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--- /dev/null
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@@ -0,0 +1,2910 @@
+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 43914 ***
+
+ Otto Julius Bierbaum
+
+
+ Das höllische Automobil
+
+ Novellen
+
+
+ Bibliothek moderner deutscher Autoren Band 6
+
+
+ Wiener Verlag Wien und Leipzig 1905
+
+
+ Der Verleger behält sich sämtliche Rechte vor
+
+ Umschlag von Richard Lux
+
+ Druck der k. und k. Hofbuchdrucker Fr. Winiker & Schickardt, Brünn.
+
+
+
+
+ _Vita autoris._
+
+
+ =Otto Julius Bierbaum=
+
+erblickte das Licht dieser Welt am 28. Juni 1865 zu Grünberg in
+Niederschlesien als der Sohn eines eingebornen Konditors und einer
+sächsischen Bergmannstochter. In der väterlichen Familie waren zwei
+Berufszweige erblich: Ein süßer: die Zuckerbäckerei, und ein saurer: die
+protestantische Theologie. Otto Julius hatte aber wohl einen besonders
+starken Gemütseinschlag von der mütterlichen Familie her (in der einmal,
+zur Zeit Napoleons, ein französischer Tambour eine Gastrolle gegeben
+haben soll) und so fand in ihm weder die süße noch die saure
+Familientradition ihre Fortsetzung. Doch blieb ihm Zeit seines Lebens
+von Abstammung wegen ein ausgesprochener Sinn für bessere Kuchen und
+Edelmetalle im Blute, ohne daß er ihn indessen immer befriedigen konnte.
+Dieses Unvermögen kommt aber eben daher, weil er, statt das Süße oder
+das Saure oder sonst was Ordentliches zu lernen, sich von Jugend auf
+dem Laster des Versemachens und Fabulierens hingegeben hat. Was hat er
+davon? --: Ein immer zweifelhaftes Budget und die Ungnade des
+Literaturaufsehers Bartels in Sulza bei Weimar -- O, daß doch dieses
+gewiß gräßliche, aber leider nicht unverdiente Schicksal abschreckend
+auf alle unerfahrenen Jünglinge und Jungfrauen wirken möchte, die
+in dem Wahne leben, das Dichten sei eine einträgliche Beschäftigung
+und mache wohlgelitten bei ernsten Kunstwärtern und gelehrten
+Literaturbeaufsichtigern! In Wahrheit führt es, wenn man sich ihm nicht
+auf der Basis einer =sehr= anständigen Rente hingibt, direkt ins
+Versatzamt und erregt, wenn es nicht so vorsichtig ausgeübt wird, daß
+alles Vergnügen daran zum Teufel geht, nur Unwillen.
+
+Dieser Unwillen steigert sich zur Empörung, wenn der Unbesonnene, der
+ihn hervorgerufen hat, statt sich durch weise Beschränkung auf ein
+bestimmtes Fach der Dichtkunst wenigstens zum Spezialisten auszubilden,
+auch noch einen Mangel an =Charakter= offenbart, indem er halt- und
+ziellos in allen Fächern der Poeterei herumfährt und, wie _iste_
+O. J. B., außer Gedichten jeder Art und Unart auch noch Novellen, Romane,
+Operntexte, Dramen, Balletts, Reisebeschreibungen, Märchen und allerhand
+Aufsätze über allerhand Menschen, Dinge und Ideen von sich gibt. Dies
+ist ein so grober Verstoß gegen das moderne Gesetz von der Teilung der
+Arbeit, daß man nicht energisch genug dagegen Front machen kann. Warum,
+so fragen wir mit Nachdruck, hat sich O. J. B. nicht damit begnügt,
+den 'Lustigen Ehemann' zu verfassen? Wie klar umrissen stünde
+dann sein Bild im Herzen der dankbaren Mitwelt, während es jetzt
+unruhig und fatal hin- und herzittert in den verschiedensten Kapiteln
+der Literaturkunde, vergleichbar den lebenden Photographien der
+American-Biograph-Gesellschaft, G. m. b. H., Berlin.
+
+Daß er auch noch Zeitschriften gründete, mag ihm verziehen werden, weil
+sie (Pan und Insel) eingegangen sind, und weil es sich schließlich, Gott
+sei Lob und Dank, doch herausgestellt hat, daß die aufregenden
+Nachrichten über seine schmachvoll hohen Redaktionsgehälter nur die
+Phantasiegebilde einiger erfindungsreichen Köpfe waren. Auch seine
+längere Reise im Automobil hat ihren Stachel verloren, seitdem man weiß,
+daß sie nicht auf eigene Kosten unternommen worden ist.
+
+Über seine Mitschuld am Überbrettl gehen die Meinungen auseinander.
+Einige Passagen im »Stilpe« belasten ihn zwar schwer, aber das Programm
+seines Trianon-Theaters (einmal und nicht wieder!) wird immer als
+besinnungslos rein lyrisches Entlastungsdokument angeführt werden
+können.
+
+Sonst ist O. J. B. harmlos. Sein Körpergewicht (81·5 Kilo, die
+Kleider nicht mitgewogen), sowie seine untersetzte, deutlichen
+Fettansatzes nicht ermangelnde Statur, reihen ihn unter die
+Korpulenzen ein, die eher zum Phlegma, als zu kriegerischem
+Angriffe neigen. Doch scheint er es sich nicht abgewöhnen zu können, über
+gewisse Charaktereigentümlichkeiten erbost zu werden, als da sind: Neid,
+Lügenhaftigkeit, Tratsch- und Verleumdungssucht und aufgeblasener
+Dummstolz. (Woraus deutlich hervorgeht, daß man ihn mit Unrecht unter
+die Humoristen rechnet.) Durch Radfahren und elektrische Massage
+versucht er es übrigens, seine Taillenweite dem erwünschten Normalmaße
+anzunähern, wie er denn auch den Fettbildner Alkohol mit einer
+Konsequenz meidet, die ihm sonst nicht eigen ist. Lawn Tennis mußte er
+leider wegen Mangels an englischen Sprachkenntnissen aufgeben. Die
+Pflege des nationalen Skat hinwiederum ist ihm wegen eines
+mathematischen Defekts versagt.
+
+Hunde, Katzen, Blumen; Horaz, Shakespeare, Goethe; Gluck, das
+'wohltemperierte Klavier', Mozart; Dürer, Ludwig Richter, Chodowiecki;
+Büttenpapier, Seide und Ceylontee liebt er sehr. Schiller genießt er
+einstweilen lieber in der Form Dehmel. -- Für die größten unter den
+modernen Dichtern gelten ihm Dostojewski, Nietzsche und Gottfried
+Keller. -- Th. Th. Heine ist ihm lieber, als Max Klinger. -- Ein
+rechtschaffenes Biedermeier-Kanapee zieht er ebensowohl einer _sella
+curulis_ wie jeder streng modern konstruktiven Lösung des Sitzproblems
+vor. Van de Velde verehrt er aus scheuer Entfernung und mit aller
+gebotenen Vorsicht. Der wahrhaft aus modernem Bedürfnis und aus der
+klaren Tiefe der Zeitseele geborene Nachttopf scheint ihm einstweilen
+nur in ornamentalen Ansätzen von verdienstlichem Zielbewußtsein
+vorhanden zu sein. An »Buchschmuck« hat er sich für eine Weile
+sattgesehn, sowohl an dem botanischer, zoologischer und mineralogischer,
+wie an dem rein geometrischer Herkunft. Seine Sünden auf diesem Gebiete
+bereut er herzlich und hat sich dafür als freiwillige Buße die
+vollkommenste Enthaltsamkeit von allen Kopf-, Rand-, Zwischenleisten,
+Frontispicen, _culs de campe_ &c. &c. auferlegt. Doch zweifelt er
+keineswegs daran, daß die Blütezeit des Jugendstiles noch eine hübsche
+Zeit andauern wird. -- Was die moderne Musik angeht, so fühlt er keinen
+Beruf, sich an dem Gesellschaftsspiele der Auslosung des neuen Messias
+zu beteiligen. Er ist dazu musikwissenschaftlich nicht gebildet genug
+und muß zufrieden sein, daß es ihm beschieden ist, zuweilen moderne
+Musik zu hören, die ihm angenehm eingeht, ohne daß er zu sagen weiß
+warum. Im Grunde ist er wohl auch zu frivol dazu, was schon daraus
+hervorgeht, daß er nicht gerne eine Offenbachsche Operette versäumt.
+
+Moderner Bücher liest er nicht gar viele, doch läßt er sich von
+Liliencron, Dehmel, Wedekind und Gerhard Ouckama Knoop keines entgehen.
+In alten Briefwechseln, Tagebüchern und Memoiren zu lesen ist ihm ein
+großes Vergnügen. Den größten Genuß auf diesem Gebiete bereiten ihm die
+Briefe und Tagebücher Friedrichs v. Gentz, den er überdies für einen der
+besten Prosaisten in deutscher Sprache hält.
+
+Seine Kenntnis der Weltvorgänge bezieht er aus den »Münchner Neuesten
+Nachrichten« und dem »Simplizissimus«. Zu einem Abonnement auf die
+»Woche« hat er sich noch nicht entschließen können, doch läßt er sich
+eigens zu dem Zwecke allwöchentlich einmal die Haare kräuseln, um bei
+seinem Friseur den Anschauungsunterricht zu genießen, den dieses
+vorzügliche Organ der Volksaufklärung gewährt. Übrigens photographiert
+er, wie jeder Kunst- und Naturfreund, selbst und hat es darin zu einer
+Vollkommenheit gebracht, die ihm außer seiner Frau niemand bestreitet.
+
+Religiös ist er Eklektiker. Vom Judentum hat er die Psalmen, vom
+Protestantismus eine ziemliche Anzahl Gesangbuchslieder, vom
+Katholizismus die Instrumentalmusik und verschiedene Bestandteile der
+sakralen Garderobe, vom Buddhismus die schöne Pose des Sitzens auf einer
+Lotosblüte, vom Konfuzianismus das Prinzip der großen Wurstigkeit, vom
+Taoismus die höchst angenehme Mystik ahnungsvoller Wortverknüpfungen in
+seine Privatkirche übernommen, deren Hauptlehre übrigens lautet: 'Halte
+dir alles Gesindel vom Leibe, denn es hindert dich, in deinen Himmel zu
+kommen!'
+
+Wollte man ihn nach seiner politischen Meinung fragen, so würde man ihn
+in Verlegenheit setzen. Es kommt das vielleicht daher, weil er keine
+Leitartikel liest und Bismarck tot ist.
+
+Exlibris und Ansichtspostkarten sammelt er nicht; dafür alte
+Vorsatzpapiere, Gläser und Fayencen; Autogramme gibt er nur in schwachen
+Momenten ab; jungen Damen und Herren zu sagen, ob sie Talent zur
+lyrischen Poesie haben, erklärt er sich für inkompetent.
+
+Vorbestraft wegen Körperverletzung in idealer Konkurrenz mit einer
+Übertretung ortspolizeilicher Vorschriften über das Halten von großen
+Hunden.
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+ Inhalt
+
+ Das höllische Automobil 17
+
+ Der mutige Revierförster 63
+
+ Patsch und Tirili 83
+
+ Die Weihnachtsbowle 101
+
+ Schwarz-Rot-Gold und Grün-Weiß-Rot 123
+
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+ Das höllische Automobil
+
+ Ein Märchen
+ für sämtliche Alters- und Rangklassen nach einer Idee =Alf Bachmanns=.
+
+
+Der Riese Rumbo konnte die Menschen nicht leiden, weil sie neben ihm so
+lächerlich klein erschienen, aber doch klüger waren als er, und weil es
+ihm, wegen seiner unmäßigen Größe und Ungeschlachtheit, nicht möglich
+war, mit ihnen zusammen zu wohnen, -- was er doch von wegen Kartenspiel
+und anderer Lustbarkeiten, die man nicht allein besorgen kann, ganz
+gerne gemocht hätte. Wie hätte er aber mit jemandem Skat spielen oder
+sonst etwas Vertrauliches treiben sollen, da er so groß war, daß er
+selbst die größten Häuser der benachbarten Residenzstadt nicht einmal zu
+Leibstühlen benützen konnte, weil sie dazu zu niedrig gewesen wären?
+
+Daraus könnt ihr euch wohl ungefähr ein Bild machen, wie über alle
+Maßstäbe und Begriffe ausgedehnt dieser Kerl war.
+
+Mein Onkel, der doch auch ein Mann von gutem Gardemaße und überdies
+Pfarrer, also gewöhnt war, seinen Blick immer aufs Höchste zu richten
+hat mir mehr als einmal beteuert, daß Rumbo alle seine Begriffe von
+Länge und Breite übertroffen habe. Übrigens ist es dieser mein Onkel,
+der mir diese Geschichte erzählt hat, was zu bemerken ich nicht zu
+ermangeln will, weil man sonst denken könnte, sie hätte keine Moral. Die
+Wahrheit ist, daß sie mehr Moral hat, als selbst der aufmerksamste
+Zuhörer beim ersten Male merken kann. Man muß sie sich also ein paarmal
+erzählen lassen. Es verlohnt sich.
+
+Ich selbst habe sie =sehr= oft gehört, nämlich immer, wenn mein Onkel
+meinen Vater zu besuchen kam, um, wie er sagte, »nach dem Rechten zu
+sehen.« Es scheint aber, daß das Rechte sich bei uns im Keller aufhielt.
+Denn dorthin begaben sich bei solcher Gelegenheit die beiden Brüder
+sogleich, wenn der ältere beim jüngeren zu Besuch angekommen
+war. -- Dies nebenbei und ohne eigentliche Beziehung zu Rumbo.
+
+Der war also nach der Überlieferung meines Onkels ein =über=gewaltiger
+Geselle. -- Ich wünschte sehr, seine Größe in Metern angeben zu können,
+aber in dieser Hinsicht hat es mein Onkel an Exaktheit fehlen lassen.
+Statt einfach zu sagen: so und soviel Meter oder meinetwegen bayerische
+Ruten war er lang, liebte er es, die Ausdehnung des Riesen durch
+Vergleiche oder Bilder anzudeuten, wobei es mir nicht entging, daß dabei
+nicht immer das gleiche herauskam. Machte ich ihn darauf aufmerksam, so
+pflegte er zu sagen: »Mein lieber Junge, bei ganz großen Gegenständen
+irrt sich selbst die Bibel. Für das, was das gewohnte Maß maßlos
+überschreitet, haben wir Menschen nicht einmal die Fähigkeit, in Bildern
+ordentliche Maßstäbe zu finden. Kehre dich nicht daran, wenn ich dir
+=einmal= sage: Rumbos Beine waren so dick und lang wie die Türme der
+Frauenkirche zu München, und ein =andermal:= Rumbos Nasenlöcher waren so
+breit und lang wie der Tunnel durch den St. Gotthard. Das stimmt
+freilich nicht; aber aufs Stimmen kommts auch nicht an, wo sichs um
+Riesen handelt. Sei froh, zu wissen, und laß es dir genügen, daß Rumbo
+auf alle Fälle erstaunlich groß war; -- wenn du Lust hast, seiner Größe
+noch ein paar Kilometer hinzuzusetzen, so tu dir keinen Zwang an.
+Meinetwegen kannst du ihn dir auch ein bißchen kleiner vorstellen, wenn
+er dir dadurch näher kommt, aber, versteht sich, immer noch so riesig,
+daß du dich selber darüber wundern mußt. -- =Darauf= kommt es an.«
+
+Ich empfehle euch, es auch so zu halten.
+
+Da Rumbo nicht unter Menschen wohnen konnte, lebte er ständig auf dem
+Lande, und zwar in der Nähe der Stadt Knödelimkraut, die sich einer sehr
+waldigen Umgebung erfreut. Dort war aber auch wirklich ein Mordstrum von
+einem Walde, der für ihn paßte, als wenn er ihm angemessen worden wäre.
+Tannen wuchsen darin, so dick, daß ein Mensch, der um eine hätte
+herumgehen wollen, dazu eine gute Stunde gebraucht haben würde.
+(Wirklich wahr!) Er hätte aber gar nicht drum herumgehen können, weil
+die Wurzeln dieser Bäume wie Gebirge über die Erde hervorstanden, und
+weil das Moos, das auf ihnen wuchs, selber wieder so hoch und dicht war,
+wie das Gebüsch in einem gewöhnlichen Walde.
+
+Für Rumbo aber war der Wald eben darum gerade recht; und er verließ ihn
+nur einmal in der Woche, nämlich am Sonnabend, wo er sich seine Mahlzeit
+holen mußte. Denn er aß nur einmal in der Woche, am Sonntag. Das kam
+daher, weil für ihn eine Woche so viel war, wie für uns ein Tag.
+(Inwiefern? -- das wußte sogar mein Onkel nicht zu erklären, dem doch
+selbst in der Offenbarung Johannis keine Zeile dunkel war. -- Ihr tut
+also gut, euch nicht den Kopf darüber zu zerbrechen, was zu unterlassen
+übrigens auch anderen Problemen gegenüber ratsam erscheint, da ein Kopf,
+auch wenn er hohl ist, nicht eigentlich die Bestimmung hat, zerbrochen
+zu werden. Und =eure= Köpfe, meine Lieben, sind überdies =nicht=
+hohl, -- wie würdet ihr sonst =meine= Zuhörer sein?)
+
+In der Hauptsache bestand seine Mahlzeit aus Gemüse. Birkenbäume waren
+für ihn Spargel, Eichenbäume Spinat, aus jungen Tannen machte er sich
+Sauerampferbrei. Kuchen und andere süße Speisen konnte er sich nicht
+verschaffen, außer wenn er gerade einmal bei einem Bienenzüchter
+vorbeikam. Da fraß er dann gleich sämtliche Bienenstöcke mit dem Honig,
+aber auch mit den Bienen auf, und wenn ihn die Bienen im Munde und im
+Magen stachen, sagte er: »Ei, das prickelt recht angenehm.« Sonst
+bestand seine Nachspeise immer aus einem Menschen, und er meinte, das
+Menschenblut sei süßer als aller Honig; nur schade, daß man nicht viel
+davon vertragen könne, weil es dusselig mache. Soviel von seiner
+Speisekarte.
+
+Da Rumbo dumm war, war er auch faul, und so kam es, daß er meistens der
+Länge lang auf dem Boden lag und schlief.
+
+Wie er nun einmal so da lümmelte, fühlte er ein Jucken in seiner Nase
+und mußte niesen; -- hatzi! flog ein Mensch aus seinem Nasenloch und
+mitten auf die ganz mit zottigen Haaren bedeckte Brust.
+
+»Hahaha!« lachte der Mensch; »da bin ich aber mal schön weich gefallen.«
+
+»Was! Du lachst noch?« brüllte Rumbo, »dich werde ich übermorgen
+fressen.«
+
+»Mich?« rief der Mensch, -- »dazu bist du ja viel zu dumm. Ehe du mich
+ergreifst, bin ich schon ganz wo anders.«
+
+Und richtig, wie Rumbo nach ihm fassen wollte, saß der Mensch schon in
+seinem linken Ohre und schrie hinein: »Du großer Esel!«
+
+Rumbo begriff, daß das eine Majestätsbeleidigung war und wollte ihn sich
+mit seinem kleinen Finger (Klein! -- Du lieber Gott! Er hatte die
+Ausdehnung von Frau Klara Ziegler!) aus dem Ohre trillern, aber da war
+der Mensch schon lange weg. Und wo saß er? Im Winkel des linken Auges
+und kitzelte den Riesen.
+
+»Geh weg!« schrie Rumbo, »das kann ich nicht leiden.« (Es war ihm, wie
+wenn uns eine Mück ins Auge gekommen ist.)
+
+Der Mensch aber sagte: »Nicht eher, als bis du mir versprichst, mich in
+Ruhe zu lassen.«
+
+»Ja doch, ja doch,« brüllte der Riese, »mach nur, daß du aus meinem Auge
+'rauskommst. Das ist zu widerwärtig.«
+
+»Siehst du wohl?« sagte der Mensch, »was Kleines kann auch unangenehm
+werden«, und er setzte sich auf eine Warze, die sich wie ein mit Gras
+bewachsener Hügel, über und über mit Haaren bedeckt, auf des Riesen
+Nasenspitze erhob.
+
+»Das ist ein angenehmer Aussichtspunkt,« sagte er, wie er dort saß,
+indem er vergnüglich mit den Beinen baumelte und sich eine Zigarre
+anzündete. »Ich habe zwei Seen vor mir, die von Tannen umgeben sind, und
+dahinter ist ein Gebirge mit vielen Schluchten, und hoch oben ein Wald
+von roten Bäumen. Diese Landschaft verdient einen Stern im Bädeker; ich
+werde hier ein Aktienhotel gründen.«
+
+»Na ja: Meine Augen, meine Stirne und mein roter Haarschopf,« sagte der
+Riese geschmeichelt; »aber was ist dir denn eingefallen, daß du in meine
+Nase gekrochen bist? Dort zieht es doch?!«
+
+»Eben darum, es ist infam heiß heute und ich dachte es mir gleich, daß
+in diesem Blasebalgfang ein guter Wind ginge«, antwortete der Mensch.
+
+»Ja, hast du denn keine Furcht?«
+
+»Vor wem denn?«
+
+»Na, vor mir!«
+
+»Vor dir? Dazu bist du mir zu dumm.«
+
+Da merkte der Riese, daß dieser Mensch, wenn nicht gar ein Genie, so
+doch ganz gewiß ein brauchbares Talent war, und er sprach:
+
+»Du gefällst mir, Mensch, du kannst als Gehilfe bei mir eintreten. Wie
+heißt du denn?«
+
+»Frechdachs,« antwortete der Mensch.
+
+»Das ist ein schöner und passender Name für einen Menschen von dieser
+Begabung,« meinte der Riese; »also, willst du?«
+
+»Meinetwegen,« sagte Frechdachs, »wenn es nur was Ordentliches zu tun
+gibt und nicht so gewöhnliche Hantierungen wie in der Stadt. Dort haben
+sie nichts mit mir anfangen können und wollten mich deshalb ins
+Gefängnis sperren. Ich bin aber ausgerissen.«
+
+»Na, dann paßt du ja famos zu mir, Frechdachs!« sagte Rumbo. »Du sollst
+dich nicht zu beklagen haben. Bei mir gibt's nur solche Sachen zu tun,
+die in der Stadt verboten sind.«
+
+»Das kann ich mir denken,« sagte Frechdachs, »denn du selber würdest in
+der Stadt verboten werden, wenn sie dich verbieten könnten. -- Aber sag
+mal, wozu brauchst du denn einen Gehilfen, du großer Schuft und
+Schlagtot? Ein Kerl, wie du, braucht ja bloß irgendwo hinzufallen, und
+gleich liegt rechts und links von ihm, was er braucht.«
+
+»Das verstehst du nicht,« sagte Rumbo. »Ich bin =zu= groß. Erstens werd'
+ich zu schnell bemerkt; dann sind meine Bewegungen zu langsam; und
+schließlich kann ich so kleines Zeug, wie ihr Menschen seid, nicht gut
+anfassen. Entweder zerquetsche ich so eine Made, oder sie rutscht mir
+durch eine Fingergelenksfalte weg. Ich sage dir: ich müßte verhungern,
+wenn ich mich von euch Marschiermücken nähren müßte. Zum Glück brauche
+ich das zweibeinige Milbenvolk nur als eine Art süßer Verdauungspillen.
