungemischten Wein
-bekommen. Doch im Konvent soll solcher nie getrunken werden, sondern allein
-von den Kranken.
-
-Daß Brot aus reinem Weizenmehl gemacht werde, verbieten wir streng,
-vielmehr soll stets mindestens ein Dritteil gröberen Mehles darunter
-gemengt werden. Auch soll man das Brot nicht essen, solang es noch warm
-ist, sondern nur solches, das mindestens einen Tag alt ist. Die Fürsorge
-für die übrigen Nahrungsmittel soll die Äbtissin in der Weise treffen, daß
-sie mit dem, was billig und leicht zu haben ist, den Bedürfnissen des
-schwachen Geschlechts entgegenkommt. Denn wie thöricht wäre es, wenn wir
-bei andern Leuten kaufen wollten, was wir selber haben, und wenn wir
-draußen im Überfluß suchen wollten, was wir zu Hause zur Genüge haben! Wenn
-uns zu Gebote steht, was wir brauchen, warum sollten wir uns dann um das
-Überflüssige bemühen?
-
-Zu dieser weisen Mäßigung werden wir nicht bloß durch menschliches Vorbild
-angehalten, sondern sogar durch dasjenige der Engel und des Herrn selbst,
-und wir sehen daraus, daß wir zur Befriedigung der Notdurft dieses Lebens
-nicht lange wählerisch sein sollen, was die Speisen anbelangt, sondern
-zufrieden sein mit dem, das da ist. So hat Abraham Fleisch zubereitet, und
-die Engel haben es gegessen, und als in der Wüste sich Fische vorfanden,
-hat Jesus damit das hungernde Volk gespeist. Daraus sehen wir deutlich, daß
-zwischen Fleisch und Fisch kein Unterschied zu machen und beides nicht zu
-verachten ist, und daß man das nehmen soll, woran keine Sünde hängt, was
-sich leicht und ohne große Umstände darbietet und am wenigsten kostet.
-Daher sagt auch Seneca, dieser große Freund der Armut und Enthaltsamkeit
-und unter allen Philosophen der größte Sittenlehrer: »Es ist unsere
-Aufgabe, der Natur gemäß zu leben. Der Natur zuwider ist es, seinen Körper
-zu quälen, kostenlose Reinlichkeit zu scheuen, den Schmutz aufzusuchen und
-Speisen zu sich zu nehmen, die nicht bloß einfach, sondern schlecht und
-ekelhaft sind. Wie es einerseits eine Üppigkeit ist, ausgesucht feine Dinge
-zu begehren, so ist es auch thöricht, sich bescheidene und leicht zu
-verschaffende Genüsse zu versagen. Mäßigkeit verlangt die Philosophie,
-nicht Kasteiung. Man kann auch eine geordnete Mäßigung walten lassen. Das
-ist die Art, die mir gefällt«. Daher auch Gregorius im 30. Buch seiner
-»Moralia« lehrt, daß es für die Sitten der Menschen weniger auf die
-Beschaffenheit ihrer Nahrung als ihrer Gesinnung ankomme, und wo er die
-verschiedenen Gelüste des Gaumens unterscheidet, folgendes sagt: »Einmal
-verlangt man nach den ausgesuchtesten Speisen, ein andermal begehrt man das
-nächste Beste, aber gut zubereitet. Manchmal aber ist es etwas ganz
-Gewöhnliches, das man sich wünscht, und doch versündigt man sich dabei
-durch die unmäßige Gier, womit man danach trachtet«.
-
-Das Volk, das aus Ägypten ausgeführt wurde, ist in der Wüste erlegen, weil
-es das Manna verschmähte und nach Fleisch verlangte, weil ihm dies
-schmackhafter erschien. Und Esau hat sein Erstgeburtsrecht verloren, weil
-er mit heißer Gier eine ganz gewöhnliche Speise, nämlich ein Linsengericht,
-begehrte; indem er sein Erstgeburtsrecht dafür drangab, hat er deutlich
-gezeigt, welch heftiges Verlangen er nach jener Speise hatte. Denn nicht an
-der Speise, sondern am Verlangen hängt die Sünde. Wir können die
-gewähltesten Speisen zu uns nehmen, ohne uns zu verschulden, und vielleicht
-die geringsten nicht ohne Gewissensbisse essen. Der eben erwähnte Esau hat
-durch ein elendes Linsengericht sein Erstgeburtsrecht verloren, Elias in
-der Wüste hat seine Tugend bewahrt, obwohl er Fleisch aß. Darum hat auch
-der alte Feind, wohl wissend, daß nicht die Speise selbst, sondern die
-Begierde danach die Ursache des Verderbens ist, den ersten Menschen nicht
-durch Fleisch, sondern durch einen Apfel in seine Gewalt gebracht, und den
-zweiten nicht mit Fleisch, sondern mit Brot versucht. Und so begehen wir
-oftmals die Sünde Adams, auch wenn wir geringe und gewöhnliche Kost zu uns
-nehmen.
-
-Wir sollen also das zu unserer Nahrung wählen, was dem natürlichen
-Bedürfnis entspricht, nicht das, was unser Gelüste uns eingiebt. Unser
-Verlangen ist aber nach solchen Dingen weniger stark, von denen wir sehen,
-daß sie weniger kostbar und im Überfluß vorhanden sind und darum billig
-gekauft werden: wie dies bei der gewöhnlichen Fleischspeise der Fall ist,
-welche viel kräftiger ist als das Fleisch von Fischen, weniger kostet und
-leichter zuzubereiten ist.
-
-Der Genuß von Fleisch und Wein liegt, wie die Ehe, in der Mitte zwischen
-gut und böse, d. h. diese Dinge werden für indifferent geachtet, wiewohl
-der eheliche Verkehr nicht ganz der Sünde bar ist, und der Wein mehr
-Gefahren in sich birgt als alle übrigen Nahrungsmittel. Aber wenn selbst
-der Wein, im rechten Maße genossen, dem gottgeweihten Stande nicht verboten
-wird, was brauchen wir dann von den anderen Nahrungsmitteln zu fürchten,
-wenn nur das richtige Maß auch bei ihrem Genuß nicht überschritten wird?
-Der heilige Benediktus sieht sich genötigt, bei einem Gegenstand, von dem
-er selbst sagt, daß er eigentlich für Mönche überhaupt nichts sei, in
-Rücksicht auf unsere Zeit, da die erste Liebe schon erkaltet ist,
-Zugeständnisse zu machen. Sollten wir also den Frauen nicht auch Freiheit
-lassen in Dingen, die ihnen bis jetzt überhaupt in keiner Regel verboten
-werden? Wenn die Bischöfe und Leiter der heiligen Kirche, wenn die Kleriker
-in ihren religiösen Gemeinschaften ohne Anstoß Fleisch essen dürfen, weil
-keine Regel sie bindet: wer wollte uns dann einen Vorwurf daraus machen,
-daß wir gegen die Frauen die gleiche Nachsicht üben, besonders da sie im
-übrigen größere Strenge bewahren? Es ist dem Jünger genug, daß er sei wie
-sein Meister, und es wäre eine große Thorheit, wenn man den Frauenklöstern
-versagen wollte, was den Mönchsklöstern erlaubt ist. Es ist schon genug,
-wenn die Frauen bei der sonstigen Strenge ihrer Regel, auch wenn sie in dem
-Einen Punkte des Fleischessens Freiheit haben, im übrigen nicht hinter der
-Frömmigkeit gläubiger Laien zurückbleiben, besonders da nach dem Zeugnis
-des Chrysostomus den Weltleuten nicht mehr erlaubt sein soll als den
-Mönchen, nur daß jene mit einer Frau leben dürfen. Auch der heilige
-Hieronymus, der den Stand der Weltgeistlichen nicht geringer achtet als den
-der Mönche, sagt: »Als ob nicht alles, was für die Mönche gilt, auch für
-die Weltgeistlichen zuträfe, die die Väter der Mönche sind«.
-
-Wer wüßte auch nicht, daß es aller Vernunft widerstreitet, wenn man dem
-Schwachen die gleiche Last aufbürdet wie dem Starken, wenn man von Frauen
-dieselbe Abstinenz verlangt wie von Männern? Verlangt jemand hierüber außer
-dem Beweis, den die Natur selbst giebt, noch eine besondere Autorität, so
-möge er den heiligen Gregorius darüber hören. Dieser große Lenker und
-Lehrer der Kirche hat auch über diesen Gegenstand die übrigen Lehrer der
-Kirche genau unterwiesen und sagt im 24. Kapitel seines »Liber Pastoralis«
-folgendes: »Anders sind die Männer zu ermahnen, anders die Frauen; jenen
-kann man Schweres zumuten, diesen nur Leichtes. Jene sollen sich in harter
-Übung bewähren, diese werden am besten durch leichte Lasten und durch
-sanften Zuspruch gewonnen. Denn was dem Starken eine leichte Sache ist, das
-dünkt dem Schwachen ein groß Ding«.
-
-Freilich hat der Genuß von gewöhnlichem Fleisch weniger Reiz als das
-Fleisch von Fischen und Vögeln, die doch der heilige Benediktus auch nicht
-verbietet. Auch der Apostel unterscheidet mehrere Gattungen von Fleisch:
-»Nicht ist alles Fleisch einerlei Fleisch, sondern ein anderes Fleisch ist
-der Menschen, ein anderes des Viehes, ein anderes der Fische, ein anderes
-der Vögel«. Und das Gesetz schreibt für das Opfer zwar das Fleisch vom Vieh
-und Vogel vor, nicht aber das von Fischen, damit niemand glaube, es sei vor
-Gott reiner, Fische zu essen als Fleisch. Fische sind auch für die Armen
-schwieriger zu beschaffen und teurer, denn es giebt weniger, und ihr
-Fleisch ist nicht so kräftig; also auf der einen Seite ist es teurer, auf
-der andern erfüllt es seinen Zweck weniger gut.
-
-Indem wir also zugleich die Auslagen und die Natur der Menschen
-berücksichtigen, verbieten wir von Nahrungsmitteln überhaupt nichts, nur in
-allem das Übermaß. Wir setzen den Genuß von Fleisch und anderen
-Nahrungsmitteln aber auf ein solches Maß herab, daß die Enthaltsamkeit der
-Nonnen, trotzdem ihnen alles erlaubt ist, dennoch sich mehr bewährt als die
-der Mönche, denen einiges verboten ist. Und so wollen wir den Genuß des
-Fleisches in der Weise beschränkt wissen, daß im Tag nicht mehr als einmal
-davon gegessen werden soll; auch darf nicht ein und dieselbe Person mehrere
-Fleischgerichte erhalten, Gemüse sollen nicht hinzugefügt werden und nicht
-öfters als dreimal in der Woche soll Fleisch erlaubt sein, nämlich am
-ersten, dritten und fünften Wochentage, wenn auch hohe Feste auf die andern
-Tage fallen. Denn je höher ein Fest ist, desto mehr soll es durch fromme
-Enthaltsamkeit gefeiert werden. Der berühmte Lehrer Gregorius von Nazianz
-ermahnt eindringlich dazu in seinem Buch: »Von der Lichtmesse oder den
-zweiten Epiphanien«, Kapitel III: »Den Festtag sollen wir feiern, nicht
-indem wir dem Bauche dienen, sondern indem wir uns freuen im Geist«.
-Derselbe sagt im 4. Kapitel des Buches Ȇber Pfingsten und den heiligen
-Geist«: »Und das ist unser Festtag: in die Schatzkammer der Seele etwas
-Dauerndes und Bleibendes sammeln, nicht was vorübergeht und verweht. Der
-Leib ist schon so sündhaft genug, er braucht keine reichlichere Nahrung;
-das wilde Tier würde durch üppigere Nahrung nur noch wilder und würde uns
-härter bedrängen«. Darum soll man ein Fest in geistlicher Weise feiern.
-Dieser Meinung ist auch der heilige Hieronymus, der Schüler des Gregor; er
-sagt in seinem Brief »Über die Annahme von Geschenken«: »Darum müssen wir
-uns sorgfältig davor hüten, daß wir den Festtag nicht durch reichliche
-Mahlzeit feiern, sondern durch freudige Erhebung des Geistes, denn es wäre
-gewiß verkehrt, durch Übersättigung einen Märtyrer ehren zu wollen, von dem
-wir wissen, daß er durch Fasten Gott wohlgefällig war«. Augustinus in
-seiner Schrift: »Über das Heilmittel der Buße« sagt: »Siehe die Tausende
-von Märtyrern an! Warum feiert man ihren Todestag so gern mit schnöden
-Gelagen, die reinen Sitten ihres Lebens aber will man nicht nachahmen?«
-
-Wenn es kein Fleisch giebt, so gestatten wir zwei Gerichte von
-irgendwelchem Gemüse, und auch Fische können dazu gegeben werden. Kostbare
-Gewürze sollen nicht zugesetzt werden, sondern die Schwestern sollen mit
-den Erzeugnissen des Landes zufrieden sein. Früchte soll es nur abends zu
-essen geben. Für die, deren Gesundheit es verlangt, können jederzeit
-Kräuter oder Wurzeln oder Früchte oder sonstige Heilmittel aufgetragen
-werden.
