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+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 43913 ***
+
+[ Symbole für Schriftarten: _Antiqua_ : =gesperrt= ]
+
+
+
+
+ Aus dem Matrosenleben
+
+ von
+ Friedrich Gerstäcker.
+
+
+ Der Verfasser behält sich die Uebersetzung dieses Werkes vor.
+
+
+ Leipzig,
+ Arnoldische Buchhandlung.
+ 1857.
+
+
+
+
+ Inhaltsverzeichniß.
+
+
+ Seite
+ Cap. 1. An Bord 1
+ " 2. Der Markt zu Sydney 11
+ " 3. Die Matrosenkneipe 20
+ " 4. Die Flucht von Bord 34
+ " 5. Die Entdeckung 53
+ " 6. Sydney im Dunkeln 59
+ " 7. Was das Geld vermag 89
+ " 8. Die Ausfahrt 106
+ " 9. Hans 116
+ " 10. Die unterbrochene Execution 134
+ " 11. Der Sturm 153
+ " 12. Die Riffbank 161
+ " 13. Das Wrack 178
+ " 14. Die Mannschaft trennt sich 188
+ " 15. Die Bootfahrt 202
+ " 16. Der Morgenbesuch 225
+ " 17. Die Landung 241
+ " 18. Der Australische Busch 247
+ " 19. Das Bivouak 270
+ " 20. Bills Wacht 280
+ " 21. Schluß 302
+
+
+
+
+Erstes Capitel.
+
+An Bord.
+
+
+Captän an Bord? frug am Morgen des 2. August ein sonngebräunter,
+breitschultriger -- Herr, muß ich sagen, denn er stack wenigstens in
+feinen Tuchkleidern, mit einem hohen schwarzen Seidenhut und feiner
+Wäsche. Seine breiten braunen Fäuste, die allen Glacéhandschuhen
+ingrimmig Trotz boten und ihrem Eigenthümer in jeder anderen Kleidung
+gewiß Ehre gemacht hätten, ließen aber weit sicherer auf einen
+Arbeitsmann als auf ein Mitglied der »höhern Classen« schließen,
+und doch schien er zu denen zu gehören, oder rechnete sich wenigstens
+selbst dazu.
+
+Der Fremde stand in einem der gewöhnlichen Bayboote von Sydney, und
+hatte die Fallreeps der herunterhängenden Schiffsleiter gefaßt,
+während er zu dem oben über Bord sehenden Steuermann des »Pelican«,
+der schon draußen in der Bay von Sydney lag und am nächsten Morgen
+unter Segel gehen wollte, hinaufrief.
+
+»Ay, ay, Sir«, lautete die seemännische Antwort; der Fremde
+sprang auf die Leiter und lief, nach einem paar mit den Bootsleuten
+gewechselten Worten, die ihr kleines Fahrzeug gleich darauf festmachten
+und seine Rückkehr zu erwarten schienen, an Deck.
+
+Das Deck des »Pelican« bot nichts außergewöhnliches dar. Die
+Leute waren theils beschäftigt von dem am andern Bord liegenden
+»Watertank«[1] Wasser einzunehmen, theils hie und da Kleinigkeiten
+am Tauwerk auszubessern, oder ausgebessertes zu theeren. Der Zimmermann
+kalfaterte das Deck, und die monotonen Schläge seines hölzernen
+Hammers waren fast das einzige Geräusch an Bord, so still und ruhig
+ging alles zu.
+
+So beschäftigt übrigens die ganze Mannschaft auch mit dieser oder
+jener Sache schien, denn selbst der Mate oder Steuermann war dabei, die
+Logleine auszumessen und neu zu »märken«, so müßig sahen sich zwei
+junge Leute die Sache an, die ruhig an Deck auf- und abschlenderten,
+und nur dann und wann bei einer oder der andern Gruppe stehen blieben,
+einmal nach dem Boot hinunter sahen, und ihre Wanderung langsam wieder
+fortsetzten. Sie trugen leichte Sommerhosen, kurze, dünne Jacken
+und einen breitrandigen Strohhut von sogenanntem _cabbageleaf_ (der
+Kohlpalme), um den ein breites, schwarzes Band befestigt war, mit den
+gelb darauf gemalten Worten: »_water-police_.«
+
+Der Fremde ging nach einem flüchtigen über Deck geworfenen Blick, der
+zum größten Theil dem Takelwerk galt, nach hinten, und stieg, ohne
+einen von den Leuten weiter zu grüßen, die Cajütstreppe hinunter.
+
+»Kanntest du den?« frug einer der Polizeileute den anderen.
+
+»Nein«, sagte der Gefragte, »weißt du wie er heißt?«
+
+»Wirst schon noch seine Bekanntschaft machen«, lachte der erste --
+»es ist Capitain Oilytt vom Boreas, und will nach Calcutta. -- Das
+Schiff ist auf Dienstag angezeigt.«
+
+»Noch niemand fortgelaufen von den Leuten?«
+
+»Noch nicht, aber wie ich gestern gehört habe, wollen sie morgen fort.
+-- Ich könnt's leicht hintertreiben, damit ist uns aber nicht gedient.
+-- Es sind Ausländer, der größte Theil wenigstens von ihnen, und wenn
+erst einmal eine tüchtige Belohnung auf sie gesetzt ist, wollen wir sie
+schon wieder kriegen.«
+
+»Wo gehen sie denn gewöhnlich Abends hin?« frug der zweite -- »hast
+du sie schon im Auge gehabt?«
+
+»O, schon seit acht Tagen -- sie sind bis jetzt meistens im »Elephant
+und Castle« in Pittstreet, und ein paarmal auch in einer von den
+Kneipen in Kentstreet gewesen, es scheint aber, daß sie sich jetzt
+weiter hinauf in Pittstreet gezogen haben. Es sind theils Franzosen,
+theils Deutsche und nur vier Engländer an Bord, und dort oben herum
+wohnen einzelne von ihren Landsleuten.«
+
+»Die werden sie dann aber auch nicht verrathen wollen«, meinte der
+zweite, der noch nicht lange in seinen jetzigen Posten eingetreten war.
+
+»Nicht verrathen?« lachte der erste, »laß nur erst einen tüchtigen
+Preis darauf stehen, dann ist mir vor dem Andern auch nicht bange.
+Derart Leute wollen Geld verdienen, und die Art =wie= das geschieht,
+ist ihnen gewöhnlich verdammt gleichgültig, so ihnen nur die Polizei
+nichts dabei anhaben kann.«
+
+Capitän Oilytt war indessen, während dies für ihn so wichtige
+Gespräch am Deck verhandelt wurde, in die Cajüte des Pelican getreten
+und hatte mit dem am Tisch sitzenden Capitän die ersten Begrüßungen
+gewechselt.
+
+»Also Morgen wollen Sie fort?« sagte er. »Wie ich sehe haben Sie
+Polizei an Deck? Fürchten Sie, daß Ihnen noch einige von Ihren Leuten
+weglaufen sollten?«
+
+»Ja und nein,« antwortete Capitän Howell vom Pelican. »Der Henker
+traue den Schuften. -- Sie werden auf meinem Schiff so gut behandelt,
+wie kaum auf einem anderen. Kein hartes Wort wird zu ihnen gesprochen,
+keine unnöthige Arbeit wird von ihnen verlangt, mein Mate ist ein sehr
+ruhiger ordentlicher Mann, und das Essen ist ebenfalls gut und nahrhaft;
+in der Hinsicht können sie sich also über nichts beklagen. Das
+verwünschte Gold steckt ihnen aber darum nicht minder im Kopf -- der
+große Klumpen hat ja ganz Sydney verrückt gemacht, warum nicht auch
+die Leute, und mit allen möglichen Schwindeleien werden sie überdies
+noch, sobald sie nur einmal den Fuß an Land setzen von allen Seiten
+bestürmt. All die sogenannten »Schlafbaasen« gehen ja darauf aus,
+sie von den Schiffen abzulocken. Hat so ein Kerl sie dann in den Klauen,
+dann zieht er sie aus bis auf den letzten Fetzen Kleidungsstücke oder
+auf den letzten Penny an Geld, und verkauft sie dann wieder an ihr altes
+Schiff oder an irgend ein anderes -- ihm gleich, wenn er nur seinen
+Verdienst daraus zieht. Das wollen aber die Leute nicht einsehen, und
+wenn sie auch tausend solcher Beispiele hören, so halten sie sich
+selber doch immer für klüger, und denken, sie werden es schon besser
+machen. Um mich deshalb vorzusehen, und nicht im letzten Augenblick
+etwa noch sitzen zu bleiben, hab' ich lieber das Geld angewandt mir die
+Polizei auf's Schiff zu nehmen bis ich absegle, und ich glaube das Geld
+ist nicht gerade unnütz ausgegeben.«
+
+»Wie viel zahlen Sie für die Polizeiaufsicht täglich?« frug Oilytt.
+
+»Für jeden Mann eine Guinee«, erwiederte der Capitän des Pelican,
+»es ist theuer, läßt sich aber doch nun einmal nicht ändern.«
+
+»Eine Guinee?« rief Oilytt erstaunt -- »na, da dank ich. Dafür kann
+ich meine Leute selber bewachen. Ueberdies halt ich gar nicht so viel
+von dem, was sie auf See »gute Behandlung« nennen. Die Leute müssen
+natürlich ihr ordentliches Essen und Trinken, ihren Brandy oder Rum
+haben, nachher aber auch wissen wen sie vor sich sehen, und ich, für
+meinen Theil, habe wenigstens stets mit Strenge mehr ausgerichtet als
+mit Güte und Zureden. Sie wollen wahrhaftig gar nicht gut behandelt
+sein und lachen Einen nur dafür hinter dem Rücken aus. Wenn ich nur
+mit den Augen blinze, wissen sie schon was die Glocke geschlagen hat,
+und Gnade Gott dem, der da noch mukst. -- Sie muksen aber auch nicht.«
+
+Der Steward, der Wein und Gläser auf den Tisch gesetzt hatte, sah den
+Sprecher mit einem halb verächtlichen, halb höhnischen Lächeln
+von der Seite an, war aber gleich wieder ganz ernsthaft, als dieser
+zufällig zu ihm aufschaute.
+
+»Und wann gedenken Sie zu segeln?« frug Capitän Howell den anderen,
+»Sie liegen am Slip, nicht wahr?«
+
+»Ja, am Patent Slip, Montag Morgen will ich die noch übrigen Pferde
+einnehmen, und Dienstag Morgen leg' ich in die Bay hinaus -- ist der
+Wind gut, so geh ich noch Dienstag Abend, oder spätestens Mittwoch
+Morgen in See.«
+
+»Weggelaufen ist Ihnen noch keiner von Ihren Leuten?«
+
+»Nicht ein einziger«, lachte Oilytt, »ja, sie haben zu viel Respect.
+Sie wissen recht gut, wieder krieg' ich sie doch, und nachher ging's
+ihnen erbärmlich.«
+
+»Mit dem Wiederkriegen ist es aber doch eine mißliche Sache«, sagte
+Howell kopfschüttelnd, »und ich würde mich an Ihrer Stelle nicht zu
+sicher darauf verlassen. Aber wenn auch, ich setze den Fall Sie bekommen
+sie, mit hoch darauf gestellten Belohnungen wirklich wieder, kostet Sie
+das weniger als die paar Pfund Sterling, die sie jetzt an die Polizei
+ausgeben?«
+
+»Das kostet mich gar nichts«, lachte Oilytt, »das versteht sich
+doch von selbst, daß die ausgesetzte Belohnung für das Einfangen die
+eingefangenen Schufte auch selbst bezahlen müssen, und dafür hab' ich
+schon gesorgt, daß sie dazu noch alle genug zu gut haben.«
+
+»Und Ihre Zeit? das andere ist das wenigste. Rechnen Sie aber einmal
+was Sie allein an Futter und Wasser für Ihre Thiere, die Sie an Bord
+haben, =mehr= brauchen. Außerdem müssen Sie dann sogar noch Leute
+für 6 Schilling den Tag miethen, die Ihnen nur die nöthigsten Arbeiten
+besorgen. Ich will nichts davon sagen, wenn man keine Polizei an Bord
+nimmt, sobald man noch acht oder vierzehn Tage im Hafen zu liegen hat;
+die Kosten wären sonst zu bedeutend. Wer aber schon den größten Theil
+seiner lebendigen Fracht eingenommen, und in ein oder zwei Tagen zum
+Absegeln gekommen ist ohne Leute zu verlieren, der sollte auch die paar
+Pfund Sterling nicht scheuen. Die Verführung ist jetzt zu groß; man
+kann auf die besten Leute nicht mehr mit Bestimmtheit rechnen. Aber
+wir wollten ja über unsere Passage sprechen -- Sie gedenken durch
+Torresstrait[2] zu gehen?«
+
+»Ich weiß noch nicht«, sagte Oilytt, indem er sein Glas austrank und
+wieder füllte; »ich mag mich nicht gerne in die verdammten Klippen
+hineinwagen. -- Am liebsten ging ich um den Süden, wenn man jetzt nur
+trauen dürfte wie's mit dem Wind steht, und nachher nicht die ganze
+Reise gegen den Monsun anzupeitschen hat. Sind Sie schon einmal durch
+die Torresstrait gegangen?«
+
+»Nein«, sagte Capitain Howell; »aber die jetzt darüber
+ausgefertigten Karten sollen ausgezeichnet sein, und ich werde
+jedenfalls die Passage von Raines Eiland versuchen.«
+
+Die beiden Capitäne unterhielten sich jetzt noch eine Zeitlang über
+die Torresstraße, wie einige andere Geschäftssachen, und Capitän
+Oilytt nahm endlich Abschied und stieg wieder in sein Boot hinunter, das
+ihn rasch nach dem Circular Werft hinüberruderte.
+
+»Da fährt auch Einer,« sagte ein Matrose oben in den Marswanten,
+wo er die Pardunen theerte, zu seinem Cameraden, der mit dem Fetttopf
+zwischen den Zähnen eben von oben niederglitt und dicht neben ihm
+Posto faßte -- »da fährt auch Einer, wo ich ebenso gern in der Hölle
+wäre, als daß ich sein Biscuit kaute.«
+
+»Das ist der Capitän vom Boreas«, sagte der andere, »nicht wahr? der
+Kerl sieht auch gleich so aus, als ob er einen Monat in heißem Pfeffer
+gelegen und nachher mit Essig abgerieben wäre. Es ist zum Tod zu
+verwundern, daß ihm noch keiner von den Leuten weggelaufen ist.«
+
+»Lauf du jetzt einmal weg, wenn du Lust hast«, lachte der erste, »sie
+werden wohl nicht können.«
+
+»Nicht können? dicht am Land liegt das Schiff, und keine Seele
+von Polizeidiener an Bord. Da wollte ich einmal den Steuermann oder
+Bootsmann oder selbst Polizeidiener sehen, der mich hindern sollte nicht
+allein mich selbst, sondern auch meinen Kleidersack fortzuschaffen. Ne,
+die Burschen müssen etwas anderes auf der Wippe haben, oder sie wären
+nicht so lange geblieben. Vielleicht warten sie auch nur bis zum letzten
+Augenblick. -- Die Geschichte ist aber faul wenn sie sich da nicht
+vorsehen, kann's ihnen am Ende gerade so gehen wie uns. Hätt' ich mich
+damals nicht von dir abreden lassen, so säß ich jetzt vielleicht ganz
+bequem oben in den Minen, und fände Stücke Gold wie mein Kopf groß.
+Das Matrosenleben soll doch der Teufel holen, sobald er nur im mindesten
+Lust dazu spürt.«
+
+»Ja und das Minenleben soll noch viel ärger sein«, meinte der andere
+-- »d. h. man ist freilich sein eigener Herr dort, das ist richtig --
+mit dem Verdienst ist's aber auch dafür desto unsicherer, denn an die
+großen Klumpen glaub' ich nun einmal nicht.«
+
+Der eine glitt mit seinem Fetttopf weiter nach unten, und das Gespräch
+war abgebrochen.
+
+
+
+
+Zweites Capitel.
+
+Der Markt in Sydney.
+
+
+Ein Sonnabend Abend in Sydney ist das lebendigste, was die sonst gewiß
+nicht todte Stadt nur irgend aufzuweisen hat. Alles scheint auf den
+Beinen zu sein, und wen nicht besondere Geschäfte hinaustreiben, den
+läßt die Neugierde schon nicht zu Hause, und er muß wenigstens einmal
+»durch den Markt gehen.«
+
+Der englische Sonntag trägt hiervon allein die Schuld. Da er sehr
+streng gehalten wird, kann man an diesem Tag natürlich gar Nichts zu
+kaufen bekommen. In vielen, sehr orthodoxen Haushaltungen, wird
+sogar schon am Sonnabend Alles für den Sonntag gekocht, gebraten und
+vorbereitet, damit der Sabbath durch nichts Alltägliches entweiht
+werde. Der äußerste Termin aber, für Fromme und Nichtfromme, was
+man braucht noch zu bekommen, ist der Sonnabend Abend, und Fleischer,
+Gärtner, Obst- und Blumenhändler, überhaupt Alle, die nur irgend
+etwas Wirthschaftähnliches zu verkaufen haben, drängen sich an diesem
+Abend herzu, es auszulegen.
+
+Jeder wetteifert dabei mit dem Andern, seinen Stand so einladend als
+möglich herzurichten, und ganz besonders schmücken die Fleischer
+ihre Buden mit fetten Hammeln und feisten Ochsen. Große Brode von
+ausgelassenem Talg bilden die Säulen, und hie und da bringt ein
+ausgeschlachtetes und bei den langen Hinterläufen aufgehangenes
+Känguruh oder Wallobi, Abwechselung in die sonst etwas monotonen
+Fleischspeisen.
+
+Der Markt von Sydney besteht aus vier langen, hohen, luftigen und
+höchst praktisch eingerichteten Gebäuden, die übrigens noch auf eine
+bedeutende Vergrößerung der Stadt berechnet waren, denn sie wurden
+damals nur zur Hälfte benutzt. Eines stand wenigstens ganz leer, und
+ein zweites hatte einen sehr geringen Theil seiner Stände erst in
+Gebrauch.
+
+Das eine von diesen ist ausschließlich für rein animalische
+Erzeugnisse bestimmt, und hier fallen neben den Schlächtern am
+meisten die reinlichen Butter- und Käsestände ins Auge; mit ihren
+aufgehäuften Massen von Hühner- und Enteneiern, mit ihren Schmalz- und
+Butterkufen, und den gelb glänzenden, hell durchschnittenen Käsen,
+die den Vorübergehenden aus ihren tausend Argusaugen verlangend
+nachschauen.
+
+Neben diesem befinden sich ebenfalls die Stände mit Geflügel, mit
+diesem aber gehts den Bewohnern von Sydney wie mit dem Fleisch, sie
+haben keine Abwechselung darin, weil ihnen das =wilde Geflügel=, wilde
+Enten ausgenommen, fehlt, und immer und ewig sind Hühner, Tauben oder
+Truthühner das einzige was ihrem Gaumen geboten wird. Im Land drin gibt
+es allerdings hie und da viel kleine Rebhühner, Wachteln und einige
+andere Arten; wer die schießt, ißt sie aber auch gewöhnlich selber,
+und sie kommen nicht auf den Markt.
+
+Aus diesen Tausenden, der menschlichen Gier gemordeten Leben, tritt man
+jedoch in ein viel freundlicheres Bild ein, sobald man den schmalen
+Gang überschreitet und in das andere, rein vegetabilischen Erzeugnissen
+bestimmte Gebäude kommt. Die vorragendste Stellung nehmen hier
+unstreitig die in wahren Unmassen aufgestapelten und geschütteten
+Orangen oder Apfelsinen ein. Die australische Orange ist dabei
+vorzüglich, und im Verhältniß auch billig genug, und wird
+viel consumirt. Ueber diesen hängen Ananas von Moreton-Bay, und
+aufgeschichtete Wände von Blumenkohl und anderen Gemüsen bilden den
+Hintergrund. Es war jetzt gerade nicht die eigentliche Fruchtzeit, sonst
+hätten auch noch Pfirsiche und Feigen einen nicht unbedeutenden Platz
+hier angefüllt.
+
+Am schwächsten war der Blumenmarkt vertreten -- die Australier haben
+wenig Sinn für Blumen -- auf dem ganzen Markt wäre kein schöner
+geschmackvoller Strauß aufzufinden gewesen.
+
+Blumen sind aber auch das, wonach die Menschen am wenigsten verlangten.
+-- Etwas Compactes wollten sie haben, Roastbeef und Blumenkohl oder
+Weißkraut -- Hammelskeulen und Zwiebeln -- was halfen ihnen die Blumen,
+die waren ja doch nur zum Ansehen.
+
+Durch dieses »Vegetabilische Marktgebäude«, wenn ich es so nennen
+darf, schlenderten langsam, und mit der Miene von Leuten, die nichts auf
+der Gotteswelt, am wenigsten aber Zeit zu verlieren haben, vier Matrosen
+-- der erste Blick auf ihre weit zurückgesetzten Hüte und blauen
+Jacken ließ sie als solche erkennen -- und sahen sich ziemlich
+gleichgültig die rechts und links aufgestapelten Fruchtmassen, und
+zu ihrer Schande muß ich's gestehen, ebenso gleichgültig auch
+die manchmal wirklich lieben und freundlichen Gesichtchen an, die
+geschäftig zwischen den einzelnen Ständen hin- und herglitten,
+und ihre Einkäufe für den morgenden Tag besorgten. Sie waren eben
+hierhergekommen, weil sie alle anderen Menschen hatten hierher gehen
+sehen, und ihr Spaziergang schien eher den Grund zu haben, ihre Beine
+wieder einmal »gegen Straßenpflaster zu reiben« als irgend etwas
+anderes.
+
+»Du, Jack«, sagte da endlich der eine von ihnen zu dem vorangehenden,
+»braß einmal hier einen Augenblick back und leg ein halb Dutzend von
+den Apfelsinen ein.«
+
+»Hast du Geld?« wandte sich der also Angesprochene langsam nach ihm
+um -- »mir hat der Alte heute Abend keinen Penny geben wollen. -- Er
+sagte, er hätte es heute ganz vergessen Geld mitzubringen, wir sollten
+aber morgen früh jeder ein Pfund haben, und dann möchten wir noch
+einen Sonntag Abend, wenn wir wollten, an Land gehen -- den Dienstag
+Morgen legte er in die Bay hinaus. Er war verdammt gesprächig.«
+
+»So? dann traue ich ihm gerade am allerwenigsten«, meinte der andere,
+»er hat übrigens höllische Angst daß wir ihm auskneifen, und
+verdient hätt' er's zehnmal. -- Wenn man nur wegkommen könnte. Die
+Straße in die Minen soll ganz besetzt mit Polizeidienern sein, und
+hier versteckt Einen auch niemand. -- Die Strafe ist zu groß, wenn sie
+erwischt werden.«
+
+»Du, sprich nicht so laut«, sagte der dritte -- »ich habe da hinten
+eben unseren Steward gesehen, der Grünes einkaufte. Wenn der ein Wort
+aufschnappen kann, bringt er's dem Alten brühheiß wieder. Das wäre so
+Wasser auf seine Mühle -- er traut uns überhaupt nicht.«
+
+»Hat auch alle Ursache dazu«, brummte der erste, und zog sich die
+Hosen etwas höher über die Hüften -- »wie ich wenigstens jetzt
+gestimmt bin, trau' ich mir selber nicht, und sollte mich gar nicht
+wundern, wenn ich mich morgen oder übermorgen früh einmal in irgend
+einem dunklen aber sicheren Winkel weggestaut fände, und dort krumm
+läge, bis der Boreas beim -- Boreas wäre -- oder sonst wo, wohin er
+immer Lust hat. Es ist schon schlimm genug bei dem alten Schuft Matrose
+zu sein, wie viel weniger denn Pferdejunge.«
+
+Der eine von ihnen, der etwas Geld bei sich hatte, war bei dem nächsten
+Obststand stehen geblieben und hatte seinen Hut voll Apfelsinen gekauft.
+
+»Wo sind denn die übrigen?« frug er seinen Cameraden, als er sie
+wieder eingeholt, »ich dachte, es hätte uns heute Abend irgend jemand
+irgendwo sprechen wollen?«
+
+»Die sitzen im goldenen Kreuz in Pittstreet«, lautete die Antwort,
+»ein Irländer hat dort eine Schenke, und da wollten wir heute Abend
+zusammenkommen.«
+
+»Aber was machen die Deutschen und Franzosen bei dem Irländer?«
+
+»O, er hat eine Frau, vom Rhein glaub' ich, die deutsch und
+französisch spricht -- und dann ist noch ein wunderhübsches Mädchen
+im Hause -- Jean hat sich schon sterblich in die verliebt.«
+
+»Das passirt Jean sehr oft«, sagte der Engländer trocken -- »Das
+könnte er billiger haben. Aber kommt; es wird Zeit -- es muß schon
+acht Uhr sein.«
+
+»Zum Donnerwetter -- da ist der Alte« -- rief plötzlich der eine von
+ihnen, und als sie sich umsahen, war ihr würdiger Capitän auch schon
+dicht hinter ihnen. Er sah sie aber nicht -- die breiten Schultern
+suchten sich, herüber und hinüber arbeitend, Bahn durch das Gedränge
+zu brechen, und jedenfalls hatte er irgend ein Ziel dem er nachstrebte,
+denn er schaute weder rechts noch links, und das Gebäude entlang
+konnten sie der langen riesigen Gestalt mit dem dicken rothen Gesicht,
+mit den Augen folgen.
+
+»Da schwimmt er hin«, sagte der erste lachend -- »mit einer
+fliegenden Fahrt vor dem Wind. Möchte nur wissen auf was er Jagd
+macht.«
+
+»Wahrscheinlich auf das kleine Fahrzeug da vor ihm, mit dem
+schwarzseidenen Jäckchen. Ob er uns wohl gesehen hat? Er guckte aber
+gar nicht her.«
+
+»O Gott bewahre«, lachte ein anderer. »Der nahm eben ganz genaue
+Peilung voraus und scheert sich auch überhaupt den Teufel um uns.
+Sobald wir nur immer zur rechten Zeit an Bord kommen und kein Geld von
+ihm wollen, sind wir ihm gut genug. In allem anderen können wir zum
+Teufel gehen. Aber kommt, wir halten hier gerade durch Georgestreet
+durch und die kleine Straße hinunter. An der nächsten Ecke gehen wir
+über Stag, und dann haben wir reines Fahrwasser, bis wir das goldene
+Kreuz über der Thüre sehen.«
+
+Die vier Matrosen verließen das Marktgebäude und gingen Marktstreet
+hinunter nach Pittstreet zu, der sie aufwärts folgten. Am Courthaus
+standen zwei Männer in dunklen Ueberröcken und Mützen. Sie sahen den
+Matrosen nach, und der eine von ihnen sagte leise:
+
+»Weißt du von welchem Schiff die sind? im Markthaus machte mir der
+eine ein paar sehr verdächtige Bemerkungen; ich möchte wohl wissen wo
+sie hingehen. Wenn ich nicht irre, so nannte der eine den Namen Boreas
+-- sind sie von dem Schiff, so können wir nur immer die Augen offen
+haben.«
+
+»Weit marschiren werden sie nicht«, sagte der zweite, »und da
+brauchen wir ja nur einmal mitzugehen.«
+
+Die beiden Männer folgten langsam den vier Matrosen, bis diese in der
+Thür des goldenen Kreuzes verschwanden -- dann blieben sie auf der
+anderen Seite der Straße stehen.
+
+»Wollen wir einmal hinein?« sagte der eine.
+
+»Ja, aber jetzt noch nicht«, entgegnete ihm der andere -- »es ist
+noch zu früh. Wir müssen ihnen ein Weilchen Zeit lassen, bis sie erst
+ein halb Duzend Gläser im Kopf haben.« Und mit diesen Worten gingen
+sie langsam die Straße wieder hinunter nach dem Theater zu, wo um diese
+Zeit das regste Leben war.
+
+Laß sie gehen, lieber Leser -- es sind zwei verkleidete Polizeidiener,
+und die melden sich immer schon von selber wieder. Wir wollen indessen
+einmal in das goldene Kreuz treten, und zusehen ob sie da drinnen guten
+Portwein haben.
+
+
+
+
+Drittes Capitel.
+
+Die Matrosenkneipe.
+
+
+Das goldene Kreuz zeichnete sich vielleicht in nichts, als eben seinem
+frommen Aushängschild vor den übrigen tausend Schenken Sydney's aus,
+wo der Wirth über der Thür die vom Staat erhaltene Erlaubniß mit den
+stereotypen Worten anzeigt: »_Licensed to sell spirituous and fermented
+liquors_,« was er sich selber übersetzt -- »Du darfst jeden Schund
+verkaufen den man nur in eine Flasche gießen, und aus einem Glase
+trinken kann.«
+
+Im Innern sah es aber reinlich und selbst behaglich genug aus, denn es
+ist kaum so sehr des Wirths Vortheil seine Gäste hereinzulocken, als
+sie nachher darin zu halten. Das große mittlere Fenster, das die halbe
+Wand einnahm, war inwendig mit weißer Farbe leicht überstrichen und
+nur auf den Scheiben prangten oben die Worte »Wine Vaults«, und rechts
+und links »London Porter« und »Baß's Ale«, zierlich mit Wein und
+Hopfenreben umrankt. Im Innern aber standen oben auf den blank lackirten
+Gefachen messingbeschlagene kleine Fäßchen, mit ihrem Inhalt
+in sauberen goldenen Buchstaben darauf verzeichnet, und reinliche
+geschliffene Caraffen mit neusilbernen gravirten Schilden.
+
+Nur rechts und links war das schwere Geschütz, eine dunkle
+Batterienmasse von Ale- und Porterflaschen mit ihren bleiernen Deckseln,
+aufmarschirt, und unten lagen kleine rundbäuchige weiße Glasflaschen,
+fest zugebunden, mit Sodawasser und moussirender Limonade, wie denn auch
+an der Wand eine Hand mit einer daringehaltenen Sodaflasche die werthe
+Adresse des Fabrikanten jedem verkündigte, der sich nur die Mühe geben
+wollte sie zu lesen.
+
+Auf dem Ladentisch waren die nach unten niedergehenden Pumpen mit
+elfenbeinernen Knöpfen angebracht, _draught Ale and Porter_ gleich
+frisch heraufzuziehen und rings im Zimmer aufgestellte Tische und
+Stühle mit kleinen, heimlichen, hölzernen Verschlägen, in die nur
+höchstens immer vier Menschen hineinpaßten. Diese hatten statt der
+Thüren Gardinen.
+
+Hinter dem Schenktisch stand auf der einen Seite der Wirth, eine
+vierschrötige pockennarbige Gestalt mit rothen Haaren und kleinen aber
+verschmitzten Augen, und einem besonderen humoristischen Zug um
+den Mund. Es war der Irländer Mac Carther und der Eigenthümer des
+goldenen, und eines anderen Kreuzes, das mit weißer Schürze und
+kleiner blumenbesetzter Mütze an der anderen Seite hinter dem
+Schenktisch stand, und die bestellten Gläser füllte. Das flinke
+Schenkmädchen, Polly, trug sie dann an den Ort ihrer Bestimmung, und
+cokettirte dabei nach besten Kräften mit den Gästen. Mac Carther zog
+die Propfen aus den Flaschen und spülte die Gläser aus.
+
+Mrs. Mac Carther kann ich mit wenigen Worten schildern -- Sie war eine
+Elsässerin mit schwarzen Haaren und schwarzen Augen, etwa 30 Jahr alt,
+was man ihr aber kaum ansah, und von resolutem festem Charakter, wie
+denn auch Mac Carther, der sonst gewiß nicht zu den Schwächlingen
+gehörte, nicht umhin konnte zu bezeugen. Daran war kein Zweifel,
+sie regierte das Kreuz, und da sich dasselbe unter den zarten Händen
+ungemein wohl befand, und an Gästen und Einnahmen fast wöchentlich
+wuchs, fügte sich auch Mac Carther sehr gern dieser Autorität, und
+begnügte sich, daneben nur noch allerlei kleine Beigeschäfte auf seine
+eigene Hand zu treiben. Doch davon später.
+
+Polly war das Muster eines Sydney-Schenkmädchens; drall und schlank
+gewachsen, und mit ein paar Augen, die denen ihrer Herrin an
+Schwärze und Feuer wahrlich nicht nachstanden, die sie selber aber an
+jugendlicher Frische weit übertraf. Mrs. Mac Carther war aber deshalb
+nicht im mindesten eifersüchtig. -- Gerade diese »jugendliche
+Frische« zog ihr allabendlich so und so viel mehr Gäste in das Haus,
+und deshalb hatte sie Polly eben zum Schenkmädchen angenommen.
+
+Es war noch nicht spät am Abend; darum hatten sich auch noch nicht so
+viel Gäste eingefunden. Nur an zweien der Tische saßen die Leute vom
+Boreas, fünf Deutsche und drei Franzosen, und tranken, die ersteren
+Ale, die anderen Claret. Polly brachte den letzeren eben eine frische
+Flasche auf den Tisch, und Jean hatte die Hand gefaßt, die sie nach
+der geleerten ausgestreckt. Sie sah ihn lächelnd an und versuchte sich
+leise loszumachen.
+
+»Polly«, sagte der junge hübsche Matrose, und legte ihr die linke
+Hand auf die Schulter -- »du bist auch heute Abend wieder einmal recht
+häßlich, und willst mich gar nicht ansehen -- hab ich dir irgend etwas
+zu leid gethan?« -- Er sprach das Englische etwas gebrochen, es klang
+aber doch gut und das Mädchen schüttelte lachend den Kopf.
+
+»Nichts zu leid gethan, Mr. Jean, aber los lassen müßt ihr mich, denn
+Missis sieht schon scharf nach mir herüber und ich habe viel zu thun.
+-- Da kommen noch andere Gäste.«
+
+»Polly, ich habe dir etwas zu sagen«, flüsterte ihr Jean jetzt leise
+und rasch in's Ohr -- »willst du mir nachher nur auf wenige Secunden
+hinausfolgen?«
+
+»Ich weiß noch nicht«, sagte das Mädchen halblaut und machte sich
+von ihm los. Die Augen wußten es aber und sagten ja, und Jean leerte
+sein Glas auf einen Zug.
+
+»Hallo, schon wieder so geschäftig?« lachte Bill, der zuerst
+eintretende von den englischen Matrosen, »da ist ja die ganze
+Bescheerung bei einander, und Jean hat alle Hände voll zu thun, wie ich
+sehe. Guten Abend Mac Carther, guten Abend Missis -- jung und schön wie
+eine Rose -- aber nicht wie die letzte -- heh Missis? -- Was trinkst du,
+Jack, und du Bob -- wie? Jims Geschmack kenne ich schon, der hält's wie
+ich, mit Brandy und Wasser!«
+
+Die viere traten zum Schenktisch und tranken, und setzten sich dann an
+den, an der hinteren Wand quer vorstehenden langen Tisch, wohin ihnen
+die anderen bald darauf mit ihren Flaschen und Gläsern folgten, und
+ein leises Gespräch mit einander begannen. Außer den Leuten vom Boreas
+waren nur noch wenige andere Gäste im Zimmer, und der Wirth, der eben
+erst noch zwei Porterflaschen für die Letztgekommenen geöffnet hatte,
+rückte sich nach einer kleinen Weile einen Stuhl mit zu ihnen, sprach
+aber noch kein Wort. Er schien etwas auf dem Herzen zu haben.
+
+»Wer ist denn das, der uns heute hier sprechen wollte«, sagte Jean
+endlich, sich zu ihm wendend, »heraus mit ihm und mit dem was er zu
+sagen hat. Ich kann heute Abend nicht lange hier bleiben, und wir sind
+jetzt so ziemlich alle zusammen.«
+
+»Hm«, sagte Mac Carther, und warf einen anscheinend gleichgültigen
+Blick über das Zimmer, der übrigens keinen der sonstigen Gäste, so
+flüchtig er auch über ihnen hinstreifen mochte, unbeobachtet ließ.
+Gleich darauf als ob ihn diese Rundschau befriedigt hätte, bog er sich
+über den Tisch etwas vor und sagte mit leiser Stimme, die Umsitzenden
+dabei alle mit den Augen musternd:
+
+»Seid Ihr gesonnen an Bord zu bleiben, oder wollt Ihr hier in der Stadt
+eine Beschäftigung haben? -- Das heißt -- versteht mich wohl -- ich
+weiß nicht was Ihr für einen Contract an Bord habt; geht mich auch gar
+nichts an. -- Hält Euch aber nichts dort, so weiß ich Euch hier eine
+Stelle, wo Ihr mit Bequemlichkeit Eure sechs bis acht Schilling den Tag
+verdienen könnt -- und dafür müßt Ihr eine ganze Woche an Bord wie
+die Pferde arbeiten. Sind welche von Euch Segelmacher?«
+
+»Vier von uns sind gelernte Segelmacher« -- sagte der eine Deutsche,
+»und die anderen verstehen meist alle genug davon, die laufenden
+Arbeiten verrichten zu können.«
+
+»Das wäre dann noch besser, die verdienen jetzt noch mehr mit
+Zeltmachen«, sagte der Wirth sinnend. »Habt Ihr noch Geld zu gut, oder
+sind welche unter Euch, die vielleicht selber etwas anfangen können?«
+
+»Ich habe 600 Franken«, sagte Jean rasch, »und Lust genug hier für
+immer an Land zu bleiben, wenn nur« -- er hielt inne und sah forschend
+nach Polly hinüber, diese aber warf ihm einen freundlichen Blick zu und
+Jean schien dadurch plötzlich zu einem Entschluß gekommen. -- »Was
+wollt Ihr mit uns thun? -- was könnt Ihr? -- heraus mit der Sprache und
+haltet nicht so lange hinter dem Berge.«
+
+»Ich?« sagte der Wirth erstaunt -- gab ihm aber doch dabei ein Zeichen
+nicht so laut zu sprechen -- »ich? was ich mit Euch will? -- gar
+nichts. -- Was kann ich mit Euch wollen. Ich frage Euch nur Euretwegen,
+und habe Euch schon gesagt, ich weiß gar nicht und kann nicht wissen,
+wie Ihr mit dem Schiff steht. So viel aber ist gewiß -- jetzt wäre die
+Zeit hier in Sydney für einen jungen Mann sein Glück zu machen, und
+wer das mit Füßen von sich stößt, der hat es nachher selber zu
+verantworten.«
+
+»Ja, das ist Alles recht gut, aber wie können wir vom Schiff
+loskommen?« sagte der eine Engländer -- »und wenn wir los sind, denn
+das wäre noch das wenigste, wo können wir bleiben? Wir müssen
+erst einen Zufluchtsort hier am Ufer haben, und einen =sicheren=
+Zufluchtsort, denn sonst ist die Sache nachher verdammt Essig. Vom
+Schiff hat jeder von uns allerdings noch zu gut, das wißt Ihr aber
+selber wohl, können wir nicht bekommen, und das einzige was wir im
+Stande sind mitzunehmen, sind vielleicht unsere Kleider. Wer soll uns
+nachher aufnehmen und wer wird uns so lange Credit geben?«
+
+»O, so viel sind unsere Kleider schon werth«, sagte ein anderer. »Wo
+die so lange in Versatz bleiben, können wir auch ein paar Tage essen
+und trinken, bis das Schiff fort ist, und mit dem hohen Lohn hier sind
+wir dann leicht im Stande, unsere Schulden wieder abzutragen.«
+
+»Ich will Euch was sagen«, meinte da Mac Carther und bog sich zu ihnen
+über den Tisch hinüber -- »wenn Ihr meinem Rathe folgen wollt, so --«
+In diesem Augenblicke fiel hinter dem Schenktisch ein Glas herunter
+und zerbrach klirrend am Boden. Mrs. Mac Carther hatte es fallen lassen.
+Mac Carther fuhr aber, ohne sich dadurch irre machen zu lassen, ja ohne
+den Kopf dorthin zurückzudrehen, ruhig und langsam fort -- »so malt
+Ihr Euer Schiff mit einer hellen Farbe und nicht mit Schwarz. -- In dem
+heißen Klima wohin Ihr geht zieht Schwarz die Sonne viel zu sehr an,
+während eine hellere Farbe das Holz ungemein conservirt.«
+
+»Aber was zum Donnerwetter geht uns denn in diesem Augenblick die Farbe
+an, wo wir --«
+
+»Nichts mit dem Bezahlen des Schiffes zu thun haben«, unterbrach Mac
+Carther den Engländer, indem er ihm zugleich einen warnenden Blick
+zuwarf -- »das weiß ich wohl, ich sage nur ich thäte das, wenn ich
+Capitän von einem Schiff wäre, und in ein heißes Klima hinaufginge.«
+
+Während er noch sprach, waren unsere beiden Bekannten vom Markthaus
+in das Zimmer, und gerade als das Glas zerbrach, dicht hinter den Wirth
+getreten, und ließen sich jetzt an demselben Tisch nieder, wo sie eine
+Flasche Porter verlangten.
+
+Der Wirth ging hin diese zu öffnen, und das Gespräch war für den
+Augenblick abgebrochen. Die Matrosen merkten bald genug, daß Mac
+Carther seine wohlbegründete Ursache haben mußte, in Gegenwart der
+beiden Fremden weiter nicht über die bewußte Sache zu reden. Jean
+stand auf, blinzte Polly mit den Augen zu und ging hinaus an die
+Hofthür. Wenige Minuten später stand das wunderhübsche Mädchen
+an seiner Seite und legte ihre Hand in die ihr dargebotene Rechte des
+jungen Mannes.
+
+»Polly«, sagte Jean, und zog die nur leise Widerstrebende fester an
+sich -- »ich habe keine Zeit zu großen Umschweifen, ich will dich auch
+gar nicht mit langen Redensarten plagen. Hör mir nur wenige Secunden zu
+und sage dann ja oder nein.«
+
+»Aber ich weiß ja nicht --«
+
+»Du sollst es gleich erfahren« unterbrach sie der junge Franzose --
+»ich bin des Seefahrens, ja überhaupt des Herumschweifens satt.
+Zehn Jahre lang habe ich mich nun in der Welt und in allen Welttheilen
+umhergetrieben, und bin nicht im Stande gewesen etwas für ein reiferes
+Alter zu thun -- es liegt auch das eigentlich nicht im Blut meiner
+Landsleute. Hier aber, glaub ich, ist der Zeitpunkt gekommen wo ich
+etwas Besseres ergreifen kann, doch allein will ich das nicht thun. --
+Willst du mir helfen, Polly? willst du -- mein Weib werden?« flüsterte
+er leise, sich zu ihr niederbeugend und ihr einen heißen Kuß auf die
+Stirn drückend.
+
+»_Do'nt -- do'nt_«, bat das Mädchen flüsternd, und suchte sich von
+ihm loszumachen. Es war ihr aber nicht recht Ernst damit, denn Jean
+konnte sie leicht zurückhalten; doch dringender bat er jetzt.
+
+»Antworte mir, Polly. -- Von dir hängt es ab ob ich in Sydney --
+in Australien bleiben soll oder nicht. -- Sagst du ja, dann sollst du
+einmal sehen wie tüchtig ich arbeiten kann, und haben wir uns etwas
+verdient, dann kehren wir nach meinem schönen Frankreich zurück. -- Es
+soll dir schon gefallen in der Provence. -- Aber du sagst ja kein
+Wort, und ich weiß doch, daß du dich in den Verhältnissen hier nicht
+glücklich fühlst, nicht glücklich fühlen kannst.«
+
+»Glücklich?« sagte das Mädchen leise und schüttelte wehmüthig mit
+dem Kopf -- »es ist ein schreckliches Leben fortwährend dem wüsten
+Trinken und Treiben zuzusehen. -- Aber was soll ein armes Mädchen
+anderes thun -- und es ist doch immer ein ehrlicher Unterhalt.«
+
+»Und sagst du =ja=, Polly?« bat der junge Mann dringender, und küßte
+die jetzt nicht mehr widerstrebenden rosigen Lippen -- »sagst du ja?«
+
+»Komm nur erst an Land«, flüsterte Polly, und ehe er es sich versah,
+war sie ihm unter den Händen fort und ins Haus geschlüpft. Mit
+leuchtenden Augen folgte ihr aber Jean, und war auch gar nicht böse
+darüber, daß sie seinen suchenden Blick im Anfang vermied und sich
+mit ihrer Arbeit eifrig beschäftigte, während sie Mrs. Mac Carther
+ausschalt, was sie draußen herumzustreifen habe, indessen in der Stube
+alles drunter und drüber ging.
+
+In derselben Zeit übrigens, in der Jean draußen zu einem Entschluß
+gekommen war, hatte sich auch in der Stube selber manches geändert. Die
+beiden Polizeidiener, welche Mrs. Mac Carther ebenso gut kannte als ihr
+Mann das Vorsichtszeichen mit dem klirrenden Glas, waren, als sie sahen,
+daß sie weiter nichts Besonderes hören und erfahren konnten, weiter
+gegangen. Dafür aber war ein neuer Besuch gekommen, und zwar der
+Steward vom =Pelican=, der früher mit einem der Engländer auf ein
+und demselben Schiff gefahren, und heute Abend noch einmal in die Stadt
+gemußt hatte, mehreres Vergessene an Gemüsen und Früchten für das
+morgen früh in See gehende Schiff einzukaufen. Er wußte wo die Leute
+vom Boreas heute zusammenkamen, und schien sie dort aufgesucht zu haben.
+Als Jean hereinkam, waren sie im eifrigsten Gespräch. -- »Und ich sage
+Euch«, behauptete der Steward auf einen der Gegeneinwürfe Bills, »daß
+ich heute morgen mit meinen eigenen Ohren und aus dem eigenen Munde
+Eures Capitäns gehört habe, wie er morgen früh um sechs Uhr mit
+dem kleinen Dampfschiff The Brothers in die Bay hinauslegen will. --
+Dasselbe Boot soll ihm auch dann am Montag Morgen die noch fehlenden
+Pferde hinausbringen und dann geht er auch wahrscheinlich noch den
+Montag Mittag in See. Euer Capitän war heut zweimal bei uns an Bord --
+das erstemal that er furchtbar dick, das zweitemal schien er sich
+aber doch besser besonnen zu haben, und will Euch vor allen Dingen in
+Sicherheit bringen. Ihr seht also daß Ihr keine Zeit mehr zu verlieren
+habt.«
+
+»Seeschlangen und Schildkröten!« brummte der eine Engländer -- »das
+wäre ein verdammter Streich. Deshalb wollte uns also der alte schlaue
+Fuchs morgen erst das Geld geben. Nachher hatte er uns alle sicher an
+Bord, und setzte uns am Ende gar noch ein paar von den Polizeiknechten
+oben drauf.«
+
+»Und Ihr wißt uns einen Platz, Mac Carther«, sagte der eine von den
+Franzosen, »wo Ihr uns sicher unterbringen könnt? -- Wahrhaftig ich
+komme heute Abend mit Sack und Pack an Land.«
+
+Mac Carther ging fort als ob er die Frage nicht gehört hätte,
+seine Frau aber, die indessen zum Tisch getreten war, sagte mit halb
+unterdrückter Stimme auf französisch:
+
+»Laßt ihn gehen -- er darf sich mit den Geschichten nicht befassen,
+denn kommt so etwas vor Gericht, so muß er am Ende schwören, und wenn
+er nichts davon weiß, kann er das auch mit gutem Gewissen. Ich
+werde dafür aber schon sorgen. Bringt nur heute Abend spät Eure
+Kleidungsstücke her -- die Hinterthüre kennt Ihr ja, wenn die vordere
+Thür geschlossen sein sollte, und mit Tagesanbruch schaff ich Euch aus
+der Stadt. Es ist ein Arbeiter von meinem Schwager über der Bay drüben
+gerade hier, und mit dem könnt Ihr Holz schlagen oder Segel machen, zu
+was Ihr Lust habt, bis das Schiff fort ist.«
+
+»Was zum Teufel ist das für ein Gewälsch,« brummte Bill. -- »Redet
+englisch, daß ein anderer auch ein Wort verstehen kann.«
+
+»Seid ruhig, Jean wird es Euch übersetzen«, flüsterte Mrs. Mac
+Carther, »es sind hier noch andere Ohren, die gerade nicht zu wissen
+brauchen, über was wir gesprochen haben.« Damit wandte sie sich vom
+Tisch ab, und trat hinter ihren Schenkstand zurück. Die Leute vom
+Boreas flüsterten aber noch eine Weile miteinander, und verließen dann
+die Schenke. Jean selbst hatte mit Polly keine weitere Abrede nehmen
+können.
+
+
+
+
+Viertes Capitel.
+
+Die Flucht von Bord.
+
+
+Der Boreas, ein volles Schiff, lag dicht am Patent Slip -- eine Art
+Dock, wo hinauf die Schiffe durch Maschinerie gezogen werden, bis
+sie vollkommen trocken zu liegen kommen, und bis zum Kiel hinunter
+nachgesehen und ausgebessert werden können. Nach dem Herunterlassen
+hatte der Boreas dicht daneben angeholt, seine Takelage nachgesehen,
+Ballast, Wasser, Mais, Heu und Pferde eingenommen, und lag nun dort
+dicht an dem abgebauten Werft vor einem Anker, der nach der Bay zu
+ausgeworfen war. Zwei starke Taue hielten noch außerdem das Schiff am
+Land befestigt, und man stieg an der Fallreepstreppe gleich von Bord auf
+das Werft hinunter.
+
+Die Mannschaft des Boreas kam in einzelnen Gruppen, zu zweien und
+dreien, an Bord zurück. Der Zimmermann, ein Engländer, hatte die Wacht
+als sie kamen, und die Leute gingen rasch in das Vorcastle hinunter,
+diese Zeit zu benutzen und ihre Sachen zusammenzupacken.
+
+Den Zimmermann und Mate durften sie natürlich nichts merken lassen; der
+Mate schlief aber gewöhnlich um diese Zeit schon. Einer von ihnen blieb
+bei dem Zimmermann an Deck, um, wenn irgend einer der Officiere Miene
+machen sollte hinunter zu ihnen zu steigen, das verabredete Zeichen zu
+geben, d. h. irgend etwas Schweres auf Deck fallen zu lassen. Es konnte
+das ohne Aufsehen geschehen.
+
+Jean war an Deck und schlenderte mit dem Zimmermann langsam den Gangweg
+auf und nieder. -- Er erzählte ihm Geschichten aus der Provence, um ihn
+beschäftigt zu halten, und es gelang ihm auch so weit, daß er seinen
+Cameraden vollständig Zeit verschaffte sich zu rüsten. Die einzige
+Schwierigkeit war jetzt ihre Sachen an Deck zu bringen und von hier
+damit an Land zu kommen, ohne daß Lärm geschlagen wurde. In dem Fall
+befanden sie sich nämlich in einer höchst fatalen Lage, da nur
+ein ganz schmaler langer Weg von dem Werft an dem sie lagen nach
+Sussexstreet hinaufführte, und eine Masse von Constablern in der Gegend
+fortwährend auf und ab gingen. Der geringste Lärm konnte einen davon
+an den Eingang der Straße führen und dann hatte er, wenn er wollte,
+zwanzig Andere mit Blitzesschnelle zu seiner Hülfe herbeigezogen.
+
+Am besten wäre es gegangen, wenn sie eines der an den Pfählen
+befestigten Boote =geborgt= hätten, und damit an das gegenüber
+liegende Ufer der Bay gefahren wären. Auf jeden Fall konnten sie
+solcher Art ihre Sachen am leichtesten in Sicherheit bringen. Dort
+drüben standen auch noch keine, oder nur wenige Häuser, keinenfalls
+waren Polizeidiener dort. Sie selber brauchten nur bis Georgestreet
+hinaufzugehen, wo sie die dort einlaufende Bay umgangen hatten, und
+konnten dann ihr ganzes Gepäck leicht und ohne Verdacht zu erregen quer
+über Georgestreet in das Wirthshaus zum goldenen Kreuz schaffen.
+
+Es war noch nicht zwölf als der zweite Mate vom Land an Deck kam und
+nach vorne ging. Jean stand mit dem Zimmermann gerade an der Cambuse,
+und als er die dunkle Gestalt auf sich zukommen sah, stieß er mit dem
+Fuß an eine dort zufällig liegende Handspake, nahm sie auf und warf
+sie von sich, daß sie mit lautem Gepolter auf Deck niederschlug.
+
+»Gott verdamme das verwünschte Holz«, fluchte er dabei, und hielt
+sich den Fuß -- »stößt man sich auf dem sakermentschen Deck auch
+noch die Gliedmaßen zu Schanden.«
+
+»Was für ein Heidenlärm ist denn das da drüben?« rief der Mate
+ärgerlich und kam herüber nach Backbord. -- »Wer ist da? Jean? kommt
+Ihr eben erst von Land?«
+
+»Nein, ich bin schon fast eine Stunde mit dem Zimmermann hier auf- und
+abgegangen.«
+
+»Chips«[3] sagte der Mate, und zog den Zimmermann etwas bei Seite --
+»haltet Eure Augen offen. -- Im Vorcastle war eben, als ich auf Deck
+kam, noch Licht -- jetzt ist's aber aus. Sind die Leute schon lange an
+Bord?«
+
+»Die letzten kamen vor etwa einer halben Stunde -- ich denke sie sind
+jetzt wohl zu Coye gegangen«, sagte der Zimmermann. »Wie viel Uhr
+ist's? -- es muß bald Mitternacht sein.«
+
+»In fünf Minuten etwa ist's zwölf«, sagte der Mate -- »ich will
+den Steward jetzt wecken, um zwei Uhr löst Ihr ihn wieder ab. Beim
+geringsten Verdächtigen was Ihr seht, ruft Ihr mich. Ihr könnt zu Bett
+gehen, Jean«, wandte er sich dann lauter an den indessen weiter nach
+vorne gegangenen Matrosen. -- »Es wird gleich 12 Uhr sein.«
+
+»Soll ich Bill rufen?« frug Jean, der stehen blieb -- »ich glaube
+Bill hat die nächste Wacht.«
+
+»Nein, ist nicht nöthig«, lautete die Antwort. -- »Ihr könnt alle
+zu Coye gehen.«
+
+»Das ist eine schöne Geschichte«, dachte Jean, als er in das Logis
+hinabstieg, die übrigen mit dem neuen Befehl bekannt zu machen. Vorher
+lauschte er aber noch eine Weile unter der Logiscap, zu sehen ob ihm
+auch niemand folge. Als er alles sicher wußte sagte er leise:
+
+»Hallo da -- schlaft Ihr?« es war stockfinster und man konnte keine
+Hand vor Augen sehen.
+
+»Ist das Jean?« frug vorsichtig eine einzelne Stimme.
+
+»Ja«, lautete die ebenso leise Stimme -- »habt Ihr alles in
+Ordnung?«
+
+»Alles in Ordnung«, erwiederte Bill -- »ist die Luft rein? meine
+Wacht muß gleich angehen.«
+
+»Gebt Euch keine Müh«, sagte Jean. »Die Schufte müssen Lunte
+gerochen haben; wir brauchen die Nacht nicht zu wachen. Wahrscheinlich
+will der Mate mit dem Zimmermann, und vielleicht auch Steward selber
+Wache gehen. Der Capitän ist auch schon an Bord, wie mir der Zimmermann
+gesagt hat.«
+
+»Verflucht noch einmal«, rief der Koch, der es in diesem Fall ganz mit
+den Matrosen hielt, und sprang mit einem Satz aus der Coye, in die
+sie sich alle, als sie das Zeichen hörten, hineingeflüchtet hatten.
+»Jetzt sind wir geleimt.«
+
+»Doch noch nicht«, meinte Jean, der vorher noch einen vorsichtigen
+Blick nach oben geworfen. »Erst wollen wir einmal abwarten wer die
+nächste Wache hat, und dann sehen was sich thun läßt -- wenn ich nur
+erst meine Siebensachen in Ordnung hätte. Ein Licht darf ich mir aber
+gar nicht anstecken, sonst haben wir den Satan gleich wieder auf dem
+Hals.«
+
+»Hier, nimm die kleine Laterne«, sagte Bill und reichte sie ihm aus
+der Coye -- »die kannst du in deine Kiste setzen, da fällt kein Strahl
+nach oben.« Jean fühlte sich zu ihm hin, ging in die vorderste
+Ecke die Kerze darinnen anzuzünden und brachte dann den vollkommen
+geschützten Strahl sicher in seine Kiste, die glücklicherweise an
+einer Wand stand und von oben aus nicht leicht gesehen werden konnte.