+Aber dazu seid ihr Zappelgemüse mir unbedingt nötig. Und deshalb ist es
+mir sehr angenehm, einen Menschen als Gehilfen zu haben, denn niemand
+kann einen Menschen besser fangen, als ein Mensch. Im Grunde könnt ihr
+ja auch nichts, als das. -- Ich habe darum von jeher und immer Menschen
+als Gehilfen gehabt, aber leider, leider waren es regelmäßig
+unvorsichtige Burschen, die allzubald auf irgendeine Weise bei mir
+zugrunde gingen. Der eine fiel mir ins Ohr und brach das Genick auf
+meinem Trommelfell; der andere verlief sich im Dickicht meiner Haare und
+verhungerte; ein dritter ertrank in einem Schweißtropfen von mir; ein
+vierter, der Korpsstudent gewesen war und sich das Trinken nicht
+abgewöhnen konnte, hielt in der Betrunkenheit, als ich einmal gähnte,
+meinen Mund für einen Weinkeller, lief hinein und erstickte, wie ich den
+Mund zugemacht hatte, in einem hohlen Zahn; -- und so weiter, und so
+weiter. Du siehst also, daß du gut aufpassen mußt.«
+
+»Mir passiert so was nicht; verlaß dich darauf,« meinte Frechdachs; »ich
+bin daran gewöhnt, aufzupassen, wie ein Luchs, denn ich gehöre zu den
+Vogelfreien, die auch unter Menschen immer auf der Hut sein müssen. Bloß
+die Käfigmenschen, die Mastgimpelnaturen, die den Freßkober stets bei
+sich am Halse tragen, dürfen es sich erlauben, ohne besondere
+Aufmerksamkeit ihrem Tagwerke nachzugehen. Wir, die wir nicht so
+tugendhaft und stäte sind, sondern immer tapfer und resolut auf Taten
+ausziehen, für die man früher geadelt wurde, jetzt aber ins Kittchen
+gesperrt wird -- wir müssen immer die Ohren steif und die Augen offen
+halten. Meinetwegen kannst du also ganz ruhig sein. -- Aber: Was krieg'
+ich denn als Lohn?«
+
+»Was? Lohn willst du auch noch?« brüllte Rumbo, der in seinem
+Souveränitätsgefühle beleidigt war. »Sei froh, daß ich dich nicht zum
+Nachtisch einnehme. Nein, mein Lieber, Lohn gibt's nicht. Höchstens
+einen Titel. Wie willst du lieber heißen: General oder Hofmarschall?«
+
+»Gar nichts will ich heißen,« sagte Frechdachs; »Lohn will ich haben.«
+
+»Also, wie viel denn?« fragte Rumbo.
+
+»Kein Geld,« antwortete Frechdachs, »das kann ich mir stehlen; du sollst
+mich zu einem Riesen machen, wie du selber einer bist.«
+
+»Das kann ich nicht,« sagte Rumbo.
+
+»Doch kannst du's,« erwiderte Frechdachs, »mach keine Flausen; ich bin
+nicht so dumm, wie du aussiehst, und weiß ganz gut, daß du's kannst.
+Aber du willst nicht, weil du Angst hast, daß ich dich dann totschlage,
+du Feigling.«
+
+»Na, also gut, Frechdachs,« sagte Rumbo, dem bei so viel Intelligenz
+angst und bange wurde, »ich mache dich zu einem Riesen, aber erst, wenn
+du mir hundert Menschen gebracht hast.« ('Nach dem Neunundneunzigsten
+freß ich ihn auf,' dachte er sich.)
+
+»Abgemacht,« sagte Frechdachs. »Und was soll ich zuerst tun?«
+
+»Hm, ja, warte mal,« überlegte der Riese eine Weile; »da ist drüben in
+der Wassermühle der junge Müller Bartel Klippklapp, der ist weiß wie
+sein Mehl vor lauter Fett und muß allerliebst nach Korn schmecken. Den
+hol mir! Aber er ist schlau, weißt du. Du mußt es klug anstellen.«
+
+»Wenn's weiter nichts ist,« sagte Frechdachs, rief seinen Rappen, der in
+der Nähe weidete, schwang sich in den Sattel und ritt davon.
+
+Schon nach fünf Stunden kam er wieder und schleppte den jungen Müller an
+einem Stricke erwürgt hinter sich her.
+
+»Sieh mal an!« lachte der Riese, »da hast du ja den Bartel Klippklapp,
+der so schlau war. Bist wohl noch schlauer gewesen?«
+
+Frechdachs antwortete: »Dazu hat nicht viel gehört. Der dumme Kerl stand
+gerade in seinem Garten und las Raupen vom Kohl. 'Du, Bartel,' rief ich,
+'was machst du denn da?' 'Raupen lesen,' sagte Bartel. 'Was machst du
+denn mit den Raupen,' fragte ich. -- 'Was soll ich denn damit machen?'
+antwortete er; 'tot machen tu' ich sie; sie fressen mir sonst meinen
+Kohl.' -- 'Na, höre mal,' sagte ich, 'das ist aber lieblos; die armen
+Tierchen wollen doch auch leben.' -- 'Bist du so ein Esel,' erwiderte
+Bartel, 'daß du dir deinen Kohl von Raupen fressen läßt?' -- 'Nein,'
+sagte ich, 'ich habe gar keinen Kohl, aber Hunger. Gib mir einen
+Kohlkopf, Bartel.' -- 'Hast du Geld?' fragte der Müller. -- 'Nein,'
+sagte ich, 'du sollst mir ihn schenken.' -- 'Du kannst meine Rückseite
+bewundern,' rief er da, lachte und drehte sich um. -- 'Wart,' dachte
+ich, 'alter Geizkragen, für meinen Meister Rumbo sollst du auch bald
+eine Raupe sein,' warf ihm die Schlinge meines Strickes um den Hals,
+zog sie fest an, und ritt hui, hussa, hop, galopp mit dem Anhängsel
+davon. Da hast du den Mehlwurm!«
+
+Der Riese war sehr zufrieden mit dieser Leistung und lobte seinen
+Gehilfen, fand aber, daß der Müller zu mehlig schmeckte. -- »Bring mir
+was Pikanteres das nächstemal,« befahl er.
+
+Frechdachs machte sich auf und überlegte: 'Wen soll ich bringen? Pikant,
+das ist leicht gesagt, aber wo gibt es heutzutage Menschen von pikantem
+Geschmack, die noch =genießbar= sind? Wenn ich den Doktor Schwalbendreck
+erwischte, dem vor Brotneid das Blut sauer geworden ist und der infolge
+seiner krankhaften Begierde, üble Gerüchte zu verbreiten, einen netten
+kleinen Herzkrebs von zweifellos schwefligem Geschmacke acquiriert hat,
+so wäre das ja am Ende ein gefundenes Fressen für meinen Herrn und
+Meister, der überdies, so viel ich weiß, noch keinen Dramatiker gegessen
+hat, aber erstens wird es schwer sein, dieses Herren habhaft zu werden,
+der sehr vorsichtig geworden ist, seitdem ihm jemand von ferne eine
+Pistole gezeigt hat, und dann fürchte ich, daß er schließlich =zu=
+penetrant schmeckt. Vergiften darf ich meinen verehrten Giganten doch
+auch nicht gleich. Sonst brauchte ich ihm ja nur ein Gänseweißsauer von
+verleumderischen Klatschbasen zu servieren, deren ich einige in der
+Stadt Knödelimkraut recht gut kenne.... Halt! Wie wärs mit dem dicken
+Literaten, der früher Pastor war!? In ihm vereinigt sich ein Restchen
+pfäffischer Heimtücke mit journalistischer Giftdrüsenhypertrophie, --
+eine angenehme Mischung, sollte ich meinen.... Aber diese Art Leute sind
+schwer zu fassen. Es gibt keinen Strick, aus dem sie sich nicht zu
+winden vermöchten. Ich spare ihn mir für ein andermal auf!' -- So ritt
+Frechdachs in ziemlicher Verlegenheit durch Flur und Auen. Da begegnete
+ihm in seiner Kutsche der Doktor Rasso Schneidebein, der zu einer armen
+alten Frau gerufen worden war.
+
+»He, Herr Doktor, Herr Doktor!« rief Frechdachs, »bitte, kommen Sie doch
+gleich zu meinem Meister, der sich übergessen und Bauchkneipen hat, und
+geben Sie ihm was ein.«
+
+»Hat dein Meister Geld?« fragte Doktor Schneidebein.
+
+»Na, ich danke,« sagte Frechdachs, »Geld wie Heu! Sie kriegen zehn
+Taler.«
+
+»Zehn Taler?« dachte sich der Doktor, »das ist ein hübsches Stück Geld,
+und von der Alten krieg' ich bloß ein Vergeltsgott. Mag sie meinetwegen
+ohne mich sterben!«
+
+»Also schön,« sagte er, »ich komme mit; es muß aber auch etwas
+Ordentliches zu essen geben.«
+
+»Einen fetten Braten,« sagte Frechdachs und sah dabei den Doktor an, der
+in der Tat sehr fett war.
+
+Als sie in die Nähe des Waldes kamen, wo der Riese wohnte, wurde es dem
+Doktor unheimlich zumute.
+
+»Das ist ja der wilde Wald, wo der Menschenfresser haust,« rief er;
+»bist du wahnsinnig, daß du mich dorthin führst?«
+
+»Wieso denn,« sagte Frechdachs, »es ist ja der =Menschenfresser=, dem Sie
+etwas eingeben sollen, weil er Bauchweh hat.«
+
+»Um Gottes willen,« schrie der Doktor, »was soll ich denn dem Riesen
+eingeben?«
+
+»Sich selber sollen Sie ihm eingeben, denn Sie stecken ja voll von
+Medizin,« sagte Frechdachs.
+
+»Nein, nein, nein, das will ich nicht,« rief der Doktor; »ich muß zu
+einer alten Frau, die im Sterben liegt. Umkehren, Kutscher, umkehren!«
+
+»Das hättest du früher sagen sollen, alter Schuft,« rief Frechdachs,
+schlug dem Doktor den Schädel ein, legte ihn quer vor sich auf den
+Sattel und galoppierte davon, ehe der Kutscher seinem Herrn hätte zu
+Hilfe kommen können.
+
+Auch mit dieser Leistung war Rumbo sehr zufrieden, zumal der Doktor in
+der Tat sehr pikant nach Karbol, Jodoform und anderen Medizinen
+schmeckte.
+
+»Du bist ein verflixter Kerl, Frechdachs,« sagte er, »und verstehst
+Abwechslung in meinen Nachtisch zu bringen. -- Was gibt's denn =nächsten=
+Sonntag?«
+
+»Einen Pfarrer,« antwortete Frechdachs.
+
+»Ah,« schmunzelte Rumbo, »einen Pfarrer! Das ist eine ganz herrliche
+Idee! Such aber einen recht fetten aus, ja?«
+
+»Ich weiß schon einen,« sagte Frechdachs, und dachte an den, der ihm in
+der Christenlehre immer so heftig ins Gewissen geredet hatte, weshalb er
+ihn aufrichtig haßte. Ging also zu ihm und sprach: »Lieber Herr Pfarrer,
+ich soll Euch zu einer Gastmahlzeit bei meinem Herrn, dem reichen
+Gutsbesitzer Jörg Maulvoll, einladen für nächsten Sonntag. Mein Herr
+würde glücklich sein, einen so heiligen Mann nach Verdienst mit den
+herrlichsten Speisen und Weinen zu bewirten.«
+
+Und fügte noch viele grobe Schmeicheleien und Erzählungen hinzu, was für
+schöne und gute Dinge es geben werde.
+
+Der Pfarrer war aber wirklich ein frommer Mann und sprach: »Am Sonntag
+habe ich keine Zeit, viel zu essen und zu trinken, da muß ich meine
+Predigt halten. Komm du in meine Predigt, Bursche, und dein Herr auch,
+das ist =meine= Einladung. Leb wohl!«
+
+'Au weh,' dachte sich Frechdachs, 'bei dem bin ich schief angekommen.
+Wenn die Pfarrer alle so sind, kann sich Rumbo den Mund wischen.'
+
+Es waren aber nicht alle so. Schon beim nächsten glückte es.
+
+»So,« sagte der, »gefüllten Truthahn, eingemachte Hammelnieren,
+Erdbeeren mit Schlagrahm, Apfelsinentorte und Muskatwein? Hm, hm! Und
+Herr Maulvoll ist ein Mann, der einen heiligen Lebenswandel schätzt?
+Gut. Gut. Ich komme. Ich komme gleich mit.«
+
+Während er sich reisefertig machte, kam ein Bote und meldete, daß ein
+armer Taglöhner am Sterben sei und gerne noch mit dem Herrn Pfarrer
+beten wolle.
+
+»Ich habe eine wichtige Abhaltung,« sagte der Pfarrer; »so schnell
+stirbt sich's nicht; er soll bis morgen warten.«
+
+'Du wirst gleich sehen, wie schnell sich's stirbt,' dachte sich
+Frechdachs, half dem dicken Pfarrer in die Kutsche, setzte sich auf den
+Bock und fuhr los. Die Pferde liefen wie der Wind, die Kutsche sprang
+und tanzte nur so über Stock und Stein.
+
+»Nicht so schnell, nicht so schnell,« rief der Pfarrer; »das Essen wird
+mir nicht bekommen, wenn ich so durchgerüttelt werde.«
+
+»Aber mürbe wirst du werden!« rief Frechdachs.
+
+»Mürbe? Wieso? Was heißt das?« keuchte der Pfarrer.
+
+»Das heißt, daß du ein zäher Heuchler bist. Hü! Rappen! Hü! Rumbo hat
+Hunger.«
+
+»O Gott! O Gott! O Gott!« stöhnte der Pfarrer. »Der Teufel sitzt auf dem
+Bocke.«
+
+»Nein, des Teufels Küster sitzt in der Kutsche,« sagte Frechdachs,
+kehrte die Peitsche um und schlug mit dem dicken Ende den schlechten
+Pfarrer tot.
+
+Wie Rumbo diesen dicken Mann sah, lief ihm das Wasser im Munde zusammen,
+und er wollte sich gleich über ihn hermachen.
+
+»Nein, Meister Rumbo, damit wollen wir noch ein bißchen warten,« sagte
+Frechdachs. »Ich habe mir einen herrlichen Spaß ausgedacht. Den Pfarrer
+soll der Teufel verspeisen, Ihr aber den Teufel!«
+
+»Du bist selber des Teufels!« rief Rumbo. »Wo denkst du hin! Der Teufel
+ist stärker als ich.«
+
+»Ja, wenn er keinen Pfarrer im Leibe hat. Von dem da aber kriegt er das
+Bauchgrimmen von wegen der Geweihtheit, und dann werden wir seiner fix
+Herr.«
+
+»Hm. Das läßt sich hören. Wie willst du aber den Teufel herbekommen?«
+
+»Das laßt nur meine Sorge sein!«
+
+Frechdachs, wie ihr wohl schon bemerkt habt, verstand sich auf
+Teufeleien, und so ist es kein Wunder, daß er sich auch auf den
+Charakter des Teufels und seiner Großmutter verstand.
+
+Er ging zu einer Felsenspalte, wo, wie er wußte, der Teufel oft
+herauskam, Kienäpfel zu suchen, die er zur Heizung der Hölle brauchte.
+
+»He,« rief er da, »Herr Baron! Herr Baron!«
+
+»We...we...wer ruft denn da?« meckerte es aus der Felsenspalte. »Mein
+Enkel hat keine Zeit. Er macht sich eine Klaviatur aus Geizhalsknochen.«
+
+»Ah,« rief Frechdachs, »hochwohlgeboren die Frau Teufelin-Großmutter!
+Nein, was für eine schöne Stimme! Sie sollten die Königin der Nacht
+singen! Ich hab' mein Lebtag keinen solchen Sopran gehört.«
+
+Des Teufels Großmutter hatte ein Gefühl, als würde sie mit altem
+Dachsfett eingerieben, so angenehm fuhr ihr diese Schmeichelei über die
+runzelige Haut. Sie erschien sofort in der Spalte.
+
+Jeder andere Mensch würde vor ihrer Häßlichkeit in Ohnmacht gesunken
+sein. -- Ihre Nase war ein Schweinsrüssel; ihr Mund eine grüne gezackte
+Furche, die von Ohr zu Ohr reichte; ihre Ohren aber waren zwei alte,
+feuchte graugelbe Waschlappen. Von Zähnen hatte sie nur zweie, die aber
+standen wie die Hauer einer Wildsau krumm empor, ganz braun, und der
+eine wackelte. Ihre Augen saßen wie Krebsaugen an Stielen und waren gelb
+und fransig wie Pfifferlinge. Anstatt Haaren hatte sie graugrüne
+Tannenflechten, die mit schmutzigem Harz verklebt waren. Zwei gräßliche
+braune, mit gelben Adern überzogene Kröpfe baumelten ihr wie große
+Flaschenkürbisse am Halse. Als Kleidung trug sie lederne Hosen und eine
+Jacke aus demselben Stoffe, beides Stücke der Ausrüstung eines eben in
+der Hölle angekommenen Automobilisten, der als Klecks an einer
+Gartenmauer geendet hatte, nachdem unter seinem Mordwagen zwanzig
+Menschen umgekommen waren. Auch die Lärmtrompete dieses Straßenmörders
+trug sie am Gürtel, und es machte ihr Spaß, zuweilen auf den Gummiball
+zu drücken, daß es nur so tutete.
+
+»Frau Baronin beherrschen auch noch dieses modernste aller
+Musikinstrumente?« rief Frechdachs, den ihre Erscheinung durchaus nicht
+außer Fassung gebracht hatte. »Nein, wie talentvoll Sie sind! Und wie
+Sie aussehen! Wie Sie aussehen! Die ewige Jugend! Wirklich, es ist ein
+Verbrechen, daß Sie sich der Bühne entziehen!«
+
+Des Teufels Großmutter wand sich vor Entzücken, daß alle ihre Knochen
+knackten, und sprach: »Sie haben viel Lebensart, mein Herr, und ich
+hoffe, Sie bald bei uns begrüßen zu können. Aber was wünschen Sie
+eigentlich?«
+
+»Ach,« antwortete Frechdachs, »eine Kleinigkeit. Mein Meister, der
+berühmte Rumbo, möchte eine Menschendörrmaschine anlegen, weil er das
+rohe Fleisch nicht mehr verträgt, und da es dafür keine Installateure
+gibt, möchte er den Herrn Baron, Ihren Enkel, bitten, die Anlage zu
+übernehmen. Über den Preis werden sich der Herr Baron und mein Meister
+schon einigen.«
+
+»Gewiß, gewiß, mein Herr. Mein Enkel arbeitet zwar sonst seit den Zeiten
+der Inquisition nicht mehr außer Hause, mit Ausnahme der
+Automobilbranche, aber er wird mir zuliebe schon eine Ausnahme machen.
+Was krieg' ich denn für meine Fürsprache?«
+
+»Einen Kuß!« sagte Frechdachs, machte ohne Zaudern einen Schritt
+vorwärts und küßte die Alte auf ihre grüne Furche.
+
+Darauf mußte er, wieder zu Hause angekommen, sich zum erstenmal in
+seinem Leben die Zähne putzen.
+
+Ihr könnt euch denken, was für Augen Rumbo machte, als er hörte, daß der
+Teufel selber ihn besuchen wollte. Er war außer sich vor Freuden
+darüber, denn er zweifelte gar nicht mehr daran, daß es ihm gelingen
+werde, den Teufel zu verspeisen.
+
+»Denke dir bloß,« sagte er zu Frechdachs, indem er sich fortwährend die
+wulstigen Lippen mit seiner breiten Zunge ableckte, »ich werde den
+Teufel als Nachtisch genießen, als Pille einnehmen, als Bonbon
+schlucken! Das wird nicht bloß ein großes Vergnügen für mich, sondern
+das erste Verdienst sein, das ich mir um die Menschheit erwerbe. Paß
+auf, sie werden mir in einer schönen Hurrah-Allee neben lauter Kaisern,
+Königen, Herzogen, Prinzen, Generalen und Diplomaten ein zuckerblankes
+Denkmal setzen und darauf schreiben: 'Ihrem großen Wohltäter Rumbo, der
+den Teufel gefressen hat, die hochachtungsvoll dankbare und ganz
+ergebene Menschheit.' -- Ha, und wie er nach Pech und Schwefel schmecken
+und wie heiß sein Blut sein wird! Wahrhaftig, Frechdachs, du bist ein
+Hauptkerl! Komm her, ich muß dir einen Kuß geben!«
+
+»Lieber nicht!« sagte Frechdachs, »es könnte leicht passieren, daß du
+mir vor lauter Zärtlichkeit dabei den Kopf abbissest, und ich habe mir
+sagen lassen, daß das ein unangenehmes Gefühl ist. Wir wollen uns lieber
+darüber einigen, wie hoch du mir den Teufel anrechnest. Denn das ist
+doch wohl klar, daß er mehr gilt als ein Mensch.«
+
+»Das versteht sich,« sagte Rumbo, »alles, was recht ist: Der Teufel muß
+mehr gelten, als ein Mensch. Darüber sind sich die Gelehrten einig.«
+
+»Na, das freut mich, daß du das einsiehst, obwohl du viel dümmer bist
+als lang und breit,« meinte Frechdachs, den seine Erfolge noch
+unverschämter gemacht hatten als er von Natur schon war, »aber nun
+wollen wir mal sehen, ob du dir auch einen Begriff machen kannst, =um wie
+viel= der Teufel mehr gelten muß als der Mensch.«
+
+»Ich glaube,« sagte Rumbo nach einigem Nachdenken, »wir können ihn für
+fünf Menschen rechnen.«
+
+»Warum gerade für fünf?« fragte Frechdachs.
+
+»Wenn fünf Menschen ihren Verstand zusammentun,« antwortete Rumbo, »sind
+sie imstande den Teufel zu betrügen.«
+
+»Das ist richtig,« sagte Frechdachs, »aber der Verstand ist auch des
+Teufels schwächste Seite. Du mußt mehr sagen, Rumbo!«
+
+»Hm,« sann der nach, »hm, warte mal: Sagen wir zehn!«
+
+»Warum zehn?« fragte Frechdachs.
+
+»Wenn zehn Menschen,« antworte Rumbo, »ihre Bosheit zusammentun, ist es
+so viel Bosheit, wie der Teufel allein besitzt.«
+
+»O,« meinte Frechdachs, »da irrst du dich. Wenn es auf die Bosheit
+ankäme, brauchten wir den Teufel nicht höher zu berechnen als einen
+Menschen, denn ein Mensch hat für sich allein mehr Bosheit im Leibe als
+der Teufel und seine Großmutter zusammen. Trotzdem ist aber zehn eine zu
+=niedere= Zahl; du mußt schon noch was drauf legen.«
+
+»Hör mal,« sagte Rumbo, »du bist doch wirklich ein Frechdachs. Du tust
+gerade so, als wenn ich ein kleiner Junge wäre, und ich säße bei dir in
+der Rechenstunde. Sage mir lieber gleich, wie hoch ich dir den Teufel
+anrechnen soll.«
+
+»Du sollst ihn mir,« sagte Frechdachs, »für =hundert= Menschen anrechnen,
+denn der Teufel ist hundertmal =ehrlicher= als ein Mensch.«
+
+»Ich denke, er ist der Vater der Lüge?« meinte Rumbo.
