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-The Project Gutenberg EBook of Aus dem Matrosenleben, by Friedrich Gerstäcker
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
-almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
-re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
-with this eBook or online at www.gutenberg.org
-
-
-Title: Aus dem Matrosenleben
-
-Author: Friedrich Gerstäcker
-
-Release Date: October 8, 2013 [EBook #43913]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: ISO-8859-1
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK AUS DEM MATROSENLEBEN ***
-
-
-
-
-Produced by The Online Distributed Proofreading Team at
-http://www.pgdp.net (This book was produced from scanned
-images of public domain material from the Google Print
-project.)
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-[ Symbole für Schriftarten: _Antiqua_ : =gesperrt= ]
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-
- Aus dem Matrosenleben
-
- von
- Friedrich Gerstäcker.
-
-
- Der Verfasser behält sich die Uebersetzung dieses Werkes vor.
-
-
- Leipzig,
- Arnoldische Buchhandlung.
- 1857.
-
-
-
-
- Inhaltsverzeichniß.
-
-
- Seite
- Cap. 1. An Bord 1
- " 2. Der Markt zu Sydney 11
- " 3. Die Matrosenkneipe 20
- " 4. Die Flucht von Bord 34
- " 5. Die Entdeckung 53
- " 6. Sydney im Dunkeln 59
- " 7. Was das Geld vermag 89
- " 8. Die Ausfahrt 106
- " 9. Hans 116
- " 10. Die unterbrochene Execution 134
- " 11. Der Sturm 153
- " 12. Die Riffbank 161
- " 13. Das Wrack 178
- " 14. Die Mannschaft trennt sich 188
- " 15. Die Bootfahrt 202
- " 16. Der Morgenbesuch 225
- " 17. Die Landung 241
- " 18. Der Australische Busch 247
- " 19. Das Bivouak 270
- " 20. Bills Wacht 280
- " 21. Schluß 302
-
-
-
-
-Erstes Capitel.
-
-An Bord.
-
-
-Captän an Bord? frug am Morgen des 2. August ein sonngebräunter,
-breitschultriger -- Herr, muß ich sagen, denn er stack wenigstens in
-feinen Tuchkleidern, mit einem hohen schwarzen Seidenhut und feiner
-Wäsche. Seine breiten braunen Fäuste, die allen Glacéhandschuhen
-ingrimmig Trotz boten und ihrem Eigenthümer in jeder anderen Kleidung
-gewiß Ehre gemacht hätten, ließen aber weit sicherer auf einen
-Arbeitsmann als auf ein Mitglied der »höhern Classen« schließen,
-und doch schien er zu denen zu gehören, oder rechnete sich wenigstens
-selbst dazu.
-
-Der Fremde stand in einem der gewöhnlichen Bayboote von Sydney, und
-hatte die Fallreeps der herunterhängenden Schiffsleiter gefaßt,
-während er zu dem oben über Bord sehenden Steuermann des »Pelican«,
-der schon draußen in der Bay von Sydney lag und am nächsten Morgen
-unter Segel gehen wollte, hinaufrief.
-
-»Ay, ay, Sir«, lautete die seemännische Antwort; der Fremde
-sprang auf die Leiter und lief, nach einem paar mit den Bootsleuten
-gewechselten Worten, die ihr kleines Fahrzeug gleich darauf festmachten
-und seine Rückkehr zu erwarten schienen, an Deck.
-
-Das Deck des »Pelican« bot nichts außergewöhnliches dar. Die
-Leute waren theils beschäftigt von dem am andern Bord liegenden
-»Watertank«[1] Wasser einzunehmen, theils hie und da Kleinigkeiten
-am Tauwerk auszubessern, oder ausgebessertes zu theeren. Der Zimmermann
-kalfaterte das Deck, und die monotonen Schläge seines hölzernen
-Hammers waren fast das einzige Geräusch an Bord, so still und ruhig
-ging alles zu.
-
-So beschäftigt übrigens die ganze Mannschaft auch mit dieser oder
-jener Sache schien, denn selbst der Mate oder Steuermann war dabei, die
-Logleine auszumessen und neu zu »märken«, so müßig sahen sich zwei
-junge Leute die Sache an, die ruhig an Deck auf- und abschlenderten,
-und nur dann und wann bei einer oder der andern Gruppe stehen blieben,
-einmal nach dem Boot hinunter sahen, und ihre Wanderung langsam wieder
-fortsetzten. Sie trugen leichte Sommerhosen, kurze, dünne Jacken
-und einen breitrandigen Strohhut von sogenanntem _cabbageleaf_ (der
-Kohlpalme), um den ein breites, schwarzes Band befestigt war, mit den
-gelb darauf gemalten Worten: »_water-police_.«
-
-Der Fremde ging nach einem flüchtigen über Deck geworfenen Blick, der
-zum größten Theil dem Takelwerk galt, nach hinten, und stieg, ohne
-einen von den Leuten weiter zu grüßen, die Cajütstreppe hinunter.
-
-»Kanntest du den?« frug einer der Polizeileute den anderen.
-
-»Nein«, sagte der Gefragte, »weißt du wie er heißt?«
-
-»Wirst schon noch seine Bekanntschaft machen«, lachte der erste --
-»es ist Capitain Oilytt vom Boreas, und will nach Calcutta. -- Das
-Schiff ist auf Dienstag angezeigt.«
-
-»Noch niemand fortgelaufen von den Leuten?«
-
-»Noch nicht, aber wie ich gestern gehört habe, wollen sie morgen fort.
--- Ich könnt's leicht hintertreiben, damit ist uns aber nicht gedient.
--- Es sind Ausländer, der größte Theil wenigstens von ihnen, und wenn
-erst einmal eine tüchtige Belohnung auf sie gesetzt ist, wollen wir sie
-schon wieder kriegen.«
-
-»Wo gehen sie denn gewöhnlich Abends hin?« frug der zweite -- »hast
-du sie schon im Auge gehabt?«
-
-»O, schon seit acht Tagen -- sie sind bis jetzt meistens im »Elephant
-und Castle« in Pittstreet, und ein paarmal auch in einer von den
-Kneipen in Kentstreet gewesen, es scheint aber, daß sie sich jetzt
-weiter hinauf in Pittstreet gezogen haben. Es sind theils Franzosen,
-theils Deutsche und nur vier Engländer an Bord, und dort oben herum
-wohnen einzelne von ihren Landsleuten.«
-
-»Die werden sie dann aber auch nicht verrathen wollen«, meinte der
-zweite, der noch nicht lange in seinen jetzigen Posten eingetreten war.
-
-»Nicht verrathen?« lachte der erste, »laß nur erst einen tüchtigen
-Preis darauf stehen, dann ist mir vor dem Andern auch nicht bange.
-Derart Leute wollen Geld verdienen, und die Art =wie= das geschieht,
-ist ihnen gewöhnlich verdammt gleichgültig, so ihnen nur die Polizei
-nichts dabei anhaben kann.«
-
-Capitän Oilytt war indessen, während dies für ihn so wichtige
-Gespräch am Deck verhandelt wurde, in die Cajüte des Pelican getreten
-und hatte mit dem am Tisch sitzenden Capitän die ersten Begrüßungen
-gewechselt.
-
-»Also Morgen wollen Sie fort?« sagte er. »Wie ich sehe haben Sie
-Polizei an Deck? Fürchten Sie, daß Ihnen noch einige von Ihren Leuten
-weglaufen sollten?«
-
-»Ja und nein,« antwortete Capitän Howell vom Pelican. »Der Henker
-traue den Schuften. -- Sie werden auf meinem Schiff so gut behandelt,
-wie kaum auf einem anderen. Kein hartes Wort wird zu ihnen gesprochen,
-keine unnöthige Arbeit wird von ihnen verlangt, mein Mate ist ein sehr
-ruhiger ordentlicher Mann, und das Essen ist ebenfalls gut und nahrhaft;
-in der Hinsicht können sie sich also über nichts beklagen. Das
-verwünschte Gold steckt ihnen aber darum nicht minder im Kopf -- der
-große Klumpen hat ja ganz Sydney verrückt gemacht, warum nicht auch
-die Leute, und mit allen möglichen Schwindeleien werden sie überdies
-noch, sobald sie nur einmal den Fuß an Land setzen von allen Seiten
-bestürmt. All die sogenannten »Schlafbaasen« gehen ja darauf aus,
-sie von den Schiffen abzulocken. Hat so ein Kerl sie dann in den Klauen,
-dann zieht er sie aus bis auf den letzten Fetzen Kleidungsstücke oder
-auf den letzten Penny an Geld, und verkauft sie dann wieder an ihr altes
-Schiff oder an irgend ein anderes -- ihm gleich, wenn er nur seinen
-Verdienst daraus zieht. Das wollen aber die Leute nicht einsehen, und
-wenn sie auch tausend solcher Beispiele hören, so halten sie sich
-selber doch immer für klüger, und denken, sie werden es schon besser
-machen. Um mich deshalb vorzusehen, und nicht im letzten Augenblick
-etwa noch sitzen zu bleiben, hab' ich lieber das Geld angewandt mir die
-Polizei auf's Schiff zu nehmen bis ich absegle, und ich glaube das Geld
-ist nicht gerade unnütz ausgegeben.«
-
-»Wie viel zahlen Sie für die Polizeiaufsicht täglich?« frug Oilytt.
-
-»Für jeden Mann eine Guinee«, erwiederte der Capitän des Pelican,
-»es ist theuer, läßt sich aber doch nun einmal nicht ändern.«
-
-»Eine Guinee?« rief Oilytt erstaunt -- »na, da dank ich. Dafür kann
-ich meine Leute selber bewachen. Ueberdies halt ich gar nicht so viel
-von dem, was sie auf See »gute Behandlung« nennen. Die Leute müssen
-natürlich ihr ordentliches Essen und Trinken, ihren Brandy oder Rum
-haben, nachher aber auch wissen wen sie vor sich sehen, und ich, für
-meinen Theil, habe wenigstens stets mit Strenge mehr ausgerichtet als
-mit Güte und Zureden. Sie wollen wahrhaftig gar nicht gut behandelt
-sein und lachen Einen nur dafür hinter dem Rücken aus. Wenn ich nur
-mit den Augen blinze, wissen sie schon was die Glocke geschlagen hat,
-und Gnade Gott dem, der da noch mukst. -- Sie muksen aber auch nicht.«
-
-Der Steward, der Wein und Gläser auf den Tisch gesetzt hatte, sah den
-Sprecher mit einem halb verächtlichen, halb höhnischen Lächeln
-von der Seite an, war aber gleich wieder ganz ernsthaft, als dieser
-zufällig zu ihm aufschaute.
-
-»Und wann gedenken Sie zu segeln?« frug Capitän Howell den anderen,
-»Sie liegen am Slip, nicht wahr?«
-
-»Ja, am Patent Slip, Montag Morgen will ich die noch übrigen Pferde
-einnehmen, und Dienstag Morgen leg' ich in die Bay hinaus -- ist der
-Wind gut, so geh ich noch Dienstag Abend, oder spätestens Mittwoch
-Morgen in See.«
-
-»Weggelaufen ist Ihnen noch keiner von Ihren Leuten?«
-
-»Nicht ein einziger«, lachte Oilytt, »ja, sie haben zu viel Respect.
-Sie wissen recht gut, wieder krieg' ich sie doch, und nachher ging's
-ihnen erbärmlich.«
-
-»Mit dem Wiederkriegen ist es aber doch eine mißliche Sache«, sagte
-Howell kopfschüttelnd, »und ich würde mich an Ihrer Stelle nicht zu
-sicher darauf verlassen. Aber wenn auch, ich setze den Fall Sie bekommen
-sie, mit hoch darauf gestellten Belohnungen wirklich wieder, kostet Sie
-das weniger als die paar Pfund Sterling, die sie jetzt an die Polizei
-ausgeben?«
-
-»Das kostet mich gar nichts«, lachte Oilytt, »das versteht sich
-doch von selbst, daß die ausgesetzte Belohnung für das Einfangen die
-eingefangenen Schufte auch selbst bezahlen müssen, und dafür hab' ich
-schon gesorgt, daß sie dazu noch alle genug zu gut haben.«
-
-»Und Ihre Zeit? das andere ist das wenigste. Rechnen Sie aber einmal
-was Sie allein an Futter und Wasser für Ihre Thiere, die Sie an Bord
-haben, =mehr= brauchen. Außerdem müssen Sie dann sogar noch Leute
-für 6 Schilling den Tag miethen, die Ihnen nur die nöthigsten Arbeiten
-besorgen. Ich will nichts davon sagen, wenn man keine Polizei an Bord
-nimmt, sobald man noch acht oder vierzehn Tage im Hafen zu liegen hat;
-die Kosten wären sonst zu bedeutend. Wer aber schon den größten Theil
-seiner lebendigen Fracht eingenommen, und in ein oder zwei Tagen zum
-Absegeln gekommen ist ohne Leute zu verlieren, der sollte auch die paar
-Pfund Sterling nicht scheuen. Die Verführung ist jetzt zu groß; man
-kann auf die besten Leute nicht mehr mit Bestimmtheit rechnen. Aber
-wir wollten ja über unsere Passage sprechen -- Sie gedenken durch
-Torresstrait[2] zu gehen?«
-
-»Ich weiß noch nicht«, sagte Oilytt, indem er sein Glas austrank und
-wieder füllte; »ich mag mich nicht gerne in die verdammten Klippen
-hineinwagen. -- Am liebsten ging ich um den Süden, wenn man jetzt nur
-trauen dürfte wie's mit dem Wind steht, und nachher nicht die ganze
-Reise gegen den Monsun anzupeitschen hat. Sind Sie schon einmal durch
-die Torresstrait gegangen?«
-
-»Nein«, sagte Capitain Howell; »aber die jetzt darüber
-ausgefertigten Karten sollen ausgezeichnet sein, und ich werde
-jedenfalls die Passage von Raines Eiland versuchen.«
-
-Die beiden Capitäne unterhielten sich jetzt noch eine Zeitlang über
-die Torresstraße, wie einige andere Geschäftssachen, und Capitän
-Oilytt nahm endlich Abschied und stieg wieder in sein Boot hinunter, das
-ihn rasch nach dem Circular Werft hinüberruderte.
-
-»Da fährt auch Einer,« sagte ein Matrose oben in den Marswanten,
-wo er die Pardunen theerte, zu seinem Cameraden, der mit dem Fetttopf
-zwischen den Zähnen eben von oben niederglitt und dicht neben ihm
-Posto faßte -- »da fährt auch Einer, wo ich ebenso gern in der Hölle
-wäre, als daß ich sein Biscuit kaute.«
-
-»Das ist der Capitän vom Boreas«, sagte der andere, »nicht wahr? der
-Kerl sieht auch gleich so aus, als ob er einen Monat in heißem Pfeffer
-gelegen und nachher mit Essig abgerieben wäre. Es ist zum Tod zu
-verwundern, daß ihm noch keiner von den Leuten weggelaufen ist.«
-
-»Lauf du jetzt einmal weg, wenn du Lust hast«, lachte der erste, »sie
-werden wohl nicht können.«
-
-»Nicht können? dicht am Land liegt das Schiff, und keine Seele
-von Polizeidiener an Bord. Da wollte ich einmal den Steuermann oder
-Bootsmann oder selbst Polizeidiener sehen, der mich hindern sollte nicht
-allein mich selbst, sondern auch meinen Kleidersack fortzuschaffen. Ne,
-die Burschen müssen etwas anderes auf der Wippe haben, oder sie wären
-nicht so lange geblieben. Vielleicht warten sie auch nur bis zum letzten
-Augenblick. -- Die Geschichte ist aber faul wenn sie sich da nicht
-vorsehen, kann's ihnen am Ende gerade so gehen wie uns. Hätt' ich mich
-damals nicht von dir abreden lassen, so säß ich jetzt vielleicht ganz
-bequem oben in den Minen, und fände Stücke Gold wie mein Kopf groß.
-Das Matrosenleben soll doch der Teufel holen, sobald er nur im mindesten
-Lust dazu spürt.«
-
-»Ja und das Minenleben soll noch viel ärger sein«, meinte der andere
--- »d. h. man ist freilich sein eigener Herr dort, das ist richtig --
-mit dem Verdienst ist's aber auch dafür desto unsicherer, denn an die
-großen Klumpen glaub' ich nun einmal nicht.«
-
-Der eine glitt mit seinem Fetttopf weiter nach unten, und das Gespräch
-war abgebrochen.
-
-
-
-
-Zweites Capitel.
-
-Der Markt in Sydney.
-
-
-Ein Sonnabend Abend in Sydney ist das lebendigste, was die sonst gewiß
-nicht todte Stadt nur irgend aufzuweisen hat. Alles scheint auf den
-Beinen zu sein, und wen nicht besondere Geschäfte hinaustreiben, den
-läßt die Neugierde schon nicht zu Hause, und er muß wenigstens einmal
-»durch den Markt gehen.«
-
-Der englische Sonntag trägt hiervon allein die Schuld. Da er sehr
-streng gehalten wird, kann man an diesem Tag natürlich gar Nichts zu
-kaufen bekommen. In vielen, sehr orthodoxen Haushaltungen, wird
-sogar schon am Sonnabend Alles für den Sonntag gekocht, gebraten und
-vorbereitet, damit der Sabbath durch nichts Alltägliches entweiht
-werde. Der äußerste Termin aber, für Fromme und Nichtfromme, was
-man braucht noch zu bekommen, ist der Sonnabend Abend, und Fleischer,
-Gärtner, Obst- und Blumenhändler, überhaupt Alle, die nur irgend
-etwas Wirthschaftähnliches zu verkaufen haben, drängen sich an diesem
-Abend herzu, es auszulegen.
-
-Jeder wetteifert dabei mit dem Andern, seinen Stand so einladend als
-möglich herzurichten, und ganz besonders schmücken die Fleischer
-ihre Buden mit fetten Hammeln und feisten Ochsen. Große Brode von
-ausgelassenem Talg bilden die Säulen, und hie und da bringt ein
-ausgeschlachtetes und bei den langen Hinterläufen aufgehangenes
-Känguruh oder Wallobi, Abwechselung in die sonst etwas monotonen
-Fleischspeisen.
-
-Der Markt von Sydney besteht aus vier langen, hohen, luftigen und
-höchst praktisch eingerichteten Gebäuden, die übrigens noch auf eine
-bedeutende Vergrößerung der Stadt berechnet waren, denn sie wurden
-damals nur zur Hälfte benutzt. Eines stand wenigstens ganz leer, und
-ein zweites hatte einen sehr geringen Theil seiner Stände erst in
-Gebrauch.
-
-Das eine von diesen ist ausschließlich für rein animalische
-Erzeugnisse bestimmt, und hier fallen neben den Schlächtern am
-meisten die reinlichen Butter- und Käsestände ins Auge; mit ihren
-aufgehäuften Massen von Hühner- und Enteneiern, mit ihren Schmalz- und
-Butterkufen, und den gelb glänzenden, hell durchschnittenen Käsen,
-die den Vorübergehenden aus ihren tausend Argusaugen verlangend
-nachschauen.
-
-Neben diesem befinden sich ebenfalls die Stände mit Geflügel, mit
-diesem aber gehts den Bewohnern von Sydney wie mit dem Fleisch, sie
-haben keine Abwechselung darin, weil ihnen das =wilde Geflügel=, wilde
-Enten ausgenommen, fehlt, und immer und ewig sind Hühner, Tauben oder
-Truthühner das einzige was ihrem Gaumen geboten wird. Im Land drin gibt
-es allerdings hie und da viel kleine Rebhühner, Wachteln und einige
-andere Arten; wer die schießt, ißt sie aber auch gewöhnlich selber,
-und sie kommen nicht auf den Markt.
-
-Aus diesen Tausenden, der menschlichen Gier gemordeten Leben, tritt man
-jedoch in ein viel freundlicheres Bild ein, sobald man den schmalen
-Gang überschreitet und in das andere, rein vegetabilischen Erzeugnissen
-bestimmte Gebäude kommt. Die vorragendste Stellung nehmen hier
-unstreitig die in wahren Unmassen aufgestapelten und geschütteten
-Orangen oder Apfelsinen ein. Die australische Orange ist dabei
-vorzüglich, und im Verhältniß auch billig genug, und wird
-viel consumirt. Ueber diesen hängen Ananas von Moreton-Bay, und
-aufgeschichtete Wände von Blumenkohl und anderen Gemüsen bilden den
-Hintergrund. Es war jetzt gerade nicht die eigentliche Fruchtzeit, sonst
-hätten auch noch Pfirsiche und Feigen einen nicht unbedeutenden Platz
-hier angefüllt.
-
-Am schwächsten war der Blumenmarkt vertreten -- die Australier haben
-wenig Sinn für Blumen -- auf dem ganzen Markt wäre kein schöner
-geschmackvoller Strauß aufzufinden gewesen.
-
-Blumen sind aber auch das, wonach die Menschen am wenigsten verlangten.
--- Etwas Compactes wollten sie haben, Roastbeef und Blumenkohl oder
-Weißkraut -- Hammelskeulen und Zwiebeln -- was halfen ihnen die Blumen,
-die waren ja doch nur zum Ansehen.
-
-Durch dieses »Vegetabilische Marktgebäude«, wenn ich es so nennen
-darf, schlenderten langsam, und mit der Miene von Leuten, die nichts auf
-der Gotteswelt, am wenigsten aber Zeit zu verlieren haben, vier Matrosen
--- der erste Blick auf ihre weit zurückgesetzten Hüte und blauen
-Jacken ließ sie als solche erkennen -- und sahen sich ziemlich
-gleichgültig die rechts und links aufgestapelten Fruchtmassen, und
-zu ihrer Schande muß ich's gestehen, ebenso gleichgültig auch
-die manchmal wirklich lieben und freundlichen Gesichtchen an, die
-geschäftig zwischen den einzelnen Ständen hin- und herglitten,
-und ihre Einkäufe für den morgenden Tag besorgten. Sie waren eben
-hierhergekommen, weil sie alle anderen Menschen hatten hierher gehen
-sehen, und ihr Spaziergang schien eher den Grund zu haben, ihre Beine
-wieder einmal »gegen Straßenpflaster zu reiben« als irgend etwas
-anderes.
-
-»Du, Jack«, sagte da endlich der eine von ihnen zu dem vorangehenden,
-»braß einmal hier einen Augenblick back und leg ein halb Dutzend von
-den Apfelsinen ein.«
-
-»Hast du Geld?« wandte sich der also Angesprochene langsam nach ihm
-um -- »mir hat der Alte heute Abend keinen Penny geben wollen. -- Er
-sagte, er hätte es heute ganz vergessen Geld mitzubringen, wir sollten
-aber morgen früh jeder ein Pfund haben, und dann möchten wir noch
-einen Sonntag Abend, wenn wir wollten, an Land gehen -- den Dienstag
-Morgen legte er in die Bay hinaus. Er war verdammt gesprächig.«
-
-»So? dann traue ich ihm gerade am allerwenigsten«, meinte der andere,
-»er hat übrigens höllische Angst daß wir ihm auskneifen, und
-verdient hätt' er's zehnmal. -- Wenn man nur wegkommen könnte. Die
-Straße in die Minen soll ganz besetzt mit Polizeidienern sein, und
-hier versteckt Einen auch niemand. -- Die Strafe ist zu groß, wenn sie
-erwischt werden.«
-
-»Du, sprich nicht so laut«, sagte der dritte -- »ich habe da hinten
-eben unseren Steward gesehen, der Grünes einkaufte. Wenn der ein Wort
-aufschnappen kann, bringt er's dem Alten brühheiß wieder. Das wäre so
-Wasser auf seine Mühle -- er traut uns überhaupt nicht.«
-
-»Hat auch alle Ursache dazu«, brummte der erste, und zog sich die
-Hosen etwas höher über die Hüften -- »wie ich wenigstens jetzt
-gestimmt bin, trau' ich mir selber nicht, und sollte mich gar nicht
-wundern, wenn ich mich morgen oder übermorgen früh einmal in irgend
-einem dunklen aber sicheren Winkel weggestaut fände, und dort krumm
-läge, bis der Boreas beim -- Boreas wäre -- oder sonst wo, wohin er
-immer Lust hat. Es ist schon schlimm genug bei dem alten Schuft Matrose
-zu sein, wie viel weniger denn Pferdejunge.«
-
-Der eine von ihnen, der etwas Geld bei sich hatte, war bei dem nächsten
-Obststand stehen geblieben und hatte seinen Hut voll Apfelsinen gekauft.
-
-»Wo sind denn die übrigen?« frug er seinen Cameraden, als er sie
-wieder eingeholt, »ich dachte, es hätte uns heute Abend irgend jemand
-irgendwo sprechen wollen?«
-
-»Die sitzen im goldenen Kreuz in Pittstreet«, lautete die Antwort,
-»ein Irländer hat dort eine Schenke, und da wollten wir heute Abend
-zusammenkommen.«
-
-»Aber was machen die Deutschen und Franzosen bei dem Irländer?«
-
-»O, er hat eine Frau, vom Rhein glaub' ich, die deutsch und
-französisch spricht -- und dann ist noch ein wunderhübsches Mädchen
-im Hause -- Jean hat sich schon sterblich in die verliebt.«
-
-»Das passirt Jean sehr oft«, sagte der Engländer trocken -- »Das
-könnte er billiger haben. Aber kommt; es wird Zeit -- es muß schon
-acht Uhr sein.«
-
-»Zum Donnerwetter -- da ist der Alte« -- rief plötzlich der eine von
-ihnen, und als sie sich umsahen, war ihr würdiger Capitän auch schon
-dicht hinter ihnen. Er sah sie aber nicht -- die breiten Schultern
-suchten sich, herüber und hinüber arbeitend, Bahn durch das Gedränge
-zu brechen, und jedenfalls hatte er irgend ein Ziel dem er nachstrebte,
-denn er schaute weder rechts noch links, und das Gebäude entlang
-konnten sie der langen riesigen Gestalt mit dem dicken rothen Gesicht,
-mit den Augen folgen.
-
-»Da schwimmt er hin«, sagte der erste lachend -- »mit einer
-fliegenden Fahrt vor dem Wind. Möchte nur wissen auf was er Jagd
-macht.«
-
-»Wahrscheinlich auf das kleine Fahrzeug da vor ihm, mit dem
-schwarzseidenen Jäckchen. Ob er uns wohl gesehen hat? Er guckte aber
-gar nicht her.«
-
-»O Gott bewahre«, lachte ein anderer. »Der nahm eben ganz genaue
-Peilung voraus und scheert sich auch überhaupt den Teufel um uns.
-Sobald wir nur immer zur rechten Zeit an Bord kommen und kein Geld von
-ihm wollen, sind wir ihm gut genug. In allem anderen können wir zum
-Teufel gehen. Aber kommt, wir halten hier gerade durch Georgestreet
-durch und die kleine Straße hinunter. An der nächsten Ecke gehen wir
-über Stag, und dann haben wir reines Fahrwasser, bis wir das goldene
-Kreuz über der Thüre sehen.«
-
-Die vier Matrosen verließen das Marktgebäude und gingen Marktstreet
-hinunter nach Pittstreet zu, der sie aufwärts folgten. Am Courthaus
-standen zwei Männer in dunklen Ueberröcken und Mützen. Sie sahen den
-Matrosen nach, und der eine von ihnen sagte leise:
-
-»Weißt du von welchem Schiff die sind? im Markthaus machte mir der
-eine ein paar sehr verdächtige Bemerkungen; ich möchte wohl wissen wo
-sie hingehen. Wenn ich nicht irre, so nannte der eine den Namen Boreas
--- sind sie von dem Schiff, so können wir nur immer die Augen offen
-haben.«
-
-»Weit marschiren werden sie nicht«, sagte der zweite, »und da
-brauchen wir ja nur einmal mitzugehen.«
-
-Die beiden Männer folgten langsam den vier Matrosen, bis diese in der
-Thür des goldenen Kreuzes verschwanden -- dann blieben sie auf der
-anderen Seite der Straße stehen.
-
-»Wollen wir einmal hinein?« sagte der eine.
-
-»Ja, aber jetzt noch nicht«, entgegnete ihm der andere -- »es ist
-noch zu früh. Wir müssen ihnen ein Weilchen Zeit lassen, bis sie erst
-ein halb Duzend Gläser im Kopf haben.« Und mit diesen Worten gingen
-sie langsam die Straße wieder hinunter nach dem Theater zu, wo um diese
-Zeit das regste Leben war.
-
-Laß sie gehen, lieber Leser -- es sind zwei verkleidete Polizeidiener,
-und die melden sich immer schon von selber wieder. Wir wollen indessen
-einmal in das goldene Kreuz treten, und zusehen ob sie da drinnen guten
-Portwein haben.
-
-
-
-
-Drittes Capitel.
-
-Die Matrosenkneipe.
-
-
-Das goldene Kreuz zeichnete sich vielleicht in nichts, als eben seinem
-frommen Aushängschild vor den übrigen tausend Schenken Sydney's aus,
-wo der Wirth über der Thür die vom Staat erhaltene Erlaubniß mit den
-stereotypen Worten anzeigt: »_Licensed to sell spirituous and fermented
-liquors_,« was er sich selber übersetzt -- »Du darfst jeden Schund
-verkaufen den man nur in eine Flasche gießen, und aus einem Glase
-trinken kann.«
-
-Im Innern sah es aber reinlich und selbst behaglich genug aus, denn es
-ist kaum so sehr des Wirths Vortheil seine Gäste hereinzulocken, als
-sie nachher darin zu halten. Das große mittlere Fenster, das die halbe
-Wand einnahm, war inwendig mit weißer Farbe leicht überstrichen und
-nur auf den Scheiben prangten oben die Worte »Wine Vaults«, und rechts
-und links »London Porter« und »Baß's Ale«, zierlich mit Wein und
-Hopfenreben umrankt. Im Innern aber standen oben auf den blank lackirten
-Gefachen messingbeschlagene kleine Fäßchen, mit ihrem Inhalt
-in sauberen goldenen Buchstaben darauf verzeichnet, und reinliche
-geschliffene Caraffen mit neusilbernen gravirten Schilden.
-
-Nur rechts und links war das schwere Geschütz, eine dunkle
-Batterienmasse von Ale- und Porterflaschen mit ihren bleiernen Deckseln,
-aufmarschirt, und unten lagen kleine rundbäuchige weiße Glasflaschen,
-fest zugebunden, mit Sodawasser und moussirender Limonade, wie denn auch
-an der Wand eine Hand mit einer daringehaltenen Sodaflasche die werthe
-Adresse des Fabrikanten jedem verkündigte, der sich nur die Mühe geben
-wollte sie zu lesen.
-
-Auf dem Ladentisch waren die nach unten niedergehenden Pumpen mit
-elfenbeinernen Knöpfen angebracht, _draught Ale and Porter_ gleich
-frisch heraufzuziehen und rings im Zimmer aufgestellte Tische und
-Stühle mit kleinen, heimlichen, hölzernen Verschlägen, in die nur
-höchstens immer vier Menschen hineinpaßten. Diese hatten statt der
-Thüren Gardinen.
-
-Hinter dem Schenktisch stand auf der einen Seite der Wirth, eine
-vierschrötige pockennarbige Gestalt mit rothen Haaren und kleinen aber
-verschmitzten Augen, und einem besonderen humoristischen Zug um
-den Mund. Es war der Irländer Mac Carther und der Eigenthümer des
-goldenen, und eines anderen Kreuzes, das mit weißer Schürze und
-kleiner blumenbesetzter Mütze an der anderen Seite hinter dem
-Schenktisch stand, und die bestellten Gläser füllte. Das flinke
-Schenkmädchen, Polly, trug sie dann an den Ort ihrer Bestimmung, und
-cokettirte dabei nach besten Kräften mit den Gästen. Mac Carther zog
-die Propfen aus den Flaschen und spülte die Gläser aus.
-
-Mrs. Mac Carther kann ich mit wenigen Worten schildern -- Sie war eine
-Elsässerin mit schwarzen Haaren und schwarzen Augen, etwa 30 Jahr alt,
-was man ihr aber kaum ansah, und von resolutem festem Charakter, wie
-denn auch Mac Carther, der sonst gewiß nicht zu den Schwächlingen
-gehörte, nicht umhin konnte zu bezeugen. Daran war kein Zweifel,
-sie regierte das Kreuz, und da sich dasselbe unter den zarten Händen
-ungemein wohl befand, und an Gästen und Einnahmen fast wöchentlich
-wuchs, fügte sich auch Mac Carther sehr gern dieser Autorität, und
-begnügte sich, daneben nur noch allerlei kleine Beigeschäfte auf seine
-eigene Hand zu treiben. Doch davon später.
-
-Polly war das Muster eines Sydney-Schenkmädchens; drall und schlank
-gewachsen, und mit ein paar Augen, die denen ihrer Herrin an
-Schwärze und Feuer wahrlich nicht nachstanden, die sie selber aber an
-jugendlicher Frische weit übertraf. Mrs. Mac Carther war aber deshalb
-nicht im mindesten eifersüchtig. -- Gerade diese »jugendliche
-Frische« zog ihr allabendlich so und so viel mehr Gäste in das Haus,
-und deshalb hatte sie Polly eben zum Schenkmädchen angenommen.
-
-Es war noch nicht spät am Abend; darum hatten sich auch noch nicht so
-viel Gäste eingefunden. Nur an zweien der Tische saßen die Leute vom
-Boreas, fünf Deutsche und drei Franzosen, und tranken, die ersteren
-Ale, die anderen Claret. Polly brachte den letzeren eben eine frische
-Flasche auf den Tisch, und Jean hatte die Hand gefaßt, die sie nach
-der geleerten ausgestreckt. Sie sah ihn lächelnd an und versuchte sich
-leise loszumachen.
-
-»Polly«, sagte der junge hübsche Matrose, und legte ihr die linke
-Hand auf die Schulter -- »du bist auch heute Abend wieder einmal recht
-häßlich, und willst mich gar nicht ansehen -- hab ich dir irgend etwas
-zu leid gethan?« -- Er sprach das Englische etwas gebrochen, es klang
-aber doch gut und das Mädchen schüttelte lachend den Kopf.
-
-»Nichts zu leid gethan, Mr. Jean, aber los lassen müßt ihr mich, denn
-Missis sieht schon scharf nach mir herüber und ich habe viel zu thun.
--- Da kommen noch andere Gäste.«
-
-»Polly, ich habe dir etwas zu sagen«, flüsterte ihr Jean jetzt leise
-und rasch in's Ohr -- »willst du mir nachher nur auf wenige Secunden
-hinausfolgen?«
-
-»Ich weiß noch nicht«, sagte das Mädchen halblaut und machte sich
-von ihm los. Die Augen wußten es aber und sagten ja, und Jean leerte
-sein Glas auf einen Zug.
-
-»Hallo, schon wieder so geschäftig?« lachte Bill, der zuerst
-eintretende von den englischen Matrosen, »da ist ja die ganze
-Bescheerung bei einander, und Jean hat alle Hände voll zu thun, wie ich
-sehe. Guten Abend Mac Carther, guten Abend Missis -- jung und schön wie
-eine Rose -- aber nicht wie die letzte -- heh Missis? -- Was trinkst du,
-Jack, und du Bob -- wie? Jims Geschmack kenne ich schon, der hält's wie
-ich, mit Brandy und Wasser!«
-
-Die viere traten zum Schenktisch und tranken, und setzten sich dann an
-den, an der hinteren Wand quer vorstehenden langen Tisch, wohin ihnen
-die anderen bald darauf mit ihren Flaschen und Gläsern folgten, und
-ein leises Gespräch mit einander begannen. Außer den Leuten vom Boreas
-waren nur noch wenige andere Gäste im Zimmer, und der Wirth, der eben
-erst noch zwei Porterflaschen für die Letztgekommenen geöffnet hatte,
-rückte sich nach einer kleinen Weile einen Stuhl mit zu ihnen, sprach
-aber noch kein Wort. Er schien etwas auf dem Herzen zu haben.
-
-»Wer ist denn das, der uns heute hier sprechen wollte«, sagte Jean
-endlich, sich zu ihm wendend, »heraus mit ihm und mit dem was er zu
-sagen hat. Ich kann heute Abend nicht lange hier bleiben, und wir sind
-jetzt so ziemlich alle zusammen.«
-
-»Hm«, sagte Mac Carther, und warf einen anscheinend gleichgültigen
-Blick über das Zimmer, der übrigens keinen der sonstigen Gäste, so
-flüchtig er auch über ihnen hinstreifen mochte, unbeobachtet ließ.
-Gleich darauf als ob ihn diese Rundschau befriedigt hätte, bog er sich
-über den Tisch etwas vor und sagte mit leiser Stimme, die Umsitzenden
-dabei alle mit den Augen musternd:
-
-»Seid Ihr gesonnen an Bord zu bleiben, oder wollt Ihr hier in der Stadt
-eine Beschäftigung haben? -- Das heißt -- versteht mich wohl -- ich
-weiß nicht was Ihr für einen Contract an Bord habt; geht mich auch gar
-nichts an. -- Hält Euch aber nichts dort, so weiß ich Euch hier eine
-Stelle, wo Ihr mit Bequemlichkeit Eure sechs bis acht Schilling den Tag
-verdienen könnt -- und dafür müßt Ihr eine ganze Woche an Bord wie
-die Pferde arbeiten. Sind welche von Euch Segelmacher?«
-
-»Vier von uns sind gelernte Segelmacher« -- sagte der eine Deutsche,
-»und die anderen verstehen meist alle genug davon, die laufenden
-Arbeiten verrichten zu können.«
-
-»Das wäre dann noch besser, die verdienen jetzt noch mehr mit
-Zeltmachen«, sagte der Wirth sinnend. »Habt Ihr noch Geld zu gut, oder
-sind welche unter Euch, die vielleicht selber etwas anfangen können?«
-
-»Ich habe 600 Franken«, sagte Jean rasch, »und Lust genug hier für
-immer an Land zu bleiben, wenn nur« -- er hielt inne und sah forschend
-nach Polly hinüber, diese aber warf ihm einen freundlichen Blick zu und
-Jean schien dadurch plötzlich zu einem Entschluß gekommen. -- »Was
-wollt Ihr mit uns thun? -- was könnt Ihr? -- heraus mit der Sprache und
-haltet nicht so lange hinter dem Berge.«
-
-»Ich?« sagte der Wirth erstaunt -- gab ihm aber doch dabei ein Zeichen
-nicht so laut zu sprechen -- »ich? was ich mit Euch will? -- gar
-nichts. -- Was kann ich mit Euch wollen. Ich frage Euch nur Euretwegen,
-und habe Euch schon gesagt, ich weiß gar nicht und kann nicht wissen,
-wie Ihr mit dem Schiff steht. So viel aber ist gewiß -- jetzt wäre die
-Zeit hier in Sydney für einen jungen Mann sein Glück zu machen, und
-wer das mit Füßen von sich stößt, der hat es nachher selber zu
-verantworten.«
-
-»Ja, das ist Alles recht gut, aber wie können wir vom Schiff
-loskommen?« sagte der eine Engländer -- »und wenn wir los sind, denn
-das wäre noch das wenigste, wo können wir bleiben? Wir müssen
-erst einen Zufluchtsort hier am Ufer haben, und einen =sicheren=
-Zufluchtsort, denn sonst ist die Sache nachher verdammt Essig. Vom
-Schiff hat jeder von uns allerdings noch zu gut, das wißt Ihr aber
-selber wohl, können wir nicht bekommen, und das einzige was wir im
-Stande sind mitzunehmen, sind vielleicht unsere Kleider. Wer soll uns
-nachher aufnehmen und wer wird uns so lange Credit geben?«
-
-»O, so viel sind unsere Kleider schon werth«, sagte ein anderer. »Wo
-die so lange in Versatz bleiben, können wir auch ein paar Tage essen
-und trinken, bis das Schiff fort ist, und mit dem hohen Lohn hier sind
-wir dann leicht im Stande, unsere Schulden wieder abzutragen.«
-
-»Ich will Euch was sagen«, meinte da Mac Carther und bog sich zu ihnen
-über den Tisch hinüber -- »wenn Ihr meinem Rathe folgen wollt, so --«
-In diesem Augenblicke fiel hinter dem Schenktisch ein Glas herunter
-und zerbrach klirrend am Boden. Mrs. Mac Carther hatte es fallen lassen.
-Mac Carther fuhr aber, ohne sich dadurch irre machen zu lassen, ja ohne
-den Kopf dorthin zurückzudrehen, ruhig und langsam fort -- »so malt
-Ihr Euer Schiff mit einer hellen Farbe und nicht mit Schwarz. -- In dem
-heißen Klima wohin Ihr geht zieht Schwarz die Sonne viel zu sehr an,
-während eine hellere Farbe das Holz ungemein conservirt.«
-
-»Aber was zum Donnerwetter geht uns denn in diesem Augenblick die Farbe
-an, wo wir --«
-
-»Nichts mit dem Bezahlen des Schiffes zu thun haben«, unterbrach Mac
-Carther den Engländer, indem er ihm zugleich einen warnenden Blick
-zuwarf -- »das weiß ich wohl, ich sage nur ich thäte das, wenn ich
-Capitän von einem Schiff wäre, und in ein heißes Klima hinaufginge.«
-
-Während er noch sprach, waren unsere beiden Bekannten vom Markthaus
-in das Zimmer, und gerade als das Glas zerbrach, dicht hinter den Wirth
-getreten, und ließen sich jetzt an demselben Tisch nieder, wo sie eine
-Flasche Porter verlangten.
-
-Der Wirth ging hin diese zu öffnen, und das Gespräch war für den
-Augenblick abgebrochen. Die Matrosen merkten bald genug, daß Mac
-Carther seine wohlbegründete Ursache haben mußte, in Gegenwart der
-beiden Fremden weiter nicht über die bewußte Sache zu reden. Jean
-stand auf, blinzte Polly mit den Augen zu und ging hinaus an die
-Hofthür. Wenige Minuten später stand das wunderhübsche Mädchen
-an seiner Seite und legte ihre Hand in die ihr dargebotene Rechte des
-jungen Mannes.
-
-»Polly«, sagte Jean, und zog die nur leise Widerstrebende fester an
-sich -- »ich habe keine Zeit zu großen Umschweifen, ich will dich auch
-gar nicht mit langen Redensarten plagen. Hör mir nur wenige Secunden zu
-und sage dann ja oder nein.«
-
-»Aber ich weiß ja nicht --«
-
-»Du sollst es gleich erfahren« unterbrach sie der junge Franzose --
-»ich bin des Seefahrens, ja überhaupt des Herumschweifens satt.
-Zehn Jahre lang habe ich mich nun in der Welt und in allen Welttheilen
-umhergetrieben, und bin nicht im Stande gewesen etwas für ein reiferes
-Alter zu thun -- es liegt auch das eigentlich nicht im Blut meiner
-Landsleute. Hier aber, glaub ich, ist der Zeitpunkt gekommen wo ich
-etwas Besseres ergreifen kann, doch allein will ich das nicht thun. --
-Willst du mir helfen, Polly? willst du -- mein Weib werden?« flüsterte
-er leise, sich zu ihr niederbeugend und ihr einen heißen Kuß auf die
-Stirn drückend.
-
-»_Do'nt -- do'nt_«, bat das Mädchen flüsternd, und suchte sich von
-ihm loszumachen. Es war ihr aber nicht recht Ernst damit, denn Jean
-konnte sie leicht zurückhalten; doch dringender bat er jetzt.
-
-»Antworte mir, Polly. -- Von dir hängt es ab ob ich in Sydney --
-in Australien bleiben soll oder nicht. -- Sagst du ja, dann sollst du
-einmal sehen wie tüchtig ich arbeiten kann, und haben wir uns etwas
-verdient, dann kehren wir nach meinem schönen Frankreich zurück. -- Es
-soll dir schon gefallen in der Provence. -- Aber du sagst ja kein
-Wort, und ich weiß doch, daß du dich in den Verhältnissen hier nicht
-glücklich fühlst, nicht glücklich fühlen kannst.«
-
-»Glücklich?« sagte das Mädchen leise und schüttelte wehmüthig mit
-dem Kopf -- »es ist ein schreckliches Leben fortwährend dem wüsten
-Trinken und Treiben zuzusehen. -- Aber was soll ein armes Mädchen
-anderes thun -- und es ist doch immer ein ehrlicher Unterhalt.«
-
-»Und sagst du =ja=, Polly?« bat der junge Mann dringender, und küßte
-die jetzt nicht mehr widerstrebenden rosigen Lippen -- »sagst du ja?«
-
-»Komm nur erst an Land«, flüsterte Polly, und ehe er es sich versah,
-war sie ihm unter den Händen fort und ins Haus geschlüpft. Mit
-leuchtenden Augen folgte ihr aber Jean, und war auch gar nicht böse
-darüber, daß sie seinen suchenden Blick im Anfang vermied und sich
-mit ihrer Arbeit eifrig beschäftigte, während sie Mrs. Mac Carther
-ausschalt, was sie draußen herumzustreifen habe, indessen in der Stube
-alles drunter und drüber ging.
-
-In derselben Zeit übrigens, in der Jean draußen zu einem Entschluß
-gekommen war, hatte sich auch in der Stube selber manches geändert. Die
-beiden Polizeidiener, welche Mrs. Mac Carther ebenso gut kannte als ihr
-Mann das Vorsichtszeichen mit dem klirrenden Glas, waren, als sie sahen,
-daß sie weiter nichts Besonderes hören und erfahren konnten, weiter
-gegangen. Dafür aber war ein neuer Besuch gekommen, und zwar der
-Steward vom =Pelican=, der früher mit einem der Engländer auf ein
-und demselben Schiff gefahren, und heute Abend noch einmal in die Stadt
-gemußt hatte, mehreres Vergessene an Gemüsen und Früchten für das
-morgen früh in See gehende Schiff einzukaufen. Er wußte wo die Leute
-vom Boreas heute zusammenkamen, und schien sie dort aufgesucht zu haben.
-Als Jean hereinkam, waren sie im eifrigsten Gespräch. -- »Und ich sage
-Euch«, behauptete der Steward auf einen der Gegeneinwürfe Bills, »daß
-ich heute morgen mit meinen eigenen Ohren und aus dem eigenen Munde
-Eures Capitäns gehört habe, wie er morgen früh um sechs Uhr mit
-dem kleinen Dampfschiff The Brothers in die Bay hinauslegen will. --
-Dasselbe Boot soll ihm auch dann am Montag Morgen die noch fehlenden
-Pferde hinausbringen und dann geht er auch wahrscheinlich noch den
-Montag Mittag in See. Euer Capitän war heut zweimal bei uns an Bord --
-das erstemal that er furchtbar dick, das zweitemal schien er sich
-aber doch besser besonnen zu haben, und will Euch vor allen Dingen in
-Sicherheit bringen. Ihr seht also daß Ihr keine Zeit mehr zu verlieren
-habt.«
-
-»Seeschlangen und Schildkröten!« brummte der eine Engländer -- »das
-wäre ein verdammter Streich. Deshalb wollte uns also der alte schlaue
-Fuchs morgen erst das Geld geben. Nachher hatte er uns alle sicher an
-Bord, und setzte uns am Ende gar noch ein paar von den Polizeiknechten
-oben drauf.«
-
-»Und Ihr wißt uns einen Platz, Mac Carther«, sagte der eine von den
-Franzosen, »wo Ihr uns sicher unterbringen könnt? -- Wahrhaftig ich
-komme heute Abend mit Sack und Pack an Land.«
-
-Mac Carther ging fort als ob er die Frage nicht gehört hätte,
-seine Frau aber, die indessen zum Tisch getreten war, sagte mit halb
-unterdrückter Stimme auf französisch:
-
-»Laßt ihn gehen -- er darf sich mit den Geschichten nicht befassen,
-denn kommt so etwas vor Gericht, so muß er am Ende schwören, und wenn
-er nichts davon weiß, kann er das auch mit gutem Gewissen. Ich
-werde dafür aber schon sorgen. Bringt nur heute Abend spät Eure
-Kleidungsstücke her -- die Hinterthüre kennt Ihr ja, wenn die vordere
-Thür geschlossen sein sollte, und mit Tagesanbruch schaff ich Euch aus
-der Stadt. Es ist ein Arbeiter von meinem Schwager über der Bay drüben
-gerade hier, und mit dem könnt Ihr Holz schlagen oder Segel machen, zu
-was Ihr Lust habt, bis das Schiff fort ist.«
-
-»Was zum Teufel ist das für ein Gewälsch,« brummte Bill. -- »Redet
-englisch, daß ein anderer auch ein Wort verstehen kann.«
-
-»Seid ruhig, Jean wird es Euch übersetzen«, flüsterte Mrs. Mac
-Carther, »es sind hier noch andere Ohren, die gerade nicht zu wissen
-brauchen, über was wir gesprochen haben.« Damit wandte sie sich vom
-Tisch ab, und trat hinter ihren Schenkstand zurück. Die Leute vom
-Boreas flüsterten aber noch eine Weile miteinander, und verließen dann
-die Schenke. Jean selbst hatte mit Polly keine weitere Abrede nehmen
-können.
-
-
-
-
-Viertes Capitel.
-
-Die Flucht von Bord.
-
-
-Der Boreas, ein volles Schiff, lag dicht am Patent Slip -- eine Art
-Dock, wo hinauf die Schiffe durch Maschinerie gezogen werden, bis
-sie vollkommen trocken zu liegen kommen, und bis zum Kiel hinunter
-nachgesehen und ausgebessert werden können. Nach dem Herunterlassen
-hatte der Boreas dicht daneben angeholt, seine Takelage nachgesehen,
-Ballast, Wasser, Mais, Heu und Pferde eingenommen, und lag nun dort
-dicht an dem abgebauten Werft vor einem Anker, der nach der Bay zu
-ausgeworfen war. Zwei starke Taue hielten noch außerdem das Schiff am
-Land befestigt, und man stieg an der Fallreepstreppe gleich von Bord auf
-das Werft hinunter.
-
-Die Mannschaft des Boreas kam in einzelnen Gruppen, zu zweien und
-dreien, an Bord zurück. Der Zimmermann, ein Engländer, hatte die Wacht
-als sie kamen, und die Leute gingen rasch in das Vorcastle hinunter,
-diese Zeit zu benutzen und ihre Sachen zusammenzupacken.
-
-Den Zimmermann und Mate durften sie natürlich nichts merken lassen; der
-Mate schlief aber gewöhnlich um diese Zeit schon. Einer von ihnen blieb
-bei dem Zimmermann an Deck, um, wenn irgend einer der Officiere Miene
-machen sollte hinunter zu ihnen zu steigen, das verabredete Zeichen zu
-geben, d. h. irgend etwas Schweres auf Deck fallen zu lassen. Es konnte
-das ohne Aufsehen geschehen.
-
-Jean war an Deck und schlenderte mit dem Zimmermann langsam den Gangweg
-auf und nieder. -- Er erzählte ihm Geschichten aus der Provence, um ihn
-beschäftigt zu halten, und es gelang ihm auch so weit, daß er seinen
-Cameraden vollständig Zeit verschaffte sich zu rüsten. Die einzige
-Schwierigkeit war jetzt ihre Sachen an Deck zu bringen und von hier
-damit an Land zu kommen, ohne daß Lärm geschlagen wurde. In dem Fall
-befanden sie sich nämlich in einer höchst fatalen Lage, da nur
-ein ganz schmaler langer Weg von dem Werft an dem sie lagen nach
-Sussexstreet hinaufführte, und eine Masse von Constablern in der Gegend
-fortwährend auf und ab gingen. Der geringste Lärm konnte einen davon
-an den Eingang der Straße führen und dann hatte er, wenn er wollte,
-zwanzig Andere mit Blitzesschnelle zu seiner Hülfe herbeigezogen.
-
-Am besten wäre es gegangen, wenn sie eines der an den Pfählen
-befestigten Boote =geborgt= hätten, und damit an das gegenüber
-liegende Ufer der Bay gefahren wären. Auf jeden Fall konnten sie
-solcher Art ihre Sachen am leichtesten in Sicherheit bringen. Dort
-drüben standen auch noch keine, oder nur wenige Häuser, keinenfalls
-waren Polizeidiener dort. Sie selber brauchten nur bis Georgestreet
-hinaufzugehen, wo sie die dort einlaufende Bay umgangen hatten, und
-konnten dann ihr ganzes Gepäck leicht und ohne Verdacht zu erregen quer
-über Georgestreet in das Wirthshaus zum goldenen Kreuz schaffen.
-
-Es war noch nicht zwölf als der zweite Mate vom Land an Deck kam und
-nach vorne ging. Jean stand mit dem Zimmermann gerade an der Cambuse,
-und als er die dunkle Gestalt auf sich zukommen sah, stieß er mit dem
-Fuß an eine dort zufällig liegende Handspake, nahm sie auf und warf
-sie von sich, daß sie mit lautem Gepolter auf Deck niederschlug.
-
-»Gott verdamme das verwünschte Holz«, fluchte er dabei, und hielt
-sich den Fuß -- »stößt man sich auf dem sakermentschen Deck auch
-noch die Gliedmaßen zu Schanden.«
-
-»Was für ein Heidenlärm ist denn das da drüben?« rief der Mate
-ärgerlich und kam herüber nach Backbord. -- »Wer ist da? Jean? kommt
-Ihr eben erst von Land?«
-
-»Nein, ich bin schon fast eine Stunde mit dem Zimmermann hier auf- und
-abgegangen.«
-
-»Chips«[3] sagte der Mate, und zog den Zimmermann etwas bei Seite --
-»haltet Eure Augen offen. -- Im Vorcastle war eben, als ich auf Deck
-kam, noch Licht -- jetzt ist's aber aus. Sind die Leute schon lange an
-Bord?«
-
-»Die letzten kamen vor etwa einer halben Stunde -- ich denke sie sind
-jetzt wohl zu Coye gegangen«, sagte der Zimmermann. »Wie viel Uhr
-ist's? -- es muß bald Mitternacht sein.«
-
-»In fünf Minuten etwa ist's zwölf«, sagte der Mate -- »ich will
-den Steward jetzt wecken, um zwei Uhr löst Ihr ihn wieder ab. Beim
-geringsten Verdächtigen was Ihr seht, ruft Ihr mich. Ihr könnt zu Bett
-gehen, Jean«, wandte er sich dann lauter an den indessen weiter nach
-vorne gegangenen Matrosen. -- »Es wird gleich 12 Uhr sein.«
-
-»Soll ich Bill rufen?« frug Jean, der stehen blieb -- »ich glaube
-Bill hat die nächste Wacht.«
-
-»Nein, ist nicht nöthig«, lautete die Antwort. -- »Ihr könnt alle
-zu Coye gehen.«
-
-»Das ist eine schöne Geschichte«, dachte Jean, als er in das Logis
-hinabstieg, die übrigen mit dem neuen Befehl bekannt zu machen. Vorher
-lauschte er aber noch eine Weile unter der Logiscap, zu sehen ob ihm
-auch niemand folge. Als er alles sicher wußte sagte er leise:
-
-»Hallo da -- schlaft Ihr?« es war stockfinster und man konnte keine
-Hand vor Augen sehen.
-
-»Ist das Jean?« frug vorsichtig eine einzelne Stimme.
-
-»Ja«, lautete die ebenso leise Stimme -- »habt Ihr alles in
-Ordnung?«
-
-»Alles in Ordnung«, erwiederte Bill -- »ist die Luft rein? meine
-Wacht muß gleich angehen.«
-
-»Gebt Euch keine Müh«, sagte Jean. »Die Schufte müssen Lunte
-gerochen haben; wir brauchen die Nacht nicht zu wachen. Wahrscheinlich
-will der Mate mit dem Zimmermann, und vielleicht auch Steward selber
-Wache gehen. Der Capitän ist auch schon an Bord, wie mir der Zimmermann
-gesagt hat.«
-
-»Verflucht noch einmal«, rief der Koch, der es in diesem Fall ganz mit
-den Matrosen hielt, und sprang mit einem Satz aus der Coye, in die
-sie sich alle, als sie das Zeichen hörten, hineingeflüchtet hatten.
-»Jetzt sind wir geleimt.«
-
-»Doch noch nicht«, meinte Jean, der vorher noch einen vorsichtigen
-Blick nach oben geworfen. »Erst wollen wir einmal abwarten wer die
-nächste Wache hat, und dann sehen was sich thun läßt -- wenn ich nur
-erst meine Siebensachen in Ordnung hätte. Ein Licht darf ich mir aber
-gar nicht anstecken, sonst haben wir den Satan gleich wieder auf dem
-Hals.«
-
-»Hier, nimm die kleine Laterne«, sagte Bill und reichte sie ihm aus
-der Coye -- »die kannst du in deine Kiste setzen, da fällt kein Strahl
-nach oben.« Jean fühlte sich zu ihm hin, ging in die vorderste
-Ecke die Kerze darinnen anzuzünden und brachte dann den vollkommen
-geschützten Strahl sicher in seine Kiste, die glücklicherweise an
-einer Wand stand und von oben aus nicht leicht gesehen werden konnte.
