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diff --git a/43913-0.txt b/43913-0.txt new file mode 100644 index 0000000..0278c90 --- /dev/null +++ b/43913-0.txt @@ -0,0 +1,7079 @@ +*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 43913 *** + +[ Symbole für Schriftarten: _Antiqua_ : =gesperrt= ] + + + + + Aus dem Matrosenleben + + von + Friedrich Gerstäcker. + + + Der Verfasser behält sich die Uebersetzung dieses Werkes vor. + + + Leipzig, + Arnoldische Buchhandlung. + 1857. + + + + + Inhaltsverzeichniß. + + + Seite + Cap. 1. An Bord 1 + " 2. Der Markt zu Sydney 11 + " 3. Die Matrosenkneipe 20 + " 4. Die Flucht von Bord 34 + " 5. Die Entdeckung 53 + " 6. Sydney im Dunkeln 59 + " 7. Was das Geld vermag 89 + " 8. Die Ausfahrt 106 + " 9. Hans 116 + " 10. Die unterbrochene Execution 134 + " 11. Der Sturm 153 + " 12. Die Riffbank 161 + " 13. Das Wrack 178 + " 14. Die Mannschaft trennt sich 188 + " 15. Die Bootfahrt 202 + " 16. Der Morgenbesuch 225 + " 17. Die Landung 241 + " 18. Der Australische Busch 247 + " 19. Das Bivouak 270 + " 20. Bills Wacht 280 + " 21. Schluß 302 + + + + +Erstes Capitel. + +An Bord. + + +Captän an Bord? frug am Morgen des 2. August ein sonngebräunter, +breitschultriger -- Herr, muß ich sagen, denn er stack wenigstens in +feinen Tuchkleidern, mit einem hohen schwarzen Seidenhut und feiner +Wäsche. Seine breiten braunen Fäuste, die allen Glacéhandschuhen +ingrimmig Trotz boten und ihrem Eigenthümer in jeder anderen Kleidung +gewiß Ehre gemacht hätten, ließen aber weit sicherer auf einen +Arbeitsmann als auf ein Mitglied der »höhern Classen« schließen, +und doch schien er zu denen zu gehören, oder rechnete sich wenigstens +selbst dazu. + +Der Fremde stand in einem der gewöhnlichen Bayboote von Sydney, und +hatte die Fallreeps der herunterhängenden Schiffsleiter gefaßt, +während er zu dem oben über Bord sehenden Steuermann des »Pelican«, +der schon draußen in der Bay von Sydney lag und am nächsten Morgen +unter Segel gehen wollte, hinaufrief. + +»Ay, ay, Sir«, lautete die seemännische Antwort; der Fremde +sprang auf die Leiter und lief, nach einem paar mit den Bootsleuten +gewechselten Worten, die ihr kleines Fahrzeug gleich darauf festmachten +und seine Rückkehr zu erwarten schienen, an Deck. + +Das Deck des »Pelican« bot nichts außergewöhnliches dar. Die +Leute waren theils beschäftigt von dem am andern Bord liegenden +»Watertank«[1] Wasser einzunehmen, theils hie und da Kleinigkeiten +am Tauwerk auszubessern, oder ausgebessertes zu theeren. Der Zimmermann +kalfaterte das Deck, und die monotonen Schläge seines hölzernen +Hammers waren fast das einzige Geräusch an Bord, so still und ruhig +ging alles zu. + +So beschäftigt übrigens die ganze Mannschaft auch mit dieser oder +jener Sache schien, denn selbst der Mate oder Steuermann war dabei, die +Logleine auszumessen und neu zu »märken«, so müßig sahen sich zwei +junge Leute die Sache an, die ruhig an Deck auf- und abschlenderten, +und nur dann und wann bei einer oder der andern Gruppe stehen blieben, +einmal nach dem Boot hinunter sahen, und ihre Wanderung langsam wieder +fortsetzten. Sie trugen leichte Sommerhosen, kurze, dünne Jacken +und einen breitrandigen Strohhut von sogenanntem _cabbageleaf_ (der +Kohlpalme), um den ein breites, schwarzes Band befestigt war, mit den +gelb darauf gemalten Worten: »_water-police_.« + +Der Fremde ging nach einem flüchtigen über Deck geworfenen Blick, der +zum größten Theil dem Takelwerk galt, nach hinten, und stieg, ohne +einen von den Leuten weiter zu grüßen, die Cajütstreppe hinunter. + +»Kanntest du den?« frug einer der Polizeileute den anderen. + +»Nein«, sagte der Gefragte, »weißt du wie er heißt?« + +»Wirst schon noch seine Bekanntschaft machen«, lachte der erste -- +»es ist Capitain Oilytt vom Boreas, und will nach Calcutta. -- Das +Schiff ist auf Dienstag angezeigt.« + +»Noch niemand fortgelaufen von den Leuten?« + +»Noch nicht, aber wie ich gestern gehört habe, wollen sie morgen fort. +-- Ich könnt's leicht hintertreiben, damit ist uns aber nicht gedient. +-- Es sind Ausländer, der größte Theil wenigstens von ihnen, und wenn +erst einmal eine tüchtige Belohnung auf sie gesetzt ist, wollen wir sie +schon wieder kriegen.« + +»Wo gehen sie denn gewöhnlich Abends hin?« frug der zweite -- »hast +du sie schon im Auge gehabt?« + +»O, schon seit acht Tagen -- sie sind bis jetzt meistens im »Elephant +und Castle« in Pittstreet, und ein paarmal auch in einer von den +Kneipen in Kentstreet gewesen, es scheint aber, daß sie sich jetzt +weiter hinauf in Pittstreet gezogen haben. Es sind theils Franzosen, +theils Deutsche und nur vier Engländer an Bord, und dort oben herum +wohnen einzelne von ihren Landsleuten.« + +»Die werden sie dann aber auch nicht verrathen wollen«, meinte der +zweite, der noch nicht lange in seinen jetzigen Posten eingetreten war. + +»Nicht verrathen?« lachte der erste, »laß nur erst einen tüchtigen +Preis darauf stehen, dann ist mir vor dem Andern auch nicht bange. +Derart Leute wollen Geld verdienen, und die Art =wie= das geschieht, +ist ihnen gewöhnlich verdammt gleichgültig, so ihnen nur die Polizei +nichts dabei anhaben kann.« + +Capitän Oilytt war indessen, während dies für ihn so wichtige +Gespräch am Deck verhandelt wurde, in die Cajüte des Pelican getreten +und hatte mit dem am Tisch sitzenden Capitän die ersten Begrüßungen +gewechselt. + +»Also Morgen wollen Sie fort?« sagte er. »Wie ich sehe haben Sie +Polizei an Deck? Fürchten Sie, daß Ihnen noch einige von Ihren Leuten +weglaufen sollten?« + +»Ja und nein,« antwortete Capitän Howell vom Pelican. »Der Henker +traue den Schuften. -- Sie werden auf meinem Schiff so gut behandelt, +wie kaum auf einem anderen. Kein hartes Wort wird zu ihnen gesprochen, +keine unnöthige Arbeit wird von ihnen verlangt, mein Mate ist ein sehr +ruhiger ordentlicher Mann, und das Essen ist ebenfalls gut und nahrhaft; +in der Hinsicht können sie sich also über nichts beklagen. Das +verwünschte Gold steckt ihnen aber darum nicht minder im Kopf -- der +große Klumpen hat ja ganz Sydney verrückt gemacht, warum nicht auch +die Leute, und mit allen möglichen Schwindeleien werden sie überdies +noch, sobald sie nur einmal den Fuß an Land setzen von allen Seiten +bestürmt. All die sogenannten »Schlafbaasen« gehen ja darauf aus, +sie von den Schiffen abzulocken. Hat so ein Kerl sie dann in den Klauen, +dann zieht er sie aus bis auf den letzten Fetzen Kleidungsstücke oder +auf den letzten Penny an Geld, und verkauft sie dann wieder an ihr altes +Schiff oder an irgend ein anderes -- ihm gleich, wenn er nur seinen +Verdienst daraus zieht. Das wollen aber die Leute nicht einsehen, und +wenn sie auch tausend solcher Beispiele hören, so halten sie sich +selber doch immer für klüger, und denken, sie werden es schon besser +machen. Um mich deshalb vorzusehen, und nicht im letzten Augenblick +etwa noch sitzen zu bleiben, hab' ich lieber das Geld angewandt mir die +Polizei auf's Schiff zu nehmen bis ich absegle, und ich glaube das Geld +ist nicht gerade unnütz ausgegeben.« + +»Wie viel zahlen Sie für die Polizeiaufsicht täglich?« frug Oilytt. + +»Für jeden Mann eine Guinee«, erwiederte der Capitän des Pelican, +»es ist theuer, läßt sich aber doch nun einmal nicht ändern.« + +»Eine Guinee?« rief Oilytt erstaunt -- »na, da dank ich. Dafür kann +ich meine Leute selber bewachen. Ueberdies halt ich gar nicht so viel +von dem, was sie auf See »gute Behandlung« nennen. Die Leute müssen +natürlich ihr ordentliches Essen und Trinken, ihren Brandy oder Rum +haben, nachher aber auch wissen wen sie vor sich sehen, und ich, für +meinen Theil, habe wenigstens stets mit Strenge mehr ausgerichtet als +mit Güte und Zureden. Sie wollen wahrhaftig gar nicht gut behandelt +sein und lachen Einen nur dafür hinter dem Rücken aus. Wenn ich nur +mit den Augen blinze, wissen sie schon was die Glocke geschlagen hat, +und Gnade Gott dem, der da noch mukst. -- Sie muksen aber auch nicht.« + +Der Steward, der Wein und Gläser auf den Tisch gesetzt hatte, sah den +Sprecher mit einem halb verächtlichen, halb höhnischen Lächeln +von der Seite an, war aber gleich wieder ganz ernsthaft, als dieser +zufällig zu ihm aufschaute. + +»Und wann gedenken Sie zu segeln?« frug Capitän Howell den anderen, +»Sie liegen am Slip, nicht wahr?« + +»Ja, am Patent Slip, Montag Morgen will ich die noch übrigen Pferde +einnehmen, und Dienstag Morgen leg' ich in die Bay hinaus -- ist der +Wind gut, so geh ich noch Dienstag Abend, oder spätestens Mittwoch +Morgen in See.« + +»Weggelaufen ist Ihnen noch keiner von Ihren Leuten?« + +»Nicht ein einziger«, lachte Oilytt, »ja, sie haben zu viel Respect. +Sie wissen recht gut, wieder krieg' ich sie doch, und nachher ging's +ihnen erbärmlich.« + +»Mit dem Wiederkriegen ist es aber doch eine mißliche Sache«, sagte +Howell kopfschüttelnd, »und ich würde mich an Ihrer Stelle nicht zu +sicher darauf verlassen. Aber wenn auch, ich setze den Fall Sie bekommen +sie, mit hoch darauf gestellten Belohnungen wirklich wieder, kostet Sie +das weniger als die paar Pfund Sterling, die sie jetzt an die Polizei +ausgeben?« + +»Das kostet mich gar nichts«, lachte Oilytt, »das versteht sich +doch von selbst, daß die ausgesetzte Belohnung für das Einfangen die +eingefangenen Schufte auch selbst bezahlen müssen, und dafür hab' ich +schon gesorgt, daß sie dazu noch alle genug zu gut haben.« + +»Und Ihre Zeit? das andere ist das wenigste. Rechnen Sie aber einmal +was Sie allein an Futter und Wasser für Ihre Thiere, die Sie an Bord +haben, =mehr= brauchen. Außerdem müssen Sie dann sogar noch Leute +für 6 Schilling den Tag miethen, die Ihnen nur die nöthigsten Arbeiten +besorgen. Ich will nichts davon sagen, wenn man keine Polizei an Bord +nimmt, sobald man noch acht oder vierzehn Tage im Hafen zu liegen hat; +die Kosten wären sonst zu bedeutend. Wer aber schon den größten Theil +seiner lebendigen Fracht eingenommen, und in ein oder zwei Tagen zum +Absegeln gekommen ist ohne Leute zu verlieren, der sollte auch die paar +Pfund Sterling nicht scheuen. Die Verführung ist jetzt zu groß; man +kann auf die besten Leute nicht mehr mit Bestimmtheit rechnen. Aber +wir wollten ja über unsere Passage sprechen -- Sie gedenken durch +Torresstrait[2] zu gehen?« + +»Ich weiß noch nicht«, sagte Oilytt, indem er sein Glas austrank und +wieder füllte; »ich mag mich nicht gerne in die verdammten Klippen +hineinwagen. -- Am liebsten ging ich um den Süden, wenn man jetzt nur +trauen dürfte wie's mit dem Wind steht, und nachher nicht die ganze +Reise gegen den Monsun anzupeitschen hat. Sind Sie schon einmal durch +die Torresstrait gegangen?« + +»Nein«, sagte Capitain Howell; »aber die jetzt darüber +ausgefertigten Karten sollen ausgezeichnet sein, und ich werde +jedenfalls die Passage von Raines Eiland versuchen.« + +Die beiden Capitäne unterhielten sich jetzt noch eine Zeitlang über +die Torresstraße, wie einige andere Geschäftssachen, und Capitän +Oilytt nahm endlich Abschied und stieg wieder in sein Boot hinunter, das +ihn rasch nach dem Circular Werft hinüberruderte. + +»Da fährt auch Einer,« sagte ein Matrose oben in den Marswanten, +wo er die Pardunen theerte, zu seinem Cameraden, der mit dem Fetttopf +zwischen den Zähnen eben von oben niederglitt und dicht neben ihm +Posto faßte -- »da fährt auch Einer, wo ich ebenso gern in der Hölle +wäre, als daß ich sein Biscuit kaute.« + +»Das ist der Capitän vom Boreas«, sagte der andere, »nicht wahr? der +Kerl sieht auch gleich so aus, als ob er einen Monat in heißem Pfeffer +gelegen und nachher mit Essig abgerieben wäre. Es ist zum Tod zu +verwundern, daß ihm noch keiner von den Leuten weggelaufen ist.« + +»Lauf du jetzt einmal weg, wenn du Lust hast«, lachte der erste, »sie +werden wohl nicht können.« + +»Nicht können? dicht am Land liegt das Schiff, und keine Seele +von Polizeidiener an Bord. Da wollte ich einmal den Steuermann oder +Bootsmann oder selbst Polizeidiener sehen, der mich hindern sollte nicht +allein mich selbst, sondern auch meinen Kleidersack fortzuschaffen. Ne, +die Burschen müssen etwas anderes auf der Wippe haben, oder sie wären +nicht so lange geblieben. Vielleicht warten sie auch nur bis zum letzten +Augenblick. -- Die Geschichte ist aber faul wenn sie sich da nicht +vorsehen, kann's ihnen am Ende gerade so gehen wie uns. Hätt' ich mich +damals nicht von dir abreden lassen, so säß ich jetzt vielleicht ganz +bequem oben in den Minen, und fände Stücke Gold wie mein Kopf groß. +Das Matrosenleben soll doch der Teufel holen, sobald er nur im mindesten +Lust dazu spürt.« + +»Ja und das Minenleben soll noch viel ärger sein«, meinte der andere +-- »d. h. man ist freilich sein eigener Herr dort, das ist richtig -- +mit dem Verdienst ist's aber auch dafür desto unsicherer, denn an die +großen Klumpen glaub' ich nun einmal nicht.« + +Der eine glitt mit seinem Fetttopf weiter nach unten, und das Gespräch +war abgebrochen. + + + + +Zweites Capitel. + +Der Markt in Sydney. + + +Ein Sonnabend Abend in Sydney ist das lebendigste, was die sonst gewiß +nicht todte Stadt nur irgend aufzuweisen hat. Alles scheint auf den +Beinen zu sein, und wen nicht besondere Geschäfte hinaustreiben, den +läßt die Neugierde schon nicht zu Hause, und er muß wenigstens einmal +»durch den Markt gehen.« + +Der englische Sonntag trägt hiervon allein die Schuld. Da er sehr +streng gehalten wird, kann man an diesem Tag natürlich gar Nichts zu +kaufen bekommen. In vielen, sehr orthodoxen Haushaltungen, wird +sogar schon am Sonnabend Alles für den Sonntag gekocht, gebraten und +vorbereitet, damit der Sabbath durch nichts Alltägliches entweiht +werde. Der äußerste Termin aber, für Fromme und Nichtfromme, was +man braucht noch zu bekommen, ist der Sonnabend Abend, und Fleischer, +Gärtner, Obst- und Blumenhändler, überhaupt Alle, die nur irgend +etwas Wirthschaftähnliches zu verkaufen haben, drängen sich an diesem +Abend herzu, es auszulegen. + +Jeder wetteifert dabei mit dem Andern, seinen Stand so einladend als +möglich herzurichten, und ganz besonders schmücken die Fleischer +ihre Buden mit fetten Hammeln und feisten Ochsen. Große Brode von +ausgelassenem Talg bilden die Säulen, und hie und da bringt ein +ausgeschlachtetes und bei den langen Hinterläufen aufgehangenes +Känguruh oder Wallobi, Abwechselung in die sonst etwas monotonen +Fleischspeisen. + +Der Markt von Sydney besteht aus vier langen, hohen, luftigen und +höchst praktisch eingerichteten Gebäuden, die übrigens noch auf eine +bedeutende Vergrößerung der Stadt berechnet waren, denn sie wurden +damals nur zur Hälfte benutzt. Eines stand wenigstens ganz leer, und +ein zweites hatte einen sehr geringen Theil seiner Stände erst in +Gebrauch. + +Das eine von diesen ist ausschließlich für rein animalische +Erzeugnisse bestimmt, und hier fallen neben den Schlächtern am +meisten die reinlichen Butter- und Käsestände ins Auge; mit ihren +aufgehäuften Massen von Hühner- und Enteneiern, mit ihren Schmalz- und +Butterkufen, und den gelb glänzenden, hell durchschnittenen Käsen, +die den Vorübergehenden aus ihren tausend Argusaugen verlangend +nachschauen. + +Neben diesem befinden sich ebenfalls die Stände mit Geflügel, mit +diesem aber gehts den Bewohnern von Sydney wie mit dem Fleisch, sie +haben keine Abwechselung darin, weil ihnen das =wilde Geflügel=, wilde +Enten ausgenommen, fehlt, und immer und ewig sind Hühner, Tauben oder +Truthühner das einzige was ihrem Gaumen geboten wird. Im Land drin gibt +es allerdings hie und da viel kleine Rebhühner, Wachteln und einige +andere Arten; wer die schießt, ißt sie aber auch gewöhnlich selber, +und sie kommen nicht auf den Markt. + +Aus diesen Tausenden, der menschlichen Gier gemordeten Leben, tritt man +jedoch in ein viel freundlicheres Bild ein, sobald man den schmalen +Gang überschreitet und in das andere, rein vegetabilischen Erzeugnissen +bestimmte Gebäude kommt. Die vorragendste Stellung nehmen hier +unstreitig die in wahren Unmassen aufgestapelten und geschütteten +Orangen oder Apfelsinen ein. Die australische Orange ist dabei +vorzüglich, und im Verhältniß auch billig genug, und wird +viel consumirt. Ueber diesen hängen Ananas von Moreton-Bay, und +aufgeschichtete Wände von Blumenkohl und anderen Gemüsen bilden den +Hintergrund. Es war jetzt gerade nicht die eigentliche Fruchtzeit, sonst +hätten auch noch Pfirsiche und Feigen einen nicht unbedeutenden Platz +hier angefüllt. + +Am schwächsten war der Blumenmarkt vertreten -- die Australier haben +wenig Sinn für Blumen -- auf dem ganzen Markt wäre kein schöner +geschmackvoller Strauß aufzufinden gewesen. + +Blumen sind aber auch das, wonach die Menschen am wenigsten verlangten. +-- Etwas Compactes wollten sie haben, Roastbeef und Blumenkohl oder +Weißkraut -- Hammelskeulen und Zwiebeln -- was halfen ihnen die Blumen, +die waren ja doch nur zum Ansehen. + +Durch dieses »Vegetabilische Marktgebäude«, wenn ich es so nennen +darf, schlenderten langsam, und mit der Miene von Leuten, die nichts auf +der Gotteswelt, am wenigsten aber Zeit zu verlieren haben, vier Matrosen +-- der erste Blick auf ihre weit zurückgesetzten Hüte und blauen +Jacken ließ sie als solche erkennen -- und sahen sich ziemlich +gleichgültig die rechts und links aufgestapelten Fruchtmassen, und +zu ihrer Schande muß ich's gestehen, ebenso gleichgültig auch +die manchmal wirklich lieben und freundlichen Gesichtchen an, die +geschäftig zwischen den einzelnen Ständen hin- und herglitten, +und ihre Einkäufe für den morgenden Tag besorgten. Sie waren eben +hierhergekommen, weil sie alle anderen Menschen hatten hierher gehen +sehen, und ihr Spaziergang schien eher den Grund zu haben, ihre Beine +wieder einmal »gegen Straßenpflaster zu reiben« als irgend etwas +anderes. + +»Du, Jack«, sagte da endlich der eine von ihnen zu dem vorangehenden, +»braß einmal hier einen Augenblick back und leg ein halb Dutzend von +den Apfelsinen ein.« + +»Hast du Geld?« wandte sich der also Angesprochene langsam nach ihm +um -- »mir hat der Alte heute Abend keinen Penny geben wollen. -- Er +sagte, er hätte es heute ganz vergessen Geld mitzubringen, wir sollten +aber morgen früh jeder ein Pfund haben, und dann möchten wir noch +einen Sonntag Abend, wenn wir wollten, an Land gehen -- den Dienstag +Morgen legte er in die Bay hinaus. Er war verdammt gesprächig.« + +»So? dann traue ich ihm gerade am allerwenigsten«, meinte der andere, +»er hat übrigens höllische Angst daß wir ihm auskneifen, und +verdient hätt' er's zehnmal. -- Wenn man nur wegkommen könnte. Die +Straße in die Minen soll ganz besetzt mit Polizeidienern sein, und +hier versteckt Einen auch niemand. -- Die Strafe ist zu groß, wenn sie +erwischt werden.« + +»Du, sprich nicht so laut«, sagte der dritte -- »ich habe da hinten +eben unseren Steward gesehen, der Grünes einkaufte. Wenn der ein Wort +aufschnappen kann, bringt er's dem Alten brühheiß wieder. Das wäre so +Wasser auf seine Mühle -- er traut uns überhaupt nicht.« + +»Hat auch alle Ursache dazu«, brummte der erste, und zog sich die +Hosen etwas höher über die Hüften -- »wie ich wenigstens jetzt +gestimmt bin, trau' ich mir selber nicht, und sollte mich gar nicht +wundern, wenn ich mich morgen oder übermorgen früh einmal in irgend +einem dunklen aber sicheren Winkel weggestaut fände, und dort krumm +läge, bis der Boreas beim -- Boreas wäre -- oder sonst wo, wohin er +immer Lust hat. Es ist schon schlimm genug bei dem alten Schuft Matrose +zu sein, wie viel weniger denn Pferdejunge.« + +Der eine von ihnen, der etwas Geld bei sich hatte, war bei dem nächsten +Obststand stehen geblieben und hatte seinen Hut voll Apfelsinen gekauft. + +»Wo sind denn die übrigen?« frug er seinen Cameraden, als er sie +wieder eingeholt, »ich dachte, es hätte uns heute Abend irgend jemand +irgendwo sprechen wollen?« + +»Die sitzen im goldenen Kreuz in Pittstreet«, lautete die Antwort, +»ein Irländer hat dort eine Schenke, und da wollten wir heute Abend +zusammenkommen.« + +»Aber was machen die Deutschen und Franzosen bei dem Irländer?« + +»O, er hat eine Frau, vom Rhein glaub' ich, die deutsch und +französisch spricht -- und dann ist noch ein wunderhübsches Mädchen +im Hause -- Jean hat sich schon sterblich in die verliebt.« + +»Das passirt Jean sehr oft«, sagte der Engländer trocken -- »Das +könnte er billiger haben. Aber kommt; es wird Zeit -- es muß schon +acht Uhr sein.« + +»Zum Donnerwetter -- da ist der Alte« -- rief plötzlich der eine von +ihnen, und als sie sich umsahen, war ihr würdiger Capitän auch schon +dicht hinter ihnen. Er sah sie aber nicht -- die breiten Schultern +suchten sich, herüber und hinüber arbeitend, Bahn durch das Gedränge +zu brechen, und jedenfalls hatte er irgend ein Ziel dem er nachstrebte, +denn er schaute weder rechts noch links, und das Gebäude entlang +konnten sie der langen riesigen Gestalt mit dem dicken rothen Gesicht, +mit den Augen folgen. + +»Da schwimmt er hin«, sagte der erste lachend -- »mit einer +fliegenden Fahrt vor dem Wind. Möchte nur wissen auf was er Jagd +macht.« + +»Wahrscheinlich auf das kleine Fahrzeug da vor ihm, mit dem +schwarzseidenen Jäckchen. Ob er uns wohl gesehen hat? Er guckte aber +gar nicht her.« + +»O Gott bewahre«, lachte ein anderer. »Der nahm eben ganz genaue +Peilung voraus und scheert sich auch überhaupt den Teufel um uns. +Sobald wir nur immer zur rechten Zeit an Bord kommen und kein Geld von +ihm wollen, sind wir ihm gut genug. In allem anderen können wir zum +Teufel gehen. Aber kommt, wir halten hier gerade durch Georgestreet +durch und die kleine Straße hinunter. An der nächsten Ecke gehen wir +über Stag, und dann haben wir reines Fahrwasser, bis wir das goldene +Kreuz über der Thüre sehen.« + +Die vier Matrosen verließen das Marktgebäude und gingen Marktstreet +hinunter nach Pittstreet zu, der sie aufwärts folgten. Am Courthaus +standen zwei Männer in dunklen Ueberröcken und Mützen. Sie sahen den +Matrosen nach, und der eine von ihnen sagte leise: + +»Weißt du von welchem Schiff die sind? im Markthaus machte mir der +eine ein paar sehr verdächtige Bemerkungen; ich möchte wohl wissen wo +sie hingehen. Wenn ich nicht irre, so nannte der eine den Namen Boreas +-- sind sie von dem Schiff, so können wir nur immer die Augen offen +haben.« + +»Weit marschiren werden sie nicht«, sagte der zweite, »und da +brauchen wir ja nur einmal mitzugehen.« + +Die beiden Männer folgten langsam den vier Matrosen, bis diese in der +Thür des goldenen Kreuzes verschwanden -- dann blieben sie auf der +anderen Seite der Straße stehen. + +»Wollen wir einmal hinein?« sagte der eine. + +»Ja, aber jetzt noch nicht«, entgegnete ihm der andere -- »es ist +noch zu früh. Wir müssen ihnen ein Weilchen Zeit lassen, bis sie erst +ein halb Duzend Gläser im Kopf haben.« Und mit diesen Worten gingen +sie langsam die Straße wieder hinunter nach dem Theater zu, wo um diese +Zeit das regste Leben war. + +Laß sie gehen, lieber Leser -- es sind zwei verkleidete Polizeidiener, +und die melden sich immer schon von selber wieder. Wir wollen indessen +einmal in das goldene Kreuz treten, und zusehen ob sie da drinnen guten +Portwein haben. + + + + +Drittes Capitel. + +Die Matrosenkneipe. + + +Das goldene Kreuz zeichnete sich vielleicht in nichts, als eben seinem +frommen Aushängschild vor den übrigen tausend Schenken Sydney's aus, +wo der Wirth über der Thür die vom Staat erhaltene Erlaubniß mit den +stereotypen Worten anzeigt: »_Licensed to sell spirituous and fermented +liquors_,« was er sich selber übersetzt -- »Du darfst jeden Schund +verkaufen den man nur in eine Flasche gießen, und aus einem Glase +trinken kann.« + +Im Innern sah es aber reinlich und selbst behaglich genug aus, denn es +ist kaum so sehr des Wirths Vortheil seine Gäste hereinzulocken, als +sie nachher darin zu halten. Das große mittlere Fenster, das die halbe +Wand einnahm, war inwendig mit weißer Farbe leicht überstrichen und +nur auf den Scheiben prangten oben die Worte »Wine Vaults«, und rechts +und links »London Porter« und »Baß's Ale«, zierlich mit Wein und +Hopfenreben umrankt. Im Innern aber standen oben auf den blank lackirten +Gefachen messingbeschlagene kleine Fäßchen, mit ihrem Inhalt +in sauberen goldenen Buchstaben darauf verzeichnet, und reinliche +geschliffene Caraffen mit neusilbernen gravirten Schilden. + +Nur rechts und links war das schwere Geschütz, eine dunkle +Batterienmasse von Ale- und Porterflaschen mit ihren bleiernen Deckseln, +aufmarschirt, und unten lagen kleine rundbäuchige weiße Glasflaschen, +fest zugebunden, mit Sodawasser und moussirender Limonade, wie denn auch +an der Wand eine Hand mit einer daringehaltenen Sodaflasche die werthe +Adresse des Fabrikanten jedem verkündigte, der sich nur die Mühe geben +wollte sie zu lesen. + +Auf dem Ladentisch waren die nach unten niedergehenden Pumpen mit +elfenbeinernen Knöpfen angebracht, _draught Ale and Porter_ gleich +frisch heraufzuziehen und rings im Zimmer aufgestellte Tische und +Stühle mit kleinen, heimlichen, hölzernen Verschlägen, in die nur +höchstens immer vier Menschen hineinpaßten. Diese hatten statt der +Thüren Gardinen. + +Hinter dem Schenktisch stand auf der einen Seite der Wirth, eine +vierschrötige pockennarbige Gestalt mit rothen Haaren und kleinen aber +verschmitzten Augen, und einem besonderen humoristischen Zug um +den Mund. Es war der Irländer Mac Carther und der Eigenthümer des +goldenen, und eines anderen Kreuzes, das mit weißer Schürze und +kleiner blumenbesetzter Mütze an der anderen Seite hinter dem +Schenktisch stand, und die bestellten Gläser füllte. Das flinke +Schenkmädchen, Polly, trug sie dann an den Ort ihrer Bestimmung, und +cokettirte dabei nach besten Kräften mit den Gästen. Mac Carther zog +die Propfen aus den Flaschen und spülte die Gläser aus. + +Mrs. Mac Carther kann ich mit wenigen Worten schildern -- Sie war eine +Elsässerin mit schwarzen Haaren und schwarzen Augen, etwa 30 Jahr alt, +was man ihr aber kaum ansah, und von resolutem festem Charakter, wie +denn auch Mac Carther, der sonst gewiß nicht zu den Schwächlingen +gehörte, nicht umhin konnte zu bezeugen. Daran war kein Zweifel, +sie regierte das Kreuz, und da sich dasselbe unter den zarten Händen +ungemein wohl befand, und an Gästen und Einnahmen fast wöchentlich +wuchs, fügte sich auch Mac Carther sehr gern dieser Autorität, und +begnügte sich, daneben nur noch allerlei kleine Beigeschäfte auf seine +eigene Hand zu treiben. Doch davon später. + +Polly war das Muster eines Sydney-Schenkmädchens; drall und schlank +gewachsen, und mit ein paar Augen, die denen ihrer Herrin an +Schwärze und Feuer wahrlich nicht nachstanden, die sie selber aber an +jugendlicher Frische weit übertraf. Mrs. Mac Carther war aber deshalb +nicht im mindesten eifersüchtig. -- Gerade diese »jugendliche +Frische« zog ihr allabendlich so und so viel mehr Gäste in das Haus, +und deshalb hatte sie Polly eben zum Schenkmädchen angenommen. + +Es war noch nicht spät am Abend; darum hatten sich auch noch nicht so +viel Gäste eingefunden. Nur an zweien der Tische saßen die Leute vom +Boreas, fünf Deutsche und drei Franzosen, und tranken, die ersteren +Ale, die anderen Claret. Polly brachte den letzeren eben eine frische +Flasche auf den Tisch, und Jean hatte die Hand gefaßt, die sie nach +der geleerten ausgestreckt. Sie sah ihn lächelnd an und versuchte sich +leise loszumachen. + +»Polly«, sagte der junge hübsche Matrose, und legte ihr die linke +Hand auf die Schulter -- »du bist auch heute Abend wieder einmal recht +häßlich, und willst mich gar nicht ansehen -- hab ich dir irgend etwas +zu leid gethan?« -- Er sprach das Englische etwas gebrochen, es klang +aber doch gut und das Mädchen schüttelte lachend den Kopf. + +»Nichts zu leid gethan, Mr. Jean, aber los lassen müßt ihr mich, denn +Missis sieht schon scharf nach mir herüber und ich habe viel zu thun. +-- Da kommen noch andere Gäste.« + +»Polly, ich habe dir etwas zu sagen«, flüsterte ihr Jean jetzt leise +und rasch in's Ohr -- »willst du mir nachher nur auf wenige Secunden +hinausfolgen?« + +»Ich weiß noch nicht«, sagte das Mädchen halblaut und machte sich +von ihm los. Die Augen wußten es aber und sagten ja, und Jean leerte +sein Glas auf einen Zug. + +»Hallo, schon wieder so geschäftig?« lachte Bill, der zuerst +eintretende von den englischen Matrosen, »da ist ja die ganze +Bescheerung bei einander, und Jean hat alle Hände voll zu thun, wie ich +sehe. Guten Abend Mac Carther, guten Abend Missis -- jung und schön wie +eine Rose -- aber nicht wie die letzte -- heh Missis? -- Was trinkst du, +Jack, und du Bob -- wie? Jims Geschmack kenne ich schon, der hält's wie +ich, mit Brandy und Wasser!« + +Die viere traten zum Schenktisch und tranken, und setzten sich dann an +den, an der hinteren Wand quer vorstehenden langen Tisch, wohin ihnen +die anderen bald darauf mit ihren Flaschen und Gläsern folgten, und +ein leises Gespräch mit einander begannen. Außer den Leuten vom Boreas +waren nur noch wenige andere Gäste im Zimmer, und der Wirth, der eben +erst noch zwei Porterflaschen für die Letztgekommenen geöffnet hatte, +rückte sich nach einer kleinen Weile einen Stuhl mit zu ihnen, sprach +aber noch kein Wort. Er schien etwas auf dem Herzen zu haben. + +»Wer ist denn das, der uns heute hier sprechen wollte«, sagte Jean +endlich, sich zu ihm wendend, »heraus mit ihm und mit dem was er zu +sagen hat. Ich kann heute Abend nicht lange hier bleiben, und wir sind +jetzt so ziemlich alle zusammen.« + +»Hm«, sagte Mac Carther, und warf einen anscheinend gleichgültigen +Blick über das Zimmer, der übrigens keinen der sonstigen Gäste, so +flüchtig er auch über ihnen hinstreifen mochte, unbeobachtet ließ. +Gleich darauf als ob ihn diese Rundschau befriedigt hätte, bog er sich +über den Tisch etwas vor und sagte mit leiser Stimme, die Umsitzenden +dabei alle mit den Augen musternd: + +»Seid Ihr gesonnen an Bord zu bleiben, oder wollt Ihr hier in der Stadt +eine Beschäftigung haben? -- Das heißt -- versteht mich wohl -- ich +weiß nicht was Ihr für einen Contract an Bord habt; geht mich auch gar +nichts an. -- Hält Euch aber nichts dort, so weiß ich Euch hier eine +Stelle, wo Ihr mit Bequemlichkeit Eure sechs bis acht Schilling den Tag +verdienen könnt -- und dafür müßt Ihr eine ganze Woche an Bord wie +die Pferde arbeiten. Sind welche von Euch Segelmacher?« + +»Vier von uns sind gelernte Segelmacher« -- sagte der eine Deutsche, +»und die anderen verstehen meist alle genug davon, die laufenden +Arbeiten verrichten zu können.« + +»Das wäre dann noch besser, die verdienen jetzt noch mehr mit +Zeltmachen«, sagte der Wirth sinnend. »Habt Ihr noch Geld zu gut, oder +sind welche unter Euch, die vielleicht selber etwas anfangen können?« + +»Ich habe 600 Franken«, sagte Jean rasch, »und Lust genug hier für +immer an Land zu bleiben, wenn nur« -- er hielt inne und sah forschend +nach Polly hinüber, diese aber warf ihm einen freundlichen Blick zu und +Jean schien dadurch plötzlich zu einem Entschluß gekommen. -- »Was +wollt Ihr mit uns thun? -- was könnt Ihr? -- heraus mit der Sprache und +haltet nicht so lange hinter dem Berge.« + +»Ich?« sagte der Wirth erstaunt -- gab ihm aber doch dabei ein Zeichen +nicht so laut zu sprechen -- »ich? was ich mit Euch will? -- gar +nichts. -- Was kann ich mit Euch wollen. Ich frage Euch nur Euretwegen, +und habe Euch schon gesagt, ich weiß gar nicht und kann nicht wissen, +wie Ihr mit dem Schiff steht. So viel aber ist gewiß -- jetzt wäre die +Zeit hier in Sydney für einen jungen Mann sein Glück zu machen, und +wer das mit Füßen von sich stößt, der hat es nachher selber zu +verantworten.« + +»Ja, das ist Alles recht gut, aber wie können wir vom Schiff +loskommen?« sagte der eine Engländer -- »und wenn wir los sind, denn +das wäre noch das wenigste, wo können wir bleiben? Wir müssen +erst einen Zufluchtsort hier am Ufer haben, und einen =sicheren= +Zufluchtsort, denn sonst ist die Sache nachher verdammt Essig. Vom +Schiff hat jeder von uns allerdings noch zu gut, das wißt Ihr aber +selber wohl, können wir nicht bekommen, und das einzige was wir im +Stande sind mitzunehmen, sind vielleicht unsere Kleider. Wer soll uns +nachher aufnehmen und wer wird uns so lange Credit geben?« + +»O, so viel sind unsere Kleider schon werth«, sagte ein anderer. »Wo +die so lange in Versatz bleiben, können wir auch ein paar Tage essen +und trinken, bis das Schiff fort ist, und mit dem hohen Lohn hier sind +wir dann leicht im Stande, unsere Schulden wieder abzutragen.« + +»Ich will Euch was sagen«, meinte da Mac Carther und bog sich zu ihnen +über den Tisch hinüber -- »wenn Ihr meinem Rathe folgen wollt, so --« +In diesem Augenblicke fiel hinter dem Schenktisch ein Glas herunter +und zerbrach klirrend am Boden. Mrs. Mac Carther hatte es fallen lassen. +Mac Carther fuhr aber, ohne sich dadurch irre machen zu lassen, ja ohne +den Kopf dorthin zurückzudrehen, ruhig und langsam fort -- »so malt +Ihr Euer Schiff mit einer hellen Farbe und nicht mit Schwarz. -- In dem +heißen Klima wohin Ihr geht zieht Schwarz die Sonne viel zu sehr an, +während eine hellere Farbe das Holz ungemein conservirt.« + +»Aber was zum Donnerwetter geht uns denn in diesem Augenblick die Farbe +an, wo wir --« + +»Nichts mit dem Bezahlen des Schiffes zu thun haben«, unterbrach Mac +Carther den Engländer, indem er ihm zugleich einen warnenden Blick +zuwarf -- »das weiß ich wohl, ich sage nur ich thäte das, wenn ich +Capitän von einem Schiff wäre, und in ein heißes Klima hinaufginge.« + +Während er noch sprach, waren unsere beiden Bekannten vom Markthaus +in das Zimmer, und gerade als das Glas zerbrach, dicht hinter den Wirth +getreten, und ließen sich jetzt an demselben Tisch nieder, wo sie eine +Flasche Porter verlangten. + +Der Wirth ging hin diese zu öffnen, und das Gespräch war für den +Augenblick abgebrochen. Die Matrosen merkten bald genug, daß Mac +Carther seine wohlbegründete Ursache haben mußte, in Gegenwart der +beiden Fremden weiter nicht über die bewußte Sache zu reden. Jean +stand auf, blinzte Polly mit den Augen zu und ging hinaus an die +Hofthür. Wenige Minuten später stand das wunderhübsche Mädchen +an seiner Seite und legte ihre Hand in die ihr dargebotene Rechte des +jungen Mannes. + +»Polly«, sagte Jean, und zog die nur leise Widerstrebende fester an +sich -- »ich habe keine Zeit zu großen Umschweifen, ich will dich auch +gar nicht mit langen Redensarten plagen. Hör mir nur wenige Secunden zu +und sage dann ja oder nein.« + +»Aber ich weiß ja nicht --« + +»Du sollst es gleich erfahren« unterbrach sie der junge Franzose -- +»ich bin des Seefahrens, ja überhaupt des Herumschweifens satt. +Zehn Jahre lang habe ich mich nun in der Welt und in allen Welttheilen +umhergetrieben, und bin nicht im Stande gewesen etwas für ein reiferes +Alter zu thun -- es liegt auch das eigentlich nicht im Blut meiner +Landsleute. Hier aber, glaub ich, ist der Zeitpunkt gekommen wo ich +etwas Besseres ergreifen kann, doch allein will ich das nicht thun. -- +Willst du mir helfen, Polly? willst du -- mein Weib werden?« flüsterte +er leise, sich zu ihr niederbeugend und ihr einen heißen Kuß auf die +Stirn drückend. + +»_Do'nt -- do'nt_«, bat das Mädchen flüsternd, und suchte sich von +ihm loszumachen. Es war ihr aber nicht recht Ernst damit, denn Jean +konnte sie leicht zurückhalten; doch dringender bat er jetzt. + +»Antworte mir, Polly. -- Von dir hängt es ab ob ich in Sydney -- +in Australien bleiben soll oder nicht. -- Sagst du ja, dann sollst du +einmal sehen wie tüchtig ich arbeiten kann, und haben wir uns etwas +verdient, dann kehren wir nach meinem schönen Frankreich zurück. -- Es +soll dir schon gefallen in der Provence. -- Aber du sagst ja kein +Wort, und ich weiß doch, daß du dich in den Verhältnissen hier nicht +glücklich fühlst, nicht glücklich fühlen kannst.« + +»Glücklich?« sagte das Mädchen leise und schüttelte wehmüthig mit +dem Kopf -- »es ist ein schreckliches Leben fortwährend dem wüsten +Trinken und Treiben zuzusehen. -- Aber was soll ein armes Mädchen +anderes thun -- und es ist doch immer ein ehrlicher Unterhalt.« + +»Und sagst du =ja=, Polly?« bat der junge Mann dringender, und küßte +die jetzt nicht mehr widerstrebenden rosigen Lippen -- »sagst du ja?« + +»Komm nur erst an Land«, flüsterte Polly, und ehe er es sich versah, +war sie ihm unter den Händen fort und ins Haus geschlüpft. Mit +leuchtenden Augen folgte ihr aber Jean, und war auch gar nicht böse +darüber, daß sie seinen suchenden Blick im Anfang vermied und sich +mit ihrer Arbeit eifrig beschäftigte, während sie Mrs. Mac Carther +ausschalt, was sie draußen herumzustreifen habe, indessen in der Stube +alles drunter und drüber ging. + +In derselben Zeit übrigens, in der Jean draußen zu einem Entschluß +gekommen war, hatte sich auch in der Stube selber manches geändert. Die +beiden Polizeidiener, welche Mrs. Mac Carther ebenso gut kannte als ihr +Mann das Vorsichtszeichen mit dem klirrenden Glas, waren, als sie sahen, +daß sie weiter nichts Besonderes hören und erfahren konnten, weiter +gegangen. Dafür aber war ein neuer Besuch gekommen, und zwar der +Steward vom =Pelican=, der früher mit einem der Engländer auf ein +und demselben Schiff gefahren, und heute Abend noch einmal in die Stadt +gemußt hatte, mehreres Vergessene an Gemüsen und Früchten für das +morgen früh in See gehende Schiff einzukaufen. Er wußte wo die Leute +vom Boreas heute zusammenkamen, und schien sie dort aufgesucht zu haben. +Als Jean hereinkam, waren sie im eifrigsten Gespräch. -- »Und ich sage +Euch«, behauptete der Steward auf einen der Gegeneinwürfe Bills, »daß +ich heute morgen mit meinen eigenen Ohren und aus dem eigenen Munde +Eures Capitäns gehört habe, wie er morgen früh um sechs Uhr mit +dem kleinen Dampfschiff The Brothers in die Bay hinauslegen will. -- +Dasselbe Boot soll ihm auch dann am Montag Morgen die noch fehlenden +Pferde hinausbringen und dann geht er auch wahrscheinlich noch den +Montag Mittag in See. Euer Capitän war heut zweimal bei uns an Bord -- +das erstemal that er furchtbar dick, das zweitemal schien er sich +aber doch besser besonnen zu haben, und will Euch vor allen Dingen in +Sicherheit bringen. Ihr seht also daß Ihr keine Zeit mehr zu verlieren +habt.« + +»Seeschlangen und Schildkröten!« brummte der eine Engländer -- »das +wäre ein verdammter Streich. Deshalb wollte uns also der alte schlaue +Fuchs morgen erst das Geld geben. Nachher hatte er uns alle sicher an +Bord, und setzte uns am Ende gar noch ein paar von den Polizeiknechten +oben drauf.« + +»Und Ihr wißt uns einen Platz, Mac Carther«, sagte der eine von den +Franzosen, »wo Ihr uns sicher unterbringen könnt? -- Wahrhaftig ich +komme heute Abend mit Sack und Pack an Land.« + +Mac Carther ging fort als ob er die Frage nicht gehört hätte, +seine Frau aber, die indessen zum Tisch getreten war, sagte mit halb +unterdrückter Stimme auf französisch: + +»Laßt ihn gehen -- er darf sich mit den Geschichten nicht befassen, +denn kommt so etwas vor Gericht, so muß er am Ende schwören, und wenn +er nichts davon weiß, kann er das auch mit gutem Gewissen. Ich +werde dafür aber schon sorgen. Bringt nur heute Abend spät Eure +Kleidungsstücke her -- die Hinterthüre kennt Ihr ja, wenn die vordere +Thür geschlossen sein sollte, und mit Tagesanbruch schaff ich Euch aus +der Stadt. Es ist ein Arbeiter von meinem Schwager über der Bay drüben +gerade hier, und mit dem könnt Ihr Holz schlagen oder Segel machen, zu +was Ihr Lust habt, bis das Schiff fort ist.« + +»Was zum Teufel ist das für ein Gewälsch,« brummte Bill. -- »Redet +englisch, daß ein anderer auch ein Wort verstehen kann.« + +»Seid ruhig, Jean wird es Euch übersetzen«, flüsterte Mrs. Mac +Carther, »es sind hier noch andere Ohren, die gerade nicht zu wissen +brauchen, über was wir gesprochen haben.« Damit wandte sie sich vom +Tisch ab, und trat hinter ihren Schenkstand zurück. Die Leute vom +Boreas flüsterten aber noch eine Weile miteinander, und verließen dann +die Schenke. Jean selbst hatte mit Polly keine weitere Abrede nehmen +können. + + + + +Viertes Capitel. + +Die Flucht von Bord. + + +Der Boreas, ein volles Schiff, lag dicht am Patent Slip -- eine Art +Dock, wo hinauf die Schiffe durch Maschinerie gezogen werden, bis +sie vollkommen trocken zu liegen kommen, und bis zum Kiel hinunter +nachgesehen und ausgebessert werden können. Nach dem Herunterlassen +hatte der Boreas dicht daneben angeholt, seine Takelage nachgesehen, +Ballast, Wasser, Mais, Heu und Pferde eingenommen, und lag nun dort +dicht an dem abgebauten Werft vor einem Anker, der nach der Bay zu +ausgeworfen war. Zwei starke Taue hielten noch außerdem das Schiff am +Land befestigt, und man stieg an der Fallreepstreppe gleich von Bord auf +das Werft hinunter. + +Die Mannschaft des Boreas kam in einzelnen Gruppen, zu zweien und +dreien, an Bord zurück. Der Zimmermann, ein Engländer, hatte die Wacht +als sie kamen, und die Leute gingen rasch in das Vorcastle hinunter, +diese Zeit zu benutzen und ihre Sachen zusammenzupacken. + +Den Zimmermann und Mate durften sie natürlich nichts merken lassen; der +Mate schlief aber gewöhnlich um diese Zeit schon. Einer von ihnen blieb +bei dem Zimmermann an Deck, um, wenn irgend einer der Officiere Miene +machen sollte hinunter zu ihnen zu steigen, das verabredete Zeichen zu +geben, d. h. irgend etwas Schweres auf Deck fallen zu lassen. Es konnte +das ohne Aufsehen geschehen. + +Jean war an Deck und schlenderte mit dem Zimmermann langsam den Gangweg +auf und nieder. -- Er erzählte ihm Geschichten aus der Provence, um ihn +beschäftigt zu halten, und es gelang ihm auch so weit, daß er seinen +Cameraden vollständig Zeit verschaffte sich zu rüsten. Die einzige +Schwierigkeit war jetzt ihre Sachen an Deck zu bringen und von hier +damit an Land zu kommen, ohne daß Lärm geschlagen wurde. In dem Fall +befanden sie sich nämlich in einer höchst fatalen Lage, da nur +ein ganz schmaler langer Weg von dem Werft an dem sie lagen nach +Sussexstreet hinaufführte, und eine Masse von Constablern in der Gegend +fortwährend auf und ab gingen. Der geringste Lärm konnte einen davon +an den Eingang der Straße führen und dann hatte er, wenn er wollte, +zwanzig Andere mit Blitzesschnelle zu seiner Hülfe herbeigezogen. + +Am besten wäre es gegangen, wenn sie eines der an den Pfählen +befestigten Boote =geborgt= hätten, und damit an das gegenüber +liegende Ufer der Bay gefahren wären. Auf jeden Fall konnten sie +solcher Art ihre Sachen am leichtesten in Sicherheit bringen. Dort +drüben standen auch noch keine, oder nur wenige Häuser, keinenfalls +waren Polizeidiener dort. Sie selber brauchten nur bis Georgestreet +hinaufzugehen, wo sie die dort einlaufende Bay umgangen hatten, und +konnten dann ihr ganzes Gepäck leicht und ohne Verdacht zu erregen quer +über Georgestreet in das Wirthshaus zum goldenen Kreuz schaffen. + +Es war noch nicht zwölf als der zweite Mate vom Land an Deck kam und +nach vorne ging. Jean stand mit dem Zimmermann gerade an der Cambuse, +und als er die dunkle Gestalt auf sich zukommen sah, stieß er mit dem +Fuß an eine dort zufällig liegende Handspake, nahm sie auf und warf +sie von sich, daß sie mit lautem Gepolter auf Deck niederschlug. + +»Gott verdamme das verwünschte Holz«, fluchte er dabei, und hielt +sich den Fuß -- »stößt man sich auf dem sakermentschen Deck auch +noch die Gliedmaßen zu Schanden.« + +»Was für ein Heidenlärm ist denn das da drüben?« rief der Mate +ärgerlich und kam herüber nach Backbord. -- »Wer ist da? Jean? kommt +Ihr eben erst von Land?« + +»Nein, ich bin schon fast eine Stunde mit dem Zimmermann hier auf- und +abgegangen.« + +»Chips«[3] sagte der Mate, und zog den Zimmermann etwas bei Seite -- +»haltet Eure Augen offen. -- Im Vorcastle war eben, als ich auf Deck +kam, noch Licht -- jetzt ist's aber aus. Sind die Leute schon lange an +Bord?« + +»Die letzten kamen vor etwa einer halben Stunde -- ich denke sie sind +jetzt wohl zu Coye gegangen«, sagte der Zimmermann. »Wie viel Uhr +ist's? -- es muß bald Mitternacht sein.« + +»In fünf Minuten etwa ist's zwölf«, sagte der Mate -- »ich will +den Steward jetzt wecken, um zwei Uhr löst Ihr ihn wieder ab. Beim +geringsten Verdächtigen was Ihr seht, ruft Ihr mich. Ihr könnt zu Bett +gehen, Jean«, wandte er sich dann lauter an den indessen weiter nach +vorne gegangenen Matrosen. -- »Es wird gleich 12 Uhr sein.« + +»Soll ich Bill rufen?« frug Jean, der stehen blieb -- »ich glaube +Bill hat die nächste Wacht.« + +»Nein, ist nicht nöthig«, lautete die Antwort. -- »Ihr könnt alle +zu Coye gehen.« + +»Das ist eine schöne Geschichte«, dachte Jean, als er in das Logis +hinabstieg, die übrigen mit dem neuen Befehl bekannt zu machen. Vorher +lauschte er aber noch eine Weile unter der Logiscap, zu sehen ob ihm +auch niemand folge. Als er alles sicher wußte sagte er leise: + +»Hallo da -- schlaft Ihr?« es war stockfinster und man konnte keine +Hand vor Augen sehen. + +»Ist das Jean?« frug vorsichtig eine einzelne Stimme. + +»Ja«, lautete die ebenso leise Stimme -- »habt Ihr alles in +Ordnung?« + +»Alles in Ordnung«, erwiederte Bill -- »ist die Luft rein? meine +Wacht muß gleich angehen.« + +»Gebt Euch keine Müh«, sagte Jean. »Die Schufte müssen Lunte +gerochen haben; wir brauchen die Nacht nicht zu wachen. Wahrscheinlich +will der Mate mit dem Zimmermann, und vielleicht auch Steward selber +Wache gehen. Der Capitän ist auch schon an Bord, wie mir der Zimmermann +gesagt hat.« + +»Verflucht noch einmal«, rief der Koch, der es in diesem Fall ganz mit +den Matrosen hielt, und sprang mit einem Satz aus der Coye, in die +sie sich alle, als sie das Zeichen hörten, hineingeflüchtet hatten. +»Jetzt sind wir geleimt.« + +»Doch noch nicht«, meinte Jean, der vorher noch einen vorsichtigen +Blick nach oben geworfen. »Erst wollen wir einmal abwarten wer die +nächste Wache hat, und dann sehen was sich thun läßt -- wenn ich nur +erst meine Siebensachen in Ordnung hätte. Ein Licht darf ich mir aber +gar nicht anstecken, sonst haben wir den Satan gleich wieder auf dem +Hals.« + +»Hier, nimm die kleine Laterne«, sagte Bill und reichte sie ihm aus +der Coye -- »die kannst du in deine Kiste setzen, da fällt kein Strahl +nach oben.