+
+»Das schon,« erwiderte Frechdachs, »aber er leugnet das auch gar nicht.
+Er lügt immer und ewig, nur in einem nicht. Er sagt nicht: 'Ich bin die
+Wahrheit,' wie er auch nicht sagt, 'ich bin die Liebe,' oder: 'ich bin
+die Güte.' Nein, der Teufel ist die Lüge, der Haß, die Bosheit, aber das
+bekennt er auch, während die Menschen sich immer besser stellen, als sie
+sind, und keiner treffgenau das ist, was er scheinen möchte. -- Aber, um
+das zu kapieren, bist du wirklich zu dumm, Rumbo, denn nicht einmal die
+Menschen, die doch im allgemeinen klüger sind, als du, wollen das
+einsehen. Gib dir weiter keine Mühe, das Rechenexempel zu fassen, und
+nimm es einfach für richtig an. So hast du am wenigsten Schererei und
+darfst dabei die angenehme Empfindung haben, an eine große Wahrheit
+wenigstens zu =glauben=, wenn du sie auch nicht begreifst.«
+
+Von diesen Bemerkungen ward es dem Riesen in seinem dürftigen Gehirne
+schwindelig, und er sagte, um nicht weiter denken zu müssen: »Also ja,
+meinetwegen, lassen wir ihn für hundert gelten. --«
+
+Am nächsten Sonntag machte Frechdachs aus dem Pfarrer ein schönes
+Ragout, das er, da er den Geschmack des Teufels kannte, sehr stark
+pfefferte. Rumbo aß nichts davon, weil er sich den Geschmack nicht
+verderben wollte, denn, sagte er sich, ein schlechter Pfarrer ist zwar
+ein Teufelsbraten, aber der Teufel selber ist doch noch eine größere
+Delikatesse.
+
+Punkt zwölf Uhr kam der Teufel in einem feuerroten Automobil angefahren,
+das aber nicht mit Benzin betrieben wurde, sondern mit der Speiwut
+verleumderischer Menschen, deren Seelen im Kraftbehälter eingesperrt
+waren und einander gegenseitig zum Explodieren brachten. Infolgedessen
+lief das Automobil in der Stunde tausend Kilometer, doch stank es dafür
+auch noch hundertmal mehr als ein gewöhnlicher Motorwagen. Es hatte vorn
+eine große und etwas weiter hinten an der Seite zwei etwas kleinere
+Laternen. Die vordere brannte so entsetzlich stechend grün und grell,
+daß alle Blumen, die ihr Schein traf, verwelkten. Es war nicht Azetylen,
+was darin leuchtete, sondern der Neid. Die rechte Seitenlaterne hatte
+ein rotes zuckendes Licht, das eine große fressende Hitze ausstrahlte.
+Es war der Haß, der in ihr brannte. Die linke Seitenlaterne gab ein
+fahles, blaues, kaltes Licht, in dem alles tot, erbärmlich, winzig
+aussah. Dieses Licht war die Verkleinerungssucht. -- Als Bremsleder
+hatte der Teufel unzählige übereinandergepreßte Häute von solchen
+Menschen verwendet, die, auf kein anderes Recht fußend, als das der
+Majorität der herrschsüchtigen Dummköpfe, Zeit ihres Lebens mit Erfolg
+bestrebt gewesen waren, die Arbeit heller und heiterer Köpfe zu stören.
+Diese Bremsleder funktionierten mit unfehlbarer Sicherheit; doch hatten
+sie einen Nachteil: sie schnurrten und brummten entsetzlich, wenn sie in
+Tätigkeit waren. -- Luftschläuche verwandte der Teufel an den Rädern
+seines Automobiles nicht. Er hatte sich aus den Gehirnen von Höflingen
+und Demagogen eine Masse konstruiert, die so elastisch und nachgiebig
+war, daß sie jeden Stoß aufhob. -- Die Laufmäntel aber waren aus einer
+Paste geknetet, die im wesentlichen aus dem Rückenmark von Menschen
+bestand, die während ihres Lebens keine höhere Wollust gekannt hatten,
+als sich aus trotzigem Eigensinn beharrlich gegen jede bessere Einsicht
+zu sperren. Es war eine überaus zähe Paste, mit der man ruhig über
+Granitsplitter fahren konnte. -- Als Polster auf den Sitzen seines
+Laufwagens verwandte der Teufel Luftkissen, die aber nicht mit
+gewöhnlicher Luft, sondern mit dem blauen Dunste utopistischer Ideen
+gefüllt waren. Besonders bequem saß sich auf dem einen Kissen, das der
+Teufel das Egalité-Kissen nannte.
+
+Der höllische Baron sah in seinem Chauffeurkostüm sehr schick, also sehr
+scheußlich aus. Er trug, das Fell nach außen, einen zottigen, rostroten
+Gorillapelz als Joppe und schwarze Bockslederhosen, die unten von
+Elchledergamaschen umschnürt waren. Seine Fahrbrille hatte natürlich
+rote Gläser, und in seiner Mütze waren zwei Löcher für die Hörner
+angebracht, welche sich für das Automobilfahren als besonders praktisch
+erwiesen, weil sie ein Sturmband ersetzten. Statt der Hubbe benützte der
+Herr Baron von Pechheim auf Schwefelhausen eine der Posaunen des
+jüngsten Gerichtes, die bei ihm in Versatz gegeben sind bis zu dem
+Augenblick, wo man ihrer benötigt.
+
+»All Unheil!« rief der Teufel, als er angekommen war, »da bin ich! Ich
+komme direkt aus der Mandschurei, wo ich jetzt los bin. Viel Zeit habe
+ich nicht; da oben gibt's jetzt alle Hände voll für mich zu tun. -- Aber
+zuerst was zu essen, wenn ich bitten darf; dann will ich gleich den
+Menschendörrapparat aufstellen. Übrigens haben die Menschen schon selber
+genug solcher Apparate konstruiert, in Fabriken, Bureaus, Schulen und so
+fort, aber ich sehe ein, Sie brauchen einen, der schneller arbeitet. --
+Also schnell, schnell, einen Happen-Pappen!«
+
+Frechdachs rannte in die Küche und trug, die Serviette unterm Arm, das
+klerikale Ragout auf.
+
+»Was ist das, wenn ich fragen darf?« sagte der Teufel.
+
+»Ein kleines _Ragout fin aux fines herbes pastorales_ als Vorspeise,«
+antwortete, die Schüssel präsentierend, Frechdachs, während Rumbo, auf
+dem Bauche liegend, den Teufel so mit seinen Blicken verschlang, als
+genösse er ihn in der Phantasie bereits leibhaft.
+
+Die ganze Szene war von Frechdachs so arrangiert, daß Rumbo in der Tat
+bloß zuzuschnappen brauchte, -- wohlgemerkt, wenn der Teufel vorher
+gefesselt war, und zwar =kreuz=weis, denn so lange der Teufel nicht das
+Zeichen des Kreuzes in fester Verknüpfung von hanfenen Seilen an sich
+spürt, ist er von niemand zu fassen und zu fangen. 'Ihn kreuzweise zu
+fesseln,' dachte sich Frechdachs aber, 'wird nicht weiter schwer sein,
+wenn erst das Magenweh nach genossenem _filet de curé_ eingetreten ist.
+Der Teufel wird sich an den Leib fassen, sobald ihm von dem geweihten
+Fleische übel wird, und in diesem Augenblick der Schwäche werde ich ihm
+kreuzweise die Schlinge über Hände und Bauch werfen. Und dann, hurra!
+hinein mit dem Schwefelfritzen in den offenen Rumborachen.' (Denn die
+Tafel stand direkt vor dem Maule Rumbos, mit der angenehmsten Aussicht
+auf das Dolomitenpanorama der Zähne des Riesen.)
+
+Man sieht, alles fußte auf der Voraussetzung, daß den Teufel, da er ja
+kirchlich Geweihtes durchaus nicht vertragen kann, vom Fleische des
+Pfarrers Übligkeit und Schwäche anwandeln werde. (Ist es ja doch
+bekannt, daß allein der Wind, der durch das Umblättern eines Meßbuches
+entsteht, ihn tausend Meilen weit wegzutreiben vermag, und wenn er sich
+gleich in einen zwei Zentner schweren Viehhändler verwandelt hätte!)
+
+Indessen: Frechdachs hatte eines vergessen: daß nämlich der von ihm
+erschlagene Pfarrer ein ganz gottloser und schlechter Pfarrer war, bei
+dem die Weihe lediglich am priesterlichen Gewande, nicht aber an der
+Person haftete. So kam es, daß der Teufel das Ragout bis auf den letzten
+Rest verspeiste, ohne das mindeste Bauchweh zu verspüren. Wischte sich
+mit Behagen den Mund und sprach: »Gut gewesen, das Ragoutchen; ein
+bißchen weichlich zwar und mit einem ganz leisen, etwas widerlichen
+Geschmacke wie Weihrauch, aber sonst: mein Kompliment! Nun, bitte, die
+nächste Platte!«
+
+Frechdachs stand fassungslos hinter des Teufels Stuhle, das Seil, zum
+Wurf bereit, in der Hand, und stammelte: »Gleich, Herr, gleich ...
+ich ...«
+
+»So wirf doch,« brüllte Rumbo, »wirf doch! Ich halt's nicht mehr aus.«
+Und er klappte seine Kiefer zu, daß es nur so krachte; riß sie aber
+gleich wieder auseinander in höchster Freßbegierde.
+
+'Holla!' dachte sich der Teufel, 'da ist was los!' drehte sich um, sah
+Frechdachs hinter sich mit dem Seil stehen, und lachte: »Gucke mal an!
+Das Bürschchen da wollte den Teufel fangen. Respekt! Und das große Maul
+da wollte ihn vermutlich fressen? Ausgezeichnete Idee! Ihr zweie gefallt
+mir. Ihr sollt der Ehre gewürdigt sein, auf eine noch nie dagewesene
+Manier von mir geholt zu werden. -- Na? Ihr bettelt ja gar nicht?«
+
+»Wenn es einige Aussicht auf Erfolg hätte, würde ich es gewiß tun,«
+sagte Frechdachs, der schon wieder seine Fassung gewonnen hatte. »Aber
+so weit bin ich denn doch in die Geheimnisse der Dämonologie
+vorgedrungen, daß ich weiß: Betteln hilft nicht bei Seiner höllischen
+Majestät; es macht ihm zwar Vergnügen, es anzuhören, aber er steckt
+einen doch in seinen Wurstkessel. Bitte sich zu bedienen! Ich stehe dem
+Herrn Baron zur Verfügung. Bin neugierig, auf was für eine neumodische
+Manier er mich holen wird.«
+
+Diese Frechheit imponierte dem Teufel.
+
+»Du gefällst mir, Halunke!« sprach er. »Deine Seele ist so ausgepicht,
+daß es mir schwer fallen dürfte, dir höllische Überraschungen zu
+bereiten. Du hast ganz das Zeug dazu, ein Dienstteufel zu werden. Ich
+mache dich zu meinem Leibchauffeur. Einige Unbequemlichkeiten sind mit
+dem Amte ja immerhin verbunden, denn mein Verfluchter-Seelenmotor hat
+manchmal seine Mucken, und du wirst beim Umdrehen oft genug Gelegenheit
+haben, zu bereuen, daß du dich bei Lebzeiten zu schlecht aufgeführt
+hast, als daß du nach dem Tode der bequemen Ehre hättest gewürdigt
+werden können, als Tugendtenor in der himmlischen Vokalmusik
+mitzuwirken.« -- Damit gab er Frechdachs einen Tritt in die Magengegend.
+Frechdachs stöhnte: »Verdammt nochmal!« und war tot. Der Umstand, daß er
+nicht oben, sondern unten die Probe auf das Exempel der Unsterblichkeit
+machen sollte, äußerte sich darin, daß seine Seele ihren Ausweg nicht
+durch ein oberes, sondern durch ein unteres Körperventil suchte und
+fand, und daß sie dem entsprechend nicht nach Lilien duftete, wie es der
+Fall beim letzten Entweichen tugendhafter Seelen ist. Der Teufel machte
+eine Bewegung, als finge er eine Fliege in der Luft, und da hatte er die
+Frechdachsische Seele auch schon. Statt sie aber in sein Portemonnaie zu
+stecken, wie er sonst zu tun pflegte, rieb er die Leiche des
+verschiedenen Frechdachs in der Nabelgegend damit ein, worauf dort wie
+in blauer Tätowierung das Monogramm des Teufels (er benutzt neuerdings
+eines in van de Veldescher Unleserlichkeit) erschien und Frechdachs als
+Dienstteufel zu einem neuen Leben erwachte. Es war ihm in den paar
+Minuten auch schon ein niedliches Hörnerpaar aus der Stirnwand
+gesprossen, was sich gar nicht übel ausnahm, und hinten wackelte
+dienstbeflissen schmeichlerisch ein kleines, recht artiges Schwänzchen,
+das den Hosenboden offenbar ohne viel Mühe perforiert hatte. In einem
+Dialekte, der wie englisch ausgesprochenes Latein klang, aber das
+Höllenvolapük war, sprach er: »Befehlen Eure Satanität, daß ich den
+Motor andrehe?«
+
+»Ja, tu das, mein Sohn,« antwortete der Teufel durchaus freundlich,
+»aber erst sag mir mal: Was ist denn mit diesem Rumbo los, daß er immer
+noch mit offenem Maule daliegt? Hat er etwa =auch= keine Angst?«
+
+»Aber Meister!« sprach Frechdachs, »seid Ihr wirklich ein so schlechter
+Psychologe? Ihr solltet Euch auf Seelen doch von Berufs wegen verstehen.
+So dumme Kerle haben natürlich =nie= Angst. Die Stupidität ist durch
+passive Courage vor allen anderen Lebewesen ausgezeichnet.«
+
+»Bei meinem Schwanz! Das hatt' ich ganz vergessen,« sagte der Teufel.
+»Und es ist doch, weißderhole, eine Wahrheit von vielen Karaten.
+Indessen soll dieser Held der Dämligkeit einmal keinen Orden kriegen für
+seinen heroischen Mangel an Einsicht, sondern in seinem letzten
+Stündchen doch noch lernen, daß Kreaturen nicht zum Vergnügen auf der
+Welt sind. Wir wollen in seinem Rachen ein bißchen Automobil fahren.«
+
+Rumbo hatte in der Tat durchaus nicht begriffen, was los war. Die
+Einbildung, daß er dazu auserlesen sei, den Teufel als Pille
+einzunehmen, hatte so fest von ihm Besitz ergriffen, daß ein anderer
+Gedanke jetzt unter keinen Umständen bei ihm Eingang finden wollte. Er
+lag also noch immer auf dem Bauche, das Maul weit aufgerissen, die Zunge
+lechzend lang heraushangend.
+
+Diesen Umstand machte sich der Teufel zunutze.
+
+»Jetzt paß auf,« sagte er zu Frechdachs, der den Motor nach
+dreitausendsechshundertundfünfundachtzig Kurbelumdrehungen endlich zum
+Laufen gebracht hatte (wobei auch sein Schweiß, sowie sein Zungenwerk
+ins Laufen geriet, denn er triefte und fluchte dabei erklecklich) »jetzt
+paß auf: Du sollst gleich das erstemal ein kleines Meisterstückchen im
+Fahren leisten dürfen. Du siehst diese von zu vegetarischer Kost etwas
+belegte und infolge von Appetitsphantasmagorien reichliche Feuchtigkeit
+absondernde Zunge des gewaltigen Hohlkopfes aus dem Rumbonischen Maule
+gleich einer Zugbrücke auf das Erdreich niederhangen. Diese glitschige,
+aber sonst keineswegs glatte, vielmehr von unzähligen Furchen
+durchzogene Brücke müssen wir hinauffahren. Es ist keine kleine Sache,
+Frechdachs, denn die Steigung ist beträchtlich; und sie wird, weil das
+Terrain, wie ich schon bemerkte, feucht und uneben ist, doppelt schwer
+zu nehmen sein. Es wird sich nur mit der kleinsten Geschwindigkeit
+machen lassen, und du darfst ja nicht vergessen, beide Rücklaufstreben
+hinunter zu tun, sonst rutschen wir womöglich rückwärts, und das wäre,
+Gott verdamme mich noch einmal, nicht bloß gefährlich, sondern auch
+blamabel.«
+
+»Machen wir!« rief Frechdachs, trat den Gehhebel nieder, und
+töff -- töff, sauste die Explosionskarre los, scharf auf die
+Zungenspitze Rumbos zu. --
+
+'Ah! Ich soll alle =zweie= haben?' dachte sich der und bekam vor
+unaussprechlicher Wollust butterig glänzende und gleich riesigen
+Kirschen heraustretende Augen.
+
+Indessen fuhr des Teufels Laufwagen unter angestrengtem Gekeuche des
+Motors, dem in der Tat ein bißchen =sehr= viel zugemutet wurde, die Zunge
+hinauf, daß der Speichelsaft des Riesen rechts und links nur so
+wegspritzte. Frechdachs hatte alle Hände und Füße voll zu tun, da er
+bald einer Furche auszuweichen, bald ein Ausglitschen zu parieren, bald
+eine andere Geschwindigkeit einzuschalten hatte, aber es ging ganz
+gut, -- bis zu dem Augenblick, wo sie schon ganz nahe am Zäpfchen Rumbos
+waren, das gleich einem umgekehrten Kirchturm herabhing und den Eingang
+zum Schlund versperre. Dort aber war der Motor am Ende seiner Kräfte
+angelangt. Er hustete, rasselte, rumpelte noch, vermochte jedoch den
+Wagen weder weiter zu ziehen, noch auch nur auf der erreichten Höhe
+festzuhalten. Kein Zweifel, daß das höllische Automobil sofort
+zurückgerutscht wäre, wenn sich jetzt nicht die beiden riesigen eisernen
+Rücklaufstreben mit ihren ankerscharfen Widerhaken tief ins
+Zungenfleisch des Riesen gebohrt hätten, der seinerseits bisher nur
+deshalb nicht zugeschnappt hatte, weil er felsenfest glaubte, das
+Automobil werde von selbst seine Insassen in seinem Magen abladen. Wie
+er aber die beiden eisernen Haken in seiner Zunge spürte, brüllte er
+tobend auf: »Das kratzt ja!« und schnappte in sinnloser Wut zu.
+
+Darauf hatte der Teufel nur gewartet. In diesem Augenblick suggerierte
+er den im Bassin befindlichen Neider- und Verleumder-Seelen, sämtliche
+Parlamente der Welt hätten beschlossen, die Unanständigkeit der üblen
+Nachrede mit Prügelstrafe zu belegen, und brachte sie dadurch in eine
+solche Wut, daß sie, einander überrasend, eine Gesamtexplosion aller
+Niedertrachtsgase erzeugten. Diesem Knalleffekte war auch das Interieur
+und die knochige Umwandung des Rumbomaules nicht gewachsen: Es platzte.
+Gleichzeitig fuhren sämtliche schuftige Seelen in den Magen des Riesen
+und erfüllten ihn so mit Gift und Stank, daß auch er entzweiging.
+-- Rumbo war tot.
+
+Seinem linken Nasenloche entstieg der Teufel, dem rechten Frechdachs.
+Sie waren über und über voll von Ruß und fanden, daß das ihnen sehr gut
+stünde.
+
+'Schade, daß das Automobilchen mit hin ist,' meinte der Teufel, 'aber
+ein guter Spaß ist's doch gewesen. Ich werde mir jetzt eins mit einem
+Konfessionszankmotor made in Germany konstruieren. Der wird noch
+rasender gehen. -- Fürs erste wollen wir jetzt nur noch schnell die
+Seele des großen Lümmels fangen. Da bei ihm alles langsam vonstatten
+gegangen ist, wird sie eine gute Weile zum Entweichen brauchen.'
+
+Es dauerte auch noch richtig eine Viertelstunde, bis sich aus der Gegend
+von Rumbos Hinterquartier eine Art gelben Staubdunstes erhob, wie von
+einem zertretenen Bovist.
+
+Der Teufel fing das Zeug in die hohle Hand, betrachtete es aufmerksam,
+roch daran und sprach: »Zu schlecht für meine Domäne.« Dann blies er es
+von seiner Hand weg mit den Worten: »Nichts als Dummheit, Gefräßigkeit
+und blöder Dünkel, aber guter Kunstdünger für künftige Ernten an Bosheit
+und Niedertracht. Sie sind mir sicher.«
+
+Der gelbe Dunst flog nach allen vier Windrichtungen auseinander.
+
+
+
+
+ Der mutige Revierförster
+
+
+König Leberecht, der schon in vorgerückten Jahren befindliche, aber
+immer noch recht rüstige Beherrscher eines angenehm im Gebiete der
+mittleren Zone gelegenen Landes, liebte es, die Büchse im Arm, auf hohe
+Berge zu steigen und dort all das Wild zu erlegen, das man mit viel Mühe
+und Kunst in die unmittelbare Nähe seines Feuerrohres brachte.
+
+Auf diesen Jagdzügen begleitete ihn, der gerne Menschen um sich hatte,
+weil er wohl wußte, daß es für Fürsten nicht gut ist, allein zu sein,
+nicht nur eine Schar bevorzugter Männer des Hof- und Staatsdienstes,
+sondern auch eine wohlausgewählte Mustergarnitur solcher Leute, die sich
+durch sachgemäße Überdeckung größerer Leinwandflächen mit Farbe oder
+durch andere Hantierungen von gewissermaßen künstlerischem Charakter in
+der Leute Mund gebracht und überdies durch die Annahme des Titels von
+Professoren bewiesen hatten, daß sie, obwohl keiner ernsthaften
+Beschäftigung obliegend, doch Sinn für das bürgerlich Reputierliche
+besaßen. Es war, und dessen war sich ein jeder in des Königs Jagdgefolge
+wohl bewußt, eine große Ehre, mit Seiner Majestät durch die Felder und
+die Auen zu streifen, sowie auf schmalen Pfaden die erhabenen Gipfel der
+Bergwelt zu erklimmen, die wie wenig anderes dazu angetan erscheint, dem
+Menschen einen Begriff davon zu geben, wie großartig die Welt ist.
+Indessen, wie die meisten Ehren, so war auch diese mit Anstrengungen und
+Unbequemlichkeiten verbunden. Schon das Klettern allein erschien den
+älteren Ministern, vortragenden Räten, Kammerherren und Kunstprofessoren
+als eine im Grunde nicht ganz erfreuliche Muskelübung.
