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| author | nfenwick <nfenwick@pglaf.org> | 2025-03-07 13:43:30 -0800 |
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diff --git a/43914-0.txt b/43914-0.txt new file mode 100644 index 0000000..efefc2e --- /dev/null +++ b/43914-0.txt @@ -0,0 +1,2910 @@ +*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 43914 *** + + Otto Julius Bierbaum + + + Das höllische Automobil + + Novellen + + + Bibliothek moderner deutscher Autoren Band 6 + + + Wiener Verlag Wien und Leipzig 1905 + + + Der Verleger behält sich sämtliche Rechte vor + + Umschlag von Richard Lux + + Druck der k. und k. Hofbuchdrucker Fr. Winiker & Schickardt, Brünn. + + + + + _Vita autoris._ + + + =Otto Julius Bierbaum= + +erblickte das Licht dieser Welt am 28. Juni 1865 zu Grünberg in +Niederschlesien als der Sohn eines eingebornen Konditors und einer +sächsischen Bergmannstochter. In der väterlichen Familie waren zwei +Berufszweige erblich: Ein süßer: die Zuckerbäckerei, und ein saurer: die +protestantische Theologie. Otto Julius hatte aber wohl einen besonders +starken Gemütseinschlag von der mütterlichen Familie her (in der einmal, +zur Zeit Napoleons, ein französischer Tambour eine Gastrolle gegeben +haben soll) und so fand in ihm weder die süße noch die saure +Familientradition ihre Fortsetzung. Doch blieb ihm Zeit seines Lebens +von Abstammung wegen ein ausgesprochener Sinn für bessere Kuchen und +Edelmetalle im Blute, ohne daß er ihn indessen immer befriedigen konnte. +Dieses Unvermögen kommt aber eben daher, weil er, statt das Süße oder +das Saure oder sonst was Ordentliches zu lernen, sich von Jugend auf +dem Laster des Versemachens und Fabulierens hingegeben hat. Was hat er +davon? --: Ein immer zweifelhaftes Budget und die Ungnade des +Literaturaufsehers Bartels in Sulza bei Weimar -- O, daß doch dieses +gewiß gräßliche, aber leider nicht unverdiente Schicksal abschreckend +auf alle unerfahrenen Jünglinge und Jungfrauen wirken möchte, die +in dem Wahne leben, das Dichten sei eine einträgliche Beschäftigung +und mache wohlgelitten bei ernsten Kunstwärtern und gelehrten +Literaturbeaufsichtigern! In Wahrheit führt es, wenn man sich ihm nicht +auf der Basis einer =sehr= anständigen Rente hingibt, direkt ins +Versatzamt und erregt, wenn es nicht so vorsichtig ausgeübt wird, daß +alles Vergnügen daran zum Teufel geht, nur Unwillen. + +Dieser Unwillen steigert sich zur Empörung, wenn der Unbesonnene, der +ihn hervorgerufen hat, statt sich durch weise Beschränkung auf ein +bestimmtes Fach der Dichtkunst wenigstens zum Spezialisten auszubilden, +auch noch einen Mangel an =Charakter= offenbart, indem er halt- und +ziellos in allen Fächern der Poeterei herumfährt und, wie _iste_ +O. J. B., außer Gedichten jeder Art und Unart auch noch Novellen, Romane, +Operntexte, Dramen, Balletts, Reisebeschreibungen, Märchen und allerhand +Aufsätze über allerhand Menschen, Dinge und Ideen von sich gibt. Dies +ist ein so grober Verstoß gegen das moderne Gesetz von der Teilung der +Arbeit, daß man nicht energisch genug dagegen Front machen kann. Warum, +so fragen wir mit Nachdruck, hat sich O. J. B. nicht damit begnügt, +den 'Lustigen Ehemann' zu verfassen? Wie klar umrissen stünde +dann sein Bild im Herzen der dankbaren Mitwelt, während es jetzt +unruhig und fatal hin- und herzittert in den verschiedensten Kapiteln +der Literaturkunde, vergleichbar den lebenden Photographien der +American-Biograph-Gesellschaft, G. m. b. H., Berlin. + +Daß er auch noch Zeitschriften gründete, mag ihm verziehen werden, weil +sie (Pan und Insel) eingegangen sind, und weil es sich schließlich, Gott +sei Lob und Dank, doch herausgestellt hat, daß die aufregenden +Nachrichten über seine schmachvoll hohen Redaktionsgehälter nur die +Phantasiegebilde einiger erfindungsreichen Köpfe waren. Auch seine +längere Reise im Automobil hat ihren Stachel verloren, seitdem man weiß, +daß sie nicht auf eigene Kosten unternommen worden ist. + +Über seine Mitschuld am Überbrettl gehen die Meinungen auseinander. +Einige Passagen im »Stilpe« belasten ihn zwar schwer, aber das Programm +seines Trianon-Theaters (einmal und nicht wieder!) wird immer als +besinnungslos rein lyrisches Entlastungsdokument angeführt werden +können. + +Sonst ist O. J. B. harmlos. Sein Körpergewicht (81·5 Kilo, die +Kleider nicht mitgewogen), sowie seine untersetzte, deutlichen +Fettansatzes nicht ermangelnde Statur, reihen ihn unter die +Korpulenzen ein, die eher zum Phlegma, als zu kriegerischem +Angriffe neigen. Doch scheint er es sich nicht abgewöhnen zu können, über +gewisse Charaktereigentümlichkeiten erbost zu werden, als da sind: Neid, +Lügenhaftigkeit, Tratsch- und Verleumdungssucht und aufgeblasener +Dummstolz. (Woraus deutlich hervorgeht, daß man ihn mit Unrecht unter +die Humoristen rechnet.) Durch Radfahren und elektrische Massage +versucht er es übrigens, seine Taillenweite dem erwünschten Normalmaße +anzunähern, wie er denn auch den Fettbildner Alkohol mit einer +Konsequenz meidet, die ihm sonst nicht eigen ist. Lawn Tennis mußte er +leider wegen Mangels an englischen Sprachkenntnissen aufgeben. Die +Pflege des nationalen Skat hinwiederum ist ihm wegen eines +mathematischen Defekts versagt. + +Hunde, Katzen, Blumen; Horaz, Shakespeare, Goethe; Gluck, das +'wohltemperierte Klavier', Mozart; Dürer, Ludwig Richter, Chodowiecki; +Büttenpapier, Seide und Ceylontee liebt er sehr. Schiller genießt er +einstweilen lieber in der Form Dehmel. -- Für die größten unter den +modernen Dichtern gelten ihm Dostojewski, Nietzsche und Gottfried +Keller. -- Th. Th. Heine ist ihm lieber, als Max Klinger. -- Ein +rechtschaffenes Biedermeier-Kanapee zieht er ebensowohl einer _sella +curulis_ wie jeder streng modern konstruktiven Lösung des Sitzproblems +vor. Van de Velde verehrt er aus scheuer Entfernung und mit aller +gebotenen Vorsicht. Der wahrhaft aus modernem Bedürfnis und aus der +klaren Tiefe der Zeitseele geborene Nachttopf scheint ihm einstweilen +nur in ornamentalen Ansätzen von verdienstlichem Zielbewußtsein +vorhanden zu sein. An »Buchschmuck« hat er sich für eine Weile +sattgesehn, sowohl an dem botanischer, zoologischer und mineralogischer, +wie an dem rein geometrischer Herkunft. Seine Sünden auf diesem Gebiete +bereut er herzlich und hat sich dafür als freiwillige Buße die +vollkommenste Enthaltsamkeit von allen Kopf-, Rand-, Zwischenleisten, +Frontispicen, _culs de campe_ &c. &c. auferlegt. Doch zweifelt er +keineswegs daran, daß die Blütezeit des Jugendstiles noch eine hübsche +Zeit andauern wird. -- Was die moderne Musik angeht, so fühlt er keinen +Beruf, sich an dem Gesellschaftsspiele der Auslosung des neuen Messias +zu beteiligen. Er ist dazu musikwissenschaftlich nicht gebildet genug +und muß zufrieden sein, daß es ihm beschieden ist, zuweilen moderne +Musik zu hören, die ihm angenehm eingeht, ohne daß er zu sagen weiß +warum. Im Grunde ist er wohl auch zu frivol dazu, was schon daraus +hervorgeht, daß er nicht gerne eine Offenbachsche Operette versäumt. + +Moderner Bücher liest er nicht gar viele, doch läßt er sich von +Liliencron, Dehmel, Wedekind und Gerhard Ouckama Knoop keines entgehen. +In alten Briefwechseln, Tagebüchern und Memoiren zu lesen ist ihm ein +großes Vergnügen. Den größten Genuß auf diesem Gebiete bereiten ihm die +Briefe und Tagebücher Friedrichs v. Gentz, den er überdies für einen der +besten Prosaisten in deutscher Sprache hält. + +Seine Kenntnis der Weltvorgänge bezieht er aus den »Münchner Neuesten +Nachrichten« und dem »Simplizissimus«. Zu einem Abonnement auf die +»Woche« hat er sich noch nicht entschließen können, doch läßt er sich +eigens zu dem Zwecke allwöchentlich einmal die Haare kräuseln, um bei +seinem Friseur den Anschauungsunterricht zu genießen, den dieses +vorzügliche Organ der Volksaufklärung gewährt. Übrigens photographiert +er, wie jeder Kunst- und Naturfreund, selbst und hat es darin zu einer +Vollkommenheit gebracht, die ihm außer seiner Frau niemand bestreitet. + +Religiös ist er Eklektiker. Vom Judentum hat er die Psalmen, vom +Protestantismus eine ziemliche Anzahl Gesangbuchslieder, vom +Katholizismus die Instrumentalmusik und verschiedene Bestandteile der +sakralen Garderobe, vom Buddhismus die schöne Pose des Sitzens auf einer +Lotosblüte, vom Konfuzianismus das Prinzip der großen Wurstigkeit, vom +Taoismus die höchst angenehme Mystik ahnungsvoller Wortverknüpfungen in +seine Privatkirche übernommen, deren Hauptlehre übrigens lautet: 'Halte +dir alles Gesindel vom Leibe, denn es hindert dich, in deinen Himmel zu +kommen!' + +Wollte man ihn nach seiner politischen Meinung fragen, so würde man ihn +in Verlegenheit setzen. Es kommt das vielleicht daher, weil er keine +Leitartikel liest und Bismarck tot ist. + +Exlibris und Ansichtspostkarten sammelt er nicht; dafür alte +Vorsatzpapiere, Gläser und Fayencen; Autogramme gibt er nur in schwachen +Momenten ab; jungen Damen und Herren zu sagen, ob sie Talent zur +lyrischen Poesie haben, erklärt er sich für inkompetent. + +Vorbestraft wegen Körperverletzung in idealer Konkurrenz mit einer +Übertretung ortspolizeilicher Vorschriften über das Halten von großen +Hunden. + + * * * * * + + + + + Inhalt + + Das höllische Automobil 17 + + Der mutige Revierförster 63 + + Patsch und Tirili 83 + + Die Weihnachtsbowle 101 + + Schwarz-Rot-Gold und Grün-Weiß-Rot 123 + + + * * * * * + + + + + Das höllische Automobil + + Ein Märchen + für sämtliche Alters- und Rangklassen nach einer Idee =Alf Bachmanns=. + + +Der Riese Rumbo konnte die Menschen nicht leiden, weil sie neben ihm so +lächerlich klein erschienen, aber doch klüger waren als er, und weil es +ihm, wegen seiner unmäßigen Größe und Ungeschlachtheit, nicht möglich +war, mit ihnen zusammen zu wohnen, -- was er doch von wegen Kartenspiel +und anderer Lustbarkeiten, die man nicht allein besorgen kann, ganz +gerne gemocht hätte. Wie hätte er aber mit jemandem Skat spielen oder +sonst etwas Vertrauliches treiben sollen, da er so groß war, daß er +selbst die größten Häuser der benachbarten Residenzstadt nicht einmal zu +Leibstühlen benützen konnte, weil sie dazu zu niedrig gewesen wären? + +Daraus könnt ihr euch wohl ungefähr ein Bild machen, wie über alle +Maßstäbe und Begriffe ausgedehnt dieser Kerl war. + +Mein Onkel, der doch auch ein Mann von gutem Gardemaße und überdies +Pfarrer, also gewöhnt war, seinen Blick immer aufs Höchste zu richten +hat mir mehr als einmal beteuert, daß Rumbo alle seine Begriffe von +Länge und Breite übertroffen habe. Übrigens ist es dieser mein Onkel, +der mir diese Geschichte erzählt hat, was zu bemerken ich nicht zu +ermangeln will, weil man sonst denken könnte, sie hätte keine Moral. Die +Wahrheit ist, daß sie mehr Moral hat, als selbst der aufmerksamste +Zuhörer beim ersten Male merken kann. Man muß sie sich also ein paarmal +erzählen lassen. Es verlohnt sich. + +Ich selbst habe sie =sehr= oft gehört, nämlich immer, wenn mein Onkel +meinen Vater zu besuchen kam, um, wie er sagte, »nach dem Rechten zu +sehen.« Es scheint aber, daß das Rechte sich bei uns im Keller aufhielt. +Denn dorthin begaben sich bei solcher Gelegenheit die beiden Brüder +sogleich, wenn der ältere beim jüngeren zu Besuch angekommen +war. -- Dies nebenbei und ohne eigentliche Beziehung zu Rumbo. + +Der war also nach der Überlieferung meines Onkels ein =über=gewaltiger +Geselle. -- Ich wünschte sehr, seine Größe in Metern angeben zu können, +aber in dieser Hinsicht hat es mein Onkel an Exaktheit fehlen lassen. +Statt einfach zu sagen: so und soviel Meter oder meinetwegen bayerische +Ruten war er lang, liebte er es, die Ausdehnung des Riesen durch +Vergleiche oder Bilder anzudeuten, wobei es mir nicht entging, daß dabei +nicht immer das gleiche herauskam. Machte ich ihn darauf aufmerksam, so +pflegte er zu sagen: »Mein lieber Junge, bei ganz großen Gegenständen +irrt sich selbst die Bibel. Für das, was das gewohnte Maß maßlos +überschreitet, haben wir Menschen nicht einmal die Fähigkeit, in Bildern +ordentliche Maßstäbe zu finden. Kehre dich nicht daran, wenn ich dir +=einmal= sage: Rumbos Beine waren so dick und lang wie die Türme der +Frauenkirche zu München, und ein =andermal:= Rumbos Nasenlöcher waren so +breit und lang wie der Tunnel durch den St. Gotthard. Das stimmt +freilich nicht; aber aufs Stimmen kommts auch nicht an, wo sichs um +Riesen handelt. Sei froh, zu wissen, und laß es dir genügen, daß Rumbo +auf alle Fälle erstaunlich groß war; -- wenn du Lust hast, seiner Größe +noch ein paar Kilometer hinzuzusetzen, so tu dir keinen Zwang an. +Meinetwegen kannst du ihn dir auch ein bißchen kleiner vorstellen, wenn +er dir dadurch näher kommt, aber, versteht sich, immer noch so riesig, +daß du dich selber darüber wundern mußt. -- =Darauf= kommt es an.« + +Ich empfehle euch, es auch so zu halten. + +Da Rumbo nicht unter Menschen wohnen konnte, lebte er ständig auf dem +Lande, und zwar in der Nähe der Stadt Knödelimkraut, die sich einer sehr +waldigen Umgebung erfreut. Dort war aber auch wirklich ein Mordstrum von +einem Walde, der für ihn paßte, als wenn er ihm angemessen worden wäre. +Tannen wuchsen darin, so dick, daß ein Mensch, der um eine hätte +herumgehen wollen, dazu eine gute Stunde gebraucht haben würde. +(Wirklich wahr!) Er hätte aber gar nicht drum herumgehen können, weil +die Wurzeln dieser Bäume wie Gebirge über die Erde hervorstanden, und +weil das Moos, das auf ihnen wuchs, selber wieder so hoch und dicht war, +wie das Gebüsch in einem gewöhnlichen Walde. + +Für Rumbo aber war der Wald eben darum gerade recht; und er verließ ihn +nur einmal in der Woche, nämlich am Sonnabend, wo er sich seine Mahlzeit +holen mußte. Denn er aß nur einmal in der Woche, am Sonntag. Das kam +daher, weil für ihn eine Woche so viel war, wie für uns ein Tag. +(Inwiefern? -- das wußte sogar mein Onkel nicht zu erklären, dem doch +selbst in der Offenbarung Johannis keine Zeile dunkel war. -- Ihr tut +also gut, euch nicht den Kopf darüber zu zerbrechen, was zu unterlassen +übrigens auch anderen Problemen gegenüber ratsam erscheint, da ein Kopf, +auch wenn er hohl ist, nicht eigentlich die Bestimmung hat, zerbrochen +zu werden. Und =eure= Köpfe, meine Lieben, sind überdies =nicht= +hohl, -- wie würdet ihr sonst =meine= Zuhörer sein?) + +In der Hauptsache bestand seine Mahlzeit aus Gemüse. Birkenbäume waren +für ihn Spargel, Eichenbäume Spinat, aus jungen Tannen machte er sich +Sauerampferbrei. Kuchen und andere süße Speisen konnte er sich nicht +verschaffen, außer wenn er gerade einmal bei einem Bienenzüchter +vorbeikam. Da fraß er dann gleich sämtliche Bienenstöcke mit dem Honig, +aber auch mit den Bienen auf, und wenn ihn die Bienen im Munde und im +Magen stachen, sagte er: »Ei, das prickelt recht angenehm.« Sonst +bestand seine Nachspeise immer aus einem Menschen, und er meinte, das +Menschenblut sei süßer als aller Honig; nur schade, daß man nicht viel +davon vertragen könne, weil es dusselig mache. Soviel von seiner +Speisekarte. + +Da Rumbo dumm war, war er auch faul, und so kam es, daß er meistens der +Länge lang auf dem Boden lag und schlief. + +Wie er nun einmal so da lümmelte, fühlte er ein Jucken in seiner Nase +und mußte niesen; -- hatzi! flog ein Mensch aus seinem Nasenloch und +mitten auf die ganz mit zottigen Haaren bedeckte Brust. + +»Hahaha!« lachte der Mensch; »da bin ich aber mal schön weich gefallen.« + +»Was! Du lachst noch?« brüllte Rumbo, »dich werde ich übermorgen +fressen.« + +»Mich?« rief der Mensch, -- »dazu bist du ja viel zu dumm. Ehe du mich +ergreifst, bin ich schon ganz wo anders.« + +Und richtig, wie Rumbo nach ihm fassen wollte, saß der Mensch schon in +seinem linken Ohre und schrie hinein: »Du großer Esel!« + +Rumbo begriff, daß das eine Majestätsbeleidigung war und wollte ihn sich +mit seinem kleinen Finger (Klein! -- Du lieber Gott! Er hatte die +Ausdehnung von Frau Klara Ziegler!) aus dem Ohre trillern, aber da war +der Mensch schon lange weg. Und wo saß er? Im Winkel des linken Auges +und kitzelte den Riesen. + +»Geh weg!« schrie Rumbo, »das kann ich nicht leiden.« (Es war ihm, wie +wenn uns eine Mück ins Auge gekommen ist.) + +Der Mensch aber sagte: »Nicht eher, als bis du mir versprichst, mich in +Ruhe zu lassen.« + +»Ja doch, ja doch,« brüllte der Riese, »mach nur, daß du aus meinem Auge +'rauskommst. Das ist zu widerwärtig.« + +»Siehst du wohl?« sagte der Mensch, »was Kleines kann auch unangenehm +werden«, und er setzte sich auf eine Warze, die sich wie ein mit Gras +bewachsener Hügel, über und über mit Haaren bedeckt, auf des Riesen +Nasenspitze erhob. + +»Das ist ein angenehmer Aussichtspunkt,« sagte er, wie er dort saß, +indem er vergnüglich mit den Beinen baumelte und sich eine Zigarre +anzündete. »Ich habe zwei Seen vor mir, die von Tannen umgeben sind, und +dahinter ist ein Gebirge mit vielen Schluchten, und hoch oben ein Wald +von roten Bäumen. Diese Landschaft verdient einen Stern im Bädeker; ich +werde hier ein Aktienhotel gründen.« + +»Na ja: Meine Augen, meine Stirne und mein roter Haarschopf,« sagte der +Riese geschmeichelt; »aber was ist dir denn eingefallen, daß du in meine +Nase gekrochen bist? Dort zieht es doch?!« + +»Eben darum, es ist infam heiß heute und ich dachte es mir gleich, daß +in diesem Blasebalgfang ein guter Wind ginge«, antwortete der Mensch. + +»Ja, hast du denn keine Furcht?« + +»Vor wem denn?« + +»Na, vor mir!« + +»Vor dir? Dazu bist du mir zu dumm.« + +Da merkte der Riese, daß dieser Mensch, wenn nicht gar ein Genie, so +doch ganz gewiß ein brauchbares Talent war, und er sprach: + +»Du gefällst mir, Mensch, du kannst als Gehilfe bei mir eintreten. Wie +heißt du denn?« + +»Frechdachs,« antwortete der Mensch. + +»Das ist ein schöner und passender Name für einen Menschen von dieser +Begabung,« meinte der Riese; »also, willst du?« + +»Meinetwegen,« sagte Frechdachs, »wenn es nur was Ordentliches zu tun +gibt und nicht so gewöhnliche Hantierungen wie in der Stadt. Dort haben +sie nichts mit mir anfangen können und wollten mich deshalb ins +Gefängnis sperren. Ich bin aber ausgerissen.« + +»Na, dann paßt du ja famos zu mir, Frechdachs!« sagte Rumbo. »Du sollst +dich nicht zu beklagen haben. Bei mir gibt's nur solche Sachen zu tun, +die in der Stadt verboten sind.« + +»Das kann ich mir denken,« sagte Frechdachs, »denn du selber würdest in +der Stadt verboten werden, wenn sie dich verbieten könnten. -- Aber sag +mal, wozu brauchst du denn einen Gehilfen, du großer Schuft und +Schlagtot? Ein Kerl, wie du, braucht ja bloß irgendwo hinzufallen, und +gleich liegt rechts und links von ihm, was er braucht.