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authornfenwick <nfenwick@pglaf.org>2025-03-07 13:50:56 -0800
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--- /dev/null
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@@ -0,0 +1,5464 @@
+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 43892 ***
+
+[ Symbole für Schriftarten: _Antiqua_ : =gesperrt= ]
+
+
+
+
+ Ein Parcerie-Vertrag.
+
+
+ Erzählung
+ zur Warnung und Belehrung für Auswanderer und ihre Freunde.
+
+
+ Volksbuch
+ von
+ Friedrich Gerstäcker.
+
+
+ Leipzig,
+ Verlag von Ernst Keil.
+ 1869.
+
+
+
+
+ Inhalt
+
+
+ Seite
+ Vorwort III
+ 1. Beim Schulmeister 1
+ 2. Verschiedene Auskunft 17
+ 3. Herrn Kollboeker's Comptoir 29
+ 4. Die Abreise 42
+ 5. Auf See und an Land 52
+ 6. In Brasilien 64
+ 7. Die Reise in's Innere 78
+ 8. Der deutsche Consul 89
+ 9. Die Folgen des Contracts 105
+ 10. Der neue Besuch 117
+ 11. Gerettet 133
+ 12. In der Colonie Blumenau 141
+
+
+
+
+Vorwort.
+
+
+Ich habe versucht dem Leser in der nachstehenden Erzählung eine, wenn
+auch peinliche, doch treue Schilderung einer Familie zu geben, die sich
+verleiten ließ auf einen sogenannten Parcerie-[1]Vertrag hin ihr
+Vaterland zu verlassen und ihr Glück in einem fernen Welttheil zu
+suchen.
+
+Das Land ist Brasilien, denn gerade mit den Pflanzern des heißen und
+nördlichen Theils von Brasilien sind solche Verträge abgeschlossen
+worden, weil sich die freiwillige Auswanderung nicht jenen, für den
+Europäer ungesunden Distrikten zuwandte. Der Hauptstrom der
+süd-amerikanischen Auswanderung ging nach dem Süden von Brasilien, wohin
+die Regierung selber deutsche Auswanderer wünschte und sie in vielen
+Stücken begünstigte. Dort befanden sich die Colonisten wohl und
+schrieben nach Deutschland zurück, wie gut es ihnen ging.
+
+Diese Briefe wurden häufig von gewissenlosen Agenten benutzt um arme
+unwissende Menschen in Deutschland, die keine Mittel besaßen ihre
+Passage zu bezahlen, zu täuschen, denn man versprach ihnen ja sie nach
+Brasilien zu schaffen und von der ungeheueren Größe des Landes, und den
+verschiedenen Klimaten und Bodenverhältnissen hatten die Unglücklichen,
+mit ihren mangelhaften geographischen Kenntnissen keine Ahnung.
+
+Sie sahen dann zu spät ein daß sie betrogen waren, aber eben so wie sie
+sich außer dem Schutz der deutschen Regierungen befanden -- denn unser
+Consulats-Wesen lag entsetzlich im Argen und liegt =noch= darin, wenn
+nicht die Norddeutsche Bundesregierung eine gründliche Änderung
+desselben vornimmt -- ebenso konnte auch die brasilianische Regierung
+nur in solchen Fällen einschreiten, wo ihr Beweise gebracht wurden, daß
+die Pflanzer ihre Arbeiter wirklich betrogen. Wie schwer das aber in
+einem so ungeheueren Reiche und in den abgelegenen Provinzen war, läßt
+sich denken.
+
+Vor diesen und vielen ähnlichen Contracten möchte ich nun den
+Auswanderer nicht allein warnen, sondern auch ihm sowohl, wie Allen
+solchen die sich für fortziehende Familien interessiren oder von ihnen
+um Rath gefragt werden, ein deutliches Bild vor Augen rücken, wie es,
+leider in den meisten Fällen, mit derartigen Verträgen steht.
+
+Ich gebe zu daß manche derselben ehrlich gemeint sind und ehrlich
+gehalten wurden, und dadurch dem unbemittelten Auswanderer Vortheile
+boten, die er auf eine andere Art nur schwer erreicht hätte. Aber
+nirgends ist ihm dafür eine Gewähr gegeben. Von dem Augenblick an wo er
+das fremde Land betritt, ja läßt er sich besonders mit englischen und
+vorzüglich =belgischen= Agenten ein, von der Stunde an wo er die
+heimische Grenze überschreitet, bleibt er der Willkür fremder Menschen
+preisgegeben, und zwar =ohne= Hülfe, =ohne= Schutz.
+
+Wer einmal auswandern will mag es thun, aber er soll sich vorher, um
+seiner selbst und seiner Familie willen, nicht durch ein Blatt Papier
+Hände und Füße binden lassen. Ein =freier= Mann findet überall in der
+Fremde sein Brod, ein durch einen Contract gebundener ist dagegen der
+Sclave seines Herrn und wer ihm hier in Deutschland vorredet, die Sache
+wäre gar nicht so schlimm -- sein ärgster Feind.
+
+In solchen Fällen aber, wo ein armer deutscher Familienvater gar =keine=
+Mittel in Händen hat, um ein fremdes Land zu erreichen und er doch sein
+Elend hier vor Augen sieht, ohne im Stand zu sein sich herauszuarbeiten,
+wo es ihm also wie eine Hülfe in der Noth erscheint wenn er in ein
+fremdes Land auf fremde Kosten übersiedeln kann, da gehe er nicht etwa
+unter =jeder= Bedingung, denn er hat sich die für ihn und die Seinen
+nachher vielleicht furchtbaren Folgen sonst selber zuzuschreiben,
+sondern beobachte die folgenden Regeln.
+
+Vor allen Dingen verlasse er sich nie und unter =keinen= Umständen
+allein auf das Wort eines Auswanderungs-Agenten.
+
+Alle diese Leute die eine Auswanderungs-Agentur errichten, sind mit nur
+=sehr= wenigen Ausnahmen, heruntergekommene Kaufleute oder sonst
+Menschen die ein solches Geschäft als =letzten= Erwerbszweig ergriffen
+haben, und fast =ohne= Ausnahme nicht das Geringste von fremden
+Welttheilen wissen oder verstehen.
+
+Sie bleiben dabei einzig und allein auf den Gewinn des =Kopfgeldes=
+angewiesen, das sie für Alle solche bekommen, die durch sie befördert
+werden. Wohin! bleibt sich bei ihnen gleich, wenn sie ihre »Köpfe« nur
+auf ein Schiff liefern, und was nachher aus den Unglücklichen wird,
+kümmert sie wenig oder gar nicht.
+
+Alle solche Contracte dabei, die auf Hälfte des Gewinns oder auch auf
+einen Antheil lauten, sind fast =ohne= Ausnahme betrügerischer Art,
+wenigstens ist der Auswanderer, der die fremde Sprache nicht versteht
+und dem keine Einsicht in die Bücher seines Herrn zusteht (die ihm unter
+solchen Umständen auch Nichts nützen würde) jedesmal demselben auf Gnade
+und Ungnade übergeben, und wenn er wirklich auch einmal =nicht= betrogen
+werden sollte, hält er sich doch sicher selber davon überzeugt.
+
+Theilcontracte sind für ihn annehmbar, wenn sie auf umgekehrten
+Grundsätzen beruhen, wie sie besonders in Süd-Australien von englischen
+Grundeigenthümern zu ihrem eigenen, aber auch dem Nutzen der deutschen
+Einwanderer, abgeschlossen wurden.
+
+Nach diesen übernahm der Auswanderer eine Strecke Land, bekam von dem
+Eigenthümer das nöthige Ackergeräth geliefert, und zahlte jährlich für
+den Acker 4 £ also etwa 27 Thlr. Pacht, wobei er jedoch nach 14 Jahren
+das =Vorkaufsrecht= auf das Land hatte.
+
+Bei einem solchen Contract, obgleich in Amerika und auch in
+Süd-Brasilien viel günstigere Bedingungen für den Einwanderer zu
+erlangen sind, standen sich doch beide Parteien gut und der deutsche
+Arbeiter blieb nicht allein sein eigener Herr, sondern sah auch selber
+wie er langsam vorwärts rückte.
+
+Es giebt aber auch Fälle hier, wo der arme Tagelöhner wirklich im alten
+Vaterland im größten Elend lebt, und nur Gott dankt wenn er freie
+Passage nach einem fremden Welttheil erhalten kann. Er ist also dann
+gezwungen Verbindlichkeiten einzugehn, die aber nie einen solchen Grad
+erreichen müssen, daß er sich, wie bei diesen schurkischen
+Parcerie-Verträgen, fast bedingungslos einem Agenten und dessen
+Helfershelfern verkauft.
+
+Nur zwei Bedingungen =kann= er annehmen; er läuft wenigstens keine
+unmittelbare Gefahr dabei, und wenn ihn auch beide zur Arbeit zwingen,
+bleibt er doch dabei sein eigener Herr, oder wird es wieder sobald er
+die für ihn wirklich ausgelegten Kosten bezahlt hat. Beide Arten habe
+ich selber in Australien, in Brasilien und in Peru ausgeführt gesehn,
+und bei beiden befanden sich die Einwanderer wohl.
+
+Die eine ist, daß ihm ein bestimmter, den Preisen des Landes in das er
+zieht angemessener Tagelohn bestimmt wird, für den er so lange arbeiten
+muß, bis er seine Reisekosten bezahlt hat -- und nicht eine Stunde
+länger. Dann ist er wieder sein eigener Herr, hat das Land in der Zeit
+kennen lernen, und kann nun seinen Contract mit dem bisherigen Brotherrn
+machen, um sich auch ein Stück Land als Eigenthum zu erwerben. Solche
+Contracte sind viele nach Moreton-Bai in Australien und besonders nach
+Süd-Brasilien abgeschlossen worden.
+
+Die andere daß er das ihm überwiesene Land, wohin man ihn bringt
+entweder nach Jahr und Tag, wie es seine Erndten erlauben, langsam
+abbezahlt, oder es auch ganz vom Staat geschenkt bekommt, denn eine
+Regierung (und mit Privatleuten soll man sich unter =keiner= Bedingung
+einlassen; es ist wenigstens stets gefährlich) läßt ja doch nur dann
+Einwanderer passagefrei in ihr Land schaffen, wenn ihr daran gelegen ist
+dasselbe cultivirt zu bekommen. Das kleine Stück das sie ihm dann
+anfangs als Geschenk giebt, hat noch keinen Werth für sie -- aber die
+Nachbardistrikte =werden= werthvoll sobald sich fleißige Colonisten in
+der Nähe niederlassen, denn nicht sie allein brauchen später mehr Land
+und müssen es von der Regierung kaufen, sondern sie ziehen auch
+Landsleute und andere Ansiedler dorthin und eröffnen damit in bis dahin
+unbewohnten Distrikten Handel und Verkehr.
+
+Aber selbst unter den anscheinend günstigen Umständen bleibt für den
+Auswanderer große Vorsicht nöthig, ehe er einen so wichtigen Schritt
+thut und sein Vaterland, mit Allem was er eigen nennt, verläßt.
+
+Er soll sich auch um Gottes Willen nicht zu rasch dazu entschließen und
+besonders =nie= vorher einem Agenten sein Gepäck übergeben bis er nicht
+vollkommen mit sich im Reinen ist, Leute die etwas davon verstehn und
+kein eigenes Interesse dabei haben, zu Rath gezogen und einen Contract
+in Händen hat, der nicht allein =ihn= bindet, wie ein solcher
+Parcerie-Wisch, der weiter Nichts erklärt als daß sich der Auswanderer
+an den Agenten verkauft und zur Beglaubigung selber seinen Namen
+darunter gesetzt hat -- nein, der auch dem für den er arbeiten soll,
+Pflichten auferlegt, welche ihm selber den Lohn seiner Arbeit sichern.
+Er bekommt und will ja Nichts geschenkt; für das was er erhält leistet
+er wieder, und wie beide Theile einen Nutzen dabei erhoffen, müssen sich
+auch Beide gleichberechtigt gegenüberstehn.
+
+Außerdem muß er sich über die geographischen Verhältnisse sowohl wie
+über die politischen des Landes, nach dem er befördert werden soll genau
+bei Leuten erkundigen die ihm auch wirklich Auskunft darüber geben
+können, denn gerade in neuster Zeit haben wir ein Beispiel wie dringend
+nöthig das ist. Dorfschulmeister sind aber nicht die passenden Menschen
+dazu, denn sie werden so erbärmlich besoldet, daß sie kaum das
+Nothwendigste für ihren Lebensunterhalt erschwingen, vielweniger denn
+größere und besonders fremde Zeitungen halten können. Die Agenten
+dagegen, wenn sie wirklich etwas wissen, verheimlichen das dem
+Auswanderer Bedenkliche, um ihn ja nicht von der Reise abzuhalten.
+
+Der Fall worauf ich Bezug nehme, ist der folgende:
+
+Die Chilenische Regierung (eine der besten und zuverlässigsten in ganz
+Südamerika, wie sie sich wenigstens =bis jetzt= bewährt hatte) hat einen
+Contract mit einem Hamburger Schiffsrheder gemacht, ihr im ersten Jahr
+hundert, im zweiten zwei, im dritten dreihundert und sofort bis zum
+vierten Jahr, Familien hinüber nach Chile zu schaffen, für welche sie,
+für die Erwachsenen für den Kopf 40 Dollar Passage zahlt. Sie will den
+Ansiedlern dort gutes Land geben, verlangt auch Nichts für ihre Auslagen
+zurück, sondern wünscht allein ihr Land besiedelt zu bekommen.
+
+Das =klingt= ausgezeichnet. Chile hat ein vortreffliches Klima, Tausende
+unserer deutschen Landsleute leben dort glücklich und in guten
+Verhältnissen, und die Regierung gilt überall als Vertrauen erweckend.
+Ich selber würde auch meinen Landsleuten mit Freuden gerathen haben, so
+günstige Anerbietungen zu benutzen. Aber sie sind eben =zu= günstig, und
+die Sache hat einen Haken.
+
+In dem Contract steht nämlich daß die Auswanderer nach Arauco geschickt
+und in Lota ausgeschifft werden sollen -- Was sind das nun für Orte? --
+
+Araukanien selber ist bekannter. Der Distrikt liegt von Chilenischen
+Regierungsbezirken im Süden und Norden begrenzt, und war bis jetzt --
+und ist eigentlich noch bis auf den heutigen Tag, freies Indianisches
+Land, in dem die Weißen keine Macht haben, weil sie die Araukaner noch
+nicht unterwerfen konnten.
+
+Arauko ist ein kleiner Ort im Nordwesten des Staates -- Lota, nicht sehr
+weit davon entfernt, an der Küste des stillen Meeres eine Chilenische
+Kohlenstation, und bis jetzt der einzige Platz in Araukanien, auf dem
+die Chilenen festen Fuß gefaßt.
+
+Neuerdings sind sie nun wieder mit gewaffneter Macht in Araukanien
+eingefallen, haben die Araukaner -- wilde kriegerische Indianer,
+zurückgeworfen und sehen voraus daß sie das eroberte Terrain nicht
+selber besetzt halten können. Dazu paßt ihnen aber eine deutsche
+Einwanderung, die sie sich unter diesen Umständen auch gern etwas kosten
+lassen wollen. Unsere deutschen Familien sollen da hineingeschoben
+werden, und wenn die Indianer bei ihnen einbrechen, ihre jungen Leute
+erschlagen, ihre Weiber und Töchter mit fortschleppen -- nun so läßt man
+eben wieder Andere nachkommen.
+
+Dem Contract selber sieht man das freilich nicht an, denn er lautet
+unverfänglich genug. Wer aber die Verhältnisse jenes Landes kennt, muß
+auch dem Auswanderer abrathen selbst diese scheinbaren Vortheile
+anzunehmen, weil sie nur eben scheinbar sind. Im =günstigsten= Fall ist
+er jeden Augenblick der Gefahr ausgesetzt daß die Indianer über sein
+Land brechen, ihm sein Vieh wegtreiben und seine Erndten zerstören und
+er darf dort weder für sein Eigenthum wie selbst für sein Leben
+Sicherheit erwarten.
+
+=Jeder= Contract ist deshalb für den Auswanderer gefährlich, wenn er
+sich nicht vorher nach =Allem= erkundigt hat was das Land betrifft, und
+zwar bei Leuten, wie gesagt, die nicht wie der Auswanderungsagent ein
+specielles Interesse haben ihn nur auf ein Schiff zu packen, damit sie
+für seinen Kopf ihr bestimmtes Geld bekommen.
+
+Außerdem warn' ich aber meine deutschen Landsleute noch ganz besonders
+vor dem =Antwerpener= Auswanderungs-Agenten, mit denen sie sich unter
+=keiner= Bedingung einlassen dürfen, wenn sie sich nicht der größten
+Gefahr aussetzen wollen.
+
+Sind sie entschlossen auszuwandern, so bietet ihnen =Bremen= vor allen
+anderen Städten reelle Schiffsgelegenheit nach =allen= Welttheilen und
+neben Bremen Hamburg. Dort sind die Auswanderer noch auf deutschem
+Boden, unter deutschem Schutz und deutschen Regierungen ist es möglich
+ihre Einschiffung wie Beförderung zu überwachen, wie Betrügereien -- die
+sie aber da wohl kaum zu fürchten haben -- entgegenzutreten; in einem
+fremden Land dagegen, dessen Sprache sie nicht einmal verstehn -- und
+sie sollen nicht etwa glauben daß in Antwerpen deutsch gesprochen wird
+-- sind sie in den Händen der Agenten, und haben sich, =was= sie
+betrifft, selber zuzuschreiben.
+
+Zum Schluß will ich aber noch hinzusetzen daß diese Erzählung nicht etwa
+den Zweck hat Auswanderer von einer Übersiedlung nach Brasilien selber
+abzuhalten. Nur in die nördlichen Distrikte dürfen sie nicht gehen,
+besonders nicht auf solche Theilcontracte hin. Süd-Brasilien dagegen,
+und vorzüglich die Provinzen Rio Grande do Sul, Santa Catharina und zum
+großen Theil auch Parana eignen sich ganz vortrefflich zur deutschen
+Auswanderung. Die dort angelegten, schon sehr bedeutenden deutschen
+Colonien befinden sich wohl, und die Deutschen selber ordnen sich dort
+keineswegs der verdorbenen Portugiesischen Raçe unter, sondern =haben=
+schon ein Übergewicht erlangt, das mit einer vermehrten Einwanderung
+dahin auch nur zunehmen muß.
+
+Außerdem befinden sie sich in einem gesunden Klima und -- für ihre
+weitere Entwicklung besonders günstig -- am Atlantischen Ocean, der
+ihnen einen leichten und raschen Verkehr mit dem Mutterlande bietet. Und
+somit übergebe ich dem Leser diese Blätter und hoffe daß sie ihn in
+Manchem aufklären, ihn auf Manches aufmerksam machen werden, was später
+entweder ihm selber, oder Leuten die sich bei ihm einen Rath erholen,
+von Nutzen sein mag.
+
+ Der Verfasser.
+
+
+
+
+Erstes Capitel.
+
+Beim Schulmeister.
+
+
+Draußen im Land ackerten die Knechte und waren die Tagelöhner emsig
+beschäftigt Kartoffeln zu legen, denn der Frühling hatte dieses Jahr
+lang auf sich warten lassen und eine hohe Schneedecke die Feldarbeiten
+bis zu einer ungewöhnlich späten Zeit hinausgeschoben. Jetzt endlich
+schien der kalte, strenge Nordost-Wind, der Monate lang geweht, seine
+Herrschaft verloren zu haben. Er sprang nach Südwesten um, warme Regen
+setzten ein, und wie mit einem Zauberschlag warf die Natur ihre starre
+Winterdecke ab, und kleidete sich in ein junges, frisches Grün.
+
+Und wie die Lerchen jubelten, und die Bachstelzen, die bis jetzt
+achselzuckend an dem gefrornen Bach umhergetrippelt waren, auf einmal so
+geschäftig herüber und hinüber sprangen; was sich die Rothschwänzchen
+Alles zu erzählen hatten, und wie eilig die Staare ihre alten Bauplätze
+aufsuchten und herrichteten. -- Aber die Menschen nicht minder, denn es
+galt sehr viel nachzuholen, und die Arbeit häufte sich so in der Zeit,
+daß Arbeits=kräfte= kaum genügend zu beschaffen waren.
+
+Um so mehr mußte es auffallen, daß gerade heute Einer der fleißigsten
+und ordentlichsten Arbeiter, Behrens mit Namen, in seinem
+=Sonntags=rock, den großen ausgeschnittenen Hut auf, langsam durch das
+Dorf ging, und gar nicht die Absicht zu haben schien, in die allgemeine
+Thätigkeit irgend wie mit einzugreifen.
+
+Die Chaussee herunter, vom Feld herein, kam im Trab auf seinem alten
+Apfelschimmel der Rittergutspachter geritten. Er hatte draußen nach den
+Arbeitern gesehen, und war eben nur zurückgekommen, um noch auf dem Hofe
+selber einige nöthige Anordnungen zu treffen. Als er aber einen seiner
+Tagelöhner -- oder sogenannte Häusler, weil sie kleine, dem Gut gehörige
+Häuser bewohnen, -- in einem so ungewohnten Aufzug und müßig sah,
+zügelte er überrascht sein Pferd ein und rief ihn an.
+
+»Hallo Behrens! -- wo wollt =Ihr= denn hin? Ich glaubte, Ihr wäret
+krank, weil ich Euch nicht draußen bei den Knechten fand. Was soll denn
+das heißen? Warum seid Ihr nicht bei der Arbeit?«
+
+»Ich werde hier wohl nicht mehr arbeiten, Herr Frommann,« sagte der
+Tagelöhner, indem er achtungsvoll den Hut zog und neben dem Reiter
+stehen blieb.
+
+»Nicht mehr arbeiten?« rief der Pachter erstaunt. »Habt Ihr eine
+Erbschaft gemacht, Behrens, und seid Ihr ein reicher Mann geworden, daß
+Ihr ohne Arbeit leben könnt?«
+
+»Ohne Arbeit möcht' ich gar nicht leben, Herr Frommann,« sagte der Mann
+freundlich, »wenn ich auch wirklich so viel Geld hätte, daß ich alle
+Tage Braten essen könnte, aber -- da wir nicht einmal alle Tage satt
+Kartoffeln haben, so muß ich doch sehen wie ich das ändern kann, denn
+der Jammer daheim frißt mir das Herz ab.«
+
+»Eure Frau ist noch krank?«
+
+»Krank nicht mehr, Herr Frommann, Gott sei Dank, aber doch noch so
+schwach, daß sie auf Wochen, ja vielleicht auf Monate lang, nicht daran
+denken darf schwere Arbeit zu thun. Das Kleinste macht ihr ohnedies
+genug zu schaffen.«
+
+»Und da versäumt Ihr =auch= noch Euren Tagelohn?«
+
+Der Mann schwieg einen Augenblick. Er hatte augenscheinlich etwas auf
+den Lippen, was ihm schwer wurde auszusprechen, -- endlich sagte er mit
+leiser Stimme: »Ich will nach Amerika, Herr Frommann.«
+
+»Nach Amerika?« rief dieser erstaunt, »seid Ihr toll?«
+
+»Nach Brasilien.«
+
+»Nach Brasilien? Und mit Eurer ganzen Familie? Wo wollt Ihr das viele
+Geld dazu hernehmen?«
+
+»Da haben Sie Recht, Herr Frommann,« nickte traurig der Mann, »wenn
+=ich= die Reise bezahlen müßte, käm' ich nicht einmal mit den Meinen in
+die nächste Seestadt, viel weniger über das weite Meer hinüber, -- aber
+vorige Woche war ein Herr aus der Stadt hier, der uns versprochen hat
+daß wir frei hinübergeschafft werden sollen, und es nachher dort drüben
+abverdienen können. Da will ich es denn in Gottes Namen einmal versuchen
+-- und auf der Reise erholt sich auch vielleicht meine Frau wieder, denn
+sie hat hier zu viel schaffen müssen und ist dadurch nur immer mehr
+herunter gekommen.«
+
+Der Pachter schüttelte mit dem Kopf und während sein Pferd langsam auf
+der Straße hinging, schritt der Mann neben ihm her.
+
+»Behrens, Behrens,« sagte er endlich, »ich fürchte, Ihr steht da im
+Begriff, einen recht raschen und unüberlegten Schritt zu thun, denn hier
+zu Lande hört man nicht viel Gutes über solche Verträge, und wenn Ihr da
+drüben zwischen die Fremden kommt, deren Sprache Ihr nicht einmal kennt,
+so seid Ihr so gut wie verrathen und verkauft, und müßt Alles mit Euch
+geschehen lassen.«
+
+»Wir haben aber einen Contract, Herr Frommann,« sagte der Arbeiter,
+indem er in die Tasche griff und ein Papier herausholte, »da steht Alles
+darauf und ich brauche ihn nur zu unterschreiben, und dann sollen wir
+uns um gar nichts mehr bekümmern, sondern werden frei hinüber in das
+Land geschafft, wo so herrlicher Boden ist, daß die kostbarsten Früchte
+draußen frei im Walde wachsen. Auch haben wir dort immer Sommer und so
+viel Holz, daß man sich holen kann was man mag, ohne einen rothen Heller
+dafür zu bezahlen. Mein Bruder ist ja auch seit langer Zeit dort
+hinübergegangen und hat mir schon vor zwei Jahren geschrieben ich sollte
+nur hinüber kommen, denn es ginge ihnen =sehr= gut, und er wollte mich
+dort schon einrichten. Ja, aber du lieber Gott, von unserem =Tagelohn=
+hier hätt' ich ja im ganzen Leben nicht das Reisegeld erschwingen
+können.«
+
+»Und wo ist Euer Bruder?«
+
+»In der Colonie Blumenau.«
+
+»Und dorthin wollt Ihr auch?«
+
+»Ja das weiß ich noch nicht,« erwiderte der Mann, »ich denke ja, denn so
+weit werden die Plätze doch nicht von einander sein.«
+
+»Zeigt einmal das Papier, Behrens,« sagte der Pachter und streckte die
+Hand darnach aus.
+
+Behrens reichte ihm den »Contract« aufs Pferd hinauf und der Pachter las
+ihn langsam durch. Dabei schüttelte er aber den Kopf und sagte endlich:
+»Ja, Behrens, das ist eigentlich gar kein Contract, denn ein solcher
+bindet beide Theile zu verschiedenen Verpflichtungen; hier aber sehe ich
+nichts darin, als wozu =Ihr= Euch, für Euch und Eure Familie
+verpflichten sollt. Es steht auch weiter nichts drüber, als:
+=Verpflichtung=, und wenn Ihr es dabei mit einem ehrlichen Mann zu thun
+bekommt, so mag die Sache vielleicht gehen; fallt Ihr aber gewissenlosen
+Menschen in die Hände, dann seid Ihr auch eben in ihre Hände gegeben,
+und sie können mit Euch machen, was sie wollen.«
+
+»Aber das =soll= ein ehrlicher Mann sein, Herr Frommann.«
+
+»Wer hat Euch das gesagt?«
+
+»Der Herr aus der Stadt.«
+
+»Ein Auswanderungs-Agent wahrscheinlich,« nickte der Pachter, »der so
+und so viel Kopfgeld für Jeden bekommt, den er hinüber schafft. Wollt
+Ihr nicht erst einmal Jemanden fragen, der mit den Verhältnissen genau
+bekannt ist, und kein eigenes Interesse dabei hat?«
+
+»Ich wollte eben zum Schulmeister gehen, Herr Frommann; der muß es
+wissen, denn er hat erst noch in voriger Woche den Kindern von Brasilien
+erzählt und was es für ein herrliches Land wäre.«
+
+»Ob =der= Euch gerade in einer so wichtigen Sache einen Rath geben kann,
+Behrens, weiß ich nicht, und bezweifle es fast, denn was er darüber
+sagen könnte, liest er doch nur aus seinen Büchern. In der Stadt findet
+Ihr vielleicht Andere, die mehr Erfahrung darüber haben, -- aber ich muß
+fort, denn sie brauchen draußen noch Saatkartoffeln. Das Auswandern kann
+Euch natürlich kein Mensch verbieten, wenn Ihr einmal fest dazu
+entschlossen seid, aber leid sollte es mir um Euch thun, Behrens, wenn
+Ihr in schlechte Hände kämt. Brasilien mag ein schönes Land sein, aber
+Ihr wißt nicht was Ihr dort findet. Bleibe im Lande und nähre Dich
+redlich! ist ein altes, braves Sprüchwort.«
+
+»Ja, Herr Frommann, das ist wohl wahr,« nickte Behrens, »wir wissen
+nicht was wir in Brasilien finden, aber wir wissen leider was wir =hier
+haben=: Jammer und Elend und schwere Arbeit, die nicht einmal so viel
+abwirft, um uns bei Kräften zu erhalten.«
+
+»Aber Euer Lohn ist erst kürzlich auf acht Groschen erhöht worden.«
+
+»Ja,« seufzte der Mann, »und für einen ledigen Burschen mag es
+ausreichen, wo aber =Einer= für =Fünf= verdienen soll, denn das Hannchen
+kommt jetzt gar nicht von der kranken Mutter weg, was sind da acht
+Groschen; sie reichen nicht einmal für's liebe Brod in den Wochentagen,
+und am Sonntag, wo wir nichts verdienen =dürfen=, wollen wir doch auch
+leben.«
+
+»Aber es giebt doch immer hie und da zu thun.«
+
+»Als ich neulich am Sonntag im Wirthsfeld grub,« sagte der Mann, »hat
+mich der Herr Pfarrer angezeigt, und ich mußte fünf Groschen Strafe
+bezahlen. Wir haben dafür den ganzen Montag gehungert.«
+
+Der Pachter seufzte, aber er erwiderte nichts darauf.
+
+»Na, Behrens,« sagte er nach einer Weile, »thut keinen unüberlegten
+Schritt. -- Es sollte mir leid thun, Euch hier zu verlieren, denn Ihr
+seid ein braver, ordentlicher Arbeiter gewesen, die ganze Zeit, ich
+möchte Euch aber auch nicht abrathen, wenn ich wüßte daß es zu Eurem
+Glück wäre, und Ihr Eure Lage dadurch wirklich verbessertet. Das Papier
+da sichert Euch aber gar nichts, und ehe Ihr das unterschreibt, besinnt
+Euch lieber noch einmal,« und seinem Pferd die Sporen gebend, trabte er
+rasch in den Hof hinein, um dort die für die Feldarbeiten nöthigen
+Anordnungen zu treffen.
+
+Behrens aber faltete langsam das Papier zusammen, steckte es in die
+Tasche und schritt ruhig dem Hause des Schulmeisters zu, der heute
+Nachmittag, wo er keine Schule hatte, das warme Frühlingswetter
+ebenfalls benutzte, und in seinem, freilich sehr kleinen Gärtchen hackte
+und schaufelte.
+
+Auch der Schulmeister war überrascht, den Tagelöhner Behrens in seinem
+»Geh zur Kirche« Rock am Werktage bei sich zu sehen, und hörte erstaunt
+mit arbeiten auf. Behrens ließ ihn aber nicht lange über die Absicht
+seines Besuchs im Zweifel, und der kleine Mann, mager, wie eigentlich
+nur ein Schulmeister sein kann (und mit der vollen Berechtigung dazu,
+denn sein Gehalt stellte ihn nicht viel über den Tagelöhner, und dabei
+hatte er eine Frau und sechs Kinder zu ernähren, und außerdem noch
+sechszig zu unterrichten) wischte sich plötzlich die Hände an den
+fettglänzenden, alten schwarzen Hosen ab, ehe er das ihm dargereichte
+Papier nahm, und sagte nun, völlig aufgelöst in Bewunderung:
+
+»Nach Brasilien? -- ja, freilich, Behrens, wenn Ihr =dahin= kommen
+könntet. -- Du lieber Gott, da möchte ich gleich selber mit. Aber wie
+wollt Ihr das möglich machen?«
+
+»Das steht Alles in dem Papier da, Schulmeister,« sagte der Mann, »und
+ich wollte Sie nur einmal bitten es durchzulesen und mir Ihre Meinung
+darüber zu sagen.«
+
+»Hm,« nickte der kleine Mann, indem er einen flüchtigen Blick über das
+Blatt warf, »ich habe aber meine Brille drinnen. Kommt mit hinein,
+Behrens, meine Alte hat mich doch eben zum Kaffee gerufen, und der
+Rücken thut mir auch von dem vielen Schaufeln weh, -- kommt nur mit
+hinein.«
+
+»Ach, wenn Sie jetzt Kaffee trinken wollen,« sagte der Mann
+zurückhaltend, »so komme ich lieber später wieder; stören wollte ich ja
+nicht.«
+
+»Ach, was,« nickte der Schulmeister, denn der Tagelöhner hatte durch das
+eine Wort »Brasilien« einen ganz neuen Nimbus bekommen, »Ihr trinkt eine
+Tasse mit, -- so viel wird schon da sein, und wenn Ihr erst in Brasilien
+seid, schickt Ihr mir einmal gelegentlich einen Sack Kaffee herüber, --
+da kommt er ja her, Behrens, und dort giebts ganze Wälder von lauter
+Kaffeebäumen.«
+
+»Wenn Sie's erlauben,« sagte der Mann, indem er etwas verlegen den Hut
+zwischen den Händen drehte, denn es war das eine =Ehre=, die ihm
+widerfuhr, und er nicht gewöhnt, von irgend einem Menschen eingeladen zu
+werden.
+
+Schulmeister Peters, nachdem er sich vorher erst ein paar Mal gestreckt
+und gedehnt und dabei ein sehr schmerzhaftes Gesicht geschnitten, weil
+ihm der Rücken noch vom langen Krummstehen weh that, konnte endlich
+wieder aufrecht gehen, und das Papier noch immer in der Hand haltend,
+schritt er seinem Gast voraus in das kleine Häuschen, wo ihn seine Frau
+schon mit der dampfenden Kanne erwartete. Als sie freilich den
+Tagelöhner Behrens mit ihrem Manne eintreten sah, wollte sie die Kanne
+wieder zurück auf den Ofen stellen, weil sie glaubte der Arbeiter hätte
+etwas mit Peters zu sprechen, und der Kaffee sollte indessen nicht kalt
+werden.
+
+Der Schulmeister aber, mit seinem Steckenpferd »Brasilien« im Kopf, rief
+ihr lachend zu: »Laß stehen, Alte, und gieb uns noch eine Tasse für
+Behrens her. Denk Dir einmal, der ist unterwegs nach Brasilien.«
+
+»Nach Brasilien?« sagte die Frau, setzte die Kanne wieder auf den Tisch
+und schlug die Hände zusammen, »es ist doch die Möglichkeit.«
+
+»Und nun setzt Euch, Behrens, -- da drüben ist ein Stuhl, stellt Euren
+Hut nur dort auf die Kommode, -- Alte, hast Du meine Brille nicht
+gesehen? Ich habe sie doch vorhin hierher gelegt, -- ach, da ist sie, --
+setzt Euch nur, und nun wollen wir einmal sehen was hier in dem Papier
+steht. Das ist wohl der Überfahrts-Contract? -- aber, Behrens, das wird
+schmähliches Geld kosten. Brasilien liegt in gerader Richtung etwa
+tausend deutsche Meilen von uns entfernt, und was für einen Umweg müßt
+Ihr da noch vorher machen. Seht einmal her, hier ist Deutschland,« sagte
+er, auf eine kleine, an der Wand hängende Weltkarte zeigend, »hier, wo
+ich den Finger halte, und da müßt Ihr nun erst nach Norden hinauf, damit
+Ihr an die Nordsee kommt, und dann geht's hier hinaus, in gerader Linie
+nach Westen, durch den britischen Canal -- La Manche heißt er -- hinaus
+in das weite Weltmeer, und dann geht's hier quer hinüber, über all die
+Striche weg, immer da hinunter, bis Ihr da ganz unten an Brasilien
+anfahrt. Da liegt's und unterwegs ist's so heiß, daß Euch die Butter vom
+Brod herunterschmilzt. So eine Reise kostet vieles Geld.«
+
+»Bitte, lesen Sie nur einmal das Papier durch,« sagte Behrens, »da drin
+steht Alles, und dann wollte ich Sie um Ihren Rath dabei fragen, was ich
+thun und wie ich mich verhalten soll.«
+
+Behrens täuschte dabei sich selber und den Schulmeister, denn im eigenen
+Herzen war er schon fest entschlossen den Schritt, der über sein ganzes
+künftiges Lebensglück entscheiden sollte, zu wagen, und eigentlich nur
+zum Schulmeister gekommen, um sich von diesem in dem gefaßten Plan
+bestärken -- nicht davon abrathen zu lassen, was er übrigens auch kaum
+zu fürchten brauchte.
+
+»Na,« meinte Peters, »dann wollen wir also erst einmal sehen was hier
+geschrieben steht. Schenk derweil ein, Alte, und trinkt nur, Behrens,
+genirt Euch nicht, es ist gern gegeben.«
+
+Die Frau Schulmeisterin schenkte, noch immer den Kopf über das eben
+Gehörte schüttelnd, dem Tagelöhner den Kaffee, der eine frappante
+Farbenähnlichkeit mit schwachem Thee hatte, in eine henkellose Tasse,
+denn eine von ihren »guten« Tassen konnte sie doch nicht dazu von der
+Kommode nehmen, wo sie zur Schau ausstanden. Behrens nahm aber auch
+selbst das auf das Dankbarste an, -- besseres Geschirr war er ja zu
+Hause auch nicht gewöhnt, ja nicht einmal das, denn =seinen= Kaffee
+trank er daheim aus einem kleinen Topf, und daß er etwas dünn war,
+merkte er ebenfalls nicht; er wußte wahrscheinlich nicht einmal, wie
+besserer Kaffee schmeckte.
+
+Während er aber trank und der Schulmeister las, sah er sich ein wenig im
+Zimmer um, wo ihm besonders die Bücher auffielen, von denen Peters wohl
+zwölf bis vierzehn auf einem Regal zwischen den beiden Fenstern stehen
+hatte. Auch die Landkarte an der Wand imponirte ihm. Darauf konnte der
+Mann nur mit seinem Zeigefinger über die ganze Welt herum fahren und
+dabei jeden Platz und Ort mit Namen nennen, und beschreiben wie es dort
+aussah. Sonst freilich bot das Zimmer nicht viel Besonderes. Die Möbel
+bestanden aus einfachem, weißtannenem Holz und waren nicht einmal
+angestrichen; auf der Kommode stand noch eine kleine, blaugemalte
+Glasvase mit einem Büschel Schilfblüthen und Strohblumen darin, und über
+dem entsetzlich hart gepolsterten Sopha hing ein kleiner Spiegel, und
+rechts und links davon die Bilder von Peters und seiner Frau, als Braut
+und Bräutigam, mit einer wahren Verschwendung von bunten Farben und
+rothen Backen gemalt. Wo aber waren jetzt die rothen Backen hingekommen?
+wo der üppige Haarwuchs des kleinen Mannes und das frische, fröhliche
+Gesicht? -- Nur die große Warze über dem linken Auge hatte er noch als
+einzige Ähnlichkeit behalten, sonst war Alles verschwunden und
+gebleicht.
+
+Und auch die Frau Schulmeisterin.
+
+»Lieber Gott,« seufzte Behrens in Gedanken vor sich hin, »wie sich der
+Mensch doch verändern kann, man sollte es nicht für möglich halten.«
+
+»Hm, Behrens,« sagte da Peters, der das Blatt erst einmal leise für sich
+durchgelesen hatte, »nach dem Schreiben scheint es, als ob die ganze
+Überfahrt für Euch bezahlt würde und Ihr den Betrag nur einfach
+abzuarbeiten habt.«
+
+»Ja wohl, Schulmeister, das sind die Bedingungen.«
+
+»Hm -- und da könntet Ihr ohne einen Pfennig Geld und ganz umsonst nach
+Brasilien herüberkommen?«
+
+»Ja so umsonst doch nicht,« lächelte Behrens etwas verlegen. »Was die
+Herren jetzt für uns bezahlen, müssen wir später Alles wieder bei Heller
+und Pfennig abverdienen.«
+
+»Na, das versteht sich von selbst,« sagte Peters, »schenken werden sie's
+Euch nicht. Wer schenkt einem Anderen heut zu Tage auch wohl noch was;
+aber Ihr seid doch einmal nachher an Ort und Stelle, und wenn Ihr Euch
+da nichts verdient, verdient Ihr Euch auf der ganzen Welt nichts.«
+
+»Also meinen Sie daß Alles in Ordnung wäre,« frug Behrens, dem die
+Zustimmung doch fast ein wenig zu schnell kam.
+
+»Ja, wenn Ihr gar nichts zu bezahlen braucht,« rief Peters »und frei
+hinübergeschafft werdet, was wollt Ihr denn noch mehr? Wenn =ich= nur
+könnte wie ich wollte, meiner Seel, ich ginge heutigen Tages mit, denn
+=die= Schinderei hier soll der Böse holen. Aber ich bin schon zu alt,
+-- arbeiten wird mir schwer und mein Rückgrat will nicht mehr so recht
+mit fort.«
+
+»Aber der Herr Pachter Frommann meinte,« fuhr Behrens fort, »es wäre
+eigentlich kein rechter Contract und nur so eine Art Verpflichtung für
+=mich=.«
+
+»Hm -- ja,« sagte der Schulmeister, »ein Contract ist es auch eigentlich
+nicht, -- Alte, schenk dem Behrens noch einmal ein, -- aber sonst steht
+nichts davon drin, daß Ihr etwas zu bezahlen hättet.«
+
+»Nein -- aber ich werde auch nicht so recht klug daraus,« fuhr Behrens
+fort, »wie es einmal werden soll wenn ich meine Schulden abgearbeitet
+habe.«
+
+»Hm, -- nein,« nickte Peters, »na, ich will Euch einmal etwas sagen. Ich
+werde Euch die Geschichte laut vorlesen, dann kommen wir besser
+dahinter.«
+
+»Das wäre recht.«
+
+»Also -- =Verpflichtung!= das ist die Überschrift,« sagte Peters, und
+las:
+
+»»Verpflichtung[2] des Landarbeiters Carl Gottlieb Behrens aus
+Groß-Emmen mit Familie, nämlich:
+
+ seine Frau Sophie, 38 Jahre alt,
+ seine Tochter Johanna Marie, 14 Jahre alt,
+ sein Sohn Fürchtegott Hans, 10 Jahre alt,
+ seine Tochter Lisbeth Anna, 8 Jahre alt,
+ sein Sohn Christian Leberecht, 5 Jahre alt,
+ ein Säugling,
+
+gegen Herrn Franz Berthold Hoeker in Antwerpen.