-
-Ist eine fremde Nonne als Gast zugegen, so soll ihr aus gastfreundlicher
-Liebe eine Schüssel mehr verabreicht werden. Wenn sie will, kann sie davon
-auch den andern mitteilen. Die Gäste sollen an dem größeren Tisch Platz
-nehmen, und die Äbtissin soll sie bedienen und dann nachher mit den
-Schwestern, die bei Tische bedient haben, essen.
-
-Will eine der Schwestern durch spärlichere Kost ihren Leib kasteien, so
-soll sie dazu die ausdrückliche Erlaubnis einholen, und diese darf ihr
-nicht versagt werden, wenn ihr Vorsatz nicht aus Leichtsinn, sondern aus
-wirklichem Ernst entsprungen zu sein scheint, und ihre Gesundheit
-voraussichtlich dabei keine Gefahr leidet. Keiner aber soll es gestattet
-sein, über diesem Zweck die Pflichten gegen den Konvent zu verabsäumen oder
-einen Tag ganz ohne Speise zu verbringen. Freitags sollen die Schwestern
-nie Fleischkost genießen, sondern sich mit der Fastenspeise begnügen, und
-auf diese Weise durch Enthaltsamkeit gewissermaßen an dem Leiden ihres
-Bräutigams teilnehmen, der an diesem Tag gelitten hat. Eine Unsitte, die in
-vielen Klöstern herrscht, ist mit aller Strenge zu bekämpfen: daß man
-nämlich an den übriggebliebenen Stückchen Brot, die den Armen zugehören,
-Hände und Messer reinigt und abwischt und, um die Tischtücher zu schonen,
-das Brot der Armen besudelt oder vielmehr das Brot desjenigen, der sich
-selber zu den Armen rechnend gesagt hat: »Was ihr gethan habt Einem unter
-diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir gethan«.
-
-Was die Fasten betrifft, so mag für die Schwestern die allgemeine
-kirchliche Ordnung genügen; wir wollen sie in diesem Stück nicht schwerer
-belasten als die gläubigen Laien auch belastet sind, und wir nehmen es
-nicht auf uns, von ihrer Schwäche mehr zu verlangen als von dem starken
-Geschlecht. Doch glauben wir, daß von der Herbst-Tagundnachtgleiche bis
-Ostern wegen der Kürze der Tage Eine Mahlzeit täglich genügen wird. Wir
-verordnen dies wegen der kurzen Dauer des Tages, nicht um zum Fasten zu
-veranlassen, und machen dabei in den verschiedenen Arten der Speisen keinen
-Unterschied.
-
-Das Prunken mit Kleidern, das die Schrift überall verwirft, soll durchaus
-vermieden werden. Der Herr warnt uns ausdrücklich davor, indem er den
-reichen Mann derhalben tadelt und dagegen die Einfachheit des Johannes
-lobt. Daher der heilige Gregorius in seiner vierten Homilie über die
-Evangelien sagt: »Was will jenes Wort: 'Die da reiche Kleider tragen, sind
-in der Könige Häusern', anders, als klar und deutlich zeigen, daß für das
-irdische, nicht für das himmlische Reich kämpft, wer, statt um Gottes
-willen zu leiden, allen Härten aus dem Wege geht und nur den Außendingen
-ergeben die Weichlichkeit und den Genuß dieses Lebens sucht?« Ebenso in der
-elften Homilie: »Es giebt Leute, welche das Tragen von feinen kostbaren
-Kleidern nicht für Sünde halten. Und doch, wenn keine Schuld damit
-verbunden wäre, so würde der Herr in seinem Gleichnis nicht so ausdrücklich
-davon reden, daß der Reiche, der zur Hölle verdammt wurde, mit Purpur und
-Seide angethan war. Denn niemand schafft sich kostbare Gewänder an, wenn er
-nicht eitlen Prunk entfalten und vornehmer scheinen will als andere Leute.
-Nur um eitlen Prunkes willen ist man auf kostbare Gewänder aus. Der beste
-Beweis dafür ist der Umstand, daß niemand sich kostbar kleidet, wenn er
-sich nicht vor anderen sehen lassen kann«.
-
-Auch Petrus in seinem ersten Brief warnt weltliche verheiratete Frauen vor
-dieser Untugend: »Desselbigengleichen sollen die Weiber ihren Männern
-unterthan sein, auf daß auch die, so nicht glauben an das Wort, durch der
-Weiber Wandel ohne Wort gewonnen werden, wenn sie ansehen euren keuschen
-Wandel in der Furcht. Welcher Geschmuck soll nicht auswendig sein mit
-Haarflechten und Goldumhängen oder Kleider anlegen, sondern der verborgene
-Mensch des Herzens unverrückt mit sanftem und stillem Geiste, das ist
-köstlich vor Gott«.
-
-Mit Recht glaubte der Apostel, mehr die Frauen als die Männer vor dieser
-Eitelkeit warnen zu müssen, denn der ersteren unsteter Sinn begehrt
-lebhafter nach Dingen, die ihrer Üppigkeit Nahrung zuführen. Wenn aber
-schon weltlichen Frauen in diesem Hang Einhalt gethan wird, was wird dann
-denen ziemen, die sich Christo geweiht haben, deren Schmuck eben darin
-besteht, daß sie schmucklos sind? Darum, wer von ihnen nach solchem Schmuck
-trachtet und ihn nicht zurückweist, wenn er ihr angeboten wird: die
-verliert den Ehrentitel der Keuschheit. Von einer solchen mag man denken,
-sie rüste sich nicht zum Gebet, sondern zur Unzucht, sie ist nicht einer
-Nonne, sondern einer Dirne gleich zu achten, der ihr Schmuck zum Herold für
-ihre Unkeuschheit dient und ihr buhlerisches Herz verrät, wie geschrieben
-steht: »Denn seine Kleidung, Lachen und Gang zeigen ihn an«.
-
-Wir lesen, daß der Herr an Johannes, wie schon erwähnt, die Dürftigkeit und
-Rauheit seiner Kleidung mehr lobte als die seiner Nahrung: »Was seid ihr
-hinausgegangen zu sehen«, sagt er, »wolltet ihr einen Menschen in reichen
-Kleidern sehen?« Denn der Genuß ausgesuchter Speisen hat manchmal einen
-nützlichen Zweck und ist darum zu entschuldigen, was bei den Kleidern nicht
-der Fall ist. Je kostbarer sie sind, desto mehr muß man acht auf sie geben,
-desto weniger sind sie etwas nütze, desto teurer kommen sie zu stehen; je
-feiner der Stoff, desto empfindlicher sind sie und desto weniger Schutz
-gewähren sie dem Körper.
-
-Für die ernste Tracht der Buße ist kein Stoff geeigneter als der schwarze,
-und kein Pelzwerk kleidet die Bräute Christi besser als das der Lämmer: so
-zeigen sie schon durch ihr Gewand, daß sie das Lamm, das den Jungfrauen
-verlobt ist, angezogen haben oder anziehen sollen.
-
-Die Schleier sollen nicht aus Seide, sondern aus einem gefärbten
-Linnenstoff sein. Zwei Arten von Schleiern sind zu unterscheiden: die einen
-für die Jungfrauen, welche ihr Gelübde schon abgelegt, die andern für
-solche, die dies noch nicht gethan haben. Die Schleier der geweihten
-Jungfrauen sollen mit dem Kreuz gezeichnet sein. Dies Zeichen soll
-bedeuten, daß sie mit der Unberührtheit auch ihres Leibes ganz und gar
-Christo angehören, und wie sie durch ihre Weihe von den übrigen sich
-unterscheiden, so soll auch ihr Gewand ein besonderes Zeichen tragen, das
-die Gläubigen abschrecken soll, ein irdisches Verlangen nach ihnen zu
-tragen. Dieses Zeichen jungfräulicher Reinheit, aus weißem Faden genäht,
-soll die Jungfrau auf dem Haupte tragen, aber nicht eher als bis sie vom
-Bischof die Weihe empfangen hat: kein anderer Schleier soll dieses Zeichen
-tragen.
-
-Auf dem bloßen Leib sollen die Schwestern reine Hemden tragen, und auch in
-denselben schlafen. Auch wollen wir in Anbetracht ihrer schwachen Natur den
-Gebrauch von Matratzen und Betttüchern nicht verbieten. Jede aber soll für
-sich schlafen und essen. Keine soll sich beschweren, wenn Kleider oder
-sonstige Dinge, die ihr von andern überlassen wurden, einer Schwester
-zugewiesen werden, die sie mehr nötig hat. Vielmehr soll sie sich darüber
-freuen, daß ihr die Bedürftigkeit ihrer Schwester eine Gelegenheit zum
-Almosen gegeben hat, und soll daran denken, daß sie nicht für sich, sondern
-für andere lebt. Wo nicht, so gehört sie auch nicht zu der heiligen
-Genossenschaft und ist schuldig des Frevels, eigenen Besitz zu haben.
-
-Zur Bekleidung des Körpers scheint uns zu genügen ein Hemd, ein Pelz, ein
-Gewand, und wenn es sehr kalt ist, darüber ein Mantel. Diesen können die
-Schwestern beim Schlafen auch als Decke benutzen. Wegen des Ungeziefers und
-wegen notwendiger Reinigung sollen alle diese Kleidungsstücke doppelt
-gehalten werden, so wie Salomo in seinem Lob der wackeren und sorgsamen
-Hausfrau sagt: »Sie fürchtet ihres Hauses nicht vor dem Schnee, denn ihr
-ganzes Haus hat zwiefache Kleider«. Die Kleider sollen der Länge nach nicht
-weiter als bis zum Absatz reichen, damit kein Staub aufgewirbelt wird. Die
-Ärmel sollen nicht länger sein als Arm und Hand zusammen. Die Beine und
-Füße sollen mit Schuhen und Strümpfen bekleidet sein, und nie sollen die
-Schwestern barfuß gehen, auch nicht unter dem Vorwand der Frömmigkeit. Für
-die Betten genügt eine Matratze, ein Polster, ein Kissen, eine Decke und
-ein Leintuch. Auf dem Kopf sollen die Schwestern eine weiße Binde tragen,
-darüber einen schwarzen Schleier, und wo es nötig ist, auf der Tonsur eine
-Mütze aus Lammfell.
-
-Aber nicht allein bei Nahrung und Kleidung soll alles Überflüssige gemieden
-werden, sondern auch an den Gebäuden und sonstigen Besitzungen. An den
-Gebäuden zeigt es sich deutlich, ob sie größer oder schöner angelegt sind
-als ihr Zweck es erfordert, oder ob wir, mit Werken der Bildhauerkunst und
-der Malerei sie schmückend, Königspaläste bauen, statt Hütten der Armut.
-»Des Menschen Sohn,« sagt Hieronymus, »hat nicht, da er sein Haupt hinlege,
-und du baust weite Hallen und deckst gewaltige Häuser ein?« Wenn wir uns
-teure und schöne Pferde halten, so ist das nicht bloß Überfluß, sondern
-eitler Übermut. Mit unsern Herden und unserm Landbesitz wächst unser Hunger
-nach äußerem Gut, und je mehr wir auf dieser Erde besitzen, desto mehr
-müssen sich unsere Gedanken damit beschäftigen und werden von der
-Betrachtung der himmlischen Dinge abgezogen. Und ob wir auch den Leib
-hinter Klostermauern verschließen, die Seele muß doch dem nachgehen, was
-draußen ist und was sie liebt, und zerstreut sich dahin und dorthin. Je
-mehr Besitztum wir verlieren können, desto größer die Furcht, die uns
-quält; je kostbarer der Besitz, desto mehr hängt man an ihm, desto mehr
-fesselt er das arme Herz an sich.
-
-Darum ist dafür zu sorgen, daß wir unserem Haus und unserem Vermögen eine
-bestimmte Grenze setzen und nichts, was nicht notwendig ist, begehren,
-annehmen oder zurückbehalten. Denn alles was über das eigentliche Bedürfnis
-hinausgeht, besitzen wir nur wie einen Raub und machen uns schuldig am Tode
-so vieler Armen als wir mit unserem Überfluß hätten erhalten können. Jedes
-Jahr also, nachdem die Früchte eingeerntet sind, ist der Bedarf des Jahres
-zu überschlagen; was übrig bleibt, das soll den Armen geschenkt oder
-vielmehr zurückgegeben werden.
