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| author | nfenwick <nfenwick@pglaf.org> | 2025-03-07 13:50:56 -0800 |
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diff --git a/43892-0.txt b/43892-0.txt new file mode 100644 index 0000000..0441a9a --- /dev/null +++ b/43892-0.txt @@ -0,0 +1,5464 @@ +*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 43892 *** + +[ Symbole für Schriftarten: _Antiqua_ : =gesperrt= ] + + + + + Ein Parcerie-Vertrag. + + + Erzählung + zur Warnung und Belehrung für Auswanderer und ihre Freunde. + + + Volksbuch + von + Friedrich Gerstäcker. + + + Leipzig, + Verlag von Ernst Keil. + 1869. + + + + + Inhalt + + + Seite + Vorwort III + 1. Beim Schulmeister 1 + 2. Verschiedene Auskunft 17 + 3. Herrn Kollboeker's Comptoir 29 + 4. Die Abreise 42 + 5. Auf See und an Land 52 + 6. In Brasilien 64 + 7. Die Reise in's Innere 78 + 8. Der deutsche Consul 89 + 9. Die Folgen des Contracts 105 + 10. Der neue Besuch 117 + 11. Gerettet 133 + 12. In der Colonie Blumenau 141 + + + + +Vorwort. + + +Ich habe versucht dem Leser in der nachstehenden Erzählung eine, wenn +auch peinliche, doch treue Schilderung einer Familie zu geben, die sich +verleiten ließ auf einen sogenannten Parcerie-[1]Vertrag hin ihr +Vaterland zu verlassen und ihr Glück in einem fernen Welttheil zu +suchen. + +Das Land ist Brasilien, denn gerade mit den Pflanzern des heißen und +nördlichen Theils von Brasilien sind solche Verträge abgeschlossen +worden, weil sich die freiwillige Auswanderung nicht jenen, für den +Europäer ungesunden Distrikten zuwandte. Der Hauptstrom der +süd-amerikanischen Auswanderung ging nach dem Süden von Brasilien, wohin +die Regierung selber deutsche Auswanderer wünschte und sie in vielen +Stücken begünstigte. Dort befanden sich die Colonisten wohl und +schrieben nach Deutschland zurück, wie gut es ihnen ging. + +Diese Briefe wurden häufig von gewissenlosen Agenten benutzt um arme +unwissende Menschen in Deutschland, die keine Mittel besaßen ihre +Passage zu bezahlen, zu täuschen, denn man versprach ihnen ja sie nach +Brasilien zu schaffen und von der ungeheueren Größe des Landes, und den +verschiedenen Klimaten und Bodenverhältnissen hatten die Unglücklichen, +mit ihren mangelhaften geographischen Kenntnissen keine Ahnung. + +Sie sahen dann zu spät ein daß sie betrogen waren, aber eben so wie sie +sich außer dem Schutz der deutschen Regierungen befanden -- denn unser +Consulats-Wesen lag entsetzlich im Argen und liegt =noch= darin, wenn +nicht die Norddeutsche Bundesregierung eine gründliche Änderung +desselben vornimmt -- ebenso konnte auch die brasilianische Regierung +nur in solchen Fällen einschreiten, wo ihr Beweise gebracht wurden, daß +die Pflanzer ihre Arbeiter wirklich betrogen. Wie schwer das aber in +einem so ungeheueren Reiche und in den abgelegenen Provinzen war, läßt +sich denken. + +Vor diesen und vielen ähnlichen Contracten möchte ich nun den +Auswanderer nicht allein warnen, sondern auch ihm sowohl, wie Allen +solchen die sich für fortziehende Familien interessiren oder von ihnen +um Rath gefragt werden, ein deutliches Bild vor Augen rücken, wie es, +leider in den meisten Fällen, mit derartigen Verträgen steht. + +Ich gebe zu daß manche derselben ehrlich gemeint sind und ehrlich +gehalten wurden, und dadurch dem unbemittelten Auswanderer Vortheile +boten, die er auf eine andere Art nur schwer erreicht hätte. Aber +nirgends ist ihm dafür eine Gewähr gegeben. Von dem Augenblick an wo er +das fremde Land betritt, ja läßt er sich besonders mit englischen und +vorzüglich =belgischen= Agenten ein, von der Stunde an wo er die +heimische Grenze überschreitet, bleibt er der Willkür fremder Menschen +preisgegeben, und zwar =ohne= Hülfe, =ohne= Schutz. + +Wer einmal auswandern will mag es thun, aber er soll sich vorher, um +seiner selbst und seiner Familie willen, nicht durch ein Blatt Papier +Hände und Füße binden lassen. Ein =freier= Mann findet überall in der +Fremde sein Brod, ein durch einen Contract gebundener ist dagegen der +Sclave seines Herrn und wer ihm hier in Deutschland vorredet, die Sache +wäre gar nicht so schlimm -- sein ärgster Feind. + +In solchen Fällen aber, wo ein armer deutscher Familienvater gar =keine= +Mittel in Händen hat, um ein fremdes Land zu erreichen und er doch sein +Elend hier vor Augen sieht, ohne im Stand zu sein sich herauszuarbeiten, +wo es ihm also wie eine Hülfe in der Noth erscheint wenn er in ein +fremdes Land auf fremde Kosten übersiedeln kann, da gehe er nicht etwa +unter =jeder= Bedingung, denn er hat sich die für ihn und die Seinen +nachher vielleicht furchtbaren Folgen sonst selber zuzuschreiben, +sondern beobachte die folgenden Regeln. + +Vor allen Dingen verlasse er sich nie und unter =keinen= Umständen +allein auf das Wort eines Auswanderungs-Agenten. + +Alle diese Leute die eine Auswanderungs-Agentur errichten, sind mit nur +=sehr= wenigen Ausnahmen, heruntergekommene Kaufleute oder sonst +Menschen die ein solches Geschäft als =letzten= Erwerbszweig ergriffen +haben, und fast =ohne= Ausnahme nicht das Geringste von fremden +Welttheilen wissen oder verstehen. + +Sie bleiben dabei einzig und allein auf den Gewinn des =Kopfgeldes= +angewiesen, das sie für Alle solche bekommen, die durch sie befördert +werden. Wohin! bleibt sich bei ihnen gleich, wenn sie ihre »Köpfe« nur +auf ein Schiff liefern, und was nachher aus den Unglücklichen wird, +kümmert sie wenig oder gar nicht. + +Alle solche Contracte dabei, die auf Hälfte des Gewinns oder auch auf +einen Antheil lauten, sind fast =ohne= Ausnahme betrügerischer Art, +wenigstens ist der Auswanderer, der die fremde Sprache nicht versteht +und dem keine Einsicht in die Bücher seines Herrn zusteht (die ihm unter +solchen Umständen auch Nichts nützen würde) jedesmal demselben auf Gnade +und Ungnade übergeben, und wenn er wirklich auch einmal =nicht= betrogen +werden sollte, hält er sich doch sicher selber davon überzeugt. + +Theilcontracte sind für ihn annehmbar, wenn sie auf umgekehrten +Grundsätzen beruhen, wie sie besonders in Süd-Australien von englischen +Grundeigenthümern zu ihrem eigenen, aber auch dem Nutzen der deutschen +Einwanderer, abgeschlossen wurden. + +Nach diesen übernahm der Auswanderer eine Strecke Land, bekam von dem +Eigenthümer das nöthige Ackergeräth geliefert, und zahlte jährlich für +den Acker 4 £ also etwa 27 Thlr. Pacht, wobei er jedoch nach 14 Jahren +das =Vorkaufsrecht= auf das Land hatte. + +Bei einem solchen Contract, obgleich in Amerika und auch in +Süd-Brasilien viel günstigere Bedingungen für den Einwanderer zu +erlangen sind, standen sich doch beide Parteien gut und der deutsche +Arbeiter blieb nicht allein sein eigener Herr, sondern sah auch selber +wie er langsam vorwärts rückte. + +Es giebt aber auch Fälle hier, wo der arme Tagelöhner wirklich im alten +Vaterland im größten Elend lebt, und nur Gott dankt wenn er freie +Passage nach einem fremden Welttheil erhalten kann. Er ist also dann +gezwungen Verbindlichkeiten einzugehn, die aber nie einen solchen Grad +erreichen müssen, daß er sich, wie bei diesen schurkischen +Parcerie-Verträgen, fast bedingungslos einem Agenten und dessen +Helfershelfern verkauft. + +Nur zwei Bedingungen =kann= er annehmen; er läuft wenigstens keine +unmittelbare Gefahr dabei, und wenn ihn auch beide zur Arbeit zwingen, +bleibt er doch dabei sein eigener Herr, oder wird es wieder sobald er +die für ihn wirklich ausgelegten Kosten bezahlt hat. Beide Arten habe +ich selber in Australien, in Brasilien und in Peru ausgeführt gesehn, +und bei beiden befanden sich die Einwanderer wohl. + +Die eine ist, daß ihm ein bestimmter, den Preisen des Landes in das er +zieht angemessener Tagelohn bestimmt wird, für den er so lange arbeiten +muß, bis er seine Reisekosten bezahlt hat -- und nicht eine Stunde +länger. Dann ist er wieder sein eigener Herr, hat das Land in der Zeit +kennen lernen, und kann nun seinen Contract mit dem bisherigen Brotherrn +machen, um sich auch ein Stück Land als Eigenthum zu erwerben. Solche +Contracte sind viele nach Moreton-Bai in Australien und besonders nach +Süd-Brasilien abgeschlossen worden. + +Die andere daß er das ihm überwiesene Land, wohin man ihn bringt +entweder nach Jahr und Tag, wie es seine Erndten erlauben, langsam +abbezahlt, oder es auch ganz vom Staat geschenkt bekommt, denn eine +Regierung (und mit Privatleuten soll man sich unter =keiner= Bedingung +einlassen; es ist wenigstens stets gefährlich) läßt ja doch nur dann +Einwanderer passagefrei in ihr Land schaffen, wenn ihr daran gelegen ist +dasselbe cultivirt zu bekommen. Das kleine Stück das sie ihm dann +anfangs als Geschenk giebt, hat noch keinen Werth für sie -- aber die +Nachbardistrikte =werden= werthvoll sobald sich fleißige Colonisten in +der Nähe niederlassen, denn nicht sie allein brauchen später mehr Land +und müssen es von der Regierung kaufen, sondern sie ziehen auch +Landsleute und andere Ansiedler dorthin und eröffnen damit in bis dahin +unbewohnten Distrikten Handel und Verkehr. + +Aber selbst unter den anscheinend günstigen Umständen bleibt für den +Auswanderer große Vorsicht nöthig, ehe er einen so wichtigen Schritt +thut und sein Vaterland, mit Allem was er eigen nennt, verläßt. + +Er soll sich auch um Gottes Willen nicht zu rasch dazu entschließen und +besonders =nie= vorher einem Agenten sein Gepäck übergeben bis er nicht +vollkommen mit sich im Reinen ist, Leute die etwas davon verstehn und +kein eigenes Interesse dabei haben, zu Rath gezogen und einen Contract +in Händen hat, der nicht allein =ihn= bindet, wie ein solcher +Parcerie-Wisch, der weiter Nichts erklärt als daß sich der Auswanderer +an den Agenten verkauft und zur Beglaubigung selber seinen Namen +darunter gesetzt hat -- nein, der auch dem für den er arbeiten soll, +Pflichten auferlegt, welche ihm selber den Lohn seiner Arbeit sichern. +Er bekommt und will ja Nichts geschenkt; für das was er erhält leistet +er wieder, und wie beide Theile einen Nutzen dabei erhoffen, müssen sich +auch Beide gleichberechtigt gegenüberstehn. + +Außerdem muß er sich über die geographischen Verhältnisse sowohl wie +über die politischen des Landes, nach dem er befördert werden soll genau +bei Leuten erkundigen die ihm auch wirklich Auskunft darüber geben +können, denn gerade in neuster Zeit haben wir ein Beispiel wie dringend +nöthig das ist. Dorfschulmeister sind aber nicht die passenden Menschen +dazu, denn sie werden so erbärmlich besoldet, daß sie kaum das +Nothwendigste für ihren Lebensunterhalt erschwingen, vielweniger denn +größere und besonders fremde Zeitungen halten können. Die Agenten +dagegen, wenn sie wirklich etwas wissen, verheimlichen das dem +Auswanderer Bedenkliche, um ihn ja nicht von der Reise abzuhalten. + +Der Fall worauf ich Bezug nehme, ist der folgende: + +Die Chilenische Regierung (eine der besten und zuverlässigsten in ganz +Südamerika, wie sie sich wenigstens =bis jetzt= bewährt hatte) hat einen +Contract mit einem Hamburger Schiffsrheder gemacht, ihr im ersten Jahr +hundert, im zweiten zwei, im dritten dreihundert und sofort bis zum +vierten Jahr, Familien hinüber nach Chile zu schaffen, für welche sie, +für die Erwachsenen für den Kopf 40 Dollar Passage zahlt. Sie will den +Ansiedlern dort gutes Land geben, verlangt auch Nichts für ihre Auslagen +zurück, sondern wünscht allein ihr Land besiedelt zu bekommen. + +Das =klingt= ausgezeichnet. Chile hat ein vortreffliches Klima, Tausende +unserer deutschen Landsleute leben dort glücklich und in guten +Verhältnissen, und die Regierung gilt überall als Vertrauen erweckend. +Ich selber würde auch meinen Landsleuten mit Freuden gerathen haben, so +günstige Anerbietungen zu benutzen. Aber sie sind eben =zu= günstig, und +die Sache hat einen Haken. + +In dem Contract steht nämlich daß die Auswanderer nach Arauco geschickt +und in Lota ausgeschifft werden sollen -- Was sind das nun für Orte? -- + +Araukanien selber ist bekannter. Der Distrikt liegt von Chilenischen +Regierungsbezirken im Süden und Norden begrenzt, und war bis jetzt -- +und ist eigentlich noch bis auf den heutigen Tag, freies Indianisches +Land, in dem die Weißen keine Macht haben, weil sie die Araukaner noch +nicht unterwerfen konnten. + +Arauko ist ein kleiner Ort im Nordwesten des Staates -- Lota, nicht sehr +weit davon entfernt, an der Küste des stillen Meeres eine Chilenische +Kohlenstation, und bis jetzt der einzige Platz in Araukanien, auf dem +die Chilenen festen Fuß gefaßt. + +Neuerdings sind sie nun wieder mit gewaffneter Macht in Araukanien +eingefallen, haben die Araukaner -- wilde kriegerische Indianer, +zurückgeworfen und sehen voraus daß sie das eroberte Terrain nicht +selber besetzt halten können. Dazu paßt ihnen aber eine deutsche +Einwanderung, die sie sich unter diesen Umständen auch gern etwas kosten +lassen wollen. Unsere deutschen Familien sollen da hineingeschoben +werden, und wenn die Indianer bei ihnen einbrechen, ihre jungen Leute +erschlagen, ihre Weiber und Töchter mit fortschleppen -- nun so läßt man +eben wieder Andere nachkommen. + +Dem Contract selber sieht man das freilich nicht an, denn er lautet +unverfänglich genug. Wer aber die Verhältnisse jenes Landes kennt, muß +auch dem Auswanderer abrathen selbst diese scheinbaren Vortheile +anzunehmen, weil sie nur eben scheinbar sind. Im =günstigsten= Fall ist +er jeden Augenblick der Gefahr ausgesetzt daß die Indianer über sein +Land brechen, ihm sein Vieh wegtreiben und seine Erndten zerstören und +er darf dort weder für sein Eigenthum wie selbst für sein Leben +Sicherheit erwarten. + +=Jeder= Contract ist deshalb für den Auswanderer gefährlich, wenn er +sich nicht vorher nach =Allem= erkundigt hat was das Land betrifft, und +zwar bei Leuten, wie gesagt, die nicht wie der Auswanderungsagent ein +specielles Interesse haben ihn nur auf ein Schiff zu packen, damit sie +für seinen Kopf ihr bestimmtes Geld bekommen. + +Außerdem warn' ich aber meine deutschen Landsleute noch ganz besonders +vor dem =Antwerpener= Auswanderungs-Agenten, mit denen sie sich unter +=keiner= Bedingung einlassen dürfen, wenn sie sich nicht der größten +Gefahr aussetzen wollen. + +Sind sie entschlossen auszuwandern, so bietet ihnen =Bremen= vor allen +anderen Städten reelle Schiffsgelegenheit nach =allen= Welttheilen und +neben Bremen Hamburg. Dort sind die Auswanderer noch auf deutschem +Boden, unter deutschem Schutz und deutschen Regierungen ist es möglich +ihre Einschiffung wie Beförderung zu überwachen, wie Betrügereien -- die +sie aber da wohl kaum zu fürchten haben -- entgegenzutreten; in einem +fremden Land dagegen, dessen Sprache sie nicht einmal verstehn -- und +sie sollen nicht etwa glauben daß in Antwerpen deutsch gesprochen wird +-- sind sie in den Händen der Agenten, und haben sich, =was= sie +betrifft, selber zuzuschreiben. + +Zum Schluß will ich aber noch hinzusetzen daß diese Erzählung nicht etwa +den Zweck hat Auswanderer von einer Übersiedlung nach Brasilien selber +abzuhalten. Nur in die nördlichen Distrikte dürfen sie nicht gehen, +besonders nicht auf solche Theilcontracte hin. Süd-Brasilien dagegen, +und vorzüglich die Provinzen Rio Grande do Sul, Santa Catharina und zum +großen Theil auch Parana eignen sich ganz vortrefflich zur deutschen +Auswanderung. Die dort angelegten, schon sehr bedeutenden deutschen +Colonien befinden sich wohl, und die Deutschen selber ordnen sich dort +keineswegs der verdorbenen Portugiesischen Raçe unter, sondern =haben= +schon ein Übergewicht erlangt, das mit einer vermehrten Einwanderung +dahin auch nur zunehmen muß. + +Außerdem befinden sie sich in einem gesunden Klima und -- für ihre +weitere Entwicklung besonders günstig -- am Atlantischen Ocean, der +ihnen einen leichten und raschen Verkehr mit dem Mutterlande bietet. Und +somit übergebe ich dem Leser diese Blätter und hoffe daß sie ihn in +Manchem aufklären, ihn auf Manches aufmerksam machen werden, was später +entweder ihm selber, oder Leuten die sich bei ihm einen Rath erholen, +von Nutzen sein mag. + + Der Verfasser. + + + + +Erstes Capitel. + +Beim Schulmeister. + + +Draußen im Land ackerten die Knechte und waren die Tagelöhner emsig +beschäftigt Kartoffeln zu legen, denn der Frühling hatte dieses Jahr +lang auf sich warten lassen und eine hohe Schneedecke die Feldarbeiten +bis zu einer ungewöhnlich späten Zeit hinausgeschoben. Jetzt endlich +schien der kalte, strenge Nordost-Wind, der Monate lang geweht, seine +Herrschaft verloren zu haben. Er sprang nach Südwesten um, warme Regen +setzten ein, und wie mit einem Zauberschlag warf die Natur ihre starre +Winterdecke ab, und kleidete sich in ein junges, frisches Grün. + +Und wie die Lerchen jubelten, und die Bachstelzen, die bis jetzt +achselzuckend an dem gefrornen Bach umhergetrippelt waren, auf einmal so +geschäftig herüber und hinüber sprangen; was sich die Rothschwänzchen +Alles zu erzählen hatten, und wie eilig die Staare ihre alten Bauplätze +aufsuchten und herrichteten. -- Aber die Menschen nicht minder, denn es +galt sehr viel nachzuholen, und die Arbeit häufte sich so in der Zeit, +daß Arbeits=kräfte= kaum genügend zu beschaffen waren. + +Um so mehr mußte es auffallen, daß gerade heute Einer der fleißigsten +und ordentlichsten Arbeiter, Behrens mit Namen, in seinem +=Sonntags=rock, den großen ausgeschnittenen Hut auf, langsam durch das +Dorf ging, und gar nicht die Absicht zu haben schien, in die allgemeine +Thätigkeit irgend wie mit einzugreifen. + +Die Chaussee herunter, vom Feld herein, kam im Trab auf seinem alten +Apfelschimmel der Rittergutspachter geritten. Er hatte draußen nach den +Arbeitern gesehen, und war eben nur zurückgekommen, um noch auf dem Hofe +selber einige nöthige Anordnungen zu treffen. Als er aber einen seiner +Tagelöhner -- oder sogenannte Häusler, weil sie kleine, dem Gut gehörige +Häuser bewohnen, -- in einem so ungewohnten Aufzug und müßig sah, +zügelte er überrascht sein Pferd ein und rief ihn an. + +»Hallo Behrens! -- wo wollt =Ihr= denn hin? Ich glaubte, Ihr wäret +krank, weil ich Euch nicht draußen bei den Knechten fand. Was soll denn +das heißen? Warum seid Ihr nicht bei der Arbeit?« + +»Ich werde hier wohl nicht mehr arbeiten, Herr Frommann,« sagte der +Tagelöhner, indem er achtungsvoll den Hut zog und neben dem Reiter +stehen blieb. + +»Nicht mehr arbeiten?« rief der Pachter erstaunt. »Habt Ihr eine +Erbschaft gemacht, Behrens, und seid Ihr ein reicher Mann geworden, daß +Ihr ohne Arbeit leben könnt?« + +»Ohne Arbeit möcht' ich gar nicht leben, Herr Frommann,« sagte der Mann +freundlich, »wenn ich auch wirklich so viel Geld hätte, daß ich alle +Tage Braten essen könnte, aber -- da wir nicht einmal alle Tage satt +Kartoffeln haben, so muß ich doch sehen wie ich das ändern kann, denn +der Jammer daheim frißt mir das Herz ab.« + +»Eure Frau ist noch krank?« + +»Krank nicht mehr, Herr Frommann, Gott sei Dank, aber doch noch so +schwach, daß sie auf Wochen, ja vielleicht auf Monate lang, nicht daran +denken darf schwere Arbeit zu thun. Das Kleinste macht ihr ohnedies +genug zu schaffen.« + +»Und da versäumt Ihr =auch= noch Euren Tagelohn?« + +Der Mann schwieg einen Augenblick. Er hatte augenscheinlich etwas auf +den Lippen, was ihm schwer wurde auszusprechen, -- endlich sagte er mit +leiser Stimme: »Ich will nach Amerika, Herr Frommann.« + +»Nach Amerika?« rief dieser erstaunt, »seid Ihr toll?« + +»Nach Brasilien.« + +»Nach Brasilien? Und mit Eurer ganzen Familie? Wo wollt Ihr das viele +Geld dazu hernehmen?« + +»Da haben Sie Recht, Herr Frommann,« nickte traurig der Mann, »wenn +=ich= die Reise bezahlen müßte, käm' ich nicht einmal mit den Meinen in +die nächste Seestadt, viel weniger über das weite Meer hinüber, -- aber +vorige Woche war ein Herr aus der Stadt hier, der uns versprochen hat +daß wir frei hinübergeschafft werden sollen, und es nachher dort drüben +abverdienen können. Da will ich es denn in Gottes Namen einmal versuchen +-- und auf der Reise erholt sich auch vielleicht meine Frau wieder, denn +sie hat hier zu viel schaffen müssen und ist dadurch nur immer mehr +herunter gekommen.« + +Der Pachter schüttelte mit dem Kopf und während sein Pferd langsam auf +der Straße hinging, schritt der Mann neben ihm her. + +»Behrens, Behrens,« sagte er endlich, »ich fürchte, Ihr steht da im +Begriff, einen recht raschen und unüberlegten Schritt zu thun, denn hier +zu Lande hört man nicht viel Gutes über solche Verträge, und wenn Ihr da +drüben zwischen die Fremden kommt, deren Sprache Ihr nicht einmal kennt, +so seid Ihr so gut wie verrathen und verkauft, und müßt Alles mit Euch +geschehen lassen.« + +»Wir haben aber einen Contract, Herr Frommann,« sagte der Arbeiter, +indem er in die Tasche griff und ein Papier herausholte, »da steht Alles +darauf und ich brauche ihn nur zu unterschreiben, und dann sollen wir +uns um gar nichts mehr bekümmern, sondern werden frei hinüber in das +Land geschafft, wo so herrlicher Boden ist, daß die kostbarsten Früchte +draußen frei im Walde wachsen. Auch haben wir dort immer Sommer und so +viel Holz, daß man sich holen kann was man mag, ohne einen rothen Heller +dafür zu bezahlen. Mein Bruder ist ja auch seit langer Zeit dort +hinübergegangen und hat mir schon vor zwei Jahren geschrieben ich sollte +nur hinüber kommen, denn es ginge ihnen =sehr= gut, und er wollte mich +dort schon einrichten. Ja, aber du lieber Gott, von unserem =Tagelohn= +hier hätt' ich ja im ganzen Leben nicht das Reisegeld erschwingen +können.« + +»Und wo ist Euer Bruder?« + +»In der Colonie Blumenau.« + +»Und dorthin wollt Ihr auch?« + +»Ja das weiß ich noch nicht,« erwiderte der Mann, »ich denke ja, denn so +weit werden die Plätze doch nicht von einander sein.« + +»Zeigt einmal das Papier, Behrens,« sagte der Pachter und streckte die +Hand darnach aus. + +Behrens reichte ihm den »Contract« aufs Pferd hinauf und der Pachter las +ihn langsam durch. Dabei schüttelte er aber den Kopf und sagte endlich: +»Ja, Behrens, das ist eigentlich gar kein Contract, denn ein solcher +bindet beide Theile zu verschiedenen Verpflichtungen; hier aber sehe ich +nichts darin, als wozu =Ihr= Euch, für Euch und Eure Familie +verpflichten sollt. Es steht auch weiter nichts drüber, als: +=Verpflichtung=, und wenn Ihr es dabei mit einem ehrlichen Mann zu thun +bekommt, so mag die Sache vielleicht gehen; fallt Ihr aber gewissenlosen +Menschen in die Hände, dann seid Ihr auch eben in ihre Hände gegeben, +und sie können mit Euch machen, was sie wollen.« + +»Aber das =soll= ein ehrlicher Mann sein, Herr Frommann.« + +»Wer hat Euch das gesagt?« + +»Der Herr aus der Stadt.« + +»Ein Auswanderungs-Agent wahrscheinlich,« nickte der Pachter, »der so +und so viel Kopfgeld für Jeden bekommt, den er hinüber schafft. Wollt +Ihr nicht erst einmal Jemanden fragen, der mit den Verhältnissen genau +bekannt ist, und kein eigenes Interesse dabei hat?« + +»Ich wollte eben zum Schulmeister gehen, Herr Frommann; der muß es +wissen, denn er hat erst noch in voriger Woche den Kindern von Brasilien +erzählt und was es für ein herrliches Land wäre.« + +»Ob =der= Euch gerade in einer so wichtigen Sache einen Rath geben kann, +Behrens, weiß ich nicht, und bezweifle es fast, denn was er darüber +sagen könnte, liest er doch nur aus seinen Büchern. In der Stadt findet +Ihr vielleicht Andere, die mehr Erfahrung darüber haben, -- aber ich muß +fort, denn sie brauchen draußen noch Saatkartoffeln. Das Auswandern kann +Euch natürlich kein Mensch verbieten, wenn Ihr einmal fest dazu +entschlossen seid, aber leid sollte es mir um Euch thun, Behrens, wenn +Ihr in schlechte Hände kämt. Brasilien mag ein schönes Land sein, aber +Ihr wißt nicht was Ihr dort findet. Bleibe im Lande und nähre Dich +redlich! ist ein altes, braves Sprüchwort.« + +»Ja, Herr Frommann, das ist wohl wahr,« nickte Behrens, »wir wissen +nicht was wir in Brasilien finden, aber wir wissen leider was wir =hier +haben=: Jammer und Elend und schwere Arbeit, die nicht einmal so viel +abwirft, um uns bei Kräften zu erhalten.« + +»Aber Euer Lohn ist erst kürzlich auf acht Groschen erhöht worden.« + +»Ja,« seufzte der Mann, »und für einen ledigen Burschen mag es +ausreichen, wo aber =Einer= für =Fünf= verdienen soll, denn das Hannchen +kommt jetzt gar nicht von der kranken Mutter weg, was sind da acht +Groschen; sie reichen nicht einmal für's liebe Brod in den Wochentagen, +und am Sonntag, wo wir nichts verdienen =dürfen=, wollen wir doch auch +leben.« + +»Aber es giebt doch immer hie und da zu thun.« + +»Als ich neulich am Sonntag im Wirthsfeld grub,« sagte der Mann, »hat +mich der Herr Pfarrer angezeigt, und ich mußte fünf Groschen Strafe +bezahlen. Wir haben dafür den ganzen Montag gehungert.« + +Der Pachter seufzte, aber er erwiderte nichts darauf. + +»Na, Behrens,« sagte er nach einer Weile, »thut keinen unüberlegten +Schritt. -- Es sollte mir leid thun, Euch hier zu verlieren, denn Ihr +seid ein braver, ordentlicher Arbeiter gewesen, die ganze Zeit, ich +möchte Euch aber auch nicht abrathen, wenn ich wüßte daß es zu Eurem +Glück wäre, und Ihr Eure Lage dadurch wirklich verbessertet. Das Papier +da sichert Euch aber gar nichts, und ehe Ihr das unterschreibt, besinnt +Euch lieber noch einmal,« und seinem Pferd die Sporen gebend, trabte er +rasch in den Hof hinein, um dort die für die Feldarbeiten nöthigen +Anordnungen zu treffen. + +Behrens aber faltete langsam das Papier zusammen, steckte es in die +Tasche und schritt ruhig dem Hause des Schulmeisters zu, der heute +Nachmittag, wo er keine Schule hatte, das warme Frühlingswetter +ebenfalls benutzte, und in seinem, freilich sehr kleinen Gärtchen hackte +und schaufelte. + +Auch der Schulmeister war überrascht, den Tagelöhner Behrens in seinem +»Geh zur Kirche« Rock am Werktage bei sich zu sehen, und hörte erstaunt +mit arbeiten auf. Behrens ließ ihn aber nicht lange über die Absicht +seines Besuchs im Zweifel, und der kleine Mann, mager, wie eigentlich +nur ein Schulmeister sein kann (und mit der vollen Berechtigung dazu, +denn sein Gehalt stellte ihn nicht viel über den Tagelöhner, und dabei +hatte er eine Frau und sechs Kinder zu ernähren, und außerdem noch +sechszig zu unterrichten) wischte sich plötzlich die Hände an den +fettglänzenden, alten schwarzen Hosen ab, ehe er das ihm dargereichte +Papier nahm, und sagte nun, völlig aufgelöst in Bewunderung: + +»Nach Brasilien? -- ja, freilich, Behrens, wenn Ihr =dahin= kommen +könntet. -- Du lieber Gott, da möchte ich gleich selber mit. Aber wie +wollt Ihr das möglich machen?« + +»Das steht Alles in dem Papier da, Schulmeister,« sagte der Mann, »und +ich wollte Sie nur einmal bitten es durchzulesen und mir Ihre Meinung +darüber zu sagen.« + +»Hm,« nickte der kleine Mann, indem er einen flüchtigen Blick über das +Blatt warf, »ich habe aber meine Brille drinnen. Kommt mit hinein, +Behrens, meine Alte hat mich doch eben zum Kaffee gerufen, und der +Rücken thut mir auch von dem vielen Schaufeln weh, -- kommt nur mit +hinein.« + +»Ach, wenn Sie jetzt Kaffee trinken wollen,« sagte der Mann +zurückhaltend, »so komme ich lieber später wieder; stören wollte ich ja +nicht.« + +»Ach, was,« nickte der Schulmeister, denn der Tagelöhner hatte durch das +eine Wort »Brasilien« einen ganz neuen Nimbus bekommen, »Ihr trinkt eine +Tasse mit, -- so viel wird schon da sein, und wenn Ihr erst in Brasilien +seid, schickt Ihr mir einmal gelegentlich einen Sack Kaffee herüber, -- +da kommt er ja her, Behrens, und dort giebts ganze Wälder von lauter +Kaffeebäumen.« + +»Wenn Sie's erlauben,« sagte der Mann, indem er etwas verlegen den Hut +zwischen den Händen drehte, denn es war das eine =Ehre=, die ihm +widerfuhr, und er nicht gewöhnt, von irgend einem Menschen eingeladen zu +werden. + +Schulmeister Peters, nachdem er sich vorher erst ein paar Mal gestreckt +und gedehnt und dabei ein sehr schmerzhaftes Gesicht geschnitten, weil +ihm der Rücken noch vom langen Krummstehen weh that, konnte endlich +wieder aufrecht gehen, und das Papier noch immer in der Hand haltend, +schritt er seinem Gast voraus in das kleine Häuschen, wo ihn seine Frau +schon mit der dampfenden Kanne erwartete. Als sie freilich den +Tagelöhner Behrens mit ihrem Manne eintreten sah, wollte sie die Kanne +wieder zurück auf den Ofen stellen, weil sie glaubte der Arbeiter hätte +etwas mit Peters zu sprechen, und der Kaffee sollte indessen nicht kalt +werden. + +Der Schulmeister aber, mit seinem Steckenpferd »Brasilien« im Kopf, rief +ihr lachend zu: »Laß stehen, Alte, und gieb uns noch eine Tasse für +Behrens her. Denk Dir einmal, der ist unterwegs nach Brasilien.« + +»Nach Brasilien?« sagte die Frau, setzte die Kanne wieder auf den Tisch +und schlug die Hände zusammen, »es ist doch die Möglichkeit.« + +»Und nun setzt Euch, Behrens, -- da drüben ist ein Stuhl, stellt Euren +Hut nur dort auf die Kommode, -- Alte, hast Du meine Brille nicht +gesehen? Ich habe sie doch vorhin hierher gelegt, -- ach, da ist sie, -- +setzt Euch nur, und nun wollen wir einmal sehen was hier in dem Papier +steht. Das ist wohl der Überfahrts-Contract? -- aber, Behrens, das wird +schmähliches Geld kosten. Brasilien liegt in gerader Richtung etwa +tausend deutsche Meilen von uns entfernt, und was für einen Umweg müßt +Ihr da noch vorher machen. Seht einmal her, hier ist Deutschland,« sagte +er, auf eine kleine, an der Wand hängende Weltkarte zeigend, »hier, wo +ich den Finger halte, und da müßt Ihr nun erst nach Norden hinauf, damit +Ihr an die Nordsee kommt, und dann geht's hier hinaus, in gerader Linie +nach Westen, durch den britischen Canal -- La Manche heißt er -- hinaus +in das weite Weltmeer, und dann geht's hier quer hinüber, über all die +Striche weg, immer da hinunter, bis Ihr da ganz unten an Brasilien +anfahrt. Da liegt's und unterwegs ist's so heiß, daß Euch die Butter vom +Brod herunterschmilzt. So eine Reise kostet vieles Geld.« + +»Bitte, lesen Sie nur einmal das Papier durch,« sagte Behrens, »da drin +steht Alles, und dann wollte ich Sie um Ihren Rath dabei fragen, was ich +thun und wie ich mich verhalten soll.« + +Behrens täuschte dabei sich selber und den Schulmeister, denn im eigenen +Herzen war er schon fest entschlossen den Schritt, der über sein ganzes +künftiges Lebensglück entscheiden sollte, zu wagen, und eigentlich nur +zum Schulmeister gekommen, um sich von diesem in dem gefaßten Plan +bestärken -- nicht davon abrathen zu lassen, was er übrigens auch kaum +zu fürchten brauchte. + +»Na,« meinte Peters, »dann wollen wir also erst einmal sehen was hier +geschrieben steht. Schenk derweil ein, Alte, und trinkt nur, Behrens, +genirt Euch nicht, es ist gern gegeben.« + +Die Frau Schulmeisterin schenkte, noch immer den Kopf über das eben +Gehörte schüttelnd, dem Tagelöhner den Kaffee, der eine frappante +Farbenähnlichkeit mit schwachem Thee hatte, in eine henkellose Tasse, +denn eine von ihren »guten« Tassen konnte sie doch nicht dazu von der +Kommode nehmen, wo sie zur Schau ausstanden. Behrens nahm aber auch +selbst das auf das Dankbarste an, -- besseres Geschirr war er ja zu +Hause auch nicht gewöhnt, ja nicht einmal das, denn =seinen= Kaffee +trank er daheim aus einem kleinen Topf, und daß er etwas dünn war, +merkte er ebenfalls nicht; er wußte wahrscheinlich nicht einmal, wie +besserer Kaffee schmeckte. + +Während er aber trank und der Schulmeister las, sah er sich ein wenig im +Zimmer um, wo ihm besonders die Bücher auffielen, von denen Peters wohl +zwölf bis vierzehn auf einem Regal zwischen den beiden Fenstern stehen +hatte. Auch die Landkarte an der Wand imponirte ihm. Darauf konnte der +Mann nur mit seinem Zeigefinger über die ganze Welt herum fahren und +dabei jeden Platz und Ort mit Namen nennen, und beschreiben wie es dort +aussah. Sonst freilich bot das Zimmer nicht viel Besonderes. Die Möbel +bestanden aus einfachem, weißtannenem Holz und waren nicht einmal +angestrichen; auf der Kommode stand noch eine kleine, blaugemalte +Glasvase mit einem Büschel Schilfblüthen und Strohblumen darin, und über +dem entsetzlich hart gepolsterten Sopha hing ein kleiner Spiegel, und +rechts und links davon die Bilder von Peters und seiner Frau, als Braut +und Bräutigam, mit einer wahren Verschwendung von bunten Farben und +rothen Backen gemalt. Wo aber waren jetzt die rothen Backen hingekommen? +wo der üppige Haarwuchs des kleinen Mannes und das frische, fröhliche +Gesicht? -- Nur die große Warze über dem linken Auge hatte er noch als +einzige Ähnlichkeit behalten, sonst war Alles verschwunden und +gebleicht. + +Und auch die Frau Schulmeisterin. + +»Lieber Gott,« seufzte Behrens in Gedanken vor sich hin, »wie sich der +Mensch doch verändern kann, man sollte es nicht für möglich halten.« + +»Hm, Behrens,« sagte da Peters, der das Blatt erst einmal leise für sich +durchgelesen hatte, »nach dem Schreiben scheint es, als ob die ganze +Überfahrt für Euch bezahlt würde und Ihr den Betrag nur einfach +abzuarbeiten habt.« + +»Ja wohl, Schulmeister, das sind die Bedingungen.« + +»Hm -- und da könntet Ihr ohne einen Pfennig Geld und ganz umsonst nach +Brasilien herüberkommen?« + +»Ja so umsonst doch nicht,« lächelte Behrens etwas verlegen. »Was die +Herren jetzt für uns bezahlen, müssen wir später Alles wieder bei Heller +und Pfennig abverdienen.« + +»Na, das versteht sich von selbst,« sagte Peters, »schenken werden sie's +Euch nicht. Wer schenkt einem Anderen heut zu Tage auch wohl noch was; +aber Ihr seid doch einmal nachher an Ort und Stelle, und wenn Ihr Euch +da nichts verdient, verdient Ihr Euch auf der ganzen Welt nichts.« + +»Also meinen Sie daß Alles in Ordnung wäre,« frug Behrens, dem die +Zustimmung doch fast ein wenig zu schnell kam. + +»Ja, wenn Ihr gar nichts zu bezahlen braucht,« rief Peters »und frei +hinübergeschafft werdet, was wollt Ihr denn noch mehr? Wenn =ich= nur +könnte wie ich wollte, meiner Seel, ich ginge heutigen Tages mit, denn +=die= Schinderei hier soll der Böse holen. Aber ich bin schon zu alt, +-- arbeiten wird mir schwer und mein Rückgrat will nicht mehr so recht +mit fort.« + +»Aber der Herr Pachter Frommann meinte,« fuhr Behrens fort, »es wäre +eigentlich kein rechter Contract und nur so eine Art Verpflichtung für +=mich=.« + +»Hm -- ja,« sagte der Schulmeister, »ein Contract ist es auch eigentlich +nicht, -- Alte, schenk dem Behrens noch einmal ein, -- aber sonst steht +nichts davon drin, daß Ihr etwas zu bezahlen hättet.« + +»Nein -- aber ich werde auch nicht so recht klug daraus,« fuhr Behrens +fort, »wie es einmal werden soll wenn ich meine Schulden abgearbeitet +habe.« + +»Hm, -- nein,« nickte Peters, »na, ich will Euch einmal etwas sagen. Ich +werde Euch die Geschichte laut vorlesen, dann kommen wir besser +dahinter.« + +»Das wäre recht.« + +»Also -- =Verpflichtung!