« Jean fühlte sich zu ihm hin, ging in die vorderste +Ecke die Kerze darinnen anzuzünden und brachte dann den vollkommen +geschützten Strahl sicher in seine Kiste, die glücklicherweise an +einer Wand stand und von oben aus nicht leicht gesehen werden konnte. +Er brauchte auch nicht lange, mit seinen Sachen in Ordnung zu kommen; um +halb ein Uhr war alles gerüstet, das Licht wieder ausgelöscht und +Bob wurde jetzt zum Recognosciren an Deck geschickt. Er kam nach zehn +Minuten etwa wieder herunter. Der Steward war auf Wache, und kaum hatte +er diesen Bericht abgestattet, als der Zimmermann ins Logis kam, sich +auszog und zu Coye ging. + +Es war jetzt weiter gar nichts zu thun, und Jean faßte schon den +Entschluß bis Tagesanbruch noch zu warten, dann aber, wenn sich bis +dahin kein anderer Ausweg zur Flucht zeigen sollte, seine Sachen im +Stich zu lassen und nur mit seinem Gelde an Land zu gehen, oder, wenn +auch das nicht gehen sollte, über die Bay ans andere Ufer zu schwimmen. + +Bis zwei Uhr lagen die Matrosen alle in peinlichster Erwartung; keiner +schlief, keiner wagte aber auch nur ein Wort zu sprechen, denn der +Zimmermann schnarchte nicht und verrieth auch sonst durch nichts, daß +er selber eingeschlafen sei. Was da thun? + +Ihrer Rechnung nach mußte es bald Tag werden, als der Steward in das +Logis herunterkam. Er blieb erst ein paar Minuten stehen und horchte -- +aus allen Coyen tönte das tiefe regelmäßige Athmen fest Schlafender. +Selbstzufrieden und stillvergnügt nickte er mit dem Kopf, fühlte sich +dann leise, ja keinen der Leute zu stören, nach des Zimmermanns Coye +hin und weckte diesen. + +»Wer ist da?« rief der Zimmermann aus tiefem Schlafe auffahrend -- +»halt sie -- da laufen sie.« + +»Halt doch das Maul«, flüsterte der Steward und schüttelte ihn aus +Leibeskräften, »du machst ja die ganze Mannschaft munter. -- Es ist +zwei Uhr, steh auf -- ich bin müde wie ein Hund.« + +»Ay, ay«, sagte der Zimmermann, noch immer halb im Schlaf -- »ich +komme gleich -- wo sind denn -- O ja -- 's ist alles recht -- ich weiß +schon. -- Alles in Ordnung?« + +»Alles! Steh nur auf und schlaf nicht wieder ein« -- antwortete ihm +der Steward und wandte sich nach der Treppe zurück, stieß sich aber +mit dem Schienbeine an eine dort vorgeschobene Kiste. -- »Gott verdamme +den Plunder!« rief er leise mit verbissenem Schmerz -- »da muß ein +ganzer Fetzen Haut herunter sein. -- Ich wollte daß die Kerln da --« + +Er brummte das andere, als er auf der endlich erreichten Treppe langsam +an Deck kletterte, leise vor sich hin und verschwand gleich darauf oben. + +Der Zimmermann lag noch etwa zehn Minuten still, wälzte sich dann +stöhnend aus seiner Coye, tappte nach seiner dicken wollenen Jacke, +die er endlich fand und anzog, nahm die Mütze von dem Nagel, an dem +sie inwendig in seiner Schlafstelle ihren Platz hatte, und folgte dem +Steward an Deck. + +Er hatte kaum den letzten Fuß von der Leiter genommen, als Jean +ebenfalls aus der Coye sprang, ihm leise nachschlich und an Deck horchte +wo er blieb. Er war zurück nach dem Quarterdeck gegangen. + +»Was jetzt thun?« sagte er leise, als er wieder herunterstieg -- »in +ein paar Stunden ist es Tageslicht, und das größte Glück, daß wir +den Burschen wenigstens aus dem Logis haben. Das hätt' ich aber wissen +sollen, daß er so fest wie ein Bär schlief -- wir könnten jetzt alle +in Sicherheit sein. Wer gibt nun den besten Rath?« + +»Ob es der beste ist weiß ich nicht«, sagte der eine Deutsche, »aber +etwas kann ich Euch vorschlagen: ich will mich, wenn die Luft klar ist, +vorne hinunter lassen und eins von den kleinern Booten dicht unter die +Klüsen holen. -- Dann müßt Ihr sehen wie Ihr die Säcke, ohne daß +der Zimmermann etwas merkt, einen nach dem anderen hinunterbringt, und +ich schaffe sie dann ans andere Ufer hinüber, wo ich auf Euch warte bis +Ihr mich abholt.« + +»Aber sollen wir es denn doch nicht lieber erst einmal versuchen die +Sachen an Land zu schaffen?« frug Bob, der eine Engländer. »Das +wären doch verdammt weniger Umstände als mit dem Wasser -- und nachher +das Herumlaufen um die Bay. Es wird ja heller lichter Tag, ehe wir nur +hinüber kommen.« + +»Wir dürfen es nicht wagen unsere Sachen hier an Land zu bringen«, +sagte der Deutsche rasch -- »wenn die solche Vorsichtsmaßregeln +treffen wie mit der Wache, so werden sie auch nicht versäumt haben den +Constables in Sussexstreet aufzutragen, alle, die etwa hier heraus mit +Bündeln kommen sollten, einfach zu arretiren. -- Das ist wenigstens +das Wahrscheinlichste, und dem wollen wir uns doch nicht aussetzen. +Uebrigens muß der Zimmermann auch jeden sehen, der hier über den +langen, schmalen, und an allen Seiten offenen Platz nach den Häusern zu +geht, und würde augenblicklich Lärm schlagen!« + +»Wie kommen wir selber dann aber nachher fort?« frug Jean wieder. + +»O nur erst einmal die Sachen in Sicherheit, das andere findet sich +dann von selber«, sagte der Deutsche -- »alles klar an Deck, Jean?« + +»Ja, jetzt noch; der Zimmermann kommt aber gerade wieder die +Quarterdeckstreppe herunter. -- Es ist die höchste Zeit.« + +Ohne weiter ein Wort zu erwiedern glitt der Deutsche wie eine Schlange +die Treppe hinauf, um die Logiskappe herum und in die Gallione hinaus, +dort an der Ankerkette hinunter und ins Wasser hinein. Jean horchte +aufmerksam, konnte aber kein Plätschern hören, so vorsichtig hatte +sich jener hineingelassen. + +Der Zimmermann ging ein paarmal an Deck auf und ab, und die Leute +saßen indessen des Zeichens harrend, daß das Boot am Steven liege, mit +klopfendem Herzen im »Logis.« Sie hatten all ihr Zeug an, was sie +nur auf den Leib bringen konnten, und das übrige in die gewöhnlichen +Leinwandsäcke, die den Reisesack eines Seemanns bilden, »eingestaut.« +Bill nahm seinen Sack zuerst heraus und schaffte ihn, als der Wächter +gerade nach vorne ging, auf die Gallione. Jean wollte aber keinen weiter +hinauslassen, bis das Boot darunter liege. -- Fiel es dem Zimmermann +einmal ein nur ein paar Schritt weiter nach vorn zu gehen wie +gewöhnlich, so waren sie zu sehr der Gefahr ausgesetzt entdeckt zu +werden. + +Endlich kam das erwartete Zeichen -- schneller fast als sie es +eigentlich hoffen konnten. -- Leise wurde von außen vorn an das Schiff +geklopft, und Jean horchte hinaus ob er etwas vom Wächter hören +konnte. + +»Wo ist der Zimmermann jetzt?« frug Bill von unten herauf -- »kannst du +ihn sehen, Jean?« + +»Nein«, flüsterte dieser zurück, »weiß der Teufel wo er steckt -- +ich will lieber einmal über Deck gehen.« + +»Gott bewahre«, rief Bill -- »da machst du ihn nur aufmerksam. -- +Er wird wahrscheinlich hinten an dem Quarterdeck bei den Wasserfässern +sein. -- Komm nur rasch und hol' deine Sachen.« + +»Wir wollen uns das anders einrichten«, erwiederte ihm Jean. -- +»Einer muß hinaus in die Gallione steigen, und das, was ihm gegeben +wird, hinunterreichen. Bob mag sich hier hinter die Logiskappe drücken, +und ich kann dann von hier aus ihm alles zugeben und zugleich das Deck +übersehen. -- Aber nachher auch kein Wort mehr gesprochen. -- Höll und +Teufel wer hat denn da unten Licht angesteckt?« + +Er sprang rasch hinunter einer Unvorsichtigkeit zu begegnen, die so +leicht zu ihrer Entdeckung führen konnte, denn sobald der Wachthabende +Licht im Vorcastle sah, mußte er ja gleich wissen daß etwas +Außergewöhnliches vorgefallen war. + +»Löscht das Licht aus«, rief er mit ärgerlicher, aber vorsichtig +gedämpfter Stimme. -- »Ihr wollt wohl die ganze Geschichte verderben? +Wer hat die Laterne angesteckt?« + +»Ich« -- brummte Jim -- ein Irländer »und verdammt gute Ursache +dazu. -- Ich habe eine halbe Krone hier unter die Kiste rollen lassen, +und ich glaube jeder steckte sich ein Licht an, wenn er damit sein +ganzes verlorenes Vermögen auf einen Strich wieder kriegen kann. -- +Außer der halben Krone hab' ich nur noch drei Schilling Schulden.« + +Hinter Jean stieg in diesem Augenblick jemand die Treppe herunter -- +der Deutsche vor dem Steven gab zu gleicher Zeit noch einmal, und jetzt +etwas lauter, das verabredete Zeichen. Jim hatte seine halbe Krone +gefunden, steckte sie in die Tasche und öffnete die Laterne diese +auszublasen. + +»Hallo« -- sagte in diesem Augenblick eine Stimme mitten zwischen +ihnen, und zwar so laut, daß alle wie von einem elektrischen Schlag +zusammenzuckten -- »was ist das?« + +Jim ließ unwillkürlich das volle, durch kein Horn mehr gedämpfte +Licht der Laterne auf das Gesicht des Sprechers fallen. -- Es war der +Zimmermann, der sich erstaunt in der reisefertigen Gruppe umsah. + +»Das ist mir ja eine schöne Geschichte«, rief er verwundert aus -- +»da soll ja gleich --« + +Er sagte nichts weiter -- nur zwei Worte hatten die an der Treppe +stehenden Bill und Jean miteinander gewechselt, und in derselben Secunde +fast fühlte er sich von zwei riesenstarken Armen dermaßen umfaßt, +daß seine Hände wie von einer eisernen Zange gehalten wurden, während +ihm zu gleicher Zeit irgend ein anderer guter Freund ein festgedrücktes +Tuch wie einen Knebel in den Mund stieß. Jim ließ, bei dieser +zauberschnellen Veränderung der Scene den Strahl der noch immer +hochgehaltenen Laterne links und rechts fallen, und sah Bill und Jean +mit ihrem Opfer beschäftigt. -- Im nächsten Moment schloß er aber das +Licht, und alles war wieder in tiefste Dunkelheit gehüllt. + +Draußen ertönte zum drittenmal, und jetzt laut und ungeduldig das +Zeichen. + +»Der wird den Steven noch einschlagen«, lachte Jim -- doch immer noch +halblaut vor sich hin -- »sollen wir ihm den Zimmermann hinuntergeben, +daß er sich beruhigt.« + +»Jetzt rasch und keine Zeit mehr verloren« -- rief aber Jean den +Anderen zu. -- »Bill, schafft die Sachen hinauf und dann fort ins +Boot.« + +Der Zimmermann sträubte sich aus Leibeskräften frei zu kommen oder +wenigstens den Knebel aus den Mund zu bringen, daß er den Alarm geben +konnte; Jean lag aber mit Riesenkraft auf ihm und jeder derartige +Versuch war umsonst. + +»Reich' Einer von Euch mir ein Ende« -- stöhnte dieser endlich, als +der Zimmermann einen Augenblick ruhig lag. -- »Hier Bob -- bind ihm +einmal die Hände zusammen -- so -- das ist gut. Jim zeig dein Licht +noch einmal, hast du sie fest?« + +»Die kriegt er nicht wieder los«, lachte Bob zwischen den Zähnen +durch -- »die Füße auch?« + +»Ja, es ist besser -- so, nun schlag das hier um den Pfosten -- so -- +noch fester -- das wird's thun, und nun noch den Knebel --« und damit +nahm er sein eigenes Halstuch vom Nacken und band es dem unbeweglich +an den mitten im »Logis« stehenden Pfosten Geschlossenen, fest um den +Mund, so daß er nur die Nase zum Athmen frei behalten konnte. »Nun +rasch fort«, rief er, als er endlich auf die Füße sprang -- »sind +die Sachen oben?« + +»Dies ist das letzte«, rief Bob, als er zwei Säcke nach der Treppe +hob und hinauflangte -- »nun, ade Boreas, und bleibt hübsch gesund, +Zimmermann. -- Wenn nur der Steward die Zeit nicht verschläft.« + +Damit sprang er die Treppe hinauf und von den übrigen gefolgt über die +Gallion hinunter ins Boot. Jean war der letzte der das Schiff verließ +-- es regte sich aber nichts darauf. Oben in Sussexstreet hörte er wie +die Constabler ihre Stunde abriefen -- es war gerade drei Uhr. An der +Bay herum fingen hie und da schon die Hähne zu krähen an, und von +den Schmelzöfen glühten noch immer die rothen Flammen aus den +Schornsteinen heraus -- sie hatten die ganze Nacht gebrannt. Sonst +schlief ganz Sydney noch und die Bay lag so ruhig, daß die auf sie +niederfunkelnden Sterne ihr Licht so rein und ruhig wieder erhielten +als sie es gegeben. Kein Lufthauch bewegte das Wasser, und man konnte +deutlich den regelmäßigen Schritt der Wache auf einer nicht weit davon +vor Anker liegenden englischen Barke hören. + +Jean glitt, als er sich überzeugt hatte daß niemand auf ihrem Schiff +auch nur das Mindeste von dem Vorgefallenen ahne, wie seine Cameraden +vor ihm, an der Ankerkette in das da vorn befestigte Boot hinunter, und +im nächsten Augenblick schossen sie, von zwei kurzen Bretern, die +als Ruder gebraucht wurden vorwärts getrieben, über die Bay schräg +hinüber an's andere Ufer. Dort banden sie das Boot fest, das sich der +Eigenthümer, wenn er es haben wollte, am nächsten Morgen selber holen +konnte, nahmen ihre Säcke auf die Schultern, und waren im nächsten +Augenblick in dem Schatten der dichtbei gelegenen Häuser, zwischen +denen sie sich nach verschiedenen Richtungen hin zerstreuten -- +verschwunden. + +Von der ganzen Mannschaft war nur ein einziger -- ein Deutscher -- an +Bord des Boreas zurückgeblieben. -- Er hielt sich, ohne daß ihn die +anderen vermißten -- und als sie ihn vermißten, war es zu spät -- +ruhig in seiner Coye, band aber auch den Zimmermann nicht los, legte +sich, als seine Cameraden das Schiff verlassen, auf die andere Seite, +und war bald wieder wirklich fest eingeschlafen. + + + + +Fünftes Capitel. + +Die Entdeckung. + + +Der Capitän vom Boreas lag in seiner Coye -- er hatte den vorigen Abend +bös geschwärmt, und der Kopf glühte ihm noch von all den »Brandys +hot« und »Brandys cold«, die er in sich hineingegossen. Er träumte +-- aber was kümmern uns seine Träume, wir können ihn doch nicht +länger schlafen lassen. + +Der Tag brach eben im Osten an, ja der hellere Schein drängte sich +schon durch das obere Cajütfenster, das sogenannte Skylight[4], in die +Cajüte. Der Capitän murmelte etwas von »_half and half_« -- er trank +gern Porter und Ale zusammen, und mochte wahrscheinlich Durst haben -- +stöhnte noch ein paarmal, und warf sich dann auf die andere Seite. + +Der Steward war indessen ebenfalls munter geworden. -- Nicht daß ihn +jemand geweckt hätte, sondern mehr von einem halb unbewußten Gefühl +aufgetrieben, das uns manchmal, ohne die geringste äußere Einwirkung, +aus dem tiefsten Schlafe aufrüttelt, wenn wir uns nur Abends vorher +fest vorgenommen haben zu einer gewissen Stunde aufzuwachen. + +Es ist das ein Gefühl, das mit unserem Gewissen genau verwandt sein +muß, denn es verrichtet, wenn auch nur im Kleinen, denselben Dienst; ja +vielleicht wird es von der haushälterischen Natur selber dazu verwandt, +wer kann es wissen. Wer von uns ist in die geheimen Gänge und Falten +seines eigenen Geistes schon je so weit eingedrungen, um nur mit +Bestimmtheit voraussagen zu können, was er in der nächsten Minute +selber denken, selber empfinden will? Er kann es nicht. + +Mag er seinen Geist alle Kraft anwenden lassen sich nur auf einen +einzigen Punkt zu concentriren -- es ist umsonst. Irgend eine ihm +unbewußte, aber in ihm bestehende Kraft lenkt den Strahl seiner +Gedanken, ganz von ihm selber unabhängig, wohin sie eben Lust hat, +und schüttelt ihm gerade dann gewöhnlich, wenn er etwas Bestimmtes +festhalten will, den ganzen bunten Bilderkram seines Gehirns -- diese +tollste Rumpelkammer alter Geschichten und Träume -- um und um, daß +es ihm schwarz und blau vor den Augen wird, und er diese endlich in +Verzweiflung schließen muß, nur all dem krausen Wirrwarr zu entgehen. +Und selbst das hilft ihm nichts. -- Gerade durch die fest auf die Augen +gepreßten Finger sieht man das tollste Zeug, und muß zuletzt ruhig +seine Zeit abwarten, bis das alles wieder aus eigenem freien Antriebe in +seine alten Behälter und Gefache zurückgekehrt und verschwunden ist. + +Und wohin bin ich jetzt selber gerathen, von eben diesem wunderlichen +Geist geneckt? Halt, ich sprach von dem Steward, der erschreckt von +seinem Lager auffuhr. + +War er aber noch im halben Schlaf, so brachte ihn der Stoß, mit dem er +seine eigene Stirn beim in die Höh fahren gegen den quer durch seine +Coye laufenden »Beam« stieß, augenblicklich zur Besinnung, und er +sprang jetzt erschrocken aus der Coye, denn zu ihm herein drang das +Tageslicht, und um vier Uhr hatte er ja schon wieder auf Deck sein +sollen. + +Warum mochte ihn denn der Zimmermann nicht geweckt haben? Er lief, ohne +sich erst weder die Jacke anzuziehen, noch nach der neben ihm liegenden +Mütze zu greifen, an Deck. Alles war hier stumm und still -- dem +Steward klopfte das Herz wie ein Schmiedehammer, denn er dachte an das +was ihm, im Fall wirklich etwas passirt sei, selber bevorstand. + +Im »Logis« fand er denn auch nur zu bald seinen schlimmsten Argwohn +bestätigt, und den armen Teufel von Zimmermann in der wirklich +traurigsten Lage von der Welt. Als er ihm aber das Tuch vom Gesicht band +und den Knebel aus dem Mund zog, war es gerade als ob er den Stöpsel +aus einer Flasche Weißbier gezogen hätte, denn wie aus dieser der +Schaum, so sprudelten aus dem endlich befreiten Munde des Gebundenen +jetzt eine wahre Unzahl von Flüchen und Verwünschungen -- die alle +hier so lange festgestopft gesessen hatten -- in solcher Schnelle und +Kraft heraus, daß der Steward im ersten Moment wirklich vergaß seine +Hände zu lösen, und nur ganz erstaunt und verdutzt neben ihm stand und +ihn ansah. + +Durch den Lärm munter gemacht, wachte auch der Deutsche auf, und sah +aus seiner Coye. Ueber diesen fielen sie nun Beide her und wollten von +ihm erfahren, was aus den anderen geworden, und wo sie sich aufhielten. +Er wußte von gar nichts -- hatte keinen Menschen weggehen hören oder +irgend etwas mitgetheilt bekommen, was die Absicht der Entlaufenen +betreffen konnte. Er war spät an Bord gekommen, sehr müde +gewesen, gleich eingeschlafen und in diesem Augenblick durch das +gotteslästerliche Fluchen des Zimmermanns zum erstenmal aufgewacht. + +Aus ihm war auch nicht das mindeste herauszubekommen, und dem Steward +lag jetzt die höchst unangenehme Pflicht ob, den Capitän von dem +Vorgefallenen in Kenntniß zu setzen, damit dieser augenblicklich seine +Maaßregeln darnach nehmen könnte. Er ging in die Cajüte hinunter, zog +seine Jacke an, strich sich die Haare aus dem Gesicht und trat zu des +Capitäns Coye. + +»Capitän Oilytt«, sagte er, als er ihn am Arm faßte und leise +schüttelte. + +»Brandy hot«, antwortete der Capitän -- »der Teufel soll das Ale +holen, das brennt wie Feuer.« + +»Capitän Oilytt«, wiederholte der Steward. -- Wär' er ein Zauberer +gewesen, er hätte den Capitän einmal vor allen Dingen einige tausend +Jahre so fortschlafen, und nachher in einer kühlen Grotte mit einer +wunderschönen verwunschenen Prinzessin wieder aufwachen lassen. So aber +konnte er das nicht, und schüttelte ihn noch einmal etwas stärker als +das erstemal. + +»Sieben Schilling Sixpence« lautete diesmal die hartnäckige Antwort, +die sich wahrscheinlich auf irgend eine gestern bezahlte Zeche bezog -- +»lieber Gott!« -- und ein tiefer Seufzer folgte. + +»Ja jetzt ruft er den lieben Herrgott an, wenn er nicht weiß was +er spricht« -- brummte der Steward leise vor sich hin, »und wenn er +nachher aufwacht und zur Besinnung kommt, flucht er wie ein Heide. +-- Und wenn er nur blos noch fluchte. -- Ich muß ihn aber wahrhaftig +wecken.« + +Diesmal wich der tiefe Schlaf dem stärkeren und entschlossenen +Schütteln des Dieners, und der Capitän fuhr, die Augen weit +aufgerissen, in seinem Bett in die Höhe. + +»Was zum Donnerwetter gibts nun?« rief er ärgerlich aus -- »kann man +denn in des drei Teufels Namen nicht einmal ruhig schlafen bis es Tag +ist, daß du Einen mitten in der Nacht herausrütteln mußt? -- was ist +los? -- na? -- wird's bald?« + +Der Steward, der bis dahin gar nicht hatte zu Wort kommen können, sagte +jetzt schnell: + +»Capitän Oilytt, die ganze Mannschaft ist fortgelaufen -- der Koch +und der ganze andere Schwarm. -- Nur der Zimmermann und Hans -- der eine +Deutsche -- sind noch an Bord.« + +Der Capitän war mit einem Satz aus seinem Bett und mit einem zweiten +in seinen Hosen, während er eine wahre Sündfluth von Flüchen +ausströmte. Damit wurde die Sache aber um kein Haarbreit geändert. +Natürlich hatten der Zimmermann und der Steward die alleinige Schuld, +und der zurückgebliebene Deutsche, als der Capitän wie ein Wüthender +nach vorn gefahren war, sollte nun gezwungen werden zu beichten. Er +wußte aber, dabei blieb er trotz allen Drohungen und Versprechungen -- +von gar nichts. Er hatte die ganze Nacht, wenigstens von der Zeit an wo +er an Bord gekommen, bis zu der wo der Steward den Zimmermann losband, +geschlafen. Früher sei, wie er weiter erzählte, allerdings vom +Fortlaufen die Rede gewesen, da =er= aber stets fest erklärt habe daß +er nicht mit ginge, hätte man ihm diesmal, wie es schiene, gar nichts +davon gesagt. + +Der Capitän schäumte vor Wuth. -- »Das kommt davon«, rief er, »daß +ich mich mit dem verdammten fremden Gesindel eingelassen habe. -- Hätte +ich lauter Engländer gehabt, wäre das nicht geschehen. -- Aber wartet, +wartet Canaillen, Euch will ich ein Gericht einbrocken, auf das Ihr +nicht gerechnet haben sollt, und hab ich Euch erst wieder, dann Gnade +Euch Gott. Dann geb ich Euch mein Wort drauf, Ihr sollt Euch lieber in +der Hölle als bei mir an Bord wünschen. -- Und du Steward, vor allen +andern, du verdientest überhaupt, daß ich dich an die Railing binden +und dir 25 aufzählen ließ -- du -- Holzkopf du.« + +Und damit schoß er wie ein Pfeil in seine Cajüte hinunter, in seine +Kleider hinein und dann an Land, die Anzeige bei der Wasserpolizei von +den Entflohenen zu machen und eine Belohnung auf ihren Fang zu setzen. + +Kaum war er aber fort, und ehe sich der Steward noch von dem ersten +Erstaunen über die entsetzliche Drohung erholen konnte, so kam der +erste Mate schon auf ihn zu, faßte ihn am Kragen und überschwemmte ihn +mit einer wahren Fluth von Schimpfreden. + +»Du Lump!« -- rief er, »bist der einzige der die ganze Geschichte zu +verantworten hat. -- Warum hast du nicht aufgepaßt, -- heh? -- was zum +Donnerwetter hast du denn sonst auf der Welt zu thun? -- wozu bist du +nütz?« -- + +Nach diesem Ausbruch innerer Gefühle stieg er an Deck und lief eine +gute Stunde das Quarterdeck auf und ab. Der Steward fing indessen an die +Tische unten abzuwischen. Er hatte aber noch nicht einen fertig, als der +zweite Mate ebenfalls den Kopf hereinsteckte. + +»Du bist doch das nichtsnutzigste miserabelste Stück Takelwerk am +ganzen Bord«, sagte er, und sah den Steward an als ob er ihn mit Haut +und Haaren, und ohne Pfeffer und Salz verschlingen wolle. -- Damit +schlug er die Thür wieder zu und ging ebenfalls an Deck. Er war die +halbe Nacht an Land gewesen, und erst um Mitternacht an Bord gekommen. + +Der Steward aber setzte sich mit dem Abwischtuch in der Hand am Tische +nieder, schüttelte in einem fort mit dem Kopf und murmelte leise vor +sich hin. + +»Na, nu wird's Tag -- ich habe die Schuld -- ich bin die alleinige +Ursache, daß die anderen fortgelaufen sind. -- Natürlich -- wenn ich +nicht meine zwei Stunden geschlafen hätte, wo die anderen auf Wacht +waren, hätte das alles nicht geschehen können. Na, das wird eine +schöne Reise werden -- ich glaube wahrhaftig, es wäre das Beste ich +liefe auch fort -- nachher wär ich denn doch neugierig wer die Schuld +=davon= hat -- ich wieder; natürlich. Und wieder kriegen? -- wenn sie +die wieder kriegen freß' ich sie -- alle zusammen.« Und mit diesem +kannibalischen Entschluß stand er auf und begann seine Arbeit auf's +neue. + + + + +Sechstes Capitel. + +Sydney im Dunkeln. + + +Eine ganze Woche war verflossen, und noch immer lag der Boreas an seinem +alten Platze am Werft, ohne, trotz der darauf gesetzten Belohnung, einen +einzigen von seinen Leuten wieder bekommen zu haben. Natürlich konnte +er, mit =einem= Mann an Bord, auch nicht in See gehen, und andere +Matrosen waren ebenfalls nicht zu bekommen. Der Capitän hatte schon, +der schlechten Behandlung seiner Leute wegen, einen solchen Namen +in Sydney bekommen, daß niemand mit ihm segeln wollte und der +Goldschwindel machte überdies die Leute die extravagantesten Preise +fordern. + +Natürlich mußte er unter der Zeit Arbeiter annehmen, die an Bord +nothwendigen Geschäfte zu verrichten, und an diese ebenfalls sehr +theuren Lohn bezahlen; das ging aber freilich alles aus der Tasche der +weggelaufenen Leute und zwar von dem ihnen gut stehenden Geld was sie an +Bord zurückgelassen -- vorausgesetzt, natürlich, daß man sie wieder +bekam. Wurden sie wieder eingefangen, so hatten sie die Arbeiterkosten +für fremde Hülfe, wie selbst den auf ihr Einfangen gesetzten Preis von +dem ihnen noch gut stehenden Geld, oder von ihrer nächsten Reise -- und +wenn die nicht zulangte, von der nächstfolgenden -- zu bezahlen. + +Die Wasserpolizei war indessen, wie sie sagte, sehr thätig gewesen die +Leute wieder einzubringen, oder wenigstens auf ihre Spur zu kommen, doch +ohne Erfolg. Es war erst =ein= Pfund Sterling auf den Kopf gesetzt, +und man konnte nicht gut erwarten, daß sie sich den Preis muthwillig +verderben sollten, da er mit der Zeit von selber steigen mußte. + +Der Capitän hoffte indessen das meiste von dem Sonnabend Abend, wo sich +die Matrosen in Sydney gewöhnlich am freisten gehen lassen und, wenn +sie erst einmal ins Trinken kommen, nicht mehr die sonst kaum vergessene +Vorsicht gebrauchen, die Straße oder alle öffentlichen Häuser zu +vermeiden. Von vielen anderen Schiffen war ebenfalls die Mannschaft +fortgelaufen, und die ganze Wasserpolizei sollte an diesem Abend auf +den Beinen sein. Die beiden Steuerleute des Boreas hatten sich ebenfalls +erboten mit den Steuerleuten noch zweier anderen Schiffe, je zwei mit +einem Polizeidiener zu gehen, um, falls sie einen der Ihrigen treffen +sollten, ihn gleich zu kennen und festhalten zu können. + +Um sieben Uhr setzte sich der ganze Zug in Bewegung, zerstreute sich +aber bald nach verschiedenen Richtungen hin, um mehrere Stadttheile auf +einmal durchstreifen zu können, und man bestimmte nun einen Platz am +entferntesten Ende der Stadt, wo man sich um 12 Uhr Nachts treffen und +die gemachten Beobachtungen mittheilen wollte. Bis ein Uhr Morgens ist +es auf den Straßen stets lebendig. + +Der erste Mate vom Boreas, der zweite von einer anderen englischen Barke +und ein Polizeidiener nahmen den oberen Theil der Stadt Georgestreet, +Pittstreet und was dort in der Nähe lag, obgleich in Georgestreet, +als der Hauptstraße der Stadt, wohl kaum einer der Weggelaufenen +anzutreffen sein mochte. Sie wagten sich schon nicht in diesen +Stadttheil, wo eine so zahlreiche Menschenmenge fortwährend hin- und +wiederströmte, und zwischen diesen leicht jemand sein konnte der sie +kannte und den Händen der überall postirten Constabler übergab. +Nichtsdestoweniger gingen die drei Männer Georgestreet hinauf und bogen +dann oben links ab, durch Liverpoolstreet in Pittstreet hinein, vor +allen Dingen einmal das »goldene Kreuz«, was ihnen als der frühere +Hauptaufenthaltsort der Leute des Boreas beschrieben war, zu revidiren. + +Es war noch zu früh am Abend um schon viel Gäste in den Wirthshäusern +anzutreffen; die meisten wanderten noch in der Nähe des Markthauses und +durch den Markt auf und ab, und erfreuten sich des schönen mondhellen +Abends. Dennoch saßen etwa zehn oder zwölf Männer, meistens Matrosen, +an den verschiedenen Tischen, und in einem der kleinen Verschläge, wo +zwei Seeleute ihre beiden Mädchen mit hineingenommen hatten und ihnen +dort zutranken, ging es besonders lustig und auch laut zu. + +Der Mate vom Boreas warf einen schnellen aber forschenden Blick +über sämmtliche Gäste hinüber, und trat auch in das kleine +»Privatzimmer«, in das er indiscret genug und, von einem »_what do +you want_« der darin Sitzenden angeschnauzt, hineinschaute, konnte aber +kein bekanntes Gesicht entdecken. Mrs. und Mr. Mac Carther warfen sich +übrigens einen Blick zu, den sie beide zu verstehen schienen, und +die »Dame« wandte sich dann mit der größten Freundlichkeit an die +Neuangekommenen, und frug was sie zu trinken wünschten. Sie ließen +sich eine Flasche Porter und drei Gläser geben, und setzten sich an +einen der Tische. + +Polly ging ab und zu, und schien besonders mit dem Polizeidiener, einem +jungen, hübschen und schlanken Mann, gut bekannt zu sein. Als Mr. Mac +Carther die zweite Flasche auf den Tisch setzte, stand der junge Mann +von der Wasserpolizei auf und ging hinaus -- wenige Minuten darauf +folgte ihm Polly -- sie standen beide in der offenen Hausthür. + +»Polly«, sagte der Polizeidiener, und hob ihr mit dem rechten +Zeigefinger das Kinn empor -- »wo sind die Leute vom Boreas, die Ihr +versteckt habt?« + +»Die =Ihr= versteckt habt?« sagte das Mädchen schnippisch und +schnell, und schlug den Finger mit der verkehrten Hand weg -- »die Ihr +versteckt habt? -- was gehen mich die Leute vom Boreas oder irgend einem +anderen »aß« an, und was hätt' ich davon, Matrosen zu verstecken? -- +Wenn Ihr mir weiter nichts zu sagen habt, Mr. Naseweis, dann seid so gut +und laßt mich ein andermal zufrieden.« Und damit wollte sie sich von +ihm losmachen und wieder ins Schenkzimmer gehen. Charles, wie der junge +Mann hieß, faßte aber ihre Hand und sagte schmeichelnd: -- »Sey nicht +närrisch, Polly -- du verstehst wie ichs meine, und daß ich recht gut +weiß wie du selber nichts damit zu thun hast -- obgleich mir Gerüchte +zu Ohren gekommen sind von einem jungen Franzosen der --« + +»Charles«, sagte das Mädchen, und schien ernstlich böse zu werden, +»du hast es heut Abend ordentlich darauf angelegt mich zu ärgern, und +ich antworte dir keine Sylbe weiter.« + +»Was das betrifft, mein Schatz«, lachte der andere, während er jedoch +die Hand des Mädchens noch immer fest dabei hielt -- »so =hast= du mir +auch noch gar keine Sylbe geantwortet. -- Ich weiß aber, daß du ein +vernünftiges Mädchen bist -- du hast mir davon schon zu viele Proben +gegeben, so laß uns denn auch ohne weitere Umschweife ein vernünftiges +Wort miteinander reden. Auf das Einfangen der Leute vom Boreas wird in +der nächsten Woche, wenn der Capitän erst einmal weg =muß=, ein sehr +bedeutender Preis gesetzt werden -- wenn du die Hälfte davon verdienen +kannst, wirst du doch vielleicht zusehen, ob du mir ein oder das andere +von Mr. und Mrs. Mac Carther herausbekommen kannst?« + +»Du glaubst doch nicht etwa«, fiel ihm das Mädchen rasch in die Rede, +»daß Mr. und Mrs. Mac Carther weggelaufenen Matrosen in ihrem eigenen +Hause ...« + +»Gott bewahre«, unterbrach sie Charles lachend »da sind sie beide +viel zu vernünftig dazu, als daß sie sich einer solchen Gefahr +aussetzen sollten -- es stehen 50 Pfund Sterling Strafe darauf. -- Nein, +aber sie -- haben doch manches -- oh hol's der Henker, du bist klug +genug, und dir brauch ich doch weiter keine Erklärung zu geben.« + +Das Mädchen sah einen Augenblick vor sich nieder und sagte dann leise -- + +»Wie hoch wird die Belohnung etwa sein?« + +»Wie hoch? nun =unter= vier Pfund Sterling per Mann auf keinen Fall, +wahrscheinlich aber sechs, und wie viel sind es gleich -- vier, sieben +-- neun, nicht wahr?« + +Das Mädchen sah zu ihm auf und schüttelte verschmitzt mit dem Kopf -- +die Falle war ein klein wenig zu plump gewesen. Charles mochte das auch +wohl fühlen, denn er wurde bis über die Ohren roth, sagte aber gleich +darauf lachend -- »bitt' um Entschuldigung, ich hatte ganz vergessen, +daß du gar nichts davon weißt. Doch genug für jetzt. Mir liegt selber +nichts daran, daß wir sie heut Abend erwischen sollten, und sind sie in +der Nähe, so thäten sie sehr wohl sich ein wenig von den Straßen oder +aus den öffentlichen Trinkhäusern zu halten, sie könnten sich +sonst leicht morgen an einem Orte finden, auf den sie Heute schwerlich +gerechnet haben. Also _good bye_, Polly, sei ein gut Mädchen und halte +die Augen offen.« + +Damit trat er mit ihr in den dunklen Gang zurück, zog sie etwas näher +an sich und -- doch es war zu dunkel etwas weiter zu erkennen. Als aber +gleich darauf die Thür aufging, stand Charles vorn im Haus, und Polly +kam, allem Anschein nach eben vom Hof, und trat in die Schenkstube. + +Als Charles wieder in die Stube kam, hatten die beiden Steuerleute schon +die Zeche bezahlt und sich zum Fortgehen gerüstet. -- Sie hielten sich +erst einmal vor allen Dingen nach der Rowson oder Rosenstraße hinüber, +wo ein freier eingezäunter Platz die eine Reihe Straßen begrenzt +und die Matrosen, in der Nähe zahlreicher verrufener Häuser gern +umherschlendern. Obgleich sie aber manchen von diesen begegneten, und +alle scharf ins Auge faßten, war doch keiner der rechten darunter. +Einmal freilich glitt eine dunkle Gestalt rasch und flüchtig vor +ihnen hin, verschwand aber auch gleich darauf durch die dort hohe +Pallisadenfenz, in eine kleine Thür, die sich hinter ihm schloß. Es +war dies kein öffentliches oder Kosthaus, und der Polizeimann hätte +erst einen »_warrant_« ausnehmen müssen, ehe er ein Privathaus +untersuchen durfte. Oft blieb Charles aber eine kurze Strecke zurück, +und flüsterte hie und da mit einer, im Schatten irgend eines niedern +Hauses, neben einem erleuchteten Fenster stehenden weiblichen Gestalt +-- er schien mit allen Winkeln und Höhlen der ganzen Stadt bekannt zu +sein. + +Es war etwa neun Uhr als sie nach Pittstreet zurückkamen; hier hatte +sich indessen manches verändert, und die im Anfang noch ziemlich +öde Straße wimmelte jetzt, besonders in der Nähe des Theaters, +von Menschen. Dem Theater gerade gegenüber sind eine Anzahl kleiner +Spelunken oder Trink- und Tanzhäuser nur von liederlichen Dirnen +besucht, zu denen sich die Menschen förmlich drängten. Unsere drei +Wanderer traten ebenfalls ein, und zwar zuerst in das bedeutendste, das +sogenannte »Shakespeare Haus.« + +Unten befand sich die sogenannte Bar -- ein Schenktisch mit den dazu +gehörigen Vorräthen von Flaschen und Gläsern; dahinter ein kleines +Zimmer für solche die ruhig ein Glas Bier trinken wollten. Beide Locale +waren aber fast leer von Gästen, und doch sollte dies Haus ungemein +großen Absatz haben. Außer diesen beiden Zimmern hatte es aber auch +noch andere Räume. Gleich neben der Bar, von dieser nur durch eine +Mauer getrennt, und mit einem aparten Eingang von der Straße, ging +eine schmale Treppe in die erste Etage hinauf, wo der ganze Raum in +zwei große Locale getheilt war. Das eine war ein hoher Saal, dessen +äußerstes Ende ein statuenartig und lebensgroß gemaltes Bild +Shakespeare's zierte. + +Der große Dichter stand aufrecht da und überschaute mit einem +merkwürdigen Zug unendlicher Gleichgültigkeit das ganze wilde Treiben +um sich her. Der Maler hatte in diesem Bild sicher eine schwere +Aufgabe gelöst, und Shakespeare wenigstens an Gestalt, Kleidung und +Gesichtszügen kennbar, zugleich aber auch mit einem so nichtssagenden +faden Gesicht hingestellt, daß man dem Bild, da der Maler gerade nicht +bei der Hand war, die erste beste Flasche hätte an den Kopf werfen +mögen. Rings an den übrigen Wänden waren Scenen aus Shakespeare's +Werken, colorirt, dargestellt, mit gerade solchen Gesichtern als sie +=der= Shakespeare geschaffen haben würde. -- Der Sturm und Romeo +und Julie, König Lear und Fallstaff hatten besonders dazu herhalten +müssen, und auf einem Bild stand eine lange schwarze Figur mit einem +Barrett auf dem Kopf und einer Kegelkugel in der Hand, und sah ums Leben +aus, als ob sie eben im Begriff wäre alle neun zu schieben. -- Das +sollte Hamlet sein. + +Es war noch ziemlich leer im Saal; in der äußersten linken Ecke stand +ein altes, abgepauktes Pianino wie ein Luftspringer auf einem Dorfe, der +sich auf die Hände stellt und mit den Füßen an der Wand hinaufreicht. +-- Vor diesem saß ein junger Mann, der Horn an den Fingern haben +mußte, denn er schlug unablässig eine alte Polka von vorn bis hinten +durch, und fing, wenn er hinten fertig war, vorn wieder an. Neben ihm +stand ein kleiner Junge mit einer Violine, der ihn zu begleiten suchte, +aber nicht mit kommen konnte. Allerdings hielt er ziemlich Tact mit ihm, +aber er konnte ihn nur nicht einholen. -- Der Schweiß stand ihm auf der +Stirn, die Augen traten ihm aus dem Kopf, die Finger gingen in rastloser +Hast auf den gequälten Saiten auf und nieder, aber vergebens -- zwei +Noten war er regelmäßig hinter ihm. Hätte der Clavierschläger nur +eine Secunde gewartet -- nur den Gedanken einer Secunde -- aber nein -- +vorwärts, unaufhaltsam vorwärts ging es, wie die wilde Jagd -- kein +Rückblick, außer für die, denen das Gesicht auf den Nacken gedreht +war -- und der Violinspieler gab die Verfolgung endlich in Verzweiflung +auf. + +Rings an den Wänden hin standen Bänke und Sophas; unter der +Shakespearestatue der beste, und auf diesem lag lang ausgestreckt +ein junges wunderhübsches Mädchen in einem seidenen, oben +hochanschließenden Kleid, unter dem die kleinen zierlichen Füße nur +eben mit den Spitzen hervorschauten. Ihre Beschäftigung war, wie sich +das unter einer Shakespearestatue auch gar nicht anders denken läßt, +eine rein geistige -- sie schlürfte ein Glas Brandy und Wasser, und +stellte das Glas als sie es ausgetrunken der Bequemlichkeit wegen vor +sich auf die Erde nieder. + +Auf den anderen Sophas und Bänken saßen viele andere Mädchen und +junge Leute -- von den ersteren einige sehr elegant gekleidet, mit +Hüten und Schleiern und großen Shawls, andere wieder mit schlicht +zurückgekämmten Haaren und kattunenen Kleidern. Ebenso großer +Unterschied war bei dem männlichen Geschlecht, von dem feingekleideten +Stutzer bis, in einzelnen Fällen, zum einfachsten Matrosen herunter, so +standen, saßen und lehnten sie in den buntesten und verschiedenartigsten +Gruppen umher. -- Nur der eine Unterschied war doch wohl, daß die +Mädchen alle einem bestimmten =jugendlichen= Alter angehörten, während +sich unter den Männern auch sogar einige aus dem »besten« befanden, die +mit noch recht jugendlichem Anstand scheinbar theilnahmlos hin- und +herwanderten, oder an einem der Tische ihren »Portwein St. Gris« +sippten. + +Der Tanz hatte aber noch nicht begonnen -- der verzweifelte Wettlauf der +beiden Musici schien nur erst eine Vorübung gewesen zu sein. + +Unsere drei Freunde fanden hier übrigens nicht was sie suchten, +und Charles meinte, sie wollten lieber später noch einmal hierher +zurückkehren, und erst nebenan in die anderen Locale hineinsehen. +Es sei wahrscheinlicher, daß sich einzelne der Leute, wenn sie sich +überhaupt in ein öffentliches Local getraut, eher dort als hier +aufhalten würden. + +Ehe sie übrigens die Treppe wieder hinuntergingen, traten sie noch +einen Augenblick in das nach vorn hinaussehende Zimmer. Drei junge +Mädchen saßen hier an dem mittleren Fenster und schauten nach dem +gegenüberliegenden Theater hinüber; ein paar andere lehnten in +verschiedenen Sophaecken und schienen zu schlafen, und an dem Tisch +stand eine sechste im eifrigen aber leise geführten Gespräch mit einem +jungen Mann, der sehr elegant gekleidet war, und augenscheinlich den +höheren Ständen angehörte. + +Hier war weiter nichts für sie zu thun -- sie stiegen die Treppe +hinunter, bogen rechts ab, und traten in das erste Local hinein, das +sie drei oder vier Thüren weiter hin fanden. Wilder Lärm tönte +ihnen schon bei ihrem Eintritt entgegen, aus dem Saal hinter der Bar +kreischten die schrillen Töne einer Violine hervor, und kaum hatten sie +diesen Platz betreten, als sie auch in eine wahre Wolke von Tabaksqualm +und Brandygeruch eingehüllt waren. + +Alle drei hatten aber schon in ihrem Leben weit schlimmere Dinge +mitgemacht, und bewegten sich in diesem Chaos wie in ihrem Element. In +der That gingen auch all diese äußeren Eindrücke spurlos an ihnen +vorüber, denn die männlichen Gäste bestanden fast einzig und allein +aus Matrosen von all den verschiedenen Schiffen in der Bay, und +die Dirnen, die sich zwischen ihnen herumtrieben, gehörten der +verworfensten Classe an. -- Auch lag der Platz weiter zurück und mehr +getrennt von der Hauptstraße, und mehrere der Leute vom Boreas sollten +in dieser Woche, und seit sie das Schiff verlassen, hier gesehen worden +sein. + +Charles rief den Barkeeper bei Seite und sprach eine kurze Zeit lang +heimlich mit ihm. -- Es war sehr wahrscheinlich, daß sich die Leute +des Boreas nicht alle an Einem Ort aufhielten, besonders da sie von +verschiedenen Nationen waren, und leicht möglich wäre es gewesen +einen oder den anderen hier aufzutreiben. Der Barkeeper wußte aber von +nichts; er schüttelte wenigstens höchst entschieden mit dem Kopf, und +machte dabei fortwährend eine Bewegung mit seinem Körper, als ob ihn +hinten jemand am Hosengurt gefaßt habe, denn eine Jacke trug er +nicht, und aus Leibeskräften daran zöge. Nur der Respect vor dem +Polizeidiener, den er, wenn auch in Civil, doch jedenfalls kannte, hielt +ihn noch zurück. + +»Ich bin sicher, daß hier Einer oder ein paar von den Burschen gewesen +sind«, sagte Charles, als er zu den Steuerleuten zurückkam. -- »Der +Schuft erschrack, als ich es ihm auf den Kopf zusagte, und war gar so +ängstlich bemüht, wieder von mir abzukommen. -- Wir wollen fortgehen +und nachher noch einmal einsprechen, dann aber gleich hinten in die +kleine Kammer gehen, ehe sie uns vermuthen können.« + +Zwei Häuser weiter war eine andere solche Kneipe -- dort standen einige +zehn oder zwölf Mädchen vor der Thür, und zankten sich und schimpften +einander. Von der anderen Seite der Straße kamen mehrere Constabler +herüber, und die Dirnen, die nicht arretirt sein wollten, traten +rasch ins Haus, setzten aber hier den Streit in einer der Nebenstuben +unerbittlich fort. Es waren meist noch junge Dinger von sechszehn bis +achtzehn Jahren. Mehrere hatten aber schon blaugeschlagene Augen -- die +Folgen eines früheren Gefechts, vielleicht vom letzten Sonnabend Abend +-- viele trugen brennende Cigarren im Mund. Natürlich drängte sich +dabei Alles um sie her, den fast stets in Thätlichkeiten ausartenden +Scandal zu Ende zu sehen, und was nur von Matrosen in der ganzen Straße +war, schien sich hier auf einmal concentrirt zu haben. + +»Jetzt ist unsere Zeit« flüsterte Charles den beiden Steuerleuten zu. +-- »Stellen Sie sich beide an verschiedenen Seiten der Stube auf und +betrachten sie sich vor allen Dingen die Gesichter der Hereinkommenden. +-- Die wieder hinaus wollen, müssen nachher immer bei mir +vorbeidefiliren. Sehen Sie einen der Burschen, dann geben Sie mir nur +ein Zeichen, und für das andere werde ich sorgen.« Er schlug dabei +bedeutungsvoll auf seine Tasche, in welcher er ein paar, von der +Regierung bezeichnete Handschellen, für ihn zugleich der eiserne +Ausweis seiner Function, trug. + +Der Streit im Innern nahm indessen einen immer bedenklicheren Character +an. Die beiden Feindinnen hatten die Arme in die Seite gestemmt, und +bliesen den Rauch ihrer Manillas in dicken Wolken von sich. -- Es war +das ein Zeichen sehr heftiger Gemüthsstimmung, und Beide gehörten +jedenfalls dem verworfensten Theil der menschlichen Gesellschaft an. + +»Und was thust Du überhaupt hier, Du gotteslästerliches Ding Du mit +deinen großen Glotzaugen?« rief die eine jetzt, die Unterhaltung wie +es schien auf ein anderes Feld überführend. -- »Was hast Du hier +zu suchen, als Dich unnütz machen und Scandal anfangen Du -- +Preisverderber Du --« + +»Was ich hier thue?« schrie die andere aber, und schleuderte mit einem +entsetzlichen Fluche ihre brennende Cigarre zur Erde nieder, während +sie sich zu gleicher Zeit die Aermel in die Höhe streifte und zum nicht +mehr zu vermeidenden Kampfe vorbereitete; sie hatte die Geduld verloren. +-- »Ich gehe meinem Broderwerb nach so gut wie Du -- -- und wenn Dir +das nicht genügende Auskunft ist, so will ich Dir meine andere mit +rother Dinte in die Fratze zeichnen.