-
-Es giebt Leute, die, der weisen Mäßigung vergessend, sich ihrer zahlreichen
-Familie freuen, während sie doch nur wenig Einkünfte haben. Fällt ihnen nun
-die Unterhaltung derselben schwer, so fangen sie an, in unverschämter Weise
-zu betteln oder andern mit Gewalt zu nehmen, was sie brauchen. Wir haben
-mit den Vätern mancher Klöster ähnliche Erfahrungen gemacht: sie rühmen
-sich ihres zahlreichen Konventes, sehen nur darauf, viele, nicht aber gute
-Söhne zu haben und halten sich für etwas Besonderes, wenn sie unter vielen
-die größten sind. Sie ziehen die Leute in ihre Behausungen, versprechen
-ihnen gute Tage, da sie ihnen doch ein hartes Leben ankündigen sollten, und
-weil sie ungeprüft und ohne Unterschied jeden aufnehmen, so verlieren sie
-ihre Leute wieder durch Abfall. Gegen solche, wenn ich recht sehe, richtet
-sich die »Wahrheit« in dem Wort: »Wehe euch, die ihr Land und Wasser
-umziehet, daß ihr einen Judengenossen machet; und wenn er's worden ist,
-machet ihr aus ihm ein Kind der Hölle, zwiefältig mehr, denn ihr seid«.
-Gewiß würden sie ihren Ruhm weniger in einer großen Menge suchen, wenn sie
-statt der Zahl mehr das Heil der Seelen im Auge hätten und wenn sie sich
-nicht mehr Kraft zur Leitung einer Gemeinschaft zutrauten, als sie haben.
-Der Herr hat nur wenige Jünger erwählt, und doch ist auch von diesen
-wenigen einer abgefallen, so daß der Herr selbst sagte: »Habe ich nicht
-euch Zwölfe erwählt und eurer Einer ist ein Teufel?« Und wie Judas aus der
-Zahl der Apostel, so ging von den sieben Diakonen Nikolaus verloren. Und
-als die Apostel erst wenige um sich gesammelt hatten, haben Ananias und
-Sapphira sich die Todesstrafe zugezogen. Auch beim Herrn selbst blieb nur
-eine kleine Schar zurück, während viele seiner Jünger hinter sich gingen.
-Denn der Weg ist schmal, der zum Leben führt, und wenig ist ihrer, die
-darauf wandeln. Dagegen ist der breit und geräumig, der zum Tode führt, und
-viele sind, die sich nach ihm drängen. Darum bezeugt der Herr selbst ein
-andermal: »Viele sind berufen, aber wenige sind auserwählt«. Und Salomo
-sagt: »Der Narren Zahl hat kein Ende«.
-
-Darum hüte sich jeder, der sich der Menge der Untergebenen freut, daß nicht
-unter ihnen nach dem Worte des Herrn wenig Auserwählte seien, und daß ihm
-nicht, während er seine Herde maßlos vermehrt, die Kräfte zu ihrer
-Überwachung fehlen; sonst möchten ihm geistlich Gesinnte das Wort des
-Propheten vorhalten: »Du hast dein Volk gemehrt, aber seine Freude hast du
-nicht erhöht«. Solche Leute müssen, um ihre und der Ihrigen Angelegenheiten
-zu besorgen, oftmals auswärts gehen, in die Welt zurückkehren und sie
-bettelnd durchstreifen. Sie verwickeln sich in zeitliche Sorgen und
-vergessen das Ewige und holen sich oft mehr Schande als Ruhm. Dies wäre für
-die Frauen eine um so größere Schande, als es für sie mit Gefahren
-verbunden ist, wenn sie in der Welt herumziehen.
-
-Darum, wer in Ruhe und Ehrbarkeit leben, für den Dienst des Herrn Zeit
-behalten und vor Gott und den Menschen wohlgefällig sein will, der scheue
-sich zu sammeln, was er nicht unterhalten kann und rechne bei seinen
-Ausgaben nicht auf den Geldbeutel anderer Leute; er trachte danach, Almosen
-auszuteilen, nicht einzusammeln. Paulus, der gewaltige Prediger des
-Evangeliums, obwohl er Macht hat, von seiner Predigt zu leben, lebt von
-seiner Hände Arbeit, um niemand lästig zu fallen und seines Ruhmes nicht
-verlustig zu gehen. Sollten also wir, die wir nicht predigen, sondern über
-die Sünde trauern, die Kühnheit oder Schamlosigkeit haben, zu betteln, um
-die, die wir gedankenlos aufgenommen haben, zu unterhalten? Gehen wir doch
-schon so weit in wahnsinniger Verblendung, daß wir, weil wir nicht selbst
-predigen können, andere Prediger für Geld werben, und diese Lügenapostel
-führen wir mit uns herum und tragen unsere Kreuze und Reliquien bei uns und
-verkaufen dies samt dem Worte Gottes, ja selbst des Teufels Blendwerk, an
-die einfältigen bornierten Christenleute und versprechen ihnen um Geld
-alles, was sie wollen.
-
-Jedermann weiß, wie sehr bereits unser Stand und die Predigt des göttlichen
-Wortes in Mißachtung gefallen ist um dieser schamlosen Habgier willen, die
-nur das Ihre sucht, nicht das was Jesu Christi ist. Ja, auch die Äbte und
-Obersten der Klöster machen sich in aufdringlicher Weise an die weltlichen
-Fürsten und ihre Höfe und finden sich bereits im fleischlichen Leben besser
-zurecht als im klösterlichen. Nach Menschengunst mit allen Künsten jagend
-verstehen sie sich besser darauf, mit den Menschen zu verhandeln, als mit
-Gott zu reden. Jene Warnung des heiligen Antonius lesen sie -- wie oft! --
-vergebens und schlagen sie in den Wind, oder hören sie zwar, befolgen sie
-aber nicht. Er sagt: »Wie der Fisch auf trockenem Lande stirbt, so wird der
-Mönch, der außer seiner Zelle verzieht und mit Weltleuten verkehrt, seinem
-beschaulichen Lebensberuf entfremdet«. Darum: wie der Fisch zum Meer, so
-müssen wir zu unserer Zelle zurückeilen, damit wir nicht über dem Draußen
-vergessen, unser Inneres zu hüten.
-
-Auch der Urheber der Klosterregel selbst, der heilige Benediktus, hat durch
-Wort und That deutlich gezeigt, wie es sein Wunsch sei, daß die Äbte
-dauernd in ihrem Kloster anwesend seien und sorglich über ihre Herde
-wachen. Als er nämlich einmal das Kloster verlassen hatte, um seine fromme
-Schwester zu besuchen, und diese ihn nur Eine Nacht zu erbaulichem Gespräch
-zurückhalten wollte, sagte er offen, er dürfe durchaus nicht außerhalb des
-Klosters bleiben. Er sagt nicht: »wir dürfen nicht«, sondern: »ich darf
-nicht«; denn die Brüder durften es mit seiner Erlaubnis, er selbst aber
-nicht, es sei denn, daß ihm hierüber, wie dies später geschah, von Gott
-eine besondere Offenbarung zu teil wurde. Darum steht auch in seiner Regel
-nirgends etwas vom Ausgehen des Abtes, sondern nur von dem der Brüder. Für
-die ständige Anwesenheit des Abtes sorgt er so vorsichtig, daß er eine
-Vorschrift hat, wonach an den Vigilien der Sonn- und Feiertage die
-Verlesung des Evangeliums und was damit zusammenhängt, nur vom Abt
-verrichtet werden darf. Er bestimmt auch, daß der Abt stets mit den Pilgern
-und Gästen zu Tische sitzen solle, und wenn keine Gäste da sind, soll er
-von den Brüdern an seine Seite rufen, wen er will, und die andern unter der
-Aufsicht eines oder zweier Ältesten lassen. Daraus geht deutlich sein Wille
-hervor, daß der Abt zur Essenszeit stets im Kloster sein soll und nicht, an
-die leckeren Schüsseln der Großen gewöhnt, die Klosterbrüder beim trockenen
-Brot zurücklasse. Von solchen Menschen sagt die »Wahrheit«: »Sie binden
-schwere und unerträgliche Bürden und legen sie den Menschen auf den Hals;
-aber sie wollen dieselben nicht mit einem Finger regen«. Und ein andermal
-von den falschen Predigern: »Hütet euch vor den falschen Propheten, die zu
-euch kommen. Sie kommen von sich aus, nicht von Gott gesandt und haben
-keinen Auftrag von ihm«.
-
-Johannes der Täufer, unser Oberhaupt, hatte durch seine Geburt ein Recht
-auf das Hohepriestertum; aber er entwich aus der Stadt in die Wüste und gab
-das hohepriesterliche Amt für das Mönchsleben, die Stadt für die Wüste
-dran. Und das Volk ging zu ihm hinaus, nicht er kam zum Volke. Obwohl er so
-groß war, daß man glaubte, er sei Christus, und er in den Städten viel
-Gutes hätte wirken können: er lag schon in jenem Bettlein, von dem aus er
-für den klopfenden Freund die Antwort bereit hatte: »Ich habe meinen Rock
-ausgezogen, wie soll ich ihn wieder anziehen? Ich habe meine Füße
-gewaschen, wie soll ich sie wieder besudeln?«
-
-Darum jeder, der sich nach der Abgeschiedenheit klösterlicher Ruhe sehnt,
-der freue sich seines Bettes, vielmehr seines Bettlein. Denn von Einem
-Bett, sagt die »Wahrheit«, wird der eine angenommen, der andere wird
-verlassen werden. Ein Bettlein aber hat die Braut, d. h. die beschauliche
-Seele, die mit Christus aufs engste verbunden ist und mit höchstem
-Verlangen an ihm hängt. Von niemand, der da hineinging, lesen wir, daß er
-verlassen worden sei. Die Braut selber sagt davon: »Ich suchte des Nachts
-in meinem Bettlein, den meine Seele liebet«. Dieses Bettlein ist es auch,
-von welchem aufzustehen sie sich weigert oder sich scheut, und von wo aus
-sie dem klopfenden Freund die oben angeführten Worte zuruft. Denn außer
-ihrem Bett, glaubt sie, sei der Schmutz, mit dem sie die Füße zu besudeln
-fürchtet. Dina ist hinausgegangen, um die Fremden zu sehen, und hat ihre
-Ehre dabei verloren. Und jener gefangene Mönch Malchus hat nachher an sich
-selbst erfahren, was sein Abt ihm vorausgesagt hatte: ein Schaf, das den
-Schafstall verläßt, fällt leicht dem Wolf zum Opfer.
-
-Darum wollen wir keine zu große Gemeinschaft sammeln, deren Bedürfnisse uns
-Gelegenheit geben, ja uns nötigen, auswärts zu gehen: wir würden sonst
-andere gewinnen und selber dabei Schaden nehmen nach Art des Bleis, das
-sich verzehren lassen muß, damit das Silber im Tiegel erhalten bleibe.
-Fürchten wir uns vielmehr davor, daß nicht Blei und Silber zugleich vom
-heftigen Feuer der Anfechtungen verzehrt werde. Die »Wahrheit«, wird man
-uns entgegnen, hat gesagt: »Wer zu mir kommt, den will ich nicht
-hinauswerfen«. Auch wir wollen nicht hinauswerfen, wen wir einmal
-aufgenommen haben, aber wir wollen bei der Aufnahme vorsichtig sein: nicht
-daß wir uns selber hinauswerfen, während wir sie hereinnehmen. Denn auch
-der Herr selbst, so lesen wir, hat nicht einen bereits Aufgenommenen
-hinausgeworfen, sondern er hat einen, der sich ihm antrug, zurückgewiesen.
-Als der ihm sagte: »Meister, ich will dir folgen, wohin du gehst,« hat er
-ihm geantwortet: »Die Füchse haben Gruben« u. s. w. Er ermahnt uns auch
-dringend, wenn wir etwas auszuführen gedenken, vorher die Kosten, die zur
-Unternehmung notwendig sind, zu überschlagen, indem er sagt: »Wer ist aber
-unter euch, der einen Turm bauen will, und sitzt nicht zuvor, und
-überschlägt die Kosten, ob er's habe hinauszuführen? Auf daß nicht, wo er
-den Grund gelegt hat und kann's nicht hinausführen, alle, die es sehen,
-fahen an, seiner zu spotten. Und sagen: 'dieser Mensch hub an zu bauen, und
-kann es nicht hinausführen'«. Es ist schon viel, wenn einer für sein eigen
-Heil zu sorgen weiß, und gefährlich ist's, wenn einer für viele sorgen
-soll, der kaum sich selber zu behüten fertig wird. Im Bewahren aber ist nur
-der gewissenhaft, der beim Aufnehmen ängstlich war, und niemand bleibt so
-fest bei dem, was er einmal angefangen, wie der, der langsam und vorsichtig
-drangegangen ist. Frauen aber sollten in diesem Stück um so vorsichtiger
-sein, als sie in ihrer Schwachheit weniger schwere Lasten zu tragen
-vermögen und ihnen Ruhe ganz besonders notthut.