« + +»Das verstehst du nicht,« sagte Rumbo. »Ich bin =zu= groß. Erstens werd' +ich zu schnell bemerkt; dann sind meine Bewegungen zu langsam; und +schließlich kann ich so kleines Zeug, wie ihr Menschen seid, nicht gut +anfassen. Entweder zerquetsche ich so eine Made, oder sie rutscht mir +durch eine Fingergelenksfalte weg. Ich sage dir: ich müßte verhungern, +wenn ich mich von euch Marschiermücken nähren müßte. Zum Glück brauche +ich das zweibeinige Milbenvolk nur als eine Art süßer Verdauungspillen. +Aber dazu seid ihr Zappelgemüse mir unbedingt nötig. Und deshalb ist es +mir sehr angenehm, einen Menschen als Gehilfen zu haben, denn niemand +kann einen Menschen besser fangen, als ein Mensch. Im Grunde könnt ihr +ja auch nichts, als das. -- Ich habe darum von jeher und immer Menschen +als Gehilfen gehabt, aber leider, leider waren es regelmäßig +unvorsichtige Burschen, die allzubald auf irgendeine Weise bei mir +zugrunde gingen. Der eine fiel mir ins Ohr und brach das Genick auf +meinem Trommelfell; der andere verlief sich im Dickicht meiner Haare und +verhungerte; ein dritter ertrank in einem Schweißtropfen von mir; ein +vierter, der Korpsstudent gewesen war und sich das Trinken nicht +abgewöhnen konnte, hielt in der Betrunkenheit, als ich einmal gähnte, +meinen Mund für einen Weinkeller, lief hinein und erstickte, wie ich den +Mund zugemacht hatte, in einem hohlen Zahn; -- und so weiter, und so +weiter. Du siehst also, daß du gut aufpassen mußt.« + +»Mir passiert so was nicht; verlaß dich darauf,« meinte Frechdachs; »ich +bin daran gewöhnt, aufzupassen, wie ein Luchs, denn ich gehöre zu den +Vogelfreien, die auch unter Menschen immer auf der Hut sein müssen. Bloß +die Käfigmenschen, die Mastgimpelnaturen, die den Freßkober stets bei +sich am Halse tragen, dürfen es sich erlauben, ohne besondere +Aufmerksamkeit ihrem Tagwerke nachzugehen. Wir, die wir nicht so +tugendhaft und stäte sind, sondern immer tapfer und resolut auf Taten +ausziehen, für die man früher geadelt wurde, jetzt aber ins Kittchen +gesperrt wird -- wir müssen immer die Ohren steif und die Augen offen +halten. Meinetwegen kannst du also ganz ruhig sein. -- Aber: Was krieg' +ich denn als Lohn?« + +»Was? Lohn willst du auch noch?« brüllte Rumbo, der in seinem +Souveränitätsgefühle beleidigt war. »Sei froh, daß ich dich nicht zum +Nachtisch einnehme. Nein, mein Lieber, Lohn gibt's nicht. Höchstens +einen Titel. Wie willst du lieber heißen: General oder Hofmarschall?« + +»Gar nichts will ich heißen,« sagte Frechdachs; »Lohn will ich haben.« + +»Also, wie viel denn?« fragte Rumbo. + +»Kein Geld,« antwortete Frechdachs, »das kann ich mir stehlen; du sollst +mich zu einem Riesen machen, wie du selber einer bist.« + +»Das kann ich nicht,« sagte Rumbo. + +»Doch kannst du's,« erwiderte Frechdachs, »mach keine Flausen; ich bin +nicht so dumm, wie du aussiehst, und weiß ganz gut, daß du's kannst. +Aber du willst nicht, weil du Angst hast, daß ich dich dann totschlage, +du Feigling.« + +»Na, also gut, Frechdachs,« sagte Rumbo, dem bei so viel Intelligenz +angst und bange wurde, »ich mache dich zu einem Riesen, aber erst, wenn +du mir hundert Menschen gebracht hast.« ('Nach dem Neunundneunzigsten +freß ich ihn auf,' dachte er sich.) + +»Abgemacht,« sagte Frechdachs. »Und was soll ich zuerst tun?« + +»Hm, ja, warte mal,« überlegte der Riese eine Weile; »da ist drüben in +der Wassermühle der junge Müller Bartel Klippklapp, der ist weiß wie +sein Mehl vor lauter Fett und muß allerliebst nach Korn schmecken. Den +hol mir! Aber er ist schlau, weißt du. Du mußt es klug anstellen.« + +»Wenn's weiter nichts ist,« sagte Frechdachs, rief seinen Rappen, der in +der Nähe weidete, schwang sich in den Sattel und ritt davon. + +Schon nach fünf Stunden kam er wieder und schleppte den jungen Müller an +einem Stricke erwürgt hinter sich her. + +»Sieh mal an!« lachte der Riese, »da hast du ja den Bartel Klippklapp, +der so schlau war. Bist wohl noch schlauer gewesen?« + +Frechdachs antwortete: »Dazu hat nicht viel gehört. Der dumme Kerl stand +gerade in seinem Garten und las Raupen vom Kohl. 'Du, Bartel,' rief ich, +'was machst du denn da?' 'Raupen lesen,' sagte Bartel. 'Was machst du +denn mit den Raupen,' fragte ich. -- 'Was soll ich denn damit machen?' +antwortete er; 'tot machen tu' ich sie; sie fressen mir sonst meinen +Kohl.' -- 'Na, höre mal,' sagte ich, 'das ist aber lieblos; die armen +Tierchen wollen doch auch leben.' -- 'Bist du so ein Esel,' erwiderte +Bartel, 'daß du dir deinen Kohl von Raupen fressen läßt?' -- 'Nein,' +sagte ich, 'ich habe gar keinen Kohl, aber Hunger. Gib mir einen +Kohlkopf, Bartel.' -- 'Hast du Geld?' fragte der Müller. -- 'Nein,' +sagte ich, 'du sollst mir ihn schenken.' -- 'Du kannst meine Rückseite +bewundern,' rief er da, lachte und drehte sich um. -- 'Wart,' dachte +ich, 'alter Geizkragen, für meinen Meister Rumbo sollst du auch bald +eine Raupe sein,' warf ihm die Schlinge meines Strickes um den Hals, +zog sie fest an, und ritt hui, hussa, hop, galopp mit dem Anhängsel +davon. Da hast du den Mehlwurm!« + +Der Riese war sehr zufrieden mit dieser Leistung und lobte seinen +Gehilfen, fand aber, daß der Müller zu mehlig schmeckte. -- »Bring mir +was Pikanteres das nächstemal,« befahl er. + +Frechdachs machte sich auf und überlegte: 'Wen soll ich bringen? Pikant, +das ist leicht gesagt, aber wo gibt es heutzutage Menschen von pikantem +Geschmack, die noch =genießbar= sind? Wenn ich den Doktor Schwalbendreck +erwischte, dem vor Brotneid das Blut sauer geworden ist und der infolge +seiner krankhaften Begierde, üble Gerüchte zu verbreiten, einen netten +kleinen Herzkrebs von zweifellos schwefligem Geschmacke acquiriert hat, +so wäre das ja am Ende ein gefundenes Fressen für meinen Herrn und +Meister, der überdies, so viel ich weiß, noch keinen Dramatiker gegessen +hat, aber erstens wird es schwer sein, dieses Herren habhaft zu werden, +der sehr vorsichtig geworden ist, seitdem ihm jemand von ferne eine +Pistole gezeigt hat, und dann fürchte ich, daß er schließlich =zu= +penetrant schmeckt. Vergiften darf ich meinen verehrten Giganten doch +auch nicht gleich. Sonst brauchte ich ihm ja nur ein Gänseweißsauer von +verleumderischen Klatschbasen zu servieren, deren ich einige in der +Stadt Knödelimkraut recht gut kenne.... Halt! Wie wärs mit dem dicken +Literaten, der früher Pastor war!? In ihm vereinigt sich ein Restchen +pfäffischer Heimtücke mit journalistischer Giftdrüsenhypertrophie, -- +eine angenehme Mischung, sollte ich meinen.... Aber diese Art Leute sind +schwer zu fassen. Es gibt keinen Strick, aus dem sie sich nicht zu +winden vermöchten. Ich spare ihn mir für ein andermal auf!' -- So ritt +Frechdachs in ziemlicher Verlegenheit durch Flur und Auen. Da begegnete +ihm in seiner Kutsche der Doktor Rasso Schneidebein, der zu einer armen +alten Frau gerufen worden war. + +»He, Herr Doktor, Herr Doktor!« rief Frechdachs, »bitte, kommen Sie doch +gleich zu meinem Meister, der sich übergessen und Bauchkneipen hat, und +geben Sie ihm was ein.« + +»Hat dein Meister Geld?« fragte Doktor Schneidebein. + +»Na, ich danke,« sagte Frechdachs, »Geld wie Heu! Sie kriegen zehn +Taler.« + +»Zehn Taler?« dachte sich der Doktor, »das ist ein hübsches Stück Geld, +und von der Alten krieg' ich bloß ein Vergeltsgott. Mag sie meinetwegen +ohne mich sterben!« + +»Also schön,« sagte er, »ich komme mit; es muß aber auch etwas +Ordentliches zu essen geben.« + +»Einen fetten Braten,« sagte Frechdachs und sah dabei den Doktor an, der +in der Tat sehr fett war. + +Als sie in die Nähe des Waldes kamen, wo der Riese wohnte, wurde es dem +Doktor unheimlich zumute. + +»Das ist ja der wilde Wald, wo der Menschenfresser haust,« rief er; +»bist du wahnsinnig, daß du mich dorthin führst?« + +»Wieso denn,« sagte Frechdachs, »es ist ja der =Menschenfresser=, dem Sie +etwas eingeben sollen, weil er Bauchweh hat.« + +»Um Gottes willen,« schrie der Doktor, »was soll ich denn dem Riesen +eingeben?« + +»Sich selber sollen Sie ihm eingeben, denn Sie stecken ja voll von +Medizin,« sagte Frechdachs. + +»Nein, nein, nein, das will ich nicht,« rief der Doktor; »ich muß zu +einer alten Frau, die im Sterben liegt. Umkehren, Kutscher, umkehren!« + +»Das hättest du früher sagen sollen, alter Schuft,« rief Frechdachs, +schlug dem Doktor den Schädel ein, legte ihn quer vor sich auf den +Sattel und galoppierte davon, ehe der Kutscher seinem Herrn hätte zu +Hilfe kommen können. + +Auch mit dieser Leistung war Rumbo sehr zufrieden, zumal der Doktor in +der Tat sehr pikant nach Karbol, Jodoform und anderen Medizinen +schmeckte. + +»Du bist ein verflixter Kerl, Frechdachs,« sagte er, »und verstehst +Abwechslung in meinen Nachtisch zu bringen. -- Was gibt's denn =nächsten= +Sonntag?« + +»Einen Pfarrer,« antwortete Frechdachs. + +»Ah,« schmunzelte Rumbo, »einen Pfarrer! Das ist eine ganz herrliche +Idee! Such aber einen recht fetten aus, ja?« + +»Ich weiß schon einen,« sagte Frechdachs, und dachte an den, der ihm in +der Christenlehre immer so heftig ins Gewissen geredet hatte, weshalb er +ihn aufrichtig haßte. Ging also zu ihm und sprach: »Lieber Herr Pfarrer, +ich soll Euch zu einer Gastmahlzeit bei meinem Herrn, dem reichen +Gutsbesitzer Jörg Maulvoll, einladen für nächsten Sonntag. Mein Herr +würde glücklich sein, einen so heiligen Mann nach Verdienst mit den +herrlichsten Speisen und Weinen zu bewirten.« + +Und fügte noch viele grobe Schmeicheleien und Erzählungen hinzu, was für +schöne und gute Dinge es geben werde. + +Der Pfarrer war aber wirklich ein frommer Mann und sprach: »Am Sonntag +habe ich keine Zeit, viel zu essen und zu trinken, da muß ich meine +Predigt halten. Komm du in meine Predigt, Bursche, und dein Herr auch, +das ist =meine= Einladung. Leb wohl!« + +'Au weh,' dachte sich Frechdachs, 'bei dem bin ich schief angekommen. +Wenn die Pfarrer alle so sind, kann sich Rumbo den Mund wischen.' + +Es waren aber nicht alle so. Schon beim nächsten glückte es. + +»So,« sagte der, »gefüllten Truthahn, eingemachte Hammelnieren, +Erdbeeren mit Schlagrahm, Apfelsinentorte und Muskatwein? Hm, hm! Und +Herr Maulvoll ist ein Mann, der einen heiligen Lebenswandel schätzt? +Gut. Gut. Ich komme. Ich komme gleich mit.« + +Während er sich reisefertig machte, kam ein Bote und meldete, daß ein +armer Taglöhner am Sterben sei und gerne noch mit dem Herrn Pfarrer +beten wolle. + +»Ich habe eine wichtige Abhaltung,« sagte der Pfarrer; »so schnell +stirbt sich's nicht; er soll bis morgen warten.« + +'Du wirst gleich sehen, wie schnell sich's stirbt,' dachte sich +Frechdachs, half dem dicken Pfarrer in die Kutsche, setzte sich auf den +Bock und fuhr los. Die Pferde liefen wie der Wind, die Kutsche sprang +und tanzte nur so über Stock und Stein. + +»Nicht so schnell, nicht so schnell,« rief der Pfarrer; »das Essen wird +mir nicht bekommen, wenn ich so durchgerüttelt werde.« + +»Aber mürbe wirst du werden!« rief Frechdachs. + +»Mürbe? Wieso? Was heißt das?« keuchte der Pfarrer. + +»Das heißt, daß du ein zäher Heuchler bist. Hü! Rappen! Hü! Rumbo hat +Hunger.« + +»O Gott! O Gott! O Gott!« stöhnte der Pfarrer. »Der Teufel sitzt auf dem +Bocke.« + +»Nein, des Teufels Küster sitzt in der Kutsche,« sagte Frechdachs, +kehrte die Peitsche um und schlug mit dem dicken Ende den schlechten +Pfarrer tot. + +Wie Rumbo diesen dicken Mann sah, lief ihm das Wasser im Munde zusammen, +und er wollte sich gleich über ihn hermachen. + +»Nein, Meister Rumbo, damit wollen wir noch ein bißchen warten,« sagte +Frechdachs. »Ich habe mir einen herrlichen Spaß ausgedacht. Den Pfarrer +soll der Teufel verspeisen, Ihr aber den Teufel!« + +»Du bist selber des Teufels!« rief Rumbo. »Wo denkst du hin! Der Teufel +ist stärker als ich.« + +»Ja, wenn er keinen Pfarrer im Leibe hat. Von dem da aber kriegt er das +Bauchgrimmen von wegen der Geweihtheit, und dann werden wir seiner fix +Herr.« + +»Hm. Das läßt sich hören. Wie willst du aber den Teufel herbekommen?« + +»Das laßt nur meine Sorge sein!« + +Frechdachs, wie ihr wohl schon bemerkt habt, verstand sich auf +Teufeleien, und so ist es kein Wunder, daß er sich auch auf den +Charakter des Teufels und seiner Großmutter verstand. + +Er ging zu einer Felsenspalte, wo, wie er wußte, der Teufel oft +herauskam, Kienäpfel zu suchen, die er zur Heizung der Hölle brauchte. + +»He,« rief er da, »Herr Baron! Herr Baron!« + +»We...we...wer ruft denn da?« meckerte es aus der Felsenspalte. »Mein +Enkel hat keine Zeit. Er macht sich eine Klaviatur aus Geizhalsknochen.« + +»Ah,« rief Frechdachs, »hochwohlgeboren die Frau Teufelin-Großmutter! +Nein, was für eine schöne Stimme! Sie sollten die Königin der Nacht +singen! Ich hab' mein Lebtag keinen solchen Sopran gehört.« + +Des Teufels Großmutter hatte ein Gefühl, als würde sie mit altem +Dachsfett eingerieben, so angenehm fuhr ihr diese Schmeichelei über die +runzelige Haut. Sie erschien sofort in der Spalte. + +Jeder andere Mensch würde vor ihrer Häßlichkeit in Ohnmacht gesunken +sein. -- Ihre Nase war ein Schweinsrüssel; ihr Mund eine grüne gezackte +Furche, die von Ohr zu Ohr reichte; ihre Ohren aber waren zwei alte, +feuchte graugelbe Waschlappen. Von Zähnen hatte sie nur zweie, die aber +standen wie die Hauer einer Wildsau krumm empor, ganz braun, und der +eine wackelte. Ihre Augen saßen wie Krebsaugen an Stielen und waren gelb +und fransig wie Pfifferlinge. Anstatt Haaren hatte sie graugrüne +Tannenflechten, die mit schmutzigem Harz verklebt waren. Zwei gräßliche +braune, mit gelben Adern überzogene Kröpfe baumelten ihr wie große +Flaschenkürbisse am Halse. Als Kleidung trug sie lederne Hosen und eine +Jacke aus demselben Stoffe, beides Stücke der Ausrüstung eines eben in +der Hölle angekommenen Automobilisten, der als Klecks an einer +Gartenmauer geendet hatte, nachdem unter seinem Mordwagen zwanzig +Menschen umgekommen waren. Auch die Lärmtrompete dieses Straßenmörders +trug sie am Gürtel, und es machte ihr Spaß, zuweilen auf den Gummiball +zu drücken, daß es nur so tutete. + +»Frau Baronin beherrschen auch noch dieses modernste aller +Musikinstrumente?« rief Frechdachs, den ihre Erscheinung durchaus nicht +außer Fassung gebracht hatte. »Nein, wie talentvoll Sie sind! Und wie +Sie aussehen! Wie Sie aussehen! Die ewige Jugend! Wirklich, es ist ein +Verbrechen, daß Sie sich der Bühne entziehen!« + +Des Teufels Großmutter wand sich vor Entzücken, daß alle ihre Knochen +knackten, und sprach: »Sie haben viel Lebensart, mein Herr, und ich +hoffe, Sie bald bei uns begrüßen zu können. Aber was wünschen Sie +eigentlich?« + +»Ach,« antwortete Frechdachs, »eine Kleinigkeit. Mein Meister, der +berühmte Rumbo, möchte eine Menschendörrmaschine anlegen, weil er das +rohe Fleisch nicht mehr verträgt, und da es dafür keine Installateure +gibt, möchte er den Herrn Baron, Ihren Enkel, bitten, die Anlage zu +übernehmen. Über den Preis werden sich der Herr Baron und mein Meister +schon einigen.« + +»Gewiß, gewiß, mein Herr. Mein Enkel arbeitet zwar sonst seit den Zeiten +der Inquisition nicht mehr außer Hause, mit Ausnahme der +Automobilbranche, aber er wird mir zuliebe schon eine Ausnahme machen. +Was krieg' ich denn für meine Fürsprache?« + +»Einen Kuß!« sagte Frechdachs, machte ohne Zaudern einen Schritt +vorwärts und küßte die Alte auf ihre grüne Furche. + +Darauf mußte er, wieder zu Hause angekommen, sich zum erstenmal in +seinem Leben die Zähne putzen. + +Ihr könnt euch denken, was für Augen Rumbo machte, als er hörte, daß der +Teufel selber ihn besuchen wollte. Er war außer sich vor Freuden +darüber, denn er zweifelte gar nicht mehr daran, daß es ihm gelingen +werde, den Teufel zu verspeisen. + +»Denke dir bloß,« sagte er zu Frechdachs, indem er sich fortwährend die +wulstigen Lippen mit seiner breiten Zunge ableckte, »ich werde den +Teufel als Nachtisch genießen, als Pille einnehmen, als Bonbon +schlucken! Das wird nicht bloß ein großes Vergnügen für mich, sondern +das erste Verdienst sein, das ich mir um die Menschheit erwerbe. Paß +auf, sie werden mir in einer schönen Hurrah-Allee neben lauter Kaisern, +Königen, Herzogen, Prinzen, Generalen und Diplomaten ein zuckerblankes +Denkmal setzen und darauf schreiben: 'Ihrem großen Wohltäter Rumbo, der +den Teufel gefressen hat, die hochachtungsvoll dankbare und ganz +ergebene Menschheit.' -- Ha, und wie er nach Pech und Schwefel schmecken +und wie heiß sein Blut sein wird! Wahrhaftig, Frechdachs, du bist ein +Hauptkerl! Komm her, ich muß dir einen Kuß geben!« + +»Lieber nicht!« sagte Frechdachs, »es könnte leicht passieren, daß du +mir vor lauter Zärtlichkeit dabei den Kopf abbissest, und ich habe mir +sagen lassen, daß das ein unangenehmes Gefühl ist. Wir wollen uns lieber +darüber einigen, wie hoch du mir den Teufel anrechnest. Denn das ist +doch wohl klar, daß er mehr gilt als ein Mensch.« + +»Das versteht sich,« sagte Rumbo, »alles, was recht ist: Der Teufel muß +mehr gelten, als ein Mensch. Darüber sind sich die Gelehrten einig.« + +»Na, das freut mich, daß du das einsiehst, obwohl du viel dümmer bist +als lang und breit,« meinte Frechdachs, den seine Erfolge noch +unverschämter gemacht hatten als er von Natur schon war, »aber nun +wollen wir mal sehen, ob du dir auch einen Begriff machen kannst, =um wie +viel= der Teufel mehr gelten muß als der Mensch.« + +»Ich glaube,« sagte Rumbo nach einigem Nachdenken, »wir können ihn für +fünf Menschen rechnen.« + +»Warum gerade für fünf?« fragte Frechdachs. + +»Wenn fünf Menschen ihren Verstand zusammentun,« antwortete Rumbo, »sind +sie imstande den Teufel zu betrügen.« + +»Das ist richtig,« sagte Frechdachs, »aber der Verstand ist auch des +Teufels schwächste Seite. Du mußt mehr sagen, Rumbo!« + +»Hm,« sann der nach, »hm, warte mal: Sagen wir zehn!« + +»Warum zehn?« fragte Frechdachs. + +»Wenn zehn Menschen,« antworte Rumbo, »ihre Bosheit zusammentun, ist es +so viel Bosheit, wie der Teufel allein besitzt.« + +»O,« meinte Frechdachs, »da irrst du dich. Wenn es auf die Bosheit +ankäme, brauchten wir den Teufel nicht höher zu berechnen als einen +Menschen, denn ein Mensch hat für sich allein mehr Bosheit im Leibe als +der Teufel und seine Großmutter zusammen. Trotzdem ist aber zehn eine zu +=niedere= Zahl; du mußt schon noch was drauf legen.« + +»Hör mal,« sagte Rumbo, »du bist doch wirklich ein Frechdachs. Du tust +gerade so, als wenn ich ein kleiner Junge wäre, und ich säße bei dir in +der Rechenstunde. Sage mir lieber gleich, wie hoch ich dir den Teufel +anrechnen soll.« + +»Du sollst ihn mir,« sagte Frechdachs, »für =hundert= Menschen anrechnen, +denn der Teufel ist hundertmal =ehrlicher= als ein Mensch.« + +»Ich denke, er ist der Vater der Lüge?