+Er brauchte auch nicht lange, mit seinen Sachen in Ordnung zu kommen; um
+halb ein Uhr war alles gerüstet, das Licht wieder ausgelöscht und
+Bob wurde jetzt zum Recognosciren an Deck geschickt. Er kam nach zehn
+Minuten etwa wieder herunter. Der Steward war auf Wache, und kaum hatte
+er diesen Bericht abgestattet, als der Zimmermann ins Logis kam, sich
+auszog und zu Coye ging.
+
+Es war jetzt weiter gar nichts zu thun, und Jean faßte schon den
+Entschluß bis Tagesanbruch noch zu warten, dann aber, wenn sich bis
+dahin kein anderer Ausweg zur Flucht zeigen sollte, seine Sachen im
+Stich zu lassen und nur mit seinem Gelde an Land zu gehen, oder, wenn
+auch das nicht gehen sollte, über die Bay ans andere Ufer zu schwimmen.
+
+Bis zwei Uhr lagen die Matrosen alle in peinlichster Erwartung; keiner
+schlief, keiner wagte aber auch nur ein Wort zu sprechen, denn der
+Zimmermann schnarchte nicht und verrieth auch sonst durch nichts, daß
+er selber eingeschlafen sei. Was da thun?
+
+Ihrer Rechnung nach mußte es bald Tag werden, als der Steward in das
+Logis herunterkam. Er blieb erst ein paar Minuten stehen und horchte --
+aus allen Coyen tönte das tiefe regelmäßige Athmen fest Schlafender.
+Selbstzufrieden und stillvergnügt nickte er mit dem Kopf, fühlte sich
+dann leise, ja keinen der Leute zu stören, nach des Zimmermanns Coye
+hin und weckte diesen.
+
+»Wer ist da?« rief der Zimmermann aus tiefem Schlafe auffahrend --
+»halt sie -- da laufen sie.«
+
+»Halt doch das Maul«, flüsterte der Steward und schüttelte ihn aus
+Leibeskräften, »du machst ja die ganze Mannschaft munter. -- Es ist
+zwei Uhr, steh auf -- ich bin müde wie ein Hund.«
+
+»Ay, ay«, sagte der Zimmermann, noch immer halb im Schlaf -- »ich
+komme gleich -- wo sind denn -- O ja -- 's ist alles recht -- ich weiß
+schon. -- Alles in Ordnung?«
+
+»Alles! Steh nur auf und schlaf nicht wieder ein« -- antwortete ihm
+der Steward und wandte sich nach der Treppe zurück, stieß sich aber
+mit dem Schienbeine an eine dort vorgeschobene Kiste. -- »Gott verdamme
+den Plunder!« rief er leise mit verbissenem Schmerz -- »da muß ein
+ganzer Fetzen Haut herunter sein. -- Ich wollte daß die Kerln da --«
+
+Er brummte das andere, als er auf der endlich erreichten Treppe langsam
+an Deck kletterte, leise vor sich hin und verschwand gleich darauf oben.
+
+Der Zimmermann lag noch etwa zehn Minuten still, wälzte sich dann
+stöhnend aus seiner Coye, tappte nach seiner dicken wollenen Jacke,
+die er endlich fand und anzog, nahm die Mütze von dem Nagel, an dem
+sie inwendig in seiner Schlafstelle ihren Platz hatte, und folgte dem
+Steward an Deck.
+
+Er hatte kaum den letzten Fuß von der Leiter genommen, als Jean
+ebenfalls aus der Coye sprang, ihm leise nachschlich und an Deck horchte
+wo er blieb. Er war zurück nach dem Quarterdeck gegangen.
+
+»Was jetzt thun?« sagte er leise, als er wieder herunterstieg -- »in
+ein paar Stunden ist es Tageslicht, und das größte Glück, daß wir
+den Burschen wenigstens aus dem Logis haben. Das hätt' ich aber wissen
+sollen, daß er so fest wie ein Bär schlief -- wir könnten jetzt alle
+in Sicherheit sein. Wer gibt nun den besten Rath?«
+
+»Ob es der beste ist weiß ich nicht«, sagte der eine Deutsche, »aber
+etwas kann ich Euch vorschlagen: ich will mich, wenn die Luft klar ist,
+vorne hinunter lassen und eins von den kleinern Booten dicht unter die
+Klüsen holen. -- Dann müßt Ihr sehen wie Ihr die Säcke, ohne daß
+der Zimmermann etwas merkt, einen nach dem anderen hinunterbringt, und
+ich schaffe sie dann ans andere Ufer hinüber, wo ich auf Euch warte bis
+Ihr mich abholt.«
+
+»Aber sollen wir es denn doch nicht lieber erst einmal versuchen die
+Sachen an Land zu schaffen?« frug Bob, der eine Engländer. »Das
+wären doch verdammt weniger Umstände als mit dem Wasser -- und nachher
+das Herumlaufen um die Bay. Es wird ja heller lichter Tag, ehe wir nur
+hinüber kommen.«
+
+»Wir dürfen es nicht wagen unsere Sachen hier an Land zu bringen«,
+sagte der Deutsche rasch -- »wenn die solche Vorsichtsmaßregeln
+treffen wie mit der Wache, so werden sie auch nicht versäumt haben den
+Constables in Sussexstreet aufzutragen, alle, die etwa hier heraus mit
+Bündeln kommen sollten, einfach zu arretiren. -- Das ist wenigstens
+das Wahrscheinlichste, und dem wollen wir uns doch nicht aussetzen.
+Uebrigens muß der Zimmermann auch jeden sehen, der hier über den
+langen, schmalen, und an allen Seiten offenen Platz nach den Häusern zu
+geht, und würde augenblicklich Lärm schlagen!«
+
+»Wie kommen wir selber dann aber nachher fort?« frug Jean wieder.
+
+»O nur erst einmal die Sachen in Sicherheit, das andere findet sich
+dann von selber«, sagte der Deutsche -- »alles klar an Deck, Jean?«
+
+»Ja, jetzt noch; der Zimmermann kommt aber gerade wieder die
+Quarterdeckstreppe herunter. -- Es ist die höchste Zeit.«
+
+Ohne weiter ein Wort zu erwiedern glitt der Deutsche wie eine Schlange
+die Treppe hinauf, um die Logiskappe herum und in die Gallione hinaus,
+dort an der Ankerkette hinunter und ins Wasser hinein. Jean horchte
+aufmerksam, konnte aber kein Plätschern hören, so vorsichtig hatte
+sich jener hineingelassen.
+
+Der Zimmermann ging ein paarmal an Deck auf und ab, und die Leute
+saßen indessen des Zeichens harrend, daß das Boot am Steven liege, mit
+klopfendem Herzen im »Logis.« Sie hatten all ihr Zeug an, was sie
+nur auf den Leib bringen konnten, und das übrige in die gewöhnlichen
+Leinwandsäcke, die den Reisesack eines Seemanns bilden, »eingestaut.«
+Bill nahm seinen Sack zuerst heraus und schaffte ihn, als der Wächter
+gerade nach vorne ging, auf die Gallione. Jean wollte aber keinen weiter
+hinauslassen, bis das Boot darunter liege. -- Fiel es dem Zimmermann
+einmal ein nur ein paar Schritt weiter nach vorn zu gehen wie
+gewöhnlich, so waren sie zu sehr der Gefahr ausgesetzt entdeckt zu
+werden.
+
+Endlich kam das erwartete Zeichen -- schneller fast als sie es
+eigentlich hoffen konnten. -- Leise wurde von außen vorn an das Schiff
+geklopft, und Jean horchte hinaus ob er etwas vom Wächter hören
+konnte.
+
+»Wo ist der Zimmermann jetzt?« frug Bill von unten herauf -- »kannst du
+ihn sehen, Jean?«
+
+»Nein«, flüsterte dieser zurück, »weiß der Teufel wo er steckt --
+ich will lieber einmal über Deck gehen.«
+
+»Gott bewahre«, rief Bill -- »da machst du ihn nur aufmerksam. --
+Er wird wahrscheinlich hinten an dem Quarterdeck bei den Wasserfässern
+sein. -- Komm nur rasch und hol' deine Sachen.«
+
+»Wir wollen uns das anders einrichten«, erwiederte ihm Jean. --
+»Einer muß hinaus in die Gallione steigen, und das, was ihm gegeben
+wird, hinunterreichen. Bob mag sich hier hinter die Logiskappe drücken,
+und ich kann dann von hier aus ihm alles zugeben und zugleich das Deck
+übersehen. -- Aber nachher auch kein Wort mehr gesprochen. -- Höll und
+Teufel wer hat denn da unten Licht angesteckt?«
+
+Er sprang rasch hinunter einer Unvorsichtigkeit zu begegnen, die so
+leicht zu ihrer Entdeckung führen konnte, denn sobald der Wachthabende
+Licht im Vorcastle sah, mußte er ja gleich wissen daß etwas
+Außergewöhnliches vorgefallen war.
+
+»Löscht das Licht aus«, rief er mit ärgerlicher, aber vorsichtig
+gedämpfter Stimme. -- »Ihr wollt wohl die ganze Geschichte verderben?
+Wer hat die Laterne angesteckt?«
+
+»Ich« -- brummte Jim -- ein Irländer »und verdammt gute Ursache
+dazu. -- Ich habe eine halbe Krone hier unter die Kiste rollen lassen,
+und ich glaube jeder steckte sich ein Licht an, wenn er damit sein
+ganzes verlorenes Vermögen auf einen Strich wieder kriegen kann. --
+Außer der halben Krone hab' ich nur noch drei Schilling Schulden.«
+
+Hinter Jean stieg in diesem Augenblick jemand die Treppe herunter --
+der Deutsche vor dem Steven gab zu gleicher Zeit noch einmal, und jetzt
+etwas lauter, das verabredete Zeichen. Jim hatte seine halbe Krone
+gefunden, steckte sie in die Tasche und öffnete die Laterne diese
+auszublasen.
+
+»Hallo« -- sagte in diesem Augenblick eine Stimme mitten zwischen
+ihnen, und zwar so laut, daß alle wie von einem elektrischen Schlag
+zusammenzuckten -- »was ist das?«
+
+Jim ließ unwillkürlich das volle, durch kein Horn mehr gedämpfte
+Licht der Laterne auf das Gesicht des Sprechers fallen. -- Es war der
+Zimmermann, der sich erstaunt in der reisefertigen Gruppe umsah.
+
+»Das ist mir ja eine schöne Geschichte«, rief er verwundert aus --
+»da soll ja gleich --«
+
+Er sagte nichts weiter -- nur zwei Worte hatten die an der Treppe
+stehenden Bill und Jean miteinander gewechselt, und in derselben Secunde
+fast fühlte er sich von zwei riesenstarken Armen dermaßen umfaßt,
+daß seine Hände wie von einer eisernen Zange gehalten wurden, während
+ihm zu gleicher Zeit irgend ein anderer guter Freund ein festgedrücktes
+Tuch wie einen Knebel in den Mund stieß. Jim ließ, bei dieser
+zauberschnellen Veränderung der Scene den Strahl der noch immer
+hochgehaltenen Laterne links und rechts fallen, und sah Bill und Jean
+mit ihrem Opfer beschäftigt. -- Im nächsten Moment schloß er aber das
+Licht, und alles war wieder in tiefste Dunkelheit gehüllt.
+
+Draußen ertönte zum drittenmal, und jetzt laut und ungeduldig das
+Zeichen.
+
+»Der wird den Steven noch einschlagen«, lachte Jim -- doch immer noch
+halblaut vor sich hin -- »sollen wir ihm den Zimmermann hinuntergeben,
+daß er sich beruhigt.«
+
+»Jetzt rasch und keine Zeit mehr verloren« -- rief aber Jean den
+Anderen zu. -- »Bill, schafft die Sachen hinauf und dann fort ins
+Boot.«
+
+Der Zimmermann sträubte sich aus Leibeskräften frei zu kommen oder
+wenigstens den Knebel aus den Mund zu bringen, daß er den Alarm geben
+konnte; Jean lag aber mit Riesenkraft auf ihm und jeder derartige
+Versuch war umsonst.
+
+»Reich' Einer von Euch mir ein Ende« -- stöhnte dieser endlich, als
+der Zimmermann einen Augenblick ruhig lag. -- »Hier Bob -- bind ihm
+einmal die Hände zusammen -- so -- das ist gut. Jim zeig dein Licht
+noch einmal, hast du sie fest?«
+
+»Die kriegt er nicht wieder los«, lachte Bob zwischen den Zähnen
+durch -- »die Füße auch?«
+
+»Ja, es ist besser -- so, nun schlag das hier um den Pfosten -- so --
+noch fester -- das wird's thun, und nun noch den Knebel --« und damit
+nahm er sein eigenes Halstuch vom Nacken und band es dem unbeweglich
+an den mitten im »Logis« stehenden Pfosten Geschlossenen, fest um den
+Mund, so daß er nur die Nase zum Athmen frei behalten konnte. »Nun
+rasch fort«, rief er, als er endlich auf die Füße sprang -- »sind
+die Sachen oben?«
+
+»Dies ist das letzte«, rief Bob, als er zwei Säcke nach der Treppe
+hob und hinauflangte -- »nun, ade Boreas, und bleibt hübsch gesund,
+Zimmermann. -- Wenn nur der Steward die Zeit nicht verschläft.«
+
+Damit sprang er die Treppe hinauf und von den übrigen gefolgt über die
+Gallion hinunter ins Boot. Jean war der letzte der das Schiff verließ
+-- es regte sich aber nichts darauf. Oben in Sussexstreet hörte er wie
+die Constabler ihre Stunde abriefen -- es war gerade drei Uhr. An der
+Bay herum fingen hie und da schon die Hähne zu krähen an, und von
+den Schmelzöfen glühten noch immer die rothen Flammen aus den
+Schornsteinen heraus -- sie hatten die ganze Nacht gebrannt. Sonst
+schlief ganz Sydney noch und die Bay lag so ruhig, daß die auf sie
+niederfunkelnden Sterne ihr Licht so rein und ruhig wieder erhielten
+als sie es gegeben. Kein Lufthauch bewegte das Wasser, und man konnte
+deutlich den regelmäßigen Schritt der Wache auf einer nicht weit davon
+vor Anker liegenden englischen Barke hören.
+
+Jean glitt, als er sich überzeugt hatte daß niemand auf ihrem Schiff
+auch nur das Mindeste von dem Vorgefallenen ahne, wie seine Cameraden
+vor ihm, an der Ankerkette in das da vorn befestigte Boot hinunter, und
+im nächsten Augenblick schossen sie, von zwei kurzen Bretern, die
+als Ruder gebraucht wurden vorwärts getrieben, über die Bay schräg
+hinüber an's andere Ufer. Dort banden sie das Boot fest, das sich der
+Eigenthümer, wenn er es haben wollte, am nächsten Morgen selber holen
+konnte, nahmen ihre Säcke auf die Schultern, und waren im nächsten
+Augenblick in dem Schatten der dichtbei gelegenen Häuser, zwischen
+denen sie sich nach verschiedenen Richtungen hin zerstreuten --
+verschwunden.
+
+Von der ganzen Mannschaft war nur ein einziger -- ein Deutscher -- an
+Bord des Boreas zurückgeblieben. -- Er hielt sich, ohne daß ihn die
+anderen vermißten -- und als sie ihn vermißten, war es zu spät --
+ruhig in seiner Coye, band aber auch den Zimmermann nicht los, legte
+sich, als seine Cameraden das Schiff verlassen, auf die andere Seite,
+und war bald wieder wirklich fest eingeschlafen.
+
+
+
+
+Fünftes Capitel.
+
+Die Entdeckung.
+
+
+Der Capitän vom Boreas lag in seiner Coye -- er hatte den vorigen Abend
+bös geschwärmt, und der Kopf glühte ihm noch von all den »Brandys
+hot« und »Brandys cold«, die er in sich hineingegossen. Er träumte
+-- aber was kümmern uns seine Träume, wir können ihn doch nicht
+länger schlafen lassen.
+
+Der Tag brach eben im Osten an, ja der hellere Schein drängte sich
+schon durch das obere Cajütfenster, das sogenannte Skylight[4], in die
+Cajüte. Der Capitän murmelte etwas von »_half and half_« -- er trank
+gern Porter und Ale zusammen, und mochte wahrscheinlich Durst haben --
+stöhnte noch ein paarmal, und warf sich dann auf die andere Seite.
+
+Der Steward war indessen ebenfalls munter geworden. -- Nicht daß ihn
+jemand geweckt hätte, sondern mehr von einem halb unbewußten Gefühl
+aufgetrieben, das uns manchmal, ohne die geringste äußere Einwirkung,
+aus dem tiefsten Schlafe aufrüttelt, wenn wir uns nur Abends vorher
+fest vorgenommen haben zu einer gewissen Stunde aufzuwachen.
+
+Es ist das ein Gefühl, das mit unserem Gewissen genau verwandt sein
+muß, denn es verrichtet, wenn auch nur im Kleinen, denselben Dienst; ja
+vielleicht wird es von der haushälterischen Natur selber dazu verwandt,
+wer kann es wissen. Wer von uns ist in die geheimen Gänge und Falten
+seines eigenen Geistes schon je so weit eingedrungen, um nur mit
+Bestimmtheit voraussagen zu können, was er in der nächsten Minute
+selber denken, selber empfinden will? Er kann es nicht.
+
+Mag er seinen Geist alle Kraft anwenden lassen sich nur auf einen
+einzigen Punkt zu concentriren -- es ist umsonst. Irgend eine ihm
+unbewußte, aber in ihm bestehende Kraft lenkt den Strahl seiner
+Gedanken, ganz von ihm selber unabhängig, wohin sie eben Lust hat,
+und schüttelt ihm gerade dann gewöhnlich, wenn er etwas Bestimmtes
+festhalten will, den ganzen bunten Bilderkram seines Gehirns -- diese
+tollste Rumpelkammer alter Geschichten und Träume -- um und um, daß
+es ihm schwarz und blau vor den Augen wird, und er diese endlich in
+Verzweiflung schließen muß, nur all dem krausen Wirrwarr zu entgehen.
+Und selbst das hilft ihm nichts. -- Gerade durch die fest auf die Augen
+gepreßten Finger sieht man das tollste Zeug, und muß zuletzt ruhig
+seine Zeit abwarten, bis das alles wieder aus eigenem freien Antriebe in
+seine alten Behälter und Gefache zurückgekehrt und verschwunden ist.
+
+Und wohin bin ich jetzt selber gerathen, von eben diesem wunderlichen
+Geist geneckt? Halt, ich sprach von dem Steward, der erschreckt von
+seinem Lager auffuhr.
+
+War er aber noch im halben Schlaf, so brachte ihn der Stoß, mit dem er
+seine eigene Stirn beim in die Höh fahren gegen den quer durch seine
+Coye laufenden »Beam« stieß, augenblicklich zur Besinnung, und er
+sprang jetzt erschrocken aus der Coye, denn zu ihm herein drang das
+Tageslicht, und um vier Uhr hatte er ja schon wieder auf Deck sein
+sollen.
+
+Warum mochte ihn denn der Zimmermann nicht geweckt haben? Er lief, ohne
+sich erst weder die Jacke anzuziehen, noch nach der neben ihm liegenden
+Mütze zu greifen, an Deck. Alles war hier stumm und still -- dem
+Steward klopfte das Herz wie ein Schmiedehammer, denn er dachte an das
+was ihm, im Fall wirklich etwas passirt sei, selber bevorstand.
+
+Im »Logis« fand er denn auch nur zu bald seinen schlimmsten Argwohn
+bestätigt, und den armen Teufel von Zimmermann in der wirklich
+traurigsten Lage von der Welt. Als er ihm aber das Tuch vom Gesicht band
+und den Knebel aus dem Mund zog, war es gerade als ob er den Stöpsel
+aus einer Flasche Weißbier gezogen hätte, denn wie aus dieser der
+Schaum, so sprudelten aus dem endlich befreiten Munde des Gebundenen
+jetzt eine wahre Unzahl von Flüchen und Verwünschungen -- die alle
+hier so lange festgestopft gesessen hatten -- in solcher Schnelle und
+Kraft heraus, daß der Steward im ersten Moment wirklich vergaß seine
+Hände zu lösen, und nur ganz erstaunt und verdutzt neben ihm stand und
+ihn ansah.
+
+Durch den Lärm munter gemacht, wachte auch der Deutsche auf, und sah
+aus seiner Coye. Ueber diesen fielen sie nun Beide her und wollten von
+ihm erfahren, was aus den anderen geworden, und wo sie sich aufhielten.
+Er wußte von gar nichts -- hatte keinen Menschen weggehen hören oder
+irgend etwas mitgetheilt bekommen, was die Absicht der Entlaufenen
+betreffen konnte. Er war spät an Bord gekommen, sehr müde
+gewesen, gleich eingeschlafen und in diesem Augenblick durch das
+gotteslästerliche Fluchen des Zimmermanns zum erstenmal aufgewacht.
+
+Aus ihm war auch nicht das mindeste herauszubekommen, und dem Steward
+lag jetzt die höchst unangenehme Pflicht ob, den Capitän von dem
+Vorgefallenen in Kenntniß zu setzen, damit dieser augenblicklich seine
+Maaßregeln darnach nehmen könnte. Er ging in die Cajüte hinunter, zog
+seine Jacke an, strich sich die Haare aus dem Gesicht und trat zu des
+Capitäns Coye.
+
+»Capitän Oilytt«, sagte er, als er ihn am Arm faßte und leise
+schüttelte.
+
+»Brandy hot«, antwortete der Capitän -- »der Teufel soll das Ale
+holen, das brennt wie Feuer.«
+
+»Capitän Oilytt«, wiederholte der Steward. -- Wär' er ein Zauberer
+gewesen, er hätte den Capitän einmal vor allen Dingen einige tausend
+Jahre so fortschlafen, und nachher in einer kühlen Grotte mit einer
+wunderschönen verwunschenen Prinzessin wieder aufwachen lassen. So aber
+konnte er das nicht, und schüttelte ihn noch einmal etwas stärker als
+das erstemal.
+
+»Sieben Schilling Sixpence« lautete diesmal die hartnäckige Antwort,
+die sich wahrscheinlich auf irgend eine gestern bezahlte Zeche bezog --
+»lieber Gott!« -- und ein tiefer Seufzer folgte.
+
+»Ja jetzt ruft er den lieben Herrgott an, wenn er nicht weiß was
+er spricht« -- brummte der Steward leise vor sich hin, »und wenn er
+nachher aufwacht und zur Besinnung kommt, flucht er wie ein Heide.
+-- Und wenn er nur blos noch fluchte. -- Ich muß ihn aber wahrhaftig
+wecken.«
+
+Diesmal wich der tiefe Schlaf dem stärkeren und entschlossenen
+Schütteln des Dieners, und der Capitän fuhr, die Augen weit
+aufgerissen, in seinem Bett in die Höhe.
+
+»Was zum Donnerwetter gibts nun?« rief er ärgerlich aus -- »kann man
+denn in des drei Teufels Namen nicht einmal ruhig schlafen bis es Tag
+ist, daß du Einen mitten in der Nacht herausrütteln mußt? -- was ist
+los? -- na? -- wird's bald?«
+
+Der Steward, der bis dahin gar nicht hatte zu Wort kommen können, sagte
+jetzt schnell:
+
+»Capitän Oilytt, die ganze Mannschaft ist fortgelaufen -- der Koch
+und der ganze andere Schwarm. -- Nur der Zimmermann und Hans -- der eine
+Deutsche -- sind noch an Bord.«
+
+Der Capitän war mit einem Satz aus seinem Bett und mit einem zweiten
+in seinen Hosen, während er eine wahre Sündfluth von Flüchen
+ausströmte. Damit wurde die Sache aber um kein Haarbreit geändert.
+Natürlich hatten der Zimmermann und der Steward die alleinige Schuld,
+und der zurückgebliebene Deutsche, als der Capitän wie ein Wüthender
+nach vorn gefahren war, sollte nun gezwungen werden zu beichten. Er
+wußte aber, dabei blieb er trotz allen Drohungen und Versprechungen --
+von gar nichts. Er hatte die ganze Nacht, wenigstens von der Zeit an wo
+er an Bord gekommen, bis zu der wo der Steward den Zimmermann losband,
+geschlafen. Früher sei, wie er weiter erzählte, allerdings vom
+Fortlaufen die Rede gewesen, da =er= aber stets fest erklärt habe daß
+er nicht mit ginge, hätte man ihm diesmal, wie es schiene, gar nichts
+davon gesagt.
+
+Der Capitän schäumte vor Wuth. -- »Das kommt davon«, rief er, »daß
+ich mich mit dem verdammten fremden Gesindel eingelassen habe. -- Hätte
+ich lauter Engländer gehabt, wäre das nicht geschehen. -- Aber wartet,
+wartet Canaillen, Euch will ich ein Gericht einbrocken, auf das Ihr
+nicht gerechnet haben sollt, und hab ich Euch erst wieder, dann Gnade
+Euch Gott. Dann geb ich Euch mein Wort drauf, Ihr sollt Euch lieber in
+der Hölle als bei mir an Bord wünschen. -- Und du Steward, vor allen
+andern, du verdientest überhaupt, daß ich dich an die Railing binden
+und dir 25 aufzählen ließ -- du -- Holzkopf du.«
+
+Und damit schoß er wie ein Pfeil in seine Cajüte hinunter, in seine
+Kleider hinein und dann an Land, die Anzeige bei der Wasserpolizei von
+den Entflohenen zu machen und eine Belohnung auf ihren Fang zu setzen.
+
+Kaum war er aber fort, und ehe sich der Steward noch von dem ersten
+Erstaunen über die entsetzliche Drohung erholen konnte, so kam der
+erste Mate schon auf ihn zu, faßte ihn am Kragen und überschwemmte ihn
+mit einer wahren Fluth von Schimpfreden.
+
+»Du Lump!« -- rief er, »bist der einzige der die ganze Geschichte zu
+verantworten hat. -- Warum hast du nicht aufgepaßt, -- heh? -- was zum
+Donnerwetter hast du denn sonst auf der Welt zu thun? -- wozu bist du
+nütz?« --
+
+Nach diesem Ausbruch innerer Gefühle stieg er an Deck und lief eine
+gute Stunde das Quarterdeck auf und ab. Der Steward fing indessen an die
+Tische unten abzuwischen. Er hatte aber noch nicht einen fertig, als der
+zweite Mate ebenfalls den Kopf hereinsteckte.
+
+»Du bist doch das nichtsnutzigste miserabelste Stück Takelwerk am
+ganzen Bord«, sagte er, und sah den Steward an als ob er ihn mit Haut
+und Haaren, und ohne Pfeffer und Salz verschlingen wolle. -- Damit
+schlug er die Thür wieder zu und ging ebenfalls an Deck. Er war die
+halbe Nacht an Land gewesen, und erst um Mitternacht an Bord gekommen.
+
+Der Steward aber setzte sich mit dem Abwischtuch in der Hand am Tische
+nieder, schüttelte in einem fort mit dem Kopf und murmelte leise vor
+sich hin.
+
+»Na, nu wird's Tag -- ich habe die Schuld -- ich bin die alleinige
+Ursache, daß die anderen fortgelaufen sind. -- Natürlich -- wenn ich
+nicht meine zwei Stunden geschlafen hätte, wo die anderen auf Wacht
+waren, hätte das alles nicht geschehen können. Na, das wird eine
+schöne Reise werden -- ich glaube wahrhaftig, es wäre das Beste ich
+liefe auch fort -- nachher wär ich denn doch neugierig wer die Schuld
+=davon= hat -- ich wieder; natürlich. Und wieder kriegen? -- wenn sie
+die wieder kriegen freß' ich sie -- alle zusammen.« Und mit diesem
+kannibalischen Entschluß stand er auf und begann seine Arbeit auf's
+neue.
+
+
+
+
+Sechstes Capitel.
+
+Sydney im Dunkeln.
+
+
+Eine ganze Woche war verflossen, und noch immer lag der Boreas an seinem
+alten Platze am Werft, ohne, trotz der darauf gesetzten Belohnung, einen
+einzigen von seinen Leuten wieder bekommen zu haben. Natürlich konnte
+er, mit =einem= Mann an Bord, auch nicht in See gehen, und andere
+Matrosen waren ebenfalls nicht zu bekommen. Der Capitän hatte schon,
+der schlechten Behandlung seiner Leute wegen, einen solchen Namen
+in Sydney bekommen, daß niemand mit ihm segeln wollte und der
+Goldschwindel machte überdies die Leute die extravagantesten Preise
+fordern.
+
+Natürlich mußte er unter der Zeit Arbeiter annehmen, die an Bord
+nothwendigen Geschäfte zu verrichten, und an diese ebenfalls sehr
+theuren Lohn bezahlen; das ging aber freilich alles aus der Tasche der
+weggelaufenen Leute und zwar von dem ihnen gut stehenden Geld was sie an
+Bord zurückgelassen -- vorausgesetzt, natürlich, daß man sie wieder
+bekam. Wurden sie wieder eingefangen, so hatten sie die Arbeiterkosten
+für fremde Hülfe, wie selbst den auf ihr Einfangen gesetzten Preis von
+dem ihnen noch gut stehenden Geld, oder von ihrer nächsten Reise -- und
+wenn die nicht zulangte, von der nächstfolgenden -- zu bezahlen.
+
+Die Wasserpolizei war indessen, wie sie sagte, sehr thätig gewesen die
+Leute wieder einzubringen, oder wenigstens auf ihre Spur zu kommen, doch
+ohne Erfolg. Es war erst =ein= Pfund Sterling auf den Kopf gesetzt,
+und man konnte nicht gut erwarten, daß sie sich den Preis muthwillig
+verderben sollten, da er mit der Zeit von selber steigen mußte.
+
+Der Capitän hoffte indessen das meiste von dem Sonnabend Abend, wo sich
+die Matrosen in Sydney gewöhnlich am freisten gehen lassen und, wenn
+sie erst einmal ins Trinken kommen, nicht mehr die sonst kaum vergessene
+Vorsicht gebrauchen, die Straße oder alle öffentlichen Häuser zu
+vermeiden. Von vielen anderen Schiffen war ebenfalls die Mannschaft
+fortgelaufen, und die ganze Wasserpolizei sollte an diesem Abend auf
+den Beinen sein. Die beiden Steuerleute des Boreas hatten sich ebenfalls
+erboten mit den Steuerleuten noch zweier anderen Schiffe, je zwei mit
+einem Polizeidiener zu gehen, um, falls sie einen der Ihrigen treffen
+sollten, ihn gleich zu kennen und festhalten zu können.
+
+Um sieben Uhr setzte sich der ganze Zug in Bewegung, zerstreute sich
+aber bald nach verschiedenen Richtungen hin, um mehrere Stadttheile auf
+einmal durchstreifen zu können, und man bestimmte nun einen Platz am
+entferntesten Ende der Stadt, wo man sich um 12 Uhr Nachts treffen und
+die gemachten Beobachtungen mittheilen wollte. Bis ein Uhr Morgens ist
+es auf den Straßen stets lebendig.
+
+Der erste Mate vom Boreas, der zweite von einer anderen englischen Barke
+und ein Polizeidiener nahmen den oberen Theil der Stadt Georgestreet,
+Pittstreet und was dort in der Nähe lag, obgleich in Georgestreet,
+als der Hauptstraße der Stadt, wohl kaum einer der Weggelaufenen
+anzutreffen sein mochte. Sie wagten sich schon nicht in diesen
+Stadttheil, wo eine so zahlreiche Menschenmenge fortwährend hin- und
+wiederströmte, und zwischen diesen leicht jemand sein konnte der sie
+kannte und den Händen der überall postirten Constabler übergab.
+Nichtsdestoweniger gingen die drei Männer Georgestreet hinauf und bogen
+dann oben links ab, durch Liverpoolstreet in Pittstreet hinein, vor
+allen Dingen einmal das »goldene Kreuz«, was ihnen als der frühere
+Hauptaufenthaltsort der Leute des Boreas beschrieben war, zu revidiren.
+
+Es war noch zu früh am Abend um schon viel Gäste in den Wirthshäusern
+anzutreffen; die meisten wanderten noch in der Nähe des Markthauses und
+durch den Markt auf und ab, und erfreuten sich des schönen mondhellen
+Abends. Dennoch saßen etwa zehn oder zwölf Männer, meistens Matrosen,
+an den verschiedenen Tischen, und in einem der kleinen Verschläge, wo
+zwei Seeleute ihre beiden Mädchen mit hineingenommen hatten und ihnen
+dort zutranken, ging es besonders lustig und auch laut zu.
+
+Der Mate vom Boreas warf einen schnellen aber forschenden Blick
+über sämmtliche Gäste hinüber, und trat auch in das kleine
+»Privatzimmer«, in das er indiscret genug und, von einem »_what do
+you want_« der darin Sitzenden angeschnauzt, hineinschaute, konnte aber
+kein bekanntes Gesicht entdecken. Mrs. und Mr. Mac Carther warfen sich
+übrigens einen Blick zu, den sie beide zu verstehen schienen, und
+die »Dame« wandte sich dann mit der größten Freundlichkeit an die
+Neuangekommenen, und frug was sie zu trinken wünschten. Sie ließen
+sich eine Flasche Porter und drei Gläser geben, und setzten sich an
+einen der Tische.
+
+Polly ging ab und zu, und schien besonders mit dem Polizeidiener, einem
+jungen, hübschen und schlanken Mann, gut bekannt zu sein. Als Mr. Mac
+Carther die zweite Flasche auf den Tisch setzte, stand der junge Mann
+von der Wasserpolizei auf und ging hinaus -- wenige Minuten darauf
+folgte ihm Polly -- sie standen beide in der offenen Hausthür.
+
+»Polly«, sagte der Polizeidiener, und hob ihr mit dem rechten
+Zeigefinger das Kinn empor -- »wo sind die Leute vom Boreas, die Ihr
+versteckt habt?«
+
+»Die =Ihr= versteckt habt?« sagte das Mädchen schnippisch und
+schnell, und schlug den Finger mit der verkehrten Hand weg -- »die Ihr
+versteckt habt? -- was gehen mich die Leute vom Boreas oder irgend einem
+anderen »aß« an, und was hätt' ich davon, Matrosen zu verstecken? --
+Wenn Ihr mir weiter nichts zu sagen habt, Mr. Naseweis, dann seid so gut
+und laßt mich ein andermal zufrieden.« Und damit wollte sie sich von
+ihm losmachen und wieder ins Schenkzimmer gehen. Charles, wie der junge
+Mann hieß, faßte aber ihre Hand und sagte schmeichelnd: -- »Sey nicht
+närrisch, Polly -- du verstehst wie ichs meine, und daß ich recht gut
+weiß wie du selber nichts damit zu thun hast -- obgleich mir Gerüchte
+zu Ohren gekommen sind von einem jungen Franzosen der --«
+
+»Charles«, sagte das Mädchen, und schien ernstlich böse zu werden,
+»du hast es heut Abend ordentlich darauf angelegt mich zu ärgern, und
+ich antworte dir keine Sylbe weiter.«
+
+»Was das betrifft, mein Schatz«, lachte der andere, während er jedoch
+die Hand des Mädchens noch immer fest dabei hielt -- »so =hast= du mir
+auch noch gar keine Sylbe geantwortet. -- Ich weiß aber, daß du ein
+vernünftiges Mädchen bist -- du hast mir davon schon zu viele Proben
+gegeben, so laß uns denn auch ohne weitere Umschweife ein vernünftiges
+Wort miteinander reden. Auf das Einfangen der Leute vom Boreas wird in
+der nächsten Woche, wenn der Capitän erst einmal weg =muß=, ein sehr
+bedeutender Preis gesetzt werden -- wenn du die Hälfte davon verdienen
+kannst, wirst du doch vielleicht zusehen, ob du mir ein oder das andere
+von Mr. und Mrs. Mac Carther herausbekommen kannst?«
+
+»Du glaubst doch nicht etwa«, fiel ihm das Mädchen rasch in die Rede,
+»daß Mr. und Mrs. Mac Carther weggelaufenen Matrosen in ihrem eigenen
+Hause ...«
+
+»Gott bewahre«, unterbrach sie Charles lachend »da sind sie beide
+viel zu vernünftig dazu, als daß sie sich einer solchen Gefahr
+aussetzen sollten -- es stehen 50 Pfund Sterling Strafe darauf. -- Nein,
+aber sie -- haben doch manches -- oh hol's der Henker, du bist klug
+genug, und dir brauch ich doch weiter keine Erklärung zu geben.«
+
+Das Mädchen sah einen Augenblick vor sich nieder und sagte dann leise --
+
+»Wie hoch wird die Belohnung etwa sein?«
+
+»Wie hoch? nun =unter= vier Pfund Sterling per Mann auf keinen Fall,
+wahrscheinlich aber sechs, und wie viel sind es gleich -- vier, sieben
+-- neun, nicht wahr?«
+
+Das Mädchen sah zu ihm auf und schüttelte verschmitzt mit dem Kopf --
+die Falle war ein klein wenig zu plump gewesen. Charles mochte das auch
+wohl fühlen, denn er wurde bis über die Ohren roth, sagte aber gleich
+darauf lachend -- »bitt' um Entschuldigung, ich hatte ganz vergessen,
+daß du gar nichts davon weißt. Doch genug für jetzt. Mir liegt selber
+nichts daran, daß wir sie heut Abend erwischen sollten, und sind sie in
+der Nähe, so thäten sie sehr wohl sich ein wenig von den Straßen oder
+aus den öffentlichen Trinkhäusern zu halten, sie könnten sich
+sonst leicht morgen an einem Orte finden, auf den sie Heute schwerlich
+gerechnet haben. Also _good bye_, Polly, sei ein gut Mädchen und halte
+die Augen offen.«
+
+Damit trat er mit ihr in den dunklen Gang zurück, zog sie etwas näher
+an sich und -- doch es war zu dunkel etwas weiter zu erkennen. Als aber
+gleich darauf die Thür aufging, stand Charles vorn im Haus, und Polly
+kam, allem Anschein nach eben vom Hof, und trat in die Schenkstube.
+
+Als Charles wieder in die Stube kam, hatten die beiden Steuerleute schon
+die Zeche bezahlt und sich zum Fortgehen gerüstet. -- Sie hielten sich
+erst einmal vor allen Dingen nach der Rowson oder Rosenstraße hinüber,
+wo ein freier eingezäunter Platz die eine Reihe Straßen begrenzt
+und die Matrosen, in der Nähe zahlreicher verrufener Häuser gern
+umherschlendern. Obgleich sie aber manchen von diesen begegneten, und
+alle scharf ins Auge faßten, war doch keiner der rechten darunter.
+Einmal freilich glitt eine dunkle Gestalt rasch und flüchtig vor
+ihnen hin, verschwand aber auch gleich darauf durch die dort hohe
+Pallisadenfenz, in eine kleine Thür, die sich hinter ihm schloß. Es
+war dies kein öffentliches oder Kosthaus, und der Polizeimann hätte
+erst einen »_warrant_« ausnehmen müssen, ehe er ein Privathaus
+untersuchen durfte. Oft blieb Charles aber eine kurze Strecke zurück,
+und flüsterte hie und da mit einer, im Schatten irgend eines niedern
+Hauses, neben einem erleuchteten Fenster stehenden weiblichen Gestalt
+-- er schien mit allen Winkeln und Höhlen der ganzen Stadt bekannt zu
+sein.
+
+Es war etwa neun Uhr als sie nach Pittstreet zurückkamen; hier hatte
+sich indessen manches verändert, und die im Anfang noch ziemlich
+öde Straße wimmelte jetzt, besonders in der Nähe des Theaters,
+von Menschen. Dem Theater gerade gegenüber sind eine Anzahl kleiner
+Spelunken oder Trink- und Tanzhäuser nur von liederlichen Dirnen
+besucht, zu denen sich die Menschen förmlich drängten. Unsere drei
+Wanderer traten ebenfalls ein, und zwar zuerst in das bedeutendste, das
+sogenannte »Shakespeare Haus.«
+
+Unten befand sich die sogenannte Bar -- ein Schenktisch mit den dazu
+gehörigen Vorräthen von Flaschen und Gläsern; dahinter ein kleines
+Zimmer für solche die ruhig ein Glas Bier trinken wollten. Beide Locale
+waren aber fast leer von Gästen, und doch sollte dies Haus ungemein
+großen Absatz haben. Außer diesen beiden Zimmern hatte es aber auch
+noch andere Räume. Gleich neben der Bar, von dieser nur durch eine
+Mauer getrennt, und mit einem aparten Eingang von der Straße, ging
+eine schmale Treppe in die erste Etage hinauf, wo der ganze Raum in
+zwei große Locale getheilt war. Das eine war ein hoher Saal, dessen
+äußerstes Ende ein statuenartig und lebensgroß gemaltes Bild
+Shakespeare's zierte.
+
+Der große Dichter stand aufrecht da und überschaute mit einem
+merkwürdigen Zug unendlicher Gleichgültigkeit das ganze wilde Treiben
+um sich her. Der Maler hatte in diesem Bild sicher eine schwere
+Aufgabe gelöst, und Shakespeare wenigstens an Gestalt, Kleidung und
+Gesichtszügen kennbar, zugleich aber auch mit einem so nichtssagenden
+faden Gesicht hingestellt, daß man dem Bild, da der Maler gerade nicht
+bei der Hand war, die erste beste Flasche hätte an den Kopf werfen
+mögen. Rings an den übrigen Wänden waren Scenen aus Shakespeare's
+Werken, colorirt, dargestellt, mit gerade solchen Gesichtern als sie
+=der= Shakespeare geschaffen haben würde. -- Der Sturm und Romeo
+und Julie, König Lear und Fallstaff hatten besonders dazu herhalten
+müssen, und auf einem Bild stand eine lange schwarze Figur mit einem
+Barrett auf dem Kopf und einer Kegelkugel in der Hand, und sah ums Leben
+aus, als ob sie eben im Begriff wäre alle neun zu schieben. -- Das
+sollte Hamlet sein.
+
+Es war noch ziemlich leer im Saal; in der äußersten linken Ecke stand
+ein altes, abgepauktes Pianino wie ein Luftspringer auf einem Dorfe, der
+sich auf die Hände stellt und mit den Füßen an der Wand hinaufreicht.
+-- Vor diesem saß ein junger Mann, der Horn an den Fingern haben
+mußte, denn er schlug unablässig eine alte Polka von vorn bis hinten
+durch, und fing, wenn er hinten fertig war, vorn wieder an. Neben ihm
+stand ein kleiner Junge mit einer Violine, der ihn zu begleiten suchte,
+aber nicht mit kommen konnte. Allerdings hielt er ziemlich Tact mit ihm,
+aber er konnte ihn nur nicht einholen. -- Der Schweiß stand ihm auf der
+Stirn, die Augen traten ihm aus dem Kopf, die Finger gingen in rastloser
+Hast auf den gequälten Saiten auf und nieder, aber vergebens -- zwei
+Noten war er regelmäßig hinter ihm. Hätte der Clavierschläger nur
+eine Secunde gewartet -- nur den Gedanken einer Secunde -- aber nein --
+vorwärts, unaufhaltsam vorwärts ging es, wie die wilde Jagd -- kein
+Rückblick, außer für die, denen das Gesicht auf den Nacken gedreht
+war -- und der Violinspieler gab die Verfolgung endlich in Verzweiflung
+auf.
+
+Rings an den Wänden hin standen Bänke und Sophas; unter der
+Shakespearestatue der beste, und auf diesem lag lang ausgestreckt
+ein junges wunderhübsches Mädchen in einem seidenen, oben
+hochanschließenden Kleid, unter dem die kleinen zierlichen Füße nur
+eben mit den Spitzen hervorschauten. Ihre Beschäftigung war, wie sich
+das unter einer Shakespearestatue auch gar nicht anders denken läßt,
+eine rein geistige -- sie schlürfte ein Glas Brandy und Wasser, und
+stellte das Glas als sie es ausgetrunken der Bequemlichkeit wegen vor
+sich auf die Erde nieder.
+
+Auf den anderen Sophas und Bänken saßen viele andere Mädchen und
+junge Leute -- von den ersteren einige sehr elegant gekleidet, mit
+Hüten und Schleiern und großen Shawls, andere wieder mit schlicht
+zurückgekämmten Haaren und kattunenen Kleidern. Ebenso großer
+Unterschied war bei dem männlichen Geschlecht, von dem feingekleideten
+Stutzer bis, in einzelnen Fällen, zum einfachsten Matrosen herunter, so
+standen, saßen und lehnten sie in den buntesten und verschiedenartigsten
+Gruppen umher. -- Nur der eine Unterschied war doch wohl, daß die
+Mädchen alle einem bestimmten =jugendlichen= Alter angehörten, während
+sich unter den Männern auch sogar einige aus dem »besten« befanden, die
+mit noch recht jugendlichem Anstand scheinbar theilnahmlos hin- und
+herwanderten, oder an einem der Tische ihren »Portwein St. Gris«
+sippten.
+
+Der Tanz hatte aber noch nicht begonnen -- der verzweifelte Wettlauf der
+beiden Musici schien nur erst eine Vorübung gewesen zu sein.
+
+Unsere drei Freunde fanden hier übrigens nicht was sie suchten,
+und Charles meinte, sie wollten lieber später noch einmal hierher
+zurückkehren, und erst nebenan in die anderen Locale hineinsehen.
+Es sei wahrscheinlicher, daß sich einzelne der Leute, wenn sie sich
+überhaupt in ein öffentliches Local getraut, eher dort als hier
+aufhalten würden.
+
+Ehe sie übrigens die Treppe wieder hinuntergingen, traten sie noch
+einen Augenblick in das nach vorn hinaussehende Zimmer. Drei junge
+Mädchen saßen hier an dem mittleren Fenster und schauten nach dem
+gegenüberliegenden Theater hinüber; ein paar andere lehnten in
+verschiedenen Sophaecken und schienen zu schlafen, und an dem Tisch
+stand eine sechste im eifrigen aber leise geführten Gespräch mit einem
+jungen Mann, der sehr elegant gekleidet war, und augenscheinlich den
+höheren Ständen angehörte.
+
+Hier war weiter nichts für sie zu thun -- sie stiegen die Treppe
+hinunter, bogen rechts ab, und traten in das erste Local hinein, das
+sie drei oder vier Thüren weiter hin fanden. Wilder Lärm tönte
+ihnen schon bei ihrem Eintritt entgegen, aus dem Saal hinter der Bar
+kreischten die schrillen Töne einer Violine hervor, und kaum hatten sie
+diesen Platz betreten, als sie auch in eine wahre Wolke von Tabaksqualm
+und Brandygeruch eingehüllt waren.
+
+Alle drei hatten aber schon in ihrem Leben weit schlimmere Dinge
+mitgemacht, und bewegten sich in diesem Chaos wie in ihrem Element. In
+der That gingen auch all diese äußeren Eindrücke spurlos an ihnen
+vorüber, denn die männlichen Gäste bestanden fast einzig und allein
+aus Matrosen von all den verschiedenen Schiffen in der Bay, und
+die Dirnen, die sich zwischen ihnen herumtrieben, gehörten der
+verworfensten Classe an. -- Auch lag der Platz weiter zurück und mehr
+getrennt von der Hauptstraße, und mehrere der Leute vom Boreas sollten
+in dieser Woche, und seit sie das Schiff verlassen, hier gesehen worden
+sein.
+
+Charles rief den Barkeeper bei Seite und sprach eine kurze Zeit lang
+heimlich mit ihm. -- Es war sehr wahrscheinlich, daß sich die Leute
+des Boreas nicht alle an Einem Ort aufhielten, besonders da sie von
+verschiedenen Nationen waren, und leicht möglich wäre es gewesen
+einen oder den anderen hier aufzutreiben. Der Barkeeper wußte aber von
+nichts; er schüttelte wenigstens höchst entschieden mit dem Kopf, und
+machte dabei fortwährend eine Bewegung mit seinem Körper, als ob ihn
+hinten jemand am Hosengurt gefaßt habe, denn eine Jacke trug er
+nicht, und aus Leibeskräften daran zöge. Nur der Respect vor dem
+Polizeidiener, den er, wenn auch in Civil, doch jedenfalls kannte, hielt
+ihn noch zurück.
+
+»Ich bin sicher, daß hier Einer oder ein paar von den Burschen gewesen
+sind«, sagte Charles, als er zu den Steuerleuten zurückkam. -- »Der
+Schuft erschrack, als ich es ihm auf den Kopf zusagte, und war gar so
+ängstlich bemüht, wieder von mir abzukommen. -- Wir wollen fortgehen
+und nachher noch einmal einsprechen, dann aber gleich hinten in die
+kleine Kammer gehen, ehe sie uns vermuthen können.«
+
+Zwei Häuser weiter war eine andere solche Kneipe -- dort standen einige
+zehn oder zwölf Mädchen vor der Thür, und zankten sich und schimpften
+einander. Von der anderen Seite der Straße kamen mehrere Constabler
+herüber, und die Dirnen, die nicht arretirt sein wollten, traten
+rasch ins Haus, setzten aber hier den Streit in einer der Nebenstuben
+unerbittlich fort. Es waren meist noch junge Dinger von sechszehn bis
+achtzehn Jahren. Mehrere hatten aber schon blaugeschlagene Augen -- die
+Folgen eines früheren Gefechts, vielleicht vom letzten Sonnabend Abend
+-- viele trugen brennende Cigarren im Mund. Natürlich drängte sich
+dabei Alles um sie her, den fast stets in Thätlichkeiten ausartenden
+Scandal zu Ende zu sehen, und was nur von Matrosen in der ganzen Straße
+war, schien sich hier auf einmal concentrirt zu haben.
+
+»Jetzt ist unsere Zeit« flüsterte Charles den beiden Steuerleuten zu.
+-- »Stellen Sie sich beide an verschiedenen Seiten der Stube auf und
+betrachten sie sich vor allen Dingen die Gesichter der Hereinkommenden.
+-- Die wieder hinaus wollen, müssen nachher immer bei mir
+vorbeidefiliren. Sehen Sie einen der Burschen, dann geben Sie mir nur
+ein Zeichen, und für das andere werde ich sorgen.« Er schlug dabei
+bedeutungsvoll auf seine Tasche, in welcher er ein paar, von der
+Regierung bezeichnete Handschellen, für ihn zugleich der eiserne
+Ausweis seiner Function, trug.
+
+Der Streit im Innern nahm indessen einen immer bedenklicheren Character
+an. Die beiden Feindinnen hatten die Arme in die Seite gestemmt, und
+bliesen den Rauch ihrer Manillas in dicken Wolken von sich. -- Es war
+das ein Zeichen sehr heftiger Gemüthsstimmung, und Beide gehörten
+jedenfalls dem verworfensten Theil der menschlichen Gesellschaft an.
+
+»Und was thust Du überhaupt hier, Du gotteslästerliches Ding Du mit
+deinen großen Glotzaugen?« rief die eine jetzt, die Unterhaltung wie
+es schien auf ein anderes Feld überführend. -- »Was hast Du hier
+zu suchen, als Dich unnütz machen und Scandal anfangen Du --
+Preisverderber Du --«
+
+»Was ich hier thue?« schrie die andere aber, und schleuderte mit einem
+entsetzlichen Fluche ihre brennende Cigarre zur Erde nieder, während
+sie sich zu gleicher Zeit die Aermel in die Höhe streifte und zum nicht
+mehr zu vermeidenden Kampfe vorbereitete; sie hatte die Geduld verloren.
+-- »Ich gehe meinem Broderwerb nach so gut wie Du -- -- und wenn Dir
+das nicht genügende Auskunft ist, so will ich Dir meine andere mit
+rother Dinte in die Fratze zeichnen.«
+
+»_Go it Nelly_ -- _go it ye cripples_ -- Hurrah für Sally -- fünf
+Schilling auf Nelly« -- schrieen mit einem wilden Gejauchze die
+umstehenden Matrosen, die einen festen Kreis um die beiden gebildet
+hatten.
+
+»Vier Brandy hot«, schrie in diesem Augenblick der rothhaarige
+Kellner, und versuchte mit einem Präsentirteller und vier halb
+gefüllten Gläsern in das Zimmer zu dringen. Es wäre für ihn aber
+viel vortheilhafter gewesen, hätte er statt dem bestellten =heißen=
+Brandy, kalten gebracht, denn irgend einer von den fünfzig Ellbogen,
+die ihm in seiner nächsten Nähe entgegenstarrten, fuhr ihm -- ob
+absichtlich oder unabsichtlich, wer kann das sagen -- unter den Teller
+und sandte dem armen Teufel die ganze Ladung im wahren Sinne des Worts
+»über den Hals« und in das Vorhemdchen.
+
+Sally war übrigens zu viel »_game_«, auf solche Ausforderung auch nur
+noch weiter ein anderes Wort, als höchstens einen Fluch zu erwiedern.
+-- In demselben Moment schleuderte sie ebenfalls ihre Cigarre mitten
+zwischen die sie umdrängende Schaar, die lachend das Feuer von sich
+abschlug, und fiel in richtiger Boxerstellung auf ihre Gegnerin aus.
+
+Das Schreien und Hurrahen hatte in diesem Augenblick seinen höchsten
+Grad erreicht, und die Stube drängte so voll von Menschen wie sie
+nur Kopf an Kopf neben einander stehen konnten. Alles was in der
+Nachbarschaft gewesen war, preßte herzu.
+
+Der Mate vom Boreas, der sich im Anfang ziemlich nahe der Thür postirt
+hatte, um im Fall der Noth gleich bei der Hand zu sein, war durch das
+Zuströmen immer neu Hinzukommender viel weiter zurückgeschoben worden
+als ihm selber lieb sein mochte. Hinaus konnte er aber nicht wieder, bis
+sich wenigstens ein Theil der Menge verlaufen hatte, und er that deshalb
+nur sein Möglichstes einen Platz auf dem Fensterbrett zu gewinnen.
+Nicht aber um dem Kampfe zuzusehen, denn der interessirte ihn sehr
+wenig, sondern die stets wechselnden Gesichter zu beobachten, die sich
+theils immer noch in das Zimmer drängten, theils die Thüre in einem
+dicht geschlossenen Ring von Köpfen umstanden.
+
+An der Thür hatte Charles noch immer, trotz jedem Andrang von außen,
+seinen Posten behauptet, nur war er ein klein wenig nach innen geschoben
+worden, und blickte abwechselnd nach den beiden Mates hinüber, ob
+nicht Einer von ihnen seine Thätigkeit für irgend ein noch näher zu
+bezeichnendes Individuum in Anspruch nehmen wollte. Da sah er, wie sich
+plötzlich der Steuermann vom Boreas so hoch aufrichtete, wie er sich
+nur immer auf seine Zehen heben konnte und, ein Bild der gespanntesten
+Aufmerksamkeit in die Masse von Menschen starrte. Ein Gesicht war vor
+ihm aufgetaucht, das er nur noch nicht recht erkennen konnte, weil die
+Lampe darüberhing, die ihren Schatten hinunter warf.
+
+Dies Gesicht gehörte aber niemand anderem als unserem alten Bekannten
+Bill, der, die Hände in den Taschen und eine Cigarre im Munde, eben
+am Haus vorbeigeschlendert war, als der Lärm innen sich erhob, und nun
+blos einmal sehen wollte was hier vorging. Fast ohne daß er es merkte,
+war er aber weiter und weiter in das Zimmer hineingeschoben, und der
+Kampf selber hatte im ersten Augenblick seine Neugierde so erregt, daß
+er wirklich an gar keine weitere Gefahr für seine eigene Person dachte.
+Endlich, aber nur zufällig und nicht etwa aus irgend einer Ahnung ihm
+drohenden Unheils, warf er den Blick einmal höher, senkte ihn aber
+nicht wieder, denn er begegnete gerade in diesem Momente dem seines
+eigenen Steuermanns, von dem er, sobald der nur einmal sein Auge
+sehen konnte, ebenfalls erkannt wurde. Der Steuermann stieß halb in
+Ueberraschung, halb in Freude einen lauten Schrei aus.
+
+Den Schrei würde nun freilich der an der Thür postirte Charles in
+all dem wilden Lärmen nicht gehört haben, aber die damit begleitete
+Bewegung entging ihm nicht, und fast unwillkürlich griff er schon in
+die Tasche, die eisernen »_darbies_« herauszuholen.