« + +»_Go it Nelly_ -- _go it ye cripples_ -- Hurrah für Sally -- fünf +Schilling auf Nelly« -- schrieen mit einem wilden Gejauchze die +umstehenden Matrosen, die einen festen Kreis um die beiden gebildet +hatten. + +»Vier Brandy hot«, schrie in diesem Augenblick der rothhaarige +Kellner, und versuchte mit einem Präsentirteller und vier halb +gefüllten Gläsern in das Zimmer zu dringen. Es wäre für ihn aber +viel vortheilhafter gewesen, hätte er statt dem bestellten =heißen= +Brandy, kalten gebracht, denn irgend einer von den fünfzig Ellbogen, +die ihm in seiner nächsten Nähe entgegenstarrten, fuhr ihm -- ob +absichtlich oder unabsichtlich, wer kann das sagen -- unter den Teller +und sandte dem armen Teufel die ganze Ladung im wahren Sinne des Worts +»über den Hals« und in das Vorhemdchen. + +Sally war übrigens zu viel »_game_«, auf solche Ausforderung auch nur +noch weiter ein anderes Wort, als höchstens einen Fluch zu erwiedern. +-- In demselben Moment schleuderte sie ebenfalls ihre Cigarre mitten +zwischen die sie umdrängende Schaar, die lachend das Feuer von sich +abschlug, und fiel in richtiger Boxerstellung auf ihre Gegnerin aus. + +Das Schreien und Hurrahen hatte in diesem Augenblick seinen höchsten +Grad erreicht, und die Stube drängte so voll von Menschen wie sie +nur Kopf an Kopf neben einander stehen konnten. Alles was in der +Nachbarschaft gewesen war, preßte herzu. + +Der Mate vom Boreas, der sich im Anfang ziemlich nahe der Thür postirt +hatte, um im Fall der Noth gleich bei der Hand zu sein, war durch das +Zuströmen immer neu Hinzukommender viel weiter zurückgeschoben worden +als ihm selber lieb sein mochte. Hinaus konnte er aber nicht wieder, bis +sich wenigstens ein Theil der Menge verlaufen hatte, und er that deshalb +nur sein Möglichstes einen Platz auf dem Fensterbrett zu gewinnen. +Nicht aber um dem Kampfe zuzusehen, denn der interessirte ihn sehr +wenig, sondern die stets wechselnden Gesichter zu beobachten, die sich +theils immer noch in das Zimmer drängten, theils die Thüre in einem +dicht geschlossenen Ring von Köpfen umstanden. + +An der Thür hatte Charles noch immer, trotz jedem Andrang von außen, +seinen Posten behauptet, nur war er ein klein wenig nach innen geschoben +worden, und blickte abwechselnd nach den beiden Mates hinüber, ob +nicht Einer von ihnen seine Thätigkeit für irgend ein noch näher zu +bezeichnendes Individuum in Anspruch nehmen wollte. Da sah er, wie sich +plötzlich der Steuermann vom Boreas so hoch aufrichtete, wie er sich +nur immer auf seine Zehen heben konnte und, ein Bild der gespanntesten +Aufmerksamkeit in die Masse von Menschen starrte. Ein Gesicht war vor +ihm aufgetaucht, das er nur noch nicht recht erkennen konnte, weil die +Lampe darüberhing, die ihren Schatten hinunter warf. + +Dies Gesicht gehörte aber niemand anderem als unserem alten Bekannten +Bill, der, die Hände in den Taschen und eine Cigarre im Munde, eben +am Haus vorbeigeschlendert war, als der Lärm innen sich erhob, und nun +blos einmal sehen wollte was hier vorging. Fast ohne daß er es merkte, +war er aber weiter und weiter in das Zimmer hineingeschoben, und der +Kampf selber hatte im ersten Augenblick seine Neugierde so erregt, daß +er wirklich an gar keine weitere Gefahr für seine eigene Person dachte. +Endlich, aber nur zufällig und nicht etwa aus irgend einer Ahnung ihm +drohenden Unheils, warf er den Blick einmal höher, senkte ihn aber +nicht wieder, denn er begegnete gerade in diesem Momente dem seines +eigenen Steuermanns, von dem er, sobald der nur einmal sein Auge +sehen konnte, ebenfalls erkannt wurde. Der Steuermann stieß halb in +Ueberraschung, halb in Freude einen lauten Schrei aus. + +Den Schrei würde nun freilich der an der Thür postirte Charles in +all dem wilden Lärmen nicht gehört haben, aber die damit begleitete +Bewegung entging ihm nicht, und fast unwillkürlich griff er schon in +die Tasche, die eisernen »_darbies_« herauszuholen. + +Bill war übrigens viel zu klug, nicht mit einem einzigen Blicke seine +ganze Gefahr zu übersehen, denn er wußte recht gut daß der Steuermann +hier in dies Local nicht allein hereinkommen würde, ohne jedenfalls +noch Hülfe, am Ende gar Polizei, bei sich zu haben. Dabei hatte das +Zimmer nur eine Thür, und war die -- und wie konnte es anders sein, +besetzt, so befand er sich hier allerdings in einer Falle die +ihn umsomehr ärgerte, da ihn sein eigener fabelhafter Leichtsinn +hineingeführt. -- Für den Augenblick ließ sich noch dazu gar nichts +thun, seine Lage auch nur im Geringsten zu verbessern. -- Er konnte +seine Hände nicht einmal aus der Tasche bekommen, so drängte das Volk +um ihn her, denn der Kampf nahte sich seinem Ende: Nelly hatte schon +ein, Sally zwei blaue Augen und die letztere empfing gerade unter dem +beifälligen Hurrahschrei der Masse einen letzten entscheidenden Schlag, +der sie wie todt zu Boden warf. Nelly war ein sehr nervöses Mädchen, +d. h. sie hatte ausgezeichnete Nerven und Muskeln. + +Bill interessirte sich aber nicht im mindesten mehr für den Kampf; +seine eigene Lage nahm seine Aufmerksamkeit viel zu sehr in Anspruch, +und rasch warf er den Blick umher, jede nur irgend günstige Gelegenheit +zu seinem Vortheil zu benutzen. + +Der Mate hatte indessen mit Charles eine Art telegraphischer Depesche +unterhalten, worin er ihm bemerkbar machte, daß Einer der gesuchten +Leute hier in der Mitte des Zimmers sei. Zugleich gab er ihm dabei zu +verstehen, daß er einen großen Bart habe. Bill sah das alles selbst +mit an. So gern er aber auch seinen Feind mit eigenen Augen kennen +gelernt hätte, wagte er doch nicht den Blick dorthin zu wenden, und +wäre am liebsten in dem Meer von Köpfen, das ihn umgab, untergetaucht, +wenn er sich auch nur einen Zoll hätte bewegen können. Aber fest +eingekeilt stand er da, und der Mate warf dem Polizeidiener einen +triumphirenden Blick zu. Bill war ihm sicher. + +Gerade in diesem Augenblick machte Nelly noch einen Ausfall auf die +schon gefällte Feindin. Das aber war zu unritterlich, als daß es die +Umstehenden hätten zugeben sollen, und sie warfen sich zwischen sie. +Dadurch bekam Bill wenigstens so viel Luft, die Hände aus den Taschen +zu ziehen und sich selber niederzuducken. Zu gleicher Zeit nahm er einen +verzweifelten Anlauf gegen die Beine der ihn Umdrängenden -- es blieb +ihm kein anderer Ausweg mehr als mit Gewalt durchzukommen, wußte er +doch recht gut, daß jeder versäumte Augenblick seine Gefahr nur immer +noch vergrößern mußte. Wie ein unter Wasser Fortschwimmender hielt er +dabei geraden Cours auf die Thür zu, obgleich er das Schlimmste von +den draußen stationirten Constablern fürchtete. Er konnte aber nicht +anders und vertraute jetzt nur seinem guten Glück. + +So wie aber der Mate diese Bewegung des Flüchtlings bemerkte, von der +er augenblicklich den richtigen Grund errieth, schrie er dieses dem +Polizeidiener zu, und da er wohl merkte, daß der in dem Heidenlärm +kein Wort verstehen konnte, suchte er ihm die Absicht ihres Opfers +pantomimisch begreiflich zu machen. Aber auch dies hatte seine +Schwierigkeiten, denn er mußte sich mit einer Hand am Fenster +festhalten, und durfte sich auch nicht tief bücken, sonst konnte ihn +Charles nicht sehen. Durch diese unbequeme Stellung wurde er gezwungen +die wunderlichsten und entsetzlichsten Bewegungen zu machen, so daß +Charles ganz erstaunt zu ihm hinübersah, und gar nicht begreifen konnte +-- oder wollte, was das alles eigentlich zu bedeuten habe. + +Das rettete Bill -- gerade in diesem Augenblick glitt er wie eine +Schlange, obgleich unbewußt, an den Beinen seines gefährlichsten +Gegners vorbei, der schon die Handschellen für ihn gefaßt hielt, und +war im nächsten Moment auf der Straße -- in Kingstreet, Kingstreet +hinauf in alle kleinen Quergassen die er auftreiben konnte, und +spornstreichs nach seinem Versteck zurück; fest entschlossen, dieses +von jetzt an mit keinem Schritt wieder zu verlassen. + +Der Steuermann vom Boreas wollte erst gar nicht glauben, daß ihnen der +Matrose entgangen sein konnte; es war aber doch so, und er tröstete +sich zuletzt damit, er habe sich am Ende gar getäuscht, und Bill sei +das gar nicht gewesen. Es war auch nicht wahrscheinlich, daß sich +dieser so öffentlich und allein herauswagen sollte -- und doch hatte er +ihm erstaunlich ähnlich gesehen. + +Von hier aus gingen sie noch einmal in das Shakespeare Haus zurück. +Hier schien indessen alles in vollem Gang; das Theater war gerade aus, +und zu den jetzt vereinigten Tönen des Claviers und der Violine -- die +wunderbarerweise zusammenstimmten -- drehten sich die flüchtigen und +mitunter auch sehr graciösen Paare in Quadrillen und Contratänzen. +Alle Sophas waren besetzt, alle Stühle und Tische von Menschen +beiderlei Geschlechts in Beschlag genommen, und eine ungeheure +Quantität von Brandy und Portwein wurde verzehrt. Shakespeare sah dabei +noch mit demselben nichtssagenden Gesicht auf die bunten Gruppen nieder, +und Hamlet war noch immer am Schub. + +Für ihren Zweck fanden sie aber nichts, weder hier noch nebenan, +und verließen bald darauf Pittstreet, um zuerst einmal ein Stück in +Georgestreet hinaufzugehen, wo sie ein besonderes Haus an der Ecke von +George- und Kingstreet im Auge hatten. + +Es war dies ebenfalls ein Schenkhaus, aber zugleich mit einer Art +Abendunterhaltung. Sie gingen durch die Schenkstube und ein paar Stufen +hinauf in ein anderes saalartiges Zimmer, sehr einfach mit hölzernen +Bänken und Tischen meublirt, und im Hintergrund mit einer Art schmaler +Bühne, in dessen einer Ecke ein Clavier traurig auf drei Beinen stand +und von einem jungen Virtuosen in einem abgetragenen blauen Frack +»beschlagen« wurde. Diese musikalische Abendunterhaltung war aber +nicht zum Tanz eingerichtet, sondern hatte einen höheren, geistigen +Zweck, der sich ihnen bald offenbaren sollte. + +Auf die Bühne trat eine Gestalt in einem Charakteranzug, für die +Person aber jedenfalls höchst passend gewählt. Sie war in einen +zerrissenen Frack, an dem bedenklichsten Theil stark beschädigte +Beinkleider und einen eingedrückten Hut nebst schiefgetretenen Schuhen +gekleidet, und sang ein komisches, sehr langes und sehr unanständiges +Lied, das bei dem Publicum den unbegränztesten Beifall fand. Das +Letztere bestand zur einen Hälfte aus Matrosen und Handarbeitern aus +der Stadt, und zur anderen aus liederlichen Dirnen, die wie in all den +anderen derartigen Häusern hierherkamen ihre Cigarre zu rauchen, ihren +Brandy zu trinken und Bekanntschaften anzuknüpfen. Es waren widerliche, +freche, ekelerregende Geschöpfe. + +Auch hier fanden sie keinen ihrer Leute. Gerade aber als sie wieder aus +der Thür auf die Straße traten, rannte in ziemlicher Eile ein junger +Bursch gegen den Mate des »Phönix« an und wollte eben mit einer +Entschuldigung ausweichen, als dieser sein Gesicht zu sehen bekam und +rasch zugriff -- + +»Hallo Smith«, rief er dabei aus, »ich bin höllisch froh dich hier +so zufällig zu finden; habe schon einen langen Spaziergang dir zu +lieb gemacht. Hr. Charles, ich möchte Sie einmal um ihre Handschellen +bemühen.« Charles war rasch damit bei der Hand, der arme Teufel von +Matrose aber, der hier so plötzlich dem Feind gerade in den Rachen +gerannt war, wollte wenigstens noch einen letzten Versuch machen zu +entwischen. Sich deshalb auf seine schnellen Beine verlassend, riß +er sich rasch von dem Mate, der daran gar nicht mehr dachte, los, und +sprang Kingstreet hinauf. Die Straße war aber hier hell erleuchtet +und an den Ecken von King- und Kentstreet stand ein wahres Nest +von Constablern. Der Alarmschrei wurde gegeben, die Straße war +augenblicklich besetzt, und fünf Minuten später befand sich Smith in +den Händen und Handschellen des Polizeidieners Charles von der Sidney +Wasserpolizei. + +Es war indessen schon ziemlich spät geworden, und Charles ging mit +seinem Gefangenen zu seiner Station hinunter. Die beiden Steuerleute +wollten aber erst noch einmal zu dem besprochenen Sammelplatz hinauf, +wo sie weiteres von den übrigen Dienern der Gerechtigkeit und ihren +eigenen Cameraden über den Verlauf und das »Glück« des Abends hören +sollten. + +Dicht vorher, ehe sie das in Pittstreet ihnen bezeichnete Haus +erreichten, und oben zwischen Druitt und Bathurststreet, kamen die +Beiden an einem kleinen niedern Schenkhaus vorbei, wo sie ebenfalls +Lärm hörten. Die Thür stand offen und sie traten ein. + +Es war eines der gewöhnlichen Branntweinhäuser geringerer Classe, +und es schien hier an diesem Abend schon wild hergegangen zu sein. Eine +Masse Gläser standen ungespült mit Löffeln und Zuckersatz auf dem +Schenktisch -- andere lagen zerbrochen auf der Erde. Unter einem der +Tische lag ein trunkenes menschliches Wesen, das weibliche Kleidung +trug, auf dem anderen Tisch lehnte mit dem Kopf ein Mann und schnarchte +schwer. Hinter der Bar stand der Wirth, der auch der Flasche +bös zugesprochen zu haben schien, denn er konnte die kleinen +dickgeschwollenen Augen nicht mehr offen halten, und schlief im Stehen. + +Die scheußlichste, aber auch interessanteste Gruppe bestand aus fünf +Frauen und Mädchen, zwei noch jung, dem Anschein nach wenigstens nicht +mehr als zwanzig bis einundzwanzig Jahr, und vielleicht noch jünger, +denn das wüste Leben altert vor der Zeit, die anderen aber schon +über die dreißig hinaus, mit widerlichen, schmutzigen, geschwollenen +Gesichtszügen und =alle= betrunken. Den ungemischten Brandy gossen sie +in die ausgebrannten Kehlen, und lachten und schrieen sich die rohsten, +wüstesten Sachen zu. Es hörte aber schon keine mehr was die andere +sprach. + +Abgesondert von allen übrigen stand ein einzelnes Mädchen, vielleicht +achtzehn Jahre alt -- das Haar hing ihr wild um die Schläfe, die +Schminke war ihr zum Theil von den Wangen gelaufen und die bleiche +schmutzige Haut sah darunter vor. -- An Stirn und Schläfen trug sie +dabei Zeichen eines kürzlich bestandenen Kampfes, das geronnene Blut +klebte dort noch an mehrern Stellen. Das Zeug hing ihr unordentlich +und zerrissen am Körper, an der linken Seite war es ihr vollkommen +aufgeschlitzt und eine volle weiße Brust quoll hindurch. Mit der linken +Hand hielt sie aber ein halb mit Brandy gefülltes Glas -- sie hatte +schon einen Theil desselben getrunken und sang jetzt mit leiser +wunderbar melodischer Stimme eines jener so zum Herzen sprechenden +irischen Volkslieder -- »_oh no, we never mention her_.« + +Keiner hörte aber auf sie, der Wirth schlief, die anderen Weiber hatten +zu viel mit sich selber zu thun, und die Singende schien ihrer auch +wenig zu achten. In wilder heftiger Tonart hatte sie das Lied begonnen, +wie sie aber weiter und weiter hineinkam, schienen andere, vergangene +Scenen vor ihr aufzutauchen -- Ihre Stimme wurde weicher und weicher, +und bei den letzten Worten »_if he has loved, as I have loved, he never +can forget_« -- ließ sie auf einmal das Glas fallen, das am Boden +zersplitterte, warf sich auf die ihr nächste Bank nieder, barg das +Gesicht in den Händen und schluchzte laut. + +»_Nine pence_ für das Glas, _sixpence_ für den Brandy«, sagte der +Wirth noch halb im Schlaf -- »macht einen Schilling drei Pence -- wer +war das?« fuhr er dann aber plötzlich in die Höh und blinzte unter +den kurzen borstigen Augenlidern schläfrig vor. + +Die beiden Männer schlugen im Ekel die Thür hinter sich zu, und +erreichten bald darauf den bestimmten Versammlungsort, wo sie die +übrigen schon ihrer harrend fanden. + +Vom Boreas war ein Franzose unten am Wasser eingefangen, von dem +Phönix noch ein anderer, und drei Matrosen von einem schon länger +eingelaufenen Wallfischfänger. Man hatte aber sonst nutzlos all die +Plätze durchstöbert, wo den Polizeileuten, wie sie sagten, gewisse +Kunde zugegangen, daß sie heimlich versteckte Matrosen finden sollten. +Wie sie meinten, war ihnen der auf den Fang gesetzte Preis noch nicht +hoch genug, denn sie könnten nicht anders hinter ihre Schlupfwinkel +kommen, als wenn sie die Leute, die sie versteckt hielten, bestachen, +ihnen selbst den Zufluchtsort anzuzeigen. Das kostete natürlich viel +Geld, und wollten die Capitäne nicht so viel anwenden, so sollten sie +nur noch »ein Bißchen Geduld« haben. Mit der Zeit hofften sie schon +alle wieder zu bekommen. + +»Mit der Zeit« -- das konnte aber noch vier bis sechs Wochen dauern, +und sie wußten recht gut, daß die Schiffe dann das zehnfache an +Unkosten haben würden. Sie bezweckten aber auch damit was sie wollten. +Die Capitäne waren gezwungen höhere Belohnungen auf den Einfang der +weggelaufenen Leute zu setzen. + +Als sie auf ihre Schiffe zurückkehrten, mochte es schon ein Uhr Morgens +sein, und die Straßen waren still und öde. Einzelne Constabler gingen +langsam auf und ab, und ihre Schritte hallten von den hohen Gebäuden +wieder. Nur nach unten, nach dem Wasser zu zeigte sich der helle +Schimmer weiblicher Kleidungsstücke. Es waren zwei Frauen, die +betrunken auf einem Haufen dort gebrochener Steine lagen und ihren +Rausch ausschliefen. Da sie keinen Lärm mehr machten, ließen sie die +Constabler ruhig liegen. + + + + +Siebentes Capitel. + +Was das Geld vermag. + + +Noch volle zehn Tage nach diesem Abend hatte der Boreas draußen in der +Bay gelegen, und auf das Einfangen seiner Leute gewartet, ohne nur das +mindeste Resultat weiter erzielt zu haben. Neue konnte der Capitän +ebenfalls nicht bekommen; seine frühere Mannschaft hatte seinen Ruf +durch die ganze Stadt verbreitet, und ein Proceß, den er gleich beim +Einlaufen mit dem Koch und einem der französischen Matrosen gehabt und +der =gegen= ihn entschieden und in den Blättern besprochen war, diente +auch nur noch dazu, Matrosen, die ja schiffen wollten und dazu hundert +andere Gelegenheiten finden konnten, vor seinem Schiff zu warnen. + +Er =mußte= aber jetzt fort -- schon hatte er sich wieder genöthigt +gesehen frisches Wasser und sogar noch mehr Futter für die Pferde, die +er an Bord hatte, einzunehmen. Die Preise der Leute stiegen dabei von +Tag zu Tag, und es geschah endlich was die Diener der Wasserpolizei +schon lange vorhergesehen hatten -- er mußte sechs Pfund Sterling auf +jeden eingefangenen Matrosen stellen, und brachte dadurch die ganze +Polizei in Bewegung. Hier war etwas zu verdienen, und Charles wenigstens +wußte, an wen er sich zu wenden hätte. + +Es wird übrigens Zeit, daß ich den Leser auch wieder zu den +Hauptpersonen dieser Erzählung zurückführe. + +Die Mannschaft des Boreas hatte sich an dem Morgen, wo sie ihre Flucht +so glücklich von Bord bewerkstelligte, nach Verabredung in das goldene +Kreuz begeben. Hier harrte ihrer schon der Wirth, nahm ihre Sachen in +Empfang, die er sorgfältig in ein besonderes kleines Zimmer verschloß, +und ließ die Flüchtigen dann durch einen jungen Burschen, den er zu +diesem Zweck die Nacht bei sich behalten hatte, über die Bay schaffen. +Er beköstigte sie dort, und war durch ihre Kleider für die Auslagen +der wenigen Lebensmittel, durch ihre Entfernung aber auch dagegen +gesichert, daß das Gesetz ihm, wenn sie wirklich ausgespürt wurden, +nicht zu Leibe konnte. + +Ging nun alles gut, d. h. segelte das Schiff ohne seine Matrosen wieder +bekommen zu haben, so bekümmerte sich die Polizei entweder gar nicht +mehr um sie, oder war besondere Ordre zu diesem Zweck vom Capitän +hinterlassen worden, so wurden sie im schlimmsten Fall auf kurze Zeit +hingesetzt und sahen sich dann wieder frei, Arbeit anzunehmen wo sie +es für gut hielten. Die besorgte ihnen aber dann ihr sogenannter +»Schlafbaas«, und sah sich wohl vor, daß er vor allen Dingen seine +Kost und sein Logis bezahlt bekam, indem er den ersten oder die beiden +ersten Monate Löhnung, die besonders Schiffe in solchem Falle stets +vorauszahlen müssen, in Empfang nahm. Bekam er das, so konnten die +Leute ihre Sachen wieder bekommen, geschah das nicht, so waren sie ihm +verfallen und er hatte immer reichlich seine Kosten gedeckt. + +In den meisten Fällen verdienen diese Schlafbaasen, die in solcher +Weise gewissermaßen eine Art Seelenhandel treiben, schönes Geld. +Hundertmal ist es schon dagewesen, daß sie zuerst die Matrosen selbst +überreden ihr Schiff zu verlassen, und sie dann, so wie nur ein +richtiger Preis auf ihren Fang gesetzt wird, dem Capitän des Schiffes +oder am häufigsten den Polizeidienern selber anzeigen, mit denen sie +zwar den Raub theilen müssen, aber auch gegen die Folgen vollständig +gedeckt sind. + +Man sagte, daß der Wirth im goldenen Kreuze auf solche Art und Weise +ebenfalls sein ganzes Vermögen zusammengeschlagen habe, und den armen +Matrosen ein wirkliches Kreuz gewesen sei. Er hatte auch stets eine +ganze Zahl solcher Leute, die bei ihm in Kost gingen, und in seinem +eignen Hause wohnten. Dorthin kamen sie aber erst, wenn er von dem +Gesetz nichts mehr zu fürchten brauchte -- bis dahin wußte er bessere +und sicherere Plätze für sie. An einen solchen Ort hatte er denn +auch die Leute vom Boreas geschickt, die sich jetzt noch unter keiner +Bedingung in der Stadt durften sehen lassen. + +Es war am 22. August, ziemlich spät am Abend, und schon seit drei +Tagen hatte das Gerücht in der Stadt Umlauf gefunden, der Boreas habe +Mannschaft und wolle in See gehen. Nichtsdestoweniger durfte noch keiner +der Leute aus seinem Versteck, und Polly hatte es besonders Jean, +der sich bis dahin an solche Verordnungen wenig gekehrt, sehr streng +anbefohlen, sich unter keiner Bedingung in der Nähe des goldenen +Kreuzes sehen zu lassen. + +Diesem Verbot gehorchte Jean auch auf das pünktlichste, keine +Seele wurde ihn in der Nähe des Platzes, der für ihn die größte +Anziehungskraft hatte, gewahr, aber =im= goldenen Kreuz selber stellte +er sich jeden Abend pünktlich ein, gab Polly das verabredete Zeichen +und schlüpfte dann zwei Treppen hinauf in das kleine Hinterstübchen, +wo er doch wenigstens manchmal, wenn sie unten für kurze Zeit abkommen +konnte, ein paar Worte mit ihr plaudern mochte. Jean hatte Polly, der +Sicherheit wegen, sein ganzes Geld zum Aufheben gegeben, und =sie= ihm +dafür, sobald der Boreas erst einmal fort sei, ihre Hand versprochen. + +Jean wollte mit einem Landsmann, den er in Sydney getroffen, ein kleines +Geschäft anfangen und die Aussichten waren dazu gerade in dieser Zeit +vortrefflich. + +Er wie seine Cameraden wohnten indessen gerad über der Bay drüben, am +sogenannten North Shore in einem kleinen abgelegenen Häuschen, an einer +Stelle im dichten Busch, die selten jemand betrat, und wo gewiß niemand +entflohene Matrosen gesucht hätte. + +Denselben Abend um acht Uhr stand Polly mit unserem alten Bekannten +Charles von der Wasserpolizei im Hausflur -- im Schenkzimmer war es +fast ganz leer heut Abend -- Mr. Mac Carther lehnte hinter der Bar und +schlief, und Madame saß und strickte, und betrachtete nur dann und wann +mit ziemlich verdrießlichen Blicken zwei Kunden, die schon seit einer +halben Stunde hinter dem Tische saßen und an einem »nobbler brandy« +zogen. Polly wurde nicht vermißt. + +»Also es bleibt bei unserer Verabredung«, sagte Charles gerade in +diesem Augenblicke und reichte Polly die Hand zum Einschlagen, die er +nachher fest in der seinen behielt -- »es bleibt dabei und -- =keine +Ausnahme=.« + +»Ich weiß nicht«, sagte Polly piquirt, »was du immer mit der +Ausnahme meinst, daß du die mit einem so bedeutenden Ton erwähnst. -- +Wenn ich einmal etwas sage, so kannst du dich darauf verlassen.« + +»Polly«, meinte Charles lächelnd, »ich habe dir schon einmal gesagt, +daß mir von zwei Personen als ganz gewiß mitgetheilt ist, du habest +dich mit dem einen Franzosen versprochen.« + +Polly zog ihre Hand rasch aus der seinen und rief ärgerlich -- + +»Mit einem Franzosen; ich dächte doch du kenntest mich besser, als +daß ich mich an einen der Parlewus hängen sollte. Daß er mir den Hof +gemacht hat weißt du, und in Ehren kann man auch ein Geschenk annehmen. +Damit ist die Sache aber auch fertig, und wenn du nun noch einmal --« + +Ein scharfer, vom Hof gellender Pfiff unterbrach hier ihre Rede, und das +Mädchen schrack so auffallend zusammen, daß es Charles selbst in der +dunklen Flur auffallen mußte. + +»Hallo!« sagte er leise und horchte -- Polly wollte nach dem Hof +zu gehen, er faßte sie aber am Arm und flüsterte: »bleib nur einen +Augenblick hier, Polly -- wir gehen gleich zusammen.« + +Vorsichtige Schritte wurden jetzt gehört, die fast geräuschlos aber +rasch die Treppe hinaufgingen. -- Sie verriethen, daß der welcher +diesen Weg nahm, ihn schon mehr als einmal gegangen sein mußte. +Charles mochte das wohl auch fühlen, denn als die Tritte mehr nach oben +verhallten und die Stufen jetzt kaum hörbar im zweiten Stock knarrten, +sagte er leise vor sich hinlachend: + +»Der kennt jede Stufe im ganzen Haus, darauf wollt' ich schwören. -- +Also das sind die ersten sechs Pfund, Polly, wie? --« + +Das Mädchen stand einen Augenblick wie unschlüssig da -- sie +erwiederte kein Wort. Endlich als oben eine Thür leise aufging und +wieder geschlossen wurde, sagte sie, mehr zu sich selber als zu +dem jungen Manne sprechend, und wie nur mit ihren eigenen Gedanken +beschäftigt: + +»Er hat mir Geld zum Aufheben gegeben.« + +»Für so dumm hätt' ich ihn nicht gehalten«, meinte Charles trocken, +-- »doch Matrosen wissen überhaupt nicht ihr Geld zu wahren. -- Gehe +aber jetzt in die Stube, Polly, ich will noch etwas warten, damit kein +Verdacht auf dich fällt.« + +»Aber Charles --« + +»Aber Polly -- Und nicht etwa ein Zeichen gegeben. -- Ich gehe nicht +fort, ich bleibe hier unten an der Treppe stehen -- _good bye_, Polly +-- Heut Abend werden wir nicht weiter mitsammen sprechen können, morgen +Mittag aber komm ich her und sage dir Antwort, und -- laß der Alten +nichts merken.« Damit nahm er die sich nur schwach Sträubende ohne +weitere Umstände beim Kopf, küßte sie herzhaft ab und öffnete dann +selber, ihr jede weitere Einrede abzuschneiden, die Thür, hinter der +er sich aber wohlweislich verborgen hielt. Es blieb Polly auch gar +kein anderer Ausweg als einzutreten, und um ihre Bewegung zu verbergen, +machte sie sich, so viel sie konnte, im Zimmer Beschäftigung, wischte +die Tische ab, und trocknete die Gläser aus. + +Noch war sie mit dieser letzten Arbeit beschäftigt, als dicht vor dem +Fenster, draußen auf der Straße, dreimal mit einem schweren Stock +aufgestoßen wurde -- sie erschrack so heftig darüber, daß sie das +eben erst aufgenommene Glas fallen ließ, wobei es in Scherben brach. +Während Mrs. Mac Carther noch darüber zankte, standen die beiden +Männer, die am Tisch gesessen hatten, auf, tranken das letzte aus was +sie noch im Glas hatten, und verließen langsam das Zimmer. Das diente +ebenfalls nicht dazu Madame in bessere Laune zu bringen. + +»Da geht das Lumpengesindel, das in zwei Stunden für einen Sixpence +verzehrt hat -- und dafür muß man Licht verbrennen und Gläser +zerbrechen lassen. Wenn ich meinen Willen hätte, so würden die Tische +und Bänke hier eher zu Feuerholz verbrannt, als daß sie mit hälfen +das faule, povere Gesindel auch noch hier in seinem Müßiggang zu +bestärken, und Einem zu Schimpf und Aerger da sitzen zu bleiben.« + +Mac Carther, der durch das Zerbrechen des Glases erwacht und aufgefahren +war, warf einen vorsichtigen Blick im Zimmer umher. Da er aber niemanden +bemerkte, wollte er sich eben wieder auf seinen alten Sitz niederlassen, +als er schwere Schritte auf der Hausflur hörte. Er war noch nicht +ganz hinter dem Schenktisch vor als die Thür aufging, Charles den Kopf +hereinsteckte und sagte: + +»Mr. Mac Carther, auf ein Wort.« + +Polly horchte mit der gespanntesten Aufmerksamkeit, und das Herz schlug +ihr fast hörbar in der Brust, aber sie konnte nichts verstehen. -- Die +Männer gingen zusammen die Treppe hinauf -- sie konnte es endlich +nicht länger aushalten, ging an die Thüre und öffnete diese. -- Oben +entstand Geräusch -- ein Schlüssel wurde im Schloß umgedreht und dann +angeklopft -- Alles ruhig -- im nächsten Augenblick schallte ein Lärm +herunter, als ob eine Thür aufgebrochen würde. + +»Polly« -- rief Mrs. Mac Carthers Stimme -- Polly drehte sich um +und ein ganzer Schwarm Matrosen kam in diesem Augenblick durch die +Mittelthür ins Zimmer -- Brandy, Ale, Porter, Portwein, alle nur +möglichen Getränke wurden verlangt, und Polly hätte gerade in diesem +Moment Gott weiß was dafür gegeben, nur wenigstens eine ungestörte +Viertelstunde zu haben. Bald darauf kamen die Schritte wieder die Treppe +herunter; Stimmen wurden auf der Hausflur gehört und das Geräusch +verlor sich auf der Straße. Fast in demselben Augenblick kam Mr. +Mac Carther herein, warf die Thür hinter sich zu, daß die Fenster +klirrten, griff seinen Hut auf und stürmte wieder hinaus. + +Gleich darauf war Alles ruhig und Polly sagte leise vor sich hin -- +»Gott sei Dank, daß es vorbei ist.« + +Als Charles Mr. Mac Carther zu sich auf die Flur gerufen hatte, sagte er +zu diesem freundlich: + +»Mr. Mac Carther, wollten Sie wohl die Güte haben, mir das kleine +Hinterzimmer im zweiten Stock noch einmal aufzuschließen. Ich und meine +beiden Freunde hier« -- die zwei Männer, die zum Aerger seiner Frau +so lange an dem »Nobbler«[5] getrunken hatten -- »wünschen sich die +Gelegenheit zu besehen.« + +»Mit dem größten Vergnügen«, sagte Mr. Mac Carther, bei dem solche +Haussuchungen keineswegs eine Seltenheit waren, und ging ruhig die +Treppe vorne hinauf. -- Er hatte keine Idee von dem Schreck der ihm +bevorstand. + +Charles kannte nur zu genau den Ort wo er zu suchen hatte. Als sie die +Thür von innen verschlossen fanden, wurde sie einfach aufgebrochen, und +Jean sah sich im nächsten Augenblick in Eisen und den Händen eines der +Gerichtsdiener, der den weiter keinen Widerstand Leistenden, nach schon +früher erhaltenem Befehle, direct zur Wasserpolizei hinunterführte. + +Der Wirth war über diese Entdeckung, die ihn in die größte +Unannehmlichkeit bringen konnte, außer sich, und suchte sich nur vor +allen Dingen bei Charles, dem er die heiligsten Versicherungen seiner +Unschuld und gänzlichen Unwissenheit von dem Vorgefallenen gab, zu +vertheidigen. In dessen eigenem Interesse lag es aber ihn zu beruhigen, +und er versicherte Mr. Mac Carther daher, daß er recht gut wisse, der +Gefangene habe nicht bei ihm gewohnt, ja er sei ihm sogar die ganze +Straße herauf bis in's Haus und an die Thür gefolgt, und er glaube der +Franzose habe sich hier nur herein geflüchtet, weil er jemanden hinter +sich bemerkt habe der ihm nachschliche, dadurch vielleicht seinen +etwaigen Verfolger von der richtigen Spur abzubringen. Er konnte ja +nicht wissen, daß dieser gerade so genau in dem goldenen Kreuz bekannt +sei. + +Mr. Mac Carther drückte ihm die Hand, faßte ihn dann unter den Arm +und führte ihn, während der eine der Leute mit dem Gefangenen abging, +etwas bei Seite. + +»Mr. Charles«, flüsterte er hier leise und vertraulich -- »nicht +wahr, es sind auf das Einbringen der Matrosen vom Boreas sechs Pfd. St. +per Mann gesetzt -- wie? ich habe es heute Abend erst gehört und wollte +Sie morgen früh selber aufsuchen.« + +»Allerdings«, erwiederte ihm Charles lächelnd -- »haben Sie eine +Spur?« + +»Eine Spur?« sagte Mac Carther leise, und kniff den Polizeidiener +vertraulich in den Arm -- »wollt Ihr ein hübsches Trinkgeld verdienen, +Freundchen?« + +Der junge Mann von der Wasserpolizei bog sich zu ihm hinüber, hielt +seinen Mund dicht an das Ohr des Wirthes und flüsterte: + +»Nicht wahr, wenn ich hinüber an das North Shore in Kennedy's alte +Hütte ginge?« + +Mac Carther machte sich rasch von ihm los, und sah ihn erschreckt an. +Charles lachte. -- »Ja, ja, mein alter Fuchs«, fuhr er dann lauter +fort, »manche Nasen sind schärfer als man es ihnen zutraut -- meine +reicht bis zum North Shore hinüber -- und noch mehr« fuhr er wieder +mit unterdrückter Stimme fort -- »unten am Werf liegt schon ein Boot +mit zwölf Mann, die nur auf mich warten. In einer halben Stunde sind +wir an Ort und Stelle, und übermorgen früh segelt der Boreas. -- Der +Wind ist günstig und ich habe mein Wort darauf gegeben. Guten Abend, +Mac Carther --« und damit schnellte er, von seinem Begleiter gefolgt, +zur Thür hinaus auf die Straße. Mac Carther aber stürzte, wie schon +erwähnt, in die Schenkstube, griff seinen Hut auf und eilte, so rasch +er konnte, nach einer anderen Richtung hin zum Wasser hinunter. + +Charles hatte seine Maaßregeln aber viel zu gut und sicher getroffen; +außerdem kannte er den Platz selber schon genau, und zwei seiner Leute +mußten den ganzen Nachmittag dort in der Nähe versteckt liegen und auf +die geringsten Bewegungen der Entflohenen achten. Die armen Teufel +von Matrosen waren, als sie sich gerade am sichersten fühlten, schon +verrathen und verkauft. + +Das Boot landete, zwei Mann ließ man schwer bewaffnet als Wache dabei +zurück, die kleine Hütte wurde dann umzingelt und die ganze Mannschaft +des Boreas, mit Ausnahme eines Deutschen und eines Franzosen, die gerade +in der Stadt waren Provisionen zu holen, gefangen genommen und in Eisen +gelegt. Die beiden kamen gerade zurück als die Polizei in das Haus +drang und flüchteten in den Busch, wo sie sich mit den Provisionen +versteckt hielten, bis der Boreas, den sie von ihrem Versteck aus +konnten in der Bay liegen sehen, wirklich abgesegelt war. + +Gerade als das Polizeiboot mit seinen Gefangenen vom Lande abstieß, +schoß ein anderes kleines scharfgebautes Boot, mit zwei Männern darin, +in eine kleine durch einen Felsenvorsprung gebildete Bucht. Einer von +diesen sprang augenblicklich an Land und sah dem Boot nach. Man konnte +die Gestalt in der Dunkelheit nicht mehr genau erkennen, Charles hatte +aber allen Grund auf den richtigen Mann zu rathen, und rief deßhalb auf +gut Glück nach dem Lande zurück. + +»Guten Abend, Mr. Mac Carther.« + +Die Gestalt verschwand in demselben Moment wieder in den Büschen und +das kleine Boot ruderte, eine halbe Stunde später, mit denselben beiden +Männern nach der Stadt zurück. + + * * * * * + +Am Montag Morgen wehte vom großen Mast des Boreas die Signalflagge für +die Wasserpolizei. Alles andere war zur Abfahrt fertig, der Lootse an +Bord, vom Anker schon alles Unnöthige an Kette eingeholt, und die Segel +hingen gelöst von den Raaen nieder. Der Wind wehte stark von Westen und +die Brise konnte zum in See Gehen nicht günstiger sein. + +Eine Viertelstunde später schossen um das Castell zwei schmale lange +Boote. Es war die Wasserpolizei mit den Gefangenen die sie an Bord +brachte, denn der Boreas hatte indessen, um die nothwendigsten Arbeiten +zu verrichten, andere Arbeiter an Bord gehalten. + +Die Gefangenen trugen sämmtlich Handschellen. Da es zu viele waren, +und die Polizei vielleicht einen letzten Fluchtversuch fürchten mochte, +ließ sie den Einzelnen, wenn sie die Fallreepsleiter hinaufsteigen +sollten, auch die Eisen nicht abnehmen, sondern es wurde eine Leine +heruntergelassen, diese um das Eisen geschlagen, und der Gefangene +mußte dann nach oben steigen. An Bord nahm man ihnen die Schellen +ab, die Boote ließen sich aber an langer Leine bis hinter das Schiff +treiben. + +Die im goldenen Kreuz versetzten Kleider der Entflohenen waren auch +schon wieder an Bord; der Capitän hatte sie bei Mr. Mac Carther, +durch Charles Vermittelung einlösen lassen, denn er konnte die Leute +natürlich nicht ohne Kleider mit in See nehmen. Es war das seinerseits +übrigens nicht etwa aus Menschlichkeit geschehen; er wußte recht gut, +aus wessen Casse das Geld bezahlt werden mußte. Die Matrosen schienen +jedoch bis zu diesem Augenblick noch immer nicht recht geglaubt zu +haben, daß es wirklich schon so bald in See gehen sollte. Wahrscheinlich +hatten sie noch auf Rettung gehofft, und jetzt erst, da sie die Segel +gelöst und den Lootsen an Bord sahen, mochte ihnen die Gewißheit ihres +Schicksals zuerst in ihrer vollen Wirklichkeit vor Augen treten. + +Am meisten freute sich aber der Zimmermann über das Einfangen derer, +die ihn am Morgen ihrer Flucht in einem so schmählichen Zustand +zurückgelassen, und er konnte nicht umhin Bill sowohl als Jean ganz +besonders um ihr Befinden zu befragen. + +Bill antwortete ihm mit einem kernigen Fluch, Jean lachte ihm aber +gerade ins Gesicht, denn er mußte trotz seiner jetzt keineswegs +angenehmen Lage doch unwillkürlich an die trostlose Gestalt des +Zimmermanns denken, als sie ihn vor 14 Tagen, mit dem Knebel im Munde, +in dem Logis vorn liegen hatten. Andere Sachen nahmen aber seine +Aufmerksamkeit gleich darauf mehr in Anspruch. + +Die Polizei war fertig an Bord und machte sich eben bereit wieder in +ihre Boote zurückzukehren -- als Jean auf Charles zutrat und ihn am Arm +faßte. + +»Ah, Jean?« sagte der Polizeidiener und wandte sich freundlich zu +ihm -- »noch etwas zu bestellen am Ufer? -- werde es mit dem größten +Vergnügen zur Besorgung übernehmen.« + +»Weiter nichts als diesen Brief« -- sagte der junge Mann, ohne seine +Freundlichkeit weiter zu erwiedern -- »Ich glaubte nicht, daß wir so +bald in See gingen und -- ich weiß Sie sind dort im Haus bekannt«, +setzte er mit etwas bitterem Ausdruck hinzu -- »wollten Sie vielleicht +so gut sein und ihn an seine Adresse -- aber heute noch -- besorgen?« + +Charles las statt aller Antwort die Adresse -- _Miss Polly Whitby_ +-- _golden cross_ -- »soll richtig besorgt werden und zwar noch vor +Tisch,« sagte er dann und legte den Brief in seinen Strohhut -- »sonst +noch etwas, Jean?« + +»Ich danke, weiter nichts«, erwiederte der Matrose, und ging langsam +nach dem Vorcastle, wo indessen die Miethleute des Boreas den Anker +herauf bekommen hatten. Die Marssegel-Raaen stiegen in die Höhe, das +große und Vorsegel fiel herunter und die Halsen wurden festgemacht -- +die Clüver und leichteren Segel folgten, und vor dem Wind schoß das +flüchtige Schiff den Heads zu, zwischen denen hindurch sie schon die +offene See erkennen konnten. Eine halbe Stunde später befanden sie sich +zwischen den Heads -- den beiden schroffen Felsbänken, die den Eingang +des schönen Sydney-Hafens bilden, und auf deren südlichem Kamm der +hohe treffliche Leuchtthurm steht. + +Hier ging der Lootse mit den gemietheten Leuten von Bord; die Segel +wurden etwas angebraßt, und mit einer herrlichen Brise hielt der Boreas +mit Nordost Cours in die offene See hinaus. + + + + +Achtes Capitel. + +Die Ausfahrt. + + +Der Boreas hatte die »Heads« des schönen Sydney-Hafens kaum hinter +sich, als er, von einer scharfen Südbrise gefaßt, pfeilschnell durch +die Wogen schoß. Die Raaen standen eben genug zu Backbord angebraßt, +daß der Wind auch die Klüver füllen, und voll in alle Segel +hineinstehen konnte, und noch war die Nachmittagswache nicht gesetzt als +die leichteren Segel schon wieder nieder mußten. + +Gegen Abend wurde der Wind immer stärker, und da das Schiff nicht +so stark bemannt war, mit sehr viel Segeln in schlechtem Wetter rasch +handthieren zu können, ließ der Capitän noch vor Dunkelwerden ein +Reef in die Marssegel nehmen. Das Schiff loggte neun Knoten. + +Von den letzt eingefangenen Leuten waren außerdem noch zwei auf der +Krankenliste; der eine englische Matrose, Jack, der schon mit einem +leichten Fieber an Bord gekommen, und der deutsche Matrose, Hans -- +derselbe der damals, bei der Flucht der anderen in Sydney an Bord +geblieben. An demselben Morgen, an dem sie ausliefen, hatte diesen, beim +Füttern, eines der Pferde an den Schenkel geschlagen, und obgleich ihm +die Wunde vom zweiten Mate ziemlich gut verbunden war, schmerzte sie ihn +doch noch sehr. Er konnte nicht auftreten, mußte also gleichfalls die +Coje hüten. + +Die ganze Mannschaft bestand außer diesen beiden und dem Capitän mit +seinen beiden Mates nur noch aus zehn Personen, und zwar dem Steward und +Zimmermann, dem Koch (einem Neger), aus drei Engländern, unseren alten +bekannten Bill, Bob und Jim, zwei Franzosen, Jean und François, zwei +Deutschen und einem Jungen. + +Der Junge war ein Malaye und gehörte eigentlich, wenn das Schiff +Passagiere führte, mit in die Cajüte, dem Steward und Koch als Hülfe, +wurde aber jetzt, da er vorne nöthiger war, mit in das Vorcastel gethan +und ging seine Wachen wie die anderen. + +Auf der Starbords- oder Steuerbordswache (die erste) waren der Capitän +mit dem zweiten Mate, der Steward, Bill, Jean, Hans und der junge +François; auf der Backbord- oder zweiten Wache, der erste Mate mit dem +Zimmermann, der auch zugleich mit Bootsmannsdienste verrichtete, mit +Bob, Jack, Karl, Jim und dem Malayen. + +Zu seiner vollen Besatzung hätte der Boreas die doppelte Mannschaft +gebraucht, der Capitän war aber, wie die Sachen jetzt in Sydney +standen, nur froh mit diesen fortgekommen zu sein und glaubte sich +bis Indien in einem ziemlich günstigen Monsun auch wohl behelfen zu +können. Bei günstigem Winde, und wenn das Schiff nicht zwischen vielen +Inseln hindurch und aus engen Straßen hinauszukreuzen hat, wo die +Mannschaft durch das ewige Wenden erschöpft und aufgerieben wird, kann +man auch ein Schiff mit verhältnißmäßig sehr wenig Leuten vorwärts +bringen. + +Die Mannschaft saß unten im Logis oder Vorcastel (wie der vorderste +Raum im Schiff genannt wird, wo die Matrosen gewöhnlich ihren +Aufenthalt haben), beim »Schaffen.« Zwei große hölzerne Schüsseln +oder besser Wannen, die eine mit einem gar verdächtig aussehenden +Stück gesalzenem Speck und Rindfleisch, die andere mit hartem muldigem +Schiffszwieback gefüllt, standen zwischen ihnen, und nebenbei dampfte +eine riesige Blechkanne, aus der sich jeder, wie es ihm gut dünkte, +seinen vor ihm stehenden Blechbecher mit dem allerdings etwas sehr +dünnen und unschuldigen aber kochend heißen Getränk füllte. + +»Da seid =Ihr= schuld daran, Gott verdamm mich,« brummte der +Zimmermann, als er sich eben selber zu einer »Tasse Thee« half, +wie dies Wasser schmeichelhafterweise genannt wurde -- »ich glaube +wahrhaftig sie wollen uns knapp halten, und nun muß ich das verfluchte +Zeug mitsaufen. Koch, du schwarze Bestie, was hast du hier für eine +Brühe zurecht gebraut? -- ist das Aufwaschwasser da =Thee= -- heh?« + +»Kann nicht helfen, Massa,« sagte der Schwarze, der eben die Stiege +heruntergekommen war und seine Pfeife in der kleinen, in der Mitte +schwingenden Lampe angezündet hatte. Er zuckte dabei mit den Achseln +und that als ob er selber sehr betrübt darüber sei; die großen +rollenden Augen fuhren aber zu gleicher Zeit und mit unverkennbarem +Humor im Kreis herum, und man sah es ihm an, daß es ihm nicht gerade +das Schmerzlichste war, den Zimmermann über seinen Thee entrüstet +zu finden. »Massa Steward« setzte er hinzu, »gibt nur ganz kleine +Fingerspitzen voll Thee -- meinte, wenn die Leute jetzt in den Minen +wären, hätten sie auch keinen stärkeren Thee gehabt -- wäre gerade +recht.« + +»Oho,« knurrte der Zimmermann -- »wenn die Sache so gemeint ist, +werde ich mir meine Theekanne künftig insbesondere halten. -- Spaß ist +Spaß -- aber nach warm Wasser wird mir immer schlecht.« + +Er stieß seinen Becher auf die Kiste nieder, auf der er gesessen, und +kletterte ärgerlich und vor sich hinbrummend an Deck. + +»Hallo, Doctor« (denn der Koch wird gewöhnlich auf den englischen +und amerikanischen Schiffen mit diesem ihm auch wohlklingenden +Titel belehnt), sagte jetzt, als der Zimmermann aus der Logiskappe +verschwunden war, Bill, indem er mit seinem Messer ein Stück Speck aus +der Schüssel stach, an die Nase hob und wieder hineinwarf -- »_shiver +my timbers_, wenn ich nicht glaube, die haben da hinten das alte Faß +Speck wieder aufgeschlagen, was schon vor vier Wochen einmal condemnirt +wurde. Wenn der Capitän oder Steward im Sinn haben uns hier, nachdem +wir wieder in der Falle sitzen, auch noch auszuhungern, so weiß +ich einen Fehler. Dann kenn' ich einen gewissen Bill Stumper, der +sterbenskrank wird und sich in seine Koje legt, und so lange jeden +Morgen mit dem größten Vergnügen eine Dosis Salz nimmt, als der +Vorrath an Bord dieses braven Schiffes aushält -- was doch hoffentlich +nicht so entsetzlich lang dauern soll. Seine Segel kann =er= nachher +allein herüber und hinüber brassen.« + +Der Koch sah sich nach oben um, ob der Zimmermann auch nicht mehr in der +Luke stand, und sagte dann leise: + +»Massa Bill, Timor« (wie der malayische Junge nach der Insel von +der er stammte), genannt wurde -- »Timor hat gehört wie Capitän zu +Steward sagte -- alte Faß wieder aufzumachen und den Leuten zu geben -- +wollte Schufte schon =zwiebeln=, hat er gemeint.« + +»So? -- das nennt er also zwiebeln?« lachte Jean, »Alter, Alter, ein +zu straff angespanntes Tau reißt leicht und -- wir sind noch nicht in +Calcutta.« + +»Nur sehr gut ist, daß Zimmermann mittrinken und essen muß,« lachte +der Doctor -- »wird auch mit =gezwiebelt=, hi, hi, hi, für seinen +guten Willen.« + +»Ja; aber Hans kriegt ja auch nichts besseres,« sagte der andere +Deutsche, »und der hat doch ebenfalls keinen Fuß in Sydney von Bord +gesetzt.« + +»Der hat aber nicht sagen wollen wo wir hin sind,« murrte Bill, »und +deßhalb wird er natürlich mit uns über einen Kamm geschoren. Wenn +wir nur den verdammten Zimmermann hier nicht mit unten in unserer Back +hätten, ließe sich das alles aber schon machen. Im Zwischendeck +liegt nur Heu und zwischen den Ballen durch kann man leicht nach der +Vorrathskammer kommen -- doch der Lump verriethe, glaub' ich, seinen +eigenen Bruder, wenn er sich selber einen weißen Fuß dadurch machen +könnte.« + +»Steward ist der Schlimmste,« sagte der Doctor, aber noch leiser +als vorher -- »hat Massa Jean so auf dem Strich, weil ihn der 'mal +durchgeprügelt hat -- will's wieder gut machen.« + +»Daß ich ihm nicht zum zweitenmal auf den Pelz komme,« brummte Jean +zwischen den zusammengebissenen Zähnen durch. -- »Diesmal möcht's +besser fördern -- der Wille ist wenigstens da.« + +»Brassen!« lautete des ersten Mate Stimme vom Quarterdeck herunter, +und »Brassen« rief der Zimmermann auch in demselben Augenblick in die +Back nieder -- »Brassen, Boys -- Donnerwetter, macht nicht so lange da +unten; der Mate hat schon dreimal gerufen.« + +»Schade, daß Massa Spahn nicht am Lügen erstickt,« lachte der Koch +und sprang vorneweg die Leiter hinauf. + +Bis acht Uhr Abends und zwar von Morgens fünf Uhr an, hatte er die +Wache auf Deck, nach acht Glasen Abends aber war seine Wacht bis zum +anderen Morgen zu Koje. Jetzt aber, da die beiden Leute krank, oder +doch wenigstens zur Arbeit für einige Zeit unfähig waren, mußte er so +lange des Capitäns Wache mithalten, und durfte dafür, um doch seinen +gehörigen Schlaf zu bekommen, Nachmittags bis vier Uhr zu Koje gehen. + +Die Raaen mußten vierkant gebraßt werden. Der Wind drehte mehr und +mehr nach Westen herum, so daß er jetzt von hinten in den Segeln lag, +und um 12 Uhr schon gingen sie über Backbord Bug mit halbem Wind, und +es wehte ein fliegender Sturm. Der Boreas zischte vor dicht gereeften +Vormars-, Sturm- und Vorstengenstagsegeln wie ein Pfeil durch die +kochende schäumende Fluth. -- Drei Tage lang dauerte der Sturm; vom +Lande aber herüberwehend konnte keine so gewaltige See stehen, wie das +der Fall gewesen, wäre er von der anderen Seite gekommen. Das Schiff +brauchte deshalb auch nicht beizulegen, sondern lief mit ganz kleinen +Segeln und nur weniger Unterbrechung fast seine 10 Miles die Stunde. + +Am schlechtesten befanden sich die im Raum stehenden Pferde dabei, die, +noch nicht an unruhige See gewöhnt, gleich vom ersten Anfang an in +solch ein Unwetter hineinkamen. Zwei starben auch schon den dritten +Morgen und eines hatte ein Hinterbein Nachts zwischen die Stangen +bekommen und gebrochen, und mußte, da hier keine Möglichkeit war es zu +heilen, mit den anderen beiden über Bord geworfen werden. + +Das Füttern und Besorgen der Thiere geschah in den verschiedenen Wachen +immer von denen, die gerade auf Wacht waren, und man kann sich denken +daß die Leute, noch außerdem unfreundlich vom Capitän behandelt, eben +nicht viel Lust zu einer Arbeit zeigten, welche Matrosen selbst unter +den günstigsten Verhältnissen ungewohnt und zuwider ist. + +Hierzu kam noch daß die Pferde, durch die starke Bewegung des Schiffs +wie das dadurch unvermeidliche stete Hin- und Hergeworfenwerden, dann +durch das Knarren der Balken, den Dunst, die Dunkelheit, wie alle die +fremden Gestalten, wild und scheu gemacht und oft gar nicht zu bändigen +waren und die Leute mehrmals nur mit genauer Noth der Gefahr entgingen, +von den wüthend aushauenden Thieren Arm und Bein zerschlagen zu +bekommen. In der That hatten auch schon fast Alle Quetschungen und +Wunden wegbekommen. Selbst beim Wassergeben bissen ein Paar der +boshaftesten nach denen, die ihnen den Eimer hinhielten, und Bill machte +schon Vorschläge, wie man die sämmtlichen »Bestien,« wie er sie +nannte, mit einemmale vergiften und loswerden könnte. + +Der zweite Mate, ein ruhiger, ordentlicher Mann that sein Bestes die +Leute zufrieden zu stellen, und da er auch den Proviant auszutheilen +hatte, so versprach er ihnen schon gleich am zweiten Tag, daß sie +bessere Provisionen haben sollten, »wenn ihm der Capitän und Steward +nur erst nicht mehr so auf die Finger sähen.« Damit mußten sie sich +aber für jetzt begnügen, denn für den Augenblick ließ sich darin +noch nicht viel ändern. Der zweite Mate half auch, wo es irgend ging, +mit im Raum bei den Pferden; weder Steward noch Zimmermann ließen sich +dort aber nur ein einzigesmal blicken. -- Sie hatten immer ungemein viel +andere nothwendige Sachen in der Zeit gerade zu thun. + + + + +Neuntes Capitel. + +Hans. + + +Am vierten Tag ging der Wind wieder mehr nach Süden herum und wurde +schwächer. Dadurch legte sich die See allerdings in etwas, der Boreas +kam aber nun auch wieder platt vor den Wind und hiermit in so viel +stärkere Bewegung. Nur in Ballast geladen, mit den Pferden im unteren +Raum, das Heu in das Zwischendeck gestaut, und sogar noch mit einem +Dutzend Wasserfässern oben an Deck, war er etwas kopfschwer geworden, +und lief allerdings ziemlich ruhig, sobald er von dem mehr schräg +einstehenden Winde auf einer besonderen Seite gehalten wurde. War das +aber nicht mehr der Fall, so schlingerte[6] er so herüber und hinüber, +daß die Raanocken manchmal fast die Wogen berührten. Es sah oft aus, +als ob er sich im Leben nicht wieder aufrichten würde. + +Den Pferden bekam dies noch schlechter als das Stampfen des Schiffes. -- +Noch an dem nämlichen Tage crepirte ein viertes, und zwei hatten +sich die Brust, mit der sie fortwährend gegen die Querbalken geworfen +wurden, vollkommen aufgescheuert. + +Capitän Oilytt war wüthend darüber; er stieg selber in den unteren +Raum hinunter, und als er den Zustand sah, in dem sich einige der Thiere +befanden, fluchte und lärmte er auf eine entsetzliche Weise und schwur, +er wolle den letzten Mann von der »Räuberbande«, die er jetzt an Bord +habe, zu Tode -- oder aus seiner Haut hinauspeitschen lassen, wenn auch +noch einem seiner Thiere nur »das Fell geritzt würde.