+
+Der Endes-Unterzeichnete, der die Passage für sich und obenstehende
+Familienglieder nach untenstehenden Specificationen mit -- -- Thalern
+vorgeschossen erhielt, verpflichtet sich nicht nur Herrn Franz Berthold
+Hoeker in Antwerpen Vollmacht zu ertheilen vermittelst seines Hauses in
+Porto Seguro, für sich und seine Familie, mit einem brasilianischen
+Plantagenbesitzer Contract abzuschließen, zur Verdingung seiner und
+seiner Familie Arbeitskräfte auf eine Colonie der Provinz Minas Geraes,
+sondern macht sich auch, durch Unterzeichnung dieses Contracts, für sich
+und seine sämmtlichen Familienglieder anheischig, durch den Theil-Ertrag
+ihrer Arbeit die vorgeschossene Passage und sonstige Kostenvorschüsse
+abzuverdienen, dergestalt, daß: da nach der Bestimmung derartiger
+Arbeitsverträge der Ertrag der Arbeit zwischen Arbeiter und Brodherrn
+getheilt wird, von der ihm als Arbeiter zufallenden Hälfte des Ertrags
+der Arbeit in usancemäßiger Abtragung zu ersetzen.
+
+Indem Carl Gottlieb Behrens durch seine Namensunterschrift solidarisch
+mit seinen Familiengliedern zur getreuen Erfüllung der contractlich
+eingegangenen Verpflichtung sich verbindlich macht, verpflichtet er sich
+ferner für sich und seine Familienglieder, den gesetzlichen Befehlen
+seiner Brodherren oder deren bevollmächtigten Vertreter getreulich
+nachzukommen, und während der Dauer des Contractes seine ganze Zeit und
+Aufmerksamkeit dem ihm übertragenen Dienst zu widmen.
+
+ Antwerpen, den --ten März 185--.
+
+ =Passagegeld bis Porto Seguro:=
+
+ Für drei Erwachsene à -- " -- "
+ Für drei Kinder unter zehn Jahren à -- " -- "
+ Ein Säugling frei.
+ -----------
+ Pr. Cour. -- " -- "
+ Hier bezahlt -- " -- "
+ -----------
+ Summa Pr. Cour. -- " -- "««
+
+»Die Summe ist, wie ich sehe, noch nicht ausgefüllt.«
+
+»Nein,« sagte Behrens, »das können sie auch noch nicht, weil sie noch
+nicht wissen wie viel wir auf der Reise brauchen werden. Das wird
+nachher gemacht.«
+
+»Hm,« sagte der Schulmeister, »ja wohl, -- da steht aber freilich nichts
+weiter drin, als daß Ihr das Geld, was Ihr vorgeschossen kriegt, wieder
+abverdienen sollt. Das ist gerade wie bei uns.«
+
+»Ja wohl, Schulmeister, und das wäre auch ganz in der Ordnung, aber es
+steht gar nichts vom Tagelohn darin, und was sich ein Mann wohl in der
+Woche verdienen kann, damit man doch im Stande wäre sich nur ein klein
+wenig zu berechnen, wie lange man ungefähr für die Herren arbeiten muß.«
+
+»Ja, das wäre freilich gut,« sagte der Schulmeister, der sich völlig
+außer seiner Sphäre fand, sobald sich irgend etwas auf practisches Leben
+erstreckte, »aber den Kaffee habt Ihr da umsonst, und der Zucker wächst
+ebenfalls in Brasilien; ja, in der heißen Zone kommen sogar Milch- und
+Butterbäume vor, und immer Sommer, -- nie einen Ofen heizen und die
+Finger erfrieren -- und Hüte könnt Ihr Euch selber aus Palmblätter
+flechten, und die Baumwolle wächst dort auch.«
+
+»Ja,« sagte Behrens und sah still vor sich nieder, »das ist wohl Alles
+recht gut, aber ob das Land auch wohl so gesund ist, daß mir Frau und
+Kinder nicht krank werden. Es muß dort schmählich heiß sein.«
+
+»Das können wir gleich sehen,« sagte Peters, stand auf und nahm eines
+seiner alten Bücher vom Regal herunter, »wartet einmal, Brasilien --
+Brake -- Brandis -- Brasilien, Seite 470 -- da haben wir die ganze
+Geschichte: Dieser einzige monarchische Staat, -- nein, das ist's nicht:
+hier kommts! »In Hinsicht der äußeren Bodenbeschaffenheit bestehen
+vielleicht zwei Drittheile aus Hoch- und Gebirgsland,« -- seht Ihr wohl.
+Halt, hier steht es: »Das Clima ist der vielen Gebirge und Wälder wegen
+milder, als man es bei der Lage des Landes, welches mit seiner
+Hauptmasse zwischen dem Äquator und dem südlichen Wendekreise liegt,
+erwarten sollte.« Seht Ihr wohl? -- »In Rio Janeiro, ungefähr unter dem
+Wendekreise des Steinbocks (nämlich unter 22° 56' S. Br.) wechselt die
+Hitze zwischen 16 und 30° Reaumur« -- und so heiß wird es bei uns hier
+manchmal auch, denn im letzten Sommer hatten wir ein paar Mal 29° im
+Schatten. -- »An der Küste tragen überhaupt die täglichen Seewinde viel
+zur Minderung der Hitze bei. Am heißesten sind die Ebenen im nördlichen
+Theil des Landes,« -- aber dahin braucht man ja auch gar nicht zu gehen;
+und was bauen sie da nicht Alles, hört einmal zu, Behrens: »Fernambuk
+oder Brasilienholz, Campeche oder Mahagoniholz, ferner Palmen,
+Tulpen-Rosenholz, Kampher-, Copal- und andere Bäume, sodann Zucker,
+Kaffee, Baumwolle, =Tabak=, Indigo, Cacao, Vanille, Reis, Mais, Waizen,
+Gerste, Maniok, Melonen, Yams, europäische Südfrüchte, Ananas,
+Gewürzpfeffer,« -- das Wasser läuft Einem ordentlich im Munde zusammen.
+Und dann hier die Beschreibung von dem Gold und den Diamanten, die dort
+gefunden werden. Diamanten haben sie dort, von denen ein einziger so
+viel werth ist, wie hier ein ganzes Königreich.«
+
+»Also meinen Sie, ich soll hingehen, Schulmeister?«
+
+»Ich wollte ich könnte mit,« seufzte dieser, »den Augenblick schnürte
+ich meinen Bündel, packte meine paar Bücher zusammen und setzte mich auf
+ein Schiff, aber -- der Knüppel ist an den Hund gebunden.«
+
+»Peters, Du schämst Dich doch gar nicht,« sagte seine Frau.
+
+»Ach, Alte, =so= war es ja nicht gemeint,« seufzte ihr Mann, »aber mein
+verwünschtes Rückgrat.«
+
+»Und daß gar nichts davon in dem Contract steht, wie es einmal werden
+soll, wenn ich das Geld abverdient habe,« sagte Behrens, dessen Gedanken
+nur allein auf diesem einen Punkt hafteten.
+
+»Darüber macht Euch doch keine Sorge,« antwortete Peters, »schon das ist
+ein Beweis, daß es dort viel zu verdienen giebt, daß man Euch so viel
+hundert Thaler vorschießt, nur um Arbeiter hin zu bekommen. Hier könntet
+Ihr hundert Jahre arbeiten ehe Ihr's fertig brächtet.«
+
+»Ja, das ist wahr,« nickte Behrens, »zu verdienen muß es da geben, und
+ich verstehe nur nicht was das heißen soll, -- hier, da unten
+Schulmeister; lest doch den Satz noch einmal.«
+
+»Den? -- »»daß: da nach der Bestimmung derartiger Arbeitsverträge der
+Ertrag der Arbeit zwischen Arbeiter und Brodherren getheilt wird««, --
+nun, das ist doch deutlich genug: Ihr bekommt die Hälfte von Allem, was
+verdient wird.«
+
+»Aber das ist doch gar nicht möglich.«
+
+»Aber hier steht's ja noch einmal, gleich dahinter: von der ihm als
+Arbeiter zufallenden Hälfte des Ertrags der Arbeit in usancemäßiger
+Abtragung zu ersetzen.«
+
+»Was ist denn das?«
+
+»Usancemäßig? das ist, wie es dort gerade Gebrauch ist, mit der
+Abzahlung nämlich, denn zum Leben müßt Ihr doch auch was haben, also
+vielleicht die Hälfte oder das Viertheil von Eurem Verdienst. Begreift
+Ihr?«
+
+»Das wär Recht,« nickte Behrens, »aber da ist noch ein fremdes Wort, was
+ich nicht verstehe -- solidarisch --.«
+
+»Nun, das heißt weiter nichts, als daß Ihr für Eure Frau und Kinder
+einsteht, damit die auch helfen die Schuld abzutragen.«
+
+»Nun, das versteht sich ja doch von selbst,« sagte Behrens.
+
+»Aber wißt Ihr was mir auffällt,« bemerkte der Schulmeister. »Erstlich
+steht hier kein Wort davon, daß Ihr die Sonntage frei bekommt, und wenn
+das auch bei uns Sitte ist, so weiß man doch nicht wie sie es drüben
+machen, und jedenfalls gehört das mit in den Contract. Dann aber ist
+auch noch das Wichtigste vergessen, und das könnte einen Haken haben.«
+
+»Das Wichtigste, Schulmeister?«
+
+»Jedenfalls eine Hauptsache, und die muß auch noch mit hinein, sonst
+unterschriebe =ich= wenigstens den Contract nicht. Ein Haus werdet Ihr
+natürlich kriegen, denn eine Wohnung gehört dazu, wenn man irgendwo
+arbeiten soll; die erhält bei uns selbst ein Schulmeister, dem sie doch
+alles Mögliche abzwacken, aber von einem =Garten= steht kein Wort darin.
+Das vergeßt nicht, -- den macht Euch noch vorher aus, denn ein Garten
+ist die Hauptsache -- und wenn er noch so klein wäre, wo Ihr Euch ein
+paar Kaffeebäume und Palmen und Zuckerrohr, und ein bischen Indigo
+vielleicht, pflanzen könnt. Den geben sie Euch auch. -- Und dann noch
+eins, Behrens,« fuhr der Schulmeister fort, »schreibt mir einmal, wie es
+Euch geht, und was Ihr treibt, hört Ihr wohl, das müßt Ihr mir
+versprechen.«
+
+»Recht gern, Schulmeister, recht von Herzen gern,« erwiderte Behrens,
+»wenn's auch bei mir nicht gerade vom besten mit Schreiben geht, denn
+Sie wissen wohl, in =unserer= Zeit wurde noch nicht viel darauf
+gehalten, so kann mein Mädel, die Johanna Marie, doch prächtig damit
+fertig werden, und die soll schon einen Brief schreiben.«
+
+»Gut, Behrens, und vergeßt nur den Garten nicht; ein Stück Land müssen
+sie Euch geben, das Ihr selber nur für Euch bauen könnt, -- wenn nicht
+=so= viel übrig ist, wäre es auch nicht der Mühe werth daß Ihr hinüber
+ginget.«
+
+»Ich will's nicht vergessen, Schulmeister, und ich dank Ihnen auch
+vielmals für den Wink. -- Ich wußte wohl, daß ich mich bei Ihnen an den
+rechten Mann wandte. Nichts für ungut, Frau Peters, daß ich gestört
+habe, -- ich wollt's eigentlich nicht.«
+
+»Recht gern geschehen, Behrens,« sagte die Frau Schulmeisterin, die ganz
+stolz darauf war was ihr Mann sagte. »Mein Schulmeister hilft ja recht
+gern, wo er irgend kann, mit Rath und That.«
+
+»Werd's ihm nicht vergessen, -- und nun leben Sie wohl; ich will jetzt
+gleich nach der Stadt hinein, daß ich heute Abend noch was abmachen
+kann, und im schlimmsten Fall bleib ich dort über Nacht bei dem Andres,
+dem Steffen seinem Jungen, der Kutscher ist und mir die Wohnung
+angegeben hat. Recht vergnügten Abend allerseits,« -- und damit nahm er
+seinen Hut, griff seinen Stock auf und wanderte mit rüstigen Schritten,
+das eben Gehörte dabei wieder und wieder überlegend, die Straße hinab,
+die nach der Stadt zu führte. Drüben im Feld arbeiteten die Leute, um
+ihn her flogen und zwitscherten die Lerchen, die vaterländische Sonne
+schien hell und warm auf seinen Pfad, aber er sah und hörte weder
+Kameraden, noch Sonnenschein, noch wirbelndes Lerchengeschmetter, denn
+Auge und Ohr weilte bei anderen Bildern und sein Herz war in Brasilien.
+
+
+
+
+Zweites Capitel.
+
+Verschiedene Auskunft.
+
+
+Die Stadt -- eine kleine Residenz in Thüringen -- lag ungefähr zwei
+Stunden Wegs von Groß-Emmen entfernt, und Behrens, mit seinen Gedanken
+beschäftigt, konnte sich nicht erinnern jemals so rasch hineingekommen
+zu sein, wie heute. Er sah sich ordentlich erstaunt um, als er sich
+zwischen den ersten Häusern fand, und doch erfaßte ihn auch wieder ein
+ganz eigenes und beklemmendes Gefühl, das etwas Fremdes und
+Unbehagliches für ihn hatte.
+
+War er bis jetzt je gewohnt gewesen selbstständig zu handeln? Nicht seit
+der Zeit wo er seine Frau genommen, und selbst damals hatte =sie=
+eigentlich mehr bei der Sache gethan, als er selber. Außerdem war er,
+seit er die Schule verlassen, nur Tagelöhner bei fremden Leuten gewesen,
+der die Arbeit eben that, zu der er gestellt wurde, ohne die geringste
+Verantwortlichkeit dafür. Morgens zur bestimmten Zeit begann er damit,
+-- Abends eben so wurde Schicht gemacht und Sonntags gefeiert, -- weiter
+kannte er keine Abwechselung in seinem Leben. Jetzt aber trat dieses
+selber an ihn heran. Aus seiner gewohnten Beschäftigung herausgerissen
+und dadurch von dem bisherigen und regelmäßigen Einkommen abgeschnitten,
+sollte er auf einmal selbstständig einen Entschluß fassen, der ihn weit
+hinweg vom Vaterland über das große Weltmeer führte, und einer
+ungewissen Zukunft in die Arme warf. Allerdings erfüllten ihn dabei die
+größten Hoffnungen, -- aber =wenn= es mißlang? wenn er dann mit Frau und
+Kindern unter fremden Leuten im Elend saß, und nicht wieder zurück
+konnte in die alten Verhältnisse? Wer trug nachher die Schuld an seinem
+Unglück und dem der Seinen? Nur er selber, und welche Vorwürfe hätte er
+sich nachher machen müssen.
+
+Diese Gedanken quälten ihn unterwegs, aber sein Schritt zögerte deshalb
+nicht. Es war, als ob er durch eine innere, unwiderstehliche Gewalt
+vorwärts gedrängt würde. Wie von einem unbestimmten Etwas getrieben,
+wanderte er die Straße hinab, und wollte eben in den Platz einbiegen,
+auf welchem der Auswanderungsagent wohnte, als ihn eine Stimme von einem
+Wagen herab anrief, daß er stehen blieb und sich überrascht umsah.
+
+»Hallo, Gottlieb!« rief es, »wo kommt Ihr denn heute in die Stadt? und
+wie gehts daheim?«
+
+»Ei, Andres!« rief Behrens erfreut, wie er den Kutscher erkannte, der
+jetzt neben ihm am Wege hielt. »Das ist mir lieb, mein Junge, daß ich
+Dich finde. Wie gehts?«
+
+»Oh, gut geht's; aber wo wollt Ihr hin, Behrens?«
+
+»Nach Brasilien, Andres.«
+
+»Nach wohin?«
+
+»Nach Brasilien.«
+
+»Alle Wetter,« sagte der junge Bursch erstaunt, »weiter nicht?«
+
+»Ne, Andres; -- wie wär's, wenn Du mitgingst? -- Reise und Alles frei,
+und die Schinderei hier zu End.«
+
+»Hm, Behrens, kommt doch einmal mit vorn auf den Bock; ich schaffe nur
+den Wagen nach Haus und versorge die Pferde, und habe dann weiter nichts
+zu thun, daß wir noch ein Wort zusammen reden können, -- heute kommt Ihr
+doch nicht mehr hin.«
+
+»Nein, Andres,« sagte Behrens, »und morgen wahrscheinlich auch nicht,
+aber ich fahr mit, denn es wär mir lieb, wenn Du mich nachher begleiten
+könntest.«
+
+»Und unterwegs erzählt Ihr mir die ganze Geschichte,« sagte Andres,
+während Behrens zu ihm auf den Bock stieg.
+
+So fuhren sie langsam der Wohnung des Doctor Maller, Andres' Brodherrn,
+zu, und der Tagelöhner theilte jetzt dem Kameraden Alles mit, was seine
+künftigen Pläne betraf, während dieser kein Wort dazu sagte, sondern nur
+manchmal mit dem Kopf nickte oder schüttelte.
+
+Endlich langten sie bei der Wohnung des Doctors an. Behrens half die
+Pferde mit ausschirren und in den Stall führen, wo ihnen Andres ihr
+Futter gab, während der Mann ein paar Eimer Wasser holte.
+
+Wie sie fertig waren sagte Andres, der indessen in einem fort gepfiffen
+hatte: »Hört einmal, Behrens, -- Ihr habt den Contract bei Euch, wie?«
+
+»Ja, Andres.«
+
+»Schön, -- mein Doctor ist zu Hause, ich habe ihn eben oben am Fenster
+gesehen, -- der weiß Alles, ist auch schon einmal drüben in Amerika
+gewesen, dem wollen wir das Papier zeigen, -- der kennt sich in solchen
+Sachen aus.«
+
+»Ja, aber,« sagte Behrens, »was wird sich der um unser Einen kümmern;
+der hat mehr zu thun.«
+
+»Laßt Ihr mich nur machen,« nickte aber Andres dem Freund zu, »wartet
+hier einen Augenblick, ich bin gleich wieder da,« und ohne eine weitere
+Einrede anzuhören, ging er quer über den Hof und in das Haus hinüber,
+und kam auch schon nach kaum zehn Minuten mit der Meldung zurück,
+Behrens solle nur hinaufgehen, der Doctor wäre oben und wolle sein
+Anliegen hören.
+
+Dem Behrens schlug das Herz, aber der Doctor empfing ihn freundlich und
+sagte: »Nun, mein Mann, Ihr wollt nach Brasilien hinüber? Das ist ein
+wichtiger Schritt; habt Ihr Euch die Sache denn auch ordentlich
+überlegt? Jemand, der hier in Deutschland sein Brod hat, sollte nicht
+gerade leicht mit Frau und Kindern so ins Ungewisse hinübergehen.«
+
+»Ja, lieber Herr,« seufzte Behrens, »mit dem Brod ist das so eine Sache,
+-- heute haben wir welches und morgen keins, und wenn ich einmal krank
+würde --«
+
+»Dann glaubt Ihr wohl, giebt Euch Jemand in Brasilien was?« unterbrach
+ihn der Doctor. »Aber Ihr sollt frei hinübergeschafft werden, wie ich
+höre? Habt Ihr das Papier bei Euch?«
+
+»Ja, Herr Doctor, -- dies hier.«
+
+Der Doctor nahm es, las es aufmerksam durch und sagte dann: »Und =das=
+Papier wollt Ihr unterschreiben? Wißt Ihr wohl, daß Ihr danach wie
+verrathen und verkauft und einem ehrlichen Mann oder einem Schurken,
+wie's gerade trifft, auf Gnade und Ungnade übergeben seid?«
+
+»Ja, aber, Herr Doctor,« sagte der Mann erschreckt.
+
+»Das ist ein sogenannter Parcerie-Vertrag,« fuhr der Doctor fort, »das
+heißt ein Vertrag, wonach Ihr angeblich Mittheilhaber an dem Ertrag des
+Gewinnes seid, der durch Eure Arbeit erworben wird, und hier steht
+sogar, Ihr bekämt die =Hälfte= des Verdienstes; daß das eine Lüge ist,
+könnt Ihr Euch doch wohl denken.«
+
+»Ja, aber da steht es doch schriftlich,« sagte Behrens scheu.
+
+»Bah!« rief der Doctor, »wo arbeitet Ihr jetzt?«
+
+»Beim Herrn Rittergutspachter Frommann.«
+
+»Nun gut. -- Denkt Euch einmal, Ihr hättet mit =dem= einen solchen
+Contract gemacht. Nun beschäftigt Euer Pachter eine Menge von Leuten,
+nicht wahr?«
+
+»Ja, Herr Doctor.«
+
+»Außerdem hat er ein großes Capital in dem Gut stecken; er hat viel
+Vieh, Pferde, Rinder und Schafe, und manchmal verdient er viel damit,
+manchmal hat er auch Unglück. Es fällt ihm ein Pferd, ein Rind, oder die
+Ernte geräth einmal nicht, kurz, er hat viel Risico bei der Sache, d. h.
+er wagt sein Vermögen daran, oder er nimmt dann auch wieder in manchem
+Jahre sehr viel ein, was den Schaden deckt, -- nun soll er Euch für
+=Eure= Tagelöhner-Arbeit die Hälfte seines Verdienstes geben?«
+
+»Ja, das ist aber auch wohl so nicht gemeint,« sagte Behrens.
+
+»Gewiß nicht,« erwiderte der Doctor, »aber trotzdem steht es da, und
+auch nichts Anderes, nach dem man herausfinden könnte, =wie= diese
+Hälfte gemeint ist, denn von einem bestimmten Tagelohn ist keine Rede.
+Ihr seid also förmlich der Willkür Eures neuen Herrn überlassen, wobei
+Ihr Euch noch außerdem verpflichten müßt, und zwar für Euch und Eure
+Familie, seinen oder seines Verwalters =Befehlen= getreulich
+nachzukommen. Der schlimmste Passus ist aber noch der letzte, wo es
+heißt, daß Ihr während der Dauer des ganzen Contracts, also auf eine
+ganz unbestimmte Zeit hinaus, denn es ist gar keine Dauer festgesetzt,
+Eure =ganze= Zeit und Aufmerksamkeit dem Euch übertragenen Dienst zu
+widmen habt, also nicht eine Minute derselben für Euch selber arbeiten
+und nur das Nothwendigste verrichten könnt. Unterschreibt Ihr =das=
+Papier, so seid Ihr nichts als ein Sclave, und es kann Euch nachher
+Niemand mehr helfen.«
+
+»Ja,« sagte Behrens schüchtern, »das hat unser Schulmeister auch
+gemeint, daß wir die Sonntage frei und einen Garten haben müssen, in dem
+wir uns selber Kaffee und Zucker bauen könnten.«
+
+»Lieber Freund,« seufzte der Doctor, »Ihr schleppt eine Menge
+phantastischer Ideen im Kopf herum, und Euer Schulmeister scheint Euch
+noch darin bestärkt zu haben.«
+
+»Aber wenn das nun in den Contract kommt.«
+
+»Aber bester Mann, =ist= das ein Contract?« rief der Doctor. »Ihr seid
+unglückselige Menschen. Wenn Ihr nur ein beschriebenes Papier bekommt,
+das Ihr unterschreiben könnt, so bildet Ihr Euch nachher gewöhnlich ein,
+Ihr hättet einen =Contract= gemacht und könntet nun nicht mehr betrogen
+werden. In diesem Papiere, obgleich hier fälschlicher Weise steht
+»»während der Dauer des =Contracts=««, und hier oben »»der
+=contractlich= eingegangenen Verpflichtung««, ist von einem Contract
+weiter gar nicht die Rede, als daß jene Person, der Ihr überliefert
+werdet, das Geld zahlt, um Euch in die Hände zu bekommen, und dann
+nachher mit Euch machen kann was sie will. -- Außerdem,« fuhr der Doctor
+fort, als Behrens betroffen schwieg, »wißt Ihr aber auch noch gar nicht
+einmal, wie viel die Reise für so viele Personen kosten kann, -- wie
+viel Euch wenigstens dafür aufgeschrieben wird, und seid nicht sicher
+eine Schuldenlast auf den Hals zu bekommen, an der Ihr Eure besten
+Lebensjahre arbeiten mögt, um sie wieder abzuschütteln. Nein, Freund, --
+es ist mir lieb daß ich einmal einen solchen Parcerie-Vertrag in die
+Hände bekomme; ich habe bis jetzt viel darüber gehört und gelesen, aber
+noch nie einen gesehen. Jetzt begreife ich die Entrüstung die darüber
+herrscht, denn es ist in der That nichts, als ein Menschenhandel, und
+Alle, die sich damit befassen, sollten als Seelenverkäufer gebrandmarkt
+werden.«
+
+»Aber der Herr, mit dem wir es zu thun bekommen, soll ein ganz braver,
+ehrlicher Mann sein,« sagte Behrens leise.
+
+»Und woher wißt Ihr das, oder woher weiß =der= das,« rief der Doctor,
+»der Euch das gesagt hat? denn hier in dem Wisch steht nur, daß der
+Agent in Antwerpen -- und Antwerpen gerade ist der verrufenste Ort für
+derartige Agenturen -- mit =irgend= einem Plantagenbesitzer einen
+Contract über Euch abschließen soll, bei dem =Ihr= dann natürlich gar
+nicht mehr gefragt werdet.«
+
+»Ja, aber --«
+
+»Das =kann= ein ehrlicher Mann sein, ja,« fuhr der Doctor fort, »ich
+gebe auch zu, daß ein solcher =Contract= in einzelnen Fällen ehrlich
+gemeint sein mag: daß manchem großen Plantagenbesitzer wirklich daran
+liegt, gute und brauchbare Kräfte auf sein Land zu bekommen, und der sie
+nachher nicht allein gut behandelt, sondern ihnen auch einen
+entsprechenden Lohn für ihre Arbeit giebt, damit sie in einer bestimmten
+Zeit, und zwar in einer Zeit, die sie selber berechnen, wieder frei und
+unabhängig von ihm werden. Aber warum heißt es da nicht: Du bekommst so
+und so viel für den Tag Arbeit, und machst Dich nur verbindlich bei
+keinem Anderen in Dienst zu treten, bis Du das Geld, was ich für Dich
+ausgelegt habe, wieder abverdient hast? Aber das wollen die Herren gar
+nicht. Es liegt ihnen nicht allein daran Arbeiter in ihr weites Land zu
+bekommen, nein, sie wollen sich die Leute auch speciell sichern und an
+ihnen =verdienen=, und das eben ist nachher das Unglück für den armen
+Arbeiter selber, der vielleicht etwas vor sich bringen könnte, wenn ihm
+die Hände nicht gebunden wären. Ja, selbst den Fall genommen =daß= er es
+ehrlich meint, wer steht Euch denn dafür, daß er nicht plötzlich stirbt
+und sein Besitzthum an einen gewissenlosen Verwandten oder Fremden
+übergeht? =Ihr= seid dann für =diesen= so gut gebunden, wie für Jenen,
+Ihr geltet nur als Inventar, denn Ihr habt Eure Schulden noch nicht
+abbezahlt, und müßt aushalten bis das geschehen ist, so lange es auch
+dauern mag.«
+
+»Aber Herr Doctor,« sagte Behrens, der ganz bestürzt geworden war, denn
+das, was ihm =der= Herr hier sagte, warf des Schulmeisters ganze
+Lobreden wieder um, und er hatte nur noch das Eine, an das er sich
+anklammern konnte -- »mein Bruder ist ja auch die langen Jahre drüben in
+dem Brasilien, und dem geht's so gut dort. Er hat mir ja auch
+geschrieben, daß ich nur sobald als möglich zu ihm kommen soll.«
+
+»So? --« frug der Doctor, »wo ist denn Euer Bruder?«
+
+»In der Colonie Blumenau« sagte der Mann.
+
+»Und dann wollt Ihr Euch nach der Provinz Minas Geraes schicken lassen,
+wie es hier in dem Contract steht? -- und wißt dabei noch nicht einmal,
+in welchen Theil desselben, denn die Provinz ist riesengroß und läuft in
+die heißesten Districte hinauf. Das ist reiner Wahnsinn. -- Aber lieber
+Freund -- es thut mir leid -- meine Zeit ist beschränkt, und ich muß
+jetzt einen Besuch bei einem gefährlichen Kranken machen, den ich nicht
+länger aufschieben kann. Ich bin auch nicht im Stande Euch einen anderen
+Rath zu geben als: Unterschreibt =das= Papier auf keinen Fall. Wollt Ihr
+zu Eurem Bruder nach Blumenau, so müsset Ihr nach der Insel Santa
+Catherina gehen, von wo sich häufig Gelegenheit findet. In der Provinz
+Minas Geraes seid Ihr beinah noch so weit von dort entfernt, wie hier in
+Deutschland, könntet wenigstens eben so leicht oder so schwer dorthin
+kommen, wie von hier ab auch. Dorthin wird Euch aber wohl Niemand
+Passage geben, und wenn Ihr denn durchaus hinübergehen =wollt= und
+denkt, daß Ihr dort Eure Umstände verbessert, so laßt Euch auch einen
+wirklichen Contract aufsetzen, in dem deutlich geschrieben steht, an
+welchen Ort und zu welchem Herrn Ihr kommen sollt -- nicht auf's
+Gerathewohl, wie hier steht: auf eine Colonie in der Provinz Minas
+Geraes. Und wie viel =Tagelohn= Ihr für Euch und Eure Leute zu erwarten
+habt, bis das Vorgeschossene abverdient ist, muß ebenfalls fest und
+deutlich in dem Papier angegeben werden. Nachher seht Ihr ein Ende vor
+Euch, und könnt selber etwa berechnen, was Ihr verdient habt und wie
+lange Eure Dienstzeit dauert.«
+
+»Nun, ich danke Ihnen auch schön, Herr Doctor, für Ihre Freundlichkeit,«
+sagte Behrens, »ich will mir gewiß merken was Sie gesagt haben, und mit
+dem Herrn das ausmachen.«
+
+»Thut das,« sagte der Doctor, »aber laßt Euch auch nicht wieder breit
+schwatzen, -- =solche= Contracte könnt Ihr alle Tage machen,« und damit
+nahm er seinen Hut und verließ das Zimmer, während Andres, der bei der
+ganzen Unterredung kein Wort gesprochen und nur immer, wenn der Doctor,
+sein Herr, etwas sagte, zustimmend mit dem Kopf genickt hatte, seinen
+Landsmann beim Ärmel ergriff und mit ihm langsam die Treppe hinunter und
+wieder auf den Hof ging.
+
+»Siehst Du,« flüsterte er ihm dabei zu, »das ist ein Herr der Haare auf
+den Zähnen hat, und der verstehts. Was =der= sagt hat Hand und Fuß, und
+man kann schnurstraks darauf hingehen. Das sind faule Fische mit dem
+Papier; da darfst Du Dich nicht darauf einlassen.«
+
+»Weißt Du was, Andres,« nickte da Behrens, der nachdenkend, sein Kinn
+mit der rechten Hand streichend, im Hof stehen geblieben war und vor
+sich niedergesehen hatte, »Du hast doch Alles mit angehört was der Herr
+Doctor gesagt, und kannst es mir bezeugen, und nun komm einmal mit zu
+dem Herrn der die Schrift besorgt, und dann wollen wir mit ihm sprechen,
+und ihm die Sache auseinandersetzen, daß es so nicht geht. Wie?«
+
+»Meinetwegen,« sagte Andres, »ich geh' auch mit. Zwei sind immer besser
+als Einer, denn was der Eine nicht weiß, das fällt dem Anderen ein. Also
+komm, Gottlieb, dem wollen wir die Sache gleich besorgen.«
+
+Und die beiden Freunde gingen langsam die Straße hinunter und dem Hause
+zu, in welchem der besagte Herr wohnte.
+
+Da hörten sie rechts von sich in einer engen Seitengasse lautes Jubeln
+und Singen, und als sie erstaunt stehen blieben, um dem ungewohnten
+Geräusch zu horchen, sahen sie einen kleinen Trupp Menschen den engen
+Weg herunter kommen, die auf das Wunderlichste aufgeputzt gingen.
+
+Es waren etwa zehn oder zwölf junge Burschen; von vielleicht achtzehn
+oder neunzehn Jahren, Bauernsöhne wahrscheinlich ihrem ganzen Aussehen
+nach, die, von irgend einem Gelage kommend, mit gerötheten Gesichtern
+und fröhlich und keck blitzenden Augen Arm in Arm durch die Straßen
+wanderten. Sie trugen auch noch ihre heimischen Bauerntrachten, kurze
+Jacken und lederne Hosen, aber dazu aufgekrämpte Hüte mit künstlich
+gemachten ordinären Blumen daran, mit Glasperlen und unächtem Schmuck,
+und auf den Schultern einläufige Pirschbüchsen oder Doppelflinten, und
+Hirschfänger an den Seiten, als ob sie zu irgend einem Freicorps
+gehörten und augenblicklich in den Krieg ziehen wollten. Dazu sangen sie
+-- mit oder ohne Harmonie, was kam darauf an, -- ein wildes, jubelndes
+Lied, und neugieriges Volk hatte sich ihnen von allen Seiten
+angeschlossen, so daß die Menschenmenge die ganze Straße füllte.
+
+Behrens und Andres blieben stehen um sie vorbei zu lassen, und als sie
+näher kamen, konnten sie auch Beide die Worte des Liedes unterscheiden,
+die ihnen bald keinen Zweifel mehr ließen, wen sie vor sich hätten.
+
+ »Halli, Hallo! Brasilien ist nicht weit von hier,
+ Halli, Hallo! Brasilien ist nicht weit.«
+
+klang der Refrain, und bald darauf setzte wieder eine tiefe Baßstimme in
+Solo ein:
+
+ »Ade, ade, mein liebes Vaterland,
+ Ade, ade, nun lebe ewig wohl!
+ Was fragen wir nach Gut und Geld,
+ Wir wandern fröhlich in die Welt,
+ Brasi--lien ist unsre Seligkeit!
+ Halli, Hallo! Brasilien ist nicht weit von hier!
+ Halli, Hallo! Brasilien ist nicht weit!«
+
+Es war ein ganz eigenes Gefühl das Behrens durchzuckte, als er die Worte
+hörte, die ihm wie aus der eigenen Seele heraustönten, und fast
+unwillkürlich rief er die ihm Nächsten an: »Heda, Kameraden, -- wollt
+Ihr =auch= nach Brasilien?«
+
+»=Auch= nach Brasilien? na, versteht sich,« lachte einer der jungen
+Burschen zurück, indem der Schwarm Halt machte. »Gehst Du auch mit,
+Kamerad? Das ist Recht. Halli, Hallo! Brasilien ist nicht weit von
+hier!«
+
+»Na,« seufzte Behrens, »weit ist's doch wohl, aber was kann's helfen;
+die Reise nimmt ja auch einmal ein Ende.«
+
+»Da hast Du Recht, alter Junge!« jubelte Einer der Burschen, »und
+nachher leben wir, wie der liebe Gott in Frankreich. Mit welchem Schiff
+gehst Du?«
+
+»Ja, ich weiß noch nicht,« sagte Behrens, über die vertrauliche Anrede
+des jungen Volks weniger erstaunt, als über die bestimmte Voraussetzung
+seiner Reise, denn des Doctors abmahnende Worte hatten ihn doch wieder
+ganz schwankend gemacht.
+
+»Und von welchem Hafen aus?«
+
+»Doch wohl von Antwerpen, wie der Ort heißt.«
+
+»Hurrah, ein Reisegefährte!« jubelte die Schaar. »Komm her, daß wir Eins
+zusammen trinken. Nun hat die elende Schinderei daheim ein Ende, und wir
+kommen ins Paradies.«
+
+»Ins Paradies?« Das stimmte freilich nicht mit dem, was Behrens von dem
+Doctor gehört, aber er konnte auch nicht der fröhlichen Einladung
+folgen, denn geschenkt mochte er nichts nehmen, und Geld zum Vertrinken
+hatte er noch nie im Leben gehabt.
+
+»Ich kann nicht,« sagte er deshalb freundlich, »ich muß erst noch meinen
+Contract in Richtigkeit bringen, daß ich mit komme; aber wohin geht
+Ihr?«
+
+»In den Löwen; so komme nachher hin, daß wir den Abend beieinander sind!
+Hurrah, Brasilien soll leben!«
+
+Und mit dem Halli, Hallo! des neu beginnenden Liedes setzte sich die
+Schaar wieder in Bewegung und marschirte die Straße hinab, dem ihrem
+neuen Reisegefährten bezeichneten Wirthshaus zu.
+
+Behrens blieb mit seinem Begleiter, als ihn die Schaar verlassen hatte,
+noch eine ganze Weile wie betäubt auf der Straße stehen, denn wie ein
+Traum, wie ein Gruß aus der fernen, fabelhaften Welt, die er bis jetzt
+nur in seinen Träumen gesehen, kam ihm das Ganze vor. Ein Paradies! --
+und er selbst war im Begriff, dorthin aufzubrechen, -- aber wer hatte
+nun Recht? Das junge, jubelnde Volk, vor dem das Leben noch offen lag
+und ihm nur seine bunten Bilder zeigte, oder der alte mürrische Herr,
+der voll Mißtrauen hinausblickte? Behrens wußte es nicht, und nur
+unwillkürlich legte er seine Hand wieder in Andres Arm und schritt mit
+ihm die Straße hinunter, dem Hause des Auswanderungsagenten zu.
+
+
+
+
+Drittes Capitel.
+
+Herrn Kollboeker's Comptoir.
+
+
+Sie brauchten nicht so lange mehr zu gehen, als sie das Haus, oder
+vielmehr das »Comptoir« des Agenten vor sich sahen, denn er selber
+wohnte draußen in einer kleinen Spelunke der Vorstadt, und hatte sich
+nur im »Geschäftstheil« der Residenz ein Local gemiethet, um inmitten
+des Verkehrs zu sein und sich keine »Gelegenheit« entgehen zu lassen.
+
+Die Thür war auch kenntlich genug durch eine Anzahl von Schildern
+bezeichnet, die den verschiedensten Lebenszwecken zu dienen schienen.
+Den Mittelpunkt derselben bildete freilich ein großes, über der Thür
+angebrachtes und in Öl ausgeführtes Gemälde, das ein großes,
+dreimastiges Schiff unter vollen Segeln aber bei dem Winde zeigte.
+Plätschernde Wellen erhoben sich darum her, aber still und unbewegt
+verfolgte das Fahrzeug seine Bahn und eine Anzahl von Personen in rothen
+Hemden, die über Bord hinaus auf das Meer sahen, sollten andeuten, daß
+es reichlich mit Passagieren besetzt sei, die eine ruhige Fahrt nach
+einem fernen Welttheil hatten.
+
+Das Schiff selber führte eine Bremer Flagge, -- die roth und weißen
+Streifen und Quadrate, -- darüber aber im blauen Himmel stand deutlich
+mit goldenen Buchstaben:
+
+ =Schiffsgelegenheit nach allen Welttheilen=,
+
+und wie um das zu illustriren, waren links und rechts von der Thür noch
+große Tafeln aufgehangen, auf welchen die verschiedensten Reisen nach
+Nordamerika, Australien und Brasilien specificirt wurden.
+
+Außerdem schien aber Herr Kollboeker, wie der Auswanderungsagent hieß,
+noch außerordentlich vielseitig in anderen Geschäftszweigen. Er hatte
+die Agentur für Sächsische Renten-, Berliner und Gotha'sche
+Lebensversicherung, ebenso eine Niederlage von Daubitz's Kräuterliqueur
+und aromatischer Gichtwatte, und Behrens wurde ganz irr an den vielen
+Schildern, die überall die Wand und sogar die aufgeschlagenen
+Fensterladen bedeckten. Aber es konnte nichts helfen, hinein mußte er
+doch, denn die Zeit verging, und nachdem er und Andres -- während die
+Beiden indessen von drinnen durch ein paar junge kichernde Leute
+beobachtet waren -- eine Weile die verschiedenen Placate
+durchbuchstabirt hatten, sagte Behrens, seines Begleiters Arm
+ergreifend: »So komm, Andres, hier werden wir doch nicht draus klug und
+drinnen müssen wir ja erfahren woran wir sind. Da oben ist ja auch das
+Schiff gemalt, mit dem wir fahren sollen, -- guck einmal wie groß es
+ist; das sieht ordentlich gefährlich aus -- und so weit übers Wasser muß
+man damit.«
+
+Behrens schüttelte freilich mit dem Kopf, als er das Haus betrat; es war
+ihm noch so vieles bei der ganzen Sache, von der er sich gar keine
+richtige Idee machen konnte, unerklärlich, und er fühlte ordentlich das
+Bedürfniß, endlich einmal Jemanden darüber zu hören, der Alles ganz
+genau wußte.
+
+Gleich rechts im Hausflur war eine Thür, an welcher auf einem ovalen
+schwarzen Schild das Wort stand: »Comptoir«, aber weiter befand sich
+kein Name oder sonstiges Abzeichen daneben, und die Beiden zögerten
+noch, ob sie hier anklopfen sollten, als die Thür aufging und ein
+blutjunger Mensch mit auf der Mitte gescheitelten fuchsrothen Haaren
+heraussah.
+
+»Wollen Sie zu der Auswanderungs-Agentur?«
+
+»Ja wohl«, nickte Behrens.