= das ist die Überschrift,« sagte Peters, und +las: + +»»Verpflichtung[2] des Landarbeiters Carl Gottlieb Behrens aus +Groß-Emmen mit Familie, nämlich: + + seine Frau Sophie, 38 Jahre alt, + seine Tochter Johanna Marie, 14 Jahre alt, + sein Sohn Fürchtegott Hans, 10 Jahre alt, + seine Tochter Lisbeth Anna, 8 Jahre alt, + sein Sohn Christian Leberecht, 5 Jahre alt, + ein Säugling, + +gegen Herrn Franz Berthold Hoeker in Antwerpen. + +Der Endes-Unterzeichnete, der die Passage für sich und obenstehende +Familienglieder nach untenstehenden Specificationen mit -- -- Thalern +vorgeschossen erhielt, verpflichtet sich nicht nur Herrn Franz Berthold +Hoeker in Antwerpen Vollmacht zu ertheilen vermittelst seines Hauses in +Porto Seguro, für sich und seine Familie, mit einem brasilianischen +Plantagenbesitzer Contract abzuschließen, zur Verdingung seiner und +seiner Familie Arbeitskräfte auf eine Colonie der Provinz Minas Geraes, +sondern macht sich auch, durch Unterzeichnung dieses Contracts, für sich +und seine sämmtlichen Familienglieder anheischig, durch den Theil-Ertrag +ihrer Arbeit die vorgeschossene Passage und sonstige Kostenvorschüsse +abzuverdienen, dergestalt, daß: da nach der Bestimmung derartiger +Arbeitsverträge der Ertrag der Arbeit zwischen Arbeiter und Brodherrn +getheilt wird, von der ihm als Arbeiter zufallenden Hälfte des Ertrags +der Arbeit in usancemäßiger Abtragung zu ersetzen. + +Indem Carl Gottlieb Behrens durch seine Namensunterschrift solidarisch +mit seinen Familiengliedern zur getreuen Erfüllung der contractlich +eingegangenen Verpflichtung sich verbindlich macht, verpflichtet er sich +ferner für sich und seine Familienglieder, den gesetzlichen Befehlen +seiner Brodherren oder deren bevollmächtigten Vertreter getreulich +nachzukommen, und während der Dauer des Contractes seine ganze Zeit und +Aufmerksamkeit dem ihm übertragenen Dienst zu widmen. + + Antwerpen, den --ten März 185--. + + =Passagegeld bis Porto Seguro:= + + Für drei Erwachsene à -- " -- " + Für drei Kinder unter zehn Jahren à -- " -- " + Ein Säugling frei. + ----------- + Pr. Cour. -- " -- " + Hier bezahlt -- " -- " + ----------- + Summa Pr. Cour. -- " -- "«« + +»Die Summe ist, wie ich sehe, noch nicht ausgefüllt.« + +»Nein,« sagte Behrens, »das können sie auch noch nicht, weil sie noch +nicht wissen wie viel wir auf der Reise brauchen werden. Das wird +nachher gemacht.« + +»Hm,« sagte der Schulmeister, »ja wohl, -- da steht aber freilich nichts +weiter drin, als daß Ihr das Geld, was Ihr vorgeschossen kriegt, wieder +abverdienen sollt. Das ist gerade wie bei uns.« + +»Ja wohl, Schulmeister, und das wäre auch ganz in der Ordnung, aber es +steht gar nichts vom Tagelohn darin, und was sich ein Mann wohl in der +Woche verdienen kann, damit man doch im Stande wäre sich nur ein klein +wenig zu berechnen, wie lange man ungefähr für die Herren arbeiten muß.« + +»Ja, das wäre freilich gut,« sagte der Schulmeister, der sich völlig +außer seiner Sphäre fand, sobald sich irgend etwas auf practisches Leben +erstreckte, »aber den Kaffee habt Ihr da umsonst, und der Zucker wächst +ebenfalls in Brasilien; ja, in der heißen Zone kommen sogar Milch- und +Butterbäume vor, und immer Sommer, -- nie einen Ofen heizen und die +Finger erfrieren -- und Hüte könnt Ihr Euch selber aus Palmblätter +flechten, und die Baumwolle wächst dort auch.« + +»Ja,« sagte Behrens und sah still vor sich nieder, »das ist wohl Alles +recht gut, aber ob das Land auch wohl so gesund ist, daß mir Frau und +Kinder nicht krank werden. Es muß dort schmählich heiß sein.« + +»Das können wir gleich sehen,« sagte Peters, stand auf und nahm eines +seiner alten Bücher vom Regal herunter, »wartet einmal, Brasilien -- +Brake -- Brandis -- Brasilien, Seite 470 -- da haben wir die ganze +Geschichte: Dieser einzige monarchische Staat, -- nein, das ist's nicht: +hier kommts! »In Hinsicht der äußeren Bodenbeschaffenheit bestehen +vielleicht zwei Drittheile aus Hoch- und Gebirgsland,« -- seht Ihr wohl. +Halt, hier steht es: »Das Clima ist der vielen Gebirge und Wälder wegen +milder, als man es bei der Lage des Landes, welches mit seiner +Hauptmasse zwischen dem Äquator und dem südlichen Wendekreise liegt, +erwarten sollte.« Seht Ihr wohl? -- »In Rio Janeiro, ungefähr unter dem +Wendekreise des Steinbocks (nämlich unter 22° 56' S. Br.) wechselt die +Hitze zwischen 16 und 30° Reaumur« -- und so heiß wird es bei uns hier +manchmal auch, denn im letzten Sommer hatten wir ein paar Mal 29° im +Schatten. -- »An der Küste tragen überhaupt die täglichen Seewinde viel +zur Minderung der Hitze bei. Am heißesten sind die Ebenen im nördlichen +Theil des Landes,« -- aber dahin braucht man ja auch gar nicht zu gehen; +und was bauen sie da nicht Alles, hört einmal zu, Behrens: »Fernambuk +oder Brasilienholz, Campeche oder Mahagoniholz, ferner Palmen, +Tulpen-Rosenholz, Kampher-, Copal- und andere Bäume, sodann Zucker, +Kaffee, Baumwolle, =Tabak=, Indigo, Cacao, Vanille, Reis, Mais, Waizen, +Gerste, Maniok, Melonen, Yams, europäische Südfrüchte, Ananas, +Gewürzpfeffer,« -- das Wasser läuft Einem ordentlich im Munde zusammen. +Und dann hier die Beschreibung von dem Gold und den Diamanten, die dort +gefunden werden. Diamanten haben sie dort, von denen ein einziger so +viel werth ist, wie hier ein ganzes Königreich.« + +»Also meinen Sie, ich soll hingehen, Schulmeister?« + +»Ich wollte ich könnte mit,« seufzte dieser, »den Augenblick schnürte +ich meinen Bündel, packte meine paar Bücher zusammen und setzte mich auf +ein Schiff, aber -- der Knüppel ist an den Hund gebunden.« + +»Peters, Du schämst Dich doch gar nicht,« sagte seine Frau. + +»Ach, Alte, =so= war es ja nicht gemeint,« seufzte ihr Mann, »aber mein +verwünschtes Rückgrat.« + +»Und daß gar nichts davon in dem Contract steht, wie es einmal werden +soll, wenn ich das Geld abverdient habe,« sagte Behrens, dessen Gedanken +nur allein auf diesem einen Punkt hafteten. + +»Darüber macht Euch doch keine Sorge,« antwortete Peters, »schon das ist +ein Beweis, daß es dort viel zu verdienen giebt, daß man Euch so viel +hundert Thaler vorschießt, nur um Arbeiter hin zu bekommen. Hier könntet +Ihr hundert Jahre arbeiten ehe Ihr's fertig brächtet.« + +»Ja, das ist wahr,« nickte Behrens, »zu verdienen muß es da geben, und +ich verstehe nur nicht was das heißen soll, -- hier, da unten +Schulmeister; lest doch den Satz noch einmal.« + +»Den? -- »»daß: da nach der Bestimmung derartiger Arbeitsverträge der +Ertrag der Arbeit zwischen Arbeiter und Brodherren getheilt wird««, -- +nun, das ist doch deutlich genug: Ihr bekommt die Hälfte von Allem, was +verdient wird.« + +»Aber das ist doch gar nicht möglich.« + +»Aber hier steht's ja noch einmal, gleich dahinter: von der ihm als +Arbeiter zufallenden Hälfte des Ertrags der Arbeit in usancemäßiger +Abtragung zu ersetzen.« + +»Was ist denn das?« + +»Usancemäßig? das ist, wie es dort gerade Gebrauch ist, mit der +Abzahlung nämlich, denn zum Leben müßt Ihr doch auch was haben, also +vielleicht die Hälfte oder das Viertheil von Eurem Verdienst. Begreift +Ihr?« + +»Das wär Recht,« nickte Behrens, »aber da ist noch ein fremdes Wort, was +ich nicht verstehe -- solidarisch --.« + +»Nun, das heißt weiter nichts, als daß Ihr für Eure Frau und Kinder +einsteht, damit die auch helfen die Schuld abzutragen.« + +»Nun, das versteht sich ja doch von selbst,« sagte Behrens. + +»Aber wißt Ihr was mir auffällt,« bemerkte der Schulmeister. »Erstlich +steht hier kein Wort davon, daß Ihr die Sonntage frei bekommt, und wenn +das auch bei uns Sitte ist, so weiß man doch nicht wie sie es drüben +machen, und jedenfalls gehört das mit in den Contract. Dann aber ist +auch noch das Wichtigste vergessen, und das könnte einen Haken haben.« + +»Das Wichtigste, Schulmeister?« + +»Jedenfalls eine Hauptsache, und die muß auch noch mit hinein, sonst +unterschriebe =ich= wenigstens den Contract nicht. Ein Haus werdet Ihr +natürlich kriegen, denn eine Wohnung gehört dazu, wenn man irgendwo +arbeiten soll; die erhält bei uns selbst ein Schulmeister, dem sie doch +alles Mögliche abzwacken, aber von einem =Garten= steht kein Wort darin. +Das vergeßt nicht, -- den macht Euch noch vorher aus, denn ein Garten +ist die Hauptsache -- und wenn er noch so klein wäre, wo Ihr Euch ein +paar Kaffeebäume und Palmen und Zuckerrohr, und ein bischen Indigo +vielleicht, pflanzen könnt. Den geben sie Euch auch. -- Und dann noch +eins, Behrens,« fuhr der Schulmeister fort, »schreibt mir einmal, wie es +Euch geht, und was Ihr treibt, hört Ihr wohl, das müßt Ihr mir +versprechen.« + +»Recht gern, Schulmeister, recht von Herzen gern,« erwiderte Behrens, +»wenn's auch bei mir nicht gerade vom besten mit Schreiben geht, denn +Sie wissen wohl, in =unserer= Zeit wurde noch nicht viel darauf +gehalten, so kann mein Mädel, die Johanna Marie, doch prächtig damit +fertig werden, und die soll schon einen Brief schreiben.« + +»Gut, Behrens, und vergeßt nur den Garten nicht; ein Stück Land müssen +sie Euch geben, das Ihr selber nur für Euch bauen könnt, -- wenn nicht +=so= viel übrig ist, wäre es auch nicht der Mühe werth daß Ihr hinüber +ginget.« + +»Ich will's nicht vergessen, Schulmeister, und ich dank Ihnen auch +vielmals für den Wink. -- Ich wußte wohl, daß ich mich bei Ihnen an den +rechten Mann wandte. Nichts für ungut, Frau Peters, daß ich gestört +habe, -- ich wollt's eigentlich nicht.« + +»Recht gern geschehen, Behrens,« sagte die Frau Schulmeisterin, die ganz +stolz darauf war was ihr Mann sagte. »Mein Schulmeister hilft ja recht +gern, wo er irgend kann, mit Rath und That.« + +»Werd's ihm nicht vergessen, -- und nun leben Sie wohl; ich will jetzt +gleich nach der Stadt hinein, daß ich heute Abend noch was abmachen +kann, und im schlimmsten Fall bleib ich dort über Nacht bei dem Andres, +dem Steffen seinem Jungen, der Kutscher ist und mir die Wohnung +angegeben hat. Recht vergnügten Abend allerseits,« -- und damit nahm er +seinen Hut, griff seinen Stock auf und wanderte mit rüstigen Schritten, +das eben Gehörte dabei wieder und wieder überlegend, die Straße hinab, +die nach der Stadt zu führte. Drüben im Feld arbeiteten die Leute, um +ihn her flogen und zwitscherten die Lerchen, die vaterländische Sonne +schien hell und warm auf seinen Pfad, aber er sah und hörte weder +Kameraden, noch Sonnenschein, noch wirbelndes Lerchengeschmetter, denn +Auge und Ohr weilte bei anderen Bildern und sein Herz war in Brasilien. + + + + +Zweites Capitel. + +Verschiedene Auskunft. + + +Die Stadt -- eine kleine Residenz in Thüringen -- lag ungefähr zwei +Stunden Wegs von Groß-Emmen entfernt, und Behrens, mit seinen Gedanken +beschäftigt, konnte sich nicht erinnern jemals so rasch hineingekommen +zu sein, wie heute. Er sah sich ordentlich erstaunt um, als er sich +zwischen den ersten Häusern fand, und doch erfaßte ihn auch wieder ein +ganz eigenes und beklemmendes Gefühl, das etwas Fremdes und +Unbehagliches für ihn hatte. + +War er bis jetzt je gewohnt gewesen selbstständig zu handeln? Nicht seit +der Zeit wo er seine Frau genommen, und selbst damals hatte =sie= +eigentlich mehr bei der Sache gethan, als er selber. Außerdem war er, +seit er die Schule verlassen, nur Tagelöhner bei fremden Leuten gewesen, +der die Arbeit eben that, zu der er gestellt wurde, ohne die geringste +Verantwortlichkeit dafür. Morgens zur bestimmten Zeit begann er damit, +-- Abends eben so wurde Schicht gemacht und Sonntags gefeiert, -- weiter +kannte er keine Abwechselung in seinem Leben. Jetzt aber trat dieses +selber an ihn heran. Aus seiner gewohnten Beschäftigung herausgerissen +und dadurch von dem bisherigen und regelmäßigen Einkommen abgeschnitten, +sollte er auf einmal selbstständig einen Entschluß fassen, der ihn weit +hinweg vom Vaterland über das große Weltmeer führte, und einer +ungewissen Zukunft in die Arme warf. Allerdings erfüllten ihn dabei die +größten Hoffnungen, -- aber =wenn= es mißlang? wenn er dann mit Frau und +Kindern unter fremden Leuten im Elend saß, und nicht wieder zurück +konnte in die alten Verhältnisse? Wer trug nachher die Schuld an seinem +Unglück und dem der Seinen? Nur er selber, und welche Vorwürfe hätte er +sich nachher machen müssen. + +Diese Gedanken quälten ihn unterwegs, aber sein Schritt zögerte deshalb +nicht. Es war, als ob er durch eine innere, unwiderstehliche Gewalt +vorwärts gedrängt würde. Wie von einem unbestimmten Etwas getrieben, +wanderte er die Straße hinab, und wollte eben in den Platz einbiegen, +auf welchem der Auswanderungsagent wohnte, als ihn eine Stimme von einem +Wagen herab anrief, daß er stehen blieb und sich überrascht umsah. + +»Hallo, Gottlieb!« rief es, »wo kommt Ihr denn heute in die Stadt? und +wie gehts daheim?« + +»Ei, Andres!« rief Behrens erfreut, wie er den Kutscher erkannte, der +jetzt neben ihm am Wege hielt. »Das ist mir lieb, mein Junge, daß ich +Dich finde. Wie gehts?« + +»Oh, gut geht's; aber wo wollt Ihr hin, Behrens?« + +»Nach Brasilien, Andres.« + +»Nach wohin?« + +»Nach Brasilien.« + +»Alle Wetter,« sagte der junge Bursch erstaunt, »weiter nicht?« + +»Ne, Andres; -- wie wär's, wenn Du mitgingst? -- Reise und Alles frei, +und die Schinderei hier zu End.« + +»Hm, Behrens, kommt doch einmal mit vorn auf den Bock; ich schaffe nur +den Wagen nach Haus und versorge die Pferde, und habe dann weiter nichts +zu thun, daß wir noch ein Wort zusammen reden können, -- heute kommt Ihr +doch nicht mehr hin.« + +»Nein, Andres,« sagte Behrens, »und morgen wahrscheinlich auch nicht, +aber ich fahr mit, denn es wär mir lieb, wenn Du mich nachher begleiten +könntest.« + +»Und unterwegs erzählt Ihr mir die ganze Geschichte,« sagte Andres, +während Behrens zu ihm auf den Bock stieg. + +So fuhren sie langsam der Wohnung des Doctor Maller, Andres' Brodherrn, +zu, und der Tagelöhner theilte jetzt dem Kameraden Alles mit, was seine +künftigen Pläne betraf, während dieser kein Wort dazu sagte, sondern nur +manchmal mit dem Kopf nickte oder schüttelte. + +Endlich langten sie bei der Wohnung des Doctors an. Behrens half die +Pferde mit ausschirren und in den Stall führen, wo ihnen Andres ihr +Futter gab, während der Mann ein paar Eimer Wasser holte. + +Wie sie fertig waren sagte Andres, der indessen in einem fort gepfiffen +hatte: »Hört einmal, Behrens, -- Ihr habt den Contract bei Euch, wie?« + +»Ja, Andres.« + +»Schön, -- mein Doctor ist zu Hause, ich habe ihn eben oben am Fenster +gesehen, -- der weiß Alles, ist auch schon einmal drüben in Amerika +gewesen, dem wollen wir das Papier zeigen, -- der kennt sich in solchen +Sachen aus.« + +»Ja, aber,« sagte Behrens, »was wird sich der um unser Einen kümmern; +der hat mehr zu thun.« + +»Laßt Ihr mich nur machen,« nickte aber Andres dem Freund zu, »wartet +hier einen Augenblick, ich bin gleich wieder da,« und ohne eine weitere +Einrede anzuhören, ging er quer über den Hof und in das Haus hinüber, +und kam auch schon nach kaum zehn Minuten mit der Meldung zurück, +Behrens solle nur hinaufgehen, der Doctor wäre oben und wolle sein +Anliegen hören. + +Dem Behrens schlug das Herz, aber der Doctor empfing ihn freundlich und +sagte: »Nun, mein Mann, Ihr wollt nach Brasilien hinüber? Das ist ein +wichtiger Schritt; habt Ihr Euch die Sache denn auch ordentlich +überlegt? Jemand, der hier in Deutschland sein Brod hat, sollte nicht +gerade leicht mit Frau und Kindern so ins Ungewisse hinübergehen.« + +»Ja, lieber Herr,« seufzte Behrens, »mit dem Brod ist das so eine Sache, +-- heute haben wir welches und morgen keins, und wenn ich einmal krank +würde --« + +»Dann glaubt Ihr wohl, giebt Euch Jemand in Brasilien was?« unterbrach +ihn der Doctor. »Aber Ihr sollt frei hinübergeschafft werden, wie ich +höre? Habt Ihr das Papier bei Euch?« + +»Ja, Herr Doctor, -- dies hier.« + +Der Doctor nahm es, las es aufmerksam durch und sagte dann: »Und =das= +Papier wollt Ihr unterschreiben? Wißt Ihr wohl, daß Ihr danach wie +verrathen und verkauft und einem ehrlichen Mann oder einem Schurken, +wie's gerade trifft, auf Gnade und Ungnade übergeben seid?« + +»Ja, aber, Herr Doctor,« sagte der Mann erschreckt. + +»Das ist ein sogenannter Parcerie-Vertrag,« fuhr der Doctor fort, »das +heißt ein Vertrag, wonach Ihr angeblich Mittheilhaber an dem Ertrag des +Gewinnes seid, der durch Eure Arbeit erworben wird, und hier steht +sogar, Ihr bekämt die =Hälfte= des Verdienstes; daß das eine Lüge ist, +könnt Ihr Euch doch wohl denken.« + +»Ja, aber da steht es doch schriftlich,« sagte Behrens scheu. + +»Bah!« rief der Doctor, »wo arbeitet Ihr jetzt?« + +»Beim Herrn Rittergutspachter Frommann.« + +»Nun gut. -- Denkt Euch einmal, Ihr hättet mit =dem= einen solchen +Contract gemacht. Nun beschäftigt Euer Pachter eine Menge von Leuten, +nicht wahr?« + +»Ja, Herr Doctor.« + +»Außerdem hat er ein großes Capital in dem Gut stecken; er hat viel +Vieh, Pferde, Rinder und Schafe, und manchmal verdient er viel damit, +manchmal hat er auch Unglück. Es fällt ihm ein Pferd, ein Rind, oder die +Ernte geräth einmal nicht, kurz, er hat viel Risico bei der Sache, d. h. +er wagt sein Vermögen daran, oder er nimmt dann auch wieder in manchem +Jahre sehr viel ein, was den Schaden deckt, -- nun soll er Euch für +=Eure= Tagelöhner-Arbeit die Hälfte seines Verdienstes geben?« + +»Ja, das ist aber auch wohl so nicht gemeint,« sagte Behrens. + +»Gewiß nicht,« erwiderte der Doctor, »aber trotzdem steht es da, und +auch nichts Anderes, nach dem man herausfinden könnte, =wie= diese +Hälfte gemeint ist, denn von einem bestimmten Tagelohn ist keine Rede. +Ihr seid also förmlich der Willkür Eures neuen Herrn überlassen, wobei +Ihr Euch noch außerdem verpflichten müßt, und zwar für Euch und Eure +Familie, seinen oder seines Verwalters =Befehlen= getreulich +nachzukommen. Der schlimmste Passus ist aber noch der letzte, wo es +heißt, daß Ihr während der Dauer des ganzen Contracts, also auf eine +ganz unbestimmte Zeit hinaus, denn es ist gar keine Dauer festgesetzt, +Eure =ganze= Zeit und Aufmerksamkeit dem Euch übertragenen Dienst zu +widmen habt, also nicht eine Minute derselben für Euch selber arbeiten +und nur das Nothwendigste verrichten könnt. Unterschreibt Ihr =das= +Papier, so seid Ihr nichts als ein Sclave, und es kann Euch nachher +Niemand mehr helfen.« + +»Ja,« sagte Behrens schüchtern, »das hat unser Schulmeister auch +gemeint, daß wir die Sonntage frei und einen Garten haben müssen, in dem +wir uns selber Kaffee und Zucker bauen könnten.« + +»Lieber Freund,« seufzte der Doctor, »Ihr schleppt eine Menge +phantastischer Ideen im Kopf herum, und Euer Schulmeister scheint Euch +noch darin bestärkt zu haben.« + +»Aber wenn das nun in den Contract kommt.« + +»Aber bester Mann, =ist= das ein Contract?« rief der Doctor. »Ihr seid +unglückselige Menschen. Wenn Ihr nur ein beschriebenes Papier bekommt, +das Ihr unterschreiben könnt, so bildet Ihr Euch nachher gewöhnlich ein, +Ihr hättet einen =Contract= gemacht und könntet nun nicht mehr betrogen +werden. In diesem Papiere, obgleich hier fälschlicher Weise steht +»»während der Dauer des =Contracts=««, und hier oben »»der +=contractlich= eingegangenen Verpflichtung««, ist von einem Contract +weiter gar nicht die Rede, als daß jene Person, der Ihr überliefert +werdet, das Geld zahlt, um Euch in die Hände zu bekommen, und dann +nachher mit Euch machen kann was sie will. -- Außerdem,« fuhr der Doctor +fort, als Behrens betroffen schwieg, »wißt Ihr aber auch noch gar nicht +einmal, wie viel die Reise für so viele Personen kosten kann, -- wie +viel Euch wenigstens dafür aufgeschrieben wird, und seid nicht sicher +eine Schuldenlast auf den Hals zu bekommen, an der Ihr Eure besten +Lebensjahre arbeiten mögt, um sie wieder abzuschütteln. Nein, Freund, -- +es ist mir lieb daß ich einmal einen solchen Parcerie-Vertrag in die +Hände bekomme; ich habe bis jetzt viel darüber gehört und gelesen, aber +noch nie einen gesehen. Jetzt begreife ich die Entrüstung die darüber +herrscht, denn es ist in der That nichts, als ein Menschenhandel, und +Alle, die sich damit befassen, sollten als Seelenverkäufer gebrandmarkt +werden.« + +»Aber der Herr, mit dem wir es zu thun bekommen, soll ein ganz braver, +ehrlicher Mann sein,« sagte Behrens leise. + +»Und woher wißt Ihr das, oder woher weiß =der= das,« rief der Doctor, +»der Euch das gesagt hat? denn hier in dem Wisch steht nur, daß der +Agent in Antwerpen -- und Antwerpen gerade ist der verrufenste Ort für +derartige Agenturen -- mit =irgend= einem Plantagenbesitzer einen +Contract über Euch abschließen soll, bei dem =Ihr= dann natürlich gar +nicht mehr gefragt werdet.« + +»Ja, aber --« + +»Das =kann= ein ehrlicher Mann sein, ja,« fuhr der Doctor fort, »ich +gebe auch zu, daß ein solcher =Contract= in einzelnen Fällen ehrlich +gemeint sein mag: daß manchem großen Plantagenbesitzer wirklich daran +liegt, gute und brauchbare Kräfte auf sein Land zu bekommen, und der sie +nachher nicht allein gut behandelt, sondern ihnen auch einen +entsprechenden Lohn für ihre Arbeit giebt, damit sie in einer bestimmten +Zeit, und zwar in einer Zeit, die sie selber berechnen, wieder frei und +unabhängig von ihm werden. Aber warum heißt es da nicht: Du bekommst so +und so viel für den Tag Arbeit, und machst Dich nur verbindlich bei +keinem Anderen in Dienst zu treten, bis Du das Geld, was ich für Dich +ausgelegt habe, wieder abverdient hast? Aber das wollen die Herren gar +nicht. Es liegt ihnen nicht allein daran Arbeiter in ihr weites Land zu +bekommen, nein, sie wollen sich die Leute auch speciell sichern und an +ihnen =verdienen=, und das eben ist nachher das Unglück für den armen +Arbeiter selber, der vielleicht etwas vor sich bringen könnte, wenn ihm +die Hände nicht gebunden wären. Ja, selbst den Fall genommen =daß= er es +ehrlich meint, wer steht Euch denn dafür, daß er nicht plötzlich stirbt +und sein Besitzthum an einen gewissenlosen Verwandten oder Fremden +übergeht? =Ihr= seid dann für =diesen= so gut gebunden, wie für Jenen, +Ihr geltet nur als Inventar, denn Ihr habt Eure Schulden noch nicht +abbezahlt, und müßt aushalten bis das geschehen ist, so lange es auch +dauern mag.« + +»Aber Herr Doctor,« sagte Behrens, der ganz bestürzt geworden war, denn +das, was ihm =der= Herr hier sagte, warf des Schulmeisters ganze +Lobreden wieder um, und er hatte nur noch das Eine, an das er sich +anklammern konnte -- »mein Bruder ist ja auch die langen Jahre drüben in +dem Brasilien, und dem geht's so gut dort. Er hat mir ja auch +geschrieben, daß ich nur sobald als möglich zu ihm kommen soll.« + +»So? --« frug der Doctor, »wo ist denn Euer Bruder?« + +»In der Colonie Blumenau« sagte der Mann. + +»Und dann wollt Ihr Euch nach der Provinz Minas Geraes schicken lassen, +wie es hier in dem Contract steht? -- und wißt dabei noch nicht einmal, +in welchen Theil desselben, denn die Provinz ist riesengroß und läuft in +die heißesten Districte hinauf. Das ist reiner Wahnsinn. -- Aber lieber +Freund -- es thut mir leid -- meine Zeit ist beschränkt, und ich muß +jetzt einen Besuch bei einem gefährlichen Kranken machen, den ich nicht +länger aufschieben kann. Ich bin auch nicht im Stande Euch einen anderen +Rath zu geben als: Unterschreibt =das= Papier auf keinen Fall. Wollt Ihr +zu Eurem Bruder nach Blumenau, so müsset Ihr nach der Insel Santa +Catherina gehen, von wo sich häufig Gelegenheit findet. In der Provinz +Minas Geraes seid Ihr beinah noch so weit von dort entfernt, wie hier in +Deutschland, könntet wenigstens eben so leicht oder so schwer dorthin +kommen, wie von hier ab auch. Dorthin wird Euch aber wohl Niemand +Passage geben, und wenn Ihr denn durchaus hinübergehen =wollt= und +denkt, daß Ihr dort Eure Umstände verbessert, so laßt Euch auch einen +wirklichen Contract aufsetzen, in dem deutlich geschrieben steht, an +welchen Ort und zu welchem Herrn Ihr kommen sollt -- nicht auf's +Gerathewohl, wie hier steht: auf eine Colonie in der Provinz Minas +Geraes. Und wie viel =Tagelohn= Ihr für Euch und Eure Leute zu erwarten +habt, bis das Vorgeschossene abverdient ist, muß ebenfalls fest und +deutlich in dem Papier angegeben werden. Nachher seht Ihr ein Ende vor +Euch, und könnt selber etwa berechnen, was Ihr verdient habt und wie +lange Eure Dienstzeit dauert.« + +»Nun, ich danke Ihnen auch schön, Herr Doctor, für Ihre Freundlichkeit,« +sagte Behrens, »ich will mir gewiß merken was Sie gesagt haben, und mit +dem Herrn das ausmachen.« + +»Thut das,« sagte der Doctor, »aber laßt Euch auch nicht wieder breit +schwatzen, -- =solche= Contracte könnt Ihr alle Tage machen,« und damit +nahm er seinen Hut und verließ das Zimmer, während Andres, der bei der +ganzen Unterredung kein Wort gesprochen und nur immer, wenn der Doctor, +sein Herr, etwas sagte, zustimmend mit dem Kopf genickt hatte, seinen +Landsmann beim Ärmel ergriff und mit ihm langsam die Treppe hinunter und +wieder auf den Hof ging. + +»Siehst Du,« flüsterte er ihm dabei zu, »das ist ein Herr der Haare auf +den Zähnen hat, und der verstehts. Was =der= sagt hat Hand und Fuß, und +man kann schnurstraks darauf hingehen. Das sind faule Fische mit dem +Papier; da darfst Du Dich nicht darauf einlassen.« + +»Weißt Du was, Andres,« nickte da Behrens, der nachdenkend, sein Kinn +mit der rechten Hand streichend, im Hof stehen geblieben war und vor +sich niedergesehen hatte, »Du hast doch Alles mit angehört was der Herr +Doctor gesagt, und kannst es mir bezeugen, und nun komm einmal mit zu +dem Herrn der die Schrift besorgt, und dann wollen wir mit ihm sprechen, +und ihm die Sache auseinandersetzen, daß es so nicht geht. Wie?« + +»Meinetwegen,« sagte Andres, »ich geh' auch mit. Zwei sind immer besser +als Einer, denn was der Eine nicht weiß, das fällt dem Anderen ein. Also +komm, Gottlieb, dem wollen wir die Sache gleich besorgen.« + +Und die beiden Freunde gingen langsam die Straße hinunter und dem Hause +zu, in welchem der besagte Herr wohnte. + +Da hörten sie rechts von sich in einer engen Seitengasse lautes Jubeln +und Singen, und als sie erstaunt stehen blieben, um dem ungewohnten +Geräusch zu horchen, sahen sie einen kleinen Trupp Menschen den engen +Weg herunter kommen, die auf das Wunderlichste aufgeputzt gingen. + +Es waren etwa zehn oder zwölf junge Burschen; von vielleicht achtzehn +oder neunzehn Jahren, Bauernsöhne wahrscheinlich ihrem ganzen Aussehen +nach, die, von irgend einem Gelage kommend, mit gerötheten Gesichtern +und fröhlich und keck blitzenden Augen Arm in Arm durch die Straßen +wanderten. Sie trugen auch noch ihre heimischen Bauerntrachten, kurze +Jacken und lederne Hosen, aber dazu aufgekrämpte Hüte mit künstlich +gemachten ordinären Blumen daran, mit Glasperlen und unächtem Schmuck, +und auf den Schultern einläufige Pirschbüchsen oder Doppelflinten, und +Hirschfänger an den Seiten, als ob sie zu irgend einem Freicorps +gehörten und augenblicklich in den Krieg ziehen wollten. Dazu sangen sie +-- mit oder ohne Harmonie, was kam darauf an, -- ein wildes, jubelndes +Lied, und neugieriges Volk hatte sich ihnen von allen Seiten +angeschlossen, so daß die Menschenmenge die ganze Straße füllte. + +Behrens und Andres blieben stehen um sie vorbei zu lassen, und als sie +näher kamen, konnten sie auch Beide die Worte des Liedes unterscheiden, +die ihnen bald keinen Zweifel mehr ließen, wen sie vor sich hätten. + + »Halli, Hallo! Brasilien ist nicht weit von hier, + Halli, Hallo! Brasilien ist nicht weit.« + +klang der Refrain, und bald darauf setzte wieder eine tiefe Baßstimme in +Solo ein: + + »Ade, ade, mein liebes Vaterland, + Ade, ade, nun lebe ewig wohl! + Was fragen wir nach Gut und Geld, + Wir wandern fröhlich in die Welt, + Brasi--lien ist unsre Seligkeit! + Halli, Hallo! Brasilien ist nicht weit von hier! + Halli, Hallo! Brasilien ist nicht weit!« + +Es war ein ganz eigenes Gefühl das Behrens durchzuckte, als er die Worte +hörte, die ihm wie aus der eigenen Seele heraustönten, und fast +unwillkürlich rief er die ihm Nächsten an: »Heda, Kameraden, -- wollt +Ihr =auch= nach Brasilien?« + +»=Auch= nach Brasilien? na, versteht sich,« lachte einer der jungen +Burschen zurück, indem der Schwarm Halt machte. »Gehst Du auch mit, +Kamerad? Das ist Recht. Halli, Hallo! Brasilien ist nicht weit von +hier!« + +»Na,« seufzte Behrens, »weit ist's doch wohl, aber was kann's helfen; +die Reise nimmt ja auch einmal ein Ende.« + +»Da hast Du Recht, alter Junge!« jubelte Einer der Burschen, »und +nachher leben wir, wie der liebe Gott in Frankreich. Mit welchem Schiff +gehst Du?« + +»Ja, ich weiß noch nicht,« sagte Behrens, über die vertrauliche Anrede +des jungen Volks weniger erstaunt, als über die bestimmte Voraussetzung +seiner Reise, denn des Doctors abmahnende Worte hatten ihn doch wieder +ganz schwankend gemacht. + +»Und von welchem Hafen aus?« + +»Doch wohl von Antwerpen, wie der Ort heißt.« + +»Hurrah, ein Reisegefährte!« jubelte die Schaar. »Komm her, daß wir Eins +zusammen trinken. Nun hat die elende Schinderei daheim ein Ende, und wir +kommen ins Paradies.« + +»Ins Paradies?« Das stimmte freilich nicht mit dem, was Behrens von dem +Doctor gehört, aber er konnte auch nicht der fröhlichen Einladung +folgen, denn geschenkt mochte er nichts nehmen, und Geld zum Vertrinken +hatte er noch nie im Leben gehabt. + +»Ich kann nicht,« sagte er deshalb freundlich, »ich muß erst noch meinen +Contract in Richtigkeit bringen, daß ich mit komme; aber wohin geht +Ihr?« + +»In den Löwen; so komme nachher hin, daß wir den Abend beieinander sind! +Hurrah, Brasilien soll leben!« + +Und mit dem Halli, Hallo! des neu beginnenden Liedes setzte sich die +Schaar wieder in Bewegung und marschirte die Straße hinab, dem ihrem +neuen Reisegefährten bezeichneten Wirthshaus zu. + +Behrens blieb mit seinem Begleiter, als ihn die Schaar verlassen hatte, +noch eine ganze Weile wie betäubt auf der Straße stehen, denn wie ein +Traum, wie ein Gruß aus der fernen, fabelhaften Welt, die er bis jetzt +nur in seinen Träumen gesehen, kam ihm das Ganze vor. Ein Paradies! -- +und er selbst war im Begriff, dorthin aufzubrechen, -- aber wer hatte +nun Recht? Das junge, jubelnde Volk, vor dem das Leben noch offen lag +und ihm nur seine bunten Bilder zeigte, oder der alte mürrische Herr, +der voll Mißtrauen hinausblickte? Behrens wußte es nicht, und nur +unwillkürlich legte er seine Hand wieder in Andres Arm und schritt mit +ihm die Straße hinunter, dem Hause des Auswanderungsagenten zu. + + + + +Drittes Capitel. + +Herrn Kollboeker's Comptoir. + + +Sie brauchten nicht so lange mehr zu gehen, als sie das Haus, oder +vielmehr das »Comptoir« des Agenten vor sich sahen, denn er selber +wohnte draußen in einer kleinen Spelunke der Vorstadt, und hatte sich +nur im »Geschäftstheil« der Residenz ein Local gemiethet, um inmitten +des Verkehrs zu sein und sich keine »Gelegenheit« entgehen zu lassen. + +Die Thür war auch kenntlich genug durch eine Anzahl von Schildern +bezeichnet, die den verschiedensten Lebenszwecken zu dienen schienen. +Den Mittelpunkt derselben bildete freilich ein großes, über der Thür +angebrachtes und in Öl ausgeführtes Gemälde, das ein großes, +dreimastiges Schiff unter vollen Segeln aber bei dem Winde zeigte. +Plätschernde Wellen erhoben sich darum her, aber still und unbewegt +verfolgte das Fahrzeug seine Bahn und eine Anzahl von Personen in rothen +Hemden, die über Bord hinaus auf das Meer sahen, sollten andeuten, daß +es reichlich mit Passagieren besetzt sei, die eine ruhige Fahrt nach +einem fernen Welttheil hatten. + +Das Schiff selber führte eine Bremer Flagge, -- die roth und weißen +Streifen und Quadrate, -- darüber aber im blauen Himmel stand deutlich +mit goldenen Buchstaben: + + =Schiffsgelegenheit nach allen Welttheilen=, + +und wie um das zu illustriren, waren links und rechts von der Thür noch +große Tafeln aufgehangen, auf welchen die verschiedensten Reisen nach +Nordamerika, Australien und Brasilien specificirt wurden. + +Außerdem schien aber Herr Kollboeker, wie der Auswanderungsagent hieß, +noch außerordentlich vielseitig in anderen Geschäftszweigen. Er hatte +die Agentur für Sächsische Renten-, Berliner und Gotha'sche +Lebensversicherung, ebenso eine Niederlage von Daubitz's Kräuterliqueur +und aromatischer Gichtwatte, und Behrens wurde ganz irr an den vielen +Schildern, die überall die Wand und sogar die aufgeschlagenen +Fensterladen bedeckten. Aber es konnte nichts helfen, hinein mußte er +doch, denn die Zeit verging, und nachdem er und Andres -- während die +Beiden indessen von drinnen durch ein paar junge kichernde Leute +beobachtet waren -- eine Weile die verschiedenen Placate +durchbuchstabirt hatten, sagte Behrens, seines Begleiters Arm +ergreifend: »So komm, Andres, hier werden wir doch nicht draus klug und +drinnen müssen wir ja erfahren woran wir sind. Da oben ist ja auch das +Schiff gemalt, mit dem wir fahren sollen, -- guck einmal wie groß es +ist; das sieht ordentlich gefährlich aus -- und so weit übers Wasser muß +man damit.« + +Behrens schüttelte freilich mit dem Kopf, als er das Haus betrat; es war +ihm noch so vieles bei der ganzen Sache, von der er sich gar keine +richtige Idee machen konnte, unerklärlich, und er fühlte ordentlich das +Bedürfniß, endlich einmal Jemanden darüber zu hören, der Alles ganz +genau wußte. + +Gleich rechts im Hausflur war eine Thür, an welcher auf einem ovalen +schwarzen Schild das Wort stand: »Comptoir«, aber weiter befand sich +kein Name oder sonstiges Abzeichen daneben, und die Beiden zögerten +noch, ob sie hier anklopfen sollten, als die Thür aufging und ein +blutjunger Mensch mit auf der Mitte gescheitelten fuchsrothen Haaren +heraussah. + +»Wollen Sie zu der Auswanderungs-Agentur?« + +»Ja wohl«, nickte Behrens. + +»Na, da kommen sie nur hier herein, -- hier ist's.« + +Beide betraten das Zimmer. Es war ein nicht sehr großes und etwas +düsteres Gemach. In der Mitte stand ein hohes, doppeltes Schreibpult aus +polirtem Erlenholz, an dem an jeder Seite zwei Menschen arbeiten +konnten, und an den Wänden waren eine Menge Gefache angebracht, in +welchen die verschiedenartigsten Dinge lagen: kleine Broschüren, +Papiere, etiquettirte Flaschen, Packete und Gott weiß was sonst noch. An +den Wänden aber hingen, wo nur noch irgend ein Platz frei geblieben, +Fahrpläne von Eisenbahnen und Dampfschiffen, eine große Karte mit den +beiden Erdhälften und andere von Australien, Südamerika, Brasilien, +Nordamerika, Rußland und Ungarn, denn Herrn Kollboeker's Thätigkeit war +eine sehr ausgebreitete, und er schaffte Menschen fort, wohin sie eben +wollten, oder -- wohin er sie gerade bereden konnte. Hatte er doch +intime Verbindungen in allen Theilen der Welt, wenn er auch alle Theile +der Welt nur dem Namen nach kannte. + +Herr Kollboeker selber war leider gerade nicht zu Hause, und die beiden +jungen Herren im Comptoir, -- wahrscheinlich ein paar Lehrlinge, junge, +aufknospende Auswanderungs-Agenten, die ihren Ehrgeiz darin setzten, +später ebenfalls ein volles Schiff unter Segeln über ihrer eigenen Thür +gemalt zu sehen, -- schienen die freie Zeit benutzt zu haben, um an die +Fenster zu hauchen und unmögliche menschliche Figuren darauf zu +zeichnen. Beide trugen aber Federn hinter den Ohren, als Zeichen, daß +sie jeden Augenblick zu deren Dienst bereit wären, und der Ältere von +ihnen, der den Beiden auch die Thür geöffnet hatte, nahm jetzt das Wort +und sagte: »Nun, Gevatter, wie geht's? Wollt Ihr nach Amerika oder nach +Australien und Gold graben? Jetzt ist die Gelegenheit günstig; in der +nächsten Woche geht ein Schiff.« + +»Ist Herr Kollboeker nicht zu Haus?« frug Behrens, der durch die +vertrauliche Anrede »Gevatter« etwas stutzig geworden war, denn er hatte +den jungen Burschen, so weit =er= sich erinnerte, noch in seinem ganzen +Leben nicht gesehen. + +»Nein, Herr Kollboeker ist ausgegangen. Kann ich es nicht besorgen, wenn +Ihr über irgend etwas Auskunft wünscht?« + +»Ich weiß doch nicht,« sagte Behrens, »ich -- ich komme wegen der Reise +nach Brasilien.« + +»Nach Brasilien, so? Wo seid Ihr denn her?« + +»Von Groß-Emmen.« + +»Ach, das ist die Familie, die mit der Rosalie nach Porto Seguro soll,« +sagte der Jüngste, »wie heißt Ihr denn?« + +»Behrens -- Carl Gottlieb Behrens.« + +»Ja, ganz Recht. Ihr habt ja wohl noch Euren Contract zu +unterschreiben.« + +»Ja -- aber -- ich wollte doch vorher gern erst noch einmal mit dem +Herrn Kollboeker sprechen.« + +»Ach, das ist nicht nöthig,« sagte der junge Mann mit den rothen +gescheitelten Haaren, »das können wir auch besorgen. Habt Ihr den +Contract mitgebracht?