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Langkau -and the Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net - - - - - - - - - - Otto Julius Bierbaum - - - Das höllische Automobil - - Novellen - - - Bibliothek moderner deutscher Autoren Band 6 - - - Wiener Verlag Wien und Leipzig 1905 - - - Der Verleger behält sich sämtliche Rechte vor - - Umschlag von Richard Lux - - Druck der k. und k. Hofbuchdrucker Fr. Winiker & Schickardt, Brünn. - - - - - _Vita autoris._ - - - =Otto Julius Bierbaum= - -erblickte das Licht dieser Welt am 28. Juni 1865 zu Grünberg in -Niederschlesien als der Sohn eines eingebornen Konditors und einer -sächsischen Bergmannstochter. In der väterlichen Familie waren zwei -Berufszweige erblich: Ein süßer: die Zuckerbäckerei, und ein saurer: die -protestantische Theologie. Otto Julius hatte aber wohl einen besonders -starken Gemütseinschlag von der mütterlichen Familie her (in der einmal, -zur Zeit Napoleons, ein französischer Tambour eine Gastrolle gegeben -haben soll) und so fand in ihm weder die süße noch die saure -Familientradition ihre Fortsetzung. Doch blieb ihm Zeit seines Lebens -von Abstammung wegen ein ausgesprochener Sinn für bessere Kuchen und -Edelmetalle im Blute, ohne daß er ihn indessen immer befriedigen konnte. -Dieses Unvermögen kommt aber eben daher, weil er, statt das Süße oder -das Saure oder sonst was Ordentliches zu lernen, sich von Jugend auf -dem Laster des Versemachens und Fabulierens hingegeben hat. Was hat er -davon? --: Ein immer zweifelhaftes Budget und die Ungnade des -Literaturaufsehers Bartels in Sulza bei Weimar -- O, daß doch dieses -gewiß gräßliche, aber leider nicht unverdiente Schicksal abschreckend -auf alle unerfahrenen Jünglinge und Jungfrauen wirken möchte, die -in dem Wahne leben, das Dichten sei eine einträgliche Beschäftigung -und mache wohlgelitten bei ernsten Kunstwärtern und gelehrten -Literaturbeaufsichtigern! In Wahrheit führt es, wenn man sich ihm nicht -auf der Basis einer =sehr= anständigen Rente hingibt, direkt ins -Versatzamt und erregt, wenn es nicht so vorsichtig ausgeübt wird, daß -alles Vergnügen daran zum Teufel geht, nur Unwillen. - -Dieser Unwillen steigert sich zur Empörung, wenn der Unbesonnene, der -ihn hervorgerufen hat, statt sich durch weise Beschränkung auf ein -bestimmtes Fach der Dichtkunst wenigstens zum Spezialisten auszubilden, -auch noch einen Mangel an =Charakter= offenbart, indem er halt- und -ziellos in allen Fächern der Poeterei herumfährt und, wie _iste_ -O. J. B., außer Gedichten jeder Art und Unart auch noch Novellen, Romane, -Operntexte, Dramen, Balletts, Reisebeschreibungen, Märchen und allerhand -Aufsätze über allerhand Menschen, Dinge und Ideen von sich gibt. Dies -ist ein so grober Verstoß gegen das moderne Gesetz von der Teilung der -Arbeit, daß man nicht energisch genug dagegen Front machen kann. Warum, -so fragen wir mit Nachdruck, hat sich O. J. B. nicht damit begnügt, -den 'Lustigen Ehemann' zu verfassen? Wie klar umrissen stünde -dann sein Bild im Herzen der dankbaren Mitwelt, während es jetzt -unruhig und fatal hin- und herzittert in den verschiedensten Kapiteln -der Literaturkunde, vergleichbar den lebenden Photographien der -American-Biograph-Gesellschaft, G. m. b. H., Berlin. - -Daß er auch noch Zeitschriften gründete, mag ihm verziehen werden, weil -sie (Pan und Insel) eingegangen sind, und weil es sich schließlich, Gott -sei Lob und Dank, doch herausgestellt hat, daß die aufregenden -Nachrichten über seine schmachvoll hohen Redaktionsgehälter nur die -Phantasiegebilde einiger erfindungsreichen Köpfe waren. Auch seine -längere Reise im Automobil hat ihren Stachel verloren, seitdem man weiß, -daß sie nicht auf eigene Kosten unternommen worden ist. - -Über seine Mitschuld am Überbrettl gehen die Meinungen auseinander. -Einige Passagen im »Stilpe« belasten ihn zwar schwer, aber das Programm -seines Trianon-Theaters (einmal und nicht wieder!) wird immer als -besinnungslos rein lyrisches Entlastungsdokument angeführt werden -können. - -Sonst ist O. J. B. harmlos. Sein Körpergewicht (81·5 Kilo, die -Kleider nicht mitgewogen), sowie seine untersetzte, deutlichen -Fettansatzes nicht ermangelnde Statur, reihen ihn unter die -Korpulenzen ein, die eher zum Phlegma, als zu kriegerischem -Angriffe neigen. Doch scheint er es sich nicht abgewöhnen zu können, über -gewisse Charaktereigentümlichkeiten erbost zu werden, als da sind: Neid, -Lügenhaftigkeit, Tratsch- und Verleumdungssucht und aufgeblasener -Dummstolz. (Woraus deutlich hervorgeht, daß man ihn mit Unrecht unter -die Humoristen rechnet.) Durch Radfahren und elektrische Massage -versucht er es übrigens, seine Taillenweite dem erwünschten Normalmaße -anzunähern, wie er denn auch den Fettbildner Alkohol mit einer -Konsequenz meidet, die ihm sonst nicht eigen ist. Lawn Tennis mußte er -leider wegen Mangels an englischen Sprachkenntnissen aufgeben. Die -Pflege des nationalen Skat hinwiederum ist ihm wegen eines -mathematischen Defekts versagt. - -Hunde, Katzen, Blumen; Horaz, Shakespeare, Goethe; Gluck, das -'wohltemperierte Klavier', Mozart; Dürer, Ludwig Richter, Chodowiecki; -Büttenpapier, Seide und Ceylontee liebt er sehr. Schiller genießt er -einstweilen lieber in der Form Dehmel. -- Für die größten unter den -modernen Dichtern gelten ihm Dostojewski, Nietzsche und Gottfried -Keller. -- Th. Th. Heine ist ihm lieber, als Max Klinger. -- Ein -rechtschaffenes Biedermeier-Kanapee zieht er ebensowohl einer _sella -curulis_ wie jeder streng modern konstruktiven Lösung des Sitzproblems -vor. Van de Velde verehrt er aus scheuer Entfernung und mit aller -gebotenen Vorsicht. Der wahrhaft aus modernem Bedürfnis und aus der -klaren Tiefe der Zeitseele geborene Nachttopf scheint ihm einstweilen -nur in ornamentalen Ansätzen von verdienstlichem Zielbewußtsein -vorhanden zu sein. An »Buchschmuck« hat er sich für eine Weile -sattgesehn, sowohl an dem botanischer, zoologischer und mineralogischer, -wie an dem rein geometrischer Herkunft. Seine Sünden auf diesem Gebiete -bereut er herzlich und hat sich dafür als freiwillige Buße die -vollkommenste Enthaltsamkeit von allen Kopf-, Rand-, Zwischenleisten, -Frontispicen, _culs de campe_ &c. &c. auferlegt. Doch zweifelt er -keineswegs daran, daß die Blütezeit des Jugendstiles noch eine hübsche -Zeit andauern wird. -- Was die moderne Musik angeht, so fühlt er keinen -Beruf, sich an dem Gesellschaftsspiele der Auslosung des neuen Messias -zu beteiligen. Er ist dazu musikwissenschaftlich nicht gebildet genug -und muß zufrieden sein, daß es ihm beschieden ist, zuweilen moderne -Musik zu hören, die ihm angenehm eingeht, ohne daß er zu sagen weiß -warum. Im Grunde ist er wohl auch zu frivol dazu, was schon daraus -hervorgeht, daß er nicht gerne eine Offenbachsche Operette versäumt. - -Moderner Bücher liest er nicht gar viele, doch läßt er sich von -Liliencron, Dehmel, Wedekind und Gerhard Ouckama Knoop keines entgehen. -In alten Briefwechseln, Tagebüchern und Memoiren zu lesen ist ihm ein -großes Vergnügen. Den größten Genuß auf diesem Gebiete bereiten ihm die -Briefe und Tagebücher Friedrichs v. Gentz, den er überdies für einen der -besten Prosaisten in deutscher Sprache hält. - -Seine Kenntnis der Weltvorgänge bezieht er aus den »Münchner Neuesten -Nachrichten« und dem »Simplizissimus«. Zu einem Abonnement auf die -»Woche« hat er sich noch nicht entschließen können, doch läßt er sich -eigens zu dem Zwecke allwöchentlich einmal die Haare kräuseln, um bei -seinem Friseur den Anschauungsunterricht zu genießen, den dieses -vorzügliche Organ der Volksaufklärung gewährt. Übrigens photographiert -er, wie jeder Kunst- und Naturfreund, selbst und hat es darin zu einer -Vollkommenheit gebracht, die ihm außer seiner Frau niemand bestreitet. - -Religiös ist er Eklektiker. Vom Judentum hat er die Psalmen, vom -Protestantismus eine ziemliche Anzahl Gesangbuchslieder, vom -Katholizismus die Instrumentalmusik und verschiedene Bestandteile der -sakralen Garderobe, vom Buddhismus die schöne Pose des Sitzens auf einer -Lotosblüte, vom Konfuzianismus das Prinzip der großen Wurstigkeit, vom -Taoismus die höchst angenehme Mystik ahnungsvoller Wortverknüpfungen in -seine Privatkirche übernommen, deren Hauptlehre übrigens lautet: 'Halte -dir alles Gesindel vom Leibe, denn es hindert dich, in deinen Himmel zu -kommen!' - -Wollte man ihn nach seiner politischen Meinung fragen, so würde man ihn -in Verlegenheit setzen. Es kommt das vielleicht daher, weil er keine -Leitartikel liest und Bismarck tot ist. - -Exlibris und Ansichtspostkarten sammelt er nicht; dafür alte -Vorsatzpapiere, Gläser und Fayencen; Autogramme gibt er nur in schwachen -Momenten ab; jungen Damen und Herren zu sagen, ob sie Talent zur -lyrischen Poesie haben, erklärt er sich für inkompetent. - -Vorbestraft wegen Körperverletzung in idealer Konkurrenz mit einer -Übertretung ortspolizeilicher Vorschriften über das Halten von großen -Hunden. - - * * * * * - - - - - Inhalt - - Das höllische Automobil 17 - - Der mutige Revierförster 63 - - Patsch und Tirili 83 - - Die Weihnachtsbowle 101 - - Schwarz-Rot-Gold und Grün-Weiß-Rot 123 - - - * * * * * - - - - - Das höllische Automobil - - Ein Märchen - für sämtliche Alters- und Rangklassen nach einer Idee =Alf Bachmanns=. - - -Der Riese Rumbo konnte die Menschen nicht leiden, weil sie neben ihm so -lächerlich klein erschienen, aber doch klüger waren als er, und weil es -ihm, wegen seiner unmäßigen Größe und Ungeschlachtheit, nicht möglich -war, mit ihnen zusammen zu wohnen, -- was er doch von wegen Kartenspiel -und anderer Lustbarkeiten, die man nicht allein besorgen kann, ganz -gerne gemocht hätte. Wie hätte er aber mit jemandem Skat spielen oder -sonst etwas Vertrauliches treiben sollen, da er so groß war, daß er -selbst die größten Häuser der benachbarten Residenzstadt nicht einmal zu -Leibstühlen benützen konnte, weil sie dazu zu niedrig gewesen wären? - -Daraus könnt ihr euch wohl ungefähr ein Bild machen, wie über alle -Maßstäbe und Begriffe ausgedehnt dieser Kerl war. - -Mein Onkel, der doch auch ein Mann von gutem Gardemaße und überdies -Pfarrer, also gewöhnt war, seinen Blick immer aufs Höchste zu richten -hat mir mehr als einmal beteuert, daß Rumbo alle seine Begriffe von -Länge und Breite übertroffen habe. Übrigens ist es dieser mein Onkel, -der mir diese Geschichte erzählt hat, was zu bemerken ich nicht zu -ermangeln will, weil man sonst denken könnte, sie hätte keine Moral. Die -Wahrheit ist, daß sie mehr Moral hat, als selbst der aufmerksamste -Zuhörer beim ersten Male merken kann. Man muß sie sich also ein paarmal -erzählen lassen. Es verlohnt sich. - -Ich selbst habe sie =sehr= oft gehört, nämlich immer, wenn mein Onkel -meinen Vater zu besuchen kam, um, wie er sagte, »nach dem Rechten zu -sehen.« Es scheint aber, daß das Rechte sich bei uns im Keller aufhielt. -Denn dorthin begaben sich bei solcher Gelegenheit die beiden Brüder -sogleich, wenn der ältere beim jüngeren zu Besuch angekommen -war. -- Dies nebenbei und ohne eigentliche Beziehung zu Rumbo. - -Der war also nach der Überlieferung meines Onkels ein =über=gewaltiger -Geselle. -- Ich wünschte sehr, seine Größe in Metern angeben zu können, -aber in dieser Hinsicht hat es mein Onkel an Exaktheit fehlen lassen. -Statt einfach zu sagen: so und soviel Meter oder meinetwegen bayerische -Ruten war er lang, liebte er es, die Ausdehnung des Riesen durch -Vergleiche oder Bilder anzudeuten, wobei es mir nicht entging, daß dabei -nicht immer das gleiche herauskam. Machte ich ihn darauf aufmerksam, so -pflegte er zu sagen: »Mein lieber Junge, bei ganz großen Gegenständen -irrt sich selbst die Bibel. Für das, was das gewohnte Maß maßlos -überschreitet, haben wir Menschen nicht einmal die Fähigkeit, in Bildern -ordentliche Maßstäbe zu finden. Kehre dich nicht daran, wenn ich dir -=einmal= sage: Rumbos Beine waren so dick und lang wie die Türme der -Frauenkirche zu München, und ein =andermal:= Rumbos Nasenlöcher waren so -breit und lang wie der Tunnel durch den St. Gotthard. Das stimmt -freilich nicht; aber aufs Stimmen kommts auch nicht an, wo sichs um -Riesen handelt. Sei froh, zu wissen, und laß es dir genügen, daß Rumbo -auf alle Fälle erstaunlich groß war; -- wenn du Lust hast, seiner Größe -noch ein paar Kilometer hinzuzusetzen, so tu dir keinen Zwang an. -Meinetwegen kannst du ihn dir auch ein bißchen kleiner vorstellen, wenn -er dir dadurch näher kommt, aber, versteht sich, immer noch so riesig, -daß du dich selber darüber wundern mußt. -- =Darauf= kommt es an.« - -Ich empfehle euch, es auch so zu halten. - -Da Rumbo nicht unter Menschen wohnen konnte, lebte er ständig auf dem -Lande, und zwar in der Nähe der Stadt Knödelimkraut, die sich einer sehr -waldigen Umgebung erfreut. Dort war aber auch wirklich ein Mordstrum von -einem Walde, der für ihn paßte, als wenn er ihm angemessen worden wäre. -Tannen wuchsen darin, so dick, daß ein Mensch, der um eine hätte -herumgehen wollen, dazu eine gute Stunde gebraucht haben würde. -(Wirklich wahr!) Er hätte aber gar nicht drum herumgehen können, weil -die Wurzeln dieser Bäume wie Gebirge über die Erde hervorstanden, und -weil das Moos, das auf ihnen wuchs, selber wieder so hoch und dicht war, -wie das Gebüsch in einem gewöhnlichen Walde. - -Für Rumbo aber war der Wald eben darum gerade recht; und er verließ ihn -nur einmal in der Woche, nämlich am Sonnabend, wo er sich seine Mahlzeit -holen mußte. Denn er aß nur einmal in der Woche, am Sonntag. Das kam -daher, weil für ihn eine Woche so viel war, wie für uns ein Tag. -(Inwiefern? -- das wußte sogar mein Onkel nicht zu erklären, dem doch -selbst in der Offenbarung Johannis keine Zeile dunkel war. -- Ihr tut -also gut, euch nicht den Kopf darüber zu zerbrechen, was zu unterlassen -übrigens auch anderen Problemen gegenüber ratsam erscheint, da ein Kopf, -auch wenn er hohl ist, nicht eigentlich die Bestimmung hat, zerbrochen -zu werden. Und =eure= Köpfe, meine Lieben, sind überdies =nicht= -hohl, -- wie würdet ihr sonst =meine= Zuhörer sein?) - -In der Hauptsache bestand seine Mahlzeit aus Gemüse. Birkenbäume waren -für ihn Spargel, Eichenbäume Spinat, aus jungen Tannen machte er sich -Sauerampferbrei. Kuchen und andere süße Speisen konnte er sich nicht -verschaffen, außer wenn er gerade einmal bei einem Bienenzüchter -vorbeikam. Da fraß er dann gleich sämtliche Bienenstöcke mit dem Honig, -aber auch mit den Bienen auf, und wenn ihn die Bienen im Munde und im -Magen stachen, sagte er: »Ei, das prickelt recht angenehm.« Sonst -bestand seine Nachspeise immer aus einem Menschen, und er meinte, das -Menschenblut sei süßer als aller Honig; nur schade, daß man nicht viel -davon vertragen könne, weil es dusselig mache. Soviel von seiner -Speisekarte. - -Da Rumbo dumm war, war er auch faul, und so kam es, daß er meistens der -Länge lang auf dem Boden lag und schlief. - -Wie er nun einmal so da lümmelte, fühlte er ein Jucken in seiner Nase -und mußte niesen; -- hatzi! flog ein Mensch aus seinem Nasenloch und -mitten auf die ganz mit zottigen Haaren bedeckte Brust. - -»Hahaha!« lachte der Mensch; »da bin ich aber mal schön weich gefallen.« - -»Was! Du lachst noch?« brüllte Rumbo, »dich werde ich übermorgen -fressen.« - -»Mich?« rief der Mensch, -- »dazu bist du ja viel zu dumm. Ehe du mich -ergreifst, bin ich schon ganz wo anders.« - -Und richtig, wie Rumbo nach ihm fassen wollte, saß der Mensch schon in -seinem linken Ohre und schrie hinein: »Du großer Esel!« - -Rumbo begriff, daß das eine Majestätsbeleidigung war und wollte ihn sich -mit seinem kleinen Finger (Klein! -- Du lieber Gott! Er hatte die -Ausdehnung von Frau Klara Ziegler!) aus dem Ohre trillern, aber da war -der Mensch schon lange weg. Und wo saß er? Im Winkel des linken Auges -und kitzelte den Riesen. - -»Geh weg!« schrie Rumbo, »das kann ich nicht leiden.« (Es war ihm, wie -wenn uns eine Mück ins Auge gekommen ist.) - -Der Mensch aber sagte: »Nicht eher, als bis du mir versprichst, mich in -Ruhe zu lassen.« - -»Ja doch, ja doch,« brüllte der Riese, »mach nur, daß du aus meinem Auge -'rauskommst. Das ist zu widerwärtig.« - -»Siehst du wohl?« sagte der Mensch, »was Kleines kann auch unangenehm -werden«, und er setzte sich auf eine Warze, die sich wie ein mit Gras -bewachsener Hügel, über und über mit Haaren bedeckt, auf des Riesen -Nasenspitze erhob. - -»Das ist ein angenehmer Aussichtspunkt,« sagte er, wie er dort saß, -indem er vergnüglich mit den Beinen baumelte und sich eine Zigarre -anzündete. »Ich habe zwei Seen vor mir, die von Tannen umgeben sind, und -dahinter ist ein Gebirge mit vielen Schluchten, und hoch oben ein Wald -von roten Bäumen. Diese Landschaft verdient einen Stern im Bädeker; ich -werde hier ein Aktienhotel gründen.« - -»Na ja: Meine Augen, meine Stirne und mein roter Haarschopf,« sagte der -Riese geschmeichelt; »aber was ist dir denn eingefallen, daß du in meine -Nase gekrochen bist? Dort zieht es doch?!« - -»Eben darum, es ist infam heiß heute und ich dachte es mir gleich, daß -in diesem Blasebalgfang ein guter Wind ginge«, antwortete der Mensch. - -»Ja, hast du denn keine Furcht?« - -»Vor wem denn?« - -»Na, vor mir!« - -»Vor dir? Dazu bist du mir zu dumm.« - -Da merkte der Riese, daß dieser Mensch, wenn nicht gar ein Genie, so -doch ganz gewiß ein brauchbares Talent war, und er sprach: - -»Du gefällst mir, Mensch, du kannst als Gehilfe bei mir eintreten. Wie -heißt du denn?« - -»Frechdachs,« antwortete der Mensch. - -»Das ist ein schöner und passender Name für einen Menschen von dieser -Begabung,« meinte der Riese; »also, willst du?« - -»Meinetwegen,« sagte Frechdachs, »wenn es nur was Ordentliches zu tun -gibt und nicht so gewöhnliche Hantierungen wie in der Stadt. Dort haben -sie nichts mit mir anfangen können und wollten mich deshalb ins -Gefängnis sperren. Ich bin aber ausgerissen.« - -»Na, dann paßt du ja famos zu mir, Frechdachs!« sagte Rumbo. »Du sollst -dich nicht zu beklagen haben. Bei mir gibt's nur solche Sachen zu tun, -die in der Stadt verboten sind.« - -»Das kann ich mir denken,« sagte Frechdachs, »denn du selber würdest in -der Stadt verboten werden, wenn sie dich verbieten könnten. -- Aber sag -mal, wozu brauchst du denn einen Gehilfen, du großer Schuft und -Schlagtot? Ein Kerl, wie du, braucht ja bloß irgendwo hinzufallen, und -gleich liegt rechts und links von ihm, was er braucht.