+
+»Na, da kommen sie nur hier herein, -- hier ist's.«
+
+Beide betraten das Zimmer. Es war ein nicht sehr großes und etwas
+düsteres Gemach. In der Mitte stand ein hohes, doppeltes Schreibpult aus
+polirtem Erlenholz, an dem an jeder Seite zwei Menschen arbeiten
+konnten, und an den Wänden waren eine Menge Gefache angebracht, in
+welchen die verschiedenartigsten Dinge lagen: kleine Broschüren,
+Papiere, etiquettirte Flaschen, Packete und Gott weiß was sonst noch. An
+den Wänden aber hingen, wo nur noch irgend ein Platz frei geblieben,
+Fahrpläne von Eisenbahnen und Dampfschiffen, eine große Karte mit den
+beiden Erdhälften und andere von Australien, Südamerika, Brasilien,
+Nordamerika, Rußland und Ungarn, denn Herrn Kollboeker's Thätigkeit war
+eine sehr ausgebreitete, und er schaffte Menschen fort, wohin sie eben
+wollten, oder -- wohin er sie gerade bereden konnte. Hatte er doch
+intime Verbindungen in allen Theilen der Welt, wenn er auch alle Theile
+der Welt nur dem Namen nach kannte.
+
+Herr Kollboeker selber war leider gerade nicht zu Hause, und die beiden
+jungen Herren im Comptoir, -- wahrscheinlich ein paar Lehrlinge, junge,
+aufknospende Auswanderungs-Agenten, die ihren Ehrgeiz darin setzten,
+später ebenfalls ein volles Schiff unter Segeln über ihrer eigenen Thür
+gemalt zu sehen, -- schienen die freie Zeit benutzt zu haben, um an die
+Fenster zu hauchen und unmögliche menschliche Figuren darauf zu
+zeichnen. Beide trugen aber Federn hinter den Ohren, als Zeichen, daß
+sie jeden Augenblick zu deren Dienst bereit wären, und der Ältere von
+ihnen, der den Beiden auch die Thür geöffnet hatte, nahm jetzt das Wort
+und sagte: »Nun, Gevatter, wie geht's? Wollt Ihr nach Amerika oder nach
+Australien und Gold graben? Jetzt ist die Gelegenheit günstig; in der
+nächsten Woche geht ein Schiff.«
+
+»Ist Herr Kollboeker nicht zu Haus?« frug Behrens, der durch die
+vertrauliche Anrede »Gevatter« etwas stutzig geworden war, denn er hatte
+den jungen Burschen, so weit =er= sich erinnerte, noch in seinem ganzen
+Leben nicht gesehen.
+
+»Nein, Herr Kollboeker ist ausgegangen. Kann ich es nicht besorgen, wenn
+Ihr über irgend etwas Auskunft wünscht?«
+
+»Ich weiß doch nicht,« sagte Behrens, »ich -- ich komme wegen der Reise
+nach Brasilien.«
+
+»Nach Brasilien, so? Wo seid Ihr denn her?«
+
+»Von Groß-Emmen.«
+
+»Ach, das ist die Familie, die mit der Rosalie nach Porto Seguro soll,«
+sagte der Jüngste, »wie heißt Ihr denn?«
+
+»Behrens -- Carl Gottlieb Behrens.«
+
+»Ja, ganz Recht. Ihr habt ja wohl noch Euren Contract zu
+unterschreiben.«
+
+»Ja -- aber -- ich wollte doch vorher gern erst noch einmal mit dem
+Herrn Kollboeker sprechen.«
+
+»Ach, das ist nicht nöthig,« sagte der junge Mann mit den rothen
+gescheitelten Haaren, »das können wir auch besorgen. Habt Ihr den
+Contract mitgebracht?«
+
+»Den hätt' ich schon,« meinte Behrens, indem er in die Tasche griff und
+das Papier herausholte, »aber --«
+
+»Da kommt Ihr in ein prachtvolles Land,« nahm der Kleinste die
+Unterhaltung wieder auf, »Donnerwetter, da muß es himmlisch sein, -- wo
+haben Sie denn den Brief, Meier, in dem die Beschreibung steht?«
+
+»Dort auf dem Pult liegt er,« sagte Herr Meier, indem er selber darnach
+unter einem Haufen von Papieren herumwühlte und auch bald einen großen,
+auf bläulichem, sehr dünnem Papier eng geschriebenen Brief zum Vorschein
+brachte. »Ja, allen Respect, das muß ein Land sein, Kaffee, Vanille,
+Cacao, Alles wächst da wild, die Apfelsinen kann sich Jeder von den
+Bäumen schütteln, wo er nur will, und Ananas, wo hier das Stück drei
+Thaler kostet, wachsen wie bei uns die Kohlrüben und die Runkeln.«
+
+»Und dort in den Bergen haben sie auch neulich die großen Diamanten
+gefunden, und ein Deutscher soll beim Graben einen Goldklumpen von zwei
+Pfund Gewicht herausgeschaufelt haben.«
+
+»Hm,« sagte Andres, der dem Allen aufmerksam zugehört hatte, »das ist
+aber merkwürdig; und da zahlen Sie Einem noch Geld, wenn man nur
+hingeht?«
+
+»Jawohl,« nickte Herr Meier, »weil es dort an ordentlichen deutschen
+Bauern fehlt, die was von der Landwirthschaft verstehen. Die Kerle sind
+da so dumm, und wissen gar nicht, was sie mit ihren Feldern anfangen
+sollen.«
+
+Behrens hörte das Alles wie in einem halben Traum; es war ihm, als ob er
+von einem Zauberland sprechen, ein Märchen erzählen höre, und er konnte
+es sich kaum denken, daß er selber im Begriff stehe dort hinüber zu
+gehen und das Alles mit eigenen Augen zu sehen und zu erleben, -- aber
+der Contract, --
+
+»Ja,« sagte er verwirrt, »das ist Alles gewiß ganz wunderschön und
+herrlich, aber ich -- ich muß doch vorher noch einmal mit dem Herr
+Kollboeker sprechen, denn --«
+
+»Ach, da kommt er selber,« rief Herr Meier, der dabei zugleich hinter
+das Schreibpult an seinen Platz glitt und die Feder eintunkte; auch der
+Kleine war blitzschnell an seinen »Marterpfahl« gefahren, wie er den
+Ort, wo er zu arbeiten hatte, gewöhnlich nannte, wenn der Principal
+nicht zugegen, und beide jungen Leute schienen, als der Agent im
+nächsten Augenblick das Zimmer betrat, so emsig mit dem Copiren einiger
+Briefe beschäftigt, daß sie sein Kommen fast gar nicht bemerkten.
+
+»Herr Kollboeker,« sagte Meier, von seinem Brief aufsehend, »da ist
+Behrens aus Groß-Emmen, der schon eine Weile auf Sie wartet, und Sie zu
+sprechen wünscht.«
+
+Herr Kollboeker, der, ohne seinen Hut abzunehmen in das Zimmer getreten
+war und sehr eilig zu sein schien, sah über die Achsel nach den beiden
+Leuten hinüber und nickte, während er ein Packet Schriften auf den Tisch
+legte: »Oh, Behrens, das ist gut daß Ihr heute herein gekommen seid; es
+wird die höchste Zeit, und ich glaubte schon, Ihr wolltet Euch die
+Gelegenheit entschlüpfen lassen, ein brasilianischer Pflanzer zu
+werden.«
+
+»Ja, Herr Kollboeker, -- ich möchte Sie nur noch um Eins fragen,« sagte
+der durch das geschäftsmäßige Benehmen eingeschüchterte Mann. Herr
+Kollboeker hörte aber vor der Hand nicht auf ihn.
+
+»Sind Briefe angekommen während ich fort war?«
+
+»Ja, Herr Kollboeker,« sagte Meier, mit der Feder nach den auf dem Pult
+liegenden deutend.
+
+Der Agent nahm sie in die Hand, es waren drei, -- einen davon warf er
+wieder zurück. »Wie oft habe ich Ihnen schon gesagt, daß unfrankirte
+Briefe refüsirt werden.«
+
+»Ich habe das Porto noch nicht dafür gezahlt.«
+
+»Gut, er geht zurück, -- das fehlte auch noch: man hat mit den
+Geschäften anderer Leute schon Auslagen genug an Geld. Nun, Behrens, was
+wolltet Ihr mir sagen?« frug er den Mann, ohne ihn aber anzusehen, denn
+er hatte den einen Brief erbrochen und fing an, darin zu lesen.
+
+»Ja, Herr Kollboeker, -- wegen des Contracts wollte ich Ihnen gern noch
+etwas sagen, -- denn eigentlich ist es doch gar kein Contract, sondern
+nur eine Verpflichtung --«
+
+»Nun, steht das nicht auch darüber?« frug der Agent, ohne von seinem
+Brief aufzusehen.
+
+»Ja, allerdings, -- aber -- ich habe da mit einem Herrn Doctor
+gesprochen, und der meinte --«
+
+»So? mit einem Herrn Doctor?« frug Kollboeker, den Mann ansehend, »und
+war der Herr schon einmal in Brasilien?«
+
+»Nein, in Brasilien war er noch nicht.«
+
+»Aha, und was weiß er denn nachher davon?« rief der Agent, »etwa mehr
+als =wir= hier, die täglich Briefe und Zeitungen von dorther bekommen,
+und das Land so genau kennen, wie unsere eigenen Taschen, heh?«
+
+»Aber der Herr Frommann, unser Rittergutspachter --«
+
+»=Der= hat Euch abgeredet, fortzuziehen, nicht wahr?« rief Herr
+Kollboeker triumphirend aus, »na, das versteht sich doch von selbst,
+denn daß es =den= Herren nicht recht ist, wenn ihre =Knechte= selber
+einmal =Herren= werden, läßt sich denken. Wo sollen sie denn nachher die
+Arbeiter hernehmen, wenn die Leute erst merken, daß sie nur über See zu
+fahren brauchen, um selbständige Guts=besitzer= zu werden, nicht blos
+Pachter. Also der hatte auch etwas dagegen einzuwenden? Es ist doch
+wirklich merkwürdig, was es für gescheidte Leute auf der Welt giebt,«
+und verächtlich mit dem Kopf schüttelnd, fuhr er in der Lectüre seines
+Briefes weiter fort.
+
+»Abgeredet hat er mir eigentlich nicht«, sagte Behrens, »aber der Herr
+Doctor meinte, es wäre eigentlich gar kein Contract, und dann besonders
+die Stelle, wo von der ganzen Zeit und Aufmerksamkeit steht --«
+
+»Kein Contract?« fuhr aber jetzt Herr Kollboeker auf -- »so soll ich mich
+etwa heute auch noch mit Euch herumärgern, heh? -- Was ist denn das,
+wenn Einer das Geld hergiebt und der Andere verspricht nachher dafür zu
+arbeiten, bis es abverdient ist, heh? -- Was sind denn Eure
+Miethcontracte auf dem Lande, wo so ein armer Teufel von Ochsenknecht
+lumpige achtzehn oder zwanzig Thaler für's ganze =Jahr= bekommt und sich
+dafür das ganze geschlagene Jahr von Morgens früh drei oder vier Uhr bis
+Abends Glock sieben schinden und plagen und das Fleisch von den Knochen
+herunterarbeiten muß? Sind die etwa was Anderes und findet Ihr hier nur
+einen einzigen von all den großmäuligen Rittergutsbesitzern und
+Pachtern, die Euch nur so viel hundert =Groschen= vorschössen, um Euch
+zu einem bessern Leben zu verhelfen, als Ihr hier =Thaler= bekommt? Hab'
+ich Recht oder nicht?«
+
+»Ach ja, Herr Kollboeker, wahr ist's schon und läßt sich Nichts dagegen
+einwenden; wenn man nur einmal zehn Groschen Lohn voraus haben will, so
+muß man vor Gott und nach Gott darum bitten, und kriegt's dann gleich in
+der nächsten Woche wieder bei Heller und Pfennig abgezogen.«
+
+»Na also -- und was wollt Ihr sonst noch?«
+
+»Ja«, sagte Behrens verlegen -- »eins liegt mir doch noch auf dem Herzen,
+und ich wollte Sie dringend darum gebeten haben.«
+
+»Und das ist?« frug Herr Kollboeker, indem er den zweiten Brief hernahm
+und aufbrach.
+
+»Ich wollte doch gern,« fuhr Behrens der sich ein Herz faßte, fort, »so
+nah wie möglich dorthin nach Brasilien kommen, wo mein Bruder drüben
+ist.«
+
+»So? Ihr habt schon einen Bruder drüben? und wo steckt denn der?«
+
+»In der Colonie Blumenau.«
+
+»Na da geht doch hinüber,« meinte Herr Kollboeker kurz -- »es hindert
+Euch Niemand daran. Dorthin gehn immer Schiffe.«
+
+»Wo man seine Passage auch abarbeiten kann?« frug Behrens rasch.
+
+»Ne,« lachte Herr Kollboeker, daß das kleine Comptoir dröhnte -- »wenn
+Ihr direkt dahin wollt, müßt Ihr Eure Passage selber bezahlen. Aber seid
+Ihr unbehülfliches Volk,« rief er, indem er seinen Brief auf das Pult
+warf und sich gegen die an der Wand hängende kleine Weltkarte wandte.
+»Seht einmal hier,« fuhr er fort, und zeigte mit seinem Finger auf einen
+Platz auf dem Behrens gar Nichts erkennen konnte, als buntgemalte aber
+ihm vollkommen unverständliche Linien »hier ist Blumenau wohin =Ihr=
+gern wollt, und wo Euer Bruder sein soll, und hier gleich darüber, kaum
+mehr wie ein =Zoll= davon entfernt, fängt die Provinz Minas Geraes an,
+wohin Euer Contract lautet, nachdem Ihr unentgeldlich hinübergeschafft
+werdet.[3] Verlangt Ihr =noch= mehr? und wenn Ihr dort Eueren Contract
+abgearbeitet und Geld in der Tasche habt, hindert Euch denn etwa wer,
+die kurze Strecke da hinunter zu gehen und Euch anzusiedeln wo Ihr Lust
+habt? -- Es ist rein zum Verzweifeln wenn Menschen etwas nicht einsehen
+wollen, was =so= sonnenklar auf der offenen Hand liegt.«
+
+»Aber der Herr Doctor,« sagte Behrens schüchtern, »meinte, die Provinz
+wäre so sehr groß.«
+
+»Na, wenn Euch das genirt, ob die Provinz groß oder klein ist,« rief
+Herr Kollboeker, indem er wieder zu seinem Pult ging, »dann bleibt doch
+meinetwegen in Deutschland -- was liegt =mir= dran. Der Herr Doctor wird
+dann wahrscheinlich für Euch sorgen, damit es Euch hier an Nichts fehlt
+und Ihr leben könnt, wie der liebe Gott in Frankreich.«
+
+»Ja du lieber Gott,« seufzte der Mann, der damit an sein Elend zu Haus
+erinnert wurde -- »für Unsereinen sorgt auch Jemand, wenn wir es nicht
+selber thun können. Also Sie meinen wirklich, daß es nicht so weit von
+da wäre, wo mein Bruder ist?«
+
+»Na, =ich= habe die Karte doch nicht gemacht,« sagte Herr Kollboeker,
+»die lassen die Regierungen selber ausarbeiten und was da drauf steht,
+=ist= richtig und muß richtig sein -- Und ist sonst noch etwas, das Ihr
+auf dem Herzen habt?«
+
+»Ja sehen Sie, Herr Kollboeker,« sagte Behrens, da der Agent das Erstere
+als beseitigt zu betrachten schien, »wenn Sie nur einmal so gut sein
+wollten, den letzten Satz durchzulesen, der da im Contract steht. --
+Bitte schön.«
+
+»Nun was ist mit dem?«
+
+»Ja, da steht, so lange der Contract dauerte, sollten wir Alle mit
+einander für unsern Brodherrn in einem fort arbeiten?«
+
+»Nun? -- versteht sich denn das nicht von selbst?«
+
+»Ja, in der Woche gewiß -- aber doch Sonntags« --
+
+»Dummes Zeug -- glaubt Ihr denn, daß in Brasilien Sonntags gearbeitet
+wird?« rief Herr Kollboeker -- »das ist ja ein streng katholisches Land
+und hat noch außerdem eine Masse Fest- und Feiertage, die Euch ebenfalls
+zu Gute kommen --«
+
+»Danke Ihnen,« sagte der Mann -- »aber von einem Gärtchen steht kein
+Wort drin, -- ein klein Stückchen Land müßte unser Einer doch haben,
+damit er sich selber ein wenig Gemüse bauen und ein paar Hühner und
+Schweine halten könnte. Das haben wir ja sogar hier in Deutschland
+gehabt, wo das Land so theuer ist.«
+
+»Du lieber Gott,« lachte Herr Kollboeker gerade heraus -- »das macht
+Euch doch etwa keine Sorge -- ein Stück Land, wo der ganze Acker ein
+paar Thaler kostet? Lieber Freund, das sollt Ihr haben, und das will ich
+Euch, auf eigene Verantwortung auch noch in den Contract setzen, in
+sofern Euch das beruhigen sollte. Gebt einmal her -- da ist ja gleich
+noch Platz. »Der besagte Carl Gottlieb Behrens erhält von seinem neuen
+Brodherrn auch noch ein Stück Land zur eigenen Bebauung angewiesen, um
+sich darauf einen Garten anlegen zu können.« So, seid Ihr jetzt damit
+zufrieden?«
+
+»Ich danke Ihnen recht vielmals, Herr Kollboeker, damit ist mir ein
+großer Stein vom Herzen. Wissen Sie, unser Einer ist an sein kleines
+Gärtchen gewöhnt, und es würde uns hart anthun, wenn wir es in dem
+fremden Land missen sollten.«
+
+»Ei versteht sich von selbst, Behrens, versteht sich von selbst; aber
+Ihr müßt mich entschuldigen -- ich habe noch sehr viel zu thun. Wenn Ihr
+also weiter nichts zu bemerken habt, so könnt Ihr ja den Contract
+unterschreiben und da lassen -- da ich doch morgen Briefe nach Antwerpen
+schicke.«
+
+»Ja, Herr Kollboeker,« sagte Behrens etwas bestürzt, denn das kam ihm zu
+rasch, und so weit war er noch nicht einmal mit sich im Reinen, ob er
+überhaupt gehen wollte oder nicht, »so geschwind geht's doch freilich
+nicht. Es ist gar so ein wichtiger Schritt, den ich vorher noch reiflich
+mit meiner Alten überlegen möchte.«
+
+»Na ich dächte, Ihr hättet Zeit genug zum Überlegen gehabt, aber wie Ihr
+denkt; =ich= wäre der Letzte der Euch dazu drängte, denn was hab =ich=
+dabei, ob Ihr geht oder da bleibt; mir kann's einerlei sein. So überlegt
+Euch denn meinetwegen die Sache noch eine ganze Woche lang, bis Ihr
+selber abreist, und wenn Ihr wollt, könnt Ihr den Contract auch erst in
+Antwerpen selber unterschreiben, wenn Ihr einmal das Schiff gesehen
+habt. Das bleibt sich gleich, und bei uns geht Alles offen und ehrlich
+zu, aber in =einer= Sache kann ich Euch nicht helfen, wenn Ihr überhaupt
+mitwollt, -- heute ist Mittwoch, bis morgen Abend spätestens muß Euer
+Gepäck, was Ihr unterwegs mitnehmen wollt, d. h. die großen Kisten, hier
+sein. Kleinigkeiten könnt Ihr bei Euch behalten, denn übermorgen früh
+mit dem Packzug um acht Uhr, geht Alles, was =ich= zu befördern habe,
+nach Antwerpen ab, um gleich verladen zu werden.«
+
+»Morgen Abend schon?«
+
+»Ja, =spätestens=,« sagte Herr Kollboeker, »denn wegen Euch allein und
+extra kann ich doch keine Fracht abschicken; das sieht ein Kind ein.
+Alles was später kommt, müssen die verschiedenen Eigenthümer auf ihre
+eigenen Kosten transportiren lassen, und =viel= später hilft's ihnen
+nicht einmal mehr was, denn wenn das Schiff erst einmal geladen ist,
+dann werden die Luken zugemacht und versiegelt, damit unterwegs nichts
+wegkommen kann, und dann wird keine Fracht mehr angenommen. -- Sind Sie
+denn noch nicht mit den paar Briefen fertig, Meier, das dauert ja eine
+wahre Ewigkeit.«
+
+»Wir hatten so viel Abhaltung, Herr Kollboeker.«
+
+»Ja, ich kenne Eure Abhaltung schon, -- Maulaffen feil halten, wenn ich
+den Rücken drehe. Eilen Sie sich ein bischen; in einer Viertelstunde bin
+ich wieder zurück, damit ich sie dann unterschreiben kann. -- Also bis
+morgen Abend vor sieben Uhr, Behrens, denn pünktlich um sieben Uhr wird
+zugemacht. Bei mir geht Alles auf die Minute, und muß auch bei einem
+solchen Geschäft so gehen. Also auf Wiedersehen, Behrens. -- Apropos,
+will der junge Mensch, den Ihr da bei Euch habt, auch mit?«
+
+»Nein, Herr Kollboeker, das ist nur ein --«
+
+»Na, gute Nacht Behrens, gehabt Euch wohl,« und ohne sich weiter um die
+Beiden zu bekümmern, verließ der Agent das Haus, es Behrens anheimgebend
+seine weiteren Maßregeln zu treffen, wie es ihm beliebe, -- er wußte,
+daß das Gift jetzt wirkte.
+
+Behrens war das gar nicht recht, denn er hätte am liebsten noch eine
+längere Zeit zum Überlegen frei behalten, auch wohl gern noch einmal mit
+dem Doctor gesprochen, und Andres, der bei der ganzen Unterredung auch
+nicht eine Sterbenssylbe gesagt oder gar einen Rath gewagt hatte, ging
+auch mit zurück. Der Doctor war aber noch nicht nach Hause gekommen, und
+Niemand wußte wann er wieder kam, da er, sehr ungleich dem Agenten
+Kollboeker, nichts auf die bestimmte Minute that, und in seinem Beruf
+auch nicht thun konnte.
+
+Es war dabei schon spät geworden und Behrens mußte an den Heimweg
+denken, wenn er nicht in stockfinsterer Nacht nach Hause kommen wollte.
+Er nahm sich deshalb auch kaum Zeit, ein paar Bissen Brod und Käse mit
+Andres, der hier in gutem Verdienst stand, in der nächsten Restauration
+zu essen und ein Glas Bier dazu zu trinken, was ihm sein Vetter
+aufnöthigte, -- dann wanderte er mit schwerem Herzen und von Zweifeln
+gequält den langen Weg nach Groß-Emmen zurück, um mit seiner braven Frau
+zu berathen, was sie nun thun, -- ob sie bleiben und das bisherige karge
+Leben, das ihnen nur Noth und Mangel gebracht, fortführen oder
+auswandern sollten in ein fremdes, weit gelegenes Land, um die Heimath
+nie -- nie wiederzusehen.
+
+Und was hatte ihnen das Vaterland eigentlich bis jetzt geboten? Lieber
+Gott, sie verlangten ja wahrlich nicht viel, -- nur =leben= wollten sie,
+-- nur nothdürftig leben und sich satt essen und nicht ewig in Sorge und
+Angst sein, um das Nothdürftigste für sich und die Kinder
+herbeizuschaffen. Aber selbst das war der Mann in der letzten Zeit --
+und da noch ein Kind dazu gekommen -- nicht mehr im Stand gewesen, zu
+erschwingen. Kinder sollten ein Segen sein, und sie wurden ihnen hier
+zur drückendsten Last, während noch außerdem die Frau an zu kränkeln
+fing, da sie in ihrem schwächlichen Zustand jeder stärkenden Nahrung und
+kräftigen Kost entsagen mußte.
+
+»=Schlimmer= kann es dort auch nicht sein,« lautete auch zuletzt das
+Resultat der langen Verhandlung zwischen den beiden Gatten; schlimmer
+=kann= es nicht kommen, denn zu essen und zu trinken werden wir doch in
+dem fremden Lande haben und -- wir brauchen nicht zu fürchten, daß
+unsere Kinder =betteln= gehen müssen, wenn ihnen der Vater einmal
+plötzlich wegsterben sollte.
+
+Es ist das jene furchtbare Aussicht, die Tausende von braven, wackeren
+Menschen hinaus aus Deutschland in ein fernes Land treibt, und mit wie
+schwerem Herzen gehen sie fort! -- O, wie gern, -- wie gern wären sie
+daheim geblieben.
+
+
+
+
+Viertes Capitel.
+
+Die Abreise.
+
+
+Am nächsten Tag hatte Behrens und seine Familie alle Hände voll zu thun,
+um ihr weniges Eigenthum in Kisten zu packen. Behrens war an dem Morgen
+wieder zweifelhaft geworden was er thun sollte, denn die Warnungen des
+Doctors und selbst Herrn Frommann's Einwürfe fielen ihm wieder ein und
+ließen ihn fast die ganze Nacht nicht schlafen -- aber das Gepäck
+=mußte= fort, der Agent hatte es ihm ja gesagt, wenn er nicht die ganze
+Fracht dafür bezahlen wollte, und wie wäre er das im Stande gewesen?
+Mußte er nicht sogar das mühsam aufgefütterte Schwein, seine paar Hühner
+und manches Andere verkaufen, um nur ein paar Thaler in die Hände zu
+bekommen und die nöthigsten Ausgaben damit zu decken?
+
+Herr Frommann vom Gut ließ ihm die Sachen in die Stadt fahren, oder gab
+ihm vielmehr einen Rüstwagen und ein paar Pferde dazu, daß er es selber
+besorgen konnte, und Herr Kollboeker stand schon in der Thür und wartete
+darauf, besorgte auch sogleich, daß sie mit anderen, schon dort
+stehenden Kisten an den Bahnhof gefahren wurden. Er hatte einen
+besonderen Waggon für seine Güter genommen, die augenblicklich
+eingeladen und noch mit dem nächsten Zug befördert wurden.
+
+Nach dem Contract frug ihn der Agent aber gar nicht wieder, das hatte
+Zeit und drängte nicht, denn =jetzt= waren ihm die Leute sicher genug.
+Ihr ganzes Gepäck hätten sie doch nie im Stich gelassen.
+
+Behrens fuhr still und schweigend, ohne nur ein einziges Mal in der
+Stadt einzukehren, nach Groß-Emmen zurück, und scheute sich fast seine
+eigene Wohnung zu betreten, so wüst und leer sah es an dem Abend darin
+aus.
+
+Nur die nothwendigsten Betten für das Kind hatten sie zurückbehalten;
+für die andere Familie war Stroh im Schlafzimmer aufgeschüttet worden,
+das ihm der Pachter ebenfalls geborgt. Es that ihm leid einen braven
+Arbeiter zu verlieren, denn er hatte Behrens immer gern gehabt, hütete
+sich aber auch wohl, ihm von dem, wie es schien fest gefaßten Plan
+abzureden, denn wäre es ihm später einmal schlecht gegangen, so hätte er
+sich am Ende gar, wenn auch noch so ungerechten Vorwürfen ausgesetzt,
+der Familie in ihrem »Glück« hinderlich gewesen zu sein. Es war das eine
+Sache, die Jeder mit sich selber ausmachen, aber dann auch selber
+vertreten mußte.
+
+Den Freitag und Sonnabend hätte Behrens gern noch mit auf dem Gut
+gearbeitet, um wenigstens die paar Tage Lohn zu verdienen -- aber es
+ließ ihm keine Ruh. War es, daß er jetzt ein paar Thaler in der Tasche
+hatte -- war es das Gefühl, nun bald für immer von so vielen lieb
+gewonnenen Plätzen Abschied nehmen zu müssen, aber rastlos wanderte er
+am nächsten Tag von Fleck zu Fleck, bald hinaus auf das Feld, bald zum
+Schulmeister, bald zum Kirchhof, wo seine Eltern und ein vor drei Jahren
+gestorbenes Kind ruhten, und wohl eine volle Stunde lang saß er auf dem
+nächsten Hügel der das kleine Dorf überschaute, und blickte hinab auf
+die Häusergruppe mit ihren rothen Ziegeldächern, auf den alten
+Kirchthurm, die Pfarrwohnung und seine eigene kleine Hütte, in welcher
+er so viele, viele traurige Stunden, aber doch auch wieder manche
+glückliche verlebt, und gerade diese gingen jetzt an seinem inneren
+Geiste vorüber.
+
+Am Feierabend kamen nachher viele der frühern Kameraden zu ihm, um mit
+ihm über Brasilien zu sprechen -- =er= mußte es ja doch jetzt wissen,
+denn er ging hin in das weite, fremde Land; aber ihm selber war viel zu
+weh ums Herz, als daß er einem Andern hätte zureden mögen, einen
+gleichen Entschluß zu fassen; er blieb einsilbig und niedergeschlagen,
+und der Besuch ging unbefriedigt fort.
+
+Es ist eigenthümlich, mit welcher fabelhaften Zähigkeit die menschliche
+Seele an alt Gewohntem hängt, und wir verlassen mit fast eben so
+schwerem Herzen einen Ort, in dem wir uns elend gefühlt, und aus dem wir
+uns tausend und tausend Mal hinausgesehnt, wie eine Stelle, die nur
+glückliche Erinnerungen für uns trägt.
+
+Am nächsten Morgen ging Behrens noch einmal in die Stadt, um mit Herrn
+Kollboeker die genaue Abfahrtszeit zu besprechen und noch Manches über
+das fremde Land, und wie er sich besonders in der Seestadt zu benehmen
+habe, zu erfragen. So redselig Herr Kollboeker aber auch früher über
+Brasilien gewesen war, als es noch galt die Lust zur Auswanderung in dem
+Mann rege zu machen, so wenig Zeit hatte er jetzt sich mit ihm
+einzulassen.
+
+»Mein lieber Freund,« sagte er, in seinem Comptoir zwischen einer Unzahl
+von Papieren herumkramend -- »Sie kommen mir heute =sehr= ungelegen. Die
+Abfahrtszeit wissen Sie jetzt -- Sie müssen Sonntag Morgen Punkt halb
+Zwölf =spätestens= hier am Bahnhof sein, denn um zwölf Uhr zwanzig geht
+der Zug. Auf Weiteres kann ich mich aber für jetzt nicht einlassen, denn
+ich habe bis zur nächsten Post noch einige zwanzig Briefe zu schreiben
+und zu dictiren.«
+
+»Aber meinen Contract --«
+
+»Den nehmen Sie mit nach Antwerpen. Dort am Bahnhof wird Jemand sein der
+Sie empfängt, und dort erfahren Sie auch Alles, was Sie zu wissen
+brauchen. Bitte, Meier, stellen Sie sich einmal dahin und schreiben Sie,
+damit wir das nur endlich fertig kriegen.«
+
+Behrens ging; er sah ein, daß er den so sehr beschäftigten Herrn
+Kollboeker heute nicht stören dürfe. Er schüttelte den Kopf; der Mann
+war früher so herzlich und theilnehmend gegen ihn gewesen, und jetzt auf
+einmal so kalt und vornehm -- aber du lieber Gott, er hatte wohl den
+Kopf voll -- zwanzig Briefe -- das war keine Kleinigkeit und er wußte
+recht gut, welche Mühe und Arbeit es seiner sonst in Allem so flinken
+Frau gemacht, wenn sie nur einmal einen einzigen hatte schreiben müssen.
+
+Wie er die Straße langsam und traurig hinunterschritt, begegnete er dem
+Doctor, der ihn augenblicklich wieder erkannte.
+
+»Heh?« sagte er, indem er stehen blieb, »ist das nicht unser
+Brasilianer? -- Nun, wie ist's? Den Contract habt Ihr doch nicht
+unterschrieben?«
+
+»Nein, Herr Doctor,« sagte der Mann, und wurde bis hinter die Ohren
+roth, -- »ich kann's mir noch eine Weile überlegen.«
+
+»Das ist gescheut,« nickte der alte Herr, »und noch gescheuter wär's,
+Ihr bliebet ganz hier, denn wenn sie Euch auch einen bessern Contract
+aufsetzen, so ist =hier= doch Deutschland und drüben Amerika, und was
+=hier= gilt, kann möglicher Weise dort drüben auch nicht einen
+Stecknadelknopf werth sein.«
+
+»Ja« sagte Behrens mit einem Seufzer, »das ist wohl wahr. Nun ich soll
+ja aber in Antwerpen ganz genau erfahren, wie es damit wird.«
+
+»In Antwerpen? -- was wollt Ihr denn =dort=?«
+
+»Ja da liegt ja das Schiff, und unsere Sachen sind schon voraus
+gegangen.«
+
+»Eure Sachen habt Ihr schon fortgeschickt?« rief der Doctor in blankem
+Erstaunen aus, »und noch keinen ordentlichen und anständigen Contract in
+den Händen?«
+
+»Der Herr Kollboeker meinte das hätte bis dort Zeit.«
+
+»Natürlich,« nickte der Arzt, »weil sie Euch jetzt sicher genug in der
+Tasche haben, denn =Ihr= lauft ihnen nun nicht mehr fort. Na, dann
+glückliche Reise, Freund. Wer nicht hören will muß fühlen« und ihm
+zunickend ging er ärgerlich die Straße hinab.
+
+Behrens schaute ihm verdutzt nach. »Wer nicht hören will muß fühlen,«
+hatte der alte Herr gesagt, -- sollte er denn wirklich einen dummen
+Streich gemacht haben? -- Und jetzt waren die Sachen fort. Er hatte
+allerdings keinen freien Willen mehr und mußte nach, und daß er von dort
+nicht wieder zurück konnte, war ebenso gewiß. Ein Gutes hatte aber
+dieser Zwang trotzdem: er war endlich die Zweifel losgeworden die ihn
+bis dahin immer noch gequält. Jetzt, nachdem die Würfel gefallen, half
+auch kein Überlegen und kein Grübeln mehr, und zum ersten Mal, als er
+weiter schritt, hob er trotzig und entschlossen den Kopf, denn er fühlte
+die Kraft in sich, seine Familie mit Fleiß und Ausdauer -- wo es auch
+sei und unter welchen Verhältnissen, eben so gut -- und jedenfalls besser
+durchzubringen wie hier im Vaterland. »Es hat einmal so sein sollen,«
+tröstete er sich, »der liebe Gott hat's gewollt, und der wird uns ja
+auch schon weiter helfen.«
+
+Von jetzt an betrieb er das Nöthige vor der Abreise mit Ruhe und
+Besonnenheit, und nur als der Abschied wirklich heranrückte, und seine
+Frau bitterlich weinend auf dem Wagen saß, den ihnen Einer der Bauern
+zur Verfügung gestellt um die zum Gehen noch zu schwache Frau
+fortzubringen, da liefen auch ihm die Thränen an den wetterbraunen
+Wangen nieder.
+
+Ja, wär es ein stürmischer, regnerischer Tag gewesen, ein wildes Wetter,
+wo die Windsbraut über die Felder jagte und düstere Wolken den Horizont
+beengten, Behrens hätte sich vielleicht leichter hineingefunden, -- aber
+der helle, warme Sonnenschein, die Lerchen jubelnd in der Luft,
+Glockengeläute vom alten Kirchthurm nieder, neben dem er die theuren
+Gräber ließ, und freundliche geputzte Menschen um sich her, die ihm Alle
+zunickten und den davon Ziehenden mit den Tüchern nachwinkten. Das faßte
+ihm das Herz wie mit eisernen Zangen, und Wald und Sonnenschein, Heimath
+und Freundesgruß schwammen in seinen Thränen zusammen, während es ihm
+war, als ob bei dem Geläute der alten, lieben Glocken Alles noch einmal
+zu Grabe getragen würde, was er je in der Welt verloren.
+
+Aber auch das wich von ihm, -- weit in der Ferne verhallten die Töne,
+über das rauhe Straßenpflaster der Stadt rasselte der Rüstwagen, und
+fremde, geschäftige Menschen umdrängten ihn, als er den Bahnhof endlich
+erreichte und nun für sich und all die Seinen denken mußte. Da war keine
+Zeit mehr, sich dumpfem Brüten hinzugeben; Herr Meier, aus Kollboeker's
+Geschäft, hatte die Beförderung der Auswanderer überkommen und schleppte
+ihn bald da, bald dort mit hin, um zunächst das mitgeführte Reisegepäck,
+dann ihn selbst und die Seinen unterzubringen. Und nicht lange, so
+läutete die Glocke das Zeichen zur Abfahrt, -- die Maschine pfiff, und
+fort wurden sie gerissen durch das weite Land, der unbekannten Ferne
+entgegen.
+
+Aber wie fremd kamen sich die Armen schon hier im eigenen Vaterland vor,
+wie sie nur erst die Marken ihres heimischen Dorfes hinter sich hatten.
+Da war kein bekanntes Gesicht mehr, auf das ihr Auge fiel, kein
+menschliches Wesen, das sich um sie bekümmert hätte oder nach ihnen
+gefragt. Nur die Bahnbeamten schoben sie manchmal, wenn der Zug
+gewechselt wurde, da und dort hinüber, und wollten wissen, ob sie auch
+ihre Fahrbillette hätten; dann ging's weiter, immer weiter, in eine
+endlose Ebene hinaus, mit Dörfern und Wiesen und blauem Himmel wie
+daheim, aber doch so fremd Alles, so entsetzlich fremd.
+
+Tag und Nacht fuhren sie so durch; die Kinder, die sich Anfangs über die
+Reise gefreut, wurden ungeduldig und fingen an zu weinen, das Kleinste
+schrie viel, und die Mitpassagiere ärgerten sich darüber und sprachen
+oder lachten auch wohl untereinander. Endlich stiegen Leute ein die eine
+ganz fremde Sprache redeten, und Canäle durchzogen das Land, das fast
+nur aus grünen Wiesen bestand, auf denen zahllose Heerden weideten, --
+und zuletzt erreichten sie eine große mächtige Stadt an einem Strom, so
+breit, wie die Deutschen noch gar keinen in ihrer Heimath gesehen, und
+von hieraus mußten sie nun auf dem großen Wasser fahren, vor dem sich
+die Frau im Stillen immer gefürchtet hatte.
+
+Wie ihnen Herr Kollboeker daheim gesagt, sollten sie auch hier einen
+Mann treffen, der sich ihrer weiter annehmen und ihre Beförderung auf
+das Schiff besorgen würde; wie der sie aber aus der ungeheuren
+Menschenmenge, die da auf und ab wogte, herausfinden konnte, begriff
+Behrens nicht, und noch stand er, das jüngste Kind auf dem Arm, während
+sich die anderen um ihn und die Mutter drängten, auf dem Perron, und sah
+rathlos und scheu in das ihn umtobende Gewühl hinein, als ein junger,
+sehr elegant gekleideter Herr auf ihn zukam und freundlich sagte:
+»Familie Behrens aus Groß-Emmen?«
+
+»Ja, du lieber Gott,« rief die Frau, ordentlich erschreckt, »woher
+wissen =Sie= denn das schon?«
+
+Der junge Mann lächelte und während er -- aber in einer Sprache, welche
+die Auswanderer nicht verstanden -- einen der Packträger, der eine Nummer
+an der Mütze trug, herbeiwinkte, frug er Behrens nach seinem
+Gepäckschein, der Jenem übergeben wurde, und lud dann die Auswanderer
+ein mit ihm zu kommen, daß er sie in ein Wirthshaus führe, wo sie
+übernachten könnten, denn sie sollten erst morgen früh an Bord des
+Schiffes gebracht werden.
+
+Die Frau wollte allerdings den Bahnhof nicht verlassen, ohne ihre Sachen
+mitzunehmen; der junge Fremde beruhigte sie aber darüber, und brachte
+sie auch endlich so weit, daß sie ihm folgten.
+
+Von jetzt ab gingen die Deutschen wie in einem Traum herum, denn wenn
+auch noch in Europa, fanden sie sich doch in einer vollkommen fremden
+Welt, in der sie sich nicht zu rathen und zu helfen wußten. Da sahen sie
+rings um sich Menschen in einer anderen Tracht, die eine andere Sprache
+redeten, -- selbst an den Häusern die Schilder konnten sie nicht lesen,
+und ordentlich erstaunt blieben sie stehen, als oben von dem einen Thurm
+ein Glockenspiel die Stunde anzeigte.
+
+Glücklicher Weise brachte sie ihr Führer zu Deutschen, und forderte dann
+Behrens auf, mit ihm auf das Comptoir zu gehen, um dort ihre
+Angelegenheit zum Schluß zu bringen.
+
+Behrens folgte ihm willenlos, und wenn er auch manchmal gern stehen
+geblieben wäre, um sich in den Straßen umzusehen, wo wunderliche
+Frauengestalten mit langen Strickstrümpfen und hohen Mützen in
+Holzpantoffeln vor den Thüren saßen, und mit einander erzählten und
+plauderten, ließ ihm sein Führer doch keine Zeit dazu.
+
+Er hielt auch nicht eher, als bis sie wieder ein schmales, in der
+unmittelbaren Nähe des Strandes gelegenes Haus erreichten, an dessen
+Thür sich ebenfalls viele Schilder befanden, die Behrens aber auch nicht
+lesen konnte. Dort traten sie ein, und der arme Tagelöhner fand sich
+plötzlich in einem langen, wenn auch ziemlich schmalen Saal, in welchem
+wohl zwölf oder vierzehn Herren emsig schrieben und keine Seele sich um
+ihn bekümmerte. Dort wurde er hindurch geführt, ohne daß ihn auch nur
+Einer angesehen hätte, in ein anderes, kleines Gemach, in welchem
+kostbare Möbel standen und zwei ältliche Herren an ihren Pulten saßen.
+
+Dem Einen von diesen meldete Behrens' Führer seine Ankunft, ohne daß der
+Herr aber nur den Kopf gehoben hätte, so war er in ein Papier vertieft,
+in dem er gerade las. Endlich sah er Behrens über seine Brille an, und
+ohne ein Wort zu sprechen, betrachtete er ihn wohl über eine halbe
+Minute, so daß der arme Teufel ganz verlegen wurde. Endlich sagte er auf
+deutsch, aber mit einem etwas fremdartigen Ausdruck: »Wo ist Euer
+Contract?«
+
+»Hier, Herr,« erwiderte Behrens, und überreichte ihm das Papier, in das
+jener einen flüchtigen Blick warf.
