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-Project Gutenberg's Das höllische Automobil, by Otto Julius Bierbaum
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
-almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
-re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
-with this eBook or online at www.gutenberg.org
-
-
-Title: Das höllische Automobil
- Novellen
-
-Author: Otto Julius Bierbaum
-
-Release Date: October 8, 2013 [EBook #43914]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: ISO-8859-1
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS HÖLLISCHE AUTOMOBIL ***
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-
-Produced by Jens Nordmann, Jana Srna, Norbert H. Langkau
-and the Online Distributed Proofreading Team at
-http://www.pgdp.net
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- Otto Julius Bierbaum
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- Das höllische Automobil
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- Novellen
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- Bibliothek moderner deutscher Autoren Band 6
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- Wiener Verlag Wien und Leipzig 1905
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- Der Verleger behält sich sämtliche Rechte vor
-
- Umschlag von Richard Lux
-
- Druck der k. und k. Hofbuchdrucker Fr. Winiker & Schickardt, Brünn.
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- _Vita autoris._
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- =Otto Julius Bierbaum=
-
-erblickte das Licht dieser Welt am 28. Juni 1865 zu Grünberg in
-Niederschlesien als der Sohn eines eingebornen Konditors und einer
-sächsischen Bergmannstochter. In der väterlichen Familie waren zwei
-Berufszweige erblich: Ein süßer: die Zuckerbäckerei, und ein saurer: die
-protestantische Theologie. Otto Julius hatte aber wohl einen besonders
-starken Gemütseinschlag von der mütterlichen Familie her (in der einmal,
-zur Zeit Napoleons, ein französischer Tambour eine Gastrolle gegeben
-haben soll) und so fand in ihm weder die süße noch die saure
-Familientradition ihre Fortsetzung. Doch blieb ihm Zeit seines Lebens
-von Abstammung wegen ein ausgesprochener Sinn für bessere Kuchen und
-Edelmetalle im Blute, ohne daß er ihn indessen immer befriedigen konnte.
-Dieses Unvermögen kommt aber eben daher, weil er, statt das Süße oder
-das Saure oder sonst was Ordentliches zu lernen, sich von Jugend auf
-dem Laster des Versemachens und Fabulierens hingegeben hat. Was hat er
-davon? --: Ein immer zweifelhaftes Budget und die Ungnade des
-Literaturaufsehers Bartels in Sulza bei Weimar -- O, daß doch dieses
-gewiß gräßliche, aber leider nicht unverdiente Schicksal abschreckend
-auf alle unerfahrenen Jünglinge und Jungfrauen wirken möchte, die
-in dem Wahne leben, das Dichten sei eine einträgliche Beschäftigung
-und mache wohlgelitten bei ernsten Kunstwärtern und gelehrten
-Literaturbeaufsichtigern! In Wahrheit führt es, wenn man sich ihm nicht
-auf der Basis einer =sehr= anständigen Rente hingibt, direkt ins
-Versatzamt und erregt, wenn es nicht so vorsichtig ausgeübt wird, daß
-alles Vergnügen daran zum Teufel geht, nur Unwillen.
-
-Dieser Unwillen steigert sich zur Empörung, wenn der Unbesonnene, der
-ihn hervorgerufen hat, statt sich durch weise Beschränkung auf ein
-bestimmtes Fach der Dichtkunst wenigstens zum Spezialisten auszubilden,
-auch noch einen Mangel an =Charakter= offenbart, indem er halt- und
-ziellos in allen Fächern der Poeterei herumfährt und, wie _iste_
-O. J. B., außer Gedichten jeder Art und Unart auch noch Novellen, Romane,
-Operntexte, Dramen, Balletts, Reisebeschreibungen, Märchen und allerhand
-Aufsätze über allerhand Menschen, Dinge und Ideen von sich gibt. Dies
-ist ein so grober Verstoß gegen das moderne Gesetz von der Teilung der
-Arbeit, daß man nicht energisch genug dagegen Front machen kann. Warum,
-so fragen wir mit Nachdruck, hat sich O. J. B. nicht damit begnügt,
-den 'Lustigen Ehemann' zu verfassen? Wie klar umrissen stünde
-dann sein Bild im Herzen der dankbaren Mitwelt, während es jetzt
-unruhig und fatal hin- und herzittert in den verschiedensten Kapiteln
-der Literaturkunde, vergleichbar den lebenden Photographien der
-American-Biograph-Gesellschaft, G. m. b. H., Berlin.
-
-Daß er auch noch Zeitschriften gründete, mag ihm verziehen werden, weil
-sie (Pan und Insel) eingegangen sind, und weil es sich schließlich, Gott
-sei Lob und Dank, doch herausgestellt hat, daß die aufregenden
-Nachrichten über seine schmachvoll hohen Redaktionsgehälter nur die
-Phantasiegebilde einiger erfindungsreichen Köpfe waren. Auch seine
-längere Reise im Automobil hat ihren Stachel verloren, seitdem man weiß,
-daß sie nicht auf eigene Kosten unternommen worden ist.
-
-Über seine Mitschuld am Überbrettl gehen die Meinungen auseinander.
-Einige Passagen im »Stilpe« belasten ihn zwar schwer, aber das Programm
-seines Trianon-Theaters (einmal und nicht wieder!) wird immer als
-besinnungslos rein lyrisches Entlastungsdokument angeführt werden
-können.
-
-Sonst ist O. J. B. harmlos. Sein Körpergewicht (81·5 Kilo, die
-Kleider nicht mitgewogen), sowie seine untersetzte, deutlichen
-Fettansatzes nicht ermangelnde Statur, reihen ihn unter die
-Korpulenzen ein, die eher zum Phlegma, als zu kriegerischem
-Angriffe neigen. Doch scheint er es sich nicht abgewöhnen zu können, über
-gewisse Charaktereigentümlichkeiten erbost zu werden, als da sind: Neid,
-Lügenhaftigkeit, Tratsch- und Verleumdungssucht und aufgeblasener
-Dummstolz. (Woraus deutlich hervorgeht, daß man ihn mit Unrecht unter
-die Humoristen rechnet.) Durch Radfahren und elektrische Massage
-versucht er es übrigens, seine Taillenweite dem erwünschten Normalmaße
-anzunähern, wie er denn auch den Fettbildner Alkohol mit einer
-Konsequenz meidet, die ihm sonst nicht eigen ist. Lawn Tennis mußte er
-leider wegen Mangels an englischen Sprachkenntnissen aufgeben. Die
-Pflege des nationalen Skat hinwiederum ist ihm wegen eines
-mathematischen Defekts versagt.
-
-Hunde, Katzen, Blumen; Horaz, Shakespeare, Goethe; Gluck, das
-'wohltemperierte Klavier', Mozart; Dürer, Ludwig Richter, Chodowiecki;
-Büttenpapier, Seide und Ceylontee liebt er sehr. Schiller genießt er
-einstweilen lieber in der Form Dehmel. -- Für die größten unter den
-modernen Dichtern gelten ihm Dostojewski, Nietzsche und Gottfried
-Keller. -- Th. Th. Heine ist ihm lieber, als Max Klinger. -- Ein
-rechtschaffenes Biedermeier-Kanapee zieht er ebensowohl einer _sella
-curulis_ wie jeder streng modern konstruktiven Lösung des Sitzproblems
-vor. Van de Velde verehrt er aus scheuer Entfernung und mit aller
-gebotenen Vorsicht. Der wahrhaft aus modernem Bedürfnis und aus der
-klaren Tiefe der Zeitseele geborene Nachttopf scheint ihm einstweilen
-nur in ornamentalen Ansätzen von verdienstlichem Zielbewußtsein
-vorhanden zu sein. An »Buchschmuck« hat er sich für eine Weile
-sattgesehn, sowohl an dem botanischer, zoologischer und mineralogischer,
-wie an dem rein geometrischer Herkunft. Seine Sünden auf diesem Gebiete
-bereut er herzlich und hat sich dafür als freiwillige Buße die
-vollkommenste Enthaltsamkeit von allen Kopf-, Rand-, Zwischenleisten,
-Frontispicen, _culs de campe_ &c. &c. auferlegt. Doch zweifelt er
-keineswegs daran, daß die Blütezeit des Jugendstiles noch eine hübsche
-Zeit andauern wird. -- Was die moderne Musik angeht, so fühlt er keinen
-Beruf, sich an dem Gesellschaftsspiele der Auslosung des neuen Messias
-zu beteiligen. Er ist dazu musikwissenschaftlich nicht gebildet genug
-und muß zufrieden sein, daß es ihm beschieden ist, zuweilen moderne
-Musik zu hören, die ihm angenehm eingeht, ohne daß er zu sagen weiß
-warum. Im Grunde ist er wohl auch zu frivol dazu, was schon daraus
-hervorgeht, daß er nicht gerne eine Offenbachsche Operette versäumt.
-
-Moderner Bücher liest er nicht gar viele, doch läßt er sich von
-Liliencron, Dehmel, Wedekind und Gerhard Ouckama Knoop keines entgehen.
-In alten Briefwechseln, Tagebüchern und Memoiren zu lesen ist ihm ein
-großes Vergnügen. Den größten Genuß auf diesem Gebiete bereiten ihm die
-Briefe und Tagebücher Friedrichs v. Gentz, den er überdies für einen der
-besten Prosaisten in deutscher Sprache hält.
-
-Seine Kenntnis der Weltvorgänge bezieht er aus den »Münchner Neuesten
-Nachrichten« und dem »Simplizissimus«. Zu einem Abonnement auf die
-»Woche« hat er sich noch nicht entschließen können, doch läßt er sich
-eigens zu dem Zwecke allwöchentlich einmal die Haare kräuseln, um bei
-seinem Friseur den Anschauungsunterricht zu genießen, den dieses
-vorzügliche Organ der Volksaufklärung gewährt. Übrigens photographiert
-er, wie jeder Kunst- und Naturfreund, selbst und hat es darin zu einer
-Vollkommenheit gebracht, die ihm außer seiner Frau niemand bestreitet.
-
-Religiös ist er Eklektiker. Vom Judentum hat er die Psalmen, vom
-Protestantismus eine ziemliche Anzahl Gesangbuchslieder, vom
-Katholizismus die Instrumentalmusik und verschiedene Bestandteile der
-sakralen Garderobe, vom Buddhismus die schöne Pose des Sitzens auf einer
-Lotosblüte, vom Konfuzianismus das Prinzip der großen Wurstigkeit, vom
-Taoismus die höchst angenehme Mystik ahnungsvoller Wortverknüpfungen in
-seine Privatkirche übernommen, deren Hauptlehre übrigens lautet: 'Halte
-dir alles Gesindel vom Leibe, denn es hindert dich, in deinen Himmel zu
-kommen!'
-
-Wollte man ihn nach seiner politischen Meinung fragen, so würde man ihn
-in Verlegenheit setzen. Es kommt das vielleicht daher, weil er keine
-Leitartikel liest und Bismarck tot ist.
-
-Exlibris und Ansichtspostkarten sammelt er nicht; dafür alte
-Vorsatzpapiere, Gläser und Fayencen; Autogramme gibt er nur in schwachen
-Momenten ab; jungen Damen und Herren zu sagen, ob sie Talent zur
-lyrischen Poesie haben, erklärt er sich für inkompetent.
-
-Vorbestraft wegen Körperverletzung in idealer Konkurrenz mit einer
-Übertretung ortspolizeilicher Vorschriften über das Halten von großen
-Hunden.
-
- * * * * *
-
-
-
-
- Inhalt
-
- Das höllische Automobil 17
-
- Der mutige Revierförster 63
-
- Patsch und Tirili 83
-
- Die Weihnachtsbowle 101
-
- Schwarz-Rot-Gold und Grün-Weiß-Rot 123
-
-
- * * * * *
-
-
-
-
- Das höllische Automobil
-
- Ein Märchen
- für sämtliche Alters- und Rangklassen nach einer Idee =Alf Bachmanns=.
-
-
-Der Riese Rumbo konnte die Menschen nicht leiden, weil sie neben ihm so
-lächerlich klein erschienen, aber doch klüger waren als er, und weil es
-ihm, wegen seiner unmäßigen Größe und Ungeschlachtheit, nicht möglich
-war, mit ihnen zusammen zu wohnen, -- was er doch von wegen Kartenspiel
-und anderer Lustbarkeiten, die man nicht allein besorgen kann, ganz
-gerne gemocht hätte. Wie hätte er aber mit jemandem Skat spielen oder
-sonst etwas Vertrauliches treiben sollen, da er so groß war, daß er
-selbst die größten Häuser der benachbarten Residenzstadt nicht einmal zu
-Leibstühlen benützen konnte, weil sie dazu zu niedrig gewesen wären?
-
-Daraus könnt ihr euch wohl ungefähr ein Bild machen, wie über alle
-Maßstäbe und Begriffe ausgedehnt dieser Kerl war.
-
-Mein Onkel, der doch auch ein Mann von gutem Gardemaße und überdies
-Pfarrer, also gewöhnt war, seinen Blick immer aufs Höchste zu richten
-hat mir mehr als einmal beteuert, daß Rumbo alle seine Begriffe von
-Länge und Breite übertroffen habe. Übrigens ist es dieser mein Onkel,
-der mir diese Geschichte erzählt hat, was zu bemerken ich nicht zu
-ermangeln will, weil man sonst denken könnte, sie hätte keine Moral. Die
-Wahrheit ist, daß sie mehr Moral hat, als selbst der aufmerksamste
-Zuhörer beim ersten Male merken kann. Man muß sie sich also ein paarmal
-erzählen lassen. Es verlohnt sich.
-
-Ich selbst habe sie =sehr= oft gehört, nämlich immer, wenn mein Onkel
-meinen Vater zu besuchen kam, um, wie er sagte, »nach dem Rechten zu
-sehen.« Es scheint aber, daß das Rechte sich bei uns im Keller aufhielt.
-Denn dorthin begaben sich bei solcher Gelegenheit die beiden Brüder
-sogleich, wenn der ältere beim jüngeren zu Besuch angekommen
-war. -- Dies nebenbei und ohne eigentliche Beziehung zu Rumbo.
-
-Der war also nach der Überlieferung meines Onkels ein =über=gewaltiger
-Geselle. -- Ich wünschte sehr, seine Größe in Metern angeben zu können,
-aber in dieser Hinsicht hat es mein Onkel an Exaktheit fehlen lassen.
-Statt einfach zu sagen: so und soviel Meter oder meinetwegen bayerische
-Ruten war er lang, liebte er es, die Ausdehnung des Riesen durch
-Vergleiche oder Bilder anzudeuten, wobei es mir nicht entging, daß dabei
-nicht immer das gleiche herauskam. Machte ich ihn darauf aufmerksam, so
-pflegte er zu sagen: »Mein lieber Junge, bei ganz großen Gegenständen
-irrt sich selbst die Bibel. Für das, was das gewohnte Maß maßlos
-überschreitet, haben wir Menschen nicht einmal die Fähigkeit, in Bildern
-ordentliche Maßstäbe zu finden. Kehre dich nicht daran, wenn ich dir
-=einmal= sage: Rumbos Beine waren so dick und lang wie die Türme der
-Frauenkirche zu München, und ein =andermal:= Rumbos Nasenlöcher waren so
-breit und lang wie der Tunnel durch den St. Gotthard. Das stimmt
-freilich nicht; aber aufs Stimmen kommts auch nicht an, wo sichs um
-Riesen handelt. Sei froh, zu wissen, und laß es dir genügen, daß Rumbo
-auf alle Fälle erstaunlich groß war; -- wenn du Lust hast, seiner Größe
-noch ein paar Kilometer hinzuzusetzen, so tu dir keinen Zwang an.
-Meinetwegen kannst du ihn dir auch ein bißchen kleiner vorstellen, wenn
-er dir dadurch näher kommt, aber, versteht sich, immer noch so riesig,
-daß du dich selber darüber wundern mußt. -- =Darauf= kommt es an.«
-
-Ich empfehle euch, es auch so zu halten.
-
-Da Rumbo nicht unter Menschen wohnen konnte, lebte er ständig auf dem
-Lande, und zwar in der Nähe der Stadt Knödelimkraut, die sich einer sehr
-waldigen Umgebung erfreut. Dort war aber auch wirklich ein Mordstrum von
-einem Walde, der für ihn paßte, als wenn er ihm angemessen worden wäre.
-Tannen wuchsen darin, so dick, daß ein Mensch, der um eine hätte
-herumgehen wollen, dazu eine gute Stunde gebraucht haben würde.
-(Wirklich wahr!) Er hätte aber gar nicht drum herumgehen können, weil
-die Wurzeln dieser Bäume wie Gebirge über die Erde hervorstanden, und
-weil das Moos, das auf ihnen wuchs, selber wieder so hoch und dicht war,
-wie das Gebüsch in einem gewöhnlichen Walde.
-
-Für Rumbo aber war der Wald eben darum gerade recht; und er verließ ihn
-nur einmal in der Woche, nämlich am Sonnabend, wo er sich seine Mahlzeit
-holen mußte. Denn er aß nur einmal in der Woche, am Sonntag. Das kam
-daher, weil für ihn eine Woche so viel war, wie für uns ein Tag.
-(Inwiefern? -- das wußte sogar mein Onkel nicht zu erklären, dem doch
-selbst in der Offenbarung Johannis keine Zeile dunkel war. -- Ihr tut
-also gut, euch nicht den Kopf darüber zu zerbrechen, was zu unterlassen
-übrigens auch anderen Problemen gegenüber ratsam erscheint, da ein Kopf,
-auch wenn er hohl ist, nicht eigentlich die Bestimmung hat, zerbrochen
-zu werden. Und =eure= Köpfe, meine Lieben, sind überdies =nicht=
-hohl, -- wie würdet ihr sonst =meine= Zuhörer sein?)
-
-In der Hauptsache bestand seine Mahlzeit aus Gemüse. Birkenbäume waren
-für ihn Spargel, Eichenbäume Spinat, aus jungen Tannen machte er sich
-Sauerampferbrei. Kuchen und andere süße Speisen konnte er sich nicht
-verschaffen, außer wenn er gerade einmal bei einem Bienenzüchter
-vorbeikam. Da fraß er dann gleich sämtliche Bienenstöcke mit dem Honig,
-aber auch mit den Bienen auf, und wenn ihn die Bienen im Munde und im
-Magen stachen, sagte er: »Ei, das prickelt recht angenehm.« Sonst
-bestand seine Nachspeise immer aus einem Menschen, und er meinte, das
-Menschenblut sei süßer als aller Honig; nur schade, daß man nicht viel
-davon vertragen könne, weil es dusselig mache. Soviel von seiner
-Speisekarte.
-
-Da Rumbo dumm war, war er auch faul, und so kam es, daß er meistens der
-Länge lang auf dem Boden lag und schlief.
-
-Wie er nun einmal so da lümmelte, fühlte er ein Jucken in seiner Nase
-und mußte niesen; -- hatzi! flog ein Mensch aus seinem Nasenloch und
-mitten auf die ganz mit zottigen Haaren bedeckte Brust.
-
-»Hahaha!« lachte der Mensch; »da bin ich aber mal schön weich gefallen.«
-
-»Was! Du lachst noch?« brüllte Rumbo, »dich werde ich übermorgen
-fressen.«
-
-»Mich?« rief der Mensch, -- »dazu bist du ja viel zu dumm. Ehe du mich
-ergreifst, bin ich schon ganz wo anders.«
-
-Und richtig, wie Rumbo nach ihm fassen wollte, saß der Mensch schon in
-seinem linken Ohre und schrie hinein: »Du großer Esel!«
-
-Rumbo begriff, daß das eine Majestätsbeleidigung war und wollte ihn sich
-mit seinem kleinen Finger (Klein! -- Du lieber Gott! Er hatte die
-Ausdehnung von Frau Klara Ziegler!) aus dem Ohre trillern, aber da war
-der Mensch schon lange weg. Und wo saß er? Im Winkel des linken Auges
-und kitzelte den Riesen.
-
-»Geh weg!« schrie Rumbo, »das kann ich nicht leiden.« (Es war ihm, wie
-wenn uns eine Mück ins Auge gekommen ist.)
-
-Der Mensch aber sagte: »Nicht eher, als bis du mir versprichst, mich in
-Ruhe zu lassen.«
-
-»Ja doch, ja doch,« brüllte der Riese, »mach nur, daß du aus meinem Auge
-'rauskommst. Das ist zu widerwärtig.«
-
-»Siehst du wohl?« sagte der Mensch, »was Kleines kann auch unangenehm
-werden«, und er setzte sich auf eine Warze, die sich wie ein mit Gras
-bewachsener Hügel, über und über mit Haaren bedeckt, auf des Riesen
-Nasenspitze erhob.
-
-»Das ist ein angenehmer Aussichtspunkt,« sagte er, wie er dort saß,
-indem er vergnüglich mit den Beinen baumelte und sich eine Zigarre
-anzündete. »Ich habe zwei Seen vor mir, die von Tannen umgeben sind, und
-dahinter ist ein Gebirge mit vielen Schluchten, und hoch oben ein Wald
-von roten Bäumen. Diese Landschaft verdient einen Stern im Bädeker; ich
-werde hier ein Aktienhotel gründen.«
-
-»Na ja: Meine Augen, meine Stirne und mein roter Haarschopf,« sagte der
-Riese geschmeichelt; »aber was ist dir denn eingefallen, daß du in meine
-Nase gekrochen bist? Dort zieht es doch?!«
-
-»Eben darum, es ist infam heiß heute und ich dachte es mir gleich, daß
-in diesem Blasebalgfang ein guter Wind ginge«, antwortete der Mensch.
-
-»Ja, hast du denn keine Furcht?«
-
-»Vor wem denn?«
-
-»Na, vor mir!«
-
-»Vor dir? Dazu bist du mir zu dumm.«
-
-Da merkte der Riese, daß dieser Mensch, wenn nicht gar ein Genie, so
-doch ganz gewiß ein brauchbares Talent war, und er sprach:
-
-»Du gefällst mir, Mensch, du kannst als Gehilfe bei mir eintreten. Wie
-heißt du denn?«
-
-»Frechdachs,« antwortete der Mensch.
-
-»Das ist ein schöner und passender Name für einen Menschen von dieser
-Begabung,« meinte der Riese; »also, willst du?«
-
-»Meinetwegen,« sagte Frechdachs, »wenn es nur was Ordentliches zu tun
-gibt und nicht so gewöhnliche Hantierungen wie in der Stadt. Dort haben
-sie nichts mit mir anfangen können und wollten mich deshalb ins
-Gefängnis sperren. Ich bin aber ausgerissen.«
-
-»Na, dann paßt du ja famos zu mir, Frechdachs!« sagte Rumbo. »Du sollst
-dich nicht zu beklagen haben. Bei mir gibt's nur solche Sachen zu tun,
-die in der Stadt verboten sind.«
-
-»Das kann ich mir denken,« sagte Frechdachs, »denn du selber würdest in
-der Stadt verboten werden, wenn sie dich verbieten könnten. -- Aber sag
-mal, wozu brauchst du denn einen Gehilfen, du großer Schuft und
-Schlagtot? Ein Kerl, wie du, braucht ja bloß irgendwo hinzufallen, und
-gleich liegt rechts und links von ihm, was er braucht.«
-
-»Das verstehst du nicht,« sagte Rumbo. »Ich bin =zu= groß. Erstens werd'
-ich zu schnell bemerkt; dann sind meine Bewegungen zu langsam; und
-schließlich kann ich so kleines Zeug, wie ihr Menschen seid, nicht gut
-anfassen. Entweder zerquetsche ich so eine Made, oder sie rutscht mir
-durch eine Fingergelenksfalte weg. Ich sage dir: ich müßte verhungern,
-wenn ich mich von euch Marschiermücken nähren müßte. Zum Glück brauche
-ich das zweibeinige Milbenvolk nur als eine Art süßer Verdauungspillen.