+
+Denn, abgesehen davon, daß der königliche Bergsteiger schon an und für
+sich in seiner Eigenschaft als Fürst jenen elastischen und lebhaften
+Gang hatte, von dem wir immer in den Zeitungen lesen, wenn von einem in
+Bewegung befindlichen Landesvater die Rede ist, war König Leberecht auch
+noch besonders auf diesen Sport trainiert, da er Zeit seines Lebens die
+meisten freien Stunden, die ihm die Regierungsgeschäfte ließen,
+hauptsächlich dazu verwandt hatte, sich in der ebenso gesunden wie
+vornehmen Kunst des Kletterns auszubilden. Er wäre, wenn ihm die
+Schicksalsgöttinnen statt einer Krone einen Gamsbarthut und statt des
+Zepters einen Bergstock in die Wiege gelegt hätten, zweifellos ein
+ebenso vortrefflicher Bergführer geworden, wie er nun in Wirklichkeit
+ein scharmanter König geworden war.
+
+Aber die böse Notwendigkeit, mit den untrainierten Beinen des Untertanen
+den trainierten Beinen des Souveräns in gleichem Schritt und Tritt zu
+folgen, war noch nicht einmal die fatalste Begleiterscheinung jener
+ehrenvollen Jagdpartien. Das Unangenehmste waren die kalten Bäder, die
+die höchst badelustige Majestät auf luftigster Höhe im schneekühlen
+Gewässer munterer Gebirgsbäche zu nehmen liebte, und von denen sich
+keiner ihrer Begleiter ausschließen konnte, da sich der Wasserscheue
+sonst dem Verdachte ausgesetzt hätte, daß er nicht unter allen Umständen
+gesonnen sei, seinem höchsten Herrn überallhin zu folgen.
+
+Wie viele ministerielle, geheimrätliche, kammerherrliche,
+kunstprofessorale Schnupfen die Erfüllung dieser harten
+Untertanenpflicht im Laufe der Jahre zur Folge hatte, darüber besteht
+keine Statistik, doch darf ruhig angenommen werden, daß ihrer viele und
+die meisten davon hartnäckiger Natur waren. Denn nicht jeder verträgt
+zehn Grad Reaumur im Wasser. Die Loyalität ist willig, aber das Fleisch
+ist schwach.
+
+Nach einem solchen Bade in der Höhe von 1500 Metern bei entsprechender
+Wassertemperatur begab es sich nun einmal, daß der König, dem von der
+genossenen Wasserkühle selber die Finger etwas klamm geworden waren,
+seine Toilette (mit gebotener Delikatesse zu sprechen) nicht ganz zu
+Ende führte. Anfangs bemerkte niemand diesen Umstand, da ein jeder nur
+von dem einen Wunsche beseelt war, die eigene gesunkene Blutwärme durch
+allseitig luftdichten Verschluß der Kleider wieder in die Höhe zu
+bringen. Als sich aber später die königliche Jagdgesellschaft auf einem
+angenehmen Wiesenplane zur Rast niedergelassen hatte, nahm man den
+kleinen, aber durch seine Örtlichkeit fatal auffälligen Mangel wahr.
+
+Nun ist eine solche Wahrnehmung selbst unter gewöhnlichen Menschen, wenn
+der eine nicht gerade die Frau des anderen ist, mit einer gewissen
+Peinlichkeit verbunden. Denn es handelt sich hier, wenn man der Sache
+auf den Grund geht, um einen Umstand, der geeignet ist, das sittliche
+Gefühl zu verletzen, um einen _dolus eventualis_ auf dem besonders heiklen
+Gebiete der Erbsünde sozusagen. Indessen, schließlich gibt sich doch
+immer einer den gewissen Ruck, nimmt den Betreffenden (in den meisten
+Fällen ist es ein alter Professor oder ein Dichter) beiseite und
+flüstert (wenn er das Wort »geradezu« im Wappen führt): 'Sie, Ihr
+Hosentürl ist offen,' oder (wenn er delikater ist) mit einem schnellen
+orientierenden Blicke: 'Es ist etwas bei Ihnen nicht in Ordnung.' Ja, es
+gibt sogar Leute, die selbst bei so peinlichen Gelegenheiten zu frivolen
+Scherzen aufgelegt sind und etwa die Bemerkung machen: 'Sie, verlier'n
+S' sei' nix!'
+
+Kann man aber so etwas einem Fürsten, einem Könige sagen? Nein: Man kann
+=nicht=! Der höfische Stil versagt hier vollkommen. Es gibt durchaus
+keine Redewendung in der Phraseologie des Umganges mit Majestäten, die
+es ermöglichte, derlei vor ein allerhöchstes Ohr zu bringen, als über
+welchem bei feierlichen Anlässen nur durch ein paar Zentimeter getrennt
+eine Krone zu sitzen kommt. Nicht einmal der mit allen Essenzen
+höfischer Eleganz und Wortbiegungskunst gewaschene Zeremonienmeister
+Baron von Belodeur, der doch eine anerkannte Autorität auf dem Gebiete
+höfischer Linguistik ist, und von dem man hoffte, er werde die
+schwierige Mission übernehmen und so seinem dichten Lorbeerkranze als
+königlicher Hausdiplomat ein neues leuchtendes Blatt einverleiben,
+erklärte, dies überschreite seine Fähigkeiten, dieser Fall sei von einer
+Heikligkeit, daß man seine Lösung nicht einer Menschenzunge, sondern der
+Vorsehung selber überlassen müsse, die übrigens, so fügte er mit
+anmutiger Zuversicht hinzu, noch immer bewiesen habe, daß sie über das
+königliche Haus mit besonderer Aufmerksamkeit wache. Sohin (er liebte
+dieses kuriale Wort) werde ihr auch dieser Umstand nicht entgehen, und
+sie werde zweifellos Mittel und Wege finden, ihn zu beheben, ohne daß
+sich ein schwacher Mensch den Mund zu verbrennen brauche.
+
+-- »Das ist alles sehr schön und sehr gut, und ich bin schon von
+Ressorts wegen der letzte, der an der Vorsehung zu zweifeln wagt,«
+bemerkte der Kultusminister, dem es trotz eines kaum überstandenen
+Schüttelfrostes jetzt sehr heiß zumute wurde, »aber sie müßte =äußerst=
+schnell eingreifen. Bedenken Sie, lieber Baron, daß uns am Fuße dieses
+Berges eine Deputation der ländlichen Bevölkerung erwartet, darunter
+vier weißgekleidete Jungfrauen, von denen die jüngste ein
+Huldigungsgedicht auswendig gelernt hat. Ich wette meinen Kopf, daß die
+Jungfrau aus dem Konzept kommt, wenn ihr Blick zufällig auf die
+derangierte Gegend fällt, und diese infamen Bauernlackel werden dem
+höchsten Herrn sämtlich, ich sage Ihnen: =sämtlich= nicht ins =Gesicht=
+sehen, sondern -- ebendorthin. Mein Gott, mein Gott: Die Situation ist
+von einer märchenhaften Scheußlichkeit. Wir können uns, so gern wir
+sonst dazu bereit sind, hier nicht auf höhere Mächte verlassen; wir
+müssen =selber= handeln. Wozu sind Sie denn Zeremonienmeister, wenn Sie
+sofort versagen, wo es einmal gilt, die durch einen tückischen Zufall
+bedrohte Würde des Königtums zu retten! _Hic Rhodus! Hic salta!_ Walten
+Sie Ihres Amtes!«
+
+Der Zeremonienmeister, der es bisher immer zu vermeiden gewußt hatte, in
+Anwesenheit des Königs Schweiß abzusondern, war nicht imstande, die
+plebejische Feuchtigkeit zurückzudrängen, die ihm angesichts dieser
+grauenerregenden Perspektive auf die Stirne trat. Er fühlte die ganze
+furchtbare Verantwortung, die ihm diese entsetzliche Situation
+aufbürdete. Er sah das Ansehen des Hofes in Gefahr, die Regierung
+wanken, den Staat konvulsivischen Zuckungen preisgegeben. Vor seinem
+inneren Auge jagten sich Feuer, Pulverdampf und blutigrote Wogen der
+Rebellion. Vor allem aber bebte sein ganzes Gemüt und schoß molkig
+zusammen wie Milch, wenn's wittert, bei dem Gedanken, daß seine Stellung
+auf dem Spiele stand. Denn in der Tat, dieser Toilettenmangel gehörte in
+=sein= Ressort, da kein Kammerdiener zugegen war.
+
+Sollte er vielleicht doch?... Sollte er nicht doch vielleicht mit dem
+Anstand, den er hatte, diskret sich in den Hüften wiegend, an den König
+heran treten und mit delikatem Augenniederschlag lispeln: 'Majestät
+haben allerhöchst geruht, zu vergessen, sich die ...'
+
+Aber bei allen Heiligen und Nothelfern, das =geht= ja doch nicht! Niemals
+noch, so lange es Zeremonienmeister gibt, haben Zeremonienmeisterlippen
+derartiges zu einem König zu sagen sich erkühnt.
+
+In seiner fassungslosen Verwirrung überfiel ihn die phantastische Idee,
+zu den Mitteln der Mimik zu greifen und, sich dicht vor Seine Majestät
+postierend, an sich selbst, gewissermaßen wie an einem Lehrphantom,
+=scheinbar= die Handlung vorzunehmen, die der König an seiner Kleidung
+tatsächlich unterlassen hatte.
+
+Aber das war ja grotesk, skurril, Wahnsinn! Ebenso hätte er direkt
+hingehen und, an das respektive Kleidungsstück der allerhöchsten Person
+Hand anlegend, den Mangel _brevi manu_ reparieren können, -- eine
+Vorstellung, bei der er fast in Tränen der Verzweiflung ausgebrochen
+wäre.
+
+Aber Verzweiflung ist ein zu gelindes Wort, um auszudrücken, in welchem
+Zustande sich das zeremonienmeisterliche Gemüt befand. Er war der
+Auflösung nahe. Schon konnte er kaum mehr seine Augen regieren, die
+immer nur den einen, sich zu einem ungeheuren Schlund und Abgrund
+klaffend erweiternden Punkt suchten, der die schauderhafte Quelle dieser
+unsäglich grausamen Prüfung für ihn war. Gewaltsam mußte er seine Blicke
+von dort wegwenden, um sie ziellos im Kreise herumirren zu lassen. --
+
+Ob denn nicht doch irgendeiner der Anwesenden es wagen würde?
+
+An die Staats- und Hoffunktionäre sich zu wenden, war ganz aussichtslos,
+das fühlte er mit der Gewißheit des Erfahrenen. Aber vielleicht einer
+dieser Kunstprofessoren?! Unter ihnen, die ja auch sonst zu seinem
+Entsetzen oft genug gegen den höfischen Ton verstießen, mußte doch einer
+zu finden sein, der, wenn man ihm einen Orden oder einen Auftrag oder
+schließlich den persönlichen Adel versprach, das unerhörte, kaum
+auszudenkende Wagstück unternahm.
+
+Er zog jeden einzelnen beiseite, bat, flehte, rang die Hände, versprach
+schließlich den gebührenfreien Freiherrntitel und die Erblichkeit der
+Professur in der Familie, eingeschlossen die weibliche Nachkommenschaft,
+-- nichts half. Alle erklärten, lieber täglich eine Literflasche
+Mastixfirnis auf das Wohl des erhabenen Landesherrn leeren zu wollen.
+
+Der Zeremonienmeister hatte das absolut sichere Gefühl, daß der jüngste
+Tag herangebrochen sei; in seinen Ohren dröhnten deutlich die Posaunen.
+Da fiel sein Blick auf den Revierförster Meier, der hinter einem Baum
+saß und mit Mißmut konstatierte, daß sein Enzianschnaps zu Ende war.
+
+Ein letzter Hoffnungsstrahl flackerte, aber nur ganz schwach, im
+Ingenium des halbtoten Hofmanns auf. Der Meister des höfischen Parketts
+trat zum Meister des gebirgigen Forstes und entwickelte ihm, indem er
+sich bemühte, durch leise Dialektfärbung seiner Sprechweise etwas
+Volkstümliches zu verleihen, den ganzen Komplex der verhängnisvollen
+Verlegenheit, hinzufügend, daß er, der biedere Mann aus dem Volke,
+allein befähigt und berufen sei, den Hof, die Regierung, den Staat zu
+retten, indem er den König auf jenen Punkt aufmerksam machte, auf jenen
+Punkt ...
+
+»Das Hosentürl? Wenn's weiter nix is?!« meinte Meier.
+
+»Aber Sie dürfen natürlich nicht so geradezu, lieber Meier,« flüsterte
+der Zeremonienmeister, dem doch etwas bange wurde bei dieser schnellen
+Entschlossenheit des offenbar ganz ungeleckten Bären ... »Sie müssen
+durch die Blume gewissermaßen ... von hinten herum sozusagen ...
+abstrakt ...« Er fand durchaus nicht die populären Akzente. Das lag zu
+weit weg von seinem Ressort.
+
+»Versteh schon! Natürlich! Ich kenn' mich aus. Von der Schleichseite
+heranpürschen muß ich mich. Nicht gleich mit dem Hosentürl ins Haus
+fallen. Beileib! Beileib! Fein andrehn muß man so was. So, in =der= Art,
+daß der König meinen könnt', es wär' einem andern sein Hosentürl!...
+Schwer is schon. Aber ich hab' schon andere Füchse gefangen.«
+
+Nach diesen Worten überzeugte sich der Revierförster nochmals, daß
+seine Flasche vollkommen leer war, schob sie resigniert in seinen
+Rucksack und stand mit der Miene eines Mannes auf, der heftig nachdenkt
+und zu allem entschlossen ist.
+
+Der Zeremonienmeister sah ein, daß dieser Mann, wenn nicht vorher der
+Himmel einfiel, binnen zwei Minuten das Unglaubliche zum Ereignis machen
+werde. Ihm ward zumute, als ob plötzlich der feste Boden unter ihm zu
+wanken begänne; eine grauslich hohe Woge hob ihn, senkte ihn und führte
+ihn aufs hohe Meer hinaus, einem ungewissen Schicksal entgegen, das
+irgendwo den Rachen aufsperrte, ihn zu verschlingen. Wie er bemerkte,
+daß der Revierförster sich in Bewegung setzte, fühlte er alle Schrecken
+der Seekrankheit in seinen Eingeweiden. Nur wie durch einen Schleier,
+einen gelbgrauen Nebel sah und hörte er, was sich nun begab.
+
+Der Revierförster Meier ging gerade auf den König zu, sah ihn aus seinen
+katzengrauen Augen zutraulich von unten an, nahm seinen bis ins
+Zeiserlfarbene verschossenen, vor sehr langer Zeit einmal dunkelgrün
+gewesenen Hut ab und -- machte eine Verbeugung. Sodann aber setzte er
+seinen Hut wieder auf und stand stramm.
+
+Mit dem scharfen Blicke, der ihn stets auszeichnete, bemerkte König
+Leberecht, daß dieses durchaus reglementswidrige Gebaren seinen Grund in
+etwas Besonderem haben müsse, und er fragte mit dem huldvollen Tone, der
+das erste ist, was ein jeder richtige König sich anzueignen keine Mühe
+und Übung scheut:
+
+»Na, Meier, was gibt's?«
+
+(In diesem Augenblicke gab es dem Zeremonienmeister einen schmerzlichen
+Ruck, und er sah sich direkt vis-a-vis dem Rachen des Ungeheuers, das
+ihn verschlingen wollte. Sein Herzschlag setzte aus. Ein
+überlebensgroßer Knödel kroch in seiner Speiseröhre in einer unangenehm
+schlickernden Abart des Rollens empor und versetzte ihm auch den Atem.
+Sein letzter Gedanke war der Orden vom heiligen Kajetan, von dem er
+schon lange träumte. Dann: Nacht und Vernichtung.)
+
+Meier aber trat einen Schritt vor und sprach mit der markig festen
+Stimme des deutschen Mannes, der keine Menschenfurcht kennt: »Ich
+möchte bloß die hohen Herrschaften was fragen.«
+
+Alles war starr. Keiner begriff. Auch König Leberecht nicht. Aber sein
+Ton war doch noch immer huldvollst, als er sagte: »Fragen Sie nur zu,
+Meier.«
+
+Und Meier ließ seine Stimme fröhlich erschallen und sprach: »Wie wär's
+denn, meine Herrschaften, wenn wir alle miteinander unsere Hosentürln
+zumachten?«
+
+Eine Reflexbewegung seiner Hände belehrte den König über den Sinn dieser
+rhetorischen Frage. Er richtete, was zu richten war, und lachte dann so
+herzlich laut auf, daß seine Umgebung überzeugt sein konnte, es sei
+durchaus im Sinne der Etikette gehandelt, wenn sie mitlachte. Und da es
+zugleich ein Lachen der Befreiung war, war es ein brausendes,
+dröhnendes, herzerfreuendes Lachen.
+
+Selbst die Spechte, die die hohen Stämme der Fichten bepochten, hielten
+mit Hämmern inne und lachten mit.
+
+Der Zeremonienmeister aber erwachte unter diesem Ensemblesatz des
+Vergnügens zu neuem Leben und fand sogleich, daß es unschicklich sei,
+in der allerhöchsten Nähe zu wiehern, wie unerzogene Rösser. Wäre ihm
+nicht gleichzeitig jener fatale Knödel gottlob zergangen und
+verschwunden, so daß er wieder frei atmen und sich im Vollbesitze seiner
+Kontenanz fühlen konnte, hätte er noch einen schlimmeren Vergleich
+gewählt.
+
+König Leberecht aber sprach, indem er dem Revierförster eine Zigarre
+anbot (die dieser jetzt noch und mit der ausgesprochenen Absicht, daß
+sie bis ans Ende der Tage dort bleiben soll, in seinem Glaskasten
+aufbewahrt): »Meier, Sie sind ein ganzer Kerl. Schade, daß ich Sie nicht
+in der Regierung verwenden kann. -- Ja, meine Herren,« und damit wandte
+er sich zu den übrigen: »das Volk, das Volk!... Es ist eine schöne
+Sache um das Volk!...«
+
+Dann stieg er, langsamer, als es sonst seine Art war, in tiefes Sinnen
+versunken, den Berg hinab, an dessen Fuße ihn ein junges Mädchen in
+weißen, gestärkten Kleidern mit den Worten begrüßte:
+
+ Wir jauchzen laut mit Herz und Mund
+ In dieser gnadenvollen Stund',
+ Wo uns das Glück geschieht,
+ Daß seinen König Leberecht
+ Das biedre Landvolk, treu und echt,
+ In seiner Nähe sieht.
+
+ Es steht sein hochberühmter Thron
+ Seit mehr als tausend Jahren schon
+ In unserer Mitte fest.
+ Drum lieben wir ihn auch so sehr,
+ Wie wenn er unser Vater wär',
+ Der keinen je verläßt.
+
+ Er weiß, daß in der Landwirtschaft
+ Beruht des Staates stärkste Kraft,
+ Drum liebt ihn für und für
+ Der schwergeprüfte Bauersmann
+ Und hält als treuer Untertan
+ Ihm =offen jede Tür=.
+
+Bei diesen Worten stellte sich bei Seiner Majestät eine Ideenassoziation
+ein, die ein Lächeln des königlichen Mundes zur Folge hatte, woraus alle
+anwesenden Gemeindevorstände aufs neue die Überzeugung gewannen, daß
+der hohe Herr nach wie vor den Interessen des Nährstandes seine
+besondere Huld zuwendete.
+
+
+
+
+ Patsch und Tirili
+
+
+Als ich Patsch das erste Mal bestieg, erfüllte mich ein Hochgefühl. Das
+ist doch Rasse, sagte ich mir; man spürt die adlige Herkunft und sichere
+Tradition; kein aufdringliches Geräusch, kein saloppes Wackeln; alles
+sitzt fest, hat die richtige Spannung, aber auch die entsprechende
+Federkraft; er gehorcht dem leichtesten Druck mit ebensoviel Folgsamkeit
+wie Intelligenz; was etwa noch fehlt, wird ihm ein bißchen Erziehung
+sicher beizubringen wissen.
+
+Ich hatte damals freilich nur böse Erfahrungen hinter mir. Das klapprige
+Ding, dem ich mich als banger Eleve hatte anvertrauen müssen, war durch
+schlechte Behandlung völlig verdorben und um alle Seele gebracht worden.
+Man hätte es eine Maschine nennen können, wenn es nicht zuweilen doch
+noch Spuren von Charakter gezeigt hätte. Freilich von schlechtem. Es war
+boshaft, heimtückisch, niederträchtig. Im allgemeinen heuchelte es
+Phlegma -- wenn es nicht einfach Faulheit war -- und tat so, wie wenn
+es nichts könnte, als stumpfsinnig seinen Trott gehen, geduldig,
+sanftmütig, schwerfällig, aber verlässig. Doch plötzlich, während man
+sich keiner Überraschung versah, fiel es ihm ein, Mätzchen zu machen.
+Wie von einem bösen Geist besessen, begann es zu rennen, zu rasen und
+hörte mit diesen infamen Tücken nicht eher auf, als bis es mich gegen
+eine der Säulen, die recht überflüssiger Weise in der Radfahrschule
+herumstanden, geworfen hatte. Dann lag es wie ein Bild hilfloser
+Unschuld neben mir, und nur seine Pedale zitterten vor innerem
+Triumphgefühl über den glücklich gelungenen Streich.
+
+Dabei will ich gar nicht davon reden, daß es ein wahres Jammerbild und
+in jeder Hinsicht verkommen war. Ich finde zu seiner Kennzeichnung nur
+das eine Wort: gemein, und man wird es verstehen, wenn ich bekenne, daß
+ich dieses Wesen aus voller Seele gehaßt habe. Es war besserer Gefühle
+ebensowenig würdig wie fähig. Genug von ihm.
+
+Ich sagte schon, daß Patsch mir nach dieser Kreatur, deren Namen ich
+nicht einmal weiß, einen blendenden Eindruck machte. Da er von guter
+Herkunft, Cleveland, Mittelsorte, ist, so kann das nicht weiter in
+Erstaunen versetzen.
+
+Das Jahr 1898 war überdies ein besonders guter Jahrgang für die
+Clevelands. Aber das will im allgemeinen doch nicht viel sagen. Gewiß,
+der Durchschnitt dieser Rasse ist immer gut, trefflich, in einem
+gewissen Sinn tadellos -- aber auch nicht mehr. Die Clevelands sind im
+allgemeinen wie gut gedrillte Soldaten; sie leisten das und das, und
+zwar nicht wenig, was ihnen eben beigebracht worden ist, immer ungefähr
+einer wie der andere ohne viel individuelle Einzelzüge -- es sind
+Amerikaner. Selten, daß ein niederträchtiges Subjekt unter ihnen
+vorkommt, selten aber auch, daß besondere Persönlichkeiten hervorragen.
+Ich halte das natürlich für einen Vorzug der Rasse, aber immerhin, nicht
+wahr, wenn einem gerade ein besonders begabtes Individuum zufällt, so
+ist das nicht unerfreulich.
+
+Nun! Patsch war so ein Individuum. Er war entschieden über den
+Durchschnitt begabt, und ich würde vielleicht überschwenglicher über ihn
+urteilen, wenn ich nicht das unerhörte Glück gehabt hätte, nach ihm
+Tirili zu erwerben.