« + +Capitän Oilytt hatte eine andere Tugend an sich -- =er trank=. Nach dem +Mittagstisch nahm er seinen »Verdauungstropfen«, wie er es nannte -- +ein Bierglas halb mit Brandy, halb mit heißem Wasser gefüllt und mit +etwas Zitronensaft versetzt -- er verschmähte Zucker. Dabei blieb es +aber nicht. -- Dem »Verdauungstropfen« folgte ein anderer und noch +einer, bis sein Gesicht glühte und manchmal ordentlich Funken zu +sprühen schien und in solchem Zustand sah er sich gewöhnlich nach ein +wenig »Sport« oder =Vergnügen=, wie er meinte, um, und stieg auf Deck +oder zu den Leuten hinunter. Gnade dann Gott dem, der ihm dort verkehrt +in den Weg kam, oder Ursache zu Mißfallen gab. Er verschmähte es oft +nicht, selber Hand anzulegen, und da er ein breitschultriger, schwerer +Gesell und überdem Capitän des Schiffes war, also vor Gericht stets +das Recht auf seiner Seite hatte, hüteten sich die Leute auch wohl, wo +sie das nur irgend vermeiden konnten, mit ihm anzubinden, und gingen ihm +lieber aus dem Wege. + +Es war am achten Tag ihrer Ausfahrt von Sydney. Der Wind wehte ziemlich +stetig aus SSO und der Boreas lief, jetzt einen Nord zu West Cours +haltend, an der Küste Australiens vor einer herrlichen Brise hinauf. +Der Capitän hoffte am nächsten Tag in Sicht der Riffe zu kommen, +zwischen denen hinein er durch die Torresstraße seine Bahn suchen +wollte. + +Die Torresstraße ist jene, an Flächenraum ziemlich breite Straße, die +im Süden von der nördlichen Küste Australiens, im Norden durch +die große noch fast unbekannte Insel Neu-Guinea gebildet wird, aber +dermaßen mit Inseln und Sandklippen überstreut und von Korallenriffen +durchwachsen ist, daß die Passage, selbst bei günstigem Wetter, immer +gefährlich bleibt und die größte Umsicht erfordert; bei stürmischem +Wetter aber selten oder nie gewagt wird. Hierzu kommt daß gerade in +dieser Gegend, vielleicht durch die vielen Inseln und die nahe so heiße +australische Küste hervorgerufen, das Wetter höchst unbeständig ist, +und Nebel und plötzliche Böen etwas sehr gewöhnliches sind, vor denen +sich die Schiffer dann natürlich nicht genug hüten können. + +Die Riffe selbst haben einen ebenso eigenthümlichen als gefährlichen +Charakter. Sie bestehen einzig und allein aus Korallenfelsen; steigen +aber nicht selten und besonders an diesem Theil der australischen +Küste, über tausend Fuß steil und schroff, manchmal bis an die +Oberfläche, manchmal diese nicht ganz erreichend, empor, nie aber so +weit über dieselben emporragend, daß mehr als das Schäumen der auf +ihnen überstürzenden Brandung sichtbar wäre, und dem Schiffer die +Nähe seines gefährlichen Feindes verriethe. Hie und da nur lauscht +zu Zeiten eine schwarze Felsspitze aus dem weißen Gischt des erregten +Wassers empor, und kündet die Gränze irgend eines in einem schmalen +Streifen vielleicht weit auszweigenden Riffs, während dicht davor, ja +vielleicht selbst in dem Bogen den das eigentliche Riff umschließt, das +ganz dunkelblaue Wasser die fast unergründliche Tiefe zeigt. An vielen +Stellen ragen die Korallen bis zur Oberfläche empor, während dicht +daneben und keine 20 Schritt davon entfernt, über 260 Faden, also 1560 +Fuß, Tiefe sind. + +Mit der australischen Küste von Süden nach Norden gleichlaufend, zieht +sich nun eine förmliche Mauer dieser theils mehr, theils minder steil +aufschießenden Riffe bis nach Neu-Guinea hinauf, und nur hie und da +laufen schmale gewundene und natürlich höchst gefährliche Eingänge +in diese Riffe hinein, an denen sich das Meer in seiner östlichen +Strömung mit aller Kraft und Stärke bricht. In einigen Meilen +Entfernung gesehen bieten sie dem Auge auch nichts als eine einzige, +ununterbrochene Kette weißen Schaumes, die sich von Süden nach +Norden in schneeiger, beweglicher Linie hinaufzieht, und erst dicht +hinanfahrend entdeckt der Schiffer von seiner Vorbramraae aus hie und +da einen schmalen dunklen Eingang, der zwischen den milchigen Massen hin +auf die innere spiegelglatte und stille Fluth führt. + +Macht aber wirklich das Schiff diesen schmalen Eingang, so ist immer +noch nicht gesagt daß es darin auch weiter kann, daß dieser nämlich +eine förmliche Durchfahrt in die tiefere innere Bay gestattet. Eine +starke, gewöhnlich nach Nordwesten setzende Strömung droht ihm +zugleich fortwährend in dem engen Fahrwasser, mit den nördlich von ihm +liegenden Klippen, während er, dicht von Riffen eingeschlossen, sich +vielleicht auf einer Tiefe befindet, in der seine beiden aneinander +gesteckten Ketten nicht einmal Ankergrund erreichen würden. + +Der Capitän war an dem Tage besonders mürrisch gewesen. Er hatte sich +mit dem zweiten Steuermann, irgend einer Kleinigkeit in den Provisionen +wegen, gezankt, oder diesen vielmehr einer Sache beschuldigt, die sich +nachher als unwahr herausstellte, und aus Aerger darüber schien er mehr +als seine gewöhnliche Zahl Verdauungstropfen zu sich nehmen zu wollen. +Da fiel ihm aber möglicherweise ein, daß er an dem zweiten Mate doch +vielleicht noch einen andern Haken finden könne, da dieser ja auch die +Aufsicht über das Füttern und Halten der Pferde hatte. Er beschloß +deshalb, einmal selber in den unteren Raum hinabzusteigen, und zu sehen +wie sich seine Pferde befänden. Er rief den Steward, ihm mit einer +Laterne zu folgen. + +Jean stand am Ruder und Bill saß nicht weit davon auf dem Quarterdeck +und besserte das dort ausgebreitete große Marssegel aus, das in der +letzten Bö beschädigt worden war. Der zweite Mate, der bis jetzt daran +mitgeholfen hatte, stand auf und ging nach vorn. + +Hans und François, die beiden übrigen auf Wache, waren gerade im +unteren Raum mit dem Füttern und Tränken der Thiere beschäftigt. Hans +hatte sich wieder so weit erholt, daß er wenigstens herumhinken und +die nothwendigsten Arbeiten mit verrichten konnte. Auch Jack war besser +geworden, lag aber immer noch, zu schwach irgend etwas anzugreifen, zu +Koje. + +»Na, heut' Nachmittag wird's wieder was Schönes setzen«, meinte Jean +mit halblauter Stimme zu Bill, der nicht weit von ihm saß, und nachdem +er erst einen vorsichtigen Blick über Deck geworfen. -- Der Mann am +Ruder darf mit niemandem sprechen und von niemandem angeredet werden, +damit er seine Aufmerksamkeit ungetheilt Compaß und Segeln zuwenden +kann; »der Alte ist in vortrefflicher Laune, und wenn er erst noch ein +paar »Tropfen« weggestaut hat, giebt's aller Wahrscheinlichkeit nach +einen Wolkenbruch. Sollte mich gar nicht wundern, wenn er unten schon +anfinge. -- Dort hat er aber niemanden. François versteht nicht was er +sagt wenn er schimpft, und Hans mukst nicht, und wenn er dem das Leder +vollschlüge.« + +»Das laß gut sein,« meinte Bill kopfschüttelnd, »Hans läßt viel +mit sich machen; wenn es aber zum Aeußersten kommt, traut' ich ihm +gerade weniger als jedem anderen. Er hat was im Auge was mir nicht +gefällt, und muß seine ganz besonderen Gründe gehabt haben, in +Sydney nicht mit fortzulaufen, denn aus Feigheit ist es wahrhaftig nicht +geschehen.« + +»Er hat Frau und Kind zu Haus,« entgegnete ihm Jean, »das wird der +Grund gewesen sein.« + +»Fällt ihm nicht ein,« meinte Bill kopfschüttelnd, »der hat so +wenig eine Frau zu Haus wie ich und du. Nein, ich will dir sagen was er +mir geantwortet hat, als ich ihn deshalb fragte -- er meinte er hätte +dem Capitän =sein Ehrenwort= gegeben an Bord zu bleiben, und das könne +er nicht brechen.« + +»Den Teufel auch?« rief Jean rasch und erstaunt -- »das hätt ich +Hans gar nicht zugetraut. -- Es ist überhaupt ein sonderbarer Kauz, +und so wenig er damit ausläßt, spricht er doch jedenfalls auch +französisch. -- Er versteht wenigstens alles, obgleich ich ihn nie zum +Antworten bringen kann. Er weicht dann immer aus und meint die Zunge sei +ihm zu schwer dazu. Ich glaub's aber nicht.« + +»Manchmal kommt's mir vor als ob er gar kein Deutscher wäre,« sagte +Bill. »Obgleich er sonst nur ganz gebrochen englisch spricht, sind +ihm doch schon ein paarmal Worte herausgefahren, die mich ganz stutzig +machten, und im Schlaf neulich will ich verdammt sein, wenn er nicht den +einen Satz so rein englisch herausbrachte wie nur je Einer an den alten +Kreideküsten Geborner. Nachher kam freilich eine Menge Kauderwälsch +dazwischen das ich nicht verstand, wahrscheinlich »_dutch_.« -- Hallo, +da unten gehts los -- hörst du's Jean?« + +»Ich hab's mir vorneherein gedacht,« sagte dieser gleichgültig. -- +»Daß er dem Mate nichts anhaben konnte, war dem alten Höllenhund +schon ein Dorn im Fleisch, und jetzt hat er denn richtig so lange +herumgesucht, bis er sich ein anderes Vergnügen herausstöbern +konnte.« + +»Hm!« sagte Bill, »da unten ist's laut -- hallo, da kommt der Alte +zu Luft -- Donnerwetter, was er für einen rothen Kopf hat -- wahrhaftig +ich glaube er blutet. Na jetzt werden wir was Neues hören,« und mit +unendlichem Fleiß, als ob er bis dahin gar nicht von seiner Arbeit +aufgesehen, machte er sich wieder über das alte, von Wetter und Zeit +schon arg mitgenommene Marssegel her. + +Im Raum war es indessen allerdings bunt hergegangen. Als der Capitän +hinunter kam, standen Hans und François eben und tränkten die Pferde, +von denen einige immer noch ungern aus dem Eimer soffen. Sie schnoperten +und scharrten und schnaubten, stießen mit der Nase nach dem Eimer, oder +versuchten auch wohl mit einem Vorhuf hineinzufühlen, wie sie einen +schwanken Steg oder zu weichen Boden erst versuchen würden, ob er auch +stark und sicher genug wäre sie zu halten. + +Es war natürlich sehr dunkel im unteren Raum, denn das wenige Licht +was durch die schmalen Luken fiel, wurde fast total durch die +beiden Windfänge gebrochen und aufgehalten, die von oben herunter +niedergelassen sein mußten, den Dunst der Pferde, der sonst nirgends +Abzug hatte, hinauszutreiben und reine Luft hinabzuführen. Die Hitze +war dadurch auch in der That sehr gemäßigt worden, und wenn man sich +erst einmal eine kurze Zeit unten befand, gewöhnte sich das Auge +eher an die Dunkelheit und konnte die Gegenstände, gegen die der eben +Niedersteigende wie erblindet war, leichter unterscheiden. + +Als der Capitän hinunterkam, stolperte er gleich bei den ersten +Schritten über eine dort lehnende Mistgabel, mit der die Leute die +Streu etwas aufgelockert und die trockene von der feuchten geschieden +hatten. Der Steward, der mit der Laterne hinter ihm herkam, half ihm +natürlich wenig oder gar nichts mit seinem Licht, und das erste was die +beiden Leute unten von der Gegenwart ihres Capitäns erfuhren, war ein +entsetzliches Schwören und Fluchen über die erstlich, die in ihrer +»verdammten Nachlässigkeit« das Werkzeug dort hatten stehen lassen, +und dann über die ganze »nichtsnutzige, diebische, strickwerthe« +u. s. w. Schiffsmannschaft. + +»Parbleu,« sagte François leise auf französisch zu Hans -- denn +die beiden sprachen einem Verständniß gemäß, das sie unter sich +getroffen, der eine sein Französisch und der andere sein Deutsch, womit +sie vollkommen gut auskamen -- »der Alte ist heut' in einer besonders +rosenfarbenen Laune. -- Ich gäb' 'was darum wenn er dem Fuchs da +drüben ein bischen nahe käme. Er und der würden's dann bald zusammen +kriegen.« + +Der Fuchs, von dem François sprach, war das bösartigste Thier im +ganzen Schiff, und Hans der einzige der ihm selbst Wasser oder Futter +geben durfte. Sobald sich nur ein anderer der Leute ihm näherte, und er +nur eben glaubte, sie mit seinen Zähnen erreichen zu können, fuhr er +wie ein Tiger aus seiner Höhle zwischen den beiden Querbalken mit dem +Kopfe durch, und Gnade Gott dann allem was er erwischte. Die übrigen +Pferde hatten sich schon etwas mehr in die Umstände gefügt, obgleich +sie trotzdem noch immer gern nacheinander bissen und schlugen. + +»Was gutes hat er nicht im Sinn, wenn er Nachmittags hier +herunterkommt,« erwiederte Hans, mehr jedoch mit sich selber redend als +auf die Bemerkung des Anderen antwortend. -- »Komm hier, Schwarzer,« +rief er dann laut gegen das Pferd gewandt, an dem er gerade stand, +und das nach dem jetzt näher kommenden Licht der Laterne +hinüberschnoperte. Es trat ängstlich dabei so weit zurück, als es +ihm das etwas kurze Seil, an dem sein festes Halfter saß, erlaubte -- +»komm hier, Bursche -- es thut dir niemand 'was -- hier -- sauf dein +Wasser, daß die anderen auch 'was kriegen -- Steward! haltet ihm die +Laterne nicht so vor die Nase,« wandte er sich jetzt aber rasch gegen +diesen, der indessen mit dem Capitän ganz nahe getreten war und das +Licht so hoch als möglich hielt, um selber darunter wegsehen zu können +-- »es scheut vor dem ungewohnten Strahl und wird das Halfter am Ende +zerreißen.« + +Der Steward senkte das Licht und wollte zurücktreten, der Capitän +hatte aber in demselben Augenblick auch eine Schramme am Hals des +Pferdes bemerkt -- eine Stelle, wo es das Seil ein wenig wund gescheuert +hatte und die jetzt, da es mit dem ganzen Gewicht seines Körpers nach +hinten zog, frei kam und sichtbar wurde. + +»Halt, Steward -- gieb mir einmal die Laterne,« sagte er rasch -- +»Gott verdamme mich, wenn sie mir hier unten die Thiere nicht zu Tode +schinden, falls ich nicht selber dann und wann darnach sehe. -- Woh +Poney -- woh mein Thier -- _come up here, you damned son of a bitch_ -- +_come up here_ -- _w-o-h_ -- daß dich die Pest!« + +Das Pferd durch das ihm dicht vorgehaltene Licht und die fremden +Laute scheu und furchtsam gemacht -- drängte nur immer mehr zurück, +schnürte sich fast die Kehle zu, daß ihm die Augen weit aus dem Kopf +traten, sprengte endlich, als der Capitän mit dem letzten, »daß dich +die Pest« den Arm mit der Laterne rasch und heftig gegen es in die +Höhe stieß, das Halfterseil, und stürzte auf seinen Hintertheil +zurück gegen die Schiffswand. Allerdings war es noch mit einem anderen +Nothtau um den Hals befestigt und festgehangen, dieses aber länger als +das andere, so daß es ihm mehr Raum gab. Als es deshalb wieder in +die Höhe sprang, drückte es mit aller Kraft hinter die ihm zunächst +stehenden Thiere hinein, die, durch den ganzen Lärm und die ungewohnten +heftigen Stimmen ebenfalls scheu gemacht, ausschlugen und wieherten und +stampften, und einen Lärm machten als ob sie das ganze Unterdeck aus +einander reißen wollten. + +Die Verwirrung hatte ihren Höhepunkt aber noch lange nicht erreicht. +Das einzige Pferd nämlich, was sich bis jetzt bei der ganzen Sache +vollkommen ruhig verhalten, ja nicht ein Glied gerührt, und nur +vorsichtig gebückt mit zurückgezogenem Kopf, aber lebhaft und +tückisch blitzenden Augen dagestanden hatte, war eben der Fuchs +gewesen, von dem François vorher gesprochen, und der geduldig ein Opfer +für seinen nächsten Angriff zu erwarten schien. Der Steward war ihm +der nächste. Dieser stand, nicht das mindeste von der ihm im Rücken +drohenden Gefahr ahnend, mit der ihm vom Capitän wieder zugereichten +Laterne mitten in dem Gang, der zwischen den beiden Reihen Pferden +gelassen worden. Der aber war nicht drei Schritt von der Stelle ab, wo +der Fuchs, mit fest zusammengebissenen Zähnen, gierig auf die nächste +Bewegung seiner ausersehenen Beute lauerte. + +Die sollte auch nicht lange auf sich warten lassen. Der Capitän +bedeutete den Steward mit dem Licht nach hinten zu gehen, daß die +Thiere sich wieder beruhigen möchten. Dieser wollte auch eben dem +Befehl Folge leisten, hatte aber kaum seinen zweiten Schritt gethan, als +er einen lauten Angst- und Schmerzensschrei ausstieß und die Laterne +fallen ließ. Der Fuchs war nämlich ohne weitere Warnung mit dem Kopf +durch seine beiden Querbalken hingefahren, und den Mann gerade über der +Hüfte packend, hielt er ihm hier Hose und Fleisch, ingrimmig zwischen +seinen scharfen ehernen Zähnen eingeklemmt; an Losreißen war nicht zu +denken. + +»Pfui, Fuchs, schäm dich!« rief Hans, der wegen seines kranken Beines +nicht gleich so schnell hinüber konnte, den Gefangenen zu befreien. +Fuchs aber, obgleich er sonst gewöhnlich auf seines Fütterers Wort +hörte, schämte sich diesmal nicht, und ließ den jetzt Zeter und +Mord Brüllenden auch nicht eher los, bis der Capitän zusprang, ihn +zu befreien; dann geschah es aber auch nur, um nach dem neuen Opfer zu +schnappen. An diesem hafteten jedoch seine Zähne diesmal nicht, denn +er stieß ihn so heftig mit dem Maul gegen den Leib, daß er +zurücktaumelte und mit dem Kopf an den gegenüberstehenden Pfosten +schlug. + +Als er sich wieder in die Höhe richtete, wollte der Fuchs seinen +Angriff erneuern, jetzt sprang aber Hans dazwischen und trieb das +freudig und fast höhnisch wiehernde Thier in seine Gränzen zurück. +Der Steward aber kroch indessen wie eine Schlange in dem schmalen Gang +hin und hielt nicht eher an, bis er die Leiter halb hinauf war. Dort +blieb er stehen und schrie nun zurück, »das sei eine schändliche +Gemeinheit, denn er habe selber gesehen wie Hans das Thier auf ihn +gehetzt hätte.« + +»Tropf,« war das einzige was Hans, halb lachend, halb verächtlich auf +die Anschuldigung erwiederte, und er wandte sich dabei wieder nach dem +Rappen um, diesen aufs neue festzumachen, und die anderen Thiere zu +beruhigen und zu tränken. So leichten Kaufs sollte er aber bei dem +Capitän nicht davonkommen, denn Capitän Oilytt, durch Rum, Aerger und +den letzten Fall zu wahrer Wuth gebracht, schäumte fast vor innerlich +kochendem Grimm und suchte nur noch ein Opfer, an dem er ihn auslassen +konnte. + +François merkte das, und drückte sich aus dem Weg, und auch Hans +fühlte, wie der Capitän nur eine Ursache suche mit ihm anzubinden; +that aber als ob er entweder nichts merke oder sich nur wenig um die +Sache bekümmere. Den ersten allgemeinen Ausbruch des Gereizten oder +eigentlich sich selber erst Aufreizenden: »Ihr verdammten Hallunken +hier unten macht was Ihr wollt mit den Thieren, und ich muß Euch +nur erst einmal die Katze zu fühlen geben,« ließ er deshalb auch +unbeantwortet, und machte sich mit dem Rappen zu schaffen, den er durch +Zureden so weit vorn an die Stange zu bringen versuchte, daß er ihm das +Halfterseil wieder anknoten konnte. + +»_You, Sir, there_,« rief aber der Capitän, »ich spreche mit Euch -- +Gott verdamme es, wollt Ihr wohl so gut sein und mir Antwort geben wenn +ich mit Euch rede? -- Was ist das hier für eine Wirtschaft unten? -- +Ueberall liegt das Geschirr herum, daß man Hals und Beine darüber +bricht -- die Pferde sind wund gescheuert und liederlich angebunden, +daß sie sich einander zu Schanden schlagen müssen -- _damn it to hell +and damnation_, ich will darin Ordnung sehen, oder ich lasse Euch alle +mit einander krumm schließen und abpeitschen.« + +Hans zuckte zusammen, als ob er schon einen Schlag empfangen hätte, +und hielt einen Moment, wie unschlüssig was er thun solle, in seinen +Bewegungen ein. -- Was ihm aber auch für Gedanken im Kopfe herum +gegangen waren, seine Vernunft siegte. + +»Geduld -- Geduld,« murmelte er leise, wie eine Art +Beschwörungsformel vor sich hin, und griff eine andere, neben ihm +liegende Mistgabel auf, um das den Pferden kurz vorher gegebene und +jetzt umhergestreute Heu wieder zusammenzuschieben. Der Capitän mochte +aber wohl die leise geflüsterten Worte gehört haben, denn er sprang +rasch auf den Mann zu, faßte ihn am Kragen und rief wüthend: + +»Was murmelt der Hund -- willst du auch noch gegen mich knurren? Einen +Muks noch, Canaille, und ich schlage dir den tückischen Schädel bis +in den Kragen hinunter!« Und er riß bei den Worten dem, nicht den +mindesten Widerstand Leistenden die Mistgabel aus der Hand und hob sie +drohend, wie zum Schlag in die Höhe. + +Hans sagte kein Wort, er drehte sich nur halb nach ihm um und sah ihm +starr ins Gesicht -- er war todtenbleich geworden, und das kranke Bein, +auf dem er zu lange gestanden, fing ihn plötzlich so an zu schmerzen, +daß er sich an dem nächsten Pfeiler halten mußte. + +»Faule, schuftige Bande,« schrie jetzt der Capitän in fast trunkener +Wuth, ohne jedoch zuzuschlagen, denn der Mann stand ihm, ohne eine Hand +aufzuheben, gegenüber -- »die das Brod nicht verdienen, was sie ihrem +Herrgott abstehlen. Nun, zum Donnerwetter, was steht der Lump da und hat +Maulaffen feil -- Wird's bald, und kriegen die Pferde heute noch etwas +zu saufen.« + +Hans wandte sich um, als er aber auf sein Bein trat, knickte er +zusammen und konnte sich nur mit Mühe aufrichten, suchte aber doch mit +äußerster Anstrengung seinen Schmerz zu verbeißen. Er hatte dabei die +Laterne umgestoßen, die neben ihm stand, nahm sie aber gleich wieder in +die Höh und hing sie in einen dazu bestimmten Haken. + +»Ungeschicktes Vieh,« sagte da der Capitän, und stieß ihm, noch +während er damit beschäftigt war, den Stiel der Gabel gegen den +Nacken. + +»Capitän!« knirrschte aber auch in diesem Augenblick der +Gemißhandelte zwischen den fest zusammengebissenen Zähnen hindurch -- +»ich habe meine Schuldigkeit, so viel in meinen Kräften stand, gethan, +und keine Mißhandlung verdient!« + +»Bestie!« schrie jetzt ordentlich jauchzend, daß er eine gegründete +Ursache gegen einen Widersetzlichen hatte, der Capitän, und drehte die +Gabel in der Hand um, daß er das schwere Eisen nach oben schwang +-- »willst du muksen?« und im nächsten Moment fuhr das Instrument +sausend nach dem Kopfe des Matrosen -- aber es traf nur den Pfosten, +und während die Pferde wieder in wilder Scheu zurückschreckten und +stampften, schlugen und an den Tauen rissen, griff eine eiserne Faust +des Capitäns Kehle, und ein schwerer Schlag schmetterte ihn zu Boden. + + + + +Zehntes Capitel. + +Die unterbrochene Execution. + + +Eine Stunde etwa nach den im letzten Capitel beschriebenen Vorgängen +lag der Capitän, mit Essigumschlägen über den Kopf, in seinem Bett in +der Cajüte, und der deutsche Matrose Hans schwer in Eisen geschlossen +in einer kleinen Art von Behälter des untersten Raumes dicht neben dem +Steuer, zwischen zwei dort angebrachten eisernen Wasserreservoiren. Der +Capitän hatte sich seine Bestrafung auf den andern Tag vorbehalten und +wollte, wie er gemeint, ein exemplarisches Beispiel statuiren. -- Er +hatte mit dem ersten Mate eine lange Besprechung darüber gehabt. + +Der Steward lag übrigens auch in seiner Koje, der Leib war ihm, wo +ihn das Pferd gepackt gehabt, bös aufgeschwollen und er wimmerte und +lamentirte vor Schmerzen. Mit Jack ging es ebenfalls nicht besser -- +er hatte den Abend wieder starkes Fieber und konnte nicht an Aufstehen +denken. Des Capitäns Wache war dadurch so eingeschmolzen daß der Koch +mit dazu genommen werden mußte, obgleich er sich keineswegs, wie er +sich ausdrückte, ein »Vergnügen daraus mache.« + +Es herrschte übrigens ein dumpfes Schweigen unter der Mannschaft. Hans +war seines stillen anspruchslosen Wesens wegen von Allen gern gesehen; +dabei gab es keinen tüchtigeren Matrosen an Bord als ihn, und +François' Erzählung, der ja Zeuge des Vorfalls im unteren Raum +gewesen, diente gerade nicht dazu sie gegen den Capitän günstiger +zu stimmen. Nichts destoweniger hatte er Hand an seinen Vorgesetzten +gelegt, und die angeborene, fast möchte ich sagen =Scheu=, die in +dieser Hinsicht in den Leuten steckte, ließ sie auch von seiner +Bestrafung -- wie er immer gereizt gewesen sein mochte -- als von +einer Sache sprechen die sich von selbst verstände, und durch Nichts +geändert werden könne. + +»Der Teufel muß heute in Hans gefahren sein« meinte Jack, als die +Leute nach eben eingenommenem Abendessen noch auf ihren Kisten, und um +die hölzernen Schüsseln herum, im Logis saßen, »das hätt' ich ihm +gar nicht zugetraut, daß er so hitzig werden könnte.« + +»Ich hab' Dir's gestern wohl gesagt« lachte Bill -- »s'ist mir schon +ein paar Mal so vorgekommen, als ob der kleine _dutchman_ vom richtigen +Stoff wäre und nur einen mittelmäßigen Stahl brauche vortreffliches +Feuer zu geben. Schade daß er den alten betrunkenen Schuft nicht gleich +todtgeschlagen hat, dann wären wir ihn auf einmal los« -- er sah sich +dabei um, ob ihn auch der Zimmermann nicht gehört habe, doch der war +schon an Deck. + +»Schade für uns, aber nicht für ihn« meinte Jean nachdenkend -- +»dem armen Teufel wird's so schlecht genug gehen. -- Ich möchte morgen +früh nicht in seiner Haut stecken.« + +»Sie können ihm doch weiter nichts thun als daß sie ihn in Eisen +lassen,« sagte Carl rasch, »das ist für jetzt Strafe genug, und +nachher mögen sie ihn den Gerichten übergeben. Auf dem festen Land +wird er nicht so schwer abkommen wie an Bord.« + +»Das kommt aufs Wetter an« meinte Bill trocken, und schob sich ein +tüchtiges Primchen in den Mund, den er sich vorher mit einem halben +Kumpen Thee ausgespült hatte. + +»Auf's Wetter?« sagte Bob -- »wie soll das auf's Wetter ankommen -- +wohl die Laune vom Alten.« + +»Ich meine das =Wetter=,« behauptete Bill -- »nach Recht und Gesetz +weiß ich nicht einmal ob er ihn schlagen kann. Wird aber das Wetter +morgen unbeständig, und es sieht heute gerade so aus als ob wir vor dem +alten miserabeln Riffnest Gott weiß wie lange herumkreuzen müssten, +dann kann ihn der Alte, so schwach wie wir jetzt bemannt sind, gar nicht +in Eisen lassen, oder er muß erwarten daß ihm einmal über Nacht ein +Viertel Dutzend Masten über Bord gehen. Nachher heißts »wieder auf +Deck« und daß er ihn dann nicht so ohne alle Strafe frei herum laufen +läßt, ich dächte dazu kenntet Ihr doch unseren Alten ein klein +Bischen zu gut.« + +»Er darf ihn doch nicht schlagen lassen!« rief Carl entrüstet. + +»=Darf= nicht?« lächelte Bill verächtlich -- »ich möchte sehen +wer ihn daran verhindern wollte. -- Wenn =wir's= thäten, wär's weiter +nichts als »Seeräuberei« von unserer Seite -- »Rebellion und +Aufruhr« und wie die schönen Worte sonst noch alle heißen, nach denen +man eines ehrlichen Menschen Hals so lang zieht, daß er bis an die +nächste Raanocke reicht. Und wollte ihn Hans nachher verklagen wenn wir +an Land kommen, so möchte ich drei Monat Lohn gegen einen Priem Taback +wetten, daß der Capitän Recht bekommt und der Kläger, -- wenn sie ihn +nicht gar noch einmal einstecken -- höchstens den Verweis bekommt, sich +in Zukunft besser zu betragen. Das nennen sie nachher Gerechtigkeit.« + +»Ich hebe keine Hand gegen ihn auf,« betheuerte Carl, »wenn sie mich +krumm und lahm schließen lassen.« + +»Wirst du auch gar nicht 'zu kommen,« meinte Bill -- »das ist des +Bootsmanns Sache, und da »Spahn« jetzt überhaupt hier an Bord den +Bootsmann spielt, so wird der also auch wohl die kleinen Nebengeschäfte +zu besorgen haben. Doch hoffentlich bekommen wir besser Wetter, und dann +macht sich vielleicht noch Alles.« + +»Ich glaube auch nicht daß ihn der Capitän wird wirklich =peitschen= +lassen,« tröstete sich Jean, -- »er mag wohl den Teufel im Kopf haben +wenn er die »Tropfen« im Magen spürt -- aber Morgens ist er ja sonst +immer still und ruhig, und flucht nicht einmal besonders viel.« + +»Trau du dem Morgens,« brummte Bob hier aus seiner Ecke vor, »ich +hab' ihn einmal Morgens bei solchem Geschäft gesehen, und verlang es +nicht wieder.« + +Bob war, außer Hans, der einzige von der ganzen Mannschaft, der schon +früher einmal eine Reise mit dem Capitän in ein und demselben Schiffe +gemacht; aber man hatte ihn bis jetzt nie dazu bringen können auch nur +das mindeste darüber zu erzählen. Desto gespannter drehten sich jetzt +Alle gegen ihn um, weil sie glaubten er würde ihnen nun das, worauf er +anspielte, zum Besten geben. Bob aber, der vielleicht fürchten mochte +daß er dazu gedrängt würde, stand auf, zündete seine Pfeife an, +und stieg auf Deck, und da der Zimmermann gleich nach ihm herunter kam, +hörte jede weitere derartige Unterredung von selber auf. + +Der Gefangene bekam von dem zweiten Mate Wasser und einen +Schiffszwieback, auf des Capitäns Ordre hinuntergebracht -- auf seine +eigene fügte er aber ein Stück Fleisch und ein Fläschchen mit Rum +bei, und sprach dem armen Teufel Muth ein: er solle nicht das Schlimmste +glauben; es würde noch Alles gut gehen?« + +»Gut gehen?« lachte Hans leise und bitter vor sich hin, nachdem er dem +Mate, der mit der Laterne neben ihm stand, freundlich zugenickt -- »gut +gehn? -- was der Capitän thun kann daß mir's =schlecht= geht, thut er +gewiß, darauf könnt Ihr Euch verlassen, und =er= hat jetzt die Macht +in Händen. -- Das Blatt hat sich gewendet.« + +»Das Blatt hat sich gewendet?« wiederholte der Mate verwundert -- +»wie meint Ihr das?« + +»Oder es wendet sich vielleicht wollte ich sagen« erwiederte der +Matrose und that einen kräftigen Zug aus der ihm dargereichten Flasche. +-- »Ich spreche schlechtes englisch Mate, und Ihr dürft bei mir die +Worte nicht so auf die Wagschaale legen.« + +»Donnerwetter Mann, Ihr sprecht heute Abend ein recht =gutes= Englisch, +besser wie ich's noch je von Euch gehört habe -- Ihr müßt schnell +lernen.« + +»Wenn man den ganzen Tag weiter Nichts hört,« meinte der Gefangene, +»bleibt einem ein Bischen hängen, und =andere= Menschen lernen's ja, +warum soll gerade =mein= Kopf von Holz sein.« + +»Nun, laßt's Euch schmecken,« sagte der Mate, »und wenn Ihr das +Fläschchen leer habt, steckt's hier in die Ecke, zwischen die beiden +Balken hinein. Der Lump der Steward könnte wieder aufstehn und herunter +kommen und wenn der's ausschnoperte, wüßte es der Capitän auch schon +in den nächsten fünf Minuten.« + +»Ist denn der Steward krank?« frug Hans erstaunt -- »was fehlt ihm?« + +»Alle Wetter, Ihr waret doch selbst mit unten und sollt ja das Pferd +gerade auf ihn gehetzt haben, was ihn gebissen hat,« lachte der Mate +leise. + +»Oh, hat Ihn der Fuchs so derb gepackt gehabt« meinte Hans, +kopfschüttelnd, »hm, hm -- ja, Pferde beißen scharf, wenn sie einmal +richtig zufassen -- liegt er denn zu Bett?« + +»Ja -- aber ich kann jetzt auch nicht länger unten bleiben, ich habe +die Wache an Deck, -- also gute Nacht Hans« -- und damit nahm er seine +Laterne wieder in die Hand, und stieg die Leiter in die Höh, und Hans +blieb im Dunkeln allein. + +Am nächsten Morgen war der Wind ziemlich schläfrig geworden; das +Schiff machte nur wenig Fortgang. Am vorigen Tag hatten sie dabei gar +keine Observation bekommen, und auch heute verdunkelte sich gegen Mittag +die Sonne. Der Logrechnung nach mußten sie allerdings dem südlichen +Eingang der Riffe ziemlich nahe, d. h. fast auf einer Breite mit ihm +sein. Wie aber der Wind jetzt stand, wäre es gefährlich gewesen zu +nah an die Klippen anzulaufen, denn die Strömung setzte in dieser +Jahreszeit stark dagegen. Befiel sie vor dem Eingang Windstille, so +war die größte Wahrscheinlichkeit vorhanden, daß sie gegen die Riffe +getrieben werden mußten. Außerdem konnten sie dabei unter keiner +Bedingung vor Anker gehen -- mit ihrer längsten Lothleine hätten sie, +dicht vor den Riffen, keinen Grund gefunden. + +Der Morgen war so vorüber gegangen, ohne daß der Capitän auch nur ein +Wort über den Gefangenen erwähnt hätte. Erst mit sechs Glasen (drei +Uhr) gab er dem zweiten Mate den Befehl Hans an Deck zu bringen. +In Süd-Westen stieg eine dichte Wolkenschicht auf, und es war jede +Wahrscheinlichkeit vorhanden, daß sie eine häßliche Nacht bekommen +würden. + +Hans war todtenbleich als er das Deck erreichte, aber vollkommen ruhig. +-- Er stieg durch die hintere Luke vor dem Mate die Zwischendeckstreppe +hinauf, und blieb, auf ein Zeichen desselben, an der Nagelbank des +großen Mastes stehen. -- Hier aber, ob ihn sein Bein vielleicht noch +schmerzte, oder er sich durch die Aufregung, in der er sich jedenfalls +befand, erschöpft fühlte, aber er lehnte sich halb auf das neben ihm +stehende Fleischfaß, und erwartete dort die Ankunft des Capitäns, der +gleich darauf über das Quarterdeck herüber auf ihn zu kam. + +Capitän Oilytt sah gerade das Gegentheil von Hans aus -- er war +glühend roth im Gesicht, und über der Stirn saß ihm ein breites und +langes schwarzes Pflaster. Es war dieselbe Stelle, auf die ihn der jetzt +in Eisen Geschlossene gestern getroffen. Seine Augen hafteten aber nur +für kurze Zeit auf dem Gefangenen, der seinem Blick fest begegnete -- +er schaute unruhig über sein Schiff hinweg, nach den Segeln hinauf, +nach den Wolken hinüber und befahl dann dem zweiten Mate mit heiserer +fast nur halblauter Stimme _all hands on deck_ zu rufen und aufs +Quarterdeck zu bringen. + +Die Leute kamen still und schweigend an und sammelten sich um Hans, +Keiner aber, außer dem Zimmermann, ohne ihm nicht halb verstohlen und +freundlich zuzunicken. + +Um des Gefangenen Züge spielte ein leises schmerzliches Lächeln, -- +aber sein Blick suchte wieder die im Süd-Westen aufsteigenden Wolken, +die er in den letzten Minuten schon aufmerksam betrachtet hatte. Wie +unruhig schaute er dann nach dem Oberbramsegel hinauf. Bill, der neben +ihm stand hatte den Blick gesehen und sagte leise: + +»Du hast recht Hans, wir kriegen heut Abend faul Wetter und wenn der +Alte nicht bald Segel« -- + +Des Capitäns Stimme unterbrach ihn hier. -- Dieser war bis dicht an die +dünne eiserne Railing getreten, die das Quarterdeck, das halb aus dem +unteren Raum emporragte, von dem Mitteldeck trennte, und redete jetzt +die Mannschaft mit lauter aber doch nicht fest klingender Stimme an: + +»Leute -- wie Ihr wohl wissen werdet, so hat gestern der deutsche +Matrose da -- könnt Ihr nicht aufrecht stehn, Sir, wenn man zu Euch +spricht? -- heh?« -- Hans versuchte sich aufzurichten, mußte sich aber +immer noch festhalten und suchte sich jetzt mit dem gesunden Beine gegen +das Faß zu stützen. + +»Sein Bein thut ihm noch weh,« sagte der zweite Mate leise zum +Capitän, hinter dem er stand. -- + +»Sein Bein soll verdammt sein,« erwiederte dieser barsch und laut, +»übrigens hab ich Euch nicht gefragt Sir, daß Ihr Euch hier das Wort +erlaubt.« -- + +»Ich meinte nur.« + +»Ihr =habt= Nichts zu meinen, Ruhe Sir -- Gott verdamme mich, ich will +Ordnung hier an Bord haben, oder mit Schiff und Mannschaft zu Grunde +gehn -- und Gnade Gott allen denen, über die ich vorher noch weg muß. +-- Also wie ich Euch sagte, Leute, so hat gestern der deutsche Matrose, +sich erst im Raum unten, als ich ihn wegen Unordnung und Liederlichkeit +zurecht wieß, mit Worten gegen mich vergangen, und zuletzt sogar +einen mörderischen Angriff auf mich gewagt, bei dem er mich, von der +Dunkelheit des unteren Raumes und der Lokalität begünstigt, mit irgend +einem schweren Instrument oder Gegenstand vor den Kopf traf und zu Boden +warf.« + +»Ich hätte meinen Hals verwettet,« flüsterte Bill dem neben ihm +stehenden Jean zu, »daß er's akkurat so herausbringen würde. -- Ein +Advokat hätt's nicht besser machen können.« + +»Dem Gesetz nach könnte ich ihn nun bis Indien« -- fuhr der Capitän +fort, »schwer geschlossen im unteren Raume lassen. Da wir aber +überdies schwach bemannt und einige von uns noch dazu krank sind, so +dürfte ich das jetzt kaum mit der Sicherheit des Schiffes verantworten +können. Ganz ohne Strafe soll er aber natürlich, bis ich ihn in +Calcutta den Gerichten übergeben kann, nicht wegkommen, und der +Bootsmann wird ihm deshalb hier vor Euren Augen funfzig Hiebe aufzählen +-- als =Warnung= für jeden Einzelnen unter Euch für die Zukunft. Ihr +habt mir in Sydney Aerger und Kosten genug gemacht, und ich will mir +hier an Bord wenigstens nicht länger von Euch auf der Nase herumspielen +lassen, oder mich gar Euren mörderischen Angriffen aussetzen. Bootsmann +-- thut Eure Schuldigkeit.« + +Er wandte sich um als ob er nach hinten gehen wollte. Des Gefangenen +Stimme hielt ihn da zurück; er blieb mitten im Gange stehen, drehte +sich aber nur halb nach diesem wieder um. + +»Capitän,« sagte Hans, dem die Worte kaum aus dem Mund wollten, so +erstickte die innere fürchterliche Aufregung seine Stimme. Er sprach +auch sehr langsam, wie er immer that wenn er sich des Englischen +bediente. -- »Capitän -- in Sydney haben fast alle Euer Schiff +verlassen, nur ich nicht, weil ich Euch mein =Wort= gegeben hatte zu +bleiben.« + +»Du bist geblieben, Schuft, weil ich den Lohn von voriger Reise für +dich in Händen hatte,« lachte der Capitän und drehte sich wieder ab +-- »nicht wegen deines Ehrenworts.« + +»Capitän,« rief aber Hans noch einmal, dem das Blut jetzt wie mit +vollen Strömen aus dem Herzen herauf ins Gesicht stieg -- »ich blieb, +weil ich mein =Wort= gegeben -- und ich gebe es Euch hier noch einmal -- +nehmt die Strafe zurück. Ihr wißt selber, wie Ihr mich gereizt habt. +-- Ich war meiner Sinne nicht mächtig als ich nach Euch schlug -- aber +nur mit meiner nackten unbewaffneten Faust, so helfe mir Gott. -- Nehmt +die Strafe zurück und ich will arbeiten, daß mir das Blut unter den +Nägeln vorkommt -- oder in Eisen liegen wie Ihr wollt -- ich will nicht +murren. -- Setzt mich die ganze Reise auf Wasser und Brod -- behaltet +zur Strafe für mich jeden Cent, den ich bis jetzt hier an Bord verdient +habe -- aber -- aber -- keine Schläge.« + +Der Capitän war stehen geblieben, aber allem Anschein nach ohne den +Worten auch nur die geringste Aufmerksamkeit zu widmen. -- Er wandte +sich jetzt rasch gegen den Zimmermann und sagte schnell: -- + +»Hab' ich Euch nicht befohlen Eure Schuldigkeit zu thun? -- Wir haben +keine Zeit mehr zu verlieren, dort hinten kommt ein Wetter auf -- Bob -- +Jim -- bindet den Gefangenen an die Leeseite -- nur mit den Händen -- +er mag aufrecht dabei stehen bleiben oder -- wenn ihm das bequemer ist, +auf die Kniee niederfallen.« + +»Capitän!« schrie aber jetzt Hans plötzlich, als die beiden auf ihn +zutraten, mit lauter fast drohender Stimme, und in so reinem, flüssigem +Englisch, daß selbst der Capitän sich erstaunt nach ihm umschaute -- +»Ihr =wißt=, daß ich mein Wort halte, aber beim heiligen Gott des +Himmels, der, der Hand an mich legt, schlage mich lieber gleich todt, +denn so wahr ich einst selig zu werden hoffte, so wahrhaftig morde ich +ihn im nächsten Augenblick, wo ich die Hände frei bekomme.« + +»Ah, wenn die Sachen so stehen, wollen wir wohl zusehen daß du +die Hände nicht frei bekommst, mein Bursche,« lachte der Capitän +höhnisch -- »Gott verdamme es, wie der Kerl auf einmal so gut englisch +spricht -- das bringt die Angst heraus. Also =Mord= -- gut Sir, wir +werden's nicht vergessen. -- Und nun an die Arbeit, Bootsmann, und legt +gut auf, oder ich laß Euch auf Euerm eigenen Rücken zeigen wie man's +machen muß. Allons, Bob -- Jim -- Pest, noch einmal Burschen, soll +ich's Euch zum =drittenmal= sagen?« + +Die beiden hatten unschlüssig dagestanden. Dem directen Aufruf des +Capitäns wagten sie aber nicht den Gehorsam zu verweigern, und führten +den Gefangenen an die Leeseite, wo sie ihm das Hemd abzogen und +den Rücken entblößten. Brust und Schultern waren ihm mit blauen +wunderbaren Zeichen tättowirt, und auf der ersteren hatte er noch +außerdem drei tiefe, aber schon seit Jahren verharrschte Narben. Sie +banden ihm die Hände hoch in die Höhe, aber er sprach kein Wort mehr, +und ließ alles ruhig mit sich geschehen. Der Zimmermann hatte indessen +ein schon bereitliegendes noch neues Reefband vorgenommen, wickelte sich +das eine Ende davon um die rechte Hand, und trat auf den Gefangenen zu. + +Indessen hatte es schon lange im Südwesten geblitzt, und es folgte +gerade in diesem Augenblick ein so heftiger Donnerschlag, daß Alle, +die bis jetzt nur mit dem Gefangenen beschäftigt gewesen, erschrocken +aufsahen. + +»Werft die Bramsegelfalle los,« schrie aber jetzt auch der Capitän, +der auf einmal fand daß ihn das Wetter ganz plötzlich überrascht +hatte. -- »Bramsegel fest -- schnell -- Falle los -- Donnerwetter, +Zimmermann, laßt den Burschen jetzt stehen und werft die Taue los.« + +Die Leute sprangen, froh dem peinlichen Schauspiel enthoben zu +sein, blitzesschnell auf ihre verschiedenen Posten, und im nächsten +Augenblick schien alles nur Verwirrung in den gelösten Tauen und +flatternden Segeln. -- Niemand kümmerte sich um den Gefangenen, der +noch mit entblößtem Oberkörper an den Wanten hing. + +Ueber die See kam es indessen in dumpfem, hohlem Brausen herangestürmt. +-- Noch standen die Wolken tief am Horizont, aber die Luft wurde schon +dick und düster, und das Wasser fing an sich vor der andrängenden +Gewalt zu kräuseln und zu gähren. Die leichteren Segel waren indessen, +so rasch es die schwache Mannschaft nur irgend erlaubte, festgemacht, +die Marsraaen rasselten jetzt zum Reefen nieder, und in das monotone +Heulen der Matrosen, die an den Reeftaljen hingen und die schweren Segel +zum Reefen aufholten, mischte sich schon das Brausen des Sturmes, und +die Segel schlugen dabei an die von den Brassen gelösten Raaen, als ob +sie der kommenden Windsbraut ängstlich entfliehen und hinaus ins Weite +wollten. + +Hier besonders zeigte sich jetzt der Nachtheil einer zu schwachen +Bemannung. -- Sämmtliche Mannschaft wurde gebraucht ein einziges Segel +zu reefen -- und war selbst dazu kaum stark genug. Ehe sie denn auch das +Vormarssegel fest bekommen konnten, brauste der Sturm heran, riß das +große Marssegel mit =einem= Schlag, wie aus einer Kanone geschossen, +von einander, und in der nächsten Secunde peitschten schon die Streifen +davon um die Raaen. Der Capitän stampfte ingrimmig mit dem Fuß. + +»Soll ich Hans lieber losbinden, daß er mit hilft?« sagte der erste +Mate zum Capitän, mit dem er allein auf dem Verdeck stand -- der zweite +Mate war mit oben auf der Marsraae. -- + +»Verdammt! nein,« rief aber dieser »ich traue dem Burschen nicht, +und er soll nicht sagen, daß er oder das Wetter mir seine Strafe +abgetrotzt. Das Segel ist nun doch einmal beim Teufel, und mit +den anderen werden sie schon fertig werden. So wie der Zimmermann +herunterkommt, soll er ihm seinen Theil auflegen und dann wieder marsch +hinunter in sein Loch. Wenn er so mordlustige Gedanken hat, wollen wir +den Wolf doch lieber nicht aus der Falle herauslassen.« + +Der Wind, der indessen eher an Stärke zugenommen als nachgelassen +hatte, war erst ganz nach Norden herumgegangen, und bis die Leute mit +Reefen fertig waren, neigte er sich sogar so weit gegen Nord-Ost +daß der Capitän, der in den letzten beiden Tagen keine Observation +bekommen, und die Nacht vor der Thür sah, der Nähe der Riffe nicht +mehr traute, und lieber gleich zu wenden befahl. + +Jetzt war aber der Angebundene wirklich im Weg, und da der Capitän auch +wohl einsehen mochte, daß unter den jetzigen Umständen und während +der Sturm über die aufgeregten Wogen heulte, die Vollziehung der Strafe +unter den Leuten weit eher einen bösen Eindruck machen, als sie vor +ähnlichen Vergehungen zurückschrecken würde, befahl er dem jetzt +wieder an Deck gekommenen zweiten Mate ihn abzubinden und nach unten zu +führen -- »bis das Wetter besser geworden wäre.« + +Der Mate, ein gutherziger Bursche, hatte wohl kaum einen Befehl seines +Oberen mit größerer Freudigkeit befolgt als eben diesen. Er sprang +rasch nach unten, warf ihm sein Hemd wieder über und stieg mit ihm die +Luke hinunter. + +»Es kann sich noch alles machen, =Hans=,« sagte er ihm hier +freundlich, als er ihn in sein kleines Behältniß wieder eingebracht +hatte -- »Zeit gewonnen alles gewonnen, und wenn wir morgen glücklich +in die Riffe einlaufen, denkt der Alte vielleicht gar nicht mehr an die +ganze Geschichte.« + +»Ich dank Euch für Euren freundlichen Wunsch, Mate,« sagte der +Gefangene düster und warf sich auf seine Matratze, die ihm Jean heute, +allerdings =gegen= des Capitäns Befehl, zu verschaffen gewußt hatte. +Der Mate hatte auch nicht lange Zeit, denn von oben nieder tönte schon +das Schreien und Heulen der Matrosen, die an den Schoten und Brassen +rissen, das Schiff auf den anderen Bug zu legen, und er sprang rasch die +Leiter wieder hinauf. + + + + +Elftes Capitel. + +Der Sturm. + + +Als an Deck alles klar war, die nicht durchaus nöthigsten Segel +geborgen, die Raaen scharf angebraßt standen, lief das Schiff wieder +nach Süden zurück. Südost lag freilich auf dem Compaß an, aber ein +paar Striche trieb es doch noch immer weiter nach Süden hinüber, so +daß es vielleicht einen SSO-Cours steuerte. Unter der Zeit war es aber +auch vollkommen dunkel geworden, und der Capitän saß in der Cajüte +und trank, theils aus Aerger über das schlechte Wetter, theils über +die vereitelte Execution an dem Deutschen, von dessen schwerer Faust ihm +das Zeichen noch immer auf der Stirn brannte, ein Glas Grog über das +andere. Der erste Mate, der die Wache auf Deck hatte, ging ab und zu, +bald in die Cajüte hinunter, das Nöthige mit dem Capitän über die +Fahrt zu besprechen, bald einmal wieder an Deck schauend, wie es mit dem +Wetter stehe. + +Die Karte der Torresstraße lag mit Cirkeln und Parallel-Lineal auf dem +Tisch der Cajüte, und es schien ihm nichts weniger als angenehm, daß +sich der Capitän heute gerade um seinen Verstand trank. + +»Um zwölf wollen wir wieder über den anderen Bug gehen,« sagte +endlich Capitän Oilytt, der in der einen Sophaecke lehnte, und das +rechte Bein zu sich heraufgezogen hatte. -- »_Damn it_, wir dürfen +nicht so weit von der Straße ablaufen, wir haben sonst morgen Abend +wieder dieselbe Geschichte.« + +»Um zwölf möchte wohl ein wenig früh sein, Capitän,« meinte der +Steuermann -- »ich war noch vor Dunkelwerden oben im Mast, und wenn +ich's auch nicht gerade bestimmt behaupten will, so war mir's doch als +ob ich im Westen Land gesehen hätte. -- Die Strömung setzt uns hier +sehr stark nach den Riffen hinein, und es wäre eine fatale Geschichte, +wenn wir im Dunkeln drauf liefen.« + +»Unsinn,« brummte der Capitän und füllte sich auf's neue sein Glas +-- »wenn's Tag wird, werden wir gerade in der rechten Entfernung +sein, bis Mittag die Einfahrt machen zu können, und dann soll auch der +Bursche, der Hans, seine Ladung haben -- der Schuft der.« + +»Capitän Oilytt,« sagte der Mate ruhig -- »ich würde die Sache sein +lassen, bis wir durch die Torresstraße sind. -- Es ist nicht gut jetzt +böses Blut unter der Mannschaft machen. Nachher, wenn Ihr Euch nicht +anders besonnen habt, könnt Ihr ja immer noch thun was Ihr wollt. -- +Er läuft uns in der Zeit wahrhaftig nicht weg, und da unten in Eisen +liegen ist auch eben kein Spaß.« + +»Papperlapapp!« rief der Capitän ärgerlich auffahrend -- »glaubt +Ihr ich soll vor meiner Mannschaft mit zerschlagenem Gesichte +herumlaufen, und den Schuft nicht gezüchtigt haben, der es gewagt hat +Hand an mich zu legen? Pest und Gift -- und hinter dem Burschen steckt +auch noch mehr. -- Ich habe ihn im vorigen Jahr zuerst von Sydney mit +fortgenommen, und er sprach fast kein Wort englisch, und gestern Abend, +Gott verdamme mich, ging's ihm vom Maule als ob er in seinem ganzen +Leben keine andere Sprache gesprochen. Hier an Bord kann er das in der +kurzen Zeit nicht so gelernt haben, also hat er sich vorher =verstellt= +und da sitzt ein Haken dahinter. Es sollte mich nicht so viel wundern, +wenn er irgend ein durchgekniffener Verbrecher von Neusüdwales oder +Vandiemensland wäre. -- Ich wollte, ich hätte früher eine Ahnung +davon gehabt.« + +»Ja, sein englisch Sprechen ist mir auch gestern Abend aufgefallen,« +sagte der Mate, nachdenkend -- »was sollte er aber für eine Ursache +haben, seine Sprache zu verstellen?« + +»Und den ganzen Leib hat der Schuft voller Narben,« fuhr der Capitän, +ein anderes Glas leerend, fort, »ich möchte nur wissen wo er die +gekriegt hat -- im ehrlichen Kriege wahrhaftig nicht, denn so alt ist er +gar nicht irgend einen Krieg mitgemacht zu haben -- verdammte Bestie. +-- Und dabei ist mir's immer als ob ich seine grauen Katzenaugen schon +irgendwo einmal früher gesehen hätte.« + +»Er müßte denn mit in Indien gewesen sein,« meinte der Mate. + +»Indien -- pah« -- sagte Oilytt -- »die Tättowirungen hat er auch +nicht aus Indien, die sind aus der Südsee. -- Wo sich der Schuft nur +mag alles herumgetrieben haben.