+
+»Ihr habt ja noch nicht unterschrieben.«
+
+»Ja, sehen Sie --« sagte Behrens, und hätte jetzt gern noch einige
+Bedenklichkeit, über die er unterwegs gegrübelt, vorgebracht, aber es
+ging nicht. Erstlich fiel ihm nicht einmal gleich ein, was er eigentlich
+sagen wollte, und dann hatte der Herr vor ihm mit der grünen Brille, dem
+er nicht einmal in die Augen sehen konnte, so entsetzlich viel zu thun,
+daß er sich kaum mit ihm abgeben mochte. Der alte Herr ließ ihn aber
+auch gar nicht ausreden.
+
+»Leben die Personen noch alle, die hier auf dem Papier stehen?«
+
+»Wer?« frug Behrens erschreckt.
+
+»Nun, all diese Familienglieder.«
+
+»Gott wolle verhüten, daß Eines davon gestorben wäre,« rief der arme
+Mann, bestürzt die Hände über den Hut faltend.
+
+»Und sind sie Alle mit Euch hierher gekommen?«
+
+»Jawohl, -- gewiß --«
+
+»Gut -- dann unterschreibt einmal den Contract. Ihr könnt doch
+schreiben?«
+
+»Meinen Namen, ja.«
+
+Der alte Herr erwiderte nichts weiter, -- er trat einen Schritt zur
+Seite und reichte Behrens eine von den auf dem Pult liegenden Federn,
+die er vorher für ihn eintauchte, und Behrens setzte mit zitternder Hand
+und gar keine Widerrede mehr wagend, seinen Namen an die bezeichnete
+Stelle auf das Papier.
+
+Der alte Herr sah ihm zu, nahm dann, als Behrens fertig war, das
+Document und streute blauen Sand über den frisch und etwas dick
+geschriebenen Namen, faltete es nachher zusammen und legte es auf sein
+Pult.
+
+»Ja aber,« sagte Behrens etwas verwundert, »bekomme ich denn das Papier
+nicht wieder?«
+
+»Das muß der Capitän haben, um zu sehen ob die Anzahl der Personen
+trifft,« sagte der alte Herr, »an Bord wird man es Euch nachher
+wiedergeben,« und als ob Behrens nicht weiter auf der Welt existire,
+drehte er sich von ihm ab, und beschäftigte sich wieder mit seiner
+früheren Arbeit.
+
+Der junge Mann zupfte dabei Behrens am Ärmel, daß er ihm folgen möge,
+und Beide schritten wieder, ohne daß der Alte des Bauern Gruß erwidert
+oder nur bemerkt hätte, durch den langen Saal hinaus ins Freie.
+
+Von jetzt an hatte Behrens aufgehört selbstständig zu handeln, und war
+einzig und allein auf die Hülfe fremder Leute angewiesen. Aber gutes
+kräftiges Essen bekamen sie wenigstens in dem Wirthshaus, wie es die
+Familie seit Jahren, vielleicht in ihrem ganzen Leben noch nicht gehabt.
+Eine gute Suppe, Fleisch im Überfluß, so viel sie davon genießen
+wollten, und was für ein herrliches Fleisch, und Kaffee mit Zucker und
+Weißbrod, ja sogar eine Flasche Wein ließ sich der junge Mann geben, der
+ihn dort hineingebracht und der viel anständiger aussah als Herr Meier,
+bei dem Auswanderungsagenten daheim -- und schenkte Behrens ein großes
+Glas davon ein.
+
+Es war jedenfalls ein neues Leben, das er damit begonnen hatte und wenn
+das so fort ging, konnte er recht wohl zufrieden damit sein. Trotzdem
+kam es ihm unheimlich bei den Fremden vor, denn wenn auch einzelne Leute
+in dem Haus deutsch miteinander sprachen, so unterhielten sie sich doch
+nur über Dinge, von denen er kein Wort verstand: von Schiffen, von
+Fracht und Ladung, von Havarie und anderen ähnlichen Sachen. Aber die
+Ruhe that ihm und den Seinen wohl, und wenn er sich auch nicht aus dem
+Haus hinausgetraute, weil er fürchtete, daß er den Rückweg nicht wieder
+finden würde, erfreute er sich der regelmäßigen Mahlzeiten und war sogar
+nicht böse darüber, als sie am nächsten Tag hörten, sie könnten noch
+nicht an Bord gehen, da das Schiff noch nicht ganz segelfertig sei, was
+ihren Aufenthalt in dem Wirthshaus um einige Tage verlängerte.
+
+Es kam ihm wohl dabei einmal der Gedanke, daß er das, was er hier mit
+den Seinen bei seinem gar nicht selber verschuldeten Aufenthalt verzehrt
+habe, am Ende mit seiner Hände Arbeit würde wieder bezahlen müssen --
+aber er gab sich dem nicht lange hin. Sie waren einmal unterwegs, und
+jetzt mochte der liebe Gott weiter helfen.
+
+
+
+
+Fünftes Capitel.
+
+Auf See und an Land.
+
+
+Am dritten Tag kam endlich ein Wagen vor die Thür, der ihre Sachen
+abholen sollte. Es standen schon eine Anzahl großer unbehülflicher
+Kisten darauf, wie sie die Deutschen gewöhnlich mit in ein fremdes Land
+schleppen, und dann, an Ort und Stelle angekommen, nicht wissen, was sie
+damit anfangen sollen. Dem Wagen folgten sie zu Fuß -- Geld wurde ihnen
+dabei im Wirthshaus gar nicht abverlangt. Der junge Mann aus dem
+Geschäft kam nur wieder, ließ sich die Rechnung geben, dann begleitete
+er sie selber zu einem kleinen Dampfer, der bestimmt war sie an Bord
+ihres Schiffes zu bringen, das schon weiter unten im Strom, in der
+Schelde lag.
+
+Von da an kamen sie eigentlich nicht mehr recht zu sich selbst; denn wie
+sie nur das breitere Wasser erreichten und das Schiff an zu schaukeln
+fing, waren sie kaum im Stande ihr Gepäck zurecht zu rücken und sich
+selber in ihrem Schlafplatz auf die ausgebreiteten Betten zu werfen.
+Dann wurden sie krank und behielten nichts als das Gefühl ihres Elends
+viele Tage lang.
+
+Es war auch in der That eine böse Fahrt, bis sie den Canal hinter sich
+hatten. Mit kleinen Segeln, bei einem ziemlich heftigen Nordostwind,
+fuhr das Schiff aus der Schelde hinaus und draußen wehte schon an dem
+nämlichen Abend ein fliegender Sturm und peitschte die See zu Schaum.
+Die Wellen schlugen über Deck, und das rasche Laufen der Matrosen auf
+den Planken, die laut geschrieenen Befehle ängstigten die unglücklichen
+Passagiere nur noch mehr. Aber der Sturm hatte wenigstens in so fern
+sein Gutes, daß er das Fahrzeug rasch hinaus aus dem gefährlichen Wasser
+des Canals und in die offene See hineinfegte. Dort ging die See
+allerdings noch hoch, aber der Wind ließ doch nach und die Wellen
+beruhigten sich allgemach; ja es trat sogar am sechsten Tage -- wie das
+nach einem sehr heftigen Unwetter häufig der Fall ist, Windstille ein,
+und als sich die See glättete und die halbtodten Passagiere an Deck
+hinaufschwankten, um zum ersten Mal wieder frische Luft zu schöpfen,
+waren sie aus Sicht von jedem Land und schwammen draußen auf dem weiten,
+öden Meer.
+
+In dem ruhigen Wetter erholten sie sich aber rasch; der Körper hatte
+sich auch indessen an das Schaukeln gewöhnt und der so lang vollständig
+vernachlässigte Magen verlangte sein Recht. Auch Bekanntschaft konnten
+die Reisegefährten jetzt unter einander machen, denn bis dahin hatte
+sich Keiner um den Anderen bekümmert.
+
+Es waren noch viele Familien an Bord aus allen Theilen Deutschlands,
+auch eine Menge junges Volk, und Behrens erkannte zu seinem Erstaunen
+gerade einen Theil der Burschen wieder, die er damals hatte, mit buntem
+Schmuck an den Hüten, durch die Stadt ziehen sehen, und die so
+übermüthig und keck gewesen waren. -- Aber lieber Gott, wie traurig und
+niedergeschlagen sahen sie jetzt, nach der überstandenen Seekrankheit,
+aus, wie bleich und hohläugig, und nie im Leben würde er aus diesen
+Jammergestalten die rothbackigen munteren Gesellen von damals
+wiedererkannt haben, wäre es nicht eben an dem bunten Flitterputz
+gewesen, den sie noch an den freilich zerknitterten und arg
+mitgenommenen Hüten trugen. Sie sangen und jubelten auch nicht mehr;
+ineinander gebrochen saßen sie an Deck umher, und es brauchte Tage lang,
+bis sie sich nur in etwas wieder erholen konnten.
+
+Besonders viel Familien waren an Bord und eine wahre Unzahl von kleinen
+Kindern -- und alle wollten nach Brasilien, alle hatten ähnliche
+Contracte unterzeichnet wie Behrens und trugen die Herzen voller
+Hoffnung dem fremden Land entgegen. Hier war auch Niemand, der sie mit
+Sorge oder Verdacht erfüllt hätte; kein Mensch, der von unvollständigen
+oder zweideutigen Contracten oder von schlechten Bedingungen sprach. Die
+alte Welt lag hinter ihnen, mit ihren pedantischen Ansichten und
+kleinherzigen Rücksichten, und was sich vor ihnen ausbreitete, war ein
+neues frisches Leben voller Glanz und Sonnenschein.
+
+Sonderbar nur, daß Keiner der Passagiere angeben konnte =wohin= er ging.
+Es fiel ihnen jetzt allerdings auf, wo sie sich darüber untereinander
+aussprachen, daß Keiner von Allen noch einen bestimmten Platz wußte, und
+eigentlich nur das Wort »Brasilien« der Sammelpunkt war, den sie sich
+bis dahin gedacht -- aber wo in Brasilien würde ihr künftiger Aufenthalt
+sein?
+
+Einer der Passagiere, ein wunderlicher Kauz mit einem ganz jungen
+frischen Gesicht, aber schneeweißen Haaren und einem eben solchen Barte,
+hatte eine Karte mit und schien auch einen ungefähren Begriff von
+Geographie zu haben. Er zeigte ihnen das brasilianische Kaiserthum und
+berechnete ihnen die ungefähre Größe des gewaltigen Reiches nach den
+angegebenen Graden.
+
+Auch den Hafen fanden sie darauf angegeben, nach welchem sie bestimmt
+waren; aber nicht alle Passagiere gingen dorthin. Einige sollten nach
+Bahia, Andere nach Mucury geschafft werden, und man vermuthete
+natürlich, daß das Schiff an den verschiedenen Punkten anlegen werde,
+wenn diese auch ziemlich weit von einander entfernt lagen.
+
+Und wie es in dem fremden Lande werden würde? -- Keiner der Auswanderer
+hatte auch nur eine Ahnung davon, aber Alle soviel von dem herrlichen
+Klima und den paradiesischen Früchten gehört, daß sie die Zeit kaum
+erwarten konnten, in welcher sie den Platz erreichen, und Alles an Ort
+und Stelle selber sehen würden.
+
+So verträumten sie die Tage, mit Hoffnungen und Plänen, in die ihnen
+Niemand einen Mißton bringen konnte, und da auch von jetzt an warmes und
+freundliches Wetter mit günstigem Winde einsetzte, scheuchte der blaue
+Himmel selbst die letzten Sorgen fort.
+
+Eigenthümlich war, daß sämmtliche Passagiere ihre »Contracte« hatten in
+Antwerpen abliefern müssen, und wenn auch gar nichts in denselben stand,
+was die Arbeit=geber= im Geringsten hätte gegen =sie=, die Arbeiter
+binden können, so hängt doch der Deutsche nun einmal mit merkwürdiger
+Zähigkeit an etwas Schriftlichem, und wiederholt waren die Gesuche an
+den Capitän gewesen, ihnen die Papiere zurückzugeben.
+
+Anfangs hatte dieser nur einfach gesagt, sie müßten erst eingetragen
+werden, und das hätte noch Zeit, denn sie blieben noch eine lange Weile
+zusammen auf der See, dann mischte sich aber auch noch ein anderer Mann
+hinein -- ein langer, magerer Herr, den sie bis dahin nur für einen
+Cajütspassagier gehalten, der ihnen aber erklärte, daß er der Supercargo
+des Schiffes und Bevollmächtigter des Hauses in Antwerpen wäre. Dieser
+erklärte ihnen -- nachdem sie etwa vier Wochen in See waren -- daß die
+Contracte erst Jedem ausgeliefert würden, wenn sie an Land kämen, um
+sich bei ihren neuen »Brodherren« zu legitimiren. Hier auf See brauchten
+sie dieselben doch nicht, und sie könnten nur vielleicht verloren gehn,
+was nachher die größte Verwirrung herbeiführen würde.
+
+Das blieb der einzige Bescheid den sie erhielten, und sie mußten sich,
+wohl oder übel, damit begnügen.
+
+Wieder vergingen vierzehn Tage; der Wind war ihnen günstig, denn sie
+hatten jetzt lange die nordöstlichen Passate erreicht, die sie der neuen
+Heimath entgegenführten, aber diese wehten außerordentlich schwach und
+sie machten wohl steten aber doch ziemlich langsamen Fortgang. Endlich
+-- endlich bekamen sie das erste Zeichen, daß sie sich wirklich dem
+Festland näherten, denn das Loth oder Senkblei wurde geworfen, um zu
+sehen ob sie Grund fänden, da sich an vielen Küsten, besonders an den
+amerikanischen, die Entfernung des Landes ziemlich sicher und genau nach
+der Tiefe des Meerbodens beurtheilen läßt, die man findet.
+
+Zwei Tage später rief der Mann, der Morgens mit Tagesanbruch in den Top
+gesandt wurde: =Land!= Wenn die Passagiere aber auch sämmtlich an Deck
+standen und dort hinüber schauten, konnte doch Keiner von ihnen auch nur
+das Geringste entdecken, was =ihrer= Vorstellung von Land nur
+einigermaßen entsprach. Da waren keine Berge noch bewaldete Höhen zu
+entdecken, keine Städte noch Dörfer, und wo da =Land= sein sollte, wußte
+Keiner von ihnen. Nur am westlichen Horizont bemerkten sie endlich,
+nachdem ihnen der Steuermann drei oder viermal die Stelle gezeigt, einen
+lichtblauen niedrigen Streifen, der aber auch eben so gut eine Wolke
+sein konnte, so dicht lag er auf dem Wasser, und so vollkommen
+verschmolz er mit dem überdies dunklen Rand des Horizonts, der sich
+stets gegen den blauen Himmel abspiegelt. Aber die Brise war ihnen
+günstig. Je weiter sie dabei nach Westen vorrückten, desto mehr hob sich
+der Rand in die Höhe, und gegen Mittag konnten Alle schon die
+Abzeichnung der Bergcontouren erkennen, die immer deutlicher
+hervortraten und höher wurden.
+
+Trotzdem segelten sie den ganzen Tag noch dagegen an, ohne es zu
+erreichen, und erst mit einbrechender Nacht sahen sie ein helles,
+funkelndes Licht von dort herüberglimmen, -- den Leuchtthurm, der ihnen
+die Stelle kündete, wo sie anzufahren hatten.
+
+Und =alle= Passagiere standen in der wunderbar schönen milden Nacht an
+Deck und schauten nach dem Licht hinüber, das ihnen von der
+brasilianischen Küste entgegen funkelte, und welch ein eigenthümlich
+beängstigendes Gefühl war es, das dabei ihre Herzen erfüllte! Dort war
+das Land, dem sie ihre Zukunft anvertraut hatten, von dem
+geheimnißvollen Schleier der Nacht bedeckt, und dort, wo jetzt noch die
+kleinen hellen Punkte am Ufer hervortraten und sich wie ein Streifen an
+der Küste hinzogen, wohnten Menschen, -- wohnten wirkliche Brasilianer,
+zwischen denen sie von nun an leben und wirken sollten. Dahinter aber
+lagen die Berge mit ihren düsteren Waldungen und Schatten, mit wilden
+Thieren, Indianern, bunten Vögeln und großen, giftigen Schlangen, und
+das Alles sollten sie jetzt sehen, -- in dem Allen sollten sie mitleben,
+das so ganz Anders wie die Heimath war.
+
+Und wie würde sich dort nun zwischen den fremden Menschen ihr Schicksal
+gestalten? -- es war eine ernste Frage, die sie sich stellten, und
+selbst die Schaar der jungen Burschen, die den Tag hindurch übermüthig
+und ausgelassen genug gewesen, schien recht still und nachdenkend
+geworden zu sein. Sie alle lehnten schweigend oder leise mit einander
+flüsternd an Bord und schauten nach den Lichtern hinüber, die ihnen von
+dort drüben entgegenwinkten.
+
+Das Schiff selber hielt aber nicht mehr genau auf die Küste zu, sondern
+kreuzte daran auf und ab, da der Capitän den Hafen zu wenig kannte, um
+dort bei Nacht einzufahren. Das Wetter war ja auch so still und
+freundlich, daß er nichts dabei zu wagen hatte. Er konnte recht gut den
+Morgen abwarten, um hinanzulaufen und nachher zu ankern.
+
+Und der Morgen kam. -- Aus der verlassenen Heimath her sandte ihnen die
+Sonne ihr Licht und übergoß die Berge Brasiliens mit ihrem duftigen
+Schimmer -- und dicht vor ihnen lag das Land, auf das der Capitän schon
+von vier Uhr früh an scharf zugesteuert hatte. Deutlich konnten sie die
+einzelnen lichten Wohnungen zwischen dem saftigen Grün der Bäume
+erkennen, und hie und da ragten daraus die hohen, phantastischen Kronen
+der Palmen hervor und schüttelten ihre gefiederten Blätter im Wind.
+
+Jetzt aber, mit dem hellen Tageslicht, war auch der unheimliche Zauber
+gebrochen, der in der Nacht auf den Herzen der Auswanderer gelegen.
+
+ »Was fragen wir nach Gut und Geld!
+ Wir wandern fröhlich in die Welt.
+ Brasi--lien ist unsre Seligkeit.
+ Halli, Hallo! Brasilien ist nicht weit von hier.
+ Halli, Hallo! Brasilien ist nicht weit!«
+
+sangen die jungen Burschen jubelnd dem nahen Land entgegen, und selbst
+von den Alten stimmten jetzt Viele in das Lied mit ein.
+
+Brasilien war jetzt allerdings nicht weit; schon konnte man einzelne,
+sich bewegende Gestalten am Land erkennen, und jetzt -- ein merkwürdiges
+Geräusch dröhnte durch das Schiff, wie das Rasseln einer schweren Kette.
+Es war der auslaufende Anker und gleich darauf schwang das wackere
+Fahrzeug herum, und die Reise war beendet.
+
+Jetzt allerdings entstand eine scheinbare Verwirrung an Bord, denn Alles
+lief durcheinander und die Auswanderer sahen sich schon bestürzt an,
+weil sie glaubten, es könne irgend ein Unglück geschehen sein. Aber
+jeder der Matrosen wußte was er zu thun hatte, und während die Jüngeren
+an den Wanten hinaufliefen, um die Segel fest zu machen, waren Einige
+mit dem Anker beschäftigt, indeß Andere des Capitäns Jölle in See
+herabließen. Aber dieser selber ging noch nicht an Land, denn er mußte
+vorher den Besuch der Hafenpolizei abwarten, die auch nicht lange
+ausblieb.
+
+Das Schiff, das man bald als ein Fahrzeug mit Emigranten erkannte, war
+schon mit Tagesanbruch beobachtet worden, und kaum schoß der Anker in
+die Tiefe, als auch ein Boot vom Lande abstieß, das ihm entgegenruderte.
+
+Über den hintern Theil desselben war ein Sonnenzelt gespannt, daß man
+die darunter Sitzenden nicht erkennen konnte, vorn aber ruderten vier,
+bis zum Gürtel nackte Neger, die schwarzen Wollköpfe mit kleinen
+Strohhüten bedeckt, und zogen natürlich die Aufmerksamkeit der Deutschen
+vor allem Anderen auf sich. Waren es doch die ersten Schwarzen, die sie
+zu sehen bekamen.
+
+Jetzt legten sie an, -- die Fallreepstreppe war schon vorher hinunter
+gelassen, und nach einer vorherigen Anfrage, ob Alles wohl an Bord sei,
+kletterten die Brasilianer daran in die Höhe.
+
+Das waren wirklich ächte, -- wie braun und sonnverbrannt sie aussahen,
+und was für breiträndige Strohhüte und luftige, dünne, seidene, helle
+Röcke und weite Hosen sie trugen -- und der Eine von ihnen -- die Frauen
+kicherten untereinander -- ging sogar in gestickten Pantoffeln und hatte
+doch ein großes Loch hinten im Strumpf.
+
+Der Capitän verstand kein portugiesisch, aber der Herr, den er in seiner
+Cajüte mitführte, -- der sogenannte Cargadeur des Schiffes oder
+Supercargo, wie er auch genannt wird, -- und dieser unterhielt sich eine
+Weile mit den Brasilianern, und jedenfalls sprachen sie hauptsächlich
+über ihre »lebendige Fracht«, die Auswanderer. Die Neger kamen indessen
+nicht mit an Deck herauf, sondern blieben unten im Boot auf ihren
+Plätzen sitzen, und als die Deutschen neugierig nach ihnen über die
+Schanzkleidung hinabsahen, lachten sie ihnen zu und schnitten ihnen so
+furchtbare Gesichter, daß sie die Frauen und Kinder fürchten machten.
+Sie kokettirten ordentlich mit ihrer scheußlichen Häßlichkeit.
+
+Das dauerte aber nicht lange. Der Brasilianer mußte doch wohl die ihm
+vorgelegten Papiere alle in Ordnung befunden haben, denn er trank ein
+Glas Wein mit dem Capitän und Supercargo, da der Cajütendiener rasch
+Flaschen und Gläser herbeigeschafft hatte, und stieg dann wieder in sein
+Boot hinab, wo die Neger jetzt so ernsthaft und ehrerbietig saßen, als
+ob sie nie ein Wasser getrübt, oder ein Gesicht geschnitten hätten, und
+fort schoß das schlanke Fahrzeug gegen die Stadt zu. Aber ehe ihm der
+Capitän in seiner Jölle folgen konnte, wurde es von zwei anderen
+abgelöst, die, ebenfalls von Negern gerudert, herbeiglitten.
+
+Die Passagiere der beiden stiegen fast zu gleicher Zeit an Deck, und
+unter diesen befand sich auch ein Deutscher, -- er redete wenigstens den
+Supercargo deutsch an. Von allen diesen nahm aber Keiner die geringste
+Notiz von den Auswanderern, die doch dicht gedrängt um die
+Fallreepstreppe standen. Sie grüßten nicht einmal etwas, das zum
+»Zwischendeck« gehörte, sondern gingen glatt hindurch zum Quarterdeck,
+wo sie den Leuten auf das Freundschaftlichste die Hand schüttelten. --
+Was gingen sie die deutschen Arbeiter an, die hier herübergekommen waren
+um ihre Felder zu bebauen und ihre Ernten einzubringen, -- und doch that
+es den armen Deutschen weh.
+
+Sie hatten sich so darauf gefreut, hier herüber zu kommen und in gutem
+Einverständniß mit den Brasilianern zu leben; sie waren so fest
+entschlossen, sich gut und ehrlich durch die Welt zu bringen und die
+eingegangenen Verpflichtungen zu erfüllen, und jetzt würdigte sie Keiner
+dieser Leute, -- nicht einmal der Landsmann, der mit an Bord gekommen
+war, nur eines Grußes oder selbst nur eines Blicks. Sie hatten auf einen
+freundlichern Empfang in Brasilien gerechnet, und ein eigenes,
+unbehagliches Gefühl bemächtigte sich ihrer. Es sang auch keiner mehr
+von ihnen, oder lachte und plauderte; Alle schauten still und befangen
+auf die Fremden, und es war, als ob ihnen eine Ahnung sage, daß jetzt da
+oben auf dem Quarterdeck ihr künftiges Schicksal entschieden werden
+solle.
+
+Hören konnten sie freilich nicht was da oben verhandelt wurde, und nur
+einmal verstanden sie die lauter als gewöhnlich gesprochenen Worte des
+Capitäns, daß er »die Passagiere aus dem Wege haben müsse, um zu ihrer
+Fracht zu kommen. Er könne sie nicht länger an Bord behalten, denn sein
+Contract wäre erfüllt, und weiter hätte er nichts mit dem Volk zu thun.«
+
+Dabei blieb es auch, denn wie sie kaum ihr Mittagsessen verzehrt hatten,
+was sie noch an Bord bekamen, wurde ihnen angekündigt, ihre Sachen
+zusammenzupacken und sich fertig zu machen, da sie an Land gefahren
+werden sollten.
+
+Wie hatten sich Alle danach die vielen Wochen gesehnt, daß sie erst das
+enge Schiff einmal verlassen und das weite herrliche Brasilien betreten
+könnten, -- jetzt war ihnen bänglich zu Muthe. Die Entscheidung ihres
+Schicksals rückte an sie heran, und Viele, vielleicht Alle, -- hätten
+noch gern einen Tag zugegeben, um das hinauszuschieben, -- aber es ging
+eben nicht. Man ließ ihnen kaum Zeit, ihre wenigen ausgepackten
+Habseligkeiten wieder in die Kisten zu thun und zu verschließen, und
+indessen arbeiteten die Matrosen schon scharf daran, Alles, was unter
+ihre Hände kam, mit Tauen zu umwerfen und nach oben zu hissen. Auch die
+Betten wurden zusammengeschnürt, und kaum eine Stunde später lag das
+obere Deck so gedrängt voll Gepäck, daß man sich kaum dazwischen
+durchbewegen konnte, und die Matrosen auch, rücksichtslos genug, über
+Alles hinwegkletterten. Was that es auch, wenn sie hier einmal in eine
+Schachtel hineinbrachen oder einen schwachen Kistendeckel sprengten; die
+Deutschen mochten sehen, wie sie das wieder in Stand setzten.
+
+Dann kam eine große Launch vom Ufer abgefahren, die langseit legte und
+in welche die verschiedenen Frachtstücke eben so rücksichtslos
+hineingelassen wurden. Die Matrosen fluchten nur dabei über die großen,
+schweren, unbehülflichen Kisten. Dann kam noch eine, die den Rest nahm
+und Einzelne von den Passagieren, und zuletzt kehrte die erste zurück in
+welcher sämmtliche noch vorhandene Passagiere untergebracht und an Land
+geschafft wurden.
+
+Niemand an Bord nahm auch Abschied von ihnen; hie und da drückte wohl
+ein Matrose Dem oder Jenem der Auswanderer, mit dem er sich unterwegs
+befreundet und dessen Rum er ausgetrunken, die Hand. Capitän wie
+Supercargo kümmerten sich nicht um die Leute, und waren sogar schon
+vorher ans Land gefahren, wobei der Capitän, als er das Schiff verließ,
+seinem Steuermann noch zurief, wenn er zurück käme, müsse das Fahrzeug
+=rein= sein.
+
+Auf der Launch war auch Niemand, mit dem sie ein Wort sprechen konnten;
+die Besatzung bestand aus ein paar halbnackten Negern, die sich in
+einemfort unverständliche Sachen zuschrieen und dabei mit einander
+lachten. So glitten sie dem Ufer zu. Einer der jungen Burschen wollte in
+einer Art von verzweifelter Lustigkeit wieder das Lied anstimmen:
+Brasilien ist nicht weit von hier! -- aber schwieg ordentlich
+erschreckt, als auch kein Einziger der Übrigen mit einstimmte. Es war
+ihnen nicht wie Singen zu Muthe.
+
+Jetzt liefen sie an den Platz an, wo sie ausgeschifft werden konnten.
+Was da für wundervolle Bäume am Ufer standen und wie herrlich das fremde
+Land aussah; aber die vielen fremden Gesichter beängstigten sie,
+schwarze, braune, gelbe, und wie das Volk da umher lachte und plauderte,
+und sich vielleicht über sie lustig machte, -- wer konnte es wissen. Und
+als sie endlich ausgestiegen und am Land standen, war da auch nur Einer
+von Allen, der auf sie zukam und ihnen die Hand geboten oder einen Gruß
+entgegengerufen hätte? Ja, um sie her drängten sie, um sie besser
+betrachten zu können, so dicht, daß sich die Kinder schon fürchteten und
+zu weinen anfingen; aber Niemand kümmerte sich um sie. Sie wußten nicht
+einmal wohin sie sich wenden sollten, wohin man ihr Gepäck gebracht --
+und wie die Sonne dabei auf ihre Köpfe niederbrannte. Wie heiß das hier
+in dem fremden Lande war.
+
+Ein alter Neger rief ihnen allerdings etwas zu und zeigte in die Stadt
+hinein; sie verstanden ja aber nicht was er sagte, was er von ihnen
+wolle, und schüttelten nur die Köpfe.
+
+Eine volle halbe Stunde mochten sie so rathlos und voll in der glühenden
+Sonne dagestanden haben, als ihnen endlich Erlösung wurde.
+
+»Nun, Ihr Leute,« rief der Supercargo ihres Schiffes, der sich durch die
+Neugierigen zu ihnen drängte, »weshalb geht Ihr denn nicht zu Eurer
+Wohnung? Wollt Ihr hier am Strand bleiben?«
+
+»Ja, aber wir wissen ja gar nicht wohin,« sagte Behrens, »es hat uns
+noch kein Mensch ein Wort gesagt.«
+
+»Du lieber Gott, was man nicht selber thut, wird Einem auch nie
+besorgt,« rief der Mann ärgerlich, »und Ihr seid auch so unbeholfen
+dabei, wie nur möglich. Na, kommt, ich will Euch hinbringen, aber macht
+ein wenig rasch, denn ich habe nicht lange Zeit.«
+
+Die Deutschen griffen ihr Gepäck, die Frauen ihre Kinder auf, und manche
+hatten schwer genug daran zu tragen, aber der Supercargo schritt so
+rasch vor ihnen her, daß sie ihm in der heißen Sonne kaum zu folgen
+vermochten. Er war ungeduldig geworden und schien die Zeit kaum erwarten
+zu können, wo er seine ihm lästige Begleitung los wurde.
+
+
+
+
+Sechstes Kapitel.
+
+In Brasilien.
+
+
+Mit dem Supercargo an der Spitze, der außerdem der portugiesischen
+Sprache mächtig war, hatte sich die Menge dem Zug geöffnet, und die
+deutschen Auswanderer passirten zunächst eine Art offenen Marktplatzes,
+unmittelbar am Meeresstrand, auf dem alle Schätze tropischen
+Fruchtreichthums aufgespeichert lagen. Ach, was für verlangende Blicke
+warfen die armen seemüden Wanderer, die sich bis dahin von Salzfleisch
+und trockenen Erbsen genährt, nach den goldglänzenden Orangen und Ananas
+und all den sonstigen fremden Herrlichkeiten hinüber; aber ihr Führer
+ließ ihnen keine Zeit, um auch nur mehr als einen flüchtigen Blick
+darauf zu werfen. Fort ging es -- hindurch, mitten in die Stadt hinein,
+und eine heiße, vollständig schattenlose Straße entlang, die sich wie
+endlos vor ihnen ausdehnte, bis ein paar der Frauen in ihren dicken
+Kleidern ermattet niedersanken.
+
+Jetzt erst wurde der langbeinige hagere Bursche vorn darauf aufmerksam
+gemacht, daß sie ihm in diesem Tempo nicht mehr folgen könnten, und
+mürrisch und verdrießlich fügte er sich endlich der Nothwendigkeit,
+wenigstens langsamer zu gehen, -- von einem Aufenthalt wollte er aber
+nichts wissen.
+
+Doch auch dieser Weg nahm mit der Straße ein Ende. Gleich draußen, wo
+wieder freundliche Gärten lagen, erreichten sie eine Gruppe schattiger
+Fruchtbäume und Palmen, und dort hindurch brachte sie ihr Führer zu zwei
+allein stehenden, halb verfallenen Häusern, vor denen sie schon von
+Weitem ihre Kisten und Koffer bunt und wild aufgeschichtet fanden.
+
+»Und was nun? -- Hier sollten sie die Nacht zubringen,« sagte ihnen ihr
+Führer, »da weiter keine Räumlichkeit für sie hergerichtet sei; morgen
+oder übermorgen würden sie dann spätestens zu dem Ort ihrer Bestimmung
+abgeführt werden.«
+
+»Wo das sei? -- Wo sie bleiben, wohin sie geschafft werden sollten?«
+alle Fragen stürmten auf ihn ein. Der Mann zuckte nur die Achseln.
+»Darüber hätte der hiesige Agent zu bestimmen,« wie er sagte, »und er
+selber weiter nichts zu thun, als sie hierher zu schaffen. Sie müßten
+Geduld haben und kämen noch zeitig genug an ihre Arbeit.«
+
+Damit ging er fort und ließ sie allein, um sich dort einzurichten, so
+gut es eben gehen wollte.
+
+Hatten sie übrigens keine Zeit bekommen, sich am Lande Früchte
+einzukaufen, so folgten ihnen die Verkäufer derselben rasch genug
+hierher, denn die Leute wußten aus Erfahrung, wie sich Reisende nach
+einem solchen Labsal sehnen. Es dauerte nicht lange, so waren sie von
+Negern und Negerfrauen ordentlich umschwärmt, die ihnen die herrlichen
+Früchte des Landes zum Verkauf anboten, und die einzige Schwierigkeit
+blieb nur die, daß sie kein hiesiges Geld besaßen, um dafür zu zahlen.
+
+Die Neger betrachteten kopfschüttelnd die ihnen gebotenen Münzen, und
+nur für Silber ließen sich Einzelne, die wußten, daß sie es an Bord des
+Schiffes wieder einwechseln konnten, herbei, ihnen Apfelsinen und einige
+andere Früchte abzulassen. Und wie gierig fielen die armen Menschen über
+dies einzige Labsal her, das ihnen geboten wurde, während sie das Beste,
+die unreifen Cocosnüsse, mit denen sie ihren Durst hätten löschen
+können, zurückwiesen, weil sie mit den großen, harten, grünen Kugeln
+nichts anzufangen wußten.
+
+Behrens indessen, der auch ein deutsches Zehngroschenstück daran gewandt
+hatte, um seinen Kindern und seiner Frau ein paar von den Apfelsinen zu
+kaufen, und sich dabei wunderte, wie theuer er sie bezahlen mußte, da
+ihm doch die Leute daheim gesagt, daß man sie hier überall im Walde nur
+auflesen könne, ging indessen daran mit seinem Jungen und der ältesten
+Tochter, die Kisten in das Haus zu schaffen und sich einen Schlafplatz
+herzurichten. Er fürchtete allerdings nichts von dem Wetter, aber er
+traute den fremden schwarzen Menschen nicht und wollte die Sachen gern
+noch vor Dunkelwerden in Sicherheit schaffen.
+
+Einige folgten seinem Beispiel, Andere aber, zu lässig, oder auch zu
+erschöpft, ließen ihr Eigenthum draußen stehen, und erklärten, die Nacht
+im Freien schlafen zu wollen, denn in den Häusern sei es doch zu dumpf
+und schwül.
+
+Aber wie rasch das dunkelte; kaum war die Sonne hinter den Palmenwipfeln
+verschwunden, als sich auch schon die Nacht auf die Erde legte, und
+indessen hatte Niemand nach ihnen hier draußen gesehen oder ihnen zu
+essen und zu trinken gebracht.
+
+Allerdings fanden ein paar junge Burschen, die in der Nachbarschaft
+umhergestreift waren, einen Bach und konnten von dorther wenigstens
+Trinkwasser holen, aber weiter bekamen sie nichts. Sie mußten rein
+vergessen sein, und nur der Schiffszwieback, den sich noch einige vom
+Bord mitgenommen, stillte ihnen heute Abend den Hunger.
+
+Eine wahre Unzahl von Mücken gab es ebenfalls, -- sie kannten den
+spanischen Namen »Mosquitos« noch nicht dafür, -- die sie mit der
+Dämmerung umschwärmten und empfindlich stachen. Besonders die Kinder
+hatten darunter zu leiden, schliefen unruhig und manche schrieen die
+halbe Nacht hindurch. Aber es sollte noch besser kommen.
+
+Mitternacht mochte vorüber sein, als sich der Himmel plötzlich umzog,
+und gegen ein Uhr zuckte der erste grelle Blitz nieder, dem ein
+Kanonenschlag ähnlicher Donner folgte. Alle fuhren erschreckt in die
+Höhe, -- da rasselte es auf das nur an wenigen Stellen vollkommen dichte
+Blätterdach nieder; es regnete nicht, es schüttete im wahren Sinn des
+Wortes, und eine entsetzliche Verwirrung entstand jetzt, als die im
+Freien Lagernden nicht allein in das Haus und zwischen die Schläfer
+stürmten, sondern auch noch ihre Kisten und Kasten dort im Trocknen
+unterbringen wollten. Die Frauen jammerten dazu, die Männer fluchten,
+die Kinder schrieen und ein wahrer Heidenlärm entstand.
+
+Auch die in den Häusern Befindlichen waren nicht immer besser daran,
+denn Einige von ihnen fanden sich mit ihren Betten unter einer
+ordentlichen Dachtraufe und sahen sich dabei nicht einmal im Stande,
+nach rechts oder links zu weichen.
+
+Zu viel Unheil auf einmal bringt aber oft bei den davon Betroffenen die
+entgegengesetzte Wirkung hervor, und das junge Volk unter den
+Auswanderern, das sich auch weit eher unterbringen konnte, und weder mit
+Gepäck noch Kindern behelligt war, fiel plötzlich, mitten in den
+allgemeinen Lärm, wieder in sein altes Lied »Halli, Hallo! Brasilien ist
+nicht weit von hier!« ein, was den Übrigen auch noch die letzte
+Möglichkeit raubte, an Schlaf zu denken.
+
+So verging ihnen die erste Nacht und der nächste Morgen brachte ihnen
+insofern eine Linderung, als der Regen mit Tagesanbruch aufhörte und die
+heiße Sonne ihnen verstattete, die über Nacht etwa naßgewordenen Betten
+und Kleider leicht und rasch wieder zu trocknen.
+
+Jetzt kam auch der Supercargo ihres Schiffes und entschuldigte sich, daß
+ihnen gestern Abend keine Nahrung gesandt worden. Er habe den Auftrag
+gegeben, ehe er an Bord zurück ging, aber er sei mißverstanden worden.
+Es würde nicht wieder geschehen und jeder Einzelne von jetzt an Morgens
+seinen Kaffee und Schiffszwieback, und Mittags und Abends zu essen
+bekommen.
+
+Die Leute beklagten sich allerdings über den schlechten Zustand der
+Dächer, und frugen, wie lange sie noch hier liegen bleiben sollten. Er
+zuckte die Achseln und behauptete, es nicht zu wissen, da noch zwei
+Herren aus dem inneren Land erwartet würden, die Arbeiter »bestellt«
+hätten. Was die Dächer beträfe, so ließen sich die ja leicht wieder in
+Stand setzen; es gäbe breite Blätter dort genug, und die Leute hätten ja
+auch nichts weiter zu thun.
+
+Damit ging er, und ihre Nahrungsmittel bekamen sie von der Zeit an in
+der That regelmäßig, aber auch eine Kost, an die sie nicht gewöhnt
+waren, und in die sie sich nicht so bald hineinfinden konnten: frisches
+oder gesalzenes Schweinefleisch, Bohnen und Maniokmehl. Mit dem Mehl
+wußten sie anfangs gar nicht umzugehen, und einige versuchten sogar,
+Brod davon zu backen; aber es war zu grob und schmeckte nicht. Übrigens
+wurden ihnen einige Fruchtbäume in der Nachbarschaft -- die jedenfalls
+zu den leerstehenden Gebäuden gehörten, angewiesen, wo sie sich
+unentgeltlich holen konnten, was sie wollten, und auch fleißig
+benutzten. -- Aber die Zeit verging ihnen entsetzlich langsam, denn Tag
+und Nacht verstrich, ohne daß eine Änderung in ihrer Lage eingetreten
+wäre. Dabei regnete es fast täglich und oft die ganze Nacht hindurch,
+und wenn sie sich auch die größte Mühe gaben, die Dächer dicht zu
+bekommen, so gelang ihnen das nur sehr unvollständig.
+
+Ein paar Frauen erkrankten noch außerdem, und ein brasilianischer Arzt
+kam zu ihnen, den sie nicht verstehen konnten. Er gab ihnen aber
+trotzdem Medicin, denn er wußte vielleicht schon, welchen Krankheiten
+frisch eingetroffene Europäer am schnellsten ausgesetzt waren, und nahm
+die Sache außerordentlich leicht.
+
+Endlich, am elften Tage, nachdem das Schiff, das sie hierher gebracht,
+seine ganze Fracht gelöscht und neue Ladung dafür an Bord genommen
+hatte, erfreute sie der Supercargo, der sie aber in der Zeit nur sehr
+selten besuchte, mit der Meldung, daß die erwarteten Herren eingetroffen
+wären und sie wahrscheinlich schon morgen, spätestens übermorgen, ihre
+Reise in das innere Land antreten könnten. Sie sollten sich auf morgen
+früh nur Alle sauber anziehen und bereit halten, da die Herren hier
+herauskommen würden, um sie zu besuchen und selber mit ihnen zu
+sprechen.
+
+Behrens frug ihn jetzt, wie es denn eigentlich mit ihren Contracten
+wäre, die sie noch immer nicht wieder bekommen hätten, obgleich ihnen
+das an Bord versprochen wäre.