-Er brauchte auch nicht lange, mit seinen Sachen in Ordnung zu kommen; um
-halb ein Uhr war alles gerüstet, das Licht wieder ausgelöscht und
-Bob wurde jetzt zum Recognosciren an Deck geschickt. Er kam nach zehn
-Minuten etwa wieder herunter. Der Steward war auf Wache, und kaum hatte
-er diesen Bericht abgestattet, als der Zimmermann ins Logis kam, sich
-auszog und zu Coye ging.
-
-Es war jetzt weiter gar nichts zu thun, und Jean faßte schon den
-Entschluß bis Tagesanbruch noch zu warten, dann aber, wenn sich bis
-dahin kein anderer Ausweg zur Flucht zeigen sollte, seine Sachen im
-Stich zu lassen und nur mit seinem Gelde an Land zu gehen, oder, wenn
-auch das nicht gehen sollte, über die Bay ans andere Ufer zu schwimmen.
-
-Bis zwei Uhr lagen die Matrosen alle in peinlichster Erwartung; keiner
-schlief, keiner wagte aber auch nur ein Wort zu sprechen, denn der
-Zimmermann schnarchte nicht und verrieth auch sonst durch nichts, daß
-er selber eingeschlafen sei. Was da thun?
-
-Ihrer Rechnung nach mußte es bald Tag werden, als der Steward in das
-Logis herunterkam. Er blieb erst ein paar Minuten stehen und horchte --
-aus allen Coyen tönte das tiefe regelmäßige Athmen fest Schlafender.
-Selbstzufrieden und stillvergnügt nickte er mit dem Kopf, fühlte sich
-dann leise, ja keinen der Leute zu stören, nach des Zimmermanns Coye
-hin und weckte diesen.
-
-»Wer ist da?« rief der Zimmermann aus tiefem Schlafe auffahrend --
-»halt sie -- da laufen sie.«
-
-»Halt doch das Maul«, flüsterte der Steward und schüttelte ihn aus
-Leibeskräften, »du machst ja die ganze Mannschaft munter. -- Es ist
-zwei Uhr, steh auf -- ich bin müde wie ein Hund.«
-
-»Ay, ay«, sagte der Zimmermann, noch immer halb im Schlaf -- »ich
-komme gleich -- wo sind denn -- O ja -- 's ist alles recht -- ich weiß
-schon. -- Alles in Ordnung?«
-
-»Alles! Steh nur auf und schlaf nicht wieder ein« -- antwortete ihm
-der Steward und wandte sich nach der Treppe zurück, stieß sich aber
-mit dem Schienbeine an eine dort vorgeschobene Kiste. -- »Gott verdamme
-den Plunder!« rief er leise mit verbissenem Schmerz -- »da muß ein
-ganzer Fetzen Haut herunter sein. -- Ich wollte daß die Kerln da --«
-
-Er brummte das andere, als er auf der endlich erreichten Treppe langsam
-an Deck kletterte, leise vor sich hin und verschwand gleich darauf oben.
-
-Der Zimmermann lag noch etwa zehn Minuten still, wälzte sich dann
-stöhnend aus seiner Coye, tappte nach seiner dicken wollenen Jacke,
-die er endlich fand und anzog, nahm die Mütze von dem Nagel, an dem
-sie inwendig in seiner Schlafstelle ihren Platz hatte, und folgte dem
-Steward an Deck.
-
-Er hatte kaum den letzten Fuß von der Leiter genommen, als Jean
-ebenfalls aus der Coye sprang, ihm leise nachschlich und an Deck horchte
-wo er blieb. Er war zurück nach dem Quarterdeck gegangen.
-
-»Was jetzt thun?« sagte er leise, als er wieder herunterstieg -- »in
-ein paar Stunden ist es Tageslicht, und das größte Glück, daß wir
-den Burschen wenigstens aus dem Logis haben. Das hätt' ich aber wissen
-sollen, daß er so fest wie ein Bär schlief -- wir könnten jetzt alle
-in Sicherheit sein. Wer gibt nun den besten Rath?«
-
-»Ob es der beste ist weiß ich nicht«, sagte der eine Deutsche, »aber
-etwas kann ich Euch vorschlagen: ich will mich, wenn die Luft klar ist,
-vorne hinunter lassen und eins von den kleinern Booten dicht unter die
-Klüsen holen. -- Dann müßt Ihr sehen wie Ihr die Säcke, ohne daß
-der Zimmermann etwas merkt, einen nach dem anderen hinunterbringt, und
-ich schaffe sie dann ans andere Ufer hinüber, wo ich auf Euch warte bis
-Ihr mich abholt.«
-
-»Aber sollen wir es denn doch nicht lieber erst einmal versuchen die
-Sachen an Land zu schaffen?« frug Bob, der eine Engländer. »Das
-wären doch verdammt weniger Umstände als mit dem Wasser -- und nachher
-das Herumlaufen um die Bay. Es wird ja heller lichter Tag, ehe wir nur
-hinüber kommen.«
-
-»Wir dürfen es nicht wagen unsere Sachen hier an Land zu bringen«,
-sagte der Deutsche rasch -- »wenn die solche Vorsichtsmaßregeln
-treffen wie mit der Wache, so werden sie auch nicht versäumt haben den
-Constables in Sussexstreet aufzutragen, alle, die etwa hier heraus mit
-Bündeln kommen sollten, einfach zu arretiren. -- Das ist wenigstens
-das Wahrscheinlichste, und dem wollen wir uns doch nicht aussetzen.
-Uebrigens muß der Zimmermann auch jeden sehen, der hier über den
-langen, schmalen, und an allen Seiten offenen Platz nach den Häusern zu
-geht, und würde augenblicklich Lärm schlagen!«
-
-»Wie kommen wir selber dann aber nachher fort?« frug Jean wieder.
-
-»O nur erst einmal die Sachen in Sicherheit, das andere findet sich
-dann von selber«, sagte der Deutsche -- »alles klar an Deck, Jean?«
-
-»Ja, jetzt noch; der Zimmermann kommt aber gerade wieder die
-Quarterdeckstreppe herunter. -- Es ist die höchste Zeit.«
-
-Ohne weiter ein Wort zu erwiedern glitt der Deutsche wie eine Schlange
-die Treppe hinauf, um die Logiskappe herum und in die Gallione hinaus,
-dort an der Ankerkette hinunter und ins Wasser hinein. Jean horchte
-aufmerksam, konnte aber kein Plätschern hören, so vorsichtig hatte
-sich jener hineingelassen.
-
-Der Zimmermann ging ein paarmal an Deck auf und ab, und die Leute
-saßen indessen des Zeichens harrend, daß das Boot am Steven liege, mit
-klopfendem Herzen im »Logis.« Sie hatten all ihr Zeug an, was sie
-nur auf den Leib bringen konnten, und das übrige in die gewöhnlichen
-Leinwandsäcke, die den Reisesack eines Seemanns bilden, »eingestaut.«
-Bill nahm seinen Sack zuerst heraus und schaffte ihn, als der Wächter
-gerade nach vorne ging, auf die Gallione. Jean wollte aber keinen weiter
-hinauslassen, bis das Boot darunter liege. -- Fiel es dem Zimmermann
-einmal ein nur ein paar Schritt weiter nach vorn zu gehen wie
-gewöhnlich, so waren sie zu sehr der Gefahr ausgesetzt entdeckt zu
-werden.
-
-Endlich kam das erwartete Zeichen -- schneller fast als sie es
-eigentlich hoffen konnten. -- Leise wurde von außen vorn an das Schiff
-geklopft, und Jean horchte hinaus ob er etwas vom Wächter hören
-konnte.
-
-»Wo ist der Zimmermann jetzt?« frug Bill von unten herauf -- »kannst du
-ihn sehen, Jean?«
-
-»Nein«, flüsterte dieser zurück, »weiß der Teufel wo er steckt --
-ich will lieber einmal über Deck gehen.«
-
-»Gott bewahre«, rief Bill -- »da machst du ihn nur aufmerksam. --
-Er wird wahrscheinlich hinten an dem Quarterdeck bei den Wasserfässern
-sein. -- Komm nur rasch und hol' deine Sachen.«
-
-»Wir wollen uns das anders einrichten«, erwiederte ihm Jean. --
-»Einer muß hinaus in die Gallione steigen, und das, was ihm gegeben
-wird, hinunterreichen. Bob mag sich hier hinter die Logiskappe drücken,
-und ich kann dann von hier aus ihm alles zugeben und zugleich das Deck
-übersehen. -- Aber nachher auch kein Wort mehr gesprochen. -- Höll und
-Teufel wer hat denn da unten Licht angesteckt?«
-
-Er sprang rasch hinunter einer Unvorsichtigkeit zu begegnen, die so
-leicht zu ihrer Entdeckung führen konnte, denn sobald der Wachthabende
-Licht im Vorcastle sah, mußte er ja gleich wissen daß etwas
-Außergewöhnliches vorgefallen war.
-
-»Löscht das Licht aus«, rief er mit ärgerlicher, aber vorsichtig
-gedämpfter Stimme. -- »Ihr wollt wohl die ganze Geschichte verderben?
-Wer hat die Laterne angesteckt?«
-
-»Ich« -- brummte Jim -- ein Irländer »und verdammt gute Ursache
-dazu. -- Ich habe eine halbe Krone hier unter die Kiste rollen lassen,
-und ich glaube jeder steckte sich ein Licht an, wenn er damit sein
-ganzes verlorenes Vermögen auf einen Strich wieder kriegen kann. --
-Außer der halben Krone hab' ich nur noch drei Schilling Schulden.«
-
-Hinter Jean stieg in diesem Augenblick jemand die Treppe herunter --
-der Deutsche vor dem Steven gab zu gleicher Zeit noch einmal, und jetzt
-etwas lauter, das verabredete Zeichen. Jim hatte seine halbe Krone
-gefunden, steckte sie in die Tasche und öffnete die Laterne diese
-auszublasen.
-
-»Hallo« -- sagte in diesem Augenblick eine Stimme mitten zwischen
-ihnen, und zwar so laut, daß alle wie von einem elektrischen Schlag
-zusammenzuckten -- »was ist das?«
-
-Jim ließ unwillkürlich das volle, durch kein Horn mehr gedämpfte
-Licht der Laterne auf das Gesicht des Sprechers fallen. -- Es war der
-Zimmermann, der sich erstaunt in der reisefertigen Gruppe umsah.
-
-»Das ist mir ja eine schöne Geschichte«, rief er verwundert aus --
-»da soll ja gleich --«
-
-Er sagte nichts weiter -- nur zwei Worte hatten die an der Treppe
-stehenden Bill und Jean miteinander gewechselt, und in derselben Secunde
-fast fühlte er sich von zwei riesenstarken Armen dermaßen umfaßt,
-daß seine Hände wie von einer eisernen Zange gehalten wurden, während
-ihm zu gleicher Zeit irgend ein anderer guter Freund ein festgedrücktes
-Tuch wie einen Knebel in den Mund stieß. Jim ließ, bei dieser
-zauberschnellen Veränderung der Scene den Strahl der noch immer
-hochgehaltenen Laterne links und rechts fallen, und sah Bill und Jean
-mit ihrem Opfer beschäftigt. -- Im nächsten Moment schloß er aber das
-Licht, und alles war wieder in tiefste Dunkelheit gehüllt.
-
-Draußen ertönte zum drittenmal, und jetzt laut und ungeduldig das
-Zeichen.
-
-»Der wird den Steven noch einschlagen«, lachte Jim -- doch immer noch
-halblaut vor sich hin -- »sollen wir ihm den Zimmermann hinuntergeben,
-daß er sich beruhigt.«
-
-»Jetzt rasch und keine Zeit mehr verloren« -- rief aber Jean den
-Anderen zu. -- »Bill, schafft die Sachen hinauf und dann fort ins
-Boot.«
-
-Der Zimmermann sträubte sich aus Leibeskräften frei zu kommen oder
-wenigstens den Knebel aus den Mund zu bringen, daß er den Alarm geben
-konnte; Jean lag aber mit Riesenkraft auf ihm und jeder derartige
-Versuch war umsonst.
-
-»Reich' Einer von Euch mir ein Ende« -- stöhnte dieser endlich, als
-der Zimmermann einen Augenblick ruhig lag. -- »Hier Bob -- bind ihm
-einmal die Hände zusammen -- so -- das ist gut. Jim zeig dein Licht
-noch einmal, hast du sie fest?«
-
-»Die kriegt er nicht wieder los«, lachte Bob zwischen den Zähnen
-durch -- »die Füße auch?«
-
-»Ja, es ist besser -- so, nun schlag das hier um den Pfosten -- so --
-noch fester -- das wird's thun, und nun noch den Knebel --« und damit
-nahm er sein eigenes Halstuch vom Nacken und band es dem unbeweglich
-an den mitten im »Logis« stehenden Pfosten Geschlossenen, fest um den
-Mund, so daß er nur die Nase zum Athmen frei behalten konnte. »Nun
-rasch fort«, rief er, als er endlich auf die Füße sprang -- »sind
-die Sachen oben?«
-
-»Dies ist das letzte«, rief Bob, als er zwei Säcke nach der Treppe
-hob und hinauflangte -- »nun, ade Boreas, und bleibt hübsch gesund,
-Zimmermann. -- Wenn nur der Steward die Zeit nicht verschläft.«
-
-Damit sprang er die Treppe hinauf und von den übrigen gefolgt über die
-Gallion hinunter ins Boot. Jean war der letzte der das Schiff verließ
--- es regte sich aber nichts darauf. Oben in Sussexstreet hörte er wie
-die Constabler ihre Stunde abriefen -- es war gerade drei Uhr. An der
-Bay herum fingen hie und da schon die Hähne zu krähen an, und von
-den Schmelzöfen glühten noch immer die rothen Flammen aus den
-Schornsteinen heraus -- sie hatten die ganze Nacht gebrannt. Sonst
-schlief ganz Sydney noch und die Bay lag so ruhig, daß die auf sie
-niederfunkelnden Sterne ihr Licht so rein und ruhig wieder erhielten
-als sie es gegeben. Kein Lufthauch bewegte das Wasser, und man konnte
-deutlich den regelmäßigen Schritt der Wache auf einer nicht weit davon
-vor Anker liegenden englischen Barke hören.
-
-Jean glitt, als er sich überzeugt hatte daß niemand auf ihrem Schiff
-auch nur das Mindeste von dem Vorgefallenen ahne, wie seine Cameraden
-vor ihm, an der Ankerkette in das da vorn befestigte Boot hinunter, und
-im nächsten Augenblick schossen sie, von zwei kurzen Bretern, die
-als Ruder gebraucht wurden vorwärts getrieben, über die Bay schräg
-hinüber an's andere Ufer. Dort banden sie das Boot fest, das sich der
-Eigenthümer, wenn er es haben wollte, am nächsten Morgen selber holen
-konnte, nahmen ihre Säcke auf die Schultern, und waren im nächsten
-Augenblick in dem Schatten der dichtbei gelegenen Häuser, zwischen
-denen sie sich nach verschiedenen Richtungen hin zerstreuten --
-verschwunden.
-
-Von der ganzen Mannschaft war nur ein einziger -- ein Deutscher -- an
-Bord des Boreas zurückgeblieben. -- Er hielt sich, ohne daß ihn die
-anderen vermißten -- und als sie ihn vermißten, war es zu spät --
-ruhig in seiner Coye, band aber auch den Zimmermann nicht los, legte
-sich, als seine Cameraden das Schiff verlassen, auf die andere Seite,
-und war bald wieder wirklich fest eingeschlafen.
-
-
-
-
-Fünftes Capitel.
-
-Die Entdeckung.
-
-
-Der Capitän vom Boreas lag in seiner Coye -- er hatte den vorigen Abend
-bös geschwärmt, und der Kopf glühte ihm noch von all den »Brandys
-hot« und »Brandys cold«, die er in sich hineingegossen. Er träumte
--- aber was kümmern uns seine Träume, wir können ihn doch nicht
-länger schlafen lassen.
-
-Der Tag brach eben im Osten an, ja der hellere Schein drängte sich
-schon durch das obere Cajütfenster, das sogenannte Skylight[4], in die
-Cajüte. Der Capitän murmelte etwas von »_half and half_« -- er trank
-gern Porter und Ale zusammen, und mochte wahrscheinlich Durst haben --
-stöhnte noch ein paarmal, und warf sich dann auf die andere Seite.
-
-Der Steward war indessen ebenfalls munter geworden. -- Nicht daß ihn
-jemand geweckt hätte, sondern mehr von einem halb unbewußten Gefühl
-aufgetrieben, das uns manchmal, ohne die geringste äußere Einwirkung,
-aus dem tiefsten Schlafe aufrüttelt, wenn wir uns nur Abends vorher
-fest vorgenommen haben zu einer gewissen Stunde aufzuwachen.
-
-Es ist das ein Gefühl, das mit unserem Gewissen genau verwandt sein
-muß, denn es verrichtet, wenn auch nur im Kleinen, denselben Dienst; ja
-vielleicht wird es von der haushälterischen Natur selber dazu verwandt,
-wer kann es wissen. Wer von uns ist in die geheimen Gänge und Falten
-seines eigenen Geistes schon je so weit eingedrungen, um nur mit
-Bestimmtheit voraussagen zu können, was er in der nächsten Minute
-selber denken, selber empfinden will? Er kann es nicht.
-
-Mag er seinen Geist alle Kraft anwenden lassen sich nur auf einen
-einzigen Punkt zu concentriren -- es ist umsonst. Irgend eine ihm
-unbewußte, aber in ihm bestehende Kraft lenkt den Strahl seiner
-Gedanken, ganz von ihm selber unabhängig, wohin sie eben Lust hat,
-und schüttelt ihm gerade dann gewöhnlich, wenn er etwas Bestimmtes
-festhalten will, den ganzen bunten Bilderkram seines Gehirns -- diese
-tollste Rumpelkammer alter Geschichten und Träume -- um und um, daß
-es ihm schwarz und blau vor den Augen wird, und er diese endlich in
-Verzweiflung schließen muß, nur all dem krausen Wirrwarr zu entgehen.
-Und selbst das hilft ihm nichts. -- Gerade durch die fest auf die Augen
-gepreßten Finger sieht man das tollste Zeug, und muß zuletzt ruhig
-seine Zeit abwarten, bis das alles wieder aus eigenem freien Antriebe in
-seine alten Behälter und Gefache zurückgekehrt und verschwunden ist.
-
-Und wohin bin ich jetzt selber gerathen, von eben diesem wunderlichen
-Geist geneckt? Halt, ich sprach von dem Steward, der erschreckt von
-seinem Lager auffuhr.
-
-War er aber noch im halben Schlaf, so brachte ihn der Stoß, mit dem er
-seine eigene Stirn beim in die Höh fahren gegen den quer durch seine
-Coye laufenden »Beam« stieß, augenblicklich zur Besinnung, und er
-sprang jetzt erschrocken aus der Coye, denn zu ihm herein drang das
-Tageslicht, und um vier Uhr hatte er ja schon wieder auf Deck sein
-sollen.
-
-Warum mochte ihn denn der Zimmermann nicht geweckt haben? Er lief, ohne
-sich erst weder die Jacke anzuziehen, noch nach der neben ihm liegenden
-Mütze zu greifen, an Deck. Alles war hier stumm und still -- dem
-Steward klopfte das Herz wie ein Schmiedehammer, denn er dachte an das
-was ihm, im Fall wirklich etwas passirt sei, selber bevorstand.
-
-Im »Logis« fand er denn auch nur zu bald seinen schlimmsten Argwohn
-bestätigt, und den armen Teufel von Zimmermann in der wirklich
-traurigsten Lage von der Welt. Als er ihm aber das Tuch vom Gesicht band
-und den Knebel aus dem Mund zog, war es gerade als ob er den Stöpsel
-aus einer Flasche Weißbier gezogen hätte, denn wie aus dieser der
-Schaum, so sprudelten aus dem endlich befreiten Munde des Gebundenen
-jetzt eine wahre Unzahl von Flüchen und Verwünschungen -- die alle
-hier so lange festgestopft gesessen hatten -- in solcher Schnelle und
-Kraft heraus, daß der Steward im ersten Moment wirklich vergaß seine
-Hände zu lösen, und nur ganz erstaunt und verdutzt neben ihm stand und
-ihn ansah.
-
-Durch den Lärm munter gemacht, wachte auch der Deutsche auf, und sah
-aus seiner Coye. Ueber diesen fielen sie nun Beide her und wollten von
-ihm erfahren, was aus den anderen geworden, und wo sie sich aufhielten.
-Er wußte von gar nichts -- hatte keinen Menschen weggehen hören oder
-irgend etwas mitgetheilt bekommen, was die Absicht der Entlaufenen
-betreffen konnte. Er war spät an Bord gekommen, sehr müde
-gewesen, gleich eingeschlafen und in diesem Augenblick durch das
-gotteslästerliche Fluchen des Zimmermanns zum erstenmal aufgewacht.
-
-Aus ihm war auch nicht das mindeste herauszubekommen, und dem Steward
-lag jetzt die höchst unangenehme Pflicht ob, den Capitän von dem
-Vorgefallenen in Kenntniß zu setzen, damit dieser augenblicklich seine
-Maaßregeln darnach nehmen könnte. Er ging in die Cajüte hinunter, zog
-seine Jacke an, strich sich die Haare aus dem Gesicht und trat zu des
-Capitäns Coye.
-
-»Capitän Oilytt«, sagte er, als er ihn am Arm faßte und leise
-schüttelte.
-
-»Brandy hot«, antwortete der Capitän -- »der Teufel soll das Ale
-holen, das brennt wie Feuer.«
-
-»Capitän Oilytt«, wiederholte der Steward. -- Wär' er ein Zauberer
-gewesen, er hätte den Capitän einmal vor allen Dingen einige tausend
-Jahre so fortschlafen, und nachher in einer kühlen Grotte mit einer
-wunderschönen verwunschenen Prinzessin wieder aufwachen lassen. So aber
-konnte er das nicht, und schüttelte ihn noch einmal etwas stärker als
-das erstemal.
-
-»Sieben Schilling Sixpence« lautete diesmal die hartnäckige Antwort,
-die sich wahrscheinlich auf irgend eine gestern bezahlte Zeche bezog --
-»lieber Gott!« -- und ein tiefer Seufzer folgte.
-
-»Ja jetzt ruft er den lieben Herrgott an, wenn er nicht weiß was
-er spricht« -- brummte der Steward leise vor sich hin, »und wenn er
-nachher aufwacht und zur Besinnung kommt, flucht er wie ein Heide.
--- Und wenn er nur blos noch fluchte. -- Ich muß ihn aber wahrhaftig
-wecken.«
-
-Diesmal wich der tiefe Schlaf dem stärkeren und entschlossenen
-Schütteln des Dieners, und der Capitän fuhr, die Augen weit
-aufgerissen, in seinem Bett in die Höhe.
-
-»Was zum Donnerwetter gibts nun?« rief er ärgerlich aus -- »kann man
-denn in des drei Teufels Namen nicht einmal ruhig schlafen bis es Tag
-ist, daß du Einen mitten in der Nacht herausrütteln mußt? -- was ist
-los? -- na? -- wird's bald?«
-
-Der Steward, der bis dahin gar nicht hatte zu Wort kommen können, sagte
-jetzt schnell:
-
-»Capitän Oilytt, die ganze Mannschaft ist fortgelaufen -- der Koch
-und der ganze andere Schwarm. -- Nur der Zimmermann und Hans -- der eine
-Deutsche -- sind noch an Bord.«
-
-Der Capitän war mit einem Satz aus seinem Bett und mit einem zweiten
-in seinen Hosen, während er eine wahre Sündfluth von Flüchen
-ausströmte. Damit wurde die Sache aber um kein Haarbreit geändert.
-Natürlich hatten der Zimmermann und der Steward die alleinige Schuld,
-und der zurückgebliebene Deutsche, als der Capitän wie ein Wüthender
-nach vorn gefahren war, sollte nun gezwungen werden zu beichten. Er
-wußte aber, dabei blieb er trotz allen Drohungen und Versprechungen --
-von gar nichts. Er hatte die ganze Nacht, wenigstens von der Zeit an wo
-er an Bord gekommen, bis zu der wo der Steward den Zimmermann losband,
-geschlafen. Früher sei, wie er weiter erzählte, allerdings vom
-Fortlaufen die Rede gewesen, da =er= aber stets fest erklärt habe daß
-er nicht mit ginge, hätte man ihm diesmal, wie es schiene, gar nichts
-davon gesagt.
-
-Der Capitän schäumte vor Wuth. -- »Das kommt davon«, rief er, »daß
-ich mich mit dem verdammten fremden Gesindel eingelassen habe. -- Hätte
-ich lauter Engländer gehabt, wäre das nicht geschehen. -- Aber wartet,
-wartet Canaillen, Euch will ich ein Gericht einbrocken, auf das Ihr
-nicht gerechnet haben sollt, und hab ich Euch erst wieder, dann Gnade
-Euch Gott. Dann geb ich Euch mein Wort drauf, Ihr sollt Euch lieber in
-der Hölle als bei mir an Bord wünschen. -- Und du Steward, vor allen
-andern, du verdientest überhaupt, daß ich dich an die Railing binden
-und dir 25 aufzählen ließ -- du -- Holzkopf du.«
-
-Und damit schoß er wie ein Pfeil in seine Cajüte hinunter, in seine
-Kleider hinein und dann an Land, die Anzeige bei der Wasserpolizei von
-den Entflohenen zu machen und eine Belohnung auf ihren Fang zu setzen.
-
-Kaum war er aber fort, und ehe sich der Steward noch von dem ersten
-Erstaunen über die entsetzliche Drohung erholen konnte, so kam der
-erste Mate schon auf ihn zu, faßte ihn am Kragen und überschwemmte ihn
-mit einer wahren Fluth von Schimpfreden.
-
-»Du Lump!« -- rief er, »bist der einzige der die ganze Geschichte zu
-verantworten hat. -- Warum hast du nicht aufgepaßt, -- heh? -- was zum
-Donnerwetter hast du denn sonst auf der Welt zu thun? -- wozu bist du
-nütz?« --
-
-Nach diesem Ausbruch innerer Gefühle stieg er an Deck und lief eine
-gute Stunde das Quarterdeck auf und ab. Der Steward fing indessen an die
-Tische unten abzuwischen. Er hatte aber noch nicht einen fertig, als der
-zweite Mate ebenfalls den Kopf hereinsteckte.
-
-»Du bist doch das nichtsnutzigste miserabelste Stück Takelwerk am
-ganzen Bord«, sagte er, und sah den Steward an als ob er ihn mit Haut
-und Haaren, und ohne Pfeffer und Salz verschlingen wolle. -- Damit
-schlug er die Thür wieder zu und ging ebenfalls an Deck. Er war die
-halbe Nacht an Land gewesen, und erst um Mitternacht an Bord gekommen.
-
-Der Steward aber setzte sich mit dem Abwischtuch in der Hand am Tische
-nieder, schüttelte in einem fort mit dem Kopf und murmelte leise vor
-sich hin.
-
-»Na, nu wird's Tag -- ich habe die Schuld -- ich bin die alleinige
-Ursache, daß die anderen fortgelaufen sind. -- Natürlich -- wenn ich
-nicht meine zwei Stunden geschlafen hätte, wo die anderen auf Wacht
-waren, hätte das alles nicht geschehen können. Na, das wird eine
-schöne Reise werden -- ich glaube wahrhaftig, es wäre das Beste ich
-liefe auch fort -- nachher wär ich denn doch neugierig wer die Schuld
-=davon= hat -- ich wieder; natürlich. Und wieder kriegen? -- wenn sie
-die wieder kriegen freß' ich sie -- alle zusammen.« Und mit diesem
-kannibalischen Entschluß stand er auf und begann seine Arbeit auf's
-neue.
-
-
-
-
-Sechstes Capitel.
-
-Sydney im Dunkeln.
-
-
-Eine ganze Woche war verflossen, und noch immer lag der Boreas an seinem
-alten Platze am Werft, ohne, trotz der darauf gesetzten Belohnung, einen
-einzigen von seinen Leuten wieder bekommen zu haben. Natürlich konnte
-er, mit =einem= Mann an Bord, auch nicht in See gehen, und andere
-Matrosen waren ebenfalls nicht zu bekommen. Der Capitän hatte schon,
-der schlechten Behandlung seiner Leute wegen, einen solchen Namen
-in Sydney bekommen, daß niemand mit ihm segeln wollte und der
-Goldschwindel machte überdies die Leute die extravagantesten Preise
-fordern.
-
-Natürlich mußte er unter der Zeit Arbeiter annehmen, die an Bord
-nothwendigen Geschäfte zu verrichten, und an diese ebenfalls sehr
-theuren Lohn bezahlen; das ging aber freilich alles aus der Tasche der
-weggelaufenen Leute und zwar von dem ihnen gut stehenden Geld was sie an
-Bord zurückgelassen -- vorausgesetzt, natürlich, daß man sie wieder
-bekam. Wurden sie wieder eingefangen, so hatten sie die Arbeiterkosten
-für fremde Hülfe, wie selbst den auf ihr Einfangen gesetzten Preis von
-dem ihnen noch gut stehenden Geld, oder von ihrer nächsten Reise -- und
-wenn die nicht zulangte, von der nächstfolgenden -- zu bezahlen.
-
-Die Wasserpolizei war indessen, wie sie sagte, sehr thätig gewesen die
-Leute wieder einzubringen, oder wenigstens auf ihre Spur zu kommen, doch
-ohne Erfolg. Es war erst =ein= Pfund Sterling auf den Kopf gesetzt,
-und man konnte nicht gut erwarten, daß sie sich den Preis muthwillig
-verderben sollten, da er mit der Zeit von selber steigen mußte.
-
-Der Capitän hoffte indessen das meiste von dem Sonnabend Abend, wo sich
-die Matrosen in Sydney gewöhnlich am freisten gehen lassen und, wenn
-sie erst einmal ins Trinken kommen, nicht mehr die sonst kaum vergessene
-Vorsicht gebrauchen, die Straße oder alle öffentlichen Häuser zu
-vermeiden. Von vielen anderen Schiffen war ebenfalls die Mannschaft
-fortgelaufen, und die ganze Wasserpolizei sollte an diesem Abend auf
-den Beinen sein. Die beiden Steuerleute des Boreas hatten sich ebenfalls
-erboten mit den Steuerleuten noch zweier anderen Schiffe, je zwei mit
-einem Polizeidiener zu gehen, um, falls sie einen der Ihrigen treffen
-sollten, ihn gleich zu kennen und festhalten zu können.
-
-Um sieben Uhr setzte sich der ganze Zug in Bewegung, zerstreute sich
-aber bald nach verschiedenen Richtungen hin, um mehrere Stadttheile auf
-einmal durchstreifen zu können, und man bestimmte nun einen Platz am
-entferntesten Ende der Stadt, wo man sich um 12 Uhr Nachts treffen und
-die gemachten Beobachtungen mittheilen wollte. Bis ein Uhr Morgens ist
-es auf den Straßen stets lebendig.
-
-Der erste Mate vom Boreas, der zweite von einer anderen englischen Barke
-und ein Polizeidiener nahmen den oberen Theil der Stadt Georgestreet,
-Pittstreet und was dort in der Nähe lag, obgleich in Georgestreet,
-als der Hauptstraße der Stadt, wohl kaum einer der Weggelaufenen
-anzutreffen sein mochte. Sie wagten sich schon nicht in diesen
-Stadttheil, wo eine so zahlreiche Menschenmenge fortwährend hin- und
-wiederströmte, und zwischen diesen leicht jemand sein konnte der sie
-kannte und den Händen der überall postirten Constabler übergab.
-Nichtsdestoweniger gingen die drei Männer Georgestreet hinauf und bogen
-dann oben links ab, durch Liverpoolstreet in Pittstreet hinein, vor
-allen Dingen einmal das »goldene Kreuz«, was ihnen als der frühere
-Hauptaufenthaltsort der Leute des Boreas beschrieben war, zu revidiren.
-
-Es war noch zu früh am Abend um schon viel Gäste in den Wirthshäusern
-anzutreffen; die meisten wanderten noch in der Nähe des Markthauses und
-durch den Markt auf und ab, und erfreuten sich des schönen mondhellen
-Abends. Dennoch saßen etwa zehn oder zwölf Männer, meistens Matrosen,
-an den verschiedenen Tischen, und in einem der kleinen Verschläge, wo
-zwei Seeleute ihre beiden Mädchen mit hineingenommen hatten und ihnen
-dort zutranken, ging es besonders lustig und auch laut zu.
-
-Der Mate vom Boreas warf einen schnellen aber forschenden Blick
-über sämmtliche Gäste hinüber, und trat auch in das kleine
-»Privatzimmer«, in das er indiscret genug und, von einem »_what do
-you want_« der darin Sitzenden angeschnauzt, hineinschaute, konnte aber
-kein bekanntes Gesicht entdecken. Mrs. und Mr. Mac Carther warfen sich
-übrigens einen Blick zu, den sie beide zu verstehen schienen, und
-die »Dame« wandte sich dann mit der größten Freundlichkeit an die
-Neuangekommenen, und frug was sie zu trinken wünschten. Sie ließen
-sich eine Flasche Porter und drei Gläser geben, und setzten sich an
-einen der Tische.
-
-Polly ging ab und zu, und schien besonders mit dem Polizeidiener, einem
-jungen, hübschen und schlanken Mann, gut bekannt zu sein. Als Mr. Mac
-Carther die zweite Flasche auf den Tisch setzte, stand der junge Mann
-von der Wasserpolizei auf und ging hinaus -- wenige Minuten darauf
-folgte ihm Polly -- sie standen beide in der offenen Hausthür.
-
-»Polly«, sagte der Polizeidiener, und hob ihr mit dem rechten
-Zeigefinger das Kinn empor -- »wo sind die Leute vom Boreas, die Ihr
-versteckt habt?«
-
-»Die =Ihr= versteckt habt?« sagte das Mädchen schnippisch und
-schnell, und schlug den Finger mit der verkehrten Hand weg -- »die Ihr
-versteckt habt? -- was gehen mich die Leute vom Boreas oder irgend einem
-anderen »aß« an, und was hätt' ich davon, Matrosen zu verstecken? --
-Wenn Ihr mir weiter nichts zu sagen habt, Mr. Naseweis, dann seid so gut
-und laßt mich ein andermal zufrieden.« Und damit wollte sie sich von
-ihm losmachen und wieder ins Schenkzimmer gehen. Charles, wie der junge
-Mann hieß, faßte aber ihre Hand und sagte schmeichelnd: -- »Sey nicht
-närrisch, Polly -- du verstehst wie ichs meine, und daß ich recht gut
-weiß wie du selber nichts damit zu thun hast -- obgleich mir Gerüchte
-zu Ohren gekommen sind von einem jungen Franzosen der --«
-
-»Charles«, sagte das Mädchen, und schien ernstlich böse zu werden,
-»du hast es heut Abend ordentlich darauf angelegt mich zu ärgern, und
-ich antworte dir keine Sylbe weiter.«
-
-»Was das betrifft, mein Schatz«, lachte der andere, während er jedoch
-die Hand des Mädchens noch immer fest dabei hielt -- »so =hast= du mir
-auch noch gar keine Sylbe geantwortet. -- Ich weiß aber, daß du ein
-vernünftiges Mädchen bist -- du hast mir davon schon zu viele Proben
-gegeben, so laß uns denn auch ohne weitere Umschweife ein vernünftiges
-Wort miteinander reden. Auf das Einfangen der Leute vom Boreas wird in
-der nächsten Woche, wenn der Capitän erst einmal weg =muß=, ein sehr
-bedeutender Preis gesetzt werden -- wenn du die Hälfte davon verdienen
-kannst, wirst du doch vielleicht zusehen, ob du mir ein oder das andere
-von Mr. und Mrs. Mac Carther herausbekommen kannst?«
-
-»Du glaubst doch nicht etwa«, fiel ihm das Mädchen rasch in die Rede,
-»daß Mr. und Mrs. Mac Carther weggelaufenen Matrosen in ihrem eigenen
-Hause ...«
-
-»Gott bewahre«, unterbrach sie Charles lachend »da sind sie beide
-viel zu vernünftig dazu, als daß sie sich einer solchen Gefahr
-aussetzen sollten -- es stehen 50 Pfund Sterling Strafe darauf. -- Nein,
-aber sie -- haben doch manches -- oh hol's der Henker, du bist klug
-genug, und dir brauch ich doch weiter keine Erklärung zu geben.«
-
-Das Mädchen sah einen Augenblick vor sich nieder und sagte dann leise --
-
-»Wie hoch wird die Belohnung etwa sein?«
-
-»Wie hoch? nun =unter= vier Pfund Sterling per Mann auf keinen Fall,
-wahrscheinlich aber sechs, und wie viel sind es gleich -- vier, sieben
--- neun, nicht wahr?«
-
-Das Mädchen sah zu ihm auf und schüttelte verschmitzt mit dem Kopf --
-die Falle war ein klein wenig zu plump gewesen. Charles mochte das auch
-wohl fühlen, denn er wurde bis über die Ohren roth, sagte aber gleich
-darauf lachend -- »bitt' um Entschuldigung, ich hatte ganz vergessen,
-daß du gar nichts davon weißt. Doch genug für jetzt. Mir liegt selber
-nichts daran, daß wir sie heut Abend erwischen sollten, und sind sie in
-der Nähe, so thäten sie sehr wohl sich ein wenig von den Straßen oder
-aus den öffentlichen Trinkhäusern zu halten, sie könnten sich
-sonst leicht morgen an einem Orte finden, auf den sie Heute schwerlich
-gerechnet haben. Also _good bye_, Polly, sei ein gut Mädchen und halte
-die Augen offen.«
-
-Damit trat er mit ihr in den dunklen Gang zurück, zog sie etwas näher
-an sich und -- doch es war zu dunkel etwas weiter zu erkennen. Als aber
-gleich darauf die Thür aufging, stand Charles vorn im Haus, und Polly
-kam, allem Anschein nach eben vom Hof, und trat in die Schenkstube.
-
-Als Charles wieder in die Stube kam, hatten die beiden Steuerleute schon
-die Zeche bezahlt und sich zum Fortgehen gerüstet. -- Sie hielten sich
-erst einmal vor allen Dingen nach der Rowson oder Rosenstraße hinüber,
-wo ein freier eingezäunter Platz die eine Reihe Straßen begrenzt
-und die Matrosen, in der Nähe zahlreicher verrufener Häuser gern
-umherschlendern. Obgleich sie aber manchen von diesen begegneten, und
-alle scharf ins Auge faßten, war doch keiner der rechten darunter.
-Einmal freilich glitt eine dunkle Gestalt rasch und flüchtig vor
-ihnen hin, verschwand aber auch gleich darauf durch die dort hohe
-Pallisadenfenz, in eine kleine Thür, die sich hinter ihm schloß. Es
-war dies kein öffentliches oder Kosthaus, und der Polizeimann hätte
-erst einen »_warrant_« ausnehmen müssen, ehe er ein Privathaus
-untersuchen durfte. Oft blieb Charles aber eine kurze Strecke zurück,
-und flüsterte hie und da mit einer, im Schatten irgend eines niedern
-Hauses, neben einem erleuchteten Fenster stehenden weiblichen Gestalt
--- er schien mit allen Winkeln und Höhlen der ganzen Stadt bekannt zu
-sein.
-
-Es war etwa neun Uhr als sie nach Pittstreet zurückkamen; hier hatte
-sich indessen manches verändert, und die im Anfang noch ziemlich
-öde Straße wimmelte jetzt, besonders in der Nähe des Theaters,
-von Menschen. Dem Theater gerade gegenüber sind eine Anzahl kleiner
-Spelunken oder Trink- und Tanzhäuser nur von liederlichen Dirnen
-besucht, zu denen sich die Menschen förmlich drängten. Unsere drei
-Wanderer traten ebenfalls ein, und zwar zuerst in das bedeutendste, das
-sogenannte »Shakespeare Haus.«
-
-Unten befand sich die sogenannte Bar -- ein Schenktisch mit den dazu
-gehörigen Vorräthen von Flaschen und Gläsern; dahinter ein kleines
-Zimmer für solche die ruhig ein Glas Bier trinken wollten. Beide Locale
-waren aber fast leer von Gästen, und doch sollte dies Haus ungemein
-großen Absatz haben. Außer diesen beiden Zimmern hatte es aber auch
-noch andere Räume. Gleich neben der Bar, von dieser nur durch eine
-Mauer getrennt, und mit einem aparten Eingang von der Straße, ging
-eine schmale Treppe in die erste Etage hinauf, wo der ganze Raum in
-zwei große Locale getheilt war. Das eine war ein hoher Saal, dessen
-äußerstes Ende ein statuenartig und lebensgroß gemaltes Bild
-Shakespeare's zierte.
-
-Der große Dichter stand aufrecht da und überschaute mit einem
-merkwürdigen Zug unendlicher Gleichgültigkeit das ganze wilde Treiben
-um sich her. Der Maler hatte in diesem Bild sicher eine schwere
-Aufgabe gelöst, und Shakespeare wenigstens an Gestalt, Kleidung und
-Gesichtszügen kennbar, zugleich aber auch mit einem so nichtssagenden
-faden Gesicht hingestellt, daß man dem Bild, da der Maler gerade nicht
-bei der Hand war, die erste beste Flasche hätte an den Kopf werfen
-mögen. Rings an den übrigen Wänden waren Scenen aus Shakespeare's
-Werken, colorirt, dargestellt, mit gerade solchen Gesichtern als sie
-=der= Shakespeare geschaffen haben würde. -- Der Sturm und Romeo
-und Julie, König Lear und Fallstaff hatten besonders dazu herhalten
-müssen, und auf einem Bild stand eine lange schwarze Figur mit einem
-Barrett auf dem Kopf und einer Kegelkugel in der Hand, und sah ums Leben
-aus, als ob sie eben im Begriff wäre alle neun zu schieben. -- Das
-sollte Hamlet sein.
-
-Es war noch ziemlich leer im Saal; in der äußersten linken Ecke stand
-ein altes, abgepauktes Pianino wie ein Luftspringer auf einem Dorfe, der
-sich auf die Hände stellt und mit den Füßen an der Wand hinaufreicht.
--- Vor diesem saß ein junger Mann, der Horn an den Fingern haben
-mußte, denn er schlug unablässig eine alte Polka von vorn bis hinten
-durch, und fing, wenn er hinten fertig war, vorn wieder an. Neben ihm
-stand ein kleiner Junge mit einer Violine, der ihn zu begleiten suchte,
-aber nicht mit kommen konnte. Allerdings hielt er ziemlich Tact mit ihm,
-aber er konnte ihn nur nicht einholen. -- Der Schweiß stand ihm auf der
-Stirn, die Augen traten ihm aus dem Kopf, die Finger gingen in rastloser
-Hast auf den gequälten Saiten auf und nieder, aber vergebens -- zwei
-Noten war er regelmäßig hinter ihm. Hätte der Clavierschläger nur
-eine Secunde gewartet -- nur den Gedanken einer Secunde -- aber nein --
-vorwärts, unaufhaltsam vorwärts ging es, wie die wilde Jagd -- kein
-Rückblick, außer für die, denen das Gesicht auf den Nacken gedreht
-war -- und der Violinspieler gab die Verfolgung endlich in Verzweiflung
-auf.
-
-Rings an den Wänden hin standen Bänke und Sophas; unter der
-Shakespearestatue der beste, und auf diesem lag lang ausgestreckt
-ein junges wunderhübsches Mädchen in einem seidenen, oben
-hochanschließenden Kleid, unter dem die kleinen zierlichen Füße nur
-eben mit den Spitzen hervorschauten. Ihre Beschäftigung war, wie sich
-das unter einer Shakespearestatue auch gar nicht anders denken läßt,
-eine rein geistige -- sie schlürfte ein Glas Brandy und Wasser, und
-stellte das Glas als sie es ausgetrunken der Bequemlichkeit wegen vor
-sich auf die Erde nieder.
-
-Auf den anderen Sophas und Bänken saßen viele andere Mädchen und
-junge Leute -- von den ersteren einige sehr elegant gekleidet, mit
-Hüten und Schleiern und großen Shawls, andere wieder mit schlicht
-zurückgekämmten Haaren und kattunenen Kleidern. Ebenso großer
-Unterschied war bei dem männlichen Geschlecht, von dem feingekleideten
-Stutzer bis, in einzelnen Fällen, zum einfachsten Matrosen herunter, so
-standen, saßen und lehnten sie in den buntesten und verschiedenartigsten
-Gruppen umher. -- Nur der eine Unterschied war doch wohl, daß die
-Mädchen alle einem bestimmten =jugendlichen= Alter angehörten, während
-sich unter den Männern auch sogar einige aus dem »besten« befanden, die
-mit noch recht jugendlichem Anstand scheinbar theilnahmlos hin- und
-herwanderten, oder an einem der Tische ihren »Portwein St. Gris«
-sippten.
-
-Der Tanz hatte aber noch nicht begonnen -- der verzweifelte Wettlauf der
-beiden Musici schien nur erst eine Vorübung gewesen zu sein.
-
-Unsere drei Freunde fanden hier übrigens nicht was sie suchten,
-und Charles meinte, sie wollten lieber später noch einmal hierher
-zurückkehren, und erst nebenan in die anderen Locale hineinsehen.
-Es sei wahrscheinlicher, daß sich einzelne der Leute, wenn sie sich
-überhaupt in ein öffentliches Local getraut, eher dort als hier
-aufhalten würden.
-
-Ehe sie übrigens die Treppe wieder hinuntergingen, traten sie noch
-einen Augenblick in das nach vorn hinaussehende Zimmer. Drei junge
-Mädchen saßen hier an dem mittleren Fenster und schauten nach dem
-gegenüberliegenden Theater hinüber; ein paar andere lehnten in
-verschiedenen Sophaecken und schienen zu schlafen, und an dem Tisch
-stand eine sechste im eifrigen aber leise geführten Gespräch mit einem
-jungen Mann, der sehr elegant gekleidet war, und augenscheinlich den
-höheren Ständen angehörte.
-
-Hier war weiter nichts für sie zu thun -- sie stiegen die Treppe
-hinunter, bogen rechts ab, und traten in das erste Local hinein, das
-sie drei oder vier Thüren weiter hin fanden. Wilder Lärm tönte
-ihnen schon bei ihrem Eintritt entgegen, aus dem Saal hinter der Bar
-kreischten die schrillen Töne einer Violine hervor, und kaum hatten sie
-diesen Platz betreten, als sie auch in eine wahre Wolke von Tabaksqualm
-und Brandygeruch eingehüllt waren.
-
-Alle drei hatten aber schon in ihrem Leben weit schlimmere Dinge
-mitgemacht, und bewegten sich in diesem Chaos wie in ihrem Element. In
-der That gingen auch all diese äußeren Eindrücke spurlos an ihnen
-vorüber, denn die männlichen Gäste bestanden fast einzig und allein
-aus Matrosen von all den verschiedenen Schiffen in der Bay, und
-die Dirnen, die sich zwischen ihnen herumtrieben, gehörten der
-verworfensten Classe an. -- Auch lag der Platz weiter zurück und mehr
-getrennt von der Hauptstraße, und mehrere der Leute vom Boreas sollten
-in dieser Woche, und seit sie das Schiff verlassen, hier gesehen worden
-sein.
-
-Charles rief den Barkeeper bei Seite und sprach eine kurze Zeit lang
-heimlich mit ihm. -- Es war sehr wahrscheinlich, daß sich die Leute
-des Boreas nicht alle an Einem Ort aufhielten, besonders da sie von
-verschiedenen Nationen waren, und leicht möglich wäre es gewesen
-einen oder den anderen hier aufzutreiben. Der Barkeeper wußte aber von
-nichts; er schüttelte wenigstens höchst entschieden mit dem Kopf, und
-machte dabei fortwährend eine Bewegung mit seinem Körper, als ob ihn
-hinten jemand am Hosengurt gefaßt habe, denn eine Jacke trug er
-nicht, und aus Leibeskräften daran zöge. Nur der Respect vor dem
-Polizeidiener, den er, wenn auch in Civil, doch jedenfalls kannte, hielt
-ihn noch zurück.
-
-»Ich bin sicher, daß hier Einer oder ein paar von den Burschen gewesen
-sind«, sagte Charles, als er zu den Steuerleuten zurückkam. -- »Der
-Schuft erschrack, als ich es ihm auf den Kopf zusagte, und war gar so
-ängstlich bemüht, wieder von mir abzukommen. -- Wir wollen fortgehen
-und nachher noch einmal einsprechen, dann aber gleich hinten in die
-kleine Kammer gehen, ehe sie uns vermuthen können.«
-
-Zwei Häuser weiter war eine andere solche Kneipe -- dort standen einige
-zehn oder zwölf Mädchen vor der Thür, und zankten sich und schimpften
-einander. Von der anderen Seite der Straße kamen mehrere Constabler
-herüber, und die Dirnen, die nicht arretirt sein wollten, traten
-rasch ins Haus, setzten aber hier den Streit in einer der Nebenstuben
-unerbittlich fort. Es waren meist noch junge Dinger von sechszehn bis
-achtzehn Jahren. Mehrere hatten aber schon blaugeschlagene Augen -- die
-Folgen eines früheren Gefechts, vielleicht vom letzten Sonnabend Abend
--- viele trugen brennende Cigarren im Mund. Natürlich drängte sich
-dabei Alles um sie her, den fast stets in Thätlichkeiten ausartenden
-Scandal zu Ende zu sehen, und was nur von Matrosen in der ganzen Straße
-war, schien sich hier auf einmal concentrirt zu haben.
-
-»Jetzt ist unsere Zeit« flüsterte Charles den beiden Steuerleuten zu.
--- »Stellen Sie sich beide an verschiedenen Seiten der Stube auf und
-betrachten sie sich vor allen Dingen die Gesichter der Hereinkommenden.
--- Die wieder hinaus wollen, müssen nachher immer bei mir
-vorbeidefiliren. Sehen Sie einen der Burschen, dann geben Sie mir nur
-ein Zeichen, und für das andere werde ich sorgen.« Er schlug dabei
-bedeutungsvoll auf seine Tasche, in welcher er ein paar, von der
-Regierung bezeichnete Handschellen, für ihn zugleich der eiserne
-Ausweis seiner Function, trug.
-
-Der Streit im Innern nahm indessen einen immer bedenklicheren Character
-an. Die beiden Feindinnen hatten die Arme in die Seite gestemmt, und
-bliesen den Rauch ihrer Manillas in dicken Wolken von sich. -- Es war
-das ein Zeichen sehr heftiger Gemüthsstimmung, und Beide gehörten
-jedenfalls dem verworfensten Theil der menschlichen Gesellschaft an.
-
-»Und was thust Du überhaupt hier, Du gotteslästerliches Ding Du mit
-deinen großen Glotzaugen?« rief die eine jetzt, die Unterhaltung wie
-es schien auf ein anderes Feld überführend. -- »Was hast Du hier
-zu suchen, als Dich unnütz machen und Scandal anfangen Du --
-Preisverderber Du --«
-
-»Was ich hier thue?« schrie die andere aber, und schleuderte mit einem
-entsetzlichen Fluche ihre brennende Cigarre zur Erde nieder, während
-sie sich zu gleicher Zeit die Aermel in die Höhe streifte und zum nicht
-mehr zu vermeidenden Kampfe vorbereitete; sie hatte die Geduld verloren.
--- »Ich gehe meinem Broderwerb nach so gut wie Du -- -- und wenn Dir
-das nicht genügende Auskunft ist, so will ich Dir meine andere mit
-rother Dinte in die Fratze zeichnen.«
-
-»_Go it Nelly_ -- _go it ye cripples_ -- Hurrah für Sally -- fünf
-Schilling auf Nelly« -- schrieen mit einem wilden Gejauchze die
-umstehenden Matrosen, die einen festen Kreis um die beiden gebildet
-hatten.
-
-»Vier Brandy hot«, schrie in diesem Augenblick der rothhaarige
-Kellner, und versuchte mit einem Präsentirteller und vier halb
-gefüllten Gläsern in das Zimmer zu dringen. Es wäre für ihn aber
-viel vortheilhafter gewesen, hätte er statt dem bestellten =heißen=
-Brandy, kalten gebracht, denn irgend einer von den fünfzig Ellbogen,
-die ihm in seiner nächsten Nähe entgegenstarrten, fuhr ihm -- ob
-absichtlich oder unabsichtlich, wer kann das sagen -- unter den Teller
-und sandte dem armen Teufel die ganze Ladung im wahren Sinne des Worts
-»über den Hals« und in das Vorhemdchen.
-
-Sally war übrigens zu viel »_game_«, auf solche Ausforderung auch nur
-noch weiter ein anderes Wort, als höchstens einen Fluch zu erwiedern.
--- In demselben Moment schleuderte sie ebenfalls ihre Cigarre mitten
-zwischen die sie umdrängende Schaar, die lachend das Feuer von sich
-abschlug, und fiel in richtiger Boxerstellung auf ihre Gegnerin aus.
-
-Das Schreien und Hurrahen hatte in diesem Augenblick seinen höchsten
-Grad erreicht, und die Stube drängte so voll von Menschen wie sie
-nur Kopf an Kopf neben einander stehen konnten. Alles was in der
-Nachbarschaft gewesen war, preßte herzu.
-
-Der Mate vom Boreas, der sich im Anfang ziemlich nahe der Thür postirt
-hatte, um im Fall der Noth gleich bei der Hand zu sein, war durch das
-Zuströmen immer neu Hinzukommender viel weiter zurückgeschoben worden
-als ihm selber lieb sein mochte. Hinaus konnte er aber nicht wieder, bis
-sich wenigstens ein Theil der Menge verlaufen hatte, und er that deshalb
-nur sein Möglichstes einen Platz auf dem Fensterbrett zu gewinnen.
-Nicht aber um dem Kampfe zuzusehen, denn der interessirte ihn sehr
-wenig, sondern die stets wechselnden Gesichter zu beobachten, die sich
-theils immer noch in das Zimmer drängten, theils die Thüre in einem
-dicht geschlossenen Ring von Köpfen umstanden.
-
-An der Thür hatte Charles noch immer, trotz jedem Andrang von außen,
-seinen Posten behauptet, nur war er ein klein wenig nach innen geschoben
-worden, und blickte abwechselnd nach den beiden Mates hinüber, ob
-nicht Einer von ihnen seine Thätigkeit für irgend ein noch näher zu
-bezeichnendes Individuum in Anspruch nehmen wollte. Da sah er, wie sich
-plötzlich der Steuermann vom Boreas so hoch aufrichtete, wie er sich
-nur immer auf seine Zehen heben konnte und, ein Bild der gespanntesten
-Aufmerksamkeit in die Masse von Menschen starrte. Ein Gesicht war vor
-ihm aufgetaucht, das er nur noch nicht recht erkennen konnte, weil die
-Lampe darüberhing, die ihren Schatten hinunter warf.
-
-Dies Gesicht gehörte aber niemand anderem als unserem alten Bekannten
-Bill, der, die Hände in den Taschen und eine Cigarre im Munde, eben
-am Haus vorbeigeschlendert war, als der Lärm innen sich erhob, und nun
-blos einmal sehen wollte was hier vorging. Fast ohne daß er es merkte,
-war er aber weiter und weiter in das Zimmer hineingeschoben, und der
-Kampf selber hatte im ersten Augenblick seine Neugierde so erregt, daß
-er wirklich an gar keine weitere Gefahr für seine eigene Person dachte.
-Endlich, aber nur zufällig und nicht etwa aus irgend einer Ahnung ihm
-drohenden Unheils, warf er den Blick einmal höher, senkte ihn aber
-nicht wieder, denn er begegnete gerade in diesem Momente dem seines
-eigenen Steuermanns, von dem er, sobald der nur einmal sein Auge
-sehen konnte, ebenfalls erkannt wurde. Der Steuermann stieß halb in
-Ueberraschung, halb in Freude einen lauten Schrei aus.
-
-Den Schrei würde nun freilich der an der Thür postirte Charles in
-all dem wilden Lärmen nicht gehört haben, aber die damit begleitete
-Bewegung entging ihm nicht, und fast unwillkürlich griff er schon in
-die Tasche, die eisernen »_darbies_« herauszuholen.
