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| author | nfenwick <nfenwick@pglaf.org> | 2025-03-07 13:43:42 -0800 |
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You may copy it, give it away or -re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included -with this eBook or online at www.gutenberg.org - - -Title: Aus dem Matrosenleben - -Author: Friedrich Gerstäcker - -Release Date: October 8, 2013 [EBook #43913] - -Language: German - -Character set encoding: ISO-8859-1 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK AUS DEM MATROSENLEBEN *** - - - - -Produced by The Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net (This book was produced from scanned -images of public domain material from the Google Print -project.) - - - - - - - -[ Symbole für Schriftarten: _Antiqua_ : =gesperrt= ] - - - - - Aus dem Matrosenleben - - von - Friedrich Gerstäcker. - - - Der Verfasser behält sich die Uebersetzung dieses Werkes vor. - - - Leipzig, - Arnoldische Buchhandlung. - 1857. - - - - - Inhaltsverzeichniß. - - - Seite - Cap. 1. An Bord 1 - " 2. Der Markt zu Sydney 11 - " 3. Die Matrosenkneipe 20 - " 4. Die Flucht von Bord 34 - " 5. Die Entdeckung 53 - " 6. Sydney im Dunkeln 59 - " 7. Was das Geld vermag 89 - " 8. Die Ausfahrt 106 - " 9. Hans 116 - " 10. Die unterbrochene Execution 134 - " 11. Der Sturm 153 - " 12. Die Riffbank 161 - " 13. Das Wrack 178 - " 14. Die Mannschaft trennt sich 188 - " 15. Die Bootfahrt 202 - " 16. Der Morgenbesuch 225 - " 17. Die Landung 241 - " 18. Der Australische Busch 247 - " 19. Das Bivouak 270 - " 20. Bills Wacht 280 - " 21. Schluß 302 - - - - -Erstes Capitel. - -An Bord. - - -Captän an Bord? frug am Morgen des 2. August ein sonngebräunter, -breitschultriger -- Herr, muß ich sagen, denn er stack wenigstens in -feinen Tuchkleidern, mit einem hohen schwarzen Seidenhut und feiner -Wäsche. Seine breiten braunen Fäuste, die allen Glacéhandschuhen -ingrimmig Trotz boten und ihrem Eigenthümer in jeder anderen Kleidung -gewiß Ehre gemacht hätten, ließen aber weit sicherer auf einen -Arbeitsmann als auf ein Mitglied der »höhern Classen« schließen, -und doch schien er zu denen zu gehören, oder rechnete sich wenigstens -selbst dazu. - -Der Fremde stand in einem der gewöhnlichen Bayboote von Sydney, und -hatte die Fallreeps der herunterhängenden Schiffsleiter gefaßt, -während er zu dem oben über Bord sehenden Steuermann des »Pelican«, -der schon draußen in der Bay von Sydney lag und am nächsten Morgen -unter Segel gehen wollte, hinaufrief. - -»Ay, ay, Sir«, lautete die seemännische Antwort; der Fremde -sprang auf die Leiter und lief, nach einem paar mit den Bootsleuten -gewechselten Worten, die ihr kleines Fahrzeug gleich darauf festmachten -und seine Rückkehr zu erwarten schienen, an Deck. - -Das Deck des »Pelican« bot nichts außergewöhnliches dar. Die -Leute waren theils beschäftigt von dem am andern Bord liegenden -»Watertank«[1] Wasser einzunehmen, theils hie und da Kleinigkeiten -am Tauwerk auszubessern, oder ausgebessertes zu theeren. Der Zimmermann -kalfaterte das Deck, und die monotonen Schläge seines hölzernen -Hammers waren fast das einzige Geräusch an Bord, so still und ruhig -ging alles zu. - -So beschäftigt übrigens die ganze Mannschaft auch mit dieser oder -jener Sache schien, denn selbst der Mate oder Steuermann war dabei, die -Logleine auszumessen und neu zu »märken«, so müßig sahen sich zwei -junge Leute die Sache an, die ruhig an Deck auf- und abschlenderten, -und nur dann und wann bei einer oder der andern Gruppe stehen blieben, -einmal nach dem Boot hinunter sahen, und ihre Wanderung langsam wieder -fortsetzten. Sie trugen leichte Sommerhosen, kurze, dünne Jacken -und einen breitrandigen Strohhut von sogenanntem _cabbageleaf_ (der -Kohlpalme), um den ein breites, schwarzes Band befestigt war, mit den -gelb darauf gemalten Worten: »_water-police_.« - -Der Fremde ging nach einem flüchtigen über Deck geworfenen Blick, der -zum größten Theil dem Takelwerk galt, nach hinten, und stieg, ohne -einen von den Leuten weiter zu grüßen, die Cajütstreppe hinunter. - -»Kanntest du den?« frug einer der Polizeileute den anderen. - -»Nein«, sagte der Gefragte, »weißt du wie er heißt?« - -»Wirst schon noch seine Bekanntschaft machen«, lachte der erste -- -»es ist Capitain Oilytt vom Boreas, und will nach Calcutta. -- Das -Schiff ist auf Dienstag angezeigt.« - -»Noch niemand fortgelaufen von den Leuten?« - -»Noch nicht, aber wie ich gestern gehört habe, wollen sie morgen fort. --- Ich könnt's leicht hintertreiben, damit ist uns aber nicht gedient. --- Es sind Ausländer, der größte Theil wenigstens von ihnen, und wenn -erst einmal eine tüchtige Belohnung auf sie gesetzt ist, wollen wir sie -schon wieder kriegen.« - -»Wo gehen sie denn gewöhnlich Abends hin?« frug der zweite -- »hast -du sie schon im Auge gehabt?« - -»O, schon seit acht Tagen -- sie sind bis jetzt meistens im »Elephant -und Castle« in Pittstreet, und ein paarmal auch in einer von den -Kneipen in Kentstreet gewesen, es scheint aber, daß sie sich jetzt -weiter hinauf in Pittstreet gezogen haben. Es sind theils Franzosen, -theils Deutsche und nur vier Engländer an Bord, und dort oben herum -wohnen einzelne von ihren Landsleuten.« - -»Die werden sie dann aber auch nicht verrathen wollen«, meinte der -zweite, der noch nicht lange in seinen jetzigen Posten eingetreten war. - -»Nicht verrathen?« lachte der erste, »laß nur erst einen tüchtigen -Preis darauf stehen, dann ist mir vor dem Andern auch nicht bange. -Derart Leute wollen Geld verdienen, und die Art =wie= das geschieht, -ist ihnen gewöhnlich verdammt gleichgültig, so ihnen nur die Polizei -nichts dabei anhaben kann.« - -Capitän Oilytt war indessen, während dies für ihn so wichtige -Gespräch am Deck verhandelt wurde, in die Cajüte des Pelican getreten -und hatte mit dem am Tisch sitzenden Capitän die ersten Begrüßungen -gewechselt. - -»Also Morgen wollen Sie fort?« sagte er. »Wie ich sehe haben Sie -Polizei an Deck? Fürchten Sie, daß Ihnen noch einige von Ihren Leuten -weglaufen sollten?« - -»Ja und nein,« antwortete Capitän Howell vom Pelican. »Der Henker -traue den Schuften. -- Sie werden auf meinem Schiff so gut behandelt, -wie kaum auf einem anderen. Kein hartes Wort wird zu ihnen gesprochen, -keine unnöthige Arbeit wird von ihnen verlangt, mein Mate ist ein sehr -ruhiger ordentlicher Mann, und das Essen ist ebenfalls gut und nahrhaft; -in der Hinsicht können sie sich also über nichts beklagen. Das -verwünschte Gold steckt ihnen aber darum nicht minder im Kopf -- der -große Klumpen hat ja ganz Sydney verrückt gemacht, warum nicht auch -die Leute, und mit allen möglichen Schwindeleien werden sie überdies -noch, sobald sie nur einmal den Fuß an Land setzen von allen Seiten -bestürmt. All die sogenannten »Schlafbaasen« gehen ja darauf aus, -sie von den Schiffen abzulocken. Hat so ein Kerl sie dann in den Klauen, -dann zieht er sie aus bis auf den letzten Fetzen Kleidungsstücke oder -auf den letzten Penny an Geld, und verkauft sie dann wieder an ihr altes -Schiff oder an irgend ein anderes -- ihm gleich, wenn er nur seinen -Verdienst daraus zieht. Das wollen aber die Leute nicht einsehen, und -wenn sie auch tausend solcher Beispiele hören, so halten sie sich -selber doch immer für klüger, und denken, sie werden es schon besser -machen. Um mich deshalb vorzusehen, und nicht im letzten Augenblick -etwa noch sitzen zu bleiben, hab' ich lieber das Geld angewandt mir die -Polizei auf's Schiff zu nehmen bis ich absegle, und ich glaube das Geld -ist nicht gerade unnütz ausgegeben.« - -»Wie viel zahlen Sie für die Polizeiaufsicht täglich?« frug Oilytt. - -»Für jeden Mann eine Guinee«, erwiederte der Capitän des Pelican, -»es ist theuer, läßt sich aber doch nun einmal nicht ändern.« - -»Eine Guinee?« rief Oilytt erstaunt -- »na, da dank ich. Dafür kann -ich meine Leute selber bewachen. Ueberdies halt ich gar nicht so viel -von dem, was sie auf See »gute Behandlung« nennen. Die Leute müssen -natürlich ihr ordentliches Essen und Trinken, ihren Brandy oder Rum -haben, nachher aber auch wissen wen sie vor sich sehen, und ich, für -meinen Theil, habe wenigstens stets mit Strenge mehr ausgerichtet als -mit Güte und Zureden. Sie wollen wahrhaftig gar nicht gut behandelt -sein und lachen Einen nur dafür hinter dem Rücken aus. Wenn ich nur -mit den Augen blinze, wissen sie schon was die Glocke geschlagen hat, -und Gnade Gott dem, der da noch mukst. -- Sie muksen aber auch nicht.« - -Der Steward, der Wein und Gläser auf den Tisch gesetzt hatte, sah den -Sprecher mit einem halb verächtlichen, halb höhnischen Lächeln -von der Seite an, war aber gleich wieder ganz ernsthaft, als dieser -zufällig zu ihm aufschaute. - -»Und wann gedenken Sie zu segeln?« frug Capitän Howell den anderen, -»Sie liegen am Slip, nicht wahr?« - -»Ja, am Patent Slip, Montag Morgen will ich die noch übrigen Pferde -einnehmen, und Dienstag Morgen leg' ich in die Bay hinaus -- ist der -Wind gut, so geh ich noch Dienstag Abend, oder spätestens Mittwoch -Morgen in See.« - -»Weggelaufen ist Ihnen noch keiner von Ihren Leuten?« - -»Nicht ein einziger«, lachte Oilytt, »ja, sie haben zu viel Respect. -Sie wissen recht gut, wieder krieg' ich sie doch, und nachher ging's -ihnen erbärmlich.« - -»Mit dem Wiederkriegen ist es aber doch eine mißliche Sache«, sagte -Howell kopfschüttelnd, »und ich würde mich an Ihrer Stelle nicht zu -sicher darauf verlassen. Aber wenn auch, ich setze den Fall Sie bekommen -sie, mit hoch darauf gestellten Belohnungen wirklich wieder, kostet Sie -das weniger als die paar Pfund Sterling, die sie jetzt an die Polizei -ausgeben?« - -»Das kostet mich gar nichts«, lachte Oilytt, »das versteht sich -doch von selbst, daß die ausgesetzte Belohnung für das Einfangen die -eingefangenen Schufte auch selbst bezahlen müssen, und dafür hab' ich -schon gesorgt, daß sie dazu noch alle genug zu gut haben.« - -»Und Ihre Zeit? das andere ist das wenigste. Rechnen Sie aber einmal -was Sie allein an Futter und Wasser für Ihre Thiere, die Sie an Bord -haben, =mehr= brauchen. Außerdem müssen Sie dann sogar noch Leute -für 6 Schilling den Tag miethen, die Ihnen nur die nöthigsten Arbeiten -besorgen. Ich will nichts davon sagen, wenn man keine Polizei an Bord -nimmt, sobald man noch acht oder vierzehn Tage im Hafen zu liegen hat; -die Kosten wären sonst zu bedeutend. Wer aber schon den größten Theil -seiner lebendigen Fracht eingenommen, und in ein oder zwei Tagen zum -Absegeln gekommen ist ohne Leute zu verlieren, der sollte auch die paar -Pfund Sterling nicht scheuen. Die Verführung ist jetzt zu groß; man -kann auf die besten Leute nicht mehr mit Bestimmtheit rechnen. Aber -wir wollten ja über unsere Passage sprechen -- Sie gedenken durch -Torresstrait[2] zu gehen?« - -»Ich weiß noch nicht«, sagte Oilytt, indem er sein Glas austrank und -wieder füllte; »ich mag mich nicht gerne in die verdammten Klippen -hineinwagen. -- Am liebsten ging ich um den Süden, wenn man jetzt nur -trauen dürfte wie's mit dem Wind steht, und nachher nicht die ganze -Reise gegen den Monsun anzupeitschen hat. Sind Sie schon einmal durch -die Torresstrait gegangen?« - -»Nein«, sagte Capitain Howell; »aber die jetzt darüber -ausgefertigten Karten sollen ausgezeichnet sein, und ich werde -jedenfalls die Passage von Raines Eiland versuchen.« - -Die beiden Capitäne unterhielten sich jetzt noch eine Zeitlang über -die Torresstraße, wie einige andere Geschäftssachen, und Capitän -Oilytt nahm endlich Abschied und stieg wieder in sein Boot hinunter, das -ihn rasch nach dem Circular Werft hinüberruderte. - -»Da fährt auch Einer,« sagte ein Matrose oben in den Marswanten, -wo er die Pardunen theerte, zu seinem Cameraden, der mit dem Fetttopf -zwischen den Zähnen eben von oben niederglitt und dicht neben ihm -Posto faßte -- »da fährt auch Einer, wo ich ebenso gern in der Hölle -wäre, als daß ich sein Biscuit kaute.« - -»Das ist der Capitän vom Boreas«, sagte der andere, »nicht wahr? der -Kerl sieht auch gleich so aus, als ob er einen Monat in heißem Pfeffer -gelegen und nachher mit Essig abgerieben wäre. Es ist zum Tod zu -verwundern, daß ihm noch keiner von den Leuten weggelaufen ist.« - -»Lauf du jetzt einmal weg, wenn du Lust hast«, lachte der erste, »sie -werden wohl nicht können.« - -»Nicht können? dicht am Land liegt das Schiff, und keine Seele -von Polizeidiener an Bord. Da wollte ich einmal den Steuermann oder -Bootsmann oder selbst Polizeidiener sehen, der mich hindern sollte nicht -allein mich selbst, sondern auch meinen Kleidersack fortzuschaffen. Ne, -die Burschen müssen etwas anderes auf der Wippe haben, oder sie wären -nicht so lange geblieben. Vielleicht warten sie auch nur bis zum letzten -Augenblick. -- Die Geschichte ist aber faul wenn sie sich da nicht -vorsehen, kann's ihnen am Ende gerade so gehen wie uns. Hätt' ich mich -damals nicht von dir abreden lassen, so säß ich jetzt vielleicht ganz -bequem oben in den Minen, und fände Stücke Gold wie mein Kopf groß. -Das Matrosenleben soll doch der Teufel holen, sobald er nur im mindesten -Lust dazu spürt.« - -»Ja und das Minenleben soll noch viel ärger sein«, meinte der andere --- »d. h. man ist freilich sein eigener Herr dort, das ist richtig -- -mit dem Verdienst ist's aber auch dafür desto unsicherer, denn an die -großen Klumpen glaub' ich nun einmal nicht.« - -Der eine glitt mit seinem Fetttopf weiter nach unten, und das Gespräch -war abgebrochen. - - - - -Zweites Capitel. - -Der Markt in Sydney. - - -Ein Sonnabend Abend in Sydney ist das lebendigste, was die sonst gewiß -nicht todte Stadt nur irgend aufzuweisen hat. Alles scheint auf den -Beinen zu sein, und wen nicht besondere Geschäfte hinaustreiben, den -läßt die Neugierde schon nicht zu Hause, und er muß wenigstens einmal -»durch den Markt gehen.« - -Der englische Sonntag trägt hiervon allein die Schuld. Da er sehr -streng gehalten wird, kann man an diesem Tag natürlich gar Nichts zu -kaufen bekommen. In vielen, sehr orthodoxen Haushaltungen, wird -sogar schon am Sonnabend Alles für den Sonntag gekocht, gebraten und -vorbereitet, damit der Sabbath durch nichts Alltägliches entweiht -werde. Der äußerste Termin aber, für Fromme und Nichtfromme, was -man braucht noch zu bekommen, ist der Sonnabend Abend, und Fleischer, -Gärtner, Obst- und Blumenhändler, überhaupt Alle, die nur irgend -etwas Wirthschaftähnliches zu verkaufen haben, drängen sich an diesem -Abend herzu, es auszulegen. - -Jeder wetteifert dabei mit dem Andern, seinen Stand so einladend als -möglich herzurichten, und ganz besonders schmücken die Fleischer -ihre Buden mit fetten Hammeln und feisten Ochsen. Große Brode von -ausgelassenem Talg bilden die Säulen, und hie und da bringt ein -ausgeschlachtetes und bei den langen Hinterläufen aufgehangenes -Känguruh oder Wallobi, Abwechselung in die sonst etwas monotonen -Fleischspeisen. - -Der Markt von Sydney besteht aus vier langen, hohen, luftigen und -höchst praktisch eingerichteten Gebäuden, die übrigens noch auf eine -bedeutende Vergrößerung der Stadt berechnet waren, denn sie wurden -damals nur zur Hälfte benutzt. Eines stand wenigstens ganz leer, und -ein zweites hatte einen sehr geringen Theil seiner Stände erst in -Gebrauch. - -Das eine von diesen ist ausschließlich für rein animalische -Erzeugnisse bestimmt, und hier fallen neben den Schlächtern am -meisten die reinlichen Butter- und Käsestände ins Auge; mit ihren -aufgehäuften Massen von Hühner- und Enteneiern, mit ihren Schmalz- und -Butterkufen, und den gelb glänzenden, hell durchschnittenen Käsen, -die den Vorübergehenden aus ihren tausend Argusaugen verlangend -nachschauen. - -Neben diesem befinden sich ebenfalls die Stände mit Geflügel, mit -diesem aber gehts den Bewohnern von Sydney wie mit dem Fleisch, sie -haben keine Abwechselung darin, weil ihnen das =wilde Geflügel=, wilde -Enten ausgenommen, fehlt, und immer und ewig sind Hühner, Tauben oder -Truthühner das einzige was ihrem Gaumen geboten wird. Im Land drin gibt -es allerdings hie und da viel kleine Rebhühner, Wachteln und einige -andere Arten; wer die schießt, ißt sie aber auch gewöhnlich selber, -und sie kommen nicht auf den Markt. - -Aus diesen Tausenden, der menschlichen Gier gemordeten Leben, tritt man -jedoch in ein viel freundlicheres Bild ein, sobald man den schmalen -Gang überschreitet und in das andere, rein vegetabilischen Erzeugnissen -bestimmte Gebäude kommt. Die vorragendste Stellung nehmen hier -unstreitig die in wahren Unmassen aufgestapelten und geschütteten -Orangen oder Apfelsinen ein. Die australische Orange ist dabei -vorzüglich, und im Verhältniß auch billig genug, und wird -viel consumirt. Ueber diesen hängen Ananas von Moreton-Bay, und -aufgeschichtete Wände von Blumenkohl und anderen Gemüsen bilden den -Hintergrund. Es war jetzt gerade nicht die eigentliche Fruchtzeit, sonst -hätten auch noch Pfirsiche und Feigen einen nicht unbedeutenden Platz -hier angefüllt. - -Am schwächsten war der Blumenmarkt vertreten -- die Australier haben -wenig Sinn für Blumen -- auf dem ganzen Markt wäre kein schöner -geschmackvoller Strauß aufzufinden gewesen. - -Blumen sind aber auch das, wonach die Menschen am wenigsten verlangten. --- Etwas Compactes wollten sie haben, Roastbeef und Blumenkohl oder -Weißkraut -- Hammelskeulen und Zwiebeln -- was halfen ihnen die Blumen, -die waren ja doch nur zum Ansehen. - -Durch dieses »Vegetabilische Marktgebäude«, wenn ich es so nennen -darf, schlenderten langsam, und mit der Miene von Leuten, die nichts auf -der Gotteswelt, am wenigsten aber Zeit zu verlieren haben, vier Matrosen --- der erste Blick auf ihre weit zurückgesetzten Hüte und blauen -Jacken ließ sie als solche erkennen -- und sahen sich ziemlich -gleichgültig die rechts und links aufgestapelten Fruchtmassen, und -zu ihrer Schande muß ich's gestehen, ebenso gleichgültig auch -die manchmal wirklich lieben und freundlichen Gesichtchen an, die -geschäftig zwischen den einzelnen Ständen hin- und herglitten, -und ihre Einkäufe für den morgenden Tag besorgten. Sie waren eben -hierhergekommen, weil sie alle anderen Menschen hatten hierher gehen -sehen, und ihr Spaziergang schien eher den Grund zu haben, ihre Beine -wieder einmal »gegen Straßenpflaster zu reiben« als irgend etwas -anderes. - -»Du, Jack«, sagte da endlich der eine von ihnen zu dem vorangehenden, -»braß einmal hier einen Augenblick back und leg ein halb Dutzend von -den Apfelsinen ein.« - -»Hast du Geld?« wandte sich der also Angesprochene langsam nach ihm -um -- »mir hat der Alte heute Abend keinen Penny geben wollen. -- Er -sagte, er hätte es heute ganz vergessen Geld mitzubringen, wir sollten -aber morgen früh jeder ein Pfund haben, und dann möchten wir noch -einen Sonntag Abend, wenn wir wollten, an Land gehen -- den Dienstag -Morgen legte er in die Bay hinaus. Er war verdammt gesprächig.« - -»So? dann traue ich ihm gerade am allerwenigsten«, meinte der andere, -»er hat übrigens höllische Angst daß wir ihm auskneifen, und -verdient hätt' er's zehnmal. -- Wenn man nur wegkommen könnte. Die -Straße in die Minen soll ganz besetzt mit Polizeidienern sein, und -hier versteckt Einen auch niemand. -- Die Strafe ist zu groß, wenn sie -erwischt werden.« - -»Du, sprich nicht so laut«, sagte der dritte -- »ich habe da hinten -eben unseren Steward gesehen, der Grünes einkaufte. Wenn der ein Wort -aufschnappen kann, bringt er's dem Alten brühheiß wieder. Das wäre so -Wasser auf seine Mühle -- er traut uns überhaupt nicht.« - -»Hat auch alle Ursache dazu«, brummte der erste, und zog sich die -Hosen etwas höher über die Hüften -- »wie ich wenigstens jetzt -gestimmt bin, trau' ich mir selber nicht, und sollte mich gar nicht -wundern, wenn ich mich morgen oder übermorgen früh einmal in irgend -einem dunklen aber sicheren Winkel weggestaut fände, und dort krumm -läge, bis der Boreas beim -- Boreas wäre -- oder sonst wo, wohin er -immer Lust hat. Es ist schon schlimm genug bei dem alten Schuft Matrose -zu sein, wie viel weniger denn Pferdejunge.« - -Der eine von ihnen, der etwas Geld bei sich hatte, war bei dem nächsten -Obststand stehen geblieben und hatte seinen Hut voll Apfelsinen gekauft. - -»Wo sind denn die übrigen?« frug er seinen Cameraden, als er sie -wieder eingeholt, »ich dachte, es hätte uns heute Abend irgend jemand -irgendwo sprechen wollen?« - -»Die sitzen im goldenen Kreuz in Pittstreet«, lautete die Antwort, -»ein Irländer hat dort eine Schenke, und da wollten wir heute Abend -zusammenkommen.« - -»Aber was machen die Deutschen und Franzosen bei dem Irländer?« - -»O, er hat eine Frau, vom Rhein glaub' ich, die deutsch und -französisch spricht -- und dann ist noch ein wunderhübsches Mädchen -im Hause -- Jean hat sich schon sterblich in die verliebt.« - -»Das passirt Jean sehr oft«, sagte der Engländer trocken -- »Das -könnte er billiger haben. Aber kommt; es wird Zeit -- es muß schon -acht Uhr sein.« - -»Zum Donnerwetter -- da ist der Alte« -- rief plötzlich der eine von -ihnen, und als sie sich umsahen, war ihr würdiger Capitän auch schon -dicht hinter ihnen. Er sah sie aber nicht -- die breiten Schultern -suchten sich, herüber und hinüber arbeitend, Bahn durch das Gedränge -zu brechen, und jedenfalls hatte er irgend ein Ziel dem er nachstrebte, -denn er schaute weder rechts noch links, und das Gebäude entlang -konnten sie der langen riesigen Gestalt mit dem dicken rothen Gesicht, -mit den Augen folgen. - -»Da schwimmt er hin«, sagte der erste lachend -- »mit einer -fliegenden Fahrt vor dem Wind. Möchte nur wissen auf was er Jagd -macht.« - -»Wahrscheinlich auf das kleine Fahrzeug da vor ihm, mit dem -schwarzseidenen Jäckchen. Ob er uns wohl gesehen hat? Er guckte aber -gar nicht her.« - -»O Gott bewahre«, lachte ein anderer. »Der nahm eben ganz genaue -Peilung voraus und scheert sich auch überhaupt den Teufel um uns. -Sobald wir nur immer zur rechten Zeit an Bord kommen und kein Geld von -ihm wollen, sind wir ihm gut genug. In allem anderen können wir zum -Teufel gehen. Aber kommt, wir halten hier gerade durch Georgestreet -durch und die kleine Straße hinunter. An der nächsten Ecke gehen wir -über Stag, und dann haben wir reines Fahrwasser, bis wir das goldene -Kreuz über der Thüre sehen.« - -Die vier Matrosen verließen das Marktgebäude und gingen Marktstreet -hinunter nach Pittstreet zu, der sie aufwärts folgten. Am Courthaus -standen zwei Männer in dunklen Ueberröcken und Mützen. Sie sahen den -Matrosen nach, und der eine von ihnen sagte leise: - -»Weißt du von welchem Schiff die sind? im Markthaus machte mir der -eine ein paar sehr verdächtige Bemerkungen; ich möchte wohl wissen wo -sie hingehen. Wenn ich nicht irre, so nannte der eine den Namen Boreas --- sind sie von dem Schiff, so können wir nur immer die Augen offen -haben.« - -»Weit marschiren werden sie nicht«, sagte der zweite, »und da -brauchen wir ja nur einmal mitzugehen.« - -Die beiden Männer folgten langsam den vier Matrosen, bis diese in der -Thür des goldenen Kreuzes verschwanden -- dann blieben sie auf der -anderen Seite der Straße stehen. - -»Wollen wir einmal hinein?« sagte der eine. - -»Ja, aber jetzt noch nicht«, entgegnete ihm der andere -- »es ist -noch zu früh. Wir müssen ihnen ein Weilchen Zeit lassen, bis sie erst -ein halb Duzend Gläser im Kopf haben.« Und mit diesen Worten gingen -sie langsam die Straße wieder hinunter nach dem Theater zu, wo um diese -Zeit das regste Leben war. - -Laß sie gehen, lieber Leser -- es sind zwei verkleidete Polizeidiener, -und die melden sich immer schon von selber wieder. Wir wollen indessen -einmal in das goldene Kreuz treten, und zusehen ob sie da drinnen guten -Portwein haben. - - - - -Drittes Capitel. - -Die Matrosenkneipe. - - -Das goldene Kreuz zeichnete sich vielleicht in nichts, als eben seinem -frommen Aushängschild vor den übrigen tausend Schenken Sydney's aus, -wo der Wirth über der Thür die vom Staat erhaltene Erlaubniß mit den -stereotypen Worten anzeigt: »_Licensed to sell spirituous and fermented -liquors_,« was er sich selber übersetzt -- »Du darfst jeden Schund -verkaufen den man nur in eine Flasche gießen, und aus einem Glase -trinken kann.« - -Im Innern sah es aber reinlich und selbst behaglich genug aus, denn es -ist kaum so sehr des Wirths Vortheil seine Gäste hereinzulocken, als -sie nachher darin zu halten. Das große mittlere Fenster, das die halbe -Wand einnahm, war inwendig mit weißer Farbe leicht überstrichen und -nur auf den Scheiben prangten oben die Worte »Wine Vaults«, und rechts -und links »London Porter« und »Baß's Ale«, zierlich mit Wein und -Hopfenreben umrankt. Im Innern aber standen oben auf den blank lackirten -Gefachen messingbeschlagene kleine Fäßchen, mit ihrem Inhalt -in sauberen goldenen Buchstaben darauf verzeichnet, und reinliche -geschliffene Caraffen mit neusilbernen gravirten Schilden. - -Nur rechts und links war das schwere Geschütz, eine dunkle -Batterienmasse von Ale- und Porterflaschen mit ihren bleiernen Deckseln, -aufmarschirt, und unten lagen kleine rundbäuchige weiße Glasflaschen, -fest zugebunden, mit Sodawasser und moussirender Limonade, wie denn auch -an der Wand eine Hand mit einer daringehaltenen Sodaflasche die werthe -Adresse des Fabrikanten jedem verkündigte, der sich nur die Mühe geben -wollte sie zu lesen. - -Auf dem Ladentisch waren die nach unten niedergehenden Pumpen mit -elfenbeinernen Knöpfen angebracht, _draught Ale and Porter_ gleich -frisch heraufzuziehen und rings im Zimmer aufgestellte Tische und -Stühle mit kleinen, heimlichen, hölzernen Verschlägen, in die nur -höchstens immer vier Menschen hineinpaßten. Diese hatten statt der -Thüren Gardinen. - -Hinter dem Schenktisch stand auf der einen Seite der Wirth, eine -vierschrötige pockennarbige Gestalt mit rothen Haaren und kleinen aber -verschmitzten Augen, und einem besonderen humoristischen Zug um -den Mund. Es war der Irländer Mac Carther und der Eigenthümer des -goldenen, und eines anderen Kreuzes, das mit weißer Schürze und -kleiner blumenbesetzter Mütze an der anderen Seite hinter dem -Schenktisch stand, und die bestellten Gläser füllte. Das flinke -Schenkmädchen, Polly, trug sie dann an den Ort ihrer Bestimmung, und -cokettirte dabei nach besten Kräften mit den Gästen. Mac Carther zog -die Propfen aus den Flaschen und spülte die Gläser aus. - -Mrs. Mac Carther kann ich mit wenigen Worten schildern -- Sie war eine -Elsässerin mit schwarzen Haaren und schwarzen Augen, etwa 30 Jahr alt, -was man ihr aber kaum ansah, und von resolutem festem Charakter, wie -denn auch Mac Carther, der sonst gewiß nicht zu den Schwächlingen -gehörte, nicht umhin konnte zu bezeugen. Daran war kein Zweifel, -sie regierte das Kreuz, und da sich dasselbe unter den zarten Händen -ungemein wohl befand, und an Gästen und Einnahmen fast wöchentlich -wuchs, fügte sich auch Mac Carther sehr gern dieser Autorität, und -begnügte sich, daneben nur noch allerlei kleine Beigeschäfte auf seine -eigene Hand zu treiben. Doch davon später. - -Polly war das Muster eines Sydney-Schenkmädchens; drall und schlank -gewachsen, und mit ein paar Augen, die denen ihrer Herrin an -Schwärze und Feuer wahrlich nicht nachstanden, die sie selber aber an -jugendlicher Frische weit übertraf. Mrs. Mac Carther war aber deshalb -nicht im mindesten eifersüchtig. -- Gerade diese »jugendliche -Frische« zog ihr allabendlich so und so viel mehr Gäste in das Haus, -und deshalb hatte sie Polly eben zum Schenkmädchen angenommen. - -Es war noch nicht spät am Abend; darum hatten sich auch noch nicht so -viel Gäste eingefunden. Nur an zweien der Tische saßen die Leute vom -Boreas, fünf Deutsche und drei Franzosen, und tranken, die ersteren -Ale, die anderen Claret. Polly brachte den letzeren eben eine frische -Flasche auf den Tisch, und Jean hatte die Hand gefaßt, die sie nach -der geleerten ausgestreckt. Sie sah ihn lächelnd an und versuchte sich -leise loszumachen. - -»Polly«, sagte der junge hübsche Matrose, und legte ihr die linke -Hand auf die Schulter -- »du bist auch heute Abend wieder einmal recht -häßlich, und willst mich gar nicht ansehen -- hab ich dir irgend etwas -zu leid gethan?« -- Er sprach das Englische etwas gebrochen, es klang -aber doch gut und das Mädchen schüttelte lachend den Kopf. - -»Nichts zu leid gethan, Mr. Jean, aber los lassen müßt ihr mich, denn -Missis sieht schon scharf nach mir herüber und ich habe viel zu thun. --- Da kommen noch andere Gäste.« - -»Polly, ich habe dir etwas zu sagen«, flüsterte ihr Jean jetzt leise -und rasch in's Ohr -- »willst du mir nachher nur auf wenige Secunden -hinausfolgen?« - -»Ich weiß noch nicht«, sagte das Mädchen halblaut und machte sich -von ihm los. Die Augen wußten es aber und sagten ja, und Jean leerte -sein Glas auf einen Zug. - -»Hallo, schon wieder so geschäftig?« lachte Bill, der zuerst -eintretende von den englischen Matrosen, »da ist ja die ganze -Bescheerung bei einander, und Jean hat alle Hände voll zu thun, wie ich -sehe. Guten Abend Mac Carther, guten Abend Missis -- jung und schön wie -eine Rose -- aber nicht wie die letzte -- heh Missis? -- Was trinkst du, -Jack, und du Bob -- wie? Jims Geschmack kenne ich schon, der hält's wie -ich, mit Brandy und Wasser!« - -Die viere traten zum Schenktisch und tranken, und setzten sich dann an -den, an der hinteren Wand quer vorstehenden langen Tisch, wohin ihnen -die anderen bald darauf mit ihren Flaschen und Gläsern folgten, und -ein leises Gespräch mit einander begannen. Außer den Leuten vom Boreas -waren nur noch wenige andere Gäste im Zimmer, und der Wirth, der eben -erst noch zwei Porterflaschen für die Letztgekommenen geöffnet hatte, -rückte sich nach einer kleinen Weile einen Stuhl mit zu ihnen, sprach -aber noch kein Wort. Er schien etwas auf dem Herzen zu haben. - -»Wer ist denn das, der uns heute hier sprechen wollte«, sagte Jean -endlich, sich zu ihm wendend, »heraus mit ihm und mit dem was er zu -sagen hat. Ich kann heute Abend nicht lange hier bleiben, und wir sind -jetzt so ziemlich alle zusammen.« - -»Hm«, sagte Mac Carther, und warf einen anscheinend gleichgültigen -Blick über das Zimmer, der übrigens keinen der sonstigen Gäste, so -flüchtig er auch über ihnen hinstreifen mochte, unbeobachtet ließ. -Gleich darauf als ob ihn diese Rundschau befriedigt hätte, bog er sich -über den Tisch etwas vor und sagte mit leiser Stimme, die Umsitzenden -dabei alle mit den Augen musternd: - -»Seid Ihr gesonnen an Bord zu bleiben, oder wollt Ihr hier in der Stadt -eine Beschäftigung haben? -- Das heißt -- versteht mich wohl -- ich -weiß nicht was Ihr für einen Contract an Bord habt; geht mich auch gar -nichts an. -- Hält Euch aber nichts dort, so weiß ich Euch hier eine -Stelle, wo Ihr mit Bequemlichkeit Eure sechs bis acht Schilling den Tag -verdienen könnt -- und dafür müßt Ihr eine ganze Woche an Bord wie -die Pferde arbeiten. Sind welche von Euch Segelmacher?« - -»Vier von uns sind gelernte Segelmacher« -- sagte der eine Deutsche, -»und die anderen verstehen meist alle genug davon, die laufenden -Arbeiten verrichten zu können.« - -»Das wäre dann noch besser, die verdienen jetzt noch mehr mit -Zeltmachen«, sagte der Wirth sinnend. »Habt Ihr noch Geld zu gut, oder -sind welche unter Euch, die vielleicht selber etwas anfangen können?« - -»Ich habe 600 Franken«, sagte Jean rasch, »und Lust genug hier für -immer an Land zu bleiben, wenn nur« -- er hielt inne und sah forschend -nach Polly hinüber, diese aber warf ihm einen freundlichen Blick zu und -Jean schien dadurch plötzlich zu einem Entschluß gekommen. -- »Was -wollt Ihr mit uns thun? -- was könnt Ihr? -- heraus mit der Sprache und -haltet nicht so lange hinter dem Berge.« - -»Ich?« sagte der Wirth erstaunt -- gab ihm aber doch dabei ein Zeichen -nicht so laut zu sprechen -- »ich? was ich mit Euch will? -- gar -nichts. -- Was kann ich mit Euch wollen. Ich frage Euch nur Euretwegen, -und habe Euch schon gesagt, ich weiß gar nicht und kann nicht wissen, -wie Ihr mit dem Schiff steht. So viel aber ist gewiß -- jetzt wäre die -Zeit hier in Sydney für einen jungen Mann sein Glück zu machen, und -wer das mit Füßen von sich stößt, der hat es nachher selber zu -verantworten.« - -»Ja, das ist Alles recht gut, aber wie können wir vom Schiff -loskommen?« sagte der eine Engländer -- »und wenn wir los sind, denn -das wäre noch das wenigste, wo können wir bleiben? Wir müssen -erst einen Zufluchtsort hier am Ufer haben, und einen =sicheren= -Zufluchtsort, denn sonst ist die Sache nachher verdammt Essig. Vom -Schiff hat jeder von uns allerdings noch zu gut, das wißt Ihr aber -selber wohl, können wir nicht bekommen, und das einzige was wir im -Stande sind mitzunehmen, sind vielleicht unsere Kleider. Wer soll uns -nachher aufnehmen und wer wird uns so lange Credit geben?« - -»O, so viel sind unsere Kleider schon werth«, sagte ein anderer. »Wo -die so lange in Versatz bleiben, können wir auch ein paar Tage essen -und trinken, bis das Schiff fort ist, und mit dem hohen Lohn hier sind -wir dann leicht im Stande, unsere Schulden wieder abzutragen.« - -»Ich will Euch was sagen«, meinte da Mac Carther und bog sich zu ihnen -über den Tisch hinüber -- »wenn Ihr meinem Rathe folgen wollt, so --« -In diesem Augenblicke fiel hinter dem Schenktisch ein Glas herunter -und zerbrach klirrend am Boden. Mrs. Mac Carther hatte es fallen lassen. -Mac Carther fuhr aber, ohne sich dadurch irre machen zu lassen, ja ohne -den Kopf dorthin zurückzudrehen, ruhig und langsam fort -- »so malt -Ihr Euer Schiff mit einer hellen Farbe und nicht mit Schwarz. -- In dem -heißen Klima wohin Ihr geht zieht Schwarz die Sonne viel zu sehr an, -während eine hellere Farbe das Holz ungemein conservirt.« - -»Aber was zum Donnerwetter geht uns denn in diesem Augenblick die Farbe -an, wo wir --« - -»Nichts mit dem Bezahlen des Schiffes zu thun haben«, unterbrach Mac -Carther den Engländer, indem er ihm zugleich einen warnenden Blick -zuwarf -- »das weiß ich wohl, ich sage nur ich thäte das, wenn ich -Capitän von einem Schiff wäre, und in ein heißes Klima hinaufginge.« - -Während er noch sprach, waren unsere beiden Bekannten vom Markthaus -in das Zimmer, und gerade als das Glas zerbrach, dicht hinter den Wirth -getreten, und ließen sich jetzt an demselben Tisch nieder, wo sie eine -Flasche Porter verlangten. - -Der Wirth ging hin diese zu öffnen, und das Gespräch war für den -Augenblick abgebrochen. Die Matrosen merkten bald genug, daß Mac -Carther seine wohlbegründete Ursache haben mußte, in Gegenwart der -beiden Fremden weiter nicht über die bewußte Sache zu reden. Jean -stand auf, blinzte Polly mit den Augen zu und ging hinaus an die -Hofthür. Wenige Minuten später stand das wunderhübsche Mädchen -an seiner Seite und legte ihre Hand in die ihr dargebotene Rechte des -jungen Mannes. - -»Polly«, sagte Jean, und zog die nur leise Widerstrebende fester an -sich -- »ich habe keine Zeit zu großen Umschweifen, ich will dich auch -gar nicht mit langen Redensarten plagen. Hör mir nur wenige Secunden zu -und sage dann ja oder nein.« - -»Aber ich weiß ja nicht --« - -»Du sollst es gleich erfahren« unterbrach sie der junge Franzose -- -»ich bin des Seefahrens, ja überhaupt des Herumschweifens satt. -Zehn Jahre lang habe ich mich nun in der Welt und in allen Welttheilen -umhergetrieben, und bin nicht im Stande gewesen etwas für ein reiferes -Alter zu thun -- es liegt auch das eigentlich nicht im Blut meiner -Landsleute. Hier aber, glaub ich, ist der Zeitpunkt gekommen wo ich -etwas Besseres ergreifen kann, doch allein will ich das nicht thun. -- -Willst du mir helfen, Polly? willst du -- mein Weib werden?« flüsterte -er leise, sich zu ihr niederbeugend und ihr einen heißen Kuß auf die -Stirn drückend. - -»_Do'nt -- do'nt_«, bat das Mädchen flüsternd, und suchte sich von -ihm loszumachen. Es war ihr aber nicht recht Ernst damit, denn Jean -konnte sie leicht zurückhalten; doch dringender bat er jetzt. - -»Antworte mir, Polly. -- Von dir hängt es ab ob ich in Sydney -- -in Australien bleiben soll oder nicht. -- Sagst du ja, dann sollst du -einmal sehen wie tüchtig ich arbeiten kann, und haben wir uns etwas -verdient, dann kehren wir nach meinem schönen Frankreich zurück. -- Es -soll dir schon gefallen in der Provence. -- Aber du sagst ja kein -Wort, und ich weiß doch, daß du dich in den Verhältnissen hier nicht -glücklich fühlst, nicht glücklich fühlen kannst.« - -»Glücklich?« sagte das Mädchen leise und schüttelte wehmüthig mit -dem Kopf -- »es ist ein schreckliches Leben fortwährend dem wüsten -Trinken und Treiben zuzusehen. -- Aber was soll ein armes Mädchen -anderes thun -- und es ist doch immer ein ehrlicher Unterhalt.« - -»Und sagst du =ja=, Polly?« bat der junge Mann dringender, und küßte -die jetzt nicht mehr widerstrebenden rosigen Lippen -- »sagst du ja?« - -»Komm nur erst an Land«, flüsterte Polly, und ehe er es sich versah, -war sie ihm unter den Händen fort und ins Haus geschlüpft. Mit -leuchtenden Augen folgte ihr aber Jean, und war auch gar nicht böse -darüber, daß sie seinen suchenden Blick im Anfang vermied und sich -mit ihrer Arbeit eifrig beschäftigte, während sie Mrs. Mac Carther -ausschalt, was sie draußen herumzustreifen habe, indessen in der Stube -alles drunter und drüber ging. - -In derselben Zeit übrigens, in der Jean draußen zu einem Entschluß -gekommen war, hatte sich auch in der Stube selber manches geändert. Die -beiden Polizeidiener, welche Mrs. Mac Carther ebenso gut kannte als ihr -Mann das Vorsichtszeichen mit dem klirrenden Glas, waren, als sie sahen, -daß sie weiter nichts Besonderes hören und erfahren konnten, weiter -gegangen. Dafür aber war ein neuer Besuch gekommen, und zwar der -Steward vom =Pelican=, der früher mit einem der Engländer auf ein -und demselben Schiff gefahren, und heute Abend noch einmal in die Stadt -gemußt hatte, mehreres Vergessene an Gemüsen und Früchten für das -morgen früh in See gehende Schiff einzukaufen. Er wußte wo die Leute -vom Boreas heute zusammenkamen, und schien sie dort aufgesucht zu haben. -Als Jean hereinkam, waren sie im eifrigsten Gespräch. -- »Und ich sage -Euch«, behauptete der Steward auf einen der Gegeneinwürfe Bills, »daß -ich heute morgen mit meinen eigenen Ohren und aus dem eigenen Munde -Eures Capitäns gehört habe, wie er morgen früh um sechs Uhr mit -dem kleinen Dampfschiff The Brothers in die Bay hinauslegen will. -- -Dasselbe Boot soll ihm auch dann am Montag Morgen die noch fehlenden -Pferde hinausbringen und dann geht er auch wahrscheinlich noch den -Montag Mittag in See. Euer Capitän war heut zweimal bei uns an Bord -- -das erstemal that er furchtbar dick, das zweitemal schien er sich -aber doch besser besonnen zu haben, und will Euch vor allen Dingen in -Sicherheit bringen. Ihr seht also daß Ihr keine Zeit mehr zu verlieren -habt.« - -»Seeschlangen und Schildkröten!« brummte der eine Engländer -- »das -wäre ein verdammter Streich. Deshalb wollte uns also der alte schlaue -Fuchs morgen erst das Geld geben. Nachher hatte er uns alle sicher an -Bord, und setzte uns am Ende gar noch ein paar von den Polizeiknechten -oben drauf.« - -»Und Ihr wißt uns einen Platz, Mac Carther«, sagte der eine von den -Franzosen, »wo Ihr uns sicher unterbringen könnt? -- Wahrhaftig ich -komme heute Abend mit Sack und Pack an Land.« - -Mac Carther ging fort als ob er die Frage nicht gehört hätte, -seine Frau aber, die indessen zum Tisch getreten war, sagte mit halb -unterdrückter Stimme auf französisch: - -»Laßt ihn gehen -- er darf sich mit den Geschichten nicht befassen, -denn kommt so etwas vor Gericht, so muß er am Ende schwören, und wenn -er nichts davon weiß, kann er das auch mit gutem Gewissen. Ich -werde dafür aber schon sorgen. Bringt nur heute Abend spät Eure -Kleidungsstücke her -- die Hinterthüre kennt Ihr ja, wenn die vordere -Thür geschlossen sein sollte, und mit Tagesanbruch schaff ich Euch aus -der Stadt. Es ist ein Arbeiter von meinem Schwager über der Bay drüben -gerade hier, und mit dem könnt Ihr Holz schlagen oder Segel machen, zu -was Ihr Lust habt, bis das Schiff fort ist.« - -»Was zum Teufel ist das für ein Gewälsch,« brummte Bill. -- »Redet -englisch, daß ein anderer auch ein Wort verstehen kann.« - -»Seid ruhig, Jean wird es Euch übersetzen«, flüsterte Mrs. Mac -Carther, »es sind hier noch andere Ohren, die gerade nicht zu wissen -brauchen, über was wir gesprochen haben.« Damit wandte sie sich vom -Tisch ab, und trat hinter ihren Schenkstand zurück. Die Leute vom -Boreas flüsterten aber noch eine Weile miteinander, und verließen dann -die Schenke. Jean selbst hatte mit Polly keine weitere Abrede nehmen -können. - - - - -Viertes Capitel. - -Die Flucht von Bord. - - -Der Boreas, ein volles Schiff, lag dicht am Patent Slip -- eine Art -Dock, wo hinauf die Schiffe durch Maschinerie gezogen werden, bis -sie vollkommen trocken zu liegen kommen, und bis zum Kiel hinunter -nachgesehen und ausgebessert werden können. Nach dem Herunterlassen -hatte der Boreas dicht daneben angeholt, seine Takelage nachgesehen, -Ballast, Wasser, Mais, Heu und Pferde eingenommen, und lag nun dort -dicht an dem abgebauten Werft vor einem Anker, der nach der Bay zu -ausgeworfen war. Zwei starke Taue hielten noch außerdem das Schiff am -Land befestigt, und man stieg an der Fallreepstreppe gleich von Bord auf -das Werft hinunter. - -Die Mannschaft des Boreas kam in einzelnen Gruppen, zu zweien und -dreien, an Bord zurück. Der Zimmermann, ein Engländer, hatte die Wacht -als sie kamen, und die Leute gingen rasch in das Vorcastle hinunter, -diese Zeit zu benutzen und ihre Sachen zusammenzupacken. - -Den Zimmermann und Mate durften sie natürlich nichts merken lassen; der -Mate schlief aber gewöhnlich um diese Zeit schon. Einer von ihnen blieb -bei dem Zimmermann an Deck, um, wenn irgend einer der Officiere Miene -machen sollte hinunter zu ihnen zu steigen, das verabredete Zeichen zu -geben, d. h. irgend etwas Schweres auf Deck fallen zu lassen. Es konnte -das ohne Aufsehen geschehen. - -Jean war an Deck und schlenderte mit dem Zimmermann langsam den Gangweg -auf und nieder. -- Er erzählte ihm Geschichten aus der Provence, um ihn -beschäftigt zu halten, und es gelang ihm auch so weit, daß er seinen -Cameraden vollständig Zeit verschaffte sich zu rüsten. Die einzige -Schwierigkeit war jetzt ihre Sachen an Deck zu bringen und von hier -damit an Land zu kommen, ohne daß Lärm geschlagen wurde. In dem Fall -befanden sie sich nämlich in einer höchst fatalen Lage, da nur -ein ganz schmaler langer Weg von dem Werft an dem sie lagen nach -Sussexstreet hinaufführte, und eine Masse von Constablern in der Gegend -fortwährend auf und ab gingen. Der geringste Lärm konnte einen davon -an den Eingang der Straße führen und dann hatte er, wenn er wollte, -zwanzig Andere mit Blitzesschnelle zu seiner Hülfe herbeigezogen. - -Am besten wäre es gegangen, wenn sie eines der an den Pfählen -befestigten Boote =geborgt= hätten, und damit an das gegenüber -liegende Ufer der Bay gefahren wären. Auf jeden Fall konnten sie -solcher Art ihre Sachen am leichtesten in Sicherheit bringen. Dort -drüben standen auch noch keine, oder nur wenige Häuser, keinenfalls -waren Polizeidiener dort. Sie selber brauchten nur bis Georgestreet -hinaufzugehen, wo sie die dort einlaufende Bay umgangen hatten, und -konnten dann ihr ganzes Gepäck leicht und ohne Verdacht zu erregen quer -über Georgestreet in das Wirthshaus zum goldenen Kreuz schaffen. - -Es war noch nicht zwölf als der zweite Mate vom Land an Deck kam und -nach vorne ging. Jean stand mit dem Zimmermann gerade an der Cambuse, -und als er die dunkle Gestalt auf sich zukommen sah, stieß er mit dem -Fuß an eine dort zufällig liegende Handspake, nahm sie auf und warf -sie von sich, daß sie mit lautem Gepolter auf Deck niederschlug. - -»Gott verdamme das verwünschte Holz«, fluchte er dabei, und hielt -sich den Fuß -- »stößt man sich auf dem sakermentschen Deck auch -noch die Gliedmaßen zu Schanden.« - -»Was für ein Heidenlärm ist denn das da drüben?« rief der Mate -ärgerlich und kam herüber nach Backbord. -- »Wer ist da? Jean? kommt -Ihr eben erst von Land?« - -»Nein, ich bin schon fast eine Stunde mit dem Zimmermann hier auf- und -abgegangen.« - -»Chips«[3] sagte der Mate, und zog den Zimmermann etwas bei Seite -- -»haltet Eure Augen offen. -- Im Vorcastle war eben, als ich auf Deck -kam, noch Licht -- jetzt ist's aber aus. Sind die Leute schon lange an -Bord?« - -»Die letzten kamen vor etwa einer halben Stunde -- ich denke sie sind -jetzt wohl zu Coye gegangen«, sagte der Zimmermann. »Wie viel Uhr -ist's? -- es muß bald Mitternacht sein.« - -»In fünf Minuten etwa ist's zwölf«, sagte der Mate -- »ich will -den Steward jetzt wecken, um zwei Uhr löst Ihr ihn wieder ab. Beim -geringsten Verdächtigen was Ihr seht, ruft Ihr mich. Ihr könnt zu Bett -gehen, Jean«, wandte er sich dann lauter an den indessen weiter nach -vorne gegangenen Matrosen. -- »Es wird gleich 12 Uhr sein.« - -»Soll ich Bill rufen?« frug Jean, der stehen blieb -- »ich glaube -Bill hat die nächste Wacht.« - -»Nein, ist nicht nöthig«, lautete die Antwort. -- »Ihr könnt alle -zu Coye gehen.« - -»Das ist eine schöne Geschichte«, dachte Jean, als er in das Logis -hinabstieg, die übrigen mit dem neuen Befehl bekannt zu machen. Vorher -lauschte er aber noch eine Weile unter der Logiscap, zu sehen ob ihm -auch niemand folge. Als er alles sicher wußte sagte er leise: - -»Hallo da -- schlaft Ihr?« es war stockfinster und man konnte keine -Hand vor Augen sehen. - -»Ist das Jean?« frug vorsichtig eine einzelne Stimme. - -»Ja«, lautete die ebenso leise Stimme -- »habt Ihr alles in -Ordnung?« - -»Alles in Ordnung«, erwiederte Bill -- »ist die Luft rein? meine -Wacht muß gleich angehen.« - -»Gebt Euch keine Müh«, sagte Jean. »Die Schufte müssen Lunte -gerochen haben; wir brauchen die Nacht nicht zu wachen. Wahrscheinlich -will der Mate mit dem Zimmermann, und vielleicht auch Steward selber -Wache gehen. Der Capitän ist auch schon an Bord, wie mir der Zimmermann -gesagt hat.« - -»Verflucht noch einmal«, rief der Koch, der es in diesem Fall ganz mit -den Matrosen hielt, und sprang mit einem Satz aus der Coye, in die -sie sich alle, als sie das Zeichen hörten, hineingeflüchtet hatten. -»Jetzt sind wir geleimt.« - -»Doch noch nicht«, meinte Jean, der vorher noch einen vorsichtigen -Blick nach oben geworfen. »Erst wollen wir einmal abwarten wer die -nächste Wache hat, und dann sehen was sich thun läßt -- wenn ich nur -erst meine Siebensachen in Ordnung hätte. Ein Licht darf ich mir aber -gar nicht anstecken, sonst haben wir den Satan gleich wieder auf dem -Hals.« - -»Hier, nimm die kleine Laterne«, sagte Bill und reichte sie ihm aus -der Coye -- »die kannst du in deine Kiste setzen, da fällt kein Strahl -nach oben.