-Aber dazu seid ihr Zappelgemüse mir unbedingt nötig. Und deshalb ist es
-mir sehr angenehm, einen Menschen als Gehilfen zu haben, denn niemand
-kann einen Menschen besser fangen, als ein Mensch. Im Grunde könnt ihr
-ja auch nichts, als das. -- Ich habe darum von jeher und immer Menschen
-als Gehilfen gehabt, aber leider, leider waren es regelmäßig
-unvorsichtige Burschen, die allzubald auf irgendeine Weise bei mir
-zugrunde gingen. Der eine fiel mir ins Ohr und brach das Genick auf
-meinem Trommelfell; der andere verlief sich im Dickicht meiner Haare und
-verhungerte; ein dritter ertrank in einem Schweißtropfen von mir; ein
-vierter, der Korpsstudent gewesen war und sich das Trinken nicht
-abgewöhnen konnte, hielt in der Betrunkenheit, als ich einmal gähnte,
-meinen Mund für einen Weinkeller, lief hinein und erstickte, wie ich den
-Mund zugemacht hatte, in einem hohlen Zahn; -- und so weiter, und so
-weiter. Du siehst also, daß du gut aufpassen mußt.«
-
-»Mir passiert so was nicht; verlaß dich darauf,« meinte Frechdachs; »ich
-bin daran gewöhnt, aufzupassen, wie ein Luchs, denn ich gehöre zu den
-Vogelfreien, die auch unter Menschen immer auf der Hut sein müssen. Bloß
-die Käfigmenschen, die Mastgimpelnaturen, die den Freßkober stets bei
-sich am Halse tragen, dürfen es sich erlauben, ohne besondere
-Aufmerksamkeit ihrem Tagwerke nachzugehen. Wir, die wir nicht so
-tugendhaft und stäte sind, sondern immer tapfer und resolut auf Taten
-ausziehen, für die man früher geadelt wurde, jetzt aber ins Kittchen
-gesperrt wird -- wir müssen immer die Ohren steif und die Augen offen
-halten. Meinetwegen kannst du also ganz ruhig sein. -- Aber: Was krieg'
-ich denn als Lohn?«
-
-»Was? Lohn willst du auch noch?« brüllte Rumbo, der in seinem
-Souveränitätsgefühle beleidigt war. »Sei froh, daß ich dich nicht zum
-Nachtisch einnehme. Nein, mein Lieber, Lohn gibt's nicht. Höchstens
-einen Titel. Wie willst du lieber heißen: General oder Hofmarschall?«
-
-»Gar nichts will ich heißen,« sagte Frechdachs; »Lohn will ich haben.«
-
-»Also, wie viel denn?« fragte Rumbo.
-
-»Kein Geld,« antwortete Frechdachs, »das kann ich mir stehlen; du sollst
-mich zu einem Riesen machen, wie du selber einer bist.«
-
-»Das kann ich nicht,« sagte Rumbo.
-
-»Doch kannst du's,« erwiderte Frechdachs, »mach keine Flausen; ich bin
-nicht so dumm, wie du aussiehst, und weiß ganz gut, daß du's kannst.
-Aber du willst nicht, weil du Angst hast, daß ich dich dann totschlage,
-du Feigling.«
-
-»Na, also gut, Frechdachs,« sagte Rumbo, dem bei so viel Intelligenz
-angst und bange wurde, »ich mache dich zu einem Riesen, aber erst, wenn
-du mir hundert Menschen gebracht hast.« ('Nach dem Neunundneunzigsten
-freß ich ihn auf,' dachte er sich.)
-
-»Abgemacht,« sagte Frechdachs. »Und was soll ich zuerst tun?«
-
-»Hm, ja, warte mal,« überlegte der Riese eine Weile; »da ist drüben in
-der Wassermühle der junge Müller Bartel Klippklapp, der ist weiß wie
-sein Mehl vor lauter Fett und muß allerliebst nach Korn schmecken. Den
-hol mir! Aber er ist schlau, weißt du. Du mußt es klug anstellen.«
-
-»Wenn's weiter nichts ist,« sagte Frechdachs, rief seinen Rappen, der in
-der Nähe weidete, schwang sich in den Sattel und ritt davon.
-
-Schon nach fünf Stunden kam er wieder und schleppte den jungen Müller an
-einem Stricke erwürgt hinter sich her.
-
-»Sieh mal an!« lachte der Riese, »da hast du ja den Bartel Klippklapp,
-der so schlau war. Bist wohl noch schlauer gewesen?«
-
-Frechdachs antwortete: »Dazu hat nicht viel gehört. Der dumme Kerl stand
-gerade in seinem Garten und las Raupen vom Kohl. 'Du, Bartel,' rief ich,
-'was machst du denn da?' 'Raupen lesen,' sagte Bartel. 'Was machst du
-denn mit den Raupen,' fragte ich. -- 'Was soll ich denn damit machen?'
-antwortete er; 'tot machen tu' ich sie; sie fressen mir sonst meinen
-Kohl.' -- 'Na, höre mal,' sagte ich, 'das ist aber lieblos; die armen
-Tierchen wollen doch auch leben.' -- 'Bist du so ein Esel,' erwiderte
-Bartel, 'daß du dir deinen Kohl von Raupen fressen läßt?' -- 'Nein,'
-sagte ich, 'ich habe gar keinen Kohl, aber Hunger. Gib mir einen
-Kohlkopf, Bartel.' -- 'Hast du Geld?' fragte der Müller. -- 'Nein,'
-sagte ich, 'du sollst mir ihn schenken.' -- 'Du kannst meine Rückseite
-bewundern,' rief er da, lachte und drehte sich um. -- 'Wart,' dachte
-ich, 'alter Geizkragen, für meinen Meister Rumbo sollst du auch bald
-eine Raupe sein,' warf ihm die Schlinge meines Strickes um den Hals,
-zog sie fest an, und ritt hui, hussa, hop, galopp mit dem Anhängsel
-davon. Da hast du den Mehlwurm!«
-
-Der Riese war sehr zufrieden mit dieser Leistung und lobte seinen
-Gehilfen, fand aber, daß der Müller zu mehlig schmeckte. -- »Bring mir
-was Pikanteres das nächstemal,« befahl er.
-
-Frechdachs machte sich auf und überlegte: 'Wen soll ich bringen? Pikant,
-das ist leicht gesagt, aber wo gibt es heutzutage Menschen von pikantem
-Geschmack, die noch =genießbar= sind? Wenn ich den Doktor Schwalbendreck
-erwischte, dem vor Brotneid das Blut sauer geworden ist und der infolge
-seiner krankhaften Begierde, üble Gerüchte zu verbreiten, einen netten
-kleinen Herzkrebs von zweifellos schwefligem Geschmacke acquiriert hat,
-so wäre das ja am Ende ein gefundenes Fressen für meinen Herrn und
-Meister, der überdies, so viel ich weiß, noch keinen Dramatiker gegessen
-hat, aber erstens wird es schwer sein, dieses Herren habhaft zu werden,
-der sehr vorsichtig geworden ist, seitdem ihm jemand von ferne eine
-Pistole gezeigt hat, und dann fürchte ich, daß er schließlich =zu=
-penetrant schmeckt. Vergiften darf ich meinen verehrten Giganten doch
-auch nicht gleich. Sonst brauchte ich ihm ja nur ein Gänseweißsauer von
-verleumderischen Klatschbasen zu servieren, deren ich einige in der
-Stadt Knödelimkraut recht gut kenne.... Halt! Wie wärs mit dem dicken
-Literaten, der früher Pastor war!? In ihm vereinigt sich ein Restchen
-pfäffischer Heimtücke mit journalistischer Giftdrüsenhypertrophie, --
-eine angenehme Mischung, sollte ich meinen.... Aber diese Art Leute sind
-schwer zu fassen. Es gibt keinen Strick, aus dem sie sich nicht zu
-winden vermöchten. Ich spare ihn mir für ein andermal auf!' -- So ritt
-Frechdachs in ziemlicher Verlegenheit durch Flur und Auen. Da begegnete
-ihm in seiner Kutsche der Doktor Rasso Schneidebein, der zu einer armen
-alten Frau gerufen worden war.
-
-»He, Herr Doktor, Herr Doktor!« rief Frechdachs, »bitte, kommen Sie doch
-gleich zu meinem Meister, der sich übergessen und Bauchkneipen hat, und
-geben Sie ihm was ein.«
-
-»Hat dein Meister Geld?« fragte Doktor Schneidebein.
-
-»Na, ich danke,« sagte Frechdachs, »Geld wie Heu! Sie kriegen zehn
-Taler.«
-
-»Zehn Taler?« dachte sich der Doktor, »das ist ein hübsches Stück Geld,
-und von der Alten krieg' ich bloß ein Vergeltsgott. Mag sie meinetwegen
-ohne mich sterben!«
-
-»Also schön,« sagte er, »ich komme mit; es muß aber auch etwas
-Ordentliches zu essen geben.«
-
-»Einen fetten Braten,« sagte Frechdachs und sah dabei den Doktor an, der
-in der Tat sehr fett war.
-
-Als sie in die Nähe des Waldes kamen, wo der Riese wohnte, wurde es dem
-Doktor unheimlich zumute.
-
-»Das ist ja der wilde Wald, wo der Menschenfresser haust,« rief er;
-»bist du wahnsinnig, daß du mich dorthin führst?«
-
-»Wieso denn,« sagte Frechdachs, »es ist ja der =Menschenfresser=, dem Sie
-etwas eingeben sollen, weil er Bauchweh hat.«
-
-»Um Gottes willen,« schrie der Doktor, »was soll ich denn dem Riesen
-eingeben?«
-
-»Sich selber sollen Sie ihm eingeben, denn Sie stecken ja voll von
-Medizin,« sagte Frechdachs.
-
-»Nein, nein, nein, das will ich nicht,« rief der Doktor; »ich muß zu
-einer alten Frau, die im Sterben liegt. Umkehren, Kutscher, umkehren!«
-
-»Das hättest du früher sagen sollen, alter Schuft,« rief Frechdachs,
-schlug dem Doktor den Schädel ein, legte ihn quer vor sich auf den
-Sattel und galoppierte davon, ehe der Kutscher seinem Herrn hätte zu
-Hilfe kommen können.
-
-Auch mit dieser Leistung war Rumbo sehr zufrieden, zumal der Doktor in
-der Tat sehr pikant nach Karbol, Jodoform und anderen Medizinen
-schmeckte.
-
-»Du bist ein verflixter Kerl, Frechdachs,« sagte er, »und verstehst
-Abwechslung in meinen Nachtisch zu bringen. -- Was gibt's denn =nächsten=
-Sonntag?«
-
-»Einen Pfarrer,« antwortete Frechdachs.
-
-»Ah,« schmunzelte Rumbo, »einen Pfarrer! Das ist eine ganz herrliche
-Idee! Such aber einen recht fetten aus, ja?«
-
-»Ich weiß schon einen,« sagte Frechdachs, und dachte an den, der ihm in
-der Christenlehre immer so heftig ins Gewissen geredet hatte, weshalb er
-ihn aufrichtig haßte. Ging also zu ihm und sprach: »Lieber Herr Pfarrer,
-ich soll Euch zu einer Gastmahlzeit bei meinem Herrn, dem reichen
-Gutsbesitzer Jörg Maulvoll, einladen für nächsten Sonntag. Mein Herr
-würde glücklich sein, einen so heiligen Mann nach Verdienst mit den
-herrlichsten Speisen und Weinen zu bewirten.«
-
-Und fügte noch viele grobe Schmeicheleien und Erzählungen hinzu, was für
-schöne und gute Dinge es geben werde.
-
-Der Pfarrer war aber wirklich ein frommer Mann und sprach: »Am Sonntag
-habe ich keine Zeit, viel zu essen und zu trinken, da muß ich meine
-Predigt halten. Komm du in meine Predigt, Bursche, und dein Herr auch,
-das ist =meine= Einladung. Leb wohl!«
-
-'Au weh,' dachte sich Frechdachs, 'bei dem bin ich schief angekommen.
-Wenn die Pfarrer alle so sind, kann sich Rumbo den Mund wischen.'
-
-Es waren aber nicht alle so. Schon beim nächsten glückte es.
-
-»So,« sagte der, »gefüllten Truthahn, eingemachte Hammelnieren,
-Erdbeeren mit Schlagrahm, Apfelsinentorte und Muskatwein? Hm, hm! Und
-Herr Maulvoll ist ein Mann, der einen heiligen Lebenswandel schätzt?
-Gut. Gut. Ich komme. Ich komme gleich mit.«
-
-Während er sich reisefertig machte, kam ein Bote und meldete, daß ein
-armer Taglöhner am Sterben sei und gerne noch mit dem Herrn Pfarrer
-beten wolle.
-
-»Ich habe eine wichtige Abhaltung,« sagte der Pfarrer; »so schnell
-stirbt sich's nicht; er soll bis morgen warten.«
-
-'Du wirst gleich sehen, wie schnell sich's stirbt,' dachte sich
-Frechdachs, half dem dicken Pfarrer in die Kutsche, setzte sich auf den
-Bock und fuhr los. Die Pferde liefen wie der Wind, die Kutsche sprang
-und tanzte nur so über Stock und Stein.
-
-»Nicht so schnell, nicht so schnell,« rief der Pfarrer; »das Essen wird
-mir nicht bekommen, wenn ich so durchgerüttelt werde.«
-
-»Aber mürbe wirst du werden!« rief Frechdachs.
-
-»Mürbe? Wieso? Was heißt das?« keuchte der Pfarrer.
-
-»Das heißt, daß du ein zäher Heuchler bist. Hü! Rappen! Hü! Rumbo hat
-Hunger.«
-
-»O Gott! O Gott! O Gott!« stöhnte der Pfarrer. »Der Teufel sitzt auf dem
-Bocke.«
-
-»Nein, des Teufels Küster sitzt in der Kutsche,« sagte Frechdachs,
-kehrte die Peitsche um und schlug mit dem dicken Ende den schlechten
-Pfarrer tot.
-
-Wie Rumbo diesen dicken Mann sah, lief ihm das Wasser im Munde zusammen,
-und er wollte sich gleich über ihn hermachen.
-
-»Nein, Meister Rumbo, damit wollen wir noch ein bißchen warten,« sagte
-Frechdachs. »Ich habe mir einen herrlichen Spaß ausgedacht. Den Pfarrer
-soll der Teufel verspeisen, Ihr aber den Teufel!«
-
-»Du bist selber des Teufels!« rief Rumbo. »Wo denkst du hin! Der Teufel
-ist stärker als ich.«
-
-»Ja, wenn er keinen Pfarrer im Leibe hat. Von dem da aber kriegt er das
-Bauchgrimmen von wegen der Geweihtheit, und dann werden wir seiner fix
-Herr.«
-
-»Hm. Das läßt sich hören. Wie willst du aber den Teufel herbekommen?«
-
-»Das laßt nur meine Sorge sein!«
-
-Frechdachs, wie ihr wohl schon bemerkt habt, verstand sich auf
-Teufeleien, und so ist es kein Wunder, daß er sich auch auf den
-Charakter des Teufels und seiner Großmutter verstand.
-
-Er ging zu einer Felsenspalte, wo, wie er wußte, der Teufel oft
-herauskam, Kienäpfel zu suchen, die er zur Heizung der Hölle brauchte.
-
-»He,« rief er da, »Herr Baron! Herr Baron!«
-
-»We...we...wer ruft denn da?« meckerte es aus der Felsenspalte. »Mein
-Enkel hat keine Zeit. Er macht sich eine Klaviatur aus Geizhalsknochen.«
-
-»Ah,« rief Frechdachs, »hochwohlgeboren die Frau Teufelin-Großmutter!
-Nein, was für eine schöne Stimme! Sie sollten die Königin der Nacht
-singen! Ich hab' mein Lebtag keinen solchen Sopran gehört.«
-
-Des Teufels Großmutter hatte ein Gefühl, als würde sie mit altem
-Dachsfett eingerieben, so angenehm fuhr ihr diese Schmeichelei über die
-runzelige Haut. Sie erschien sofort in der Spalte.
-
-Jeder andere Mensch würde vor ihrer Häßlichkeit in Ohnmacht gesunken
-sein. -- Ihre Nase war ein Schweinsrüssel; ihr Mund eine grüne gezackte
-Furche, die von Ohr zu Ohr reichte; ihre Ohren aber waren zwei alte,
-feuchte graugelbe Waschlappen. Von Zähnen hatte sie nur zweie, die aber
-standen wie die Hauer einer Wildsau krumm empor, ganz braun, und der
-eine wackelte. Ihre Augen saßen wie Krebsaugen an Stielen und waren gelb
-und fransig wie Pfifferlinge. Anstatt Haaren hatte sie graugrüne
-Tannenflechten, die mit schmutzigem Harz verklebt waren. Zwei gräßliche
-braune, mit gelben Adern überzogene Kröpfe baumelten ihr wie große
-Flaschenkürbisse am Halse. Als Kleidung trug sie lederne Hosen und eine
-Jacke aus demselben Stoffe, beides Stücke der Ausrüstung eines eben in
-der Hölle angekommenen Automobilisten, der als Klecks an einer
-Gartenmauer geendet hatte, nachdem unter seinem Mordwagen zwanzig
-Menschen umgekommen waren. Auch die Lärmtrompete dieses Straßenmörders
-trug sie am Gürtel, und es machte ihr Spaß, zuweilen auf den Gummiball
-zu drücken, daß es nur so tutete.
-
-»Frau Baronin beherrschen auch noch dieses modernste aller
-Musikinstrumente?« rief Frechdachs, den ihre Erscheinung durchaus nicht
-außer Fassung gebracht hatte. »Nein, wie talentvoll Sie sind! Und wie
-Sie aussehen! Wie Sie aussehen! Die ewige Jugend! Wirklich, es ist ein
-Verbrechen, daß Sie sich der Bühne entziehen!«
-
-Des Teufels Großmutter wand sich vor Entzücken, daß alle ihre Knochen
-knackten, und sprach: »Sie haben viel Lebensart, mein Herr, und ich
-hoffe, Sie bald bei uns begrüßen zu können. Aber was wünschen Sie
-eigentlich?«
-
-»Ach,« antwortete Frechdachs, »eine Kleinigkeit. Mein Meister, der
-berühmte Rumbo, möchte eine Menschendörrmaschine anlegen, weil er das
-rohe Fleisch nicht mehr verträgt, und da es dafür keine Installateure
-gibt, möchte er den Herrn Baron, Ihren Enkel, bitten, die Anlage zu
-übernehmen. Über den Preis werden sich der Herr Baron und mein Meister
-schon einigen.«
-
-»Gewiß, gewiß, mein Herr. Mein Enkel arbeitet zwar sonst seit den Zeiten
-der Inquisition nicht mehr außer Hause, mit Ausnahme der
-Automobilbranche, aber er wird mir zuliebe schon eine Ausnahme machen.
-Was krieg' ich denn für meine Fürsprache?«
-
-»Einen Kuß!« sagte Frechdachs, machte ohne Zaudern einen Schritt
-vorwärts und küßte die Alte auf ihre grüne Furche.
-
-Darauf mußte er, wieder zu Hause angekommen, sich zum erstenmal in
-seinem Leben die Zähne putzen.
-
-Ihr könnt euch denken, was für Augen Rumbo machte, als er hörte, daß der
-Teufel selber ihn besuchen wollte. Er war außer sich vor Freuden
-darüber, denn er zweifelte gar nicht mehr daran, daß es ihm gelingen
-werde, den Teufel zu verspeisen.
-
-»Denke dir bloß,« sagte er zu Frechdachs, indem er sich fortwährend die
-wulstigen Lippen mit seiner breiten Zunge ableckte, »ich werde den
-Teufel als Nachtisch genießen, als Pille einnehmen, als Bonbon
-schlucken! Das wird nicht bloß ein großes Vergnügen für mich, sondern
-das erste Verdienst sein, das ich mir um die Menschheit erwerbe. Paß
-auf, sie werden mir in einer schönen Hurrah-Allee neben lauter Kaisern,
-Königen, Herzogen, Prinzen, Generalen und Diplomaten ein zuckerblankes
-Denkmal setzen und darauf schreiben: 'Ihrem großen Wohltäter Rumbo, der
-den Teufel gefressen hat, die hochachtungsvoll dankbare und ganz
-ergebene Menschheit.' -- Ha, und wie er nach Pech und Schwefel schmecken
-und wie heiß sein Blut sein wird! Wahrhaftig, Frechdachs, du bist ein
-Hauptkerl! Komm her, ich muß dir einen Kuß geben!«
-
-»Lieber nicht!« sagte Frechdachs, »es könnte leicht passieren, daß du
-mir vor lauter Zärtlichkeit dabei den Kopf abbissest, und ich habe mir
-sagen lassen, daß das ein unangenehmes Gefühl ist. Wir wollen uns lieber
-darüber einigen, wie hoch du mir den Teufel anrechnest. Denn das ist
-doch wohl klar, daß er mehr gilt als ein Mensch.«
-
-»Das versteht sich,« sagte Rumbo, »alles, was recht ist: Der Teufel muß
-mehr gelten, als ein Mensch. Darüber sind sich die Gelehrten einig.«
-
-»Na, das freut mich, daß du das einsiehst, obwohl du viel dümmer bist
-als lang und breit,« meinte Frechdachs, den seine Erfolge noch
-unverschämter gemacht hatten als er von Natur schon war, »aber nun
-wollen wir mal sehen, ob du dir auch einen Begriff machen kannst, =um wie
-viel= der Teufel mehr gelten muß als der Mensch.«
-
-»Ich glaube,« sagte Rumbo nach einigem Nachdenken, »wir können ihn für
-fünf Menschen rechnen.«
-
-»Warum gerade für fünf?« fragte Frechdachs.
-
-»Wenn fünf Menschen ihren Verstand zusammentun,« antwortete Rumbo, »sind
-sie imstande den Teufel zu betrügen.«
-
-»Das ist richtig,« sagte Frechdachs, »aber der Verstand ist auch des
-Teufels schwächste Seite. Du mußt mehr sagen, Rumbo!«
-
-»Hm,« sann der nach, »hm, warte mal: Sagen wir zehn!«
-
-»Warum zehn?« fragte Frechdachs.
-
-»Wenn zehn Menschen,« antworte Rumbo, »ihre Bosheit zusammentun, ist es
-so viel Bosheit, wie der Teufel allein besitzt.«
-
-»O,« meinte Frechdachs, »da irrst du dich. Wenn es auf die Bosheit
-ankäme, brauchten wir den Teufel nicht höher zu berechnen als einen
-Menschen, denn ein Mensch hat für sich allein mehr Bosheit im Leibe als
-der Teufel und seine Großmutter zusammen. Trotzdem ist aber zehn eine zu
-=niedere= Zahl; du mußt schon noch was drauf legen.«
-
-»Hör mal,« sagte Rumbo, »du bist doch wirklich ein Frechdachs. Du tust
-gerade so, als wenn ich ein kleiner Junge wäre, und ich säße bei dir in
-der Rechenstunde. Sage mir lieber gleich, wie hoch ich dir den Teufel
-anrechnen soll.«
-
-»Du sollst ihn mir,« sagte Frechdachs, »für =hundert= Menschen anrechnen,
-denn der Teufel ist hundertmal =ehrlicher= als ein Mensch.«
-
-»Ich denke, er ist der Vater der Lüge?« meinte Rumbo.