« meinte Rumbo. + +»Das schon,« erwiderte Frechdachs, »aber er leugnet das auch gar nicht. +Er lügt immer und ewig, nur in einem nicht. Er sagt nicht: 'Ich bin die +Wahrheit,' wie er auch nicht sagt, 'ich bin die Liebe,' oder: 'ich bin +die Güte.' Nein, der Teufel ist die Lüge, der Haß, die Bosheit, aber das +bekennt er auch, während die Menschen sich immer besser stellen, als sie +sind, und keiner treffgenau das ist, was er scheinen möchte. -- Aber, um +das zu kapieren, bist du wirklich zu dumm, Rumbo, denn nicht einmal die +Menschen, die doch im allgemeinen klüger sind, als du, wollen das +einsehen. Gib dir weiter keine Mühe, das Rechenexempel zu fassen, und +nimm es einfach für richtig an. So hast du am wenigsten Schererei und +darfst dabei die angenehme Empfindung haben, an eine große Wahrheit +wenigstens zu =glauben=, wenn du sie auch nicht begreifst.« + +Von diesen Bemerkungen ward es dem Riesen in seinem dürftigen Gehirne +schwindelig, und er sagte, um nicht weiter denken zu müssen: »Also ja, +meinetwegen, lassen wir ihn für hundert gelten. --« + +Am nächsten Sonntag machte Frechdachs aus dem Pfarrer ein schönes +Ragout, das er, da er den Geschmack des Teufels kannte, sehr stark +pfefferte. Rumbo aß nichts davon, weil er sich den Geschmack nicht +verderben wollte, denn, sagte er sich, ein schlechter Pfarrer ist zwar +ein Teufelsbraten, aber der Teufel selber ist doch noch eine größere +Delikatesse. + +Punkt zwölf Uhr kam der Teufel in einem feuerroten Automobil angefahren, +das aber nicht mit Benzin betrieben wurde, sondern mit der Speiwut +verleumderischer Menschen, deren Seelen im Kraftbehälter eingesperrt +waren und einander gegenseitig zum Explodieren brachten. Infolgedessen +lief das Automobil in der Stunde tausend Kilometer, doch stank es dafür +auch noch hundertmal mehr als ein gewöhnlicher Motorwagen. Es hatte vorn +eine große und etwas weiter hinten an der Seite zwei etwas kleinere +Laternen. Die vordere brannte so entsetzlich stechend grün und grell, +daß alle Blumen, die ihr Schein traf, verwelkten. Es war nicht Azetylen, +was darin leuchtete, sondern der Neid. Die rechte Seitenlaterne hatte +ein rotes zuckendes Licht, das eine große fressende Hitze ausstrahlte. +Es war der Haß, der in ihr brannte. Die linke Seitenlaterne gab ein +fahles, blaues, kaltes Licht, in dem alles tot, erbärmlich, winzig +aussah. Dieses Licht war die Verkleinerungssucht. -- Als Bremsleder +hatte der Teufel unzählige übereinandergepreßte Häute von solchen +Menschen verwendet, die, auf kein anderes Recht fußend, als das der +Majorität der herrschsüchtigen Dummköpfe, Zeit ihres Lebens mit Erfolg +bestrebt gewesen waren, die Arbeit heller und heiterer Köpfe zu stören. +Diese Bremsleder funktionierten mit unfehlbarer Sicherheit; doch hatten +sie einen Nachteil: sie schnurrten und brummten entsetzlich, wenn sie in +Tätigkeit waren. -- Luftschläuche verwandte der Teufel an den Rädern +seines Automobiles nicht. Er hatte sich aus den Gehirnen von Höflingen +und Demagogen eine Masse konstruiert, die so elastisch und nachgiebig +war, daß sie jeden Stoß aufhob. -- Die Laufmäntel aber waren aus einer +Paste geknetet, die im wesentlichen aus dem Rückenmark von Menschen +bestand, die während ihres Lebens keine höhere Wollust gekannt hatten, +als sich aus trotzigem Eigensinn beharrlich gegen jede bessere Einsicht +zu sperren. Es war eine überaus zähe Paste, mit der man ruhig über +Granitsplitter fahren konnte. -- Als Polster auf den Sitzen seines +Laufwagens verwandte der Teufel Luftkissen, die aber nicht mit +gewöhnlicher Luft, sondern mit dem blauen Dunste utopistischer Ideen +gefüllt waren. Besonders bequem saß sich auf dem einen Kissen, das der +Teufel das Egalité-Kissen nannte. + +Der höllische Baron sah in seinem Chauffeurkostüm sehr schick, also sehr +scheußlich aus. Er trug, das Fell nach außen, einen zottigen, rostroten +Gorillapelz als Joppe und schwarze Bockslederhosen, die unten von +Elchledergamaschen umschnürt waren. Seine Fahrbrille hatte natürlich +rote Gläser, und in seiner Mütze waren zwei Löcher für die Hörner +angebracht, welche sich für das Automobilfahren als besonders praktisch +erwiesen, weil sie ein Sturmband ersetzten. Statt der Hubbe benützte der +Herr Baron von Pechheim auf Schwefelhausen eine der Posaunen des +jüngsten Gerichtes, die bei ihm in Versatz gegeben sind bis zu dem +Augenblick, wo man ihrer benötigt. + +»All Unheil!« rief der Teufel, als er angekommen war, »da bin ich! Ich +komme direkt aus der Mandschurei, wo ich jetzt los bin. Viel Zeit habe +ich nicht; da oben gibt's jetzt alle Hände voll für mich zu tun. -- Aber +zuerst was zu essen, wenn ich bitten darf; dann will ich gleich den +Menschendörrapparat aufstellen. Übrigens haben die Menschen schon selber +genug solcher Apparate konstruiert, in Fabriken, Bureaus, Schulen und so +fort, aber ich sehe ein, Sie brauchen einen, der schneller arbeitet. -- +Also schnell, schnell, einen Happen-Pappen!« + +Frechdachs rannte in die Küche und trug, die Serviette unterm Arm, das +klerikale Ragout auf. + +»Was ist das, wenn ich fragen darf?« sagte der Teufel. + +»Ein kleines _Ragout fin aux fines herbes pastorales_ als Vorspeise,« +antwortete, die Schüssel präsentierend, Frechdachs, während Rumbo, auf +dem Bauche liegend, den Teufel so mit seinen Blicken verschlang, als +genösse er ihn in der Phantasie bereits leibhaft. + +Die ganze Szene war von Frechdachs so arrangiert, daß Rumbo in der Tat +bloß zuzuschnappen brauchte, -- wohlgemerkt, wenn der Teufel vorher +gefesselt war, und zwar =kreuz=weis, denn so lange der Teufel nicht das +Zeichen des Kreuzes in fester Verknüpfung von hanfenen Seilen an sich +spürt, ist er von niemand zu fassen und zu fangen. 'Ihn kreuzweise zu +fesseln,' dachte sich Frechdachs aber, 'wird nicht weiter schwer sein, +wenn erst das Magenweh nach genossenem _filet de curé_ eingetreten ist. +Der Teufel wird sich an den Leib fassen, sobald ihm von dem geweihten +Fleische übel wird, und in diesem Augenblick der Schwäche werde ich ihm +kreuzweise die Schlinge über Hände und Bauch werfen. Und dann, hurra! +hinein mit dem Schwefelfritzen in den offenen Rumborachen.' (Denn die +Tafel stand direkt vor dem Maule Rumbos, mit der angenehmsten Aussicht +auf das Dolomitenpanorama der Zähne des Riesen.) + +Man sieht, alles fußte auf der Voraussetzung, daß den Teufel, da er ja +kirchlich Geweihtes durchaus nicht vertragen kann, vom Fleische des +Pfarrers Übligkeit und Schwäche anwandeln werde. (Ist es ja doch +bekannt, daß allein der Wind, der durch das Umblättern eines Meßbuches +entsteht, ihn tausend Meilen weit wegzutreiben vermag, und wenn er sich +gleich in einen zwei Zentner schweren Viehhändler verwandelt hätte!) + +Indessen: Frechdachs hatte eines vergessen: daß nämlich der von ihm +erschlagene Pfarrer ein ganz gottloser und schlechter Pfarrer war, bei +dem die Weihe lediglich am priesterlichen Gewande, nicht aber an der +Person haftete. So kam es, daß der Teufel das Ragout bis auf den letzten +Rest verspeiste, ohne das mindeste Bauchweh zu verspüren. Wischte sich +mit Behagen den Mund und sprach: »Gut gewesen, das Ragoutchen; ein +bißchen weichlich zwar und mit einem ganz leisen, etwas widerlichen +Geschmacke wie Weihrauch, aber sonst: mein Kompliment! Nun, bitte, die +nächste Platte!« + +Frechdachs stand fassungslos hinter des Teufels Stuhle, das Seil, zum +Wurf bereit, in der Hand, und stammelte: »Gleich, Herr, gleich ... +ich ...« + +»So wirf doch,« brüllte Rumbo, »wirf doch! Ich halt's nicht mehr aus.« +Und er klappte seine Kiefer zu, daß es nur so krachte; riß sie aber +gleich wieder auseinander in höchster Freßbegierde. + +'Holla!' dachte sich der Teufel, 'da ist was los!' drehte sich um, sah +Frechdachs hinter sich mit dem Seil stehen, und lachte: »Gucke mal an! +Das Bürschchen da wollte den Teufel fangen. Respekt! Und das große Maul +da wollte ihn vermutlich fressen? Ausgezeichnete Idee! Ihr zweie gefallt +mir. Ihr sollt der Ehre gewürdigt sein, auf eine noch nie dagewesene +Manier von mir geholt zu werden. -- Na? Ihr bettelt ja gar nicht?« + +»Wenn es einige Aussicht auf Erfolg hätte, würde ich es gewiß tun,« +sagte Frechdachs, der schon wieder seine Fassung gewonnen hatte. »Aber +so weit bin ich denn doch in die Geheimnisse der Dämonologie +vorgedrungen, daß ich weiß: Betteln hilft nicht bei Seiner höllischen +Majestät; es macht ihm zwar Vergnügen, es anzuhören, aber er steckt +einen doch in seinen Wurstkessel. Bitte sich zu bedienen! Ich stehe dem +Herrn Baron zur Verfügung. Bin neugierig, auf was für eine neumodische +Manier er mich holen wird.« + +Diese Frechheit imponierte dem Teufel. + +»Du gefällst mir, Halunke!« sprach er. »Deine Seele ist so ausgepicht, +daß es mir schwer fallen dürfte, dir höllische Überraschungen zu +bereiten. Du hast ganz das Zeug dazu, ein Dienstteufel zu werden. Ich +mache dich zu meinem Leibchauffeur. Einige Unbequemlichkeiten sind mit +dem Amte ja immerhin verbunden, denn mein Verfluchter-Seelenmotor hat +manchmal seine Mucken, und du wirst beim Umdrehen oft genug Gelegenheit +haben, zu bereuen, daß du dich bei Lebzeiten zu schlecht aufgeführt +hast, als daß du nach dem Tode der bequemen Ehre hättest gewürdigt +werden können, als Tugendtenor in der himmlischen Vokalmusik +mitzuwirken.« -- Damit gab er Frechdachs einen Tritt in die Magengegend. +Frechdachs stöhnte: »Verdammt nochmal!« und war tot. Der Umstand, daß er +nicht oben, sondern unten die Probe auf das Exempel der Unsterblichkeit +machen sollte, äußerte sich darin, daß seine Seele ihren Ausweg nicht +durch ein oberes, sondern durch ein unteres Körperventil suchte und +fand, und daß sie dem entsprechend nicht nach Lilien duftete, wie es der +Fall beim letzten Entweichen tugendhafter Seelen ist. Der Teufel machte +eine Bewegung, als finge er eine Fliege in der Luft, und da hatte er die +Frechdachsische Seele auch schon. Statt sie aber in sein Portemonnaie zu +stecken, wie er sonst zu tun pflegte, rieb er die Leiche des +verschiedenen Frechdachs in der Nabelgegend damit ein, worauf dort wie +in blauer Tätowierung das Monogramm des Teufels (er benutzt neuerdings +eines in van de Veldescher Unleserlichkeit) erschien und Frechdachs als +Dienstteufel zu einem neuen Leben erwachte. Es war ihm in den paar +Minuten auch schon ein niedliches Hörnerpaar aus der Stirnwand +gesprossen, was sich gar nicht übel ausnahm, und hinten wackelte +dienstbeflissen schmeichlerisch ein kleines, recht artiges Schwänzchen, +das den Hosenboden offenbar ohne viel Mühe perforiert hatte. In einem +Dialekte, der wie englisch ausgesprochenes Latein klang, aber das +Höllenvolapük war, sprach er: »Befehlen Eure Satanität, daß ich den +Motor andrehe?« + +»Ja, tu das, mein Sohn,« antwortete der Teufel durchaus freundlich, +»aber erst sag mir mal: Was ist denn mit diesem Rumbo los, daß er immer +noch mit offenem Maule daliegt? Hat er etwa =auch= keine Angst?« + +»Aber Meister!« sprach Frechdachs, »seid Ihr wirklich ein so schlechter +Psychologe? Ihr solltet Euch auf Seelen doch von Berufs wegen verstehen. +So dumme Kerle haben natürlich =nie= Angst. Die Stupidität ist durch +passive Courage vor allen anderen Lebewesen ausgezeichnet.« + +»Bei meinem Schwanz! Das hatt' ich ganz vergessen,« sagte der Teufel. +»Und es ist doch, weißderhole, eine Wahrheit von vielen Karaten. +Indessen soll dieser Held der Dämligkeit einmal keinen Orden kriegen für +seinen heroischen Mangel an Einsicht, sondern in seinem letzten +Stündchen doch noch lernen, daß Kreaturen nicht zum Vergnügen auf der +Welt sind. Wir wollen in seinem Rachen ein bißchen Automobil fahren.« + +Rumbo hatte in der Tat durchaus nicht begriffen, was los war. Die +Einbildung, daß er dazu auserlesen sei, den Teufel als Pille +einzunehmen, hatte so fest von ihm Besitz ergriffen, daß ein anderer +Gedanke jetzt unter keinen Umständen bei ihm Eingang finden wollte. Er +lag also noch immer auf dem Bauche, das Maul weit aufgerissen, die Zunge +lechzend lang heraushangend. + +Diesen Umstand machte sich der Teufel zunutze. + +»Jetzt paß auf,« sagte er zu Frechdachs, der den Motor nach +dreitausendsechshundertundfünfundachtzig Kurbelumdrehungen endlich zum +Laufen gebracht hatte (wobei auch sein Schweiß, sowie sein Zungenwerk +ins Laufen geriet, denn er triefte und fluchte dabei erklecklich) »jetzt +paß auf: Du sollst gleich das erstemal ein kleines Meisterstückchen im +Fahren leisten dürfen. Du siehst diese von zu vegetarischer Kost etwas +belegte und infolge von Appetitsphantasmagorien reichliche Feuchtigkeit +absondernde Zunge des gewaltigen Hohlkopfes aus dem Rumbonischen Maule +gleich einer Zugbrücke auf das Erdreich niederhangen. Diese glitschige, +aber sonst keineswegs glatte, vielmehr von unzähligen Furchen +durchzogene Brücke müssen wir hinauffahren. Es ist keine kleine Sache, +Frechdachs, denn die Steigung ist beträchtlich; und sie wird, weil das +Terrain, wie ich schon bemerkte, feucht und uneben ist, doppelt schwer +zu nehmen sein. Es wird sich nur mit der kleinsten Geschwindigkeit +machen lassen, und du darfst ja nicht vergessen, beide Rücklaufstreben +hinunter zu tun, sonst rutschen wir womöglich rückwärts, und das wäre, +Gott verdamme mich noch einmal, nicht bloß gefährlich, sondern auch +blamabel.« + +»Machen wir!« rief Frechdachs, trat den Gehhebel nieder, und +töff -- töff, sauste die Explosionskarre los, scharf auf die +Zungenspitze Rumbos zu. -- + +'Ah! Ich soll alle =zweie= haben?' dachte sich der und bekam vor +unaussprechlicher Wollust butterig glänzende und gleich riesigen +Kirschen heraustretende Augen. + +Indessen fuhr des Teufels Laufwagen unter angestrengtem Gekeuche des +Motors, dem in der Tat ein bißchen =sehr= viel zugemutet wurde, die Zunge +hinauf, daß der Speichelsaft des Riesen rechts und links nur so +wegspritzte. Frechdachs hatte alle Hände und Füße voll zu tun, da er +bald einer Furche auszuweichen, bald ein Ausglitschen zu parieren, bald +eine andere Geschwindigkeit einzuschalten hatte, aber es ging ganz +gut, -- bis zu dem Augenblick, wo sie schon ganz nahe am Zäpfchen Rumbos +waren, das gleich einem umgekehrten Kirchturm herabhing und den Eingang +zum Schlund versperre. Dort aber war der Motor am Ende seiner Kräfte +angelangt. Er hustete, rasselte, rumpelte noch, vermochte jedoch den +Wagen weder weiter zu ziehen, noch auch nur auf der erreichten Höhe +festzuhalten. Kein Zweifel, daß das höllische Automobil sofort +zurückgerutscht wäre, wenn sich jetzt nicht die beiden riesigen eisernen +Rücklaufstreben mit ihren ankerscharfen Widerhaken tief ins +Zungenfleisch des Riesen gebohrt hätten, der seinerseits bisher nur +deshalb nicht zugeschnappt hatte, weil er felsenfest glaubte, das +Automobil werde von selbst seine Insassen in seinem Magen abladen. Wie +er aber die beiden eisernen Haken in seiner Zunge spürte, brüllte er +tobend auf: »Das kratzt ja!« und schnappte in sinnloser Wut zu. + +Darauf hatte der Teufel nur gewartet. In diesem Augenblick suggerierte +er den im Bassin befindlichen Neider- und Verleumder-Seelen, sämtliche +Parlamente der Welt hätten beschlossen, die Unanständigkeit der üblen +Nachrede mit Prügelstrafe zu belegen, und brachte sie dadurch in eine +solche Wut, daß sie, einander überrasend, eine Gesamtexplosion aller +Niedertrachtsgase erzeugten. Diesem Knalleffekte war auch das Interieur +und die knochige Umwandung des Rumbomaules nicht gewachsen: Es platzte. +Gleichzeitig fuhren sämtliche schuftige Seelen in den Magen des Riesen +und erfüllten ihn so mit Gift und Stank, daß auch er entzweiging. +-- Rumbo war tot. + +Seinem linken Nasenloche entstieg der Teufel, dem rechten Frechdachs. +Sie waren über und über voll von Ruß und fanden, daß das ihnen sehr gut +stünde. + +'Schade, daß das Automobilchen mit hin ist,' meinte der Teufel, 'aber +ein guter Spaß ist's doch gewesen. Ich werde mir jetzt eins mit einem +Konfessionszankmotor made in Germany konstruieren. Der wird noch +rasender gehen. -- Fürs erste wollen wir jetzt nur noch schnell die +Seele des großen Lümmels fangen. Da bei ihm alles langsam vonstatten +gegangen ist, wird sie eine gute Weile zum Entweichen brauchen.' + +Es dauerte auch noch richtig eine Viertelstunde, bis sich aus der Gegend +von Rumbos Hinterquartier eine Art gelben Staubdunstes erhob, wie von +einem zertretenen Bovist. + +Der Teufel fing das Zeug in die hohle Hand, betrachtete es aufmerksam, +roch daran und sprach: »Zu schlecht für meine Domäne.« Dann blies er es +von seiner Hand weg mit den Worten: »Nichts als Dummheit, Gefräßigkeit +und blöder Dünkel, aber guter Kunstdünger für künftige Ernten an Bosheit +und Niedertracht. Sie sind mir sicher.