+
+Ich hätte Patsch nicht aufgegeben, wenn ihm nicht ein Malheur passiert
+wäre, an dem eine Schwäche von ihm schuld war, die ich längst erkannt
+hatte: seine Bremse taugte nicht viel. Es war so eine geistlose, platte
+Druckbremse, an der nichts bewundernswert war, als die Prätension, ein
+laufendes Rad zum Stehen bringen zu wollen. Also gut! Ich fuhr eines
+schönen Tages auf ihm am badischen Ufer des Untersees entlang, und zwar
+war die Situation so: ich kam aus einem Walde heraus, der hochgelegen
+war, und fuhr eine Weile planeben, wie mir schien; in Wahrheit aber fiel
+der Weg bereits ein wenig, was ich aber nicht bemerkte, weil ich eben
+eine Siziliane dichtete, eine Strophe, die italienischer Herkunft ist,
+weshalb sie immer zwei Reime mehr erfordert, als man im Deutschen leicht
+findet. Nun können Sie sich denken, daß man nicht zugleich Reime fangen
+und auf den Weg achtgeben kann, und mir war natürlich der Reim
+wichtiger, als der Weg -- denn es gibt überhaupt nichts Wichtigeres auf
+der Welt als gute Reime. So kam es denn, daß ich, just als ich meinen
+Reim gefunden hatte, die Pedale verlor, weil es plötzlich in einem ganz
+unmöglichen Winkel bergab ging. Ich fühlte deutlich, wie Patsch von
+einem Todesschrecken durchrieselt wurde, als seine Pedale keine Leitung
+mehr fühlten und sich in einem wahnsinnigen Tempo wirbelig drehten, und
+ich selbst hatte auch die deutliche Empfindung, daß ich in wenigen
+Sekunden irgendwo in der Tiefe fragmentarisch anlangen würde. Also
+_ultima ratio_: die Bremse. Lächerliche Illusion! Zwar verbreitete sich
+augenblicks ein penetranter Geruch von heiß gewordenem Kautschuk, aber
+das Tempo der Abfuhr verminderte sich so gut wie nicht. Dafür kam mir
+ein Ochsenfuhrwerk gemächlich, aber sicher entgegen, und ich vermochte
+mir, phantasievoll wie ich nun einmal bin, mit Blitzesschnelle
+auszumalen, wie in fünf Sekunden Patsch an der Gabeldeichsel, ich aber
+am Horn eines der Ochsen hängen würde. Mein letzter Gedanke war der eben
+gefundene Reim: Karbatschen, den ich als Befähigungsnachweis für die
+Seligkeit mit in die Ewigkeit hinübernehmen wollte, die sich meinen
+angstvoll aufgerissenen Augen wie ein Tor mit durcheinanderkreisenden
+Feuerrädern auftat -- da machte Patsch einen Riesensatz nach rechts und
+raste auf einen Steinhaufen los. O du Patsch der Pätsche, o du Wunder
+von einem Patsch! Das war meine Rettung, aber dein Ruin. Der brave
+Cleveländer hatte sich, ein leuchtendes Beispiel von Dienertreue, für
+mich aufgeopfert. Er nahm den Steinhaufen, torkelte noch ein Stück der
+dahinter liegenden Böschung hinan, dann fiel er erschöpft und ohnmächtig
+um, und ich lag, die Hände in seine Speichen gekrampft, auf ihm. Wie es
+sich gebührt, sah ich erst nach, was ihm fehlte. Nun: er hatte seinen
+Knacks weg. Das eine Pedal war ganz ab, das andere baumelte nur noch;
+die Lenkstange hatte sich völlig verdreht; die Pneumatiks waren
+zerschlitzt.
+
+Der arme Kerl tat mir furchtbar leid, obwohl ich vollkommen Ursache
+hatte, mir selbst leid zu tun, denn auch meine Pedale, sowie die
+vorstehenden Teile des Gesichtes befanden sich in einem mehr
+pathologischen als ästhetischen Zustande. So hinkten wir beide nach
+Hause.
+
+Bei Patschs guter Clevelandkonstruktion versteht es sich von selbst, daß
+er wiederhergestellt werden konnte. Und er wurde wieder hergestellt.
+Aber er blieb für mein Gefühl doch ein Krüppel, ein mißliebiger Anblick.
+So sind wir Menschen. Dankbarkeit und Treue sind bei einem anständigen
+Subjekt von Rad öfter zu finden, als bei uns. Ich beschloß, ihm zwar das
+Gnadenöl zu geben, mir aber doch ein neues Rad anzuschaffen.
+
+Ich hätte für diese Herzlosigkeit verdient, ein ganz niederträchtiges
+Wesen aufgehängt zu bekommen, das sein Geschlecht an mir mit tausend
+Tücken gerächt hätte, und siehe da -- was ist das für eine
+Weltordnung! -- ich bekam, als sollte meine Gemütsroheit auch noch
+prämiiert werden, das Rad der Räder, das Überrad: Tirili.
+
+Auch Tirili entstammt der Clevelandfamilie, doch gehört sie deren
+adeligem Zweig an, der Baronlinie der Luxusmodelle. Es wäre
+Vermessenheit, wollte ich versuchen, ihr Äußeres zu schildern. Sie ist
+einfach ein Erzengel an Schönheit und dabei hat sie einen Kettenschutz
+aus Hartgummi und ölt sich selbst.
+
+Ich will Ihnen lieber eins der Begebnisse erzählen, die ich in letzter
+Zeit mit ihr erlebte; daraus werden Sie am besten ersehen, welch edle
+Seele ihr innewohnt, welch adlige Eigenschaften sie besitzt, von welcher
+Fülle aller Reize sie umflossen ist. Der alte, gute, treue Patsch
+erscheint mir neben ihr ganz einfach als Omnibus -- ich kann mir nicht
+helfen, so frevelhaft undankbar das auch klingen mag.
+
+Gewiß, er überragte den Durchschnitt; er war ein Talent; aber Tirili ist
+unendlich viel mehr, Tirili ist ein Genie, ein Wunder. Man sollte von
+ihr nur in Versen reden oder, besser noch, man müßte nur Herrn Stephan
+George darüber in Versen reden lassen, denn nur das erhabene Lallen ist
+die kongeniale Ausdrucksweise für Tirili.
+
+Nun lächeln Sie natürlich alle und finden, daß ich überschwänglich bin.
+Aber Sie werden gleich anders denken, wenn Sie hören, was mir kürzlich
+mit Tirili passiert ist.
+
+Es war ein schöner Herbstmorgen und die Luft so klar, daß die bayrischen
+Alpen wie zum Greifen nahe vor mir lagen. Trotzdem gedachte ich nur ins
+Dachauer Moos hinaufzufahren, wo, wie Sie wissen, die Wiege des
+malerischen Münchner Naturalismus stand, weshalb einige Pietät und ab
+und zu eine Radpartie wohl geboten erscheint. Gleichzeitig wollte ich
+bei dieser Gelegenheit den letzten Akt eines Dramas dichten, das Sie
+hoffentlich nicht aus Empörung über diese Geschichte auspfeifen werden,
+wenn es aufgeführt wird. Denn ich dichte immer, wenn ich auf Tirili
+sitze, es sei denn, daß mir durchaus nichts einfiele. Sie meinen: ich
+sollte lieber lenken? Da kennen Sie Tirili schlecht. Das gute Mädchen
+würde es als eine Beleidigung auffassen, wollte ich die Lenkstange auch
+nur angreifen. Sie liest offenbar Gedanken, denn bis jetzt hat sie mich
+immer dorthin geführt, wohin ich wollte, oder wohin meine Gedanken sich
+richteten.
+
+Also gut. Ich tätschelte Tirili freundlich sowohl auf die vordere als
+auf die hintere Pneumatik, freute mich, wie drall und prall das alles
+war, und heidi ging es hinaus, die Nymphenburger Allee entlang. Schon
+am Fenster der hübschen Nähmamsell links kam der Geist über mich, und
+ich begann ein so heißes Dichten, daß ich weder vorwärts, noch rechts
+und links, sondern nur immer in mich hineinsah, wo sich der letzte Akt
+meines Dramas glatt und _con amore_ abspielte. Dieses Schauspiel
+interessierte mich riesig, und ich sah nicht eher aus mir heraus, als
+bis die Heldin so tot war, wie es nur eine Heldin sein kann, die es nach
+göttlichem und menschlichem Recht verdient, tot zu sein. Wer beschreibt
+aber mein Erstaunen, als ich, wie ich mich nun befriedigt umsah, mich
+nicht etwa in Dachau, sondern auf dem Gipfel eines Berges erblickte, den
+ich dank meiner Vorbildung auf einem deutschen Gymnasium sofort als die
+Zugspitze erkannte? Du lieber Gott, sagte ich zu mir, die Zugspitze ist
+doch 2974 Meter hoch und ganz voll Eis und Schnee, und der Arzt hat mir
+ausdrücklich verboten, größere Steigungen zu nehmen und mich Erkältungen
+auszusetzen -- da ging es auch schon wieder abwärts, und nur mit Hilfe
+der wunderbaren Röllchenbremse gelang es mir, einige Wände ohne Unfall
+hinabzukommen. Aber bei allem Bremsen mußte ich doch in einem ganz
+unerhörten Tempo begriffen sein, denn nur dies vermag den Umstand zu
+erklären, den ich Ihnen sofort und ohne viele Worte berichten will.
+
+Ich sause also hinunter und komme plötzlich in eine Klamm, die, rechts
+und links von senkrecht aufragenden Felsen eingeschlossen, nur oben Raum
+für einen ganz schmalen, überdies völlig beeisten Weg bot. Ich hatte
+meine Beine auf die Lenkstange gelegt und hielt die Arme verschränkt,
+wie ich immer zu tun pflege, wenn ich mir sagen muß: hier kann nur
+Tirili allein helfen.
+
+Da, denken Sie sich meinen Schreck, sah ich am Ende der Klamm einen
+dicken Bauern auf mich zukommen, dessen breite Figur den Weg völlig
+einnahm. Einen Moment kam mir der idiotische Gedanke, zu läuten, aber da
+war ich auch schon -- ja, wie soll ich nun sagen: über den Bauern weg
+oder durch den Bauern durchgefahren? Ich muß unbedingt an die letztere
+Möglichkeit glauben, denn ich bin mir durchaus nicht bewußt, daß wir,
+Tirili und ich, über ihn weggesprungen sind. Andrerseits war freilich an
+mir und dem Rad nicht das geringste zu sehn, das darauf hätte hindeuten
+können, daß wir durch einen leibhaftigen Bauern hindurchgefahren waren.
+Aber, wenn Sie die Schnelligkeit bedenken, mit der dies offenbar
+geschehen war, so ist dieser Nebenumstand ja nicht weiter verwunderlich.
+Auf alle Fälle ersuche ich Sie, nicht auf die Idee zu verfallen, ich
+hätte den Bauern überfahren. Einen so häßlichen Gedanken müßte ich auf
+das bestimmteste zurückweisen; ich überfahre nie jemand, sei es Bürger,
+Bauer oder Edelmann.
+
+In weniger Zeit, als Sie gebraucht haben, dieses kleine Abenteuer
+anzuhören, befand ich mich danach auf der Landstraße zwischen Planegg
+und München, und zwar der Stadt schon sehr nahe. Tirili verlangsamte
+ihre Gangart, und wir bummelten in dem Tempo dahin, das ich immer für
+das beste zum Dichten von Elegien erfunden habe. Ich begann sofort eine
+in sechsfüßigen Jamben auf das goldene Haar meiner Geliebten. Schon war
+ich am Ende des Gedichts angelangt, an diesem höchst wirkungsvollen
+Schluß, wo ich es mir als seligsten Tod wünsche, mich an diesen goldenen
+Strähnen aufzuhängen -- da kommt mir dieselbichte Geliebte höchstselbst
+entgegen, und zwar auf einem schneeweißen Zelter -- ich darf in diesem
+Zusammenhang dieses poetische Wort anwenden. Sie können sich meinen
+süßen Schrecken denken! Aber kaum hatte ich sein holdes Rieseln durch
+das Rückenmark gekostet, da kam ein gallebitterer Schrecken hinterdrein:
+Hölle und Teufel -- ein Galan ritt neben ihr, ein schwarzes,
+hakennasiges Herrchen in einer grünen Weste auf einem riesigen Fuchs.
+Meine Eitelkeit zischelte mir zu: welche Figur wirst du neben der
+Hakennase spielen, die auf einem hohen Gaul sitzt, während du auf einem
+Rad hockst, und wäre es auch Tirili, die Unvergleichliche. Und ich
+gedachte, mich rechts in die Büsche zu schlagen. Aber da waren die
+beiden auch schon da, und ich mitten zwischen ihnen, und ich reichte
+meiner Königin die Hand.
+
+Wie ist das nur möglich, dachte ich mir, daß ich diese holde Hand im
+grauen Reithandschuh von Tirilis Sattel aus so leicht erreichen
+konnte -- da merkte ich, daß ich mich mit der Hakennase in gleicher Höhe
+befand, und das Herrchen sagte etwas von einer famosen Isabelle, auf der
+ich ritte. Der Mensch sah Tirili für eine falbe Stute an! Das muß von
+der Farbe der Spelgen Tirilis herkommen; anders kann ich es mir nicht
+erklären. Aber die Höhe! Die Höhe! Und Tirili kann doch nicht wiehern!
+Mir war zumute, wie wenn ich der Held in einer Geschichte von E. T. A.
+Hoffmann wäre, und ich freute mich, als die beiden sich mit den Worten
+verabschiedeten: »Mit Ihnen kommt man ja doch nicht mit!« Kaum waren
+diese Worte verklungen, da sah ich, daß ich an meinem Hause angekommen
+war. Es war genau eine Stunde seit Beginn meiner Ausfahrt vergangen, und
+man sah Tirili durchaus nicht an, daß wir auf der Zugspitze gewesen
+waren.
+
+Sind Sie paff? Ich bin es nicht. Ich erlebe täglich solche Sachen mit
+Tirili. Pegasus mit den Gänseflügeln war ja zu jenen zurückgebliebenen
+Zeiten ein ganz passables Reitpferd für Dichter, aber wenn Pindar heute
+nochmals geboren würde -- auch er würde einen Cleveländer vorziehen.
+Meine Tirili kriegt er aber nicht.
+
+
+
+
+ Die Weihnachtsbowle
+
+
+Graf Beisersheim, ein Herr von unbestimmbarem Alter dem Äußeren nach,
+der aber nur ein paar Sätze zu sprechen brauchte, um allen, die ihm
+zuhörten, die Überzeugung beizubringen, er müsse wenigstens zweihundert
+Jahre alt sein, -- so angefüllt mit wohlabgelagerter Kenntnis der Welt
+und der Menschen war seine Rede, -- Graf Beisersheim hatte sich in einer
+Anwandlung von seltsamer, gewissermaßen hautgout-rüchiger
+Sentimentalität einen Christbaum angeputzt.
+
+Sich und einigen Freunden, die er nun zur »Bescherung« einlud.
+
+Das Haupt- und Mittelstück davon, ja wohl der eigentliche Sinn der
+ganzen Veranstaltung war eine ostpreußische Bowle von vielen Graden, vor
+der selbst Willibald Stilpe, der doch (siehe das dritte Kapitel des
+dritten Buches seiner lehrreichen Lebensbeschreibung) in alkoholischen
+Dingen eine anerkannte Autorität war, ein Gefühl von Respekt empfunden
+haben würde. Burgunder, Sekt, Sherry, Porterbier, Rum vereinigten sich,
+nach den besten Grundsätzen gemischt, in der gewaltigen silbernen
+Terrine, aus der das erlauchte Geschlecht der Beisersheims schon seit
+Jahrhunderten seine schwersten Räusche bezog, zu einem neuen
+Kraftorganismus, der imstande war, einen Vollmatrosen auf Anhieb unter
+den Tisch zu strecken. Nicht aber auch den Grafen, der ihn ins Leben
+gerufen hatte und trotz seines knickebeinigen, kontrakten Gestelles, das
+kaum einem ordentlichen Novemberwind standzuhalten vermochte, im Kampf
+mit alkoholischen Gewalten so widerstandsfähig war, wie nur irgendeiner
+seiner in Eisen geschienten Vorfahren auf dem Turnier- oder
+Schlachtfelde.
+
+Seine Freunde, zumeist Schriftsteller und Künstler oder Angehörige von
+Kreisen, die aus geschäftlichen oder anderen Interessen engere oder
+weitere Beziehungen zu Literatur und Kunst pflegten, waren zwar auch
+trinkfeste Herren, einer so kräftigen Ostpreußin aber doch nicht
+vollkommen gewachsen.
+
+Es dauerte nicht gar lange, und der redelustige Graf verschwendete
+seine aufs schärfste geschliffenen, in tausend Facetten von Witz und
+geistreicher Schnödigkeit blitzenden Bosheiten an eine Korona von
+Schlummernden. Gleich ihnen, die in den breiten ledernen Klubstühlen
+mehr lagen als saßen, waren auch die Christbaumkerzen in sich
+zusammengesunken, und nach und nach löschte eine nach der anderen
+knisternd aus, als letztes Zeichen einer verglühten Existenz einen
+dünnen Rauchfaden in das grüne Geäst sendend. Schließlich erhellten nur
+noch die dicken Wachslichter in den breiten messingenen, mit dem
+Beisersheimschen Wappen gezierten Wandleuchtern den von Zigarren- und
+Zigarettenrauch massig durchschwadeten Raum, dessen Luft schon so voll
+von Alkoholdünsten war, daß man allein davon einen ansehnlichen Rausch
+hätte bekommen können.
+
+Der Graf, der es in seinen Dramen (denn auch er hatte ein Verhältnis mit
+der Muse der Dichtkunst, und noch dazu ein ernsthaftes, das nicht ohne
+Folgen geblieben war) aus prinzipiellen Gründen von unerschütterlicher
+Festigkeit nie über sich gewonnen hätte, eine seiner Personen in
+Monologen reden zu lassen, wandte seine künstlerischen Prinzipien im
+Leben selber insoferne nicht an, als er, gewohnt und geschickt, viel und
+witzig zu reden, in gewissen Zuständen auch dann sprach, wenn niemand da
+war, der ihm hätte zuhören und antworten können. In einen solchen
+Zustand geriet er jetzt, als er langsam Glas auf Glas der schweren
+ostpreußischen leerte und eine russische Zigarette nach der anderen dazu
+rauchte.
+
+»Eine sehr stimmungsvolle und durchaus dem Sinne des Festes
+entsprechende Weihnachtsfeier,« bemerkte er, indem er seine kleinen,
+grau-grünen Augen über die Reihe der Schlafenden schweifen ließ. »Nur
+schlafend können sie das Fest der Liebe feiern, denn, wenn sie wach
+wären, würden sie reden, und wenn sie redeten, würden sie irgendeine
+Reputation zerreißen.«
+
+In diesem Augenblick tat ein rot und gelb bemalter Nußknacker, der am
+Baume hing und einem engeren Konkurrenten des Grafen, auch einem
+dramatischen Schriftsteller (dem er übrigens ähnlich sah), zugedacht
+war, die hölzernen Kinnladen auseinander und sprach in einem aus
+erklärlichen Gründen etwas harten Dialekt, wie folgt: »Und du? Warum
+schläfst dann =du= nicht? Du hast es doch besonders nötig?! Jungchen,
+Jungchen! Du denkst natürlich an meinen neuen Herrn. Aber so boshaft wie
+du, Menschenskind, ist nicht einmal er.«
+
+»Pih, pih,« machte da eine kleine Balleteuse, die sich der Graf selber
+geschenkt hatte und die, ein niedliches Figürchen aus Porzellan und über
+und über mit Spitzen und Rüschchen bedeckt, unter dem Nußknacker hing,
+»pih, pih, reißt der das Maul auf! So schreien kann ich freilich nicht,
+aber das möchte ich denn doch bemerken: Der Unterschied zwischen meinem
+und deinem Herrn besteht bloß darin, daß meiner mit Geist boshaft ist
+und deiner bloß mit Grobheit. Denn meiner ist ein Graf und deiner ein
+Bauer.«
+
+Während sie dies mit einer süßen, aber doch etwas spitzigen
+Porzellanstimme sprach, warf sie recht zierlich bald das eine, bald das
+andere Bein über sich, daß ihr seidenes Tanzröckchen nur so raschelte
+und ein jeder sowohl ihre Waden wie ihren Mechanismus bewundern konnte.
+
+Der Nußknacker geriet außer sich, denn er besaß an Stelle von Beinen,
+mit denen er hätte schlenkern können, nur einen gespaltenen Stumpf, der
+seinen Kinnladen die Knackekraft verlieh. Dieses Umstandes aber bediente
+er sich aufs heftigste und schrie: »Mein Herr ist ein Dichter mit
+Tantiemen, Sie leichtfertige Ratte, Sie! Wenn Sie nur eine Spur von
+Ehrfurcht in Ihrer flitterhaften Psyche hätten, würden Sie von einem
+Manne, der selbst von seinen durchgefallenen Stücken leben könnte,
+während Ihrem Herrn nicht einmal seine erfolgreichen etwas Ordentliches
+einbringen, mit =Respekt= reden. Aber natürlich, wer nichts als Grazie
+besitzt, wie könnte der für ernsthafte Werte Sinn haben?!«
+
+Die Balleteuse wollte sogleich replizieren, aber in diesem Augenblicke
+erwachte der Herr des Nußknackers für ein paar Sekunden und sprach:
+»Machen Sie keinen Unsinn, Mann -- fünfzehn Prozent, oder ich schließe
+mit Ihrem Konkurrenten ab!«
+
+Jetzt aber fuhr die Balleteuse los, indem sie vor Erregung Chahüt
+machte: »Mein Graf hat das Dichten überhaupt nicht nötig. Mein Graf ...«
+
+»I, du verflixte Mamsell!« rief der dazwischen, der sich gar nicht zu
+wundern schien, daß das Christbaumvolk sich so unwahrscheinlich
+gebärdete, »willst du wohl aufhören, auf meiner Grafenkrone
+herumzureiten? Überhaupt sind das recht unpassende Gespräche. Redet doch
+lieber ein bißchen von der Menschenliebe heute. Dafür ist dieser Tag
+reserviert.«
+
+Kaum, daß er diese Worte gesprochen hatte, erhob sich aus der dunkelsten
+Partie des Christbaumes ein unendlich zartes und mitleiderregendes
+Gewinsel, wie von einem ganz, ganz kleinen jungen Hunde, und
+gleichzeitig kleckerten winzige Wachströpfchen durch die Zweige auf das
+Tischtuch herab. Der Graf erhob sich, um zu sehen, was denn los sei, und
+entdeckte, daß das Gewinsel von einem schwarzen Chenillepudel herrührte,
+der seinem wehvollen Herzen aber nicht nur phonetisch Ausdruck verlieh,
+sondern auch dadurch, daß er Wachs weinte. Denn seine treuen Hundeaugen
+waren aus gelben Wachskugeln hergestellt.