-
-»Das schon,« erwiderte Frechdachs, »aber er leugnet das auch gar nicht.
-Er lügt immer und ewig, nur in einem nicht. Er sagt nicht: 'Ich bin die
-Wahrheit,' wie er auch nicht sagt, 'ich bin die Liebe,' oder: 'ich bin
-die Güte.' Nein, der Teufel ist die Lüge, der Haß, die Bosheit, aber das
-bekennt er auch, während die Menschen sich immer besser stellen, als sie
-sind, und keiner treffgenau das ist, was er scheinen möchte. -- Aber, um
-das zu kapieren, bist du wirklich zu dumm, Rumbo, denn nicht einmal die
-Menschen, die doch im allgemeinen klüger sind, als du, wollen das
-einsehen. Gib dir weiter keine Mühe, das Rechenexempel zu fassen, und
-nimm es einfach für richtig an. So hast du am wenigsten Schererei und
-darfst dabei die angenehme Empfindung haben, an eine große Wahrheit
-wenigstens zu =glauben=, wenn du sie auch nicht begreifst.«
-
-Von diesen Bemerkungen ward es dem Riesen in seinem dürftigen Gehirne
-schwindelig, und er sagte, um nicht weiter denken zu müssen: »Also ja,
-meinetwegen, lassen wir ihn für hundert gelten. --«
-
-Am nächsten Sonntag machte Frechdachs aus dem Pfarrer ein schönes
-Ragout, das er, da er den Geschmack des Teufels kannte, sehr stark
-pfefferte. Rumbo aß nichts davon, weil er sich den Geschmack nicht
-verderben wollte, denn, sagte er sich, ein schlechter Pfarrer ist zwar
-ein Teufelsbraten, aber der Teufel selber ist doch noch eine größere
-Delikatesse.
-
-Punkt zwölf Uhr kam der Teufel in einem feuerroten Automobil angefahren,
-das aber nicht mit Benzin betrieben wurde, sondern mit der Speiwut
-verleumderischer Menschen, deren Seelen im Kraftbehälter eingesperrt
-waren und einander gegenseitig zum Explodieren brachten. Infolgedessen
-lief das Automobil in der Stunde tausend Kilometer, doch stank es dafür
-auch noch hundertmal mehr als ein gewöhnlicher Motorwagen. Es hatte vorn
-eine große und etwas weiter hinten an der Seite zwei etwas kleinere
-Laternen. Die vordere brannte so entsetzlich stechend grün und grell,
-daß alle Blumen, die ihr Schein traf, verwelkten. Es war nicht Azetylen,
-was darin leuchtete, sondern der Neid. Die rechte Seitenlaterne hatte
-ein rotes zuckendes Licht, das eine große fressende Hitze ausstrahlte.
-Es war der Haß, der in ihr brannte. Die linke Seitenlaterne gab ein
-fahles, blaues, kaltes Licht, in dem alles tot, erbärmlich, winzig
-aussah. Dieses Licht war die Verkleinerungssucht. -- Als Bremsleder
-hatte der Teufel unzählige übereinandergepreßte Häute von solchen
-Menschen verwendet, die, auf kein anderes Recht fußend, als das der
-Majorität der herrschsüchtigen Dummköpfe, Zeit ihres Lebens mit Erfolg
-bestrebt gewesen waren, die Arbeit heller und heiterer Köpfe zu stören.
-Diese Bremsleder funktionierten mit unfehlbarer Sicherheit; doch hatten
-sie einen Nachteil: sie schnurrten und brummten entsetzlich, wenn sie in
-Tätigkeit waren. -- Luftschläuche verwandte der Teufel an den Rädern
-seines Automobiles nicht. Er hatte sich aus den Gehirnen von Höflingen
-und Demagogen eine Masse konstruiert, die so elastisch und nachgiebig
-war, daß sie jeden Stoß aufhob. -- Die Laufmäntel aber waren aus einer
-Paste geknetet, die im wesentlichen aus dem Rückenmark von Menschen
-bestand, die während ihres Lebens keine höhere Wollust gekannt hatten,
-als sich aus trotzigem Eigensinn beharrlich gegen jede bessere Einsicht
-zu sperren. Es war eine überaus zähe Paste, mit der man ruhig über
-Granitsplitter fahren konnte. -- Als Polster auf den Sitzen seines
-Laufwagens verwandte der Teufel Luftkissen, die aber nicht mit
-gewöhnlicher Luft, sondern mit dem blauen Dunste utopistischer Ideen
-gefüllt waren. Besonders bequem saß sich auf dem einen Kissen, das der
-Teufel das Egalité-Kissen nannte.
-
-Der höllische Baron sah in seinem Chauffeurkostüm sehr schick, also sehr
-scheußlich aus. Er trug, das Fell nach außen, einen zottigen, rostroten
-Gorillapelz als Joppe und schwarze Bockslederhosen, die unten von
-Elchledergamaschen umschnürt waren. Seine Fahrbrille hatte natürlich
-rote Gläser, und in seiner Mütze waren zwei Löcher für die Hörner
-angebracht, welche sich für das Automobilfahren als besonders praktisch
-erwiesen, weil sie ein Sturmband ersetzten. Statt der Hubbe benützte der
-Herr Baron von Pechheim auf Schwefelhausen eine der Posaunen des
-jüngsten Gerichtes, die bei ihm in Versatz gegeben sind bis zu dem
-Augenblick, wo man ihrer benötigt.
-
-»All Unheil!« rief der Teufel, als er angekommen war, »da bin ich! Ich
-komme direkt aus der Mandschurei, wo ich jetzt los bin. Viel Zeit habe
-ich nicht; da oben gibt's jetzt alle Hände voll für mich zu tun. -- Aber
-zuerst was zu essen, wenn ich bitten darf; dann will ich gleich den
-Menschendörrapparat aufstellen. Übrigens haben die Menschen schon selber
-genug solcher Apparate konstruiert, in Fabriken, Bureaus, Schulen und so
-fort, aber ich sehe ein, Sie brauchen einen, der schneller arbeitet. --
-Also schnell, schnell, einen Happen-Pappen!«
-
-Frechdachs rannte in die Küche und trug, die Serviette unterm Arm, das
-klerikale Ragout auf.
-
-»Was ist das, wenn ich fragen darf?« sagte der Teufel.
-
-»Ein kleines _Ragout fin aux fines herbes pastorales_ als Vorspeise,«
-antwortete, die Schüssel präsentierend, Frechdachs, während Rumbo, auf
-dem Bauche liegend, den Teufel so mit seinen Blicken verschlang, als
-genösse er ihn in der Phantasie bereits leibhaft.
-
-Die ganze Szene war von Frechdachs so arrangiert, daß Rumbo in der Tat
-bloß zuzuschnappen brauchte, -- wohlgemerkt, wenn der Teufel vorher
-gefesselt war, und zwar =kreuz=weis, denn so lange der Teufel nicht das
-Zeichen des Kreuzes in fester Verknüpfung von hanfenen Seilen an sich
-spürt, ist er von niemand zu fassen und zu fangen. 'Ihn kreuzweise zu
-fesseln,' dachte sich Frechdachs aber, 'wird nicht weiter schwer sein,
-wenn erst das Magenweh nach genossenem _filet de curé_ eingetreten ist.
-Der Teufel wird sich an den Leib fassen, sobald ihm von dem geweihten
-Fleische übel wird, und in diesem Augenblick der Schwäche werde ich ihm
-kreuzweise die Schlinge über Hände und Bauch werfen. Und dann, hurra!
-hinein mit dem Schwefelfritzen in den offenen Rumborachen.' (Denn die
-Tafel stand direkt vor dem Maule Rumbos, mit der angenehmsten Aussicht
-auf das Dolomitenpanorama der Zähne des Riesen.)
-
-Man sieht, alles fußte auf der Voraussetzung, daß den Teufel, da er ja
-kirchlich Geweihtes durchaus nicht vertragen kann, vom Fleische des
-Pfarrers Übligkeit und Schwäche anwandeln werde. (Ist es ja doch
-bekannt, daß allein der Wind, der durch das Umblättern eines Meßbuches
-entsteht, ihn tausend Meilen weit wegzutreiben vermag, und wenn er sich
-gleich in einen zwei Zentner schweren Viehhändler verwandelt hätte!)
-
-Indessen: Frechdachs hatte eines vergessen: daß nämlich der von ihm
-erschlagene Pfarrer ein ganz gottloser und schlechter Pfarrer war, bei
-dem die Weihe lediglich am priesterlichen Gewande, nicht aber an der
-Person haftete. So kam es, daß der Teufel das Ragout bis auf den letzten
-Rest verspeiste, ohne das mindeste Bauchweh zu verspüren. Wischte sich
-mit Behagen den Mund und sprach: »Gut gewesen, das Ragoutchen; ein
-bißchen weichlich zwar und mit einem ganz leisen, etwas widerlichen
-Geschmacke wie Weihrauch, aber sonst: mein Kompliment! Nun, bitte, die
-nächste Platte!«
-
-Frechdachs stand fassungslos hinter des Teufels Stuhle, das Seil, zum
-Wurf bereit, in der Hand, und stammelte: »Gleich, Herr, gleich ...
-ich ...«
-
-»So wirf doch,« brüllte Rumbo, »wirf doch! Ich halt's nicht mehr aus.«
-Und er klappte seine Kiefer zu, daß es nur so krachte; riß sie aber
-gleich wieder auseinander in höchster Freßbegierde.
-
-'Holla!' dachte sich der Teufel, 'da ist was los!' drehte sich um, sah
-Frechdachs hinter sich mit dem Seil stehen, und lachte: »Gucke mal an!
-Das Bürschchen da wollte den Teufel fangen. Respekt! Und das große Maul
-da wollte ihn vermutlich fressen? Ausgezeichnete Idee! Ihr zweie gefallt
-mir. Ihr sollt der Ehre gewürdigt sein, auf eine noch nie dagewesene
-Manier von mir geholt zu werden. -- Na? Ihr bettelt ja gar nicht?«
-
-»Wenn es einige Aussicht auf Erfolg hätte, würde ich es gewiß tun,«
-sagte Frechdachs, der schon wieder seine Fassung gewonnen hatte. »Aber
-so weit bin ich denn doch in die Geheimnisse der Dämonologie
-vorgedrungen, daß ich weiß: Betteln hilft nicht bei Seiner höllischen
-Majestät; es macht ihm zwar Vergnügen, es anzuhören, aber er steckt
-einen doch in seinen Wurstkessel. Bitte sich zu bedienen! Ich stehe dem
-Herrn Baron zur Verfügung. Bin neugierig, auf was für eine neumodische
-Manier er mich holen wird.«
-
-Diese Frechheit imponierte dem Teufel.
-
-»Du gefällst mir, Halunke!« sprach er. »Deine Seele ist so ausgepicht,
-daß es mir schwer fallen dürfte, dir höllische Überraschungen zu
-bereiten. Du hast ganz das Zeug dazu, ein Dienstteufel zu werden. Ich
-mache dich zu meinem Leibchauffeur. Einige Unbequemlichkeiten sind mit
-dem Amte ja immerhin verbunden, denn mein Verfluchter-Seelenmotor hat
-manchmal seine Mucken, und du wirst beim Umdrehen oft genug Gelegenheit
-haben, zu bereuen, daß du dich bei Lebzeiten zu schlecht aufgeführt
-hast, als daß du nach dem Tode der bequemen Ehre hättest gewürdigt
-werden können, als Tugendtenor in der himmlischen Vokalmusik
-mitzuwirken.« -- Damit gab er Frechdachs einen Tritt in die Magengegend.
-Frechdachs stöhnte: »Verdammt nochmal!« und war tot. Der Umstand, daß er
-nicht oben, sondern unten die Probe auf das Exempel der Unsterblichkeit
-machen sollte, äußerte sich darin, daß seine Seele ihren Ausweg nicht
-durch ein oberes, sondern durch ein unteres Körperventil suchte und
-fand, und daß sie dem entsprechend nicht nach Lilien duftete, wie es der
-Fall beim letzten Entweichen tugendhafter Seelen ist. Der Teufel machte
-eine Bewegung, als finge er eine Fliege in der Luft, und da hatte er die
-Frechdachsische Seele auch schon. Statt sie aber in sein Portemonnaie zu
-stecken, wie er sonst zu tun pflegte, rieb er die Leiche des
-verschiedenen Frechdachs in der Nabelgegend damit ein, worauf dort wie
-in blauer Tätowierung das Monogramm des Teufels (er benutzt neuerdings
-eines in van de Veldescher Unleserlichkeit) erschien und Frechdachs als
-Dienstteufel zu einem neuen Leben erwachte. Es war ihm in den paar
-Minuten auch schon ein niedliches Hörnerpaar aus der Stirnwand
-gesprossen, was sich gar nicht übel ausnahm, und hinten wackelte
-dienstbeflissen schmeichlerisch ein kleines, recht artiges Schwänzchen,
-das den Hosenboden offenbar ohne viel Mühe perforiert hatte. In einem
-Dialekte, der wie englisch ausgesprochenes Latein klang, aber das
-Höllenvolapük war, sprach er: »Befehlen Eure Satanität, daß ich den
-Motor andrehe?«
-
-»Ja, tu das, mein Sohn,« antwortete der Teufel durchaus freundlich,
-»aber erst sag mir mal: Was ist denn mit diesem Rumbo los, daß er immer
-noch mit offenem Maule daliegt? Hat er etwa =auch= keine Angst?«
-
-»Aber Meister!« sprach Frechdachs, »seid Ihr wirklich ein so schlechter
-Psychologe? Ihr solltet Euch auf Seelen doch von Berufs wegen verstehen.
-So dumme Kerle haben natürlich =nie= Angst. Die Stupidität ist durch
-passive Courage vor allen anderen Lebewesen ausgezeichnet.«
-
-»Bei meinem Schwanz! Das hatt' ich ganz vergessen,« sagte der Teufel.
-»Und es ist doch, weißderhole, eine Wahrheit von vielen Karaten.
-Indessen soll dieser Held der Dämligkeit einmal keinen Orden kriegen für
-seinen heroischen Mangel an Einsicht, sondern in seinem letzten
-Stündchen doch noch lernen, daß Kreaturen nicht zum Vergnügen auf der
-Welt sind. Wir wollen in seinem Rachen ein bißchen Automobil fahren.«
-
-Rumbo hatte in der Tat durchaus nicht begriffen, was los war. Die
-Einbildung, daß er dazu auserlesen sei, den Teufel als Pille
-einzunehmen, hatte so fest von ihm Besitz ergriffen, daß ein anderer
-Gedanke jetzt unter keinen Umständen bei ihm Eingang finden wollte. Er
-lag also noch immer auf dem Bauche, das Maul weit aufgerissen, die Zunge
-lechzend lang heraushangend.
-
-Diesen Umstand machte sich der Teufel zunutze.
-
-»Jetzt paß auf,« sagte er zu Frechdachs, der den Motor nach
-dreitausendsechshundertundfünfundachtzig Kurbelumdrehungen endlich zum
-Laufen gebracht hatte (wobei auch sein Schweiß, sowie sein Zungenwerk
-ins Laufen geriet, denn er triefte und fluchte dabei erklecklich) »jetzt
-paß auf: Du sollst gleich das erstemal ein kleines Meisterstückchen im
-Fahren leisten dürfen. Du siehst diese von zu vegetarischer Kost etwas
-belegte und infolge von Appetitsphantasmagorien reichliche Feuchtigkeit
-absondernde Zunge des gewaltigen Hohlkopfes aus dem Rumbonischen Maule
-gleich einer Zugbrücke auf das Erdreich niederhangen. Diese glitschige,
-aber sonst keineswegs glatte, vielmehr von unzähligen Furchen
-durchzogene Brücke müssen wir hinauffahren. Es ist keine kleine Sache,
-Frechdachs, denn die Steigung ist beträchtlich; und sie wird, weil das
-Terrain, wie ich schon bemerkte, feucht und uneben ist, doppelt schwer
-zu nehmen sein. Es wird sich nur mit der kleinsten Geschwindigkeit
-machen lassen, und du darfst ja nicht vergessen, beide Rücklaufstreben
-hinunter zu tun, sonst rutschen wir womöglich rückwärts, und das wäre,
-Gott verdamme mich noch einmal, nicht bloß gefährlich, sondern auch
-blamabel.«
-
-»Machen wir!« rief Frechdachs, trat den Gehhebel nieder, und
-töff -- töff, sauste die Explosionskarre los, scharf auf die
-Zungenspitze Rumbos zu. --
-
-'Ah! Ich soll alle =zweie= haben?' dachte sich der und bekam vor
-unaussprechlicher Wollust butterig glänzende und gleich riesigen
-Kirschen heraustretende Augen.
-
-Indessen fuhr des Teufels Laufwagen unter angestrengtem Gekeuche des
-Motors, dem in der Tat ein bißchen =sehr= viel zugemutet wurde, die Zunge
-hinauf, daß der Speichelsaft des Riesen rechts und links nur so
-wegspritzte. Frechdachs hatte alle Hände und Füße voll zu tun, da er
-bald einer Furche auszuweichen, bald ein Ausglitschen zu parieren, bald
-eine andere Geschwindigkeit einzuschalten hatte, aber es ging ganz
-gut, -- bis zu dem Augenblick, wo sie schon ganz nahe am Zäpfchen Rumbos
-waren, das gleich einem umgekehrten Kirchturm herabhing und den Eingang
-zum Schlund versperre. Dort aber war der Motor am Ende seiner Kräfte
-angelangt. Er hustete, rasselte, rumpelte noch, vermochte jedoch den
-Wagen weder weiter zu ziehen, noch auch nur auf der erreichten Höhe
-festzuhalten. Kein Zweifel, daß das höllische Automobil sofort
-zurückgerutscht wäre, wenn sich jetzt nicht die beiden riesigen eisernen
-Rücklaufstreben mit ihren ankerscharfen Widerhaken tief ins
-Zungenfleisch des Riesen gebohrt hätten, der seinerseits bisher nur
-deshalb nicht zugeschnappt hatte, weil er felsenfest glaubte, das
-Automobil werde von selbst seine Insassen in seinem Magen abladen. Wie
-er aber die beiden eisernen Haken in seiner Zunge spürte, brüllte er
-tobend auf: »Das kratzt ja!« und schnappte in sinnloser Wut zu.
-
-Darauf hatte der Teufel nur gewartet. In diesem Augenblick suggerierte
-er den im Bassin befindlichen Neider- und Verleumder-Seelen, sämtliche
-Parlamente der Welt hätten beschlossen, die Unanständigkeit der üblen
-Nachrede mit Prügelstrafe zu belegen, und brachte sie dadurch in eine
-solche Wut, daß sie, einander überrasend, eine Gesamtexplosion aller
-Niedertrachtsgase erzeugten. Diesem Knalleffekte war auch das Interieur
-und die knochige Umwandung des Rumbomaules nicht gewachsen: Es platzte.
-Gleichzeitig fuhren sämtliche schuftige Seelen in den Magen des Riesen
-und erfüllten ihn so mit Gift und Stank, daß auch er entzweiging.
--- Rumbo war tot.
-
-Seinem linken Nasenloche entstieg der Teufel, dem rechten Frechdachs.
-Sie waren über und über voll von Ruß und fanden, daß das ihnen sehr gut
-stünde.
-
-'Schade, daß das Automobilchen mit hin ist,' meinte der Teufel, 'aber
-ein guter Spaß ist's doch gewesen. Ich werde mir jetzt eins mit einem
-Konfessionszankmotor made in Germany konstruieren. Der wird noch
-rasender gehen. -- Fürs erste wollen wir jetzt nur noch schnell die
-Seele des großen Lümmels fangen. Da bei ihm alles langsam vonstatten
-gegangen ist, wird sie eine gute Weile zum Entweichen brauchen.'
-
-Es dauerte auch noch richtig eine Viertelstunde, bis sich aus der Gegend
-von Rumbos Hinterquartier eine Art gelben Staubdunstes erhob, wie von
-einem zertretenen Bovist.
-
-Der Teufel fing das Zeug in die hohle Hand, betrachtete es aufmerksam,
-roch daran und sprach: »Zu schlecht für meine Domäne.« Dann blies er es
-von seiner Hand weg mit den Worten: »Nichts als Dummheit, Gefräßigkeit
-und blöder Dünkel, aber guter Kunstdünger für künftige Ernten an Bosheit
-und Niedertracht. Sie sind mir sicher.«
-
-Der gelbe Dunst flog nach allen vier Windrichtungen auseinander.
-
-
-
-
- Der mutige Revierförster
-
-
-König Leberecht, der schon in vorgerückten Jahren befindliche, aber
-immer noch recht rüstige Beherrscher eines angenehm im Gebiete der
-mittleren Zone gelegenen Landes, liebte es, die Büchse im Arm, auf hohe
-Berge zu steigen und dort all das Wild zu erlegen, das man mit viel Mühe
-und Kunst in die unmittelbare Nähe seines Feuerrohres brachte.
-
-Auf diesen Jagdzügen begleitete ihn, der gerne Menschen um sich hatte,
-weil er wohl wußte, daß es für Fürsten nicht gut ist, allein zu sein,
-nicht nur eine Schar bevorzugter Männer des Hof- und Staatsdienstes,
-sondern auch eine wohlausgewählte Mustergarnitur solcher Leute, die sich
-durch sachgemäße Überdeckung größerer Leinwandflächen mit Farbe oder
-durch andere Hantierungen von gewissermaßen künstlerischem Charakter in
-der Leute Mund gebracht und überdies durch die Annahme des Titels von
-Professoren bewiesen hatten, daß sie, obwohl keiner ernsthaften
-Beschäftigung obliegend, doch Sinn für das bürgerlich Reputierliche
-besaßen. Es war, und dessen war sich ein jeder in des Königs Jagdgefolge
-wohl bewußt, eine große Ehre, mit Seiner Majestät durch die Felder und
-die Auen zu streifen, sowie auf schmalen Pfaden die erhabenen Gipfel der
-Bergwelt zu erklimmen, die wie wenig anderes dazu angetan erscheint, dem
-Menschen einen Begriff davon zu geben, wie großartig die Welt ist.
-Indessen, wie die meisten Ehren, so war auch diese mit Anstrengungen und
-Unbequemlichkeiten verbunden. Schon das Klettern allein erschien den
-älteren Ministern, vortragenden Räten, Kammerherren und Kunstprofessoren
-als eine im Grunde nicht ganz erfreuliche Muskelübung.