« Jean fühlte sich zu ihm hin, ging in die vorderste -Ecke die Kerze darinnen anzuzünden und brachte dann den vollkommen -geschützten Strahl sicher in seine Kiste, die glücklicherweise an -einer Wand stand und von oben aus nicht leicht gesehen werden konnte. -Er brauchte auch nicht lange, mit seinen Sachen in Ordnung zu kommen; um -halb ein Uhr war alles gerüstet, das Licht wieder ausgelöscht und -Bob wurde jetzt zum Recognosciren an Deck geschickt. Er kam nach zehn -Minuten etwa wieder herunter. Der Steward war auf Wache, und kaum hatte -er diesen Bericht abgestattet, als der Zimmermann ins Logis kam, sich -auszog und zu Coye ging. - -Es war jetzt weiter gar nichts zu thun, und Jean faßte schon den -Entschluß bis Tagesanbruch noch zu warten, dann aber, wenn sich bis -dahin kein anderer Ausweg zur Flucht zeigen sollte, seine Sachen im -Stich zu lassen und nur mit seinem Gelde an Land zu gehen, oder, wenn -auch das nicht gehen sollte, über die Bay ans andere Ufer zu schwimmen. - -Bis zwei Uhr lagen die Matrosen alle in peinlichster Erwartung; keiner -schlief, keiner wagte aber auch nur ein Wort zu sprechen, denn der -Zimmermann schnarchte nicht und verrieth auch sonst durch nichts, daß -er selber eingeschlafen sei. Was da thun? - -Ihrer Rechnung nach mußte es bald Tag werden, als der Steward in das -Logis herunterkam. Er blieb erst ein paar Minuten stehen und horchte -- -aus allen Coyen tönte das tiefe regelmäßige Athmen fest Schlafender. -Selbstzufrieden und stillvergnügt nickte er mit dem Kopf, fühlte sich -dann leise, ja keinen der Leute zu stören, nach des Zimmermanns Coye -hin und weckte diesen. - -»Wer ist da?« rief der Zimmermann aus tiefem Schlafe auffahrend -- -»halt sie -- da laufen sie.« - -»Halt doch das Maul«, flüsterte der Steward und schüttelte ihn aus -Leibeskräften, »du machst ja die ganze Mannschaft munter. -- Es ist -zwei Uhr, steh auf -- ich bin müde wie ein Hund.« - -»Ay, ay«, sagte der Zimmermann, noch immer halb im Schlaf -- »ich -komme gleich -- wo sind denn -- O ja -- 's ist alles recht -- ich weiß -schon. -- Alles in Ordnung?« - -»Alles! Steh nur auf und schlaf nicht wieder ein« -- antwortete ihm -der Steward und wandte sich nach der Treppe zurück, stieß sich aber -mit dem Schienbeine an eine dort vorgeschobene Kiste. -- »Gott verdamme -den Plunder!« rief er leise mit verbissenem Schmerz -- »da muß ein -ganzer Fetzen Haut herunter sein. -- Ich wollte daß die Kerln da --« - -Er brummte das andere, als er auf der endlich erreichten Treppe langsam -an Deck kletterte, leise vor sich hin und verschwand gleich darauf oben. - -Der Zimmermann lag noch etwa zehn Minuten still, wälzte sich dann -stöhnend aus seiner Coye, tappte nach seiner dicken wollenen Jacke, -die er endlich fand und anzog, nahm die Mütze von dem Nagel, an dem -sie inwendig in seiner Schlafstelle ihren Platz hatte, und folgte dem -Steward an Deck. - -Er hatte kaum den letzten Fuß von der Leiter genommen, als Jean -ebenfalls aus der Coye sprang, ihm leise nachschlich und an Deck horchte -wo er blieb. Er war zurück nach dem Quarterdeck gegangen. - -»Was jetzt thun?« sagte er leise, als er wieder herunterstieg -- »in -ein paar Stunden ist es Tageslicht, und das größte Glück, daß wir -den Burschen wenigstens aus dem Logis haben. Das hätt' ich aber wissen -sollen, daß er so fest wie ein Bär schlief -- wir könnten jetzt alle -in Sicherheit sein. Wer gibt nun den besten Rath?« - -»Ob es der beste ist weiß ich nicht«, sagte der eine Deutsche, »aber -etwas kann ich Euch vorschlagen: ich will mich, wenn die Luft klar ist, -vorne hinunter lassen und eins von den kleinern Booten dicht unter die -Klüsen holen. -- Dann müßt Ihr sehen wie Ihr die Säcke, ohne daß -der Zimmermann etwas merkt, einen nach dem anderen hinunterbringt, und -ich schaffe sie dann ans andere Ufer hinüber, wo ich auf Euch warte bis -Ihr mich abholt.« - -»Aber sollen wir es denn doch nicht lieber erst einmal versuchen die -Sachen an Land zu schaffen?« frug Bob, der eine Engländer. »Das -wären doch verdammt weniger Umstände als mit dem Wasser -- und nachher -das Herumlaufen um die Bay. Es wird ja heller lichter Tag, ehe wir nur -hinüber kommen.« - -»Wir dürfen es nicht wagen unsere Sachen hier an Land zu bringen«, -sagte der Deutsche rasch -- »wenn die solche Vorsichtsmaßregeln -treffen wie mit der Wache, so werden sie auch nicht versäumt haben den -Constables in Sussexstreet aufzutragen, alle, die etwa hier heraus mit -Bündeln kommen sollten, einfach zu arretiren. -- Das ist wenigstens -das Wahrscheinlichste, und dem wollen wir uns doch nicht aussetzen. -Uebrigens muß der Zimmermann auch jeden sehen, der hier über den -langen, schmalen, und an allen Seiten offenen Platz nach den Häusern zu -geht, und würde augenblicklich Lärm schlagen!« - -»Wie kommen wir selber dann aber nachher fort?« frug Jean wieder. - -»O nur erst einmal die Sachen in Sicherheit, das andere findet sich -dann von selber«, sagte der Deutsche -- »alles klar an Deck, Jean?« - -»Ja, jetzt noch; der Zimmermann kommt aber gerade wieder die -Quarterdeckstreppe herunter. -- Es ist die höchste Zeit.« - -Ohne weiter ein Wort zu erwiedern glitt der Deutsche wie eine Schlange -die Treppe hinauf, um die Logiskappe herum und in die Gallione hinaus, -dort an der Ankerkette hinunter und ins Wasser hinein. Jean horchte -aufmerksam, konnte aber kein Plätschern hören, so vorsichtig hatte -sich jener hineingelassen. - -Der Zimmermann ging ein paarmal an Deck auf und ab, und die Leute -saßen indessen des Zeichens harrend, daß das Boot am Steven liege, mit -klopfendem Herzen im »Logis.« Sie hatten all ihr Zeug an, was sie -nur auf den Leib bringen konnten, und das übrige in die gewöhnlichen -Leinwandsäcke, die den Reisesack eines Seemanns bilden, »eingestaut.« -Bill nahm seinen Sack zuerst heraus und schaffte ihn, als der Wächter -gerade nach vorne ging, auf die Gallione. Jean wollte aber keinen weiter -hinauslassen, bis das Boot darunter liege. -- Fiel es dem Zimmermann -einmal ein nur ein paar Schritt weiter nach vorn zu gehen wie -gewöhnlich, so waren sie zu sehr der Gefahr ausgesetzt entdeckt zu -werden. - -Endlich kam das erwartete Zeichen -- schneller fast als sie es -eigentlich hoffen konnten. -- Leise wurde von außen vorn an das Schiff -geklopft, und Jean horchte hinaus ob er etwas vom Wächter hören -konnte. - -»Wo ist der Zimmermann jetzt?« frug Bill von unten herauf -- »kannst du -ihn sehen, Jean?« - -»Nein«, flüsterte dieser zurück, »weiß der Teufel wo er steckt -- -ich will lieber einmal über Deck gehen.« - -»Gott bewahre«, rief Bill -- »da machst du ihn nur aufmerksam. -- -Er wird wahrscheinlich hinten an dem Quarterdeck bei den Wasserfässern -sein. -- Komm nur rasch und hol' deine Sachen.« - -»Wir wollen uns das anders einrichten«, erwiederte ihm Jean. -- -»Einer muß hinaus in die Gallione steigen, und das, was ihm gegeben -wird, hinunterreichen. Bob mag sich hier hinter die Logiskappe drücken, -und ich kann dann von hier aus ihm alles zugeben und zugleich das Deck -übersehen. -- Aber nachher auch kein Wort mehr gesprochen. -- Höll und -Teufel wer hat denn da unten Licht angesteckt?« - -Er sprang rasch hinunter einer Unvorsichtigkeit zu begegnen, die so -leicht zu ihrer Entdeckung führen konnte, denn sobald der Wachthabende -Licht im Vorcastle sah, mußte er ja gleich wissen daß etwas -Außergewöhnliches vorgefallen war. - -»Löscht das Licht aus«, rief er mit ärgerlicher, aber vorsichtig -gedämpfter Stimme. -- »Ihr wollt wohl die ganze Geschichte verderben? -Wer hat die Laterne angesteckt?« - -»Ich« -- brummte Jim -- ein Irländer »und verdammt gute Ursache -dazu. -- Ich habe eine halbe Krone hier unter die Kiste rollen lassen, -und ich glaube jeder steckte sich ein Licht an, wenn er damit sein -ganzes verlorenes Vermögen auf einen Strich wieder kriegen kann. -- -Außer der halben Krone hab' ich nur noch drei Schilling Schulden.« - -Hinter Jean stieg in diesem Augenblick jemand die Treppe herunter -- -der Deutsche vor dem Steven gab zu gleicher Zeit noch einmal, und jetzt -etwas lauter, das verabredete Zeichen. Jim hatte seine halbe Krone -gefunden, steckte sie in die Tasche und öffnete die Laterne diese -auszublasen. - -»Hallo« -- sagte in diesem Augenblick eine Stimme mitten zwischen -ihnen, und zwar so laut, daß alle wie von einem elektrischen Schlag -zusammenzuckten -- »was ist das?« - -Jim ließ unwillkürlich das volle, durch kein Horn mehr gedämpfte -Licht der Laterne auf das Gesicht des Sprechers fallen. -- Es war der -Zimmermann, der sich erstaunt in der reisefertigen Gruppe umsah. - -»Das ist mir ja eine schöne Geschichte«, rief er verwundert aus -- -»da soll ja gleich --« - -Er sagte nichts weiter -- nur zwei Worte hatten die an der Treppe -stehenden Bill und Jean miteinander gewechselt, und in derselben Secunde -fast fühlte er sich von zwei riesenstarken Armen dermaßen umfaßt, -daß seine Hände wie von einer eisernen Zange gehalten wurden, während -ihm zu gleicher Zeit irgend ein anderer guter Freund ein festgedrücktes -Tuch wie einen Knebel in den Mund stieß. Jim ließ, bei dieser -zauberschnellen Veränderung der Scene den Strahl der noch immer -hochgehaltenen Laterne links und rechts fallen, und sah Bill und Jean -mit ihrem Opfer beschäftigt. -- Im nächsten Moment schloß er aber das -Licht, und alles war wieder in tiefste Dunkelheit gehüllt. - -Draußen ertönte zum drittenmal, und jetzt laut und ungeduldig das -Zeichen. - -»Der wird den Steven noch einschlagen«, lachte Jim -- doch immer noch -halblaut vor sich hin -- »sollen wir ihm den Zimmermann hinuntergeben, -daß er sich beruhigt.« - -»Jetzt rasch und keine Zeit mehr verloren« -- rief aber Jean den -Anderen zu. -- »Bill, schafft die Sachen hinauf und dann fort ins -Boot.« - -Der Zimmermann sträubte sich aus Leibeskräften frei zu kommen oder -wenigstens den Knebel aus den Mund zu bringen, daß er den Alarm geben -konnte; Jean lag aber mit Riesenkraft auf ihm und jeder derartige -Versuch war umsonst. - -»Reich' Einer von Euch mir ein Ende« -- stöhnte dieser endlich, als -der Zimmermann einen Augenblick ruhig lag. -- »Hier Bob -- bind ihm -einmal die Hände zusammen -- so -- das ist gut. Jim zeig dein Licht -noch einmal, hast du sie fest?« - -»Die kriegt er nicht wieder los«, lachte Bob zwischen den Zähnen -durch -- »die Füße auch?« - -»Ja, es ist besser -- so, nun schlag das hier um den Pfosten -- so -- -noch fester -- das wird's thun, und nun noch den Knebel --« und damit -nahm er sein eigenes Halstuch vom Nacken und band es dem unbeweglich -an den mitten im »Logis« stehenden Pfosten Geschlossenen, fest um den -Mund, so daß er nur die Nase zum Athmen frei behalten konnte. »Nun -rasch fort«, rief er, als er endlich auf die Füße sprang -- »sind -die Sachen oben?« - -»Dies ist das letzte«, rief Bob, als er zwei Säcke nach der Treppe -hob und hinauflangte -- »nun, ade Boreas, und bleibt hübsch gesund, -Zimmermann. -- Wenn nur der Steward die Zeit nicht verschläft.« - -Damit sprang er die Treppe hinauf und von den übrigen gefolgt über die -Gallion hinunter ins Boot. Jean war der letzte der das Schiff verließ --- es regte sich aber nichts darauf. Oben in Sussexstreet hörte er wie -die Constabler ihre Stunde abriefen -- es war gerade drei Uhr. An der -Bay herum fingen hie und da schon die Hähne zu krähen an, und von -den Schmelzöfen glühten noch immer die rothen Flammen aus den -Schornsteinen heraus -- sie hatten die ganze Nacht gebrannt. Sonst -schlief ganz Sydney noch und die Bay lag so ruhig, daß die auf sie -niederfunkelnden Sterne ihr Licht so rein und ruhig wieder erhielten -als sie es gegeben. Kein Lufthauch bewegte das Wasser, und man konnte -deutlich den regelmäßigen Schritt der Wache auf einer nicht weit davon -vor Anker liegenden englischen Barke hören. - -Jean glitt, als er sich überzeugt hatte daß niemand auf ihrem Schiff -auch nur das Mindeste von dem Vorgefallenen ahne, wie seine Cameraden -vor ihm, an der Ankerkette in das da vorn befestigte Boot hinunter, und -im nächsten Augenblick schossen sie, von zwei kurzen Bretern, die -als Ruder gebraucht wurden vorwärts getrieben, über die Bay schräg -hinüber an's andere Ufer. Dort banden sie das Boot fest, das sich der -Eigenthümer, wenn er es haben wollte, am nächsten Morgen selber holen -konnte, nahmen ihre Säcke auf die Schultern, und waren im nächsten -Augenblick in dem Schatten der dichtbei gelegenen Häuser, zwischen -denen sie sich nach verschiedenen Richtungen hin zerstreuten -- -verschwunden. - -Von der ganzen Mannschaft war nur ein einziger -- ein Deutscher -- an -Bord des Boreas zurückgeblieben. -- Er hielt sich, ohne daß ihn die -anderen vermißten -- und als sie ihn vermißten, war es zu spät -- -ruhig in seiner Coye, band aber auch den Zimmermann nicht los, legte -sich, als seine Cameraden das Schiff verlassen, auf die andere Seite, -und war bald wieder wirklich fest eingeschlafen. - - - - -Fünftes Capitel. - -Die Entdeckung. - - -Der Capitän vom Boreas lag in seiner Coye -- er hatte den vorigen Abend -bös geschwärmt, und der Kopf glühte ihm noch von all den »Brandys -hot« und »Brandys cold«, die er in sich hineingegossen. Er träumte --- aber was kümmern uns seine Träume, wir können ihn doch nicht -länger schlafen lassen. - -Der Tag brach eben im Osten an, ja der hellere Schein drängte sich -schon durch das obere Cajütfenster, das sogenannte Skylight[4], in die -Cajüte. Der Capitän murmelte etwas von »_half and half_« -- er trank -gern Porter und Ale zusammen, und mochte wahrscheinlich Durst haben -- -stöhnte noch ein paarmal, und warf sich dann auf die andere Seite. - -Der Steward war indessen ebenfalls munter geworden. -- Nicht daß ihn -jemand geweckt hätte, sondern mehr von einem halb unbewußten Gefühl -aufgetrieben, das uns manchmal, ohne die geringste äußere Einwirkung, -aus dem tiefsten Schlafe aufrüttelt, wenn wir uns nur Abends vorher -fest vorgenommen haben zu einer gewissen Stunde aufzuwachen. - -Es ist das ein Gefühl, das mit unserem Gewissen genau verwandt sein -muß, denn es verrichtet, wenn auch nur im Kleinen, denselben Dienst; ja -vielleicht wird es von der haushälterischen Natur selber dazu verwandt, -wer kann es wissen. Wer von uns ist in die geheimen Gänge und Falten -seines eigenen Geistes schon je so weit eingedrungen, um nur mit -Bestimmtheit voraussagen zu können, was er in der nächsten Minute -selber denken, selber empfinden will? Er kann es nicht. - -Mag er seinen Geist alle Kraft anwenden lassen sich nur auf einen -einzigen Punkt zu concentriren -- es ist umsonst. Irgend eine ihm -unbewußte, aber in ihm bestehende Kraft lenkt den Strahl seiner -Gedanken, ganz von ihm selber unabhängig, wohin sie eben Lust hat, -und schüttelt ihm gerade dann gewöhnlich, wenn er etwas Bestimmtes -festhalten will, den ganzen bunten Bilderkram seines Gehirns -- diese -tollste Rumpelkammer alter Geschichten und Träume -- um und um, daß -es ihm schwarz und blau vor den Augen wird, und er diese endlich in -Verzweiflung schließen muß, nur all dem krausen Wirrwarr zu entgehen. -Und selbst das hilft ihm nichts. -- Gerade durch die fest auf die Augen -gepreßten Finger sieht man das tollste Zeug, und muß zuletzt ruhig -seine Zeit abwarten, bis das alles wieder aus eigenem freien Antriebe in -seine alten Behälter und Gefache zurückgekehrt und verschwunden ist. - -Und wohin bin ich jetzt selber gerathen, von eben diesem wunderlichen -Geist geneckt? Halt, ich sprach von dem Steward, der erschreckt von -seinem Lager auffuhr. - -War er aber noch im halben Schlaf, so brachte ihn der Stoß, mit dem er -seine eigene Stirn beim in die Höh fahren gegen den quer durch seine -Coye laufenden »Beam« stieß, augenblicklich zur Besinnung, und er -sprang jetzt erschrocken aus der Coye, denn zu ihm herein drang das -Tageslicht, und um vier Uhr hatte er ja schon wieder auf Deck sein -sollen. - -Warum mochte ihn denn der Zimmermann nicht geweckt haben? Er lief, ohne -sich erst weder die Jacke anzuziehen, noch nach der neben ihm liegenden -Mütze zu greifen, an Deck. Alles war hier stumm und still -- dem -Steward klopfte das Herz wie ein Schmiedehammer, denn er dachte an das -was ihm, im Fall wirklich etwas passirt sei, selber bevorstand. - -Im »Logis« fand er denn auch nur zu bald seinen schlimmsten Argwohn -bestätigt, und den armen Teufel von Zimmermann in der wirklich -traurigsten Lage von der Welt. Als er ihm aber das Tuch vom Gesicht band -und den Knebel aus dem Mund zog, war es gerade als ob er den Stöpsel -aus einer Flasche Weißbier gezogen hätte, denn wie aus dieser der -Schaum, so sprudelten aus dem endlich befreiten Munde des Gebundenen -jetzt eine wahre Unzahl von Flüchen und Verwünschungen -- die alle -hier so lange festgestopft gesessen hatten -- in solcher Schnelle und -Kraft heraus, daß der Steward im ersten Moment wirklich vergaß seine -Hände zu lösen, und nur ganz erstaunt und verdutzt neben ihm stand und -ihn ansah. - -Durch den Lärm munter gemacht, wachte auch der Deutsche auf, und sah -aus seiner Coye. Ueber diesen fielen sie nun Beide her und wollten von -ihm erfahren, was aus den anderen geworden, und wo sie sich aufhielten. -Er wußte von gar nichts -- hatte keinen Menschen weggehen hören oder -irgend etwas mitgetheilt bekommen, was die Absicht der Entlaufenen -betreffen konnte. Er war spät an Bord gekommen, sehr müde -gewesen, gleich eingeschlafen und in diesem Augenblick durch das -gotteslästerliche Fluchen des Zimmermanns zum erstenmal aufgewacht. - -Aus ihm war auch nicht das mindeste herauszubekommen, und dem Steward -lag jetzt die höchst unangenehme Pflicht ob, den Capitän von dem -Vorgefallenen in Kenntniß zu setzen, damit dieser augenblicklich seine -Maaßregeln darnach nehmen könnte. Er ging in die Cajüte hinunter, zog -seine Jacke an, strich sich die Haare aus dem Gesicht und trat zu des -Capitäns Coye. - -»Capitän Oilytt«, sagte er, als er ihn am Arm faßte und leise -schüttelte. - -»Brandy hot«, antwortete der Capitän -- »der Teufel soll das Ale -holen, das brennt wie Feuer.« - -»Capitän Oilytt«, wiederholte der Steward. -- Wär' er ein Zauberer -gewesen, er hätte den Capitän einmal vor allen Dingen einige tausend -Jahre so fortschlafen, und nachher in einer kühlen Grotte mit einer -wunderschönen verwunschenen Prinzessin wieder aufwachen lassen. So aber -konnte er das nicht, und schüttelte ihn noch einmal etwas stärker als -das erstemal. - -»Sieben Schilling Sixpence« lautete diesmal die hartnäckige Antwort, -die sich wahrscheinlich auf irgend eine gestern bezahlte Zeche bezog -- -»lieber Gott!« -- und ein tiefer Seufzer folgte. - -»Ja jetzt ruft er den lieben Herrgott an, wenn er nicht weiß was -er spricht« -- brummte der Steward leise vor sich hin, »und wenn er -nachher aufwacht und zur Besinnung kommt, flucht er wie ein Heide. --- Und wenn er nur blos noch fluchte. -- Ich muß ihn aber wahrhaftig -wecken.« - -Diesmal wich der tiefe Schlaf dem stärkeren und entschlossenen -Schütteln des Dieners, und der Capitän fuhr, die Augen weit -aufgerissen, in seinem Bett in die Höhe. - -»Was zum Donnerwetter gibts nun?« rief er ärgerlich aus -- »kann man -denn in des drei Teufels Namen nicht einmal ruhig schlafen bis es Tag -ist, daß du Einen mitten in der Nacht herausrütteln mußt? -- was ist -los? -- na? -- wird's bald?« - -Der Steward, der bis dahin gar nicht hatte zu Wort kommen können, sagte -jetzt schnell: - -»Capitän Oilytt, die ganze Mannschaft ist fortgelaufen -- der Koch -und der ganze andere Schwarm. -- Nur der Zimmermann und Hans -- der eine -Deutsche -- sind noch an Bord.« - -Der Capitän war mit einem Satz aus seinem Bett und mit einem zweiten -in seinen Hosen, während er eine wahre Sündfluth von Flüchen -ausströmte. Damit wurde die Sache aber um kein Haarbreit geändert. -Natürlich hatten der Zimmermann und der Steward die alleinige Schuld, -und der zurückgebliebene Deutsche, als der Capitän wie ein Wüthender -nach vorn gefahren war, sollte nun gezwungen werden zu beichten. Er -wußte aber, dabei blieb er trotz allen Drohungen und Versprechungen -- -von gar nichts. Er hatte die ganze Nacht, wenigstens von der Zeit an wo -er an Bord gekommen, bis zu der wo der Steward den Zimmermann losband, -geschlafen. Früher sei, wie er weiter erzählte, allerdings vom -Fortlaufen die Rede gewesen, da =er= aber stets fest erklärt habe daß -er nicht mit ginge, hätte man ihm diesmal, wie es schiene, gar nichts -davon gesagt. - -Der Capitän schäumte vor Wuth. -- »Das kommt davon«, rief er, »daß -ich mich mit dem verdammten fremden Gesindel eingelassen habe. -- Hätte -ich lauter Engländer gehabt, wäre das nicht geschehen. -- Aber wartet, -wartet Canaillen, Euch will ich ein Gericht einbrocken, auf das Ihr -nicht gerechnet haben sollt, und hab ich Euch erst wieder, dann Gnade -Euch Gott. Dann geb ich Euch mein Wort drauf, Ihr sollt Euch lieber in -der Hölle als bei mir an Bord wünschen. -- Und du Steward, vor allen -andern, du verdientest überhaupt, daß ich dich an die Railing binden -und dir 25 aufzählen ließ -- du -- Holzkopf du.« - -Und damit schoß er wie ein Pfeil in seine Cajüte hinunter, in seine -Kleider hinein und dann an Land, die Anzeige bei der Wasserpolizei von -den Entflohenen zu machen und eine Belohnung auf ihren Fang zu setzen. - -Kaum war er aber fort, und ehe sich der Steward noch von dem ersten -Erstaunen über die entsetzliche Drohung erholen konnte, so kam der -erste Mate schon auf ihn zu, faßte ihn am Kragen und überschwemmte ihn -mit einer wahren Fluth von Schimpfreden. - -»Du Lump!« -- rief er, »bist der einzige der die ganze Geschichte zu -verantworten hat. -- Warum hast du nicht aufgepaßt, -- heh? -- was zum -Donnerwetter hast du denn sonst auf der Welt zu thun? -- wozu bist du -nütz?« -- - -Nach diesem Ausbruch innerer Gefühle stieg er an Deck und lief eine -gute Stunde das Quarterdeck auf und ab. Der Steward fing indessen an die -Tische unten abzuwischen. Er hatte aber noch nicht einen fertig, als der -zweite Mate ebenfalls den Kopf hereinsteckte. - -»Du bist doch das nichtsnutzigste miserabelste Stück Takelwerk am -ganzen Bord«, sagte er, und sah den Steward an als ob er ihn mit Haut -und Haaren, und ohne Pfeffer und Salz verschlingen wolle. -- Damit -schlug er die Thür wieder zu und ging ebenfalls an Deck. Er war die -halbe Nacht an Land gewesen, und erst um Mitternacht an Bord gekommen. - -Der Steward aber setzte sich mit dem Abwischtuch in der Hand am Tische -nieder, schüttelte in einem fort mit dem Kopf und murmelte leise vor -sich hin. - -»Na, nu wird's Tag -- ich habe die Schuld -- ich bin die alleinige -Ursache, daß die anderen fortgelaufen sind. -- Natürlich -- wenn ich -nicht meine zwei Stunden geschlafen hätte, wo die anderen auf Wacht -waren, hätte das alles nicht geschehen können. Na, das wird eine -schöne Reise werden -- ich glaube wahrhaftig, es wäre das Beste ich -liefe auch fort -- nachher wär ich denn doch neugierig wer die Schuld -=davon= hat -- ich wieder; natürlich. Und wieder kriegen? -- wenn sie -die wieder kriegen freß' ich sie -- alle zusammen.« Und mit diesem -kannibalischen Entschluß stand er auf und begann seine Arbeit auf's -neue. - - - - -Sechstes Capitel. - -Sydney im Dunkeln. - - -Eine ganze Woche war verflossen, und noch immer lag der Boreas an seinem -alten Platze am Werft, ohne, trotz der darauf gesetzten Belohnung, einen -einzigen von seinen Leuten wieder bekommen zu haben. Natürlich konnte -er, mit =einem= Mann an Bord, auch nicht in See gehen, und andere -Matrosen waren ebenfalls nicht zu bekommen. Der Capitän hatte schon, -der schlechten Behandlung seiner Leute wegen, einen solchen Namen -in Sydney bekommen, daß niemand mit ihm segeln wollte und der -Goldschwindel machte überdies die Leute die extravagantesten Preise -fordern. - -Natürlich mußte er unter der Zeit Arbeiter annehmen, die an Bord -nothwendigen Geschäfte zu verrichten, und an diese ebenfalls sehr -theuren Lohn bezahlen; das ging aber freilich alles aus der Tasche der -weggelaufenen Leute und zwar von dem ihnen gut stehenden Geld was sie an -Bord zurückgelassen -- vorausgesetzt, natürlich, daß man sie wieder -bekam. Wurden sie wieder eingefangen, so hatten sie die Arbeiterkosten -für fremde Hülfe, wie selbst den auf ihr Einfangen gesetzten Preis von -dem ihnen noch gut stehenden Geld, oder von ihrer nächsten Reise -- und -wenn die nicht zulangte, von der nächstfolgenden -- zu bezahlen. - -Die Wasserpolizei war indessen, wie sie sagte, sehr thätig gewesen die -Leute wieder einzubringen, oder wenigstens auf ihre Spur zu kommen, doch -ohne Erfolg. Es war erst =ein= Pfund Sterling auf den Kopf gesetzt, -und man konnte nicht gut erwarten, daß sie sich den Preis muthwillig -verderben sollten, da er mit der Zeit von selber steigen mußte. - -Der Capitän hoffte indessen das meiste von dem Sonnabend Abend, wo sich -die Matrosen in Sydney gewöhnlich am freisten gehen lassen und, wenn -sie erst einmal ins Trinken kommen, nicht mehr die sonst kaum vergessene -Vorsicht gebrauchen, die Straße oder alle öffentlichen Häuser zu -vermeiden. Von vielen anderen Schiffen war ebenfalls die Mannschaft -fortgelaufen, und die ganze Wasserpolizei sollte an diesem Abend auf -den Beinen sein. Die beiden Steuerleute des Boreas hatten sich ebenfalls -erboten mit den Steuerleuten noch zweier anderen Schiffe, je zwei mit -einem Polizeidiener zu gehen, um, falls sie einen der Ihrigen treffen -sollten, ihn gleich zu kennen und festhalten zu können. - -Um sieben Uhr setzte sich der ganze Zug in Bewegung, zerstreute sich -aber bald nach verschiedenen Richtungen hin, um mehrere Stadttheile auf -einmal durchstreifen zu können, und man bestimmte nun einen Platz am -entferntesten Ende der Stadt, wo man sich um 12 Uhr Nachts treffen und -die gemachten Beobachtungen mittheilen wollte. Bis ein Uhr Morgens ist -es auf den Straßen stets lebendig. - -Der erste Mate vom Boreas, der zweite von einer anderen englischen Barke -und ein Polizeidiener nahmen den oberen Theil der Stadt Georgestreet, -Pittstreet und was dort in der Nähe lag, obgleich in Georgestreet, -als der Hauptstraße der Stadt, wohl kaum einer der Weggelaufenen -anzutreffen sein mochte. Sie wagten sich schon nicht in diesen -Stadttheil, wo eine so zahlreiche Menschenmenge fortwährend hin- und -wiederströmte, und zwischen diesen leicht jemand sein konnte der sie -kannte und den Händen der überall postirten Constabler übergab. -Nichtsdestoweniger gingen die drei Männer Georgestreet hinauf und bogen -dann oben links ab, durch Liverpoolstreet in Pittstreet hinein, vor -allen Dingen einmal das »goldene Kreuz«, was ihnen als der frühere -Hauptaufenthaltsort der Leute des Boreas beschrieben war, zu revidiren. - -Es war noch zu früh am Abend um schon viel Gäste in den Wirthshäusern -anzutreffen; die meisten wanderten noch in der Nähe des Markthauses und -durch den Markt auf und ab, und erfreuten sich des schönen mondhellen -Abends. Dennoch saßen etwa zehn oder zwölf Männer, meistens Matrosen, -an den verschiedenen Tischen, und in einem der kleinen Verschläge, wo -zwei Seeleute ihre beiden Mädchen mit hineingenommen hatten und ihnen -dort zutranken, ging es besonders lustig und auch laut zu. - -Der Mate vom Boreas warf einen schnellen aber forschenden Blick -über sämmtliche Gäste hinüber, und trat auch in das kleine -»Privatzimmer«, in das er indiscret genug und, von einem »_what do -you want_« der darin Sitzenden angeschnauzt, hineinschaute, konnte aber -kein bekanntes Gesicht entdecken. Mrs. und Mr. Mac Carther warfen sich -übrigens einen Blick zu, den sie beide zu verstehen schienen, und -die »Dame« wandte sich dann mit der größten Freundlichkeit an die -Neuangekommenen, und frug was sie zu trinken wünschten. Sie ließen -sich eine Flasche Porter und drei Gläser geben, und setzten sich an -einen der Tische. - -Polly ging ab und zu, und schien besonders mit dem Polizeidiener, einem -jungen, hübschen und schlanken Mann, gut bekannt zu sein. Als Mr. Mac -Carther die zweite Flasche auf den Tisch setzte, stand der junge Mann -von der Wasserpolizei auf und ging hinaus -- wenige Minuten darauf -folgte ihm Polly -- sie standen beide in der offenen Hausthür. - -»Polly«, sagte der Polizeidiener, und hob ihr mit dem rechten -Zeigefinger das Kinn empor -- »wo sind die Leute vom Boreas, die Ihr -versteckt habt?« - -»Die =Ihr= versteckt habt?« sagte das Mädchen schnippisch und -schnell, und schlug den Finger mit der verkehrten Hand weg -- »die Ihr -versteckt habt? -- was gehen mich die Leute vom Boreas oder irgend einem -anderen »aß« an, und was hätt' ich davon, Matrosen zu verstecken? -- -Wenn Ihr mir weiter nichts zu sagen habt, Mr. Naseweis, dann seid so gut -und laßt mich ein andermal zufrieden.« Und damit wollte sie sich von -ihm losmachen und wieder ins Schenkzimmer gehen. Charles, wie der junge -Mann hieß, faßte aber ihre Hand und sagte schmeichelnd: -- »Sey nicht -närrisch, Polly -- du verstehst wie ichs meine, und daß ich recht gut -weiß wie du selber nichts damit zu thun hast -- obgleich mir Gerüchte -zu Ohren gekommen sind von einem jungen Franzosen der --« - -»Charles«, sagte das Mädchen, und schien ernstlich böse zu werden, -»du hast es heut Abend ordentlich darauf angelegt mich zu ärgern, und -ich antworte dir keine Sylbe weiter.« - -»Was das betrifft, mein Schatz«, lachte der andere, während er jedoch -die Hand des Mädchens noch immer fest dabei hielt -- »so =hast= du mir -auch noch gar keine Sylbe geantwortet. -- Ich weiß aber, daß du ein -vernünftiges Mädchen bist -- du hast mir davon schon zu viele Proben -gegeben, so laß uns denn auch ohne weitere Umschweife ein vernünftiges -Wort miteinander reden. Auf das Einfangen der Leute vom Boreas wird in -der nächsten Woche, wenn der Capitän erst einmal weg =muß=, ein sehr -bedeutender Preis gesetzt werden -- wenn du die Hälfte davon verdienen -kannst, wirst du doch vielleicht zusehen, ob du mir ein oder das andere -von Mr. und Mrs. Mac Carther herausbekommen kannst?« - -»Du glaubst doch nicht etwa«, fiel ihm das Mädchen rasch in die Rede, -»daß Mr. und Mrs. Mac Carther weggelaufenen Matrosen in ihrem eigenen -Hause ...« - -»Gott bewahre«, unterbrach sie Charles lachend »da sind sie beide -viel zu vernünftig dazu, als daß sie sich einer solchen Gefahr -aussetzen sollten -- es stehen 50 Pfund Sterling Strafe darauf. -- Nein, -aber sie -- haben doch manches -- oh hol's der Henker, du bist klug -genug, und dir brauch ich doch weiter keine Erklärung zu geben.« - -Das Mädchen sah einen Augenblick vor sich nieder und sagte dann leise -- - -»Wie hoch wird die Belohnung etwa sein?« - -»Wie hoch? nun =unter= vier Pfund Sterling per Mann auf keinen Fall, -wahrscheinlich aber sechs, und wie viel sind es gleich -- vier, sieben --- neun, nicht wahr?« - -Das Mädchen sah zu ihm auf und schüttelte verschmitzt mit dem Kopf -- -die Falle war ein klein wenig zu plump gewesen. Charles mochte das auch -wohl fühlen, denn er wurde bis über die Ohren roth, sagte aber gleich -darauf lachend -- »bitt' um Entschuldigung, ich hatte ganz vergessen, -daß du gar nichts davon weißt. Doch genug für jetzt. Mir liegt selber -nichts daran, daß wir sie heut Abend erwischen sollten, und sind sie in -der Nähe, so thäten sie sehr wohl sich ein wenig von den Straßen oder -aus den öffentlichen Trinkhäusern zu halten, sie könnten sich -sonst leicht morgen an einem Orte finden, auf den sie Heute schwerlich -gerechnet haben. Also _good bye_, Polly, sei ein gut Mädchen und halte -die Augen offen.« - -Damit trat er mit ihr in den dunklen Gang zurück, zog sie etwas näher -an sich und -- doch es war zu dunkel etwas weiter zu erkennen. Als aber -gleich darauf die Thür aufging, stand Charles vorn im Haus, und Polly -kam, allem Anschein nach eben vom Hof, und trat in die Schenkstube. - -Als Charles wieder in die Stube kam, hatten die beiden Steuerleute schon -die Zeche bezahlt und sich zum Fortgehen gerüstet. -- Sie hielten sich -erst einmal vor allen Dingen nach der Rowson oder Rosenstraße hinüber, -wo ein freier eingezäunter Platz die eine Reihe Straßen begrenzt -und die Matrosen, in der Nähe zahlreicher verrufener Häuser gern -umherschlendern. Obgleich sie aber manchen von diesen begegneten, und -alle scharf ins Auge faßten, war doch keiner der rechten darunter. -Einmal freilich glitt eine dunkle Gestalt rasch und flüchtig vor -ihnen hin, verschwand aber auch gleich darauf durch die dort hohe -Pallisadenfenz, in eine kleine Thür, die sich hinter ihm schloß. Es -war dies kein öffentliches oder Kosthaus, und der Polizeimann hätte -erst einen »_warrant_« ausnehmen müssen, ehe er ein Privathaus -untersuchen durfte. Oft blieb Charles aber eine kurze Strecke zurück, -und flüsterte hie und da mit einer, im Schatten irgend eines niedern -Hauses, neben einem erleuchteten Fenster stehenden weiblichen Gestalt --- er schien mit allen Winkeln und Höhlen der ganzen Stadt bekannt zu -sein. - -Es war etwa neun Uhr als sie nach Pittstreet zurückkamen; hier hatte -sich indessen manches verändert, und die im Anfang noch ziemlich -öde Straße wimmelte jetzt, besonders in der Nähe des Theaters, -von Menschen. Dem Theater gerade gegenüber sind eine Anzahl kleiner -Spelunken oder Trink- und Tanzhäuser nur von liederlichen Dirnen -besucht, zu denen sich die Menschen förmlich drängten. Unsere drei -Wanderer traten ebenfalls ein, und zwar zuerst in das bedeutendste, das -sogenannte »Shakespeare Haus.« - -Unten befand sich die sogenannte Bar -- ein Schenktisch mit den dazu -gehörigen Vorräthen von Flaschen und Gläsern; dahinter ein kleines -Zimmer für solche die ruhig ein Glas Bier trinken wollten. Beide Locale -waren aber fast leer von Gästen, und doch sollte dies Haus ungemein -großen Absatz haben. Außer diesen beiden Zimmern hatte es aber auch -noch andere Räume. Gleich neben der Bar, von dieser nur durch eine -Mauer getrennt, und mit einem aparten Eingang von der Straße, ging -eine schmale Treppe in die erste Etage hinauf, wo der ganze Raum in -zwei große Locale getheilt war. Das eine war ein hoher Saal, dessen -äußerstes Ende ein statuenartig und lebensgroß gemaltes Bild -Shakespeare's zierte. - -Der große Dichter stand aufrecht da und überschaute mit einem -merkwürdigen Zug unendlicher Gleichgültigkeit das ganze wilde Treiben -um sich her. Der Maler hatte in diesem Bild sicher eine schwere -Aufgabe gelöst, und Shakespeare wenigstens an Gestalt, Kleidung und -Gesichtszügen kennbar, zugleich aber auch mit einem so nichtssagenden -faden Gesicht hingestellt, daß man dem Bild, da der Maler gerade nicht -bei der Hand war, die erste beste Flasche hätte an den Kopf werfen -mögen. Rings an den übrigen Wänden waren Scenen aus Shakespeare's -Werken, colorirt, dargestellt, mit gerade solchen Gesichtern als sie -=der= Shakespeare geschaffen haben würde. -- Der Sturm und Romeo -und Julie, König Lear und Fallstaff hatten besonders dazu herhalten -müssen, und auf einem Bild stand eine lange schwarze Figur mit einem -Barrett auf dem Kopf und einer Kegelkugel in der Hand, und sah ums Leben -aus, als ob sie eben im Begriff wäre alle neun zu schieben. -- Das -sollte Hamlet sein. - -Es war noch ziemlich leer im Saal; in der äußersten linken Ecke stand -ein altes, abgepauktes Pianino wie ein Luftspringer auf einem Dorfe, der -sich auf die Hände stellt und mit den Füßen an der Wand hinaufreicht. --- Vor diesem saß ein junger Mann, der Horn an den Fingern haben -mußte, denn er schlug unablässig eine alte Polka von vorn bis hinten -durch, und fing, wenn er hinten fertig war, vorn wieder an. Neben ihm -stand ein kleiner Junge mit einer Violine, der ihn zu begleiten suchte, -aber nicht mit kommen konnte. Allerdings hielt er ziemlich Tact mit ihm, -aber er konnte ihn nur nicht einholen. -- Der Schweiß stand ihm auf der -Stirn, die Augen traten ihm aus dem Kopf, die Finger gingen in rastloser -Hast auf den gequälten Saiten auf und nieder, aber vergebens -- zwei -Noten war er regelmäßig hinter ihm. Hätte der Clavierschläger nur -eine Secunde gewartet -- nur den Gedanken einer Secunde -- aber nein -- -vorwärts, unaufhaltsam vorwärts ging es, wie die wilde Jagd -- kein -Rückblick, außer für die, denen das Gesicht auf den Nacken gedreht -war -- und der Violinspieler gab die Verfolgung endlich in Verzweiflung -auf. - -Rings an den Wänden hin standen Bänke und Sophas; unter der -Shakespearestatue der beste, und auf diesem lag lang ausgestreckt -ein junges wunderhübsches Mädchen in einem seidenen, oben -hochanschließenden Kleid, unter dem die kleinen zierlichen Füße nur -eben mit den Spitzen hervorschauten. Ihre Beschäftigung war, wie sich -das unter einer Shakespearestatue auch gar nicht anders denken läßt, -eine rein geistige -- sie schlürfte ein Glas Brandy und Wasser, und -stellte das Glas als sie es ausgetrunken der Bequemlichkeit wegen vor -sich auf die Erde nieder. - -Auf den anderen Sophas und Bänken saßen viele andere Mädchen und -junge Leute -- von den ersteren einige sehr elegant gekleidet, mit -Hüten und Schleiern und großen Shawls, andere wieder mit schlicht -zurückgekämmten Haaren und kattunenen Kleidern. Ebenso großer -Unterschied war bei dem männlichen Geschlecht, von dem feingekleideten -Stutzer bis, in einzelnen Fällen, zum einfachsten Matrosen herunter, so -standen, saßen und lehnten sie in den buntesten und verschiedenartigsten -Gruppen umher. -- Nur der eine Unterschied war doch wohl, daß die -Mädchen alle einem bestimmten =jugendlichen= Alter angehörten, während -sich unter den Männern auch sogar einige aus dem »besten« befanden, die -mit noch recht jugendlichem Anstand scheinbar theilnahmlos hin- und -herwanderten, oder an einem der Tische ihren »Portwein St. Gris« -sippten. - -Der Tanz hatte aber noch nicht begonnen -- der verzweifelte Wettlauf der -beiden Musici schien nur erst eine Vorübung gewesen zu sein. - -Unsere drei Freunde fanden hier übrigens nicht was sie suchten, -und Charles meinte, sie wollten lieber später noch einmal hierher -zurückkehren, und erst nebenan in die anderen Locale hineinsehen. -Es sei wahrscheinlicher, daß sich einzelne der Leute, wenn sie sich -überhaupt in ein öffentliches Local getraut, eher dort als hier -aufhalten würden. - -Ehe sie übrigens die Treppe wieder hinuntergingen, traten sie noch -einen Augenblick in das nach vorn hinaussehende Zimmer. Drei junge -Mädchen saßen hier an dem mittleren Fenster und schauten nach dem -gegenüberliegenden Theater hinüber; ein paar andere lehnten in -verschiedenen Sophaecken und schienen zu schlafen, und an dem Tisch -stand eine sechste im eifrigen aber leise geführten Gespräch mit einem -jungen Mann, der sehr elegant gekleidet war, und augenscheinlich den -höheren Ständen angehörte. - -Hier war weiter nichts für sie zu thun -- sie stiegen die Treppe -hinunter, bogen rechts ab, und traten in das erste Local hinein, das -sie drei oder vier Thüren weiter hin fanden. Wilder Lärm tönte -ihnen schon bei ihrem Eintritt entgegen, aus dem Saal hinter der Bar -kreischten die schrillen Töne einer Violine hervor, und kaum hatten sie -diesen Platz betreten, als sie auch in eine wahre Wolke von Tabaksqualm -und Brandygeruch eingehüllt waren. - -Alle drei hatten aber schon in ihrem Leben weit schlimmere Dinge -mitgemacht, und bewegten sich in diesem Chaos wie in ihrem Element. In -der That gingen auch all diese äußeren Eindrücke spurlos an ihnen -vorüber, denn die männlichen Gäste bestanden fast einzig und allein -aus Matrosen von all den verschiedenen Schiffen in der Bay, und -die Dirnen, die sich zwischen ihnen herumtrieben, gehörten der -verworfensten Classe an. -- Auch lag der Platz weiter zurück und mehr -getrennt von der Hauptstraße, und mehrere der Leute vom Boreas sollten -in dieser Woche, und seit sie das Schiff verlassen, hier gesehen worden -sein. - -Charles rief den Barkeeper bei Seite und sprach eine kurze Zeit lang -heimlich mit ihm. -- Es war sehr wahrscheinlich, daß sich die Leute -des Boreas nicht alle an Einem Ort aufhielten, besonders da sie von -verschiedenen Nationen waren, und leicht möglich wäre es gewesen -einen oder den anderen hier aufzutreiben. Der Barkeeper wußte aber von -nichts; er schüttelte wenigstens höchst entschieden mit dem Kopf, und -machte dabei fortwährend eine Bewegung mit seinem Körper, als ob ihn -hinten jemand am Hosengurt gefaßt habe, denn eine Jacke trug er -nicht, und aus Leibeskräften daran zöge. Nur der Respect vor dem -Polizeidiener, den er, wenn auch in Civil, doch jedenfalls kannte, hielt -ihn noch zurück. - -»Ich bin sicher, daß hier Einer oder ein paar von den Burschen gewesen -sind«, sagte Charles, als er zu den Steuerleuten zurückkam. -- »Der -Schuft erschrack, als ich es ihm auf den Kopf zusagte, und war gar so -ängstlich bemüht, wieder von mir abzukommen. -- Wir wollen fortgehen -und nachher noch einmal einsprechen, dann aber gleich hinten in die -kleine Kammer gehen, ehe sie uns vermuthen können.« - -Zwei Häuser weiter war eine andere solche Kneipe -- dort standen einige -zehn oder zwölf Mädchen vor der Thür, und zankten sich und schimpften -einander. Von der anderen Seite der Straße kamen mehrere Constabler -herüber, und die Dirnen, die nicht arretirt sein wollten, traten -rasch ins Haus, setzten aber hier den Streit in einer der Nebenstuben -unerbittlich fort. Es waren meist noch junge Dinger von sechszehn bis -achtzehn Jahren. Mehrere hatten aber schon blaugeschlagene Augen -- die -Folgen eines früheren Gefechts, vielleicht vom letzten Sonnabend Abend --- viele trugen brennende Cigarren im Mund. Natürlich drängte sich -dabei Alles um sie her, den fast stets in Thätlichkeiten ausartenden -Scandal zu Ende zu sehen, und was nur von Matrosen in der ganzen Straße -war, schien sich hier auf einmal concentrirt zu haben. - -»Jetzt ist unsere Zeit« flüsterte Charles den beiden Steuerleuten zu. --- »Stellen Sie sich beide an verschiedenen Seiten der Stube auf und -betrachten sie sich vor allen Dingen die Gesichter der Hereinkommenden. --- Die wieder hinaus wollen, müssen nachher immer bei mir -vorbeidefiliren. Sehen Sie einen der Burschen, dann geben Sie mir nur -ein Zeichen, und für das andere werde ich sorgen.« Er schlug dabei -bedeutungsvoll auf seine Tasche, in welcher er ein paar, von der -Regierung bezeichnete Handschellen, für ihn zugleich der eiserne -Ausweis seiner Function, trug. - -Der Streit im Innern nahm indessen einen immer bedenklicheren Character -an. Die beiden Feindinnen hatten die Arme in die Seite gestemmt, und -bliesen den Rauch ihrer Manillas in dicken Wolken von sich. -- Es war -das ein Zeichen sehr heftiger Gemüthsstimmung, und Beide gehörten -jedenfalls dem verworfensten Theil der menschlichen Gesellschaft an. - -»Und was thust Du überhaupt hier, Du gotteslästerliches Ding Du mit -deinen großen Glotzaugen?« rief die eine jetzt, die Unterhaltung wie -es schien auf ein anderes Feld überführend. -- »Was hast Du hier -zu suchen, als Dich unnütz machen und Scandal anfangen Du -- -Preisverderber Du --« - -»Was ich hier thue?« schrie die andere aber, und schleuderte mit einem -entsetzlichen Fluche ihre brennende Cigarre zur Erde nieder, während -sie sich zu gleicher Zeit die Aermel in die Höhe streifte und zum nicht -mehr zu vermeidenden Kampfe vorbereitete; sie hatte die Geduld verloren. --- »Ich gehe meinem Broderwerb nach so gut wie Du -- -- und wenn Dir -das nicht genügende Auskunft ist, so will ich Dir meine andere mit -rother Dinte in die Fratze zeichnen.