« + +Der gelbe Dunst flog nach allen vier Windrichtungen auseinander. + + + + + Der mutige Revierförster + + +König Leberecht, der schon in vorgerückten Jahren befindliche, aber +immer noch recht rüstige Beherrscher eines angenehm im Gebiete der +mittleren Zone gelegenen Landes, liebte es, die Büchse im Arm, auf hohe +Berge zu steigen und dort all das Wild zu erlegen, das man mit viel Mühe +und Kunst in die unmittelbare Nähe seines Feuerrohres brachte. + +Auf diesen Jagdzügen begleitete ihn, der gerne Menschen um sich hatte, +weil er wohl wußte, daß es für Fürsten nicht gut ist, allein zu sein, +nicht nur eine Schar bevorzugter Männer des Hof- und Staatsdienstes, +sondern auch eine wohlausgewählte Mustergarnitur solcher Leute, die sich +durch sachgemäße Überdeckung größerer Leinwandflächen mit Farbe oder +durch andere Hantierungen von gewissermaßen künstlerischem Charakter in +der Leute Mund gebracht und überdies durch die Annahme des Titels von +Professoren bewiesen hatten, daß sie, obwohl keiner ernsthaften +Beschäftigung obliegend, doch Sinn für das bürgerlich Reputierliche +besaßen. Es war, und dessen war sich ein jeder in des Königs Jagdgefolge +wohl bewußt, eine große Ehre, mit Seiner Majestät durch die Felder und +die Auen zu streifen, sowie auf schmalen Pfaden die erhabenen Gipfel der +Bergwelt zu erklimmen, die wie wenig anderes dazu angetan erscheint, dem +Menschen einen Begriff davon zu geben, wie großartig die Welt ist. +Indessen, wie die meisten Ehren, so war auch diese mit Anstrengungen und +Unbequemlichkeiten verbunden. Schon das Klettern allein erschien den +älteren Ministern, vortragenden Räten, Kammerherren und Kunstprofessoren +als eine im Grunde nicht ganz erfreuliche Muskelübung. + +Denn, abgesehen davon, daß der königliche Bergsteiger schon an und für +sich in seiner Eigenschaft als Fürst jenen elastischen und lebhaften +Gang hatte, von dem wir immer in den Zeitungen lesen, wenn von einem in +Bewegung befindlichen Landesvater die Rede ist, war König Leberecht auch +noch besonders auf diesen Sport trainiert, da er Zeit seines Lebens die +meisten freien Stunden, die ihm die Regierungsgeschäfte ließen, +hauptsächlich dazu verwandt hatte, sich in der ebenso gesunden wie +vornehmen Kunst des Kletterns auszubilden. Er wäre, wenn ihm die +Schicksalsgöttinnen statt einer Krone einen Gamsbarthut und statt des +Zepters einen Bergstock in die Wiege gelegt hätten, zweifellos ein +ebenso vortrefflicher Bergführer geworden, wie er nun in Wirklichkeit +ein scharmanter König geworden war. + +Aber die böse Notwendigkeit, mit den untrainierten Beinen des Untertanen +den trainierten Beinen des Souveräns in gleichem Schritt und Tritt zu +folgen, war noch nicht einmal die fatalste Begleiterscheinung jener +ehrenvollen Jagdpartien. Das Unangenehmste waren die kalten Bäder, die +die höchst badelustige Majestät auf luftigster Höhe im schneekühlen +Gewässer munterer Gebirgsbäche zu nehmen liebte, und von denen sich +keiner ihrer Begleiter ausschließen konnte, da sich der Wasserscheue +sonst dem Verdachte ausgesetzt hätte, daß er nicht unter allen Umständen +gesonnen sei, seinem höchsten Herrn überallhin zu folgen. + +Wie viele ministerielle, geheimrätliche, kammerherrliche, +kunstprofessorale Schnupfen die Erfüllung dieser harten +Untertanenpflicht im Laufe der Jahre zur Folge hatte, darüber besteht +keine Statistik, doch darf ruhig angenommen werden, daß ihrer viele und +die meisten davon hartnäckiger Natur waren. Denn nicht jeder verträgt +zehn Grad Reaumur im Wasser. Die Loyalität ist willig, aber das Fleisch +ist schwach. + +Nach einem solchen Bade in der Höhe von 1500 Metern bei entsprechender +Wassertemperatur begab es sich nun einmal, daß der König, dem von der +genossenen Wasserkühle selber die Finger etwas klamm geworden waren, +seine Toilette (mit gebotener Delikatesse zu sprechen) nicht ganz zu +Ende führte. Anfangs bemerkte niemand diesen Umstand, da ein jeder nur +von dem einen Wunsche beseelt war, die eigene gesunkene Blutwärme durch +allseitig luftdichten Verschluß der Kleider wieder in die Höhe zu +bringen. Als sich aber später die königliche Jagdgesellschaft auf einem +angenehmen Wiesenplane zur Rast niedergelassen hatte, nahm man den +kleinen, aber durch seine Örtlichkeit fatal auffälligen Mangel wahr. + +Nun ist eine solche Wahrnehmung selbst unter gewöhnlichen Menschen, wenn +der eine nicht gerade die Frau des anderen ist, mit einer gewissen +Peinlichkeit verbunden. Denn es handelt sich hier, wenn man der Sache +auf den Grund geht, um einen Umstand, der geeignet ist, das sittliche +Gefühl zu verletzen, um einen _dolus eventualis_ auf dem besonders heiklen +Gebiete der Erbsünde sozusagen. Indessen, schließlich gibt sich doch +immer einer den gewissen Ruck, nimmt den Betreffenden (in den meisten +Fällen ist es ein alter Professor oder ein Dichter) beiseite und +flüstert (wenn er das Wort »geradezu« im Wappen führt): 'Sie, Ihr +Hosentürl ist offen,' oder (wenn er delikater ist) mit einem schnellen +orientierenden Blicke: 'Es ist etwas bei Ihnen nicht in Ordnung.' Ja, es +gibt sogar Leute, die selbst bei so peinlichen Gelegenheiten zu frivolen +Scherzen aufgelegt sind und etwa die Bemerkung machen: 'Sie, verlier'n +S' sei' nix!' + +Kann man aber so etwas einem Fürsten, einem Könige sagen? Nein: Man kann +=nicht=! Der höfische Stil versagt hier vollkommen. Es gibt durchaus +keine Redewendung in der Phraseologie des Umganges mit Majestäten, die +es ermöglichte, derlei vor ein allerhöchstes Ohr zu bringen, als über +welchem bei feierlichen Anlässen nur durch ein paar Zentimeter getrennt +eine Krone zu sitzen kommt. Nicht einmal der mit allen Essenzen +höfischer Eleganz und Wortbiegungskunst gewaschene Zeremonienmeister +Baron von Belodeur, der doch eine anerkannte Autorität auf dem Gebiete +höfischer Linguistik ist, und von dem man hoffte, er werde die +schwierige Mission übernehmen und so seinem dichten Lorbeerkranze als +königlicher Hausdiplomat ein neues leuchtendes Blatt einverleiben, +erklärte, dies überschreite seine Fähigkeiten, dieser Fall sei von einer +Heikligkeit, daß man seine Lösung nicht einer Menschenzunge, sondern der +Vorsehung selber überlassen müsse, die übrigens, so fügte er mit +anmutiger Zuversicht hinzu, noch immer bewiesen habe, daß sie über das +königliche Haus mit besonderer Aufmerksamkeit wache. Sohin (er liebte +dieses kuriale Wort) werde ihr auch dieser Umstand nicht entgehen, und +sie werde zweifellos Mittel und Wege finden, ihn zu beheben, ohne daß +sich ein schwacher Mensch den Mund zu verbrennen brauche. + +-- »Das ist alles sehr schön und sehr gut, und ich bin schon von +Ressorts wegen der letzte, der an der Vorsehung zu zweifeln wagt,« +bemerkte der Kultusminister, dem es trotz eines kaum überstandenen +Schüttelfrostes jetzt sehr heiß zumute wurde, »aber sie müßte =äußerst= +schnell eingreifen. Bedenken Sie, lieber Baron, daß uns am Fuße dieses +Berges eine Deputation der ländlichen Bevölkerung erwartet, darunter +vier weißgekleidete Jungfrauen, von denen die jüngste ein +Huldigungsgedicht auswendig gelernt hat. Ich wette meinen Kopf, daß die +Jungfrau aus dem Konzept kommt, wenn ihr Blick zufällig auf die +derangierte Gegend fällt, und diese infamen Bauernlackel werden dem +höchsten Herrn sämtlich, ich sage Ihnen: =sämtlich= nicht ins =Gesicht= +sehen, sondern -- ebendorthin. Mein Gott, mein Gott: Die Situation ist +von einer märchenhaften Scheußlichkeit. Wir können uns, so gern wir +sonst dazu bereit sind, hier nicht auf höhere Mächte verlassen; wir +müssen =selber= handeln. Wozu sind Sie denn Zeremonienmeister, wenn Sie +sofort versagen, wo es einmal gilt, die durch einen tückischen Zufall +bedrohte Würde des Königtums zu retten! _Hic Rhodus! Hic salta!_ Walten +Sie Ihres Amtes!« + +Der Zeremonienmeister, der es bisher immer zu vermeiden gewußt hatte, in +Anwesenheit des Königs Schweiß abzusondern, war nicht imstande, die +plebejische Feuchtigkeit zurückzudrängen, die ihm angesichts dieser +grauenerregenden Perspektive auf die Stirne trat. Er fühlte die ganze +furchtbare Verantwortung, die ihm diese entsetzliche Situation +aufbürdete. Er sah das Ansehen des Hofes in Gefahr, die Regierung +wanken, den Staat konvulsivischen Zuckungen preisgegeben. Vor seinem +inneren Auge jagten sich Feuer, Pulverdampf und blutigrote Wogen der +Rebellion. Vor allem aber bebte sein ganzes Gemüt und schoß molkig +zusammen wie Milch, wenn's wittert, bei dem Gedanken, daß seine Stellung +auf dem Spiele stand. Denn in der Tat, dieser Toilettenmangel gehörte in +=sein= Ressort, da kein Kammerdiener zugegen war. + +Sollte er vielleicht doch?... Sollte er nicht doch vielleicht mit dem +Anstand, den er hatte, diskret sich in den Hüften wiegend, an den König +heran treten und mit delikatem Augenniederschlag lispeln: 'Majestät +haben allerhöchst geruht, zu vergessen, sich die ...' + +Aber bei allen Heiligen und Nothelfern, das =geht= ja doch nicht! Niemals +noch, so lange es Zeremonienmeister gibt, haben Zeremonienmeisterlippen +derartiges zu einem König zu sagen sich erkühnt. + +In seiner fassungslosen Verwirrung überfiel ihn die phantastische Idee, +zu den Mitteln der Mimik zu greifen und, sich dicht vor Seine Majestät +postierend, an sich selbst, gewissermaßen wie an einem Lehrphantom, +=scheinbar= die Handlung vorzunehmen, die der König an seiner Kleidung +tatsächlich unterlassen hatte. + +Aber das war ja grotesk, skurril, Wahnsinn! Ebenso hätte er direkt +hingehen und, an das respektive Kleidungsstück der allerhöchsten Person +Hand anlegend, den Mangel _brevi manu_ reparieren können, -- eine +Vorstellung, bei der er fast in Tränen der Verzweiflung ausgebrochen +wäre. + +Aber Verzweiflung ist ein zu gelindes Wort, um auszudrücken, in welchem +Zustande sich das zeremonienmeisterliche Gemüt befand. Er war der +Auflösung nahe. Schon konnte er kaum mehr seine Augen regieren, die +immer nur den einen, sich zu einem ungeheuren Schlund und Abgrund +klaffend erweiternden Punkt suchten, der die schauderhafte Quelle dieser +unsäglich grausamen Prüfung für ihn war. Gewaltsam mußte er seine Blicke +von dort wegwenden, um sie ziellos im Kreise herumirren zu lassen. -- + +Ob denn nicht doch irgendeiner der Anwesenden es wagen würde? + +An die Staats- und Hoffunktionäre sich zu wenden, war ganz aussichtslos, +das fühlte er mit der Gewißheit des Erfahrenen. Aber vielleicht einer +dieser Kunstprofessoren?! Unter ihnen, die ja auch sonst zu seinem +Entsetzen oft genug gegen den höfischen Ton verstießen, mußte doch einer +zu finden sein, der, wenn man ihm einen Orden oder einen Auftrag oder +schließlich den persönlichen Adel versprach, das unerhörte, kaum +auszudenkende Wagstück unternahm. + +Er zog jeden einzelnen beiseite, bat, flehte, rang die Hände, versprach +schließlich den gebührenfreien Freiherrntitel und die Erblichkeit der +Professur in der Familie, eingeschlossen die weibliche Nachkommenschaft, +-- nichts half. Alle erklärten, lieber täglich eine Literflasche +Mastixfirnis auf das Wohl des erhabenen Landesherrn leeren zu wollen. + +Der Zeremonienmeister hatte das absolut sichere Gefühl, daß der jüngste +Tag herangebrochen sei; in seinen Ohren dröhnten deutlich die Posaunen. +Da fiel sein Blick auf den Revierförster Meier, der hinter einem Baum +saß und mit Mißmut konstatierte, daß sein Enzianschnaps zu Ende war. + +Ein letzter Hoffnungsstrahl flackerte, aber nur ganz schwach, im +Ingenium des halbtoten Hofmanns auf. Der Meister des höfischen Parketts +trat zum Meister des gebirgigen Forstes und entwickelte ihm, indem er +sich bemühte, durch leise Dialektfärbung seiner Sprechweise etwas +Volkstümliches zu verleihen, den ganzen Komplex der verhängnisvollen +Verlegenheit, hinzufügend, daß er, der biedere Mann aus dem Volke, +allein befähigt und berufen sei, den Hof, die Regierung, den Staat zu +retten, indem er den König auf jenen Punkt aufmerksam machte, auf jenen +Punkt ... + +»Das Hosentürl? Wenn's weiter nix is?!« meinte Meier. + +»Aber Sie dürfen natürlich nicht so geradezu, lieber Meier,« flüsterte +der Zeremonienmeister, dem doch etwas bange wurde bei dieser schnellen +Entschlossenheit des offenbar ganz ungeleckten Bären ... »Sie müssen +durch die Blume gewissermaßen ... von hinten herum sozusagen ... +abstrakt ...« Er fand durchaus nicht die populären Akzente. Das lag zu +weit weg von seinem Ressort. + +»Versteh schon! Natürlich! Ich kenn' mich aus. Von der Schleichseite +heranpürschen muß ich mich. Nicht gleich mit dem Hosentürl ins Haus +fallen. Beileib! Beileib! Fein andrehn muß man so was. So, in =der= Art, +daß der König meinen könnt', es wär' einem andern sein Hosentürl!... +Schwer is schon. Aber ich hab' schon andere Füchse gefangen.« + +Nach diesen Worten überzeugte sich der Revierförster nochmals, daß +seine Flasche vollkommen leer war, schob sie resigniert in seinen +Rucksack und stand mit der Miene eines Mannes auf, der heftig nachdenkt +und zu allem entschlossen ist. + +Der Zeremonienmeister sah ein, daß dieser Mann, wenn nicht vorher der +Himmel einfiel, binnen zwei Minuten das Unglaubliche zum Ereignis machen +werde. Ihm ward zumute, als ob plötzlich der feste Boden unter ihm zu +wanken begänne; eine grauslich hohe Woge hob ihn, senkte ihn und führte +ihn aufs hohe Meer hinaus, einem ungewissen Schicksal entgegen, das +irgendwo den Rachen aufsperrte, ihn zu verschlingen. Wie er bemerkte, +daß der Revierförster sich in Bewegung setzte, fühlte er alle Schrecken +der Seekrankheit in seinen Eingeweiden. Nur wie durch einen Schleier, +einen gelbgrauen Nebel sah und hörte er, was sich nun begab. + +Der Revierförster Meier ging gerade auf den König zu, sah ihn aus seinen +katzengrauen Augen zutraulich von unten an, nahm seinen bis ins +Zeiserlfarbene verschossenen, vor sehr langer Zeit einmal dunkelgrün +gewesenen Hut ab und -- machte eine Verbeugung. Sodann aber setzte er +seinen Hut wieder auf und stand stramm. + +Mit dem scharfen Blicke, der ihn stets auszeichnete, bemerkte König +Leberecht, daß dieses durchaus reglementswidrige Gebaren seinen Grund in +etwas Besonderem haben müsse, und er fragte mit dem huldvollen Tone, der +das erste ist, was ein jeder richtige König sich anzueignen keine Mühe +und Übung scheut: + +»Na, Meier, was gibt's?« + +(In diesem Augenblicke gab es dem Zeremonienmeister einen schmerzlichen +Ruck, und er sah sich direkt vis-a-vis dem Rachen des Ungeheuers, das +ihn verschlingen wollte. Sein Herzschlag setzte aus. Ein +überlebensgroßer Knödel kroch in seiner Speiseröhre in einer unangenehm +schlickernden Abart des Rollens empor und versetzte ihm auch den Atem. +Sein letzter Gedanke war der Orden vom heiligen Kajetan, von dem er +schon lange träumte. Dann: Nacht und Vernichtung.) + +Meier aber trat einen Schritt vor und sprach mit der markig festen +Stimme des deutschen Mannes, der keine Menschenfurcht kennt: »Ich +möchte bloß die hohen Herrschaften was fragen.« + +Alles war starr. Keiner begriff. Auch König Leberecht nicht. Aber sein +Ton war doch noch immer huldvollst, als er sagte: »Fragen Sie nur zu, +Meier.« + +Und Meier ließ seine Stimme fröhlich erschallen und sprach: »Wie wär's +denn, meine Herrschaften, wenn wir alle miteinander unsere Hosentürln +zumachten?« + +Eine Reflexbewegung seiner Hände belehrte den König über den Sinn dieser +rhetorischen Frage. Er richtete, was zu richten war, und lachte dann so +herzlich laut auf, daß seine Umgebung überzeugt sein konnte, es sei +durchaus im Sinne der Etikette gehandelt, wenn sie mitlachte. Und da es +zugleich ein Lachen der Befreiung war, war es ein brausendes, +dröhnendes, herzerfreuendes Lachen. + +Selbst die Spechte, die die hohen Stämme der Fichten bepochten, hielten +mit Hämmern inne und lachten mit. + +Der Zeremonienmeister aber erwachte unter diesem Ensemblesatz des +Vergnügens zu neuem Leben und fand sogleich, daß es unschicklich sei, +in der allerhöchsten Nähe zu wiehern, wie unerzogene Rösser. Wäre ihm +nicht gleichzeitig jener fatale Knödel gottlob zergangen und +verschwunden, so daß er wieder frei atmen und sich im Vollbesitze seiner +Kontenanz fühlen konnte, hätte er noch einen schlimmeren Vergleich +gewählt. + +König Leberecht aber sprach, indem er dem Revierförster eine Zigarre +anbot (die dieser jetzt noch und mit der ausgesprochenen Absicht, daß +sie bis ans Ende der Tage dort bleiben soll, in seinem Glaskasten +aufbewahrt): »Meier, Sie sind ein ganzer Kerl. Schade, daß ich Sie nicht +in der Regierung verwenden kann. -- Ja, meine Herren,« und damit wandte +er sich zu den übrigen: »das Volk, das Volk!... Es ist eine schöne +Sache um das Volk!...« + +Dann stieg er, langsamer, als es sonst seine Art war, in tiefes Sinnen +versunken, den Berg hinab, an dessen Fuße ihn ein junges Mädchen in +weißen, gestärkten Kleidern mit den Worten begrüßte: + + Wir jauchzen laut mit Herz und Mund + In dieser gnadenvollen Stund', + Wo uns das Glück geschieht, + Daß seinen König Leberecht + Das biedre Landvolk, treu und echt, + In seiner Nähe sieht. + + Es steht sein hochberühmter Thron + Seit mehr als tausend Jahren schon + In unserer Mitte fest. + Drum lieben wir ihn auch so sehr, + Wie wenn er unser Vater wär', + Der keinen je verläßt. + + Er weiß, daß in der Landwirtschaft + Beruht des Staates stärkste Kraft, + Drum liebt ihn für und für + Der schwergeprüfte Bauersmann + Und hält als treuer Untertan + Ihm =offen jede Tür=. + +Bei diesen Worten stellte sich bei Seiner Majestät eine Ideenassoziation +ein, die ein Lächeln des königlichen Mundes zur Folge hatte, woraus alle +anwesenden Gemeindevorstände aufs neue die Überzeugung gewannen, daß +der hohe Herr nach wie vor den Interessen des Nährstandes seine +besondere Huld zuwendete. + + + + + Patsch und Tirili + + +Als ich Patsch das erste Mal bestieg, erfüllte mich ein Hochgefühl. Das +ist doch Rasse, sagte ich mir; man spürt die adlige Herkunft und sichere +Tradition; kein aufdringliches Geräusch, kein saloppes Wackeln; alles +sitzt fest, hat die richtige Spannung, aber auch die entsprechende +Federkraft; er gehorcht dem leichtesten Druck mit ebensoviel Folgsamkeit +wie Intelligenz; was etwa noch fehlt, wird ihm ein bißchen Erziehung +sicher beizubringen wissen. + +Ich hatte damals freilich nur böse Erfahrungen hinter mir. Das klapprige +Ding, dem ich mich als banger Eleve hatte anvertrauen müssen, war durch +schlechte Behandlung völlig verdorben und um alle Seele gebracht worden. +Man hätte es eine Maschine nennen können, wenn es nicht zuweilen doch +noch Spuren von Charakter gezeigt hätte. Freilich von schlechtem. Es war +boshaft, heimtückisch, niederträchtig. Im allgemeinen heuchelte es +Phlegma -- wenn es nicht einfach Faulheit war -- und tat so, wie wenn +es nichts könnte, als stumpfsinnig seinen Trott gehen, geduldig, +sanftmütig, schwerfällig, aber verlässig. Doch plötzlich, während man +sich keiner Überraschung versah, fiel es ihm ein, Mätzchen zu machen. +Wie von einem bösen Geist besessen, begann es zu rennen, zu rasen und +hörte mit diesen infamen Tücken nicht eher auf, als bis es mich gegen +eine der Säulen, die recht überflüssiger Weise in der Radfahrschule +herumstanden, geworfen hatte. Dann lag es wie ein Bild hilfloser +Unschuld neben mir, und nur seine Pedale zitterten vor innerem +Triumphgefühl über den glücklich gelungenen Streich. + +Dabei will ich gar nicht davon reden, daß es ein wahres Jammerbild und +in jeder Hinsicht verkommen war. Ich finde zu seiner Kennzeichnung nur +das eine Wort: gemein, und man wird es verstehen, wenn ich bekenne, daß +ich dieses Wesen aus voller Seele gehaßt habe. Es war besserer Gefühle +ebensowenig würdig wie fähig. Genug von ihm. + +Ich sagte schon, daß Patsch mir nach dieser Kreatur, deren Namen ich +nicht einmal weiß, einen blendenden Eindruck machte. Da er von guter +Herkunft, Cleveland, Mittelsorte, ist, so kann das nicht weiter in +Erstaunen versetzen. + +Das Jahr 1898 war überdies ein besonders guter Jahrgang für die +Clevelands. Aber das will im allgemeinen doch nicht viel sagen. Gewiß, +der Durchschnitt dieser Rasse ist immer gut, trefflich, in einem +gewissen Sinn tadellos -- aber auch nicht mehr. Die Clevelands sind im +allgemeinen wie gut gedrillte Soldaten; sie leisten das und das, und +zwar nicht wenig, was ihnen eben beigebracht worden ist, immer ungefähr +einer wie der andere ohne viel individuelle Einzelzüge -- es sind +Amerikaner. Selten, daß ein niederträchtiges Subjekt unter ihnen +vorkommt, selten aber auch, daß besondere Persönlichkeiten hervorragen. +Ich halte das natürlich für einen Vorzug der Rasse, aber immerhin, nicht +wahr, wenn einem gerade ein besonders begabtes Individuum zufällt, so +ist das nicht unerfreulich. + +Nun! Patsch war so ein Individuum. Er war entschieden über den +Durchschnitt begabt, und ich würde vielleicht überschwenglicher über ihn +urteilen, wenn ich nicht das unerhörte Glück gehabt hätte, nach ihm +Tirili zu erwerben. + +Ich hätte Patsch nicht aufgegeben, wenn ihm nicht ein Malheur passiert +wäre, an dem eine Schwäche von ihm schuld war, die ich längst erkannt +hatte: seine Bremse taugte nicht viel. Es war so eine geistlose, platte +Druckbremse, an der nichts bewundernswert war, als die Prätension, ein +laufendes Rad zum Stehen bringen zu wollen. Also gut! Ich fuhr eines +schönen Tages auf ihm am badischen Ufer des Untersees entlang, und zwar +war die Situation so: ich kam aus einem Walde heraus, der hochgelegen +war, und fuhr eine Weile planeben, wie mir schien; in Wahrheit aber fiel +der Weg bereits ein wenig, was ich aber nicht bemerkte, weil ich eben +eine Siziliane dichtete, eine Strophe, die italienischer Herkunft ist, +weshalb sie immer zwei Reime mehr erfordert, als man im Deutschen leicht +findet. Nun können Sie sich denken, daß man nicht zugleich Reime fangen +und auf den Weg achtgeben kann, und mir war natürlich der Reim +wichtiger, als der Weg -- denn es gibt überhaupt nichts Wichtigeres auf +der Welt als gute Reime. So kam es denn, daß ich, just als ich meinen +Reim gefunden hatte, die Pedale verlor, weil es plötzlich in einem ganz +unmöglichen Winkel bergab ging. Ich fühlte deutlich, wie Patsch von +einem Todesschrecken durchrieselt wurde, als seine Pedale keine Leitung +mehr fühlten und sich in einem wahnsinnigen Tempo wirbelig drehten, und +ich selbst hatte auch die deutliche Empfindung, daß ich in wenigen +Sekunden irgendwo in der Tiefe fragmentarisch anlangen würde. Also +_ultima ratio_: die Bremse. Lächerliche Illusion! Zwar verbreitete sich +augenblicks ein penetranter Geruch von heiß gewordenem Kautschuk, aber +das Tempo der Abfuhr verminderte sich so gut wie nicht. Dafür kam mir +ein Ochsenfuhrwerk gemächlich, aber sicher entgegen, und ich vermochte +mir, phantasievoll wie ich nun einmal bin, mit Blitzesschnelle +auszumalen, wie in fünf Sekunden Patsch an der Gabeldeichsel, ich aber +am Horn eines der Ochsen hängen würde. Mein letzter Gedanke war der eben +gefundene Reim: Karbatschen, den ich als Befähigungsnachweis für die +Seligkeit mit in die Ewigkeit hinübernehmen wollte, die sich meinen +angstvoll aufgerissenen Augen wie ein Tor mit durcheinanderkreisenden +Feuerrädern auftat -- da machte Patsch einen Riesensatz nach rechts und +raste auf einen Steinhaufen los. O du Patsch der Pätsche, o du Wunder +von einem Patsch! Das war meine Rettung, aber dein Ruin. Der brave +Cleveländer hatte sich, ein leuchtendes Beispiel von Dienertreue, für +mich aufgeopfert. Er nahm den Steinhaufen, torkelte noch ein Stück der +dahinter liegenden Böschung hinan, dann fiel er erschöpft und ohnmächtig +um, und ich lag, die Hände in seine Speichen gekrampft, auf ihm. Wie es +sich gebührt, sah ich erst nach, was ihm fehlte. Nun: er hatte seinen +Knacks weg. Das eine Pedal war ganz ab, das andere baumelte nur noch; +die Lenkstange hatte sich völlig verdreht; die Pneumatiks waren +zerschlitzt. + +Der arme Kerl tat mir furchtbar leid, obwohl ich vollkommen Ursache +hatte, mir selbst leid zu tun, denn auch meine Pedale, sowie die +vorstehenden Teile des Gesichtes befanden sich in einem mehr +pathologischen als ästhetischen Zustande. So hinkten wir beide nach +Hause. + +Bei Patschs guter Clevelandkonstruktion versteht es sich von selbst, daß +er wiederhergestellt werden konnte. Und er wurde wieder hergestellt. +Aber er blieb für mein Gefühl doch ein Krüppel, ein mißliebiger Anblick. +So sind wir Menschen. Dankbarkeit und Treue sind bei einem anständigen +Subjekt von Rad öfter zu finden, als bei uns. Ich beschloß, ihm zwar das +Gnadenöl zu geben, mir aber doch ein neues Rad anzuschaffen. + +Ich hätte für diese Herzlosigkeit verdient, ein ganz niederträchtiges +Wesen aufgehängt zu bekommen, das sein Geschlecht an mir mit tausend +Tücken gerächt hätte, und siehe da -- was ist das für eine +Weltordnung! -- ich bekam, als sollte meine Gemütsroheit auch noch +prämiiert werden, das Rad der Räder, das Überrad: Tirili. + +Auch Tirili entstammt der Clevelandfamilie, doch gehört sie deren +adeligem Zweig an, der Baronlinie der Luxusmodelle. Es wäre +Vermessenheit, wollte ich versuchen, ihr Äußeres zu schildern. Sie ist +einfach ein Erzengel an Schönheit und dabei hat sie einen Kettenschutz +aus Hartgummi und ölt sich selbst. + +Ich will Ihnen lieber eins der Begebnisse erzählen, die ich in letzter +Zeit mit ihr erlebte; daraus werden Sie am besten ersehen, welch edle +Seele ihr innewohnt, welch adlige Eigenschaften sie besitzt, von welcher +Fülle aller Reize sie umflossen ist. Der alte, gute, treue Patsch +erscheint mir neben ihr ganz einfach als Omnibus -- ich kann mir nicht +helfen, so frevelhaft undankbar das auch klingen mag. + +Gewiß, er überragte den Durchschnitt; er war ein Talent; aber Tirili ist +unendlich viel mehr, Tirili ist ein Genie, ein Wunder. Man sollte von +ihr nur in Versen reden oder, besser noch, man müßte nur Herrn Stephan +George darüber in Versen reden lassen, denn nur das erhabene Lallen ist +die kongeniale Ausdrucksweise für Tirili. + +Nun lächeln Sie natürlich alle und finden, daß ich überschwänglich bin. +Aber Sie werden gleich anders denken, wenn Sie hören, was mir kürzlich +mit Tirili passiert ist. + +Es war ein schöner Herbstmorgen und die Luft so klar, daß die bayrischen +Alpen wie zum Greifen nahe vor mir lagen. Trotzdem gedachte ich nur ins +Dachauer Moos hinaufzufahren, wo, wie Sie wissen, die Wiege des +malerischen Münchner Naturalismus stand, weshalb einige Pietät und ab +und zu eine Radpartie wohl geboten erscheint. Gleichzeitig wollte ich +bei dieser Gelegenheit den letzten Akt eines Dramas dichten, das Sie +hoffentlich nicht aus Empörung über diese Geschichte auspfeifen werden, +wenn es aufgeführt wird. Denn ich dichte immer, wenn ich auf Tirili +sitze, es sei denn, daß mir durchaus nichts einfiele. Sie meinen: ich +sollte lieber lenken? Da kennen Sie Tirili schlecht. Das gute Mädchen +würde es als eine Beleidigung auffassen, wollte ich die Lenkstange auch +nur angreifen. Sie liest offenbar Gedanken, denn bis jetzt hat sie mich +immer dorthin geführt, wohin ich wollte, oder wohin meine Gedanken sich +richteten. + +Also gut. Ich tätschelte Tirili freundlich sowohl auf die vordere als +auf die hintere Pneumatik, freute mich, wie drall und prall das alles +war, und heidi ging es hinaus, die Nymphenburger Allee entlang. Schon +am Fenster der hübschen Nähmamsell links kam der Geist über mich, und +ich begann ein so heißes Dichten, daß ich weder vorwärts, noch rechts +und links, sondern nur immer in mich hineinsah, wo sich der letzte Akt +meines Dramas glatt und _con amore_ abspielte. Dieses Schauspiel +interessierte mich riesig, und ich sah nicht eher aus mir heraus, als +bis die Heldin so tot war, wie es nur eine Heldin sein kann, die es nach +göttlichem und menschlichem Recht verdient, tot zu sein. Wer beschreibt +aber mein Erstaunen, als ich, wie ich mich nun befriedigt umsah, mich +nicht etwa in Dachau, sondern auf dem Gipfel eines Berges erblickte, den +ich dank meiner Vorbildung auf einem deutschen Gymnasium sofort als die +Zugspitze erkannte? Du lieber Gott, sagte ich zu mir, die Zugspitze ist +doch 2974 Meter hoch und ganz voll Eis und Schnee, und der Arzt hat mir +ausdrücklich verboten, größere Steigungen zu nehmen und mich Erkältungen +auszusetzen -- da ging es auch schon wieder abwärts, und nur mit Hilfe +der wunderbaren Röllchenbremse gelang es mir, einige Wände ohne Unfall +hinabzukommen. Aber bei allem Bremsen mußte ich doch in einem ganz +unerhörten Tempo begriffen sein, denn nur dies vermag den Umstand zu +erklären, den ich Ihnen sofort und ohne viele Worte berichten will. + +Ich sause also hinunter und komme plötzlich in eine Klamm, die, rechts +und links von senkrecht aufragenden Felsen eingeschlossen, nur oben Raum +für einen ganz schmalen, überdies völlig beeisten Weg bot. Ich hatte +meine Beine auf die Lenkstange gelegt und hielt die Arme verschränkt, +wie ich immer zu tun pflege, wenn ich mir sagen muß: hier kann nur +Tirili allein helfen. + +Da, denken Sie sich meinen Schreck, sah ich am Ende der Klamm einen +dicken Bauern auf mich zukommen, dessen breite Figur den Weg völlig +einnahm. Einen Moment kam mir der idiotische Gedanke, zu läuten, aber da +war ich auch schon -- ja, wie soll ich nun sagen: über den Bauern weg +oder durch den Bauern durchgefahren? Ich muß unbedingt an die letztere +Möglichkeit glauben, denn ich bin mir durchaus nicht bewußt, daß wir, +Tirili und ich, über ihn weggesprungen sind. Andrerseits war freilich an +mir und dem Rad nicht das geringste zu sehn, das darauf hätte hindeuten +können, daß wir durch einen leibhaftigen Bauern hindurchgefahren waren. +Aber, wenn Sie die Schnelligkeit bedenken, mit der dies offenbar +geschehen war, so ist dieser Nebenumstand ja nicht weiter verwunderlich. +Auf alle Fälle ersuche ich Sie, nicht auf die Idee zu verfallen, ich +hätte den Bauern überfahren. Einen so häßlichen Gedanken müßte ich auf +das bestimmteste zurückweisen; ich überfahre nie jemand, sei es Bürger, +Bauer oder Edelmann. + +In weniger Zeit, als Sie gebraucht haben, dieses kleine Abenteuer +anzuhören, befand ich mich danach auf der Landstraße zwischen Planegg +und München, und zwar der Stadt schon sehr nahe. Tirili verlangsamte +ihre Gangart, und wir bummelten in dem Tempo dahin, das ich immer für +das beste zum Dichten von Elegien erfunden habe. Ich begann sofort eine +in sechsfüßigen Jamben auf das goldene Haar meiner Geliebten. Schon war +ich am Ende des Gedichts angelangt, an diesem höchst wirkungsvollen +Schluß, wo ich es mir als seligsten Tod wünsche, mich an diesen goldenen +Strähnen aufzuhängen -- da kommt mir dieselbichte Geliebte höchstselbst +entgegen, und zwar auf einem schneeweißen Zelter -- ich darf in diesem +Zusammenhang dieses poetische Wort anwenden. Sie können sich meinen +süßen Schrecken denken! Aber kaum hatte ich sein holdes Rieseln durch +das Rückenmark gekostet, da kam ein gallebitterer Schrecken hinterdrein: +Hölle und Teufel -- ein Galan ritt neben ihr, ein schwarzes, +hakennasiges Herrchen in einer grünen Weste auf einem riesigen Fuchs. +Meine Eitelkeit zischelte mir zu: welche Figur wirst du neben der +Hakennase spielen, die auf einem hohen Gaul sitzt, während du auf einem +Rad hockst, und wäre es auch Tirili, die Unvergleichliche. Und ich +gedachte, mich rechts in die Büsche zu schlagen. Aber da waren die +beiden auch schon da, und ich mitten zwischen ihnen, und ich reichte +meiner Königin die Hand. + +Wie ist das nur möglich, dachte ich mir, daß ich diese holde Hand im +grauen Reithandschuh von Tirilis Sattel aus so leicht erreichen +konnte -- da merkte ich, daß ich mich mit der Hakennase in gleicher Höhe +befand, und das Herrchen sagte etwas von einer famosen Isabelle, auf der +ich ritte. Der Mensch sah Tirili für eine falbe Stute an! Das muß von +der Farbe der Spelgen Tirilis herkommen; anders kann ich es mir nicht +erklären. Aber die Höhe! Die Höhe! Und Tirili kann doch nicht wiehern! +Mir war zumute, wie wenn ich der Held in einer Geschichte von E. T. A. +Hoffmann wäre, und ich freute mich, als die beiden sich mit den Worten +verabschiedeten: »Mit Ihnen kommt man ja doch nicht mit!« Kaum waren +diese Worte verklungen, da sah ich, daß ich an meinem Hause angekommen +war. Es war genau eine Stunde seit Beginn meiner Ausfahrt vergangen, und +man sah Tirili durchaus nicht an, daß wir auf der Zugspitze gewesen +waren. + +Sind Sie paff? Ich bin es nicht. Ich erlebe täglich solche Sachen mit +Tirili. Pegasus mit den Gänseflügeln war ja zu jenen zurückgebliebenen +Zeiten ein ganz passables Reitpferd für Dichter, aber wenn Pindar heute +nochmals geboren würde -- auch er würde einen Cleveländer vorziehen. +Meine Tirili kriegt er aber nicht. + + + + + Die Weihnachtsbowle + + +Graf Beisersheim, ein Herr von unbestimmbarem Alter dem Äußeren nach, +der aber nur ein paar Sätze zu sprechen brauchte, um allen, die ihm +zuhörten, die Überzeugung beizubringen, er müsse wenigstens zweihundert +Jahre alt sein, -- so angefüllt mit wohlabgelagerter Kenntnis der Welt +und der Menschen war seine Rede, -- Graf Beisersheim hatte sich in einer +Anwandlung von seltsamer, gewissermaßen hautgout-rüchiger +Sentimentalität einen Christbaum angeputzt. + +Sich und einigen Freunden, die er nun zur »Bescherung« einlud. + +Das Haupt- und Mittelstück davon, ja wohl der eigentliche Sinn der +ganzen Veranstaltung war eine ostpreußische Bowle von vielen Graden, vor +der selbst Willibald Stilpe, der doch (siehe das dritte Kapitel des +dritten Buches seiner lehrreichen Lebensbeschreibung) in alkoholischen +Dingen eine anerkannte Autorität war, ein Gefühl von Respekt empfunden +haben würde. Burgunder, Sekt, Sherry, Porterbier, Rum vereinigten sich, +nach den besten Grundsätzen gemischt, in der gewaltigen silbernen +Terrine, aus der das erlauchte Geschlecht der Beisersheims schon seit +Jahrhunderten seine schwersten Räusche bezog, zu einem neuen +Kraftorganismus, der imstande war, einen Vollmatrosen auf Anhieb unter +den Tisch zu strecken. Nicht aber auch den Grafen, der ihn ins Leben +gerufen hatte und trotz seines knickebeinigen, kontrakten Gestelles, das +kaum einem ordentlichen Novemberwind standzuhalten vermochte, im Kampf +mit alkoholischen Gewalten so widerstandsfähig war, wie nur irgendeiner +seiner in Eisen geschienten Vorfahren auf dem Turnier- oder +Schlachtfelde. + +Seine Freunde, zumeist Schriftsteller und Künstler oder Angehörige von +Kreisen, die aus geschäftlichen oder anderen Interessen engere oder +weitere Beziehungen zu Literatur und Kunst pflegten, waren zwar auch +trinkfeste Herren, einer so kräftigen Ostpreußin aber doch nicht +vollkommen gewachsen. + +Es dauerte nicht gar lange, und der redelustige Graf verschwendete +seine aufs schärfste geschliffenen, in tausend Facetten von Witz und +geistreicher Schnödigkeit blitzenden Bosheiten an eine Korona von +Schlummernden. Gleich ihnen, die in den breiten ledernen Klubstühlen +mehr lagen als saßen, waren auch die Christbaumkerzen in sich +zusammengesunken, und nach und nach löschte eine nach der anderen +knisternd aus, als letztes Zeichen einer verglühten Existenz einen +dünnen Rauchfaden in das grüne Geäst sendend. Schließlich erhellten nur +noch die dicken Wachslichter in den breiten messingenen, mit dem +Beisersheimschen Wappen gezierten Wandleuchtern den von Zigarren- und +Zigarettenrauch massig durchschwadeten Raum, dessen Luft schon so voll +von Alkoholdünsten war, daß man allein davon einen ansehnlichen Rausch +hätte bekommen können. + +Der Graf, der es in seinen Dramen (denn auch er hatte ein Verhältnis mit +der Muse der Dichtkunst, und noch dazu ein ernsthaftes, das nicht ohne +Folgen geblieben war) aus prinzipiellen Gründen von unerschütterlicher +Festigkeit nie über sich gewonnen hätte, eine seiner Personen in +Monologen reden zu lassen, wandte seine künstlerischen Prinzipien im +Leben selber insoferne nicht an, als er, gewohnt und geschickt, viel und +witzig zu reden, in gewissen Zuständen auch dann sprach, wenn niemand da +war, der ihm hätte zuhören und antworten können. In einen solchen +Zustand geriet er jetzt, als er langsam Glas auf Glas der schweren +ostpreußischen leerte und eine russische Zigarette nach der anderen dazu +rauchte. + +»Eine sehr stimmungsvolle und durchaus dem Sinne des Festes +entsprechende Weihnachtsfeier,« bemerkte er, indem er seine kleinen, +grau-grünen Augen über die Reihe der Schlafenden schweifen ließ. »Nur +schlafend können sie das Fest der Liebe feiern, denn, wenn sie wach +wären, würden sie reden, und wenn sie redeten, würden sie irgendeine +Reputation zerreißen.« + +In diesem Augenblick tat ein rot und gelb bemalter Nußknacker, der am +Baume hing und einem engeren Konkurrenten des Grafen, auch einem +dramatischen Schriftsteller (dem er übrigens ähnlich sah), zugedacht +war, die hölzernen Kinnladen auseinander und sprach in einem aus +erklärlichen Gründen etwas harten Dialekt, wie folgt: »Und du? Warum +schläfst dann =du= nicht? Du hast es doch besonders nötig?! Jungchen, +Jungchen! Du denkst natürlich an meinen neuen Herrn. Aber so boshaft wie +du, Menschenskind, ist nicht einmal er.« + +»Pih, pih,« machte da eine kleine Balleteuse, die sich der Graf selber +geschenkt hatte und die, ein niedliches Figürchen aus Porzellan und über +und über mit Spitzen und Rüschchen bedeckt, unter dem Nußknacker hing, +»pih, pih, reißt der das Maul auf! So schreien kann ich freilich nicht, +aber das möchte ich denn doch bemerken: Der Unterschied zwischen meinem +und deinem Herrn besteht bloß darin, daß meiner mit Geist boshaft ist +und deiner bloß mit Grobheit. Denn meiner ist ein Graf und deiner ein +Bauer.« + +Während sie dies mit einer süßen, aber doch etwas spitzigen +Porzellanstimme sprach, warf sie recht zierlich bald das eine, bald das +andere Bein über sich, daß ihr seidenes Tanzröckchen nur so raschelte +und ein jeder sowohl ihre Waden wie ihren Mechanismus bewundern konnte. + +Der Nußknacker geriet außer sich, denn er besaß an Stelle von Beinen, +mit denen er hätte schlenkern können, nur einen gespaltenen Stumpf, der +seinen Kinnladen die Knackekraft verlieh. Dieses Umstandes aber bediente +er sich aufs heftigste und schrie: »Mein Herr ist ein Dichter mit +Tantiemen, Sie leichtfertige Ratte, Sie! Wenn Sie nur eine Spur von +Ehrfurcht in Ihrer flitterhaften Psyche hätten, würden Sie von einem +Manne, der selbst von seinen durchgefallenen Stücken leben könnte, +während Ihrem Herrn nicht einmal seine erfolgreichen etwas Ordentliches +einbringen, mit =Respekt= reden. Aber natürlich, wer nichts als Grazie +besitzt, wie könnte der für ernsthafte Werte Sinn haben?!« + +Die Balleteuse wollte sogleich replizieren, aber in diesem Augenblicke +erwachte der Herr des Nußknackers für ein paar Sekunden und sprach: +»Machen Sie keinen Unsinn, Mann -- fünfzehn Prozent, oder ich schließe +mit Ihrem Konkurrenten ab!« + +Jetzt aber fuhr die Balleteuse los, indem sie vor Erregung Chahüt +machte: »Mein Graf hat das Dichten überhaupt nicht nötig. Mein Graf ...« + +»I, du verflixte Mamsell!« rief der dazwischen, der sich gar nicht zu +wundern schien, daß das Christbaumvolk sich so unwahrscheinlich +gebärdete, »willst du wohl aufhören, auf meiner Grafenkrone +herumzureiten? Überhaupt sind das recht unpassende Gespräche. Redet doch +lieber ein bißchen von der Menschenliebe heute. Dafür ist dieser Tag +reserviert.« + +Kaum, daß er diese Worte gesprochen hatte, erhob sich aus der dunkelsten +Partie des Christbaumes ein unendlich zartes und mitleiderregendes +Gewinsel, wie von einem ganz, ganz kleinen jungen Hunde, und +gleichzeitig kleckerten winzige Wachströpfchen durch die Zweige auf das +Tischtuch herab. Der Graf erhob sich, um zu sehen, was denn los sei, und +entdeckte, daß das Gewinsel von einem schwarzen Chenillepudel herrührte, +der seinem wehvollen Herzen aber nicht nur phonetisch Ausdruck verlieh, +sondern auch dadurch, daß er Wachs weinte. Denn seine treuen Hundeaugen +waren aus gelben Wachskugeln hergestellt. + +Der Graf begriff sofort, daß das eine verhängnisvolle Art zu weinen sei, +und er bemerkte daher: »Es ist zwar anerkennenswert und verdient Lob, +wenn ein Pudel aus Chenille Gemüt zeigt und es seinem Schöpfer, dem +Menschen, nachzutun trachtet, indem er Tränen vergießt; wenn aber dabei +das einzige an ihm, das nicht Chenille ist, sich auflöst und kaput geht, +so muß doch gesagt werden, daß das eine unökonomische Manier ist, Trauer +an den Tag zu legen. Wenn unsere Augen dabei kaput gingen, Freund Pudel, +würden wir Menschen gewiß keine Tränen vergießen. Wir leisten uns diese +effektvolle Ausscheidung nur, weil sie uns nichts kostet.