« - -»Das verstehst du nicht,« sagte Rumbo. »Ich bin =zu= groß. Erstens werd' -ich zu schnell bemerkt; dann sind meine Bewegungen zu langsam; und -schließlich kann ich so kleines Zeug, wie ihr Menschen seid, nicht gut -anfassen. Entweder zerquetsche ich so eine Made, oder sie rutscht mir -durch eine Fingergelenksfalte weg. Ich sage dir: ich müßte verhungern, -wenn ich mich von euch Marschiermücken nähren müßte. Zum Glück brauche -ich das zweibeinige Milbenvolk nur als eine Art süßer Verdauungspillen. -Aber dazu seid ihr Zappelgemüse mir unbedingt nötig. Und deshalb ist es -mir sehr angenehm, einen Menschen als Gehilfen zu haben, denn niemand -kann einen Menschen besser fangen, als ein Mensch. Im Grunde könnt ihr -ja auch nichts, als das. -- Ich habe darum von jeher und immer Menschen -als Gehilfen gehabt, aber leider, leider waren es regelmäßig -unvorsichtige Burschen, die allzubald auf irgendeine Weise bei mir -zugrunde gingen. Der eine fiel mir ins Ohr und brach das Genick auf -meinem Trommelfell; der andere verlief sich im Dickicht meiner Haare und -verhungerte; ein dritter ertrank in einem Schweißtropfen von mir; ein -vierter, der Korpsstudent gewesen war und sich das Trinken nicht -abgewöhnen konnte, hielt in der Betrunkenheit, als ich einmal gähnte, -meinen Mund für einen Weinkeller, lief hinein und erstickte, wie ich den -Mund zugemacht hatte, in einem hohlen Zahn; -- und so weiter, und so -weiter. Du siehst also, daß du gut aufpassen mußt.« - -»Mir passiert so was nicht; verlaß dich darauf,« meinte Frechdachs; »ich -bin daran gewöhnt, aufzupassen, wie ein Luchs, denn ich gehöre zu den -Vogelfreien, die auch unter Menschen immer auf der Hut sein müssen. Bloß -die Käfigmenschen, die Mastgimpelnaturen, die den Freßkober stets bei -sich am Halse tragen, dürfen es sich erlauben, ohne besondere -Aufmerksamkeit ihrem Tagwerke nachzugehen. Wir, die wir nicht so -tugendhaft und stäte sind, sondern immer tapfer und resolut auf Taten -ausziehen, für die man früher geadelt wurde, jetzt aber ins Kittchen -gesperrt wird -- wir müssen immer die Ohren steif und die Augen offen -halten. Meinetwegen kannst du also ganz ruhig sein. -- Aber: Was krieg' -ich denn als Lohn?« - -»Was? Lohn willst du auch noch?« brüllte Rumbo, der in seinem -Souveränitätsgefühle beleidigt war. »Sei froh, daß ich dich nicht zum -Nachtisch einnehme. Nein, mein Lieber, Lohn gibt's nicht. Höchstens -einen Titel. Wie willst du lieber heißen: General oder Hofmarschall?« - -»Gar nichts will ich heißen,« sagte Frechdachs; »Lohn will ich haben.« - -»Also, wie viel denn?« fragte Rumbo. - -»Kein Geld,« antwortete Frechdachs, »das kann ich mir stehlen; du sollst -mich zu einem Riesen machen, wie du selber einer bist.« - -»Das kann ich nicht,« sagte Rumbo. - -»Doch kannst du's,« erwiderte Frechdachs, »mach keine Flausen; ich bin -nicht so dumm, wie du aussiehst, und weiß ganz gut, daß du's kannst. -Aber du willst nicht, weil du Angst hast, daß ich dich dann totschlage, -du Feigling.« - -»Na, also gut, Frechdachs,« sagte Rumbo, dem bei so viel Intelligenz -angst und bange wurde, »ich mache dich zu einem Riesen, aber erst, wenn -du mir hundert Menschen gebracht hast.« ('Nach dem Neunundneunzigsten -freß ich ihn auf,' dachte er sich.) - -»Abgemacht,« sagte Frechdachs. »Und was soll ich zuerst tun?« - -»Hm, ja, warte mal,« überlegte der Riese eine Weile; »da ist drüben in -der Wassermühle der junge Müller Bartel Klippklapp, der ist weiß wie -sein Mehl vor lauter Fett und muß allerliebst nach Korn schmecken. Den -hol mir! Aber er ist schlau, weißt du. Du mußt es klug anstellen.« - -»Wenn's weiter nichts ist,« sagte Frechdachs, rief seinen Rappen, der in -der Nähe weidete, schwang sich in den Sattel und ritt davon. - -Schon nach fünf Stunden kam er wieder und schleppte den jungen Müller an -einem Stricke erwürgt hinter sich her. - -»Sieh mal an!« lachte der Riese, »da hast du ja den Bartel Klippklapp, -der so schlau war. Bist wohl noch schlauer gewesen?« - -Frechdachs antwortete: »Dazu hat nicht viel gehört. Der dumme Kerl stand -gerade in seinem Garten und las Raupen vom Kohl. 'Du, Bartel,' rief ich, -'was machst du denn da?' 'Raupen lesen,' sagte Bartel. 'Was machst du -denn mit den Raupen,' fragte ich. -- 'Was soll ich denn damit machen?' -antwortete er; 'tot machen tu' ich sie; sie fressen mir sonst meinen -Kohl.' -- 'Na, höre mal,' sagte ich, 'das ist aber lieblos; die armen -Tierchen wollen doch auch leben.' -- 'Bist du so ein Esel,' erwiderte -Bartel, 'daß du dir deinen Kohl von Raupen fressen läßt?' -- 'Nein,' -sagte ich, 'ich habe gar keinen Kohl, aber Hunger. Gib mir einen -Kohlkopf, Bartel.' -- 'Hast du Geld?' fragte der Müller. -- 'Nein,' -sagte ich, 'du sollst mir ihn schenken.' -- 'Du kannst meine Rückseite -bewundern,' rief er da, lachte und drehte sich um. -- 'Wart,' dachte -ich, 'alter Geizkragen, für meinen Meister Rumbo sollst du auch bald -eine Raupe sein,' warf ihm die Schlinge meines Strickes um den Hals, -zog sie fest an, und ritt hui, hussa, hop, galopp mit dem Anhängsel -davon. Da hast du den Mehlwurm!« - -Der Riese war sehr zufrieden mit dieser Leistung und lobte seinen -Gehilfen, fand aber, daß der Müller zu mehlig schmeckte. -- »Bring mir -was Pikanteres das nächstemal,« befahl er. - -Frechdachs machte sich auf und überlegte: 'Wen soll ich bringen? Pikant, -das ist leicht gesagt, aber wo gibt es heutzutage Menschen von pikantem -Geschmack, die noch =genießbar= sind? Wenn ich den Doktor Schwalbendreck -erwischte, dem vor Brotneid das Blut sauer geworden ist und der infolge -seiner krankhaften Begierde, üble Gerüchte zu verbreiten, einen netten -kleinen Herzkrebs von zweifellos schwefligem Geschmacke acquiriert hat, -so wäre das ja am Ende ein gefundenes Fressen für meinen Herrn und -Meister, der überdies, so viel ich weiß, noch keinen Dramatiker gegessen -hat, aber erstens wird es schwer sein, dieses Herren habhaft zu werden, -der sehr vorsichtig geworden ist, seitdem ihm jemand von ferne eine -Pistole gezeigt hat, und dann fürchte ich, daß er schließlich =zu= -penetrant schmeckt. Vergiften darf ich meinen verehrten Giganten doch -auch nicht gleich. Sonst brauchte ich ihm ja nur ein Gänseweißsauer von -verleumderischen Klatschbasen zu servieren, deren ich einige in der -Stadt Knödelimkraut recht gut kenne.... Halt! Wie wärs mit dem dicken -Literaten, der früher Pastor war!? In ihm vereinigt sich ein Restchen -pfäffischer Heimtücke mit journalistischer Giftdrüsenhypertrophie, -- -eine angenehme Mischung, sollte ich meinen.... Aber diese Art Leute sind -schwer zu fassen. Es gibt keinen Strick, aus dem sie sich nicht zu -winden vermöchten. Ich spare ihn mir für ein andermal auf!' -- So ritt -Frechdachs in ziemlicher Verlegenheit durch Flur und Auen. Da begegnete -ihm in seiner Kutsche der Doktor Rasso Schneidebein, der zu einer armen -alten Frau gerufen worden war. - -»He, Herr Doktor, Herr Doktor!« rief Frechdachs, »bitte, kommen Sie doch -gleich zu meinem Meister, der sich übergessen und Bauchkneipen hat, und -geben Sie ihm was ein.« - -»Hat dein Meister Geld?« fragte Doktor Schneidebein. - -»Na, ich danke,« sagte Frechdachs, »Geld wie Heu! Sie kriegen zehn -Taler.« - -»Zehn Taler?« dachte sich der Doktor, »das ist ein hübsches Stück Geld, -und von der Alten krieg' ich bloß ein Vergeltsgott. Mag sie meinetwegen -ohne mich sterben!« - -»Also schön,« sagte er, »ich komme mit; es muß aber auch etwas -Ordentliches zu essen geben.« - -»Einen fetten Braten,« sagte Frechdachs und sah dabei den Doktor an, der -in der Tat sehr fett war. - -Als sie in die Nähe des Waldes kamen, wo der Riese wohnte, wurde es dem -Doktor unheimlich zumute. - -»Das ist ja der wilde Wald, wo der Menschenfresser haust,« rief er; -»bist du wahnsinnig, daß du mich dorthin führst?« - -»Wieso denn,« sagte Frechdachs, »es ist ja der =Menschenfresser=, dem Sie -etwas eingeben sollen, weil er Bauchweh hat.« - -»Um Gottes willen,« schrie der Doktor, »was soll ich denn dem Riesen -eingeben?« - -»Sich selber sollen Sie ihm eingeben, denn Sie stecken ja voll von -Medizin,« sagte Frechdachs. - -»Nein, nein, nein, das will ich nicht,« rief der Doktor; »ich muß zu -einer alten Frau, die im Sterben liegt. Umkehren, Kutscher, umkehren!« - -»Das hättest du früher sagen sollen, alter Schuft,« rief Frechdachs, -schlug dem Doktor den Schädel ein, legte ihn quer vor sich auf den -Sattel und galoppierte davon, ehe der Kutscher seinem Herrn hätte zu -Hilfe kommen können. - -Auch mit dieser Leistung war Rumbo sehr zufrieden, zumal der Doktor in -der Tat sehr pikant nach Karbol, Jodoform und anderen Medizinen -schmeckte. - -»Du bist ein verflixter Kerl, Frechdachs,« sagte er, »und verstehst -Abwechslung in meinen Nachtisch zu bringen. -- Was gibt's denn =nächsten= -Sonntag?« - -»Einen Pfarrer,« antwortete Frechdachs. - -»Ah,« schmunzelte Rumbo, »einen Pfarrer! Das ist eine ganz herrliche -Idee! Such aber einen recht fetten aus, ja?« - -»Ich weiß schon einen,« sagte Frechdachs, und dachte an den, der ihm in -der Christenlehre immer so heftig ins Gewissen geredet hatte, weshalb er -ihn aufrichtig haßte. Ging also zu ihm und sprach: »Lieber Herr Pfarrer, -ich soll Euch zu einer Gastmahlzeit bei meinem Herrn, dem reichen -Gutsbesitzer Jörg Maulvoll, einladen für nächsten Sonntag. Mein Herr -würde glücklich sein, einen so heiligen Mann nach Verdienst mit den -herrlichsten Speisen und Weinen zu bewirten.« - -Und fügte noch viele grobe Schmeicheleien und Erzählungen hinzu, was für -schöne und gute Dinge es geben werde. - -Der Pfarrer war aber wirklich ein frommer Mann und sprach: »Am Sonntag -habe ich keine Zeit, viel zu essen und zu trinken, da muß ich meine -Predigt halten. Komm du in meine Predigt, Bursche, und dein Herr auch, -das ist =meine= Einladung. Leb wohl!« - -'Au weh,' dachte sich Frechdachs, 'bei dem bin ich schief angekommen. -Wenn die Pfarrer alle so sind, kann sich Rumbo den Mund wischen.' - -Es waren aber nicht alle so. Schon beim nächsten glückte es. - -»So,« sagte der, »gefüllten Truthahn, eingemachte Hammelnieren, -Erdbeeren mit Schlagrahm, Apfelsinentorte und Muskatwein? Hm, hm! Und -Herr Maulvoll ist ein Mann, der einen heiligen Lebenswandel schätzt? -Gut. Gut. Ich komme. Ich komme gleich mit.« - -Während er sich reisefertig machte, kam ein Bote und meldete, daß ein -armer Taglöhner am Sterben sei und gerne noch mit dem Herrn Pfarrer -beten wolle. - -»Ich habe eine wichtige Abhaltung,« sagte der Pfarrer; »so schnell -stirbt sich's nicht; er soll bis morgen warten.« - -'Du wirst gleich sehen, wie schnell sich's stirbt,' dachte sich -Frechdachs, half dem dicken Pfarrer in die Kutsche, setzte sich auf den -Bock und fuhr los. Die Pferde liefen wie der Wind, die Kutsche sprang -und tanzte nur so über Stock und Stein. - -»Nicht so schnell, nicht so schnell,« rief der Pfarrer; »das Essen wird -mir nicht bekommen, wenn ich so durchgerüttelt werde.« - -»Aber mürbe wirst du werden!« rief Frechdachs. - -»Mürbe? Wieso? Was heißt das?« keuchte der Pfarrer. - -»Das heißt, daß du ein zäher Heuchler bist. Hü! Rappen! Hü! Rumbo hat -Hunger.« - -»O Gott! O Gott! O Gott!« stöhnte der Pfarrer. »Der Teufel sitzt auf dem -Bocke.« - -»Nein, des Teufels Küster sitzt in der Kutsche,« sagte Frechdachs, -kehrte die Peitsche um und schlug mit dem dicken Ende den schlechten -Pfarrer tot. - -Wie Rumbo diesen dicken Mann sah, lief ihm das Wasser im Munde zusammen, -und er wollte sich gleich über ihn hermachen. - -»Nein, Meister Rumbo, damit wollen wir noch ein bißchen warten,« sagte -Frechdachs. »Ich habe mir einen herrlichen Spaß ausgedacht. Den Pfarrer -soll der Teufel verspeisen, Ihr aber den Teufel!« - -»Du bist selber des Teufels!« rief Rumbo. »Wo denkst du hin! Der Teufel -ist stärker als ich.« - -»Ja, wenn er keinen Pfarrer im Leibe hat. Von dem da aber kriegt er das -Bauchgrimmen von wegen der Geweihtheit, und dann werden wir seiner fix -Herr.« - -»Hm. Das läßt sich hören. Wie willst du aber den Teufel herbekommen?« - -»Das laßt nur meine Sorge sein!« - -Frechdachs, wie ihr wohl schon bemerkt habt, verstand sich auf -Teufeleien, und so ist es kein Wunder, daß er sich auch auf den -Charakter des Teufels und seiner Großmutter verstand. - -Er ging zu einer Felsenspalte, wo, wie er wußte, der Teufel oft -herauskam, Kienäpfel zu suchen, die er zur Heizung der Hölle brauchte. - -»He,« rief er da, »Herr Baron! Herr Baron!« - -»We...we...wer ruft denn da?« meckerte es aus der Felsenspalte. »Mein -Enkel hat keine Zeit. Er macht sich eine Klaviatur aus Geizhalsknochen.« - -»Ah,« rief Frechdachs, »hochwohlgeboren die Frau Teufelin-Großmutter! -Nein, was für eine schöne Stimme! Sie sollten die Königin der Nacht -singen! Ich hab' mein Lebtag keinen solchen Sopran gehört.« - -Des Teufels Großmutter hatte ein Gefühl, als würde sie mit altem -Dachsfett eingerieben, so angenehm fuhr ihr diese Schmeichelei über die -runzelige Haut. Sie erschien sofort in der Spalte. - -Jeder andere Mensch würde vor ihrer Häßlichkeit in Ohnmacht gesunken -sein. -- Ihre Nase war ein Schweinsrüssel; ihr Mund eine grüne gezackte -Furche, die von Ohr zu Ohr reichte; ihre Ohren aber waren zwei alte, -feuchte graugelbe Waschlappen. Von Zähnen hatte sie nur zweie, die aber -standen wie die Hauer einer Wildsau krumm empor, ganz braun, und der -eine wackelte. Ihre Augen saßen wie Krebsaugen an Stielen und waren gelb -und fransig wie Pfifferlinge. Anstatt Haaren hatte sie graugrüne -Tannenflechten, die mit schmutzigem Harz verklebt waren. Zwei gräßliche -braune, mit gelben Adern überzogene Kröpfe baumelten ihr wie große -Flaschenkürbisse am Halse. Als Kleidung trug sie lederne Hosen und eine -Jacke aus demselben Stoffe, beides Stücke der Ausrüstung eines eben in -der Hölle angekommenen Automobilisten, der als Klecks an einer -Gartenmauer geendet hatte, nachdem unter seinem Mordwagen zwanzig -Menschen umgekommen waren. Auch die Lärmtrompete dieses Straßenmörders -trug sie am Gürtel, und es machte ihr Spaß, zuweilen auf den Gummiball -zu drücken, daß es nur so tutete. - -»Frau Baronin beherrschen auch noch dieses modernste aller -Musikinstrumente?« rief Frechdachs, den ihre Erscheinung durchaus nicht -außer Fassung gebracht hatte. »Nein, wie talentvoll Sie sind! Und wie -Sie aussehen! Wie Sie aussehen! Die ewige Jugend! Wirklich, es ist ein -Verbrechen, daß Sie sich der Bühne entziehen!« - -Des Teufels Großmutter wand sich vor Entzücken, daß alle ihre Knochen -knackten, und sprach: »Sie haben viel Lebensart, mein Herr, und ich -hoffe, Sie bald bei uns begrüßen zu können. Aber was wünschen Sie -eigentlich?« - -»Ach,« antwortete Frechdachs, »eine Kleinigkeit. Mein Meister, der -berühmte Rumbo, möchte eine Menschendörrmaschine anlegen, weil er das -rohe Fleisch nicht mehr verträgt, und da es dafür keine Installateure -gibt, möchte er den Herrn Baron, Ihren Enkel, bitten, die Anlage zu -übernehmen. Über den Preis werden sich der Herr Baron und mein Meister -schon einigen.« - -»Gewiß, gewiß, mein Herr. Mein Enkel arbeitet zwar sonst seit den Zeiten -der Inquisition nicht mehr außer Hause, mit Ausnahme der -Automobilbranche, aber er wird mir zuliebe schon eine Ausnahme machen. -Was krieg' ich denn für meine Fürsprache?« - -»Einen Kuß!« sagte Frechdachs, machte ohne Zaudern einen Schritt -vorwärts und küßte die Alte auf ihre grüne Furche. - -Darauf mußte er, wieder zu Hause angekommen, sich zum erstenmal in -seinem Leben die Zähne putzen. - -Ihr könnt euch denken, was für Augen Rumbo machte, als er hörte, daß der -Teufel selber ihn besuchen wollte. Er war außer sich vor Freuden -darüber, denn er zweifelte gar nicht mehr daran, daß es ihm gelingen -werde, den Teufel zu verspeisen. - -»Denke dir bloß,« sagte er zu Frechdachs, indem er sich fortwährend die -wulstigen Lippen mit seiner breiten Zunge ableckte, »ich werde den -Teufel als Nachtisch genießen, als Pille einnehmen, als Bonbon -schlucken! Das wird nicht bloß ein großes Vergnügen für mich, sondern -das erste Verdienst sein, das ich mir um die Menschheit erwerbe. Paß -auf, sie werden mir in einer schönen Hurrah-Allee neben lauter Kaisern, -Königen, Herzogen, Prinzen, Generalen und Diplomaten ein zuckerblankes -Denkmal setzen und darauf schreiben: 'Ihrem großen Wohltäter Rumbo, der -den Teufel gefressen hat, die hochachtungsvoll dankbare und ganz -ergebene Menschheit.' -- Ha, und wie er nach Pech und Schwefel schmecken -und wie heiß sein Blut sein wird! Wahrhaftig, Frechdachs, du bist ein -Hauptkerl! Komm her, ich muß dir einen Kuß geben!« - -»Lieber nicht!« sagte Frechdachs, »es könnte leicht passieren, daß du -mir vor lauter Zärtlichkeit dabei den Kopf abbissest, und ich habe mir -sagen lassen, daß das ein unangenehmes Gefühl ist. Wir wollen uns lieber -darüber einigen, wie hoch du mir den Teufel anrechnest. Denn das ist -doch wohl klar, daß er mehr gilt als ein Mensch.« - -»Das versteht sich,« sagte Rumbo, »alles, was recht ist: Der Teufel muß -mehr gelten, als ein Mensch. Darüber sind sich die Gelehrten einig.« - -»Na, das freut mich, daß du das einsiehst, obwohl du viel dümmer bist -als lang und breit,« meinte Frechdachs, den seine Erfolge noch -unverschämter gemacht hatten als er von Natur schon war, »aber nun -wollen wir mal sehen, ob du dir auch einen Begriff machen kannst, =um wie -viel= der Teufel mehr gelten muß als der Mensch.« - -»Ich glaube,« sagte Rumbo nach einigem Nachdenken, »wir können ihn für -fünf Menschen rechnen.« - -»Warum gerade für fünf?« fragte Frechdachs. - -»Wenn fünf Menschen ihren Verstand zusammentun,« antwortete Rumbo, »sind -sie imstande den Teufel zu betrügen.« - -»Das ist richtig,« sagte Frechdachs, »aber der Verstand ist auch des -Teufels schwächste Seite. Du mußt mehr sagen, Rumbo!« - -»Hm,« sann der nach, »hm, warte mal: Sagen wir zehn!« - -»Warum zehn?« fragte Frechdachs. - -»Wenn zehn Menschen,« antworte Rumbo, »ihre Bosheit zusammentun, ist es -so viel Bosheit, wie der Teufel allein besitzt.« - -»O,« meinte Frechdachs, »da irrst du dich. Wenn es auf die Bosheit -ankäme, brauchten wir den Teufel nicht höher zu berechnen als einen -Menschen, denn ein Mensch hat für sich allein mehr Bosheit im Leibe als -der Teufel und seine Großmutter zusammen. Trotzdem ist aber zehn eine zu -=niedere= Zahl; du mußt schon noch was drauf legen.« - -»Hör mal,« sagte Rumbo, »du bist doch wirklich ein Frechdachs. Du tust -gerade so, als wenn ich ein kleiner Junge wäre, und ich säße bei dir in -der Rechenstunde. Sage mir lieber gleich, wie hoch ich dir den Teufel -anrechnen soll.« - -»Du sollst ihn mir,« sagte Frechdachs, »für =hundert= Menschen anrechnen, -denn der Teufel ist hundertmal =ehrlicher= als ein Mensch.« - -»Ich denke, er ist der Vater der Lüge?« meinte Rumbo. - -»Das schon,« erwiderte Frechdachs, »aber er leugnet das auch gar nicht. -Er lügt immer und ewig, nur in einem nicht. Er sagt nicht: 'Ich bin die -Wahrheit,' wie er auch nicht sagt, 'ich bin die Liebe,' oder: 'ich bin -die Güte.' Nein, der Teufel ist die Lüge, der Haß, die Bosheit, aber das -bekennt er auch, während die Menschen sich immer besser stellen, als sie -sind, und keiner treffgenau das ist, was er scheinen möchte. -- Aber, um -das zu kapieren, bist du wirklich zu dumm, Rumbo, denn nicht einmal die -Menschen, die doch im allgemeinen klüger sind, als du, wollen das -einsehen. Gib dir weiter keine Mühe, das Rechenexempel zu fassen, und -nimm es einfach für richtig an. So hast du am wenigsten Schererei und -darfst dabei die angenehme Empfindung haben, an eine große Wahrheit -wenigstens zu =glauben=, wenn du sie auch nicht begreifst.