-
-Denn, abgesehen davon, daß der königliche Bergsteiger schon an und für
-sich in seiner Eigenschaft als Fürst jenen elastischen und lebhaften
-Gang hatte, von dem wir immer in den Zeitungen lesen, wenn von einem in
-Bewegung befindlichen Landesvater die Rede ist, war König Leberecht auch
-noch besonders auf diesen Sport trainiert, da er Zeit seines Lebens die
-meisten freien Stunden, die ihm die Regierungsgeschäfte ließen,
-hauptsächlich dazu verwandt hatte, sich in der ebenso gesunden wie
-vornehmen Kunst des Kletterns auszubilden. Er wäre, wenn ihm die
-Schicksalsgöttinnen statt einer Krone einen Gamsbarthut und statt des
-Zepters einen Bergstock in die Wiege gelegt hätten, zweifellos ein
-ebenso vortrefflicher Bergführer geworden, wie er nun in Wirklichkeit
-ein scharmanter König geworden war.
-
-Aber die böse Notwendigkeit, mit den untrainierten Beinen des Untertanen
-den trainierten Beinen des Souveräns in gleichem Schritt und Tritt zu
-folgen, war noch nicht einmal die fatalste Begleiterscheinung jener
-ehrenvollen Jagdpartien. Das Unangenehmste waren die kalten Bäder, die
-die höchst badelustige Majestät auf luftigster Höhe im schneekühlen
-Gewässer munterer Gebirgsbäche zu nehmen liebte, und von denen sich
-keiner ihrer Begleiter ausschließen konnte, da sich der Wasserscheue
-sonst dem Verdachte ausgesetzt hätte, daß er nicht unter allen Umständen
-gesonnen sei, seinem höchsten Herrn überallhin zu folgen.
-
-Wie viele ministerielle, geheimrätliche, kammerherrliche,
-kunstprofessorale Schnupfen die Erfüllung dieser harten
-Untertanenpflicht im Laufe der Jahre zur Folge hatte, darüber besteht
-keine Statistik, doch darf ruhig angenommen werden, daß ihrer viele und
-die meisten davon hartnäckiger Natur waren. Denn nicht jeder verträgt
-zehn Grad Reaumur im Wasser. Die Loyalität ist willig, aber das Fleisch
-ist schwach.
-
-Nach einem solchen Bade in der Höhe von 1500 Metern bei entsprechender
-Wassertemperatur begab es sich nun einmal, daß der König, dem von der
-genossenen Wasserkühle selber die Finger etwas klamm geworden waren,
-seine Toilette (mit gebotener Delikatesse zu sprechen) nicht ganz zu
-Ende führte. Anfangs bemerkte niemand diesen Umstand, da ein jeder nur
-von dem einen Wunsche beseelt war, die eigene gesunkene Blutwärme durch
-allseitig luftdichten Verschluß der Kleider wieder in die Höhe zu
-bringen. Als sich aber später die königliche Jagdgesellschaft auf einem
-angenehmen Wiesenplane zur Rast niedergelassen hatte, nahm man den
-kleinen, aber durch seine Örtlichkeit fatal auffälligen Mangel wahr.
-
-Nun ist eine solche Wahrnehmung selbst unter gewöhnlichen Menschen, wenn
-der eine nicht gerade die Frau des anderen ist, mit einer gewissen
-Peinlichkeit verbunden. Denn es handelt sich hier, wenn man der Sache
-auf den Grund geht, um einen Umstand, der geeignet ist, das sittliche
-Gefühl zu verletzen, um einen _dolus eventualis_ auf dem besonders heiklen
-Gebiete der Erbsünde sozusagen. Indessen, schließlich gibt sich doch
-immer einer den gewissen Ruck, nimmt den Betreffenden (in den meisten
-Fällen ist es ein alter Professor oder ein Dichter) beiseite und
-flüstert (wenn er das Wort »geradezu« im Wappen führt): 'Sie, Ihr
-Hosentürl ist offen,' oder (wenn er delikater ist) mit einem schnellen
-orientierenden Blicke: 'Es ist etwas bei Ihnen nicht in Ordnung.' Ja, es
-gibt sogar Leute, die selbst bei so peinlichen Gelegenheiten zu frivolen
-Scherzen aufgelegt sind und etwa die Bemerkung machen: 'Sie, verlier'n
-S' sei' nix!'
-
-Kann man aber so etwas einem Fürsten, einem Könige sagen? Nein: Man kann
-=nicht=! Der höfische Stil versagt hier vollkommen. Es gibt durchaus
-keine Redewendung in der Phraseologie des Umganges mit Majestäten, die
-es ermöglichte, derlei vor ein allerhöchstes Ohr zu bringen, als über
-welchem bei feierlichen Anlässen nur durch ein paar Zentimeter getrennt
-eine Krone zu sitzen kommt. Nicht einmal der mit allen Essenzen
-höfischer Eleganz und Wortbiegungskunst gewaschene Zeremonienmeister
-Baron von Belodeur, der doch eine anerkannte Autorität auf dem Gebiete
-höfischer Linguistik ist, und von dem man hoffte, er werde die
-schwierige Mission übernehmen und so seinem dichten Lorbeerkranze als
-königlicher Hausdiplomat ein neues leuchtendes Blatt einverleiben,
-erklärte, dies überschreite seine Fähigkeiten, dieser Fall sei von einer
-Heikligkeit, daß man seine Lösung nicht einer Menschenzunge, sondern der
-Vorsehung selber überlassen müsse, die übrigens, so fügte er mit
-anmutiger Zuversicht hinzu, noch immer bewiesen habe, daß sie über das
-königliche Haus mit besonderer Aufmerksamkeit wache. Sohin (er liebte
-dieses kuriale Wort) werde ihr auch dieser Umstand nicht entgehen, und
-sie werde zweifellos Mittel und Wege finden, ihn zu beheben, ohne daß
-sich ein schwacher Mensch den Mund zu verbrennen brauche.
-
--- »Das ist alles sehr schön und sehr gut, und ich bin schon von
-Ressorts wegen der letzte, der an der Vorsehung zu zweifeln wagt,«
-bemerkte der Kultusminister, dem es trotz eines kaum überstandenen
-Schüttelfrostes jetzt sehr heiß zumute wurde, »aber sie müßte =äußerst=
-schnell eingreifen. Bedenken Sie, lieber Baron, daß uns am Fuße dieses
-Berges eine Deputation der ländlichen Bevölkerung erwartet, darunter
-vier weißgekleidete Jungfrauen, von denen die jüngste ein
-Huldigungsgedicht auswendig gelernt hat. Ich wette meinen Kopf, daß die
-Jungfrau aus dem Konzept kommt, wenn ihr Blick zufällig auf die
-derangierte Gegend fällt, und diese infamen Bauernlackel werden dem
-höchsten Herrn sämtlich, ich sage Ihnen: =sämtlich= nicht ins =Gesicht=
-sehen, sondern -- ebendorthin. Mein Gott, mein Gott: Die Situation ist
-von einer märchenhaften Scheußlichkeit. Wir können uns, so gern wir
-sonst dazu bereit sind, hier nicht auf höhere Mächte verlassen; wir
-müssen =selber= handeln. Wozu sind Sie denn Zeremonienmeister, wenn Sie
-sofort versagen, wo es einmal gilt, die durch einen tückischen Zufall
-bedrohte Würde des Königtums zu retten! _Hic Rhodus! Hic salta!_ Walten
-Sie Ihres Amtes!«
-
-Der Zeremonienmeister, der es bisher immer zu vermeiden gewußt hatte, in
-Anwesenheit des Königs Schweiß abzusondern, war nicht imstande, die
-plebejische Feuchtigkeit zurückzudrängen, die ihm angesichts dieser
-grauenerregenden Perspektive auf die Stirne trat. Er fühlte die ganze
-furchtbare Verantwortung, die ihm diese entsetzliche Situation
-aufbürdete. Er sah das Ansehen des Hofes in Gefahr, die Regierung
-wanken, den Staat konvulsivischen Zuckungen preisgegeben. Vor seinem
-inneren Auge jagten sich Feuer, Pulverdampf und blutigrote Wogen der
-Rebellion. Vor allem aber bebte sein ganzes Gemüt und schoß molkig
-zusammen wie Milch, wenn's wittert, bei dem Gedanken, daß seine Stellung
-auf dem Spiele stand. Denn in der Tat, dieser Toilettenmangel gehörte in
-=sein= Ressort, da kein Kammerdiener zugegen war.
-
-Sollte er vielleicht doch?... Sollte er nicht doch vielleicht mit dem
-Anstand, den er hatte, diskret sich in den Hüften wiegend, an den König
-heran treten und mit delikatem Augenniederschlag lispeln: 'Majestät
-haben allerhöchst geruht, zu vergessen, sich die ...'
-
-Aber bei allen Heiligen und Nothelfern, das =geht= ja doch nicht! Niemals
-noch, so lange es Zeremonienmeister gibt, haben Zeremonienmeisterlippen
-derartiges zu einem König zu sagen sich erkühnt.
-
-In seiner fassungslosen Verwirrung überfiel ihn die phantastische Idee,
-zu den Mitteln der Mimik zu greifen und, sich dicht vor Seine Majestät
-postierend, an sich selbst, gewissermaßen wie an einem Lehrphantom,
-=scheinbar= die Handlung vorzunehmen, die der König an seiner Kleidung
-tatsächlich unterlassen hatte.
-
-Aber das war ja grotesk, skurril, Wahnsinn! Ebenso hätte er direkt
-hingehen und, an das respektive Kleidungsstück der allerhöchsten Person
-Hand anlegend, den Mangel _brevi manu_ reparieren können, -- eine
-Vorstellung, bei der er fast in Tränen der Verzweiflung ausgebrochen
-wäre.
-
-Aber Verzweiflung ist ein zu gelindes Wort, um auszudrücken, in welchem
-Zustande sich das zeremonienmeisterliche Gemüt befand. Er war der
-Auflösung nahe. Schon konnte er kaum mehr seine Augen regieren, die
-immer nur den einen, sich zu einem ungeheuren Schlund und Abgrund
-klaffend erweiternden Punkt suchten, der die schauderhafte Quelle dieser
-unsäglich grausamen Prüfung für ihn war. Gewaltsam mußte er seine Blicke
-von dort wegwenden, um sie ziellos im Kreise herumirren zu lassen. --
-
-Ob denn nicht doch irgendeiner der Anwesenden es wagen würde?
-
-An die Staats- und Hoffunktionäre sich zu wenden, war ganz aussichtslos,
-das fühlte er mit der Gewißheit des Erfahrenen. Aber vielleicht einer
-dieser Kunstprofessoren?! Unter ihnen, die ja auch sonst zu seinem
-Entsetzen oft genug gegen den höfischen Ton verstießen, mußte doch einer
-zu finden sein, der, wenn man ihm einen Orden oder einen Auftrag oder
-schließlich den persönlichen Adel versprach, das unerhörte, kaum
-auszudenkende Wagstück unternahm.
-
-Er zog jeden einzelnen beiseite, bat, flehte, rang die Hände, versprach
-schließlich den gebührenfreien Freiherrntitel und die Erblichkeit der
-Professur in der Familie, eingeschlossen die weibliche Nachkommenschaft,
--- nichts half. Alle erklärten, lieber täglich eine Literflasche
-Mastixfirnis auf das Wohl des erhabenen Landesherrn leeren zu wollen.
-
-Der Zeremonienmeister hatte das absolut sichere Gefühl, daß der jüngste
-Tag herangebrochen sei; in seinen Ohren dröhnten deutlich die Posaunen.
-Da fiel sein Blick auf den Revierförster Meier, der hinter einem Baum
-saß und mit Mißmut konstatierte, daß sein Enzianschnaps zu Ende war.
-
-Ein letzter Hoffnungsstrahl flackerte, aber nur ganz schwach, im
-Ingenium des halbtoten Hofmanns auf. Der Meister des höfischen Parketts
-trat zum Meister des gebirgigen Forstes und entwickelte ihm, indem er
-sich bemühte, durch leise Dialektfärbung seiner Sprechweise etwas
-Volkstümliches zu verleihen, den ganzen Komplex der verhängnisvollen
-Verlegenheit, hinzufügend, daß er, der biedere Mann aus dem Volke,
-allein befähigt und berufen sei, den Hof, die Regierung, den Staat zu
-retten, indem er den König auf jenen Punkt aufmerksam machte, auf jenen
-Punkt ...
-
-»Das Hosentürl? Wenn's weiter nix is?!« meinte Meier.
-
-»Aber Sie dürfen natürlich nicht so geradezu, lieber Meier,« flüsterte
-der Zeremonienmeister, dem doch etwas bange wurde bei dieser schnellen
-Entschlossenheit des offenbar ganz ungeleckten Bären ... »Sie müssen
-durch die Blume gewissermaßen ... von hinten herum sozusagen ...
-abstrakt ...« Er fand durchaus nicht die populären Akzente. Das lag zu
-weit weg von seinem Ressort.
-
-»Versteh schon! Natürlich! Ich kenn' mich aus. Von der Schleichseite
-heranpürschen muß ich mich. Nicht gleich mit dem Hosentürl ins Haus
-fallen. Beileib! Beileib! Fein andrehn muß man so was. So, in =der= Art,
-daß der König meinen könnt', es wär' einem andern sein Hosentürl!...
-Schwer is schon. Aber ich hab' schon andere Füchse gefangen.«
-
-Nach diesen Worten überzeugte sich der Revierförster nochmals, daß
-seine Flasche vollkommen leer war, schob sie resigniert in seinen
-Rucksack und stand mit der Miene eines Mannes auf, der heftig nachdenkt
-und zu allem entschlossen ist.
-
-Der Zeremonienmeister sah ein, daß dieser Mann, wenn nicht vorher der
-Himmel einfiel, binnen zwei Minuten das Unglaubliche zum Ereignis machen
-werde. Ihm ward zumute, als ob plötzlich der feste Boden unter ihm zu
-wanken begänne; eine grauslich hohe Woge hob ihn, senkte ihn und führte
-ihn aufs hohe Meer hinaus, einem ungewissen Schicksal entgegen, das
-irgendwo den Rachen aufsperrte, ihn zu verschlingen. Wie er bemerkte,
-daß der Revierförster sich in Bewegung setzte, fühlte er alle Schrecken
-der Seekrankheit in seinen Eingeweiden. Nur wie durch einen Schleier,
-einen gelbgrauen Nebel sah und hörte er, was sich nun begab.
-
-Der Revierförster Meier ging gerade auf den König zu, sah ihn aus seinen
-katzengrauen Augen zutraulich von unten an, nahm seinen bis ins
-Zeiserlfarbene verschossenen, vor sehr langer Zeit einmal dunkelgrün
-gewesenen Hut ab und -- machte eine Verbeugung. Sodann aber setzte er
-seinen Hut wieder auf und stand stramm.
-
-Mit dem scharfen Blicke, der ihn stets auszeichnete, bemerkte König
-Leberecht, daß dieses durchaus reglementswidrige Gebaren seinen Grund in
-etwas Besonderem haben müsse, und er fragte mit dem huldvollen Tone, der
-das erste ist, was ein jeder richtige König sich anzueignen keine Mühe
-und Übung scheut:
-
-»Na, Meier, was gibt's?«
-
-(In diesem Augenblicke gab es dem Zeremonienmeister einen schmerzlichen
-Ruck, und er sah sich direkt vis-a-vis dem Rachen des Ungeheuers, das
-ihn verschlingen wollte. Sein Herzschlag setzte aus. Ein
-überlebensgroßer Knödel kroch in seiner Speiseröhre in einer unangenehm
-schlickernden Abart des Rollens empor und versetzte ihm auch den Atem.
-Sein letzter Gedanke war der Orden vom heiligen Kajetan, von dem er
-schon lange träumte. Dann: Nacht und Vernichtung.)
-
-Meier aber trat einen Schritt vor und sprach mit der markig festen
-Stimme des deutschen Mannes, der keine Menschenfurcht kennt: »Ich
-möchte bloß die hohen Herrschaften was fragen.«
-
-Alles war starr. Keiner begriff. Auch König Leberecht nicht. Aber sein
-Ton war doch noch immer huldvollst, als er sagte: »Fragen Sie nur zu,
-Meier.«
-
-Und Meier ließ seine Stimme fröhlich erschallen und sprach: »Wie wär's
-denn, meine Herrschaften, wenn wir alle miteinander unsere Hosentürln
-zumachten?«
-
-Eine Reflexbewegung seiner Hände belehrte den König über den Sinn dieser
-rhetorischen Frage. Er richtete, was zu richten war, und lachte dann so
-herzlich laut auf, daß seine Umgebung überzeugt sein konnte, es sei
-durchaus im Sinne der Etikette gehandelt, wenn sie mitlachte. Und da es
-zugleich ein Lachen der Befreiung war, war es ein brausendes,
-dröhnendes, herzerfreuendes Lachen.
-
-Selbst die Spechte, die die hohen Stämme der Fichten bepochten, hielten
-mit Hämmern inne und lachten mit.
-
-Der Zeremonienmeister aber erwachte unter diesem Ensemblesatz des
-Vergnügens zu neuem Leben und fand sogleich, daß es unschicklich sei,
-in der allerhöchsten Nähe zu wiehern, wie unerzogene Rösser. Wäre ihm
-nicht gleichzeitig jener fatale Knödel gottlob zergangen und
-verschwunden, so daß er wieder frei atmen und sich im Vollbesitze seiner
-Kontenanz fühlen konnte, hätte er noch einen schlimmeren Vergleich
-gewählt.
-
-König Leberecht aber sprach, indem er dem Revierförster eine Zigarre
-anbot (die dieser jetzt noch und mit der ausgesprochenen Absicht, daß
-sie bis ans Ende der Tage dort bleiben soll, in seinem Glaskasten
-aufbewahrt): »Meier, Sie sind ein ganzer Kerl. Schade, daß ich Sie nicht
-in der Regierung verwenden kann. -- Ja, meine Herren,« und damit wandte
-er sich zu den übrigen: »das Volk, das Volk!... Es ist eine schöne
-Sache um das Volk!...«
-
-Dann stieg er, langsamer, als es sonst seine Art war, in tiefes Sinnen
-versunken, den Berg hinab, an dessen Fuße ihn ein junges Mädchen in
-weißen, gestärkten Kleidern mit den Worten begrüßte:
-
- Wir jauchzen laut mit Herz und Mund
- In dieser gnadenvollen Stund',
- Wo uns das Glück geschieht,
- Daß seinen König Leberecht
- Das biedre Landvolk, treu und echt,
- In seiner Nähe sieht.
-
- Es steht sein hochberühmter Thron
- Seit mehr als tausend Jahren schon
- In unserer Mitte fest.
- Drum lieben wir ihn auch so sehr,
- Wie wenn er unser Vater wär',
- Der keinen je verläßt.
-
- Er weiß, daß in der Landwirtschaft
- Beruht des Staates stärkste Kraft,
- Drum liebt ihn für und für
- Der schwergeprüfte Bauersmann
- Und hält als treuer Untertan
- Ihm =offen jede Tür=.
-
-Bei diesen Worten stellte sich bei Seiner Majestät eine Ideenassoziation
-ein, die ein Lächeln des königlichen Mundes zur Folge hatte, woraus alle
-anwesenden Gemeindevorstände aufs neue die Überzeugung gewannen, daß
-der hohe Herr nach wie vor den Interessen des Nährstandes seine
-besondere Huld zuwendete.
-
-
-
-
- Patsch und Tirili
-
-
-Als ich Patsch das erste Mal bestieg, erfüllte mich ein Hochgefühl. Das
-ist doch Rasse, sagte ich mir; man spürt die adlige Herkunft und sichere
-Tradition; kein aufdringliches Geräusch, kein saloppes Wackeln; alles
-sitzt fest, hat die richtige Spannung, aber auch die entsprechende
-Federkraft; er gehorcht dem leichtesten Druck mit ebensoviel Folgsamkeit
-wie Intelligenz; was etwa noch fehlt, wird ihm ein bißchen Erziehung
-sicher beizubringen wissen.
-
-Ich hatte damals freilich nur böse Erfahrungen hinter mir. Das klapprige
-Ding, dem ich mich als banger Eleve hatte anvertrauen müssen, war durch
-schlechte Behandlung völlig verdorben und um alle Seele gebracht worden.
-Man hätte es eine Maschine nennen können, wenn es nicht zuweilen doch
-noch Spuren von Charakter gezeigt hätte. Freilich von schlechtem. Es war
-boshaft, heimtückisch, niederträchtig. Im allgemeinen heuchelte es
-Phlegma -- wenn es nicht einfach Faulheit war -- und tat so, wie wenn
-es nichts könnte, als stumpfsinnig seinen Trott gehen, geduldig,
-sanftmütig, schwerfällig, aber verlässig. Doch plötzlich, während man
-sich keiner Überraschung versah, fiel es ihm ein, Mätzchen zu machen.
-Wie von einem bösen Geist besessen, begann es zu rennen, zu rasen und
-hörte mit diesen infamen Tücken nicht eher auf, als bis es mich gegen
-eine der Säulen, die recht überflüssiger Weise in der Radfahrschule
-herumstanden, geworfen hatte. Dann lag es wie ein Bild hilfloser
-Unschuld neben mir, und nur seine Pedale zitterten vor innerem
-Triumphgefühl über den glücklich gelungenen Streich.
-
-Dabei will ich gar nicht davon reden, daß es ein wahres Jammerbild und
-in jeder Hinsicht verkommen war. Ich finde zu seiner Kennzeichnung nur
-das eine Wort: gemein, und man wird es verstehen, wenn ich bekenne, daß
-ich dieses Wesen aus voller Seele gehaßt habe. Es war besserer Gefühle
-ebensowenig würdig wie fähig. Genug von ihm.
-
-Ich sagte schon, daß Patsch mir nach dieser Kreatur, deren Namen ich
-nicht einmal weiß, einen blendenden Eindruck machte. Da er von guter
-Herkunft, Cleveland, Mittelsorte, ist, so kann das nicht weiter in
-Erstaunen versetzen.
-
-Das Jahr 1898 war überdies ein besonders guter Jahrgang für die
-Clevelands. Aber das will im allgemeinen doch nicht viel sagen. Gewiß,
-der Durchschnitt dieser Rasse ist immer gut, trefflich, in einem
-gewissen Sinn tadellos -- aber auch nicht mehr. Die Clevelands sind im
-allgemeinen wie gut gedrillte Soldaten; sie leisten das und das, und
-zwar nicht wenig, was ihnen eben beigebracht worden ist, immer ungefähr
-einer wie der andere ohne viel individuelle Einzelzüge -- es sind
-Amerikaner. Selten, daß ein niederträchtiges Subjekt unter ihnen
-vorkommt, selten aber auch, daß besondere Persönlichkeiten hervorragen.
-Ich halte das natürlich für einen Vorzug der Rasse, aber immerhin, nicht
-wahr, wenn einem gerade ein besonders begabtes Individuum zufällt, so
-ist das nicht unerfreulich.
-
-Nun! Patsch war so ein Individuum. Er war entschieden über den
-Durchschnitt begabt, und ich würde vielleicht überschwenglicher über ihn
-urteilen, wenn ich nicht das unerhörte Glück gehabt hätte, nach ihm
-Tirili zu erwerben.