+
+»Und was wollt Ihr damit?« frug der Supercargo lakonisch, »das sind nur
+Contracte, durch die =Ihr= Euch Eurem zukünftigen Herrn gegenüber
+verbindlich macht, ihm treu zu dienen, bis Ihr das vorgeschossene Geld
+abbezahlt habt, weiter nichts, -- sie können =Euch= gar Nichts nützen.«
+
+Behrens schüttelte erstaunt mit dem Kopf, denn er begriff das Alles
+nicht, und gar nichts stimmte außerdem mit Allem, was ihnen Herr
+Kollboeker -- der doch Alles gerade so genau wissen wollte, gesagt. Da
+sich der Supercargo aber schon wieder zum Gehen wandte und ihm =eine=
+Frage besonders noch schwer auf der Seele lag, so faßte er sich ein Herz
+und sagte:
+
+»Ach bitte, lieber Herr; möchten Sie mir wohl über =eine= Sache Auskunft
+geben?«
+
+»Und die wäre?« frug der Mann, indem er stehen blieb und den Kopf nach
+Behrens zurückdrehte.
+
+»Wie weit haben wir denn von hier nach Blumenau?«
+
+»Nach Blumenau?« sagte der Supercargo erstaunt -- »nach welchem
+Blumenau?«
+
+»Nun, nach der deutschen Colonie, wo mein Bruder ist -- kann man da von
+hier aus zu Land bequem hinkommen?«
+
+»Ihr seid wohl nicht recht bei Trost,« lachte der Supercargo »-- durch
+=den= Wald? Na, kommt nur erst einmal hinein. Blumenau liegt weit von
+hier. Da müßt Ihr erst wieder zu Schiff gehen und nach Rio Janeiro
+fahren und von da wieder ein anderes Schiff nehmen, wenn eins da ist,
+und das kostet viel Geld.«
+
+»Aber du mein Gott!« rief der arme Mann erschreckt aus, »dann sind ja
+das =lauter= Lügen, was uns der Herr Kollboeker daheim gesagt hat.«
+
+Der Supercargo hörte aber schon gar nicht mehr auf ihn; er hatte andere
+Dinge zu thun, als sich mit dem Auswanderer in ein langes Gespräch
+einzulassen, und schritt langsam nach der Stadt zurück. Behrens aber --
+das Herz so entsetzlich schwer und mit einer noch unbegriffenen Angst,
+die ihn dabei erfaßte, setzte sich auf einen dicht dabei liegenden
+Baumstamm, stützte die Ellbogen auf die Knie, das Gesicht in die offenen
+Hände und zum ersten Mal kam ihm eine volle und wie furchtbare Ahnung,
+daß sie wirklich verrathen und verkauft seien und jetzt ihr Schicksal zu
+ertragen hätten.
+
+Den anderen Auswanderern war ebenfalls nicht gerade leicht zu Sinn, wenn
+sie auch noch nicht vollkommen ihre Lage begriffen; es schien ihnen nur
+so, als ob hier nicht Alles in Ordnung wäre. Hatte man ihnen denn nicht
+in Deutschland gesagt, sie brauchten in Brasilien so nothwendig
+Arbeiter, und man würde sie dort mit offenen Armen empfangen. Jetzt
+lagen sie hier schon elf Tage müßig und verzehrten jedenfalls ihr
+eigenes Geld, da man ihnen das gewiß anrechnen würde, und kein Mensch
+hatte sich um sie bekümmert oder ihnen auch nur die Hand zum Willkommen
+geboten. Waren denn das Alles nur lauter Lügen gewesen?
+
+Unter solchen, nicht eben freudigen Vermuthungen, die sich aber Einer
+vor dem Anderen auszusprechen scheute, verging auch dieser Tag. Die
+Nacht regnete es wieder tüchtig, aber der nächste Morgen fand sie Alle
+früh auf, denn er sollte ja, wie ihnen der Supercargo gesagt, ihr
+nächstes Schicksal entscheiden. Schon mit Tagesgrauen nahmen die Frauen
+ihre Kinder mit zum nächsten Bach, wuschen sie dort ordentlich ab und
+zogen ihnen reine Wäsche an. Sie selber suchten ihre Sonntagskleider vor
+-- lieber Gott, sie wußten nicht einmal genau, ob es ein Sonntag oder
+ein Werktag sei -- und um neun Uhr schon waren sie Alle bereit, den
+Besuch zu empfangen.
+
+Es wurde aber fast elf Uhr, ohne daß sich irgend wer bei ihnen hätte
+blicken lassen, -- die Neger ausgenommen, die ihnen wie gewöhnlich ihr
+Frühstück brachten. Da wurde plötzlich Pferdegetrappel laut, und gleich
+darauf sprengten einige zwanzig Reiter, von einer Menge Neger, ebenfalls
+zu Pferde, gefolgt, die Straße herab und gerade auf die Hütten zu, und
+dort sprangen sie aus den Sätteln, überließen die Zügel ihren Dienern
+und kamen dann lachend und plaudernd auf die Gruppe der Auswanderer zu,
+die sich scheu aber doch neugierig vor ihren Häusern gesammelt hatten,
+um die Nahenden zu erwarten.
+
+Der Supercargo war unter ihnen und auch der Deutsche, der gleich am
+ersten Tag zu ihnen an Bord gekommen. Aber so wenig er sich an Bord um
+die armen Landsleute gekümmert hatte, so wenig beachtete er sie jetzt
+und hielt sich nur zu den Brasilianern, deren Sprache er geläufig
+redete, während er auch ganz wie sie gekleidet ging.
+
+Auch ein langer Herr, der einen schwarzen Rock trug und fast wie ein
+Geistlicher aussah, nur daß er einen Strohhut auf hatte, war unter ihnen
+und ging auf die noch im Trupp stehenden Deutschen zu, denen er
+zunickte, worauf ihm die Leute einen gemeinschaftlichen »guten Morgen«
+boten, was ein halb freundliches, halb spöttisches Lächeln über seine
+sonst ziemlich strengen Züge rief.
+
+Er sprach dann einige Worte mit dem Supercargo, worauf dieser zustimmend
+antwortete und sich dann an die Deutschen wendend rief: »Nun will ich
+Euch einmal etwas sagen, Ihr Leute, nun breitet Euch einmal ordentlich
+aus, daß man Euch Alle sehen kann. Stellt Euch in eine lange Reihe oder
+in einen Bogen hier herum; Platz ist ja genug da, und richtet Euch so
+ein, daß die Familien immer zusammen kommen. Hier, Behrens, tretet Ihr
+einmal dahin. Wo sind Euere Leute?«
+
+»Die Frau ist nicht ganz wohl, -- sie liegt drinnen auf dem Bett.«
+
+»Ist sie krank?«
+
+»Nein, krank gerade nicht, aber --«
+
+»Na, da laßt sie nur herauskommen, sie kann sich nachher wieder
+hinlegen. Wir müssen einmal sehen, wen wir hier haben, man weiß ja sonst
+gar nicht wer zusammen gehört. So, das ist recht -- und die einzelnen
+jungen Burschen alle hier hinüber. Wer aber bei seiner Familie bleiben
+will, halte sich zu der, es gibt sonst Verwirrung und ich stehe nachher
+für nichts.«
+
+»Alle Wetter,« lachte der eine junge Bursch, »das sieht ja beinahe so
+aus als ob wir verkauft werden sollten.«
+
+Der Supercargo wandte sich ab und ging zu den Brasilianern zurück, die
+indessen auch etwas näher getreten waren, um die Auswanderer zu mustern.
+Er unterhielt sich auch mit dem Deutschen, aber nur in der fremden
+Sprache, so daß die Leute nicht verstehen konnten, was er zu ihm sagte.
+
+Indessen ordneten sich die Auswanderer, so gut es eben gehen wollte, auf
+dem Plan vor den Häusern, -- Familien immer beisammen und nur die Frauen
+und Mädchen hielten sich noch schüchtern hinter den Männern und wollten
+nicht recht heraustreten. Es war ihnen ein gar peinliches Gefühl, hier
+so von all den fremden Leuten angestarrt zu werden. Aber das half ihnen
+nichts; so wie sich der Supercargo ihnen wieder zudrehte, zog er sie
+eigenhändig vor.
+
+»Alle in eine Reihe, Leute, -- das Hinterkriechen hilft Euch nichts; wir
+müssen sehen wen wir haben und ob Niemand fehlt. Erschwert uns die Sache
+nicht, denn je williger Ihr Euch zeigt, desto rascher kommen wir damit
+zu Ende.«
+
+»Und nun, Senhores,« wandte er sich an die Brasilianer, indem er sein
+Taschenbuch und einen Bleistift herausnahm, »bitte ich Sie, Acht zu
+haben. Ich werde vorher die einzelnen Personen abrufen, um zu sehen ob
+Niemand fehlt, und dann ersuche ich Sie, die Gebote auf
+zusammengehörende Familien zu machen. -- Einzelne aus Familien heraus
+können nicht abgegeben werden, Sie würden auch selber nur Unruhe und
+Last von ihnen haben, -- es müßte denn sein, daß sie sich freiwillig
+dazu verständen. Bleibt die Familie beisammen, so ist sie leicht
+zufrieden gestellt und arbeitet dann auch mehr und williger: wird sie
+getrennt, so bleibt sie mürrisch und verdrossen und bekommt eine
+deutsche Krankheit, -- das sogenannte Heimweh. Also erlauben Sie, daß
+ich erst die Namen abrufe.«
+
+»Ihr Leute,« wandte sich der Supercargo dann wieder in deutscher Sprache
+an die Auswanderer, »ich werde jetzt einzeln Eure Namen ablesen, wie Ihr
+in der Schiffsliste eingetragen waret, und Jeder von Euch, wenn er
+seinen Namen nennen hört, antwortet mir mit lauter Stimme: =hier!= Habt
+Ihr mich verstanden? -- Gut,« fuhr er fort, als ein halblautes Murmeln
+durch die Reihen lief, und die Ablesung begann jetzt in der gewöhnlichen
+Art. Nur zwei fehlten, die drinnen in der Hütte wirklich fieberkrank
+lagen und nicht herauskommen konnten.
+
+Die Brasilianer waren indessen an der Reihe auf und ab gegangen, um sich
+die Einzelnen zu betrachten, und der lange Herr in dem schwarzen Rock
+sagte endlich, als der Supercargo fertig war, zu diesem: »Die Leute
+sehen sonst gut aus, aber verwünscht viel Kinder haben sie mitgebracht.
+Das wimmelt ja ordentlich von ihnen.«
+
+»Mein lieber Herr,« erwiderte der Angeredete lächelnd, »Sie wissen recht
+gut, daß das kein Schaden für Sie ist, denn erstlich können sie
+dieselben, bis fast zu dem Kleinsten herunter, zum Baumwollpflücken und
+Kaffeeauflesen verwenden, und dann halten die größeren Unkosten, die Sie
+für Beköstigung haben, -- und die nicht einmal so bedeutend sind -- auch
+die Eltern so viel länger in Ihrem Dienst.«
+
+Der lange Herr nickte leise und wie überlegend mit dem Kopf und schritt
+langsam weiter.
+
+Der Supercargo indessen betrieb die Sache ziemlich geschäftsmäßig, und
+schien nicht gesonnen, viel Zeit damit zu versäumen. Es war auch schon
+ziemlich spät und damit heiß geworden, und je eher die Herren in ihre
+kühlen Häuser kamen, desto besser. Nach der Liste rief er jetzt die oben
+anstehenden Namen aus, -- es war eine Familie aus Hessen, Mann, Frau und
+zwei erwachsene Söhne, ein paar kräftige, feste Burschen, wenn auch
+jetzt etwas hohlwangig und bleich, und was er in portugiesischer Sprache
+verhandelte, kam den armen Leuten fast so vor, als ob er sie anpries,
+denn er zeigte oft auf sie und wandte sich dann wieder an die
+Brasilianer. Von diesen sprach jetzt Einer, dann der Andere; sie kamen
+auch heran und betrachteten sich die Vorgeschlagenen näher, und es
+konnte diesen zuletzt nicht mehr entgehen, daß sie hier ordentlich
+verauctionirt wurden.
+
+»Hol mich Dieser und Jener,« rief da einer der Burschen wieder, ein
+etwas wüst aussehender Gesell, der auch auf dem Schiffe fortwährend
+Streit gehabt, »wenn wir hier nicht ordentlich ausgeboten werden wie
+sauer Bier. Na, wer mich kauft ist betrogen.«
+
+Die Übrigen schwiegen erschrocken still, denn es war ihnen ein gar so
+unheimlicher Gedanke, daß sie hier nicht wie freie Menschen, sondern wie
+Sclaven oder Vieh ausgeboten und dem Meistbietenden zugeschlagen werden
+sollten, und daß das in der That der Fall war, darüber konnte keine
+Täuschung mehr stattfinden. Aber was wollten sie jetzt machen? -- sich
+widersetzen? Wie konnten sie das, da sie der Sprache nicht einmal
+mächtig waren, und die Einzigen, mit denen sie sich hätten verständigen
+können, gerade zu ihren Gegnern gehörten.
+
+»Oh, du lieber Gott,« seufzte Behrens' Frau, die sich erschöpft auf den
+Arm ihres Mannes stützte, »wenn wir das in Deutschland gewußt hätten, --
+lieber doch allen Jammer und alles Elend ertragen.«
+
+»Laß gut sein, Mutter,« flüsterte ihr der Mann zu, »wir können nur für
+das ausgemiethet werden, was wir abzuverdienen haben, und dürfen nachher
+gehen, wohin wir wollen. Wenn ich nur den Schuft, den Herrn Kollboeker,
+hier hätte.«
+
+Der =Verkauf= oder die Auction der Deutschen ging indessen ziemlich
+rasch von Statten, da die Bietenden zahlreich zugeströmt waren, und
+selbst viele Bewohner der Hafenstadt Dienstboten zu nehmen wünschten,
+die sie hier unter so günstigen Bedingungen erhalten konnten. Familien
+konnte man freilich in der Stadt nicht gebrauchen, da man hier keine
+Verwendung für die Kinder hatte. -- Die wurden sämmtlich den Facienderos
+des Inneren überlassen, und die Familie Behrens erstand denn auch ein
+Pflanzer, der allerdings erst lange an ihnen herummäkelte, aber zuletzt
+doch auf die gestellten Bedingungen einging. Der Supercargo kannte
+seinen Vortheil und ließ eben nicht nach.
+
+Behrens' neuer Herr gefiel den Leuten nicht recht; er war nicht sehr
+groß, aber entsetzlich mager, mit einer vollkommen lederartigen
+Gesichtsfarbe, hatte auch um den Kopf, hinter den Ohren durch, ein
+schmales schwarzseidenes Tuch gebunden, da er, wie sehr viele
+Brasilianer, an Scropheln litt. Er sprach mit den Leuten gar nicht,
+richtete nicht einmal ein paar freundliche Worte an sie, die ihnen doch
+wohlgethan hätten, wenn sie auch die Sprache nicht verstanden. Als der
+Handel abgeschlossen war, winkte er einen großen, blatternarbigen
+Mulatten heran, dem er die verschiedenen Familienmitglieder bezeichnete,
+und wandte sich dann noch einmal an den Supercargo, der unfern davon bei
+einer anderen Gruppe stand. Dieser betrachtete sich den Mulatten und
+schien von dem gewordenen Auftrag nicht recht erbaut, konnte ihn aber
+auch vielleicht nicht gut abweisen und sagte, sich wieder gegen die
+Deutschen kehrend: »Also dies, meine Leute ist Euer neuer Herr, Senhor
+Almeira, wie er heißt, auf dessen Plantage Ihr jetzt -- wahrscheinlich
+morgen früh -- befördert werden sollt. Dieser aber, der Mulatte, ist sein
+Oberaufseher, dem Ihr, wenn der Herr nicht selber da ist, Eurem Contract
+nach, zu gehorchen habt.«
+
+»Dem gelben Kerl?« rief die Frau erschreckt.
+
+»Mancal,« sagte der Supercargo, »ist ein braver, ordentlicher Mensch,
+mit dem sich schon auskommen läßt (er hatte ihn heute zum ersten Mal in
+seinem Leben gesehen). Seid nur freundlich gegen ihn und thut hübsch,
+was er Euch sagt. Je fleißiger Ihr dabei seid, desto früher seid Ihr im
+Stande den Platz wieder zu verlassen, -- wenn er Euch später nicht so
+gefallen sollte, daß Ihr ganz da bleiben wollt. Nachher aber macht Ihr
+Euren eigenen Contract.«
+
+»Spricht er denn deutsch?« frug die Frau.
+
+»Das nicht,« lachte der Supercargo, »aber das bischen Portugiesisch
+lernt Ihr bald; das ist eine sehr leichte Sprache.«
+
+Der Mulatte sagte jetzt selber etwas zu dem Supercargo und dieser rief:
+»Ja, das ist nothwendig. Wo habt Ihr denn Euer Gepäck? Zeigt das doch
+einmal dem Mann, weil die Sachen ins Innere transportirt werden müssen.«
+
+»Kommen wir denn weit ins Land hinein?«
+
+»Nein, nicht weit, -- nur ein paar Legoas. Dort wird's Euch schon
+gefallen.«
+
+Sie zeigten jetzt ihr Gepäck, und der Mulatte, der bis dahin keine Miene
+verzogen hatte, lachte laut und hell auf, als er die drei großen,
+riesigen Kisten sah. Er hatte auch vielleicht Ursache dazu, denn er
+kannte die Wege und Beförderungsmittel des Landes und wußte recht gut,
+daß es unmöglich sein würde, =solche= Collis auf Maulthieren über die
+schmalen und steilen Bergpfade zu schaffen.
+
+Den Deutschen wurde das jetzt gesagt, und der Supercargo, der den Blick
+umherwarf und überall ähnliche Kasten bemerkte, erledigte die Sache
+dadurch, daß er versprach, noch heute Abend ein paar Matrosen vom
+Schiff, von denen der eine sogar portugiesisch sprach, herüber zu
+senden, um das Gepäck in Ordnung bringen zu lassen. Senhor Almeira
+sollte dann auch einen von seinen Maulthiertreibern hersenden, und so
+würden sie Alles rasch in Ordnung bekommen.
+
+Damit wandte er sich ab, denn seine Vermittlung wurde jetzt von allen
+Seiten in Anspruch genommen. Es herrschte überhaupt eine entsetzliche
+Verwirrung auf dem Plan, da die Deutschen durcheinander liefen und viele
+der Frauen zu weinen und zu jammern anfingen. Aber was konnte das jetzt
+helfen; die Sache war abgemacht, -- überdies brannte die Sonne und die
+Herren eilten, um wieder in die Stadt zu kommen.
+
+Nur den für die Stadt »gemietheten« Leuten -- von denen man aber
+natürlich Keinen gefragt hatte, in welcher Beschäftigung er verwandt
+werden wolle -- wurde aufgegeben, ihre Sachen zusammen zu packen, da sie
+noch heute Abend einziehen sollten. Den übrigen gab man Zeit bis morgen
+früh.
+
+
+
+
+Siebentes Capitel.
+
+Die Reise in's Innere.
+
+
+Das war ein recht trauriger, schmerzlicher Tag für die armen Leute, die
+hier, im wahren Sinn des Worts »verrathen und verkauft«, in dem fremden
+Lande saßen und Niemanden in der weiten Welt hatten, bei dem sie sich
+Rath und Hülfe erbitten konnten.
+
+Der Capitän des Schiffes? Wie durften sie sich an den wenden, den gingen
+sie weiter nichts an, als daß er sie hier herüber beförderte. Und hatte
+er je auf der ganzen langen Reise auch nur ein einziges freundliches
+Wort mit ihnen gesprochen? Nie. Er betrachtete sie als Fracht, und noch
+dazu als eine lästige Fracht, und würde nie daran gedacht haben, sich in
+ihre Angelegenheiten zu mischen oder ihnen gar gegen seinen
+Cajütenpassagier, den Supercargo, mit dem er immer sehr befreundet
+gewesen, beizustehen.
+
+Und der Deutsche etwa, der schon bei ihnen an Bord gewesen? Das war ein
+vornehmer Herr und hatte ihnen deutlich genug gezeigt, daß er nichts mit
+ihnen zu thun haben wollte. Ein paar von ihnen redeten ihn allerdings
+an, -- er war der Einzige, der für sie sprechen konnte, -- aber er
+antwortete ihnen nicht einmal, zeigte nur auf den Supercargo, daß sie
+sich nur an den wenden sollten, und drehte ihnen dann den Rücken. Und
+der war ein Landsmann, -- aber leider finden wir das gar häufig bei den
+Deutschen im Ausland, daß sie sich ihrer Nation und ihres Volkes
+schämen. Wir können uns allerdings damit trösten, daß alle Solche, =die=
+es thun, auch jedesmal Lumpen sind, und von den Fremden, unter denen sie
+leben, eben so verachtet werden, wie sie selber ihr Vaterland verachten;
+trotzdem bleibt es immer traurig, daß dem wirklich so ist.
+
+So konnten denn die armen Leute nichts anderes thun, als sich in das
+Unvermeidliche eben fügen und über sich ergehen zu lassen was da komme.
+Sie besaßen nicht mehr die Macht es zu ändern.
+
+Auch der Abend war noch bös, denn als die Matrosen eintrafen, die ihr
+Gepäck ordnen sollten, gingen diese entsetzlich rauh mit ihren Sachen
+um, und die Brasilianer, die umherstanden, wollten sich noch dazu
+todtlachen über all den Plunder, den sie mitgebracht, und der jetzt wild
+umhergestreut vor der Hütte lag.
+
+Es ist allerdings wahr, die Deutschen schleppen Dinge mit in die Fremde,
+an die ein Anderer nicht einmal denken würde; aber arme Leute, die genau
+wissen, wie sauer es ihnen geworden, sich auch nur das Geringste in
+ihrem Hausrath anzuschaffen, und die dann nachrechnen, wie viel
+Arbeitstage an jedem Gegenstand hingen, trennen sich auch entsetzlich
+schwer von ihrem Eigenthum, und haben viel zu wenig Erfahrung in der
+Welt, um zu wissen, daß sie nutzloses Gepäck oft wieder doppelt und
+dreifach bezahlen müssen, um es nur an Ort und Stelle zu bekommen.
+
+Auch Behrens' Frau hatte eingepackt, was sie nur noch irgend jemals zu
+benutzen glaubte, Töpfe und Tiegel, ja, sogar irdenes Geschirr
+dazwischen, das schon in Scherben in der Lade herum lag, Quirle und
+hölzerne Löffel, eine alte, zerbrochene Kaffeemühle, die hier Niemand
+repariren konnte, schweres, eisernes Werkzeug dazwischen, und Hausgeräth
+bis auf den Wischlappen hinunter. Dazwischen räumten die Matrosen jetzt
+mit ihren rohen Fäusten und roheren Scherzen auf. Was zerbrach, zerbrach
+eben und brauchte nicht mit verpackt zu werden, und die Arrieros oder
+Maulthiertreiber schnürten dann noch das Ganze mit rohhäutenen Riemen
+derart zusammen, daß Alles, was nur einigermaßen ruinirt werden
+=konnte=, auch seinem Schicksal sicher nicht entging.
+
+Die Kisten selber wurden als vollkommen werthlos bei Seite geworfen; sie
+mochten höchstens noch als Brennholz dienen.
+
+Ein Trost war für Behrens wohl noch der, daß eine andere, ziemlich
+ordentliche Familie denselben Herrn bekommen hatte und also ihr
+Schicksal theilen würde, aber der junge, wilde Bursch, der sich
+vermessen, daß, wer ihn kaufe, auch betrogen sein solle, begleitete sie
+ebenfalls, und dessen Gesellschaft war Keinem von Allen angenehm, ließ
+sich aber auch nicht ändern und mußte eben ertragen werden, wie das
+Übrige.
+
+Die Packen waren geschnürt, -- selbst, die Betten, obgleich die Frau sie
+gern herausbehalten hätte, weil sie jetzt nicht einmal wußten, wo und
+wie sie die Nacht schlafen sollten. Nur für das Jüngste war ein kleines
+Unterbett gerettet worden, und die Leute trösteten sich damit, daß es ja
+doch wohl nur für eine oder höchstens zwei Nächte sein würde.
+
+An dem Abend nahmen noch die von ihnen Abschied, die in der Stadt
+blieben und vor Sonnenuntergang mit ihrem Gepäck abgeholt wurden. Sie
+hatten es verhältnißmäßig am besten, und doch schien ihnen das Herz
+ziemlich schwer, als sie ihren alten Reisegefährten Lebewohl sagen
+sollten. Aber lange konnten sie sich auch dabei nicht aufhalten, denn
+Jeder bekam gerade genug mit sich selber zu thun.
+
+Übrigens wurde an dem Abend noch das eine Haus fast ganz geleert, denn
+einen Theil der deutschen Arbeiter beorderte man sogar noch mit
+einbrechender Dämmerung auf das eingelaufene kleine Dampfschiff, das die
+Küste befuhr. =Wohin= das sie brachte und zu wem sie kamen, wußten sie
+gar nicht; sie frugen darnach, erhielten aber keine Antwort, und man
+schien sie eben in der That als nichts weiter wie Leibeigene zu
+betrachten, bei denen von einer eigenen Meinung, einem eigenen Willen
+keine Rede sein konnte.
+
+Die Nacht regnete es wieder entsetzlich und besonders arg zeigten sich
+die Mücken. Die armen Auswanderer verbrachten sie trüb genug auf den
+zusammengeschnürten Ballen ihrer Habseligkeiten und den Brettern ihrer
+zerschlagenen Kisten -- man mußte sich eben einrichten, und sie ging ja
+auch vorüber. Am nächsten Morgen trafen endlich die Maulthiere ein, --
+nicht etwa früh, denn die Leute nehmen sich zu solchen Sachen immer Zeit
+und es ging schon auf Mittag, ehe sie nur geladen waren und fort
+konnten; Behrens erstaunte übrigens, als er nicht die geringsten
+Beförderungsmittel für sich und seine Familie sah. Kein kleiner Wagen,
+kein Pferd oder Maulthier. Sollten sie den ganzen Weg zu Fuß gehen? Es
+konnte eben nicht weit sein und dann ging sich's vielleicht auch besser
+auf den schlechten Wegen, als sie gefahren wären.
+
+Die Maulthiertreiber ritten aber sämmtlich, -- auch der Mulatte mit den
+Blatternarben, der sie hinauf begleiten sollte. Die Frau wäre aber zu
+schwach gewesen, das jüngste Kind zu tragen, und Behrens schnürte es
+sich selber in ein Tuch auf den Rücken; da spürte er die leichte Last
+gar nicht.
+
+Das war ein entsetzlich heißer Marsch in dem flachen Land, das sich an
+der Küste ausdehnte. Eine kleine Strecke im Inneren, als sie erst die
+unmittelbare Nähe der Stadt und die offenen Felder verließen, kamen sie
+allerdings streckenweise unter schattige Waldbäume, aber es dauerte
+immer nicht lange, so mußten sie wieder eine offene Plantage passiren,
+und dort brannte die Sonne gar so arg.
+
+Behrens frug den einen Maulthiertreiber ein paar Mal, wie weit sie
+hätten; aber der schüttelte nur mit dem Kopf, er verstand nicht was der
+Deutsche zu ihm sagte, und zeigte nur auf eine vor ihnen liegende
+Plantage. War das schon ihr Ziel? Nein, sie sollten nur hier
+übernachten. Ein besonderes Haus war freilich nicht für sie
+aufzutreiben, und sie mußten in der Maniokmühle einquartiert werden,
+aber der Aufenthalt war dort wenigstens luftig und reinlich, und sie
+bekamen auch reichlich zu essen, Bohnen und Maniokmehl und etwas
+getrocknetes Fleisch, da die Leute wahrscheinlich nicht frisch
+geschlachtet hatten. Am nächsten Morgen aber wurde lange vor Tageslicht
+zum Aufbruch gerufen, und es schien doch jetzt, als ob man die
+Morgenkühle zu ihrem weiteren Marsch benutzen wolle.
+
+Jetzt hatten sie aber auch die Berge dicht vor sich, nicht etwa sehr
+hohe Gebirge, so weit sich von hier aus erkennen ließ, sondern eine
+niedere, bewaldete Hügelkette, in die sich der Weg hinaufzog, und die
+zuletzt so eng und steil wurde, daß sich Einer hinter dem Anderen halten
+mußte. Und wie schwer es sich da ging, -- aber es sollte noch schwerer
+werden, denn mitten am Tag setzte der Regen wieder ein und die Frau war
+zuletzt so erschöpft, daß sie kaum noch vorwärts konnte. Einer der
+Maulthiertreiber fühlte wohl Mitleiden mit ihr und wollte sie eine
+Strecke reiten lassen, -- aber das ging auch nicht, denn sie hatte noch
+in ihrem Leben auf keinem Thier gesessen, und hier Berg auf und ab war
+das noch außerdem schwierig genug, sich oben zu halten. Als sie das
+nächste Haus erreichten, was in einem der Thäler lag, mußten sie
+nothgedrungen Halt machen, und der Mulatte, der damit gar nicht
+einverstanden war, schickte das Gepäck voraus, ohne sich darum zu
+bekümmern, was die armen Wanderer wohl noch unterwegs davon gebrauchen
+würden.
+
+Am nächsten Tag derselbe Marsch, bei dem die Frau endlich ihre Kräfte
+verließen. Sie kam nicht mehr zu Fuß weiter und =mußte= jetzt auf ein
+Thier gesetzt werden, das der Mulatte am nächsten Platz für sie
+miethete. Behrens und seine Tochter gingen dann nebenher und hielten sie
+im Sattel, bis sie nach und nach die Bewegung gewohnt wurde und sich
+schon selber ein wenig helfen konnte. Aber endlos dehnte sich der Weg
+aus, -- Tag nach Tag verging, und noch immer erreichten sie ihr Ziel
+nicht. Die Kinder bekamen schon Blasen unter die Füße und wimmerten
+unterwegs. Anfangs hatten sie sich über den herrlichen Wald, die
+prachtvollen Bäume und die vielen bunten merkwürdigen Vögel und
+Schmetterlinge gefreut, jetzt achteten sie gar nicht mehr darauf und
+schleppten sich nur mühsam über den nassen, klebrigen Boden hin.
+
+Am siebenten Tag wurden die Auswanderer von zwei Reitern überholt, einem
+Weißen mit seinem schwarzen Diener hinten, der im Galopp heransprengte.
+Es war Senhor Almeira, ihr Herr, der sehr erstaunt und auch unwillig
+schien, sie noch auf der Straße zu finden. Er sprach heftig mit dem
+Mulatten, und dieser entschuldigte sich, ebenfalls nicht in besonderer
+Laune. Der Herr warf einen Blick auf die kranke Frau, redete aber die
+Deutschen nicht an, sondern setzte seinem Thier die Sporen ein und
+sprengte vorüber.
+
+An dem Tag wanderten sie bis spät in die Nacht hinein, die Kinder
+konnten ihre Füße kaum noch vom Boden heben und weinten still vor sich
+hin, und Hannchen, die älteste Tochter, obgleich selber müde genug,
+huckte dennoch ihr jüngstes Brüderchen, den fünfjährigen Christian, auf
+und schleppte ihn weiter, bis sie, zum Tode erschöpft, wieder die
+Wohnung menschlicher Wesen erreichten, und dort die armen mißhandelten
+Glieder ein paar Stunden konnten rasten lassen.
+
+Und =wieder= weiter ging es am nächsten Morgen, aber heute war der
+Mulatte freundlicher mit ihnen, zeigte voraus und nickte und lachte, --
+die Plantage seines Herrn konnte nicht mehr fern sein, und als sie, etwa
+um 10 Uhr Morgens, wieder einen der jetzt immer steiler und höher
+werdenden Bergkämme erreicht hatten, breitete sich ein weites,
+herrliches Thal vor ihnen aus, und dort unten lagen eine Anzahl Gebäude,
+auf die jetzt ihr Führer deutete und ihnen etwas zurief.
+
+Das endlich -- endlich war der so heiß ersehnte -- und fast auch
+gefürchtete Platz, der sich dort vor ihnen ausbreitete, -- das war der
+erste Blick auf ihre neue Heimath in dem fremden Lande, -- dort sollten
+sich alle die Hoffnungen erfüllen, die sie weit weg über das Meer, aus
+ihrem Vaterland hierher geführt, -- dort sollte jede Sorge schwinden und
+ein neues, frisches Leben für sie beginnen? Und war der Anfang so
+gewesen, daß sie dem mit froher Zuversicht entgegen sehen durften? Hatte
+sich bis jetzt auch nur =eine= dieser Hoffnungen, -- nur irgend etwas
+bestätigt, das ihnen im alten Vaterland von eigennützigen oder
+unwissenden Menschen versprochen worden?
+
+Behrens war kein Mann, der, mit irgend welcher Phantasie begabt, dunkle
+Bilder vor sich heraufbeschworen hätte, und doch schnürte ihm ein
+unheimliches Gefühl die Brust zusammen, als er ihrer letzten Behandlung
+-- als er auch daran dachte, daß von jetzt ab dieser gelbe, häßliche und
+rohe Mensch ihr Aufseher sein sollte. Aber er hütete sich wohl, der
+armen, noch überdies so schwachen Frau ein Wort zu sagen, -- er glaubte,
+daß sie das vielleicht nicht eben so scharf und peinlich fühle, als er
+selbst, und schweigend, Jeder mit seinen eigenen trüben Gedanken
+beschäftigt, schauten die Auswanderer auf das vor ihnen ausgebreitete
+Landschaftsbild hinab.
+
+Es wurde ihnen aber nicht lange Pause gegönnt, denn der Mulatte drängte,
+den Platz endlich zu erreichen, da er wußte daß ihn sein Herr schon
+ungeduldig dort erwarte. Auch die Deutschen rafften ihre letzten Kräfte
+zusammen, -- es war ja jetzt bald überstanden, und wanderten, so rüstig
+es gehen wollte, den schrägen Hang hinab, der sie hinunter in die Ebene
+führte. Aber sie hatten die Plantage schon weit früher erreicht, als sie
+glaubten, und fanden sich plötzlich in einem Wald, der nur aus
+angepflanzten Bäumen zu bestehen schien, da überall Reihen
+hindurchliefen. Allerdings hatten sie schon unterwegs einige solche
+passirt, aber in ihrer Ermattung gar nicht darauf geachtet.
+
+Jetzt deutete der Mulatte mit einem Zweig, den er in der Hand hielt, um
+seinem Thier die Fliegen damit abzuwehren, hinüber auf die Bäume und
+sagte: »_Café!_«
+
+»Kaffee?« rief Behrens verwundert.
+
+»_Sim!_ -- _cafezal_.«
+
+»Das sind ja Kirschbäume, Vater,« sagte Hannchen, und die Deutschen
+betrachteten verwundert die mit kleinen, rothen und grünen Früchten
+bedeckten Bäume. Der Mulatte aber, der jetzt glaubte, ihnen jede nöthige
+Aufklärung gegeben zu haben, spornte sein Thier an und sprengte rasch
+voraus, um jedenfalls die Ankunft des Trupps zu melden.
+
+Jetzt lichtete sich der Kaffeewald, -- denn es waren in der That
+Kaffeebäume, durch welche sie hinwanderten und das Ganze ein sogenannter
+Cafezal oder Kaffeegarten. Sie betraten wieder das offene Land mit einem
+Baumwollenfelde zur Linken und einer Zuckerrohranpflanzung zur Rechten.
+Voraus konnten sie schon die Gebäude erkennen, -- ein niederes, breites,
+aber luftig gebautes Haus mit einer großen Veranda, die ringsherum lief
+und von einem Hain fruchttragender Orangen umgeben und zu beiden Seiten
+desselben, aber durch das Gebüsch vollständig bedeckt, niedere, aus Holz
+aufgeführte kleine Häuser, in denen, wie sie später fanden, die auf die
+Plantage gehörenden Neger ihre Wohnung hatten.
+
+Zwei davon standen leer und wurden den beiden Familien angewiesen, wobei
+Behrens auch noch den, freilich jetzt sehr kleinlauten Burschen
+zugetheilt bekam. Behrens wollte dagegen protestiren, da er nicht mit zu
+ihrer Familie gehörte, aber man verstand ihn entweder nicht, oder wollte
+ihn auch nicht verstehen, und vor der Hand ließ sich nichts weiter in
+der Sache thun. Das regulirte sich doch wohl, wenn sie erst einmal an
+Ort und Stelle waren.
+
+Für heute fühlten sich Alle so ermüdet, und kaum im Stande ihr Gepäck
+selber in die ihnen angewiesene Wohnung zu schaffen. Und sollten sie
+hier etwa für immer bleiben? Wie wüst und öde der Ort aussah, mit weiter
+keinem Fußboden, als der bloßen, hartgestampften Erde, aus der sogar an
+einigen Stellen, da er wohl lange nicht bewohnt gewesen, Grashalme
+emporsproßten, mit durchsichtigen Reisigwänden und keinem einzigen
+Möbel, weder Tisch noch Stuhl, darin. Nur an der hinteren Wand waren ein
+paar in den Boden eingerammte Bettgestelle aus rohen Pfosten und Stangen
+angebracht, mit Riethstücken darüber gelegt, und auf dem einen von
+diesen lag eine alte, mit blauem Zeug überzogene, ziemlich harte
+Matratze, aber so von Schmutz starrend, daß sie Behrens nur gleich
+hinaus vor die Thür zog, weil Niemand darauf liegen mochte.
+
+Das war ein trauriger Aufenthalt inmitten dieser wunderbaren Vegetation,
+-- und ein Garten? Hinter dem Haus lag ein Platz von vielleicht zehn
+Schritt Länge und Breite, den die früheren Bewohner dieser Hütte zu
+einem Düngerhaufen benutzt zu haben schienen, weiter nichts, denn
+dahinter begannen schon die Orangenbäume, und darin hatte Herr Meier in
+Europa also doch Recht gehabt, denn von denen lagen hier so viel herum,
+daß sie den Boden fast bedeckten und dorten faulten. Und trotzdem
+scheuten sich die Deutschen am ersten Tage davon zu nehmen, bis eine
+alte Negerfrau zu ihnen kam, und den Kindern eine ganze Schürze voll
+davon ins Haus schüttete.
+
+Und wie sollten sie sich jetzt mit irgend Jemandem verständigen? Behrens
+hätte so gern gefragt, ob sie nicht einen Tisch und ein paar Stühle
+wenigstens bekommen könnten, und er suchte der alten Negerfrau das
+begreiflich zu machen. Sie verstand ihn auch vielleicht, denn er drückte
+sich pantomimisch deutlich genug aus, schüttelte aber mit dem Kopf und
+begann dann eine solche Menge von wunderlichen Gesticulationen, daß es
+Behrens endlich in Verzweiflung aufgab, irgend einen Bescheid von ihr zu
+erhalten. Die Kinder fürchteten sich dabei vor ihr, und Christian schrie
+gerade hinaus, wenn sie nur in seine Nähe kam. Aber sie lachte
+gutmüthig, nickte ihnen freundlich zu und ging dann wieder in ihre
+eigene Wohnung hinüber. Mit den Fremden war ja doch nichts anzufangen.
+
+Essen bekamen sie heute gebracht, die nämliche Kost, die sie unterwegs
+erhalten: Bohnen und Maniokmehl, aber ein Stück frisches Fleisch dazu,
+-- Alles in einer großen hölzernen Schüssel, in welcher blecherne Löffel
+staken. Sie mußten sich dann darum her auf die Erde niederkauern, um
+daraus zu essen.
+
+Behrens und seine Frau glaubten nun allerdings, daß ihnen dies trostlose
+Local nur für den Augenblick zur Wohnung angewiesen sei, da man nicht
+Zeit gehabt, eine bessere Behausung so rasch für sie in Stand zu setzen,
+und in dieser Vermuthung wurden sie dadurch bestärkt, daß man sie auch
+am nächsten Tag noch zu keiner Arbeit aufforderte, sondern ihnen
+vollständig Zeit ließ, sich von dem beschwerlichen und ermüdenden Marsch
+zu erholen. Gewiß bereitete man indessen ein neues kleines Haus für sie
+vor, an dem sich dann auch ein Garten befand, denn das hatte ja Herr
+Kollboeker daheim dem Auswanderer noch ganz besonders in seinen Contract
+gesetzt.
+
+Am dritten Tag morgens, aber auch erst nach dem Frühstück, kam der
+Mulatte und sagte ihnen etwas in seiner Sprache, auf das der junge
+Bursch, der Pölke hieß, und der sich indeß wieder vollständig erholt
+hatte, lachend erwiederte: »Ich danke Dir, Du erbsenbedroschenes
+Gelbfell Du; wir befinden uns vollkommen wohl.«
+
+Der Gelbe grinste, daß ein paar Reihen blendend weißer Zähne zum
+Vorschein kamen, mochte sich aber doch auf keine weitere mündliche
+Erörterung einlassen, sondern winkte ihnen nur mit der Hand, ihm zu
+folgen.
+
+Behrens zeigte jetzt fragend auf sich; der Mulatte wiederholte aber die
+frühere Bewegung für Alle mit einander, -- nur die Frau nicht, die den
+Säugling auf dem Schoß hatte; =sie= und das kleinste Kind, der
+Christian, sollten da bleiben.
+
+Natürlich folgten sie Alle der Aufforderung und glaubten auch, sie
+würden nun zu dem Herrn geführt werden, um dort das Weitere mit ihm zu
+besprechen. Das aber war nicht der Fall; der Mulatte brachte sie gleich
+in das Feld hinaus, zwischen das Zuckerrohr, wo schon eine Anzahl von
+Negern beschäftigt war, den Boden aufzuhacken. Werkzeug lag dort
+ebenfalls, und die neuen »Arbeiter« wurden angewiesen, sich den übrigen
+»Sclaven« anzuschließen.