-
-Bill war übrigens viel zu klug, nicht mit einem einzigen Blicke seine
-ganze Gefahr zu übersehen, denn er wußte recht gut daß der Steuermann
-hier in dies Local nicht allein hereinkommen würde, ohne jedenfalls
-noch Hülfe, am Ende gar Polizei, bei sich zu haben. Dabei hatte das
-Zimmer nur eine Thür, und war die -- und wie konnte es anders sein,
-besetzt, so befand er sich hier allerdings in einer Falle die
-ihn umsomehr ärgerte, da ihn sein eigener fabelhafter Leichtsinn
-hineingeführt. -- Für den Augenblick ließ sich noch dazu gar nichts
-thun, seine Lage auch nur im Geringsten zu verbessern. -- Er konnte
-seine Hände nicht einmal aus der Tasche bekommen, so drängte das Volk
-um ihn her, denn der Kampf nahte sich seinem Ende: Nelly hatte schon
-ein, Sally zwei blaue Augen und die letztere empfing gerade unter dem
-beifälligen Hurrahschrei der Masse einen letzten entscheidenden Schlag,
-der sie wie todt zu Boden warf. Nelly war ein sehr nervöses Mädchen,
-d. h. sie hatte ausgezeichnete Nerven und Muskeln.
-
-Bill interessirte sich aber nicht im mindesten mehr für den Kampf;
-seine eigene Lage nahm seine Aufmerksamkeit viel zu sehr in Anspruch,
-und rasch warf er den Blick umher, jede nur irgend günstige Gelegenheit
-zu seinem Vortheil zu benutzen.
-
-Der Mate hatte indessen mit Charles eine Art telegraphischer Depesche
-unterhalten, worin er ihm bemerkbar machte, daß Einer der gesuchten
-Leute hier in der Mitte des Zimmers sei. Zugleich gab er ihm dabei zu
-verstehen, daß er einen großen Bart habe. Bill sah das alles selbst
-mit an. So gern er aber auch seinen Feind mit eigenen Augen kennen
-gelernt hätte, wagte er doch nicht den Blick dorthin zu wenden, und
-wäre am liebsten in dem Meer von Köpfen, das ihn umgab, untergetaucht,
-wenn er sich auch nur einen Zoll hätte bewegen können. Aber fest
-eingekeilt stand er da, und der Mate warf dem Polizeidiener einen
-triumphirenden Blick zu. Bill war ihm sicher.
-
-Gerade in diesem Augenblick machte Nelly noch einen Ausfall auf die
-schon gefällte Feindin. Das aber war zu unritterlich, als daß es die
-Umstehenden hätten zugeben sollen, und sie warfen sich zwischen sie.
-Dadurch bekam Bill wenigstens so viel Luft, die Hände aus den Taschen
-zu ziehen und sich selber niederzuducken. Zu gleicher Zeit nahm er einen
-verzweifelten Anlauf gegen die Beine der ihn Umdrängenden -- es blieb
-ihm kein anderer Ausweg mehr als mit Gewalt durchzukommen, wußte er
-doch recht gut, daß jeder versäumte Augenblick seine Gefahr nur immer
-noch vergrößern mußte. Wie ein unter Wasser Fortschwimmender hielt er
-dabei geraden Cours auf die Thür zu, obgleich er das Schlimmste von
-den draußen stationirten Constablern fürchtete. Er konnte aber nicht
-anders und vertraute jetzt nur seinem guten Glück.
-
-So wie aber der Mate diese Bewegung des Flüchtlings bemerkte, von der
-er augenblicklich den richtigen Grund errieth, schrie er dieses dem
-Polizeidiener zu, und da er wohl merkte, daß der in dem Heidenlärm
-kein Wort verstehen konnte, suchte er ihm die Absicht ihres Opfers
-pantomimisch begreiflich zu machen. Aber auch dies hatte seine
-Schwierigkeiten, denn er mußte sich mit einer Hand am Fenster
-festhalten, und durfte sich auch nicht tief bücken, sonst konnte ihn
-Charles nicht sehen. Durch diese unbequeme Stellung wurde er gezwungen
-die wunderlichsten und entsetzlichsten Bewegungen zu machen, so daß
-Charles ganz erstaunt zu ihm hinübersah, und gar nicht begreifen konnte
--- oder wollte, was das alles eigentlich zu bedeuten habe.
-
-Das rettete Bill -- gerade in diesem Augenblick glitt er wie eine
-Schlange, obgleich unbewußt, an den Beinen seines gefährlichsten
-Gegners vorbei, der schon die Handschellen für ihn gefaßt hielt, und
-war im nächsten Moment auf der Straße -- in Kingstreet, Kingstreet
-hinauf in alle kleinen Quergassen die er auftreiben konnte, und
-spornstreichs nach seinem Versteck zurück; fest entschlossen, dieses
-von jetzt an mit keinem Schritt wieder zu verlassen.
-
-Der Steuermann vom Boreas wollte erst gar nicht glauben, daß ihnen der
-Matrose entgangen sein konnte; es war aber doch so, und er tröstete
-sich zuletzt damit, er habe sich am Ende gar getäuscht, und Bill sei
-das gar nicht gewesen. Es war auch nicht wahrscheinlich, daß sich
-dieser so öffentlich und allein herauswagen sollte -- und doch hatte er
-ihm erstaunlich ähnlich gesehen.
-
-Von hier aus gingen sie noch einmal in das Shakespeare Haus zurück.
-Hier schien indessen alles in vollem Gang; das Theater war gerade aus,
-und zu den jetzt vereinigten Tönen des Claviers und der Violine -- die
-wunderbarerweise zusammenstimmten -- drehten sich die flüchtigen und
-mitunter auch sehr graciösen Paare in Quadrillen und Contratänzen.
-Alle Sophas waren besetzt, alle Stühle und Tische von Menschen
-beiderlei Geschlechts in Beschlag genommen, und eine ungeheure
-Quantität von Brandy und Portwein wurde verzehrt. Shakespeare sah dabei
-noch mit demselben nichtssagenden Gesicht auf die bunten Gruppen nieder,
-und Hamlet war noch immer am Schub.
-
-Für ihren Zweck fanden sie aber nichts, weder hier noch nebenan,
-und verließen bald darauf Pittstreet, um zuerst einmal ein Stück in
-Georgestreet hinaufzugehen, wo sie ein besonderes Haus an der Ecke von
-George- und Kingstreet im Auge hatten.
-
-Es war dies ebenfalls ein Schenkhaus, aber zugleich mit einer Art
-Abendunterhaltung. Sie gingen durch die Schenkstube und ein paar Stufen
-hinauf in ein anderes saalartiges Zimmer, sehr einfach mit hölzernen
-Bänken und Tischen meublirt, und im Hintergrund mit einer Art schmaler
-Bühne, in dessen einer Ecke ein Clavier traurig auf drei Beinen stand
-und von einem jungen Virtuosen in einem abgetragenen blauen Frack
-»beschlagen« wurde. Diese musikalische Abendunterhaltung war aber
-nicht zum Tanz eingerichtet, sondern hatte einen höheren, geistigen
-Zweck, der sich ihnen bald offenbaren sollte.
-
-Auf die Bühne trat eine Gestalt in einem Charakteranzug, für die
-Person aber jedenfalls höchst passend gewählt. Sie war in einen
-zerrissenen Frack, an dem bedenklichsten Theil stark beschädigte
-Beinkleider und einen eingedrückten Hut nebst schiefgetretenen Schuhen
-gekleidet, und sang ein komisches, sehr langes und sehr unanständiges
-Lied, das bei dem Publicum den unbegränztesten Beifall fand. Das
-Letztere bestand zur einen Hälfte aus Matrosen und Handarbeitern aus
-der Stadt, und zur anderen aus liederlichen Dirnen, die wie in all den
-anderen derartigen Häusern hierherkamen ihre Cigarre zu rauchen, ihren
-Brandy zu trinken und Bekanntschaften anzuknüpfen. Es waren widerliche,
-freche, ekelerregende Geschöpfe.
-
-Auch hier fanden sie keinen ihrer Leute. Gerade aber als sie wieder aus
-der Thür auf die Straße traten, rannte in ziemlicher Eile ein junger
-Bursch gegen den Mate des »Phönix« an und wollte eben mit einer
-Entschuldigung ausweichen, als dieser sein Gesicht zu sehen bekam und
-rasch zugriff --
-
-»Hallo Smith«, rief er dabei aus, »ich bin höllisch froh dich hier
-so zufällig zu finden; habe schon einen langen Spaziergang dir zu
-lieb gemacht. Hr. Charles, ich möchte Sie einmal um ihre Handschellen
-bemühen.« Charles war rasch damit bei der Hand, der arme Teufel von
-Matrose aber, der hier so plötzlich dem Feind gerade in den Rachen
-gerannt war, wollte wenigstens noch einen letzten Versuch machen zu
-entwischen. Sich deshalb auf seine schnellen Beine verlassend, riß
-er sich rasch von dem Mate, der daran gar nicht mehr dachte, los, und
-sprang Kingstreet hinauf. Die Straße war aber hier hell erleuchtet
-und an den Ecken von King- und Kentstreet stand ein wahres Nest
-von Constablern. Der Alarmschrei wurde gegeben, die Straße war
-augenblicklich besetzt, und fünf Minuten später befand sich Smith in
-den Händen und Handschellen des Polizeidieners Charles von der Sidney
-Wasserpolizei.
-
-Es war indessen schon ziemlich spät geworden, und Charles ging mit
-seinem Gefangenen zu seiner Station hinunter. Die beiden Steuerleute
-wollten aber erst noch einmal zu dem besprochenen Sammelplatz hinauf,
-wo sie weiteres von den übrigen Dienern der Gerechtigkeit und ihren
-eigenen Cameraden über den Verlauf und das »Glück« des Abends hören
-sollten.
-
-Dicht vorher, ehe sie das in Pittstreet ihnen bezeichnete Haus
-erreichten, und oben zwischen Druitt und Bathurststreet, kamen die
-Beiden an einem kleinen niedern Schenkhaus vorbei, wo sie ebenfalls
-Lärm hörten. Die Thür stand offen und sie traten ein.
-
-Es war eines der gewöhnlichen Branntweinhäuser geringerer Classe,
-und es schien hier an diesem Abend schon wild hergegangen zu sein. Eine
-Masse Gläser standen ungespült mit Löffeln und Zuckersatz auf dem
-Schenktisch -- andere lagen zerbrochen auf der Erde. Unter einem der
-Tische lag ein trunkenes menschliches Wesen, das weibliche Kleidung
-trug, auf dem anderen Tisch lehnte mit dem Kopf ein Mann und schnarchte
-schwer. Hinter der Bar stand der Wirth, der auch der Flasche
-bös zugesprochen zu haben schien, denn er konnte die kleinen
-dickgeschwollenen Augen nicht mehr offen halten, und schlief im Stehen.
-
-Die scheußlichste, aber auch interessanteste Gruppe bestand aus fünf
-Frauen und Mädchen, zwei noch jung, dem Anschein nach wenigstens nicht
-mehr als zwanzig bis einundzwanzig Jahr, und vielleicht noch jünger,
-denn das wüste Leben altert vor der Zeit, die anderen aber schon
-über die dreißig hinaus, mit widerlichen, schmutzigen, geschwollenen
-Gesichtszügen und =alle= betrunken. Den ungemischten Brandy gossen sie
-in die ausgebrannten Kehlen, und lachten und schrieen sich die rohsten,
-wüstesten Sachen zu. Es hörte aber schon keine mehr was die andere
-sprach.
-
-Abgesondert von allen übrigen stand ein einzelnes Mädchen, vielleicht
-achtzehn Jahre alt -- das Haar hing ihr wild um die Schläfe, die
-Schminke war ihr zum Theil von den Wangen gelaufen und die bleiche
-schmutzige Haut sah darunter vor. -- An Stirn und Schläfen trug sie
-dabei Zeichen eines kürzlich bestandenen Kampfes, das geronnene Blut
-klebte dort noch an mehrern Stellen. Das Zeug hing ihr unordentlich
-und zerrissen am Körper, an der linken Seite war es ihr vollkommen
-aufgeschlitzt und eine volle weiße Brust quoll hindurch. Mit der linken
-Hand hielt sie aber ein halb mit Brandy gefülltes Glas -- sie hatte
-schon einen Theil desselben getrunken und sang jetzt mit leiser
-wunderbar melodischer Stimme eines jener so zum Herzen sprechenden
-irischen Volkslieder -- »_oh no, we never mention her_.«
-
-Keiner hörte aber auf sie, der Wirth schlief, die anderen Weiber hatten
-zu viel mit sich selber zu thun, und die Singende schien ihrer auch
-wenig zu achten. In wilder heftiger Tonart hatte sie das Lied begonnen,
-wie sie aber weiter und weiter hineinkam, schienen andere, vergangene
-Scenen vor ihr aufzutauchen -- Ihre Stimme wurde weicher und weicher,
-und bei den letzten Worten »_if he has loved, as I have loved, he never
-can forget_« -- ließ sie auf einmal das Glas fallen, das am Boden
-zersplitterte, warf sich auf die ihr nächste Bank nieder, barg das
-Gesicht in den Händen und schluchzte laut.
-
-»_Nine pence_ für das Glas, _sixpence_ für den Brandy«, sagte der
-Wirth noch halb im Schlaf -- »macht einen Schilling drei Pence -- wer
-war das?« fuhr er dann aber plötzlich in die Höh und blinzte unter
-den kurzen borstigen Augenlidern schläfrig vor.
-
-Die beiden Männer schlugen im Ekel die Thür hinter sich zu, und
-erreichten bald darauf den bestimmten Versammlungsort, wo sie die
-übrigen schon ihrer harrend fanden.
-
-Vom Boreas war ein Franzose unten am Wasser eingefangen, von dem
-Phönix noch ein anderer, und drei Matrosen von einem schon länger
-eingelaufenen Wallfischfänger. Man hatte aber sonst nutzlos all die
-Plätze durchstöbert, wo den Polizeileuten, wie sie sagten, gewisse
-Kunde zugegangen, daß sie heimlich versteckte Matrosen finden sollten.
-Wie sie meinten, war ihnen der auf den Fang gesetzte Preis noch nicht
-hoch genug, denn sie könnten nicht anders hinter ihre Schlupfwinkel
-kommen, als wenn sie die Leute, die sie versteckt hielten, bestachen,
-ihnen selbst den Zufluchtsort anzuzeigen. Das kostete natürlich viel
-Geld, und wollten die Capitäne nicht so viel anwenden, so sollten sie
-nur noch »ein Bißchen Geduld« haben. Mit der Zeit hofften sie schon
-alle wieder zu bekommen.
-
-»Mit der Zeit« -- das konnte aber noch vier bis sechs Wochen dauern,
-und sie wußten recht gut, daß die Schiffe dann das zehnfache an
-Unkosten haben würden. Sie bezweckten aber auch damit was sie wollten.
-Die Capitäne waren gezwungen höhere Belohnungen auf den Einfang der
-weggelaufenen Leute zu setzen.
-
-Als sie auf ihre Schiffe zurückkehrten, mochte es schon ein Uhr Morgens
-sein, und die Straßen waren still und öde. Einzelne Constabler gingen
-langsam auf und ab, und ihre Schritte hallten von den hohen Gebäuden
-wieder. Nur nach unten, nach dem Wasser zu zeigte sich der helle
-Schimmer weiblicher Kleidungsstücke. Es waren zwei Frauen, die
-betrunken auf einem Haufen dort gebrochener Steine lagen und ihren
-Rausch ausschliefen. Da sie keinen Lärm mehr machten, ließen sie die
-Constabler ruhig liegen.
-
-
-
-
-Siebentes Capitel.
-
-Was das Geld vermag.
-
-
-Noch volle zehn Tage nach diesem Abend hatte der Boreas draußen in der
-Bay gelegen, und auf das Einfangen seiner Leute gewartet, ohne nur das
-mindeste Resultat weiter erzielt zu haben. Neue konnte der Capitän
-ebenfalls nicht bekommen; seine frühere Mannschaft hatte seinen Ruf
-durch die ganze Stadt verbreitet, und ein Proceß, den er gleich beim
-Einlaufen mit dem Koch und einem der französischen Matrosen gehabt und
-der =gegen= ihn entschieden und in den Blättern besprochen war, diente
-auch nur noch dazu, Matrosen, die ja schiffen wollten und dazu hundert
-andere Gelegenheiten finden konnten, vor seinem Schiff zu warnen.
-
-Er =mußte= aber jetzt fort -- schon hatte er sich wieder genöthigt
-gesehen frisches Wasser und sogar noch mehr Futter für die Pferde, die
-er an Bord hatte, einzunehmen. Die Preise der Leute stiegen dabei von
-Tag zu Tag, und es geschah endlich was die Diener der Wasserpolizei
-schon lange vorhergesehen hatten -- er mußte sechs Pfund Sterling auf
-jeden eingefangenen Matrosen stellen, und brachte dadurch die ganze
-Polizei in Bewegung. Hier war etwas zu verdienen, und Charles wenigstens
-wußte, an wen er sich zu wenden hätte.
-
-Es wird übrigens Zeit, daß ich den Leser auch wieder zu den
-Hauptpersonen dieser Erzählung zurückführe.
-
-Die Mannschaft des Boreas hatte sich an dem Morgen, wo sie ihre Flucht
-so glücklich von Bord bewerkstelligte, nach Verabredung in das goldene
-Kreuz begeben. Hier harrte ihrer schon der Wirth, nahm ihre Sachen in
-Empfang, die er sorgfältig in ein besonderes kleines Zimmer verschloß,
-und ließ die Flüchtigen dann durch einen jungen Burschen, den er zu
-diesem Zweck die Nacht bei sich behalten hatte, über die Bay schaffen.
-Er beköstigte sie dort, und war durch ihre Kleider für die Auslagen
-der wenigen Lebensmittel, durch ihre Entfernung aber auch dagegen
-gesichert, daß das Gesetz ihm, wenn sie wirklich ausgespürt wurden,
-nicht zu Leibe konnte.
-
-Ging nun alles gut, d. h. segelte das Schiff ohne seine Matrosen wieder
-bekommen zu haben, so bekümmerte sich die Polizei entweder gar nicht
-mehr um sie, oder war besondere Ordre zu diesem Zweck vom Capitän
-hinterlassen worden, so wurden sie im schlimmsten Fall auf kurze Zeit
-hingesetzt und sahen sich dann wieder frei, Arbeit anzunehmen wo sie
-es für gut hielten. Die besorgte ihnen aber dann ihr sogenannter
-»Schlafbaas«, und sah sich wohl vor, daß er vor allen Dingen seine
-Kost und sein Logis bezahlt bekam, indem er den ersten oder die beiden
-ersten Monate Löhnung, die besonders Schiffe in solchem Falle stets
-vorauszahlen müssen, in Empfang nahm. Bekam er das, so konnten die
-Leute ihre Sachen wieder bekommen, geschah das nicht, so waren sie ihm
-verfallen und er hatte immer reichlich seine Kosten gedeckt.
-
-In den meisten Fällen verdienen diese Schlafbaasen, die in solcher
-Weise gewissermaßen eine Art Seelenhandel treiben, schönes Geld.
-Hundertmal ist es schon dagewesen, daß sie zuerst die Matrosen selbst
-überreden ihr Schiff zu verlassen, und sie dann, so wie nur ein
-richtiger Preis auf ihren Fang gesetzt wird, dem Capitän des Schiffes
-oder am häufigsten den Polizeidienern selber anzeigen, mit denen sie
-zwar den Raub theilen müssen, aber auch gegen die Folgen vollständig
-gedeckt sind.
-
-Man sagte, daß der Wirth im goldenen Kreuze auf solche Art und Weise
-ebenfalls sein ganzes Vermögen zusammengeschlagen habe, und den armen
-Matrosen ein wirkliches Kreuz gewesen sei. Er hatte auch stets eine
-ganze Zahl solcher Leute, die bei ihm in Kost gingen, und in seinem
-eignen Hause wohnten. Dorthin kamen sie aber erst, wenn er von dem
-Gesetz nichts mehr zu fürchten brauchte -- bis dahin wußte er bessere
-und sicherere Plätze für sie. An einen solchen Ort hatte er denn
-auch die Leute vom Boreas geschickt, die sich jetzt noch unter keiner
-Bedingung in der Stadt durften sehen lassen.
-
-Es war am 22. August, ziemlich spät am Abend, und schon seit drei
-Tagen hatte das Gerücht in der Stadt Umlauf gefunden, der Boreas habe
-Mannschaft und wolle in See gehen. Nichtsdestoweniger durfte noch keiner
-der Leute aus seinem Versteck, und Polly hatte es besonders Jean,
-der sich bis dahin an solche Verordnungen wenig gekehrt, sehr streng
-anbefohlen, sich unter keiner Bedingung in der Nähe des goldenen
-Kreuzes sehen zu lassen.
-
-Diesem Verbot gehorchte Jean auch auf das pünktlichste, keine
-Seele wurde ihn in der Nähe des Platzes, der für ihn die größte
-Anziehungskraft hatte, gewahr, aber =im= goldenen Kreuz selber stellte
-er sich jeden Abend pünktlich ein, gab Polly das verabredete Zeichen
-und schlüpfte dann zwei Treppen hinauf in das kleine Hinterstübchen,
-wo er doch wenigstens manchmal, wenn sie unten für kurze Zeit abkommen
-konnte, ein paar Worte mit ihr plaudern mochte. Jean hatte Polly, der
-Sicherheit wegen, sein ganzes Geld zum Aufheben gegeben, und =sie= ihm
-dafür, sobald der Boreas erst einmal fort sei, ihre Hand versprochen.
-
-Jean wollte mit einem Landsmann, den er in Sydney getroffen, ein kleines
-Geschäft anfangen und die Aussichten waren dazu gerade in dieser Zeit
-vortrefflich.
-
-Er wie seine Cameraden wohnten indessen gerad über der Bay drüben, am
-sogenannten North Shore in einem kleinen abgelegenen Häuschen, an einer
-Stelle im dichten Busch, die selten jemand betrat, und wo gewiß niemand
-entflohene Matrosen gesucht hätte.
-
-Denselben Abend um acht Uhr stand Polly mit unserem alten Bekannten
-Charles von der Wasserpolizei im Hausflur -- im Schenkzimmer war es
-fast ganz leer heut Abend -- Mr. Mac Carther lehnte hinter der Bar und
-schlief, und Madame saß und strickte, und betrachtete nur dann und wann
-mit ziemlich verdrießlichen Blicken zwei Kunden, die schon seit einer
-halben Stunde hinter dem Tische saßen und an einem »nobbler brandy«
-zogen. Polly wurde nicht vermißt.
-
-»Also es bleibt bei unserer Verabredung«, sagte Charles gerade in
-diesem Augenblicke und reichte Polly die Hand zum Einschlagen, die er
-nachher fest in der seinen behielt -- »es bleibt dabei und -- =keine
-Ausnahme=.«
-
-»Ich weiß nicht«, sagte Polly piquirt, »was du immer mit der
-Ausnahme meinst, daß du die mit einem so bedeutenden Ton erwähnst. --
-Wenn ich einmal etwas sage, so kannst du dich darauf verlassen.«
-
-»Polly«, meinte Charles lächelnd, »ich habe dir schon einmal gesagt,
-daß mir von zwei Personen als ganz gewiß mitgetheilt ist, du habest
-dich mit dem einen Franzosen versprochen.«
-
-Polly zog ihre Hand rasch aus der seinen und rief ärgerlich --
-
-»Mit einem Franzosen; ich dächte doch du kenntest mich besser, als
-daß ich mich an einen der Parlewus hängen sollte. Daß er mir den Hof
-gemacht hat weißt du, und in Ehren kann man auch ein Geschenk annehmen.
-Damit ist die Sache aber auch fertig, und wenn du nun noch einmal --«
-
-Ein scharfer, vom Hof gellender Pfiff unterbrach hier ihre Rede, und das
-Mädchen schrack so auffallend zusammen, daß es Charles selbst in der
-dunklen Flur auffallen mußte.
-
-»Hallo!« sagte er leise und horchte -- Polly wollte nach dem Hof
-zu gehen, er faßte sie aber am Arm und flüsterte: »bleib nur einen
-Augenblick hier, Polly -- wir gehen gleich zusammen.«
-
-Vorsichtige Schritte wurden jetzt gehört, die fast geräuschlos aber
-rasch die Treppe hinaufgingen. -- Sie verriethen, daß der welcher
-diesen Weg nahm, ihn schon mehr als einmal gegangen sein mußte.
-Charles mochte das wohl auch fühlen, denn als die Tritte mehr nach oben
-verhallten und die Stufen jetzt kaum hörbar im zweiten Stock knarrten,
-sagte er leise vor sich hinlachend:
-
-»Der kennt jede Stufe im ganzen Haus, darauf wollt' ich schwören. --
-Also das sind die ersten sechs Pfund, Polly, wie? --«
-
-Das Mädchen stand einen Augenblick wie unschlüssig da -- sie
-erwiederte kein Wort. Endlich als oben eine Thür leise aufging und
-wieder geschlossen wurde, sagte sie, mehr zu sich selber als zu
-dem jungen Manne sprechend, und wie nur mit ihren eigenen Gedanken
-beschäftigt:
-
-»Er hat mir Geld zum Aufheben gegeben.«
-
-»Für so dumm hätt' ich ihn nicht gehalten«, meinte Charles trocken,
--- »doch Matrosen wissen überhaupt nicht ihr Geld zu wahren. -- Gehe
-aber jetzt in die Stube, Polly, ich will noch etwas warten, damit kein
-Verdacht auf dich fällt.«
-
-»Aber Charles --«
-
-»Aber Polly -- Und nicht etwa ein Zeichen gegeben. -- Ich gehe nicht
-fort, ich bleibe hier unten an der Treppe stehen -- _good bye_, Polly
--- Heut Abend werden wir nicht weiter mitsammen sprechen können, morgen
-Mittag aber komm ich her und sage dir Antwort, und -- laß der Alten
-nichts merken.« Damit nahm er die sich nur schwach Sträubende ohne
-weitere Umstände beim Kopf, küßte sie herzhaft ab und öffnete dann
-selber, ihr jede weitere Einrede abzuschneiden, die Thür, hinter der
-er sich aber wohlweislich verborgen hielt. Es blieb Polly auch gar
-kein anderer Ausweg als einzutreten, und um ihre Bewegung zu verbergen,
-machte sie sich, so viel sie konnte, im Zimmer Beschäftigung, wischte
-die Tische ab, und trocknete die Gläser aus.
-
-Noch war sie mit dieser letzten Arbeit beschäftigt, als dicht vor dem
-Fenster, draußen auf der Straße, dreimal mit einem schweren Stock
-aufgestoßen wurde -- sie erschrack so heftig darüber, daß sie das
-eben erst aufgenommene Glas fallen ließ, wobei es in Scherben brach.
-Während Mrs. Mac Carther noch darüber zankte, standen die beiden
-Männer, die am Tisch gesessen hatten, auf, tranken das letzte aus was
-sie noch im Glas hatten, und verließen langsam das Zimmer. Das diente
-ebenfalls nicht dazu Madame in bessere Laune zu bringen.
-
-»Da geht das Lumpengesindel, das in zwei Stunden für einen Sixpence
-verzehrt hat -- und dafür muß man Licht verbrennen und Gläser
-zerbrechen lassen. Wenn ich meinen Willen hätte, so würden die Tische
-und Bänke hier eher zu Feuerholz verbrannt, als daß sie mit hälfen
-das faule, povere Gesindel auch noch hier in seinem Müßiggang zu
-bestärken, und Einem zu Schimpf und Aerger da sitzen zu bleiben.«
-
-Mac Carther, der durch das Zerbrechen des Glases erwacht und aufgefahren
-war, warf einen vorsichtigen Blick im Zimmer umher. Da er aber niemanden
-bemerkte, wollte er sich eben wieder auf seinen alten Sitz niederlassen,
-als er schwere Schritte auf der Hausflur hörte. Er war noch nicht
-ganz hinter dem Schenktisch vor als die Thür aufging, Charles den Kopf
-hereinsteckte und sagte:
-
-»Mr. Mac Carther, auf ein Wort.«
-
-Polly horchte mit der gespanntesten Aufmerksamkeit, und das Herz schlug
-ihr fast hörbar in der Brust, aber sie konnte nichts verstehen. -- Die
-Männer gingen zusammen die Treppe hinauf -- sie konnte es endlich
-nicht länger aushalten, ging an die Thüre und öffnete diese. -- Oben
-entstand Geräusch -- ein Schlüssel wurde im Schloß umgedreht und dann
-angeklopft -- Alles ruhig -- im nächsten Augenblick schallte ein Lärm
-herunter, als ob eine Thür aufgebrochen würde.
-
-»Polly« -- rief Mrs. Mac Carthers Stimme -- Polly drehte sich um
-und ein ganzer Schwarm Matrosen kam in diesem Augenblick durch die
-Mittelthür ins Zimmer -- Brandy, Ale, Porter, Portwein, alle nur
-möglichen Getränke wurden verlangt, und Polly hätte gerade in diesem
-Moment Gott weiß was dafür gegeben, nur wenigstens eine ungestörte
-Viertelstunde zu haben. Bald darauf kamen die Schritte wieder die Treppe
-herunter; Stimmen wurden auf der Hausflur gehört und das Geräusch
-verlor sich auf der Straße. Fast in demselben Augenblick kam Mr.
-Mac Carther herein, warf die Thür hinter sich zu, daß die Fenster
-klirrten, griff seinen Hut auf und stürmte wieder hinaus.
-
-Gleich darauf war Alles ruhig und Polly sagte leise vor sich hin --
-»Gott sei Dank, daß es vorbei ist.«
-
-Als Charles Mr. Mac Carther zu sich auf die Flur gerufen hatte, sagte er
-zu diesem freundlich:
-
-»Mr. Mac Carther, wollten Sie wohl die Güte haben, mir das kleine
-Hinterzimmer im zweiten Stock noch einmal aufzuschließen. Ich und meine
-beiden Freunde hier« -- die zwei Männer, die zum Aerger seiner Frau
-so lange an dem »Nobbler«[5] getrunken hatten -- »wünschen sich die
-Gelegenheit zu besehen.«
-
-»Mit dem größten Vergnügen«, sagte Mr. Mac Carther, bei dem solche
-Haussuchungen keineswegs eine Seltenheit waren, und ging ruhig die
-Treppe vorne hinauf. -- Er hatte keine Idee von dem Schreck der ihm
-bevorstand.
-
-Charles kannte nur zu genau den Ort wo er zu suchen hatte. Als sie die
-Thür von innen verschlossen fanden, wurde sie einfach aufgebrochen, und
-Jean sah sich im nächsten Augenblick in Eisen und den Händen eines der
-Gerichtsdiener, der den weiter keinen Widerstand Leistenden, nach schon
-früher erhaltenem Befehle, direct zur Wasserpolizei hinunterführte.
-
-Der Wirth war über diese Entdeckung, die ihn in die größte
-Unannehmlichkeit bringen konnte, außer sich, und suchte sich nur vor
-allen Dingen bei Charles, dem er die heiligsten Versicherungen seiner
-Unschuld und gänzlichen Unwissenheit von dem Vorgefallenen gab, zu
-vertheidigen. In dessen eigenem Interesse lag es aber ihn zu beruhigen,
-und er versicherte Mr. Mac Carther daher, daß er recht gut wisse, der
-Gefangene habe nicht bei ihm gewohnt, ja er sei ihm sogar die ganze
-Straße herauf bis in's Haus und an die Thür gefolgt, und er glaube der
-Franzose habe sich hier nur herein geflüchtet, weil er jemanden hinter
-sich bemerkt habe der ihm nachschliche, dadurch vielleicht seinen
-etwaigen Verfolger von der richtigen Spur abzubringen. Er konnte ja
-nicht wissen, daß dieser gerade so genau in dem goldenen Kreuz bekannt
-sei.
-
-Mr. Mac Carther drückte ihm die Hand, faßte ihn dann unter den Arm
-und führte ihn, während der eine der Leute mit dem Gefangenen abging,
-etwas bei Seite.
-
-»Mr. Charles«, flüsterte er hier leise und vertraulich -- »nicht
-wahr, es sind auf das Einbringen der Matrosen vom Boreas sechs Pfd. St.
-per Mann gesetzt -- wie? ich habe es heute Abend erst gehört und wollte
-Sie morgen früh selber aufsuchen.«
-
-»Allerdings«, erwiederte ihm Charles lächelnd -- »haben Sie eine
-Spur?«
-
-»Eine Spur?« sagte Mac Carther leise, und kniff den Polizeidiener
-vertraulich in den Arm -- »wollt Ihr ein hübsches Trinkgeld verdienen,
-Freundchen?«
-
-Der junge Mann von der Wasserpolizei bog sich zu ihm hinüber, hielt
-seinen Mund dicht an das Ohr des Wirthes und flüsterte:
-
-»Nicht wahr, wenn ich hinüber an das North Shore in Kennedy's alte
-Hütte ginge?«
-
-Mac Carther machte sich rasch von ihm los, und sah ihn erschreckt an.
-Charles lachte. -- »Ja, ja, mein alter Fuchs«, fuhr er dann lauter
-fort, »manche Nasen sind schärfer als man es ihnen zutraut -- meine
-reicht bis zum North Shore hinüber -- und noch mehr« fuhr er wieder
-mit unterdrückter Stimme fort -- »unten am Werf liegt schon ein Boot
-mit zwölf Mann, die nur auf mich warten. In einer halben Stunde sind
-wir an Ort und Stelle, und übermorgen früh segelt der Boreas. -- Der
-Wind ist günstig und ich habe mein Wort darauf gegeben. Guten Abend,
-Mac Carther --« und damit schnellte er, von seinem Begleiter gefolgt,
-zur Thür hinaus auf die Straße. Mac Carther aber stürzte, wie schon
-erwähnt, in die Schenkstube, griff seinen Hut auf und eilte, so rasch
-er konnte, nach einer anderen Richtung hin zum Wasser hinunter.
-
-Charles hatte seine Maaßregeln aber viel zu gut und sicher getroffen;
-außerdem kannte er den Platz selber schon genau, und zwei seiner Leute
-mußten den ganzen Nachmittag dort in der Nähe versteckt liegen und auf
-die geringsten Bewegungen der Entflohenen achten. Die armen Teufel
-von Matrosen waren, als sie sich gerade am sichersten fühlten, schon
-verrathen und verkauft.
-
-Das Boot landete, zwei Mann ließ man schwer bewaffnet als Wache dabei
-zurück, die kleine Hütte wurde dann umzingelt und die ganze Mannschaft
-des Boreas, mit Ausnahme eines Deutschen und eines Franzosen, die gerade
-in der Stadt waren Provisionen zu holen, gefangen genommen und in Eisen
-gelegt. Die beiden kamen gerade zurück als die Polizei in das Haus
-drang und flüchteten in den Busch, wo sie sich mit den Provisionen
-versteckt hielten, bis der Boreas, den sie von ihrem Versteck aus
-konnten in der Bay liegen sehen, wirklich abgesegelt war.
-
-Gerade als das Polizeiboot mit seinen Gefangenen vom Lande abstieß,
-schoß ein anderes kleines scharfgebautes Boot, mit zwei Männern darin,
-in eine kleine durch einen Felsenvorsprung gebildete Bucht. Einer von
-diesen sprang augenblicklich an Land und sah dem Boot nach. Man konnte
-die Gestalt in der Dunkelheit nicht mehr genau erkennen, Charles hatte
-aber allen Grund auf den richtigen Mann zu rathen, und rief deßhalb auf
-gut Glück nach dem Lande zurück.
-
-»Guten Abend, Mr. Mac Carther.«
-
-Die Gestalt verschwand in demselben Moment wieder in den Büschen und
-das kleine Boot ruderte, eine halbe Stunde später, mit denselben beiden
-Männern nach der Stadt zurück.
-
- * * * * *
-
-Am Montag Morgen wehte vom großen Mast des Boreas die Signalflagge für
-die Wasserpolizei. Alles andere war zur Abfahrt fertig, der Lootse an
-Bord, vom Anker schon alles Unnöthige an Kette eingeholt, und die Segel
-hingen gelöst von den Raaen nieder. Der Wind wehte stark von Westen und
-die Brise konnte zum in See Gehen nicht günstiger sein.
-
-Eine Viertelstunde später schossen um das Castell zwei schmale lange
-Boote. Es war die Wasserpolizei mit den Gefangenen die sie an Bord
-brachte, denn der Boreas hatte indessen, um die nothwendigsten Arbeiten
-zu verrichten, andere Arbeiter an Bord gehalten.
-
-Die Gefangenen trugen sämmtlich Handschellen. Da es zu viele waren,
-und die Polizei vielleicht einen letzten Fluchtversuch fürchten mochte,
-ließ sie den Einzelnen, wenn sie die Fallreepsleiter hinaufsteigen
-sollten, auch die Eisen nicht abnehmen, sondern es wurde eine Leine
-heruntergelassen, diese um das Eisen geschlagen, und der Gefangene
-mußte dann nach oben steigen. An Bord nahm man ihnen die Schellen
-ab, die Boote ließen sich aber an langer Leine bis hinter das Schiff
-treiben.
-
-Die im goldenen Kreuz versetzten Kleider der Entflohenen waren auch
-schon wieder an Bord; der Capitän hatte sie bei Mr. Mac Carther,
-durch Charles Vermittelung einlösen lassen, denn er konnte die Leute
-natürlich nicht ohne Kleider mit in See nehmen. Es war das seinerseits
-übrigens nicht etwa aus Menschlichkeit geschehen; er wußte recht gut,
-aus wessen Casse das Geld bezahlt werden mußte. Die Matrosen schienen
-jedoch bis zu diesem Augenblick noch immer nicht recht geglaubt zu
-haben, daß es wirklich schon so bald in See gehen sollte. Wahrscheinlich
-hatten sie noch auf Rettung gehofft, und jetzt erst, da sie die Segel
-gelöst und den Lootsen an Bord sahen, mochte ihnen die Gewißheit ihres
-Schicksals zuerst in ihrer vollen Wirklichkeit vor Augen treten.
-
-Am meisten freute sich aber der Zimmermann über das Einfangen derer,
-die ihn am Morgen ihrer Flucht in einem so schmählichen Zustand
-zurückgelassen, und er konnte nicht umhin Bill sowohl als Jean ganz
-besonders um ihr Befinden zu befragen.
-
-Bill antwortete ihm mit einem kernigen Fluch, Jean lachte ihm aber
-gerade ins Gesicht, denn er mußte trotz seiner jetzt keineswegs
-angenehmen Lage doch unwillkürlich an die trostlose Gestalt des
-Zimmermanns denken, als sie ihn vor 14 Tagen, mit dem Knebel im Munde,
-in dem Logis vorn liegen hatten. Andere Sachen nahmen aber seine
-Aufmerksamkeit gleich darauf mehr in Anspruch.
-
-Die Polizei war fertig an Bord und machte sich eben bereit wieder in
-ihre Boote zurückzukehren -- als Jean auf Charles zutrat und ihn am Arm
-faßte.
-
-»Ah, Jean?« sagte der Polizeidiener und wandte sich freundlich zu
-ihm -- »noch etwas zu bestellen am Ufer? -- werde es mit dem größten
-Vergnügen zur Besorgung übernehmen.«
-
-»Weiter nichts als diesen Brief« -- sagte der junge Mann, ohne seine
-Freundlichkeit weiter zu erwiedern -- »Ich glaubte nicht, daß wir so
-bald in See gingen und -- ich weiß Sie sind dort im Haus bekannt«,
-setzte er mit etwas bitterem Ausdruck hinzu -- »wollten Sie vielleicht
-so gut sein und ihn an seine Adresse -- aber heute noch -- besorgen?«
-
-Charles las statt aller Antwort die Adresse -- _Miss Polly Whitby_
--- _golden cross_ -- »soll richtig besorgt werden und zwar noch vor
-Tisch,« sagte er dann und legte den Brief in seinen Strohhut -- »sonst
-noch etwas, Jean?«
-
-»Ich danke, weiter nichts«, erwiederte der Matrose, und ging langsam
-nach dem Vorcastle, wo indessen die Miethleute des Boreas den Anker
-herauf bekommen hatten. Die Marssegel-Raaen stiegen in die Höhe, das
-große und Vorsegel fiel herunter und die Halsen wurden festgemacht --
-die Clüver und leichteren Segel folgten, und vor dem Wind schoß das
-flüchtige Schiff den Heads zu, zwischen denen hindurch sie schon die
-offene See erkennen konnten. Eine halbe Stunde später befanden sie sich
-zwischen den Heads -- den beiden schroffen Felsbänken, die den Eingang
-des schönen Sydney-Hafens bilden, und auf deren südlichem Kamm der
-hohe treffliche Leuchtthurm steht.
-
-Hier ging der Lootse mit den gemietheten Leuten von Bord; die Segel
-wurden etwas angebraßt, und mit einer herrlichen Brise hielt der Boreas
-mit Nordost Cours in die offene See hinaus.
-
-
-
-
-Achtes Capitel.
-
-Die Ausfahrt.
-
-
-Der Boreas hatte die »Heads« des schönen Sydney-Hafens kaum hinter
-sich, als er, von einer scharfen Südbrise gefaßt, pfeilschnell durch
-die Wogen schoß. Die Raaen standen eben genug zu Backbord angebraßt,
-daß der Wind auch die Klüver füllen, und voll in alle Segel
-hineinstehen konnte, und noch war die Nachmittagswache nicht gesetzt als
-die leichteren Segel schon wieder nieder mußten.
-
-Gegen Abend wurde der Wind immer stärker, und da das Schiff nicht
-so stark bemannt war, mit sehr viel Segeln in schlechtem Wetter rasch
-handthieren zu können, ließ der Capitän noch vor Dunkelwerden ein
-Reef in die Marssegel nehmen. Das Schiff loggte neun Knoten.
-
-Von den letzt eingefangenen Leuten waren außerdem noch zwei auf der
-Krankenliste; der eine englische Matrose, Jack, der schon mit einem
-leichten Fieber an Bord gekommen, und der deutsche Matrose, Hans --
-derselbe der damals, bei der Flucht der anderen in Sydney an Bord
-geblieben. An demselben Morgen, an dem sie ausliefen, hatte diesen, beim
-Füttern, eines der Pferde an den Schenkel geschlagen, und obgleich ihm
-die Wunde vom zweiten Mate ziemlich gut verbunden war, schmerzte sie ihn
-doch noch sehr. Er konnte nicht auftreten, mußte also gleichfalls die
-Coje hüten.
-
-Die ganze Mannschaft bestand außer diesen beiden und dem Capitän mit
-seinen beiden Mates nur noch aus zehn Personen, und zwar dem Steward und
-Zimmermann, dem Koch (einem Neger), aus drei Engländern, unseren alten
-bekannten Bill, Bob und Jim, zwei Franzosen, Jean und François, zwei
-Deutschen und einem Jungen.
-
-Der Junge war ein Malaye und gehörte eigentlich, wenn das Schiff
-Passagiere führte, mit in die Cajüte, dem Steward und Koch als Hülfe,
-wurde aber jetzt, da er vorne nöthiger war, mit in das Vorcastel gethan
-und ging seine Wachen wie die anderen.
-
-Auf der Starbords- oder Steuerbordswache (die erste) waren der Capitän
-mit dem zweiten Mate, der Steward, Bill, Jean, Hans und der junge
-François; auf der Backbord- oder zweiten Wache, der erste Mate mit dem
-Zimmermann, der auch zugleich mit Bootsmannsdienste verrichtete, mit
-Bob, Jack, Karl, Jim und dem Malayen.
-
-Zu seiner vollen Besatzung hätte der Boreas die doppelte Mannschaft
-gebraucht, der Capitän war aber, wie die Sachen jetzt in Sydney
-standen, nur froh mit diesen fortgekommen zu sein und glaubte sich
-bis Indien in einem ziemlich günstigen Monsun auch wohl behelfen zu
-können. Bei günstigem Winde, und wenn das Schiff nicht zwischen vielen
-Inseln hindurch und aus engen Straßen hinauszukreuzen hat, wo die
-Mannschaft durch das ewige Wenden erschöpft und aufgerieben wird, kann
-man auch ein Schiff mit verhältnißmäßig sehr wenig Leuten vorwärts
-bringen.
-
-Die Mannschaft saß unten im Logis oder Vorcastel (wie der vorderste
-Raum im Schiff genannt wird, wo die Matrosen gewöhnlich ihren
-Aufenthalt haben), beim »Schaffen.« Zwei große hölzerne Schüsseln
-oder besser Wannen, die eine mit einem gar verdächtig aussehenden
-Stück gesalzenem Speck und Rindfleisch, die andere mit hartem muldigem
-Schiffszwieback gefüllt, standen zwischen ihnen, und nebenbei dampfte
-eine riesige Blechkanne, aus der sich jeder, wie es ihm gut dünkte,
-seinen vor ihm stehenden Blechbecher mit dem allerdings etwas sehr
-dünnen und unschuldigen aber kochend heißen Getränk füllte.
-
-»Da seid =Ihr= schuld daran, Gott verdamm mich,« brummte der
-Zimmermann, als er sich eben selber zu einer »Tasse Thee« half,
-wie dies Wasser schmeichelhafterweise genannt wurde -- »ich glaube
-wahrhaftig sie wollen uns knapp halten, und nun muß ich das verfluchte
-Zeug mitsaufen. Koch, du schwarze Bestie, was hast du hier für eine
-Brühe zurecht gebraut? -- ist das Aufwaschwasser da =Thee= -- heh?«
-
-»Kann nicht helfen, Massa,« sagte der Schwarze, der eben die Stiege
-heruntergekommen war und seine Pfeife in der kleinen, in der Mitte
-schwingenden Lampe angezündet hatte. Er zuckte dabei mit den Achseln
-und that als ob er selber sehr betrübt darüber sei; die großen
-rollenden Augen fuhren aber zu gleicher Zeit und mit unverkennbarem
-Humor im Kreis herum, und man sah es ihm an, daß es ihm nicht gerade
-das Schmerzlichste war, den Zimmermann über seinen Thee entrüstet
-zu finden. »Massa Steward« setzte er hinzu, »gibt nur ganz kleine
-Fingerspitzen voll Thee -- meinte, wenn die Leute jetzt in den Minen
-wären, hätten sie auch keinen stärkeren Thee gehabt -- wäre gerade
-recht.«
-
-»Oho,« knurrte der Zimmermann -- »wenn die Sache so gemeint ist,
-werde ich mir meine Theekanne künftig insbesondere halten. -- Spaß ist
-Spaß -- aber nach warm Wasser wird mir immer schlecht.«
-
-Er stieß seinen Becher auf die Kiste nieder, auf der er gesessen, und
-kletterte ärgerlich und vor sich hinbrummend an Deck.
-
-»Hallo, Doctor« (denn der Koch wird gewöhnlich auf den englischen
-und amerikanischen Schiffen mit diesem ihm auch wohlklingenden
-Titel belehnt), sagte jetzt, als der Zimmermann aus der Logiskappe
-verschwunden war, Bill, indem er mit seinem Messer ein Stück Speck aus
-der Schüssel stach, an die Nase hob und wieder hineinwarf -- »_shiver
-my timbers_, wenn ich nicht glaube, die haben da hinten das alte Faß
-Speck wieder aufgeschlagen, was schon vor vier Wochen einmal condemnirt
-wurde. Wenn der Capitän oder Steward im Sinn haben uns hier, nachdem
-wir wieder in der Falle sitzen, auch noch auszuhungern, so weiß
-ich einen Fehler. Dann kenn' ich einen gewissen Bill Stumper, der
-sterbenskrank wird und sich in seine Koje legt, und so lange jeden
-Morgen mit dem größten Vergnügen eine Dosis Salz nimmt, als der
-Vorrath an Bord dieses braven Schiffes aushält -- was doch hoffentlich
-nicht so entsetzlich lang dauern soll. Seine Segel kann =er= nachher
-allein herüber und hinüber brassen.«
-
-Der Koch sah sich nach oben um, ob der Zimmermann auch nicht mehr in der
-Luke stand, und sagte dann leise:
-
-»Massa Bill, Timor« (wie der malayische Junge nach der Insel von
-der er stammte), genannt wurde -- »Timor hat gehört wie Capitän zu
-Steward sagte -- alte Faß wieder aufzumachen und den Leuten zu geben --
-wollte Schufte schon =zwiebeln=, hat er gemeint.«
-
-»So? -- das nennt er also zwiebeln?« lachte Jean, »Alter, Alter, ein
-zu straff angespanntes Tau reißt leicht und -- wir sind noch nicht in
-Calcutta.«
-
-»Nur sehr gut ist, daß Zimmermann mittrinken und essen muß,« lachte
-der Doctor -- »wird auch mit =gezwiebelt=, hi, hi, hi, für seinen
-guten Willen.«
-
-»Ja; aber Hans kriegt ja auch nichts besseres,« sagte der andere
-Deutsche, »und der hat doch ebenfalls keinen Fuß in Sydney von Bord
-gesetzt.«
-
-»Der hat aber nicht sagen wollen wo wir hin sind,« murrte Bill, »und
-deßhalb wird er natürlich mit uns über einen Kamm geschoren. Wenn
-wir nur den verdammten Zimmermann hier nicht mit unten in unserer Back
-hätten, ließe sich das alles aber schon machen. Im Zwischendeck
-liegt nur Heu und zwischen den Ballen durch kann man leicht nach der
-Vorrathskammer kommen -- doch der Lump verriethe, glaub' ich, seinen
-eigenen Bruder, wenn er sich selber einen weißen Fuß dadurch machen
-könnte.«
-
-»Steward ist der Schlimmste,« sagte der Doctor, aber noch leiser
-als vorher -- »hat Massa Jean so auf dem Strich, weil ihn der 'mal
-durchgeprügelt hat -- will's wieder gut machen.«
-
-»Daß ich ihm nicht zum zweitenmal auf den Pelz komme,« brummte Jean
-zwischen den zusammengebissenen Zähnen durch. -- »Diesmal möcht's
-besser fördern -- der Wille ist wenigstens da.«
-
-»Brassen!« lautete des ersten Mate Stimme vom Quarterdeck herunter,
-und »Brassen« rief der Zimmermann auch in demselben Augenblick in die
-Back nieder -- »Brassen, Boys -- Donnerwetter, macht nicht so lange da
-unten; der Mate hat schon dreimal gerufen.«
-
-»Schade, daß Massa Spahn nicht am Lügen erstickt,« lachte der Koch
-und sprang vorneweg die Leiter hinauf.
-
-Bis acht Uhr Abends und zwar von Morgens fünf Uhr an, hatte er die
-Wache auf Deck, nach acht Glasen Abends aber war seine Wacht bis zum
-anderen Morgen zu Koje. Jetzt aber, da die beiden Leute krank, oder
-doch wenigstens zur Arbeit für einige Zeit unfähig waren, mußte er so
-lange des Capitäns Wache mithalten, und durfte dafür, um doch seinen
-gehörigen Schlaf zu bekommen, Nachmittags bis vier Uhr zu Koje gehen.
-
-Die Raaen mußten vierkant gebraßt werden. Der Wind drehte mehr und
-mehr nach Westen herum, so daß er jetzt von hinten in den Segeln lag,
-und um 12 Uhr schon gingen sie über Backbord Bug mit halbem Wind, und
-es wehte ein fliegender Sturm. Der Boreas zischte vor dicht gereeften
-Vormars-, Sturm- und Vorstengenstagsegeln wie ein Pfeil durch die
-kochende schäumende Fluth. -- Drei Tage lang dauerte der Sturm; vom
-Lande aber herüberwehend konnte keine so gewaltige See stehen, wie das
-der Fall gewesen, wäre er von der anderen Seite gekommen. Das Schiff
-brauchte deshalb auch nicht beizulegen, sondern lief mit ganz kleinen
-Segeln und nur weniger Unterbrechung fast seine 10 Miles die Stunde.
-
-Am schlechtesten befanden sich die im Raum stehenden Pferde dabei, die,
-noch nicht an unruhige See gewöhnt, gleich vom ersten Anfang an in
-solch ein Unwetter hineinkamen. Zwei starben auch schon den dritten
-Morgen und eines hatte ein Hinterbein Nachts zwischen die Stangen
-bekommen und gebrochen, und mußte, da hier keine Möglichkeit war es zu
-heilen, mit den anderen beiden über Bord geworfen werden.
-
-Das Füttern und Besorgen der Thiere geschah in den verschiedenen Wachen
-immer von denen, die gerade auf Wacht waren, und man kann sich denken
-daß die Leute, noch außerdem unfreundlich vom Capitän behandelt, eben
-nicht viel Lust zu einer Arbeit zeigten, welche Matrosen selbst unter
-den günstigsten Verhältnissen ungewohnt und zuwider ist.
-
-Hierzu kam noch daß die Pferde, durch die starke Bewegung des Schiffs
-wie das dadurch unvermeidliche stete Hin- und Hergeworfenwerden, dann
-durch das Knarren der Balken, den Dunst, die Dunkelheit, wie alle die
-fremden Gestalten, wild und scheu gemacht und oft gar nicht zu bändigen
-waren und die Leute mehrmals nur mit genauer Noth der Gefahr entgingen,
-von den wüthend aushauenden Thieren Arm und Bein zerschlagen zu
-bekommen. In der That hatten auch schon fast Alle Quetschungen und
-Wunden wegbekommen. Selbst beim Wassergeben bissen ein Paar der
-boshaftesten nach denen, die ihnen den Eimer hinhielten, und Bill machte
-schon Vorschläge, wie man die sämmtlichen »Bestien,« wie er sie
-nannte, mit einemmale vergiften und loswerden könnte.
-
-Der zweite Mate, ein ruhiger, ordentlicher Mann that sein Bestes die
-Leute zufrieden zu stellen, und da er auch den Proviant auszutheilen
-hatte, so versprach er ihnen schon gleich am zweiten Tag, daß sie
-bessere Provisionen haben sollten, »wenn ihm der Capitän und Steward
-nur erst nicht mehr so auf die Finger sähen.« Damit mußten sie sich
-aber für jetzt begnügen, denn für den Augenblick ließ sich darin
-noch nicht viel ändern. Der zweite Mate half auch, wo es irgend ging,
-mit im Raum bei den Pferden; weder Steward noch Zimmermann ließen sich
-dort aber nur ein einzigesmal blicken. -- Sie hatten immer ungemein viel
-andere nothwendige Sachen in der Zeit gerade zu thun.
-
-
-
-
-Neuntes Capitel.
-
-Hans.
-
-
-Am vierten Tag ging der Wind wieder mehr nach Süden herum und wurde
-schwächer. Dadurch legte sich die See allerdings in etwas, der Boreas
-kam aber nun auch wieder platt vor den Wind und hiermit in so viel
-stärkere Bewegung. Nur in Ballast geladen, mit den Pferden im unteren
-Raum, das Heu in das Zwischendeck gestaut, und sogar noch mit einem
-Dutzend Wasserfässern oben an Deck, war er etwas kopfschwer geworden,
-und lief allerdings ziemlich ruhig, sobald er von dem mehr schräg
-einstehenden Winde auf einer besonderen Seite gehalten wurde. War das
-aber nicht mehr der Fall, so schlingerte[6] er so herüber und hinüber,
-daß die Raanocken manchmal fast die Wogen berührten. Es sah oft aus,
-als ob er sich im Leben nicht wieder aufrichten würde.
-
-Den Pferden bekam dies noch schlechter als das Stampfen des Schiffes. --
-Noch an dem nämlichen Tage crepirte ein viertes, und zwei hatten
-sich die Brust, mit der sie fortwährend gegen die Querbalken geworfen
-wurden, vollkommen aufgescheuert.
-
-Capitän Oilytt war wüthend darüber; er stieg selber in den unteren
-Raum hinunter, und als er den Zustand sah, in dem sich einige der Thiere
-befanden, fluchte und lärmte er auf eine entsetzliche Weise und schwur,
-er wolle den letzten Mann von der »Räuberbande«, die er jetzt an Bord
-habe, zu Tode -- oder aus seiner Haut hinauspeitschen lassen, wenn auch
-noch einem seiner Thiere nur »das Fell geritzt würde.«
-
-Capitän Oilytt hatte eine andere Tugend an sich -- =er trank=. Nach dem
-Mittagstisch nahm er seinen »Verdauungstropfen«, wie er es nannte --
-ein Bierglas halb mit Brandy, halb mit heißem Wasser gefüllt und mit
-etwas Zitronensaft versetzt -- er verschmähte Zucker. Dabei blieb es
-aber nicht. -- Dem »Verdauungstropfen« folgte ein anderer und noch
-einer, bis sein Gesicht glühte und manchmal ordentlich Funken zu
-sprühen schien und in solchem Zustand sah er sich gewöhnlich nach ein
-wenig »Sport« oder =Vergnügen=, wie er meinte, um, und stieg auf Deck
-oder zu den Leuten hinunter. Gnade dann Gott dem, der ihm dort verkehrt
-in den Weg kam, oder Ursache zu Mißfallen gab. Er verschmähte es oft
-nicht, selber Hand anzulegen, und da er ein breitschultriger, schwerer
-Gesell und überdem Capitän des Schiffes war, also vor Gericht stets
-das Recht auf seiner Seite hatte, hüteten sich die Leute auch wohl, wo
-sie das nur irgend vermeiden konnten, mit ihm anzubinden, und gingen ihm
-lieber aus dem Wege.