« + +»Den hätt' ich schon,« meinte Behrens, indem er in die Tasche griff und +das Papier herausholte, »aber --« + +»Da kommt Ihr in ein prachtvolles Land,« nahm der Kleinste die +Unterhaltung wieder auf, »Donnerwetter, da muß es himmlisch sein, -- wo +haben Sie denn den Brief, Meier, in dem die Beschreibung steht?« + +»Dort auf dem Pult liegt er,« sagte Herr Meier, indem er selber darnach +unter einem Haufen von Papieren herumwühlte und auch bald einen großen, +auf bläulichem, sehr dünnem Papier eng geschriebenen Brief zum Vorschein +brachte. »Ja, allen Respect, das muß ein Land sein, Kaffee, Vanille, +Cacao, Alles wächst da wild, die Apfelsinen kann sich Jeder von den +Bäumen schütteln, wo er nur will, und Ananas, wo hier das Stück drei +Thaler kostet, wachsen wie bei uns die Kohlrüben und die Runkeln.« + +»Und dort in den Bergen haben sie auch neulich die großen Diamanten +gefunden, und ein Deutscher soll beim Graben einen Goldklumpen von zwei +Pfund Gewicht herausgeschaufelt haben.« + +»Hm,« sagte Andres, der dem Allen aufmerksam zugehört hatte, »das ist +aber merkwürdig; und da zahlen Sie Einem noch Geld, wenn man nur +hingeht?« + +»Jawohl,« nickte Herr Meier, »weil es dort an ordentlichen deutschen +Bauern fehlt, die was von der Landwirthschaft verstehen. Die Kerle sind +da so dumm, und wissen gar nicht, was sie mit ihren Feldern anfangen +sollen.« + +Behrens hörte das Alles wie in einem halben Traum; es war ihm, als ob er +von einem Zauberland sprechen, ein Märchen erzählen höre, und er konnte +es sich kaum denken, daß er selber im Begriff stehe dort hinüber zu +gehen und das Alles mit eigenen Augen zu sehen und zu erleben, -- aber +der Contract, -- + +»Ja,« sagte er verwirrt, »das ist Alles gewiß ganz wunderschön und +herrlich, aber ich -- ich muß doch vorher noch einmal mit dem Herr +Kollboeker sprechen, denn --« + +»Ach, da kommt er selber,« rief Herr Meier, der dabei zugleich hinter +das Schreibpult an seinen Platz glitt und die Feder eintunkte; auch der +Kleine war blitzschnell an seinen »Marterpfahl« gefahren, wie er den +Ort, wo er zu arbeiten hatte, gewöhnlich nannte, wenn der Principal +nicht zugegen, und beide jungen Leute schienen, als der Agent im +nächsten Augenblick das Zimmer betrat, so emsig mit dem Copiren einiger +Briefe beschäftigt, daß sie sein Kommen fast gar nicht bemerkten. + +»Herr Kollboeker,« sagte Meier, von seinem Brief aufsehend, »da ist +Behrens aus Groß-Emmen, der schon eine Weile auf Sie wartet, und Sie zu +sprechen wünscht.« + +Herr Kollboeker, der, ohne seinen Hut abzunehmen in das Zimmer getreten +war und sehr eilig zu sein schien, sah über die Achsel nach den beiden +Leuten hinüber und nickte, während er ein Packet Schriften auf den Tisch +legte: »Oh, Behrens, das ist gut daß Ihr heute herein gekommen seid; es +wird die höchste Zeit, und ich glaubte schon, Ihr wolltet Euch die +Gelegenheit entschlüpfen lassen, ein brasilianischer Pflanzer zu +werden.« + +»Ja, Herr Kollboeker, -- ich möchte Sie nur noch um Eins fragen,« sagte +der durch das geschäftsmäßige Benehmen eingeschüchterte Mann. Herr +Kollboeker hörte aber vor der Hand nicht auf ihn. + +»Sind Briefe angekommen während ich fort war?« + +»Ja, Herr Kollboeker,« sagte Meier, mit der Feder nach den auf dem Pult +liegenden deutend. + +Der Agent nahm sie in die Hand, es waren drei, -- einen davon warf er +wieder zurück. »Wie oft habe ich Ihnen schon gesagt, daß unfrankirte +Briefe refüsirt werden.« + +»Ich habe das Porto noch nicht dafür gezahlt.« + +»Gut, er geht zurück, -- das fehlte auch noch: man hat mit den +Geschäften anderer Leute schon Auslagen genug an Geld. Nun, Behrens, was +wolltet Ihr mir sagen?« frug er den Mann, ohne ihn aber anzusehen, denn +er hatte den einen Brief erbrochen und fing an, darin zu lesen. + +»Ja, Herr Kollboeker, -- wegen des Contracts wollte ich Ihnen gern noch +etwas sagen, -- denn eigentlich ist es doch gar kein Contract, sondern +nur eine Verpflichtung --« + +»Nun, steht das nicht auch darüber?« frug der Agent, ohne von seinem +Brief aufzusehen. + +»Ja, allerdings, -- aber -- ich habe da mit einem Herrn Doctor +gesprochen, und der meinte --« + +»So? mit einem Herrn Doctor?« frug Kollboeker, den Mann ansehend, »und +war der Herr schon einmal in Brasilien?« + +»Nein, in Brasilien war er noch nicht.« + +»Aha, und was weiß er denn nachher davon?« rief der Agent, »etwa mehr +als =wir= hier, die täglich Briefe und Zeitungen von dorther bekommen, +und das Land so genau kennen, wie unsere eigenen Taschen, heh?« + +»Aber der Herr Frommann, unser Rittergutspachter --« + +»=Der= hat Euch abgeredet, fortzuziehen, nicht wahr?« rief Herr +Kollboeker triumphirend aus, »na, das versteht sich doch von selbst, +denn daß es =den= Herren nicht recht ist, wenn ihre =Knechte= selber +einmal =Herren= werden, läßt sich denken. Wo sollen sie denn nachher die +Arbeiter hernehmen, wenn die Leute erst merken, daß sie nur über See zu +fahren brauchen, um selbständige Guts=besitzer= zu werden, nicht blos +Pachter. Also der hatte auch etwas dagegen einzuwenden? Es ist doch +wirklich merkwürdig, was es für gescheidte Leute auf der Welt giebt,« +und verächtlich mit dem Kopf schüttelnd, fuhr er in der Lectüre seines +Briefes weiter fort. + +»Abgeredet hat er mir eigentlich nicht«, sagte Behrens, »aber der Herr +Doctor meinte, es wäre eigentlich gar kein Contract, und dann besonders +die Stelle, wo von der ganzen Zeit und Aufmerksamkeit steht --« + +»Kein Contract?« fuhr aber jetzt Herr Kollboeker auf -- »so soll ich mich +etwa heute auch noch mit Euch herumärgern, heh? -- Was ist denn das, +wenn Einer das Geld hergiebt und der Andere verspricht nachher dafür zu +arbeiten, bis es abverdient ist, heh? -- Was sind denn Eure +Miethcontracte auf dem Lande, wo so ein armer Teufel von Ochsenknecht +lumpige achtzehn oder zwanzig Thaler für's ganze =Jahr= bekommt und sich +dafür das ganze geschlagene Jahr von Morgens früh drei oder vier Uhr bis +Abends Glock sieben schinden und plagen und das Fleisch von den Knochen +herunterarbeiten muß? Sind die etwa was Anderes und findet Ihr hier nur +einen einzigen von all den großmäuligen Rittergutsbesitzern und +Pachtern, die Euch nur so viel hundert =Groschen= vorschössen, um Euch +zu einem bessern Leben zu verhelfen, als Ihr hier =Thaler= bekommt? Hab' +ich Recht oder nicht?« + +»Ach ja, Herr Kollboeker, wahr ist's schon und läßt sich Nichts dagegen +einwenden; wenn man nur einmal zehn Groschen Lohn voraus haben will, so +muß man vor Gott und nach Gott darum bitten, und kriegt's dann gleich in +der nächsten Woche wieder bei Heller und Pfennig abgezogen.« + +»Na also -- und was wollt Ihr sonst noch?« + +»Ja«, sagte Behrens verlegen -- »eins liegt mir doch noch auf dem Herzen, +und ich wollte Sie dringend darum gebeten haben.« + +»Und das ist?« frug Herr Kollboeker, indem er den zweiten Brief hernahm +und aufbrach. + +»Ich wollte doch gern,« fuhr Behrens der sich ein Herz faßte, fort, »so +nah wie möglich dorthin nach Brasilien kommen, wo mein Bruder drüben +ist.« + +»So? Ihr habt schon einen Bruder drüben? und wo steckt denn der?« + +»In der Colonie Blumenau.« + +»Na da geht doch hinüber,« meinte Herr Kollboeker kurz -- »es hindert +Euch Niemand daran. Dorthin gehn immer Schiffe.« + +»Wo man seine Passage auch abarbeiten kann?« frug Behrens rasch. + +»Ne,« lachte Herr Kollboeker, daß das kleine Comptoir dröhnte -- »wenn +Ihr direkt dahin wollt, müßt Ihr Eure Passage selber bezahlen. Aber seid +Ihr unbehülfliches Volk,« rief er, indem er seinen Brief auf das Pult +warf und sich gegen die an der Wand hängende kleine Weltkarte wandte. +»Seht einmal hier,« fuhr er fort, und zeigte mit seinem Finger auf einen +Platz auf dem Behrens gar Nichts erkennen konnte, als buntgemalte aber +ihm vollkommen unverständliche Linien »hier ist Blumenau wohin =Ihr= +gern wollt, und wo Euer Bruder sein soll, und hier gleich darüber, kaum +mehr wie ein =Zoll= davon entfernt, fängt die Provinz Minas Geraes an, +wohin Euer Contract lautet, nachdem Ihr unentgeldlich hinübergeschafft +werdet.[3] Verlangt Ihr =noch= mehr? und wenn Ihr dort Eueren Contract +abgearbeitet und Geld in der Tasche habt, hindert Euch denn etwa wer, +die kurze Strecke da hinunter zu gehen und Euch anzusiedeln wo Ihr Lust +habt? -- Es ist rein zum Verzweifeln wenn Menschen etwas nicht einsehen +wollen, was =so= sonnenklar auf der offenen Hand liegt.« + +»Aber der Herr Doctor,« sagte Behrens schüchtern, »meinte, die Provinz +wäre so sehr groß.« + +»Na, wenn Euch das genirt, ob die Provinz groß oder klein ist,« rief +Herr Kollboeker, indem er wieder zu seinem Pult ging, »dann bleibt doch +meinetwegen in Deutschland -- was liegt =mir= dran. Der Herr Doctor wird +dann wahrscheinlich für Euch sorgen, damit es Euch hier an Nichts fehlt +und Ihr leben könnt, wie der liebe Gott in Frankreich.« + +»Ja du lieber Gott,« seufzte der Mann, der damit an sein Elend zu Haus +erinnert wurde -- »für Unsereinen sorgt auch Jemand, wenn wir es nicht +selber thun können. Also Sie meinen wirklich, daß es nicht so weit von +da wäre, wo mein Bruder ist?« + +»Na, =ich= habe die Karte doch nicht gemacht,« sagte Herr Kollboeker, +»die lassen die Regierungen selber ausarbeiten und was da drauf steht, +=ist= richtig und muß richtig sein -- Und ist sonst noch etwas, das Ihr +auf dem Herzen habt?« + +»Ja sehen Sie, Herr Kollboeker,« sagte Behrens, da der Agent das Erstere +als beseitigt zu betrachten schien, »wenn Sie nur einmal so gut sein +wollten, den letzten Satz durchzulesen, der da im Contract steht. -- +Bitte schön.« + +»Nun was ist mit dem?« + +»Ja, da steht, so lange der Contract dauerte, sollten wir Alle mit +einander für unsern Brodherrn in einem fort arbeiten?« + +»Nun? -- versteht sich denn das nicht von selbst?« + +»Ja, in der Woche gewiß -- aber doch Sonntags« -- + +»Dummes Zeug -- glaubt Ihr denn, daß in Brasilien Sonntags gearbeitet +wird?« rief Herr Kollboeker -- »das ist ja ein streng katholisches Land +und hat noch außerdem eine Masse Fest- und Feiertage, die Euch ebenfalls +zu Gute kommen --« + +»Danke Ihnen,« sagte der Mann -- »aber von einem Gärtchen steht kein +Wort drin, -- ein klein Stückchen Land müßte unser Einer doch haben, +damit er sich selber ein wenig Gemüse bauen und ein paar Hühner und +Schweine halten könnte. Das haben wir ja sogar hier in Deutschland +gehabt, wo das Land so theuer ist.« + +»Du lieber Gott,« lachte Herr Kollboeker gerade heraus -- »das macht +Euch doch etwa keine Sorge -- ein Stück Land, wo der ganze Acker ein +paar Thaler kostet? Lieber Freund, das sollt Ihr haben, und das will ich +Euch, auf eigene Verantwortung auch noch in den Contract setzen, in +sofern Euch das beruhigen sollte. Gebt einmal her -- da ist ja gleich +noch Platz. »Der besagte Carl Gottlieb Behrens erhält von seinem neuen +Brodherrn auch noch ein Stück Land zur eigenen Bebauung angewiesen, um +sich darauf einen Garten anlegen zu können.« So, seid Ihr jetzt damit +zufrieden?« + +»Ich danke Ihnen recht vielmals, Herr Kollboeker, damit ist mir ein +großer Stein vom Herzen. Wissen Sie, unser Einer ist an sein kleines +Gärtchen gewöhnt, und es würde uns hart anthun, wenn wir es in dem +fremden Land missen sollten.« + +»Ei versteht sich von selbst, Behrens, versteht sich von selbst; aber +Ihr müßt mich entschuldigen -- ich habe noch sehr viel zu thun. Wenn Ihr +also weiter nichts zu bemerken habt, so könnt Ihr ja den Contract +unterschreiben und da lassen -- da ich doch morgen Briefe nach Antwerpen +schicke.« + +»Ja, Herr Kollboeker,« sagte Behrens etwas bestürzt, denn das kam ihm zu +rasch, und so weit war er noch nicht einmal mit sich im Reinen, ob er +überhaupt gehen wollte oder nicht, »so geschwind geht's doch freilich +nicht. Es ist gar so ein wichtiger Schritt, den ich vorher noch reiflich +mit meiner Alten überlegen möchte.« + +»Na ich dächte, Ihr hättet Zeit genug zum Überlegen gehabt, aber wie Ihr +denkt; =ich= wäre der Letzte der Euch dazu drängte, denn was hab =ich= +dabei, ob Ihr geht oder da bleibt; mir kann's einerlei sein. So überlegt +Euch denn meinetwegen die Sache noch eine ganze Woche lang, bis Ihr +selber abreist, und wenn Ihr wollt, könnt Ihr den Contract auch erst in +Antwerpen selber unterschreiben, wenn Ihr einmal das Schiff gesehen +habt. Das bleibt sich gleich, und bei uns geht Alles offen und ehrlich +zu, aber in =einer= Sache kann ich Euch nicht helfen, wenn Ihr überhaupt +mitwollt, -- heute ist Mittwoch, bis morgen Abend spätestens muß Euer +Gepäck, was Ihr unterwegs mitnehmen wollt, d. h. die großen Kisten, hier +sein. Kleinigkeiten könnt Ihr bei Euch behalten, denn übermorgen früh +mit dem Packzug um acht Uhr, geht Alles, was =ich= zu befördern habe, +nach Antwerpen ab, um gleich verladen zu werden.« + +»Morgen Abend schon?« + +»Ja, =spätestens=,« sagte Herr Kollboeker, »denn wegen Euch allein und +extra kann ich doch keine Fracht abschicken; das sieht ein Kind ein. +Alles was später kommt, müssen die verschiedenen Eigenthümer auf ihre +eigenen Kosten transportiren lassen, und =viel= später hilft's ihnen +nicht einmal mehr was, denn wenn das Schiff erst einmal geladen ist, +dann werden die Luken zugemacht und versiegelt, damit unterwegs nichts +wegkommen kann, und dann wird keine Fracht mehr angenommen. -- Sind Sie +denn noch nicht mit den paar Briefen fertig, Meier, das dauert ja eine +wahre Ewigkeit.« + +»Wir hatten so viel Abhaltung, Herr Kollboeker.« + +»Ja, ich kenne Eure Abhaltung schon, -- Maulaffen feil halten, wenn ich +den Rücken drehe. Eilen Sie sich ein bischen; in einer Viertelstunde bin +ich wieder zurück, damit ich sie dann unterschreiben kann. -- Also bis +morgen Abend vor sieben Uhr, Behrens, denn pünktlich um sieben Uhr wird +zugemacht. Bei mir geht Alles auf die Minute, und muß auch bei einem +solchen Geschäft so gehen. Also auf Wiedersehen, Behrens. -- Apropos, +will der junge Mensch, den Ihr da bei Euch habt, auch mit?« + +»Nein, Herr Kollboeker, das ist nur ein --« + +»Na, gute Nacht Behrens, gehabt Euch wohl,« und ohne sich weiter um die +Beiden zu bekümmern, verließ der Agent das Haus, es Behrens anheimgebend +seine weiteren Maßregeln zu treffen, wie es ihm beliebe, -- er wußte, +daß das Gift jetzt wirkte. + +Behrens war das gar nicht recht, denn er hätte am liebsten noch eine +längere Zeit zum Überlegen frei behalten, auch wohl gern noch einmal mit +dem Doctor gesprochen, und Andres, der bei der ganzen Unterredung auch +nicht eine Sterbenssylbe gesagt oder gar einen Rath gewagt hatte, ging +auch mit zurück. Der Doctor war aber noch nicht nach Hause gekommen, und +Niemand wußte wann er wieder kam, da er, sehr ungleich dem Agenten +Kollboeker, nichts auf die bestimmte Minute that, und in seinem Beruf +auch nicht thun konnte. + +Es war dabei schon spät geworden und Behrens mußte an den Heimweg +denken, wenn er nicht in stockfinsterer Nacht nach Hause kommen wollte. +Er nahm sich deshalb auch kaum Zeit, ein paar Bissen Brod und Käse mit +Andres, der hier in gutem Verdienst stand, in der nächsten Restauration +zu essen und ein Glas Bier dazu zu trinken, was ihm sein Vetter +aufnöthigte, -- dann wanderte er mit schwerem Herzen und von Zweifeln +gequält den langen Weg nach Groß-Emmen zurück, um mit seiner braven Frau +zu berathen, was sie nun thun, -- ob sie bleiben und das bisherige karge +Leben, das ihnen nur Noth und Mangel gebracht, fortführen oder +auswandern sollten in ein fremdes, weit gelegenes Land, um die Heimath +nie -- nie wiederzusehen. + +Und was hatte ihnen das Vaterland eigentlich bis jetzt geboten? Lieber +Gott, sie verlangten ja wahrlich nicht viel, -- nur =leben= wollten sie, +-- nur nothdürftig leben und sich satt essen und nicht ewig in Sorge und +Angst sein, um das Nothdürftigste für sich und die Kinder +herbeizuschaffen. Aber selbst das war der Mann in der letzten Zeit -- +und da noch ein Kind dazu gekommen -- nicht mehr im Stand gewesen, zu +erschwingen. Kinder sollten ein Segen sein, und sie wurden ihnen hier +zur drückendsten Last, während noch außerdem die Frau an zu kränkeln +fing, da sie in ihrem schwächlichen Zustand jeder stärkenden Nahrung und +kräftigen Kost entsagen mußte. + +»=Schlimmer= kann es dort auch nicht sein,« lautete auch zuletzt das +Resultat der langen Verhandlung zwischen den beiden Gatten; schlimmer +=kann= es nicht kommen, denn zu essen und zu trinken werden wir doch in +dem fremden Lande haben und -- wir brauchen nicht zu fürchten, daß +unsere Kinder =betteln= gehen müssen, wenn ihnen der Vater einmal +plötzlich wegsterben sollte. + +Es ist das jene furchtbare Aussicht, die Tausende von braven, wackeren +Menschen hinaus aus Deutschland in ein fernes Land treibt, und mit wie +schwerem Herzen gehen sie fort! -- O, wie gern, -- wie gern wären sie +daheim geblieben. + + + + +Viertes Capitel. + +Die Abreise. + + +Am nächsten Tag hatte Behrens und seine Familie alle Hände voll zu thun, +um ihr weniges Eigenthum in Kisten zu packen. Behrens war an dem Morgen +wieder zweifelhaft geworden was er thun sollte, denn die Warnungen des +Doctors und selbst Herrn Frommann's Einwürfe fielen ihm wieder ein und +ließen ihn fast die ganze Nacht nicht schlafen -- aber das Gepäck +=mußte= fort, der Agent hatte es ihm ja gesagt, wenn er nicht die ganze +Fracht dafür bezahlen wollte, und wie wäre er das im Stande gewesen? +Mußte er nicht sogar das mühsam aufgefütterte Schwein, seine paar Hühner +und manches Andere verkaufen, um nur ein paar Thaler in die Hände zu +bekommen und die nöthigsten Ausgaben damit zu decken? + +Herr Frommann vom Gut ließ ihm die Sachen in die Stadt fahren, oder gab +ihm vielmehr einen Rüstwagen und ein paar Pferde dazu, daß er es selber +besorgen konnte, und Herr Kollboeker stand schon in der Thür und wartete +darauf, besorgte auch sogleich, daß sie mit anderen, schon dort +stehenden Kisten an den Bahnhof gefahren wurden. Er hatte einen +besonderen Waggon für seine Güter genommen, die augenblicklich +eingeladen und noch mit dem nächsten Zug befördert wurden. + +Nach dem Contract frug ihn der Agent aber gar nicht wieder, das hatte +Zeit und drängte nicht, denn =jetzt= waren ihm die Leute sicher genug. +Ihr ganzes Gepäck hätten sie doch nie im Stich gelassen. + +Behrens fuhr still und schweigend, ohne nur ein einziges Mal in der +Stadt einzukehren, nach Groß-Emmen zurück, und scheute sich fast seine +eigene Wohnung zu betreten, so wüst und leer sah es an dem Abend darin +aus. + +Nur die nothwendigsten Betten für das Kind hatten sie zurückbehalten; +für die andere Familie war Stroh im Schlafzimmer aufgeschüttet worden, +das ihm der Pachter ebenfalls geborgt. Es that ihm leid einen braven +Arbeiter zu verlieren, denn er hatte Behrens immer gern gehabt, hütete +sich aber auch wohl, ihm von dem, wie es schien fest gefaßten Plan +abzureden, denn wäre es ihm später einmal schlecht gegangen, so hätte er +sich am Ende gar, wenn auch noch so ungerechten Vorwürfen ausgesetzt, +der Familie in ihrem »Glück« hinderlich gewesen zu sein. Es war das eine +Sache, die Jeder mit sich selber ausmachen, aber dann auch selber +vertreten mußte. + +Den Freitag und Sonnabend hätte Behrens gern noch mit auf dem Gut +gearbeitet, um wenigstens die paar Tage Lohn zu verdienen -- aber es +ließ ihm keine Ruh. War es, daß er jetzt ein paar Thaler in der Tasche +hatte -- war es das Gefühl, nun bald für immer von so vielen lieb +gewonnenen Plätzen Abschied nehmen zu müssen, aber rastlos wanderte er +am nächsten Tag von Fleck zu Fleck, bald hinaus auf das Feld, bald zum +Schulmeister, bald zum Kirchhof, wo seine Eltern und ein vor drei Jahren +gestorbenes Kind ruhten, und wohl eine volle Stunde lang saß er auf dem +nächsten Hügel der das kleine Dorf überschaute, und blickte hinab auf +die Häusergruppe mit ihren rothen Ziegeldächern, auf den alten +Kirchthurm, die Pfarrwohnung und seine eigene kleine Hütte, in welcher +er so viele, viele traurige Stunden, aber doch auch wieder manche +glückliche verlebt, und gerade diese gingen jetzt an seinem inneren +Geiste vorüber. + +Am Feierabend kamen nachher viele der frühern Kameraden zu ihm, um mit +ihm über Brasilien zu sprechen -- =er= mußte es ja doch jetzt wissen, +denn er ging hin in das weite, fremde Land; aber ihm selber war viel zu +weh ums Herz, als daß er einem Andern hätte zureden mögen, einen +gleichen Entschluß zu fassen; er blieb einsilbig und niedergeschlagen, +und der Besuch ging unbefriedigt fort. + +Es ist eigenthümlich, mit welcher fabelhaften Zähigkeit die menschliche +Seele an alt Gewohntem hängt, und wir verlassen mit fast eben so +schwerem Herzen einen Ort, in dem wir uns elend gefühlt, und aus dem wir +uns tausend und tausend Mal hinausgesehnt, wie eine Stelle, die nur +glückliche Erinnerungen für uns trägt. + +Am nächsten Morgen ging Behrens noch einmal in die Stadt, um mit Herrn +Kollboeker die genaue Abfahrtszeit zu besprechen und noch Manches über +das fremde Land, und wie er sich besonders in der Seestadt zu benehmen +habe, zu erfragen. So redselig Herr Kollboeker aber auch früher über +Brasilien gewesen war, als es noch galt die Lust zur Auswanderung in dem +Mann rege zu machen, so wenig Zeit hatte er jetzt sich mit ihm +einzulassen. + +»Mein lieber Freund,« sagte er, in seinem Comptoir zwischen einer Unzahl +von Papieren herumkramend -- »Sie kommen mir heute =sehr= ungelegen. Die +Abfahrtszeit wissen Sie jetzt -- Sie müssen Sonntag Morgen Punkt halb +Zwölf =spätestens= hier am Bahnhof sein, denn um zwölf Uhr zwanzig geht +der Zug. Auf Weiteres kann ich mich aber für jetzt nicht einlassen, denn +ich habe bis zur nächsten Post noch einige zwanzig Briefe zu schreiben +und zu dictiren.« + +»Aber meinen Contract --« + +»Den nehmen Sie mit nach Antwerpen. Dort am Bahnhof wird Jemand sein der +Sie empfängt, und dort erfahren Sie auch Alles, was Sie zu wissen +brauchen. Bitte, Meier, stellen Sie sich einmal dahin und schreiben Sie, +damit wir das nur endlich fertig kriegen.« + +Behrens ging; er sah ein, daß er den so sehr beschäftigten Herrn +Kollboeker heute nicht stören dürfe. Er schüttelte den Kopf; der Mann +war früher so herzlich und theilnehmend gegen ihn gewesen, und jetzt auf +einmal so kalt und vornehm -- aber du lieber Gott, er hatte wohl den +Kopf voll -- zwanzig Briefe -- das war keine Kleinigkeit und er wußte +recht gut, welche Mühe und Arbeit es seiner sonst in Allem so flinken +Frau gemacht, wenn sie nur einmal einen einzigen hatte schreiben müssen. + +Wie er die Straße langsam und traurig hinunterschritt, begegnete er dem +Doctor, der ihn augenblicklich wieder erkannte. + +»Heh?« sagte er, indem er stehen blieb, »ist das nicht unser +Brasilianer? -- Nun, wie ist's? Den Contract habt Ihr doch nicht +unterschrieben?« + +»Nein, Herr Doctor,« sagte der Mann, und wurde bis hinter die Ohren +roth, -- »ich kann's mir noch eine Weile überlegen.« + +»Das ist gescheut,« nickte der alte Herr, »und noch gescheuter wär's, +Ihr bliebet ganz hier, denn wenn sie Euch auch einen bessern Contract +aufsetzen, so ist =hier= doch Deutschland und drüben Amerika, und was +=hier= gilt, kann möglicher Weise dort drüben auch nicht einen +Stecknadelknopf werth sein.« + +»Ja« sagte Behrens mit einem Seufzer, »das ist wohl wahr. Nun ich soll +ja aber in Antwerpen ganz genau erfahren, wie es damit wird.« + +»In Antwerpen? -- was wollt Ihr denn =dort=?« + +»Ja da liegt ja das Schiff, und unsere Sachen sind schon voraus +gegangen.« + +»Eure Sachen habt Ihr schon fortgeschickt?« rief der Doctor in blankem +Erstaunen aus, »und noch keinen ordentlichen und anständigen Contract in +den Händen?« + +»Der Herr Kollboeker meinte das hätte bis dort Zeit.« + +»Natürlich,« nickte der Arzt, »weil sie Euch jetzt sicher genug in der +Tasche haben, denn =Ihr= lauft ihnen nun nicht mehr fort. Na, dann +glückliche Reise, Freund. Wer nicht hören will muß fühlen« und ihm +zunickend ging er ärgerlich die Straße hinab. + +Behrens schaute ihm verdutzt nach. »Wer nicht hören will muß fühlen,« +hatte der alte Herr gesagt, -- sollte er denn wirklich einen dummen +Streich gemacht haben? -- Und jetzt waren die Sachen fort. Er hatte +allerdings keinen freien Willen mehr und mußte nach, und daß er von dort +nicht wieder zurück konnte, war ebenso gewiß. Ein Gutes hatte aber +dieser Zwang trotzdem: er war endlich die Zweifel losgeworden die ihn +bis dahin immer noch gequält. Jetzt, nachdem die Würfel gefallen, half +auch kein Überlegen und kein Grübeln mehr, und zum ersten Mal, als er +weiter schritt, hob er trotzig und entschlossen den Kopf, denn er fühlte +die Kraft in sich, seine Familie mit Fleiß und Ausdauer -- wo es auch +sei und unter welchen Verhältnissen, eben so gut -- und jedenfalls besser +durchzubringen wie hier im Vaterland. »Es hat einmal so sein sollen,« +tröstete er sich, »der liebe Gott hat's gewollt, und der wird uns ja +auch schon weiter helfen.« + +Von jetzt an betrieb er das Nöthige vor der Abreise mit Ruhe und +Besonnenheit, und nur als der Abschied wirklich heranrückte, und seine +Frau bitterlich weinend auf dem Wagen saß, den ihnen Einer der Bauern +zur Verfügung gestellt um die zum Gehen noch zu schwache Frau +fortzubringen, da liefen auch ihm die Thränen an den wetterbraunen +Wangen nieder. + +Ja, wär es ein stürmischer, regnerischer Tag gewesen, ein wildes Wetter, +wo die Windsbraut über die Felder jagte und düstere Wolken den Horizont +beengten, Behrens hätte sich vielleicht leichter hineingefunden, -- aber +der helle, warme Sonnenschein, die Lerchen jubelnd in der Luft, +Glockengeläute vom alten Kirchthurm nieder, neben dem er die theuren +Gräber ließ, und freundliche geputzte Menschen um sich her, die ihm Alle +zunickten und den davon Ziehenden mit den Tüchern nachwinkten. Das faßte +ihm das Herz wie mit eisernen Zangen, und Wald und Sonnenschein, Heimath +und Freundesgruß schwammen in seinen Thränen zusammen, während es ihm +war, als ob bei dem Geläute der alten, lieben Glocken Alles noch einmal +zu Grabe getragen würde, was er je in der Welt verloren. + +Aber auch das wich von ihm, -- weit in der Ferne verhallten die Töne, +über das rauhe Straßenpflaster der Stadt rasselte der Rüstwagen, und +fremde, geschäftige Menschen umdrängten ihn, als er den Bahnhof endlich +erreichte und nun für sich und all die Seinen denken mußte. Da war keine +Zeit mehr, sich dumpfem Brüten hinzugeben; Herr Meier, aus Kollboeker's +Geschäft, hatte die Beförderung der Auswanderer überkommen und schleppte +ihn bald da, bald dort mit hin, um zunächst das mitgeführte Reisegepäck, +dann ihn selbst und die Seinen unterzubringen. Und nicht lange, so +läutete die Glocke das Zeichen zur Abfahrt, -- die Maschine pfiff, und +fort wurden sie gerissen durch das weite Land, der unbekannten Ferne +entgegen. + +Aber wie fremd kamen sich die Armen schon hier im eigenen Vaterland vor, +wie sie nur erst die Marken ihres heimischen Dorfes hinter sich hatten. +Da war kein bekanntes Gesicht mehr, auf das ihr Auge fiel, kein +menschliches Wesen, das sich um sie bekümmert hätte oder nach ihnen +gefragt. Nur die Bahnbeamten schoben sie manchmal, wenn der Zug +gewechselt wurde, da und dort hinüber, und wollten wissen, ob sie auch +ihre Fahrbillette hätten; dann ging's weiter, immer weiter, in eine +endlose Ebene hinaus, mit Dörfern und Wiesen und blauem Himmel wie +daheim, aber doch so fremd Alles, so entsetzlich fremd. + +Tag und Nacht fuhren sie so durch; die Kinder, die sich Anfangs über die +Reise gefreut, wurden ungeduldig und fingen an zu weinen, das Kleinste +schrie viel, und die Mitpassagiere ärgerten sich darüber und sprachen +oder lachten auch wohl untereinander. Endlich stiegen Leute ein die eine +ganz fremde Sprache redeten, und Canäle durchzogen das Land, das fast +nur aus grünen Wiesen bestand, auf denen zahllose Heerden weideten, -- +und zuletzt erreichten sie eine große mächtige Stadt an einem Strom, so +breit, wie die Deutschen noch gar keinen in ihrer Heimath gesehen, und +von hieraus mußten sie nun auf dem großen Wasser fahren, vor dem sich +die Frau im Stillen immer gefürchtet hatte. + +Wie ihnen Herr Kollboeker daheim gesagt, sollten sie auch hier einen +Mann treffen, der sich ihrer weiter annehmen und ihre Beförderung auf +das Schiff besorgen würde; wie der sie aber aus der ungeheuren +Menschenmenge, die da auf und ab wogte, herausfinden konnte, begriff +Behrens nicht, und noch stand er, das jüngste Kind auf dem Arm, während +sich die anderen um ihn und die Mutter drängten, auf dem Perron, und sah +rathlos und scheu in das ihn umtobende Gewühl hinein, als ein junger, +sehr elegant gekleideter Herr auf ihn zukam und freundlich sagte: +»Familie Behrens aus Groß-Emmen?« + +»Ja, du lieber Gott,« rief die Frau, ordentlich erschreckt, »woher +wissen =Sie= denn das schon?« + +Der junge Mann lächelte und während er -- aber in einer Sprache, welche +die Auswanderer nicht verstanden -- einen der Packträger, der eine Nummer +an der Mütze trug, herbeiwinkte, frug er Behrens nach seinem +Gepäckschein, der Jenem übergeben wurde, und lud dann die Auswanderer +ein mit ihm zu kommen, daß er sie in ein Wirthshaus führe, wo sie +übernachten könnten, denn sie sollten erst morgen früh an Bord des +Schiffes gebracht werden. + +Die Frau wollte allerdings den Bahnhof nicht verlassen, ohne ihre Sachen +mitzunehmen; der junge Fremde beruhigte sie aber darüber, und brachte +sie auch endlich so weit, daß sie ihm folgten. + +Von jetzt ab gingen die Deutschen wie in einem Traum herum, denn wenn +auch noch in Europa, fanden sie sich doch in einer vollkommen fremden +Welt, in der sie sich nicht zu rathen und zu helfen wußten. Da sahen sie +rings um sich Menschen in einer anderen Tracht, die eine andere Sprache +redeten, -- selbst an den Häusern die Schilder konnten sie nicht lesen, +und ordentlich erstaunt blieben sie stehen, als oben von dem einen Thurm +ein Glockenspiel die Stunde anzeigte. + +Glücklicher Weise brachte sie ihr Führer zu Deutschen, und forderte dann +Behrens auf, mit ihm auf das Comptoir zu gehen, um dort ihre +Angelegenheit zum Schluß zu bringen. + +Behrens folgte ihm willenlos, und wenn er auch manchmal gern stehen +geblieben wäre, um sich in den Straßen umzusehen, wo wunderliche +Frauengestalten mit langen Strickstrümpfen und hohen Mützen in +Holzpantoffeln vor den Thüren saßen, und mit einander erzählten und +plauderten, ließ ihm sein Führer doch keine Zeit dazu. + +Er hielt auch nicht eher, als bis sie wieder ein schmales, in der +unmittelbaren Nähe des Strandes gelegenes Haus erreichten, an dessen +Thür sich ebenfalls viele Schilder befanden, die Behrens aber auch nicht +lesen konnte. Dort traten sie ein, und der arme Tagelöhner fand sich +plötzlich in einem langen, wenn auch ziemlich schmalen Saal, in welchem +wohl zwölf oder vierzehn Herren emsig schrieben und keine Seele sich um +ihn bekümmerte. Dort wurde er hindurch geführt, ohne daß ihn auch nur +Einer angesehen hätte, in ein anderes, kleines Gemach, in welchem +kostbare Möbel standen und zwei ältliche Herren an ihren Pulten saßen. + +Dem Einen von diesen meldete Behrens' Führer seine Ankunft, ohne daß der +Herr aber nur den Kopf gehoben hätte, so war er in ein Papier vertieft, +in dem er gerade las. Endlich sah er Behrens über seine Brille an, und +ohne ein Wort zu sprechen, betrachtete er ihn wohl über eine halbe +Minute, so daß der arme Teufel ganz verlegen wurde. Endlich sagte er auf +deutsch, aber mit einem etwas fremdartigen Ausdruck: »Wo ist Euer +Contract?« + +»Hier, Herr,« erwiderte Behrens, und überreichte ihm das Papier, in das +jener einen flüchtigen Blick warf. + +»Ihr habt ja noch nicht unterschrieben.« + +»Ja, sehen Sie --« sagte Behrens, und hätte jetzt gern noch einige +Bedenklichkeit, über die er unterwegs gegrübelt, vorgebracht, aber es +ging nicht. Erstlich fiel ihm nicht einmal gleich ein, was er eigentlich +sagen wollte, und dann hatte der Herr vor ihm mit der grünen Brille, dem +er nicht einmal in die Augen sehen konnte, so entsetzlich viel zu thun, +daß er sich kaum mit ihm abgeben mochte. Der alte Herr ließ ihn aber +auch gar nicht ausreden. + +»Leben die Personen noch alle, die hier auf dem Papier stehen?« + +»Wer?« frug Behrens erschreckt. + +»Nun, all diese Familienglieder.« + +»Gott wolle verhüten, daß Eines davon gestorben wäre,« rief der arme +Mann, bestürzt die Hände über den Hut faltend. + +»Und sind sie Alle mit Euch hierher gekommen?« + +»Jawohl, -- gewiß --« + +»Gut -- dann unterschreibt einmal den Contract. Ihr könnt doch +schreiben?« + +»Meinen Namen, ja.« + +Der alte Herr erwiderte nichts weiter, -- er trat einen Schritt zur +Seite und reichte Behrens eine von den auf dem Pult liegenden Federn, +die er vorher für ihn eintauchte, und Behrens setzte mit zitternder Hand +und gar keine Widerrede mehr wagend, seinen Namen an die bezeichnete +Stelle auf das Papier. + +Der alte Herr sah ihm zu, nahm dann, als Behrens fertig war, das +Document und streute blauen Sand über den frisch und etwas dick +geschriebenen Namen, faltete es nachher zusammen und legte es auf sein +Pult. + +»Ja aber,« sagte Behrens etwas verwundert, »bekomme ich denn das Papier +nicht wieder?