+
+Bill war übrigens viel zu klug, nicht mit einem einzigen Blicke seine
+ganze Gefahr zu übersehen, denn er wußte recht gut daß der Steuermann
+hier in dies Local nicht allein hereinkommen würde, ohne jedenfalls
+noch Hülfe, am Ende gar Polizei, bei sich zu haben. Dabei hatte das
+Zimmer nur eine Thür, und war die -- und wie konnte es anders sein,
+besetzt, so befand er sich hier allerdings in einer Falle die
+ihn umsomehr ärgerte, da ihn sein eigener fabelhafter Leichtsinn
+hineingeführt. -- Für den Augenblick ließ sich noch dazu gar nichts
+thun, seine Lage auch nur im Geringsten zu verbessern. -- Er konnte
+seine Hände nicht einmal aus der Tasche bekommen, so drängte das Volk
+um ihn her, denn der Kampf nahte sich seinem Ende: Nelly hatte schon
+ein, Sally zwei blaue Augen und die letztere empfing gerade unter dem
+beifälligen Hurrahschrei der Masse einen letzten entscheidenden Schlag,
+der sie wie todt zu Boden warf. Nelly war ein sehr nervöses Mädchen,
+d. h. sie hatte ausgezeichnete Nerven und Muskeln.
+
+Bill interessirte sich aber nicht im mindesten mehr für den Kampf;
+seine eigene Lage nahm seine Aufmerksamkeit viel zu sehr in Anspruch,
+und rasch warf er den Blick umher, jede nur irgend günstige Gelegenheit
+zu seinem Vortheil zu benutzen.
+
+Der Mate hatte indessen mit Charles eine Art telegraphischer Depesche
+unterhalten, worin er ihm bemerkbar machte, daß Einer der gesuchten
+Leute hier in der Mitte des Zimmers sei. Zugleich gab er ihm dabei zu
+verstehen, daß er einen großen Bart habe. Bill sah das alles selbst
+mit an. So gern er aber auch seinen Feind mit eigenen Augen kennen
+gelernt hätte, wagte er doch nicht den Blick dorthin zu wenden, und
+wäre am liebsten in dem Meer von Köpfen, das ihn umgab, untergetaucht,
+wenn er sich auch nur einen Zoll hätte bewegen können. Aber fest
+eingekeilt stand er da, und der Mate warf dem Polizeidiener einen
+triumphirenden Blick zu. Bill war ihm sicher.
+
+Gerade in diesem Augenblick machte Nelly noch einen Ausfall auf die
+schon gefällte Feindin. Das aber war zu unritterlich, als daß es die
+Umstehenden hätten zugeben sollen, und sie warfen sich zwischen sie.
+Dadurch bekam Bill wenigstens so viel Luft, die Hände aus den Taschen
+zu ziehen und sich selber niederzuducken. Zu gleicher Zeit nahm er einen
+verzweifelten Anlauf gegen die Beine der ihn Umdrängenden -- es blieb
+ihm kein anderer Ausweg mehr als mit Gewalt durchzukommen, wußte er
+doch recht gut, daß jeder versäumte Augenblick seine Gefahr nur immer
+noch vergrößern mußte. Wie ein unter Wasser Fortschwimmender hielt er
+dabei geraden Cours auf die Thür zu, obgleich er das Schlimmste von
+den draußen stationirten Constablern fürchtete. Er konnte aber nicht
+anders und vertraute jetzt nur seinem guten Glück.
+
+So wie aber der Mate diese Bewegung des Flüchtlings bemerkte, von der
+er augenblicklich den richtigen Grund errieth, schrie er dieses dem
+Polizeidiener zu, und da er wohl merkte, daß der in dem Heidenlärm
+kein Wort verstehen konnte, suchte er ihm die Absicht ihres Opfers
+pantomimisch begreiflich zu machen. Aber auch dies hatte seine
+Schwierigkeiten, denn er mußte sich mit einer Hand am Fenster
+festhalten, und durfte sich auch nicht tief bücken, sonst konnte ihn
+Charles nicht sehen. Durch diese unbequeme Stellung wurde er gezwungen
+die wunderlichsten und entsetzlichsten Bewegungen zu machen, so daß
+Charles ganz erstaunt zu ihm hinübersah, und gar nicht begreifen konnte
+-- oder wollte, was das alles eigentlich zu bedeuten habe.
+
+Das rettete Bill -- gerade in diesem Augenblick glitt er wie eine
+Schlange, obgleich unbewußt, an den Beinen seines gefährlichsten
+Gegners vorbei, der schon die Handschellen für ihn gefaßt hielt, und
+war im nächsten Moment auf der Straße -- in Kingstreet, Kingstreet
+hinauf in alle kleinen Quergassen die er auftreiben konnte, und
+spornstreichs nach seinem Versteck zurück; fest entschlossen, dieses
+von jetzt an mit keinem Schritt wieder zu verlassen.
+
+Der Steuermann vom Boreas wollte erst gar nicht glauben, daß ihnen der
+Matrose entgangen sein konnte; es war aber doch so, und er tröstete
+sich zuletzt damit, er habe sich am Ende gar getäuscht, und Bill sei
+das gar nicht gewesen. Es war auch nicht wahrscheinlich, daß sich
+dieser so öffentlich und allein herauswagen sollte -- und doch hatte er
+ihm erstaunlich ähnlich gesehen.
+
+Von hier aus gingen sie noch einmal in das Shakespeare Haus zurück.
+Hier schien indessen alles in vollem Gang; das Theater war gerade aus,
+und zu den jetzt vereinigten Tönen des Claviers und der Violine -- die
+wunderbarerweise zusammenstimmten -- drehten sich die flüchtigen und
+mitunter auch sehr graciösen Paare in Quadrillen und Contratänzen.
+Alle Sophas waren besetzt, alle Stühle und Tische von Menschen
+beiderlei Geschlechts in Beschlag genommen, und eine ungeheure
+Quantität von Brandy und Portwein wurde verzehrt. Shakespeare sah dabei
+noch mit demselben nichtssagenden Gesicht auf die bunten Gruppen nieder,
+und Hamlet war noch immer am Schub.
+
+Für ihren Zweck fanden sie aber nichts, weder hier noch nebenan,
+und verließen bald darauf Pittstreet, um zuerst einmal ein Stück in
+Georgestreet hinaufzugehen, wo sie ein besonderes Haus an der Ecke von
+George- und Kingstreet im Auge hatten.
+
+Es war dies ebenfalls ein Schenkhaus, aber zugleich mit einer Art
+Abendunterhaltung. Sie gingen durch die Schenkstube und ein paar Stufen
+hinauf in ein anderes saalartiges Zimmer, sehr einfach mit hölzernen
+Bänken und Tischen meublirt, und im Hintergrund mit einer Art schmaler
+Bühne, in dessen einer Ecke ein Clavier traurig auf drei Beinen stand
+und von einem jungen Virtuosen in einem abgetragenen blauen Frack
+»beschlagen« wurde. Diese musikalische Abendunterhaltung war aber
+nicht zum Tanz eingerichtet, sondern hatte einen höheren, geistigen
+Zweck, der sich ihnen bald offenbaren sollte.
+
+Auf die Bühne trat eine Gestalt in einem Charakteranzug, für die
+Person aber jedenfalls höchst passend gewählt. Sie war in einen
+zerrissenen Frack, an dem bedenklichsten Theil stark beschädigte
+Beinkleider und einen eingedrückten Hut nebst schiefgetretenen Schuhen
+gekleidet, und sang ein komisches, sehr langes und sehr unanständiges
+Lied, das bei dem Publicum den unbegränztesten Beifall fand. Das
+Letztere bestand zur einen Hälfte aus Matrosen und Handarbeitern aus
+der Stadt, und zur anderen aus liederlichen Dirnen, die wie in all den
+anderen derartigen Häusern hierherkamen ihre Cigarre zu rauchen, ihren
+Brandy zu trinken und Bekanntschaften anzuknüpfen. Es waren widerliche,
+freche, ekelerregende Geschöpfe.
+
+Auch hier fanden sie keinen ihrer Leute. Gerade aber als sie wieder aus
+der Thür auf die Straße traten, rannte in ziemlicher Eile ein junger
+Bursch gegen den Mate des »Phönix« an und wollte eben mit einer
+Entschuldigung ausweichen, als dieser sein Gesicht zu sehen bekam und
+rasch zugriff --
+
+»Hallo Smith«, rief er dabei aus, »ich bin höllisch froh dich hier
+so zufällig zu finden; habe schon einen langen Spaziergang dir zu
+lieb gemacht. Hr. Charles, ich möchte Sie einmal um ihre Handschellen
+bemühen.« Charles war rasch damit bei der Hand, der arme Teufel von
+Matrose aber, der hier so plötzlich dem Feind gerade in den Rachen
+gerannt war, wollte wenigstens noch einen letzten Versuch machen zu
+entwischen. Sich deshalb auf seine schnellen Beine verlassend, riß
+er sich rasch von dem Mate, der daran gar nicht mehr dachte, los, und
+sprang Kingstreet hinauf. Die Straße war aber hier hell erleuchtet
+und an den Ecken von King- und Kentstreet stand ein wahres Nest
+von Constablern. Der Alarmschrei wurde gegeben, die Straße war
+augenblicklich besetzt, und fünf Minuten später befand sich Smith in
+den Händen und Handschellen des Polizeidieners Charles von der Sidney
+Wasserpolizei.
+
+Es war indessen schon ziemlich spät geworden, und Charles ging mit
+seinem Gefangenen zu seiner Station hinunter. Die beiden Steuerleute
+wollten aber erst noch einmal zu dem besprochenen Sammelplatz hinauf,
+wo sie weiteres von den übrigen Dienern der Gerechtigkeit und ihren
+eigenen Cameraden über den Verlauf und das »Glück« des Abends hören
+sollten.
+
+Dicht vorher, ehe sie das in Pittstreet ihnen bezeichnete Haus
+erreichten, und oben zwischen Druitt und Bathurststreet, kamen die
+Beiden an einem kleinen niedern Schenkhaus vorbei, wo sie ebenfalls
+Lärm hörten. Die Thür stand offen und sie traten ein.
+
+Es war eines der gewöhnlichen Branntweinhäuser geringerer Classe,
+und es schien hier an diesem Abend schon wild hergegangen zu sein. Eine
+Masse Gläser standen ungespült mit Löffeln und Zuckersatz auf dem
+Schenktisch -- andere lagen zerbrochen auf der Erde. Unter einem der
+Tische lag ein trunkenes menschliches Wesen, das weibliche Kleidung
+trug, auf dem anderen Tisch lehnte mit dem Kopf ein Mann und schnarchte
+schwer. Hinter der Bar stand der Wirth, der auch der Flasche
+bös zugesprochen zu haben schien, denn er konnte die kleinen
+dickgeschwollenen Augen nicht mehr offen halten, und schlief im Stehen.
+
+Die scheußlichste, aber auch interessanteste Gruppe bestand aus fünf
+Frauen und Mädchen, zwei noch jung, dem Anschein nach wenigstens nicht
+mehr als zwanzig bis einundzwanzig Jahr, und vielleicht noch jünger,
+denn das wüste Leben altert vor der Zeit, die anderen aber schon
+über die dreißig hinaus, mit widerlichen, schmutzigen, geschwollenen
+Gesichtszügen und =alle= betrunken. Den ungemischten Brandy gossen sie
+in die ausgebrannten Kehlen, und lachten und schrieen sich die rohsten,
+wüstesten Sachen zu. Es hörte aber schon keine mehr was die andere
+sprach.
+
+Abgesondert von allen übrigen stand ein einzelnes Mädchen, vielleicht
+achtzehn Jahre alt -- das Haar hing ihr wild um die Schläfe, die
+Schminke war ihr zum Theil von den Wangen gelaufen und die bleiche
+schmutzige Haut sah darunter vor. -- An Stirn und Schläfen trug sie
+dabei Zeichen eines kürzlich bestandenen Kampfes, das geronnene Blut
+klebte dort noch an mehrern Stellen. Das Zeug hing ihr unordentlich
+und zerrissen am Körper, an der linken Seite war es ihr vollkommen
+aufgeschlitzt und eine volle weiße Brust quoll hindurch. Mit der linken
+Hand hielt sie aber ein halb mit Brandy gefülltes Glas -- sie hatte
+schon einen Theil desselben getrunken und sang jetzt mit leiser
+wunderbar melodischer Stimme eines jener so zum Herzen sprechenden
+irischen Volkslieder -- »_oh no, we never mention her_.«
+
+Keiner hörte aber auf sie, der Wirth schlief, die anderen Weiber hatten
+zu viel mit sich selber zu thun, und die Singende schien ihrer auch
+wenig zu achten. In wilder heftiger Tonart hatte sie das Lied begonnen,
+wie sie aber weiter und weiter hineinkam, schienen andere, vergangene
+Scenen vor ihr aufzutauchen -- Ihre Stimme wurde weicher und weicher,
+und bei den letzten Worten »_if he has loved, as I have loved, he never
+can forget_« -- ließ sie auf einmal das Glas fallen, das am Boden
+zersplitterte, warf sich auf die ihr nächste Bank nieder, barg das
+Gesicht in den Händen und schluchzte laut.
+
+»_Nine pence_ für das Glas, _sixpence_ für den Brandy«, sagte der
+Wirth noch halb im Schlaf -- »macht einen Schilling drei Pence -- wer
+war das?« fuhr er dann aber plötzlich in die Höh und blinzte unter
+den kurzen borstigen Augenlidern schläfrig vor.
+
+Die beiden Männer schlugen im Ekel die Thür hinter sich zu, und
+erreichten bald darauf den bestimmten Versammlungsort, wo sie die
+übrigen schon ihrer harrend fanden.
+
+Vom Boreas war ein Franzose unten am Wasser eingefangen, von dem
+Phönix noch ein anderer, und drei Matrosen von einem schon länger
+eingelaufenen Wallfischfänger. Man hatte aber sonst nutzlos all die
+Plätze durchstöbert, wo den Polizeileuten, wie sie sagten, gewisse
+Kunde zugegangen, daß sie heimlich versteckte Matrosen finden sollten.
+Wie sie meinten, war ihnen der auf den Fang gesetzte Preis noch nicht
+hoch genug, denn sie könnten nicht anders hinter ihre Schlupfwinkel
+kommen, als wenn sie die Leute, die sie versteckt hielten, bestachen,
+ihnen selbst den Zufluchtsort anzuzeigen. Das kostete natürlich viel
+Geld, und wollten die Capitäne nicht so viel anwenden, so sollten sie
+nur noch »ein Bißchen Geduld« haben. Mit der Zeit hofften sie schon
+alle wieder zu bekommen.
+
+»Mit der Zeit« -- das konnte aber noch vier bis sechs Wochen dauern,
+und sie wußten recht gut, daß die Schiffe dann das zehnfache an
+Unkosten haben würden. Sie bezweckten aber auch damit was sie wollten.
+Die Capitäne waren gezwungen höhere Belohnungen auf den Einfang der
+weggelaufenen Leute zu setzen.
+
+Als sie auf ihre Schiffe zurückkehrten, mochte es schon ein Uhr Morgens
+sein, und die Straßen waren still und öde. Einzelne Constabler gingen
+langsam auf und ab, und ihre Schritte hallten von den hohen Gebäuden
+wieder. Nur nach unten, nach dem Wasser zu zeigte sich der helle
+Schimmer weiblicher Kleidungsstücke. Es waren zwei Frauen, die
+betrunken auf einem Haufen dort gebrochener Steine lagen und ihren
+Rausch ausschliefen. Da sie keinen Lärm mehr machten, ließen sie die
+Constabler ruhig liegen.
+
+
+
+
+Siebentes Capitel.
+
+Was das Geld vermag.
+
+
+Noch volle zehn Tage nach diesem Abend hatte der Boreas draußen in der
+Bay gelegen, und auf das Einfangen seiner Leute gewartet, ohne nur das
+mindeste Resultat weiter erzielt zu haben. Neue konnte der Capitän
+ebenfalls nicht bekommen; seine frühere Mannschaft hatte seinen Ruf
+durch die ganze Stadt verbreitet, und ein Proceß, den er gleich beim
+Einlaufen mit dem Koch und einem der französischen Matrosen gehabt und
+der =gegen= ihn entschieden und in den Blättern besprochen war, diente
+auch nur noch dazu, Matrosen, die ja schiffen wollten und dazu hundert
+andere Gelegenheiten finden konnten, vor seinem Schiff zu warnen.
+
+Er =mußte= aber jetzt fort -- schon hatte er sich wieder genöthigt
+gesehen frisches Wasser und sogar noch mehr Futter für die Pferde, die
+er an Bord hatte, einzunehmen. Die Preise der Leute stiegen dabei von
+Tag zu Tag, und es geschah endlich was die Diener der Wasserpolizei
+schon lange vorhergesehen hatten -- er mußte sechs Pfund Sterling auf
+jeden eingefangenen Matrosen stellen, und brachte dadurch die ganze
+Polizei in Bewegung. Hier war etwas zu verdienen, und Charles wenigstens
+wußte, an wen er sich zu wenden hätte.
+
+Es wird übrigens Zeit, daß ich den Leser auch wieder zu den
+Hauptpersonen dieser Erzählung zurückführe.
+
+Die Mannschaft des Boreas hatte sich an dem Morgen, wo sie ihre Flucht
+so glücklich von Bord bewerkstelligte, nach Verabredung in das goldene
+Kreuz begeben. Hier harrte ihrer schon der Wirth, nahm ihre Sachen in
+Empfang, die er sorgfältig in ein besonderes kleines Zimmer verschloß,
+und ließ die Flüchtigen dann durch einen jungen Burschen, den er zu
+diesem Zweck die Nacht bei sich behalten hatte, über die Bay schaffen.
+Er beköstigte sie dort, und war durch ihre Kleider für die Auslagen
+der wenigen Lebensmittel, durch ihre Entfernung aber auch dagegen
+gesichert, daß das Gesetz ihm, wenn sie wirklich ausgespürt wurden,
+nicht zu Leibe konnte.
+
+Ging nun alles gut, d. h. segelte das Schiff ohne seine Matrosen wieder
+bekommen zu haben, so bekümmerte sich die Polizei entweder gar nicht
+mehr um sie, oder war besondere Ordre zu diesem Zweck vom Capitän
+hinterlassen worden, so wurden sie im schlimmsten Fall auf kurze Zeit
+hingesetzt und sahen sich dann wieder frei, Arbeit anzunehmen wo sie
+es für gut hielten. Die besorgte ihnen aber dann ihr sogenannter
+»Schlafbaas«, und sah sich wohl vor, daß er vor allen Dingen seine
+Kost und sein Logis bezahlt bekam, indem er den ersten oder die beiden
+ersten Monate Löhnung, die besonders Schiffe in solchem Falle stets
+vorauszahlen müssen, in Empfang nahm. Bekam er das, so konnten die
+Leute ihre Sachen wieder bekommen, geschah das nicht, so waren sie ihm
+verfallen und er hatte immer reichlich seine Kosten gedeckt.
+
+In den meisten Fällen verdienen diese Schlafbaasen, die in solcher
+Weise gewissermaßen eine Art Seelenhandel treiben, schönes Geld.
+Hundertmal ist es schon dagewesen, daß sie zuerst die Matrosen selbst
+überreden ihr Schiff zu verlassen, und sie dann, so wie nur ein
+richtiger Preis auf ihren Fang gesetzt wird, dem Capitän des Schiffes
+oder am häufigsten den Polizeidienern selber anzeigen, mit denen sie
+zwar den Raub theilen müssen, aber auch gegen die Folgen vollständig
+gedeckt sind.
+
+Man sagte, daß der Wirth im goldenen Kreuze auf solche Art und Weise
+ebenfalls sein ganzes Vermögen zusammengeschlagen habe, und den armen
+Matrosen ein wirkliches Kreuz gewesen sei. Er hatte auch stets eine
+ganze Zahl solcher Leute, die bei ihm in Kost gingen, und in seinem
+eignen Hause wohnten. Dorthin kamen sie aber erst, wenn er von dem
+Gesetz nichts mehr zu fürchten brauchte -- bis dahin wußte er bessere
+und sicherere Plätze für sie. An einen solchen Ort hatte er denn
+auch die Leute vom Boreas geschickt, die sich jetzt noch unter keiner
+Bedingung in der Stadt durften sehen lassen.
+
+Es war am 22. August, ziemlich spät am Abend, und schon seit drei
+Tagen hatte das Gerücht in der Stadt Umlauf gefunden, der Boreas habe
+Mannschaft und wolle in See gehen. Nichtsdestoweniger durfte noch keiner
+der Leute aus seinem Versteck, und Polly hatte es besonders Jean,
+der sich bis dahin an solche Verordnungen wenig gekehrt, sehr streng
+anbefohlen, sich unter keiner Bedingung in der Nähe des goldenen
+Kreuzes sehen zu lassen.
+
+Diesem Verbot gehorchte Jean auch auf das pünktlichste, keine
+Seele wurde ihn in der Nähe des Platzes, der für ihn die größte
+Anziehungskraft hatte, gewahr, aber =im= goldenen Kreuz selber stellte
+er sich jeden Abend pünktlich ein, gab Polly das verabredete Zeichen
+und schlüpfte dann zwei Treppen hinauf in das kleine Hinterstübchen,
+wo er doch wenigstens manchmal, wenn sie unten für kurze Zeit abkommen
+konnte, ein paar Worte mit ihr plaudern mochte. Jean hatte Polly, der
+Sicherheit wegen, sein ganzes Geld zum Aufheben gegeben, und =sie= ihm
+dafür, sobald der Boreas erst einmal fort sei, ihre Hand versprochen.
+
+Jean wollte mit einem Landsmann, den er in Sydney getroffen, ein kleines
+Geschäft anfangen und die Aussichten waren dazu gerade in dieser Zeit
+vortrefflich.
+
+Er wie seine Cameraden wohnten indessen gerad über der Bay drüben, am
+sogenannten North Shore in einem kleinen abgelegenen Häuschen, an einer
+Stelle im dichten Busch, die selten jemand betrat, und wo gewiß niemand
+entflohene Matrosen gesucht hätte.
+
+Denselben Abend um acht Uhr stand Polly mit unserem alten Bekannten
+Charles von der Wasserpolizei im Hausflur -- im Schenkzimmer war es
+fast ganz leer heut Abend -- Mr. Mac Carther lehnte hinter der Bar und
+schlief, und Madame saß und strickte, und betrachtete nur dann und wann
+mit ziemlich verdrießlichen Blicken zwei Kunden, die schon seit einer
+halben Stunde hinter dem Tische saßen und an einem »nobbler brandy«
+zogen. Polly wurde nicht vermißt.
+
+»Also es bleibt bei unserer Verabredung«, sagte Charles gerade in
+diesem Augenblicke und reichte Polly die Hand zum Einschlagen, die er
+nachher fest in der seinen behielt -- »es bleibt dabei und -- =keine
+Ausnahme=.«
+
+»Ich weiß nicht«, sagte Polly piquirt, »was du immer mit der
+Ausnahme meinst, daß du die mit einem so bedeutenden Ton erwähnst. --
+Wenn ich einmal etwas sage, so kannst du dich darauf verlassen.«
+
+»Polly«, meinte Charles lächelnd, »ich habe dir schon einmal gesagt,
+daß mir von zwei Personen als ganz gewiß mitgetheilt ist, du habest
+dich mit dem einen Franzosen versprochen.«
+
+Polly zog ihre Hand rasch aus der seinen und rief ärgerlich --
+
+»Mit einem Franzosen; ich dächte doch du kenntest mich besser, als
+daß ich mich an einen der Parlewus hängen sollte. Daß er mir den Hof
+gemacht hat weißt du, und in Ehren kann man auch ein Geschenk annehmen.
+Damit ist die Sache aber auch fertig, und wenn du nun noch einmal --«
+
+Ein scharfer, vom Hof gellender Pfiff unterbrach hier ihre Rede, und das
+Mädchen schrack so auffallend zusammen, daß es Charles selbst in der
+dunklen Flur auffallen mußte.
+
+»Hallo!« sagte er leise und horchte -- Polly wollte nach dem Hof
+zu gehen, er faßte sie aber am Arm und flüsterte: »bleib nur einen
+Augenblick hier, Polly -- wir gehen gleich zusammen.«
+
+Vorsichtige Schritte wurden jetzt gehört, die fast geräuschlos aber
+rasch die Treppe hinaufgingen. -- Sie verriethen, daß der welcher
+diesen Weg nahm, ihn schon mehr als einmal gegangen sein mußte.
+Charles mochte das wohl auch fühlen, denn als die Tritte mehr nach oben
+verhallten und die Stufen jetzt kaum hörbar im zweiten Stock knarrten,
+sagte er leise vor sich hinlachend:
+
+»Der kennt jede Stufe im ganzen Haus, darauf wollt' ich schwören. --
+Also das sind die ersten sechs Pfund, Polly, wie? --«
+
+Das Mädchen stand einen Augenblick wie unschlüssig da -- sie
+erwiederte kein Wort. Endlich als oben eine Thür leise aufging und
+wieder geschlossen wurde, sagte sie, mehr zu sich selber als zu
+dem jungen Manne sprechend, und wie nur mit ihren eigenen Gedanken
+beschäftigt:
+
+»Er hat mir Geld zum Aufheben gegeben.«
+
+»Für so dumm hätt' ich ihn nicht gehalten«, meinte Charles trocken,
+-- »doch Matrosen wissen überhaupt nicht ihr Geld zu wahren. -- Gehe
+aber jetzt in die Stube, Polly, ich will noch etwas warten, damit kein
+Verdacht auf dich fällt.«
+
+»Aber Charles --«
+
+»Aber Polly -- Und nicht etwa ein Zeichen gegeben. -- Ich gehe nicht
+fort, ich bleibe hier unten an der Treppe stehen -- _good bye_, Polly
+-- Heut Abend werden wir nicht weiter mitsammen sprechen können, morgen
+Mittag aber komm ich her und sage dir Antwort, und -- laß der Alten
+nichts merken.« Damit nahm er die sich nur schwach Sträubende ohne
+weitere Umstände beim Kopf, küßte sie herzhaft ab und öffnete dann
+selber, ihr jede weitere Einrede abzuschneiden, die Thür, hinter der
+er sich aber wohlweislich verborgen hielt. Es blieb Polly auch gar
+kein anderer Ausweg als einzutreten, und um ihre Bewegung zu verbergen,
+machte sie sich, so viel sie konnte, im Zimmer Beschäftigung, wischte
+die Tische ab, und trocknete die Gläser aus.
+
+Noch war sie mit dieser letzten Arbeit beschäftigt, als dicht vor dem
+Fenster, draußen auf der Straße, dreimal mit einem schweren Stock
+aufgestoßen wurde -- sie erschrack so heftig darüber, daß sie das
+eben erst aufgenommene Glas fallen ließ, wobei es in Scherben brach.
+Während Mrs. Mac Carther noch darüber zankte, standen die beiden
+Männer, die am Tisch gesessen hatten, auf, tranken das letzte aus was
+sie noch im Glas hatten, und verließen langsam das Zimmer. Das diente
+ebenfalls nicht dazu Madame in bessere Laune zu bringen.
+
+»Da geht das Lumpengesindel, das in zwei Stunden für einen Sixpence
+verzehrt hat -- und dafür muß man Licht verbrennen und Gläser
+zerbrechen lassen. Wenn ich meinen Willen hätte, so würden die Tische
+und Bänke hier eher zu Feuerholz verbrannt, als daß sie mit hälfen
+das faule, povere Gesindel auch noch hier in seinem Müßiggang zu
+bestärken, und Einem zu Schimpf und Aerger da sitzen zu bleiben.«
+
+Mac Carther, der durch das Zerbrechen des Glases erwacht und aufgefahren
+war, warf einen vorsichtigen Blick im Zimmer umher. Da er aber niemanden
+bemerkte, wollte er sich eben wieder auf seinen alten Sitz niederlassen,
+als er schwere Schritte auf der Hausflur hörte. Er war noch nicht
+ganz hinter dem Schenktisch vor als die Thür aufging, Charles den Kopf
+hereinsteckte und sagte:
+
+»Mr. Mac Carther, auf ein Wort.«
+
+Polly horchte mit der gespanntesten Aufmerksamkeit, und das Herz schlug
+ihr fast hörbar in der Brust, aber sie konnte nichts verstehen. -- Die
+Männer gingen zusammen die Treppe hinauf -- sie konnte es endlich
+nicht länger aushalten, ging an die Thüre und öffnete diese. -- Oben
+entstand Geräusch -- ein Schlüssel wurde im Schloß umgedreht und dann
+angeklopft -- Alles ruhig -- im nächsten Augenblick schallte ein Lärm
+herunter, als ob eine Thür aufgebrochen würde.
+
+»Polly« -- rief Mrs. Mac Carthers Stimme -- Polly drehte sich um
+und ein ganzer Schwarm Matrosen kam in diesem Augenblick durch die
+Mittelthür ins Zimmer -- Brandy, Ale, Porter, Portwein, alle nur
+möglichen Getränke wurden verlangt, und Polly hätte gerade in diesem
+Moment Gott weiß was dafür gegeben, nur wenigstens eine ungestörte
+Viertelstunde zu haben. Bald darauf kamen die Schritte wieder die Treppe
+herunter; Stimmen wurden auf der Hausflur gehört und das Geräusch
+verlor sich auf der Straße. Fast in demselben Augenblick kam Mr.
+Mac Carther herein, warf die Thür hinter sich zu, daß die Fenster
+klirrten, griff seinen Hut auf und stürmte wieder hinaus.
+
+Gleich darauf war Alles ruhig und Polly sagte leise vor sich hin --
+»Gott sei Dank, daß es vorbei ist.«
+
+Als Charles Mr. Mac Carther zu sich auf die Flur gerufen hatte, sagte er
+zu diesem freundlich:
+
+»Mr. Mac Carther, wollten Sie wohl die Güte haben, mir das kleine
+Hinterzimmer im zweiten Stock noch einmal aufzuschließen. Ich und meine
+beiden Freunde hier« -- die zwei Männer, die zum Aerger seiner Frau
+so lange an dem »Nobbler«[5] getrunken hatten -- »wünschen sich die
+Gelegenheit zu besehen.«
+
+»Mit dem größten Vergnügen«, sagte Mr. Mac Carther, bei dem solche
+Haussuchungen keineswegs eine Seltenheit waren, und ging ruhig die
+Treppe vorne hinauf. -- Er hatte keine Idee von dem Schreck der ihm
+bevorstand.
+
+Charles kannte nur zu genau den Ort wo er zu suchen hatte. Als sie die
+Thür von innen verschlossen fanden, wurde sie einfach aufgebrochen, und
+Jean sah sich im nächsten Augenblick in Eisen und den Händen eines der
+Gerichtsdiener, der den weiter keinen Widerstand Leistenden, nach schon
+früher erhaltenem Befehle, direct zur Wasserpolizei hinunterführte.
+
+Der Wirth war über diese Entdeckung, die ihn in die größte
+Unannehmlichkeit bringen konnte, außer sich, und suchte sich nur vor
+allen Dingen bei Charles, dem er die heiligsten Versicherungen seiner
+Unschuld und gänzlichen Unwissenheit von dem Vorgefallenen gab, zu
+vertheidigen. In dessen eigenem Interesse lag es aber ihn zu beruhigen,
+und er versicherte Mr. Mac Carther daher, daß er recht gut wisse, der
+Gefangene habe nicht bei ihm gewohnt, ja er sei ihm sogar die ganze
+Straße herauf bis in's Haus und an die Thür gefolgt, und er glaube der
+Franzose habe sich hier nur herein geflüchtet, weil er jemanden hinter
+sich bemerkt habe der ihm nachschliche, dadurch vielleicht seinen
+etwaigen Verfolger von der richtigen Spur abzubringen. Er konnte ja
+nicht wissen, daß dieser gerade so genau in dem goldenen Kreuz bekannt
+sei.
+
+Mr. Mac Carther drückte ihm die Hand, faßte ihn dann unter den Arm
+und führte ihn, während der eine der Leute mit dem Gefangenen abging,
+etwas bei Seite.
+
+»Mr. Charles«, flüsterte er hier leise und vertraulich -- »nicht
+wahr, es sind auf das Einbringen der Matrosen vom Boreas sechs Pfd. St.
+per Mann gesetzt -- wie? ich habe es heute Abend erst gehört und wollte
+Sie morgen früh selber aufsuchen.«
+
+»Allerdings«, erwiederte ihm Charles lächelnd -- »haben Sie eine
+Spur?«
+
+»Eine Spur?« sagte Mac Carther leise, und kniff den Polizeidiener
+vertraulich in den Arm -- »wollt Ihr ein hübsches Trinkgeld verdienen,
+Freundchen?«
+
+Der junge Mann von der Wasserpolizei bog sich zu ihm hinüber, hielt
+seinen Mund dicht an das Ohr des Wirthes und flüsterte:
+
+»Nicht wahr, wenn ich hinüber an das North Shore in Kennedy's alte
+Hütte ginge?«
+
+Mac Carther machte sich rasch von ihm los, und sah ihn erschreckt an.
+Charles lachte. -- »Ja, ja, mein alter Fuchs«, fuhr er dann lauter
+fort, »manche Nasen sind schärfer als man es ihnen zutraut -- meine
+reicht bis zum North Shore hinüber -- und noch mehr« fuhr er wieder
+mit unterdrückter Stimme fort -- »unten am Werf liegt schon ein Boot
+mit zwölf Mann, die nur auf mich warten. In einer halben Stunde sind
+wir an Ort und Stelle, und übermorgen früh segelt der Boreas. -- Der
+Wind ist günstig und ich habe mein Wort darauf gegeben. Guten Abend,
+Mac Carther --« und damit schnellte er, von seinem Begleiter gefolgt,
+zur Thür hinaus auf die Straße. Mac Carther aber stürzte, wie schon
+erwähnt, in die Schenkstube, griff seinen Hut auf und eilte, so rasch
+er konnte, nach einer anderen Richtung hin zum Wasser hinunter.
+
+Charles hatte seine Maaßregeln aber viel zu gut und sicher getroffen;
+außerdem kannte er den Platz selber schon genau, und zwei seiner Leute
+mußten den ganzen Nachmittag dort in der Nähe versteckt liegen und auf
+die geringsten Bewegungen der Entflohenen achten. Die armen Teufel
+von Matrosen waren, als sie sich gerade am sichersten fühlten, schon
+verrathen und verkauft.
+
+Das Boot landete, zwei Mann ließ man schwer bewaffnet als Wache dabei
+zurück, die kleine Hütte wurde dann umzingelt und die ganze Mannschaft
+des Boreas, mit Ausnahme eines Deutschen und eines Franzosen, die gerade
+in der Stadt waren Provisionen zu holen, gefangen genommen und in Eisen
+gelegt. Die beiden kamen gerade zurück als die Polizei in das Haus
+drang und flüchteten in den Busch, wo sie sich mit den Provisionen
+versteckt hielten, bis der Boreas, den sie von ihrem Versteck aus
+konnten in der Bay liegen sehen, wirklich abgesegelt war.
+
+Gerade als das Polizeiboot mit seinen Gefangenen vom Lande abstieß,
+schoß ein anderes kleines scharfgebautes Boot, mit zwei Männern darin,
+in eine kleine durch einen Felsenvorsprung gebildete Bucht. Einer von
+diesen sprang augenblicklich an Land und sah dem Boot nach. Man konnte
+die Gestalt in der Dunkelheit nicht mehr genau erkennen, Charles hatte
+aber allen Grund auf den richtigen Mann zu rathen, und rief deßhalb auf
+gut Glück nach dem Lande zurück.
+
+»Guten Abend, Mr. Mac Carther.«
+
+Die Gestalt verschwand in demselben Moment wieder in den Büschen und
+das kleine Boot ruderte, eine halbe Stunde später, mit denselben beiden
+Männern nach der Stadt zurück.
+
+ * * * * *
+
+Am Montag Morgen wehte vom großen Mast des Boreas die Signalflagge für
+die Wasserpolizei. Alles andere war zur Abfahrt fertig, der Lootse an
+Bord, vom Anker schon alles Unnöthige an Kette eingeholt, und die Segel
+hingen gelöst von den Raaen nieder. Der Wind wehte stark von Westen und
+die Brise konnte zum in See Gehen nicht günstiger sein.
+
+Eine Viertelstunde später schossen um das Castell zwei schmale lange
+Boote. Es war die Wasserpolizei mit den Gefangenen die sie an Bord
+brachte, denn der Boreas hatte indessen, um die nothwendigsten Arbeiten
+zu verrichten, andere Arbeiter an Bord gehalten.
+
+Die Gefangenen trugen sämmtlich Handschellen. Da es zu viele waren,
+und die Polizei vielleicht einen letzten Fluchtversuch fürchten mochte,
+ließ sie den Einzelnen, wenn sie die Fallreepsleiter hinaufsteigen
+sollten, auch die Eisen nicht abnehmen, sondern es wurde eine Leine
+heruntergelassen, diese um das Eisen geschlagen, und der Gefangene
+mußte dann nach oben steigen. An Bord nahm man ihnen die Schellen
+ab, die Boote ließen sich aber an langer Leine bis hinter das Schiff
+treiben.
+
+Die im goldenen Kreuz versetzten Kleider der Entflohenen waren auch
+schon wieder an Bord; der Capitän hatte sie bei Mr. Mac Carther,
+durch Charles Vermittelung einlösen lassen, denn er konnte die Leute
+natürlich nicht ohne Kleider mit in See nehmen. Es war das seinerseits
+übrigens nicht etwa aus Menschlichkeit geschehen; er wußte recht gut,
+aus wessen Casse das Geld bezahlt werden mußte. Die Matrosen schienen
+jedoch bis zu diesem Augenblick noch immer nicht recht geglaubt zu
+haben, daß es wirklich schon so bald in See gehen sollte. Wahrscheinlich
+hatten sie noch auf Rettung gehofft, und jetzt erst, da sie die Segel
+gelöst und den Lootsen an Bord sahen, mochte ihnen die Gewißheit ihres
+Schicksals zuerst in ihrer vollen Wirklichkeit vor Augen treten.
+
+Am meisten freute sich aber der Zimmermann über das Einfangen derer,
+die ihn am Morgen ihrer Flucht in einem so schmählichen Zustand
+zurückgelassen, und er konnte nicht umhin Bill sowohl als Jean ganz
+besonders um ihr Befinden zu befragen.
+
+Bill antwortete ihm mit einem kernigen Fluch, Jean lachte ihm aber
+gerade ins Gesicht, denn er mußte trotz seiner jetzt keineswegs
+angenehmen Lage doch unwillkürlich an die trostlose Gestalt des
+Zimmermanns denken, als sie ihn vor 14 Tagen, mit dem Knebel im Munde,
+in dem Logis vorn liegen hatten. Andere Sachen nahmen aber seine
+Aufmerksamkeit gleich darauf mehr in Anspruch.
+
+Die Polizei war fertig an Bord und machte sich eben bereit wieder in
+ihre Boote zurückzukehren -- als Jean auf Charles zutrat und ihn am Arm
+faßte.
+
+»Ah, Jean?« sagte der Polizeidiener und wandte sich freundlich zu
+ihm -- »noch etwas zu bestellen am Ufer? -- werde es mit dem größten
+Vergnügen zur Besorgung übernehmen.«
+
+»Weiter nichts als diesen Brief« -- sagte der junge Mann, ohne seine
+Freundlichkeit weiter zu erwiedern -- »Ich glaubte nicht, daß wir so
+bald in See gingen und -- ich weiß Sie sind dort im Haus bekannt«,
+setzte er mit etwas bitterem Ausdruck hinzu -- »wollten Sie vielleicht
+so gut sein und ihn an seine Adresse -- aber heute noch -- besorgen?«
+
+Charles las statt aller Antwort die Adresse -- _Miss Polly Whitby_
+-- _golden cross_ -- »soll richtig besorgt werden und zwar noch vor
+Tisch,« sagte er dann und legte den Brief in seinen Strohhut -- »sonst
+noch etwas, Jean?«
+
+»Ich danke, weiter nichts«, erwiederte der Matrose, und ging langsam
+nach dem Vorcastle, wo indessen die Miethleute des Boreas den Anker
+herauf bekommen hatten. Die Marssegel-Raaen stiegen in die Höhe, das
+große und Vorsegel fiel herunter und die Halsen wurden festgemacht --
+die Clüver und leichteren Segel folgten, und vor dem Wind schoß das
+flüchtige Schiff den Heads zu, zwischen denen hindurch sie schon die
+offene See erkennen konnten. Eine halbe Stunde später befanden sie sich
+zwischen den Heads -- den beiden schroffen Felsbänken, die den Eingang
+des schönen Sydney-Hafens bilden, und auf deren südlichem Kamm der
+hohe treffliche Leuchtthurm steht.
+
+Hier ging der Lootse mit den gemietheten Leuten von Bord; die Segel
+wurden etwas angebraßt, und mit einer herrlichen Brise hielt der Boreas
+mit Nordost Cours in die offene See hinaus.
+
+
+
+
+Achtes Capitel.
+
+Die Ausfahrt.
+
+
+Der Boreas hatte die »Heads« des schönen Sydney-Hafens kaum hinter
+sich, als er, von einer scharfen Südbrise gefaßt, pfeilschnell durch
+die Wogen schoß. Die Raaen standen eben genug zu Backbord angebraßt,
+daß der Wind auch die Klüver füllen, und voll in alle Segel
+hineinstehen konnte, und noch war die Nachmittagswache nicht gesetzt als
+die leichteren Segel schon wieder nieder mußten.
+
+Gegen Abend wurde der Wind immer stärker, und da das Schiff nicht
+so stark bemannt war, mit sehr viel Segeln in schlechtem Wetter rasch
+handthieren zu können, ließ der Capitän noch vor Dunkelwerden ein
+Reef in die Marssegel nehmen. Das Schiff loggte neun Knoten.
+
+Von den letzt eingefangenen Leuten waren außerdem noch zwei auf der
+Krankenliste; der eine englische Matrose, Jack, der schon mit einem
+leichten Fieber an Bord gekommen, und der deutsche Matrose, Hans --
+derselbe der damals, bei der Flucht der anderen in Sydney an Bord
+geblieben. An demselben Morgen, an dem sie ausliefen, hatte diesen, beim
+Füttern, eines der Pferde an den Schenkel geschlagen, und obgleich ihm
+die Wunde vom zweiten Mate ziemlich gut verbunden war, schmerzte sie ihn
+doch noch sehr. Er konnte nicht auftreten, mußte also gleichfalls die
+Coje hüten.
+
+Die ganze Mannschaft bestand außer diesen beiden und dem Capitän mit
+seinen beiden Mates nur noch aus zehn Personen, und zwar dem Steward und
+Zimmermann, dem Koch (einem Neger), aus drei Engländern, unseren alten
+bekannten Bill, Bob und Jim, zwei Franzosen, Jean und François, zwei
+Deutschen und einem Jungen.
+
+Der Junge war ein Malaye und gehörte eigentlich, wenn das Schiff
+Passagiere führte, mit in die Cajüte, dem Steward und Koch als Hülfe,
+wurde aber jetzt, da er vorne nöthiger war, mit in das Vorcastel gethan
+und ging seine Wachen wie die anderen.
+
+Auf der Starbords- oder Steuerbordswache (die erste) waren der Capitän
+mit dem zweiten Mate, der Steward, Bill, Jean, Hans und der junge
+François; auf der Backbord- oder zweiten Wache, der erste Mate mit dem
+Zimmermann, der auch zugleich mit Bootsmannsdienste verrichtete, mit
+Bob, Jack, Karl, Jim und dem Malayen.
+
+Zu seiner vollen Besatzung hätte der Boreas die doppelte Mannschaft
+gebraucht, der Capitän war aber, wie die Sachen jetzt in Sydney
+standen, nur froh mit diesen fortgekommen zu sein und glaubte sich
+bis Indien in einem ziemlich günstigen Monsun auch wohl behelfen zu
+können. Bei günstigem Winde, und wenn das Schiff nicht zwischen vielen
+Inseln hindurch und aus engen Straßen hinauszukreuzen hat, wo die
+Mannschaft durch das ewige Wenden erschöpft und aufgerieben wird, kann
+man auch ein Schiff mit verhältnißmäßig sehr wenig Leuten vorwärts
+bringen.
+
+Die Mannschaft saß unten im Logis oder Vorcastel (wie der vorderste
+Raum im Schiff genannt wird, wo die Matrosen gewöhnlich ihren
+Aufenthalt haben), beim »Schaffen.« Zwei große hölzerne Schüsseln
+oder besser Wannen, die eine mit einem gar verdächtig aussehenden
+Stück gesalzenem Speck und Rindfleisch, die andere mit hartem muldigem
+Schiffszwieback gefüllt, standen zwischen ihnen, und nebenbei dampfte
+eine riesige Blechkanne, aus der sich jeder, wie es ihm gut dünkte,
+seinen vor ihm stehenden Blechbecher mit dem allerdings etwas sehr
+dünnen und unschuldigen aber kochend heißen Getränk füllte.
+
+»Da seid =Ihr= schuld daran, Gott verdamm mich,« brummte der
+Zimmermann, als er sich eben selber zu einer »Tasse Thee« half,
+wie dies Wasser schmeichelhafterweise genannt wurde -- »ich glaube
+wahrhaftig sie wollen uns knapp halten, und nun muß ich das verfluchte
+Zeug mitsaufen. Koch, du schwarze Bestie, was hast du hier für eine
+Brühe zurecht gebraut? -- ist das Aufwaschwasser da =Thee= -- heh?«
+
+»Kann nicht helfen, Massa,« sagte der Schwarze, der eben die Stiege
+heruntergekommen war und seine Pfeife in der kleinen, in der Mitte
+schwingenden Lampe angezündet hatte. Er zuckte dabei mit den Achseln
+und that als ob er selber sehr betrübt darüber sei; die großen
+rollenden Augen fuhren aber zu gleicher Zeit und mit unverkennbarem
+Humor im Kreis herum, und man sah es ihm an, daß es ihm nicht gerade
+das Schmerzlichste war, den Zimmermann über seinen Thee entrüstet
+zu finden. »Massa Steward« setzte er hinzu, »gibt nur ganz kleine
+Fingerspitzen voll Thee -- meinte, wenn die Leute jetzt in den Minen
+wären, hätten sie auch keinen stärkeren Thee gehabt -- wäre gerade
+recht.«
+
+»Oho,« knurrte der Zimmermann -- »wenn die Sache so gemeint ist,
+werde ich mir meine Theekanne künftig insbesondere halten. -- Spaß ist
+Spaß -- aber nach warm Wasser wird mir immer schlecht.«
+
+Er stieß seinen Becher auf die Kiste nieder, auf der er gesessen, und
+kletterte ärgerlich und vor sich hinbrummend an Deck.
+
+»Hallo, Doctor« (denn der Koch wird gewöhnlich auf den englischen
+und amerikanischen Schiffen mit diesem ihm auch wohlklingenden
+Titel belehnt), sagte jetzt, als der Zimmermann aus der Logiskappe
+verschwunden war, Bill, indem er mit seinem Messer ein Stück Speck aus
+der Schüssel stach, an die Nase hob und wieder hineinwarf -- »_shiver
+my timbers_, wenn ich nicht glaube, die haben da hinten das alte Faß
+Speck wieder aufgeschlagen, was schon vor vier Wochen einmal condemnirt
+wurde. Wenn der Capitän oder Steward im Sinn haben uns hier, nachdem
+wir wieder in der Falle sitzen, auch noch auszuhungern, so weiß
+ich einen Fehler. Dann kenn' ich einen gewissen Bill Stumper, der
+sterbenskrank wird und sich in seine Koje legt, und so lange jeden
+Morgen mit dem größten Vergnügen eine Dosis Salz nimmt, als der
+Vorrath an Bord dieses braven Schiffes aushält -- was doch hoffentlich
+nicht so entsetzlich lang dauern soll. Seine Segel kann =er= nachher
+allein herüber und hinüber brassen.«
+
+Der Koch sah sich nach oben um, ob der Zimmermann auch nicht mehr in der
+Luke stand, und sagte dann leise:
+
+»Massa Bill, Timor« (wie der malayische Junge nach der Insel von
+der er stammte), genannt wurde -- »Timor hat gehört wie Capitän zu
+Steward sagte -- alte Faß wieder aufzumachen und den Leuten zu geben --
+wollte Schufte schon =zwiebeln=, hat er gemeint.«
+
+»So? -- das nennt er also zwiebeln?« lachte Jean, »Alter, Alter, ein
+zu straff angespanntes Tau reißt leicht und -- wir sind noch nicht in
+Calcutta.«
+
+»Nur sehr gut ist, daß Zimmermann mittrinken und essen muß,« lachte
+der Doctor -- »wird auch mit =gezwiebelt=, hi, hi, hi, für seinen
+guten Willen.«
+
+»Ja; aber Hans kriegt ja auch nichts besseres,« sagte der andere
+Deutsche, »und der hat doch ebenfalls keinen Fuß in Sydney von Bord
+gesetzt.«
+
+»Der hat aber nicht sagen wollen wo wir hin sind,« murrte Bill, »und
+deßhalb wird er natürlich mit uns über einen Kamm geschoren. Wenn
+wir nur den verdammten Zimmermann hier nicht mit unten in unserer Back
+hätten, ließe sich das alles aber schon machen. Im Zwischendeck
+liegt nur Heu und zwischen den Ballen durch kann man leicht nach der
+Vorrathskammer kommen -- doch der Lump verriethe, glaub' ich, seinen
+eigenen Bruder, wenn er sich selber einen weißen Fuß dadurch machen
+könnte.«
+
+»Steward ist der Schlimmste,« sagte der Doctor, aber noch leiser
+als vorher -- »hat Massa Jean so auf dem Strich, weil ihn der 'mal
+durchgeprügelt hat -- will's wieder gut machen.«
+
+»Daß ich ihm nicht zum zweitenmal auf den Pelz komme,« brummte Jean
+zwischen den zusammengebissenen Zähnen durch. -- »Diesmal möcht's
+besser fördern -- der Wille ist wenigstens da.«
+
+»Brassen!« lautete des ersten Mate Stimme vom Quarterdeck herunter,
+und »Brassen« rief der Zimmermann auch in demselben Augenblick in die
+Back nieder -- »Brassen, Boys -- Donnerwetter, macht nicht so lange da
+unten; der Mate hat schon dreimal gerufen.«
+
+»Schade, daß Massa Spahn nicht am Lügen erstickt,« lachte der Koch
+und sprang vorneweg die Leiter hinauf.
+
+Bis acht Uhr Abends und zwar von Morgens fünf Uhr an, hatte er die
+Wache auf Deck, nach acht Glasen Abends aber war seine Wacht bis zum
+anderen Morgen zu Koje. Jetzt aber, da die beiden Leute krank, oder
+doch wenigstens zur Arbeit für einige Zeit unfähig waren, mußte er so
+lange des Capitäns Wache mithalten, und durfte dafür, um doch seinen
+gehörigen Schlaf zu bekommen, Nachmittags bis vier Uhr zu Koje gehen.
+
+Die Raaen mußten vierkant gebraßt werden. Der Wind drehte mehr und
+mehr nach Westen herum, so daß er jetzt von hinten in den Segeln lag,
+und um 12 Uhr schon gingen sie über Backbord Bug mit halbem Wind, und
+es wehte ein fliegender Sturm. Der Boreas zischte vor dicht gereeften
+Vormars-, Sturm- und Vorstengenstagsegeln wie ein Pfeil durch die
+kochende schäumende Fluth. -- Drei Tage lang dauerte der Sturm; vom
+Lande aber herüberwehend konnte keine so gewaltige See stehen, wie das
+der Fall gewesen, wäre er von der anderen Seite gekommen. Das Schiff
+brauchte deshalb auch nicht beizulegen, sondern lief mit ganz kleinen
+Segeln und nur weniger Unterbrechung fast seine 10 Miles die Stunde.
+
+Am schlechtesten befanden sich die im Raum stehenden Pferde dabei, die,
+noch nicht an unruhige See gewöhnt, gleich vom ersten Anfang an in
+solch ein Unwetter hineinkamen. Zwei starben auch schon den dritten
+Morgen und eines hatte ein Hinterbein Nachts zwischen die Stangen
+bekommen und gebrochen, und mußte, da hier keine Möglichkeit war es zu
+heilen, mit den anderen beiden über Bord geworfen werden.
+
+Das Füttern und Besorgen der Thiere geschah in den verschiedenen Wachen
+immer von denen, die gerade auf Wacht waren, und man kann sich denken
+daß die Leute, noch außerdem unfreundlich vom Capitän behandelt, eben
+nicht viel Lust zu einer Arbeit zeigten, welche Matrosen selbst unter
+den günstigsten Verhältnissen ungewohnt und zuwider ist.
+
+Hierzu kam noch daß die Pferde, durch die starke Bewegung des Schiffs
+wie das dadurch unvermeidliche stete Hin- und Hergeworfenwerden, dann
+durch das Knarren der Balken, den Dunst, die Dunkelheit, wie alle die
+fremden Gestalten, wild und scheu gemacht und oft gar nicht zu bändigen
+waren und die Leute mehrmals nur mit genauer Noth der Gefahr entgingen,
+von den wüthend aushauenden Thieren Arm und Bein zerschlagen zu
+bekommen. In der That hatten auch schon fast Alle Quetschungen und
+Wunden wegbekommen. Selbst beim Wassergeben bissen ein Paar der
+boshaftesten nach denen, die ihnen den Eimer hinhielten, und Bill machte
+schon Vorschläge, wie man die sämmtlichen »Bestien,« wie er sie
+nannte, mit einemmale vergiften und loswerden könnte.
+
+Der zweite Mate, ein ruhiger, ordentlicher Mann that sein Bestes die
+Leute zufrieden zu stellen, und da er auch den Proviant auszutheilen
+hatte, so versprach er ihnen schon gleich am zweiten Tag, daß sie
+bessere Provisionen haben sollten, »wenn ihm der Capitän und Steward
+nur erst nicht mehr so auf die Finger sähen.« Damit mußten sie sich
+aber für jetzt begnügen, denn für den Augenblick ließ sich darin
+noch nicht viel ändern. Der zweite Mate half auch, wo es irgend ging,
+mit im Raum bei den Pferden; weder Steward noch Zimmermann ließen sich
+dort aber nur ein einzigesmal blicken. -- Sie hatten immer ungemein viel
+andere nothwendige Sachen in der Zeit gerade zu thun.
+
+
+
+
+Neuntes Capitel.
+
+Hans.
+
+
+Am vierten Tag ging der Wind wieder mehr nach Süden herum und wurde
+schwächer. Dadurch legte sich die See allerdings in etwas, der Boreas
+kam aber nun auch wieder platt vor den Wind und hiermit in so viel
+stärkere Bewegung. Nur in Ballast geladen, mit den Pferden im unteren
+Raum, das Heu in das Zwischendeck gestaut, und sogar noch mit einem
+Dutzend Wasserfässern oben an Deck, war er etwas kopfschwer geworden,
+und lief allerdings ziemlich ruhig, sobald er von dem mehr schräg
+einstehenden Winde auf einer besonderen Seite gehalten wurde. War das
+aber nicht mehr der Fall, so schlingerte[6] er so herüber und hinüber,
+daß die Raanocken manchmal fast die Wogen berührten. Es sah oft aus,
+als ob er sich im Leben nicht wieder aufrichten würde.
+
+Den Pferden bekam dies noch schlechter als das Stampfen des Schiffes. --
+Noch an dem nämlichen Tage crepirte ein viertes, und zwei hatten
+sich die Brust, mit der sie fortwährend gegen die Querbalken geworfen
+wurden, vollkommen aufgescheuert.
+
+Capitän Oilytt war wüthend darüber; er stieg selber in den unteren
+Raum hinunter, und als er den Zustand sah, in dem sich einige der Thiere
+befanden, fluchte und lärmte er auf eine entsetzliche Weise und schwur,
+er wolle den letzten Mann von der »Räuberbande«, die er jetzt an Bord
+habe, zu Tode -- oder aus seiner Haut hinauspeitschen lassen, wenn auch
+noch einem seiner Thiere nur »das Fell geritzt würde.«
+
+Capitän Oilytt hatte eine andere Tugend an sich -- =er trank=. Nach dem
+Mittagstisch nahm er seinen »Verdauungstropfen«, wie er es nannte --
+ein Bierglas halb mit Brandy, halb mit heißem Wasser gefüllt und mit
+etwas Zitronensaft versetzt -- er verschmähte Zucker. Dabei blieb es
+aber nicht. -- Dem »Verdauungstropfen« folgte ein anderer und noch
+einer, bis sein Gesicht glühte und manchmal ordentlich Funken zu
+sprühen schien und in solchem Zustand sah er sich gewöhnlich nach ein
+wenig »Sport« oder =Vergnügen=, wie er meinte, um, und stieg auf Deck
+oder zu den Leuten hinunter. Gnade dann Gott dem, der ihm dort verkehrt
+in den Weg kam, oder Ursache zu Mißfallen gab. Er verschmähte es oft
+nicht, selber Hand anzulegen, und da er ein breitschultriger, schwerer
+Gesell und überdem Capitän des Schiffes war, also vor Gericht stets
+das Recht auf seiner Seite hatte, hüteten sich die Leute auch wohl, wo
+sie das nur irgend vermeiden konnten, mit ihm anzubinden, und gingen ihm
+lieber aus dem Wege.