-
-Die Heilige Schrift ist ein Spiegel der Seele. Ja gewiß: wer in ihr lesend
-lebt und ihr Verständnis sich zu Nutzen macht, der erkennt aus ihr die
-Schönheit seiner Sitten oder wird ihrer Häßlichkeit gewahr, so daß er jene
-mehren, diese beseitigen kann. An diesen Spiegel erinnert uns der heilige
-Gregorius im zweiten Kapitel seiner »Moralia«: »Die Heilige Schrift wird
-unserem geistigen Auge vorgehalten wie ein Spiegel, daß wir darin unser
-inneres Gesicht wahrnehmen können. Hier erkennen wir unsere häßlichen wie
-unsere schönen Züge. Hier merken wir, was für Fortschritte wir gemacht
-haben und wie weit wir vom Fortschritt entfernt sind«. Wer aber die Heilige
-Schrift ansieht, ohne sie zu verstehen, dem geht es wie dem Blinden, der
-sich einen Spiegel vor die Augen hält, ohne daß er sich darin sehen kann;
-ein solcher sucht nicht Belehrung aus der Schrift, wiewohl sie doch eben
-dazu da ist. Er sitzt müßig vor der Schrift, wie der Esel vor der Leier. Er
-gleicht dem Hungernden, der ein Brot vor sich hat und sich doch nicht damit
-sättigen kann. Ihm ist das Wort Gottes eine unnütze Speise, mit der er
-nichts anzufangen weiß, weil er weder selbst mit dem Verstand in sie
-eindringen kann, noch auch ein anderer sie ihm mundgerecht macht, indem er
-ihn belehrt.
-
-Darum sagt auch der Apostel, indem er uns zum Studium der Schrift im
-allgemeinen ermahnt: »Was aber geschrieben ist, das ist uns zur Lehre
-geschrieben, auf daß wir durch Geduld und Trost der Schrift Hoffnung
-haben«. Und an anderer Stelle: »Werdet voll heiligen Geistes und redet
-untereinander in Psalmen und Lobgesängen und geistlichen Liedern«. Mit sich
-selber nämlich redet, wer versteht, was er vorbringt und aus seinen Worten
-Nutzen zu ziehen weiß. Derselbe Apostel schreibt an Timotheus: »Halt an mit
-Lesen, mit Ermahnen, mit Lehren, bis ich komme«. Und wiederum: »Du aber
-bleibe in dem, das du gelernet hast und dir vertrauet ist, sintemal du
-weißest, von wem du gelernet hast. Und weil du von Kind auf die Heilige
-Schrift weißest, kann dich dieselbige unterweisen zur Seligkeit durch den
-Glauben an Christum Jesum. Denn alle Schrift, von Gott eingegeben, ist
-nütze zur Lehre, zur Strafe, zur Besserung, zur Züchtigung in der
-Gerechtigkeit, daß ein Mensch Gottes sei vollkommen, zu allem guten Werk
-geschickt«. Auch die Korinther ermahnt der Apostel zum Studium der Schrift,
-damit sie, was andere über die Schrift sagen, auslegen können: »Strebet
-nach der Liebe. Fleißiget euch der geistlichen Gaben, am meisten aber, daß
-ihr weissagen möget. Denn der mit Zungen redet, der redet nicht den
-Menschen, sondern Gott; wer aber weissaget, der bessert die Gemeinde.
-Darum, wer mit Zungen redet, der bete also, daß er's auch auslege. Ich will
-beten mit dem Geist und will beten auch im Sinn; ich will Psalmen singen im
-Geist und will auch Psalmen singen mit dem Sinn. Wenn du aber segnest im
-Geist, wie soll der, so an Statt des Laien stehet, Amen sagen auf deine
-Danksagung, sintemal er nicht weiß, was du sagest? Du danksagest wohl fein,
-aber der andere wird nicht davon gebessert. Ich danke meinem Gott, daß ich
-mehr mit Zungen rede denn ihr alle. Aber ich will in der Gemeine lieber
-fünf Worte reden mit meinem Sinn, auf daß ich auch andere unterweise, denn
-sonst zehntausend Worte mit Zungen. Liebe Brüder, werdet nicht Kinder an
-dem Verständnis, sondern an der Bosheit seid Kinder, an dem Verständnis
-aber seid vollkommen«.
-
-Zungen reden heißt: bloße Worte ausstoßen, ohne sie durch Auslegung
-verständlich zu machen. Weissagen oder auslegen heißt: nach Art der
-Propheten, welche Seher, d. h. Einsehende genannt werden, verstehen was man
-sagt, so daß man es auch anderen auslegen kann. Im Geiste betet oder singt
-Psalmen, wer nur hörbare Laute von sich giebt, ohne einen verständigen Sinn
-damit zu verbinden. Wenn aber unser Geist betet, d. h. wenn wir nur
-zusammenhangslose Laute hervorbringen, ohne mit dem Herzen zu fassen, was
-die Lippen sprechen, so bleibt unsere Seele ohne die Frucht, die sie doch
-vom Gebet haben sollte: nämlich, daß sie durch den Sinn der ausgesprochenen
-Worte zur Sehnsucht und zum Verlangen nach Gott entflammt würde.
-
-Darum ermahnt uns der Apostel, wir sollen unsere Reden so gestalten, daß
-wir nicht, wie so viele andere, nur Laute hervorbringen, sondern auch einen
-Sinn damit verbinden, und er will nicht, daß wir anders beten oder Psalmen
-singen, weil dies ohne Frucht bleibe. Darin folgt ihm auch der heilige
-Benedikt, wenn er sagt: »Wir sollen in solcher Verfassung Psalmen singen,
-daß unser Geist mit dem, was wir singen, übereinstimmt«. Dies verlangt auch
-der Psalmist mit dem Wort: »Lobsinget mit Verstand«. Den Worten und Lauten
-soll die Würze des vernünftigen Sinnes nicht fehlen, damit wir in Wahrheit
-zum Herrn sprechen können: »Wie lieblich sind deine Worte in meinem Munde«.
-Und an anderer Stelle: »Nicht mit Flöten wird der Mann sich angenehm machen
-vor Gott«. Nämlich die Flöte ertönt zu Lustbarkeit und Vergnügen, nicht zu
-ernstem Nachdenken. Daher man von denen, die von ihrer eigenen Musik so
-entzückt sind, daß sie die Erbauung des Verstandes darüber vergessen, mit
-Recht sagen kann: sie spielen die Flöte, ohne damit Gott zu gefallen. Wie
-soll man, sagt der Apostel, zu den Gebeten in der Kirche Amen sagen, wenn
-man nicht versteht, was gebetet wird, und nicht weiß, ob es etwas Gutes
-oder etwas Schlimmes ist, um was man betet. So erleben wir's ja oft, daß
-Laien, die den Sinn der Worte nicht verstehen, in der Kirche aus Irrtum
-sich selbst Böses erflehen, statt Gutes: wenn es z. B. heißt: »Laß uns so
-durch das Zeitliche gehen, ut _non_ amittamus aeterna«[4] -- werden manche
-durch den ähnlich klingenden Laut irregeführt und sagen: »ut _nos_
-amittamus aeterna«[5] oder: »ut non admittamus aeterna«.[6] Dieser Gefahr
-will der Apostel vorbeugen mit den Worten: »Wenn du aber segnest im Geist«,
-d. h. wenn du beim Segnen nur unverständliche Laute von dir giebst, »wie
-soll der, so an Statt des Laien stehet, Amen sagen?«, d. h. wer von den
-Assistierenden, deren Aufgabe es ist, an Stelle der Laien zu antworten,
-wird dann antworten können? »Wie soll er Amen sagen?«, weiß er doch nicht,
-ob er es zu einem Segen oder zu einem Fluch sagt. Endlich, wer die Schrift
-nicht versteht, wie kann sich der am Wort erbauen, wie soll er die Regel
-auslegen und verstehen, oder verbessern, was unrichtig ist?
-
-[Fußnote 4: Daß wir das Ewige _nicht_ verlieren.]
-
-[Fußnote 5: Daß _wir_ das Ewige verlieren.]
-
-[Fußnote 6: Daß wir das Ewige nicht _zulassen_.]
-
-Darum sind wir auch nicht wenig erstaunt, daß man in den Klöstern, einer
-Eingebung des Teufels folgend, keine Studien zum Verständnis der Schrift
-treibt, sondern nur zum Gesang und zum Aussprechen der Wörter, nicht aber
-zum Verstehen derselben Anleitung giebt: als ob das Blöken der Schafe
-wichtiger wäre als das Weiden. Denn das Verständnis der Heiligen Schrift
-ist die Speise und geistliche Erquickung der Seele. Darum läßt der Herr den
-Ezechiel, ehe er ihn zum Predigen bestimmt, ein Buch verschlingen, das
-alsbald in seinem Munde ward wie süßer Honig. Von dieser Speise redet auch
-Jeremia: »Die jungen Kinder heischen Brot und ist niemand, der es ihnen
-breche«. Den Kindern nämlich bricht Brot, wer den Sinn der Schrift den
-Einfältigen eröffnet. Und diese Kinder, die verlangen, daß man ihnen das
-Brot breche, das sind die, die ihr Herz sättigen wollen am Verständnis der
-Schrift, wie der Herr an einer andern Stelle bezeugt: »Ich werde einen
-Hunger ins Land schicken, nicht einen Hunger nach Brot oder Durst nach
-Wasser, sondern nach dem Worte des Herrn, zu hören«. Dagegen aber hat der
-alte Feind einen Hunger und Durst, zu hören Menschenworte und das Geräusch
-der Welt, in die Mauern der Klöster geschickt, also daß über eitlem
-Geschwätz das Wort Gottes uns entleidet, zumal es uns ohne die Süßigkeit
-und Würze des Verständnisses ungenießbar erscheint. Daher sagt der
-Psalmist, wie oben erwähnt: »Wie lieblich sind deine Worte in meinem Munde.
-Dein Wort ist meinem Munde süßer denn Honig«. Worin diese Süßigkeit
-bestehe, fügt er sogleich hinzu: »Dein Wort macht mich klug«. Das heißt:
-aus deinem Wort, nicht aus Menschenworten, habe ich Klugheit gelernt, dein
-Wort hat mich unterrichtet und belehrt. Auch was die Frucht dieses
-Verständnisses betrifft, fügt er hinzu: »Darum hasse ich alle falschen
-Wege«. Viele bösen Wege sind an sich schon so deutlich als solche zu
-erkennen, daß alle sie von selbst hassen und verabscheuen; aber alle bösen
-Wege können wir mit Hilfe des göttlichen Wortes erkennen und meiden. Daher
-auch das Wort: »Deine Worte sind in meinem Herzen geborgen, daß ich mich
-nicht an dir versündige«. In unserem Herzen sind sie geborgen und tönen
-nicht von unsern Lippen, wenn wir durch stilles Nachdenken zu ihrem
-Verständnis gekommen sind. Je weniger wir nach diesem Verständnis trachten,
-desto weniger vermögen wir die bösen Wege zu erkennen und zu meiden und uns
-vor der Sünde zu hüten.
-
-Eine Versäumnis in dieser Hinsicht ist namentlich Mönchen, die nach
-Vollkommenheit streben sollen, schwer anzurechnen, denn sie können die
-Belehrung leichter haben, da ihnen eine Menge heiliger Bücher zu Gebote
-steht und sie Zeit und Ruhe genug dazu haben. Jener Alte in dem Buch »Leben
-der Altväter« tadelt mit Recht diejenigen, welche die Menge der
-Schriftsteller rühmen, aber zum Lesen derselben keine Zeit finden. »Die
-Propheten,« sagt er, »haben Bücher geschrieben, und nach ihnen sind unsere
-Väter gekommen und haben über diesen Büchern gearbeitet. Ihre Nachfolger
-haben sie dem Gedächtnis der Nachwelt empfohlen. Dann ist das heutige
-Geschlecht gekommen und hat die Bücher abgeschrieben auf Papier und
-Pergament und hat sie unbenutzt in den Fächern liegen lassen.« Auch der
-Vater Palladius mahnt uns dringend zum Lernen wie zum Lehren: »Eine Seele,
-die nach dem Willen Christi beschaffen sein will, muß fleißig lernen, was
-sie nicht weiß und frei lehren, was sie erkannt hat«. Wenn sie aber beides,
-obwohl sie könnte, nicht will, dann leidet sie an Wahnsinn. Denn der Anfang
-des Abfalls von Gott ist der Ekel an der Wissenschaft, und wie kann man
-Gott lieben, wenn man nicht begehrt, wonach die Seele allezeit hungert?
-
-Auch dem heiligen Anastasius ist das Lernen und Studieren so wichtig, daß
-er in seiner Mahnung an die Mönche den Rat giebt, die religiösen Übungen
-damit zu unterbrechen. »Ich will den Weg unserer Lebensweise vorzeichnen,«
-sagt er; »das erste ist die Sorge für die Abstinenz, Geduld im Fasten,
-Anhalten am Gebet und Fleiß im Lesen, oder wenn einer der Schrift noch
-nicht mächtig ist, im Zuhören, gefördert durch das Verlangen, zu lernen.