« + +»Das muß der Capitän haben, um zu sehen ob die Anzahl der Personen +trifft,« sagte der alte Herr, »an Bord wird man es Euch nachher +wiedergeben,« und als ob Behrens nicht weiter auf der Welt existire, +drehte er sich von ihm ab, und beschäftigte sich wieder mit seiner +früheren Arbeit. + +Der junge Mann zupfte dabei Behrens am Ärmel, daß er ihm folgen möge, +und Beide schritten wieder, ohne daß der Alte des Bauern Gruß erwidert +oder nur bemerkt hätte, durch den langen Saal hinaus ins Freie. + +Von jetzt an hatte Behrens aufgehört selbstständig zu handeln, und war +einzig und allein auf die Hülfe fremder Leute angewiesen. Aber gutes +kräftiges Essen bekamen sie wenigstens in dem Wirthshaus, wie es die +Familie seit Jahren, vielleicht in ihrem ganzen Leben noch nicht gehabt. +Eine gute Suppe, Fleisch im Überfluß, so viel sie davon genießen +wollten, und was für ein herrliches Fleisch, und Kaffee mit Zucker und +Weißbrod, ja sogar eine Flasche Wein ließ sich der junge Mann geben, der +ihn dort hineingebracht und der viel anständiger aussah als Herr Meier, +bei dem Auswanderungsagenten daheim -- und schenkte Behrens ein großes +Glas davon ein. + +Es war jedenfalls ein neues Leben, das er damit begonnen hatte und wenn +das so fort ging, konnte er recht wohl zufrieden damit sein. Trotzdem +kam es ihm unheimlich bei den Fremden vor, denn wenn auch einzelne Leute +in dem Haus deutsch miteinander sprachen, so unterhielten sie sich doch +nur über Dinge, von denen er kein Wort verstand: von Schiffen, von +Fracht und Ladung, von Havarie und anderen ähnlichen Sachen. Aber die +Ruhe that ihm und den Seinen wohl, und wenn er sich auch nicht aus dem +Haus hinausgetraute, weil er fürchtete, daß er den Rückweg nicht wieder +finden würde, erfreute er sich der regelmäßigen Mahlzeiten und war sogar +nicht böse darüber, als sie am nächsten Tag hörten, sie könnten noch +nicht an Bord gehen, da das Schiff noch nicht ganz segelfertig sei, was +ihren Aufenthalt in dem Wirthshaus um einige Tage verlängerte. + +Es kam ihm wohl dabei einmal der Gedanke, daß er das, was er hier mit +den Seinen bei seinem gar nicht selber verschuldeten Aufenthalt verzehrt +habe, am Ende mit seiner Hände Arbeit würde wieder bezahlen müssen -- +aber er gab sich dem nicht lange hin. Sie waren einmal unterwegs, und +jetzt mochte der liebe Gott weiter helfen. + + + + +Fünftes Capitel. + +Auf See und an Land. + + +Am dritten Tag kam endlich ein Wagen vor die Thür, der ihre Sachen +abholen sollte. Es standen schon eine Anzahl großer unbehülflicher +Kisten darauf, wie sie die Deutschen gewöhnlich mit in ein fremdes Land +schleppen, und dann, an Ort und Stelle angekommen, nicht wissen, was sie +damit anfangen sollen. Dem Wagen folgten sie zu Fuß -- Geld wurde ihnen +dabei im Wirthshaus gar nicht abverlangt. Der junge Mann aus dem +Geschäft kam nur wieder, ließ sich die Rechnung geben, dann begleitete +er sie selber zu einem kleinen Dampfer, der bestimmt war sie an Bord +ihres Schiffes zu bringen, das schon weiter unten im Strom, in der +Schelde lag. + +Von da an kamen sie eigentlich nicht mehr recht zu sich selbst; denn wie +sie nur das breitere Wasser erreichten und das Schiff an zu schaukeln +fing, waren sie kaum im Stande ihr Gepäck zurecht zu rücken und sich +selber in ihrem Schlafplatz auf die ausgebreiteten Betten zu werfen. +Dann wurden sie krank und behielten nichts als das Gefühl ihres Elends +viele Tage lang. + +Es war auch in der That eine böse Fahrt, bis sie den Canal hinter sich +hatten. Mit kleinen Segeln, bei einem ziemlich heftigen Nordostwind, +fuhr das Schiff aus der Schelde hinaus und draußen wehte schon an dem +nämlichen Abend ein fliegender Sturm und peitschte die See zu Schaum. +Die Wellen schlugen über Deck, und das rasche Laufen der Matrosen auf +den Planken, die laut geschrieenen Befehle ängstigten die unglücklichen +Passagiere nur noch mehr. Aber der Sturm hatte wenigstens in so fern +sein Gutes, daß er das Fahrzeug rasch hinaus aus dem gefährlichen Wasser +des Canals und in die offene See hineinfegte. Dort ging die See +allerdings noch hoch, aber der Wind ließ doch nach und die Wellen +beruhigten sich allgemach; ja es trat sogar am sechsten Tage -- wie das +nach einem sehr heftigen Unwetter häufig der Fall ist, Windstille ein, +und als sich die See glättete und die halbtodten Passagiere an Deck +hinaufschwankten, um zum ersten Mal wieder frische Luft zu schöpfen, +waren sie aus Sicht von jedem Land und schwammen draußen auf dem weiten, +öden Meer. + +In dem ruhigen Wetter erholten sie sich aber rasch; der Körper hatte +sich auch indessen an das Schaukeln gewöhnt und der so lang vollständig +vernachlässigte Magen verlangte sein Recht. Auch Bekanntschaft konnten +die Reisegefährten jetzt unter einander machen, denn bis dahin hatte +sich Keiner um den Anderen bekümmert. + +Es waren noch viele Familien an Bord aus allen Theilen Deutschlands, +auch eine Menge junges Volk, und Behrens erkannte zu seinem Erstaunen +gerade einen Theil der Burschen wieder, die er damals hatte, mit buntem +Schmuck an den Hüten, durch die Stadt ziehen sehen, und die so +übermüthig und keck gewesen waren. -- Aber lieber Gott, wie traurig und +niedergeschlagen sahen sie jetzt, nach der überstandenen Seekrankheit, +aus, wie bleich und hohläugig, und nie im Leben würde er aus diesen +Jammergestalten die rothbackigen munteren Gesellen von damals +wiedererkannt haben, wäre es nicht eben an dem bunten Flitterputz +gewesen, den sie noch an den freilich zerknitterten und arg +mitgenommenen Hüten trugen. Sie sangen und jubelten auch nicht mehr; +ineinander gebrochen saßen sie an Deck umher, und es brauchte Tage lang, +bis sie sich nur in etwas wieder erholen konnten. + +Besonders viel Familien waren an Bord und eine wahre Unzahl von kleinen +Kindern -- und alle wollten nach Brasilien, alle hatten ähnliche +Contracte unterzeichnet wie Behrens und trugen die Herzen voller +Hoffnung dem fremden Land entgegen. Hier war auch Niemand, der sie mit +Sorge oder Verdacht erfüllt hätte; kein Mensch, der von unvollständigen +oder zweideutigen Contracten oder von schlechten Bedingungen sprach. Die +alte Welt lag hinter ihnen, mit ihren pedantischen Ansichten und +kleinherzigen Rücksichten, und was sich vor ihnen ausbreitete, war ein +neues frisches Leben voller Glanz und Sonnenschein. + +Sonderbar nur, daß Keiner der Passagiere angeben konnte =wohin= er ging. +Es fiel ihnen jetzt allerdings auf, wo sie sich darüber untereinander +aussprachen, daß Keiner von Allen noch einen bestimmten Platz wußte, und +eigentlich nur das Wort »Brasilien« der Sammelpunkt war, den sie sich +bis dahin gedacht -- aber wo in Brasilien würde ihr künftiger Aufenthalt +sein? + +Einer der Passagiere, ein wunderlicher Kauz mit einem ganz jungen +frischen Gesicht, aber schneeweißen Haaren und einem eben solchen Barte, +hatte eine Karte mit und schien auch einen ungefähren Begriff von +Geographie zu haben. Er zeigte ihnen das brasilianische Kaiserthum und +berechnete ihnen die ungefähre Größe des gewaltigen Reiches nach den +angegebenen Graden. + +Auch den Hafen fanden sie darauf angegeben, nach welchem sie bestimmt +waren; aber nicht alle Passagiere gingen dorthin. Einige sollten nach +Bahia, Andere nach Mucury geschafft werden, und man vermuthete +natürlich, daß das Schiff an den verschiedenen Punkten anlegen werde, +wenn diese auch ziemlich weit von einander entfernt lagen. + +Und wie es in dem fremden Lande werden würde? -- Keiner der Auswanderer +hatte auch nur eine Ahnung davon, aber Alle soviel von dem herrlichen +Klima und den paradiesischen Früchten gehört, daß sie die Zeit kaum +erwarten konnten, in welcher sie den Platz erreichen, und Alles an Ort +und Stelle selber sehen würden. + +So verträumten sie die Tage, mit Hoffnungen und Plänen, in die ihnen +Niemand einen Mißton bringen konnte, und da auch von jetzt an warmes und +freundliches Wetter mit günstigem Winde einsetzte, scheuchte der blaue +Himmel selbst die letzten Sorgen fort. + +Eigenthümlich war, daß sämmtliche Passagiere ihre »Contracte« hatten in +Antwerpen abliefern müssen, und wenn auch gar nichts in denselben stand, +was die Arbeit=geber= im Geringsten hätte gegen =sie=, die Arbeiter +binden können, so hängt doch der Deutsche nun einmal mit merkwürdiger +Zähigkeit an etwas Schriftlichem, und wiederholt waren die Gesuche an +den Capitän gewesen, ihnen die Papiere zurückzugeben. + +Anfangs hatte dieser nur einfach gesagt, sie müßten erst eingetragen +werden, und das hätte noch Zeit, denn sie blieben noch eine lange Weile +zusammen auf der See, dann mischte sich aber auch noch ein anderer Mann +hinein -- ein langer, magerer Herr, den sie bis dahin nur für einen +Cajütspassagier gehalten, der ihnen aber erklärte, daß er der Supercargo +des Schiffes und Bevollmächtigter des Hauses in Antwerpen wäre. Dieser +erklärte ihnen -- nachdem sie etwa vier Wochen in See waren -- daß die +Contracte erst Jedem ausgeliefert würden, wenn sie an Land kämen, um +sich bei ihren neuen »Brodherren« zu legitimiren. Hier auf See brauchten +sie dieselben doch nicht, und sie könnten nur vielleicht verloren gehn, +was nachher die größte Verwirrung herbeiführen würde. + +Das blieb der einzige Bescheid den sie erhielten, und sie mußten sich, +wohl oder übel, damit begnügen. + +Wieder vergingen vierzehn Tage; der Wind war ihnen günstig, denn sie +hatten jetzt lange die nordöstlichen Passate erreicht, die sie der neuen +Heimath entgegenführten, aber diese wehten außerordentlich schwach und +sie machten wohl steten aber doch ziemlich langsamen Fortgang. Endlich +-- endlich bekamen sie das erste Zeichen, daß sie sich wirklich dem +Festland näherten, denn das Loth oder Senkblei wurde geworfen, um zu +sehen ob sie Grund fänden, da sich an vielen Küsten, besonders an den +amerikanischen, die Entfernung des Landes ziemlich sicher und genau nach +der Tiefe des Meerbodens beurtheilen läßt, die man findet. + +Zwei Tage später rief der Mann, der Morgens mit Tagesanbruch in den Top +gesandt wurde: =Land!= Wenn die Passagiere aber auch sämmtlich an Deck +standen und dort hinüber schauten, konnte doch Keiner von ihnen auch nur +das Geringste entdecken, was =ihrer= Vorstellung von Land nur +einigermaßen entsprach. Da waren keine Berge noch bewaldete Höhen zu +entdecken, keine Städte noch Dörfer, und wo da =Land= sein sollte, wußte +Keiner von ihnen. Nur am westlichen Horizont bemerkten sie endlich, +nachdem ihnen der Steuermann drei oder viermal die Stelle gezeigt, einen +lichtblauen niedrigen Streifen, der aber auch eben so gut eine Wolke +sein konnte, so dicht lag er auf dem Wasser, und so vollkommen +verschmolz er mit dem überdies dunklen Rand des Horizonts, der sich +stets gegen den blauen Himmel abspiegelt. Aber die Brise war ihnen +günstig. Je weiter sie dabei nach Westen vorrückten, desto mehr hob sich +der Rand in die Höhe, und gegen Mittag konnten Alle schon die +Abzeichnung der Bergcontouren erkennen, die immer deutlicher +hervortraten und höher wurden. + +Trotzdem segelten sie den ganzen Tag noch dagegen an, ohne es zu +erreichen, und erst mit einbrechender Nacht sahen sie ein helles, +funkelndes Licht von dort herüberglimmen, -- den Leuchtthurm, der ihnen +die Stelle kündete, wo sie anzufahren hatten. + +Und =alle= Passagiere standen in der wunderbar schönen milden Nacht an +Deck und schauten nach dem Licht hinüber, das ihnen von der +brasilianischen Küste entgegen funkelte, und welch ein eigenthümlich +beängstigendes Gefühl war es, das dabei ihre Herzen erfüllte! Dort war +das Land, dem sie ihre Zukunft anvertraut hatten, von dem +geheimnißvollen Schleier der Nacht bedeckt, und dort, wo jetzt noch die +kleinen hellen Punkte am Ufer hervortraten und sich wie ein Streifen an +der Küste hinzogen, wohnten Menschen, -- wohnten wirkliche Brasilianer, +zwischen denen sie von nun an leben und wirken sollten. Dahinter aber +lagen die Berge mit ihren düsteren Waldungen und Schatten, mit wilden +Thieren, Indianern, bunten Vögeln und großen, giftigen Schlangen, und +das Alles sollten sie jetzt sehen, -- in dem Allen sollten sie mitleben, +das so ganz Anders wie die Heimath war. + +Und wie würde sich dort nun zwischen den fremden Menschen ihr Schicksal +gestalten? -- es war eine ernste Frage, die sie sich stellten, und +selbst die Schaar der jungen Burschen, die den Tag hindurch übermüthig +und ausgelassen genug gewesen, schien recht still und nachdenkend +geworden zu sein. Sie alle lehnten schweigend oder leise mit einander +flüsternd an Bord und schauten nach den Lichtern hinüber, die ihnen von +dort drüben entgegenwinkten. + +Das Schiff selber hielt aber nicht mehr genau auf die Küste zu, sondern +kreuzte daran auf und ab, da der Capitän den Hafen zu wenig kannte, um +dort bei Nacht einzufahren. Das Wetter war ja auch so still und +freundlich, daß er nichts dabei zu wagen hatte. Er konnte recht gut den +Morgen abwarten, um hinanzulaufen und nachher zu ankern. + +Und der Morgen kam. -- Aus der verlassenen Heimath her sandte ihnen die +Sonne ihr Licht und übergoß die Berge Brasiliens mit ihrem duftigen +Schimmer -- und dicht vor ihnen lag das Land, auf das der Capitän schon +von vier Uhr früh an scharf zugesteuert hatte. Deutlich konnten sie die +einzelnen lichten Wohnungen zwischen dem saftigen Grün der Bäume +erkennen, und hie und da ragten daraus die hohen, phantastischen Kronen +der Palmen hervor und schüttelten ihre gefiederten Blätter im Wind. + +Jetzt aber, mit dem hellen Tageslicht, war auch der unheimliche Zauber +gebrochen, der in der Nacht auf den Herzen der Auswanderer gelegen. + + »Was fragen wir nach Gut und Geld! + Wir wandern fröhlich in die Welt. + Brasi--lien ist unsre Seligkeit. + Halli, Hallo! Brasilien ist nicht weit von hier. + Halli, Hallo! Brasilien ist nicht weit!« + +sangen die jungen Burschen jubelnd dem nahen Land entgegen, und selbst +von den Alten stimmten jetzt Viele in das Lied mit ein. + +Brasilien war jetzt allerdings nicht weit; schon konnte man einzelne, +sich bewegende Gestalten am Land erkennen, und jetzt -- ein merkwürdiges +Geräusch dröhnte durch das Schiff, wie das Rasseln einer schweren Kette. +Es war der auslaufende Anker und gleich darauf schwang das wackere +Fahrzeug herum, und die Reise war beendet. + +Jetzt allerdings entstand eine scheinbare Verwirrung an Bord, denn Alles +lief durcheinander und die Auswanderer sahen sich schon bestürzt an, +weil sie glaubten, es könne irgend ein Unglück geschehen sein. Aber +jeder der Matrosen wußte was er zu thun hatte, und während die Jüngeren +an den Wanten hinaufliefen, um die Segel fest zu machen, waren Einige +mit dem Anker beschäftigt, indeß Andere des Capitäns Jölle in See +herabließen. Aber dieser selber ging noch nicht an Land, denn er mußte +vorher den Besuch der Hafenpolizei abwarten, die auch nicht lange +ausblieb. + +Das Schiff, das man bald als ein Fahrzeug mit Emigranten erkannte, war +schon mit Tagesanbruch beobachtet worden, und kaum schoß der Anker in +die Tiefe, als auch ein Boot vom Lande abstieß, das ihm entgegenruderte. + +Über den hintern Theil desselben war ein Sonnenzelt gespannt, daß man +die darunter Sitzenden nicht erkennen konnte, vorn aber ruderten vier, +bis zum Gürtel nackte Neger, die schwarzen Wollköpfe mit kleinen +Strohhüten bedeckt, und zogen natürlich die Aufmerksamkeit der Deutschen +vor allem Anderen auf sich. Waren es doch die ersten Schwarzen, die sie +zu sehen bekamen. + +Jetzt legten sie an, -- die Fallreepstreppe war schon vorher hinunter +gelassen, und nach einer vorherigen Anfrage, ob Alles wohl an Bord sei, +kletterten die Brasilianer daran in die Höhe. + +Das waren wirklich ächte, -- wie braun und sonnverbrannt sie aussahen, +und was für breiträndige Strohhüte und luftige, dünne, seidene, helle +Röcke und weite Hosen sie trugen -- und der Eine von ihnen -- die Frauen +kicherten untereinander -- ging sogar in gestickten Pantoffeln und hatte +doch ein großes Loch hinten im Strumpf. + +Der Capitän verstand kein portugiesisch, aber der Herr, den er in seiner +Cajüte mitführte, -- der sogenannte Cargadeur des Schiffes oder +Supercargo, wie er auch genannt wird, -- und dieser unterhielt sich eine +Weile mit den Brasilianern, und jedenfalls sprachen sie hauptsächlich +über ihre »lebendige Fracht«, die Auswanderer. Die Neger kamen indessen +nicht mit an Deck herauf, sondern blieben unten im Boot auf ihren +Plätzen sitzen, und als die Deutschen neugierig nach ihnen über die +Schanzkleidung hinabsahen, lachten sie ihnen zu und schnitten ihnen so +furchtbare Gesichter, daß sie die Frauen und Kinder fürchten machten. +Sie kokettirten ordentlich mit ihrer scheußlichen Häßlichkeit. + +Das dauerte aber nicht lange. Der Brasilianer mußte doch wohl die ihm +vorgelegten Papiere alle in Ordnung befunden haben, denn er trank ein +Glas Wein mit dem Capitän und Supercargo, da der Cajütendiener rasch +Flaschen und Gläser herbeigeschafft hatte, und stieg dann wieder in sein +Boot hinab, wo die Neger jetzt so ernsthaft und ehrerbietig saßen, als +ob sie nie ein Wasser getrübt, oder ein Gesicht geschnitten hätten, und +fort schoß das schlanke Fahrzeug gegen die Stadt zu. Aber ehe ihm der +Capitän in seiner Jölle folgen konnte, wurde es von zwei anderen +abgelöst, die, ebenfalls von Negern gerudert, herbeiglitten. + +Die Passagiere der beiden stiegen fast zu gleicher Zeit an Deck, und +unter diesen befand sich auch ein Deutscher, -- er redete wenigstens den +Supercargo deutsch an. Von allen diesen nahm aber Keiner die geringste +Notiz von den Auswanderern, die doch dicht gedrängt um die +Fallreepstreppe standen. Sie grüßten nicht einmal etwas, das zum +»Zwischendeck« gehörte, sondern gingen glatt hindurch zum Quarterdeck, +wo sie den Leuten auf das Freundschaftlichste die Hand schüttelten. -- +Was gingen sie die deutschen Arbeiter an, die hier herübergekommen waren +um ihre Felder zu bebauen und ihre Ernten einzubringen, -- und doch that +es den armen Deutschen weh. + +Sie hatten sich so darauf gefreut, hier herüber zu kommen und in gutem +Einverständniß mit den Brasilianern zu leben; sie waren so fest +entschlossen, sich gut und ehrlich durch die Welt zu bringen und die +eingegangenen Verpflichtungen zu erfüllen, und jetzt würdigte sie Keiner +dieser Leute, -- nicht einmal der Landsmann, der mit an Bord gekommen +war, nur eines Grußes oder selbst nur eines Blicks. Sie hatten auf einen +freundlichern Empfang in Brasilien gerechnet, und ein eigenes, +unbehagliches Gefühl bemächtigte sich ihrer. Es sang auch keiner mehr +von ihnen, oder lachte und plauderte; Alle schauten still und befangen +auf die Fremden, und es war, als ob ihnen eine Ahnung sage, daß jetzt da +oben auf dem Quarterdeck ihr künftiges Schicksal entschieden werden +solle. + +Hören konnten sie freilich nicht was da oben verhandelt wurde, und nur +einmal verstanden sie die lauter als gewöhnlich gesprochenen Worte des +Capitäns, daß er »die Passagiere aus dem Wege haben müsse, um zu ihrer +Fracht zu kommen. Er könne sie nicht länger an Bord behalten, denn sein +Contract wäre erfüllt, und weiter hätte er nichts mit dem Volk zu thun.« + +Dabei blieb es auch, denn wie sie kaum ihr Mittagsessen verzehrt hatten, +was sie noch an Bord bekamen, wurde ihnen angekündigt, ihre Sachen +zusammenzupacken und sich fertig zu machen, da sie an Land gefahren +werden sollten. + +Wie hatten sich Alle danach die vielen Wochen gesehnt, daß sie erst das +enge Schiff einmal verlassen und das weite herrliche Brasilien betreten +könnten, -- jetzt war ihnen bänglich zu Muthe. Die Entscheidung ihres +Schicksals rückte an sie heran, und Viele, vielleicht Alle, -- hätten +noch gern einen Tag zugegeben, um das hinauszuschieben, -- aber es ging +eben nicht. Man ließ ihnen kaum Zeit, ihre wenigen ausgepackten +Habseligkeiten wieder in die Kisten zu thun und zu verschließen, und +indessen arbeiteten die Matrosen schon scharf daran, Alles, was unter +ihre Hände kam, mit Tauen zu umwerfen und nach oben zu hissen. Auch die +Betten wurden zusammengeschnürt, und kaum eine Stunde später lag das +obere Deck so gedrängt voll Gepäck, daß man sich kaum dazwischen +durchbewegen konnte, und die Matrosen auch, rücksichtslos genug, über +Alles hinwegkletterten. Was that es auch, wenn sie hier einmal in eine +Schachtel hineinbrachen oder einen schwachen Kistendeckel sprengten; die +Deutschen mochten sehen, wie sie das wieder in Stand setzten. + +Dann kam eine große Launch vom Ufer abgefahren, die langseit legte und +in welche die verschiedenen Frachtstücke eben so rücksichtslos +hineingelassen wurden. Die Matrosen fluchten nur dabei über die großen, +schweren, unbehülflichen Kisten. Dann kam noch eine, die den Rest nahm +und Einzelne von den Passagieren, und zuletzt kehrte die erste zurück in +welcher sämmtliche noch vorhandene Passagiere untergebracht und an Land +geschafft wurden. + +Niemand an Bord nahm auch Abschied von ihnen; hie und da drückte wohl +ein Matrose Dem oder Jenem der Auswanderer, mit dem er sich unterwegs +befreundet und dessen Rum er ausgetrunken, die Hand. Capitän wie +Supercargo kümmerten sich nicht um die Leute, und waren sogar schon +vorher ans Land gefahren, wobei der Capitän, als er das Schiff verließ, +seinem Steuermann noch zurief, wenn er zurück käme, müsse das Fahrzeug +=rein= sein. + +Auf der Launch war auch Niemand, mit dem sie ein Wort sprechen konnten; +die Besatzung bestand aus ein paar halbnackten Negern, die sich in +einemfort unverständliche Sachen zuschrieen und dabei mit einander +lachten. So glitten sie dem Ufer zu. Einer der jungen Burschen wollte in +einer Art von verzweifelter Lustigkeit wieder das Lied anstimmen: +Brasilien ist nicht weit von hier! -- aber schwieg ordentlich +erschreckt, als auch kein Einziger der Übrigen mit einstimmte. Es war +ihnen nicht wie Singen zu Muthe. + +Jetzt liefen sie an den Platz an, wo sie ausgeschifft werden konnten. +Was da für wundervolle Bäume am Ufer standen und wie herrlich das fremde +Land aussah; aber die vielen fremden Gesichter beängstigten sie, +schwarze, braune, gelbe, und wie das Volk da umher lachte und plauderte, +und sich vielleicht über sie lustig machte, -- wer konnte es wissen. Und +als sie endlich ausgestiegen und am Land standen, war da auch nur Einer +von Allen, der auf sie zukam und ihnen die Hand geboten oder einen Gruß +entgegengerufen hätte? Ja, um sie her drängten sie, um sie besser +betrachten zu können, so dicht, daß sich die Kinder schon fürchteten und +zu weinen anfingen; aber Niemand kümmerte sich um sie. Sie wußten nicht +einmal wohin sie sich wenden sollten, wohin man ihr Gepäck gebracht -- +und wie die Sonne dabei auf ihre Köpfe niederbrannte. Wie heiß das hier +in dem fremden Lande war. + +Ein alter Neger rief ihnen allerdings etwas zu und zeigte in die Stadt +hinein; sie verstanden ja aber nicht was er sagte, was er von ihnen +wolle, und schüttelten nur die Köpfe. + +Eine volle halbe Stunde mochten sie so rathlos und voll in der glühenden +Sonne dagestanden haben, als ihnen endlich Erlösung wurde. + +»Nun, Ihr Leute,« rief der Supercargo ihres Schiffes, der sich durch die +Neugierigen zu ihnen drängte, »weshalb geht Ihr denn nicht zu Eurer +Wohnung? Wollt Ihr hier am Strand bleiben?« + +»Ja, aber wir wissen ja gar nicht wohin,« sagte Behrens, »es hat uns +noch kein Mensch ein Wort gesagt.« + +»Du lieber Gott, was man nicht selber thut, wird Einem auch nie +besorgt,« rief der Mann ärgerlich, »und Ihr seid auch so unbeholfen +dabei, wie nur möglich. Na, kommt, ich will Euch hinbringen, aber macht +ein wenig rasch, denn ich habe nicht lange Zeit.« + +Die Deutschen griffen ihr Gepäck, die Frauen ihre Kinder auf, und manche +hatten schwer genug daran zu tragen, aber der Supercargo schritt so +rasch vor ihnen her, daß sie ihm in der heißen Sonne kaum zu folgen +vermochten. Er war ungeduldig geworden und schien die Zeit kaum erwarten +zu können, wo er seine ihm lästige Begleitung los wurde. + + + + +Sechstes Kapitel. + +In Brasilien. + + +Mit dem Supercargo an der Spitze, der außerdem der portugiesischen +Sprache mächtig war, hatte sich die Menge dem Zug geöffnet, und die +deutschen Auswanderer passirten zunächst eine Art offenen Marktplatzes, +unmittelbar am Meeresstrand, auf dem alle Schätze tropischen +Fruchtreichthums aufgespeichert lagen. Ach, was für verlangende Blicke +warfen die armen seemüden Wanderer, die sich bis dahin von Salzfleisch +und trockenen Erbsen genährt, nach den goldglänzenden Orangen und Ananas +und all den sonstigen fremden Herrlichkeiten hinüber; aber ihr Führer +ließ ihnen keine Zeit, um auch nur mehr als einen flüchtigen Blick +darauf zu werfen. Fort ging es -- hindurch, mitten in die Stadt hinein, +und eine heiße, vollständig schattenlose Straße entlang, die sich wie +endlos vor ihnen ausdehnte, bis ein paar der Frauen in ihren dicken +Kleidern ermattet niedersanken. + +Jetzt erst wurde der langbeinige hagere Bursche vorn darauf aufmerksam +gemacht, daß sie ihm in diesem Tempo nicht mehr folgen könnten, und +mürrisch und verdrießlich fügte er sich endlich der Nothwendigkeit, +wenigstens langsamer zu gehen, -- von einem Aufenthalt wollte er aber +nichts wissen. + +Doch auch dieser Weg nahm mit der Straße ein Ende. Gleich draußen, wo +wieder freundliche Gärten lagen, erreichten sie eine Gruppe schattiger +Fruchtbäume und Palmen, und dort hindurch brachte sie ihr Führer zu zwei +allein stehenden, halb verfallenen Häusern, vor denen sie schon von +Weitem ihre Kisten und Koffer bunt und wild aufgeschichtet fanden. + +»Und was nun? -- Hier sollten sie die Nacht zubringen,« sagte ihnen ihr +Führer, »da weiter keine Räumlichkeit für sie hergerichtet sei; morgen +oder übermorgen würden sie dann spätestens zu dem Ort ihrer Bestimmung +abgeführt werden.« + +»Wo das sei? -- Wo sie bleiben, wohin sie geschafft werden sollten?« +alle Fragen stürmten auf ihn ein. Der Mann zuckte nur die Achseln. +»Darüber hätte der hiesige Agent zu bestimmen,« wie er sagte, »und er +selber weiter nichts zu thun, als sie hierher zu schaffen. Sie müßten +Geduld haben und kämen noch zeitig genug an ihre Arbeit.« + +Damit ging er fort und ließ sie allein, um sich dort einzurichten, so +gut es eben gehen wollte. + +Hatten sie übrigens keine Zeit bekommen, sich am Lande Früchte +einzukaufen, so folgten ihnen die Verkäufer derselben rasch genug +hierher, denn die Leute wußten aus Erfahrung, wie sich Reisende nach +einem solchen Labsal sehnen. Es dauerte nicht lange, so waren sie von +Negern und Negerfrauen ordentlich umschwärmt, die ihnen die herrlichen +Früchte des Landes zum Verkauf anboten, und die einzige Schwierigkeit +blieb nur die, daß sie kein hiesiges Geld besaßen, um dafür zu zahlen. + +Die Neger betrachteten kopfschüttelnd die ihnen gebotenen Münzen, und +nur für Silber ließen sich Einzelne, die wußten, daß sie es an Bord des +Schiffes wieder einwechseln konnten, herbei, ihnen Apfelsinen und einige +andere Früchte abzulassen. Und wie gierig fielen die armen Menschen über +dies einzige Labsal her, das ihnen geboten wurde, während sie das Beste, +die unreifen Cocosnüsse, mit denen sie ihren Durst hätten löschen +können, zurückwiesen, weil sie mit den großen, harten, grünen Kugeln +nichts anzufangen wußten. + +Behrens indessen, der auch ein deutsches Zehngroschenstück daran gewandt +hatte, um seinen Kindern und seiner Frau ein paar von den Apfelsinen zu +kaufen, und sich dabei wunderte, wie theuer er sie bezahlen mußte, da +ihm doch die Leute daheim gesagt, daß man sie hier überall im Walde nur +auflesen könne, ging indessen daran mit seinem Jungen und der ältesten +Tochter, die Kisten in das Haus zu schaffen und sich einen Schlafplatz +herzurichten. Er fürchtete allerdings nichts von dem Wetter, aber er +traute den fremden schwarzen Menschen nicht und wollte die Sachen gern +noch vor Dunkelwerden in Sicherheit schaffen. + +Einige folgten seinem Beispiel, Andere aber, zu lässig, oder auch zu +erschöpft, ließen ihr Eigenthum draußen stehen, und erklärten, die Nacht +im Freien schlafen zu wollen, denn in den Häusern sei es doch zu dumpf +und schwül. + +Aber wie rasch das dunkelte; kaum war die Sonne hinter den Palmenwipfeln +verschwunden, als sich auch schon die Nacht auf die Erde legte, und +indessen hatte Niemand nach ihnen hier draußen gesehen oder ihnen zu +essen und zu trinken gebracht. + +Allerdings fanden ein paar junge Burschen, die in der Nachbarschaft +umhergestreift waren, einen Bach und konnten von dorther wenigstens +Trinkwasser holen, aber weiter bekamen sie nichts. Sie mußten rein +vergessen sein, und nur der Schiffszwieback, den sich noch einige vom +Bord mitgenommen, stillte ihnen heute Abend den Hunger. + +Eine wahre Unzahl von Mücken gab es ebenfalls, -- sie kannten den +spanischen Namen »Mosquitos« noch nicht dafür, -- die sie mit der +Dämmerung umschwärmten und empfindlich stachen. Besonders die Kinder +hatten darunter zu leiden, schliefen unruhig und manche schrieen die +halbe Nacht hindurch. Aber es sollte noch besser kommen. + +Mitternacht mochte vorüber sein, als sich der Himmel plötzlich umzog, +und gegen ein Uhr zuckte der erste grelle Blitz nieder, dem ein +Kanonenschlag ähnlicher Donner folgte. Alle fuhren erschreckt in die +Höhe, -- da rasselte es auf das nur an wenigen Stellen vollkommen dichte +Blätterdach nieder; es regnete nicht, es schüttete im wahren Sinn des +Wortes, und eine entsetzliche Verwirrung entstand jetzt, als die im +Freien Lagernden nicht allein in das Haus und zwischen die Schläfer +stürmten, sondern auch noch ihre Kisten und Kasten dort im Trocknen +unterbringen wollten. Die Frauen jammerten dazu, die Männer fluchten, +die Kinder schrieen und ein wahrer Heidenlärm entstand. + +Auch die in den Häusern Befindlichen waren nicht immer besser daran, +denn Einige von ihnen fanden sich mit ihren Betten unter einer +ordentlichen Dachtraufe und sahen sich dabei nicht einmal im Stande, +nach rechts oder links zu weichen. + +Zu viel Unheil auf einmal bringt aber oft bei den davon Betroffenen die +entgegengesetzte Wirkung hervor, und das junge Volk unter den +Auswanderern, das sich auch weit eher unterbringen konnte, und weder mit +Gepäck noch Kindern behelligt war, fiel plötzlich, mitten in den +allgemeinen Lärm, wieder in sein altes Lied »Halli, Hallo! Brasilien ist +nicht weit von hier!« ein, was den Übrigen auch noch die letzte +Möglichkeit raubte, an Schlaf zu denken. + +So verging ihnen die erste Nacht und der nächste Morgen brachte ihnen +insofern eine Linderung, als der Regen mit Tagesanbruch aufhörte und die +heiße Sonne ihnen verstattete, die über Nacht etwa naßgewordenen Betten +und Kleider leicht und rasch wieder zu trocknen. + +Jetzt kam auch der Supercargo ihres Schiffes und entschuldigte sich, daß +ihnen gestern Abend keine Nahrung gesandt worden. Er habe den Auftrag +gegeben, ehe er an Bord zurück ging, aber er sei mißverstanden worden. +Es würde nicht wieder geschehen und jeder Einzelne von jetzt an Morgens +seinen Kaffee und Schiffszwieback, und Mittags und Abends zu essen +bekommen. + +Die Leute beklagten sich allerdings über den schlechten Zustand der +Dächer, und frugen, wie lange sie noch hier liegen bleiben sollten. Er +zuckte die Achseln und behauptete, es nicht zu wissen, da noch zwei +Herren aus dem inneren Land erwartet würden, die Arbeiter »bestellt« +hätten. Was die Dächer beträfe, so ließen sich die ja leicht wieder in +Stand setzen; es gäbe breite Blätter dort genug, und die Leute hätten ja +auch nichts weiter zu thun. + +Damit ging er, und ihre Nahrungsmittel bekamen sie von der Zeit an in +der That regelmäßig, aber auch eine Kost, an die sie nicht gewöhnt +waren, und in die sie sich nicht so bald hineinfinden konnten: frisches +oder gesalzenes Schweinefleisch, Bohnen und Maniokmehl. Mit dem Mehl +wußten sie anfangs gar nicht umzugehen, und einige versuchten sogar, +Brod davon zu backen; aber es war zu grob und schmeckte nicht. Übrigens +wurden ihnen einige Fruchtbäume in der Nachbarschaft -- die jedenfalls +zu den leerstehenden Gebäuden gehörten, angewiesen, wo sie sich +unentgeltlich holen konnten, was sie wollten, und auch fleißig +benutzten. -- Aber die Zeit verging ihnen entsetzlich langsam, denn Tag +und Nacht verstrich, ohne daß eine Änderung in ihrer Lage eingetreten +wäre. Dabei regnete es fast täglich und oft die ganze Nacht hindurch, +und wenn sie sich auch die größte Mühe gaben, die Dächer dicht zu +bekommen, so gelang ihnen das nur sehr unvollständig. + +Ein paar Frauen erkrankten noch außerdem, und ein brasilianischer Arzt +kam zu ihnen, den sie nicht verstehen konnten. Er gab ihnen aber +trotzdem Medicin, denn er wußte vielleicht schon, welchen Krankheiten +frisch eingetroffene Europäer am schnellsten ausgesetzt waren, und nahm +die Sache außerordentlich leicht. + +Endlich, am elften Tage, nachdem das Schiff, das sie hierher gebracht, +seine ganze Fracht gelöscht und neue Ladung dafür an Bord genommen +hatte, erfreute sie der Supercargo, der sie aber in der Zeit nur sehr +selten besuchte, mit der Meldung, daß die erwarteten Herren eingetroffen +wären und sie wahrscheinlich schon morgen, spätestens übermorgen, ihre +Reise in das innere Land antreten könnten. Sie sollten sich auf morgen +früh nur Alle sauber anziehen und bereit halten, da die Herren hier +herauskommen würden, um sie zu besuchen und selber mit ihnen zu +sprechen. + +Behrens frug ihn jetzt, wie es denn eigentlich mit ihren Contracten +wäre, die sie noch immer nicht wieder bekommen hätten, obgleich ihnen +das an Bord versprochen wäre. + +»Und was wollt Ihr damit?« frug der Supercargo lakonisch, »das sind nur +Contracte, durch die =Ihr= Euch Eurem zukünftigen Herrn gegenüber +verbindlich macht, ihm treu zu dienen, bis Ihr das vorgeschossene Geld +abbezahlt habt, weiter nichts, -- sie können =Euch= gar Nichts nützen.« + +Behrens schüttelte erstaunt mit dem Kopf, denn er begriff das Alles +nicht, und gar nichts stimmte außerdem mit Allem, was ihnen Herr +Kollboeker -- der doch Alles gerade so genau wissen wollte, gesagt. Da +sich der Supercargo aber schon wieder zum Gehen wandte und ihm =eine= +Frage besonders noch schwer auf der Seele lag, so faßte er sich ein Herz +und sagte: + +»Ach bitte, lieber Herr; möchten Sie mir wohl über =eine= Sache Auskunft +geben?« + +»Und die wäre?« frug der Mann, indem er stehen blieb und den Kopf nach +Behrens zurückdrehte. + +»Wie weit haben wir denn von hier nach Blumenau?« + +»Nach Blumenau?« sagte der Supercargo erstaunt -- »nach welchem +Blumenau?« + +»Nun, nach der deutschen Colonie, wo mein Bruder ist -- kann man da von +hier aus zu Land bequem hinkommen?« + +»Ihr seid wohl nicht recht bei Trost,« lachte der Supercargo »-- durch +=den= Wald? Na, kommt nur erst einmal hinein. Blumenau liegt weit von +hier. Da müßt Ihr erst wieder zu Schiff gehen und nach Rio Janeiro +fahren und von da wieder ein anderes Schiff nehmen, wenn eins da ist, +und das kostet viel Geld.« + +»Aber du mein Gott!« rief der arme Mann erschreckt aus, »dann sind ja +das =lauter= Lügen, was uns der Herr Kollboeker daheim gesagt hat.« + +Der Supercargo hörte aber schon gar nicht mehr auf ihn; er hatte andere +Dinge zu thun, als sich mit dem Auswanderer in ein langes Gespräch +einzulassen, und schritt langsam nach der Stadt zurück. Behrens aber -- +das Herz so entsetzlich schwer und mit einer noch unbegriffenen Angst, +die ihn dabei erfaßte, setzte sich auf einen dicht dabei liegenden +Baumstamm, stützte die Ellbogen auf die Knie, das Gesicht in die offenen +Hände und zum ersten Mal kam ihm eine volle und wie furchtbare Ahnung, +daß sie wirklich verrathen und verkauft seien und jetzt ihr Schicksal zu +ertragen hätten. + +Den anderen Auswanderern war ebenfalls nicht gerade leicht zu Sinn, wenn +sie auch noch nicht vollkommen ihre Lage begriffen; es schien ihnen nur +so, als ob hier nicht Alles in Ordnung wäre. Hatte man ihnen denn nicht +in Deutschland gesagt, sie brauchten in Brasilien so nothwendig +Arbeiter, und man würde sie dort mit offenen Armen empfangen. Jetzt +lagen sie hier schon elf Tage müßig und verzehrten jedenfalls ihr +eigenes Geld, da man ihnen das gewiß anrechnen würde, und kein Mensch +hatte sich um sie bekümmert oder ihnen auch nur die Hand zum Willkommen +geboten. Waren denn das Alles nur lauter Lügen gewesen? + +Unter solchen, nicht eben freudigen Vermuthungen, die sich aber Einer +vor dem Anderen auszusprechen scheute, verging auch dieser Tag. Die +Nacht regnete es wieder tüchtig, aber der nächste Morgen fand sie Alle +früh auf, denn er sollte ja, wie ihnen der Supercargo gesagt, ihr +nächstes Schicksal entscheiden. Schon mit Tagesgrauen nahmen die Frauen +ihre Kinder mit zum nächsten Bach, wuschen sie dort ordentlich ab und +zogen ihnen reine Wäsche an. Sie selber suchten ihre Sonntagskleider vor +-- lieber Gott, sie wußten nicht einmal genau, ob es ein Sonntag oder +ein Werktag sei -- und um neun Uhr schon waren sie Alle bereit, den +Besuch zu empfangen. + +Es wurde aber fast elf Uhr, ohne daß sich irgend wer bei ihnen hätte +blicken lassen, -- die Neger ausgenommen, die ihnen wie gewöhnlich ihr +Frühstück brachten. Da wurde plötzlich Pferdegetrappel laut, und gleich +darauf sprengten einige zwanzig Reiter, von einer Menge Neger, ebenfalls +zu Pferde, gefolgt, die Straße herab und gerade auf die Hütten zu, und +dort sprangen sie aus den Sätteln, überließen die Zügel ihren Dienern +und kamen dann lachend und plaudernd auf die Gruppe der Auswanderer zu, +die sich scheu aber doch neugierig vor ihren Häusern gesammelt hatten, +um die Nahenden zu erwarten. + +Der Supercargo war unter ihnen und auch der Deutsche, der gleich am +ersten Tag zu ihnen an Bord gekommen. Aber so wenig er sich an Bord um +die armen Landsleute gekümmert hatte, so wenig beachtete er sie jetzt +und hielt sich nur zu den Brasilianern, deren Sprache er geläufig +redete, während er auch ganz wie sie gekleidet ging. + +Auch ein langer Herr, der einen schwarzen Rock trug und fast wie ein +Geistlicher aussah, nur daß er einen Strohhut auf hatte, war unter ihnen +und ging auf die noch im Trupp stehenden Deutschen zu, denen er +zunickte, worauf ihm die Leute einen gemeinschaftlichen »guten Morgen« +boten, was ein halb freundliches, halb spöttisches Lächeln über seine +sonst ziemlich strengen Züge rief. + +Er sprach dann einige Worte mit dem Supercargo, worauf dieser zustimmend +antwortete und sich dann an die Deutschen wendend rief: »Nun will ich +Euch einmal etwas sagen, Ihr Leute, nun breitet Euch einmal ordentlich +aus, daß man Euch Alle sehen kann. Stellt Euch in eine lange Reihe oder +in einen Bogen hier herum; Platz ist ja genug da, und richtet Euch so +ein, daß die Familien immer zusammen kommen. Hier, Behrens, tretet Ihr +einmal dahin. Wo sind Euere Leute?