+
+Es war am achten Tag ihrer Ausfahrt von Sydney. Der Wind wehte ziemlich
+stetig aus SSO und der Boreas lief, jetzt einen Nord zu West Cours
+haltend, an der Küste Australiens vor einer herrlichen Brise hinauf.
+Der Capitän hoffte am nächsten Tag in Sicht der Riffe zu kommen,
+zwischen denen hinein er durch die Torresstraße seine Bahn suchen
+wollte.
+
+Die Torresstraße ist jene, an Flächenraum ziemlich breite Straße, die
+im Süden von der nördlichen Küste Australiens, im Norden durch
+die große noch fast unbekannte Insel Neu-Guinea gebildet wird, aber
+dermaßen mit Inseln und Sandklippen überstreut und von Korallenriffen
+durchwachsen ist, daß die Passage, selbst bei günstigem Wetter, immer
+gefährlich bleibt und die größte Umsicht erfordert; bei stürmischem
+Wetter aber selten oder nie gewagt wird. Hierzu kommt daß gerade in
+dieser Gegend, vielleicht durch die vielen Inseln und die nahe so heiße
+australische Küste hervorgerufen, das Wetter höchst unbeständig ist,
+und Nebel und plötzliche Böen etwas sehr gewöhnliches sind, vor denen
+sich die Schiffer dann natürlich nicht genug hüten können.
+
+Die Riffe selbst haben einen ebenso eigenthümlichen als gefährlichen
+Charakter. Sie bestehen einzig und allein aus Korallenfelsen; steigen
+aber nicht selten und besonders an diesem Theil der australischen
+Küste, über tausend Fuß steil und schroff, manchmal bis an die
+Oberfläche, manchmal diese nicht ganz erreichend, empor, nie aber so
+weit über dieselben emporragend, daß mehr als das Schäumen der auf
+ihnen überstürzenden Brandung sichtbar wäre, und dem Schiffer die
+Nähe seines gefährlichen Feindes verriethe. Hie und da nur lauscht
+zu Zeiten eine schwarze Felsspitze aus dem weißen Gischt des erregten
+Wassers empor, und kündet die Gränze irgend eines in einem schmalen
+Streifen vielleicht weit auszweigenden Riffs, während dicht davor, ja
+vielleicht selbst in dem Bogen den das eigentliche Riff umschließt, das
+ganz dunkelblaue Wasser die fast unergründliche Tiefe zeigt. An vielen
+Stellen ragen die Korallen bis zur Oberfläche empor, während dicht
+daneben und keine 20 Schritt davon entfernt, über 260 Faden, also 1560
+Fuß, Tiefe sind.
+
+Mit der australischen Küste von Süden nach Norden gleichlaufend, zieht
+sich nun eine förmliche Mauer dieser theils mehr, theils minder steil
+aufschießenden Riffe bis nach Neu-Guinea hinauf, und nur hie und da
+laufen schmale gewundene und natürlich höchst gefährliche Eingänge
+in diese Riffe hinein, an denen sich das Meer in seiner östlichen
+Strömung mit aller Kraft und Stärke bricht. In einigen Meilen
+Entfernung gesehen bieten sie dem Auge auch nichts als eine einzige,
+ununterbrochene Kette weißen Schaumes, die sich von Süden nach
+Norden in schneeiger, beweglicher Linie hinaufzieht, und erst dicht
+hinanfahrend entdeckt der Schiffer von seiner Vorbramraae aus hie und
+da einen schmalen dunklen Eingang, der zwischen den milchigen Massen hin
+auf die innere spiegelglatte und stille Fluth führt.
+
+Macht aber wirklich das Schiff diesen schmalen Eingang, so ist immer
+noch nicht gesagt daß es darin auch weiter kann, daß dieser nämlich
+eine förmliche Durchfahrt in die tiefere innere Bay gestattet. Eine
+starke, gewöhnlich nach Nordwesten setzende Strömung droht ihm
+zugleich fortwährend in dem engen Fahrwasser, mit den nördlich von ihm
+liegenden Klippen, während er, dicht von Riffen eingeschlossen, sich
+vielleicht auf einer Tiefe befindet, in der seine beiden aneinander
+gesteckten Ketten nicht einmal Ankergrund erreichen würden.
+
+Der Capitän war an dem Tage besonders mürrisch gewesen. Er hatte sich
+mit dem zweiten Steuermann, irgend einer Kleinigkeit in den Provisionen
+wegen, gezankt, oder diesen vielmehr einer Sache beschuldigt, die sich
+nachher als unwahr herausstellte, und aus Aerger darüber schien er mehr
+als seine gewöhnliche Zahl Verdauungstropfen zu sich nehmen zu wollen.
+Da fiel ihm aber möglicherweise ein, daß er an dem zweiten Mate doch
+vielleicht noch einen andern Haken finden könne, da dieser ja auch die
+Aufsicht über das Füttern und Halten der Pferde hatte. Er beschloß
+deshalb, einmal selber in den unteren Raum hinabzusteigen, und zu sehen
+wie sich seine Pferde befänden. Er rief den Steward, ihm mit einer
+Laterne zu folgen.
+
+Jean stand am Ruder und Bill saß nicht weit davon auf dem Quarterdeck
+und besserte das dort ausgebreitete große Marssegel aus, das in der
+letzten Bö beschädigt worden war. Der zweite Mate, der bis jetzt daran
+mitgeholfen hatte, stand auf und ging nach vorn.
+
+Hans und François, die beiden übrigen auf Wache, waren gerade im
+unteren Raum mit dem Füttern und Tränken der Thiere beschäftigt. Hans
+hatte sich wieder so weit erholt, daß er wenigstens herumhinken und
+die nothwendigsten Arbeiten mit verrichten konnte. Auch Jack war besser
+geworden, lag aber immer noch, zu schwach irgend etwas anzugreifen, zu
+Koje.
+
+»Na, heut' Nachmittag wird's wieder was Schönes setzen«, meinte Jean
+mit halblauter Stimme zu Bill, der nicht weit von ihm saß, und nachdem
+er erst einen vorsichtigen Blick über Deck geworfen. -- Der Mann am
+Ruder darf mit niemandem sprechen und von niemandem angeredet werden,
+damit er seine Aufmerksamkeit ungetheilt Compaß und Segeln zuwenden
+kann; »der Alte ist in vortrefflicher Laune, und wenn er erst noch ein
+paar »Tropfen« weggestaut hat, giebt's aller Wahrscheinlichkeit nach
+einen Wolkenbruch. Sollte mich gar nicht wundern, wenn er unten schon
+anfinge. -- Dort hat er aber niemanden. François versteht nicht was er
+sagt wenn er schimpft, und Hans mukst nicht, und wenn er dem das Leder
+vollschlüge.«
+
+»Das laß gut sein,« meinte Bill kopfschüttelnd, »Hans läßt viel
+mit sich machen; wenn es aber zum Aeußersten kommt, traut' ich ihm
+gerade weniger als jedem anderen. Er hat was im Auge was mir nicht
+gefällt, und muß seine ganz besonderen Gründe gehabt haben, in
+Sydney nicht mit fortzulaufen, denn aus Feigheit ist es wahrhaftig nicht
+geschehen.«
+
+»Er hat Frau und Kind zu Haus,« entgegnete ihm Jean, »das wird der
+Grund gewesen sein.«
+
+»Fällt ihm nicht ein,« meinte Bill kopfschüttelnd, »der hat so
+wenig eine Frau zu Haus wie ich und du. Nein, ich will dir sagen was er
+mir geantwortet hat, als ich ihn deshalb fragte -- er meinte er hätte
+dem Capitän =sein Ehrenwort= gegeben an Bord zu bleiben, und das könne
+er nicht brechen.«
+
+»Den Teufel auch?« rief Jean rasch und erstaunt -- »das hätt ich
+Hans gar nicht zugetraut. -- Es ist überhaupt ein sonderbarer Kauz,
+und so wenig er damit ausläßt, spricht er doch jedenfalls auch
+französisch. -- Er versteht wenigstens alles, obgleich ich ihn nie zum
+Antworten bringen kann. Er weicht dann immer aus und meint die Zunge sei
+ihm zu schwer dazu. Ich glaub's aber nicht.«
+
+»Manchmal kommt's mir vor als ob er gar kein Deutscher wäre,« sagte
+Bill. »Obgleich er sonst nur ganz gebrochen englisch spricht, sind
+ihm doch schon ein paarmal Worte herausgefahren, die mich ganz stutzig
+machten, und im Schlaf neulich will ich verdammt sein, wenn er nicht den
+einen Satz so rein englisch herausbrachte wie nur je Einer an den alten
+Kreideküsten Geborner. Nachher kam freilich eine Menge Kauderwälsch
+dazwischen das ich nicht verstand, wahrscheinlich »_dutch_.« -- Hallo,
+da unten gehts los -- hörst du's Jean?«
+
+»Ich hab's mir vorneherein gedacht,« sagte dieser gleichgültig. --
+»Daß er dem Mate nichts anhaben konnte, war dem alten Höllenhund
+schon ein Dorn im Fleisch, und jetzt hat er denn richtig so lange
+herumgesucht, bis er sich ein anderes Vergnügen herausstöbern
+konnte.«
+
+»Hm!« sagte Bill, »da unten ist's laut -- hallo, da kommt der Alte
+zu Luft -- Donnerwetter, was er für einen rothen Kopf hat -- wahrhaftig
+ich glaube er blutet. Na jetzt werden wir was Neues hören,« und mit
+unendlichem Fleiß, als ob er bis dahin gar nicht von seiner Arbeit
+aufgesehen, machte er sich wieder über das alte, von Wetter und Zeit
+schon arg mitgenommene Marssegel her.
+
+Im Raum war es indessen allerdings bunt hergegangen. Als der Capitän
+hinunter kam, standen Hans und François eben und tränkten die Pferde,
+von denen einige immer noch ungern aus dem Eimer soffen. Sie schnoperten
+und scharrten und schnaubten, stießen mit der Nase nach dem Eimer, oder
+versuchten auch wohl mit einem Vorhuf hineinzufühlen, wie sie einen
+schwanken Steg oder zu weichen Boden erst versuchen würden, ob er auch
+stark und sicher genug wäre sie zu halten.
+
+Es war natürlich sehr dunkel im unteren Raum, denn das wenige Licht
+was durch die schmalen Luken fiel, wurde fast total durch die
+beiden Windfänge gebrochen und aufgehalten, die von oben herunter
+niedergelassen sein mußten, den Dunst der Pferde, der sonst nirgends
+Abzug hatte, hinauszutreiben und reine Luft hinabzuführen. Die Hitze
+war dadurch auch in der That sehr gemäßigt worden, und wenn man sich
+erst einmal eine kurze Zeit unten befand, gewöhnte sich das Auge
+eher an die Dunkelheit und konnte die Gegenstände, gegen die der eben
+Niedersteigende wie erblindet war, leichter unterscheiden.
+
+Als der Capitän hinunterkam, stolperte er gleich bei den ersten
+Schritten über eine dort lehnende Mistgabel, mit der die Leute die
+Streu etwas aufgelockert und die trockene von der feuchten geschieden
+hatten. Der Steward, der mit der Laterne hinter ihm herkam, half ihm
+natürlich wenig oder gar nichts mit seinem Licht, und das erste was die
+beiden Leute unten von der Gegenwart ihres Capitäns erfuhren, war ein
+entsetzliches Schwören und Fluchen über die erstlich, die in ihrer
+»verdammten Nachlässigkeit« das Werkzeug dort hatten stehen lassen,
+und dann über die ganze »nichtsnutzige, diebische, strickwerthe«
+u. s. w. Schiffsmannschaft.
+
+»Parbleu,« sagte François leise auf französisch zu Hans -- denn
+die beiden sprachen einem Verständniß gemäß, das sie unter sich
+getroffen, der eine sein Französisch und der andere sein Deutsch, womit
+sie vollkommen gut auskamen -- »der Alte ist heut' in einer besonders
+rosenfarbenen Laune. -- Ich gäb' 'was darum wenn er dem Fuchs da
+drüben ein bischen nahe käme. Er und der würden's dann bald zusammen
+kriegen.«
+
+Der Fuchs, von dem François sprach, war das bösartigste Thier im
+ganzen Schiff, und Hans der einzige der ihm selbst Wasser oder Futter
+geben durfte. Sobald sich nur ein anderer der Leute ihm näherte, und er
+nur eben glaubte, sie mit seinen Zähnen erreichen zu können, fuhr er
+wie ein Tiger aus seiner Höhle zwischen den beiden Querbalken mit dem
+Kopfe durch, und Gnade Gott dann allem was er erwischte. Die übrigen
+Pferde hatten sich schon etwas mehr in die Umstände gefügt, obgleich
+sie trotzdem noch immer gern nacheinander bissen und schlugen.
+
+»Was gutes hat er nicht im Sinn, wenn er Nachmittags hier
+herunterkommt,« erwiederte Hans, mehr jedoch mit sich selber redend als
+auf die Bemerkung des Anderen antwortend. -- »Komm hier, Schwarzer,«
+rief er dann laut gegen das Pferd gewandt, an dem er gerade stand,
+und das nach dem jetzt näher kommenden Licht der Laterne
+hinüberschnoperte. Es trat ängstlich dabei so weit zurück, als es
+ihm das etwas kurze Seil, an dem sein festes Halfter saß, erlaubte --
+»komm hier, Bursche -- es thut dir niemand 'was -- hier -- sauf dein
+Wasser, daß die anderen auch 'was kriegen -- Steward! haltet ihm die
+Laterne nicht so vor die Nase,« wandte er sich jetzt aber rasch gegen
+diesen, der indessen mit dem Capitän ganz nahe getreten war und das
+Licht so hoch als möglich hielt, um selber darunter wegsehen zu können
+-- »es scheut vor dem ungewohnten Strahl und wird das Halfter am Ende
+zerreißen.«
+
+Der Steward senkte das Licht und wollte zurücktreten, der Capitän
+hatte aber in demselben Augenblick auch eine Schramme am Hals des
+Pferdes bemerkt -- eine Stelle, wo es das Seil ein wenig wund gescheuert
+hatte und die jetzt, da es mit dem ganzen Gewicht seines Körpers nach
+hinten zog, frei kam und sichtbar wurde.
+
+»Halt, Steward -- gieb mir einmal die Laterne,« sagte er rasch --
+»Gott verdamme mich, wenn sie mir hier unten die Thiere nicht zu Tode
+schinden, falls ich nicht selber dann und wann darnach sehe. -- Woh
+Poney -- woh mein Thier -- _come up here, you damned son of a bitch_ --
+_come up here_ -- _w-o-h_ -- daß dich die Pest!«
+
+Das Pferd durch das ihm dicht vorgehaltene Licht und die fremden
+Laute scheu und furchtsam gemacht -- drängte nur immer mehr zurück,
+schnürte sich fast die Kehle zu, daß ihm die Augen weit aus dem Kopf
+traten, sprengte endlich, als der Capitän mit dem letzten, »daß dich
+die Pest« den Arm mit der Laterne rasch und heftig gegen es in die
+Höhe stieß, das Halfterseil, und stürzte auf seinen Hintertheil
+zurück gegen die Schiffswand. Allerdings war es noch mit einem anderen
+Nothtau um den Hals befestigt und festgehangen, dieses aber länger als
+das andere, so daß es ihm mehr Raum gab. Als es deshalb wieder in
+die Höhe sprang, drückte es mit aller Kraft hinter die ihm zunächst
+stehenden Thiere hinein, die, durch den ganzen Lärm und die ungewohnten
+heftigen Stimmen ebenfalls scheu gemacht, ausschlugen und wieherten und
+stampften, und einen Lärm machten als ob sie das ganze Unterdeck aus
+einander reißen wollten.
+
+Die Verwirrung hatte ihren Höhepunkt aber noch lange nicht erreicht.
+Das einzige Pferd nämlich, was sich bis jetzt bei der ganzen Sache
+vollkommen ruhig verhalten, ja nicht ein Glied gerührt, und nur
+vorsichtig gebückt mit zurückgezogenem Kopf, aber lebhaft und
+tückisch blitzenden Augen dagestanden hatte, war eben der Fuchs
+gewesen, von dem François vorher gesprochen, und der geduldig ein Opfer
+für seinen nächsten Angriff zu erwarten schien. Der Steward war ihm
+der nächste. Dieser stand, nicht das mindeste von der ihm im Rücken
+drohenden Gefahr ahnend, mit der ihm vom Capitän wieder zugereichten
+Laterne mitten in dem Gang, der zwischen den beiden Reihen Pferden
+gelassen worden. Der aber war nicht drei Schritt von der Stelle ab, wo
+der Fuchs, mit fest zusammengebissenen Zähnen, gierig auf die nächste
+Bewegung seiner ausersehenen Beute lauerte.
+
+Die sollte auch nicht lange auf sich warten lassen. Der Capitän
+bedeutete den Steward mit dem Licht nach hinten zu gehen, daß die
+Thiere sich wieder beruhigen möchten. Dieser wollte auch eben dem
+Befehl Folge leisten, hatte aber kaum seinen zweiten Schritt gethan, als
+er einen lauten Angst- und Schmerzensschrei ausstieß und die Laterne
+fallen ließ. Der Fuchs war nämlich ohne weitere Warnung mit dem Kopf
+durch seine beiden Querbalken hingefahren, und den Mann gerade über der
+Hüfte packend, hielt er ihm hier Hose und Fleisch, ingrimmig zwischen
+seinen scharfen ehernen Zähnen eingeklemmt; an Losreißen war nicht zu
+denken.
+
+»Pfui, Fuchs, schäm dich!« rief Hans, der wegen seines kranken Beines
+nicht gleich so schnell hinüber konnte, den Gefangenen zu befreien.
+Fuchs aber, obgleich er sonst gewöhnlich auf seines Fütterers Wort
+hörte, schämte sich diesmal nicht, und ließ den jetzt Zeter und
+Mord Brüllenden auch nicht eher los, bis der Capitän zusprang, ihn
+zu befreien; dann geschah es aber auch nur, um nach dem neuen Opfer zu
+schnappen. An diesem hafteten jedoch seine Zähne diesmal nicht, denn
+er stieß ihn so heftig mit dem Maul gegen den Leib, daß er
+zurücktaumelte und mit dem Kopf an den gegenüberstehenden Pfosten
+schlug.
+
+Als er sich wieder in die Höhe richtete, wollte der Fuchs seinen
+Angriff erneuern, jetzt sprang aber Hans dazwischen und trieb das
+freudig und fast höhnisch wiehernde Thier in seine Gränzen zurück.
+Der Steward aber kroch indessen wie eine Schlange in dem schmalen Gang
+hin und hielt nicht eher an, bis er die Leiter halb hinauf war. Dort
+blieb er stehen und schrie nun zurück, »das sei eine schändliche
+Gemeinheit, denn er habe selber gesehen wie Hans das Thier auf ihn
+gehetzt hätte.«
+
+»Tropf,« war das einzige was Hans, halb lachend, halb verächtlich auf
+die Anschuldigung erwiederte, und er wandte sich dabei wieder nach dem
+Rappen um, diesen aufs neue festzumachen, und die anderen Thiere zu
+beruhigen und zu tränken. So leichten Kaufs sollte er aber bei dem
+Capitän nicht davonkommen, denn Capitän Oilytt, durch Rum, Aerger und
+den letzten Fall zu wahrer Wuth gebracht, schäumte fast vor innerlich
+kochendem Grimm und suchte nur noch ein Opfer, an dem er ihn auslassen
+konnte.
+
+François merkte das, und drückte sich aus dem Weg, und auch Hans
+fühlte, wie der Capitän nur eine Ursache suche mit ihm anzubinden;
+that aber als ob er entweder nichts merke oder sich nur wenig um die
+Sache bekümmere. Den ersten allgemeinen Ausbruch des Gereizten oder
+eigentlich sich selber erst Aufreizenden: »Ihr verdammten Hallunken
+hier unten macht was Ihr wollt mit den Thieren, und ich muß Euch
+nur erst einmal die Katze zu fühlen geben,« ließ er deshalb auch
+unbeantwortet, und machte sich mit dem Rappen zu schaffen, den er durch
+Zureden so weit vorn an die Stange zu bringen versuchte, daß er ihm das
+Halfterseil wieder anknoten konnte.
+
+»_You, Sir, there_,« rief aber der Capitän, »ich spreche mit Euch --
+Gott verdamme es, wollt Ihr wohl so gut sein und mir Antwort geben wenn
+ich mit Euch rede? -- Was ist das hier für eine Wirtschaft unten? --
+Ueberall liegt das Geschirr herum, daß man Hals und Beine darüber
+bricht -- die Pferde sind wund gescheuert und liederlich angebunden,
+daß sie sich einander zu Schanden schlagen müssen -- _damn it to hell
+and damnation_, ich will darin Ordnung sehen, oder ich lasse Euch alle
+mit einander krumm schließen und abpeitschen.«
+
+Hans zuckte zusammen, als ob er schon einen Schlag empfangen hätte,
+und hielt einen Moment, wie unschlüssig was er thun solle, in seinen
+Bewegungen ein. -- Was ihm aber auch für Gedanken im Kopfe herum
+gegangen waren, seine Vernunft siegte.
+
+»Geduld -- Geduld,« murmelte er leise, wie eine Art
+Beschwörungsformel vor sich hin, und griff eine andere, neben ihm
+liegende Mistgabel auf, um das den Pferden kurz vorher gegebene und
+jetzt umhergestreute Heu wieder zusammenzuschieben. Der Capitän mochte
+aber wohl die leise geflüsterten Worte gehört haben, denn er sprang
+rasch auf den Mann zu, faßte ihn am Kragen und rief wüthend:
+
+»Was murmelt der Hund -- willst du auch noch gegen mich knurren? Einen
+Muks noch, Canaille, und ich schlage dir den tückischen Schädel bis
+in den Kragen hinunter!« Und er riß bei den Worten dem, nicht den
+mindesten Widerstand Leistenden die Mistgabel aus der Hand und hob sie
+drohend, wie zum Schlag in die Höhe.
+
+Hans sagte kein Wort, er drehte sich nur halb nach ihm um und sah ihm
+starr ins Gesicht -- er war todtenbleich geworden, und das kranke Bein,
+auf dem er zu lange gestanden, fing ihn plötzlich so an zu schmerzen,
+daß er sich an dem nächsten Pfeiler halten mußte.
+
+»Faule, schuftige Bande,« schrie jetzt der Capitän in fast trunkener
+Wuth, ohne jedoch zuzuschlagen, denn der Mann stand ihm, ohne eine Hand
+aufzuheben, gegenüber -- »die das Brod nicht verdienen, was sie ihrem
+Herrgott abstehlen. Nun, zum Donnerwetter, was steht der Lump da und hat
+Maulaffen feil -- Wird's bald, und kriegen die Pferde heute noch etwas
+zu saufen.«
+
+Hans wandte sich um, als er aber auf sein Bein trat, knickte er
+zusammen und konnte sich nur mit Mühe aufrichten, suchte aber doch mit
+äußerster Anstrengung seinen Schmerz zu verbeißen. Er hatte dabei die
+Laterne umgestoßen, die neben ihm stand, nahm sie aber gleich wieder in
+die Höh und hing sie in einen dazu bestimmten Haken.
+
+»Ungeschicktes Vieh,« sagte da der Capitän, und stieß ihm, noch
+während er damit beschäftigt war, den Stiel der Gabel gegen den
+Nacken.
+
+»Capitän!« knirrschte aber auch in diesem Augenblick der
+Gemißhandelte zwischen den fest zusammengebissenen Zähnen hindurch --
+»ich habe meine Schuldigkeit, so viel in meinen Kräften stand, gethan,
+und keine Mißhandlung verdient!«
+
+»Bestie!« schrie jetzt ordentlich jauchzend, daß er eine gegründete
+Ursache gegen einen Widersetzlichen hatte, der Capitän, und drehte die
+Gabel in der Hand um, daß er das schwere Eisen nach oben schwang
+-- »willst du muksen?« und im nächsten Moment fuhr das Instrument
+sausend nach dem Kopfe des Matrosen -- aber es traf nur den Pfosten,
+und während die Pferde wieder in wilder Scheu zurückschreckten und
+stampften, schlugen und an den Tauen rissen, griff eine eiserne Faust
+des Capitäns Kehle, und ein schwerer Schlag schmetterte ihn zu Boden.
+
+
+
+
+Zehntes Capitel.
+
+Die unterbrochene Execution.
+
+
+Eine Stunde etwa nach den im letzten Capitel beschriebenen Vorgängen
+lag der Capitän, mit Essigumschlägen über den Kopf, in seinem Bett in
+der Cajüte, und der deutsche Matrose Hans schwer in Eisen geschlossen
+in einer kleinen Art von Behälter des untersten Raumes dicht neben dem
+Steuer, zwischen zwei dort angebrachten eisernen Wasserreservoiren. Der
+Capitän hatte sich seine Bestrafung auf den andern Tag vorbehalten und
+wollte, wie er gemeint, ein exemplarisches Beispiel statuiren. -- Er
+hatte mit dem ersten Mate eine lange Besprechung darüber gehabt.
+
+Der Steward lag übrigens auch in seiner Koje, der Leib war ihm, wo
+ihn das Pferd gepackt gehabt, bös aufgeschwollen und er wimmerte und
+lamentirte vor Schmerzen. Mit Jack ging es ebenfalls nicht besser --
+er hatte den Abend wieder starkes Fieber und konnte nicht an Aufstehen
+denken. Des Capitäns Wache war dadurch so eingeschmolzen daß der Koch
+mit dazu genommen werden mußte, obgleich er sich keineswegs, wie er
+sich ausdrückte, ein »Vergnügen daraus mache.«
+
+Es herrschte übrigens ein dumpfes Schweigen unter der Mannschaft. Hans
+war seines stillen anspruchslosen Wesens wegen von Allen gern gesehen;
+dabei gab es keinen tüchtigeren Matrosen an Bord als ihn, und
+François' Erzählung, der ja Zeuge des Vorfalls im unteren Raum
+gewesen, diente gerade nicht dazu sie gegen den Capitän günstiger
+zu stimmen. Nichts destoweniger hatte er Hand an seinen Vorgesetzten
+gelegt, und die angeborene, fast möchte ich sagen =Scheu=, die in
+dieser Hinsicht in den Leuten steckte, ließ sie auch von seiner
+Bestrafung -- wie er immer gereizt gewesen sein mochte -- als von
+einer Sache sprechen die sich von selbst verstände, und durch Nichts
+geändert werden könne.
+
+»Der Teufel muß heute in Hans gefahren sein« meinte Jack, als die
+Leute nach eben eingenommenem Abendessen noch auf ihren Kisten, und um
+die hölzernen Schüsseln herum, im Logis saßen, »das hätt' ich ihm
+gar nicht zugetraut, daß er so hitzig werden könnte.«
+
+»Ich hab' Dir's gestern wohl gesagt« lachte Bill -- »s'ist mir schon
+ein paar Mal so vorgekommen, als ob der kleine _dutchman_ vom richtigen
+Stoff wäre und nur einen mittelmäßigen Stahl brauche vortreffliches
+Feuer zu geben. Schade daß er den alten betrunkenen Schuft nicht gleich
+todtgeschlagen hat, dann wären wir ihn auf einmal los« -- er sah sich
+dabei um, ob ihn auch der Zimmermann nicht gehört habe, doch der war
+schon an Deck.
+
+»Schade für uns, aber nicht für ihn« meinte Jean nachdenkend --
+»dem armen Teufel wird's so schlecht genug gehen. -- Ich möchte morgen
+früh nicht in seiner Haut stecken.«
+
+»Sie können ihm doch weiter nichts thun als daß sie ihn in Eisen
+lassen,« sagte Carl rasch, »das ist für jetzt Strafe genug, und
+nachher mögen sie ihn den Gerichten übergeben. Auf dem festen Land
+wird er nicht so schwer abkommen wie an Bord.«
+
+»Das kommt aufs Wetter an« meinte Bill trocken, und schob sich ein
+tüchtiges Primchen in den Mund, den er sich vorher mit einem halben
+Kumpen Thee ausgespült hatte.
+
+»Auf's Wetter?« sagte Bob -- »wie soll das auf's Wetter ankommen --
+wohl die Laune vom Alten.«
+
+»Ich meine das =Wetter=,« behauptete Bill -- »nach Recht und Gesetz
+weiß ich nicht einmal ob er ihn schlagen kann. Wird aber das Wetter
+morgen unbeständig, und es sieht heute gerade so aus als ob wir vor dem
+alten miserabeln Riffnest Gott weiß wie lange herumkreuzen müssten,
+dann kann ihn der Alte, so schwach wie wir jetzt bemannt sind, gar nicht
+in Eisen lassen, oder er muß erwarten daß ihm einmal über Nacht ein
+Viertel Dutzend Masten über Bord gehen. Nachher heißts »wieder auf
+Deck« und daß er ihn dann nicht so ohne alle Strafe frei herum laufen
+läßt, ich dächte dazu kenntet Ihr doch unseren Alten ein klein
+Bischen zu gut.«
+
+»Er darf ihn doch nicht schlagen lassen!« rief Carl entrüstet.
+
+»=Darf= nicht?« lächelte Bill verächtlich -- »ich möchte sehen
+wer ihn daran verhindern wollte. -- Wenn =wir's= thäten, wär's weiter
+nichts als »Seeräuberei« von unserer Seite -- »Rebellion und
+Aufruhr« und wie die schönen Worte sonst noch alle heißen, nach denen
+man eines ehrlichen Menschen Hals so lang zieht, daß er bis an die
+nächste Raanocke reicht. Und wollte ihn Hans nachher verklagen wenn wir
+an Land kommen, so möchte ich drei Monat Lohn gegen einen Priem Taback
+wetten, daß der Capitän Recht bekommt und der Kläger, -- wenn sie ihn
+nicht gar noch einmal einstecken -- höchstens den Verweis bekommt, sich
+in Zukunft besser zu betragen. Das nennen sie nachher Gerechtigkeit.«
+
+»Ich hebe keine Hand gegen ihn auf,« betheuerte Carl, »wenn sie mich
+krumm und lahm schließen lassen.«
+
+»Wirst du auch gar nicht 'zu kommen,« meinte Bill -- »das ist des
+Bootsmanns Sache, und da »Spahn« jetzt überhaupt hier an Bord den
+Bootsmann spielt, so wird der also auch wohl die kleinen Nebengeschäfte
+zu besorgen haben. Doch hoffentlich bekommen wir besser Wetter, und dann
+macht sich vielleicht noch Alles.«
+
+»Ich glaube auch nicht daß ihn der Capitän wird wirklich =peitschen=
+lassen,« tröstete sich Jean, -- »er mag wohl den Teufel im Kopf haben
+wenn er die »Tropfen« im Magen spürt -- aber Morgens ist er ja sonst
+immer still und ruhig, und flucht nicht einmal besonders viel.«
+
+»Trau du dem Morgens,« brummte Bob hier aus seiner Ecke vor, »ich
+hab' ihn einmal Morgens bei solchem Geschäft gesehen, und verlang es
+nicht wieder.«
+
+Bob war, außer Hans, der einzige von der ganzen Mannschaft, der schon
+früher einmal eine Reise mit dem Capitän in ein und demselben Schiffe
+gemacht; aber man hatte ihn bis jetzt nie dazu bringen können auch nur
+das mindeste darüber zu erzählen. Desto gespannter drehten sich jetzt
+Alle gegen ihn um, weil sie glaubten er würde ihnen nun das, worauf er
+anspielte, zum Besten geben. Bob aber, der vielleicht fürchten mochte
+daß er dazu gedrängt würde, stand auf, zündete seine Pfeife an,
+und stieg auf Deck, und da der Zimmermann gleich nach ihm herunter kam,
+hörte jede weitere derartige Unterredung von selber auf.
+
+Der Gefangene bekam von dem zweiten Mate Wasser und einen
+Schiffszwieback, auf des Capitäns Ordre hinuntergebracht -- auf seine
+eigene fügte er aber ein Stück Fleisch und ein Fläschchen mit Rum
+bei, und sprach dem armen Teufel Muth ein: er solle nicht das Schlimmste
+glauben; es würde noch Alles gut gehen?«
+
+»Gut gehen?« lachte Hans leise und bitter vor sich hin, nachdem er dem
+Mate, der mit der Laterne neben ihm stand, freundlich zugenickt -- »gut
+gehn? -- was der Capitän thun kann daß mir's =schlecht= geht, thut er
+gewiß, darauf könnt Ihr Euch verlassen, und =er= hat jetzt die Macht
+in Händen. -- Das Blatt hat sich gewendet.«
+
+»Das Blatt hat sich gewendet?« wiederholte der Mate verwundert --
+»wie meint Ihr das?«
+
+»Oder es wendet sich vielleicht wollte ich sagen« erwiederte der
+Matrose und that einen kräftigen Zug aus der ihm dargereichten Flasche.
+-- »Ich spreche schlechtes englisch Mate, und Ihr dürft bei mir die
+Worte nicht so auf die Wagschaale legen.«
+
+»Donnerwetter Mann, Ihr sprecht heute Abend ein recht =gutes= Englisch,
+besser wie ich's noch je von Euch gehört habe -- Ihr müßt schnell
+lernen.«
+
+»Wenn man den ganzen Tag weiter Nichts hört,« meinte der Gefangene,
+»bleibt einem ein Bischen hängen, und =andere= Menschen lernen's ja,
+warum soll gerade =mein= Kopf von Holz sein.«
+
+»Nun, laßt's Euch schmecken,« sagte der Mate, »und wenn Ihr das
+Fläschchen leer habt, steckt's hier in die Ecke, zwischen die beiden
+Balken hinein. Der Lump der Steward könnte wieder aufstehn und herunter
+kommen und wenn der's ausschnoperte, wüßte es der Capitän auch schon
+in den nächsten fünf Minuten.«
+
+»Ist denn der Steward krank?« frug Hans erstaunt -- »was fehlt ihm?«
+
+»Alle Wetter, Ihr waret doch selbst mit unten und sollt ja das Pferd
+gerade auf ihn gehetzt haben, was ihn gebissen hat,« lachte der Mate
+leise.
+
+»Oh, hat Ihn der Fuchs so derb gepackt gehabt« meinte Hans,
+kopfschüttelnd, »hm, hm -- ja, Pferde beißen scharf, wenn sie einmal
+richtig zufassen -- liegt er denn zu Bett?«
+
+»Ja -- aber ich kann jetzt auch nicht länger unten bleiben, ich habe
+die Wache an Deck, -- also gute Nacht Hans« -- und damit nahm er seine
+Laterne wieder in die Hand, und stieg die Leiter in die Höh, und Hans
+blieb im Dunkeln allein.
+
+Am nächsten Morgen war der Wind ziemlich schläfrig geworden; das
+Schiff machte nur wenig Fortgang. Am vorigen Tag hatten sie dabei gar
+keine Observation bekommen, und auch heute verdunkelte sich gegen Mittag
+die Sonne. Der Logrechnung nach mußten sie allerdings dem südlichen
+Eingang der Riffe ziemlich nahe, d. h. fast auf einer Breite mit ihm
+sein. Wie aber der Wind jetzt stand, wäre es gefährlich gewesen zu
+nah an die Klippen anzulaufen, denn die Strömung setzte in dieser
+Jahreszeit stark dagegen. Befiel sie vor dem Eingang Windstille, so
+war die größte Wahrscheinlichkeit vorhanden, daß sie gegen die Riffe
+getrieben werden mußten. Außerdem konnten sie dabei unter keiner
+Bedingung vor Anker gehen -- mit ihrer längsten Lothleine hätten sie,
+dicht vor den Riffen, keinen Grund gefunden.
+
+Der Morgen war so vorüber gegangen, ohne daß der Capitän auch nur ein
+Wort über den Gefangenen erwähnt hätte. Erst mit sechs Glasen (drei
+Uhr) gab er dem zweiten Mate den Befehl Hans an Deck zu bringen.
+In Süd-Westen stieg eine dichte Wolkenschicht auf, und es war jede
+Wahrscheinlichkeit vorhanden, daß sie eine häßliche Nacht bekommen
+würden.
+
+Hans war todtenbleich als er das Deck erreichte, aber vollkommen ruhig.
+-- Er stieg durch die hintere Luke vor dem Mate die Zwischendeckstreppe
+hinauf, und blieb, auf ein Zeichen desselben, an der Nagelbank des
+großen Mastes stehen. -- Hier aber, ob ihn sein Bein vielleicht noch
+schmerzte, oder er sich durch die Aufregung, in der er sich jedenfalls
+befand, erschöpft fühlte, aber er lehnte sich halb auf das neben ihm
+stehende Fleischfaß, und erwartete dort die Ankunft des Capitäns, der
+gleich darauf über das Quarterdeck herüber auf ihn zu kam.
+
+Capitän Oilytt sah gerade das Gegentheil von Hans aus -- er war
+glühend roth im Gesicht, und über der Stirn saß ihm ein breites und
+langes schwarzes Pflaster. Es war dieselbe Stelle, auf die ihn der jetzt
+in Eisen Geschlossene gestern getroffen. Seine Augen hafteten aber nur
+für kurze Zeit auf dem Gefangenen, der seinem Blick fest begegnete --
+er schaute unruhig über sein Schiff hinweg, nach den Segeln hinauf,
+nach den Wolken hinüber und befahl dann dem zweiten Mate mit heiserer
+fast nur halblauter Stimme _all hands on deck_ zu rufen und aufs
+Quarterdeck zu bringen.
+
+Die Leute kamen still und schweigend an und sammelten sich um Hans,
+Keiner aber, außer dem Zimmermann, ohne ihm nicht halb verstohlen und
+freundlich zuzunicken.
+
+Um des Gefangenen Züge spielte ein leises schmerzliches Lächeln, --
+aber sein Blick suchte wieder die im Süd-Westen aufsteigenden Wolken,
+die er in den letzten Minuten schon aufmerksam betrachtet hatte. Wie
+unruhig schaute er dann nach dem Oberbramsegel hinauf. Bill, der neben
+ihm stand hatte den Blick gesehen und sagte leise:
+
+»Du hast recht Hans, wir kriegen heut Abend faul Wetter und wenn der
+Alte nicht bald Segel« --
+
+Des Capitäns Stimme unterbrach ihn hier. -- Dieser war bis dicht an die
+dünne eiserne Railing getreten, die das Quarterdeck, das halb aus dem
+unteren Raum emporragte, von dem Mitteldeck trennte, und redete jetzt
+die Mannschaft mit lauter aber doch nicht fest klingender Stimme an:
+
+»Leute -- wie Ihr wohl wissen werdet, so hat gestern der deutsche
+Matrose da -- könnt Ihr nicht aufrecht stehn, Sir, wenn man zu Euch
+spricht? -- heh?« -- Hans versuchte sich aufzurichten, mußte sich aber
+immer noch festhalten und suchte sich jetzt mit dem gesunden Beine gegen
+das Faß zu stützen.
+
+»Sein Bein thut ihm noch weh,« sagte der zweite Mate leise zum
+Capitän, hinter dem er stand. --
+
+»Sein Bein soll verdammt sein,« erwiederte dieser barsch und laut,
+»übrigens hab ich Euch nicht gefragt Sir, daß Ihr Euch hier das Wort
+erlaubt.« --
+
+»Ich meinte nur.«
+
+»Ihr =habt= Nichts zu meinen, Ruhe Sir -- Gott verdamme mich, ich will
+Ordnung hier an Bord haben, oder mit Schiff und Mannschaft zu Grunde
+gehn -- und Gnade Gott allen denen, über die ich vorher noch weg muß.
+-- Also wie ich Euch sagte, Leute, so hat gestern der deutsche Matrose,
+sich erst im Raum unten, als ich ihn wegen Unordnung und Liederlichkeit
+zurecht wieß, mit Worten gegen mich vergangen, und zuletzt sogar
+einen mörderischen Angriff auf mich gewagt, bei dem er mich, von der
+Dunkelheit des unteren Raumes und der Lokalität begünstigt, mit irgend
+einem schweren Instrument oder Gegenstand vor den Kopf traf und zu Boden
+warf.«
+
+»Ich hätte meinen Hals verwettet,« flüsterte Bill dem neben ihm
+stehenden Jean zu, »daß er's akkurat so herausbringen würde. -- Ein
+Advokat hätt's nicht besser machen können.«
+
+»Dem Gesetz nach könnte ich ihn nun bis Indien« -- fuhr der Capitän
+fort, »schwer geschlossen im unteren Raume lassen. Da wir aber
+überdies schwach bemannt und einige von uns noch dazu krank sind, so
+dürfte ich das jetzt kaum mit der Sicherheit des Schiffes verantworten
+können. Ganz ohne Strafe soll er aber natürlich, bis ich ihn in
+Calcutta den Gerichten übergeben kann, nicht wegkommen, und der
+Bootsmann wird ihm deshalb hier vor Euren Augen funfzig Hiebe aufzählen
+-- als =Warnung= für jeden Einzelnen unter Euch für die Zukunft. Ihr
+habt mir in Sydney Aerger und Kosten genug gemacht, und ich will mir
+hier an Bord wenigstens nicht länger von Euch auf der Nase herumspielen
+lassen, oder mich gar Euren mörderischen Angriffen aussetzen. Bootsmann
+-- thut Eure Schuldigkeit.«
+
+Er wandte sich um als ob er nach hinten gehen wollte. Des Gefangenen
+Stimme hielt ihn da zurück; er blieb mitten im Gange stehen, drehte
+sich aber nur halb nach diesem wieder um.
+
+»Capitän,« sagte Hans, dem die Worte kaum aus dem Mund wollten, so
+erstickte die innere fürchterliche Aufregung seine Stimme. Er sprach
+auch sehr langsam, wie er immer that wenn er sich des Englischen
+bediente. -- »Capitän -- in Sydney haben fast alle Euer Schiff
+verlassen, nur ich nicht, weil ich Euch mein =Wort= gegeben hatte zu
+bleiben.«
+
+»Du bist geblieben, Schuft, weil ich den Lohn von voriger Reise für
+dich in Händen hatte,« lachte der Capitän und drehte sich wieder ab
+-- »nicht wegen deines Ehrenworts.«
+
+»Capitän,« rief aber Hans noch einmal, dem das Blut jetzt wie mit
+vollen Strömen aus dem Herzen herauf ins Gesicht stieg -- »ich blieb,
+weil ich mein =Wort= gegeben -- und ich gebe es Euch hier noch einmal --
+nehmt die Strafe zurück. Ihr wißt selber, wie Ihr mich gereizt habt.
+-- Ich war meiner Sinne nicht mächtig als ich nach Euch schlug -- aber
+nur mit meiner nackten unbewaffneten Faust, so helfe mir Gott. -- Nehmt
+die Strafe zurück und ich will arbeiten, daß mir das Blut unter den
+Nägeln vorkommt -- oder in Eisen liegen wie Ihr wollt -- ich will nicht
+murren. -- Setzt mich die ganze Reise auf Wasser und Brod -- behaltet
+zur Strafe für mich jeden Cent, den ich bis jetzt hier an Bord verdient
+habe -- aber -- aber -- keine Schläge.«
+
+Der Capitän war stehen geblieben, aber allem Anschein nach ohne den
+Worten auch nur die geringste Aufmerksamkeit zu widmen. -- Er wandte
+sich jetzt rasch gegen den Zimmermann und sagte schnell: --
+
+»Hab' ich Euch nicht befohlen Eure Schuldigkeit zu thun? -- Wir haben
+keine Zeit mehr zu verlieren, dort hinten kommt ein Wetter auf -- Bob --
+Jim -- bindet den Gefangenen an die Leeseite -- nur mit den Händen --
+er mag aufrecht dabei stehen bleiben oder -- wenn ihm das bequemer ist,
+auf die Kniee niederfallen.«
+
+»Capitän!« schrie aber jetzt Hans plötzlich, als die beiden auf ihn
+zutraten, mit lauter fast drohender Stimme, und in so reinem, flüssigem
+Englisch, daß selbst der Capitän sich erstaunt nach ihm umschaute --
+»Ihr =wißt=, daß ich mein Wort halte, aber beim heiligen Gott des
+Himmels, der, der Hand an mich legt, schlage mich lieber gleich todt,
+denn so wahr ich einst selig zu werden hoffte, so wahrhaftig morde ich
+ihn im nächsten Augenblick, wo ich die Hände frei bekomme.«
+
+»Ah, wenn die Sachen so stehen, wollen wir wohl zusehen daß du
+die Hände nicht frei bekommst, mein Bursche,« lachte der Capitän
+höhnisch -- »Gott verdamme es, wie der Kerl auf einmal so gut englisch
+spricht -- das bringt die Angst heraus. Also =Mord= -- gut Sir, wir
+werden's nicht vergessen. -- Und nun an die Arbeit, Bootsmann, und legt
+gut auf, oder ich laß Euch auf Euerm eigenen Rücken zeigen wie man's
+machen muß. Allons, Bob -- Jim -- Pest, noch einmal Burschen, soll
+ich's Euch zum =drittenmal= sagen?«
+
+Die beiden hatten unschlüssig dagestanden. Dem directen Aufruf des
+Capitäns wagten sie aber nicht den Gehorsam zu verweigern, und führten
+den Gefangenen an die Leeseite, wo sie ihm das Hemd abzogen und
+den Rücken entblößten. Brust und Schultern waren ihm mit blauen
+wunderbaren Zeichen tättowirt, und auf der ersteren hatte er noch
+außerdem drei tiefe, aber schon seit Jahren verharrschte Narben. Sie
+banden ihm die Hände hoch in die Höhe, aber er sprach kein Wort mehr,
+und ließ alles ruhig mit sich geschehen. Der Zimmermann hatte indessen
+ein schon bereitliegendes noch neues Reefband vorgenommen, wickelte sich
+das eine Ende davon um die rechte Hand, und trat auf den Gefangenen zu.
+
+Indessen hatte es schon lange im Südwesten geblitzt, und es folgte
+gerade in diesem Augenblick ein so heftiger Donnerschlag, daß Alle,
+die bis jetzt nur mit dem Gefangenen beschäftigt gewesen, erschrocken
+aufsahen.
+
+»Werft die Bramsegelfalle los,« schrie aber jetzt auch der Capitän,
+der auf einmal fand daß ihn das Wetter ganz plötzlich überrascht
+hatte. -- »Bramsegel fest -- schnell -- Falle los -- Donnerwetter,
+Zimmermann, laßt den Burschen jetzt stehen und werft die Taue los.«
+
+Die Leute sprangen, froh dem peinlichen Schauspiel enthoben zu
+sein, blitzesschnell auf ihre verschiedenen Posten, und im nächsten
+Augenblick schien alles nur Verwirrung in den gelösten Tauen und
+flatternden Segeln. -- Niemand kümmerte sich um den Gefangenen, der
+noch mit entblößtem Oberkörper an den Wanten hing.
+
+Ueber die See kam es indessen in dumpfem, hohlem Brausen herangestürmt.
+-- Noch standen die Wolken tief am Horizont, aber die Luft wurde schon
+dick und düster, und das Wasser fing an sich vor der andrängenden
+Gewalt zu kräuseln und zu gähren. Die leichteren Segel waren indessen,
+so rasch es die schwache Mannschaft nur irgend erlaubte, festgemacht,
+die Marsraaen rasselten jetzt zum Reefen nieder, und in das monotone
+Heulen der Matrosen, die an den Reeftaljen hingen und die schweren Segel
+zum Reefen aufholten, mischte sich schon das Brausen des Sturmes, und
+die Segel schlugen dabei an die von den Brassen gelösten Raaen, als ob
+sie der kommenden Windsbraut ängstlich entfliehen und hinaus ins Weite
+wollten.
+
+Hier besonders zeigte sich jetzt der Nachtheil einer zu schwachen
+Bemannung. -- Sämmtliche Mannschaft wurde gebraucht ein einziges Segel
+zu reefen -- und war selbst dazu kaum stark genug. Ehe sie denn auch das
+Vormarssegel fest bekommen konnten, brauste der Sturm heran, riß das
+große Marssegel mit =einem= Schlag, wie aus einer Kanone geschossen,
+von einander, und in der nächsten Secunde peitschten schon die Streifen
+davon um die Raaen. Der Capitän stampfte ingrimmig mit dem Fuß.
+
+»Soll ich Hans lieber losbinden, daß er mit hilft?« sagte der erste
+Mate zum Capitän, mit dem er allein auf dem Verdeck stand -- der zweite
+Mate war mit oben auf der Marsraae. --
+
+»Verdammt! nein,« rief aber dieser »ich traue dem Burschen nicht,
+und er soll nicht sagen, daß er oder das Wetter mir seine Strafe
+abgetrotzt. Das Segel ist nun doch einmal beim Teufel, und mit
+den anderen werden sie schon fertig werden. So wie der Zimmermann
+herunterkommt, soll er ihm seinen Theil auflegen und dann wieder marsch
+hinunter in sein Loch. Wenn er so mordlustige Gedanken hat, wollen wir
+den Wolf doch lieber nicht aus der Falle herauslassen.«
+
+Der Wind, der indessen eher an Stärke zugenommen als nachgelassen
+hatte, war erst ganz nach Norden herumgegangen, und bis die Leute mit
+Reefen fertig waren, neigte er sich sogar so weit gegen Nord-Ost
+daß der Capitän, der in den letzten beiden Tagen keine Observation
+bekommen, und die Nacht vor der Thür sah, der Nähe der Riffe nicht
+mehr traute, und lieber gleich zu wenden befahl.
+
+Jetzt war aber der Angebundene wirklich im Weg, und da der Capitän auch
+wohl einsehen mochte, daß unter den jetzigen Umständen und während
+der Sturm über die aufgeregten Wogen heulte, die Vollziehung der Strafe
+unter den Leuten weit eher einen bösen Eindruck machen, als sie vor
+ähnlichen Vergehungen zurückschrecken würde, befahl er dem jetzt
+wieder an Deck gekommenen zweiten Mate ihn abzubinden und nach unten zu
+führen -- »bis das Wetter besser geworden wäre.«
+
+Der Mate, ein gutherziger Bursche, hatte wohl kaum einen Befehl seines
+Oberen mit größerer Freudigkeit befolgt als eben diesen. Er sprang
+rasch nach unten, warf ihm sein Hemd wieder über und stieg mit ihm die
+Luke hinunter.
+
+»Es kann sich noch alles machen, =Hans=,« sagte er ihm hier
+freundlich, als er ihn in sein kleines Behältniß wieder eingebracht
+hatte -- »Zeit gewonnen alles gewonnen, und wenn wir morgen glücklich
+in die Riffe einlaufen, denkt der Alte vielleicht gar nicht mehr an die
+ganze Geschichte.«
+
+»Ich dank Euch für Euren freundlichen Wunsch, Mate,« sagte der
+Gefangene düster und warf sich auf seine Matratze, die ihm Jean heute,
+allerdings =gegen= des Capitäns Befehl, zu verschaffen gewußt hatte.
+Der Mate hatte auch nicht lange Zeit, denn von oben nieder tönte schon
+das Schreien und Heulen der Matrosen, die an den Schoten und Brassen
+rissen, das Schiff auf den anderen Bug zu legen, und er sprang rasch die
+Leiter wieder hinauf.
+
+
+
+
+Elftes Capitel.
+
+Der Sturm.
+
+
+Als an Deck alles klar war, die nicht durchaus nöthigsten Segel
+geborgen, die Raaen scharf angebraßt standen, lief das Schiff wieder
+nach Süden zurück. Südost lag freilich auf dem Compaß an, aber ein
+paar Striche trieb es doch noch immer weiter nach Süden hinüber, so
+daß es vielleicht einen SSO-Cours steuerte. Unter der Zeit war es aber
+auch vollkommen dunkel geworden, und der Capitän saß in der Cajüte
+und trank, theils aus Aerger über das schlechte Wetter, theils über
+die vereitelte Execution an dem Deutschen, von dessen schwerer Faust ihm
+das Zeichen noch immer auf der Stirn brannte, ein Glas Grog über das
+andere. Der erste Mate, der die Wache auf Deck hatte, ging ab und zu,
+bald in die Cajüte hinunter, das Nöthige mit dem Capitän über die
+Fahrt zu besprechen, bald einmal wieder an Deck schauend, wie es mit dem
+Wetter stehe.
+
+Die Karte der Torresstraße lag mit Cirkeln und Parallel-Lineal auf dem
+Tisch der Cajüte, und es schien ihm nichts weniger als angenehm, daß
+sich der Capitän heute gerade um seinen Verstand trank.
+
+»Um zwölf wollen wir wieder über den anderen Bug gehen,« sagte
+endlich Capitän Oilytt, der in der einen Sophaecke lehnte, und das
+rechte Bein zu sich heraufgezogen hatte. -- »_Damn it_, wir dürfen
+nicht so weit von der Straße ablaufen, wir haben sonst morgen Abend
+wieder dieselbe Geschichte.«
+
+»Um zwölf möchte wohl ein wenig früh sein, Capitän,« meinte der
+Steuermann -- »ich war noch vor Dunkelwerden oben im Mast, und wenn
+ich's auch nicht gerade bestimmt behaupten will, so war mir's doch als
+ob ich im Westen Land gesehen hätte. -- Die Strömung setzt uns hier
+sehr stark nach den Riffen hinein, und es wäre eine fatale Geschichte,
+wenn wir im Dunkeln drauf liefen.«
+
+»Unsinn,« brummte der Capitän und füllte sich auf's neue sein Glas
+-- »wenn's Tag wird, werden wir gerade in der rechten Entfernung
+sein, bis Mittag die Einfahrt machen zu können, und dann soll auch der
+Bursche, der Hans, seine Ladung haben -- der Schuft der.«
+
+»Capitän Oilytt,« sagte der Mate ruhig -- »ich würde die Sache sein
+lassen, bis wir durch die Torresstraße sind. -- Es ist nicht gut jetzt
+böses Blut unter der Mannschaft machen. Nachher, wenn Ihr Euch nicht
+anders besonnen habt, könnt Ihr ja immer noch thun was Ihr wollt. --
+Er läuft uns in der Zeit wahrhaftig nicht weg, und da unten in Eisen
+liegen ist auch eben kein Spaß.«
+
+»Papperlapapp!« rief der Capitän ärgerlich auffahrend -- »glaubt
+Ihr ich soll vor meiner Mannschaft mit zerschlagenem Gesichte
+herumlaufen, und den Schuft nicht gezüchtigt haben, der es gewagt hat
+Hand an mich zu legen? Pest und Gift -- und hinter dem Burschen steckt
+auch noch mehr. -- Ich habe ihn im vorigen Jahr zuerst von Sydney mit
+fortgenommen, und er sprach fast kein Wort englisch, und gestern Abend,
+Gott verdamme mich, ging's ihm vom Maule als ob er in seinem ganzen
+Leben keine andere Sprache gesprochen. Hier an Bord kann er das in der
+kurzen Zeit nicht so gelernt haben, also hat er sich vorher =verstellt=
+und da sitzt ein Haken dahinter. Es sollte mich nicht so viel wundern,
+wenn er irgend ein durchgekniffener Verbrecher von Neusüdwales oder
+Vandiemensland wäre. -- Ich wollte, ich hätte früher eine Ahnung
+davon gehabt.«
+
+»Ja, sein englisch Sprechen ist mir auch gestern Abend aufgefallen,«
+sagte der Mate, nachdenkend -- »was sollte er aber für eine Ursache
+haben, seine Sprache zu verstellen?«
+
+»Und den ganzen Leib hat der Schuft voller Narben,« fuhr der Capitän,
+ein anderes Glas leerend, fort, »ich möchte nur wissen wo er die
+gekriegt hat -- im ehrlichen Kriege wahrhaftig nicht, denn so alt ist er
+gar nicht irgend einen Krieg mitgemacht zu haben -- verdammte Bestie.
+-- Und dabei ist mir's immer als ob ich seine grauen Katzenaugen schon
+irgendwo einmal früher gesehen hätte.«
+
+»Er müßte denn mit in Indien gewesen sein,« meinte der Mate.
+
+»Indien -- pah« -- sagte Oilytt -- »die Tättowirungen hat er auch
+nicht aus Indien, die sind aus der Südsee. -- Wo sich der Schuft nur
+mag alles herumgetrieben haben.«
+
+Er schenkte sich ein frisches Glas ein und rührte dieses wüthend
+zusammen, während der Mate, der das nicht länger mit ansehen mochte,
+die Cajüte verließ. Dem Capitän gingen aber indessen allerlei Dinge
+durch den Kopf -- die Narben des Gefangenen gefielen ihm nicht. -- Der
+Mann hatte schon mehr erlebt als er wieder erzählen mochte, und war
+allerdings im Stande seine Drohung auszuführen.