+
+Der Graf begriff sofort, daß das eine verhängnisvolle Art zu weinen sei,
+und er bemerkte daher: »Es ist zwar anerkennenswert und verdient Lob,
+wenn ein Pudel aus Chenille Gemüt zeigt und es seinem Schöpfer, dem
+Menschen, nachzutun trachtet, indem er Tränen vergießt; wenn aber dabei
+das einzige an ihm, das nicht Chenille ist, sich auflöst und kaput geht,
+so muß doch gesagt werden, daß das eine unökonomische Manier ist, Trauer
+an den Tag zu legen. Wenn unsere Augen dabei kaput gingen, Freund Pudel,
+würden wir Menschen gewiß keine Tränen vergießen. Wir leisten uns diese
+effektvolle Ausscheidung nur, weil sie uns nichts kostet.«
+
+Aber der Chenillene hörte nicht auf, Wachs zu weinen; doch zu winseln
+hörte er auf. Denn er sprach (wie Weinende zu sprechen pflegen, unter
+häufigem schluchzenden Aufstoßen): »Und wenn meine Augen mir auch ganz
+davon rinnen und fürderhin in meinem Antlitze nichts Gelbes mehr
+abstechen soll gegen das glänzende Schwarz meiner Chenille: Ich werde
+doch nicht aufhören, Tränen zu vergießen über das tragische Geschick,
+daß ich mich meines Schöpfers nicht als eines =vollkommenen= Wesens
+erfreuen soll. Das hat mir, der ich kein wirkliches Knochengerüst
+besitze, bisher eine Art ideellen Rückgrates gegeben, daß ich des festen
+Glaubens lebte, meine Götter, diese machtvollen Wesen, die selbst
+Chenillepudel zu erschaffen vermögen, seien reine, fleckenlose
+Lichtgestalten, lebend und webend in einem ewigen Glanze von allgütiger
+Liebe, und nun muß ich es erfahren, daß sie für diese höchste Tugend nur
+einen Tag unter dreihundertfünfundsechzig reserviert haben, und auch den
+augenscheinlich nicht immer ganz in diesem Sinne hinbringen. Wenn ich
+nicht schon aufgehangen wäre, würde ich mich jetzt aufhängen. Denn ein
+Idealist, der selbst seine Götter als mangelhaft erkannt hat, kann sich
+begraben lassen.
+
+Bei diesen Worten rann das letzte bißchen Wachs aus seinen Augenhöhlen,
+und er war so ausschließlich nur noch Chenille, daß Graf Beisersheim mit
+Recht bemerken durfte: »Jetzt, mein pudelnärrischer Ideologe, bist du
+nur noch als Tintenwischer zu gebrauchen, und nichts mehr an dir wird
+deinen Herrn, den vielgebietenden Theaterdirektor, daran gemahnen, daß
+es Ideale auf der Welt gibt. Schade. Gerade er hätte einen Idealisten in
+seiner Umgebung so nötig gehabt.«
+
+Mit diesen Worten begab er sich zu seinem Stuhl zurück und verschwand
+wie ein Häufchen Pergament in dem gepolsterten Leder.
+
+Nur seinen Kopf, der in dieser schummerigen Beleuchtung ganz wie ein
+verwelktes Haupt Blumenkohl aussah, hob er etwas in die Höhe, als jetzt
+vom Wipfel des Christbaumes eine dünne Blechtrompetenfanfare
+erklang -- so dünn und jämmerlich, daß daneben das Winseln des Pudels
+vorhin ein walkürisches Hojotohoh hätte genannt werden können.
+
+Es war der ferkelrosig geschminkte Weihnachtsengel, der also musizierte
+und dabei seine beiden mit Rauschgold überzogenen Papierflüglein
+erzappeln ließ. Wie er sein trübseliges Blechgeschmetter beendet hatte,
+sang er mit einer stark belegten und ganz schadhaft gewordenen
+Phonographenstimme billigster Nummer: »Friede auf Erden! Friede auf
+Erden! Friede auf Erden!«
+
+Aber nicht einmal der Chenillepudel applaudierte. Es herrschte vielmehr
+ein höchst beklommenes Schweigen, das erst nach einer Weile der Graf mit
+der tiefsinnigen Bemerkung unterbrach: »Das kommt davon, wenn ein Engel
+durchs Zimmer geht oder die Trompete bläst. Wir sind keine Engel mehr
+gewöhnt.«
+
+»Hören Sie mir, bitte, von Engeln auf,« ertönte hier in schnellem
+Einfall eine volle Männerstimme. »Ich bin, glaube ich, neben meiner Frau
+der einzige Mensch, der wirklich mit einem Engel in fühlbare Berührung
+gekommen ist, und ich denke, meine Frau ist in diesem Falle einmal
+meiner Meinung, wenn ich erkläre: Wir haben dabei die fatalsten
+Erfahrungen gemacht. Gelt, Eva?«
+
+»Na, das will ich meinen,« erwiderte eine angenehme Frauenstimme: »eine
+Roheit war's. Mich hat er alleweil mit seinem Säbel in den Rücken
+gepufft.«
+
+»Aha,« sagte der Graf. »Adam und Eva werden auch munter. Ich bin doch
+gespannt, ob sie im Stile ihres neuen Herrn immer aneinander vorbeireden
+werden. (Die beiden Buchsbaumfiguren waren nämlich das Geschenk für
+einen Dichter, dessen Spezialität in einem Dialog bestand, dessen
+Gegenreden sich nie berührten, sondern einander wie zwei Parallelen erst
+im Unendlichen trafen -- worauf man aber im Verlaufe eines Theaterabends
+nicht warten kann.)
+
+»Ach, du lieber Gott,« antwortete darauf der schöne Adam, »das brauchten
+wir nicht erst von dem zu lernen. Das ist bei uns vom Anfang an so
+gewesen. Denn, red' ich hüh, so red't sie hott, und sprech' ich von
+Kindererziehung, so spricht sie von einem neuen Hut, und bring' ich das
+Gespräch auf den bewußten Apfel, so biegt sie in das Gebiet des
+Frauenstudiums ab. Das ist sogar schon vor der Apfelspeise so gewesen.
+Dazu war nicht einmal der sogenannte Sündenfall nötig. Man sollte
+meinen, sie wäre aus der Rippe von jemand ganz anderem gemacht. Ich hab'
+so meine Gedanken darüber.«
+
+»Gedanken hat er!« rief die rundliche Eva aus und bewies damit, daß sie
+doch auch auf Adams Worte einzugehen wußte, wenn's ihr gefiel.
+»Gedanken! Als ob ein Mann jemals Gedanken hätte! Die Gedankenarbeit
+fängt überhaupt erst jetzt an, seitdem wir studieren dürfen. Ich
+schreibe jetzt an einer Geschichte des Paradieses, Herr Graf, und ich
+will nicht Eva heißen, wenn ich nicht quellenmäßig nachweise, daß dieser
+Tolpatsch da an dem ganzen Unglück schuld ist. Nämlich, wissen Sie, die
+Schlange und ich, wir hatten uns die Geschichte so gedacht ...«
+
+»O Gott, o Gott, o Gott, jetzt fängt =das= wieder an,« rief Adam voller
+Schrecken. »Ich bitte Sie, Herr Graf, schenken Sie meiner Frau was
+Hübsches um den Hals, damit sie auf andere Gedanken kommt, sonst kriegen
+wir ihre ganze Doktordissertation zu hören.«
+
+Der Graf, galant wie alle seines illustren Hauses, erhob sich, so schwer
+es ihm auch wurde, sogleich, brachte das windschiefe Wrack seiner
+Leiblichkeit nach einigen erfolglosen Bemühungen schließlich wirklich in
+Bewegung, daß es in einem skurrilen Zickzack zum Christbaum hinüber zu
+kreuzen vermochte, und legte sein goldenes Armband um den Hals der
+niedlichen Eva, die von nun an ganz in der Betrachtung des Geschmeides
+aufging und kein Sterbenswörtchen mehr sprach.
+
+Dafür bemerkte der Graf zu Adam: »Sie müssen ein guter Kunde für die
+Goldschmiede sein, Herr von Adam!?«
+
+»Ach Gott, ja,« erwiderte der, »die Hauptsache aber sind doch
+Goldschmiede=worte=. Sehen Sie: die Frauen, wir wollen es uns nur
+gestehen, sind doch das Beste, was wir auf dieser Erde haben, seitdem
+man es für richtig befunden hat, uns aus dem Paradiese auszuweisen -- wo
+es übrigens, nebenbei bemerkt, lange nicht so amüsant war, wie sich das
+die Theologen vorstellen. Die Frauen, fürs Eskamotieren von Natur aus
+begabt, haben auch aus dem Paradiese das Wertvollste eskamotiert: so
+einen gewissen Abglanz, oder wie soll ich nur sagen: eine Art
+Versprechen und Zuversicht des Vollkommenen, Ursprünglichen, Kindlichen.
+Wir legen ihnen davon vielleicht etwas mehr unter, als sie wirklich
+haben -- aber etwas davon ist doch in ihnen. Jedenfalls reizen sie uns
+immer, es in ihnen zu suchen und es durch die Verbindung mit ihnen zu
+gewinnen. Aus diesem Reize kommt und in dieser Verbindung ist aber die
+Liebe. Und dafür, Herr Graf, nicht wahr, für diesen ewigen, aller Wunder
+vollen Schatz müssen wir ihnen wohl viel nachsehen, was uns, weil wir ja
+so anders sind, als sie, manchmal an ihnen geniert, und dafür müssen wir
+ihnen mit dem danken, was ihnen das Wertvollste an uns dünkt: mit immer
+bereiter, nie ermüdender Zärtlichkeit, Aufmerksamkeit, Gütigkeit. Es ist
+fast, als ob ihnen der äußere Ausdruck, das Zeigen der Liebe wertvoller
+erschiene, als deren Vorhandensein selbst. Zu wissen, daß der Mann sie
+liebt, genügt der Frau nicht, sie will die Liebe fortwährend, und auch
+im Kleinsten, immer und immer wieder dokumentiert sehen. Wir können ja
+vielleicht finden, daß das etwas äußerlich ist, und wir sind manchmal
+geneigt, uns sehr großartig vorzukommen, weil wir es uns im Grunde am
+Bewußtsein der Liebe genügen lassen, aber eigentlich ist es doch sehr
+gut, daß die Frauen so -- äußerlich sind. Denn schließlich ist aus dieser
+weiblichen Art ein gut Teil unserer Gesittung entstanden.«
+
+Der Graf, der, wie die meisten Leute, die mehr Geist als ihre Umgebung
+haben, auf artiges Zuhören nicht trainiert war, bemerkte: »Was muß ich
+denn =Ihnen= schenken, damit ich um =Ihre= Dissertation herumkomme?«
+
+»Man sieht,« erwiderte Adam, »daß Sie ein Junggeselle sind, denn sonst
+würden Sie sich mehr für diese goldenen Grundregeln der andauernden
+Liebe interessieren. Überdies komme ich aber jetzt auf einen Punkt, der
+zu dem Feste, das Sie auf so absonderliche Art feiern, eine sehr nahe
+Beziehung hat. -- Haben Sie sich schon einmal überlegt, warum der Tag
+vor dem Christfeste Adam und Eva heißt?«
+
+»Ich weiß nicht einmal, daß das so ist,« antwortete der Graf etwas
+schläfrig.
+
+Adam aber erwiderte: »Und doch ist das ein sehr glücklicher Einfall der
+Kirche, wenn wir ihm auch besser eine andere Auslegung geben, als es
+nach ihrem Wunsche sein mag. Sie, die überhaupt nicht gut auf uns zu
+sprechen ist, weil wir uns nicht haben kirchlich trauen lassen und bloß
+ziviliter verheiratet sind, meinte, mir und meiner Frau mit dieser
+Postierung vor das Christfest eins auszuwischen. Sie hat diese nämlich
+in dem Sinne vorgenommen: direkt vor die Erlösung das zu rücken, wovon,
+nach ihrer Meinung, die Menschheit zu erlösen war: die Erbsünde. Sie
+werden es mir nachfühlen, wenn ich diesem Gedankengange, der mich und
+meine Eva zu Schwerverbrechern stempelt, wo wir doch bloß taten, was ihr
+uns alle so gerne nachmacht, nicht gerne folge und es vorziehe, die
+Sache anders auszulegen. Nämlich so: Ich meine, es ist damit ganz
+einfach die irdische und die himmlische Liebe kalendarisch benachbart
+worden als ein Sinnbild dafür, daß der Mensch die eine so nötig hat wie
+die andere. Denn selbst Sie, Herr Graf, der Sie doch eigentlich nicht
+mehr ganz komplett sind, kommen ohne ein bißchen Erbsünde nicht aus, ganz
+zu geschweigen von Ihren Kameraden da, die in diesem Punkte allen
+Ansprüchen vollkommen genügen. Ich gönne es Ihnen und ihnen, freue mich
+darüber und möchte nur wünschen, daß sie (und Sie!) auch sonst mehr nach
+mir geraten wären. Denn, abgesehen davon, wie Sie (und sie!)
+aussehen, -- =das= möchte ich Ihnen bei dieser Gelegenheit doch bemerken:
+=Ich= habe =niemals= Theaterstücke geschrieben und nie Leute ausgerichtet!«
+
+»Weil du kein Talent dazu hast und keine Leute da waren,« warf Eva
+schnippisch ein.
+
+»Was?!« rief Adam aus, »ich kein Talent? Ich, der ich täglich zwölf
+Gedichte auf dich gemacht habe, damals, als ich noch nicht wußte, wie du
+dich auswachsen würdest? Und »keine Leute?« Ist der liebe Gott etwa
+nichts? Hätte ich nicht den lieben Gott ausrichten können und dich und
+die Schlange? Ich sage dir, mein Kind, diese Herrschaften hier würden,
+wenn jeder von ihnen allein auf der Welt lebte, ihren Stiefelknecht
+verleumden, ihrer Zahnbürste ein schmutziges Verhältnis mit ihrer
+Seifenschale andichten und ihrem Sacktuche unehrenhafte Handlungen
+nachsagen.«
+
+Der Graf, weit entfernt davon, Widerspruch zu erheben, bemerkte
+seelenruhig: »Sie sind von Ihrem Thema abgekommen, Herr von Adam.«
+
+»Richtig«, antwortete der, »und das tut mir leid, denn ich wollte von
+=guten= Dingen reden; und =das= wars, was ich sagen wollte: Ihr solltet am
+heutigen Tage recht fleißig auch an Adam und Eva denken, und der Gedanke
+wäre, obwohl die Beiden, Gott sei Dank, keine Heilige waren, so wenig
+sündig wie der Gedanke an Raffael oder Mozart oder Goethe oder sonst
+einen der Herrlichen, die die Erde mit ihrem Leben und Schaffen
+geschmückt haben. Denn der Gedanke an uns leitet auch in diesem Sinne
+hinüber zu dem Gedanken an den, dessen Tag dem unseren folgt, -- nicht
+wie der Tag der Nacht, sondern wie ein Feiertag dem anderen Feiertag.«
+
+ * * * * *
+
+Der Graf war schon lange eingeschlafen, als Adam sein letztes Wort
+sprach. Auch die Kerzen in den Wandleuchtern verlöschten. Die Dichter
+und ihre Verleger und Theaterdirektoren schnarchten in einer Harmonie,
+die sonst selten zwischen ihnen bestand.
+
+
+
+
+ Schwarz-Rot-Gold und Grün-Weiß-Rot
+
+ Eine Studentengeschichte
+
+
+Franz Zoller und Karl Jost waren Freunde von Kind an.
+
+Selten sind solche Freundschaften. Denn es war bei ihnen viel mehr als
+Gewohnheit. Sie hatten sich wirklich von Wesensgrund aus gern. Schon die
+Zuckertüte des ersten Schulgangs teilten sie miteinander.
+
+»Ich habe lauter Schokolade, Franz,« sagte Karl, »und ich lauter
+Zuckerzeug,« entgegnete der, und sogleich schütteten sie Zucker und
+Schokolade zusammen und zählten ab und teilten.
+
+In der Bürgerschule sowohl wie im Gymnasium machten sie Klasse für
+Klasse miteinander durch, hielten sich auch durchweg auf derselben Bank,
+ja zumeist nachbarlich zusammen, gewissenhaft auch darin abwechselnd,
+daß bald der eine, bald der andere den höheren Platz einnahm, denn, wie
+sie einander in der Begabung die Wage hielten, so auch im Fleiße.
+
+Im Charakter ähnelten sie sich gleichfalls.
+
+Es waren beide gute, muntere, aufrichtige Jungen, harmonisch angelegte
+Naturen von einer glücklichen Mischung der Gemütsgaben: Nicht
+überbegehrlich nach irgendeiner Richtung hin, aber auch in keinem
+Betracht stumpf und den jeweiligen Genußmöglichkeiten des Lebens
+abgewandt. Nicht etwa geradezu Musterknaben, aber durchaus wohlgeratene
+Burschen. Niemals Spielverderber, auch dann nicht, wenn es sich um
+verbotene Spiele handelte, aber immer maßsicher dabei. Und dies nicht
+etwa aus Berechnung oder frühreifer Lebensklugheit, sondern ganz von
+Gnaden eines unbeirrbaren Instinkts für die gute Mitte, die überhaupt
+das wesentliche an ihnen war.
+
+Kein Wunder, daß ihre Eltern rechte Freude an ihnen hatten.
+
+Franz war der Sohn des ersten Arztes der Stadt, Karls Vater
+war ein pensionierter Offizier, der sich aus Liebhaberei mit
+kriegsgeschichtlichen Studien beschäftigte. Beide Familien waren
+wohlhabend, nicht reich, und jede hatte außer dem einen Sohn noch eine
+jüngere Tochter.
+
+»Unser Quartett,« sagten die Alten, wenn sie die vier beieinander
+sahen -- und die beiden Mütter dachten sich wohl noch etwas Extras dazu.
+
+Eigentlich waren die Eltern erst durch die Kinder einander nahe
+gekommen, obwohl sie Haus an Haus draußen in der kleinen Villenvorstadt
+des Städtchens wohnten. Denn im Grunde stand mancherlei einer
+Freundschaft zwischen dem Doktor Zoller und dem Rittmeister a. D. Jost
+entgegen.
+
+Vornehmlich der Unterschied in der politischen Meinung.
+
+Der Doktor war ein alter Achtundvierziger, was er noch immer durch einen
+Heckerbart mit dazu gehörigem breiten Schlapphut auch äußerlich an den
+Tag legte; der ehemalige Rittmeister aber pflegte sich »konservativ bis
+in die Knochen« zu nennen.
+
+Diesen politischen Standpunkten entsprachen die Universitätserinnerungen
+der beiden Herren.
+
+Über dem Schreibtisch des Doktors hing ein schwarz-rot-goldenes Band,
+über dem des Rittmeisters, der erst nach einer ziemlich fröhlichen
+Studentenzeit ins Heer getreten war, ein grünweiß-rotes, das Zeichen
+seiner Angehörigkeit zu einem Korps der benachbarten Universitätsstadt.
+Und sonderbar: Die politische Meinungsverschiedenheit gab nicht so oft
+Anlaß zu Mißhelligkeiten, wie der Unterschied in ihren Sympathien für
+die verschiedenen Universitätsverbindungsrichtungen.
+
+»Sie sind und bleiben ein verbohrter Büxier, Doktor; mit Ihnen ist
+überhaupt nicht zu reden; Sie sind durch die Buxenschaft heillos
+verdorben!« pflegte der Rittmeister immer auszurufen, wenn sie über
+irgend etwas miteinander ins Gestreite gekommen waren. Und:
+»Korpserziehung, das ist's, was Ihnen fehlt; stramme Zucht und das
+Gefühl für die notwendigen Schranken. Aber natürlich: Eine Verbindung,
+die ein politischer Debattierklub ist -- daraus wird immer bloß
+Jakobinertum«.
+
+Der Doktor aber ließ sich solche Belehrungen nicht willig eingehen,
+sondern riß an seinem wilden Bart und replizierte kräftig genug: »Daß
+ich nicht lache! Korpserziehung! Ah bäh kann am Ende jeder Idiot auch
+sagen und Stege an den Hosen (er dachte an seine Zeit) sind schließlich
+auch nicht die Gipfel der Kultur. Erziehung zur Freiheit,
+Mannhaftigkeit, Überzeugungstreue, Vaterlandsliebe, das ist mehr wert,
+als den jungen Leuten beizubringen, daß ein glatter Scheitel und glatte
+Redensarten bei den Vorgesetzten beliebt machen. Der Korpsier ist die
+Karikatur des deutschen Studenten, von dem =wir= sangen: Frei ist der
+Bursch!« --
+
+Nach solchen Diskursen schieden die beiden mit roten Köpfen voneinander
+und pflegten zu ihren Eheliebsten zu bemerken: »Schade um den guten
+Zoller (oder Jost); er ist im Grunde ein prächtiger Mensch, aber sein
+ewiges Buxentum (oder seine ewige Korpssimpelei) ist ganz und gar
+unausstehlich. Das eine aber weiß ich: Unser Junge wird Burschenschafter
+(oder Korpsstudent)!«
+
+Die beiden Jungen aber, wenn ihre Alten ihnen auch, als sie sich der
+Prima des Gymnasiums näherten, oft genug ihre schwarz-rot-goldenen oder
+grün-weiß-roten Ideale predigten, hatten und zeigten wenig Sinn dafür.
+
+»=Ich= springe mal =nicht= ein, Karl,« erklärte Franz, und Karl pflichtete
+bei:
+
+»Sollte mir gerade einfallen, mich als Korpsfuchs schurigeln zu lassen.«
+
+Diese Abneigung gegen das studentische Couleurwesen kam einesteils
+daher, daß beide einander viel zu gern hatten, als daß sie es hätten
+wünschen können, auf der Universität die feindlichen Brüder zu spielen,
+dann aber war sie auch eine Folge gewisser anderer Neigungen, denen sich
+die beiden Gymnasiasten schon von Obersekunda an mit gleicher Stärke
+hingaben.
+
+Sie waren durch einen Kameraden, dem sie neidlos höhere Begabung
+zuerkannten und durch dessen Belesenheit in moderner Literatur sie sich
+gerne imponieren ließen, auf die Beschäftigung mit der zeitgenössischen
+Dichtung hingeführt und so in einen Anschauungskreis gebracht worden, in
+dem kein Raum für die üblichen Burschenideale war. Nicht, als ob sie
+sich von gewissen, zwar verbotenen, aber darum erst recht ausgelassen
+lustigen Zusammenkünften der übrigen ferngehalten hätten, in denen
+verschiedene Prärogative des Studententums feuchtfröhlich vorweggenommen
+wurden, aber sie bildeten dabei mit noch einigen eine Art stilleren
+Extrawinkels für sich, und schließlich tat sich dieser zu einem
+»literarischen Kränzchen« zusammen, in dem man die damals gerade
+einsetzende moderne literarische Bewegung aufmerksam verfolgte und nicht
+weniger laut über Naturalismus und Idealismus debattierte, als es in den
+damals florierenden Literaturkampfblättern geschah. Wenn sich Franz und
+Karl dabei, auch hierin einmütig wie sonst, für M. G. Conrad,
+Liliencron, Conradi erhitzten und in einem gewaltigen Abscheu vor Paul
+Heyse erglühten, so konnten sie unmöglich noch Elan genug für Korps oder
+Burschenschaft aufbringen.
+
+Im übrigen lagen sie nach wie vor ihren von der Schule gebotenen Studien
+fleißig ob und begannen auch nach und nach der Frage ihres zukünftigen
+Universitätsstudiums näherzutreten.