-
-Es war am achten Tag ihrer Ausfahrt von Sydney. Der Wind wehte ziemlich
-stetig aus SSO und der Boreas lief, jetzt einen Nord zu West Cours
-haltend, an der Küste Australiens vor einer herrlichen Brise hinauf.
-Der Capitän hoffte am nächsten Tag in Sicht der Riffe zu kommen,
-zwischen denen hinein er durch die Torresstraße seine Bahn suchen
-wollte.
-
-Die Torresstraße ist jene, an Flächenraum ziemlich breite Straße, die
-im Süden von der nördlichen Küste Australiens, im Norden durch
-die große noch fast unbekannte Insel Neu-Guinea gebildet wird, aber
-dermaßen mit Inseln und Sandklippen überstreut und von Korallenriffen
-durchwachsen ist, daß die Passage, selbst bei günstigem Wetter, immer
-gefährlich bleibt und die größte Umsicht erfordert; bei stürmischem
-Wetter aber selten oder nie gewagt wird. Hierzu kommt daß gerade in
-dieser Gegend, vielleicht durch die vielen Inseln und die nahe so heiße
-australische Küste hervorgerufen, das Wetter höchst unbeständig ist,
-und Nebel und plötzliche Böen etwas sehr gewöhnliches sind, vor denen
-sich die Schiffer dann natürlich nicht genug hüten können.
-
-Die Riffe selbst haben einen ebenso eigenthümlichen als gefährlichen
-Charakter. Sie bestehen einzig und allein aus Korallenfelsen; steigen
-aber nicht selten und besonders an diesem Theil der australischen
-Küste, über tausend Fuß steil und schroff, manchmal bis an die
-Oberfläche, manchmal diese nicht ganz erreichend, empor, nie aber so
-weit über dieselben emporragend, daß mehr als das Schäumen der auf
-ihnen überstürzenden Brandung sichtbar wäre, und dem Schiffer die
-Nähe seines gefährlichen Feindes verriethe. Hie und da nur lauscht
-zu Zeiten eine schwarze Felsspitze aus dem weißen Gischt des erregten
-Wassers empor, und kündet die Gränze irgend eines in einem schmalen
-Streifen vielleicht weit auszweigenden Riffs, während dicht davor, ja
-vielleicht selbst in dem Bogen den das eigentliche Riff umschließt, das
-ganz dunkelblaue Wasser die fast unergründliche Tiefe zeigt. An vielen
-Stellen ragen die Korallen bis zur Oberfläche empor, während dicht
-daneben und keine 20 Schritt davon entfernt, über 260 Faden, also 1560
-Fuß, Tiefe sind.
-
-Mit der australischen Küste von Süden nach Norden gleichlaufend, zieht
-sich nun eine förmliche Mauer dieser theils mehr, theils minder steil
-aufschießenden Riffe bis nach Neu-Guinea hinauf, und nur hie und da
-laufen schmale gewundene und natürlich höchst gefährliche Eingänge
-in diese Riffe hinein, an denen sich das Meer in seiner östlichen
-Strömung mit aller Kraft und Stärke bricht. In einigen Meilen
-Entfernung gesehen bieten sie dem Auge auch nichts als eine einzige,
-ununterbrochene Kette weißen Schaumes, die sich von Süden nach
-Norden in schneeiger, beweglicher Linie hinaufzieht, und erst dicht
-hinanfahrend entdeckt der Schiffer von seiner Vorbramraae aus hie und
-da einen schmalen dunklen Eingang, der zwischen den milchigen Massen hin
-auf die innere spiegelglatte und stille Fluth führt.
-
-Macht aber wirklich das Schiff diesen schmalen Eingang, so ist immer
-noch nicht gesagt daß es darin auch weiter kann, daß dieser nämlich
-eine förmliche Durchfahrt in die tiefere innere Bay gestattet. Eine
-starke, gewöhnlich nach Nordwesten setzende Strömung droht ihm
-zugleich fortwährend in dem engen Fahrwasser, mit den nördlich von ihm
-liegenden Klippen, während er, dicht von Riffen eingeschlossen, sich
-vielleicht auf einer Tiefe befindet, in der seine beiden aneinander
-gesteckten Ketten nicht einmal Ankergrund erreichen würden.
-
-Der Capitän war an dem Tage besonders mürrisch gewesen. Er hatte sich
-mit dem zweiten Steuermann, irgend einer Kleinigkeit in den Provisionen
-wegen, gezankt, oder diesen vielmehr einer Sache beschuldigt, die sich
-nachher als unwahr herausstellte, und aus Aerger darüber schien er mehr
-als seine gewöhnliche Zahl Verdauungstropfen zu sich nehmen zu wollen.
-Da fiel ihm aber möglicherweise ein, daß er an dem zweiten Mate doch
-vielleicht noch einen andern Haken finden könne, da dieser ja auch die
-Aufsicht über das Füttern und Halten der Pferde hatte. Er beschloß
-deshalb, einmal selber in den unteren Raum hinabzusteigen, und zu sehen
-wie sich seine Pferde befänden. Er rief den Steward, ihm mit einer
-Laterne zu folgen.
-
-Jean stand am Ruder und Bill saß nicht weit davon auf dem Quarterdeck
-und besserte das dort ausgebreitete große Marssegel aus, das in der
-letzten Bö beschädigt worden war. Der zweite Mate, der bis jetzt daran
-mitgeholfen hatte, stand auf und ging nach vorn.
-
-Hans und François, die beiden übrigen auf Wache, waren gerade im
-unteren Raum mit dem Füttern und Tränken der Thiere beschäftigt. Hans
-hatte sich wieder so weit erholt, daß er wenigstens herumhinken und
-die nothwendigsten Arbeiten mit verrichten konnte. Auch Jack war besser
-geworden, lag aber immer noch, zu schwach irgend etwas anzugreifen, zu
-Koje.
-
-»Na, heut' Nachmittag wird's wieder was Schönes setzen«, meinte Jean
-mit halblauter Stimme zu Bill, der nicht weit von ihm saß, und nachdem
-er erst einen vorsichtigen Blick über Deck geworfen. -- Der Mann am
-Ruder darf mit niemandem sprechen und von niemandem angeredet werden,
-damit er seine Aufmerksamkeit ungetheilt Compaß und Segeln zuwenden
-kann; »der Alte ist in vortrefflicher Laune, und wenn er erst noch ein
-paar »Tropfen« weggestaut hat, giebt's aller Wahrscheinlichkeit nach
-einen Wolkenbruch. Sollte mich gar nicht wundern, wenn er unten schon
-anfinge. -- Dort hat er aber niemanden. François versteht nicht was er
-sagt wenn er schimpft, und Hans mukst nicht, und wenn er dem das Leder
-vollschlüge.«
-
-»Das laß gut sein,« meinte Bill kopfschüttelnd, »Hans läßt viel
-mit sich machen; wenn es aber zum Aeußersten kommt, traut' ich ihm
-gerade weniger als jedem anderen. Er hat was im Auge was mir nicht
-gefällt, und muß seine ganz besonderen Gründe gehabt haben, in
-Sydney nicht mit fortzulaufen, denn aus Feigheit ist es wahrhaftig nicht
-geschehen.«
-
-»Er hat Frau und Kind zu Haus,« entgegnete ihm Jean, »das wird der
-Grund gewesen sein.«
-
-»Fällt ihm nicht ein,« meinte Bill kopfschüttelnd, »der hat so
-wenig eine Frau zu Haus wie ich und du. Nein, ich will dir sagen was er
-mir geantwortet hat, als ich ihn deshalb fragte -- er meinte er hätte
-dem Capitän =sein Ehrenwort= gegeben an Bord zu bleiben, und das könne
-er nicht brechen.«
-
-»Den Teufel auch?« rief Jean rasch und erstaunt -- »das hätt ich
-Hans gar nicht zugetraut. -- Es ist überhaupt ein sonderbarer Kauz,
-und so wenig er damit ausläßt, spricht er doch jedenfalls auch
-französisch. -- Er versteht wenigstens alles, obgleich ich ihn nie zum
-Antworten bringen kann. Er weicht dann immer aus und meint die Zunge sei
-ihm zu schwer dazu. Ich glaub's aber nicht.«
-
-»Manchmal kommt's mir vor als ob er gar kein Deutscher wäre,« sagte
-Bill. »Obgleich er sonst nur ganz gebrochen englisch spricht, sind
-ihm doch schon ein paarmal Worte herausgefahren, die mich ganz stutzig
-machten, und im Schlaf neulich will ich verdammt sein, wenn er nicht den
-einen Satz so rein englisch herausbrachte wie nur je Einer an den alten
-Kreideküsten Geborner. Nachher kam freilich eine Menge Kauderwälsch
-dazwischen das ich nicht verstand, wahrscheinlich »_dutch_.« -- Hallo,
-da unten gehts los -- hörst du's Jean?«
-
-»Ich hab's mir vorneherein gedacht,« sagte dieser gleichgültig. --
-»Daß er dem Mate nichts anhaben konnte, war dem alten Höllenhund
-schon ein Dorn im Fleisch, und jetzt hat er denn richtig so lange
-herumgesucht, bis er sich ein anderes Vergnügen herausstöbern
-konnte.«
-
-»Hm!« sagte Bill, »da unten ist's laut -- hallo, da kommt der Alte
-zu Luft -- Donnerwetter, was er für einen rothen Kopf hat -- wahrhaftig
-ich glaube er blutet. Na jetzt werden wir was Neues hören,« und mit
-unendlichem Fleiß, als ob er bis dahin gar nicht von seiner Arbeit
-aufgesehen, machte er sich wieder über das alte, von Wetter und Zeit
-schon arg mitgenommene Marssegel her.
-
-Im Raum war es indessen allerdings bunt hergegangen. Als der Capitän
-hinunter kam, standen Hans und François eben und tränkten die Pferde,
-von denen einige immer noch ungern aus dem Eimer soffen. Sie schnoperten
-und scharrten und schnaubten, stießen mit der Nase nach dem Eimer, oder
-versuchten auch wohl mit einem Vorhuf hineinzufühlen, wie sie einen
-schwanken Steg oder zu weichen Boden erst versuchen würden, ob er auch
-stark und sicher genug wäre sie zu halten.
-
-Es war natürlich sehr dunkel im unteren Raum, denn das wenige Licht
-was durch die schmalen Luken fiel, wurde fast total durch die
-beiden Windfänge gebrochen und aufgehalten, die von oben herunter
-niedergelassen sein mußten, den Dunst der Pferde, der sonst nirgends
-Abzug hatte, hinauszutreiben und reine Luft hinabzuführen. Die Hitze
-war dadurch auch in der That sehr gemäßigt worden, und wenn man sich
-erst einmal eine kurze Zeit unten befand, gewöhnte sich das Auge
-eher an die Dunkelheit und konnte die Gegenstände, gegen die der eben
-Niedersteigende wie erblindet war, leichter unterscheiden.
-
-Als der Capitän hinunterkam, stolperte er gleich bei den ersten
-Schritten über eine dort lehnende Mistgabel, mit der die Leute die
-Streu etwas aufgelockert und die trockene von der feuchten geschieden
-hatten. Der Steward, der mit der Laterne hinter ihm herkam, half ihm
-natürlich wenig oder gar nichts mit seinem Licht, und das erste was die
-beiden Leute unten von der Gegenwart ihres Capitäns erfuhren, war ein
-entsetzliches Schwören und Fluchen über die erstlich, die in ihrer
-»verdammten Nachlässigkeit« das Werkzeug dort hatten stehen lassen,
-und dann über die ganze »nichtsnutzige, diebische, strickwerthe«
-u. s. w. Schiffsmannschaft.
-
-»Parbleu,« sagte François leise auf französisch zu Hans -- denn
-die beiden sprachen einem Verständniß gemäß, das sie unter sich
-getroffen, der eine sein Französisch und der andere sein Deutsch, womit
-sie vollkommen gut auskamen -- »der Alte ist heut' in einer besonders
-rosenfarbenen Laune. -- Ich gäb' 'was darum wenn er dem Fuchs da
-drüben ein bischen nahe käme. Er und der würden's dann bald zusammen
-kriegen.«
-
-Der Fuchs, von dem François sprach, war das bösartigste Thier im
-ganzen Schiff, und Hans der einzige der ihm selbst Wasser oder Futter
-geben durfte. Sobald sich nur ein anderer der Leute ihm näherte, und er
-nur eben glaubte, sie mit seinen Zähnen erreichen zu können, fuhr er
-wie ein Tiger aus seiner Höhle zwischen den beiden Querbalken mit dem
-Kopfe durch, und Gnade Gott dann allem was er erwischte. Die übrigen
-Pferde hatten sich schon etwas mehr in die Umstände gefügt, obgleich
-sie trotzdem noch immer gern nacheinander bissen und schlugen.
-
-»Was gutes hat er nicht im Sinn, wenn er Nachmittags hier
-herunterkommt,« erwiederte Hans, mehr jedoch mit sich selber redend als
-auf die Bemerkung des Anderen antwortend. -- »Komm hier, Schwarzer,«
-rief er dann laut gegen das Pferd gewandt, an dem er gerade stand,
-und das nach dem jetzt näher kommenden Licht der Laterne
-hinüberschnoperte. Es trat ängstlich dabei so weit zurück, als es
-ihm das etwas kurze Seil, an dem sein festes Halfter saß, erlaubte --
-»komm hier, Bursche -- es thut dir niemand 'was -- hier -- sauf dein
-Wasser, daß die anderen auch 'was kriegen -- Steward! haltet ihm die
-Laterne nicht so vor die Nase,« wandte er sich jetzt aber rasch gegen
-diesen, der indessen mit dem Capitän ganz nahe getreten war und das
-Licht so hoch als möglich hielt, um selber darunter wegsehen zu können
--- »es scheut vor dem ungewohnten Strahl und wird das Halfter am Ende
-zerreißen.«
-
-Der Steward senkte das Licht und wollte zurücktreten, der Capitän
-hatte aber in demselben Augenblick auch eine Schramme am Hals des
-Pferdes bemerkt -- eine Stelle, wo es das Seil ein wenig wund gescheuert
-hatte und die jetzt, da es mit dem ganzen Gewicht seines Körpers nach
-hinten zog, frei kam und sichtbar wurde.
-
-»Halt, Steward -- gieb mir einmal die Laterne,« sagte er rasch --
-»Gott verdamme mich, wenn sie mir hier unten die Thiere nicht zu Tode
-schinden, falls ich nicht selber dann und wann darnach sehe. -- Woh
-Poney -- woh mein Thier -- _come up here, you damned son of a bitch_ --
-_come up here_ -- _w-o-h_ -- daß dich die Pest!«
-
-Das Pferd durch das ihm dicht vorgehaltene Licht und die fremden
-Laute scheu und furchtsam gemacht -- drängte nur immer mehr zurück,
-schnürte sich fast die Kehle zu, daß ihm die Augen weit aus dem Kopf
-traten, sprengte endlich, als der Capitän mit dem letzten, »daß dich
-die Pest« den Arm mit der Laterne rasch und heftig gegen es in die
-Höhe stieß, das Halfterseil, und stürzte auf seinen Hintertheil
-zurück gegen die Schiffswand. Allerdings war es noch mit einem anderen
-Nothtau um den Hals befestigt und festgehangen, dieses aber länger als
-das andere, so daß es ihm mehr Raum gab. Als es deshalb wieder in
-die Höhe sprang, drückte es mit aller Kraft hinter die ihm zunächst
-stehenden Thiere hinein, die, durch den ganzen Lärm und die ungewohnten
-heftigen Stimmen ebenfalls scheu gemacht, ausschlugen und wieherten und
-stampften, und einen Lärm machten als ob sie das ganze Unterdeck aus
-einander reißen wollten.
-
-Die Verwirrung hatte ihren Höhepunkt aber noch lange nicht erreicht.
-Das einzige Pferd nämlich, was sich bis jetzt bei der ganzen Sache
-vollkommen ruhig verhalten, ja nicht ein Glied gerührt, und nur
-vorsichtig gebückt mit zurückgezogenem Kopf, aber lebhaft und
-tückisch blitzenden Augen dagestanden hatte, war eben der Fuchs
-gewesen, von dem François vorher gesprochen, und der geduldig ein Opfer
-für seinen nächsten Angriff zu erwarten schien. Der Steward war ihm
-der nächste. Dieser stand, nicht das mindeste von der ihm im Rücken
-drohenden Gefahr ahnend, mit der ihm vom Capitän wieder zugereichten
-Laterne mitten in dem Gang, der zwischen den beiden Reihen Pferden
-gelassen worden. Der aber war nicht drei Schritt von der Stelle ab, wo
-der Fuchs, mit fest zusammengebissenen Zähnen, gierig auf die nächste
-Bewegung seiner ausersehenen Beute lauerte.
-
-Die sollte auch nicht lange auf sich warten lassen. Der Capitän
-bedeutete den Steward mit dem Licht nach hinten zu gehen, daß die
-Thiere sich wieder beruhigen möchten. Dieser wollte auch eben dem
-Befehl Folge leisten, hatte aber kaum seinen zweiten Schritt gethan, als
-er einen lauten Angst- und Schmerzensschrei ausstieß und die Laterne
-fallen ließ. Der Fuchs war nämlich ohne weitere Warnung mit dem Kopf
-durch seine beiden Querbalken hingefahren, und den Mann gerade über der
-Hüfte packend, hielt er ihm hier Hose und Fleisch, ingrimmig zwischen
-seinen scharfen ehernen Zähnen eingeklemmt; an Losreißen war nicht zu
-denken.
-
-»Pfui, Fuchs, schäm dich!« rief Hans, der wegen seines kranken Beines
-nicht gleich so schnell hinüber konnte, den Gefangenen zu befreien.
-Fuchs aber, obgleich er sonst gewöhnlich auf seines Fütterers Wort
-hörte, schämte sich diesmal nicht, und ließ den jetzt Zeter und
-Mord Brüllenden auch nicht eher los, bis der Capitän zusprang, ihn
-zu befreien; dann geschah es aber auch nur, um nach dem neuen Opfer zu
-schnappen. An diesem hafteten jedoch seine Zähne diesmal nicht, denn
-er stieß ihn so heftig mit dem Maul gegen den Leib, daß er
-zurücktaumelte und mit dem Kopf an den gegenüberstehenden Pfosten
-schlug.
-
-Als er sich wieder in die Höhe richtete, wollte der Fuchs seinen
-Angriff erneuern, jetzt sprang aber Hans dazwischen und trieb das
-freudig und fast höhnisch wiehernde Thier in seine Gränzen zurück.
-Der Steward aber kroch indessen wie eine Schlange in dem schmalen Gang
-hin und hielt nicht eher an, bis er die Leiter halb hinauf war. Dort
-blieb er stehen und schrie nun zurück, »das sei eine schändliche
-Gemeinheit, denn er habe selber gesehen wie Hans das Thier auf ihn
-gehetzt hätte.«
-
-»Tropf,« war das einzige was Hans, halb lachend, halb verächtlich auf
-die Anschuldigung erwiederte, und er wandte sich dabei wieder nach dem
-Rappen um, diesen aufs neue festzumachen, und die anderen Thiere zu
-beruhigen und zu tränken. So leichten Kaufs sollte er aber bei dem
-Capitän nicht davonkommen, denn Capitän Oilytt, durch Rum, Aerger und
-den letzten Fall zu wahrer Wuth gebracht, schäumte fast vor innerlich
-kochendem Grimm und suchte nur noch ein Opfer, an dem er ihn auslassen
-konnte.
-
-François merkte das, und drückte sich aus dem Weg, und auch Hans
-fühlte, wie der Capitän nur eine Ursache suche mit ihm anzubinden;
-that aber als ob er entweder nichts merke oder sich nur wenig um die
-Sache bekümmere. Den ersten allgemeinen Ausbruch des Gereizten oder
-eigentlich sich selber erst Aufreizenden: »Ihr verdammten Hallunken
-hier unten macht was Ihr wollt mit den Thieren, und ich muß Euch
-nur erst einmal die Katze zu fühlen geben,« ließ er deshalb auch
-unbeantwortet, und machte sich mit dem Rappen zu schaffen, den er durch
-Zureden so weit vorn an die Stange zu bringen versuchte, daß er ihm das
-Halfterseil wieder anknoten konnte.
-
-»_You, Sir, there_,« rief aber der Capitän, »ich spreche mit Euch --
-Gott verdamme es, wollt Ihr wohl so gut sein und mir Antwort geben wenn
-ich mit Euch rede? -- Was ist das hier für eine Wirtschaft unten? --
-Ueberall liegt das Geschirr herum, daß man Hals und Beine darüber
-bricht -- die Pferde sind wund gescheuert und liederlich angebunden,
-daß sie sich einander zu Schanden schlagen müssen -- _damn it to hell
-and damnation_, ich will darin Ordnung sehen, oder ich lasse Euch alle
-mit einander krumm schließen und abpeitschen.«
-
-Hans zuckte zusammen, als ob er schon einen Schlag empfangen hätte,
-und hielt einen Moment, wie unschlüssig was er thun solle, in seinen
-Bewegungen ein. -- Was ihm aber auch für Gedanken im Kopfe herum
-gegangen waren, seine Vernunft siegte.
-
-»Geduld -- Geduld,« murmelte er leise, wie eine Art
-Beschwörungsformel vor sich hin, und griff eine andere, neben ihm
-liegende Mistgabel auf, um das den Pferden kurz vorher gegebene und
-jetzt umhergestreute Heu wieder zusammenzuschieben. Der Capitän mochte
-aber wohl die leise geflüsterten Worte gehört haben, denn er sprang
-rasch auf den Mann zu, faßte ihn am Kragen und rief wüthend:
-
-»Was murmelt der Hund -- willst du auch noch gegen mich knurren? Einen
-Muks noch, Canaille, und ich schlage dir den tückischen Schädel bis
-in den Kragen hinunter!« Und er riß bei den Worten dem, nicht den
-mindesten Widerstand Leistenden die Mistgabel aus der Hand und hob sie
-drohend, wie zum Schlag in die Höhe.
-
-Hans sagte kein Wort, er drehte sich nur halb nach ihm um und sah ihm
-starr ins Gesicht -- er war todtenbleich geworden, und das kranke Bein,
-auf dem er zu lange gestanden, fing ihn plötzlich so an zu schmerzen,
-daß er sich an dem nächsten Pfeiler halten mußte.
-
-»Faule, schuftige Bande,« schrie jetzt der Capitän in fast trunkener
-Wuth, ohne jedoch zuzuschlagen, denn der Mann stand ihm, ohne eine Hand
-aufzuheben, gegenüber -- »die das Brod nicht verdienen, was sie ihrem
-Herrgott abstehlen. Nun, zum Donnerwetter, was steht der Lump da und hat
-Maulaffen feil -- Wird's bald, und kriegen die Pferde heute noch etwas
-zu saufen.«
-
-Hans wandte sich um, als er aber auf sein Bein trat, knickte er
-zusammen und konnte sich nur mit Mühe aufrichten, suchte aber doch mit
-äußerster Anstrengung seinen Schmerz zu verbeißen. Er hatte dabei die
-Laterne umgestoßen, die neben ihm stand, nahm sie aber gleich wieder in
-die Höh und hing sie in einen dazu bestimmten Haken.
-
-»Ungeschicktes Vieh,« sagte da der Capitän, und stieß ihm, noch
-während er damit beschäftigt war, den Stiel der Gabel gegen den
-Nacken.
-
-»Capitän!« knirrschte aber auch in diesem Augenblick der
-Gemißhandelte zwischen den fest zusammengebissenen Zähnen hindurch --
-»ich habe meine Schuldigkeit, so viel in meinen Kräften stand, gethan,
-und keine Mißhandlung verdient!«
-
-»Bestie!« schrie jetzt ordentlich jauchzend, daß er eine gegründete
-Ursache gegen einen Widersetzlichen hatte, der Capitän, und drehte die
-Gabel in der Hand um, daß er das schwere Eisen nach oben schwang
--- »willst du muksen?« und im nächsten Moment fuhr das Instrument
-sausend nach dem Kopfe des Matrosen -- aber es traf nur den Pfosten,
-und während die Pferde wieder in wilder Scheu zurückschreckten und
-stampften, schlugen und an den Tauen rissen, griff eine eiserne Faust
-des Capitäns Kehle, und ein schwerer Schlag schmetterte ihn zu Boden.
-
-
-
-
-Zehntes Capitel.
-
-Die unterbrochene Execution.
-
-
-Eine Stunde etwa nach den im letzten Capitel beschriebenen Vorgängen
-lag der Capitän, mit Essigumschlägen über den Kopf, in seinem Bett in
-der Cajüte, und der deutsche Matrose Hans schwer in Eisen geschlossen
-in einer kleinen Art von Behälter des untersten Raumes dicht neben dem
-Steuer, zwischen zwei dort angebrachten eisernen Wasserreservoiren. Der
-Capitän hatte sich seine Bestrafung auf den andern Tag vorbehalten und
-wollte, wie er gemeint, ein exemplarisches Beispiel statuiren. -- Er
-hatte mit dem ersten Mate eine lange Besprechung darüber gehabt.
-
-Der Steward lag übrigens auch in seiner Koje, der Leib war ihm, wo
-ihn das Pferd gepackt gehabt, bös aufgeschwollen und er wimmerte und
-lamentirte vor Schmerzen. Mit Jack ging es ebenfalls nicht besser --
-er hatte den Abend wieder starkes Fieber und konnte nicht an Aufstehen
-denken. Des Capitäns Wache war dadurch so eingeschmolzen daß der Koch
-mit dazu genommen werden mußte, obgleich er sich keineswegs, wie er
-sich ausdrückte, ein »Vergnügen daraus mache.«
-
-Es herrschte übrigens ein dumpfes Schweigen unter der Mannschaft. Hans
-war seines stillen anspruchslosen Wesens wegen von Allen gern gesehen;
-dabei gab es keinen tüchtigeren Matrosen an Bord als ihn, und
-François' Erzählung, der ja Zeuge des Vorfalls im unteren Raum
-gewesen, diente gerade nicht dazu sie gegen den Capitän günstiger
-zu stimmen. Nichts destoweniger hatte er Hand an seinen Vorgesetzten
-gelegt, und die angeborene, fast möchte ich sagen =Scheu=, die in
-dieser Hinsicht in den Leuten steckte, ließ sie auch von seiner
-Bestrafung -- wie er immer gereizt gewesen sein mochte -- als von
-einer Sache sprechen die sich von selbst verstände, und durch Nichts
-geändert werden könne.
-
-»Der Teufel muß heute in Hans gefahren sein« meinte Jack, als die
-Leute nach eben eingenommenem Abendessen noch auf ihren Kisten, und um
-die hölzernen Schüsseln herum, im Logis saßen, »das hätt' ich ihm
-gar nicht zugetraut, daß er so hitzig werden könnte.«
-
-»Ich hab' Dir's gestern wohl gesagt« lachte Bill -- »s'ist mir schon
-ein paar Mal so vorgekommen, als ob der kleine _dutchman_ vom richtigen
-Stoff wäre und nur einen mittelmäßigen Stahl brauche vortreffliches
-Feuer zu geben. Schade daß er den alten betrunkenen Schuft nicht gleich
-todtgeschlagen hat, dann wären wir ihn auf einmal los« -- er sah sich
-dabei um, ob ihn auch der Zimmermann nicht gehört habe, doch der war
-schon an Deck.
-
-»Schade für uns, aber nicht für ihn« meinte Jean nachdenkend --
-»dem armen Teufel wird's so schlecht genug gehen. -- Ich möchte morgen
-früh nicht in seiner Haut stecken.«
-
-»Sie können ihm doch weiter nichts thun als daß sie ihn in Eisen
-lassen,« sagte Carl rasch, »das ist für jetzt Strafe genug, und
-nachher mögen sie ihn den Gerichten übergeben. Auf dem festen Land
-wird er nicht so schwer abkommen wie an Bord.«
-
-»Das kommt aufs Wetter an« meinte Bill trocken, und schob sich ein
-tüchtiges Primchen in den Mund, den er sich vorher mit einem halben
-Kumpen Thee ausgespült hatte.
-
-»Auf's Wetter?« sagte Bob -- »wie soll das auf's Wetter ankommen --
-wohl die Laune vom Alten.«
-
-»Ich meine das =Wetter=,« behauptete Bill -- »nach Recht und Gesetz
-weiß ich nicht einmal ob er ihn schlagen kann. Wird aber das Wetter
-morgen unbeständig, und es sieht heute gerade so aus als ob wir vor dem
-alten miserabeln Riffnest Gott weiß wie lange herumkreuzen müssten,
-dann kann ihn der Alte, so schwach wie wir jetzt bemannt sind, gar nicht
-in Eisen lassen, oder er muß erwarten daß ihm einmal über Nacht ein
-Viertel Dutzend Masten über Bord gehen. Nachher heißts »wieder auf
-Deck« und daß er ihn dann nicht so ohne alle Strafe frei herum laufen
-läßt, ich dächte dazu kenntet Ihr doch unseren Alten ein klein
-Bischen zu gut.«
-
-»Er darf ihn doch nicht schlagen lassen!« rief Carl entrüstet.
-
-»=Darf= nicht?« lächelte Bill verächtlich -- »ich möchte sehen
-wer ihn daran verhindern wollte. -- Wenn =wir's= thäten, wär's weiter
-nichts als »Seeräuberei« von unserer Seite -- »Rebellion und
-Aufruhr« und wie die schönen Worte sonst noch alle heißen, nach denen
-man eines ehrlichen Menschen Hals so lang zieht, daß er bis an die
-nächste Raanocke reicht. Und wollte ihn Hans nachher verklagen wenn wir
-an Land kommen, so möchte ich drei Monat Lohn gegen einen Priem Taback
-wetten, daß der Capitän Recht bekommt und der Kläger, -- wenn sie ihn
-nicht gar noch einmal einstecken -- höchstens den Verweis bekommt, sich
-in Zukunft besser zu betragen. Das nennen sie nachher Gerechtigkeit.«
-
-»Ich hebe keine Hand gegen ihn auf,« betheuerte Carl, »wenn sie mich
-krumm und lahm schließen lassen.«
-
-»Wirst du auch gar nicht 'zu kommen,« meinte Bill -- »das ist des
-Bootsmanns Sache, und da »Spahn« jetzt überhaupt hier an Bord den
-Bootsmann spielt, so wird der also auch wohl die kleinen Nebengeschäfte
-zu besorgen haben. Doch hoffentlich bekommen wir besser Wetter, und dann
-macht sich vielleicht noch Alles.«
-
-»Ich glaube auch nicht daß ihn der Capitän wird wirklich =peitschen=
-lassen,« tröstete sich Jean, -- »er mag wohl den Teufel im Kopf haben
-wenn er die »Tropfen« im Magen spürt -- aber Morgens ist er ja sonst
-immer still und ruhig, und flucht nicht einmal besonders viel.«
-
-»Trau du dem Morgens,« brummte Bob hier aus seiner Ecke vor, »ich
-hab' ihn einmal Morgens bei solchem Geschäft gesehen, und verlang es
-nicht wieder.«
-
-Bob war, außer Hans, der einzige von der ganzen Mannschaft, der schon
-früher einmal eine Reise mit dem Capitän in ein und demselben Schiffe
-gemacht; aber man hatte ihn bis jetzt nie dazu bringen können auch nur
-das mindeste darüber zu erzählen. Desto gespannter drehten sich jetzt
-Alle gegen ihn um, weil sie glaubten er würde ihnen nun das, worauf er
-anspielte, zum Besten geben. Bob aber, der vielleicht fürchten mochte
-daß er dazu gedrängt würde, stand auf, zündete seine Pfeife an,
-und stieg auf Deck, und da der Zimmermann gleich nach ihm herunter kam,
-hörte jede weitere derartige Unterredung von selber auf.
-
-Der Gefangene bekam von dem zweiten Mate Wasser und einen
-Schiffszwieback, auf des Capitäns Ordre hinuntergebracht -- auf seine
-eigene fügte er aber ein Stück Fleisch und ein Fläschchen mit Rum
-bei, und sprach dem armen Teufel Muth ein: er solle nicht das Schlimmste
-glauben; es würde noch Alles gut gehen?«
-
-»Gut gehen?« lachte Hans leise und bitter vor sich hin, nachdem er dem
-Mate, der mit der Laterne neben ihm stand, freundlich zugenickt -- »gut
-gehn? -- was der Capitän thun kann daß mir's =schlecht= geht, thut er
-gewiß, darauf könnt Ihr Euch verlassen, und =er= hat jetzt die Macht
-in Händen. -- Das Blatt hat sich gewendet.«
-
-»Das Blatt hat sich gewendet?« wiederholte der Mate verwundert --
-»wie meint Ihr das?«
-
-»Oder es wendet sich vielleicht wollte ich sagen« erwiederte der
-Matrose und that einen kräftigen Zug aus der ihm dargereichten Flasche.
--- »Ich spreche schlechtes englisch Mate, und Ihr dürft bei mir die
-Worte nicht so auf die Wagschaale legen.«
-
-»Donnerwetter Mann, Ihr sprecht heute Abend ein recht =gutes= Englisch,
-besser wie ich's noch je von Euch gehört habe -- Ihr müßt schnell
-lernen.«
-
-»Wenn man den ganzen Tag weiter Nichts hört,« meinte der Gefangene,
-»bleibt einem ein Bischen hängen, und =andere= Menschen lernen's ja,
-warum soll gerade =mein= Kopf von Holz sein.«
-
-»Nun, laßt's Euch schmecken,« sagte der Mate, »und wenn Ihr das
-Fläschchen leer habt, steckt's hier in die Ecke, zwischen die beiden
-Balken hinein. Der Lump der Steward könnte wieder aufstehn und herunter
-kommen und wenn der's ausschnoperte, wüßte es der Capitän auch schon
-in den nächsten fünf Minuten.«
-
-»Ist denn der Steward krank?« frug Hans erstaunt -- »was fehlt ihm?«
-
-»Alle Wetter, Ihr waret doch selbst mit unten und sollt ja das Pferd
-gerade auf ihn gehetzt haben, was ihn gebissen hat,« lachte der Mate
-leise.
-
-»Oh, hat Ihn der Fuchs so derb gepackt gehabt« meinte Hans,
-kopfschüttelnd, »hm, hm -- ja, Pferde beißen scharf, wenn sie einmal
-richtig zufassen -- liegt er denn zu Bett?«
-
-»Ja -- aber ich kann jetzt auch nicht länger unten bleiben, ich habe
-die Wache an Deck, -- also gute Nacht Hans« -- und damit nahm er seine
-Laterne wieder in die Hand, und stieg die Leiter in die Höh, und Hans
-blieb im Dunkeln allein.
-
-Am nächsten Morgen war der Wind ziemlich schläfrig geworden; das
-Schiff machte nur wenig Fortgang. Am vorigen Tag hatten sie dabei gar
-keine Observation bekommen, und auch heute verdunkelte sich gegen Mittag
-die Sonne. Der Logrechnung nach mußten sie allerdings dem südlichen
-Eingang der Riffe ziemlich nahe, d. h. fast auf einer Breite mit ihm
-sein. Wie aber der Wind jetzt stand, wäre es gefährlich gewesen zu
-nah an die Klippen anzulaufen, denn die Strömung setzte in dieser
-Jahreszeit stark dagegen. Befiel sie vor dem Eingang Windstille, so
-war die größte Wahrscheinlichkeit vorhanden, daß sie gegen die Riffe
-getrieben werden mußten. Außerdem konnten sie dabei unter keiner
-Bedingung vor Anker gehen -- mit ihrer längsten Lothleine hätten sie,
-dicht vor den Riffen, keinen Grund gefunden.
-
-Der Morgen war so vorüber gegangen, ohne daß der Capitän auch nur ein
-Wort über den Gefangenen erwähnt hätte. Erst mit sechs Glasen (drei
-Uhr) gab er dem zweiten Mate den Befehl Hans an Deck zu bringen.
-In Süd-Westen stieg eine dichte Wolkenschicht auf, und es war jede
-Wahrscheinlichkeit vorhanden, daß sie eine häßliche Nacht bekommen
-würden.
-
-Hans war todtenbleich als er das Deck erreichte, aber vollkommen ruhig.
--- Er stieg durch die hintere Luke vor dem Mate die Zwischendeckstreppe
-hinauf, und blieb, auf ein Zeichen desselben, an der Nagelbank des
-großen Mastes stehen. -- Hier aber, ob ihn sein Bein vielleicht noch
-schmerzte, oder er sich durch die Aufregung, in der er sich jedenfalls
-befand, erschöpft fühlte, aber er lehnte sich halb auf das neben ihm
-stehende Fleischfaß, und erwartete dort die Ankunft des Capitäns, der
-gleich darauf über das Quarterdeck herüber auf ihn zu kam.
-
-Capitän Oilytt sah gerade das Gegentheil von Hans aus -- er war
-glühend roth im Gesicht, und über der Stirn saß ihm ein breites und
-langes schwarzes Pflaster. Es war dieselbe Stelle, auf die ihn der jetzt
-in Eisen Geschlossene gestern getroffen. Seine Augen hafteten aber nur
-für kurze Zeit auf dem Gefangenen, der seinem Blick fest begegnete --
-er schaute unruhig über sein Schiff hinweg, nach den Segeln hinauf,
-nach den Wolken hinüber und befahl dann dem zweiten Mate mit heiserer
-fast nur halblauter Stimme _all hands on deck_ zu rufen und aufs
-Quarterdeck zu bringen.
-
-Die Leute kamen still und schweigend an und sammelten sich um Hans,
-Keiner aber, außer dem Zimmermann, ohne ihm nicht halb verstohlen und
-freundlich zuzunicken.
-
-Um des Gefangenen Züge spielte ein leises schmerzliches Lächeln, --
-aber sein Blick suchte wieder die im Süd-Westen aufsteigenden Wolken,
-die er in den letzten Minuten schon aufmerksam betrachtet hatte. Wie
-unruhig schaute er dann nach dem Oberbramsegel hinauf. Bill, der neben
-ihm stand hatte den Blick gesehen und sagte leise:
-
-»Du hast recht Hans, wir kriegen heut Abend faul Wetter und wenn der
-Alte nicht bald Segel« --
-
-Des Capitäns Stimme unterbrach ihn hier. -- Dieser war bis dicht an die
-dünne eiserne Railing getreten, die das Quarterdeck, das halb aus dem
-unteren Raum emporragte, von dem Mitteldeck trennte, und redete jetzt
-die Mannschaft mit lauter aber doch nicht fest klingender Stimme an:
-
-»Leute -- wie Ihr wohl wissen werdet, so hat gestern der deutsche
-Matrose da -- könnt Ihr nicht aufrecht stehn, Sir, wenn man zu Euch
-spricht? -- heh?« -- Hans versuchte sich aufzurichten, mußte sich aber
-immer noch festhalten und suchte sich jetzt mit dem gesunden Beine gegen
-das Faß zu stützen.
-
-»Sein Bein thut ihm noch weh,« sagte der zweite Mate leise zum
-Capitän, hinter dem er stand. --
-
-»Sein Bein soll verdammt sein,« erwiederte dieser barsch und laut,
-»übrigens hab ich Euch nicht gefragt Sir, daß Ihr Euch hier das Wort
-erlaubt.« --
-
-»Ich meinte nur.«
-
-»Ihr =habt= Nichts zu meinen, Ruhe Sir -- Gott verdamme mich, ich will
-Ordnung hier an Bord haben, oder mit Schiff und Mannschaft zu Grunde
-gehn -- und Gnade Gott allen denen, über die ich vorher noch weg muß.
--- Also wie ich Euch sagte, Leute, so hat gestern der deutsche Matrose,
-sich erst im Raum unten, als ich ihn wegen Unordnung und Liederlichkeit
-zurecht wieß, mit Worten gegen mich vergangen, und zuletzt sogar
-einen mörderischen Angriff auf mich gewagt, bei dem er mich, von der
-Dunkelheit des unteren Raumes und der Lokalität begünstigt, mit irgend
-einem schweren Instrument oder Gegenstand vor den Kopf traf und zu Boden
-warf.«
-
-»Ich hätte meinen Hals verwettet,« flüsterte Bill dem neben ihm
-stehenden Jean zu, »daß er's akkurat so herausbringen würde. -- Ein
-Advokat hätt's nicht besser machen können.«
-
-»Dem Gesetz nach könnte ich ihn nun bis Indien« -- fuhr der Capitän
-fort, »schwer geschlossen im unteren Raume lassen. Da wir aber
-überdies schwach bemannt und einige von uns noch dazu krank sind, so
-dürfte ich das jetzt kaum mit der Sicherheit des Schiffes verantworten
-können. Ganz ohne Strafe soll er aber natürlich, bis ich ihn in
-Calcutta den Gerichten übergeben kann, nicht wegkommen, und der
-Bootsmann wird ihm deshalb hier vor Euren Augen funfzig Hiebe aufzählen
--- als =Warnung= für jeden Einzelnen unter Euch für die Zukunft. Ihr
-habt mir in Sydney Aerger und Kosten genug gemacht, und ich will mir
-hier an Bord wenigstens nicht länger von Euch auf der Nase herumspielen
-lassen, oder mich gar Euren mörderischen Angriffen aussetzen. Bootsmann
--- thut Eure Schuldigkeit.«
-
-Er wandte sich um als ob er nach hinten gehen wollte. Des Gefangenen
-Stimme hielt ihn da zurück; er blieb mitten im Gange stehen, drehte
-sich aber nur halb nach diesem wieder um.
-
-»Capitän,« sagte Hans, dem die Worte kaum aus dem Mund wollten, so
-erstickte die innere fürchterliche Aufregung seine Stimme. Er sprach
-auch sehr langsam, wie er immer that wenn er sich des Englischen
-bediente. -- »Capitän -- in Sydney haben fast alle Euer Schiff
-verlassen, nur ich nicht, weil ich Euch mein =Wort= gegeben hatte zu
-bleiben.«
-
-»Du bist geblieben, Schuft, weil ich den Lohn von voriger Reise für
-dich in Händen hatte,« lachte der Capitän und drehte sich wieder ab
--- »nicht wegen deines Ehrenworts.«
-
-»Capitän,« rief aber Hans noch einmal, dem das Blut jetzt wie mit
-vollen Strömen aus dem Herzen herauf ins Gesicht stieg -- »ich blieb,
-weil ich mein =Wort= gegeben -- und ich gebe es Euch hier noch einmal --
-nehmt die Strafe zurück. Ihr wißt selber, wie Ihr mich gereizt habt.
--- Ich war meiner Sinne nicht mächtig als ich nach Euch schlug -- aber
-nur mit meiner nackten unbewaffneten Faust, so helfe mir Gott. -- Nehmt
-die Strafe zurück und ich will arbeiten, daß mir das Blut unter den
-Nägeln vorkommt -- oder in Eisen liegen wie Ihr wollt -- ich will nicht
-murren. -- Setzt mich die ganze Reise auf Wasser und Brod -- behaltet
-zur Strafe für mich jeden Cent, den ich bis jetzt hier an Bord verdient
-habe -- aber -- aber -- keine Schläge.«
-
-Der Capitän war stehen geblieben, aber allem Anschein nach ohne den
-Worten auch nur die geringste Aufmerksamkeit zu widmen. -- Er wandte
-sich jetzt rasch gegen den Zimmermann und sagte schnell: --
-
-»Hab' ich Euch nicht befohlen Eure Schuldigkeit zu thun? -- Wir haben
-keine Zeit mehr zu verlieren, dort hinten kommt ein Wetter auf -- Bob --
-Jim -- bindet den Gefangenen an die Leeseite -- nur mit den Händen --
-er mag aufrecht dabei stehen bleiben oder -- wenn ihm das bequemer ist,
-auf die Kniee niederfallen.«
-
-»Capitän!« schrie aber jetzt Hans plötzlich, als die beiden auf ihn
-zutraten, mit lauter fast drohender Stimme, und in so reinem, flüssigem
-Englisch, daß selbst der Capitän sich erstaunt nach ihm umschaute --
-»Ihr =wißt=, daß ich mein Wort halte, aber beim heiligen Gott des
-Himmels, der, der Hand an mich legt, schlage mich lieber gleich todt,
-denn so wahr ich einst selig zu werden hoffte, so wahrhaftig morde ich
-ihn im nächsten Augenblick, wo ich die Hände frei bekomme.«
-
-»Ah, wenn die Sachen so stehen, wollen wir wohl zusehen daß du
-die Hände nicht frei bekommst, mein Bursche,« lachte der Capitän
-höhnisch -- »Gott verdamme es, wie der Kerl auf einmal so gut englisch
-spricht -- das bringt die Angst heraus. Also =Mord= -- gut Sir, wir
-werden's nicht vergessen. -- Und nun an die Arbeit, Bootsmann, und legt
-gut auf, oder ich laß Euch auf Euerm eigenen Rücken zeigen wie man's
-machen muß. Allons, Bob -- Jim -- Pest, noch einmal Burschen, soll
-ich's Euch zum =drittenmal= sagen?«
-
-Die beiden hatten unschlüssig dagestanden. Dem directen Aufruf des
-Capitäns wagten sie aber nicht den Gehorsam zu verweigern, und führten
-den Gefangenen an die Leeseite, wo sie ihm das Hemd abzogen und
-den Rücken entblößten. Brust und Schultern waren ihm mit blauen
-wunderbaren Zeichen tättowirt, und auf der ersteren hatte er noch
-außerdem drei tiefe, aber schon seit Jahren verharrschte Narben. Sie
-banden ihm die Hände hoch in die Höhe, aber er sprach kein Wort mehr,
-und ließ alles ruhig mit sich geschehen. Der Zimmermann hatte indessen
-ein schon bereitliegendes noch neues Reefband vorgenommen, wickelte sich
-das eine Ende davon um die rechte Hand, und trat auf den Gefangenen zu.
-
-Indessen hatte es schon lange im Südwesten geblitzt, und es folgte
-gerade in diesem Augenblick ein so heftiger Donnerschlag, daß Alle,
-die bis jetzt nur mit dem Gefangenen beschäftigt gewesen, erschrocken
-aufsahen.
-
-»Werft die Bramsegelfalle los,« schrie aber jetzt auch der Capitän,
-der auf einmal fand daß ihn das Wetter ganz plötzlich überrascht
-hatte. -- »Bramsegel fest -- schnell -- Falle los -- Donnerwetter,
-Zimmermann, laßt den Burschen jetzt stehen und werft die Taue los.«
-
-Die Leute sprangen, froh dem peinlichen Schauspiel enthoben zu
-sein, blitzesschnell auf ihre verschiedenen Posten, und im nächsten
-Augenblick schien alles nur Verwirrung in den gelösten Tauen und
-flatternden Segeln. -- Niemand kümmerte sich um den Gefangenen, der
-noch mit entblößtem Oberkörper an den Wanten hing.
-
-Ueber die See kam es indessen in dumpfem, hohlem Brausen herangestürmt.
--- Noch standen die Wolken tief am Horizont, aber die Luft wurde schon
-dick und düster, und das Wasser fing an sich vor der andrängenden
-Gewalt zu kräuseln und zu gähren. Die leichteren Segel waren indessen,
-so rasch es die schwache Mannschaft nur irgend erlaubte, festgemacht,
-die Marsraaen rasselten jetzt zum Reefen nieder, und in das monotone
-Heulen der Matrosen, die an den Reeftaljen hingen und die schweren Segel
-zum Reefen aufholten, mischte sich schon das Brausen des Sturmes, und
-die Segel schlugen dabei an die von den Brassen gelösten Raaen, als ob
-sie der kommenden Windsbraut ängstlich entfliehen und hinaus ins Weite
-wollten.
-
-Hier besonders zeigte sich jetzt der Nachtheil einer zu schwachen
-Bemannung. -- Sämmtliche Mannschaft wurde gebraucht ein einziges Segel
-zu reefen -- und war selbst dazu kaum stark genug. Ehe sie denn auch das
-Vormarssegel fest bekommen konnten, brauste der Sturm heran, riß das
-große Marssegel mit =einem= Schlag, wie aus einer Kanone geschossen,
-von einander, und in der nächsten Secunde peitschten schon die Streifen
-davon um die Raaen. Der Capitän stampfte ingrimmig mit dem Fuß.
-
-»Soll ich Hans lieber losbinden, daß er mit hilft?« sagte der erste
-Mate zum Capitän, mit dem er allein auf dem Verdeck stand -- der zweite
-Mate war mit oben auf der Marsraae. --
-
-»Verdammt! nein,« rief aber dieser »ich traue dem Burschen nicht,
-und er soll nicht sagen, daß er oder das Wetter mir seine Strafe
-abgetrotzt. Das Segel ist nun doch einmal beim Teufel, und mit
-den anderen werden sie schon fertig werden. So wie der Zimmermann
-herunterkommt, soll er ihm seinen Theil auflegen und dann wieder marsch
-hinunter in sein Loch. Wenn er so mordlustige Gedanken hat, wollen wir
-den Wolf doch lieber nicht aus der Falle herauslassen.«
-
-Der Wind, der indessen eher an Stärke zugenommen als nachgelassen
-hatte, war erst ganz nach Norden herumgegangen, und bis die Leute mit
-Reefen fertig waren, neigte er sich sogar so weit gegen Nord-Ost
-daß der Capitän, der in den letzten beiden Tagen keine Observation
-bekommen, und die Nacht vor der Thür sah, der Nähe der Riffe nicht
-mehr traute, und lieber gleich zu wenden befahl.
-
-Jetzt war aber der Angebundene wirklich im Weg, und da der Capitän auch
-wohl einsehen mochte, daß unter den jetzigen Umständen und während
-der Sturm über die aufgeregten Wogen heulte, die Vollziehung der Strafe
-unter den Leuten weit eher einen bösen Eindruck machen, als sie vor
-ähnlichen Vergehungen zurückschrecken würde, befahl er dem jetzt
-wieder an Deck gekommenen zweiten Mate ihn abzubinden und nach unten zu
-führen -- »bis das Wetter besser geworden wäre.«
-
-Der Mate, ein gutherziger Bursche, hatte wohl kaum einen Befehl seines
-Oberen mit größerer Freudigkeit befolgt als eben diesen. Er sprang
-rasch nach unten, warf ihm sein Hemd wieder über und stieg mit ihm die
-Luke hinunter.
-
-»Es kann sich noch alles machen, =Hans=,« sagte er ihm hier
-freundlich, als er ihn in sein kleines Behältniß wieder eingebracht
-hatte -- »Zeit gewonnen alles gewonnen, und wenn wir morgen glücklich
-in die Riffe einlaufen, denkt der Alte vielleicht gar nicht mehr an die
-ganze Geschichte.«
-
-»Ich dank Euch für Euren freundlichen Wunsch, Mate,« sagte der
-Gefangene düster und warf sich auf seine Matratze, die ihm Jean heute,
-allerdings =gegen= des Capitäns Befehl, zu verschaffen gewußt hatte.
-Der Mate hatte auch nicht lange Zeit, denn von oben nieder tönte schon
-das Schreien und Heulen der Matrosen, die an den Schoten und Brassen
-rissen, das Schiff auf den anderen Bug zu legen, und er sprang rasch die
-Leiter wieder hinauf.
-
-
-
-
-Elftes Capitel.
-
-Der Sturm.
-
-
-Als an Deck alles klar war, die nicht durchaus nöthigsten Segel
-geborgen, die Raaen scharf angebraßt standen, lief das Schiff wieder
-nach Süden zurück. Südost lag freilich auf dem Compaß an, aber ein
-paar Striche trieb es doch noch immer weiter nach Süden hinüber, so
-daß es vielleicht einen SSO-Cours steuerte. Unter der Zeit war es aber
-auch vollkommen dunkel geworden, und der Capitän saß in der Cajüte
-und trank, theils aus Aerger über das schlechte Wetter, theils über
-die vereitelte Execution an dem Deutschen, von dessen schwerer Faust ihm
-das Zeichen noch immer auf der Stirn brannte, ein Glas Grog über das
-andere. Der erste Mate, der die Wache auf Deck hatte, ging ab und zu,
-bald in die Cajüte hinunter, das Nöthige mit dem Capitän über die
-Fahrt zu besprechen, bald einmal wieder an Deck schauend, wie es mit dem
-Wetter stehe.
-
-Die Karte der Torresstraße lag mit Cirkeln und Parallel-Lineal auf dem
-Tisch der Cajüte, und es schien ihm nichts weniger als angenehm, daß
-sich der Capitän heute gerade um seinen Verstand trank.
-
-»Um zwölf wollen wir wieder über den anderen Bug gehen,« sagte
-endlich Capitän Oilytt, der in der einen Sophaecke lehnte, und das
-rechte Bein zu sich heraufgezogen hatte. -- »_Damn it_, wir dürfen
-nicht so weit von der Straße ablaufen, wir haben sonst morgen Abend
-wieder dieselbe Geschichte.«
-
-»Um zwölf möchte wohl ein wenig früh sein, Capitän,« meinte der
-Steuermann -- »ich war noch vor Dunkelwerden oben im Mast, und wenn
-ich's auch nicht gerade bestimmt behaupten will, so war mir's doch als
-ob ich im Westen Land gesehen hätte. -- Die Strömung setzt uns hier
-sehr stark nach den Riffen hinein, und es wäre eine fatale Geschichte,
-wenn wir im Dunkeln drauf liefen.«
-
-»Unsinn,« brummte der Capitän und füllte sich auf's neue sein Glas
--- »wenn's Tag wird, werden wir gerade in der rechten Entfernung
-sein, bis Mittag die Einfahrt machen zu können, und dann soll auch der
-Bursche, der Hans, seine Ladung haben -- der Schuft der.«
-
-»Capitän Oilytt,« sagte der Mate ruhig -- »ich würde die Sache sein
-lassen, bis wir durch die Torresstraße sind. -- Es ist nicht gut jetzt
-böses Blut unter der Mannschaft machen. Nachher, wenn Ihr Euch nicht
-anders besonnen habt, könnt Ihr ja immer noch thun was Ihr wollt. --
-Er läuft uns in der Zeit wahrhaftig nicht weg, und da unten in Eisen
-liegen ist auch eben kein Spaß.«
-
-»Papperlapapp!« rief der Capitän ärgerlich auffahrend -- »glaubt
-Ihr ich soll vor meiner Mannschaft mit zerschlagenem Gesichte
-herumlaufen, und den Schuft nicht gezüchtigt haben, der es gewagt hat
-Hand an mich zu legen? Pest und Gift -- und hinter dem Burschen steckt
-auch noch mehr. -- Ich habe ihn im vorigen Jahr zuerst von Sydney mit
-fortgenommen, und er sprach fast kein Wort englisch, und gestern Abend,
-Gott verdamme mich, ging's ihm vom Maule als ob er in seinem ganzen
-Leben keine andere Sprache gesprochen. Hier an Bord kann er das in der
-kurzen Zeit nicht so gelernt haben, also hat er sich vorher =verstellt=
-und da sitzt ein Haken dahinter. Es sollte mich nicht so viel wundern,
-wenn er irgend ein durchgekniffener Verbrecher von Neusüdwales oder
-Vandiemensland wäre. -- Ich wollte, ich hätte früher eine Ahnung
-davon gehabt.«
-
-»Ja, sein englisch Sprechen ist mir auch gestern Abend aufgefallen,«
-sagte der Mate, nachdenkend -- »was sollte er aber für eine Ursache
-haben, seine Sprache zu verstellen?«
-
-»Und den ganzen Leib hat der Schuft voller Narben,« fuhr der Capitän,
-ein anderes Glas leerend, fort, »ich möchte nur wissen wo er die
-gekriegt hat -- im ehrlichen Kriege wahrhaftig nicht, denn so alt ist er
-gar nicht irgend einen Krieg mitgemacht zu haben -- verdammte Bestie.
--- Und dabei ist mir's immer als ob ich seine grauen Katzenaugen schon
-irgendwo einmal früher gesehen hätte.«
-
-»Er müßte denn mit in Indien gewesen sein,« meinte der Mate.