« + +»Die Frau ist nicht ganz wohl, -- sie liegt drinnen auf dem Bett.« + +»Ist sie krank?« + +»Nein, krank gerade nicht, aber --« + +»Na, da laßt sie nur herauskommen, sie kann sich nachher wieder +hinlegen. Wir müssen einmal sehen, wen wir hier haben, man weiß ja sonst +gar nicht wer zusammen gehört. So, das ist recht -- und die einzelnen +jungen Burschen alle hier hinüber. Wer aber bei seiner Familie bleiben +will, halte sich zu der, es gibt sonst Verwirrung und ich stehe nachher +für nichts.« + +»Alle Wetter,« lachte der eine junge Bursch, »das sieht ja beinahe so +aus als ob wir verkauft werden sollten.« + +Der Supercargo wandte sich ab und ging zu den Brasilianern zurück, die +indessen auch etwas näher getreten waren, um die Auswanderer zu mustern. +Er unterhielt sich auch mit dem Deutschen, aber nur in der fremden +Sprache, so daß die Leute nicht verstehen konnten, was er zu ihm sagte. + +Indessen ordneten sich die Auswanderer, so gut es eben gehen wollte, auf +dem Plan vor den Häusern, -- Familien immer beisammen und nur die Frauen +und Mädchen hielten sich noch schüchtern hinter den Männern und wollten +nicht recht heraustreten. Es war ihnen ein gar peinliches Gefühl, hier +so von all den fremden Leuten angestarrt zu werden. Aber das half ihnen +nichts; so wie sich der Supercargo ihnen wieder zudrehte, zog er sie +eigenhändig vor. + +»Alle in eine Reihe, Leute, -- das Hinterkriechen hilft Euch nichts; wir +müssen sehen wen wir haben und ob Niemand fehlt. Erschwert uns die Sache +nicht, denn je williger Ihr Euch zeigt, desto rascher kommen wir damit +zu Ende.« + +»Und nun, Senhores,« wandte er sich an die Brasilianer, indem er sein +Taschenbuch und einen Bleistift herausnahm, »bitte ich Sie, Acht zu +haben. Ich werde vorher die einzelnen Personen abrufen, um zu sehen ob +Niemand fehlt, und dann ersuche ich Sie, die Gebote auf +zusammengehörende Familien zu machen. -- Einzelne aus Familien heraus +können nicht abgegeben werden, Sie würden auch selber nur Unruhe und +Last von ihnen haben, -- es müßte denn sein, daß sie sich freiwillig +dazu verständen. Bleibt die Familie beisammen, so ist sie leicht +zufrieden gestellt und arbeitet dann auch mehr und williger: wird sie +getrennt, so bleibt sie mürrisch und verdrossen und bekommt eine +deutsche Krankheit, -- das sogenannte Heimweh. Also erlauben Sie, daß +ich erst die Namen abrufe.« + +»Ihr Leute,« wandte sich der Supercargo dann wieder in deutscher Sprache +an die Auswanderer, »ich werde jetzt einzeln Eure Namen ablesen, wie Ihr +in der Schiffsliste eingetragen waret, und Jeder von Euch, wenn er +seinen Namen nennen hört, antwortet mir mit lauter Stimme: =hier!= Habt +Ihr mich verstanden? -- Gut,« fuhr er fort, als ein halblautes Murmeln +durch die Reihen lief, und die Ablesung begann jetzt in der gewöhnlichen +Art. Nur zwei fehlten, die drinnen in der Hütte wirklich fieberkrank +lagen und nicht herauskommen konnten. + +Die Brasilianer waren indessen an der Reihe auf und ab gegangen, um sich +die Einzelnen zu betrachten, und der lange Herr in dem schwarzen Rock +sagte endlich, als der Supercargo fertig war, zu diesem: »Die Leute +sehen sonst gut aus, aber verwünscht viel Kinder haben sie mitgebracht. +Das wimmelt ja ordentlich von ihnen.« + +»Mein lieber Herr,« erwiderte der Angeredete lächelnd, »Sie wissen recht +gut, daß das kein Schaden für Sie ist, denn erstlich können sie +dieselben, bis fast zu dem Kleinsten herunter, zum Baumwollpflücken und +Kaffeeauflesen verwenden, und dann halten die größeren Unkosten, die Sie +für Beköstigung haben, -- und die nicht einmal so bedeutend sind -- auch +die Eltern so viel länger in Ihrem Dienst.« + +Der lange Herr nickte leise und wie überlegend mit dem Kopf und schritt +langsam weiter. + +Der Supercargo indessen betrieb die Sache ziemlich geschäftsmäßig, und +schien nicht gesonnen, viel Zeit damit zu versäumen. Es war auch schon +ziemlich spät und damit heiß geworden, und je eher die Herren in ihre +kühlen Häuser kamen, desto besser. Nach der Liste rief er jetzt die oben +anstehenden Namen aus, -- es war eine Familie aus Hessen, Mann, Frau und +zwei erwachsene Söhne, ein paar kräftige, feste Burschen, wenn auch +jetzt etwas hohlwangig und bleich, und was er in portugiesischer Sprache +verhandelte, kam den armen Leuten fast so vor, als ob er sie anpries, +denn er zeigte oft auf sie und wandte sich dann wieder an die +Brasilianer. Von diesen sprach jetzt Einer, dann der Andere; sie kamen +auch heran und betrachteten sich die Vorgeschlagenen näher, und es +konnte diesen zuletzt nicht mehr entgehen, daß sie hier ordentlich +verauctionirt wurden. + +»Hol mich Dieser und Jener,« rief da einer der Burschen wieder, ein +etwas wüst aussehender Gesell, der auch auf dem Schiffe fortwährend +Streit gehabt, »wenn wir hier nicht ordentlich ausgeboten werden wie +sauer Bier. Na, wer mich kauft ist betrogen.« + +Die Übrigen schwiegen erschrocken still, denn es war ihnen ein gar so +unheimlicher Gedanke, daß sie hier nicht wie freie Menschen, sondern wie +Sclaven oder Vieh ausgeboten und dem Meistbietenden zugeschlagen werden +sollten, und daß das in der That der Fall war, darüber konnte keine +Täuschung mehr stattfinden. Aber was wollten sie jetzt machen? -- sich +widersetzen? Wie konnten sie das, da sie der Sprache nicht einmal +mächtig waren, und die Einzigen, mit denen sie sich hätten verständigen +können, gerade zu ihren Gegnern gehörten. + +»Oh, du lieber Gott,« seufzte Behrens' Frau, die sich erschöpft auf den +Arm ihres Mannes stützte, »wenn wir das in Deutschland gewußt hätten, -- +lieber doch allen Jammer und alles Elend ertragen.« + +»Laß gut sein, Mutter,« flüsterte ihr der Mann zu, »wir können nur für +das ausgemiethet werden, was wir abzuverdienen haben, und dürfen nachher +gehen, wohin wir wollen. Wenn ich nur den Schuft, den Herrn Kollboeker, +hier hätte.« + +Der =Verkauf= oder die Auction der Deutschen ging indessen ziemlich +rasch von Statten, da die Bietenden zahlreich zugeströmt waren, und +selbst viele Bewohner der Hafenstadt Dienstboten zu nehmen wünschten, +die sie hier unter so günstigen Bedingungen erhalten konnten. Familien +konnte man freilich in der Stadt nicht gebrauchen, da man hier keine +Verwendung für die Kinder hatte. -- Die wurden sämmtlich den Facienderos +des Inneren überlassen, und die Familie Behrens erstand denn auch ein +Pflanzer, der allerdings erst lange an ihnen herummäkelte, aber zuletzt +doch auf die gestellten Bedingungen einging. Der Supercargo kannte +seinen Vortheil und ließ eben nicht nach. + +Behrens' neuer Herr gefiel den Leuten nicht recht; er war nicht sehr +groß, aber entsetzlich mager, mit einer vollkommen lederartigen +Gesichtsfarbe, hatte auch um den Kopf, hinter den Ohren durch, ein +schmales schwarzseidenes Tuch gebunden, da er, wie sehr viele +Brasilianer, an Scropheln litt. Er sprach mit den Leuten gar nicht, +richtete nicht einmal ein paar freundliche Worte an sie, die ihnen doch +wohlgethan hätten, wenn sie auch die Sprache nicht verstanden. Als der +Handel abgeschlossen war, winkte er einen großen, blatternarbigen +Mulatten heran, dem er die verschiedenen Familienmitglieder bezeichnete, +und wandte sich dann noch einmal an den Supercargo, der unfern davon bei +einer anderen Gruppe stand. Dieser betrachtete sich den Mulatten und +schien von dem gewordenen Auftrag nicht recht erbaut, konnte ihn aber +auch vielleicht nicht gut abweisen und sagte, sich wieder gegen die +Deutschen kehrend: »Also dies, meine Leute ist Euer neuer Herr, Senhor +Almeira, wie er heißt, auf dessen Plantage Ihr jetzt -- wahrscheinlich +morgen früh -- befördert werden sollt. Dieser aber, der Mulatte, ist sein +Oberaufseher, dem Ihr, wenn der Herr nicht selber da ist, Eurem Contract +nach, zu gehorchen habt.« + +»Dem gelben Kerl?« rief die Frau erschreckt. + +»Mancal,« sagte der Supercargo, »ist ein braver, ordentlicher Mensch, +mit dem sich schon auskommen läßt (er hatte ihn heute zum ersten Mal in +seinem Leben gesehen). Seid nur freundlich gegen ihn und thut hübsch, +was er Euch sagt. Je fleißiger Ihr dabei seid, desto früher seid Ihr im +Stande den Platz wieder zu verlassen, -- wenn er Euch später nicht so +gefallen sollte, daß Ihr ganz da bleiben wollt. Nachher aber macht Ihr +Euren eigenen Contract.« + +»Spricht er denn deutsch?« frug die Frau. + +»Das nicht,« lachte der Supercargo, »aber das bischen Portugiesisch +lernt Ihr bald; das ist eine sehr leichte Sprache.« + +Der Mulatte sagte jetzt selber etwas zu dem Supercargo und dieser rief: +»Ja, das ist nothwendig. Wo habt Ihr denn Euer Gepäck? Zeigt das doch +einmal dem Mann, weil die Sachen ins Innere transportirt werden müssen.« + +»Kommen wir denn weit ins Land hinein?« + +»Nein, nicht weit, -- nur ein paar Legoas. Dort wird's Euch schon +gefallen.« + +Sie zeigten jetzt ihr Gepäck, und der Mulatte, der bis dahin keine Miene +verzogen hatte, lachte laut und hell auf, als er die drei großen, +riesigen Kisten sah. Er hatte auch vielleicht Ursache dazu, denn er +kannte die Wege und Beförderungsmittel des Landes und wußte recht gut, +daß es unmöglich sein würde, =solche= Collis auf Maulthieren über die +schmalen und steilen Bergpfade zu schaffen. + +Den Deutschen wurde das jetzt gesagt, und der Supercargo, der den Blick +umherwarf und überall ähnliche Kasten bemerkte, erledigte die Sache +dadurch, daß er versprach, noch heute Abend ein paar Matrosen vom +Schiff, von denen der eine sogar portugiesisch sprach, herüber zu +senden, um das Gepäck in Ordnung bringen zu lassen. Senhor Almeira +sollte dann auch einen von seinen Maulthiertreibern hersenden, und so +würden sie Alles rasch in Ordnung bekommen. + +Damit wandte er sich ab, denn seine Vermittlung wurde jetzt von allen +Seiten in Anspruch genommen. Es herrschte überhaupt eine entsetzliche +Verwirrung auf dem Plan, da die Deutschen durcheinander liefen und viele +der Frauen zu weinen und zu jammern anfingen. Aber was konnte das jetzt +helfen; die Sache war abgemacht, -- überdies brannte die Sonne und die +Herren eilten, um wieder in die Stadt zu kommen. + +Nur den für die Stadt »gemietheten« Leuten -- von denen man aber +natürlich Keinen gefragt hatte, in welcher Beschäftigung er verwandt +werden wolle -- wurde aufgegeben, ihre Sachen zusammen zu packen, da sie +noch heute Abend einziehen sollten. Den übrigen gab man Zeit bis morgen +früh. + + + + +Siebentes Capitel. + +Die Reise in's Innere. + + +Das war ein recht trauriger, schmerzlicher Tag für die armen Leute, die +hier, im wahren Sinn des Worts »verrathen und verkauft«, in dem fremden +Lande saßen und Niemanden in der weiten Welt hatten, bei dem sie sich +Rath und Hülfe erbitten konnten. + +Der Capitän des Schiffes? Wie durften sie sich an den wenden, den gingen +sie weiter nichts an, als daß er sie hier herüber beförderte. Und hatte +er je auf der ganzen langen Reise auch nur ein einziges freundliches +Wort mit ihnen gesprochen? Nie. Er betrachtete sie als Fracht, und noch +dazu als eine lästige Fracht, und würde nie daran gedacht haben, sich in +ihre Angelegenheiten zu mischen oder ihnen gar gegen seinen +Cajütenpassagier, den Supercargo, mit dem er immer sehr befreundet +gewesen, beizustehen. + +Und der Deutsche etwa, der schon bei ihnen an Bord gewesen? Das war ein +vornehmer Herr und hatte ihnen deutlich genug gezeigt, daß er nichts mit +ihnen zu thun haben wollte. Ein paar von ihnen redeten ihn allerdings +an, -- er war der Einzige, der für sie sprechen konnte, -- aber er +antwortete ihnen nicht einmal, zeigte nur auf den Supercargo, daß sie +sich nur an den wenden sollten, und drehte ihnen dann den Rücken. Und +der war ein Landsmann, -- aber leider finden wir das gar häufig bei den +Deutschen im Ausland, daß sie sich ihrer Nation und ihres Volkes +schämen. Wir können uns allerdings damit trösten, daß alle Solche, =die= +es thun, auch jedesmal Lumpen sind, und von den Fremden, unter denen sie +leben, eben so verachtet werden, wie sie selber ihr Vaterland verachten; +trotzdem bleibt es immer traurig, daß dem wirklich so ist. + +So konnten denn die armen Leute nichts anderes thun, als sich in das +Unvermeidliche eben fügen und über sich ergehen zu lassen was da komme. +Sie besaßen nicht mehr die Macht es zu ändern. + +Auch der Abend war noch bös, denn als die Matrosen eintrafen, die ihr +Gepäck ordnen sollten, gingen diese entsetzlich rauh mit ihren Sachen +um, und die Brasilianer, die umherstanden, wollten sich noch dazu +todtlachen über all den Plunder, den sie mitgebracht, und der jetzt wild +umhergestreut vor der Hütte lag. + +Es ist allerdings wahr, die Deutschen schleppen Dinge mit in die Fremde, +an die ein Anderer nicht einmal denken würde; aber arme Leute, die genau +wissen, wie sauer es ihnen geworden, sich auch nur das Geringste in +ihrem Hausrath anzuschaffen, und die dann nachrechnen, wie viel +Arbeitstage an jedem Gegenstand hingen, trennen sich auch entsetzlich +schwer von ihrem Eigenthum, und haben viel zu wenig Erfahrung in der +Welt, um zu wissen, daß sie nutzloses Gepäck oft wieder doppelt und +dreifach bezahlen müssen, um es nur an Ort und Stelle zu bekommen. + +Auch Behrens' Frau hatte eingepackt, was sie nur noch irgend jemals zu +benutzen glaubte, Töpfe und Tiegel, ja, sogar irdenes Geschirr +dazwischen, das schon in Scherben in der Lade herum lag, Quirle und +hölzerne Löffel, eine alte, zerbrochene Kaffeemühle, die hier Niemand +repariren konnte, schweres, eisernes Werkzeug dazwischen, und Hausgeräth +bis auf den Wischlappen hinunter. Dazwischen räumten die Matrosen jetzt +mit ihren rohen Fäusten und roheren Scherzen auf. Was zerbrach, zerbrach +eben und brauchte nicht mit verpackt zu werden, und die Arrieros oder +Maulthiertreiber schnürten dann noch das Ganze mit rohhäutenen Riemen +derart zusammen, daß Alles, was nur einigermaßen ruinirt werden +=konnte=, auch seinem Schicksal sicher nicht entging. + +Die Kisten selber wurden als vollkommen werthlos bei Seite geworfen; sie +mochten höchstens noch als Brennholz dienen. + +Ein Trost war für Behrens wohl noch der, daß eine andere, ziemlich +ordentliche Familie denselben Herrn bekommen hatte und also ihr +Schicksal theilen würde, aber der junge, wilde Bursch, der sich +vermessen, daß, wer ihn kaufe, auch betrogen sein solle, begleitete sie +ebenfalls, und dessen Gesellschaft war Keinem von Allen angenehm, ließ +sich aber auch nicht ändern und mußte eben ertragen werden, wie das +Übrige. + +Die Packen waren geschnürt, -- selbst, die Betten, obgleich die Frau sie +gern herausbehalten hätte, weil sie jetzt nicht einmal wußten, wo und +wie sie die Nacht schlafen sollten. Nur für das Jüngste war ein kleines +Unterbett gerettet worden, und die Leute trösteten sich damit, daß es ja +doch wohl nur für eine oder höchstens zwei Nächte sein würde. + +An dem Abend nahmen noch die von ihnen Abschied, die in der Stadt +blieben und vor Sonnenuntergang mit ihrem Gepäck abgeholt wurden. Sie +hatten es verhältnißmäßig am besten, und doch schien ihnen das Herz +ziemlich schwer, als sie ihren alten Reisegefährten Lebewohl sagen +sollten. Aber lange konnten sie sich auch dabei nicht aufhalten, denn +Jeder bekam gerade genug mit sich selber zu thun. + +Übrigens wurde an dem Abend noch das eine Haus fast ganz geleert, denn +einen Theil der deutschen Arbeiter beorderte man sogar noch mit +einbrechender Dämmerung auf das eingelaufene kleine Dampfschiff, das die +Küste befuhr. =Wohin= das sie brachte und zu wem sie kamen, wußten sie +gar nicht; sie frugen darnach, erhielten aber keine Antwort, und man +schien sie eben in der That als nichts weiter wie Leibeigene zu +betrachten, bei denen von einer eigenen Meinung, einem eigenen Willen +keine Rede sein konnte. + +Die Nacht regnete es wieder entsetzlich und besonders arg zeigten sich +die Mücken. Die armen Auswanderer verbrachten sie trüb genug auf den +zusammengeschnürten Ballen ihrer Habseligkeiten und den Brettern ihrer +zerschlagenen Kisten -- man mußte sich eben einrichten, und sie ging ja +auch vorüber. Am nächsten Morgen trafen endlich die Maulthiere ein, -- +nicht etwa früh, denn die Leute nehmen sich zu solchen Sachen immer Zeit +und es ging schon auf Mittag, ehe sie nur geladen waren und fort +konnten; Behrens erstaunte übrigens, als er nicht die geringsten +Beförderungsmittel für sich und seine Familie sah. Kein kleiner Wagen, +kein Pferd oder Maulthier. Sollten sie den ganzen Weg zu Fuß gehen? Es +konnte eben nicht weit sein und dann ging sich's vielleicht auch besser +auf den schlechten Wegen, als sie gefahren wären. + +Die Maulthiertreiber ritten aber sämmtlich, -- auch der Mulatte mit den +Blatternarben, der sie hinauf begleiten sollte. Die Frau wäre aber zu +schwach gewesen, das jüngste Kind zu tragen, und Behrens schnürte es +sich selber in ein Tuch auf den Rücken; da spürte er die leichte Last +gar nicht. + +Das war ein entsetzlich heißer Marsch in dem flachen Land, das sich an +der Küste ausdehnte. Eine kleine Strecke im Inneren, als sie erst die +unmittelbare Nähe der Stadt und die offenen Felder verließen, kamen sie +allerdings streckenweise unter schattige Waldbäume, aber es dauerte +immer nicht lange, so mußten sie wieder eine offene Plantage passiren, +und dort brannte die Sonne gar so arg. + +Behrens frug den einen Maulthiertreiber ein paar Mal, wie weit sie +hätten; aber der schüttelte nur mit dem Kopf, er verstand nicht was der +Deutsche zu ihm sagte, und zeigte nur auf eine vor ihnen liegende +Plantage. War das schon ihr Ziel? Nein, sie sollten nur hier +übernachten. Ein besonderes Haus war freilich nicht für sie +aufzutreiben, und sie mußten in der Maniokmühle einquartiert werden, +aber der Aufenthalt war dort wenigstens luftig und reinlich, und sie +bekamen auch reichlich zu essen, Bohnen und Maniokmehl und etwas +getrocknetes Fleisch, da die Leute wahrscheinlich nicht frisch +geschlachtet hatten. Am nächsten Morgen aber wurde lange vor Tageslicht +zum Aufbruch gerufen, und es schien doch jetzt, als ob man die +Morgenkühle zu ihrem weiteren Marsch benutzen wolle. + +Jetzt hatten sie aber auch die Berge dicht vor sich, nicht etwa sehr +hohe Gebirge, so weit sich von hier aus erkennen ließ, sondern eine +niedere, bewaldete Hügelkette, in die sich der Weg hinaufzog, und die +zuletzt so eng und steil wurde, daß sich Einer hinter dem Anderen halten +mußte. Und wie schwer es sich da ging, -- aber es sollte noch schwerer +werden, denn mitten am Tag setzte der Regen wieder ein und die Frau war +zuletzt so erschöpft, daß sie kaum noch vorwärts konnte. Einer der +Maulthiertreiber fühlte wohl Mitleiden mit ihr und wollte sie eine +Strecke reiten lassen, -- aber das ging auch nicht, denn sie hatte noch +in ihrem Leben auf keinem Thier gesessen, und hier Berg auf und ab war +das noch außerdem schwierig genug, sich oben zu halten. Als sie das +nächste Haus erreichten, was in einem der Thäler lag, mußten sie +nothgedrungen Halt machen, und der Mulatte, der damit gar nicht +einverstanden war, schickte das Gepäck voraus, ohne sich darum zu +bekümmern, was die armen Wanderer wohl noch unterwegs davon gebrauchen +würden. + +Am nächsten Tag derselbe Marsch, bei dem die Frau endlich ihre Kräfte +verließen. Sie kam nicht mehr zu Fuß weiter und =mußte= jetzt auf ein +Thier gesetzt werden, das der Mulatte am nächsten Platz für sie +miethete. Behrens und seine Tochter gingen dann nebenher und hielten sie +im Sattel, bis sie nach und nach die Bewegung gewohnt wurde und sich +schon selber ein wenig helfen konnte. Aber endlos dehnte sich der Weg +aus, -- Tag nach Tag verging, und noch immer erreichten sie ihr Ziel +nicht. Die Kinder bekamen schon Blasen unter die Füße und wimmerten +unterwegs. Anfangs hatten sie sich über den herrlichen Wald, die +prachtvollen Bäume und die vielen bunten merkwürdigen Vögel und +Schmetterlinge gefreut, jetzt achteten sie gar nicht mehr darauf und +schleppten sich nur mühsam über den nassen, klebrigen Boden hin. + +Am siebenten Tag wurden die Auswanderer von zwei Reitern überholt, einem +Weißen mit seinem schwarzen Diener hinten, der im Galopp heransprengte. +Es war Senhor Almeira, ihr Herr, der sehr erstaunt und auch unwillig +schien, sie noch auf der Straße zu finden. Er sprach heftig mit dem +Mulatten, und dieser entschuldigte sich, ebenfalls nicht in besonderer +Laune. Der Herr warf einen Blick auf die kranke Frau, redete aber die +Deutschen nicht an, sondern setzte seinem Thier die Sporen ein und +sprengte vorüber. + +An dem Tag wanderten sie bis spät in die Nacht hinein, die Kinder +konnten ihre Füße kaum noch vom Boden heben und weinten still vor sich +hin, und Hannchen, die älteste Tochter, obgleich selber müde genug, +huckte dennoch ihr jüngstes Brüderchen, den fünfjährigen Christian, auf +und schleppte ihn weiter, bis sie, zum Tode erschöpft, wieder die +Wohnung menschlicher Wesen erreichten, und dort die armen mißhandelten +Glieder ein paar Stunden konnten rasten lassen. + +Und =wieder= weiter ging es am nächsten Morgen, aber heute war der +Mulatte freundlicher mit ihnen, zeigte voraus und nickte und lachte, -- +die Plantage seines Herrn konnte nicht mehr fern sein, und als sie, etwa +um 10 Uhr Morgens, wieder einen der jetzt immer steiler und höher +werdenden Bergkämme erreicht hatten, breitete sich ein weites, +herrliches Thal vor ihnen aus, und dort unten lagen eine Anzahl Gebäude, +auf die jetzt ihr Führer deutete und ihnen etwas zurief. + +Das endlich -- endlich war der so heiß ersehnte -- und fast auch +gefürchtete Platz, der sich dort vor ihnen ausbreitete, -- das war der +erste Blick auf ihre neue Heimath in dem fremden Lande, -- dort sollten +sich alle die Hoffnungen erfüllen, die sie weit weg über das Meer, aus +ihrem Vaterland hierher geführt, -- dort sollte jede Sorge schwinden und +ein neues, frisches Leben für sie beginnen? Und war der Anfang so +gewesen, daß sie dem mit froher Zuversicht entgegen sehen durften? Hatte +sich bis jetzt auch nur =eine= dieser Hoffnungen, -- nur irgend etwas +bestätigt, das ihnen im alten Vaterland von eigennützigen oder +unwissenden Menschen versprochen worden? + +Behrens war kein Mann, der, mit irgend welcher Phantasie begabt, dunkle +Bilder vor sich heraufbeschworen hätte, und doch schnürte ihm ein +unheimliches Gefühl die Brust zusammen, als er ihrer letzten Behandlung +-- als er auch daran dachte, daß von jetzt ab dieser gelbe, häßliche und +rohe Mensch ihr Aufseher sein sollte. Aber er hütete sich wohl, der +armen, noch überdies so schwachen Frau ein Wort zu sagen, -- er glaubte, +daß sie das vielleicht nicht eben so scharf und peinlich fühle, als er +selbst, und schweigend, Jeder mit seinen eigenen trüben Gedanken +beschäftigt, schauten die Auswanderer auf das vor ihnen ausgebreitete +Landschaftsbild hinab. + +Es wurde ihnen aber nicht lange Pause gegönnt, denn der Mulatte drängte, +den Platz endlich zu erreichen, da er wußte daß ihn sein Herr schon +ungeduldig dort erwarte. Auch die Deutschen rafften ihre letzten Kräfte +zusammen, -- es war ja jetzt bald überstanden, und wanderten, so rüstig +es gehen wollte, den schrägen Hang hinab, der sie hinunter in die Ebene +führte. Aber sie hatten die Plantage schon weit früher erreicht, als sie +glaubten, und fanden sich plötzlich in einem Wald, der nur aus +angepflanzten Bäumen zu bestehen schien, da überall Reihen +hindurchliefen. Allerdings hatten sie schon unterwegs einige solche +passirt, aber in ihrer Ermattung gar nicht darauf geachtet. + +Jetzt deutete der Mulatte mit einem Zweig, den er in der Hand hielt, um +seinem Thier die Fliegen damit abzuwehren, hinüber auf die Bäume und +sagte: »_Café!_« + +»Kaffee?« rief Behrens verwundert. + +»_Sim!_ -- _cafezal_.« + +»Das sind ja Kirschbäume, Vater,« sagte Hannchen, und die Deutschen +betrachteten verwundert die mit kleinen, rothen und grünen Früchten +bedeckten Bäume. Der Mulatte aber, der jetzt glaubte, ihnen jede nöthige +Aufklärung gegeben zu haben, spornte sein Thier an und sprengte rasch +voraus, um jedenfalls die Ankunft des Trupps zu melden. + +Jetzt lichtete sich der Kaffeewald, -- denn es waren in der That +Kaffeebäume, durch welche sie hinwanderten und das Ganze ein sogenannter +Cafezal oder Kaffeegarten. Sie betraten wieder das offene Land mit einem +Baumwollenfelde zur Linken und einer Zuckerrohranpflanzung zur Rechten. +Voraus konnten sie schon die Gebäude erkennen, -- ein niederes, breites, +aber luftig gebautes Haus mit einer großen Veranda, die ringsherum lief +und von einem Hain fruchttragender Orangen umgeben und zu beiden Seiten +desselben, aber durch das Gebüsch vollständig bedeckt, niedere, aus Holz +aufgeführte kleine Häuser, in denen, wie sie später fanden, die auf die +Plantage gehörenden Neger ihre Wohnung hatten. + +Zwei davon standen leer und wurden den beiden Familien angewiesen, wobei +Behrens auch noch den, freilich jetzt sehr kleinlauten Burschen +zugetheilt bekam. Behrens wollte dagegen protestiren, da er nicht mit zu +ihrer Familie gehörte, aber man verstand ihn entweder nicht, oder wollte +ihn auch nicht verstehen, und vor der Hand ließ sich nichts weiter in +der Sache thun. Das regulirte sich doch wohl, wenn sie erst einmal an +Ort und Stelle waren. + +Für heute fühlten sich Alle so ermüdet, und kaum im Stande ihr Gepäck +selber in die ihnen angewiesene Wohnung zu schaffen. Und sollten sie +hier etwa für immer bleiben? Wie wüst und öde der Ort aussah, mit weiter +keinem Fußboden, als der bloßen, hartgestampften Erde, aus der sogar an +einigen Stellen, da er wohl lange nicht bewohnt gewesen, Grashalme +emporsproßten, mit durchsichtigen Reisigwänden und keinem einzigen +Möbel, weder Tisch noch Stuhl, darin. Nur an der hinteren Wand waren ein +paar in den Boden eingerammte Bettgestelle aus rohen Pfosten und Stangen +angebracht, mit Riethstücken darüber gelegt, und auf dem einen von +diesen lag eine alte, mit blauem Zeug überzogene, ziemlich harte +Matratze, aber so von Schmutz starrend, daß sie Behrens nur gleich +hinaus vor die Thür zog, weil Niemand darauf liegen mochte. + +Das war ein trauriger Aufenthalt inmitten dieser wunderbaren Vegetation, +-- und ein Garten? Hinter dem Haus lag ein Platz von vielleicht zehn +Schritt Länge und Breite, den die früheren Bewohner dieser Hütte zu +einem Düngerhaufen benutzt zu haben schienen, weiter nichts, denn +dahinter begannen schon die Orangenbäume, und darin hatte Herr Meier in +Europa also doch Recht gehabt, denn von denen lagen hier so viel herum, +daß sie den Boden fast bedeckten und dorten faulten. Und trotzdem +scheuten sich die Deutschen am ersten Tage davon zu nehmen, bis eine +alte Negerfrau zu ihnen kam, und den Kindern eine ganze Schürze voll +davon ins Haus schüttete. + +Und wie sollten sie sich jetzt mit irgend Jemandem verständigen? Behrens +hätte so gern gefragt, ob sie nicht einen Tisch und ein paar Stühle +wenigstens bekommen könnten, und er suchte der alten Negerfrau das +begreiflich zu machen. Sie verstand ihn auch vielleicht, denn er drückte +sich pantomimisch deutlich genug aus, schüttelte aber mit dem Kopf und +begann dann eine solche Menge von wunderlichen Gesticulationen, daß es +Behrens endlich in Verzweiflung aufgab, irgend einen Bescheid von ihr zu +erhalten. Die Kinder fürchteten sich dabei vor ihr, und Christian schrie +gerade hinaus, wenn sie nur in seine Nähe kam. Aber sie lachte +gutmüthig, nickte ihnen freundlich zu und ging dann wieder in ihre +eigene Wohnung hinüber. Mit den Fremden war ja doch nichts anzufangen. + +Essen bekamen sie heute gebracht, die nämliche Kost, die sie unterwegs +erhalten: Bohnen und Maniokmehl, aber ein Stück frisches Fleisch dazu, +-- Alles in einer großen hölzernen Schüssel, in welcher blecherne Löffel +staken. Sie mußten sich dann darum her auf die Erde niederkauern, um +daraus zu essen. + +Behrens und seine Frau glaubten nun allerdings, daß ihnen dies trostlose +Local nur für den Augenblick zur Wohnung angewiesen sei, da man nicht +Zeit gehabt, eine bessere Behausung so rasch für sie in Stand zu setzen, +und in dieser Vermuthung wurden sie dadurch bestärkt, daß man sie auch +am nächsten Tag noch zu keiner Arbeit aufforderte, sondern ihnen +vollständig Zeit ließ, sich von dem beschwerlichen und ermüdenden Marsch +zu erholen. Gewiß bereitete man indessen ein neues kleines Haus für sie +vor, an dem sich dann auch ein Garten befand, denn das hatte ja Herr +Kollboeker daheim dem Auswanderer noch ganz besonders in seinen Contract +gesetzt. + +Am dritten Tag morgens, aber auch erst nach dem Frühstück, kam der +Mulatte und sagte ihnen etwas in seiner Sprache, auf das der junge +Bursch, der Pölke hieß, und der sich indeß wieder vollständig erholt +hatte, lachend erwiederte: »Ich danke Dir, Du erbsenbedroschenes +Gelbfell Du; wir befinden uns vollkommen wohl.« + +Der Gelbe grinste, daß ein paar Reihen blendend weißer Zähne zum +Vorschein kamen, mochte sich aber doch auf keine weitere mündliche +Erörterung einlassen, sondern winkte ihnen nur mit der Hand, ihm zu +folgen. + +Behrens zeigte jetzt fragend auf sich; der Mulatte wiederholte aber die +frühere Bewegung für Alle mit einander, -- nur die Frau nicht, die den +Säugling auf dem Schoß hatte; =sie= und das kleinste Kind, der +Christian, sollten da bleiben. + +Natürlich folgten sie Alle der Aufforderung und glaubten auch, sie +würden nun zu dem Herrn geführt werden, um dort das Weitere mit ihm zu +besprechen. Das aber war nicht der Fall; der Mulatte brachte sie gleich +in das Feld hinaus, zwischen das Zuckerrohr, wo schon eine Anzahl von +Negern beschäftigt war, den Boden aufzuhacken. Werkzeug lag dort +ebenfalls, und die neuen »Arbeiter« wurden angewiesen, sich den übrigen +»Sclaven« anzuschließen. + +Weigern durften sie sich nicht, -- waren sie doch auch nur deshalb nach +Brasilien gekommen, um jede ihnen übertragene Arbeit auszuführen, und +mit gutem Muth und heute auch wieder frisch gestärkt, begannen sie ihre +neue Beschäftigung. Lieber Gott, Arbeit waren sie ja von Jugend an +gewöhnt -- und harte Arbeit dazu -- in Deutschland hatte man ihnen +ebenfalls nichts geschenkt, und hier sollten sie ja nur schaffen, um +freie und selbstständige Menschen zu werden. Je früher sie also damit +begannen, desto rascher lief auch ihre Dienstzeit ab, und wenn sie erst +einmal für sich selber beginnen konnten, mußte auch das Schwerste +überstanden sein. + + + + +Achtes Capitel. + +Der deutsche Consul. + + +So verging Tag nach Tag, ohne daß sich in ihrer sonstigen Lage etwas +geändert hätte. Regelmäßig wurden sie zur Arbeit gerufen, und regelmäßig +mit Dunkelwerden wieder nach Hause geschickt, aber eine andere Wohnung +bekamen sie nicht, und auch weder Tisch noch Stuhl hinein. Behrens +versuchte noch einmal, mit ihrem Mulatten-Aufseher anzuknüpfen. War er +aber früher nicht besonders gesprächig gewesen, so wich er jetzt +besonders jeder Unterhaltung oder Frage entschieden dadurch aus, daß er +einfach mit der einen Hand schüttelte, als ob er sagen wollte: »Laßt +mich zufrieden, ich verstehe ja doch nichts von Eurer Sprache.