-Das ist gleichsam das erste Kinderspielzeug in die Wiege derer, die noch
-Säuglinge sind in der Gotteserkenntnis.« Nach einigen weiteren Sätzen sagt
-er dann zuerst: »am Gebet soll man also anhalten, daß dasselbe fast keine
-Unterbrechung erleidet«; dann aber fügt er hinzu: »Wenn möglich, sollen die
-Gebete nur durch Lesen unterbrochen werden«. Auch der Apostel Petrus sagt
-dasselbe in seiner Mahnung: »Seid allezeit bereit zur Verantwortung
-jedermann, der Grund fordert der Hoffnung, die in euch ist«. Und der
-Apostel Paulus sagt: »Wir hören nicht auf zu beten, daß ihr erfüllet werdet
-mit Erkenntnis seines Willens in allerlei geistlicher Weisheit und
-Verstand«; und weiter: »Lasset das Wort Christi unter euch reichlich wohnen
-in aller Weisheit«.
-
-Auch im Alten Testament wird den Menschen in ähnlicher Weise eingeschärft,
-sich mit den heiligen Geboten vertraut zu machen. Denn so spricht David:
-»Wohl dem, der nicht wandelt im Rat der Gottlosen, noch tritt auf den Weg
-der Sünder, noch sitzet, da die Spötter sitzen; sondern hat Lust zum Gesetz
-des Herrn«. Und zu Josua, dem Sohne Nuns, sagt der Herr: »Laß das Buch
-dieses Gesetzes nicht aus deinen Händen kommen, sondern betrachte es Tag
-und Nacht«.
-
-Freilich drängen sich oft auch in diese fromme Beschäftigung unheilige
-verführerische Gedanken ein, und ob wir auch unsern Geist mit allem Eifer
-auf Gott gerichtet haben, so macht uns doch die Sorge dieser Welt zu
-schaffen. Und wenn derjenige solchen Anfechtungen ausgesetzt ist, der in
-Erfüllung seines heiligen Berufes begriffen ist, dann wird jedenfalls der
-Müßige ihnen auch nicht entgehen. Der heilige Papst Gregorius sagt im 19.
-Kapitel seiner »Moralia«: »Mit Seufzen sehen wir jetzt Zeiten anbrechen, da
-viele, die einen kirchlichen Beruf haben, entweder ihr Thun nicht nach dem,
-was sie wissen, einrichten wollen, oder aber überhaupt verschmähen, das
-Wort Gottes kennen zu lernen und zu verstehen. Sie verschließen ihr Ohr vor
-der Wahrheit und wenden sich den Fabeleien zu; denn sie suchen alle das
-Ihre, nicht was Jesu Christi ist. Überall tritt uns das Wort Gottes vor die
-Augen, aber die Menschen mögen es nicht kennen lernen. Fast keiner begehrt
-zu wissen, was er glaubt«.
-
-Und doch ermahnen uns dazu die Klosterregeln, wie die Vorbilder der
-heiligen Väter. Der heilige Benediktus giebt über das Lehren und Lernen des
-Gesangs keine bestimmte Vorschrift, wohl aber hat er genaue Bestimmungen
-über das Lesen. Er setzt für das Lesen wie für die Arbeit eine bestimmte
-Zeit genau fest und ist für die Übung im Lesen und Schreiben so besorgt,
-daß er unter den notwendigen Gegenständen, die der Mönch von seinem Abt
-anzusprechen hat, auch Feder und Papier nicht vergißt. Er hat unter anderem
-die Bestimmung, daß bei Beginn der Fasten jeder Mönch aus der Bibliothek
-ein Buch empfangen soll, das er ganz durchzulesen hat; was aber wäre
-lächerlicher als seine Zeit mit Lesen zu verbringen, ohne darauf zu achten,
-ob man den Inhalt versteht oder nicht? Bekannt ist das Wort jenes Weisen:
-»Lesen ohne zu verstehen ist mißverstehen«. Auf einen solchen Leser paßt
-das Wort des Philosophen vom Esel vor der Leier. Denn ein Leser, der ein
-Buch in der Hand hält, ohne daß er etwas damit anfangen kann, ist wie ein
-Esel, der vor einer Leier sitzt. Und viel vernünftiger wäre es, wenn solche
-Menschen sich sonstwie nützlich beschäftigen würden, statt müßig
-dazusitzen, die Buchstaben anzusehen und die Blätter umzudrehen. An solchen
-Lesern sehen wir das Wort des Jesaia sich erfüllen: »Daß euch aller
-Propheten Gesichte sein werden wie die Worte eines versiegelten Buchs,
-welches, so man's gäbe einem, der lesen kann, und spräche: 'Lieber, lies
-das', und er spräche: 'Ich kann nicht, denn es ist versiegelt'. Oder gleich
-als wenn man's gäbe dem, der nicht lesen kann, und spräche: 'Lieber, lies
-das,' und er spräche: 'Ich kann nicht lesen'. Und der Herr spricht 'Darum,
-daß dies Volk zu mir nahet mit seinem Munde, und mit seinen Lippen mich
-ehret, aber ihr Herz ferne von mir ist, und mich fürchten nach
-Menschengebot, das sie lehren: so will ich auch mit diesem Volk wunderlich
-umgehen, aufs wunderlichste und seltsamste, daß die Weisheit seiner Weisen
-untergehe und der Verstand seiner Klugen verblendet werde'«.
-
-Man sagt im Kloster, daß die sich auf die Schrift verstehen, die sie lesen
-können. Allein wenn sie hinsichtlich des Verständnisses der Schrift
-gestehen müssen, daß sie davon nichts wissen, so ist ihnen ihr Buch
-versiegelt, so gut wie denen, die da sagen, sie können nicht lesen. Gott
-aber bezichtigt sie, daß sie ihm mit Mund und Lippen nahen, nicht aber mit
-dem Herzen, weil sie das, was sie allenfalls lesen können, nicht im
-mindesten verstehen. Solche Menschen, indem sie des Verständnisses der
-Schrift entbehren, machen nur eine äußerliche Gewohnheit mit, haben aber
-keinen Nutzen von der Schrift. Darum droht der Herr, daß er auch ihre
-sogenannten Weisen und Gelehrten mit Blindheit schlagen wolle.
-
-Hieronymus, der größte Lehrer der Kirche und die schönste Zierde des
-Mönchsstandes, ermahnt uns zur Liebe der Wissenschaften, indem er sagt:
-»Liebe die Wissenschaft und du wirst die schnöde Lust des Fleisches nicht
-lieben«; und er legt selbst Zeugnis davon ab, wie viel Zeit und Mühe er
-darauf verwandt habe. Neben dem, was er, um uns durch sein Beispiel zu
-lehren, über sein eigenes Studium schreibt, sagt er in einem Brief an
-Pammachius und Oceanus folgendes: »In meiner Jugend war ich von einer
-brennenden Lernbegierde erfüllt. Und ich war nicht, wie andere sich heraus
-nehmen, mein eigener Lehrer, sondern ich habe zu Antiochia fleißig den
-Apollinaris gehört und bin mit ihm verkehrt, während er mich in den
-heiligen Schriften unterrichtete. Schon färbte mein Haar sich grau, und ich
-hätte demnach eher Lehrer sein sollen als noch Schüler. Dennoch ging ich
-nach Alexandria. Ich hörte da den Didymus; viel verdanke ich ihm, viel
-Neues hat er mich gelehrt. Die Leute meinten, nun hätte ich endlich
-ausgelernt. Da lernte ich noch in Jerusalem und in Bethlehem mit Mühe und
-um teures Geld nächtlicherweile Hebräisch bei Barannias. Denn er fürchtete
-sich vor den Juden und ward mir ein zweiter Nikodemus«. Wahrlich, er hatte
-sich treulich gemerkt, was im Buch Sirach zu lesen ist: »Liebes Kind, laß
-dich die Weisheit ziehen von Jugend auf, so wird ein weiser Mann aus dir«.
-Nicht allein aus den Worten der Schrift, sondern auch aus dem Vorbild der
-heiligen Väter hat er sich belehrt, und unter den Lobsprüchen, die er dem
-dortigen musterhaften Kloster spendet, findet sich folgende Bemerkung über
-die ausgezeichnete Pflege des Schriftstudiums in demselben: »Nirgends habe
-ich ein so tiefes Studium und Verständnis der Heiligen Schrift und eine so
-eifrige Pflege der Gottesgelehrtheit gefunden, wie hier. Man hätte jeden
-der Mönche für einen Lehrer der göttlichen Weisheit halten können«.
-
-Auch der heilige Beda, der schon als Knabe ins Kloster aufgenommen wurde,
-wie er in der »Geschichte der Angelsachsen« berichtet, sagt: »Seitdem
-brachte ich mein ganzes Leben in ein und demselben Kloster zu und habe mich
-ganz dem Studium der Heiligen Schrift hingegeben; neben der Beobachtung der
-Klosterregel und der täglichen Pflicht des Singens in der Kirche war es
-allezeit mein höchstes Vergnügen, zu lernen oder zu schreiben«.
-
-Jetzt aber bleiben die, die in Klöstern erzogen werden, so einfältig, daß
-sie, zufrieden mit dem leeren Schall der Worte, sich um das Verständnis der
-Schrift nicht kümmern, und nicht fürs Herz etwas lernen, sondern nur die
-Zunge üben wollen. Sie trifft der Spruch Salomos: »Das Herz des Weisen
-sucht Weisheit, aber des Narren Mund weidet sich an der Thorheit«, nämlich
-wenn er sich an Worten erfreut, die er nicht versteht. Solche Leute können
-ja Gott nicht lieben und in Liebe zu ihm entbrennen, da sie vom Verständnis
-der Schrift, die uns über Gott belehrt, so weit entfernt sind.
-
-Diese Zustände in den Klöstern sind hauptsächlich auf zwei Ursachen
-zurückzuführen: einmal auf die Eifersucht der Laien und Laienbrüder, ja
-auch der Vorgesetzten selbst, sodann auf das leere Geschwätz und die
-Müßiggängerei, die in den heutigen Klöstern vielfach zu Hause sind. Jene
-wollen mit uns nur in irdischem Handel und Wandel zu thun haben, nicht aber
-in geistlichem Verkehr mit uns stehen und gleichen den Philistern, die den
-Isaak verfolgten, als er einen Brunnen graben wollte, und ihm das Wasser
-wehrten, indem sie Erde hineinwarfen. Gregorius legt diese Geschichte in
-seinen »Moralia«, Kapitel XVI, also aus: »Oft, wenn wir uns mit der
-Heiligen Schrift beschäftigen, haben wir unter den Angriffen der bösen
-Geister schwer zu leiden: sie streuen uns den Staub irdischer Gedanken in
-den Sinn, um das Auge unserer Betrachtung für das Licht der inneren
-Beschauung blind zu machen«. Dies hatte der Psalmist nur allzusehr
-erfahren, als er sagte: »Weichet von mir, ihr Übelthäter, ich will
-erforschen die Gebote meines Gottes«. Er erklärt damit deutlich, daß er die
-Gebote Gottes nicht erforschen konnte, weil sein Geist zu kämpfen hatte
-gegen die Anläufe der Dämonen. Sie sind dasselbe, was die bösen. Philister
-bei Isaaks Brunnen waren, als sie ihn mit Erde füllten. Denn solche Brunnen
-graben wir in der That, wenn wir in die verborgenen Tiefen der Schrift
-eindringen. Es ist, als deckten die Philister uns den Brunnen zu, wenn
-unreine Geister, während wir zum Himmel streben, uns irdische Gedanken
-eingeben, und uns gleichsam das Wasser der göttlichen Erkenntnis, das wir
-gefunden haben, entziehen. Aber weil niemand diese Feinde aus eigener Kraft
-zu überwinden vermag, sagt Eliphas uns das Wort: »Und der Allmächtige wird
-gegen deine Feinde sein, und Silber wird dir zugehäuft werden«. Das soll
-heißen: wenn der Herr mit seiner Stärke die bösen Geister von dir treibt,
-dann wird der Schatz des göttlichen Wortes leuchtend in dir sich vermehren.
-
-Gregorius hatte wohl gelesen die Homilien des großen Christenphilosophen
-Origenes über die Genesis und hat aus dessen Brunnen geschöpft, was er uns
-über diese Brunnen sagt. Denn dieser eifrige geistliche Brunnengräber
-ermahnt uns nicht nur eindringlich, aus diesen Brunnen zu schöpfen, sondern
-auch sie zu graben. So sagt er in der zwölften der genannten Homilien:
-»Lasset uns thun, wozu die Weisheit uns ermahnt: 'Trinke Wasser aus deiner
-Grube und Flüsse aus deinem Brunnen; habe du sie aber alleine'. Trachte
-also auch du, mein lieber Zuhörer, danach, einen eigenen Brunnquell zu
-haben, daß, wenn du ein Buch der Heiligen Schrift vornimmst, du auch durch
-eigenes Nachdenken einen Sinn herausbringest, und nach dem, was du in der
-Kirche gelernt hast, trachte auch du zu trinken aus dem Brunnen deines
-Geistes. Es sprudelt in dir ein Quell lebendigen Wassers, Geist und
-Vernunft durchströmen dich in unversieglichen Adern und reichlichen Fluten,
-nur dürfen sie nicht mit Erde und Schmutz angefüllt werden. Darum gieb dir
-Mühe, dein Land umzugraben und den Unrat auszufegen, d. h. den Geist zu
-bilden, die Trägheit auszurotten und des Herzens Härtigkeit zu erweichen.