-
-»Indien -- pah« -- sagte Oilytt -- »die Tättowirungen hat er auch
-nicht aus Indien, die sind aus der Südsee. -- Wo sich der Schuft nur
-mag alles herumgetrieben haben.«
-
-Er schenkte sich ein frisches Glas ein und rührte dieses wüthend
-zusammen, während der Mate, der das nicht länger mit ansehen mochte,
-die Cajüte verließ. Dem Capitän gingen aber indessen allerlei Dinge
-durch den Kopf -- die Narben des Gefangenen gefielen ihm nicht. -- Der
-Mann hatte schon mehr erlebt als er wieder erzählen mochte, und war
-allerdings im Stande seine Drohung auszuführen.
-
-»Hol ihn der Teufel,« brummte er endlich vor sich hin -- »er soll
-nicht sagen können daß er Bill Oilytt erst geschlagen und nachher in's
-Bockshorn gejagt hat. -- Morgen früh, wenn wir gesund bleiben, soll
-er seine fünfzig -- Narben oder keine Narben -- richtig aufgezählt
-kriegen. -- Wart Canaille, ich will dir das Fell noch einmal
-übertättowiren und nachher kann er sehen wie er sein Wort hält, wenn
-er unten in Eisen krumm liegt. -- Verdammte meuterische Hundeseele.«
-Mit diesen Worten zog er auch das andere Bein auf's Sopha herauf, um
-sich zum Schlafen zurecht zu legen. -- Das Rückenkissen unter den
-Kopf schiebend, rief er dann, erst in seiner gewöhnlichen Stimme, zum
-zweiten Mal jedoch laut und ärgerlich nach dem Steward -- er hatte ganz
-vergessen daß der im Bett lag. An dessen Statt erschien aber Timor, der
-Malayische Knabe in der Thür, und frug was der Capitän befehle.
-
-»Wo ist der Steward, der Lump?« schrie ihn dieser an -- »schon zu
-Bett? -- ach ja so, hat eine dicke Seite -- Pest noch einmal, daß ich
-ihm nicht einen dicken Buckel dazu gebe -- Timor -- Timor!«
-
-»Ich bin hier, Sir,« sagte der Junge, und trat dicht zum Sopha hinan.
-
-»Timor -- um zwölf Uhr weckst Du mich -- verstanden?«
-
-»Ja Sir,« -- der Junge blieb noch eine ganze Weile auf seinem Platz,
-fernere Befehle seines Herrn, mit dem er wohl wußte daß sich in diesem
-Zustand nicht spaßen ließ, abzuwarten. Der Capitän war aber schon
-fest eingeschlafen und Timor drückte sich in seinen Verschlag zurück,
--- wenn es ihm der Mate verstattete -- ein Gleiches zu thun.
-
-Unter fast gar keinen Segeln und gegen eine ziemlich schwere See an,
-machte das Schiff nur sehr geringen Fortgang. Trotzdem sie aber vom
-Lande, ihrem Cours nach, abgingen, schickte der zweite Mate, der bis
-zwölf Uhr Wacht hatte, mehrmals Leute nach oben, um zu sehen ob sich
-nach Westen zu nicht doch irgend etwas erkennen ließ. Der Himmel war
-jedoch zu bewölkt und die Luft zu dunkel. Ohne daß etwas besonderes
-vorgefallen wäre kam 12 Uhr heran.
-
-Timor schüttelte jetzt seinen Herrn und that im Anfang wirklich was
-er thun =konnte=, ihn nur munter zu bekommen. Dann sprang derselbe aber
-auch mit beiden Füßen zugleich empor, rieb sich die Augen und sah nach
-dem über ihm hängenden Compaß. Fünf Minuten blieb er noch etwa,
-wie in tiefe Gedanken versunken, auf dem Sopha sitzen -- er besann sich
-wahrscheinlich, was in den letzten Stunden mit ihm vorgegangen, und erst
-jetzt, mit einem plötzlichen »Ja so« -- stand er auf, sah nach der
-Kanne, die er jedoch leer fand, und stieg, darüber auch eben nicht ganz
-zufrieden, an Deck hinauf.
-
-Der Wind wehte noch aus demselben Quartier, ja hatte sich eher noch
-mehr nach Osten gedreht; die See ging hoch und hohl, und es war eine
-häßliche Nacht. -- Der erste Mate kam eben an Deck und zog sich, schon
-oben, seinen dicken Rock an, den er fest unter dem Halse zuknöpfte.
-
-»Guten Morgen, Capitän,« sagte er, als er an diesem vorüberging --
-»noch immer um nichts besser -- da hinten sieht's noch häßlich aus.«
-
-»Guten Morgen, Mr. Black -- nun ich denke mit Sonnenaufgang sollen wir
-wieder klar Wetter bekommen, die Luft sieht da drüben schon lichter
-aus. Sind die Leute an Deck? -- he Bill,« wandte er sich zu dem Mann,
-der eben vom Ruder abgelöst war -- »geht noch nicht zu Koje, wir
-wollen wenden.«
-
-Das Manöver, das auf vollkommen bemannten Schiffen nicht viele Minuten
-dauern darf, erforderte mit der schwachen Mannschaft, bis alles wieder
-in der gehörigen Ordnung war, fast eine halbe Stunde, und der Boreas
-nahm, gegen die schwere See an, eine Masse Wasser über Bord. Wie der
-Wind stand, konnte er dabei nur eben einen Nordcours liegen, und hatte
-jedenfalls nach Westen hin, ohne die dort hinüber setzende Strömung,
-anderthalb Strich Abdrift. --
-
-»Capitän Oilytt,« sagte der Mate, als die letzten Brassen angeholt
-waren und das Schiff wieder, mit etwa drei Meilen Fahrt, langsam gegen
-die Wogen ankämpfte. -- »Ich glaube wahrhaftig nicht daß wir bis vier
-Uhr über diesen Bug liegen dürfen. Unserer Berechnung nach sind wir
-allerdings noch über einen Grad von der Küste ab, wir haben aber in
-zwei vollen Tagen keine ordentliche Observation gehabt, und -- es ist
-eine verdammt gefährliche Küste.«
-
-»Kommen Sie mit hinunter, wir wollen einmal auf der Karte ablegen,«
-sagte Capitän Oilytt, und stieg voran die Treppe hinunter.
-
-Ihrer Berechnung nach waren sie allerdings noch weit genug von den
-Klippen ab, und mit dem geringen Fortgang den das Schiff machte, ließ
-sich eben nichts besonderes für die wenigen Stunden fürchten. Der Mate
-schüttelte aber doch mit dem Kopf und meinte, »sicher sei jedenfalls
-sicher.«
-
-»Gut, dann wecken Sie mich um zwei Uhr,« brummte der Capitän
-mürrisch und legte sich wieder auf's Sopha, dort die anderthalb Stunden
-zu verbringen.
-
-
-
-
-Zwölftes Capitel.
-
-Die Riffbank.
-
-
-Der Mate kam um die bestimmte Zeit selber herunter, legte die Distance
-ab, die sie nach Log und Compaß gemacht, und fand daß sie der Küste,
-wenn die Strömung hier nicht sehr stark war, etwa um fünf Meilen
-näher gekommen. Sie gingen dann mitsammen auf Deck, und es wurde ein
-Mann nach oben gesandt, auszusehen, während vorn auf der Back ein
-anderer die Wacht halten mußte. Es ließ sich aber nicht das mindeste
-erkennen, und der Capitän blieb bis zu seiner Wacht oben. Gewendet
-wurde aber =nicht=.
-
-Um vier Uhr ging der erste Mate nach unten, und als er den zweiten
-weckte, prägte er ihm noch besonders ein, ja fortwährend Jemand auf
-dem Ausguck zu haben, der nicht allein nach der Brandung aussähe,
-sondern auch =aushorche=, denn sie würden sie in dieser stockfinstern
-Nacht eine Stunde eher hören als sehen können. Er ging dann zu Koje,
-konnte aber nicht schlafen und wälzte sich unruhig, alle Augenblicke
-aufhorchend, auf seinem Bett herum.
-
-Es war um fünf Uhr Morgens, als er ganz deutlich durch sein offenes
-Fenster, bei einem plötzlich herüberwehenden Windstoß, das ferne
-dumpfe Rollen der Brandung zu hören glaubte. -- Mit einem Satz war er
-aus dem Bett und an Deck -- einen Augenblick war alles still, dann kam
-es dumpfgrollend und deutlich wieder über die empörte See daher, und
-mischte sich in das Heulen des Windes.
-
-»Capitän Oilytt, wir sind dicht auf der Küste,« rief der Mann
-erschrocken und sprang rasch die wenigen Stufen hinauf und auf den
-Capitän zu, der bis jetzt auf dem hinteren Theil des Quarterdecks mit
-schnellen Schritten auf- und abgegangen war.
-
-»Unsinn, Sir -- was macht Sie das glauben?« frug der Capitän, indem
-er stehen blieb.
-
-»Hörten Sie nichts?« sagte der Mate, und hielt die gebogene Hand
-trichterförmig an das lauschend vorgebeugte Ohr. Eine halbe Minute wohl
-ließ sich nichts deutlich unterscheiden, dann aber plötzlich quollen
-die dumpfgrollenden Töne ferner Brandung so deutlich zu ihnen herüber,
-daß sich die Sache nicht mehr bezweifeln oder gar wegläugnen ließ.
-
-»Ich höre nach vorn zu auch die Brandung, Capitän,« sagte Jean
-der am Steuer stand, und schon eine Weile nach der Richtung hinüber
-gehorcht hatte, »gerad' da drüben.«
-
-»Er hat wahrhaftig recht,« rief der Mate -- »wir sitzen mitten
-drinn.«
-
-»_All hands on deck_« donnerte der Capitän jetzt, ohne etwas darauf
-zu erwiedern, über Deck hin -- »schnell Jungen, schnell, treibt mir
-die Schläfer aus den Kojen. -- Nach oben ihr Leute, und schüttelt mir
-die Reefen aus den Marssegeln. -- Rasch, munter, Jungens -- zwei nach
-vorn und zwei für die Besahn -- jetzt fehlt uns das große Marssegel.
-Den großen Klüver los, Einer von Euch, und nun Marsraaen in die Höhe,
-was das Zeug halten will.«
-
-Die Leute waren aus dem Logis halb bekleidet herausgesprungen und flogen
-an die Taue. Die Vormarsraae ging rasch, diesmal ohne Singen und nur
-unter dem schnellen Tactheulen eines Einzelnen, nach oben, und das
-gewaltige Segel faßte bald voll und kräftig den Wind. »Vor-Bramsegel
-los!« -- tönte der nächste Ruf, und ob sich gleich die Stenge vor der
-ungeheuren Last die gegen sie preßte, ordentlich bog, als die Schoten
-nach dem Nocken flogen und der Wind plötzlich hineinschlug, sie brachen
-wenigstens nicht. Das große Besahn war ebenfalls gesetzt, und das
-Schiff bewegte sich etwas schneller durchs Wasser.
-
-»Ist das neue Marssegel zur Hand, Mr. Black?« frug der Capitän jetzt
-diesen, der neben ihm stand und die Besahnschot befestigen half.
-
-»Alles in Ordnung, Sir -- liegt gerade hier unter der Luke. Ich wollte
-es überhaupt schon heute früh anschlagen und das alte Segel ausbessern
-lassen.«
-
-»Ich wollte Sie hätten's gestern gethan,« erwiederte der Capitän --
-»allons, hinauf damit -- wir müssen sehen, daß wir es fest kriegen.
--- Wenn wir nicht Segel setzen können, jagen wir unrettbar auf die
-Riffe hinauf.«
-
-Es ist eine schlimme Arbeit, an Bord eines Schiffes, in solchem Wetter
-und solcher See ein Segel anzuschlagen, das schon durch sein ungeheures
-Gewicht ein stetes Hinderniß bietet. In offener See wäre es auch
-sicher unterblieben. Hier aber lag ihre einzige Rettung darin von der
-Küste oder den Riffen vielmehr, die sich hier gefährlicher als an
-irgend einer Küste hinauf erstreckten, wieder abzukommen, und die
-Marssegel sind durch ihre Größe wie ihren Platz bei solchem Absegeln
-gerade die wichtigsten von allen. Ob die Stengen und Masten hielten,
-mußte sich jetzt zeigen. Aber halten oder nicht -- brachten sie nicht
-mehr Segel auf, so saßen sie in einer Stunde zwischen den Klippen.
-
-Die Luke war geöffnet, und die Männer arbeiteten daran das schwere
-Segel auf Deck zu heben, während der Capitän unruhig vorgebeugt nach
-der Brandung horchte, und in der mehr und mehr lichtenden Dämmerung
-den weißen Schaumstreifen, der jetzt sichtbar sein mußte, zu erkennen
-suchte. Einer der Leute war nach oben geschickt, eine Talje an eine
-der Pardunen zu schlagen, um das Segel nachher gleich in die Marsen
-hinaufheben zu können. Zuerst mußte es aber erst auf Deck vollkommen
-dicht gereeft, und so fest zusammengeschnürt werden, daß oben der
-Wind, ehe es fest gemacht war, nicht hineingreifen konnte.
-
-»Capitän Oilytt,« sagte der Mate jetzt zu diesem tretend -- »wir
-sind zu schwach an Händen -- soll ich Hans vielleicht aus dem untern
-Raum heraufholen lassen?«
-
-»Nein« -- sagte der Capitän rasch -- »es geht auch ohne den --
-ich will nicht. -- Doch meinetwegen,« setzte er, sich eines besseren
-besinnend hinzu -- »wir dürfen nichts versäumen, denn wenn wir
-Unglück haben, käme uns am Ende die Assecuranz-Compagnie auf den
-Kragen. -- Bringt ihn herauf und nehmt ihm die Eisen ab. Wenn wir von
-der Küste los sind, können wir immer noch thun, was wir wollen.«
-
-Der Zimmermann mußte den Gefangenen heraufbringen, und auch der Steward
-war indessen aus dem Bett geholt. Obgleich er ächzte und stöhnte als
-ob er am Spieße stäke, half ihm das diesmal nichts. Kaum hatte er aber
-einen Blick über See und Takelwerk geworfen, und nach den donnernden
-Riffen hinüber gehorcht, als er auf einmal so gesund schien, als ob ihm
-im Leben nichts gefehlt hätte. Er war lange genug zur See gewesen, um
-bald einzusehen wie die Sachen hier standen.
-
-Als Hans an Deck kam, warf er einen einzigen flüchtigen Blick über
-Segel und Luft, im nächsten Moment schlug aber schon das dumpfe, jetzt
-ganz deutliche Donnern der Brandung an sein Ohr, und ein leichtes, fast
-triumphirendes Lächeln überflog seine bleichen Züge.
-
-»Nehmt ihm die Eisen ab, Zimmermann,« sagte der erste Mate rasch, als
-ob er befürchte, daß vom Capitän wieder Einsprache geschehen könnte
--- »und dann rasch ans Werk, mein Bursche. Wir arbeiten heute Morgen
-alle nur für uns selber, denn wer den Hals nicht voll Seewasser
-haben will, mag zusehen daß er seinen Mund noch eine Weile über hoch
-Wassermark behält. -- Rasch mit dem Segel, Ihr Jungen, das dauert ja
-eine Ewigkeit.«
-
-»Mr. Black,« sagte aber in diesem Augenblick Hans, der dem Zimmermann
-seine Hände wieder entzogen hatte, daß er ihn noch nicht frei machen
-konnte -- »ehe ich einen Finger dazu aufhebe, dies Schiff vom Untergang
-mit frei zu arbeiten, will ich erst wissen ob der Capitän die --
-Prügelstrafe, die er mir zudictirt, zurückgenommen. -- Ist das der
-Fall, so soll er wahrlich keinen willigeren Mann als mich an Bord haben,
-und er mag mich nachher geduldig wieder in Eisen legen. -- Ist das aber
-nicht der Fall, so -- ist mir's lieber wir treiben auf die Klippen.
--- Ich für meinen Theil ersaufe nun einmal lieber als daß ich mich
-peitschen lasse.«
-
-»Das ist Unsinn, Mann,« rief aber der Mate -- »macht keine Flausen,
-und seid froh, daß man Euch Gelegenheit giebt Euer eigenes Leben mit
-retten zu helfen. -- Erst einmal von der Küste ab -- das andere findet
-sich nachher?«
-
-»Was? -- will sich der Hund noch widersetzen?« schrie aber der
-Capitän jetzt, auf das Mitteldeck springend und eine Handspeiche, die
-beim Oeffnen der Luke gebraucht war, aufgreifend -- und ehe ihn jemand
-daran verhindern konnte, schlug er sie dem Gefangenen der wehrlos
-und mit gefesselten Händen vor ihm stand, über den Kopf, daß er
-besinnungslos zu Boden stürzte. Bill und Karl wollten ihm zu Hülfe
-springen und ihn aufrichten. Der Capitän schrie sie aber an bei ihrer
-Arbeit zu bleiben und sich nicht zu rühren, warf dann die Handspeiche
-auf Deck, und befahl Timor den »Körper« aus dem Weg und auf die Seite
-zu ziehen.
-
-Mr. Black -- sonst wohl ein rauher Gesell, aber keineswegs mit solcher
-unnöthigen Grausamkeit einverstanden, wartete diesmal auf keine
-weiteren Befehle von seinem Capitän, sondern rief dem ihm nächsten
-Matrosen -- es war Bill -- den Bewußtlosen aufzuheben und hinunter in
-das Zwischendeck zu schaffen. Dort legten sie ihn auf ein paar der da
-aufgestapelten Heuballen und ließen ihn liegen -- es war nicht möglich
-in diesem Augenblick weiter etwas mit ihm vorzunehmen.
-
-Der Capitän sah dies wohl, da aber Mr. Black, und wie es schien
-ziemlich entschlossen, selber dabei betheiligt war, ließ er ihn
-gewähren und ging mürrisch nach hinten.
-
-Das Segel war indessen an Deck dicht gereeft und fest
-zusammengeschnürt. An einem Ende an die Taille befestigt zogen es die
-Leute mit leichter Mühe in den großen Mars. Zwei von den Leuten hatten
-indessen die Reeftalje von den Marsraanocken bis hierher niedergeholt,
-schlugen diese an beiden Seiten durch eine der Reefkausen, und holten
-nun das Segel nach Steuer- und Backbord aus. Eine andere Talje um die
-Mitte geschlagen, brachte es dicht unter die Raae und die ganze jetzt
-über die Raae vertheilte Mannschaft zog mit unendlicher Schwierigkeit
-zwar, aber doch sicher und gut das Segel mit den ersten Reefbändern an
-seine gehörige Stelle, und festigte es dort mit allen Bändern.
-
-Nach kaum einer Viertelstunde schlug das Segel, von den beiden Tauen
-befreit, auf. Mit der Geschwindigkeit von Affen glitten aber auch
-die Leute zu gleicher Zeit an Wanten und Pardunen nieder, die Schoten
-auszuziehen, und hoch flog die wilde Spritzsee über den Bug des
-Schiffes aus und schleuderte förmliche Wellen über Deck weg, als die
-neue Gewalt das ächzende Fahrzeug gegen die anstürmende Wassermasse
-trieb.
-
-Es war ein Glück für das Fahrzeug, daß sich der Wind mit der
-Tagesdämmerung etwas gelegt hatte, es wäre sonst gar nicht im Stande
-gewesen diese Segel zu führen. Selbst jetzt noch standen die Taue zum
-äußersten gestrafft, und die starken Stengen bogen sich und schienen
-nur eines einzigen Druckes mehr zu bedürfen, um wie Glas von einander
-zu springen.
-
-Mr. Black war indessen selber nach oben gegangen, und sein gleich darauf
-nichts weniger als tröstlich klingender Ruf -- Brandung einen Strich
-über den Leebug, brachte auch den Capitän bald an seine Seite.
-
-»Da drüben sind die Riffe, Sir« -- sagte der Mate, auf der Bramraae
-stehend, und sich mit dem linken Arm um die Stenge festhaltend. Er
-deutete dabei mit der Rechten nach einem weißen Kamm hinüber, der,
-aus hohen Brandungswellen bestehend, weit vom Süden heraufkam und den
-ganzen Westen zu umschließen schien.
-
-»Können Sie gar kein hohes Land erkennen, Sir?« frug der Capitän,
-der auf die Raae mit hinaufstieg und sein linkes Bein darüber weg
-schlug. -- »Wenn wir nur den Thurm von Raines Island ausmachen könnten
--- in einer Stunde wären wir in Sicherheit.«
-
-»Es ist zu neblich,« lautete die Antwort -- »gerad hinter der
-Brandung liegt es wie schwerer Duft auf dem Wasser, und es läßt sich
-nichts erkennen. -- Ich glaube nicht daß wir abkommen, Capitän.«
-
-»Laßt das große Bramsegel auch beisetzen, Mr. Black« -- sagte
-dieser -- unruhig den drohenden Küsten- oder vielmehr Inselstreifen
-übersehend -- »wir =müssen=.«
-
-»Die Stenge hält es nicht, Capitän,« sagte der Mate -- »sie ist alt
-und schon einmal geflickt -- wir werfen sie augenblicklich über
-Bord.« --
-
-»Wir =müssen=, Mr. Black -- wir kommen wahrhaftig nicht einmal mehr
-mit diesen Segeln um die Südspitze der Riffe dort weg, und wenn wir
-hier noch einmal zum Wenden gezwungen werden, sind wir rettungslos
-verloren. -- Wir verlieren mehr dabei, als wir in einer vollen Wacht
-wieder gut machen können.«
-
-»Große Bramsegel los!« schrie der Mate, statt weiterer Antwort, nach
-unten. -- Einer von den Leuten, es war der Deutsche, Karl, stieg nach
-oben, das Segel zu lösen. -- Unten zogen sie indessen schon die Raae
-auf. Als das Segel ausflatterte, ächzte die Stenge und Karl sah sich
-erschreckt um.
-
-»Nieder mit Euch -- nieder!« schrie ihm der Mate hinüber und winkte
-ihm mit der Hand, daß er sich rasch niederlassen sollte. -- Das
-Brausen des Windes übertönte aber seine Worte, und Karl war eben damit
-beschäftigt einen der Geitaublöcke, der unklar gekommen war, wieder
-frei zu machen -- die Schoten fuhren aus und der Wind schlug in das
-Segel.
-
-»Nieder mit Euch aus dem Top!« schrie der Mate, während er wie der
-Capitän selber blitzesschnell nach unten glitten -- aber Karl hörte
-die warnende Stimme nicht. -- Um ihn krachte und brach es -- seine
-Geistesgegenwart verlierend, griff er nach dem ersten besten Tau das er
-erfassen konnte, und seine Sinne schwanden in der Gewalt des Sturzes.
-
-»Mann über Bord!« schrie Jean, vom Ruder aus, durch den Lärm des
-krachenden Holzes und das Brüllen der See hinweg. -- Wie instinctartig
-flog auch Bill die Quarterdeckstreppe hinauf, und ein dort liegendes
-Tau ergreifend, schleuderte er es mit geschicktem Wurf dem eben
-vorbeitreibenden Körper fast über den Kopf, -- aber es war umsonst.
--- Die Fähigkeit es zu halten und zu greifen war aus den erschlafften
-Muskeln gewichen. -- Im Fall mußte er mit dem Kopf gegen irgend einen
-der Blöcke oder Raaenocken geschlagen sein; die Stirn zeigte, eben als
-Bill noch in Todesangst hinübersah, eine klaffende Wunde. -- Die See
-schlug über dem Unglücklichen zusammen und er sank in die Tiefe.
-
-Das alles geschah während es über den Häuptern der beiden ebenfalls
-krachte und zusammenbrach. -- Dicht neben Bill schlug der Besahntop
-herunter, und fuhr gerade durch das eine der Boote, die an beiden
-Seiten, in eisernen Krahnen, aufgehißt und befestigt waren -- aber
-der Matrose hörte es gar nicht. Wie erstarrt hing sein Blick an der
-wegsinkenden Leiche des Cameraden. -- Als er sich wieder umschaute, war
-das Schiff ein Wrack -- alle drei Stengen waren niedergebrochen und der
-Klüverbaum nach Lee herumgeschlagen. Das Schiff, welches im Anfang fast
-schon durch die Segellast auf der Seite gelegen und eine Unmasse Wasser
-übergenommen hatte, richtete sich dadurch allerdings wieder etwas auf,
-wurde aber auch zu gleicher Zeit durch das jetzt nebenherschleifende
-Takelwerk mit Raaen und Stengen so in seinem Lauf gehemmt, daß es fast
-nicht den geringsten Fortgang machte, und nur mit der hier stark nach
-Nordwest setzenden Strömung gerade auf die Klippen trieb.
-
-»Kappt weg, Jungen, kappt alles!« schrie der Mate und suchte selber,
-mit gutem Beispiel vorangehend, das Schiff von dem Anhängsel, das es
-sogar im Steuern hinderte, zu befreien, was ihm auch mit Hülfe der
-anderen Zuspringenden bald gelang. Sie kappten alles frei was über Bord
-hing; das Schiff vermochten sie aber nicht mehr zu retten. Nur noch
-wo möglich eine Stelle zu treffen, wo sie in ruhiges Wasser kommen
-konnten, war das einzige was ihnen zu thun übrig blieb, und der
-Capitän hatte sich durch das hängende und schlagende Tauwerk bis
-zu dem Stumpf des vorderen Mastes hinauf gearbeitet, von dem er jetzt
-nieder schrie das Schiff zwei Striche abfallen zu lassen. -- Der Befehl
-wurde augenblicklich befolgt, und sie näherten sich den brandenden
-schäumenden Klippen mit rasender Schnelle.
-
-»Können Sie die Backbord-Raaen etwas anbrassen, Mr. Black?«
-
-»Ay, ay, Sir -- brassen meine Jungen -- nur ein wenig -- für Euer
-Leben -- greift zu hier. Ahoy -- ahoy -- noch einmal -- so -- Vor-Raaen
-jetzt.«
-
-»Noch mehr abfallen -- halt -- Steady --« tönte der langgezogene Ruf.
-
-Die Leute standen an Deck und wagten kaum zu athmen. Eine, wie es von
-hier aus schien, durchaus ununterbrochene =Mauer= von Klippen streckte
-sich vor ihnen aus, auf die das Schiff jetzt halb vor dem Wind mit
-wenigstens Neun-Meilen Fahrt hinauftrieb. Sobald sie aufstießen, mußte
-sie die erste nachstürzende Woge zerschmettern, und in diesem Chaos von
-scharfen Korallenfelsen und Sturzseen wäre es nicht möglich gewesen
-auch nur ein einziges Leben zu retten.
-
-»Noch mehr abfallen!« lautete der eintönige ruhige Ruf.
-
-»Noch mehr abfallen!« wiederholte fast bewußtlos mehr als ein halbes
-Duzend der Umstehenden -- Jean stand am Steuer und sah todtenbleich aus,
-aber ein fast trotziges Lächeln spielte um seine Lippen, als er
-die Befehle, zum Zeichen daß er sie gehört und während sie schon
-ausgeführt waren, wiederholte.
-
-Die Brandung stürmte jetzt so gewaltig und so in ihrer Nähe, daß es
-schon fast war als ob das Wasser auf Deck spritzen könnte. Bill sah
-nach den Masten hinauf, denn er erwartete mit jedem Augenblick den
-ersten Stoß, und wußte, daß sie dann auch rettungslos nach vorn
-übergehen mußten. Keiner sprach aber ein Wort, und wohl drei oder
-vier Minuten standen die Männer still und lautlos, den Augenblick der
-Entscheidung erwartend.
-
-An Hans dachte keiner mehr von ihnen. Der Tod lauerte vor jedes
-einzelnen Thür, und mahnte mit ernstem Klopfen an Zeit und Ewigkeit.
-
-»Luff -- ein klein wenig Luff nur!« rief der Capitän in diesem
-Augenblick von oben herunter.
-
-»_Luff it is!_« die Antwort des Steuernden.
-
-»=Steady!=« die Stimme klang geisterhaft wild durch das Heulen des
-Sturmes und das Brausen der Brandung -- »Steady um Euer Leben.«
-
-Rechts und links am Schiff hinauf stürzten die Wogen, die sich an
-den Korallenfelsen neben ihnen brachen, aber das Schiff schoß mit
-Blitzesschnelle hindurch.
-
-»_Hard a port_ --« überschrie der Capitän mit seiner Donnerstimme
-das Toben der Elemente und während fast jede bleiche Lippe den Befehl
-wiederholte, und sich der Mate selbst mit in die Speichen des Rades
-warf ihn auszuführen, glitt Capitän Oilytt blitzesschnell an einer der
-Pardunen an Deck hinunter. Er hatte dieses aber kaum berührt und das
-Schiff war noch nicht mehr wie seine eigene Länge in der neuen Richtung
-fortgeschossen, als ein furchtbarer Stoß es bis in den Kiel hinunter
-erschütterte. -- Was nicht fest stand, stürzte auf Deck nieder, und
-wie mit =einem= Schlag brachen die drei Masten über Backbord nieder und
-schmetterten in das wie kochend schäumende, milchige Wasser.
-
-Alle schienen einen zweiten Stoß und das Zerschmettern des Schiffes
-selber zu erwarten -- aber er kam nicht. -- Die ungeheuren Wogen des
-stürmenden Meeres wälzten gegen sie heran, aber sie erreichten das
-Schiff nicht. -- Dieselbe Wand starrer Korallen, die ihnen vorher
-Verderben gedroht und auf denen sie, wenn sie dort aufgestoßen, auch
-rettungslos verloren gewesen wären, lag jetzt, ein unerschütterlicher
-Schutz, zwischen ihnen und dem drohenden Verderben.
-
-Die Leute wagten kaum zu athmen, und viele Minuten lang rührte sich
-keiner von seiner Stelle, als ob sie an Rettung noch gar nicht glauben
-könnten. Bill war der erste, der auf das kleine hinter dem Rad
-angebrachte Haus, das sogenannte Farbenspintje sprang, und mit einem
-Jubelruf die Rettung verkündete.
-
-»Sicher fest gefahren!« schrie er den andern zu, »verdammt will ich
-sein, wenn das nicht der niedlichste Platz ist, den ich in meinem ganzen
-Leben gesehen habe.«
-
-Die Worte brachen den Zauber, und Alles sprang jetzt auf die hohe
-Railing, so viel als möglich die Stelle wo sie sich befanden, zu
-übersehen, und die Möglichkeit einer Rettung zu berechnen.
-
-Das Schiff war glücklich zwischen zwei hohen Korallenriffen und durch
-einen Durchgang eingelaufen, der vielleicht nicht viel breiter war
-als das Fahrzeug selber. -- Der glatte Streifen Wasser der den Weg
-wenigstens bezeichnete, in dem sie eingekommen, war kaum Mannslänge
-breit, und an beiden Seiten stürzte sich die Brandung der
-Nachbarklippen hinein. Weiter ließ sich aber auch, so weit das Auge
-reichte, keine einzige Einfahrt erkennen, und nur ihre verzweifelte
-Lage hatte den Capitän veranlassen können sein Schiff auf den schmalen
-Streifen zuzutreiben, der ebenso gut wie das übrige eine versteckte
-Klippe hätte bergen können. Hier, inmitten der Riffe, lagen sie nun
-in einem kleinen, kaum hundert Schritt langen See hellen, fast gelblich
-grünen Wassers, in dem sich die den Grund bildenden Baumkorallen klar
-und deutlich erkennen ließen.
-
-Ringsum waren sie total von Korallenbänken eingeschlossen, die an den
-meisten Stellen bis dicht an die Oberfläche reichten, hie und da aber
-kleine, zwei, drei und vier Fuß tiefe Canäle bildeten, von denen
-einige offen lagen, andere mit langen treibenden Seegewächsen
-überzogen waren. Diese Korallenriffe konnten indessen kaum 200 Schritt
-breit sein, denn dicht dahinter lag wieder tiefes blaues, nur jetzt
-von der schweren Brise aufgeregtes Wasser, das nicht so durch die hohe
-Brandung vor dem darüber hinstreifenden Wind geschützt war wie die
-Stelle, auf der sie gerade saßen.
-
-
-
-
-Dreizehntes Capitel.
-
-Das Wrack.
-
-
-Vor allen Dingen galt es jetzt die Möglichkeit einer Rettung zu
-überlegen.
-
-Wenn sie ihr großes Boot flott bekommen konnten, schien nicht die
-mindeste Schwierigkeit vorhanden in die wirkliche Fahrstraße durch die
-Torresstraße einzulaufen, und dann konnten sie sich leicht auf einer
-der kleinen Inseln halten, bis ein anderes von Sydney nach Britisch-
-oder Holländisch-Indien bestimmtes Schiff vorbeikommen und sie
-aufnehmen würde. Es war jetzt noch die günstigste Jahreszeit für
-diese Fahrt, und Capitän Oilytt wußte selbst mehrere Schiffe, die
-beabsichtigt hatten ihm in acht oder vierzehn Tagen zu folgen.
-
-Aber selbst von ihrer eigenen Lage wurden sie in diesem Augenblick
-durch einen furchtbaren Lärm, der aus dem unteren Deck herauftönte,
-abgezogen, und alles sprang an die Luken, hinabzuschauen. Um das
-Schiff selber brauchten sie sich jetzt auch in der That nicht weiter zu
-kümmern, das lag fest genug zwischen seinen Korallen, und hätte es ja
-noch gescheuert, so durften sie höchstens die Anker auswerfen, es ganz
-fest und sicher zu bekommen.
-
-Der Lärm rührte von den armen Thieren, den Pferden her. Natürlich war
-das Schiff leck geworden und das Wasser in den unteren Raum gedrungen
-und die festgebundenen rangen nun mit ihren letzten Anstrengungen gegen
-den sie bewältigenden Tod an. Manchmal wenn eines der unglücklichen
-Geschöpfe seinen Kopf noch über Wasser bekam, hörten sie deutlich das
-Schnauben, und oft drang ein entsetzlicher Nothschrei zu ihren Ohren und
-machte sie schaudern -- aber Hülfe zu bringen war nicht mehr möglich.
--- Wären sie selbst im Stande gewesen die Stricke zu zerschneiden mit
-denen die Thiere festgebunden standen, aus dem unteren Raum konnten sie
-sie doch nicht herausbekommen, und dort stieg das Wasser mit rasender
-Schnelle.
-
-Jean sprang zwar die Leiter hinunter, mehr um sich von der vollkommenen
-Nutzlosigkeit einer Hülfe zu überzeugen, als irgend etwas zu thun.
-Gerade da aber wurde diese, wahrscheinlich durch eines der losgerissenen
-Thiere das sich dagegen geworfen, umgestoßen. Er konnte eben noch das
-zum Auf- und Niedersteigen befestigte Tau fassen und sich vor einem
-Sturz in die Tiefe retten, der ihn nur zu wahrscheinlich unter die Hufe
-der verzweifelten Thiere geworfen hätte. Als er festen Fuß auf dem
-Heu faßte, und traurig in den dunklen Raum hinabstarrte, wo es jetzt
-stiller und stiller wurde, sagte eine leise schwache Stimme an seiner
-Seite:
-
-»Jean -- was ist mit dem Schiff vorgegangen?«
-
-»Hans, um Gotteswillen,« rief der junge Franzose, und sprang rasch
-nach ihm hinüber -- »armer Teufel, wie geht dir's? Hol's der Henker,
-wir haben die Hände, oder vielmehr Augen und Ohren die letzte Stunde
-so voll gehabt, daß beim Himmel keine Seele an etwas anderes als sich
-selber denken konnte -- Jesus Maria, wie blutig du aussiehst -- wie ist
-dir?«
-
-»Besser, viel besser, aber was ist mit dem Schiff vorgegangen?« sagte
-der Verwundete.
-
-»O das sitzt fest und wacker auf einer Korallenbank,« lachte Jean,
-der, einmal aus der nächsten Todesgefahr heraus, schon all seinen
-frischen und fröhlichen Muth wieder bekommen hatte. »Masten über
-Bord, alle drei, und so sicher vor Anker wie nur je ein gutes Fahrzeug
-nach langer Reise gelegen hat. Der arme Karl ist aber auch über Bord«
--- setzte er ernster und fast traurig hinzu.
-
-»Ich wollte ich wäre an seiner Stelle,« sagte Hans, und fiel mit
-geschlossenen Augen auf das Heu zurück.
-
-»Unsinn,« lachte aber Jean wieder -- »deine Leiden sind jetzt zu
-Ende. -- Wer weiß, ob's nicht am Ende ganz gut ist, daß wir den
-alten verdammten Kasten auf soliden Grund gesetzt haben. Der Schuft von
-Capitän kann jetzt sehen wo er ein neues Schiff bekommt, =mich= kriegt
-er aber wahrhaftig nicht wieder als Matrose an Bord, so viel ist gewiß.
-Pest, Mann, du hast aber die Eisen noch an, das geht nicht; die müssen
-herunter, und das Wasser ist auch schon bis ins Zwischendeck gestiegen
--- der untere Raum ist ganz voll. -- Wie still und ruhig es jetzt da
-unten ist,« setzte er schaudernd hinzu -- »der Mensch ist doch ein
-entsetzliches Geschöpf mit seiner Gewalt über das Thier.«
-
-»Jean,« rief in diesem Augenblick der Mate herunter -- »wo zum Teufel
-steckt Ihr?«
-
-»Komme,« antwortete der Matrose, wandte sich dann aber noch rasch
-zu Hans und sagte tröstend, »ich bin bald wieder bei dir. Hab' keine
-Furcht, wir wollen die Sache schon machen.«
-
-Er schob die Leiter, die nur auf die Seite geschlagen war, wieder
-zurück und kletterte rasch an Deck. Dort wurden indessen schon die
-nöthigen Vorbereitungen getroffen ein paar Nothspieren aufzurichten,
-um das große Boot über Bord zu heben und flott zu bekommen, was der
-doppelten Mannschaft ohne die Hülfe von diesen und Flaschenzügen nicht
-möglich gewesen wäre mit blosen Händen ins Werk zu setzen.
-
-Jean wandte sich nun an Mr. Black, Hansens Freilassung zu bewirken. --
-Der Mann lag verwundet im unteren Raum und durfte nicht ohne Hülfe dort
-liegen bleiben, wenn man sein Leben nicht in Gefahr bringen wollte. Mr.
-Black sprach auch augenblicklich mit dem Capitän darüber, dieser
-aber wollte von nichts hören. So lange er an Bord Herr sei, schwur er,
-bleibe der Schuft in Eisen. -- Er habe sich widersetzt und dem den Tod
-gedroht, der ihn bestrafen würde, also offene unverhehlte Meuterei,
-und er wolle sich nicht der Gefahr aussetzen, gemeuchelmordet zu werden.
-Damit wandte er sich ab und den Arbeitenden wieder zu.
-
-»Aber Sir,« sagte der Mate, »Sie können ihn doch nicht gut
-geschlossen mit ins Boot nehmen. Er wird da mehr im Wege sein und -- ich
-weiß auch nicht, ob Sie das später werden verantworten können.«
-
-»Verantworten?« lachte der Capitän höhnisch -- »übrigens wer sagt
-Ihnen denn, Mr. Black, daß ich ihn überhaupt mit ins Boot haben will?
-Es fällt mir gar nicht ein mich mit dem rebellischen Schurken länger
-zu behelligen.«
-
-»Sie werden ihn doch nicht hülflos zurücklassen wollen?« rief der
-Mate rasch.
-
-»Hülflos,« meinte Oilytt, »ist das hülflos? ich lasse ihn im Besitz
-meines ganzen Schiffs, und da ist auch die Jölle, die er nehmen kann
-wenn es ihm beliebt, sollte ihm der Aufenthalt hier nicht länger
-behagen. -- Was verlangt er mehr?«
-
-»Das geht wahrhaftig nicht an, Capitän Oilytt,« sagte der Mate
-kopfschüttelnd.
-
-»Sie sollen einmal sehen wie schön es geht,« lachte dieser zurück.
--- »Es geht alles auf der Welt, was man nur will, und der Bursche kann
-noch seinem Gott danken, daß ich ihn nicht mit nach dem nächsten Hafen
-nehme, um ihn dort als einen meuterischen Hund, der er ist, aufhängen
-zu lassen. Sähe ich die Möglichkeit ein, wieder nach Sydney
-zurückzukommen, so geschähe das auch jedenfalls. All die Schiffe, die
-aber in nächster Zeit auslaufen, und auf die wir hier hoffen können,
-sind nach Batavia bestimmt, und mit der holländischen Regierung mag ich
-nichts zu thun haben. -- Ich und sie sind schon einmal zusammen gewesen,
-und eben nicht als die besten Freunde geschieden.«
-
-»So will ich ihm wenigstens jetzt die Eisen abnehmen, daß wir nach
-seiner Wunde sehen können« -- sagte Mr. Black, und wollte sich
-abdrehen, in das Zwischendeck hinunterzusteigen.
-
-»Halt, Mr. Black,« hielt ihn aber sein Vorgesetzter zurück, »nicht
-eher bis =ich= Ihnen das sage -- wenn's Ihnen =gefällig= ist. --
-Nach der Wunde kann auch ohne das gesehen werden. Hier haben Sie den
-Schlüssel zur Medicinkiste und sein Sie so gut und besorgen Sie das. --
-Der dickköpfige Schuft wäre auch ohne dies nicht sogleich abgefahren
--- aber die Eisen behält er, bis wir von Bord gehen.«
-
-Der Mate konnte nichts dagegen einwenden, stieg aber augenblicklich in
-die Cajüte hinunter, das nöthige Wundpflaster heraufzuholen. Von dem
-steckte er auch eine Quantität in die Tasche, es Hans zum ferneren
-Gebrauch zu lassen, und sah dann nach seinem Kranken, den er aber weit
-besser fand als er wirklich erwartet hatte.
-
-Unterdessen gingen die Arbeiten an Deck rasch vor sich. Provisionen
-wurden heraufgeschafft, der Capitän hatte seine Instrumente, Karten,
-den Compaß für den Nothfall und seine Papiere geborgen, vertheilte
-dann die an Bord befindlichen Musketen mit der gehörigen Munition unter
-die Leute, da man in der Straße sehr häufig auf Schwarze stößt, von
-denen man nicht immer weiß, ob sie freundlich oder feindlich sind, und
-ließ dann die Leute an die Arbeit gehen, das große Boot vom Verdeck
-hinunter in See zu heben.
-
-Unter all diesen Arbeiten rückte der Abend mehr und mehr heran, und es
-war schon kein Gedanke mehr, noch an diesem Tag sich einzuschiffen. Um
-12 Uhr hatte der Capitän, da die Sonne heute hell und klar am Himmel
-stand, seine Observation genommen, die Breite zu bekommen, auf der sie
-sich befanden, denn die Länge wußten sie nur zu genau. Er fand dabei
-daß sie etwa 30 Meilen überhalb Raines Insel auf den Riffen saßen.
-Von hier aus konnten sie leicht in die südliche, am häufigsten
-befahrene Straße kommen, und an Gefahr für ihr Leben, wenn sie sich
-nur ein wenig mit ihren Provisionen einschränkten, oder sich zugleich
-auf den Fischfang legten, war nicht zu denken. Die einzige Vorsicht
-die sie gebrauchen mußten war, einen gehörigen Vorrath von Wasser
-einzulegen, und damit konnten sie dann getrost nach einer der
-Zwischen-Inseln oder auch Booby-Island hinfahren, an welchem letzteren
-Ort sogar Vorräthe für Schiffbrüchige von mehreren englischen
-Schiffen niedergelegt sind. Die gehörigen Segel für die Barkasse, die
-jetzt vollkommen gut in Stand und mit allem Nöthigen versehen fertig
-lagen, wurde ebenfalls hergerichtet, und mit Tagesanbruch am nächsten
-Morgen wollten sie ihre Pilgerfahrt beginnen.
-
-Die Matrosen packten indessen ebenfalls das Nöthigste was sie an
-Wäsche gebrauchten mit ihren wollenen Decken zusammen, denn sonstiges
-Gepäck oder gar ihre Kisten konnten sie natürlich nicht mitnehmen
--- stauten das alles in eine Kiste hinein, und waren somit ebenfalls
-gerüstet. Nur Jean, François und Bill hatten ihre paar Hemden
-zurückgelassen. -- Die Kiste war auch gerade von den andern Sachen voll
-geworden -- und sie meinten sie wollten das Ihrige nur lieber =so= ins
-Boot werfen. Alle drei schienen übrigens andere Absichten zu haben.
-
-An dem Abend hätten die Leute gern viel mit einander unterhandelt, der
-Zimmermann, der sonst nie lange im Logis blieb, wich und wankte aber
-gerade heute nicht von seiner Kiste. Jean, François und Bill gaben sich
-deshalb einen Wink und gingen nach oben.
-
-Mit kurzen Worten vereinigten sie sich. Sie waren fest entschlossen Hans
-nicht =allein= an Bord des Wracks und mit einem Boot zurückzulassen,
-mit dem er allein wenig oder gar nichts anfangen konnte -- sie wollten
-bei ihm bleiben. Hierzu kam auch noch, daß alle drei viel lieber nach
-Sydney zurückzukehren, als mit dem Capitän auf irgend einem anderen
-Fahrzeug nach Indien zu gehen wünschten, und sie machten sich deshalb
-schon die schönsten Pläne einer Landreise an der Küste hinunter. Sie
-kannten das Land und die Schwierigkeiten einer solchen Reise nicht,
-und der leichte Sinn eines Matrosen, der Gefahren überhaupt gar nicht
-achtet, weil er eben zwischen ihnen aufwächst, ließ sie das Alles mit
-frohem Muthe betrachten.
-
-Heute Abend beschlossen sie aber noch nichts darüber zu äußern,
-sondern das alles bis auf morgen früh zu verschieben.
-
-
-
-
-Vierzehntes Capitel.
-
-Die Mannschaft trennt sich.
-
-
-Am nächsten Morgen mit Tagesanbruch weckte der Mate -- denn der
-Zimmermann, der mit dem Steward die letzte Wache gehalten, schnarchte
-auf Deck mit diesem um die Wette -- und eine Stunde später war das
-letzte Frühstück an Bord eingenommen; die Mannschaft zur Abfahrt
-gerüstet.
-
-Jean, der mit seinen Verbündeten an diesem Morgen nur wenige Worte
-wechseln konnte, Hans aber, dem er in der Nacht Matratze und Decke
-hinuntergetragen, ihren ganzen Plan schon mitgetheilt und natürlich
-nicht im mindesten auf dessen Einwendungen gehört hatte, stand vorn
-auf der Back, jetzt dem höchsten Theil des Schiffs, und suchte einen
-Ueberblick über die Binnenwasser zu bekommen, durch welche sie nun bald
-ihre einsame Bahn in einem kleinen schmalen Boote steuern sollten. Da
-glitt Timor, der kleine Malaye, zu ihm hinan, und flüsterte in seinem
-halb Englisch, halb Malayisch:
-
-»Tuwan Jean -- gestern hab' ich gehört -- Ihr mit Tuwan Hans gehen
-wollt -- ich auch. -- Wollt Ihr mich mitnehmen? ich kann gut rudern und
-will recht folgsam sein.«
-
-»Donnerwetter, Junge, herzlich gern, wenn's von mir abhinge. Da mußt
-du aber den Capitän fragen, denn ich kann wohl über mich selber, aber
-über niemanden anders von seiner Schiffsmannschaft bestimmen.«
-
-»Ja, der Capitän wird nicht wollen,« meinte der Bursche traurig und
-schüttelte mit dem Kopf -- »habe schon müssen meine Sachen in sein
-Boot legen.«
-
-»Ja, dann kann ich's nicht ändern, Timor,« sagte Jean. -- »Es thut
-mir aber leid -- ich möchte dich gern mit haben.«
-
-»Gewiß?« rief der Junge und seine Augen leuchteten vor Freude.
-
-»Gewiß,« erwiederte ihm der junge Matrose -- »sieh' zu daß du's
-einrichtest.«
-
-»Timor,« rief gerade der Capitän -- »was hast du da vorn zu suchen,
-Schlingel? -- marsch, hier die Sachen hinunter ins Boot, und dann
-bleibst du selber unten dabei -- was gibt's noch, he?«
-
-»Wer bleibt denn bei Tuwan Hans, Capitän?« frug der Junge schüchtern
-und sah seinen Herrn von der Seite an.
-
-»Ist der Junge verrückt geworden?« rief aber der Capitän wüthend.
-»Was zum Donnerwetter geht das dich an, du lederbraune Canaille? --
-Laß mich noch einmal eine derartige Frage von dir hören, und ich
-tattowire dir das braune Fell mit blauen und rothen Streifen, daß du
-deine Freude daran haben sollst. -- Marsch, die Sachen ins Boot, und
-dann das andere, was hier noch liegt auch hinunter, und dann setzest
-du dich hinten hinein und muksest nicht mehr. -- Sind die Flaschen alle
-unten, die ich dir gestern Abend gegeben habe? -- he?«
-
-»Saya Tuwan« -- murmelte der kleine Bursche erschreckt, und sprang
-hin, den Befehl des strengen Gebieters zu erfüllen. -- Es wäre nicht
-die erste Mißhandlung gewesen, die er von seinen Händen zu erdulden
-gehabt, und er wollte sich dem nicht selber muthwillig aussetzen.
-
-Indessen wurden die Matrosen zusammengerufen sich einzuschiffen. -- Der
-Capitän stand an der Fallreepstreppe -- fertig niederzusteigen -- alle
-seine Sachen mit Provisionen und Wasser waren im Boot, und Timor
-hatte eben das letzte Kistchen -- den Peil-Compaß, den sie vielleicht
-zwischen den Inseln gebrauchen konnten, heruntergebracht. Der erste
-Mate war ins Zwischendeck gestiegen, Hans loszuschließen, und ihm
-anzukündigen was der Capitän über ihn beschlossen hätte. Da traten
-Jean, Bill und François vor, und erklärten dem Capitän, daß sie mit
-Hans an Bord bleiben und versuchen würden, sich in dem kleinen Boote zu
-retten. Hans sei zu schwach sich allein zu helfen, und sie wollten ihn
-nicht umkommen lassen.
-
-Der Capitän wüthete, und befahl ihnen augenblicklich in die Barkasse
-hinunterzusteigen, Bill aber, der in dieser Sache das Wort genommen
-hatte, blieb ganz ruhig und erklärte, das Schiff sei ein Wrack und die
-Mannschaft könne sich retten, wie sie es am zweckmäßigsten halte.
-Capitän Oilytt, da ihn seine Steuerleute nicht im mindesten dabei
-unterstützten, sondern eher noch das Betragen der Matrosen zu billigen
-schienen, sah bald, daß er gegen sie in dieser Sache nichts ausrichten
-könne, und rief endlich trotzig, sie sollten seinetwegen zum Teufel
-gehen, aber vorher die Gewehre und Munition, die sie bekommen hätten
-und die dem Schiff gehörten, wieder abliefern.
-
-»Die Gewehre abliefern, Sirrah?« rief Bill erstaunt -- »wollen Sie
-uns hier von den Wilden, wenn sie in ihren Canoes ankommen, morden
-lassen? Gott verdamme mich, wenn das nicht zu arg wäre. Dem =Schiff=
-gehören die Gewehre, Capitän; der Lohn den wir beim Schiff zu gut
-haben, gehört auch uns und wir kriegen nicht die Probe davon. --
-Wenn's blos das wäre, könnten Sie die paar Schießeisen auf Abschlag
-rechnen.«
-
-»Schufte,« schrie aber der Capitän wüthend -- »Ihr zu gut haben?
-Ihr seid dem Schiff noch schuldig für das, was ich in Sydney für Euer
-Wiedereinfangen Belohnung zahlen mußte. -- Glaubt Ihr Euer Schlaf-Baas
-hätte Euch umsonst verrathen?«
-
-»Also Mr. Mac Carther hat uns den freundlichen Streich gespielt,«
-sagte Bill lachend. -- »Nun das bleibt sich gleich, aber die Gewehre
-behalten wir, und ich will mich lieber später einmal, wenn es dazu noch
-kommen sollte, auf sechs Wochen von irgend einem Gerichtshof einsperren,
-als hier von den Wilden fangen und auffressen lassen. -- So -- das ist
-das Lange und Kurze davon.«
-
-Mr. Black flüsterte leise einige Worte mit dem Capitän. Dieser
-blieb einen Augenblick noch wie unschlüssig stehen; da aber die drei
-Matrosen, mit ihren Gewehren in der Hand, ruhig seinen wild und boshaft
-auf sie gerichteten Blick aushielten, und die anderen, die noch an Deck
-waren, zu ihnen traten und ihnen herzlich die Hand schüttelten, drehte
-er sich mit einem Fluch um und wollte eben die Fallreepstreppe hinunter
-ins Boot steigen. Da wurde unten im Raum ein Fall in das, jetzt bis ins
-Zwischendeck hinaufsteigende Wasser gehört, und gleich darauf tönte
-ein gellender Hülfeschrei zu ihnen auf. Alles was in der Nähe war
-drängte sich um die Luke, um hinunter zu sehen. Unten auf dem erregten
-Wasser schwamm ein Strohhut.
-
-»Das war Hans!« schrie Jean erschreckt -- »er ist ins Wasser gestürzt!«
-
-»Nein, Hans habe ich selber eben ins Logis gebracht,« sagte der erste
-Mate, »und ihm dort die Eisen abgenommen. Wie ich fortging, war er
-dabei seine Kiste aufzuschließen.«
-
-»Wo ist Timor?« rief aber jetzt der Capitän, der einen Blick in sein
-Boot hinuntergeworfen und den Jungen dort vermißt hatte, schnell und
-erschreckt aus -- »wo ist Timor?«
-
-»Vor ein paar Secunden stand er hier an der Luke« -- betheuerte der
-Steward, der ein Packet mit seinen eigenen Kleidungsstücken und noch
-einige andere Sachen unter dem Arm trug, mit denen er dem Capitän
-ins Boot hinunter folgen wollte. -- »Timor!« rief der Capitän noch
-einmal, als ob er gar nicht glauben könnte, der arme kleine Bursche
-sei hier hineingestürzt -- »wo steckt der Schlingel?« und er sah sich
-ängstlich dabei nach allen Seiten um. Jean aber, rasch entschlossen wie
-er immer war, hatte schon alles was er trug dem neben ihm stehenden
-Bill in die Hände gedrückt, und glitt jetzt mehr als er stieg, an der
-steilen Leiter in den Raum hinunter. Einen Augenblick faßte er auf dem
-Rande des Zwischendecks festen Fuß, dann verschwand er in der Fluth die
-kaum über dem ihm vorangegangenen Körper zu kreisen aufgehört hatte.
-
-Alles stand in sprachloser Erwartung um die Luke her und schaute auf die
-unheimliche Fluth in den Raum nieder. Jeder andere Hader, jeder andere
-Gedanke war vergessen, und jedes Auge hing nur in peinlicher Spannung
-an den da unten jetzt langsam aufsteigenden Luftblasen, welche die
-Thätigkeit des Untergetauchten verkündeten.
-
-»Bei Gott, der kommt auch nicht wieder,« rief François endlich mit
-vor Angst fast erstickter Stimme. -- »Jean -- um Gotteswillen,
-Jean.« --
-
-»Da ist er!« tönte es plötzlich von den erleichterten Herzen der
-Schaar, aus deren Brust sich ein tiefer Seufzer aufrang. -- Sie hatten
-in der Zeit nicht einmal zu athmen gewagt. -- Das kohlschwarze, sonst
-so lockige, jetzt straff niederhängende Haar des jungen Franzosen wurde
-sichtbar, gleich darauf sein todtenbleiches Gesicht. Mit einer einzigen
-Armbewegung war er an der Leiter und hob sich, auf eine der Sprossen
-tretend, in die Höhe und mit den Schultern aus dem Wasser. -- Er war
-allein.
-
-»Kannst du gar nichts fühlen, Jean,« rief ihm der erste Mate
-ermunternd hinunter, »es wird ja doch so entsetzlich schnell nicht
-weggewaschen sein. -- Lieber Gott, der Junge kann schwimmen wie ein
-Fisch, er muß sich beim Hinunterstürzen an den Kopf geschlagen
-haben.«
-
-Jean erwiederte nichts, verschwand aber zum zweitenmal unter Wasser, und
-blieb diesmal länger aus als das erstemal. Als er endlich wieder zu Tag
-kam, stieg er schweigend, ohne ein Wort zu sagen, an Deck und schnürte
-sein Bündel auf, sich trockene Kleider anzuziehen.