« + +Er schenkte sich ein frisches Glas ein und rührte dieses wüthend +zusammen, während der Mate, der das nicht länger mit ansehen mochte, +die Cajüte verließ. Dem Capitän gingen aber indessen allerlei Dinge +durch den Kopf -- die Narben des Gefangenen gefielen ihm nicht. -- Der +Mann hatte schon mehr erlebt als er wieder erzählen mochte, und war +allerdings im Stande seine Drohung auszuführen. + +»Hol ihn der Teufel,« brummte er endlich vor sich hin -- »er soll +nicht sagen können daß er Bill Oilytt erst geschlagen und nachher in's +Bockshorn gejagt hat. -- Morgen früh, wenn wir gesund bleiben, soll +er seine fünfzig -- Narben oder keine Narben -- richtig aufgezählt +kriegen. -- Wart Canaille, ich will dir das Fell noch einmal +übertättowiren und nachher kann er sehen wie er sein Wort hält, wenn +er unten in Eisen krumm liegt. -- Verdammte meuterische Hundeseele.« +Mit diesen Worten zog er auch das andere Bein auf's Sopha herauf, um +sich zum Schlafen zurecht zu legen. -- Das Rückenkissen unter den +Kopf schiebend, rief er dann, erst in seiner gewöhnlichen Stimme, zum +zweiten Mal jedoch laut und ärgerlich nach dem Steward -- er hatte ganz +vergessen daß der im Bett lag. An dessen Statt erschien aber Timor, der +Malayische Knabe in der Thür, und frug was der Capitän befehle. + +»Wo ist der Steward, der Lump?« schrie ihn dieser an -- »schon zu +Bett? -- ach ja so, hat eine dicke Seite -- Pest noch einmal, daß ich +ihm nicht einen dicken Buckel dazu gebe -- Timor -- Timor!« + +»Ich bin hier, Sir,« sagte der Junge, und trat dicht zum Sopha hinan. + +»Timor -- um zwölf Uhr weckst Du mich -- verstanden?« + +»Ja Sir,« -- der Junge blieb noch eine ganze Weile auf seinem Platz, +fernere Befehle seines Herrn, mit dem er wohl wußte daß sich in diesem +Zustand nicht spaßen ließ, abzuwarten. Der Capitän war aber schon +fest eingeschlafen und Timor drückte sich in seinen Verschlag zurück, +-- wenn es ihm der Mate verstattete -- ein Gleiches zu thun. + +Unter fast gar keinen Segeln und gegen eine ziemlich schwere See an, +machte das Schiff nur sehr geringen Fortgang. Trotzdem sie aber vom +Lande, ihrem Cours nach, abgingen, schickte der zweite Mate, der bis +zwölf Uhr Wacht hatte, mehrmals Leute nach oben, um zu sehen ob sich +nach Westen zu nicht doch irgend etwas erkennen ließ. Der Himmel war +jedoch zu bewölkt und die Luft zu dunkel. Ohne daß etwas besonderes +vorgefallen wäre kam 12 Uhr heran. + +Timor schüttelte jetzt seinen Herrn und that im Anfang wirklich was +er thun =konnte=, ihn nur munter zu bekommen. Dann sprang derselbe aber +auch mit beiden Füßen zugleich empor, rieb sich die Augen und sah nach +dem über ihm hängenden Compaß. Fünf Minuten blieb er noch etwa, +wie in tiefe Gedanken versunken, auf dem Sopha sitzen -- er besann sich +wahrscheinlich, was in den letzten Stunden mit ihm vorgegangen, und erst +jetzt, mit einem plötzlichen »Ja so« -- stand er auf, sah nach der +Kanne, die er jedoch leer fand, und stieg, darüber auch eben nicht ganz +zufrieden, an Deck hinauf. + +Der Wind wehte noch aus demselben Quartier, ja hatte sich eher noch +mehr nach Osten gedreht; die See ging hoch und hohl, und es war eine +häßliche Nacht. -- Der erste Mate kam eben an Deck und zog sich, schon +oben, seinen dicken Rock an, den er fest unter dem Halse zuknöpfte. + +»Guten Morgen, Capitän,« sagte er, als er an diesem vorüberging -- +»noch immer um nichts besser -- da hinten sieht's noch häßlich aus.« + +»Guten Morgen, Mr. Black -- nun ich denke mit Sonnenaufgang sollen wir +wieder klar Wetter bekommen, die Luft sieht da drüben schon lichter +aus. Sind die Leute an Deck? -- he Bill,« wandte er sich zu dem Mann, +der eben vom Ruder abgelöst war -- »geht noch nicht zu Koje, wir +wollen wenden.« + +Das Manöver, das auf vollkommen bemannten Schiffen nicht viele Minuten +dauern darf, erforderte mit der schwachen Mannschaft, bis alles wieder +in der gehörigen Ordnung war, fast eine halbe Stunde, und der Boreas +nahm, gegen die schwere See an, eine Masse Wasser über Bord. Wie der +Wind stand, konnte er dabei nur eben einen Nordcours liegen, und hatte +jedenfalls nach Westen hin, ohne die dort hinüber setzende Strömung, +anderthalb Strich Abdrift. -- + +»Capitän Oilytt,« sagte der Mate, als die letzten Brassen angeholt +waren und das Schiff wieder, mit etwa drei Meilen Fahrt, langsam gegen +die Wogen ankämpfte. -- »Ich glaube wahrhaftig nicht daß wir bis vier +Uhr über diesen Bug liegen dürfen. Unserer Berechnung nach sind wir +allerdings noch über einen Grad von der Küste ab, wir haben aber in +zwei vollen Tagen keine ordentliche Observation gehabt, und -- es ist +eine verdammt gefährliche Küste.« + +»Kommen Sie mit hinunter, wir wollen einmal auf der Karte ablegen,« +sagte Capitän Oilytt, und stieg voran die Treppe hinunter. + +Ihrer Berechnung nach waren sie allerdings noch weit genug von den +Klippen ab, und mit dem geringen Fortgang den das Schiff machte, ließ +sich eben nichts besonderes für die wenigen Stunden fürchten. Der Mate +schüttelte aber doch mit dem Kopf und meinte, »sicher sei jedenfalls +sicher.« + +»Gut, dann wecken Sie mich um zwei Uhr,« brummte der Capitän +mürrisch und legte sich wieder auf's Sopha, dort die anderthalb Stunden +zu verbringen. + + + + +Zwölftes Capitel. + +Die Riffbank. + + +Der Mate kam um die bestimmte Zeit selber herunter, legte die Distance +ab, die sie nach Log und Compaß gemacht, und fand daß sie der Küste, +wenn die Strömung hier nicht sehr stark war, etwa um fünf Meilen +näher gekommen. Sie gingen dann mitsammen auf Deck, und es wurde ein +Mann nach oben gesandt, auszusehen, während vorn auf der Back ein +anderer die Wacht halten mußte. Es ließ sich aber nicht das mindeste +erkennen, und der Capitän blieb bis zu seiner Wacht oben. Gewendet +wurde aber =nicht=. + +Um vier Uhr ging der erste Mate nach unten, und als er den zweiten +weckte, prägte er ihm noch besonders ein, ja fortwährend Jemand auf +dem Ausguck zu haben, der nicht allein nach der Brandung aussähe, +sondern auch =aushorche=, denn sie würden sie in dieser stockfinstern +Nacht eine Stunde eher hören als sehen können. Er ging dann zu Koje, +konnte aber nicht schlafen und wälzte sich unruhig, alle Augenblicke +aufhorchend, auf seinem Bett herum. + +Es war um fünf Uhr Morgens, als er ganz deutlich durch sein offenes +Fenster, bei einem plötzlich herüberwehenden Windstoß, das ferne +dumpfe Rollen der Brandung zu hören glaubte. -- Mit einem Satz war er +aus dem Bett und an Deck -- einen Augenblick war alles still, dann kam +es dumpfgrollend und deutlich wieder über die empörte See daher, und +mischte sich in das Heulen des Windes. + +»Capitän Oilytt, wir sind dicht auf der Küste,« rief der Mann +erschrocken und sprang rasch die wenigen Stufen hinauf und auf den +Capitän zu, der bis jetzt auf dem hinteren Theil des Quarterdecks mit +schnellen Schritten auf- und abgegangen war. + +»Unsinn, Sir -- was macht Sie das glauben?« frug der Capitän, indem +er stehen blieb. + +»Hörten Sie nichts?« sagte der Mate, und hielt die gebogene Hand +trichterförmig an das lauschend vorgebeugte Ohr. Eine halbe Minute wohl +ließ sich nichts deutlich unterscheiden, dann aber plötzlich quollen +die dumpfgrollenden Töne ferner Brandung so deutlich zu ihnen herüber, +daß sich die Sache nicht mehr bezweifeln oder gar wegläugnen ließ. + +»Ich höre nach vorn zu auch die Brandung, Capitän,« sagte Jean +der am Steuer stand, und schon eine Weile nach der Richtung hinüber +gehorcht hatte, »gerad' da drüben.« + +»Er hat wahrhaftig recht,« rief der Mate -- »wir sitzen mitten +drinn.« + +»_All hands on deck_« donnerte der Capitän jetzt, ohne etwas darauf +zu erwiedern, über Deck hin -- »schnell Jungen, schnell, treibt mir +die Schläfer aus den Kojen. -- Nach oben ihr Leute, und schüttelt mir +die Reefen aus den Marssegeln. -- Rasch, munter, Jungens -- zwei nach +vorn und zwei für die Besahn -- jetzt fehlt uns das große Marssegel. +Den großen Klüver los, Einer von Euch, und nun Marsraaen in die Höhe, +was das Zeug halten will.« + +Die Leute waren aus dem Logis halb bekleidet herausgesprungen und flogen +an die Taue. Die Vormarsraae ging rasch, diesmal ohne Singen und nur +unter dem schnellen Tactheulen eines Einzelnen, nach oben, und das +gewaltige Segel faßte bald voll und kräftig den Wind. »Vor-Bramsegel +los!« -- tönte der nächste Ruf, und ob sich gleich die Stenge vor der +ungeheuren Last die gegen sie preßte, ordentlich bog, als die Schoten +nach dem Nocken flogen und der Wind plötzlich hineinschlug, sie brachen +wenigstens nicht. Das große Besahn war ebenfalls gesetzt, und das +Schiff bewegte sich etwas schneller durchs Wasser. + +»Ist das neue Marssegel zur Hand, Mr. Black?« frug der Capitän jetzt +diesen, der neben ihm stand und die Besahnschot befestigen half. + +»Alles in Ordnung, Sir -- liegt gerade hier unter der Luke. Ich wollte +es überhaupt schon heute früh anschlagen und das alte Segel ausbessern +lassen.« + +»Ich wollte Sie hätten's gestern gethan,« erwiederte der Capitän -- +»allons, hinauf damit -- wir müssen sehen, daß wir es fest kriegen. +-- Wenn wir nicht Segel setzen können, jagen wir unrettbar auf die +Riffe hinauf.« + +Es ist eine schlimme Arbeit, an Bord eines Schiffes, in solchem Wetter +und solcher See ein Segel anzuschlagen, das schon durch sein ungeheures +Gewicht ein stetes Hinderniß bietet. In offener See wäre es auch +sicher unterblieben. Hier aber lag ihre einzige Rettung darin von der +Küste oder den Riffen vielmehr, die sich hier gefährlicher als an +irgend einer Küste hinauf erstreckten, wieder abzukommen, und die +Marssegel sind durch ihre Größe wie ihren Platz bei solchem Absegeln +gerade die wichtigsten von allen. Ob die Stengen und Masten hielten, +mußte sich jetzt zeigen. Aber halten oder nicht -- brachten sie nicht +mehr Segel auf, so saßen sie in einer Stunde zwischen den Klippen. + +Die Luke war geöffnet, und die Männer arbeiteten daran das schwere +Segel auf Deck zu heben, während der Capitän unruhig vorgebeugt nach +der Brandung horchte, und in der mehr und mehr lichtenden Dämmerung +den weißen Schaumstreifen, der jetzt sichtbar sein mußte, zu erkennen +suchte. Einer der Leute war nach oben geschickt, eine Talje an eine +der Pardunen zu schlagen, um das Segel nachher gleich in die Marsen +hinaufheben zu können. Zuerst mußte es aber erst auf Deck vollkommen +dicht gereeft, und so fest zusammengeschnürt werden, daß oben der +Wind, ehe es fest gemacht war, nicht hineingreifen konnte. + +»Capitän Oilytt,« sagte der Mate jetzt zu diesem tretend -- »wir +sind zu schwach an Händen -- soll ich Hans vielleicht aus dem untern +Raum heraufholen lassen?« + +»Nein« -- sagte der Capitän rasch -- »es geht auch ohne den -- +ich will nicht. -- Doch meinetwegen,« setzte er, sich eines besseren +besinnend hinzu -- »wir dürfen nichts versäumen, denn wenn wir +Unglück haben, käme uns am Ende die Assecuranz-Compagnie auf den +Kragen. -- Bringt ihn herauf und nehmt ihm die Eisen ab. Wenn wir von +der Küste los sind, können wir immer noch thun, was wir wollen.« + +Der Zimmermann mußte den Gefangenen heraufbringen, und auch der Steward +war indessen aus dem Bett geholt. Obgleich er ächzte und stöhnte als +ob er am Spieße stäke, half ihm das diesmal nichts. Kaum hatte er aber +einen Blick über See und Takelwerk geworfen, und nach den donnernden +Riffen hinüber gehorcht, als er auf einmal so gesund schien, als ob ihm +im Leben nichts gefehlt hätte. Er war lange genug zur See gewesen, um +bald einzusehen wie die Sachen hier standen. + +Als Hans an Deck kam, warf er einen einzigen flüchtigen Blick über +Segel und Luft, im nächsten Moment schlug aber schon das dumpfe, jetzt +ganz deutliche Donnern der Brandung an sein Ohr, und ein leichtes, fast +triumphirendes Lächeln überflog seine bleichen Züge. + +»Nehmt ihm die Eisen ab, Zimmermann,« sagte der erste Mate rasch, als +ob er befürchte, daß vom Capitän wieder Einsprache geschehen könnte +-- »und dann rasch ans Werk, mein Bursche. Wir arbeiten heute Morgen +alle nur für uns selber, denn wer den Hals nicht voll Seewasser +haben will, mag zusehen daß er seinen Mund noch eine Weile über hoch +Wassermark behält. -- Rasch mit dem Segel, Ihr Jungen, das dauert ja +eine Ewigkeit.« + +»Mr. Black,« sagte aber in diesem Augenblick Hans, der dem Zimmermann +seine Hände wieder entzogen hatte, daß er ihn noch nicht frei machen +konnte -- »ehe ich einen Finger dazu aufhebe, dies Schiff vom Untergang +mit frei zu arbeiten, will ich erst wissen ob der Capitän die -- +Prügelstrafe, die er mir zudictirt, zurückgenommen. -- Ist das der +Fall, so soll er wahrlich keinen willigeren Mann als mich an Bord haben, +und er mag mich nachher geduldig wieder in Eisen legen. -- Ist das aber +nicht der Fall, so -- ist mir's lieber wir treiben auf die Klippen. +-- Ich für meinen Theil ersaufe nun einmal lieber als daß ich mich +peitschen lasse.« + +»Das ist Unsinn, Mann,« rief aber der Mate -- »macht keine Flausen, +und seid froh, daß man Euch Gelegenheit giebt Euer eigenes Leben mit +retten zu helfen. -- Erst einmal von der Küste ab -- das andere findet +sich nachher?« + +»Was? -- will sich der Hund noch widersetzen?« schrie aber der +Capitän jetzt, auf das Mitteldeck springend und eine Handspeiche, die +beim Oeffnen der Luke gebraucht war, aufgreifend -- und ehe ihn jemand +daran verhindern konnte, schlug er sie dem Gefangenen der wehrlos +und mit gefesselten Händen vor ihm stand, über den Kopf, daß er +besinnungslos zu Boden stürzte. Bill und Karl wollten ihm zu Hülfe +springen und ihn aufrichten. Der Capitän schrie sie aber an bei ihrer +Arbeit zu bleiben und sich nicht zu rühren, warf dann die Handspeiche +auf Deck, und befahl Timor den »Körper« aus dem Weg und auf die Seite +zu ziehen. + +Mr. Black -- sonst wohl ein rauher Gesell, aber keineswegs mit solcher +unnöthigen Grausamkeit einverstanden, wartete diesmal auf keine +weiteren Befehle von seinem Capitän, sondern rief dem ihm nächsten +Matrosen -- es war Bill -- den Bewußtlosen aufzuheben und hinunter in +das Zwischendeck zu schaffen. Dort legten sie ihn auf ein paar der da +aufgestapelten Heuballen und ließen ihn liegen -- es war nicht möglich +in diesem Augenblick weiter etwas mit ihm vorzunehmen. + +Der Capitän sah dies wohl, da aber Mr. Black, und wie es schien +ziemlich entschlossen, selber dabei betheiligt war, ließ er ihn +gewähren und ging mürrisch nach hinten. + +Das Segel war indessen an Deck dicht gereeft und fest +zusammengeschnürt. An einem Ende an die Taille befestigt zogen es die +Leute mit leichter Mühe in den großen Mars. Zwei von den Leuten hatten +indessen die Reeftalje von den Marsraanocken bis hierher niedergeholt, +schlugen diese an beiden Seiten durch eine der Reefkausen, und holten +nun das Segel nach Steuer- und Backbord aus. Eine andere Talje um die +Mitte geschlagen, brachte es dicht unter die Raae und die ganze jetzt +über die Raae vertheilte Mannschaft zog mit unendlicher Schwierigkeit +zwar, aber doch sicher und gut das Segel mit den ersten Reefbändern an +seine gehörige Stelle, und festigte es dort mit allen Bändern. + +Nach kaum einer Viertelstunde schlug das Segel, von den beiden Tauen +befreit, auf. Mit der Geschwindigkeit von Affen glitten aber auch +die Leute zu gleicher Zeit an Wanten und Pardunen nieder, die Schoten +auszuziehen, und hoch flog die wilde Spritzsee über den Bug des +Schiffes aus und schleuderte förmliche Wellen über Deck weg, als die +neue Gewalt das ächzende Fahrzeug gegen die anstürmende Wassermasse +trieb. + +Es war ein Glück für das Fahrzeug, daß sich der Wind mit der +Tagesdämmerung etwas gelegt hatte, es wäre sonst gar nicht im Stande +gewesen diese Segel zu führen. Selbst jetzt noch standen die Taue zum +äußersten gestrafft, und die starken Stengen bogen sich und schienen +nur eines einzigen Druckes mehr zu bedürfen, um wie Glas von einander +zu springen. + +Mr. Black war indessen selber nach oben gegangen, und sein gleich darauf +nichts weniger als tröstlich klingender Ruf -- Brandung einen Strich +über den Leebug, brachte auch den Capitän bald an seine Seite. + +»Da drüben sind die Riffe, Sir« -- sagte der Mate, auf der Bramraae +stehend, und sich mit dem linken Arm um die Stenge festhaltend. Er +deutete dabei mit der Rechten nach einem weißen Kamm hinüber, der, +aus hohen Brandungswellen bestehend, weit vom Süden heraufkam und den +ganzen Westen zu umschließen schien. + +»Können Sie gar kein hohes Land erkennen, Sir?« frug der Capitän, +der auf die Raae mit hinaufstieg und sein linkes Bein darüber weg +schlug. -- »Wenn wir nur den Thurm von Raines Island ausmachen könnten +-- in einer Stunde wären wir in Sicherheit.« + +»Es ist zu neblich,« lautete die Antwort -- »gerad hinter der +Brandung liegt es wie schwerer Duft auf dem Wasser, und es läßt sich +nichts erkennen. -- Ich glaube nicht daß wir abkommen, Capitän.« + +»Laßt das große Bramsegel auch beisetzen, Mr. Black« -- sagte +dieser -- unruhig den drohenden Küsten- oder vielmehr Inselstreifen +übersehend -- »wir =müssen=.« + +»Die Stenge hält es nicht, Capitän,« sagte der Mate -- »sie ist alt +und schon einmal geflickt -- wir werfen sie augenblicklich über +Bord.« -- + +»Wir =müssen=, Mr. Black -- wir kommen wahrhaftig nicht einmal mehr +mit diesen Segeln um die Südspitze der Riffe dort weg, und wenn wir +hier noch einmal zum Wenden gezwungen werden, sind wir rettungslos +verloren. -- Wir verlieren mehr dabei, als wir in einer vollen Wacht +wieder gut machen können.« + +»Große Bramsegel los!« schrie der Mate, statt weiterer Antwort, nach +unten. -- Einer von den Leuten, es war der Deutsche, Karl, stieg nach +oben, das Segel zu lösen. -- Unten zogen sie indessen schon die Raae +auf. Als das Segel ausflatterte, ächzte die Stenge und Karl sah sich +erschreckt um. + +»Nieder mit Euch -- nieder!« schrie ihm der Mate hinüber und winkte +ihm mit der Hand, daß er sich rasch niederlassen sollte. -- Das +Brausen des Windes übertönte aber seine Worte, und Karl war eben damit +beschäftigt einen der Geitaublöcke, der unklar gekommen war, wieder +frei zu machen -- die Schoten fuhren aus und der Wind schlug in das +Segel. + +»Nieder mit Euch aus dem Top!« schrie der Mate, während er wie der +Capitän selber blitzesschnell nach unten glitten -- aber Karl hörte +die warnende Stimme nicht. -- Um ihn krachte und brach es -- seine +Geistesgegenwart verlierend, griff er nach dem ersten besten Tau das er +erfassen konnte, und seine Sinne schwanden in der Gewalt des Sturzes. + +»Mann über Bord!« schrie Jean, vom Ruder aus, durch den Lärm des +krachenden Holzes und das Brüllen der See hinweg. -- Wie instinctartig +flog auch Bill die Quarterdeckstreppe hinauf, und ein dort liegendes +Tau ergreifend, schleuderte er es mit geschicktem Wurf dem eben +vorbeitreibenden Körper fast über den Kopf, -- aber es war umsonst. +-- Die Fähigkeit es zu halten und zu greifen war aus den erschlafften +Muskeln gewichen. -- Im Fall mußte er mit dem Kopf gegen irgend einen +der Blöcke oder Raaenocken geschlagen sein; die Stirn zeigte, eben als +Bill noch in Todesangst hinübersah, eine klaffende Wunde. -- Die See +schlug über dem Unglücklichen zusammen und er sank in die Tiefe. + +Das alles geschah während es über den Häuptern der beiden ebenfalls +krachte und zusammenbrach. -- Dicht neben Bill schlug der Besahntop +herunter, und fuhr gerade durch das eine der Boote, die an beiden +Seiten, in eisernen Krahnen, aufgehißt und befestigt waren -- aber +der Matrose hörte es gar nicht. Wie erstarrt hing sein Blick an der +wegsinkenden Leiche des Cameraden. -- Als er sich wieder umschaute, war +das Schiff ein Wrack -- alle drei Stengen waren niedergebrochen und der +Klüverbaum nach Lee herumgeschlagen. Das Schiff, welches im Anfang fast +schon durch die Segellast auf der Seite gelegen und eine Unmasse Wasser +übergenommen hatte, richtete sich dadurch allerdings wieder etwas auf, +wurde aber auch zu gleicher Zeit durch das jetzt nebenherschleifende +Takelwerk mit Raaen und Stengen so in seinem Lauf gehemmt, daß es fast +nicht den geringsten Fortgang machte, und nur mit der hier stark nach +Nordwest setzenden Strömung gerade auf die Klippen trieb. + +»Kappt weg, Jungen, kappt alles!« schrie der Mate und suchte selber, +mit gutem Beispiel vorangehend, das Schiff von dem Anhängsel, das es +sogar im Steuern hinderte, zu befreien, was ihm auch mit Hülfe der +anderen Zuspringenden bald gelang. Sie kappten alles frei was über Bord +hing; das Schiff vermochten sie aber nicht mehr zu retten. Nur noch +wo möglich eine Stelle zu treffen, wo sie in ruhiges Wasser kommen +konnten, war das einzige was ihnen zu thun übrig blieb, und der +Capitän hatte sich durch das hängende und schlagende Tauwerk bis +zu dem Stumpf des vorderen Mastes hinauf gearbeitet, von dem er jetzt +nieder schrie das Schiff zwei Striche abfallen zu lassen. -- Der Befehl +wurde augenblicklich befolgt, und sie näherten sich den brandenden +schäumenden Klippen mit rasender Schnelle. + +»Können Sie die Backbord-Raaen etwas anbrassen, Mr. Black?« + +»Ay, ay, Sir -- brassen meine Jungen -- nur ein wenig -- für Euer +Leben -- greift zu hier. Ahoy -- ahoy -- noch einmal -- so -- Vor-Raaen +jetzt.« + +»Noch mehr abfallen -- halt -- Steady --« tönte der langgezogene Ruf. + +Die Leute standen an Deck und wagten kaum zu athmen. Eine, wie es von +hier aus schien, durchaus ununterbrochene =Mauer= von Klippen streckte +sich vor ihnen aus, auf die das Schiff jetzt halb vor dem Wind mit +wenigstens Neun-Meilen Fahrt hinauftrieb. Sobald sie aufstießen, mußte +sie die erste nachstürzende Woge zerschmettern, und in diesem Chaos von +scharfen Korallenfelsen und Sturzseen wäre es nicht möglich gewesen +auch nur ein einziges Leben zu retten. + +»Noch mehr abfallen!« lautete der eintönige ruhige Ruf. + +»Noch mehr abfallen!« wiederholte fast bewußtlos mehr als ein halbes +Duzend der Umstehenden -- Jean stand am Steuer und sah todtenbleich aus, +aber ein fast trotziges Lächeln spielte um seine Lippen, als er +die Befehle, zum Zeichen daß er sie gehört und während sie schon +ausgeführt waren, wiederholte. + +Die Brandung stürmte jetzt so gewaltig und so in ihrer Nähe, daß es +schon fast war als ob das Wasser auf Deck spritzen könnte. Bill sah +nach den Masten hinauf, denn er erwartete mit jedem Augenblick den +ersten Stoß, und wußte, daß sie dann auch rettungslos nach vorn +übergehen mußten. Keiner sprach aber ein Wort, und wohl drei oder +vier Minuten standen die Männer still und lautlos, den Augenblick der +Entscheidung erwartend. + +An Hans dachte keiner mehr von ihnen. Der Tod lauerte vor jedes +einzelnen Thür, und mahnte mit ernstem Klopfen an Zeit und Ewigkeit. + +»Luff -- ein klein wenig Luff nur!« rief der Capitän in diesem +Augenblick von oben herunter. + +»_Luff it is!_« die Antwort des Steuernden. + +»=Steady!=« die Stimme klang geisterhaft wild durch das Heulen des +Sturmes und das Brausen der Brandung -- »Steady um Euer Leben.« + +Rechts und links am Schiff hinauf stürzten die Wogen, die sich an +den Korallenfelsen neben ihnen brachen, aber das Schiff schoß mit +Blitzesschnelle hindurch. + +»_Hard a port_ --« überschrie der Capitän mit seiner Donnerstimme +das Toben der Elemente und während fast jede bleiche Lippe den Befehl +wiederholte, und sich der Mate selbst mit in die Speichen des Rades +warf ihn auszuführen, glitt Capitän Oilytt blitzesschnell an einer der +Pardunen an Deck hinunter. Er hatte dieses aber kaum berührt und das +Schiff war noch nicht mehr wie seine eigene Länge in der neuen Richtung +fortgeschossen, als ein furchtbarer Stoß es bis in den Kiel hinunter +erschütterte. -- Was nicht fest stand, stürzte auf Deck nieder, und +wie mit =einem= Schlag brachen die drei Masten über Backbord nieder und +schmetterten in das wie kochend schäumende, milchige Wasser. + +Alle schienen einen zweiten Stoß und das Zerschmettern des Schiffes +selber zu erwarten -- aber er kam nicht. -- Die ungeheuren Wogen des +stürmenden Meeres wälzten gegen sie heran, aber sie erreichten das +Schiff nicht. -- Dieselbe Wand starrer Korallen, die ihnen vorher +Verderben gedroht und auf denen sie, wenn sie dort aufgestoßen, auch +rettungslos verloren gewesen wären, lag jetzt, ein unerschütterlicher +Schutz, zwischen ihnen und dem drohenden Verderben. + +Die Leute wagten kaum zu athmen, und viele Minuten lang rührte sich +keiner von seiner Stelle, als ob sie an Rettung noch gar nicht glauben +könnten. Bill war der erste, der auf das kleine hinter dem Rad +angebrachte Haus, das sogenannte Farbenspintje sprang, und mit einem +Jubelruf die Rettung verkündete. + +»Sicher fest gefahren!« schrie er den andern zu, »verdammt will ich +sein, wenn das nicht der niedlichste Platz ist, den ich in meinem ganzen +Leben gesehen habe.« + +Die Worte brachen den Zauber, und Alles sprang jetzt auf die hohe +Railing, so viel als möglich die Stelle wo sie sich befanden, zu +übersehen, und die Möglichkeit einer Rettung zu berechnen. + +Das Schiff war glücklich zwischen zwei hohen Korallenriffen und durch +einen Durchgang eingelaufen, der vielleicht nicht viel breiter war +als das Fahrzeug selber. -- Der glatte Streifen Wasser der den Weg +wenigstens bezeichnete, in dem sie eingekommen, war kaum Mannslänge +breit, und an beiden Seiten stürzte sich die Brandung der +Nachbarklippen hinein. Weiter ließ sich aber auch, so weit das Auge +reichte, keine einzige Einfahrt erkennen, und nur ihre verzweifelte +Lage hatte den Capitän veranlassen können sein Schiff auf den schmalen +Streifen zuzutreiben, der ebenso gut wie das übrige eine versteckte +Klippe hätte bergen können. Hier, inmitten der Riffe, lagen sie nun +in einem kleinen, kaum hundert Schritt langen See hellen, fast gelblich +grünen Wassers, in dem sich die den Grund bildenden Baumkorallen klar +und deutlich erkennen ließen. + +Ringsum waren sie total von Korallenbänken eingeschlossen, die an den +meisten Stellen bis dicht an die Oberfläche reichten, hie und da aber +kleine, zwei, drei und vier Fuß tiefe Canäle bildeten, von denen +einige offen lagen, andere mit langen treibenden Seegewächsen +überzogen waren. Diese Korallenriffe konnten indessen kaum 200 Schritt +breit sein, denn dicht dahinter lag wieder tiefes blaues, nur jetzt +von der schweren Brise aufgeregtes Wasser, das nicht so durch die hohe +Brandung vor dem darüber hinstreifenden Wind geschützt war wie die +Stelle, auf der sie gerade saßen. + + + + +Dreizehntes Capitel. + +Das Wrack. + + +Vor allen Dingen galt es jetzt die Möglichkeit einer Rettung zu +überlegen. + +Wenn sie ihr großes Boot flott bekommen konnten, schien nicht die +mindeste Schwierigkeit vorhanden in die wirkliche Fahrstraße durch die +Torresstraße einzulaufen, und dann konnten sie sich leicht auf einer +der kleinen Inseln halten, bis ein anderes von Sydney nach Britisch- +oder Holländisch-Indien bestimmtes Schiff vorbeikommen und sie +aufnehmen würde. Es war jetzt noch die günstigste Jahreszeit für +diese Fahrt, und Capitän Oilytt wußte selbst mehrere Schiffe, die +beabsichtigt hatten ihm in acht oder vierzehn Tagen zu folgen. + +Aber selbst von ihrer eigenen Lage wurden sie in diesem Augenblick +durch einen furchtbaren Lärm, der aus dem unteren Deck herauftönte, +abgezogen, und alles sprang an die Luken, hinabzuschauen. Um das +Schiff selber brauchten sie sich jetzt auch in der That nicht weiter zu +kümmern, das lag fest genug zwischen seinen Korallen, und hätte es ja +noch gescheuert, so durften sie höchstens die Anker auswerfen, es ganz +fest und sicher zu bekommen. + +Der Lärm rührte von den armen Thieren, den Pferden her. Natürlich war +das Schiff leck geworden und das Wasser in den unteren Raum gedrungen +und die festgebundenen rangen nun mit ihren letzten Anstrengungen gegen +den sie bewältigenden Tod an. Manchmal wenn eines der unglücklichen +Geschöpfe seinen Kopf noch über Wasser bekam, hörten sie deutlich das +Schnauben, und oft drang ein entsetzlicher Nothschrei zu ihren Ohren und +machte sie schaudern -- aber Hülfe zu bringen war nicht mehr möglich. +-- Wären sie selbst im Stande gewesen die Stricke zu zerschneiden mit +denen die Thiere festgebunden standen, aus dem unteren Raum konnten sie +sie doch nicht herausbekommen, und dort stieg das Wasser mit rasender +Schnelle. + +Jean sprang zwar die Leiter hinunter, mehr um sich von der vollkommenen +Nutzlosigkeit einer Hülfe zu überzeugen, als irgend etwas zu thun. +Gerade da aber wurde diese, wahrscheinlich durch eines der losgerissenen +Thiere das sich dagegen geworfen, umgestoßen. Er konnte eben noch das +zum Auf- und Niedersteigen befestigte Tau fassen und sich vor einem +Sturz in die Tiefe retten, der ihn nur zu wahrscheinlich unter die Hufe +der verzweifelten Thiere geworfen hätte. Als er festen Fuß auf dem +Heu faßte, und traurig in den dunklen Raum hinabstarrte, wo es jetzt +stiller und stiller wurde, sagte eine leise schwache Stimme an seiner +Seite: + +»Jean -- was ist mit dem Schiff vorgegangen?« + +»Hans, um Gotteswillen,« rief der junge Franzose, und sprang rasch +nach ihm hinüber -- »armer Teufel, wie geht dir's? Hol's der Henker, +wir haben die Hände, oder vielmehr Augen und Ohren die letzte Stunde +so voll gehabt, daß beim Himmel keine Seele an etwas anderes als sich +selber denken konnte -- Jesus Maria, wie blutig du aussiehst -- wie ist +dir?« + +»Besser, viel besser, aber was ist mit dem Schiff vorgegangen?« sagte +der Verwundete. + +»O das sitzt fest und wacker auf einer Korallenbank,« lachte Jean, +der, einmal aus der nächsten Todesgefahr heraus, schon all seinen +frischen und fröhlichen Muth wieder bekommen hatte. »Masten über +Bord, alle drei, und so sicher vor Anker wie nur je ein gutes Fahrzeug +nach langer Reise gelegen hat. Der arme Karl ist aber auch über Bord« +-- setzte er ernster und fast traurig hinzu. + +»Ich wollte ich wäre an seiner Stelle,« sagte Hans, und fiel mit +geschlossenen Augen auf das Heu zurück. + +»Unsinn,« lachte aber Jean wieder -- »deine Leiden sind jetzt zu +Ende. -- Wer weiß, ob's nicht am Ende ganz gut ist, daß wir den +alten verdammten Kasten auf soliden Grund gesetzt haben. Der Schuft von +Capitän kann jetzt sehen wo er ein neues Schiff bekommt, =mich= kriegt +er aber wahrhaftig nicht wieder als Matrose an Bord, so viel ist gewiß. +Pest, Mann, du hast aber die Eisen noch an, das geht nicht; die müssen +herunter, und das Wasser ist auch schon bis ins Zwischendeck gestiegen +-- der untere Raum ist ganz voll. -- Wie still und ruhig es jetzt da +unten ist,« setzte er schaudernd hinzu -- »der Mensch ist doch ein +entsetzliches Geschöpf mit seiner Gewalt über das Thier.« + +»Jean,« rief in diesem Augenblick der Mate herunter -- »wo zum Teufel +steckt Ihr?« + +»Komme,« antwortete der Matrose, wandte sich dann aber noch rasch +zu Hans und sagte tröstend, »ich bin bald wieder bei dir. Hab' keine +Furcht, wir wollen die Sache schon machen.« + +Er schob die Leiter, die nur auf die Seite geschlagen war, wieder +zurück und kletterte rasch an Deck. Dort wurden indessen schon die +nöthigen Vorbereitungen getroffen ein paar Nothspieren aufzurichten, +um das große Boot über Bord zu heben und flott zu bekommen, was der +doppelten Mannschaft ohne die Hülfe von diesen und Flaschenzügen nicht +möglich gewesen wäre mit blosen Händen ins Werk zu setzen. + +Jean wandte sich nun an Mr. Black, Hansens Freilassung zu bewirken. -- +Der Mann lag verwundet im unteren Raum und durfte nicht ohne Hülfe dort +liegen bleiben, wenn man sein Leben nicht in Gefahr bringen wollte. Mr. +Black sprach auch augenblicklich mit dem Capitän darüber, dieser +aber wollte von nichts hören. So lange er an Bord Herr sei, schwur er, +bleibe der Schuft in Eisen. -- Er habe sich widersetzt und dem den Tod +gedroht, der ihn bestrafen würde, also offene unverhehlte Meuterei, +und er wolle sich nicht der Gefahr aussetzen, gemeuchelmordet zu werden. +Damit wandte er sich ab und den Arbeitenden wieder zu. + +»Aber Sir,« sagte der Mate, »Sie können ihn doch nicht gut +geschlossen mit ins Boot nehmen. Er wird da mehr im Wege sein und -- ich +weiß auch nicht, ob Sie das später werden verantworten können.« + +»Verantworten?« lachte der Capitän höhnisch -- »übrigens wer sagt +Ihnen denn, Mr. Black, daß ich ihn überhaupt mit ins Boot haben will? +Es fällt mir gar nicht ein mich mit dem rebellischen Schurken länger +zu behelligen.« + +»Sie werden ihn doch nicht hülflos zurücklassen wollen?« rief der +Mate rasch. + +»Hülflos,« meinte Oilytt, »ist das hülflos? ich lasse ihn im Besitz +meines ganzen Schiffs, und da ist auch die Jölle, die er nehmen kann +wenn es ihm beliebt, sollte ihm der Aufenthalt hier nicht länger +behagen. -- Was verlangt er mehr?« + +»Das geht wahrhaftig nicht an, Capitän Oilytt,« sagte der Mate +kopfschüttelnd. + +»Sie sollen einmal sehen wie schön es geht,« lachte dieser zurück. +-- »Es geht alles auf der Welt, was man nur will, und der Bursche kann +noch seinem Gott danken, daß ich ihn nicht mit nach dem nächsten Hafen +nehme, um ihn dort als einen meuterischen Hund, der er ist, aufhängen +zu lassen. Sähe ich die Möglichkeit ein, wieder nach Sydney +zurückzukommen, so geschähe das auch jedenfalls. All die Schiffe, die +aber in nächster Zeit auslaufen, und auf die wir hier hoffen können, +sind nach Batavia bestimmt, und mit der holländischen Regierung mag ich +nichts zu thun haben. -- Ich und sie sind schon einmal zusammen gewesen, +und eben nicht als die besten Freunde geschieden.« + +»So will ich ihm wenigstens jetzt die Eisen abnehmen, daß wir nach +seiner Wunde sehen können« -- sagte Mr. Black, und wollte sich +abdrehen, in das Zwischendeck hinunterzusteigen. + +»Halt, Mr. Black,« hielt ihn aber sein Vorgesetzter zurück, »nicht +eher bis =ich= Ihnen das sage -- wenn's Ihnen =gefällig= ist. -- +Nach der Wunde kann auch ohne das gesehen werden. Hier haben Sie den +Schlüssel zur Medicinkiste und sein Sie so gut und besorgen Sie das. -- +Der dickköpfige Schuft wäre auch ohne dies nicht sogleich abgefahren +-- aber die Eisen behält er, bis wir von Bord gehen.« + +Der Mate konnte nichts dagegen einwenden, stieg aber augenblicklich in +die Cajüte hinunter, das nöthige Wundpflaster heraufzuholen. Von dem +steckte er auch eine Quantität in die Tasche, es Hans zum ferneren +Gebrauch zu lassen, und sah dann nach seinem Kranken, den er aber weit +besser fand als er wirklich erwartet hatte. + +Unterdessen gingen die Arbeiten an Deck rasch vor sich. Provisionen +wurden heraufgeschafft, der Capitän hatte seine Instrumente, Karten, +den Compaß für den Nothfall und seine Papiere geborgen, vertheilte +dann die an Bord befindlichen Musketen mit der gehörigen Munition unter +die Leute, da man in der Straße sehr häufig auf Schwarze stößt, von +denen man nicht immer weiß, ob sie freundlich oder feindlich sind, und +ließ dann die Leute an die Arbeit gehen, das große Boot vom Verdeck +hinunter in See zu heben. + +Unter all diesen Arbeiten rückte der Abend mehr und mehr heran, und es +war schon kein Gedanke mehr, noch an diesem Tag sich einzuschiffen. Um +12 Uhr hatte der Capitän, da die Sonne heute hell und klar am Himmel +stand, seine Observation genommen, die Breite zu bekommen, auf der sie +sich befanden, denn die Länge wußten sie nur zu genau. Er fand dabei +daß sie etwa 30 Meilen überhalb Raines Insel auf den Riffen saßen. +Von hier aus konnten sie leicht in die südliche, am häufigsten +befahrene Straße kommen, und an Gefahr für ihr Leben, wenn sie sich +nur ein wenig mit ihren Provisionen einschränkten, oder sich zugleich +auf den Fischfang legten, war nicht zu denken. Die einzige Vorsicht +die sie gebrauchen mußten war, einen gehörigen Vorrath von Wasser +einzulegen, und damit konnten sie dann getrost nach einer der +Zwischen-Inseln oder auch Booby-Island hinfahren, an welchem letzteren +Ort sogar Vorräthe für Schiffbrüchige von mehreren englischen +Schiffen niedergelegt sind. Die gehörigen Segel für die Barkasse, die +jetzt vollkommen gut in Stand und mit allem Nöthigen versehen fertig +lagen, wurde ebenfalls hergerichtet, und mit Tagesanbruch am nächsten +Morgen wollten sie ihre Pilgerfahrt beginnen. + +Die Matrosen packten indessen ebenfalls das Nöthigste was sie an +Wäsche gebrauchten mit ihren wollenen Decken zusammen, denn sonstiges +Gepäck oder gar ihre Kisten konnten sie natürlich nicht mitnehmen +-- stauten das alles in eine Kiste hinein, und waren somit ebenfalls +gerüstet. Nur Jean, François und Bill hatten ihre paar Hemden +zurückgelassen. -- Die Kiste war auch gerade von den andern Sachen voll +geworden -- und sie meinten sie wollten das Ihrige nur lieber =so= ins +Boot werfen. Alle drei schienen übrigens andere Absichten zu haben. + +An dem Abend hätten die Leute gern viel mit einander unterhandelt, der +Zimmermann, der sonst nie lange im Logis blieb, wich und wankte aber +gerade heute nicht von seiner Kiste. Jean, François und Bill gaben sich +deshalb einen Wink und gingen nach oben. + +Mit kurzen Worten vereinigten sie sich. Sie waren fest entschlossen Hans +nicht =allein= an Bord des Wracks und mit einem Boot zurückzulassen, +mit dem er allein wenig oder gar nichts anfangen konnte -- sie wollten +bei ihm bleiben. Hierzu kam auch noch, daß alle drei viel lieber nach +Sydney zurückzukehren, als mit dem Capitän auf irgend einem anderen +Fahrzeug nach Indien zu gehen wünschten, und sie machten sich deshalb +schon die schönsten Pläne einer Landreise an der Küste hinunter. Sie +kannten das Land und die Schwierigkeiten einer solchen Reise nicht, +und der leichte Sinn eines Matrosen, der Gefahren überhaupt gar nicht +achtet, weil er eben zwischen ihnen aufwächst, ließ sie das Alles mit +frohem Muthe betrachten. + +Heute Abend beschlossen sie aber noch nichts darüber zu äußern, +sondern das alles bis auf morgen früh zu verschieben. + + + + +Vierzehntes Capitel. + +Die Mannschaft trennt sich. + + +Am nächsten Morgen mit Tagesanbruch weckte der Mate -- denn der +Zimmermann, der mit dem Steward die letzte Wache gehalten, schnarchte +auf Deck mit diesem um die Wette -- und eine Stunde später war das +letzte Frühstück an Bord eingenommen; die Mannschaft zur Abfahrt +gerüstet. + +Jean, der mit seinen Verbündeten an diesem Morgen nur wenige Worte +wechseln konnte, Hans aber, dem er in der Nacht Matratze und Decke +hinuntergetragen, ihren ganzen Plan schon mitgetheilt und natürlich +nicht im mindesten auf dessen Einwendungen gehört hatte, stand vorn +auf der Back, jetzt dem höchsten Theil des Schiffs, und suchte einen +Ueberblick über die Binnenwasser zu bekommen, durch welche sie nun bald +ihre einsame Bahn in einem kleinen schmalen Boote steuern sollten. Da +glitt Timor, der kleine Malaye, zu ihm hinan, und flüsterte in seinem +halb Englisch, halb Malayisch: + +»Tuwan Jean -- gestern hab' ich gehört -- Ihr mit Tuwan Hans gehen +wollt -- ich auch. -- Wollt Ihr mich mitnehmen? ich kann gut rudern und +will recht folgsam sein.« + +»Donnerwetter, Junge, herzlich gern, wenn's von mir abhinge. Da mußt +du aber den Capitän fragen, denn ich kann wohl über mich selber, aber +über niemanden anders von seiner Schiffsmannschaft bestimmen.« + +»Ja, der Capitän wird nicht wollen,« meinte der Bursche traurig und +schüttelte mit dem Kopf -- »habe schon müssen meine Sachen in sein +Boot legen.« + +»Ja, dann kann ich's nicht ändern, Timor,« sagte Jean. -- »Es thut +mir aber leid -- ich möchte dich gern mit haben.« + +»Gewiß?« rief der Junge und seine Augen leuchteten vor Freude. + +»Gewiß,« erwiederte ihm der junge Matrose -- »sieh' zu daß du's +einrichtest.« + +»Timor,« rief gerade der Capitän -- »was hast du da vorn zu suchen, +Schlingel? -- marsch, hier die Sachen hinunter ins Boot, und dann +bleibst du selber unten dabei -- was gibt's noch, he?« + +»Wer bleibt denn bei Tuwan Hans, Capitän?« frug der Junge schüchtern +und sah seinen Herrn von der Seite an. + +»Ist der Junge verrückt geworden?« rief aber der Capitän wüthend. +»Was zum Donnerwetter geht das dich an, du lederbraune Canaille? -- +Laß mich noch einmal eine derartige Frage von dir hören, und ich +tattowire dir das braune Fell mit blauen und rothen Streifen, daß du +deine Freude daran haben sollst. -- Marsch, die Sachen ins Boot, und +dann das andere, was hier noch liegt auch hinunter, und dann setzest +du dich hinten hinein und muksest nicht mehr. -- Sind die Flaschen alle +unten, die ich dir gestern Abend gegeben habe? -- he?« + +»Saya Tuwan« -- murmelte der kleine Bursche erschreckt, und sprang +hin, den Befehl des strengen Gebieters zu erfüllen. -- Es wäre nicht +die erste Mißhandlung gewesen, die er von seinen Händen zu erdulden +gehabt, und er wollte sich dem nicht selber muthwillig aussetzen. + +Indessen wurden die Matrosen zusammengerufen sich einzuschiffen. -- Der +Capitän stand an der Fallreepstreppe -- fertig niederzusteigen -- alle +seine Sachen mit Provisionen und Wasser waren im Boot, und Timor +hatte eben das letzte Kistchen -- den Peil-Compaß, den sie vielleicht +zwischen den Inseln gebrauchen konnten, heruntergebracht. Der erste +Mate war ins Zwischendeck gestiegen, Hans loszuschließen, und ihm +anzukündigen was der Capitän über ihn beschlossen hätte. Da traten +Jean, Bill und François vor, und erklärten dem Capitän, daß sie mit +Hans an Bord bleiben und versuchen würden, sich in dem kleinen Boote zu +retten. Hans sei zu schwach sich allein zu helfen, und sie wollten ihn +nicht umkommen lassen. + +Der Capitän wüthete, und befahl ihnen augenblicklich in die Barkasse +hinunterzusteigen, Bill aber, der in dieser Sache das Wort genommen +hatte, blieb ganz ruhig und erklärte, das Schiff sei ein Wrack und die +Mannschaft könne sich retten, wie sie es am zweckmäßigsten halte. +Capitän Oilytt, da ihn seine Steuerleute nicht im mindesten dabei +unterstützten, sondern eher noch das Betragen der Matrosen zu billigen +schienen, sah bald, daß er gegen sie in dieser Sache nichts ausrichten +könne, und rief endlich trotzig, sie sollten seinetwegen zum Teufel +gehen, aber vorher die Gewehre und Munition, die sie bekommen hätten +und die dem Schiff gehörten, wieder abliefern. + +»Die Gewehre abliefern, Sirrah?« rief Bill erstaunt -- »wollen Sie +uns hier von den Wilden, wenn sie in ihren Canoes ankommen, morden +lassen? Gott verdamme mich, wenn das nicht zu arg wäre. Dem =Schiff= +gehören die Gewehre, Capitän; der Lohn den wir beim Schiff zu gut +haben, gehört auch uns und wir kriegen nicht die Probe davon. -- +Wenn's blos das wäre, könnten Sie die paar Schießeisen auf Abschlag +rechnen.« + +»Schufte,« schrie aber der Capitän wüthend -- »Ihr zu gut haben? +Ihr seid dem Schiff noch schuldig für das, was ich in Sydney für Euer +Wiedereinfangen Belohnung zahlen mußte. -- Glaubt Ihr Euer Schlaf-Baas +hätte Euch umsonst verrathen?« + +»Also Mr. Mac Carther hat uns den freundlichen Streich gespielt,« +sagte Bill lachend. -- »Nun das bleibt sich gleich, aber die Gewehre +behalten wir, und ich will mich lieber später einmal, wenn es dazu noch +kommen sollte, auf sechs Wochen von irgend einem Gerichtshof einsperren, +als hier von den Wilden fangen und auffressen lassen. -- So -- das ist +das Lange und Kurze davon.« + +Mr. Black flüsterte leise einige Worte mit dem Capitän. Dieser +blieb einen Augenblick noch wie unschlüssig stehen; da aber die drei +Matrosen, mit ihren Gewehren in der Hand, ruhig seinen wild und boshaft +auf sie gerichteten Blick aushielten, und die anderen, die noch an Deck +waren, zu ihnen traten und ihnen herzlich die Hand schüttelten, drehte +er sich mit einem Fluch um und wollte eben die Fallreepstreppe hinunter +ins Boot steigen. Da wurde unten im Raum ein Fall in das, jetzt bis ins +Zwischendeck hinaufsteigende Wasser gehört, und gleich darauf tönte +ein gellender Hülfeschrei zu ihnen auf. Alles was in der Nähe war +drängte sich um die Luke, um hinunter zu sehen. Unten auf dem erregten +Wasser schwamm ein Strohhut. + +»Das war Hans!« schrie Jean erschreckt -- »er ist ins Wasser gestürzt!« + +»Nein, Hans habe ich selber eben ins Logis gebracht,« sagte der erste +Mate, »und ihm dort die Eisen abgenommen. Wie ich fortging, war er +dabei seine Kiste aufzuschließen.« + +»Wo ist Timor?« rief aber jetzt der Capitän, der einen Blick in sein +Boot hinuntergeworfen und den Jungen dort vermißt hatte, schnell und +erschreckt aus -- »wo ist Timor?« + +»Vor ein paar Secunden stand er hier an der Luke« -- betheuerte der +Steward, der ein Packet mit seinen eigenen Kleidungsstücken und noch +einige andere Sachen unter dem Arm trug, mit denen er dem Capitän +ins Boot hinunter folgen wollte. -- »Timor!« rief der Capitän noch +einmal, als ob er gar nicht glauben könnte, der arme kleine Bursche +sei hier hineingestürzt -- »wo steckt der Schlingel?« und er sah sich +ängstlich dabei nach allen Seiten um. Jean aber, rasch entschlossen wie +er immer war, hatte schon alles was er trug dem neben ihm stehenden +Bill in die Hände gedrückt, und glitt jetzt mehr als er stieg, an der +steilen Leiter in den Raum hinunter. Einen Augenblick faßte er auf dem +Rande des Zwischendecks festen Fuß, dann verschwand er in der Fluth die +kaum über dem ihm vorangegangenen Körper zu kreisen aufgehört hatte. + +Alles stand in sprachloser Erwartung um die Luke her und schaute auf die +unheimliche Fluth in den Raum nieder. Jeder andere Hader, jeder andere +Gedanke war vergessen, und jedes Auge hing nur in peinlicher Spannung +an den da unten jetzt langsam aufsteigenden Luftblasen, welche die +Thätigkeit des Untergetauchten verkündeten. + +»Bei Gott, der kommt auch nicht wieder,« rief François endlich mit +vor Angst fast erstickter Stimme. -- »Jean -- um Gotteswillen, +Jean.« -- + +»Da ist er!« tönte es plötzlich von den erleichterten Herzen der +Schaar, aus deren Brust sich ein tiefer Seufzer aufrang. -- Sie hatten +in der Zeit nicht einmal zu athmen gewagt. -- Das kohlschwarze, sonst +so lockige, jetzt straff niederhängende Haar des jungen Franzosen wurde +sichtbar, gleich darauf sein todtenbleiches Gesicht. Mit einer einzigen +Armbewegung war er an der Leiter und hob sich, auf eine der Sprossen +tretend, in die Höhe und mit den Schultern aus dem Wasser. -- Er war +allein. + +»Kannst du gar nichts fühlen, Jean,« rief ihm der erste Mate +ermunternd hinunter, »es wird ja doch so entsetzlich schnell nicht +weggewaschen sein. -- Lieber Gott, der Junge kann schwimmen wie ein +Fisch, er muß sich beim Hinunterstürzen an den Kopf geschlagen +haben.« + +Jean erwiederte nichts, verschwand aber zum zweitenmal unter Wasser, und +blieb diesmal länger aus als das erstemal. Als er endlich wieder zu Tag +kam, stieg er schweigend, ohne ein Wort zu sagen, an Deck und schnürte +sein Bündel auf, sich trockene Kleider anzuziehen. + +»Armer Junge,« murmelte der Mate, als er dem Capitän, der sich rasch +und mürrisch abwandte, ins Boot folgte. Der Steward aber, der sich +neben dem Zimmermann niedersetzte, brummte leise vor sich hin: + +»Das ist mir auch noch nicht vorgekommen, daß Einer =in= einem Schiff +drin ersaufen kann. Das hat die Kröte aber nur mir zum Possen gethan, +damit ich jetzt Alles allein besorgen muß.« + +In wenigen Minuten war das Boot zur Abfahrt bereit. »Goodbye, +Cameraden,« riefen Bob und Jim hinüber, und die an Bord +Zurückgebliebenen winkten mit der Hand. + +»Stoßt ab -- Gott verdamme Euch!