« + +Aber der Chenillene hörte nicht auf, Wachs zu weinen; doch zu winseln +hörte er auf. Denn er sprach (wie Weinende zu sprechen pflegen, unter +häufigem schluchzenden Aufstoßen): »Und wenn meine Augen mir auch ganz +davon rinnen und fürderhin in meinem Antlitze nichts Gelbes mehr +abstechen soll gegen das glänzende Schwarz meiner Chenille: Ich werde +doch nicht aufhören, Tränen zu vergießen über das tragische Geschick, +daß ich mich meines Schöpfers nicht als eines =vollkommenen= Wesens +erfreuen soll. Das hat mir, der ich kein wirkliches Knochengerüst +besitze, bisher eine Art ideellen Rückgrates gegeben, daß ich des festen +Glaubens lebte, meine Götter, diese machtvollen Wesen, die selbst +Chenillepudel zu erschaffen vermögen, seien reine, fleckenlose +Lichtgestalten, lebend und webend in einem ewigen Glanze von allgütiger +Liebe, und nun muß ich es erfahren, daß sie für diese höchste Tugend nur +einen Tag unter dreihundertfünfundsechzig reserviert haben, und auch den +augenscheinlich nicht immer ganz in diesem Sinne hinbringen. Wenn ich +nicht schon aufgehangen wäre, würde ich mich jetzt aufhängen. Denn ein +Idealist, der selbst seine Götter als mangelhaft erkannt hat, kann sich +begraben lassen. + +Bei diesen Worten rann das letzte bißchen Wachs aus seinen Augenhöhlen, +und er war so ausschließlich nur noch Chenille, daß Graf Beisersheim mit +Recht bemerken durfte: »Jetzt, mein pudelnärrischer Ideologe, bist du +nur noch als Tintenwischer zu gebrauchen, und nichts mehr an dir wird +deinen Herrn, den vielgebietenden Theaterdirektor, daran gemahnen, daß +es Ideale auf der Welt gibt. Schade. Gerade er hätte einen Idealisten in +seiner Umgebung so nötig gehabt.« + +Mit diesen Worten begab er sich zu seinem Stuhl zurück und verschwand +wie ein Häufchen Pergament in dem gepolsterten Leder. + +Nur seinen Kopf, der in dieser schummerigen Beleuchtung ganz wie ein +verwelktes Haupt Blumenkohl aussah, hob er etwas in die Höhe, als jetzt +vom Wipfel des Christbaumes eine dünne Blechtrompetenfanfare +erklang -- so dünn und jämmerlich, daß daneben das Winseln des Pudels +vorhin ein walkürisches Hojotohoh hätte genannt werden können. + +Es war der ferkelrosig geschminkte Weihnachtsengel, der also musizierte +und dabei seine beiden mit Rauschgold überzogenen Papierflüglein +erzappeln ließ. Wie er sein trübseliges Blechgeschmetter beendet hatte, +sang er mit einer stark belegten und ganz schadhaft gewordenen +Phonographenstimme billigster Nummer: »Friede auf Erden! Friede auf +Erden! Friede auf Erden!« + +Aber nicht einmal der Chenillepudel applaudierte. Es herrschte vielmehr +ein höchst beklommenes Schweigen, das erst nach einer Weile der Graf mit +der tiefsinnigen Bemerkung unterbrach: »Das kommt davon, wenn ein Engel +durchs Zimmer geht oder die Trompete bläst. Wir sind keine Engel mehr +gewöhnt.« + +»Hören Sie mir, bitte, von Engeln auf,« ertönte hier in schnellem +Einfall eine volle Männerstimme. »Ich bin, glaube ich, neben meiner Frau +der einzige Mensch, der wirklich mit einem Engel in fühlbare Berührung +gekommen ist, und ich denke, meine Frau ist in diesem Falle einmal +meiner Meinung, wenn ich erkläre: Wir haben dabei die fatalsten +Erfahrungen gemacht. Gelt, Eva?« + +»Na, das will ich meinen,« erwiderte eine angenehme Frauenstimme: »eine +Roheit war's. Mich hat er alleweil mit seinem Säbel in den Rücken +gepufft.« + +»Aha,« sagte der Graf. »Adam und Eva werden auch munter. Ich bin doch +gespannt, ob sie im Stile ihres neuen Herrn immer aneinander vorbeireden +werden. (Die beiden Buchsbaumfiguren waren nämlich das Geschenk für +einen Dichter, dessen Spezialität in einem Dialog bestand, dessen +Gegenreden sich nie berührten, sondern einander wie zwei Parallelen erst +im Unendlichen trafen -- worauf man aber im Verlaufe eines Theaterabends +nicht warten kann.) + +»Ach, du lieber Gott,« antwortete darauf der schöne Adam, »das brauchten +wir nicht erst von dem zu lernen. Das ist bei uns vom Anfang an so +gewesen. Denn, red' ich hüh, so red't sie hott, und sprech' ich von +Kindererziehung, so spricht sie von einem neuen Hut, und bring' ich das +Gespräch auf den bewußten Apfel, so biegt sie in das Gebiet des +Frauenstudiums ab. Das ist sogar schon vor der Apfelspeise so gewesen. +Dazu war nicht einmal der sogenannte Sündenfall nötig. Man sollte +meinen, sie wäre aus der Rippe von jemand ganz anderem gemacht. Ich hab' +so meine Gedanken darüber.« + +»Gedanken hat er!« rief die rundliche Eva aus und bewies damit, daß sie +doch auch auf Adams Worte einzugehen wußte, wenn's ihr gefiel. +»Gedanken! Als ob ein Mann jemals Gedanken hätte! Die Gedankenarbeit +fängt überhaupt erst jetzt an, seitdem wir studieren dürfen. Ich +schreibe jetzt an einer Geschichte des Paradieses, Herr Graf, und ich +will nicht Eva heißen, wenn ich nicht quellenmäßig nachweise, daß dieser +Tolpatsch da an dem ganzen Unglück schuld ist. Nämlich, wissen Sie, die +Schlange und ich, wir hatten uns die Geschichte so gedacht ...« + +»O Gott, o Gott, o Gott, jetzt fängt =das= wieder an,« rief Adam voller +Schrecken. »Ich bitte Sie, Herr Graf, schenken Sie meiner Frau was +Hübsches um den Hals, damit sie auf andere Gedanken kommt, sonst kriegen +wir ihre ganze Doktordissertation zu hören.« + +Der Graf, galant wie alle seines illustren Hauses, erhob sich, so schwer +es ihm auch wurde, sogleich, brachte das windschiefe Wrack seiner +Leiblichkeit nach einigen erfolglosen Bemühungen schließlich wirklich in +Bewegung, daß es in einem skurrilen Zickzack zum Christbaum hinüber zu +kreuzen vermochte, und legte sein goldenes Armband um den Hals der +niedlichen Eva, die von nun an ganz in der Betrachtung des Geschmeides +aufging und kein Sterbenswörtchen mehr sprach. + +Dafür bemerkte der Graf zu Adam: »Sie müssen ein guter Kunde für die +Goldschmiede sein, Herr von Adam!?« + +»Ach Gott, ja,« erwiderte der, »die Hauptsache aber sind doch +Goldschmiede=worte=. Sehen Sie: die Frauen, wir wollen es uns nur +gestehen, sind doch das Beste, was wir auf dieser Erde haben, seitdem +man es für richtig befunden hat, uns aus dem Paradiese auszuweisen -- wo +es übrigens, nebenbei bemerkt, lange nicht so amüsant war, wie sich das +die Theologen vorstellen. Die Frauen, fürs Eskamotieren von Natur aus +begabt, haben auch aus dem Paradiese das Wertvollste eskamotiert: so +einen gewissen Abglanz, oder wie soll ich nur sagen: eine Art +Versprechen und Zuversicht des Vollkommenen, Ursprünglichen, Kindlichen. +Wir legen ihnen davon vielleicht etwas mehr unter, als sie wirklich +haben -- aber etwas davon ist doch in ihnen. Jedenfalls reizen sie uns +immer, es in ihnen zu suchen und es durch die Verbindung mit ihnen zu +gewinnen. Aus diesem Reize kommt und in dieser Verbindung ist aber die +Liebe. Und dafür, Herr Graf, nicht wahr, für diesen ewigen, aller Wunder +vollen Schatz müssen wir ihnen wohl viel nachsehen, was uns, weil wir ja +so anders sind, als sie, manchmal an ihnen geniert, und dafür müssen wir +ihnen mit dem danken, was ihnen das Wertvollste an uns dünkt: mit immer +bereiter, nie ermüdender Zärtlichkeit, Aufmerksamkeit, Gütigkeit. Es ist +fast, als ob ihnen der äußere Ausdruck, das Zeigen der Liebe wertvoller +erschiene, als deren Vorhandensein selbst. Zu wissen, daß der Mann sie +liebt, genügt der Frau nicht, sie will die Liebe fortwährend, und auch +im Kleinsten, immer und immer wieder dokumentiert sehen. Wir können ja +vielleicht finden, daß das etwas äußerlich ist, und wir sind manchmal +geneigt, uns sehr großartig vorzukommen, weil wir es uns im Grunde am +Bewußtsein der Liebe genügen lassen, aber eigentlich ist es doch sehr +gut, daß die Frauen so -- äußerlich sind. Denn schließlich ist aus dieser +weiblichen Art ein gut Teil unserer Gesittung entstanden.« + +Der Graf, der, wie die meisten Leute, die mehr Geist als ihre Umgebung +haben, auf artiges Zuhören nicht trainiert war, bemerkte: »Was muß ich +denn =Ihnen= schenken, damit ich um =Ihre= Dissertation herumkomme?« + +»Man sieht,« erwiderte Adam, »daß Sie ein Junggeselle sind, denn sonst +würden Sie sich mehr für diese goldenen Grundregeln der andauernden +Liebe interessieren. Überdies komme ich aber jetzt auf einen Punkt, der +zu dem Feste, das Sie auf so absonderliche Art feiern, eine sehr nahe +Beziehung hat. -- Haben Sie sich schon einmal überlegt, warum der Tag +vor dem Christfeste Adam und Eva heißt?« + +»Ich weiß nicht einmal, daß das so ist,« antwortete der Graf etwas +schläfrig. + +Adam aber erwiderte: »Und doch ist das ein sehr glücklicher Einfall der +Kirche, wenn wir ihm auch besser eine andere Auslegung geben, als es +nach ihrem Wunsche sein mag. Sie, die überhaupt nicht gut auf uns zu +sprechen ist, weil wir uns nicht haben kirchlich trauen lassen und bloß +ziviliter verheiratet sind, meinte, mir und meiner Frau mit dieser +Postierung vor das Christfest eins auszuwischen. Sie hat diese nämlich +in dem Sinne vorgenommen: direkt vor die Erlösung das zu rücken, wovon, +nach ihrer Meinung, die Menschheit zu erlösen war: die Erbsünde. Sie +werden es mir nachfühlen, wenn ich diesem Gedankengange, der mich und +meine Eva zu Schwerverbrechern stempelt, wo wir doch bloß taten, was ihr +uns alle so gerne nachmacht, nicht gerne folge und es vorziehe, die +Sache anders auszulegen. Nämlich so: Ich meine, es ist damit ganz +einfach die irdische und die himmlische Liebe kalendarisch benachbart +worden als ein Sinnbild dafür, daß der Mensch die eine so nötig hat wie +die andere. Denn selbst Sie, Herr Graf, der Sie doch eigentlich nicht +mehr ganz komplett sind, kommen ohne ein bißchen Erbsünde nicht aus, ganz +zu geschweigen von Ihren Kameraden da, die in diesem Punkte allen +Ansprüchen vollkommen genügen. Ich gönne es Ihnen und ihnen, freue mich +darüber und möchte nur wünschen, daß sie (und Sie!) auch sonst mehr nach +mir geraten wären. Denn, abgesehen davon, wie Sie (und sie!) +aussehen, -- =das= möchte ich Ihnen bei dieser Gelegenheit doch bemerken: +=Ich= habe =niemals= Theaterstücke geschrieben und nie Leute ausgerichtet!« + +»Weil du kein Talent dazu hast und keine Leute da waren,« warf Eva +schnippisch ein. + +»Was?!« rief Adam aus, »ich kein Talent? Ich, der ich täglich zwölf +Gedichte auf dich gemacht habe, damals, als ich noch nicht wußte, wie du +dich auswachsen würdest? Und »keine Leute?« Ist der liebe Gott etwa +nichts? Hätte ich nicht den lieben Gott ausrichten können und dich und +die Schlange? Ich sage dir, mein Kind, diese Herrschaften hier würden, +wenn jeder von ihnen allein auf der Welt lebte, ihren Stiefelknecht +verleumden, ihrer Zahnbürste ein schmutziges Verhältnis mit ihrer +Seifenschale andichten und ihrem Sacktuche unehrenhafte Handlungen +nachsagen.« + +Der Graf, weit entfernt davon, Widerspruch zu erheben, bemerkte +seelenruhig: »Sie sind von Ihrem Thema abgekommen, Herr von Adam.« + +»Richtig«, antwortete der, »und das tut mir leid, denn ich wollte von +=guten= Dingen reden; und =das= wars, was ich sagen wollte: Ihr solltet am +heutigen Tage recht fleißig auch an Adam und Eva denken, und der Gedanke +wäre, obwohl die Beiden, Gott sei Dank, keine Heilige waren, so wenig +sündig wie der Gedanke an Raffael oder Mozart oder Goethe oder sonst +einen der Herrlichen, die die Erde mit ihrem Leben und Schaffen +geschmückt haben. Denn der Gedanke an uns leitet auch in diesem Sinne +hinüber zu dem Gedanken an den, dessen Tag dem unseren folgt, -- nicht +wie der Tag der Nacht, sondern wie ein Feiertag dem anderen Feiertag.« + + * * * * * + +Der Graf war schon lange eingeschlafen, als Adam sein letztes Wort +sprach. Auch die Kerzen in den Wandleuchtern verlöschten. Die Dichter +und ihre Verleger und Theaterdirektoren schnarchten in einer Harmonie, +die sonst selten zwischen ihnen bestand. + + + + + Schwarz-Rot-Gold und Grün-Weiß-Rot + + Eine Studentengeschichte + + +Franz Zoller und Karl Jost waren Freunde von Kind an. + +Selten sind solche Freundschaften. Denn es war bei ihnen viel mehr als +Gewohnheit. Sie hatten sich wirklich von Wesensgrund aus gern. Schon die +Zuckertüte des ersten Schulgangs teilten sie miteinander. + +»Ich habe lauter Schokolade, Franz,« sagte Karl, »und ich lauter +Zuckerzeug,« entgegnete der, und sogleich schütteten sie Zucker und +Schokolade zusammen und zählten ab und teilten. + +In der Bürgerschule sowohl wie im Gymnasium machten sie Klasse für +Klasse miteinander durch, hielten sich auch durchweg auf derselben Bank, +ja zumeist nachbarlich zusammen, gewissenhaft auch darin abwechselnd, +daß bald der eine, bald der andere den höheren Platz einnahm, denn, wie +sie einander in der Begabung die Wage hielten, so auch im Fleiße. + +Im Charakter ähnelten sie sich gleichfalls. + +Es waren beide gute, muntere, aufrichtige Jungen, harmonisch angelegte +Naturen von einer glücklichen Mischung der Gemütsgaben: Nicht +überbegehrlich nach irgendeiner Richtung hin, aber auch in keinem +Betracht stumpf und den jeweiligen Genußmöglichkeiten des Lebens +abgewandt. Nicht etwa geradezu Musterknaben, aber durchaus wohlgeratene +Burschen. Niemals Spielverderber, auch dann nicht, wenn es sich um +verbotene Spiele handelte, aber immer maßsicher dabei. Und dies nicht +etwa aus Berechnung oder frühreifer Lebensklugheit, sondern ganz von +Gnaden eines unbeirrbaren Instinkts für die gute Mitte, die überhaupt +das wesentliche an ihnen war. + +Kein Wunder, daß ihre Eltern rechte Freude an ihnen hatten. + +Franz war der Sohn des ersten Arztes der Stadt, Karls Vater +war ein pensionierter Offizier, der sich aus Liebhaberei mit +kriegsgeschichtlichen Studien beschäftigte. Beide Familien waren +wohlhabend, nicht reich, und jede hatte außer dem einen Sohn noch eine +jüngere Tochter. + +»Unser Quartett,« sagten die Alten, wenn sie die vier beieinander +sahen -- und die beiden Mütter dachten sich wohl noch etwas Extras dazu. + +Eigentlich waren die Eltern erst durch die Kinder einander nahe +gekommen, obwohl sie Haus an Haus draußen in der kleinen Villenvorstadt +des Städtchens wohnten. Denn im Grunde stand mancherlei einer +Freundschaft zwischen dem Doktor Zoller und dem Rittmeister a. D. Jost +entgegen. + +Vornehmlich der Unterschied in der politischen Meinung. + +Der Doktor war ein alter Achtundvierziger, was er noch immer durch einen +Heckerbart mit dazu gehörigem breiten Schlapphut auch äußerlich an den +Tag legte; der ehemalige Rittmeister aber pflegte sich »konservativ bis +in die Knochen« zu nennen. + +Diesen politischen Standpunkten entsprachen die Universitätserinnerungen +der beiden Herren. + +Über dem Schreibtisch des Doktors hing ein schwarz-rot-goldenes Band, +über dem des Rittmeisters, der erst nach einer ziemlich fröhlichen +Studentenzeit ins Heer getreten war, ein grünweiß-rotes, das Zeichen +seiner Angehörigkeit zu einem Korps der benachbarten Universitätsstadt. +Und sonderbar: Die politische Meinungsverschiedenheit gab nicht so oft +Anlaß zu Mißhelligkeiten, wie der Unterschied in ihren Sympathien für +die verschiedenen Universitätsverbindungsrichtungen. + +»Sie sind und bleiben ein verbohrter Büxier, Doktor; mit Ihnen ist +überhaupt nicht zu reden; Sie sind durch die Buxenschaft heillos +verdorben!« pflegte der Rittmeister immer auszurufen, wenn sie über +irgend etwas miteinander ins Gestreite gekommen waren. Und: +»Korpserziehung, das ist's, was Ihnen fehlt; stramme Zucht und das +Gefühl für die notwendigen Schranken. Aber natürlich: Eine Verbindung, +die ein politischer Debattierklub ist -- daraus wird immer bloß +Jakobinertum«. + +Der Doktor aber ließ sich solche Belehrungen nicht willig eingehen, +sondern riß an seinem wilden Bart und replizierte kräftig genug: »Daß +ich nicht lache! Korpserziehung! Ah bäh kann am Ende jeder Idiot auch +sagen und Stege an den Hosen (er dachte an seine Zeit) sind schließlich +auch nicht die Gipfel der Kultur. Erziehung zur Freiheit, +Mannhaftigkeit, Überzeugungstreue, Vaterlandsliebe, das ist mehr wert, +als den jungen Leuten beizubringen, daß ein glatter Scheitel und glatte +Redensarten bei den Vorgesetzten beliebt machen. Der Korpsier ist die +Karikatur des deutschen Studenten, von dem =wir= sangen: Frei ist der +Bursch!« -- + +Nach solchen Diskursen schieden die beiden mit roten Köpfen voneinander +und pflegten zu ihren Eheliebsten zu bemerken: »Schade um den guten +Zoller (oder Jost); er ist im Grunde ein prächtiger Mensch, aber sein +ewiges Buxentum (oder seine ewige Korpssimpelei) ist ganz und gar +unausstehlich. Das eine aber weiß ich: Unser Junge wird Burschenschafter +(oder Korpsstudent)!« + +Die beiden Jungen aber, wenn ihre Alten ihnen auch, als sie sich der +Prima des Gymnasiums näherten, oft genug ihre schwarz-rot-goldenen oder +grün-weiß-roten Ideale predigten, hatten und zeigten wenig Sinn dafür. + +»=Ich= springe mal =nicht= ein, Karl,« erklärte Franz, und Karl pflichtete +bei: + +»Sollte mir gerade einfallen, mich als Korpsfuchs schurigeln zu lassen.