-Höre, was die Schrift sagt: 'Wenn man das Auge drückt, so gehen Thränen
-heraus, und wenn man einem das Herz trifft, so läßt er sich merken'.
-Reinige auch du deinen Geist, damit du dereinst aus deinem eigenen Brunnen
-trinkest und aus deinen Quellen lebendiges Wasser schöpfest. Denn hast du
-in dir aufgenommen das Wort Gottes, hast du von Jesus Lebenswasser
-empfangen, im Glauben empfangen, so wird es in dir ein Brunnen des Wassers
-werden, das in das ewige Leben quillt«.
-
-Derselbe Origenes sagt in der folgenden Homilie über den obenerwähnten
-Isaaksbrunnen: »Unter den Philistern, die den Brunnen mit Erde bedeckten,
-sind ohne Zweifel die Leute zu verstehen, welche den Weg zur geistlichen
-Erkenntnis verschließen, so daß sie selbst nicht trinken können und auch
-andere daran verhindert werden«. Höre, was der Herr spricht: »Wehe euch
-Schriftgelehrten und Pharisäern, die ihr den Schlüssel der Erkenntnis
-weggenommen habt. Ihr kommt nicht hinein, und wehret denen, die hinein
-wollen«. Wir aber wollen nicht aufhören, Brunnen lebendigen Wassers zu
-graben, und bald mit Altem, bald mit Neuem uns beschäftigend wollen wir
-jenem Schriftgelehrten im Evangelium ähnlich werden, von dem der Herr sagt:
-»Der aus seinem Schatz Neues und Altes hervorträgt«.
-
-Ebenso heißt es dort: »Lasset uns zu Isaak gehen und mit ihm graben einen
-Brunnen lebendigen Wassers; auch wenn die Philister uns widerstehen und
-Streit anfangen, wollen wir doch mit ihm ausharren beim Brunnen, damit man
-auch zu uns sagen könne: 'Trinke Wasser aus deinen Gefäßen und aus deinem
-Brunnen'. Und also wollen wir graben, daß unsere Gefäße überströmen vom
-Wasser des Brunnens, daß wir nicht genug haben, wenn wir für uns allein die
-Schrift verstehen, sondern auch andere lehren und anweisen, zu trinken.
-Mensch und Vieh sollen trinken, wie der Prophet sagt: 'Tier und Menschen
-machst du gesund, Herr'«.
-
-Und weiter unten heißt es: »Wer ein Philister ist und nach Irdischem
-trachtet, der weiß auf der ganzen Erde kein Wasser zu finden, noch auch
-verständigen Sinn«.
-
-Was nützt es dich, Wissenschaft zu haben, wenn du sie nicht zu gebrauchen
-weißt? Was nützt dich das Wort, wenn du es nicht anwenden kannst? Das ist
-die Art der Knechte Isaaks, die in irgend einem beliebigen Land nach
-lebendigem Wasser graben. Ihr aber nicht also: lasset ferne von euch sein
-alles leere Geschwätz, und diejenigen unter euch, denen die Gabe des
-Lernens verliehen ist, sollen sich mit Eifer in den göttlichen Dingen
-unterrichten lassen, wie es von dem frommen Manne heißt: »Sondern er hat
-Lust zum Gesetz des Herrn und redet von seinem Gesetz Tag und Nacht«. Und
-welchen Nutzen das unermüdliche Studium im Gesetz des Herrn bringe, das
-besagen gleich die folgenden Worte: »Der ist wie ein Baum, gepflanzet an
-den Wasserbächen«. Denn wer von den Wassern des göttlichen Wortes nicht
-benetzt wird, der ist wie ein dürrer, unfruchtbarer Baum. Dieses Wort ist
-gemeint, wenn es heißt: »Von des Leibe werden Ströme des lebendigen Wassers
-fließen«. Das sind jene Fluten, von welchen die Braut im Hohenlied zum Lobe
-ihres Bräutigams singt: »Seine Augen sind wie Taubenaugen an den
-Wasserbächen, mit Milch gewaschen, und stehen in der Fülle«.
-
-Auch ihr also setzet euch, mit Milch gewaschen, d. h. im reinen Glanze
-eurer Keuschheit strahlend, wie Tauben an diese Wasserbäche, und schöpfet
-Weisheit daraus, auf daß ihr nicht bloß lernet, sondern auch lehren und
-andern den Weg zeigen könnet; daß ihr den Bräutigam nicht bloß selber
-sehen, sondern auch andern beschreiben möget!
-
-Wir wissen: von der Einen Braut, die den Bräutigam durch das Ohr des
-Herzens zu empfangen gewürdigt worden ist, steht geschrieben: »Maria
-behielt alle diese Worte und bewegte sie in ihrem Herzen«. Also die Mutter
-des höchsten Wortes nahm seine Worte mehr zu Herzen als in den Mund und
-bewegte sie im Herzen; sie überlegte jedes einzelne mit Fleiß und verglich
-sie miteinander, ob sie genau übereinstimmen.
-
-Aus dem Gesetz wußte sie, daß alles Tier unrein genannt wird, das nicht
-wiederkäuet und die Klauen spaltet. So ist auch keine Seele rein, die nicht
-die göttlichen Gebote wiederkäuet, indem sie darüber nachdenkt, so viel sie
-vermag, und ihren Verstand anwendet, um sie zu befolgen, so daß sie nicht
-bloß äußerlich Gutes thut, sondern wirklich gut, d. h. mit der richtigen
-Gesinnung, handelt. Die gespaltenen Klauen aber bedeuten das
-Unterscheidungsvermögen der Seele, worüber geschrieben steht: »Wenn du
-recht anbietest, aber nicht recht teilest, so sündigst du«.
-
-»Wer mich liebt,« sagt die 'Wahrheit', »der hält meine Worte.« Wer aber
-wird die Worte und Gebote seines Herrn gehorsam halten können, wenn er sie
-nicht vorher verstanden hat? Niemand wird eifrig im Thun sein, der nicht
-vorher ein aufmerksamer Hörer war. So, wie wir von dem frommen Weib lesen,
-das, alles andere vergessend, zu Jesu Füßen saß und auf seine Worte hörte,
-gewiß mit jener verständnisvollen Aufmerksamkeit, die der Herr selbst von
-uns verlangt, wenn er sagt: »Wer Ohren hat zu hören, der höre«. Könnet ihr
-euch aber nicht zu solch hingebender Glut entflammen, dann ahmet im Eifer
-und in der Begeisterung für die heiligen Wissenschaften wenigstens jene
-frommen Schülerinnen des heiligen Hieronymus nach: Paula und Eustochium,
-auf deren Antrieb dieser große Lehrer die Kirche durch so manche Schrift
-erleuchtet hat.
-
-
-
-
-IX. Brief.
-
-Heloise an Abaelard.
-
-(Mit 42 biblisch-theologischen Fragen.)
-
-
-Deiner Weisheit ist es besser bekannt als meiner Einfalt, wie der selige
-Hieronymus der frommen Marcella das Studium der Heiligen Schrift und der
-damit zusammenhängenden Fragen, für welches sie glühend begeistert war, gar
-sehr empfohlen und sie nachdrücklich darin bestärkt hat, und wie er ihr
-weithintönendes Lob dafür gespendet hat. In seinem Kommentar zum Brief des
-Paulus an die Galater thut er ihrer im ersten Buch in folgender Weise
-Erwähnung: »Ich kenne ihren Eifer, ich kenne ihren Glauben und das glühende
-Verlangen, das sie in der Brust trägt: ihr Geschlecht zu überwinden, die
-Menschen zu vergessen, den Paukenschall des göttlichen Wortes ertönen zu
-lassen und das Rote Meer dieser Welt zu durchschreiten. In der That, so oft
-ich in Rom war, hat sie mich nie auch nur einen Augenblick gesehen, ohne
-mir irgend eine Frage über die heiligen Schriften vorzulegen. Dabei war sie
-nicht nach Pythagoräer Weise mit jeder beliebigen Antwort zufrieden; auch
-beugte sie sich nicht unter die bloße Autorität, wenn triftige Gründe
-fehlten; vielmehr prüfte sie alles und mit scharfem Verstand wog sie alles
-ab, so daß ich oft das Gefühl hatte, ich habe nicht eine Schülerin, sondern
-eine Richterin vor mir«.
-
-Hieronymus sah sie infolge dieses Eifers bald solche Fortschritte machen,
-daß er sie den anderen Frauen, die sich um das gleiche Studium bemühten,
-zur Lehrerin setzte. Daher schreibt er an die Jungfrau Principia unter
-anderem folgendes: »Du hast dort zur Leitung im Studium der Schrift und in
-der Heiligung des Leibes und der Seele Marcella und Asella; die eine mag
-dich durch die grünenden Wiesen und durch den bunten Blumenflor der
-heiligen Schriften zu dem führen, der im Lied der Lieder sagt: 'Ich bin
-eine Blume zu Saron, und eine Rose im Thal'; die andere, selbst eine Blume
-des Herrn, ist würdig, zugleich mit dir das Wort zu vernehmen: 'Wie eine
-Rose unter den Dornen, so ist meine Freundin unter den Töchtern'«.
-
-Wozu aber sage ich dies, du von vielen Geliebter, uns aber Geliebtester?
-Ich will dir ja nichts erzählen, ich will dich mahnen: meine Worte sollen
-dich an deine Schuld erinnern und dich nicht länger säumen lassen mit der
-Einlösung. Die Mägde Christi, deine geistlichen Töchter, hast du in eigenem
-Oratorium vereinigt und sie mit dem Dienste Gottes betraut; stets pflegtest
-du uns das Studium des göttlichen Wortes und das Lesen heiliger Schriften
-besonders ans Herz zu legen. Ja, so nachdrücklich hast du uns die Kenntnis
-der Heiligen Schrift empfohlen, daß du sie einen Seelenspiegel nanntest, in
-dem man seiner Schönheit oder Häßlichkeit gewahr werde, und du verlangtest,
-daß keine Braut Christi dieser Spiegel fehlen dürfe, wenn sie dem Herrn
-gefallen wolle, dem sie sich angelobt. Du sagtest noch weiter zu unserer
-Aufmunterung, das Lesen der Heiligen Schrift, wenn man sie nicht verstehe,
-nütze so viel, wie dem Blinden ein Spiegel.
-
-Durch diese Mahnungen sind wir, ich sowohl wie die Schwestern, zu mächtigem
-Eifer angeregt worden, indem wir auch in diesem Stück nach Kräften dir zu
-gehorchen bestrebt sind. Allein während wir uns alle Mühe geben und von
-derjenigen Liebe zu den Wissenschaften ergriffen sind, über die der
-obengenannte Lehrer einmal sagt: »Liebe die Wissenschaften, und du wirst
-die Laster des Fleisches nicht lieben«, -- wird unser Eifer durch die
-vielen Fragen, die uns verwirren, lahmgelegt. Und was wir in den heiligen
-Schriften weniger verstehen, das müssen wir notwendig auch weniger lieben,
-da wir fühlen, daß es eine fruchtlose Arbeit ist, die wir thun.
-
-Darum stellen die Schülerinnen ihrem Lehrer, die Töchter ihrem Vater einige
-Fragen, und bitten demütigst, du möchtest es nicht unter deiner Würde
-achten, dieselben für sie zu lösen. Denn auf dein mahnendes Wort, ja auf
-deinen Befehl hin haben wir dies Studium in Angriff genommen. Wir haben bei
-der Aufstellung der Fragen nicht die Reihenfolge der heiligen Schriften
-eingehalten, sondern wie sie uns täglich aufgestoßen sind, so haben wir sie
-aufgezeichnet und übersenden sie nun dir zur Lösung.
-
-
-
-
-X. Brief.
-
-Abaelard an Heloise.
-
-(Begleitschreiben zu einer Sammlung geistlicher Lieder, von Abaelard
-gedichtet für die Nonnen des Paraklet.)
-
-
-I.
-
-Meine liebe Schwester Heloise, einst in der Welt mir teuer und nun erst
-recht teuer in Christus, auf deine dringende Bitte habe ich Lieder
-gedichtet, auf griechisch Hymnen, auf hebräisch Tehillim geheißen. Da du
-und deine frommen Frauen mich wiederholt zu der Abfassung solcher Lieder
-drängtet, so habe ich nach dem Grund eures Wunsches geforscht. Denn ich
-sagte mir, es sei unnötig, neue Lieder zu dichten, während ihr alte in
-reicher Fülle habt, ja, es wollte mir wie ein Verbrechen erscheinen, den
-alten Gesängen heiliger Dichter neue von sündigen Menschen vorzuziehen oder
-an die Seite zu stellen.