« zürnte aber der Capitän, den +freundlichen Gruß unterbrechend -- »und macht Euch da vorne Platz, +daß Ihr, wenn wir einmal rudern müßten, nicht gehemmt seid.« + +Der Kranke, Jack, lag vorne auf seiner Matratze im Boot. -- Er war noch +sehr schwach und sah unwohl aus, obgleich ihn das Fieber verlassen zu +haben schien; dadurch entstand eine kleine Verzögerung, während die +beiden Mates beschäftigt waren die Segel in Ordnung zu bringen. + +Der Sturm von gestern hatte gänzlich nachgelassen, die Luft war hell +und klar, und eine leichte Ostbrise versprach ihnen eine rasche und +glückliche Fahrt nach Booby Island. Nur durch die Strömung aber, und +durch das Segel, das den leichten Wind doch schon etwas gefaßt hatte, +waren sie ungefähr 20 Schritt vom Schiff abgetrieben, als plötzlich +ein Ruf vom Schiffe niederschallte, und aller Augen dorthin zog. Der +Capitän, der ebenfalls aufsah, bekam eine Aschfarbe, denn dort stand +Hans und in seinen Händen hielt er ein kurzes in der Sonne blitzendes +Doppelgewehr. + +»Mörder!« entfuhr fast unwillkürlich den bleichen Lippen des +Capitäns der Angstlaut, der bis zu den Ohren seines früheren Opfers +drang. Hans aber schüttelte verächtlich lächelnd mit dem Kopf und +rief, indem er das Gewehr neben sich auf Deck stieß: + +»Habt keine Furcht, Capitän Oilytt, ich will Euern letzten feigen +Angriff auf mich nicht solcher Art erwiedern. -- Hättet Ihr mich +peitschen lassen, wäret Ihr jetzt ein todter Mann, aber den Schlag, den +Ihr einem Gefesselten gabet, vergelt ich Euch auf ein andermal. -- =Wir +sehen uns wieder=,« und er drehte sich mit diesen Worten von dem Boote, +das jetzt zum erstenmal den Wind ordentlich in seine Segeln faßte und +rasch durch die grüne Fluth dahinschoß, ab. Als er sich aber wandte, +sah er, wie Jean und Bill plötzlich erschreckt auseinander stoben +und in demselben Augenblick pfiff auch eine Kugel, aber schlecht genug +gezielt, über sie hin. Mit Blitzesschnelle flog er herum und riß die +eigene Büchse in die Höhe, doch ein Blick auf das Boot sagte ihm, +wie sehr er dabei das Leben anderer Menschen gefährden müßte. -- +Er setzte das Gewehr rasch wieder nieder, hob aber, zum Zeichen seines +Wohlbefindens, die Mütze, schwenkte sie um den Kopf und rief mit +trotzigem Hohn: + +»Dank Euch, Capitän -- werd's Euch zu gut schreiben -- auf Wiedersehen!« + +Er sah wie der Capitän im Boot einen Versuch machte, eine andere +neben ihm liegende Muskete nach ihm hinzurichten, aber der erste Mate +verhinderte ihn daran, und fünf Minuten später war das Boot außer +Schußweite -- eine halbe Stunde später kaum noch in Sicht. + +Die Matrosen blieben noch eine Weile auf Deck stehen, ehe sie an ihre +Vorbereitungen gingen. Sie schauten, jeder in seine Gedanken versenkt, +dem wegschießenden Boote nach, so lange sie noch eine Gestalt darin +unterscheiden konnten, und dann erst, als es nur noch wie ein schwarzer +Punkt auf dem Wasser lag, reichte Hans Jean, Bill und François die +Hand, und dankte ihnen für ihre ausharrende Freundschaft. + +»O Unsinn, Mann,« lachte Jean -- »reiner Eigennutz von uns. Wir +wollen nicht mit dem Alten nach Indien, ich möchte gern wieder nach +Sydney zurück und darum sind wir alle drei hier geblieben die Landreise +zusammen zu versuchen.« Hans schüttelte aber zweifelnd mit dem Kopf +sagte bedächtig: + +»Jean, Jean, Ihr irrt Euch da alle drei in der Natur des Landes, das +Ihr durchwandern wollt. Ich habe Euch das schon diese Nacht gesagt. Ich +fürchte sogar, wir dürfen nicht einmal den =Versuch= wagen, wenn wir +uns nicht der größten Gefahr aussetzen wollen. -- Die Schwarzen an +diesen Küstenstrichen sind nichtswürdiges, blutdürstiges Gesindel.« + +»Pah, =wagen=,« lachte Jean mit seiner ganzen sorglosen Keckheit, die +nie einer Gefahr aus dem Wege ging, ja sie eher noch aufsuchte als sie +vermied, wenn er einmal die Wahl zwischen den beiden hatte. -- »Wir +sind hier vier entschlossene Männer, und gut bewaffnet. -- Wetter noch +einmal, wer =mein= Fleisch kochen oder braten wollte, würde es verdammt +zäh finden. Gott sei Dank nur, daß wir den Alten mit seinem Schwarm +los sind; für das andere ist mir wahrhaftig nicht bange. Jetzt an die +Ausrüstung, und in einer Stunde können wir segelfertig sein. Wenn uns +nur der arme Teufel von Junge nicht heute Morgen ertrunken wäre.« + +Jean hatte das Wort kaum ausgesprochen, als er wie von einer Natter +gestochen in die Höhe sprang, denn dicht unter seinen Füßen -- er +stand keine zwei Schritt von der offenen Luke, flüsterte eine leise +Stimme, die ihm das Blut aus dem Gesichte ins Herz zurücktrieb: + +»Tuwan Jean -- Tuwan Jean -- ist Capitän fort?« -- und im nächsten +Moment kletterte der kleine Malaye, flink wie eine Katze, an dem +Mittelpfosten des Decks auf, griff den oberen Lukenrand und schwang sich +an Deck -- über das er zuerst einen flüchtigen noch ängstlichen +Blick warf. -- In der höchsten Freude haftete aber bald sein großes +schwarzes Auge auf dem schimmernden Segel des fernen Boots, und in ein +lautes jubelndes Lachen ausbrechend, sprang er wie besessen auf Deck +herum. + +Hans wußte von dem ganzen Vorgang nichts, und begriff nicht weshalb die +anderen so erschreckt waren und der Junge zurückgeblieben sein konnte. +Jean sammelte sich aber zuerst wieder und rief mit komischer Wuth, denn +es schien ihm nicht halb Ernst bei der Sache zu sein: + +»Nun seh' ein Mensch in der Welt so eine kleine schwarze Bestie an +-- trocken wie eine Pulverkammer, und läßt mich da zweimal hinunter +zwischen die todten Pferde tauchen, um ihn wieder herauszufischen. +Ob ich jetzt nicht wahrhaftig Lust habe ihn kopfüber da hinunter +zu schicken wo ich gewesen bin, nur um zu probiren, wie sich's da im +stockfinstern Raum, bei den todten Thieren herumschwimmt -- der kleine +Heide, der!« + +Timor aber der wohl wußte, daß ihm von alle denen, die er noch an Bord +sah, kein Leid geschähe, lachte, daß ihm die Thränen aus den Augen +liefen, wobei Jean und François natürlich mit einstimmten, und +erzählte seinen neuen Freunden nun, daß er unter keiner Bedingung mit +dem alten garstigen Capitän hätte weiter segeln wollen, aber auch gar +nicht gewußt habe wie er von ihm anders abkommen konnte, als auf solche +Art. + +»Als Ihr alle damit beschäftigt waret Euch zu zanken, wer da bleiben +wollte und mitgehen sollte,« erzählte der kleine Bursche in seinem +gebrochenen Englisch, »und als ich sah, daß niemand auf mich achtete, +glitt ich auf das Heu ins Zwischendeck hinunter, warf ein kleines +Fäßchen mit Nägeln, das ich mir schon heute Morgen früh zu dem Zweck +dorthin geschafft, ins Wasser hinunter, daß es recht aufplätscherte +meinen Strohhut dann dahinter her, und kroch nun, während ich einen +lauten Schrei ausstieß, rasch zwischen ein paar Heuballen hinein und +zwischen diesen fort, bis ich sicher war, daß sie mich nicht finden +könnten, und wenn sie eine Stunde nach mir suchten. Dort bin ich liegen +geblieben, bis ich hörte daß Jean hier sagte, das Boot sei abgefahren. +Nun bin ich da und will mit Euch gehen.« Er setzte sich hierauf ruhig +auf eines der Wasserfässer nieder und schien geduldig eine Antwort auf +seinen Vorschlag abwarten zu wollen. + +Hans lachte und meinte der kleine Strick habe jetzt gut auf eine Antwort +warten, er wisse recht wohl daß sie ihn nicht zurücklassen könnten. +Er solle aber nur, was er mitzunehmen wünsche, zusammenpacken und dann +helfen daß sie ihren Proviant und Wasservorrath in Ordnung brächten, +die heutige herrliche Brise wenigstens insoweit zu benutzen, Land zu +erreichen. + + + + +Fünfzehntes Capitel. + +Die Bootfahrt. + + +Hierbei war ihnen jetzt Timor, der ja früher auch mit in der Cajüte +aufgewartet und viel mit dem Proviant zu thun gehabt hatte, von +unendlichem Nutzen. Der Steward hatte nämlich, um den Zurückbleibenden +womöglich nichts als =die= Provisionen zu lassen, die nicht unter +seiner Aufsicht standen, alles was von Eingemachtem, sauren Gurken, +feinen Zwiebacken, Weinen und Liqueuren nur irgend noch vorräthig war, +entweder selber mitgenommen, oder, wo das nicht anging, zerstört. -- +Die ganze Cajüte schwamm in Brandy und Wein, denn er schien, als er +zuletzt unten war, alle Flaschen die er nur möglicherweise erreichen +konnte, zerstoßen zu haben. + +Die Mühe war aber vergebens gewesen, denn Timor wußte zu genau +überall Bescheid und brachte in kurzer Zeit eine solche Unmasse von +Delicatessen und Liqueuren angeschleppt, daß sie drei solche kleine +Boote hätten damit verproviantiren können. Das Beste wurde natürlich +von alle diesem ausgesucht, ein ziemlich bedeutender Wasservorrath in +kleinen Brandyfässern als Ballast unten angelegt, eine der Kisten mit +ihren nothwendigsten Sachen gepackt an Bord geschafft und um 11 Uhr +Morgens konnten sie schon die leichte Jölle von den eisernen Krahnen, +an denen sie noch unversehrt hing, in See lassen. + +Dies war des Capitäns Jölle. Obgleich aber in Sydney wenig gebraucht, +da das Schiff dort dicht am Lande lag, nahm sie doch nicht viel Wasser +ein, und als sie eine Stunde in See gelegen, stand sie vollkommen dicht. +Etwa eine Stunde später war das Boot zum Absegeln bereit. + +»Alle fertig?« rief Bill, indem er sein Ruder gegen die Seite des +Wracks setzte, das noch immer unbeweglich auf den Riffen saß. + +»Alles klar!« lautete die Antwort, und im nächsten Augenblick glitten +sie von dem kahlen Rumpf ab und in denselben schmalen Canal hinein, +durch den ihnen schon an diesem Morgen die Barkasse vorangegangen war. + +Bill saß am Steuer, Jean und François standen an den Segeln, Timor +kauerte vorne im Bug und schaute auf die unten vorübergleitenden +Korallenbäume nieder, und Jean und Hans saßen in der Mitte, der +erstere von den Strapatzen des Morgens, von seiner Schwimmpartie, die +ihm Timors List verschafft, und den Provisionstransporten verschnaufend, +und der andere sein Bein ausruhend. + +Fünf Minuten später rannten sie aber plötzlich fest. -- Einzelne +Korallenstämme stiegen hier überall aus der Tiefe auf, und der hinten +am Steuer Sitzende konnte von dort aus solche Stellen auf dem blendenden +Spiegel des Wassers nicht deutlich genug erkennen, sie zu vermeiden. +François mit den englischen Ausdrücken nicht so vertraut, war auch +nicht dazu geeignet und Hans nahm deshalb den Platz vorne, dicht am Bug +ein, die nöthige Warnung zu geben, wenn irgend ein Hinderniß in ihrem +Fahrwasser liegen sollte. + +Sie mußten auch über eine halbe Stunde arbeiten von dem einzelnen +Korallenbaum wieder abzukommen, der sie gerade in der Mitte unter dem +Boot gefaßt hatte und festhielt, und so steil ringsum niederlief, daß +sie mit ihren Rudern weder den Grund, noch ihr gerade unten befindliches +Hinderniß erreichen konnten. Endlich gelang es ihnen den Bootshaken +zwischen den Kiel und die Koralle zu bringen, und mit einem kurzen Ende +Tau an der äußern Spitze der starken Stange hoben sie das Boot etwas, +und konnten es seitwärts wieder in tief Wasser schieben. Hans paßte +von da an sorgfältig auf, und sie näherten sich mehr und mehr dem +tiefen Wasser des inneren Beckens. + +Gerade an der letzten Wand oder Mauer die hier wieder zu einer +beträchtlichen Tiefe niederschoß, hatten sie aber wohl den weitesten +Canal verfehlt, denn hier starrten überall Korallenbäume empor. Sie +mußten Segel bergen, daß sie nur langsam mit der Strömung hindurch +liefen. + +»Luff, Bill, Luff!« rief Hans, als sie auf diese »Barriere« (denn +_barrier reefs_ werden diese Felsen ja auch genannt) zuliefen, und +sich hier von einem breiten Streifen gelbgrünen Wassers eingeschlossen +sahen, aus dem überall oft wie dichtes Gebüsch, das zum Theil +wunderlich geformten und verkrüppelten Bäumen glich, eine braune +Korallenart emporschoß. »Luff, mehr noch, so halt, Steady jetzt -- +tiefer -- tiefer -- noch tiefer -- Steady -- Luff wieder -- und nun +Cours --« rief er, sich lächelnd nach Bill umdrehend, der sich +die größte Mühe gab den so rasch wechselnden Befehlen zu folgen. +»Allons, François, Segel wieder in die Höhe, wir sind jetzt sicher.« + +»Donnerwetter, Hans, du jagst mich ja förmlich im Zickzack herum,« +rief Bill, während er das Ruder von Steuer nach Backbord und wieder +zurück brachte, »sind wir hinaus?« + +»Frei und sicher in der Torresstraße eingelaufen« gab ihm Hans, +viel fröhlicher, als er sich bis jetzt nur je gezeigt, zur Antwort. -- +»Wetter, Mann, als ich das letztemal hier war, dachte ich nicht, daß +ich in einer Nußschale wie dies Ding hier, zurückkommen würde.« + +»Bist du schon früher hier einmal durchgekommen?« frug Bill schnell +und erstaunt. + +»Dies ist das fünfte Mal, Camerad, und Ihr könntet keinen besseren +Lootsen hier hindurch haben als mich. -- Wäre der Capitän ein +vernünftiger Mann gewesen, er hätte das Schiff da draußen nicht zu +verlieren gebraucht -- doch so ist's besser, und einmal flott, bekommen +wir auch wieder festen Boden, oder was mir lieber wäre, ein anderes +gutes Fahrzeug unter die Füße, mit dem wir weiter gehen können. Ist's +aber nicht anders, so mögen wir auch getrost mit diesem kleinen Ding +dem Monsun folgen. Wie die Jahreszeit jetzt hier ist, wollte ich in +einem Canoe von hier nach Batavia oder Singapore laufen.« + +»Hör' einmal Hans,« sagte aber jetzt Bill, der ihm die ganze Zeit +schweigend zugehört hatte -- »ich wollte dich schon lange -- aber +Wetter noch einmal, wo steuern wir denn jetzt hin? der verdammte Schuft +von Capitän hat uns nicht einmal einen Compaß gelassen, und ich halte +da immer ins Blaue hinein.« + +»Hier ist einer,« sagte Hans und löste ein Band von seinem Nacken +los, an dem eine kleine wunderzierlich von Kupfer gearbeitete und +mit Gold eingelegte Kapsel hing -- »gebrauch den so lange, er thut's +wenigstens zur Noth und steuere nur einen Westsüdwest-Cours, bis wir +Land in Sicht bekommen.« + +»Verdammt wunderliches Ding,« brummte Bill, als er, das eine +Steuerreep so lange zwischen den Zähnen, die kleine Kapsel öffnete und +mißtrauisch von allen Seiten betrachtete, »wo ist denn darauf Norden +oder Süden -- Donnerwetter, das Ding steht ja nach allen Seiten hin und +-- hol's der Henker, die Nadel ist verkehrt angesetzt, die Pfeilspitze +sitzt auf der falschen Seite oder zeigt wahrhaftig nach Süden hin.« + +»Es ist ein chinesischer Taschencompaß,« lachte Hans, »doch komm, +laß mich hin, ich will steuern und dabei kann ich dir erklären wie er +eingetheilt ist, du wirst dich bald hineinfinden.« + +Bill ließ ihn auf seinen Platz, blieb aber neben ihm sitzen, und als +er sich die Sache hatte auseinander setzen lassen, die er bald begriff, +sagte er, Hans auf einmal wieder ansehend: + +»Ja, Camerad, was ich dich vorher fragen wollte, wie mir da der Compaß +durch den Kopf fuhr, und was mir die letzten Tage im Schädel hin- und +hergegangen ist. -- Wo zum Teufel hast du denn auf einmal das viele +Englisch hergekriegt, und warum hast du's vorher nicht gesprochen? -- +Ich will verdammt sein wenn ich jetzt glaube daß du irgend was anderes +bist als ein Engländer. Hol mich dieser und jener, wenn's nicht wahr +ist.« + +»Und ich glaube, er spricht auch ebenso gut französisch, wie ich +selber,« lachte Jean, »und hat uns hier die ganze Reise zum besten +gehabt -- ich möchte nur wissen warum.« + +»Wenn ich keinen Grund dazu gehabt hätte, Cameraden,« sagte Hans +gutmüthig, jetzt aber auf einmal ganz ernst geworden, »so hätt' ich's +nicht gethan. Da ich also einen Grund dafür haben muß, laßt mir den +auch. Wenn ich kann, sollt Ihr ihn später erfahren, bis dahin müßt +Ihr aber Geduld haben.« + +»Kurz und süß wie wir bei uns sagen,« lachte Bill, »jetzt glaub' +ich aber auch, François verstellt sich ebenfalls, und kommt nächster +Tage einmal, nur hoffentlich bei einer andern Gelegenheit, mit einem so +reinen Englisch zu Tage wie's unser Schulmeister nur zu Hause aus uns +Jungen herausquetschen wollte. Doch meinetwegen, jeder nach seinem Spaß +und wie er's verantworten kann -- und nun erst einmal einen Schluck auf +gute Cameradschaft und glückliche Reise!« + +Und damit langte er sich eine Flasche Portwein, die er, wie er +versicherte, ganz besonders zu diesem Zweck beigepackt habe, aus dem +kleinen Spintge, was unter dem Sternsitz angebracht war, heraus, that +erst selber einen kräftigen Zug und ließ dann die Flasche im Kreis +herumgehen. Selbst Timor wurde nicht vergessen. + +Sie waren nun vollkommen in diesen wunderbaren Ort eingedrungen der, +nicht See, nicht festes Land, nicht Inselgruppe -- ein Mittelding +zwischen allen dreien zu halten scheint. Wenn sie über Bord schauten, +lag es tief unter ihnen manchmal wie die unergründliche Tiefe des +Meeres selber da, und manchmal wieder war es als ob sie in einem +Luftballon über weiten schneeigen Feldern mit Blitzesschnelle +hingeführt wurden. -- Waldungen, Ströme -- selbst Städte schwanden +mit einer nur etwas regen Einbildungskraft rasch vorüber, und wenn sie +plötzlich wieder in tiefer Wasser kamen, sah es gerade so aus, als +ob eine dunkle Wolke unter sie getreten sei, und nur die eben noch +gesehenen Bilder verdecke. + +»Es wird einem ganz schwindlich wenn man so hinunterschaut,« brach +Jean endlich ein ziemlich langes Schweigen, indem sich jeder mit seinen +eigenen Gedanken beschäftigt hatte. »Ist das nicht gerade so, als +ob man meilenhoch über einer wundervollen, vom Mondlicht beschienenen +Landschaft hinwegflöge? sieh Bill, da kommt es wieder -- dort der Wald +-- dort das tiefe Thal.« + +Bill warf einen Blick über Bord, wechselte sein Priemchen aus einer +Backe in die andere und lachte. + +»Aber Mann, das sind ja die Korallen unten, über die wir weggehen! -- +kaum drei Faden Tiefe und all solch verdammt bröckliches, aber zähes +Zeug wie die dort, die da über Wasser vorragen. -- _Bless you_, ein +Wald und Thäler -- der Mann phantasirt. -- Nimm noch einen Schluck von +dem Portwein, es wird dir ausnehmend gut thun.« + +Bill war nichts weniger als ein Romantiker, und wenn er Bäume oder +Thäler sah, so mußten sie auch wirklich mit allem nöthigen Zubehör +da sein. Jean lächelte und blinzte nach Hans hinüber, Bill der das +aber sah, meinte gutmüthig: -- + +»Ja, lacht nur Jungen; =mir= ist's recht, aber hier haben wir in +Wirklichkeit Salzwasser unter und Korallen um uns, und wir =mögen= +wieder frei von der ganzen Geschichte kommen, das ist wahr, der Teufel +kann aber auch sein Spiel haben und uns sonst einen Possen spielen, +und nachher ist die Geschichte faul. Soviel ist jedoch gewiß, wenn das +Bäume da unten sind, so will ich nur wünschen daß keiner von uns in +ihren Schatten zu liegen kommt, das ist alles.« -- Und damit hob er die +Flasche gegen das Licht, zu sehen ob der Inhalt noch eines Zuges werth +war, und leerte sie dann ohne abzusetzen. Fertig damit, machte er eine +fast unwillkürliche Bewegung, sie über Bord zu werfen, hielt aber auch +ebenso rasch wieder ein und legte sie auf ihren alten Fleck zurück -- +»halt,« sagte er dabei -- »zum Wegwerfen ist's noch immer Zeit, und +wer weiß wozu wir die noch einmal gebrauchen können, ehe wir andere +kriegen.« + +Vor einer ziemlich steten und frischen Brise in dem jetzt hie und da +leise gekräuselten Wasser dahingleitend, schwand das Wrack mehr und +mehr am Horizont, und im Westen tauchten dafür schon einige dunkle +Punkte kleiner Inseln in diesen Korallengruppen empor, und boten dem +Steuernden, der nun seinen Compaß wieder schloß, ein festes Ziel, auf +das er halten konnte. + +»Dort links hinüber liegt auch Land, wenn ich nicht irre« -- sagte +Bill, als sie mehrere Stunden ruhig fortgesegelt waren und wenig mehr +sprachen als eben zu ihrer Fahrt gehörte. -- »Am Ende ist das das +feste Land und wir hielten am besten dort gleich hinüber.« + +»Habt Ihr Lust gefressen oder wenigstens Eures Bischen Fetts beraubt zu +werden, so mögen wir sehen daß wir die Nacht auf australischem +Boden zu schlafen kommen,« meinte da Hans. »Ich meinestheils hätte +geglaubt, wir wollten erst einmal eine von den Inseln erreichen und dann +Kriegsrath halten. Wir fahren uns dabei nicht einmal aus dem Weg, denn +was du siehst, Bill, kann schwerlich die Küste, sondern wird Hendriks +Insel sein -- eine kleine aufragende Spitze; -- wie?« + +»Ja,« sagte Bill, der auf einen der Thwarten oder Bänke getreten war +und seine Augen mit der Hand gegen das helle Licht schützte, »ich kann +auch weiter nichts sehen als den Punkt -- doch halt, da rechts hinein +liegt noch mehr Land glaub' ich -- luff ein wenig mehr auf, Hans, wir +halten besser Strich.« + +»Ich seh übrigens gar nicht ein,« meinte Jean, »weßhalb wir uns +hier im Boot nicht ebenso gut berathen können wie auf irgend einem der +kleinen Sandflecke in der Straße hier. Wir haben weiter nichts zu thun, +und je eher wir uns einen festen Plan bilden, desto besser.« + +»Gut,« sagte Hans -- »und seid Ihr wirklich entschlossen den Landweg +nach Sydney zu wagen?« + +»Entschlossen?« rief Bill erstaunt, »ei Mann, ich glaubte das +bedürfe gar keiner Frage mehr, sondern wir wollten nur berathen wie wir +am =schnellsten= zum Lande kämen.« + +»Aber, Leute, Ihr bedenkt gar nicht was für ein Land Ihr durchwandern +wollt. -- Ich bin von Herzen gern dabei den Versuch mitzumachen, Euch +zu überzeugen, aber wir kommen keine 50 Meilen ins Innere, so viel ist +gewiß. -- Wir finden kein Wasser und verwünscht wenig zu essen, und +werden zuletzt froh sein, wenn uns die Schwarzen nur wieder zur Küste +zurücklassen.« + +»Ja, aber was zum Donnerwetter sollten wir denn da eigentlich thun?« +frug Bill verblüfft -- »ich habe bis jetzt noch an gar nichts anderes +gedacht. Dann bleibt uns nichts übrig, als hinter dem Alten herzufahren +und uns vielleicht von demselben Schiff auflesen zu lassen, was den mit +fortnimmt. Deßhalb haben wir ja doch keinen Scandal mit dem Capitän +angefangen.« + +»Nein, daran denk ich wahrhaftig nicht,« sagte Hans schnell -- »das +Schiff das ich betrete, möchte ich mir vorher =wählen=, und deßhalb +können wir meinetwegen erst irgendwo an der Küste landen und einen +Versuch machen; ich möchte das feste Land selber gern einmal sehen. +Geht es aber dort nicht, dann schiffen wir uns wieder ein und segeln mit +diesem Monsun, und von dieser Strömung begünstigt frisch und fröhlich +in den Indischen Archipel ein -- vielleicht gar nach Timor, wo wir ja +hier einen herrlichen Dolmetscher und Führer haben.« + +»Gut, dabei bleibt's,« rief Jean schnell -- »es wäre doch wunderbar +wenn vier starke junge Kerle -- und Timor dürfen wir immer für einen +halben rechnen -- sich nicht durch die Welt schlagen könnten, sei's +wo's sei. Also frisch einen Südcours hinüber, Hans. Hier verlieren wir +zu viel Grund und Boden, und wir wollen gleich von vornherein wissen, +welche Aufnahme wir an der Küste zu erwarten haben.« + +»Aber wird François damit einverstanden sein?« frug Hans auf diesen +blickend. + +François verstand nicht viel englisch, doch genug den Sinn der +Verhandlung begriffen zu haben, und nickte lachend mit dem Kopf. -- + +»_Cest la même chose pour moi, camerade_,« rief er fröhlich, »wohin +es auch geht, ich bin dabei, und was die Indianer betrifft, so denk +ich brauchen wir uns deretwegen keine Sorge zu machen. Wir sind gut +bewaffnet und Schießgewehre kennen sie vielleicht hier oben noch gar +nicht.« + +»Was sagt er?« frug Bill, der ihn indessen scharf angesehen hatte. + +»Vorwärts« lachte Hans und luffte mit einer leisen Bewegung des +Ruders, scharf gegen den Wind an, »Brassen meine Burschen -- brassen; +so, das thuts François. Ich denke wir können mit diesem Cours der +Küste nahen.« + +»S'ist doch ein merkwürdiges _gibberitch_ das Französische« brummte +Bill kopfschüttelnd. »Ich habe mich nun so lange zwischen Franzosen +herum getrieben, aber nie mehr davon wegkriegen können als _merci +Monsiehr_ und _sil woo plaze_ -- was beinah wie breit _Irish_ klingt. -- +S'ist eigentlich merkwürdig daß wir Engländer, wenn wir uns ein paar +Worte französisch merken immer nur Höflichkeiten, und die Franzosen +bei ihrem ersten Englisch Sprechen nur Fluchen lernen. Hol mich dieser +und jener wenn nicht das erste Wort was ein Franzmann von unserer +Sprache begreift, jedesmal _God dam_ ist. -- Ich möchte nur wissen +woher das kommt, denn es ist ja doch gerade gegen beider Natur. -- Wenn +ich z. B. höflich sein soll, komme ich mir immer vor wie eine Katze die +schwimmen will. -- Wir sind einmal nicht daran gewöhnt.« + +»Es mag doch wohl daher kommen,« sagte Hans lächelnd, »daß Ihr +Engländer so entsetzlich viel flucht, und die Franzosen so entsetzlich +viel höfliche Redensarten haben. -- Was die eine Nation nun von der +andern am meisten hört, behält sie auch am leichtesten.« + +»Hm,« brummte Bill, »das wäre möglich, daran habe ich noch nicht +gedacht« und er saß eine Zeit lang so in Gedanken versunken da, daß +er nicht einmal merkte wie er eine neue Flasche vorgeholt, geöffnet und +einen langen Zug daraus gethan hatte. + +Timor's Augen, obgleich er an dem Gespräch nicht Theil nahm, +leuchteten, als er die Möglichkeit vor sich auftauchen sah, sein lange +nicht gesehenes Heimathland wieder zu betreten. Nur soviel eifriger +machte er sich jetzt daran die Angelgeräthschaften, die er auch an Bord +des Boreas unter Händen gehabt, hervorzusuchen, und seinen Fischfang +zu beginnen. Zu dem Zweck befestigte er jetzt ein Stück rothes Zeug +an einem ziemlich starken Haken, und ließ es, etwa zehn Ellen vom Boot +entfernt, nachschleifen. + +Das kleine ziemlich schwerbeladene Boot legte sich indessen, mit +dem Wind recht breit von der Seite in die Segel, fast bis an den +Steuerbordrand auf das Wasser, und die Besatzung mußte nach Backbord +hinüberrücken, das Gleichgewicht wieder herzustellen. Nach Südwesten +zu wurden jetzt schon die drei Spitzen der Hannibals Inseln sichtbar. +Nachmittag starb der Wind aber plötzlich weg, und um nicht von der +Strömung zu weit westlich getrieben zu werden, ruderten sie nach einer +kleinen Sandbank, deren weißen Rücken sie über dem dunklen Wasser +vielleicht zwei Meilen vor sich konnten herausschimmern sehen, und +warfen dort Anker. Timor hatte allerdings einen Fisch gefangen, niemand +aber daran gedacht Feuerholz vom Schiff mitzunehmen, und da auf dieser +Sandbank auch nicht der kleinste Strauch, ja kein Grashalm wuchs, +mußten sie ihr Abendbrod, von ihren Vorräthen halten und den Fisch auf +morgen sparen. + +Die Nacht schliefen sie im Boot, mit regelmäßig ausgestellter Wache. +Es ließ sich indessen nicht das mindeste hören oder sehen, was sie +hätte beunruhigen können. Die Nacht war warm und ruhig, und erst gegen +Morgen erhob sich wieder eine schwache Ostbrise, bei der Hans, dessen +Wacht es war, den leichten Anker hob, die Segel setzte und langsam über +das spiegelglatte Wasser hinglitt. Als die andern erwachten, fanden sie +sich zu ihrem Erstaunen schon wieder unterwegs und die Sandbank, die +jetzt bei Fluthzeit auch fast bedeckt war, weit hinter sich. + +Der Wind blieb übrigens den ganzen Tag sehr schwach; sie mußten +zweimal wieder ankern, und erreichten den zweiten Abend mit genauer Noth +die nördlichsten der Hannibal Inseln, wie sie auf der Karte genannt +sind -- ein niederer, nur mit wenigem Gesträuch bedeckter Felsen unter +dessen Lee sie ankerten, und es vorzogen wieder im Boot zu schlafen. +Abends gingen sie aber vorher an Land und brieten mit zusammengesuchtem +trockenen Holz eine tüchtige Portion delicater Fische, die Timor über +Tag gefangen. + +Hans war allerdings nicht recht damit einverstanden daß sie ein Feuer +anmachten, denn wenn sie das auch vorsichtigerweise auf der Nordseite +der Insel thaten, so daß es von der jetzt deutlich sichtbaren Küste +des festen Landes aus nicht gesehen werden konnte, so mochte der +aufsteigende Rauch dort etwa herumstreifenden Wilden leicht verrathen, +daß sich hier Fremde aufhielten. Bill wollte davon aber nichts hören, +und meinte die schwarzen Schufte würden dann ebenso wenig wissen, ob es +nicht Fischer von ihrem eigenen Stamm wären, als Weiße, und wenn sie +=jetzt= schon in der Hinsicht so ängstlich sein wollten, wie das dann +nachher werden sollte? Die Fische wurden deshalb auch gebraten und +schmeckten ausgezeichnet. + +Am nächsten Morgen wehte ihnen ein schwacher Landwind gerade entgegen, +und erst um 10 Uhr konnten sie Segel setzen und den Anker lichten. Die +australische Küste trat jetzt immer klarer und deutlicher heraus. Sie +konnten schon das niedere buschige Gehölz, das ihre Ufer bedeckte, +unterscheiden. An der weißen sandigen Bank ließen sich aber keine +menschlichen Wesen erkennen, und sie sahen auch nirgends Rauch +aufsteigen. Der ganze Strich hier schien vollkommen unbewohnt, und Hans, +der wieder am Steuer saß, bat Bill, ihm doch das kleine Fernrohr, das +gleich oben links in der Kiste lag, herüberzureichen. + +»Wenn wir hier nicht mit Wilden zu thun bekommen, finden wir auch kein +Wasser,« sagte er, nachdem er das Land eine Weile mit dem Fernglas +überflogen hatte. -- »Willst du das Glas haben, Bill?« + +»Merci,« meinte dieser trocken, ohne den Arm nach dem dargereichten +auszustrecken, »wenn Brandy drin wäre, ja, -- weiß der Henker woher +es kommt, ich bin doch sonst nicht so ungeschickt. Mit den Dingern +da aber habe ich mich nie befreunden können, und wenn ich durchsehe +schwimmt mir immer Alles vor den Augen. Gerade so geht mir's auch mit +den Gewehren; abdrücken kann ich sie, aber wo die Kugel hingeht das ist +ihre Sache. Siehst =du= nichts, Hans?« + +»Nicht das mindeste,« sagte dieser, das Glas Jean hinüberreichend. +»Nun so viel besser, denn da können wir die Gegend ungestört +untersuchen und nachher immer noch thun was uns gefällt.« + +Gegen Abend starb der Wind wieder weg, und sie mußten diesmal zu den +Rudern greifen, denn es war hier so tief, daß sie nicht einmal +hätten ankern können. Mit Sonnenuntergang waren sie etwa noch einen +Büchsenschuß vom Lande ab, in vier Faden Wasser, und beschlossen +dort auch die Nacht zu bleiben. Sie wollten sich nicht gerade mit +Dunkelwerden einem vollkommen fremden Küstenstrich anvertrauen, an dem +sie weder die Bewohner, noch die Thiere kannten. + +»Was es nur hier für Bestien geben mag,« sagte Jean, als sie ihren +Anker fallen gelassen, die Segel geborgen und niedergelegt, und ihr +Abendbrod auf zwei besonders dazu aufgestellten Weinkisten ausgebreitet +hatten, »weiß man denn gar nichts davon?« + +»Der erste der hier ins Innere eingedrungen ist, und durch den +wir einigermaßen Nachrichten von diesem bis jetzt noch meist +geheimnißvollen Küstenstrich erhalten haben,« sagte Hans, »war ein +Deutscher, ein Dr. Leichhardt, der mit einer kleinen Gesellschaft und +mit aufopfernder Kühnheit diese Küste bis weit gegen Westen besucht +hat. Diesem nach haben wir hier aber eine ganz andere Thierwelt als im +südlichen Australien, und es soll an der nördlichen Küste Krokodile +und Büffel geben. Ob wir die auch hier so weit im Osten finden würden, +weiß ich nicht. Känguruhs giebt's aber jedenfalls, und deren Erlegung +wäre das einzige, von dem wir hoffen könnten im Innern zu existiren. +-- =Seht= aber das Land erst, und wenn Ihr euern Plan durch das Innere +zu gehen, dann =nicht= aufgebt, dann seid Ihr die ersten Matrosen oder +Fischer, die das Land nicht satt hatten und wieder nach Salzwasser +schnappten.« + +»Unsinn,« lachte Jean, »ich will Gott danken wenn ich nur erst einmal +wieder vom Salzwasser hinunter bin. -- Nein, ich habe mir Australien zu +meiner künftigen Heimath erwählt, und je schneller ich Sydney wieder +erreiche, desto besser -- und nachher nie mehr zur See.« + +Hans hatte das Fernglas wieder aufgenommen und schaute so lange nach +der Küste hinüber als es ihm die jetzt rasch einbrechende Dämmerung +erlaubte. Es ließ sich aber nicht das mindeste verdächtige erkennen, +und auf dem blendend weißen Korallensand der das Ufer bildete, hätte +ihm der kleinste dunkle Gegenstand, der sich nur im mindesten bewegte, +augenblicklich ins Auge fallen müssen. + +Darüber beruhigt ging er wieder an sein Abendessen und die Wacht wurde, +als sich die andern zum Schlafen niederlegten, aufgesetzt. Hans hatte +die erste Wacht, Jean die zweite, François die dritte, und Bill die +Morgenwacht. Timor durfte die ganze Nacht schlafen. + +Als sich die Männer, so gut das der enge Raum erlaubte, ausgestreckt, +und für eine gute Rast eingerichtet hatten, sah Hans noch einmal +nach seinem Gewehr, setzte frische Zündhütchen auf und legte es zum +augenblicklichen Gebrauch an seiner Seite nieder. Dann schob er sich +seine zusammengerollte wollene Decke unter den Rücken, und schaute, auf +diese gestützt, träumend zu den leichten über ihn hinziehenden Wolken +und blinkenden Sternen empor, manchmal nur aufhorchend, wenn er irgend +ein fernes Geräusch zu hören glaubte oder ein aufschnellender Fisch, +zweimal auch ein eigenthümlicher Schrei vom Lande herüber, der Ruf +irgend eines fremdartigen Nachtvogels, die Stille unterbrach. + +Hätte er die sechs dunklen Gestalten gesehen, die still und +geräuschlos, aber schnell wie das Wild ihrer Wälder durch die +düsteren Uferbüsche glitten und nach Osten zu dem Strand hinaufliefen, +dessen hellen Sand zu betreten sie sich aber wohl hüteten, er würde +die Stunden seiner Wacht nicht so ruhig verträumt und sich nachher mit +so leichtem Herzen zum Schlafen niedergelegt haben. So aber wandte sich +sein Geist bald von der Gegenwart ab. -- Den Kopf in die Hand gestützt +und mit den Blicken an den funkelnden Sternen über ihm haftend, dachte +er bald keiner Gefahr mehr die ihnen hier drohen konnte. -- Die Bilder +der Vergangenheit gingen vor seiner inneren Seele vorüber, und die +Stunden der Wacht schwanden ihm wie Minuten dahin. + +Jean hatte eine Uhr, die einzige an Bord, die der Wachthabende jedesmal +in Verwahrung bekam. Die ersten drei Wachen verliefen übrigens +vollkommen ruhig, und als Bill sich, von François geweckt, aufrichtete, +schliefen Hans, Jean und Timor so fest, als ob sie in irgend einer wohl +verwahrten und civilisirten Stadt in ihren Betten lägen und dort auch, +bis Morgens der Kaffee käme, jedenfalls liegen bleiben wollten. + +»Hallo,« sagte Bill und rieb sich die Augen -- »was zum Henker, ist's +schon zwei Uhr? -- ich glaubte, ich hätte mich eben erst niedergelegt. +-- Es wird ordentlich kalt, Morgens.« + +»Schon drei Uhr fast, Kamerad,« versicherte François, »Alles ruhig +gewesen!« Damit übergab er dem Wachthabenden die Uhr und rollte sich +ebenfalls in seine Decke, die Beine über die nächste Bank streckend. + +Bill war übrigens zu lange in Australien gewesen sich nicht indessen an +ein Pfeifchen gewöhnt zu haben, aus dem sich sonst Matrosen, wenn sie +ihren Kautabak haben, gewöhnlich nicht viel machen. Vor allen Dingen +knöpfte er sich aber erst einmal warm in seine dicke Lootsenjacke ein, +denn die Morgenluft zog schon scharf von Osten her über das Wasser, +schnitt sich dann in der Hand eine Pfeife voll Kautaback klein, stopfte +seinen kurzen irdenen Stummel und schlug Feuer. -- Das dauerte aber wohl +eine Viertelstunde lang, denn der Schwamm war feucht geworden und wollte +nicht fangen. Bill wurde auch endlich ärgerlich darüber und fluchte +nach Matrosenart, bis er zuletzt all seine Kraftwörter erschöpft +hatte, und nur immer bei jedem Schlage _damn it_ -- _damn it_ -- +_damn it_, brummte. Endlich bekam er Feuer, setzte sich dann mit +übergeschlagenen Beinen und die Schulter bequem gegen den kleinen Mast +gestützt, in Wachtpositur, und qualmte aus Leibeskräften. + + + + +Sechszehntes Capitel. + +Der Morgenbesuch. + + +Durch das Feuerschlagen war Timor wach geworden und richtete sich +ebenfalls auf. Es schien ihm aber zu frisch außerhalb der Decke, und +noch halb im Schlaf sah er nur einmal über den Bootsrand weg neben dem +er lag, nach dem Lande zu, und wickelte sich dann wieder, so warm es ihm +möglich war, ein. + +Bill wußte nun allerdings recht gut daß er die Wacht hatte, und nicht +allein munter bleiben, sondern auch aufpassen mußte; aber es war ihm +nur eine höchst unbestimmte Idee, auf =was= eigentlich. Canoes hatten +sie am Abend vorher nicht gesehen, und so dunkel wie es jetzt geworden +war, sollte es den Wilden, wenn überhaupt welche an der Küste hausten, +sehr schwer werden das fremde Boot zu finden. Keinenfalls hätten sie +aber so geräuschlos anrudern können, daß sie von ihm nicht bemerkt +wären, und in dieser Hinsicht fühlte er sich auch vollkommen beruhigt. + +Das Wetter sah ebenfalls günstig aus, denn obgleich sich am Himmel hie +und da dichte Wolken sammelten, versprachen die mehr einen möglichen +Regenschauer als viel Wind. Ueberdies lagen sie hier durch das Land +durchaus geschützt, und brauchten nicht das mindeste für ihr kleines +Boot zu befürchten. Die Wacht versprach also, ebenso wie die +übrigen drei, ohne das mindeste Außergewöhnliche abzulaufen. +Nichtsdestoweniger setzte er sich so, daß er den schmalen +Wasserstreifen, der zwischen dem festen Land und ihrer Jölle lag, +vollkommen übersehen konnte, und bließ, den rechten Ellbogen auf +das rechte übergeschlagene Knie gestützt, seinen Tabaksdampf in +regelmäßigen Puffen dem Morgenwind entgegen. + +So mochte es vier Uhr geworden sein. Bill hatte sich seine dritte Pfeife +gestopft, und im Osten zeigte sich eben der erste graue Dämmerschein +des nahenden Tages. Der Schwamm war aber diesmal nicht gefälliger als +das erstemal, und Timor, der überdies die ganze Nacht vortrefflich +geschlafen, und auch am Schiff daran gewöhnt war meist um diese Zeit +aufzustehen und Kaffee zu kochen, richtete sich bei dem hartnäckigen +Feueranschlagen des Matrosen auf den Ellbogen in die Höhe und frug +leise, die anderen nicht zu stören: + +»Wie viel Uhr, Tuwan Bill. -- Wird's schon Tag? es muß noch früh +sein?« + +Bill, überhaupt kein großer Freund von vielen Worten, zeigte mit der +Pfeifenspitze nur gerade nach Osten hin und sagte, indem er den Kopf +ebenfalls dorthin drehte -- »kommt eben.« + +Timor folgte seiner Bewegung und schaute mehrere Minuten lang schweigend +nach dem östlichen Horizont hinüber, das Wachsen des lichten Streifens +zu beobachten. Plötzlich richtete er sich aber ein wenig höher auf, +machte sich seinen rechten Arm frei, rieb sich die Augen, und schaute +wieder unverwandt nach der Gegend hin. Er faßte zugleich Bills Knie und +drückte es leise. -- + +»Tuwan Bill,« flüsterte er dabei, doch so geräuschlos, daß die +Laute kaum zu des Mannes Ohr drangen -- »was ist das dort -- Fische?« + +Bill drehte den Kopf dorthin, wohin der junge Malaye zeigte, und sah +allerdings gerade in diesem Augenblick einen dunklen Gegenstand über +dem Wasser vorkommen. -- Aber er hob sich nur höchstens einen Fuß +über die Oberfläche, glitt etwa zwei oder drei Fuß darüber hin, und +verschwand dann wieder. + +»Tümmler,« sagte Bill laut, als gleich darauf vier oder fünf +derselben Art dem ersten folgten; »es sind Fische, Timor, mit denen +können wir uns jetzt aber nicht einlassen. Wenn wir an so einen fest +kämen, schleppte uns der mit Anker und allem, Gott weiß wohin.« Er +nahm seine alte Stellung wieder ein und rauchte ruhig weiter, während +Timor eine Weile die Fische beobachtete. Sie kamen nach kurzer Zeit +noch einmal zum Vorschein -- etwas näher dem Boote zu, wo auch eine +ziemliche Menge Seetang, an einen der vorragenden Korallenfelsen +wahrscheinlich, an- und festgeschwemmt war. Der Tang bildete dort eine +volle, dunkle Masse. Der Tag war aber noch nicht weit genug vorgerückt, +mehr als einen schwarzen schattigen Streifen davon erkennen zu lassen. +Der Tang lag nach NO. zu. + +Es ist vielleicht nöthig den Leser hier darauf aufmerksam zu machen wie +das Boot zu der Küste geankert hatte. Die australische Küste, an deren +nördlichem Ufer sie sich hier befanden, streckte sich von Osten nach +Westen hin, und bildete dadurch die südliche Bank der Torresstraße. +Der vorherrschende Wind war in dieser Jahreszeit der Ostwind, und die +Strömung setzte deshalb auch, durch Ebbe und Fluth nur wenig beherrscht +oder geändert, in ziemlicher Stärke nach Westen. Das kleine Boot +»ritt« vor seinem Anker der es festhielt, während es zugleich der +Strömung, so weit es der Anker ließ, nachgab, und deshalb mit seinem +Bug gerade nach Osten, vielleicht einen Strich noch südlich, zeigte, +da eine, gerade hier oberhalb liegende kleine Bucht die Strömung +gewissermaßen aufgefangen hatte, und da wo sie lagen, in die Straße +zurückführte. Die Steuerbord oder Starbordseite des Bootes zeigte +deshalb nach dem Lande, die Backbordseite nach der offenen Straße hin. + +Timor, der vorn im Bug kauerte, fing an zu frieren; die Morgenluft war, +trotz der niederen Breite in der sie sich befanden, ziemlich frisch, und +er wickelte sich wieder in seine Decke. Die Fische wollten ihm aber doch +noch nicht aus dem Kopf, und ehe er sich auf's neue hinlegte, warf er +noch einen Blick nach dem Tang hinüber, wo sie verschwunden waren. +Der graue Streifen im Osten war indessen auch etwas breiter und lichter +geworden, ohne jedoch noch mehr zu vermögen als einen matten falben +Schein auf das sonst fast spiegelglatte Wasser zu werfen, was eher das +Auge blendete, als ihm die Gegenstände unterscheiden half. Trotzdem +glaubte er sich wieder Etwas nach jener Richtung hin bewegen zu sehen, +und sprang noch einmal auf, stieg auf die vordere Bank und schaute +scharf hinüber. + +»Das sind im Leben keine Tümmler,« murmelte er dann für sich, auf +malayisch -- »das sind entweder Schildkröten oder andere Fische, und +vielleicht kommen sie dicht ans Boot heran, daß wir einen mit dem Elker +(eine kleine fünf- oder dreizackige Harpune) erreichen können. -- Ich +will wenigstens alles fertig machen.« + +Der Elker lag aber mitten im Boot, und die Spitzen staken unter dem +hinteren Sitz, damit sich niemand die Nacht hineinreißen konnte. Um ihn +zu bekommen mußte der junge Bursche über François wegsteigen, und die +Stange jetzt hebend und vorziehend, konnte er nicht verhindern daß er +Hans anstieß und weckte. Dieser, als er sich berührt fühlte, fuhr +rasch in die Höhe und frug »was es gäbe?« + +»O nichts,« sagte der Malaye leise, »legt Euch ruhig wieder hin, ich +wollte nur die Harpune vorholen und bin ungeschickt dabei gewesen. -- Es +sind Fische da, die vielleicht zum Boot herankommen.« + +»Was für Fische, Timor?« sagte Hans, sich die Haare aus dem Gesicht +streichend und seine Mütze, die ihm im Schlaf heruntergefallen war, +wieder aufsetzend. -- + +»O ich weiß selber noch nicht, ich kann nur sehen wo sie sich +bewegen,« erwiederte Timor. -- »Sie scheinen hier ums Boot herum +zu spielen und kommen vielleicht näher.« Timor sprach mit Hans +gewöhnlich in seiner eigenen Sprache, und deshalb lauter mit ihm als +den anderen. + +Hans richtete sich auf und warf einen Blick um sich. Er schaute nach +den sich lichtenden Wolken und dem noch düster vor ihnen liegenden +Küstenstreifen hinüber. Timor aber, der glaubte daß er den Platz +suche wo die Fische wären, zeigte mit dem Arm nach dem Tang hinüber, +der aber jetzt vollkommen regungslos blieb. Der Tang konnte etwa 60 +Schritt von ihnen entfernt sein. + +»Da war aber etwas, mehr nach dem Lande hin,« sagte Hans, dessen Blick +unwillkürlich der Richtung gefolgt war, die ihm Timors Arm bezeichnete. +-- »Das muß ein großer Fisch gewesen sein, und ich hätte gar nicht +geglaubt, daß sich die so weit nach dem Lande zu verlieren. Wirf ja +nicht die Harpune nach solch einem Burschen, wenn er hier herankommen +sollte, Timor, denn entweder riß er dich selber mit über Bord, oder +wir sehen nie etwas von dem Elker wieder, und es ist der einzige den +wir mit haben. -- Halt, da wieder -- er will zwischen dem Lande und uns +durch.« + +Der Fisch ging aber tief, und kam nicht wieder auf, wenigstens nicht +daß es Hans und Timor bemerkt hätten. Durch das Sprechen war jedoch +François ebenfalls munter gemacht, richtete sich auf, und rief den +anderen beiden seinen guten Morgen zu. + +»_Qu'est -- ce que c'est ça?_« -- rief er aber plötzlich, den Arm +nach dem Lande ausstreckend -- »_des poissons?_« + +»Nein, bei Gott nicht!« rief Hans, der bei dem jetzt deutlich zu ihnen +herüberschallenden Plätschern den Kopf rasch dorthin drehte -- »das +sind keine Fische -- das ist ein Schwarzer, und ich habe doch niemand +ins Wasser steigen sehen.« + +»Wo?« rief Bill, und richtete sich rasch in die Höhe; auch Jean wurde +munter. + +Bill hatte seine Muskete aufgegriffen und schaute scharf nach dem +Gegenstand hin, der sich jetzt gar nicht mehr verkennen ließ. Es war +jedenfalls ein Indianer, der hier ganz unbesorgt, etwa 60 Schritt von +ihrem Boot entfernt, herumschwamm und tauchte. Als er übrigens bemerken +mochte, daß aller Blicke nach ihm gerichtet waren, hob er sich, so +weit er das schwimmend konnte, aus dem Wasser und rief etwas nach ihnen +hinüber. + +=Was= er rief konnten sie natürlich nicht verstehen, Hans aber, um ihm +zu zeigen daß er gesehen sei, antwortete ihm auf gut Glück in einem +südaustralischen Dialekte, obgleich er kaum hoffen durfte von ihm +verstanden zu werden. Jeder australische Stamm hat fast eine andere +Sprache. + +»_Parni tirriapindo_ -- komm näher heran.« Der Wilde, als ob er wisse +was man von ihm verlange, kam jetzt einige Striche herangeschwommen, und +hielt dann wieder wie unschlüssig. + +In demselben Augenblicke wurden nach Norden zu, also an der dem Land +entgegengesetzten Seite, mehrere Köpfe über Wasser sichtbar, tauchten +aber auch schon nach wenigen Secunden wieder unter -- sie waren nur zum +Athemholen in die Höhe gestiegen, und befanden sich keine 30 Schritte +mehr vom Boot. Die Aufmerksamkeit der Matrosen wurde jedoch durch +den neuen Aufruf des Wilden zu sehr in Anspruch genommen, um sich der +anderen Seite zuzuwenden. -- Sie sahen nicht was hinter ihnen vorging. + +»Es wäre gut, wenn wir uns einen der Burschen zum Freund machen +könnten,« sagte Hans zu Jean gewandt -- »der würde uns auf dem +festen Land von unberechenbarem Nutzen sein. Wir wollen es jedenfalls +versuchen.« + +»_Nunja ngun renga patlerti!_« rief der Wilde jetzt deutlich zu ihnen +herüber. + +»Hol' der Teufel die Sprache,« brummte Hans, »ich verstehe kein Wort +davon.« + +Dicht unter Backbord des Bootes tauchte ein schwarzer Kopf auf und ein +paar dunkle Augen blickten scheu empor -- jetzt noch einer, jetzt ein +dritter. Die Männer im Boot hätten sie müssen Athem holen hören. + +»Wir wollen ein Tuch nehmen und damit wehen,« rief Jean -- »einen +grünen Busch haben wir ja doch nicht hier, und er wird verstehen daß +das freundlich gemeint ist.« + +»_Parni tirriapindo!_« munterte ihn Hans noch einmal dabei auf, weil +Jener das vorher verstanden zu haben schien, und Jean schwenkte das +Tuch. -- + +»_Diable!