-
-Ich hätte Patsch nicht aufgegeben, wenn ihm nicht ein Malheur passiert
-wäre, an dem eine Schwäche von ihm schuld war, die ich längst erkannt
-hatte: seine Bremse taugte nicht viel. Es war so eine geistlose, platte
-Druckbremse, an der nichts bewundernswert war, als die Prätension, ein
-laufendes Rad zum Stehen bringen zu wollen. Also gut! Ich fuhr eines
-schönen Tages auf ihm am badischen Ufer des Untersees entlang, und zwar
-war die Situation so: ich kam aus einem Walde heraus, der hochgelegen
-war, und fuhr eine Weile planeben, wie mir schien; in Wahrheit aber fiel
-der Weg bereits ein wenig, was ich aber nicht bemerkte, weil ich eben
-eine Siziliane dichtete, eine Strophe, die italienischer Herkunft ist,
-weshalb sie immer zwei Reime mehr erfordert, als man im Deutschen leicht
-findet. Nun können Sie sich denken, daß man nicht zugleich Reime fangen
-und auf den Weg achtgeben kann, und mir war natürlich der Reim
-wichtiger, als der Weg -- denn es gibt überhaupt nichts Wichtigeres auf
-der Welt als gute Reime. So kam es denn, daß ich, just als ich meinen
-Reim gefunden hatte, die Pedale verlor, weil es plötzlich in einem ganz
-unmöglichen Winkel bergab ging. Ich fühlte deutlich, wie Patsch von
-einem Todesschrecken durchrieselt wurde, als seine Pedale keine Leitung
-mehr fühlten und sich in einem wahnsinnigen Tempo wirbelig drehten, und
-ich selbst hatte auch die deutliche Empfindung, daß ich in wenigen
-Sekunden irgendwo in der Tiefe fragmentarisch anlangen würde. Also
-_ultima ratio_: die Bremse. Lächerliche Illusion! Zwar verbreitete sich
-augenblicks ein penetranter Geruch von heiß gewordenem Kautschuk, aber
-das Tempo der Abfuhr verminderte sich so gut wie nicht. Dafür kam mir
-ein Ochsenfuhrwerk gemächlich, aber sicher entgegen, und ich vermochte
-mir, phantasievoll wie ich nun einmal bin, mit Blitzesschnelle
-auszumalen, wie in fünf Sekunden Patsch an der Gabeldeichsel, ich aber
-am Horn eines der Ochsen hängen würde. Mein letzter Gedanke war der eben
-gefundene Reim: Karbatschen, den ich als Befähigungsnachweis für die
-Seligkeit mit in die Ewigkeit hinübernehmen wollte, die sich meinen
-angstvoll aufgerissenen Augen wie ein Tor mit durcheinanderkreisenden
-Feuerrädern auftat -- da machte Patsch einen Riesensatz nach rechts und
-raste auf einen Steinhaufen los. O du Patsch der Pätsche, o du Wunder
-von einem Patsch! Das war meine Rettung, aber dein Ruin. Der brave
-Cleveländer hatte sich, ein leuchtendes Beispiel von Dienertreue, für
-mich aufgeopfert. Er nahm den Steinhaufen, torkelte noch ein Stück der
-dahinter liegenden Böschung hinan, dann fiel er erschöpft und ohnmächtig
-um, und ich lag, die Hände in seine Speichen gekrampft, auf ihm. Wie es
-sich gebührt, sah ich erst nach, was ihm fehlte. Nun: er hatte seinen
-Knacks weg. Das eine Pedal war ganz ab, das andere baumelte nur noch;
-die Lenkstange hatte sich völlig verdreht; die Pneumatiks waren
-zerschlitzt.
-
-Der arme Kerl tat mir furchtbar leid, obwohl ich vollkommen Ursache
-hatte, mir selbst leid zu tun, denn auch meine Pedale, sowie die
-vorstehenden Teile des Gesichtes befanden sich in einem mehr
-pathologischen als ästhetischen Zustande. So hinkten wir beide nach
-Hause.
-
-Bei Patschs guter Clevelandkonstruktion versteht es sich von selbst, daß
-er wiederhergestellt werden konnte. Und er wurde wieder hergestellt.
-Aber er blieb für mein Gefühl doch ein Krüppel, ein mißliebiger Anblick.
-So sind wir Menschen. Dankbarkeit und Treue sind bei einem anständigen
-Subjekt von Rad öfter zu finden, als bei uns. Ich beschloß, ihm zwar das
-Gnadenöl zu geben, mir aber doch ein neues Rad anzuschaffen.
-
-Ich hätte für diese Herzlosigkeit verdient, ein ganz niederträchtiges
-Wesen aufgehängt zu bekommen, das sein Geschlecht an mir mit tausend
-Tücken gerächt hätte, und siehe da -- was ist das für eine
-Weltordnung! -- ich bekam, als sollte meine Gemütsroheit auch noch
-prämiiert werden, das Rad der Räder, das Überrad: Tirili.
-
-Auch Tirili entstammt der Clevelandfamilie, doch gehört sie deren
-adeligem Zweig an, der Baronlinie der Luxusmodelle. Es wäre
-Vermessenheit, wollte ich versuchen, ihr Äußeres zu schildern. Sie ist
-einfach ein Erzengel an Schönheit und dabei hat sie einen Kettenschutz
-aus Hartgummi und ölt sich selbst.
-
-Ich will Ihnen lieber eins der Begebnisse erzählen, die ich in letzter
-Zeit mit ihr erlebte; daraus werden Sie am besten ersehen, welch edle
-Seele ihr innewohnt, welch adlige Eigenschaften sie besitzt, von welcher
-Fülle aller Reize sie umflossen ist. Der alte, gute, treue Patsch
-erscheint mir neben ihr ganz einfach als Omnibus -- ich kann mir nicht
-helfen, so frevelhaft undankbar das auch klingen mag.
-
-Gewiß, er überragte den Durchschnitt; er war ein Talent; aber Tirili ist
-unendlich viel mehr, Tirili ist ein Genie, ein Wunder. Man sollte von
-ihr nur in Versen reden oder, besser noch, man müßte nur Herrn Stephan
-George darüber in Versen reden lassen, denn nur das erhabene Lallen ist
-die kongeniale Ausdrucksweise für Tirili.
-
-Nun lächeln Sie natürlich alle und finden, daß ich überschwänglich bin.
-Aber Sie werden gleich anders denken, wenn Sie hören, was mir kürzlich
-mit Tirili passiert ist.
-
-Es war ein schöner Herbstmorgen und die Luft so klar, daß die bayrischen
-Alpen wie zum Greifen nahe vor mir lagen. Trotzdem gedachte ich nur ins
-Dachauer Moos hinaufzufahren, wo, wie Sie wissen, die Wiege des
-malerischen Münchner Naturalismus stand, weshalb einige Pietät und ab
-und zu eine Radpartie wohl geboten erscheint. Gleichzeitig wollte ich
-bei dieser Gelegenheit den letzten Akt eines Dramas dichten, das Sie
-hoffentlich nicht aus Empörung über diese Geschichte auspfeifen werden,
-wenn es aufgeführt wird. Denn ich dichte immer, wenn ich auf Tirili
-sitze, es sei denn, daß mir durchaus nichts einfiele. Sie meinen: ich
-sollte lieber lenken? Da kennen Sie Tirili schlecht. Das gute Mädchen
-würde es als eine Beleidigung auffassen, wollte ich die Lenkstange auch
-nur angreifen. Sie liest offenbar Gedanken, denn bis jetzt hat sie mich
-immer dorthin geführt, wohin ich wollte, oder wohin meine Gedanken sich
-richteten.
-
-Also gut. Ich tätschelte Tirili freundlich sowohl auf die vordere als
-auf die hintere Pneumatik, freute mich, wie drall und prall das alles
-war, und heidi ging es hinaus, die Nymphenburger Allee entlang. Schon
-am Fenster der hübschen Nähmamsell links kam der Geist über mich, und
-ich begann ein so heißes Dichten, daß ich weder vorwärts, noch rechts
-und links, sondern nur immer in mich hineinsah, wo sich der letzte Akt
-meines Dramas glatt und _con amore_ abspielte. Dieses Schauspiel
-interessierte mich riesig, und ich sah nicht eher aus mir heraus, als
-bis die Heldin so tot war, wie es nur eine Heldin sein kann, die es nach
-göttlichem und menschlichem Recht verdient, tot zu sein. Wer beschreibt
-aber mein Erstaunen, als ich, wie ich mich nun befriedigt umsah, mich
-nicht etwa in Dachau, sondern auf dem Gipfel eines Berges erblickte, den
-ich dank meiner Vorbildung auf einem deutschen Gymnasium sofort als die
-Zugspitze erkannte? Du lieber Gott, sagte ich zu mir, die Zugspitze ist
-doch 2974 Meter hoch und ganz voll Eis und Schnee, und der Arzt hat mir
-ausdrücklich verboten, größere Steigungen zu nehmen und mich Erkältungen
-auszusetzen -- da ging es auch schon wieder abwärts, und nur mit Hilfe
-der wunderbaren Röllchenbremse gelang es mir, einige Wände ohne Unfall
-hinabzukommen. Aber bei allem Bremsen mußte ich doch in einem ganz
-unerhörten Tempo begriffen sein, denn nur dies vermag den Umstand zu
-erklären, den ich Ihnen sofort und ohne viele Worte berichten will.
-
-Ich sause also hinunter und komme plötzlich in eine Klamm, die, rechts
-und links von senkrecht aufragenden Felsen eingeschlossen, nur oben Raum
-für einen ganz schmalen, überdies völlig beeisten Weg bot. Ich hatte
-meine Beine auf die Lenkstange gelegt und hielt die Arme verschränkt,
-wie ich immer zu tun pflege, wenn ich mir sagen muß: hier kann nur
-Tirili allein helfen.
-
-Da, denken Sie sich meinen Schreck, sah ich am Ende der Klamm einen
-dicken Bauern auf mich zukommen, dessen breite Figur den Weg völlig
-einnahm. Einen Moment kam mir der idiotische Gedanke, zu läuten, aber da
-war ich auch schon -- ja, wie soll ich nun sagen: über den Bauern weg
-oder durch den Bauern durchgefahren? Ich muß unbedingt an die letztere
-Möglichkeit glauben, denn ich bin mir durchaus nicht bewußt, daß wir,
-Tirili und ich, über ihn weggesprungen sind. Andrerseits war freilich an
-mir und dem Rad nicht das geringste zu sehn, das darauf hätte hindeuten
-können, daß wir durch einen leibhaftigen Bauern hindurchgefahren waren.
-Aber, wenn Sie die Schnelligkeit bedenken, mit der dies offenbar
-geschehen war, so ist dieser Nebenumstand ja nicht weiter verwunderlich.
-Auf alle Fälle ersuche ich Sie, nicht auf die Idee zu verfallen, ich
-hätte den Bauern überfahren. Einen so häßlichen Gedanken müßte ich auf
-das bestimmteste zurückweisen; ich überfahre nie jemand, sei es Bürger,
-Bauer oder Edelmann.
-
-In weniger Zeit, als Sie gebraucht haben, dieses kleine Abenteuer
-anzuhören, befand ich mich danach auf der Landstraße zwischen Planegg
-und München, und zwar der Stadt schon sehr nahe. Tirili verlangsamte
-ihre Gangart, und wir bummelten in dem Tempo dahin, das ich immer für
-das beste zum Dichten von Elegien erfunden habe. Ich begann sofort eine
-in sechsfüßigen Jamben auf das goldene Haar meiner Geliebten. Schon war
-ich am Ende des Gedichts angelangt, an diesem höchst wirkungsvollen
-Schluß, wo ich es mir als seligsten Tod wünsche, mich an diesen goldenen
-Strähnen aufzuhängen -- da kommt mir dieselbichte Geliebte höchstselbst
-entgegen, und zwar auf einem schneeweißen Zelter -- ich darf in diesem
-Zusammenhang dieses poetische Wort anwenden. Sie können sich meinen
-süßen Schrecken denken! Aber kaum hatte ich sein holdes Rieseln durch
-das Rückenmark gekostet, da kam ein gallebitterer Schrecken hinterdrein:
-Hölle und Teufel -- ein Galan ritt neben ihr, ein schwarzes,
-hakennasiges Herrchen in einer grünen Weste auf einem riesigen Fuchs.
-Meine Eitelkeit zischelte mir zu: welche Figur wirst du neben der
-Hakennase spielen, die auf einem hohen Gaul sitzt, während du auf einem
-Rad hockst, und wäre es auch Tirili, die Unvergleichliche. Und ich
-gedachte, mich rechts in die Büsche zu schlagen. Aber da waren die
-beiden auch schon da, und ich mitten zwischen ihnen, und ich reichte
-meiner Königin die Hand.
-
-Wie ist das nur möglich, dachte ich mir, daß ich diese holde Hand im
-grauen Reithandschuh von Tirilis Sattel aus so leicht erreichen
-konnte -- da merkte ich, daß ich mich mit der Hakennase in gleicher Höhe
-befand, und das Herrchen sagte etwas von einer famosen Isabelle, auf der
-ich ritte. Der Mensch sah Tirili für eine falbe Stute an! Das muß von
-der Farbe der Spelgen Tirilis herkommen; anders kann ich es mir nicht
-erklären. Aber die Höhe! Die Höhe! Und Tirili kann doch nicht wiehern!
-Mir war zumute, wie wenn ich der Held in einer Geschichte von E. T. A.
-Hoffmann wäre, und ich freute mich, als die beiden sich mit den Worten
-verabschiedeten: »Mit Ihnen kommt man ja doch nicht mit!« Kaum waren
-diese Worte verklungen, da sah ich, daß ich an meinem Hause angekommen
-war. Es war genau eine Stunde seit Beginn meiner Ausfahrt vergangen, und
-man sah Tirili durchaus nicht an, daß wir auf der Zugspitze gewesen
-waren.
-
-Sind Sie paff? Ich bin es nicht. Ich erlebe täglich solche Sachen mit
-Tirili. Pegasus mit den Gänseflügeln war ja zu jenen zurückgebliebenen
-Zeiten ein ganz passables Reitpferd für Dichter, aber wenn Pindar heute
-nochmals geboren würde -- auch er würde einen Cleveländer vorziehen.
-Meine Tirili kriegt er aber nicht.
-
-
-
-
- Die Weihnachtsbowle
-
-
-Graf Beisersheim, ein Herr von unbestimmbarem Alter dem Äußeren nach,
-der aber nur ein paar Sätze zu sprechen brauchte, um allen, die ihm
-zuhörten, die Überzeugung beizubringen, er müsse wenigstens zweihundert
-Jahre alt sein, -- so angefüllt mit wohlabgelagerter Kenntnis der Welt
-und der Menschen war seine Rede, -- Graf Beisersheim hatte sich in einer
-Anwandlung von seltsamer, gewissermaßen hautgout-rüchiger
-Sentimentalität einen Christbaum angeputzt.
-
-Sich und einigen Freunden, die er nun zur »Bescherung« einlud.
-
-Das Haupt- und Mittelstück davon, ja wohl der eigentliche Sinn der
-ganzen Veranstaltung war eine ostpreußische Bowle von vielen Graden, vor
-der selbst Willibald Stilpe, der doch (siehe das dritte Kapitel des
-dritten Buches seiner lehrreichen Lebensbeschreibung) in alkoholischen
-Dingen eine anerkannte Autorität war, ein Gefühl von Respekt empfunden
-haben würde. Burgunder, Sekt, Sherry, Porterbier, Rum vereinigten sich,
-nach den besten Grundsätzen gemischt, in der gewaltigen silbernen
-Terrine, aus der das erlauchte Geschlecht der Beisersheims schon seit
-Jahrhunderten seine schwersten Räusche bezog, zu einem neuen
-Kraftorganismus, der imstande war, einen Vollmatrosen auf Anhieb unter
-den Tisch zu strecken. Nicht aber auch den Grafen, der ihn ins Leben
-gerufen hatte und trotz seines knickebeinigen, kontrakten Gestelles, das
-kaum einem ordentlichen Novemberwind standzuhalten vermochte, im Kampf
-mit alkoholischen Gewalten so widerstandsfähig war, wie nur irgendeiner
-seiner in Eisen geschienten Vorfahren auf dem Turnier- oder
-Schlachtfelde.
-
-Seine Freunde, zumeist Schriftsteller und Künstler oder Angehörige von
-Kreisen, die aus geschäftlichen oder anderen Interessen engere oder
-weitere Beziehungen zu Literatur und Kunst pflegten, waren zwar auch
-trinkfeste Herren, einer so kräftigen Ostpreußin aber doch nicht
-vollkommen gewachsen.
-
-Es dauerte nicht gar lange, und der redelustige Graf verschwendete
-seine aufs schärfste geschliffenen, in tausend Facetten von Witz und
-geistreicher Schnödigkeit blitzenden Bosheiten an eine Korona von
-Schlummernden. Gleich ihnen, die in den breiten ledernen Klubstühlen
-mehr lagen als saßen, waren auch die Christbaumkerzen in sich
-zusammengesunken, und nach und nach löschte eine nach der anderen
-knisternd aus, als letztes Zeichen einer verglühten Existenz einen
-dünnen Rauchfaden in das grüne Geäst sendend. Schließlich erhellten nur
-noch die dicken Wachslichter in den breiten messingenen, mit dem
-Beisersheimschen Wappen gezierten Wandleuchtern den von Zigarren- und
-Zigarettenrauch massig durchschwadeten Raum, dessen Luft schon so voll
-von Alkoholdünsten war, daß man allein davon einen ansehnlichen Rausch
-hätte bekommen können.
-
-Der Graf, der es in seinen Dramen (denn auch er hatte ein Verhältnis mit
-der Muse der Dichtkunst, und noch dazu ein ernsthaftes, das nicht ohne
-Folgen geblieben war) aus prinzipiellen Gründen von unerschütterlicher
-Festigkeit nie über sich gewonnen hätte, eine seiner Personen in
-Monologen reden zu lassen, wandte seine künstlerischen Prinzipien im
-Leben selber insoferne nicht an, als er, gewohnt und geschickt, viel und
-witzig zu reden, in gewissen Zuständen auch dann sprach, wenn niemand da
-war, der ihm hätte zuhören und antworten können. In einen solchen
-Zustand geriet er jetzt, als er langsam Glas auf Glas der schweren
-ostpreußischen leerte und eine russische Zigarette nach der anderen dazu
-rauchte.
-
-»Eine sehr stimmungsvolle und durchaus dem Sinne des Festes
-entsprechende Weihnachtsfeier,« bemerkte er, indem er seine kleinen,
-grau-grünen Augen über die Reihe der Schlafenden schweifen ließ. »Nur
-schlafend können sie das Fest der Liebe feiern, denn, wenn sie wach
-wären, würden sie reden, und wenn sie redeten, würden sie irgendeine
-Reputation zerreißen.«
-
-In diesem Augenblick tat ein rot und gelb bemalter Nußknacker, der am
-Baume hing und einem engeren Konkurrenten des Grafen, auch einem
-dramatischen Schriftsteller (dem er übrigens ähnlich sah), zugedacht
-war, die hölzernen Kinnladen auseinander und sprach in einem aus
-erklärlichen Gründen etwas harten Dialekt, wie folgt: »Und du? Warum
-schläfst dann =du= nicht? Du hast es doch besonders nötig?! Jungchen,
-Jungchen! Du denkst natürlich an meinen neuen Herrn. Aber so boshaft wie
-du, Menschenskind, ist nicht einmal er.«
-
-»Pih, pih,« machte da eine kleine Balleteuse, die sich der Graf selber
-geschenkt hatte und die, ein niedliches Figürchen aus Porzellan und über
-und über mit Spitzen und Rüschchen bedeckt, unter dem Nußknacker hing,
-»pih, pih, reißt der das Maul auf! So schreien kann ich freilich nicht,
-aber das möchte ich denn doch bemerken: Der Unterschied zwischen meinem
-und deinem Herrn besteht bloß darin, daß meiner mit Geist boshaft ist
-und deiner bloß mit Grobheit. Denn meiner ist ein Graf und deiner ein
-Bauer.«
-
-Während sie dies mit einer süßen, aber doch etwas spitzigen
-Porzellanstimme sprach, warf sie recht zierlich bald das eine, bald das
-andere Bein über sich, daß ihr seidenes Tanzröckchen nur so raschelte
-und ein jeder sowohl ihre Waden wie ihren Mechanismus bewundern konnte.
-
-Der Nußknacker geriet außer sich, denn er besaß an Stelle von Beinen,
-mit denen er hätte schlenkern können, nur einen gespaltenen Stumpf, der
-seinen Kinnladen die Knackekraft verlieh. Dieses Umstandes aber bediente
-er sich aufs heftigste und schrie: »Mein Herr ist ein Dichter mit
-Tantiemen, Sie leichtfertige Ratte, Sie! Wenn Sie nur eine Spur von
-Ehrfurcht in Ihrer flitterhaften Psyche hätten, würden Sie von einem
-Manne, der selbst von seinen durchgefallenen Stücken leben könnte,
-während Ihrem Herrn nicht einmal seine erfolgreichen etwas Ordentliches
-einbringen, mit =Respekt= reden. Aber natürlich, wer nichts als Grazie
-besitzt, wie könnte der für ernsthafte Werte Sinn haben?!«
-
-Die Balleteuse wollte sogleich replizieren, aber in diesem Augenblicke
-erwachte der Herr des Nußknackers für ein paar Sekunden und sprach:
-»Machen Sie keinen Unsinn, Mann -- fünfzehn Prozent, oder ich schließe
-mit Ihrem Konkurrenten ab!«
-
-Jetzt aber fuhr die Balleteuse los, indem sie vor Erregung Chahüt
-machte: »Mein Graf hat das Dichten überhaupt nicht nötig. Mein Graf ...«
-
-»I, du verflixte Mamsell!« rief der dazwischen, der sich gar nicht zu
-wundern schien, daß das Christbaumvolk sich so unwahrscheinlich
-gebärdete, »willst du wohl aufhören, auf meiner Grafenkrone
-herumzureiten? Überhaupt sind das recht unpassende Gespräche. Redet doch
-lieber ein bißchen von der Menschenliebe heute. Dafür ist dieser Tag
-reserviert.«
-
-Kaum, daß er diese Worte gesprochen hatte, erhob sich aus der dunkelsten
-Partie des Christbaumes ein unendlich zartes und mitleiderregendes
-Gewinsel, wie von einem ganz, ganz kleinen jungen Hunde, und
-gleichzeitig kleckerten winzige Wachströpfchen durch die Zweige auf das
-Tischtuch herab. Der Graf erhob sich, um zu sehen, was denn los sei, und
-entdeckte, daß das Gewinsel von einem schwarzen Chenillepudel herrührte,
-der seinem wehvollen Herzen aber nicht nur phonetisch Ausdruck verlieh,
-sondern auch dadurch, daß er Wachs weinte. Denn seine treuen Hundeaugen
-waren aus gelben Wachskugeln hergestellt.