+
+»Hol ihn der Teufel,« brummte er endlich vor sich hin -- »er soll
+nicht sagen können daß er Bill Oilytt erst geschlagen und nachher in's
+Bockshorn gejagt hat. -- Morgen früh, wenn wir gesund bleiben, soll
+er seine fünfzig -- Narben oder keine Narben -- richtig aufgezählt
+kriegen. -- Wart Canaille, ich will dir das Fell noch einmal
+übertättowiren und nachher kann er sehen wie er sein Wort hält, wenn
+er unten in Eisen krumm liegt. -- Verdammte meuterische Hundeseele.«
+Mit diesen Worten zog er auch das andere Bein auf's Sopha herauf, um
+sich zum Schlafen zurecht zu legen. -- Das Rückenkissen unter den
+Kopf schiebend, rief er dann, erst in seiner gewöhnlichen Stimme, zum
+zweiten Mal jedoch laut und ärgerlich nach dem Steward -- er hatte ganz
+vergessen daß der im Bett lag. An dessen Statt erschien aber Timor, der
+Malayische Knabe in der Thür, und frug was der Capitän befehle.
+
+»Wo ist der Steward, der Lump?« schrie ihn dieser an -- »schon zu
+Bett? -- ach ja so, hat eine dicke Seite -- Pest noch einmal, daß ich
+ihm nicht einen dicken Buckel dazu gebe -- Timor -- Timor!«
+
+»Ich bin hier, Sir,« sagte der Junge, und trat dicht zum Sopha hinan.
+
+»Timor -- um zwölf Uhr weckst Du mich -- verstanden?«
+
+»Ja Sir,« -- der Junge blieb noch eine ganze Weile auf seinem Platz,
+fernere Befehle seines Herrn, mit dem er wohl wußte daß sich in diesem
+Zustand nicht spaßen ließ, abzuwarten. Der Capitän war aber schon
+fest eingeschlafen und Timor drückte sich in seinen Verschlag zurück,
+-- wenn es ihm der Mate verstattete -- ein Gleiches zu thun.
+
+Unter fast gar keinen Segeln und gegen eine ziemlich schwere See an,
+machte das Schiff nur sehr geringen Fortgang. Trotzdem sie aber vom
+Lande, ihrem Cours nach, abgingen, schickte der zweite Mate, der bis
+zwölf Uhr Wacht hatte, mehrmals Leute nach oben, um zu sehen ob sich
+nach Westen zu nicht doch irgend etwas erkennen ließ. Der Himmel war
+jedoch zu bewölkt und die Luft zu dunkel. Ohne daß etwas besonderes
+vorgefallen wäre kam 12 Uhr heran.
+
+Timor schüttelte jetzt seinen Herrn und that im Anfang wirklich was
+er thun =konnte=, ihn nur munter zu bekommen. Dann sprang derselbe aber
+auch mit beiden Füßen zugleich empor, rieb sich die Augen und sah nach
+dem über ihm hängenden Compaß. Fünf Minuten blieb er noch etwa,
+wie in tiefe Gedanken versunken, auf dem Sopha sitzen -- er besann sich
+wahrscheinlich, was in den letzten Stunden mit ihm vorgegangen, und erst
+jetzt, mit einem plötzlichen »Ja so« -- stand er auf, sah nach der
+Kanne, die er jedoch leer fand, und stieg, darüber auch eben nicht ganz
+zufrieden, an Deck hinauf.
+
+Der Wind wehte noch aus demselben Quartier, ja hatte sich eher noch
+mehr nach Osten gedreht; die See ging hoch und hohl, und es war eine
+häßliche Nacht. -- Der erste Mate kam eben an Deck und zog sich, schon
+oben, seinen dicken Rock an, den er fest unter dem Halse zuknöpfte.
+
+»Guten Morgen, Capitän,« sagte er, als er an diesem vorüberging --
+»noch immer um nichts besser -- da hinten sieht's noch häßlich aus.«
+
+»Guten Morgen, Mr. Black -- nun ich denke mit Sonnenaufgang sollen wir
+wieder klar Wetter bekommen, die Luft sieht da drüben schon lichter
+aus. Sind die Leute an Deck? -- he Bill,« wandte er sich zu dem Mann,
+der eben vom Ruder abgelöst war -- »geht noch nicht zu Koje, wir
+wollen wenden.«
+
+Das Manöver, das auf vollkommen bemannten Schiffen nicht viele Minuten
+dauern darf, erforderte mit der schwachen Mannschaft, bis alles wieder
+in der gehörigen Ordnung war, fast eine halbe Stunde, und der Boreas
+nahm, gegen die schwere See an, eine Masse Wasser über Bord. Wie der
+Wind stand, konnte er dabei nur eben einen Nordcours liegen, und hatte
+jedenfalls nach Westen hin, ohne die dort hinüber setzende Strömung,
+anderthalb Strich Abdrift. --
+
+»Capitän Oilytt,« sagte der Mate, als die letzten Brassen angeholt
+waren und das Schiff wieder, mit etwa drei Meilen Fahrt, langsam gegen
+die Wogen ankämpfte. -- »Ich glaube wahrhaftig nicht daß wir bis vier
+Uhr über diesen Bug liegen dürfen. Unserer Berechnung nach sind wir
+allerdings noch über einen Grad von der Küste ab, wir haben aber in
+zwei vollen Tagen keine ordentliche Observation gehabt, und -- es ist
+eine verdammt gefährliche Küste.«
+
+»Kommen Sie mit hinunter, wir wollen einmal auf der Karte ablegen,«
+sagte Capitän Oilytt, und stieg voran die Treppe hinunter.
+
+Ihrer Berechnung nach waren sie allerdings noch weit genug von den
+Klippen ab, und mit dem geringen Fortgang den das Schiff machte, ließ
+sich eben nichts besonderes für die wenigen Stunden fürchten. Der Mate
+schüttelte aber doch mit dem Kopf und meinte, »sicher sei jedenfalls
+sicher.«
+
+»Gut, dann wecken Sie mich um zwei Uhr,« brummte der Capitän
+mürrisch und legte sich wieder auf's Sopha, dort die anderthalb Stunden
+zu verbringen.
+
+
+
+
+Zwölftes Capitel.
+
+Die Riffbank.
+
+
+Der Mate kam um die bestimmte Zeit selber herunter, legte die Distance
+ab, die sie nach Log und Compaß gemacht, und fand daß sie der Küste,
+wenn die Strömung hier nicht sehr stark war, etwa um fünf Meilen
+näher gekommen. Sie gingen dann mitsammen auf Deck, und es wurde ein
+Mann nach oben gesandt, auszusehen, während vorn auf der Back ein
+anderer die Wacht halten mußte. Es ließ sich aber nicht das mindeste
+erkennen, und der Capitän blieb bis zu seiner Wacht oben. Gewendet
+wurde aber =nicht=.
+
+Um vier Uhr ging der erste Mate nach unten, und als er den zweiten
+weckte, prägte er ihm noch besonders ein, ja fortwährend Jemand auf
+dem Ausguck zu haben, der nicht allein nach der Brandung aussähe,
+sondern auch =aushorche=, denn sie würden sie in dieser stockfinstern
+Nacht eine Stunde eher hören als sehen können. Er ging dann zu Koje,
+konnte aber nicht schlafen und wälzte sich unruhig, alle Augenblicke
+aufhorchend, auf seinem Bett herum.
+
+Es war um fünf Uhr Morgens, als er ganz deutlich durch sein offenes
+Fenster, bei einem plötzlich herüberwehenden Windstoß, das ferne
+dumpfe Rollen der Brandung zu hören glaubte. -- Mit einem Satz war er
+aus dem Bett und an Deck -- einen Augenblick war alles still, dann kam
+es dumpfgrollend und deutlich wieder über die empörte See daher, und
+mischte sich in das Heulen des Windes.
+
+»Capitän Oilytt, wir sind dicht auf der Küste,« rief der Mann
+erschrocken und sprang rasch die wenigen Stufen hinauf und auf den
+Capitän zu, der bis jetzt auf dem hinteren Theil des Quarterdecks mit
+schnellen Schritten auf- und abgegangen war.
+
+»Unsinn, Sir -- was macht Sie das glauben?« frug der Capitän, indem
+er stehen blieb.
+
+»Hörten Sie nichts?« sagte der Mate, und hielt die gebogene Hand
+trichterförmig an das lauschend vorgebeugte Ohr. Eine halbe Minute wohl
+ließ sich nichts deutlich unterscheiden, dann aber plötzlich quollen
+die dumpfgrollenden Töne ferner Brandung so deutlich zu ihnen herüber,
+daß sich die Sache nicht mehr bezweifeln oder gar wegläugnen ließ.
+
+»Ich höre nach vorn zu auch die Brandung, Capitän,« sagte Jean
+der am Steuer stand, und schon eine Weile nach der Richtung hinüber
+gehorcht hatte, »gerad' da drüben.«
+
+»Er hat wahrhaftig recht,« rief der Mate -- »wir sitzen mitten
+drinn.«
+
+»_All hands on deck_« donnerte der Capitän jetzt, ohne etwas darauf
+zu erwiedern, über Deck hin -- »schnell Jungen, schnell, treibt mir
+die Schläfer aus den Kojen. -- Nach oben ihr Leute, und schüttelt mir
+die Reefen aus den Marssegeln. -- Rasch, munter, Jungens -- zwei nach
+vorn und zwei für die Besahn -- jetzt fehlt uns das große Marssegel.
+Den großen Klüver los, Einer von Euch, und nun Marsraaen in die Höhe,
+was das Zeug halten will.«
+
+Die Leute waren aus dem Logis halb bekleidet herausgesprungen und flogen
+an die Taue. Die Vormarsraae ging rasch, diesmal ohne Singen und nur
+unter dem schnellen Tactheulen eines Einzelnen, nach oben, und das
+gewaltige Segel faßte bald voll und kräftig den Wind. »Vor-Bramsegel
+los!« -- tönte der nächste Ruf, und ob sich gleich die Stenge vor der
+ungeheuren Last die gegen sie preßte, ordentlich bog, als die Schoten
+nach dem Nocken flogen und der Wind plötzlich hineinschlug, sie brachen
+wenigstens nicht. Das große Besahn war ebenfalls gesetzt, und das
+Schiff bewegte sich etwas schneller durchs Wasser.
+
+»Ist das neue Marssegel zur Hand, Mr. Black?« frug der Capitän jetzt
+diesen, der neben ihm stand und die Besahnschot befestigen half.
+
+»Alles in Ordnung, Sir -- liegt gerade hier unter der Luke. Ich wollte
+es überhaupt schon heute früh anschlagen und das alte Segel ausbessern
+lassen.«
+
+»Ich wollte Sie hätten's gestern gethan,« erwiederte der Capitän --
+»allons, hinauf damit -- wir müssen sehen, daß wir es fest kriegen.
+-- Wenn wir nicht Segel setzen können, jagen wir unrettbar auf die
+Riffe hinauf.«
+
+Es ist eine schlimme Arbeit, an Bord eines Schiffes, in solchem Wetter
+und solcher See ein Segel anzuschlagen, das schon durch sein ungeheures
+Gewicht ein stetes Hinderniß bietet. In offener See wäre es auch
+sicher unterblieben. Hier aber lag ihre einzige Rettung darin von der
+Küste oder den Riffen vielmehr, die sich hier gefährlicher als an
+irgend einer Küste hinauf erstreckten, wieder abzukommen, und die
+Marssegel sind durch ihre Größe wie ihren Platz bei solchem Absegeln
+gerade die wichtigsten von allen. Ob die Stengen und Masten hielten,
+mußte sich jetzt zeigen. Aber halten oder nicht -- brachten sie nicht
+mehr Segel auf, so saßen sie in einer Stunde zwischen den Klippen.
+
+Die Luke war geöffnet, und die Männer arbeiteten daran das schwere
+Segel auf Deck zu heben, während der Capitän unruhig vorgebeugt nach
+der Brandung horchte, und in der mehr und mehr lichtenden Dämmerung
+den weißen Schaumstreifen, der jetzt sichtbar sein mußte, zu erkennen
+suchte. Einer der Leute war nach oben geschickt, eine Talje an eine
+der Pardunen zu schlagen, um das Segel nachher gleich in die Marsen
+hinaufheben zu können. Zuerst mußte es aber erst auf Deck vollkommen
+dicht gereeft, und so fest zusammengeschnürt werden, daß oben der
+Wind, ehe es fest gemacht war, nicht hineingreifen konnte.
+
+»Capitän Oilytt,« sagte der Mate jetzt zu diesem tretend -- »wir
+sind zu schwach an Händen -- soll ich Hans vielleicht aus dem untern
+Raum heraufholen lassen?«
+
+»Nein« -- sagte der Capitän rasch -- »es geht auch ohne den --
+ich will nicht. -- Doch meinetwegen,« setzte er, sich eines besseren
+besinnend hinzu -- »wir dürfen nichts versäumen, denn wenn wir
+Unglück haben, käme uns am Ende die Assecuranz-Compagnie auf den
+Kragen. -- Bringt ihn herauf und nehmt ihm die Eisen ab. Wenn wir von
+der Küste los sind, können wir immer noch thun, was wir wollen.«
+
+Der Zimmermann mußte den Gefangenen heraufbringen, und auch der Steward
+war indessen aus dem Bett geholt. Obgleich er ächzte und stöhnte als
+ob er am Spieße stäke, half ihm das diesmal nichts. Kaum hatte er aber
+einen Blick über See und Takelwerk geworfen, und nach den donnernden
+Riffen hinüber gehorcht, als er auf einmal so gesund schien, als ob ihm
+im Leben nichts gefehlt hätte. Er war lange genug zur See gewesen, um
+bald einzusehen wie die Sachen hier standen.
+
+Als Hans an Deck kam, warf er einen einzigen flüchtigen Blick über
+Segel und Luft, im nächsten Moment schlug aber schon das dumpfe, jetzt
+ganz deutliche Donnern der Brandung an sein Ohr, und ein leichtes, fast
+triumphirendes Lächeln überflog seine bleichen Züge.
+
+»Nehmt ihm die Eisen ab, Zimmermann,« sagte der erste Mate rasch, als
+ob er befürchte, daß vom Capitän wieder Einsprache geschehen könnte
+-- »und dann rasch ans Werk, mein Bursche. Wir arbeiten heute Morgen
+alle nur für uns selber, denn wer den Hals nicht voll Seewasser
+haben will, mag zusehen daß er seinen Mund noch eine Weile über hoch
+Wassermark behält. -- Rasch mit dem Segel, Ihr Jungen, das dauert ja
+eine Ewigkeit.«
+
+»Mr. Black,« sagte aber in diesem Augenblick Hans, der dem Zimmermann
+seine Hände wieder entzogen hatte, daß er ihn noch nicht frei machen
+konnte -- »ehe ich einen Finger dazu aufhebe, dies Schiff vom Untergang
+mit frei zu arbeiten, will ich erst wissen ob der Capitän die --
+Prügelstrafe, die er mir zudictirt, zurückgenommen. -- Ist das der
+Fall, so soll er wahrlich keinen willigeren Mann als mich an Bord haben,
+und er mag mich nachher geduldig wieder in Eisen legen. -- Ist das aber
+nicht der Fall, so -- ist mir's lieber wir treiben auf die Klippen.
+-- Ich für meinen Theil ersaufe nun einmal lieber als daß ich mich
+peitschen lasse.«
+
+»Das ist Unsinn, Mann,« rief aber der Mate -- »macht keine Flausen,
+und seid froh, daß man Euch Gelegenheit giebt Euer eigenes Leben mit
+retten zu helfen. -- Erst einmal von der Küste ab -- das andere findet
+sich nachher?«
+
+»Was? -- will sich der Hund noch widersetzen?« schrie aber der
+Capitän jetzt, auf das Mitteldeck springend und eine Handspeiche, die
+beim Oeffnen der Luke gebraucht war, aufgreifend -- und ehe ihn jemand
+daran verhindern konnte, schlug er sie dem Gefangenen der wehrlos
+und mit gefesselten Händen vor ihm stand, über den Kopf, daß er
+besinnungslos zu Boden stürzte. Bill und Karl wollten ihm zu Hülfe
+springen und ihn aufrichten. Der Capitän schrie sie aber an bei ihrer
+Arbeit zu bleiben und sich nicht zu rühren, warf dann die Handspeiche
+auf Deck, und befahl Timor den »Körper« aus dem Weg und auf die Seite
+zu ziehen.
+
+Mr. Black -- sonst wohl ein rauher Gesell, aber keineswegs mit solcher
+unnöthigen Grausamkeit einverstanden, wartete diesmal auf keine
+weiteren Befehle von seinem Capitän, sondern rief dem ihm nächsten
+Matrosen -- es war Bill -- den Bewußtlosen aufzuheben und hinunter in
+das Zwischendeck zu schaffen. Dort legten sie ihn auf ein paar der da
+aufgestapelten Heuballen und ließen ihn liegen -- es war nicht möglich
+in diesem Augenblick weiter etwas mit ihm vorzunehmen.
+
+Der Capitän sah dies wohl, da aber Mr. Black, und wie es schien
+ziemlich entschlossen, selber dabei betheiligt war, ließ er ihn
+gewähren und ging mürrisch nach hinten.
+
+Das Segel war indessen an Deck dicht gereeft und fest
+zusammengeschnürt. An einem Ende an die Taille befestigt zogen es die
+Leute mit leichter Mühe in den großen Mars. Zwei von den Leuten hatten
+indessen die Reeftalje von den Marsraanocken bis hierher niedergeholt,
+schlugen diese an beiden Seiten durch eine der Reefkausen, und holten
+nun das Segel nach Steuer- und Backbord aus. Eine andere Talje um die
+Mitte geschlagen, brachte es dicht unter die Raae und die ganze jetzt
+über die Raae vertheilte Mannschaft zog mit unendlicher Schwierigkeit
+zwar, aber doch sicher und gut das Segel mit den ersten Reefbändern an
+seine gehörige Stelle, und festigte es dort mit allen Bändern.
+
+Nach kaum einer Viertelstunde schlug das Segel, von den beiden Tauen
+befreit, auf. Mit der Geschwindigkeit von Affen glitten aber auch
+die Leute zu gleicher Zeit an Wanten und Pardunen nieder, die Schoten
+auszuziehen, und hoch flog die wilde Spritzsee über den Bug des
+Schiffes aus und schleuderte förmliche Wellen über Deck weg, als die
+neue Gewalt das ächzende Fahrzeug gegen die anstürmende Wassermasse
+trieb.
+
+Es war ein Glück für das Fahrzeug, daß sich der Wind mit der
+Tagesdämmerung etwas gelegt hatte, es wäre sonst gar nicht im Stande
+gewesen diese Segel zu führen. Selbst jetzt noch standen die Taue zum
+äußersten gestrafft, und die starken Stengen bogen sich und schienen
+nur eines einzigen Druckes mehr zu bedürfen, um wie Glas von einander
+zu springen.
+
+Mr. Black war indessen selber nach oben gegangen, und sein gleich darauf
+nichts weniger als tröstlich klingender Ruf -- Brandung einen Strich
+über den Leebug, brachte auch den Capitän bald an seine Seite.
+
+»Da drüben sind die Riffe, Sir« -- sagte der Mate, auf der Bramraae
+stehend, und sich mit dem linken Arm um die Stenge festhaltend. Er
+deutete dabei mit der Rechten nach einem weißen Kamm hinüber, der,
+aus hohen Brandungswellen bestehend, weit vom Süden heraufkam und den
+ganzen Westen zu umschließen schien.
+
+»Können Sie gar kein hohes Land erkennen, Sir?« frug der Capitän,
+der auf die Raae mit hinaufstieg und sein linkes Bein darüber weg
+schlug. -- »Wenn wir nur den Thurm von Raines Island ausmachen könnten
+-- in einer Stunde wären wir in Sicherheit.«
+
+»Es ist zu neblich,« lautete die Antwort -- »gerad hinter der
+Brandung liegt es wie schwerer Duft auf dem Wasser, und es läßt sich
+nichts erkennen. -- Ich glaube nicht daß wir abkommen, Capitän.«
+
+»Laßt das große Bramsegel auch beisetzen, Mr. Black« -- sagte
+dieser -- unruhig den drohenden Küsten- oder vielmehr Inselstreifen
+übersehend -- »wir =müssen=.«
+
+»Die Stenge hält es nicht, Capitän,« sagte der Mate -- »sie ist alt
+und schon einmal geflickt -- wir werfen sie augenblicklich über
+Bord.« --
+
+»Wir =müssen=, Mr. Black -- wir kommen wahrhaftig nicht einmal mehr
+mit diesen Segeln um die Südspitze der Riffe dort weg, und wenn wir
+hier noch einmal zum Wenden gezwungen werden, sind wir rettungslos
+verloren. -- Wir verlieren mehr dabei, als wir in einer vollen Wacht
+wieder gut machen können.«
+
+»Große Bramsegel los!« schrie der Mate, statt weiterer Antwort, nach
+unten. -- Einer von den Leuten, es war der Deutsche, Karl, stieg nach
+oben, das Segel zu lösen. -- Unten zogen sie indessen schon die Raae
+auf. Als das Segel ausflatterte, ächzte die Stenge und Karl sah sich
+erschreckt um.
+
+»Nieder mit Euch -- nieder!« schrie ihm der Mate hinüber und winkte
+ihm mit der Hand, daß er sich rasch niederlassen sollte. -- Das
+Brausen des Windes übertönte aber seine Worte, und Karl war eben damit
+beschäftigt einen der Geitaublöcke, der unklar gekommen war, wieder
+frei zu machen -- die Schoten fuhren aus und der Wind schlug in das
+Segel.
+
+»Nieder mit Euch aus dem Top!« schrie der Mate, während er wie der
+Capitän selber blitzesschnell nach unten glitten -- aber Karl hörte
+die warnende Stimme nicht. -- Um ihn krachte und brach es -- seine
+Geistesgegenwart verlierend, griff er nach dem ersten besten Tau das er
+erfassen konnte, und seine Sinne schwanden in der Gewalt des Sturzes.
+
+»Mann über Bord!« schrie Jean, vom Ruder aus, durch den Lärm des
+krachenden Holzes und das Brüllen der See hinweg. -- Wie instinctartig
+flog auch Bill die Quarterdeckstreppe hinauf, und ein dort liegendes
+Tau ergreifend, schleuderte er es mit geschicktem Wurf dem eben
+vorbeitreibenden Körper fast über den Kopf, -- aber es war umsonst.
+-- Die Fähigkeit es zu halten und zu greifen war aus den erschlafften
+Muskeln gewichen. -- Im Fall mußte er mit dem Kopf gegen irgend einen
+der Blöcke oder Raaenocken geschlagen sein; die Stirn zeigte, eben als
+Bill noch in Todesangst hinübersah, eine klaffende Wunde. -- Die See
+schlug über dem Unglücklichen zusammen und er sank in die Tiefe.
+
+Das alles geschah während es über den Häuptern der beiden ebenfalls
+krachte und zusammenbrach. -- Dicht neben Bill schlug der Besahntop
+herunter, und fuhr gerade durch das eine der Boote, die an beiden
+Seiten, in eisernen Krahnen, aufgehißt und befestigt waren -- aber
+der Matrose hörte es gar nicht. Wie erstarrt hing sein Blick an der
+wegsinkenden Leiche des Cameraden. -- Als er sich wieder umschaute, war
+das Schiff ein Wrack -- alle drei Stengen waren niedergebrochen und der
+Klüverbaum nach Lee herumgeschlagen. Das Schiff, welches im Anfang fast
+schon durch die Segellast auf der Seite gelegen und eine Unmasse Wasser
+übergenommen hatte, richtete sich dadurch allerdings wieder etwas auf,
+wurde aber auch zu gleicher Zeit durch das jetzt nebenherschleifende
+Takelwerk mit Raaen und Stengen so in seinem Lauf gehemmt, daß es fast
+nicht den geringsten Fortgang machte, und nur mit der hier stark nach
+Nordwest setzenden Strömung gerade auf die Klippen trieb.
+
+»Kappt weg, Jungen, kappt alles!« schrie der Mate und suchte selber,
+mit gutem Beispiel vorangehend, das Schiff von dem Anhängsel, das es
+sogar im Steuern hinderte, zu befreien, was ihm auch mit Hülfe der
+anderen Zuspringenden bald gelang. Sie kappten alles frei was über Bord
+hing; das Schiff vermochten sie aber nicht mehr zu retten. Nur noch
+wo möglich eine Stelle zu treffen, wo sie in ruhiges Wasser kommen
+konnten, war das einzige was ihnen zu thun übrig blieb, und der
+Capitän hatte sich durch das hängende und schlagende Tauwerk bis
+zu dem Stumpf des vorderen Mastes hinauf gearbeitet, von dem er jetzt
+nieder schrie das Schiff zwei Striche abfallen zu lassen. -- Der Befehl
+wurde augenblicklich befolgt, und sie näherten sich den brandenden
+schäumenden Klippen mit rasender Schnelle.
+
+»Können Sie die Backbord-Raaen etwas anbrassen, Mr. Black?«
+
+»Ay, ay, Sir -- brassen meine Jungen -- nur ein wenig -- für Euer
+Leben -- greift zu hier. Ahoy -- ahoy -- noch einmal -- so -- Vor-Raaen
+jetzt.«
+
+»Noch mehr abfallen -- halt -- Steady --« tönte der langgezogene Ruf.
+
+Die Leute standen an Deck und wagten kaum zu athmen. Eine, wie es von
+hier aus schien, durchaus ununterbrochene =Mauer= von Klippen streckte
+sich vor ihnen aus, auf die das Schiff jetzt halb vor dem Wind mit
+wenigstens Neun-Meilen Fahrt hinauftrieb. Sobald sie aufstießen, mußte
+sie die erste nachstürzende Woge zerschmettern, und in diesem Chaos von
+scharfen Korallenfelsen und Sturzseen wäre es nicht möglich gewesen
+auch nur ein einziges Leben zu retten.
+
+»Noch mehr abfallen!« lautete der eintönige ruhige Ruf.
+
+»Noch mehr abfallen!« wiederholte fast bewußtlos mehr als ein halbes
+Duzend der Umstehenden -- Jean stand am Steuer und sah todtenbleich aus,
+aber ein fast trotziges Lächeln spielte um seine Lippen, als er
+die Befehle, zum Zeichen daß er sie gehört und während sie schon
+ausgeführt waren, wiederholte.
+
+Die Brandung stürmte jetzt so gewaltig und so in ihrer Nähe, daß es
+schon fast war als ob das Wasser auf Deck spritzen könnte. Bill sah
+nach den Masten hinauf, denn er erwartete mit jedem Augenblick den
+ersten Stoß, und wußte, daß sie dann auch rettungslos nach vorn
+übergehen mußten. Keiner sprach aber ein Wort, und wohl drei oder
+vier Minuten standen die Männer still und lautlos, den Augenblick der
+Entscheidung erwartend.
+
+An Hans dachte keiner mehr von ihnen. Der Tod lauerte vor jedes
+einzelnen Thür, und mahnte mit ernstem Klopfen an Zeit und Ewigkeit.
+
+»Luff -- ein klein wenig Luff nur!« rief der Capitän in diesem
+Augenblick von oben herunter.
+
+»_Luff it is!_« die Antwort des Steuernden.
+
+»=Steady!=« die Stimme klang geisterhaft wild durch das Heulen des
+Sturmes und das Brausen der Brandung -- »Steady um Euer Leben.«
+
+Rechts und links am Schiff hinauf stürzten die Wogen, die sich an
+den Korallenfelsen neben ihnen brachen, aber das Schiff schoß mit
+Blitzesschnelle hindurch.
+
+»_Hard a port_ --« überschrie der Capitän mit seiner Donnerstimme
+das Toben der Elemente und während fast jede bleiche Lippe den Befehl
+wiederholte, und sich der Mate selbst mit in die Speichen des Rades
+warf ihn auszuführen, glitt Capitän Oilytt blitzesschnell an einer der
+Pardunen an Deck hinunter. Er hatte dieses aber kaum berührt und das
+Schiff war noch nicht mehr wie seine eigene Länge in der neuen Richtung
+fortgeschossen, als ein furchtbarer Stoß es bis in den Kiel hinunter
+erschütterte. -- Was nicht fest stand, stürzte auf Deck nieder, und
+wie mit =einem= Schlag brachen die drei Masten über Backbord nieder und
+schmetterten in das wie kochend schäumende, milchige Wasser.
+
+Alle schienen einen zweiten Stoß und das Zerschmettern des Schiffes
+selber zu erwarten -- aber er kam nicht. -- Die ungeheuren Wogen des
+stürmenden Meeres wälzten gegen sie heran, aber sie erreichten das
+Schiff nicht. -- Dieselbe Wand starrer Korallen, die ihnen vorher
+Verderben gedroht und auf denen sie, wenn sie dort aufgestoßen, auch
+rettungslos verloren gewesen wären, lag jetzt, ein unerschütterlicher
+Schutz, zwischen ihnen und dem drohenden Verderben.
+
+Die Leute wagten kaum zu athmen, und viele Minuten lang rührte sich
+keiner von seiner Stelle, als ob sie an Rettung noch gar nicht glauben
+könnten. Bill war der erste, der auf das kleine hinter dem Rad
+angebrachte Haus, das sogenannte Farbenspintje sprang, und mit einem
+Jubelruf die Rettung verkündete.
+
+»Sicher fest gefahren!« schrie er den andern zu, »verdammt will ich
+sein, wenn das nicht der niedlichste Platz ist, den ich in meinem ganzen
+Leben gesehen habe.«
+
+Die Worte brachen den Zauber, und Alles sprang jetzt auf die hohe
+Railing, so viel als möglich die Stelle wo sie sich befanden, zu
+übersehen, und die Möglichkeit einer Rettung zu berechnen.
+
+Das Schiff war glücklich zwischen zwei hohen Korallenriffen und durch
+einen Durchgang eingelaufen, der vielleicht nicht viel breiter war
+als das Fahrzeug selber. -- Der glatte Streifen Wasser der den Weg
+wenigstens bezeichnete, in dem sie eingekommen, war kaum Mannslänge
+breit, und an beiden Seiten stürzte sich die Brandung der
+Nachbarklippen hinein. Weiter ließ sich aber auch, so weit das Auge
+reichte, keine einzige Einfahrt erkennen, und nur ihre verzweifelte
+Lage hatte den Capitän veranlassen können sein Schiff auf den schmalen
+Streifen zuzutreiben, der ebenso gut wie das übrige eine versteckte
+Klippe hätte bergen können. Hier, inmitten der Riffe, lagen sie nun
+in einem kleinen, kaum hundert Schritt langen See hellen, fast gelblich
+grünen Wassers, in dem sich die den Grund bildenden Baumkorallen klar
+und deutlich erkennen ließen.
+
+Ringsum waren sie total von Korallenbänken eingeschlossen, die an den
+meisten Stellen bis dicht an die Oberfläche reichten, hie und da aber
+kleine, zwei, drei und vier Fuß tiefe Canäle bildeten, von denen
+einige offen lagen, andere mit langen treibenden Seegewächsen
+überzogen waren. Diese Korallenriffe konnten indessen kaum 200 Schritt
+breit sein, denn dicht dahinter lag wieder tiefes blaues, nur jetzt
+von der schweren Brise aufgeregtes Wasser, das nicht so durch die hohe
+Brandung vor dem darüber hinstreifenden Wind geschützt war wie die
+Stelle, auf der sie gerade saßen.
+
+
+
+
+Dreizehntes Capitel.
+
+Das Wrack.
+
+
+Vor allen Dingen galt es jetzt die Möglichkeit einer Rettung zu
+überlegen.
+
+Wenn sie ihr großes Boot flott bekommen konnten, schien nicht die
+mindeste Schwierigkeit vorhanden in die wirkliche Fahrstraße durch die
+Torresstraße einzulaufen, und dann konnten sie sich leicht auf einer
+der kleinen Inseln halten, bis ein anderes von Sydney nach Britisch-
+oder Holländisch-Indien bestimmtes Schiff vorbeikommen und sie
+aufnehmen würde. Es war jetzt noch die günstigste Jahreszeit für
+diese Fahrt, und Capitän Oilytt wußte selbst mehrere Schiffe, die
+beabsichtigt hatten ihm in acht oder vierzehn Tagen zu folgen.
+
+Aber selbst von ihrer eigenen Lage wurden sie in diesem Augenblick
+durch einen furchtbaren Lärm, der aus dem unteren Deck herauftönte,
+abgezogen, und alles sprang an die Luken, hinabzuschauen. Um das
+Schiff selber brauchten sie sich jetzt auch in der That nicht weiter zu
+kümmern, das lag fest genug zwischen seinen Korallen, und hätte es ja
+noch gescheuert, so durften sie höchstens die Anker auswerfen, es ganz
+fest und sicher zu bekommen.
+
+Der Lärm rührte von den armen Thieren, den Pferden her. Natürlich war
+das Schiff leck geworden und das Wasser in den unteren Raum gedrungen
+und die festgebundenen rangen nun mit ihren letzten Anstrengungen gegen
+den sie bewältigenden Tod an. Manchmal wenn eines der unglücklichen
+Geschöpfe seinen Kopf noch über Wasser bekam, hörten sie deutlich das
+Schnauben, und oft drang ein entsetzlicher Nothschrei zu ihren Ohren und
+machte sie schaudern -- aber Hülfe zu bringen war nicht mehr möglich.
+-- Wären sie selbst im Stande gewesen die Stricke zu zerschneiden mit
+denen die Thiere festgebunden standen, aus dem unteren Raum konnten sie
+sie doch nicht herausbekommen, und dort stieg das Wasser mit rasender
+Schnelle.
+
+Jean sprang zwar die Leiter hinunter, mehr um sich von der vollkommenen
+Nutzlosigkeit einer Hülfe zu überzeugen, als irgend etwas zu thun.
+Gerade da aber wurde diese, wahrscheinlich durch eines der losgerissenen
+Thiere das sich dagegen geworfen, umgestoßen. Er konnte eben noch das
+zum Auf- und Niedersteigen befestigte Tau fassen und sich vor einem
+Sturz in die Tiefe retten, der ihn nur zu wahrscheinlich unter die Hufe
+der verzweifelten Thiere geworfen hätte. Als er festen Fuß auf dem
+Heu faßte, und traurig in den dunklen Raum hinabstarrte, wo es jetzt
+stiller und stiller wurde, sagte eine leise schwache Stimme an seiner
+Seite:
+
+»Jean -- was ist mit dem Schiff vorgegangen?«
+
+»Hans, um Gotteswillen,« rief der junge Franzose, und sprang rasch
+nach ihm hinüber -- »armer Teufel, wie geht dir's? Hol's der Henker,
+wir haben die Hände, oder vielmehr Augen und Ohren die letzte Stunde
+so voll gehabt, daß beim Himmel keine Seele an etwas anderes als sich
+selber denken konnte -- Jesus Maria, wie blutig du aussiehst -- wie ist
+dir?«
+
+»Besser, viel besser, aber was ist mit dem Schiff vorgegangen?« sagte
+der Verwundete.
+
+»O das sitzt fest und wacker auf einer Korallenbank,« lachte Jean,
+der, einmal aus der nächsten Todesgefahr heraus, schon all seinen
+frischen und fröhlichen Muth wieder bekommen hatte. »Masten über
+Bord, alle drei, und so sicher vor Anker wie nur je ein gutes Fahrzeug
+nach langer Reise gelegen hat. Der arme Karl ist aber auch über Bord«
+-- setzte er ernster und fast traurig hinzu.
+
+»Ich wollte ich wäre an seiner Stelle,« sagte Hans, und fiel mit
+geschlossenen Augen auf das Heu zurück.
+
+»Unsinn,« lachte aber Jean wieder -- »deine Leiden sind jetzt zu
+Ende. -- Wer weiß, ob's nicht am Ende ganz gut ist, daß wir den
+alten verdammten Kasten auf soliden Grund gesetzt haben. Der Schuft von
+Capitän kann jetzt sehen wo er ein neues Schiff bekommt, =mich= kriegt
+er aber wahrhaftig nicht wieder als Matrose an Bord, so viel ist gewiß.
+Pest, Mann, du hast aber die Eisen noch an, das geht nicht; die müssen
+herunter, und das Wasser ist auch schon bis ins Zwischendeck gestiegen
+-- der untere Raum ist ganz voll. -- Wie still und ruhig es jetzt da
+unten ist,« setzte er schaudernd hinzu -- »der Mensch ist doch ein
+entsetzliches Geschöpf mit seiner Gewalt über das Thier.«
+
+»Jean,« rief in diesem Augenblick der Mate herunter -- »wo zum Teufel
+steckt Ihr?«
+
+»Komme,« antwortete der Matrose, wandte sich dann aber noch rasch
+zu Hans und sagte tröstend, »ich bin bald wieder bei dir. Hab' keine
+Furcht, wir wollen die Sache schon machen.«
+
+Er schob die Leiter, die nur auf die Seite geschlagen war, wieder
+zurück und kletterte rasch an Deck. Dort wurden indessen schon die
+nöthigen Vorbereitungen getroffen ein paar Nothspieren aufzurichten,
+um das große Boot über Bord zu heben und flott zu bekommen, was der
+doppelten Mannschaft ohne die Hülfe von diesen und Flaschenzügen nicht
+möglich gewesen wäre mit blosen Händen ins Werk zu setzen.
+
+Jean wandte sich nun an Mr. Black, Hansens Freilassung zu bewirken. --
+Der Mann lag verwundet im unteren Raum und durfte nicht ohne Hülfe dort
+liegen bleiben, wenn man sein Leben nicht in Gefahr bringen wollte. Mr.
+Black sprach auch augenblicklich mit dem Capitän darüber, dieser
+aber wollte von nichts hören. So lange er an Bord Herr sei, schwur er,
+bleibe der Schuft in Eisen. -- Er habe sich widersetzt und dem den Tod
+gedroht, der ihn bestrafen würde, also offene unverhehlte Meuterei,
+und er wolle sich nicht der Gefahr aussetzen, gemeuchelmordet zu werden.
+Damit wandte er sich ab und den Arbeitenden wieder zu.
+
+»Aber Sir,« sagte der Mate, »Sie können ihn doch nicht gut
+geschlossen mit ins Boot nehmen. Er wird da mehr im Wege sein und -- ich
+weiß auch nicht, ob Sie das später werden verantworten können.«
+
+»Verantworten?« lachte der Capitän höhnisch -- »übrigens wer sagt
+Ihnen denn, Mr. Black, daß ich ihn überhaupt mit ins Boot haben will?
+Es fällt mir gar nicht ein mich mit dem rebellischen Schurken länger
+zu behelligen.«
+
+»Sie werden ihn doch nicht hülflos zurücklassen wollen?« rief der
+Mate rasch.
+
+»Hülflos,« meinte Oilytt, »ist das hülflos? ich lasse ihn im Besitz
+meines ganzen Schiffs, und da ist auch die Jölle, die er nehmen kann
+wenn es ihm beliebt, sollte ihm der Aufenthalt hier nicht länger
+behagen. -- Was verlangt er mehr?«
+
+»Das geht wahrhaftig nicht an, Capitän Oilytt,« sagte der Mate
+kopfschüttelnd.
+
+»Sie sollen einmal sehen wie schön es geht,« lachte dieser zurück.
+-- »Es geht alles auf der Welt, was man nur will, und der Bursche kann
+noch seinem Gott danken, daß ich ihn nicht mit nach dem nächsten Hafen
+nehme, um ihn dort als einen meuterischen Hund, der er ist, aufhängen
+zu lassen. Sähe ich die Möglichkeit ein, wieder nach Sydney
+zurückzukommen, so geschähe das auch jedenfalls. All die Schiffe, die
+aber in nächster Zeit auslaufen, und auf die wir hier hoffen können,
+sind nach Batavia bestimmt, und mit der holländischen Regierung mag ich
+nichts zu thun haben. -- Ich und sie sind schon einmal zusammen gewesen,
+und eben nicht als die besten Freunde geschieden.«
+
+»So will ich ihm wenigstens jetzt die Eisen abnehmen, daß wir nach
+seiner Wunde sehen können« -- sagte Mr. Black, und wollte sich
+abdrehen, in das Zwischendeck hinunterzusteigen.
+
+»Halt, Mr. Black,« hielt ihn aber sein Vorgesetzter zurück, »nicht
+eher bis =ich= Ihnen das sage -- wenn's Ihnen =gefällig= ist. --
+Nach der Wunde kann auch ohne das gesehen werden. Hier haben Sie den
+Schlüssel zur Medicinkiste und sein Sie so gut und besorgen Sie das. --
+Der dickköpfige Schuft wäre auch ohne dies nicht sogleich abgefahren
+-- aber die Eisen behält er, bis wir von Bord gehen.«
+
+Der Mate konnte nichts dagegen einwenden, stieg aber augenblicklich in
+die Cajüte hinunter, das nöthige Wundpflaster heraufzuholen. Von dem
+steckte er auch eine Quantität in die Tasche, es Hans zum ferneren
+Gebrauch zu lassen, und sah dann nach seinem Kranken, den er aber weit
+besser fand als er wirklich erwartet hatte.
+
+Unterdessen gingen die Arbeiten an Deck rasch vor sich. Provisionen
+wurden heraufgeschafft, der Capitän hatte seine Instrumente, Karten,
+den Compaß für den Nothfall und seine Papiere geborgen, vertheilte
+dann die an Bord befindlichen Musketen mit der gehörigen Munition unter
+die Leute, da man in der Straße sehr häufig auf Schwarze stößt, von
+denen man nicht immer weiß, ob sie freundlich oder feindlich sind, und
+ließ dann die Leute an die Arbeit gehen, das große Boot vom Verdeck
+hinunter in See zu heben.
+
+Unter all diesen Arbeiten rückte der Abend mehr und mehr heran, und es
+war schon kein Gedanke mehr, noch an diesem Tag sich einzuschiffen. Um
+12 Uhr hatte der Capitän, da die Sonne heute hell und klar am Himmel
+stand, seine Observation genommen, die Breite zu bekommen, auf der sie
+sich befanden, denn die Länge wußten sie nur zu genau. Er fand dabei
+daß sie etwa 30 Meilen überhalb Raines Insel auf den Riffen saßen.
+Von hier aus konnten sie leicht in die südliche, am häufigsten
+befahrene Straße kommen, und an Gefahr für ihr Leben, wenn sie sich
+nur ein wenig mit ihren Provisionen einschränkten, oder sich zugleich
+auf den Fischfang legten, war nicht zu denken. Die einzige Vorsicht
+die sie gebrauchen mußten war, einen gehörigen Vorrath von Wasser
+einzulegen, und damit konnten sie dann getrost nach einer der
+Zwischen-Inseln oder auch Booby-Island hinfahren, an welchem letzteren
+Ort sogar Vorräthe für Schiffbrüchige von mehreren englischen
+Schiffen niedergelegt sind. Die gehörigen Segel für die Barkasse, die
+jetzt vollkommen gut in Stand und mit allem Nöthigen versehen fertig
+lagen, wurde ebenfalls hergerichtet, und mit Tagesanbruch am nächsten
+Morgen wollten sie ihre Pilgerfahrt beginnen.
+
+Die Matrosen packten indessen ebenfalls das Nöthigste was sie an
+Wäsche gebrauchten mit ihren wollenen Decken zusammen, denn sonstiges
+Gepäck oder gar ihre Kisten konnten sie natürlich nicht mitnehmen
+-- stauten das alles in eine Kiste hinein, und waren somit ebenfalls
+gerüstet. Nur Jean, François und Bill hatten ihre paar Hemden
+zurückgelassen. -- Die Kiste war auch gerade von den andern Sachen voll
+geworden -- und sie meinten sie wollten das Ihrige nur lieber =so= ins
+Boot werfen. Alle drei schienen übrigens andere Absichten zu haben.
+
+An dem Abend hätten die Leute gern viel mit einander unterhandelt, der
+Zimmermann, der sonst nie lange im Logis blieb, wich und wankte aber
+gerade heute nicht von seiner Kiste. Jean, François und Bill gaben sich
+deshalb einen Wink und gingen nach oben.
+
+Mit kurzen Worten vereinigten sie sich. Sie waren fest entschlossen Hans
+nicht =allein= an Bord des Wracks und mit einem Boot zurückzulassen,
+mit dem er allein wenig oder gar nichts anfangen konnte -- sie wollten
+bei ihm bleiben. Hierzu kam auch noch, daß alle drei viel lieber nach
+Sydney zurückzukehren, als mit dem Capitän auf irgend einem anderen
+Fahrzeug nach Indien zu gehen wünschten, und sie machten sich deshalb
+schon die schönsten Pläne einer Landreise an der Küste hinunter. Sie
+kannten das Land und die Schwierigkeiten einer solchen Reise nicht,
+und der leichte Sinn eines Matrosen, der Gefahren überhaupt gar nicht
+achtet, weil er eben zwischen ihnen aufwächst, ließ sie das Alles mit
+frohem Muthe betrachten.
+
+Heute Abend beschlossen sie aber noch nichts darüber zu äußern,
+sondern das alles bis auf morgen früh zu verschieben.
+
+
+
+
+Vierzehntes Capitel.
+
+Die Mannschaft trennt sich.
+
+
+Am nächsten Morgen mit Tagesanbruch weckte der Mate -- denn der
+Zimmermann, der mit dem Steward die letzte Wache gehalten, schnarchte
+auf Deck mit diesem um die Wette -- und eine Stunde später war das
+letzte Frühstück an Bord eingenommen; die Mannschaft zur Abfahrt
+gerüstet.
+
+Jean, der mit seinen Verbündeten an diesem Morgen nur wenige Worte
+wechseln konnte, Hans aber, dem er in der Nacht Matratze und Decke
+hinuntergetragen, ihren ganzen Plan schon mitgetheilt und natürlich
+nicht im mindesten auf dessen Einwendungen gehört hatte, stand vorn
+auf der Back, jetzt dem höchsten Theil des Schiffs, und suchte einen
+Ueberblick über die Binnenwasser zu bekommen, durch welche sie nun bald
+ihre einsame Bahn in einem kleinen schmalen Boote steuern sollten. Da
+glitt Timor, der kleine Malaye, zu ihm hinan, und flüsterte in seinem
+halb Englisch, halb Malayisch:
+
+»Tuwan Jean -- gestern hab' ich gehört -- Ihr mit Tuwan Hans gehen
+wollt -- ich auch. -- Wollt Ihr mich mitnehmen? ich kann gut rudern und
+will recht folgsam sein.«
+
+»Donnerwetter, Junge, herzlich gern, wenn's von mir abhinge. Da mußt
+du aber den Capitän fragen, denn ich kann wohl über mich selber, aber
+über niemanden anders von seiner Schiffsmannschaft bestimmen.«
+
+»Ja, der Capitän wird nicht wollen,« meinte der Bursche traurig und
+schüttelte mit dem Kopf -- »habe schon müssen meine Sachen in sein
+Boot legen.«
+
+»Ja, dann kann ich's nicht ändern, Timor,« sagte Jean. -- »Es thut
+mir aber leid -- ich möchte dich gern mit haben.«
+
+»Gewiß?« rief der Junge und seine Augen leuchteten vor Freude.
+
+»Gewiß,« erwiederte ihm der junge Matrose -- »sieh' zu daß du's
+einrichtest.«
+
+»Timor,« rief gerade der Capitän -- »was hast du da vorn zu suchen,
+Schlingel? -- marsch, hier die Sachen hinunter ins Boot, und dann
+bleibst du selber unten dabei -- was gibt's noch, he?«
+
+»Wer bleibt denn bei Tuwan Hans, Capitän?« frug der Junge schüchtern
+und sah seinen Herrn von der Seite an.
+
+»Ist der Junge verrückt geworden?« rief aber der Capitän wüthend.
+»Was zum Donnerwetter geht das dich an, du lederbraune Canaille? --
+Laß mich noch einmal eine derartige Frage von dir hören, und ich
+tattowire dir das braune Fell mit blauen und rothen Streifen, daß du
+deine Freude daran haben sollst. -- Marsch, die Sachen ins Boot, und
+dann das andere, was hier noch liegt auch hinunter, und dann setzest
+du dich hinten hinein und muksest nicht mehr. -- Sind die Flaschen alle
+unten, die ich dir gestern Abend gegeben habe? -- he?«
+
+»Saya Tuwan« -- murmelte der kleine Bursche erschreckt, und sprang
+hin, den Befehl des strengen Gebieters zu erfüllen. -- Es wäre nicht
+die erste Mißhandlung gewesen, die er von seinen Händen zu erdulden
+gehabt, und er wollte sich dem nicht selber muthwillig aussetzen.
+
+Indessen wurden die Matrosen zusammengerufen sich einzuschiffen. -- Der
+Capitän stand an der Fallreepstreppe -- fertig niederzusteigen -- alle
+seine Sachen mit Provisionen und Wasser waren im Boot, und Timor
+hatte eben das letzte Kistchen -- den Peil-Compaß, den sie vielleicht
+zwischen den Inseln gebrauchen konnten, heruntergebracht. Der erste
+Mate war ins Zwischendeck gestiegen, Hans loszuschließen, und ihm
+anzukündigen was der Capitän über ihn beschlossen hätte. Da traten
+Jean, Bill und François vor, und erklärten dem Capitän, daß sie mit
+Hans an Bord bleiben und versuchen würden, sich in dem kleinen Boote zu
+retten. Hans sei zu schwach sich allein zu helfen, und sie wollten ihn
+nicht umkommen lassen.
+
+Der Capitän wüthete, und befahl ihnen augenblicklich in die Barkasse
+hinunterzusteigen, Bill aber, der in dieser Sache das Wort genommen
+hatte, blieb ganz ruhig und erklärte, das Schiff sei ein Wrack und die
+Mannschaft könne sich retten, wie sie es am zweckmäßigsten halte.
+Capitän Oilytt, da ihn seine Steuerleute nicht im mindesten dabei
+unterstützten, sondern eher noch das Betragen der Matrosen zu billigen
+schienen, sah bald, daß er gegen sie in dieser Sache nichts ausrichten
+könne, und rief endlich trotzig, sie sollten seinetwegen zum Teufel
+gehen, aber vorher die Gewehre und Munition, die sie bekommen hätten
+und die dem Schiff gehörten, wieder abliefern.
+
+»Die Gewehre abliefern, Sirrah?« rief Bill erstaunt -- »wollen Sie
+uns hier von den Wilden, wenn sie in ihren Canoes ankommen, morden
+lassen? Gott verdamme mich, wenn das nicht zu arg wäre. Dem =Schiff=
+gehören die Gewehre, Capitän; der Lohn den wir beim Schiff zu gut
+haben, gehört auch uns und wir kriegen nicht die Probe davon. --
+Wenn's blos das wäre, könnten Sie die paar Schießeisen auf Abschlag
+rechnen.«
+
+»Schufte,« schrie aber der Capitän wüthend -- »Ihr zu gut haben?
+Ihr seid dem Schiff noch schuldig für das, was ich in Sydney für Euer
+Wiedereinfangen Belohnung zahlen mußte. -- Glaubt Ihr Euer Schlaf-Baas
+hätte Euch umsonst verrathen?«
+
+»Also Mr. Mac Carther hat uns den freundlichen Streich gespielt,«
+sagte Bill lachend. -- »Nun das bleibt sich gleich, aber die Gewehre
+behalten wir, und ich will mich lieber später einmal, wenn es dazu noch
+kommen sollte, auf sechs Wochen von irgend einem Gerichtshof einsperren,
+als hier von den Wilden fangen und auffressen lassen. -- So -- das ist
+das Lange und Kurze davon.«
+
+Mr. Black flüsterte leise einige Worte mit dem Capitän. Dieser
+blieb einen Augenblick noch wie unschlüssig stehen; da aber die drei
+Matrosen, mit ihren Gewehren in der Hand, ruhig seinen wild und boshaft
+auf sie gerichteten Blick aushielten, und die anderen, die noch an Deck
+waren, zu ihnen traten und ihnen herzlich die Hand schüttelten, drehte
+er sich mit einem Fluch um und wollte eben die Fallreepstreppe hinunter
+ins Boot steigen. Da wurde unten im Raum ein Fall in das, jetzt bis ins
+Zwischendeck hinaufsteigende Wasser gehört, und gleich darauf tönte
+ein gellender Hülfeschrei zu ihnen auf. Alles was in der Nähe war
+drängte sich um die Luke, um hinunter zu sehen. Unten auf dem erregten
+Wasser schwamm ein Strohhut.
+
+»Das war Hans!« schrie Jean erschreckt -- »er ist ins Wasser gestürzt!«
+
+»Nein, Hans habe ich selber eben ins Logis gebracht,« sagte der erste
+Mate, »und ihm dort die Eisen abgenommen. Wie ich fortging, war er
+dabei seine Kiste aufzuschließen.«
+
+»Wo ist Timor?« rief aber jetzt der Capitän, der einen Blick in sein
+Boot hinuntergeworfen und den Jungen dort vermißt hatte, schnell und
+erschreckt aus -- »wo ist Timor?«
+
+»Vor ein paar Secunden stand er hier an der Luke« -- betheuerte der
+Steward, der ein Packet mit seinen eigenen Kleidungsstücken und noch
+einige andere Sachen unter dem Arm trug, mit denen er dem Capitän
+ins Boot hinunter folgen wollte. -- »Timor!« rief der Capitän noch
+einmal, als ob er gar nicht glauben könnte, der arme kleine Bursche
+sei hier hineingestürzt -- »wo steckt der Schlingel?« und er sah sich
+ängstlich dabei nach allen Seiten um. Jean aber, rasch entschlossen wie
+er immer war, hatte schon alles was er trug dem neben ihm stehenden
+Bill in die Hände gedrückt, und glitt jetzt mehr als er stieg, an der
+steilen Leiter in den Raum hinunter. Einen Augenblick faßte er auf dem
+Rande des Zwischendecks festen Fuß, dann verschwand er in der Fluth die
+kaum über dem ihm vorangegangenen Körper zu kreisen aufgehört hatte.
+
+Alles stand in sprachloser Erwartung um die Luke her und schaute auf die
+unheimliche Fluth in den Raum nieder. Jeder andere Hader, jeder andere
+Gedanke war vergessen, und jedes Auge hing nur in peinlicher Spannung
+an den da unten jetzt langsam aufsteigenden Luftblasen, welche die
+Thätigkeit des Untergetauchten verkündeten.
+
+»Bei Gott, der kommt auch nicht wieder,« rief François endlich mit
+vor Angst fast erstickter Stimme. -- »Jean -- um Gotteswillen,
+Jean.« --
+
+»Da ist er!« tönte es plötzlich von den erleichterten Herzen der
+Schaar, aus deren Brust sich ein tiefer Seufzer aufrang. -- Sie hatten
+in der Zeit nicht einmal zu athmen gewagt. -- Das kohlschwarze, sonst
+so lockige, jetzt straff niederhängende Haar des jungen Franzosen wurde
+sichtbar, gleich darauf sein todtenbleiches Gesicht. Mit einer einzigen
+Armbewegung war er an der Leiter und hob sich, auf eine der Sprossen
+tretend, in die Höhe und mit den Schultern aus dem Wasser. -- Er war
+allein.
+
+»Kannst du gar nichts fühlen, Jean,« rief ihm der erste Mate
+ermunternd hinunter, »es wird ja doch so entsetzlich schnell nicht
+weggewaschen sein. -- Lieber Gott, der Junge kann schwimmen wie ein
+Fisch, er muß sich beim Hinunterstürzen an den Kopf geschlagen
+haben.«
+
+Jean erwiederte nichts, verschwand aber zum zweitenmal unter Wasser, und
+blieb diesmal länger aus als das erstemal. Als er endlich wieder zu Tag
+kam, stieg er schweigend, ohne ein Wort zu sagen, an Deck und schnürte
+sein Bündel auf, sich trockene Kleider anzuziehen.
+
+»Armer Junge,« murmelte der Mate, als er dem Capitän, der sich rasch
+und mürrisch abwandte, ins Boot folgte. Der Steward aber, der sich
+neben dem Zimmermann niedersetzte, brummte leise vor sich hin:
+
+»Das ist mir auch noch nicht vorgekommen, daß Einer =in= einem Schiff
+drin ersaufen kann. Das hat die Kröte aber nur mir zum Possen gethan,
+damit ich jetzt Alles allein besorgen muß.«
+
+In wenigen Minuten war das Boot zur Abfahrt bereit. »Goodbye,
+Cameraden,« riefen Bob und Jim hinüber, und die an Bord
+Zurückgebliebenen winkten mit der Hand.