« - -»_Go it Nelly_ -- _go it ye cripples_ -- Hurrah für Sally -- fünf -Schilling auf Nelly« -- schrieen mit einem wilden Gejauchze die -umstehenden Matrosen, die einen festen Kreis um die beiden gebildet -hatten. - -»Vier Brandy hot«, schrie in diesem Augenblick der rothhaarige -Kellner, und versuchte mit einem Präsentirteller und vier halb -gefüllten Gläsern in das Zimmer zu dringen. Es wäre für ihn aber -viel vortheilhafter gewesen, hätte er statt dem bestellten =heißen= -Brandy, kalten gebracht, denn irgend einer von den fünfzig Ellbogen, -die ihm in seiner nächsten Nähe entgegenstarrten, fuhr ihm -- ob -absichtlich oder unabsichtlich, wer kann das sagen -- unter den Teller -und sandte dem armen Teufel die ganze Ladung im wahren Sinne des Worts -»über den Hals« und in das Vorhemdchen. - -Sally war übrigens zu viel »_game_«, auf solche Ausforderung auch nur -noch weiter ein anderes Wort, als höchstens einen Fluch zu erwiedern. --- In demselben Moment schleuderte sie ebenfalls ihre Cigarre mitten -zwischen die sie umdrängende Schaar, die lachend das Feuer von sich -abschlug, und fiel in richtiger Boxerstellung auf ihre Gegnerin aus. - -Das Schreien und Hurrahen hatte in diesem Augenblick seinen höchsten -Grad erreicht, und die Stube drängte so voll von Menschen wie sie -nur Kopf an Kopf neben einander stehen konnten. Alles was in der -Nachbarschaft gewesen war, preßte herzu. - -Der Mate vom Boreas, der sich im Anfang ziemlich nahe der Thür postirt -hatte, um im Fall der Noth gleich bei der Hand zu sein, war durch das -Zuströmen immer neu Hinzukommender viel weiter zurückgeschoben worden -als ihm selber lieb sein mochte. Hinaus konnte er aber nicht wieder, bis -sich wenigstens ein Theil der Menge verlaufen hatte, und er that deshalb -nur sein Möglichstes einen Platz auf dem Fensterbrett zu gewinnen. -Nicht aber um dem Kampfe zuzusehen, denn der interessirte ihn sehr -wenig, sondern die stets wechselnden Gesichter zu beobachten, die sich -theils immer noch in das Zimmer drängten, theils die Thüre in einem -dicht geschlossenen Ring von Köpfen umstanden. - -An der Thür hatte Charles noch immer, trotz jedem Andrang von außen, -seinen Posten behauptet, nur war er ein klein wenig nach innen geschoben -worden, und blickte abwechselnd nach den beiden Mates hinüber, ob -nicht Einer von ihnen seine Thätigkeit für irgend ein noch näher zu -bezeichnendes Individuum in Anspruch nehmen wollte. Da sah er, wie sich -plötzlich der Steuermann vom Boreas so hoch aufrichtete, wie er sich -nur immer auf seine Zehen heben konnte und, ein Bild der gespanntesten -Aufmerksamkeit in die Masse von Menschen starrte. Ein Gesicht war vor -ihm aufgetaucht, das er nur noch nicht recht erkennen konnte, weil die -Lampe darüberhing, die ihren Schatten hinunter warf. - -Dies Gesicht gehörte aber niemand anderem als unserem alten Bekannten -Bill, der, die Hände in den Taschen und eine Cigarre im Munde, eben -am Haus vorbeigeschlendert war, als der Lärm innen sich erhob, und nun -blos einmal sehen wollte was hier vorging. Fast ohne daß er es merkte, -war er aber weiter und weiter in das Zimmer hineingeschoben, und der -Kampf selber hatte im ersten Augenblick seine Neugierde so erregt, daß -er wirklich an gar keine weitere Gefahr für seine eigene Person dachte. -Endlich, aber nur zufällig und nicht etwa aus irgend einer Ahnung ihm -drohenden Unheils, warf er den Blick einmal höher, senkte ihn aber -nicht wieder, denn er begegnete gerade in diesem Momente dem seines -eigenen Steuermanns, von dem er, sobald der nur einmal sein Auge -sehen konnte, ebenfalls erkannt wurde. Der Steuermann stieß halb in -Ueberraschung, halb in Freude einen lauten Schrei aus. - -Den Schrei würde nun freilich der an der Thür postirte Charles in -all dem wilden Lärmen nicht gehört haben, aber die damit begleitete -Bewegung entging ihm nicht, und fast unwillkürlich griff er schon in -die Tasche, die eisernen »_darbies_« herauszuholen. - -Bill war übrigens viel zu klug, nicht mit einem einzigen Blicke seine -ganze Gefahr zu übersehen, denn er wußte recht gut daß der Steuermann -hier in dies Local nicht allein hereinkommen würde, ohne jedenfalls -noch Hülfe, am Ende gar Polizei, bei sich zu haben. Dabei hatte das -Zimmer nur eine Thür, und war die -- und wie konnte es anders sein, -besetzt, so befand er sich hier allerdings in einer Falle die -ihn umsomehr ärgerte, da ihn sein eigener fabelhafter Leichtsinn -hineingeführt. -- Für den Augenblick ließ sich noch dazu gar nichts -thun, seine Lage auch nur im Geringsten zu verbessern. -- Er konnte -seine Hände nicht einmal aus der Tasche bekommen, so drängte das Volk -um ihn her, denn der Kampf nahte sich seinem Ende: Nelly hatte schon -ein, Sally zwei blaue Augen und die letztere empfing gerade unter dem -beifälligen Hurrahschrei der Masse einen letzten entscheidenden Schlag, -der sie wie todt zu Boden warf. Nelly war ein sehr nervöses Mädchen, -d. h. sie hatte ausgezeichnete Nerven und Muskeln. - -Bill interessirte sich aber nicht im mindesten mehr für den Kampf; -seine eigene Lage nahm seine Aufmerksamkeit viel zu sehr in Anspruch, -und rasch warf er den Blick umher, jede nur irgend günstige Gelegenheit -zu seinem Vortheil zu benutzen. - -Der Mate hatte indessen mit Charles eine Art telegraphischer Depesche -unterhalten, worin er ihm bemerkbar machte, daß Einer der gesuchten -Leute hier in der Mitte des Zimmers sei. Zugleich gab er ihm dabei zu -verstehen, daß er einen großen Bart habe. Bill sah das alles selbst -mit an. So gern er aber auch seinen Feind mit eigenen Augen kennen -gelernt hätte, wagte er doch nicht den Blick dorthin zu wenden, und -wäre am liebsten in dem Meer von Köpfen, das ihn umgab, untergetaucht, -wenn er sich auch nur einen Zoll hätte bewegen können. Aber fest -eingekeilt stand er da, und der Mate warf dem Polizeidiener einen -triumphirenden Blick zu. Bill war ihm sicher. - -Gerade in diesem Augenblick machte Nelly noch einen Ausfall auf die -schon gefällte Feindin. Das aber war zu unritterlich, als daß es die -Umstehenden hätten zugeben sollen, und sie warfen sich zwischen sie. -Dadurch bekam Bill wenigstens so viel Luft, die Hände aus den Taschen -zu ziehen und sich selber niederzuducken. Zu gleicher Zeit nahm er einen -verzweifelten Anlauf gegen die Beine der ihn Umdrängenden -- es blieb -ihm kein anderer Ausweg mehr als mit Gewalt durchzukommen, wußte er -doch recht gut, daß jeder versäumte Augenblick seine Gefahr nur immer -noch vergrößern mußte. Wie ein unter Wasser Fortschwimmender hielt er -dabei geraden Cours auf die Thür zu, obgleich er das Schlimmste von -den draußen stationirten Constablern fürchtete. Er konnte aber nicht -anders und vertraute jetzt nur seinem guten Glück. - -So wie aber der Mate diese Bewegung des Flüchtlings bemerkte, von der -er augenblicklich den richtigen Grund errieth, schrie er dieses dem -Polizeidiener zu, und da er wohl merkte, daß der in dem Heidenlärm -kein Wort verstehen konnte, suchte er ihm die Absicht ihres Opfers -pantomimisch begreiflich zu machen. Aber auch dies hatte seine -Schwierigkeiten, denn er mußte sich mit einer Hand am Fenster -festhalten, und durfte sich auch nicht tief bücken, sonst konnte ihn -Charles nicht sehen. Durch diese unbequeme Stellung wurde er gezwungen -die wunderlichsten und entsetzlichsten Bewegungen zu machen, so daß -Charles ganz erstaunt zu ihm hinübersah, und gar nicht begreifen konnte --- oder wollte, was das alles eigentlich zu bedeuten habe. - -Das rettete Bill -- gerade in diesem Augenblick glitt er wie eine -Schlange, obgleich unbewußt, an den Beinen seines gefährlichsten -Gegners vorbei, der schon die Handschellen für ihn gefaßt hielt, und -war im nächsten Moment auf der Straße -- in Kingstreet, Kingstreet -hinauf in alle kleinen Quergassen die er auftreiben konnte, und -spornstreichs nach seinem Versteck zurück; fest entschlossen, dieses -von jetzt an mit keinem Schritt wieder zu verlassen. - -Der Steuermann vom Boreas wollte erst gar nicht glauben, daß ihnen der -Matrose entgangen sein konnte; es war aber doch so, und er tröstete -sich zuletzt damit, er habe sich am Ende gar getäuscht, und Bill sei -das gar nicht gewesen. Es war auch nicht wahrscheinlich, daß sich -dieser so öffentlich und allein herauswagen sollte -- und doch hatte er -ihm erstaunlich ähnlich gesehen. - -Von hier aus gingen sie noch einmal in das Shakespeare Haus zurück. -Hier schien indessen alles in vollem Gang; das Theater war gerade aus, -und zu den jetzt vereinigten Tönen des Claviers und der Violine -- die -wunderbarerweise zusammenstimmten -- drehten sich die flüchtigen und -mitunter auch sehr graciösen Paare in Quadrillen und Contratänzen. -Alle Sophas waren besetzt, alle Stühle und Tische von Menschen -beiderlei Geschlechts in Beschlag genommen, und eine ungeheure -Quantität von Brandy und Portwein wurde verzehrt. Shakespeare sah dabei -noch mit demselben nichtssagenden Gesicht auf die bunten Gruppen nieder, -und Hamlet war noch immer am Schub. - -Für ihren Zweck fanden sie aber nichts, weder hier noch nebenan, -und verließen bald darauf Pittstreet, um zuerst einmal ein Stück in -Georgestreet hinaufzugehen, wo sie ein besonderes Haus an der Ecke von -George- und Kingstreet im Auge hatten. - -Es war dies ebenfalls ein Schenkhaus, aber zugleich mit einer Art -Abendunterhaltung. Sie gingen durch die Schenkstube und ein paar Stufen -hinauf in ein anderes saalartiges Zimmer, sehr einfach mit hölzernen -Bänken und Tischen meublirt, und im Hintergrund mit einer Art schmaler -Bühne, in dessen einer Ecke ein Clavier traurig auf drei Beinen stand -und von einem jungen Virtuosen in einem abgetragenen blauen Frack -»beschlagen« wurde. Diese musikalische Abendunterhaltung war aber -nicht zum Tanz eingerichtet, sondern hatte einen höheren, geistigen -Zweck, der sich ihnen bald offenbaren sollte. - -Auf die Bühne trat eine Gestalt in einem Charakteranzug, für die -Person aber jedenfalls höchst passend gewählt. Sie war in einen -zerrissenen Frack, an dem bedenklichsten Theil stark beschädigte -Beinkleider und einen eingedrückten Hut nebst schiefgetretenen Schuhen -gekleidet, und sang ein komisches, sehr langes und sehr unanständiges -Lied, das bei dem Publicum den unbegränztesten Beifall fand. Das -Letztere bestand zur einen Hälfte aus Matrosen und Handarbeitern aus -der Stadt, und zur anderen aus liederlichen Dirnen, die wie in all den -anderen derartigen Häusern hierherkamen ihre Cigarre zu rauchen, ihren -Brandy zu trinken und Bekanntschaften anzuknüpfen. Es waren widerliche, -freche, ekelerregende Geschöpfe. - -Auch hier fanden sie keinen ihrer Leute. Gerade aber als sie wieder aus -der Thür auf die Straße traten, rannte in ziemlicher Eile ein junger -Bursch gegen den Mate des »Phönix« an und wollte eben mit einer -Entschuldigung ausweichen, als dieser sein Gesicht zu sehen bekam und -rasch zugriff -- - -»Hallo Smith«, rief er dabei aus, »ich bin höllisch froh dich hier -so zufällig zu finden; habe schon einen langen Spaziergang dir zu -lieb gemacht. Hr. Charles, ich möchte Sie einmal um ihre Handschellen -bemühen.« Charles war rasch damit bei der Hand, der arme Teufel von -Matrose aber, der hier so plötzlich dem Feind gerade in den Rachen -gerannt war, wollte wenigstens noch einen letzten Versuch machen zu -entwischen. Sich deshalb auf seine schnellen Beine verlassend, riß -er sich rasch von dem Mate, der daran gar nicht mehr dachte, los, und -sprang Kingstreet hinauf. Die Straße war aber hier hell erleuchtet -und an den Ecken von King- und Kentstreet stand ein wahres Nest -von Constablern. Der Alarmschrei wurde gegeben, die Straße war -augenblicklich besetzt, und fünf Minuten später befand sich Smith in -den Händen und Handschellen des Polizeidieners Charles von der Sidney -Wasserpolizei. - -Es war indessen schon ziemlich spät geworden, und Charles ging mit -seinem Gefangenen zu seiner Station hinunter. Die beiden Steuerleute -wollten aber erst noch einmal zu dem besprochenen Sammelplatz hinauf, -wo sie weiteres von den übrigen Dienern der Gerechtigkeit und ihren -eigenen Cameraden über den Verlauf und das »Glück« des Abends hören -sollten. - -Dicht vorher, ehe sie das in Pittstreet ihnen bezeichnete Haus -erreichten, und oben zwischen Druitt und Bathurststreet, kamen die -Beiden an einem kleinen niedern Schenkhaus vorbei, wo sie ebenfalls -Lärm hörten. Die Thür stand offen und sie traten ein. - -Es war eines der gewöhnlichen Branntweinhäuser geringerer Classe, -und es schien hier an diesem Abend schon wild hergegangen zu sein. Eine -Masse Gläser standen ungespült mit Löffeln und Zuckersatz auf dem -Schenktisch -- andere lagen zerbrochen auf der Erde. Unter einem der -Tische lag ein trunkenes menschliches Wesen, das weibliche Kleidung -trug, auf dem anderen Tisch lehnte mit dem Kopf ein Mann und schnarchte -schwer. Hinter der Bar stand der Wirth, der auch der Flasche -bös zugesprochen zu haben schien, denn er konnte die kleinen -dickgeschwollenen Augen nicht mehr offen halten, und schlief im Stehen. - -Die scheußlichste, aber auch interessanteste Gruppe bestand aus fünf -Frauen und Mädchen, zwei noch jung, dem Anschein nach wenigstens nicht -mehr als zwanzig bis einundzwanzig Jahr, und vielleicht noch jünger, -denn das wüste Leben altert vor der Zeit, die anderen aber schon -über die dreißig hinaus, mit widerlichen, schmutzigen, geschwollenen -Gesichtszügen und =alle= betrunken. Den ungemischten Brandy gossen sie -in die ausgebrannten Kehlen, und lachten und schrieen sich die rohsten, -wüstesten Sachen zu. Es hörte aber schon keine mehr was die andere -sprach. - -Abgesondert von allen übrigen stand ein einzelnes Mädchen, vielleicht -achtzehn Jahre alt -- das Haar hing ihr wild um die Schläfe, die -Schminke war ihr zum Theil von den Wangen gelaufen und die bleiche -schmutzige Haut sah darunter vor. -- An Stirn und Schläfen trug sie -dabei Zeichen eines kürzlich bestandenen Kampfes, das geronnene Blut -klebte dort noch an mehrern Stellen. Das Zeug hing ihr unordentlich -und zerrissen am Körper, an der linken Seite war es ihr vollkommen -aufgeschlitzt und eine volle weiße Brust quoll hindurch. Mit der linken -Hand hielt sie aber ein halb mit Brandy gefülltes Glas -- sie hatte -schon einen Theil desselben getrunken und sang jetzt mit leiser -wunderbar melodischer Stimme eines jener so zum Herzen sprechenden -irischen Volkslieder -- »_oh no, we never mention her_.« - -Keiner hörte aber auf sie, der Wirth schlief, die anderen Weiber hatten -zu viel mit sich selber zu thun, und die Singende schien ihrer auch -wenig zu achten. In wilder heftiger Tonart hatte sie das Lied begonnen, -wie sie aber weiter und weiter hineinkam, schienen andere, vergangene -Scenen vor ihr aufzutauchen -- Ihre Stimme wurde weicher und weicher, -und bei den letzten Worten »_if he has loved, as I have loved, he never -can forget_« -- ließ sie auf einmal das Glas fallen, das am Boden -zersplitterte, warf sich auf die ihr nächste Bank nieder, barg das -Gesicht in den Händen und schluchzte laut. - -»_Nine pence_ für das Glas, _sixpence_ für den Brandy«, sagte der -Wirth noch halb im Schlaf -- »macht einen Schilling drei Pence -- wer -war das?« fuhr er dann aber plötzlich in die Höh und blinzte unter -den kurzen borstigen Augenlidern schläfrig vor. - -Die beiden Männer schlugen im Ekel die Thür hinter sich zu, und -erreichten bald darauf den bestimmten Versammlungsort, wo sie die -übrigen schon ihrer harrend fanden. - -Vom Boreas war ein Franzose unten am Wasser eingefangen, von dem -Phönix noch ein anderer, und drei Matrosen von einem schon länger -eingelaufenen Wallfischfänger. Man hatte aber sonst nutzlos all die -Plätze durchstöbert, wo den Polizeileuten, wie sie sagten, gewisse -Kunde zugegangen, daß sie heimlich versteckte Matrosen finden sollten. -Wie sie meinten, war ihnen der auf den Fang gesetzte Preis noch nicht -hoch genug, denn sie könnten nicht anders hinter ihre Schlupfwinkel -kommen, als wenn sie die Leute, die sie versteckt hielten, bestachen, -ihnen selbst den Zufluchtsort anzuzeigen. Das kostete natürlich viel -Geld, und wollten die Capitäne nicht so viel anwenden, so sollten sie -nur noch »ein Bißchen Geduld« haben. Mit der Zeit hofften sie schon -alle wieder zu bekommen. - -»Mit der Zeit« -- das konnte aber noch vier bis sechs Wochen dauern, -und sie wußten recht gut, daß die Schiffe dann das zehnfache an -Unkosten haben würden. Sie bezweckten aber auch damit was sie wollten. -Die Capitäne waren gezwungen höhere Belohnungen auf den Einfang der -weggelaufenen Leute zu setzen. - -Als sie auf ihre Schiffe zurückkehrten, mochte es schon ein Uhr Morgens -sein, und die Straßen waren still und öde. Einzelne Constabler gingen -langsam auf und ab, und ihre Schritte hallten von den hohen Gebäuden -wieder. Nur nach unten, nach dem Wasser zu zeigte sich der helle -Schimmer weiblicher Kleidungsstücke. Es waren zwei Frauen, die -betrunken auf einem Haufen dort gebrochener Steine lagen und ihren -Rausch ausschliefen. Da sie keinen Lärm mehr machten, ließen sie die -Constabler ruhig liegen. - - - - -Siebentes Capitel. - -Was das Geld vermag. - - -Noch volle zehn Tage nach diesem Abend hatte der Boreas draußen in der -Bay gelegen, und auf das Einfangen seiner Leute gewartet, ohne nur das -mindeste Resultat weiter erzielt zu haben. Neue konnte der Capitän -ebenfalls nicht bekommen; seine frühere Mannschaft hatte seinen Ruf -durch die ganze Stadt verbreitet, und ein Proceß, den er gleich beim -Einlaufen mit dem Koch und einem der französischen Matrosen gehabt und -der =gegen= ihn entschieden und in den Blättern besprochen war, diente -auch nur noch dazu, Matrosen, die ja schiffen wollten und dazu hundert -andere Gelegenheiten finden konnten, vor seinem Schiff zu warnen. - -Er =mußte= aber jetzt fort -- schon hatte er sich wieder genöthigt -gesehen frisches Wasser und sogar noch mehr Futter für die Pferde, die -er an Bord hatte, einzunehmen. Die Preise der Leute stiegen dabei von -Tag zu Tag, und es geschah endlich was die Diener der Wasserpolizei -schon lange vorhergesehen hatten -- er mußte sechs Pfund Sterling auf -jeden eingefangenen Matrosen stellen, und brachte dadurch die ganze -Polizei in Bewegung. Hier war etwas zu verdienen, und Charles wenigstens -wußte, an wen er sich zu wenden hätte. - -Es wird übrigens Zeit, daß ich den Leser auch wieder zu den -Hauptpersonen dieser Erzählung zurückführe. - -Die Mannschaft des Boreas hatte sich an dem Morgen, wo sie ihre Flucht -so glücklich von Bord bewerkstelligte, nach Verabredung in das goldene -Kreuz begeben. Hier harrte ihrer schon der Wirth, nahm ihre Sachen in -Empfang, die er sorgfältig in ein besonderes kleines Zimmer verschloß, -und ließ die Flüchtigen dann durch einen jungen Burschen, den er zu -diesem Zweck die Nacht bei sich behalten hatte, über die Bay schaffen. -Er beköstigte sie dort, und war durch ihre Kleider für die Auslagen -der wenigen Lebensmittel, durch ihre Entfernung aber auch dagegen -gesichert, daß das Gesetz ihm, wenn sie wirklich ausgespürt wurden, -nicht zu Leibe konnte. - -Ging nun alles gut, d. h. segelte das Schiff ohne seine Matrosen wieder -bekommen zu haben, so bekümmerte sich die Polizei entweder gar nicht -mehr um sie, oder war besondere Ordre zu diesem Zweck vom Capitän -hinterlassen worden, so wurden sie im schlimmsten Fall auf kurze Zeit -hingesetzt und sahen sich dann wieder frei, Arbeit anzunehmen wo sie -es für gut hielten. Die besorgte ihnen aber dann ihr sogenannter -»Schlafbaas«, und sah sich wohl vor, daß er vor allen Dingen seine -Kost und sein Logis bezahlt bekam, indem er den ersten oder die beiden -ersten Monate Löhnung, die besonders Schiffe in solchem Falle stets -vorauszahlen müssen, in Empfang nahm. Bekam er das, so konnten die -Leute ihre Sachen wieder bekommen, geschah das nicht, so waren sie ihm -verfallen und er hatte immer reichlich seine Kosten gedeckt. - -In den meisten Fällen verdienen diese Schlafbaasen, die in solcher -Weise gewissermaßen eine Art Seelenhandel treiben, schönes Geld. -Hundertmal ist es schon dagewesen, daß sie zuerst die Matrosen selbst -überreden ihr Schiff zu verlassen, und sie dann, so wie nur ein -richtiger Preis auf ihren Fang gesetzt wird, dem Capitän des Schiffes -oder am häufigsten den Polizeidienern selber anzeigen, mit denen sie -zwar den Raub theilen müssen, aber auch gegen die Folgen vollständig -gedeckt sind. - -Man sagte, daß der Wirth im goldenen Kreuze auf solche Art und Weise -ebenfalls sein ganzes Vermögen zusammengeschlagen habe, und den armen -Matrosen ein wirkliches Kreuz gewesen sei. Er hatte auch stets eine -ganze Zahl solcher Leute, die bei ihm in Kost gingen, und in seinem -eignen Hause wohnten. Dorthin kamen sie aber erst, wenn er von dem -Gesetz nichts mehr zu fürchten brauchte -- bis dahin wußte er bessere -und sicherere Plätze für sie. An einen solchen Ort hatte er denn -auch die Leute vom Boreas geschickt, die sich jetzt noch unter keiner -Bedingung in der Stadt durften sehen lassen. - -Es war am 22. August, ziemlich spät am Abend, und schon seit drei -Tagen hatte das Gerücht in der Stadt Umlauf gefunden, der Boreas habe -Mannschaft und wolle in See gehen. Nichtsdestoweniger durfte noch keiner -der Leute aus seinem Versteck, und Polly hatte es besonders Jean, -der sich bis dahin an solche Verordnungen wenig gekehrt, sehr streng -anbefohlen, sich unter keiner Bedingung in der Nähe des goldenen -Kreuzes sehen zu lassen. - -Diesem Verbot gehorchte Jean auch auf das pünktlichste, keine -Seele wurde ihn in der Nähe des Platzes, der für ihn die größte -Anziehungskraft hatte, gewahr, aber =im= goldenen Kreuz selber stellte -er sich jeden Abend pünktlich ein, gab Polly das verabredete Zeichen -und schlüpfte dann zwei Treppen hinauf in das kleine Hinterstübchen, -wo er doch wenigstens manchmal, wenn sie unten für kurze Zeit abkommen -konnte, ein paar Worte mit ihr plaudern mochte. Jean hatte Polly, der -Sicherheit wegen, sein ganzes Geld zum Aufheben gegeben, und =sie= ihm -dafür, sobald der Boreas erst einmal fort sei, ihre Hand versprochen. - -Jean wollte mit einem Landsmann, den er in Sydney getroffen, ein kleines -Geschäft anfangen und die Aussichten waren dazu gerade in dieser Zeit -vortrefflich. - -Er wie seine Cameraden wohnten indessen gerad über der Bay drüben, am -sogenannten North Shore in einem kleinen abgelegenen Häuschen, an einer -Stelle im dichten Busch, die selten jemand betrat, und wo gewiß niemand -entflohene Matrosen gesucht hätte. - -Denselben Abend um acht Uhr stand Polly mit unserem alten Bekannten -Charles von der Wasserpolizei im Hausflur -- im Schenkzimmer war es -fast ganz leer heut Abend -- Mr. Mac Carther lehnte hinter der Bar und -schlief, und Madame saß und strickte, und betrachtete nur dann und wann -mit ziemlich verdrießlichen Blicken zwei Kunden, die schon seit einer -halben Stunde hinter dem Tische saßen und an einem »nobbler brandy« -zogen. Polly wurde nicht vermißt. - -»Also es bleibt bei unserer Verabredung«, sagte Charles gerade in -diesem Augenblicke und reichte Polly die Hand zum Einschlagen, die er -nachher fest in der seinen behielt -- »es bleibt dabei und -- =keine -Ausnahme=.« - -»Ich weiß nicht«, sagte Polly piquirt, »was du immer mit der -Ausnahme meinst, daß du die mit einem so bedeutenden Ton erwähnst. -- -Wenn ich einmal etwas sage, so kannst du dich darauf verlassen.« - -»Polly«, meinte Charles lächelnd, »ich habe dir schon einmal gesagt, -daß mir von zwei Personen als ganz gewiß mitgetheilt ist, du habest -dich mit dem einen Franzosen versprochen.« - -Polly zog ihre Hand rasch aus der seinen und rief ärgerlich -- - -»Mit einem Franzosen; ich dächte doch du kenntest mich besser, als -daß ich mich an einen der Parlewus hängen sollte. Daß er mir den Hof -gemacht hat weißt du, und in Ehren kann man auch ein Geschenk annehmen. -Damit ist die Sache aber auch fertig, und wenn du nun noch einmal --« - -Ein scharfer, vom Hof gellender Pfiff unterbrach hier ihre Rede, und das -Mädchen schrack so auffallend zusammen, daß es Charles selbst in der -dunklen Flur auffallen mußte. - -»Hallo!« sagte er leise und horchte -- Polly wollte nach dem Hof -zu gehen, er faßte sie aber am Arm und flüsterte: »bleib nur einen -Augenblick hier, Polly -- wir gehen gleich zusammen.« - -Vorsichtige Schritte wurden jetzt gehört, die fast geräuschlos aber -rasch die Treppe hinaufgingen. -- Sie verriethen, daß der welcher -diesen Weg nahm, ihn schon mehr als einmal gegangen sein mußte. -Charles mochte das wohl auch fühlen, denn als die Tritte mehr nach oben -verhallten und die Stufen jetzt kaum hörbar im zweiten Stock knarrten, -sagte er leise vor sich hinlachend: - -»Der kennt jede Stufe im ganzen Haus, darauf wollt' ich schwören. -- -Also das sind die ersten sechs Pfund, Polly, wie? --« - -Das Mädchen stand einen Augenblick wie unschlüssig da -- sie -erwiederte kein Wort. Endlich als oben eine Thür leise aufging und -wieder geschlossen wurde, sagte sie, mehr zu sich selber als zu -dem jungen Manne sprechend, und wie nur mit ihren eigenen Gedanken -beschäftigt: - -»Er hat mir Geld zum Aufheben gegeben.« - -»Für so dumm hätt' ich ihn nicht gehalten«, meinte Charles trocken, --- »doch Matrosen wissen überhaupt nicht ihr Geld zu wahren. -- Gehe -aber jetzt in die Stube, Polly, ich will noch etwas warten, damit kein -Verdacht auf dich fällt.« - -»Aber Charles --« - -»Aber Polly -- Und nicht etwa ein Zeichen gegeben. -- Ich gehe nicht -fort, ich bleibe hier unten an der Treppe stehen -- _good bye_, Polly --- Heut Abend werden wir nicht weiter mitsammen sprechen können, morgen -Mittag aber komm ich her und sage dir Antwort, und -- laß der Alten -nichts merken.« Damit nahm er die sich nur schwach Sträubende ohne -weitere Umstände beim Kopf, küßte sie herzhaft ab und öffnete dann -selber, ihr jede weitere Einrede abzuschneiden, die Thür, hinter der -er sich aber wohlweislich verborgen hielt. Es blieb Polly auch gar -kein anderer Ausweg als einzutreten, und um ihre Bewegung zu verbergen, -machte sie sich, so viel sie konnte, im Zimmer Beschäftigung, wischte -die Tische ab, und trocknete die Gläser aus. - -Noch war sie mit dieser letzten Arbeit beschäftigt, als dicht vor dem -Fenster, draußen auf der Straße, dreimal mit einem schweren Stock -aufgestoßen wurde -- sie erschrack so heftig darüber, daß sie das -eben erst aufgenommene Glas fallen ließ, wobei es in Scherben brach. -Während Mrs. Mac Carther noch darüber zankte, standen die beiden -Männer, die am Tisch gesessen hatten, auf, tranken das letzte aus was -sie noch im Glas hatten, und verließen langsam das Zimmer. Das diente -ebenfalls nicht dazu Madame in bessere Laune zu bringen. - -»Da geht das Lumpengesindel, das in zwei Stunden für einen Sixpence -verzehrt hat -- und dafür muß man Licht verbrennen und Gläser -zerbrechen lassen. Wenn ich meinen Willen hätte, so würden die Tische -und Bänke hier eher zu Feuerholz verbrannt, als daß sie mit hälfen -das faule, povere Gesindel auch noch hier in seinem Müßiggang zu -bestärken, und Einem zu Schimpf und Aerger da sitzen zu bleiben.« - -Mac Carther, der durch das Zerbrechen des Glases erwacht und aufgefahren -war, warf einen vorsichtigen Blick im Zimmer umher. Da er aber niemanden -bemerkte, wollte er sich eben wieder auf seinen alten Sitz niederlassen, -als er schwere Schritte auf der Hausflur hörte. Er war noch nicht -ganz hinter dem Schenktisch vor als die Thür aufging, Charles den Kopf -hereinsteckte und sagte: - -»Mr. Mac Carther, auf ein Wort.« - -Polly horchte mit der gespanntesten Aufmerksamkeit, und das Herz schlug -ihr fast hörbar in der Brust, aber sie konnte nichts verstehen. -- Die -Männer gingen zusammen die Treppe hinauf -- sie konnte es endlich -nicht länger aushalten, ging an die Thüre und öffnete diese. -- Oben -entstand Geräusch -- ein Schlüssel wurde im Schloß umgedreht und dann -angeklopft -- Alles ruhig -- im nächsten Augenblick schallte ein Lärm -herunter, als ob eine Thür aufgebrochen würde. - -»Polly« -- rief Mrs. Mac Carthers Stimme -- Polly drehte sich um -und ein ganzer Schwarm Matrosen kam in diesem Augenblick durch die -Mittelthür ins Zimmer -- Brandy, Ale, Porter, Portwein, alle nur -möglichen Getränke wurden verlangt, und Polly hätte gerade in diesem -Moment Gott weiß was dafür gegeben, nur wenigstens eine ungestörte -Viertelstunde zu haben. Bald darauf kamen die Schritte wieder die Treppe -herunter; Stimmen wurden auf der Hausflur gehört und das Geräusch -verlor sich auf der Straße. Fast in demselben Augenblick kam Mr. -Mac Carther herein, warf die Thür hinter sich zu, daß die Fenster -klirrten, griff seinen Hut auf und stürmte wieder hinaus. - -Gleich darauf war Alles ruhig und Polly sagte leise vor sich hin -- -»Gott sei Dank, daß es vorbei ist.« - -Als Charles Mr. Mac Carther zu sich auf die Flur gerufen hatte, sagte er -zu diesem freundlich: - -»Mr. Mac Carther, wollten Sie wohl die Güte haben, mir das kleine -Hinterzimmer im zweiten Stock noch einmal aufzuschließen. Ich und meine -beiden Freunde hier« -- die zwei Männer, die zum Aerger seiner Frau -so lange an dem »Nobbler«[5] getrunken hatten -- »wünschen sich die -Gelegenheit zu besehen.« - -»Mit dem größten Vergnügen«, sagte Mr. Mac Carther, bei dem solche -Haussuchungen keineswegs eine Seltenheit waren, und ging ruhig die -Treppe vorne hinauf. -- Er hatte keine Idee von dem Schreck der ihm -bevorstand. - -Charles kannte nur zu genau den Ort wo er zu suchen hatte. Als sie die -Thür von innen verschlossen fanden, wurde sie einfach aufgebrochen, und -Jean sah sich im nächsten Augenblick in Eisen und den Händen eines der -Gerichtsdiener, der den weiter keinen Widerstand Leistenden, nach schon -früher erhaltenem Befehle, direct zur Wasserpolizei hinunterführte. - -Der Wirth war über diese Entdeckung, die ihn in die größte -Unannehmlichkeit bringen konnte, außer sich, und suchte sich nur vor -allen Dingen bei Charles, dem er die heiligsten Versicherungen seiner -Unschuld und gänzlichen Unwissenheit von dem Vorgefallenen gab, zu -vertheidigen. In dessen eigenem Interesse lag es aber ihn zu beruhigen, -und er versicherte Mr. Mac Carther daher, daß er recht gut wisse, der -Gefangene habe nicht bei ihm gewohnt, ja er sei ihm sogar die ganze -Straße herauf bis in's Haus und an die Thür gefolgt, und er glaube der -Franzose habe sich hier nur herein geflüchtet, weil er jemanden hinter -sich bemerkt habe der ihm nachschliche, dadurch vielleicht seinen -etwaigen Verfolger von der richtigen Spur abzubringen. Er konnte ja -nicht wissen, daß dieser gerade so genau in dem goldenen Kreuz bekannt -sei. - -Mr. Mac Carther drückte ihm die Hand, faßte ihn dann unter den Arm -und führte ihn, während der eine der Leute mit dem Gefangenen abging, -etwas bei Seite. - -»Mr. Charles«, flüsterte er hier leise und vertraulich -- »nicht -wahr, es sind auf das Einbringen der Matrosen vom Boreas sechs Pfd. St. -per Mann gesetzt -- wie? ich habe es heute Abend erst gehört und wollte -Sie morgen früh selber aufsuchen.« - -»Allerdings«, erwiederte ihm Charles lächelnd -- »haben Sie eine -Spur?« - -»Eine Spur?« sagte Mac Carther leise, und kniff den Polizeidiener -vertraulich in den Arm -- »wollt Ihr ein hübsches Trinkgeld verdienen, -Freundchen?« - -Der junge Mann von der Wasserpolizei bog sich zu ihm hinüber, hielt -seinen Mund dicht an das Ohr des Wirthes und flüsterte: - -»Nicht wahr, wenn ich hinüber an das North Shore in Kennedy's alte -Hütte ginge?« - -Mac Carther machte sich rasch von ihm los, und sah ihn erschreckt an. -Charles lachte. -- »Ja, ja, mein alter Fuchs«, fuhr er dann lauter -fort, »manche Nasen sind schärfer als man es ihnen zutraut -- meine -reicht bis zum North Shore hinüber -- und noch mehr« fuhr er wieder -mit unterdrückter Stimme fort -- »unten am Werf liegt schon ein Boot -mit zwölf Mann, die nur auf mich warten. In einer halben Stunde sind -wir an Ort und Stelle, und übermorgen früh segelt der Boreas. -- Der -Wind ist günstig und ich habe mein Wort darauf gegeben. Guten Abend, -Mac Carther --« und damit schnellte er, von seinem Begleiter gefolgt, -zur Thür hinaus auf die Straße. Mac Carther aber stürzte, wie schon -erwähnt, in die Schenkstube, griff seinen Hut auf und eilte, so rasch -er konnte, nach einer anderen Richtung hin zum Wasser hinunter. - -Charles hatte seine Maaßregeln aber viel zu gut und sicher getroffen; -außerdem kannte er den Platz selber schon genau, und zwei seiner Leute -mußten den ganzen Nachmittag dort in der Nähe versteckt liegen und auf -die geringsten Bewegungen der Entflohenen achten. Die armen Teufel -von Matrosen waren, als sie sich gerade am sichersten fühlten, schon -verrathen und verkauft. - -Das Boot landete, zwei Mann ließ man schwer bewaffnet als Wache dabei -zurück, die kleine Hütte wurde dann umzingelt und die ganze Mannschaft -des Boreas, mit Ausnahme eines Deutschen und eines Franzosen, die gerade -in der Stadt waren Provisionen zu holen, gefangen genommen und in Eisen -gelegt. Die beiden kamen gerade zurück als die Polizei in das Haus -drang und flüchteten in den Busch, wo sie sich mit den Provisionen -versteckt hielten, bis der Boreas, den sie von ihrem Versteck aus -konnten in der Bay liegen sehen, wirklich abgesegelt war. - -Gerade als das Polizeiboot mit seinen Gefangenen vom Lande abstieß, -schoß ein anderes kleines scharfgebautes Boot, mit zwei Männern darin, -in eine kleine durch einen Felsenvorsprung gebildete Bucht. Einer von -diesen sprang augenblicklich an Land und sah dem Boot nach. Man konnte -die Gestalt in der Dunkelheit nicht mehr genau erkennen, Charles hatte -aber allen Grund auf den richtigen Mann zu rathen, und rief deßhalb auf -gut Glück nach dem Lande zurück. - -»Guten Abend, Mr. Mac Carther.« - -Die Gestalt verschwand in demselben Moment wieder in den Büschen und -das kleine Boot ruderte, eine halbe Stunde später, mit denselben beiden -Männern nach der Stadt zurück. - - * * * * * - -Am Montag Morgen wehte vom großen Mast des Boreas die Signalflagge für -die Wasserpolizei. Alles andere war zur Abfahrt fertig, der Lootse an -Bord, vom Anker schon alles Unnöthige an Kette eingeholt, und die Segel -hingen gelöst von den Raaen nieder. Der Wind wehte stark von Westen und -die Brise konnte zum in See Gehen nicht günstiger sein. - -Eine Viertelstunde später schossen um das Castell zwei schmale lange -Boote. Es war die Wasserpolizei mit den Gefangenen die sie an Bord -brachte, denn der Boreas hatte indessen, um die nothwendigsten Arbeiten -zu verrichten, andere Arbeiter an Bord gehalten. - -Die Gefangenen trugen sämmtlich Handschellen. Da es zu viele waren, -und die Polizei vielleicht einen letzten Fluchtversuch fürchten mochte, -ließ sie den Einzelnen, wenn sie die Fallreepsleiter hinaufsteigen -sollten, auch die Eisen nicht abnehmen, sondern es wurde eine Leine -heruntergelassen, diese um das Eisen geschlagen, und der Gefangene -mußte dann nach oben steigen. An Bord nahm man ihnen die Schellen -ab, die Boote ließen sich aber an langer Leine bis hinter das Schiff -treiben. - -Die im goldenen Kreuz versetzten Kleider der Entflohenen waren auch -schon wieder an Bord; der Capitän hatte sie bei Mr. Mac Carther, -durch Charles Vermittelung einlösen lassen, denn er konnte die Leute -natürlich nicht ohne Kleider mit in See nehmen. Es war das seinerseits -übrigens nicht etwa aus Menschlichkeit geschehen; er wußte recht gut, -aus wessen Casse das Geld bezahlt werden mußte. Die Matrosen schienen -jedoch bis zu diesem Augenblick noch immer nicht recht geglaubt zu -haben, daß es wirklich schon so bald in See gehen sollte. Wahrscheinlich -hatten sie noch auf Rettung gehofft, und jetzt erst, da sie die Segel -gelöst und den Lootsen an Bord sahen, mochte ihnen die Gewißheit ihres -Schicksals zuerst in ihrer vollen Wirklichkeit vor Augen treten. - -Am meisten freute sich aber der Zimmermann über das Einfangen derer, -die ihn am Morgen ihrer Flucht in einem so schmählichen Zustand -zurückgelassen, und er konnte nicht umhin Bill sowohl als Jean ganz -besonders um ihr Befinden zu befragen. - -Bill antwortete ihm mit einem kernigen Fluch, Jean lachte ihm aber -gerade ins Gesicht, denn er mußte trotz seiner jetzt keineswegs -angenehmen Lage doch unwillkürlich an die trostlose Gestalt des -Zimmermanns denken, als sie ihn vor 14 Tagen, mit dem Knebel im Munde, -in dem Logis vorn liegen hatten. Andere Sachen nahmen aber seine -Aufmerksamkeit gleich darauf mehr in Anspruch. - -Die Polizei war fertig an Bord und machte sich eben bereit wieder in -ihre Boote zurückzukehren -- als Jean auf Charles zutrat und ihn am Arm -faßte. - -»Ah, Jean?« sagte der Polizeidiener und wandte sich freundlich zu -ihm -- »noch etwas zu bestellen am Ufer? -- werde es mit dem größten -Vergnügen zur Besorgung übernehmen.« - -»Weiter nichts als diesen Brief« -- sagte der junge Mann, ohne seine -Freundlichkeit weiter zu erwiedern -- »Ich glaubte nicht, daß wir so -bald in See gingen und -- ich weiß Sie sind dort im Haus bekannt«, -setzte er mit etwas bitterem Ausdruck hinzu -- »wollten Sie vielleicht -so gut sein und ihn an seine Adresse -- aber heute noch -- besorgen?« - -Charles las statt aller Antwort die Adresse -- _Miss Polly Whitby_ --- _golden cross_ -- »soll richtig besorgt werden und zwar noch vor -Tisch,« sagte er dann und legte den Brief in seinen Strohhut -- »sonst -noch etwas, Jean?« - -»Ich danke, weiter nichts«, erwiederte der Matrose, und ging langsam -nach dem Vorcastle, wo indessen die Miethleute des Boreas den Anker -herauf bekommen hatten. Die Marssegel-Raaen stiegen in die Höhe, das -große und Vorsegel fiel herunter und die Halsen wurden festgemacht -- -die Clüver und leichteren Segel folgten, und vor dem Wind schoß das -flüchtige Schiff den Heads zu, zwischen denen hindurch sie schon die -offene See erkennen konnten. Eine halbe Stunde später befanden sie sich -zwischen den Heads -- den beiden schroffen Felsbänken, die den Eingang -des schönen Sydney-Hafens bilden, und auf deren südlichem Kamm der -hohe treffliche Leuchtthurm steht. - -Hier ging der Lootse mit den gemietheten Leuten von Bord; die Segel -wurden etwas angebraßt, und mit einer herrlichen Brise hielt der Boreas -mit Nordost Cours in die offene See hinaus. - - - - -Achtes Capitel. - -Die Ausfahrt. - - -Der Boreas hatte die »Heads« des schönen Sydney-Hafens kaum hinter -sich, als er, von einer scharfen Südbrise gefaßt, pfeilschnell durch -die Wogen schoß. Die Raaen standen eben genug zu Backbord angebraßt, -daß der Wind auch die Klüver füllen, und voll in alle Segel -hineinstehen konnte, und noch war die Nachmittagswache nicht gesetzt als -die leichteren Segel schon wieder nieder mußten. - -Gegen Abend wurde der Wind immer stärker, und da das Schiff nicht -so stark bemannt war, mit sehr viel Segeln in schlechtem Wetter rasch -handthieren zu können, ließ der Capitän noch vor Dunkelwerden ein -Reef in die Marssegel nehmen. Das Schiff loggte neun Knoten. - -Von den letzt eingefangenen Leuten waren außerdem noch zwei auf der -Krankenliste; der eine englische Matrose, Jack, der schon mit einem -leichten Fieber an Bord gekommen, und der deutsche Matrose, Hans -- -derselbe der damals, bei der Flucht der anderen in Sydney an Bord -geblieben. An demselben Morgen, an dem sie ausliefen, hatte diesen, beim -Füttern, eines der Pferde an den Schenkel geschlagen, und obgleich ihm -die Wunde vom zweiten Mate ziemlich gut verbunden war, schmerzte sie ihn -doch noch sehr. Er konnte nicht auftreten, mußte also gleichfalls die -Coje hüten. - -Die ganze Mannschaft bestand außer diesen beiden und dem Capitän mit -seinen beiden Mates nur noch aus zehn Personen, und zwar dem Steward und -Zimmermann, dem Koch (einem Neger), aus drei Engländern, unseren alten -bekannten Bill, Bob und Jim, zwei Franzosen, Jean und François, zwei -Deutschen und einem Jungen. - -Der Junge war ein Malaye und gehörte eigentlich, wenn das Schiff -Passagiere führte, mit in die Cajüte, dem Steward und Koch als Hülfe, -wurde aber jetzt, da er vorne nöthiger war, mit in das Vorcastel gethan -und ging seine Wachen wie die anderen. - -Auf der Starbords- oder Steuerbordswache (die erste) waren der Capitän -mit dem zweiten Mate, der Steward, Bill, Jean, Hans und der junge -François; auf der Backbord- oder zweiten Wache, der erste Mate mit dem -Zimmermann, der auch zugleich mit Bootsmannsdienste verrichtete, mit -Bob, Jack, Karl, Jim und dem Malayen. - -Zu seiner vollen Besatzung hätte der Boreas die doppelte Mannschaft -gebraucht, der Capitän war aber, wie die Sachen jetzt in Sydney -standen, nur froh mit diesen fortgekommen zu sein und glaubte sich -bis Indien in einem ziemlich günstigen Monsun auch wohl behelfen zu -können. Bei günstigem Winde, und wenn das Schiff nicht zwischen vielen -Inseln hindurch und aus engen Straßen hinauszukreuzen hat, wo die -Mannschaft durch das ewige Wenden erschöpft und aufgerieben wird, kann -man auch ein Schiff mit verhältnißmäßig sehr wenig Leuten vorwärts -bringen. - -Die Mannschaft saß unten im Logis oder Vorcastel (wie der vorderste -Raum im Schiff genannt wird, wo die Matrosen gewöhnlich ihren -Aufenthalt haben), beim »Schaffen.« Zwei große hölzerne Schüsseln -oder besser Wannen, die eine mit einem gar verdächtig aussehenden -Stück gesalzenem Speck und Rindfleisch, die andere mit hartem muldigem -Schiffszwieback gefüllt, standen zwischen ihnen, und nebenbei dampfte -eine riesige Blechkanne, aus der sich jeder, wie es ihm gut dünkte, -seinen vor ihm stehenden Blechbecher mit dem allerdings etwas sehr -dünnen und unschuldigen aber kochend heißen Getränk füllte. - -»Da seid =Ihr= schuld daran, Gott verdamm mich,« brummte der -Zimmermann, als er sich eben selber zu einer »Tasse Thee« half, -wie dies Wasser schmeichelhafterweise genannt wurde -- »ich glaube -wahrhaftig sie wollen uns knapp halten, und nun muß ich das verfluchte -Zeug mitsaufen. Koch, du schwarze Bestie, was hast du hier für eine -Brühe zurecht gebraut? -- ist das Aufwaschwasser da =Thee= -- heh?« - -»Kann nicht helfen, Massa,« sagte der Schwarze, der eben die Stiege -heruntergekommen war und seine Pfeife in der kleinen, in der Mitte -schwingenden Lampe angezündet hatte. Er zuckte dabei mit den Achseln -und that als ob er selber sehr betrübt darüber sei; die großen -rollenden Augen fuhren aber zu gleicher Zeit und mit unverkennbarem -Humor im Kreis herum, und man sah es ihm an, daß es ihm nicht gerade -das Schmerzlichste war, den Zimmermann über seinen Thee entrüstet -zu finden. »Massa Steward« setzte er hinzu, »gibt nur ganz kleine -Fingerspitzen voll Thee -- meinte, wenn die Leute jetzt in den Minen -wären, hätten sie auch keinen stärkeren Thee gehabt -- wäre gerade -recht.« - -»Oho,« knurrte der Zimmermann -- »wenn die Sache so gemeint ist, -werde ich mir meine Theekanne künftig insbesondere halten. -- Spaß ist -Spaß -- aber nach warm Wasser wird mir immer schlecht.« - -Er stieß seinen Becher auf die Kiste nieder, auf der er gesessen, und -kletterte ärgerlich und vor sich hinbrummend an Deck. - -»Hallo, Doctor« (denn der Koch wird gewöhnlich auf den englischen -und amerikanischen Schiffen mit diesem ihm auch wohlklingenden -Titel belehnt), sagte jetzt, als der Zimmermann aus der Logiskappe -verschwunden war, Bill, indem er mit seinem Messer ein Stück Speck aus -der Schüssel stach, an die Nase hob und wieder hineinwarf -- »_shiver -my timbers_, wenn ich nicht glaube, die haben da hinten das alte Faß -Speck wieder aufgeschlagen, was schon vor vier Wochen einmal condemnirt -wurde. Wenn der Capitän oder Steward im Sinn haben uns hier, nachdem -wir wieder in der Falle sitzen, auch noch auszuhungern, so weiß -ich einen Fehler. Dann kenn' ich einen gewissen Bill Stumper, der -sterbenskrank wird und sich in seine Koje legt, und so lange jeden -Morgen mit dem größten Vergnügen eine Dosis Salz nimmt, als der -Vorrath an Bord dieses braven Schiffes aushält -- was doch hoffentlich -nicht so entsetzlich lang dauern soll. Seine Segel kann =er= nachher -allein herüber und hinüber brassen.« - -Der Koch sah sich nach oben um, ob der Zimmermann auch nicht mehr in der -Luke stand, und sagte dann leise: - -»Massa Bill, Timor« (wie der malayische Junge nach der Insel von -der er stammte), genannt wurde -- »Timor hat gehört wie Capitän zu -Steward sagte -- alte Faß wieder aufzumachen und den Leuten zu geben -- -wollte Schufte schon =zwiebeln=, hat er gemeint.« - -»So? -- das nennt er also zwiebeln?« lachte Jean, »Alter, Alter, ein -zu straff angespanntes Tau reißt leicht und -- wir sind noch nicht in -Calcutta.« - -»Nur sehr gut ist, daß Zimmermann mittrinken und essen muß,« lachte -der Doctor -- »wird auch mit =gezwiebelt=, hi, hi, hi, für seinen -guten Willen.« - -»Ja; aber Hans kriegt ja auch nichts besseres,« sagte der andere -Deutsche, »und der hat doch ebenfalls keinen Fuß in Sydney von Bord -gesetzt.« - -»Der hat aber nicht sagen wollen wo wir hin sind,« murrte Bill, »und -deßhalb wird er natürlich mit uns über einen Kamm geschoren. Wenn -wir nur den verdammten Zimmermann hier nicht mit unten in unserer Back -hätten, ließe sich das alles aber schon machen. Im Zwischendeck -liegt nur Heu und zwischen den Ballen durch kann man leicht nach der -Vorrathskammer kommen -- doch der Lump verriethe, glaub' ich, seinen -eigenen Bruder, wenn er sich selber einen weißen Fuß dadurch machen -könnte.« - -»Steward ist der Schlimmste,« sagte der Doctor, aber noch leiser -als vorher -- »hat Massa Jean so auf dem Strich, weil ihn der 'mal -durchgeprügelt hat -- will's wieder gut machen.« - -»Daß ich ihm nicht zum zweitenmal auf den Pelz komme,« brummte Jean -zwischen den zusammengebissenen Zähnen durch. -- »Diesmal möcht's -besser fördern -- der Wille ist wenigstens da.« - -»Brassen!« lautete des ersten Mate Stimme vom Quarterdeck herunter, -und »Brassen« rief der Zimmermann auch in demselben Augenblick in die -Back nieder -- »Brassen, Boys -- Donnerwetter, macht nicht so lange da -unten; der Mate hat schon dreimal gerufen.« - -»Schade, daß Massa Spahn nicht am Lügen erstickt,« lachte der Koch -und sprang vorneweg die Leiter hinauf. - -Bis acht Uhr Abends und zwar von Morgens fünf Uhr an, hatte er die -Wache auf Deck, nach acht Glasen Abends aber war seine Wacht bis zum -anderen Morgen zu Koje. Jetzt aber, da die beiden Leute krank, oder -doch wenigstens zur Arbeit für einige Zeit unfähig waren, mußte er so -lange des Capitäns Wache mithalten, und durfte dafür, um doch seinen -gehörigen Schlaf zu bekommen, Nachmittags bis vier Uhr zu Koje gehen. - -Die Raaen mußten vierkant gebraßt werden. Der Wind drehte mehr und -mehr nach Westen herum, so daß er jetzt von hinten in den Segeln lag, -und um 12 Uhr schon gingen sie über Backbord Bug mit halbem Wind, und -es wehte ein fliegender Sturm. Der Boreas zischte vor dicht gereeften -Vormars-, Sturm- und Vorstengenstagsegeln wie ein Pfeil durch die -kochende schäumende Fluth. -- Drei Tage lang dauerte der Sturm; vom -Lande aber herüberwehend konnte keine so gewaltige See stehen, wie das -der Fall gewesen, wäre er von der anderen Seite gekommen. Das Schiff -brauchte deshalb auch nicht beizulegen, sondern lief mit ganz kleinen -Segeln und nur weniger Unterbrechung fast seine 10 Miles die Stunde. - -Am schlechtesten befanden sich die im Raum stehenden Pferde dabei, die, -noch nicht an unruhige See gewöhnt, gleich vom ersten Anfang an in -solch ein Unwetter hineinkamen. Zwei starben auch schon den dritten -Morgen und eines hatte ein Hinterbein Nachts zwischen die Stangen -bekommen und gebrochen, und mußte, da hier keine Möglichkeit war es zu -heilen, mit den anderen beiden über Bord geworfen werden. - -Das Füttern und Besorgen der Thiere geschah in den verschiedenen Wachen -immer von denen, die gerade auf Wacht waren, und man kann sich denken -daß die Leute, noch außerdem unfreundlich vom Capitän behandelt, eben -nicht viel Lust zu einer Arbeit zeigten, welche Matrosen selbst unter -den günstigsten Verhältnissen ungewohnt und zuwider ist. - -Hierzu kam noch daß die Pferde, durch die starke Bewegung des Schiffs -wie das dadurch unvermeidliche stete Hin- und Hergeworfenwerden, dann -durch das Knarren der Balken, den Dunst, die Dunkelheit, wie alle die -fremden Gestalten, wild und scheu gemacht und oft gar nicht zu bändigen -waren und die Leute mehrmals nur mit genauer Noth der Gefahr entgingen, -von den wüthend aushauenden Thieren Arm und Bein zerschlagen zu -bekommen. In der That hatten auch schon fast Alle Quetschungen und -Wunden wegbekommen. Selbst beim Wassergeben bissen ein Paar der -boshaftesten nach denen, die ihnen den Eimer hinhielten, und Bill machte -schon Vorschläge, wie man die sämmtlichen »Bestien,« wie er sie -nannte, mit einemmale vergiften und loswerden könnte. - -Der zweite Mate, ein ruhiger, ordentlicher Mann that sein Bestes die -Leute zufrieden zu stellen, und da er auch den Proviant auszutheilen -hatte, so versprach er ihnen schon gleich am zweiten Tag, daß sie -bessere Provisionen haben sollten, »wenn ihm der Capitän und Steward -nur erst nicht mehr so auf die Finger sähen.« Damit mußten sie sich -aber für jetzt begnügen, denn für den Augenblick ließ sich darin -noch nicht viel ändern. Der zweite Mate half auch, wo es irgend ging, -mit im Raum bei den Pferden; weder Steward noch Zimmermann ließen sich -dort aber nur ein einzigesmal blicken. -- Sie hatten immer ungemein viel -andere nothwendige Sachen in der Zeit gerade zu thun. - - - - -Neuntes Capitel. - -Hans. - - -Am vierten Tag ging der Wind wieder mehr nach Süden herum und wurde -schwächer. Dadurch legte sich die See allerdings in etwas, der Boreas -kam aber nun auch wieder platt vor den Wind und hiermit in so viel -stärkere Bewegung. Nur in Ballast geladen, mit den Pferden im unteren -Raum, das Heu in das Zwischendeck gestaut, und sogar noch mit einem -Dutzend Wasserfässern oben an Deck, war er etwas kopfschwer geworden, -und lief allerdings ziemlich ruhig, sobald er von dem mehr schräg -einstehenden Winde auf einer besonderen Seite gehalten wurde. War das -aber nicht mehr der Fall, so schlingerte[6] er so herüber und hinüber, -daß die Raanocken manchmal fast die Wogen berührten. Es sah oft aus, -als ob er sich im Leben nicht wieder aufrichten würde. - -Den Pferden bekam dies noch schlechter als das Stampfen des Schiffes. -- -Noch an dem nämlichen Tage crepirte ein viertes, und zwei hatten -sich die Brust, mit der sie fortwährend gegen die Querbalken geworfen -wurden, vollkommen aufgescheuert. - -Capitän Oilytt war wüthend darüber; er stieg selber in den unteren -Raum hinunter, und als er den Zustand sah, in dem sich einige der Thiere -befanden, fluchte und lärmte er auf eine entsetzliche Weise und schwur, -er wolle den letzten Mann von der »Räuberbande«, die er jetzt an Bord -habe, zu Tode -- oder aus seiner Haut hinauspeitschen lassen, wenn auch -noch einem seiner Thiere nur »das Fell geritzt würde.