_« schrie in diesem Augenblick François -- und riß sein +Messer, das er wie jeder Matrose an der Seite trug, aus der Scheide. -- +Hans wollte sich umdrehen, verlor aber auch schon das Gleichgewicht, und +fiel mit beiden Händen auf den Bootrand zu Steuerbord. Am Backbordrand +hingen in dem Moment fünf dunkle Gestalten und suchten, sich so +hoch das ging aus dem Wasser schnellend, mit ihrem Gewicht den Rand +niederzudrücken, und das Boot jedenfalls dadurch zu füllen und zu +versenken. + +Die Jölle schwankte natürlich mit einem plötzlichen Ruck nach ihnen +hinüber und zwar so stark, daß Jean auf Steuerbord überstürzte, und +nur noch glücklicherweise mit der linken Hand den Rand ihres kleinen +Fahrzeugs erfaßte. Dadurch hielt er sich nicht allein über Wasser, +sondern bewahrte auch wahrscheinlich durch das Gegengewicht was er +hiermit an die andere Seite warf, das Boot vor dem gänzlichen Füllen +und Sinken, auf das der Angriff berechnet gewesen. Freilich konnte er +nicht verhüten, daß trotzdem eine Masse Wasser über Bord schlug. + +Ein zweiter solcher Stoß wäre ihnen auch jedenfalls verderblich +gewesen, und er mußte erfolgen, sobald die Schwarzen nur einfach mit +ihrem Gewicht hängen blieben, Bill aber rettete sie diesmal, und +zwar ganz gegen seinen Willen, denn mit dem ersten Ruck schon hinten +überfallend, stürzte er gerade in den Vordertheil des Bootes hinein. +Wahrscheinlich aber dabei mit dem Finger den Drücker der Muskete +berührend, oder auch nur durch das Anstoßen des Kolbens auf den Sitz, +entlud sich diese, und die Kugel fuhr zischend ins Blaue. + +Die Wirkung zeigte sich zauberschnell. -- Im Nu waren die sechs +schwarzen Köpfe, die eben noch ein gellendes Siegesgeschrei +ausgestoßen, in der über ihnen zusammenschlagenden Fluth verschwunden. +Durch das schnelle Loslassen des Bootes und Jeans Gewicht nach der +andern Seite hätten sie aber beinahe das erreicht, was sie durch ihren +Angriff verfehlt, denn die Jölle schlug nun ebenso viel nach Steuerbord +über, als vorher nach Backbord, und nahm wieder eine Menge Wasser ein. + +Das kleine Boot war jedoch glücklicherweise ziemlich breit gebaut, und +das nächste Zurückschwanken nach Steuerbord zeigte ihnen, daß die +Gefahr für den Augenblick vorbei sei. + +Während aber Jean, so rasch ihm das irgend möglich war, zurück ins +Boot kletterte -- und Timor faßte ihn dabei und half ihm hinein -- +hatte Hans sein Gewehr aufgegriffen und gespannt, und François mit dem +Messer noch immer in der Faust, bewachte scharf die beiden Bootränder, +ob sich wieder eine schwarze Hand auf ihnen sollte blicken lassen. Aber +nirgends zeigte sich auch nur eine Spur von den Flüchtigen, und Hans +meinte erstaunt, es wären doch keine Fischmenschen, daß sie ganz unter +Wasser leben könnten; sie =müßten= wieder vorkommen. Da deutete Timor +nach dem Seetang, der an den Korallen hing, an dem sie schon vorher das +Auftauchen der geglaubten Fische beobachtet hatten. + +Alle folgten mit ihren Augen der Richtung, nur François nicht, der fest +die Feinde noch einmal auf ihren alten Angriffsplatz -- er wußte nur +nicht recht auf welcher Seite -- zu erwarten schien. + +»Dort sind sie!« rief aber jetzt auch Hans, und Jean, der indessen +ebenfalls seine Muskete aufgefaßt, wollte schon auf das Dunkle dort, +was sich ziemlich deutlich als die dunklen Köpfe der Feinde erkennen +ließ, zielen. Hans verhinderte ihn aber daran und meinte ruhig, es +wäre besser Blutvergießen zu vermeiden, bis es nicht anders mehr +möglich wäre. + +Die Köpfe verschwanden auch in demselben Moment fast wieder, und erst +weit außer Schußweite kamen sie zum zweitenmal hervor. Als sie +sich zum drittenmal zeigten, war es dicht am Ufer, und sechs schwarze +Gestalten, mit kurzen Speeren in der Hand, wie es Hans deutlich durch +das jetzt aufgegriffene Fernrohr erkennen konnte, sprangen aufs Trockene +und tauchten in der nächsten Minute in die dichten Büsche ein, die sie +den Blicken der Nachschauenden gänzlich entzogen. + +Deren nächste Sorge war jedoch jetzt ihr Boot, und zwei gingen daran, +es so schnell als möglich wieder auszuschöpfen, während die anderen +noch immer auf Wacht blieben, denn sie glaubten kaum, daß so wenige von +den Wilden es gewagt haben sollten sie anzugreifen. + +Der Plan war auch gar nicht so übel gewesen, und nur daran gescheitert, +daß die Schwarzen nicht die Natur einer solchen Jölle kannten, die +weit fester mit ihrem breiten Boden auf dem Wasser liegt als eines +der gewöhnlichen Canoes. Keines dieser letzteren hätte einem solchen +Gewicht, plötzlich an die Seite geworfen, widerstehen können, und +einmal die Mannschaft über Bord, hätte sie den Wilden, die im Wasser +fast gewandter sind als auf festem Lande, sicherlich nicht widerstehen +können. Mit ihren kurzen Speeren würden sie die Weißen entweder +ermordet, oder untergezogen und ertränkt haben, und das Boot mit der +Ladung, die sie leicht wieder vom Grund mit Tauchen aufbringen konnten, +wäre ihre gute Beute geworden. + +Ihr ganzes Manöver ließ sich jetzt auch sehr leicht erklären. Zuerst +hatten sie versuchen wollen im Dunkel der Morgendämmerung (fast alle +wilden Stämme machen ihre Angriffe zu dieser Tageszeit) heimlich +anzuschwimmen. Timors Munterwerden machte ihnen das aber unmöglich, und +einmal die richtige Zeit versäumt, war auch die andere Mannschaft wach +geworden. Einer schwamm also deshalb wieder von den übrigen ab, die +Aufmerksamkeit der Fremden auf sich und von den Cameraden abzulenken, +während diese unbeachtet herantauchen und den vorher verabredeten Plan +ausführen konnten. Vor Feuergewehren haben aber diese Stämme, die mit +Weißen fast noch nie in Berührung gekommen, eine heilsame Furcht, und +das zufällige Losgehen von Bills Muskete erschreckte sie so, daß +sie jeden Gedanken an Angriff aufgaben, und nur ihre eigene Haut in +Sicherheit zu bringen suchten. + +»Nun, wie gefällt Euch Euer Empfang bei den Schwarzen?« frug Hans +die anderen, als sie ihr Boot wieder in Ordnung gebracht und ihre +Provisionen vorgesucht hatten, um ein hastiges Frühstück einzunehmen. +»Nicht wahr, es sind gastliche Gesellen, die nicht einmal abwarten bis +wir bei ihnen an Land gekommen sind, sondern uns gar schon =vor= der +Thüre besuchen.« + +»Hol der Teufel die Landlubbers,« brummte Bill, der damit das +schlimmste Wort seines Kopfwörterbuchs ausgesprochen -- »wenn die +Sachen hier so stehen, hab' ich wenigstens allen Appetit verloren mich +viel bei ihnen zu Gaste zu bitten. -- Das sind ja verteufelte Kerle -- +und wie die Bestien schwimmen und tauchen können.« + +»Die Hälfte von unserem Brod ist naß geworden,« sagte Timor, der +sich indessen eifrig damit beschäftigte den beschädigten Proviant +nachzusehen -- »ein Glück nur daß das meiste hoch lag.« + +»Wir essen das naßgewordene zuerst weg,« meinte Jean -- »wenn das +Brod auch ein wenig salzig schmeckt, das schadet nichts, und aufgeweicht +ist's doch nicht. Da müssen unsere Schiffszwieback länger im Wasser +liegen, wenn sie wirklich weich werden sollen; für solche Fälle haben +unsere Rheder glücklicherweise gesorgt. -- Aber so heimtückische +Canaillen; auf einer Seite Freundschaftsversicherungen, und auf der +anderen Meuchelmord. Doch feige sind die Kerle. Hei wie sie ausbrannten +als Bill sein Gewehr unter sie abschoß. Mich wundert nur daß sich Bill +so rasch fassen und schießen konnte; der Angriff kam so schnell, daß +ich an =mein= Gewehr gar nicht dachte.« + + + + +Siebenzehntes Capitel. + +Die Landung. + + +Bill sah ihn mit einem trocken komischen Ausdruck in den Zügen an, und +die anderen lachten. + +»Ja,« sagte Bill endlich, »wenn ich jedesmal mein Gewehr auf =die= +Art abfeuere, dann thu' ich meinem eigenen Leichnam mehr Schaden dabei +als jemand anderem. Nicht allein daß ich mir meine ganze hintere Fronte +auf den scharfen Kistenecken und Gott weiß was abgescheuert habe, nein, +die verdammte Muskete stieß mich auch, wie sie los ging, so gegen +den Leib, daß ich erst fürchtete, ich hätte einen förmlichen +Decimalbruch gekriegt. -- Das sind verwetterte Dinger so Schießgewehre +-- da ist's ja wahrhaftig so gefährlich dahinter wie davor zu stehen, +und ich hatte nur eine einzige Handvoll Pulver drin. Aber Donnerwetter, +Ihr braucht nicht so furchtbar zu lachen; wir sitzen hier keineswegs +in einer so angenehmen Lage hier vielen Spaß machen zu können. Gebt +lieber einen guten Rath, wie wir aus dieser Klemme wieder hinauskommen +und was wir thun sollen.« + +»Sail ho!« rief in diesem Augenblick Timor, der trotz seiner +Beschäftigung im Boot, doch nicht aufgehört hatte den Horizont wie +seine nächste Umgebung zu beobachten. + +Dieser Ruf gab natürlich den Gedanken der kleinen Mannschaft eine total +andere Richtung. Aller Augen richteten sich blitzesschnell nach der +einzigen Himmelsgegend hin, wo ein Segel sichtbar werden konnte -- der +Einfahrt der Torresstraße zu. Und richtig genug, über dem Horizont +waren deutlich die oberen Segel eines wahrscheinlich großen Schiffes zu +sehen, das schon gestern Abend in die Straße eingelaufen und vor Anker +gegangen sein mußte, und jetzt mit einer guten, wenn auch leichten +Brise und von der starken, westwärts setzenden Strömung begünstigt, +seine Durchfahrt antrat. + +»Da wär' eine Gelegenheit von hier fortzukommen,« sagte Hans +lächelnd, nachdem sie das Segel, dessen Fortgang sie leicht bemerken +konnten, eine kleine Weile schweigend beobachtet hatten, »was meinst +du, Bill? sollen wir unser Glück damit versuchen?« + +Bill schüttelte aber finster mit dem Kopf und sagte endlich, nachdem er +sich ein tüchtiges Stück von seinem Kautaback abgebissen und den +Rest wieder in die Mütze -- dem gewöhnlichen Aufbewahrungsort, gelegt +hatte: -- »Ne -- so gern ich hier weg wäre, aber die Gesellschaft +Capitän Oilytts ist doch zu gut für mich -- ich bin sie nicht werth +und -- ich will mich nicht gern wieder hineindrängen. -- Wenn wieder +ein's käme, ja, da will ich nichts dagegen sagen, aber ich denke dies +erste gönnen wir unserem Alten zu seiner alleinigen Verfügung.« + +»O wenn's nur deshalb wäre,« rief Jean, »das sollte mich wahrhaftig +nicht abhalten. -- Auf einem fremden Schiff hat er Nichts zu sagen, +denn er ging höchstens als Cajütenpassagier und wir kämen als +Wachtverstärkung mit ins Vorcastel. Was könnte er uns da anhaben?« + +»Was er uns anhaben könnte?« wiederholte Bill, »weiter nichts, +Mann, als daß er uns viere hier einfach in Eisen legen ließe, wegen +Widersetzlichkeit -- wenn er da irgend Gefallen d'ran fände. Und thäte +er das wirklich nicht, so kannst du dich d'rauf verlassen, er würde uns +bei dem anderen Capitän einen solchen Namen machen, daß ich lieber +mit sieben Jahr Urlaub nach Norfolk Island oder Vandiemensland geschickt +werden möchte, als dort Matrose sein. Frag einmal Hans, was der dazu +meint. -- Und Timor erst für sein bischen Versteckens spielen. -- Aus +dem seiner Haut machten sie, Gott straf mich, Kabelgarn.« + +»Unsinn, Mann,« lachte Jean, »es fällt mir ja gar nicht ein Capitän +Oilytts Gesellschaft je wieder aufzusuchen. Im Gegentheil, ich danke +Gott daß ich sie mit so guter Manier los geworden bin. Das Schiff hat +aber jedenfalls =den= Vortheil für uns, daß es den Capitän mit seiner +ganzen Gesellschaft aus der Straße herausnimmt, und kommt später +einmal ein anderes, und es gefällt uns dann nicht auf dem festen Lande, +dann können wir immer noch thun was wir wollen.« + +»Hollo, Hans, was machst du da?« wandte er sich plötzlich zu diesem, +der nach vorn gegangen war, und ohne weiter etwas zu sagen, den kleinen +Anker aufholte. + +»Was ich mache? -- ich mache uns flott,« lautete die Antwort -- »oder +wollen wir heute hier liegen bleiben?« + +»Gut dann, an Land!« rief Jean fröhlich, »und gefällt uns das +Innere, so sollen uns alle Wilden Australiens nicht abhalten unser Ziel +zu erreichen.« + +»Damit bin ich auch einverstanden,« meinte Bill, »meine Flinte kann +aber Timor nehmen. Ich will verdammt sein, wenn ich das Ding noch einmal +losschieße oder vielmehr sich selber losschießen lasse. Was ich bis +jetzt daran gesehen habe, so scheint es mir verwünscht unabhängig zu +sein, und sich wenig daran zu kehren, ob an dem kleinen Stück Eisen da +gedrückt wird oder nicht.« + +Als der Anker gelichtet war, wollten Bill und François nach den Rudern +greifen, die kurze Strecke hinüber zu rudern; Hans richtete aber das +Segel auf und schlug ihnen vor, noch eine kleine Strecke an der Küste +hinabzufahren, bis wo sie wieder Hügel zum Strande niederdachen sehen +konnten. Die Gegend war hier vollkommen flach, die kleinen Hügel +standen aber mit anderen höheren, deren blaue Spitzen sie jetzt +schon erkennen konnten jedenfalls in Verbindung. Es war dort auch eher +wahrscheinlich daß sie Wasser finden würden als hier; und Wasser blieb +ihnen ja doch, bei einem Marsch ins Innere, die Hauptsache, wo sie wohl +dann und wann ein Stück Wild erlegen konnten, ihren Hunger zu stillen, +aber nie im Stande gewesen wären sich ohne Wasser zu behelfen. + +»Und dann kommen wir auch ein Stück von diesen verdammten schwarzen +Heiden fort,« sagte Bill, als er die Schote des kleinen Segels anholte +und fest machte -- »hol sie der Henker!« + +»Das nun wohl nicht,« meinte Hans, »denn ich bin fest überzeugt, +daß wir die ganze Zeit von mehr als den wenigen beobachtet wurden, und +selbst diese können uns leicht zu Lande folgen. Laufen wir aber scharf +gegen die Küste an, so werden sie sich jedenfalls zurückziehen, und +ich bin ziemlich gewiß, daß sie uns beim Landen nicht im geringsten +stören.« + +Nach zwei Stunden etwa erreichten sie das höher gelegene Land, und +fanden hier sogar, ganz gegen Erwarten, ein wohl 30 Schritt breites +kleines Strombett, in dem eine ziemlich starke Quelle niederrieselte. +Es war gerade Regenzeit, und sie durften jetzt allerdings weit eher +erwarten dann und wann Wasser zu finden als im Sommer, wo auch diese +Quelle sicher vertrocknete. + +Bei der Landung gebrauchten sie nichtsdestoweniger jede Vorsicht, die +ihnen unter ihren Umständen nur möglich war. Während Bill vorn mit +dem Springtau in der Hand auf das Anlaufen des Bootes wartete, und dann +hinaussprang und es ans Ufer zog, standen Jean, und François mit ihren +geladenen Gewehren neben ihm. Hans hielt das Ruder. Es ließ sich aber +kein Indianer blicken, ja nicht einmal die Spur ihrer Füße konnten +sie in dem Ufersand entdecken, und nachdem sie erst zu diesem Zweck +eine kleine Runde durch die Büsche gemacht, und auch nicht das +mindeste Verdächtige gefunden hatten, zogen sie ihr Boot in die kleine +Süß-Wasser-Bay, die hier das frische Wasser in den sonst überall nahe +zum Ufer kommenden Korallen gebildet zu haben schien, und fanden sich, +zum erstenmal wieder, auf festem, trockenem Lande. + + + + +Achtzehntes Capitel. + +Der Australische Busch. + + +François und Jean hielten es allerdings jetzt noch für unumgänglich +nöthig Posten auszustellen, und indessen ihr Boot in Sicherheit zu +bringen. Hans aber, mit den Sitten dieser Stämme, wie es schien, besser +bekannt, beruhigte sie darüber, und gab ihnen die Versicherung, daß +sie gewiß keinen neuen Ueberfall, so lang es hell sei, zu fürchten +hätten; obgleich er keineswegs für dasselbe nach Dunkelwerden +einstehen möchte. + +Was aber nun thun? ihr Boot am Strand, oder irgendwo im Dickicht +versteckt zurücklassen, und geradezu den Landweg durch das Innere +versuchen? die Sache wurde bald als unmöglich verworfen, denn die +gerade, die im Anfang am exaltirtesten für einen solchen Plan gewesen +waren, schienen durch diese erste Begrüßung einen heilsamen Schreck +vor irgend einem solchen Unternehmen bekommen zu haben. + +Hierzu kam noch, daß jetzt die Provisionsfrage in Anregung gebracht +werden mußte, und es sich nun herausstellte, wie solche auf keine +andere Weise fortzubringen wären, als auf den eigenen Rücken. Hans +setzte ihnen dabei die etwaige Entfernung auseinander, bei der Bill +schon vollkommen genug hatte, sobald er die Zahl der Tagemärsche +hörte, und selbst François und Jean wurden kleinmüthig als sie das +ihnen nächste Wasser, das sie für frisches gehalten, kosteten und -- +=salzig= fanden. Allerdings hatte das seine sehr natürlichen Ursachen, +da die Mündung des kleinen Creeks oder Flusses -- denn das Bett +desselben sah breit genug aus -- hier jedenfalls der Ebbe und Fluth +ausgesetzt war. + +Hansens Rath lautete nun, wie er von Anfang an gewesen, in ihrem Boot zu +bleiben und so rasch sie könnten nach Westen zu segeln, um jedenfalls +Timor oder eine andere Insel jener dicht gedrängten Gruppe zu +erreichen. Bis dorthin führten sie auch genug Provisionen bei sich, +denn Wasser konnten sie, wenigstens etwas, bei einzelnen doch jedenfalls +zu erwartenden Regengüssen oder Gewitterschauern mit ihrem Segel +auffangen. + +Wenn nun aber auch die übrigen im Ganzen mit dem Plan vollkommen +übereinstimmten, versicherten doch François sowohl wie Jean, das feste +Land hier nicht eher wieder verlassen zu wollen, ehe sie mehr davon +gesehen hätten, denn der Beweis wäre ihnen geworden, welchen Respect +die Wilden hier vor Feuerwaffen hätten. François besonders, mit der +eigenen Leidenschaft die Matrosen für jede Art von Jagd zeigen, wenn +sie einmal festes Land betreten haben, verschwor sich hoch und theuer +hier erst einmal die Gegend untersuchen zu wollen, ehe er wieder in +See ginge -- die Zeit sei ihm lang genug an Bord geworden und er müsse +jedenfalls erst »sein Gewehr einmal anschießen.« Etwaige Gefahren +konnten ja nur den Reiz erhöhen, aber nimmer vermindern. + +Der einzige, dem es ziemlich gleichgültig schien was vorgenommen wurde, +war Bill, so sie nur nicht von ihm verlangten lange Tagemärsche mit +einer Last auf dem Rücken zu machen. Er gestand jetzt ein daß er sich +das Land ebenfalls anders gedacht habe, und stimmte Hans bei, so rasch +als möglich Timor zu erreichen. -- Gegen eine kleine Excursion ins +Innere hatte er aber ebenfalls nichts, vorausgesetzt, daß er dieselbe +ohne Flinte mitmachen könne, denn nur im äußersten Nothfall möchte +er, wie er meinte, gezwungen sein, solch ein »hintenausschlagendes +Schießeisen« wieder abzufeuern. -- Aber was sollte indessen aus dem +Boote werden? -- Die Frage war die natürlichste, und wenn auch +besonders François im Anfang geglaubt hatte, man würde es irgendwo +leicht verstecken können, überzeugte sie doch bald die ganze Natur +des Bodens, daß etwas derartiges wohl leicht gedacht, aber schwer +ausgeführt werden könne. Handelten sie übrigens hierin leichtsinnig, +so waren sie der fast unvermeidlichen Gefahr ausgesetzt, alles was sie +an Provisionen bei sich hatten nicht allein zu verlieren, sondern auch +noch zugleich der Möglichkeit eines Rückzugs von hier beraubt zu +werden. + +Dagegen erklärte sich auch Hans auf das Bestimmteste, und erbot sich +mit Timor im Boot zu bleiben und dies flott zu halten, bis die drei +Cameraden ihrer »Landungswuth« genügt und vom Land so viel gesehen +hätten als ihnen zuträglich wäre, was, wie er hoffte, gar nicht so +sehr lange dauern sollte. Timor war sehr gern damit einverstanden, Jean +aber nicht, der Hans mit an Land zu haben wünschte und dagegen Bill, +als am schlechtesten auf den Füßen, zur Bootwacht vorschlug. Als +Station für das Boot konnte der dann eine kleine Insel nehmen, die +jetzt, in der Fluthzeit, nur eben über die Oberfläche des Wassers +vorragte und mit dichtem Gebüsch bewachsen war. Trotzdem lag sie gerade +bequem und etwa eine englische Meile vom Lande ab, so daß sie dort +wenig oder gar nichts von einem Ueberfall, ausgenommen in Canoes, zu +fürchten hatten. Den aber brauchten sie am hellen Tag um so weniger zu +fürchten, da sie gesehen hatten, welchen Respect die Eingeborenen den +Schießgewehren gegenüber gezeigt. + +Bill, überdies nicht sehr lebhaften Temperaments, war mit diesem Plan +vollkommen einverstanden, ließ ihn derselbe doch in unbeschränktem, +unverkümmertem Besitz und unmittelbarer Nähe des Portweins, für den +er anfing eine stille Neigung zu fühlen. + +Hans wünschte selber gern einen Theil der Küste und das Innere des +Landes zu sehen, wenn sich die Cameraden denn doch nun einmal nicht +von ihrem Plan abbringen ließen, und da er sich auch wohl bewußt war +manche Gefahr von ihnen abwenden zu können, stand der Ausführung des +beabsichtigten Streifzugs nichts weiter im Weg. Timor schien mit Allem +einverstanden, was ihn nur nicht wieder in den Bereich der Schwarzen +brachte, die sich bei ihm durch den so schlau ausgeführten Angriff gar +tüchtig in Respect gesetzt. + +Mit Vorbereitungen verloren sie denn auch keine lange Zeit weiter. +Jeder nahm nur an Munition und Proviant was er auf zwei oder drei Tage +nothwendig zu brauchen glaubte -- denn etwas zu schießen mußten sie ja +doch auch hier im Walde finden -- und als Signal, wenn sie zurückkehren +wollten, wurden zwei rasch hintereinander abgefeuerte Schüsse bestimmt. +Sobald Bill dieselben höre, solle er sich, aber immer noch sehr +vorsichtig, dem Festland nähern. Auch jetzt wurde es ihm zur Pflicht +gemacht, um ganz gesichert gegen einen Ueberfall zu sein, augenblicklich +vom Lande abzustoßen. + +Zuerst aber nahm er noch herzlichen Abschied von den Cameraden und +warnte sie ernstlich, ganz besondere Acht auf ihre eigene Haut zu haben, +damit sie dieselbe nicht unnöthiger Gefahr aussetzten. Dann nöthigte +er noch jedem, sie mochten dagegen einwenden was sie wollten, eine extra +Flasche Madeira auf -- Madeira, meinte er, sei besser wie Portwein, wenn +man ihn mit Salzwasser trinken müsse -- und schob hierauf mit Hülfe +der Zurückbleibenden vom Lande ab. Hier wandte er rasch den Bug seines +kleinen Fahrzeugs, setzte das Segel und suchte mit Timor am Steuer, vom +Lande abzukreuzen, was ihm jetzt, von der eintretenden Ebbe begünstigt, +auch bald gelang. + +Die drei Matrosen sahen ihn aber kaum frei und unter Segel, als sie auch +ihre verschiedenen Packen schulterten, die Gewehre unter den Arm nahmen, +und dem nächsten Hügel zuwanderten, den sie vor allen Dingen erst +einmal besteigen wollten, einen ungefähren Ueberblick über das +benachbarte Land zu gewinnen. + +Hansens Bein schmerzte ihn allerdings noch ein wenig. Die letzten +Ruhetage und die gute Pflege hatten ihn jedoch so weit wieder +hergestellt, einen derartigen nicht zu langen Marsch ohne große Gefahr +für sich wagen zu können. + +Da sie sich hier noch innerhalb des Flußthals befanden, das nach Osten +und Westen in einem, wenn auch schmalen doch weit auslaufenden Streifen +abzweigte, so hatten sie sich vor allen Dingen durch einen höchst +beschwerlichen Mangrovesumpf hinzuarbeiten. Im Anfang durften sie auch +wirklich kaum wagen auf den Schlamm zu treten, der oft unter ihnen +wegsank. Sie mußten sich über die hoch emporstehenden Wurzeln, die +nach allen Seiten hin wie die Beine einer Spinne vom Stamme wegstarrten, +hinarbeiten, nur erst einmal höheres und damit auch festeres Terrain zu +gewinnen. + +Hans fühlte sich aber gleich von vorn herein in diesem Sumpf nicht +wohl, denn hätten die Wilden wirklich noch böse Absichten auf sie +gehabt, so wären sie hier, wo sie ihre beiden Hände gebrauchten, +um sich nur fortzuhelfen, ihren Angriffen jedenfalls auf eine höchst +gefährliche Weise preisgegeben gewesen. Aber nicht ein einziger ließ +sich sehen; keine Spur konnten sie von ihnen, selbst in dem weichen +Schlamm erkennen, und François meinte lachend, als sie den ersten +festen Platz erreicht hatten und hier einen Augenblick stehen blieben, +sich zu erholen; die schwarzen Schufte die an dem Morgen einen Angriff +versucht hätten, liefen wahrscheinlich noch, so seien sie über den +Knall von Bills unfreiwilligem Schuß erschreckt worden. + +Hans war anderer Meinung, aber er begnügte sich damit, vorsichtig +auszuschauen, und erhielt dazu noch kräftigeren Grund als sie hier, am +Rande eines kleinen »Theebaum«-Dickichts nicht allein Spuren, sondern +einen festgetretenen Pfad von Indianern fanden, der am Rande des Sumpfes +hinzulaufen, und wahrscheinlich dem nächsten frischen Wasser, am Flusse +weiter hinauf, zuzuführen schien. + +Hier, mit dem ersten hohen Land, wurde auch die Vegetation eine andere, +üppigere und hier zum erstenmal schienen selbst Bäume den Hügelkamm +zu decken, während weiter unten sowohl wie oben die nächsten +Küstenhügel nur starre, dürftige Sandberge gewesen waren. Kleine +schmale Lagunen oder flache, mit frischem Gras bewachsene Ausläufe +zogen sich hier zum Fluß hinunter, deren Ränder mit Banksias +eingefaßt standen, während dahinter einzelne Kohlpalmen aufragten +und der ganzen Landschaft, mit dem dunklen Hintergrund von +Stringybark-Bäumen und Casuarinen, einen freundlichen Anstrich gaben. +Nach rechts hinüber schienen diese Palmen in noch größerer Menge zu +stehen und weiter eindringend in den Wald, kamen sie auch zu einzelnen +Pandanus-Dickichten, an denen besonders die Wilden ordentliche Lager +gehabt zu haben schienen. + +Hans sowohl wie Jean und François fühlten sich aber beengt in dem +dichten Unterholz, das übrigens eine Masse weißer Tauben belebte, und +gerade das ewige Geflatter und Aufschrecken dieser Vögel diente nur +dazu, sie mehr und mehr zu beunruhigen. Glaubten sie doch anfänglich +in jedem solchen Geräusch einen versteckten Wilden zu hören, der mit +Speer oder Waddie (Keule) auf sie losbrechen wolle. + +Hier noch im flachen Lande wäre auch ein solcher Ueberfall nicht so +unmöglich gewesen, denn die üppige Vegetation würde einen Hinterhalt +sehr begünstigt haben. Deshalb wandten sich alle drei, wie nach +gemeinsamer Verabredung, dem nächsten Hügellande zu, und erreichten +bald darauf einen vollkommen baum- und buschfreien Hang, dürftig mit +Rasen und kleinen gelbrothen Blumen bedeckt, an dem hinauf sie rasch und +ungefährdet ihre Bahn verfolgen konnten. + +Eigenthümlich war hier eine Masse einzelnstehender hoher und spitzer +Lehmhaufen, die ihnen von fern wie zugespitzte alte Baumstümpfe +vorkamen, und überall am Hügel hin, oft zu zweien und dreien, +manchmal 20 und 25 zusammenstanden. Diese wiesen sich jedoch bald als +Ameisenhaufen aus, die meist acht bis zehn Zoll unten im Durchmesser, +bis vier Fuß hoch und scharf abgespitzt, von dem gelblichen Lehm des +Bodens errichtet, der ganzen Landschaft einen wunderlichen Anstrich +gaben. François glaubte in der That im Anfang, es sei eine gewaltige +Schaar von lederfarbenen Eingebornen, die dort über den Berg zerstreut, +nur ihr Hinaufsteigen abwarteten, um von allen Seiten über sie +herzufallen. Hans kannte aber diese Hügel schon von früher, und +bald konnten sie sich auch selber von dem harmlosen Wesen derselben +überzeugen. + +Eine ihnen fremde Gattung von Taube, mit dunkelbraunem Körper und +hellerer Zeichnung schienen übrigens die einzigen Bewohner dieses +Hügelhanges zu sein. Diese hatten in einzelnen vorragenden Felsen ihre +Wohnungen aufgeschlagen, aus denen sie scheu hervorschwirrten, sobald +sich ihnen die Fremden näherten. Die Seeleute wollten aber weder ihre +Munition nach so kleinem Wild verschießen, noch die benachbarten Wilden +unnöthigerweise auf sich aufmerksam machen, und kletterten deshalb, +ohne ein Gewehr abzudrücken, den jetzt steiler werdenden Hang empor. + +Hier befanden sie sich, etwa eine halbe Stunde später, auf dem +äußersten Kamm des Bergrückens, der sich nach Süden zu hinunterzog, +und im Osten durch die noch höhere Kette, die in Cape York ausläuft, +begränzt wurde. Nach Westen zu öffnete sich ihnen dagegen die Aussicht +über ein weites buschiges Thal, um das der Ocean seinen endlosen +blauneblichen Gürtel zog. Aber auch dorthin sah das Land traurig +genug aus. Dürre, theils mit dichtem Busch bewachsene Strecken, theils +grausandige Flächen dehnten sich rings um sie her, und nicht die +geringste Anzeige irgend eines bedeutenden Wasserlaufes ließ sich darin +erkennen. Es war eine trostlose Wildniß, die ihre Einbildungskraft noch +nach Gefallen mit den heimtückischen Schwarzen bevölkern konnte -- und +dagegen donnerte im ewigen Ansturm die weite See. + +»Großer Gott!« brach François endlich zuerst das Schweigen, +nachdem sie eine ganze Zeitlang lautlos auf das weite monotone Land +hinabgeschaut hatten, »wie verlassen, wie entsetzlich todt sieht jene +weite furchtbare Fläche aus. Hier in den Hügeln haben wir zwar auch +gerade nichts Besonderes, aber ich kann mir denken wie man von da unten +aus ordentlich mit einer wahren Sehnsucht hier heraufschauen könnte.« + +»Und durch ein solches Land wolltet Ihr, von allen Mitteln entblößt +die einer solchen Reise wenigstens die Möglichkeit des Gelingens +ließe, den Marsch versuchen;« sagte Hans. + +»Aber es wird auch nicht überall so sein,« entgegnete Jean rasch. +»Da wo sich der Fluß durch das breite Thal zieht, grünt und blüht +eine so üppige Vegetation, wie sie sich der Wanderer nur wünschen +kann, und diesem Strome folgend --« + +»Kämst du nur zu bald zu seiner Quelle, wo all' die Schrecken und +Gefahren einer Wüste beginnen,« unterbrach ihn Hans kopfschüttelnd. +»Wir können uns ein Beispiel an dem Deutschen, an _Dr._ Leichhardt, +nehmen, der diesen Landstrich allerdings, aber Gott weiß auch mit +welchen Mühseligkeiten und Gefahren durchzogen, und auf einer zweiten +Reise sein Leben dennoch eingebüßt hat. Mit allem Nöthigen zu einem +solchen Marsch ausgerüstet, mit der Kenntniß des Landes, die er auf +der ersten Tour erworben, mit Muth und Ausdauer, wie sie nur je ein +Mensch bewiesen, mußte er doch in den entsetzlichen Wüsten, die das +Innere dieses weiten Landes bilden, elendiglich umkommen, und seine +Gebeine bleichen jetzt vielleicht neben irgend einer Salzquelle, vom +Sand der Wüste bedeckt. Ich bin sonst wahrlich nicht furchtsam, aber +ein heimliches Grausen durchrieselt mich jedesmal, wenn ich auf das +Innere dieses ungeheuren räthselhaften Landes blicke, das seinen +kühnen Bewohnern noch immer hartnäckig die starre Sandwüste +entgegenhält. Trotz allen Versuchen das Innere zu erforschen, trotz +aller Aufopferung, trotz allem Todesmuth, es blieb vergebens, und +wer weiß ob es je den Menschen gelingen wird, die ganze Insel zu +durchwandern.« + +»Es hat aber auch einen eigenen Reiz in solche, noch unbetretene +Wildniß vorzudringen,« sagte Jean, der, auf sein Gewehr gestützt, +lange und sinnend nach Süden hinabgeschaut hatte. »Fast unwillkürlich +treibt und drängt es uns vorwärts, und -- der Drang wird um so +mächtiger, wenn gerade dahinter das Ziel unseres ganzen Lebens liegt, +und unseren ausgestreckten Armen fast erreichbar scheint.« + +»Dir steckt die Dirne aus dem goldenen Kreuz noch im Kopf,« lachte +François, »aber ich weiß nicht, ob ein paar tausend Meilen Sand und +Salzwasser nicht selbst die heißeste Liebe, ich will nicht gerade +sagen =abkühlen=, aber doch wenigstens auftrocknen könnte. Wenn ich +meinestheils ein ganzes Pensionat von lauter Geliebten in Sydney sitzen +hätte, es würde mir nicht einfallen, so parteiisch für mein Herz, +Magen und Kehle auf eine so entsetzliche Weise zu behandeln.« + +»Bah,« sagte Jean leicht erröthend, »du bist reiner Materialist, +François und hast keine Idee davon was wirkliche Liebe ist. Der allein +glaub ich auch, wäre es nur möglich, alle solche Schwierigkeiten zu +besiegen, die uns bei ruhigem Blut, bei kalter Ueberlegung geradezu +unüberwindlich scheinen.« + +»Es giebt für solche Zwecke ein noch mächtigeres Gefühl, Jean,« +nahm aber Hans jetzt das Wort -- »und zwar der =Ehrgeiz=. Es ist das +die mächtigste, aber auch furchtbarste Gewalt unseres ganzen Systems, +und kann sich selber nur in solchem Falle übertreffen, wo er sich mit +der Liebe vereinigt, und das arme Menschenherz dann zu Sieg und Ruhm +oder -- zu ewigem Verderben mit fortreißt. -- Ich habe in meiner Zeit +von beiden Beispiele erlebt, die --« + +Ein wilder, merkwürdiger Laut unterbrach ihn plötzlich, und alle drei +griffen wie unwillkürlich nach ihren Gewehren. + +»=Ku-ih!=« tönte es aus dem Wald heraus, das den oberen Hügelhang +begränzte, »=Ku-ih!=« und der gleiche Ruf antwortete von zwei +verschiedenen Stellen im Thal. + +»Was für ein Thier war das?« frug François leise, als die Töne +endlich schwiegen, indem er vorsichtig nach dem nächsten Dickicht +hinüberhorchte. + +»Vielleicht unsere Freunde von heut' Morgen,« lachte Hans endlich, mit +den Blicken den Waldrand nach jener Richtung hin musternd, von woher der +Laut zum erstenmal getönt. -- »Jedenfalls waren es Eingeborne, denn +das ist ihr Ruf. Möglich kann es auch sein, daß es als eine Art +telegraphische Meldung beabsichtigt wurde, den Cameraden unten im Thal +wissen zu lassen, daß wir bis hier oben glücklich angelangt seien.« + +»Wir reisen ja da ordentlich wie die hohen Herrschaften in Europa,« +lachte Jean, »von denen auch die Zeitungen jeden Schritt und Tritt, +jeden Bissen den sie essen, jeden Schluck den sie trinken, melden, und +-- noch mehr melden würden, wenn sie sich eben nicht genirten. Aber -- +ich muß aufrichtig gestehen, ich mache mir für den Augenblick nichts +aus einer derartigen Berühmtheit, und wenn ich wüßte daß ich die +Rolle auch gut durchführen könnte, hätte ich gar nichts dagegen mich, +so lange ich hier an Land wäre, schwarz anzustreichen und incognito zu +reisen.« + +»Hier auf dem Berg sind wir ihnen auch vollkommen preisgegeben,« +meinte François kopfschüttelnd. »Sie können jede unserer Bewegungen +beobachten, und sich nachher prächtig ins Dickicht in den Hinterhalt +legen, ehe wir nur einmal ahnen daß sie in der Nähe sind. -- Wenn +sie nur mit Bill nichts unter der Zeit anfangen. Bill ist ein ganz +tüchtiger Kerl, und fürchtet sich vor dem Teufel nicht; aber wo +es heißt irgend einer List zu begegnen, da traue ich ihm eben nicht +übermäßig viel zu.« + +»Mir ist das auch schon im Kopf herumgegangen,« sagte Hans, »und ich +habe nur dabei meine Hoffnung auf Timor gesetzt, der, selber halb ein +Wilder, sich nicht wird so leicht überlisten lassen. -- Hättet Ihr +nicht Euer Herz einmal darauf gestellt, ich wäre auch gar nicht aus dem +Boot gegangen.« + +»Ja, und ich glaube wir haben dabei einen dummen Streich gemacht,« +entgegnete ihm Jean kopfschüttelnd. »Ich gebe allerdings zu, daß ich +selbst jetzt noch dabei wäre, wenn Ihr Euch alle dahin entschlösset +die Landtour nach dem Süden hinunter zu unternehmen, so verzweifelt das +Mittel auch sein möchte, um von hier fortzukommen. Dann aber hätten +wir auch unser Boot ganz im Stich lassen, und unsere Kräfte nicht +zersplittern sollen. Ueberdies sehe ich jetzt nicht recht gut ein was +wir hier eigentlich wollen. Proviant brauchen wir hier noch nicht, +sondern verzehren im Gegentheil mehr als mir scheint, daß wir hier +wieder einlegen können, und vom Land werden wir auch nicht mehr zu +sehen bekommen als wir bis jetzt gesehen haben. Es ist eine trostlose, +entsetzliche Wildniß und ich stimme dafür, daß wir sobald als +möglich machen wieder abzukommen. Wollen wir dabei noch ein Uebriges +thun, so können wir ja eben nur einen Bogen durchs Thal ziehen, die +Vegetation unten ein wenig genauer kennen zu lernen, dann sind wir gegen +Abend wieder am Ufer, rufen unser Boot an und schlafen die Nacht an Bord +wahrhaftig besser und sicherer als hier, wo man nie weiß von welcher +Seite die schwarzen Schufte zuerst über uns einbrechen mögen.« + +»Ja, und je eher wir hier fortkommen, desto besser,« stimmte François +etwas kleinmüthig bei, »denn, weiß der Böse woher es kommt, aber +meine Schuhe fangen auch an zu drücken, und den einen hab' ich mir auch +schon in dem scharfen Boden hier aufgetreten. -- Mit keiner Silbe +hatt' ich ja daran gedacht, daß man zu einer Fußreise zu Land auch +tüchtiges Schuhwerk nöthig hat, denn das leichte Zeug, womit wir an +Deck herumlaufen müssen, damit wir dem Capitän das Quarterdeck nicht +zerkratzen, würde bald fertig werden. Nachher was dann? Nein, eine +Landreise klingt recht gut von Bord aus, aber mir ist's doch jetzt +ungemein lieb, daß wir noch den Hinterhalt an unserem Boot haben. Nun +Hans, wie stehts? -- was giebts wieder?« + +»Meine Meinung braucht Ihr nicht erst zu hören,« sagte dieser, ohne +die Augen jedoch von einem gewissen Punkt des Waldstreifens, der sich +unfern von ihnen über den Berg hinzog, zu verwenden. -- »Ich bin von +Anfang an gegen einen solchen Marsch gewesen, und wußte recht gut Ihr +würdet das Wahnsinnige eines solchen Unternehmens einsehen, sobald +Ihr nur einmal den Fuß an Land gesetzt hättet. Aber ich glaube, wir +bekommen Besuch,« fuhr er dann fort, den Arm nach der Richtung hin +ausstreckend, nach der er schaute. »Dorthin regt sich's jedenfalls, +will aber noch nicht recht heraus. Nun wir brauchen uns wenigstens keine +Mühe zu geben unsere Anwesenheit geheim zu halten, denn ich bin fest +überzeugt, wir werden von allen Seiten scharf genug beobachtet.« + +»Ku-ih!« rief es in dem Augenblick wieder aus dem Walde herüber, +und Hans wollte eben die Hand an den Mund heben, den Ruf diesmal zu +beantworten, als dicht hinter ihnen, wo ein kleiner Vorsprung des +Hügels auslief, daß sie die Ecke nicht hatten übersehen können, der +Schrei laut und sorglos beantwortet wurde. + +Wie der Blitz fuhren die drei nach dem unerwarteten Ruf herum, und +unwillkürlich rissen sie ihre Gewehre in die Höhe, Hans aber winkte +ihnen auch ebenso rasch sich ruhig zu verhalten, und nur nach der +Gegend zu Front machend, von der der Laut kam, standen sie still und +regungslos. + +Sie brauchten nicht lange zu warten. Noch keine halbe Minute hatten sie +so gestanden, als ein Schwarzer, vollkommen nackt, und nur mit einem +kurzen Speer bewaffnet um den Absprung des Hügels bog. Er hielt den +Blick auf den Boden geheftet, und es war augenscheinlich, daß er keine +Ahnung von der Anwesenheit der weißen Männer haben konnte. In dem +Moment aber, wo sie glaubten daß er jetzt erstarrt vor Schreck zu ihnen +aufschauen und die entsetzlichen Weißen vor sich erblicken sollte, war +er plötzlich wieder fast wie in den Boden hinein verschwunden. + +»Peste!« riefen Jean und François fast zu gleicher Zeit; als Hans +aber rasch dem kleinen Abhang zusprang, zu sehen was aus ihm geworden, +konnte er eben noch die dunkle Gestalt erkennen, wie sie an dem +bröcklichen Gestein, ganz gleichgültig gegen irgend eine Gefahr von +Knochenbrüchen oder sonstigen Quetschungen mehr niederrollte als glitt, +und wie eine Schlange unter den nächsten Büschen verschwand. + +»Wenn der Bursche nicht fest überzeugt ist den Teufel gesehen zu +haben,« lachte Jean, »so will ich nie wieder auf Salzwasser fahren. +Der wird eine schöne Geschichte erzählen, wenn er zu Haus kommt.« + +»Der muß noch keine Ahnung von uns gehabt haben,« meinte François. + +»Es mag wohl selten genug vorkommen,« sagte Hans, »daß Weiße hier +an der Küste landen, denn die Eingebornen hier haben vielleicht einen +noch schlimmeren Ruf als sie verdienen. -- Wir würden auch manchem auf +diese Art begegnen, wenn wir länger hier blieben. Aber Jean hat recht +-- auch ich sehe nicht den geringsten Nutzen weiter für uns darin, nur +Schaden; also je rascher wir wieder fortkommen, desto besser, und zu +diesem Zweck nehmen wir ebenso gut den nächsten Weg nach der Küste +zu, wo wir allerdings durch eine längere Strecke Thalland müssen, aber +auch die offene Küste eher erreichen und das Boot anrufen können.« -- +Und ohne weiter eine Antwort abzuwarten, wollte er den bezeichneten +Weg vorangehen, als ihn Jean noch einmal am Arm ergriff und gegen den +Hügel, an dem sie standen, hinüberdeutend, ausrief: + +»Aber sieht das hier nicht so aus wie bewohnter Boden? -- die +freie, scharf vom Wald begränzte Fläche, die baumstumpfähnlichen +Ameisenhügel, jene fast regelmäßig eingeschnittene Hecke. -- Ich +glaube wahrhaftig hier ist einmal Feld gewesen.« + +»Ein =Schlachtfeld= vielleicht feindlicher Stämme,« erwiderte Hans +kopfschüttelnd, »sonst wahrlich kein anderes. -- Nein Camerad, all +diese weiten ungeheueren Strecken des nördlichen Australiens liegen +noch wild und unberührt, ein oder zwei kleine Forts weiter westlich hin +ausgenommen -- und werden auch wohl so lange so liegen bleiben, bis es +hier auf unserer guten Erde recht an Platz zu fehlen anfängt, oder +-- die Leute sich mit Salzwasser anstatt frischen Quellen zu begnügen +lernen. -- Aber fort -- da gerade vor uns tönt schon wieder ein Ku-ih +der Eingebornen, es wird Zeit daß wir nach unten gehen, denn die Sonne +sinkt mehr und mehr, und -- ich weiß nicht, ich fühle mich Bills wegen +beunruhigt. Dort hinüber kann ich auch nicht einmal das Boot sehen, und +das müßte doch eigentlich von hier aus gut zu erkennen sein.« + +»Es wird hinter der kleinen Insel liegen,« meinte François -- »die +steigt so mit der Ebbe höher und höher hinauf. -- Mir scheint, wir +haben jetzt niedrig Wasser. Wetter noch einmal, wie lange wir schon hier +herumgeklettert sind.« + +Hans warf noch einen langen forschenden Blick über den ruhigen Spiegel +dieser weiten, mit Inseln und Klippen überstreuten Binnensee, und stieg +dann ohne Weiteres nach unten, ihren Weg gegen die Küste hin zu suchen. +Das war aber nicht so leicht ausgeführt, als sie im Anfang geglaubt +haben mochten. Gerade dem Strande zu breitete sich ein so entsetzliches +Dickicht von jenen Theebaumdickichten mit durcheinander gestürzten +Cycas und Banksias und Pandanus aus, daß sie mit ihren Packen oft +Viertelstunden lang gebrauchten, sich nur eine kleine Strecke weit +fortzuarbeiten, und die zähen Stämme nie brechen, sondern höchstens +nur aus dem Weg biegen konnten. + +Hans hatte gleich von Anfang an vorgeschlagen wieder umzukehren, +und lieber den Weg zurückzumachen den sie gekommen waren. Jean und +François wollten aber den mühseligen Pfad nicht zurück, da dem +letzteren besonders die Füße wie Feuer brannten. Während sie deshalb +mit jedem Schritt hofften den helleren Waldstreifen zu erreichen, hinter +dem endlich der offene Strand sichtbar werden mußte, arbeiteten sie +sich tiefer und tiefer in das Dickicht hinein. Zuletzt fehlte ihnen +sogar die Richtung, und sie fanden bald daß sie viel weiter in den +Thalgrund hineingerathen sein mußten als sie im Anfang beabsichtigt +hatten. + +Dabei rückte der Abend mehr und mehr vor, und Hans blieb endlich +stehen, da ihm die Vegetation um sich her vorkam, als ob sie sich +eher wieder den Hügeln als dem Strande der See näherten. -- +Die verschiedenartigen Gumbäume, Eisenrinde, Melaleuca, Gum und +Stringybark, mit Acacien und Cypressen zeigten sich, und von dem +Mangrovesumpf, den sie kreuzen mußten ehe sie den Strand erreichten, +war noch nicht die Spur zu sehen. + +»Hier dürfen wir nicht mehr weiter,« sagte er endlich, »denn ich +fürchte wir haben uns schon seit etwa zwei Stunden die größte Mühe +gegeben, von unserem Boote fortzukommen, anstatt darauf zuzugehen -- wo +ist jetzt die See -- wo sind die Hügel? --« + +»Ja, wenn mich Einer auf den Kopf stellte,« lachte Jean, »ich +könnt's nicht sagen; Wetter noch einmal, ich weiß nicht einmal wo Nord +und Süden ist, so lange ich die Sonne nicht sehen kann.« + +»Norden ist dort,« sagte Hans, »und Süden hier, aber ich fürchte +wir sind zu weit in das Thal des Flusses selber hinein gerathen, und da +wird uns die Himmelsrichtung insofern irre geführt haben, als sich die +breiteste Strecke Sumpfland gerade hier nach Norden hinaufzog; unsere +einzige Wahl bleibt jetzt nur geradezu nach Osten hinüberzuarbeiten, +und dann unserem guten Glück zu vertrauen, wohin wir kommen, und wo wir +zuerst frei von diesem Chaos von Zweigen und Stämmen werden.« + + + + +Neunzehntes Capitel. + +Das Bivouak. + + +Die beiden Franzosen, so schon durch das ungewohnte Gehen und Klettern, +ermüdet und abgemattet waren durch das Hindurcharbeiten durch +Dornen und Schlingpflanzen und niedergebrochenes trockenes Holz oder +verwachsene Büsche so erschöpft worden, daß sie kaum mehr ihre +Glieder regen konnten. Das Bewußtsein sich verirrt zu haben, oder +wenigstens nicht mehr genau zu wissen wo man sei -- jedenfalls ein +geringerer Grad desselben -- schien dabei nicht geeignet sie heiterer +zu stimmen. Der Wasservorrath den sie mitgenommen, war ebenfalls schon +aufgezehrt, die Zunge klebte ihnen fortwährend am Gaumen, und das in +den Flaschen warm gewordene Getränk löschte nicht einmal mehr ihren +Durst. + +Hans wußte zu gleicher Zeit recht gut, daß ein Berathschlagen mit +den beiden doch weiter nichts gefruchtet hätte. Ruhig deshalb die Bahn +verfolgend, die er für die richtige ansah, hielt er sich jetzt am Ufer +einer schmalen Salzwasser-Lagune, die nach Nordosten zulief, und in +ihrem inneren Bett etwas offenere Vegetation zeigte, und suchte dabei so +rasch als möglich vorwärts zu dringen. Aber es half ihm alles nichts, +die Nacht brach an, ehe sie auch nur einen anderen, der See näher +scheinenden Ort erreicht hatten, und es blieb ihnen jetzt nichts weiter +übrig als da, wo sie sich gerade befanden, ein Lager aufzuschlagen und +den dämmernden Tag zu erwarten. + +Jean wollte nun freilich auch noch die Nacht benützen, den Strand +doch am Ende zu erreichen, da, wie er gehört hatte, die Eingebornen in +dunkler Nacht nie gern ihren Lagerplatz verließen. Hans weigerte sich +aber entschieden aufs geradewohl noch weiter, besonders im Dunkeln +durch die Büsche zu kriechen, und warf nicht mit Unrecht ein, daß sie +möglicherweise dadurch immer weiter vom Boote abkämen. Dagegen konnten +sie in der Nacht wenn alles ruhig geworden war und besonders der Lärm +der wilden Tauben hier im Unterholz aufgehört hatte, ihre Gewehre +abschießen und Antwort vom Boot aus bekommen, wonach sie dann die +genaue Richtung wußten, in der dasselbe lag. + +Diesem fügten sich François und Jean endlich ebenfalls, und bald +loderte mitten in einem Pandanusdickicht ein lustiges Feuer auf, um das +sie ihre Gewehre jedoch immer schußfertig neben sich lagerten, und von +ihren Provisionen ein reichliches Mahl hielten. Der mitgenommene Wein +kam ihnen jetzt sehr zu statten, denn sie hatten kein Wasser finden +können, und erst nachdem alles still und ruhig um sie her geworden, +und nur noch hie und da das Zirpen einer Grille oder das wunderliche +Geräusch eines einzelnen »fliegenden Fuchses« die Ruhe der Nacht +unterbrach, nahm Hans sein Gewehr, um es nach der Richtung zu, nach der +er das Boot vermuthete, abzufeuern. + +In dem Augenblick tönte schwach, aber nichtsdestoweniger deutlich, +der Schall eines Schusses zu ihnen herüber, und als sie sämmtlich +von ihren Sitzen emporfuhren und horchten, hörten sie unverkennbar das +zweite Signal. + +»Das ist gescheut!« sagte François, während er den Hahn seines +eigenen Gewehres spannte -- »nun wollen wir« -- + +»Halt!« unterbrach ihn aber Hans, indem er die Hand auf das Gewehr +des Franzosen legte, »Bill erspart uns die Nothwendigkeit, der ganzen +Nachbarschaft anzugeben wo wir uns gegenwärtig befinden, und es wäre +mehr als thöricht, das jetzt leichtsinnig zu mißbrauchen.« + +»Aber sie werden im Boote glauben wir hätten es nicht gehört,« sagte +Jean. + +»Desto besser,« erwiderte Hans, »dann schießen sie noch einmal, und +die Schwarzen hier herum erfahren um so deutlicher, daß auf dem Wasser +noch andere Weiße sind, die sich um ihre Landsleute bekümmern.