« + +Einmal trafen sie den Herrn, gerade Mittags, als sie von ihrer Arbeit +nach Hause gingen, und Behrens wollte ihm denn auch das mit dem Garten +begreiflich machen; der aber winkte ihm gleich von vornherein ungeduldig +ab und zeigte auf seinen Aufseher. Was hatte er mit den deutschen +Knechten zu unterhandeln. Er wollte nichts von ihnen wissen -- und dabei +blieb es. + +Auch Pölke wurde nicht anderswo einquartiert, obgleich der unruhige +Gesell der Familie nur zu lästig fiel. Es blieb eben Alles beim Alten +und die Leute mußten sich zuletzt darein finden. Ja, Behrens begann +sogar an einem der Sonntage, wo sie in der That nicht zu arbeiten +brauchten, sich selber Tisch und Stühle herzustellen, denn wenigstens +den Negern hatte er zuletzt begreiflich gemacht, was er eigentlich +wolle, und sie führten ihn zu einer kleinen, verfallenen Hütte im Wald +drinnen, in welcher die eine Wand aus zusammengenagelten Brettern +bestand. Allerdings schüttelte er hier mit dem Kopf, weil er sich nicht +getraute etwas davon abzureißen, aber die Schwarzen schienen nicht so +rücksichtsvoll. Im Nu waren ein paar von den Brettern losgebrochen. +Säge, Hammer und Nägel führte er selber bei sich, und er konnte doch +jetzt wenigstens einen Tisch und ein paar Bänke, und später auch sogar +ein Bettgestell für seine Frau und das Kind herrichten. + +Die Arbeit ging indessen fort, Monat nach Monat, -- Zuckerrohr wurde +gehackt und geschnitten, Baumwolle gepflückt, Kaffee eingesammelt, +gereinigt und ausgemahlen, Cacao gesammelt und getrocknet, und die +Männer erhielten nun ihre Hauptbeschäftigung im Wald mit der Axt, da der +Besitzer der Plantage noch mehr Land urbar machen und besonders seine +Kaffeepflanzung erweitern wollte. Damit verging ein volles Jahr, und +wenn Behrens und seine Frau, wie überhaupt die älteren Deutschen, auch +noch fast so wenig von dem Portugiesischen verstanden, als an dem ersten +Tag, an welchem sie hier eingerückt, so hatten es die Kinder doch viel +rascher aufgegriffen, und die Jüngsten besonders waren schon gar nicht +mehr dazu zu bringen, ein Wort deutsch zu reden. Sie verstanden es +natürlich, aber fortwährend in Gesellschaft der Schwarzen, eigneten sie +sich vollständig deren Portugiesisch an und sprachen es genau so +schlecht, wie diese. + +Nur Hannchen, Behrens' älteste Tochter, hatte größere und bessere +Fortschritte darin gemacht als die Anderen, denn überhaupt ein begabtes +Kind, war sie auch häufig im Hause von Senhor Almeira und dessen Familie +verwandt worden, und die Senhora hatte solchen Gefallen an ihr gefunden, +daß es ihr selber Freude machte, sie dann und wann zu unterrichten. +Anfangs schien auch Senhor Almeira gar nichts dagegen zu haben, denn es +lag ihm sogar daran, endlich einmal Jemanden zu bekommen, durch welchen +ein Verständniß mit den »dickköpfigen« Deutschen möglich wurde. Als sich +aber die Kinder so gelehrig zeigten und die Jungen schon bald zu +Dolmetschern verwandt werden konnten, zankte er oft, wenn er das junge +Mädchen im Haus bei einem Buch oder mit der Feder fand, und schickte sie +dann jedes Mal zu einer oder der anderen Arbeit. + +Dem alten Behrens fraß indessen der Gedanke an seinen ihm vorenthaltenen +Garten am Herzen. Vor der Arbeit scheute er sich nicht, -- sie war +schwer, ja, und wurde in der heißen Sonne noch schwerer, und angenehm +war dabei ebenfalls nicht, daß sie mit den Negern in einem Feld schaffen +mußten und mit ihnen unter =einer= Aufsicht standen; aber auch das würde +er willig ertragen haben und ertrug es ja auch, wenn ihm nur sein +=Recht= nicht dabei verkümmert wäre. Wie deshalb nur die Kinder ein +klein wenig Portugiesisch verstanden, mußten sie schon fragen, =wann= er +den Garten bekäme, und fortwährend darauf hinweisen, daß er im +=Contract= stände, -- aber ohne Erfolg. Der Mulatte nickte und lachte, +der Herr selber gab gar keine Antwort und es blieb beim Alten. + +Weit über ein Jahr waren sie solcher Art schon in ihrer Arbeit gewesen, +und Behrens' Frau hatte indessen, von ihrem Mann unterstützt, genaues +Buch über die gelieferte Arbeit gehalten. Ungefähr glaubten sie ihre +Schuld auch etwa berechnen zu können, denn was die Passage auf dem +Schiff gekostet, wußten sie ja bei Heller und Pfennig und demnach mußten +sie das ihnen vorgeschossene Geld, wenn sie wirklich den niedrigsten +Arbeitssatz für Brasilien annahmen -- und darüber hatte ihnen Herr +Kollboeker Manches erzählt -- schon bald abgearbeitet haben. Es konnte +nur noch eine sehr kurze Frist daran fehlen. Sollte er der paar Wochen +wegen nun noch Streit um einen Garten anfangen? Es war nicht mehr der +Mühe werth, denn sobald ihre Zeit ablief, gedachte der Mann wieder einen +neuen Contract mit dem Herrn zu machen, um sich noch etwas baares Geld +zu verdienen, und dann endlich, wenn sie =noch= etwa ein Jahr so +gearbeitet hätten, selbstständig zu beginnen. + +Brasilien war wirklich ein außerordentlich fruchtbares und reiches Land, +=darin= hatten die Berichte nicht gelogen, und wer hier arbeiten wollte +-- und gesund blieb, konnte schon was vor sich bringen. Ein trauriges, +elendes Leben hatten sie freilich das erste Jahr führen müssen, und +=daß= sie eben gesund geblieben, konnten sie selber nicht recht +begreifen. Mit dem zweiten Jahr mußte sich das nun aber auch bessern, +denn sobald Behrens einmal seine Schuld abverdient, gedachte er sich +selber ein kleines Häuschen zu bauen und das wohnlicher einzurichten, +und dazu gab ihm der Herr auch gewiß die Zeit oder er bedung sich +dieselbe noch besser gleich in dem neuen Contract aus. + +So verging wieder ein Monat -- und noch ein Monat, ohne daß sich das +Geringste in ihrer Lage verändert hätte -- nur die Arbeit war schwerer +geworden, denn die Männer wurden jetzt fast einzig dazu verwandt, Wald +urbar zu machen, um neuen Boden zu gewinnen. + +Nur einen angenehmen Zwischenfall hatten sie; der junge Pölke, ein +fauler und nichtsnutziger Gesell, der ihnen viel Kummer bereitet und +auch ewig Streit und Unfrieden anstiftete, war eines Morgens +verschwunden. Anfangs glaubten die Deutschen, daß er im Walde vielleicht +verunglückt sei, bald aber stellte sich heraus, daß er Behrens' besten +Rock und zwei gute Hemden mitgenommen hatte, und es blieb ihnen jetzt +kein Zweifel mehr über sein Verschwinden. Er war eben fortgelaufen und +wenn Senhor Almeira, der sehr zornig darüber schien, auch berittene +Neger nach verschiedenen Seiten aussandte, um ihn wieder einzufangen, +ja, Mancal, der Aufseher selber, fortritt und eine volle Woche ausblieb, +fanden sie keine Spur von ihm. Nach Porto Seguro war er wenigstens nicht +gekommen, und wenn ihm auf der Flucht kein Unglück zugestoßen, hatte er +=seinen= Vertrag wenigstens gelöst. + +Behrens' Frau jammerte allerdings über das Gestohlene, da sich die +Wäsche gerade hier im Land so schwer ersetzen ließ; im Grund aber waren +sie selbst um =diesen= Preis zufrieden, ihn los geworden zu sein, und +nach vierzehn Tagen wurde gar nicht mehr von ihm gesprochen. + +Aber nahm ihr Contract denn gar kein Ende? -- Zur Arbeit wurden sie +täglich gerufen, aber nie ein Wort davon gesagt, =wann= ihre Zeit +eigentlich abgelaufen sei, und Hannchen bekam jetzt den Auftrag, ihren +Herrn zu fragen, wie sie mit ihrem Lohn ständen. Sie erhielt jedoch nur +eine ausweichende Antwort und scheute sich die Sache zu drängen. Und +noch ein Monat verging, und jetzt wurde der alte Behrens -- etwas sehr +Seltenes bei einem Deutschen -- ungeduldig. + +Wieder mußte Hannchen fragen und sollte sich jetzt an die Frau wenden, +die immer gut und freundlich gegen sie gewesen; aber die Frau des +Pflanzers wagte nicht sich in dessen Angelegenheiten zu mischen, -- er +war nicht gut mit ihr, wie Hannchen daheim erzählte, er schalt oft und +zankte und behandelte sie rauh, -- die Frau kränkelte auch und fürchtete +jede Aufregung. + +Da faßte sich Behrens eines Sonntags ein Herz, und mit seinem ältesten +Jungen Fürchtegott, der die Landessprache jetzt vollkommen gut verstand, +ging er selber zum Herrenhaus hinüber, um die Sache ins Reine zu +bringen. Der Herr wollte ihn allerdings nicht vorlassen, er habe keine +Zeit, wie er ihm durch eine Negerin heraussagen ließ. Behrens aber, +einmal zu dem Entschluß gekommen, war nicht so leicht wieder davon +abzubringen. Er ließ noch einmal hinein sagen, er =müsse= den Herrn +sprechen, denn er habe ihm etwas Wichtiges mitzutheilen, und +verdrießlich willfahrtete dieser endlich dem Arbeiter. + +Fürchtegott war indessen vorher genau von seinem Vater instruirt worden, +was er zu sagen hatte, und selber ein ziemlich anstelliger Junge, +brachte er das auch richtig und ordentlich heraus. Das Gesicht des +Senhor Almeira aber, das schon bei ihrem Eintritt finster genug +ausgesehen hatte, wurde bei der Anrede nicht freundlicher, und als der +junge Bursche geendet hatte, sagte er, während sich seine Stirn in +düstere Falten legte: + +»Und weiß Dein Vater auch, welche Summe ich für ihn und Euch Alle +ausgelegt habe, daß er jetzt schon, wo er kaum ein Jahr oder etwas +darüber in meinen Diensten ist, davon spricht, sie abgetragen zu haben? +Weiß er, was für ein Risico ich gehabt habe, als ich Euch Alle aus Eurem +Lande herauskommen ließ, wo Ihr das Brod kaum hattet zum Leben? Geht an +Eure Arbeit und kümmert Euch um nichts weiter; wenn Eure Zeit um ist, +werde ich's Euch selber wissen lassen.« + +»Aber Senhor,« sagte der kleine Bursch, »wir haben ja doch Alle so viel +geschafft, daß wir schon ein hübsches Stück Geld verdient haben müssen, +wenn Sie nur ganz geringen Tagelohn annehmen.« + +»Tagelohn?« rief aber der Brasilianer, »was habt =Ihr= mit Tagelohn zu +thun? Euer Contract lautet auf Antheil an dem Verdienst, und die +Kaffeepreise sind im letzten Jahre so erbärmlich schlecht gewesen, daß +ich, da uns auch eine ganze Ladung draußen in See verunglückt ist, eher +Verlust als Nutzen bei der ganzen Ernte gehabt habe. Wer ersetzt mir +jetzt den? =Ihr= etwa? Wahrscheinlich nicht, und ich werde es schwer +genug finden, nur das wieder aus Euch herauszubringen, was ich an Euch +selber verloren.« + +»Aber verloren haben Sie doch gewiß nichts an uns, Senhor!« + +»Nichts, so? Wohl nicht die ganzen Unkosten, die mir der nichtsnutzige +Bursch verursacht hat, der noch dazu jetzt weggelaufen ist. Glaubt Ihr, +daß Ihr das Alles in ein paar Monaten wieder abverdienen könnt?« + +»Aber, guter Gott,« rief der Knabe erschreckt aus, während der Vater +dabei stand und doch nichts von der Rede verstand, »dafür, daß der +fremde Mensch davon lief, können =wir= doch nicht leiden, und Sie werden +doch gewiß nicht verlangen, daß wir die vielen, vielen Monate umsonst +gearbeitet und Schuhe und Kleidung zerrissen haben sollen?« + +»Was sagt er?« frug der Mann. + +»Und seid Ihr denn etwa schlechter daran, als ich selber?« frug der +Brasilianer höhnisch. »Wenn =Ihr= nichts verdient, verdiene =ich= denn +etwas? Laßt mich mit Euren ewigen Quälereien zufrieden, denn ich bin es +müde, fortwährend gestört zu werden. -- Dieses Jahr wird es auch besser +gehn,« setzte er dann ruhiger hinzu, »die Kaffeepreise sind gestiegen, +sag das Deinem Vater, und wenn Ihr fleißig seid, so bringen wir das +vielleicht in der nächsten Zeit ein, was wir in der letzten verloren +haben.« + +»Was sagt er?« frug Behrens noch einmal. + +»Laßt nur sein, Vater,« beruhigte ihn aber Fürchtegott, »ich erzähl es +Euch Alles nachher, draußen.« + +»Und mit dem Garten? -- Er steht im Contract.« + +»Ja, Senhor,« begann der Knabe noch einmal, »der Vater hat Sie schon +lange um ein Stück Land für einen Garten gebeten. Es ist mit ausgemacht +und steht im Contract.« + +»Ich dächte, er hätte draußen gerade genug zu hacken und zu graben,« +erwiderte mürrisch der Pflanzer, »aber ich will sehen, -- er kann ein +Stück Land bekommen, -- wenn ich einmal Zeit habe, werde ich ihm einen +Platz aussuchen. Und nun geht, -- Ihr wißt jetzt, was Ihr wissen +wolltet, -- ich habe zu thun,« und damit wandte er sich ab und verließ +selber das Zimmer, so daß den beiden Leuten nichts Anderes übrig blieb +als seinem Beispiel zu folgen. + +Draußen erzählte Fürchtegott dem Vater, was ihm der Brasilianer da +drinnen gesagt, und daß sie ihre Arbeit gar nicht nach Tagelohn rechnen +dürften, sondern, ihrem eigenen Contract nach, auf Theilung angewiesen +wären, im vorigen ganzen Jahre aber gar =nichts= verdient hätten, und +der Mann schlug vor Entsetzen die Hände zusammen, denn von diesem +Augenblick zuerst an sah er kein Ende ihres Contractes ab. + +Er ging in die elende Hütte, die schon die lange Zeit seine Heimath +bildete, setzte sich auf eine Bank, stützte das Gesicht in seine Hände +und weinte bitterlich, und die arme Frau vermochte nicht einmal ihn zu +trösten. + +Was nun? =Wie= hatten sie hier gearbeitet, unverdrossen, von Morgens an +bis in die späte Nacht, und dabei nichts, gar nichts gehabt, was ihnen +auch nur die geringste Erholung oder eine Freude bieten konnte. Dieser +abgeschiedene Punkt der Erde war ihre ganze Welt gewesen; mit ihrem +sauren Schweiß hatten sie den Boden gedüngt, und nun Alles, Alles +umsonst, -- um nichts weiter, als daß ihnen ihr =Herr= sagte, sie hätten +nichts, gar nichts verdient, und müßten von vorn wieder anfangen. Und +wenn er ihnen nun im nächsten Jahre die nämliche Antwort gab? Wenn er +sie auf ein drittes Jahr vertröstete? + +»Den Garten sollt Ihr haben, Vater,« flüsterte da Fürchtegott, um ihn +wenigstens in etwas zu beruhigen, »er hat's mir versprochen, er will +Euch selber den Platz dazu aussuchen.« + +Der Mann nickte nur schweigend und trostlos mit dem Kopf, und jetzt -- +jetzt erst, und wie lange zu spät, fühlte er, daß der Doctor daheim mit +jedem -- oh, mit jedem schweren Wort, das er ihm gesagt und ihn gewarnt +hatte, Recht -- furchtbar Recht gehabt. + +Was wußte er selber denn von der Welt? Er, ein armer und unwissender +Mann, aber ehrlich und brav und keinem Menschen etwas Schlechtes +zutrauend, weil er selber dessen unfähig gewesen; war es da so schwer +gewesen ihn zu betrügen? -- und wie hatte ihm der Agent, der doch seiner +Meinung nach die Verhältnisse hier genau kennen =mußte=, wenn er so +viele Leute hier herüberschickte -- er wäre ja sonst ein ganz +gewissenloser Lump gewesen -- wie hatte =der= ihm zugeredet, hierher zu +gehen und sein Glück zu machen. Und was war es das er hier gefunden? +=Verkauft= wurden sie, wie sie nur das Land betraten, öffentlich +verkauft, wie eine Heerde Schlachtvieh, den Meistbietenden zugeschlagen, +dann -- genau so, wie gekauftes Vieh -- zu Fuß in die heißen Berge +getrieben, und nun? -- nun waren sie Sclaven, wie die anderen Sclaven +auch, und deshalb -- deshalb mußten sie die alte, liebe Heimath, das +Grab ihrer Eltern, die Stätte ihrer Jugend verlassen? + +Wie trüb -- wie entsetzlich trüb verging ihnen der Sonntag, und als die +Frau das Essen aufsetzte -- denn schon seit längerer Zeit bekamen sie +nur Fleisch, Bohnen und Maniokmehl geliefert und mußten sich selber ihre +Mahlzeiten kochen -- mochte Keiner von ihnen auch nur einen Bissen davon +anrühren. Aber was konnten sie thun? bei wem sich über ihr geschehenes +Unrecht beklagen? Sie waren allein zwischen den fremden Menschen und +mußten ertragen, was über sie verhängt wurde; einen anderen Ausweg gab +es für sie nicht. + +Am nächsten Morgen begannen die Arbeiten von neuem, -- Monate lang, ohne +daß die geringste Veränderung in ihrer Lage eingetreten wäre. Der andere +Deutsche war allerdings einmal mit einem großen Transport Kaffee in +Porto Seguro gewesen, und hatte dort einen deutschen Kaufmann getroffen, +der sich da kürzlich niedergelassen. Da er zwei Tage im Hafen blieb, +veranlaßte er auch denselben, bei dem dortigen Präfecten eine Klage +gegen ihren Herrn anzubringen, hatte aber nichts damit ausgerichtet. Die +Antwort lautete, daß die in Deutschland abgeschlossenen Contracte hier +ihre Gültigkeit hätten; wäre etwas darin, das ihnen nicht gefiele, so +sei das ihre eigene Schuld, warum hätten sie dieselben unterschrieben; +sie wären von keinem Brasilianer je dazu gezwungen worden. + +Auch den Garten bekam Behrens nicht, ob es der Herr gleich versprochen +hatte; er erinnerte noch ein paar Mal daran, wurde aber immer auf die +»nächste Woche« vertröstet, und die nächste Woche wollte nie erscheinen. +Da kam eines Tages Hannchen nach Haus und berichtete, es sei von Porto +Seguro ein deutscher Consul eingetroffen, der hier hergekommen wäre, um +sich nach den Verhältnissen der deutschen Colonisten zu erkundigen, und +jetzt zum ersten Mal brach ein Hoffnungsstrahl in die Nacht der Armen, +denn =der= Herr war von den deutschen Regierungen beauftragt worden, +sich seiner Landsleute anzunehmen, und der mußte und würde ihnen helfen. + +Eine andere Trauernachricht brachte aber auch Hannchen mit, denn Senhora +Almeira war recht schwer erkrankt und sie konnte auch nur wenige Minuten +bei den Ihrigen bleiben, weil sie zurück mußte, um die Leidende zu +pflegen. Sie war in der That nur auf einen Sprung aus dem Herrenhaus +fortgelaufen, um den Eltern anzuzeigen, wer der eben gekommene Fremde +wäre, damit sie sich vorbereiten könnten mit ihm zu sprechen. + +Ein deutscher Consul! Endlich -- endlich, jubelten die armen Leute. Sie +hatten sich schon von den deutschen Regierungen vollständig verlassen +und aufgegeben geglaubt, und ihnen doch jetzt so großes Unrecht damit +gethan. Jetzt kam wirklich ein Beamter derselben hier in das fremde +Land, um zu sehen, daß die armen Leute nicht ungerecht behandelt würden, +-- das war brav und gut, und Behrens ihnen recht von Herzen dankbar +dafür. + +An diesem Tage ließ der deutsche Consul sich freilich noch nicht bei den +Auswanderern blicken, und sie wohnten doch eigentlich so dicht bei dem +Herrenhaus -- kaum etwa hundert fünfzig Schritt davon entfernt -- aber +freilich hatte er auch wohl viel mit Senhor Almeira zu sprechen, denn +solche Herren haben immer sehr viel zu thun und müssen sich nach Allem +ganz genau erkundigen, damit sie recht ausführliche Berichte abstatten +können: morgen kam er gewiß, denn so viele Deutsche waren ja doch nicht +auf der Plantage, -- aber am nächsten Tag kam er auch noch nicht. +Fürchtegott mußte sich erkundigen, ob er vielleicht am Ende gar wieder +abgereist wäre, =ohne= sie zu sprechen, das war aber nicht der Fall. Die +Herren sollten nur über Land geritten sein, um eine andere Hacienda zu +besuchen, und hatten dabei einige Neger und Gewehre mitgenommen, -- +möglich, daß sie auch unterwegs jagen wollten. + +Am dritten Tag kamen sie endlich zurück, müde von dem langen, +beschwerlichen Ritt, und schliefen bis zum Diner, nach welchem natürlich +keine Rede mehr von Geschäften sein konnte. Endlich brach der =vierte= +Tag an, ein Sonntag, und Morgens um acht Uhr schon, noch in der Kühle +des Tages, da die Sonne noch keine Zeit bekommen auf die Erde +niederzubrennen, sahen sie die drei Herren den Weg her, der vom +Herrenhaus zu ihnen führte, auf ihren =Pferden= angeritten kommen. Die +Entfernung war allerdings sehr gering, und wie gesagt, kaum +hundertfünfzig Schritte, aber in diesem Clima geht ein =Weißer= nicht +gern auch nur die kleinste Strecke zu Fuß, weil man jede Anstrengung +fürchtet. =Arbeiter= machten natürlich davon eine Ausnahme, denn +Anstrengung war gerade ihr Beruf, und sogar den eben erst eingetroffenen +=weißen= Frauen und Kindern hatte man damals zugemuthet, den entsetzlich +weiten Weg von Porto Seguro bis hier heraus zu Fuß zurückzulegen. + +Behrens hatte in der Thür gestanden und sie kommen sehen; aber er trat +in das Haus zurück, denn er wollte sie nicht da draußen anreden. Der +deutsche Consul mußte ja doch auch einmal das Innere =dieser= Wohnung in +Augenschein nehmen, um dann selber beurtheilen zu können, wie man +deutsche Arbeiter hier in Brasilien behandelt. + +Die Reiter kamen näher; jetzt hielten sie dicht vor der Thür, und als +sich da noch immer Niemand von den Deutschen zeigte, wurde ein Neger +abgeschickt, um sie herauszurufen. Er mußte melden, daß der Herr die +Leute zu sprechen wünsche. + +Behrens schüttelte mit dem Kopf; er hatte sich den Besuch eines +deutschen Consuls in den fernen brasilianischen Colonien anders gedacht, +aber er gehorchte doch dem direct gegebenen Befehl, und trat im bloßen +Kopf in die Thür, -- der andere Deutsche war gerade nicht zu Haus, +sondern nach trockenem Holz in das nächste Dickicht gegangen, und Frau +und Kinder drängten sich neugierig nach. + +Draußen vor der Thür hielten die Reiter, Senhor Almeira, ein anderer +Brasilianer aus Porto Seguro, wie sich später herausstellte, der Beamte +des Hafens, und der fremde Deutsche, der sie augenblicklich mit einem +freundlichen: »Guten Tag, ihr Leute, wie geht's?« anredete. + +Es war ein noch junger, ziemlich elegant gekleideter Herr, in einem +leichten, hellen Rock und einen großen, feinen Panamahut auf. Er trug +eine goldene Brille und viele Ringe an den Fingern, und eine schwere, +goldene Uhrkette. Er hatte auch ein gutmüthiges Gesicht und blaue Augen, +und die Anrede allein gewann ihm schon die Herzen; lieber Gott, es waren +ja die ersten deutschen Laute, die seit langer, langer Zeit zu den Ohren +der armen Auswanderer drangen, und =der= Mann gerade sollte ihnen +helfen. + +»Ja, wie geht's, Herr,« seufzte Behrens, »was soll man da sagen. Gesund +sind wir noch bis jetzt, Gott sei Dank, und gearbeitet haben wir +rechtschaffen, und auch noch gerade keine Noth gelitten.« + +»Nun, ich denke,« lächelte der Consul, »dann ließe es sich schon +aushalten, und Ihr könntet immerhin antworten: =gut!= Ist das Eure +Familie?« + +»Ja, Herr,« erwiderte Behrens, »von dem =gut= ist's aber doch noch ein +großes Stück weit weg, denn wir haben einen Contract, von dem wir kein +Ende absehen können, und neulich hat uns der Herr da gesagt, daß wir im +ganzen vorigen Jahre, trotz unserer schweren Arbeit keinen Pfennig +verdient hätten, und also noch immer, wie früher, in seiner Schuld +wären, und das ist doch entsetzlich hart.« + +Der Consul erwiderte ihm nichts hierauf, sondern wandte sich an den ihn +begleitenden Almeira, der ihm achselzuckend Einiges entgegnete, worauf +der Deutsche langsam mit dem Kopf nickte. + +»Eure Nahrung oder Kost habt Ihr doch immer reichlich erhalten?« frug er +dann weiter. + +»Ja, Herr,« sagte Behrens, »sie sollen uns auch wohl noch hungern +lassen?« + +»Und überarbeiten werdet Ihr Euch nicht?« + +»Überarbeitet? man überarbeitet kein Pferd den einen Tag, wenn man es am +nächsten wieder brauchen will -- übrigens können wir's ertragen. Aber ein +Ende möchten wir doch wissen, wann wir je mit unserm Contract zu Ende +kommen, denn auf die Art ist keins abzusehen, und wir sind am Ende gar +auf Lebenszeit verkauft.« + +»Aber, Leute, =verkauft= hat Euch Niemand,« sagte der Consul; »es war +doch Euer freier Wille, als Ihr den Contract unterschriebt und auf ein +Schiff gingt.« + +»Das schon,« sagte Behrens bitter, »aber wir wußten damals freilich +nicht, daß wir hier wie eine Heerde Schaafe auf offenem Markte +ausgeboten und verauctionirt werden sollten.« + +»Verauctionirt?« + +»Ja wohl, Herr Consul; fragen sie die Andern, und im Hafen sind auch +noch eine ganze Menge, die Ihnen das bezeugen können.« + +»Hm,« sagte der Consul, »das -- das hat vielleicht nur so schlimm +ausgesehen; aber ich werde mich darnach erkundigen. Habt Ihr Euch über +sonst noch etwas zu beklagen?« + +»=Sonst noch etwas?=« sagte Behrens, über diese Ruhe und +Gleichgültigkeit erstaunt; »aber ich dächte, =das= wäre schon genug, +wenn man unter den fremden Menschen für Nichts arbeiten soll, und noch +nicht einmal die Aussicht hat, etwas zu bekommen. Doch das nicht allein; +in unserm Contracte steht, daß ich ein Stück Land zu einem Garten soll +angewiesen bekommen, und der Herr hat's mir auch schon versprochen; aber +gekriegt haben wir's nicht, und werden's auch nicht kriegen, wenn Sie +sich nicht der Sache annehmen und uns zu unserem Recht verhelfen.« + +»Ich werde mir den Contract zeigen lassen,« sagte der Consul. + +»Und dann,« fuhr Behrens fort, »=wie= wohnen wir hier? Wenn sie nur +einmal von ihrem Pferd heruntersteigen wollten, Herr Consul, und sich +den Platz ansehen -- bei uns daheim haben ihn die Kühe genau so, und wie +die Neger wohnen, die nie ein anderes Leben gesehen haben, so sind wir +auch einquartiert, wobei es nur ein reines Wunder ist, daß wir noch +nicht Alle krank geworden.« + +»Aber das Dach scheint doch dicht zu sein,« sagte der deutsche Herr, +indem er einen Blick über das Gebäude warf, ohne jedoch der Einladung +Folge zu leisten und näher zu treten. + +»Dicht ist's,« sagte jetzt die Frau hinter ihres Mannes Schulter vor; +»nur an der einen Ecke schlägt der Regen etwas herein; aber sonst +gehören keine Menschen hinein, das weiß Gott -- aber Gott weiß hier +eigentlich überhaupt nichts mehr von uns, denn in eine Kirche sind wir +nicht mehr gekommen seit dem letzten Mal daheim, und wenn einer von uns +krank wird, so fragt auch kein Arzt nach uns, und wenn wir sterben -- +nun so kommen wir wohl auch in so ein Loch, wie das ist, wo hinein sie +die Neger werfen.« + +»Ihr guten Leute,« sagte der Consul, indem er auf seinem Sattel +umherrückte, »Ihr scheint mir über Alles unzufrieden zu sein. Daß Ihr +mitten im brasilianischen Urwald in keine Kirche gehen konntet, mußtet +Ihr doch vorher gewußt haben. Macht nur Eurem Herrn das Leben nicht zu +schwer.« + +»Ja, =wir= machen's ihm schwer,« lachte der Mann bitter vor sich hin, +»der hat sich zu beklagen. Sogar dafür, daß der Junge, der Pölke, ihm +weggelaufen ist, wollte er uns verantwortlich machen, und dem seine +Rechnung auf =unsere= Kosten ausgleichen -- aber da müßte ja doch keine +Gerechtigkeit mehr auf der Welt sein, und das wollten wir einmal sehen.« + +»Ihr dürft keinen Streit hier anfangen, Leute,« wehrte aber der Consul +ab, »das kann Eure Lage nur verschlimmern -- ich will mit Senhor Almeira +über all Eure Verhältnisse sprechen. Er ist ein sehr braver, billig +denkender Mann; er wird sein Möglichstes thun, um Euch gerecht zu +werden; verlaßt Euch darauf und fahrt nur ruhig und unverdrossen in +Eurer Arbeit fort, ohne den Herrn durch Widersetzlichkeit zu reizen.« + +»Ja wohl, Herr Consul,« sagte Behrens bitter -- »ungefähr sowie ich's +mir gedacht habe -- es bleibt eben Alles beim Alten.« + +»Das wollen wir erst sehen,« sagte der Consul, indem er sein Pferd +wandte -- »ich werde mir Euren Contract vorlegen lassen und selber +nachsehn. Ich bringe Euch dann noch Antwort, ehe ich gehe,« und zu den +beiden Brasilianern hinüber reitend, die sich indessen mit einander +unterhalten hatten, sprengten die drei Herren wieder zum Haus zurück, wo +indessen, auf der schattigen Veranda, das Frühstück war servirt worden. + +»Nun, Senhor,« lachte Almeira, als sie den Platz verließen, »haben sie +Ihnen die Ohren recht voll geklagt?« + +»Lieber Gott,« erwiederte der Consul, »ich bin schon daran gewöhnt. Die +Leute sind nie zufrieden, wohin man sie auch bringt, weil sie mit zu +großen Hoffnungen herüber kommen. Übrigens lassen sie sich leicht +behandeln und mit ein wenig Nachsicht werden Sie gewiß mit ihnen fertig +werden. Sie arbeiten doch fleißig?« + +»Ich will mich darüber nicht beklagen,« sagte der Brasilianer +gleichgültig, »wenn mir auch =ein= Neger gerade so viel fertig bringt, +wie zwei Deutsche; wenigstens sind sie zuverlässig, und was die +Hauptsache ist, trinken nicht.« + +»Dürfte ich Sie nachher wohl einmal um den Contract bitten?« + +»Ja wohl, mit dem größten Vergnügen, -- aber jetzt lassen wir die +langweilige Gesellschaft, denn ich sehe, daß unser Frühstück bereit +ist.« + +In der luftigen Veranda des Hauses saßen die drei Herren allein bei +allen Delicatessen, die das reiche Land erzeugte, lachten, plauderten +und tranken den gekühlten Wein dazu. Drinnen in der elenden Negerhütte, +den Kopf in beide Hände gestützt, saß Behrens, der deutsche Arbeiter, +und stierte still und schweigend vor sich nieder, während Keines der +Seinen auch nur ein Wort zu ihm zu reden wagte -- hatte man ihnen doch +eben auch ihre =letzte= Hoffnung genommen. + +Wie rasch der Herr Consul übrigens seine Inspectionen beendet, sollten +sie schon am nächsten Mittag erfahren, wo Hannchen die Nachricht nach +Hause brachte, daß der Deutsche mit Tagesgrauen den Platz verlassen +habe, um in der Kühle einen Theil des Weges nach dem Hafen zurück zu +legen. Aber in etwas schien er trotzdem für die Deutschen gewirkt zu +haben, denn Mancal, der Mulatte, betrat bald darauf ebenfalls die Hütte, +und theilte Behrens mit, er werde ihm heute Abend einen Gartenplatz +anweisen, den er für sich benutzen und darauf bauen könne was er wolle. +Es war ein einziger Lichtblick in ihr trauriges Dasein. + +Und welchen Platz wies ihm der Gelbe an? -- ein Stück Wald neben der +nächsten Kaffeepflanzung, etwa tausend Schritt von ihrer Hütte entfernt, +und noch mit vielen hohen Bäumen bestanden. Wie mußte er da erst +arbeiten, ehe er nur daran denken konnte den Boden zu benutzen. Doch +murrte er nicht; er war selbst für das Wenige dankbar, und da ihm der +Aufseher sagte, daß er sich da ausbreiten könne soweit er wolle, ging er +mit seinen Kindern schon am nächsten Sonntag an die Arbeit, um das +Ausroden zu beginnen. + + + + +Neuntes Capitel. + +Die Folgen des Contracts. + + +Von da an gab es keine Sonntage mehr für die Familie, denn jeder freie +Augenblick mußte benutzt werden, um ihren »Garten« in Stand zu setzen, +und da sie Alle mit größtem Eifer angriffen, ja die nächste Familie +ebenfalls dazugezogen wurde, um den Platz nachher gemeinschaftlich zu +benutzen, rückten sie auch rasch vorwärts. + +In zwei Monaten hatten sie schon die Bäume, die nothwendig gefällt +werden mußten, umgeworfen und aus dem Weg gerollt, kleine Fruchtbäume +konnten jetzt schon gepflanzt und der Boden hergerichtet werden, und +noch zwei Monate, und ihr heiß ersehntes Ziel war endlich erreicht, -- +der Gartenplatz wenigstens fertig und wurde nun besäet und besteckt. + +Die gewöhnliche Arbeit ging indessen fort, wieder ein ganzes Jahr, -- +aber die Frau fing an zu kränkeln, -- das feuchte und doch so heiße +Klima sagte ihr nicht zu, und sie wurde häufig von Fiebern heimgesucht, +-- auch das jüngste Kind wollte sich nicht recht kräftigen und machte +ihnen viele Sorge. + +Schweres Unglück hatte aber auch in diesem Jahr das Herrenhaus +betroffen, denn Senhora Almeira war gestorben und von all ihren Sclaven +und Dienern auf das Aufrichtigste beweint worden, -- nur nicht von ihrem +Gatten, der sich die letzte Zeit fast gar nicht um sie gekümmert, und +ihre Pflege allein der jungen Deutschen und einer alten, treuen Negerin +überlassen hatte. + +Hannchen führte indessen drüben die Wirthschaft im Hause, und zwei +Monate etwa schien das gut zu gehen, -- da kam sie eines Mittags zu ihren +Eltern mit verweinten Augen herüber, und erklärte, daß sie das +Herrenhaus nicht wieder betreten würde. + +Die Eltern frugen nicht weshalb, und als Mancal an dem Nachmittag +herunter kam und sie wieder zu ihrem bisher besorgten Dienst schicken +wollte, wies sie ihn mit so zornigen Worten ab und erklärte so bestimmt, +nie wieder anders, als in Gemeinschaft mit ihren Eltern und Geschwistern +zu arbeiten, daß er ordentlich scheu vor dem indessen hoch +aufgeschossenen, bildschönen Mädchen zurücktrat und sie in der Hütte +ließ. Von da ab wurde sie nie wieder in das Herrenhaus gerufen. + +Senhor Almeira verließ am nächsten Tag seine Pflanzung. Sie sahen ihn +nach dem Hafen zu reiten, und glaubten, daß er nur einen seiner +gewöhnlichen Besuche dort abstatte, aber er kam nicht zurück. Woche nach +Woche verging, Monat nach Monat, und er ließ sich nicht wieder da +draußen sehen. Aber die Arbeit ging fort und Behrens, der indessen doch +auch ein wenig Portugiesisch gelernt hatte, verlangte von ihrem Aufseher +zu erfahren, wie ihre Rechnung stand. Dieser freilich zuckte die +Achseln, und meinte, davon wisse er gar nichts. Sein Herr sei mit dem +Dampfer nach Rio Janeiro gefahren und habe ihm nur den Befehl +hinterlassen, die Arbeiten bis zu seiner Rückkunft in der gewöhnlichen +Art fortzuführen. Er könne aber kaum mehr lange ausbleiben, und dann +möge er mit ihm selber sprechen, -- bis dahin müßten sie sich gedulden. + +Die Frau wurde indessen kränker, und Behrens verlangte einen Arzt. +Mancal versprach ihm, nach der Stadt zu schicken, und am nächsten Tag +ging auch ein Zug mit einigen vierzig Maulthieren dorthin ab, um den +vorräthigen Kaffee nach dem Hafenplatz zu senden, -- aber es dauerte +viele Tage, bis diese dort eintrafen, und als der Doctor endlich +wirklich ankam, fand er Jammer und Thränen in der Hütte, aber keinen +Patienten mehr. + +Das Kind war zuerst gestorben und die Mutter, deren Zustand der +furchtbare Schmerz nur noch verschlimmerte, ihm bald gefolgt. + +Und wieder vergingen Monate -- Monate voll schwerer Arbeit, als Senhor +Almeira eines Tages -- so plötzlich, wie er gegangen, auf sein Gut +zurückkehrte und eine neue Frau, eine junge Französin, mitbrachte. +Begleitet war er dabei von einer ganzen Gesellschaft von Herren und +Damen aus Porto Seguro, und die Festlichkeiten nahmen kein Ende. Die +Deutschen wollten jetzt mit ihm sprechen, aber wo hätte er Zeit gehabt +sie anzuhören; sie wurden auf später vertröstet, und er ließ ihnen nur +sagen, sie sollten sich beruhigen, ihre Zeit sei noch nicht um -- wenn +sie es wäre, würde er es ihnen selber mittheilen. + +Die Deutschen weigerten sich jetzt zu arbeiten, aber sie verschlimmerten +nur dadurch ihren Zustand, denn Mancal drohte die Neger gegen sie zu +bewaffnen und Militär aus der Stadt holen zu lassen; dazu wurde das +frische Fleisch und Mehl zurückgehalten und die wenigen Menschen fühlten +wohl, daß sie hier nichts mit =Gewalt= ausrichten konnten. Sie waren +auch schon geistig wie körperlich so gebrochen, daß sie nicht wagten, es +auf das Schlimmste ankommen zu lassen. + +Senhor Almeira verkehrte von da an nie wieder selber mit ihnen, oder +erwiderte nur selbst ihren Gruß, wenn sie ihm begegneten, und seine +junge Frau dachte nur an Putz und Festlichkeiten. Sie waren auch nur +selten zu Hause, denn das Leben auf der abgeschiedenen Hacienda mochte +ihr wohl, als sie der Besuch verlassen, zu einsam sein. Bald ritten sie +da, bald dort hin und dann kamen große Sendungen aus dem Hafen, ganze +Maulthierzüge mit neuen Meublen, Tapeten, Geschirren und anderen Dingen, +um die stille Pflanzerwohnung in einen Palast zu verwandeln. + +Behrens der jetzt wohl fühlte wie sie mit ihrem Herrn standen, dachte +auf Flucht -- aber er hätte doch nicht mit seiner ganzen Familie +entfliehen können, und sollte er allein fliehen, um in der Hauptstadt +des Landes Schutz und Recht bei seinen Landsleuten zu suchen, wie wäre +es indessen den Seinen ergangen, und wie durfte er selber hoffen, ohne +die geringsten Mittel die ferne Stadt zu erreichen? Es wäre ein +verzweifeltes und völlig nutzloses Unternehmen gewesen. + +So vergingen wieder anderthalb Jahr, in denen die Verschwendung des +Brasilianers den höchsten Grad erreichte. Trotzdem gab ihnen sein +Aufseher -- denn er selbst ließ keinen der Deutschen mehr vor sich -- +nur immer auf alle Fragen die eine Antwort: Die Kaffeeernte habe nicht +die erhofften Preise gebracht, und sie müßten sich noch gedulden. +Allerdings klagte der andere Deutsche, der noch manchmal mit Transporten +in den Hafen geschickt wurde, dem dortigen Kaufmann jedes Mal ihr Leid, +aber auch der war nicht im Stande etwas für sie auszurichten, und sie +sahen in der That ihres Jammers kein Ende. + +Da geschah das Äußerste, was Behrens bis jetzt für möglich gehalten, +denn der Mulatte kam eines Morgens zu ihm und kündigte ihm an, daß sein +Garten, dem sie jetzt Jahre lang jeden Sonntag geopfert, nothwendig zu +der Kaffeeplantage geschlagen werden müsse, an welche er stieß. Die +Deutschen sollten aber dafür ein ebenso großes Stück Land dicht daneben +angewiesen bekommen, um sich einen anderen herzustellen. + +Behrens lief jetzt, wahrhaft außer sich, nach dem Herrenhause hinüber, +und wäre in =diesem= Augenblick vielleicht zu Allem fähig gewesen. Herr +und Madame aber waren den Morgen fortgeritten und wurden auch vor acht +Tagen nicht zurück erwartet, und schon am nächsten Morgen stellte der +Mulatte seine Neger an, um die als Umzäunung dienenden Hölzer +fortzuschaffen, welche zwischen dem Garten und dem Cafezal lagen, und +junge Kaffeebäume dicht neben einander dort einzupflanzen. + +Als Behrens an dem Tag nach Hause zurück kam, ergriff ihn ein hitziges +Fieber, das ihn Wochenlang an sein Lager gefesselt hielt. Er phantasirte +dabei und fing ein paar Mal an so zu rasen, daß ein paar Negerburschen +zu Hülfe gerufen werden mußten, um ihn nur zu bändigen. Endlich, nach +einer der schlimmsten Nächte dieser Art, verhielt er sich ruhig, -- es +war die Krisis gewesen, und als ihn der Arzt, der jetzt öfter, der +jungen Frau wegen, auf die Hacienda kam und oft eine ganze Woche dort +blieb, wieder besuchte, erklärte er ihn außer Gefahr und verordnete nur +noch gute Pflege. + +Behrens erholte sich in der That rasch, nur matt war sein Körper noch, +und er hatte mit den Übrigen noch nicht wieder an die Arbeit gedurft. So +saß er eines Tages bleich, abgemagert und zusammengebrochen, die Stirn +mit einem Tuch umwunden, vor der Thür seiner Hütte im Schatten, und sog, +seinen trüben und düsteren Gedanken nachhängend, an einer Apfelsine, als +Pferdegetrappel laut wurde und ein einzelner Reiter den Weg +herabsprengte, der auf das Herrenhaus zuführte. Als er den Mann dort vor +der Hütte sitzen fand, zügelte er sein Pferd ein und frug, ob Senhor +Almeira zu Hause sei. + +»Ich weiß es nicht, Herr,« sagte der Deutsche in sehr gebrochenem +Portugiesisch, »wir erfahren hier nichts davon.« + +Der Fremde betrachtete ihn aufmerksam eine kleine Weile und sagte dann +plötzlich in deutscher Sprache: »Seid Ihr etwa Einer von den deutschen +Parcerie-Arbeitern auf der Hacienda?« + +»Leider, Herr,« erwiderte Behrens, den nicht einmal die deutsche Sprache +aus seiner Apathie aufrütteln konnte. Was lag auch daran, es war +vielleicht wieder ein Consul, und was ihnen der vorige genützt, hatten +sie erfahren. + +»Leider?« frug der Fremde, blieb aber nicht auf dem Pferd sitzen, +sondern stieg ab, hing den Zügel seines Thieres über den nächsten +Baumzweig, und trat näher zu dem Deutschen. »Ihr seid krank, Freund?« + +»Ich =war= krank, Herr; jetzt geht es, Gott sei Dank, etwas besser, bin +aber doch noch zu schwach zum Arbeiten und deshalb hier allein in der +Hütte zurückgeblieben.« + +»Ist das Eure Wohnung?« + +»Ja, Herr.« + +»Und wie lange haust Ihr jetzt schon etwa hier?« + +»Es wird nahe an die sechs Jahre gehen.« + +»Sechs Jahre? Das ist eine lange Zeit. Und habt Ihr Euch indessen was +Ordentliches verdient?« + +»Verdient?« frug der Mann, und ein eigenes, trübes Lächeln zuckte um +seine Lippen, »wenn wir nicht noch in =Schulden= wären, brauchten wir +wenigstens nicht länger unter einem Mulattenaufseher zu arbeiten, wie +die anderen Sclaven auch.« + +»So?« sagte der Mann, und sah ihn rasch und aufmerksam an, »und habt Ihr +fleißig gearbeitet in der Zeit?« + +»Wie wir's von daheim gewohnt waren, Herr, -- wir haben als +rechtschaffene Leute unsere Pflicht gethan. Der einzige Fehler war nur, +daß ich meinen Namen unter eine Schrift auf ein Stück Papier setzte. Ich +wußte wohl, was drin stand, aber doch nicht so recht, die Sache hatte +einen kleinen Haken, und was mir gute Menschen darüber sagten, glaubte +ich nicht, -- oder doch wenigstens nicht, daß andere Menschen so +=schlecht= sein könnten. Mit meinem Namenschreiben habe ich damals mich +und meine Familie für ewige Zeit verkauft, -- verauctionirt wurden wir +auch gleich, so wie wir nur nach Brasilien herkamen.