+
+Dabei stellten sich aber schon Schwierigkeiten mit den beiderseitigen
+Eltern ein. Der alte Rittmeister wünschte seinen Sohn einmal als
+Juristen in Amt und Würden zu sehen, der Doktor konnte sich den seinen
+nur wieder als Mediziner denken, aber die beiden Literaturverehrer
+fanden, daß nur ein irgendwie literarisches Studium imstande sein werde,
+sie ganz auszufüllen.
+
+Franz gedachte sich für romanistische, Karl sich für germanistische
+Philologie zu entscheiden.
+
+»Dummes Zeug,« erklärten die beiden Väter, die sich hier einmal in
+vollster Harmonie der Meinungen trafen und auch oft gemeinschaftlich
+miteinander zu Rate gingen, was wohl am besten zu tun sei, um die beiden
+Jungen, die sich jetzt zum erstenmal schwierig zeigten, auf den rechten
+Weg zu leiten.
+
+Das war zur Zeit, als die beiden in Unterprima saßen und der Wohltat der
+ersten Tanzstunde teilhaft wurden.
+
+Um diese Zeit begab es sich, daß Franz die Bemerkung machte, er sei in
+Karls Schwester Anna verliebt, und Karl gegenüber Klara, der Schwester
+Franzens, derselben Gefühle inne wurde.
+
+Zuerst gestanden sie es einander und erteilten einander sogleich auch
+den brüderlichen Segen.
+
+Sodann ging ein jeder zu seiner Schwester, des Freundes Brautwerber zu
+machen.
+
+Und es ergab sich alles (woran auch keiner gezweifelt hatte) nach
+Wunsch. Das Quartett der heimlichen Liebe war fertig und stimmte aufs
+beste.
+
+Die Alten taten, als merkten sie nichts, freuten sich aber im stillen
+herzhaft über die heimliche Hausmusik, von der sie ja ganz sicher sein
+konnten, daß sie nichts Unziemliches üben und produzieren würde.
+
+Die beiden Mütter, bisher in den Meinungsverschiedenheiten zwischen
+Vater und Sohn zuwartend neutral geblieben, aber im Innern durchaus der
+Überzeugung sicher, daß das klügere Alter ganz gewiß nicht bloß das
+Rechte wollte, sondern auch erkannte, fanden es nun an der Zeit,
+ihrerseits sanft leitend einzugreifen, und zwar eben im Hinblick auf das
+gute Zusammenspiel des Quartetts. Denn sie sagten sich mit mütterlicher
+Psychologie: Jetzt, wo die Jungen ein Geheimnis mit sich herumzutragen
+glauben, von dem sie nicht wissen, welchen Eindruck es hervorbringen
+wird, wenn sie es einmal enthüllen müssen, jetzt werden sie fügsamer
+sein als je.
+
+Und sie irrten sich nicht.
+
+Wie die Jungen merkten, daß von ihrem Nachgeben bei der Wahl des
+zukünftigen Studiums es abhinge, ob die gestrengen Alten in der Wahl der
+zukünftigen Braut Nachgiebigkeit an den Tag legen würden, waren sie bald
+entschlossen, die romanistische und germanistische Philologie zu opfern
+und in die sauren Äpfel der Juristerei und Medizin zu beißen, wenn ihnen
+dafür die süßen Äpfel aus dem Liebesgarten in greifbare Nähe gerückt
+würden.
+
+Das war freilich nicht sehr überzeugungstreu gehandelt und eigentlich
+Felonie gegen das literarische Kränzchen, aber wenn man neunzehn Jahre
+alt ist und im Feuer der ersten Liebe steht, darf man für solche
+Abtrünnigkeit wohl mildernde Umstände zugebilligt erhalten.
+
+»Weißt du, Franz,« erklärte Karl, als er, etwas zaghaft, seinen
+Treubruch bekannt hatte, »ich mußte doch auch an deine Schwester denken,
+und daß ich als Jurist viel bessere materielle Aussichten habe.
+Jedenfalls können wir viel früher heiraten.«
+
+Karl fand diese Überlegung durchaus weise und wurde durch sie der
+Notwendigkeit überhoben, auch seinerseits Entschuldigungen vorzubringen.
+Dafür bemerkte er, daß man ja auch als Arzt und Jurist der schönen
+Literatur alle möglichen Opfer an Hingabe und Förderung bringen könne.
+
+Nur vor ihrem literarischen Mentor, jenem Kameraden, der ihnen den
+Geschmack an Literatur beigebracht hatte, hatten sie ein bißchen Angst.
+Der aber zeigte sich, wie immer, auf der Höhe der Situation, indem er
+äußerte: »Ihr konntet keinen vernünftigeren Entschluß fassen: Wenn
+jeder, der sich für Literatur interessiert, Literat werden wollte, würde
+die Literatur schließlich bloß noch Interessenten und kein Publikum
+haben. Mir persönlich habt ihr überdies einen Stein vom Herzen genommen
+durch eure Entschließung, denn ich habe mir schon manchmal Gedanken
+darüber gemacht, ob ihr auch begabt genug dazu wäret, euch aktiv in
+Literatur zu betätigen.«
+
+Die guten Jungen fühlten sich durch dieses Verdikt sehr beruhigt und
+begannen nun, wie es ihrer gesunden, resolut aufs Reelle gerichteten Art
+entsprach, sich rechtschaffen mit ihrem ganzen Wesen auf ihren
+zukünftigen Beruf einzustellen, indem sich ein jeder dessen schöne
+Seiten und Möglichkeiten bewußt werden ließ.
+
+Die Mütter triumphierten, und die Väter waren zufrieden.
+
+Nun, so dachte ein jeder von ihnen für sich, werd' ich den Bengel schon
+auch noch für meine alten Studentenideale einfangen.
+
+Indessen, da wollte sich der gewünschte Erfolg durchaus nicht
+einstellen. Allen noch so begeisterten Schilderungen, noch so
+nachdrücklichen Zureden setzten die Jungen halsstarrig das eine
+entgegen: Es gehe und gehe nicht, -- schon wegen ihrer Freundschaft. Sie
+seien nun einmal ein Herz und eine Seele und wollten in allen Lagen des
+Lebens immer und ausnahmslos bleiben, was sie von jeher waren:
+Engverbundene Kameraden.
+
+Vergeblich deklamierte der Doktor: Ehre! Freiheit! Vaterland! Vergeblich
+wies der Rittmeister darauf hin, daß nur der zur Elite der
+Studentenschaft gehöre, der Mitglied eines Korps sei. Vergeblich
+betonten beide, daß es zu ihren innigsten Herzenswünschen gehöre, den
+Sohn mit demselben Band geschmückt zu sehen, das sie einst selber
+getragen hatten.
+
+Es nützte alles nicht; die beiden Oberprimaner, deren Abgang von der
+Schule schon in ein paar Monaten eintreten mußte, blieben standhaft bei
+ihrem _non possumus._
+
+Die Lage schien verzweifelt.
+
+Da erschien wiederum der mütterliche Sukkurs auf dem Plan. Aber diesmal
+mußte er sich einer komplizierteren Taktik bedienen, und die beiden
+Hilfstruppen mußten gemeinsam vorgehen.
+
+Sie pflogen Kriegsrat mit einander und einigten sich über die folgende
+Gefechtsidee: Diesmal müssen wir die Mädels bange machen. Wenn ihr,
+müssen wir sagen, euren Bruder dahin bringt oder wenigstens den Anschein
+erweckt, als ob ihr ihn dahin gebracht hättet, nach Vaters Willen zu
+handeln, so wird der, seid sicher, zum Dank dafür euren Herzenswünschen
+so gewiß geneigt sein, wie er jetzt darin ungewiß ist. -- Nun werden die
+Mädels freilich sagen: Der Bruder denkt ja gar nicht daran, auf uns zu
+hören.
+
+Dann müßte man eben das junge Volk ein bißchen auf eine andere
+Möglichkeit stoßen.
+
+Wofür sind wir die Alten, Erfahrenen? Es geht ja um einen guten Zweck,
+und so dürfen wir wohl andeuten, daß, wenn auch der Bruder am Ende nicht
+hören würde, der Freund des Bruders um so gewisser alle beide Ohren
+aufmachen wird. Geschieht das nun aber auf beiden Seiten, so ist genau
+das selbe erreicht, wie wenn ihr den Bruder überredet hättet, d. h. der
+Vater ist zufriedengestellt.
+
+Die mütterliche Doppelintrige, von den Töchtern sofort aufs gelehrigste
+erfaßt und so geschickt ins Werk gesetzt, wie man es von jungen
+verliebten Mädchen nur voraussetzen kann, führte noch kurz vor
+Torschluß, nämlich in der Muluswoche der beiden Freunde, zum gewünschten
+Ziele.
+
+Natürlich handelten Franz und Karl im Einverständnis miteinander.
+
+»Nun müssen wir also auch noch Komödie spielen wegen der Mädel,« so
+faßte Franz die Sachlage in Worte. »Du mußt dich als Korpsier, ich mich
+als Burschenschafter verkleiden, und wir müssen drei Semester lang so
+tun, als verachteten wir einander grimmig. Es ist zum Totlachen! Wir
+werden uns wie ein heimliches Liebespaar nur verstohlen treffen können
+und auf der Straße aneinander vorüberschreiten, als kennten wir einander
+gar nicht. Bloß in den Ferien wird Gottesfriede herrschen. Was wollen
+wir aber dann auch miteinander vergnügt sein, Karl! Wie wollen wir dann
+lachen über die Mummerei!« --
+
+»Ja, das wollen wir,« war Karls Antwort, »aber, weißt du, die Sache hat
+doch auch eine ernste und gerade darum erfreuliche Seite: Es ist die
+erste Prüfung, die unsere Freundschaft zu bestehen hat. Ich zweifle
+natürlich so wenig wie du daran, daß sie sie bestehen wird; das versteht
+sich ganz von selber; aber immerhin, eine Probe aufs Exempel bleibt's,
+und das ist gut.«
+
+In dieser Stimmung traten sie ein jeder in die Verbindung ein, der sein
+Vater früher angehört hatte. --
+
+Sie hätten keine jungen deutschen Studenten sein müssen, wenn nicht das
+mancherlei Schöne, Frische, Lustige auf sie gewirkt hätte, das dem einen
+das Korps, dem andern die Burschenschaft bot. Franz war ein ebenso
+forscher Arminenfuchs wie Karl, in _S. C._-Redeweise gesprochen, eine
+brauchbare Korpsrenonce. Und wie jeder seine drei Mensuren hinter sich
+hatte, wurde der eine wie der andere ein tadelloser Bursch, der es nach
+dem besonderen Sinne seiner Verbindung an nichts fehlen ließ. Denn die
+beiden zeigten sich auch hierin von dem guten Schlage, der allewege
+ordentlich treibt, was er einmal übernommen hat.
+
+Trotzdem gehörten sie mit ihrem innersten eigentlichen Wesen ihren
+Verbindungen doch nicht an. Wie hätte Karl so ganz Korpsstudent sein
+können, um z. B. auf jeden Burschenschafter wie auf einen minderwertigen
+akademischen Bürger herabzublicken?
+
+Und wie hätte Franz es vermocht, so ganz Burschenschafter zu sein, daß
+er im Korpsstudenten schlechthin nichts gesehen hätte, als eine Art
+studentischen Gecken von beschränktem Geist, aber unbeschränktem
+Hochmut?
+
+Nein, es blieb im Grunde doch eine Verkleidung, wenn sie sie beide auch
+nach außen hin glänzend durchführten, und wenn auch schließlich gewisse
+Eigenheiten des Korps- oder Burschenschaftsangehörigen an ihnen haften
+blieben.
+
+Ganz von selbst verstand es sich, daß sie alle Zeit, die ihnen das Korps
+oder die Burschenschaft zur freien Verfügung ließ, miteinander
+verbrachten -- in der Tat verstohlen wie ein heimliches Liebespaar.
+
+Mütze, Band und Bierzipfel wurden abgelegt, ein Hut aufgesetzt, der
+Rockkragen aufgeschlagen und, womöglich im Schutze der Dunkelheit, zum
+Freunde geeilt.
+
+Anfangs teilten sie einander noch ihre speziellen Verbindungserfahrungen
+mit, erheiterten sie sich gegenseitig durch die Wiedergabe jener
+Charakterisierungen, wie sie der Korpsstudent dem Burschenschafter, der
+Burschenschafter dem Korpsstudenten angedeihen läßt, aber schließlich,
+als sie nun doch ihren Verbindungen endgültig angehörten, ließen sie das
+als unschicklich und eine Art Hinterlist sein und begnügten sich damit,
+von Dingen zu reden und zu schwärmen, die ihnen beiden ganz gemeinsam
+waren, vor allem von ihren Mädchen.
+
+Denn aus der Primanerpoussasche war bei einem jeden eine rechte, feste
+Studentenliebe geworden, von der der eine wie der andere herzlich gewiß
+war, daß sie eine Liebe fürs Leben bleiben werde.
+
+Auch unterlag es gar keinem Zweifel mehr, daß die beiderseitigen Eltern
+einer späteren Verbindung der Liebespaare ihre Einwilligung geben
+würden.
+
+Eine Verlobung hatte, als zu früh einerseits, anderseits aber auch als
+fürs erste überflüssig, nicht stattgefunden. Es bestand aber ein
+stillschweigendes Einverständnis aller Beteiligten, wovon sich auch die
+Väter nicht ausschlossen.
+
+Der Rittmeister fand, daß der Burschenschafter Franz sich ganz wie ein
+richtiger Korpsstudent ausnähme, und der Doktor erklärte, daß der
+Korpsbursch Karl in seinem ganzen Gehaben einen so frischen,
+ungekünstelten, heiteren Eindruck machte, daß man ihn ebensogut für
+einen forschen Burschenschafter hätte nehmen können. Und so war, wie
+innerlich bei den Söhnen, so äußerlich bei den Vätern das
+schwarz-rot-gold dem grün-weiß-rot so nahe wie nur möglich gekommen, und
+die Alten trafen sich recht oft in dem Gedanken, wie närrisch es doch
+eigentlich von ihnen gewesen sei, jenen Unterschieden eine wesentliche
+Bedeutung beizulegen: »Zwei Strömungen im deutschen Studentenleben, jede
+in ihrer Art gleich bewußt und sicher, wenn auch unterschiedlich in
+belanglosen Einzelheiten, demselben Ziele zustrebend, aus den jungen
+Leuten in einer heiteren, formvollen Freiheit tüchtige Männer fürs Leben
+zu bilden. Wirkliche Gegensätze bestehen eigentlich gar nicht zwischen
+ihnen. Und so kreuzen sie sich ja auch schon längst nicht mehr.«
+
+ * * * * *
+
+Just an demselben Abend und genau zur selben Stunde, als die beiden
+Alten, die am nächsten Tag ihre Söhne zum Ferienbesuch erwarteten, in
+diesem Sinne beim Wein miteinander redeten und die Gläser aneinander
+klingen ließen mit einem: Prost das Korps! Prost die Burschenschaft!
+begab sich in einer Bierwirtschaft der benachbarten Universitätsstadt,
+die von Couleurstudenten nur nach Schluß des Couleursemesters besucht
+werden durfte, folgendes.
+
+In dem überfüllten, vollgequalmten Raum, in dem eine Biermusik einen
+greulichen Lärm verübte, saß nahe der Tür eine Schar angetrunkener
+Studenten, die das instrumentale Getöse der Kapelle mit nicht minder
+turbulenter Vokalmusik begleiteten. Da öffnete sich die Tür, und ein
+Schwarm anderer Studenten trat herein, nicht weniger betrunken als die,
+an deren Tische sie vorbei mußten.
+
+Der erste von den Eintretenden, dessen Augenglas von der Hitze des
+geschlossenen Raumes angelaufen war, stieß im Vorbeiwanken an den
+zunächst stehenden Stuhl und schob sich ohne Entschuldigung weiter.
+
+Da wandte sich der, der mit dem Stuhle auch einen Stoß erhalten hatte,
+halb um und rief, nach Art eines stark Angetrunkenen etwas lallend:
+»Kann der Prolet nicht Pardon sagen?«
+
+Kaum, daß diese Worte gefallen waren, fühlte er auch schon die Hand des
+also Apostrophierten, der sich mit einem Ruck umgewandt hatte, auf
+seiner Wange.
+
+Seine Kameraden sprangen auf, er stürzte sich auf den, der ihn
+geschlagen hatte, aber dessen Begleiter warfen ihn zurück.
+
+Eine Weile Tumult, erhobene Arme, Geschrei, Kreischen der
+Kellnerinnen, -- dann wurden die eben Angekommenen auf die Straße
+geschoben, gefolgt von einem vom Tische des Geohrfeigten, der dessen
+Karte dem, der den Schlag geführt hatte, übergab und dafür dessen Karte
+erhielt.
+
+»Na, Karlemann, da hättest du dir ja noch vor Torschluß die obligate
+Pistolenkiste bestellt,« rief einer von dessen Begleitern, während
+dieser die empfangene Karte vor die noch immer undurchsichtigen
+Klemmergläser hielt.
+
+»Spar dir die Lektüre zum Frühstück, Jostchen! Wie der Mann heißt, dem
+ein Loch in die Hose geschossen werden soll oder muß, ist ohnehin
+gänzlich irrelevant,« bemerkte ein anderer.
+
+Karl Jost steckte die Karte in die Westentasche. Die Gesellschaft
+entfernte sich unter Gelächter und dem Gesange: 'Kauf dir, mein Freund,
+ein Pistolet!'
+
+ * * * * *
+
+Als Karl am nächsten Morgen erwachte, gab sein wirrer Kopf zunächst
+keine weitere Erinnerung her, als ein wüstes Durcheinander von
+unzusammenhängenden Einzelheiten und ein Gefühl, daß irgend etwas
+Dummes, ihm im höchsten Grade Fatales passiert sei.
+
+Karl Jost hatte sich bisher, so gut es eben möglich gewesen war, auch
+vor dem Zuviel im Trinken gehütet, und so genierte ihn schon der
+Gedanke, besinnungslos betrunken gewesen zu sein. 'Franz wird mir eine
+nette Pauke halten,' dachte er sich, 'wenn ich's ihm berichte. Aber
+schließlich: Der erste Tag der Inaktivität!'
+
+Denn es war der Abschied von den Korpsbrüdern gewesen, den man,
+allerdings nicht ganz auf solenne Manier, gefeiert hatte, da Karl, mit
+Schluß des Semesters inaktiv geworden, im nächsten Semester eine andere
+Universität besuchen wollte.
+
+Franz, der im gleichen Falle war, würde wohl auch entsprechend
+gesündigt haben, tröstete er sich. Es war ja bisher fast immer so
+gewesen, wenn einer dem anderen was zu beichten gehabt hatte, daß der
+Beichtabnehmer an die Absolution selber auch eine Beichte fügen mußte.
+
+Karl stand auf und begrüßte, wie immer, zuerst das Bild seiner Braut,
+das drüben auf dem Schreibtische stand. Da fiel ihm ein weißes Kärtchen
+in die Augen, das vor der Photographie lag, und sofort trat das
+Geschehene in lebhafter Erinnerung vor ihm hin.
+
+Das war ja die Karte des Menschen, den er geohrfeigt hatte!
+
+Was für dumme Geschichten! Wie unwürdig und widerwärtig!
+
+Und dazu die Konsequenzen, wenn der Geschlagene »honorig« dachte, was ja
+durch die Auswechselung der Karten wahrscheinlich erschien....
+
+Karl wurde ernst bei diesem Gedanken.
+
+Er hatte durchaus nichts vom Raufbold in seiner Natur und hatte nie
+anders als auf Bestimmung mit Angehörigen der anderen Korps gefochten.
+Der Gedanke an einen ernsthaften schweren Ehrenhandel war ihm, der jede
+Herausforderung sowohl wie jeden Anlaß, herausgefordert zu werden, immer
+vermieden hatte, schon an sich zuwider, aber nun gar die sichere
+Aussicht auf eine Pistolenmensur mit einem ihm ganz gleichgültigen
+Menschen, von dem er nicht einmal wußte, wie er aussah, und gegen den er
+sich tätlich vergangen hatte, ohne zu wissen, was er tat....
+
+Karl hätte nicht der gesund empfindende und verständig denkende Mensch
+sein müssen, der er war, wenn ihm das ruchlos Widersinnige einer solchen
+Notwendigkeit nicht schwer auf die Seele gefallen und als eine absurde
+Scheußlichkeit erschienen wäre. Trotzdem suchte er auch nicht eine
+Sekunde der Überzeugung auszuweichen, daß, wie nun einmal der Ehrenkodex
+in allen Fällen tätlicher Beleidigung bestimmte, nur ein Austrag mit der
+Pistole erfolgen konnte. Er wußte, daß der _S. C._, für den Fall, daß
+jener andere einer solchen Austragung würde ausweichen wollen, ihn sogar
+moralisch dazu zu zwingen versuchen würde. An eine Möglichkeit für ihn,
+Karl, die Sache auf vernünftige Weise durch eine Erklärung des
+Bedauerns aus der Welt zu schaffen, war gar nicht zu denken, nach dem
+unumstößlichen Satze aus der Logik der Ehre: Eine Realavantage kann (und
+muß) man zwar immer bedauern, aber niemals zurücknehmen. Und auch der
+Umstand der beiderseitigen Betrunkenheit konnte nicht »ziehen«, weil
+durch die Auswechselung der Karten ja dokumentiert worden war, daß beide
+die Tragweite des Geschehenen erkannt hatten.
+
+Auch jetzt, wie Karl alles dies mit ernstem Bedauern bedachte, galt sein
+nächster Gedanke dem Freund: 'Was wird Franz zu dieser heillosen
+Geschichte sagen! Und wenn es tausendmal gegen den Komment verstößt: Das
+kann ich nicht vor ihm geheimhalten!'
+
+Er trat an den Schreibtisch und ergriff die Visitenkarte. Aber im selben
+Augenblicke ließ er sie auch schon wieder fallen und griff sich mit
+beiden Händen nach der Stirn. Auf der Karte stand: Franz Zoller, _stud.
+med._ ...
+
+»Aber um Gottes willen!« rief er laut aus, »das ist ja doch ...« und
+tastete nochmals nach der Karte.
+
+Dann fiel er auf einen Stuhl hin und starrte ins Leere.
+
+Es war ihm unmöglich, einen Gedanken zu fassen. Er fühlte nur immer
+wieder das eine: Wahnsinn! Wahnsinn! Wahnsinn!
+
+Da klopfte es an die Türe. Er öffnete: Im dunklen Flur stand Franz. Aber
+im nächsten Augenblicke war er auch schon im Zimmer und lag dem Freunde
+an der Brust.
+
+Zum ersten Male geschah, was nie geschehen war bisher, sie küßten sich.
+Dabei rollten Karl die großen Tränen über die Backen.