« - -Von diesen Bemerkungen ward es dem Riesen in seinem dürftigen Gehirne -schwindelig, und er sagte, um nicht weiter denken zu müssen: »Also ja, -meinetwegen, lassen wir ihn für hundert gelten. --« - -Am nächsten Sonntag machte Frechdachs aus dem Pfarrer ein schönes -Ragout, das er, da er den Geschmack des Teufels kannte, sehr stark -pfefferte. Rumbo aß nichts davon, weil er sich den Geschmack nicht -verderben wollte, denn, sagte er sich, ein schlechter Pfarrer ist zwar -ein Teufelsbraten, aber der Teufel selber ist doch noch eine größere -Delikatesse. - -Punkt zwölf Uhr kam der Teufel in einem feuerroten Automobil angefahren, -das aber nicht mit Benzin betrieben wurde, sondern mit der Speiwut -verleumderischer Menschen, deren Seelen im Kraftbehälter eingesperrt -waren und einander gegenseitig zum Explodieren brachten. Infolgedessen -lief das Automobil in der Stunde tausend Kilometer, doch stank es dafür -auch noch hundertmal mehr als ein gewöhnlicher Motorwagen. Es hatte vorn -eine große und etwas weiter hinten an der Seite zwei etwas kleinere -Laternen. Die vordere brannte so entsetzlich stechend grün und grell, -daß alle Blumen, die ihr Schein traf, verwelkten. Es war nicht Azetylen, -was darin leuchtete, sondern der Neid. Die rechte Seitenlaterne hatte -ein rotes zuckendes Licht, das eine große fressende Hitze ausstrahlte. -Es war der Haß, der in ihr brannte. Die linke Seitenlaterne gab ein -fahles, blaues, kaltes Licht, in dem alles tot, erbärmlich, winzig -aussah. Dieses Licht war die Verkleinerungssucht. -- Als Bremsleder -hatte der Teufel unzählige übereinandergepreßte Häute von solchen -Menschen verwendet, die, auf kein anderes Recht fußend, als das der -Majorität der herrschsüchtigen Dummköpfe, Zeit ihres Lebens mit Erfolg -bestrebt gewesen waren, die Arbeit heller und heiterer Köpfe zu stören. -Diese Bremsleder funktionierten mit unfehlbarer Sicherheit; doch hatten -sie einen Nachteil: sie schnurrten und brummten entsetzlich, wenn sie in -Tätigkeit waren. -- Luftschläuche verwandte der Teufel an den Rädern -seines Automobiles nicht. Er hatte sich aus den Gehirnen von Höflingen -und Demagogen eine Masse konstruiert, die so elastisch und nachgiebig -war, daß sie jeden Stoß aufhob. -- Die Laufmäntel aber waren aus einer -Paste geknetet, die im wesentlichen aus dem Rückenmark von Menschen -bestand, die während ihres Lebens keine höhere Wollust gekannt hatten, -als sich aus trotzigem Eigensinn beharrlich gegen jede bessere Einsicht -zu sperren. Es war eine überaus zähe Paste, mit der man ruhig über -Granitsplitter fahren konnte. -- Als Polster auf den Sitzen seines -Laufwagens verwandte der Teufel Luftkissen, die aber nicht mit -gewöhnlicher Luft, sondern mit dem blauen Dunste utopistischer Ideen -gefüllt waren. Besonders bequem saß sich auf dem einen Kissen, das der -Teufel das Egalité-Kissen nannte. - -Der höllische Baron sah in seinem Chauffeurkostüm sehr schick, also sehr -scheußlich aus. Er trug, das Fell nach außen, einen zottigen, rostroten -Gorillapelz als Joppe und schwarze Bockslederhosen, die unten von -Elchledergamaschen umschnürt waren. Seine Fahrbrille hatte natürlich -rote Gläser, und in seiner Mütze waren zwei Löcher für die Hörner -angebracht, welche sich für das Automobilfahren als besonders praktisch -erwiesen, weil sie ein Sturmband ersetzten. Statt der Hubbe benützte der -Herr Baron von Pechheim auf Schwefelhausen eine der Posaunen des -jüngsten Gerichtes, die bei ihm in Versatz gegeben sind bis zu dem -Augenblick, wo man ihrer benötigt. - -»All Unheil!« rief der Teufel, als er angekommen war, »da bin ich! Ich -komme direkt aus der Mandschurei, wo ich jetzt los bin. Viel Zeit habe -ich nicht; da oben gibt's jetzt alle Hände voll für mich zu tun. -- Aber -zuerst was zu essen, wenn ich bitten darf; dann will ich gleich den -Menschendörrapparat aufstellen. Übrigens haben die Menschen schon selber -genug solcher Apparate konstruiert, in Fabriken, Bureaus, Schulen und so -fort, aber ich sehe ein, Sie brauchen einen, der schneller arbeitet. -- -Also schnell, schnell, einen Happen-Pappen!« - -Frechdachs rannte in die Küche und trug, die Serviette unterm Arm, das -klerikale Ragout auf. - -»Was ist das, wenn ich fragen darf?« sagte der Teufel. - -»Ein kleines _Ragout fin aux fines herbes pastorales_ als Vorspeise,« -antwortete, die Schüssel präsentierend, Frechdachs, während Rumbo, auf -dem Bauche liegend, den Teufel so mit seinen Blicken verschlang, als -genösse er ihn in der Phantasie bereits leibhaft. - -Die ganze Szene war von Frechdachs so arrangiert, daß Rumbo in der Tat -bloß zuzuschnappen brauchte, -- wohlgemerkt, wenn der Teufel vorher -gefesselt war, und zwar =kreuz=weis, denn so lange der Teufel nicht das -Zeichen des Kreuzes in fester Verknüpfung von hanfenen Seilen an sich -spürt, ist er von niemand zu fassen und zu fangen. 'Ihn kreuzweise zu -fesseln,' dachte sich Frechdachs aber, 'wird nicht weiter schwer sein, -wenn erst das Magenweh nach genossenem _filet de curé_ eingetreten ist. -Der Teufel wird sich an den Leib fassen, sobald ihm von dem geweihten -Fleische übel wird, und in diesem Augenblick der Schwäche werde ich ihm -kreuzweise die Schlinge über Hände und Bauch werfen. Und dann, hurra! -hinein mit dem Schwefelfritzen in den offenen Rumborachen.' (Denn die -Tafel stand direkt vor dem Maule Rumbos, mit der angenehmsten Aussicht -auf das Dolomitenpanorama der Zähne des Riesen.) - -Man sieht, alles fußte auf der Voraussetzung, daß den Teufel, da er ja -kirchlich Geweihtes durchaus nicht vertragen kann, vom Fleische des -Pfarrers Übligkeit und Schwäche anwandeln werde. (Ist es ja doch -bekannt, daß allein der Wind, der durch das Umblättern eines Meßbuches -entsteht, ihn tausend Meilen weit wegzutreiben vermag, und wenn er sich -gleich in einen zwei Zentner schweren Viehhändler verwandelt hätte!) - -Indessen: Frechdachs hatte eines vergessen: daß nämlich der von ihm -erschlagene Pfarrer ein ganz gottloser und schlechter Pfarrer war, bei -dem die Weihe lediglich am priesterlichen Gewande, nicht aber an der -Person haftete. So kam es, daß der Teufel das Ragout bis auf den letzten -Rest verspeiste, ohne das mindeste Bauchweh zu verspüren. Wischte sich -mit Behagen den Mund und sprach: »Gut gewesen, das Ragoutchen; ein -bißchen weichlich zwar und mit einem ganz leisen, etwas widerlichen -Geschmacke wie Weihrauch, aber sonst: mein Kompliment! Nun, bitte, die -nächste Platte!« - -Frechdachs stand fassungslos hinter des Teufels Stuhle, das Seil, zum -Wurf bereit, in der Hand, und stammelte: »Gleich, Herr, gleich ... -ich ...« - -»So wirf doch,« brüllte Rumbo, »wirf doch! Ich halt's nicht mehr aus.« -Und er klappte seine Kiefer zu, daß es nur so krachte; riß sie aber -gleich wieder auseinander in höchster Freßbegierde. - -'Holla!' dachte sich der Teufel, 'da ist was los!' drehte sich um, sah -Frechdachs hinter sich mit dem Seil stehen, und lachte: »Gucke mal an! -Das Bürschchen da wollte den Teufel fangen. Respekt! Und das große Maul -da wollte ihn vermutlich fressen? Ausgezeichnete Idee! Ihr zweie gefallt -mir. Ihr sollt der Ehre gewürdigt sein, auf eine noch nie dagewesene -Manier von mir geholt zu werden. -- Na? Ihr bettelt ja gar nicht?« - -»Wenn es einige Aussicht auf Erfolg hätte, würde ich es gewiß tun,« -sagte Frechdachs, der schon wieder seine Fassung gewonnen hatte. »Aber -so weit bin ich denn doch in die Geheimnisse der Dämonologie -vorgedrungen, daß ich weiß: Betteln hilft nicht bei Seiner höllischen -Majestät; es macht ihm zwar Vergnügen, es anzuhören, aber er steckt -einen doch in seinen Wurstkessel. Bitte sich zu bedienen! Ich stehe dem -Herrn Baron zur Verfügung. Bin neugierig, auf was für eine neumodische -Manier er mich holen wird.« - -Diese Frechheit imponierte dem Teufel. - -»Du gefällst mir, Halunke!« sprach er. »Deine Seele ist so ausgepicht, -daß es mir schwer fallen dürfte, dir höllische Überraschungen zu -bereiten. Du hast ganz das Zeug dazu, ein Dienstteufel zu werden. Ich -mache dich zu meinem Leibchauffeur. Einige Unbequemlichkeiten sind mit -dem Amte ja immerhin verbunden, denn mein Verfluchter-Seelenmotor hat -manchmal seine Mucken, und du wirst beim Umdrehen oft genug Gelegenheit -haben, zu bereuen, daß du dich bei Lebzeiten zu schlecht aufgeführt -hast, als daß du nach dem Tode der bequemen Ehre hättest gewürdigt -werden können, als Tugendtenor in der himmlischen Vokalmusik -mitzuwirken.« -- Damit gab er Frechdachs einen Tritt in die Magengegend. -Frechdachs stöhnte: »Verdammt nochmal!« und war tot. Der Umstand, daß er -nicht oben, sondern unten die Probe auf das Exempel der Unsterblichkeit -machen sollte, äußerte sich darin, daß seine Seele ihren Ausweg nicht -durch ein oberes, sondern durch ein unteres Körperventil suchte und -fand, und daß sie dem entsprechend nicht nach Lilien duftete, wie es der -Fall beim letzten Entweichen tugendhafter Seelen ist. Der Teufel machte -eine Bewegung, als finge er eine Fliege in der Luft, und da hatte er die -Frechdachsische Seele auch schon. Statt sie aber in sein Portemonnaie zu -stecken, wie er sonst zu tun pflegte, rieb er die Leiche des -verschiedenen Frechdachs in der Nabelgegend damit ein, worauf dort wie -in blauer Tätowierung das Monogramm des Teufels (er benutzt neuerdings -eines in van de Veldescher Unleserlichkeit) erschien und Frechdachs als -Dienstteufel zu einem neuen Leben erwachte. Es war ihm in den paar -Minuten auch schon ein niedliches Hörnerpaar aus der Stirnwand -gesprossen, was sich gar nicht übel ausnahm, und hinten wackelte -dienstbeflissen schmeichlerisch ein kleines, recht artiges Schwänzchen, -das den Hosenboden offenbar ohne viel Mühe perforiert hatte. In einem -Dialekte, der wie englisch ausgesprochenes Latein klang, aber das -Höllenvolapük war, sprach er: »Befehlen Eure Satanität, daß ich den -Motor andrehe?« - -»Ja, tu das, mein Sohn,« antwortete der Teufel durchaus freundlich, -»aber erst sag mir mal: Was ist denn mit diesem Rumbo los, daß er immer -noch mit offenem Maule daliegt? Hat er etwa =auch= keine Angst?« - -»Aber Meister!« sprach Frechdachs, »seid Ihr wirklich ein so schlechter -Psychologe? Ihr solltet Euch auf Seelen doch von Berufs wegen verstehen. -So dumme Kerle haben natürlich =nie= Angst. Die Stupidität ist durch -passive Courage vor allen anderen Lebewesen ausgezeichnet.« - -»Bei meinem Schwanz! Das hatt' ich ganz vergessen,« sagte der Teufel. -»Und es ist doch, weißderhole, eine Wahrheit von vielen Karaten. -Indessen soll dieser Held der Dämligkeit einmal keinen Orden kriegen für -seinen heroischen Mangel an Einsicht, sondern in seinem letzten -Stündchen doch noch lernen, daß Kreaturen nicht zum Vergnügen auf der -Welt sind. Wir wollen in seinem Rachen ein bißchen Automobil fahren.« - -Rumbo hatte in der Tat durchaus nicht begriffen, was los war. Die -Einbildung, daß er dazu auserlesen sei, den Teufel als Pille -einzunehmen, hatte so fest von ihm Besitz ergriffen, daß ein anderer -Gedanke jetzt unter keinen Umständen bei ihm Eingang finden wollte. Er -lag also noch immer auf dem Bauche, das Maul weit aufgerissen, die Zunge -lechzend lang heraushangend. - -Diesen Umstand machte sich der Teufel zunutze. - -»Jetzt paß auf,« sagte er zu Frechdachs, der den Motor nach -dreitausendsechshundertundfünfundachtzig Kurbelumdrehungen endlich zum -Laufen gebracht hatte (wobei auch sein Schweiß, sowie sein Zungenwerk -ins Laufen geriet, denn er triefte und fluchte dabei erklecklich) »jetzt -paß auf: Du sollst gleich das erstemal ein kleines Meisterstückchen im -Fahren leisten dürfen. Du siehst diese von zu vegetarischer Kost etwas -belegte und infolge von Appetitsphantasmagorien reichliche Feuchtigkeit -absondernde Zunge des gewaltigen Hohlkopfes aus dem Rumbonischen Maule -gleich einer Zugbrücke auf das Erdreich niederhangen. Diese glitschige, -aber sonst keineswegs glatte, vielmehr von unzähligen Furchen -durchzogene Brücke müssen wir hinauffahren. Es ist keine kleine Sache, -Frechdachs, denn die Steigung ist beträchtlich; und sie wird, weil das -Terrain, wie ich schon bemerkte, feucht und uneben ist, doppelt schwer -zu nehmen sein. Es wird sich nur mit der kleinsten Geschwindigkeit -machen lassen, und du darfst ja nicht vergessen, beide Rücklaufstreben -hinunter zu tun, sonst rutschen wir womöglich rückwärts, und das wäre, -Gott verdamme mich noch einmal, nicht bloß gefährlich, sondern auch -blamabel.« - -»Machen wir!« rief Frechdachs, trat den Gehhebel nieder, und -töff -- töff, sauste die Explosionskarre los, scharf auf die -Zungenspitze Rumbos zu. -- - -'Ah! Ich soll alle =zweie= haben?' dachte sich der und bekam vor -unaussprechlicher Wollust butterig glänzende und gleich riesigen -Kirschen heraustretende Augen. - -Indessen fuhr des Teufels Laufwagen unter angestrengtem Gekeuche des -Motors, dem in der Tat ein bißchen =sehr= viel zugemutet wurde, die Zunge -hinauf, daß der Speichelsaft des Riesen rechts und links nur so -wegspritzte. Frechdachs hatte alle Hände und Füße voll zu tun, da er -bald einer Furche auszuweichen, bald ein Ausglitschen zu parieren, bald -eine andere Geschwindigkeit einzuschalten hatte, aber es ging ganz -gut, -- bis zu dem Augenblick, wo sie schon ganz nahe am Zäpfchen Rumbos -waren, das gleich einem umgekehrten Kirchturm herabhing und den Eingang -zum Schlund versperre. Dort aber war der Motor am Ende seiner Kräfte -angelangt. Er hustete, rasselte, rumpelte noch, vermochte jedoch den -Wagen weder weiter zu ziehen, noch auch nur auf der erreichten Höhe -festzuhalten. Kein Zweifel, daß das höllische Automobil sofort -zurückgerutscht wäre, wenn sich jetzt nicht die beiden riesigen eisernen -Rücklaufstreben mit ihren ankerscharfen Widerhaken tief ins -Zungenfleisch des Riesen gebohrt hätten, der seinerseits bisher nur -deshalb nicht zugeschnappt hatte, weil er felsenfest glaubte, das -Automobil werde von selbst seine Insassen in seinem Magen abladen. Wie -er aber die beiden eisernen Haken in seiner Zunge spürte, brüllte er -tobend auf: »Das kratzt ja!« und schnappte in sinnloser Wut zu. - -Darauf hatte der Teufel nur gewartet. In diesem Augenblick suggerierte -er den im Bassin befindlichen Neider- und Verleumder-Seelen, sämtliche -Parlamente der Welt hätten beschlossen, die Unanständigkeit der üblen -Nachrede mit Prügelstrafe zu belegen, und brachte sie dadurch in eine -solche Wut, daß sie, einander überrasend, eine Gesamtexplosion aller -Niedertrachtsgase erzeugten. Diesem Knalleffekte war auch das Interieur -und die knochige Umwandung des Rumbomaules nicht gewachsen: Es platzte. -Gleichzeitig fuhren sämtliche schuftige Seelen in den Magen des Riesen -und erfüllten ihn so mit Gift und Stank, daß auch er entzweiging. --- Rumbo war tot. - -Seinem linken Nasenloche entstieg der Teufel, dem rechten Frechdachs. -Sie waren über und über voll von Ruß und fanden, daß das ihnen sehr gut -stünde. - -'Schade, daß das Automobilchen mit hin ist,' meinte der Teufel, 'aber -ein guter Spaß ist's doch gewesen. Ich werde mir jetzt eins mit einem -Konfessionszankmotor made in Germany konstruieren. Der wird noch -rasender gehen. -- Fürs erste wollen wir jetzt nur noch schnell die -Seele des großen Lümmels fangen. Da bei ihm alles langsam vonstatten -gegangen ist, wird sie eine gute Weile zum Entweichen brauchen.' - -Es dauerte auch noch richtig eine Viertelstunde, bis sich aus der Gegend -von Rumbos Hinterquartier eine Art gelben Staubdunstes erhob, wie von -einem zertretenen Bovist. - -Der Teufel fing das Zeug in die hohle Hand, betrachtete es aufmerksam, -roch daran und sprach: »Zu schlecht für meine Domäne.« Dann blies er es -von seiner Hand weg mit den Worten: »Nichts als Dummheit, Gefräßigkeit -und blöder Dünkel, aber guter Kunstdünger für künftige Ernten an Bosheit -und Niedertracht. Sie sind mir sicher.