« + +»So?« sagte der Fremde wieder und sah dabei still vor sich nieder, »und +habt Ihr vielleicht das Papier oder eine Abschrift davon bei der Hand, +auf daß Ihr Euren Namen gesetzt?« + +»Nein, Herr, das Papier haben sie uns abgenommen; es war auch eigentlich +nicht für uns, sondern für den =Käufer=; aber mein Name steht richtig +darauf und jetzt ist an der Sache nichts mehr zu thun, wie sie mir es +auch in Deutschland vorhergesagt. Wir =sind= einmal verkauft und bleiben +verkauft.« + +Der Deutsche schwieg; er hatte sich neben Behrens -- sehr zu dessen +Verwunderung -- auf die Bank gesetzt und sah still vor sich nieder, +endlich frug er: »Wie viel seid Ihr Eurer?« + +»Nun,« sagte der Mann, »ein Paar wenigstens haben's schon hinter sich. +Jetzt sind wir noch unser Fünf.« + +»Ist Jemand von Euch gestorben?« + +»Nur die Mutter der Kinder, Herr, -- es hat nicht viel zu bedeuten,« +lachte Behrens bitter vor sich hin, »und dann das Jüngste, -- war ein +kleiner, lieber herziger Kerl und unser Aller Freude, -- jetzt ist ihm +wohl; er hat's überstanden, und wir -- werden's ja mit Gottes Hülfe auch +einmal überstehen.« + +Der Fremde sprang von seinem Sitz auf und ging ein paar Mal mit raschen +Schritten vor dem Mann auf und ab. + +»Und hat Niemand in der ganzen langen Zeit nach Euch gesehen?« sagte er +nach einer Weile. + +»O ja, doch,« lautete die Antwort, »es war einmal ein deutscher Consul +hier, sind aber schon viele Jahre her, ein sehr vornehmer Herr; dort an +derselben Stelle, wo Sie Ihr Pferd angebunden haben, da hielt er, und +wir durften wohl eine halbe Stunde mit ihm sprechen. Nachher habe ich +freilich nichts weiter von ihm gesehen; er hatte wohl viel zu thun und +konnte sich nicht so lange um solche arme Teufel bekümmern.« + +»Er stieg gar nicht vom Pferde?« + +»O ja, doch, -- oben beim Haus, und da haben sie mitsammen gegessen und +getrunken.« + +»So? Ja, lieber Freund,« sagte der Fremde, »dann will ich nur auch +einmal zum Haus hinaufreiten, -- aber ich komme wieder,« setzte er +hinzu, als er den schmerzlichen Blick bemerkte, den der Mann ihm zuwarf, +und damit trat er zu seinem Pferde, warf den Zügel ab und sprengte zum +Haus hinauf. + +»Das hat der Andere auch gesagt,« nickte Behrens vor sich hin, »ich +komme wieder, -- ich glaube, es waren genau dieselben Worte, aber er +soll heute noch wieder kommen. Ja, wenn ich nur an dem unglückseligen +Tag nicht meinen Namen unterschrieben hätte.« + +Es dauerte aber in der That nur wenige Minuten, als er das Pferd schon +wieder hörte. Es war der Fremde, der aus dem Sattel sprang und dabei +ausrief: »Das ist eigentlich schneller gegangen als ich dachte, aber +vielleicht auch besser so. Euer Herr ist nicht zu Haus, -- er ist einmal +hinaus zu seinen Arbeitern geritten und unter der Zeit können wir +mitsammen plaudern: Übrigens habe ich hier in meiner Satteltasche noch +eine halbe Flasche Wein, -- ein Glas Wein, sollte ich meinen, müßte Euch +gut thun, -- es ist vortrefflicher Medoc. Habt Ihr ein Glas im Haus?« + +»Eins muß noch da sein,« sagte Behrens, ganz bestürzt über das +Anerbieten, »die meisten haben die Kinder freilich in den langen Jahren +zerbrochen, aber eins war neulich wenigstens noch ganz. Wir brauchen sie +hier nicht viel; wir trinken unser Wasser aus den Kalebassen, und die +wachsen ja glücklicher Weise an den Bäumen.« + +Er war aufgestanden und in das Haus gegangen, kam auch gleich darauf mit +dem gefundenen Glas zurück und der Fremde betrachtete sich indessen, in +der Thüre stehend, den öden inneren Raum. + +In diesem Augenblick kam ein junges Negermädchen, was es nur laufen +konnte, den Weg entlang vom Herrenhaus herunter, und redete, ganz außer +Athem, den Fremden an. + +»O, Senhor, -- die Senhora läßt Euch bitten, zum Haus zu kommen, der +Herr muß gleich zurückkehren; die Senhora ist sehr böse, daß die anderen +dummen Schwarzen den fremden Herrn wieder fortgeschickt haben.« + +»Sage Deiner Senhora, mein Töchterchen,« erwiderte der Fremde, »daß sie +mich gar nicht fortgeschickt hätten, ich wäre von selber gegangen, weil +ich hier mit dem Mann etwas zu sprechen habe. Wenn es mir die Senhora +erlaubt, werde ich ihr nachher meine Aufwartung machen.« + +»Aber das Frühstück steht auf dem Tisch, Senhor.« + +»Ich danke Dir, mein Kind, ich habe schon gefrühstückt,« und dabei +schenkte er Behrens ein Glas Wein ein, und reichte es ihm. + +Das kleine Negermädchcn sah vor lauter Erstaunen mit offenem Munde zu. +Der fremde Senhor gab dem »weißen Nigger« Wein; so etwas hatte sie noch +nie erlebt, und noch viel rascher, als sie von dem Haus herunter +gekommen, lief sie dorthin zurück, um die merkwürdige Neuigkeit zu +erzählen. + +Der Fremde, ohne sich weiter um das Negermädchen zu bekümmern, trat mit +dem Deutschen in das Haus, und sich dort einen Stuhl zu dem roh +gearbeiteten Tisch rückend, sagte er ruhig und freundlich: »Und nun, +Kamerad, wie heißt Ihr gleich?« + +»Behrens, Herr --« + +»Also nun, Behrens, erzählt mir einmal Eure ganze Lebensgeschichte, +wenigstens von der Zeit an, wo Ihr den Entschluß gefaßt habt, nach +Brasilien auszuwandern. Macht es so kurz und einfach wie möglich, denn +ich weiß auch schon ein wenig Bescheid, und brauche die Einzelheiten +nicht alle zu wissen, und scheut Euch nicht im Mindesten, mir die +=volle= Wahrheit zu sagen. Ich meine es gut mit Euch, und es ist +möglich, daß ich Euch nützen kann.« + +Behrens schüttelte dazu freilich den Kopf, der Fremde aber, indem er +seine Brieftasche und einen Bleistift herausnahm, drängte noch einmal: +»Erzählt mir nur, ich werde Euch nicht unterbrechen, aber ich muß eben +Alles wissen, und wir haben vielleicht nicht so sehr lange Zeit.« + +Behrens sah noch eine kleine Weile still vor sich nieder. Lang +vergangene, schon fast vergessene Bilder tauchten vor ihm auf, -- sollte +er noch einmal in die alten Wunden greifen? Und weshalb nicht? Wühlte er +doch das ganze Jahr darin herum, und der Fremde sah ihn ja so gut und +freundlich an. So faßte er sich denn ein Herz und erzählte ihm von +Anfang bis zu Ende die Geschichte seiner Auswanderung, und wie es ihm +hier gegangen. Er setzte dabei nichts hinzu, ja, er ging sogar in einem +ganz richtigen Gefühl über eine Masse von Nebensachen leicht hinweg, und +war deshalb im Stande, dem Besucher in kurzen aber scharfen Umrissen ein +Bild all ihrer Schicksale zu geben. Der Fremde unterbrach ihn auch mit +keinem Wort, -- nur manchmal, wenn er irgend eine Ergänzung brauchte, +warf er eine kurze Frage ein, die ihm dann Behrens eben so kurz und +bündig beantwortete. + +So hatte er denn in kaum einer halben Stunde die Schicksale der armen +Auswanderer genau und vollkommen kennen gelernt, aber er hörte ihm nur +zu, und versprach ihm nicht etwa, daß er ihm helfen und die Familie aus +ihrer traurigen Lage befreien wolle. Er war nur ein Reisender, wie er +sagte, der zufällig in diese Gegend gekommen, um das Land kennen zu +lernen und sich mit den Zuständen desselben bekannt zu machen. Was aber +in seinen Kräften stand, versprach er zu thun, um den Leuten Recht zu +verschaffen, sie sollten nur nicht glauben, daß das so schnell gehen +könne. Brasilien sei ein zu großes Land, und man müsse immer eine weite +Strecke von einem Ort zum anderen reisen, wenn man irgend etwas +erreichen wolle. + +In dieser Zeit kamen auch die übrigen Leute von der Arbeit zurück, und +Behrens sah, wie Senhor Almeira ebenfalls an ihrer Hütte vorüber seinem +Hause zusprengte, plötzlich aber sein Thier herumwarf, als er das fremde +Pferd am Hause bemerkte. + +»Das ist der Herr,« sagte der Arbeiter scheu zu seinem Gast, indem er +hinaus deutete, »der wird Sie jetzt mit sich hinauf nehmen.« + +»Ach,« lächelte der Fremde, »da werde ich mich ihm vorstellen müssen; -- +also habt guten Muth, Freund; es ist allerdings eine schwere Zeit, die +Ihr hier durchgemacht, aber vielleicht wird doch noch einmal Alles +besser. Ist das Eure Tochter?« + +»Ja, Herr, meine Älteste.« + +»Ein liebes, freundliches Kind. Nun, lebt wohl für jetzt; der Herr da +draußen wird ungeduldig, und wir dürfen ihn nicht böse machen --« und +damit nickte er den Deutschen zu und schritt hinaus zu seinem eigenen +Thier, neben welchem Senhor Almeira hielt und die Hütte schon mehrmals +mit »Hallo! He da drinnen!« angerufen hatte. Der Brasilianer schien auch +eben nicht besonders erfreut, den fremden, sehr anständig gekleideten +Herrn aus der Hütte seiner Arbeiter kommen zu sehen. Was hatte er mit +denen zu schaffen, daß er sich nicht vorher an ihn selber gewandt? Und +seine Stirn zog sich zuerst in düstere Falten. Der Fremde schien das +aber gar nicht zu beachten oder nur zu bemerken. + +»Habe ich das Vergnügen, Senhor Almeira zu sehen?« sagte er, indem er +hinaustrat und ihn höflich, aber auch nur leicht grüßte. + +»Das ist allerdings meine Name,« sagte der Brasilianer, »aber hier nicht +meine Wohnung, -- mein Haus liegt dort.« + +»Ja, ich weiß,« lächelte der Fremde, »könnte mir auch nicht denken, +verehrter Herr, daß Sie selber in solch einem =Stall= wohnen würden.« + +Es lag ein so eigener, trotziger Spott in den Worten, und doch war das +ganze Wesen des Fremden dabei so achtungsvoll und höflich, daß Almeira +nicht gleich wußte, was er aus ihm machen sollte. Jedenfalls mußte er +aber herausbekommen, was der Fremde hier bei ihm wolle, oder ob sein +Besuch nur eben zufällig, vielleicht auf der Durchreise nach irgend +einer anderen Facienda sei; auch sprach er das Portugiesische so +fließend, daß er über seine Landsmannschaft ganz irre wurde. Übrigens +verstand es sich, der gastlichen brasilianischen Sitte nach, ganz von +selber, daß jeder anständig gekleidete Reisende auch ohne Weiteres in +das Herrenhaus geladen wurde, wo er so lange blieb, als es ihm gefiel. +Die Facienderos im Inneren, auf ihren einsam und vereinzelt gelegenen +Plantagen, freuen sich ja nur überdies, die Monotonie ihres täglichen +Lebens manchmal durch einen Besuch unterbrochen zu sehen; hören sie dann +doch auch immer wieder etwas von der Welt da draußen. + +»Darf ich Sie dann bitten, mich zu begleiten?« sagte der Brasilianer +deshalb auch mit einer einladenden Bewegung seiner Hand nach dem Haus +hinauf, »wir haben nicht weit.« + +»Wenn Sie mir erlauben, Senhor, mit dem größten Vergnügen,« und der +Fremde ging zu seinem Pferd, das schon einer der rasch herbeigesprungenen +Negerburschen losgemacht hatte, während er ihm die Steigbügel hielt, +und gleich darauf sprengten die beiden Herren dem großen Hause zu. + + + + +Zehntes Capitel. + +Der neue Besuch. + + +Es ist eine eigenthümliche Thatsache, daß wir, gar nicht etwa so selten +im Leben, Menschen begegnen, die uns bei ihrem ersten Anblick abstoßen, +ja, die wir =hassen=, ohne uns den geringsten Grund dafür angeben zu +können. Woher das Gefühl kommt, wer kann es sagen; sie haben uns noch +nichts zu Leide gethan, ja sind höflich, vielleicht gar freundlich mit +uns gewesen, und trotzdem schnürt es uns in ihrer Gegenwart das Herz +zusammen, und wir fühlen eine Last von unserer Seele genommen, wenn sie +uns wieder verlassen. + +Sonderbarer Weise bleibt auch diese Empfindung fast stets gegenseitig, +und eben so ist es mit dem Gegentheil der Fall, mit Liebe und +Freundschaft auf =einen= Blick, auf einen Händedruck geschlossen. Es +gehört das jedenfalls zu den unbegriffenen Räthseln unseres +Seelenlebens, die uns verborgen bleiben sollen, und die kein Denker je +ergründen wird. + +Senhor Almeira hatte jedenfalls ein solches Gefühl, als er mit seinem +Gast dem Hause zuritt, und freundlicher wurde er dadurch wahrlich auch +nicht gegen ihn gestimmt, als er dort erfuhr, daß der Herr schon vorher +am Hause gewesen, und trotz der Einladung der Senhora wieder zu der +Hütte der deutschen Arbeiter zurückgeritten sei. Was kümmerten ihn die, +daß er ihre Gesellschaft sogar suchte? Aber das mußte sich bald +herausstellen, und vor allen Dingen durften die Formen der Höflichkeit, +die so Manches übertünchen, nicht außer Acht gelassen werden. + +Der Gast lehnte indessen das noch immer seiner harrende Frühstück sehr +artig ab, da er erklärte, sich Provisionen von der letzten Facienda +mitgenommen und unterwegs sehr romantisch unter einer Palme gefrühstückt +zu haben. Nur ein Glas Wein konnte er nicht ausschlagen und eine +Cigarre, und unendlich liebenswürdig zeigte sich die junge Dame vom Haus +gegen ihn, als sie fand, daß er eben so gut Französisch als +Portugiesisch sprach. Außerdem kam er, wie er erzählte, direct aus der +Hauptstadt des Landes, aus Rio de Janeiro, -- =ihrem= Rio, wie sie +sagte, nach dem sie sich ewig und unendlich sehnte, und das Kleinste und +Geringste von dorther hatte ja das spannendste Interesse für sie, die +sie hier »weggesetzt in eine Wüste« saß, und, wie sie meinte, vor +Langeweile eines langsamen Todes stürbe. + +Auch darüber freute sich Senhor Almeira nicht, und zog nur heftiger an +seiner Cigarre. + +»Und was bringt =Sie= in diese =Wüste=, mein verehrter Senhor,« sagte er +nach einer Weile, »wenn meine arme Frau denn wirklich recht hätte, +unsere sonst so sehr freundlich gelegene Facienda so zu nennen. Wollen +Sie noch weiter in das Innere?« + +»Ich glaube kaum, mein verehrter Herr,« erwiderte der Deutsche, »habe +auch, wie Sie sehen, als einziges Gepäck nur meine sehr kleine +Satteltasche mit etwas Wäsche bei mir. Die einzige Absicht auch, Senhor, +in der ich hierherkam, war, um mich nach den Verhältnissen einiger +deutscher Landsleute zu erkundigen, von denen ich in Porto Seguro, +ebenfalls von einem Landsmann, gehört, daß es ihnen sehr schlecht +ginge.« + +»Doch nicht bei mir, wie ich hoffen will,« sagte Senhor Almeira mit +einem so finster drohenden Blick, daß seine Frau ordentlich darüber +erschrak. + +Der Deutsche aber fuhr eben so höflich fort: »Allerdings, Senhor. Unsere +Regierungen daheim fangen doch nachgerade an, auf die hier in Brasilien +mit deutschen Auswanderern abgeschlossenen Verträge aufmerksam zu +werden, was ich ihnen nicht einmal zum Verdienst anrechne, denn sie +hätten es schon lange thun sollen, und es bleibt da immer interessant, +sich einmal an Ort und Stelle nach den Verhältnissen derselben zu +erkundigen.« + +»Und haben Sie eine =Vollmacht=, das zu thun?« + +»Nein, Senhor,« sagte der Deutsche freundlich, »nicht die geringste, +denn die könnte auch nur, wie Sie selber recht gut wissen, von Ihrer +eigenen Regierung ausgehen, da keine andere hier im Lande Geltung haben +würde.« + +Almeira lachte laut auf. »Und was brachte Sie auf die wunderliche Idee,« +rief er, »zu glauben, daß wir hier verpflichtet sind jedem +herge--kommenen Fremden die Verhältnisse unserer Arbeiter vorzulegen?« + +»Verpflichtet gar nicht, verehrter Herr,« lächelte der Deutsche, »nur +Ihrem eigenen Ermessen soll es überlassen bleiben, ob Sie mir den +Contract und den gegenwärtigen Stand der Schulden der Familie vorlegen +wollen.« + +»Ich danke Ihnen.« + +»Bitte, gar nichts zu danken, -- die armen Leute sind nicht im Stande, +sich einen klaren Einblick in die über ihre Schuld und ebensowohl über +ihr Guthaben geführten Bücher zu verschaffen, und haben mich deshalb +gebeten, es für sie zu thun.« + +»=Sie?=« + +»Allerdings, -- denn dazu sind Sie allerdings durch die Gesetze des +Landes verpflichtet, dem Arbeiter jeder Zeit --=wenigstens= doch jedes +Jahr einmal -- einen Abschluß Ihrer Bücher, so weit es die Arbeiter +selber betrifft, vorzulegen.« + +»Und wer sagt Ihnen, daß ich überhaupt Bücher darüber geführt habe?« + +»Sie scherzen,« lächelte der Deutsche wieder, »es wäre die größte +Beleidigung, die ich gegen Sie aussprechen könnte, wenn sie auch nur die +=Vermuthung= enthielte, daß Sie es =nicht= gethan. Sie wissen doch +gewiß, daß =Zuchthausstrafe= auf einem solchen Vergehen stünde.« + +Almeira erbleichte, denn es lag so etwas Bestimmtes, Entschiedenes in +dem Wesen des Fremden, daß es ihm, wie er sich auch dagegen sträuben +mochte, imponirte. + +»Sie haben Recht,« sagte er nach einer kleinen Pause, während welcher +ihn der Deutsche freundlich und wie erwartend ansah, »allerdings ist +Buch über jeden für die Leute verausgabten Reïs, wie über Alles, was sie +mir geleistet haben, geführt, aber ich glaube kaum, daß ich Ihrem Wunsch +willfahren kann, Ihnen, einem vollkommen fremden Menschen, Einblick +dahinein zu gestatten, da es Ihnen zugleich einen Einblick in mein +ganzes Geschäft gewähren würde.« + +»Wie Sie darüber denken, verehrter Herr,« erwiderte der Fremde mit +demselben Lächeln, »es fällt mir auch nicht ein Sie darin zu drängen. +Sie haben mir nur einfach, ehe ich die Facienda wieder verlasse, zu +sagen, ob Sie mir den Stand der Ihnen überlassenen deutschen Arbeiter +vorlegen wollen, oder ob Sie es mir verweigern, -- weiter nichts.« + +Almeira war aufgestanden und ging mit untergeschlagenen Armen hastig und +finster vor sich hinbrütend ein paar Mal auf der Veranda auf und ab. + +»Und wenn ich es Ihnen verweigere?« sagte er plötzlich, indem er vor +seinem Gast stehen blieb und ihn fest ansah. + +»Dann setze ich mich einfach auf mein Pferd,« lächelte dieser, »und +reite nach Porto Seguro zurück. Sie haben vollständig Ihren freien +Willen.« + +Die Worte klangen so harmlos, wie nur möglich, aber selbst die Senhora +fühlte, daß ein tieferer und drohenderer Sinn darin lag, und unruhig und +scheu flog ihr Blick von einem der Männer zum anderen. + +»Weshalb auch nicht,« sagte Almeira plötzlich leichthin und lachend, +»die Zumuthung kam mir allerdings im ersten Augenblick sonderbar vor, +wenn es die Deutschen aber selber wünschen, sehe ich nicht den +geringsten Grund dafür, es Ihnen zu verweigern (der Fremde verbeugte +sich leicht) und wenn es Ihnen recht ist, können wir gleich daran gehen, +um die unangenehme Sache zu beseitigen.« + +»Wie Sie es wünschen, Senhor,« lautete die Antwort, »ich muß Sie dann +noch bitten, Einen der Arbeiter dazu zu rufen, weil ich selber doch mit +den hiesigen Verhältnissen nicht bekannt bin.« + +»Die Leute sind jetzt wieder an der Arbeit,« sagte der Brasilianer kurz. + +»Der Eine, der Behrens, den ich vorhin gesprochen, ist zu Haus, weil er +sich noch nicht wohl befindet.« + +»Das weiß Gott,« seufzte Almeira, »die Familie kostet mich schon viel +Geld, und ich wollte, ich hätte sie im Leben nicht gesehen.« + +»Wären Sie vielleicht so freundlich, einen Neger hinüber zu senden, es +würde die Sache vereinfachen.« + +Die Senhora warf einen fragenden Blick auf den Brasilianer. Dieser +schien nicht recht mit der Zumuthung einverstanden, aber er sah auch +wohl, daß es sich nicht mehr umgehen ließ, -- er nickte, und ein kleines +Mädchen wurde augenblicklich abgesandt, um den verlangten Arbeiter +herbei zu holen. + +»Monsieur,« sagte aber die junge Französin, »Sie haben mich sehr +getäuscht.« + +»Ich würde unendlich bedauern --« + +»Ich erwartete und =hoffte= mit Ihnen eine langersehnte und angenehme +Unterhaltung führen zu können, und statt dessen brechen Sie uns sogar +noch mit entsetzlichen Geschichten ins Haus, die Sie vielleicht eine +volle Stunde in Anspruch nehmen, während ich darauf brenne, mehr und +Ausführlicheres über Rio de Janeiro zu hören.« + +»Ich hoffe, gnädige Frau,« sagte der Fremde artig, »daß wir =sehr= rasch +über unser langweiliges Geschäft hinwegkommen werden. Ich verspreche +Ihnen sogar, es so viel als möglich zu beeilen, -- so weit das nämlich +in =meinen= Kräften steht. Nicht wahr, Senhor, Sie fühlen auch kein +besonderes Bedürfniß, sich lange damit zu befassen?« + +»Ich müßte es lügen,« sagte der Brasilianer trocken, »aber da kommt +unser Mann. Bitte, liebes Kind, laß uns einen Augenblick allein, damit +wir die Sache beenden. -- Du interessirst Dich doch nicht dafür, und ich +möchte Dich der -- Gesellschaft entheben.« + +»Wenn Sie es mir erlauben, Senhor« sagte die junge Frau, »so bleibe ich +hier und höre ein wenig zu. Man muß sich mit =allen= Verhältnissen ein +wenig bekannt machen und drüben -- langweile ich mich nur =noch= mehr.« + +Der Brasilianer zuckte mit den Achseln; er wußte recht gut daß er nur zu +widersprechen brauchte, um die junge Frau noch mehr in ihrer Absicht zu +bestärken. =So= hoffte er, daß sie es bald von selber satt bekommen +würde. + +So nickte er denn einem der Negerknaben zu, ihm zu folgen und kehrte +bald wieder mit diesem, der ein paar große Bücher auf dem Arm trug und +auf den nächsten Tisch legte, zurück. + +Auch Behrens war indessen herangekommen und blieb mit dem Hut in der +Hand unten an der Verandatreppe in der Sonne stehen. + +Almeira mußte ihn auch jedenfalls bemerkt haben, sagte aber nichts, und +der Fremde schien absichtlich darauf gewartet zu haben. Jetzt, sich +plötzlich gegen den Deutschen wendend, rief er diesem zu, herauf und in +den Schatten zu kommen. Sie wollten seine Rechnung durchsehen und er +sollte dabei sein, damit man ihn im Nothfalle über Einzelnes fragen +könne. + +Behrens folgte schüchtern der Einladung und grüßte höflich nach allen +Seiten. Die Senhora dankte ihm auch mit einem freundlichen Nicken. +Senhor Almeira aber würdigte ihn keines Blicks, und nur erst als ihm der +Fremde einen Stuhl hinschob, -- denn er sah, daß der Mann vor Schwäche +kaum noch stehen konnte, -- blitzte er ihn zornig mit den Augen an, -- +ließ sich aber auch =das= gefallen; es ging ja jetzt Alles in Einem hin. + +»Dürfte ich Sie vor allen Dingen um den Contract bitten, Senhor?« + +Almeira zögerte einen Moment, nahm ihn aber gleich darauf aus einem +Couvert heraus und schob ihn auf den Tisch. + +Der Fremde las ihn kopfschüttelnd durch und sagte dann lächelnd zu +Almeira: »Man sollte es kaum für möglich halten, daß irgend ein Mensch, +der nur noch einen Funken von Verstand in seinem Hirn herum trägt, einen +=solchen Contract= unterschreiben könnte. Ich brauche den Mann auch gar +nicht zu fragen, ob ihm Alles gehalten wurde was darin steht, denn es +ist ihm nichts versprochen. Nur eine Frage: hat Behrens denn seine +Arbeit ordentlich und stet gethan, Senhor?« + +»-- Ich glaube, ja --« erwiderte der Brasilianer nach einigem Zögern, +»unbehülflich sind die Leute zwar und entsetzlich langsam, aber doch so +ziemlich willig. Nur mit ihren vielen Krankheiten haben sie mir zu +schaffen gemacht und entsetzliches Geld für den Doctor gekostet, der +jedes Mal fünfundzwanzig Milreïs für einen Ritt hier heraus bekommt.« + +»Hm,« sagte der Fremde, »und zahlt das der Arbeitgeber oder der Arbeiter +selber?« + +»Wenn er nach dem Doctor verlangt, gewiß der Arbeiter,« lautete die +Antwort, »wie käme =ich= dazu, für Jemanden den Arzt zu zahlen, der bei +mir nur auf Theilung des Gewinns dient.« + +»Ach ja, so. Entschuldigen Sie. Halt, hier ist dem Mann aber wirklich +etwas versprochen für Gartenplatz. Habt Ihr den angewiesen bekommen, +Freund?« + +»Ja, Herr,« sagte Behrens, »aber erst nach langer Zeit, und dann hat ihn +uns der Herr, als wir ihn urbar gemacht, wieder weggenommen und uns ein +anderes wildes Stück Land dafür gegeben.« + +Der Fremde zuckte die Achseln und sagte -- vielleicht absichtlich -- in +portugiesischer Sprache: »Ja dagegen läßt sich nichts machen, Freund. +Euer Herr ist da, =diesem= Contract nach, ganz in seinem Recht. Erstlich +ist gar nicht darin gesagt, =wann= Ihr das Land bekommen solltet, und +dann steht nur darin, daß Euch »»ein Stück Land«« =angewiesen= würde, +nirgends aber, daß Ihr es auch zur steten Benutzung behalten sollt.« + +»Versteht sich von selber,« bestätigte Almeira, »aber das ist eben das +Unglück mit solchen Leuten, daß sie nie an den Nutzen ihres Herrn, +sondern nur immer an den eigenen denken.« + +»Aber wenn der Mann das Land doch für sich selber bekommen,« sagte die +Senhora erstaunt, »und für sich selber urbar gemacht hat, so sollte ich +denken --« + +»Das verstehst Du nicht mein liebes Kind,« unterbrach sie aber der +Brasilianer, »der ganze Vertrag ist ja auf Gegenseitigkeit gegründet, +und während der Garten zur Kaffeeplantage geschlagen wird, bekommt er ja +doch auch seinen Nutzen davon. José, bring noch eine Flasche Wein aus +dem Keller herauf.« + +Behrens verstand nur unvollständig, was dort gesprochen wurde, aber so +nahe es ihn auch selber anging, er war in den langen Jahren abgestumpft +gegen Alles geworden, sah auch jetzt, daß =der= Deutsche hier nicht viel +besser, als der frühere sei, wenn er sich auch mit ihm unterhalten +hatte. + +»Und welche Auslagen hatten Sie für diese Familie? Sie entschuldigen, +ist es die einzige oder haben Sie deren mehr?« + +»Ich war damals thöricht genug, zwei anzunehmen.« + +»In der That? Aber wir wollen uns vor der Hand nur mit dieser einzigen +beschäftigen, -- also welche Auslagen hatten Sie, außer denen, die hier +auf dem Contract noch nicht einmal ausgefüllt stehen?« + +»Diabo!« sagte der Brasilianer, »mehr, als die Leute in der nächsten +Zeit im Stande sein werden, abzuverdienen, denn fortwährend quälen sie +mich um Baumwollenzeug, Schuhe, Hüte und tausend andere Dinge, von denen +ich kaum genug herbeischaffen kann. Dies sind hier die ersten Auslagen: +Schiffstransport, auch die Reise in Deutschland selber bis an Bord, und +der Aufenthalt dort im Gasthof vier Tage.« + +»Entschuldigen Sie, waren die Auswanderer selber Schuld an dieser +Verzögerung von vier Tagen?« + +»Wie soll =ich= das hier wissen? Diese Summe mußte ich dem Agenten als +Auslagen zurückerstatten.« + +»Ah so, das wäre also Sache des Agenten gewesen -- und dann weiter?« + +»In Milreïs gerechnet macht das die runde Summe von 520 Milreïs. Dazu +kommt nun noch der Aufenthalt in Porto Seguro, wo ich sie mußte +beköstigen lassen, und der Transport hier heraus auf Maulthieren.« + +»Wir sind zu Fuß gegangen,« sagte Behrens, der ruhig dabei stand und +zuhörte. + +»In der That, den ganzen Weg?« + +»Aber Euer Gepäck habt Ihr wohl etwa auf den Schultern getragen, wie?« +sagte Almeira, ohne den Deutschen dabei anzusehen. + +»Wir hatten an den Kindern genug zu schleppen in der Hitze,« seufzte +Behrens. + +»Aber Eure Frau ist geritten.« + +»Gott hab sie selig,« sagte Behrens scheu, »ja, wie sie es endlich nicht +mehr ermachen konnte und zusammenbrach. Es war zu viel für sie und die +Kinder, und sie hat den Marsch nie überwunden.« + +»Die armen Leute,« sagte mitleidig die junge Frau. + +Der Fremde erwiderte aber gar nichts darauf, sondern ging nur weiter und +sagte: »Und damit hörten Ihre Unkosten wohl auf?« + +»Glauben Sie, daß sie in den fünf oder sechs Jahren nichts gegessen und +keine Kleider gebraucht haben?« lachte Almeira. + +»Aber das Essen, sollte ich denken --« + +»So wie ich ihnen einen Antheil am Gewinn gebe, muß ich sie doch auch +mit den Kosten belasten, nicht wahr?« + +»Allerdings, -- das klingt nicht mehr als billig.« + +»Sie sehen selber, daß sie niedrig genug angeschlagen sind, -- natürlich +nur das, was mich die Production selber kostet.« + +»Versteht sich -- und das Übrige?« + +»Für Kleidung und Schuhwerk.« + +»Alle Wetter, Ihr Leute,« rief der Fremde, »Ihr habt viel verbraucht, +ich dachte gar nicht, daß Ihr hier einen solchen Staat im Lande macht.« + +»Staat?« sagte Behrens wehmüthig und sah auf seine Lumpen nieder, »ja, +wir gehen wirklich zum Staat herum.« + +»Aber was ist denn das für ein Posten?« fuhr der Fremde, ohne weiter +darauf einzugehen, fort, »da stehen ja noch einmal 130 Milreïs extra. +Wofür haben sie das gebraucht?« + +»Das ist für Einen der sauberen Gesellschaft,« sagte Almeira finster, +»für einen jungen Burschen, der mir gleich im ersten Jahre davon lief, +und für den die Übrigen natürlich mit haften müssen.« + +»War das einer von Euren Söhnen, Behrens?« + +»Wer?« frug der Deutsche, der das nicht Alles verstanden hatte. + +»Nun, der Weggelaufene.« + +»Von meinen Söhnen? Nein, wahrlich nicht, lieber Herr; ein +nichtsnutziger Gesell war es, den wir aber erst auf dem Schiff kennen +gelernt haben, und den sie uns mit in das Haus legten, so sehr wir auch +baten, allein zu bleiben.« + +»So viel ich im Contract sehe, Senhor Almeira,« sagte der Fremde, »so +sind die Leute nur für ihre eigene Familie solidarisch verpflichtet, der +junge Bursch war aber ein Fremder und geht sie nichts an.« + +»Ich habe ihn als zu ihrer Familie gehörig mit überkommen,« rief der +Brasilianer. + +»Auf der Auction erstanden, wie? Ist aber doch wohl ein Irrthum. Die +Summe werden Sie streichen müssen.« + +»Ehe ich das thue, werde ich die Sache jedenfalls noch näher +untersuchen.« + +»Gewiß -- und das Andere? Wie viel hat die Familie nun wohl in den sechs +Jahren verdient?« + +»Mein lieber Herr,« sagte der Brasilianer achselzuckend, »wir leiden da +Beide gemeinschaftlich, denn wenn Sie länger in Brasilien sind, werden +Sie wissen, daß der Kaffee noch nie einen so geringen Preis gehabt hat, +als in dieser Zeit. Und Bohnen waren gar nicht abzusetzen, sie sind uns +im Lagerhaus selber gefault.« + +»In der That? Dürfte ich mir erlauben zu fragen, was Sie hier für Kaffee +bekommen haben? Ich verstehe selber auch nicht viel davon, interessire +mich aber sehr dafür.« + +»Hier haben Sie die Preise ausgeworfen,« sagte der Brasilianer +gleichgültig, indem er das eine Buch aufschlug. + +»In der That,« rief der Deutsche erstaunt aus, »das ist sehr wenig, da +hat ja die Arroba in Rio acht und neun Milreïs mehr getragen.« + +»Rechnen Sie nur unseren Transport, -- außerdem ist mir in den Jahren +eine ganze Schiffsladung voll verloren gegangen.« + +»Welchen Verlust die Arbeiter natürlich mit zu tragen haben.« + +»Natürlich, -- ihr ganzer Contract beruht ja auf den Antheil.« + +»Der etwas unbestimmt mit =Hälfte des Gewinnes= ausgedrückt ist.« + +»Allerdings sehr unbestimmt,« sagte Almeira achselzuckend, »denn man +weiß nicht einmal von was die Hälfte.« + +»Also würde nach dieser Übersicht die Familie wohl kaum die Aussicht +haben, in diesem Jahre frei zu kommen.« + +»In =diesem= Jahre?« rief Senhor Almeira erstaunt aus, »sie schulden mir +jetzt fast noch mehr, als an dem Tag, an welchem sie auf die Facienda +kamen. Aber was verlangen sie auch mehr? Sie haben zu leben, was sie in +ihrem eigenen Vaterland =nicht= hatten, sonst würden sie es wohl +schwerlich auf einen solchen Contract hin verlassen haben.« + +»Es ist freilich immer hart für die armen Leute,« sagte der Deutsche, +»wenn man bedenkt, daß sie eigentlich sechs Jahre hier für =nichts= +gearbeitet haben sollen und dann noch das Gefühl mit sich herumschleppen +müssen, bis über die Ohren in Schulden zu stecken. -- Hattet Ihr +Schulden in Deutschland, Behrens?« + +»Nie einen Pfennig, Herr,« sagte Behrens, der mit zitternden Lippen +seinem hier gefällten Urtheil gelauscht, aber auch nicht eine Sylbe +dagegen eingewendet hatte. -- Was half es ihm auch, -- dort stand Alles +schriftlich und sein eigener Name, von ihm selbst geschrieben unter dem +Contract, -- was war da zu machen? Sie =waren= verkauft und blieben +verkauft; selbst der deutsche Herr konnte nichts dagegen thun. Und nicht +einmal den Tod durfte er sich dabei wünschen, denn was sollte dann aus +seinen Kindern werden. + +»Ich dachte es mir,« nickte der Fremde. »Recht traurig das, -- aber +wissen Sie wohl, Senhor Almeira, daß Sie da ein gutes Werk thun +könnten?« + +»Ich, Senhor? Inwiefern?« + +»Die Deutschen haben Ihnen doch, wie Sie selber sagen, wacker gearbeitet +und sind eigentlich unschuldig an den vielen Mißfällen, welche Sie +betroffen.« + +»Ich habe ihnen auch nichts davon zur Last gelegt oder es sie entgelten +lassen.« + +»Sehr freundlich von Ihnen,« nickte der Fremde, »aber meiner Meinung +nach würde es doch Zeit, daß sie jetzt einmal für sich selber anfingen, +wenn sie nicht elend hier verkümmern sollen. Auch das heiße Klima dieser +Gegend sagt ihnen nicht zu. Der Mann da gleicht eher einem Skelett, als +einem lebenden Wesen.« + +»Und was kann ich dazu thun?« + +»Der Contract,« fuhr der Deutsche fort, »ist von schurkischen Agenten +zusammengestellt; die armen Teufel, denen man noch obendrein hier in +Brasilien goldene Berge versprach, glaubten ihrem Glück entgegenzugehen, +und rannten dadurch in ihr Unglück. Die Mutter der Kinder, das jüngste +Kind, ihre eigene Gesundheit haben sie dabei eingebüßt: lassen Sie es +damit genug sein und geben Sie die armen Menschen frei.« + +»Sie haben vortrefflich reden, mein bester Herr,« lachte Almeira, »aber +so reich bin ich nicht, daß ich einen solchen Verlust aus meiner Tasche +tragen könnte und möchte. Ich gebe zu, daß beide Theile unter dem +Contract leiden, aber -- ich glaube Ihr könnt jetzt gehen, Freund, -- +unsere =Geschäfte= sind so weit beendet, nicht wahr?« + +Der Fremde nickte, und Behrens stand langsam auf, grüßte ehrfurchtsvoll +und wollte dann die Veranda verlassen, als die Senhora plötzlich +aufstand und rief: »Halt, Freund, -- Ihr seid sehr angegriffen, -- +trinkt erst hier ein Glas Wein, das wird Euch gut thun.« Sie schenkte +auch augenblicklich ihr eigenes Glas voll und reichte es ihm hin, und +wenn auch Senhor Almeira gar nicht damit einverstanden schien, denn er +sah ziemlich finster dabei aus, so hinderte er es wenigstens nicht. Er +wußte außerdem recht gut, daß sich die Senhora nichts verbieten ließ. + +Behrens kam in Verlegenheit, denn das war ihm noch nie in dem Hause +geboten, aber er nahm das Glas, trank es langsam aus, stellte es wieder +hin und dankte herzlich, hätte auch gern der jungen Frau die Hand +gereicht, aber das wagte er nicht. Er fühlte, daß er jetzt hier +überflüssig war, stieg mühsam die Treppe der Veranda hinab, und +schwankte seiner eigenen Wohnung wieder zu. + +Der Fremde war ein stiller aber aufmerksamer Beobachter der ganzen Scene +gewesen; jetzt, als der Kranke den Platz wieder verlassen, sagte er +freundlich: »Sie unterbrachen sich vorhin in Ihrer Rede, verehrter Herr; +Sie wollten etwas sagen, was der -- Alte da nicht zu hören brauche.« + +»Es betrifft die Verhältnisse unseres Landes,« erwiderte Almeira +gleichgültig. + +»Und in wie fern, wenn ich fragen darf; so weit sie mit den +Parcerie-Arbeitern in Verbindung stehen?« + +»Wir können uns nicht verhehlen,« fuhr der Pflanzer fort, »daß in den +nächsten Jahren diesem ganzen Reiche Veränderungen bevorstehen. Der in +Nordamerika gegen die Sclaverei ausgebrochene Krieg, -- wie sich nun +auch das Resultat stellt, kann nicht ohne Folgen bleiben. Es giebt eine +Partei, die immer nur von zertretenen Menschenrechten faselt und der +einen Hälfte gerade die Rechte abstreiten möchte, die sie für die andere +verlangt. Möglich, daß uns hier noch ein wirklicher Ausbruch auf lange +Jahre hinaus erspart bleibt, möglich aber auch, daß er doch rascher +eintritt, als wir jetzt denken, und was soll aus dem Land selber werden, +wenn uns hier im Süden die Sclavenarbeit fehlt? Es müßte zu einer +Wildniß werden.« + +»Und deshalb sehen Sie in den Parcerie-Arbeitern einen einigermaßen +nützlichen oder vielmehr völlig nothwendigen Ersatz?« + +»Allerdings.« + +»Und so wollt Ihr aus den armen verkauften Menschen Europas, die auf +betrügerische Weise hierher gelockt wurden, =weiße= Sclaven machen?« +frug die Französin, die selber mit äußerster Spannung der +Auseinandersetzung gefolgt war. + +»Es scheint allerdings so,« lächelte der Deutsche. + +»Liebes Kind, das verstehst Du nicht,« sagte aber Senhor Almeira, »denn +Euch Frauen läuft gewöhnlich das Gefühl mit dem Verstand davon. Thue mir +auch die Liebe und mische Dich nicht in Dinge, die Dir so fern liegen.