-
-Während ich nun von verschiedenen Seiten verschiedene Meinungen zu hören
-bekam, führtest du, soviel ich mich erinnere, unter anderem folgenden Grund
-an. »Wir wissen,« sagtest du, »daß die römische und besonders die
-gallicanische Kirche in betreff der Psalmen und Hymnen sich mehr nach ihrer
-Gewohnheit richten als nach einer Autorität. Wir wissen ja heute noch
-nicht, von wem die Übersetzung des Psalters herrührt, welche in unserer, d.
-h. in der gallicanischen Kirche, im Gebrauch ist, und nach den Äußerungen
-derjenigen zu urteilen, die uns über die Verschiedenheit der Übersetzungen
-belehrt haben, weicht die unsrige von allen übrigen weit ab und kann, wie
-ich glaube, auf ein höheres Ansehen keinen Anspruch machen. Allein ihr
-Gebrauch hat sich durch langjährige Gewohnheit so sehr eingebürgert, daß
-wir gerade beim Psalter, den wir doch am häufigsten brauchen, einer
-apokryphen Übersetzung folgen, während wir die andern biblischen Bücher in
-der korrekten Übersetzung des seligen Hieronymus lesen. Was aber die Hymnen
-betrifft, die wir jetzt gebrauchen, so herrscht hierin eine solche
-Unordnung, daß fast nie eine Überschrift ihre Art oder ihre Verfasser
-bezeichnet. Und wenn man doch bei einigen mit Wahrscheinlichkeit auf
-bestimmte Verfasser schließen kann, als deren älteste man Hilarius und
-Ambrosius, dann Prudentius und viele andere annimmt, so ist häufig das
-Silbenmaß so wenig entsprechend, daß man den Liedern kaum eine Melodie
-unterlegen kann, ohne die doch ein Hymnus keinen Zweck hat, der ja ein
-wohltönendes Lob Gottes sein soll.«
-
-Auch fügtest du noch bei, daß es für die meisten Feste an eigentümlichen
-Liedern fehle, so auch für die Feier der unschuldigen Kindlein, der
-Evangelisten oder derjenigen weiblichen Heiligen, die weder Jungfrauen noch
-Märtyrerinnen waren. Es fehle auch nicht an solchen, versichertest du, bei
-denen die Singenden eine Unwahrheit aussprechen müssen, sei's wegen der
-Zeitumstände, die nicht zum Liede passen, oder wegen des falschen Inhaltes.
-Manche der Gläubigen halten aus irgend einem zufälligen Grund oder infolge
-besonderer Erlaubnis die bestimmte vorgeschriebene Stunde nicht ein und
-kommen nun entweder zu früh oder zu spät, so daß sie genötigt sind,
-wenigstens in Beziehung auf die Zeit zu lügen, wenn sie die für die Nacht
-bestimmten Lieder bei Tag, die für den Tag bestimmten bei Nacht singen.
-Nach der Vorschrift des Propheten und der Satzung der Kirche soll ja auch
-während der Nacht das Lob Gottes nicht verstummen, wie geschrieben steht:
-»Des Nachts gedenke ich an deinen Namen, o Herr« und: »Mitten in der Nacht
-erhebe ich mich, mit dir zu reden«, d. h. dich zu lobpreisen. Dagegen darf
-der siebenfache Lobgesang, dessen der Prophet Erwähnung thut mit den
-Worten: »Siebenmal des Tages lobe ich dich« -- nur bei Tage dargebracht
-werden. Der erste derselben, der Morgenlobgesang genannt, und von demselben
-Propheten bezeichnet mit den Worten: »Des Morgens gedenke ich dein, o Herr«
--- soll angestimmt werden in der ersten Frühe des Tages, wenn die
-Morgenröte oder der Morgenstern erscheint.
-
-Bei den meisten Hymnen giebt sich diese Unterscheidung von selber. So
-kennzeichnen sich gewisse Lieder selbst deutlich als solche, die bei Nacht
-zu singen sind, wenn es z. B. heißt: »Wohl auf zur Nacht und laßt uns alle
-wachen« -- oder: »Gesang durchtönt die stille Nacht«; ferner: »Die lange
-Nachtzeit kürzen wir, erstehen zum Bekenntnis dir«. Oder ein andermal: »Die
-schwarze Nacht hält nun bedeckt, was auf der Erd' in Farben strahlt« --
-oder: »Wir stehn von unsrem Lager auf zur Zeit der ruhig stillen Nacht«,
-und ferner: »Wie wir die Stunden stiller Nacht nun unterbrechen mit Gesang«
-u. s. w.
-
-So geben auch manche Morgenhymnen die Zeit, zu welcher sie zu singen sind,
-selber an. Zum Beispiel, wenn es heißt: »Der nächt'ge Schatten weichet
-schon« -- oder: »Golden erstrahlt des Tages Licht«; ferner: »Am Himmel
-steht das Morgenrot« -- »Das Morgenrot im Rosenlicht« oder »Der Vogel ist
-des Tags Herold; er kündet uns des Lichtes Nahn« -- und: »Wie schön
-leuchtet der Morgenstern«. Solche Lieder belehren uns selbst darüber, zu
-welcher Zeit sie gesungen sein wollen, und wollten wir diese ihre Zeiten
-nicht einhalten, so würden wir bei ihrem Vortrag als Lügner erfunden.
-Allein in den meisten Fällen ist es weniger die Nachlässigkeit, die solche
-Abweichungen verursacht, als der Zwang der Verhältnisse oder die förmliche
-Befreiung davon; dazu nötigt namentlich in den kleineren Parochialkirchen
-schon die Beschäftigung der Bevölkerung fast jeden Tag, so daß hier aller
-Gottesdienst fast das ganze Jahr hindurch bei Tag abgehalten werden muß.
-
-Aber nicht bloß das Nichteinhalten der Zeit bringt uns in die Lage, lügen
-zu müssen, sondern bei gewissen Liedern sind es die Verfasser selbst, die
-uns dazu veranlassen. Diese nämlich, sei es, daß sie von ihrer eigenen
-Zerknirschung auf den Seelenzustand anderer schlossen, oder daß sie ihre
-Heiligen durch übertrieben frommen Eifer erheben wollten -- haben manchmal
-so sehr das Maß überschritten, daß wir in manchen Liedern oft gegen unsere
-eigene Überzeugung etwas aussprechen, von dem wir das Gefühl haben, daß es
-der Wahrheit nicht entspreche. Die wenigsten werden so vom Feuer der
-heiligen Andacht glühen oder in der Zerknirschung über ihre Sünden so in
-Thränen und Seufzer aufgelöst sein, daß sie mit Recht singen können: »Wir
-nahen weinend zum Gebet; erlaß uns unsere Sünden«, oder: »Hör unsere
-Seufzer, unsern Sang in Gnaden an«. So giebt es noch manches, was nur für
-Auserwählte, und darum für wenige, paßt. Auch mag deine Einsicht
-entscheiden, ob es nicht eine Anmaßung ist, vor der wir uns scheuen
-sollten, wenn wir alljährlich singen: »Martinus, den Aposteln gleich«, oder
-wenn wir diesen oder jenen Bekenner seiner Wunder wegen in übertriebener
-Weise rühmen, indem wir z. B. sagen: »An dessen heil'gem Grab so mancher
-Heilung fand«.
-
-Diese und ähnliche Gründe, die ihr anführtet, haben mich bewogen, aus
-Ehrfurcht vor eurer Frömmigkeit, Hymnen zu dichten für den ganzen Lauf des
-Jahres. Da ihr also dies von mir erbeten habt, ihr Bräute und Mägde
-Christi, so bitte ich hinwiederum euch: daß ihr die Last, die ihr auf meine
-Schultern gelegt habt, durch die Handreichung eures Gebetes erleichtern
-möget, auf daß, wer da säet und wer da erntet, zusammen arbeite und
-zusammen sich freue.
-
-
-II.
-
-Die Feier des Gottesdienstes besteht aus drei Teilen. Der Apostel der
-Heiden hat es so verordnet im Brief an die Ephesier, wo es heißt: »Und
-saufet euch nicht voll Weins, daraus ein unordentlich Wesen folget, sondern
-werdet voll Geistes, und redet untereinander von Psalmen und Lobgesängen
-und geistlichen Liedern, singet und spielet dem Herrn in eurem Herzen«. Und
-weiter an die Colosser schreibt er: »Lasset das Wort Christi unter euch
-reichlich wohnen in aller Weisheit, lehret und ermahnet euch selbst mit
-Psalmen und Lobgesängen und geistlichen lieblichen Liedern und singet dem
-Herrn in eurem Herzen«. Die Psalmen und Lieder sind ja seit alter Zeit aus
-den kanonischen Schriften entnommen, und es bedarf nicht erst unserer Mühe,
-sie zu dichten. Über die Hymnen aber findet sich in den heiligen Schriften
-kein bestimmendes Merkmal, wiewohl einige Psalmen auch die Bezeichnung
-»Hymne« oder »heiliges Lied« als Aufschrift tragen -- und so ist über sie
-von verschiedenen Schriftstellern da und dort nachträglich geschrieben
-worden; auch wurden für die verschiedenen Zeiten, Stunden und Feste
-besondere Hymnen bestimmt. Diese nennen wir jetzt »Hymnen« im eigentlichen
-Sinn, wiewohl in der alten Zeit einige Schriftsteller alle in einem
-bestimmten Versmaß gedichteten Lieder, die zum Lobe Gottes dienten, sowohl
-Hymnen als auch Psalmen nannten. Daher sagt Eusebius von Cäsarea im 19.
-Kapitel seiner Kirchengeschichte, wo er die Lobsprüche erwähnt, die der
-beredte Jude Philo der alexandrinischen Kirche unter der Leitung des Markus
-spendet, unter anderem folgendes: »Dann kommt er darauf zu sprechen, daß
-sie selbst neue Psalmen dichten, und sagt: 'Sie kennen nicht allein die
-Lieder der geistvollen Alten, sondern dichten selbst neue Lieder zum Preis
-Gottes und singen dieselben in allen möglichen Weisen und Melodien mit
-guter und lieblicher Harmonie.'«
-
-Es ist vielleicht nicht unangezeigt, alle Psalmen, die in hebräischem
-Versmaß und Rhythmus gedichtet und mit einer lieblichen Melodie versehen
-sind, ebenfalls Hymnen zu nennen -- unbeschadet unserer Erklärung im ersten
-Vorwort. Allein da die Psalmen, wenn sie in eine andere Sprache übersetzt
-werden, vom Gesetz des Versmaßes und des Rhythmus entbunden sind, so hat
-der Apostel in seinem Brief an die Ephesier, die ja Griechen sind, mit
-Recht die Hymnen wie auch die Lieder von den Psalmen unterschieden.
-
-So habe ich denn in diesem Punkt eurer Bitte zum Teil wenigstens, soweit
-Gott es mir gestattete, Genüge gethan, geliebte Schwestern in Christo, da
-ihr meinen schwachen Geist mit vielem Flehen gar sehr bedrängt und auch
-noch die Gründe angegeben habt, warum dies euch nötig erscheine. Das erste
-Büchlein enthält die Hymnen zum täglichen Gottesdienst. Ihr werdet
-erkennen, daß sie nach zweierlei Melodien und Rhythmen gehen, und daß
-jedesmal alle Tageslieder und alle Nachtlieder beides gemeinsam haben. Auch
-den Dankhymnus, der nach dem Essen zu sprechen ist, habe ich nicht
-vergessen -- nach dem Wort des Evangeliums: »Und da sie den Lobgesang
-gesprochen hatten, gingen sie hinaus«.
-
-Die vorstehenden Hymnen sind in der Weise abgefaßt, daß der Inhalt der
-nächtlichen Lieder sich deckt mit dem, was sie feiern, und daß die
-Tageslieder die allegorische oder moralische Auslegung dieses Inhaltes
-darbieten. So kommt es, daß das Dunkel der Geschichte der Nacht aufbehalten
-wird, während der helle Tag das Licht der Erklärung bringt. Nun bleibt mir
-nur noch übrig, die Hilfe eures Gebets anzurufen, damit ich euch die
-gewünschte bescheidene Gabe zukommen lassen kann.
-
-
-III.
-
-In den beiden vorstehenden Büchlein habe ich Hymnen für den täglichen
-Gottesdienst und eigene für die hohen Feste zusammengestellt. Nun bleibt
-mir noch übrig, zur Verherrlichung des himmlischen Königs und zur
-gemeinsamen Erbauung der Gläubigen den Sitz der himmlischen Residenz mit
-würdigen Lobeshymnen nach Kräften zu erheben. Mögen mich bei diesem Werke
-die Verdienste derjenigen unterstützen, deren ruhmreiches Andenken ich
-durch den bescheidenen Zoll meiner Lobpreisungen erhöhen möchte -- nach dem
-Wort der Schrift: »Das Gedächtnis des Gerechten ermangelt nicht des Lobes«,
-und wiederum: »Lasset uns preisen die Ruhmvollen« u. s. w.