-
-Der Graf begriff sofort, daß das eine verhängnisvolle Art zu weinen sei,
-und er bemerkte daher: »Es ist zwar anerkennenswert und verdient Lob,
-wenn ein Pudel aus Chenille Gemüt zeigt und es seinem Schöpfer, dem
-Menschen, nachzutun trachtet, indem er Tränen vergießt; wenn aber dabei
-das einzige an ihm, das nicht Chenille ist, sich auflöst und kaput geht,
-so muß doch gesagt werden, daß das eine unökonomische Manier ist, Trauer
-an den Tag zu legen. Wenn unsere Augen dabei kaput gingen, Freund Pudel,
-würden wir Menschen gewiß keine Tränen vergießen. Wir leisten uns diese
-effektvolle Ausscheidung nur, weil sie uns nichts kostet.«
-
-Aber der Chenillene hörte nicht auf, Wachs zu weinen; doch zu winseln
-hörte er auf. Denn er sprach (wie Weinende zu sprechen pflegen, unter
-häufigem schluchzenden Aufstoßen): »Und wenn meine Augen mir auch ganz
-davon rinnen und fürderhin in meinem Antlitze nichts Gelbes mehr
-abstechen soll gegen das glänzende Schwarz meiner Chenille: Ich werde
-doch nicht aufhören, Tränen zu vergießen über das tragische Geschick,
-daß ich mich meines Schöpfers nicht als eines =vollkommenen= Wesens
-erfreuen soll. Das hat mir, der ich kein wirkliches Knochengerüst
-besitze, bisher eine Art ideellen Rückgrates gegeben, daß ich des festen
-Glaubens lebte, meine Götter, diese machtvollen Wesen, die selbst
-Chenillepudel zu erschaffen vermögen, seien reine, fleckenlose
-Lichtgestalten, lebend und webend in einem ewigen Glanze von allgütiger
-Liebe, und nun muß ich es erfahren, daß sie für diese höchste Tugend nur
-einen Tag unter dreihundertfünfundsechzig reserviert haben, und auch den
-augenscheinlich nicht immer ganz in diesem Sinne hinbringen. Wenn ich
-nicht schon aufgehangen wäre, würde ich mich jetzt aufhängen. Denn ein
-Idealist, der selbst seine Götter als mangelhaft erkannt hat, kann sich
-begraben lassen.
-
-Bei diesen Worten rann das letzte bißchen Wachs aus seinen Augenhöhlen,
-und er war so ausschließlich nur noch Chenille, daß Graf Beisersheim mit
-Recht bemerken durfte: »Jetzt, mein pudelnärrischer Ideologe, bist du
-nur noch als Tintenwischer zu gebrauchen, und nichts mehr an dir wird
-deinen Herrn, den vielgebietenden Theaterdirektor, daran gemahnen, daß
-es Ideale auf der Welt gibt. Schade. Gerade er hätte einen Idealisten in
-seiner Umgebung so nötig gehabt.«
-
-Mit diesen Worten begab er sich zu seinem Stuhl zurück und verschwand
-wie ein Häufchen Pergament in dem gepolsterten Leder.
-
-Nur seinen Kopf, der in dieser schummerigen Beleuchtung ganz wie ein
-verwelktes Haupt Blumenkohl aussah, hob er etwas in die Höhe, als jetzt
-vom Wipfel des Christbaumes eine dünne Blechtrompetenfanfare
-erklang -- so dünn und jämmerlich, daß daneben das Winseln des Pudels
-vorhin ein walkürisches Hojotohoh hätte genannt werden können.
-
-Es war der ferkelrosig geschminkte Weihnachtsengel, der also musizierte
-und dabei seine beiden mit Rauschgold überzogenen Papierflüglein
-erzappeln ließ. Wie er sein trübseliges Blechgeschmetter beendet hatte,
-sang er mit einer stark belegten und ganz schadhaft gewordenen
-Phonographenstimme billigster Nummer: »Friede auf Erden! Friede auf
-Erden! Friede auf Erden!«
-
-Aber nicht einmal der Chenillepudel applaudierte. Es herrschte vielmehr
-ein höchst beklommenes Schweigen, das erst nach einer Weile der Graf mit
-der tiefsinnigen Bemerkung unterbrach: »Das kommt davon, wenn ein Engel
-durchs Zimmer geht oder die Trompete bläst. Wir sind keine Engel mehr
-gewöhnt.«
-
-»Hören Sie mir, bitte, von Engeln auf,« ertönte hier in schnellem
-Einfall eine volle Männerstimme. »Ich bin, glaube ich, neben meiner Frau
-der einzige Mensch, der wirklich mit einem Engel in fühlbare Berührung
-gekommen ist, und ich denke, meine Frau ist in diesem Falle einmal
-meiner Meinung, wenn ich erkläre: Wir haben dabei die fatalsten
-Erfahrungen gemacht. Gelt, Eva?«
-
-»Na, das will ich meinen,« erwiderte eine angenehme Frauenstimme: »eine
-Roheit war's. Mich hat er alleweil mit seinem Säbel in den Rücken
-gepufft.«
-
-»Aha,« sagte der Graf. »Adam und Eva werden auch munter. Ich bin doch
-gespannt, ob sie im Stile ihres neuen Herrn immer aneinander vorbeireden
-werden. (Die beiden Buchsbaumfiguren waren nämlich das Geschenk für
-einen Dichter, dessen Spezialität in einem Dialog bestand, dessen
-Gegenreden sich nie berührten, sondern einander wie zwei Parallelen erst
-im Unendlichen trafen -- worauf man aber im Verlaufe eines Theaterabends
-nicht warten kann.)
-
-»Ach, du lieber Gott,« antwortete darauf der schöne Adam, »das brauchten
-wir nicht erst von dem zu lernen. Das ist bei uns vom Anfang an so
-gewesen. Denn, red' ich hüh, so red't sie hott, und sprech' ich von
-Kindererziehung, so spricht sie von einem neuen Hut, und bring' ich das
-Gespräch auf den bewußten Apfel, so biegt sie in das Gebiet des
-Frauenstudiums ab. Das ist sogar schon vor der Apfelspeise so gewesen.
-Dazu war nicht einmal der sogenannte Sündenfall nötig. Man sollte
-meinen, sie wäre aus der Rippe von jemand ganz anderem gemacht. Ich hab'
-so meine Gedanken darüber.«
-
-»Gedanken hat er!« rief die rundliche Eva aus und bewies damit, daß sie
-doch auch auf Adams Worte einzugehen wußte, wenn's ihr gefiel.
-»Gedanken! Als ob ein Mann jemals Gedanken hätte! Die Gedankenarbeit
-fängt überhaupt erst jetzt an, seitdem wir studieren dürfen. Ich
-schreibe jetzt an einer Geschichte des Paradieses, Herr Graf, und ich
-will nicht Eva heißen, wenn ich nicht quellenmäßig nachweise, daß dieser
-Tolpatsch da an dem ganzen Unglück schuld ist. Nämlich, wissen Sie, die
-Schlange und ich, wir hatten uns die Geschichte so gedacht ...«
-
-»O Gott, o Gott, o Gott, jetzt fängt =das= wieder an,« rief Adam voller
-Schrecken. »Ich bitte Sie, Herr Graf, schenken Sie meiner Frau was
-Hübsches um den Hals, damit sie auf andere Gedanken kommt, sonst kriegen
-wir ihre ganze Doktordissertation zu hören.«
-
-Der Graf, galant wie alle seines illustren Hauses, erhob sich, so schwer
-es ihm auch wurde, sogleich, brachte das windschiefe Wrack seiner
-Leiblichkeit nach einigen erfolglosen Bemühungen schließlich wirklich in
-Bewegung, daß es in einem skurrilen Zickzack zum Christbaum hinüber zu
-kreuzen vermochte, und legte sein goldenes Armband um den Hals der
-niedlichen Eva, die von nun an ganz in der Betrachtung des Geschmeides
-aufging und kein Sterbenswörtchen mehr sprach.
-
-Dafür bemerkte der Graf zu Adam: »Sie müssen ein guter Kunde für die
-Goldschmiede sein, Herr von Adam!?«
-
-»Ach Gott, ja,« erwiderte der, »die Hauptsache aber sind doch
-Goldschmiede=worte=. Sehen Sie: die Frauen, wir wollen es uns nur
-gestehen, sind doch das Beste, was wir auf dieser Erde haben, seitdem
-man es für richtig befunden hat, uns aus dem Paradiese auszuweisen -- wo
-es übrigens, nebenbei bemerkt, lange nicht so amüsant war, wie sich das
-die Theologen vorstellen. Die Frauen, fürs Eskamotieren von Natur aus
-begabt, haben auch aus dem Paradiese das Wertvollste eskamotiert: so
-einen gewissen Abglanz, oder wie soll ich nur sagen: eine Art
-Versprechen und Zuversicht des Vollkommenen, Ursprünglichen, Kindlichen.
-Wir legen ihnen davon vielleicht etwas mehr unter, als sie wirklich
-haben -- aber etwas davon ist doch in ihnen. Jedenfalls reizen sie uns
-immer, es in ihnen zu suchen und es durch die Verbindung mit ihnen zu
-gewinnen. Aus diesem Reize kommt und in dieser Verbindung ist aber die
-Liebe. Und dafür, Herr Graf, nicht wahr, für diesen ewigen, aller Wunder
-vollen Schatz müssen wir ihnen wohl viel nachsehen, was uns, weil wir ja
-so anders sind, als sie, manchmal an ihnen geniert, und dafür müssen wir
-ihnen mit dem danken, was ihnen das Wertvollste an uns dünkt: mit immer
-bereiter, nie ermüdender Zärtlichkeit, Aufmerksamkeit, Gütigkeit. Es ist
-fast, als ob ihnen der äußere Ausdruck, das Zeigen der Liebe wertvoller
-erschiene, als deren Vorhandensein selbst. Zu wissen, daß der Mann sie
-liebt, genügt der Frau nicht, sie will die Liebe fortwährend, und auch
-im Kleinsten, immer und immer wieder dokumentiert sehen. Wir können ja
-vielleicht finden, daß das etwas äußerlich ist, und wir sind manchmal
-geneigt, uns sehr großartig vorzukommen, weil wir es uns im Grunde am
-Bewußtsein der Liebe genügen lassen, aber eigentlich ist es doch sehr
-gut, daß die Frauen so -- äußerlich sind. Denn schließlich ist aus dieser
-weiblichen Art ein gut Teil unserer Gesittung entstanden.«
-
-Der Graf, der, wie die meisten Leute, die mehr Geist als ihre Umgebung
-haben, auf artiges Zuhören nicht trainiert war, bemerkte: »Was muß ich
-denn =Ihnen= schenken, damit ich um =Ihre= Dissertation herumkomme?«
-
-»Man sieht,« erwiderte Adam, »daß Sie ein Junggeselle sind, denn sonst
-würden Sie sich mehr für diese goldenen Grundregeln der andauernden
-Liebe interessieren. Überdies komme ich aber jetzt auf einen Punkt, der
-zu dem Feste, das Sie auf so absonderliche Art feiern, eine sehr nahe
-Beziehung hat. -- Haben Sie sich schon einmal überlegt, warum der Tag
-vor dem Christfeste Adam und Eva heißt?«
-
-»Ich weiß nicht einmal, daß das so ist,« antwortete der Graf etwas
-schläfrig.
-
-Adam aber erwiderte: »Und doch ist das ein sehr glücklicher Einfall der
-Kirche, wenn wir ihm auch besser eine andere Auslegung geben, als es
-nach ihrem Wunsche sein mag. Sie, die überhaupt nicht gut auf uns zu
-sprechen ist, weil wir uns nicht haben kirchlich trauen lassen und bloß
-ziviliter verheiratet sind, meinte, mir und meiner Frau mit dieser
-Postierung vor das Christfest eins auszuwischen. Sie hat diese nämlich
-in dem Sinne vorgenommen: direkt vor die Erlösung das zu rücken, wovon,
-nach ihrer Meinung, die Menschheit zu erlösen war: die Erbsünde. Sie
-werden es mir nachfühlen, wenn ich diesem Gedankengange, der mich und
-meine Eva zu Schwerverbrechern stempelt, wo wir doch bloß taten, was ihr
-uns alle so gerne nachmacht, nicht gerne folge und es vorziehe, die
-Sache anders auszulegen. Nämlich so: Ich meine, es ist damit ganz
-einfach die irdische und die himmlische Liebe kalendarisch benachbart
-worden als ein Sinnbild dafür, daß der Mensch die eine so nötig hat wie
-die andere. Denn selbst Sie, Herr Graf, der Sie doch eigentlich nicht
-mehr ganz komplett sind, kommen ohne ein bißchen Erbsünde nicht aus, ganz
-zu geschweigen von Ihren Kameraden da, die in diesem Punkte allen
-Ansprüchen vollkommen genügen. Ich gönne es Ihnen und ihnen, freue mich
-darüber und möchte nur wünschen, daß sie (und Sie!) auch sonst mehr nach
-mir geraten wären. Denn, abgesehen davon, wie Sie (und sie!)
-aussehen, -- =das= möchte ich Ihnen bei dieser Gelegenheit doch bemerken:
-=Ich= habe =niemals= Theaterstücke geschrieben und nie Leute ausgerichtet!«
-
-»Weil du kein Talent dazu hast und keine Leute da waren,« warf Eva
-schnippisch ein.
-
-»Was?!« rief Adam aus, »ich kein Talent? Ich, der ich täglich zwölf
-Gedichte auf dich gemacht habe, damals, als ich noch nicht wußte, wie du
-dich auswachsen würdest? Und »keine Leute?« Ist der liebe Gott etwa
-nichts? Hätte ich nicht den lieben Gott ausrichten können und dich und
-die Schlange? Ich sage dir, mein Kind, diese Herrschaften hier würden,
-wenn jeder von ihnen allein auf der Welt lebte, ihren Stiefelknecht
-verleumden, ihrer Zahnbürste ein schmutziges Verhältnis mit ihrer
-Seifenschale andichten und ihrem Sacktuche unehrenhafte Handlungen
-nachsagen.«
-
-Der Graf, weit entfernt davon, Widerspruch zu erheben, bemerkte
-seelenruhig: »Sie sind von Ihrem Thema abgekommen, Herr von Adam.«
-
-»Richtig«, antwortete der, »und das tut mir leid, denn ich wollte von
-=guten= Dingen reden; und =das= wars, was ich sagen wollte: Ihr solltet am
-heutigen Tage recht fleißig auch an Adam und Eva denken, und der Gedanke
-wäre, obwohl die Beiden, Gott sei Dank, keine Heilige waren, so wenig
-sündig wie der Gedanke an Raffael oder Mozart oder Goethe oder sonst
-einen der Herrlichen, die die Erde mit ihrem Leben und Schaffen
-geschmückt haben. Denn der Gedanke an uns leitet auch in diesem Sinne
-hinüber zu dem Gedanken an den, dessen Tag dem unseren folgt, -- nicht
-wie der Tag der Nacht, sondern wie ein Feiertag dem anderen Feiertag.«
-
- * * * * *
-
-Der Graf war schon lange eingeschlafen, als Adam sein letztes Wort
-sprach. Auch die Kerzen in den Wandleuchtern verlöschten. Die Dichter
-und ihre Verleger und Theaterdirektoren schnarchten in einer Harmonie,
-die sonst selten zwischen ihnen bestand.
-
-
-
-
- Schwarz-Rot-Gold und Grün-Weiß-Rot
-
- Eine Studentengeschichte
-
-
-Franz Zoller und Karl Jost waren Freunde von Kind an.
-
-Selten sind solche Freundschaften. Denn es war bei ihnen viel mehr als
-Gewohnheit. Sie hatten sich wirklich von Wesensgrund aus gern. Schon die
-Zuckertüte des ersten Schulgangs teilten sie miteinander.
-
-»Ich habe lauter Schokolade, Franz,« sagte Karl, »und ich lauter
-Zuckerzeug,« entgegnete der, und sogleich schütteten sie Zucker und
-Schokolade zusammen und zählten ab und teilten.
-
-In der Bürgerschule sowohl wie im Gymnasium machten sie Klasse für
-Klasse miteinander durch, hielten sich auch durchweg auf derselben Bank,
-ja zumeist nachbarlich zusammen, gewissenhaft auch darin abwechselnd,
-daß bald der eine, bald der andere den höheren Platz einnahm, denn, wie
-sie einander in der Begabung die Wage hielten, so auch im Fleiße.
-
-Im Charakter ähnelten sie sich gleichfalls.
-
-Es waren beide gute, muntere, aufrichtige Jungen, harmonisch angelegte
-Naturen von einer glücklichen Mischung der Gemütsgaben: Nicht
-überbegehrlich nach irgendeiner Richtung hin, aber auch in keinem
-Betracht stumpf und den jeweiligen Genußmöglichkeiten des Lebens
-abgewandt. Nicht etwa geradezu Musterknaben, aber durchaus wohlgeratene
-Burschen. Niemals Spielverderber, auch dann nicht, wenn es sich um
-verbotene Spiele handelte, aber immer maßsicher dabei. Und dies nicht
-etwa aus Berechnung oder frühreifer Lebensklugheit, sondern ganz von
-Gnaden eines unbeirrbaren Instinkts für die gute Mitte, die überhaupt
-das wesentliche an ihnen war.
-
-Kein Wunder, daß ihre Eltern rechte Freude an ihnen hatten.
-
-Franz war der Sohn des ersten Arztes der Stadt, Karls Vater
-war ein pensionierter Offizier, der sich aus Liebhaberei mit
-kriegsgeschichtlichen Studien beschäftigte. Beide Familien waren
-wohlhabend, nicht reich, und jede hatte außer dem einen Sohn noch eine
-jüngere Tochter.
-
-»Unser Quartett,« sagten die Alten, wenn sie die vier beieinander
-sahen -- und die beiden Mütter dachten sich wohl noch etwas Extras dazu.
-
-Eigentlich waren die Eltern erst durch die Kinder einander nahe
-gekommen, obwohl sie Haus an Haus draußen in der kleinen Villenvorstadt
-des Städtchens wohnten. Denn im Grunde stand mancherlei einer
-Freundschaft zwischen dem Doktor Zoller und dem Rittmeister a. D. Jost
-entgegen.
-
-Vornehmlich der Unterschied in der politischen Meinung.
-
-Der Doktor war ein alter Achtundvierziger, was er noch immer durch einen
-Heckerbart mit dazu gehörigem breiten Schlapphut auch äußerlich an den
-Tag legte; der ehemalige Rittmeister aber pflegte sich »konservativ bis
-in die Knochen« zu nennen.
-
-Diesen politischen Standpunkten entsprachen die Universitätserinnerungen
-der beiden Herren.
-
-Über dem Schreibtisch des Doktors hing ein schwarz-rot-goldenes Band,
-über dem des Rittmeisters, der erst nach einer ziemlich fröhlichen
-Studentenzeit ins Heer getreten war, ein grünweiß-rotes, das Zeichen
-seiner Angehörigkeit zu einem Korps der benachbarten Universitätsstadt.
-Und sonderbar: Die politische Meinungsverschiedenheit gab nicht so oft
-Anlaß zu Mißhelligkeiten, wie der Unterschied in ihren Sympathien für
-die verschiedenen Universitätsverbindungsrichtungen.
-
-»Sie sind und bleiben ein verbohrter Büxier, Doktor; mit Ihnen ist
-überhaupt nicht zu reden; Sie sind durch die Buxenschaft heillos
-verdorben!« pflegte der Rittmeister immer auszurufen, wenn sie über
-irgend etwas miteinander ins Gestreite gekommen waren. Und:
-»Korpserziehung, das ist's, was Ihnen fehlt; stramme Zucht und das
-Gefühl für die notwendigen Schranken. Aber natürlich: Eine Verbindung,
-die ein politischer Debattierklub ist -- daraus wird immer bloß
-Jakobinertum«.
-
-Der Doktor aber ließ sich solche Belehrungen nicht willig eingehen,
-sondern riß an seinem wilden Bart und replizierte kräftig genug: »Daß
-ich nicht lache! Korpserziehung! Ah bäh kann am Ende jeder Idiot auch
-sagen und Stege an den Hosen (er dachte an seine Zeit) sind schließlich
-auch nicht die Gipfel der Kultur. Erziehung zur Freiheit,
-Mannhaftigkeit, Überzeugungstreue, Vaterlandsliebe, das ist mehr wert,
-als den jungen Leuten beizubringen, daß ein glatter Scheitel und glatte
-Redensarten bei den Vorgesetzten beliebt machen. Der Korpsier ist die
-Karikatur des deutschen Studenten, von dem =wir= sangen: Frei ist der
-Bursch!« --
-
-Nach solchen Diskursen schieden die beiden mit roten Köpfen voneinander
-und pflegten zu ihren Eheliebsten zu bemerken: »Schade um den guten
-Zoller (oder Jost); er ist im Grunde ein prächtiger Mensch, aber sein
-ewiges Buxentum (oder seine ewige Korpssimpelei) ist ganz und gar
-unausstehlich. Das eine aber weiß ich: Unser Junge wird Burschenschafter
-(oder Korpsstudent)!«
-
-Die beiden Jungen aber, wenn ihre Alten ihnen auch, als sie sich der
-Prima des Gymnasiums näherten, oft genug ihre schwarz-rot-goldenen oder
-grün-weiß-roten Ideale predigten, hatten und zeigten wenig Sinn dafür.
-
-»=Ich= springe mal =nicht= ein, Karl,« erklärte Franz, und Karl pflichtete
-bei:
-
-»Sollte mir gerade einfallen, mich als Korpsfuchs schurigeln zu lassen.«
-
-Diese Abneigung gegen das studentische Couleurwesen kam einesteils
-daher, daß beide einander viel zu gern hatten, als daß sie es hätten
-wünschen können, auf der Universität die feindlichen Brüder zu spielen,
-dann aber war sie auch eine Folge gewisser anderer Neigungen, denen sich
-die beiden Gymnasiasten schon von Obersekunda an mit gleicher Stärke
-hingaben.
-
-Sie waren durch einen Kameraden, dem sie neidlos höhere Begabung
-zuerkannten und durch dessen Belesenheit in moderner Literatur sie sich
-gerne imponieren ließen, auf die Beschäftigung mit der zeitgenössischen
-Dichtung hingeführt und so in einen Anschauungskreis gebracht worden, in
-dem kein Raum für die üblichen Burschenideale war. Nicht, als ob sie
-sich von gewissen, zwar verbotenen, aber darum erst recht ausgelassen
-lustigen Zusammenkünften der übrigen ferngehalten hätten, in denen
-verschiedene Prärogative des Studententums feuchtfröhlich vorweggenommen
-wurden, aber sie bildeten dabei mit noch einigen eine Art stilleren
-Extrawinkels für sich, und schließlich tat sich dieser zu einem
-»literarischen Kränzchen« zusammen, in dem man die damals gerade
-einsetzende moderne literarische Bewegung aufmerksam verfolgte und nicht
-weniger laut über Naturalismus und Idealismus debattierte, als es in den
-damals florierenden Literaturkampfblättern geschah. Wenn sich Franz und
-Karl dabei, auch hierin einmütig wie sonst, für M. G. Conrad,
-Liliencron, Conradi erhitzten und in einem gewaltigen Abscheu vor Paul
-Heyse erglühten, so konnten sie unmöglich noch Elan genug für Korps oder
-Burschenschaft aufbringen.
-
-Im übrigen lagen sie nach wie vor ihren von der Schule gebotenen Studien
-fleißig ob und begannen auch nach und nach der Frage ihres zukünftigen
-Universitätsstudiums näherzutreten.
-
-Dabei stellten sich aber schon Schwierigkeiten mit den beiderseitigen
-Eltern ein. Der alte Rittmeister wünschte seinen Sohn einmal als
-Juristen in Amt und Würden zu sehen, der Doktor konnte sich den seinen
-nur wieder als Mediziner denken, aber die beiden Literaturverehrer
-fanden, daß nur ein irgendwie literarisches Studium imstande sein werde,
-sie ganz auszufüllen.
-
-Franz gedachte sich für romanistische, Karl sich für germanistische
-Philologie zu entscheiden.