« - -Der gelbe Dunst flog nach allen vier Windrichtungen auseinander. - - - - - Der mutige Revierförster - - -König Leberecht, der schon in vorgerückten Jahren befindliche, aber -immer noch recht rüstige Beherrscher eines angenehm im Gebiete der -mittleren Zone gelegenen Landes, liebte es, die Büchse im Arm, auf hohe -Berge zu steigen und dort all das Wild zu erlegen, das man mit viel Mühe -und Kunst in die unmittelbare Nähe seines Feuerrohres brachte. - -Auf diesen Jagdzügen begleitete ihn, der gerne Menschen um sich hatte, -weil er wohl wußte, daß es für Fürsten nicht gut ist, allein zu sein, -nicht nur eine Schar bevorzugter Männer des Hof- und Staatsdienstes, -sondern auch eine wohlausgewählte Mustergarnitur solcher Leute, die sich -durch sachgemäße Überdeckung größerer Leinwandflächen mit Farbe oder -durch andere Hantierungen von gewissermaßen künstlerischem Charakter in -der Leute Mund gebracht und überdies durch die Annahme des Titels von -Professoren bewiesen hatten, daß sie, obwohl keiner ernsthaften -Beschäftigung obliegend, doch Sinn für das bürgerlich Reputierliche -besaßen. Es war, und dessen war sich ein jeder in des Königs Jagdgefolge -wohl bewußt, eine große Ehre, mit Seiner Majestät durch die Felder und -die Auen zu streifen, sowie auf schmalen Pfaden die erhabenen Gipfel der -Bergwelt zu erklimmen, die wie wenig anderes dazu angetan erscheint, dem -Menschen einen Begriff davon zu geben, wie großartig die Welt ist. -Indessen, wie die meisten Ehren, so war auch diese mit Anstrengungen und -Unbequemlichkeiten verbunden. Schon das Klettern allein erschien den -älteren Ministern, vortragenden Räten, Kammerherren und Kunstprofessoren -als eine im Grunde nicht ganz erfreuliche Muskelübung. - -Denn, abgesehen davon, daß der königliche Bergsteiger schon an und für -sich in seiner Eigenschaft als Fürst jenen elastischen und lebhaften -Gang hatte, von dem wir immer in den Zeitungen lesen, wenn von einem in -Bewegung befindlichen Landesvater die Rede ist, war König Leberecht auch -noch besonders auf diesen Sport trainiert, da er Zeit seines Lebens die -meisten freien Stunden, die ihm die Regierungsgeschäfte ließen, -hauptsächlich dazu verwandt hatte, sich in der ebenso gesunden wie -vornehmen Kunst des Kletterns auszubilden. Er wäre, wenn ihm die -Schicksalsgöttinnen statt einer Krone einen Gamsbarthut und statt des -Zepters einen Bergstock in die Wiege gelegt hätten, zweifellos ein -ebenso vortrefflicher Bergführer geworden, wie er nun in Wirklichkeit -ein scharmanter König geworden war. - -Aber die böse Notwendigkeit, mit den untrainierten Beinen des Untertanen -den trainierten Beinen des Souveräns in gleichem Schritt und Tritt zu -folgen, war noch nicht einmal die fatalste Begleiterscheinung jener -ehrenvollen Jagdpartien. Das Unangenehmste waren die kalten Bäder, die -die höchst badelustige Majestät auf luftigster Höhe im schneekühlen -Gewässer munterer Gebirgsbäche zu nehmen liebte, und von denen sich -keiner ihrer Begleiter ausschließen konnte, da sich der Wasserscheue -sonst dem Verdachte ausgesetzt hätte, daß er nicht unter allen Umständen -gesonnen sei, seinem höchsten Herrn überallhin zu folgen. - -Wie viele ministerielle, geheimrätliche, kammerherrliche, -kunstprofessorale Schnupfen die Erfüllung dieser harten -Untertanenpflicht im Laufe der Jahre zur Folge hatte, darüber besteht -keine Statistik, doch darf ruhig angenommen werden, daß ihrer viele und -die meisten davon hartnäckiger Natur waren. Denn nicht jeder verträgt -zehn Grad Reaumur im Wasser. Die Loyalität ist willig, aber das Fleisch -ist schwach. - -Nach einem solchen Bade in der Höhe von 1500 Metern bei entsprechender -Wassertemperatur begab es sich nun einmal, daß der König, dem von der -genossenen Wasserkühle selber die Finger etwas klamm geworden waren, -seine Toilette (mit gebotener Delikatesse zu sprechen) nicht ganz zu -Ende führte. Anfangs bemerkte niemand diesen Umstand, da ein jeder nur -von dem einen Wunsche beseelt war, die eigene gesunkene Blutwärme durch -allseitig luftdichten Verschluß der Kleider wieder in die Höhe zu -bringen. Als sich aber später die königliche Jagdgesellschaft auf einem -angenehmen Wiesenplane zur Rast niedergelassen hatte, nahm man den -kleinen, aber durch seine Örtlichkeit fatal auffälligen Mangel wahr. - -Nun ist eine solche Wahrnehmung selbst unter gewöhnlichen Menschen, wenn -der eine nicht gerade die Frau des anderen ist, mit einer gewissen -Peinlichkeit verbunden. Denn es handelt sich hier, wenn man der Sache -auf den Grund geht, um einen Umstand, der geeignet ist, das sittliche -Gefühl zu verletzen, um einen _dolus eventualis_ auf dem besonders heiklen -Gebiete der Erbsünde sozusagen. Indessen, schließlich gibt sich doch -immer einer den gewissen Ruck, nimmt den Betreffenden (in den meisten -Fällen ist es ein alter Professor oder ein Dichter) beiseite und -flüstert (wenn er das Wort »geradezu« im Wappen führt): 'Sie, Ihr -Hosentürl ist offen,' oder (wenn er delikater ist) mit einem schnellen -orientierenden Blicke: 'Es ist etwas bei Ihnen nicht in Ordnung.' Ja, es -gibt sogar Leute, die selbst bei so peinlichen Gelegenheiten zu frivolen -Scherzen aufgelegt sind und etwa die Bemerkung machen: 'Sie, verlier'n -S' sei' nix!' - -Kann man aber so etwas einem Fürsten, einem Könige sagen? Nein: Man kann -=nicht=! Der höfische Stil versagt hier vollkommen. Es gibt durchaus -keine Redewendung in der Phraseologie des Umganges mit Majestäten, die -es ermöglichte, derlei vor ein allerhöchstes Ohr zu bringen, als über -welchem bei feierlichen Anlässen nur durch ein paar Zentimeter getrennt -eine Krone zu sitzen kommt. Nicht einmal der mit allen Essenzen -höfischer Eleganz und Wortbiegungskunst gewaschene Zeremonienmeister -Baron von Belodeur, der doch eine anerkannte Autorität auf dem Gebiete -höfischer Linguistik ist, und von dem man hoffte, er werde die -schwierige Mission übernehmen und so seinem dichten Lorbeerkranze als -königlicher Hausdiplomat ein neues leuchtendes Blatt einverleiben, -erklärte, dies überschreite seine Fähigkeiten, dieser Fall sei von einer -Heikligkeit, daß man seine Lösung nicht einer Menschenzunge, sondern der -Vorsehung selber überlassen müsse, die übrigens, so fügte er mit -anmutiger Zuversicht hinzu, noch immer bewiesen habe, daß sie über das -königliche Haus mit besonderer Aufmerksamkeit wache. Sohin (er liebte -dieses kuriale Wort) werde ihr auch dieser Umstand nicht entgehen, und -sie werde zweifellos Mittel und Wege finden, ihn zu beheben, ohne daß -sich ein schwacher Mensch den Mund zu verbrennen brauche. - --- »Das ist alles sehr schön und sehr gut, und ich bin schon von -Ressorts wegen der letzte, der an der Vorsehung zu zweifeln wagt,« -bemerkte der Kultusminister, dem es trotz eines kaum überstandenen -Schüttelfrostes jetzt sehr heiß zumute wurde, »aber sie müßte =äußerst= -schnell eingreifen. Bedenken Sie, lieber Baron, daß uns am Fuße dieses -Berges eine Deputation der ländlichen Bevölkerung erwartet, darunter -vier weißgekleidete Jungfrauen, von denen die jüngste ein -Huldigungsgedicht auswendig gelernt hat. Ich wette meinen Kopf, daß die -Jungfrau aus dem Konzept kommt, wenn ihr Blick zufällig auf die -derangierte Gegend fällt, und diese infamen Bauernlackel werden dem -höchsten Herrn sämtlich, ich sage Ihnen: =sämtlich= nicht ins =Gesicht= -sehen, sondern -- ebendorthin. Mein Gott, mein Gott: Die Situation ist -von einer märchenhaften Scheußlichkeit. Wir können uns, so gern wir -sonst dazu bereit sind, hier nicht auf höhere Mächte verlassen; wir -müssen =selber= handeln. Wozu sind Sie denn Zeremonienmeister, wenn Sie -sofort versagen, wo es einmal gilt, die durch einen tückischen Zufall -bedrohte Würde des Königtums zu retten! _Hic Rhodus! Hic salta!_ Walten -Sie Ihres Amtes!« - -Der Zeremonienmeister, der es bisher immer zu vermeiden gewußt hatte, in -Anwesenheit des Königs Schweiß abzusondern, war nicht imstande, die -plebejische Feuchtigkeit zurückzudrängen, die ihm angesichts dieser -grauenerregenden Perspektive auf die Stirne trat. Er fühlte die ganze -furchtbare Verantwortung, die ihm diese entsetzliche Situation -aufbürdete. Er sah das Ansehen des Hofes in Gefahr, die Regierung -wanken, den Staat konvulsivischen Zuckungen preisgegeben. Vor seinem -inneren Auge jagten sich Feuer, Pulverdampf und blutigrote Wogen der -Rebellion. Vor allem aber bebte sein ganzes Gemüt und schoß molkig -zusammen wie Milch, wenn's wittert, bei dem Gedanken, daß seine Stellung -auf dem Spiele stand. Denn in der Tat, dieser Toilettenmangel gehörte in -=sein= Ressort, da kein Kammerdiener zugegen war. - -Sollte er vielleicht doch?... Sollte er nicht doch vielleicht mit dem -Anstand, den er hatte, diskret sich in den Hüften wiegend, an den König -heran treten und mit delikatem Augenniederschlag lispeln: 'Majestät -haben allerhöchst geruht, zu vergessen, sich die ...' - -Aber bei allen Heiligen und Nothelfern, das =geht= ja doch nicht! Niemals -noch, so lange es Zeremonienmeister gibt, haben Zeremonienmeisterlippen -derartiges zu einem König zu sagen sich erkühnt. - -In seiner fassungslosen Verwirrung überfiel ihn die phantastische Idee, -zu den Mitteln der Mimik zu greifen und, sich dicht vor Seine Majestät -postierend, an sich selbst, gewissermaßen wie an einem Lehrphantom, -=scheinbar= die Handlung vorzunehmen, die der König an seiner Kleidung -tatsächlich unterlassen hatte. - -Aber das war ja grotesk, skurril, Wahnsinn! Ebenso hätte er direkt -hingehen und, an das respektive Kleidungsstück der allerhöchsten Person -Hand anlegend, den Mangel _brevi manu_ reparieren können, -- eine -Vorstellung, bei der er fast in Tränen der Verzweiflung ausgebrochen -wäre. - -Aber Verzweiflung ist ein zu gelindes Wort, um auszudrücken, in welchem -Zustande sich das zeremonienmeisterliche Gemüt befand. Er war der -Auflösung nahe. Schon konnte er kaum mehr seine Augen regieren, die -immer nur den einen, sich zu einem ungeheuren Schlund und Abgrund -klaffend erweiternden Punkt suchten, der die schauderhafte Quelle dieser -unsäglich grausamen Prüfung für ihn war. Gewaltsam mußte er seine Blicke -von dort wegwenden, um sie ziellos im Kreise herumirren zu lassen. -- - -Ob denn nicht doch irgendeiner der Anwesenden es wagen würde? - -An die Staats- und Hoffunktionäre sich zu wenden, war ganz aussichtslos, -das fühlte er mit der Gewißheit des Erfahrenen. Aber vielleicht einer -dieser Kunstprofessoren?! Unter ihnen, die ja auch sonst zu seinem -Entsetzen oft genug gegen den höfischen Ton verstießen, mußte doch einer -zu finden sein, der, wenn man ihm einen Orden oder einen Auftrag oder -schließlich den persönlichen Adel versprach, das unerhörte, kaum -auszudenkende Wagstück unternahm. - -Er zog jeden einzelnen beiseite, bat, flehte, rang die Hände, versprach -schließlich den gebührenfreien Freiherrntitel und die Erblichkeit der -Professur in der Familie, eingeschlossen die weibliche Nachkommenschaft, --- nichts half. Alle erklärten, lieber täglich eine Literflasche -Mastixfirnis auf das Wohl des erhabenen Landesherrn leeren zu wollen. - -Der Zeremonienmeister hatte das absolut sichere Gefühl, daß der jüngste -Tag herangebrochen sei; in seinen Ohren dröhnten deutlich die Posaunen. -Da fiel sein Blick auf den Revierförster Meier, der hinter einem Baum -saß und mit Mißmut konstatierte, daß sein Enzianschnaps zu Ende war. - -Ein letzter Hoffnungsstrahl flackerte, aber nur ganz schwach, im -Ingenium des halbtoten Hofmanns auf. Der Meister des höfischen Parketts -trat zum Meister des gebirgigen Forstes und entwickelte ihm, indem er -sich bemühte, durch leise Dialektfärbung seiner Sprechweise etwas -Volkstümliches zu verleihen, den ganzen Komplex der verhängnisvollen -Verlegenheit, hinzufügend, daß er, der biedere Mann aus dem Volke, -allein befähigt und berufen sei, den Hof, die Regierung, den Staat zu -retten, indem er den König auf jenen Punkt aufmerksam machte, auf jenen -Punkt ... - -»Das Hosentürl? Wenn's weiter nix is?!« meinte Meier. - -»Aber Sie dürfen natürlich nicht so geradezu, lieber Meier,« flüsterte -der Zeremonienmeister, dem doch etwas bange wurde bei dieser schnellen -Entschlossenheit des offenbar ganz ungeleckten Bären ... »Sie müssen -durch die Blume gewissermaßen ... von hinten herum sozusagen ... -abstrakt ...« Er fand durchaus nicht die populären Akzente. Das lag zu -weit weg von seinem Ressort. - -»Versteh schon! Natürlich! Ich kenn' mich aus. Von der Schleichseite -heranpürschen muß ich mich. Nicht gleich mit dem Hosentürl ins Haus -fallen. Beileib! Beileib! Fein andrehn muß man so was. So, in =der= Art, -daß der König meinen könnt', es wär' einem andern sein Hosentürl!... -Schwer is schon. Aber ich hab' schon andere Füchse gefangen.« - -Nach diesen Worten überzeugte sich der Revierförster nochmals, daß -seine Flasche vollkommen leer war, schob sie resigniert in seinen -Rucksack und stand mit der Miene eines Mannes auf, der heftig nachdenkt -und zu allem entschlossen ist. - -Der Zeremonienmeister sah ein, daß dieser Mann, wenn nicht vorher der -Himmel einfiel, binnen zwei Minuten das Unglaubliche zum Ereignis machen -werde. Ihm ward zumute, als ob plötzlich der feste Boden unter ihm zu -wanken begänne; eine grauslich hohe Woge hob ihn, senkte ihn und führte -ihn aufs hohe Meer hinaus, einem ungewissen Schicksal entgegen, das -irgendwo den Rachen aufsperrte, ihn zu verschlingen. Wie er bemerkte, -daß der Revierförster sich in Bewegung setzte, fühlte er alle Schrecken -der Seekrankheit in seinen Eingeweiden. Nur wie durch einen Schleier, -einen gelbgrauen Nebel sah und hörte er, was sich nun begab. - -Der Revierförster Meier ging gerade auf den König zu, sah ihn aus seinen -katzengrauen Augen zutraulich von unten an, nahm seinen bis ins -Zeiserlfarbene verschossenen, vor sehr langer Zeit einmal dunkelgrün -gewesenen Hut ab und -- machte eine Verbeugung. Sodann aber setzte er -seinen Hut wieder auf und stand stramm. - -Mit dem scharfen Blicke, der ihn stets auszeichnete, bemerkte König -Leberecht, daß dieses durchaus reglementswidrige Gebaren seinen Grund in -etwas Besonderem haben müsse, und er fragte mit dem huldvollen Tone, der -das erste ist, was ein jeder richtige König sich anzueignen keine Mühe -und Übung scheut: - -»Na, Meier, was gibt's?« - -(In diesem Augenblicke gab es dem Zeremonienmeister einen schmerzlichen -Ruck, und er sah sich direkt vis-a-vis dem Rachen des Ungeheuers, das -ihn verschlingen wollte. Sein Herzschlag setzte aus. Ein -überlebensgroßer Knödel kroch in seiner Speiseröhre in einer unangenehm -schlickernden Abart des Rollens empor und versetzte ihm auch den Atem. -Sein letzter Gedanke war der Orden vom heiligen Kajetan, von dem er -schon lange träumte. Dann: Nacht und Vernichtung.) - -Meier aber trat einen Schritt vor und sprach mit der markig festen -Stimme des deutschen Mannes, der keine Menschenfurcht kennt: »Ich -möchte bloß die hohen Herrschaften was fragen.« - -Alles war starr. Keiner begriff. Auch König Leberecht nicht. Aber sein -Ton war doch noch immer huldvollst, als er sagte: »Fragen Sie nur zu, -Meier.« - -Und Meier ließ seine Stimme fröhlich erschallen und sprach: »Wie wär's -denn, meine Herrschaften, wenn wir alle miteinander unsere Hosentürln -zumachten?« - -Eine Reflexbewegung seiner Hände belehrte den König über den Sinn dieser -rhetorischen Frage. Er richtete, was zu richten war, und lachte dann so -herzlich laut auf, daß seine Umgebung überzeugt sein konnte, es sei -durchaus im Sinne der Etikette gehandelt, wenn sie mitlachte. Und da es -zugleich ein Lachen der Befreiung war, war es ein brausendes, -dröhnendes, herzerfreuendes Lachen. - -Selbst die Spechte, die die hohen Stämme der Fichten bepochten, hielten -mit Hämmern inne und lachten mit. - -Der Zeremonienmeister aber erwachte unter diesem Ensemblesatz des -Vergnügens zu neuem Leben und fand sogleich, daß es unschicklich sei, -in der allerhöchsten Nähe zu wiehern, wie unerzogene Rösser. Wäre ihm -nicht gleichzeitig jener fatale Knödel gottlob zergangen und -verschwunden, so daß er wieder frei atmen und sich im Vollbesitze seiner -Kontenanz fühlen konnte, hätte er noch einen schlimmeren Vergleich -gewählt. - -König Leberecht aber sprach, indem er dem Revierförster eine Zigarre -anbot (die dieser jetzt noch und mit der ausgesprochenen Absicht, daß -sie bis ans Ende der Tage dort bleiben soll, in seinem Glaskasten -aufbewahrt): »Meier, Sie sind ein ganzer Kerl. Schade, daß ich Sie nicht -in der Regierung verwenden kann. -- Ja, meine Herren,« und damit wandte -er sich zu den übrigen: »das Volk, das Volk!... Es ist eine schöne -Sache um das Volk!...« - -Dann stieg er, langsamer, als es sonst seine Art war, in tiefes Sinnen -versunken, den Berg hinab, an dessen Fuße ihn ein junges Mädchen in -weißen, gestärkten Kleidern mit den Worten begrüßte: - - Wir jauchzen laut mit Herz und Mund - In dieser gnadenvollen Stund', - Wo uns das Glück geschieht, - Daß seinen König Leberecht - Das biedre Landvolk, treu und echt, - In seiner Nähe sieht. - - Es steht sein hochberühmter Thron - Seit mehr als tausend Jahren schon - In unserer Mitte fest. - Drum lieben wir ihn auch so sehr, - Wie wenn er unser Vater wär', - Der keinen je verläßt. - - Er weiß, daß in der Landwirtschaft - Beruht des Staates stärkste Kraft, - Drum liebt ihn für und für - Der schwergeprüfte Bauersmann - Und hält als treuer Untertan - Ihm =offen jede Tür=. - -Bei diesen Worten stellte sich bei Seiner Majestät eine Ideenassoziation -ein, die ein Lächeln des königlichen Mundes zur Folge hatte, woraus alle -anwesenden Gemeindevorstände aufs neue die Überzeugung gewannen, daß -der hohe Herr nach wie vor den Interessen des Nährstandes seine -besondere Huld zuwendete. - - - - - Patsch und Tirili - - -Als ich Patsch das erste Mal bestieg, erfüllte mich ein Hochgefühl. Das -ist doch Rasse, sagte ich mir; man spürt die adlige Herkunft und sichere -Tradition; kein aufdringliches Geräusch, kein saloppes Wackeln; alles -sitzt fest, hat die richtige Spannung, aber auch die entsprechende -Federkraft; er gehorcht dem leichtesten Druck mit ebensoviel Folgsamkeit -wie Intelligenz; was etwa noch fehlt, wird ihm ein bißchen Erziehung -sicher beizubringen wissen. - -Ich hatte damals freilich nur böse Erfahrungen hinter mir. Das klapprige -Ding, dem ich mich als banger Eleve hatte anvertrauen müssen, war durch -schlechte Behandlung völlig verdorben und um alle Seele gebracht worden. -Man hätte es eine Maschine nennen können, wenn es nicht zuweilen doch -noch Spuren von Charakter gezeigt hätte. Freilich von schlechtem. Es war -boshaft, heimtückisch, niederträchtig. Im allgemeinen heuchelte es -Phlegma -- wenn es nicht einfach Faulheit war -- und tat so, wie wenn -es nichts könnte, als stumpfsinnig seinen Trott gehen, geduldig, -sanftmütig, schwerfällig, aber verlässig. Doch plötzlich, während man -sich keiner Überraschung versah, fiel es ihm ein, Mätzchen zu machen. -Wie von einem bösen Geist besessen, begann es zu rennen, zu rasen und -hörte mit diesen infamen Tücken nicht eher auf, als bis es mich gegen -eine der Säulen, die recht überflüssiger Weise in der Radfahrschule -herumstanden, geworfen hatte. Dann lag es wie ein Bild hilfloser -Unschuld neben mir, und nur seine Pedale zitterten vor innerem -Triumphgefühl über den glücklich gelungenen Streich. - -Dabei will ich gar nicht davon reden, daß es ein wahres Jammerbild und -in jeder Hinsicht verkommen war. Ich finde zu seiner Kennzeichnung nur -das eine Wort: gemein, und man wird es verstehen, wenn ich bekenne, daß -ich dieses Wesen aus voller Seele gehaßt habe. Es war besserer Gefühle -ebensowenig würdig wie fähig. Genug von ihm. - -Ich sagte schon, daß Patsch mir nach dieser Kreatur, deren Namen ich -nicht einmal weiß, einen blendenden Eindruck machte. Da er von guter -Herkunft, Cleveland, Mittelsorte, ist, so kann das nicht weiter in -Erstaunen versetzen. - -Das Jahr 1898 war überdies ein besonders guter Jahrgang für die -Clevelands. Aber das will im allgemeinen doch nicht viel sagen. Gewiß, -der Durchschnitt dieser Rasse ist immer gut, trefflich, in einem -gewissen Sinn tadellos -- aber auch nicht mehr. Die Clevelands sind im -allgemeinen wie gut gedrillte Soldaten; sie leisten das und das, und -zwar nicht wenig, was ihnen eben beigebracht worden ist, immer ungefähr -einer wie der andere ohne viel individuelle Einzelzüge -- es sind -Amerikaner. Selten, daß ein niederträchtiges Subjekt unter ihnen -vorkommt, selten aber auch, daß besondere Persönlichkeiten hervorragen. -Ich halte das natürlich für einen Vorzug der Rasse, aber immerhin, nicht -wahr, wenn einem gerade ein besonders begabtes Individuum zufällt, so -ist das nicht unerfreulich. - -Nun! Patsch war so ein Individuum. Er war entschieden über den -Durchschnitt begabt, und ich würde vielleicht überschwenglicher über ihn -urteilen, wenn ich nicht das unerhörte Glück gehabt hätte, nach ihm -Tirili zu erwerben. - -Ich hätte Patsch nicht aufgegeben, wenn ihm nicht ein Malheur passiert -wäre, an dem eine Schwäche von ihm schuld war, die ich längst erkannt -hatte: seine Bremse taugte nicht viel. Es war so eine geistlose, platte -Druckbremse, an der nichts bewundernswert war, als die Prätension, ein -laufendes Rad zum Stehen bringen zu wollen. Also gut! Ich fuhr eines -schönen Tages auf ihm am badischen Ufer des Untersees entlang, und zwar -war die Situation so: ich kam aus einem Walde heraus, der hochgelegen -war, und fuhr eine Weile planeben, wie mir schien; in Wahrheit aber fiel -der Weg bereits ein wenig, was ich aber nicht bemerkte, weil ich eben -eine Siziliane dichtete, eine