« + +Diese Abneigung gegen das studentische Couleurwesen kam einesteils +daher, daß beide einander viel zu gern hatten, als daß sie es hätten +wünschen können, auf der Universität die feindlichen Brüder zu spielen, +dann aber war sie auch eine Folge gewisser anderer Neigungen, denen sich +die beiden Gymnasiasten schon von Obersekunda an mit gleicher Stärke +hingaben. + +Sie waren durch einen Kameraden, dem sie neidlos höhere Begabung +zuerkannten und durch dessen Belesenheit in moderner Literatur sie sich +gerne imponieren ließen, auf die Beschäftigung mit der zeitgenössischen +Dichtung hingeführt und so in einen Anschauungskreis gebracht worden, in +dem kein Raum für die üblichen Burschenideale war. Nicht, als ob sie +sich von gewissen, zwar verbotenen, aber darum erst recht ausgelassen +lustigen Zusammenkünften der übrigen ferngehalten hätten, in denen +verschiedene Prärogative des Studententums feuchtfröhlich vorweggenommen +wurden, aber sie bildeten dabei mit noch einigen eine Art stilleren +Extrawinkels für sich, und schließlich tat sich dieser zu einem +»literarischen Kränzchen« zusammen, in dem man die damals gerade +einsetzende moderne literarische Bewegung aufmerksam verfolgte und nicht +weniger laut über Naturalismus und Idealismus debattierte, als es in den +damals florierenden Literaturkampfblättern geschah. Wenn sich Franz und +Karl dabei, auch hierin einmütig wie sonst, für M. G. Conrad, +Liliencron, Conradi erhitzten und in einem gewaltigen Abscheu vor Paul +Heyse erglühten, so konnten sie unmöglich noch Elan genug für Korps oder +Burschenschaft aufbringen. + +Im übrigen lagen sie nach wie vor ihren von der Schule gebotenen Studien +fleißig ob und begannen auch nach und nach der Frage ihres zukünftigen +Universitätsstudiums näherzutreten. + +Dabei stellten sich aber schon Schwierigkeiten mit den beiderseitigen +Eltern ein. Der alte Rittmeister wünschte seinen Sohn einmal als +Juristen in Amt und Würden zu sehen, der Doktor konnte sich den seinen +nur wieder als Mediziner denken, aber die beiden Literaturverehrer +fanden, daß nur ein irgendwie literarisches Studium imstande sein werde, +sie ganz auszufüllen. + +Franz gedachte sich für romanistische, Karl sich für germanistische +Philologie zu entscheiden. + +»Dummes Zeug,« erklärten die beiden Väter, die sich hier einmal in +vollster Harmonie der Meinungen trafen und auch oft gemeinschaftlich +miteinander zu Rate gingen, was wohl am besten zu tun sei, um die beiden +Jungen, die sich jetzt zum erstenmal schwierig zeigten, auf den rechten +Weg zu leiten. + +Das war zur Zeit, als die beiden in Unterprima saßen und der Wohltat der +ersten Tanzstunde teilhaft wurden. + +Um diese Zeit begab es sich, daß Franz die Bemerkung machte, er sei in +Karls Schwester Anna verliebt, und Karl gegenüber Klara, der Schwester +Franzens, derselben Gefühle inne wurde. + +Zuerst gestanden sie es einander und erteilten einander sogleich auch +den brüderlichen Segen. + +Sodann ging ein jeder zu seiner Schwester, des Freundes Brautwerber zu +machen. + +Und es ergab sich alles (woran auch keiner gezweifelt hatte) nach +Wunsch. Das Quartett der heimlichen Liebe war fertig und stimmte aufs +beste. + +Die Alten taten, als merkten sie nichts, freuten sich aber im stillen +herzhaft über die heimliche Hausmusik, von der sie ja ganz sicher sein +konnten, daß sie nichts Unziemliches üben und produzieren würde. + +Die beiden Mütter, bisher in den Meinungsverschiedenheiten zwischen +Vater und Sohn zuwartend neutral geblieben, aber im Innern durchaus der +Überzeugung sicher, daß das klügere Alter ganz gewiß nicht bloß das +Rechte wollte, sondern auch erkannte, fanden es nun an der Zeit, +ihrerseits sanft leitend einzugreifen, und zwar eben im Hinblick auf das +gute Zusammenspiel des Quartetts. Denn sie sagten sich mit mütterlicher +Psychologie: Jetzt, wo die Jungen ein Geheimnis mit sich herumzutragen +glauben, von dem sie nicht wissen, welchen Eindruck es hervorbringen +wird, wenn sie es einmal enthüllen müssen, jetzt werden sie fügsamer +sein als je. + +Und sie irrten sich nicht. + +Wie die Jungen merkten, daß von ihrem Nachgeben bei der Wahl des +zukünftigen Studiums es abhinge, ob die gestrengen Alten in der Wahl der +zukünftigen Braut Nachgiebigkeit an den Tag legen würden, waren sie bald +entschlossen, die romanistische und germanistische Philologie zu opfern +und in die sauren Äpfel der Juristerei und Medizin zu beißen, wenn ihnen +dafür die süßen Äpfel aus dem Liebesgarten in greifbare Nähe gerückt +würden. + +Das war freilich nicht sehr überzeugungstreu gehandelt und eigentlich +Felonie gegen das literarische Kränzchen, aber wenn man neunzehn Jahre +alt ist und im Feuer der ersten Liebe steht, darf man für solche +Abtrünnigkeit wohl mildernde Umstände zugebilligt erhalten. + +»Weißt du, Franz,« erklärte Karl, als er, etwas zaghaft, seinen +Treubruch bekannt hatte, »ich mußte doch auch an deine Schwester denken, +und daß ich als Jurist viel bessere materielle Aussichten habe. +Jedenfalls können wir viel früher heiraten.« + +Karl fand diese Überlegung durchaus weise und wurde durch sie der +Notwendigkeit überhoben, auch seinerseits Entschuldigungen vorzubringen. +Dafür bemerkte er, daß man ja auch als Arzt und Jurist der schönen +Literatur alle möglichen Opfer an Hingabe und Förderung bringen könne. + +Nur vor ihrem literarischen Mentor, jenem Kameraden, der ihnen den +Geschmack an Literatur beigebracht hatte, hatten sie ein bißchen Angst. +Der aber zeigte sich, wie immer, auf der Höhe der Situation, indem er +äußerte: »Ihr konntet keinen vernünftigeren Entschluß fassen: Wenn +jeder, der sich für Literatur interessiert, Literat werden wollte, würde +die Literatur schließlich bloß noch Interessenten und kein Publikum +haben. Mir persönlich habt ihr überdies einen Stein vom Herzen genommen +durch eure Entschließung, denn ich habe mir schon manchmal Gedanken +darüber gemacht, ob ihr auch begabt genug dazu wäret, euch aktiv in +Literatur zu betätigen.« + +Die guten Jungen fühlten sich durch dieses Verdikt sehr beruhigt und +begannen nun, wie es ihrer gesunden, resolut aufs Reelle gerichteten Art +entsprach, sich rechtschaffen mit ihrem ganzen Wesen auf ihren +zukünftigen Beruf einzustellen, indem sich ein jeder dessen schöne +Seiten und Möglichkeiten bewußt werden ließ. + +Die Mütter triumphierten, und die Väter waren zufrieden. + +Nun, so dachte ein jeder von ihnen für sich, werd' ich den Bengel schon +auch noch für meine alten Studentenideale einfangen. + +Indessen, da wollte sich der gewünschte Erfolg durchaus nicht +einstellen. Allen noch so begeisterten Schilderungen, noch so +nachdrücklichen Zureden setzten die Jungen halsstarrig das eine +entgegen: Es gehe und gehe nicht, -- schon wegen ihrer Freundschaft. Sie +seien nun einmal ein Herz und eine Seele und wollten in allen Lagen des +Lebens immer und ausnahmslos bleiben, was sie von jeher waren: +Engverbundene Kameraden. + +Vergeblich deklamierte der Doktor: Ehre! Freiheit! Vaterland! Vergeblich +wies der Rittmeister darauf hin, daß nur der zur Elite der +Studentenschaft gehöre, der Mitglied eines Korps sei. Vergeblich +betonten beide, daß es zu ihren innigsten Herzenswünschen gehöre, den +Sohn mit demselben Band geschmückt zu sehen, das sie einst selber +getragen hatten. + +Es nützte alles nicht; die beiden Oberprimaner, deren Abgang von der +Schule schon in ein paar Monaten eintreten mußte, blieben standhaft bei +ihrem _non possumus._ + +Die Lage schien verzweifelt. + +Da erschien wiederum der mütterliche Sukkurs auf dem Plan. Aber diesmal +mußte er sich einer komplizierteren Taktik bedienen, und die beiden +Hilfstruppen mußten gemeinsam vorgehen. + +Sie pflogen Kriegsrat mit einander und einigten sich über die folgende +Gefechtsidee: Diesmal müssen wir die Mädels bange machen. Wenn ihr, +müssen wir sagen, euren Bruder dahin bringt oder wenigstens den Anschein +erweckt, als ob ihr ihn dahin gebracht hättet, nach Vaters Willen zu +handeln, so wird der, seid sicher, zum Dank dafür euren Herzenswünschen +so gewiß geneigt sein, wie er jetzt darin ungewiß ist. -- Nun werden die +Mädels freilich sagen: Der Bruder denkt ja gar nicht daran, auf uns zu +hören. + +Dann müßte man eben das junge Volk ein bißchen auf eine andere +Möglichkeit stoßen. + +Wofür sind wir die Alten, Erfahrenen? Es geht ja um einen guten Zweck, +und so dürfen wir wohl andeuten, daß, wenn auch der Bruder am Ende nicht +hören würde, der Freund des Bruders um so gewisser alle beide Ohren +aufmachen wird. Geschieht das nun aber auf beiden Seiten, so ist genau +das selbe erreicht, wie wenn ihr den Bruder überredet hättet, d. h. der +Vater ist zufriedengestellt. + +Die mütterliche Doppelintrige, von den Töchtern sofort aufs gelehrigste +erfaßt und so geschickt ins Werk gesetzt, wie man es von jungen +verliebten Mädchen nur voraussetzen kann, führte noch kurz vor +Torschluß, nämlich in der Muluswoche der beiden Freunde, zum gewünschten +Ziele. + +Natürlich handelten Franz und Karl im Einverständnis miteinander. + +»Nun müssen wir also auch noch Komödie spielen wegen der Mädel,« so +faßte Franz die Sachlage in Worte. »Du mußt dich als Korpsier, ich mich +als Burschenschafter verkleiden, und wir müssen drei Semester lang so +tun, als verachteten wir einander grimmig. Es ist zum Totlachen! Wir +werden uns wie ein heimliches Liebespaar nur verstohlen treffen können +und auf der Straße aneinander vorüberschreiten, als kennten wir einander +gar nicht. Bloß in den Ferien wird Gottesfriede herrschen. Was wollen +wir aber dann auch miteinander vergnügt sein, Karl! Wie wollen wir dann +lachen über die Mummerei!« -- + +»Ja, das wollen wir,« war Karls Antwort, »aber, weißt du, die Sache hat +doch auch eine ernste und gerade darum erfreuliche Seite: Es ist die +erste Prüfung, die unsere Freundschaft zu bestehen hat. Ich zweifle +natürlich so wenig wie du daran, daß sie sie bestehen wird; das versteht +sich ganz von selber; aber immerhin, eine Probe aufs Exempel bleibt's, +und das ist gut.« + +In dieser Stimmung traten sie ein jeder in die Verbindung ein, der sein +Vater früher angehört hatte. -- + +Sie hätten keine jungen deutschen Studenten sein müssen, wenn nicht das +mancherlei Schöne, Frische, Lustige auf sie gewirkt hätte, das dem einen +das Korps, dem andern die Burschenschaft bot. Franz war ein ebenso +forscher Arminenfuchs wie Karl, in _S. C._-Redeweise gesprochen, eine +brauchbare Korpsrenonce. Und wie jeder seine drei Mensuren hinter sich +hatte, wurde der eine wie der andere ein tadelloser Bursch, der es nach +dem besonderen Sinne seiner Verbindung an nichts fehlen ließ. Denn die +beiden zeigten sich auch hierin von dem guten Schlage, der allewege +ordentlich treibt, was er einmal übernommen hat. + +Trotzdem gehörten sie mit ihrem innersten eigentlichen Wesen ihren +Verbindungen doch nicht an. Wie hätte Karl so ganz Korpsstudent sein +können, um z. B. auf jeden Burschenschafter wie auf einen minderwertigen +akademischen Bürger herabzublicken? + +Und wie hätte Franz es vermocht, so ganz Burschenschafter zu sein, daß +er im Korpsstudenten schlechthin nichts gesehen hätte, als eine Art +studentischen Gecken von beschränktem Geist, aber unbeschränktem +Hochmut? + +Nein, es blieb im Grunde doch eine Verkleidung, wenn sie sie beide auch +nach außen hin glänzend durchführten, und wenn auch schließlich gewisse +Eigenheiten des Korps- oder Burschenschaftsangehörigen an ihnen haften +blieben. + +Ganz von selbst verstand es sich, daß sie alle Zeit, die ihnen das Korps +oder die Burschenschaft zur freien Verfügung ließ, miteinander +verbrachten -- in der Tat verstohlen wie ein heimliches Liebespaar. + +Mütze, Band und Bierzipfel wurden abgelegt, ein Hut aufgesetzt, der +Rockkragen aufgeschlagen und, womöglich im Schutze der Dunkelheit, zum +Freunde geeilt. + +Anfangs teilten sie einander noch ihre speziellen Verbindungserfahrungen +mit, erheiterten sie sich gegenseitig durch die Wiedergabe jener +Charakterisierungen, wie sie der Korpsstudent dem Burschenschafter, der +Burschenschafter dem Korpsstudenten angedeihen läßt, aber schließlich, +als sie nun doch ihren Verbindungen endgültig angehörten, ließen sie das +als unschicklich und eine Art Hinterlist sein und begnügten sich damit, +von Dingen zu reden und zu schwärmen, die ihnen beiden ganz gemeinsam +waren, vor allem von ihren Mädchen. + +Denn aus der Primanerpoussasche war bei einem jeden eine rechte, feste +Studentenliebe geworden, von der der eine wie der andere herzlich gewiß +war, daß sie eine Liebe fürs Leben bleiben werde. + +Auch unterlag es gar keinem Zweifel mehr, daß die beiderseitigen Eltern +einer späteren Verbindung der Liebespaare ihre Einwilligung geben +würden. + +Eine Verlobung hatte, als zu früh einerseits, anderseits aber auch als +fürs erste überflüssig, nicht stattgefunden. Es bestand aber ein +stillschweigendes Einverständnis aller Beteiligten, wovon sich auch die +Väter nicht ausschlossen. + +Der Rittmeister fand, daß der Burschenschafter Franz sich ganz wie ein +richtiger Korpsstudent ausnähme, und der Doktor erklärte, daß der +Korpsbursch Karl in seinem ganzen Gehaben einen so frischen, +ungekünstelten, heiteren Eindruck machte, daß man ihn ebensogut für +einen forschen Burschenschafter hätte nehmen können. Und so war, wie +innerlich bei den Söhnen, so äußerlich bei den Vätern das +schwarz-rot-gold dem grün-weiß-rot so nahe wie nur möglich gekommen, und +die Alten trafen sich recht oft in dem Gedanken, wie närrisch es doch +eigentlich von ihnen gewesen sei, jenen Unterschieden eine wesentliche +Bedeutung beizulegen: »Zwei Strömungen im deutschen Studentenleben, jede +in ihrer Art gleich bewußt und sicher, wenn auch unterschiedlich in +belanglosen Einzelheiten, demselben Ziele zustrebend, aus den jungen +Leuten in einer heiteren, formvollen Freiheit tüchtige Männer fürs Leben +zu bilden. Wirkliche Gegensätze bestehen eigentlich gar nicht zwischen +ihnen. Und so kreuzen sie sich ja auch schon längst nicht mehr.« + + * * * * * + +Just an demselben Abend und genau zur selben Stunde, als die beiden +Alten, die am nächsten Tag ihre Söhne zum Ferienbesuch erwarteten, in +diesem Sinne beim Wein miteinander redeten und die Gläser aneinander +klingen ließen mit einem: Prost das Korps! Prost die Burschenschaft! +begab sich in einer Bierwirtschaft der benachbarten Universitätsstadt, +die von Couleurstudenten nur nach Schluß des Couleursemesters besucht +werden durfte, folgendes. + +In dem überfüllten, vollgequalmten Raum, in dem eine Biermusik einen +greulichen Lärm verübte, saß nahe der Tür eine Schar angetrunkener +Studenten, die das instrumentale Getöse der Kapelle mit nicht minder +turbulenter Vokalmusik begleiteten. Da öffnete sich die Tür, und ein +Schwarm anderer Studenten trat herein, nicht weniger betrunken als die, +an deren Tische sie vorbei mußten. + +Der erste von den Eintretenden, dessen Augenglas von der Hitze des +geschlossenen Raumes angelaufen war, stieß im Vorbeiwanken an den +zunächst stehenden Stuhl und schob sich ohne Entschuldigung weiter. + +Da wandte sich der, der mit dem Stuhle auch einen Stoß erhalten hatte, +halb um und rief, nach Art eines stark Angetrunkenen etwas lallend: +»Kann der Prolet nicht Pardon sagen?« + +Kaum, daß diese Worte gefallen waren, fühlte er auch schon die Hand des +also Apostrophierten, der sich mit einem Ruck umgewandt hatte, auf +seiner Wange. + +Seine Kameraden sprangen auf, er stürzte sich auf den, der ihn +geschlagen hatte, aber dessen Begleiter warfen ihn zurück. + +Eine Weile Tumult, erhobene Arme, Geschrei, Kreischen der +Kellnerinnen, -- dann wurden die eben Angekommenen auf die Straße +geschoben, gefolgt von einem vom Tische des Geohrfeigten, der dessen +Karte dem, der den Schlag geführt hatte, übergab und dafür dessen Karte +erhielt. + +»Na, Karlemann, da hättest du dir ja noch vor Torschluß die obligate +Pistolenkiste bestellt,« rief einer von dessen Begleitern, während +dieser die empfangene Karte vor die noch immer undurchsichtigen +Klemmergläser hielt. + +»Spar dir die Lektüre zum Frühstück, Jostchen! Wie der Mann heißt, dem +ein Loch in die Hose geschossen werden soll oder muß, ist ohnehin +gänzlich irrelevant,« bemerkte ein anderer. + +Karl Jost steckte die Karte in die Westentasche. Die Gesellschaft +entfernte sich unter Gelächter und dem Gesange: 'Kauf dir, mein Freund, +ein Pistolet!' + + * * * * * + +Als Karl am nächsten Morgen erwachte, gab sein wirrer Kopf zunächst +keine weitere Erinnerung her, als ein wüstes Durcheinander von +unzusammenhängenden Einzelheiten und ein Gefühl, daß irgend etwas +Dummes, ihm im höchsten Grade Fatales passiert sei. + +Karl Jost hatte sich bisher, so gut es eben möglich gewesen war, auch +vor dem Zuviel im Trinken gehütet, und so genierte ihn schon der +Gedanke, besinnungslos betrunken gewesen zu sein. 'Franz wird mir eine +nette Pauke halten,' dachte er sich, 'wenn ich's ihm berichte. Aber +schließlich: Der erste Tag der Inaktivität!' + +Denn es war der Abschied von den Korpsbrüdern gewesen, den man, +allerdings nicht ganz auf solenne Manier, gefeiert hatte, da Karl, mit +Schluß des Semesters inaktiv geworden, im nächsten Semester eine andere +Universität besuchen wollte. + +Franz, der im gleichen Falle war, würde wohl auch entsprechend +gesündigt haben, tröstete er sich. Es war ja bisher fast immer so +gewesen, wenn einer dem anderen was zu beichten gehabt hatte, daß der +Beichtabnehmer an die Absolution selber auch eine Beichte fügen mußte. + +Karl stand auf und begrüßte, wie immer, zuerst das Bild seiner Braut, +das drüben auf dem Schreibtische stand. Da fiel ihm ein weißes Kärtchen +in die Augen, das vor der Photographie lag, und sofort trat das +Geschehene in lebhafter Erinnerung vor ihm hin. + +Das war ja die Karte des Menschen, den er geohrfeigt hatte! + +Was für dumme Geschichten! Wie unwürdig und widerwärtig! + +Und dazu die Konsequenzen, wenn der Geschlagene »honorig« dachte, was ja +durch die Auswechselung der Karten wahrscheinlich erschien.... + +Karl wurde ernst bei diesem Gedanken. + +Er hatte durchaus nichts vom Raufbold in seiner Natur und hatte nie +anders als auf Bestimmung mit Angehörigen der anderen Korps gefochten. +Der Gedanke an einen ernsthaften schweren Ehrenhandel war ihm, der jede +Herausforderung sowohl wie jeden Anlaß, herausgefordert zu werden, immer +vermieden hatte, schon an sich zuwider, aber nun gar die sichere +Aussicht auf eine Pistolenmensur mit einem ihm ganz gleichgültigen +Menschen, von dem er nicht einmal wußte, wie er aussah, und gegen den er +sich tätlich vergangen hatte, ohne zu wissen, was er tat.... + +Karl hätte nicht der gesund empfindende und verständig denkende Mensch +sein müssen, der er war, wenn ihm das ruchlos Widersinnige einer solchen +Notwendigkeit nicht schwer auf die Seele gefallen und als eine absurde +Scheußlichkeit erschienen wäre. Trotzdem suchte er auch nicht eine +Sekunde der Überzeugung auszuweichen, daß, wie nun einmal der Ehrenkodex +in allen Fällen tätlicher Beleidigung bestimmte, nur ein Austrag mit der +Pistole erfolgen konnte. Er wußte, daß der _S. C._, für den Fall, daß +jener andere einer solchen Austragung würde ausweichen wollen, ihn sogar +moralisch dazu zu zwingen versuchen würde. An eine Möglichkeit für ihn, +Karl, die Sache auf vernünftige Weise durch eine Erklärung des +Bedauerns aus der Welt zu schaffen, war gar nicht zu denken, nach dem +unumstößlichen Satze aus der Logik der Ehre: Eine Realavantage kann (und +muß) man zwar immer bedauern, aber niemals zurücknehmen. Und auch der +Umstand der beiderseitigen Betrunkenheit konnte nicht »ziehen«, weil +durch die Auswechselung der Karten ja dokumentiert worden war, daß beide +die Tragweite des Geschehenen erkannt hatten. + +Auch jetzt, wie Karl alles dies mit ernstem Bedauern bedachte, galt sein +nächster Gedanke dem Freund: 'Was wird Franz zu dieser heillosen +Geschichte sagen! Und wenn es tausendmal gegen den Komment verstößt: Das +kann ich nicht vor ihm geheimhalten!' + +Er trat an den Schreibtisch und ergriff die Visitenkarte. Aber im selben +Augenblicke ließ er sie auch schon wieder fallen und griff sich mit +beiden Händen nach der Stirn. Auf der Karte stand: Franz Zoller, _stud. +med._ ... + +»Aber um Gottes willen!« rief er laut aus, »das ist ja doch ...