-
-»Dummes Zeug,« erklärten die beiden Väter, die sich hier einmal in
-vollster Harmonie der Meinungen trafen und auch oft gemeinschaftlich
-miteinander zu Rate gingen, was wohl am besten zu tun sei, um die beiden
-Jungen, die sich jetzt zum erstenmal schwierig zeigten, auf den rechten
-Weg zu leiten.
-
-Das war zur Zeit, als die beiden in Unterprima saßen und der Wohltat der
-ersten Tanzstunde teilhaft wurden.
-
-Um diese Zeit begab es sich, daß Franz die Bemerkung machte, er sei in
-Karls Schwester Anna verliebt, und Karl gegenüber Klara, der Schwester
-Franzens, derselben Gefühle inne wurde.
-
-Zuerst gestanden sie es einander und erteilten einander sogleich auch
-den brüderlichen Segen.
-
-Sodann ging ein jeder zu seiner Schwester, des Freundes Brautwerber zu
-machen.
-
-Und es ergab sich alles (woran auch keiner gezweifelt hatte) nach
-Wunsch. Das Quartett der heimlichen Liebe war fertig und stimmte aufs
-beste.
-
-Die Alten taten, als merkten sie nichts, freuten sich aber im stillen
-herzhaft über die heimliche Hausmusik, von der sie ja ganz sicher sein
-konnten, daß sie nichts Unziemliches üben und produzieren würde.
-
-Die beiden Mütter, bisher in den Meinungsverschiedenheiten zwischen
-Vater und Sohn zuwartend neutral geblieben, aber im Innern durchaus der
-Überzeugung sicher, daß das klügere Alter ganz gewiß nicht bloß das
-Rechte wollte, sondern auch erkannte, fanden es nun an der Zeit,
-ihrerseits sanft leitend einzugreifen, und zwar eben im Hinblick auf das
-gute Zusammenspiel des Quartetts. Denn sie sagten sich mit mütterlicher
-Psychologie: Jetzt, wo die Jungen ein Geheimnis mit sich herumzutragen
-glauben, von dem sie nicht wissen, welchen Eindruck es hervorbringen
-wird, wenn sie es einmal enthüllen müssen, jetzt werden sie fügsamer
-sein als je.
-
-Und sie irrten sich nicht.
-
-Wie die Jungen merkten, daß von ihrem Nachgeben bei der Wahl des
-zukünftigen Studiums es abhinge, ob die gestrengen Alten in der Wahl der
-zukünftigen Braut Nachgiebigkeit an den Tag legen würden, waren sie bald
-entschlossen, die romanistische und germanistische Philologie zu opfern
-und in die sauren Äpfel der Juristerei und Medizin zu beißen, wenn ihnen
-dafür die süßen Äpfel aus dem Liebesgarten in greifbare Nähe gerückt
-würden.
-
-Das war freilich nicht sehr überzeugungstreu gehandelt und eigentlich
-Felonie gegen das literarische Kränzchen, aber wenn man neunzehn Jahre
-alt ist und im Feuer der ersten Liebe steht, darf man für solche
-Abtrünnigkeit wohl mildernde Umstände zugebilligt erhalten.
-
-»Weißt du, Franz,« erklärte Karl, als er, etwas zaghaft, seinen
-Treubruch bekannt hatte, »ich mußte doch auch an deine Schwester denken,
-und daß ich als Jurist viel bessere materielle Aussichten habe.
-Jedenfalls können wir viel früher heiraten.«
-
-Karl fand diese Überlegung durchaus weise und wurde durch sie der
-Notwendigkeit überhoben, auch seinerseits Entschuldigungen vorzubringen.
-Dafür bemerkte er, daß man ja auch als Arzt und Jurist der schönen
-Literatur alle möglichen Opfer an Hingabe und Förderung bringen könne.
-
-Nur vor ihrem literarischen Mentor, jenem Kameraden, der ihnen den
-Geschmack an Literatur beigebracht hatte, hatten sie ein bißchen Angst.
-Der aber zeigte sich, wie immer, auf der Höhe der Situation, indem er
-äußerte: »Ihr konntet keinen vernünftigeren Entschluß fassen: Wenn
-jeder, der sich für Literatur interessiert, Literat werden wollte, würde
-die Literatur schließlich bloß noch Interessenten und kein Publikum
-haben. Mir persönlich habt ihr überdies einen Stein vom Herzen genommen
-durch eure Entschließung, denn ich habe mir schon manchmal Gedanken
-darüber gemacht, ob ihr auch begabt genug dazu wäret, euch aktiv in
-Literatur zu betätigen.«
-
-Die guten Jungen fühlten sich durch dieses Verdikt sehr beruhigt und
-begannen nun, wie es ihrer gesunden, resolut aufs Reelle gerichteten Art
-entsprach, sich rechtschaffen mit ihrem ganzen Wesen auf ihren
-zukünftigen Beruf einzustellen, indem sich ein jeder dessen schöne
-Seiten und Möglichkeiten bewußt werden ließ.
-
-Die Mütter triumphierten, und die Väter waren zufrieden.
-
-Nun, so dachte ein jeder von ihnen für sich, werd' ich den Bengel schon
-auch noch für meine alten Studentenideale einfangen.
-
-Indessen, da wollte sich der gewünschte Erfolg durchaus nicht
-einstellen. Allen noch so begeisterten Schilderungen, noch so
-nachdrücklichen Zureden setzten die Jungen halsstarrig das eine
-entgegen: Es gehe und gehe nicht, -- schon wegen ihrer Freundschaft. Sie
-seien nun einmal ein Herz und eine Seele und wollten in allen Lagen des
-Lebens immer und ausnahmslos bleiben, was sie von jeher waren:
-Engverbundene Kameraden.
-
-Vergeblich deklamierte der Doktor: Ehre! Freiheit! Vaterland! Vergeblich
-wies der Rittmeister darauf hin, daß nur der zur Elite der
-Studentenschaft gehöre, der Mitglied eines Korps sei. Vergeblich
-betonten beide, daß es zu ihren innigsten Herzenswünschen gehöre, den
-Sohn mit demselben Band geschmückt zu sehen, das sie einst selber
-getragen hatten.
-
-Es nützte alles nicht; die beiden Oberprimaner, deren Abgang von der
-Schule schon in ein paar Monaten eintreten mußte, blieben standhaft bei
-ihrem _non possumus._
-
-Die Lage schien verzweifelt.
-
-Da erschien wiederum der mütterliche Sukkurs auf dem Plan. Aber diesmal
-mußte er sich einer komplizierteren Taktik bedienen, und die beiden
-Hilfstruppen mußten gemeinsam vorgehen.
-
-Sie pflogen Kriegsrat mit einander und einigten sich über die folgende
-Gefechtsidee: Diesmal müssen wir die Mädels bange machen. Wenn ihr,
-müssen wir sagen, euren Bruder dahin bringt oder wenigstens den Anschein
-erweckt, als ob ihr ihn dahin gebracht hättet, nach Vaters Willen zu
-handeln, so wird der, seid sicher, zum Dank dafür euren Herzenswünschen
-so gewiß geneigt sein, wie er jetzt darin ungewiß ist. -- Nun werden die
-Mädels freilich sagen: Der Bruder denkt ja gar nicht daran, auf uns zu
-hören.
-
-Dann müßte man eben das junge Volk ein bißchen auf eine andere
-Möglichkeit stoßen.
-
-Wofür sind wir die Alten, Erfahrenen? Es geht ja um einen guten Zweck,
-und so dürfen wir wohl andeuten, daß, wenn auch der Bruder am Ende nicht
-hören würde, der Freund des Bruders um so gewisser alle beide Ohren
-aufmachen wird. Geschieht das nun aber auf beiden Seiten, so ist genau
-das selbe erreicht, wie wenn ihr den Bruder überredet hättet, d. h. der
-Vater ist zufriedengestellt.
-
-Die mütterliche Doppelintrige, von den Töchtern sofort aufs gelehrigste
-erfaßt und so geschickt ins Werk gesetzt, wie man es von jungen
-verliebten Mädchen nur voraussetzen kann, führte noch kurz vor
-Torschluß, nämlich in der Muluswoche der beiden Freunde, zum gewünschten
-Ziele.
-
-Natürlich handelten Franz und Karl im Einverständnis miteinander.
-
-»Nun müssen wir also auch noch Komödie spielen wegen der Mädel,« so
-faßte Franz die Sachlage in Worte. »Du mußt dich als Korpsier, ich mich
-als Burschenschafter verkleiden, und wir müssen drei Semester lang so
-tun, als verachteten wir einander grimmig. Es ist zum Totlachen! Wir
-werden uns wie ein heimliches Liebespaar nur verstohlen treffen können
-und auf der Straße aneinander vorüberschreiten, als kennten wir einander
-gar nicht. Bloß in den Ferien wird Gottesfriede herrschen. Was wollen
-wir aber dann auch miteinander vergnügt sein, Karl! Wie wollen wir dann
-lachen über die Mummerei!« --
-
-»Ja, das wollen wir,« war Karls Antwort, »aber, weißt du, die Sache hat
-doch auch eine ernste und gerade darum erfreuliche Seite: Es ist die
-erste Prüfung, die unsere Freundschaft zu bestehen hat. Ich zweifle
-natürlich so wenig wie du daran, daß sie sie bestehen wird; das versteht
-sich ganz von selber; aber immerhin, eine Probe aufs Exempel bleibt's,
-und das ist gut.«
-
-In dieser Stimmung traten sie ein jeder in die Verbindung ein, der sein
-Vater früher angehört hatte. --
-
-Sie hätten keine jungen deutschen Studenten sein müssen, wenn nicht das
-mancherlei Schöne, Frische, Lustige auf sie gewirkt hätte, das dem einen
-das Korps, dem andern die Burschenschaft bot. Franz war ein ebenso
-forscher Arminenfuchs wie Karl, in _S. C._-Redeweise gesprochen, eine
-brauchbare Korpsrenonce. Und wie jeder seine drei Mensuren hinter sich
-hatte, wurde der eine wie der andere ein tadelloser Bursch, der es nach
-dem besonderen Sinne seiner Verbindung an nichts fehlen ließ. Denn die
-beiden zeigten sich auch hierin von dem guten Schlage, der allewege
-ordentlich treibt, was er einmal übernommen hat.
-
-Trotzdem gehörten sie mit ihrem innersten eigentlichen Wesen ihren
-Verbindungen doch nicht an. Wie hätte Karl so ganz Korpsstudent sein
-können, um z. B. auf jeden Burschenschafter wie auf einen minderwertigen
-akademischen Bürger herabzublicken?
-
-Und wie hätte Franz es vermocht, so ganz Burschenschafter zu sein, daß
-er im Korpsstudenten schlechthin nichts gesehen hätte, als eine Art
-studentischen Gecken von beschränktem Geist, aber unbeschränktem
-Hochmut?
-
-Nein, es blieb im Grunde doch eine Verkleidung, wenn sie sie beide auch
-nach außen hin glänzend durchführten, und wenn auch schließlich gewisse
-Eigenheiten des Korps- oder Burschenschaftsangehörigen an ihnen haften
-blieben.
-
-Ganz von selbst verstand es sich, daß sie alle Zeit, die ihnen das Korps
-oder die Burschenschaft zur freien Verfügung ließ, miteinander
-verbrachten -- in der Tat verstohlen wie ein heimliches Liebespaar.
-
-Mütze, Band und Bierzipfel wurden abgelegt, ein Hut aufgesetzt, der
-Rockkragen aufgeschlagen und, womöglich im Schutze der Dunkelheit, zum
-Freunde geeilt.
-
-Anfangs teilten sie einander noch ihre speziellen Verbindungserfahrungen
-mit, erheiterten sie sich gegenseitig durch die Wiedergabe jener
-Charakterisierungen, wie sie der Korpsstudent dem Burschenschafter, der
-Burschenschafter dem Korpsstudenten angedeihen läßt, aber schließlich,
-als sie nun doch ihren Verbindungen endgültig angehörten, ließen sie das
-als unschicklich und eine Art Hinterlist sein und begnügten sich damit,
-von Dingen zu reden und zu schwärmen, die ihnen beiden ganz gemeinsam
-waren, vor allem von ihren Mädchen.
-
-Denn aus der Primanerpoussasche war bei einem jeden eine rechte, feste
-Studentenliebe geworden, von der der eine wie der andere herzlich gewiß
-war, daß sie eine Liebe fürs Leben bleiben werde.
-
-Auch unterlag es gar keinem Zweifel mehr, daß die beiderseitigen Eltern
-einer späteren Verbindung der Liebespaare ihre Einwilligung geben
-würden.
-
-Eine Verlobung hatte, als zu früh einerseits, anderseits aber auch als
-fürs erste überflüssig, nicht stattgefunden. Es bestand aber ein
-stillschweigendes Einverständnis aller Beteiligten, wovon sich auch die
-Väter nicht ausschlossen.
-
-Der Rittmeister fand, daß der Burschenschafter Franz sich ganz wie ein
-richtiger Korpsstudent ausnähme, und der Doktor erklärte, daß der
-Korpsbursch Karl in seinem ganzen Gehaben einen so frischen,
-ungekünstelten, heiteren Eindruck machte, daß man ihn ebensogut für
-einen forschen Burschenschafter hätte nehmen können. Und so war, wie
-innerlich bei den Söhnen, so äußerlich bei den Vätern das
-schwarz-rot-gold dem grün-weiß-rot so nahe wie nur möglich gekommen, und
-die Alten trafen sich recht oft in dem Gedanken, wie närrisch es doch
-eigentlich von ihnen gewesen sei, jenen Unterschieden eine wesentliche
-Bedeutung beizulegen: »Zwei Strömungen im deutschen Studentenleben, jede
-in ihrer Art gleich bewußt und sicher, wenn auch unterschiedlich in
-belanglosen Einzelheiten, demselben Ziele zustrebend, aus den jungen
-Leuten in einer heiteren, formvollen Freiheit tüchtige Männer fürs Leben
-zu bilden. Wirkliche Gegensätze bestehen eigentlich gar nicht zwischen
-ihnen. Und so kreuzen sie sich ja auch schon längst nicht mehr.«
-
- * * * * *
-
-Just an demselben Abend und genau zur selben Stunde, als die beiden
-Alten, die am nächsten Tag ihre Söhne zum Ferienbesuch erwarteten, in
-diesem Sinne beim Wein miteinander redeten und die Gläser aneinander
-klingen ließen mit einem: Prost das Korps! Prost die Burschenschaft!
-begab sich in einer Bierwirtschaft der benachbarten Universitätsstadt,
-die von Couleurstudenten nur nach Schluß des Couleursemesters besucht
-werden durfte, folgendes.
-
-In dem überfüllten, vollgequalmten Raum, in dem eine Biermusik einen
-greulichen Lärm verübte, saß nahe der Tür eine Schar angetrunkener
-Studenten, die das instrumentale Getöse der Kapelle mit nicht minder
-turbulenter Vokalmusik begleiteten. Da öffnete sich die Tür, und ein
-Schwarm anderer Studenten trat herein, nicht weniger betrunken als die,
-an deren Tische sie vorbei mußten.
-
-Der erste von den Eintretenden, dessen Augenglas von der Hitze des
-geschlossenen Raumes angelaufen war, stieß im Vorbeiwanken an den
-zunächst stehenden Stuhl und schob sich ohne Entschuldigung weiter.
-
-Da wandte sich der, der mit dem Stuhle auch einen Stoß erhalten hatte,
-halb um und rief, nach Art eines stark Angetrunkenen etwas lallend:
-»Kann der Prolet nicht Pardon sagen?«
-
-Kaum, daß diese Worte gefallen waren, fühlte er auch schon die Hand des
-also Apostrophierten, der sich mit einem Ruck umgewandt hatte, auf
-seiner Wange.
-
-Seine Kameraden sprangen auf, er stürzte sich auf den, der ihn
-geschlagen hatte, aber dessen Begleiter warfen ihn zurück.
-
-Eine Weile Tumult, erhobene Arme, Geschrei, Kreischen der
-Kellnerinnen, -- dann wurden die eben Angekommenen auf die Straße
-geschoben, gefolgt von einem vom Tische des Geohrfeigten, der dessen
-Karte dem, der den Schlag geführt hatte, übergab und dafür dessen Karte
-erhielt.
-
-»Na, Karlemann, da hättest du dir ja noch vor Torschluß die obligate
-Pistolenkiste bestellt,« rief einer von dessen Begleitern, während
-dieser die empfangene Karte vor die noch immer undurchsichtigen
-Klemmergläser hielt.
-
-»Spar dir die Lektüre zum Frühstück, Jostchen! Wie der Mann heißt, dem
-ein Loch in die Hose geschossen werden soll oder muß, ist ohnehin
-gänzlich irrelevant,« bemerkte ein anderer.
-
-Karl Jost steckte die Karte in die Westentasche. Die Gesellschaft
-entfernte sich unter Gelächter und dem Gesange: 'Kauf dir, mein Freund,
-ein Pistolet!'
-
- * * * * *
-
-Als Karl am nächsten Morgen erwachte, gab sein wirrer Kopf zunächst
-keine weitere Erinnerung her, als ein wüstes Durcheinander von
-unzusammenhängenden Einzelheiten und ein Gefühl, daß irgend etwas
-Dummes, ihm im höchsten Grade Fatales passiert sei.
-
-Karl Jost hatte sich bisher, so gut es eben möglich gewesen war, auch
-vor dem Zuviel im Trinken gehütet, und so genierte ihn schon der
-Gedanke, besinnungslos betrunken gewesen zu sein. 'Franz wird mir eine
-nette Pauke halten,' dachte er sich, 'wenn ich's ihm berichte. Aber
-schließlich: Der erste Tag der Inaktivität!'
-
-Denn es war der Abschied von den Korpsbrüdern gewesen, den man,
-allerdings nicht ganz auf solenne Manier, gefeiert hatte, da Karl, mit
-Schluß des Semesters inaktiv geworden, im nächsten Semester eine andere
-Universität besuchen wollte.
-
-Franz, der im gleichen Falle war, würde wohl auch entsprechend
-gesündigt haben, tröstete er sich. Es war ja bisher fast immer so
-gewesen, wenn einer dem anderen was zu beichten gehabt hatte, daß der
-Beichtabnehmer an die Absolution selber auch eine Beichte fügen mußte.
-
-Karl stand auf und begrüßte, wie immer, zuerst das Bild seiner Braut,
-das drüben auf dem Schreibtische stand. Da fiel ihm ein weißes Kärtchen
-in die Augen, das vor der Photographie lag, und sofort trat das
-Geschehene in lebhafter Erinnerung vor ihm hin.
-
-Das war ja die Karte des Menschen, den er geohrfeigt hatte!
-
-Was für dumme Geschichten! Wie unwürdig und widerwärtig!
-
-Und dazu die Konsequenzen, wenn der Geschlagene »honorig« dachte, was ja
-durch die Auswechselung der Karten wahrscheinlich erschien....
-
-Karl wurde ernst bei diesem Gedanken.
-
-Er hatte durchaus nichts vom Raufbold in seiner Natur und hatte nie
-anders als auf Bestimmung mit Angehörigen der anderen Korps gefochten.
-Der Gedanke an einen ernsthaften schweren Ehrenhandel war ihm, der jede
-Herausforderung sowohl wie jeden Anlaß, herausgefordert zu werden, immer
-vermieden hatte, schon an sich zuwider, aber nun gar die sichere
-Aussicht auf eine Pistolenmensur mit einem ihm ganz gleichgültigen
-Menschen, von dem er nicht einmal wußte, wie er aussah, und gegen den er
-sich tätlich vergangen hatte, ohne zu wissen, was er tat....
-
-Karl hätte nicht der gesund empfindende und verständig denkende Mensch
-sein müssen, der er war, wenn ihm das ruchlos Widersinnige einer solchen
-Notwendigkeit nicht schwer auf die Seele gefallen und als eine absurde
-Scheußlichkeit erschienen wäre. Trotzdem suchte er auch nicht eine
-Sekunde der Überzeugung auszuweichen, daß, wie nun einmal der Ehrenkodex
-in allen Fällen tätlicher Beleidigung bestimmte, nur ein Austrag mit der
-Pistole erfolgen konnte. Er wußte, daß der _S. C._, für den Fall, daß
-jener andere einer solchen Austragung würde ausweichen wollen, ihn sogar
-moralisch dazu zu zwingen versuchen würde. An eine Möglichkeit für ihn,
-Karl, die Sache auf vernünftige Weise durch eine Erklärung des
-Bedauerns aus der Welt zu schaffen, war gar nicht zu denken, nach dem
-unumstößlichen Satze aus der Logik der Ehre: Eine Realavantage kann (und
-muß) man zwar immer bedauern, aber niemals zurücknehmen. Und auch der
-Umstand der beiderseitigen Betrunkenheit konnte nicht »ziehen«, weil
-durch die Auswechselung der Karten ja dokumentiert worden war, daß beide
-die Tragweite des Geschehenen erkannt hatten.
-
-Auch jetzt, wie Karl alles dies mit ernstem Bedauern bedachte, galt sein
-nächster Gedanke dem Freund: 'Was wird Franz zu dieser heillosen
-Geschichte sagen! Und wenn es tausendmal gegen den Komment verstößt: Das
-kann ich nicht vor ihm geheimhalten!'
-
-Er trat an den Schreibtisch und ergriff die Visitenkarte. Aber im selben
-Augenblicke ließ er sie auch schon wieder fallen und griff sich mit
-beiden Händen nach der Stirn. Auf der Karte stand: Franz Zoller, _stud.
-med._ ...
-
-»Aber um Gottes willen!« rief er laut aus, »das ist ja doch ...« und
-tastete nochmals nach der Karte.
-
-Dann fiel er auf einen Stuhl hin und starrte ins Leere.
-
-Es war ihm unmöglich, einen Gedanken zu fassen. Er fühlte nur immer
-wieder das eine: Wahnsinn! Wahnsinn! Wahnsinn!
-
-Da klopfte es an die Türe. Er öffnete: Im dunklen Flur stand Franz. Aber
-im nächsten Augenblicke war er auch schon im Zimmer und lag dem Freunde
-an der Brust.
-
-Zum ersten Male geschah, was nie geschehen war bisher, sie küßten sich.
-Dabei rollten Karl die großen Tränen über die Backen.
-
-Franz aber lachte munter und sprach: »Aber Karl! Tränen? Von wegen ein
-paar Pistolen?«
-
-Karl riß die Augen auf und rief: »Ja denkst du denn, wir sollen uns
-wirklich....?«
-
-»Aber natürlich, Karl! Wir werden uns doch nicht exkludieren lassen und
-am letzten Tage unserer großen Komödie aus der Rolle fallen?«
-
-»Ich begreife dich nicht. Die Sache ist, weiß Gott, zu ernst, um Witze
-zu machen.«
-
-»Die Witze macht das Schicksal, nicht ich. Das Schicksal will, daß wir
-unsere Komödie mit einem Knalleffekt schließen. Also: Knallen wir!«
-
-»Franz, ich bitte dich!«
-
-»Du scheinst mir einen netten Kater zu haben, mein Lieber, daß du
-absolut nicht kapierst. Bitte, wozu ist die Natur da, wenn man nicht ein
-paar Löcher hineinschießen kann? -- Na, siehst du wohl? -- Wirklich, es
-ist das Einfachste und Schmerzloseste. Fordere ich dich nicht, werde ich
-exkludiert. Nimmst du nicht an, wirst du exkludiert. Sentimentalitäten
--- gilt nicht. Aber Komödie spielen, das gilt. Wer A sagt, muß B sagen.