-
-Auch euch bitte ich, teure, Christo geweihte Schwestern, auf deren Flehen
-hauptsächlich ich dies Werk in Angriff genommen habe: unterstützet mich
-durch die Andacht eures Gebetes, denket an jenen frommen Gesetzgeber, der
-mit seinem Gebet mehr ausrichtete, als das Volk mit dem Schwert. Und eure
-Liebe wird sich reich erweisen in der Fülle des Gebetes, wenn ihr daran
-denket, wie freigebig ich in Erfüllung eures Wunsches gewesen bin. Während
-ich mich nach den schwachen Kräften meines Geistes mühte, das Lob der
-göttlichen Gnade würdig zu singen, habe ich durch die Menge der Lieder zu
-ersetzen gesucht, was ihnen an Schönheit des Ausdrucks abging, und so habe
-ich für die nächtliche Feier jedes einzelnen Festes eigene Hymnen
-gedichtet, während bisher nur Ein bestimmter Hymnus bei der Nachtfeier von
-Festen und Feiertagen gesungen wurde.
-
-Vier Hymnen also habe ich für jedes Fest so bestimmt, daß bei jeder der
-drei nächtlichen Vigilien ein besonderer Hymnus gesungen werden kann, und
-außerdem noch die Matutine ihren eigenen hat. Ferner habe ich die
-Bestimmung getroffen, daß von diesen vier Hymnen bei der Vigilie zwei zu
-einem Hymnus verbunden werden und die beiden andern in ähnlicher Weise bei
-der Vesper am Festtage selbst gesungen werden können; oder daß sie je zwei
-und zwei auf jede Vesper verteilt, und so der eine Hymnus mit den beiden
-ersten Psalmen, der andere mit den beiden übrigen gesungen werden.
-
-Dem Kreuz habe ich fünf Hymnen gewidmet, von denen der erste die
-jedesmaligen Horen einleiten mag, indem er den Diakon auffordert, das Kreuz
-vom Altar zu heben, es in die Mitte des Chors zu tragen und dort zur
-Anbetung und Verehrung aufzustellen, so daß es über die ganze Zeit der
-gottesdienstlichen Feier anwesend ist.
-
-
-
-
-XI. Brief.
-
-Abaelard an Heloise.
-
-(Mit einer Sammlung von Predigten.)
-
-
-In Christo verehrungswürdige und liebenswerte Schwester Heloise! Nachdem
-ich kürzlich auf deine Bitten ein Buch mit Hymnen und Sequenzen vollendet,
-so habe ich jetzt deinem Wunsche gemäß für dich und deine geistlichen
-Töchter, die in unserem Oratorium vereint sind, eine Reihe von Predigten
-verfaßt -- eiliger als ich es sonst gewohnt bin. Da ich mehr der
-Wissenschaft als der Predigt ergeben bin, so sehe ich hauptsächlich auf
-Klarheit der Darlegung, weniger auf kunstvolle Beredsamkeit; ich suche mehr
-den Wortsinn zu ergründen, als die Rede künstlich auszuschmücken. Und
-vielleicht wird eine reine, nicht ausgeschmückte Redeweise infolge ihrer
-größeren Klarheit einem einfachen Gemüt faßlicher sein, und eine gewisse
-Art von Zuhörern wird vielleicht gerade in der Einfachheit einer
-schmucklosen Rede die Schönheit und Feinheit sehen, und eine Würze darin
-finden, die einer einfachen Fassungsgabe wohlthut.
-
-Die Predigten sind nach der Reihenfolge der Feiertage niedergeschrieben und
-geordnet; begonnen habe ich mit dem Anfang unserer Erlösung. Lebe wohl im
-Herrn, du, seine Magd, einst in der Welt mir teuer, nun erst ganz teuer in
-Christus: damals meine Gattin im Fleisch, jetzt meine Schwester im Geist
-und Genossin im Bekenntnis des heiligen Gelübdes!
-
-
-
-
-XII. Brief.
-
-Abaelard an Heloise.
-
-(Abaelards Glaubensbekenntnis.)
-
-
-Liebe Schwester Heloise, einst mir teuer in der Welt, nun erst ganz teuer
-in Christus: um der Logik willen bin ich der Welt verhaßt. Die blinden
-Blindenleiter, deren Weisheit Verderben ist, behaupten nämlich, in der
-Logik sei ich zwar wohlbewandert, aber im Paulus -- da hinke ich stark. Und
-während sie meinen Scharfsinn preisen, verdächtigen sie die Reinheit meines
-christlichen Glaubens. Denn, wie mir scheint, folgen sie nur ihrem
-Vorurteil, statt durch die Erfahrung sich leiten zu lassen.
-
-Ich will nicht in der Weise Philosoph sein, daß ich den Paulus
-zurückstieße, nicht so Aristoteles, daß ich von Christus getrennt würde.
-Denn es ist kein anderer Name unter dem Himmel, in dem ich selig werden
-könnte. Ich bete an Christum, der zur Rechten des Vaters regieret. Ich
-umfasse ihn mit den Armen des Glaubens, der im jungfräulichen Fleisch, das
-er vom heiligen Geist empfangen, Herrliches wirkt in der Kraft Gottes. Und
-daß die unruhige Sorge und jeglicher Zweifel aus deinem Herzen weiche, so
-halte das fest, daß ich mein Gewissen auf jenen Felsen gegründet habe, auf
-dem Christus seine Kirche erbaut hat. Und des Felsens Aufschrift will ich
-dir in kurzen Worten mitteilen.
-
-Ich glaube an den Vater, Sohn und Heiligen Geist, an den von Natur Einen
-und wahren Gott, der in seinen Personen die Dreieinigkeit also darstellt,
-daß er in seiner Wesenheit stets die Einheit bewahrt. Ich glaube, daß der
-Sohn in allem dem Vater gleich ist, an Ewigkeit, Macht, Willen und Werk.
-Ich folge nicht dem Arius, der verblendeten Sinns, ja, von teuflischem
-Geiste verführt, Stufen in der Dreieinigkeit annimmt, indem er lehrt, daß
-der Vater größer, der Sohn kleiner sei und das Gebot vergißt: »Du sollst
-nicht auf Stufen zu meinem Altar heraufsteigen«. Denn auf Stufen steigt zum
-Altar Gottes empor, wer ein Früher und Später in der Dreieinigkeit setzt.
-Auch den Heiligen Geist bekenne ich als wesensgleich und eins mit dem Vater
-und dem Sohne, wie denn meine Schriften vielfach erklären, daß ihm der Name
-der Liebe zukomme. Ich verdamme den Sabellius, der behauptet, daß Vater und
-Sohn ein und dieselbe Person seien und daß der Vater gelitten habe, woher
-seine Anhänger Patripassianer heißen.
-
-Ich glaube auch, daß der Gottessohn zum Menschensohn geworden, daß er,
-obwohl Eine Person, aus und in zwei Naturen besteht. Der, nachdem er seine
-Aufgabe in der angenommenen Menschennatur erfüllt hatte, gelitten hat,
-gestorben und auferstanden ist, aufgefahren gen Himmel, von dannen er
-wieder kommen wird, zu richten die Lebendigen und die Toten.
-
-Ich behaupte auch, daß in der Taufe alle Sünden vergeben werden; daß wir
-der Gnade bedürfen, um das Gute anzufangen und zu vollenden, und daß die
-Gefallenen durch Buße wiederhergestellt werden. Über die Auferstehung des
-Fleisches aber -- was brauche ich darüber zu sagen, da ich mich des
-Christennamens vergeblich rühmen würde, wenn ich nicht glaubte, daß ich
-auferstehen werde?
-
-Dies also ist der Glaube, auf welchem ich ruhe, aus dem ich meine feste
-Hoffnung schöpfe. Auf ihn ist mein Heil gegründet, und so fürchte ich nicht
-das Geheul der Scylla, ich spotte der strudelnden Charybdis, und der
-totbringende Sang der Sirenen schreckt mich nicht. Mag der Sturm
-hereinbrechen, ich wanke nicht; mögen die Winde blasen, ich stehe fest.
-Denn auf einen starken Felsen bin ich gegründet.
-
-
-
-
-Anmerkungen zur Transkription
-
-
-Falsch gesetzte Anführungszeichen wurden stillschweigend korrigiert. Alle
-anderen offensichtlichen Druckfehler wurden korrigiert wie hier aufgeführt
-(vorher/nachher):
-
- ... Unbescholtenheit meines bisherigens Lebens. ...
- ... Unbescholtenheit meines bisherigen Lebens. ...
-
- ... jetzt Abtissinnen über die Nonnen setzt, wie man für die ...
- ... jetzt Äbtissinnen über die Nonnen setzt, wie man für die ...
-
- ... Mönche Abte hat und daß beide, Nonnen wie Mönche, auf ...
- ... Mönche Äbte hat und daß beide, Nonnen wie Mönche, auf ...
-
- ... Täuschung, wo die eheliche Liebe so groß ist, das eins das ...
- ... Täuschung, wo die eheliche Liebe so groß ist, daß eins das ...
-
- ... da du noch einer Abtissin untergeben warst und das Amt ...
- ... da du noch einer Äbtissin untergeben warst und das Amt ...
-
- ... Glaubst du, der kurze Schmerz meiner damaligen Verwundrung ...
- ... Glaubst du, der kurze Schmerz meiner damaligen Verwundung ...
-
- ... Wort des Philosophen sagen lassen mußt: hoc no nest osculum ...
- ... Wort des Philosophen sagen lassen mußt: hoc non est osculum ...
-
- ... er nämlich diejenigen, welche sich Christo geweiht haben ...
- ... er nämlich diejenigen, welche sich Christo geweiht haben, ...
-
- ... über das, was sie solchen müßigen Faullenzern, wie sie sagen, ...
- ... über das, was sie solchen müßigen Faulenzern, wie sie sagen, ...
-
- ... mußte der Herr ihrer fleichlichen Schwäche wegen tadeln, ...
- ... mußte der Herr ihrer fleischlichen Schwäche wegen tadeln, ...
-
- ... Hatten nicht Maria Magdalena oder Maria Agyptiaca, die ...
- ... Hatten nicht Maria Magdalena oder Maria Ägyptiaca, die ...
-
- ... Daher mahnt auch der Apostel Jakobus: »Lieben Brüder, ...
- ... Daher mahnt auch der Apostel Jakobus: »Liebe Brüder, ...
-
- ... Die Abtissin muß alle Tugenden mustergültig in sich vereinigen, ...
- ... Die Äbtissin muß alle Tugenden mustergültig in sich vereinigen, ...
-
- ... Abtissin für die Aufrechterhaltung der Klosterzucht überhaupt ...
- ... Äbtissin für die Aufrechterhaltung der Klosterzucht überhaupt ...
-
- ... denn, daß die Abtissin vorher befragt worden sei und es befohlen ...
- ... denn, daß die Äbtissin vorher befragt worden sei und es befohlen ...
-
- ... oder schwach wird«. Nach dem Argernis, das der Bruder ...
- ... oder schwach wird«. Nach dem Ärgernis, das der Bruder ...
-
- ... das Argernis vermieden wissen: »Ich habe es zwar alles ...
- ... das Ärgernis vermieden wissen: »Ich habe es zwar alles ...
-
- ... Das Volk, das aus Agypten ausgeführt wurde, ist in ...
- ... Das Volk, das aus Ägypten ausgeführt wurde, ist in ...
-
- ... wohlgefällig war«. Augustinus in seiner Schrift: »Uber ...
- ... wohlgefällig war«. Augustinus in seiner Schrift: »Über ...
-
- ... aufgewirbelt wird. Die Armel sollen nicht länger sein als ...
- ... aufgewirbelt wird. Die Ärmel sollen nicht länger sein als ...
-
- ... habe ich einso tiefes Studium und Verständnis der Heiligen ...
- ... habe ich ein so tiefes Studium und Verständnis der Heiligen ...
-
- ... allzusehr erfahren, als er sagte: »Weichet von mir, ihr
- Ubelthäter, ...
- ... allzusehr erfahren, als er sagte: »Weichet von mir, ihr
- Übelthäter, ...
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- ... Ubersetzungen belehrt haben, weicht die unsrige von allen ...
- ... Übersetzungen belehrt haben, weicht die unsrige von allen ...
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- ... einer apokryphen Ubersetzung folgen, während wir die ...
- ... einer apokryphen Übersetzung folgen, während wir die ...
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-End of the Project Gutenberg EBook of Briefwechsel zwischen Abaelard und
-Heloise, by Abaelard and Heloise
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-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK BRIEFWECHSEL ZWISCHEN ***
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-Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
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-Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
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-including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
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-Volunteers and financial support to provide volunteers with the
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-goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
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-Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
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-To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
-and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
-and the Foundation information page at www.gutenberg.org
-
-
-Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
-Foundation
-
-The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
-501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
-state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
-Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
-number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg
-Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
-permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
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-The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
-Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
-throughout numerous locations. Its business office is located at 809
-North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email
-contact links and up to date contact information can be found at the
-Foundation's web site and official page at www.gutenberg.org/contact
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-For additional contact information:
- Dr. Gregory B. Newby
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- gbnewby@pglaf.org
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-Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
-Literary Archive Foundation
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