« - -Capitän Oilytt hatte eine andere Tugend an sich -- =er trank=. Nach dem -Mittagstisch nahm er seinen »Verdauungstropfen«, wie er es nannte -- -ein Bierglas halb mit Brandy, halb mit heißem Wasser gefüllt und mit -etwas Zitronensaft versetzt -- er verschmähte Zucker. Dabei blieb es -aber nicht. -- Dem »Verdauungstropfen« folgte ein anderer und noch -einer, bis sein Gesicht glühte und manchmal ordentlich Funken zu -sprühen schien und in solchem Zustand sah er sich gewöhnlich nach ein -wenig »Sport« oder =Vergnügen=, wie er meinte, um, und stieg auf Deck -oder zu den Leuten hinunter. Gnade dann Gott dem, der ihm dort verkehrt -in den Weg kam, oder Ursache zu Mißfallen gab. Er verschmähte es oft -nicht, selber Hand anzulegen, und da er ein breitschultriger, schwerer -Gesell und überdem Capitän des Schiffes war, also vor Gericht stets -das Recht auf seiner Seite hatte, hüteten sich die Leute auch wohl, wo -sie das nur irgend vermeiden konnten, mit ihm anzubinden, und gingen ihm -lieber aus dem Wege. - -Es war am achten Tag ihrer Ausfahrt von Sydney. Der Wind wehte ziemlich -stetig aus SSO und der Boreas lief, jetzt einen Nord zu West Cours -haltend, an der Küste Australiens vor einer herrlichen Brise hinauf. -Der Capitän hoffte am nächsten Tag in Sicht der Riffe zu kommen, -zwischen denen hinein er durch die Torresstraße seine Bahn suchen -wollte. - -Die Torresstraße ist jene, an Flächenraum ziemlich breite Straße, die -im Süden von der nördlichen Küste Australiens, im Norden durch -die große noch fast unbekannte Insel Neu-Guinea gebildet wird, aber -dermaßen mit Inseln und Sandklippen überstreut und von Korallenriffen -durchwachsen ist, daß die Passage, selbst bei günstigem Wetter, immer -gefährlich bleibt und die größte Umsicht erfordert; bei stürmischem -Wetter aber selten oder nie gewagt wird. Hierzu kommt daß gerade in -dieser Gegend, vielleicht durch die vielen Inseln und die nahe so heiße -australische Küste hervorgerufen, das Wetter höchst unbeständig ist, -und Nebel und plötzliche Böen etwas sehr gewöhnliches sind, vor denen -sich die Schiffer dann natürlich nicht genug hüten können. - -Die Riffe selbst haben einen ebenso eigenthümlichen als gefährlichen -Charakter. Sie bestehen einzig und allein aus Korallenfelsen; steigen -aber nicht selten und besonders an diesem Theil der australischen -Küste, über tausend Fuß steil und schroff, manchmal bis an die -Oberfläche, manchmal diese nicht ganz erreichend, empor, nie aber so -weit über dieselben emporragend, daß mehr als das Schäumen der auf -ihnen überstürzenden Brandung sichtbar wäre, und dem Schiffer die -Nähe seines gefährlichen Feindes verriethe. Hie und da nur lauscht -zu Zeiten eine schwarze Felsspitze aus dem weißen Gischt des erregten -Wassers empor, und kündet die Gränze irgend eines in einem schmalen -Streifen vielleicht weit auszweigenden Riffs, während dicht davor, ja -vielleicht selbst in dem Bogen den das eigentliche Riff umschließt, das -ganz dunkelblaue Wasser die fast unergründliche Tiefe zeigt. An vielen -Stellen ragen die Korallen bis zur Oberfläche empor, während dicht -daneben und keine 20 Schritt davon entfernt, über 260 Faden, also 1560 -Fuß, Tiefe sind. - -Mit der australischen Küste von Süden nach Norden gleichlaufend, zieht -sich nun eine förmliche Mauer dieser theils mehr, theils minder steil -aufschießenden Riffe bis nach Neu-Guinea hinauf, und nur hie und da -laufen schmale gewundene und natürlich höchst gefährliche Eingänge -in diese Riffe hinein, an denen sich das Meer in seiner östlichen -Strömung mit aller Kraft und Stärke bricht. In einigen Meilen -Entfernung gesehen bieten sie dem Auge auch nichts als eine einzige, -ununterbrochene Kette weißen Schaumes, die sich von Süden nach -Norden in schneeiger, beweglicher Linie hinaufzieht, und erst dicht -hinanfahrend entdeckt der Schiffer von seiner Vorbramraae aus hie und -da einen schmalen dunklen Eingang, der zwischen den milchigen Massen hin -auf die innere spiegelglatte und stille Fluth führt. - -Macht aber wirklich das Schiff diesen schmalen Eingang, so ist immer -noch nicht gesagt daß es darin auch weiter kann, daß dieser nämlich -eine förmliche Durchfahrt in die tiefere innere Bay gestattet. Eine -starke, gewöhnlich nach Nordwesten setzende Strömung droht ihm -zugleich fortwährend in dem engen Fahrwasser, mit den nördlich von ihm -liegenden Klippen, während er, dicht von Riffen eingeschlossen, sich -vielleicht auf einer Tiefe befindet, in der seine beiden aneinander -gesteckten Ketten nicht einmal Ankergrund erreichen würden. - -Der Capitän war an dem Tage besonders mürrisch gewesen. Er hatte sich -mit dem zweiten Steuermann, irgend einer Kleinigkeit in den Provisionen -wegen, gezankt, oder diesen vielmehr einer Sache beschuldigt, die sich -nachher als unwahr herausstellte, und aus Aerger darüber schien er mehr -als seine gewöhnliche Zahl Verdauungstropfen zu sich nehmen zu wollen. -Da fiel ihm aber möglicherweise ein, daß er an dem zweiten Mate doch -vielleicht noch einen andern Haken finden könne, da dieser ja auch die -Aufsicht über das Füttern und Halten der Pferde hatte. Er beschloß -deshalb, einmal selber in den unteren Raum hinabzusteigen, und zu sehen -wie sich seine Pferde befänden. Er rief den Steward, ihm mit einer -Laterne zu folgen. - -Jean stand am Ruder und Bill saß nicht weit davon auf dem Quarterdeck -und besserte das dort ausgebreitete große Marssegel aus, das in der -letzten Bö beschädigt worden war. Der zweite Mate, der bis jetzt daran -mitgeholfen hatte, stand auf und ging nach vorn. - -Hans und François, die beiden übrigen auf Wache, waren gerade im -unteren Raum mit dem Füttern und Tränken der Thiere beschäftigt. Hans -hatte sich wieder so weit erholt, daß er wenigstens herumhinken und -die nothwendigsten Arbeiten mit verrichten konnte. Auch Jack war besser -geworden, lag aber immer noch, zu schwach irgend etwas anzugreifen, zu -Koje. - -»Na, heut' Nachmittag wird's wieder was Schönes setzen«, meinte Jean -mit halblauter Stimme zu Bill, der nicht weit von ihm saß, und nachdem -er erst einen vorsichtigen Blick über Deck geworfen. -- Der Mann am -Ruder darf mit niemandem sprechen und von niemandem angeredet werden, -damit er seine Aufmerksamkeit ungetheilt Compaß und Segeln zuwenden -kann; »der Alte ist in vortrefflicher Laune, und wenn er erst noch ein -paar »Tropfen« weggestaut hat, giebt's aller Wahrscheinlichkeit nach -einen Wolkenbruch. Sollte mich gar nicht wundern, wenn er unten schon -anfinge. -- Dort hat er aber niemanden. François versteht nicht was er -sagt wenn er schimpft, und Hans mukst nicht, und wenn er dem das Leder -vollschlüge.« - -»Das laß gut sein,« meinte Bill kopfschüttelnd, »Hans läßt viel -mit sich machen; wenn es aber zum Aeußersten kommt, traut' ich ihm -gerade weniger als jedem anderen. Er hat was im Auge was mir nicht -gefällt, und muß seine ganz besonderen Gründe gehabt haben, in -Sydney nicht mit fortzulaufen, denn aus Feigheit ist es wahrhaftig nicht -geschehen.« - -»Er hat Frau und Kind zu Haus,« entgegnete ihm Jean, »das wird der -Grund gewesen sein.« - -»Fällt ihm nicht ein,« meinte Bill kopfschüttelnd, »der hat so -wenig eine Frau zu Haus wie ich und du. Nein, ich will dir sagen was er -mir geantwortet hat, als ich ihn deshalb fragte -- er meinte er hätte -dem Capitän =sein Ehrenwort= gegeben an Bord zu bleiben, und das könne -er nicht brechen.« - -»Den Teufel auch?« rief Jean rasch und erstaunt -- »das hätt ich -Hans gar nicht zugetraut. -- Es ist überhaupt ein sonderbarer Kauz, -und so wenig er damit ausläßt, spricht er doch jedenfalls auch -französisch. -- Er versteht wenigstens alles, obgleich ich ihn nie zum -Antworten bringen kann. Er weicht dann immer aus und meint die Zunge sei -ihm zu schwer dazu. Ich glaub's aber nicht.« - -»Manchmal kommt's mir vor als ob er gar kein Deutscher wäre,« sagte -Bill. »Obgleich er sonst nur ganz gebrochen englisch spricht, sind -ihm doch schon ein paarmal Worte herausgefahren, die mich ganz stutzig -machten, und im Schlaf neulich will ich verdammt sein, wenn er nicht den -einen Satz so rein englisch herausbrachte wie nur je Einer an den alten -Kreideküsten Geborner. Nachher kam freilich eine Menge Kauderwälsch -dazwischen das ich nicht verstand, wahrscheinlich »_dutch_.« -- Hallo, -da unten gehts los -- hörst du's Jean?« - -»Ich hab's mir vorneherein gedacht,« sagte dieser gleichgültig. -- -»Daß er dem Mate nichts anhaben konnte, war dem alten Höllenhund -schon ein Dorn im Fleisch, und jetzt hat er denn richtig so lange -herumgesucht, bis er sich ein anderes Vergnügen herausstöbern -konnte.« - -»Hm!« sagte Bill, »da unten ist's laut -- hallo, da kommt der Alte -zu Luft -- Donnerwetter, was er für einen rothen Kopf hat -- wahrhaftig -ich glaube er blutet. Na jetzt werden wir was Neues hören,« und mit -unendlichem Fleiß, als ob er bis dahin gar nicht von seiner Arbeit -aufgesehen, machte er sich wieder über das alte, von Wetter und Zeit -schon arg mitgenommene Marssegel her. - -Im Raum war es indessen allerdings bunt hergegangen. Als der Capitän -hinunter kam, standen Hans und François eben und tränkten die Pferde, -von denen einige immer noch ungern aus dem Eimer soffen. Sie schnoperten -und scharrten und schnaubten, stießen mit der Nase nach dem Eimer, oder -versuchten auch wohl mit einem Vorhuf hineinzufühlen, wie sie einen -schwanken Steg oder zu weichen Boden erst versuchen würden, ob er auch -stark und sicher genug wäre sie zu halten. - -Es war natürlich sehr dunkel im unteren Raum, denn das wenige Licht -was durch die schmalen Luken fiel, wurde fast total durch die -beiden Windfänge gebrochen und aufgehalten, die von oben herunter -niedergelassen sein mußten, den Dunst der Pferde, der sonst nirgends -Abzug hatte, hinauszutreiben und reine Luft hinabzuführen. Die Hitze -war dadurch auch in der That sehr gemäßigt worden, und wenn man sich -erst einmal eine kurze Zeit unten befand, gewöhnte sich das Auge -eher an die Dunkelheit und konnte die Gegenstände, gegen die der eben -Niedersteigende wie erblindet war, leichter unterscheiden. - -Als der Capitän hinunterkam, stolperte er gleich bei den ersten -Schritten über eine dort lehnende Mistgabel, mit der die Leute die -Streu etwas aufgelockert und die trockene von der feuchten geschieden -hatten. Der Steward, der mit der Laterne hinter ihm herkam, half ihm -natürlich wenig oder gar nichts mit seinem Licht, und das erste was die -beiden Leute unten von der Gegenwart ihres Capitäns erfuhren, war ein -entsetzliches Schwören und Fluchen über die erstlich, die in ihrer -»verdammten Nachlässigkeit« das Werkzeug dort hatten stehen lassen, -und dann über die ganze »nichtsnutzige, diebische, strickwerthe« -u. s. w. Schiffsmannschaft. - -»Parbleu,« sagte François leise auf französisch zu Hans -- denn -die beiden sprachen einem Verständniß gemäß, das sie unter sich -getroffen, der eine sein Französisch und der andere sein Deutsch, womit -sie vollkommen gut auskamen -- »der Alte ist heut' in einer besonders -rosenfarbenen Laune. -- Ich gäb' 'was darum wenn er dem Fuchs da -drüben ein bischen nahe käme. Er und der würden's dann bald zusammen -kriegen.« - -Der Fuchs, von dem François sprach, war das bösartigste Thier im -ganzen Schiff, und Hans der einzige der ihm selbst Wasser oder Futter -geben durfte. Sobald sich nur ein anderer der Leute ihm näherte, und er -nur eben glaubte, sie mit seinen Zähnen erreichen zu können, fuhr er -wie ein Tiger aus seiner Höhle zwischen den beiden Querbalken mit dem -Kopfe durch, und Gnade Gott dann allem was er erwischte. Die übrigen -Pferde hatten sich schon etwas mehr in die Umstände gefügt, obgleich -sie trotzdem noch immer gern nacheinander bissen und schlugen. - -»Was gutes hat er nicht im Sinn, wenn er Nachmittags hier -herunterkommt,« erwiederte Hans, mehr jedoch mit sich selber redend als -auf die Bemerkung des Anderen antwortend. -- »Komm hier, Schwarzer,« -rief er dann laut gegen das Pferd gewandt, an dem er gerade stand, -und das nach dem jetzt näher kommenden Licht der Laterne -hinüberschnoperte. Es trat ängstlich dabei so weit zurück, als es -ihm das etwas kurze Seil, an dem sein festes Halfter saß, erlaubte -- -»komm hier, Bursche -- es thut dir niemand 'was -- hier -- sauf dein -Wasser, daß die anderen auch 'was kriegen -- Steward! haltet ihm die -Laterne nicht so vor die Nase,« wandte er sich jetzt aber rasch gegen -diesen, der indessen mit dem Capitän ganz nahe getreten war und das -Licht so hoch als möglich hielt, um selber darunter wegsehen zu können --- »es scheut vor dem ungewohnten Strahl und wird das Halfter am Ende -zerreißen.« - -Der Steward senkte das Licht und wollte zurücktreten, der Capitän -hatte aber in demselben Augenblick auch eine Schramme am Hals des -Pferdes bemerkt -- eine Stelle, wo es das Seil ein wenig wund gescheuert -hatte und die jetzt, da es mit dem ganzen Gewicht seines Körpers nach -hinten zog, frei kam und sichtbar wurde. - -»Halt, Steward -- gieb mir einmal die Laterne,« sagte er rasch -- -»Gott verdamme mich, wenn sie mir hier unten die Thiere nicht zu Tode -schinden, falls ich nicht selber dann und wann darnach sehe. -- Woh -Poney -- woh mein Thier -- _come up here, you damned son of a bitch_ -- -_come up here_ -- _w-o-h_ -- daß dich die Pest!« - -Das Pferd durch das ihm dicht vorgehaltene Licht und die fremden -Laute scheu und furchtsam gemacht -- drängte nur immer mehr zurück, -schnürte sich fast die Kehle zu, daß ihm die Augen weit aus dem Kopf -traten, sprengte endlich, als der Capitän mit dem letzten, »daß dich -die Pest« den Arm mit der Laterne rasch und heftig gegen es in die -Höhe stieß, das Halfterseil, und stürzte auf seinen Hintertheil -zurück gegen die Schiffswand. Allerdings war es noch mit einem anderen -Nothtau um den Hals befestigt und festgehangen, dieses aber länger als -das andere, so daß es ihm mehr Raum gab. Als es deshalb wieder in -die Höhe sprang, drückte es mit aller Kraft hinter die ihm zunächst -stehenden Thiere hinein, die, durch den ganzen Lärm und die ungewohnten -heftigen Stimmen ebenfalls scheu gemacht, ausschlugen und wieherten und -stampften, und einen Lärm machten als ob sie das ganze Unterdeck aus -einander reißen wollten. - -Die Verwirrung hatte ihren Höhepunkt aber noch lange nicht erreicht. -Das einzige Pferd nämlich, was sich bis jetzt bei der ganzen Sache -vollkommen ruhig verhalten, ja nicht ein Glied gerührt, und nur -vorsichtig gebückt mit zurückgezogenem Kopf, aber lebhaft und -tückisch blitzenden Augen dagestanden hatte, war eben der Fuchs -gewesen, von dem François vorher gesprochen, und der geduldig ein Opfer -für seinen nächsten Angriff zu erwarten schien. Der Steward war ihm -der nächste. Dieser stand, nicht das mindeste von der ihm im Rücken -drohenden Gefahr ahnend, mit der ihm vom Capitän wieder zugereichten -Laterne mitten in dem Gang, der zwischen den beiden Reihen Pferden -gelassen worden. Der aber war nicht drei Schritt von der Stelle ab, wo -der Fuchs, mit fest zusammengebissenen Zähnen, gierig auf die nächste -Bewegung seiner ausersehenen Beute lauerte. - -Die sollte auch nicht lange auf sich warten lassen. Der Capitän -bedeutete den Steward mit dem Licht nach hinten zu gehen, daß die -Thiere sich wieder beruhigen möchten. Dieser wollte auch eben dem -Befehl Folge leisten, hatte aber kaum seinen zweiten Schritt gethan, als -er einen lauten Angst- und Schmerzensschrei ausstieß und die Laterne -fallen ließ. Der Fuchs war nämlich ohne weitere Warnung mit dem Kopf -durch seine beiden Querbalken hingefahren, und den Mann gerade über der -Hüfte packend, hielt er ihm hier Hose und Fleisch, ingrimmig zwischen -seinen scharfen ehernen Zähnen eingeklemmt; an Losreißen war nicht zu -denken. - -»Pfui, Fuchs, schäm dich!« rief Hans, der wegen seines kranken Beines -nicht gleich so schnell hinüber konnte, den Gefangenen zu befreien. -Fuchs aber, obgleich er sonst gewöhnlich auf seines Fütterers Wort -hörte, schämte sich diesmal nicht, und ließ den jetzt Zeter und -Mord Brüllenden auch nicht eher los, bis der Capitän zusprang, ihn -zu befreien; dann geschah es aber auch nur, um nach dem neuen Opfer zu -schnappen. An diesem hafteten jedoch seine Zähne diesmal nicht, denn -er stieß ihn so heftig mit dem Maul gegen den Leib, daß er -zurücktaumelte und mit dem Kopf an den gegenüberstehenden Pfosten -schlug. - -Als er sich wieder in die Höhe richtete, wollte der Fuchs seinen -Angriff erneuern, jetzt sprang aber Hans dazwischen und trieb das -freudig und fast höhnisch wiehernde Thier in seine Gränzen zurück. -Der Steward aber kroch indessen wie eine Schlange in dem schmalen Gang -hin und hielt nicht eher an, bis er die Leiter halb hinauf war. Dort -blieb er stehen und schrie nun zurück, »das sei eine schändliche -Gemeinheit, denn er habe selber gesehen wie Hans das Thier auf ihn -gehetzt hätte.« - -»Tropf,« war das einzige was Hans, halb lachend, halb verächtlich auf -die Anschuldigung erwiederte, und er wandte sich dabei wieder nach dem -Rappen um, diesen aufs neue festzumachen, und die anderen Thiere zu -beruhigen und zu tränken. So leichten Kaufs sollte er aber bei dem -Capitän nicht davonkommen, denn Capitän Oilytt, durch Rum, Aerger und -den letzten Fall zu wahrer Wuth gebracht, schäumte fast vor innerlich -kochendem Grimm und suchte nur noch ein Opfer, an dem er ihn auslassen -konnte. - -François merkte das, und drückte sich aus dem Weg, und auch Hans -fühlte, wie der Capitän nur eine Ursache suche mit ihm anzubinden; -that aber als ob er entweder nichts merke oder sich nur wenig um die -Sache bekümmere. Den ersten allgemeinen Ausbruch des Gereizten oder -eigentlich sich selber erst Aufreizenden: »Ihr verdammten Hallunken -hier unten macht was Ihr wollt mit den Thieren, und ich muß Euch -nur erst einmal die Katze zu fühlen geben,« ließ er deshalb auch -unbeantwortet, und machte sich mit dem Rappen zu schaffen, den er durch -Zureden so weit vorn an die Stange zu bringen versuchte, daß er ihm das -Halfterseil wieder anknoten konnte. - -»_You, Sir, there_,« rief aber der Capitän, »ich spreche mit Euch -- -Gott verdamme es, wollt Ihr wohl so gut sein und mir Antwort geben wenn -ich mit Euch rede? -- Was ist das hier für eine Wirtschaft unten? -- -Ueberall liegt das Geschirr herum, daß man Hals und Beine darüber -bricht -- die Pferde sind wund gescheuert und liederlich angebunden, -daß sie sich einander zu Schanden schlagen müssen -- _damn it to hell -and damnation_, ich will darin Ordnung sehen, oder ich lasse Euch alle -mit einander krumm schließen und abpeitschen.« - -Hans zuckte zusammen, als ob er schon einen Schlag empfangen hätte, -und hielt einen Moment, wie unschlüssig was er thun solle, in seinen -Bewegungen ein. -- Was ihm aber auch für Gedanken im Kopfe herum -gegangen waren, seine Vernunft siegte. - -»Geduld -- Geduld,« murmelte er leise, wie eine Art -Beschwörungsformel vor sich hin, und griff eine andere, neben ihm -liegende Mistgabel auf, um das den Pferden kurz vorher gegebene und -jetzt umhergestreute Heu wieder zusammenzuschieben. Der Capitän mochte -aber wohl die leise geflüsterten Worte gehört haben, denn er sprang -rasch auf den Mann zu, faßte ihn am Kragen und rief wüthend: - -»Was murmelt der Hund -- willst du auch noch gegen mich knurren? Einen -Muks noch, Canaille, und ich schlage dir den tückischen Schädel bis -in den Kragen hinunter!« Und er riß bei den Worten dem, nicht den -mindesten Widerstand Leistenden die Mistgabel aus der Hand und hob sie -drohend, wie zum Schlag in die Höhe. - -Hans sagte kein Wort, er drehte sich nur halb nach ihm um und sah ihm -starr ins Gesicht -- er war todtenbleich geworden, und das kranke Bein, -auf dem er zu lange gestanden, fing ihn plötzlich so an zu schmerzen, -daß er sich an dem nächsten Pfeiler halten mußte. - -»Faule, schuftige Bande,« schrie jetzt der Capitän in fast trunkener -Wuth, ohne jedoch zuzuschlagen, denn der Mann stand ihm, ohne eine Hand -aufzuheben, gegenüber -- »die das Brod nicht verdienen, was sie ihrem -Herrgott abstehlen. Nun, zum Donnerwetter, was steht der Lump da und hat -Maulaffen feil -- Wird's bald, und kriegen die Pferde heute noch etwas -zu saufen.« - -Hans wandte sich um, als er aber auf sein Bein trat, knickte er -zusammen und konnte sich nur mit Mühe aufrichten, suchte aber doch mit -äußerster Anstrengung seinen Schmerz zu verbeißen. Er hatte dabei die -Laterne umgestoßen, die neben ihm stand, nahm sie aber gleich wieder in -die Höh und hing sie in einen dazu bestimmten Haken. - -»Ungeschicktes Vieh,« sagte da der Capitän, und stieß ihm, noch -während er damit beschäftigt war, den Stiel der Gabel gegen den -Nacken. - -»Capitän!« knirrschte aber auch in diesem Augenblick der -Gemißhandelte zwischen den fest zusammengebissenen Zähnen hindurch -- -»ich habe meine Schuldigkeit, so viel in meinen Kräften stand, gethan, -und keine Mißhandlung verdient!« - -»Bestie!« schrie jetzt ordentlich jauchzend, daß er eine gegründete -Ursache gegen einen Widersetzlichen hatte, der Capitän, und drehte die -Gabel in der Hand um, daß er das schwere Eisen nach oben schwang --- »willst du muksen?« und im nächsten Moment fuhr das Instrument -sausend nach dem Kopfe des Matrosen -- aber es traf nur den Pfosten, -und während die Pferde wieder in wilder Scheu zurückschreckten und -stampften, schlugen und an den Tauen rissen, griff eine eiserne Faust -des Capitäns Kehle, und ein schwerer Schlag schmetterte ihn zu Boden. - - - - -Zehntes Capitel. - -Die unterbrochene Execution. - - -Eine Stunde etwa nach den im letzten Capitel beschriebenen Vorgängen -lag der Capitän, mit Essigumschlägen über den Kopf, in seinem Bett in -der Cajüte, und der deutsche Matrose Hans schwer in Eisen geschlossen -in einer kleinen Art von Behälter des untersten Raumes dicht neben dem -Steuer, zwischen zwei dort angebrachten eisernen Wasserreservoiren. Der -Capitän hatte sich seine Bestrafung auf den andern Tag vorbehalten und -wollte, wie er gemeint, ein exemplarisches Beispiel statuiren. -- Er -hatte mit dem ersten Mate eine lange Besprechung darüber gehabt. - -Der Steward lag übrigens auch in seiner Koje, der Leib war ihm, wo -ihn das Pferd gepackt gehabt, bös aufgeschwollen und er wimmerte und -lamentirte vor Schmerzen. Mit Jack ging es ebenfalls nicht besser -- -er hatte den Abend wieder starkes Fieber und konnte nicht an Aufstehen -denken. Des Capitäns Wache war dadurch so eingeschmolzen daß der Koch -mit dazu genommen werden mußte, obgleich er sich keineswegs, wie er -sich ausdrückte, ein »Vergnügen daraus mache.« - -Es herrschte übrigens ein dumpfes Schweigen unter der Mannschaft. Hans -war seines stillen anspruchslosen Wesens wegen von Allen gern gesehen; -dabei gab es keinen tüchtigeren Matrosen an Bord als ihn, und -François' Erzählung, der ja Zeuge des Vorfalls im unteren Raum -gewesen, diente gerade nicht dazu sie gegen den Capitän günstiger -zu stimmen. Nichts destoweniger hatte er Hand an seinen Vorgesetzten -gelegt, und die angeborene, fast möchte ich sagen =Scheu=, die in -dieser Hinsicht in den Leuten steckte, ließ sie auch von seiner -Bestrafung -- wie er immer gereizt gewesen sein mochte -- als von -einer Sache sprechen die sich von selbst verstände, und durch Nichts -geändert werden könne. - -»Der Teufel muß heute in Hans gefahren sein« meinte Jack, als die -Leute nach eben eingenommenem Abendessen noch auf ihren Kisten, und um -die hölzernen Schüsseln herum, im Logis saßen, »das hätt' ich ihm -gar nicht zugetraut, daß er so hitzig werden könnte.« - -»Ich hab' Dir's gestern wohl gesagt« lachte Bill -- »s'ist mir schon -ein paar Mal so vorgekommen, als ob der kleine _dutchman_ vom richtigen -Stoff wäre und nur einen mittelmäßigen Stahl brauche vortreffliches -Feuer zu geben. Schade daß er den alten betrunkenen Schuft nicht gleich -todtgeschlagen hat, dann wären wir ihn auf einmal los« -- er sah sich -dabei um, ob ihn auch der Zimmermann nicht gehört habe, doch der war -schon an Deck. - -»Schade für uns, aber nicht für ihn« meinte Jean nachdenkend -- -»dem armen Teufel wird's so schlecht genug gehen. -- Ich möchte morgen -früh nicht in seiner Haut stecken.« - -»Sie können ihm doch weiter nichts thun als daß sie ihn in Eisen -lassen,« sagte Carl rasch, »das ist für jetzt Strafe genug, und -nachher mögen sie ihn den Gerichten übergeben. Auf dem festen Land -wird er nicht so schwer abkommen wie an Bord.« - -»Das kommt aufs Wetter an« meinte Bill trocken, und schob sich ein -tüchtiges Primchen in den Mund, den er sich vorher mit einem halben -Kumpen Thee ausgespült hatte. - -»Auf's Wetter?« sagte Bob -- »wie soll das auf's Wetter ankommen -- -wohl die Laune vom Alten.« - -»Ich meine das =Wetter=,« behauptete Bill -- »nach Recht und Gesetz -weiß ich nicht einmal ob er ihn schlagen kann. Wird aber das Wetter -morgen unbeständig, und es sieht heute gerade so aus als ob wir vor dem -alten miserabeln Riffnest Gott weiß wie lange herumkreuzen müssten, -dann kann ihn der Alte, so schwach wie wir jetzt bemannt sind, gar nicht -in Eisen lassen, oder er muß erwarten daß ihm einmal über Nacht ein -Viertel Dutzend Masten über Bord gehen. Nachher heißts »wieder auf -Deck« und daß er ihn dann nicht so ohne alle Strafe frei herum laufen -läßt, ich dächte dazu kenntet Ihr doch unseren Alten ein klein -Bischen zu gut.« - -»Er darf ihn doch nicht schlagen lassen!« rief Carl entrüstet. - -»=Darf= nicht?« lächelte Bill verächtlich -- »ich möchte sehen -wer ihn daran verhindern wollte. -- Wenn =wir's= thäten, wär's weiter -nichts als »Seeräuberei« von unserer Seite -- »Rebellion und -Aufruhr« und wie die schönen Worte sonst noch alle heißen, nach denen -man eines ehrlichen Menschen Hals so lang zieht, daß er bis an die -nächste Raanocke reicht. Und wollte ihn Hans nachher verklagen wenn wir -an Land kommen, so möchte ich drei Monat Lohn gegen einen Priem Taback -wetten, daß der Capitän Recht bekommt und der Kläger, -- wenn sie ihn -nicht gar noch einmal einstecken -- höchstens den Verweis bekommt, sich -in Zukunft besser zu betragen. Das nennen sie nachher Gerechtigkeit.« - -»Ich hebe keine Hand gegen ihn auf,« betheuerte Carl, »wenn sie mich -krumm und lahm schließen lassen.« - -»Wirst du auch gar nicht 'zu kommen,« meinte Bill -- »das ist des -Bootsmanns Sache, und da »Spahn« jetzt überhaupt hier an Bord den -Bootsmann spielt, so wird der also auch wohl die kleinen Nebengeschäfte -zu besorgen haben. Doch hoffentlich bekommen wir besser Wetter, und dann -macht sich vielleicht noch Alles.« - -»Ich glaube auch nicht daß ihn der Capitän wird wirklich =peitschen= -lassen,« tröstete sich Jean, -- »er mag wohl den Teufel im Kopf haben -wenn er die »Tropfen« im Magen spürt -- aber Morgens ist er ja sonst -immer still und ruhig, und flucht nicht einmal besonders viel.« - -»Trau du dem Morgens,« brummte Bob hier aus seiner Ecke vor, »ich -hab' ihn einmal Morgens bei solchem Geschäft gesehen, und verlang es -nicht wieder.« - -Bob war, außer Hans, der einzige von der ganzen Mannschaft, der schon -früher einmal eine Reise mit dem Capitän in ein und demselben Schiffe -gemacht; aber man hatte ihn bis jetzt nie dazu bringen können auch nur -das mindeste darüber zu erzählen. Desto gespannter drehten sich jetzt -Alle gegen ihn um, weil sie glaubten er würde ihnen nun das, worauf er -anspielte, zum Besten geben. Bob aber, der vielleicht fürchten mochte -daß er dazu gedrängt würde, stand auf, zündete seine Pfeife an, -und stieg auf Deck, und da der Zimmermann gleich nach ihm herunter kam, -hörte jede weitere derartige Unterredung von selber auf. - -Der Gefangene bekam von dem zweiten Mate Wasser und einen -Schiffszwieback, auf des Capitäns Ordre hinuntergebracht -- auf seine -eigene fügte er aber ein Stück Fleisch und ein Fläschchen mit Rum -bei, und sprach dem armen Teufel Muth ein: er solle nicht das Schlimmste -glauben; es würde noch Alles gut gehen?« - -»Gut gehen?« lachte Hans leise und bitter vor sich hin, nachdem er dem -Mate, der mit der Laterne neben ihm stand, freundlich zugenickt -- »gut -gehn? -- was der Capitän thun kann daß mir's =schlecht= geht, thut er -gewiß, darauf könnt Ihr Euch verlassen, und =er= hat jetzt die Macht -in Händen. -- Das Blatt hat sich gewendet.« - -»Das Blatt hat sich gewendet?« wiederholte der Mate verwundert -- -»wie meint Ihr das?« - -»Oder es wendet sich vielleicht wollte ich sagen« erwiederte der -Matrose und that einen kräftigen Zug aus der ihm dargereichten Flasche. --- »Ich spreche schlechtes englisch Mate, und Ihr dürft bei mir die -Worte nicht so auf die Wagschaale legen.« - -»Donnerwetter Mann, Ihr sprecht heute Abend ein recht =gutes= Englisch, -besser wie ich's noch je von Euch gehört habe -- Ihr müßt schnell -lernen.« - -»Wenn man den ganzen Tag weiter Nichts hört,« meinte der Gefangene, -»bleibt einem ein Bischen hängen, und =andere= Menschen lernen's ja, -warum soll gerade =mein= Kopf von Holz sein.« - -»Nun, laßt's Euch schmecken,« sagte der Mate, »und wenn Ihr das -Fläschchen leer habt, steckt's hier in die Ecke, zwischen die beiden -Balken hinein. Der Lump der Steward könnte wieder aufstehn und herunter -kommen und wenn der's ausschnoperte, wüßte es der Capitän auch schon -in den nächsten fünf Minuten.« - -»Ist denn der Steward krank?« frug Hans erstaunt -- »was fehlt ihm?« - -»Alle Wetter, Ihr waret doch selbst mit unten und sollt ja das Pferd -gerade auf ihn gehetzt haben, was ihn gebissen hat,« lachte der Mate -leise. - -»Oh, hat Ihn der Fuchs so derb gepackt gehabt« meinte Hans, -kopfschüttelnd, »hm, hm -- ja, Pferde beißen scharf, wenn sie einmal -richtig zufassen -- liegt er denn zu Bett?« - -»Ja -- aber ich kann jetzt auch nicht länger unten bleiben, ich habe -die Wache an Deck, -- also gute Nacht Hans« -- und damit nahm er seine -Laterne wieder in die Hand, und stieg die Leiter in die Höh, und Hans -blieb im Dunkeln allein. - -Am nächsten Morgen war der Wind ziemlich schläfrig geworden; das -Schiff machte nur wenig Fortgang. Am vorigen Tag hatten sie dabei gar -keine Observation bekommen, und auch heute verdunkelte sich gegen Mittag -die Sonne. Der Logrechnung nach mußten sie allerdings dem südlichen -Eingang der Riffe ziemlich nahe, d. h. fast auf einer Breite mit ihm -sein. Wie aber der Wind jetzt stand, wäre es gefährlich gewesen zu -nah an die Klippen anzulaufen, denn die Strömung setzte in dieser -Jahreszeit stark dagegen. Befiel sie vor dem Eingang Windstille, so -war die größte Wahrscheinlichkeit vorhanden, daß sie gegen die Riffe -getrieben werden mußten. Außerdem konnten sie dabei unter keiner -Bedingung vor Anker gehen -- mit ihrer längsten Lothleine hätten sie, -dicht vor den Riffen, keinen Grund gefunden. - -Der Morgen war so vorüber gegangen, ohne daß der Capitän auch nur ein -Wort über den Gefangenen erwähnt hätte. Erst mit sechs Glasen (drei -Uhr) gab er dem zweiten Mate den Befehl Hans an Deck zu bringen. -In Süd-Westen stieg eine dichte Wolkenschicht auf, und es war jede -Wahrscheinlichkeit vorhanden, daß sie eine häßliche Nacht bekommen -würden. - -Hans war todtenbleich als er das Deck erreichte, aber vollkommen ruhig. --- Er stieg durch die hintere Luke vor dem Mate die Zwischendeckstreppe -hinauf, und blieb, auf ein Zeichen desselben, an der Nagelbank des -großen Mastes stehen. -- Hier aber, ob ihn sein Bein vielleicht noch -schmerzte, oder er sich durch die Aufregung, in der er sich jedenfalls -befand, erschöpft fühlte, aber er lehnte sich halb auf das neben ihm -stehende Fleischfaß, und erwartete dort die Ankunft des Capitäns, der -gleich darauf über das Quarterdeck herüber auf ihn zu kam. - -Capitän Oilytt sah gerade das Gegentheil von Hans aus -- er war -glühend roth im Gesicht, und über der Stirn saß ihm ein breites und -langes schwarzes Pflaster. Es war dieselbe Stelle, auf die ihn der jetzt -in Eisen Geschlossene gestern getroffen. Seine Augen hafteten aber nur -für kurze Zeit auf dem Gefangenen, der seinem Blick fest begegnete -- -er schaute unruhig über sein Schiff hinweg, nach den Segeln hinauf, -nach den Wolken hinüber und befahl dann dem zweiten Mate mit heiserer -fast nur halblauter Stimme _all hands on deck_ zu rufen und aufs -Quarterdeck zu bringen. - -Die Leute kamen still und schweigend an und sammelten sich um Hans, -Keiner aber, außer dem Zimmermann, ohne ihm nicht halb verstohlen und -freundlich zuzunicken. - -Um des Gefangenen Züge spielte ein leises schmerzliches Lächeln, -- -aber sein Blick suchte wieder die im Süd-Westen aufsteigenden Wolken, -die er in den letzten Minuten schon aufmerksam betrachtet hatte. Wie -unruhig schaute er dann nach dem Oberbramsegel hinauf. Bill, der neben -ihm stand hatte den Blick gesehen und sagte leise: - -»Du hast recht Hans, wir kriegen heut Abend faul Wetter und wenn der -Alte nicht bald Segel« -- - -Des Capitäns Stimme unterbrach ihn hier. -- Dieser war bis dicht an die -dünne eiserne Railing getreten, die das Quarterdeck, das halb aus dem -unteren Raum emporragte, von dem Mitteldeck trennte, und redete jetzt -die Mannschaft mit lauter aber doch nicht fest klingender Stimme an: - -»Leute -- wie Ihr wohl wissen werdet, so hat gestern der deutsche -Matrose da -- könnt Ihr nicht aufrecht stehn, Sir, wenn man zu Euch -spricht? -- heh?« -- Hans versuchte sich aufzurichten, mußte sich aber -immer noch festhalten und suchte sich jetzt mit dem gesunden Beine gegen -das Faß zu stützen. - -»Sein Bein thut ihm noch weh,« sagte der zweite Mate leise zum -Capitän, hinter dem er stand. -- - -»Sein Bein soll verdammt sein,« erwiederte dieser barsch und laut, -»übrigens hab ich Euch nicht gefragt Sir, daß Ihr Euch hier das Wort -erlaubt.« -- - -»Ich meinte nur.« - -»Ihr =habt= Nichts zu meinen, Ruhe Sir -- Gott verdamme mich, ich will -Ordnung hier an Bord haben, oder mit Schiff und Mannschaft zu Grunde -gehn -- und Gnade Gott allen denen, über die ich vorher noch weg muß. --- Also wie ich Euch sagte, Leute, so hat gestern der deutsche Matrose, -sich erst im Raum unten, als ich ihn wegen Unordnung und Liederlichkeit -zurecht wieß, mit Worten gegen mich vergangen, und zuletzt sogar -einen mörderischen Angriff auf mich gewagt, bei dem er mich, von der -Dunkelheit des unteren Raumes und der Lokalität begünstigt, mit irgend -einem schweren Instrument oder Gegenstand vor den Kopf traf und zu Boden -warf.« - -»Ich hätte meinen Hals verwettet,« flüsterte Bill dem neben ihm -stehenden Jean zu, »daß er's akkurat so herausbringen würde. -- Ein -Advokat hätt's nicht besser machen können.« - -»Dem Gesetz nach könnte ich ihn nun bis Indien« -- fuhr der Capitän -fort, »schwer geschlossen im unteren Raume lassen. Da wir aber -überdies schwach bemannt und einige von uns noch dazu krank sind, so -dürfte ich das jetzt kaum mit der Sicherheit des Schiffes verantworten -können. Ganz ohne Strafe soll er aber natürlich, bis ich ihn in -Calcutta den Gerichten übergeben kann, nicht wegkommen, und der -Bootsmann wird ihm deshalb hier vor Euren Augen funfzig Hiebe aufzählen --- als =Warnung= für jeden Einzelnen unter Euch für die Zukunft. Ihr -habt mir in Sydney Aerger und Kosten genug gemacht, und ich will mir -hier an Bord wenigstens nicht länger von Euch auf der Nase herumspielen -lassen, oder mich gar Euren mörderischen Angriffen aussetzen. Bootsmann --- thut Eure Schuldigkeit.« - -Er wandte sich um als ob er nach hinten gehen wollte. Des Gefangenen -Stimme hielt ihn da zurück; er blieb mitten im Gange stehen, drehte -sich aber nur halb nach diesem wieder um. - -»Capitän,« sagte Hans, dem die Worte kaum aus dem Mund wollten, so -erstickte die innere fürchterliche Aufregung seine Stimme. Er sprach -auch sehr langsam, wie er immer that wenn er sich des Englischen -bediente. -- »Capitän -- in Sydney haben fast alle Euer Schiff -verlassen, nur ich nicht, weil ich Euch mein =Wort= gegeben hatte zu -bleiben.« - -»Du bist geblieben, Schuft, weil ich den Lohn von voriger Reise für -dich in Händen hatte,« lachte der Capitän und drehte sich wieder ab --- »nicht wegen deines Ehrenworts.« - -»Capitän,« rief aber Hans noch einmal, dem das Blut jetzt wie mit -vollen Strömen aus dem Herzen herauf ins Gesicht stieg -- »ich blieb, -weil ich mein =Wort= gegeben -- und ich gebe es Euch hier noch einmal -- -nehmt die Strafe zurück. Ihr wißt selber, wie Ihr mich gereizt habt. --- Ich war meiner Sinne nicht mächtig als ich nach Euch schlug -- aber -nur mit meiner nackten unbewaffneten Faust, so helfe mir Gott. -- Nehmt -die Strafe zurück und ich will arbeiten, daß mir das Blut unter den -Nägeln vorkommt -- oder in Eisen liegen wie Ihr wollt -- ich will nicht -murren. -- Setzt mich die ganze Reise auf Wasser und Brod -- behaltet -zur Strafe für mich jeden Cent, den ich bis jetzt hier an Bord verdient -habe -- aber -- aber -- keine Schläge.« - -Der Capitän war stehen geblieben, aber allem Anschein nach ohne den -Worten auch nur die geringste Aufmerksamkeit zu widmen. -- Er wandte -sich jetzt rasch gegen den Zimmermann und sagte schnell: -- - -»Hab' ich Euch nicht befohlen Eure Schuldigkeit zu thun? -- Wir haben -keine Zeit mehr zu verlieren, dort hinten kommt ein Wetter auf -- Bob -- -Jim -- bindet den Gefangenen an die Leeseite -- nur mit den Händen -- -er mag aufrecht dabei stehen bleiben oder -- wenn ihm das bequemer ist, -auf die Kniee niederfallen.« - -»Capitän!« schrie aber jetzt Hans plötzlich, als die beiden auf ihn -zutraten, mit lauter fast drohender Stimme, und in so reinem, flüssigem -Englisch, daß selbst der Capitän sich erstaunt nach ihm umschaute -- -»Ihr =wißt=, daß ich mein Wort halte, aber beim heiligen Gott des -Himmels, der, der Hand an mich legt, schlage mich lieber gleich todt, -denn so wahr ich einst selig zu werden hoffte, so wahrhaftig morde ich -ihn im nächsten Augenblick, wo ich die Hände frei bekomme.« - -»Ah, wenn die Sachen so stehen, wollen wir wohl zusehen daß du -die Hände nicht frei bekommst, mein Bursche,« lachte der Capitän -höhnisch -- »Gott verdamme es, wie der Kerl auf einmal so gut englisch -spricht -- das bringt die Angst heraus. Also =Mord= -- gut Sir, wir -werden's nicht vergessen. -- Und nun an die Arbeit, Bootsmann, und legt -gut auf, oder ich laß Euch auf Euerm eigenen Rücken zeigen wie man's -machen muß. Allons, Bob -- Jim -- Pest, noch einmal Burschen, soll -ich's Euch zum =drittenmal= sagen?« - -Die beiden hatten unschlüssig dagestanden. Dem directen Aufruf des -Capitäns wagten sie aber nicht den Gehorsam zu verweigern, und führten -den Gefangenen an die Leeseite, wo sie ihm das Hemd abzogen und -den Rücken entblößten. Brust und Schultern waren ihm mit blauen -wunderbaren Zeichen tättowirt, und auf der ersteren hatte er noch -außerdem drei tiefe, aber schon seit Jahren verharrschte Narben. Sie -banden ihm die Hände hoch in die Höhe, aber er sprach kein Wort mehr, -und ließ alles ruhig mit sich geschehen. Der Zimmermann hatte indessen -ein schon bereitliegendes noch neues Reefband vorgenommen, wickelte sich -das eine Ende davon um die rechte Hand, und trat auf den Gefangenen zu. - -Indessen hatte es schon lange im Südwesten geblitzt, und es folgte -gerade in diesem Augenblick ein so heftiger Donnerschlag, daß Alle, -die bis jetzt nur mit dem Gefangenen beschäftigt gewesen, erschrocken -aufsahen. - -»Werft die Bramsegelfalle los,« schrie aber jetzt auch der Capitän, -der auf einmal fand daß ihn das Wetter ganz plötzlich überrascht -hatte. -- »Bramsegel fest -- schnell -- Falle los -- Donnerwetter, -Zimmermann, laßt den Burschen jetzt stehen und werft die Taue los.« - -Die Leute sprangen, froh dem peinlichen Schauspiel enthoben zu -sein, blitzesschnell auf ihre verschiedenen Posten, und im nächsten -Augenblick schien alles nur Verwirrung in den gelösten Tauen und -flatternden Segeln. -- Niemand kümmerte sich um den Gefangenen, der -noch mit entblößtem Oberkörper an den Wanten hing. - -Ueber die See kam es indessen in dumpfem, hohlem Brausen herangestürmt. --- Noch standen die Wolken tief am Horizont, aber die Luft wurde schon -dick und düster, und das Wasser fing an sich vor der andrängenden -Gewalt zu kräuseln und zu gähren. Die leichteren Segel waren indessen, -so rasch es die schwache Mannschaft nur irgend erlaubte, festgemacht, -die Marsraaen rasselten jetzt zum Reefen nieder, und in das monotone -Heulen der Matrosen, die an den Reeftaljen hingen und die schweren Segel -zum Reefen aufholten, mischte sich schon das Brausen des Sturmes, und -die Segel schlugen dabei an die von den Brassen gelösten Raaen, als ob -sie der kommenden Windsbraut ängstlich entfliehen und hinaus ins Weite -wollten. - -Hier besonders zeigte sich jetzt der Nachtheil einer zu schwachen -Bemannung. -- Sämmtliche Mannschaft wurde gebraucht ein einziges Segel -zu reefen -- und war selbst dazu kaum stark genug. Ehe sie denn auch das -Vormarssegel fest bekommen konnten, brauste der Sturm heran, riß das -große Marssegel mit =einem= Schlag, wie aus einer Kanone geschossen, -von einander, und in der nächsten Secunde peitschten schon die Streifen -davon um die Raaen. Der Capitän stampfte ingrimmig mit dem Fuß. - -»Soll ich Hans lieber losbinden, daß er mit hilft?« sagte der erste -Mate zum Capitän, mit dem er allein auf dem Verdeck stand -- der zweite -Mate war mit oben auf der Marsraae. -- - -»Verdammt! nein,« rief aber dieser »ich traue dem Burschen nicht, -und er soll nicht sagen, daß er oder das Wetter mir seine Strafe -abgetrotzt. Das Segel ist nun doch einmal beim Teufel, und mit -den anderen werden sie schon fertig werden. So wie der Zimmermann -herunterkommt, soll er ihm seinen Theil auflegen und dann wieder marsch -hinunter in sein Loch. Wenn er so mordlustige Gedanken hat, wollen wir -den Wolf doch lieber nicht aus der Falle herauslassen.« - -Der Wind, der indessen eher an Stärke zugenommen als nachgelassen -hatte, war erst ganz nach Norden herumgegangen, und bis die Leute mit -Reefen fertig waren, neigte er sich sogar so weit gegen Nord-Ost -daß der Capitän, der in den letzten beiden Tagen keine Observation -bekommen, und die Nacht vor der Thür sah, der Nähe der Riffe nicht -mehr traute, und lieber gleich zu wenden befahl. - -Jetzt war aber der Angebundene wirklich im Weg, und da der Capitän auch -wohl einsehen mochte, daß unter den jetzigen Umständen und während -der Sturm über die aufgeregten Wogen heulte, die Vollziehung der Strafe -unter den Leuten weit eher einen bösen Eindruck machen, als sie vor -ähnlichen Vergehungen zurückschrecken würde, befahl er dem jetzt -wieder an Deck gekommenen zweiten Mate ihn abzubinden und nach unten zu -führen -- »bis das Wetter besser geworden wäre.« - -Der Mate, ein gutherziger Bursche, hatte wohl kaum einen Befehl seines -Oberen mit größerer Freudigkeit befolgt als eben diesen. Er sprang -rasch nach unten, warf ihm sein Hemd wieder über und stieg mit ihm die -Luke hinunter. - -»Es kann sich noch alles machen, =Hans=,« sagte er ihm hier -freundlich, als er ihn in sein kleines Behältniß wieder eingebracht -hatte -- »Zeit gewonnen alles gewonnen, und wenn wir morgen glücklich -in die Riffe einlaufen, denkt der Alte vielleicht gar nicht mehr an die -ganze Geschichte.« - -»Ich dank Euch für Euren freundlichen Wunsch, Mate,« sagte der -Gefangene düster und warf sich auf seine Matratze, die ihm Jean heute, -allerdings =gegen= des Capitäns Befehl, zu verschaffen gewußt hatte. -Der Mate hatte auch nicht lange Zeit, denn von oben nieder tönte schon -das Schreien und Heulen der Matrosen, die an den Schoten und Brassen -rissen, das Schiff auf den anderen Bug zu legen, und er sprang rasch die -Leiter wieder hinauf. - - - - -Elftes Capitel. - -Der Sturm. - - -Als an Deck alles klar war, die nicht durchaus nöthigsten Segel -geborgen, die Raaen scharf angebraßt standen, lief das Schiff wieder -nach Süden zurück. Südost lag freilich auf dem Compaß an, aber ein -paar Striche trieb es doch noch immer weiter nach Süden hinüber, so -daß es vielleicht einen SSO-Cours steuerte. Unter der Zeit war es aber -auch vollkommen dunkel geworden, und der Capitän saß in der Cajüte -und trank, theils aus Aerger über das schlechte Wetter, theils über -die vereitelte Execution an dem Deutschen, von dessen schwerer Faust ihm -das Zeichen noch immer auf der Stirn brannte, ein Glas Grog über das -andere. Der erste Mate, der die Wache auf Deck hatte, ging ab und zu, -bald in die Cajüte hinunter, das Nöthige mit dem Capitän über die -Fahrt zu besprechen, bald einmal wieder an Deck schauend, wie es mit dem -Wetter stehe. - -Die Karte der Torresstraße lag mit Cirkeln und Parallel-Lineal auf dem -Tisch der Cajüte, und es schien ihm nichts weniger als angenehm, daß -sich der Capitän heute gerade um seinen Verstand trank. - -»Um zwölf wollen wir wieder über den anderen Bug gehen,« sagte -endlich Capitän Oilytt, der in der einen Sophaecke lehnte, und das -rechte Bein zu sich heraufgezogen hatte. -- »_Damn it_, wir dürfen -nicht so weit von der Straße ablaufen, wir haben sonst morgen Abend -wieder dieselbe Geschichte.« - -»Um zwölf möchte wohl ein wenig früh sein, Capitän,« meinte der -Steuermann -- »ich war noch vor Dunkelwerden oben im Mast, und wenn -ich's auch nicht gerade bestimmt behaupten will, so war mir's doch als -ob ich im Westen Land gesehen hätte. -- Die Strömung setzt uns hier -sehr stark nach den Riffen hinein, und es wäre eine fatale Geschichte, -wenn wir im Dunkeln drauf liefen.« - -»Unsinn,« brummte der Capitän und füllte sich auf's neue sein Glas --- »wenn's Tag wird, werden wir gerade in der rechten Entfernung -sein, bis Mittag die Einfahrt machen zu können, und dann soll auch der -Bursche, der Hans, seine Ladung haben -- der Schuft der.« - -»Capitän Oilytt,« sagte der Mate ruhig -- »ich würde die Sache sein -lassen, bis wir durch die Torresstraße sind. -- Es ist nicht gut jetzt -böses Blut unter der Mannschaft machen. Nachher, wenn Ihr Euch nicht -anders besonnen habt, könnt Ihr ja immer noch thun was Ihr wollt. -- -Er läuft uns in der Zeit wahrhaftig nicht weg, und da unten in Eisen -liegen ist auch eben kein Spaß.« - -»Papperlapapp!« rief der Capitän ärgerlich auffahrend -- »glaubt -Ihr ich soll vor meiner Mannschaft mit zerschlagenem Gesichte -herumlaufen, und den Schuft nicht gezüchtigt haben, der es gewagt hat -Hand an mich zu legen? Pest und Gift -- und hinter dem Burschen steckt -auch noch mehr. -- Ich habe ihn im vorigen Jahr zuerst von Sydney mit -fortgenommen, und er sprach fast kein Wort englisch, und gestern Abend, -Gott verdamme mich, ging's ihm vom Maule als ob er in seinem ganzen -Leben keine andere Sprache gesprochen. Hier an Bord kann er das in der -kurzen Zeit nicht so gelernt haben, also hat er sich vorher =verstellt= -und da sitzt ein Haken dahinter. Es sollte mich nicht so viel wundern, -wenn er irgend ein durchgekniffener Verbrecher von Neusüdwales oder -Vandiemensland wäre. -- Ich wollte, ich hätte früher eine Ahnung -davon gehabt.« - -»Ja, sein englisch Sprechen ist mir auch gestern Abend aufgefallen,« -sagte der Mate, nachdenkend -- »was sollte er aber für eine Ursache -haben, seine Sprache zu verstellen?« - -»Und den ganzen Leib hat der Schuft voller Narben,« fuhr der Capitän, -ein anderes Glas leerend, fort, »ich möchte nur wissen wo er die -gekriegt hat -- im ehrlichen Kriege wahrhaftig nicht, denn so alt ist er -gar nicht irgend einen Krieg mitgemacht zu haben -- verdammte Bestie. --- Und dabei ist mir's immer als ob ich seine grauen Katzenaugen schon -irgendwo einmal früher gesehen hätte.« - -»Er müßte denn mit in Indien gewesen sein,« meinte der Mate. - -»Indien -- pah« -- sagte Oilytt -- »die Tättowirungen hat er auch -nicht aus Indien, die sind aus der Südsee. -- Wo sich der Schuft nur -mag alles herumgetrieben haben.