Strophe, die italienischer Herkunft ist, -weshalb sie immer zwei Reime mehr erfordert, als man im Deutschen leicht -findet. Nun können Sie sich denken, daß man nicht zugleich Reime fangen -und auf den Weg achtgeben kann, und mir war natürlich der Reim -wichtiger, als der Weg -- denn es gibt überhaupt nichts Wichtigeres auf -der Welt als gute Reime. So kam es denn, daß ich, just als ich meinen -Reim gefunden hatte, die Pedale verlor, weil es plötzlich in einem ganz -unmöglichen Winkel bergab ging. Ich fühlte deutlich, wie Patsch von -einem Todesschrecken durchrieselt wurde, als seine Pedale keine Leitung -mehr fühlten und sich in einem wahnsinnigen Tempo wirbelig drehten, und -ich selbst hatte auch die deutliche Empfindung, daß ich in wenigen -Sekunden irgendwo in der Tiefe fragmentarisch anlangen würde. Also -_ultima ratio_: die Bremse. Lächerliche Illusion! Zwar verbreitete sich -augenblicks ein penetranter Geruch von heiß gewordenem Kautschuk, aber -das Tempo der Abfuhr verminderte sich so gut wie nicht. Dafür kam mir -ein Ochsenfuhrwerk gemächlich, aber sicher entgegen, und ich vermochte -mir, phantasievoll wie ich nun einmal bin, mit Blitzesschnelle -auszumalen, wie in fünf Sekunden Patsch an der Gabeldeichsel, ich aber -am Horn eines der Ochsen hängen würde. Mein letzter Gedanke war der eben -gefundene Reim: Karbatschen, den ich als Befähigungsnachweis für die -Seligkeit mit in die Ewigkeit hinübernehmen wollte, die sich meinen -angstvoll aufgerissenen Augen wie ein Tor mit durcheinanderkreisenden -Feuerrädern auftat -- da machte Patsch einen Riesensatz nach rechts und -raste auf einen Steinhaufen los. O du Patsch der Pätsche, o du Wunder -von einem Patsch! Das war meine Rettung, aber dein Ruin. Der brave -Cleveländer hatte sich, ein leuchtendes Beispiel von Dienertreue, für -mich aufgeopfert. Er nahm den Steinhaufen, torkelte noch ein Stück der -dahinter liegenden Böschung hinan, dann fiel er erschöpft und ohnmächtig -um, und ich lag, die Hände in seine Speichen gekrampft, auf ihm. Wie es -sich gebührt, sah ich erst nach, was ihm fehlte. Nun: er hatte seinen -Knacks weg. Das eine Pedal war ganz ab, das andere baumelte nur noch; -die Lenkstange hatte sich völlig verdreht; die Pneumatiks waren -zerschlitzt. - -Der arme Kerl tat mir furchtbar leid, obwohl ich vollkommen Ursache -hatte, mir selbst leid zu tun, denn auch meine Pedale, sowie die -vorstehenden Teile des Gesichtes befanden sich in einem mehr -pathologischen als ästhetischen Zustande. So hinkten wir beide nach -Hause. - -Bei Patschs guter Clevelandkonstruktion versteht es sich von selbst, daß -er wiederhergestellt werden konnte. Und er wurde wieder hergestellt. -Aber er blieb für mein Gefühl doch ein Krüppel, ein mißliebiger Anblick. -So sind wir Menschen. Dankbarkeit und Treue sind bei einem anständigen -Subjekt von Rad öfter zu finden, als bei uns. Ich beschloß, ihm zwar das -Gnadenöl zu geben, mir aber doch ein neues Rad anzuschaffen. - -Ich hätte für diese Herzlosigkeit verdient, ein ganz niederträchtiges -Wesen aufgehängt zu bekommen, das sein Geschlecht an mir mit tausend -Tücken gerächt hätte, und siehe da -- was ist das für eine -Weltordnung! -- ich bekam, als sollte meine Gemütsroheit auch noch -prämiiert werden, das Rad der Räder, das Überrad: Tirili. - -Auch Tirili entstammt der Clevelandfamilie, doch gehört sie deren -adeligem Zweig an, der Baronlinie der Luxusmodelle. Es wäre -Vermessenheit, wollte ich versuchen, ihr Äußeres zu schildern. Sie ist -einfach ein Erzengel an Schönheit und dabei hat sie einen Kettenschutz -aus Hartgummi und ölt sich selbst. - -Ich will Ihnen lieber eins der Begebnisse erzählen, die ich in letzter -Zeit mit ihr erlebte; daraus werden Sie am besten ersehen, welch edle -Seele ihr innewohnt, welch adlige Eigenschaften sie besitzt, von welcher -Fülle aller Reize sie umflossen ist. Der alte, gute, treue Patsch -erscheint mir neben ihr ganz einfach als Omnibus -- ich kann mir nicht -helfen, so frevelhaft undankbar das auch klingen mag. - -Gewiß, er überragte den Durchschnitt; er war ein Talent; aber Tirili ist -unendlich viel mehr, Tirili ist ein Genie, ein Wunder. Man sollte von -ihr nur in Versen reden oder, besser noch, man müßte nur Herrn Stephan -George darüber in Versen reden lassen, denn nur das erhabene Lallen ist -die kongeniale Ausdrucksweise für Tirili. - -Nun lächeln Sie natürlich alle und finden, daß ich überschwänglich bin. -Aber Sie werden gleich anders denken, wenn Sie hören, was mir kürzlich -mit Tirili passiert ist. - -Es war ein schöner Herbstmorgen und die Luft so klar, daß die bayrischen -Alpen wie zum Greifen nahe vor mir lagen. Trotzdem gedachte ich nur ins -Dachauer Moos hinaufzufahren, wo, wie Sie wissen, die Wiege des -malerischen Münchner Naturalismus stand, weshalb einige Pietät und ab -und zu eine Radpartie wohl geboten erscheint. Gleichzeitig wollte ich -bei dieser Gelegenheit den letzten Akt eines Dramas dichten, das Sie -hoffentlich nicht aus Empörung über diese Geschichte auspfeifen werden, -wenn es aufgeführt wird. Denn ich dichte immer, wenn ich auf Tirili -sitze, es sei denn, daß mir durchaus nichts einfiele. Sie meinen: ich -sollte lieber lenken? Da kennen Sie Tirili schlecht. Das gute Mädchen -würde es als eine Beleidigung auffassen, wollte ich die Lenkstange auch -nur angreifen. Sie liest offenbar Gedanken, denn bis jetzt hat sie mich -immer dorthin geführt, wohin ich wollte, oder wohin meine Gedanken sich -richteten. - -Also gut. Ich tätschelte Tirili freundlich sowohl auf die vordere als -auf die hintere Pneumatik, freute mich, wie drall und prall das alles -war, und heidi ging es hinaus, die Nymphenburger Allee entlang. Schon -am Fenster der hübschen Nähmamsell links kam der Geist über mich, und -ich begann ein so heißes Dichten, daß ich weder vorwärts, noch rechts -und links, sondern nur immer in mich hineinsah, wo sich der letzte Akt -meines Dramas glatt und _con amore_ abspielte. Dieses Schauspiel -interessierte mich riesig, und ich sah nicht eher aus mir heraus, als -bis die Heldin so tot war, wie es nur eine Heldin sein kann, die es nach -göttlichem und menschlichem Recht verdient, tot zu sein. Wer beschreibt -aber mein Erstaunen, als ich, wie ich mich nun befriedigt umsah, mich -nicht etwa in Dachau, sondern auf dem Gipfel eines Berges erblickte, den -ich dank meiner Vorbildung auf einem deutschen Gymnasium sofort als die -Zugspitze erkannte? Du lieber Gott, sagte ich zu mir, die Zugspitze ist -doch 2974 Meter hoch und ganz voll Eis und Schnee, und der Arzt hat mir -ausdrücklich verboten, größere Steigungen zu nehmen und mich Erkältungen -auszusetzen -- da ging es auch schon wieder abwärts, und nur mit Hilfe -der wunderbaren Röllchenbremse gelang es mir, einige Wände ohne Unfall -hinabzukommen. Aber bei allem Bremsen mußte ich doch in einem ganz -unerhörten Tempo begriffen sein, denn nur dies vermag den Umstand zu -erklären, den ich Ihnen sofort und ohne viele Worte berichten will. - -Ich sause also hinunter und komme plötzlich in eine Klamm, die, rechts -und links von senkrecht aufragenden Felsen eingeschlossen, nur oben Raum -für einen ganz schmalen, überdies völlig beeisten Weg bot. Ich hatte -meine Beine auf die Lenkstange gelegt und hielt die Arme verschränkt, -wie ich immer zu tun pflege, wenn ich mir sagen muß: hier kann nur -Tirili allein helfen. - -Da, denken Sie sich meinen Schreck, sah ich am Ende der Klamm einen -dicken Bauern auf mich zukommen, dessen breite Figur den Weg völlig -einnahm. Einen Moment kam mir der idiotische Gedanke, zu läuten, aber da -war ich auch schon -- ja, wie soll ich nun sagen: über den Bauern weg -oder durch den Bauern durchgefahren? Ich muß unbedingt an die letztere -Möglichkeit glauben, denn ich bin mir durchaus nicht bewußt, daß wir, -Tirili und ich, über ihn weggesprungen sind. Andrerseits war freilich an -mir und dem Rad nicht das geringste zu sehn, das darauf hätte hindeuten -können, daß wir durch einen leibhaftigen Bauern hindurchgefahren waren. -Aber, wenn Sie die Schnelligkeit bedenken, mit der dies offenbar -geschehen war, so ist dieser Nebenumstand ja nicht weiter verwunderlich. -Auf alle Fälle ersuche ich Sie, nicht auf die Idee zu verfallen, ich -hätte den Bauern überfahren. Einen so häßlichen Gedanken müßte ich auf -das bestimmteste zurückweisen; ich überfahre nie jemand, sei es Bürger, -Bauer oder Edelmann. - -In weniger Zeit, als Sie gebraucht haben, dieses kleine Abenteuer -anzuhören, befand ich mich danach auf der Landstraße zwischen Planegg -und München, und zwar der Stadt schon sehr nahe. Tirili verlangsamte -ihre Gangart, und wir bummelten in dem Tempo dahin, das ich immer für -das beste zum Dichten von Elegien erfunden habe. Ich begann sofort eine -in sechsfüßigen Jamben auf das goldene Haar meiner Geliebten. Schon war -ich am Ende des Gedichts angelangt, an diesem höchst wirkungsvollen -Schluß, wo ich es mir als seligsten Tod wünsche, mich an diesen goldenen -Strähnen aufzuhängen -- da kommt mir dieselbichte Geliebte höchstselbst -entgegen, und zwar auf einem schneeweißen Zelter -- ich darf in diesem -Zusammenhang dieses poetische Wort anwenden. Sie können sich meinen -süßen Schrecken denken! Aber kaum hatte ich sein holdes Rieseln durch -das Rückenmark gekostet, da kam ein gallebitterer Schrecken hinterdrein: -Hölle und Teufel -- ein Galan ritt neben ihr, ein schwarzes, -hakennasiges Herrchen in einer grünen Weste auf einem riesigen Fuchs. -Meine Eitelkeit zischelte mir zu: welche Figur wirst du neben der -Hakennase spielen, die auf einem hohen Gaul sitzt, während du auf einem -Rad hockst, und wäre es auch Tirili, die Unvergleichliche. Und ich -gedachte, mich rechts in die Büsche zu schlagen. Aber da waren die -beiden auch schon da, und ich mitten zwischen ihnen, und ich reichte -meiner Königin die Hand. - -Wie ist das nur möglich, dachte ich mir, daß ich diese holde Hand im -grauen Reithandschuh von Tirilis Sattel aus so leicht erreichen -konnte -- da merkte ich, daß ich mich mit der Hakennase in gleicher Höhe -befand, und das Herrchen sagte etwas von einer famosen Isabelle, auf der -ich ritte. Der Mensch sah Tirili für eine falbe Stute an! Das muß von -der Farbe der Spelgen Tirilis herkommen; anders kann ich es mir nicht -erklären. Aber die Höhe! Die Höhe! Und Tirili kann doch nicht wiehern! -Mir war zumute, wie wenn ich der Held in einer Geschichte von E. T. A. -Hoffmann wäre, und ich freute mich, als die beiden sich mit den Worten -verabschiedeten: »Mit Ihnen kommt man ja doch nicht mit!« Kaum waren -diese Worte verklungen, da sah ich, daß ich an meinem Hause angekommen -war. Es war genau eine Stunde seit Beginn meiner Ausfahrt vergangen, und -man sah Tirili durchaus nicht an, daß wir auf der Zugspitze gewesen -waren. - -Sind Sie paff? Ich bin es nicht. Ich erlebe täglich solche Sachen mit -Tirili. Pegasus mit den Gänseflügeln war ja zu jenen zurückgebliebenen -Zeiten ein ganz passables Reitpferd für Dichter, aber wenn Pindar heute -nochmals geboren würde -- auch er würde einen Cleveländer vorziehen. -Meine Tirili kriegt er aber nicht. - - - - - Die Weihnachtsbowle - - -Graf Beisersheim, ein Herr von unbestimmbarem Alter dem Äußeren nach, -der aber nur ein paar Sätze zu sprechen brauchte, um allen, die ihm -zuhörten, die Überzeugung beizubringen, er müsse wenigstens zweihundert -Jahre alt sein, -- so angefüllt mit wohlabgelagerter Kenntnis der Welt -und der Menschen war seine Rede, -- Graf Beisersheim hatte sich in einer -Anwandlung von seltsamer, gewissermaßen hautgout-rüchiger -Sentimentalität einen Christbaum angeputzt. - -Sich und einigen Freunden, die er nun zur »Bescherung« einlud. - -Das Haupt- und Mittelstück davon, ja wohl der eigentliche Sinn der -ganzen Veranstaltung war eine ostpreußische Bowle von vielen Graden, vor -der selbst Willibald Stilpe, der doch (siehe das dritte Kapitel des -dritten Buches seiner lehrreichen Lebensbeschreibung) in alkoholischen -Dingen eine anerkannte Autorität war, ein Gefühl von Respekt empfunden -haben würde. Burgunder, Sekt, Sherry, Porterbier, Rum vereinigten sich, -nach den besten Grundsätzen gemischt, in der gewaltigen silbernen -Terrine, aus der das erlauchte Geschlecht der Beisersheims schon seit -Jahrhunderten seine schwersten Räusche bezog, zu einem neuen -Kraftorganismus, der imstande war, einen Vollmatrosen auf Anhieb unter -den Tisch zu strecken. Nicht aber auch den Grafen, der ihn ins Leben -gerufen hatte und trotz seines knickebeinigen, kontrakten Gestelles, das -kaum einem ordentlichen Novemberwind standzuhalten vermochte, im Kampf -mit alkoholischen Gewalten so widerstandsfähig war, wie nur irgendeiner -seiner in Eisen geschienten Vorfahren auf dem Turnier- oder -Schlachtfelde. - -Seine Freunde, zumeist Schriftsteller und Künstler oder Angehörige von -Kreisen, die aus geschäftlichen oder anderen Interessen engere oder -weitere Beziehungen zu Literatur und Kunst pflegten, waren zwar auch -trinkfeste Herren, einer so kräftigen Ostpreußin aber doch nicht -vollkommen gewachsen. - -Es dauerte nicht gar lange, und der redelustige Graf verschwendete -seine aufs schärfste geschliffenen, in tausend Facetten von Witz und -geistreicher Schnödigkeit blitzenden Bosheiten an eine Korona von -Schlummernden. Gleich ihnen, die in den breiten ledernen Klubstühlen -mehr lagen als saßen, waren auch die Christbaumkerzen in sich -zusammengesunken, und nach und nach löschte eine nach der anderen -knisternd aus, als letztes Zeichen einer verglühten Existenz einen -dünnen Rauchfaden in das grüne Geäst sendend. Schließlich erhellten nur -noch die dicken Wachslichter in den breiten messingenen, mit dem -Beisersheimschen Wappen gezierten Wandleuchtern den von Zigarren- und -Zigarettenrauch massig durchschwadeten Raum, dessen Luft schon so voll -von Alkoholdünsten war, daß man allein davon einen ansehnlichen Rausch -hätte bekommen können. - -Der Graf, der es in seinen Dramen (denn auch er hatte ein Verhältnis mit -der Muse der Dichtkunst, und noch dazu ein ernsthaftes, das nicht ohne -Folgen geblieben war) aus prinzipiellen Gründen von unerschütterlicher -Festigkeit nie über sich gewonnen hätte, eine seiner Personen in -Monologen reden zu lassen, wandte seine künstlerischen Prinzipien im -Leben selber insoferne nicht an, als er, gewohnt und geschickt, viel und -witzig zu reden, in gewissen Zuständen auch dann sprach, wenn niemand da -war, der ihm hätte zuhören und antworten können. In einen solchen -Zustand geriet er jetzt, als er langsam Glas auf Glas der schweren -ostpreußischen leerte und eine russische Zigarette nach der anderen dazu -rauchte. - -»Eine sehr stimmungsvolle und durchaus dem Sinne des Festes -entsprechende Weihnachtsfeier,« bemerkte er, indem er seine kleinen, -grau-grünen Augen über die Reihe der Schlafenden schweifen ließ. »Nur -schlafend können sie das Fest der Liebe feiern, denn, wenn sie wach -wären, würden sie reden, und wenn sie redeten, würden sie irgendeine -Reputation zerreißen.« - -In diesem Augenblick tat ein rot und gelb bemalter Nußknacker, der am -Baume hing und einem engeren Konkurrenten des Grafen, auch einem -dramatischen Schriftsteller (dem er übrigens ähnlich sah), zugedacht -war, die hölzernen Kinnladen auseinander und sprach in einem aus -erklärlichen Gründen etwas harten Dialekt, wie folgt: »Und du? Warum -schläfst dann =du= nicht? Du hast es doch besonders nötig?! Jungchen, -Jungchen! Du denkst natürlich an meinen neuen Herrn. Aber so boshaft wie -du, Menschenskind, ist nicht einmal er.« - -»Pih, pih,« machte da eine kleine Balleteuse, die sich der Graf selber -geschenkt hatte und die, ein niedliches Figürchen aus Porzellan und über -und über mit Spitzen und Rüschchen bedeckt, unter dem Nußknacker hing, -»pih, pih, reißt der das Maul auf! So schreien kann ich freilich nicht, -aber das möchte ich denn doch bemerken: Der Unterschied zwischen meinem -und deinem Herrn besteht bloß darin, daß meiner mit Geist boshaft ist -und deiner bloß mit Grobheit. Denn meiner ist ein Graf und deiner ein -Bauer.« - -Während sie dies mit einer süßen, aber doch etwas spitzigen -Porzellanstimme sprach, warf sie recht zierlich bald das eine, bald das -andere Bein über sich, daß ihr seidenes Tanzröckchen nur so raschelte -und ein jeder sowohl ihre Waden wie ihren Mechanismus bewundern konnte. - -Der Nußknacker geriet außer sich, denn er besaß an Stelle von Beinen, -mit denen er hätte schlenkern können, nur einen gespaltenen Stumpf, der -seinen Kinnladen die Knackekraft verlieh. Dieses Umstandes aber bediente -er sich aufs heftigste und schrie: »Mein Herr ist ein Dichter mit -Tantiemen, Sie leichtfertige Ratte, Sie! Wenn Sie nur eine Spur von -Ehrfurcht in Ihrer flitterhaften Psyche hätten, würden Sie von einem -Manne, der selbst von seinen durchgefallenen Stücken leben könnte, -während Ihrem Herrn nicht einmal seine erfolgreichen etwas Ordentliches -einbringen, mit =Respekt= reden. Aber natürlich, wer nichts als Grazie -besitzt, wie könnte der für ernsthafte Werte Sinn haben?!« - -Die Balleteuse wollte sogleich replizieren, aber in diesem Augenblicke -erwachte der Herr des Nußknackers für ein paar Sekunden und sprach: -»Machen Sie keinen Unsinn, Mann -- fünfzehn Prozent, oder ich schließe -mit Ihrem Konkurrenten ab!« - -Jetzt aber fuhr die Balleteuse los, indem sie vor Erregung Chahüt -machte: »Mein Graf hat das Dichten überhaupt nicht nötig. Mein Graf ...« - -»I, du verflixte Mamsell!« rief der dazwischen, der sich gar nicht zu -wundern schien, daß das Christbaumvolk sich so unwahrscheinlich -gebärdete, »willst du wohl aufhören, auf meiner Grafenkrone -herumzureiten? Überhaupt sind das recht unpassende Gespräche. Redet doch -lieber ein bißchen von der Menschenliebe heute. Dafür ist dieser Tag -reserviert.« - -Kaum, daß er diese Worte gesprochen hatte, erhob sich aus der dunkelsten -Partie des Christbaumes ein unendlich zartes und mitleiderregendes -Gewinsel, wie von einem ganz, ganz kleinen jungen Hunde, und -gleichzeitig kleckerten winzige Wachströpfchen durch die Zweige auf das -Tischtuch herab. Der Graf erhob sich, um zu sehen, was denn los sei, und -entdeckte, daß das Gewinsel von einem schwarzen Chenillepudel herrührte, -der seinem wehvollen Herzen aber nicht nur phonetisch Ausdruck verlieh, -sondern auch dadurch, daß er Wachs weinte. Denn seine treuen Hundeaugen -waren aus gelben Wachskugeln hergestellt. - -Der Graf begriff sofort, daß das eine verhängnisvolle Art zu weinen sei, -und er bemerkte daher: »Es ist zwar anerkennenswert und verdient Lob, -wenn ein Pudel aus Chenille Gemüt zeigt und es seinem Schöpfer, dem -Menschen, nachzutun trachtet, indem er Tränen vergießt; wenn aber dabei -das einzige an ihm, das nicht Chenille ist, sich auflöst und kaput geht, -so muß doch gesagt werden, daß das eine unökonomische Manier ist, Trauer -an den Tag zu legen. Wenn unsere Augen dabei kaput gingen, Freund Pudel, -würden wir Menschen gewiß keine Tränen vergießen. Wir leisten uns diese -effektvolle Ausscheidung nur, weil sie uns nichts kostet.