« + +Das Zeichen wurde deshalb nicht erwidert, die regelmäßige Wache aber +mit jeder nur möglichen Vorsicht gestellt. Hans selber übernahm die +Morgenwache, weil diese von den wilden Stämmen fast stets zur Zeit +ihrer Angriffe gewählt wird, wenn sie überhaupt etwas Bösartiges +und Feindliches im Sinne haben. Die Nacht verging aber, wirklich wider +Erwarten, vollkommen ruhig. -- Sie hörten das Ku-ih der Wilden +wohl nach verschiedenen Richtungen hin in den Büschen, aber Niemand +belästigte sie, und mit dem ersten Dämmerschein des jungen Morgens +hatte Hans schon seine beiden Cameraden geweckt und munter, jedes +Angriffs gewärtig. + +Eine halbe Stunde hatten sie so zusammen gesessen und eben ihr +Frühstück beendet, um mit vollem Tageslicht zum Aufbruch fertig zu +sein. Der Tag war auch nicht mehr fern, denn der östliche Himmel deckte +sich schon mit einem rothglühenden Schein. Da hörten sie plötzlich in +einem kleinen Pandanusdickicht dicht bei, Schritte, und gleich darauf, +die Gewehre im Anschlag und lautlos das Näherkommen des Gegners +erwartend, trat keineswegs ein Feind, sondern niemand weiter als ein +einzelner, nur mit seinem kurzen Speer und dem Wurfholz bewaffneter +Schwarzer aus den nächsten Büschen. Dieser kam aber allem Anschein +nach ganz unbekümmert um die Anwesenheit der Weißen, den Blick nur +auf das Feuer gerichtet, auf sie zu, und stand wirklich schon zwischen +ihnen, dicht vor den glimmenden Kohlen, ehe er nur einmal aufschaute. +Die Wirkung aber war auch fabelhaft. + +Einen Blick nur warf er umher. Dann aber, als er entdeckte in wessen +Nachbarschaft, ja in wessen Gewalt er sich befand, vielleicht zur selben +Zeit auch halb seiner Sinne beraubt, in dem einen entsetzlichen Gedanken +dem Devil Devil, oder sonst einem anderen Ungethüm seiner Heimath in +die Hände gerathen zu sein, lief er, wie es eine Katze unter ähnlichen +Umständen gethan haben würde, in fast wunderbarer Schnelle an dem ihm +nächsten Gumbaum empor, wo er in dem höchsten Wipfel desselben, und so +weit wie ihn das Holz nur tragen konnte, regungslos stehen blieb. + +Daß dieser Schwarze nichts Böses gegen sie im Schilde geführt, ja +ihre Anwesenheit nicht einmal geahnt, und ihr Feuer für das seines +eigenen Stammes oder seiner Bekannten gehalten, war natürlich, und die +jungen Leute suchten ihn nun durch Zureden, durch Winken und Schwenken +von Büschen zu überzeugen, daß er von ihnen nichts zu fürchten habe, +und ruhig und ungehindert herunterkommen möge. Umsonst -- wie eine aus +schwarzem Marmor gehauene Statue stand er starr und regungslos oben in +dem Baumwipfel. Kein Lärm der unten gemacht werden konnte, schien ihn +zu bewegen auch nur das geringste Lebenszeichen von sich zu geben, und +selbst als Hans jetzt sein Gewehr aufgriff, seine beiden Signalschüsse +abzufeuern und Bill zugleich mit dem Boot zum Strand zu rufen, blieb er +noch in seiner Stellung da oben, als ob er zu dem Baum gehöre, und mit +ihm, als wunderliche Frucht, aus der Erde aufgewachsen sei. + +»Hol' den Burschen der Henker,« rief François endlich ungeduldig -- +»wir wollen ihm doch zeigen daß wir ebenfalls klettern können, und im +Stande wären ihn herunterzuholen, wenn wir ihn nur haben wollten« und +damit lehnte er sein Gewehr gegen einen umgefallenen Stamm, und fing +an den ihm nächsten Baum hinaufzuklimmen. Er war aber noch nicht seine +eigene Länge vom Boden auf, als der Wilde plötzlich bewies, er sei +weder taub noch stumm. Er schrie und »birrrrte,« ku-ichte und +hallote und machte in der That jede Art von Spectakel, die er da oben +möglicherweise machen konnte, und das alles mit solcher Energie, daß +François erschreckt wieder niederglitt und zu ihm aufschaute. + +»Der Bursche wird uns den ganzen Stamm über den Hals ziehen,« +fluchte Jean -- »ich glaube er schreit Beschwörungsformeln von da oben +herunter, daß wir ihn nicht fressen sollen. -- Seht nur wie er spuckt +und prustet. -- Es wird uns nichts übrig bleiben als ihm eine Kugel +durch den Kopf zu schießen. Wer weiß überhaupt, ob er nicht mit zu +den Schuften gehört, die gestern Morgen ihr Bestes versuchten uns +zu ersäufen, und der Spectakel da oben nur die Folgen seines bösen +Gewissens sind.« + +»Horch -- das war ein Antwortschuß vom Boot!« rief Hans dagegen. -- +»Kommt, laßt dem armen Teufel Raum vom Baum hinunter und ins Freie zu +kommen; er hat Angst genug ausgestanden, und sein Tod könnte uns +wenig nützen. Wir sind sicher nicht weit mehr vom Strand entfernt, und +können ihm das Vergnügen, sich einmal ordentlich auszuschreien, schon +gönnen.« + +»Und unter der Zeit brüllt uns der Bursche die ganze Nordküste +zusammen,« fluchte Jean. + +»Nun, so laß ihn,« lachte Hans, »sind wir erst auf offenem Strand, +wagt sich keiner der schwarzen Burschen an uns. Hier dagegen, wenn +wir länger blieben, wären wir allerdings leichter einem Angriff +ausgesetzt. Ueberdies wird das Boot jetzt so rasch herankommen, wie es +Bills und Timors Ruder bringen können, und je eher wir das erreichen, +desto besser.« + +Damit waren seine beiden Cameraden ebenfalls einverstanden, und ihre +wenigen Sachen zusammenpackend, zogen sie sich vor allen Dingen erst +einmal eine kurze Strecke von dem Baum zurück, auf dem der Schwarze +noch immer schrie und tobte, und jedenfalls die Genugthuung hatte, daß +ihm schon von mehreren Seiten geantwortet wurde. Sie hörten jetzt das +Ku-ih der Eingebornen an verschiedenen Stellen im Wald. + +Kaum aber sah der so wunderlich Gefangene die friedliche Bewegung der +vermutheten Feinde, als er seine Schreiübungen einstellte, und +noch hatten ihn diese kaum zwanzig Schritte freigegeben, als er mit +Blitzesschnelle, und gänzlicher Mißachtung aller seiner Gliedmaßen, +an dem Stamm mehr hinunterschoß wie glitt, und zwei Secunden später +auch in dem dichten Gebüsch von Pandanus- und Theebaumgesträuch +spurlos verschwunden war. + +Das Ku-ihen der Schwarzen kam indeß näher und näher, und so komisch +auch wohl der Rückzug des eingeschüchterten Wilden war, durften sie +sich doch nicht lange damit aufhalten. Der Richtung also folgend, die +sie sich nach dem Schusse gemerkt, und die allerdings von der gestern +vermutheten um ein Bedeutendes abwich, durchschritten sie rasch ein hier +etwas offenes Terrain von Boxholz und Casuarinen, das seinerseits wieder +von Pandanus, Theebaumsträuchen und Cycas, so wie einzelnen Arten von +Acazien begränzt war, passirten ein altes Lager der Blacks, neben dem +ganze Berge von Muschelschalen lagen, und erreichten, nach einem etwa +halbstündigen Marsch, unangefochten von den Schwarzen, aber oft durch +ihre jetzt ganz nahen Rufe gewarnt, den Mangrovesumpf und mit diesem, +das Ueberklettern über Wurzeln und niedergestürzte Stämme nicht +achtend, den freien offenen Strand von glattem hartgeschlagenem +Korallensand. + +»Hurrah!« rief Jean, der mit einem etwas gewagten Satz den letzten +Schlammstreifen überflogen hatte, und zuerst wieder festen sicheren +Boden betrat -- »hurrah -- allen Respect vor der Landpartie -- mir ist +Salzwasser lieber -- aber wo ist das Boot?« + +Hans war im nächsten Augenblick an seiner Seite und das leichte +Fernrohr, das er sich umgehangen als sie das Boot verließen, rasch +öffnend und richtend, überflog er zuerst die nächste Nähe der +kleinen Insel, wo sie das Boot vermuthen mußten, und dann den Horizont +mit dem Glas, ohne das Gesuchte zu finden. + +François, der erst noch einmal in ein Schlammloch gerathen war, sich +aber wieder herausgearbeitet hatte, stand jetzt ebenfalls an ihrer +Seite, und rief, nachdem er einen flüchtigen Blick über die +Oberfläche des Wassers geworfen und diesen jetzt auf der Insel wenige +Secunden aufmerksam haften ließ -- + +»Was ist das dort? --« + +»Was? -- wo?« -- frugen Jean und Hans rasch und zu gleicher Zeit, und +Hansens Fernrohr haftete auch in demselben Moment, wo er die Richtung +von François ausgestrecktem Arm gewahrte, auf der kleinen schon +mehrfach besprochenen Insel. + +»Dort ist Bill!« rief er aber kaum zwei Secunden später, und das Wort +war kaum seinen Lippen entflohen, als der Knall des Gewehres wieder zu +ihnen herüberdrang. + +»Er will uns zeigen daß er uns gesehen hat,« rief Jean lachend, +»mich wunderts nur, wo er die Courage hergenommen seine alte Muskete so +oft abzufeuern -- er muß sich schon ordentlich daran gewöhnt haben.« + +»Dort geht das Boot,« rief François plötzlich, dessen scharfes Auge +die dunklen Umrisse des kleinen Fahrzeugs in demselben Moment erspähte, +als es hinter der kleinen Insel, die es bis dahin ihren Blicken +entzogen, vorschoß. + +»Teufel!« schrie aber auch Hans in diesem Augenblick, mit dem +Fuße stampfend -- »wir sind verloren. -- Es ist in der Gewalt der +Schwarzen.« + +»Der Schwarzen?« stöhnten die beiden Franzosen entsetzt -- »das ist +ja nicht möglich.« + +»Da seht selber,« erwiderte ihnen Hans tonlos, indem er Jean das Glas +hinüberreichte -- »nun sei uns Gott gnädig in unserer Noth.« + + + + +Zwanzigstes Capitel. + +Bill's Wacht. + + +Wir müssen jetzt zu unserer Bootsmannschaft, Bill und Timor +zurückkehren, die wir verlassen hatten als sie wieder vom Lande +abkreuzten, um in sicherer Entfernung das Zeichen ihrer ans Ufer +gegangenen Cameraden zu erwarten. + +»Hm!« sagte Bill nach einer langen Weile, in der keiner der beiden +auch nur ein Wort gesprochen -- »eigentlich ärgerts mich, daß ich +nicht mit an Land bin. -- Ist doch ein anderes Leben, als hier ewig +die Knie eingezwängt zu haben zwischen die Bootsdoften, und blaue Luft +über sich, blaues Wasser unter sich zu sehen. So eine acht Tage halt +ichs immer vortrefflich am Ufer aus, nur nachher wirds langweilig, und +ich setze dann allerdings am liebsten wieder Segel -- aber eine Weile +gefällt mir's doch.« + +»Tuwan Bill würde sich hier aber sehr wenig unterhalten,« lachte +Timor in seinem gebrochenen Englisch, indem er den eben wieder +zugerichteten Fischhaken über Bord warf und nachschleifen ließ. +-- »Viel Wald hier und viel Busch, und viel böse Wilde -- und viel +Thiere, und viel nichts zu essen und zu trinken.« + +»Viel nichts zu trinken, ah?« sagte Bill und verzog den Mund fast zu +einem Lächeln, was aber selten oder nie bei ihm ganz zum Ausbruch kam, +»das wäre freilich bös, Timor, herzlich bös, und ein ordentlicher +Kerl sollt' es bald satt bekommen. -- Aber es wäre doch eine +Veränderung, und man könnte jeden Augenblick wieder an Bord kommen.« + +»Wenn man nicht im Wald irre läuft,« setzte Timor hinzu -- +»Wasserleute wissen selten viel mit Wald Bescheid -- Wasserleute +steuern bald den, bald den Cours in Busch, wenn sie keinen Compaß haben +-- australische Busch viel schlimm zu laufen.« + +»Hm! das wäre ein schöner Spaß,« brummte Bill leise vor sich hin, +»wenn unserer Gesellschaft da drin etwas Aehnliches passirte. +Hätten wir nur wenigstens ein Rakete, so könnten wir die heut' Abend +aufsteigen lassen -- das bliebe jedenfalls das sicherste.« + +»Tuwan Bill muß heute nach Dunkelwerden zweimal Gewehr abschießen,« +argumentirte dagegen der kleine Malaye -- »Tuwan Bill ...« + +»Will verdammt sein, wenn er das verwünschte Schießeisen wieder in +die Hand nimmt,« unterbrach ihn der Matrose aber rasch und mürrisch -- +»ich habe mir =einmal= die Schulter damit ausgerenkt, und der Knochen +sitzt eben nur erst wieder in der Pfanne.« + +Der Malaye ließ sich aber nicht so leicht abweisen. Er wollte schon +früher einmal in diesem Theil des Landes, den er =Marega= nannte, und +zwar mit seinen Landsleuten von Timor aus, zum Fischen gewesen sein, +und konnte die Gegend gar nicht traurig und wasserarm genug beschreiben. +Hätten die Wanderer dann auch noch dazu die Richtung verfehlt, so +müßten ihnen ein paar Signalschüsse, nachdem der Wald ruhig geworden, +von unendlichem Nutzen sein, und wenn Bill sich zu schießen fürchtete +-- der schlaue kleine Bursche faßte den alten Matrosen beim Ehrgefühl +-- »so solle er =ihm= nur die Flinte geben -- er wolle sie selber +abfeuern.« + +Das konnte Bill doch unmöglich zugeben, und that endlich eine +halbmürrische Zusage, dem Rathe Folge zu leisten -- heißt das mit der +vorsichtigen Clausel: nur wenn sie nicht selber noch vor Dunkelwerden +wieder etwas von den ihrigen gesehen hätten. + +Gestern Abend -- und sie hatten den Tag über dicht hinter der kleinen +Insel gelegen, hatte Timor die »Wacht zur Coje,« d. h. konnte schlafen, +während Bill »an Deck« munter bleiben mußte. Als Timor endlich die +Augen wieder aufschlug, denn der kleine Bursche schien ordentlich zu +fühlen, wie ihre beiderseitige Sicherheit mehr von seiner eigenen +Wachsamkeit, als der seines älteren Gefährten abhänge, saß Bill +im Heck vom Boot und nähte, ohne nur einen Blick links oder rechts +hinauszuwerfen, eifrig an einem kleinen viereckigen Säckchen, das er +eben beendet und mit etwas Heu aus einer der Flaschenkisten gestopft +hatte. Er war gerade damit fertig, und jetzt dabei, eine Strippe daran +zu befestigen. Timor, nachdem er im Boot aufgestiegen und sich rings +umgeschaut hatte, sah ihm eine Weile neugierig zu und sagte endlich, +ganz verwundert der sonderbaren Verrichtung zuschauend: + +»Aber Tuwan Bill, was das? -- macht kleine Polster für Boot? -- hier +nicht Felsen und nicht neue Schiff.« + +»Für Boot?« knurrte aber Bill zwischen den Zähnen durch, indem er +seiner Hände Werk wohlgefällig betrachtete, und auf dem Knie vorn +eindrückte und weich machte, »Boot soll verdammt sein; nein, meine +eigenen Schultern will ich mir nicht schamfielen[7]. Wenn ich denn doch +einmal die blutige Donnerbüchse wieder abbrennen soll, hab' ich mir +hier das Kissen gemacht, zum Unterlegen. Aber was giebt's nun wieder? -- +heh? was hast du zu gucken, Braunfisch. -- Sind die schwarzen Canaillen +wieder im Ansegeln?« + +»Was der weiße Punkt da, Tuwan Bill?« sagte aber Timor, der auf +eine der Doften gesprungen war, und sich so viel als möglich auf +die Fußspitzen hebend, nach Osten, wo die »Barrier Riffe« lagen, +hinüberzeigte -- »da drüben, da weiter links -- gerade über die +kleine Sandbank dort.« + +»Hm, das sieht wahrhaftig wie ein Segel aus,« sagte Bill nach einer +Weile, in der er sich bemüht hatte den von dem schärferen Auge des +Knaben bezeichneten Punkt zu finden -- »aber ausmachen kann ich's doch +noch nicht recht. Es kann auch ein Wasservogel oder ein weißes Riff, +oder Gott weiß was sonst, in diesem verwünschten Fahrwasser sein, wo +ein ordentlicher Seemann eigentlich gar nichts drin zu verlieren haben +sollte. Wo sonst eine Klippe oder Sandbank in der Karte angegeben ist, +giebt man ihr gewöhnlich fünf bis sechs und mehr Meilen Seeraum und +ist froh wenn man sie gar nicht, oder doch nur wenigstens von den Marsen +aus zu sehen kriegt, und hier jagt man mit dem Schiff gerade mitten +hinein, als ob man im Nothfall auch ein paar Räder oder Kufen drunter +schrauben, und damit über alle möglichen Steine und Korallen und +Sandbänke wegfahren könnte. Nun meinetwegen,« setzte er hinzu, +während er wieder von der Bank herunterstieg und seinen vorigen +Platz einnahm, »laß es auch ein Segel sein; desto früher kommen wir +vielleicht von hier fort. + +Weit kann es heute Abend nicht mehr gehen, ehe es Anker werfen muß, und +dann wirds morgen Nachmittag etwa gerade in Zeit hier eintreffen, unsere +ganze Gesellschaft wieder bei einander zu finden.« + +Timor hätte sich nun freilich gern noch besser von der Identität des +Segels überzeugt, aber mit dem sinkenden Abend legte sich ein +leichter Dunst über die Oberfläche des Wassers, der die entfernteren +Gegenstände bald umhüllte, und jede weitere Beobachtung unmöglich +machte. Der Nebel zwang sie aber auch zu noch weit größerer Vorsicht +und Aufmerksamkeit, denn unter seinem Schutz, wenn er nur etwas dichter +wurde, hätten sich ihnen selbst Canoes nähern können, wie viel mehr +denn einzelne Wilde mit ihren so einfachen, und doch so gefährlichen +Waffen. + +Timor drang auch deshalb darauf, daß sie von der Insel ablegten, und +weiter draußen Anker würfen. Bill sah auch endlich selber ein daß das +nöthig sein würde, wollte sich aber später, als er nach Dunkelwerden +die beiden Signalschüsse, und zwar diesmal ohne schlimme Folgen +abgefeuert hatte, unter keiner Bedingung dazu verstehen den Ankerplatz +noch einmal zu verändern, um etwa lauernde Schwarze irre zu führen. +Der Nebel legte sich nämlich gleich nach Dunkelwerden in dicken +Schwaden auf das Wasser, und Bill hielt es für unnöthig, sich Mühe +und Arbeit zu machen, wo bei solchem Wetter selbst ein Indianer sein +kleines, vor einem leichten Wurfanker liegendes Boot nicht hätte finden +können. + +Um Mitternacht erhob sich übrigens eine leichte östliche Brise, und +trieb die Schwaden nach Westen und Nordwesten hinüber. Die Sterne +leuchteten hell und klar von dem dunkelblauen Firmament hernieder, und +die See funkelte und blitzte in der leisen Bewegung ihren Glanz tausend +und tausendfach wieder. + +Bill war ganz damit einverstanden die erste Wacht von sechs bis zwölf +zu nehmen, und die zweite dem Malayen zu überlassen. Dieser streckte +sich denn auch ziemlich sicher, daß sie um diese Zeit wenig von einem +Angriff zu fürchten hätten, in seiner wollenen Decke im Bug des +kleinen Fahrzeugs aus, und war bald sanft und süß eingeschlafen. +Bill indeß, in dem doppelten Genuß einer guten Pfeife Tabak und eines +vorzüglichen Glases Portwein, welchen beiden er ohne den mindesten +Rückhalt zusprach, theilte seine Aufmerksamkeit gewissenhaft zwischen +diesen und dem dann und wann über das Wasser tönenden Geräusch von +Fischen oder Seevögeln. + +Er war jedoch weit davon entfernt der Flasche mehr zuzusprechen als er +vertragen konnte, denn er wußte recht gut von welchen Gefahren sie, +wenn auch nicht wirklich umgeben, doch jedenfalls erreicht werden +konnten, und wie nöthig es in einer solchen Lage sei seine Sinne +vollständig beisammen zu haben. + +Ein paarmal aber nur wurde er wirklich beunruhigt, indem ein +wunderliches Gurren und Schnalzen, wahrscheinlich von auf dem Wasser +schlafenden oder träumenden Seevögeln seine Lebensgeister zu voller +Thätigkeit weckte und anspannte. Einmal stand er sogar im Begriff Timor +zu wecken, denn die Laute kamen weit näher als ihm lieb war, und doch +konnte er nicht das mindeste über dem Wasser erkennen. Mit einem derben +und ziemlich lauten Fluche sich Luft machend, nahm er sein Gewehr auf +die Knie, dem ersten sich zeigenden und verdächtigen Gegenstand erst +vor allen Dingen einmal eins aufzubrennen. Von dem Moment an war aber +wieder alles ruhig, und selbst die Töne ließen sich nur erst später +in einiger Entfernung zum zweitenmal hören. + +So kam Mitternacht heran. Der Nebel zog sich fort und Timor, dem Bill +von den wunderlichen Lauten um das Boot her, erzählt hatte, legte +sich vergebens flach in das Boot, und nur mit dem Kopf über den Rand +desselben auf die Lauer, irgend weiter etwas Verdächtiges zu erspähen. +Bis gegen Morgen blieb alles ruhig, und nur ein einzigesmal glaubte er +in der Richtung nach der kleinen Insel zu, neben der sie den Tag über +gelegen, etwas zu hören, das nicht, weder von einem Bewohner der Tiefe +noch der Luft herzurühren schien. Es kam dem von Bill erwähnten Laut +nah, klang aber anders als er beschrieben worden, und schien von zwei +verschiedenen Seiten beantwortet zu werden. + +Timor lauschte den Tönen auf das aufmerksamste, bis er den vollen Klang +derselben begriffen hatte, und ahmte jetzt denselben erst leise, dann +laut und zuversichtlich nach. In demselben Moment schon hatte er auch +die Genugthuung sich beantwortet zu hören, und zehn Minuten später +etwa glaubte er in dem bewegten und sternblitzenden Wasser etwas +heranschwimmen zu sehen. Was es aber auch gewesen, es verschwand +in Sicht von dem Boot, und ein gleich darauf ganz in der Nähe des +vermutheten Gegenstands aufsteigender großer dunkler Seevogel, der mit +flappenden Schwingen über die Oberfläche der See eine Strecke lang +schwerfällig hinflog, bis seine Flügel die Luft ordentlich faßten +und ihn nach oben trugen, beruhigte ihn über die Ursache der gehörten, +scheinbar verdächtigen Laute. + +Nichtsdestoweniger wußte er, selbst ein Kind des Waldes, viel zu gut, +wie nöthig in der Nähe feindlicher Stämme stete und unausgesetzte +Wachsamkeit sei, und verwandte, während der Stunden seiner Wacht kein +Auge von dem nur leise durch die leichte Brise bewegten Wasserspiegel. + +Im Osten dämmerte endlich der Tag. Dem kleinen Burschen hatte aber +lange keine Nacht so wirklich endlos geschienen, und um gerade in dieser +gefährlichsten Stunde keine Vorsicht zu versäumen, weckte er jetzt +auch noch seinen Cameraden. Der Seemann war rasch munter gebracht; aber +mehr Mühe kostete es, Bill zu bewegen die beiden Signalschüsse zu +geben. Er entschloß sich auch erst dazu, als dieselben wirklich vom +Lande her abgefeuert waren, und er die Antwort nicht schuldig bleiben +durfte. Dies Signal sollte ihnen den doppelten Vortheil gewähren, den +Freunden die genaue Richtung in der das Boot lag anzuzeigen, als auch +ihren Feinden zu verstehen zu geben, wie sie gerüstet wären und gute +Wache hielten. + +Den ersten Schuß that Bill auch, bekam aber, da er im Dunklen am +vorigen Abend geladen, und wahrscheinlich zu viel Pulver genommen hatte, +trotz des »Schamfiel-Kissens« wieder einen so fürchterlichen Stoß, +daß er durch keine Ueberredung von Seiten Timors bewogen werden konnte, +seinen rechten Schulterknochen noch einmal in Gefahr zu bringen. Ja er +wollte im Anfang nicht einmal wieder laden, und verstand sich erst nach +langer Weigerung dazu, dem so gefährlichen Rohr noch eine »Hand voll +Pulver« anzuvertrauen. + +Mit der aufgehenden Sonne, die den Meeresspiegel um sie her rings +beleuchtete und nicht das geringste Verdächtige erkennen ließ, schien +aber auch die Gefahr eines Angriffs, für jetzt wenigstens, vollkommen +verschwunden, und Bill beschloß seinen Anker zu lichten und nach +der kleinen Insel, von der sie nur eine kurze Strecke entfernt waren, +zurückzukehren. Dort gedachte er zum Frühstück einige Fische zu +braten, die Timor in der Nacht auf seiner Wacht gefangen hatte. + +Der Anker war rasch gehoben, und da sie am vorigen Abend absichtlich +nach windwärts aufgegangen waren, brauchten sie fast nur mit der +Strömung wieder niederzutreiben, um die Insel gerade anzulaufen. Um +vier Uhr Morgens etwa war es vollkommen windstill geworden -- kein Hauch +hatte gegen Morgen die spiegelglatte Fläche dieses »Binnensees im +Ocean« bewegt, und erst jetzt hob sich wieder eine leichte Brise, +und schien zu wachsen, je höher die Sonne über die Meeresfläche +emporstieg. + +»Was nur aus dem Segel von gestern geworden sein mag,« sagte Timor +jetzt, der sich vergebens Mühe gegeben hatte den weißen Punkt von +gestern Abend zwischen den verschiedenen, dort umhergestreuten Inseln +wieder herauszufinden. -- »Sie müssen doch jetzt bei der Brise schon +wieder Segel gesetzt haben.« + +»Segel können sie immer gesetzt haben,« meinte Bill, »ob wir sie +aber jetzt gerade sehen können, ist die Frage, denn sie scheinen heute +Morgen nicht so hell als gestern Abend. Gestern leuchtete nämlich die +Sonne im Westen gerade gegen die helle Leinwand, während sie heute +=dahinter= aufgeht, und wir dadurch nur die Schattenseite zu sehen +bekommen. -- Aber geh nach vorn, Timor,« setzte er dann hinzu, »nimm +das Segel wieder nieder und steh bei dem Tau, daß du gleich an Land +springen kannst. Wir wollen keine Zeit verlieren, damit wir unser +Frühstück wenigstens verzehrt haben, ehe uns Hans und Jean vom Ufer +aus das Zeichen geben.« + +»Tuwan Bill,« sagte aber Timor jetzt, der jedoch den ersten Befehl, +das Segel niederzulassen, rasch befolgt hatte -- »ich weiß nicht ob +gut ist, so rasch auf Insel zu treiben -- viel dichtes Buschwerk auf +kleinen Inseln. Lieber erst einmal hineinschießen mit Gewehr -- ist +besser.« + +»Was du immer so verdammt rasch mit deinem Gewehrschießen bei der +Hand, bist, du verwetterter kleiner brauner Hallunke,« fluchte aber +Bill, »wenn du =deine= Schulter dagegen halten solltest, würdest du +das Mittel sparsamer verschreiben, denk' ich. -- Wer ist nun wieder +todt, daß ich schon wieder Pulver verplatzen soll?« + +»Todt?« frug der kleine Bursche verwundert, der die Redweise des +Matrosen noch nicht so recht verstand. -- »Niemand todt, glaub' ich, +aber vielleicht Lebendige da drin, und ist besser ein Bißchen Feuer +hineinmachen.« + +»Darin hast du recht,« lachte aber jetzt Bill -- »Feuer wollen wir +auch hineinmachen, und das so rasch als möglich, aber nicht um mir die +Glieder auseinanderzuschlagen, sondern unsere Fische zu braten. -- Und +so mach daß wir hinankommen; was hast du in einen fort zu gucken und +dir den Hals halb auszurenken? -- Wenn die schwarzen Schufte da +drin stäken, würden sie sich auch ein Feuer anmachen und ihre paar +Lebensmittel kochen oder braten, gerade wie andere Christenmenschen. -- +Leben wollen wir alle, und sein Frühstück versäumt niemand gern -- +ich am allerwenigsten.« + +Timor lachte bei dem Gedanken leise vor sich hin, daß im Hinterhalt +liegende Eingeborne ein Feuer anmachen sollten, ihr Frühstück zu +braten. Aber der kleine Bursche hatte auch dabei eine unbestimmte +Ahnung, welchen Gefahren sie ausgesetzt sein konnten. Während sie also +jetzt von der Strömung gerade auf die kleine Insel zugetrieben wurden, +die mit der wachsenden Fluth noch kaum etwa 20 bis 25 Fuß aus dem +Wasser lag, stand er vorn auf der niederen Back oder dem Vorboot, und +betrachtete aufmerksam und mißtrauisch das dichte Gebüsch, das von der +Fluth hier auf der obersten Kuppe zusammengedrängt schien, und aus +dem nur drei oder vier kleine Stämme mit knorrigen Aesten dürftig +hervorragten. + +Fast dicht an die nächste Korallenbank, die sich rings um den schmalen +Erdhügel hinzog, hinangekomnen, stieg Bill ebenfalls auf eine der +Doften oder Bänke. Von hier aus einen Blick über den Horizont werfend, +was die Matrosen aus alter Gewohnheit selten oder nie unterlassen wenn +sie nach oben gehen, oder auch nur einen etwas höheren Punkt besteigen, +haftete sein Auge plötzlich auf einer gar nicht weit entfernten +anderen, etwas längeren und höher bewachsenen Insel, die nach Osten +zu lag und, wie es von hier aus schien, theilweis von einer breiten +Sandbank umschlossen war. + +»Hallo, Timor,« rief er dabei -- »ich glaube wahrhaftig gleich hinter +den Büschen dort liegt das Fahrzeug, das wir gestern Abend gesehen +haben -- mir war's wenigstens als ob der weiße Fleck da, der auch +jetzt noch wie ein Segel aussieht, eben aufgezogen wurde als ich darnach +hinsah. -- Die müssen die halbe Nacht gefahren sein.« + +Timor folgte der angewiesenen Richtung mit den Augen, und glaubte auch +einen weißen Schein hinter den Büschen zu erkennen, stand aber zu +niedrig oder war zu klein es genau unterscheiden zu können, und hatte +auch in der That seine Aufmerksamkeit viel zu sehr der Insel vor ihnen +zugewandt, um sich mehr, als ein flüchtiger Blick erforderte, mit dem +Segel zu beschäftigen. Das lag jedenfalls noch eine Strecke hinter +ihnen, und mußte seiner Zeit schon von selber sichtbar werden. + +Bill dagegen interessirte sich weit mehr für das fremde Fahrzeug, wenn +es wirklich ein solches und nicht vielleicht ein Streifen Sand war, der +so hell da herüber blinkte. Wies es sich jedoch wirklich als ein Segel +aus, so mußten sie vor allen Dingen darauf zufahren, und es zu bewegen +suchen daß es beilege, bis seine drei Schiffscameraden abgeholt +werden konnten. Der Gedanke an ihre hier mögliche und baldige Rettung +beschäftigte ihn dabei so, daß er darüber wirklich sogar sein +Frühstück vergaß. Nur in aller Geschwindigkeit schob er sich rasch +ein frisches Priemchen Kautaback in den Mund, und seinen Hut dann in die +Stirn drückend nahm er den einen Riemen auf; legte ihn hinten ein und +begann das Boot nach der Insel zuzuwricken.[8] + +»Von da oben aus muß man sehen können ob es ein Segel ist oder nicht, +Timmy,« sprach er dabei vergnügt zu dem jungen Malayen, dem aber das +zuversichtliche Benehmen des älteren Gefährten gar nicht so besonders +zu gefallen schien -- »der Erdhaufen da liegt wenigstens drei oder vier +Faden höher wie das Wasser, und ist es wirklich ein Schiff, oder ein +Schooner wenigstens, denn nur ein klein Ding von einem Fahrzeug dürfte +wagen hier in den Klippen und Untiefen die Nacht zu fahren, so segeln +wir hinüber und belegen uns Plätze nach irgend einem christlichen +Seehafen. _Stand by old Fellow_. Komm Timmy, spring hinaus und mach das +Boot fest.« + +»Timmy,« wie ihn Bill zutraulich nannte, sprang aber nicht hinaus, +sondern schaute nur ängstlich und kopfschüttelnd nach den dichten +Büschen hinauf, die jetzt fast über ihn herüber hingen. -- Hatten +sich hier in der That Schwarze in den Hinterhalt gelegt -- und eine Art +Instinct warnte ihn vor den Feinden -- so befanden sie sich in einer +fast mehr als nur gefährlichen, in einer wirklich verzweifelten Lage. +Ein großes Messer aufgreifend, das er schon lange neben sich gelegt +hatte, schien er auch wirklich in dem Moment, als der eisenbeschlagene +Bug des Bootes den Korallensand berührte, einen förmlichen Angriff zu +erwarten. + +Nicht das Mindeste rührte sich aber zwischen den Büschen, und Bill, +der keine Ahnung von irgend etwas Bedrohlichem hatte, zog den Riemen +ein, ließ ihn mitten im Boote »vor und aft« liegen, und trat über +die Doften weg, an Land zu springen. + +»Nehmt die Flinte mit, Tuwan Bill,« bat aber Timor und faßte ihn am +Arm -- »viel besser Flinte; weiß nicht was an anderer Seite ist.« + +»Viel besser, Hell,« rief Bill aber ärgerlich, der nun einmal eine +gründliche Aversion gegen das Gewehr gefaßt hatte. »Wenn du mir +noch einmal mit dem verdammten Dings da kommst, werf ich es über Bord, +nachher ist Ruhe. -- Weshalb soll ich denn das alte Eisen überall mit +hinschleppen? -- ich komme ja gleich wieder herunter.« + +Er wollte wirklich ohne die Waffe an Land gehen; Timor ließ aber nicht +mit Bitten nach, und Bill griff endlich nach der ihm gereichten Muskete +-- mochte ihm doch selber vielleicht bei den Befürchtungen des Knaben +etwas weniger sicher zu Muthe werden. + +»Na meinetwegen,« rief er unwillig »und nur damit du endlich Frieden +hältst, will ich das nichtsnutzige Ding noch einmal zum Vergnügen da +hinauf und nachher wieder herunter schleppen. Nachher läßt du mich +aber damit ungeschoren; so viel sag ich dir.« + +Damit sprang er an Land, und sich durch das nächste Gesträuch +drängend, kletterte er so rasch er konnte an dem bröcklichen +Korallgestein empor. Lag ihm doch vor allen Dingen daran, von oben aus +einen freien Ueberblick nach jener Gegend hin zu bekommen, wo er das +Segel vermuthete. + +Allerdings warf er zuerst einen flüchtigen Blick über die kleine Insel +selber. Da er hier jedoch nicht das mindeste Verdächtige entdecken +konnte, wandte er sich auch gleich darauf sorglos der Richtung zu, in +der das Segel liegen mußte. Nur wenige Secunden hatte er auch, seine +Augen mit der Hand schützend, dorthin gesehen, als er die Mütze +schwenkte und jubelnd nach Timor hinunter rief: + +»Hurrah mein Junge, _sail ho!_ bei Allem was da schwimmt. Gerade hinter +-- Alle Wetter,« unterbrach er sich aber selber und fuhr blitzesschnell +herum, denn dicht vor ihm, wie aus dem Boden heraus, tauchten plötzlich +ein paar schwarze Gestalten auf, und schleuderten ihre Lanzen auf ihn. + +Allerdings fuhr er, fast instinktartig mit dem Gewehr nach ihnen nieder, +aber lange vorher ehe er zielen konnte, war er schon wieder mit dem +Finger an den Drücker gekommen, und die Kugel zischte harmlos über die +Köpfe der Feinde hin. + +Diesmal hatte ihn aber sein gutes Glück vor einem sonst gewissen +Tode bewahrt. Die Lanzen waren allerdings in der kurzen Entfernung mit +tödtlicher Fertigkeit nach seiner Brust geworfen, trafen aber, die eine +den Kolben der Muskete, an dem sie abglitt, und ihm nur eben den Arm +ritzte, die andere das Stück Kautabak das er in der Brusttasche trug, +und das sie nicht durchbohren konnte. Die schlimmste Wunde in dem ganzen +Kampf erhielt er wieder von dem eigenen Gewehr, das ihn mit dem scharfen +Bügel Haut und Fleisch vom Zeigefinger der rechten Hand abschlug. + +In dem Moment fühlte er aber weder den Schmerz des verwundeten Fingers, +noch den Wurf der Lanzen, denn die Feinde, die den Weißen nach +den beiden Lanzenwürfen auf kaum sechs Schritte Entfernung sicher +unschädlich gemacht glaubten, kümmerten sich weiter gar nicht um ihn, +sondern sprangen in wilden Sätzen die steile Uferbank nieder, dem Boote +zu, dieses vor allen Dingen in Sicherheit zu bringen. + +Timor fanden sie nun freilich nicht unvorbereitet. Schon bei dem ersten +Ausruf Bills hatte er die vorn im Boot liegende Stange ergriffen, das +Fahrzeug rasch vom Lande abzuschieben, um es flott zu haben, sobald sein +Gefährte zu ihm niederflüchten würde. Daran schien Bill aber noch gar +nicht gedacht zu haben, so hatte ihn der Angriff eines gar nicht mehr +vermutheten Feindes überrascht, und fast seiner ganzen Besinnung +beraubt. + +Der kleine Malaye sah da plötzlich vier dunkle Gestalten zu sich +niederspringen, von denen eine schon zum Wurf nach ihm ausholte. Recht +gut begriff er dabei, wie jeder Widerstand von seiner Seite vollkommen +nutzlos und nur für ihn allein verderblich sein müßte. Rasch deshalb +den Bootshaken fallen lassend, warf er sich rückwärts in demselben +Augenblick über Bord, als der kurze spitze Wurfspeer über ihn +wegsauste, mit dem zugleich er unter der Oberfläche verschwand. + +Der Anblick brachte den Matrosen wieder zu sich selber. Er sah, wie +der Knabe, den er ermordet glaubte, über Bord stürzte, sah die vier +Schwarzen, denen sich noch ein fünfter anschloß, dem Boot zuspringen, +und mit dem Schrei »=Murder=!« das bei dem Schuß weggeworfene Gewehr +wieder aufgreifend, packte er es am Lauf und flog den Feinden nach. + +Aber er kam zu spät. -- Die Wilden hatten beim Hineinspringen in das +kleine schwanke Fahrzeug, dieses schon durch ihr eigenes Gewicht eine +Strecke vorwärts getrieben, und als er das Ufer erreichte, waren sie +schon wenigstens funfzehn Schritt von diesem entfernt. Die in voller +Wuth nach ihnen geschleuderte Muskete fiel dicht vor ihnen in die Fluth, +das aufspritzende Wasser bis selbst ins Boot werfend, und in blinder +aber machtloser Wuth griff der jetzt wüthende Matrose lose Stücke +Korallen auf, sie den Flüchtigen nachzuschleudern. + +Er selbst blieb dabei dem Wurf ihrer Speere, falls es ja einem von +ihnen eingefallen wäre, diese nach ihm zu schleudern, vollkommen blos +gegeben. Die Schwarzen hatten aber in diesem Augenblick zu viel mit +ihrem eroberten Boote zu thun, das außer den Bereich seines +vorigen Eigenthümers zu bringen, um sich noch weiter mit diesem zu +beschäftigen. Ohne sich selbst nur nach ihm umzusehen, griffen sie die +Riemen auf, die sie recht gut zu benutzen verstanden, und während drei +mit diesen arbeiteten, setzten die beiden anderen das Segel, das sie +bald in einem Nordcours der Insel entführte. + + + + +Einundzwanzigstes Capitel. + +Schluß. + + +Noch war das genommene Boot übrigens kaum dreimal seine eigene Länge +vom Ufer abgeschossen, als die funkelnden Augen des Malayen schon wieder +über der Oberfläche des Wassers emportauchten. -- Wenige Secunden +blieb der Kopf sichtbar, dann verschwand er wieder und gleich darauf +stieg, jetzt aber von einem schmalen Vorsprung der Insel gedeckt, der +kleine Bursche rasch aufs Trockene und glitt, ohne auch nur einen Blick +um sich herzuwerfen, ins Dickicht. Wenigstens vor den Wurflanzen des +Feindes wollte er gesichert sein, sollte sich dieser ja noch nahe genug +befinden, ihn damit zu erreichen. Nur erst als er Bill unten am Ufer +jubeln und hurrah schreien hörte, wagte er seinen Versteck zu verlassen +zu sehen was es plötzlich draußen so ungemein Erfreuliches gäbe. + +An das fremde Fahrzeug hatte er im ersten Schreck des Ueberfalls gar +nicht mehr gedacht. Das aber erschien gerade jetzt, im entscheidenden +Moment, und unter vollen Segeln hinter der Insel vor, hinter der es +jedenfalls während der kurzen Morgen-Windstille vor Anker gelegen. + +Es war ein kleiner Schooner, von vielleicht 90 bis 95 Tonnen mit langen, +weit nach vorn gesetzten keck aussehenden Masten, aber lichtbraun +angestrichen mit kleinen gemalten Kanonenluken, wie ein +Kauffahrteischiff, und alten, ziemlich abgenutzten Segeln. + +Im Anfang und selbst nach dem Schuß, den er jedenfalls gehört haben +mußte, behielt er noch seinen Westcours bei. Bills Auge aber, das sich +in allem auf die See Beziehenden nur selten täuschte, obgleich niemand +leichter als er auf festem Lande irre zu führen war, erkannte schon +einen nach oben gesandten Mann in den Wanten. Als dann auch noch gleich +darauf der scharf geschnittene Bug des kleinen Fahrzeugs etwas mehr +gegen sie und das flüchtige Boot anluvte, da stieß Bill seinen +Triumphschrei aus, denn er wußte jetzt nicht allein daß sie gesehen +waren, sondern daß auch der Schooner wahrscheinlich das Boot mit den +Eingebornen anhalten würde. + +Eine gute Weile blieb aber der Erfolg dieser Jagd ziemlich zweifelhaft, +denn die Schwarzen, die selbst mit ihren einfachen, nicht selten mit +doppelten Lee- und Luv-Bäumen versehenen Canoes vortrefflich umzugehen +wissen, hatten sich gar bald in die Führung des Segels hineingefunden, +dessen größere Nützlichkeit sie leicht vor ihren gewöhnlichen +Matten-Segeln erkennen lernten. Außerdem lag, wenn auch das fremde +Fahrzeug rasch näher kam, nördlich vor ihnen, und gar nicht weit +entfernt, eine breite Kette von Sandbänken und Korallenfelsen, und +konnten sie diese glücklich erreichen, war es dem Schooner jedenfalls +unmöglich ihnen zu folgen. + +Dieser aber, der jetzt ihre Absicht erkannte und die für ihn +gefährliche Strecke schon übersehen konnte, versuchte sein Letztes, +dicht an dem südlichen Rande dieses Klippen-Archipels niederzulaufen. +Zu dem Zweck wieder etwas mehr von der frischen Südostbrise abfallend, +hielt er scharf gegen die Einfahrt auf, welcher das Boot zuzustreben +schien, und ein tüchtiger Renner, glaubte er den Wilden schon jede +Möglichkeit, zu entkommen, abgeschnitten zu haben. Da entdeckten die +vorn auf der Vor-Marsraae stationirten Wachen des kleinen Fahrzeugs +einen schmalen, aber gefährlich lichten Streifen hellgrünen Wassers, +der sich quer vor ihnen nach Süden niederzog, und den sie vielleicht +hoch genug gingen, um ihn zu passiren, auf dem sie aber auch ihr +wackeres Seeboot, wenn sie irgend eine heimtückisch verborgene Klippe +berühren sollten, leicht total verlieren konnten. Mit dem rasch +gegebenen und im Moment befolgten Befehl flog das behende Fahrzeug dem +Wind in die Zähne herum, und während alle Segel back lagen, und das +eroberte Boot der Einfahrt zuschoß, stießen die Schwarzen ein wildes +gellendes Freuden- und Siegesgeschrei aus. + +Ihr Triumph sollte nicht lange dauern. + +Vom Deck des Schooners hob sich ein leichter Rauch; und während +der dumpfe Schall eines Schusses über die weite Meeresfläche +dahindröhnte, schlug der Mast des geraubten Bootes nach Lee über. Mit +ihm stürzte zugleich Einer der Wilden mit gähem Aufschrei über Bord. + +Die Schwarzen erwarteten aber keinen zweiten Schuß -- Hals über Kopf +warfen sie sich, wie nur der erste starre Schreck vorüber war, in +die Fluth, und das Boot, durch dessen Backbordbug die Kugel +hindurchgeschlagen war, füllte sich langsam und sank. -- Zwei Minuten +später sah man hie und da einen schwarzen Kopf auftauchen und den +nächsten Klippen zuschwimmen, dann verschwanden auch diese zwischen +den einzelnen Riffen, und einzelne, auf der Fluth treibende Kisten und +Fäßchen zeigten nur die Stelle an, wo das Boot vor kurzen Minuten +zerschmettert gesunken war. + +Die Raaen des Schooners waren indessen, und selbst noch während der +Katastrophe, herumgebraßt, und an der gefährlichen Klippenzunge +niederlaufend kam er in Lee von der Insel, auf der Bill jetzt alle +nur möglichen Anstalten getroffen hatte, nicht unbeachtet sitzen zu +bleiben. Sein Hemd wehte an einem Busch, und Timor hatte müssen +rasch ein Feuer anmachen, denn Bill führte noch glücklicherweise das +Feuerzeug bei sich, zu dessen friedlicher Benützung er besonders an +Land gestiegen war. Der Rauch stieg in dicken Schwaden in die blauklare +Luft empor, während Bill selber noch außerdem auf der weißen, +jetzt allerdings von der Fluth sehr eingeschränkten Uferbank auf und +absprang, und schrie, und seine Jacke um den Kopf schwenkte. + +Er würde sich ruhig hingesetzt und das Nahen des Schooners erwartet +haben, hätte er die Späße hören können, die an Bord desselben auf +seine Unkosten gemacht wurden. + +Die Gefahren der Schiffbrüchigen sollten aber hiermit ihr Ende erreicht +haben. Etwa eine halbe Stunde später sank die kleine Jölle vom Bord +des Schooners nieder und schoß, von zwei Matrosen gerudert und von +dem »Mate« gesteuert, gegen die Insel zu, Bill und Timor an Bord zu +nehmen. Die auf dem Festland zurückgelassene Mannschaft hatte indessen +auch wieder mehrere Schüsse abgefeuert, das Boot ging gleich von der +Insel zu ihnen hinüber, und zwei Stunden später hatte der »Shooting +Star« (die Sternschnuppe), wie der kleine Schooner hieß, die bootlos +gewordene Mannschaft des »Boreas« sicher an Bord, braßte seine Raaen +auf, und glitt vor einer herrlichen Brise gen Osten, dem Indischen Meere +zu. + + + Leipzig, + + Druck von Giesecke & Devrient. + + + + +Fußnoten + + +[1]: =Watertanks= sind kleine Fahrzeuge, deren innerer Schiffsraum +eingerichtet ist, mit Wasser statt anderer Ladung gefüllt zu werden. +Sie gehen dann langseit der Schiffe, die frisches Wasser verlangen, +und pumpen dasselbe mit Hülfe eines langen Schlauchs in die an Bord +befindlichen Fässer. + +[2]: Von Australien nach Indien giebt es zwei Wege. Der nördliche +ist eigentlich der nächste, hier aber liegt die, durch ihre gewaltige +Klippenreihe den Schiffen nicht selten gefährliche Torresstrait, die +zwischen Australien und Neu-Guinea durchschneidet. Die Schiffe müssen +in dieser Nachts vor Anker gehn, bis sie den Indischen Ocean erreichen. +Die Passage um die Südküste Australiens ist gefahrloser, wenn auch +weiter. + +[3]: Chips, Spähne, wird der Zimmermann gewöhnlich auf den Englischen +Schiffen genannt. + +[4]: Auf deutschen Schiffen heißt dasselbe in verdorbenem Englisch +»Scheilicht.« + +[5]: =Nobbler= heißt in Australien ein halbes Glas -- ein Schnitt. + +[6]: =Schlingern= heißt die nach rechts und links hinüber schaukelnde +Bewegung des Fahrzeugs. =Stampfen= dagegen das vorn auf und nieder gehen +desselben. + +[7]: Durch Reiben beschädigen oder abnützen. + +[8]: Wricken heißt, mit einem einzelnen, hinten ausgelegten und +herüber und hinüber gedrehten Ruder ein Boot vorwärts treiben. + + + + +[Hinweise zur Transkription + + +Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. Antiquaschrift wird +hier als kursive Schrift dargestellt. Offensichtliche Fehler wurden +korrigiert, bei Zweifeln und bei uneinheitlichen Schreibweisen der +Originaltext beibehalten. Eine Liste der vorgenommenen Änderungen +befindet sich hier am Ende dieses Textes. Die Änderungen bei falsch +gesetzten oder fehlenden Anführungszeichen sind dort nicht gesondert +aufgeführt. + + + + +Änderungen + + + Seitenangabe + originaler Text + geänderter Text + + Inhaltsverzeichniß + 5. Die Entdeckung 53 + 5. Die Entdeckung 50 + + Seite 12 + damit der Sabbath durch nichts Alttägliches entweiht werde + damit der Sabbath durch nichts Alltägliches entweiht werde + + Seite 13 + mit ihren aufgegehäuften Massen von Hühnern und Enteneiern + mit ihren aufgehäuften Massen von Hühner- und Enteneiern + + Seite 17 + »Aber was machen die Deutschen und Franzosen bei dem Irländer«. + »Aber was machen die Deutschen und Franzosen bei dem Irländer?« + + Seite 32 + behauptete der Steward auf eine der Gegeneinwürfe Bills + behauptete der Steward auf einen der Gegeneinwürfe Bills + + Seite 34 + Viertes Kapitel. + Viertes Capitel. + + Seite 42 + wir den Burschen wenigsten aus dem Logis + wir den Burschen wenigstens aus dem Logis + + Seite 62 + in das er insdiscret genug + in das er indiscret genug + + Seite 88 + Da sie keinen Lärmen mehr machten + Da sie keinen Lärm mehr machten + + Seite 89 + Siebentes Kapitel. + Siebentes Capitel. + + Seite 91 + vor allen Dingen feine Kost und sein Logis + vor allen Dingen seine Kost und sein Logis + + Seite 98 + Als Charles Mr. Mac Charter zu sich auf die Flur + Als Charles Mr. Mac Carther zu sich auf die Flur + + Seite 102 + sich sich gerade am sichersten fühlten + sie sich gerade am sichersten fühlten + + Seite 102 + Einer von dieser sprang augenblicklich an Land + Einer von diesen sprang augenblicklich an Land + + Seite 103 + Eine Vierstelstunde später schossen um das Castell + Eine Viertelstunde später schossen um das Castell + + Seite 104 + es wirklich schon sobald in See gehen sollte + es wirklich schon so bald in See gehen sollte + + Seite 105 + glaubte nicht, daß wir sobald in See gingen + glaubte nicht, daß wir so bald in See gingen + + Seite 109 + wo die Motrosen gewöhnlich ihren Aufenthalt haben + wo die Matrosen gewöhnlich ihren Aufenthalt haben + + Seite 110 + den Zimmerman über seinen Thee entrüstet zu finden + den Zimmermann über seinen Thee entrüstet zu finden + + Seite 113 + gingen sie über Backbord Bug mit halben Wind + gingen sie über Backbord Bug mit halbem Wind + + Seite 113 + Vorstengenstagsegeln wie eiu Pfeil durch + Vorstengenstagsegeln wie ein Pfeil durch + + Seite 114 + dadurch unvermeidliche stete Hin- nnd Hergeworfenwerden + dadurch unvermeidliche stete Hin- und Hergeworfenwerden + + Seite 122 + Er hat Frau und Kind zu Hans + Er hat Frau und Kind zu Haus + + Seite 133 + nach ihn um und sah ihm starr ins Gesicht + nach ihm um und sah ihm starr ins Gesicht + + Seite 134 + Zehntes Kapitel. + Zehntes Capitel. + + Seite 144 + Leute -- wir Ihr wohl wissen werdet + Leute -- wie Ihr wohl wissen werdet + + Seite 150 + auch des Vormarssegel fest bekommen konnten + auch das Vormarssegel fest bekommen konnten + + Seite 154 + und füllte sich auf's neue sein Gles + und füllte sich auf's neue sein Glas + + Seite 161 + Zwölftes Kapitel. + Zwölftes Capitel. + + Seite 178 + Ringsum waren sie total von Karollenbänken eingeschlossen + Ringsum waren sie total von Korallenbänken eingeschlossen + + Seite 178 + Dreizehntes Kapitel. + Dreizehntes Capitel. + + Seite 183 + daß ich ihn überhaupt mit ins Bot haben will + daß ich ihn überhaupt mit ins Boot haben will + + Seite 184 + Das geht wahrwaftig nicht an + Das geht wahrhaftig nicht an + + Seite 211 + Ja, lacht nur Jungen; mir ist's rechts, aber + Ja, lacht nur Jungen; mir ist's recht, aber + + Seite 216 + was beinah wie breit Irihs klingt + was beinah wie breit Irish klingt + + Seite 225 + schnit sich dann in der Hand eine Pfeife + schnitt sich dann in der Hand eine Pfeife + + Seite 225 + Sechszehntes Kapitel. + Sechszehntes Capitel. + + Seite 227 + aufzustehen und Kaffe zu kochen + aufzustehen und Kaffee zu kochen + + Seite 234 + rief der Wilde jetzt deulich zu ihnen herüber + rief der Wilde jetzt deutlich zu ihnen herüber + + Seite 240 + Wir essen das naßgewordeue zuerst weg + Wir essen das naßgewordene zuerst weg + + Seite 241 + Siebenzehntes Kapitel. + Siebenzehntes Capitel. + + Seite 251 + Angriff gar tüchtig in Respeckt gesetzt + Angriff gar tüchtig in Respect gesetzt + + Seite 302 + Einundzwanzigstes Kapitel. + Einundzwanzigstes Capitel.] + + + + + +End of Project Gutenberg's Aus dem Matrosenleben, by Friedrich Gerstäcker + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 43913 *** |