« - -Er schenkte sich ein frisches Glas ein und rührte dieses wüthend -zusammen, während der Mate, der das nicht länger mit ansehen mochte, -die Cajüte verließ. Dem Capitän gingen aber indessen allerlei Dinge -durch den Kopf -- die Narben des Gefangenen gefielen ihm nicht. -- Der -Mann hatte schon mehr erlebt als er wieder erzählen mochte, und war -allerdings im Stande seine Drohung auszuführen. - -»Hol ihn der Teufel,« brummte er endlich vor sich hin -- »er soll -nicht sagen können daß er Bill Oilytt erst geschlagen und nachher in's -Bockshorn gejagt hat. -- Morgen früh, wenn wir gesund bleiben, soll -er seine fünfzig -- Narben oder keine Narben -- richtig aufgezählt -kriegen. -- Wart Canaille, ich will dir das Fell noch einmal -übertättowiren und nachher kann er sehen wie er sein Wort hält, wenn -er unten in Eisen krumm liegt. -- Verdammte meuterische Hundeseele.« -Mit diesen Worten zog er auch das andere Bein auf's Sopha herauf, um -sich zum Schlafen zurecht zu legen. -- Das Rückenkissen unter den -Kopf schiebend, rief er dann, erst in seiner gewöhnlichen Stimme, zum -zweiten Mal jedoch laut und ärgerlich nach dem Steward -- er hatte ganz -vergessen daß der im Bett lag. An dessen Statt erschien aber Timor, der -Malayische Knabe in der Thür, und frug was der Capitän befehle. - -»Wo ist der Steward, der Lump?« schrie ihn dieser an -- »schon zu -Bett? -- ach ja so, hat eine dicke Seite -- Pest noch einmal, daß ich -ihm nicht einen dicken Buckel dazu gebe -- Timor -- Timor!« - -»Ich bin hier, Sir,« sagte der Junge, und trat dicht zum Sopha hinan. - -»Timor -- um zwölf Uhr weckst Du mich -- verstanden?« - -»Ja Sir,« -- der Junge blieb noch eine ganze Weile auf seinem Platz, -fernere Befehle seines Herrn, mit dem er wohl wußte daß sich in diesem -Zustand nicht spaßen ließ, abzuwarten. Der Capitän war aber schon -fest eingeschlafen und Timor drückte sich in seinen Verschlag zurück, --- wenn es ihm der Mate verstattete -- ein Gleiches zu thun. - -Unter fast gar keinen Segeln und gegen eine ziemlich schwere See an, -machte das Schiff nur sehr geringen Fortgang. Trotzdem sie aber vom -Lande, ihrem Cours nach, abgingen, schickte der zweite Mate, der bis -zwölf Uhr Wacht hatte, mehrmals Leute nach oben, um zu sehen ob sich -nach Westen zu nicht doch irgend etwas erkennen ließ. Der Himmel war -jedoch zu bewölkt und die Luft zu dunkel. Ohne daß etwas besonderes -vorgefallen wäre kam 12 Uhr heran. - -Timor schüttelte jetzt seinen Herrn und that im Anfang wirklich was -er thun =konnte=, ihn nur munter zu bekommen. Dann sprang derselbe aber -auch mit beiden Füßen zugleich empor, rieb sich die Augen und sah nach -dem über ihm hängenden Compaß. Fünf Minuten blieb er noch etwa, -wie in tiefe Gedanken versunken, auf dem Sopha sitzen -- er besann sich -wahrscheinlich, was in den letzten Stunden mit ihm vorgegangen, und erst -jetzt, mit einem plötzlichen »Ja so« -- stand er auf, sah nach der -Kanne, die er jedoch leer fand, und stieg, darüber auch eben nicht ganz -zufrieden, an Deck hinauf. - -Der Wind wehte noch aus demselben Quartier, ja hatte sich eher noch -mehr nach Osten gedreht; die See ging hoch und hohl, und es war eine -häßliche Nacht. -- Der erste Mate kam eben an Deck und zog sich, schon -oben, seinen dicken Rock an, den er fest unter dem Halse zuknöpfte. - -»Guten Morgen, Capitän,« sagte er, als er an diesem vorüberging -- -»noch immer um nichts besser -- da hinten sieht's noch häßlich aus.« - -»Guten Morgen, Mr. Black -- nun ich denke mit Sonnenaufgang sollen wir -wieder klar Wetter bekommen, die Luft sieht da drüben schon lichter -aus. Sind die Leute an Deck? -- he Bill,« wandte er sich zu dem Mann, -der eben vom Ruder abgelöst war -- »geht noch nicht zu Koje, wir -wollen wenden.« - -Das Manöver, das auf vollkommen bemannten Schiffen nicht viele Minuten -dauern darf, erforderte mit der schwachen Mannschaft, bis alles wieder -in der gehörigen Ordnung war, fast eine halbe Stunde, und der Boreas -nahm, gegen die schwere See an, eine Masse Wasser über Bord. Wie der -Wind stand, konnte er dabei nur eben einen Nordcours liegen, und hatte -jedenfalls nach Westen hin, ohne die dort hinüber setzende Strömung, -anderthalb Strich Abdrift. -- - -»Capitän Oilytt,« sagte der Mate, als die letzten Brassen angeholt -waren und das Schiff wieder, mit etwa drei Meilen Fahrt, langsam gegen -die Wogen ankämpfte. -- »Ich glaube wahrhaftig nicht daß wir bis vier -Uhr über diesen Bug liegen dürfen. Unserer Berechnung nach sind wir -allerdings noch über einen Grad von der Küste ab, wir haben aber in -zwei vollen Tagen keine ordentliche Observation gehabt, und -- es ist -eine verdammt gefährliche Küste.« - -»Kommen Sie mit hinunter, wir wollen einmal auf der Karte ablegen,« -sagte Capitän Oilytt, und stieg voran die Treppe hinunter. - -Ihrer Berechnung nach waren sie allerdings noch weit genug von den -Klippen ab, und mit dem geringen Fortgang den das Schiff machte, ließ -sich eben nichts besonderes für die wenigen Stunden fürchten. Der Mate -schüttelte aber doch mit dem Kopf und meinte, »sicher sei jedenfalls -sicher.« - -»Gut, dann wecken Sie mich um zwei Uhr,« brummte der Capitän -mürrisch und legte sich wieder auf's Sopha, dort die anderthalb Stunden -zu verbringen. - - - - -Zwölftes Capitel. - -Die Riffbank. - - -Der Mate kam um die bestimmte Zeit selber herunter, legte die Distance -ab, die sie nach Log und Compaß gemacht, und fand daß sie der Küste, -wenn die Strömung hier nicht sehr stark war, etwa um fünf Meilen -näher gekommen. Sie gingen dann mitsammen auf Deck, und es wurde ein -Mann nach oben gesandt, auszusehen, während vorn auf der Back ein -anderer die Wacht halten mußte. Es ließ sich aber nicht das mindeste -erkennen, und der Capitän blieb bis zu seiner Wacht oben. Gewendet -wurde aber =nicht=. - -Um vier Uhr ging der erste Mate nach unten, und als er den zweiten -weckte, prägte er ihm noch besonders ein, ja fortwährend Jemand auf -dem Ausguck zu haben, der nicht allein nach der Brandung aussähe, -sondern auch =aushorche=, denn sie würden sie in dieser stockfinstern -Nacht eine Stunde eher hören als sehen können. Er ging dann zu Koje, -konnte aber nicht schlafen und wälzte sich unruhig, alle Augenblicke -aufhorchend, auf seinem Bett herum. - -Es war um fünf Uhr Morgens, als er ganz deutlich durch sein offenes -Fenster, bei einem plötzlich herüberwehenden Windstoß, das ferne -dumpfe Rollen der Brandung zu hören glaubte. -- Mit einem Satz war er -aus dem Bett und an Deck -- einen Augenblick war alles still, dann kam -es dumpfgrollend und deutlich wieder über die empörte See daher, und -mischte sich in das Heulen des Windes. - -»Capitän Oilytt, wir sind dicht auf der Küste,« rief der Mann -erschrocken und sprang rasch die wenigen Stufen hinauf und auf den -Capitän zu, der bis jetzt auf dem hinteren Theil des Quarterdecks mit -schnellen Schritten auf- und abgegangen war. - -»Unsinn, Sir -- was macht Sie das glauben?« frug der Capitän, indem -er stehen blieb. - -»Hörten Sie nichts?« sagte der Mate, und hielt die gebogene Hand -trichterförmig an das lauschend vorgebeugte Ohr. Eine halbe Minute wohl -ließ sich nichts deutlich unterscheiden, dann aber plötzlich quollen -die dumpfgrollenden Töne ferner Brandung so deutlich zu ihnen herüber, -daß sich die Sache nicht mehr bezweifeln oder gar wegläugnen ließ. - -»Ich höre nach vorn zu auch die Brandung, Capitän,« sagte Jean -der am Steuer stand, und schon eine Weile nach der Richtung hinüber -gehorcht hatte, »gerad' da drüben.« - -»Er hat wahrhaftig recht,« rief der Mate -- »wir sitzen mitten -drinn.« - -»_All hands on deck_« donnerte der Capitän jetzt, ohne etwas darauf -zu erwiedern, über Deck hin -- »schnell Jungen, schnell, treibt mir -die Schläfer aus den Kojen. -- Nach oben ihr Leute, und schüttelt mir -die Reefen aus den Marssegeln. -- Rasch, munter, Jungens -- zwei nach -vorn und zwei für die Besahn -- jetzt fehlt uns das große Marssegel. -Den großen Klüver los, Einer von Euch, und nun Marsraaen in die Höhe, -was das Zeug halten will.« - -Die Leute waren aus dem Logis halb bekleidet herausgesprungen und flogen -an die Taue. Die Vormarsraae ging rasch, diesmal ohne Singen und nur -unter dem schnellen Tactheulen eines Einzelnen, nach oben, und das -gewaltige Segel faßte bald voll und kräftig den Wind. »Vor-Bramsegel -los!« -- tönte der nächste Ruf, und ob sich gleich die Stenge vor der -ungeheuren Last die gegen sie preßte, ordentlich bog, als die Schoten -nach dem Nocken flogen und der Wind plötzlich hineinschlug, sie brachen -wenigstens nicht. Das große Besahn war ebenfalls gesetzt, und das -Schiff bewegte sich etwas schneller durchs Wasser. - -»Ist das neue Marssegel zur Hand, Mr. Black?« frug der Capitän jetzt -diesen, der neben ihm stand und die Besahnschot befestigen half. - -»Alles in Ordnung, Sir -- liegt gerade hier unter der Luke. Ich wollte -es überhaupt schon heute früh anschlagen und das alte Segel ausbessern -lassen.« - -»Ich wollte Sie hätten's gestern gethan,« erwiederte der Capitän -- -»allons, hinauf damit -- wir müssen sehen, daß wir es fest kriegen. --- Wenn wir nicht Segel setzen können, jagen wir unrettbar auf die -Riffe hinauf.« - -Es ist eine schlimme Arbeit, an Bord eines Schiffes, in solchem Wetter -und solcher See ein Segel anzuschlagen, das schon durch sein ungeheures -Gewicht ein stetes Hinderniß bietet. In offener See wäre es auch -sicher unterblieben. Hier aber lag ihre einzige Rettung darin von der -Küste oder den Riffen vielmehr, die sich hier gefährlicher als an -irgend einer Küste hinauf erstreckten, wieder abzukommen, und die -Marssegel sind durch ihre Größe wie ihren Platz bei solchem Absegeln -gerade die wichtigsten von allen. Ob die Stengen und Masten hielten, -mußte sich jetzt zeigen. Aber halten oder nicht -- brachten sie nicht -mehr Segel auf, so saßen sie in einer Stunde zwischen den Klippen. - -Die Luke war geöffnet, und die Männer arbeiteten daran das schwere -Segel auf Deck zu heben, während der Capitän unruhig vorgebeugt nach -der Brandung horchte, und in der mehr und mehr lichtenden Dämmerung -den weißen Schaumstreifen, der jetzt sichtbar sein mußte, zu erkennen -suchte. Einer der Leute war nach oben geschickt, eine Talje an eine -der Pardunen zu schlagen, um das Segel nachher gleich in die Marsen -hinaufheben zu können. Zuerst mußte es aber erst auf Deck vollkommen -dicht gereeft, und so fest zusammengeschnürt werden, daß oben der -Wind, ehe es fest gemacht war, nicht hineingreifen konnte. - -»Capitän Oilytt,« sagte der Mate jetzt zu diesem tretend -- »wir -sind zu schwach an Händen -- soll ich Hans vielleicht aus dem untern -Raum heraufholen lassen?« - -»Nein« -- sagte der Capitän rasch -- »es geht auch ohne den -- -ich will nicht. -- Doch meinetwegen,« setzte er, sich eines besseren -besinnend hinzu -- »wir dürfen nichts versäumen, denn wenn wir -Unglück haben, käme uns am Ende die Assecuranz-Compagnie auf den -Kragen. -- Bringt ihn herauf und nehmt ihm die Eisen ab. Wenn wir von -der Küste los sind, können wir immer noch thun, was wir wollen.« - -Der Zimmermann mußte den Gefangenen heraufbringen, und auch der Steward -war indessen aus dem Bett geholt. Obgleich er ächzte und stöhnte als -ob er am Spieße stäke, half ihm das diesmal nichts. Kaum hatte er aber -einen Blick über See und Takelwerk geworfen, und nach den donnernden -Riffen hinüber gehorcht, als er auf einmal so gesund schien, als ob ihm -im Leben nichts gefehlt hätte. Er war lange genug zur See gewesen, um -bald einzusehen wie die Sachen hier standen. - -Als Hans an Deck kam, warf er einen einzigen flüchtigen Blick über -Segel und Luft, im nächsten Moment schlug aber schon das dumpfe, jetzt -ganz deutliche Donnern der Brandung an sein Ohr, und ein leichtes, fast -triumphirendes Lächeln überflog seine bleichen Züge. - -»Nehmt ihm die Eisen ab, Zimmermann,« sagte der erste Mate rasch, als -ob er befürchte, daß vom Capitän wieder Einsprache geschehen könnte --- »und dann rasch ans Werk, mein Bursche. Wir arbeiten heute Morgen -alle nur für uns selber, denn wer den Hals nicht voll Seewasser -haben will, mag zusehen daß er seinen Mund noch eine Weile über hoch -Wassermark behält. -- Rasch mit dem Segel, Ihr Jungen, das dauert ja -eine Ewigkeit.« - -»Mr. Black,« sagte aber in diesem Augenblick Hans, der dem Zimmermann -seine Hände wieder entzogen hatte, daß er ihn noch nicht frei machen -konnte -- »ehe ich einen Finger dazu aufhebe, dies Schiff vom Untergang -mit frei zu arbeiten, will ich erst wissen ob der Capitän die -- -Prügelstrafe, die er mir zudictirt, zurückgenommen. -- Ist das der -Fall, so soll er wahrlich keinen willigeren Mann als mich an Bord haben, -und er mag mich nachher geduldig wieder in Eisen legen. -- Ist das aber -nicht der Fall, so -- ist mir's lieber wir treiben auf die Klippen. --- Ich für meinen Theil ersaufe nun einmal lieber als daß ich mich -peitschen lasse.« - -»Das ist Unsinn, Mann,« rief aber der Mate -- »macht keine Flausen, -und seid froh, daß man Euch Gelegenheit giebt Euer eigenes Leben mit -retten zu helfen. -- Erst einmal von der Küste ab -- das andere findet -sich nachher?« - -»Was? -- will sich der Hund noch widersetzen?« schrie aber der -Capitän jetzt, auf das Mitteldeck springend und eine Handspeiche, die -beim Oeffnen der Luke gebraucht war, aufgreifend -- und ehe ihn jemand -daran verhindern konnte, schlug er sie dem Gefangenen der wehrlos -und mit gefesselten Händen vor ihm stand, über den Kopf, daß er -besinnungslos zu Boden stürzte. Bill und Karl wollten ihm zu Hülfe -springen und ihn aufrichten. Der Capitän schrie sie aber an bei ihrer -Arbeit zu bleiben und sich nicht zu rühren, warf dann die Handspeiche -auf Deck, und befahl Timor den »Körper« aus dem Weg und auf die Seite -zu ziehen. - -Mr. Black -- sonst wohl ein rauher Gesell, aber keineswegs mit solcher -unnöthigen Grausamkeit einverstanden, wartete diesmal auf keine -weiteren Befehle von seinem Capitän, sondern rief dem ihm nächsten -Matrosen -- es war Bill -- den Bewußtlosen aufzuheben und hinunter in -das Zwischendeck zu schaffen. Dort legten sie ihn auf ein paar der da -aufgestapelten Heuballen und ließen ihn liegen -- es war nicht möglich -in diesem Augenblick weiter etwas mit ihm vorzunehmen. - -Der Capitän sah dies wohl, da aber Mr. Black, und wie es schien -ziemlich entschlossen, selber dabei betheiligt war, ließ er ihn -gewähren und ging mürrisch nach hinten. - -Das Segel war indessen an Deck dicht gereeft und fest -zusammengeschnürt. An einem Ende an die Taille befestigt zogen es die -Leute mit leichter Mühe in den großen Mars. Zwei von den Leuten hatten -indessen die Reeftalje von den Marsraanocken bis hierher niedergeholt, -schlugen diese an beiden Seiten durch eine der Reefkausen, und holten -nun das Segel nach Steuer- und Backbord aus. Eine andere Talje um die -Mitte geschlagen, brachte es dicht unter die Raae und die ganze jetzt -über die Raae vertheilte Mannschaft zog mit unendlicher Schwierigkeit -zwar, aber doch sicher und gut das Segel mit den ersten Reefbändern an -seine gehörige Stelle, und festigte es dort mit allen Bändern. - -Nach kaum einer Viertelstunde schlug das Segel, von den beiden Tauen -befreit, auf. Mit der Geschwindigkeit von Affen glitten aber auch -die Leute zu gleicher Zeit an Wanten und Pardunen nieder, die Schoten -auszuziehen, und hoch flog die wilde Spritzsee über den Bug des -Schiffes aus und schleuderte förmliche Wellen über Deck weg, als die -neue Gewalt das ächzende Fahrzeug gegen die anstürmende Wassermasse -trieb. - -Es war ein Glück für das Fahrzeug, daß sich der Wind mit der -Tagesdämmerung etwas gelegt hatte, es wäre sonst gar nicht im Stande -gewesen diese Segel zu führen. Selbst jetzt noch standen die Taue zum -äußersten gestrafft, und die starken Stengen bogen sich und schienen -nur eines einzigen Druckes mehr zu bedürfen, um wie Glas von einander -zu springen. - -Mr. Black war indessen selber nach oben gegangen, und sein gleich darauf -nichts weniger als tröstlich klingender Ruf -- Brandung einen Strich -über den Leebug, brachte auch den Capitän bald an seine Seite. - -»Da drüben sind die Riffe, Sir« -- sagte der Mate, auf der Bramraae -stehend, und sich mit dem linken Arm um die Stenge festhaltend. Er -deutete dabei mit der Rechten nach einem weißen Kamm hinüber, der, -aus hohen Brandungswellen bestehend, weit vom Süden heraufkam und den -ganzen Westen zu umschließen schien. - -»Können Sie gar kein hohes Land erkennen, Sir?« frug der Capitän, -der auf die Raae mit hinaufstieg und sein linkes Bein darüber weg -schlug. -- »Wenn wir nur den Thurm von Raines Island ausmachen könnten --- in einer Stunde wären wir in Sicherheit.« - -»Es ist zu neblich,« lautete die Antwort -- »gerad hinter der -Brandung liegt es wie schwerer Duft auf dem Wasser, und es läßt sich -nichts erkennen. -- Ich glaube nicht daß wir abkommen, Capitän.« - -»Laßt das große Bramsegel auch beisetzen, Mr. Black« -- sagte -dieser -- unruhig den drohenden Küsten- oder vielmehr Inselstreifen -übersehend -- »wir =müssen=.« - -»Die Stenge hält es nicht, Capitän,« sagte der Mate -- »sie ist alt -und schon einmal geflickt -- wir werfen sie augenblicklich über -Bord.« -- - -»Wir =müssen=, Mr. Black -- wir kommen wahrhaftig nicht einmal mehr -mit diesen Segeln um die Südspitze der Riffe dort weg, und wenn wir -hier noch einmal zum Wenden gezwungen werden, sind wir rettungslos -verloren. -- Wir verlieren mehr dabei, als wir in einer vollen Wacht -wieder gut machen können.« - -»Große Bramsegel los!« schrie der Mate, statt weiterer Antwort, nach -unten. -- Einer von den Leuten, es war der Deutsche, Karl, stieg nach -oben, das Segel zu lösen. -- Unten zogen sie indessen schon die Raae -auf. Als das Segel ausflatterte, ächzte die Stenge und Karl sah sich -erschreckt um. - -»Nieder mit Euch -- nieder!« schrie ihm der Mate hinüber und winkte -ihm mit der Hand, daß er sich rasch niederlassen sollte. -- Das -Brausen des Windes übertönte aber seine Worte, und Karl war eben damit -beschäftigt einen der Geitaublöcke, der unklar gekommen war, wieder -frei zu machen -- die Schoten fuhren aus und der Wind schlug in das -Segel. - -»Nieder mit Euch aus dem Top!« schrie der Mate, während er wie der -Capitän selber blitzesschnell nach unten glitten -- aber Karl hörte -die warnende Stimme nicht. -- Um ihn krachte und brach es -- seine -Geistesgegenwart verlierend, griff er nach dem ersten besten Tau das er -erfassen konnte, und seine Sinne schwanden in der Gewalt des Sturzes. - -»Mann über Bord!« schrie Jean, vom Ruder aus, durch den Lärm des -krachenden Holzes und das Brüllen der See hinweg. -- Wie instinctartig -flog auch Bill die Quarterdeckstreppe hinauf, und ein dort liegendes -Tau ergreifend, schleuderte er es mit geschicktem Wurf dem eben -vorbeitreibenden Körper fast über den Kopf, -- aber es war umsonst. --- Die Fähigkeit es zu halten und zu greifen war aus den erschlafften -Muskeln gewichen. -- Im Fall mußte er mit dem Kopf gegen irgend einen -der Blöcke oder Raaenocken geschlagen sein; die Stirn zeigte, eben als -Bill noch in Todesangst hinübersah, eine klaffende Wunde. -- Die See -schlug über dem Unglücklichen zusammen und er sank in die Tiefe. - -Das alles geschah während es über den Häuptern der beiden ebenfalls -krachte und zusammenbrach. -- Dicht neben Bill schlug der Besahntop -herunter, und fuhr gerade durch das eine der Boote, die an beiden -Seiten, in eisernen Krahnen, aufgehißt und befestigt waren -- aber -der Matrose hörte es gar nicht. Wie erstarrt hing sein Blick an der -wegsinkenden Leiche des Cameraden. -- Als er sich wieder umschaute, war -das Schiff ein Wrack -- alle drei Stengen waren niedergebrochen und der -Klüverbaum nach Lee herumgeschlagen. Das Schiff, welches im Anfang fast -schon durch die Segellast auf der Seite gelegen und eine Unmasse Wasser -übergenommen hatte, richtete sich dadurch allerdings wieder etwas auf, -wurde aber auch zu gleicher Zeit durch das jetzt nebenherschleifende -Takelwerk mit Raaen und Stengen so in seinem Lauf gehemmt, daß es fast -nicht den geringsten Fortgang machte, und nur mit der hier stark nach -Nordwest setzenden Strömung gerade auf die Klippen trieb. - -»Kappt weg, Jungen, kappt alles!« schrie der Mate und suchte selber, -mit gutem Beispiel vorangehend, das Schiff von dem Anhängsel, das es -sogar im Steuern hinderte, zu befreien, was ihm auch mit Hülfe der -anderen Zuspringenden bald gelang. Sie kappten alles frei was über Bord -hing; das Schiff vermochten sie aber nicht mehr zu retten. Nur noch -wo möglich eine Stelle zu treffen, wo sie in ruhiges Wasser kommen -konnten, war das einzige was ihnen zu thun übrig blieb, und der -Capitän hatte sich durch das hängende und schlagende Tauwerk bis -zu dem Stumpf des vorderen Mastes hinauf gearbeitet, von dem er jetzt -nieder schrie das Schiff zwei Striche abfallen zu lassen. -- Der Befehl -wurde augenblicklich befolgt, und sie näherten sich den brandenden -schäumenden Klippen mit rasender Schnelle. - -»Können Sie die Backbord-Raaen etwas anbrassen, Mr. Black?« - -»Ay, ay, Sir -- brassen meine Jungen -- nur ein wenig -- für Euer -Leben -- greift zu hier. Ahoy -- ahoy -- noch einmal -- so -- Vor-Raaen -jetzt.« - -»Noch mehr abfallen -- halt -- Steady --« tönte der langgezogene Ruf. - -Die Leute standen an Deck und wagten kaum zu athmen. Eine, wie es von -hier aus schien, durchaus ununterbrochene =Mauer= von Klippen streckte -sich vor ihnen aus, auf die das Schiff jetzt halb vor dem Wind mit -wenigstens Neun-Meilen Fahrt hinauftrieb. Sobald sie aufstießen, mußte -sie die erste nachstürzende Woge zerschmettern, und in diesem Chaos von -scharfen Korallenfelsen und Sturzseen wäre es nicht möglich gewesen -auch nur ein einziges Leben zu retten. - -»Noch mehr abfallen!« lautete der eintönige ruhige Ruf. - -»Noch mehr abfallen!« wiederholte fast bewußtlos mehr als ein halbes -Duzend der Umstehenden -- Jean stand am Steuer und sah todtenbleich aus, -aber ein fast trotziges Lächeln spielte um seine Lippen, als er -die Befehle, zum Zeichen daß er sie gehört und während sie schon -ausgeführt waren, wiederholte. - -Die Brandung stürmte jetzt so gewaltig und so in ihrer Nähe, daß es -schon fast war als ob das Wasser auf Deck spritzen könnte. Bill sah -nach den Masten hinauf, denn er erwartete mit jedem Augenblick den -ersten Stoß, und wußte, daß sie dann auch rettungslos nach vorn -übergehen mußten. Keiner sprach aber ein Wort, und wohl drei oder -vier Minuten standen die Männer still und lautlos, den Augenblick der -Entscheidung erwartend. - -An Hans dachte keiner mehr von ihnen. Der Tod lauerte vor jedes -einzelnen Thür, und mahnte mit ernstem Klopfen an Zeit und Ewigkeit. - -»Luff -- ein klein wenig Luff nur!« rief der Capitän in diesem -Augenblick von oben herunter. - -»_Luff it is!_« die Antwort des Steuernden. - -»=Steady!=« die Stimme klang geisterhaft wild durch das Heulen des -Sturmes und das Brausen der Brandung -- »Steady um Euer Leben.« - -Rechts und links am Schiff hinauf stürzten die Wogen, die sich an -den Korallenfelsen neben ihnen brachen, aber das Schiff schoß mit -Blitzesschnelle hindurch. - -»_Hard a port_ --« überschrie der Capitän mit seiner Donnerstimme -das Toben der Elemente und während fast jede bleiche Lippe den Befehl -wiederholte, und sich der Mate selbst mit in die Speichen des Rades -warf ihn auszuführen, glitt Capitän Oilytt blitzesschnell an einer der -Pardunen an Deck hinunter. Er hatte dieses aber kaum berührt und das -Schiff war noch nicht mehr wie seine eigene Länge in der neuen Richtung -fortgeschossen, als ein furchtbarer Stoß es bis in den Kiel hinunter -erschütterte. -- Was nicht fest stand, stürzte auf Deck nieder, und -wie mit =einem= Schlag brachen die drei Masten über Backbord nieder und -schmetterten in das wie kochend schäumende, milchige Wasser. - -Alle schienen einen zweiten Stoß und das Zerschmettern des Schiffes -selber zu erwarten -- aber er kam nicht. -- Die ungeheuren Wogen des -stürmenden Meeres wälzten gegen sie heran, aber sie erreichten das -Schiff nicht. -- Dieselbe Wand starrer Korallen, die ihnen vorher -Verderben gedroht und auf denen sie, wenn sie dort aufgestoßen, auch -rettungslos verloren gewesen wären, lag jetzt, ein unerschütterlicher -Schutz, zwischen ihnen und dem drohenden Verderben. - -Die Leute wagten kaum zu athmen, und viele Minuten lang rührte sich -keiner von seiner Stelle, als ob sie an Rettung noch gar nicht glauben -könnten. Bill war der erste, der auf das kleine hinter dem Rad -angebrachte Haus, das sogenannte Farbenspintje sprang, und mit einem -Jubelruf die Rettung verkündete. - -»Sicher fest gefahren!« schrie er den andern zu, »verdammt will ich -sein, wenn das nicht der niedlichste Platz ist, den ich in meinem ganzen -Leben gesehen habe.« - -Die Worte brachen den Zauber, und Alles sprang jetzt auf die hohe -Railing, so viel als möglich die Stelle wo sie sich befanden, zu -übersehen, und die Möglichkeit einer Rettung zu berechnen. - -Das Schiff war glücklich zwischen zwei hohen Korallenriffen und durch -einen Durchgang eingelaufen, der vielleicht nicht viel breiter war -als das Fahrzeug selber. -- Der glatte Streifen Wasser der den Weg -wenigstens bezeichnete, in dem sie eingekommen, war kaum Mannslänge -breit, und an beiden Seiten stürzte sich die Brandung der -Nachbarklippen hinein. Weiter ließ sich aber auch, so weit das Auge -reichte, keine einzige Einfahrt erkennen, und nur ihre verzweifelte -Lage hatte den Capitän veranlassen können sein Schiff auf den schmalen -Streifen zuzutreiben, der ebenso gut wie das übrige eine versteckte -Klippe hätte bergen können. Hier, inmitten der Riffe, lagen sie nun -in einem kleinen, kaum hundert Schritt langen See hellen, fast gelblich -grünen Wassers, in dem sich die den Grund bildenden Baumkorallen klar -und deutlich erkennen ließen. - -Ringsum waren sie total von Korallenbänken eingeschlossen, die an den -meisten Stellen bis dicht an die Oberfläche reichten, hie und da aber -kleine, zwei, drei und vier Fuß tiefe Canäle bildeten, von denen -einige offen lagen, andere mit langen treibenden Seegewächsen -überzogen waren. Diese Korallenriffe konnten indessen kaum 200 Schritt -breit sein, denn dicht dahinter lag wieder tiefes blaues, nur jetzt -von der schweren Brise aufgeregtes Wasser, das nicht so durch die hohe -Brandung vor dem darüber hinstreifenden Wind geschützt war wie die -Stelle, auf der sie gerade saßen. - - - - -Dreizehntes Capitel. - -Das Wrack. - - -Vor allen Dingen galt es jetzt die Möglichkeit einer Rettung zu -überlegen. - -Wenn sie ihr großes Boot flott bekommen konnten, schien nicht die -mindeste Schwierigkeit vorhanden in die wirkliche Fahrstraße durch die -Torresstraße einzulaufen, und dann konnten sie sich leicht auf einer -der kleinen Inseln halten, bis ein anderes von Sydney nach Britisch- -oder Holländisch-Indien bestimmtes Schiff vorbeikommen und sie -aufnehmen würde. Es war jetzt noch die günstigste Jahreszeit für -diese Fahrt, und Capitän Oilytt wußte selbst mehrere Schiffe, die -beabsichtigt hatten ihm in acht oder vierzehn Tagen zu folgen. - -Aber selbst von ihrer eigenen Lage wurden sie in diesem Augenblick -durch einen furchtbaren Lärm, der aus dem unteren Deck herauftönte, -abgezogen, und alles sprang an die Luken, hinabzuschauen. Um das -Schiff selber brauchten sie sich jetzt auch in der That nicht weiter zu -kümmern, das lag fest genug zwischen seinen Korallen, und hätte es ja -noch gescheuert, so durften sie höchstens die Anker auswerfen, es ganz -fest und sicher zu bekommen. - -Der Lärm rührte von den armen Thieren, den Pferden her. Natürlich war -das Schiff leck geworden und das Wasser in den unteren Raum gedrungen -und die festgebundenen rangen nun mit ihren letzten Anstrengungen gegen -den sie bewältigenden Tod an. Manchmal wenn eines der unglücklichen -Geschöpfe seinen Kopf noch über Wasser bekam, hörten sie deutlich das -Schnauben, und oft drang ein entsetzlicher Nothschrei zu ihren Ohren und -machte sie schaudern -- aber Hülfe zu bringen war nicht mehr möglich. --- Wären sie selbst im Stande gewesen die Stricke zu zerschneiden mit -denen die Thiere festgebunden standen, aus dem unteren Raum konnten sie -sie doch nicht herausbekommen, und dort stieg das Wasser mit rasender -Schnelle. - -Jean sprang zwar die Leiter hinunter, mehr um sich von der vollkommenen -Nutzlosigkeit einer Hülfe zu überzeugen, als irgend etwas zu thun. -Gerade da aber wurde diese, wahrscheinlich durch eines der losgerissenen -Thiere das sich dagegen geworfen, umgestoßen. Er konnte eben noch das -zum Auf- und Niedersteigen befestigte Tau fassen und sich vor einem -Sturz in die Tiefe retten, der ihn nur zu wahrscheinlich unter die Hufe -der verzweifelten Thiere geworfen hätte. Als er festen Fuß auf dem -Heu faßte, und traurig in den dunklen Raum hinabstarrte, wo es jetzt -stiller und stiller wurde, sagte eine leise schwache Stimme an seiner -Seite: - -»Jean -- was ist mit dem Schiff vorgegangen?« - -»Hans, um Gotteswillen,« rief der junge Franzose, und sprang rasch -nach ihm hinüber -- »armer Teufel, wie geht dir's? Hol's der Henker, -wir haben die Hände, oder vielmehr Augen und Ohren die letzte Stunde -so voll gehabt, daß beim Himmel keine Seele an etwas anderes als sich -selber denken konnte -- Jesus Maria, wie blutig du aussiehst -- wie ist -dir?« - -»Besser, viel besser, aber was ist mit dem Schiff vorgegangen?« sagte -der Verwundete. - -»O das sitzt fest und wacker auf einer Korallenbank,« lachte Jean, -der, einmal aus der nächsten Todesgefahr heraus, schon all seinen -frischen und fröhlichen Muth wieder bekommen hatte. »Masten über -Bord, alle drei, und so sicher vor Anker wie nur je ein gutes Fahrzeug -nach langer Reise gelegen hat. Der arme Karl ist aber auch über Bord« --- setzte er ernster und fast traurig hinzu. - -»Ich wollte ich wäre an seiner Stelle,« sagte Hans, und fiel mit -geschlossenen Augen auf das Heu zurück. - -»Unsinn,« lachte aber Jean wieder -- »deine Leiden sind jetzt zu -Ende. -- Wer weiß, ob's nicht am Ende ganz gut ist, daß wir den -alten verdammten Kasten auf soliden Grund gesetzt haben. Der Schuft von -Capitän kann jetzt sehen wo er ein neues Schiff bekommt, =mich= kriegt -er aber wahrhaftig nicht wieder als Matrose an Bord, so viel ist gewiß. -Pest, Mann, du hast aber die Eisen noch an, das geht nicht; die müssen -herunter, und das Wasser ist auch schon bis ins Zwischendeck gestiegen --- der untere Raum ist ganz voll. -- Wie still und ruhig es jetzt da -unten ist,« setzte er schaudernd hinzu -- »der Mensch ist doch ein -entsetzliches Geschöpf mit seiner Gewalt über das Thier.« - -»Jean,« rief in diesem Augenblick der Mate herunter -- »wo zum Teufel -steckt Ihr?« - -»Komme,« antwortete der Matrose, wandte sich dann aber noch rasch -zu Hans und sagte tröstend, »ich bin bald wieder bei dir. Hab' keine -Furcht, wir wollen die Sache schon machen.« - -Er schob die Leiter, die nur auf die Seite geschlagen war, wieder -zurück und kletterte rasch an Deck. Dort wurden indessen schon die -nöthigen Vorbereitungen getroffen ein paar Nothspieren aufzurichten, -um das große Boot über Bord zu heben und flott zu bekommen, was der -doppelten Mannschaft ohne die Hülfe von diesen und Flaschenzügen nicht -möglich gewesen wäre mit blosen Händen ins Werk zu setzen. - -Jean wandte sich nun an Mr. Black, Hansens Freilassung zu bewirken. -- -Der Mann lag verwundet im unteren Raum und durfte nicht ohne Hülfe dort -liegen bleiben, wenn man sein Leben nicht in Gefahr bringen wollte. Mr. -Black sprach auch augenblicklich mit dem Capitän darüber, dieser -aber wollte von nichts hören. So lange er an Bord Herr sei, schwur er, -bleibe der Schuft in Eisen. -- Er habe sich widersetzt und dem den Tod -gedroht, der ihn bestrafen würde, also offene unverhehlte Meuterei, -und er wolle sich nicht der Gefahr aussetzen, gemeuchelmordet zu werden. -Damit wandte er sich ab und den Arbeitenden wieder zu. - -»Aber Sir,« sagte der Mate, »Sie können ihn doch nicht gut -geschlossen mit ins Boot nehmen. Er wird da mehr im Wege sein und -- ich -weiß auch nicht, ob Sie das später werden verantworten können.« - -»Verantworten?« lachte der Capitän höhnisch -- »übrigens wer sagt -Ihnen denn, Mr. Black, daß ich ihn überhaupt mit ins Boot haben will? -Es fällt mir gar nicht ein mich mit dem rebellischen Schurken länger -zu behelligen.« - -»Sie werden ihn doch nicht hülflos zurücklassen wollen?« rief der -Mate rasch. - -»Hülflos,« meinte Oilytt, »ist das hülflos? ich lasse ihn im Besitz -meines ganzen Schiffs, und da ist auch die Jölle, die er nehmen kann -wenn es ihm beliebt, sollte ihm der Aufenthalt hier nicht länger -behagen. -- Was verlangt er mehr?« - -»Das geht wahrhaftig nicht an, Capitän Oilytt,« sagte der Mate -kopfschüttelnd. - -»Sie sollen einmal sehen wie schön es geht,« lachte dieser zurück. --- »Es geht alles auf der Welt, was man nur will, und der Bursche kann -noch seinem Gott danken, daß ich ihn nicht mit nach dem nächsten Hafen -nehme, um ihn dort als einen meuterischen Hund, der er ist, aufhängen -zu lassen. Sähe ich die Möglichkeit ein, wieder nach Sydney -zurückzukommen, so geschähe das auch jedenfalls. All die Schiffe, die -aber in nächster Zeit auslaufen, und auf die wir hier hoffen können, -sind nach Batavia bestimmt, und mit der holländischen Regierung mag ich -nichts zu thun haben. -- Ich und sie sind schon einmal zusammen gewesen, -und eben nicht als die besten Freunde geschieden.« - -»So will ich ihm wenigstens jetzt die Eisen abnehmen, daß wir nach -seiner Wunde sehen können« -- sagte Mr. Black, und wollte sich -abdrehen, in das Zwischendeck hinunterzusteigen. - -»Halt, Mr. Black,« hielt ihn aber sein Vorgesetzter zurück, »nicht -eher bis =ich= Ihnen das sage -- wenn's Ihnen =gefällig= ist. -- -Nach der Wunde kann auch ohne das gesehen werden. Hier haben Sie den -Schlüssel zur Medicinkiste und sein Sie so gut und besorgen Sie das. -- -Der dickköpfige Schuft wäre auch ohne dies nicht sogleich abgefahren --- aber die Eisen behält er, bis wir von Bord gehen.« - -Der Mate konnte nichts dagegen einwenden, stieg aber augenblicklich in -die Cajüte hinunter, das nöthige Wundpflaster heraufzuholen. Von dem -steckte er auch eine Quantität in die Tasche, es Hans zum ferneren -Gebrauch zu lassen, und sah dann nach seinem Kranken, den er aber weit -besser fand als er wirklich erwartet hatte. - -Unterdessen gingen die Arbeiten an Deck rasch vor sich. Provisionen -wurden heraufgeschafft, der Capitän hatte seine Instrumente, Karten, -den Compaß für den Nothfall und seine Papiere geborgen, vertheilte -dann die an Bord befindlichen Musketen mit der gehörigen Munition unter -die Leute, da man in der Straße sehr häufig auf Schwarze stößt, von -denen man nicht immer weiß, ob sie freundlich oder feindlich sind, und -ließ dann die Leute an die Arbeit gehen, das große Boot vom Verdeck -hinunter in See zu heben. - -Unter all diesen Arbeiten rückte der Abend mehr und mehr heran, und es -war schon kein Gedanke mehr, noch an diesem Tag sich einzuschiffen. Um -12 Uhr hatte der Capitän, da die Sonne heute hell und klar am Himmel -stand, seine Observation genommen, die Breite zu bekommen, auf der sie -sich befanden, denn die Länge wußten sie nur zu genau. Er fand dabei -daß sie etwa 30 Meilen überhalb Raines Insel auf den Riffen saßen. -Von hier aus konnten sie leicht in die südliche, am häufigsten -befahrene Straße kommen, und an Gefahr für ihr Leben, wenn sie sich -nur ein wenig mit ihren Provisionen einschränkten, oder sich zugleich -auf den Fischfang legten, war nicht zu denken. Die einzige Vorsicht -die sie gebrauchen mußten war, einen gehörigen Vorrath von Wasser -einzulegen, und damit konnten sie dann getrost nach einer der -Zwischen-Inseln oder auch Booby-Island hinfahren, an welchem letzteren -Ort sogar Vorräthe für Schiffbrüchige von mehreren englischen -Schiffen niedergelegt sind. Die gehörigen Segel für die Barkasse, die -jetzt vollkommen gut in Stand und mit allem Nöthigen versehen fertig -lagen, wurde ebenfalls hergerichtet, und mit Tagesanbruch am nächsten -Morgen wollten sie ihre Pilgerfahrt beginnen. - -Die Matrosen packten indessen ebenfalls das Nöthigste was sie an -Wäsche gebrauchten mit ihren wollenen Decken zusammen, denn sonstiges -Gepäck oder gar ihre Kisten konnten sie natürlich nicht mitnehmen --- stauten das alles in eine Kiste hinein, und waren somit ebenfalls -gerüstet. Nur Jean, François und Bill hatten ihre paar Hemden -zurückgelassen. -- Die Kiste war auch gerade von den andern Sachen voll -geworden -- und sie meinten sie wollten das Ihrige nur lieber =so= ins -Boot werfen. Alle drei schienen übrigens andere Absichten zu haben. - -An dem Abend hätten die Leute gern viel mit einander unterhandelt, der -Zimmermann, der sonst nie lange im Logis blieb, wich und wankte aber -gerade heute nicht von seiner Kiste. Jean, François und Bill gaben sich -deshalb einen Wink und gingen nach oben. - -Mit kurzen Worten vereinigten sie sich. Sie waren fest entschlossen Hans -nicht =allein= an Bord des Wracks und mit einem Boot zurückzulassen, -mit dem er allein wenig oder gar nichts anfangen konnte -- sie wollten -bei ihm bleiben. Hierzu kam auch noch, daß alle drei viel lieber nach -Sydney zurückzukehren, als mit dem Capitän auf irgend einem anderen -Fahrzeug nach Indien zu gehen wünschten, und sie machten sich deshalb -schon die schönsten Pläne einer Landreise an der Küste hinunter. Sie -kannten das Land und die Schwierigkeiten einer solchen Reise nicht, -und der leichte Sinn eines Matrosen, der Gefahren überhaupt gar nicht -achtet, weil er eben zwischen ihnen aufwächst, ließ sie das Alles mit -frohem Muthe betrachten. - -Heute Abend beschlossen sie aber noch nichts darüber zu äußern, -sondern das alles bis auf morgen früh zu verschieben. - - - - -Vierzehntes Capitel. - -Die Mannschaft trennt sich. - - -Am nächsten Morgen mit Tagesanbruch weckte der Mate -- denn der -Zimmermann, der mit dem Steward die letzte Wache gehalten, schnarchte -auf Deck mit diesem um die Wette -- und eine Stunde später war das -letzte Frühstück an Bord eingenommen; die Mannschaft zur Abfahrt -gerüstet. - -Jean, der mit seinen Verbündeten an diesem Morgen nur wenige Worte -wechseln konnte, Hans aber, dem er in der Nacht Matratze und Decke -hinuntergetragen, ihren ganzen Plan schon mitgetheilt und natürlich -nicht im mindesten auf dessen Einwendungen gehört hatte, stand vorn -auf der Back, jetzt dem höchsten Theil des Schiffs, und suchte einen -Ueberblick über die Binnenwasser zu bekommen, durch welche sie nun bald -ihre einsame Bahn in einem kleinen schmalen Boote steuern sollten. Da -glitt Timor, der kleine Malaye, zu ihm hinan, und flüsterte in seinem -halb Englisch, halb Malayisch: - -»Tuwan Jean -- gestern hab' ich gehört -- Ihr mit Tuwan Hans gehen -wollt -- ich auch. -- Wollt Ihr mich mitnehmen? ich kann gut rudern und -will recht folgsam sein.« - -»Donnerwetter, Junge, herzlich gern, wenn's von mir abhinge. Da mußt -du aber den Capitän fragen, denn ich kann wohl über mich selber, aber -über niemanden anders von seiner Schiffsmannschaft bestimmen.« - -»Ja, der Capitän wird nicht wollen,« meinte der Bursche traurig und -schüttelte mit dem Kopf -- »habe schon müssen meine Sachen in sein -Boot legen.« - -»Ja, dann kann ich's nicht ändern, Timor,« sagte Jean. -- »Es thut -mir aber leid -- ich möchte dich gern mit haben.« - -»Gewiß?« rief der Junge und seine Augen leuchteten vor Freude. - -»Gewiß,« erwiederte ihm der junge Matrose -- »sieh' zu daß du's -einrichtest.« - -»Timor,« rief gerade der Capitän -- »was hast du da vorn zu suchen, -Schlingel? -- marsch, hier die Sachen hinunter ins Boot, und dann -bleibst du selber unten dabei -- was gibt's noch, he?« - -»Wer bleibt denn bei Tuwan Hans, Capitän?« frug der Junge schüchtern -und sah seinen Herrn von der Seite an. - -»Ist der Junge verrückt geworden?« rief aber der Capitän wüthend. -»Was zum Donnerwetter geht das dich an, du lederbraune Canaille? -- -Laß mich noch einmal eine derartige Frage von dir hören, und ich -tattowire dir das braune Fell mit blauen und rothen Streifen, daß du -deine Freude daran haben sollst. -- Marsch, die Sachen ins Boot, und -dann das andere, was hier noch liegt auch hinunter, und dann setzest -du dich hinten hinein und muksest nicht mehr. -- Sind die Flaschen alle -unten, die ich dir gestern Abend gegeben habe? -- he?« - -»Saya Tuwan« -- murmelte der kleine Bursche erschreckt, und sprang -hin, den Befehl des strengen Gebieters zu erfüllen. -- Es wäre nicht -die erste Mißhandlung gewesen, die er von seinen Händen zu erdulden -gehabt, und er wollte sich dem nicht selber muthwillig aussetzen. - -Indessen wurden die Matrosen zusammengerufen sich einzuschiffen. -- Der -Capitän stand an der Fallreepstreppe -- fertig niederzusteigen -- alle -seine Sachen mit Provisionen und Wasser waren im Boot, und Timor -hatte eben das letzte Kistchen -- den Peil-Compaß, den sie vielleicht -zwischen den Inseln gebrauchen konnten, heruntergebracht. Der erste -Mate war ins Zwischendeck gestiegen, Hans loszuschließen, und ihm -anzukündigen was der Capitän über ihn beschlossen hätte. Da traten -Jean, Bill und François vor, und erklärten dem Capitän, daß sie mit -Hans an Bord bleiben und versuchen würden, sich in dem kleinen Boote zu -retten. Hans sei zu schwach sich allein zu helfen, und sie wollten ihn -nicht umkommen lassen. - -Der Capitän wüthete, und befahl ihnen augenblicklich in die Barkasse -hinunterzusteigen, Bill aber, der in dieser Sache das Wort genommen -hatte, blieb ganz ruhig und erklärte, das Schiff sei ein Wrack und die -Mannschaft könne sich retten, wie sie es am zweckmäßigsten halte. -Capitän Oilytt, da ihn seine Steuerleute nicht im mindesten dabei -unterstützten, sondern eher noch das Betragen der Matrosen zu billigen -schienen, sah bald, daß er gegen sie in dieser Sache nichts ausrichten -könne, und rief endlich trotzig, sie sollten seinetwegen zum Teufel -gehen, aber vorher die Gewehre und Munition, die sie bekommen hätten -und die dem Schiff gehörten, wieder abliefern. - -»Die Gewehre abliefern, Sirrah?« rief Bill erstaunt -- »wollen Sie -uns hier von den Wilden, wenn sie in ihren Canoes ankommen, morden -lassen? Gott verdamme mich, wenn das nicht zu arg wäre. Dem =Schiff= -gehören die Gewehre, Capitän; der Lohn den wir beim Schiff zu gut -haben, gehört auch uns und wir kriegen nicht die Probe davon. -- -Wenn's blos das wäre, könnten Sie die paar Schießeisen auf Abschlag -rechnen.« - -»Schufte,« schrie aber der Capitän wüthend -- »Ihr zu gut haben? -Ihr seid dem Schiff noch schuldig für das, was ich in Sydney für Euer -Wiedereinfangen Belohnung zahlen mußte. -- Glaubt Ihr Euer Schlaf-Baas -hätte Euch umsonst verrathen?« - -»Also Mr. Mac Carther hat uns den freundlichen Streich gespielt,« -sagte Bill lachend. -- »Nun das bleibt sich gleich, aber die Gewehre -behalten wir, und ich will mich lieber später einmal, wenn es dazu noch -kommen sollte, auf sechs Wochen von irgend einem Gerichtshof einsperren, -als hier von den Wilden fangen und auffressen lassen. -- So -- das ist -das Lange und Kurze davon.« - -Mr. Black flüsterte leise einige Worte mit dem Capitän. Dieser -blieb einen Augenblick noch wie unschlüssig stehen; da aber die drei -Matrosen, mit ihren Gewehren in der Hand, ruhig seinen wild und boshaft -auf sie gerichteten Blick aushielten, und die anderen, die noch an Deck -waren, zu ihnen traten und ihnen herzlich die Hand schüttelten, drehte -er sich mit einem Fluch um und wollte eben die Fallreepstreppe hinunter -ins Boot steigen. Da wurde unten im Raum ein Fall in das, jetzt bis ins -Zwischendeck hinaufsteigende Wasser gehört, und gleich darauf tönte -ein gellender Hülfeschrei zu ihnen auf. Alles was in der Nähe war -drängte sich um die Luke, um hinunter zu sehen. Unten auf dem erregten -Wasser schwamm ein Strohhut. - -»Das war Hans!« schrie Jean erschreckt -- »er ist ins Wasser gestürzt!« - -»Nein, Hans habe ich selber eben ins Logis gebracht,« sagte der erste -Mate, »und ihm dort die Eisen abgenommen. Wie ich fortging, war er -dabei seine Kiste aufzuschließen.« - -»Wo ist Timor?« rief aber jetzt der Capitän, der einen Blick in sein -Boot hinuntergeworfen und den Jungen dort vermißt hatte, schnell und -erschreckt aus -- »wo ist Timor?« - -»Vor ein paar Secunden stand er hier an der Luke« -- betheuerte der -Steward, der ein Packet mit seinen eigenen Kleidungsstücken und noch -einige andere Sachen unter dem Arm trug, mit denen er dem Capitän -ins Boot hinunter folgen wollte. -- »Timor!« rief der Capitän noch -einmal, als ob er gar nicht glauben könnte, der arme kleine Bursche -sei hier hineingestürzt -- »wo steckt der Schlingel?« und er sah sich -ängstlich dabei nach allen Seiten um. Jean aber, rasch entschlossen wie -er immer war, hatte schon alles was er trug dem neben ihm stehenden -Bill in die Hände gedrückt, und glitt jetzt mehr als er stieg, an der -steilen Leiter in den Raum hinunter. Einen Augenblick faßte er auf dem -Rande des Zwischendecks festen Fuß, dann verschwand er in der Fluth die -kaum über dem ihm vorangegangenen Körper zu kreisen aufgehört hatte. - -Alles stand in sprachloser Erwartung um die Luke her und schaute auf die -unheimliche Fluth in den Raum nieder. Jeder andere Hader, jeder andere -Gedanke war vergessen, und jedes Auge hing nur in peinlicher Spannung -an den da unten jetzt langsam aufsteigenden Luftblasen, welche die -Thätigkeit des Untergetauchten verkündeten. - -»Bei Gott, der kommt auch nicht wieder,« rief François endlich mit -vor Angst fast erstickter Stimme. -- »Jean -- um Gotteswillen, -Jean.« -- - -»Da ist er!« tönte es plötzlich von den erleichterten Herzen der -Schaar, aus deren Brust sich ein tiefer Seufzer aufrang. -- Sie hatten -in der Zeit nicht einmal zu athmen gewagt. -- Das kohlschwarze, sonst -so lockige, jetzt straff niederhängende Haar des jungen Franzosen wurde -sichtbar, gleich darauf sein todtenbleiches Gesicht. Mit einer einzigen -Armbewegung war er an der Leiter und hob sich, auf eine der Sprossen -tretend, in die Höhe und mit den Schultern aus dem Wasser. -- Er war -allein. - -»Kannst du gar nichts fühlen, Jean,« rief ihm der erste Mate -ermunternd hinunter, »es wird ja doch so entsetzlich schnell nicht -weggewaschen sein. -- Lieber Gott, der Junge kann schwimmen wie ein -Fisch, er muß sich beim Hinunterstürzen an den Kopf geschlagen -haben.« - -Jean erwiederte nichts, verschwand aber zum zweitenmal unter Wasser, und -blieb diesmal länger aus als das erstemal. Als er endlich wieder zu Tag -kam, stieg er schweigend, ohne ein Wort zu sagen, an Deck und schnürte -sein Bündel auf, sich trockene Kleider anzuziehen. - -»Armer Junge,« murmelte der Mate, als er dem Capitän, der sich rasch -und mürrisch abwandte, ins Boot folgte. Der Steward aber, der sich -neben dem Zimmermann niedersetzte, brummte leise vor sich hin: - -»Das ist mir auch noch nicht vorgekommen, daß Einer =in= einem Schiff -drin ersaufen kann. Das hat die Kröte aber nur mir zum Possen gethan, -damit ich jetzt Alles allein besorgen muß.« - -In wenigen Minuten war das Boot zur Abfahrt bereit. »Goodbye, -Cameraden,« riefen Bob und Jim hinüber, und die an Bord -Zurückgebliebenen winkten mit der Hand. - -»Stoßt ab -- Gott verdamme Euch!« zürnte aber der Capitän, den -freundlichen Gruß unterbrechend -- »und macht Euch da vorne Platz, -daß Ihr, wenn wir einmal rudern müßten, nicht gehemmt seid.