« - -Aber der Chenillene hörte nicht auf, Wachs zu weinen; doch zu winseln -hörte er auf. Denn er sprach (wie Weinende zu sprechen pflegen, unter -häufigem schluchzenden Aufstoßen): »Und wenn meine Augen mir auch ganz -davon rinnen und fürderhin in meinem Antlitze nichts Gelbes mehr -abstechen soll gegen das glänzende Schwarz meiner Chenille: Ich werde -doch nicht aufhören, Tränen zu vergießen über das tragische Geschick, -daß ich mich meines Schöpfers nicht als eines =vollkommenen= Wesens -erfreuen soll. Das hat mir, der ich kein wirkliches Knochengerüst -besitze, bisher eine Art ideellen Rückgrates gegeben, daß ich des festen -Glaubens lebte, meine Götter, diese machtvollen Wesen, die selbst -Chenillepudel zu erschaffen vermögen, seien reine, fleckenlose -Lichtgestalten, lebend und webend in einem ewigen Glanze von allgütiger -Liebe, und nun muß ich es erfahren, daß sie für diese höchste Tugend nur -einen Tag unter dreihundertfünfundsechzig reserviert haben, und auch den -augenscheinlich nicht immer ganz in diesem Sinne hinbringen. Wenn ich -nicht schon aufgehangen wäre, würde ich mich jetzt aufhängen. Denn ein -Idealist, der selbst seine Götter als mangelhaft erkannt hat, kann sich -begraben lassen. - -Bei diesen Worten rann das letzte bißchen Wachs aus seinen Augenhöhlen, -und er war so ausschließlich nur noch Chenille, daß Graf Beisersheim mit -Recht bemerken durfte: »Jetzt, mein pudelnärrischer Ideologe, bist du -nur noch als Tintenwischer zu gebrauchen, und nichts mehr an dir wird -deinen Herrn, den vielgebietenden Theaterdirektor, daran gemahnen, daß -es Ideale auf der Welt gibt. Schade. Gerade er hätte einen Idealisten in -seiner Umgebung so nötig gehabt.« - -Mit diesen Worten begab er sich zu seinem Stuhl zurück und verschwand -wie ein Häufchen Pergament in dem gepolsterten Leder. - -Nur seinen Kopf, der in dieser schummerigen Beleuchtung ganz wie ein -verwelktes Haupt Blumenkohl aussah, hob er etwas in die Höhe, als jetzt -vom Wipfel des Christbaumes eine dünne Blechtrompetenfanfare -erklang -- so dünn und jämmerlich, daß daneben das Winseln des Pudels -vorhin ein walkürisches Hojotohoh hätte genannt werden können. - -Es war der ferkelrosig geschminkte Weihnachtsengel, der also musizierte -und dabei seine beiden mit Rauschgold überzogenen Papierflüglein -erzappeln ließ. Wie er sein trübseliges Blechgeschmetter beendet hatte, -sang er mit einer stark belegten und ganz schadhaft gewordenen -Phonographenstimme billigster Nummer: »Friede auf Erden! Friede auf -Erden! Friede auf Erden!« - -Aber nicht einmal der Chenillepudel applaudierte. Es herrschte vielmehr -ein höchst beklommenes Schweigen, das erst nach einer Weile der Graf mit -der tiefsinnigen Bemerkung unterbrach: »Das kommt davon, wenn ein Engel -durchs Zimmer geht oder die Trompete bläst. Wir sind keine Engel mehr -gewöhnt.« - -»Hören Sie mir, bitte, von Engeln auf,« ertönte hier in schnellem -Einfall eine volle Männerstimme. »Ich bin, glaube ich, neben meiner Frau -der einzige Mensch, der wirklich mit einem Engel in fühlbare Berührung -gekommen ist, und ich denke, meine Frau ist in diesem Falle einmal -meiner Meinung, wenn ich erkläre: Wir haben dabei die fatalsten -Erfahrungen gemacht. Gelt, Eva?« - -»Na, das will ich meinen,« erwiderte eine angenehme Frauenstimme: »eine -Roheit war's. Mich hat er alleweil mit seinem Säbel in den Rücken -gepufft.« - -»Aha,« sagte der Graf. »Adam und Eva werden auch munter. Ich bin doch -gespannt, ob sie im Stile ihres neuen Herrn immer aneinander vorbeireden -werden. (Die beiden Buchsbaumfiguren waren nämlich das Geschenk für -einen Dichter, dessen Spezialität in einem Dialog bestand, dessen -Gegenreden sich nie berührten, sondern einander wie zwei Parallelen erst -im Unendlichen trafen -- worauf man aber im Verlaufe eines Theaterabends -nicht warten kann.) - -»Ach, du lieber Gott,« antwortete darauf der schöne Adam, »das brauchten -wir nicht erst von dem zu lernen. Das ist bei uns vom Anfang an so -gewesen. Denn, red' ich hüh, so red't sie hott, und sprech' ich von -Kindererziehung, so spricht sie von einem neuen Hut, und bring' ich das -Gespräch auf den bewußten Apfel, so biegt sie in das Gebiet des -Frauenstudiums ab. Das ist sogar schon vor der Apfelspeise so gewesen. -Dazu war nicht einmal der sogenannte Sündenfall nötig. Man sollte -meinen, sie wäre aus der Rippe von jemand ganz anderem gemacht. Ich hab' -so meine Gedanken darüber.« - -»Gedanken hat er!« rief die rundliche Eva aus und bewies damit, daß sie -doch auch auf Adams Worte einzugehen wußte, wenn's ihr gefiel. -»Gedanken! Als ob ein Mann jemals Gedanken hätte! Die Gedankenarbeit -fängt überhaupt erst jetzt an, seitdem wir studieren dürfen. Ich -schreibe jetzt an einer Geschichte des Paradieses, Herr Graf, und ich -will nicht Eva heißen, wenn ich nicht quellenmäßig nachweise, daß dieser -Tolpatsch da an dem ganzen Unglück schuld ist. Nämlich, wissen Sie, die -Schlange und ich, wir hatten uns die Geschichte so gedacht ...« - -»O Gott, o Gott, o Gott, jetzt fängt =das= wieder an,« rief Adam voller -Schrecken. »Ich bitte Sie, Herr Graf, schenken Sie meiner Frau was -Hübsches um den Hals, damit sie auf andere Gedanken kommt, sonst kriegen -wir ihre ganze Doktordissertation zu hören.« - -Der Graf, galant wie alle seines illustren Hauses, erhob sich, so schwer -es ihm auch wurde, sogleich, brachte das windschiefe Wrack seiner -Leiblichkeit nach einigen erfolglosen Bemühungen schließlich wirklich in -Bewegung, daß es in einem skurrilen Zickzack zum Christbaum hinüber zu -kreuzen vermochte, und legte sein goldenes Armband um den Hals der -niedlichen Eva, die von nun an ganz in der Betrachtung des Geschmeides -aufging und kein Sterbenswörtchen mehr sprach. - -Dafür bemerkte der Graf zu Adam: »Sie müssen ein guter Kunde für die -Goldschmiede sein, Herr von Adam!?« - -»Ach Gott, ja,« erwiderte der, »die Hauptsache aber sind doch -Goldschmiede=worte=. Sehen Sie: die Frauen, wir wollen es uns nur -gestehen, sind doch das Beste, was wir auf dieser Erde haben, seitdem -man es für richtig befunden hat, uns aus dem Paradiese auszuweisen -- wo -es übrigens, nebenbei bemerkt, lange nicht so amüsant war, wie sich das -die Theologen vorstellen. Die Frauen, fürs Eskamotieren von Natur aus -begabt, haben auch aus dem Paradiese das Wertvollste eskamotiert: so -einen gewissen Abglanz, oder wie soll ich nur sagen: eine Art -Versprechen und Zuversicht des Vollkommenen, Ursprünglichen, Kindlichen. -Wir legen ihnen davon vielleicht etwas mehr unter, als sie wirklich -haben -- aber etwas davon ist doch in ihnen. Jedenfalls reizen sie uns -immer, es in ihnen zu suchen und es durch die Verbindung mit ihnen zu -gewinnen. Aus diesem Reize kommt und in dieser Verbindung ist aber die -Liebe. Und dafür, Herr Graf, nicht wahr, für diesen ewigen, aller Wunder -vollen Schatz müssen wir ihnen wohl viel nachsehen, was uns, weil wir ja -so anders sind, als sie, manchmal an ihnen geniert, und dafür müssen wir -ihnen mit dem danken, was ihnen das Wertvollste an uns dünkt: mit immer -bereiter, nie ermüdender Zärtlichkeit, Aufmerksamkeit, Gütigkeit. Es ist -fast, als ob ihnen der äußere Ausdruck, das Zeigen der Liebe wertvoller -erschiene, als deren Vorhandensein selbst. Zu wissen, daß der Mann sie -liebt, genügt der Frau nicht, sie will die Liebe fortwährend, und auch -im Kleinsten, immer und immer wieder dokumentiert sehen. Wir können ja -vielleicht finden, daß das etwas äußerlich ist, und wir sind manchmal -geneigt, uns sehr großartig vorzukommen, weil wir es uns im Grunde am -Bewußtsein der Liebe genügen lassen, aber eigentlich ist es doch sehr -gut, daß die Frauen so -- äußerlich sind. Denn schließlich ist aus dieser -weiblichen Art ein gut Teil unserer Gesittung entstanden.« - -Der Graf, der, wie die meisten Leute, die mehr Geist als ihre Umgebung -haben, auf artiges Zuhören nicht trainiert war, bemerkte: »Was muß ich -denn =Ihnen= schenken, damit ich um =Ihre= Dissertation herumkomme?« - -»Man sieht,« erwiderte Adam, »daß Sie ein Junggeselle sind, denn sonst -würden Sie sich mehr für diese goldenen Grundregeln der andauernden -Liebe interessieren. Überdies komme ich aber jetzt auf einen Punkt, der -zu dem Feste, das Sie auf so absonderliche Art feiern, eine sehr nahe -Beziehung hat. -- Haben Sie sich schon einmal überlegt, warum der Tag -vor dem Christfeste Adam und Eva heißt?« - -»Ich weiß nicht einmal, daß das so ist,« antwortete der Graf etwas -schläfrig. - -Adam aber erwiderte: »Und doch ist das ein sehr glücklicher Einfall der -Kirche, wenn wir ihm auch besser eine andere Auslegung geben, als es -nach ihrem Wunsche sein mag. Sie, die überhaupt nicht gut auf uns zu -sprechen ist, weil wir uns nicht haben kirchlich trauen lassen und bloß -ziviliter verheiratet sind, meinte, mir und meiner Frau mit dieser -Postierung vor das Christfest eins auszuwischen. Sie hat diese nämlich -in dem Sinne vorgenommen: direkt vor die Erlösung das zu rücken, wovon, -nach ihrer Meinung, die Menschheit zu erlösen war: die Erbsünde. Sie -werden es mir nachfühlen, wenn ich diesem Gedankengange, der mich und -meine Eva zu Schwerverbrechern stempelt, wo wir doch bloß taten, was ihr -uns alle so gerne nachmacht, nicht gerne folge und es vorziehe, die -Sache anders auszulegen. Nämlich so: Ich meine, es ist damit ganz -einfach die irdische und die himmlische Liebe kalendarisch benachbart -worden als ein Sinnbild dafür, daß der Mensch die eine so nötig hat wie -die andere. Denn selbst Sie, Herr Graf, der Sie doch eigentlich nicht -mehr ganz komplett sind, kommen ohne ein bißchen Erbsünde nicht aus, ganz -zu geschweigen von Ihren Kameraden da, die in diesem Punkte allen -Ansprüchen vollkommen genügen. Ich gönne es Ihnen und ihnen, freue mich -darüber und möchte nur wünschen, daß sie (und Sie!) auch sonst mehr nach -mir geraten wären. Denn, abgesehen davon, wie Sie (und sie!) -aussehen, -- =das= möchte ich Ihnen bei dieser Gelegenheit doch bemerken: -=Ich= habe =niemals= Theaterstücke geschrieben und nie Leute ausgerichtet!« - -»Weil du kein Talent dazu hast und keine Leute da waren,« warf Eva -schnippisch ein. - -»Was?!« rief Adam aus, »ich kein Talent? Ich, der ich täglich zwölf -Gedichte auf dich gemacht habe, damals, als ich noch nicht wußte, wie du -dich auswachsen würdest? Und »keine Leute?« Ist der liebe Gott etwa -nichts? Hätte ich nicht den lieben Gott ausrichten können und dich und -die Schlange? Ich sage dir, mein Kind, diese Herrschaften hier würden, -wenn jeder von ihnen allein auf der Welt lebte, ihren Stiefelknecht -verleumden, ihrer Zahnbürste ein schmutziges Verhältnis mit ihrer -Seifenschale andichten und ihrem Sacktuche unehrenhafte Handlungen -nachsagen.« - -Der Graf, weit entfernt davon, Widerspruch zu erheben, bemerkte -seelenruhig: »Sie sind von Ihrem Thema abgekommen, Herr von Adam.« - -»Richtig«, antwortete der, »und das tut mir leid, denn ich wollte von -=guten= Dingen reden; und =das= wars, was ich sagen wollte: Ihr solltet am -heutigen Tage recht fleißig auch an Adam und Eva denken, und der Gedanke -wäre, obwohl die Beiden, Gott sei Dank, keine Heilige waren, so wenig -sündig wie der Gedanke an Raffael oder Mozart oder Goethe oder sonst -einen der Herrlichen, die die Erde mit ihrem Leben und Schaffen -geschmückt haben. Denn der Gedanke an uns leitet auch in diesem Sinne -hinüber zu dem Gedanken an den, dessen Tag dem unseren folgt, -- nicht -wie der Tag der Nacht, sondern wie ein Feiertag dem anderen Feiertag.« - - * * * * * - -Der Graf war schon lange eingeschlafen, als Adam sein letztes Wort -sprach. Auch die Kerzen in den Wandleuchtern verlöschten. Die Dichter -und ihre Verleger und Theaterdirektoren schnarchten in einer Harmonie, -die sonst selten zwischen ihnen bestand. - - - - - Schwarz-Rot-Gold und Grün-Weiß-Rot - - Eine Studentengeschichte - - -Franz Zoller und Karl Jost waren Freunde von Kind an. - -Selten sind solche Freundschaften. Denn es war bei ihnen viel mehr als -Gewohnheit. Sie hatten sich wirklich von Wesensgrund aus gern. Schon die -Zuckertüte des ersten Schulgangs teilten sie miteinander. - -»Ich habe lauter Schokolade, Franz,« sagte Karl, »und ich lauter -Zuckerzeug,« entgegnete der, und sogleich schütteten sie Zucker und -Schokolade zusammen und zählten ab und teilten. - -In der Bürgerschule sowohl wie im Gymnasium machten sie Klasse für -Klasse miteinander durch, hielten sich auch durchweg auf derselben Bank, -ja zumeist nachbarlich zusammen, gewissenhaft auch darin abwechselnd, -daß bald der eine, bald der andere den höheren Platz einnahm, denn, wie -sie einander in der Begabung die Wage hielten, so auch im Fleiße. - -Im Charakter ähnelten sie sich gleichfalls. - -Es waren beide gute, muntere, aufrichtige Jungen, harmonisch angelegte -Naturen von einer glücklichen Mischung der Gemütsgaben: Nicht -überbegehrlich nach irgendeiner Richtung hin, aber auch in keinem -Betracht stumpf und den jeweiligen Genußmöglichkeiten des Lebens -abgewandt. Nicht etwa geradezu Musterknaben, aber durchaus wohlgeratene -Burschen. Niemals Spielverderber, auch dann nicht, wenn es sich um -verbotene Spiele handelte, aber immer maßsicher dabei. Und dies nicht -etwa aus Berechnung oder frühreifer Lebensklugheit, sondern ganz von -Gnaden eines unbeirrbaren Instinkts für die gute Mitte, die überhaupt -das wesentliche an ihnen war. - -Kein Wunder, daß ihre Eltern rechte Freude an ihnen hatten. - -Franz war der Sohn des ersten Arztes der Stadt, Karls Vater -war ein pensionierter Offizier, der sich aus Liebhaberei mit -kriegsgeschichtlichen Studien beschäftigte. Beide Familien waren -wohlhabend, nicht reich, und jede hatte außer dem einen Sohn noch eine -jüngere Tochter. - -»Unser Quartett,« sagten die Alten, wenn sie die vier beieinander -sahen -- und die beiden Mütter dachten sich wohl noch etwas Extras dazu. - -Eigentlich waren die Eltern erst durch die Kinder einander nahe -gekommen, obwohl sie Haus an Haus draußen in der kleinen Villenvorstadt -des Städtchens wohnten. Denn im Grunde stand mancherlei einer -Freundschaft zwischen dem Doktor Zoller und dem Rittmeister a. D. Jost -entgegen. - -Vornehmlich der Unterschied in der politischen Meinung. - -Der Doktor war ein alter Achtundvierziger, was er noch immer durch einen -Heckerbart mit dazu gehörigem breiten Schlapphut auch äußerlich an den -Tag legte; der ehemalige Rittmeister aber pflegte sich »konservativ bis -in die Knochen« zu nennen. - -Diesen politischen Standpunkten entsprachen die Universitätserinnerungen -der beiden Herren. - -Über dem Schreibtisch des Doktors hing ein schwarz-rot-goldenes Band, -über dem des Rittmeisters, der erst nach einer ziemlich fröhlichen -Studentenzeit ins Heer getreten war, ein grünweiß-rotes, das Zeichen -seiner Angehörigkeit zu einem Korps der benachbarten Universitätsstadt. -Und sonderbar: Die politische Meinungsverschiedenheit gab nicht so oft -Anlaß zu Mißhelligkeiten, wie der Unterschied in ihren Sympathien für -die verschiedenen Universitätsverbindungsrichtungen. - -»Sie sind und bleiben ein verbohrter Büxier, Doktor; mit Ihnen ist -überhaupt nicht zu reden; Sie sind durch die Buxenschaft heillos -verdorben!« pflegte der Rittmeister immer auszurufen, wenn sie über -irgend etwas miteinander ins Gestreite gekommen waren. Und: -»Korpserziehung, das ist's, was Ihnen fehlt; stramme Zucht und das -Gefühl für die notwendigen Schranken. Aber natürlich: Eine Verbindung, -die ein politischer Debattierklub ist -- daraus wird immer bloß -Jakobinertum«. - -Der Doktor aber ließ sich solche Belehrungen nicht willig eingehen, -sondern riß an seinem wilden Bart und replizierte kräftig genug: »Daß -ich nicht lache! Korpserziehung! Ah bäh kann am Ende jeder Idiot auch -sagen und Stege an den Hosen (er dachte an seine Zeit) sind schließlich -auch nicht die Gipfel der Kultur. Erziehung zur Freiheit, -Mannhaftigkeit, Überzeugungstreue, Vaterlandsliebe, das ist mehr wert, -als den jungen Leuten beizubringen, daß ein glatter Scheitel und glatte -Redensarten bei den Vorgesetzten beliebt machen. Der Korpsier ist die -Karikatur des deutschen Studenten, von dem =wir= sangen: Frei ist der -Bursch!« -- - -Nach solchen Diskursen schieden die beiden mit roten Köpfen voneinander -und pflegten zu ihren Eheliebsten zu bemerken: »Schade um den guten -Zoller (oder Jost); er ist im Grunde ein prächtiger Mensch, aber sein -ewiges Buxentum (oder seine ewige Korpssimpelei) ist ganz und gar -unausstehlich. Das eine aber weiß ich: Unser Junge wird Burschenschafter -(oder Korpsstudent)!« - -Die beiden Jungen aber, wenn ihre Alten ihnen auch, als sie sich der -Prima des Gymnasiums näherten, oft genug ihre schwarz-rot-goldenen oder -grün-weiß-roten Ideale predigten, hatten und zeigten wenig Sinn dafür. - -»=Ich= springe mal =nicht= ein, Karl,« erklärte Franz, und Karl pflichtete -bei: - -»Sollte mir gerade einfallen, mich als Korpsfuchs schurigeln zu lassen.