+
+Weigern durften sie sich nicht, -- waren sie doch auch nur deshalb nach
+Brasilien gekommen, um jede ihnen übertragene Arbeit auszuführen, und
+mit gutem Muth und heute auch wieder frisch gestärkt, begannen sie ihre
+neue Beschäftigung. Lieber Gott, Arbeit waren sie ja von Jugend an
+gewöhnt -- und harte Arbeit dazu -- in Deutschland hatte man ihnen
+ebenfalls nichts geschenkt, und hier sollten sie ja nur schaffen, um
+freie und selbstständige Menschen zu werden. Je früher sie also damit
+begannen, desto rascher lief auch ihre Dienstzeit ab, und wenn sie erst
+einmal für sich selber beginnen konnten, mußte auch das Schwerste
+überstanden sein.
+
+
+
+
+Achtes Capitel.
+
+Der deutsche Consul.
+
+
+So verging Tag nach Tag, ohne daß sich in ihrer sonstigen Lage etwas
+geändert hätte. Regelmäßig wurden sie zur Arbeit gerufen, und regelmäßig
+mit Dunkelwerden wieder nach Hause geschickt, aber eine andere Wohnung
+bekamen sie nicht, und auch weder Tisch noch Stuhl hinein. Behrens
+versuchte noch einmal, mit ihrem Mulatten-Aufseher anzuknüpfen. War er
+aber früher nicht besonders gesprächig gewesen, so wich er jetzt
+besonders jeder Unterhaltung oder Frage entschieden dadurch aus, daß er
+einfach mit der einen Hand schüttelte, als ob er sagen wollte: »Laßt
+mich zufrieden, ich verstehe ja doch nichts von Eurer Sprache.«
+
+Einmal trafen sie den Herrn, gerade Mittags, als sie von ihrer Arbeit
+nach Hause gingen, und Behrens wollte ihm denn auch das mit dem Garten
+begreiflich machen; der aber winkte ihm gleich von vornherein ungeduldig
+ab und zeigte auf seinen Aufseher. Was hatte er mit den deutschen
+Knechten zu unterhandeln. Er wollte nichts von ihnen wissen -- und dabei
+blieb es.
+
+Auch Pölke wurde nicht anderswo einquartiert, obgleich der unruhige
+Gesell der Familie nur zu lästig fiel. Es blieb eben Alles beim Alten
+und die Leute mußten sich zuletzt darein finden. Ja, Behrens begann
+sogar an einem der Sonntage, wo sie in der That nicht zu arbeiten
+brauchten, sich selber Tisch und Stühle herzustellen, denn wenigstens
+den Negern hatte er zuletzt begreiflich gemacht, was er eigentlich
+wolle, und sie führten ihn zu einer kleinen, verfallenen Hütte im Wald
+drinnen, in welcher die eine Wand aus zusammengenagelten Brettern
+bestand. Allerdings schüttelte er hier mit dem Kopf, weil er sich nicht
+getraute etwas davon abzureißen, aber die Schwarzen schienen nicht so
+rücksichtsvoll. Im Nu waren ein paar von den Brettern losgebrochen.
+Säge, Hammer und Nägel führte er selber bei sich, und er konnte doch
+jetzt wenigstens einen Tisch und ein paar Bänke, und später auch sogar
+ein Bettgestell für seine Frau und das Kind herrichten.
+
+Die Arbeit ging indessen fort, Monat nach Monat, -- Zuckerrohr wurde
+gehackt und geschnitten, Baumwolle gepflückt, Kaffee eingesammelt,
+gereinigt und ausgemahlen, Cacao gesammelt und getrocknet, und die
+Männer erhielten nun ihre Hauptbeschäftigung im Wald mit der Axt, da der
+Besitzer der Plantage noch mehr Land urbar machen und besonders seine
+Kaffeepflanzung erweitern wollte. Damit verging ein volles Jahr, und
+wenn Behrens und seine Frau, wie überhaupt die älteren Deutschen, auch
+noch fast so wenig von dem Portugiesischen verstanden, als an dem ersten
+Tag, an welchem sie hier eingerückt, so hatten es die Kinder doch viel
+rascher aufgegriffen, und die Jüngsten besonders waren schon gar nicht
+mehr dazu zu bringen, ein Wort deutsch zu reden. Sie verstanden es
+natürlich, aber fortwährend in Gesellschaft der Schwarzen, eigneten sie
+sich vollständig deren Portugiesisch an und sprachen es genau so
+schlecht, wie diese.
+
+Nur Hannchen, Behrens' älteste Tochter, hatte größere und bessere
+Fortschritte darin gemacht als die Anderen, denn überhaupt ein begabtes
+Kind, war sie auch häufig im Hause von Senhor Almeira und dessen Familie
+verwandt worden, und die Senhora hatte solchen Gefallen an ihr gefunden,
+daß es ihr selber Freude machte, sie dann und wann zu unterrichten.
+Anfangs schien auch Senhor Almeira gar nichts dagegen zu haben, denn es
+lag ihm sogar daran, endlich einmal Jemanden zu bekommen, durch welchen
+ein Verständniß mit den »dickköpfigen« Deutschen möglich wurde. Als sich
+aber die Kinder so gelehrig zeigten und die Jungen schon bald zu
+Dolmetschern verwandt werden konnten, zankte er oft, wenn er das junge
+Mädchen im Haus bei einem Buch oder mit der Feder fand, und schickte sie
+dann jedes Mal zu einer oder der anderen Arbeit.
+
+Dem alten Behrens fraß indessen der Gedanke an seinen ihm vorenthaltenen
+Garten am Herzen. Vor der Arbeit scheute er sich nicht, -- sie war
+schwer, ja, und wurde in der heißen Sonne noch schwerer, und angenehm
+war dabei ebenfalls nicht, daß sie mit den Negern in einem Feld schaffen
+mußten und mit ihnen unter =einer= Aufsicht standen; aber auch das würde
+er willig ertragen haben und ertrug es ja auch, wenn ihm nur sein
+=Recht= nicht dabei verkümmert wäre. Wie deshalb nur die Kinder ein
+klein wenig Portugiesisch verstanden, mußten sie schon fragen, =wann= er
+den Garten bekäme, und fortwährend darauf hinweisen, daß er im
+=Contract= stände, -- aber ohne Erfolg. Der Mulatte nickte und lachte,
+der Herr selber gab gar keine Antwort und es blieb beim Alten.
+
+Weit über ein Jahr waren sie solcher Art schon in ihrer Arbeit gewesen,
+und Behrens' Frau hatte indessen, von ihrem Mann unterstützt, genaues
+Buch über die gelieferte Arbeit gehalten. Ungefähr glaubten sie ihre
+Schuld auch etwa berechnen zu können, denn was die Passage auf dem
+Schiff gekostet, wußten sie ja bei Heller und Pfennig und demnach mußten
+sie das ihnen vorgeschossene Geld, wenn sie wirklich den niedrigsten
+Arbeitssatz für Brasilien annahmen -- und darüber hatte ihnen Herr
+Kollboeker Manches erzählt -- schon bald abgearbeitet haben. Es konnte
+nur noch eine sehr kurze Frist daran fehlen. Sollte er der paar Wochen
+wegen nun noch Streit um einen Garten anfangen? Es war nicht mehr der
+Mühe werth, denn sobald ihre Zeit ablief, gedachte der Mann wieder einen
+neuen Contract mit dem Herrn zu machen, um sich noch etwas baares Geld
+zu verdienen, und dann endlich, wenn sie =noch= etwa ein Jahr so
+gearbeitet hätten, selbstständig zu beginnen.
+
+Brasilien war wirklich ein außerordentlich fruchtbares und reiches Land,
+=darin= hatten die Berichte nicht gelogen, und wer hier arbeiten wollte
+-- und gesund blieb, konnte schon was vor sich bringen. Ein trauriges,
+elendes Leben hatten sie freilich das erste Jahr führen müssen, und
+=daß= sie eben gesund geblieben, konnten sie selber nicht recht
+begreifen. Mit dem zweiten Jahr mußte sich das nun aber auch bessern,
+denn sobald Behrens einmal seine Schuld abverdient, gedachte er sich
+selber ein kleines Häuschen zu bauen und das wohnlicher einzurichten,
+und dazu gab ihm der Herr auch gewiß die Zeit oder er bedung sich
+dieselbe noch besser gleich in dem neuen Contract aus.
+
+So verging wieder ein Monat -- und noch ein Monat, ohne daß sich das
+Geringste in ihrer Lage verändert hätte -- nur die Arbeit war schwerer
+geworden, denn die Männer wurden jetzt fast einzig dazu verwandt, Wald
+urbar zu machen, um neuen Boden zu gewinnen.
+
+Nur einen angenehmen Zwischenfall hatten sie; der junge Pölke, ein
+fauler und nichtsnutziger Gesell, der ihnen viel Kummer bereitet und
+auch ewig Streit und Unfrieden anstiftete, war eines Morgens
+verschwunden. Anfangs glaubten die Deutschen, daß er im Walde vielleicht
+verunglückt sei, bald aber stellte sich heraus, daß er Behrens' besten
+Rock und zwei gute Hemden mitgenommen hatte, und es blieb ihnen jetzt
+kein Zweifel mehr über sein Verschwinden. Er war eben fortgelaufen und
+wenn Senhor Almeira, der sehr zornig darüber schien, auch berittene
+Neger nach verschiedenen Seiten aussandte, um ihn wieder einzufangen,
+ja, Mancal, der Aufseher selber, fortritt und eine volle Woche ausblieb,
+fanden sie keine Spur von ihm. Nach Porto Seguro war er wenigstens nicht
+gekommen, und wenn ihm auf der Flucht kein Unglück zugestoßen, hatte er
+=seinen= Vertrag wenigstens gelöst.
+
+Behrens' Frau jammerte allerdings über das Gestohlene, da sich die
+Wäsche gerade hier im Land so schwer ersetzen ließ; im Grund aber waren
+sie selbst um =diesen= Preis zufrieden, ihn los geworden zu sein, und
+nach vierzehn Tagen wurde gar nicht mehr von ihm gesprochen.
+
+Aber nahm ihr Contract denn gar kein Ende? -- Zur Arbeit wurden sie
+täglich gerufen, aber nie ein Wort davon gesagt, =wann= ihre Zeit
+eigentlich abgelaufen sei, und Hannchen bekam jetzt den Auftrag, ihren
+Herrn zu fragen, wie sie mit ihrem Lohn ständen. Sie erhielt jedoch nur
+eine ausweichende Antwort und scheute sich die Sache zu drängen. Und
+noch ein Monat verging, und jetzt wurde der alte Behrens -- etwas sehr
+Seltenes bei einem Deutschen -- ungeduldig.
+
+Wieder mußte Hannchen fragen und sollte sich jetzt an die Frau wenden,
+die immer gut und freundlich gegen sie gewesen; aber die Frau des
+Pflanzers wagte nicht sich in dessen Angelegenheiten zu mischen, -- er
+war nicht gut mit ihr, wie Hannchen daheim erzählte, er schalt oft und
+zankte und behandelte sie rauh, -- die Frau kränkelte auch und fürchtete
+jede Aufregung.
+
+Da faßte sich Behrens eines Sonntags ein Herz, und mit seinem ältesten
+Jungen Fürchtegott, der die Landessprache jetzt vollkommen gut verstand,
+ging er selber zum Herrenhaus hinüber, um die Sache ins Reine zu
+bringen. Der Herr wollte ihn allerdings nicht vorlassen, er habe keine
+Zeit, wie er ihm durch eine Negerin heraussagen ließ. Behrens aber,
+einmal zu dem Entschluß gekommen, war nicht so leicht wieder davon
+abzubringen. Er ließ noch einmal hinein sagen, er =müsse= den Herrn
+sprechen, denn er habe ihm etwas Wichtiges mitzutheilen, und
+verdrießlich willfahrtete dieser endlich dem Arbeiter.
+
+Fürchtegott war indessen vorher genau von seinem Vater instruirt worden,
+was er zu sagen hatte, und selber ein ziemlich anstelliger Junge,
+brachte er das auch richtig und ordentlich heraus. Das Gesicht des
+Senhor Almeira aber, das schon bei ihrem Eintritt finster genug
+ausgesehen hatte, wurde bei der Anrede nicht freundlicher, und als der
+junge Bursche geendet hatte, sagte er, während sich seine Stirn in
+düstere Falten legte:
+
+»Und weiß Dein Vater auch, welche Summe ich für ihn und Euch Alle
+ausgelegt habe, daß er jetzt schon, wo er kaum ein Jahr oder etwas
+darüber in meinen Diensten ist, davon spricht, sie abgetragen zu haben?
+Weiß er, was für ein Risico ich gehabt habe, als ich Euch Alle aus Eurem
+Lande herauskommen ließ, wo Ihr das Brod kaum hattet zum Leben? Geht an
+Eure Arbeit und kümmert Euch um nichts weiter; wenn Eure Zeit um ist,
+werde ich's Euch selber wissen lassen.«
+
+»Aber Senhor,« sagte der kleine Bursch, »wir haben ja doch Alle so viel
+geschafft, daß wir schon ein hübsches Stück Geld verdient haben müssen,
+wenn Sie nur ganz geringen Tagelohn annehmen.«
+
+»Tagelohn?« rief aber der Brasilianer, »was habt =Ihr= mit Tagelohn zu
+thun? Euer Contract lautet auf Antheil an dem Verdienst, und die
+Kaffeepreise sind im letzten Jahre so erbärmlich schlecht gewesen, daß
+ich, da uns auch eine ganze Ladung draußen in See verunglückt ist, eher
+Verlust als Nutzen bei der ganzen Ernte gehabt habe. Wer ersetzt mir
+jetzt den? =Ihr= etwa? Wahrscheinlich nicht, und ich werde es schwer
+genug finden, nur das wieder aus Euch herauszubringen, was ich an Euch
+selber verloren.«
+
+»Aber verloren haben Sie doch gewiß nichts an uns, Senhor!«
+
+»Nichts, so? Wohl nicht die ganzen Unkosten, die mir der nichtsnutzige
+Bursch verursacht hat, der noch dazu jetzt weggelaufen ist. Glaubt Ihr,
+daß Ihr das Alles in ein paar Monaten wieder abverdienen könnt?«
+
+»Aber, guter Gott,« rief der Knabe erschreckt aus, während der Vater
+dabei stand und doch nichts von der Rede verstand, »dafür, daß der
+fremde Mensch davon lief, können =wir= doch nicht leiden, und Sie werden
+doch gewiß nicht verlangen, daß wir die vielen, vielen Monate umsonst
+gearbeitet und Schuhe und Kleidung zerrissen haben sollen?«
+
+»Was sagt er?« frug der Mann.
+
+»Und seid Ihr denn etwa schlechter daran, als ich selber?« frug der
+Brasilianer höhnisch. »Wenn =Ihr= nichts verdient, verdiene =ich= denn
+etwas? Laßt mich mit Euren ewigen Quälereien zufrieden, denn ich bin es
+müde, fortwährend gestört zu werden. -- Dieses Jahr wird es auch besser
+gehn,« setzte er dann ruhiger hinzu, »die Kaffeepreise sind gestiegen,
+sag das Deinem Vater, und wenn Ihr fleißig seid, so bringen wir das
+vielleicht in der nächsten Zeit ein, was wir in der letzten verloren
+haben.«
+
+»Was sagt er?« frug Behrens noch einmal.
+
+»Laßt nur sein, Vater,« beruhigte ihn aber Fürchtegott, »ich erzähl es
+Euch Alles nachher, draußen.«
+
+»Und mit dem Garten? -- Er steht im Contract.«
+
+»Ja, Senhor,« begann der Knabe noch einmal, »der Vater hat Sie schon
+lange um ein Stück Land für einen Garten gebeten. Es ist mit ausgemacht
+und steht im Contract.«
+
+»Ich dächte, er hätte draußen gerade genug zu hacken und zu graben,«
+erwiderte mürrisch der Pflanzer, »aber ich will sehen, -- er kann ein
+Stück Land bekommen, -- wenn ich einmal Zeit habe, werde ich ihm einen
+Platz aussuchen. Und nun geht, -- Ihr wißt jetzt, was Ihr wissen
+wolltet, -- ich habe zu thun,« und damit wandte er sich ab und verließ
+selber das Zimmer, so daß den beiden Leuten nichts Anderes übrig blieb
+als seinem Beispiel zu folgen.
+
+Draußen erzählte Fürchtegott dem Vater, was ihm der Brasilianer da
+drinnen gesagt, und daß sie ihre Arbeit gar nicht nach Tagelohn rechnen
+dürften, sondern, ihrem eigenen Contract nach, auf Theilung angewiesen
+wären, im vorigen ganzen Jahre aber gar =nichts= verdient hätten, und
+der Mann schlug vor Entsetzen die Hände zusammen, denn von diesem
+Augenblick zuerst an sah er kein Ende ihres Contractes ab.
+
+Er ging in die elende Hütte, die schon die lange Zeit seine Heimath
+bildete, setzte sich auf eine Bank, stützte das Gesicht in seine Hände
+und weinte bitterlich, und die arme Frau vermochte nicht einmal ihn zu
+trösten.
+
+Was nun? =Wie= hatten sie hier gearbeitet, unverdrossen, von Morgens an
+bis in die späte Nacht, und dabei nichts, gar nichts gehabt, was ihnen
+auch nur die geringste Erholung oder eine Freude bieten konnte. Dieser
+abgeschiedene Punkt der Erde war ihre ganze Welt gewesen; mit ihrem
+sauren Schweiß hatten sie den Boden gedüngt, und nun Alles, Alles
+umsonst, -- um nichts weiter, als daß ihnen ihr =Herr= sagte, sie hätten
+nichts, gar nichts verdient, und müßten von vorn wieder anfangen. Und
+wenn er ihnen nun im nächsten Jahre die nämliche Antwort gab? Wenn er
+sie auf ein drittes Jahr vertröstete?
+
+»Den Garten sollt Ihr haben, Vater,« flüsterte da Fürchtegott, um ihn
+wenigstens in etwas zu beruhigen, »er hat's mir versprochen, er will
+Euch selber den Platz dazu aussuchen.«
+
+Der Mann nickte nur schweigend und trostlos mit dem Kopf, und jetzt --
+jetzt erst, und wie lange zu spät, fühlte er, daß der Doctor daheim mit
+jedem -- oh, mit jedem schweren Wort, das er ihm gesagt und ihn gewarnt
+hatte, Recht -- furchtbar Recht gehabt.
+
+Was wußte er selber denn von der Welt? Er, ein armer und unwissender
+Mann, aber ehrlich und brav und keinem Menschen etwas Schlechtes
+zutrauend, weil er selber dessen unfähig gewesen; war es da so schwer
+gewesen ihn zu betrügen? -- und wie hatte ihm der Agent, der doch seiner
+Meinung nach die Verhältnisse hier genau kennen =mußte=, wenn er so
+viele Leute hier herüberschickte -- er wäre ja sonst ein ganz
+gewissenloser Lump gewesen -- wie hatte =der= ihm zugeredet, hierher zu
+gehen und sein Glück zu machen. Und was war es das er hier gefunden?
+=Verkauft= wurden sie, wie sie nur das Land betraten, öffentlich
+verkauft, wie eine Heerde Schlachtvieh, den Meistbietenden zugeschlagen,
+dann -- genau so, wie gekauftes Vieh -- zu Fuß in die heißen Berge
+getrieben, und nun? -- nun waren sie Sclaven, wie die anderen Sclaven
+auch, und deshalb -- deshalb mußten sie die alte, liebe Heimath, das
+Grab ihrer Eltern, die Stätte ihrer Jugend verlassen?
+
+Wie trüb -- wie entsetzlich trüb verging ihnen der Sonntag, und als die
+Frau das Essen aufsetzte -- denn schon seit längerer Zeit bekamen sie
+nur Fleisch, Bohnen und Maniokmehl geliefert und mußten sich selber ihre
+Mahlzeiten kochen -- mochte Keiner von ihnen auch nur einen Bissen davon
+anrühren. Aber was konnten sie thun? bei wem sich über ihr geschehenes
+Unrecht beklagen? Sie waren allein zwischen den fremden Menschen und
+mußten ertragen, was über sie verhängt wurde; einen anderen Ausweg gab
+es für sie nicht.
+
+Am nächsten Morgen begannen die Arbeiten von neuem, -- Monate lang, ohne
+daß die geringste Veränderung in ihrer Lage eingetreten wäre. Der andere
+Deutsche war allerdings einmal mit einem großen Transport Kaffee in
+Porto Seguro gewesen, und hatte dort einen deutschen Kaufmann getroffen,
+der sich da kürzlich niedergelassen. Da er zwei Tage im Hafen blieb,
+veranlaßte er auch denselben, bei dem dortigen Präfecten eine Klage
+gegen ihren Herrn anzubringen, hatte aber nichts damit ausgerichtet. Die
+Antwort lautete, daß die in Deutschland abgeschlossenen Contracte hier
+ihre Gültigkeit hätten; wäre etwas darin, das ihnen nicht gefiele, so
+sei das ihre eigene Schuld, warum hätten sie dieselben unterschrieben;
+sie wären von keinem Brasilianer je dazu gezwungen worden.
+
+Auch den Garten bekam Behrens nicht, ob es der Herr gleich versprochen
+hatte; er erinnerte noch ein paar Mal daran, wurde aber immer auf die
+»nächste Woche« vertröstet, und die nächste Woche wollte nie erscheinen.
+Da kam eines Tages Hannchen nach Haus und berichtete, es sei von Porto
+Seguro ein deutscher Consul eingetroffen, der hier hergekommen wäre, um
+sich nach den Verhältnissen der deutschen Colonisten zu erkundigen, und
+jetzt zum ersten Mal brach ein Hoffnungsstrahl in die Nacht der Armen,
+denn =der= Herr war von den deutschen Regierungen beauftragt worden,
+sich seiner Landsleute anzunehmen, und der mußte und würde ihnen helfen.
+
+Eine andere Trauernachricht brachte aber auch Hannchen mit, denn Senhora
+Almeira war recht schwer erkrankt und sie konnte auch nur wenige Minuten
+bei den Ihrigen bleiben, weil sie zurück mußte, um die Leidende zu
+pflegen. Sie war in der That nur auf einen Sprung aus dem Herrenhaus
+fortgelaufen, um den Eltern anzuzeigen, wer der eben gekommene Fremde
+wäre, damit sie sich vorbereiten könnten mit ihm zu sprechen.
+
+Ein deutscher Consul! Endlich -- endlich, jubelten die armen Leute. Sie
+hatten sich schon von den deutschen Regierungen vollständig verlassen
+und aufgegeben geglaubt, und ihnen doch jetzt so großes Unrecht damit
+gethan. Jetzt kam wirklich ein Beamter derselben hier in das fremde
+Land, um zu sehen, daß die armen Leute nicht ungerecht behandelt würden,
+-- das war brav und gut, und Behrens ihnen recht von Herzen dankbar
+dafür.
+
+An diesem Tage ließ der deutsche Consul sich freilich noch nicht bei den
+Auswanderern blicken, und sie wohnten doch eigentlich so dicht bei dem
+Herrenhaus -- kaum etwa hundert fünfzig Schritt davon entfernt -- aber
+freilich hatte er auch wohl viel mit Senhor Almeira zu sprechen, denn
+solche Herren haben immer sehr viel zu thun und müssen sich nach Allem
+ganz genau erkundigen, damit sie recht ausführliche Berichte abstatten
+können: morgen kam er gewiß, denn so viele Deutsche waren ja doch nicht
+auf der Plantage, -- aber am nächsten Tag kam er auch noch nicht.
+Fürchtegott mußte sich erkundigen, ob er vielleicht am Ende gar wieder
+abgereist wäre, =ohne= sie zu sprechen, das war aber nicht der Fall. Die
+Herren sollten nur über Land geritten sein, um eine andere Hacienda zu
+besuchen, und hatten dabei einige Neger und Gewehre mitgenommen, --
+möglich, daß sie auch unterwegs jagen wollten.
+
+Am dritten Tag kamen sie endlich zurück, müde von dem langen,
+beschwerlichen Ritt, und schliefen bis zum Diner, nach welchem natürlich
+keine Rede mehr von Geschäften sein konnte. Endlich brach der =vierte=
+Tag an, ein Sonntag, und Morgens um acht Uhr schon, noch in der Kühle
+des Tages, da die Sonne noch keine Zeit bekommen auf die Erde
+niederzubrennen, sahen sie die drei Herren den Weg her, der vom
+Herrenhaus zu ihnen führte, auf ihren =Pferden= angeritten kommen. Die
+Entfernung war allerdings sehr gering, und wie gesagt, kaum
+hundertfünfzig Schritte, aber in diesem Clima geht ein =Weißer= nicht
+gern auch nur die kleinste Strecke zu Fuß, weil man jede Anstrengung
+fürchtet. =Arbeiter= machten natürlich davon eine Ausnahme, denn
+Anstrengung war gerade ihr Beruf, und sogar den eben erst eingetroffenen
+=weißen= Frauen und Kindern hatte man damals zugemuthet, den entsetzlich
+weiten Weg von Porto Seguro bis hier heraus zu Fuß zurückzulegen.
+
+Behrens hatte in der Thür gestanden und sie kommen sehen; aber er trat
+in das Haus zurück, denn er wollte sie nicht da draußen anreden. Der
+deutsche Consul mußte ja doch auch einmal das Innere =dieser= Wohnung in
+Augenschein nehmen, um dann selber beurtheilen zu können, wie man
+deutsche Arbeiter hier in Brasilien behandelt.
+
+Die Reiter kamen näher; jetzt hielten sie dicht vor der Thür, und als
+sich da noch immer Niemand von den Deutschen zeigte, wurde ein Neger
+abgeschickt, um sie herauszurufen. Er mußte melden, daß der Herr die
+Leute zu sprechen wünsche.
+
+Behrens schüttelte mit dem Kopf; er hatte sich den Besuch eines
+deutschen Consuls in den fernen brasilianischen Colonien anders gedacht,
+aber er gehorchte doch dem direct gegebenen Befehl, und trat im bloßen
+Kopf in die Thür, -- der andere Deutsche war gerade nicht zu Haus,
+sondern nach trockenem Holz in das nächste Dickicht gegangen, und Frau
+und Kinder drängten sich neugierig nach.
+
+Draußen vor der Thür hielten die Reiter, Senhor Almeira, ein anderer
+Brasilianer aus Porto Seguro, wie sich später herausstellte, der Beamte
+des Hafens, und der fremde Deutsche, der sie augenblicklich mit einem
+freundlichen: »Guten Tag, ihr Leute, wie geht's?« anredete.
+
+Es war ein noch junger, ziemlich elegant gekleideter Herr, in einem
+leichten, hellen Rock und einen großen, feinen Panamahut auf. Er trug
+eine goldene Brille und viele Ringe an den Fingern, und eine schwere,
+goldene Uhrkette. Er hatte auch ein gutmüthiges Gesicht und blaue Augen,
+und die Anrede allein gewann ihm schon die Herzen; lieber Gott, es waren
+ja die ersten deutschen Laute, die seit langer, langer Zeit zu den Ohren
+der armen Auswanderer drangen, und =der= Mann gerade sollte ihnen
+helfen.
+
+»Ja, wie geht's, Herr,« seufzte Behrens, »was soll man da sagen. Gesund
+sind wir noch bis jetzt, Gott sei Dank, und gearbeitet haben wir
+rechtschaffen, und auch noch gerade keine Noth gelitten.«
+
+»Nun, ich denke,« lächelte der Consul, »dann ließe es sich schon
+aushalten, und Ihr könntet immerhin antworten: =gut!= Ist das Eure
+Familie?«
+
+»Ja, Herr,« erwiderte Behrens, »von dem =gut= ist's aber doch noch ein
+großes Stück weit weg, denn wir haben einen Contract, von dem wir kein
+Ende absehen können, und neulich hat uns der Herr da gesagt, daß wir im
+ganzen vorigen Jahre, trotz unserer schweren Arbeit keinen Pfennig
+verdient hätten, und also noch immer, wie früher, in seiner Schuld
+wären, und das ist doch entsetzlich hart.«
+
+Der Consul erwiderte ihm nichts hierauf, sondern wandte sich an den ihn
+begleitenden Almeira, der ihm achselzuckend Einiges entgegnete, worauf
+der Deutsche langsam mit dem Kopf nickte.
+
+»Eure Nahrung oder Kost habt Ihr doch immer reichlich erhalten?« frug er
+dann weiter.
+
+»Ja, Herr,« sagte Behrens, »sie sollen uns auch wohl noch hungern
+lassen?«
+
+»Und überarbeiten werdet Ihr Euch nicht?«
+
+»Überarbeitet? man überarbeitet kein Pferd den einen Tag, wenn man es am
+nächsten wieder brauchen will -- übrigens können wir's ertragen. Aber ein
+Ende möchten wir doch wissen, wann wir je mit unserm Contract zu Ende
+kommen, denn auf die Art ist keins abzusehen, und wir sind am Ende gar
+auf Lebenszeit verkauft.«
+
+»Aber, Leute, =verkauft= hat Euch Niemand,« sagte der Consul; »es war
+doch Euer freier Wille, als Ihr den Contract unterschriebt und auf ein
+Schiff gingt.«
+
+»Das schon,« sagte Behrens bitter, »aber wir wußten damals freilich
+nicht, daß wir hier wie eine Heerde Schaafe auf offenem Markte
+ausgeboten und verauctionirt werden sollten.«
+
+»Verauctionirt?«
+
+»Ja wohl, Herr Consul; fragen sie die Andern, und im Hafen sind auch
+noch eine ganze Menge, die Ihnen das bezeugen können.«
+
+»Hm,« sagte der Consul, »das -- das hat vielleicht nur so schlimm
+ausgesehen; aber ich werde mich darnach erkundigen. Habt Ihr Euch über
+sonst noch etwas zu beklagen?«
+
+»=Sonst noch etwas?=« sagte Behrens, über diese Ruhe und
+Gleichgültigkeit erstaunt; »aber ich dächte, =das= wäre schon genug,
+wenn man unter den fremden Menschen für Nichts arbeiten soll, und noch
+nicht einmal die Aussicht hat, etwas zu bekommen. Doch das nicht allein;
+in unserm Contracte steht, daß ich ein Stück Land zu einem Garten soll
+angewiesen bekommen, und der Herr hat's mir auch schon versprochen; aber
+gekriegt haben wir's nicht, und werden's auch nicht kriegen, wenn Sie
+sich nicht der Sache annehmen und uns zu unserem Recht verhelfen.«
+
+»Ich werde mir den Contract zeigen lassen,« sagte der Consul.
+
+»Und dann,« fuhr Behrens fort, »=wie= wohnen wir hier? Wenn sie nur
+einmal von ihrem Pferd heruntersteigen wollten, Herr Consul, und sich
+den Platz ansehen -- bei uns daheim haben ihn die Kühe genau so, und wie
+die Neger wohnen, die nie ein anderes Leben gesehen haben, so sind wir
+auch einquartiert, wobei es nur ein reines Wunder ist, daß wir noch
+nicht Alle krank geworden.«
+
+»Aber das Dach scheint doch dicht zu sein,« sagte der deutsche Herr,
+indem er einen Blick über das Gebäude warf, ohne jedoch der Einladung
+Folge zu leisten und näher zu treten.
+
+»Dicht ist's,« sagte jetzt die Frau hinter ihres Mannes Schulter vor;
+»nur an der einen Ecke schlägt der Regen etwas herein; aber sonst
+gehören keine Menschen hinein, das weiß Gott -- aber Gott weiß hier
+eigentlich überhaupt nichts mehr von uns, denn in eine Kirche sind wir
+nicht mehr gekommen seit dem letzten Mal daheim, und wenn einer von uns
+krank wird, so fragt auch kein Arzt nach uns, und wenn wir sterben --
+nun so kommen wir wohl auch in so ein Loch, wie das ist, wo hinein sie
+die Neger werfen.«
+
+»Ihr guten Leute,« sagte der Consul, indem er auf seinem Sattel
+umherrückte, »Ihr scheint mir über Alles unzufrieden zu sein. Daß Ihr
+mitten im brasilianischen Urwald in keine Kirche gehen konntet, mußtet
+Ihr doch vorher gewußt haben. Macht nur Eurem Herrn das Leben nicht zu
+schwer.«
+
+»Ja, =wir= machen's ihm schwer,« lachte der Mann bitter vor sich hin,
+»der hat sich zu beklagen. Sogar dafür, daß der Junge, der Pölke, ihm
+weggelaufen ist, wollte er uns verantwortlich machen, und dem seine
+Rechnung auf =unsere= Kosten ausgleichen -- aber da müßte ja doch keine
+Gerechtigkeit mehr auf der Welt sein, und das wollten wir einmal sehen.«
+
+»Ihr dürft keinen Streit hier anfangen, Leute,« wehrte aber der Consul
+ab, »das kann Eure Lage nur verschlimmern -- ich will mit Senhor Almeira
+über all Eure Verhältnisse sprechen. Er ist ein sehr braver, billig
+denkender Mann; er wird sein Möglichstes thun, um Euch gerecht zu
+werden; verlaßt Euch darauf und fahrt nur ruhig und unverdrossen in
+Eurer Arbeit fort, ohne den Herrn durch Widersetzlichkeit zu reizen.«
+
+»Ja wohl, Herr Consul,« sagte Behrens bitter -- »ungefähr sowie ich's
+mir gedacht habe -- es bleibt eben Alles beim Alten.«
+
+»Das wollen wir erst sehen,« sagte der Consul, indem er sein Pferd
+wandte -- »ich werde mir Euren Contract vorlegen lassen und selber
+nachsehn. Ich bringe Euch dann noch Antwort, ehe ich gehe,« und zu den
+beiden Brasilianern hinüber reitend, die sich indessen mit einander
+unterhalten hatten, sprengten die drei Herren wieder zum Haus zurück, wo
+indessen, auf der schattigen Veranda, das Frühstück war servirt worden.
+
+»Nun, Senhor,« lachte Almeira, als sie den Platz verließen, »haben sie
+Ihnen die Ohren recht voll geklagt?«
+
+»Lieber Gott,« erwiederte der Consul, »ich bin schon daran gewöhnt. Die
+Leute sind nie zufrieden, wohin man sie auch bringt, weil sie mit zu
+großen Hoffnungen herüber kommen. Übrigens lassen sie sich leicht
+behandeln und mit ein wenig Nachsicht werden Sie gewiß mit ihnen fertig
+werden. Sie arbeiten doch fleißig?«
+
+»Ich will mich darüber nicht beklagen,« sagte der Brasilianer
+gleichgültig, »wenn mir auch =ein= Neger gerade so viel fertig bringt,
+wie zwei Deutsche; wenigstens sind sie zuverlässig, und was die
+Hauptsache ist, trinken nicht.«
+
+»Dürfte ich Sie nachher wohl einmal um den Contract bitten?«
+
+»Ja wohl, mit dem größten Vergnügen, -- aber jetzt lassen wir die
+langweilige Gesellschaft, denn ich sehe, daß unser Frühstück bereit
+ist.«
+
+In der luftigen Veranda des Hauses saßen die drei Herren allein bei
+allen Delicatessen, die das reiche Land erzeugte, lachten, plauderten
+und tranken den gekühlten Wein dazu. Drinnen in der elenden Negerhütte,
+den Kopf in beide Hände gestützt, saß Behrens, der deutsche Arbeiter,
+und stierte still und schweigend vor sich nieder, während Keines der
+Seinen auch nur ein Wort zu ihm zu reden wagte -- hatte man ihnen doch
+eben auch ihre =letzte= Hoffnung genommen.
+
+Wie rasch der Herr Consul übrigens seine Inspectionen beendet, sollten
+sie schon am nächsten Mittag erfahren, wo Hannchen die Nachricht nach
+Hause brachte, daß der Deutsche mit Tagesgrauen den Platz verlassen
+habe, um in der Kühle einen Theil des Weges nach dem Hafen zurück zu
+legen. Aber in etwas schien er trotzdem für die Deutschen gewirkt zu
+haben, denn Mancal, der Mulatte, betrat bald darauf ebenfalls die Hütte,
+und theilte Behrens mit, er werde ihm heute Abend einen Gartenplatz
+anweisen, den er für sich benutzen und darauf bauen könne was er wolle.
+Es war ein einziger Lichtblick in ihr trauriges Dasein.
+
+Und welchen Platz wies ihm der Gelbe an? -- ein Stück Wald neben der
+nächsten Kaffeepflanzung, etwa tausend Schritt von ihrer Hütte entfernt,
+und noch mit vielen hohen Bäumen bestanden. Wie mußte er da erst
+arbeiten, ehe er nur daran denken konnte den Boden zu benutzen. Doch
+murrte er nicht; er war selbst für das Wenige dankbar, und da ihm der
+Aufseher sagte, daß er sich da ausbreiten könne soweit er wolle, ging er
+mit seinen Kindern schon am nächsten Sonntag an die Arbeit, um das
+Ausroden zu beginnen.
+
+
+
+
+Neuntes Capitel.
+
+Die Folgen des Contracts.
+
+
+Von da an gab es keine Sonntage mehr für die Familie, denn jeder freie
+Augenblick mußte benutzt werden, um ihren »Garten« in Stand zu setzen,
+und da sie Alle mit größtem Eifer angriffen, ja die nächste Familie
+ebenfalls dazugezogen wurde, um den Platz nachher gemeinschaftlich zu
+benutzen, rückten sie auch rasch vorwärts.
+
+In zwei Monaten hatten sie schon die Bäume, die nothwendig gefällt
+werden mußten, umgeworfen und aus dem Weg gerollt, kleine Fruchtbäume
+konnten jetzt schon gepflanzt und der Boden hergerichtet werden, und
+noch zwei Monate, und ihr heiß ersehntes Ziel war endlich erreicht, --
+der Gartenplatz wenigstens fertig und wurde nun besäet und besteckt.
+
+Die gewöhnliche Arbeit ging indessen fort, wieder ein ganzes Jahr, --
+aber die Frau fing an zu kränkeln, -- das feuchte und doch so heiße
+Klima sagte ihr nicht zu, und sie wurde häufig von Fiebern heimgesucht,
+-- auch das jüngste Kind wollte sich nicht recht kräftigen und machte
+ihnen viele Sorge.
+
+Schweres Unglück hatte aber auch in diesem Jahr das Herrenhaus
+betroffen, denn Senhora Almeira war gestorben und von all ihren Sclaven
+und Dienern auf das Aufrichtigste beweint worden, -- nur nicht von ihrem
+Gatten, der sich die letzte Zeit fast gar nicht um sie gekümmert, und
+ihre Pflege allein der jungen Deutschen und einer alten, treuen Negerin
+überlassen hatte.
+
+Hannchen führte indessen drüben die Wirthschaft im Hause, und zwei
+Monate etwa schien das gut zu gehen, -- da kam sie eines Mittags zu ihren
+Eltern mit verweinten Augen herüber, und erklärte, daß sie das
+Herrenhaus nicht wieder betreten würde.
+
+Die Eltern frugen nicht weshalb, und als Mancal an dem Nachmittag
+herunter kam und sie wieder zu ihrem bisher besorgten Dienst schicken
+wollte, wies sie ihn mit so zornigen Worten ab und erklärte so bestimmt,
+nie wieder anders, als in Gemeinschaft mit ihren Eltern und Geschwistern
+zu arbeiten, daß er ordentlich scheu vor dem indessen hoch
+aufgeschossenen, bildschönen Mädchen zurücktrat und sie in der Hütte
+ließ. Von da ab wurde sie nie wieder in das Herrenhaus gerufen.
+
+Senhor Almeira verließ am nächsten Tag seine Pflanzung. Sie sahen ihn
+nach dem Hafen zu reiten, und glaubten, daß er nur einen seiner
+gewöhnlichen Besuche dort abstatte, aber er kam nicht zurück. Woche nach
+Woche verging, Monat nach Monat, und er ließ sich nicht wieder da
+draußen sehen. Aber die Arbeit ging fort und Behrens, der indessen doch
+auch ein wenig Portugiesisch gelernt hatte, verlangte von ihrem Aufseher
+zu erfahren, wie ihre Rechnung stand. Dieser freilich zuckte die
+Achseln, und meinte, davon wisse er gar nichts. Sein Herr sei mit dem
+Dampfer nach Rio Janeiro gefahren und habe ihm nur den Befehl
+hinterlassen, die Arbeiten bis zu seiner Rückkunft in der gewöhnlichen
+Art fortzuführen. Er könne aber kaum mehr lange ausbleiben, und dann
+möge er mit ihm selber sprechen, -- bis dahin müßten sie sich gedulden.
+
+Die Frau wurde indessen kränker, und Behrens verlangte einen Arzt.
+Mancal versprach ihm, nach der Stadt zu schicken, und am nächsten Tag
+ging auch ein Zug mit einigen vierzig Maulthieren dorthin ab, um den
+vorräthigen Kaffee nach dem Hafenplatz zu senden, -- aber es dauerte
+viele Tage, bis diese dort eintrafen, und als der Doctor endlich
+wirklich ankam, fand er Jammer und Thränen in der Hütte, aber keinen
+Patienten mehr.
+
+Das Kind war zuerst gestorben und die Mutter, deren Zustand der
+furchtbare Schmerz nur noch verschlimmerte, ihm bald gefolgt.
+
+Und wieder vergingen Monate -- Monate voll schwerer Arbeit, als Senhor
+Almeira eines Tages -- so plötzlich, wie er gegangen, auf sein Gut
+zurückkehrte und eine neue Frau, eine junge Französin, mitbrachte.
+Begleitet war er dabei von einer ganzen Gesellschaft von Herren und
+Damen aus Porto Seguro, und die Festlichkeiten nahmen kein Ende. Die
+Deutschen wollten jetzt mit ihm sprechen, aber wo hätte er Zeit gehabt
+sie anzuhören; sie wurden auf später vertröstet, und er ließ ihnen nur
+sagen, sie sollten sich beruhigen, ihre Zeit sei noch nicht um -- wenn
+sie es wäre, würde er es ihnen selber mittheilen.
+
+Die Deutschen weigerten sich jetzt zu arbeiten, aber sie verschlimmerten
+nur dadurch ihren Zustand, denn Mancal drohte die Neger gegen sie zu
+bewaffnen und Militär aus der Stadt holen zu lassen; dazu wurde das
+frische Fleisch und Mehl zurückgehalten und die wenigen Menschen fühlten
+wohl, daß sie hier nichts mit =Gewalt= ausrichten konnten. Sie waren
+auch schon geistig wie körperlich so gebrochen, daß sie nicht wagten, es
+auf das Schlimmste ankommen zu lassen.