+
+»Stoßt ab -- Gott verdamme Euch!« zürnte aber der Capitän, den
+freundlichen Gruß unterbrechend -- »und macht Euch da vorne Platz,
+daß Ihr, wenn wir einmal rudern müßten, nicht gehemmt seid.«
+
+Der Kranke, Jack, lag vorne auf seiner Matratze im Boot. -- Er war noch
+sehr schwach und sah unwohl aus, obgleich ihn das Fieber verlassen zu
+haben schien; dadurch entstand eine kleine Verzögerung, während die
+beiden Mates beschäftigt waren die Segel in Ordnung zu bringen.
+
+Der Sturm von gestern hatte gänzlich nachgelassen, die Luft war hell
+und klar, und eine leichte Ostbrise versprach ihnen eine rasche und
+glückliche Fahrt nach Booby Island. Nur durch die Strömung aber, und
+durch das Segel, das den leichten Wind doch schon etwas gefaßt hatte,
+waren sie ungefähr 20 Schritt vom Schiff abgetrieben, als plötzlich
+ein Ruf vom Schiffe niederschallte, und aller Augen dorthin zog. Der
+Capitän, der ebenfalls aufsah, bekam eine Aschfarbe, denn dort stand
+Hans und in seinen Händen hielt er ein kurzes in der Sonne blitzendes
+Doppelgewehr.
+
+»Mörder!« entfuhr fast unwillkürlich den bleichen Lippen des
+Capitäns der Angstlaut, der bis zu den Ohren seines früheren Opfers
+drang. Hans aber schüttelte verächtlich lächelnd mit dem Kopf und
+rief, indem er das Gewehr neben sich auf Deck stieß:
+
+»Habt keine Furcht, Capitän Oilytt, ich will Euern letzten feigen
+Angriff auf mich nicht solcher Art erwiedern. -- Hättet Ihr mich
+peitschen lassen, wäret Ihr jetzt ein todter Mann, aber den Schlag, den
+Ihr einem Gefesselten gabet, vergelt ich Euch auf ein andermal. -- =Wir
+sehen uns wieder=,« und er drehte sich mit diesen Worten von dem Boote,
+das jetzt zum erstenmal den Wind ordentlich in seine Segeln faßte und
+rasch durch die grüne Fluth dahinschoß, ab. Als er sich aber wandte,
+sah er, wie Jean und Bill plötzlich erschreckt auseinander stoben
+und in demselben Augenblick pfiff auch eine Kugel, aber schlecht genug
+gezielt, über sie hin. Mit Blitzesschnelle flog er herum und riß die
+eigene Büchse in die Höhe, doch ein Blick auf das Boot sagte ihm,
+wie sehr er dabei das Leben anderer Menschen gefährden müßte. --
+Er setzte das Gewehr rasch wieder nieder, hob aber, zum Zeichen seines
+Wohlbefindens, die Mütze, schwenkte sie um den Kopf und rief mit
+trotzigem Hohn:
+
+»Dank Euch, Capitän -- werd's Euch zu gut schreiben -- auf Wiedersehen!«
+
+Er sah wie der Capitän im Boot einen Versuch machte, eine andere
+neben ihm liegende Muskete nach ihm hinzurichten, aber der erste Mate
+verhinderte ihn daran, und fünf Minuten später war das Boot außer
+Schußweite -- eine halbe Stunde später kaum noch in Sicht.
+
+Die Matrosen blieben noch eine Weile auf Deck stehen, ehe sie an ihre
+Vorbereitungen gingen. Sie schauten, jeder in seine Gedanken versenkt,
+dem wegschießenden Boote nach, so lange sie noch eine Gestalt darin
+unterscheiden konnten, und dann erst, als es nur noch wie ein schwarzer
+Punkt auf dem Wasser lag, reichte Hans Jean, Bill und François die
+Hand, und dankte ihnen für ihre ausharrende Freundschaft.
+
+»O Unsinn, Mann,« lachte Jean -- »reiner Eigennutz von uns. Wir
+wollen nicht mit dem Alten nach Indien, ich möchte gern wieder nach
+Sydney zurück und darum sind wir alle drei hier geblieben die Landreise
+zusammen zu versuchen.« Hans schüttelte aber zweifelnd mit dem Kopf
+sagte bedächtig:
+
+»Jean, Jean, Ihr irrt Euch da alle drei in der Natur des Landes, das
+Ihr durchwandern wollt. Ich habe Euch das schon diese Nacht gesagt. Ich
+fürchte sogar, wir dürfen nicht einmal den =Versuch= wagen, wenn wir
+uns nicht der größten Gefahr aussetzen wollen. -- Die Schwarzen an
+diesen Küstenstrichen sind nichtswürdiges, blutdürstiges Gesindel.«
+
+»Pah, =wagen=,« lachte Jean mit seiner ganzen sorglosen Keckheit, die
+nie einer Gefahr aus dem Wege ging, ja sie eher noch aufsuchte als sie
+vermied, wenn er einmal die Wahl zwischen den beiden hatte. -- »Wir
+sind hier vier entschlossene Männer, und gut bewaffnet. -- Wetter noch
+einmal, wer =mein= Fleisch kochen oder braten wollte, würde es verdammt
+zäh finden. Gott sei Dank nur, daß wir den Alten mit seinem Schwarm
+los sind; für das andere ist mir wahrhaftig nicht bange. Jetzt an die
+Ausrüstung, und in einer Stunde können wir segelfertig sein. Wenn uns
+nur der arme Teufel von Junge nicht heute Morgen ertrunken wäre.«
+
+Jean hatte das Wort kaum ausgesprochen, als er wie von einer Natter
+gestochen in die Höhe sprang, denn dicht unter seinen Füßen -- er
+stand keine zwei Schritt von der offenen Luke, flüsterte eine leise
+Stimme, die ihm das Blut aus dem Gesichte ins Herz zurücktrieb:
+
+»Tuwan Jean -- Tuwan Jean -- ist Capitän fort?« -- und im nächsten
+Moment kletterte der kleine Malaye, flink wie eine Katze, an dem
+Mittelpfosten des Decks auf, griff den oberen Lukenrand und schwang sich
+an Deck -- über das er zuerst einen flüchtigen noch ängstlichen
+Blick warf. -- In der höchsten Freude haftete aber bald sein großes
+schwarzes Auge auf dem schimmernden Segel des fernen Boots, und in ein
+lautes jubelndes Lachen ausbrechend, sprang er wie besessen auf Deck
+herum.
+
+Hans wußte von dem ganzen Vorgang nichts, und begriff nicht weshalb die
+anderen so erschreckt waren und der Junge zurückgeblieben sein konnte.
+Jean sammelte sich aber zuerst wieder und rief mit komischer Wuth, denn
+es schien ihm nicht halb Ernst bei der Sache zu sein:
+
+»Nun seh' ein Mensch in der Welt so eine kleine schwarze Bestie an
+-- trocken wie eine Pulverkammer, und läßt mich da zweimal hinunter
+zwischen die todten Pferde tauchen, um ihn wieder herauszufischen.
+Ob ich jetzt nicht wahrhaftig Lust habe ihn kopfüber da hinunter
+zu schicken wo ich gewesen bin, nur um zu probiren, wie sich's da im
+stockfinstern Raum, bei den todten Thieren herumschwimmt -- der kleine
+Heide, der!«
+
+Timor aber der wohl wußte, daß ihm von alle denen, die er noch an Bord
+sah, kein Leid geschähe, lachte, daß ihm die Thränen aus den Augen
+liefen, wobei Jean und François natürlich mit einstimmten, und
+erzählte seinen neuen Freunden nun, daß er unter keiner Bedingung mit
+dem alten garstigen Capitän hätte weiter segeln wollen, aber auch gar
+nicht gewußt habe wie er von ihm anders abkommen konnte, als auf solche
+Art.
+
+»Als Ihr alle damit beschäftigt waret Euch zu zanken, wer da bleiben
+wollte und mitgehen sollte,« erzählte der kleine Bursche in seinem
+gebrochenen Englisch, »und als ich sah, daß niemand auf mich achtete,
+glitt ich auf das Heu ins Zwischendeck hinunter, warf ein kleines
+Fäßchen mit Nägeln, das ich mir schon heute Morgen früh zu dem Zweck
+dorthin geschafft, ins Wasser hinunter, daß es recht aufplätscherte
+meinen Strohhut dann dahinter her, und kroch nun, während ich einen
+lauten Schrei ausstieß, rasch zwischen ein paar Heuballen hinein und
+zwischen diesen fort, bis ich sicher war, daß sie mich nicht finden
+könnten, und wenn sie eine Stunde nach mir suchten. Dort bin ich liegen
+geblieben, bis ich hörte daß Jean hier sagte, das Boot sei abgefahren.
+Nun bin ich da und will mit Euch gehen.« Er setzte sich hierauf ruhig
+auf eines der Wasserfässer nieder und schien geduldig eine Antwort auf
+seinen Vorschlag abwarten zu wollen.
+
+Hans lachte und meinte der kleine Strick habe jetzt gut auf eine Antwort
+warten, er wisse recht wohl daß sie ihn nicht zurücklassen könnten.
+Er solle aber nur, was er mitzunehmen wünsche, zusammenpacken und dann
+helfen daß sie ihren Proviant und Wasservorrath in Ordnung brächten,
+die heutige herrliche Brise wenigstens insoweit zu benutzen, Land zu
+erreichen.
+
+
+
+
+Fünfzehntes Capitel.
+
+Die Bootfahrt.
+
+
+Hierbei war ihnen jetzt Timor, der ja früher auch mit in der Cajüte
+aufgewartet und viel mit dem Proviant zu thun gehabt hatte, von
+unendlichem Nutzen. Der Steward hatte nämlich, um den Zurückbleibenden
+womöglich nichts als =die= Provisionen zu lassen, die nicht unter
+seiner Aufsicht standen, alles was von Eingemachtem, sauren Gurken,
+feinen Zwiebacken, Weinen und Liqueuren nur irgend noch vorräthig war,
+entweder selber mitgenommen, oder, wo das nicht anging, zerstört. --
+Die ganze Cajüte schwamm in Brandy und Wein, denn er schien, als er
+zuletzt unten war, alle Flaschen die er nur möglicherweise erreichen
+konnte, zerstoßen zu haben.
+
+Die Mühe war aber vergebens gewesen, denn Timor wußte zu genau
+überall Bescheid und brachte in kurzer Zeit eine solche Unmasse von
+Delicatessen und Liqueuren angeschleppt, daß sie drei solche kleine
+Boote hätten damit verproviantiren können. Das Beste wurde natürlich
+von alle diesem ausgesucht, ein ziemlich bedeutender Wasservorrath in
+kleinen Brandyfässern als Ballast unten angelegt, eine der Kisten mit
+ihren nothwendigsten Sachen gepackt an Bord geschafft und um 11 Uhr
+Morgens konnten sie schon die leichte Jölle von den eisernen Krahnen,
+an denen sie noch unversehrt hing, in See lassen.
+
+Dies war des Capitäns Jölle. Obgleich aber in Sydney wenig gebraucht,
+da das Schiff dort dicht am Lande lag, nahm sie doch nicht viel Wasser
+ein, und als sie eine Stunde in See gelegen, stand sie vollkommen dicht.
+Etwa eine Stunde später war das Boot zum Absegeln bereit.
+
+»Alle fertig?« rief Bill, indem er sein Ruder gegen die Seite des
+Wracks setzte, das noch immer unbeweglich auf den Riffen saß.
+
+»Alles klar!« lautete die Antwort, und im nächsten Augenblick glitten
+sie von dem kahlen Rumpf ab und in denselben schmalen Canal hinein,
+durch den ihnen schon an diesem Morgen die Barkasse vorangegangen war.
+
+Bill saß am Steuer, Jean und François standen an den Segeln, Timor
+kauerte vorne im Bug und schaute auf die unten vorübergleitenden
+Korallenbäume nieder, und Jean und Hans saßen in der Mitte, der
+erstere von den Strapatzen des Morgens, von seiner Schwimmpartie, die
+ihm Timors List verschafft, und den Provisionstransporten verschnaufend,
+und der andere sein Bein ausruhend.
+
+Fünf Minuten später rannten sie aber plötzlich fest. -- Einzelne
+Korallenstämme stiegen hier überall aus der Tiefe auf, und der hinten
+am Steuer Sitzende konnte von dort aus solche Stellen auf dem blendenden
+Spiegel des Wassers nicht deutlich genug erkennen, sie zu vermeiden.
+François mit den englischen Ausdrücken nicht so vertraut, war auch
+nicht dazu geeignet und Hans nahm deshalb den Platz vorne, dicht am Bug
+ein, die nöthige Warnung zu geben, wenn irgend ein Hinderniß in ihrem
+Fahrwasser liegen sollte.
+
+Sie mußten auch über eine halbe Stunde arbeiten von dem einzelnen
+Korallenbaum wieder abzukommen, der sie gerade in der Mitte unter dem
+Boot gefaßt hatte und festhielt, und so steil ringsum niederlief, daß
+sie mit ihren Rudern weder den Grund, noch ihr gerade unten befindliches
+Hinderniß erreichen konnten. Endlich gelang es ihnen den Bootshaken
+zwischen den Kiel und die Koralle zu bringen, und mit einem kurzen Ende
+Tau an der äußern Spitze der starken Stange hoben sie das Boot etwas,
+und konnten es seitwärts wieder in tief Wasser schieben. Hans paßte
+von da an sorgfältig auf, und sie näherten sich mehr und mehr dem
+tiefen Wasser des inneren Beckens.
+
+Gerade an der letzten Wand oder Mauer die hier wieder zu einer
+beträchtlichen Tiefe niederschoß, hatten sie aber wohl den weitesten
+Canal verfehlt, denn hier starrten überall Korallenbäume empor. Sie
+mußten Segel bergen, daß sie nur langsam mit der Strömung hindurch
+liefen.
+
+»Luff, Bill, Luff!« rief Hans, als sie auf diese »Barriere« (denn
+_barrier reefs_ werden diese Felsen ja auch genannt) zuliefen, und
+sich hier von einem breiten Streifen gelbgrünen Wassers eingeschlossen
+sahen, aus dem überall oft wie dichtes Gebüsch, das zum Theil
+wunderlich geformten und verkrüppelten Bäumen glich, eine braune
+Korallenart emporschoß. »Luff, mehr noch, so halt, Steady jetzt --
+tiefer -- tiefer -- noch tiefer -- Steady -- Luff wieder -- und nun
+Cours --« rief er, sich lächelnd nach Bill umdrehend, der sich
+die größte Mühe gab den so rasch wechselnden Befehlen zu folgen.
+»Allons, François, Segel wieder in die Höhe, wir sind jetzt sicher.«
+
+»Donnerwetter, Hans, du jagst mich ja förmlich im Zickzack herum,«
+rief Bill, während er das Ruder von Steuer nach Backbord und wieder
+zurück brachte, »sind wir hinaus?«
+
+»Frei und sicher in der Torresstraße eingelaufen« gab ihm Hans,
+viel fröhlicher, als er sich bis jetzt nur je gezeigt, zur Antwort. --
+»Wetter, Mann, als ich das letztemal hier war, dachte ich nicht, daß
+ich in einer Nußschale wie dies Ding hier, zurückkommen würde.«
+
+»Bist du schon früher hier einmal durchgekommen?« frug Bill schnell
+und erstaunt.
+
+»Dies ist das fünfte Mal, Camerad, und Ihr könntet keinen besseren
+Lootsen hier hindurch haben als mich. -- Wäre der Capitän ein
+vernünftiger Mann gewesen, er hätte das Schiff da draußen nicht zu
+verlieren gebraucht -- doch so ist's besser, und einmal flott, bekommen
+wir auch wieder festen Boden, oder was mir lieber wäre, ein anderes
+gutes Fahrzeug unter die Füße, mit dem wir weiter gehen können. Ist's
+aber nicht anders, so mögen wir auch getrost mit diesem kleinen Ding
+dem Monsun folgen. Wie die Jahreszeit jetzt hier ist, wollte ich in
+einem Canoe von hier nach Batavia oder Singapore laufen.«
+
+»Hör' einmal Hans,« sagte aber jetzt Bill, der ihm die ganze Zeit
+schweigend zugehört hatte -- »ich wollte dich schon lange -- aber
+Wetter noch einmal, wo steuern wir denn jetzt hin? der verdammte Schuft
+von Capitän hat uns nicht einmal einen Compaß gelassen, und ich halte
+da immer ins Blaue hinein.«
+
+»Hier ist einer,« sagte Hans und löste ein Band von seinem Nacken
+los, an dem eine kleine wunderzierlich von Kupfer gearbeitete und
+mit Gold eingelegte Kapsel hing -- »gebrauch den so lange, er thut's
+wenigstens zur Noth und steuere nur einen Westsüdwest-Cours, bis wir
+Land in Sicht bekommen.«
+
+»Verdammt wunderliches Ding,« brummte Bill, als er, das eine
+Steuerreep so lange zwischen den Zähnen, die kleine Kapsel öffnete und
+mißtrauisch von allen Seiten betrachtete, »wo ist denn darauf Norden
+oder Süden -- Donnerwetter, das Ding steht ja nach allen Seiten hin und
+-- hol's der Henker, die Nadel ist verkehrt angesetzt, die Pfeilspitze
+sitzt auf der falschen Seite oder zeigt wahrhaftig nach Süden hin.«
+
+»Es ist ein chinesischer Taschencompaß,« lachte Hans, »doch komm,
+laß mich hin, ich will steuern und dabei kann ich dir erklären wie er
+eingetheilt ist, du wirst dich bald hineinfinden.«
+
+Bill ließ ihn auf seinen Platz, blieb aber neben ihm sitzen, und als
+er sich die Sache hatte auseinander setzen lassen, die er bald begriff,
+sagte er, Hans auf einmal wieder ansehend:
+
+»Ja, Camerad, was ich dich vorher fragen wollte, wie mir da der Compaß
+durch den Kopf fuhr, und was mir die letzten Tage im Schädel hin- und
+hergegangen ist. -- Wo zum Teufel hast du denn auf einmal das viele
+Englisch hergekriegt, und warum hast du's vorher nicht gesprochen? --
+Ich will verdammt sein wenn ich jetzt glaube daß du irgend was anderes
+bist als ein Engländer. Hol mich dieser und jener, wenn's nicht wahr
+ist.«
+
+»Und ich glaube, er spricht auch ebenso gut französisch, wie ich
+selber,« lachte Jean, »und hat uns hier die ganze Reise zum besten
+gehabt -- ich möchte nur wissen warum.«
+
+»Wenn ich keinen Grund dazu gehabt hätte, Cameraden,« sagte Hans
+gutmüthig, jetzt aber auf einmal ganz ernst geworden, »so hätt' ich's
+nicht gethan. Da ich also einen Grund dafür haben muß, laßt mir den
+auch. Wenn ich kann, sollt Ihr ihn später erfahren, bis dahin müßt
+Ihr aber Geduld haben.«
+
+»Kurz und süß wie wir bei uns sagen,« lachte Bill, »jetzt glaub'
+ich aber auch, François verstellt sich ebenfalls, und kommt nächster
+Tage einmal, nur hoffentlich bei einer andern Gelegenheit, mit einem so
+reinen Englisch zu Tage wie's unser Schulmeister nur zu Hause aus uns
+Jungen herausquetschen wollte. Doch meinetwegen, jeder nach seinem Spaß
+und wie er's verantworten kann -- und nun erst einmal einen Schluck auf
+gute Cameradschaft und glückliche Reise!«
+
+Und damit langte er sich eine Flasche Portwein, die er, wie er
+versicherte, ganz besonders zu diesem Zweck beigepackt habe, aus dem
+kleinen Spintge, was unter dem Sternsitz angebracht war, heraus, that
+erst selber einen kräftigen Zug und ließ dann die Flasche im Kreis
+herumgehen. Selbst Timor wurde nicht vergessen.
+
+Sie waren nun vollkommen in diesen wunderbaren Ort eingedrungen der,
+nicht See, nicht festes Land, nicht Inselgruppe -- ein Mittelding
+zwischen allen dreien zu halten scheint. Wenn sie über Bord schauten,
+lag es tief unter ihnen manchmal wie die unergründliche Tiefe des
+Meeres selber da, und manchmal wieder war es als ob sie in einem
+Luftballon über weiten schneeigen Feldern mit Blitzesschnelle
+hingeführt wurden. -- Waldungen, Ströme -- selbst Städte schwanden
+mit einer nur etwas regen Einbildungskraft rasch vorüber, und wenn sie
+plötzlich wieder in tiefer Wasser kamen, sah es gerade so aus, als
+ob eine dunkle Wolke unter sie getreten sei, und nur die eben noch
+gesehenen Bilder verdecke.
+
+»Es wird einem ganz schwindlich wenn man so hinunterschaut,« brach
+Jean endlich ein ziemlich langes Schweigen, indem sich jeder mit seinen
+eigenen Gedanken beschäftigt hatte. »Ist das nicht gerade so, als
+ob man meilenhoch über einer wundervollen, vom Mondlicht beschienenen
+Landschaft hinwegflöge? sieh Bill, da kommt es wieder -- dort der Wald
+-- dort das tiefe Thal.«
+
+Bill warf einen Blick über Bord, wechselte sein Priemchen aus einer
+Backe in die andere und lachte.
+
+»Aber Mann, das sind ja die Korallen unten, über die wir weggehen! --
+kaum drei Faden Tiefe und all solch verdammt bröckliches, aber zähes
+Zeug wie die dort, die da über Wasser vorragen. -- _Bless you_, ein
+Wald und Thäler -- der Mann phantasirt. -- Nimm noch einen Schluck von
+dem Portwein, es wird dir ausnehmend gut thun.«
+
+Bill war nichts weniger als ein Romantiker, und wenn er Bäume oder
+Thäler sah, so mußten sie auch wirklich mit allem nöthigen Zubehör
+da sein. Jean lächelte und blinzte nach Hans hinüber, Bill der das
+aber sah, meinte gutmüthig: --
+
+»Ja, lacht nur Jungen; =mir= ist's recht, aber hier haben wir in
+Wirklichkeit Salzwasser unter und Korallen um uns, und wir =mögen=
+wieder frei von der ganzen Geschichte kommen, das ist wahr, der Teufel
+kann aber auch sein Spiel haben und uns sonst einen Possen spielen,
+und nachher ist die Geschichte faul. Soviel ist jedoch gewiß, wenn das
+Bäume da unten sind, so will ich nur wünschen daß keiner von uns in
+ihren Schatten zu liegen kommt, das ist alles.« -- Und damit hob er die
+Flasche gegen das Licht, zu sehen ob der Inhalt noch eines Zuges werth
+war, und leerte sie dann ohne abzusetzen. Fertig damit, machte er eine
+fast unwillkürliche Bewegung, sie über Bord zu werfen, hielt aber auch
+ebenso rasch wieder ein und legte sie auf ihren alten Fleck zurück --
+»halt,« sagte er dabei -- »zum Wegwerfen ist's noch immer Zeit, und
+wer weiß wozu wir die noch einmal gebrauchen können, ehe wir andere
+kriegen.«
+
+Vor einer ziemlich steten und frischen Brise in dem jetzt hie und da
+leise gekräuselten Wasser dahingleitend, schwand das Wrack mehr und
+mehr am Horizont, und im Westen tauchten dafür schon einige dunkle
+Punkte kleiner Inseln in diesen Korallengruppen empor, und boten dem
+Steuernden, der nun seinen Compaß wieder schloß, ein festes Ziel, auf
+das er halten konnte.
+
+»Dort links hinüber liegt auch Land, wenn ich nicht irre« -- sagte
+Bill, als sie mehrere Stunden ruhig fortgesegelt waren und wenig mehr
+sprachen als eben zu ihrer Fahrt gehörte. -- »Am Ende ist das das
+feste Land und wir hielten am besten dort gleich hinüber.«
+
+»Habt Ihr Lust gefressen oder wenigstens Eures Bischen Fetts beraubt zu
+werden, so mögen wir sehen daß wir die Nacht auf australischem
+Boden zu schlafen kommen,« meinte da Hans. »Ich meinestheils hätte
+geglaubt, wir wollten erst einmal eine von den Inseln erreichen und dann
+Kriegsrath halten. Wir fahren uns dabei nicht einmal aus dem Weg, denn
+was du siehst, Bill, kann schwerlich die Küste, sondern wird Hendriks
+Insel sein -- eine kleine aufragende Spitze; -- wie?«
+
+»Ja,« sagte Bill, der auf einen der Thwarten oder Bänke getreten war
+und seine Augen mit der Hand gegen das helle Licht schützte, »ich kann
+auch weiter nichts sehen als den Punkt -- doch halt, da rechts hinein
+liegt noch mehr Land glaub' ich -- luff ein wenig mehr auf, Hans, wir
+halten besser Strich.«
+
+»Ich seh übrigens gar nicht ein,« meinte Jean, »weßhalb wir uns
+hier im Boot nicht ebenso gut berathen können wie auf irgend einem der
+kleinen Sandflecke in der Straße hier. Wir haben weiter nichts zu thun,
+und je eher wir uns einen festen Plan bilden, desto besser.«
+
+»Gut,« sagte Hans -- »und seid Ihr wirklich entschlossen den Landweg
+nach Sydney zu wagen?«
+
+»Entschlossen?« rief Bill erstaunt, »ei Mann, ich glaubte das
+bedürfe gar keiner Frage mehr, sondern wir wollten nur berathen wie wir
+am =schnellsten= zum Lande kämen.«
+
+»Aber, Leute, Ihr bedenkt gar nicht was für ein Land Ihr durchwandern
+wollt. -- Ich bin von Herzen gern dabei den Versuch mitzumachen, Euch
+zu überzeugen, aber wir kommen keine 50 Meilen ins Innere, so viel ist
+gewiß. -- Wir finden kein Wasser und verwünscht wenig zu essen, und
+werden zuletzt froh sein, wenn uns die Schwarzen nur wieder zur Küste
+zurücklassen.«
+
+»Ja, aber was zum Donnerwetter sollten wir denn da eigentlich thun?«
+frug Bill verblüfft -- »ich habe bis jetzt noch an gar nichts anderes
+gedacht. Dann bleibt uns nichts übrig, als hinter dem Alten herzufahren
+und uns vielleicht von demselben Schiff auflesen zu lassen, was den mit
+fortnimmt. Deßhalb haben wir ja doch keinen Scandal mit dem Capitän
+angefangen.«
+
+»Nein, daran denk ich wahrhaftig nicht,« sagte Hans schnell -- »das
+Schiff das ich betrete, möchte ich mir vorher =wählen=, und deßhalb
+können wir meinetwegen erst irgendwo an der Küste landen und einen
+Versuch machen; ich möchte das feste Land selber gern einmal sehen.
+Geht es aber dort nicht, dann schiffen wir uns wieder ein und segeln mit
+diesem Monsun, und von dieser Strömung begünstigt frisch und fröhlich
+in den Indischen Archipel ein -- vielleicht gar nach Timor, wo wir ja
+hier einen herrlichen Dolmetscher und Führer haben.«
+
+»Gut, dabei bleibt's,« rief Jean schnell -- »es wäre doch wunderbar
+wenn vier starke junge Kerle -- und Timor dürfen wir immer für einen
+halben rechnen -- sich nicht durch die Welt schlagen könnten, sei's
+wo's sei. Also frisch einen Südcours hinüber, Hans. Hier verlieren wir
+zu viel Grund und Boden, und wir wollen gleich von vornherein wissen,
+welche Aufnahme wir an der Küste zu erwarten haben.«
+
+»Aber wird François damit einverstanden sein?« frug Hans auf diesen
+blickend.
+
+François verstand nicht viel englisch, doch genug den Sinn der
+Verhandlung begriffen zu haben, und nickte lachend mit dem Kopf. --
+
+»_Cest la même chose pour moi, camerade_,« rief er fröhlich, »wohin
+es auch geht, ich bin dabei, und was die Indianer betrifft, so denk
+ich brauchen wir uns deretwegen keine Sorge zu machen. Wir sind gut
+bewaffnet und Schießgewehre kennen sie vielleicht hier oben noch gar
+nicht.«
+
+»Was sagt er?« frug Bill, der ihn indessen scharf angesehen hatte.
+
+»Vorwärts« lachte Hans und luffte mit einer leisen Bewegung des
+Ruders, scharf gegen den Wind an, »Brassen meine Burschen -- brassen;
+so, das thuts François. Ich denke wir können mit diesem Cours der
+Küste nahen.«
+
+»S'ist doch ein merkwürdiges _gibberitch_ das Französische« brummte
+Bill kopfschüttelnd. »Ich habe mich nun so lange zwischen Franzosen
+herum getrieben, aber nie mehr davon wegkriegen können als _merci
+Monsiehr_ und _sil woo plaze_ -- was beinah wie breit _Irish_ klingt. --
+S'ist eigentlich merkwürdig daß wir Engländer, wenn wir uns ein paar
+Worte französisch merken immer nur Höflichkeiten, und die Franzosen
+bei ihrem ersten Englisch Sprechen nur Fluchen lernen. Hol mich dieser
+und jener wenn nicht das erste Wort was ein Franzmann von unserer
+Sprache begreift, jedesmal _God dam_ ist. -- Ich möchte nur wissen
+woher das kommt, denn es ist ja doch gerade gegen beider Natur. -- Wenn
+ich z. B. höflich sein soll, komme ich mir immer vor wie eine Katze die
+schwimmen will. -- Wir sind einmal nicht daran gewöhnt.«
+
+»Es mag doch wohl daher kommen,« sagte Hans lächelnd, »daß Ihr
+Engländer so entsetzlich viel flucht, und die Franzosen so entsetzlich
+viel höfliche Redensarten haben. -- Was die eine Nation nun von der
+andern am meisten hört, behält sie auch am leichtesten.«
+
+»Hm,« brummte Bill, »das wäre möglich, daran habe ich noch nicht
+gedacht« und er saß eine Zeit lang so in Gedanken versunken da, daß
+er nicht einmal merkte wie er eine neue Flasche vorgeholt, geöffnet und
+einen langen Zug daraus gethan hatte.
+
+Timor's Augen, obgleich er an dem Gespräch nicht Theil nahm,
+leuchteten, als er die Möglichkeit vor sich auftauchen sah, sein lange
+nicht gesehenes Heimathland wieder zu betreten. Nur soviel eifriger
+machte er sich jetzt daran die Angelgeräthschaften, die er auch an Bord
+des Boreas unter Händen gehabt, hervorzusuchen, und seinen Fischfang
+zu beginnen. Zu dem Zweck befestigte er jetzt ein Stück rothes Zeug
+an einem ziemlich starken Haken, und ließ es, etwa zehn Ellen vom Boot
+entfernt, nachschleifen.
+
+Das kleine ziemlich schwerbeladene Boot legte sich indessen, mit
+dem Wind recht breit von der Seite in die Segel, fast bis an den
+Steuerbordrand auf das Wasser, und die Besatzung mußte nach Backbord
+hinüberrücken, das Gleichgewicht wieder herzustellen. Nach Südwesten
+zu wurden jetzt schon die drei Spitzen der Hannibals Inseln sichtbar.
+Nachmittag starb der Wind aber plötzlich weg, und um nicht von der
+Strömung zu weit westlich getrieben zu werden, ruderten sie nach einer
+kleinen Sandbank, deren weißen Rücken sie über dem dunklen Wasser
+vielleicht zwei Meilen vor sich konnten herausschimmern sehen, und
+warfen dort Anker. Timor hatte allerdings einen Fisch gefangen, niemand
+aber daran gedacht Feuerholz vom Schiff mitzunehmen, und da auf dieser
+Sandbank auch nicht der kleinste Strauch, ja kein Grashalm wuchs,
+mußten sie ihr Abendbrod, von ihren Vorräthen halten und den Fisch auf
+morgen sparen.
+
+Die Nacht schliefen sie im Boot, mit regelmäßig ausgestellter Wache.
+Es ließ sich indessen nicht das mindeste hören oder sehen, was sie
+hätte beunruhigen können. Die Nacht war warm und ruhig, und erst gegen
+Morgen erhob sich wieder eine schwache Ostbrise, bei der Hans, dessen
+Wacht es war, den leichten Anker hob, die Segel setzte und langsam über
+das spiegelglatte Wasser hinglitt. Als die andern erwachten, fanden sie
+sich zu ihrem Erstaunen schon wieder unterwegs und die Sandbank, die
+jetzt bei Fluthzeit auch fast bedeckt war, weit hinter sich.
+
+Der Wind blieb übrigens den ganzen Tag sehr schwach; sie mußten
+zweimal wieder ankern, und erreichten den zweiten Abend mit genauer Noth
+die nördlichsten der Hannibal Inseln, wie sie auf der Karte genannt
+sind -- ein niederer, nur mit wenigem Gesträuch bedeckter Felsen unter
+dessen Lee sie ankerten, und es vorzogen wieder im Boot zu schlafen.
+Abends gingen sie aber vorher an Land und brieten mit zusammengesuchtem
+trockenen Holz eine tüchtige Portion delicater Fische, die Timor über
+Tag gefangen.
+
+Hans war allerdings nicht recht damit einverstanden daß sie ein Feuer
+anmachten, denn wenn sie das auch vorsichtigerweise auf der Nordseite
+der Insel thaten, so daß es von der jetzt deutlich sichtbaren Küste
+des festen Landes aus nicht gesehen werden konnte, so mochte der
+aufsteigende Rauch dort etwa herumstreifenden Wilden leicht verrathen,
+daß sich hier Fremde aufhielten. Bill wollte davon aber nichts hören,
+und meinte die schwarzen Schufte würden dann ebenso wenig wissen, ob es
+nicht Fischer von ihrem eigenen Stamm wären, als Weiße, und wenn sie
+=jetzt= schon in der Hinsicht so ängstlich sein wollten, wie das dann
+nachher werden sollte? Die Fische wurden deshalb auch gebraten und
+schmeckten ausgezeichnet.
+
+Am nächsten Morgen wehte ihnen ein schwacher Landwind gerade entgegen,
+und erst um 10 Uhr konnten sie Segel setzen und den Anker lichten. Die
+australische Küste trat jetzt immer klarer und deutlicher heraus. Sie
+konnten schon das niedere buschige Gehölz, das ihre Ufer bedeckte,
+unterscheiden. An der weißen sandigen Bank ließen sich aber keine
+menschlichen Wesen erkennen, und sie sahen auch nirgends Rauch
+aufsteigen. Der ganze Strich hier schien vollkommen unbewohnt, und Hans,
+der wieder am Steuer saß, bat Bill, ihm doch das kleine Fernrohr, das
+gleich oben links in der Kiste lag, herüberzureichen.
+
+»Wenn wir hier nicht mit Wilden zu thun bekommen, finden wir auch kein
+Wasser,« sagte er, nachdem er das Land eine Weile mit dem Fernglas
+überflogen hatte. -- »Willst du das Glas haben, Bill?«
+
+»Merci,« meinte dieser trocken, ohne den Arm nach dem dargereichten
+auszustrecken, »wenn Brandy drin wäre, ja, -- weiß der Henker woher
+es kommt, ich bin doch sonst nicht so ungeschickt. Mit den Dingern
+da aber habe ich mich nie befreunden können, und wenn ich durchsehe
+schwimmt mir immer Alles vor den Augen. Gerade so geht mir's auch mit
+den Gewehren; abdrücken kann ich sie, aber wo die Kugel hingeht das ist
+ihre Sache. Siehst =du= nichts, Hans?«
+
+»Nicht das mindeste,« sagte dieser, das Glas Jean hinüberreichend.
+»Nun so viel besser, denn da können wir die Gegend ungestört
+untersuchen und nachher immer noch thun was uns gefällt.«
+
+Gegen Abend starb der Wind wieder weg, und sie mußten diesmal zu den
+Rudern greifen, denn es war hier so tief, daß sie nicht einmal
+hätten ankern können. Mit Sonnenuntergang waren sie etwa noch einen
+Büchsenschuß vom Lande ab, in vier Faden Wasser, und beschlossen
+dort auch die Nacht zu bleiben. Sie wollten sich nicht gerade mit
+Dunkelwerden einem vollkommen fremden Küstenstrich anvertrauen, an dem
+sie weder die Bewohner, noch die Thiere kannten.
+
+»Was es nur hier für Bestien geben mag,« sagte Jean, als sie ihren
+Anker fallen gelassen, die Segel geborgen und niedergelegt, und ihr
+Abendbrod auf zwei besonders dazu aufgestellten Weinkisten ausgebreitet
+hatten, »weiß man denn gar nichts davon?«
+
+»Der erste der hier ins Innere eingedrungen ist, und durch den
+wir einigermaßen Nachrichten von diesem bis jetzt noch meist
+geheimnißvollen Küstenstrich erhalten haben,« sagte Hans, »war ein
+Deutscher, ein Dr. Leichhardt, der mit einer kleinen Gesellschaft und
+mit aufopfernder Kühnheit diese Küste bis weit gegen Westen besucht
+hat. Diesem nach haben wir hier aber eine ganz andere Thierwelt als im
+südlichen Australien, und es soll an der nördlichen Küste Krokodile
+und Büffel geben. Ob wir die auch hier so weit im Osten finden würden,
+weiß ich nicht. Känguruhs giebt's aber jedenfalls, und deren Erlegung
+wäre das einzige, von dem wir hoffen könnten im Innern zu existiren.
+-- =Seht= aber das Land erst, und wenn Ihr euern Plan durch das Innere
+zu gehen, dann =nicht= aufgebt, dann seid Ihr die ersten Matrosen oder
+Fischer, die das Land nicht satt hatten und wieder nach Salzwasser
+schnappten.«
+
+»Unsinn,« lachte Jean, »ich will Gott danken wenn ich nur erst einmal
+wieder vom Salzwasser hinunter bin. -- Nein, ich habe mir Australien zu
+meiner künftigen Heimath erwählt, und je schneller ich Sydney wieder
+erreiche, desto besser -- und nachher nie mehr zur See.«
+
+Hans hatte das Fernglas wieder aufgenommen und schaute so lange nach
+der Küste hinüber als es ihm die jetzt rasch einbrechende Dämmerung
+erlaubte. Es ließ sich aber nicht das mindeste verdächtige erkennen,
+und auf dem blendend weißen Korallensand der das Ufer bildete, hätte
+ihm der kleinste dunkle Gegenstand, der sich nur im mindesten bewegte,
+augenblicklich ins Auge fallen müssen.
+
+Darüber beruhigt ging er wieder an sein Abendessen und die Wacht wurde,
+als sich die andern zum Schlafen niederlegten, aufgesetzt. Hans hatte
+die erste Wacht, Jean die zweite, François die dritte, und Bill die
+Morgenwacht. Timor durfte die ganze Nacht schlafen.
+
+Als sich die Männer, so gut das der enge Raum erlaubte, ausgestreckt,
+und für eine gute Rast eingerichtet hatten, sah Hans noch einmal
+nach seinem Gewehr, setzte frische Zündhütchen auf und legte es zum
+augenblicklichen Gebrauch an seiner Seite nieder. Dann schob er sich
+seine zusammengerollte wollene Decke unter den Rücken, und schaute, auf
+diese gestützt, träumend zu den leichten über ihn hinziehenden Wolken
+und blinkenden Sternen empor, manchmal nur aufhorchend, wenn er irgend
+ein fernes Geräusch zu hören glaubte oder ein aufschnellender Fisch,
+zweimal auch ein eigenthümlicher Schrei vom Lande herüber, der Ruf
+irgend eines fremdartigen Nachtvogels, die Stille unterbrach.
+
+Hätte er die sechs dunklen Gestalten gesehen, die still und
+geräuschlos, aber schnell wie das Wild ihrer Wälder durch die
+düsteren Uferbüsche glitten und nach Osten zu dem Strand hinaufliefen,
+dessen hellen Sand zu betreten sie sich aber wohl hüteten, er würde
+die Stunden seiner Wacht nicht so ruhig verträumt und sich nachher mit
+so leichtem Herzen zum Schlafen niedergelegt haben. So aber wandte sich
+sein Geist bald von der Gegenwart ab. -- Den Kopf in die Hand gestützt
+und mit den Blicken an den funkelnden Sternen über ihm haftend, dachte
+er bald keiner Gefahr mehr die ihnen hier drohen konnte. -- Die Bilder
+der Vergangenheit gingen vor seiner inneren Seele vorüber, und die
+Stunden der Wacht schwanden ihm wie Minuten dahin.
+
+Jean hatte eine Uhr, die einzige an Bord, die der Wachthabende jedesmal
+in Verwahrung bekam. Die ersten drei Wachen verliefen übrigens
+vollkommen ruhig, und als Bill sich, von François geweckt, aufrichtete,
+schliefen Hans, Jean und Timor so fest, als ob sie in irgend einer wohl
+verwahrten und civilisirten Stadt in ihren Betten lägen und dort auch,
+bis Morgens der Kaffee käme, jedenfalls liegen bleiben wollten.
+
+»Hallo,« sagte Bill und rieb sich die Augen -- »was zum Henker, ist's
+schon zwei Uhr? -- ich glaubte, ich hätte mich eben erst niedergelegt.
+-- Es wird ordentlich kalt, Morgens.«
+
+»Schon drei Uhr fast, Kamerad,« versicherte François, »Alles ruhig
+gewesen!« Damit übergab er dem Wachthabenden die Uhr und rollte sich
+ebenfalls in seine Decke, die Beine über die nächste Bank streckend.
+
+Bill war übrigens zu lange in Australien gewesen sich nicht indessen an
+ein Pfeifchen gewöhnt zu haben, aus dem sich sonst Matrosen, wenn sie
+ihren Kautabak haben, gewöhnlich nicht viel machen. Vor allen Dingen
+knöpfte er sich aber erst einmal warm in seine dicke Lootsenjacke ein,
+denn die Morgenluft zog schon scharf von Osten her über das Wasser,
+schnitt sich dann in der Hand eine Pfeife voll Kautaback klein, stopfte
+seinen kurzen irdenen Stummel und schlug Feuer. -- Das dauerte aber wohl
+eine Viertelstunde lang, denn der Schwamm war feucht geworden und wollte
+nicht fangen. Bill wurde auch endlich ärgerlich darüber und fluchte
+nach Matrosenart, bis er zuletzt all seine Kraftwörter erschöpft
+hatte, und nur immer bei jedem Schlage _damn it_ -- _damn it_ --
+_damn it_, brummte. Endlich bekam er Feuer, setzte sich dann mit
+übergeschlagenen Beinen und die Schulter bequem gegen den kleinen Mast
+gestützt, in Wachtpositur, und qualmte aus Leibeskräften.
+
+
+
+
+Sechszehntes Capitel.
+
+Der Morgenbesuch.
+
+
+Durch das Feuerschlagen war Timor wach geworden und richtete sich
+ebenfalls auf. Es schien ihm aber zu frisch außerhalb der Decke, und
+noch halb im Schlaf sah er nur einmal über den Bootsrand weg neben dem
+er lag, nach dem Lande zu, und wickelte sich dann wieder, so warm es ihm
+möglich war, ein.
+
+Bill wußte nun allerdings recht gut daß er die Wacht hatte, und nicht
+allein munter bleiben, sondern auch aufpassen mußte; aber es war ihm
+nur eine höchst unbestimmte Idee, auf =was= eigentlich. Canoes hatten
+sie am Abend vorher nicht gesehen, und so dunkel wie es jetzt geworden
+war, sollte es den Wilden, wenn überhaupt welche an der Küste hausten,
+sehr schwer werden das fremde Boot zu finden. Keinenfalls hätten sie
+aber so geräuschlos anrudern können, daß sie von ihm nicht bemerkt
+wären, und in dieser Hinsicht fühlte er sich auch vollkommen beruhigt.
+
+Das Wetter sah ebenfalls günstig aus, denn obgleich sich am Himmel hie
+und da dichte Wolken sammelten, versprachen die mehr einen möglichen
+Regenschauer als viel Wind. Ueberdies lagen sie hier durch das Land
+durchaus geschützt, und brauchten nicht das mindeste für ihr kleines
+Boot zu befürchten. Die Wacht versprach also, ebenso wie die
+übrigen drei, ohne das mindeste Außergewöhnliche abzulaufen.
+Nichtsdestoweniger setzte er sich so, daß er den schmalen
+Wasserstreifen, der zwischen dem festen Land und ihrer Jölle lag,
+vollkommen übersehen konnte, und bließ, den rechten Ellbogen auf
+das rechte übergeschlagene Knie gestützt, seinen Tabaksdampf in
+regelmäßigen Puffen dem Morgenwind entgegen.
+
+So mochte es vier Uhr geworden sein. Bill hatte sich seine dritte Pfeife
+gestopft, und im Osten zeigte sich eben der erste graue Dämmerschein
+des nahenden Tages. Der Schwamm war aber diesmal nicht gefälliger als
+das erstemal, und Timor, der überdies die ganze Nacht vortrefflich
+geschlafen, und auch am Schiff daran gewöhnt war meist um diese Zeit
+aufzustehen und Kaffee zu kochen, richtete sich bei dem hartnäckigen
+Feueranschlagen des Matrosen auf den Ellbogen in die Höhe und frug
+leise, die anderen nicht zu stören:
+
+»Wie viel Uhr, Tuwan Bill. -- Wird's schon Tag? es muß noch früh
+sein?«
+
+Bill, überhaupt kein großer Freund von vielen Worten, zeigte mit der
+Pfeifenspitze nur gerade nach Osten hin und sagte, indem er den Kopf
+ebenfalls dorthin drehte -- »kommt eben.«
+
+Timor folgte seiner Bewegung und schaute mehrere Minuten lang schweigend
+nach dem östlichen Horizont hinüber, das Wachsen des lichten Streifens
+zu beobachten. Plötzlich richtete er sich aber ein wenig höher auf,
+machte sich seinen rechten Arm frei, rieb sich die Augen, und schaute
+wieder unverwandt nach der Gegend hin. Er faßte zugleich Bills Knie und
+drückte es leise. --
+
+»Tuwan Bill,« flüsterte er dabei, doch so geräuschlos, daß die
+Laute kaum zu des Mannes Ohr drangen -- »was ist das dort -- Fische?«
+
+Bill drehte den Kopf dorthin, wohin der junge Malaye zeigte, und sah
+allerdings gerade in diesem Augenblick einen dunklen Gegenstand über
+dem Wasser vorkommen. -- Aber er hob sich nur höchstens einen Fuß
+über die Oberfläche, glitt etwa zwei oder drei Fuß darüber hin, und
+verschwand dann wieder.
+
+»Tümmler,« sagte Bill laut, als gleich darauf vier oder fünf
+derselben Art dem ersten folgten; »es sind Fische, Timor, mit denen
+können wir uns jetzt aber nicht einlassen. Wenn wir an so einen fest
+kämen, schleppte uns der mit Anker und allem, Gott weiß wohin.« Er
+nahm seine alte Stellung wieder ein und rauchte ruhig weiter, während
+Timor eine Weile die Fische beobachtete. Sie kamen nach kurzer Zeit
+noch einmal zum Vorschein -- etwas näher dem Boote zu, wo auch eine
+ziemliche Menge Seetang, an einen der vorragenden Korallenfelsen
+wahrscheinlich, an- und festgeschwemmt war. Der Tang bildete dort eine
+volle, dunkle Masse. Der Tag war aber noch nicht weit genug vorgerückt,
+mehr als einen schwarzen schattigen Streifen davon erkennen zu lassen.
+Der Tang lag nach NO. zu.
+
+Es ist vielleicht nöthig den Leser hier darauf aufmerksam zu machen wie
+das Boot zu der Küste geankert hatte. Die australische Küste, an deren
+nördlichem Ufer sie sich hier befanden, streckte sich von Osten nach
+Westen hin, und bildete dadurch die südliche Bank der Torresstraße.
+Der vorherrschende Wind war in dieser Jahreszeit der Ostwind, und die
+Strömung setzte deshalb auch, durch Ebbe und Fluth nur wenig beherrscht
+oder geändert, in ziemlicher Stärke nach Westen. Das kleine Boot
+»ritt« vor seinem Anker der es festhielt, während es zugleich der
+Strömung, so weit es der Anker ließ, nachgab, und deshalb mit seinem
+Bug gerade nach Osten, vielleicht einen Strich noch südlich, zeigte,
+da eine, gerade hier oberhalb liegende kleine Bucht die Strömung
+gewissermaßen aufgefangen hatte, und da wo sie lagen, in die Straße
+zurückführte. Die Steuerbord oder Starbordseite des Bootes zeigte
+deshalb nach dem Lande, die Backbordseite nach der offenen Straße hin.
+
+Timor, der vorn im Bug kauerte, fing an zu frieren; die Morgenluft war,
+trotz der niederen Breite in der sie sich befanden, ziemlich frisch, und
+er wickelte sich wieder in seine Decke. Die Fische wollten ihm aber doch
+noch nicht aus dem Kopf, und ehe er sich auf's neue hinlegte, warf er
+noch einen Blick nach dem Tang hinüber, wo sie verschwunden waren.
+Der graue Streifen im Osten war indessen auch etwas breiter und lichter
+geworden, ohne jedoch noch mehr zu vermögen als einen matten falben
+Schein auf das sonst fast spiegelglatte Wasser zu werfen, was eher das
+Auge blendete, als ihm die Gegenstände unterscheiden half. Trotzdem
+glaubte er sich wieder Etwas nach jener Richtung hin bewegen zu sehen,
+und sprang noch einmal auf, stieg auf die vordere Bank und schaute
+scharf hinüber.
+
+»Das sind im Leben keine Tümmler,« murmelte er dann für sich, auf
+malayisch -- »das sind entweder Schildkröten oder andere Fische, und
+vielleicht kommen sie dicht ans Boot heran, daß wir einen mit dem Elker
+(eine kleine fünf- oder dreizackige Harpune) erreichen können. -- Ich
+will wenigstens alles fertig machen.«
+
+Der Elker lag aber mitten im Boot, und die Spitzen staken unter dem
+hinteren Sitz, damit sich niemand die Nacht hineinreißen konnte. Um ihn
+zu bekommen mußte der junge Bursche über François wegsteigen, und die
+Stange jetzt hebend und vorziehend, konnte er nicht verhindern daß er
+Hans anstieß und weckte. Dieser, als er sich berührt fühlte, fuhr
+rasch in die Höhe und frug »was es gäbe?«
+
+»O nichts,« sagte der Malaye leise, »legt Euch ruhig wieder hin, ich
+wollte nur die Harpune vorholen und bin ungeschickt dabei gewesen. -- Es
+sind Fische da, die vielleicht zum Boot herankommen.«
+
+»Was für Fische, Timor?« sagte Hans, sich die Haare aus dem Gesicht
+streichend und seine Mütze, die ihm im Schlaf heruntergefallen war,
+wieder aufsetzend. --
+
+»O ich weiß selber noch nicht, ich kann nur sehen wo sie sich
+bewegen,« erwiederte Timor. -- »Sie scheinen hier ums Boot herum
+zu spielen und kommen vielleicht näher.« Timor sprach mit Hans
+gewöhnlich in seiner eigenen Sprache, und deshalb lauter mit ihm als
+den anderen.
+
+Hans richtete sich auf und warf einen Blick um sich. Er schaute nach
+den sich lichtenden Wolken und dem noch düster vor ihnen liegenden
+Küstenstreifen hinüber. Timor aber, der glaubte daß er den Platz
+suche wo die Fische wären, zeigte mit dem Arm nach dem Tang hinüber,
+der aber jetzt vollkommen regungslos blieb. Der Tang konnte etwa 60
+Schritt von ihnen entfernt sein.
+
+»Da war aber etwas, mehr nach dem Lande hin,« sagte Hans, dessen Blick
+unwillkürlich der Richtung gefolgt war, die ihm Timors Arm bezeichnete.
+-- »Das muß ein großer Fisch gewesen sein, und ich hätte gar nicht
+geglaubt, daß sich die so weit nach dem Lande zu verlieren. Wirf ja
+nicht die Harpune nach solch einem Burschen, wenn er hier herankommen
+sollte, Timor, denn entweder riß er dich selber mit über Bord, oder
+wir sehen nie etwas von dem Elker wieder, und es ist der einzige den
+wir mit haben. -- Halt, da wieder -- er will zwischen dem Lande und uns
+durch.«
+
+Der Fisch ging aber tief, und kam nicht wieder auf, wenigstens nicht
+daß es Hans und Timor bemerkt hätten. Durch das Sprechen war jedoch
+François ebenfalls munter gemacht, richtete sich auf, und rief den
+anderen beiden seinen guten Morgen zu.
+
+»_Qu'est -- ce que c'est ça?_« -- rief er aber plötzlich, den Arm
+nach dem Lande ausstreckend -- »_des poissons?_«
+
+»Nein, bei Gott nicht!« rief Hans, der bei dem jetzt deutlich zu ihnen
+herüberschallenden Plätschern den Kopf rasch dorthin drehte -- »das
+sind keine Fische -- das ist ein Schwarzer, und ich habe doch niemand
+ins Wasser steigen sehen.«
+
+»Wo?« rief Bill, und richtete sich rasch in die Höhe; auch Jean wurde
+munter.
+
+Bill hatte seine Muskete aufgegriffen und schaute scharf nach dem
+Gegenstand hin, der sich jetzt gar nicht mehr verkennen ließ. Es war
+jedenfalls ein Indianer, der hier ganz unbesorgt, etwa 60 Schritt von
+ihrem Boot entfernt, herumschwamm und tauchte. Als er übrigens bemerken
+mochte, daß aller Blicke nach ihm gerichtet waren, hob er sich, so
+weit er das schwimmend konnte, aus dem Wasser und rief etwas nach ihnen
+hinüber.
+
+=Was= er rief konnten sie natürlich nicht verstehen, Hans aber, um ihm
+zu zeigen daß er gesehen sei, antwortete ihm auf gut Glück in einem
+südaustralischen Dialekte, obgleich er kaum hoffen durfte von ihm
+verstanden zu werden. Jeder australische Stamm hat fast eine andere
+Sprache.
+
+»_Parni tirriapindo_ -- komm näher heran.« Der Wilde, als ob er wisse
+was man von ihm verlange, kam jetzt einige Striche herangeschwommen, und
+hielt dann wieder wie unschlüssig.
+
+In demselben Augenblicke wurden nach Norden zu, also an der dem Land
+entgegengesetzten Seite, mehrere Köpfe über Wasser sichtbar, tauchten
+aber auch schon nach wenigen Secunden wieder unter -- sie waren nur zum
+Athemholen in die Höhe gestiegen, und befanden sich keine 30 Schritte
+mehr vom Boot. Die Aufmerksamkeit der Matrosen wurde jedoch durch
+den neuen Aufruf des Wilden zu sehr in Anspruch genommen, um sich der
+anderen Seite zuzuwenden. -- Sie sahen nicht was hinter ihnen vorging.
+
+»Es wäre gut, wenn wir uns einen der Burschen zum Freund machen
+könnten,« sagte Hans zu Jean gewandt -- »der würde uns auf dem
+festen Land von unberechenbarem Nutzen sein. Wir wollen es jedenfalls
+versuchen.«
+
+»_Nunja ngun renga patlerti!_« rief der Wilde jetzt deutlich zu ihnen
+herüber.
+
+»Hol' der Teufel die Sprache,« brummte Hans, »ich verstehe kein Wort
+davon.«
+
+Dicht unter Backbord des Bootes tauchte ein schwarzer Kopf auf und ein
+paar dunkle Augen blickten scheu empor -- jetzt noch einer, jetzt ein
+dritter. Die Männer im Boot hätten sie müssen Athem holen hören.
+
+»Wir wollen ein Tuch nehmen und damit wehen,« rief Jean -- »einen
+grünen Busch haben wir ja doch nicht hier, und er wird verstehen daß
+das freundlich gemeint ist.«
+
+»_Parni tirriapindo!_« munterte ihn Hans noch einmal dabei auf, weil
+Jener das vorher verstanden zu haben schien, und Jean schwenkte das
+Tuch. --
+
+»_Diable!_« schrie in diesem Augenblick François -- und riß sein
+Messer, das er wie jeder Matrose an der Seite trug, aus der Scheide. --
+Hans wollte sich umdrehen, verlor aber auch schon das Gleichgewicht, und
+fiel mit beiden Händen auf den Bootrand zu Steuerbord. Am Backbordrand
+hingen in dem Moment fünf dunkle Gestalten und suchten, sich so
+hoch das ging aus dem Wasser schnellend, mit ihrem Gewicht den Rand
+niederzudrücken, und das Boot jedenfalls dadurch zu füllen und zu
+versenken.