+
+Franz aber lachte munter und sprach: »Aber Karl! Tränen? Von wegen ein
+paar Pistolen?«
+
+Karl riß die Augen auf und rief: »Ja denkst du denn, wir sollen uns
+wirklich....?«
+
+»Aber natürlich, Karl! Wir werden uns doch nicht exkludieren lassen und
+am letzten Tage unserer großen Komödie aus der Rolle fallen?«
+
+»Ich begreife dich nicht. Die Sache ist, weiß Gott, zu ernst, um Witze
+zu machen.«
+
+»Die Witze macht das Schicksal, nicht ich. Das Schicksal will, daß wir
+unsere Komödie mit einem Knalleffekt schließen. Also: Knallen wir!«
+
+»Franz, ich bitte dich!«
+
+»Du scheinst mir einen netten Kater zu haben, mein Lieber, daß du
+absolut nicht kapierst. Bitte, wozu ist die Natur da, wenn man nicht ein
+paar Löcher hineinschießen kann? -- Na, siehst du wohl? -- Wirklich, es
+ist das Einfachste und Schmerzloseste. Fordere ich dich nicht, werde ich
+exkludiert. Nimmst du nicht an, wirst du exkludiert. Sentimentalitäten
+-- gilt nicht. Aber Komödie spielen, das gilt. Wer A sagt, muß B sagen.
+Sollen wir diese drei Semester so brav bei der Stange geblieben sein, um
+genau im letzten Augenblicke durchzugehen? Unsinn! Wir sind nicht die
+ersten, die mit ernsten Mienen die Atmosphäre durchlöchert haben. Die
+Pistole ist das harmloseste Instrument von der Welt, wenn man einen
+vernünftigen Gebrauch von ihr macht. Ich werde drei Meter hoch über
+deine werte Schädeldecke weg ins himmlische Blau zielen, und du wirst
+die Blümlein auf der Au mit dem todbringenden Blei lädieren. Vorher aber
+bitte ich dich um eine Liebe.«
+
+»Was denn?«
+
+»Bitte, sage zu mir: Du alter, ekliger Prolet du!«
+
+»Jetzt bist aber wirklich verrückt, mein Junge.«
+
+»Ach so, du weißt wahrscheinlich gar nicht, daß ich dich einen Proleten
+genannt habe?«
+
+»Mein Gott, das hast du? Gottvoll!«
+
+»Allerdings, das habe ich, und dafür muß ich gezüchtigt werden. Also,
+los!«
+
+»Na, ja! Du alter, ekliger Prolet du!«
+
+»So, und jetzt gestatte, daß ich meinerseits, damit wir quitt werden,
+dir eine kleine niedliche Ohrfeige verabreiche. Weißt du, nur, um mir
+nicht sagen lassen zu müssen, daß mich ein Korpsstudent ungestraft
+gemaulschellt hat.«
+
+»Aber natürlich, bitte, bediene dich!«
+
+Und Franz gab dem Freund einen leisen Patsch auf die Wange. Dann lachten
+beide recht herzlich und verabschiedeten sich, weil jeden Augenblick
+Franzens Korpsbrüder in der wichtigen Mission bei ihm erscheinen
+mußten, die ihnen nun der Komment auferlegte.
+
+ * * * * *
+
+Schon am nächsten Morgen trafen sich die beiden Parteien in einem
+Gehölze nahe der Stadt.
+
+Die Forderung war auf einmaligen Kugelwechsel bei ziemlich weiter
+Entfernung gestellt und angenommen worden, und die Sekundanten suchten
+die Entfernung durch phantastisch große Schritte beim Abmessen noch zu
+vergrößern.
+
+(»Diese ganze Knallaktion geht ja nur vor sich, damit das Kind einen
+Namen hat,« meinte Franzens Sekundant, um zu kennzeichnen, daß die Sache
+nicht gerade um Tod und Leben ging.)
+
+Immerhin merkte man allen Beteiligten eine gewisse Aufregung an.
+
+(»Kurios,« meinte Karls Sekundant, »was so ein paar glatte Pistolenläufe
+für eine Suggestion ausüben. So eine Pistolenchose macht sich doch immer
+recht dekorativ.«)
+
+Als die Gegner einander gegenübertraten und sich nach der Sitte mit
+einer Neigung des Kopfes begrüßten, hätte ein genauer Beobachter
+bemerken können, was für ein seltsames Leuchten in ihren Augen war.
+
+Dieses Leuchten sprach einen ganzen Satz aus: »Du alter lieber Kerl
+drüben, gelt, du fühlst wie ich, daß wir diese Komödie nicht um ihrer
+selbst und aus einer frivolen Lust spielen, sondern, weil es uns nun
+einmal von einem wunderlichen Schicksal bestimmt ist, einen Mummenschanz
+zu treiben, damit ein paar gute alte Leute ihr Vergnügen haben. Dies
+aber, gottlob! ist die letzte Szene der Komödie.«
+
+ * * * * *
+
+Das Kommando fiel. Wie aus =einer= Pistole geschossen krachten
+gleichzeitig zwei Schüsse.
+
+Da, ... heiliger Himmel, ... was ist das?...
+
+Karl sinkt in die Kniee, greift sich mit beiden Händen an den Leib und:
+»Karl! Karl!« schreit Franz und stürzt hinüber, dicht neben ihn hin,
+verzweifelten Antlitzes totenbleich dem Freunde in die Augen sehend, die
+mit einem fürchterlichen Ausdrucke von Schmerz hin und her irren und
+sich plötzlich verschleiern.
+
+»Karl! Karl! Ich .... um Gottes willen .... was ist denn?.... Doktor,
+Doktor!«
+
+Karl, hinten vom Doktor gestützt, läßt den Kopf sinken.
+
+»Tot? Tot?« Franz schreit, brüllt, ächzt es. Sein Sekundant, in einem
+blöden Nichtbegreifen, will ihm zureden, ihn wegziehen.
+
+Er stößt mit beiden Fäusten nach ihm und starrt nur immer in das
+entseelte Auge des Freundes.
+
+Wie aus einer unendlichen Ferne hört er, in einem seltsam höhnischen
+Tonfall, so scheint es ihm, die Worte des Arztes: »Scheußlich! Die Kugel
+muß von einem Stein abgeprallt sein; sie ist von unten, offenbar ganz
+deformiert, in den Leib gedrungen; eine greuliche Fetzwunde. Hier ist
+alles vorbei.«
+
+Franz sinkt bewußtlos neben dem Freunde hin.
+
+ * * * * *
+
+Die Burschenschaften und die Korps geleiteten zwei Tage später in einem
+Zug vereint die Leichen der beiden Freunde zu Grabe.
+
+Franz hatte sich noch am Abend des Duelltags erschossen.
+
+ * * * * *
+
+Die beiden Alten nahmen ihre Verbindungsbänder von der Wand weg. Auch in
+ihren Herzen waren fortan nicht mehr die Farben schwarz-rot-gold und
+grün-weiß-rot. Aber sie schlossen sich noch enger aneinander, denn einem
+jeden von ihnen war zumute, als könne er keinen Weg mehr ohne Stütze
+gehen.
+
+Und die armen Frauen....
+
+Die Geschichte ist zu Ende.
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+Von $Otto Julius Bierbaum$ sind u. a. früher erschienen:
+
+
+ $Romane.$
+
+ $Pankrazius Graunzer.$ 6. Aufl.
+ $Stilpe.$ 5. Aufl.
+ $Die Schlangendame.$ 4. Aufl.
+ $Das schöne Mädchen von Pao.$ 3. Aufl.
+
+
+ $Novellen.$
+
+ $Studentenbeichten.$ _I._ Reihe. 5. Aufl.
+ $Studentenbeichten.$ _II._ Reihe. 4. Aufl.
+ $Kaktus und andere Künstlergeschichten.$ 2. Aufl.
+ $Annemargreth und die drei Junggesellen.$ 2. Aufl.
+ $Die Haare der heiligen Frigilla.$ 1.-3. Tausend.
+
+
+ $Gedichte.$
+
+ $Irrgarten der Liebe.$ 26.-31. Tausend.
+ $Das seidene Buch.$ 2. Aufl.
+
+
+ $Dramatisches.$
+
+ $Lobetanz.$
+ $Gugeline.$
+ $Pan im Busch.$
+ $Stella und Antonie.$
+ $Zwei Münchner Faschingsspiele.$
+ $Die vernarrte Prinzeß.$
+
+
+ $Sonstiges.$
+
+ $Eine empfindsame Reise im Automobil.$
+ $Franz Stuck.$
+ $Hans Thoma.$
+
+ * * * * *
+
+
+ Hans von Kahlenberg
+
+ Nixchen
+
+ Ein Beitrag zur Psychologie der höheren Tochter. 50.-60. Tausend.
+
+ M. 1.50, geb. M. 2.50.
+
+ Dieses Buch ist in Deutschland verboten.
+
+»$Der Tag$«: Gegen Hans von Kahlenberg schwebt ein Untersuchungsverfahren.
+Grund: Eine in mehreren Auflagen erschienene Novelle »Nixchen«.
+
+Nixchen ist die Tochter eines preußischen Geheimrates; »Beamter vom
+alten Schlag, -- Ehrenmann vom Scheitel bis zur Sohle.« Sie wohnen im
+Berliner Westen; Geld ist knapp; Gesellschaften müssen sein; die Mädel
+heiraten, wen sie kriegen; die eine einen Offizier; die andere einen mit
+Draht; Nixchen, ehe sie den wohlhabenden Achim von Wustrow nimmt, einen
+schwerfälligen Gutsbesitzer, erlustigt sich durch häufige Besuche bei
+einem fesselnden Mann mit Glatze, der unterkittige Geschichten schreibt.
+Sie gibt ihm .... _tout, excepte ça_ (wie die Formel in Frankreich heißt).
+Und das wird beschrieben. Nixchen ist die ärgste nicht; denn ihre
+Freundin Daisy Grimme ist weit ärger. Nixchens andere Freundin ist »die
+Tochter eines pensionierten Generals, ein lustiges, schwarzäugiges
+Plaudertäschchen«. Also: Ein deutsches Seitenstück zu den _Demi-Vierges_
+des welschen Windhundes Prevost. Das Ganze -- vielleicht nichts zum
+Fortleben für die Literaturgeschichte; aber sehr unterhaltende
+Sittenstudie. Mit großer Verve geschrieben, voller Leben. Und eine Masse
+Ehrlichkeit drin, -- neben dem dicken Raffinement der etwas fatalen
+Technik. Zwei Freunde schreiben einander Briefe, der Gutsbesitzer und
+jener kahlköpfige Herbert; der eine schreibt: ich liebe einen Engel;
+gleichzeitig der andere: ich habe zufällig gestern eine Bekanntschaft
+gemacht; die Bekanntschaft ist natürlich der Engel. Und so Schritt vor
+Schritt weiter, in grobem Parallelismus.... Aber es soll meine Tugend
+sein, das lebendige Buch nicht übergenau zu rezensieren. Denn es handelt
+sich nicht darum, ob sich künstlerische Einwände erheben lassen. Sondern
+darum: Ob das Ganze als Kunstwerk zu betrachten ist (nicht als Machwerk
+zur Verbreitung von Unzüchtigem). Die Antwort ist ein zweifelloses Ja.
+Damit muß die Entscheidung des Prozesses gegeben sein. Kommt er
+zustande, dann ist der Verfasserin (nach dieser sechsten Auflage) die
+fünfundzwanzigste verbürgt. Sie hat Glück, daß sie -- schon vorher
+gelesen -- nun eintritt in die Reihe der vordersten Bekanntheiten
+unserer Literatur. Dem beamteten untersuchenden Cato hinwiederum sei
+gesagt: Solche Prozesse haben bekanntlich stets einen Mißerfolg für den
+Staat oder den Anwalt des Staates, der sie macht. Man kann zuletzt doch
+nicht die deutsche Übertragung der Rousseauschen Bekenntnisse verbieten,
+auch nicht den Dekamerone, und die Lucinde ist für zwanzig Pfennige zu
+haben. Keine Darstellung aber mit Kunstmitteln kann so verführend wirken
+wie Dinge, die jeder jeden Tag sehen kann. Mein Lieblingsargument ist
+das blonde Mädel mit wehendem Haar, das über die Straße rennt, die Röcke
+zusammenrafft. Der Staat müßte solche blonde junge Mädel verbieten, die
+zum Bäcker laufen. Eher hören Regungen und Empfindungen nicht auf, die
+schon unsere gottverdammten Väter gehabt, -- da sie unsere Väter geworden
+sind. Schwieriger Fall! Wenn der Gerichtshof diesmal verdonnert, so wird
+Norddeutschlands oberste Klasse, die vor »Nixchen« geschützt werden
+sollte, doch wieder in der Verfasserin getroffen, -- als welche nicht
+die Tochter eines Feldwebels ist, sondern eines lebenden preußischen
+Oberstleutnants.
+
+ =Alfred Kerr=.
+
+ * * * * *
+
+
+ Arthur Schnitzler
+
+ Reigen
+
+ Zehn Dialoge. -- 20.-25. Tausend. M. 3.50, geb. M. 5.--.
+
+»$Münchner Neueste Nachrichten$«: »Es ist das Buch der Saison, das
+Schnitzler geschrieben hat. Es ist ein scharmantes Werk, voll Anmut und
+Grazie.... Das scheint schon ein gewichtiges Lob und doch erklärt es
+noch nicht, warum diesen zehn Dialogen ein Massenerfolg beschieden war.
+»Reigen« ist ein gewagtes, ein »frivoles« Buch und sein Erfolg ist ein
+Pikanterie-Erfolg. Damit soll beileibe nicht der Dichter getadelt
+werden, sondern das Publikum. Die künstlerischen Qualitäten der
+Gespräche haben mit dem Aufsehen, das sie erregen, nichts zu tun. Daß
+sich hinter den erotischen Ereignissen dieser Szenen eine beinahe
+überfeinerte Psychologie und eine vornehme lächelnde Menschenverachtung
+bergen, merkt auch die in der Kunst stets am Stoffe klebende Menge
+nicht. Wie wären sonst die zahlreichen Entrüstungen eifriger Moralisten
+zu erklären, die es wagten, den Dichter als skandalsüchtigen
+Zotenreißer hinzustellen! Es sei ohneweiters den nach Polizei
+schreienden Tugendwächtern zugegeben, daß die Kühnheit der Dialoge
+etwas Herausforderndes hat. Es sind zehn kleine Komödien des
+Geschlechtstriebes, in deren Höhepunkten der Dichter stets zu schweigen
+und die Interpunktion zu reden beginnt. Dirne und Soldat, Soldat und
+Stubenmädchen, Stubenmädchen und der junge Herr, der junge Herr und die
+junge Frau, die junge Frau und der Ehegatte, der Ehegatte und das süße
+Mädel, das süße Mädel und der Dichter, der Dichter und die
+Schauspielerin, die Schauspielerin und der Graf bilden einen Reigen, der
+sich mit der Vereinigung des Grafen und der Dirne schließt. Die Vorhänge
+der verschwiegensten Alkoven öffnen sich, und die geheimsten Geheimnisse
+dürfen wir hören. Die Liebe in ihrer konkretesten Form ist das einzige,
+zehnmal variierte Thema des Buches und trotz der außerordentlichen
+Wahrhaftigkeit des Tones, in dem die Gespräche gehalten sind, fällt kaum
+ein unzartes Wort. Vielleicht noch nie sind die femininen Listen
+sicherer beobachtet und diskreter nachgezeichnet worden. Ein Chirurg der
+Seele zeigt uns ihre verborgensten Verrichtungen und dringt hier in
+Gebiete, die bisher der Kunst _terra incognita_ waren.«
+
+ * * * * *
+
+
+ Raoul Auernheimer
+
+ Rosen, die wir nicht erreichen
+
+ Ein Geschichtenband.
+
+ 2. Auflage. M. 2.--, geb. M. 3.--.
+
+»$Hamburger Fremdenblatt$«: Der »Wiener Verlag«, der uns bereits die
+Kenntnis einer Anzahl wirklich guter und origineller Bücher vermittelt
+hat, läßt mit seinen »Rosen, die wir nicht erreichen«, abermals ein
+gediegenes Werk in die Öffentlichkeit hinausgehen. Der Erzähler dieser
+kurzen Geschichten aus dem Leben erfreut sich einer Frische und
+Selbständigkeit der Anschauung und dabei eines Stiles von so
+bestrickendem Reiz, daß man den Autor ohneweiters in die erste Reihe der
+modernen Erzähler zu stellen hat.
+
+»$Berliner Nationalzeitung$«: (Welt am Montag.) Wer Raoul Auernheimer, der
+jedem auf literarischem Gebiet Versierten wohl schon begegnet ist, noch
+nicht kennt, der sollte diesen Geschichtenband zum Vermittler einer
+zweifellos sehr genußreichen Bekanntschaft machen. Auernheimers
+Geschichten werden alle ohne Ausnahme von einem feinen Humor und einer
+noch feineren Satire getragen. Der Dichter schaut von hoher Warte auf
+Welt und Menschen herab......
+
+ * * * * *
+
+
+ Raoul Auernheimer
+
+ Lebemänner
+
+ Novelle. 2. Auflage. M. 1.--, geb. M. 2.--.
+
+»$Neues Wiener Tagblatt$«: Eine feine Studie aus dem Alltags- und
+Liebesleben, deren Held Konrad Spreckelmayer heißt, seines Zeichens
+Doktor ist und aus der altertümlichen Stadt Prag stammt. Das letztere
+ist nicht unwichtig. Um in Wien den erotischen Entwicklungsgang zu
+nehmen, der Spreckelmayer beschieden ist, muß man aus Prag kommen -- das
+können manche bestätigen.
+
+Und der Sprosse der wackeren Moldaustadt kommt nach Wien, aus einer Art
+Bibelluft nach der Babel-Atmosphäre, und hier wird er auf dem
+allergewöhnlichsten Wege ein »Lebemann«! Ihn und seine Kameraden
+zeichnet nun Auernheimer in ebenso scharfer wie delikater Weise, mit
+etwas Ironie, aber ohne Forcierung, ohne zolaistische Düsterheit, ohne
+Schwermutsfrivolität, ohne bacchantische Hypertrophie. Das wirkt sehr
+sympathisch an diesem Buche und wieder einmal haben wir -- wir wollen es
+dreimal und öfter betonen -- Gelegenheit davon zu sprechen, daß das
+junge, frische Wien (wenige Ausnahmen abgerechnet) viel dezenter ist als
+das junge, greisenhafte Berlin. Da haben wir einen eleganten Satiriker
+vor uns, der sich das Rückertsche Diktum stets vor Augen hält: »Ich
+lehre dich, mein Sohn, nie über das, was über Maß das ist; denn überall
+von Übel ist das Über!« Und solch eine Eigenschaft kann bei einem jungen
+Autor nicht genug gerühmt werden!
+
+ * * * * *
+
+
+ Felix Salten
+
+ Die Gedenktafel der Prinzessin Anna
+
+ Novelle. 3. Auflage.
+
+ M. 1.--, geb. M. 2.--.
+
+Hofrat =Dr. Max Burckhardt= schreibt in der »$Zeit$«: Die soeben im Wiener
+Verlag erschienene Novelle Saltens ist von einer ganz ungewöhnlichen
+Frechheit. Sie ist aber nicht nur frech, sie ist auch gut, die Frechheit
+sinkt nicht herab zur lüsternen Zote, sie erhebt sich zu blutiger
+Ironie. Parabasco, Herzog von Riavenna, betritt, da er nächtlicherweile
+eben selbst von einem Liebesabenteuer kommt, seine Schwester Anna, wie
+sie heimlich aus einem Pförtchen des Palazzo Gembi huscht. Da er sich
+überzeugen muß, daß der junge Gembi sein zartes Geheimnis nicht für sich
+allein behalten hat, entschließt er sich resolut, allem geheimen
+Gezischel und Getriebe dadurch vorzubauen, daß er eine Gedenktafel am
+Palazzo Gembi anbringen läßt, auf der mit dürren Worten der
+Öffentlichkeit mitgeteilt wird, was Prinzessin Anna in diesem Hause
+erlebt hat. Welche Folgen diese Tat des Herzogs hat, wie insbesondere
+das gute Volk die Prinzessin als Wohltäterin von Riavenna im Triumphzug
+durch die Stadt führt und ihr angesichts der Gedenktafel eine
+begeisterte Huldigung darbringt, und wie zum Schluß der Herzog an sich
+selbst erfährt, welche Nutzanwendungen ein einfaches Mädchen aus dem
+erhabenen Beispiele der verehrten Fürstin zieht -- das möge jeder in dem
+Büchlein lesen. Es könnte in der besten Zeit der Renaissance geschrieben
+sein.
+
+ * * * * *
+
+
+[Illustration: BIBLIOTHEK MODERNER DEUTSCHER AUTOREN]
+
+ 1. Bd.: $Arthur Schnitzler.$ Die griechische Tänzerin.
+ 2. Bd.: $Hugo von Hofmannsthal.$ Das Märchen der 672. Nacht.
+ 3. Bd.: $Georg Hirschfeld.$ Erlebnis.
+ 4. Bd.: $Otto Ernst.$ Die Kunstreise nach Hümpeldorf.
+ 5. Bd.: $Felix Salten.$ Der Schrei der Liebe.
+ 6. Bd.: $Otto Julius Bierbaum.$ Das höllische Automobil.
+ 7. Bd.: $Johannes Schlaf.$ Die Nonne.
+ 8. Bd.: $Anton v. Perfall.$ Er lebt von seiner Frau.
+ 9. Bd.: $Siegfried Trebitsch.$ Das verkaufte Lächeln.
+ 10. Bd.: $Hans von Kahlenberg.$ Jungfrau Marie.
+
+ Preis jedes Bandes M. 1.--, geb. M. 2.--.
+
+ Durch alle Buchhandlungen zu beziehen.
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+Anmerkungen zur Transkription:
+
+Die Originalschreibweise und kleinere Inkonsistenzen in der Schreibweise
+und Formatierung wurden prinzipiell beibehalten.
+
+Gesperrter Text wurde mit Gleichheitszeichen (=Text=), fett gedruckter
+Text mit Dollarzeichen ($Text$) und Text in Antiqua mit Unterstrichen
+(_Text_) markiert.
+
+Die nachfolgende Tabelle enthält eine Auflistung aller gegenüber dem
+Originaltext vorgenommenen Korrekturen.
+
+ Kapitel Lebenslauf: zu Grüneberg -> Grünberg
+ Kapitel Lebenslauf: befriedigen könnte -> konnte
+ S. 22: der Stadt Knödelmkraut -> Knödelimkraut
+ S. 24: bist du ja veil -> viel
+ S. 32: Du, Bartl -> Bartel
+ S. 32: sagte Bartl -> Bartel
+ S. 35: »Also schön, -> schön,«
+ S. 35: dorthin führst? -> dorthin führst?«
+ S. 52: Ihn kreuzweise -> 'Ihn kreuzweise
+ S. 52: zu fesseln, -> zu fesseln,'
+ S. 52: wird nicht -> 'wird nicht
+ S. 53: ich .. -> ich ...
+ S. 69: Stil versag -> versagt
+ S. 101: Weihnachts-Bowle -> Weihnachtsbowle
+ S. 148: Sekunde der Uberzeugung -> Überzeugung
+ S. 153: dekorativ.«). -> dekorativ.«)
+ S. 155: und starrt unr -> nur
+ S. 157: Zwei münchner -> Münchner
+ S. 163: Gembi huscht -> huscht.
+ Anhang S. 3: in grobem Parallelismus... -> Parallelismus....
+
+
+
+
+
+End of Project Gutenberg's Das höllische Automobil, by Otto Julius Bierbaum
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 43914 ***