-
-»Armer Junge,« murmelte der Mate, als er dem Capitän, der sich rasch
-und mürrisch abwandte, ins Boot folgte. Der Steward aber, der sich
-neben dem Zimmermann niedersetzte, brummte leise vor sich hin:
-
-»Das ist mir auch noch nicht vorgekommen, daß Einer =in= einem Schiff
-drin ersaufen kann. Das hat die Kröte aber nur mir zum Possen gethan,
-damit ich jetzt Alles allein besorgen muß.«
-
-In wenigen Minuten war das Boot zur Abfahrt bereit. »Goodbye,
-Cameraden,« riefen Bob und Jim hinüber, und die an Bord
-Zurückgebliebenen winkten mit der Hand.
-
-»Stoßt ab -- Gott verdamme Euch!« zürnte aber der Capitän, den
-freundlichen Gruß unterbrechend -- »und macht Euch da vorne Platz,
-daß Ihr, wenn wir einmal rudern müßten, nicht gehemmt seid.«
-
-Der Kranke, Jack, lag vorne auf seiner Matratze im Boot. -- Er war noch
-sehr schwach und sah unwohl aus, obgleich ihn das Fieber verlassen zu
-haben schien; dadurch entstand eine kleine Verzögerung, während die
-beiden Mates beschäftigt waren die Segel in Ordnung zu bringen.
-
-Der Sturm von gestern hatte gänzlich nachgelassen, die Luft war hell
-und klar, und eine leichte Ostbrise versprach ihnen eine rasche und
-glückliche Fahrt nach Booby Island. Nur durch die Strömung aber, und
-durch das Segel, das den leichten Wind doch schon etwas gefaßt hatte,
-waren sie ungefähr 20 Schritt vom Schiff abgetrieben, als plötzlich
-ein Ruf vom Schiffe niederschallte, und aller Augen dorthin zog. Der
-Capitän, der ebenfalls aufsah, bekam eine Aschfarbe, denn dort stand
-Hans und in seinen Händen hielt er ein kurzes in der Sonne blitzendes
-Doppelgewehr.
-
-»Mörder!« entfuhr fast unwillkürlich den bleichen Lippen des
-Capitäns der Angstlaut, der bis zu den Ohren seines früheren Opfers
-drang. Hans aber schüttelte verächtlich lächelnd mit dem Kopf und
-rief, indem er das Gewehr neben sich auf Deck stieß:
-
-»Habt keine Furcht, Capitän Oilytt, ich will Euern letzten feigen
-Angriff auf mich nicht solcher Art erwiedern. -- Hättet Ihr mich
-peitschen lassen, wäret Ihr jetzt ein todter Mann, aber den Schlag, den
-Ihr einem Gefesselten gabet, vergelt ich Euch auf ein andermal. -- =Wir
-sehen uns wieder=,« und er drehte sich mit diesen Worten von dem Boote,
-das jetzt zum erstenmal den Wind ordentlich in seine Segeln faßte und
-rasch durch die grüne Fluth dahinschoß, ab. Als er sich aber wandte,
-sah er, wie Jean und Bill plötzlich erschreckt auseinander stoben
-und in demselben Augenblick pfiff auch eine Kugel, aber schlecht genug
-gezielt, über sie hin. Mit Blitzesschnelle flog er herum und riß die
-eigene Büchse in die Höhe, doch ein Blick auf das Boot sagte ihm,
-wie sehr er dabei das Leben anderer Menschen gefährden müßte. --
-Er setzte das Gewehr rasch wieder nieder, hob aber, zum Zeichen seines
-Wohlbefindens, die Mütze, schwenkte sie um den Kopf und rief mit
-trotzigem Hohn:
-
-»Dank Euch, Capitän -- werd's Euch zu gut schreiben -- auf Wiedersehen!«
-
-Er sah wie der Capitän im Boot einen Versuch machte, eine andere
-neben ihm liegende Muskete nach ihm hinzurichten, aber der erste Mate
-verhinderte ihn daran, und fünf Minuten später war das Boot außer
-Schußweite -- eine halbe Stunde später kaum noch in Sicht.
-
-Die Matrosen blieben noch eine Weile auf Deck stehen, ehe sie an ihre
-Vorbereitungen gingen. Sie schauten, jeder in seine Gedanken versenkt,
-dem wegschießenden Boote nach, so lange sie noch eine Gestalt darin
-unterscheiden konnten, und dann erst, als es nur noch wie ein schwarzer
-Punkt auf dem Wasser lag, reichte Hans Jean, Bill und François die
-Hand, und dankte ihnen für ihre ausharrende Freundschaft.
-
-»O Unsinn, Mann,« lachte Jean -- »reiner Eigennutz von uns. Wir
-wollen nicht mit dem Alten nach Indien, ich möchte gern wieder nach
-Sydney zurück und darum sind wir alle drei hier geblieben die Landreise
-zusammen zu versuchen.« Hans schüttelte aber zweifelnd mit dem Kopf
-sagte bedächtig:
-
-»Jean, Jean, Ihr irrt Euch da alle drei in der Natur des Landes, das
-Ihr durchwandern wollt. Ich habe Euch das schon diese Nacht gesagt. Ich
-fürchte sogar, wir dürfen nicht einmal den =Versuch= wagen, wenn wir
-uns nicht der größten Gefahr aussetzen wollen. -- Die Schwarzen an
-diesen Küstenstrichen sind nichtswürdiges, blutdürstiges Gesindel.«
-
-»Pah, =wagen=,« lachte Jean mit seiner ganzen sorglosen Keckheit, die
-nie einer Gefahr aus dem Wege ging, ja sie eher noch aufsuchte als sie
-vermied, wenn er einmal die Wahl zwischen den beiden hatte. -- »Wir
-sind hier vier entschlossene Männer, und gut bewaffnet. -- Wetter noch
-einmal, wer =mein= Fleisch kochen oder braten wollte, würde es verdammt
-zäh finden. Gott sei Dank nur, daß wir den Alten mit seinem Schwarm
-los sind; für das andere ist mir wahrhaftig nicht bange. Jetzt an die
-Ausrüstung, und in einer Stunde können wir segelfertig sein. Wenn uns
-nur der arme Teufel von Junge nicht heute Morgen ertrunken wäre.«
-
-Jean hatte das Wort kaum ausgesprochen, als er wie von einer Natter
-gestochen in die Höhe sprang, denn dicht unter seinen Füßen -- er
-stand keine zwei Schritt von der offenen Luke, flüsterte eine leise
-Stimme, die ihm das Blut aus dem Gesichte ins Herz zurücktrieb:
-
-»Tuwan Jean -- Tuwan Jean -- ist Capitän fort?« -- und im nächsten
-Moment kletterte der kleine Malaye, flink wie eine Katze, an dem
-Mittelpfosten des Decks auf, griff den oberen Lukenrand und schwang sich
-an Deck -- über das er zuerst einen flüchtigen noch ängstlichen
-Blick warf. -- In der höchsten Freude haftete aber bald sein großes
-schwarzes Auge auf dem schimmernden Segel des fernen Boots, und in ein
-lautes jubelndes Lachen ausbrechend, sprang er wie besessen auf Deck
-herum.
-
-Hans wußte von dem ganzen Vorgang nichts, und begriff nicht weshalb die
-anderen so erschreckt waren und der Junge zurückgeblieben sein konnte.
-Jean sammelte sich aber zuerst wieder und rief mit komischer Wuth, denn
-es schien ihm nicht halb Ernst bei der Sache zu sein:
-
-»Nun seh' ein Mensch in der Welt so eine kleine schwarze Bestie an
--- trocken wie eine Pulverkammer, und läßt mich da zweimal hinunter
-zwischen die todten Pferde tauchen, um ihn wieder herauszufischen.
-Ob ich jetzt nicht wahrhaftig Lust habe ihn kopfüber da hinunter
-zu schicken wo ich gewesen bin, nur um zu probiren, wie sich's da im
-stockfinstern Raum, bei den todten Thieren herumschwimmt -- der kleine
-Heide, der!«
-
-Timor aber der wohl wußte, daß ihm von alle denen, die er noch an Bord
-sah, kein Leid geschähe, lachte, daß ihm die Thränen aus den Augen
-liefen, wobei Jean und François natürlich mit einstimmten, und
-erzählte seinen neuen Freunden nun, daß er unter keiner Bedingung mit
-dem alten garstigen Capitän hätte weiter segeln wollen, aber auch gar
-nicht gewußt habe wie er von ihm anders abkommen konnte, als auf solche
-Art.
-
-»Als Ihr alle damit beschäftigt waret Euch zu zanken, wer da bleiben
-wollte und mitgehen sollte,« erzählte der kleine Bursche in seinem
-gebrochenen Englisch, »und als ich sah, daß niemand auf mich achtete,
-glitt ich auf das Heu ins Zwischendeck hinunter, warf ein kleines
-Fäßchen mit Nägeln, das ich mir schon heute Morgen früh zu dem Zweck
-dorthin geschafft, ins Wasser hinunter, daß es recht aufplätscherte
-meinen Strohhut dann dahinter her, und kroch nun, während ich einen
-lauten Schrei ausstieß, rasch zwischen ein paar Heuballen hinein und
-zwischen diesen fort, bis ich sicher war, daß sie mich nicht finden
-könnten, und wenn sie eine Stunde nach mir suchten. Dort bin ich liegen
-geblieben, bis ich hörte daß Jean hier sagte, das Boot sei abgefahren.
-Nun bin ich da und will mit Euch gehen.« Er setzte sich hierauf ruhig
-auf eines der Wasserfässer nieder und schien geduldig eine Antwort auf
-seinen Vorschlag abwarten zu wollen.
-
-Hans lachte und meinte der kleine Strick habe jetzt gut auf eine Antwort
-warten, er wisse recht wohl daß sie ihn nicht zurücklassen könnten.
-Er solle aber nur, was er mitzunehmen wünsche, zusammenpacken und dann
-helfen daß sie ihren Proviant und Wasservorrath in Ordnung brächten,
-die heutige herrliche Brise wenigstens insoweit zu benutzen, Land zu
-erreichen.
-
-
-
-
-Fünfzehntes Capitel.
-
-Die Bootfahrt.
-
-
-Hierbei war ihnen jetzt Timor, der ja früher auch mit in der Cajüte
-aufgewartet und viel mit dem Proviant zu thun gehabt hatte, von
-unendlichem Nutzen. Der Steward hatte nämlich, um den Zurückbleibenden
-womöglich nichts als =die= Provisionen zu lassen, die nicht unter
-seiner Aufsicht standen, alles was von Eingemachtem, sauren Gurken,
-feinen Zwiebacken, Weinen und Liqueuren nur irgend noch vorräthig war,
-entweder selber mitgenommen, oder, wo das nicht anging, zerstört. --
-Die ganze Cajüte schwamm in Brandy und Wein, denn er schien, als er
-zuletzt unten war, alle Flaschen die er nur möglicherweise erreichen
-konnte, zerstoßen zu haben.
-
-Die Mühe war aber vergebens gewesen, denn Timor wußte zu genau
-überall Bescheid und brachte in kurzer Zeit eine solche Unmasse von
-Delicatessen und Liqueuren angeschleppt, daß sie drei solche kleine
-Boote hätten damit verproviantiren können. Das Beste wurde natürlich
-von alle diesem ausgesucht, ein ziemlich bedeutender Wasservorrath in
-kleinen Brandyfässern als Ballast unten angelegt, eine der Kisten mit
-ihren nothwendigsten Sachen gepackt an Bord geschafft und um 11 Uhr
-Morgens konnten sie schon die leichte Jölle von den eisernen Krahnen,
-an denen sie noch unversehrt hing, in See lassen.
-
-Dies war des Capitäns Jölle. Obgleich aber in Sydney wenig gebraucht,
-da das Schiff dort dicht am Lande lag, nahm sie doch nicht viel Wasser
-ein, und als sie eine Stunde in See gelegen, stand sie vollkommen dicht.
-Etwa eine Stunde später war das Boot zum Absegeln bereit.
-
-»Alle fertig?« rief Bill, indem er sein Ruder gegen die Seite des
-Wracks setzte, das noch immer unbeweglich auf den Riffen saß.
-
-»Alles klar!« lautete die Antwort, und im nächsten Augenblick glitten
-sie von dem kahlen Rumpf ab und in denselben schmalen Canal hinein,
-durch den ihnen schon an diesem Morgen die Barkasse vorangegangen war.
-
-Bill saß am Steuer, Jean und François standen an den Segeln, Timor
-kauerte vorne im Bug und schaute auf die unten vorübergleitenden
-Korallenbäume nieder, und Jean und Hans saßen in der Mitte, der
-erstere von den Strapatzen des Morgens, von seiner Schwimmpartie, die
-ihm Timors List verschafft, und den Provisionstransporten verschnaufend,
-und der andere sein Bein ausruhend.
-
-Fünf Minuten später rannten sie aber plötzlich fest. -- Einzelne
-Korallenstämme stiegen hier überall aus der Tiefe auf, und der hinten
-am Steuer Sitzende konnte von dort aus solche Stellen auf dem blendenden
-Spiegel des Wassers nicht deutlich genug erkennen, sie zu vermeiden.
-François mit den englischen Ausdrücken nicht so vertraut, war auch
-nicht dazu geeignet und Hans nahm deshalb den Platz vorne, dicht am Bug
-ein, die nöthige Warnung zu geben, wenn irgend ein Hinderniß in ihrem
-Fahrwasser liegen sollte.
-
-Sie mußten auch über eine halbe Stunde arbeiten von dem einzelnen
-Korallenbaum wieder abzukommen, der sie gerade in der Mitte unter dem
-Boot gefaßt hatte und festhielt, und so steil ringsum niederlief, daß
-sie mit ihren Rudern weder den Grund, noch ihr gerade unten befindliches
-Hinderniß erreichen konnten. Endlich gelang es ihnen den Bootshaken
-zwischen den Kiel und die Koralle zu bringen, und mit einem kurzen Ende
-Tau an der äußern Spitze der starken Stange hoben sie das Boot etwas,
-und konnten es seitwärts wieder in tief Wasser schieben. Hans paßte
-von da an sorgfältig auf, und sie näherten sich mehr und mehr dem
-tiefen Wasser des inneren Beckens.
-
-Gerade an der letzten Wand oder Mauer die hier wieder zu einer
-beträchtlichen Tiefe niederschoß, hatten sie aber wohl den weitesten
-Canal verfehlt, denn hier starrten überall Korallenbäume empor. Sie
-mußten Segel bergen, daß sie nur langsam mit der Strömung hindurch
-liefen.
-
-»Luff, Bill, Luff!« rief Hans, als sie auf diese »Barriere« (denn
-_barrier reefs_ werden diese Felsen ja auch genannt) zuliefen, und
-sich hier von einem breiten Streifen gelbgrünen Wassers eingeschlossen
-sahen, aus dem überall oft wie dichtes Gebüsch, das zum Theil
-wunderlich geformten und verkrüppelten Bäumen glich, eine braune
-Korallenart emporschoß. »Luff, mehr noch, so halt, Steady jetzt --
-tiefer -- tiefer -- noch tiefer -- Steady -- Luff wieder -- und nun
-Cours --« rief er, sich lächelnd nach Bill umdrehend, der sich
-die größte Mühe gab den so rasch wechselnden Befehlen zu folgen.
-»Allons, François, Segel wieder in die Höhe, wir sind jetzt sicher.«
-
-»Donnerwetter, Hans, du jagst mich ja förmlich im Zickzack herum,«
-rief Bill, während er das Ruder von Steuer nach Backbord und wieder
-zurück brachte, »sind wir hinaus?«
-
-»Frei und sicher in der Torresstraße eingelaufen« gab ihm Hans,
-viel fröhlicher, als er sich bis jetzt nur je gezeigt, zur Antwort. --
-»Wetter, Mann, als ich das letztemal hier war, dachte ich nicht, daß
-ich in einer Nußschale wie dies Ding hier, zurückkommen würde.«
-
-»Bist du schon früher hier einmal durchgekommen?« frug Bill schnell
-und erstaunt.
-
-»Dies ist das fünfte Mal, Camerad, und Ihr könntet keinen besseren
-Lootsen hier hindurch haben als mich. -- Wäre der Capitän ein
-vernünftiger Mann gewesen, er hätte das Schiff da draußen nicht zu
-verlieren gebraucht -- doch so ist's besser, und einmal flott, bekommen
-wir auch wieder festen Boden, oder was mir lieber wäre, ein anderes
-gutes Fahrzeug unter die Füße, mit dem wir weiter gehen können. Ist's
-aber nicht anders, so mögen wir auch getrost mit diesem kleinen Ding
-dem Monsun folgen. Wie die Jahreszeit jetzt hier ist, wollte ich in
-einem Canoe von hier nach Batavia oder Singapore laufen.«
-
-»Hör' einmal Hans,« sagte aber jetzt Bill, der ihm die ganze Zeit
-schweigend zugehört hatte -- »ich wollte dich schon lange -- aber
-Wetter noch einmal, wo steuern wir denn jetzt hin? der verdammte Schuft
-von Capitän hat uns nicht einmal einen Compaß gelassen, und ich halte
-da immer ins Blaue hinein.«
-
-»Hier ist einer,« sagte Hans und löste ein Band von seinem Nacken
-los, an dem eine kleine wunderzierlich von Kupfer gearbeitete und
-mit Gold eingelegte Kapsel hing -- »gebrauch den so lange, er thut's
-wenigstens zur Noth und steuere nur einen Westsüdwest-Cours, bis wir
-Land in Sicht bekommen.«
-
-»Verdammt wunderliches Ding,« brummte Bill, als er, das eine
-Steuerreep so lange zwischen den Zähnen, die kleine Kapsel öffnete und
-mißtrauisch von allen Seiten betrachtete, »wo ist denn darauf Norden
-oder Süden -- Donnerwetter, das Ding steht ja nach allen Seiten hin und
--- hol's der Henker, die Nadel ist verkehrt angesetzt, die Pfeilspitze
-sitzt auf der falschen Seite oder zeigt wahrhaftig nach Süden hin.«
-
-»Es ist ein chinesischer Taschencompaß,« lachte Hans, »doch komm,
-laß mich hin, ich will steuern und dabei kann ich dir erklären wie er
-eingetheilt ist, du wirst dich bald hineinfinden.«
-
-Bill ließ ihn auf seinen Platz, blieb aber neben ihm sitzen, und als
-er sich die Sache hatte auseinander setzen lassen, die er bald begriff,
-sagte er, Hans auf einmal wieder ansehend:
-
-»Ja, Camerad, was ich dich vorher fragen wollte, wie mir da der Compaß
-durch den Kopf fuhr, und was mir die letzten Tage im Schädel hin- und
-hergegangen ist. -- Wo zum Teufel hast du denn auf einmal das viele
-Englisch hergekriegt, und warum hast du's vorher nicht gesprochen? --
-Ich will verdammt sein wenn ich jetzt glaube daß du irgend was anderes
-bist als ein Engländer. Hol mich dieser und jener, wenn's nicht wahr
-ist.«
-
-»Und ich glaube, er spricht auch ebenso gut französisch, wie ich
-selber,« lachte Jean, »und hat uns hier die ganze Reise zum besten
-gehabt -- ich möchte nur wissen warum.«
-
-»Wenn ich keinen Grund dazu gehabt hätte, Cameraden,« sagte Hans
-gutmüthig, jetzt aber auf einmal ganz ernst geworden, »so hätt' ich's
-nicht gethan. Da ich also einen Grund dafür haben muß, laßt mir den
-auch. Wenn ich kann, sollt Ihr ihn später erfahren, bis dahin müßt
-Ihr aber Geduld haben.«
-
-»Kurz und süß wie wir bei uns sagen,« lachte Bill, »jetzt glaub'
-ich aber auch, François verstellt sich ebenfalls, und kommt nächster
-Tage einmal, nur hoffentlich bei einer andern Gelegenheit, mit einem so
-reinen Englisch zu Tage wie's unser Schulmeister nur zu Hause aus uns
-Jungen herausquetschen wollte. Doch meinetwegen, jeder nach seinem Spaß
-und wie er's verantworten kann -- und nun erst einmal einen Schluck auf
-gute Cameradschaft und glückliche Reise!«
-
-Und damit langte er sich eine Flasche Portwein, die er, wie er
-versicherte, ganz besonders zu diesem Zweck beigepackt habe, aus dem
-kleinen Spintge, was unter dem Sternsitz angebracht war, heraus, that
-erst selber einen kräftigen Zug und ließ dann die Flasche im Kreis
-herumgehen. Selbst Timor wurde nicht vergessen.
-
-Sie waren nun vollkommen in diesen wunderbaren Ort eingedrungen der,
-nicht See, nicht festes Land, nicht Inselgruppe -- ein Mittelding
-zwischen allen dreien zu halten scheint. Wenn sie über Bord schauten,
-lag es tief unter ihnen manchmal wie die unergründliche Tiefe des
-Meeres selber da, und manchmal wieder war es als ob sie in einem
-Luftballon über weiten schneeigen Feldern mit Blitzesschnelle
-hingeführt wurden. -- Waldungen, Ströme -- selbst Städte schwanden
-mit einer nur etwas regen Einbildungskraft rasch vorüber, und wenn sie
-plötzlich wieder in tiefer Wasser kamen, sah es gerade so aus, als
-ob eine dunkle Wolke unter sie getreten sei, und nur die eben noch
-gesehenen Bilder verdecke.
-
-»Es wird einem ganz schwindlich wenn man so hinunterschaut,« brach
-Jean endlich ein ziemlich langes Schweigen, indem sich jeder mit seinen
-eigenen Gedanken beschäftigt hatte. »Ist das nicht gerade so, als
-ob man meilenhoch über einer wundervollen, vom Mondlicht beschienenen
-Landschaft hinwegflöge? sieh Bill, da kommt es wieder -- dort der Wald
--- dort das tiefe Thal.«
-
-Bill warf einen Blick über Bord, wechselte sein Priemchen aus einer
-Backe in die andere und lachte.
-
-»Aber Mann, das sind ja die Korallen unten, über die wir weggehen! --
-kaum drei Faden Tiefe und all solch verdammt bröckliches, aber zähes
-Zeug wie die dort, die da über Wasser vorragen. -- _Bless you_, ein
-Wald und Thäler -- der Mann phantasirt. -- Nimm noch einen Schluck von
-dem Portwein, es wird dir ausnehmend gut thun.«
-
-Bill war nichts weniger als ein Romantiker, und wenn er Bäume oder
-Thäler sah, so mußten sie auch wirklich mit allem nöthigen Zubehör
-da sein. Jean lächelte und blinzte nach Hans hinüber, Bill der das
-aber sah, meinte gutmüthig: --
-
-»Ja, lacht nur Jungen; =mir= ist's recht, aber hier haben wir in
-Wirklichkeit Salzwasser unter und Korallen um uns, und wir =mögen=
-wieder frei von der ganzen Geschichte kommen, das ist wahr, der Teufel
-kann aber auch sein Spiel haben und uns sonst einen Possen spielen,
-und nachher ist die Geschichte faul. Soviel ist jedoch gewiß, wenn das
-Bäume da unten sind, so will ich nur wünschen daß keiner von uns in
-ihren Schatten zu liegen kommt, das ist alles.« -- Und damit hob er die
-Flasche gegen das Licht, zu sehen ob der Inhalt noch eines Zuges werth
-war, und leerte sie dann ohne abzusetzen. Fertig damit, machte er eine
-fast unwillkürliche Bewegung, sie über Bord zu werfen, hielt aber auch
-ebenso rasch wieder ein und legte sie auf ihren alten Fleck zurück --
-»halt,« sagte er dabei -- »zum Wegwerfen ist's noch immer Zeit, und
-wer weiß wozu wir die noch einmal gebrauchen können, ehe wir andere
-kriegen.«
-
-Vor einer ziemlich steten und frischen Brise in dem jetzt hie und da
-leise gekräuselten Wasser dahingleitend, schwand das Wrack mehr und
-mehr am Horizont, und im Westen tauchten dafür schon einige dunkle
-Punkte kleiner Inseln in diesen Korallengruppen empor, und boten dem
-Steuernden, der nun seinen Compaß wieder schloß, ein festes Ziel, auf
-das er halten konnte.
-
-»Dort links hinüber liegt auch Land, wenn ich nicht irre« -- sagte
-Bill, als sie mehrere Stunden ruhig fortgesegelt waren und wenig mehr
-sprachen als eben zu ihrer Fahrt gehörte. -- »Am Ende ist das das
-feste Land und wir hielten am besten dort gleich hinüber.«
-
-»Habt Ihr Lust gefressen oder wenigstens Eures Bischen Fetts beraubt zu
-werden, so mögen wir sehen daß wir die Nacht auf australischem
-Boden zu schlafen kommen,« meinte da Hans. »Ich meinestheils hätte
-geglaubt, wir wollten erst einmal eine von den Inseln erreichen und dann
-Kriegsrath halten. Wir fahren uns dabei nicht einmal aus dem Weg, denn
-was du siehst, Bill, kann schwerlich die Küste, sondern wird Hendriks
-Insel sein -- eine kleine aufragende Spitze; -- wie?«
-
-»Ja,« sagte Bill, der auf einen der Thwarten oder Bänke getreten war
-und seine Augen mit der Hand gegen das helle Licht schützte, »ich kann
-auch weiter nichts sehen als den Punkt -- doch halt, da rechts hinein
-liegt noch mehr Land glaub' ich -- luff ein wenig mehr auf, Hans, wir
-halten besser Strich.«
-
-»Ich seh übrigens gar nicht ein,« meinte Jean, »weßhalb wir uns
-hier im Boot nicht ebenso gut berathen können wie auf irgend einem der
-kleinen Sandflecke in der Straße hier. Wir haben weiter nichts zu thun,
-und je eher wir uns einen festen Plan bilden, desto besser.«
-
-»Gut,« sagte Hans -- »und seid Ihr wirklich entschlossen den Landweg
-nach Sydney zu wagen?«
-
-»Entschlossen?« rief Bill erstaunt, »ei Mann, ich glaubte das
-bedürfe gar keiner Frage mehr, sondern wir wollten nur berathen wie wir
-am =schnellsten= zum Lande kämen.«
-
-»Aber, Leute, Ihr bedenkt gar nicht was für ein Land Ihr durchwandern
-wollt. -- Ich bin von Herzen gern dabei den Versuch mitzumachen, Euch
-zu überzeugen, aber wir kommen keine 50 Meilen ins Innere, so viel ist
-gewiß. -- Wir finden kein Wasser und verwünscht wenig zu essen, und
-werden zuletzt froh sein, wenn uns die Schwarzen nur wieder zur Küste
-zurücklassen.«
-
-»Ja, aber was zum Donnerwetter sollten wir denn da eigentlich thun?«
-frug Bill verblüfft -- »ich habe bis jetzt noch an gar nichts anderes
-gedacht. Dann bleibt uns nichts übrig, als hinter dem Alten herzufahren
-und uns vielleicht von demselben Schiff auflesen zu lassen, was den mit
-fortnimmt. Deßhalb haben wir ja doch keinen Scandal mit dem Capitän
-angefangen.«
-
-»Nein, daran denk ich wahrhaftig nicht,« sagte Hans schnell -- »das
-Schiff das ich betrete, möchte ich mir vorher =wählen=, und deßhalb
-können wir meinetwegen erst irgendwo an der Küste landen und einen
-Versuch machen; ich möchte das feste Land selber gern einmal sehen.
-Geht es aber dort nicht, dann schiffen wir uns wieder ein und segeln mit
-diesem Monsun, und von dieser Strömung begünstigt frisch und fröhlich
-in den Indischen Archipel ein -- vielleicht gar nach Timor, wo wir ja
-hier einen herrlichen Dolmetscher und Führer haben.«
-
-»Gut, dabei bleibt's,« rief Jean schnell -- »es wäre doch wunderbar
-wenn vier starke junge Kerle -- und Timor dürfen wir immer für einen
-halben rechnen -- sich nicht durch die Welt schlagen könnten, sei's
-wo's sei. Also frisch einen Südcours hinüber, Hans. Hier verlieren wir
-zu viel Grund und Boden, und wir wollen gleich von vornherein wissen,
-welche Aufnahme wir an der Küste zu erwarten haben.«
-
-»Aber wird François damit einverstanden sein?« frug Hans auf diesen
-blickend.
-
-François verstand nicht viel englisch, doch genug den Sinn der
-Verhandlung begriffen zu haben, und nickte lachend mit dem Kopf. --
-
-»_Cest la même chose pour moi, camerade_,« rief er fröhlich, »wohin
-es auch geht, ich bin dabei, und was die Indianer betrifft, so denk
-ich brauchen wir uns deretwegen keine Sorge zu machen. Wir sind gut
-bewaffnet und Schießgewehre kennen sie vielleicht hier oben noch gar
-nicht.«
-
-»Was sagt er?« frug Bill, der ihn indessen scharf angesehen hatte.
-
-»Vorwärts« lachte Hans und luffte mit einer leisen Bewegung des
-Ruders, scharf gegen den Wind an, »Brassen meine Burschen -- brassen;
-so, das thuts François. Ich denke wir können mit diesem Cours der
-Küste nahen.«
-
-»S'ist doch ein merkwürdiges _gibberitch_ das Französische« brummte
-Bill kopfschüttelnd. »Ich habe mich nun so lange zwischen Franzosen
-herum getrieben, aber nie mehr davon wegkriegen können als _merci
-Monsiehr_ und _sil woo plaze_ -- was beinah wie breit _Irish_ klingt. --
-S'ist eigentlich merkwürdig daß wir Engländer, wenn wir uns ein paar
-Worte französisch merken immer nur Höflichkeiten, und die Franzosen
-bei ihrem ersten Englisch Sprechen nur Fluchen lernen. Hol mich dieser
-und jener wenn nicht das erste Wort was ein Franzmann von unserer
-Sprache begreift, jedesmal _God dam_ ist. -- Ich möchte nur wissen
-woher das kommt, denn es ist ja doch gerade gegen beider Natur. -- Wenn
-ich z. B. höflich sein soll, komme ich mir immer vor wie eine Katze die
-schwimmen will. -- Wir sind einmal nicht daran gewöhnt.«
-
-»Es mag doch wohl daher kommen,« sagte Hans lächelnd, »daß Ihr
-Engländer so entsetzlich viel flucht, und die Franzosen so entsetzlich
-viel höfliche Redensarten haben. -- Was die eine Nation nun von der
-andern am meisten hört, behält sie auch am leichtesten.«
-
-»Hm,« brummte Bill, »das wäre möglich, daran habe ich noch nicht
-gedacht« und er saß eine Zeit lang so in Gedanken versunken da, daß
-er nicht einmal merkte wie er eine neue Flasche vorgeholt, geöffnet und
-einen langen Zug daraus gethan hatte.
-
-Timor's Augen, obgleich er an dem Gespräch nicht Theil nahm,
-leuchteten, als er die Möglichkeit vor sich auftauchen sah, sein lange
-nicht gesehenes Heimathland wieder zu betreten. Nur soviel eifriger
-machte er sich jetzt daran die Angelgeräthschaften, die er auch an Bord
-des Boreas unter Händen gehabt, hervorzusuchen, und seinen Fischfang
-zu beginnen. Zu dem Zweck befestigte er jetzt ein Stück rothes Zeug
-an einem ziemlich starken Haken, und ließ es, etwa zehn Ellen vom Boot
-entfernt, nachschleifen.
-
-Das kleine ziemlich schwerbeladene Boot legte sich indessen, mit
-dem Wind recht breit von der Seite in die Segel, fast bis an den
-Steuerbordrand auf das Wasser, und die Besatzung mußte nach Backbord
-hinüberrücken, das Gleichgewicht wieder herzustellen. Nach Südwesten
-zu wurden jetzt schon die drei Spitzen der Hannibals Inseln sichtbar.
-Nachmittag starb der Wind aber plötzlich weg, und um nicht von der
-Strömung zu weit westlich getrieben zu werden, ruderten sie nach einer
-kleinen Sandbank, deren weißen Rücken sie über dem dunklen Wasser
-vielleicht zwei Meilen vor sich konnten herausschimmern sehen, und
-warfen dort Anker. Timor hatte allerdings einen Fisch gefangen, niemand
-aber daran gedacht Feuerholz vom Schiff mitzunehmen, und da auf dieser
-Sandbank auch nicht der kleinste Strauch, ja kein Grashalm wuchs,
-mußten sie ihr Abendbrod, von ihren Vorräthen halten und den Fisch auf
-morgen sparen.
-
-Die Nacht schliefen sie im Boot, mit regelmäßig ausgestellter Wache.
-Es ließ sich indessen nicht das mindeste hören oder sehen, was sie
-hätte beunruhigen können. Die Nacht war warm und ruhig, und erst gegen
-Morgen erhob sich wieder eine schwache Ostbrise, bei der Hans, dessen
-Wacht es war, den leichten Anker hob, die Segel setzte und langsam über
-das spiegelglatte Wasser hinglitt. Als die andern erwachten, fanden sie
-sich zu ihrem Erstaunen schon wieder unterwegs und die Sandbank, die
-jetzt bei Fluthzeit auch fast bedeckt war, weit hinter sich.
-
-Der Wind blieb übrigens den ganzen Tag sehr schwach; sie mußten
-zweimal wieder ankern, und erreichten den zweiten Abend mit genauer Noth
-die nördlichsten der Hannibal Inseln, wie sie auf der Karte genannt
-sind -- ein niederer, nur mit wenigem Gesträuch bedeckter Felsen unter
-dessen Lee sie ankerten, und es vorzogen wieder im Boot zu schlafen.
-Abends gingen sie aber vorher an Land und brieten mit zusammengesuchtem
-trockenen Holz eine tüchtige Portion delicater Fische, die Timor über
-Tag gefangen.
-
-Hans war allerdings nicht recht damit einverstanden daß sie ein Feuer
-anmachten, denn wenn sie das auch vorsichtigerweise auf der Nordseite
-der Insel thaten, so daß es von der jetzt deutlich sichtbaren Küste
-des festen Landes aus nicht gesehen werden konnte, so mochte der
-aufsteigende Rauch dort etwa herumstreifenden Wilden leicht verrathen,
-daß sich hier Fremde aufhielten. Bill wollte davon aber nichts hören,
-und meinte die schwarzen Schufte würden dann ebenso wenig wissen, ob es
-nicht Fischer von ihrem eigenen Stamm wären, als Weiße, und wenn sie
-=jetzt= schon in der Hinsicht so ängstlich sein wollten, wie das dann
-nachher werden sollte? Die Fische wurden deshalb auch gebraten und
-schmeckten ausgezeichnet.
-
-Am nächsten Morgen wehte ihnen ein schwacher Landwind gerade entgegen,
-und erst um 10 Uhr konnten sie Segel setzen und den Anker lichten. Die
-australische Küste trat jetzt immer klarer und deutlicher heraus. Sie
-konnten schon das niedere buschige Gehölz, das ihre Ufer bedeckte,
-unterscheiden. An der weißen sandigen Bank ließen sich aber keine
-menschlichen Wesen erkennen, und sie sahen auch nirgends Rauch
-aufsteigen. Der ganze Strich hier schien vollkommen unbewohnt, und Hans,
-der wieder am Steuer saß, bat Bill, ihm doch das kleine Fernrohr, das
-gleich oben links in der Kiste lag, herüberzureichen.
-
-»Wenn wir hier nicht mit Wilden zu thun bekommen, finden wir auch kein
-Wasser,« sagte er, nachdem er das Land eine Weile mit dem Fernglas
-überflogen hatte. -- »Willst du das Glas haben, Bill?«
-
-»Merci,« meinte dieser trocken, ohne den Arm nach dem dargereichten
-auszustrecken, »wenn Brandy drin wäre, ja, -- weiß der Henker woher
-es kommt, ich bin doch sonst nicht so ungeschickt. Mit den Dingern
-da aber habe ich mich nie befreunden können, und wenn ich durchsehe
-schwimmt mir immer Alles vor den Augen. Gerade so geht mir's auch mit
-den Gewehren; abdrücken kann ich sie, aber wo die Kugel hingeht das ist
-ihre Sache. Siehst =du= nichts, Hans?«
-
-»Nicht das mindeste,« sagte dieser, das Glas Jean hinüberreichend.
-»Nun so viel besser, denn da können wir die Gegend ungestört
-untersuchen und nachher immer noch thun was uns gefällt.«
-
-Gegen Abend starb der Wind wieder weg, und sie mußten diesmal zu den
-Rudern greifen, denn es war hier so tief, daß sie nicht einmal
-hätten ankern können. Mit Sonnenuntergang waren sie etwa noch einen
-Büchsenschuß vom Lande ab, in vier Faden Wasser, und beschlossen
-dort auch die Nacht zu bleiben. Sie wollten sich nicht gerade mit
-Dunkelwerden einem vollkommen fremden Küstenstrich anvertrauen, an dem
-sie weder die Bewohner, noch die Thiere kannten.
-
-»Was es nur hier für Bestien geben mag,« sagte Jean, als sie ihren
-Anker fallen gelassen, die Segel geborgen und niedergelegt, und ihr
-Abendbrod auf zwei besonders dazu aufgestellten Weinkisten ausgebreitet
-hatten, »weiß man denn gar nichts davon?«
-
-»Der erste der hier ins Innere eingedrungen ist, und durch den
-wir einigermaßen Nachrichten von diesem bis jetzt noch meist
-geheimnißvollen Küstenstrich erhalten haben,« sagte Hans, »war ein
-Deutscher, ein Dr. Leichhardt, der mit einer kleinen Gesellschaft und
-mit aufopfernder Kühnheit diese Küste bis weit gegen Westen besucht
-hat. Diesem nach haben wir hier aber eine ganz andere Thierwelt als im
-südlichen Australien, und es soll an der nördlichen Küste Krokodile
-und Büffel geben. Ob wir die auch hier so weit im Osten finden würden,
-weiß ich nicht. Känguruhs giebt's aber jedenfalls, und deren Erlegung
-wäre das einzige, von dem wir hoffen könnten im Innern zu existiren.
--- =Seht= aber das Land erst, und wenn Ihr euern Plan durch das Innere
-zu gehen, dann =nicht= aufgebt, dann seid Ihr die ersten Matrosen oder
-Fischer, die das Land nicht satt hatten und wieder nach Salzwasser
-schnappten.«
-
-»Unsinn,« lachte Jean, »ich will Gott danken wenn ich nur erst einmal
-wieder vom Salzwasser hinunter bin. -- Nein, ich habe mir Australien zu
-meiner künftigen Heimath erwählt, und je schneller ich Sydney wieder
-erreiche, desto besser -- und nachher nie mehr zur See.«
-
-Hans hatte das Fernglas wieder aufgenommen und schaute so lange nach
-der Küste hinüber als es ihm die jetzt rasch einbrechende Dämmerung
-erlaubte. Es ließ sich aber nicht das mindeste verdächtige erkennen,
-und auf dem blendend weißen Korallensand der das Ufer bildete, hätte
-ihm der kleinste dunkle Gegenstand, der sich nur im mindesten bewegte,
-augenblicklich ins Auge fallen müssen.
-
-Darüber beruhigt ging er wieder an sein Abendessen und die Wacht wurde,
-als sich die andern zum Schlafen niederlegten, aufgesetzt. Hans hatte
-die erste Wacht, Jean die zweite, François die dritte, und Bill die
-Morgenwacht. Timor durfte die ganze Nacht schlafen.
-
-Als sich die Männer, so gut das der enge Raum erlaubte, ausgestreckt,
-und für eine gute Rast eingerichtet hatten, sah Hans noch einmal
-nach seinem Gewehr, setzte frische Zündhütchen auf und legte es zum
-augenblicklichen Gebrauch an seiner Seite nieder. Dann schob er sich
-seine zusammengerollte wollene Decke unter den Rücken, und schaute, auf
-diese gestützt, träumend zu den leichten über ihn hinziehenden Wolken
-und blinkenden Sternen empor, manchmal nur aufhorchend, wenn er irgend
-ein fernes Geräusch zu hören glaubte oder ein aufschnellender Fisch,
-zweimal auch ein eigenthümlicher Schrei vom Lande herüber, der Ruf
-irgend eines fremdartigen Nachtvogels, die Stille unterbrach.
-
-Hätte er die sechs dunklen Gestalten gesehen, die still und
-geräuschlos, aber schnell wie das Wild ihrer Wälder durch die
-düsteren Uferbüsche glitten und nach Osten zu dem Strand hinaufliefen,
-dessen hellen Sand zu betreten sie sich aber wohl hüteten, er würde
-die Stunden seiner Wacht nicht so ruhig verträumt und sich nachher mit
-so leichtem Herzen zum Schlafen niedergelegt haben. So aber wandte sich
-sein Geist bald von der Gegenwart ab. -- Den Kopf in die Hand gestützt
-und mit den Blicken an den funkelnden Sternen über ihm haftend, dachte
-er bald keiner Gefahr mehr die ihnen hier drohen konnte. -- Die Bilder
-der Vergangenheit gingen vor seiner inneren Seele vorüber, und die
-Stunden der Wacht schwanden ihm wie Minuten dahin.
-
-Jean hatte eine Uhr, die einzige an Bord, die der Wachthabende jedesmal
-in Verwahrung bekam. Die ersten drei Wachen verliefen übrigens
-vollkommen ruhig, und als Bill sich, von François geweckt, aufrichtete,
-schliefen Hans, Jean und Timor so fest, als ob sie in irgend einer wohl
-verwahrten und civilisirten Stadt in ihren Betten lägen und dort auch,
-bis Morgens der Kaffee käme, jedenfalls liegen bleiben wollten.
-
-»Hallo,« sagte Bill und rieb sich die Augen -- »was zum Henker, ist's
-schon zwei Uhr? -- ich glaubte, ich hätte mich eben erst niedergelegt.
--- Es wird ordentlich kalt, Morgens.«
-
-»Schon drei Uhr fast, Kamerad,« versicherte François, »Alles ruhig
-gewesen!« Damit übergab er dem Wachthabenden die Uhr und rollte sich
-ebenfalls in seine Decke, die Beine über die nächste Bank streckend.
-
-Bill war übrigens zu lange in Australien gewesen sich nicht indessen an
-ein Pfeifchen gewöhnt zu haben, aus dem sich sonst Matrosen, wenn sie
-ihren Kautabak haben, gewöhnlich nicht viel machen. Vor allen Dingen
-knöpfte er sich aber erst einmal warm in seine dicke Lootsenjacke ein,
-denn die Morgenluft zog schon scharf von Osten her über das Wasser,
-schnitt sich dann in der Hand eine Pfeife voll Kautaback klein, stopfte
-seinen kurzen irdenen Stummel und schlug Feuer. -- Das dauerte aber wohl
-eine Viertelstunde lang, denn der Schwamm war feucht geworden und wollte
-nicht fangen. Bill wurde auch endlich ärgerlich darüber und fluchte
-nach Matrosenart, bis er zuletzt all seine Kraftwörter erschöpft
-hatte, und nur immer bei jedem Schlage _damn it_ -- _damn it_ --
-_damn it_, brummte. Endlich bekam er Feuer, setzte sich dann mit
-übergeschlagenen Beinen und die Schulter bequem gegen den kleinen Mast
-gestützt, in Wachtpositur, und qualmte aus Leibeskräften.
-
-
-
-
-Sechszehntes Capitel.
-
-Der Morgenbesuch.
-
-
-Durch das Feuerschlagen war Timor wach geworden und richtete sich
-ebenfalls auf. Es schien ihm aber zu frisch außerhalb der Decke, und
-noch halb im Schlaf sah er nur einmal über den Bootsrand weg neben dem
-er lag, nach dem Lande zu, und wickelte sich dann wieder, so warm es ihm
-möglich war, ein.
-
-Bill wußte nun allerdings recht gut daß er die Wacht hatte, und nicht
-allein munter bleiben, sondern auch aufpassen mußte; aber es war ihm
-nur eine höchst unbestimmte Idee, auf =was= eigentlich. Canoes hatten
-sie am Abend vorher nicht gesehen, und so dunkel wie es jetzt geworden
-war, sollte es den Wilden, wenn überhaupt welche an der Küste hausten,
-sehr schwer werden das fremde Boot zu finden. Keinenfalls hätten sie
-aber so geräuschlos anrudern können, daß sie von ihm nicht bemerkt
-wären, und in dieser Hinsicht fühlte er sich auch vollkommen beruhigt.
-
-Das Wetter sah ebenfalls günstig aus, denn obgleich sich am Himmel hie
-und da dichte Wolken sammelten, versprachen die mehr einen möglichen
-Regenschauer als viel Wind. Ueberdies lagen sie hier durch das Land
-durchaus geschützt, und brauchten nicht das mindeste für ihr kleines
-Boot zu befürchten. Die Wacht versprach also, ebenso wie die
-übrigen drei, ohne das mindeste Außergewöhnliche abzulaufen.
-Nichtsdestoweniger setzte er sich so, daß er den schmalen
-Wasserstreifen, der zwischen dem festen Land und ihrer Jölle lag,
-vollkommen übersehen konnte, und bließ, den rechten Ellbogen auf
-das rechte übergeschlagene Knie gestützt, seinen Tabaksdampf in
-regelmäßigen Puffen dem Morgenwind entgegen.
-
-So mochte es vier Uhr geworden sein. Bill hatte sich seine dritte Pfeife
-gestopft, und im Osten zeigte sich eben der erste graue Dämmerschein
-des nahenden Tages. Der Schwamm war aber diesmal nicht gefälliger als
-das erstemal, und Timor, der überdies die ganze Nacht vortrefflich
-geschlafen, und auch am Schiff daran gewöhnt war meist um diese Zeit
-aufzustehen und Kaffee zu kochen, richtete sich bei dem hartnäckigen
-Feueranschlagen des Matrosen auf den Ellbogen in die Höhe und frug
-leise, die anderen nicht zu stören:
-
-»Wie viel Uhr, Tuwan Bill. -- Wird's schon Tag? es muß noch früh
-sein?«
-
-Bill, überhaupt kein großer Freund von vielen Worten, zeigte mit der
-Pfeifenspitze nur gerade nach Osten hin und sagte, indem er den Kopf
-ebenfalls dorthin drehte -- »kommt eben.«
-
-Timor folgte seiner Bewegung und schaute mehrere Minuten lang schweigend
-nach dem östlichen Horizont hinüber, das Wachsen des lichten Streifens
-zu beobachten. Plötzlich richtete er sich aber ein wenig höher auf,
-machte sich seinen rechten Arm frei, rieb sich die Augen, und schaute
-wieder unverwandt nach der Gegend hin. Er faßte zugleich Bills Knie und
-drückte es leise. --
-
-»Tuwan Bill,« flüsterte er dabei, doch so geräuschlos, daß die
-Laute kaum zu des Mannes Ohr drangen -- »was ist das dort -- Fische?«
-
-Bill drehte den Kopf dorthin, wohin der junge Malaye zeigte, und sah
-allerdings gerade in diesem Augenblick einen dunklen Gegenstand über
-dem Wasser vorkommen. -- Aber er hob sich nur höchstens einen Fuß
-über die Oberfläche, glitt etwa zwei oder drei Fuß darüber hin, und
-verschwand dann wieder.
-
-»Tümmler,« sagte Bill laut, als gleich darauf vier oder fünf
-derselben Art dem ersten folgten; »es sind Fische, Timor, mit denen
-können wir uns jetzt aber nicht einlassen. Wenn wir an so einen fest
-kämen, schleppte uns der mit Anker und allem, Gott weiß wohin.« Er
-nahm seine alte Stellung wieder ein und rauchte ruhig weiter, während
-Timor eine Weile die Fische beobachtete. Sie kamen nach kurzer Zeit
-noch einmal zum Vorschein -- etwas näher dem Boote zu, wo auch eine
-ziemliche Menge Seetang, an einen der vorragenden Korallenfelsen
-wahrscheinlich, an- und festgeschwemmt war. Der Tang bildete dort eine
-volle, dunkle Masse. Der Tag war aber noch nicht weit genug vorgerückt,
-mehr als einen schwarzen schattigen Streifen davon erkennen zu lassen.
-Der Tang lag nach NO. zu.
-
-Es ist vielleicht nöthig den Leser hier darauf aufmerksam zu machen wie
-das Boot zu der Küste geankert hatte. Die australische Küste, an deren
-nördlichem Ufer sie sich hier befanden, streckte sich von Osten nach
-Westen hin, und bildete dadurch die südliche Bank der Torresstraße.
-Der vorherrschende Wind war in dieser Jahreszeit der Ostwind, und die
-Strömung setzte deshalb auch, durch Ebbe und Fluth nur wenig beherrscht
-oder geändert, in ziemlicher Stärke nach Westen. Das kleine Boot
-»ritt« vor seinem Anker der es festhielt, während es zugleich der
-Strömung, so weit es der Anker ließ, nachgab, und deshalb mit seinem
-Bug gerade nach Osten, vielleicht einen Strich noch südlich, zeigte,
-da eine, gerade hier oberhalb liegende kleine Bucht die Strömung
-gewissermaßen aufgefangen hatte, und da wo sie lagen, in die Straße
-zurückführte. Die Steuerbord oder Starbordseite des Bootes zeigte
-deshalb nach dem Lande, die Backbordseite nach der offenen Straße hin.
-
-Timor, der vorn im Bug kauerte, fing an zu frieren; die Morgenluft war,
-trotz der niederen Breite in der sie sich befanden, ziemlich frisch, und
-er wickelte sich wieder in seine Decke. Die Fische wollten ihm aber doch
-noch nicht aus dem Kopf, und ehe er sich auf's neue hinlegte, warf er
-noch einen Blick nach dem Tang hinüber, wo sie verschwunden waren.
-Der graue Streifen im Osten war indessen auch etwas breiter und lichter
-geworden, ohne jedoch noch mehr zu vermögen als einen matten falben
-Schein auf das sonst fast spiegelglatte Wasser zu werfen, was eher das
-Auge blendete, als ihm die Gegenstände unterscheiden half. Trotzdem
-glaubte er sich wieder Etwas nach jener Richtung hin bewegen zu sehen,
-und sprang noch einmal auf, stieg auf die vordere Bank und schaute
-scharf hinüber.
-
-»Das sind im Leben keine Tümmler,« murmelte er dann für sich, auf
-malayisch -- »das sind entweder Schildkröten oder andere Fische, und
-vielleicht kommen sie dicht ans Boot heran, daß wir einen mit dem Elker
-(eine kleine fünf- oder dreizackige Harpune) erreichen können. -- Ich
-will wenigstens alles fertig machen.«
-
-Der Elker lag aber mitten im Boot, und die Spitzen staken unter dem
-hinteren Sitz, damit sich niemand die Nacht hineinreißen konnte. Um ihn
-zu bekommen mußte der junge Bursche über François wegsteigen, und die
-Stange jetzt hebend und vorziehend, konnte er nicht verhindern daß er
-Hans anstieß und weckte. Dieser, als er sich berührt fühlte, fuhr
-rasch in die Höhe und frug »was es gäbe?«
-
-»O nichts,« sagte der Malaye leise, »legt Euch ruhig wieder hin, ich
-wollte nur die Harpune vorholen und bin ungeschickt dabei gewesen. -- Es
-sind Fische da, die vielleicht zum Boot herankommen.«
-
-»Was für Fische, Timor?« sagte Hans, sich die Haare aus dem Gesicht
-streichend und seine Mütze, die ihm im Schlaf heruntergefallen war,
-wieder aufsetzend. --
-
-»O ich weiß selber noch nicht, ich kann nur sehen wo sie sich
-bewegen,« erwiederte Timor. -- »Sie scheinen hier ums Boot herum
-zu spielen und kommen vielleicht näher.« Timor sprach mit Hans
-gewöhnlich in seiner eigenen Sprache, und deshalb lauter mit ihm als
-den anderen.
-
-Hans richtete sich auf und warf einen Blick um sich. Er schaute nach
-den sich lichtenden Wolken und dem noch düster vor ihnen liegenden
-Küstenstreifen hinüber. Timor aber, der glaubte daß er den Platz
-suche wo die Fische wären, zeigte mit dem Arm nach dem Tang hinüber,
-der aber jetzt vollkommen regungslos blieb. Der Tang konnte etwa 60
-Schritt von ihnen entfernt sein.
-
-»Da war aber etwas, mehr nach dem Lande hin,« sagte Hans, dessen Blick
-unwillkürlich der Richtung gefolgt war, die ihm Timors Arm bezeichnete.
--- »Das muß ein großer Fisch gewesen sein, und ich hätte gar nicht
-geglaubt, daß sich die so weit nach dem Lande zu verlieren. Wirf ja
-nicht die Harpune nach solch einem Burschen, wenn er hier herankommen
-sollte, Timor, denn entweder riß er dich selber mit über Bord, oder
-wir sehen nie etwas von dem Elker wieder, und es ist der einzige den
-wir mit haben. -- Halt, da wieder -- er will zwischen dem Lande und uns
-durch.«
-
-Der Fisch ging aber tief, und kam nicht wieder auf, wenigstens nicht
-daß es Hans und Timor bemerkt hätten. Durch das Sprechen war jedoch
-François ebenfalls munter gemacht, richtete sich auf, und rief den
-anderen beiden seinen guten Morgen zu.
-
-»_Qu'est -- ce que c'est ça?_« -- rief er aber plötzlich, den Arm
-nach dem Lande ausstreckend -- »_des poissons?_«
-
-»Nein, bei Gott nicht!« rief Hans, der bei dem jetzt deutlich zu ihnen
-herüberschallenden Plätschern den Kopf rasch dorthin drehte -- »das
-sind keine Fische -- das ist ein Schwarzer, und ich habe doch niemand
-ins Wasser steigen sehen.«
-
-»Wo?« rief Bill, und richtete sich rasch in die Höhe; auch Jean wurde
-munter.
-
-Bill hatte seine Muskete aufgegriffen und schaute scharf nach dem
-Gegenstand hin, der sich jetzt gar nicht mehr verkennen ließ. Es war
-jedenfalls ein Indianer, der hier ganz unbesorgt, etwa 60 Schritt von
-ihrem Boot entfernt, herumschwamm und tauchte. Als er übrigens bemerken
-mochte, daß aller Blicke nach ihm gerichtet waren, hob er sich, so
-weit er das schwimmend konnte, aus dem Wasser und rief etwas nach ihnen
-hinüber.
-
-=Was= er rief konnten sie natürlich nicht verstehen, Hans aber, um ihm
-zu zeigen daß er gesehen sei, antwortete ihm auf gut Glück in einem
-südaustralischen Dialekte, obgleich er kaum hoffen durfte von ihm
-verstanden zu werden. Jeder australische Stamm hat fast eine andere
-Sprache.
-
-»_Parni tirriapindo_ -- komm näher heran.« Der Wilde, als ob er wisse
-was man von ihm verlange, kam jetzt einige Striche herangeschwommen, und
-hielt dann wieder wie unschlüssig.
-
-In demselben Augenblicke wurden nach Norden zu, also an der dem Land
-entgegengesetzten Seite, mehrere Köpfe über Wasser sichtbar, tauchten
-aber auch schon nach wenigen Secunden wieder unter -- sie waren nur zum
-Athemholen in die Höhe gestiegen, und befanden sich keine 30 Schritte
-mehr vom Boot. Die Aufmerksamkeit der Matrosen wurde jedoch durch
-den neuen Aufruf des Wilden zu sehr in Anspruch genommen, um sich der
-anderen Seite zuzuwenden. -- Sie sahen nicht was hinter ihnen vorging.
-
-»Es wäre gut, wenn wir uns einen der Burschen zum Freund machen
-könnten,« sagte Hans zu Jean gewandt -- »der würde uns auf dem
-festen Land von unberechenbarem Nutzen sein. Wir wollen es jedenfalls
-versuchen.«
-
-»_Nunja ngun renga patlerti!_« rief der Wilde jetzt deutlich zu ihnen
-herüber.
-
-»Hol' der Teufel die Sprache,« brummte Hans, »ich verstehe kein Wort
-davon.«
-
-Dicht unter Backbord des Bootes tauchte ein schwarzer Kopf auf und ein
-paar dunkle Augen blickten scheu empor -- jetzt noch einer, jetzt ein
-dritter. Die Männer im Boot hätten sie müssen Athem holen hören.
-
-»Wir wollen ein Tuch nehmen und damit wehen,« rief Jean -- »einen
-grünen Busch haben wir ja doch nicht hier, und er wird verstehen daß
-das freundlich gemeint ist.«
-
-»_Parni tirriapindo!_« munterte ihn Hans noch einmal dabei auf, weil
-Jener das vorher verstanden zu haben schien, und Jean schwenkte das
-Tuch. --
-
-»_Diable!_« schrie in diesem Augenblick François -- und riß sein
-Messer, das er wie jeder Matrose an der Seite trug, aus der Scheide. --
-Hans wollte sich umdrehen, verlor aber auch schon das Gleichgewicht, und
-fiel mit beiden Händen auf den Bootrand zu Steuerbord. Am Backbordrand
-hingen in dem Moment fünf dunkle Gestalten und suchten, sich so
-hoch das ging aus dem Wasser schnellend, mit ihrem Gewicht den Rand
-niederzudrücken, und das Boot jedenfalls dadurch zu füllen und zu
-versenken.