+
+Die Jölle schwankte natürlich mit einem plötzlichen Ruck nach ihnen
+hinüber und zwar so stark, daß Jean auf Steuerbord überstürzte, und
+nur noch glücklicherweise mit der linken Hand den Rand ihres kleinen
+Fahrzeugs erfaßte. Dadurch hielt er sich nicht allein über Wasser,
+sondern bewahrte auch wahrscheinlich durch das Gegengewicht was er
+hiermit an die andere Seite warf, das Boot vor dem gänzlichen Füllen
+und Sinken, auf das der Angriff berechnet gewesen. Freilich konnte er
+nicht verhüten, daß trotzdem eine Masse Wasser über Bord schlug.
+
+Ein zweiter solcher Stoß wäre ihnen auch jedenfalls verderblich
+gewesen, und er mußte erfolgen, sobald die Schwarzen nur einfach mit
+ihrem Gewicht hängen blieben, Bill aber rettete sie diesmal, und
+zwar ganz gegen seinen Willen, denn mit dem ersten Ruck schon hinten
+überfallend, stürzte er gerade in den Vordertheil des Bootes hinein.
+Wahrscheinlich aber dabei mit dem Finger den Drücker der Muskete
+berührend, oder auch nur durch das Anstoßen des Kolbens auf den Sitz,
+entlud sich diese, und die Kugel fuhr zischend ins Blaue.
+
+Die Wirkung zeigte sich zauberschnell. -- Im Nu waren die sechs
+schwarzen Köpfe, die eben noch ein gellendes Siegesgeschrei
+ausgestoßen, in der über ihnen zusammenschlagenden Fluth verschwunden.
+Durch das schnelle Loslassen des Bootes und Jeans Gewicht nach der
+andern Seite hätten sie aber beinahe das erreicht, was sie durch ihren
+Angriff verfehlt, denn die Jölle schlug nun ebenso viel nach Steuerbord
+über, als vorher nach Backbord, und nahm wieder eine Menge Wasser ein.
+
+Das kleine Boot war jedoch glücklicherweise ziemlich breit gebaut, und
+das nächste Zurückschwanken nach Steuerbord zeigte ihnen, daß die
+Gefahr für den Augenblick vorbei sei.
+
+Während aber Jean, so rasch ihm das irgend möglich war, zurück ins
+Boot kletterte -- und Timor faßte ihn dabei und half ihm hinein --
+hatte Hans sein Gewehr aufgegriffen und gespannt, und François mit dem
+Messer noch immer in der Faust, bewachte scharf die beiden Bootränder,
+ob sich wieder eine schwarze Hand auf ihnen sollte blicken lassen. Aber
+nirgends zeigte sich auch nur eine Spur von den Flüchtigen, und Hans
+meinte erstaunt, es wären doch keine Fischmenschen, daß sie ganz unter
+Wasser leben könnten; sie =müßten= wieder vorkommen. Da deutete Timor
+nach dem Seetang, der an den Korallen hing, an dem sie schon vorher das
+Auftauchen der geglaubten Fische beobachtet hatten.
+
+Alle folgten mit ihren Augen der Richtung, nur François nicht, der fest
+die Feinde noch einmal auf ihren alten Angriffsplatz -- er wußte nur
+nicht recht auf welcher Seite -- zu erwarten schien.
+
+»Dort sind sie!« rief aber jetzt auch Hans, und Jean, der indessen
+ebenfalls seine Muskete aufgefaßt, wollte schon auf das Dunkle dort,
+was sich ziemlich deutlich als die dunklen Köpfe der Feinde erkennen
+ließ, zielen. Hans verhinderte ihn aber daran und meinte ruhig, es
+wäre besser Blutvergießen zu vermeiden, bis es nicht anders mehr
+möglich wäre.
+
+Die Köpfe verschwanden auch in demselben Moment fast wieder, und erst
+weit außer Schußweite kamen sie zum zweitenmal hervor. Als sie
+sich zum drittenmal zeigten, war es dicht am Ufer, und sechs schwarze
+Gestalten, mit kurzen Speeren in der Hand, wie es Hans deutlich durch
+das jetzt aufgegriffene Fernrohr erkennen konnte, sprangen aufs Trockene
+und tauchten in der nächsten Minute in die dichten Büsche ein, die sie
+den Blicken der Nachschauenden gänzlich entzogen.
+
+Deren nächste Sorge war jedoch jetzt ihr Boot, und zwei gingen daran,
+es so schnell als möglich wieder auszuschöpfen, während die anderen
+noch immer auf Wacht blieben, denn sie glaubten kaum, daß so wenige von
+den Wilden es gewagt haben sollten sie anzugreifen.
+
+Der Plan war auch gar nicht so übel gewesen, und nur daran gescheitert,
+daß die Schwarzen nicht die Natur einer solchen Jölle kannten, die
+weit fester mit ihrem breiten Boden auf dem Wasser liegt als eines
+der gewöhnlichen Canoes. Keines dieser letzteren hätte einem solchen
+Gewicht, plötzlich an die Seite geworfen, widerstehen können, und
+einmal die Mannschaft über Bord, hätte sie den Wilden, die im Wasser
+fast gewandter sind als auf festem Lande, sicherlich nicht widerstehen
+können. Mit ihren kurzen Speeren würden sie die Weißen entweder
+ermordet, oder untergezogen und ertränkt haben, und das Boot mit der
+Ladung, die sie leicht wieder vom Grund mit Tauchen aufbringen konnten,
+wäre ihre gute Beute geworden.
+
+Ihr ganzes Manöver ließ sich jetzt auch sehr leicht erklären. Zuerst
+hatten sie versuchen wollen im Dunkel der Morgendämmerung (fast alle
+wilden Stämme machen ihre Angriffe zu dieser Tageszeit) heimlich
+anzuschwimmen. Timors Munterwerden machte ihnen das aber unmöglich, und
+einmal die richtige Zeit versäumt, war auch die andere Mannschaft wach
+geworden. Einer schwamm also deshalb wieder von den übrigen ab, die
+Aufmerksamkeit der Fremden auf sich und von den Cameraden abzulenken,
+während diese unbeachtet herantauchen und den vorher verabredeten Plan
+ausführen konnten. Vor Feuergewehren haben aber diese Stämme, die mit
+Weißen fast noch nie in Berührung gekommen, eine heilsame Furcht, und
+das zufällige Losgehen von Bills Muskete erschreckte sie so, daß
+sie jeden Gedanken an Angriff aufgaben, und nur ihre eigene Haut in
+Sicherheit zu bringen suchten.
+
+»Nun, wie gefällt Euch Euer Empfang bei den Schwarzen?« frug Hans
+die anderen, als sie ihr Boot wieder in Ordnung gebracht und ihre
+Provisionen vorgesucht hatten, um ein hastiges Frühstück einzunehmen.
+»Nicht wahr, es sind gastliche Gesellen, die nicht einmal abwarten bis
+wir bei ihnen an Land gekommen sind, sondern uns gar schon =vor= der
+Thüre besuchen.«
+
+»Hol der Teufel die Landlubbers,« brummte Bill, der damit das
+schlimmste Wort seines Kopfwörterbuchs ausgesprochen -- »wenn die
+Sachen hier so stehen, hab' ich wenigstens allen Appetit verloren mich
+viel bei ihnen zu Gaste zu bitten. -- Das sind ja verteufelte Kerle --
+und wie die Bestien schwimmen und tauchen können.«
+
+»Die Hälfte von unserem Brod ist naß geworden,« sagte Timor, der
+sich indessen eifrig damit beschäftigte den beschädigten Proviant
+nachzusehen -- »ein Glück nur daß das meiste hoch lag.«
+
+»Wir essen das naßgewordene zuerst weg,« meinte Jean -- »wenn das
+Brod auch ein wenig salzig schmeckt, das schadet nichts, und aufgeweicht
+ist's doch nicht. Da müssen unsere Schiffszwieback länger im Wasser
+liegen, wenn sie wirklich weich werden sollen; für solche Fälle haben
+unsere Rheder glücklicherweise gesorgt. -- Aber so heimtückische
+Canaillen; auf einer Seite Freundschaftsversicherungen, und auf der
+anderen Meuchelmord. Doch feige sind die Kerle. Hei wie sie ausbrannten
+als Bill sein Gewehr unter sie abschoß. Mich wundert nur daß sich Bill
+so rasch fassen und schießen konnte; der Angriff kam so schnell, daß
+ich an =mein= Gewehr gar nicht dachte.«
+
+
+
+
+Siebenzehntes Capitel.
+
+Die Landung.
+
+
+Bill sah ihn mit einem trocken komischen Ausdruck in den Zügen an, und
+die anderen lachten.
+
+»Ja,« sagte Bill endlich, »wenn ich jedesmal mein Gewehr auf =die=
+Art abfeuere, dann thu' ich meinem eigenen Leichnam mehr Schaden dabei
+als jemand anderem. Nicht allein daß ich mir meine ganze hintere Fronte
+auf den scharfen Kistenecken und Gott weiß was abgescheuert habe, nein,
+die verdammte Muskete stieß mich auch, wie sie los ging, so gegen
+den Leib, daß ich erst fürchtete, ich hätte einen förmlichen
+Decimalbruch gekriegt. -- Das sind verwetterte Dinger so Schießgewehre
+-- da ist's ja wahrhaftig so gefährlich dahinter wie davor zu stehen,
+und ich hatte nur eine einzige Handvoll Pulver drin. Aber Donnerwetter,
+Ihr braucht nicht so furchtbar zu lachen; wir sitzen hier keineswegs
+in einer so angenehmen Lage hier vielen Spaß machen zu können. Gebt
+lieber einen guten Rath, wie wir aus dieser Klemme wieder hinauskommen
+und was wir thun sollen.«
+
+»Sail ho!« rief in diesem Augenblick Timor, der trotz seiner
+Beschäftigung im Boot, doch nicht aufgehört hatte den Horizont wie
+seine nächste Umgebung zu beobachten.
+
+Dieser Ruf gab natürlich den Gedanken der kleinen Mannschaft eine total
+andere Richtung. Aller Augen richteten sich blitzesschnell nach der
+einzigen Himmelsgegend hin, wo ein Segel sichtbar werden konnte -- der
+Einfahrt der Torresstraße zu. Und richtig genug, über dem Horizont
+waren deutlich die oberen Segel eines wahrscheinlich großen Schiffes zu
+sehen, das schon gestern Abend in die Straße eingelaufen und vor Anker
+gegangen sein mußte, und jetzt mit einer guten, wenn auch leichten
+Brise und von der starken, westwärts setzenden Strömung begünstigt,
+seine Durchfahrt antrat.
+
+»Da wär' eine Gelegenheit von hier fortzukommen,« sagte Hans
+lächelnd, nachdem sie das Segel, dessen Fortgang sie leicht bemerken
+konnten, eine kleine Weile schweigend beobachtet hatten, »was meinst
+du, Bill? sollen wir unser Glück damit versuchen?«
+
+Bill schüttelte aber finster mit dem Kopf und sagte endlich, nachdem er
+sich ein tüchtiges Stück von seinem Kautaback abgebissen und den
+Rest wieder in die Mütze -- dem gewöhnlichen Aufbewahrungsort, gelegt
+hatte: -- »Ne -- so gern ich hier weg wäre, aber die Gesellschaft
+Capitän Oilytts ist doch zu gut für mich -- ich bin sie nicht werth
+und -- ich will mich nicht gern wieder hineindrängen. -- Wenn wieder
+ein's käme, ja, da will ich nichts dagegen sagen, aber ich denke dies
+erste gönnen wir unserem Alten zu seiner alleinigen Verfügung.«
+
+»O wenn's nur deshalb wäre,« rief Jean, »das sollte mich wahrhaftig
+nicht abhalten. -- Auf einem fremden Schiff hat er Nichts zu sagen,
+denn er ging höchstens als Cajütenpassagier und wir kämen als
+Wachtverstärkung mit ins Vorcastel. Was könnte er uns da anhaben?«
+
+»Was er uns anhaben könnte?« wiederholte Bill, »weiter nichts,
+Mann, als daß er uns viere hier einfach in Eisen legen ließe, wegen
+Widersetzlichkeit -- wenn er da irgend Gefallen d'ran fände. Und thäte
+er das wirklich nicht, so kannst du dich d'rauf verlassen, er würde uns
+bei dem anderen Capitän einen solchen Namen machen, daß ich lieber
+mit sieben Jahr Urlaub nach Norfolk Island oder Vandiemensland geschickt
+werden möchte, als dort Matrose sein. Frag einmal Hans, was der dazu
+meint. -- Und Timor erst für sein bischen Versteckens spielen. -- Aus
+dem seiner Haut machten sie, Gott straf mich, Kabelgarn.«
+
+»Unsinn, Mann,« lachte Jean, »es fällt mir ja gar nicht ein Capitän
+Oilytts Gesellschaft je wieder aufzusuchen. Im Gegentheil, ich danke
+Gott daß ich sie mit so guter Manier los geworden bin. Das Schiff hat
+aber jedenfalls =den= Vortheil für uns, daß es den Capitän mit seiner
+ganzen Gesellschaft aus der Straße herausnimmt, und kommt später
+einmal ein anderes, und es gefällt uns dann nicht auf dem festen Lande,
+dann können wir immer noch thun was wir wollen.«
+
+»Hollo, Hans, was machst du da?« wandte er sich plötzlich zu diesem,
+der nach vorn gegangen war, und ohne weiter etwas zu sagen, den kleinen
+Anker aufholte.
+
+»Was ich mache? -- ich mache uns flott,« lautete die Antwort -- »oder
+wollen wir heute hier liegen bleiben?«
+
+»Gut dann, an Land!« rief Jean fröhlich, »und gefällt uns das
+Innere, so sollen uns alle Wilden Australiens nicht abhalten unser Ziel
+zu erreichen.«
+
+»Damit bin ich auch einverstanden,« meinte Bill, »meine Flinte kann
+aber Timor nehmen. Ich will verdammt sein, wenn ich das Ding noch einmal
+losschieße oder vielmehr sich selber losschießen lasse. Was ich bis
+jetzt daran gesehen habe, so scheint es mir verwünscht unabhängig zu
+sein, und sich wenig daran zu kehren, ob an dem kleinen Stück Eisen da
+gedrückt wird oder nicht.«
+
+Als der Anker gelichtet war, wollten Bill und François nach den Rudern
+greifen, die kurze Strecke hinüber zu rudern; Hans richtete aber das
+Segel auf und schlug ihnen vor, noch eine kleine Strecke an der Küste
+hinabzufahren, bis wo sie wieder Hügel zum Strande niederdachen sehen
+konnten. Die Gegend war hier vollkommen flach, die kleinen Hügel
+standen aber mit anderen höheren, deren blaue Spitzen sie jetzt
+schon erkennen konnten jedenfalls in Verbindung. Es war dort auch eher
+wahrscheinlich daß sie Wasser finden würden als hier; und Wasser blieb
+ihnen ja doch, bei einem Marsch ins Innere, die Hauptsache, wo sie wohl
+dann und wann ein Stück Wild erlegen konnten, ihren Hunger zu stillen,
+aber nie im Stande gewesen wären sich ohne Wasser zu behelfen.
+
+»Und dann kommen wir auch ein Stück von diesen verdammten schwarzen
+Heiden fort,« sagte Bill, als er die Schote des kleinen Segels anholte
+und fest machte -- »hol sie der Henker!«
+
+»Das nun wohl nicht,« meinte Hans, »denn ich bin fest überzeugt,
+daß wir die ganze Zeit von mehr als den wenigen beobachtet wurden, und
+selbst diese können uns leicht zu Lande folgen. Laufen wir aber scharf
+gegen die Küste an, so werden sie sich jedenfalls zurückziehen, und
+ich bin ziemlich gewiß, daß sie uns beim Landen nicht im geringsten
+stören.«
+
+Nach zwei Stunden etwa erreichten sie das höher gelegene Land, und
+fanden hier sogar, ganz gegen Erwarten, ein wohl 30 Schritt breites
+kleines Strombett, in dem eine ziemlich starke Quelle niederrieselte.
+Es war gerade Regenzeit, und sie durften jetzt allerdings weit eher
+erwarten dann und wann Wasser zu finden als im Sommer, wo auch diese
+Quelle sicher vertrocknete.
+
+Bei der Landung gebrauchten sie nichtsdestoweniger jede Vorsicht, die
+ihnen unter ihren Umständen nur möglich war. Während Bill vorn mit
+dem Springtau in der Hand auf das Anlaufen des Bootes wartete, und dann
+hinaussprang und es ans Ufer zog, standen Jean, und François mit ihren
+geladenen Gewehren neben ihm. Hans hielt das Ruder. Es ließ sich aber
+kein Indianer blicken, ja nicht einmal die Spur ihrer Füße konnten
+sie in dem Ufersand entdecken, und nachdem sie erst zu diesem Zweck
+eine kleine Runde durch die Büsche gemacht, und auch nicht das
+mindeste Verdächtige gefunden hatten, zogen sie ihr Boot in die kleine
+Süß-Wasser-Bay, die hier das frische Wasser in den sonst überall nahe
+zum Ufer kommenden Korallen gebildet zu haben schien, und fanden sich,
+zum erstenmal wieder, auf festem, trockenem Lande.
+
+
+
+
+Achtzehntes Capitel.
+
+Der Australische Busch.
+
+
+François und Jean hielten es allerdings jetzt noch für unumgänglich
+nöthig Posten auszustellen, und indessen ihr Boot in Sicherheit zu
+bringen. Hans aber, mit den Sitten dieser Stämme, wie es schien, besser
+bekannt, beruhigte sie darüber, und gab ihnen die Versicherung, daß
+sie gewiß keinen neuen Ueberfall, so lang es hell sei, zu fürchten
+hätten; obgleich er keineswegs für dasselbe nach Dunkelwerden
+einstehen möchte.
+
+Was aber nun thun? ihr Boot am Strand, oder irgendwo im Dickicht
+versteckt zurücklassen, und geradezu den Landweg durch das Innere
+versuchen? die Sache wurde bald als unmöglich verworfen, denn die
+gerade, die im Anfang am exaltirtesten für einen solchen Plan gewesen
+waren, schienen durch diese erste Begrüßung einen heilsamen Schreck
+vor irgend einem solchen Unternehmen bekommen zu haben.
+
+Hierzu kam noch, daß jetzt die Provisionsfrage in Anregung gebracht
+werden mußte, und es sich nun herausstellte, wie solche auf keine
+andere Weise fortzubringen wären, als auf den eigenen Rücken. Hans
+setzte ihnen dabei die etwaige Entfernung auseinander, bei der Bill
+schon vollkommen genug hatte, sobald er die Zahl der Tagemärsche
+hörte, und selbst François und Jean wurden kleinmüthig als sie das
+ihnen nächste Wasser, das sie für frisches gehalten, kosteten und --
+=salzig= fanden. Allerdings hatte das seine sehr natürlichen Ursachen,
+da die Mündung des kleinen Creeks oder Flusses -- denn das Bett
+desselben sah breit genug aus -- hier jedenfalls der Ebbe und Fluth
+ausgesetzt war.
+
+Hansens Rath lautete nun, wie er von Anfang an gewesen, in ihrem Boot zu
+bleiben und so rasch sie könnten nach Westen zu segeln, um jedenfalls
+Timor oder eine andere Insel jener dicht gedrängten Gruppe zu
+erreichen. Bis dorthin führten sie auch genug Provisionen bei sich,
+denn Wasser konnten sie, wenigstens etwas, bei einzelnen doch jedenfalls
+zu erwartenden Regengüssen oder Gewitterschauern mit ihrem Segel
+auffangen.
+
+Wenn nun aber auch die übrigen im Ganzen mit dem Plan vollkommen
+übereinstimmten, versicherten doch François sowohl wie Jean, das feste
+Land hier nicht eher wieder verlassen zu wollen, ehe sie mehr davon
+gesehen hätten, denn der Beweis wäre ihnen geworden, welchen Respect
+die Wilden hier vor Feuerwaffen hätten. François besonders, mit der
+eigenen Leidenschaft die Matrosen für jede Art von Jagd zeigen, wenn
+sie einmal festes Land betreten haben, verschwor sich hoch und theuer
+hier erst einmal die Gegend untersuchen zu wollen, ehe er wieder in
+See ginge -- die Zeit sei ihm lang genug an Bord geworden und er müsse
+jedenfalls erst »sein Gewehr einmal anschießen.« Etwaige Gefahren
+konnten ja nur den Reiz erhöhen, aber nimmer vermindern.
+
+Der einzige, dem es ziemlich gleichgültig schien was vorgenommen wurde,
+war Bill, so sie nur nicht von ihm verlangten lange Tagemärsche mit
+einer Last auf dem Rücken zu machen. Er gestand jetzt ein daß er sich
+das Land ebenfalls anders gedacht habe, und stimmte Hans bei, so rasch
+als möglich Timor zu erreichen. -- Gegen eine kleine Excursion ins
+Innere hatte er aber ebenfalls nichts, vorausgesetzt, daß er dieselbe
+ohne Flinte mitmachen könne, denn nur im äußersten Nothfall möchte
+er, wie er meinte, gezwungen sein, solch ein »hintenausschlagendes
+Schießeisen« wieder abzufeuern. -- Aber was sollte indessen aus dem
+Boote werden? -- Die Frage war die natürlichste, und wenn auch
+besonders François im Anfang geglaubt hatte, man würde es irgendwo
+leicht verstecken können, überzeugte sie doch bald die ganze Natur
+des Bodens, daß etwas derartiges wohl leicht gedacht, aber schwer
+ausgeführt werden könne. Handelten sie übrigens hierin leichtsinnig,
+so waren sie der fast unvermeidlichen Gefahr ausgesetzt, alles was sie
+an Provisionen bei sich hatten nicht allein zu verlieren, sondern auch
+noch zugleich der Möglichkeit eines Rückzugs von hier beraubt zu
+werden.
+
+Dagegen erklärte sich auch Hans auf das Bestimmteste, und erbot sich
+mit Timor im Boot zu bleiben und dies flott zu halten, bis die drei
+Cameraden ihrer »Landungswuth« genügt und vom Land so viel gesehen
+hätten als ihnen zuträglich wäre, was, wie er hoffte, gar nicht so
+sehr lange dauern sollte. Timor war sehr gern damit einverstanden, Jean
+aber nicht, der Hans mit an Land zu haben wünschte und dagegen Bill,
+als am schlechtesten auf den Füßen, zur Bootwacht vorschlug. Als
+Station für das Boot konnte der dann eine kleine Insel nehmen, die
+jetzt, in der Fluthzeit, nur eben über die Oberfläche des Wassers
+vorragte und mit dichtem Gebüsch bewachsen war. Trotzdem lag sie gerade
+bequem und etwa eine englische Meile vom Lande ab, so daß sie dort
+wenig oder gar nichts von einem Ueberfall, ausgenommen in Canoes, zu
+fürchten hatten. Den aber brauchten sie am hellen Tag um so weniger zu
+fürchten, da sie gesehen hatten, welchen Respect die Eingeborenen den
+Schießgewehren gegenüber gezeigt.
+
+Bill, überdies nicht sehr lebhaften Temperaments, war mit diesem Plan
+vollkommen einverstanden, ließ ihn derselbe doch in unbeschränktem,
+unverkümmertem Besitz und unmittelbarer Nähe des Portweins, für den
+er anfing eine stille Neigung zu fühlen.
+
+Hans wünschte selber gern einen Theil der Küste und das Innere des
+Landes zu sehen, wenn sich die Cameraden denn doch nun einmal nicht
+von ihrem Plan abbringen ließen, und da er sich auch wohl bewußt war
+manche Gefahr von ihnen abwenden zu können, stand der Ausführung des
+beabsichtigten Streifzugs nichts weiter im Weg. Timor schien mit Allem
+einverstanden, was ihn nur nicht wieder in den Bereich der Schwarzen
+brachte, die sich bei ihm durch den so schlau ausgeführten Angriff gar
+tüchtig in Respect gesetzt.
+
+Mit Vorbereitungen verloren sie denn auch keine lange Zeit weiter.
+Jeder nahm nur an Munition und Proviant was er auf zwei oder drei Tage
+nothwendig zu brauchen glaubte -- denn etwas zu schießen mußten sie ja
+doch auch hier im Walde finden -- und als Signal, wenn sie zurückkehren
+wollten, wurden zwei rasch hintereinander abgefeuerte Schüsse bestimmt.
+Sobald Bill dieselben höre, solle er sich, aber immer noch sehr
+vorsichtig, dem Festland nähern. Auch jetzt wurde es ihm zur Pflicht
+gemacht, um ganz gesichert gegen einen Ueberfall zu sein, augenblicklich
+vom Lande abzustoßen.
+
+Zuerst aber nahm er noch herzlichen Abschied von den Cameraden und
+warnte sie ernstlich, ganz besondere Acht auf ihre eigene Haut zu haben,
+damit sie dieselbe nicht unnöthiger Gefahr aussetzten. Dann nöthigte
+er noch jedem, sie mochten dagegen einwenden was sie wollten, eine extra
+Flasche Madeira auf -- Madeira, meinte er, sei besser wie Portwein, wenn
+man ihn mit Salzwasser trinken müsse -- und schob hierauf mit Hülfe
+der Zurückbleibenden vom Lande ab. Hier wandte er rasch den Bug seines
+kleinen Fahrzeugs, setzte das Segel und suchte mit Timor am Steuer, vom
+Lande abzukreuzen, was ihm jetzt, von der eintretenden Ebbe begünstigt,
+auch bald gelang.
+
+Die drei Matrosen sahen ihn aber kaum frei und unter Segel, als sie auch
+ihre verschiedenen Packen schulterten, die Gewehre unter den Arm nahmen,
+und dem nächsten Hügel zuwanderten, den sie vor allen Dingen erst
+einmal besteigen wollten, einen ungefähren Ueberblick über das
+benachbarte Land zu gewinnen.
+
+Hansens Bein schmerzte ihn allerdings noch ein wenig. Die letzten
+Ruhetage und die gute Pflege hatten ihn jedoch so weit wieder
+hergestellt, einen derartigen nicht zu langen Marsch ohne große Gefahr
+für sich wagen zu können.
+
+Da sie sich hier noch innerhalb des Flußthals befanden, das nach Osten
+und Westen in einem, wenn auch schmalen doch weit auslaufenden Streifen
+abzweigte, so hatten sie sich vor allen Dingen durch einen höchst
+beschwerlichen Mangrovesumpf hinzuarbeiten. Im Anfang durften sie auch
+wirklich kaum wagen auf den Schlamm zu treten, der oft unter ihnen
+wegsank. Sie mußten sich über die hoch emporstehenden Wurzeln, die
+nach allen Seiten hin wie die Beine einer Spinne vom Stamme wegstarrten,
+hinarbeiten, nur erst einmal höheres und damit auch festeres Terrain zu
+gewinnen.
+
+Hans fühlte sich aber gleich von vorn herein in diesem Sumpf nicht
+wohl, denn hätten die Wilden wirklich noch böse Absichten auf sie
+gehabt, so wären sie hier, wo sie ihre beiden Hände gebrauchten,
+um sich nur fortzuhelfen, ihren Angriffen jedenfalls auf eine höchst
+gefährliche Weise preisgegeben gewesen. Aber nicht ein einziger ließ
+sich sehen; keine Spur konnten sie von ihnen, selbst in dem weichen
+Schlamm erkennen, und François meinte lachend, als sie den ersten
+festen Platz erreicht hatten und hier einen Augenblick stehen blieben,
+sich zu erholen; die schwarzen Schufte die an dem Morgen einen Angriff
+versucht hätten, liefen wahrscheinlich noch, so seien sie über den
+Knall von Bills unfreiwilligem Schuß erschreckt worden.
+
+Hans war anderer Meinung, aber er begnügte sich damit, vorsichtig
+auszuschauen, und erhielt dazu noch kräftigeren Grund als sie hier, am
+Rande eines kleinen »Theebaum«-Dickichts nicht allein Spuren, sondern
+einen festgetretenen Pfad von Indianern fanden, der am Rande des Sumpfes
+hinzulaufen, und wahrscheinlich dem nächsten frischen Wasser, am Flusse
+weiter hinauf, zuzuführen schien.
+
+Hier, mit dem ersten hohen Land, wurde auch die Vegetation eine andere,
+üppigere und hier zum erstenmal schienen selbst Bäume den Hügelkamm
+zu decken, während weiter unten sowohl wie oben die nächsten
+Küstenhügel nur starre, dürftige Sandberge gewesen waren. Kleine
+schmale Lagunen oder flache, mit frischem Gras bewachsene Ausläufe
+zogen sich hier zum Fluß hinunter, deren Ränder mit Banksias
+eingefaßt standen, während dahinter einzelne Kohlpalmen aufragten
+und der ganzen Landschaft, mit dem dunklen Hintergrund von
+Stringybark-Bäumen und Casuarinen, einen freundlichen Anstrich gaben.
+Nach rechts hinüber schienen diese Palmen in noch größerer Menge zu
+stehen und weiter eindringend in den Wald, kamen sie auch zu einzelnen
+Pandanus-Dickichten, an denen besonders die Wilden ordentliche Lager
+gehabt zu haben schienen.
+
+Hans sowohl wie Jean und François fühlten sich aber beengt in dem
+dichten Unterholz, das übrigens eine Masse weißer Tauben belebte, und
+gerade das ewige Geflatter und Aufschrecken dieser Vögel diente nur
+dazu, sie mehr und mehr zu beunruhigen. Glaubten sie doch anfänglich
+in jedem solchen Geräusch einen versteckten Wilden zu hören, der mit
+Speer oder Waddie (Keule) auf sie losbrechen wolle.
+
+Hier noch im flachen Lande wäre auch ein solcher Ueberfall nicht so
+unmöglich gewesen, denn die üppige Vegetation würde einen Hinterhalt
+sehr begünstigt haben. Deshalb wandten sich alle drei, wie nach
+gemeinsamer Verabredung, dem nächsten Hügellande zu, und erreichten
+bald darauf einen vollkommen baum- und buschfreien Hang, dürftig mit
+Rasen und kleinen gelbrothen Blumen bedeckt, an dem hinauf sie rasch und
+ungefährdet ihre Bahn verfolgen konnten.
+
+Eigenthümlich war hier eine Masse einzelnstehender hoher und spitzer
+Lehmhaufen, die ihnen von fern wie zugespitzte alte Baumstümpfe
+vorkamen, und überall am Hügel hin, oft zu zweien und dreien,
+manchmal 20 und 25 zusammenstanden. Diese wiesen sich jedoch bald als
+Ameisenhaufen aus, die meist acht bis zehn Zoll unten im Durchmesser,
+bis vier Fuß hoch und scharf abgespitzt, von dem gelblichen Lehm des
+Bodens errichtet, der ganzen Landschaft einen wunderlichen Anstrich
+gaben. François glaubte in der That im Anfang, es sei eine gewaltige
+Schaar von lederfarbenen Eingebornen, die dort über den Berg zerstreut,
+nur ihr Hinaufsteigen abwarteten, um von allen Seiten über sie
+herzufallen. Hans kannte aber diese Hügel schon von früher, und
+bald konnten sie sich auch selber von dem harmlosen Wesen derselben
+überzeugen.
+
+Eine ihnen fremde Gattung von Taube, mit dunkelbraunem Körper und
+hellerer Zeichnung schienen übrigens die einzigen Bewohner dieses
+Hügelhanges zu sein. Diese hatten in einzelnen vorragenden Felsen ihre
+Wohnungen aufgeschlagen, aus denen sie scheu hervorschwirrten, sobald
+sich ihnen die Fremden näherten. Die Seeleute wollten aber weder ihre
+Munition nach so kleinem Wild verschießen, noch die benachbarten Wilden
+unnöthigerweise auf sich aufmerksam machen, und kletterten deshalb,
+ohne ein Gewehr abzudrücken, den jetzt steiler werdenden Hang empor.
+
+Hier befanden sie sich, etwa eine halbe Stunde später, auf dem
+äußersten Kamm des Bergrückens, der sich nach Süden zu hinunterzog,
+und im Osten durch die noch höhere Kette, die in Cape York ausläuft,
+begränzt wurde. Nach Westen zu öffnete sich ihnen dagegen die Aussicht
+über ein weites buschiges Thal, um das der Ocean seinen endlosen
+blauneblichen Gürtel zog. Aber auch dorthin sah das Land traurig
+genug aus. Dürre, theils mit dichtem Busch bewachsene Strecken, theils
+grausandige Flächen dehnten sich rings um sie her, und nicht die
+geringste Anzeige irgend eines bedeutenden Wasserlaufes ließ sich darin
+erkennen. Es war eine trostlose Wildniß, die ihre Einbildungskraft noch
+nach Gefallen mit den heimtückischen Schwarzen bevölkern konnte -- und
+dagegen donnerte im ewigen Ansturm die weite See.
+
+»Großer Gott!« brach François endlich zuerst das Schweigen,
+nachdem sie eine ganze Zeitlang lautlos auf das weite monotone Land
+hinabgeschaut hatten, »wie verlassen, wie entsetzlich todt sieht jene
+weite furchtbare Fläche aus. Hier in den Hügeln haben wir zwar auch
+gerade nichts Besonderes, aber ich kann mir denken wie man von da unten
+aus ordentlich mit einer wahren Sehnsucht hier heraufschauen könnte.«
+
+»Und durch ein solches Land wolltet Ihr, von allen Mitteln entblößt
+die einer solchen Reise wenigstens die Möglichkeit des Gelingens
+ließe, den Marsch versuchen;« sagte Hans.
+
+»Aber es wird auch nicht überall so sein,« entgegnete Jean rasch.
+»Da wo sich der Fluß durch das breite Thal zieht, grünt und blüht
+eine so üppige Vegetation, wie sie sich der Wanderer nur wünschen
+kann, und diesem Strome folgend --«
+
+»Kämst du nur zu bald zu seiner Quelle, wo all' die Schrecken und
+Gefahren einer Wüste beginnen,« unterbrach ihn Hans kopfschüttelnd.
+»Wir können uns ein Beispiel an dem Deutschen, an _Dr._ Leichhardt,
+nehmen, der diesen Landstrich allerdings, aber Gott weiß auch mit
+welchen Mühseligkeiten und Gefahren durchzogen, und auf einer zweiten
+Reise sein Leben dennoch eingebüßt hat. Mit allem Nöthigen zu einem
+solchen Marsch ausgerüstet, mit der Kenntniß des Landes, die er auf
+der ersten Tour erworben, mit Muth und Ausdauer, wie sie nur je ein
+Mensch bewiesen, mußte er doch in den entsetzlichen Wüsten, die das
+Innere dieses weiten Landes bilden, elendiglich umkommen, und seine
+Gebeine bleichen jetzt vielleicht neben irgend einer Salzquelle, vom
+Sand der Wüste bedeckt. Ich bin sonst wahrlich nicht furchtsam, aber
+ein heimliches Grausen durchrieselt mich jedesmal, wenn ich auf das
+Innere dieses ungeheuren räthselhaften Landes blicke, das seinen
+kühnen Bewohnern noch immer hartnäckig die starre Sandwüste
+entgegenhält. Trotz allen Versuchen das Innere zu erforschen, trotz
+aller Aufopferung, trotz allem Todesmuth, es blieb vergebens, und
+wer weiß ob es je den Menschen gelingen wird, die ganze Insel zu
+durchwandern.«
+
+»Es hat aber auch einen eigenen Reiz in solche, noch unbetretene
+Wildniß vorzudringen,« sagte Jean, der, auf sein Gewehr gestützt,
+lange und sinnend nach Süden hinabgeschaut hatte. »Fast unwillkürlich
+treibt und drängt es uns vorwärts, und -- der Drang wird um so
+mächtiger, wenn gerade dahinter das Ziel unseres ganzen Lebens liegt,
+und unseren ausgestreckten Armen fast erreichbar scheint.«
+
+»Dir steckt die Dirne aus dem goldenen Kreuz noch im Kopf,« lachte
+François, »aber ich weiß nicht, ob ein paar tausend Meilen Sand und
+Salzwasser nicht selbst die heißeste Liebe, ich will nicht gerade
+sagen =abkühlen=, aber doch wenigstens auftrocknen könnte. Wenn ich
+meinestheils ein ganzes Pensionat von lauter Geliebten in Sydney sitzen
+hätte, es würde mir nicht einfallen, so parteiisch für mein Herz,
+Magen und Kehle auf eine so entsetzliche Weise zu behandeln.«
+
+»Bah,« sagte Jean leicht erröthend, »du bist reiner Materialist,
+François und hast keine Idee davon was wirkliche Liebe ist. Der allein
+glaub ich auch, wäre es nur möglich, alle solche Schwierigkeiten zu
+besiegen, die uns bei ruhigem Blut, bei kalter Ueberlegung geradezu
+unüberwindlich scheinen.«
+
+»Es giebt für solche Zwecke ein noch mächtigeres Gefühl, Jean,«
+nahm aber Hans jetzt das Wort -- »und zwar der =Ehrgeiz=. Es ist das
+die mächtigste, aber auch furchtbarste Gewalt unseres ganzen Systems,
+und kann sich selber nur in solchem Falle übertreffen, wo er sich mit
+der Liebe vereinigt, und das arme Menschenherz dann zu Sieg und Ruhm
+oder -- zu ewigem Verderben mit fortreißt. -- Ich habe in meiner Zeit
+von beiden Beispiele erlebt, die --«
+
+Ein wilder, merkwürdiger Laut unterbrach ihn plötzlich, und alle drei
+griffen wie unwillkürlich nach ihren Gewehren.
+
+»=Ku-ih!=« tönte es aus dem Wald heraus, das den oberen Hügelhang
+begränzte, »=Ku-ih!=« und der gleiche Ruf antwortete von zwei
+verschiedenen Stellen im Thal.
+
+»Was für ein Thier war das?« frug François leise, als die Töne
+endlich schwiegen, indem er vorsichtig nach dem nächsten Dickicht
+hinüberhorchte.
+
+»Vielleicht unsere Freunde von heut' Morgen,« lachte Hans endlich, mit
+den Blicken den Waldrand nach jener Richtung hin musternd, von woher der
+Laut zum erstenmal getönt. -- »Jedenfalls waren es Eingeborne, denn
+das ist ihr Ruf. Möglich kann es auch sein, daß es als eine Art
+telegraphische Meldung beabsichtigt wurde, den Cameraden unten im Thal
+wissen zu lassen, daß wir bis hier oben glücklich angelangt seien.«
+
+»Wir reisen ja da ordentlich wie die hohen Herrschaften in Europa,«
+lachte Jean, »von denen auch die Zeitungen jeden Schritt und Tritt,
+jeden Bissen den sie essen, jeden Schluck den sie trinken, melden, und
+-- noch mehr melden würden, wenn sie sich eben nicht genirten. Aber --
+ich muß aufrichtig gestehen, ich mache mir für den Augenblick nichts
+aus einer derartigen Berühmtheit, und wenn ich wüßte daß ich die
+Rolle auch gut durchführen könnte, hätte ich gar nichts dagegen mich,
+so lange ich hier an Land wäre, schwarz anzustreichen und incognito zu
+reisen.«
+
+»Hier auf dem Berg sind wir ihnen auch vollkommen preisgegeben,«
+meinte François kopfschüttelnd. »Sie können jede unserer Bewegungen
+beobachten, und sich nachher prächtig ins Dickicht in den Hinterhalt
+legen, ehe wir nur einmal ahnen daß sie in der Nähe sind. -- Wenn
+sie nur mit Bill nichts unter der Zeit anfangen. Bill ist ein ganz
+tüchtiger Kerl, und fürchtet sich vor dem Teufel nicht; aber wo
+es heißt irgend einer List zu begegnen, da traue ich ihm eben nicht
+übermäßig viel zu.«
+
+»Mir ist das auch schon im Kopf herumgegangen,« sagte Hans, »und ich
+habe nur dabei meine Hoffnung auf Timor gesetzt, der, selber halb ein
+Wilder, sich nicht wird so leicht überlisten lassen. -- Hättet Ihr
+nicht Euer Herz einmal darauf gestellt, ich wäre auch gar nicht aus dem
+Boot gegangen.«
+
+»Ja, und ich glaube wir haben dabei einen dummen Streich gemacht,«
+entgegnete ihm Jean kopfschüttelnd. »Ich gebe allerdings zu, daß ich
+selbst jetzt noch dabei wäre, wenn Ihr Euch alle dahin entschlösset
+die Landtour nach dem Süden hinunter zu unternehmen, so verzweifelt das
+Mittel auch sein möchte, um von hier fortzukommen. Dann aber hätten
+wir auch unser Boot ganz im Stich lassen, und unsere Kräfte nicht
+zersplittern sollen. Ueberdies sehe ich jetzt nicht recht gut ein was
+wir hier eigentlich wollen. Proviant brauchen wir hier noch nicht,
+sondern verzehren im Gegentheil mehr als mir scheint, daß wir hier
+wieder einlegen können, und vom Land werden wir auch nicht mehr zu
+sehen bekommen als wir bis jetzt gesehen haben. Es ist eine trostlose,
+entsetzliche Wildniß und ich stimme dafür, daß wir sobald als
+möglich machen wieder abzukommen. Wollen wir dabei noch ein Uebriges
+thun, so können wir ja eben nur einen Bogen durchs Thal ziehen, die
+Vegetation unten ein wenig genauer kennen zu lernen, dann sind wir gegen
+Abend wieder am Ufer, rufen unser Boot an und schlafen die Nacht an Bord
+wahrhaftig besser und sicherer als hier, wo man nie weiß von welcher
+Seite die schwarzen Schufte zuerst über uns einbrechen mögen.«
+
+»Ja, und je eher wir hier fortkommen, desto besser,« stimmte François
+etwas kleinmüthig bei, »denn, weiß der Böse woher es kommt, aber
+meine Schuhe fangen auch an zu drücken, und den einen hab' ich mir auch
+schon in dem scharfen Boden hier aufgetreten. -- Mit keiner Silbe
+hatt' ich ja daran gedacht, daß man zu einer Fußreise zu Land auch
+tüchtiges Schuhwerk nöthig hat, denn das leichte Zeug, womit wir an
+Deck herumlaufen müssen, damit wir dem Capitän das Quarterdeck nicht
+zerkratzen, würde bald fertig werden. Nachher was dann? Nein, eine
+Landreise klingt recht gut von Bord aus, aber mir ist's doch jetzt
+ungemein lieb, daß wir noch den Hinterhalt an unserem Boot haben. Nun
+Hans, wie stehts? -- was giebts wieder?«
+
+»Meine Meinung braucht Ihr nicht erst zu hören,« sagte dieser, ohne
+die Augen jedoch von einem gewissen Punkt des Waldstreifens, der sich
+unfern von ihnen über den Berg hinzog, zu verwenden. -- »Ich bin von
+Anfang an gegen einen solchen Marsch gewesen, und wußte recht gut Ihr
+würdet das Wahnsinnige eines solchen Unternehmens einsehen, sobald
+Ihr nur einmal den Fuß an Land gesetzt hättet. Aber ich glaube, wir
+bekommen Besuch,« fuhr er dann fort, den Arm nach der Richtung hin
+ausstreckend, nach der er schaute. »Dorthin regt sich's jedenfalls,
+will aber noch nicht recht heraus. Nun wir brauchen uns wenigstens keine
+Mühe zu geben unsere Anwesenheit geheim zu halten, denn ich bin fest
+überzeugt, wir werden von allen Seiten scharf genug beobachtet.«
+
+»Ku-ih!« rief es in dem Augenblick wieder aus dem Walde herüber,
+und Hans wollte eben die Hand an den Mund heben, den Ruf diesmal zu
+beantworten, als dicht hinter ihnen, wo ein kleiner Vorsprung des
+Hügels auslief, daß sie die Ecke nicht hatten übersehen können, der
+Schrei laut und sorglos beantwortet wurde.
+
+Wie der Blitz fuhren die drei nach dem unerwarteten Ruf herum, und
+unwillkürlich rissen sie ihre Gewehre in die Höhe, Hans aber winkte
+ihnen auch ebenso rasch sich ruhig zu verhalten, und nur nach der
+Gegend zu Front machend, von der der Laut kam, standen sie still und
+regungslos.
+
+Sie brauchten nicht lange zu warten. Noch keine halbe Minute hatten sie
+so gestanden, als ein Schwarzer, vollkommen nackt, und nur mit einem
+kurzen Speer bewaffnet um den Absprung des Hügels bog. Er hielt den
+Blick auf den Boden geheftet, und es war augenscheinlich, daß er keine
+Ahnung von der Anwesenheit der weißen Männer haben konnte. In dem
+Moment aber, wo sie glaubten daß er jetzt erstarrt vor Schreck zu ihnen
+aufschauen und die entsetzlichen Weißen vor sich erblicken sollte, war
+er plötzlich wieder fast wie in den Boden hinein verschwunden.
+
+»Peste!« riefen Jean und François fast zu gleicher Zeit; als Hans
+aber rasch dem kleinen Abhang zusprang, zu sehen was aus ihm geworden,
+konnte er eben noch die dunkle Gestalt erkennen, wie sie an dem
+bröcklichen Gestein, ganz gleichgültig gegen irgend eine Gefahr von
+Knochenbrüchen oder sonstigen Quetschungen mehr niederrollte als glitt,
+und wie eine Schlange unter den nächsten Büschen verschwand.
+
+»Wenn der Bursche nicht fest überzeugt ist den Teufel gesehen zu
+haben,« lachte Jean, »so will ich nie wieder auf Salzwasser fahren.
+Der wird eine schöne Geschichte erzählen, wenn er zu Haus kommt.«
+
+»Der muß noch keine Ahnung von uns gehabt haben,« meinte François.
+
+»Es mag wohl selten genug vorkommen,« sagte Hans, »daß Weiße hier
+an der Küste landen, denn die Eingebornen hier haben vielleicht einen
+noch schlimmeren Ruf als sie verdienen. -- Wir würden auch manchem auf
+diese Art begegnen, wenn wir länger hier blieben. Aber Jean hat recht
+-- auch ich sehe nicht den geringsten Nutzen weiter für uns darin, nur
+Schaden; also je rascher wir wieder fortkommen, desto besser, und zu
+diesem Zweck nehmen wir ebenso gut den nächsten Weg nach der Küste
+zu, wo wir allerdings durch eine längere Strecke Thalland müssen, aber
+auch die offene Küste eher erreichen und das Boot anrufen können.« --
+Und ohne weiter eine Antwort abzuwarten, wollte er den bezeichneten
+Weg vorangehen, als ihn Jean noch einmal am Arm ergriff und gegen den
+Hügel, an dem sie standen, hinüberdeutend, ausrief:
+
+»Aber sieht das hier nicht so aus wie bewohnter Boden? -- die
+freie, scharf vom Wald begränzte Fläche, die baumstumpfähnlichen
+Ameisenhügel, jene fast regelmäßig eingeschnittene Hecke. -- Ich
+glaube wahrhaftig hier ist einmal Feld gewesen.«
+
+»Ein =Schlachtfeld= vielleicht feindlicher Stämme,« erwiderte Hans
+kopfschüttelnd, »sonst wahrlich kein anderes. -- Nein Camerad, all
+diese weiten ungeheueren Strecken des nördlichen Australiens liegen
+noch wild und unberührt, ein oder zwei kleine Forts weiter westlich hin
+ausgenommen -- und werden auch wohl so lange so liegen bleiben, bis es
+hier auf unserer guten Erde recht an Platz zu fehlen anfängt, oder
+-- die Leute sich mit Salzwasser anstatt frischen Quellen zu begnügen
+lernen. -- Aber fort -- da gerade vor uns tönt schon wieder ein Ku-ih
+der Eingebornen, es wird Zeit daß wir nach unten gehen, denn die Sonne
+sinkt mehr und mehr, und -- ich weiß nicht, ich fühle mich Bills wegen
+beunruhigt. Dort hinüber kann ich auch nicht einmal das Boot sehen, und
+das müßte doch eigentlich von hier aus gut zu erkennen sein.«
+
+»Es wird hinter der kleinen Insel liegen,« meinte François -- »die
+steigt so mit der Ebbe höher und höher hinauf. -- Mir scheint, wir
+haben jetzt niedrig Wasser. Wetter noch einmal, wie lange wir schon hier
+herumgeklettert sind.«
+
+Hans warf noch einen langen forschenden Blick über den ruhigen Spiegel
+dieser weiten, mit Inseln und Klippen überstreuten Binnensee, und stieg
+dann ohne Weiteres nach unten, ihren Weg gegen die Küste hin zu suchen.
+Das war aber nicht so leicht ausgeführt, als sie im Anfang geglaubt
+haben mochten. Gerade dem Strande zu breitete sich ein so entsetzliches
+Dickicht von jenen Theebaumdickichten mit durcheinander gestürzten
+Cycas und Banksias und Pandanus aus, daß sie mit ihren Packen oft
+Viertelstunden lang gebrauchten, sich nur eine kleine Strecke weit
+fortzuarbeiten, und die zähen Stämme nie brechen, sondern höchstens
+nur aus dem Weg biegen konnten.
+
+Hans hatte gleich von Anfang an vorgeschlagen wieder umzukehren,
+und lieber den Weg zurückzumachen den sie gekommen waren. Jean und
+François wollten aber den mühseligen Pfad nicht zurück, da dem
+letzteren besonders die Füße wie Feuer brannten. Während sie deshalb
+mit jedem Schritt hofften den helleren Waldstreifen zu erreichen, hinter
+dem endlich der offene Strand sichtbar werden mußte, arbeiteten sie
+sich tiefer und tiefer in das Dickicht hinein. Zuletzt fehlte ihnen
+sogar die Richtung, und sie fanden bald daß sie viel weiter in den
+Thalgrund hineingerathen sein mußten als sie im Anfang beabsichtigt
+hatten.
+
+Dabei rückte der Abend mehr und mehr vor, und Hans blieb endlich
+stehen, da ihm die Vegetation um sich her vorkam, als ob sie sich
+eher wieder den Hügeln als dem Strande der See näherten. --
+Die verschiedenartigen Gumbäume, Eisenrinde, Melaleuca, Gum und
+Stringybark, mit Acacien und Cypressen zeigten sich, und von dem
+Mangrovesumpf, den sie kreuzen mußten ehe sie den Strand erreichten,
+war noch nicht die Spur zu sehen.
+
+»Hier dürfen wir nicht mehr weiter,« sagte er endlich, »denn ich
+fürchte wir haben uns schon seit etwa zwei Stunden die größte Mühe
+gegeben, von unserem Boote fortzukommen, anstatt darauf zuzugehen -- wo
+ist jetzt die See -- wo sind die Hügel? --«
+
+»Ja, wenn mich Einer auf den Kopf stellte,« lachte Jean, »ich
+könnt's nicht sagen; Wetter noch einmal, ich weiß nicht einmal wo Nord
+und Süden ist, so lange ich die Sonne nicht sehen kann.«
+
+»Norden ist dort,« sagte Hans, »und Süden hier, aber ich fürchte
+wir sind zu weit in das Thal des Flusses selber hinein gerathen, und da
+wird uns die Himmelsrichtung insofern irre geführt haben, als sich die
+breiteste Strecke Sumpfland gerade hier nach Norden hinaufzog; unsere
+einzige Wahl bleibt jetzt nur geradezu nach Osten hinüberzuarbeiten,
+und dann unserem guten Glück zu vertrauen, wohin wir kommen, und wo wir
+zuerst frei von diesem Chaos von Zweigen und Stämmen werden.«
+
+
+
+
+Neunzehntes Capitel.
+
+Das Bivouak.
+
+
+Die beiden Franzosen, so schon durch das ungewohnte Gehen und Klettern,
+ermüdet und abgemattet waren durch das Hindurcharbeiten durch
+Dornen und Schlingpflanzen und niedergebrochenes trockenes Holz oder
+verwachsene Büsche so erschöpft worden, daß sie kaum mehr ihre
+Glieder regen konnten. Das Bewußtsein sich verirrt zu haben, oder
+wenigstens nicht mehr genau zu wissen wo man sei -- jedenfalls ein
+geringerer Grad desselben -- schien dabei nicht geeignet sie heiterer
+zu stimmen. Der Wasservorrath den sie mitgenommen, war ebenfalls schon
+aufgezehrt, die Zunge klebte ihnen fortwährend am Gaumen, und das in
+den Flaschen warm gewordene Getränk löschte nicht einmal mehr ihren
+Durst.
+
+Hans wußte zu gleicher Zeit recht gut, daß ein Berathschlagen mit
+den beiden doch weiter nichts gefruchtet hätte. Ruhig deshalb die Bahn
+verfolgend, die er für die richtige ansah, hielt er sich jetzt am Ufer
+einer schmalen Salzwasser-Lagune, die nach Nordosten zulief, und in
+ihrem inneren Bett etwas offenere Vegetation zeigte, und suchte dabei so
+rasch als möglich vorwärts zu dringen. Aber es half ihm alles nichts,
+die Nacht brach an, ehe sie auch nur einen anderen, der See näher
+scheinenden Ort erreicht hatten, und es blieb ihnen jetzt nichts weiter
+übrig als da, wo sie sich gerade befanden, ein Lager aufzuschlagen und
+den dämmernden Tag zu erwarten.
+
+Jean wollte nun freilich auch noch die Nacht benützen, den Strand
+doch am Ende zu erreichen, da, wie er gehört hatte, die Eingebornen in
+dunkler Nacht nie gern ihren Lagerplatz verließen. Hans weigerte sich
+aber entschieden aufs geradewohl noch weiter, besonders im Dunkeln
+durch die Büsche zu kriechen, und warf nicht mit Unrecht ein, daß sie
+möglicherweise dadurch immer weiter vom Boote abkämen. Dagegen konnten
+sie in der Nacht wenn alles ruhig geworden war und besonders der Lärm
+der wilden Tauben hier im Unterholz aufgehört hatte, ihre Gewehre
+abschießen und Antwort vom Boot aus bekommen, wonach sie dann die
+genaue Richtung wußten, in der dasselbe lag.
+
+Diesem fügten sich François und Jean endlich ebenfalls, und bald
+loderte mitten in einem Pandanusdickicht ein lustiges Feuer auf, um das
+sie ihre Gewehre jedoch immer schußfertig neben sich lagerten, und von
+ihren Provisionen ein reichliches Mahl hielten. Der mitgenommene Wein
+kam ihnen jetzt sehr zu statten, denn sie hatten kein Wasser finden
+können, und erst nachdem alles still und ruhig um sie her geworden,
+und nur noch hie und da das Zirpen einer Grille oder das wunderliche
+Geräusch eines einzelnen »fliegenden Fuchses« die Ruhe der Nacht
+unterbrach, nahm Hans sein Gewehr, um es nach der Richtung zu, nach der
+er das Boot vermuthete, abzufeuern.
+
+In dem Augenblick tönte schwach, aber nichtsdestoweniger deutlich,
+der Schall eines Schusses zu ihnen herüber, und als sie sämmtlich
+von ihren Sitzen emporfuhren und horchten, hörten sie unverkennbar das
+zweite Signal.
+
+»Das ist gescheut!« sagte François, während er den Hahn seines
+eigenen Gewehres spannte -- »nun wollen wir« --
+
+»Halt!« unterbrach ihn aber Hans, indem er die Hand auf das Gewehr
+des Franzosen legte, »Bill erspart uns die Nothwendigkeit, der ganzen
+Nachbarschaft anzugeben wo wir uns gegenwärtig befinden, und es wäre
+mehr als thöricht, das jetzt leichtsinnig zu mißbrauchen.«
+
+»Aber sie werden im Boote glauben wir hätten es nicht gehört,« sagte
+Jean.
+
+»Desto besser,« erwiderte Hans, »dann schießen sie noch einmal, und
+die Schwarzen hier herum erfahren um so deutlicher, daß auf dem Wasser
+noch andere Weiße sind, die sich um ihre Landsleute bekümmern.«
+
+Das Zeichen wurde deshalb nicht erwidert, die regelmäßige Wache aber
+mit jeder nur möglichen Vorsicht gestellt. Hans selber übernahm die
+Morgenwache, weil diese von den wilden Stämmen fast stets zur Zeit
+ihrer Angriffe gewählt wird, wenn sie überhaupt etwas Bösartiges
+und Feindliches im Sinne haben. Die Nacht verging aber, wirklich wider
+Erwarten, vollkommen ruhig. -- Sie hörten das Ku-ih der Wilden
+wohl nach verschiedenen Richtungen hin in den Büschen, aber Niemand
+belästigte sie, und mit dem ersten Dämmerschein des jungen Morgens
+hatte Hans schon seine beiden Cameraden geweckt und munter, jedes
+Angriffs gewärtig.