« - -Der Kranke, Jack, lag vorne auf seiner Matratze im Boot. -- Er war noch -sehr schwach und sah unwohl aus, obgleich ihn das Fieber verlassen zu -haben schien; dadurch entstand eine kleine Verzögerung, während die -beiden Mates beschäftigt waren die Segel in Ordnung zu bringen. - -Der Sturm von gestern hatte gänzlich nachgelassen, die Luft war hell -und klar, und eine leichte Ostbrise versprach ihnen eine rasche und -glückliche Fahrt nach Booby Island. Nur durch die Strömung aber, und -durch das Segel, das den leichten Wind doch schon etwas gefaßt hatte, -waren sie ungefähr 20 Schritt vom Schiff abgetrieben, als plötzlich -ein Ruf vom Schiffe niederschallte, und aller Augen dorthin zog. Der -Capitän, der ebenfalls aufsah, bekam eine Aschfarbe, denn dort stand -Hans und in seinen Händen hielt er ein kurzes in der Sonne blitzendes -Doppelgewehr. - -»Mörder!« entfuhr fast unwillkürlich den bleichen Lippen des -Capitäns der Angstlaut, der bis zu den Ohren seines früheren Opfers -drang. Hans aber schüttelte verächtlich lächelnd mit dem Kopf und -rief, indem er das Gewehr neben sich auf Deck stieß: - -»Habt keine Furcht, Capitän Oilytt, ich will Euern letzten feigen -Angriff auf mich nicht solcher Art erwiedern. -- Hättet Ihr mich -peitschen lassen, wäret Ihr jetzt ein todter Mann, aber den Schlag, den -Ihr einem Gefesselten gabet, vergelt ich Euch auf ein andermal. -- =Wir -sehen uns wieder=,« und er drehte sich mit diesen Worten von dem Boote, -das jetzt zum erstenmal den Wind ordentlich in seine Segeln faßte und -rasch durch die grüne Fluth dahinschoß, ab. Als er sich aber wandte, -sah er, wie Jean und Bill plötzlich erschreckt auseinander stoben -und in demselben Augenblick pfiff auch eine Kugel, aber schlecht genug -gezielt, über sie hin. Mit Blitzesschnelle flog er herum und riß die -eigene Büchse in die Höhe, doch ein Blick auf das Boot sagte ihm, -wie sehr er dabei das Leben anderer Menschen gefährden müßte. -- -Er setzte das Gewehr rasch wieder nieder, hob aber, zum Zeichen seines -Wohlbefindens, die Mütze, schwenkte sie um den Kopf und rief mit -trotzigem Hohn: - -»Dank Euch, Capitän -- werd's Euch zu gut schreiben -- auf Wiedersehen!« - -Er sah wie der Capitän im Boot einen Versuch machte, eine andere -neben ihm liegende Muskete nach ihm hinzurichten, aber der erste Mate -verhinderte ihn daran, und fünf Minuten später war das Boot außer -Schußweite -- eine halbe Stunde später kaum noch in Sicht. - -Die Matrosen blieben noch eine Weile auf Deck stehen, ehe sie an ihre -Vorbereitungen gingen. Sie schauten, jeder in seine Gedanken versenkt, -dem wegschießenden Boote nach, so lange sie noch eine Gestalt darin -unterscheiden konnten, und dann erst, als es nur noch wie ein schwarzer -Punkt auf dem Wasser lag, reichte Hans Jean, Bill und François die -Hand, und dankte ihnen für ihre ausharrende Freundschaft. - -»O Unsinn, Mann,« lachte Jean -- »reiner Eigennutz von uns. Wir -wollen nicht mit dem Alten nach Indien, ich möchte gern wieder nach -Sydney zurück und darum sind wir alle drei hier geblieben die Landreise -zusammen zu versuchen.« Hans schüttelte aber zweifelnd mit dem Kopf -sagte bedächtig: - -»Jean, Jean, Ihr irrt Euch da alle drei in der Natur des Landes, das -Ihr durchwandern wollt. Ich habe Euch das schon diese Nacht gesagt. Ich -fürchte sogar, wir dürfen nicht einmal den =Versuch= wagen, wenn wir -uns nicht der größten Gefahr aussetzen wollen. -- Die Schwarzen an -diesen Küstenstrichen sind nichtswürdiges, blutdürstiges Gesindel.« - -»Pah, =wagen=,« lachte Jean mit seiner ganzen sorglosen Keckheit, die -nie einer Gefahr aus dem Wege ging, ja sie eher noch aufsuchte als sie -vermied, wenn er einmal die Wahl zwischen den beiden hatte. -- »Wir -sind hier vier entschlossene Männer, und gut bewaffnet. -- Wetter noch -einmal, wer =mein= Fleisch kochen oder braten wollte, würde es verdammt -zäh finden. Gott sei Dank nur, daß wir den Alten mit seinem Schwarm -los sind; für das andere ist mir wahrhaftig nicht bange. Jetzt an die -Ausrüstung, und in einer Stunde können wir segelfertig sein. Wenn uns -nur der arme Teufel von Junge nicht heute Morgen ertrunken wäre.« - -Jean hatte das Wort kaum ausgesprochen, als er wie von einer Natter -gestochen in die Höhe sprang, denn dicht unter seinen Füßen -- er -stand keine zwei Schritt von der offenen Luke, flüsterte eine leise -Stimme, die ihm das Blut aus dem Gesichte ins Herz zurücktrieb: - -»Tuwan Jean -- Tuwan Jean -- ist Capitän fort?« -- und im nächsten -Moment kletterte der kleine Malaye, flink wie eine Katze, an dem -Mittelpfosten des Decks auf, griff den oberen Lukenrand und schwang sich -an Deck -- über das er zuerst einen flüchtigen noch ängstlichen -Blick warf. -- In der höchsten Freude haftete aber bald sein großes -schwarzes Auge auf dem schimmernden Segel des fernen Boots, und in ein -lautes jubelndes Lachen ausbrechend, sprang er wie besessen auf Deck -herum. - -Hans wußte von dem ganzen Vorgang nichts, und begriff nicht weshalb die -anderen so erschreckt waren und der Junge zurückgeblieben sein konnte. -Jean sammelte sich aber zuerst wieder und rief mit komischer Wuth, denn -es schien ihm nicht halb Ernst bei der Sache zu sein: - -»Nun seh' ein Mensch in der Welt so eine kleine schwarze Bestie an --- trocken wie eine Pulverkammer, und läßt mich da zweimal hinunter -zwischen die todten Pferde tauchen, um ihn wieder herauszufischen. -Ob ich jetzt nicht wahrhaftig Lust habe ihn kopfüber da hinunter -zu schicken wo ich gewesen bin, nur um zu probiren, wie sich's da im -stockfinstern Raum, bei den todten Thieren herumschwimmt -- der kleine -Heide, der!« - -Timor aber der wohl wußte, daß ihm von alle denen, die er noch an Bord -sah, kein Leid geschähe, lachte, daß ihm die Thränen aus den Augen -liefen, wobei Jean und François natürlich mit einstimmten, und -erzählte seinen neuen Freunden nun, daß er unter keiner Bedingung mit -dem alten garstigen Capitän hätte weiter segeln wollen, aber auch gar -nicht gewußt habe wie er von ihm anders abkommen konnte, als auf solche -Art. - -»Als Ihr alle damit beschäftigt waret Euch zu zanken, wer da bleiben -wollte und mitgehen sollte,« erzählte der kleine Bursche in seinem -gebrochenen Englisch, »und als ich sah, daß niemand auf mich achtete, -glitt ich auf das Heu ins Zwischendeck hinunter, warf ein kleines -Fäßchen mit Nägeln, das ich mir schon heute Morgen früh zu dem Zweck -dorthin geschafft, ins Wasser hinunter, daß es recht aufplätscherte -meinen Strohhut dann dahinter her, und kroch nun, während ich einen -lauten Schrei ausstieß, rasch zwischen ein paar Heuballen hinein und -zwischen diesen fort, bis ich sicher war, daß sie mich nicht finden -könnten, und wenn sie eine Stunde nach mir suchten. Dort bin ich liegen -geblieben, bis ich hörte daß Jean hier sagte, das Boot sei abgefahren. -Nun bin ich da und will mit Euch gehen.« Er setzte sich hierauf ruhig -auf eines der Wasserfässer nieder und schien geduldig eine Antwort auf -seinen Vorschlag abwarten zu wollen. - -Hans lachte und meinte der kleine Strick habe jetzt gut auf eine Antwort -warten, er wisse recht wohl daß sie ihn nicht zurücklassen könnten. -Er solle aber nur, was er mitzunehmen wünsche, zusammenpacken und dann -helfen daß sie ihren Proviant und Wasservorrath in Ordnung brächten, -die heutige herrliche Brise wenigstens insoweit zu benutzen, Land zu -erreichen. - - - - -Fünfzehntes Capitel. - -Die Bootfahrt. - - -Hierbei war ihnen jetzt Timor, der ja früher auch mit in der Cajüte -aufgewartet und viel mit dem Proviant zu thun gehabt hatte, von -unendlichem Nutzen. Der Steward hatte nämlich, um den Zurückbleibenden -womöglich nichts als =die= Provisionen zu lassen, die nicht unter -seiner Aufsicht standen, alles was von Eingemachtem, sauren Gurken, -feinen Zwiebacken, Weinen und Liqueuren nur irgend noch vorräthig war, -entweder selber mitgenommen, oder, wo das nicht anging, zerstört. -- -Die ganze Cajüte schwamm in Brandy und Wein, denn er schien, als er -zuletzt unten war, alle Flaschen die er nur möglicherweise erreichen -konnte, zerstoßen zu haben. - -Die Mühe war aber vergebens gewesen, denn Timor wußte zu genau -überall Bescheid und brachte in kurzer Zeit eine solche Unmasse von -Delicatessen und Liqueuren angeschleppt, daß sie drei solche kleine -Boote hätten damit verproviantiren können. Das Beste wurde natürlich -von alle diesem ausgesucht, ein ziemlich bedeutender Wasservorrath in -kleinen Brandyfässern als Ballast unten angelegt, eine der Kisten mit -ihren nothwendigsten Sachen gepackt an Bord geschafft und um 11 Uhr -Morgens konnten sie schon die leichte Jölle von den eisernen Krahnen, -an denen sie noch unversehrt hing, in See lassen. - -Dies war des Capitäns Jölle. Obgleich aber in Sydney wenig gebraucht, -da das Schiff dort dicht am Lande lag, nahm sie doch nicht viel Wasser -ein, und als sie eine Stunde in See gelegen, stand sie vollkommen dicht. -Etwa eine Stunde später war das Boot zum Absegeln bereit. - -»Alle fertig?« rief Bill, indem er sein Ruder gegen die Seite des -Wracks setzte, das noch immer unbeweglich auf den Riffen saß. - -»Alles klar!« lautete die Antwort, und im nächsten Augenblick glitten -sie von dem kahlen Rumpf ab und in denselben schmalen Canal hinein, -durch den ihnen schon an diesem Morgen die Barkasse vorangegangen war. - -Bill saß am Steuer, Jean und François standen an den Segeln, Timor -kauerte vorne im Bug und schaute auf die unten vorübergleitenden -Korallenbäume nieder, und Jean und Hans saßen in der Mitte, der -erstere von den Strapatzen des Morgens, von seiner Schwimmpartie, die -ihm Timors List verschafft, und den Provisionstransporten verschnaufend, -und der andere sein Bein ausruhend. - -Fünf Minuten später rannten sie aber plötzlich fest. -- Einzelne -Korallenstämme stiegen hier überall aus der Tiefe auf, und der hinten -am Steuer Sitzende konnte von dort aus solche Stellen auf dem blendenden -Spiegel des Wassers nicht deutlich genug erkennen, sie zu vermeiden. -François mit den englischen Ausdrücken nicht so vertraut, war auch -nicht dazu geeignet und Hans nahm deshalb den Platz vorne, dicht am Bug -ein, die nöthige Warnung zu geben, wenn irgend ein Hinderniß in ihrem -Fahrwasser liegen sollte. - -Sie mußten auch über eine halbe Stunde arbeiten von dem einzelnen -Korallenbaum wieder abzukommen, der sie gerade in der Mitte unter dem -Boot gefaßt hatte und festhielt, und so steil ringsum niederlief, daß -sie mit ihren Rudern weder den Grund, noch ihr gerade unten befindliches -Hinderniß erreichen konnten. Endlich gelang es ihnen den Bootshaken -zwischen den Kiel und die Koralle zu bringen, und mit einem kurzen Ende -Tau an der äußern Spitze der starken Stange hoben sie das Boot etwas, -und konnten es seitwärts wieder in tief Wasser schieben. Hans paßte -von da an sorgfältig auf, und sie näherten sich mehr und mehr dem -tiefen Wasser des inneren Beckens. - -Gerade an der letzten Wand oder Mauer die hier wieder zu einer -beträchtlichen Tiefe niederschoß, hatten sie aber wohl den weitesten -Canal verfehlt, denn hier starrten überall Korallenbäume empor. Sie -mußten Segel bergen, daß sie nur langsam mit der Strömung hindurch -liefen. - -»Luff, Bill, Luff!« rief Hans, als sie auf diese »Barriere« (denn -_barrier reefs_ werden diese Felsen ja auch genannt) zuliefen, und -sich hier von einem breiten Streifen gelbgrünen Wassers eingeschlossen -sahen, aus dem überall oft wie dichtes Gebüsch, das zum Theil -wunderlich geformten und verkrüppelten Bäumen glich, eine braune -Korallenart emporschoß. »Luff, mehr noch, so halt, Steady jetzt -- -tiefer -- tiefer -- noch tiefer -- Steady -- Luff wieder -- und nun -Cours --« rief er, sich lächelnd nach Bill umdrehend, der sich -die größte Mühe gab den so rasch wechselnden Befehlen zu folgen. -»Allons, François, Segel wieder in die Höhe, wir sind jetzt sicher.« - -»Donnerwetter, Hans, du jagst mich ja förmlich im Zickzack herum,« -rief Bill, während er das Ruder von Steuer nach Backbord und wieder -zurück brachte, »sind wir hinaus?« - -»Frei und sicher in der Torresstraße eingelaufen« gab ihm Hans, -viel fröhlicher, als er sich bis jetzt nur je gezeigt, zur Antwort. -- -»Wetter, Mann, als ich das letztemal hier war, dachte ich nicht, daß -ich in einer Nußschale wie dies Ding hier, zurückkommen würde.« - -»Bist du schon früher hier einmal durchgekommen?« frug Bill schnell -und erstaunt. - -»Dies ist das fünfte Mal, Camerad, und Ihr könntet keinen besseren -Lootsen hier hindurch haben als mich. -- Wäre der Capitän ein -vernünftiger Mann gewesen, er hätte das Schiff da draußen nicht zu -verlieren gebraucht -- doch so ist's besser, und einmal flott, bekommen -wir auch wieder festen Boden, oder was mir lieber wäre, ein anderes -gutes Fahrzeug unter die Füße, mit dem wir weiter gehen können. Ist's -aber nicht anders, so mögen wir auch getrost mit diesem kleinen Ding -dem Monsun folgen. Wie die Jahreszeit jetzt hier ist, wollte ich in -einem Canoe von hier nach Batavia oder Singapore laufen.« - -»Hör' einmal Hans,« sagte aber jetzt Bill, der ihm die ganze Zeit -schweigend zugehört hatte -- »ich wollte dich schon lange -- aber -Wetter noch einmal, wo steuern wir denn jetzt hin? der verdammte Schuft -von Capitän hat uns nicht einmal einen Compaß gelassen, und ich halte -da immer ins Blaue hinein.« - -»Hier ist einer,« sagte Hans und löste ein Band von seinem Nacken -los, an dem eine kleine wunderzierlich von Kupfer gearbeitete und -mit Gold eingelegte Kapsel hing -- »gebrauch den so lange, er thut's -wenigstens zur Noth und steuere nur einen Westsüdwest-Cours, bis wir -Land in Sicht bekommen.« - -»Verdammt wunderliches Ding,« brummte Bill, als er, das eine -Steuerreep so lange zwischen den Zähnen, die kleine Kapsel öffnete und -mißtrauisch von allen Seiten betrachtete, »wo ist denn darauf Norden -oder Süden -- Donnerwetter, das Ding steht ja nach allen Seiten hin und --- hol's der Henker, die Nadel ist verkehrt angesetzt, die Pfeilspitze -sitzt auf der falschen Seite oder zeigt wahrhaftig nach Süden hin.« - -»Es ist ein chinesischer Taschencompaß,« lachte Hans, »doch komm, -laß mich hin, ich will steuern und dabei kann ich dir erklären wie er -eingetheilt ist, du wirst dich bald hineinfinden.« - -Bill ließ ihn auf seinen Platz, blieb aber neben ihm sitzen, und als -er sich die Sache hatte auseinander setzen lassen, die er bald begriff, -sagte er, Hans auf einmal wieder ansehend: - -»Ja, Camerad, was ich dich vorher fragen wollte, wie mir da der Compaß -durch den Kopf fuhr, und was mir die letzten Tage im Schädel hin- und -hergegangen ist. -- Wo zum Teufel hast du denn auf einmal das viele -Englisch hergekriegt, und warum hast du's vorher nicht gesprochen? -- -Ich will verdammt sein wenn ich jetzt glaube daß du irgend was anderes -bist als ein Engländer. Hol mich dieser und jener, wenn's nicht wahr -ist.« - -»Und ich glaube, er spricht auch ebenso gut französisch, wie ich -selber,« lachte Jean, »und hat uns hier die ganze Reise zum besten -gehabt -- ich möchte nur wissen warum.« - -»Wenn ich keinen Grund dazu gehabt hätte, Cameraden,« sagte Hans -gutmüthig, jetzt aber auf einmal ganz ernst geworden, »so hätt' ich's -nicht gethan. Da ich also einen Grund dafür haben muß, laßt mir den -auch. Wenn ich kann, sollt Ihr ihn später erfahren, bis dahin müßt -Ihr aber Geduld haben.« - -»Kurz und süß wie wir bei uns sagen,« lachte Bill, »jetzt glaub' -ich aber auch, François verstellt sich ebenfalls, und kommt nächster -Tage einmal, nur hoffentlich bei einer andern Gelegenheit, mit einem so -reinen Englisch zu Tage wie's unser Schulmeister nur zu Hause aus uns -Jungen herausquetschen wollte. Doch meinetwegen, jeder nach seinem Spaß -und wie er's verantworten kann -- und nun erst einmal einen Schluck auf -gute Cameradschaft und glückliche Reise!« - -Und damit langte er sich eine Flasche Portwein, die er, wie er -versicherte, ganz besonders zu diesem Zweck beigepackt habe, aus dem -kleinen Spintge, was unter dem Sternsitz angebracht war, heraus, that -erst selber einen kräftigen Zug und ließ dann die Flasche im Kreis -herumgehen. Selbst Timor wurde nicht vergessen. - -Sie waren nun vollkommen in diesen wunderbaren Ort eingedrungen der, -nicht See, nicht festes Land, nicht Inselgruppe -- ein Mittelding -zwischen allen dreien zu halten scheint. Wenn sie über Bord schauten, -lag es tief unter ihnen manchmal wie die unergründliche Tiefe des -Meeres selber da, und manchmal wieder war es als ob sie in einem -Luftballon über weiten schneeigen Feldern mit Blitzesschnelle -hingeführt wurden. -- Waldungen, Ströme -- selbst Städte schwanden -mit einer nur etwas regen Einbildungskraft rasch vorüber, und wenn sie -plötzlich wieder in tiefer Wasser kamen, sah es gerade so aus, als -ob eine dunkle Wolke unter sie getreten sei, und nur die eben noch -gesehenen Bilder verdecke. - -»Es wird einem ganz schwindlich wenn man so hinunterschaut,« brach -Jean endlich ein ziemlich langes Schweigen, indem sich jeder mit seinen -eigenen Gedanken beschäftigt hatte. »Ist das nicht gerade so, als -ob man meilenhoch über einer wundervollen, vom Mondlicht beschienenen -Landschaft hinwegflöge? sieh Bill, da kommt es wieder -- dort der Wald --- dort das tiefe Thal.« - -Bill warf einen Blick über Bord, wechselte sein Priemchen aus einer -Backe in die andere und lachte. - -»Aber Mann, das sind ja die Korallen unten, über die wir weggehen! -- -kaum drei Faden Tiefe und all solch verdammt bröckliches, aber zähes -Zeug wie die dort, die da über Wasser vorragen. -- _Bless you_, ein -Wald und Thäler -- der Mann phantasirt. -- Nimm noch einen Schluck von -dem Portwein, es wird dir ausnehmend gut thun.« - -Bill war nichts weniger als ein Romantiker, und wenn er Bäume oder -Thäler sah, so mußten sie auch wirklich mit allem nöthigen Zubehör -da sein. Jean lächelte und blinzte nach Hans hinüber, Bill der das -aber sah, meinte gutmüthig: -- - -»Ja, lacht nur Jungen; =mir= ist's recht, aber hier haben wir in -Wirklichkeit Salzwasser unter und Korallen um uns, und wir =mögen= -wieder frei von der ganzen Geschichte kommen, das ist wahr, der Teufel -kann aber auch sein Spiel haben und uns sonst einen Possen spielen, -und nachher ist die Geschichte faul. Soviel ist jedoch gewiß, wenn das -Bäume da unten sind, so will ich nur wünschen daß keiner von uns in -ihren Schatten zu liegen kommt, das ist alles.« -- Und damit hob er die -Flasche gegen das Licht, zu sehen ob der Inhalt noch eines Zuges werth -war, und leerte sie dann ohne abzusetzen. Fertig damit, machte er eine -fast unwillkürliche Bewegung, sie über Bord zu werfen, hielt aber auch -ebenso rasch wieder ein und legte sie auf ihren alten Fleck zurück -- -»halt,« sagte er dabei -- »zum Wegwerfen ist's noch immer Zeit, und -wer weiß wozu wir die noch einmal gebrauchen können, ehe wir andere -kriegen.« - -Vor einer ziemlich steten und frischen Brise in dem jetzt hie und da -leise gekräuselten Wasser dahingleitend, schwand das Wrack mehr und -mehr am Horizont, und im Westen tauchten dafür schon einige dunkle -Punkte kleiner Inseln in diesen Korallengruppen empor, und boten dem -Steuernden, der nun seinen Compaß wieder schloß, ein festes Ziel, auf -das er halten konnte. - -»Dort links hinüber liegt auch Land, wenn ich nicht irre« -- sagte -Bill, als sie mehrere Stunden ruhig fortgesegelt waren und wenig mehr -sprachen als eben zu ihrer Fahrt gehörte. -- »Am Ende ist das das -feste Land und wir hielten am besten dort gleich hinüber.« - -»Habt Ihr Lust gefressen oder wenigstens Eures Bischen Fetts beraubt zu -werden, so mögen wir sehen daß wir die Nacht auf australischem -Boden zu schlafen kommen,« meinte da Hans. »Ich meinestheils hätte -geglaubt, wir wollten erst einmal eine von den Inseln erreichen und dann -Kriegsrath halten. Wir fahren uns dabei nicht einmal aus dem Weg, denn -was du siehst, Bill, kann schwerlich die Küste, sondern wird Hendriks -Insel sein -- eine kleine aufragende Spitze; -- wie?« - -»Ja,« sagte Bill, der auf einen der Thwarten oder Bänke getreten war -und seine Augen mit der Hand gegen das helle Licht schützte, »ich kann -auch weiter nichts sehen als den Punkt -- doch halt, da rechts hinein -liegt noch mehr Land glaub' ich -- luff ein wenig mehr auf, Hans, wir -halten besser Strich.« - -»Ich seh übrigens gar nicht ein,« meinte Jean, »weßhalb wir uns -hier im Boot nicht ebenso gut berathen können wie auf irgend einem der -kleinen Sandflecke in der Straße hier. Wir haben weiter nichts zu thun, -und je eher wir uns einen festen Plan bilden, desto besser.« - -»Gut,« sagte Hans -- »und seid Ihr wirklich entschlossen den Landweg -nach Sydney zu wagen?« - -»Entschlossen?« rief Bill erstaunt, »ei Mann, ich glaubte das -bedürfe gar keiner Frage mehr, sondern wir wollten nur berathen wie wir -am =schnellsten= zum Lande kämen.« - -»Aber, Leute, Ihr bedenkt gar nicht was für ein Land Ihr durchwandern -wollt. -- Ich bin von Herzen gern dabei den Versuch mitzumachen, Euch -zu überzeugen, aber wir kommen keine 50 Meilen ins Innere, so viel ist -gewiß. -- Wir finden kein Wasser und verwünscht wenig zu essen, und -werden zuletzt froh sein, wenn uns die Schwarzen nur wieder zur Küste -zurücklassen.« - -»Ja, aber was zum Donnerwetter sollten wir denn da eigentlich thun?« -frug Bill verblüfft -- »ich habe bis jetzt noch an gar nichts anderes -gedacht. Dann bleibt uns nichts übrig, als hinter dem Alten herzufahren -und uns vielleicht von demselben Schiff auflesen zu lassen, was den mit -fortnimmt. Deßhalb haben wir ja doch keinen Scandal mit dem Capitän -angefangen.« - -»Nein, daran denk ich wahrhaftig nicht,« sagte Hans schnell -- »das -Schiff das ich betrete, möchte ich mir vorher =wählen=, und deßhalb -können wir meinetwegen erst irgendwo an der Küste landen und einen -Versuch machen; ich möchte das feste Land selber gern einmal sehen. -Geht es aber dort nicht, dann schiffen wir uns wieder ein und segeln mit -diesem Monsun, und von dieser Strömung begünstigt frisch und fröhlich -in den Indischen Archipel ein -- vielleicht gar nach Timor, wo wir ja -hier einen herrlichen Dolmetscher und Führer haben.« - -»Gut, dabei bleibt's,« rief Jean schnell -- »es wäre doch wunderbar -wenn vier starke junge Kerle -- und Timor dürfen wir immer für einen -halben rechnen -- sich nicht durch die Welt schlagen könnten, sei's -wo's sei. Also frisch einen Südcours hinüber, Hans. Hier verlieren wir -zu viel Grund und Boden, und wir wollen gleich von vornherein wissen, -welche Aufnahme wir an der Küste zu erwarten haben.« - -»Aber wird François damit einverstanden sein?« frug Hans auf diesen -blickend. - -François verstand nicht viel englisch, doch genug den Sinn der -Verhandlung begriffen zu haben, und nickte lachend mit dem Kopf. -- - -»_Cest la même chose pour moi, camerade_,« rief er fröhlich, »wohin -es auch geht, ich bin dabei, und was die Indianer betrifft, so denk -ich brauchen wir uns deretwegen keine Sorge zu machen. Wir sind gut -bewaffnet und Schießgewehre kennen sie vielleicht hier oben noch gar -nicht.« - -»Was sagt er?« frug Bill, der ihn indessen scharf angesehen hatte. - -»Vorwärts« lachte Hans und luffte mit einer leisen Bewegung des -Ruders, scharf gegen den Wind an, »Brassen meine Burschen -- brassen; -so, das thuts François. Ich denke wir können mit diesem Cours der -Küste nahen.« - -»S'ist doch ein merkwürdiges _gibberitch_ das Französische« brummte -Bill kopfschüttelnd. »Ich habe mich nun so lange zwischen Franzosen -herum getrieben, aber nie mehr davon wegkriegen können als _merci -Monsiehr_ und _sil woo plaze_ -- was beinah wie breit _Irish_ klingt. -- -S'ist eigentlich merkwürdig daß wir Engländer, wenn wir uns ein paar -Worte französisch merken immer nur Höflichkeiten, und die Franzosen -bei ihrem ersten Englisch Sprechen nur Fluchen lernen. Hol mich dieser -und jener wenn nicht das erste Wort was ein Franzmann von unserer -Sprache begreift, jedesmal _God dam_ ist. -- Ich möchte nur wissen -woher das kommt, denn es ist ja doch gerade gegen beider Natur. -- Wenn -ich z. B. höflich sein soll, komme ich mir immer vor wie eine Katze die -schwimmen will. -- Wir sind einmal nicht daran gewöhnt.« - -»Es mag doch wohl daher kommen,« sagte Hans lächelnd, »daß Ihr -Engländer so entsetzlich viel flucht, und die Franzosen so entsetzlich -viel höfliche Redensarten haben. -- Was die eine Nation nun von der -andern am meisten hört, behält sie auch am leichtesten.« - -»Hm,« brummte Bill, »das wäre möglich, daran habe ich noch nicht -gedacht« und er saß eine Zeit lang so in Gedanken versunken da, daß -er nicht einmal merkte wie er eine neue Flasche vorgeholt, geöffnet und -einen langen Zug daraus gethan hatte. - -Timor's Augen, obgleich er an dem Gespräch nicht Theil nahm, -leuchteten, als er die Möglichkeit vor sich auftauchen sah, sein lange -nicht gesehenes Heimathland wieder zu betreten. Nur soviel eifriger -machte er sich jetzt daran die Angelgeräthschaften, die er auch an Bord -des Boreas unter Händen gehabt, hervorzusuchen, und seinen Fischfang -zu beginnen. Zu dem Zweck befestigte er jetzt ein Stück rothes Zeug -an einem ziemlich starken Haken, und ließ es, etwa zehn Ellen vom Boot -entfernt, nachschleifen. - -Das kleine ziemlich schwerbeladene Boot legte sich indessen, mit -dem Wind recht breit von der Seite in die Segel, fast bis an den -Steuerbordrand auf das Wasser, und die Besatzung mußte nach Backbord -hinüberrücken, das Gleichgewicht wieder herzustellen. Nach Südwesten -zu wurden jetzt schon die drei Spitzen der Hannibals Inseln sichtbar. -Nachmittag starb der Wind aber plötzlich weg, und um nicht von der -Strömung zu weit westlich getrieben zu werden, ruderten sie nach einer -kleinen Sandbank, deren weißen Rücken sie über dem dunklen Wasser -vielleicht zwei Meilen vor sich konnten herausschimmern sehen, und -warfen dort Anker. Timor hatte allerdings einen Fisch gefangen, niemand -aber daran gedacht Feuerholz vom Schiff mitzunehmen, und da auf dieser -Sandbank auch nicht der kleinste Strauch, ja kein Grashalm wuchs, -mußten sie ihr Abendbrod, von ihren Vorräthen halten und den Fisch auf -morgen sparen. - -Die Nacht schliefen sie im Boot, mit regelmäßig ausgestellter Wache. -Es ließ sich indessen nicht das mindeste hören oder sehen, was sie -hätte beunruhigen können. Die Nacht war warm und ruhig, und erst gegen -Morgen erhob sich wieder eine schwache Ostbrise, bei der Hans, dessen -Wacht es war, den leichten Anker hob, die Segel setzte und langsam über -das spiegelglatte Wasser hinglitt. Als die andern erwachten, fanden sie -sich zu ihrem Erstaunen schon wieder unterwegs und die Sandbank, die -jetzt bei Fluthzeit auch fast bedeckt war, weit hinter sich. - -Der Wind blieb übrigens den ganzen Tag sehr schwach; sie mußten -zweimal wieder ankern, und erreichten den zweiten Abend mit genauer Noth -die nördlichsten der Hannibal Inseln, wie sie auf der Karte genannt -sind -- ein niederer, nur mit wenigem Gesträuch bedeckter Felsen unter -dessen Lee sie ankerten, und es vorzogen wieder im Boot zu schlafen. -Abends gingen sie aber vorher an Land und brieten mit zusammengesuchtem -trockenen Holz eine tüchtige Portion delicater Fische, die Timor über -Tag gefangen. - -Hans war allerdings nicht recht damit einverstanden daß sie ein Feuer -anmachten, denn wenn sie das auch vorsichtigerweise auf der Nordseite -der Insel thaten, so daß es von der jetzt deutlich sichtbaren Küste -des festen Landes aus nicht gesehen werden konnte, so mochte der -aufsteigende Rauch dort etwa herumstreifenden Wilden leicht verrathen, -daß sich hier Fremde aufhielten. Bill wollte davon aber nichts hören, -und meinte die schwarzen Schufte würden dann ebenso wenig wissen, ob es -nicht Fischer von ihrem eigenen Stamm wären, als Weiße, und wenn sie -=jetzt= schon in der Hinsicht so ängstlich sein wollten, wie das dann -nachher werden sollte? Die Fische wurden deshalb auch gebraten und -schmeckten ausgezeichnet. - -Am nächsten Morgen wehte ihnen ein schwacher Landwind gerade entgegen, -und erst um 10 Uhr konnten sie Segel setzen und den Anker lichten. Die -australische Küste trat jetzt immer klarer und deutlicher heraus. Sie -konnten schon das niedere buschige Gehölz, das ihre Ufer bedeckte, -unterscheiden. An der weißen sandigen Bank ließen sich aber keine -menschlichen Wesen erkennen, und sie sahen auch nirgends Rauch -aufsteigen. Der ganze Strich hier schien vollkommen unbewohnt, und Hans, -der wieder am Steuer saß, bat Bill, ihm doch das kleine Fernrohr, das -gleich oben links in der Kiste lag, herüberzureichen. - -»Wenn wir hier nicht mit Wilden zu thun bekommen, finden wir auch kein -Wasser,« sagte er, nachdem er das Land eine Weile mit dem Fernglas -überflogen hatte. -- »Willst du das Glas haben, Bill?« - -»Merci,« meinte dieser trocken, ohne den Arm nach dem dargereichten -auszustrecken, »wenn Brandy drin wäre, ja, -- weiß der Henker woher -es kommt, ich bin doch sonst nicht so ungeschickt. Mit den Dingern -da aber habe ich mich nie befreunden können, und wenn ich durchsehe -schwimmt mir immer Alles vor den Augen. Gerade so geht mir's auch mit -den Gewehren; abdrücken kann ich sie, aber wo die Kugel hingeht das ist -ihre Sache. Siehst =du= nichts, Hans?« - -»Nicht das mindeste,« sagte dieser, das Glas Jean hinüberreichend. -»Nun so viel besser, denn da können wir die Gegend ungestört -untersuchen und nachher immer noch thun was uns gefällt.« - -Gegen Abend starb der Wind wieder weg, und sie mußten diesmal zu den -Rudern greifen, denn es war hier so tief, daß sie nicht einmal -hätten ankern können. Mit Sonnenuntergang waren sie etwa noch einen -Büchsenschuß vom Lande ab, in vier Faden Wasser, und beschlossen -dort auch die Nacht zu bleiben. Sie wollten sich nicht gerade mit -Dunkelwerden einem vollkommen fremden Küstenstrich anvertrauen, an dem -sie weder die Bewohner, noch die Thiere kannten. - -»Was es nur hier für Bestien geben mag,« sagte Jean, als sie ihren -Anker fallen gelassen, die Segel geborgen und niedergelegt, und ihr -Abendbrod auf zwei besonders dazu aufgestellten Weinkisten ausgebreitet -hatten, »weiß man denn gar nichts davon?« - -»Der erste der hier ins Innere eingedrungen ist, und durch den -wir einigermaßen Nachrichten von diesem bis jetzt noch meist -geheimnißvollen Küstenstrich erhalten haben,« sagte Hans, »war ein -Deutscher, ein Dr. Leichhardt, der mit einer kleinen Gesellschaft und -mit aufopfernder Kühnheit diese Küste bis weit gegen Westen besucht -hat. Diesem nach haben wir hier aber eine ganz andere Thierwelt als im -südlichen Australien, und es soll an der nördlichen Küste Krokodile -und Büffel geben. Ob wir die auch hier so weit im Osten finden würden, -weiß ich nicht. Känguruhs giebt's aber jedenfalls, und deren Erlegung -wäre das einzige, von dem wir hoffen könnten im Innern zu existiren. --- =Seht= aber das Land erst, und wenn Ihr euern Plan durch das Innere -zu gehen, dann =nicht= aufgebt, dann seid Ihr die ersten Matrosen oder -Fischer, die das Land nicht satt hatten und wieder nach Salzwasser -schnappten.« - -»Unsinn,« lachte Jean, »ich will Gott danken wenn ich nur erst einmal -wieder vom Salzwasser hinunter bin. -- Nein, ich habe mir Australien zu -meiner künftigen Heimath erwählt, und je schneller ich Sydney wieder -erreiche, desto besser -- und nachher nie mehr zur See.« - -Hans hatte das Fernglas wieder aufgenommen und schaute so lange nach -der Küste hinüber als es ihm die jetzt rasch einbrechende Dämmerung -erlaubte. Es ließ sich aber nicht das mindeste verdächtige erkennen, -und auf dem blendend weißen Korallensand der das Ufer bildete, hätte -ihm der kleinste dunkle Gegenstand, der sich nur im mindesten bewegte, -augenblicklich ins Auge fallen müssen. - -Darüber beruhigt ging er wieder an sein Abendessen und die Wacht wurde, -als sich die andern zum Schlafen niederlegten, aufgesetzt. Hans hatte -die erste Wacht, Jean die zweite, François die dritte, und Bill die -Morgenwacht. Timor durfte die ganze Nacht schlafen. - -Als sich die Männer, so gut das der enge Raum erlaubte, ausgestreckt, -und für eine gute Rast eingerichtet hatten, sah Hans noch einmal -nach seinem Gewehr, setzte frische Zündhütchen auf und legte es zum -augenblicklichen Gebrauch an seiner Seite nieder. Dann schob er sich -seine zusammengerollte wollene Decke unter den Rücken, und schaute, auf -diese gestützt, träumend zu den leichten über ihn hinziehenden Wolken -und blinkenden Sternen empor, manchmal nur aufhorchend, wenn er irgend -ein fernes Geräusch zu hören glaubte oder ein aufschnellender Fisch, -zweimal auch ein eigenthümlicher Schrei vom Lande herüber, der Ruf -irgend eines fremdartigen Nachtvogels, die Stille unterbrach. - -Hätte er die sechs dunklen Gestalten gesehen, die still und -geräuschlos, aber schnell wie das Wild ihrer Wälder durch die -düsteren Uferbüsche glitten und nach Osten zu dem Strand hinaufliefen, -dessen hellen Sand zu betreten sie sich aber wohl hüteten, er würde -die Stunden seiner Wacht nicht so ruhig verträumt und sich nachher mit -so leichtem Herzen zum Schlafen niedergelegt haben. So aber wandte sich -sein Geist bald von der Gegenwart ab. -- Den Kopf in die Hand gestützt -und mit den Blicken an den funkelnden Sternen über ihm haftend, dachte -er bald keiner Gefahr mehr die ihnen hier drohen konnte. -- Die Bilder -der Vergangenheit gingen vor seiner inneren Seele vorüber, und die -Stunden der Wacht schwanden ihm wie Minuten dahin. - -Jean hatte eine Uhr, die einzige an Bord, die der Wachthabende jedesmal -in Verwahrung bekam. Die ersten drei Wachen verliefen übrigens -vollkommen ruhig, und als Bill sich, von François geweckt, aufrichtete, -schliefen Hans, Jean und Timor so fest, als ob sie in irgend einer wohl -verwahrten und civilisirten Stadt in ihren Betten lägen und dort auch, -bis Morgens der Kaffee käme, jedenfalls liegen bleiben wollten. - -»Hallo,« sagte Bill und rieb sich die Augen -- »was zum Henker, ist's -schon zwei Uhr? -- ich glaubte, ich hätte mich eben erst niedergelegt. --- Es wird ordentlich kalt, Morgens.« - -»Schon drei Uhr fast, Kamerad,« versicherte François, »Alles ruhig -gewesen!« Damit übergab er dem Wachthabenden die Uhr und rollte sich -ebenfalls in seine Decke, die Beine über die nächste Bank streckend. - -Bill war übrigens zu lange in Australien gewesen sich nicht indessen an -ein Pfeifchen gewöhnt zu haben, aus dem sich sonst Matrosen, wenn sie -ihren Kautabak haben, gewöhnlich nicht viel machen. Vor allen Dingen -knöpfte er sich aber erst einmal warm in seine dicke Lootsenjacke ein, -denn die Morgenluft zog schon scharf von Osten her über das Wasser, -schnitt sich dann in der Hand eine Pfeife voll Kautaback klein, stopfte -seinen kurzen irdenen Stummel und schlug Feuer. -- Das dauerte aber wohl -eine Viertelstunde lang, denn der Schwamm war feucht geworden und wollte -nicht fangen. Bill wurde auch endlich ärgerlich darüber und fluchte -nach Matrosenart, bis er zuletzt all seine Kraftwörter erschöpft -hatte, und nur immer bei jedem Schlage _damn it_ -- _damn it_ -- -_damn it_, brummte. Endlich bekam er Feuer, setzte sich dann mit -übergeschlagenen Beinen und die Schulter bequem gegen den kleinen Mast -gestützt, in Wachtpositur, und qualmte aus Leibeskräften. - - - - -Sechszehntes Capitel. - -Der Morgenbesuch. - - -Durch das Feuerschlagen war Timor wach geworden und richtete sich -ebenfalls auf. Es schien ihm aber zu frisch außerhalb der Decke, und -noch halb im Schlaf sah er nur einmal über den Bootsrand weg neben dem -er lag, nach dem Lande zu, und wickelte sich dann wieder, so warm es ihm -möglich war, ein. - -Bill wußte nun allerdings recht gut daß er die Wacht hatte, und nicht -allein munter bleiben, sondern auch aufpassen mußte; aber es war ihm -nur eine höchst unbestimmte Idee, auf =was= eigentlich. Canoes hatten -sie am Abend vorher nicht gesehen, und so dunkel wie es jetzt geworden -war, sollte es den Wilden, wenn überhaupt welche an der Küste hausten, -sehr schwer werden das fremde Boot zu finden. Keinenfalls hätten sie -aber so geräuschlos anrudern können, daß sie von ihm nicht bemerkt -wären, und in dieser Hinsicht fühlte er sich auch vollkommen beruhigt. - -Das Wetter sah ebenfalls günstig aus, denn obgleich sich am Himmel hie -und da dichte Wolken sammelten, versprachen die mehr einen möglichen -Regenschauer als viel Wind. Ueberdies lagen sie hier durch das Land -durchaus geschützt, und brauchten nicht das mindeste für ihr kleines -Boot zu befürchten. Die Wacht versprach also, ebenso wie die -übrigen drei, ohne das mindeste Außergewöhnliche abzulaufen. -Nichtsdestoweniger setzte er sich so, daß er den schmalen -Wasserstreifen, der zwischen dem festen Land und ihrer Jölle lag, -vollkommen übersehen konnte, und bließ, den rechten Ellbogen auf -das rechte übergeschlagene Knie gestützt, seinen Tabaksdampf in -regelmäßigen Puffen dem Morgenwind entgegen. - -So mochte es vier Uhr geworden sein. Bill hatte sich seine dritte Pfeife -gestopft, und im Osten zeigte sich eben der erste graue Dämmerschein -des nahenden Tages. Der Schwamm war aber diesmal nicht gefälliger als -das erstemal, und Timor, der überdies die ganze Nacht vortrefflich -geschlafen, und auch am Schiff daran gewöhnt war meist um diese Zeit -aufzustehen und Kaffee zu kochen, richtete sich bei dem hartnäckigen -Feueranschlagen des Matrosen auf den Ellbogen in die Höhe und frug -leise, die anderen nicht zu stören: - -»Wie viel Uhr, Tuwan Bill. -- Wird's schon Tag? es muß noch früh -sein?« - -Bill, überhaupt kein großer Freund von vielen Worten, zeigte mit der -Pfeifenspitze nur gerade nach Osten hin und sagte, indem er den Kopf -ebenfalls dorthin drehte -- »kommt eben.« - -Timor folgte seiner Bewegung und schaute mehrere Minuten lang schweigend -nach dem östlichen Horizont hinüber, das Wachsen des lichten Streifens -zu beobachten. Plötzlich richtete er sich aber ein wenig höher auf, -machte sich seinen rechten Arm frei, rieb sich die Augen, und schaute -wieder unverwandt nach der Gegend hin. Er faßte zugleich Bills Knie und -drückte es leise. -- - -»Tuwan Bill,« flüsterte er dabei, doch so geräuschlos, daß die -Laute kaum zu des Mannes Ohr drangen -- »was ist das dort -- Fische?« - -Bill drehte den Kopf dorthin, wohin der junge Malaye zeigte, und sah -allerdings gerade in diesem Augenblick einen dunklen Gegenstand über -dem Wasser vorkommen. -- Aber er hob sich nur höchstens einen Fuß -über die Oberfläche, glitt etwa zwei oder drei Fuß darüber hin, und -verschwand dann wieder. - -»Tümmler,« sagte Bill laut, als gleich darauf vier oder fünf -derselben Art dem ersten folgten; »es sind Fische, Timor, mit denen -können wir uns jetzt aber nicht einlassen. Wenn wir an so einen fest -kämen, schleppte uns der mit Anker und allem, Gott weiß wohin.« Er -nahm seine alte Stellung wieder ein und rauchte ruhig weiter, während -Timor eine Weile die Fische beobachtete. Sie kamen nach kurzer Zeit -noch einmal zum Vorschein -- etwas näher dem Boote zu, wo auch eine -ziemliche Menge Seetang, an einen der vorragenden Korallenfelsen -wahrscheinlich, an- und festgeschwemmt war. Der Tang bildete dort eine -volle, dunkle Masse. Der Tag war aber noch nicht weit genug vorgerückt, -mehr als einen schwarzen schattigen Streifen davon erkennen zu lassen. -Der Tang lag nach NO. zu. - -Es ist vielleicht nöthig den Leser hier darauf aufmerksam zu machen wie -das Boot zu der Küste geankert hatte. Die australische Küste, an deren -nördlichem Ufer sie sich hier befanden, streckte sich von Osten nach -Westen hin, und bildete dadurch die südliche Bank der Torresstraße. -Der vorherrschende Wind war in dieser Jahreszeit der Ostwind, und die -Strömung setzte deshalb auch, durch Ebbe und Fluth nur wenig beherrscht -oder geändert, in ziemlicher Stärke nach Westen. Das kleine Boot -»ritt« vor seinem Anker der es festhielt, während es zugleich der -Strömung, so weit es der Anker ließ, nachgab, und deshalb mit seinem -Bug gerade nach Osten, vielleicht einen Strich noch südlich, zeigte, -da eine, gerade hier oberhalb liegende kleine Bucht die Strömung -gewissermaßen aufgefangen hatte, und da wo sie lagen, in die Straße -zurückführte. Die Steuerbord oder Starbordseite des Bootes zeigte -deshalb nach dem Lande, die Backbordseite nach der offenen Straße hin. - -Timor, der vorn im Bug kauerte, fing an zu frieren; die Morgenluft war, -trotz der niederen Breite in der sie sich befanden, ziemlich frisch, und -er wickelte sich wieder in seine Decke. Die Fische wollten ihm aber doch -noch nicht aus dem Kopf, und ehe er sich auf's neue hinlegte, warf er -noch einen Blick nach dem Tang hinüber, wo sie verschwunden waren. -Der graue Streifen im Osten war indessen auch etwas breiter und lichter -geworden, ohne jedoch noch mehr zu vermögen als einen matten falben -Schein auf das sonst fast spiegelglatte Wasser zu werfen, was eher das -Auge blendete, als ihm die Gegenstände unterscheiden half. Trotzdem -glaubte er sich wieder Etwas nach jener Richtung hin bewegen zu sehen, -und sprang noch einmal auf, stieg auf die vordere Bank und schaute -scharf hinüber. - -»Das sind im Leben keine Tümmler,« murmelte er dann für sich, auf -malayisch -- »das sind entweder Schildkröten oder andere Fische, und -vielleicht kommen sie dicht ans Boot heran, daß wir einen mit dem Elker -(eine kleine fünf- oder dreizackige Harpune) erreichen können. -- Ich -will wenigstens alles fertig machen.« - -Der Elker lag aber mitten im Boot, und die Spitzen staken unter dem -hinteren Sitz, damit sich niemand die Nacht hineinreißen konnte. Um ihn -zu bekommen mußte der junge Bursche über François wegsteigen, und die -Stange jetzt hebend und vorziehend, konnte er nicht verhindern daß er -Hans anstieß und weckte. Dieser, als er sich berührt fühlte, fuhr -rasch in die Höhe und frug »was es gäbe?« - -»O nichts,« sagte der Malaye leise, »legt Euch ruhig wieder hin, ich -wollte nur die Harpune vorholen und bin ungeschickt dabei gewesen. -- Es -sind Fische da, die vielleicht zum Boot herankommen.« - -»Was für Fische, Timor?« sagte Hans, sich die Haare aus dem Gesicht -streichend und seine Mütze, die ihm im Schlaf heruntergefallen war, -wieder aufsetzend. -- - -»O ich weiß selber noch nicht, ich kann nur sehen wo sie sich -bewegen,« erwiederte Timor. -- »Sie scheinen hier ums Boot herum -zu spielen und kommen vielleicht näher.« Timor sprach mit Hans -gewöhnlich in seiner eigenen Sprache, und deshalb lauter mit ihm als -den anderen. - -Hans richtete sich auf und warf einen Blick um sich. Er schaute nach -den sich lichtenden Wolken und dem noch düster vor ihnen liegenden -Küstenstreifen hinüber. Timor aber, der glaubte daß er den Platz -suche wo die Fische wären, zeigte mit dem Arm nach dem Tang hinüber, -der aber jetzt vollkommen regungslos blieb. Der Tang konnte etwa 60 -Schritt von ihnen entfernt sein. - -»Da war aber etwas, mehr nach dem Lande hin,« sagte Hans, dessen Blick -unwillkürlich der Richtung gefolgt war, die ihm Timors Arm bezeichnete. --- »Das muß ein großer Fisch gewesen sein, und ich hätte gar nicht -geglaubt, daß sich die so weit nach dem Lande zu verlieren. Wirf ja -nicht die Harpune nach solch einem Burschen, wenn er hier herankommen -sollte, Timor, denn entweder riß er dich selber mit über Bord, oder -wir sehen nie etwas von dem Elker wieder, und es ist der einzige den -wir mit haben. -- Halt, da wieder -- er will zwischen dem Lande und uns -durch.« - -Der Fisch ging aber tief, und kam nicht wieder auf, wenigstens nicht -daß es Hans und Timor bemerkt hätten. Durch das Sprechen war jedoch -François ebenfalls munter gemacht, richtete sich auf, und rief den -anderen beiden seinen guten Morgen zu. - -»_Qu'est -- ce que c'est ça?_« -- rief er aber plötzlich, den Arm -nach dem Lande ausstreckend -- »_des poissons?_« - -»Nein, bei Gott nicht!« rief Hans, der bei dem jetzt deutlich zu ihnen -herüberschallenden Plätschern den Kopf rasch dorthin drehte -- »das -sind keine Fische -- das ist ein Schwarzer, und ich habe doch niemand -ins Wasser steigen sehen.« - -»Wo?« rief Bill, und richtete sich rasch in die Höhe; auch Jean wurde -munter. - -Bill hatte seine Muskete aufgegriffen und schaute scharf nach dem -Gegenstand hin, der sich jetzt gar nicht mehr verkennen ließ. Es war -jedenfalls ein Indianer, der hier ganz unbesorgt, etwa 60 Schritt von -ihrem Boot entfernt, herumschwamm und tauchte. Als er übrigens bemerken -mochte, daß aller Blicke nach ihm gerichtet waren, hob er sich, so -weit er das schwimmend konnte, aus dem Wasser und rief etwas nach ihnen -hinüber. - -=Was= er rief konnten sie natürlich nicht verstehen, Hans aber, um ihm -zu zeigen daß er gesehen sei, antwortete ihm auf gut Glück in einem -südaustralischen Dialekte, obgleich er kaum hoffen durfte von ihm -verstanden zu werden. Jeder australische Stamm hat fast eine andere -Sprache. - -»_Parni tirriapindo_ -- komm näher heran.« Der Wilde, als ob er wisse -was man von ihm verlange, kam jetzt einige Striche herangeschwommen, und -hielt dann wieder wie unschlüssig. - -In demselben Augenblicke wurden nach Norden zu, also an der dem Land -entgegengesetzten Seite, mehrere Köpfe über Wasser sichtbar, tauchten -aber auch schon nach wenigen Secunden wieder unter -- sie waren nur zum -Athemholen in die Höhe gestiegen, und befanden sich keine 30 Schritte -mehr vom Boot. Die Aufmerksamkeit der Matrosen wurde jedoch durch -den neuen Aufruf des Wilden zu sehr in Anspruch genommen, um sich der -anderen Seite zuzuwenden. -- Sie sahen nicht was hinter ihnen vorging. - -»Es wäre gut, wenn wir uns einen der Burschen zum Freund machen -könnten,« sagte Hans zu Jean gewandt -- »der würde uns auf dem -festen Land von unberechenbarem Nutzen sein. Wir wollen es jedenfalls -versuchen.« - -»_Nunja ngun renga patlerti!_« rief der Wilde jetzt deutlich zu ihnen -herüber. - -»Hol' der Teufel die Sprache,« brummte Hans, »ich verstehe kein Wort -davon.« - -Dicht unter Backbord des Bootes tauchte ein schwarzer Kopf auf und ein -paar dunkle Augen blickten scheu empor -- jetzt noch einer, jetzt ein -dritter. Die Männer im Boot hätten sie müssen Athem holen hören. - -»Wir wollen ein Tuch nehmen und damit wehen,« rief Jean -- »einen -grünen Busch haben wir ja doch nicht hier, und er wird verstehen daß -das freundlich gemeint ist.« - -»_Parni tirriapindo!_« munterte ihn Hans noch einmal dabei auf, weil -Jener das vorher verstanden zu haben schien, und Jean schwenkte das -Tuch. -- - -»_Diable!