« + +»Und doch nicht so fern, als Sie vielleicht glauben oder wünschen, +Senhor,« rief die junge Frau, die sich in einer merkwürdigen Aufregung +zu befinden schien. »Als ich Ihr Haus betreten --« + +»Entschuldigen Sie mich,« sagte der Deutsche, rasch von seinem Sitz +aufstehend, »ich möchte nicht Zeuge einer Familienscene sein, bei der +ich nicht einmal unparteiisch bleiben könnte. Ich habe Alles erfahren, +was ich zu erfahren wünschte, und wiederhole nur noch einmal die Frage +an Sie, Senhor, wollen Sie die deutschen Familien, nachdem sie =sechs= +Jahre für ihre Überfahrt gearbeitet, frei geben oder nicht?« + +»Mein Herr,« rief nun aber auch der Brasilianer erbittert, »in +thörichter Gutmüthigkeit bin ich bis jetzt auf Ihre Forderung +eingegangen, den Arbeitern Auskunft über den Stand ihrer Angelegenheiten +zu geben; ich muß mir aber jede weitere Einmischung in meine +Verhältnisse auf das Ernstlichste verbitten. Wenn =ich= es an der Zeit +halte, den Leuten die Erfüllung ihres Contractes zu erlassen, werde ich +es thun, wünsche aber nicht von irgend Jemandem, wer es auch sei, dazu +getrieben zu werden, und sehe außerdem -- vor der Hand wenigstens -- +noch nicht die geringste Veranlassung dazu.« + +»Dann habe ich die Ehre, mich gehorsamst zu empfehlen,« sagte der +Fremde, »und nur Ihnen noch, gnädige Frau, muß ich herzlich für den +Antheil danken, den Sie an dem Schicksal meiner armen Landsleute +nehmen.« + +»Bleiben Sie noch, Senhor,« sagte die junge Frau leidenschaftlich, »die +Bande, die mich an dieses Haus knüpfen --« + +»Senhora!« rief Almeira fast erschreckt aus. + +Der Deutsche wartete aber keine weitere Erklärung ab. Er hatte seinen +Hut aufgegriffen, und rasch die Veranda hinabeilend, trat er zu seinem +Pferd, das an einem, in einen Orangenbaum geschlagenen Ring befestigt +war, warf es los, schwang sich in den Sattel und sprengte dann, seinem +Thier die Sporen einsetzend, die Straße hinab. Am Hause des Deutschen +war es einmal, als ob er einzügeln wollte, aber er mußte sich eines +Anderen besonnen haben, denn er verfolgte seinen Weg und war bald, auf +einer Biegung der Straße, in dem dichten Laub der Bäume verschwunden. + + + + +Elftes Capitel. + +Gerettet. + + +An dem nämlichen Tag, an welchem der Deutsche die Plantage verlassen +hatte, erlebte die Dienerschaft im Hause des Senhor Almeira eine sehr +ungewöhnliche und hier wahrlich ungewohnte Scene: einen Zank zwischen +ihrer Herrschaft, der ihnen, wenn sich die Parteien auch von der offenen +Veranda fort in ihre Zimmer zogen, doch nicht verborgen bleiben konnte. +Plötzlich gab die Senhora den Befehl, ihr Pferd zu satteln, und wenn +auch augenblicklich Gegenordre vom Herrn selber kam, bestand sie doch so +heftig darauf und drohte jetzt sogar =vor= den Leuten, =zu Fuß= die +nächste Plantage zu erreichen, daß ihr zuletzt gewillfahrtet werden +mußte. + +Das Pferd stand schon gesattelt vor dem Haus, und noch war sie drinnen +beschäftigt, -- wie das kleine Mädchen nachher erzählte, ihre Koffer zu +packen, -- jetzt trat sie auf die Veranda. Auch das Pferd ihrer +Dienerin, einer jungen Mulattin, wurde gebracht. + +Senhor Almeira folgte ihr und suchte sie noch einmal zurückzuhalten. Sie +antwortete ihm gar nicht. Von der Treppenstufe herab sprang sie in den +Sattel und schon im nächsten Moment sprengte der kleine, muthige +Schimmelhengst mit ihr die Straße hinab, daß ihr die Mulattin kaum +folgen konnte. + +Von dem Tage an hatten die in unmittelbarer Nähe des Herrn befindlichen +Sclaven eine schwere Zeit, denn so hart war er noch nie mit ihnen +verfahren. Er war wohl immer rauh und heftig mit ihnen gewesen, aber nie +grausam; jetzt ließ er ein Paar, nur wegen leichter Vergehungen, auf das +Unbarmherzigste peitschen, und ein junger Bursch, der ihm Morgens aus +Versehen die Chocolade über das Beinkleid goß, wurde zur Strafe den +ganzen Tag draußen in der brennenden Sonne an einen Pfahl gebunden. + +So vergingen drei lange schwere Wochen, und Behrens hatte sich indessen +wenigstens so weit von seiner Krankheit erholt, um doch wieder leichte +Arbeiten zu verrichten, wozu ihn der Mulattenaufseher schon lange +gedrängt. Es wurde ihm auch selber zu einsam in dem öden Hause, denn +selbst die Kinder mußten jetzt den ganzen Tag draußen im Baumwollenfeld +sein, um die reifgewordene Baumwolle aus den aufgesprungenen Kapseln zu +pflücken. + +Senhor Almeira hatte in der Zeit kaum sein Haus verlassen und +außergewöhnlich viel in seinen großen Büchern geschrieben und gerechnet. +Saß er doch manchmal bis spät in die Nacht darüber und Niemand durfte +ihn dann stören. Ja, selbst wenn er zum Essen gerufen werden mußte, +hatte der Diener strengen Befehl, nur eben draußen an die Thür zu +klopfen. + +Es war Sonnabend Nachmittag geworden und das Corps der Arbeiter und +Sclaven -- wenn überhaupt zwischen Beiden ein Unterschied stattfand -- +noch draußen im Feld beschäftigt, als eine kleine Cavalcade von Reitern +auf der Straße sichtbar wurde. Ein Negerbursche hatte den Zug schon +entdeckt, wie er sich nur eben durch das dunkle Grün der Kaffeebäume +wand und seinem Herrn Meldung davon machen wollen, auch ein paar Mal +schüchtern an die Thür desselben geklopft, aber keine Antwort erhalten, +und dann natürlich auch nicht gewagt weiter vorzudringen. Jetzt +sprengten sie den Weg hinauf, der nach dem Hause zuführte; der Herr +drinnen im Hause mußte sie ja selber hören, und nun stiegen sie ab und +warfen den herbeispringenden Negerburschen die Zügel zu. Und wahrhaftig, +der Fremde, der an dem Tag hier gewesen, an welchem die Senhora das Haus +verlassen, befand sich auch wieder unter ihnen, was die armen Teufel von +Negern nicht wenig erschreckte. Daß =der= dem Herrn keine Freude machen +würde, fühlten sie schon heraus, und wer anders mußte es nachher +entgelten, als ihr armer Rücken, -- an dem weißen Senhor durfte er ja +seinen Zorn nicht auslassen. + +Almeira hatte in der That das Gestampf der Pferde auf dem sonst so +stillen Platz gehört und war in die Thür seiner Veranda getreten. Er +mußte auch den Besuch von früher erkannt haben, denn er erbleichte und +trat unwillkürlich einen Schritt zurück, -- aber zu spät; die eben +Gekommenen hatten ihn schon bemerkt, und wenn er auch einige Bekannte +aus Porto Seguro darunter erkannt, beunruhigte ihn doch die kalte +Höflichkeit, mit der man ihn grüßte, denn es verrieth, daß der Besuch +kein freundschaftlicher sein konnte. + +Der Deutsche ließ ihm aber nicht lange Zeit, sich mit Vermuthungen zu +quälen, denn die Treppe zu der Veranda ersteigend, sagte er, sehr +höflich aber auch sehr ernst: »Senhor Almeira, ich war vor einiger Zeit +als flüchtiger Besuch bei Ihnen und nahm da Gelegenheit, mit Ihnen über +die Verhältnisse Ihrer deutschen Parcerie-Arbeiter zu sprechen.« + +»Und was mit denen, Herr?« fuhr Almeira heftig auf. + +»Bitte, ereifern Sie sich nicht unnöthig,« erwiederte ruhig der +Deutsche, »Sie verweigerten damals ihre Freilassung. Jetzt komme ich -- +in Begleitung dieser Gerichtsbeamten mit einer Anklage zu ihnen, die ich +selber in Rio anhängig gemacht, daß Sie -- =falsches Buch= über Ihre +Ausgaben und Einnahmen in Betreff dieser unglücklichen Menschen geführt, +und die mich begleitenden Gerichtsbeamten sind beauftragt worden, der +Sache auf den Grund zu gehen.« + +Almeira war bei der Beschuldigung emporgefahren, aber auch jeder +Blutstropfen hatte seine Wangen verlassen und nur mit fast tonloser +Stimme rief er aus: »Das ist eine niederträchtige Lüge!« + +»Es wird sich jetzt zeigen wer sie gesprochen,« nickte der Deutsche, +»Senhores, ich ersuche Sie, keine Zeit zu versäumen und die Revision +vorzunehmen.« + +»Und wer hat das Recht, sich in meine Angelegenheiten zu drängen?« +zischte der Brasilianer zwischen den Zähnen durch, »regieren auf einmal +die Fremden hier im Land oder =wir= noch?« + +»Seien Sie vernünftig Almeira,« sagte einer der Beamten, »der Herr hat +eine Vollmacht von Seiner Majestät selber unterzeichnet, und wir müssen +der Genüge leisten. Wo sind Ihre Bücher?« + +»Also sollen =alle= unsere Rechte untergraben werden?« rief der Pflanzer +höhnisch aus, »beim Himmel, es ist weit gekommen, wenn man das einem +brasilianischen Gutsherrn auf seinem eigenen Besitzthum bieten kann.« + +Der Beamte zuckte die Achseln, es war ihm aller Wahrscheinlichkeit nach +selber nicht recht, aber der Deutsche, der den Befehl mit dem letzten +Dampfer gebracht, schien genau zu wissen, was er thue, und das Schreiben +des Ministeriums war ebenfalls in so scharfen bestimmten Ausdrücken +abgefaßt, daß selbst ein Verschleppen der Sache zur Unmöglichkeit wurde, +-- sie wären auch sonst wahrlich nicht so rasch mit hier herausgeritten. + +Übrigens hatte Senhor Almeira lange nicht mehr so viele Freunde als er +glaubte; denn schon ehe dieser Befehl aus der Hauptstadt eintraf, der +den Verdacht eines Verbrechens auf ihn warf, -- wenn das auch bei den +übrigen Kaffeepflanzern wohl schwerlich sehr hoch angeschlagen wäre -- +hatte sich ein bis jetzt noch dumpfes und unbestimmtes Gerücht in Porto +Seguro verbreitet, nach welchem die finanziellen Verhältnisse des +Pflanzers durch seine übergroße Verschwendung einen bedenklichen +Charakter sollten angenommen haben. Daß jene junge Französin, die ihn +aus Rio hierher begleitet, gar nicht seine wirkliche Frau gewesen, +schien man ziemlich allgemein gewußt zu haben, und es verhinderte das +gar nicht den Besuch der ersten und angesehensten Familien; aber daß sie +ihn jetzt plötzlich verlassen hatte, bestärkte die Leute in dem schon +überhaupt gefaßten Verdacht, denn den wahren, edlen Beweggrund traute +ihr Niemand zu. + +So gingen denn die Beamten williger an ihre Pflicht, als sie es +vielleicht unter anderen Umständen gethan hätten, und zwei volle Stunden +lang blätterten und rechneten sie in Almeira's Büchern und verglichen zu +derselben Zeit mitgebrachte Preiscourante der verflossenen Jahre mit den +angegebenen Zahlen. + +Das Resultat mußte ein, für den Brasilianer nicht sehr günstiges sein, +denn sie schüttelten dabei oft sehr bedenklich die Köpfe. Endlich stand +der Eine von ihnen auf, winkte dem Deutschen, ihm zu folgen und schritt +mit ihm draußen ein Stück die Straße hinauf, die in das Innere führte. + +»Senhor,« sagte er hier, »der von Ihnen angeregte Verdacht war nicht +ganz unbegründet --« + +»Ich wußte es vorher.« + +»Und Senhor Almeira --?« + +»Wird ins Zuchthaus wandern müssen.« + +Der Brasilianer schwieg eine Weile und sah nachdenkend vor sich nieder, +endlich blieb er stehen, sah seinen Begleiter voll an und sagte: +»Welchen Zweck verfolgen Sie eigentlich bei der Sache?« + +»Welchen Zweck? Nun den, einen Schurken zu entlarven und seiner Strafe +zu überliefern.« + +»Und diesen wirklich nur allein?« + +»Ei, Gott bewahre; die Hauptsache ist, daß diese armen, unglücklichen +Menschen, deren Arbeitskraft nicht nur, wie deren ganzes Leben der Bube +gemißbraucht hat, wieder freie Menschen und für ihre Arbeit bezahlt +werden.« + +»Schön,« sagte der Brasilianer, »Sie scheinen mir ein vernünftiger Mann +und mit den brasilianischen Verhältnissen ziemlich vertraut, auch im +Ganzen =practisch= zu sein, eine Eigenschaft, die Ihren Landsleuten +sonst gewöhnlich abzugehen pflegt. Ich glaube, wir bringen Senhor +Almeira, nach den heutigen Erfahrungen, ohne große Schwierigkeit dazu, +seine Ansprüche auf die Dienste der deutschen Arbeiter aufzugeben.« + +»Ei, zum Teufel, Herr, das glaube ich auch, aber --« + +»Bitte, lassen Sie mich ausreden: wir werden aber keine Vergütung für +sie von ihm verlangen.« + +»Ist auch gar nicht nöthig; die Vergütung werden die Gerichte nachher +schon feststellen.« + +»Also werden Sie wirklich einen Proceß anstrengen?« + +»Aber, verehrter Herr, ist denn das nicht eine sonderbare Frage? =haben= +denn die Gerichte die Sache nicht schon in die Hand genommen?« + +»Wie man das so nimmt,« sagte der Beamte achselzuckend. »Dem Ministerium +liegt besonders daran, die deutschen Arbeiter -- da Sie selber scheinen +beim Kaiser Gehör gefunden zu haben -- von einer Ungerechtigkeit zu +erlösen und die Sache damit abzumachen. Sagt man jetzt Almeira, daß er +noch das Ganze beilegen kann, ohne viel Lärm zu machen, so wird er nicht +so thöricht sein und sich weigern. Verlangt man aber etwas von ihm, was +er aller Wahrscheinlichkeit nach nicht leisten =kann=, Geldzahlungen +nämlich, denn seine Vermögensverhältnisse sind in der That zerrüttet, so +=muß= er es auf einen Proceß ankommen lassen, der drei, vier Jahre +dauern mag, während die Arbeiter bis zu dessen Entscheidung gezwungen +wären, in ihren alten Verhältnissen zu bleiben. Doch das nicht allein; +würde der Proceß auch -- wie ich gar nicht bezweifle -- zu ihren Gunsten +entschieden, und die Passiva überstiegen die Activa, so gehen, wie Sie +recht gut wissen, die Hypotheken vor und Ihre Landsleute bekämen doch +keinen Reïs, -- trotz all ihren gerechten Ansprüchen.« + +»Aber damit deuten Sie nichts Geringeres an,« rief der Deutsche, »als +daß der Verbrecher -- denn wahrlich, er hat ein Verbrechen an den +unglücklichen Menschen verübt -- vollkommen straffrei ausgehen solle.« + +»Ändern Sie Brasilien,« sagte der Beamte zu dem Deutschen achselzuckend; +»ich will auch eingestehn, daß wir faule Schäden im Lande haben, die +ausgeschnitten werden könnten, aber sie hängen innig und unzertrennbar +mit der Productionskraft des Landes zusammen, und es begegnen sich in +ihnen so viele und zahlreiche Interessen, daß es Jeder gern so lang es +möglich vermeidet, die Hand daran zu legen. Folgen Sie deshalb meinem +Rathe. Ist es Ihnen ernstlich darum zu thun, den armen Deutschen =bald= +zu helfen, so überlassen Sie =mir= die Sache, und ich glaube, daß ich +damit zu Stande komme; wollen Sie aber die strenge, unnachsichtliche +Verfolgung mit einer Entschädigungsklage für Ihre Schützlinge, so -- +werden wir jetzt nach Porto Seguro zurückreiten und einen getreuen +Bericht über den befundenen Thatbestand absenden; danach wird dort +berathen und nachher --« + +»Ich bitte Sie um Gotteswillen,« rief der Fremde, »halten Sie ein; ich +habe vollkommen genug. Der Himmel bewahre uns Alle vor einem +brasilianischen Proceß, -- die deutschen sind schlimm genug und ich +verspüre nicht die geringste Lust, sie hier zu provociren. Wenn =Ihnen= +nichts daran liegt, einen anerkannten Lump und Betrüger frei herumlaufen +zu lassen, =mir= kann's gewiß recht sein, -- also bitte um Regulirung +der Sache sobald als möglich. Nur noch eins; was wird aus den armen +Familien, wenn sie hier, ohne die geringsten Mittel in Händen zu haben, +fort sollen?« + +»Dafür liegt ein specieller Befehl der Regierung bei,« sagte der Beamte, +»sie mit dem nächsten Dampfer nach Rio zu senden, von wo aus sie auf +Regierungskosten nach Santa Chatarina und Blumenau geschickt werden +sollen. Dem Schriftstück nach scheint es, als ob das der besondere +Wunsch der Deutschen wäre.« + +»Gut -- ich verlange nicht mehr,« sagte der Deutsche, »etwas bringen wir +auch in Rio für sie zusammen. Wann kann ich also Antwort haben?« + +»In einer halben Stunde,« sagte der Beamte, augenscheinlich selber sehr +erfreut, die fatale Sache noch auf eine so ausgleichende Weise beigelegt +zu haben, »verlassen Sie sich darauf.« + +»Und ich kann mit den Deutschen sprechen?« + +»Auf =meine= Verantwortung; sie sind von diesem Augenblick an frei.« + +Als sie zum Herrenhaus der Plantage zurückkehrten, suchte der Beamte +augenblicklich Senhor Almeira auf, während der Deutsche, ohne auch nur +das Gebäude wieder zu betreten, so rasch er konnte, zu seinen armen +Landsleuten hinab eilte. + +Und sollte ich versuchen, die Scene jetzt zu beschreiben, als er ihnen +mittheilte, daß sie =frei= wären, -- daß sie von jetzt an keinen =Herrn= +mehr hätten, und die Regierung selber sie mit dem nächsten Dampfer in +ein gesunderes Klima, ja gerade dorthin senden wolle, wohin sie sich die +lange schwere Zeit immer gesehnt, und wo sie nun doch noch vielleicht +einen Theil der Hoffnungen verwirklichen konnten, die sie in dieß ferne +Land geführt? + +Senhor Almeira schien auch in der That nicht die geringsten +Schwierigkeiten gemacht zu haben, denn die Gründe, die ihm der Beamte +vorgelegt, mußten doch wohl zu überzeugend gewesen sein. Kaum eine halbe +Stunde später erschien dieser selbst, um den Deutschen anzuzeigen, daß +sie am nächsten Morgen ihr Gepäck nach Porto Seguro verladen möchten, da +in den nächsten Tagen das vom Norden kommende Dampfboot dort erwartet +würde. Kosten hätten sie dabei nicht, ja, es sollte sogar Jedem ein +Reitthier geliefert werden, um den ziemlich entfernten Hafenplatz zu +erreichen. + +Von jetzt an hatte die Noth der Armen aufgehört. Eine schwere Stunde +stand ihnen freilich noch bevor: der Abschied von den Gräbern ihrer +Lieben, von denen sie sich ja auf immer trennen mußten, und bittere +Thränen wurden dort geweint, aber auch das überstanden sie, wie sie so +Manches in diesem Aufenthalt der Qual überstanden hatten, und am +nächsten Morgen mit Tagesanbruch wurden die Thiere herbeigetrieben, auf +denen sie die Plantage verlassen sollten. + +Senhor Almeira machte ihnen allerdings den Abschied insofern leicht, als +er sich nicht mehr vor ihnen sehen ließ, aber sie verlangten auch nicht +nach ihm, und als sie im Hafen angelangt das eben eingetroffene +Dampfboot bestiegen, und mit diesem wieder hinaus in die offene See -- +in die frische, kühle Luft hinein hielten, war ihnen fast so zu Muthe, +als ob sie nicht einen anderen Platz in dem fernen Reich aufsuchen +wollten, sondern aufs Neue der Heimath entgegen steuerten. + + + + +Zwölftes Capitel. + +In der Colonie Blumenau. + +Schluß. + + +Der kleine Dampfer, der die armen mißhandelten deutschen Arbeiter nach +dem südlichen Theil des Reiches also in ein kälteres und auch weit +gesünderes Land führen sollte, brauchte doch mehrere Tage ehe er selbst +nur Rio de Janeiro, die Hauptstadt erreichte, und die Deutschen, die +dort an Land mußten, sahen sich hier wieder in einer neuen und +vollkommen fremden Welt. Aber nicht mehr allein und freundlos standen +sie da, denn das Schicksal der Unglücklichen hatte schon die allgemeine +Theilnahme nicht allein vieler ihrer Landsleute, sondern auch mancher +Brasilianer selber wach gerufen, und während sie, bis der andere Dampfer +nach der Colonie befördert werden konnte, von der Regierung am Land +einquartiert und beköstigt wurden, veranstaltete man in der Stadt +Sammlungen für sie, um die vollkommen Abgerissenen und von Jedem +Entblößten nur erst einmal in etwas wieder auszustatten. + +Dann kam die zweite Reise. In Rio wurden sie wieder eingeschifft, +brauchten aber selbst von da an noch zwei und einen halben Tag, bis sie +ihr Ziel erreichten, und Behrens sah jetzt recht deutlich wie schändlich +und nichtswürdig sie jener gewissenlose Agent in Deutschland belogen, +als er ihnen auf der Karte zeigte, welche kleine Entfernung nur die +beiden Plätze von einander trennte. Er selber hatte auch zu gleicher +Zeit genug von dem Brasilianischen Urwald gesehn, um zu wissen, wie +vollständig unmöglich es gewesen wäre, die Strecke durch diese =Wildniß= +hin, zurückzulegen. + +Und was hatte jener Mann in Deutschland dabei gehabt, seine eigenen +Landsleute so schändlich zu hintergehen und in die Hände eines +gewissenlosen Fremden zu liefern? -- Nichts in der Gotteswelt als die +paar Thaler =Kopfgeld=, die er für jedes seiner Opfer bekam und welchen +Gewinn er dann mit einem ebensolchen Schurken in Antwerpen theilte. + +Von Rio de Janeiro aus bekamen sie noch Reisegesellschaft; frische +Auswanderer aus Deutschland, welche diese Gelegenheit benutzen konnten +um ihr vorgestecktes Ziel in Brasilien, die deutschen Colonien zu +erreichen. Das waren auch keine Leute die sich durch einen Contract +gebunden hatten; frei und unabhängig zogen sie hinüber in das fremde +Land und wenn sie auch gerade nicht viel Geld in den Taschen trugen, +sahen sie sich doch nicht an Händen und Füßen gebunden und konnten sich +auf ihren Fleiß und ihre derben Fäuste schon mit gutem Vertrauen +verlassen. + +Und welch ein Unterschied zwischen ihnen und den armen +Parcerie-Arbeitern. Sie hatten noch ihre frischen rothen Backen mit von +Deutschland gebracht, und die Kinder sahen dick und gesund aus, während +die Deutschen die aus Minas Geraes herunterkamen, eher hohlwangigen und +nur mit gelber Haut überzogenen Skeletten glichen. + +Und auch an Geist waren die Menschen gebrochen, denn sie hatten in den +langen elenden Jahren Hoffnung und Vertrauen verloren. Behrens selber +saß auf der ganzen Reise still und in sich gekehrt, grübelte über das +Unglück nach das ihn =betroffen=, und das was noch für ihn in Aussicht +stand. Sein Bruder? -- er hatte die langen Jahre Nichts von ihm gehört; +wußte er denn überhaupt ob er noch lebe, und wär' er selber jetzt, mit +zerstörter Kraft und Gesundheit, selbst unter günstigeren Verhältnissen +noch im Stande wieder von Neuem eine schwere Arbeit zu beginnen? + +Hannchen that ihr Bestes um ihn aufzuheitern, so weh ihr selber auch +dabei zu Muthe sein mochte. Es war vergebens. Der Mann hatte einmal die +feste Idee gefaßt daß sie in Brasilien verloren wären und nur von einem +Sclavenaufseher zum anderen geschafft würden. -- Und nach Deutschland +zurück? -- was hätte er dort jetzt noch gesollt, wo er, mit Allem +verloren was er einst sein nannte, nicht einmal mehr in Tagelohn gehen +konnte. Nein -- es war vorbei mit ihm und leise nur murmelten die +bleichen Lippen: + +»Ach wenn ich doch drunten in der Erde bei der Sophie läge -- dann wäre +Alles gut -- Alles.« + +Der kleine Dampfer -- allerdings kein besonderer Schnellläufer -- setzte +indessen munter seine Reise fort, aber selbst als er wieder vor dem Ort +seiner Bestimmung ankerte, als Behrens nun wußte daß sie endlich -- +endlich, nach jahrelangem Sehnen ihr eigentliches Ziel erreicht, und +Fürchtegott der indessen hochaufgeschossen war, wenn er auch ebenso wie +die anderen mager und gelb aussah, die Sachen mit an Land schaffen +wollte, sagte der alte Behrens: + +»Laß nur sein, Fürchtegott, wir wissen ja noch gar nicht wo es hinkommt. +Erst müssen wir doch wieder verauktionirt werden.« Er kümmerte sich +auch, in der Colonie selber angekommen, um gar nichts mehr und ließ die +Kinder für Alles sorgen; nicht einmal nach seinem Bruder frug er. Der +war todt -- so hatte sich ihm der Gedanken wenigstens in der letzten Zeit +in den Kopf gesetzt, und daß man ihm von allen Seiten freundlich +begegnete, daß ihm die Colonisten, die bald die Leidensgeschichte des +armen Mannes von den Übrigen erfahren, Lebensmittel in Masse brachten +und ihn in einem kleinen freundlichen Hause einquartierten, nahm er eben +ruhig, kaum dankend hin. + +In der Leidenszeit hatte er noch, so viel es möglicher Weise ging, den +Kopf oben behalten und für sich und die Seinen gedacht, jetzt aber, mit +dem völligen Wechsel seines Lebens und der ruhigen Zeit an Bord war eine +Art Erschlaffung eingetreten, und es bedurfte starker Mittel ihn daraus +zu wecken -- aber es geschah. + +Sein Bruder lebte wirklich noch und in den besten Verhältnissen auf +einer kleinen Seitencolonie, etwa zwei Stunden von Blumenau entfernt. +Fürchtegott hatte das auch bald ausgekundschaftet und Hannchen indessen +die Sorge für den Vater überlassend, war er hinausgeeilt um ihn +aufzusuchen. + +Franz, wie dieser hieß, eilte auch augenblicklich mit dem neugefundenen +Neffen zurück nach Blumenau und unterwegs mußte ihm dieser die traurigen +Schicksale seiner Familie ausführlich erzählen. Auch von dem Zustand des +Vaters sprach er dabei, der jetzt theilnahmlos und ineinander gebrochen +und nur still vor sich hinbrütend da sitze und von Nichts mehr wissen +wolle. Bruder Franz aber nahm das sehr leicht. Solche derbe Naturen +können gewöhnlich wohl gebogen aber selten geistig gebrochen werden -- +Carl Gottlieb war eben nur gebogen und den wollten sie schon wieder +gerade bringen. + +Rührend war das Wiedersehen der beiden Brüder. Behrens selber weinte wie +ein Kind, und selbst dem wetterharten brasilianischen Landmann liefen +die Thränen an den Backen nieder, als er die Jammergestalt vor sich sah. +Er hätte ihn auch gewiß im Leben nicht wieder erkannt, aber er war auch +praktischer Natur und gab sich nicht lange doch nutzlosen +Gefühlsäußerungen hin. + +Behrens mußte mit ihm hinaus auf die Facienda oder Farm, und dort selber +ein Stück Land bekommen, daß er wieder Lust am Leben und -- was bei ihm +bis jetzt ja gleichbedeutend gewesen -- am Arbeiten fand. Und was für +rüstige Kräfte standen ihm dabei zur Seite. Fürchtegott sah jetzt +allerdings elend genug aus, aber in vier Wochen sollte sich der schon +wieder herausfüttern -- Hannchen war ein prächtiges Mädchen geworden, +und ja auch, selbst in Minas Geraes, immer gesund geblieben, der +Christian konnte ebenfalls schon tüchtig mit zufassen, und die Lisbeth +versprach vollkommen in Hannchens Fußtapfen zu treten. Mit vier +=solchen= Kindern brauchte er hier Nichts zu fürchten, und wenn er +selber auch keinen Schlag Arbeit mehr that. Hatte er früher für =sie= +nach besten Kräften geschafft, so durften und mußten sie das jetzt auch +für ihn thun, und Lust und Liebe dazu hatten sie ja Alle. + +Und wie freundlich war das ganze Land hier, auf dem nicht die drückende +Hitze lag, die ihnen in Minas Geraes und mitten in jenem +engeingeschlossenen Thal, das Mark in den Knochen vertrocknet hatte. Es +war Winter -- Winter allerdings nicht wie bei uns mit Schnee und Eis, +aber ein Winter wie in Deutschland der Monat Mai, mit erfrischenden +Regen und kühlen, herrlichen Nächten und doch wieder heiteren sonnigen +Tagen dazwischen. + +Und wie heimelte sie das Land selber an. Nicht mehr von lauter +widerlichen Negersclaven sahen sie sich umgeben, die in der fremden +Sprache nur mit ihnen verkehrten. Nur deutsche so lang entbehrte +deutsche Laute grüßten hier ihr Ohr und wohin das Auge fiel traf es auf +freundliche, wohnliche Häuser, auf blühende Gärten, auf fruchtbare +gutgehaltene Felder die den Wohlstand ihrer Eigenthümer bezeugten, und +als sie endlich des Bruders Platz erreichten, wollten sie kaum glauben +daß sie =jetzt= da wohnen sollten -- wohnen einmal wieder wie Menschen +und von wackeren Verwandten geliebt und gepflegt. + +Die Colonie Blumenau ist in der That eine der bestgehaltensten und am +Besten bewirthschafteten in ganz Süd-Brasilien. Der Direktor dort, der +_Dr._ Blumenau hat auch fast sein ganzes Leben daran gewandt sie zu +pflegen und emporzubringen und da die brasilianische Regierung sogar ein +Verbot gegen Sclaverei in diesen deutschen Colonien erlassen hat, behält +die freie Arbeit nicht allein ihren Werth, sondern die Deutschen sind +auch der unangenehmen Gesellschaft der Neger enthoben, von denen sich +nur Einzelne, aber ebenfalls frei, als Dienstboten unter ihnen +aufhalten. + +Franz Behrens, während er den Bruder vor der Hand vollkommen sich selber +überließ, sorgte indeß für ihn und ging selber zum Direktor um mit +diesem zu berathen wie der Familie am Besten und Leichtesten geholfen +werden könne, und wo ein =Wille= ist, giebt es auch gewöhnlich ein +Mittel. + +Nicht weit von dort, wo sich Franz Behrens angesiedelt hatte, lag eine +kleine schon bebaute Facienda, mit einem wohnlichen Haus darauf, die der +jetzige Besitzer, der gern nach einer anderen Colonie übersiedeln +wollte, weil sich seine einzige Tochter dorthin verheirathet, zum +Verkauf ausgeboten. Die Summe war allerdings nicht unbedeutend und +Behrens besaß durch die in Rio für ihn veranstaltete Sammlung wohl ein +=kleines= Capital, aber nicht annährend genug um das zu zahlen -- doch +das schadete Nichts. Der Eigenthümer war selber ein wohlhabender Mann, +der das Geld nicht nothwendig gebrauchte, und verstand sich gern dazu +dem Käufer lange Termine zu stellen, in denen er das erstandene +Grundstück abbezahlen konnte. Der Direktor ebenso, der ihnen jede in +seinen Kräften stehende Hülfe zusagte, unterstützte sie im Anfang mit +allem nothwendigen Ackergeräth, wie auch der Bruder in vielen Stücken +aushalf und ihnen mit Rath und That beistand. Und jetzt erst gewann +Behrens selber das vollständig verlorene Vertrauen wieder. + + * * * * * + +Die ersten Wochen allerdings war es fast als ob er gar keinen Theil mehr +an den Arbeiten der Kinder nehmen wolle, und nur erst, wie er das die +langen Jahre gewohnt gewesen, -- auf den Negertreiber wartete, der sie +zur gezwungenen Arbeit rief -- aber das hielt nicht lange an. Mit der +Zunahme seiner fast erschöpft gewesenen Kräfte, erwachte auch die alte +Lust zum Schaffen in ihm, und noch war kein Monat vergangen als er das +drückende Gefühl der Knechtschaft, das bis dahin auf ihm gelegen, +vollständig abgeschüttelt hatte. Er konnte freilich nicht gleich fassen +und begreifen daß das Land auf dem er jetzt -- und nicht etwa mehr als +er je gethan, arbeitete, mit dieser Arbeit in kurzer Zeit sein Eigenthum +werden, und wenn er einmal starb, seinen Kindern gehören solle -- Du +lieber Gott, er war ja gar nicht gewohnt gewesen irgend etwas eigen zu +haben, als sein eigenes Elend, aber endlich lebte er sich auch selbst +dahinein, und mit welcher Lust und Liebe griff er von da an zu, und wie +rasch kräftigte sich der fast aufgeriebene Körper. + + * * * * * + +Und dabei blieb es nicht; Hannchen heirathete zwei Jahre später einen +jungen deutschen Bauer, der eine der größten Facienden in der ganzen +Colonie hatte. Dieser aber unterstützte den Schwiegervater dafür auch +durch ein halb Dutzend Milchkühe, die er ihm eines Morgens auf den Hof +trieb und während die indeß auch sechzehn Jahre gewordene Lisbeth jetzt +die häusliche Wirthschaft führte, hatte der Fleiß des alten Behrens wie +seiner beiden Söhne sie so rasch vorwärts geschafft daß er, mit einigen +glücklichen Erndten und guten Preisen, schon nach fünf Jahren das ganze +Landgut freigearbeitet hatte. + +Auch die andere Familie war in der Colonie untergebracht worden, und +wenn sie auch nicht so rasch vorrückte wie Behrens mit Hülfe seiner +erwachsenen Knaben, so lebten sie doch hier sorgenfrei und jedes Zwangs +enthoben und sahen dabei wie sich ihre Umstände zusehens von Jahr zu +Jahr verbesserten. + +So waren denn wenigstens diese zwei Familien vom augenscheinlichen +Verderben gerettet worden, dem sie sicher, in der Gewalt jenes +gewissenlosen Sclavenhalters, entgegen gingen. Die freien schönen +Colonien von Süd-Brasilien boten ihnen ein unbeschränktes Feld für ihre +Thätigkeit und in einem gesunden Klima sahen sie einer frohen Zukunft +entgegen. + +Aber die Regierung konnte freilich nicht all den Unglücklichen helfen, +die auf falsche und betrügerische Versprechungen hin thöricht genug +gewesen waren, derartige Verträge mit den Sclavenhaltern der heißen +Provinzen oder deren Helfershelfern, den hiesigen Agenten einzugehen. Wo +ihr bestimmte und motivirte Klagen vorgelegt wurden, war sie im Stande, +einzuschreiten, und das geschah nicht selten. Leider aber blieb das +ähnliche Unglück von Tausenden, die in dem weiten Land zerstreut waren, +ihr verborgen, und sie that das Einzige, was ihr da noch übrig blieb: +sie ließ die Deutschen selber vor dem Abschluß solcher Parcerie-Verträge +warnen. + + +Druck von Otto Wigand in Leipzig. + + + + +Fußnoten + + +[1] Das Wort Parcerie, was eigentlich in den brasilianischen Verträgen +_Parçarie_ heißen sollte, nach dem portugiesischen Wort _parçaria_, ein +Antheil, eine gemeinschaftliche Gesellschaft -- bedeutet eine Art von +Contract nach welchem sich hiesige Arbeiter gewöhnlich verpflichten, +nach unentgeltlicher Überfahrt in einen fremden Welttheil, so lange für +ihren neuen Herrn zu arbeiten, bis sie die, durch ihren Transport +angewachsenen Kosten abverdient haben. Sie bekommen aber dafür keinen +bestimmten Tagelohn, sondern sind auf einen Antheil am =Gewinn= +beschränkt, der in den betrügerischen Contracten gewöhnlich so +hingestellt ist, daß der Arbeiter glauben soll, er bekomme die Hälfte +vom Gewinn des Ganzen, während es aber doch nur meint daß er die Hälfte +dessen bekommen soll was er etwa verdient. Aber selbst das ist +eingebildet, denn er verdient eben Nichts wenn sein Herr beweisen kann +daß er selber keinen Nutzen in einem Jahr gehabt hat und in tausend +Fällen sind deshalb schon diese Verträge von gewissenlosen Pflanzern +gemißbraucht worden. + +[2] Das betreffende Document ist =wörtlich= -- mit Ausschluß der Namen +-- einem derartigen Parcerie-Vertrag entnommen, und mag als Beweis +dienen, wie leichtsinnig zahllose Menschen derartige Schriftstücke +unterzeichnen, und sich dadurch binden, ohne eine Ahnung über deren +Tragweite zu haben. + +[3] Ich kann Auswanderer nicht genug davor warnen, sich von =irgend= +einem Agenten Entfernungen auf den Karten zeigen und erklären zu lassen. +Denn Nichts auf der Gottes Welt ist unzuverlässiger als ein solcher +Beweis, Leuten gegenüber, die kein Verständniß über die Schwierigkeiten +und Entfernungen in fremden, besonders wilden Ländern haben können. Ich +will hier nur =ein= Beispiel anführen. Die deutsche Colonie Pozuzo in +Peru liegt auf der großen Weltkarte nur etwa drei Viertel-Zoll von Lima +entfernt, und ich gebrauchte =allein= und =ohne= Gepäck nur mit meiner +Satteltasche und theils zu Pferd, theils zu Fuß, weil die Wege zu +entsetzlich waren, unter den größten Beschwerden und selbst Gefahren +=achtzehn= Tage um sie zu erreichen. Solche Kunstgriffe, wie hier Herr +Kollboeker anwendet, sind aber nur zu häufig von schurkischen Agenten +gebraucht und benutzt worden, um arme unwissende Menschen dorthin zu +schaffen wo =sie= einen Nutzen von ihnen erwarteten. Was aus den Armen +nachher wurde, kümmerte sie wahrhaftig nicht. + + + + +[ Hinweise zur Transkription + + +Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. Großgeschriebene +Umlaute waren im Original als Ae, Oe und Ue abgedruckt und wurden +durch Ä, Ö und Ü ersetzt. Offensichtliche Fehler und uneinheitliche +Schreibweisen wurden korrigiert, bei Zweifeln und in der Zeichensetzung +wurde der Originaltext beibehalten. Eine Liste der vorgenommenen +Änderungen befindet sich hier am Buchende, Änderungen bei falsch gesetzten +oder fehlenden Anführungszeichen sind dort nicht aufgeführt. + +Das Inhaltsverzeichnis ist im Original nicht enthalten und wurde +hinzugefügt. + + + + +Änderungen + + + Seitenangabe + originaler Text + geänderter Text + + Seite X + wieder mit gewaffneter Macht in Aurakanien eingefallen + wieder mit gewaffneter Macht in Araukanien eingefallen + + Seite 14 + unter dem Wendekreise des Steinbocks (nämlich unter 22° 56" S. Br.) + unter dem Wendekreise des Steinbocks (nämlich unter 22° 56' S. Br.) + + Seite 17 + Die Stadt -- ein kleine Residenz in Thüringen + Die Stadt -- eine kleine Residenz in Thüringen + + Seite 19 + der Wohnung des Doctor Maller, Andreas' Brodherrn, zu + der Wohnung des Doctor Maller, Andres' Brodherrn, zu + + Seite 60 + die doch dicht gedrängt um die Fallreeptstreppe + die doch dicht gedrängt um die Fallreepstreppe + + Seite 74 + eine Familie aus Hessen, Mann Frau und zwei erwachsene Söhne + eine Familie aus Hessen, Mann, Frau und zwei erwachsene Söhne + + Seite 82 + aber der Aufenhalt war dort wenigstens luftig + aber der Aufenthalt war dort wenigstens luftig + + Seite 118 + Auch daüber freute sich Senhor Almeira nicht + Auch darüber freute sich Senhor Almeira nicht + + Seite 127 + denn wenn sie länger in Brasilien sind + denn wenn Sie länger in Brasilien sind + + Seite 138 + Dem Ministerium liegt besondes daran + Dem Ministerium liegt besonders daran + + Seite 139 + mit einer Entschädigungsklage für Ihr Schützlinge + mit einer Entschädigungsklage für Ihre Schützlinge + + Seite 143 + dann wäre Alles gut -- Alles + dann wäre Alles gut -- Alles. ] + + + + + +End of Project Gutenberg's Ein Parcerie-Vertrag, by Friedrich Gerstäcker + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 43892 *** |