+
+Eine halbe Stunde hatten sie so zusammen gesessen und eben ihr
+Frühstück beendet, um mit vollem Tageslicht zum Aufbruch fertig zu
+sein. Der Tag war auch nicht mehr fern, denn der östliche Himmel deckte
+sich schon mit einem rothglühenden Schein. Da hörten sie plötzlich in
+einem kleinen Pandanusdickicht dicht bei, Schritte, und gleich darauf,
+die Gewehre im Anschlag und lautlos das Näherkommen des Gegners
+erwartend, trat keineswegs ein Feind, sondern niemand weiter als ein
+einzelner, nur mit seinem kurzen Speer und dem Wurfholz bewaffneter
+Schwarzer aus den nächsten Büschen. Dieser kam aber allem Anschein
+nach ganz unbekümmert um die Anwesenheit der Weißen, den Blick nur
+auf das Feuer gerichtet, auf sie zu, und stand wirklich schon zwischen
+ihnen, dicht vor den glimmenden Kohlen, ehe er nur einmal aufschaute.
+Die Wirkung aber war auch fabelhaft.
+
+Einen Blick nur warf er umher. Dann aber, als er entdeckte in wessen
+Nachbarschaft, ja in wessen Gewalt er sich befand, vielleicht zur selben
+Zeit auch halb seiner Sinne beraubt, in dem einen entsetzlichen Gedanken
+dem Devil Devil, oder sonst einem anderen Ungethüm seiner Heimath in
+die Hände gerathen zu sein, lief er, wie es eine Katze unter ähnlichen
+Umständen gethan haben würde, in fast wunderbarer Schnelle an dem ihm
+nächsten Gumbaum empor, wo er in dem höchsten Wipfel desselben, und so
+weit wie ihn das Holz nur tragen konnte, regungslos stehen blieb.
+
+Daß dieser Schwarze nichts Böses gegen sie im Schilde geführt, ja
+ihre Anwesenheit nicht einmal geahnt, und ihr Feuer für das seines
+eigenen Stammes oder seiner Bekannten gehalten, war natürlich, und die
+jungen Leute suchten ihn nun durch Zureden, durch Winken und Schwenken
+von Büschen zu überzeugen, daß er von ihnen nichts zu fürchten habe,
+und ruhig und ungehindert herunterkommen möge. Umsonst -- wie eine aus
+schwarzem Marmor gehauene Statue stand er starr und regungslos oben in
+dem Baumwipfel. Kein Lärm der unten gemacht werden konnte, schien ihn
+zu bewegen auch nur das geringste Lebenszeichen von sich zu geben, und
+selbst als Hans jetzt sein Gewehr aufgriff, seine beiden Signalschüsse
+abzufeuern und Bill zugleich mit dem Boot zum Strand zu rufen, blieb er
+noch in seiner Stellung da oben, als ob er zu dem Baum gehöre, und mit
+ihm, als wunderliche Frucht, aus der Erde aufgewachsen sei.
+
+»Hol' den Burschen der Henker,« rief François endlich ungeduldig --
+»wir wollen ihm doch zeigen daß wir ebenfalls klettern können, und im
+Stande wären ihn herunterzuholen, wenn wir ihn nur haben wollten« und
+damit lehnte er sein Gewehr gegen einen umgefallenen Stamm, und fing
+an den ihm nächsten Baum hinaufzuklimmen. Er war aber noch nicht seine
+eigene Länge vom Boden auf, als der Wilde plötzlich bewies, er sei
+weder taub noch stumm. Er schrie und »birrrrte,« ku-ichte und
+hallote und machte in der That jede Art von Spectakel, die er da oben
+möglicherweise machen konnte, und das alles mit solcher Energie, daß
+François erschreckt wieder niederglitt und zu ihm aufschaute.
+
+»Der Bursche wird uns den ganzen Stamm über den Hals ziehen,«
+fluchte Jean -- »ich glaube er schreit Beschwörungsformeln von da oben
+herunter, daß wir ihn nicht fressen sollen. -- Seht nur wie er spuckt
+und prustet. -- Es wird uns nichts übrig bleiben als ihm eine Kugel
+durch den Kopf zu schießen. Wer weiß überhaupt, ob er nicht mit zu
+den Schuften gehört, die gestern Morgen ihr Bestes versuchten uns
+zu ersäufen, und der Spectakel da oben nur die Folgen seines bösen
+Gewissens sind.«
+
+»Horch -- das war ein Antwortschuß vom Boot!« rief Hans dagegen. --
+»Kommt, laßt dem armen Teufel Raum vom Baum hinunter und ins Freie zu
+kommen; er hat Angst genug ausgestanden, und sein Tod könnte uns
+wenig nützen. Wir sind sicher nicht weit mehr vom Strand entfernt, und
+können ihm das Vergnügen, sich einmal ordentlich auszuschreien, schon
+gönnen.«
+
+»Und unter der Zeit brüllt uns der Bursche die ganze Nordküste
+zusammen,« fluchte Jean.
+
+»Nun, so laß ihn,« lachte Hans, »sind wir erst auf offenem Strand,
+wagt sich keiner der schwarzen Burschen an uns. Hier dagegen, wenn
+wir länger blieben, wären wir allerdings leichter einem Angriff
+ausgesetzt. Ueberdies wird das Boot jetzt so rasch herankommen, wie es
+Bills und Timors Ruder bringen können, und je eher wir das erreichen,
+desto besser.«
+
+Damit waren seine beiden Cameraden ebenfalls einverstanden, und ihre
+wenigen Sachen zusammenpackend, zogen sie sich vor allen Dingen erst
+einmal eine kurze Strecke von dem Baum zurück, auf dem der Schwarze
+noch immer schrie und tobte, und jedenfalls die Genugthuung hatte, daß
+ihm schon von mehreren Seiten geantwortet wurde. Sie hörten jetzt das
+Ku-ih der Eingebornen an verschiedenen Stellen im Wald.
+
+Kaum aber sah der so wunderlich Gefangene die friedliche Bewegung der
+vermutheten Feinde, als er seine Schreiübungen einstellte, und
+noch hatten ihn diese kaum zwanzig Schritte freigegeben, als er mit
+Blitzesschnelle, und gänzlicher Mißachtung aller seiner Gliedmaßen,
+an dem Stamm mehr hinunterschoß wie glitt, und zwei Secunden später
+auch in dem dichten Gebüsch von Pandanus- und Theebaumgesträuch
+spurlos verschwunden war.
+
+Das Ku-ihen der Schwarzen kam indeß näher und näher, und so komisch
+auch wohl der Rückzug des eingeschüchterten Wilden war, durften sie
+sich doch nicht lange damit aufhalten. Der Richtung also folgend, die
+sie sich nach dem Schusse gemerkt, und die allerdings von der gestern
+vermutheten um ein Bedeutendes abwich, durchschritten sie rasch ein hier
+etwas offenes Terrain von Boxholz und Casuarinen, das seinerseits wieder
+von Pandanus, Theebaumsträuchen und Cycas, so wie einzelnen Arten von
+Acazien begränzt war, passirten ein altes Lager der Blacks, neben dem
+ganze Berge von Muschelschalen lagen, und erreichten, nach einem etwa
+halbstündigen Marsch, unangefochten von den Schwarzen, aber oft durch
+ihre jetzt ganz nahen Rufe gewarnt, den Mangrovesumpf und mit diesem,
+das Ueberklettern über Wurzeln und niedergestürzte Stämme nicht
+achtend, den freien offenen Strand von glattem hartgeschlagenem
+Korallensand.
+
+»Hurrah!« rief Jean, der mit einem etwas gewagten Satz den letzten
+Schlammstreifen überflogen hatte, und zuerst wieder festen sicheren
+Boden betrat -- »hurrah -- allen Respect vor der Landpartie -- mir ist
+Salzwasser lieber -- aber wo ist das Boot?«
+
+Hans war im nächsten Augenblick an seiner Seite und das leichte
+Fernrohr, das er sich umgehangen als sie das Boot verließen, rasch
+öffnend und richtend, überflog er zuerst die nächste Nähe der
+kleinen Insel, wo sie das Boot vermuthen mußten, und dann den Horizont
+mit dem Glas, ohne das Gesuchte zu finden.
+
+François, der erst noch einmal in ein Schlammloch gerathen war, sich
+aber wieder herausgearbeitet hatte, stand jetzt ebenfalls an ihrer
+Seite, und rief, nachdem er einen flüchtigen Blick über die
+Oberfläche des Wassers geworfen und diesen jetzt auf der Insel wenige
+Secunden aufmerksam haften ließ --
+
+»Was ist das dort? --«
+
+»Was? -- wo?« -- frugen Jean und Hans rasch und zu gleicher Zeit, und
+Hansens Fernrohr haftete auch in demselben Moment, wo er die Richtung
+von François ausgestrecktem Arm gewahrte, auf der kleinen schon
+mehrfach besprochenen Insel.
+
+»Dort ist Bill!« rief er aber kaum zwei Secunden später, und das Wort
+war kaum seinen Lippen entflohen, als der Knall des Gewehres wieder zu
+ihnen herüberdrang.
+
+»Er will uns zeigen daß er uns gesehen hat,« rief Jean lachend,
+»mich wunderts nur, wo er die Courage hergenommen seine alte Muskete so
+oft abzufeuern -- er muß sich schon ordentlich daran gewöhnt haben.«
+
+»Dort geht das Boot,« rief François plötzlich, dessen scharfes Auge
+die dunklen Umrisse des kleinen Fahrzeugs in demselben Moment erspähte,
+als es hinter der kleinen Insel, die es bis dahin ihren Blicken
+entzogen, vorschoß.
+
+»Teufel!« schrie aber auch Hans in diesem Augenblick, mit dem
+Fuße stampfend -- »wir sind verloren. -- Es ist in der Gewalt der
+Schwarzen.«
+
+»Der Schwarzen?« stöhnten die beiden Franzosen entsetzt -- »das ist
+ja nicht möglich.«
+
+»Da seht selber,« erwiderte ihnen Hans tonlos, indem er Jean das Glas
+hinüberreichte -- »nun sei uns Gott gnädig in unserer Noth.«
+
+
+
+
+Zwanzigstes Capitel.
+
+Bill's Wacht.
+
+
+Wir müssen jetzt zu unserer Bootsmannschaft, Bill und Timor
+zurückkehren, die wir verlassen hatten als sie wieder vom Lande
+abkreuzten, um in sicherer Entfernung das Zeichen ihrer ans Ufer
+gegangenen Cameraden zu erwarten.
+
+»Hm!« sagte Bill nach einer langen Weile, in der keiner der beiden
+auch nur ein Wort gesprochen -- »eigentlich ärgerts mich, daß ich
+nicht mit an Land bin. -- Ist doch ein anderes Leben, als hier ewig
+die Knie eingezwängt zu haben zwischen die Bootsdoften, und blaue Luft
+über sich, blaues Wasser unter sich zu sehen. So eine acht Tage halt
+ichs immer vortrefflich am Ufer aus, nur nachher wirds langweilig, und
+ich setze dann allerdings am liebsten wieder Segel -- aber eine Weile
+gefällt mir's doch.«
+
+»Tuwan Bill würde sich hier aber sehr wenig unterhalten,« lachte
+Timor in seinem gebrochenen Englisch, indem er den eben wieder
+zugerichteten Fischhaken über Bord warf und nachschleifen ließ.
+-- »Viel Wald hier und viel Busch, und viel böse Wilde -- und viel
+Thiere, und viel nichts zu essen und zu trinken.«
+
+»Viel nichts zu trinken, ah?« sagte Bill und verzog den Mund fast zu
+einem Lächeln, was aber selten oder nie bei ihm ganz zum Ausbruch kam,
+»das wäre freilich bös, Timor, herzlich bös, und ein ordentlicher
+Kerl sollt' es bald satt bekommen. -- Aber es wäre doch eine
+Veränderung, und man könnte jeden Augenblick wieder an Bord kommen.«
+
+»Wenn man nicht im Wald irre läuft,« setzte Timor hinzu --
+»Wasserleute wissen selten viel mit Wald Bescheid -- Wasserleute
+steuern bald den, bald den Cours in Busch, wenn sie keinen Compaß haben
+-- australische Busch viel schlimm zu laufen.«
+
+»Hm! das wäre ein schöner Spaß,« brummte Bill leise vor sich hin,
+»wenn unserer Gesellschaft da drin etwas Aehnliches passirte.
+Hätten wir nur wenigstens ein Rakete, so könnten wir die heut' Abend
+aufsteigen lassen -- das bliebe jedenfalls das sicherste.«
+
+»Tuwan Bill muß heute nach Dunkelwerden zweimal Gewehr abschießen,«
+argumentirte dagegen der kleine Malaye -- »Tuwan Bill ...«
+
+»Will verdammt sein, wenn er das verwünschte Schießeisen wieder in
+die Hand nimmt,« unterbrach ihn der Matrose aber rasch und mürrisch --
+»ich habe mir =einmal= die Schulter damit ausgerenkt, und der Knochen
+sitzt eben nur erst wieder in der Pfanne.«
+
+Der Malaye ließ sich aber nicht so leicht abweisen. Er wollte schon
+früher einmal in diesem Theil des Landes, den er =Marega= nannte, und
+zwar mit seinen Landsleuten von Timor aus, zum Fischen gewesen sein,
+und konnte die Gegend gar nicht traurig und wasserarm genug beschreiben.
+Hätten die Wanderer dann auch noch dazu die Richtung verfehlt, so
+müßten ihnen ein paar Signalschüsse, nachdem der Wald ruhig geworden,
+von unendlichem Nutzen sein, und wenn Bill sich zu schießen fürchtete
+-- der schlaue kleine Bursche faßte den alten Matrosen beim Ehrgefühl
+-- »so solle er =ihm= nur die Flinte geben -- er wolle sie selber
+abfeuern.«
+
+Das konnte Bill doch unmöglich zugeben, und that endlich eine
+halbmürrische Zusage, dem Rathe Folge zu leisten -- heißt das mit der
+vorsichtigen Clausel: nur wenn sie nicht selber noch vor Dunkelwerden
+wieder etwas von den ihrigen gesehen hätten.
+
+Gestern Abend -- und sie hatten den Tag über dicht hinter der kleinen
+Insel gelegen, hatte Timor die »Wacht zur Coje,« d. h. konnte schlafen,
+während Bill »an Deck« munter bleiben mußte. Als Timor endlich die
+Augen wieder aufschlug, denn der kleine Bursche schien ordentlich zu
+fühlen, wie ihre beiderseitige Sicherheit mehr von seiner eigenen
+Wachsamkeit, als der seines älteren Gefährten abhänge, saß Bill
+im Heck vom Boot und nähte, ohne nur einen Blick links oder rechts
+hinauszuwerfen, eifrig an einem kleinen viereckigen Säckchen, das er
+eben beendet und mit etwas Heu aus einer der Flaschenkisten gestopft
+hatte. Er war gerade damit fertig, und jetzt dabei, eine Strippe daran
+zu befestigen. Timor, nachdem er im Boot aufgestiegen und sich rings
+umgeschaut hatte, sah ihm eine Weile neugierig zu und sagte endlich,
+ganz verwundert der sonderbaren Verrichtung zuschauend:
+
+»Aber Tuwan Bill, was das? -- macht kleine Polster für Boot? -- hier
+nicht Felsen und nicht neue Schiff.«
+
+»Für Boot?« knurrte aber Bill zwischen den Zähnen durch, indem er
+seiner Hände Werk wohlgefällig betrachtete, und auf dem Knie vorn
+eindrückte und weich machte, »Boot soll verdammt sein; nein, meine
+eigenen Schultern will ich mir nicht schamfielen[7]. Wenn ich denn doch
+einmal die blutige Donnerbüchse wieder abbrennen soll, hab' ich mir
+hier das Kissen gemacht, zum Unterlegen. Aber was giebt's nun wieder? --
+heh? was hast du zu gucken, Braunfisch. -- Sind die schwarzen Canaillen
+wieder im Ansegeln?«
+
+»Was der weiße Punkt da, Tuwan Bill?« sagte aber Timor, der auf
+eine der Doften gesprungen war, und sich so viel als möglich auf
+die Fußspitzen hebend, nach Osten, wo die »Barrier Riffe« lagen,
+hinüberzeigte -- »da drüben, da weiter links -- gerade über die
+kleine Sandbank dort.«
+
+»Hm, das sieht wahrhaftig wie ein Segel aus,« sagte Bill nach einer
+Weile, in der er sich bemüht hatte den von dem schärferen Auge des
+Knaben bezeichneten Punkt zu finden -- »aber ausmachen kann ich's doch
+noch nicht recht. Es kann auch ein Wasservogel oder ein weißes Riff,
+oder Gott weiß was sonst, in diesem verwünschten Fahrwasser sein, wo
+ein ordentlicher Seemann eigentlich gar nichts drin zu verlieren haben
+sollte. Wo sonst eine Klippe oder Sandbank in der Karte angegeben ist,
+giebt man ihr gewöhnlich fünf bis sechs und mehr Meilen Seeraum und
+ist froh wenn man sie gar nicht, oder doch nur wenigstens von den Marsen
+aus zu sehen kriegt, und hier jagt man mit dem Schiff gerade mitten
+hinein, als ob man im Nothfall auch ein paar Räder oder Kufen drunter
+schrauben, und damit über alle möglichen Steine und Korallen und
+Sandbänke wegfahren könnte. Nun meinetwegen,« setzte er hinzu,
+während er wieder von der Bank herunterstieg und seinen vorigen
+Platz einnahm, »laß es auch ein Segel sein; desto früher kommen wir
+vielleicht von hier fort.
+
+Weit kann es heute Abend nicht mehr gehen, ehe es Anker werfen muß, und
+dann wirds morgen Nachmittag etwa gerade in Zeit hier eintreffen, unsere
+ganze Gesellschaft wieder bei einander zu finden.«
+
+Timor hätte sich nun freilich gern noch besser von der Identität des
+Segels überzeugt, aber mit dem sinkenden Abend legte sich ein
+leichter Dunst über die Oberfläche des Wassers, der die entfernteren
+Gegenstände bald umhüllte, und jede weitere Beobachtung unmöglich
+machte. Der Nebel zwang sie aber auch zu noch weit größerer Vorsicht
+und Aufmerksamkeit, denn unter seinem Schutz, wenn er nur etwas dichter
+wurde, hätten sich ihnen selbst Canoes nähern können, wie viel mehr
+denn einzelne Wilde mit ihren so einfachen, und doch so gefährlichen
+Waffen.
+
+Timor drang auch deshalb darauf, daß sie von der Insel ablegten, und
+weiter draußen Anker würfen. Bill sah auch endlich selber ein daß das
+nöthig sein würde, wollte sich aber später, als er nach Dunkelwerden
+die beiden Signalschüsse, und zwar diesmal ohne schlimme Folgen
+abgefeuert hatte, unter keiner Bedingung dazu verstehen den Ankerplatz
+noch einmal zu verändern, um etwa lauernde Schwarze irre zu führen.
+Der Nebel legte sich nämlich gleich nach Dunkelwerden in dicken
+Schwaden auf das Wasser, und Bill hielt es für unnöthig, sich Mühe
+und Arbeit zu machen, wo bei solchem Wetter selbst ein Indianer sein
+kleines, vor einem leichten Wurfanker liegendes Boot nicht hätte finden
+können.
+
+Um Mitternacht erhob sich übrigens eine leichte östliche Brise, und
+trieb die Schwaden nach Westen und Nordwesten hinüber. Die Sterne
+leuchteten hell und klar von dem dunkelblauen Firmament hernieder, und
+die See funkelte und blitzte in der leisen Bewegung ihren Glanz tausend
+und tausendfach wieder.
+
+Bill war ganz damit einverstanden die erste Wacht von sechs bis zwölf
+zu nehmen, und die zweite dem Malayen zu überlassen. Dieser streckte
+sich denn auch ziemlich sicher, daß sie um diese Zeit wenig von einem
+Angriff zu fürchten hätten, in seiner wollenen Decke im Bug des
+kleinen Fahrzeugs aus, und war bald sanft und süß eingeschlafen.
+Bill indeß, in dem doppelten Genuß einer guten Pfeife Tabak und eines
+vorzüglichen Glases Portwein, welchen beiden er ohne den mindesten
+Rückhalt zusprach, theilte seine Aufmerksamkeit gewissenhaft zwischen
+diesen und dem dann und wann über das Wasser tönenden Geräusch von
+Fischen oder Seevögeln.
+
+Er war jedoch weit davon entfernt der Flasche mehr zuzusprechen als er
+vertragen konnte, denn er wußte recht gut von welchen Gefahren sie,
+wenn auch nicht wirklich umgeben, doch jedenfalls erreicht werden
+konnten, und wie nöthig es in einer solchen Lage sei seine Sinne
+vollständig beisammen zu haben.
+
+Ein paarmal aber nur wurde er wirklich beunruhigt, indem ein
+wunderliches Gurren und Schnalzen, wahrscheinlich von auf dem Wasser
+schlafenden oder träumenden Seevögeln seine Lebensgeister zu voller
+Thätigkeit weckte und anspannte. Einmal stand er sogar im Begriff Timor
+zu wecken, denn die Laute kamen weit näher als ihm lieb war, und doch
+konnte er nicht das mindeste über dem Wasser erkennen. Mit einem derben
+und ziemlich lauten Fluche sich Luft machend, nahm er sein Gewehr auf
+die Knie, dem ersten sich zeigenden und verdächtigen Gegenstand erst
+vor allen Dingen einmal eins aufzubrennen. Von dem Moment an war aber
+wieder alles ruhig, und selbst die Töne ließen sich nur erst später
+in einiger Entfernung zum zweitenmal hören.
+
+So kam Mitternacht heran. Der Nebel zog sich fort und Timor, dem Bill
+von den wunderlichen Lauten um das Boot her, erzählt hatte, legte
+sich vergebens flach in das Boot, und nur mit dem Kopf über den Rand
+desselben auf die Lauer, irgend weiter etwas Verdächtiges zu erspähen.
+Bis gegen Morgen blieb alles ruhig, und nur ein einzigesmal glaubte er
+in der Richtung nach der kleinen Insel zu, neben der sie den Tag über
+gelegen, etwas zu hören, das nicht, weder von einem Bewohner der Tiefe
+noch der Luft herzurühren schien. Es kam dem von Bill erwähnten Laut
+nah, klang aber anders als er beschrieben worden, und schien von zwei
+verschiedenen Seiten beantwortet zu werden.
+
+Timor lauschte den Tönen auf das aufmerksamste, bis er den vollen Klang
+derselben begriffen hatte, und ahmte jetzt denselben erst leise, dann
+laut und zuversichtlich nach. In demselben Moment schon hatte er auch
+die Genugthuung sich beantwortet zu hören, und zehn Minuten später
+etwa glaubte er in dem bewegten und sternblitzenden Wasser etwas
+heranschwimmen zu sehen. Was es aber auch gewesen, es verschwand
+in Sicht von dem Boot, und ein gleich darauf ganz in der Nähe des
+vermutheten Gegenstands aufsteigender großer dunkler Seevogel, der mit
+flappenden Schwingen über die Oberfläche der See eine Strecke lang
+schwerfällig hinflog, bis seine Flügel die Luft ordentlich faßten
+und ihn nach oben trugen, beruhigte ihn über die Ursache der gehörten,
+scheinbar verdächtigen Laute.
+
+Nichtsdestoweniger wußte er, selbst ein Kind des Waldes, viel zu gut,
+wie nöthig in der Nähe feindlicher Stämme stete und unausgesetzte
+Wachsamkeit sei, und verwandte, während der Stunden seiner Wacht kein
+Auge von dem nur leise durch die leichte Brise bewegten Wasserspiegel.
+
+Im Osten dämmerte endlich der Tag. Dem kleinen Burschen hatte aber
+lange keine Nacht so wirklich endlos geschienen, und um gerade in dieser
+gefährlichsten Stunde keine Vorsicht zu versäumen, weckte er jetzt
+auch noch seinen Cameraden. Der Seemann war rasch munter gebracht; aber
+mehr Mühe kostete es, Bill zu bewegen die beiden Signalschüsse zu
+geben. Er entschloß sich auch erst dazu, als dieselben wirklich vom
+Lande her abgefeuert waren, und er die Antwort nicht schuldig bleiben
+durfte. Dies Signal sollte ihnen den doppelten Vortheil gewähren, den
+Freunden die genaue Richtung in der das Boot lag anzuzeigen, als auch
+ihren Feinden zu verstehen zu geben, wie sie gerüstet wären und gute
+Wache hielten.
+
+Den ersten Schuß that Bill auch, bekam aber, da er im Dunklen am
+vorigen Abend geladen, und wahrscheinlich zu viel Pulver genommen hatte,
+trotz des »Schamfiel-Kissens« wieder einen so fürchterlichen Stoß,
+daß er durch keine Ueberredung von Seiten Timors bewogen werden konnte,
+seinen rechten Schulterknochen noch einmal in Gefahr zu bringen. Ja er
+wollte im Anfang nicht einmal wieder laden, und verstand sich erst nach
+langer Weigerung dazu, dem so gefährlichen Rohr noch eine »Hand voll
+Pulver« anzuvertrauen.
+
+Mit der aufgehenden Sonne, die den Meeresspiegel um sie her rings
+beleuchtete und nicht das geringste Verdächtige erkennen ließ, schien
+aber auch die Gefahr eines Angriffs, für jetzt wenigstens, vollkommen
+verschwunden, und Bill beschloß seinen Anker zu lichten und nach
+der kleinen Insel, von der sie nur eine kurze Strecke entfernt waren,
+zurückzukehren. Dort gedachte er zum Frühstück einige Fische zu
+braten, die Timor in der Nacht auf seiner Wacht gefangen hatte.
+
+Der Anker war rasch gehoben, und da sie am vorigen Abend absichtlich
+nach windwärts aufgegangen waren, brauchten sie fast nur mit der
+Strömung wieder niederzutreiben, um die Insel gerade anzulaufen. Um
+vier Uhr Morgens etwa war es vollkommen windstill geworden -- kein Hauch
+hatte gegen Morgen die spiegelglatte Fläche dieses »Binnensees im
+Ocean« bewegt, und erst jetzt hob sich wieder eine leichte Brise,
+und schien zu wachsen, je höher die Sonne über die Meeresfläche
+emporstieg.
+
+»Was nur aus dem Segel von gestern geworden sein mag,« sagte Timor
+jetzt, der sich vergebens Mühe gegeben hatte den weißen Punkt von
+gestern Abend zwischen den verschiedenen, dort umhergestreuten Inseln
+wieder herauszufinden. -- »Sie müssen doch jetzt bei der Brise schon
+wieder Segel gesetzt haben.«
+
+»Segel können sie immer gesetzt haben,« meinte Bill, »ob wir sie
+aber jetzt gerade sehen können, ist die Frage, denn sie scheinen heute
+Morgen nicht so hell als gestern Abend. Gestern leuchtete nämlich die
+Sonne im Westen gerade gegen die helle Leinwand, während sie heute
+=dahinter= aufgeht, und wir dadurch nur die Schattenseite zu sehen
+bekommen. -- Aber geh nach vorn, Timor,« setzte er dann hinzu, »nimm
+das Segel wieder nieder und steh bei dem Tau, daß du gleich an Land
+springen kannst. Wir wollen keine Zeit verlieren, damit wir unser
+Frühstück wenigstens verzehrt haben, ehe uns Hans und Jean vom Ufer
+aus das Zeichen geben.«
+
+»Tuwan Bill,« sagte aber Timor jetzt, der jedoch den ersten Befehl,
+das Segel niederzulassen, rasch befolgt hatte -- »ich weiß nicht ob
+gut ist, so rasch auf Insel zu treiben -- viel dichtes Buschwerk auf
+kleinen Inseln. Lieber erst einmal hineinschießen mit Gewehr -- ist
+besser.«
+
+»Was du immer so verdammt rasch mit deinem Gewehrschießen bei der
+Hand, bist, du verwetterter kleiner brauner Hallunke,« fluchte aber
+Bill, »wenn du =deine= Schulter dagegen halten solltest, würdest du
+das Mittel sparsamer verschreiben, denk' ich. -- Wer ist nun wieder
+todt, daß ich schon wieder Pulver verplatzen soll?«
+
+»Todt?« frug der kleine Bursche verwundert, der die Redweise des
+Matrosen noch nicht so recht verstand. -- »Niemand todt, glaub' ich,
+aber vielleicht Lebendige da drin, und ist besser ein Bißchen Feuer
+hineinmachen.«
+
+»Darin hast du recht,« lachte aber jetzt Bill -- »Feuer wollen wir
+auch hineinmachen, und das so rasch als möglich, aber nicht um mir die
+Glieder auseinanderzuschlagen, sondern unsere Fische zu braten. -- Und
+so mach daß wir hinankommen; was hast du in einen fort zu gucken und
+dir den Hals halb auszurenken? -- Wenn die schwarzen Schufte da
+drin stäken, würden sie sich auch ein Feuer anmachen und ihre paar
+Lebensmittel kochen oder braten, gerade wie andere Christenmenschen. --
+Leben wollen wir alle, und sein Frühstück versäumt niemand gern --
+ich am allerwenigsten.«
+
+Timor lachte bei dem Gedanken leise vor sich hin, daß im Hinterhalt
+liegende Eingeborne ein Feuer anmachen sollten, ihr Frühstück zu
+braten. Aber der kleine Bursche hatte auch dabei eine unbestimmte
+Ahnung, welchen Gefahren sie ausgesetzt sein konnten. Während sie also
+jetzt von der Strömung gerade auf die kleine Insel zugetrieben wurden,
+die mit der wachsenden Fluth noch kaum etwa 20 bis 25 Fuß aus dem
+Wasser lag, stand er vorn auf der niederen Back oder dem Vorboot, und
+betrachtete aufmerksam und mißtrauisch das dichte Gebüsch, das von der
+Fluth hier auf der obersten Kuppe zusammengedrängt schien, und aus
+dem nur drei oder vier kleine Stämme mit knorrigen Aesten dürftig
+hervorragten.
+
+Fast dicht an die nächste Korallenbank, die sich rings um den schmalen
+Erdhügel hinzog, hinangekomnen, stieg Bill ebenfalls auf eine der
+Doften oder Bänke. Von hier aus einen Blick über den Horizont werfend,
+was die Matrosen aus alter Gewohnheit selten oder nie unterlassen wenn
+sie nach oben gehen, oder auch nur einen etwas höheren Punkt besteigen,
+haftete sein Auge plötzlich auf einer gar nicht weit entfernten
+anderen, etwas längeren und höher bewachsenen Insel, die nach Osten
+zu lag und, wie es von hier aus schien, theilweis von einer breiten
+Sandbank umschlossen war.
+
+»Hallo, Timor,« rief er dabei -- »ich glaube wahrhaftig gleich hinter
+den Büschen dort liegt das Fahrzeug, das wir gestern Abend gesehen
+haben -- mir war's wenigstens als ob der weiße Fleck da, der auch
+jetzt noch wie ein Segel aussieht, eben aufgezogen wurde als ich darnach
+hinsah. -- Die müssen die halbe Nacht gefahren sein.«
+
+Timor folgte der angewiesenen Richtung mit den Augen, und glaubte auch
+einen weißen Schein hinter den Büschen zu erkennen, stand aber zu
+niedrig oder war zu klein es genau unterscheiden zu können, und hatte
+auch in der That seine Aufmerksamkeit viel zu sehr der Insel vor ihnen
+zugewandt, um sich mehr, als ein flüchtiger Blick erforderte, mit dem
+Segel zu beschäftigen. Das lag jedenfalls noch eine Strecke hinter
+ihnen, und mußte seiner Zeit schon von selber sichtbar werden.
+
+Bill dagegen interessirte sich weit mehr für das fremde Fahrzeug, wenn
+es wirklich ein solches und nicht vielleicht ein Streifen Sand war, der
+so hell da herüber blinkte. Wies es sich jedoch wirklich als ein Segel
+aus, so mußten sie vor allen Dingen darauf zufahren, und es zu bewegen
+suchen daß es beilege, bis seine drei Schiffscameraden abgeholt
+werden konnten. Der Gedanke an ihre hier mögliche und baldige Rettung
+beschäftigte ihn dabei so, daß er darüber wirklich sogar sein
+Frühstück vergaß. Nur in aller Geschwindigkeit schob er sich rasch
+ein frisches Priemchen Kautaback in den Mund, und seinen Hut dann in die
+Stirn drückend nahm er den einen Riemen auf; legte ihn hinten ein und
+begann das Boot nach der Insel zuzuwricken.[8]
+
+»Von da oben aus muß man sehen können ob es ein Segel ist oder nicht,
+Timmy,« sprach er dabei vergnügt zu dem jungen Malayen, dem aber das
+zuversichtliche Benehmen des älteren Gefährten gar nicht so besonders
+zu gefallen schien -- »der Erdhaufen da liegt wenigstens drei oder vier
+Faden höher wie das Wasser, und ist es wirklich ein Schiff, oder ein
+Schooner wenigstens, denn nur ein klein Ding von einem Fahrzeug dürfte
+wagen hier in den Klippen und Untiefen die Nacht zu fahren, so segeln
+wir hinüber und belegen uns Plätze nach irgend einem christlichen
+Seehafen. _Stand by old Fellow_. Komm Timmy, spring hinaus und mach das
+Boot fest.«
+
+»Timmy,« wie ihn Bill zutraulich nannte, sprang aber nicht hinaus,
+sondern schaute nur ängstlich und kopfschüttelnd nach den dichten
+Büschen hinauf, die jetzt fast über ihn herüber hingen. -- Hatten
+sich hier in der That Schwarze in den Hinterhalt gelegt -- und eine Art
+Instinct warnte ihn vor den Feinden -- so befanden sie sich in einer
+fast mehr als nur gefährlichen, in einer wirklich verzweifelten Lage.
+Ein großes Messer aufgreifend, das er schon lange neben sich gelegt
+hatte, schien er auch wirklich in dem Moment, als der eisenbeschlagene
+Bug des Bootes den Korallensand berührte, einen förmlichen Angriff zu
+erwarten.
+
+Nicht das Mindeste rührte sich aber zwischen den Büschen, und Bill,
+der keine Ahnung von irgend etwas Bedrohlichem hatte, zog den Riemen
+ein, ließ ihn mitten im Boote »vor und aft« liegen, und trat über
+die Doften weg, an Land zu springen.
+
+»Nehmt die Flinte mit, Tuwan Bill,« bat aber Timor und faßte ihn am
+Arm -- »viel besser Flinte; weiß nicht was an anderer Seite ist.«
+
+»Viel besser, Hell,« rief Bill aber ärgerlich, der nun einmal eine
+gründliche Aversion gegen das Gewehr gefaßt hatte. »Wenn du mir
+noch einmal mit dem verdammten Dings da kommst, werf ich es über Bord,
+nachher ist Ruhe. -- Weshalb soll ich denn das alte Eisen überall mit
+hinschleppen? -- ich komme ja gleich wieder herunter.«
+
+Er wollte wirklich ohne die Waffe an Land gehen; Timor ließ aber nicht
+mit Bitten nach, und Bill griff endlich nach der ihm gereichten Muskete
+-- mochte ihm doch selber vielleicht bei den Befürchtungen des Knaben
+etwas weniger sicher zu Muthe werden.
+
+»Na meinetwegen,« rief er unwillig »und nur damit du endlich Frieden
+hältst, will ich das nichtsnutzige Ding noch einmal zum Vergnügen da
+hinauf und nachher wieder herunter schleppen. Nachher läßt du mich
+aber damit ungeschoren; so viel sag ich dir.«
+
+Damit sprang er an Land, und sich durch das nächste Gesträuch
+drängend, kletterte er so rasch er konnte an dem bröcklichen
+Korallgestein empor. Lag ihm doch vor allen Dingen daran, von oben aus
+einen freien Ueberblick nach jener Gegend hin zu bekommen, wo er das
+Segel vermuthete.
+
+Allerdings warf er zuerst einen flüchtigen Blick über die kleine Insel
+selber. Da er hier jedoch nicht das mindeste Verdächtige entdecken
+konnte, wandte er sich auch gleich darauf sorglos der Richtung zu, in
+der das Segel liegen mußte. Nur wenige Secunden hatte er auch, seine
+Augen mit der Hand schützend, dorthin gesehen, als er die Mütze
+schwenkte und jubelnd nach Timor hinunter rief:
+
+»Hurrah mein Junge, _sail ho!_ bei Allem was da schwimmt. Gerade hinter
+-- Alle Wetter,« unterbrach er sich aber selber und fuhr blitzesschnell
+herum, denn dicht vor ihm, wie aus dem Boden heraus, tauchten plötzlich
+ein paar schwarze Gestalten auf, und schleuderten ihre Lanzen auf ihn.
+
+Allerdings fuhr er, fast instinktartig mit dem Gewehr nach ihnen nieder,
+aber lange vorher ehe er zielen konnte, war er schon wieder mit dem
+Finger an den Drücker gekommen, und die Kugel zischte harmlos über die
+Köpfe der Feinde hin.
+
+Diesmal hatte ihn aber sein gutes Glück vor einem sonst gewissen
+Tode bewahrt. Die Lanzen waren allerdings in der kurzen Entfernung mit
+tödtlicher Fertigkeit nach seiner Brust geworfen, trafen aber, die eine
+den Kolben der Muskete, an dem sie abglitt, und ihm nur eben den Arm
+ritzte, die andere das Stück Kautabak das er in der Brusttasche trug,
+und das sie nicht durchbohren konnte. Die schlimmste Wunde in dem ganzen
+Kampf erhielt er wieder von dem eigenen Gewehr, das ihn mit dem scharfen
+Bügel Haut und Fleisch vom Zeigefinger der rechten Hand abschlug.
+
+In dem Moment fühlte er aber weder den Schmerz des verwundeten Fingers,
+noch den Wurf der Lanzen, denn die Feinde, die den Weißen nach
+den beiden Lanzenwürfen auf kaum sechs Schritte Entfernung sicher
+unschädlich gemacht glaubten, kümmerten sich weiter gar nicht um ihn,
+sondern sprangen in wilden Sätzen die steile Uferbank nieder, dem Boote
+zu, dieses vor allen Dingen in Sicherheit zu bringen.
+
+Timor fanden sie nun freilich nicht unvorbereitet. Schon bei dem ersten
+Ausruf Bills hatte er die vorn im Boot liegende Stange ergriffen, das
+Fahrzeug rasch vom Lande abzuschieben, um es flott zu haben, sobald sein
+Gefährte zu ihm niederflüchten würde. Daran schien Bill aber noch gar
+nicht gedacht zu haben, so hatte ihn der Angriff eines gar nicht mehr
+vermutheten Feindes überrascht, und fast seiner ganzen Besinnung
+beraubt.
+
+Der kleine Malaye sah da plötzlich vier dunkle Gestalten zu sich
+niederspringen, von denen eine schon zum Wurf nach ihm ausholte. Recht
+gut begriff er dabei, wie jeder Widerstand von seiner Seite vollkommen
+nutzlos und nur für ihn allein verderblich sein müßte. Rasch deshalb
+den Bootshaken fallen lassend, warf er sich rückwärts in demselben
+Augenblick über Bord, als der kurze spitze Wurfspeer über ihn
+wegsauste, mit dem zugleich er unter der Oberfläche verschwand.
+
+Der Anblick brachte den Matrosen wieder zu sich selber. Er sah, wie
+der Knabe, den er ermordet glaubte, über Bord stürzte, sah die vier
+Schwarzen, denen sich noch ein fünfter anschloß, dem Boot zuspringen,
+und mit dem Schrei »=Murder=!« das bei dem Schuß weggeworfene Gewehr
+wieder aufgreifend, packte er es am Lauf und flog den Feinden nach.
+
+Aber er kam zu spät. -- Die Wilden hatten beim Hineinspringen in das
+kleine schwanke Fahrzeug, dieses schon durch ihr eigenes Gewicht eine
+Strecke vorwärts getrieben, und als er das Ufer erreichte, waren sie
+schon wenigstens funfzehn Schritt von diesem entfernt. Die in voller
+Wuth nach ihnen geschleuderte Muskete fiel dicht vor ihnen in die Fluth,
+das aufspritzende Wasser bis selbst ins Boot werfend, und in blinder
+aber machtloser Wuth griff der jetzt wüthende Matrose lose Stücke
+Korallen auf, sie den Flüchtigen nachzuschleudern.
+
+Er selbst blieb dabei dem Wurf ihrer Speere, falls es ja einem von
+ihnen eingefallen wäre, diese nach ihm zu schleudern, vollkommen blos
+gegeben. Die Schwarzen hatten aber in diesem Augenblick zu viel mit
+ihrem eroberten Boote zu thun, das außer den Bereich seines
+vorigen Eigenthümers zu bringen, um sich noch weiter mit diesem zu
+beschäftigen. Ohne sich selbst nur nach ihm umzusehen, griffen sie die
+Riemen auf, die sie recht gut zu benutzen verstanden, und während drei
+mit diesen arbeiteten, setzten die beiden anderen das Segel, das sie
+bald in einem Nordcours der Insel entführte.
+
+
+
+
+Einundzwanzigstes Capitel.
+
+Schluß.
+
+
+Noch war das genommene Boot übrigens kaum dreimal seine eigene Länge
+vom Ufer abgeschossen, als die funkelnden Augen des Malayen schon wieder
+über der Oberfläche des Wassers emportauchten. -- Wenige Secunden
+blieb der Kopf sichtbar, dann verschwand er wieder und gleich darauf
+stieg, jetzt aber von einem schmalen Vorsprung der Insel gedeckt, der
+kleine Bursche rasch aufs Trockene und glitt, ohne auch nur einen Blick
+um sich herzuwerfen, ins Dickicht. Wenigstens vor den Wurflanzen des
+Feindes wollte er gesichert sein, sollte sich dieser ja noch nahe genug
+befinden, ihn damit zu erreichen. Nur erst als er Bill unten am Ufer
+jubeln und hurrah schreien hörte, wagte er seinen Versteck zu verlassen
+zu sehen was es plötzlich draußen so ungemein Erfreuliches gäbe.
+
+An das fremde Fahrzeug hatte er im ersten Schreck des Ueberfalls gar
+nicht mehr gedacht. Das aber erschien gerade jetzt, im entscheidenden
+Moment, und unter vollen Segeln hinter der Insel vor, hinter der es
+jedenfalls während der kurzen Morgen-Windstille vor Anker gelegen.
+
+Es war ein kleiner Schooner, von vielleicht 90 bis 95 Tonnen mit langen,
+weit nach vorn gesetzten keck aussehenden Masten, aber lichtbraun
+angestrichen mit kleinen gemalten Kanonenluken, wie ein
+Kauffahrteischiff, und alten, ziemlich abgenutzten Segeln.
+
+Im Anfang und selbst nach dem Schuß, den er jedenfalls gehört haben
+mußte, behielt er noch seinen Westcours bei. Bills Auge aber, das sich
+in allem auf die See Beziehenden nur selten täuschte, obgleich niemand
+leichter als er auf festem Lande irre zu führen war, erkannte schon
+einen nach oben gesandten Mann in den Wanten. Als dann auch noch gleich
+darauf der scharf geschnittene Bug des kleinen Fahrzeugs etwas mehr
+gegen sie und das flüchtige Boot anluvte, da stieß Bill seinen
+Triumphschrei aus, denn er wußte jetzt nicht allein daß sie gesehen
+waren, sondern daß auch der Schooner wahrscheinlich das Boot mit den
+Eingebornen anhalten würde.
+
+Eine gute Weile blieb aber der Erfolg dieser Jagd ziemlich zweifelhaft,
+denn die Schwarzen, die selbst mit ihren einfachen, nicht selten mit
+doppelten Lee- und Luv-Bäumen versehenen Canoes vortrefflich umzugehen
+wissen, hatten sich gar bald in die Führung des Segels hineingefunden,
+dessen größere Nützlichkeit sie leicht vor ihren gewöhnlichen
+Matten-Segeln erkennen lernten. Außerdem lag, wenn auch das fremde
+Fahrzeug rasch näher kam, nördlich vor ihnen, und gar nicht weit
+entfernt, eine breite Kette von Sandbänken und Korallenfelsen, und
+konnten sie diese glücklich erreichen, war es dem Schooner jedenfalls
+unmöglich ihnen zu folgen.
+
+Dieser aber, der jetzt ihre Absicht erkannte und die für ihn
+gefährliche Strecke schon übersehen konnte, versuchte sein Letztes,
+dicht an dem südlichen Rande dieses Klippen-Archipels niederzulaufen.
+Zu dem Zweck wieder etwas mehr von der frischen Südostbrise abfallend,
+hielt er scharf gegen die Einfahrt auf, welcher das Boot zuzustreben
+schien, und ein tüchtiger Renner, glaubte er den Wilden schon jede
+Möglichkeit, zu entkommen, abgeschnitten zu haben. Da entdeckten die
+vorn auf der Vor-Marsraae stationirten Wachen des kleinen Fahrzeugs
+einen schmalen, aber gefährlich lichten Streifen hellgrünen Wassers,
+der sich quer vor ihnen nach Süden niederzog, und den sie vielleicht
+hoch genug gingen, um ihn zu passiren, auf dem sie aber auch ihr
+wackeres Seeboot, wenn sie irgend eine heimtückisch verborgene Klippe
+berühren sollten, leicht total verlieren konnten. Mit dem rasch
+gegebenen und im Moment befolgten Befehl flog das behende Fahrzeug dem
+Wind in die Zähne herum, und während alle Segel back lagen, und das
+eroberte Boot der Einfahrt zuschoß, stießen die Schwarzen ein wildes
+gellendes Freuden- und Siegesgeschrei aus.
+
+Ihr Triumph sollte nicht lange dauern.
+
+Vom Deck des Schooners hob sich ein leichter Rauch; und während
+der dumpfe Schall eines Schusses über die weite Meeresfläche
+dahindröhnte, schlug der Mast des geraubten Bootes nach Lee über. Mit
+ihm stürzte zugleich Einer der Wilden mit gähem Aufschrei über Bord.
+
+Die Schwarzen erwarteten aber keinen zweiten Schuß -- Hals über Kopf
+warfen sie sich, wie nur der erste starre Schreck vorüber war, in
+die Fluth, und das Boot, durch dessen Backbordbug die Kugel
+hindurchgeschlagen war, füllte sich langsam und sank. -- Zwei Minuten
+später sah man hie und da einen schwarzen Kopf auftauchen und den
+nächsten Klippen zuschwimmen, dann verschwanden auch diese zwischen
+den einzelnen Riffen, und einzelne, auf der Fluth treibende Kisten und
+Fäßchen zeigten nur die Stelle an, wo das Boot vor kurzen Minuten
+zerschmettert gesunken war.
+
+Die Raaen des Schooners waren indessen, und selbst noch während der
+Katastrophe, herumgebraßt, und an der gefährlichen Klippenzunge
+niederlaufend kam er in Lee von der Insel, auf der Bill jetzt alle
+nur möglichen Anstalten getroffen hatte, nicht unbeachtet sitzen zu
+bleiben. Sein Hemd wehte an einem Busch, und Timor hatte müssen
+rasch ein Feuer anmachen, denn Bill führte noch glücklicherweise das
+Feuerzeug bei sich, zu dessen friedlicher Benützung er besonders an
+Land gestiegen war. Der Rauch stieg in dicken Schwaden in die blauklare
+Luft empor, während Bill selber noch außerdem auf der weißen,
+jetzt allerdings von der Fluth sehr eingeschränkten Uferbank auf und
+absprang, und schrie, und seine Jacke um den Kopf schwenkte.
+
+Er würde sich ruhig hingesetzt und das Nahen des Schooners erwartet
+haben, hätte er die Späße hören können, die an Bord desselben auf
+seine Unkosten gemacht wurden.
+
+Die Gefahren der Schiffbrüchigen sollten aber hiermit ihr Ende erreicht
+haben. Etwa eine halbe Stunde später sank die kleine Jölle vom Bord
+des Schooners nieder und schoß, von zwei Matrosen gerudert und von
+dem »Mate« gesteuert, gegen die Insel zu, Bill und Timor an Bord zu
+nehmen. Die auf dem Festland zurückgelassene Mannschaft hatte indessen
+auch wieder mehrere Schüsse abgefeuert, das Boot ging gleich von der
+Insel zu ihnen hinüber, und zwei Stunden später hatte der »Shooting
+Star« (die Sternschnuppe), wie der kleine Schooner hieß, die bootlos
+gewordene Mannschaft des »Boreas« sicher an Bord, braßte seine Raaen
+auf, und glitt vor einer herrlichen Brise gen Osten, dem Indischen Meere
+zu.
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+ Leipzig,
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+ Druck von Giesecke & Devrient.
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+Fußnoten
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+[1]: =Watertanks= sind kleine Fahrzeuge, deren innerer Schiffsraum
+eingerichtet ist, mit Wasser statt anderer Ladung gefüllt zu werden.
+Sie gehen dann langseit der Schiffe, die frisches Wasser verlangen,
+und pumpen dasselbe mit Hülfe eines langen Schlauchs in die an Bord
+befindlichen Fässer.
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+[2]: Von Australien nach Indien giebt es zwei Wege. Der nördliche
+ist eigentlich der nächste, hier aber liegt die, durch ihre gewaltige
+Klippenreihe den Schiffen nicht selten gefährliche Torresstrait, die
+zwischen Australien und Neu-Guinea durchschneidet. Die Schiffe müssen
+in dieser Nachts vor Anker gehn, bis sie den Indischen Ocean erreichen.
+Die Passage um die Südküste Australiens ist gefahrloser, wenn auch
+weiter.
+
+[3]: Chips, Spähne, wird der Zimmermann gewöhnlich auf den Englischen
+Schiffen genannt.
+
+[4]: Auf deutschen Schiffen heißt dasselbe in verdorbenem Englisch
+»Scheilicht.«
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+[5]: =Nobbler= heißt in Australien ein halbes Glas -- ein Schnitt.
+
+[6]: =Schlingern= heißt die nach rechts und links hinüber schaukelnde
+Bewegung des Fahrzeugs. =Stampfen= dagegen das vorn auf und nieder gehen
+desselben.
+
+[7]: Durch Reiben beschädigen oder abnützen.
+
+[8]: Wricken heißt, mit einem einzelnen, hinten ausgelegten und
+herüber und hinüber gedrehten Ruder ein Boot vorwärts treiben.
+
+
+
+
+[Hinweise zur Transkription
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+Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. Antiquaschrift wird
+hier als kursive Schrift dargestellt. Offensichtliche Fehler wurden
+korrigiert, bei Zweifeln und bei uneinheitlichen Schreibweisen der
+Originaltext beibehalten. Eine Liste der vorgenommenen Änderungen
+befindet sich hier am Ende dieses Textes. Die Änderungen bei falsch
+gesetzten oder fehlenden Anführungszeichen sind dort nicht gesondert
+aufgeführt.
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+Änderungen
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+ Seitenangabe
+ originaler Text
+ geänderter Text
+
+ Inhaltsverzeichniß
+ 5. Die Entdeckung 53
+ 5. Die Entdeckung 50
+
+ Seite 12
+ damit der Sabbath durch nichts Alttägliches entweiht werde
+ damit der Sabbath durch nichts Alltägliches entweiht werde
+
+ Seite 13
+ mit ihren aufgegehäuften Massen von Hühnern und Enteneiern
+ mit ihren aufgehäuften Massen von Hühner- und Enteneiern
+
+ Seite 17
+ »Aber was machen die Deutschen und Franzosen bei dem Irländer«.
+ »Aber was machen die Deutschen und Franzosen bei dem Irländer?«
+
+ Seite 32
+ behauptete der Steward auf eine der Gegeneinwürfe Bills
+ behauptete der Steward auf einen der Gegeneinwürfe Bills
+
+ Seite 34
+ Viertes Kapitel.
+ Viertes Capitel.
+
+ Seite 42
+ wir den Burschen wenigsten aus dem Logis
+ wir den Burschen wenigstens aus dem Logis
+
+ Seite 62
+ in das er insdiscret genug
+ in das er indiscret genug
+
+ Seite 88
+ Da sie keinen Lärmen mehr machten
+ Da sie keinen Lärm mehr machten
+
+ Seite 89
+ Siebentes Kapitel.
+ Siebentes Capitel.
+
+ Seite 91
+ vor allen Dingen feine Kost und sein Logis
+ vor allen Dingen seine Kost und sein Logis
+
+ Seite 98
+ Als Charles Mr. Mac Charter zu sich auf die Flur
+ Als Charles Mr. Mac Carther zu sich auf die Flur
+
+ Seite 102
+ sich sich gerade am sichersten fühlten
+ sie sich gerade am sichersten fühlten
+
+ Seite 102
+ Einer von dieser sprang augenblicklich an Land
+ Einer von diesen sprang augenblicklich an Land
+
+ Seite 103
+ Eine Vierstelstunde später schossen um das Castell
+ Eine Viertelstunde später schossen um das Castell
+
+ Seite 104
+ es wirklich schon sobald in See gehen sollte
+ es wirklich schon so bald in See gehen sollte
+
+ Seite 105
+ glaubte nicht, daß wir sobald in See gingen
+ glaubte nicht, daß wir so bald in See gingen
+
+ Seite 109
+ wo die Motrosen gewöhnlich ihren Aufenthalt haben
+ wo die Matrosen gewöhnlich ihren Aufenthalt haben
+
+ Seite 110
+ den Zimmerman über seinen Thee entrüstet zu finden
+ den Zimmermann über seinen Thee entrüstet zu finden
+
+ Seite 113
+ gingen sie über Backbord Bug mit halben Wind
+ gingen sie über Backbord Bug mit halbem Wind
+
+ Seite 113
+ Vorstengenstagsegeln wie eiu Pfeil durch
+ Vorstengenstagsegeln wie ein Pfeil durch
+
+ Seite 114
+ dadurch unvermeidliche stete Hin- nnd Hergeworfenwerden
+ dadurch unvermeidliche stete Hin- und Hergeworfenwerden
+
+ Seite 122
+ Er hat Frau und Kind zu Hans
+ Er hat Frau und Kind zu Haus
+
+ Seite 133
+ nach ihn um und sah ihm starr ins Gesicht
+ nach ihm um und sah ihm starr ins Gesicht
+
+ Seite 134
+ Zehntes Kapitel.
+ Zehntes Capitel.
+
+ Seite 144
+ Leute -- wir Ihr wohl wissen werdet
+ Leute -- wie Ihr wohl wissen werdet
+
+ Seite 150
+ auch des Vormarssegel fest bekommen konnten
+ auch das Vormarssegel fest bekommen konnten
+
+ Seite 154
+ und füllte sich auf's neue sein Gles
+ und füllte sich auf's neue sein Glas
+
+ Seite 161
+ Zwölftes Kapitel.
+ Zwölftes Capitel.
+
+ Seite 178
+ Ringsum waren sie total von Karollenbänken eingeschlossen
+ Ringsum waren sie total von Korallenbänken eingeschlossen
+
+ Seite 178
+ Dreizehntes Kapitel.
+ Dreizehntes Capitel.
+
+ Seite 183
+ daß ich ihn überhaupt mit ins Bot haben will
+ daß ich ihn überhaupt mit ins Boot haben will
+
+ Seite 184
+ Das geht wahrwaftig nicht an
+ Das geht wahrhaftig nicht an
+
+ Seite 211
+ Ja, lacht nur Jungen; mir ist's rechts, aber
+ Ja, lacht nur Jungen; mir ist's recht, aber
+
+ Seite 216
+ was beinah wie breit Irihs klingt
+ was beinah wie breit Irish klingt
+
+ Seite 225
+ schnit sich dann in der Hand eine Pfeife
+ schnitt sich dann in der Hand eine Pfeife
+
+ Seite 225
+ Sechszehntes Kapitel.
+ Sechszehntes Capitel.
+
+ Seite 227
+ aufzustehen und Kaffe zu kochen
+ aufzustehen und Kaffee zu kochen
+
+ Seite 234
+ rief der Wilde jetzt deulich zu ihnen herüber
+ rief der Wilde jetzt deutlich zu ihnen herüber
+
+ Seite 240
+ Wir essen das naßgewordeue zuerst weg
+ Wir essen das naßgewordene zuerst weg
+
+ Seite 241
+ Siebenzehntes Kapitel.
+ Siebenzehntes Capitel.
+
+ Seite 251
+ Angriff gar tüchtig in Respeckt gesetzt
+ Angriff gar tüchtig in Respect gesetzt
+
+ Seite 302
+ Einundzwanzigstes Kapitel.
+ Einundzwanzigstes Capitel.]
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+End of Project Gutenberg's Aus dem Matrosenleben, by Friedrich Gerstäcker
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+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 43913 ***