_« schrie in diesem Augenblick François -- und riß sein -Messer, das er wie jeder Matrose an der Seite trug, aus der Scheide. -- -Hans wollte sich umdrehen, verlor aber auch schon das Gleichgewicht, und -fiel mit beiden Händen auf den Bootrand zu Steuerbord. Am Backbordrand -hingen in dem Moment fünf dunkle Gestalten und suchten, sich so -hoch das ging aus dem Wasser schnellend, mit ihrem Gewicht den Rand -niederzudrücken, und das Boot jedenfalls dadurch zu füllen und zu -versenken. - -Die Jölle schwankte natürlich mit einem plötzlichen Ruck nach ihnen -hinüber und zwar so stark, daß Jean auf Steuerbord überstürzte, und -nur noch glücklicherweise mit der linken Hand den Rand ihres kleinen -Fahrzeugs erfaßte. Dadurch hielt er sich nicht allein über Wasser, -sondern bewahrte auch wahrscheinlich durch das Gegengewicht was er -hiermit an die andere Seite warf, das Boot vor dem gänzlichen Füllen -und Sinken, auf das der Angriff berechnet gewesen. Freilich konnte er -nicht verhüten, daß trotzdem eine Masse Wasser über Bord schlug. - -Ein zweiter solcher Stoß wäre ihnen auch jedenfalls verderblich -gewesen, und er mußte erfolgen, sobald die Schwarzen nur einfach mit -ihrem Gewicht hängen blieben, Bill aber rettete sie diesmal, und -zwar ganz gegen seinen Willen, denn mit dem ersten Ruck schon hinten -überfallend, stürzte er gerade in den Vordertheil des Bootes hinein. -Wahrscheinlich aber dabei mit dem Finger den Drücker der Muskete -berührend, oder auch nur durch das Anstoßen des Kolbens auf den Sitz, -entlud sich diese, und die Kugel fuhr zischend ins Blaue. - -Die Wirkung zeigte sich zauberschnell. -- Im Nu waren die sechs -schwarzen Köpfe, die eben noch ein gellendes Siegesgeschrei -ausgestoßen, in der über ihnen zusammenschlagenden Fluth verschwunden. -Durch das schnelle Loslassen des Bootes und Jeans Gewicht nach der -andern Seite hätten sie aber beinahe das erreicht, was sie durch ihren -Angriff verfehlt, denn die Jölle schlug nun ebenso viel nach Steuerbord -über, als vorher nach Backbord, und nahm wieder eine Menge Wasser ein. - -Das kleine Boot war jedoch glücklicherweise ziemlich breit gebaut, und -das nächste Zurückschwanken nach Steuerbord zeigte ihnen, daß die -Gefahr für den Augenblick vorbei sei. - -Während aber Jean, so rasch ihm das irgend möglich war, zurück ins -Boot kletterte -- und Timor faßte ihn dabei und half ihm hinein -- -hatte Hans sein Gewehr aufgegriffen und gespannt, und François mit dem -Messer noch immer in der Faust, bewachte scharf die beiden Bootränder, -ob sich wieder eine schwarze Hand auf ihnen sollte blicken lassen. Aber -nirgends zeigte sich auch nur eine Spur von den Flüchtigen, und Hans -meinte erstaunt, es wären doch keine Fischmenschen, daß sie ganz unter -Wasser leben könnten; sie =müßten= wieder vorkommen. Da deutete Timor -nach dem Seetang, der an den Korallen hing, an dem sie schon vorher das -Auftauchen der geglaubten Fische beobachtet hatten. - -Alle folgten mit ihren Augen der Richtung, nur François nicht, der fest -die Feinde noch einmal auf ihren alten Angriffsplatz -- er wußte nur -nicht recht auf welcher Seite -- zu erwarten schien. - -»Dort sind sie!« rief aber jetzt auch Hans, und Jean, der indessen -ebenfalls seine Muskete aufgefaßt, wollte schon auf das Dunkle dort, -was sich ziemlich deutlich als die dunklen Köpfe der Feinde erkennen -ließ, zielen. Hans verhinderte ihn aber daran und meinte ruhig, es -wäre besser Blutvergießen zu vermeiden, bis es nicht anders mehr -möglich wäre. - -Die Köpfe verschwanden auch in demselben Moment fast wieder, und erst -weit außer Schußweite kamen sie zum zweitenmal hervor. Als sie -sich zum drittenmal zeigten, war es dicht am Ufer, und sechs schwarze -Gestalten, mit kurzen Speeren in der Hand, wie es Hans deutlich durch -das jetzt aufgegriffene Fernrohr erkennen konnte, sprangen aufs Trockene -und tauchten in der nächsten Minute in die dichten Büsche ein, die sie -den Blicken der Nachschauenden gänzlich entzogen. - -Deren nächste Sorge war jedoch jetzt ihr Boot, und zwei gingen daran, -es so schnell als möglich wieder auszuschöpfen, während die anderen -noch immer auf Wacht blieben, denn sie glaubten kaum, daß so wenige von -den Wilden es gewagt haben sollten sie anzugreifen. - -Der Plan war auch gar nicht so übel gewesen, und nur daran gescheitert, -daß die Schwarzen nicht die Natur einer solchen Jölle kannten, die -weit fester mit ihrem breiten Boden auf dem Wasser liegt als eines -der gewöhnlichen Canoes. Keines dieser letzteren hätte einem solchen -Gewicht, plötzlich an die Seite geworfen, widerstehen können, und -einmal die Mannschaft über Bord, hätte sie den Wilden, die im Wasser -fast gewandter sind als auf festem Lande, sicherlich nicht widerstehen -können. Mit ihren kurzen Speeren würden sie die Weißen entweder -ermordet, oder untergezogen und ertränkt haben, und das Boot mit der -Ladung, die sie leicht wieder vom Grund mit Tauchen aufbringen konnten, -wäre ihre gute Beute geworden. - -Ihr ganzes Manöver ließ sich jetzt auch sehr leicht erklären. Zuerst -hatten sie versuchen wollen im Dunkel der Morgendämmerung (fast alle -wilden Stämme machen ihre Angriffe zu dieser Tageszeit) heimlich -anzuschwimmen. Timors Munterwerden machte ihnen das aber unmöglich, und -einmal die richtige Zeit versäumt, war auch die andere Mannschaft wach -geworden. Einer schwamm also deshalb wieder von den übrigen ab, die -Aufmerksamkeit der Fremden auf sich und von den Cameraden abzulenken, -während diese unbeachtet herantauchen und den vorher verabredeten Plan -ausführen konnten. Vor Feuergewehren haben aber diese Stämme, die mit -Weißen fast noch nie in Berührung gekommen, eine heilsame Furcht, und -das zufällige Losgehen von Bills Muskete erschreckte sie so, daß -sie jeden Gedanken an Angriff aufgaben, und nur ihre eigene Haut in -Sicherheit zu bringen suchten. - -»Nun, wie gefällt Euch Euer Empfang bei den Schwarzen?« frug Hans -die anderen, als sie ihr Boot wieder in Ordnung gebracht und ihre -Provisionen vorgesucht hatten, um ein hastiges Frühstück einzunehmen. -»Nicht wahr, es sind gastliche Gesellen, die nicht einmal abwarten bis -wir bei ihnen an Land gekommen sind, sondern uns gar schon =vor= der -Thüre besuchen.« - -»Hol der Teufel die Landlubbers,« brummte Bill, der damit das -schlimmste Wort seines Kopfwörterbuchs ausgesprochen -- »wenn die -Sachen hier so stehen, hab' ich wenigstens allen Appetit verloren mich -viel bei ihnen zu Gaste zu bitten. -- Das sind ja verteufelte Kerle -- -und wie die Bestien schwimmen und tauchen können.« - -»Die Hälfte von unserem Brod ist naß geworden,« sagte Timor, der -sich indessen eifrig damit beschäftigte den beschädigten Proviant -nachzusehen -- »ein Glück nur daß das meiste hoch lag.« - -»Wir essen das naßgewordene zuerst weg,« meinte Jean -- »wenn das -Brod auch ein wenig salzig schmeckt, das schadet nichts, und aufgeweicht -ist's doch nicht. Da müssen unsere Schiffszwieback länger im Wasser -liegen, wenn sie wirklich weich werden sollen; für solche Fälle haben -unsere Rheder glücklicherweise gesorgt. -- Aber so heimtückische -Canaillen; auf einer Seite Freundschaftsversicherungen, und auf der -anderen Meuchelmord. Doch feige sind die Kerle. Hei wie sie ausbrannten -als Bill sein Gewehr unter sie abschoß. Mich wundert nur daß sich Bill -so rasch fassen und schießen konnte; der Angriff kam so schnell, daß -ich an =mein= Gewehr gar nicht dachte.« - - - - -Siebenzehntes Capitel. - -Die Landung. - - -Bill sah ihn mit einem trocken komischen Ausdruck in den Zügen an, und -die anderen lachten. - -»Ja,« sagte Bill endlich, »wenn ich jedesmal mein Gewehr auf =die= -Art abfeuere, dann thu' ich meinem eigenen Leichnam mehr Schaden dabei -als jemand anderem. Nicht allein daß ich mir meine ganze hintere Fronte -auf den scharfen Kistenecken und Gott weiß was abgescheuert habe, nein, -die verdammte Muskete stieß mich auch, wie sie los ging, so gegen -den Leib, daß ich erst fürchtete, ich hätte einen förmlichen -Decimalbruch gekriegt. -- Das sind verwetterte Dinger so Schießgewehre --- da ist's ja wahrhaftig so gefährlich dahinter wie davor zu stehen, -und ich hatte nur eine einzige Handvoll Pulver drin. Aber Donnerwetter, -Ihr braucht nicht so furchtbar zu lachen; wir sitzen hier keineswegs -in einer so angenehmen Lage hier vielen Spaß machen zu können. Gebt -lieber einen guten Rath, wie wir aus dieser Klemme wieder hinauskommen -und was wir thun sollen.« - -»Sail ho!« rief in diesem Augenblick Timor, der trotz seiner -Beschäftigung im Boot, doch nicht aufgehört hatte den Horizont wie -seine nächste Umgebung zu beobachten. - -Dieser Ruf gab natürlich den Gedanken der kleinen Mannschaft eine total -andere Richtung. Aller Augen richteten sich blitzesschnell nach der -einzigen Himmelsgegend hin, wo ein Segel sichtbar werden konnte -- der -Einfahrt der Torresstraße zu. Und richtig genug, über dem Horizont -waren deutlich die oberen Segel eines wahrscheinlich großen Schiffes zu -sehen, das schon gestern Abend in die Straße eingelaufen und vor Anker -gegangen sein mußte, und jetzt mit einer guten, wenn auch leichten -Brise und von der starken, westwärts setzenden Strömung begünstigt, -seine Durchfahrt antrat. - -»Da wär' eine Gelegenheit von hier fortzukommen,« sagte Hans -lächelnd, nachdem sie das Segel, dessen Fortgang sie leicht bemerken -konnten, eine kleine Weile schweigend beobachtet hatten, »was meinst -du, Bill? sollen wir unser Glück damit versuchen?« - -Bill schüttelte aber finster mit dem Kopf und sagte endlich, nachdem er -sich ein tüchtiges Stück von seinem Kautaback abgebissen und den -Rest wieder in die Mütze -- dem gewöhnlichen Aufbewahrungsort, gelegt -hatte: -- »Ne -- so gern ich hier weg wäre, aber die Gesellschaft -Capitän Oilytts ist doch zu gut für mich -- ich bin sie nicht werth -und -- ich will mich nicht gern wieder hineindrängen. -- Wenn wieder -ein's käme, ja, da will ich nichts dagegen sagen, aber ich denke dies -erste gönnen wir unserem Alten zu seiner alleinigen Verfügung.« - -»O wenn's nur deshalb wäre,« rief Jean, »das sollte mich wahrhaftig -nicht abhalten. -- Auf einem fremden Schiff hat er Nichts zu sagen, -denn er ging höchstens als Cajütenpassagier und wir kämen als -Wachtverstärkung mit ins Vorcastel. Was könnte er uns da anhaben?« - -»Was er uns anhaben könnte?« wiederholte Bill, »weiter nichts, -Mann, als daß er uns viere hier einfach in Eisen legen ließe, wegen -Widersetzlichkeit -- wenn er da irgend Gefallen d'ran fände. Und thäte -er das wirklich nicht, so kannst du dich d'rauf verlassen, er würde uns -bei dem anderen Capitän einen solchen Namen machen, daß ich lieber -mit sieben Jahr Urlaub nach Norfolk Island oder Vandiemensland geschickt -werden möchte, als dort Matrose sein. Frag einmal Hans, was der dazu -meint. -- Und Timor erst für sein bischen Versteckens spielen. -- Aus -dem seiner Haut machten sie, Gott straf mich, Kabelgarn.« - -»Unsinn, Mann,« lachte Jean, »es fällt mir ja gar nicht ein Capitän -Oilytts Gesellschaft je wieder aufzusuchen. Im Gegentheil, ich danke -Gott daß ich sie mit so guter Manier los geworden bin. Das Schiff hat -aber jedenfalls =den= Vortheil für uns, daß es den Capitän mit seiner -ganzen Gesellschaft aus der Straße herausnimmt, und kommt später -einmal ein anderes, und es gefällt uns dann nicht auf dem festen Lande, -dann können wir immer noch thun was wir wollen.« - -»Hollo, Hans, was machst du da?« wandte er sich plötzlich zu diesem, -der nach vorn gegangen war, und ohne weiter etwas zu sagen, den kleinen -Anker aufholte. - -»Was ich mache? -- ich mache uns flott,« lautete die Antwort -- »oder -wollen wir heute hier liegen bleiben?« - -»Gut dann, an Land!« rief Jean fröhlich, »und gefällt uns das -Innere, so sollen uns alle Wilden Australiens nicht abhalten unser Ziel -zu erreichen.« - -»Damit bin ich auch einverstanden,« meinte Bill, »meine Flinte kann -aber Timor nehmen. Ich will verdammt sein, wenn ich das Ding noch einmal -losschieße oder vielmehr sich selber losschießen lasse. Was ich bis -jetzt daran gesehen habe, so scheint es mir verwünscht unabhängig zu -sein, und sich wenig daran zu kehren, ob an dem kleinen Stück Eisen da -gedrückt wird oder nicht.« - -Als der Anker gelichtet war, wollten Bill und François nach den Rudern -greifen, die kurze Strecke hinüber zu rudern; Hans richtete aber das -Segel auf und schlug ihnen vor, noch eine kleine Strecke an der Küste -hinabzufahren, bis wo sie wieder Hügel zum Strande niederdachen sehen -konnten. Die Gegend war hier vollkommen flach, die kleinen Hügel -standen aber mit anderen höheren, deren blaue Spitzen sie jetzt -schon erkennen konnten jedenfalls in Verbindung. Es war dort auch eher -wahrscheinlich daß sie Wasser finden würden als hier; und Wasser blieb -ihnen ja doch, bei einem Marsch ins Innere, die Hauptsache, wo sie wohl -dann und wann ein Stück Wild erlegen konnten, ihren Hunger zu stillen, -aber nie im Stande gewesen wären sich ohne Wasser zu behelfen. - -»Und dann kommen wir auch ein Stück von diesen verdammten schwarzen -Heiden fort,« sagte Bill, als er die Schote des kleinen Segels anholte -und fest machte -- »hol sie der Henker!« - -»Das nun wohl nicht,« meinte Hans, »denn ich bin fest überzeugt, -daß wir die ganze Zeit von mehr als den wenigen beobachtet wurden, und -selbst diese können uns leicht zu Lande folgen. Laufen wir aber scharf -gegen die Küste an, so werden sie sich jedenfalls zurückziehen, und -ich bin ziemlich gewiß, daß sie uns beim Landen nicht im geringsten -stören.« - -Nach zwei Stunden etwa erreichten sie das höher gelegene Land, und -fanden hier sogar, ganz gegen Erwarten, ein wohl 30 Schritt breites -kleines Strombett, in dem eine ziemlich starke Quelle niederrieselte. -Es war gerade Regenzeit, und sie durften jetzt allerdings weit eher -erwarten dann und wann Wasser zu finden als im Sommer, wo auch diese -Quelle sicher vertrocknete. - -Bei der Landung gebrauchten sie nichtsdestoweniger jede Vorsicht, die -ihnen unter ihren Umständen nur möglich war. Während Bill vorn mit -dem Springtau in der Hand auf das Anlaufen des Bootes wartete, und dann -hinaussprang und es ans Ufer zog, standen Jean, und François mit ihren -geladenen Gewehren neben ihm. Hans hielt das Ruder. Es ließ sich aber -kein Indianer blicken, ja nicht einmal die Spur ihrer Füße konnten -sie in dem Ufersand entdecken, und nachdem sie erst zu diesem Zweck -eine kleine Runde durch die Büsche gemacht, und auch nicht das -mindeste Verdächtige gefunden hatten, zogen sie ihr Boot in die kleine -Süß-Wasser-Bay, die hier das frische Wasser in den sonst überall nahe -zum Ufer kommenden Korallen gebildet zu haben schien, und fanden sich, -zum erstenmal wieder, auf festem, trockenem Lande. - - - - -Achtzehntes Capitel. - -Der Australische Busch. - - -François und Jean hielten es allerdings jetzt noch für unumgänglich -nöthig Posten auszustellen, und indessen ihr Boot in Sicherheit zu -bringen. Hans aber, mit den Sitten dieser Stämme, wie es schien, besser -bekannt, beruhigte sie darüber, und gab ihnen die Versicherung, daß -sie gewiß keinen neuen Ueberfall, so lang es hell sei, zu fürchten -hätten; obgleich er keineswegs für dasselbe nach Dunkelwerden -einstehen möchte. - -Was aber nun thun? ihr Boot am Strand, oder irgendwo im Dickicht -versteckt zurücklassen, und geradezu den Landweg durch das Innere -versuchen? die Sache wurde bald als unmöglich verworfen, denn die -gerade, die im Anfang am exaltirtesten für einen solchen Plan gewesen -waren, schienen durch diese erste Begrüßung einen heilsamen Schreck -vor irgend einem solchen Unternehmen bekommen zu haben. - -Hierzu kam noch, daß jetzt die Provisionsfrage in Anregung gebracht -werden mußte, und es sich nun herausstellte, wie solche auf keine -andere Weise fortzubringen wären, als auf den eigenen Rücken. Hans -setzte ihnen dabei die etwaige Entfernung auseinander, bei der Bill -schon vollkommen genug hatte, sobald er die Zahl der Tagemärsche -hörte, und selbst François und Jean wurden kleinmüthig als sie das -ihnen nächste Wasser, das sie für frisches gehalten, kosteten und -- -=salzig= fanden. Allerdings hatte das seine sehr natürlichen Ursachen, -da die Mündung des kleinen Creeks oder Flusses -- denn das Bett -desselben sah breit genug aus -- hier jedenfalls der Ebbe und Fluth -ausgesetzt war. - -Hansens Rath lautete nun, wie er von Anfang an gewesen, in ihrem Boot zu -bleiben und so rasch sie könnten nach Westen zu segeln, um jedenfalls -Timor oder eine andere Insel jener dicht gedrängten Gruppe zu -erreichen. Bis dorthin führten sie auch genug Provisionen bei sich, -denn Wasser konnten sie, wenigstens etwas, bei einzelnen doch jedenfalls -zu erwartenden Regengüssen oder Gewitterschauern mit ihrem Segel -auffangen. - -Wenn nun aber auch die übrigen im Ganzen mit dem Plan vollkommen -übereinstimmten, versicherten doch François sowohl wie Jean, das feste -Land hier nicht eher wieder verlassen zu wollen, ehe sie mehr davon -gesehen hätten, denn der Beweis wäre ihnen geworden, welchen Respect -die Wilden hier vor Feuerwaffen hätten. François besonders, mit der -eigenen Leidenschaft die Matrosen für jede Art von Jagd zeigen, wenn -sie einmal festes Land betreten haben, verschwor sich hoch und theuer -hier erst einmal die Gegend untersuchen zu wollen, ehe er wieder in -See ginge -- die Zeit sei ihm lang genug an Bord geworden und er müsse -jedenfalls erst »sein Gewehr einmal anschießen.« Etwaige Gefahren -konnten ja nur den Reiz erhöhen, aber nimmer vermindern. - -Der einzige, dem es ziemlich gleichgültig schien was vorgenommen wurde, -war Bill, so sie nur nicht von ihm verlangten lange Tagemärsche mit -einer Last auf dem Rücken zu machen. Er gestand jetzt ein daß er sich -das Land ebenfalls anders gedacht habe, und stimmte Hans bei, so rasch -als möglich Timor zu erreichen. -- Gegen eine kleine Excursion ins -Innere hatte er aber ebenfalls nichts, vorausgesetzt, daß er dieselbe -ohne Flinte mitmachen könne, denn nur im äußersten Nothfall möchte -er, wie er meinte, gezwungen sein, solch ein »hintenausschlagendes -Schießeisen« wieder abzufeuern. -- Aber was sollte indessen aus dem -Boote werden? -- Die Frage war die natürlichste, und wenn auch -besonders François im Anfang geglaubt hatte, man würde es irgendwo -leicht verstecken können, überzeugte sie doch bald die ganze Natur -des Bodens, daß etwas derartiges wohl leicht gedacht, aber schwer -ausgeführt werden könne. Handelten sie übrigens hierin leichtsinnig, -so waren sie der fast unvermeidlichen Gefahr ausgesetzt, alles was sie -an Provisionen bei sich hatten nicht allein zu verlieren, sondern auch -noch zugleich der Möglichkeit eines Rückzugs von hier beraubt zu -werden. - -Dagegen erklärte sich auch Hans auf das Bestimmteste, und erbot sich -mit Timor im Boot zu bleiben und dies flott zu halten, bis die drei -Cameraden ihrer »Landungswuth« genügt und vom Land so viel gesehen -hätten als ihnen zuträglich wäre, was, wie er hoffte, gar nicht so -sehr lange dauern sollte. Timor war sehr gern damit einverstanden, Jean -aber nicht, der Hans mit an Land zu haben wünschte und dagegen Bill, -als am schlechtesten auf den Füßen, zur Bootwacht vorschlug. Als -Station für das Boot konnte der dann eine kleine Insel nehmen, die -jetzt, in der Fluthzeit, nur eben über die Oberfläche des Wassers -vorragte und mit dichtem Gebüsch bewachsen war. Trotzdem lag sie gerade -bequem und etwa eine englische Meile vom Lande ab, so daß sie dort -wenig oder gar nichts von einem Ueberfall, ausgenommen in Canoes, zu -fürchten hatten. Den aber brauchten sie am hellen Tag um so weniger zu -fürchten, da sie gesehen hatten, welchen Respect die Eingeborenen den -Schießgewehren gegenüber gezeigt. - -Bill, überdies nicht sehr lebhaften Temperaments, war mit diesem Plan -vollkommen einverstanden, ließ ihn derselbe doch in unbeschränktem, -unverkümmertem Besitz und unmittelbarer Nähe des Portweins, für den -er anfing eine stille Neigung zu fühlen. - -Hans wünschte selber gern einen Theil der Küste und das Innere des -Landes zu sehen, wenn sich die Cameraden denn doch nun einmal nicht -von ihrem Plan abbringen ließen, und da er sich auch wohl bewußt war -manche Gefahr von ihnen abwenden zu können, stand der Ausführung des -beabsichtigten Streifzugs nichts weiter im Weg. Timor schien mit Allem -einverstanden, was ihn nur nicht wieder in den Bereich der Schwarzen -brachte, die sich bei ihm durch den so schlau ausgeführten Angriff gar -tüchtig in Respect gesetzt. - -Mit Vorbereitungen verloren sie denn auch keine lange Zeit weiter. -Jeder nahm nur an Munition und Proviant was er auf zwei oder drei Tage -nothwendig zu brauchen glaubte -- denn etwas zu schießen mußten sie ja -doch auch hier im Walde finden -- und als Signal, wenn sie zurückkehren -wollten, wurden zwei rasch hintereinander abgefeuerte Schüsse bestimmt. -Sobald Bill dieselben höre, solle er sich, aber immer noch sehr -vorsichtig, dem Festland nähern. Auch jetzt wurde es ihm zur Pflicht -gemacht, um ganz gesichert gegen einen Ueberfall zu sein, augenblicklich -vom Lande abzustoßen. - -Zuerst aber nahm er noch herzlichen Abschied von den Cameraden und -warnte sie ernstlich, ganz besondere Acht auf ihre eigene Haut zu haben, -damit sie dieselbe nicht unnöthiger Gefahr aussetzten. Dann nöthigte -er noch jedem, sie mochten dagegen einwenden was sie wollten, eine extra -Flasche Madeira auf -- Madeira, meinte er, sei besser wie Portwein, wenn -man ihn mit Salzwasser trinken müsse -- und schob hierauf mit Hülfe -der Zurückbleibenden vom Lande ab. Hier wandte er rasch den Bug seines -kleinen Fahrzeugs, setzte das Segel und suchte mit Timor am Steuer, vom -Lande abzukreuzen, was ihm jetzt, von der eintretenden Ebbe begünstigt, -auch bald gelang. - -Die drei Matrosen sahen ihn aber kaum frei und unter Segel, als sie auch -ihre verschiedenen Packen schulterten, die Gewehre unter den Arm nahmen, -und dem nächsten Hügel zuwanderten, den sie vor allen Dingen erst -einmal besteigen wollten, einen ungefähren Ueberblick über das -benachbarte Land zu gewinnen. - -Hansens Bein schmerzte ihn allerdings noch ein wenig. Die letzten -Ruhetage und die gute Pflege hatten ihn jedoch so weit wieder -hergestellt, einen derartigen nicht zu langen Marsch ohne große Gefahr -für sich wagen zu können. - -Da sie sich hier noch innerhalb des Flußthals befanden, das nach Osten -und Westen in einem, wenn auch schmalen doch weit auslaufenden Streifen -abzweigte, so hatten sie sich vor allen Dingen durch einen höchst -beschwerlichen Mangrovesumpf hinzuarbeiten. Im Anfang durften sie auch -wirklich kaum wagen auf den Schlamm zu treten, der oft unter ihnen -wegsank. Sie mußten sich über die hoch emporstehenden Wurzeln, die -nach allen Seiten hin wie die Beine einer Spinne vom Stamme wegstarrten, -hinarbeiten, nur erst einmal höheres und damit auch festeres Terrain zu -gewinnen. - -Hans fühlte sich aber gleich von vorn herein in diesem Sumpf nicht -wohl, denn hätten die Wilden wirklich noch böse Absichten auf sie -gehabt, so wären sie hier, wo sie ihre beiden Hände gebrauchten, -um sich nur fortzuhelfen, ihren Angriffen jedenfalls auf eine höchst -gefährliche Weise preisgegeben gewesen. Aber nicht ein einziger ließ -sich sehen; keine Spur konnten sie von ihnen, selbst in dem weichen -Schlamm erkennen, und François meinte lachend, als sie den ersten -festen Platz erreicht hatten und hier einen Augenblick stehen blieben, -sich zu erholen; die schwarzen Schufte die an dem Morgen einen Angriff -versucht hätten, liefen wahrscheinlich noch, so seien sie über den -Knall von Bills unfreiwilligem Schuß erschreckt worden. - -Hans war anderer Meinung, aber er begnügte sich damit, vorsichtig -auszuschauen, und erhielt dazu noch kräftigeren Grund als sie hier, am -Rande eines kleinen »Theebaum«-Dickichts nicht allein Spuren, sondern -einen festgetretenen Pfad von Indianern fanden, der am Rande des Sumpfes -hinzulaufen, und wahrscheinlich dem nächsten frischen Wasser, am Flusse -weiter hinauf, zuzuführen schien. - -Hier, mit dem ersten hohen Land, wurde auch die Vegetation eine andere, -üppigere und hier zum erstenmal schienen selbst Bäume den Hügelkamm -zu decken, während weiter unten sowohl wie oben die nächsten -Küstenhügel nur starre, dürftige Sandberge gewesen waren. Kleine -schmale Lagunen oder flache, mit frischem Gras bewachsene Ausläufe -zogen sich hier zum Fluß hinunter, deren Ränder mit Banksias -eingefaßt standen, während dahinter einzelne Kohlpalmen aufragten -und der ganzen Landschaft, mit dem dunklen Hintergrund von -Stringybark-Bäumen und Casuarinen, einen freundlichen Anstrich gaben. -Nach rechts hinüber schienen diese Palmen in noch größerer Menge zu -stehen und weiter eindringend in den Wald, kamen sie auch zu einzelnen -Pandanus-Dickichten, an denen besonders die Wilden ordentliche Lager -gehabt zu haben schienen. - -Hans sowohl wie Jean und François fühlten sich aber beengt in dem -dichten Unterholz, das übrigens eine Masse weißer Tauben belebte, und -gerade das ewige Geflatter und Aufschrecken dieser Vögel diente nur -dazu, sie mehr und mehr zu beunruhigen. Glaubten sie doch anfänglich -in jedem solchen Geräusch einen versteckten Wilden zu hören, der mit -Speer oder Waddie (Keule) auf sie losbrechen wolle. - -Hier noch im flachen Lande wäre auch ein solcher Ueberfall nicht so -unmöglich gewesen, denn die üppige Vegetation würde einen Hinterhalt -sehr begünstigt haben. Deshalb wandten sich alle drei, wie nach -gemeinsamer Verabredung, dem nächsten Hügellande zu, und erreichten -bald darauf einen vollkommen baum- und buschfreien Hang, dürftig mit -Rasen und kleinen gelbrothen Blumen bedeckt, an dem hinauf sie rasch und -ungefährdet ihre Bahn verfolgen konnten. - -Eigenthümlich war hier eine Masse einzelnstehender hoher und spitzer -Lehmhaufen, die ihnen von fern wie zugespitzte alte Baumstümpfe -vorkamen, und überall am Hügel hin, oft zu zweien und dreien, -manchmal 20 und 25 zusammenstanden. Diese wiesen sich jedoch bald als -Ameisenhaufen aus, die meist acht bis zehn Zoll unten im Durchmesser, -bis vier Fuß hoch und scharf abgespitzt, von dem gelblichen Lehm des -Bodens errichtet, der ganzen Landschaft einen wunderlichen Anstrich -gaben. François glaubte in der That im Anfang, es sei eine gewaltige -Schaar von lederfarbenen Eingebornen, die dort über den Berg zerstreut, -nur ihr Hinaufsteigen abwarteten, um von allen Seiten über sie -herzufallen. Hans kannte aber diese Hügel schon von früher, und -bald konnten sie sich auch selber von dem harmlosen Wesen derselben -überzeugen. - -Eine ihnen fremde Gattung von Taube, mit dunkelbraunem Körper und -hellerer Zeichnung schienen übrigens die einzigen Bewohner dieses -Hügelhanges zu sein. Diese hatten in einzelnen vorragenden Felsen ihre -Wohnungen aufgeschlagen, aus denen sie scheu hervorschwirrten, sobald -sich ihnen die Fremden näherten. Die Seeleute wollten aber weder ihre -Munition nach so kleinem Wild verschießen, noch die benachbarten Wilden -unnöthigerweise auf sich aufmerksam machen, und kletterten deshalb, -ohne ein Gewehr abzudrücken, den jetzt steiler werdenden Hang empor. - -Hier befanden sie sich, etwa eine halbe Stunde später, auf dem -äußersten Kamm des Bergrückens, der sich nach Süden zu hinunterzog, -und im Osten durch die noch höhere Kette, die in Cape York ausläuft, -begränzt wurde. Nach Westen zu öffnete sich ihnen dagegen die Aussicht -über ein weites buschiges Thal, um das der Ocean seinen endlosen -blauneblichen Gürtel zog. Aber auch dorthin sah das Land traurig -genug aus. Dürre, theils mit dichtem Busch bewachsene Strecken, theils -grausandige Flächen dehnten sich rings um sie her, und nicht die -geringste Anzeige irgend eines bedeutenden Wasserlaufes ließ sich darin -erkennen. Es war eine trostlose Wildniß, die ihre Einbildungskraft noch -nach Gefallen mit den heimtückischen Schwarzen bevölkern konnte -- und -dagegen donnerte im ewigen Ansturm die weite See. - -»Großer Gott!« brach François endlich zuerst das Schweigen, -nachdem sie eine ganze Zeitlang lautlos auf das weite monotone Land -hinabgeschaut hatten, »wie verlassen, wie entsetzlich todt sieht jene -weite furchtbare Fläche aus. Hier in den Hügeln haben wir zwar auch -gerade nichts Besonderes, aber ich kann mir denken wie man von da unten -aus ordentlich mit einer wahren Sehnsucht hier heraufschauen könnte.« - -»Und durch ein solches Land wolltet Ihr, von allen Mitteln entblößt -die einer solchen Reise wenigstens die Möglichkeit des Gelingens -ließe, den Marsch versuchen;« sagte Hans. - -»Aber es wird auch nicht überall so sein,« entgegnete Jean rasch. -»Da wo sich der Fluß durch das breite Thal zieht, grünt und blüht -eine so üppige Vegetation, wie sie sich der Wanderer nur wünschen -kann, und diesem Strome folgend --« - -»Kämst du nur zu bald zu seiner Quelle, wo all' die Schrecken und -Gefahren einer Wüste beginnen,« unterbrach ihn Hans kopfschüttelnd. -»Wir können uns ein Beispiel an dem Deutschen, an _Dr._ Leichhardt, -nehmen, der diesen Landstrich allerdings, aber Gott weiß auch mit -welchen Mühseligkeiten und Gefahren durchzogen, und auf einer zweiten -Reise sein Leben dennoch eingebüßt hat. Mit allem Nöthigen zu einem -solchen Marsch ausgerüstet, mit der Kenntniß des Landes, die er auf -der ersten Tour erworben, mit Muth und Ausdauer, wie sie nur je ein -Mensch bewiesen, mußte er doch in den entsetzlichen Wüsten, die das -Innere dieses weiten Landes bilden, elendiglich umkommen, und seine -Gebeine bleichen jetzt vielleicht neben irgend einer Salzquelle, vom -Sand der Wüste bedeckt. Ich bin sonst wahrlich nicht furchtsam, aber -ein heimliches Grausen durchrieselt mich jedesmal, wenn ich auf das -Innere dieses ungeheuren räthselhaften Landes blicke, das seinen -kühnen Bewohnern noch immer hartnäckig die starre Sandwüste -entgegenhält. Trotz allen Versuchen das Innere zu erforschen, trotz -aller Aufopferung, trotz allem Todesmuth, es blieb vergebens, und -wer weiß ob es je den Menschen gelingen wird, die ganze Insel zu -durchwandern.« - -»Es hat aber auch einen eigenen Reiz in solche, noch unbetretene -Wildniß vorzudringen,« sagte Jean, der, auf sein Gewehr gestützt, -lange und sinnend nach Süden hinabgeschaut hatte. »Fast unwillkürlich -treibt und drängt es uns vorwärts, und -- der Drang wird um so -mächtiger, wenn gerade dahinter das Ziel unseres ganzen Lebens liegt, -und unseren ausgestreckten Armen fast erreichbar scheint.« - -»Dir steckt die Dirne aus dem goldenen Kreuz noch im Kopf,« lachte -François, »aber ich weiß nicht, ob ein paar tausend Meilen Sand und -Salzwasser nicht selbst die heißeste Liebe, ich will nicht gerade -sagen =abkühlen=, aber doch wenigstens auftrocknen könnte. Wenn ich -meinestheils ein ganzes Pensionat von lauter Geliebten in Sydney sitzen -hätte, es würde mir nicht einfallen, so parteiisch für mein Herz, -Magen und Kehle auf eine so entsetzliche Weise zu behandeln.« - -»Bah,« sagte Jean leicht erröthend, »du bist reiner Materialist, -François und hast keine Idee davon was wirkliche Liebe ist. Der allein -glaub ich auch, wäre es nur möglich, alle solche Schwierigkeiten zu -besiegen, die uns bei ruhigem Blut, bei kalter Ueberlegung geradezu -unüberwindlich scheinen.« - -»Es giebt für solche Zwecke ein noch mächtigeres Gefühl, Jean,« -nahm aber Hans jetzt das Wort -- »und zwar der =Ehrgeiz=. Es ist das -die mächtigste, aber auch furchtbarste Gewalt unseres ganzen Systems, -und kann sich selber nur in solchem Falle übertreffen, wo er sich mit -der Liebe vereinigt, und das arme Menschenherz dann zu Sieg und Ruhm -oder -- zu ewigem Verderben mit fortreißt. -- Ich habe in meiner Zeit -von beiden Beispiele erlebt, die --« - -Ein wilder, merkwürdiger Laut unterbrach ihn plötzlich, und alle drei -griffen wie unwillkürlich nach ihren Gewehren. - -»=Ku-ih!=« tönte es aus dem Wald heraus, das den oberen Hügelhang -begränzte, »=Ku-ih!=« und der gleiche Ruf antwortete von zwei -verschiedenen Stellen im Thal. - -»Was für ein Thier war das?« frug François leise, als die Töne -endlich schwiegen, indem er vorsichtig nach dem nächsten Dickicht -hinüberhorchte. - -»Vielleicht unsere Freunde von heut' Morgen,« lachte Hans endlich, mit -den Blicken den Waldrand nach jener Richtung hin musternd, von woher der -Laut zum erstenmal getönt. -- »Jedenfalls waren es Eingeborne, denn -das ist ihr Ruf. Möglich kann es auch sein, daß es als eine Art -telegraphische Meldung beabsichtigt wurde, den Cameraden unten im Thal -wissen zu lassen, daß wir bis hier oben glücklich angelangt seien.« - -»Wir reisen ja da ordentlich wie die hohen Herrschaften in Europa,« -lachte Jean, »von denen auch die Zeitungen jeden Schritt und Tritt, -jeden Bissen den sie essen, jeden Schluck den sie trinken, melden, und --- noch mehr melden würden, wenn sie sich eben nicht genirten. Aber -- -ich muß aufrichtig gestehen, ich mache mir für den Augenblick nichts -aus einer derartigen Berühmtheit, und wenn ich wüßte daß ich die -Rolle auch gut durchführen könnte, hätte ich gar nichts dagegen mich, -so lange ich hier an Land wäre, schwarz anzustreichen und incognito zu -reisen.« - -»Hier auf dem Berg sind wir ihnen auch vollkommen preisgegeben,« -meinte François kopfschüttelnd. »Sie können jede unserer Bewegungen -beobachten, und sich nachher prächtig ins Dickicht in den Hinterhalt -legen, ehe wir nur einmal ahnen daß sie in der Nähe sind. -- Wenn -sie nur mit Bill nichts unter der Zeit anfangen. Bill ist ein ganz -tüchtiger Kerl, und fürchtet sich vor dem Teufel nicht; aber wo -es heißt irgend einer List zu begegnen, da traue ich ihm eben nicht -übermäßig viel zu.« - -»Mir ist das auch schon im Kopf herumgegangen,« sagte Hans, »und ich -habe nur dabei meine Hoffnung auf Timor gesetzt, der, selber halb ein -Wilder, sich nicht wird so leicht überlisten lassen. -- Hättet Ihr -nicht Euer Herz einmal darauf gestellt, ich wäre auch gar nicht aus dem -Boot gegangen.« - -»Ja, und ich glaube wir haben dabei einen dummen Streich gemacht,« -entgegnete ihm Jean kopfschüttelnd. »Ich gebe allerdings zu, daß ich -selbst jetzt noch dabei wäre, wenn Ihr Euch alle dahin entschlösset -die Landtour nach dem Süden hinunter zu unternehmen, so verzweifelt das -Mittel auch sein möchte, um von hier fortzukommen. Dann aber hätten -wir auch unser Boot ganz im Stich lassen, und unsere Kräfte nicht -zersplittern sollen. Ueberdies sehe ich jetzt nicht recht gut ein was -wir hier eigentlich wollen. Proviant brauchen wir hier noch nicht, -sondern verzehren im Gegentheil mehr als mir scheint, daß wir hier -wieder einlegen können, und vom Land werden wir auch nicht mehr zu -sehen bekommen als wir bis jetzt gesehen haben. Es ist eine trostlose, -entsetzliche Wildniß und ich stimme dafür, daß wir sobald als -möglich machen wieder abzukommen. Wollen wir dabei noch ein Uebriges -thun, so können wir ja eben nur einen Bogen durchs Thal ziehen, die -Vegetation unten ein wenig genauer kennen zu lernen, dann sind wir gegen -Abend wieder am Ufer, rufen unser Boot an und schlafen die Nacht an Bord -wahrhaftig besser und sicherer als hier, wo man nie weiß von welcher -Seite die schwarzen Schufte zuerst über uns einbrechen mögen.« - -»Ja, und je eher wir hier fortkommen, desto besser,« stimmte François -etwas kleinmüthig bei, »denn, weiß der Böse woher es kommt, aber -meine Schuhe fangen auch an zu drücken, und den einen hab' ich mir auch -schon in dem scharfen Boden hier aufgetreten. -- Mit keiner Silbe -hatt' ich ja daran gedacht, daß man zu einer Fußreise zu Land auch -tüchtiges Schuhwerk nöthig hat, denn das leichte Zeug, womit wir an -Deck herumlaufen müssen, damit wir dem Capitän das Quarterdeck nicht -zerkratzen, würde bald fertig werden. Nachher was dann? Nein, eine -Landreise klingt recht gut von Bord aus, aber mir ist's doch jetzt -ungemein lieb, daß wir noch den Hinterhalt an unserem Boot haben. Nun -Hans, wie stehts? -- was giebts wieder?« - -»Meine Meinung braucht Ihr nicht erst zu hören,« sagte dieser, ohne -die Augen jedoch von einem gewissen Punkt des Waldstreifens, der sich -unfern von ihnen über den Berg hinzog, zu verwenden. -- »Ich bin von -Anfang an gegen einen solchen Marsch gewesen, und wußte recht gut Ihr -würdet das Wahnsinnige eines solchen Unternehmens einsehen, sobald -Ihr nur einmal den Fuß an Land gesetzt hättet. Aber ich glaube, wir -bekommen Besuch,« fuhr er dann fort, den Arm nach der Richtung hin -ausstreckend, nach der er schaute. »Dorthin regt sich's jedenfalls, -will aber noch nicht recht heraus. Nun wir brauchen uns wenigstens keine -Mühe zu geben unsere Anwesenheit geheim zu halten, denn ich bin fest -überzeugt, wir werden von allen Seiten scharf genug beobachtet.« - -»Ku-ih!« rief es in dem Augenblick wieder aus dem Walde herüber, -und Hans wollte eben die Hand an den Mund heben, den Ruf diesmal zu -beantworten, als dicht hinter ihnen, wo ein kleiner Vorsprung des -Hügels auslief, daß sie die Ecke nicht hatten übersehen können, der -Schrei laut und sorglos beantwortet wurde. - -Wie der Blitz fuhren die drei nach dem unerwarteten Ruf herum, und -unwillkürlich rissen sie ihre Gewehre in die Höhe, Hans aber winkte -ihnen auch ebenso rasch sich ruhig zu verhalten, und nur nach der -Gegend zu Front machend, von der der Laut kam, standen sie still und -regungslos. - -Sie brauchten nicht lange zu warten. Noch keine halbe Minute hatten sie -so gestanden, als ein Schwarzer, vollkommen nackt, und nur mit einem -kurzen Speer bewaffnet um den Absprung des Hügels bog. Er hielt den -Blick auf den Boden geheftet, und es war augenscheinlich, daß er keine -Ahnung von der Anwesenheit der weißen Männer haben konnte. In dem -Moment aber, wo sie glaubten daß er jetzt erstarrt vor Schreck zu ihnen -aufschauen und die entsetzlichen Weißen vor sich erblicken sollte, war -er plötzlich wieder fast wie in den Boden hinein verschwunden. - -»Peste!« riefen Jean und François fast zu gleicher Zeit; als Hans -aber rasch dem kleinen Abhang zusprang, zu sehen was aus ihm geworden, -konnte er eben noch die dunkle Gestalt erkennen, wie sie an dem -bröcklichen Gestein, ganz gleichgültig gegen irgend eine Gefahr von -Knochenbrüchen oder sonstigen Quetschungen mehr niederrollte als glitt, -und wie eine Schlange unter den nächsten Büschen verschwand. - -»Wenn der Bursche nicht fest überzeugt ist den Teufel gesehen zu -haben,« lachte Jean, »so will ich nie wieder auf Salzwasser fahren. -Der wird eine schöne Geschichte erzählen, wenn er zu Haus kommt.« - -»Der muß noch keine Ahnung von uns gehabt haben,« meinte François. - -»Es mag wohl selten genug vorkommen,« sagte Hans, »daß Weiße hier -an der Küste landen, denn die Eingebornen hier haben vielleicht einen -noch schlimmeren Ruf als sie verdienen. -- Wir würden auch manchem auf -diese Art begegnen, wenn wir länger hier blieben. Aber Jean hat recht --- auch ich sehe nicht den geringsten Nutzen weiter für uns darin, nur -Schaden; also je rascher wir wieder fortkommen, desto besser, und zu -diesem Zweck nehmen wir ebenso gut den nächsten Weg nach der Küste -zu, wo wir allerdings durch eine längere Strecke Thalland müssen, aber -auch die offene Küste eher erreichen und das Boot anrufen können.« -- -Und ohne weiter eine Antwort abzuwarten, wollte er den bezeichneten -Weg vorangehen, als ihn Jean noch einmal am Arm ergriff und gegen den -Hügel, an dem sie standen, hinüberdeutend, ausrief: - -»Aber sieht das hier nicht so aus wie bewohnter Boden? -- die -freie, scharf vom Wald begränzte Fläche, die baumstumpfähnlichen -Ameisenhügel, jene fast regelmäßig eingeschnittene Hecke. -- Ich -glaube wahrhaftig hier ist einmal Feld gewesen.« - -»Ein =Schlachtfeld= vielleicht feindlicher Stämme,« erwiderte Hans -kopfschüttelnd, »sonst wahrlich kein anderes. -- Nein Camerad, all -diese weiten ungeheueren Strecken des nördlichen Australiens liegen -noch wild und unberührt, ein oder zwei kleine Forts weiter westlich hin -ausgenommen -- und werden auch wohl so lange so liegen bleiben, bis es -hier auf unserer guten Erde recht an Platz zu fehlen anfängt, oder --- die Leute sich mit Salzwasser anstatt frischen Quellen zu begnügen -lernen. -- Aber fort -- da gerade vor uns tönt schon wieder ein Ku-ih -der Eingebornen, es wird Zeit daß wir nach unten gehen, denn die Sonne -sinkt mehr und mehr, und -- ich weiß nicht, ich fühle mich Bills wegen -beunruhigt. Dort hinüber kann ich auch nicht einmal das Boot sehen, und -das müßte doch eigentlich von hier aus gut zu erkennen sein.« - -»Es wird hinter der kleinen Insel liegen,« meinte François -- »die -steigt so mit der Ebbe höher und höher hinauf. -- Mir scheint, wir -haben jetzt niedrig Wasser. Wetter noch einmal, wie lange wir schon hier -herumgeklettert sind.« - -Hans warf noch einen langen forschenden Blick über den ruhigen Spiegel -dieser weiten, mit Inseln und Klippen überstreuten Binnensee, und stieg -dann ohne Weiteres nach unten, ihren Weg gegen die Küste hin zu suchen. -Das war aber nicht so leicht ausgeführt, als sie im Anfang geglaubt -haben mochten. Gerade dem Strande zu breitete sich ein so entsetzliches -Dickicht von jenen Theebaumdickichten mit durcheinander gestürzten -Cycas und Banksias und Pandanus aus, daß sie mit ihren Packen oft -Viertelstunden lang gebrauchten, sich nur eine kleine Strecke weit -fortzuarbeiten, und die zähen Stämme nie brechen, sondern höchstens -nur aus dem Weg biegen konnten. - -Hans hatte gleich von Anfang an vorgeschlagen wieder umzukehren, -und lieber den Weg zurückzumachen den sie gekommen waren. Jean und -François wollten aber den mühseligen Pfad nicht zurück, da dem -letzteren besonders die Füße wie Feuer brannten. Während sie deshalb -mit jedem Schritt hofften den helleren Waldstreifen zu erreichen, hinter -dem endlich der offene Strand sichtbar werden mußte, arbeiteten sie -sich tiefer und tiefer in das Dickicht hinein. Zuletzt fehlte ihnen -sogar die Richtung, und sie fanden bald daß sie viel weiter in den -Thalgrund hineingerathen sein mußten als sie im Anfang beabsichtigt -hatten. - -Dabei rückte der Abend mehr und mehr vor, und Hans blieb endlich -stehen, da ihm die Vegetation um sich her vorkam, als ob sie sich -eher wieder den Hügeln als dem Strande der See näherten. -- -Die verschiedenartigen Gumbäume, Eisenrinde, Melaleuca, Gum und -Stringybark, mit Acacien und Cypressen zeigten sich, und von dem -Mangrovesumpf, den sie kreuzen mußten ehe sie den Strand erreichten, -war noch nicht die Spur zu sehen. - -»Hier dürfen wir nicht mehr weiter,« sagte er endlich, »denn ich -fürchte wir haben uns schon seit etwa zwei Stunden die größte Mühe -gegeben, von unserem Boote fortzukommen, anstatt darauf zuzugehen -- wo -ist jetzt die See -- wo sind die Hügel? --« - -»Ja, wenn mich Einer auf den Kopf stellte,« lachte Jean, »ich -könnt's nicht sagen; Wetter noch einmal, ich weiß nicht einmal wo Nord -und Süden ist, so lange ich die Sonne nicht sehen kann.« - -»Norden ist dort,« sagte Hans, »und Süden hier, aber ich fürchte -wir sind zu weit in das Thal des Flusses selber hinein gerathen, und da -wird uns die Himmelsrichtung insofern irre geführt haben, als sich die -breiteste Strecke Sumpfland gerade hier nach Norden hinaufzog; unsere -einzige Wahl bleibt jetzt nur geradezu nach Osten hinüberzuarbeiten, -und dann unserem guten Glück zu vertrauen, wohin wir kommen, und wo wir -zuerst frei von diesem Chaos von Zweigen und Stämmen werden.« - - - - -Neunzehntes Capitel. - -Das Bivouak. - - -Die beiden Franzosen, so schon durch das ungewohnte Gehen und Klettern, -ermüdet und abgemattet waren durch das Hindurcharbeiten durch -Dornen und Schlingpflanzen und niedergebrochenes trockenes Holz oder -verwachsene Büsche so erschöpft worden, daß sie kaum mehr ihre -Glieder regen konnten. Das Bewußtsein sich verirrt zu haben, oder -wenigstens nicht mehr genau zu wissen wo man sei -- jedenfalls ein -geringerer Grad desselben -- schien dabei nicht geeignet sie heiterer -zu stimmen. Der Wasservorrath den sie mitgenommen, war ebenfalls schon -aufgezehrt, die Zunge klebte ihnen fortwährend am Gaumen, und das in -den Flaschen warm gewordene Getränk löschte nicht einmal mehr ihren -Durst. - -Hans wußte zu gleicher Zeit recht gut, daß ein Berathschlagen mit -den beiden doch weiter nichts gefruchtet hätte. Ruhig deshalb die Bahn -verfolgend, die er für die richtige ansah, hielt er sich jetzt am Ufer -einer schmalen Salzwasser-Lagune, die nach Nordosten zulief, und in -ihrem inneren Bett etwas offenere Vegetation zeigte, und suchte dabei so -rasch als möglich vorwärts zu dringen. Aber es half ihm alles nichts, -die Nacht brach an, ehe sie auch nur einen anderen, der See näher -scheinenden Ort erreicht hatten, und es blieb ihnen jetzt nichts weiter -übrig als da, wo sie sich gerade befanden, ein Lager aufzuschlagen und -den dämmernden Tag zu erwarten. - -Jean wollte nun freilich auch noch die Nacht benützen, den Strand -doch am Ende zu erreichen, da, wie er gehört hatte, die Eingebornen in -dunkler Nacht nie gern ihren Lagerplatz verließen. Hans weigerte sich -aber entschieden aufs geradewohl noch weiter, besonders im Dunkeln -durch die Büsche zu kriechen, und warf nicht mit Unrecht ein, daß sie -möglicherweise dadurch immer weiter vom Boote abkämen. Dagegen konnten -sie in der Nacht wenn alles ruhig geworden war und besonders der Lärm -der wilden Tauben hier im Unterholz aufgehört hatte, ihre Gewehre -abschießen und Antwort vom Boot aus bekommen, wonach sie dann die -genaue Richtung wußten, in der dasselbe lag. - -Diesem fügten sich François und Jean endlich ebenfalls, und bald -loderte mitten in einem Pandanusdickicht ein lustiges Feuer auf, um das -sie ihre Gewehre jedoch immer schußfertig neben sich lagerten, und von -ihren Provisionen ein reichliches Mahl hielten. Der mitgenommene Wein -kam ihnen jetzt sehr zu statten, denn sie hatten kein Wasser finden -können, und erst nachdem alles still und ruhig um sie her geworden, -und nur noch hie und da das Zirpen einer Grille oder das wunderliche -Geräusch eines einzelnen »fliegenden Fuchses« die Ruhe der Nacht -unterbrach, nahm Hans sein Gewehr, um es nach der Richtung zu, nach der -er das Boot vermuthete, abzufeuern. - -In dem Augenblick tönte schwach, aber nichtsdestoweniger deutlich, -der Schall eines Schusses zu ihnen herüber, und als sie sämmtlich -von ihren Sitzen emporfuhren und horchten, hörten sie unverkennbar das -zweite Signal. - -»Das ist gescheut!« sagte François, während er den Hahn seines -eigenen Gewehres spannte -- »nun wollen wir« -- - -»Halt!« unterbrach ihn aber Hans, indem er die Hand auf das Gewehr -des Franzosen legte, »Bill erspart uns die Nothwendigkeit, der ganzen -Nachbarschaft anzugeben wo wir uns gegenwärtig befinden, und es wäre -mehr als thöricht, das jetzt leichtsinnig zu mißbrauchen.« - -»Aber sie werden im Boote glauben wir hätten es nicht gehört,« sagte -Jean. - -»Desto besser,« erwiderte Hans, »dann schießen sie noch einmal, und -die Schwarzen hier herum erfahren um so deutlicher, daß auf dem Wasser -noch andere Weiße sind, die sich um ihre Landsleute bekümmern.