+
+Senhor Almeira verkehrte von da an nie wieder selber mit ihnen, oder
+erwiderte nur selbst ihren Gruß, wenn sie ihm begegneten, und seine
+junge Frau dachte nur an Putz und Festlichkeiten. Sie waren auch nur
+selten zu Hause, denn das Leben auf der abgeschiedenen Hacienda mochte
+ihr wohl, als sie der Besuch verlassen, zu einsam sein. Bald ritten sie
+da, bald dort hin und dann kamen große Sendungen aus dem Hafen, ganze
+Maulthierzüge mit neuen Meublen, Tapeten, Geschirren und anderen Dingen,
+um die stille Pflanzerwohnung in einen Palast zu verwandeln.
+
+Behrens der jetzt wohl fühlte wie sie mit ihrem Herrn standen, dachte
+auf Flucht -- aber er hätte doch nicht mit seiner ganzen Familie
+entfliehen können, und sollte er allein fliehen, um in der Hauptstadt
+des Landes Schutz und Recht bei seinen Landsleuten zu suchen, wie wäre
+es indessen den Seinen ergangen, und wie durfte er selber hoffen, ohne
+die geringsten Mittel die ferne Stadt zu erreichen? Es wäre ein
+verzweifeltes und völlig nutzloses Unternehmen gewesen.
+
+So vergingen wieder anderthalb Jahr, in denen die Verschwendung des
+Brasilianers den höchsten Grad erreichte. Trotzdem gab ihnen sein
+Aufseher -- denn er selbst ließ keinen der Deutschen mehr vor sich --
+nur immer auf alle Fragen die eine Antwort: Die Kaffeeernte habe nicht
+die erhofften Preise gebracht, und sie müßten sich noch gedulden.
+Allerdings klagte der andere Deutsche, der noch manchmal mit Transporten
+in den Hafen geschickt wurde, dem dortigen Kaufmann jedes Mal ihr Leid,
+aber auch der war nicht im Stande etwas für sie auszurichten, und sie
+sahen in der That ihres Jammers kein Ende.
+
+Da geschah das Äußerste, was Behrens bis jetzt für möglich gehalten,
+denn der Mulatte kam eines Morgens zu ihm und kündigte ihm an, daß sein
+Garten, dem sie jetzt Jahre lang jeden Sonntag geopfert, nothwendig zu
+der Kaffeeplantage geschlagen werden müsse, an welche er stieß. Die
+Deutschen sollten aber dafür ein ebenso großes Stück Land dicht daneben
+angewiesen bekommen, um sich einen anderen herzustellen.
+
+Behrens lief jetzt, wahrhaft außer sich, nach dem Herrenhause hinüber,
+und wäre in =diesem= Augenblick vielleicht zu Allem fähig gewesen. Herr
+und Madame aber waren den Morgen fortgeritten und wurden auch vor acht
+Tagen nicht zurück erwartet, und schon am nächsten Morgen stellte der
+Mulatte seine Neger an, um die als Umzäunung dienenden Hölzer
+fortzuschaffen, welche zwischen dem Garten und dem Cafezal lagen, und
+junge Kaffeebäume dicht neben einander dort einzupflanzen.
+
+Als Behrens an dem Tag nach Hause zurück kam, ergriff ihn ein hitziges
+Fieber, das ihn Wochenlang an sein Lager gefesselt hielt. Er phantasirte
+dabei und fing ein paar Mal an so zu rasen, daß ein paar Negerburschen
+zu Hülfe gerufen werden mußten, um ihn nur zu bändigen. Endlich, nach
+einer der schlimmsten Nächte dieser Art, verhielt er sich ruhig, -- es
+war die Krisis gewesen, und als ihn der Arzt, der jetzt öfter, der
+jungen Frau wegen, auf die Hacienda kam und oft eine ganze Woche dort
+blieb, wieder besuchte, erklärte er ihn außer Gefahr und verordnete nur
+noch gute Pflege.
+
+Behrens erholte sich in der That rasch, nur matt war sein Körper noch,
+und er hatte mit den Übrigen noch nicht wieder an die Arbeit gedurft. So
+saß er eines Tages bleich, abgemagert und zusammengebrochen, die Stirn
+mit einem Tuch umwunden, vor der Thür seiner Hütte im Schatten, und sog,
+seinen trüben und düsteren Gedanken nachhängend, an einer Apfelsine, als
+Pferdegetrappel laut wurde und ein einzelner Reiter den Weg
+herabsprengte, der auf das Herrenhaus zuführte. Als er den Mann dort vor
+der Hütte sitzen fand, zügelte er sein Pferd ein und frug, ob Senhor
+Almeira zu Hause sei.
+
+»Ich weiß es nicht, Herr,« sagte der Deutsche in sehr gebrochenem
+Portugiesisch, »wir erfahren hier nichts davon.«
+
+Der Fremde betrachtete ihn aufmerksam eine kleine Weile und sagte dann
+plötzlich in deutscher Sprache: »Seid Ihr etwa Einer von den deutschen
+Parcerie-Arbeitern auf der Hacienda?«
+
+»Leider, Herr,« erwiderte Behrens, den nicht einmal die deutsche Sprache
+aus seiner Apathie aufrütteln konnte. Was lag auch daran, es war
+vielleicht wieder ein Consul, und was ihnen der vorige genützt, hatten
+sie erfahren.
+
+»Leider?« frug der Fremde, blieb aber nicht auf dem Pferd sitzen,
+sondern stieg ab, hing den Zügel seines Thieres über den nächsten
+Baumzweig, und trat näher zu dem Deutschen. »Ihr seid krank, Freund?«
+
+»Ich =war= krank, Herr; jetzt geht es, Gott sei Dank, etwas besser, bin
+aber doch noch zu schwach zum Arbeiten und deshalb hier allein in der
+Hütte zurückgeblieben.«
+
+»Ist das Eure Wohnung?«
+
+»Ja, Herr.«
+
+»Und wie lange haust Ihr jetzt schon etwa hier?«
+
+»Es wird nahe an die sechs Jahre gehen.«
+
+»Sechs Jahre? Das ist eine lange Zeit. Und habt Ihr Euch indessen was
+Ordentliches verdient?«
+
+»Verdient?« frug der Mann, und ein eigenes, trübes Lächeln zuckte um
+seine Lippen, »wenn wir nicht noch in =Schulden= wären, brauchten wir
+wenigstens nicht länger unter einem Mulattenaufseher zu arbeiten, wie
+die anderen Sclaven auch.«
+
+»So?« sagte der Mann, und sah ihn rasch und aufmerksam an, »und habt Ihr
+fleißig gearbeitet in der Zeit?«
+
+»Wie wir's von daheim gewohnt waren, Herr, -- wir haben als
+rechtschaffene Leute unsere Pflicht gethan. Der einzige Fehler war nur,
+daß ich meinen Namen unter eine Schrift auf ein Stück Papier setzte. Ich
+wußte wohl, was drin stand, aber doch nicht so recht, die Sache hatte
+einen kleinen Haken, und was mir gute Menschen darüber sagten, glaubte
+ich nicht, -- oder doch wenigstens nicht, daß andere Menschen so
+=schlecht= sein könnten. Mit meinem Namenschreiben habe ich damals mich
+und meine Familie für ewige Zeit verkauft, -- verauctionirt wurden wir
+auch gleich, so wie wir nur nach Brasilien herkamen.«
+
+»So?« sagte der Fremde wieder und sah dabei still vor sich nieder, »und
+habt Ihr vielleicht das Papier oder eine Abschrift davon bei der Hand,
+auf daß Ihr Euren Namen gesetzt?«
+
+»Nein, Herr, das Papier haben sie uns abgenommen; es war auch eigentlich
+nicht für uns, sondern für den =Käufer=; aber mein Name steht richtig
+darauf und jetzt ist an der Sache nichts mehr zu thun, wie sie mir es
+auch in Deutschland vorhergesagt. Wir =sind= einmal verkauft und bleiben
+verkauft.«
+
+Der Deutsche schwieg; er hatte sich neben Behrens -- sehr zu dessen
+Verwunderung -- auf die Bank gesetzt und sah still vor sich nieder,
+endlich frug er: »Wie viel seid Ihr Eurer?«
+
+»Nun,« sagte der Mann, »ein Paar wenigstens haben's schon hinter sich.
+Jetzt sind wir noch unser Fünf.«
+
+»Ist Jemand von Euch gestorben?«
+
+»Nur die Mutter der Kinder, Herr, -- es hat nicht viel zu bedeuten,«
+lachte Behrens bitter vor sich hin, »und dann das Jüngste, -- war ein
+kleiner, lieber herziger Kerl und unser Aller Freude, -- jetzt ist ihm
+wohl; er hat's überstanden, und wir -- werden's ja mit Gottes Hülfe auch
+einmal überstehen.«
+
+Der Fremde sprang von seinem Sitz auf und ging ein paar Mal mit raschen
+Schritten vor dem Mann auf und ab.
+
+»Und hat Niemand in der ganzen langen Zeit nach Euch gesehen?« sagte er
+nach einer Weile.
+
+»O ja, doch,« lautete die Antwort, »es war einmal ein deutscher Consul
+hier, sind aber schon viele Jahre her, ein sehr vornehmer Herr; dort an
+derselben Stelle, wo Sie Ihr Pferd angebunden haben, da hielt er, und
+wir durften wohl eine halbe Stunde mit ihm sprechen. Nachher habe ich
+freilich nichts weiter von ihm gesehen; er hatte wohl viel zu thun und
+konnte sich nicht so lange um solche arme Teufel bekümmern.«
+
+»Er stieg gar nicht vom Pferde?«
+
+»O ja, doch, -- oben beim Haus, und da haben sie mitsammen gegessen und
+getrunken.«
+
+»So? Ja, lieber Freund,« sagte der Fremde, »dann will ich nur auch
+einmal zum Haus hinaufreiten, -- aber ich komme wieder,« setzte er
+hinzu, als er den schmerzlichen Blick bemerkte, den der Mann ihm zuwarf,
+und damit trat er zu seinem Pferde, warf den Zügel ab und sprengte zum
+Haus hinauf.
+
+»Das hat der Andere auch gesagt,« nickte Behrens vor sich hin, »ich
+komme wieder, -- ich glaube, es waren genau dieselben Worte, aber er
+soll heute noch wieder kommen. Ja, wenn ich nur an dem unglückseligen
+Tag nicht meinen Namen unterschrieben hätte.«
+
+Es dauerte aber in der That nur wenige Minuten, als er das Pferd schon
+wieder hörte. Es war der Fremde, der aus dem Sattel sprang und dabei
+ausrief: »Das ist eigentlich schneller gegangen als ich dachte, aber
+vielleicht auch besser so. Euer Herr ist nicht zu Haus, -- er ist einmal
+hinaus zu seinen Arbeitern geritten und unter der Zeit können wir
+mitsammen plaudern: Übrigens habe ich hier in meiner Satteltasche noch
+eine halbe Flasche Wein, -- ein Glas Wein, sollte ich meinen, müßte Euch
+gut thun, -- es ist vortrefflicher Medoc. Habt Ihr ein Glas im Haus?«
+
+»Eins muß noch da sein,« sagte Behrens, ganz bestürzt über das
+Anerbieten, »die meisten haben die Kinder freilich in den langen Jahren
+zerbrochen, aber eins war neulich wenigstens noch ganz. Wir brauchen sie
+hier nicht viel; wir trinken unser Wasser aus den Kalebassen, und die
+wachsen ja glücklicher Weise an den Bäumen.«
+
+Er war aufgestanden und in das Haus gegangen, kam auch gleich darauf mit
+dem gefundenen Glas zurück und der Fremde betrachtete sich indessen, in
+der Thüre stehend, den öden inneren Raum.
+
+In diesem Augenblick kam ein junges Negermädchen, was es nur laufen
+konnte, den Weg entlang vom Herrenhaus herunter, und redete, ganz außer
+Athem, den Fremden an.
+
+»O, Senhor, -- die Senhora läßt Euch bitten, zum Haus zu kommen, der
+Herr muß gleich zurückkehren; die Senhora ist sehr böse, daß die anderen
+dummen Schwarzen den fremden Herrn wieder fortgeschickt haben.«
+
+»Sage Deiner Senhora, mein Töchterchen,« erwiderte der Fremde, »daß sie
+mich gar nicht fortgeschickt hätten, ich wäre von selber gegangen, weil
+ich hier mit dem Mann etwas zu sprechen habe. Wenn es mir die Senhora
+erlaubt, werde ich ihr nachher meine Aufwartung machen.«
+
+»Aber das Frühstück steht auf dem Tisch, Senhor.«
+
+»Ich danke Dir, mein Kind, ich habe schon gefrühstückt,« und dabei
+schenkte er Behrens ein Glas Wein ein, und reichte es ihm.
+
+Das kleine Negermädchcn sah vor lauter Erstaunen mit offenem Munde zu.
+Der fremde Senhor gab dem »weißen Nigger« Wein; so etwas hatte sie noch
+nie erlebt, und noch viel rascher, als sie von dem Haus herunter
+gekommen, lief sie dorthin zurück, um die merkwürdige Neuigkeit zu
+erzählen.
+
+Der Fremde, ohne sich weiter um das Negermädchen zu bekümmern, trat mit
+dem Deutschen in das Haus, und sich dort einen Stuhl zu dem roh
+gearbeiteten Tisch rückend, sagte er ruhig und freundlich: »Und nun,
+Kamerad, wie heißt Ihr gleich?«
+
+»Behrens, Herr --«
+
+»Also nun, Behrens, erzählt mir einmal Eure ganze Lebensgeschichte,
+wenigstens von der Zeit an, wo Ihr den Entschluß gefaßt habt, nach
+Brasilien auszuwandern. Macht es so kurz und einfach wie möglich, denn
+ich weiß auch schon ein wenig Bescheid, und brauche die Einzelheiten
+nicht alle zu wissen, und scheut Euch nicht im Mindesten, mir die
+=volle= Wahrheit zu sagen. Ich meine es gut mit Euch, und es ist
+möglich, daß ich Euch nützen kann.«
+
+Behrens schüttelte dazu freilich den Kopf, der Fremde aber, indem er
+seine Brieftasche und einen Bleistift herausnahm, drängte noch einmal:
+»Erzählt mir nur, ich werde Euch nicht unterbrechen, aber ich muß eben
+Alles wissen, und wir haben vielleicht nicht so sehr lange Zeit.«
+
+Behrens sah noch eine kleine Weile still vor sich nieder. Lang
+vergangene, schon fast vergessene Bilder tauchten vor ihm auf, -- sollte
+er noch einmal in die alten Wunden greifen? Und weshalb nicht? Wühlte er
+doch das ganze Jahr darin herum, und der Fremde sah ihn ja so gut und
+freundlich an. So faßte er sich denn ein Herz und erzählte ihm von
+Anfang bis zu Ende die Geschichte seiner Auswanderung, und wie es ihm
+hier gegangen. Er setzte dabei nichts hinzu, ja, er ging sogar in einem
+ganz richtigen Gefühl über eine Masse von Nebensachen leicht hinweg, und
+war deshalb im Stande, dem Besucher in kurzen aber scharfen Umrissen ein
+Bild all ihrer Schicksale zu geben. Der Fremde unterbrach ihn auch mit
+keinem Wort, -- nur manchmal, wenn er irgend eine Ergänzung brauchte,
+warf er eine kurze Frage ein, die ihm dann Behrens eben so kurz und
+bündig beantwortete.
+
+So hatte er denn in kaum einer halben Stunde die Schicksale der armen
+Auswanderer genau und vollkommen kennen gelernt, aber er hörte ihm nur
+zu, und versprach ihm nicht etwa, daß er ihm helfen und die Familie aus
+ihrer traurigen Lage befreien wolle. Er war nur ein Reisender, wie er
+sagte, der zufällig in diese Gegend gekommen, um das Land kennen zu
+lernen und sich mit den Zuständen desselben bekannt zu machen. Was aber
+in seinen Kräften stand, versprach er zu thun, um den Leuten Recht zu
+verschaffen, sie sollten nur nicht glauben, daß das so schnell gehen
+könne. Brasilien sei ein zu großes Land, und man müsse immer eine weite
+Strecke von einem Ort zum anderen reisen, wenn man irgend etwas
+erreichen wolle.
+
+In dieser Zeit kamen auch die übrigen Leute von der Arbeit zurück, und
+Behrens sah, wie Senhor Almeira ebenfalls an ihrer Hütte vorüber seinem
+Hause zusprengte, plötzlich aber sein Thier herumwarf, als er das fremde
+Pferd am Hause bemerkte.
+
+»Das ist der Herr,« sagte der Arbeiter scheu zu seinem Gast, indem er
+hinaus deutete, »der wird Sie jetzt mit sich hinauf nehmen.«
+
+»Ach,« lächelte der Fremde, »da werde ich mich ihm vorstellen müssen; --
+also habt guten Muth, Freund; es ist allerdings eine schwere Zeit, die
+Ihr hier durchgemacht, aber vielleicht wird doch noch einmal Alles
+besser. Ist das Eure Tochter?«
+
+»Ja, Herr, meine Älteste.«
+
+»Ein liebes, freundliches Kind. Nun, lebt wohl für jetzt; der Herr da
+draußen wird ungeduldig, und wir dürfen ihn nicht böse machen --« und
+damit nickte er den Deutschen zu und schritt hinaus zu seinem eigenen
+Thier, neben welchem Senhor Almeira hielt und die Hütte schon mehrmals
+mit »Hallo! He da drinnen!« angerufen hatte. Der Brasilianer schien auch
+eben nicht besonders erfreut, den fremden, sehr anständig gekleideten
+Herrn aus der Hütte seiner Arbeiter kommen zu sehen. Was hatte er mit
+denen zu schaffen, daß er sich nicht vorher an ihn selber gewandt? Und
+seine Stirn zog sich zuerst in düstere Falten. Der Fremde schien das
+aber gar nicht zu beachten oder nur zu bemerken.
+
+»Habe ich das Vergnügen, Senhor Almeira zu sehen?« sagte er, indem er
+hinaustrat und ihn höflich, aber auch nur leicht grüßte.
+
+»Das ist allerdings meine Name,« sagte der Brasilianer, »aber hier nicht
+meine Wohnung, -- mein Haus liegt dort.«
+
+»Ja, ich weiß,« lächelte der Fremde, »könnte mir auch nicht denken,
+verehrter Herr, daß Sie selber in solch einem =Stall= wohnen würden.«
+
+Es lag ein so eigener, trotziger Spott in den Worten, und doch war das
+ganze Wesen des Fremden dabei so achtungsvoll und höflich, daß Almeira
+nicht gleich wußte, was er aus ihm machen sollte. Jedenfalls mußte er
+aber herausbekommen, was der Fremde hier bei ihm wolle, oder ob sein
+Besuch nur eben zufällig, vielleicht auf der Durchreise nach irgend
+einer anderen Facienda sei; auch sprach er das Portugiesische so
+fließend, daß er über seine Landsmannschaft ganz irre wurde. Übrigens
+verstand es sich, der gastlichen brasilianischen Sitte nach, ganz von
+selber, daß jeder anständig gekleidete Reisende auch ohne Weiteres in
+das Herrenhaus geladen wurde, wo er so lange blieb, als es ihm gefiel.
+Die Facienderos im Inneren, auf ihren einsam und vereinzelt gelegenen
+Plantagen, freuen sich ja nur überdies, die Monotonie ihres täglichen
+Lebens manchmal durch einen Besuch unterbrochen zu sehen; hören sie dann
+doch auch immer wieder etwas von der Welt da draußen.
+
+»Darf ich Sie dann bitten, mich zu begleiten?« sagte der Brasilianer
+deshalb auch mit einer einladenden Bewegung seiner Hand nach dem Haus
+hinauf, »wir haben nicht weit.«
+
+»Wenn Sie mir erlauben, Senhor, mit dem größten Vergnügen,« und der
+Fremde ging zu seinem Pferd, das schon einer der rasch herbeigesprungenen
+Negerburschen losgemacht hatte, während er ihm die Steigbügel hielt,
+und gleich darauf sprengten die beiden Herren dem großen Hause zu.
+
+
+
+
+Zehntes Capitel.
+
+Der neue Besuch.
+
+
+Es ist eine eigenthümliche Thatsache, daß wir, gar nicht etwa so selten
+im Leben, Menschen begegnen, die uns bei ihrem ersten Anblick abstoßen,
+ja, die wir =hassen=, ohne uns den geringsten Grund dafür angeben zu
+können. Woher das Gefühl kommt, wer kann es sagen; sie haben uns noch
+nichts zu Leide gethan, ja sind höflich, vielleicht gar freundlich mit
+uns gewesen, und trotzdem schnürt es uns in ihrer Gegenwart das Herz
+zusammen, und wir fühlen eine Last von unserer Seele genommen, wenn sie
+uns wieder verlassen.
+
+Sonderbarer Weise bleibt auch diese Empfindung fast stets gegenseitig,
+und eben so ist es mit dem Gegentheil der Fall, mit Liebe und
+Freundschaft auf =einen= Blick, auf einen Händedruck geschlossen. Es
+gehört das jedenfalls zu den unbegriffenen Räthseln unseres
+Seelenlebens, die uns verborgen bleiben sollen, und die kein Denker je
+ergründen wird.
+
+Senhor Almeira hatte jedenfalls ein solches Gefühl, als er mit seinem
+Gast dem Hause zuritt, und freundlicher wurde er dadurch wahrlich auch
+nicht gegen ihn gestimmt, als er dort erfuhr, daß der Herr schon vorher
+am Hause gewesen, und trotz der Einladung der Senhora wieder zu der
+Hütte der deutschen Arbeiter zurückgeritten sei. Was kümmerten ihn die,
+daß er ihre Gesellschaft sogar suchte? Aber das mußte sich bald
+herausstellen, und vor allen Dingen durften die Formen der Höflichkeit,
+die so Manches übertünchen, nicht außer Acht gelassen werden.
+
+Der Gast lehnte indessen das noch immer seiner harrende Frühstück sehr
+artig ab, da er erklärte, sich Provisionen von der letzten Facienda
+mitgenommen und unterwegs sehr romantisch unter einer Palme gefrühstückt
+zu haben. Nur ein Glas Wein konnte er nicht ausschlagen und eine
+Cigarre, und unendlich liebenswürdig zeigte sich die junge Dame vom Haus
+gegen ihn, als sie fand, daß er eben so gut Französisch als
+Portugiesisch sprach. Außerdem kam er, wie er erzählte, direct aus der
+Hauptstadt des Landes, aus Rio de Janeiro, -- =ihrem= Rio, wie sie
+sagte, nach dem sie sich ewig und unendlich sehnte, und das Kleinste und
+Geringste von dorther hatte ja das spannendste Interesse für sie, die
+sie hier »weggesetzt in eine Wüste« saß, und, wie sie meinte, vor
+Langeweile eines langsamen Todes stürbe.
+
+Auch darüber freute sich Senhor Almeira nicht, und zog nur heftiger an
+seiner Cigarre.
+
+»Und was bringt =Sie= in diese =Wüste=, mein verehrter Senhor,« sagte er
+nach einer Weile, »wenn meine arme Frau denn wirklich recht hätte,
+unsere sonst so sehr freundlich gelegene Facienda so zu nennen. Wollen
+Sie noch weiter in das Innere?«
+
+»Ich glaube kaum, mein verehrter Herr,« erwiderte der Deutsche, »habe
+auch, wie Sie sehen, als einziges Gepäck nur meine sehr kleine
+Satteltasche mit etwas Wäsche bei mir. Die einzige Absicht auch, Senhor,
+in der ich hierherkam, war, um mich nach den Verhältnissen einiger
+deutscher Landsleute zu erkundigen, von denen ich in Porto Seguro,
+ebenfalls von einem Landsmann, gehört, daß es ihnen sehr schlecht
+ginge.«
+
+»Doch nicht bei mir, wie ich hoffen will,« sagte Senhor Almeira mit
+einem so finster drohenden Blick, daß seine Frau ordentlich darüber
+erschrak.
+
+Der Deutsche aber fuhr eben so höflich fort: »Allerdings, Senhor. Unsere
+Regierungen daheim fangen doch nachgerade an, auf die hier in Brasilien
+mit deutschen Auswanderern abgeschlossenen Verträge aufmerksam zu
+werden, was ich ihnen nicht einmal zum Verdienst anrechne, denn sie
+hätten es schon lange thun sollen, und es bleibt da immer interessant,
+sich einmal an Ort und Stelle nach den Verhältnissen derselben zu
+erkundigen.«
+
+»Und haben Sie eine =Vollmacht=, das zu thun?«
+
+»Nein, Senhor,« sagte der Deutsche freundlich, »nicht die geringste,
+denn die könnte auch nur, wie Sie selber recht gut wissen, von Ihrer
+eigenen Regierung ausgehen, da keine andere hier im Lande Geltung haben
+würde.«
+
+Almeira lachte laut auf. »Und was brachte Sie auf die wunderliche Idee,«
+rief er, »zu glauben, daß wir hier verpflichtet sind jedem
+herge--kommenen Fremden die Verhältnisse unserer Arbeiter vorzulegen?«
+
+»Verpflichtet gar nicht, verehrter Herr,« lächelte der Deutsche, »nur
+Ihrem eigenen Ermessen soll es überlassen bleiben, ob Sie mir den
+Contract und den gegenwärtigen Stand der Schulden der Familie vorlegen
+wollen.«
+
+»Ich danke Ihnen.«
+
+»Bitte, gar nichts zu danken, -- die armen Leute sind nicht im Stande,
+sich einen klaren Einblick in die über ihre Schuld und ebensowohl über
+ihr Guthaben geführten Bücher zu verschaffen, und haben mich deshalb
+gebeten, es für sie zu thun.«
+
+»=Sie?=«
+
+»Allerdings, -- denn dazu sind Sie allerdings durch die Gesetze des
+Landes verpflichtet, dem Arbeiter jeder Zeit --=wenigstens= doch jedes
+Jahr einmal -- einen Abschluß Ihrer Bücher, so weit es die Arbeiter
+selber betrifft, vorzulegen.«
+
+»Und wer sagt Ihnen, daß ich überhaupt Bücher darüber geführt habe?«
+
+»Sie scherzen,« lächelte der Deutsche wieder, »es wäre die größte
+Beleidigung, die ich gegen Sie aussprechen könnte, wenn sie auch nur die
+=Vermuthung= enthielte, daß Sie es =nicht= gethan. Sie wissen doch
+gewiß, daß =Zuchthausstrafe= auf einem solchen Vergehen stünde.«
+
+Almeira erbleichte, denn es lag so etwas Bestimmtes, Entschiedenes in
+dem Wesen des Fremden, daß es ihm, wie er sich auch dagegen sträuben
+mochte, imponirte.
+
+»Sie haben Recht,« sagte er nach einer kleinen Pause, während welcher
+ihn der Deutsche freundlich und wie erwartend ansah, »allerdings ist
+Buch über jeden für die Leute verausgabten Reïs, wie über Alles, was sie
+mir geleistet haben, geführt, aber ich glaube kaum, daß ich Ihrem Wunsch
+willfahren kann, Ihnen, einem vollkommen fremden Menschen, Einblick
+dahinein zu gestatten, da es Ihnen zugleich einen Einblick in mein
+ganzes Geschäft gewähren würde.«
+
+»Wie Sie darüber denken, verehrter Herr,« erwiderte der Fremde mit
+demselben Lächeln, »es fällt mir auch nicht ein Sie darin zu drängen.
+Sie haben mir nur einfach, ehe ich die Facienda wieder verlasse, zu
+sagen, ob Sie mir den Stand der Ihnen überlassenen deutschen Arbeiter
+vorlegen wollen, oder ob Sie es mir verweigern, -- weiter nichts.«
+
+Almeira war aufgestanden und ging mit untergeschlagenen Armen hastig und
+finster vor sich hinbrütend ein paar Mal auf der Veranda auf und ab.
+
+»Und wenn ich es Ihnen verweigere?« sagte er plötzlich, indem er vor
+seinem Gast stehen blieb und ihn fest ansah.
+
+»Dann setze ich mich einfach auf mein Pferd,« lächelte dieser, »und
+reite nach Porto Seguro zurück. Sie haben vollständig Ihren freien
+Willen.«
+
+Die Worte klangen so harmlos, wie nur möglich, aber selbst die Senhora
+fühlte, daß ein tieferer und drohenderer Sinn darin lag, und unruhig und
+scheu flog ihr Blick von einem der Männer zum anderen.
+
+»Weshalb auch nicht,« sagte Almeira plötzlich leichthin und lachend,
+»die Zumuthung kam mir allerdings im ersten Augenblick sonderbar vor,
+wenn es die Deutschen aber selber wünschen, sehe ich nicht den
+geringsten Grund dafür, es Ihnen zu verweigern (der Fremde verbeugte
+sich leicht) und wenn es Ihnen recht ist, können wir gleich daran gehen,
+um die unangenehme Sache zu beseitigen.«
+
+»Wie Sie es wünschen, Senhor,« lautete die Antwort, »ich muß Sie dann
+noch bitten, Einen der Arbeiter dazu zu rufen, weil ich selber doch mit
+den hiesigen Verhältnissen nicht bekannt bin.«
+
+»Die Leute sind jetzt wieder an der Arbeit,« sagte der Brasilianer kurz.
+
+»Der Eine, der Behrens, den ich vorhin gesprochen, ist zu Haus, weil er
+sich noch nicht wohl befindet.«
+
+»Das weiß Gott,« seufzte Almeira, »die Familie kostet mich schon viel
+Geld, und ich wollte, ich hätte sie im Leben nicht gesehen.«
+
+»Wären Sie vielleicht so freundlich, einen Neger hinüber zu senden, es
+würde die Sache vereinfachen.«
+
+Die Senhora warf einen fragenden Blick auf den Brasilianer. Dieser
+schien nicht recht mit der Zumuthung einverstanden, aber er sah auch
+wohl, daß es sich nicht mehr umgehen ließ, -- er nickte, und ein kleines
+Mädchen wurde augenblicklich abgesandt, um den verlangten Arbeiter
+herbei zu holen.
+
+»Monsieur,« sagte aber die junge Französin, »Sie haben mich sehr
+getäuscht.«
+
+»Ich würde unendlich bedauern --«
+
+»Ich erwartete und =hoffte= mit Ihnen eine langersehnte und angenehme
+Unterhaltung führen zu können, und statt dessen brechen Sie uns sogar
+noch mit entsetzlichen Geschichten ins Haus, die Sie vielleicht eine
+volle Stunde in Anspruch nehmen, während ich darauf brenne, mehr und
+Ausführlicheres über Rio de Janeiro zu hören.«
+
+»Ich hoffe, gnädige Frau,« sagte der Fremde artig, »daß wir =sehr= rasch
+über unser langweiliges Geschäft hinwegkommen werden. Ich verspreche
+Ihnen sogar, es so viel als möglich zu beeilen, -- so weit das nämlich
+in =meinen= Kräften steht. Nicht wahr, Senhor, Sie fühlen auch kein
+besonderes Bedürfniß, sich lange damit zu befassen?«
+
+»Ich müßte es lügen,« sagte der Brasilianer trocken, »aber da kommt
+unser Mann. Bitte, liebes Kind, laß uns einen Augenblick allein, damit
+wir die Sache beenden. -- Du interessirst Dich doch nicht dafür, und ich
+möchte Dich der -- Gesellschaft entheben.«
+
+»Wenn Sie es mir erlauben, Senhor« sagte die junge Frau, »so bleibe ich
+hier und höre ein wenig zu. Man muß sich mit =allen= Verhältnissen ein
+wenig bekannt machen und drüben -- langweile ich mich nur =noch= mehr.«
+
+Der Brasilianer zuckte mit den Achseln; er wußte recht gut daß er nur zu
+widersprechen brauchte, um die junge Frau noch mehr in ihrer Absicht zu
+bestärken. =So= hoffte er, daß sie es bald von selber satt bekommen
+würde.
+
+So nickte er denn einem der Negerknaben zu, ihm zu folgen und kehrte
+bald wieder mit diesem, der ein paar große Bücher auf dem Arm trug und
+auf den nächsten Tisch legte, zurück.
+
+Auch Behrens war indessen herangekommen und blieb mit dem Hut in der
+Hand unten an der Verandatreppe in der Sonne stehen.
+
+Almeira mußte ihn auch jedenfalls bemerkt haben, sagte aber nichts, und
+der Fremde schien absichtlich darauf gewartet zu haben. Jetzt, sich
+plötzlich gegen den Deutschen wendend, rief er diesem zu, herauf und in
+den Schatten zu kommen. Sie wollten seine Rechnung durchsehen und er
+sollte dabei sein, damit man ihn im Nothfalle über Einzelnes fragen
+könne.
+
+Behrens folgte schüchtern der Einladung und grüßte höflich nach allen
+Seiten. Die Senhora dankte ihm auch mit einem freundlichen Nicken.
+Senhor Almeira aber würdigte ihn keines Blicks, und nur erst als ihm der
+Fremde einen Stuhl hinschob, -- denn er sah, daß der Mann vor Schwäche
+kaum noch stehen konnte, -- blitzte er ihn zornig mit den Augen an, --
+ließ sich aber auch =das= gefallen; es ging ja jetzt Alles in Einem hin.
+
+»Dürfte ich Sie vor allen Dingen um den Contract bitten, Senhor?«
+
+Almeira zögerte einen Moment, nahm ihn aber gleich darauf aus einem
+Couvert heraus und schob ihn auf den Tisch.
+
+Der Fremde las ihn kopfschüttelnd durch und sagte dann lächelnd zu
+Almeira: »Man sollte es kaum für möglich halten, daß irgend ein Mensch,
+der nur noch einen Funken von Verstand in seinem Hirn herum trägt, einen
+=solchen Contract= unterschreiben könnte. Ich brauche den Mann auch gar
+nicht zu fragen, ob ihm Alles gehalten wurde was darin steht, denn es
+ist ihm nichts versprochen. Nur eine Frage: hat Behrens denn seine
+Arbeit ordentlich und stet gethan, Senhor?«
+
+»-- Ich glaube, ja --« erwiderte der Brasilianer nach einigem Zögern,
+»unbehülflich sind die Leute zwar und entsetzlich langsam, aber doch so
+ziemlich willig. Nur mit ihren vielen Krankheiten haben sie mir zu
+schaffen gemacht und entsetzliches Geld für den Doctor gekostet, der
+jedes Mal fünfundzwanzig Milreïs für einen Ritt hier heraus bekommt.«
+
+»Hm,« sagte der Fremde, »und zahlt das der Arbeitgeber oder der Arbeiter
+selber?«
+
+»Wenn er nach dem Doctor verlangt, gewiß der Arbeiter,« lautete die
+Antwort, »wie käme =ich= dazu, für Jemanden den Arzt zu zahlen, der bei
+mir nur auf Theilung des Gewinns dient.«
+
+»Ach ja, so. Entschuldigen Sie. Halt, hier ist dem Mann aber wirklich
+etwas versprochen für Gartenplatz. Habt Ihr den angewiesen bekommen,
+Freund?«
+
+»Ja, Herr,« sagte Behrens, »aber erst nach langer Zeit, und dann hat ihn
+uns der Herr, als wir ihn urbar gemacht, wieder weggenommen und uns ein
+anderes wildes Stück Land dafür gegeben.«
+
+Der Fremde zuckte die Achseln und sagte -- vielleicht absichtlich -- in
+portugiesischer Sprache: »Ja dagegen läßt sich nichts machen, Freund.
+Euer Herr ist da, =diesem= Contract nach, ganz in seinem Recht. Erstlich
+ist gar nicht darin gesagt, =wann= Ihr das Land bekommen solltet, und
+dann steht nur darin, daß Euch »»ein Stück Land«« =angewiesen= würde,
+nirgends aber, daß Ihr es auch zur steten Benutzung behalten sollt.«
+
+»Versteht sich von selber,« bestätigte Almeira, »aber das ist eben das
+Unglück mit solchen Leuten, daß sie nie an den Nutzen ihres Herrn,
+sondern nur immer an den eigenen denken.«
+
+»Aber wenn der Mann das Land doch für sich selber bekommen,« sagte die
+Senhora erstaunt, »und für sich selber urbar gemacht hat, so sollte ich
+denken --«
+
+»Das verstehst Du nicht mein liebes Kind,« unterbrach sie aber der
+Brasilianer, »der ganze Vertrag ist ja auf Gegenseitigkeit gegründet,
+und während der Garten zur Kaffeeplantage geschlagen wird, bekommt er ja
+doch auch seinen Nutzen davon. José, bring noch eine Flasche Wein aus
+dem Keller herauf.«
+
+Behrens verstand nur unvollständig, was dort gesprochen wurde, aber so
+nahe es ihn auch selber anging, er war in den langen Jahren abgestumpft
+gegen Alles geworden, sah auch jetzt, daß =der= Deutsche hier nicht viel
+besser, als der frühere sei, wenn er sich auch mit ihm unterhalten
+hatte.
+
+»Und welche Auslagen hatten Sie für diese Familie? Sie entschuldigen,
+ist es die einzige oder haben Sie deren mehr?«
+
+»Ich war damals thöricht genug, zwei anzunehmen.«
+
+»In der That? Aber wir wollen uns vor der Hand nur mit dieser einzigen
+beschäftigen, -- also welche Auslagen hatten Sie, außer denen, die hier
+auf dem Contract noch nicht einmal ausgefüllt stehen?«
+
+»Diabo!« sagte der Brasilianer, »mehr, als die Leute in der nächsten
+Zeit im Stande sein werden, abzuverdienen, denn fortwährend quälen sie
+mich um Baumwollenzeug, Schuhe, Hüte und tausend andere Dinge, von denen
+ich kaum genug herbeischaffen kann. Dies sind hier die ersten Auslagen:
+Schiffstransport, auch die Reise in Deutschland selber bis an Bord, und
+der Aufenthalt dort im Gasthof vier Tage.«
+
+»Entschuldigen Sie, waren die Auswanderer selber Schuld an dieser
+Verzögerung von vier Tagen?«
+
+»Wie soll =ich= das hier wissen? Diese Summe mußte ich dem Agenten als
+Auslagen zurückerstatten.«
+
+»Ah so, das wäre also Sache des Agenten gewesen -- und dann weiter?«
+
+»In Milreïs gerechnet macht das die runde Summe von 520 Milreïs. Dazu
+kommt nun noch der Aufenthalt in Porto Seguro, wo ich sie mußte
+beköstigen lassen, und der Transport hier heraus auf Maulthieren.«
+
+»Wir sind zu Fuß gegangen,« sagte Behrens, der ruhig dabei stand und
+zuhörte.
+
+»In der That, den ganzen Weg?«
+
+»Aber Euer Gepäck habt Ihr wohl etwa auf den Schultern getragen, wie?«
+sagte Almeira, ohne den Deutschen dabei anzusehen.
+
+»Wir hatten an den Kindern genug zu schleppen in der Hitze,« seufzte
+Behrens.
+
+»Aber Eure Frau ist geritten.«
+
+»Gott hab sie selig,« sagte Behrens scheu, »ja, wie sie es endlich nicht
+mehr ermachen konnte und zusammenbrach. Es war zu viel für sie und die
+Kinder, und sie hat den Marsch nie überwunden.«
+
+»Die armen Leute,« sagte mitleidig die junge Frau.
+
+Der Fremde erwiderte aber gar nichts darauf, sondern ging nur weiter und
+sagte: »Und damit hörten Ihre Unkosten wohl auf?«
+
+»Glauben Sie, daß sie in den fünf oder sechs Jahren nichts gegessen und
+keine Kleider gebraucht haben?« lachte Almeira.
+
+»Aber das Essen, sollte ich denken --«
+
+»So wie ich ihnen einen Antheil am Gewinn gebe, muß ich sie doch auch
+mit den Kosten belasten, nicht wahr?«
+
+»Allerdings, -- das klingt nicht mehr als billig.«
+
+»Sie sehen selber, daß sie niedrig genug angeschlagen sind, -- natürlich
+nur das, was mich die Production selber kostet.«
+
+»Versteht sich -- und das Übrige?«
+
+»Für Kleidung und Schuhwerk.«
+
+»Alle Wetter, Ihr Leute,« rief der Fremde, »Ihr habt viel verbraucht,
+ich dachte gar nicht, daß Ihr hier einen solchen Staat im Lande macht.«
+
+»Staat?« sagte Behrens wehmüthig und sah auf seine Lumpen nieder, »ja,
+wir gehen wirklich zum Staat herum.«
+
+»Aber was ist denn das für ein Posten?« fuhr der Fremde, ohne weiter
+darauf einzugehen, fort, »da stehen ja noch einmal 130 Milreïs extra.
+Wofür haben sie das gebraucht?«
+
+»Das ist für Einen der sauberen Gesellschaft,« sagte Almeira finster,
+»für einen jungen Burschen, der mir gleich im ersten Jahre davon lief,
+und für den die Übrigen natürlich mit haften müssen.«
+
+»War das einer von Euren Söhnen, Behrens?«
+
+»Wer?« frug der Deutsche, der das nicht Alles verstanden hatte.
+
+»Nun, der Weggelaufene.«
+
+»Von meinen Söhnen? Nein, wahrlich nicht, lieber Herr; ein
+nichtsnutziger Gesell war es, den wir aber erst auf dem Schiff kennen
+gelernt haben, und den sie uns mit in das Haus legten, so sehr wir auch
+baten, allein zu bleiben.«
+
+»So viel ich im Contract sehe, Senhor Almeira,« sagte der Fremde, »so
+sind die Leute nur für ihre eigene Familie solidarisch verpflichtet, der
+junge Bursch war aber ein Fremder und geht sie nichts an.«
+
+»Ich habe ihn als zu ihrer Familie gehörig mit überkommen,« rief der
+Brasilianer.