« - -Diese Abneigung gegen das studentische Couleurwesen kam einesteils -daher, daß beide einander viel zu gern hatten, als daß sie es hätten -wünschen können, auf der Universität die feindlichen Brüder zu spielen, -dann aber war sie auch eine Folge gewisser anderer Neigungen, denen sich -die beiden Gymnasiasten schon von Obersekunda an mit gleicher Stärke -hingaben. - -Sie waren durch einen Kameraden, dem sie neidlos höhere Begabung -zuerkannten und durch dessen Belesenheit in moderner Literatur sie sich -gerne imponieren ließen, auf die Beschäftigung mit der zeitgenössischen -Dichtung hingeführt und so in einen Anschauungskreis gebracht worden, in -dem kein Raum für die üblichen Burschenideale war. Nicht, als ob sie -sich von gewissen, zwar verbotenen, aber darum erst recht ausgelassen -lustigen Zusammenkünften der übrigen ferngehalten hätten, in denen -verschiedene Prärogative des Studententums feuchtfröhlich vorweggenommen -wurden, aber sie bildeten dabei mit noch einigen eine Art stilleren -Extrawinkels für sich, und schließlich tat sich dieser zu einem -»literarischen Kränzchen« zusammen, in dem man die damals gerade -einsetzende moderne literarische Bewegung aufmerksam verfolgte und nicht -weniger laut über Naturalismus und Idealismus debattierte, als es in den -damals florierenden Literaturkampfblättern geschah. Wenn sich Franz und -Karl dabei, auch hierin einmütig wie sonst, für M. G. Conrad, -Liliencron, Conradi erhitzten und in einem gewaltigen Abscheu vor Paul -Heyse erglühten, so konnten sie unmöglich noch Elan genug für Korps oder -Burschenschaft aufbringen. - -Im übrigen lagen sie nach wie vor ihren von der Schule gebotenen Studien -fleißig ob und begannen auch nach und nach der Frage ihres zukünftigen -Universitätsstudiums näherzutreten. - -Dabei stellten sich aber schon Schwierigkeiten mit den beiderseitigen -Eltern ein. Der alte Rittmeister wünschte seinen Sohn einmal als -Juristen in Amt und Würden zu sehen, der Doktor konnte sich den seinen -nur wieder als Mediziner denken, aber die beiden Literaturverehrer -fanden, daß nur ein irgendwie literarisches Studium imstande sein werde, -sie ganz auszufüllen. - -Franz gedachte sich für romanistische, Karl sich für germanistische -Philologie zu entscheiden. - -»Dummes Zeug,« erklärten die beiden Väter, die sich hier einmal in -vollster Harmonie der Meinungen trafen und auch oft gemeinschaftlich -miteinander zu Rate gingen, was wohl am besten zu tun sei, um die beiden -Jungen, die sich jetzt zum erstenmal schwierig zeigten, auf den rechten -Weg zu leiten. - -Das war zur Zeit, als die beiden in Unterprima saßen und der Wohltat der -ersten Tanzstunde teilhaft wurden. - -Um diese Zeit begab es sich, daß Franz die Bemerkung machte, er sei in -Karls Schwester Anna verliebt, und Karl gegenüber Klara, der Schwester -Franzens, derselben Gefühle inne wurde. - -Zuerst gestanden sie es einander und erteilten einander sogleich auch -den brüderlichen Segen. - -Sodann ging ein jeder zu seiner Schwester, des Freundes Brautwerber zu -machen. - -Und es ergab sich alles (woran auch keiner gezweifelt hatte) nach -Wunsch. Das Quartett der heimlichen Liebe war fertig und stimmte aufs -beste. - -Die Alten taten, als merkten sie nichts, freuten sich aber im stillen -herzhaft über die heimliche Hausmusik, von der sie ja ganz sicher sein -konnten, daß sie nichts Unziemliches üben und produzieren würde. - -Die beiden Mütter, bisher in den Meinungsverschiedenheiten zwischen -Vater und Sohn zuwartend neutral geblieben, aber im Innern durchaus der -Überzeugung sicher, daß das klügere Alter ganz gewiß nicht bloß das -Rechte wollte, sondern auch erkannte, fanden es nun an der Zeit, -ihrerseits sanft leitend einzugreifen, und zwar eben im Hinblick auf das -gute Zusammenspiel des Quartetts. Denn sie sagten sich mit mütterlicher -Psychologie: Jetzt, wo die Jungen ein Geheimnis mit sich herumzutragen -glauben, von dem sie nicht wissen, welchen Eindruck es hervorbringen -wird, wenn sie es einmal enthüllen müssen, jetzt werden sie fügsamer -sein als je. - -Und sie irrten sich nicht. - -Wie die Jungen merkten, daß von ihrem Nachgeben bei der Wahl des -zukünftigen Studiums es abhinge, ob die gestrengen Alten in der Wahl der -zukünftigen Braut Nachgiebigkeit an den Tag legen würden, waren sie bald -entschlossen, die romanistische und germanistische Philologie zu opfern -und in die sauren Äpfel der Juristerei und Medizin zu beißen, wenn ihnen -dafür die süßen Äpfel aus dem Liebesgarten in greifbare Nähe gerückt -würden. - -Das war freilich nicht sehr überzeugungstreu gehandelt und eigentlich -Felonie gegen das literarische Kränzchen, aber wenn man neunzehn Jahre -alt ist und im Feuer der ersten Liebe steht, darf man für solche -Abtrünnigkeit wohl mildernde Umstände zugebilligt erhalten. - -»Weißt du, Franz,« erklärte Karl, als er, etwas zaghaft, seinen -Treubruch bekannt hatte, »ich mußte doch auch an deine Schwester denken, -und daß ich als Jurist viel bessere materielle Aussichten habe. -Jedenfalls können wir viel früher heiraten.« - -Karl fand diese Überlegung durchaus weise und wurde durch sie der -Notwendigkeit überhoben, auch seinerseits Entschuldigungen vorzubringen. -Dafür bemerkte er, daß man ja auch als Arzt und Jurist der schönen -Literatur alle möglichen Opfer an Hingabe und Förderung bringen könne. - -Nur vor ihrem literarischen Mentor, jenem Kameraden, der ihnen den -Geschmack an Literatur beigebracht hatte, hatten sie ein bißchen Angst. -Der aber zeigte sich, wie immer, auf der Höhe der Situation, indem er -äußerte: »Ihr konntet keinen vernünftigeren Entschluß fassen: Wenn -jeder, der sich für Literatur interessiert, Literat werden wollte, würde -die Literatur schließlich bloß noch Interessenten und kein Publikum -haben. Mir persönlich habt ihr überdies einen Stein vom Herzen genommen -durch eure Entschließung, denn ich habe mir schon manchmal Gedanken -darüber gemacht, ob ihr auch begabt genug dazu wäret, euch aktiv in -Literatur zu betätigen.« - -Die guten Jungen fühlten sich durch dieses Verdikt sehr beruhigt und -begannen nun, wie es ihrer gesunden, resolut aufs Reelle gerichteten Art -entsprach, sich rechtschaffen mit ihrem ganzen Wesen auf ihren -zukünftigen Beruf einzustellen, indem sich ein jeder dessen schöne -Seiten und Möglichkeiten bewußt werden ließ. - -Die Mütter triumphierten, und die Väter waren zufrieden. - -Nun, so dachte ein jeder von ihnen für sich, werd' ich den Bengel schon -auch noch für meine alten Studentenideale einfangen. - -Indessen, da wollte sich der gewünschte Erfolg durchaus nicht -einstellen. Allen noch so begeisterten Schilderungen, noch so -nachdrücklichen Zureden setzten die Jungen halsstarrig das eine -entgegen: Es gehe und gehe nicht, -- schon wegen ihrer Freundschaft. Sie -seien nun einmal ein Herz und eine Seele und wollten in allen Lagen des -Lebens immer und ausnahmslos bleiben, was sie von jeher waren: -Engverbundene Kameraden. - -Vergeblich deklamierte der Doktor: Ehre! Freiheit! Vaterland! Vergeblich -wies der Rittmeister darauf hin, daß nur der zur Elite der -Studentenschaft gehöre, der Mitglied eines Korps sei. Vergeblich -betonten beide, daß es zu ihren innigsten Herzenswünschen gehöre, den -Sohn mit demselben Band geschmückt zu sehen, das sie einst selber -getragen hatten. - -Es nützte alles nicht; die beiden Oberprimaner, deren Abgang von der -Schule schon in ein paar Monaten eintreten mußte, blieben standhaft bei -ihrem _non possumus._ - -Die Lage schien verzweifelt. - -Da erschien wiederum der mütterliche Sukkurs auf dem Plan. Aber diesmal -mußte er sich einer komplizierteren Taktik bedienen, und die beiden -Hilfstruppen mußten gemeinsam vorgehen. - -Sie pflogen Kriegsrat mit einander und einigten sich über die folgende -Gefechtsidee: Diesmal müssen wir die Mädels bange machen. Wenn ihr, -müssen wir sagen, euren Bruder dahin bringt oder wenigstens den Anschein -erweckt, als ob ihr ihn dahin gebracht hättet, nach Vaters Willen zu -handeln, so wird der, seid sicher, zum Dank dafür euren Herzenswünschen -so gewiß geneigt sein, wie er jetzt darin ungewiß ist. -- Nun werden die -Mädels freilich sagen: Der Bruder denkt ja gar nicht daran, auf uns zu -hören. - -Dann müßte man eben das junge Volk ein bißchen auf eine andere -Möglichkeit stoßen. - -Wofür sind wir die Alten, Erfahrenen? Es geht ja um einen guten Zweck, -und so dürfen wir wohl andeuten, daß, wenn auch der Bruder am Ende nicht -hören würde, der Freund des Bruders um so gewisser alle beide Ohren -aufmachen wird. Geschieht das nun aber auf beiden Seiten, so ist genau -das selbe erreicht, wie wenn ihr den Bruder überredet hättet, d. h. der -Vater ist zufriedengestellt. - -Die mütterliche Doppelintrige, von den Töchtern sofort aufs gelehrigste -erfaßt und so geschickt ins Werk gesetzt, wie man es von jungen -verliebten Mädchen nur voraussetzen kann, führte noch kurz vor -Torschluß, nämlich in der Muluswoche der beiden Freunde, zum gewünschten -Ziele. - -Natürlich handelten Franz und Karl im Einverständnis miteinander. - -»Nun müssen wir also auch noch Komödie spielen wegen der Mädel,« so -faßte Franz die Sachlage in Worte. »Du mußt dich als Korpsier, ich mich -als Burschenschafter verkleiden, und wir müssen drei Semester lang so -tun, als verachteten wir einander grimmig. Es ist zum Totlachen! Wir -werden uns wie ein heimliches Liebespaar nur verstohlen treffen können -und auf der Straße aneinander vorüberschreiten, als kennten wir einander -gar nicht. Bloß in den Ferien wird Gottesfriede herrschen. Was wollen -wir aber dann auch miteinander vergnügt sein, Karl! Wie wollen wir dann -lachen über die Mummerei!« -- - -»Ja, das wollen wir,« war Karls Antwort, »aber, weißt du, die Sache hat -doch auch eine ernste und gerade darum erfreuliche Seite: Es ist die -erste Prüfung, die unsere Freundschaft zu bestehen hat. Ich zweifle -natürlich so wenig wie du daran, daß sie sie bestehen wird; das versteht -sich ganz von selber; aber immerhin, eine Probe aufs Exempel bleibt's, -und das ist gut.« - -In dieser Stimmung traten sie ein jeder in die Verbindung ein, der sein -Vater früher angehört hatte. -- - -Sie hätten keine jungen deutschen Studenten sein müssen, wenn nicht das -mancherlei Schöne, Frische, Lustige auf sie gewirkt hätte, das dem einen -das Korps, dem andern die Burschenschaft bot. Franz war ein ebenso -forscher Arminenfuchs wie Karl, in _S. C._-Redeweise gesprochen, eine -brauchbare Korpsrenonce. Und wie jeder seine drei Mensuren hinter sich -hatte, wurde der eine wie der andere ein tadelloser Bursch, der es nach -dem besonderen Sinne seiner Verbindung an nichts fehlen ließ. Denn die -beiden zeigten sich auch hierin von dem guten Schlage, der allewege -ordentlich treibt, was er einmal übernommen hat. - -Trotzdem gehörten sie mit ihrem innersten eigentlichen Wesen ihren -Verbindungen doch nicht an. Wie hätte Karl so ganz Korpsstudent sein -können, um z. B. auf jeden Burschenschafter wie auf einen minderwertigen -akademischen Bürger herabzublicken? - -Und wie hätte Franz es vermocht, so ganz Burschenschafter zu sein, daß -er im Korpsstudenten schlechthin nichts gesehen hätte, als eine Art -studentischen Gecken von beschränktem Geist, aber unbeschränktem -Hochmut? - -Nein, es blieb im Grunde doch eine Verkleidung, wenn sie sie beide auch -nach außen hin glänzend durchführten, und wenn auch schließlich gewisse -Eigenheiten des Korps- oder Burschenschaftsangehörigen an ihnen haften -blieben. - -Ganz von selbst verstand es sich, daß sie alle Zeit, die ihnen das Korps -oder die Burschenschaft zur freien Verfügung ließ, miteinander -verbrachten -- in der Tat verstohlen wie ein heimliches Liebespaar. - -Mütze, Band und Bierzipfel wurden abgelegt, ein Hut aufgesetzt, der -Rockkragen aufgeschlagen und, womöglich im Schutze der Dunkelheit, zum -Freunde geeilt. - -Anfangs teilten sie einander noch ihre speziellen Verbindungserfahrungen -mit, erheiterten sie sich gegenseitig durch die Wiedergabe jener -Charakterisierungen, wie sie der Korpsstudent dem Burschenschafter, der -Burschenschafter dem Korpsstudenten angedeihen läßt, aber schließlich, -als sie nun doch ihren Verbindungen endgültig angehörten, ließen sie das -als unschicklich und eine Art Hinterlist sein und begnügten sich damit, -von Dingen zu reden und zu schwärmen, die ihnen beiden ganz gemeinsam -waren, vor allem von ihren Mädchen. - -Denn aus der Primanerpoussasche war bei einem jeden eine rechte, feste -Studentenliebe geworden, von der der eine wie der andere herzlich gewiß -war, daß sie eine Liebe fürs Leben bleiben werde. - -Auch unterlag es gar keinem Zweifel mehr, daß die beiderseitigen Eltern -einer späteren Verbindung der Liebespaare ihre Einwilligung geben -würden. - -Eine Verlobung hatte, als zu früh einerseits, anderseits aber auch als -fürs erste überflüssig, nicht stattgefunden. Es bestand aber ein -stillschweigendes Einverständnis aller Beteiligten, wovon sich auch die -Väter nicht ausschlossen. - -Der Rittmeister fand, daß der Burschenschafter Franz sich ganz wie ein -richtiger Korpsstudent ausnähme, und der Doktor erklärte, daß der -Korpsbursch Karl in seinem ganzen Gehaben einen so frischen, -ungekünstelten, heiteren Eindruck machte, daß man ihn ebensogut für -einen forschen Burschenschafter hätte nehmen können. Und so war, wie -innerlich bei den Söhnen, so äußerlich bei den Vätern das -schwarz-rot-gold dem grün-weiß-rot so nahe wie nur möglich gekommen, und -die Alten trafen sich recht oft in dem Gedanken, wie närrisch es doch -eigentlich von ihnen gewesen sei, jenen Unterschieden eine wesentliche -Bedeutung beizulegen: »Zwei Strömungen im deutschen Studentenleben, jede -in ihrer Art gleich bewußt und sicher, wenn auch unterschiedlich in -belanglosen Einzelheiten, demselben Ziele zustrebend, aus den jungen -Leuten in einer heiteren, formvollen Freiheit tüchtige Männer fürs Leben -zu bilden. Wirkliche Gegensätze bestehen eigentlich gar nicht zwischen -ihnen. Und so kreuzen sie sich ja auch schon längst nicht mehr.« - - * * * * * - -Just an demselben Abend und genau zur selben Stunde, als die beiden -Alten, die am nächsten Tag ihre Söhne zum Ferienbesuch erwarteten, in -diesem Sinne beim Wein miteinander redeten und die Gläser aneinander -klingen ließen mit einem: Prost das Korps! Prost die Burschenschaft! -begab sich in einer Bierwirtschaft der benachbarten Universitätsstadt, -die von Couleurstudenten nur nach Schluß des Couleursemesters besucht -werden durfte, folgendes. - -In dem überfüllten, vollgequalmten Raum, in dem eine Biermusik einen -greulichen Lärm verübte, saß nahe der Tür eine Schar angetrunkener -Studenten, die das instrumentale Getöse der Kapelle mit nicht minder -turbulenter Vokalmusik begleiteten. Da öffnete sich die Tür, und ein -Schwarm anderer Studenten trat herein, nicht weniger betrunken als die, -an deren Tische sie vorbei mußten. - -Der erste von den Eintretenden, dessen Augenglas von der Hitze des -geschlossenen Raumes angelaufen war, stieß im Vorbeiwanken an den -zunächst stehenden Stuhl und schob sich ohne Entschuldigung weiter. - -Da wandte sich der, der mit dem Stuhle auch einen Stoß erhalten hatte, -halb um und rief, nach Art eines stark Angetrunkenen etwas lallend: -»Kann der Prolet nicht Pardon sagen?« - -Kaum, daß diese Worte gefallen waren, fühlte er auch schon die Hand des -also Apostrophierten, der sich mit einem Ruck umgewandt hatte, auf -seiner Wange. - -Seine Kameraden sprangen auf, er stürzte sich auf den, der ihn -geschlagen hatte, aber dessen Begleiter warfen ihn zurück. - -Eine Weile Tumult, erhobene Arme, Geschrei, Kreischen der -Kellnerinnen, -- dann wurden die eben Angekommenen auf die Straße -geschoben, gefolgt von einem vom Tische des Geohrfeigten, der dessen -Karte dem, der den Schlag geführt hatte, übergab und dafür dessen Karte -erhielt. - -»Na, Karlemann, da hättest du dir ja noch vor Torschluß die obligate -Pistolenkiste bestellt,« rief einer von dessen Begleitern, während -dieser die empfangene Karte vor die noch immer undurchsichtigen -Klemmergläser hielt. - -»Spar dir die Lektüre zum Frühstück, Jostchen! Wie der Mann heißt, dem -ein Loch in die Hose geschossen werden soll oder muß, ist ohnehin -gänzlich irrelevant,« bemerkte ein anderer. - -Karl Jost steckte die Karte in die Westentasche. Die Gesellschaft -entfernte sich unter Gelächter und dem Gesange: 'Kauf dir, mein Freund, -ein Pistolet!' - - * * * * * - -Als Karl am nächsten Morgen erwachte, gab sein wirrer Kopf zunächst -keine weitere Erinnerung her, als ein wüstes Durcheinander von -unzusammenhängenden Einzelheiten und ein Gefühl, daß irgend etwas -Dummes, ihm im höchsten Grade Fatales passiert sei. - -Karl Jost hatte sich bisher, so gut es eben möglich gewesen war, auch -vor dem Zuviel im Trinken gehütet, und so genierte ihn schon der -Gedanke, besinnungslos betrunken gewesen zu sein. 'Franz wird mir eine -nette Pauke halten,' dachte er sich, 'wenn ich's ihm berichte. Aber -schließlich: Der erste Tag der Inaktivität!' - -Denn es war der Abschied von den Korpsbrüdern gewesen, den man, -allerdings nicht ganz auf solenne Manier, gefeiert hatte, da Karl, mit -Schluß des Semesters inaktiv geworden, im nächsten Semester eine andere -Universität besuchen wollte. - -Franz, der im gleichen Falle war, würde wohl auch entsprechend -gesündigt haben, tröstete er sich. Es war ja bisher fast immer so -gewesen, wenn einer dem anderen was zu beichten gehabt hatte, daß der -Beichtabnehmer an die Absolution selber auch eine Beichte fügen mußte. - -Karl stand auf und begrüßte, wie immer, zuerst das Bild seiner Braut, -das drüben auf dem Schreibtische stand. Da fiel ihm ein weißes Kärtchen -in die Augen, das vor der Photographie lag, und sofort trat das -Geschehene in lebhafter Erinnerung vor ihm hin. - -Das war ja die Karte des Menschen, den er geohrfeigt hatte! - -Was für dumme Geschichten! Wie unwürdig und widerwärtig! - -Und dazu die Konsequenzen, wenn der Geschlagene »honorig« dachte, was ja -durch die Auswechselung der Karten wahrscheinlich erschien.... - -Karl wurde ernst bei diesem Gedanken. - -Er hatte durchaus nichts vom Raufbold in seiner Natur und hatte nie -anders als auf Bestimmung mit Angehörigen der anderen Korps gefochten. -Der Gedanke an einen ernsthaften schweren Ehrenhandel war ihm, der jede -Herausforderung sowohl wie jeden Anlaß, herausgefordert zu werden, immer -vermieden hatte, schon an sich zuwider, aber nun gar die sichere -Aussicht auf eine Pistolenmensur mit einem ihm ganz gleichgültigen -Menschen, von dem er nicht einmal wußte, wie er aussah, und gegen den er -sich tätlich vergangen hatte, ohne zu wissen, was er tat.... - -Karl hätte nicht der gesund empfindende und verständig denkende Mensch -sein müssen, der er war, wenn ihm das ruchlos Widersinnige einer solchen -Notwendigkeit nicht schwer auf die Seele gefallen und als eine absurde -Scheußlichkeit erschienen wäre. Trotzdem suchte er auch nicht eine -Sekunde der Überzeugung auszuweichen, daß, wie nun einmal der Ehrenkodex -in allen Fällen tätlicher Beleidigung bestimmte, nur ein Austrag mit der -Pistole erfolgen konnte. Er wußte, daß der _S. C._, für den Fall, daß -jener andere einer solchen Austragung würde ausweichen wollen, ihn sogar -moralisch dazu zu zwingen versuchen würde. An eine Möglichkeit für ihn, -Karl, die Sache auf vernünftige Weise durch eine Erklärung des -Bedauerns aus der Welt zu schaffen, war gar nicht zu denken, nach dem -unumstößlichen Satze aus der Logik der Ehre: Eine Realavantage kann (und -muß) man zwar immer bedauern, aber niemals zurücknehmen. Und auch der -Umstand der beiderseitigen Betrunkenheit konnte nicht »ziehen«, weil -durch die Auswechselung der Karten ja dokumentiert worden war, daß beide -die Tragweite des Geschehenen erkannt hatten. - -Auch jetzt, wie Karl alles dies mit ernstem Bedauern bedachte, galt sein -nächster Gedanke dem Freund: 'Was wird Franz zu dieser heillosen -Geschichte sagen! Und wenn es tausendmal gegen den Komment verstößt: Das -kann ich nicht vor ihm geheimhalten!' - -Er trat an den Schreibtisch und ergriff die Visitenkarte. Aber im selben -Augenblicke ließ er sie auch schon wieder fallen und griff sich mit -beiden Händen nach der Stirn. Auf der Karte stand: Franz Zoller, _stud. -med._ ... - -»Aber um Gottes willen!« rief er laut aus, »das ist ja doch ...