« - -Das Zeichen wurde deshalb nicht erwidert, die regelmäßige Wache aber -mit jeder nur möglichen Vorsicht gestellt. Hans selber übernahm die -Morgenwache, weil diese von den wilden Stämmen fast stets zur Zeit -ihrer Angriffe gewählt wird, wenn sie überhaupt etwas Bösartiges -und Feindliches im Sinne haben. Die Nacht verging aber, wirklich wider -Erwarten, vollkommen ruhig. -- Sie hörten das Ku-ih der Wilden -wohl nach verschiedenen Richtungen hin in den Büschen, aber Niemand -belästigte sie, und mit dem ersten Dämmerschein des jungen Morgens -hatte Hans schon seine beiden Cameraden geweckt und munter, jedes -Angriffs gewärtig. - -Eine halbe Stunde hatten sie so zusammen gesessen und eben ihr -Frühstück beendet, um mit vollem Tageslicht zum Aufbruch fertig zu -sein. Der Tag war auch nicht mehr fern, denn der östliche Himmel deckte -sich schon mit einem rothglühenden Schein. Da hörten sie plötzlich in -einem kleinen Pandanusdickicht dicht bei, Schritte, und gleich darauf, -die Gewehre im Anschlag und lautlos das Näherkommen des Gegners -erwartend, trat keineswegs ein Feind, sondern niemand weiter als ein -einzelner, nur mit seinem kurzen Speer und dem Wurfholz bewaffneter -Schwarzer aus den nächsten Büschen. Dieser kam aber allem Anschein -nach ganz unbekümmert um die Anwesenheit der Weißen, den Blick nur -auf das Feuer gerichtet, auf sie zu, und stand wirklich schon zwischen -ihnen, dicht vor den glimmenden Kohlen, ehe er nur einmal aufschaute. -Die Wirkung aber war auch fabelhaft. - -Einen Blick nur warf er umher. Dann aber, als er entdeckte in wessen -Nachbarschaft, ja in wessen Gewalt er sich befand, vielleicht zur selben -Zeit auch halb seiner Sinne beraubt, in dem einen entsetzlichen Gedanken -dem Devil Devil, oder sonst einem anderen Ungethüm seiner Heimath in -die Hände gerathen zu sein, lief er, wie es eine Katze unter ähnlichen -Umständen gethan haben würde, in fast wunderbarer Schnelle an dem ihm -nächsten Gumbaum empor, wo er in dem höchsten Wipfel desselben, und so -weit wie ihn das Holz nur tragen konnte, regungslos stehen blieb. - -Daß dieser Schwarze nichts Böses gegen sie im Schilde geführt, ja -ihre Anwesenheit nicht einmal geahnt, und ihr Feuer für das seines -eigenen Stammes oder seiner Bekannten gehalten, war natürlich, und die -jungen Leute suchten ihn nun durch Zureden, durch Winken und Schwenken -von Büschen zu überzeugen, daß er von ihnen nichts zu fürchten habe, -und ruhig und ungehindert herunterkommen möge. Umsonst -- wie eine aus -schwarzem Marmor gehauene Statue stand er starr und regungslos oben in -dem Baumwipfel. Kein Lärm der unten gemacht werden konnte, schien ihn -zu bewegen auch nur das geringste Lebenszeichen von sich zu geben, und -selbst als Hans jetzt sein Gewehr aufgriff, seine beiden Signalschüsse -abzufeuern und Bill zugleich mit dem Boot zum Strand zu rufen, blieb er -noch in seiner Stellung da oben, als ob er zu dem Baum gehöre, und mit -ihm, als wunderliche Frucht, aus der Erde aufgewachsen sei. - -»Hol' den Burschen der Henker,« rief François endlich ungeduldig -- -»wir wollen ihm doch zeigen daß wir ebenfalls klettern können, und im -Stande wären ihn herunterzuholen, wenn wir ihn nur haben wollten« und -damit lehnte er sein Gewehr gegen einen umgefallenen Stamm, und fing -an den ihm nächsten Baum hinaufzuklimmen. Er war aber noch nicht seine -eigene Länge vom Boden auf, als der Wilde plötzlich bewies, er sei -weder taub noch stumm. Er schrie und »birrrrte,« ku-ichte und -hallote und machte in der That jede Art von Spectakel, die er da oben -möglicherweise machen konnte, und das alles mit solcher Energie, daß -François erschreckt wieder niederglitt und zu ihm aufschaute. - -»Der Bursche wird uns den ganzen Stamm über den Hals ziehen,« -fluchte Jean -- »ich glaube er schreit Beschwörungsformeln von da oben -herunter, daß wir ihn nicht fressen sollen. -- Seht nur wie er spuckt -und prustet. -- Es wird uns nichts übrig bleiben als ihm eine Kugel -durch den Kopf zu schießen. Wer weiß überhaupt, ob er nicht mit zu -den Schuften gehört, die gestern Morgen ihr Bestes versuchten uns -zu ersäufen, und der Spectakel da oben nur die Folgen seines bösen -Gewissens sind.« - -»Horch -- das war ein Antwortschuß vom Boot!« rief Hans dagegen. -- -»Kommt, laßt dem armen Teufel Raum vom Baum hinunter und ins Freie zu -kommen; er hat Angst genug ausgestanden, und sein Tod könnte uns -wenig nützen. Wir sind sicher nicht weit mehr vom Strand entfernt, und -können ihm das Vergnügen, sich einmal ordentlich auszuschreien, schon -gönnen.« - -»Und unter der Zeit brüllt uns der Bursche die ganze Nordküste -zusammen,« fluchte Jean. - -»Nun, so laß ihn,« lachte Hans, »sind wir erst auf offenem Strand, -wagt sich keiner der schwarzen Burschen an uns. Hier dagegen, wenn -wir länger blieben, wären wir allerdings leichter einem Angriff -ausgesetzt. Ueberdies wird das Boot jetzt so rasch herankommen, wie es -Bills und Timors Ruder bringen können, und je eher wir das erreichen, -desto besser.« - -Damit waren seine beiden Cameraden ebenfalls einverstanden, und ihre -wenigen Sachen zusammenpackend, zogen sie sich vor allen Dingen erst -einmal eine kurze Strecke von dem Baum zurück, auf dem der Schwarze -noch immer schrie und tobte, und jedenfalls die Genugthuung hatte, daß -ihm schon von mehreren Seiten geantwortet wurde. Sie hörten jetzt das -Ku-ih der Eingebornen an verschiedenen Stellen im Wald. - -Kaum aber sah der so wunderlich Gefangene die friedliche Bewegung der -vermutheten Feinde, als er seine Schreiübungen einstellte, und -noch hatten ihn diese kaum zwanzig Schritte freigegeben, als er mit -Blitzesschnelle, und gänzlicher Mißachtung aller seiner Gliedmaßen, -an dem Stamm mehr hinunterschoß wie glitt, und zwei Secunden später -auch in dem dichten Gebüsch von Pandanus- und Theebaumgesträuch -spurlos verschwunden war. - -Das Ku-ihen der Schwarzen kam indeß näher und näher, und so komisch -auch wohl der Rückzug des eingeschüchterten Wilden war, durften sie -sich doch nicht lange damit aufhalten. Der Richtung also folgend, die -sie sich nach dem Schusse gemerkt, und die allerdings von der gestern -vermutheten um ein Bedeutendes abwich, durchschritten sie rasch ein hier -etwas offenes Terrain von Boxholz und Casuarinen, das seinerseits wieder -von Pandanus, Theebaumsträuchen und Cycas, so wie einzelnen Arten von -Acazien begränzt war, passirten ein altes Lager der Blacks, neben dem -ganze Berge von Muschelschalen lagen, und erreichten, nach einem etwa -halbstündigen Marsch, unangefochten von den Schwarzen, aber oft durch -ihre jetzt ganz nahen Rufe gewarnt, den Mangrovesumpf und mit diesem, -das Ueberklettern über Wurzeln und niedergestürzte Stämme nicht -achtend, den freien offenen Strand von glattem hartgeschlagenem -Korallensand. - -»Hurrah!« rief Jean, der mit einem etwas gewagten Satz den letzten -Schlammstreifen überflogen hatte, und zuerst wieder festen sicheren -Boden betrat -- »hurrah -- allen Respect vor der Landpartie -- mir ist -Salzwasser lieber -- aber wo ist das Boot?« - -Hans war im nächsten Augenblick an seiner Seite und das leichte -Fernrohr, das er sich umgehangen als sie das Boot verließen, rasch -öffnend und richtend, überflog er zuerst die nächste Nähe der -kleinen Insel, wo sie das Boot vermuthen mußten, und dann den Horizont -mit dem Glas, ohne das Gesuchte zu finden. - -François, der erst noch einmal in ein Schlammloch gerathen war, sich -aber wieder herausgearbeitet hatte, stand jetzt ebenfalls an ihrer -Seite, und rief, nachdem er einen flüchtigen Blick über die -Oberfläche des Wassers geworfen und diesen jetzt auf der Insel wenige -Secunden aufmerksam haften ließ -- - -»Was ist das dort? --« - -»Was? -- wo?« -- frugen Jean und Hans rasch und zu gleicher Zeit, und -Hansens Fernrohr haftete auch in demselben Moment, wo er die Richtung -von François ausgestrecktem Arm gewahrte, auf der kleinen schon -mehrfach besprochenen Insel. - -»Dort ist Bill!« rief er aber kaum zwei Secunden später, und das Wort -war kaum seinen Lippen entflohen, als der Knall des Gewehres wieder zu -ihnen herüberdrang. - -»Er will uns zeigen daß er uns gesehen hat,« rief Jean lachend, -»mich wunderts nur, wo er die Courage hergenommen seine alte Muskete so -oft abzufeuern -- er muß sich schon ordentlich daran gewöhnt haben.« - -»Dort geht das Boot,« rief François plötzlich, dessen scharfes Auge -die dunklen Umrisse des kleinen Fahrzeugs in demselben Moment erspähte, -als es hinter der kleinen Insel, die es bis dahin ihren Blicken -entzogen, vorschoß. - -»Teufel!« schrie aber auch Hans in diesem Augenblick, mit dem -Fuße stampfend -- »wir sind verloren. -- Es ist in der Gewalt der -Schwarzen.« - -»Der Schwarzen?« stöhnten die beiden Franzosen entsetzt -- »das ist -ja nicht möglich.« - -»Da seht selber,« erwiderte ihnen Hans tonlos, indem er Jean das Glas -hinüberreichte -- »nun sei uns Gott gnädig in unserer Noth.« - - - - -Zwanzigstes Capitel. - -Bill's Wacht. - - -Wir müssen jetzt zu unserer Bootsmannschaft, Bill und Timor -zurückkehren, die wir verlassen hatten als sie wieder vom Lande -abkreuzten, um in sicherer Entfernung das Zeichen ihrer ans Ufer -gegangenen Cameraden zu erwarten. - -»Hm!« sagte Bill nach einer langen Weile, in der keiner der beiden -auch nur ein Wort gesprochen -- »eigentlich ärgerts mich, daß ich -nicht mit an Land bin. -- Ist doch ein anderes Leben, als hier ewig -die Knie eingezwängt zu haben zwischen die Bootsdoften, und blaue Luft -über sich, blaues Wasser unter sich zu sehen. So eine acht Tage halt -ichs immer vortrefflich am Ufer aus, nur nachher wirds langweilig, und -ich setze dann allerdings am liebsten wieder Segel -- aber eine Weile -gefällt mir's doch.« - -»Tuwan Bill würde sich hier aber sehr wenig unterhalten,« lachte -Timor in seinem gebrochenen Englisch, indem er den eben wieder -zugerichteten Fischhaken über Bord warf und nachschleifen ließ. --- »Viel Wald hier und viel Busch, und viel böse Wilde -- und viel -Thiere, und viel nichts zu essen und zu trinken.« - -»Viel nichts zu trinken, ah?« sagte Bill und verzog den Mund fast zu -einem Lächeln, was aber selten oder nie bei ihm ganz zum Ausbruch kam, -»das wäre freilich bös, Timor, herzlich bös, und ein ordentlicher -Kerl sollt' es bald satt bekommen. -- Aber es wäre doch eine -Veränderung, und man könnte jeden Augenblick wieder an Bord kommen.« - -»Wenn man nicht im Wald irre läuft,« setzte Timor hinzu -- -»Wasserleute wissen selten viel mit Wald Bescheid -- Wasserleute -steuern bald den, bald den Cours in Busch, wenn sie keinen Compaß haben --- australische Busch viel schlimm zu laufen.« - -»Hm! das wäre ein schöner Spaß,« brummte Bill leise vor sich hin, -»wenn unserer Gesellschaft da drin etwas Aehnliches passirte. -Hätten wir nur wenigstens ein Rakete, so könnten wir die heut' Abend -aufsteigen lassen -- das bliebe jedenfalls das sicherste.« - -»Tuwan Bill muß heute nach Dunkelwerden zweimal Gewehr abschießen,« -argumentirte dagegen der kleine Malaye -- »Tuwan Bill ...« - -»Will verdammt sein, wenn er das verwünschte Schießeisen wieder in -die Hand nimmt,« unterbrach ihn der Matrose aber rasch und mürrisch -- -»ich habe mir =einmal= die Schulter damit ausgerenkt, und der Knochen -sitzt eben nur erst wieder in der Pfanne.« - -Der Malaye ließ sich aber nicht so leicht abweisen. Er wollte schon -früher einmal in diesem Theil des Landes, den er =Marega= nannte, und -zwar mit seinen Landsleuten von Timor aus, zum Fischen gewesen sein, -und konnte die Gegend gar nicht traurig und wasserarm genug beschreiben. -Hätten die Wanderer dann auch noch dazu die Richtung verfehlt, so -müßten ihnen ein paar Signalschüsse, nachdem der Wald ruhig geworden, -von unendlichem Nutzen sein, und wenn Bill sich zu schießen fürchtete --- der schlaue kleine Bursche faßte den alten Matrosen beim Ehrgefühl --- »so solle er =ihm= nur die Flinte geben -- er wolle sie selber -abfeuern.« - -Das konnte Bill doch unmöglich zugeben, und that endlich eine -halbmürrische Zusage, dem Rathe Folge zu leisten -- heißt das mit der -vorsichtigen Clausel: nur wenn sie nicht selber noch vor Dunkelwerden -wieder etwas von den ihrigen gesehen hätten. - -Gestern Abend -- und sie hatten den Tag über dicht hinter der kleinen -Insel gelegen, hatte Timor die »Wacht zur Coje,« d. h. konnte schlafen, -während Bill »an Deck« munter bleiben mußte. Als Timor endlich die -Augen wieder aufschlug, denn der kleine Bursche schien ordentlich zu -fühlen, wie ihre beiderseitige Sicherheit mehr von seiner eigenen -Wachsamkeit, als der seines älteren Gefährten abhänge, saß Bill -im Heck vom Boot und nähte, ohne nur einen Blick links oder rechts -hinauszuwerfen, eifrig an einem kleinen viereckigen Säckchen, das er -eben beendet und mit etwas Heu aus einer der Flaschenkisten gestopft -hatte. Er war gerade damit fertig, und jetzt dabei, eine Strippe daran -zu befestigen. Timor, nachdem er im Boot aufgestiegen und sich rings -umgeschaut hatte, sah ihm eine Weile neugierig zu und sagte endlich, -ganz verwundert der sonderbaren Verrichtung zuschauend: - -»Aber Tuwan Bill, was das? -- macht kleine Polster für Boot? -- hier -nicht Felsen und nicht neue Schiff.« - -»Für Boot?« knurrte aber Bill zwischen den Zähnen durch, indem er -seiner Hände Werk wohlgefällig betrachtete, und auf dem Knie vorn -eindrückte und weich machte, »Boot soll verdammt sein; nein, meine -eigenen Schultern will ich mir nicht schamfielen[7]. Wenn ich denn doch -einmal die blutige Donnerbüchse wieder abbrennen soll, hab' ich mir -hier das Kissen gemacht, zum Unterlegen. Aber was giebt's nun wieder? -- -heh? was hast du zu gucken, Braunfisch. -- Sind die schwarzen Canaillen -wieder im Ansegeln?« - -»Was der weiße Punkt da, Tuwan Bill?« sagte aber Timor, der auf -eine der Doften gesprungen war, und sich so viel als möglich auf -die Fußspitzen hebend, nach Osten, wo die »Barrier Riffe« lagen, -hinüberzeigte -- »da drüben, da weiter links -- gerade über die -kleine Sandbank dort.« - -»Hm, das sieht wahrhaftig wie ein Segel aus,« sagte Bill nach einer -Weile, in der er sich bemüht hatte den von dem schärferen Auge des -Knaben bezeichneten Punkt zu finden -- »aber ausmachen kann ich's doch -noch nicht recht. Es kann auch ein Wasservogel oder ein weißes Riff, -oder Gott weiß was sonst, in diesem verwünschten Fahrwasser sein, wo -ein ordentlicher Seemann eigentlich gar nichts drin zu verlieren haben -sollte. Wo sonst eine Klippe oder Sandbank in der Karte angegeben ist, -giebt man ihr gewöhnlich fünf bis sechs und mehr Meilen Seeraum und -ist froh wenn man sie gar nicht, oder doch nur wenigstens von den Marsen -aus zu sehen kriegt, und hier jagt man mit dem Schiff gerade mitten -hinein, als ob man im Nothfall auch ein paar Räder oder Kufen drunter -schrauben, und damit über alle möglichen Steine und Korallen und -Sandbänke wegfahren könnte. Nun meinetwegen,« setzte er hinzu, -während er wieder von der Bank herunterstieg und seinen vorigen -Platz einnahm, »laß es auch ein Segel sein; desto früher kommen wir -vielleicht von hier fort. - -Weit kann es heute Abend nicht mehr gehen, ehe es Anker werfen muß, und -dann wirds morgen Nachmittag etwa gerade in Zeit hier eintreffen, unsere -ganze Gesellschaft wieder bei einander zu finden.« - -Timor hätte sich nun freilich gern noch besser von der Identität des -Segels überzeugt, aber mit dem sinkenden Abend legte sich ein -leichter Dunst über die Oberfläche des Wassers, der die entfernteren -Gegenstände bald umhüllte, und jede weitere Beobachtung unmöglich -machte. Der Nebel zwang sie aber auch zu noch weit größerer Vorsicht -und Aufmerksamkeit, denn unter seinem Schutz, wenn er nur etwas dichter -wurde, hätten sich ihnen selbst Canoes nähern können, wie viel mehr -denn einzelne Wilde mit ihren so einfachen, und doch so gefährlichen -Waffen. - -Timor drang auch deshalb darauf, daß sie von der Insel ablegten, und -weiter draußen Anker würfen. Bill sah auch endlich selber ein daß das -nöthig sein würde, wollte sich aber später, als er nach Dunkelwerden -die beiden Signalschüsse, und zwar diesmal ohne schlimme Folgen -abgefeuert hatte, unter keiner Bedingung dazu verstehen den Ankerplatz -noch einmal zu verändern, um etwa lauernde Schwarze irre zu führen. -Der Nebel legte sich nämlich gleich nach Dunkelwerden in dicken -Schwaden auf das Wasser, und Bill hielt es für unnöthig, sich Mühe -und Arbeit zu machen, wo bei solchem Wetter selbst ein Indianer sein -kleines, vor einem leichten Wurfanker liegendes Boot nicht hätte finden -können. - -Um Mitternacht erhob sich übrigens eine leichte östliche Brise, und -trieb die Schwaden nach Westen und Nordwesten hinüber. Die Sterne -leuchteten hell und klar von dem dunkelblauen Firmament hernieder, und -die See funkelte und blitzte in der leisen Bewegung ihren Glanz tausend -und tausendfach wieder. - -Bill war ganz damit einverstanden die erste Wacht von sechs bis zwölf -zu nehmen, und die zweite dem Malayen zu überlassen. Dieser streckte -sich denn auch ziemlich sicher, daß sie um diese Zeit wenig von einem -Angriff zu fürchten hätten, in seiner wollenen Decke im Bug des -kleinen Fahrzeugs aus, und war bald sanft und süß eingeschlafen. -Bill indeß, in dem doppelten Genuß einer guten Pfeife Tabak und eines -vorzüglichen Glases Portwein, welchen beiden er ohne den mindesten -Rückhalt zusprach, theilte seine Aufmerksamkeit gewissenhaft zwischen -diesen und dem dann und wann über das Wasser tönenden Geräusch von -Fischen oder Seevögeln. - -Er war jedoch weit davon entfernt der Flasche mehr zuzusprechen als er -vertragen konnte, denn er wußte recht gut von welchen Gefahren sie, -wenn auch nicht wirklich umgeben, doch jedenfalls erreicht werden -konnten, und wie nöthig es in einer solchen Lage sei seine Sinne -vollständig beisammen zu haben. - -Ein paarmal aber nur wurde er wirklich beunruhigt, indem ein -wunderliches Gurren und Schnalzen, wahrscheinlich von auf dem Wasser -schlafenden oder träumenden Seevögeln seine Lebensgeister zu voller -Thätigkeit weckte und anspannte. Einmal stand er sogar im Begriff Timor -zu wecken, denn die Laute kamen weit näher als ihm lieb war, und doch -konnte er nicht das mindeste über dem Wasser erkennen. Mit einem derben -und ziemlich lauten Fluche sich Luft machend, nahm er sein Gewehr auf -die Knie, dem ersten sich zeigenden und verdächtigen Gegenstand erst -vor allen Dingen einmal eins aufzubrennen. Von dem Moment an war aber -wieder alles ruhig, und selbst die Töne ließen sich nur erst später -in einiger Entfernung zum zweitenmal hören. - -So kam Mitternacht heran. Der Nebel zog sich fort und Timor, dem Bill -von den wunderlichen Lauten um das Boot her, erzählt hatte, legte -sich vergebens flach in das Boot, und nur mit dem Kopf über den Rand -desselben auf die Lauer, irgend weiter etwas Verdächtiges zu erspähen. -Bis gegen Morgen blieb alles ruhig, und nur ein einzigesmal glaubte er -in der Richtung nach der kleinen Insel zu, neben der sie den Tag über -gelegen, etwas zu hören, das nicht, weder von einem Bewohner der Tiefe -noch der Luft herzurühren schien. Es kam dem von Bill erwähnten Laut -nah, klang aber anders als er beschrieben worden, und schien von zwei -verschiedenen Seiten beantwortet zu werden. - -Timor lauschte den Tönen auf das aufmerksamste, bis er den vollen Klang -derselben begriffen hatte, und ahmte jetzt denselben erst leise, dann -laut und zuversichtlich nach. In demselben Moment schon hatte er auch -die Genugthuung sich beantwortet zu hören, und zehn Minuten später -etwa glaubte er in dem bewegten und sternblitzenden Wasser etwas -heranschwimmen zu sehen. Was es aber auch gewesen, es verschwand -in Sicht von dem Boot, und ein gleich darauf ganz in der Nähe des -vermutheten Gegenstands aufsteigender großer dunkler Seevogel, der mit -flappenden Schwingen über die Oberfläche der See eine Strecke lang -schwerfällig hinflog, bis seine Flügel die Luft ordentlich faßten -und ihn nach oben trugen, beruhigte ihn über die Ursache der gehörten, -scheinbar verdächtigen Laute. - -Nichtsdestoweniger wußte er, selbst ein Kind des Waldes, viel zu gut, -wie nöthig in der Nähe feindlicher Stämme stete und unausgesetzte -Wachsamkeit sei, und verwandte, während der Stunden seiner Wacht kein -Auge von dem nur leise durch die leichte Brise bewegten Wasserspiegel. - -Im Osten dämmerte endlich der Tag. Dem kleinen Burschen hatte aber -lange keine Nacht so wirklich endlos geschienen, und um gerade in dieser -gefährlichsten Stunde keine Vorsicht zu versäumen, weckte er jetzt -auch noch seinen Cameraden. Der Seemann war rasch munter gebracht; aber -mehr Mühe kostete es, Bill zu bewegen die beiden Signalschüsse zu -geben. Er entschloß sich auch erst dazu, als dieselben wirklich vom -Lande her abgefeuert waren, und er die Antwort nicht schuldig bleiben -durfte. Dies Signal sollte ihnen den doppelten Vortheil gewähren, den -Freunden die genaue Richtung in der das Boot lag anzuzeigen, als auch -ihren Feinden zu verstehen zu geben, wie sie gerüstet wären und gute -Wache hielten. - -Den ersten Schuß that Bill auch, bekam aber, da er im Dunklen am -vorigen Abend geladen, und wahrscheinlich zu viel Pulver genommen hatte, -trotz des »Schamfiel-Kissens« wieder einen so fürchterlichen Stoß, -daß er durch keine Ueberredung von Seiten Timors bewogen werden konnte, -seinen rechten Schulterknochen noch einmal in Gefahr zu bringen. Ja er -wollte im Anfang nicht einmal wieder laden, und verstand sich erst nach -langer Weigerung dazu, dem so gefährlichen Rohr noch eine »Hand voll -Pulver« anzuvertrauen. - -Mit der aufgehenden Sonne, die den Meeresspiegel um sie her rings -beleuchtete und nicht das geringste Verdächtige erkennen ließ, schien -aber auch die Gefahr eines Angriffs, für jetzt wenigstens, vollkommen -verschwunden, und Bill beschloß seinen Anker zu lichten und nach -der kleinen Insel, von der sie nur eine kurze Strecke entfernt waren, -zurückzukehren. Dort gedachte er zum Frühstück einige Fische zu -braten, die Timor in der Nacht auf seiner Wacht gefangen hatte. - -Der Anker war rasch gehoben, und da sie am vorigen Abend absichtlich -nach windwärts aufgegangen waren, brauchten sie fast nur mit der -Strömung wieder niederzutreiben, um die Insel gerade anzulaufen. Um -vier Uhr Morgens etwa war es vollkommen windstill geworden -- kein Hauch -hatte gegen Morgen die spiegelglatte Fläche dieses »Binnensees im -Ocean« bewegt, und erst jetzt hob sich wieder eine leichte Brise, -und schien zu wachsen, je höher die Sonne über die Meeresfläche -emporstieg. - -»Was nur aus dem Segel von gestern geworden sein mag,« sagte Timor -jetzt, der sich vergebens Mühe gegeben hatte den weißen Punkt von -gestern Abend zwischen den verschiedenen, dort umhergestreuten Inseln -wieder herauszufinden. -- »Sie müssen doch jetzt bei der Brise schon -wieder Segel gesetzt haben.« - -»Segel können sie immer gesetzt haben,« meinte Bill, »ob wir sie -aber jetzt gerade sehen können, ist die Frage, denn sie scheinen heute -Morgen nicht so hell als gestern Abend. Gestern leuchtete nämlich die -Sonne im Westen gerade gegen die helle Leinwand, während sie heute -=dahinter= aufgeht, und wir dadurch nur die Schattenseite zu sehen -bekommen. -- Aber geh nach vorn, Timor,« setzte er dann hinzu, »nimm -das Segel wieder nieder und steh bei dem Tau, daß du gleich an Land -springen kannst. Wir wollen keine Zeit verlieren, damit wir unser -Frühstück wenigstens verzehrt haben, ehe uns Hans und Jean vom Ufer -aus das Zeichen geben.« - -»Tuwan Bill,« sagte aber Timor jetzt, der jedoch den ersten Befehl, -das Segel niederzulassen, rasch befolgt hatte -- »ich weiß nicht ob -gut ist, so rasch auf Insel zu treiben -- viel dichtes Buschwerk auf -kleinen Inseln. Lieber erst einmal hineinschießen mit Gewehr -- ist -besser.« - -»Was du immer so verdammt rasch mit deinem Gewehrschießen bei der -Hand, bist, du verwetterter kleiner brauner Hallunke,« fluchte aber -Bill, »wenn du =deine= Schulter dagegen halten solltest, würdest du -das Mittel sparsamer verschreiben, denk' ich. -- Wer ist nun wieder -todt, daß ich schon wieder Pulver verplatzen soll?« - -»Todt?« frug der kleine Bursche verwundert, der die Redweise des -Matrosen noch nicht so recht verstand. -- »Niemand todt, glaub' ich, -aber vielleicht Lebendige da drin, und ist besser ein Bißchen Feuer -hineinmachen.« - -»Darin hast du recht,« lachte aber jetzt Bill -- »Feuer wollen wir -auch hineinmachen, und das so rasch als möglich, aber nicht um mir die -Glieder auseinanderzuschlagen, sondern unsere Fische zu braten. -- Und -so mach daß wir hinankommen; was hast du in einen fort zu gucken und -dir den Hals halb auszurenken? -- Wenn die schwarzen Schufte da -drin stäken, würden sie sich auch ein Feuer anmachen und ihre paar -Lebensmittel kochen oder braten, gerade wie andere Christenmenschen. -- -Leben wollen wir alle, und sein Frühstück versäumt niemand gern -- -ich am allerwenigsten.« - -Timor lachte bei dem Gedanken leise vor sich hin, daß im Hinterhalt -liegende Eingeborne ein Feuer anmachen sollten, ihr Frühstück zu -braten. Aber der kleine Bursche hatte auch dabei eine unbestimmte -Ahnung, welchen Gefahren sie ausgesetzt sein konnten. Während sie also -jetzt von der Strömung gerade auf die kleine Insel zugetrieben wurden, -die mit der wachsenden Fluth noch kaum etwa 20 bis 25 Fuß aus dem -Wasser lag, stand er vorn auf der niederen Back oder dem Vorboot, und -betrachtete aufmerksam und mißtrauisch das dichte Gebüsch, das von der -Fluth hier auf der obersten Kuppe zusammengedrängt schien, und aus -dem nur drei oder vier kleine Stämme mit knorrigen Aesten dürftig -hervorragten. - -Fast dicht an die nächste Korallenbank, die sich rings um den schmalen -Erdhügel hinzog, hinangekomnen, stieg Bill ebenfalls auf eine der -Doften oder Bänke. Von hier aus einen Blick über den Horizont werfend, -was die Matrosen aus alter Gewohnheit selten oder nie unterlassen wenn -sie nach oben gehen, oder auch nur einen etwas höheren Punkt besteigen, -haftete sein Auge plötzlich auf einer gar nicht weit entfernten -anderen, etwas längeren und höher bewachsenen Insel, die nach Osten -zu lag und, wie es von hier aus schien, theilweis von einer breiten -Sandbank umschlossen war. - -»Hallo, Timor,« rief er dabei -- »ich glaube wahrhaftig gleich hinter -den Büschen dort liegt das Fahrzeug, das wir gestern Abend gesehen -haben -- mir war's wenigstens als ob der weiße Fleck da, der auch -jetzt noch wie ein Segel aussieht, eben aufgezogen wurde als ich darnach -hinsah. -- Die müssen die halbe Nacht gefahren sein.« - -Timor folgte der angewiesenen Richtung mit den Augen, und glaubte auch -einen weißen Schein hinter den Büschen zu erkennen, stand aber zu -niedrig oder war zu klein es genau unterscheiden zu können, und hatte -auch in der That seine Aufmerksamkeit viel zu sehr der Insel vor ihnen -zugewandt, um sich mehr, als ein flüchtiger Blick erforderte, mit dem -Segel zu beschäftigen. Das lag jedenfalls noch eine Strecke hinter -ihnen, und mußte seiner Zeit schon von selber sichtbar werden. - -Bill dagegen interessirte sich weit mehr für das fremde Fahrzeug, wenn -es wirklich ein solches und nicht vielleicht ein Streifen Sand war, der -so hell da herüber blinkte. Wies es sich jedoch wirklich als ein Segel -aus, so mußten sie vor allen Dingen darauf zufahren, und es zu bewegen -suchen daß es beilege, bis seine drei Schiffscameraden abgeholt -werden konnten. Der Gedanke an ihre hier mögliche und baldige Rettung -beschäftigte ihn dabei so, daß er darüber wirklich sogar sein -Frühstück vergaß. Nur in aller Geschwindigkeit schob er sich rasch -ein frisches Priemchen Kautaback in den Mund, und seinen Hut dann in die -Stirn drückend nahm er den einen Riemen auf; legte ihn hinten ein und -begann das Boot nach der Insel zuzuwricken.[8] - -»Von da oben aus muß man sehen können ob es ein Segel ist oder nicht, -Timmy,« sprach er dabei vergnügt zu dem jungen Malayen, dem aber das -zuversichtliche Benehmen des älteren Gefährten gar nicht so besonders -zu gefallen schien -- »der Erdhaufen da liegt wenigstens drei oder vier -Faden höher wie das Wasser, und ist es wirklich ein Schiff, oder ein -Schooner wenigstens, denn nur ein klein Ding von einem Fahrzeug dürfte -wagen hier in den Klippen und Untiefen die Nacht zu fahren, so segeln -wir hinüber und belegen uns Plätze nach irgend einem christlichen -Seehafen. _Stand by old Fellow_. Komm Timmy, spring hinaus und mach das -Boot fest.« - -»Timmy,« wie ihn Bill zutraulich nannte, sprang aber nicht hinaus, -sondern schaute nur ängstlich und kopfschüttelnd nach den dichten -Büschen hinauf, die jetzt fast über ihn herüber hingen. -- Hatten -sich hier in der That Schwarze in den Hinterhalt gelegt -- und eine Art -Instinct warnte ihn vor den Feinden -- so befanden sie sich in einer -fast mehr als nur gefährlichen, in einer wirklich verzweifelten Lage. -Ein großes Messer aufgreifend, das er schon lange neben sich gelegt -hatte, schien er auch wirklich in dem Moment, als der eisenbeschlagene -Bug des Bootes den Korallensand berührte, einen förmlichen Angriff zu -erwarten. - -Nicht das Mindeste rührte sich aber zwischen den Büschen, und Bill, -der keine Ahnung von irgend etwas Bedrohlichem hatte, zog den Riemen -ein, ließ ihn mitten im Boote »vor und aft« liegen, und trat über -die Doften weg, an Land zu springen. - -»Nehmt die Flinte mit, Tuwan Bill,« bat aber Timor und faßte ihn am -Arm -- »viel besser Flinte; weiß nicht was an anderer Seite ist.« - -»Viel besser, Hell,« rief Bill aber ärgerlich, der nun einmal eine -gründliche Aversion gegen das Gewehr gefaßt hatte. »Wenn du mir -noch einmal mit dem verdammten Dings da kommst, werf ich es über Bord, -nachher ist Ruhe. -- Weshalb soll ich denn das alte Eisen überall mit -hinschleppen? -- ich komme ja gleich wieder herunter.« - -Er wollte wirklich ohne die Waffe an Land gehen; Timor ließ aber nicht -mit Bitten nach, und Bill griff endlich nach der ihm gereichten Muskete --- mochte ihm doch selber vielleicht bei den Befürchtungen des Knaben -etwas weniger sicher zu Muthe werden. - -»Na meinetwegen,« rief er unwillig »und nur damit du endlich Frieden -hältst, will ich das nichtsnutzige Ding noch einmal zum Vergnügen da -hinauf und nachher wieder herunter schleppen. Nachher läßt du mich -aber damit ungeschoren; so viel sag ich dir.« - -Damit sprang er an Land, und sich durch das nächste Gesträuch -drängend, kletterte er so rasch er konnte an dem bröcklichen -Korallgestein empor. Lag ihm doch vor allen Dingen daran, von oben aus -einen freien Ueberblick nach jener Gegend hin zu bekommen, wo er das -Segel vermuthete. - -Allerdings warf er zuerst einen flüchtigen Blick über die kleine Insel -selber. Da er hier jedoch nicht das mindeste Verdächtige entdecken -konnte, wandte er sich auch gleich darauf sorglos der Richtung zu, in -der das Segel liegen mußte. Nur wenige Secunden hatte er auch, seine -Augen mit der Hand schützend, dorthin gesehen, als er die Mütze -schwenkte und jubelnd nach Timor hinunter rief: - -»Hurrah mein Junge, _sail ho!_ bei Allem was da schwimmt. Gerade hinter --- Alle Wetter,« unterbrach er sich aber selber und fuhr blitzesschnell -herum, denn dicht vor ihm, wie aus dem Boden heraus, tauchten plötzlich -ein paar schwarze Gestalten auf, und schleuderten ihre Lanzen auf ihn. - -Allerdings fuhr er, fast instinktartig mit dem Gewehr nach ihnen nieder, -aber lange vorher ehe er zielen konnte, war er schon wieder mit dem -Finger an den Drücker gekommen, und die Kugel zischte harmlos über die -Köpfe der Feinde hin. - -Diesmal hatte ihn aber sein gutes Glück vor einem sonst gewissen -Tode bewahrt. Die Lanzen waren allerdings in der kurzen Entfernung mit -tödtlicher Fertigkeit nach seiner Brust geworfen, trafen aber, die eine -den Kolben der Muskete, an dem sie abglitt, und ihm nur eben den Arm -ritzte, die andere das Stück Kautabak das er in der Brusttasche trug, -und das sie nicht durchbohren konnte. Die schlimmste Wunde in dem ganzen -Kampf erhielt er wieder von dem eigenen Gewehr, das ihn mit dem scharfen -Bügel Haut und Fleisch vom Zeigefinger der rechten Hand abschlug. - -In dem Moment fühlte er aber weder den Schmerz des verwundeten Fingers, -noch den Wurf der Lanzen, denn die Feinde, die den Weißen nach -den beiden Lanzenwürfen auf kaum sechs Schritte Entfernung sicher -unschädlich gemacht glaubten, kümmerten sich weiter gar nicht um ihn, -sondern sprangen in wilden Sätzen die steile Uferbank nieder, dem Boote -zu, dieses vor allen Dingen in Sicherheit zu bringen. - -Timor fanden sie nun freilich nicht unvorbereitet. Schon bei dem ersten -Ausruf Bills hatte er die vorn im Boot liegende Stange ergriffen, das -Fahrzeug rasch vom Lande abzuschieben, um es flott zu haben, sobald sein -Gefährte zu ihm niederflüchten würde. Daran schien Bill aber noch gar -nicht gedacht zu haben, so hatte ihn der Angriff eines gar nicht mehr -vermutheten Feindes überrascht, und fast seiner ganzen Besinnung -beraubt. - -Der kleine Malaye sah da plötzlich vier dunkle Gestalten zu sich -niederspringen, von denen eine schon zum Wurf nach ihm ausholte. Recht -gut begriff er dabei, wie jeder Widerstand von seiner Seite vollkommen -nutzlos und nur für ihn allein verderblich sein müßte. Rasch deshalb -den Bootshaken fallen lassend, warf er sich rückwärts in demselben -Augenblick über Bord, als der kurze spitze Wurfspeer über ihn -wegsauste, mit dem zugleich er unter der Oberfläche verschwand. - -Der Anblick brachte den Matrosen wieder zu sich selber. Er sah, wie -der Knabe, den er ermordet glaubte, über Bord stürzte, sah die vier -Schwarzen, denen sich noch ein fünfter anschloß, dem Boot zuspringen, -und mit dem Schrei »=Murder=!« das bei dem Schuß weggeworfene Gewehr -wieder aufgreifend, packte er es am Lauf und flog den Feinden nach. - -Aber er kam zu spät. -- Die Wilden hatten beim Hineinspringen in das -kleine schwanke Fahrzeug, dieses schon durch ihr eigenes Gewicht eine -Strecke vorwärts getrieben, und als er das Ufer erreichte, waren sie -schon wenigstens funfzehn Schritt von diesem entfernt. Die in voller -Wuth nach ihnen geschleuderte Muskete fiel dicht vor ihnen in die Fluth, -das aufspritzende Wasser bis selbst ins Boot werfend, und in blinder -aber machtloser Wuth griff der jetzt wüthende Matrose lose Stücke -Korallen auf, sie den Flüchtigen nachzuschleudern. - -Er selbst blieb dabei dem Wurf ihrer Speere, falls es ja einem von -ihnen eingefallen wäre, diese nach ihm zu schleudern, vollkommen blos -gegeben. Die Schwarzen hatten aber in diesem Augenblick zu viel mit -ihrem eroberten Boote zu thun, das außer den Bereich seines -vorigen Eigenthümers zu bringen, um sich noch weiter mit diesem zu -beschäftigen. Ohne sich selbst nur nach ihm umzusehen, griffen sie die -Riemen auf, die sie recht gut zu benutzen verstanden, und während drei -mit diesen arbeiteten, setzten die beiden anderen das Segel, das sie -bald in einem Nordcours der Insel entführte. - - - - -Einundzwanzigstes Capitel. - -Schluß. - - -Noch war das genommene Boot übrigens kaum dreimal seine eigene Länge -vom Ufer abgeschossen, als die funkelnden Augen des Malayen schon wieder -über der Oberfläche des Wassers emportauchten. -- Wenige Secunden -blieb der Kopf sichtbar, dann verschwand er wieder und gleich darauf -stieg, jetzt aber von einem schmalen Vorsprung der Insel gedeckt, der -kleine Bursche rasch aufs Trockene und glitt, ohne auch nur einen Blick -um sich herzuwerfen, ins Dickicht. Wenigstens vor den Wurflanzen des -Feindes wollte er gesichert sein, sollte sich dieser ja noch nahe genug -befinden, ihn damit zu erreichen. Nur erst als er Bill unten am Ufer -jubeln und hurrah schreien hörte, wagte er seinen Versteck zu verlassen -zu sehen was es plötzlich draußen so ungemein Erfreuliches gäbe. - -An das fremde Fahrzeug hatte er im ersten Schreck des Ueberfalls gar -nicht mehr gedacht. Das aber erschien gerade jetzt, im entscheidenden -Moment, und unter vollen Segeln hinter der Insel vor, hinter der es -jedenfalls während der kurzen Morgen-Windstille vor Anker gelegen. - -Es war ein kleiner Schooner, von vielleicht 90 bis 95 Tonnen mit langen, -weit nach vorn gesetzten keck aussehenden Masten, aber lichtbraun -angestrichen mit kleinen gemalten Kanonenluken, wie ein -Kauffahrteischiff, und alten, ziemlich abgenutzten Segeln. - -Im Anfang und selbst nach dem Schuß, den er jedenfalls gehört haben -mußte, behielt er noch seinen Westcours bei. Bills Auge aber, das sich -in allem auf die See Beziehenden nur selten täuschte, obgleich niemand -leichter als er auf festem Lande irre zu führen war, erkannte schon -einen nach oben gesandten Mann in den Wanten. Als dann auch noch gleich -darauf der scharf geschnittene Bug des kleinen Fahrzeugs etwas mehr -gegen sie und das flüchtige Boot anluvte, da stieß Bill seinen -Triumphschrei aus, denn er wußte jetzt nicht allein daß sie gesehen -waren, sondern daß auch der Schooner wahrscheinlich das Boot mit den -Eingebornen anhalten würde. - -Eine gute Weile blieb aber der Erfolg dieser Jagd ziemlich zweifelhaft, -denn die Schwarzen, die selbst mit ihren einfachen, nicht selten mit -doppelten Lee- und Luv-Bäumen versehenen Canoes vortrefflich umzugehen -wissen, hatten sich gar bald in die Führung des Segels hineingefunden, -dessen größere Nützlichkeit sie leicht vor ihren gewöhnlichen -Matten-Segeln erkennen lernten. Außerdem lag, wenn auch das fremde -Fahrzeug rasch näher kam, nördlich vor ihnen, und gar nicht weit -entfernt, eine breite Kette von Sandbänken und Korallenfelsen, und -konnten sie diese glücklich erreichen, war es dem Schooner jedenfalls -unmöglich ihnen zu folgen. - -Dieser aber, der jetzt ihre Absicht erkannte und die für ihn -gefährliche Strecke schon übersehen konnte, versuchte sein Letztes, -dicht an dem südlichen Rande dieses Klippen-Archipels niederzulaufen. -Zu dem Zweck wieder etwas mehr von der frischen Südostbrise abfallend, -hielt er scharf gegen die Einfahrt auf, welcher das Boot zuzustreben -schien, und ein tüchtiger Renner, glaubte er den Wilden schon jede -Möglichkeit, zu entkommen, abgeschnitten zu haben. Da entdeckten die -vorn auf der Vor-Marsraae stationirten Wachen des kleinen Fahrzeugs -einen schmalen, aber gefährlich lichten Streifen hellgrünen Wassers, -der sich quer vor ihnen nach Süden niederzog, und den sie vielleicht -hoch genug gingen, um ihn zu passiren, auf dem sie aber auch ihr -wackeres Seeboot, wenn sie irgend eine heimtückisch verborgene Klippe -berühren sollten, leicht total verlieren konnten. Mit dem rasch -gegebenen und im Moment befolgten Befehl flog das behende Fahrzeug dem -Wind in die Zähne herum, und während alle Segel back lagen, und das -eroberte Boot der Einfahrt zuschoß, stießen die Schwarzen ein wildes -gellendes Freuden- und Siegesgeschrei aus. - -Ihr Triumph sollte nicht lange dauern. - -Vom Deck des Schooners hob sich ein leichter Rauch; und während -der dumpfe Schall eines Schusses über die weite Meeresfläche -dahindröhnte, schlug der Mast des geraubten Bootes nach Lee über. Mit -ihm stürzte zugleich Einer der Wilden mit gähem Aufschrei über Bord. - -Die Schwarzen erwarteten aber keinen zweiten Schuß -- Hals über Kopf -warfen sie sich, wie nur der erste starre Schreck vorüber war, in -die Fluth, und das Boot, durch dessen Backbordbug die Kugel -hindurchgeschlagen war, füllte sich langsam und sank. -- Zwei Minuten -später sah man hie und da einen schwarzen Kopf auftauchen und den -nächsten Klippen zuschwimmen, dann verschwanden auch diese zwischen -den einzelnen Riffen, und einzelne, auf der Fluth treibende Kisten und -Fäßchen zeigten nur die Stelle an, wo das Boot vor kurzen Minuten -zerschmettert gesunken war. - -Die Raaen des Schooners waren indessen, und selbst noch während der -Katastrophe, herumgebraßt, und an der gefährlichen Klippenzunge -niederlaufend kam er in Lee von der Insel, auf der Bill jetzt alle -nur möglichen Anstalten getroffen hatte, nicht unbeachtet sitzen zu -bleiben. Sein Hemd wehte an einem Busch, und Timor hatte müssen -rasch ein Feuer anmachen, denn Bill führte noch glücklicherweise das -Feuerzeug bei sich, zu dessen friedlicher Benützung er besonders an -Land gestiegen war. Der Rauch stieg in dicken Schwaden in die blauklare -Luft empor, während Bill selber noch außerdem auf der weißen, -jetzt allerdings von der Fluth sehr eingeschränkten Uferbank auf und -absprang, und schrie, und seine Jacke um den Kopf schwenkte. - -Er würde sich ruhig hingesetzt und das Nahen des Schooners erwartet -haben, hätte er die Späße hören können, die an Bord desselben auf -seine Unkosten gemacht wurden. - -Die Gefahren der Schiffbrüchigen sollten aber hiermit ihr Ende erreicht -haben. Etwa eine halbe Stunde später sank die kleine Jölle vom Bord -des Schooners nieder und schoß, von zwei Matrosen gerudert und von -dem »Mate« gesteuert, gegen die Insel zu, Bill und Timor an Bord zu -nehmen. Die auf dem Festland zurückgelassene Mannschaft hatte indessen -auch wieder mehrere Schüsse abgefeuert, das Boot ging gleich von der -Insel zu ihnen hinüber, und zwei Stunden später hatte der »Shooting -Star« (die Sternschnuppe), wie der kleine Schooner hieß, die bootlos -gewordene Mannschaft des »Boreas« sicher an Bord, braßte seine Raaen -auf, und glitt vor einer herrlichen Brise gen Osten, dem Indischen Meere -zu. - - - Leipzig, - - Druck von Giesecke & Devrient. - - - - -Fußnoten - - -[1]: =Watertanks= sind kleine Fahrzeuge, deren innerer Schiffsraum -eingerichtet ist, mit Wasser statt anderer Ladung gefüllt zu werden. -Sie gehen dann langseit der Schiffe, die frisches Wasser verlangen, -und pumpen dasselbe mit Hülfe eines langen Schlauchs in die an Bord -befindlichen Fässer. - -[2]: Von Australien nach Indien giebt es zwei Wege. Der nördliche -ist eigentlich der nächste, hier aber liegt die, durch ihre gewaltige -Klippenreihe den Schiffen nicht selten gefährliche Torresstrait, die -zwischen Australien und Neu-Guinea durchschneidet. Die Schiffe müssen -in dieser Nachts vor Anker gehn, bis sie den Indischen Ocean erreichen. -Die Passage um die Südküste Australiens ist gefahrloser, wenn auch -weiter. - -[3]: Chips, Spähne, wird der Zimmermann gewöhnlich auf den Englischen -Schiffen genannt. - -[4]: Auf deutschen Schiffen heißt dasselbe in verdorbenem Englisch -»Scheilicht.« - -[5]: =Nobbler= heißt in Australien ein halbes Glas -- ein Schnitt. - -[6]: =Schlingern= heißt die nach rechts und links hinüber schaukelnde -Bewegung des Fahrzeugs. =Stampfen= dagegen das vorn auf und nieder gehen -desselben. - -[7]: Durch Reiben beschädigen oder abnützen. - -[8]: Wricken heißt, mit einem einzelnen, hinten ausgelegten und -herüber und hinüber gedrehten Ruder ein Boot vorwärts treiben. - - - - -[Hinweise zur Transkription - - -Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. Antiquaschrift wird -hier als kursive Schrift dargestellt. Offensichtliche Fehler wurden -korrigiert, bei Zweifeln und bei uneinheitlichen Schreibweisen der -Originaltext beibehalten. Eine Liste der vorgenommenen Änderungen -befindet sich hier am Ende dieses Textes. Die Änderungen bei falsch -gesetzten oder fehlenden Anführungszeichen sind dort nicht gesondert -aufgeführt. - - - - -Änderungen - - - Seitenangabe - originaler Text - geänderter Text - - Inhaltsverzeichniß - 5. Die Entdeckung 53 - 5. Die Entdeckung 50 - - Seite 12 - damit der Sabbath durch nichts Alttägliches entweiht werde - damit der Sabbath durch nichts Alltägliches entweiht werde - - Seite 13 - mit ihren aufgegehäuften Massen von Hühnern und Enteneiern - mit ihren aufgehäuften Massen von Hühner- und Enteneiern - - Seite 17 - »Aber was machen die Deutschen und Franzosen bei dem Irländer«. - »Aber was machen die Deutschen und Franzosen bei dem Irländer?« - - Seite 32 - behauptete der Steward auf eine der Gegeneinwürfe Bills - behauptete der Steward auf einen der Gegeneinwürfe Bills - - Seite 34 - Viertes Kapitel. - Viertes Capitel. - - Seite 42 - wir den Burschen wenigsten aus dem Logis - wir den Burschen wenigstens aus dem Logis - - Seite 62 - in das er insdiscret genug - in das er indiscret genug - - Seite 88 - Da sie keinen Lärmen mehr machten - Da sie keinen Lärm mehr machten - - Seite 89 - Siebentes Kapitel. - Siebentes Capitel. - - Seite 91 - vor allen Dingen feine Kost und sein Logis - vor allen Dingen seine Kost und sein Logis - - Seite 98 - Als Charles Mr. Mac Charter zu sich auf die Flur - Als Charles Mr. Mac Carther zu sich auf die Flur - - Seite 102 - sich sich gerade am sichersten fühlten - sie sich gerade am sichersten fühlten - - Seite 102 - Einer von dieser sprang augenblicklich an Land - Einer von diesen sprang augenblicklich an Land - - Seite 103 - Eine Vierstelstunde später schossen um das Castell - Eine Viertelstunde später schossen um das Castell - - Seite 104 - es wirklich schon sobald in See gehen sollte - es wirklich schon so bald in See gehen sollte - - Seite 105 - glaubte nicht, daß wir sobald in See gingen - glaubte nicht, daß wir so bald in See gingen - - Seite 109 - wo die Motrosen gewöhnlich ihren Aufenthalt haben - wo die Matrosen gewöhnlich ihren Aufenthalt haben - - Seite 110 - den Zimmerman über seinen Thee entrüstet zu finden - den Zimmermann über seinen Thee entrüstet zu finden - - Seite 113 - gingen sie über Backbord Bug mit halben Wind - gingen sie über Backbord Bug mit halbem Wind - - Seite 113 - Vorstengenstagsegeln wie eiu Pfeil durch - Vorstengenstagsegeln wie ein Pfeil durch - - Seite 114 - dadurch unvermeidliche stete Hin- nnd Hergeworfenwerden - dadurch unvermeidliche stete Hin- und Hergeworfenwerden - - Seite 122 - Er hat Frau und Kind zu Hans - Er hat Frau und Kind zu Haus - - Seite 133 - nach ihn um und sah ihm starr ins Gesicht - nach ihm um und sah ihm starr ins Gesicht - - Seite 134 - Zehntes Kapitel. - Zehntes Capitel. - - Seite 144 - Leute -- wir Ihr wohl wissen werdet - Leute -- wie Ihr wohl wissen werdet - - Seite 150 - auch des Vormarssegel fest bekommen konnten - auch das Vormarssegel fest bekommen konnten - - Seite 154 - und füllte sich auf's neue sein Gles - und füllte sich auf's neue sein Glas - - Seite 161 - Zwölftes Kapitel. - Zwölftes Capitel. - - Seite 178 - Ringsum waren sie total von Karollenbänken eingeschlossen - Ringsum waren sie total von Korallenbänken eingeschlossen - - Seite 178 - Dreizehntes Kapitel. - Dreizehntes Capitel. - - Seite 183 - daß ich ihn überhaupt mit ins Bot haben will - daß ich ihn überhaupt mit ins Boot haben will - - Seite 184 - Das geht wahrwaftig nicht an - Das geht wahrhaftig nicht an - - Seite 211 - Ja, lacht nur Jungen; mir ist's rechts, aber - Ja, lacht nur Jungen; mir ist's recht, aber - - Seite 216 - was beinah wie breit Irihs klingt - was beinah wie breit Irish klingt - - Seite 225 - schnit sich dann in der Hand eine Pfeife - schnitt sich dann in der Hand eine Pfeife - - Seite 225 - Sechszehntes Kapitel. - Sechszehntes Capitel. - - Seite 227 - aufzustehen und Kaffe zu kochen - aufzustehen und Kaffee zu kochen - - Seite 234 - rief der Wilde jetzt deulich zu ihnen herüber - rief der Wilde jetzt deutlich zu ihnen herüber - - Seite 240 - Wir essen das naßgewordeue zuerst weg - Wir essen das naßgewordene zuerst weg - - Seite 241 - Siebenzehntes Kapitel. - Siebenzehntes Capitel. - - Seite 251 - Angriff gar tüchtig in Respeckt gesetzt - Angriff gar tüchtig in Respect gesetzt - - Seite 302 - Einundzwanzigstes Kapitel. - Einundzwanzigstes Capitel.] - - - - - -End of Project Gutenberg's Aus dem Matrosenleben, by Friedrich Gerstäcker - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK AUS DEM MATROSENLEBEN *** - -***** This file should be named 43913-8.txt or 43913-8.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/4/3/9/1/43913/ - -Produced by The Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net (This book was produced from scanned -images of public domain material from the Google Print -project.) - - -Updated editions will replace the previous one--the old editions -will be renamed. - -Creating the works from public domain print editions means that no -one owns a United States copyright in these works, so the Foundation -(and you!) can copy and distribute it in the United States without -permission and without paying copyright royalties. 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