« und +tastete nochmals nach der Karte. + +Dann fiel er auf einen Stuhl hin und starrte ins Leere. + +Es war ihm unmöglich, einen Gedanken zu fassen. Er fühlte nur immer +wieder das eine: Wahnsinn! Wahnsinn! Wahnsinn! + +Da klopfte es an die Türe. Er öffnete: Im dunklen Flur stand Franz. Aber +im nächsten Augenblicke war er auch schon im Zimmer und lag dem Freunde +an der Brust. + +Zum ersten Male geschah, was nie geschehen war bisher, sie küßten sich. +Dabei rollten Karl die großen Tränen über die Backen. + +Franz aber lachte munter und sprach: »Aber Karl! Tränen? Von wegen ein +paar Pistolen?« + +Karl riß die Augen auf und rief: »Ja denkst du denn, wir sollen uns +wirklich....?« + +»Aber natürlich, Karl! Wir werden uns doch nicht exkludieren lassen und +am letzten Tage unserer großen Komödie aus der Rolle fallen?« + +»Ich begreife dich nicht. Die Sache ist, weiß Gott, zu ernst, um Witze +zu machen.« + +»Die Witze macht das Schicksal, nicht ich. Das Schicksal will, daß wir +unsere Komödie mit einem Knalleffekt schließen. Also: Knallen wir!« + +»Franz, ich bitte dich!« + +»Du scheinst mir einen netten Kater zu haben, mein Lieber, daß du +absolut nicht kapierst. Bitte, wozu ist die Natur da, wenn man nicht ein +paar Löcher hineinschießen kann? -- Na, siehst du wohl? -- Wirklich, es +ist das Einfachste und Schmerzloseste. Fordere ich dich nicht, werde ich +exkludiert. Nimmst du nicht an, wirst du exkludiert. Sentimentalitäten +-- gilt nicht. Aber Komödie spielen, das gilt. Wer A sagt, muß B sagen. +Sollen wir diese drei Semester so brav bei der Stange geblieben sein, um +genau im letzten Augenblicke durchzugehen? Unsinn! Wir sind nicht die +ersten, die mit ernsten Mienen die Atmosphäre durchlöchert haben. Die +Pistole ist das harmloseste Instrument von der Welt, wenn man einen +vernünftigen Gebrauch von ihr macht. Ich werde drei Meter hoch über +deine werte Schädeldecke weg ins himmlische Blau zielen, und du wirst +die Blümlein auf der Au mit dem todbringenden Blei lädieren. Vorher aber +bitte ich dich um eine Liebe.« + +»Was denn?« + +»Bitte, sage zu mir: Du alter, ekliger Prolet du!« + +»Jetzt bist aber wirklich verrückt, mein Junge.« + +»Ach so, du weißt wahrscheinlich gar nicht, daß ich dich einen Proleten +genannt habe?« + +»Mein Gott, das hast du? Gottvoll!« + +»Allerdings, das habe ich, und dafür muß ich gezüchtigt werden. Also, +los!« + +»Na, ja! Du alter, ekliger Prolet du!« + +»So, und jetzt gestatte, daß ich meinerseits, damit wir quitt werden, +dir eine kleine niedliche Ohrfeige verabreiche. Weißt du, nur, um mir +nicht sagen lassen zu müssen, daß mich ein Korpsstudent ungestraft +gemaulschellt hat.« + +»Aber natürlich, bitte, bediene dich!« + +Und Franz gab dem Freund einen leisen Patsch auf die Wange. Dann lachten +beide recht herzlich und verabschiedeten sich, weil jeden Augenblick +Franzens Korpsbrüder in der wichtigen Mission bei ihm erscheinen +mußten, die ihnen nun der Komment auferlegte. + + * * * * * + +Schon am nächsten Morgen trafen sich die beiden Parteien in einem +Gehölze nahe der Stadt. + +Die Forderung war auf einmaligen Kugelwechsel bei ziemlich weiter +Entfernung gestellt und angenommen worden, und die Sekundanten suchten +die Entfernung durch phantastisch große Schritte beim Abmessen noch zu +vergrößern. + +(»Diese ganze Knallaktion geht ja nur vor sich, damit das Kind einen +Namen hat,« meinte Franzens Sekundant, um zu kennzeichnen, daß die Sache +nicht gerade um Tod und Leben ging.) + +Immerhin merkte man allen Beteiligten eine gewisse Aufregung an. + +(»Kurios,« meinte Karls Sekundant, »was so ein paar glatte Pistolenläufe +für eine Suggestion ausüben. So eine Pistolenchose macht sich doch immer +recht dekorativ.«) + +Als die Gegner einander gegenübertraten und sich nach der Sitte mit +einer Neigung des Kopfes begrüßten, hätte ein genauer Beobachter +bemerken können, was für ein seltsames Leuchten in ihren Augen war. + +Dieses Leuchten sprach einen ganzen Satz aus: »Du alter lieber Kerl +drüben, gelt, du fühlst wie ich, daß wir diese Komödie nicht um ihrer +selbst und aus einer frivolen Lust spielen, sondern, weil es uns nun +einmal von einem wunderlichen Schicksal bestimmt ist, einen Mummenschanz +zu treiben, damit ein paar gute alte Leute ihr Vergnügen haben. Dies +aber, gottlob! ist die letzte Szene der Komödie.« + + * * * * * + +Das Kommando fiel. Wie aus =einer= Pistole geschossen krachten +gleichzeitig zwei Schüsse. + +Da, ... heiliger Himmel, ... was ist das?... + +Karl sinkt in die Kniee, greift sich mit beiden Händen an den Leib und: +»Karl! Karl!« schreit Franz und stürzt hinüber, dicht neben ihn hin, +verzweifelten Antlitzes totenbleich dem Freunde in die Augen sehend, die +mit einem fürchterlichen Ausdrucke von Schmerz hin und her irren und +sich plötzlich verschleiern. + +»Karl! Karl! Ich .... um Gottes willen .... was ist denn?.... Doktor, +Doktor!« + +Karl, hinten vom Doktor gestützt, läßt den Kopf sinken. + +»Tot? Tot?« Franz schreit, brüllt, ächzt es. Sein Sekundant, in einem +blöden Nichtbegreifen, will ihm zureden, ihn wegziehen. + +Er stößt mit beiden Fäusten nach ihm und starrt nur immer in das +entseelte Auge des Freundes. + +Wie aus einer unendlichen Ferne hört er, in einem seltsam höhnischen +Tonfall, so scheint es ihm, die Worte des Arztes: »Scheußlich! Die Kugel +muß von einem Stein abgeprallt sein; sie ist von unten, offenbar ganz +deformiert, in den Leib gedrungen; eine greuliche Fetzwunde. Hier ist +alles vorbei.« + +Franz sinkt bewußtlos neben dem Freunde hin. + + * * * * * + +Die Burschenschaften und die Korps geleiteten zwei Tage später in einem +Zug vereint die Leichen der beiden Freunde zu Grabe. + +Franz hatte sich noch am Abend des Duelltags erschossen. + + * * * * * + +Die beiden Alten nahmen ihre Verbindungsbänder von der Wand weg. Auch in +ihren Herzen waren fortan nicht mehr die Farben schwarz-rot-gold und +grün-weiß-rot. Aber sie schlossen sich noch enger aneinander, denn einem +jeden von ihnen war zumute, als könne er keinen Weg mehr ohne Stütze +gehen. + +Und die armen Frauen.... + +Die Geschichte ist zu Ende. + + * * * * * + + + + +Von $Otto Julius Bierbaum$ sind u. a. früher erschienen: + + + $Romane.$ + + $Pankrazius Graunzer.$ 6. Aufl. + $Stilpe.$ 5. Aufl. + $Die Schlangendame.$ 4. Aufl. + $Das schöne Mädchen von Pao.$ 3. Aufl. + + + $Novellen.$ + + $Studentenbeichten.$ _I._ Reihe. 5. Aufl. + $Studentenbeichten.$ _II._ Reihe. 4. Aufl. + $Kaktus und andere Künstlergeschichten.$ 2. Aufl. + $Annemargreth und die drei Junggesellen.$ 2. Aufl. + $Die Haare der heiligen Frigilla.$ 1.-3. Tausend. + + + $Gedichte.$ + + $Irrgarten der Liebe.$ 26.-31. Tausend. + $Das seidene Buch.$ 2. Aufl. + + + $Dramatisches.$ + + $Lobetanz.$ + $Gugeline.$ + $Pan im Busch.$ + $Stella und Antonie.$ + $Zwei Münchner Faschingsspiele.$ + $Die vernarrte Prinzeß.$ + + + $Sonstiges.$ + + $Eine empfindsame Reise im Automobil.$ + $Franz Stuck.$ + $Hans Thoma.$ + + * * * * * + + + Hans von Kahlenberg + + Nixchen + + Ein Beitrag zur Psychologie der höheren Tochter. 50.-60. Tausend. + + M. 1.50, geb. M. 2.50. + + Dieses Buch ist in Deutschland verboten. + +»$Der Tag$«: Gegen Hans von Kahlenberg schwebt ein Untersuchungsverfahren. +Grund: Eine in mehreren Auflagen erschienene Novelle »Nixchen«. + +Nixchen ist die Tochter eines preußischen Geheimrates; »Beamter vom +alten Schlag, -- Ehrenmann vom Scheitel bis zur Sohle.« Sie wohnen im +Berliner Westen; Geld ist knapp; Gesellschaften müssen sein; die Mädel +heiraten, wen sie kriegen; die eine einen Offizier; die andere einen mit +Draht; Nixchen, ehe sie den wohlhabenden Achim von Wustrow nimmt, einen +schwerfälligen Gutsbesitzer, erlustigt sich durch häufige Besuche bei +einem fesselnden Mann mit Glatze, der unterkittige Geschichten schreibt. +Sie gibt ihm .... _tout, excepte ça_ (wie die Formel in Frankreich heißt). +Und das wird beschrieben. Nixchen ist die ärgste nicht; denn ihre +Freundin Daisy Grimme ist weit ärger. Nixchens andere Freundin ist »die +Tochter eines pensionierten Generals, ein lustiges, schwarzäugiges +Plaudertäschchen«. Also: Ein deutsches Seitenstück zu den _Demi-Vierges_ +des welschen Windhundes Prevost. Das Ganze -- vielleicht nichts zum +Fortleben für die Literaturgeschichte; aber sehr unterhaltende +Sittenstudie. Mit großer Verve geschrieben, voller Leben. Und eine Masse +Ehrlichkeit drin, -- neben dem dicken Raffinement der etwas fatalen +Technik. Zwei Freunde schreiben einander Briefe, der Gutsbesitzer und +jener kahlköpfige Herbert; der eine schreibt: ich liebe einen Engel; +gleichzeitig der andere: ich habe zufällig gestern eine Bekanntschaft +gemacht; die Bekanntschaft ist natürlich der Engel. Und so Schritt vor +Schritt weiter, in grobem Parallelismus.... Aber es soll meine Tugend +sein, das lebendige Buch nicht übergenau zu rezensieren. Denn es handelt +sich nicht darum, ob sich künstlerische Einwände erheben lassen. Sondern +darum: Ob das Ganze als Kunstwerk zu betrachten ist (nicht als Machwerk +zur Verbreitung von Unzüchtigem). Die Antwort ist ein zweifelloses Ja. +Damit muß die Entscheidung des Prozesses gegeben sein. Kommt er +zustande, dann ist der Verfasserin (nach dieser sechsten Auflage) die +fünfundzwanzigste verbürgt. Sie hat Glück, daß sie -- schon vorher +gelesen -- nun eintritt in die Reihe der vordersten Bekanntheiten +unserer Literatur. Dem beamteten untersuchenden Cato hinwiederum sei +gesagt: Solche Prozesse haben bekanntlich stets einen Mißerfolg für den +Staat oder den Anwalt des Staates, der sie macht. Man kann zuletzt doch +nicht die deutsche Übertragung der Rousseauschen Bekenntnisse verbieten, +auch nicht den Dekamerone, und die Lucinde ist für zwanzig Pfennige zu +haben. Keine Darstellung aber mit Kunstmitteln kann so verführend wirken +wie Dinge, die jeder jeden Tag sehen kann. Mein Lieblingsargument ist +das blonde Mädel mit wehendem Haar, das über die Straße rennt, die Röcke +zusammenrafft. Der Staat müßte solche blonde junge Mädel verbieten, die +zum Bäcker laufen. Eher hören Regungen und Empfindungen nicht auf, die +schon unsere gottverdammten Väter gehabt, -- da sie unsere Väter geworden +sind. Schwieriger Fall! Wenn der Gerichtshof diesmal verdonnert, so wird +Norddeutschlands oberste Klasse, die vor »Nixchen« geschützt werden +sollte, doch wieder in der Verfasserin getroffen, -- als welche nicht +die Tochter eines Feldwebels ist, sondern eines lebenden preußischen +Oberstleutnants. + + =Alfred Kerr=. + + * * * * * + + + Arthur Schnitzler + + Reigen + + Zehn Dialoge. -- 20.-25. Tausend. M. 3.50, geb. M. 5.--. + +»$Münchner Neueste Nachrichten$«: »Es ist das Buch der Saison, das +Schnitzler geschrieben hat. Es ist ein scharmantes Werk, voll Anmut und +Grazie.... Das scheint schon ein gewichtiges Lob und doch erklärt es +noch nicht, warum diesen zehn Dialogen ein Massenerfolg beschieden war. +»Reigen« ist ein gewagtes, ein »frivoles« Buch und sein Erfolg ist ein +Pikanterie-Erfolg. Damit soll beileibe nicht der Dichter getadelt +werden, sondern das Publikum. Die künstlerischen Qualitäten der +Gespräche haben mit dem Aufsehen, das sie erregen, nichts zu tun. Daß +sich hinter den erotischen Ereignissen dieser Szenen eine beinahe +überfeinerte Psychologie und eine vornehme lächelnde Menschenverachtung +bergen, merkt auch die in der Kunst stets am Stoffe klebende Menge +nicht. Wie wären sonst die zahlreichen Entrüstungen eifriger Moralisten +zu erklären, die es wagten, den Dichter als skandalsüchtigen +Zotenreißer hinzustellen! Es sei ohneweiters den nach Polizei +schreienden Tugendwächtern zugegeben, daß die Kühnheit der Dialoge +etwas Herausforderndes hat. Es sind zehn kleine Komödien des +Geschlechtstriebes, in deren Höhepunkten der Dichter stets zu schweigen +und die Interpunktion zu reden beginnt. Dirne und Soldat, Soldat und +Stubenmädchen, Stubenmädchen und der junge Herr, der junge Herr und die +junge Frau, die junge Frau und der Ehegatte, der Ehegatte und das süße +Mädel, das süße Mädel und der Dichter, der Dichter und die +Schauspielerin, die Schauspielerin und der Graf bilden einen Reigen, der +sich mit der Vereinigung des Grafen und der Dirne schließt. Die Vorhänge +der verschwiegensten Alkoven öffnen sich, und die geheimsten Geheimnisse +dürfen wir hören. Die Liebe in ihrer konkretesten Form ist das einzige, +zehnmal variierte Thema des Buches und trotz der außerordentlichen +Wahrhaftigkeit des Tones, in dem die Gespräche gehalten sind, fällt kaum +ein unzartes Wort. Vielleicht noch nie sind die femininen Listen +sicherer beobachtet und diskreter nachgezeichnet worden. Ein Chirurg der +Seele zeigt uns ihre verborgensten Verrichtungen und dringt hier in +Gebiete, die bisher der Kunst _terra incognita_ waren.« + + * * * * * + + + Raoul Auernheimer + + Rosen, die wir nicht erreichen + + Ein Geschichtenband. + + 2. Auflage. M. 2.--, geb. M. 3.--. + +»$Hamburger Fremdenblatt$«: Der »Wiener Verlag«, der uns bereits die +Kenntnis einer Anzahl wirklich guter und origineller Bücher vermittelt +hat, läßt mit seinen »Rosen, die wir nicht erreichen«, abermals ein +gediegenes Werk in die Öffentlichkeit hinausgehen. Der Erzähler dieser +kurzen Geschichten aus dem Leben erfreut sich einer Frische und +Selbständigkeit der Anschauung und dabei eines Stiles von so +bestrickendem Reiz, daß man den Autor ohneweiters in die erste Reihe der +modernen Erzähler zu stellen hat. + +»$Berliner Nationalzeitung$«: (Welt am Montag.) Wer Raoul Auernheimer, der +jedem auf literarischem Gebiet Versierten wohl schon begegnet ist, noch +nicht kennt, der sollte diesen Geschichtenband zum Vermittler einer +zweifellos sehr genußreichen Bekanntschaft machen. Auernheimers +Geschichten werden alle ohne Ausnahme von einem feinen Humor und einer +noch feineren Satire getragen. Der Dichter schaut von hoher Warte auf +Welt und Menschen herab...... + + * * * * * + + + Raoul Auernheimer + + Lebemänner + + Novelle. 2. Auflage. M. 1.--, geb. M. 2.--. + +»$Neues Wiener Tagblatt$«: Eine feine Studie aus dem Alltags- und +Liebesleben, deren Held Konrad Spreckelmayer heißt, seines Zeichens +Doktor ist und aus der altertümlichen Stadt Prag stammt. Das letztere +ist nicht unwichtig. Um in Wien den erotischen Entwicklungsgang zu +nehmen, der Spreckelmayer beschieden ist, muß man aus Prag kommen -- das +können manche bestätigen. + +Und der Sprosse der wackeren Moldaustadt kommt nach Wien, aus einer Art +Bibelluft nach der Babel-Atmosphäre, und hier wird er auf dem +allergewöhnlichsten Wege ein »Lebemann«! Ihn und seine Kameraden +zeichnet nun Auernheimer in ebenso scharfer wie delikater Weise, mit +etwas Ironie, aber ohne Forcierung, ohne zolaistische Düsterheit, ohne +Schwermutsfrivolität, ohne bacchantische Hypertrophie. Das wirkt sehr +sympathisch an diesem Buche und wieder einmal haben wir -- wir wollen es +dreimal und öfter betonen -- Gelegenheit davon zu sprechen, daß das +junge, frische Wien (wenige Ausnahmen abgerechnet) viel dezenter ist als +das junge, greisenhafte Berlin. Da haben wir einen eleganten Satiriker +vor uns, der sich das Rückertsche Diktum stets vor Augen hält: »Ich +lehre dich, mein Sohn, nie über das, was über Maß das ist; denn überall +von Übel ist das Über!« Und solch eine Eigenschaft kann bei einem jungen +Autor nicht genug gerühmt werden! + + * * * * * + + + Felix Salten + + Die Gedenktafel der Prinzessin Anna + + Novelle. 3. Auflage. + + M. 1.--, geb. M. 2.--. + +Hofrat =Dr. Max Burckhardt= schreibt in der »$Zeit$«: Die soeben im Wiener +Verlag erschienene Novelle Saltens ist von einer ganz ungewöhnlichen +Frechheit. Sie ist aber nicht nur frech, sie ist auch gut, die Frechheit +sinkt nicht herab zur lüsternen Zote, sie erhebt sich zu blutiger +Ironie. Parabasco, Herzog von Riavenna, betritt, da er nächtlicherweile +eben selbst von einem Liebesabenteuer kommt, seine Schwester Anna, wie +sie heimlich aus einem Pförtchen des Palazzo Gembi huscht. Da er sich +überzeugen muß, daß der junge Gembi sein zartes Geheimnis nicht für sich +allein behalten hat, entschließt er sich resolut, allem geheimen +Gezischel und Getriebe dadurch vorzubauen, daß er eine Gedenktafel am +Palazzo Gembi anbringen läßt, auf der mit dürren Worten der +Öffentlichkeit mitgeteilt wird, was Prinzessin Anna in diesem Hause +erlebt hat. Welche Folgen diese Tat des Herzogs hat, wie insbesondere +das gute Volk die Prinzessin als Wohltäterin von Riavenna im Triumphzug +durch die Stadt führt und ihr angesichts der Gedenktafel eine +begeisterte Huldigung darbringt, und wie zum Schluß der Herzog an sich +selbst erfährt, welche Nutzanwendungen ein einfaches Mädchen aus dem +erhabenen Beispiele der verehrten Fürstin zieht -- das möge jeder in dem +Büchlein lesen. Es könnte in der besten Zeit der Renaissance geschrieben +sein. + + * * * * * + + +[Illustration: BIBLIOTHEK MODERNER DEUTSCHER AUTOREN] + + 1. Bd.: $Arthur Schnitzler.$ Die griechische Tänzerin. + 2. Bd.: $Hugo von Hofmannsthal.$ Das Märchen der 672. Nacht. + 3. Bd.: $Georg Hirschfeld.$ Erlebnis. + 4. Bd.: $Otto Ernst.$ Die Kunstreise nach Hümpeldorf. + 5. Bd.: $Felix Salten.$ Der Schrei der Liebe. + 6. Bd.: $Otto Julius Bierbaum.$ Das höllische Automobil. + 7. Bd.: $Johannes Schlaf.$ Die Nonne. + 8. Bd.: $Anton v. Perfall.$ Er lebt von seiner Frau. + 9. Bd.: $Siegfried Trebitsch.$ Das verkaufte Lächeln. + 10. Bd.: $Hans von Kahlenberg.$ Jungfrau Marie. + + Preis jedes Bandes M. 1.--, geb. M. 2.--. + + Durch alle Buchhandlungen zu beziehen. + + * * * * * + + + + +Anmerkungen zur Transkription: + +Die Originalschreibweise und kleinere Inkonsistenzen in der Schreibweise +und Formatierung wurden prinzipiell beibehalten. + +Gesperrter Text wurde mit Gleichheitszeichen (=Text=), fett gedruckter +Text mit Dollarzeichen ($Text$) und Text in Antiqua mit Unterstrichen +(_Text_) markiert. + +Die nachfolgende Tabelle enthält eine Auflistung aller gegenüber dem +Originaltext vorgenommenen Korrekturen. + + Kapitel Lebenslauf: zu Grüneberg -> Grünberg + Kapitel Lebenslauf: befriedigen könnte -> konnte + S. 22: der Stadt Knödelmkraut -> Knödelimkraut + S. 24: bist du ja veil -> viel + S. 32: Du, Bartl -> Bartel + S. 32: sagte Bartl -> Bartel + S. 35: »Also schön, -> schön,« + S. 35: dorthin führst? -> dorthin führst?« + S. 52: Ihn kreuzweise -> 'Ihn kreuzweise + S. 52: zu fesseln, -> zu fesseln,' + S. 52: wird nicht -> 'wird nicht + S. 53: ich .. -> ich ... + S. 69: Stil versag -> versagt + S. 101: Weihnachts-Bowle -> Weihnachtsbowle + S. 148: Sekunde der Uberzeugung -> Überzeugung + S. 153: dekorativ.«). -> dekorativ.«) + S. 155: und starrt unr -> nur + S. 157: Zwei münchner -> Münchner + S. 163: Gembi huscht -> huscht. + Anhang S. 3: in grobem Parallelismus... -> Parallelismus.... + + + + + +End of Project Gutenberg's Das höllische Automobil, by Otto Julius Bierbaum + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 43914 *** |