« und -tastete nochmals nach der Karte. - -Dann fiel er auf einen Stuhl hin und starrte ins Leere. - -Es war ihm unmöglich, einen Gedanken zu fassen. Er fühlte nur immer -wieder das eine: Wahnsinn! Wahnsinn! Wahnsinn! - -Da klopfte es an die Türe. Er öffnete: Im dunklen Flur stand Franz. Aber -im nächsten Augenblicke war er auch schon im Zimmer und lag dem Freunde -an der Brust. - -Zum ersten Male geschah, was nie geschehen war bisher, sie küßten sich. -Dabei rollten Karl die großen Tränen über die Backen. - -Franz aber lachte munter und sprach: »Aber Karl! Tränen? Von wegen ein -paar Pistolen?« - -Karl riß die Augen auf und rief: »Ja denkst du denn, wir sollen uns -wirklich....?« - -»Aber natürlich, Karl! Wir werden uns doch nicht exkludieren lassen und -am letzten Tage unserer großen Komödie aus der Rolle fallen?« - -»Ich begreife dich nicht. Die Sache ist, weiß Gott, zu ernst, um Witze -zu machen.« - -»Die Witze macht das Schicksal, nicht ich. Das Schicksal will, daß wir -unsere Komödie mit einem Knalleffekt schließen. Also: Knallen wir!« - -»Franz, ich bitte dich!« - -»Du scheinst mir einen netten Kater zu haben, mein Lieber, daß du -absolut nicht kapierst. Bitte, wozu ist die Natur da, wenn man nicht ein -paar Löcher hineinschießen kann? -- Na, siehst du wohl? -- Wirklich, es -ist das Einfachste und Schmerzloseste. Fordere ich dich nicht, werde ich -exkludiert. Nimmst du nicht an, wirst du exkludiert. Sentimentalitäten --- gilt nicht. Aber Komödie spielen, das gilt. Wer A sagt, muß B sagen. -Sollen wir diese drei Semester so brav bei der Stange geblieben sein, um -genau im letzten Augenblicke durchzugehen? Unsinn! Wir sind nicht die -ersten, die mit ernsten Mienen die Atmosphäre durchlöchert haben. Die -Pistole ist das harmloseste Instrument von der Welt, wenn man einen -vernünftigen Gebrauch von ihr macht. Ich werde drei Meter hoch über -deine werte Schädeldecke weg ins himmlische Blau zielen, und du wirst -die Blümlein auf der Au mit dem todbringenden Blei lädieren. Vorher aber -bitte ich dich um eine Liebe.« - -»Was denn?« - -»Bitte, sage zu mir: Du alter, ekliger Prolet du!« - -»Jetzt bist aber wirklich verrückt, mein Junge.« - -»Ach so, du weißt wahrscheinlich gar nicht, daß ich dich einen Proleten -genannt habe?« - -»Mein Gott, das hast du? Gottvoll!« - -»Allerdings, das habe ich, und dafür muß ich gezüchtigt werden. Also, -los!« - -»Na, ja! Du alter, ekliger Prolet du!« - -»So, und jetzt gestatte, daß ich meinerseits, damit wir quitt werden, -dir eine kleine niedliche Ohrfeige verabreiche. Weißt du, nur, um mir -nicht sagen lassen zu müssen, daß mich ein Korpsstudent ungestraft -gemaulschellt hat.« - -»Aber natürlich, bitte, bediene dich!« - -Und Franz gab dem Freund einen leisen Patsch auf die Wange. Dann lachten -beide recht herzlich und verabschiedeten sich, weil jeden Augenblick -Franzens Korpsbrüder in der wichtigen Mission bei ihm erscheinen -mußten, die ihnen nun der Komment auferlegte. - - * * * * * - -Schon am nächsten Morgen trafen sich die beiden Parteien in einem -Gehölze nahe der Stadt. - -Die Forderung war auf einmaligen Kugelwechsel bei ziemlich weiter -Entfernung gestellt und angenommen worden, und die Sekundanten suchten -die Entfernung durch phantastisch große Schritte beim Abmessen noch zu -vergrößern. - -(»Diese ganze Knallaktion geht ja nur vor sich, damit das Kind einen -Namen hat,« meinte Franzens Sekundant, um zu kennzeichnen, daß die Sache -nicht gerade um Tod und Leben ging.) - -Immerhin merkte man allen Beteiligten eine gewisse Aufregung an. - -(»Kurios,« meinte Karls Sekundant, »was so ein paar glatte Pistolenläufe -für eine Suggestion ausüben. So eine Pistolenchose macht sich doch immer -recht dekorativ.«) - -Als die Gegner einander gegenübertraten und sich nach der Sitte mit -einer Neigung des Kopfes begrüßten, hätte ein genauer Beobachter -bemerken können, was für ein seltsames Leuchten in ihren Augen war. - -Dieses Leuchten sprach einen ganzen Satz aus: »Du alter lieber Kerl -drüben, gelt, du fühlst wie ich, daß wir diese Komödie nicht um ihrer -selbst und aus einer frivolen Lust spielen, sondern, weil es uns nun -einmal von einem wunderlichen Schicksal bestimmt ist, einen Mummenschanz -zu treiben, damit ein paar gute alte Leute ihr Vergnügen haben. Dies -aber, gottlob! ist die letzte Szene der Komödie.« - - * * * * * - -Das Kommando fiel. Wie aus =einer= Pistole geschossen krachten -gleichzeitig zwei Schüsse. - -Da, ... heiliger Himmel, ... was ist das?... - -Karl sinkt in die Kniee, greift sich mit beiden Händen an den Leib und: -»Karl! Karl!« schreit Franz und stürzt hinüber, dicht neben ihn hin, -verzweifelten Antlitzes totenbleich dem Freunde in die Augen sehend, die -mit einem fürchterlichen Ausdrucke von Schmerz hin und her irren und -sich plötzlich verschleiern. - -»Karl! Karl! Ich .... um Gottes willen .... was ist denn?.... Doktor, -Doktor!« - -Karl, hinten vom Doktor gestützt, läßt den Kopf sinken. - -»Tot? Tot?« Franz schreit, brüllt, ächzt es. Sein Sekundant, in einem -blöden Nichtbegreifen, will ihm zureden, ihn wegziehen. - -Er stößt mit beiden Fäusten nach ihm und starrt nur immer in das -entseelte Auge des Freundes. - -Wie aus einer unendlichen Ferne hört er, in einem seltsam höhnischen -Tonfall, so scheint es ihm, die Worte des Arztes: »Scheußlich! Die Kugel -muß von einem Stein abgeprallt sein; sie ist von unten, offenbar ganz -deformiert, in den Leib gedrungen; eine greuliche Fetzwunde. Hier ist -alles vorbei.« - -Franz sinkt bewußtlos neben dem Freunde hin. - - * * * * * - -Die Burschenschaften und die Korps geleiteten zwei Tage später in einem -Zug vereint die Leichen der beiden Freunde zu Grabe. - -Franz hatte sich noch am Abend des Duelltags erschossen. - - * * * * * - -Die beiden Alten nahmen ihre Verbindungsbänder von der Wand weg. Auch in -ihren Herzen waren fortan nicht mehr die Farben schwarz-rot-gold und -grün-weiß-rot. Aber sie schlossen sich noch enger aneinander, denn einem -jeden von ihnen war zumute, als könne er keinen Weg mehr ohne Stütze -gehen. - -Und die armen Frauen.... - -Die Geschichte ist zu Ende. - - * * * * * - - - - -Von $Otto Julius Bierbaum$ sind u. a. früher erschienen: - - - $Romane.$ - - $Pankrazius Graunzer.$ 6. Aufl. - $Stilpe.$ 5. Aufl. - $Die Schlangendame.$ 4. Aufl. - $Das schöne Mädchen von Pao.$ 3. Aufl. - - - $Novellen.$ - - $Studentenbeichten.$ _I._ Reihe. 5. Aufl. - $Studentenbeichten.$ _II._ Reihe. 4. Aufl. - $Kaktus und andere Künstlergeschichten.$ 2. Aufl. - $Annemargreth und die drei Junggesellen.$ 2. Aufl. - $Die Haare der heiligen Frigilla.$ 1.-3. Tausend. - - - $Gedichte.$ - - $Irrgarten der Liebe.$ 26.-31. Tausend. - $Das seidene Buch.$ 2. Aufl. - - - $Dramatisches.$ - - $Lobetanz.$ - $Gugeline.$ - $Pan im Busch.$ - $Stella und Antonie.$ - $Zwei Münchner Faschingsspiele.$ - $Die vernarrte Prinzeß.$ - - - $Sonstiges.$ - - $Eine empfindsame Reise im Automobil.$ - $Franz Stuck.$ - $Hans Thoma.$ - - * * * * * - - - Hans von Kahlenberg - - Nixchen - - Ein Beitrag zur Psychologie der höheren Tochter. 50.-60. Tausend. - - M. 1.50, geb. M. 2.50. - - Dieses Buch ist in Deutschland verboten. - -»$Der Tag$«: Gegen Hans von Kahlenberg schwebt ein Untersuchungsverfahren. -Grund: Eine in mehreren Auflagen erschienene Novelle »Nixchen«. - -Nixchen ist die Tochter eines preußischen Geheimrates; »Beamter vom -alten Schlag, -- Ehrenmann vom Scheitel bis zur Sohle.« Sie wohnen im -Berliner Westen; Geld ist knapp; Gesellschaften müssen sein; die Mädel -heiraten, wen sie kriegen; die eine einen Offizier; die andere einen mit -Draht; Nixchen, ehe sie den wohlhabenden Achim von Wustrow nimmt, einen -schwerfälligen Gutsbesitzer, erlustigt sich durch häufige Besuche bei -einem fesselnden Mann mit Glatze, der unterkittige Geschichten schreibt. -Sie gibt ihm .... _tout, excepte ça_ (wie die Formel in Frankreich heißt). -Und das wird beschrieben. Nixchen ist die ärgste nicht; denn ihre -Freundin Daisy Grimme ist weit ärger. Nixchens andere Freundin ist »die -Tochter eines pensionierten Generals, ein lustiges, schwarzäugiges -Plaudertäschchen«. Also: Ein deutsches Seitenstück zu den _Demi-Vierges_ -des welschen Windhundes Prevost. Das Ganze -- vielleicht nichts zum -Fortleben für die Literaturgeschichte; aber sehr unterhaltende -Sittenstudie. Mit großer Verve geschrieben, voller Leben. Und eine Masse -Ehrlichkeit drin, -- neben dem dicken Raffinement der etwas fatalen -Technik. Zwei Freunde schreiben einander Briefe, der Gutsbesitzer und -jener kahlköpfige Herbert; der eine schreibt: ich liebe einen Engel; -gleichzeitig der andere: ich habe zufällig gestern eine Bekanntschaft -gemacht; die Bekanntschaft ist natürlich der Engel. Und so Schritt vor -Schritt weiter, in grobem Parallelismus.... Aber es soll meine Tugend -sein, das lebendige Buch nicht übergenau zu rezensieren. Denn es handelt -sich nicht darum, ob sich künstlerische Einwände erheben lassen. Sondern -darum: Ob das Ganze als Kunstwerk zu betrachten ist (nicht als Machwerk -zur Verbreitung von Unzüchtigem). Die Antwort ist ein zweifelloses Ja. -Damit muß die Entscheidung des Prozesses gegeben sein. Kommt er -zustande, dann ist der Verfasserin (nach dieser sechsten Auflage) die -fünfundzwanzigste verbürgt. Sie hat Glück, daß sie -- schon vorher -gelesen -- nun eintritt in die Reihe der vordersten Bekanntheiten -unserer Literatur. Dem beamteten untersuchenden Cato hinwiederum sei -gesagt: Solche Prozesse haben bekanntlich stets einen Mißerfolg für den -Staat oder den Anwalt des Staates, der sie macht. Man kann zuletzt doch -nicht die deutsche Übertragung der Rousseauschen Bekenntnisse verbieten, -auch nicht den Dekamerone, und die Lucinde ist für zwanzig Pfennige zu -haben. Keine Darstellung aber mit Kunstmitteln kann so verführend wirken -wie Dinge, die jeder jeden Tag sehen kann. Mein Lieblingsargument ist -das blonde Mädel mit wehendem Haar, das über die Straße rennt, die Röcke -zusammenrafft. Der Staat müßte solche blonde junge Mädel verbieten, die -zum Bäcker laufen. Eher hören Regungen und Empfindungen nicht auf, die -schon unsere gottverdammten Väter gehabt, -- da sie unsere Väter geworden -sind. Schwieriger Fall! Wenn der Gerichtshof diesmal verdonnert, so wird -Norddeutschlands oberste Klasse, die vor »Nixchen« geschützt werden -sollte, doch wieder in der Verfasserin getroffen, -- als welche nicht -die Tochter eines Feldwebels ist, sondern eines lebenden preußischen -Oberstleutnants. - - =Alfred Kerr=. - - * * * * * - - - Arthur Schnitzler - - Reigen - - Zehn Dialoge. -- 20.-25. Tausend. M. 3.50, geb. M. 5.--. - -»$Münchner Neueste Nachrichten$«: »Es ist das Buch der Saison, das -Schnitzler geschrieben hat. Es ist ein scharmantes Werk, voll Anmut und -Grazie.... Das scheint schon ein gewichtiges Lob und doch erklärt es -noch nicht, warum diesen zehn Dialogen ein Massenerfolg beschieden war. -»Reigen« ist ein gewagtes, ein »frivoles« Buch und sein Erfolg ist ein -Pikanterie-Erfolg. Damit soll beileibe nicht der Dichter getadelt -werden, sondern das Publikum. Die künstlerischen Qualitäten der -Gespräche haben mit dem Aufsehen, das sie erregen, nichts zu tun. Daß -sich hinter den erotischen Ereignissen dieser Szenen eine beinahe -überfeinerte Psychologie und eine vornehme lächelnde Menschenverachtung -bergen, merkt auch die in der Kunst stets am Stoffe klebende Menge -nicht. Wie wären sonst die zahlreichen Entrüstungen eifriger Moralisten -zu erklären, die es wagten, den Dichter als skandalsüchtigen -Zotenreißer hinzustellen! Es sei ohneweiters den nach Polizei -schreienden Tugendwächtern zugegeben, daß die Kühnheit der Dialoge -etwas Herausforderndes hat. Es sind zehn kleine Komödien des -Geschlechtstriebes, in deren Höhepunkten der Dichter stets zu schweigen -und die Interpunktion zu reden beginnt. Dirne und Soldat, Soldat und -Stubenmädchen, Stubenmädchen und der junge Herr, der junge Herr und die -junge Frau, die junge Frau und der Ehegatte, der Ehegatte und das süße -Mädel, das süße Mädel und der Dichter, der Dichter und die -Schauspielerin, die Schauspielerin und der Graf bilden einen Reigen, der -sich mit der Vereinigung des Grafen und der Dirne schließt. Die Vorhänge -der verschwiegensten Alkoven öffnen sich, und die geheimsten Geheimnisse -dürfen wir hören. Die Liebe in ihrer konkretesten Form ist das einzige, -zehnmal variierte Thema des Buches und trotz der außerordentlichen -Wahrhaftigkeit des Tones, in dem die Gespräche gehalten sind, fällt kaum -ein unzartes Wort. Vielleicht noch nie sind die femininen Listen -sicherer beobachtet und diskreter nachgezeichnet worden. Ein Chirurg der -Seele zeigt uns ihre verborgensten Verrichtungen und dringt hier in -Gebiete, die bisher der Kunst _terra incognita_ waren.« - - * * * * * - - - Raoul Auernheimer - - Rosen, die wir nicht erreichen - - Ein Geschichtenband. - - 2. Auflage. M. 2.--, geb. M. 3.--. - -»$Hamburger Fremdenblatt$«: Der »Wiener Verlag«, der uns bereits die -Kenntnis einer Anzahl wirklich guter und origineller Bücher vermittelt -hat, läßt mit seinen »Rosen, die wir nicht erreichen«, abermals ein -gediegenes Werk in die Öffentlichkeit hinausgehen. Der Erzähler dieser -kurzen Geschichten aus dem Leben erfreut sich einer Frische und -Selbständigkeit der Anschauung und dabei eines Stiles von so -bestrickendem Reiz, daß man den Autor ohneweiters in die erste Reihe der -modernen Erzähler zu stellen hat. - -»$Berliner Nationalzeitung$«: (Welt am Montag.) Wer Raoul Auernheimer, der -jedem auf literarischem Gebiet Versierten wohl schon begegnet ist, noch -nicht kennt, der sollte diesen Geschichtenband zum Vermittler einer -zweifellos sehr genußreichen Bekanntschaft machen. Auernheimers -Geschichten werden alle ohne Ausnahme von einem feinen Humor und einer -noch feineren Satire getragen. Der Dichter schaut von hoher Warte auf -Welt und Menschen herab...... - - * * * * * - - - Raoul Auernheimer - - Lebemänner - - Novelle. 2. Auflage. M. 1.--, geb. M. 2.--. - -»$Neues Wiener Tagblatt$«: Eine feine Studie aus dem Alltags- und -Liebesleben, deren Held Konrad Spreckelmayer heißt, seines Zeichens -Doktor ist und aus der altertümlichen Stadt Prag stammt. Das letztere -ist nicht unwichtig. Um in Wien den erotischen Entwicklungsgang zu -nehmen, der Spreckelmayer beschieden ist, muß man aus Prag kommen -- das -können manche bestätigen. - -Und der Sprosse der wackeren Moldaustadt kommt nach Wien, aus einer Art -Bibelluft nach der Babel-Atmosphäre, und hier wird er auf dem -allergewöhnlichsten Wege ein »Lebemann«! Ihn und seine Kameraden -zeichnet nun Auernheimer in ebenso scharfer wie delikater Weise, mit -etwas Ironie, aber ohne Forcierung, ohne zolaistische Düsterheit, ohne -Schwermutsfrivolität, ohne bacchantische Hypertrophie. Das wirkt sehr -sympathisch an diesem Buche und wieder einmal haben wir -- wir wollen es -dreimal und öfter betonen -- Gelegenheit davon zu sprechen, daß das -junge, frische Wien (wenige Ausnahmen abgerechnet) viel dezenter ist als -das junge, greisenhafte Berlin. Da haben wir einen eleganten Satiriker -vor uns, der sich das Rückertsche Diktum stets vor Augen hält: »Ich -lehre dich, mein Sohn, nie über das, was über Maß das ist; denn überall -von Übel ist das Über!« Und solch eine Eigenschaft kann bei einem jungen -Autor nicht genug gerühmt werden! - - * * * * * - - - Felix Salten - - Die Gedenktafel der Prinzessin Anna - - Novelle. 3. Auflage. - - M. 1.--, geb. M. 2.--. - -Hofrat =Dr. Max Burckhardt= schreibt in der »$Zeit$«: Die soeben im Wiener -Verlag erschienene Novelle Saltens ist von einer ganz ungewöhnlichen -Frechheit. Sie ist aber nicht nur frech, sie ist auch gut, die Frechheit -sinkt nicht herab zur lüsternen Zote, sie erhebt sich zu blutiger -Ironie. Parabasco, Herzog von Riavenna, betritt, da er nächtlicherweile -eben selbst von einem Liebesabenteuer kommt, seine Schwester Anna, wie -sie heimlich aus einem Pförtchen des Palazzo Gembi huscht. Da er sich -überzeugen muß, daß der junge Gembi sein zartes Geheimnis nicht für sich -allein behalten hat, entschließt er sich resolut, allem geheimen -Gezischel und Getriebe dadurch vorzubauen, daß er eine Gedenktafel am -Palazzo Gembi anbringen läßt, auf der mit dürren Worten der -Öffentlichkeit mitgeteilt wird, was Prinzessin Anna in diesem Hause -erlebt hat. Welche Folgen diese Tat des Herzogs hat, wie insbesondere -das gute Volk die Prinzessin als Wohltäterin von Riavenna im Triumphzug -durch die Stadt führt und ihr angesichts der Gedenktafel eine -begeisterte Huldigung darbringt, und wie zum Schluß der Herzog an sich -selbst erfährt, welche Nutzanwendungen ein einfaches Mädchen aus dem -erhabenen Beispiele der verehrten Fürstin zieht -- das möge jeder in dem -Büchlein lesen. Es könnte in der besten Zeit der Renaissance geschrieben -sein. - - * * * * * - - -[Illustration: BIBLIOTHEK MODERNER DEUTSCHER AUTOREN] - - 1. Bd.: $Arthur Schnitzler.$ Die griechische Tänzerin. - 2. Bd.: $Hugo von Hofmannsthal.$ Das Märchen der 672. Nacht. - 3. Bd.: $Georg Hirschfeld.$ Erlebnis. - 4. Bd.: $Otto Ernst.$ Die Kunstreise nach Hümpeldorf. - 5. Bd.: $Felix Salten.$ Der Schrei der Liebe. - 6. Bd.: $Otto Julius Bierbaum.$ Das höllische Automobil. - 7. Bd.: $Johannes Schlaf.$ Die Nonne. - 8. Bd.: $Anton v. Perfall.$ Er lebt von seiner Frau. - 9. Bd.: $Siegfried Trebitsch.$ Das verkaufte Lächeln. - 10. Bd.: $Hans von Kahlenberg.$ Jungfrau Marie. - - Preis jedes Bandes M. 1.--, geb. M. 2.--. - - Durch alle Buchhandlungen zu beziehen. - - * * * * * - - - - -Anmerkungen zur Transkription: - -Die Originalschreibweise und kleinere Inkonsistenzen in der Schreibweise -und Formatierung wurden prinzipiell beibehalten. - -Gesperrter Text wurde mit Gleichheitszeichen (=Text=), fett gedruckter -Text mit Dollarzeichen ($Text$) und Text in Antiqua mit Unterstrichen -(_Text_) markiert. - -Die nachfolgende Tabelle enthält eine Auflistung aller gegenüber dem -Originaltext vorgenommenen Korrekturen. - - Kapitel Lebenslauf: zu Grüneberg -> Grünberg - Kapitel Lebenslauf: befriedigen könnte -> konnte - S. 22: der Stadt Knödelmkraut -> Knödelimkraut - S. 24: bist du ja veil -> viel - S. 32: Du, Bartl -> Bartel - S. 32: sagte Bartl -> Bartel - S. 35: »Also schön, -> schön,« - S. 35: dorthin führst? -> dorthin führst?« - S. 52: Ihn kreuzweise -> 'Ihn kreuzweise - S. 52: zu fesseln, -> zu fesseln,' - S. 52: wird nicht -> 'wird nicht - S. 53: ich .. -> ich ... - S. 69: Stil versag -> versagt - S. 101: Weihnachts-Bowle -> Weihnachtsbowle - S. 148: Sekunde der Uberzeugung -> Überzeugung - S. 153: dekorativ.«). -> dekorativ.«) - S. 155: und starrt unr -> nur - S. 157: Zwei münchner -> Münchner - S. 163: Gembi huscht -> huscht. - Anhang S. 3: in grobem Parallelismus... -> Parallelismus.... - - - - - -End of Project Gutenberg's Das höllische Automobil, by Otto Julius Bierbaum - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS HÖLLISCHE AUTOMOBIL *** - -***** This file should be named 43914-8.txt or 43914-8.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/4/3/9/1/43914/ - -Produced by Jens Nordmann, Jana Srna, Norbert H. 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