-
-Die Jölle schwankte natürlich mit einem plötzlichen Ruck nach ihnen
-hinüber und zwar so stark, daß Jean auf Steuerbord überstürzte, und
-nur noch glücklicherweise mit der linken Hand den Rand ihres kleinen
-Fahrzeugs erfaßte. Dadurch hielt er sich nicht allein über Wasser,
-sondern bewahrte auch wahrscheinlich durch das Gegengewicht was er
-hiermit an die andere Seite warf, das Boot vor dem gänzlichen Füllen
-und Sinken, auf das der Angriff berechnet gewesen. Freilich konnte er
-nicht verhüten, daß trotzdem eine Masse Wasser über Bord schlug.
-
-Ein zweiter solcher Stoß wäre ihnen auch jedenfalls verderblich
-gewesen, und er mußte erfolgen, sobald die Schwarzen nur einfach mit
-ihrem Gewicht hängen blieben, Bill aber rettete sie diesmal, und
-zwar ganz gegen seinen Willen, denn mit dem ersten Ruck schon hinten
-überfallend, stürzte er gerade in den Vordertheil des Bootes hinein.
-Wahrscheinlich aber dabei mit dem Finger den Drücker der Muskete
-berührend, oder auch nur durch das Anstoßen des Kolbens auf den Sitz,
-entlud sich diese, und die Kugel fuhr zischend ins Blaue.
-
-Die Wirkung zeigte sich zauberschnell. -- Im Nu waren die sechs
-schwarzen Köpfe, die eben noch ein gellendes Siegesgeschrei
-ausgestoßen, in der über ihnen zusammenschlagenden Fluth verschwunden.
-Durch das schnelle Loslassen des Bootes und Jeans Gewicht nach der
-andern Seite hätten sie aber beinahe das erreicht, was sie durch ihren
-Angriff verfehlt, denn die Jölle schlug nun ebenso viel nach Steuerbord
-über, als vorher nach Backbord, und nahm wieder eine Menge Wasser ein.
-
-Das kleine Boot war jedoch glücklicherweise ziemlich breit gebaut, und
-das nächste Zurückschwanken nach Steuerbord zeigte ihnen, daß die
-Gefahr für den Augenblick vorbei sei.
-
-Während aber Jean, so rasch ihm das irgend möglich war, zurück ins
-Boot kletterte -- und Timor faßte ihn dabei und half ihm hinein --
-hatte Hans sein Gewehr aufgegriffen und gespannt, und François mit dem
-Messer noch immer in der Faust, bewachte scharf die beiden Bootränder,
-ob sich wieder eine schwarze Hand auf ihnen sollte blicken lassen. Aber
-nirgends zeigte sich auch nur eine Spur von den Flüchtigen, und Hans
-meinte erstaunt, es wären doch keine Fischmenschen, daß sie ganz unter
-Wasser leben könnten; sie =müßten= wieder vorkommen. Da deutete Timor
-nach dem Seetang, der an den Korallen hing, an dem sie schon vorher das
-Auftauchen der geglaubten Fische beobachtet hatten.
-
-Alle folgten mit ihren Augen der Richtung, nur François nicht, der fest
-die Feinde noch einmal auf ihren alten Angriffsplatz -- er wußte nur
-nicht recht auf welcher Seite -- zu erwarten schien.
-
-»Dort sind sie!« rief aber jetzt auch Hans, und Jean, der indessen
-ebenfalls seine Muskete aufgefaßt, wollte schon auf das Dunkle dort,
-was sich ziemlich deutlich als die dunklen Köpfe der Feinde erkennen
-ließ, zielen. Hans verhinderte ihn aber daran und meinte ruhig, es
-wäre besser Blutvergießen zu vermeiden, bis es nicht anders mehr
-möglich wäre.
-
-Die Köpfe verschwanden auch in demselben Moment fast wieder, und erst
-weit außer Schußweite kamen sie zum zweitenmal hervor. Als sie
-sich zum drittenmal zeigten, war es dicht am Ufer, und sechs schwarze
-Gestalten, mit kurzen Speeren in der Hand, wie es Hans deutlich durch
-das jetzt aufgegriffene Fernrohr erkennen konnte, sprangen aufs Trockene
-und tauchten in der nächsten Minute in die dichten Büsche ein, die sie
-den Blicken der Nachschauenden gänzlich entzogen.
-
-Deren nächste Sorge war jedoch jetzt ihr Boot, und zwei gingen daran,
-es so schnell als möglich wieder auszuschöpfen, während die anderen
-noch immer auf Wacht blieben, denn sie glaubten kaum, daß so wenige von
-den Wilden es gewagt haben sollten sie anzugreifen.
-
-Der Plan war auch gar nicht so übel gewesen, und nur daran gescheitert,
-daß die Schwarzen nicht die Natur einer solchen Jölle kannten, die
-weit fester mit ihrem breiten Boden auf dem Wasser liegt als eines
-der gewöhnlichen Canoes. Keines dieser letzteren hätte einem solchen
-Gewicht, plötzlich an die Seite geworfen, widerstehen können, und
-einmal die Mannschaft über Bord, hätte sie den Wilden, die im Wasser
-fast gewandter sind als auf festem Lande, sicherlich nicht widerstehen
-können. Mit ihren kurzen Speeren würden sie die Weißen entweder
-ermordet, oder untergezogen und ertränkt haben, und das Boot mit der
-Ladung, die sie leicht wieder vom Grund mit Tauchen aufbringen konnten,
-wäre ihre gute Beute geworden.
-
-Ihr ganzes Manöver ließ sich jetzt auch sehr leicht erklären. Zuerst
-hatten sie versuchen wollen im Dunkel der Morgendämmerung (fast alle
-wilden Stämme machen ihre Angriffe zu dieser Tageszeit) heimlich
-anzuschwimmen. Timors Munterwerden machte ihnen das aber unmöglich, und
-einmal die richtige Zeit versäumt, war auch die andere Mannschaft wach
-geworden. Einer schwamm also deshalb wieder von den übrigen ab, die
-Aufmerksamkeit der Fremden auf sich und von den Cameraden abzulenken,
-während diese unbeachtet herantauchen und den vorher verabredeten Plan
-ausführen konnten. Vor Feuergewehren haben aber diese Stämme, die mit
-Weißen fast noch nie in Berührung gekommen, eine heilsame Furcht, und
-das zufällige Losgehen von Bills Muskete erschreckte sie so, daß
-sie jeden Gedanken an Angriff aufgaben, und nur ihre eigene Haut in
-Sicherheit zu bringen suchten.
-
-»Nun, wie gefällt Euch Euer Empfang bei den Schwarzen?« frug Hans
-die anderen, als sie ihr Boot wieder in Ordnung gebracht und ihre
-Provisionen vorgesucht hatten, um ein hastiges Frühstück einzunehmen.
-»Nicht wahr, es sind gastliche Gesellen, die nicht einmal abwarten bis
-wir bei ihnen an Land gekommen sind, sondern uns gar schon =vor= der
-Thüre besuchen.«
-
-»Hol der Teufel die Landlubbers,« brummte Bill, der damit das
-schlimmste Wort seines Kopfwörterbuchs ausgesprochen -- »wenn die
-Sachen hier so stehen, hab' ich wenigstens allen Appetit verloren mich
-viel bei ihnen zu Gaste zu bitten. -- Das sind ja verteufelte Kerle --
-und wie die Bestien schwimmen und tauchen können.«
-
-»Die Hälfte von unserem Brod ist naß geworden,« sagte Timor, der
-sich indessen eifrig damit beschäftigte den beschädigten Proviant
-nachzusehen -- »ein Glück nur daß das meiste hoch lag.«
-
-»Wir essen das naßgewordene zuerst weg,« meinte Jean -- »wenn das
-Brod auch ein wenig salzig schmeckt, das schadet nichts, und aufgeweicht
-ist's doch nicht. Da müssen unsere Schiffszwieback länger im Wasser
-liegen, wenn sie wirklich weich werden sollen; für solche Fälle haben
-unsere Rheder glücklicherweise gesorgt. -- Aber so heimtückische
-Canaillen; auf einer Seite Freundschaftsversicherungen, und auf der
-anderen Meuchelmord. Doch feige sind die Kerle. Hei wie sie ausbrannten
-als Bill sein Gewehr unter sie abschoß. Mich wundert nur daß sich Bill
-so rasch fassen und schießen konnte; der Angriff kam so schnell, daß
-ich an =mein= Gewehr gar nicht dachte.«
-
-
-
-
-Siebenzehntes Capitel.
-
-Die Landung.
-
-
-Bill sah ihn mit einem trocken komischen Ausdruck in den Zügen an, und
-die anderen lachten.
-
-»Ja,« sagte Bill endlich, »wenn ich jedesmal mein Gewehr auf =die=
-Art abfeuere, dann thu' ich meinem eigenen Leichnam mehr Schaden dabei
-als jemand anderem. Nicht allein daß ich mir meine ganze hintere Fronte
-auf den scharfen Kistenecken und Gott weiß was abgescheuert habe, nein,
-die verdammte Muskete stieß mich auch, wie sie los ging, so gegen
-den Leib, daß ich erst fürchtete, ich hätte einen förmlichen
-Decimalbruch gekriegt. -- Das sind verwetterte Dinger so Schießgewehre
--- da ist's ja wahrhaftig so gefährlich dahinter wie davor zu stehen,
-und ich hatte nur eine einzige Handvoll Pulver drin. Aber Donnerwetter,
-Ihr braucht nicht so furchtbar zu lachen; wir sitzen hier keineswegs
-in einer so angenehmen Lage hier vielen Spaß machen zu können. Gebt
-lieber einen guten Rath, wie wir aus dieser Klemme wieder hinauskommen
-und was wir thun sollen.«
-
-»Sail ho!« rief in diesem Augenblick Timor, der trotz seiner
-Beschäftigung im Boot, doch nicht aufgehört hatte den Horizont wie
-seine nächste Umgebung zu beobachten.
-
-Dieser Ruf gab natürlich den Gedanken der kleinen Mannschaft eine total
-andere Richtung. Aller Augen richteten sich blitzesschnell nach der
-einzigen Himmelsgegend hin, wo ein Segel sichtbar werden konnte -- der
-Einfahrt der Torresstraße zu. Und richtig genug, über dem Horizont
-waren deutlich die oberen Segel eines wahrscheinlich großen Schiffes zu
-sehen, das schon gestern Abend in die Straße eingelaufen und vor Anker
-gegangen sein mußte, und jetzt mit einer guten, wenn auch leichten
-Brise und von der starken, westwärts setzenden Strömung begünstigt,
-seine Durchfahrt antrat.
-
-»Da wär' eine Gelegenheit von hier fortzukommen,« sagte Hans
-lächelnd, nachdem sie das Segel, dessen Fortgang sie leicht bemerken
-konnten, eine kleine Weile schweigend beobachtet hatten, »was meinst
-du, Bill? sollen wir unser Glück damit versuchen?«
-
-Bill schüttelte aber finster mit dem Kopf und sagte endlich, nachdem er
-sich ein tüchtiges Stück von seinem Kautaback abgebissen und den
-Rest wieder in die Mütze -- dem gewöhnlichen Aufbewahrungsort, gelegt
-hatte: -- »Ne -- so gern ich hier weg wäre, aber die Gesellschaft
-Capitän Oilytts ist doch zu gut für mich -- ich bin sie nicht werth
-und -- ich will mich nicht gern wieder hineindrängen. -- Wenn wieder
-ein's käme, ja, da will ich nichts dagegen sagen, aber ich denke dies
-erste gönnen wir unserem Alten zu seiner alleinigen Verfügung.«
-
-»O wenn's nur deshalb wäre,« rief Jean, »das sollte mich wahrhaftig
-nicht abhalten. -- Auf einem fremden Schiff hat er Nichts zu sagen,
-denn er ging höchstens als Cajütenpassagier und wir kämen als
-Wachtverstärkung mit ins Vorcastel. Was könnte er uns da anhaben?«
-
-»Was er uns anhaben könnte?« wiederholte Bill, »weiter nichts,
-Mann, als daß er uns viere hier einfach in Eisen legen ließe, wegen
-Widersetzlichkeit -- wenn er da irgend Gefallen d'ran fände. Und thäte
-er das wirklich nicht, so kannst du dich d'rauf verlassen, er würde uns
-bei dem anderen Capitän einen solchen Namen machen, daß ich lieber
-mit sieben Jahr Urlaub nach Norfolk Island oder Vandiemensland geschickt
-werden möchte, als dort Matrose sein. Frag einmal Hans, was der dazu
-meint. -- Und Timor erst für sein bischen Versteckens spielen. -- Aus
-dem seiner Haut machten sie, Gott straf mich, Kabelgarn.«
-
-»Unsinn, Mann,« lachte Jean, »es fällt mir ja gar nicht ein Capitän
-Oilytts Gesellschaft je wieder aufzusuchen. Im Gegentheil, ich danke
-Gott daß ich sie mit so guter Manier los geworden bin. Das Schiff hat
-aber jedenfalls =den= Vortheil für uns, daß es den Capitän mit seiner
-ganzen Gesellschaft aus der Straße herausnimmt, und kommt später
-einmal ein anderes, und es gefällt uns dann nicht auf dem festen Lande,
-dann können wir immer noch thun was wir wollen.«
-
-»Hollo, Hans, was machst du da?« wandte er sich plötzlich zu diesem,
-der nach vorn gegangen war, und ohne weiter etwas zu sagen, den kleinen
-Anker aufholte.
-
-»Was ich mache? -- ich mache uns flott,« lautete die Antwort -- »oder
-wollen wir heute hier liegen bleiben?«
-
-»Gut dann, an Land!« rief Jean fröhlich, »und gefällt uns das
-Innere, so sollen uns alle Wilden Australiens nicht abhalten unser Ziel
-zu erreichen.«
-
-»Damit bin ich auch einverstanden,« meinte Bill, »meine Flinte kann
-aber Timor nehmen. Ich will verdammt sein, wenn ich das Ding noch einmal
-losschieße oder vielmehr sich selber losschießen lasse. Was ich bis
-jetzt daran gesehen habe, so scheint es mir verwünscht unabhängig zu
-sein, und sich wenig daran zu kehren, ob an dem kleinen Stück Eisen da
-gedrückt wird oder nicht.«
-
-Als der Anker gelichtet war, wollten Bill und François nach den Rudern
-greifen, die kurze Strecke hinüber zu rudern; Hans richtete aber das
-Segel auf und schlug ihnen vor, noch eine kleine Strecke an der Küste
-hinabzufahren, bis wo sie wieder Hügel zum Strande niederdachen sehen
-konnten. Die Gegend war hier vollkommen flach, die kleinen Hügel
-standen aber mit anderen höheren, deren blaue Spitzen sie jetzt
-schon erkennen konnten jedenfalls in Verbindung. Es war dort auch eher
-wahrscheinlich daß sie Wasser finden würden als hier; und Wasser blieb
-ihnen ja doch, bei einem Marsch ins Innere, die Hauptsache, wo sie wohl
-dann und wann ein Stück Wild erlegen konnten, ihren Hunger zu stillen,
-aber nie im Stande gewesen wären sich ohne Wasser zu behelfen.
-
-»Und dann kommen wir auch ein Stück von diesen verdammten schwarzen
-Heiden fort,« sagte Bill, als er die Schote des kleinen Segels anholte
-und fest machte -- »hol sie der Henker!«
-
-»Das nun wohl nicht,« meinte Hans, »denn ich bin fest überzeugt,
-daß wir die ganze Zeit von mehr als den wenigen beobachtet wurden, und
-selbst diese können uns leicht zu Lande folgen. Laufen wir aber scharf
-gegen die Küste an, so werden sie sich jedenfalls zurückziehen, und
-ich bin ziemlich gewiß, daß sie uns beim Landen nicht im geringsten
-stören.«
-
-Nach zwei Stunden etwa erreichten sie das höher gelegene Land, und
-fanden hier sogar, ganz gegen Erwarten, ein wohl 30 Schritt breites
-kleines Strombett, in dem eine ziemlich starke Quelle niederrieselte.
-Es war gerade Regenzeit, und sie durften jetzt allerdings weit eher
-erwarten dann und wann Wasser zu finden als im Sommer, wo auch diese
-Quelle sicher vertrocknete.
-
-Bei der Landung gebrauchten sie nichtsdestoweniger jede Vorsicht, die
-ihnen unter ihren Umständen nur möglich war. Während Bill vorn mit
-dem Springtau in der Hand auf das Anlaufen des Bootes wartete, und dann
-hinaussprang und es ans Ufer zog, standen Jean, und François mit ihren
-geladenen Gewehren neben ihm. Hans hielt das Ruder. Es ließ sich aber
-kein Indianer blicken, ja nicht einmal die Spur ihrer Füße konnten
-sie in dem Ufersand entdecken, und nachdem sie erst zu diesem Zweck
-eine kleine Runde durch die Büsche gemacht, und auch nicht das
-mindeste Verdächtige gefunden hatten, zogen sie ihr Boot in die kleine
-Süß-Wasser-Bay, die hier das frische Wasser in den sonst überall nahe
-zum Ufer kommenden Korallen gebildet zu haben schien, und fanden sich,
-zum erstenmal wieder, auf festem, trockenem Lande.
-
-
-
-
-Achtzehntes Capitel.
-
-Der Australische Busch.
-
-
-François und Jean hielten es allerdings jetzt noch für unumgänglich
-nöthig Posten auszustellen, und indessen ihr Boot in Sicherheit zu
-bringen. Hans aber, mit den Sitten dieser Stämme, wie es schien, besser
-bekannt, beruhigte sie darüber, und gab ihnen die Versicherung, daß
-sie gewiß keinen neuen Ueberfall, so lang es hell sei, zu fürchten
-hätten; obgleich er keineswegs für dasselbe nach Dunkelwerden
-einstehen möchte.
-
-Was aber nun thun? ihr Boot am Strand, oder irgendwo im Dickicht
-versteckt zurücklassen, und geradezu den Landweg durch das Innere
-versuchen? die Sache wurde bald als unmöglich verworfen, denn die
-gerade, die im Anfang am exaltirtesten für einen solchen Plan gewesen
-waren, schienen durch diese erste Begrüßung einen heilsamen Schreck
-vor irgend einem solchen Unternehmen bekommen zu haben.
-
-Hierzu kam noch, daß jetzt die Provisionsfrage in Anregung gebracht
-werden mußte, und es sich nun herausstellte, wie solche auf keine
-andere Weise fortzubringen wären, als auf den eigenen Rücken. Hans
-setzte ihnen dabei die etwaige Entfernung auseinander, bei der Bill
-schon vollkommen genug hatte, sobald er die Zahl der Tagemärsche
-hörte, und selbst François und Jean wurden kleinmüthig als sie das
-ihnen nächste Wasser, das sie für frisches gehalten, kosteten und --
-=salzig= fanden. Allerdings hatte das seine sehr natürlichen Ursachen,
-da die Mündung des kleinen Creeks oder Flusses -- denn das Bett
-desselben sah breit genug aus -- hier jedenfalls der Ebbe und Fluth
-ausgesetzt war.
-
-Hansens Rath lautete nun, wie er von Anfang an gewesen, in ihrem Boot zu
-bleiben und so rasch sie könnten nach Westen zu segeln, um jedenfalls
-Timor oder eine andere Insel jener dicht gedrängten Gruppe zu
-erreichen. Bis dorthin führten sie auch genug Provisionen bei sich,
-denn Wasser konnten sie, wenigstens etwas, bei einzelnen doch jedenfalls
-zu erwartenden Regengüssen oder Gewitterschauern mit ihrem Segel
-auffangen.
-
-Wenn nun aber auch die übrigen im Ganzen mit dem Plan vollkommen
-übereinstimmten, versicherten doch François sowohl wie Jean, das feste
-Land hier nicht eher wieder verlassen zu wollen, ehe sie mehr davon
-gesehen hätten, denn der Beweis wäre ihnen geworden, welchen Respect
-die Wilden hier vor Feuerwaffen hätten. François besonders, mit der
-eigenen Leidenschaft die Matrosen für jede Art von Jagd zeigen, wenn
-sie einmal festes Land betreten haben, verschwor sich hoch und theuer
-hier erst einmal die Gegend untersuchen zu wollen, ehe er wieder in
-See ginge -- die Zeit sei ihm lang genug an Bord geworden und er müsse
-jedenfalls erst »sein Gewehr einmal anschießen.« Etwaige Gefahren
-konnten ja nur den Reiz erhöhen, aber nimmer vermindern.
-
-Der einzige, dem es ziemlich gleichgültig schien was vorgenommen wurde,
-war Bill, so sie nur nicht von ihm verlangten lange Tagemärsche mit
-einer Last auf dem Rücken zu machen. Er gestand jetzt ein daß er sich
-das Land ebenfalls anders gedacht habe, und stimmte Hans bei, so rasch
-als möglich Timor zu erreichen. -- Gegen eine kleine Excursion ins
-Innere hatte er aber ebenfalls nichts, vorausgesetzt, daß er dieselbe
-ohne Flinte mitmachen könne, denn nur im äußersten Nothfall möchte
-er, wie er meinte, gezwungen sein, solch ein »hintenausschlagendes
-Schießeisen« wieder abzufeuern. -- Aber was sollte indessen aus dem
-Boote werden? -- Die Frage war die natürlichste, und wenn auch
-besonders François im Anfang geglaubt hatte, man würde es irgendwo
-leicht verstecken können, überzeugte sie doch bald die ganze Natur
-des Bodens, daß etwas derartiges wohl leicht gedacht, aber schwer
-ausgeführt werden könne. Handelten sie übrigens hierin leichtsinnig,
-so waren sie der fast unvermeidlichen Gefahr ausgesetzt, alles was sie
-an Provisionen bei sich hatten nicht allein zu verlieren, sondern auch
-noch zugleich der Möglichkeit eines Rückzugs von hier beraubt zu
-werden.
-
-Dagegen erklärte sich auch Hans auf das Bestimmteste, und erbot sich
-mit Timor im Boot zu bleiben und dies flott zu halten, bis die drei
-Cameraden ihrer »Landungswuth« genügt und vom Land so viel gesehen
-hätten als ihnen zuträglich wäre, was, wie er hoffte, gar nicht so
-sehr lange dauern sollte. Timor war sehr gern damit einverstanden, Jean
-aber nicht, der Hans mit an Land zu haben wünschte und dagegen Bill,
-als am schlechtesten auf den Füßen, zur Bootwacht vorschlug. Als
-Station für das Boot konnte der dann eine kleine Insel nehmen, die
-jetzt, in der Fluthzeit, nur eben über die Oberfläche des Wassers
-vorragte und mit dichtem Gebüsch bewachsen war. Trotzdem lag sie gerade
-bequem und etwa eine englische Meile vom Lande ab, so daß sie dort
-wenig oder gar nichts von einem Ueberfall, ausgenommen in Canoes, zu
-fürchten hatten. Den aber brauchten sie am hellen Tag um so weniger zu
-fürchten, da sie gesehen hatten, welchen Respect die Eingeborenen den
-Schießgewehren gegenüber gezeigt.
-
-Bill, überdies nicht sehr lebhaften Temperaments, war mit diesem Plan
-vollkommen einverstanden, ließ ihn derselbe doch in unbeschränktem,
-unverkümmertem Besitz und unmittelbarer Nähe des Portweins, für den
-er anfing eine stille Neigung zu fühlen.
-
-Hans wünschte selber gern einen Theil der Küste und das Innere des
-Landes zu sehen, wenn sich die Cameraden denn doch nun einmal nicht
-von ihrem Plan abbringen ließen, und da er sich auch wohl bewußt war
-manche Gefahr von ihnen abwenden zu können, stand der Ausführung des
-beabsichtigten Streifzugs nichts weiter im Weg. Timor schien mit Allem
-einverstanden, was ihn nur nicht wieder in den Bereich der Schwarzen
-brachte, die sich bei ihm durch den so schlau ausgeführten Angriff gar
-tüchtig in Respect gesetzt.
-
-Mit Vorbereitungen verloren sie denn auch keine lange Zeit weiter.
-Jeder nahm nur an Munition und Proviant was er auf zwei oder drei Tage
-nothwendig zu brauchen glaubte -- denn etwas zu schießen mußten sie ja
-doch auch hier im Walde finden -- und als Signal, wenn sie zurückkehren
-wollten, wurden zwei rasch hintereinander abgefeuerte Schüsse bestimmt.
-Sobald Bill dieselben höre, solle er sich, aber immer noch sehr
-vorsichtig, dem Festland nähern. Auch jetzt wurde es ihm zur Pflicht
-gemacht, um ganz gesichert gegen einen Ueberfall zu sein, augenblicklich
-vom Lande abzustoßen.
-
-Zuerst aber nahm er noch herzlichen Abschied von den Cameraden und
-warnte sie ernstlich, ganz besondere Acht auf ihre eigene Haut zu haben,
-damit sie dieselbe nicht unnöthiger Gefahr aussetzten. Dann nöthigte
-er noch jedem, sie mochten dagegen einwenden was sie wollten, eine extra
-Flasche Madeira auf -- Madeira, meinte er, sei besser wie Portwein, wenn
-man ihn mit Salzwasser trinken müsse -- und schob hierauf mit Hülfe
-der Zurückbleibenden vom Lande ab. Hier wandte er rasch den Bug seines
-kleinen Fahrzeugs, setzte das Segel und suchte mit Timor am Steuer, vom
-Lande abzukreuzen, was ihm jetzt, von der eintretenden Ebbe begünstigt,
-auch bald gelang.
-
-Die drei Matrosen sahen ihn aber kaum frei und unter Segel, als sie auch
-ihre verschiedenen Packen schulterten, die Gewehre unter den Arm nahmen,
-und dem nächsten Hügel zuwanderten, den sie vor allen Dingen erst
-einmal besteigen wollten, einen ungefähren Ueberblick über das
-benachbarte Land zu gewinnen.
-
-Hansens Bein schmerzte ihn allerdings noch ein wenig. Die letzten
-Ruhetage und die gute Pflege hatten ihn jedoch so weit wieder
-hergestellt, einen derartigen nicht zu langen Marsch ohne große Gefahr
-für sich wagen zu können.
-
-Da sie sich hier noch innerhalb des Flußthals befanden, das nach Osten
-und Westen in einem, wenn auch schmalen doch weit auslaufenden Streifen
-abzweigte, so hatten sie sich vor allen Dingen durch einen höchst
-beschwerlichen Mangrovesumpf hinzuarbeiten. Im Anfang durften sie auch
-wirklich kaum wagen auf den Schlamm zu treten, der oft unter ihnen
-wegsank. Sie mußten sich über die hoch emporstehenden Wurzeln, die
-nach allen Seiten hin wie die Beine einer Spinne vom Stamme wegstarrten,
-hinarbeiten, nur erst einmal höheres und damit auch festeres Terrain zu
-gewinnen.
-
-Hans fühlte sich aber gleich von vorn herein in diesem Sumpf nicht
-wohl, denn hätten die Wilden wirklich noch böse Absichten auf sie
-gehabt, so wären sie hier, wo sie ihre beiden Hände gebrauchten,
-um sich nur fortzuhelfen, ihren Angriffen jedenfalls auf eine höchst
-gefährliche Weise preisgegeben gewesen. Aber nicht ein einziger ließ
-sich sehen; keine Spur konnten sie von ihnen, selbst in dem weichen
-Schlamm erkennen, und François meinte lachend, als sie den ersten
-festen Platz erreicht hatten und hier einen Augenblick stehen blieben,
-sich zu erholen; die schwarzen Schufte die an dem Morgen einen Angriff
-versucht hätten, liefen wahrscheinlich noch, so seien sie über den
-Knall von Bills unfreiwilligem Schuß erschreckt worden.
-
-Hans war anderer Meinung, aber er begnügte sich damit, vorsichtig
-auszuschauen, und erhielt dazu noch kräftigeren Grund als sie hier, am
-Rande eines kleinen »Theebaum«-Dickichts nicht allein Spuren, sondern
-einen festgetretenen Pfad von Indianern fanden, der am Rande des Sumpfes
-hinzulaufen, und wahrscheinlich dem nächsten frischen Wasser, am Flusse
-weiter hinauf, zuzuführen schien.
-
-Hier, mit dem ersten hohen Land, wurde auch die Vegetation eine andere,
-üppigere und hier zum erstenmal schienen selbst Bäume den Hügelkamm
-zu decken, während weiter unten sowohl wie oben die nächsten
-Küstenhügel nur starre, dürftige Sandberge gewesen waren. Kleine
-schmale Lagunen oder flache, mit frischem Gras bewachsene Ausläufe
-zogen sich hier zum Fluß hinunter, deren Ränder mit Banksias
-eingefaßt standen, während dahinter einzelne Kohlpalmen aufragten
-und der ganzen Landschaft, mit dem dunklen Hintergrund von
-Stringybark-Bäumen und Casuarinen, einen freundlichen Anstrich gaben.
-Nach rechts hinüber schienen diese Palmen in noch größerer Menge zu
-stehen und weiter eindringend in den Wald, kamen sie auch zu einzelnen
-Pandanus-Dickichten, an denen besonders die Wilden ordentliche Lager
-gehabt zu haben schienen.
-
-Hans sowohl wie Jean und François fühlten sich aber beengt in dem
-dichten Unterholz, das übrigens eine Masse weißer Tauben belebte, und
-gerade das ewige Geflatter und Aufschrecken dieser Vögel diente nur
-dazu, sie mehr und mehr zu beunruhigen. Glaubten sie doch anfänglich
-in jedem solchen Geräusch einen versteckten Wilden zu hören, der mit
-Speer oder Waddie (Keule) auf sie losbrechen wolle.
-
-Hier noch im flachen Lande wäre auch ein solcher Ueberfall nicht so
-unmöglich gewesen, denn die üppige Vegetation würde einen Hinterhalt
-sehr begünstigt haben. Deshalb wandten sich alle drei, wie nach
-gemeinsamer Verabredung, dem nächsten Hügellande zu, und erreichten
-bald darauf einen vollkommen baum- und buschfreien Hang, dürftig mit
-Rasen und kleinen gelbrothen Blumen bedeckt, an dem hinauf sie rasch und
-ungefährdet ihre Bahn verfolgen konnten.
-
-Eigenthümlich war hier eine Masse einzelnstehender hoher und spitzer
-Lehmhaufen, die ihnen von fern wie zugespitzte alte Baumstümpfe
-vorkamen, und überall am Hügel hin, oft zu zweien und dreien,
-manchmal 20 und 25 zusammenstanden. Diese wiesen sich jedoch bald als
-Ameisenhaufen aus, die meist acht bis zehn Zoll unten im Durchmesser,
-bis vier Fuß hoch und scharf abgespitzt, von dem gelblichen Lehm des
-Bodens errichtet, der ganzen Landschaft einen wunderlichen Anstrich
-gaben. François glaubte in der That im Anfang, es sei eine gewaltige
-Schaar von lederfarbenen Eingebornen, die dort über den Berg zerstreut,
-nur ihr Hinaufsteigen abwarteten, um von allen Seiten über sie
-herzufallen. Hans kannte aber diese Hügel schon von früher, und
-bald konnten sie sich auch selber von dem harmlosen Wesen derselben
-überzeugen.
-
-Eine ihnen fremde Gattung von Taube, mit dunkelbraunem Körper und
-hellerer Zeichnung schienen übrigens die einzigen Bewohner dieses
-Hügelhanges zu sein. Diese hatten in einzelnen vorragenden Felsen ihre
-Wohnungen aufgeschlagen, aus denen sie scheu hervorschwirrten, sobald
-sich ihnen die Fremden näherten. Die Seeleute wollten aber weder ihre
-Munition nach so kleinem Wild verschießen, noch die benachbarten Wilden
-unnöthigerweise auf sich aufmerksam machen, und kletterten deshalb,
-ohne ein Gewehr abzudrücken, den jetzt steiler werdenden Hang empor.
-
-Hier befanden sie sich, etwa eine halbe Stunde später, auf dem
-äußersten Kamm des Bergrückens, der sich nach Süden zu hinunterzog,
-und im Osten durch die noch höhere Kette, die in Cape York ausläuft,
-begränzt wurde. Nach Westen zu öffnete sich ihnen dagegen die Aussicht
-über ein weites buschiges Thal, um das der Ocean seinen endlosen
-blauneblichen Gürtel zog. Aber auch dorthin sah das Land traurig
-genug aus. Dürre, theils mit dichtem Busch bewachsene Strecken, theils
-grausandige Flächen dehnten sich rings um sie her, und nicht die
-geringste Anzeige irgend eines bedeutenden Wasserlaufes ließ sich darin
-erkennen. Es war eine trostlose Wildniß, die ihre Einbildungskraft noch
-nach Gefallen mit den heimtückischen Schwarzen bevölkern konnte -- und
-dagegen donnerte im ewigen Ansturm die weite See.
-
-»Großer Gott!« brach François endlich zuerst das Schweigen,
-nachdem sie eine ganze Zeitlang lautlos auf das weite monotone Land
-hinabgeschaut hatten, »wie verlassen, wie entsetzlich todt sieht jene
-weite furchtbare Fläche aus. Hier in den Hügeln haben wir zwar auch
-gerade nichts Besonderes, aber ich kann mir denken wie man von da unten
-aus ordentlich mit einer wahren Sehnsucht hier heraufschauen könnte.«
-
-»Und durch ein solches Land wolltet Ihr, von allen Mitteln entblößt
-die einer solchen Reise wenigstens die Möglichkeit des Gelingens
-ließe, den Marsch versuchen;« sagte Hans.
-
-»Aber es wird auch nicht überall so sein,« entgegnete Jean rasch.
-»Da wo sich der Fluß durch das breite Thal zieht, grünt und blüht
-eine so üppige Vegetation, wie sie sich der Wanderer nur wünschen
-kann, und diesem Strome folgend --«
-
-»Kämst du nur zu bald zu seiner Quelle, wo all' die Schrecken und
-Gefahren einer Wüste beginnen,« unterbrach ihn Hans kopfschüttelnd.
-»Wir können uns ein Beispiel an dem Deutschen, an _Dr._ Leichhardt,
-nehmen, der diesen Landstrich allerdings, aber Gott weiß auch mit
-welchen Mühseligkeiten und Gefahren durchzogen, und auf einer zweiten
-Reise sein Leben dennoch eingebüßt hat. Mit allem Nöthigen zu einem
-solchen Marsch ausgerüstet, mit der Kenntniß des Landes, die er auf
-der ersten Tour erworben, mit Muth und Ausdauer, wie sie nur je ein
-Mensch bewiesen, mußte er doch in den entsetzlichen Wüsten, die das
-Innere dieses weiten Landes bilden, elendiglich umkommen, und seine
-Gebeine bleichen jetzt vielleicht neben irgend einer Salzquelle, vom
-Sand der Wüste bedeckt. Ich bin sonst wahrlich nicht furchtsam, aber
-ein heimliches Grausen durchrieselt mich jedesmal, wenn ich auf das
-Innere dieses ungeheuren räthselhaften Landes blicke, das seinen
-kühnen Bewohnern noch immer hartnäckig die starre Sandwüste
-entgegenhält. Trotz allen Versuchen das Innere zu erforschen, trotz
-aller Aufopferung, trotz allem Todesmuth, es blieb vergebens, und
-wer weiß ob es je den Menschen gelingen wird, die ganze Insel zu
-durchwandern.«
-
-»Es hat aber auch einen eigenen Reiz in solche, noch unbetretene
-Wildniß vorzudringen,« sagte Jean, der, auf sein Gewehr gestützt,
-lange und sinnend nach Süden hinabgeschaut hatte. »Fast unwillkürlich
-treibt und drängt es uns vorwärts, und -- der Drang wird um so
-mächtiger, wenn gerade dahinter das Ziel unseres ganzen Lebens liegt,
-und unseren ausgestreckten Armen fast erreichbar scheint.«
-
-»Dir steckt die Dirne aus dem goldenen Kreuz noch im Kopf,« lachte
-François, »aber ich weiß nicht, ob ein paar tausend Meilen Sand und
-Salzwasser nicht selbst die heißeste Liebe, ich will nicht gerade
-sagen =abkühlen=, aber doch wenigstens auftrocknen könnte. Wenn ich
-meinestheils ein ganzes Pensionat von lauter Geliebten in Sydney sitzen
-hätte, es würde mir nicht einfallen, so parteiisch für mein Herz,
-Magen und Kehle auf eine so entsetzliche Weise zu behandeln.«
-
-»Bah,« sagte Jean leicht erröthend, »du bist reiner Materialist,
-François und hast keine Idee davon was wirkliche Liebe ist. Der allein
-glaub ich auch, wäre es nur möglich, alle solche Schwierigkeiten zu
-besiegen, die uns bei ruhigem Blut, bei kalter Ueberlegung geradezu
-unüberwindlich scheinen.«
-
-»Es giebt für solche Zwecke ein noch mächtigeres Gefühl, Jean,«
-nahm aber Hans jetzt das Wort -- »und zwar der =Ehrgeiz=. Es ist das
-die mächtigste, aber auch furchtbarste Gewalt unseres ganzen Systems,
-und kann sich selber nur in solchem Falle übertreffen, wo er sich mit
-der Liebe vereinigt, und das arme Menschenherz dann zu Sieg und Ruhm
-oder -- zu ewigem Verderben mit fortreißt. -- Ich habe in meiner Zeit
-von beiden Beispiele erlebt, die --«
-
-Ein wilder, merkwürdiger Laut unterbrach ihn plötzlich, und alle drei
-griffen wie unwillkürlich nach ihren Gewehren.
-
-»=Ku-ih!=« tönte es aus dem Wald heraus, das den oberen Hügelhang
-begränzte, »=Ku-ih!=« und der gleiche Ruf antwortete von zwei
-verschiedenen Stellen im Thal.
-
-»Was für ein Thier war das?« frug François leise, als die Töne
-endlich schwiegen, indem er vorsichtig nach dem nächsten Dickicht
-hinüberhorchte.
-
-»Vielleicht unsere Freunde von heut' Morgen,« lachte Hans endlich, mit
-den Blicken den Waldrand nach jener Richtung hin musternd, von woher der
-Laut zum erstenmal getönt. -- »Jedenfalls waren es Eingeborne, denn
-das ist ihr Ruf. Möglich kann es auch sein, daß es als eine Art
-telegraphische Meldung beabsichtigt wurde, den Cameraden unten im Thal
-wissen zu lassen, daß wir bis hier oben glücklich angelangt seien.«
-
-»Wir reisen ja da ordentlich wie die hohen Herrschaften in Europa,«
-lachte Jean, »von denen auch die Zeitungen jeden Schritt und Tritt,
-jeden Bissen den sie essen, jeden Schluck den sie trinken, melden, und
--- noch mehr melden würden, wenn sie sich eben nicht genirten. Aber --
-ich muß aufrichtig gestehen, ich mache mir für den Augenblick nichts
-aus einer derartigen Berühmtheit, und wenn ich wüßte daß ich die
-Rolle auch gut durchführen könnte, hätte ich gar nichts dagegen mich,
-so lange ich hier an Land wäre, schwarz anzustreichen und incognito zu
-reisen.«
-
-»Hier auf dem Berg sind wir ihnen auch vollkommen preisgegeben,«
-meinte François kopfschüttelnd. »Sie können jede unserer Bewegungen
-beobachten, und sich nachher prächtig ins Dickicht in den Hinterhalt
-legen, ehe wir nur einmal ahnen daß sie in der Nähe sind. -- Wenn
-sie nur mit Bill nichts unter der Zeit anfangen. Bill ist ein ganz
-tüchtiger Kerl, und fürchtet sich vor dem Teufel nicht; aber wo
-es heißt irgend einer List zu begegnen, da traue ich ihm eben nicht
-übermäßig viel zu.«
-
-»Mir ist das auch schon im Kopf herumgegangen,« sagte Hans, »und ich
-habe nur dabei meine Hoffnung auf Timor gesetzt, der, selber halb ein
-Wilder, sich nicht wird so leicht überlisten lassen. -- Hättet Ihr
-nicht Euer Herz einmal darauf gestellt, ich wäre auch gar nicht aus dem
-Boot gegangen.«
-
-»Ja, und ich glaube wir haben dabei einen dummen Streich gemacht,«
-entgegnete ihm Jean kopfschüttelnd. »Ich gebe allerdings zu, daß ich
-selbst jetzt noch dabei wäre, wenn Ihr Euch alle dahin entschlösset
-die Landtour nach dem Süden hinunter zu unternehmen, so verzweifelt das
-Mittel auch sein möchte, um von hier fortzukommen. Dann aber hätten
-wir auch unser Boot ganz im Stich lassen, und unsere Kräfte nicht
-zersplittern sollen. Ueberdies sehe ich jetzt nicht recht gut ein was
-wir hier eigentlich wollen. Proviant brauchen wir hier noch nicht,
-sondern verzehren im Gegentheil mehr als mir scheint, daß wir hier
-wieder einlegen können, und vom Land werden wir auch nicht mehr zu
-sehen bekommen als wir bis jetzt gesehen haben. Es ist eine trostlose,
-entsetzliche Wildniß und ich stimme dafür, daß wir sobald als
-möglich machen wieder abzukommen. Wollen wir dabei noch ein Uebriges
-thun, so können wir ja eben nur einen Bogen durchs Thal ziehen, die
-Vegetation unten ein wenig genauer kennen zu lernen, dann sind wir gegen
-Abend wieder am Ufer, rufen unser Boot an und schlafen die Nacht an Bord
-wahrhaftig besser und sicherer als hier, wo man nie weiß von welcher
-Seite die schwarzen Schufte zuerst über uns einbrechen mögen.«
-
-»Ja, und je eher wir hier fortkommen, desto besser,« stimmte François
-etwas kleinmüthig bei, »denn, weiß der Böse woher es kommt, aber
-meine Schuhe fangen auch an zu drücken, und den einen hab' ich mir auch
-schon in dem scharfen Boden hier aufgetreten. -- Mit keiner Silbe
-hatt' ich ja daran gedacht, daß man zu einer Fußreise zu Land auch
-tüchtiges Schuhwerk nöthig hat, denn das leichte Zeug, womit wir an
-Deck herumlaufen müssen, damit wir dem Capitän das Quarterdeck nicht
-zerkratzen, würde bald fertig werden. Nachher was dann? Nein, eine
-Landreise klingt recht gut von Bord aus, aber mir ist's doch jetzt
-ungemein lieb, daß wir noch den Hinterhalt an unserem Boot haben. Nun
-Hans, wie stehts? -- was giebts wieder?«
-
-»Meine Meinung braucht Ihr nicht erst zu hören,« sagte dieser, ohne
-die Augen jedoch von einem gewissen Punkt des Waldstreifens, der sich
-unfern von ihnen über den Berg hinzog, zu verwenden. -- »Ich bin von
-Anfang an gegen einen solchen Marsch gewesen, und wußte recht gut Ihr
-würdet das Wahnsinnige eines solchen Unternehmens einsehen, sobald
-Ihr nur einmal den Fuß an Land gesetzt hättet. Aber ich glaube, wir
-bekommen Besuch,« fuhr er dann fort, den Arm nach der Richtung hin
-ausstreckend, nach der er schaute. »Dorthin regt sich's jedenfalls,
-will aber noch nicht recht heraus. Nun wir brauchen uns wenigstens keine
-Mühe zu geben unsere Anwesenheit geheim zu halten, denn ich bin fest
-überzeugt, wir werden von allen Seiten scharf genug beobachtet.«
-
-»Ku-ih!« rief es in dem Augenblick wieder aus dem Walde herüber,
-und Hans wollte eben die Hand an den Mund heben, den Ruf diesmal zu
-beantworten, als dicht hinter ihnen, wo ein kleiner Vorsprung des
-Hügels auslief, daß sie die Ecke nicht hatten übersehen können, der
-Schrei laut und sorglos beantwortet wurde.
-
-Wie der Blitz fuhren die drei nach dem unerwarteten Ruf herum, und
-unwillkürlich rissen sie ihre Gewehre in die Höhe, Hans aber winkte
-ihnen auch ebenso rasch sich ruhig zu verhalten, und nur nach der
-Gegend zu Front machend, von der der Laut kam, standen sie still und
-regungslos.
-
-Sie brauchten nicht lange zu warten. Noch keine halbe Minute hatten sie
-so gestanden, als ein Schwarzer, vollkommen nackt, und nur mit einem
-kurzen Speer bewaffnet um den Absprung des Hügels bog. Er hielt den
-Blick auf den Boden geheftet, und es war augenscheinlich, daß er keine
-Ahnung von der Anwesenheit der weißen Männer haben konnte. In dem
-Moment aber, wo sie glaubten daß er jetzt erstarrt vor Schreck zu ihnen
-aufschauen und die entsetzlichen Weißen vor sich erblicken sollte, war
-er plötzlich wieder fast wie in den Boden hinein verschwunden.
-
-»Peste!« riefen Jean und François fast zu gleicher Zeit; als Hans
-aber rasch dem kleinen Abhang zusprang, zu sehen was aus ihm geworden,
-konnte er eben noch die dunkle Gestalt erkennen, wie sie an dem
-bröcklichen Gestein, ganz gleichgültig gegen irgend eine Gefahr von
-Knochenbrüchen oder sonstigen Quetschungen mehr niederrollte als glitt,
-und wie eine Schlange unter den nächsten Büschen verschwand.
-
-»Wenn der Bursche nicht fest überzeugt ist den Teufel gesehen zu
-haben,« lachte Jean, »so will ich nie wieder auf Salzwasser fahren.
-Der wird eine schöne Geschichte erzählen, wenn er zu Haus kommt.«
-
-»Der muß noch keine Ahnung von uns gehabt haben,« meinte François.
-
-»Es mag wohl selten genug vorkommen,« sagte Hans, »daß Weiße hier
-an der Küste landen, denn die Eingebornen hier haben vielleicht einen
-noch schlimmeren Ruf als sie verdienen. -- Wir würden auch manchem auf
-diese Art begegnen, wenn wir länger hier blieben. Aber Jean hat recht
--- auch ich sehe nicht den geringsten Nutzen weiter für uns darin, nur
-Schaden; also je rascher wir wieder fortkommen, desto besser, und zu
-diesem Zweck nehmen wir ebenso gut den nächsten Weg nach der Küste
-zu, wo wir allerdings durch eine längere Strecke Thalland müssen, aber
-auch die offene Küste eher erreichen und das Boot anrufen können.« --
-Und ohne weiter eine Antwort abzuwarten, wollte er den bezeichneten
-Weg vorangehen, als ihn Jean noch einmal am Arm ergriff und gegen den
-Hügel, an dem sie standen, hinüberdeutend, ausrief:
-
-»Aber sieht das hier nicht so aus wie bewohnter Boden? -- die
-freie, scharf vom Wald begränzte Fläche, die baumstumpfähnlichen
-Ameisenhügel, jene fast regelmäßig eingeschnittene Hecke. -- Ich
-glaube wahrhaftig hier ist einmal Feld gewesen.«
-
-»Ein =Schlachtfeld= vielleicht feindlicher Stämme,« erwiderte Hans
-kopfschüttelnd, »sonst wahrlich kein anderes. -- Nein Camerad, all
-diese weiten ungeheueren Strecken des nördlichen Australiens liegen
-noch wild und unberührt, ein oder zwei kleine Forts weiter westlich hin
-ausgenommen -- und werden auch wohl so lange so liegen bleiben, bis es
-hier auf unserer guten Erde recht an Platz zu fehlen anfängt, oder
--- die Leute sich mit Salzwasser anstatt frischen Quellen zu begnügen
-lernen. -- Aber fort -- da gerade vor uns tönt schon wieder ein Ku-ih
-der Eingebornen, es wird Zeit daß wir nach unten gehen, denn die Sonne
-sinkt mehr und mehr, und -- ich weiß nicht, ich fühle mich Bills wegen
-beunruhigt. Dort hinüber kann ich auch nicht einmal das Boot sehen, und
-das müßte doch eigentlich von hier aus gut zu erkennen sein.«
-
-»Es wird hinter der kleinen Insel liegen,« meinte François -- »die
-steigt so mit der Ebbe höher und höher hinauf. -- Mir scheint, wir
-haben jetzt niedrig Wasser. Wetter noch einmal, wie lange wir schon hier
-herumgeklettert sind.«
-
-Hans warf noch einen langen forschenden Blick über den ruhigen Spiegel
-dieser weiten, mit Inseln und Klippen überstreuten Binnensee, und stieg
-dann ohne Weiteres nach unten, ihren Weg gegen die Küste hin zu suchen.
-Das war aber nicht so leicht ausgeführt, als sie im Anfang geglaubt
-haben mochten. Gerade dem Strande zu breitete sich ein so entsetzliches
-Dickicht von jenen Theebaumdickichten mit durcheinander gestürzten
-Cycas und Banksias und Pandanus aus, daß sie mit ihren Packen oft
-Viertelstunden lang gebrauchten, sich nur eine kleine Strecke weit
-fortzuarbeiten, und die zähen Stämme nie brechen, sondern höchstens
-nur aus dem Weg biegen konnten.
-
-Hans hatte gleich von Anfang an vorgeschlagen wieder umzukehren,
-und lieber den Weg zurückzumachen den sie gekommen waren. Jean und
-François wollten aber den mühseligen Pfad nicht zurück, da dem
-letzteren besonders die Füße wie Feuer brannten. Während sie deshalb
-mit jedem Schritt hofften den helleren Waldstreifen zu erreichen, hinter
-dem endlich der offene Strand sichtbar werden mußte, arbeiteten sie
-sich tiefer und tiefer in das Dickicht hinein. Zuletzt fehlte ihnen
-sogar die Richtung, und sie fanden bald daß sie viel weiter in den
-Thalgrund hineingerathen sein mußten als sie im Anfang beabsichtigt
-hatten.
-
-Dabei rückte der Abend mehr und mehr vor, und Hans blieb endlich
-stehen, da ihm die Vegetation um sich her vorkam, als ob sie sich
-eher wieder den Hügeln als dem Strande der See näherten. --
-Die verschiedenartigen Gumbäume, Eisenrinde, Melaleuca, Gum und
-Stringybark, mit Acacien und Cypressen zeigten sich, und von dem
-Mangrovesumpf, den sie kreuzen mußten ehe sie den Strand erreichten,
-war noch nicht die Spur zu sehen.
-
-»Hier dürfen wir nicht mehr weiter,« sagte er endlich, »denn ich
-fürchte wir haben uns schon seit etwa zwei Stunden die größte Mühe
-gegeben, von unserem Boote fortzukommen, anstatt darauf zuzugehen -- wo
-ist jetzt die See -- wo sind die Hügel? --«
-
-»Ja, wenn mich Einer auf den Kopf stellte,« lachte Jean, »ich
-könnt's nicht sagen; Wetter noch einmal, ich weiß nicht einmal wo Nord
-und Süden ist, so lange ich die Sonne nicht sehen kann.«
-
-»Norden ist dort,« sagte Hans, »und Süden hier, aber ich fürchte
-wir sind zu weit in das Thal des Flusses selber hinein gerathen, und da
-wird uns die Himmelsrichtung insofern irre geführt haben, als sich die
-breiteste Strecke Sumpfland gerade hier nach Norden hinaufzog; unsere
-einzige Wahl bleibt jetzt nur geradezu nach Osten hinüberzuarbeiten,
-und dann unserem guten Glück zu vertrauen, wohin wir kommen, und wo wir
-zuerst frei von diesem Chaos von Zweigen und Stämmen werden.«
-
-
-
-
-Neunzehntes Capitel.
-
-Das Bivouak.
-
-
-Die beiden Franzosen, so schon durch das ungewohnte Gehen und Klettern,
-ermüdet und abgemattet waren durch das Hindurcharbeiten durch
-Dornen und Schlingpflanzen und niedergebrochenes trockenes Holz oder
-verwachsene Büsche so erschöpft worden, daß sie kaum mehr ihre
-Glieder regen konnten. Das Bewußtsein sich verirrt zu haben, oder
-wenigstens nicht mehr genau zu wissen wo man sei -- jedenfalls ein
-geringerer Grad desselben -- schien dabei nicht geeignet sie heiterer
-zu stimmen. Der Wasservorrath den sie mitgenommen, war ebenfalls schon
-aufgezehrt, die Zunge klebte ihnen fortwährend am Gaumen, und das in
-den Flaschen warm gewordene Getränk löschte nicht einmal mehr ihren
-Durst.
-
-Hans wußte zu gleicher Zeit recht gut, daß ein Berathschlagen mit
-den beiden doch weiter nichts gefruchtet hätte. Ruhig deshalb die Bahn
-verfolgend, die er für die richtige ansah, hielt er sich jetzt am Ufer
-einer schmalen Salzwasser-Lagune, die nach Nordosten zulief, und in
-ihrem inneren Bett etwas offenere Vegetation zeigte, und suchte dabei so
-rasch als möglich vorwärts zu dringen. Aber es half ihm alles nichts,
-die Nacht brach an, ehe sie auch nur einen anderen, der See näher
-scheinenden Ort erreicht hatten, und es blieb ihnen jetzt nichts weiter
-übrig als da, wo sie sich gerade befanden, ein Lager aufzuschlagen und
-den dämmernden Tag zu erwarten.
-
-Jean wollte nun freilich auch noch die Nacht benützen, den Strand
-doch am Ende zu erreichen, da, wie er gehört hatte, die Eingebornen in
-dunkler Nacht nie gern ihren Lagerplatz verließen. Hans weigerte sich
-aber entschieden aufs geradewohl noch weiter, besonders im Dunkeln
-durch die Büsche zu kriechen, und warf nicht mit Unrecht ein, daß sie
-möglicherweise dadurch immer weiter vom Boote abkämen. Dagegen konnten
-sie in der Nacht wenn alles ruhig geworden war und besonders der Lärm
-der wilden Tauben hier im Unterholz aufgehört hatte, ihre Gewehre
-abschießen und Antwort vom Boot aus bekommen, wonach sie dann die
-genaue Richtung wußten, in der dasselbe lag.
-
-Diesem fügten sich François und Jean endlich ebenfalls, und bald
-loderte mitten in einem Pandanusdickicht ein lustiges Feuer auf, um das
-sie ihre Gewehre jedoch immer schußfertig neben sich lagerten, und von
-ihren Provisionen ein reichliches Mahl hielten. Der mitgenommene Wein
-kam ihnen jetzt sehr zu statten, denn sie hatten kein Wasser finden
-können, und erst nachdem alles still und ruhig um sie her geworden,
-und nur noch hie und da das Zirpen einer Grille oder das wunderliche
-Geräusch eines einzelnen »fliegenden Fuchses« die Ruhe der Nacht
-unterbrach, nahm Hans sein Gewehr, um es nach der Richtung zu, nach der
-er das Boot vermuthete, abzufeuern.
-
-In dem Augenblick tönte schwach, aber nichtsdestoweniger deutlich,
-der Schall eines Schusses zu ihnen herüber, und als sie sämmtlich
-von ihren Sitzen emporfuhren und horchten, hörten sie unverkennbar das
-zweite Signal.
-
-»Das ist gescheut!« sagte François, während er den Hahn seines
-eigenen Gewehres spannte -- »nun wollen wir« --
-
-»Halt!« unterbrach ihn aber Hans, indem er die Hand auf das Gewehr
-des Franzosen legte, »Bill erspart uns die Nothwendigkeit, der ganzen
-Nachbarschaft anzugeben wo wir uns gegenwärtig befinden, und es wäre
-mehr als thöricht, das jetzt leichtsinnig zu mißbrauchen.«
-
-»Aber sie werden im Boote glauben wir hätten es nicht gehört,« sagte
-Jean.
-
-»Desto besser,« erwiderte Hans, »dann schießen sie noch einmal, und
-die Schwarzen hier herum erfahren um so deutlicher, daß auf dem Wasser
-noch andere Weiße sind, die sich um ihre Landsleute bekümmern.«
-
-Das Zeichen wurde deshalb nicht erwidert, die regelmäßige Wache aber
-mit jeder nur möglichen Vorsicht gestellt. Hans selber übernahm die
-Morgenwache, weil diese von den wilden Stämmen fast stets zur Zeit
-ihrer Angriffe gewählt wird, wenn sie überhaupt etwas Bösartiges
-und Feindliches im Sinne haben. Die Nacht verging aber, wirklich wider
-Erwarten, vollkommen ruhig. -- Sie hörten das Ku-ih der Wilden
-wohl nach verschiedenen Richtungen hin in den Büschen, aber Niemand
-belästigte sie, und mit dem ersten Dämmerschein des jungen Morgens
-hatte Hans schon seine beiden Cameraden geweckt und munter, jedes
-Angriffs gewärtig.