-Sollen wir diese drei Semester so brav bei der Stange geblieben sein, um
-genau im letzten Augenblicke durchzugehen? Unsinn! Wir sind nicht die
-ersten, die mit ernsten Mienen die Atmosphäre durchlöchert haben. Die
-Pistole ist das harmloseste Instrument von der Welt, wenn man einen
-vernünftigen Gebrauch von ihr macht. Ich werde drei Meter hoch über
-deine werte Schädeldecke weg ins himmlische Blau zielen, und du wirst
-die Blümlein auf der Au mit dem todbringenden Blei lädieren. Vorher aber
-bitte ich dich um eine Liebe.«
-
-»Was denn?«
-
-»Bitte, sage zu mir: Du alter, ekliger Prolet du!«
-
-»Jetzt bist aber wirklich verrückt, mein Junge.«
-
-»Ach so, du weißt wahrscheinlich gar nicht, daß ich dich einen Proleten
-genannt habe?«
-
-»Mein Gott, das hast du? Gottvoll!«
-
-»Allerdings, das habe ich, und dafür muß ich gezüchtigt werden. Also,
-los!«
-
-»Na, ja! Du alter, ekliger Prolet du!«
-
-»So, und jetzt gestatte, daß ich meinerseits, damit wir quitt werden,
-dir eine kleine niedliche Ohrfeige verabreiche. Weißt du, nur, um mir
-nicht sagen lassen zu müssen, daß mich ein Korpsstudent ungestraft
-gemaulschellt hat.«
-
-»Aber natürlich, bitte, bediene dich!«
-
-Und Franz gab dem Freund einen leisen Patsch auf die Wange. Dann lachten
-beide recht herzlich und verabschiedeten sich, weil jeden Augenblick
-Franzens Korpsbrüder in der wichtigen Mission bei ihm erscheinen
-mußten, die ihnen nun der Komment auferlegte.
-
- * * * * *
-
-Schon am nächsten Morgen trafen sich die beiden Parteien in einem
-Gehölze nahe der Stadt.
-
-Die Forderung war auf einmaligen Kugelwechsel bei ziemlich weiter
-Entfernung gestellt und angenommen worden, und die Sekundanten suchten
-die Entfernung durch phantastisch große Schritte beim Abmessen noch zu
-vergrößern.
-
-(»Diese ganze Knallaktion geht ja nur vor sich, damit das Kind einen
-Namen hat,« meinte Franzens Sekundant, um zu kennzeichnen, daß die Sache
-nicht gerade um Tod und Leben ging.)
-
-Immerhin merkte man allen Beteiligten eine gewisse Aufregung an.
-
-(»Kurios,« meinte Karls Sekundant, »was so ein paar glatte Pistolenläufe
-für eine Suggestion ausüben. So eine Pistolenchose macht sich doch immer
-recht dekorativ.«)
-
-Als die Gegner einander gegenübertraten und sich nach der Sitte mit
-einer Neigung des Kopfes begrüßten, hätte ein genauer Beobachter
-bemerken können, was für ein seltsames Leuchten in ihren Augen war.
-
-Dieses Leuchten sprach einen ganzen Satz aus: »Du alter lieber Kerl
-drüben, gelt, du fühlst wie ich, daß wir diese Komödie nicht um ihrer
-selbst und aus einer frivolen Lust spielen, sondern, weil es uns nun
-einmal von einem wunderlichen Schicksal bestimmt ist, einen Mummenschanz
-zu treiben, damit ein paar gute alte Leute ihr Vergnügen haben. Dies
-aber, gottlob! ist die letzte Szene der Komödie.«
-
- * * * * *
-
-Das Kommando fiel. Wie aus =einer= Pistole geschossen krachten
-gleichzeitig zwei Schüsse.
-
-Da, ... heiliger Himmel, ... was ist das?...
-
-Karl sinkt in die Kniee, greift sich mit beiden Händen an den Leib und:
-»Karl! Karl!« schreit Franz und stürzt hinüber, dicht neben ihn hin,
-verzweifelten Antlitzes totenbleich dem Freunde in die Augen sehend, die
-mit einem fürchterlichen Ausdrucke von Schmerz hin und her irren und
-sich plötzlich verschleiern.
-
-»Karl! Karl! Ich .... um Gottes willen .... was ist denn?.... Doktor,
-Doktor!«
-
-Karl, hinten vom Doktor gestützt, läßt den Kopf sinken.
-
-»Tot? Tot?« Franz schreit, brüllt, ächzt es. Sein Sekundant, in einem
-blöden Nichtbegreifen, will ihm zureden, ihn wegziehen.
-
-Er stößt mit beiden Fäusten nach ihm und starrt nur immer in das
-entseelte Auge des Freundes.
-
-Wie aus einer unendlichen Ferne hört er, in einem seltsam höhnischen
-Tonfall, so scheint es ihm, die Worte des Arztes: »Scheußlich! Die Kugel
-muß von einem Stein abgeprallt sein; sie ist von unten, offenbar ganz
-deformiert, in den Leib gedrungen; eine greuliche Fetzwunde. Hier ist
-alles vorbei.«
-
-Franz sinkt bewußtlos neben dem Freunde hin.
-
- * * * * *
-
-Die Burschenschaften und die Korps geleiteten zwei Tage später in einem
-Zug vereint die Leichen der beiden Freunde zu Grabe.
-
-Franz hatte sich noch am Abend des Duelltags erschossen.
-
- * * * * *
-
-Die beiden Alten nahmen ihre Verbindungsbänder von der Wand weg. Auch in
-ihren Herzen waren fortan nicht mehr die Farben schwarz-rot-gold und
-grün-weiß-rot. Aber sie schlossen sich noch enger aneinander, denn einem
-jeden von ihnen war zumute, als könne er keinen Weg mehr ohne Stütze
-gehen.
-
-Und die armen Frauen....
-
-Die Geschichte ist zu Ende.
-
- * * * * *
-
-
-
-
-Von $Otto Julius Bierbaum$ sind u. a. früher erschienen:
-
-
- $Romane.$
-
- $Pankrazius Graunzer.$ 6. Aufl.
- $Stilpe.$ 5. Aufl.
- $Die Schlangendame.$ 4. Aufl.
- $Das schöne Mädchen von Pao.$ 3. Aufl.
-
-
- $Novellen.$
-
- $Studentenbeichten.$ _I._ Reihe. 5. Aufl.
- $Studentenbeichten.$ _II._ Reihe. 4. Aufl.
- $Kaktus und andere Künstlergeschichten.$ 2. Aufl.
- $Annemargreth und die drei Junggesellen.$ 2. Aufl.
- $Die Haare der heiligen Frigilla.$ 1.-3. Tausend.
-
-
- $Gedichte.$
-
- $Irrgarten der Liebe.$ 26.-31. Tausend.
- $Das seidene Buch.$ 2. Aufl.
-
-
- $Dramatisches.$
-
- $Lobetanz.$
- $Gugeline.$
- $Pan im Busch.$
- $Stella und Antonie.$
- $Zwei Münchner Faschingsspiele.$
- $Die vernarrte Prinzeß.$
-
-
- $Sonstiges.$
-
- $Eine empfindsame Reise im Automobil.$
- $Franz Stuck.$
- $Hans Thoma.$
-
- * * * * *
-
-
- Hans von Kahlenberg
-
- Nixchen
-
- Ein Beitrag zur Psychologie der höheren Tochter. 50.-60. Tausend.
-
- M. 1.50, geb. M. 2.50.
-
- Dieses Buch ist in Deutschland verboten.
-
-»$Der Tag$«: Gegen Hans von Kahlenberg schwebt ein Untersuchungsverfahren.
-Grund: Eine in mehreren Auflagen erschienene Novelle »Nixchen«.
-
-Nixchen ist die Tochter eines preußischen Geheimrates; »Beamter vom
-alten Schlag, -- Ehrenmann vom Scheitel bis zur Sohle.« Sie wohnen im
-Berliner Westen; Geld ist knapp; Gesellschaften müssen sein; die Mädel
-heiraten, wen sie kriegen; die eine einen Offizier; die andere einen mit
-Draht; Nixchen, ehe sie den wohlhabenden Achim von Wustrow nimmt, einen
-schwerfälligen Gutsbesitzer, erlustigt sich durch häufige Besuche bei
-einem fesselnden Mann mit Glatze, der unterkittige Geschichten schreibt.
-Sie gibt ihm .... _tout, excepte ça_ (wie die Formel in Frankreich heißt).
-Und das wird beschrieben. Nixchen ist die ärgste nicht; denn ihre
-Freundin Daisy Grimme ist weit ärger. Nixchens andere Freundin ist »die
-Tochter eines pensionierten Generals, ein lustiges, schwarzäugiges
-Plaudertäschchen«. Also: Ein deutsches Seitenstück zu den _Demi-Vierges_
-des welschen Windhundes Prevost. Das Ganze -- vielleicht nichts zum
-Fortleben für die Literaturgeschichte; aber sehr unterhaltende
-Sittenstudie. Mit großer Verve geschrieben, voller Leben. Und eine Masse
-Ehrlichkeit drin, -- neben dem dicken Raffinement der etwas fatalen
-Technik. Zwei Freunde schreiben einander Briefe, der Gutsbesitzer und
-jener kahlköpfige Herbert; der eine schreibt: ich liebe einen Engel;
-gleichzeitig der andere: ich habe zufällig gestern eine Bekanntschaft
-gemacht; die Bekanntschaft ist natürlich der Engel. Und so Schritt vor
-Schritt weiter, in grobem Parallelismus.... Aber es soll meine Tugend
-sein, das lebendige Buch nicht übergenau zu rezensieren. Denn es handelt
-sich nicht darum, ob sich künstlerische Einwände erheben lassen. Sondern
-darum: Ob das Ganze als Kunstwerk zu betrachten ist (nicht als Machwerk
-zur Verbreitung von Unzüchtigem). Die Antwort ist ein zweifelloses Ja.
-Damit muß die Entscheidung des Prozesses gegeben sein. Kommt er
-zustande, dann ist der Verfasserin (nach dieser sechsten Auflage) die
-fünfundzwanzigste verbürgt. Sie hat Glück, daß sie -- schon vorher
-gelesen -- nun eintritt in die Reihe der vordersten Bekanntheiten
-unserer Literatur. Dem beamteten untersuchenden Cato hinwiederum sei
-gesagt: Solche Prozesse haben bekanntlich stets einen Mißerfolg für den
-Staat oder den Anwalt des Staates, der sie macht. Man kann zuletzt doch
-nicht die deutsche Übertragung der Rousseauschen Bekenntnisse verbieten,
-auch nicht den Dekamerone, und die Lucinde ist für zwanzig Pfennige zu
-haben. Keine Darstellung aber mit Kunstmitteln kann so verführend wirken
-wie Dinge, die jeder jeden Tag sehen kann. Mein Lieblingsargument ist
-das blonde Mädel mit wehendem Haar, das über die Straße rennt, die Röcke
-zusammenrafft. Der Staat müßte solche blonde junge Mädel verbieten, die
-zum Bäcker laufen. Eher hören Regungen und Empfindungen nicht auf, die
-schon unsere gottverdammten Väter gehabt, -- da sie unsere Väter geworden
-sind. Schwieriger Fall! Wenn der Gerichtshof diesmal verdonnert, so wird
-Norddeutschlands oberste Klasse, die vor »Nixchen« geschützt werden
-sollte, doch wieder in der Verfasserin getroffen, -- als welche nicht
-die Tochter eines Feldwebels ist, sondern eines lebenden preußischen
-Oberstleutnants.
-
- =Alfred Kerr=.
-
- * * * * *
-
-
- Arthur Schnitzler
-
- Reigen
-
- Zehn Dialoge. -- 20.-25. Tausend. M. 3.50, geb. M. 5.--.
-
-»$Münchner Neueste Nachrichten$«: »Es ist das Buch der Saison, das
-Schnitzler geschrieben hat. Es ist ein scharmantes Werk, voll Anmut und
-Grazie.... Das scheint schon ein gewichtiges Lob und doch erklärt es
-noch nicht, warum diesen zehn Dialogen ein Massenerfolg beschieden war.
-»Reigen« ist ein gewagtes, ein »frivoles« Buch und sein Erfolg ist ein
-Pikanterie-Erfolg. Damit soll beileibe nicht der Dichter getadelt
-werden, sondern das Publikum. Die künstlerischen Qualitäten der
-Gespräche haben mit dem Aufsehen, das sie erregen, nichts zu tun. Daß
-sich hinter den erotischen Ereignissen dieser Szenen eine beinahe
-überfeinerte Psychologie und eine vornehme lächelnde Menschenverachtung
-bergen, merkt auch die in der Kunst stets am Stoffe klebende Menge
-nicht. Wie wären sonst die zahlreichen Entrüstungen eifriger Moralisten
-zu erklären, die es wagten, den Dichter als skandalsüchtigen
-Zotenreißer hinzustellen! Es sei ohneweiters den nach Polizei
-schreienden Tugendwächtern zugegeben, daß die Kühnheit der Dialoge
-etwas Herausforderndes hat. Es sind zehn kleine Komödien des
-Geschlechtstriebes, in deren Höhepunkten der Dichter stets zu schweigen
-und die Interpunktion zu reden beginnt. Dirne und Soldat, Soldat und
-Stubenmädchen, Stubenmädchen und der junge Herr, der junge Herr und die
-junge Frau, die junge Frau und der Ehegatte, der Ehegatte und das süße
-Mädel, das süße Mädel und der Dichter, der Dichter und die
-Schauspielerin, die Schauspielerin und der Graf bilden einen Reigen, der
-sich mit der Vereinigung des Grafen und der Dirne schließt. Die Vorhänge
-der verschwiegensten Alkoven öffnen sich, und die geheimsten Geheimnisse
-dürfen wir hören. Die Liebe in ihrer konkretesten Form ist das einzige,
-zehnmal variierte Thema des Buches und trotz der außerordentlichen
-Wahrhaftigkeit des Tones, in dem die Gespräche gehalten sind, fällt kaum
-ein unzartes Wort. Vielleicht noch nie sind die femininen Listen
-sicherer beobachtet und diskreter nachgezeichnet worden. Ein Chirurg der
-Seele zeigt uns ihre verborgensten Verrichtungen und dringt hier in
-Gebiete, die bisher der Kunst _terra incognita_ waren.«
-
- * * * * *
-
-
- Raoul Auernheimer
-
- Rosen, die wir nicht erreichen
-
- Ein Geschichtenband.
-
- 2. Auflage. M. 2.--, geb. M. 3.--.
-
-»$Hamburger Fremdenblatt$«: Der »Wiener Verlag«, der uns bereits die
-Kenntnis einer Anzahl wirklich guter und origineller Bücher vermittelt
-hat, läßt mit seinen »Rosen, die wir nicht erreichen«, abermals ein
-gediegenes Werk in die Öffentlichkeit hinausgehen. Der Erzähler dieser
-kurzen Geschichten aus dem Leben erfreut sich einer Frische und
-Selbständigkeit der Anschauung und dabei eines Stiles von so
-bestrickendem Reiz, daß man den Autor ohneweiters in die erste Reihe der
-modernen Erzähler zu stellen hat.
-
-»$Berliner Nationalzeitung$«: (Welt am Montag.) Wer Raoul Auernheimer, der
-jedem auf literarischem Gebiet Versierten wohl schon begegnet ist, noch
-nicht kennt, der sollte diesen Geschichtenband zum Vermittler einer
-zweifellos sehr genußreichen Bekanntschaft machen. Auernheimers
-Geschichten werden alle ohne Ausnahme von einem feinen Humor und einer
-noch feineren Satire getragen. Der Dichter schaut von hoher Warte auf
-Welt und Menschen herab......
-
- * * * * *
-
-
- Raoul Auernheimer
-
- Lebemänner
-
- Novelle. 2. Auflage. M. 1.--, geb. M. 2.--.
-
-»$Neues Wiener Tagblatt$«: Eine feine Studie aus dem Alltags- und
-Liebesleben, deren Held Konrad Spreckelmayer heißt, seines Zeichens
-Doktor ist und aus der altertümlichen Stadt Prag stammt. Das letztere
-ist nicht unwichtig. Um in Wien den erotischen Entwicklungsgang zu
-nehmen, der Spreckelmayer beschieden ist, muß man aus Prag kommen -- das
-können manche bestätigen.
-
-Und der Sprosse der wackeren Moldaustadt kommt nach Wien, aus einer Art
-Bibelluft nach der Babel-Atmosphäre, und hier wird er auf dem
-allergewöhnlichsten Wege ein »Lebemann«! Ihn und seine Kameraden
-zeichnet nun Auernheimer in ebenso scharfer wie delikater Weise, mit
-etwas Ironie, aber ohne Forcierung, ohne zolaistische Düsterheit, ohne
-Schwermutsfrivolität, ohne bacchantische Hypertrophie. Das wirkt sehr
-sympathisch an diesem Buche und wieder einmal haben wir -- wir wollen es
-dreimal und öfter betonen -- Gelegenheit davon zu sprechen, daß das
-junge, frische Wien (wenige Ausnahmen abgerechnet) viel dezenter ist als
-das junge, greisenhafte Berlin. Da haben wir einen eleganten Satiriker
-vor uns, der sich das Rückertsche Diktum stets vor Augen hält: »Ich
-lehre dich, mein Sohn, nie über das, was über Maß das ist; denn überall
-von Übel ist das Über!« Und solch eine Eigenschaft kann bei einem jungen
-Autor nicht genug gerühmt werden!
-
- * * * * *
-
-
- Felix Salten
-
- Die Gedenktafel der Prinzessin Anna
-
- Novelle. 3. Auflage.
-
- M. 1.--, geb. M. 2.--.
-
-Hofrat =Dr. Max Burckhardt= schreibt in der »$Zeit$«: Die soeben im Wiener
-Verlag erschienene Novelle Saltens ist von einer ganz ungewöhnlichen
-Frechheit. Sie ist aber nicht nur frech, sie ist auch gut, die Frechheit
-sinkt nicht herab zur lüsternen Zote, sie erhebt sich zu blutiger
-Ironie. Parabasco, Herzog von Riavenna, betritt, da er nächtlicherweile
-eben selbst von einem Liebesabenteuer kommt, seine Schwester Anna, wie
-sie heimlich aus einem Pförtchen des Palazzo Gembi huscht. Da er sich
-überzeugen muß, daß der junge Gembi sein zartes Geheimnis nicht für sich
-allein behalten hat, entschließt er sich resolut, allem geheimen
-Gezischel und Getriebe dadurch vorzubauen, daß er eine Gedenktafel am
-Palazzo Gembi anbringen läßt, auf der mit dürren Worten der
-Öffentlichkeit mitgeteilt wird, was Prinzessin Anna in diesem Hause
-erlebt hat. Welche Folgen diese Tat des Herzogs hat, wie insbesondere
-das gute Volk die Prinzessin als Wohltäterin von Riavenna im Triumphzug
-durch die Stadt führt und ihr angesichts der Gedenktafel eine
-begeisterte Huldigung darbringt, und wie zum Schluß der Herzog an sich
-selbst erfährt, welche Nutzanwendungen ein einfaches Mädchen aus dem
-erhabenen Beispiele der verehrten Fürstin zieht -- das möge jeder in dem
-Büchlein lesen. Es könnte in der besten Zeit der Renaissance geschrieben
-sein.
-
- * * * * *
-
-
-[Illustration: BIBLIOTHEK MODERNER DEUTSCHER AUTOREN]
-
- 1. Bd.: $Arthur Schnitzler.$ Die griechische Tänzerin.
- 2. Bd.: $Hugo von Hofmannsthal.$ Das Märchen der 672. Nacht.
- 3. Bd.: $Georg Hirschfeld.$ Erlebnis.
- 4. Bd.: $Otto Ernst.$ Die Kunstreise nach Hümpeldorf.
- 5. Bd.: $Felix Salten.$ Der Schrei der Liebe.
- 6. Bd.: $Otto Julius Bierbaum.$ Das höllische Automobil.
- 7. Bd.: $Johannes Schlaf.$ Die Nonne.
- 8. Bd.: $Anton v. Perfall.$ Er lebt von seiner Frau.
- 9. Bd.: $Siegfried Trebitsch.$ Das verkaufte Lächeln.
- 10. Bd.: $Hans von Kahlenberg.$ Jungfrau Marie.
-
- Preis jedes Bandes M. 1.--, geb. M. 2.--.
-
- Durch alle Buchhandlungen zu beziehen.
-
- * * * * *
-
-
-
-
-Anmerkungen zur Transkription:
-
-Die Originalschreibweise und kleinere Inkonsistenzen in der Schreibweise
-und Formatierung wurden prinzipiell beibehalten.
-
-Gesperrter Text wurde mit Gleichheitszeichen (=Text=), fett gedruckter
-Text mit Dollarzeichen ($Text$) und Text in Antiqua mit Unterstrichen
-(_Text_) markiert.
-
-Die nachfolgende Tabelle enthält eine Auflistung aller gegenüber dem
-Originaltext vorgenommenen Korrekturen.
-
- Kapitel Lebenslauf: zu Grüneberg -> Grünberg
- Kapitel Lebenslauf: befriedigen könnte -> konnte
- S. 22: der Stadt Knödelmkraut -> Knödelimkraut
- S. 24: bist du ja veil -> viel
- S. 32: Du, Bartl -> Bartel
- S. 32: sagte Bartl -> Bartel
- S. 35: »Also schön, -> schön,«
- S. 35: dorthin führst? -> dorthin führst?«
- S. 52: Ihn kreuzweise -> 'Ihn kreuzweise
- S. 52: zu fesseln, -> zu fesseln,'
- S. 52: wird nicht -> 'wird nicht
- S. 53: ich .. -> ich ...
- S. 69: Stil versag -> versagt
- S. 101: Weihnachts-Bowle -> Weihnachtsbowle
- S. 148: Sekunde der Uberzeugung -> Überzeugung
- S. 153: dekorativ.«). -> dekorativ.«)
- S. 155: und starrt unr -> nur
- S. 157: Zwei münchner -> Münchner
- S. 163: Gembi huscht -> huscht.
- Anhang S. 3: in grobem Parallelismus... -> Parallelismus....
-
-
-
-
-
-End of Project Gutenberg's Das höllische Automobil, by Otto Julius Bierbaum
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS HÖLLISCHE AUTOMOBIL ***
-
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-Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the
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-entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8.
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-used on or associated in any way with an electronic work by people who
-agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
-things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
-even without complying with the full terms of this agreement. See
-paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
-Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
-and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
-works. See paragraph 1.E below.
-
-1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
-or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
-Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
-collection are in the public domain in the United States. If an
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-works based on the work as long as all references to Project Gutenberg
-are removed. Of course, we hope that you will support the Project
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-posted with permission of the copyright holder), the work can be copied
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-through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the
-Project Gutenberg-tm trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or
-1.E.9.
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-1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
-with the permission of the copyright holder, your use and distribution
-must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional
-terms imposed by the copyright holder. Additional terms will be linked
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-permission of the copyright holder found at the beginning of this work.
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-License terms from this work, or any files containing a part of this
-work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.
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-electronic work, or any part of this electronic work, without
-prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
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-compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any
-word processing or hypertext form. However, if you provide access to or
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-1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
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