-
-Eine halbe Stunde hatten sie so zusammen gesessen und eben ihr
-Frühstück beendet, um mit vollem Tageslicht zum Aufbruch fertig zu
-sein. Der Tag war auch nicht mehr fern, denn der östliche Himmel deckte
-sich schon mit einem rothglühenden Schein. Da hörten sie plötzlich in
-einem kleinen Pandanusdickicht dicht bei, Schritte, und gleich darauf,
-die Gewehre im Anschlag und lautlos das Näherkommen des Gegners
-erwartend, trat keineswegs ein Feind, sondern niemand weiter als ein
-einzelner, nur mit seinem kurzen Speer und dem Wurfholz bewaffneter
-Schwarzer aus den nächsten Büschen. Dieser kam aber allem Anschein
-nach ganz unbekümmert um die Anwesenheit der Weißen, den Blick nur
-auf das Feuer gerichtet, auf sie zu, und stand wirklich schon zwischen
-ihnen, dicht vor den glimmenden Kohlen, ehe er nur einmal aufschaute.
-Die Wirkung aber war auch fabelhaft.
-
-Einen Blick nur warf er umher. Dann aber, als er entdeckte in wessen
-Nachbarschaft, ja in wessen Gewalt er sich befand, vielleicht zur selben
-Zeit auch halb seiner Sinne beraubt, in dem einen entsetzlichen Gedanken
-dem Devil Devil, oder sonst einem anderen Ungethüm seiner Heimath in
-die Hände gerathen zu sein, lief er, wie es eine Katze unter ähnlichen
-Umständen gethan haben würde, in fast wunderbarer Schnelle an dem ihm
-nächsten Gumbaum empor, wo er in dem höchsten Wipfel desselben, und so
-weit wie ihn das Holz nur tragen konnte, regungslos stehen blieb.
-
-Daß dieser Schwarze nichts Böses gegen sie im Schilde geführt, ja
-ihre Anwesenheit nicht einmal geahnt, und ihr Feuer für das seines
-eigenen Stammes oder seiner Bekannten gehalten, war natürlich, und die
-jungen Leute suchten ihn nun durch Zureden, durch Winken und Schwenken
-von Büschen zu überzeugen, daß er von ihnen nichts zu fürchten habe,
-und ruhig und ungehindert herunterkommen möge. Umsonst -- wie eine aus
-schwarzem Marmor gehauene Statue stand er starr und regungslos oben in
-dem Baumwipfel. Kein Lärm der unten gemacht werden konnte, schien ihn
-zu bewegen auch nur das geringste Lebenszeichen von sich zu geben, und
-selbst als Hans jetzt sein Gewehr aufgriff, seine beiden Signalschüsse
-abzufeuern und Bill zugleich mit dem Boot zum Strand zu rufen, blieb er
-noch in seiner Stellung da oben, als ob er zu dem Baum gehöre, und mit
-ihm, als wunderliche Frucht, aus der Erde aufgewachsen sei.
-
-»Hol' den Burschen der Henker,« rief François endlich ungeduldig --
-»wir wollen ihm doch zeigen daß wir ebenfalls klettern können, und im
-Stande wären ihn herunterzuholen, wenn wir ihn nur haben wollten« und
-damit lehnte er sein Gewehr gegen einen umgefallenen Stamm, und fing
-an den ihm nächsten Baum hinaufzuklimmen. Er war aber noch nicht seine
-eigene Länge vom Boden auf, als der Wilde plötzlich bewies, er sei
-weder taub noch stumm. Er schrie und »birrrrte,« ku-ichte und
-hallote und machte in der That jede Art von Spectakel, die er da oben
-möglicherweise machen konnte, und das alles mit solcher Energie, daß
-François erschreckt wieder niederglitt und zu ihm aufschaute.
-
-»Der Bursche wird uns den ganzen Stamm über den Hals ziehen,«
-fluchte Jean -- »ich glaube er schreit Beschwörungsformeln von da oben
-herunter, daß wir ihn nicht fressen sollen. -- Seht nur wie er spuckt
-und prustet. -- Es wird uns nichts übrig bleiben als ihm eine Kugel
-durch den Kopf zu schießen. Wer weiß überhaupt, ob er nicht mit zu
-den Schuften gehört, die gestern Morgen ihr Bestes versuchten uns
-zu ersäufen, und der Spectakel da oben nur die Folgen seines bösen
-Gewissens sind.«
-
-»Horch -- das war ein Antwortschuß vom Boot!« rief Hans dagegen. --
-»Kommt, laßt dem armen Teufel Raum vom Baum hinunter und ins Freie zu
-kommen; er hat Angst genug ausgestanden, und sein Tod könnte uns
-wenig nützen. Wir sind sicher nicht weit mehr vom Strand entfernt, und
-können ihm das Vergnügen, sich einmal ordentlich auszuschreien, schon
-gönnen.«
-
-»Und unter der Zeit brüllt uns der Bursche die ganze Nordküste
-zusammen,« fluchte Jean.
-
-»Nun, so laß ihn,« lachte Hans, »sind wir erst auf offenem Strand,
-wagt sich keiner der schwarzen Burschen an uns. Hier dagegen, wenn
-wir länger blieben, wären wir allerdings leichter einem Angriff
-ausgesetzt. Ueberdies wird das Boot jetzt so rasch herankommen, wie es
-Bills und Timors Ruder bringen können, und je eher wir das erreichen,
-desto besser.«
-
-Damit waren seine beiden Cameraden ebenfalls einverstanden, und ihre
-wenigen Sachen zusammenpackend, zogen sie sich vor allen Dingen erst
-einmal eine kurze Strecke von dem Baum zurück, auf dem der Schwarze
-noch immer schrie und tobte, und jedenfalls die Genugthuung hatte, daß
-ihm schon von mehreren Seiten geantwortet wurde. Sie hörten jetzt das
-Ku-ih der Eingebornen an verschiedenen Stellen im Wald.
-
-Kaum aber sah der so wunderlich Gefangene die friedliche Bewegung der
-vermutheten Feinde, als er seine Schreiübungen einstellte, und
-noch hatten ihn diese kaum zwanzig Schritte freigegeben, als er mit
-Blitzesschnelle, und gänzlicher Mißachtung aller seiner Gliedmaßen,
-an dem Stamm mehr hinunterschoß wie glitt, und zwei Secunden später
-auch in dem dichten Gebüsch von Pandanus- und Theebaumgesträuch
-spurlos verschwunden war.
-
-Das Ku-ihen der Schwarzen kam indeß näher und näher, und so komisch
-auch wohl der Rückzug des eingeschüchterten Wilden war, durften sie
-sich doch nicht lange damit aufhalten. Der Richtung also folgend, die
-sie sich nach dem Schusse gemerkt, und die allerdings von der gestern
-vermutheten um ein Bedeutendes abwich, durchschritten sie rasch ein hier
-etwas offenes Terrain von Boxholz und Casuarinen, das seinerseits wieder
-von Pandanus, Theebaumsträuchen und Cycas, so wie einzelnen Arten von
-Acazien begränzt war, passirten ein altes Lager der Blacks, neben dem
-ganze Berge von Muschelschalen lagen, und erreichten, nach einem etwa
-halbstündigen Marsch, unangefochten von den Schwarzen, aber oft durch
-ihre jetzt ganz nahen Rufe gewarnt, den Mangrovesumpf und mit diesem,
-das Ueberklettern über Wurzeln und niedergestürzte Stämme nicht
-achtend, den freien offenen Strand von glattem hartgeschlagenem
-Korallensand.
-
-»Hurrah!« rief Jean, der mit einem etwas gewagten Satz den letzten
-Schlammstreifen überflogen hatte, und zuerst wieder festen sicheren
-Boden betrat -- »hurrah -- allen Respect vor der Landpartie -- mir ist
-Salzwasser lieber -- aber wo ist das Boot?«
-
-Hans war im nächsten Augenblick an seiner Seite und das leichte
-Fernrohr, das er sich umgehangen als sie das Boot verließen, rasch
-öffnend und richtend, überflog er zuerst die nächste Nähe der
-kleinen Insel, wo sie das Boot vermuthen mußten, und dann den Horizont
-mit dem Glas, ohne das Gesuchte zu finden.
-
-François, der erst noch einmal in ein Schlammloch gerathen war, sich
-aber wieder herausgearbeitet hatte, stand jetzt ebenfalls an ihrer
-Seite, und rief, nachdem er einen flüchtigen Blick über die
-Oberfläche des Wassers geworfen und diesen jetzt auf der Insel wenige
-Secunden aufmerksam haften ließ --
-
-»Was ist das dort? --«
-
-»Was? -- wo?« -- frugen Jean und Hans rasch und zu gleicher Zeit, und
-Hansens Fernrohr haftete auch in demselben Moment, wo er die Richtung
-von François ausgestrecktem Arm gewahrte, auf der kleinen schon
-mehrfach besprochenen Insel.
-
-»Dort ist Bill!« rief er aber kaum zwei Secunden später, und das Wort
-war kaum seinen Lippen entflohen, als der Knall des Gewehres wieder zu
-ihnen herüberdrang.
-
-»Er will uns zeigen daß er uns gesehen hat,« rief Jean lachend,
-»mich wunderts nur, wo er die Courage hergenommen seine alte Muskete so
-oft abzufeuern -- er muß sich schon ordentlich daran gewöhnt haben.«
-
-»Dort geht das Boot,« rief François plötzlich, dessen scharfes Auge
-die dunklen Umrisse des kleinen Fahrzeugs in demselben Moment erspähte,
-als es hinter der kleinen Insel, die es bis dahin ihren Blicken
-entzogen, vorschoß.
-
-»Teufel!« schrie aber auch Hans in diesem Augenblick, mit dem
-Fuße stampfend -- »wir sind verloren. -- Es ist in der Gewalt der
-Schwarzen.«
-
-»Der Schwarzen?« stöhnten die beiden Franzosen entsetzt -- »das ist
-ja nicht möglich.«
-
-»Da seht selber,« erwiderte ihnen Hans tonlos, indem er Jean das Glas
-hinüberreichte -- »nun sei uns Gott gnädig in unserer Noth.«
-
-
-
-
-Zwanzigstes Capitel.
-
-Bill's Wacht.
-
-
-Wir müssen jetzt zu unserer Bootsmannschaft, Bill und Timor
-zurückkehren, die wir verlassen hatten als sie wieder vom Lande
-abkreuzten, um in sicherer Entfernung das Zeichen ihrer ans Ufer
-gegangenen Cameraden zu erwarten.
-
-»Hm!« sagte Bill nach einer langen Weile, in der keiner der beiden
-auch nur ein Wort gesprochen -- »eigentlich ärgerts mich, daß ich
-nicht mit an Land bin. -- Ist doch ein anderes Leben, als hier ewig
-die Knie eingezwängt zu haben zwischen die Bootsdoften, und blaue Luft
-über sich, blaues Wasser unter sich zu sehen. So eine acht Tage halt
-ichs immer vortrefflich am Ufer aus, nur nachher wirds langweilig, und
-ich setze dann allerdings am liebsten wieder Segel -- aber eine Weile
-gefällt mir's doch.«
-
-»Tuwan Bill würde sich hier aber sehr wenig unterhalten,« lachte
-Timor in seinem gebrochenen Englisch, indem er den eben wieder
-zugerichteten Fischhaken über Bord warf und nachschleifen ließ.
--- »Viel Wald hier und viel Busch, und viel böse Wilde -- und viel
-Thiere, und viel nichts zu essen und zu trinken.«
-
-»Viel nichts zu trinken, ah?« sagte Bill und verzog den Mund fast zu
-einem Lächeln, was aber selten oder nie bei ihm ganz zum Ausbruch kam,
-»das wäre freilich bös, Timor, herzlich bös, und ein ordentlicher
-Kerl sollt' es bald satt bekommen. -- Aber es wäre doch eine
-Veränderung, und man könnte jeden Augenblick wieder an Bord kommen.«
-
-»Wenn man nicht im Wald irre läuft,« setzte Timor hinzu --
-»Wasserleute wissen selten viel mit Wald Bescheid -- Wasserleute
-steuern bald den, bald den Cours in Busch, wenn sie keinen Compaß haben
--- australische Busch viel schlimm zu laufen.«
-
-»Hm! das wäre ein schöner Spaß,« brummte Bill leise vor sich hin,
-»wenn unserer Gesellschaft da drin etwas Aehnliches passirte.
-Hätten wir nur wenigstens ein Rakete, so könnten wir die heut' Abend
-aufsteigen lassen -- das bliebe jedenfalls das sicherste.«
-
-»Tuwan Bill muß heute nach Dunkelwerden zweimal Gewehr abschießen,«
-argumentirte dagegen der kleine Malaye -- »Tuwan Bill ...«
-
-»Will verdammt sein, wenn er das verwünschte Schießeisen wieder in
-die Hand nimmt,« unterbrach ihn der Matrose aber rasch und mürrisch --
-»ich habe mir =einmal= die Schulter damit ausgerenkt, und der Knochen
-sitzt eben nur erst wieder in der Pfanne.«
-
-Der Malaye ließ sich aber nicht so leicht abweisen. Er wollte schon
-früher einmal in diesem Theil des Landes, den er =Marega= nannte, und
-zwar mit seinen Landsleuten von Timor aus, zum Fischen gewesen sein,
-und konnte die Gegend gar nicht traurig und wasserarm genug beschreiben.
-Hätten die Wanderer dann auch noch dazu die Richtung verfehlt, so
-müßten ihnen ein paar Signalschüsse, nachdem der Wald ruhig geworden,
-von unendlichem Nutzen sein, und wenn Bill sich zu schießen fürchtete
--- der schlaue kleine Bursche faßte den alten Matrosen beim Ehrgefühl
--- »so solle er =ihm= nur die Flinte geben -- er wolle sie selber
-abfeuern.«
-
-Das konnte Bill doch unmöglich zugeben, und that endlich eine
-halbmürrische Zusage, dem Rathe Folge zu leisten -- heißt das mit der
-vorsichtigen Clausel: nur wenn sie nicht selber noch vor Dunkelwerden
-wieder etwas von den ihrigen gesehen hätten.
-
-Gestern Abend -- und sie hatten den Tag über dicht hinter der kleinen
-Insel gelegen, hatte Timor die »Wacht zur Coje,« d. h. konnte schlafen,
-während Bill »an Deck« munter bleiben mußte. Als Timor endlich die
-Augen wieder aufschlug, denn der kleine Bursche schien ordentlich zu
-fühlen, wie ihre beiderseitige Sicherheit mehr von seiner eigenen
-Wachsamkeit, als der seines älteren Gefährten abhänge, saß Bill
-im Heck vom Boot und nähte, ohne nur einen Blick links oder rechts
-hinauszuwerfen, eifrig an einem kleinen viereckigen Säckchen, das er
-eben beendet und mit etwas Heu aus einer der Flaschenkisten gestopft
-hatte. Er war gerade damit fertig, und jetzt dabei, eine Strippe daran
-zu befestigen. Timor, nachdem er im Boot aufgestiegen und sich rings
-umgeschaut hatte, sah ihm eine Weile neugierig zu und sagte endlich,
-ganz verwundert der sonderbaren Verrichtung zuschauend:
-
-»Aber Tuwan Bill, was das? -- macht kleine Polster für Boot? -- hier
-nicht Felsen und nicht neue Schiff.«
-
-»Für Boot?« knurrte aber Bill zwischen den Zähnen durch, indem er
-seiner Hände Werk wohlgefällig betrachtete, und auf dem Knie vorn
-eindrückte und weich machte, »Boot soll verdammt sein; nein, meine
-eigenen Schultern will ich mir nicht schamfielen[7]. Wenn ich denn doch
-einmal die blutige Donnerbüchse wieder abbrennen soll, hab' ich mir
-hier das Kissen gemacht, zum Unterlegen. Aber was giebt's nun wieder? --
-heh? was hast du zu gucken, Braunfisch. -- Sind die schwarzen Canaillen
-wieder im Ansegeln?«
-
-»Was der weiße Punkt da, Tuwan Bill?« sagte aber Timor, der auf
-eine der Doften gesprungen war, und sich so viel als möglich auf
-die Fußspitzen hebend, nach Osten, wo die »Barrier Riffe« lagen,
-hinüberzeigte -- »da drüben, da weiter links -- gerade über die
-kleine Sandbank dort.«
-
-»Hm, das sieht wahrhaftig wie ein Segel aus,« sagte Bill nach einer
-Weile, in der er sich bemüht hatte den von dem schärferen Auge des
-Knaben bezeichneten Punkt zu finden -- »aber ausmachen kann ich's doch
-noch nicht recht. Es kann auch ein Wasservogel oder ein weißes Riff,
-oder Gott weiß was sonst, in diesem verwünschten Fahrwasser sein, wo
-ein ordentlicher Seemann eigentlich gar nichts drin zu verlieren haben
-sollte. Wo sonst eine Klippe oder Sandbank in der Karte angegeben ist,
-giebt man ihr gewöhnlich fünf bis sechs und mehr Meilen Seeraum und
-ist froh wenn man sie gar nicht, oder doch nur wenigstens von den Marsen
-aus zu sehen kriegt, und hier jagt man mit dem Schiff gerade mitten
-hinein, als ob man im Nothfall auch ein paar Räder oder Kufen drunter
-schrauben, und damit über alle möglichen Steine und Korallen und
-Sandbänke wegfahren könnte. Nun meinetwegen,« setzte er hinzu,
-während er wieder von der Bank herunterstieg und seinen vorigen
-Platz einnahm, »laß es auch ein Segel sein; desto früher kommen wir
-vielleicht von hier fort.
-
-Weit kann es heute Abend nicht mehr gehen, ehe es Anker werfen muß, und
-dann wirds morgen Nachmittag etwa gerade in Zeit hier eintreffen, unsere
-ganze Gesellschaft wieder bei einander zu finden.«
-
-Timor hätte sich nun freilich gern noch besser von der Identität des
-Segels überzeugt, aber mit dem sinkenden Abend legte sich ein
-leichter Dunst über die Oberfläche des Wassers, der die entfernteren
-Gegenstände bald umhüllte, und jede weitere Beobachtung unmöglich
-machte. Der Nebel zwang sie aber auch zu noch weit größerer Vorsicht
-und Aufmerksamkeit, denn unter seinem Schutz, wenn er nur etwas dichter
-wurde, hätten sich ihnen selbst Canoes nähern können, wie viel mehr
-denn einzelne Wilde mit ihren so einfachen, und doch so gefährlichen
-Waffen.
-
-Timor drang auch deshalb darauf, daß sie von der Insel ablegten, und
-weiter draußen Anker würfen. Bill sah auch endlich selber ein daß das
-nöthig sein würde, wollte sich aber später, als er nach Dunkelwerden
-die beiden Signalschüsse, und zwar diesmal ohne schlimme Folgen
-abgefeuert hatte, unter keiner Bedingung dazu verstehen den Ankerplatz
-noch einmal zu verändern, um etwa lauernde Schwarze irre zu führen.
-Der Nebel legte sich nämlich gleich nach Dunkelwerden in dicken
-Schwaden auf das Wasser, und Bill hielt es für unnöthig, sich Mühe
-und Arbeit zu machen, wo bei solchem Wetter selbst ein Indianer sein
-kleines, vor einem leichten Wurfanker liegendes Boot nicht hätte finden
-können.
-
-Um Mitternacht erhob sich übrigens eine leichte östliche Brise, und
-trieb die Schwaden nach Westen und Nordwesten hinüber. Die Sterne
-leuchteten hell und klar von dem dunkelblauen Firmament hernieder, und
-die See funkelte und blitzte in der leisen Bewegung ihren Glanz tausend
-und tausendfach wieder.
-
-Bill war ganz damit einverstanden die erste Wacht von sechs bis zwölf
-zu nehmen, und die zweite dem Malayen zu überlassen. Dieser streckte
-sich denn auch ziemlich sicher, daß sie um diese Zeit wenig von einem
-Angriff zu fürchten hätten, in seiner wollenen Decke im Bug des
-kleinen Fahrzeugs aus, und war bald sanft und süß eingeschlafen.
-Bill indeß, in dem doppelten Genuß einer guten Pfeife Tabak und eines
-vorzüglichen Glases Portwein, welchen beiden er ohne den mindesten
-Rückhalt zusprach, theilte seine Aufmerksamkeit gewissenhaft zwischen
-diesen und dem dann und wann über das Wasser tönenden Geräusch von
-Fischen oder Seevögeln.
-
-Er war jedoch weit davon entfernt der Flasche mehr zuzusprechen als er
-vertragen konnte, denn er wußte recht gut von welchen Gefahren sie,
-wenn auch nicht wirklich umgeben, doch jedenfalls erreicht werden
-konnten, und wie nöthig es in einer solchen Lage sei seine Sinne
-vollständig beisammen zu haben.
-
-Ein paarmal aber nur wurde er wirklich beunruhigt, indem ein
-wunderliches Gurren und Schnalzen, wahrscheinlich von auf dem Wasser
-schlafenden oder träumenden Seevögeln seine Lebensgeister zu voller
-Thätigkeit weckte und anspannte. Einmal stand er sogar im Begriff Timor
-zu wecken, denn die Laute kamen weit näher als ihm lieb war, und doch
-konnte er nicht das mindeste über dem Wasser erkennen. Mit einem derben
-und ziemlich lauten Fluche sich Luft machend, nahm er sein Gewehr auf
-die Knie, dem ersten sich zeigenden und verdächtigen Gegenstand erst
-vor allen Dingen einmal eins aufzubrennen. Von dem Moment an war aber
-wieder alles ruhig, und selbst die Töne ließen sich nur erst später
-in einiger Entfernung zum zweitenmal hören.
-
-So kam Mitternacht heran. Der Nebel zog sich fort und Timor, dem Bill
-von den wunderlichen Lauten um das Boot her, erzählt hatte, legte
-sich vergebens flach in das Boot, und nur mit dem Kopf über den Rand
-desselben auf die Lauer, irgend weiter etwas Verdächtiges zu erspähen.
-Bis gegen Morgen blieb alles ruhig, und nur ein einzigesmal glaubte er
-in der Richtung nach der kleinen Insel zu, neben der sie den Tag über
-gelegen, etwas zu hören, das nicht, weder von einem Bewohner der Tiefe
-noch der Luft herzurühren schien. Es kam dem von Bill erwähnten Laut
-nah, klang aber anders als er beschrieben worden, und schien von zwei
-verschiedenen Seiten beantwortet zu werden.
-
-Timor lauschte den Tönen auf das aufmerksamste, bis er den vollen Klang
-derselben begriffen hatte, und ahmte jetzt denselben erst leise, dann
-laut und zuversichtlich nach. In demselben Moment schon hatte er auch
-die Genugthuung sich beantwortet zu hören, und zehn Minuten später
-etwa glaubte er in dem bewegten und sternblitzenden Wasser etwas
-heranschwimmen zu sehen. Was es aber auch gewesen, es verschwand
-in Sicht von dem Boot, und ein gleich darauf ganz in der Nähe des
-vermutheten Gegenstands aufsteigender großer dunkler Seevogel, der mit
-flappenden Schwingen über die Oberfläche der See eine Strecke lang
-schwerfällig hinflog, bis seine Flügel die Luft ordentlich faßten
-und ihn nach oben trugen, beruhigte ihn über die Ursache der gehörten,
-scheinbar verdächtigen Laute.
-
-Nichtsdestoweniger wußte er, selbst ein Kind des Waldes, viel zu gut,
-wie nöthig in der Nähe feindlicher Stämme stete und unausgesetzte
-Wachsamkeit sei, und verwandte, während der Stunden seiner Wacht kein
-Auge von dem nur leise durch die leichte Brise bewegten Wasserspiegel.
-
-Im Osten dämmerte endlich der Tag. Dem kleinen Burschen hatte aber
-lange keine Nacht so wirklich endlos geschienen, und um gerade in dieser
-gefährlichsten Stunde keine Vorsicht zu versäumen, weckte er jetzt
-auch noch seinen Cameraden. Der Seemann war rasch munter gebracht; aber
-mehr Mühe kostete es, Bill zu bewegen die beiden Signalschüsse zu
-geben. Er entschloß sich auch erst dazu, als dieselben wirklich vom
-Lande her abgefeuert waren, und er die Antwort nicht schuldig bleiben
-durfte. Dies Signal sollte ihnen den doppelten Vortheil gewähren, den
-Freunden die genaue Richtung in der das Boot lag anzuzeigen, als auch
-ihren Feinden zu verstehen zu geben, wie sie gerüstet wären und gute
-Wache hielten.
-
-Den ersten Schuß that Bill auch, bekam aber, da er im Dunklen am
-vorigen Abend geladen, und wahrscheinlich zu viel Pulver genommen hatte,
-trotz des »Schamfiel-Kissens« wieder einen so fürchterlichen Stoß,
-daß er durch keine Ueberredung von Seiten Timors bewogen werden konnte,
-seinen rechten Schulterknochen noch einmal in Gefahr zu bringen. Ja er
-wollte im Anfang nicht einmal wieder laden, und verstand sich erst nach
-langer Weigerung dazu, dem so gefährlichen Rohr noch eine »Hand voll
-Pulver« anzuvertrauen.
-
-Mit der aufgehenden Sonne, die den Meeresspiegel um sie her rings
-beleuchtete und nicht das geringste Verdächtige erkennen ließ, schien
-aber auch die Gefahr eines Angriffs, für jetzt wenigstens, vollkommen
-verschwunden, und Bill beschloß seinen Anker zu lichten und nach
-der kleinen Insel, von der sie nur eine kurze Strecke entfernt waren,
-zurückzukehren. Dort gedachte er zum Frühstück einige Fische zu
-braten, die Timor in der Nacht auf seiner Wacht gefangen hatte.
-
-Der Anker war rasch gehoben, und da sie am vorigen Abend absichtlich
-nach windwärts aufgegangen waren, brauchten sie fast nur mit der
-Strömung wieder niederzutreiben, um die Insel gerade anzulaufen. Um
-vier Uhr Morgens etwa war es vollkommen windstill geworden -- kein Hauch
-hatte gegen Morgen die spiegelglatte Fläche dieses »Binnensees im
-Ocean« bewegt, und erst jetzt hob sich wieder eine leichte Brise,
-und schien zu wachsen, je höher die Sonne über die Meeresfläche
-emporstieg.
-
-»Was nur aus dem Segel von gestern geworden sein mag,« sagte Timor
-jetzt, der sich vergebens Mühe gegeben hatte den weißen Punkt von
-gestern Abend zwischen den verschiedenen, dort umhergestreuten Inseln
-wieder herauszufinden. -- »Sie müssen doch jetzt bei der Brise schon
-wieder Segel gesetzt haben.«
-
-»Segel können sie immer gesetzt haben,« meinte Bill, »ob wir sie
-aber jetzt gerade sehen können, ist die Frage, denn sie scheinen heute
-Morgen nicht so hell als gestern Abend. Gestern leuchtete nämlich die
-Sonne im Westen gerade gegen die helle Leinwand, während sie heute
-=dahinter= aufgeht, und wir dadurch nur die Schattenseite zu sehen
-bekommen. -- Aber geh nach vorn, Timor,« setzte er dann hinzu, »nimm
-das Segel wieder nieder und steh bei dem Tau, daß du gleich an Land
-springen kannst. Wir wollen keine Zeit verlieren, damit wir unser
-Frühstück wenigstens verzehrt haben, ehe uns Hans und Jean vom Ufer
-aus das Zeichen geben.«
-
-»Tuwan Bill,« sagte aber Timor jetzt, der jedoch den ersten Befehl,
-das Segel niederzulassen, rasch befolgt hatte -- »ich weiß nicht ob
-gut ist, so rasch auf Insel zu treiben -- viel dichtes Buschwerk auf
-kleinen Inseln. Lieber erst einmal hineinschießen mit Gewehr -- ist
-besser.«
-
-»Was du immer so verdammt rasch mit deinem Gewehrschießen bei der
-Hand, bist, du verwetterter kleiner brauner Hallunke,« fluchte aber
-Bill, »wenn du =deine= Schulter dagegen halten solltest, würdest du
-das Mittel sparsamer verschreiben, denk' ich. -- Wer ist nun wieder
-todt, daß ich schon wieder Pulver verplatzen soll?«
-
-»Todt?« frug der kleine Bursche verwundert, der die Redweise des
-Matrosen noch nicht so recht verstand. -- »Niemand todt, glaub' ich,
-aber vielleicht Lebendige da drin, und ist besser ein Bißchen Feuer
-hineinmachen.«
-
-»Darin hast du recht,« lachte aber jetzt Bill -- »Feuer wollen wir
-auch hineinmachen, und das so rasch als möglich, aber nicht um mir die
-Glieder auseinanderzuschlagen, sondern unsere Fische zu braten. -- Und
-so mach daß wir hinankommen; was hast du in einen fort zu gucken und
-dir den Hals halb auszurenken? -- Wenn die schwarzen Schufte da
-drin stäken, würden sie sich auch ein Feuer anmachen und ihre paar
-Lebensmittel kochen oder braten, gerade wie andere Christenmenschen. --
-Leben wollen wir alle, und sein Frühstück versäumt niemand gern --
-ich am allerwenigsten.«
-
-Timor lachte bei dem Gedanken leise vor sich hin, daß im Hinterhalt
-liegende Eingeborne ein Feuer anmachen sollten, ihr Frühstück zu
-braten. Aber der kleine Bursche hatte auch dabei eine unbestimmte
-Ahnung, welchen Gefahren sie ausgesetzt sein konnten. Während sie also
-jetzt von der Strömung gerade auf die kleine Insel zugetrieben wurden,
-die mit der wachsenden Fluth noch kaum etwa 20 bis 25 Fuß aus dem
-Wasser lag, stand er vorn auf der niederen Back oder dem Vorboot, und
-betrachtete aufmerksam und mißtrauisch das dichte Gebüsch, das von der
-Fluth hier auf der obersten Kuppe zusammengedrängt schien, und aus
-dem nur drei oder vier kleine Stämme mit knorrigen Aesten dürftig
-hervorragten.
-
-Fast dicht an die nächste Korallenbank, die sich rings um den schmalen
-Erdhügel hinzog, hinangekomnen, stieg Bill ebenfalls auf eine der
-Doften oder Bänke. Von hier aus einen Blick über den Horizont werfend,
-was die Matrosen aus alter Gewohnheit selten oder nie unterlassen wenn
-sie nach oben gehen, oder auch nur einen etwas höheren Punkt besteigen,
-haftete sein Auge plötzlich auf einer gar nicht weit entfernten
-anderen, etwas längeren und höher bewachsenen Insel, die nach Osten
-zu lag und, wie es von hier aus schien, theilweis von einer breiten
-Sandbank umschlossen war.
-
-»Hallo, Timor,« rief er dabei -- »ich glaube wahrhaftig gleich hinter
-den Büschen dort liegt das Fahrzeug, das wir gestern Abend gesehen
-haben -- mir war's wenigstens als ob der weiße Fleck da, der auch
-jetzt noch wie ein Segel aussieht, eben aufgezogen wurde als ich darnach
-hinsah. -- Die müssen die halbe Nacht gefahren sein.«
-
-Timor folgte der angewiesenen Richtung mit den Augen, und glaubte auch
-einen weißen Schein hinter den Büschen zu erkennen, stand aber zu
-niedrig oder war zu klein es genau unterscheiden zu können, und hatte
-auch in der That seine Aufmerksamkeit viel zu sehr der Insel vor ihnen
-zugewandt, um sich mehr, als ein flüchtiger Blick erforderte, mit dem
-Segel zu beschäftigen. Das lag jedenfalls noch eine Strecke hinter
-ihnen, und mußte seiner Zeit schon von selber sichtbar werden.
-
-Bill dagegen interessirte sich weit mehr für das fremde Fahrzeug, wenn
-es wirklich ein solches und nicht vielleicht ein Streifen Sand war, der
-so hell da herüber blinkte. Wies es sich jedoch wirklich als ein Segel
-aus, so mußten sie vor allen Dingen darauf zufahren, und es zu bewegen
-suchen daß es beilege, bis seine drei Schiffscameraden abgeholt
-werden konnten. Der Gedanke an ihre hier mögliche und baldige Rettung
-beschäftigte ihn dabei so, daß er darüber wirklich sogar sein
-Frühstück vergaß. Nur in aller Geschwindigkeit schob er sich rasch
-ein frisches Priemchen Kautaback in den Mund, und seinen Hut dann in die
-Stirn drückend nahm er den einen Riemen auf; legte ihn hinten ein und
-begann das Boot nach der Insel zuzuwricken.[8]
-
-»Von da oben aus muß man sehen können ob es ein Segel ist oder nicht,
-Timmy,« sprach er dabei vergnügt zu dem jungen Malayen, dem aber das
-zuversichtliche Benehmen des älteren Gefährten gar nicht so besonders
-zu gefallen schien -- »der Erdhaufen da liegt wenigstens drei oder vier
-Faden höher wie das Wasser, und ist es wirklich ein Schiff, oder ein
-Schooner wenigstens, denn nur ein klein Ding von einem Fahrzeug dürfte
-wagen hier in den Klippen und Untiefen die Nacht zu fahren, so segeln
-wir hinüber und belegen uns Plätze nach irgend einem christlichen
-Seehafen. _Stand by old Fellow_. Komm Timmy, spring hinaus und mach das
-Boot fest.«
-
-»Timmy,« wie ihn Bill zutraulich nannte, sprang aber nicht hinaus,
-sondern schaute nur ängstlich und kopfschüttelnd nach den dichten
-Büschen hinauf, die jetzt fast über ihn herüber hingen. -- Hatten
-sich hier in der That Schwarze in den Hinterhalt gelegt -- und eine Art
-Instinct warnte ihn vor den Feinden -- so befanden sie sich in einer
-fast mehr als nur gefährlichen, in einer wirklich verzweifelten Lage.
-Ein großes Messer aufgreifend, das er schon lange neben sich gelegt
-hatte, schien er auch wirklich in dem Moment, als der eisenbeschlagene
-Bug des Bootes den Korallensand berührte, einen förmlichen Angriff zu
-erwarten.
-
-Nicht das Mindeste rührte sich aber zwischen den Büschen, und Bill,
-der keine Ahnung von irgend etwas Bedrohlichem hatte, zog den Riemen
-ein, ließ ihn mitten im Boote »vor und aft« liegen, und trat über
-die Doften weg, an Land zu springen.
-
-»Nehmt die Flinte mit, Tuwan Bill,« bat aber Timor und faßte ihn am
-Arm -- »viel besser Flinte; weiß nicht was an anderer Seite ist.«
-
-»Viel besser, Hell,« rief Bill aber ärgerlich, der nun einmal eine
-gründliche Aversion gegen das Gewehr gefaßt hatte. »Wenn du mir
-noch einmal mit dem verdammten Dings da kommst, werf ich es über Bord,
-nachher ist Ruhe. -- Weshalb soll ich denn das alte Eisen überall mit
-hinschleppen? -- ich komme ja gleich wieder herunter.«
-
-Er wollte wirklich ohne die Waffe an Land gehen; Timor ließ aber nicht
-mit Bitten nach, und Bill griff endlich nach der ihm gereichten Muskete
--- mochte ihm doch selber vielleicht bei den Befürchtungen des Knaben
-etwas weniger sicher zu Muthe werden.
-
-»Na meinetwegen,« rief er unwillig »und nur damit du endlich Frieden
-hältst, will ich das nichtsnutzige Ding noch einmal zum Vergnügen da
-hinauf und nachher wieder herunter schleppen. Nachher läßt du mich
-aber damit ungeschoren; so viel sag ich dir.«
-
-Damit sprang er an Land, und sich durch das nächste Gesträuch
-drängend, kletterte er so rasch er konnte an dem bröcklichen
-Korallgestein empor. Lag ihm doch vor allen Dingen daran, von oben aus
-einen freien Ueberblick nach jener Gegend hin zu bekommen, wo er das
-Segel vermuthete.
-
-Allerdings warf er zuerst einen flüchtigen Blick über die kleine Insel
-selber. Da er hier jedoch nicht das mindeste Verdächtige entdecken
-konnte, wandte er sich auch gleich darauf sorglos der Richtung zu, in
-der das Segel liegen mußte. Nur wenige Secunden hatte er auch, seine
-Augen mit der Hand schützend, dorthin gesehen, als er die Mütze
-schwenkte und jubelnd nach Timor hinunter rief:
-
-»Hurrah mein Junge, _sail ho!_ bei Allem was da schwimmt. Gerade hinter
--- Alle Wetter,« unterbrach er sich aber selber und fuhr blitzesschnell
-herum, denn dicht vor ihm, wie aus dem Boden heraus, tauchten plötzlich
-ein paar schwarze Gestalten auf, und schleuderten ihre Lanzen auf ihn.
-
-Allerdings fuhr er, fast instinktartig mit dem Gewehr nach ihnen nieder,
-aber lange vorher ehe er zielen konnte, war er schon wieder mit dem
-Finger an den Drücker gekommen, und die Kugel zischte harmlos über die
-Köpfe der Feinde hin.
-
-Diesmal hatte ihn aber sein gutes Glück vor einem sonst gewissen
-Tode bewahrt. Die Lanzen waren allerdings in der kurzen Entfernung mit
-tödtlicher Fertigkeit nach seiner Brust geworfen, trafen aber, die eine
-den Kolben der Muskete, an dem sie abglitt, und ihm nur eben den Arm
-ritzte, die andere das Stück Kautabak das er in der Brusttasche trug,
-und das sie nicht durchbohren konnte. Die schlimmste Wunde in dem ganzen
-Kampf erhielt er wieder von dem eigenen Gewehr, das ihn mit dem scharfen
-Bügel Haut und Fleisch vom Zeigefinger der rechten Hand abschlug.
-
-In dem Moment fühlte er aber weder den Schmerz des verwundeten Fingers,
-noch den Wurf der Lanzen, denn die Feinde, die den Weißen nach
-den beiden Lanzenwürfen auf kaum sechs Schritte Entfernung sicher
-unschädlich gemacht glaubten, kümmerten sich weiter gar nicht um ihn,
-sondern sprangen in wilden Sätzen die steile Uferbank nieder, dem Boote
-zu, dieses vor allen Dingen in Sicherheit zu bringen.
-
-Timor fanden sie nun freilich nicht unvorbereitet. Schon bei dem ersten
-Ausruf Bills hatte er die vorn im Boot liegende Stange ergriffen, das
-Fahrzeug rasch vom Lande abzuschieben, um es flott zu haben, sobald sein
-Gefährte zu ihm niederflüchten würde. Daran schien Bill aber noch gar
-nicht gedacht zu haben, so hatte ihn der Angriff eines gar nicht mehr
-vermutheten Feindes überrascht, und fast seiner ganzen Besinnung
-beraubt.
-
-Der kleine Malaye sah da plötzlich vier dunkle Gestalten zu sich
-niederspringen, von denen eine schon zum Wurf nach ihm ausholte. Recht
-gut begriff er dabei, wie jeder Widerstand von seiner Seite vollkommen
-nutzlos und nur für ihn allein verderblich sein müßte. Rasch deshalb
-den Bootshaken fallen lassend, warf er sich rückwärts in demselben
-Augenblick über Bord, als der kurze spitze Wurfspeer über ihn
-wegsauste, mit dem zugleich er unter der Oberfläche verschwand.
-
-Der Anblick brachte den Matrosen wieder zu sich selber. Er sah, wie
-der Knabe, den er ermordet glaubte, über Bord stürzte, sah die vier
-Schwarzen, denen sich noch ein fünfter anschloß, dem Boot zuspringen,
-und mit dem Schrei »=Murder=!« das bei dem Schuß weggeworfene Gewehr
-wieder aufgreifend, packte er es am Lauf und flog den Feinden nach.
-
-Aber er kam zu spät. -- Die Wilden hatten beim Hineinspringen in das
-kleine schwanke Fahrzeug, dieses schon durch ihr eigenes Gewicht eine
-Strecke vorwärts getrieben, und als er das Ufer erreichte, waren sie
-schon wenigstens funfzehn Schritt von diesem entfernt. Die in voller
-Wuth nach ihnen geschleuderte Muskete fiel dicht vor ihnen in die Fluth,
-das aufspritzende Wasser bis selbst ins Boot werfend, und in blinder
-aber machtloser Wuth griff der jetzt wüthende Matrose lose Stücke
-Korallen auf, sie den Flüchtigen nachzuschleudern.
-
-Er selbst blieb dabei dem Wurf ihrer Speere, falls es ja einem von
-ihnen eingefallen wäre, diese nach ihm zu schleudern, vollkommen blos
-gegeben. Die Schwarzen hatten aber in diesem Augenblick zu viel mit
-ihrem eroberten Boote zu thun, das außer den Bereich seines
-vorigen Eigenthümers zu bringen, um sich noch weiter mit diesem zu
-beschäftigen. Ohne sich selbst nur nach ihm umzusehen, griffen sie die
-Riemen auf, die sie recht gut zu benutzen verstanden, und während drei
-mit diesen arbeiteten, setzten die beiden anderen das Segel, das sie
-bald in einem Nordcours der Insel entführte.
-
-
-
-
-Einundzwanzigstes Capitel.
-
-Schluß.
-
-
-Noch war das genommene Boot übrigens kaum dreimal seine eigene Länge
-vom Ufer abgeschossen, als die funkelnden Augen des Malayen schon wieder
-über der Oberfläche des Wassers emportauchten. -- Wenige Secunden
-blieb der Kopf sichtbar, dann verschwand er wieder und gleich darauf
-stieg, jetzt aber von einem schmalen Vorsprung der Insel gedeckt, der
-kleine Bursche rasch aufs Trockene und glitt, ohne auch nur einen Blick
-um sich herzuwerfen, ins Dickicht. Wenigstens vor den Wurflanzen des
-Feindes wollte er gesichert sein, sollte sich dieser ja noch nahe genug
-befinden, ihn damit zu erreichen. Nur erst als er Bill unten am Ufer
-jubeln und hurrah schreien hörte, wagte er seinen Versteck zu verlassen
-zu sehen was es plötzlich draußen so ungemein Erfreuliches gäbe.
-
-An das fremde Fahrzeug hatte er im ersten Schreck des Ueberfalls gar
-nicht mehr gedacht. Das aber erschien gerade jetzt, im entscheidenden
-Moment, und unter vollen Segeln hinter der Insel vor, hinter der es
-jedenfalls während der kurzen Morgen-Windstille vor Anker gelegen.
-
-Es war ein kleiner Schooner, von vielleicht 90 bis 95 Tonnen mit langen,
-weit nach vorn gesetzten keck aussehenden Masten, aber lichtbraun
-angestrichen mit kleinen gemalten Kanonenluken, wie ein
-Kauffahrteischiff, und alten, ziemlich abgenutzten Segeln.
-
-Im Anfang und selbst nach dem Schuß, den er jedenfalls gehört haben
-mußte, behielt er noch seinen Westcours bei. Bills Auge aber, das sich
-in allem auf die See Beziehenden nur selten täuschte, obgleich niemand
-leichter als er auf festem Lande irre zu führen war, erkannte schon
-einen nach oben gesandten Mann in den Wanten. Als dann auch noch gleich
-darauf der scharf geschnittene Bug des kleinen Fahrzeugs etwas mehr
-gegen sie und das flüchtige Boot anluvte, da stieß Bill seinen
-Triumphschrei aus, denn er wußte jetzt nicht allein daß sie gesehen
-waren, sondern daß auch der Schooner wahrscheinlich das Boot mit den
-Eingebornen anhalten würde.
-
-Eine gute Weile blieb aber der Erfolg dieser Jagd ziemlich zweifelhaft,
-denn die Schwarzen, die selbst mit ihren einfachen, nicht selten mit
-doppelten Lee- und Luv-Bäumen versehenen Canoes vortrefflich umzugehen
-wissen, hatten sich gar bald in die Führung des Segels hineingefunden,
-dessen größere Nützlichkeit sie leicht vor ihren gewöhnlichen
-Matten-Segeln erkennen lernten. Außerdem lag, wenn auch das fremde
-Fahrzeug rasch näher kam, nördlich vor ihnen, und gar nicht weit
-entfernt, eine breite Kette von Sandbänken und Korallenfelsen, und
-konnten sie diese glücklich erreichen, war es dem Schooner jedenfalls
-unmöglich ihnen zu folgen.
-
-Dieser aber, der jetzt ihre Absicht erkannte und die für ihn
-gefährliche Strecke schon übersehen konnte, versuchte sein Letztes,
-dicht an dem südlichen Rande dieses Klippen-Archipels niederzulaufen.
-Zu dem Zweck wieder etwas mehr von der frischen Südostbrise abfallend,
-hielt er scharf gegen die Einfahrt auf, welcher das Boot zuzustreben
-schien, und ein tüchtiger Renner, glaubte er den Wilden schon jede
-Möglichkeit, zu entkommen, abgeschnitten zu haben. Da entdeckten die
-vorn auf der Vor-Marsraae stationirten Wachen des kleinen Fahrzeugs
-einen schmalen, aber gefährlich lichten Streifen hellgrünen Wassers,
-der sich quer vor ihnen nach Süden niederzog, und den sie vielleicht
-hoch genug gingen, um ihn zu passiren, auf dem sie aber auch ihr
-wackeres Seeboot, wenn sie irgend eine heimtückisch verborgene Klippe
-berühren sollten, leicht total verlieren konnten. Mit dem rasch
-gegebenen und im Moment befolgten Befehl flog das behende Fahrzeug dem
-Wind in die Zähne herum, und während alle Segel back lagen, und das
-eroberte Boot der Einfahrt zuschoß, stießen die Schwarzen ein wildes
-gellendes Freuden- und Siegesgeschrei aus.
-
-Ihr Triumph sollte nicht lange dauern.
-
-Vom Deck des Schooners hob sich ein leichter Rauch; und während
-der dumpfe Schall eines Schusses über die weite Meeresfläche
-dahindröhnte, schlug der Mast des geraubten Bootes nach Lee über. Mit
-ihm stürzte zugleich Einer der Wilden mit gähem Aufschrei über Bord.
-
-Die Schwarzen erwarteten aber keinen zweiten Schuß -- Hals über Kopf
-warfen sie sich, wie nur der erste starre Schreck vorüber war, in
-die Fluth, und das Boot, durch dessen Backbordbug die Kugel
-hindurchgeschlagen war, füllte sich langsam und sank. -- Zwei Minuten
-später sah man hie und da einen schwarzen Kopf auftauchen und den
-nächsten Klippen zuschwimmen, dann verschwanden auch diese zwischen
-den einzelnen Riffen, und einzelne, auf der Fluth treibende Kisten und
-Fäßchen zeigten nur die Stelle an, wo das Boot vor kurzen Minuten
-zerschmettert gesunken war.
-
-Die Raaen des Schooners waren indessen, und selbst noch während der
-Katastrophe, herumgebraßt, und an der gefährlichen Klippenzunge
-niederlaufend kam er in Lee von der Insel, auf der Bill jetzt alle
-nur möglichen Anstalten getroffen hatte, nicht unbeachtet sitzen zu
-bleiben. Sein Hemd wehte an einem Busch, und Timor hatte müssen
-rasch ein Feuer anmachen, denn Bill führte noch glücklicherweise das
-Feuerzeug bei sich, zu dessen friedlicher Benützung er besonders an
-Land gestiegen war. Der Rauch stieg in dicken Schwaden in die blauklare
-Luft empor, während Bill selber noch außerdem auf der weißen,
-jetzt allerdings von der Fluth sehr eingeschränkten Uferbank auf und
-absprang, und schrie, und seine Jacke um den Kopf schwenkte.
-
-Er würde sich ruhig hingesetzt und das Nahen des Schooners erwartet
-haben, hätte er die Späße hören können, die an Bord desselben auf
-seine Unkosten gemacht wurden.
-
-Die Gefahren der Schiffbrüchigen sollten aber hiermit ihr Ende erreicht
-haben. Etwa eine halbe Stunde später sank die kleine Jölle vom Bord
-des Schooners nieder und schoß, von zwei Matrosen gerudert und von
-dem »Mate« gesteuert, gegen die Insel zu, Bill und Timor an Bord zu
-nehmen. Die auf dem Festland zurückgelassene Mannschaft hatte indessen
-auch wieder mehrere Schüsse abgefeuert, das Boot ging gleich von der
-Insel zu ihnen hinüber, und zwei Stunden später hatte der »Shooting
-Star« (die Sternschnuppe), wie der kleine Schooner hieß, die bootlos
-gewordene Mannschaft des »Boreas« sicher an Bord, braßte seine Raaen
-auf, und glitt vor einer herrlichen Brise gen Osten, dem Indischen Meere
-zu.
-
-
- Leipzig,
-
- Druck von Giesecke & Devrient.
-
-
-
-
-Fußnoten
-
-
-[1]: =Watertanks= sind kleine Fahrzeuge, deren innerer Schiffsraum
-eingerichtet ist, mit Wasser statt anderer Ladung gefüllt zu werden.
-Sie gehen dann langseit der Schiffe, die frisches Wasser verlangen,
-und pumpen dasselbe mit Hülfe eines langen Schlauchs in die an Bord
-befindlichen Fässer.
-
-[2]: Von Australien nach Indien giebt es zwei Wege. Der nördliche
-ist eigentlich der nächste, hier aber liegt die, durch ihre gewaltige
-Klippenreihe den Schiffen nicht selten gefährliche Torresstrait, die
-zwischen Australien und Neu-Guinea durchschneidet. Die Schiffe müssen
-in dieser Nachts vor Anker gehn, bis sie den Indischen Ocean erreichen.
-Die Passage um die Südküste Australiens ist gefahrloser, wenn auch
-weiter.
-
-[3]: Chips, Spähne, wird der Zimmermann gewöhnlich auf den Englischen
-Schiffen genannt.
-
-[4]: Auf deutschen Schiffen heißt dasselbe in verdorbenem Englisch
-»Scheilicht.«
-
-[5]: =Nobbler= heißt in Australien ein halbes Glas -- ein Schnitt.
-
-[6]: =Schlingern= heißt die nach rechts und links hinüber schaukelnde
-Bewegung des Fahrzeugs. =Stampfen= dagegen das vorn auf und nieder gehen
-desselben.
-
-[7]: Durch Reiben beschädigen oder abnützen.
-
-[8]: Wricken heißt, mit einem einzelnen, hinten ausgelegten und
-herüber und hinüber gedrehten Ruder ein Boot vorwärts treiben.
-
-
-
-
-[Hinweise zur Transkription
-
-
-Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. Antiquaschrift wird
-hier als kursive Schrift dargestellt. Offensichtliche Fehler wurden
-korrigiert, bei Zweifeln und bei uneinheitlichen Schreibweisen der
-Originaltext beibehalten. Eine Liste der vorgenommenen Änderungen
-befindet sich hier am Ende dieses Textes. Die Änderungen bei falsch
-gesetzten oder fehlenden Anführungszeichen sind dort nicht gesondert
-aufgeführt.
-
-
-
-
-Änderungen
-
-
- Seitenangabe
- originaler Text
- geänderter Text
-
- Inhaltsverzeichniß
- 5. Die Entdeckung 53
- 5. Die Entdeckung 50
-
- Seite 12
- damit der Sabbath durch nichts Alttägliches entweiht werde
- damit der Sabbath durch nichts Alltägliches entweiht werde
-
- Seite 13
- mit ihren aufgegehäuften Massen von Hühnern und Enteneiern
- mit ihren aufgehäuften Massen von Hühner- und Enteneiern
-
- Seite 17
- »Aber was machen die Deutschen und Franzosen bei dem Irländer«.
- »Aber was machen die Deutschen und Franzosen bei dem Irländer?«
-
- Seite 32
- behauptete der Steward auf eine der Gegeneinwürfe Bills
- behauptete der Steward auf einen der Gegeneinwürfe Bills
-
- Seite 34
- Viertes Kapitel.
- Viertes Capitel.
-
- Seite 42
- wir den Burschen wenigsten aus dem Logis
- wir den Burschen wenigstens aus dem Logis
-
- Seite 62
- in das er insdiscret genug
- in das er indiscret genug
-
- Seite 88
- Da sie keinen Lärmen mehr machten
- Da sie keinen Lärm mehr machten
-
- Seite 89
- Siebentes Kapitel.
- Siebentes Capitel.
-
- Seite 91
- vor allen Dingen feine Kost und sein Logis
- vor allen Dingen seine Kost und sein Logis
-
- Seite 98
- Als Charles Mr. Mac Charter zu sich auf die Flur
- Als Charles Mr. Mac Carther zu sich auf die Flur
-
- Seite 102
- sich sich gerade am sichersten fühlten
- sie sich gerade am sichersten fühlten
-
- Seite 102
- Einer von dieser sprang augenblicklich an Land
- Einer von diesen sprang augenblicklich an Land
-
- Seite 103
- Eine Vierstelstunde später schossen um das Castell
- Eine Viertelstunde später schossen um das Castell
-
- Seite 104
- es wirklich schon sobald in See gehen sollte
- es wirklich schon so bald in See gehen sollte
-
- Seite 105
- glaubte nicht, daß wir sobald in See gingen
- glaubte nicht, daß wir so bald in See gingen
-
- Seite 109
- wo die Motrosen gewöhnlich ihren Aufenthalt haben
- wo die Matrosen gewöhnlich ihren Aufenthalt haben
-
- Seite 110
- den Zimmerman über seinen Thee entrüstet zu finden
- den Zimmermann über seinen Thee entrüstet zu finden
-
- Seite 113
- gingen sie über Backbord Bug mit halben Wind
- gingen sie über Backbord Bug mit halbem Wind
-
- Seite 113
- Vorstengenstagsegeln wie eiu Pfeil durch
- Vorstengenstagsegeln wie ein Pfeil durch
-
- Seite 114
- dadurch unvermeidliche stete Hin- nnd Hergeworfenwerden
- dadurch unvermeidliche stete Hin- und Hergeworfenwerden
-
- Seite 122
- Er hat Frau und Kind zu Hans
- Er hat Frau und Kind zu Haus
-
- Seite 133
- nach ihn um und sah ihm starr ins Gesicht
- nach ihm um und sah ihm starr ins Gesicht
-
- Seite 134
- Zehntes Kapitel.
- Zehntes Capitel.
-
- Seite 144
- Leute -- wir Ihr wohl wissen werdet
- Leute -- wie Ihr wohl wissen werdet
-
- Seite 150
- auch des Vormarssegel fest bekommen konnten
- auch das Vormarssegel fest bekommen konnten
-
- Seite 154
- und füllte sich auf's neue sein Gles
- und füllte sich auf's neue sein Glas
-
- Seite 161
- Zwölftes Kapitel.
- Zwölftes Capitel.
-
- Seite 178
- Ringsum waren sie total von Karollenbänken eingeschlossen
- Ringsum waren sie total von Korallenbänken eingeschlossen
-
- Seite 178
- Dreizehntes Kapitel.
- Dreizehntes Capitel.
-
- Seite 183
- daß ich ihn überhaupt mit ins Bot haben will
- daß ich ihn überhaupt mit ins Boot haben will
-
- Seite 184
- Das geht wahrwaftig nicht an
- Das geht wahrhaftig nicht an
-
- Seite 211
- Ja, lacht nur Jungen; mir ist's rechts, aber
- Ja, lacht nur Jungen; mir ist's recht, aber
-
- Seite 216
- was beinah wie breit Irihs klingt
- was beinah wie breit Irish klingt
-
- Seite 225
- schnit sich dann in der Hand eine Pfeife
- schnitt sich dann in der Hand eine Pfeife
-
- Seite 225
- Sechszehntes Kapitel.
- Sechszehntes Capitel.
-
- Seite 227
- aufzustehen und Kaffe zu kochen
- aufzustehen und Kaffee zu kochen
-
- Seite 234
- rief der Wilde jetzt deulich zu ihnen herüber
- rief der Wilde jetzt deutlich zu ihnen herüber
-
- Seite 240
- Wir essen das naßgewordeue zuerst weg
- Wir essen das naßgewordene zuerst weg
-
- Seite 241
- Siebenzehntes Kapitel.
- Siebenzehntes Capitel.
-
- Seite 251
- Angriff gar tüchtig in Respeckt gesetzt
- Angriff gar tüchtig in Respect gesetzt
-
- Seite 302
- Einundzwanzigstes Kapitel.
- Einundzwanzigstes Capitel.]
-
-
-
-
-
-End of Project Gutenberg's Aus dem Matrosenleben, by Friedrich Gerstäcker
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK AUS DEM MATROSENLEBEN ***
-
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