+
+»Auf der Auction erstanden, wie? Ist aber doch wohl ein Irrthum. Die
+Summe werden Sie streichen müssen.«
+
+»Ehe ich das thue, werde ich die Sache jedenfalls noch näher
+untersuchen.«
+
+»Gewiß -- und das Andere? Wie viel hat die Familie nun wohl in den sechs
+Jahren verdient?«
+
+»Mein lieber Herr,« sagte der Brasilianer achselzuckend, »wir leiden da
+Beide gemeinschaftlich, denn wenn Sie länger in Brasilien sind, werden
+Sie wissen, daß der Kaffee noch nie einen so geringen Preis gehabt hat,
+als in dieser Zeit. Und Bohnen waren gar nicht abzusetzen, sie sind uns
+im Lagerhaus selber gefault.«
+
+»In der That? Dürfte ich mir erlauben zu fragen, was Sie hier für Kaffee
+bekommen haben? Ich verstehe selber auch nicht viel davon, interessire
+mich aber sehr dafür.«
+
+»Hier haben Sie die Preise ausgeworfen,« sagte der Brasilianer
+gleichgültig, indem er das eine Buch aufschlug.
+
+»In der That,« rief der Deutsche erstaunt aus, »das ist sehr wenig, da
+hat ja die Arroba in Rio acht und neun Milreïs mehr getragen.«
+
+»Rechnen Sie nur unseren Transport, -- außerdem ist mir in den Jahren
+eine ganze Schiffsladung voll verloren gegangen.«
+
+»Welchen Verlust die Arbeiter natürlich mit zu tragen haben.«
+
+»Natürlich, -- ihr ganzer Contract beruht ja auf den Antheil.«
+
+»Der etwas unbestimmt mit =Hälfte des Gewinnes= ausgedrückt ist.«
+
+»Allerdings sehr unbestimmt,« sagte Almeira achselzuckend, »denn man
+weiß nicht einmal von was die Hälfte.«
+
+»Also würde nach dieser Übersicht die Familie wohl kaum die Aussicht
+haben, in diesem Jahre frei zu kommen.«
+
+»In =diesem= Jahre?« rief Senhor Almeira erstaunt aus, »sie schulden mir
+jetzt fast noch mehr, als an dem Tag, an welchem sie auf die Facienda
+kamen. Aber was verlangen sie auch mehr? Sie haben zu leben, was sie in
+ihrem eigenen Vaterland =nicht= hatten, sonst würden sie es wohl
+schwerlich auf einen solchen Contract hin verlassen haben.«
+
+»Es ist freilich immer hart für die armen Leute,« sagte der Deutsche,
+»wenn man bedenkt, daß sie eigentlich sechs Jahre hier für =nichts=
+gearbeitet haben sollen und dann noch das Gefühl mit sich herumschleppen
+müssen, bis über die Ohren in Schulden zu stecken. -- Hattet Ihr
+Schulden in Deutschland, Behrens?«
+
+»Nie einen Pfennig, Herr,« sagte Behrens, der mit zitternden Lippen
+seinem hier gefällten Urtheil gelauscht, aber auch nicht eine Sylbe
+dagegen eingewendet hatte. -- Was half es ihm auch, -- dort stand Alles
+schriftlich und sein eigener Name, von ihm selbst geschrieben unter dem
+Contract, -- was war da zu machen? Sie =waren= verkauft und blieben
+verkauft; selbst der deutsche Herr konnte nichts dagegen thun. Und nicht
+einmal den Tod durfte er sich dabei wünschen, denn was sollte dann aus
+seinen Kindern werden.
+
+»Ich dachte es mir,« nickte der Fremde. »Recht traurig das, -- aber
+wissen Sie wohl, Senhor Almeira, daß Sie da ein gutes Werk thun
+könnten?«
+
+»Ich, Senhor? Inwiefern?«
+
+»Die Deutschen haben Ihnen doch, wie Sie selber sagen, wacker gearbeitet
+und sind eigentlich unschuldig an den vielen Mißfällen, welche Sie
+betroffen.«
+
+»Ich habe ihnen auch nichts davon zur Last gelegt oder es sie entgelten
+lassen.«
+
+»Sehr freundlich von Ihnen,« nickte der Fremde, »aber meiner Meinung
+nach würde es doch Zeit, daß sie jetzt einmal für sich selber anfingen,
+wenn sie nicht elend hier verkümmern sollen. Auch das heiße Klima dieser
+Gegend sagt ihnen nicht zu. Der Mann da gleicht eher einem Skelett, als
+einem lebenden Wesen.«
+
+»Und was kann ich dazu thun?«
+
+»Der Contract,« fuhr der Deutsche fort, »ist von schurkischen Agenten
+zusammengestellt; die armen Teufel, denen man noch obendrein hier in
+Brasilien goldene Berge versprach, glaubten ihrem Glück entgegenzugehen,
+und rannten dadurch in ihr Unglück. Die Mutter der Kinder, das jüngste
+Kind, ihre eigene Gesundheit haben sie dabei eingebüßt: lassen Sie es
+damit genug sein und geben Sie die armen Menschen frei.«
+
+»Sie haben vortrefflich reden, mein bester Herr,« lachte Almeira, »aber
+so reich bin ich nicht, daß ich einen solchen Verlust aus meiner Tasche
+tragen könnte und möchte. Ich gebe zu, daß beide Theile unter dem
+Contract leiden, aber -- ich glaube Ihr könnt jetzt gehen, Freund, --
+unsere =Geschäfte= sind so weit beendet, nicht wahr?«
+
+Der Fremde nickte, und Behrens stand langsam auf, grüßte ehrfurchtsvoll
+und wollte dann die Veranda verlassen, als die Senhora plötzlich
+aufstand und rief: »Halt, Freund, -- Ihr seid sehr angegriffen, --
+trinkt erst hier ein Glas Wein, das wird Euch gut thun.« Sie schenkte
+auch augenblicklich ihr eigenes Glas voll und reichte es ihm hin, und
+wenn auch Senhor Almeira gar nicht damit einverstanden schien, denn er
+sah ziemlich finster dabei aus, so hinderte er es wenigstens nicht. Er
+wußte außerdem recht gut, daß sich die Senhora nichts verbieten ließ.
+
+Behrens kam in Verlegenheit, denn das war ihm noch nie in dem Hause
+geboten, aber er nahm das Glas, trank es langsam aus, stellte es wieder
+hin und dankte herzlich, hätte auch gern der jungen Frau die Hand
+gereicht, aber das wagte er nicht. Er fühlte, daß er jetzt hier
+überflüssig war, stieg mühsam die Treppe der Veranda hinab, und
+schwankte seiner eigenen Wohnung wieder zu.
+
+Der Fremde war ein stiller aber aufmerksamer Beobachter der ganzen Scene
+gewesen; jetzt, als der Kranke den Platz wieder verlassen, sagte er
+freundlich: »Sie unterbrachen sich vorhin in Ihrer Rede, verehrter Herr;
+Sie wollten etwas sagen, was der -- Alte da nicht zu hören brauche.«
+
+»Es betrifft die Verhältnisse unseres Landes,« erwiderte Almeira
+gleichgültig.
+
+»Und in wie fern, wenn ich fragen darf; so weit sie mit den
+Parcerie-Arbeitern in Verbindung stehen?«
+
+»Wir können uns nicht verhehlen,« fuhr der Pflanzer fort, »daß in den
+nächsten Jahren diesem ganzen Reiche Veränderungen bevorstehen. Der in
+Nordamerika gegen die Sclaverei ausgebrochene Krieg, -- wie sich nun
+auch das Resultat stellt, kann nicht ohne Folgen bleiben. Es giebt eine
+Partei, die immer nur von zertretenen Menschenrechten faselt und der
+einen Hälfte gerade die Rechte abstreiten möchte, die sie für die andere
+verlangt. Möglich, daß uns hier noch ein wirklicher Ausbruch auf lange
+Jahre hinaus erspart bleibt, möglich aber auch, daß er doch rascher
+eintritt, als wir jetzt denken, und was soll aus dem Land selber werden,
+wenn uns hier im Süden die Sclavenarbeit fehlt? Es müßte zu einer
+Wildniß werden.«
+
+»Und deshalb sehen Sie in den Parcerie-Arbeitern einen einigermaßen
+nützlichen oder vielmehr völlig nothwendigen Ersatz?«
+
+»Allerdings.«
+
+»Und so wollt Ihr aus den armen verkauften Menschen Europas, die auf
+betrügerische Weise hierher gelockt wurden, =weiße= Sclaven machen?«
+frug die Französin, die selber mit äußerster Spannung der
+Auseinandersetzung gefolgt war.
+
+»Es scheint allerdings so,« lächelte der Deutsche.
+
+»Liebes Kind, das verstehst Du nicht,« sagte aber Senhor Almeira, »denn
+Euch Frauen läuft gewöhnlich das Gefühl mit dem Verstand davon. Thue mir
+auch die Liebe und mische Dich nicht in Dinge, die Dir so fern liegen.«
+
+»Und doch nicht so fern, als Sie vielleicht glauben oder wünschen,
+Senhor,« rief die junge Frau, die sich in einer merkwürdigen Aufregung
+zu befinden schien. »Als ich Ihr Haus betreten --«
+
+»Entschuldigen Sie mich,« sagte der Deutsche, rasch von seinem Sitz
+aufstehend, »ich möchte nicht Zeuge einer Familienscene sein, bei der
+ich nicht einmal unparteiisch bleiben könnte. Ich habe Alles erfahren,
+was ich zu erfahren wünschte, und wiederhole nur noch einmal die Frage
+an Sie, Senhor, wollen Sie die deutschen Familien, nachdem sie =sechs=
+Jahre für ihre Überfahrt gearbeitet, frei geben oder nicht?«
+
+»Mein Herr,« rief nun aber auch der Brasilianer erbittert, »in
+thörichter Gutmüthigkeit bin ich bis jetzt auf Ihre Forderung
+eingegangen, den Arbeitern Auskunft über den Stand ihrer Angelegenheiten
+zu geben; ich muß mir aber jede weitere Einmischung in meine
+Verhältnisse auf das Ernstlichste verbitten. Wenn =ich= es an der Zeit
+halte, den Leuten die Erfüllung ihres Contractes zu erlassen, werde ich
+es thun, wünsche aber nicht von irgend Jemandem, wer es auch sei, dazu
+getrieben zu werden, und sehe außerdem -- vor der Hand wenigstens --
+noch nicht die geringste Veranlassung dazu.«
+
+»Dann habe ich die Ehre, mich gehorsamst zu empfehlen,« sagte der
+Fremde, »und nur Ihnen noch, gnädige Frau, muß ich herzlich für den
+Antheil danken, den Sie an dem Schicksal meiner armen Landsleute
+nehmen.«
+
+»Bleiben Sie noch, Senhor,« sagte die junge Frau leidenschaftlich, »die
+Bande, die mich an dieses Haus knüpfen --«
+
+»Senhora!« rief Almeira fast erschreckt aus.
+
+Der Deutsche wartete aber keine weitere Erklärung ab. Er hatte seinen
+Hut aufgegriffen, und rasch die Veranda hinabeilend, trat er zu seinem
+Pferd, das an einem, in einen Orangenbaum geschlagenen Ring befestigt
+war, warf es los, schwang sich in den Sattel und sprengte dann, seinem
+Thier die Sporen einsetzend, die Straße hinab. Am Hause des Deutschen
+war es einmal, als ob er einzügeln wollte, aber er mußte sich eines
+Anderen besonnen haben, denn er verfolgte seinen Weg und war bald, auf
+einer Biegung der Straße, in dem dichten Laub der Bäume verschwunden.
+
+
+
+
+Elftes Capitel.
+
+Gerettet.
+
+
+An dem nämlichen Tag, an welchem der Deutsche die Plantage verlassen
+hatte, erlebte die Dienerschaft im Hause des Senhor Almeira eine sehr
+ungewöhnliche und hier wahrlich ungewohnte Scene: einen Zank zwischen
+ihrer Herrschaft, der ihnen, wenn sich die Parteien auch von der offenen
+Veranda fort in ihre Zimmer zogen, doch nicht verborgen bleiben konnte.
+Plötzlich gab die Senhora den Befehl, ihr Pferd zu satteln, und wenn
+auch augenblicklich Gegenordre vom Herrn selber kam, bestand sie doch so
+heftig darauf und drohte jetzt sogar =vor= den Leuten, =zu Fuß= die
+nächste Plantage zu erreichen, daß ihr zuletzt gewillfahrtet werden
+mußte.
+
+Das Pferd stand schon gesattelt vor dem Haus, und noch war sie drinnen
+beschäftigt, -- wie das kleine Mädchen nachher erzählte, ihre Koffer zu
+packen, -- jetzt trat sie auf die Veranda. Auch das Pferd ihrer
+Dienerin, einer jungen Mulattin, wurde gebracht.
+
+Senhor Almeira folgte ihr und suchte sie noch einmal zurückzuhalten. Sie
+antwortete ihm gar nicht. Von der Treppenstufe herab sprang sie in den
+Sattel und schon im nächsten Moment sprengte der kleine, muthige
+Schimmelhengst mit ihr die Straße hinab, daß ihr die Mulattin kaum
+folgen konnte.
+
+Von dem Tage an hatten die in unmittelbarer Nähe des Herrn befindlichen
+Sclaven eine schwere Zeit, denn so hart war er noch nie mit ihnen
+verfahren. Er war wohl immer rauh und heftig mit ihnen gewesen, aber nie
+grausam; jetzt ließ er ein Paar, nur wegen leichter Vergehungen, auf das
+Unbarmherzigste peitschen, und ein junger Bursch, der ihm Morgens aus
+Versehen die Chocolade über das Beinkleid goß, wurde zur Strafe den
+ganzen Tag draußen in der brennenden Sonne an einen Pfahl gebunden.
+
+So vergingen drei lange schwere Wochen, und Behrens hatte sich indessen
+wenigstens so weit von seiner Krankheit erholt, um doch wieder leichte
+Arbeiten zu verrichten, wozu ihn der Mulattenaufseher schon lange
+gedrängt. Es wurde ihm auch selber zu einsam in dem öden Hause, denn
+selbst die Kinder mußten jetzt den ganzen Tag draußen im Baumwollenfeld
+sein, um die reifgewordene Baumwolle aus den aufgesprungenen Kapseln zu
+pflücken.
+
+Senhor Almeira hatte in der Zeit kaum sein Haus verlassen und
+außergewöhnlich viel in seinen großen Büchern geschrieben und gerechnet.
+Saß er doch manchmal bis spät in die Nacht darüber und Niemand durfte
+ihn dann stören. Ja, selbst wenn er zum Essen gerufen werden mußte,
+hatte der Diener strengen Befehl, nur eben draußen an die Thür zu
+klopfen.
+
+Es war Sonnabend Nachmittag geworden und das Corps der Arbeiter und
+Sclaven -- wenn überhaupt zwischen Beiden ein Unterschied stattfand --
+noch draußen im Feld beschäftigt, als eine kleine Cavalcade von Reitern
+auf der Straße sichtbar wurde. Ein Negerbursche hatte den Zug schon
+entdeckt, wie er sich nur eben durch das dunkle Grün der Kaffeebäume
+wand und seinem Herrn Meldung davon machen wollen, auch ein paar Mal
+schüchtern an die Thür desselben geklopft, aber keine Antwort erhalten,
+und dann natürlich auch nicht gewagt weiter vorzudringen. Jetzt
+sprengten sie den Weg hinauf, der nach dem Hause zuführte; der Herr
+drinnen im Hause mußte sie ja selber hören, und nun stiegen sie ab und
+warfen den herbeispringenden Negerburschen die Zügel zu. Und wahrhaftig,
+der Fremde, der an dem Tag hier gewesen, an welchem die Senhora das Haus
+verlassen, befand sich auch wieder unter ihnen, was die armen Teufel von
+Negern nicht wenig erschreckte. Daß =der= dem Herrn keine Freude machen
+würde, fühlten sie schon heraus, und wer anders mußte es nachher
+entgelten, als ihr armer Rücken, -- an dem weißen Senhor durfte er ja
+seinen Zorn nicht auslassen.
+
+Almeira hatte in der That das Gestampf der Pferde auf dem sonst so
+stillen Platz gehört und war in die Thür seiner Veranda getreten. Er
+mußte auch den Besuch von früher erkannt haben, denn er erbleichte und
+trat unwillkürlich einen Schritt zurück, -- aber zu spät; die eben
+Gekommenen hatten ihn schon bemerkt, und wenn er auch einige Bekannte
+aus Porto Seguro darunter erkannt, beunruhigte ihn doch die kalte
+Höflichkeit, mit der man ihn grüßte, denn es verrieth, daß der Besuch
+kein freundschaftlicher sein konnte.
+
+Der Deutsche ließ ihm aber nicht lange Zeit, sich mit Vermuthungen zu
+quälen, denn die Treppe zu der Veranda ersteigend, sagte er, sehr
+höflich aber auch sehr ernst: »Senhor Almeira, ich war vor einiger Zeit
+als flüchtiger Besuch bei Ihnen und nahm da Gelegenheit, mit Ihnen über
+die Verhältnisse Ihrer deutschen Parcerie-Arbeiter zu sprechen.«
+
+»Und was mit denen, Herr?« fuhr Almeira heftig auf.
+
+»Bitte, ereifern Sie sich nicht unnöthig,« erwiederte ruhig der
+Deutsche, »Sie verweigerten damals ihre Freilassung. Jetzt komme ich --
+in Begleitung dieser Gerichtsbeamten mit einer Anklage zu ihnen, die ich
+selber in Rio anhängig gemacht, daß Sie -- =falsches Buch= über Ihre
+Ausgaben und Einnahmen in Betreff dieser unglücklichen Menschen geführt,
+und die mich begleitenden Gerichtsbeamten sind beauftragt worden, der
+Sache auf den Grund zu gehen.«
+
+Almeira war bei der Beschuldigung emporgefahren, aber auch jeder
+Blutstropfen hatte seine Wangen verlassen und nur mit fast tonloser
+Stimme rief er aus: »Das ist eine niederträchtige Lüge!«
+
+»Es wird sich jetzt zeigen wer sie gesprochen,« nickte der Deutsche,
+»Senhores, ich ersuche Sie, keine Zeit zu versäumen und die Revision
+vorzunehmen.«
+
+»Und wer hat das Recht, sich in meine Angelegenheiten zu drängen?«
+zischte der Brasilianer zwischen den Zähnen durch, »regieren auf einmal
+die Fremden hier im Land oder =wir= noch?«
+
+»Seien Sie vernünftig Almeira,« sagte einer der Beamten, »der Herr hat
+eine Vollmacht von Seiner Majestät selber unterzeichnet, und wir müssen
+der Genüge leisten. Wo sind Ihre Bücher?«
+
+»Also sollen =alle= unsere Rechte untergraben werden?« rief der Pflanzer
+höhnisch aus, »beim Himmel, es ist weit gekommen, wenn man das einem
+brasilianischen Gutsherrn auf seinem eigenen Besitzthum bieten kann.«
+
+Der Beamte zuckte die Achseln, es war ihm aller Wahrscheinlichkeit nach
+selber nicht recht, aber der Deutsche, der den Befehl mit dem letzten
+Dampfer gebracht, schien genau zu wissen, was er thue, und das Schreiben
+des Ministeriums war ebenfalls in so scharfen bestimmten Ausdrücken
+abgefaßt, daß selbst ein Verschleppen der Sache zur Unmöglichkeit wurde,
+-- sie wären auch sonst wahrlich nicht so rasch mit hier herausgeritten.
+
+Übrigens hatte Senhor Almeira lange nicht mehr so viele Freunde als er
+glaubte; denn schon ehe dieser Befehl aus der Hauptstadt eintraf, der
+den Verdacht eines Verbrechens auf ihn warf, -- wenn das auch bei den
+übrigen Kaffeepflanzern wohl schwerlich sehr hoch angeschlagen wäre --
+hatte sich ein bis jetzt noch dumpfes und unbestimmtes Gerücht in Porto
+Seguro verbreitet, nach welchem die finanziellen Verhältnisse des
+Pflanzers durch seine übergroße Verschwendung einen bedenklichen
+Charakter sollten angenommen haben. Daß jene junge Französin, die ihn
+aus Rio hierher begleitet, gar nicht seine wirkliche Frau gewesen,
+schien man ziemlich allgemein gewußt zu haben, und es verhinderte das
+gar nicht den Besuch der ersten und angesehensten Familien; aber daß sie
+ihn jetzt plötzlich verlassen hatte, bestärkte die Leute in dem schon
+überhaupt gefaßten Verdacht, denn den wahren, edlen Beweggrund traute
+ihr Niemand zu.
+
+So gingen denn die Beamten williger an ihre Pflicht, als sie es
+vielleicht unter anderen Umständen gethan hätten, und zwei volle Stunden
+lang blätterten und rechneten sie in Almeira's Büchern und verglichen zu
+derselben Zeit mitgebrachte Preiscourante der verflossenen Jahre mit den
+angegebenen Zahlen.
+
+Das Resultat mußte ein, für den Brasilianer nicht sehr günstiges sein,
+denn sie schüttelten dabei oft sehr bedenklich die Köpfe. Endlich stand
+der Eine von ihnen auf, winkte dem Deutschen, ihm zu folgen und schritt
+mit ihm draußen ein Stück die Straße hinauf, die in das Innere führte.
+
+»Senhor,« sagte er hier, »der von Ihnen angeregte Verdacht war nicht
+ganz unbegründet --«
+
+»Ich wußte es vorher.«
+
+»Und Senhor Almeira --?«
+
+»Wird ins Zuchthaus wandern müssen.«
+
+Der Brasilianer schwieg eine Weile und sah nachdenkend vor sich nieder,
+endlich blieb er stehen, sah seinen Begleiter voll an und sagte:
+»Welchen Zweck verfolgen Sie eigentlich bei der Sache?«
+
+»Welchen Zweck? Nun den, einen Schurken zu entlarven und seiner Strafe
+zu überliefern.«
+
+»Und diesen wirklich nur allein?«
+
+»Ei, Gott bewahre; die Hauptsache ist, daß diese armen, unglücklichen
+Menschen, deren Arbeitskraft nicht nur, wie deren ganzes Leben der Bube
+gemißbraucht hat, wieder freie Menschen und für ihre Arbeit bezahlt
+werden.«
+
+»Schön,« sagte der Brasilianer, »Sie scheinen mir ein vernünftiger Mann
+und mit den brasilianischen Verhältnissen ziemlich vertraut, auch im
+Ganzen =practisch= zu sein, eine Eigenschaft, die Ihren Landsleuten
+sonst gewöhnlich abzugehen pflegt. Ich glaube, wir bringen Senhor
+Almeira, nach den heutigen Erfahrungen, ohne große Schwierigkeit dazu,
+seine Ansprüche auf die Dienste der deutschen Arbeiter aufzugeben.«
+
+»Ei, zum Teufel, Herr, das glaube ich auch, aber --«
+
+»Bitte, lassen Sie mich ausreden: wir werden aber keine Vergütung für
+sie von ihm verlangen.«
+
+»Ist auch gar nicht nöthig; die Vergütung werden die Gerichte nachher
+schon feststellen.«
+
+»Also werden Sie wirklich einen Proceß anstrengen?«
+
+»Aber, verehrter Herr, ist denn das nicht eine sonderbare Frage? =haben=
+denn die Gerichte die Sache nicht schon in die Hand genommen?«
+
+»Wie man das so nimmt,« sagte der Beamte achselzuckend. »Dem Ministerium
+liegt besonders daran, die deutschen Arbeiter -- da Sie selber scheinen
+beim Kaiser Gehör gefunden zu haben -- von einer Ungerechtigkeit zu
+erlösen und die Sache damit abzumachen. Sagt man jetzt Almeira, daß er
+noch das Ganze beilegen kann, ohne viel Lärm zu machen, so wird er nicht
+so thöricht sein und sich weigern. Verlangt man aber etwas von ihm, was
+er aller Wahrscheinlichkeit nach nicht leisten =kann=, Geldzahlungen
+nämlich, denn seine Vermögensverhältnisse sind in der That zerrüttet, so
+=muß= er es auf einen Proceß ankommen lassen, der drei, vier Jahre
+dauern mag, während die Arbeiter bis zu dessen Entscheidung gezwungen
+wären, in ihren alten Verhältnissen zu bleiben. Doch das nicht allein;
+würde der Proceß auch -- wie ich gar nicht bezweifle -- zu ihren Gunsten
+entschieden, und die Passiva überstiegen die Activa, so gehen, wie Sie
+recht gut wissen, die Hypotheken vor und Ihre Landsleute bekämen doch
+keinen Reïs, -- trotz all ihren gerechten Ansprüchen.«
+
+»Aber damit deuten Sie nichts Geringeres an,« rief der Deutsche, »als
+daß der Verbrecher -- denn wahrlich, er hat ein Verbrechen an den
+unglücklichen Menschen verübt -- vollkommen straffrei ausgehen solle.«
+
+»Ändern Sie Brasilien,« sagte der Beamte zu dem Deutschen achselzuckend;
+»ich will auch eingestehn, daß wir faule Schäden im Lande haben, die
+ausgeschnitten werden könnten, aber sie hängen innig und unzertrennbar
+mit der Productionskraft des Landes zusammen, und es begegnen sich in
+ihnen so viele und zahlreiche Interessen, daß es Jeder gern so lang es
+möglich vermeidet, die Hand daran zu legen. Folgen Sie deshalb meinem
+Rathe. Ist es Ihnen ernstlich darum zu thun, den armen Deutschen =bald=
+zu helfen, so überlassen Sie =mir= die Sache, und ich glaube, daß ich
+damit zu Stande komme; wollen Sie aber die strenge, unnachsichtliche
+Verfolgung mit einer Entschädigungsklage für Ihre Schützlinge, so --
+werden wir jetzt nach Porto Seguro zurückreiten und einen getreuen
+Bericht über den befundenen Thatbestand absenden; danach wird dort
+berathen und nachher --«
+
+»Ich bitte Sie um Gotteswillen,« rief der Fremde, »halten Sie ein; ich
+habe vollkommen genug. Der Himmel bewahre uns Alle vor einem
+brasilianischen Proceß, -- die deutschen sind schlimm genug und ich
+verspüre nicht die geringste Lust, sie hier zu provociren. Wenn =Ihnen=
+nichts daran liegt, einen anerkannten Lump und Betrüger frei herumlaufen
+zu lassen, =mir= kann's gewiß recht sein, -- also bitte um Regulirung
+der Sache sobald als möglich. Nur noch eins; was wird aus den armen
+Familien, wenn sie hier, ohne die geringsten Mittel in Händen zu haben,
+fort sollen?«
+
+»Dafür liegt ein specieller Befehl der Regierung bei,« sagte der Beamte,
+»sie mit dem nächsten Dampfer nach Rio zu senden, von wo aus sie auf
+Regierungskosten nach Santa Chatarina und Blumenau geschickt werden
+sollen. Dem Schriftstück nach scheint es, als ob das der besondere
+Wunsch der Deutschen wäre.«
+
+»Gut -- ich verlange nicht mehr,« sagte der Deutsche, »etwas bringen wir
+auch in Rio für sie zusammen. Wann kann ich also Antwort haben?«
+
+»In einer halben Stunde,« sagte der Beamte, augenscheinlich selber sehr
+erfreut, die fatale Sache noch auf eine so ausgleichende Weise beigelegt
+zu haben, »verlassen Sie sich darauf.«
+
+»Und ich kann mit den Deutschen sprechen?«
+
+»Auf =meine= Verantwortung; sie sind von diesem Augenblick an frei.«
+
+Als sie zum Herrenhaus der Plantage zurückkehrten, suchte der Beamte
+augenblicklich Senhor Almeira auf, während der Deutsche, ohne auch nur
+das Gebäude wieder zu betreten, so rasch er konnte, zu seinen armen
+Landsleuten hinab eilte.
+
+Und sollte ich versuchen, die Scene jetzt zu beschreiben, als er ihnen
+mittheilte, daß sie =frei= wären, -- daß sie von jetzt an keinen =Herrn=
+mehr hätten, und die Regierung selber sie mit dem nächsten Dampfer in
+ein gesunderes Klima, ja gerade dorthin senden wolle, wohin sie sich die
+lange schwere Zeit immer gesehnt, und wo sie nun doch noch vielleicht
+einen Theil der Hoffnungen verwirklichen konnten, die sie in dieß ferne
+Land geführt?
+
+Senhor Almeira schien auch in der That nicht die geringsten
+Schwierigkeiten gemacht zu haben, denn die Gründe, die ihm der Beamte
+vorgelegt, mußten doch wohl zu überzeugend gewesen sein. Kaum eine halbe
+Stunde später erschien dieser selbst, um den Deutschen anzuzeigen, daß
+sie am nächsten Morgen ihr Gepäck nach Porto Seguro verladen möchten, da
+in den nächsten Tagen das vom Norden kommende Dampfboot dort erwartet
+würde. Kosten hätten sie dabei nicht, ja, es sollte sogar Jedem ein
+Reitthier geliefert werden, um den ziemlich entfernten Hafenplatz zu
+erreichen.
+
+Von jetzt an hatte die Noth der Armen aufgehört. Eine schwere Stunde
+stand ihnen freilich noch bevor: der Abschied von den Gräbern ihrer
+Lieben, von denen sie sich ja auf immer trennen mußten, und bittere
+Thränen wurden dort geweint, aber auch das überstanden sie, wie sie so
+Manches in diesem Aufenthalt der Qual überstanden hatten, und am
+nächsten Morgen mit Tagesanbruch wurden die Thiere herbeigetrieben, auf
+denen sie die Plantage verlassen sollten.
+
+Senhor Almeira machte ihnen allerdings den Abschied insofern leicht, als
+er sich nicht mehr vor ihnen sehen ließ, aber sie verlangten auch nicht
+nach ihm, und als sie im Hafen angelangt das eben eingetroffene
+Dampfboot bestiegen, und mit diesem wieder hinaus in die offene See --
+in die frische, kühle Luft hinein hielten, war ihnen fast so zu Muthe,
+als ob sie nicht einen anderen Platz in dem fernen Reich aufsuchen
+wollten, sondern aufs Neue der Heimath entgegen steuerten.
+
+
+
+
+Zwölftes Capitel.
+
+In der Colonie Blumenau.
+
+Schluß.
+
+
+Der kleine Dampfer, der die armen mißhandelten deutschen Arbeiter nach
+dem südlichen Theil des Reiches also in ein kälteres und auch weit
+gesünderes Land führen sollte, brauchte doch mehrere Tage ehe er selbst
+nur Rio de Janeiro, die Hauptstadt erreichte, und die Deutschen, die
+dort an Land mußten, sahen sich hier wieder in einer neuen und
+vollkommen fremden Welt. Aber nicht mehr allein und freundlos standen
+sie da, denn das Schicksal der Unglücklichen hatte schon die allgemeine
+Theilnahme nicht allein vieler ihrer Landsleute, sondern auch mancher
+Brasilianer selber wach gerufen, und während sie, bis der andere Dampfer
+nach der Colonie befördert werden konnte, von der Regierung am Land
+einquartiert und beköstigt wurden, veranstaltete man in der Stadt
+Sammlungen für sie, um die vollkommen Abgerissenen und von Jedem
+Entblößten nur erst einmal in etwas wieder auszustatten.
+
+Dann kam die zweite Reise. In Rio wurden sie wieder eingeschifft,
+brauchten aber selbst von da an noch zwei und einen halben Tag, bis sie
+ihr Ziel erreichten, und Behrens sah jetzt recht deutlich wie schändlich
+und nichtswürdig sie jener gewissenlose Agent in Deutschland belogen,
+als er ihnen auf der Karte zeigte, welche kleine Entfernung nur die
+beiden Plätze von einander trennte. Er selber hatte auch zu gleicher
+Zeit genug von dem Brasilianischen Urwald gesehn, um zu wissen, wie
+vollständig unmöglich es gewesen wäre, die Strecke durch diese =Wildniß=
+hin, zurückzulegen.
+
+Und was hatte jener Mann in Deutschland dabei gehabt, seine eigenen
+Landsleute so schändlich zu hintergehen und in die Hände eines
+gewissenlosen Fremden zu liefern? -- Nichts in der Gotteswelt als die
+paar Thaler =Kopfgeld=, die er für jedes seiner Opfer bekam und welchen
+Gewinn er dann mit einem ebensolchen Schurken in Antwerpen theilte.
+
+Von Rio de Janeiro aus bekamen sie noch Reisegesellschaft; frische
+Auswanderer aus Deutschland, welche diese Gelegenheit benutzen konnten
+um ihr vorgestecktes Ziel in Brasilien, die deutschen Colonien zu
+erreichen. Das waren auch keine Leute die sich durch einen Contract
+gebunden hatten; frei und unabhängig zogen sie hinüber in das fremde
+Land und wenn sie auch gerade nicht viel Geld in den Taschen trugen,
+sahen sie sich doch nicht an Händen und Füßen gebunden und konnten sich
+auf ihren Fleiß und ihre derben Fäuste schon mit gutem Vertrauen
+verlassen.
+
+Und welch ein Unterschied zwischen ihnen und den armen
+Parcerie-Arbeitern. Sie hatten noch ihre frischen rothen Backen mit von
+Deutschland gebracht, und die Kinder sahen dick und gesund aus, während
+die Deutschen die aus Minas Geraes herunterkamen, eher hohlwangigen und
+nur mit gelber Haut überzogenen Skeletten glichen.
+
+Und auch an Geist waren die Menschen gebrochen, denn sie hatten in den
+langen elenden Jahren Hoffnung und Vertrauen verloren. Behrens selber
+saß auf der ganzen Reise still und in sich gekehrt, grübelte über das
+Unglück nach das ihn =betroffen=, und das was noch für ihn in Aussicht
+stand. Sein Bruder? -- er hatte die langen Jahre Nichts von ihm gehört;
+wußte er denn überhaupt ob er noch lebe, und wär' er selber jetzt, mit
+zerstörter Kraft und Gesundheit, selbst unter günstigeren Verhältnissen
+noch im Stande wieder von Neuem eine schwere Arbeit zu beginnen?
+
+Hannchen that ihr Bestes um ihn aufzuheitern, so weh ihr selber auch
+dabei zu Muthe sein mochte. Es war vergebens. Der Mann hatte einmal die
+feste Idee gefaßt daß sie in Brasilien verloren wären und nur von einem
+Sclavenaufseher zum anderen geschafft würden. -- Und nach Deutschland
+zurück? -- was hätte er dort jetzt noch gesollt, wo er, mit Allem
+verloren was er einst sein nannte, nicht einmal mehr in Tagelohn gehen
+konnte. Nein -- es war vorbei mit ihm und leise nur murmelten die
+bleichen Lippen:
+
+»Ach wenn ich doch drunten in der Erde bei der Sophie läge -- dann wäre
+Alles gut -- Alles.«
+
+Der kleine Dampfer -- allerdings kein besonderer Schnellläufer -- setzte
+indessen munter seine Reise fort, aber selbst als er wieder vor dem Ort
+seiner Bestimmung ankerte, als Behrens nun wußte daß sie endlich --
+endlich, nach jahrelangem Sehnen ihr eigentliches Ziel erreicht, und
+Fürchtegott der indessen hochaufgeschossen war, wenn er auch ebenso wie
+die anderen mager und gelb aussah, die Sachen mit an Land schaffen
+wollte, sagte der alte Behrens:
+
+»Laß nur sein, Fürchtegott, wir wissen ja noch gar nicht wo es hinkommt.
+Erst müssen wir doch wieder verauktionirt werden.« Er kümmerte sich
+auch, in der Colonie selber angekommen, um gar nichts mehr und ließ die
+Kinder für Alles sorgen; nicht einmal nach seinem Bruder frug er. Der
+war todt -- so hatte sich ihm der Gedanken wenigstens in der letzten Zeit
+in den Kopf gesetzt, und daß man ihm von allen Seiten freundlich
+begegnete, daß ihm die Colonisten, die bald die Leidensgeschichte des
+armen Mannes von den Übrigen erfahren, Lebensmittel in Masse brachten
+und ihn in einem kleinen freundlichen Hause einquartierten, nahm er eben
+ruhig, kaum dankend hin.
+
+In der Leidenszeit hatte er noch, so viel es möglicher Weise ging, den
+Kopf oben behalten und für sich und die Seinen gedacht, jetzt aber, mit
+dem völligen Wechsel seines Lebens und der ruhigen Zeit an Bord war eine
+Art Erschlaffung eingetreten, und es bedurfte starker Mittel ihn daraus
+zu wecken -- aber es geschah.
+
+Sein Bruder lebte wirklich noch und in den besten Verhältnissen auf
+einer kleinen Seitencolonie, etwa zwei Stunden von Blumenau entfernt.
+Fürchtegott hatte das auch bald ausgekundschaftet und Hannchen indessen
+die Sorge für den Vater überlassend, war er hinausgeeilt um ihn
+aufzusuchen.
+
+Franz, wie dieser hieß, eilte auch augenblicklich mit dem neugefundenen
+Neffen zurück nach Blumenau und unterwegs mußte ihm dieser die traurigen
+Schicksale seiner Familie ausführlich erzählen. Auch von dem Zustand des
+Vaters sprach er dabei, der jetzt theilnahmlos und ineinander gebrochen
+und nur still vor sich hinbrütend da sitze und von Nichts mehr wissen
+wolle. Bruder Franz aber nahm das sehr leicht. Solche derbe Naturen
+können gewöhnlich wohl gebogen aber selten geistig gebrochen werden --
+Carl Gottlieb war eben nur gebogen und den wollten sie schon wieder
+gerade bringen.
+
+Rührend war das Wiedersehen der beiden Brüder. Behrens selber weinte wie
+ein Kind, und selbst dem wetterharten brasilianischen Landmann liefen
+die Thränen an den Backen nieder, als er die Jammergestalt vor sich sah.
+Er hätte ihn auch gewiß im Leben nicht wieder erkannt, aber er war auch
+praktischer Natur und gab sich nicht lange doch nutzlosen
+Gefühlsäußerungen hin.
+
+Behrens mußte mit ihm hinaus auf die Facienda oder Farm, und dort selber
+ein Stück Land bekommen, daß er wieder Lust am Leben und -- was bei ihm
+bis jetzt ja gleichbedeutend gewesen -- am Arbeiten fand. Und was für
+rüstige Kräfte standen ihm dabei zur Seite. Fürchtegott sah jetzt
+allerdings elend genug aus, aber in vier Wochen sollte sich der schon
+wieder herausfüttern -- Hannchen war ein prächtiges Mädchen geworden,
+und ja auch, selbst in Minas Geraes, immer gesund geblieben, der
+Christian konnte ebenfalls schon tüchtig mit zufassen, und die Lisbeth
+versprach vollkommen in Hannchens Fußtapfen zu treten. Mit vier
+=solchen= Kindern brauchte er hier Nichts zu fürchten, und wenn er
+selber auch keinen Schlag Arbeit mehr that. Hatte er früher für =sie=
+nach besten Kräften geschafft, so durften und mußten sie das jetzt auch
+für ihn thun, und Lust und Liebe dazu hatten sie ja Alle.
+
+Und wie freundlich war das ganze Land hier, auf dem nicht die drückende
+Hitze lag, die ihnen in Minas Geraes und mitten in jenem
+engeingeschlossenen Thal, das Mark in den Knochen vertrocknet hatte. Es
+war Winter -- Winter allerdings nicht wie bei uns mit Schnee und Eis,
+aber ein Winter wie in Deutschland der Monat Mai, mit erfrischenden
+Regen und kühlen, herrlichen Nächten und doch wieder heiteren sonnigen
+Tagen dazwischen.
+
+Und wie heimelte sie das Land selber an. Nicht mehr von lauter
+widerlichen Negersclaven sahen sie sich umgeben, die in der fremden
+Sprache nur mit ihnen verkehrten. Nur deutsche so lang entbehrte
+deutsche Laute grüßten hier ihr Ohr und wohin das Auge fiel traf es auf
+freundliche, wohnliche Häuser, auf blühende Gärten, auf fruchtbare
+gutgehaltene Felder die den Wohlstand ihrer Eigenthümer bezeugten, und
+als sie endlich des Bruders Platz erreichten, wollten sie kaum glauben
+daß sie =jetzt= da wohnen sollten -- wohnen einmal wieder wie Menschen
+und von wackeren Verwandten geliebt und gepflegt.
+
+Die Colonie Blumenau ist in der That eine der bestgehaltensten und am
+Besten bewirthschafteten in ganz Süd-Brasilien. Der Direktor dort, der
+_Dr._ Blumenau hat auch fast sein ganzes Leben daran gewandt sie zu
+pflegen und emporzubringen und da die brasilianische Regierung sogar ein
+Verbot gegen Sclaverei in diesen deutschen Colonien erlassen hat, behält
+die freie Arbeit nicht allein ihren Werth, sondern die Deutschen sind
+auch der unangenehmen Gesellschaft der Neger enthoben, von denen sich
+nur Einzelne, aber ebenfalls frei, als Dienstboten unter ihnen
+aufhalten.
+
+Franz Behrens, während er den Bruder vor der Hand vollkommen sich selber
+überließ, sorgte indeß für ihn und ging selber zum Direktor um mit
+diesem zu berathen wie der Familie am Besten und Leichtesten geholfen
+werden könne, und wo ein =Wille= ist, giebt es auch gewöhnlich ein
+Mittel.
+
+Nicht weit von dort, wo sich Franz Behrens angesiedelt hatte, lag eine
+kleine schon bebaute Facienda, mit einem wohnlichen Haus darauf, die der
+jetzige Besitzer, der gern nach einer anderen Colonie übersiedeln
+wollte, weil sich seine einzige Tochter dorthin verheirathet, zum
+Verkauf ausgeboten. Die Summe war allerdings nicht unbedeutend und
+Behrens besaß durch die in Rio für ihn veranstaltete Sammlung wohl ein
+=kleines= Capital, aber nicht annährend genug um das zu zahlen -- doch
+das schadete Nichts. Der Eigenthümer war selber ein wohlhabender Mann,
+der das Geld nicht nothwendig gebrauchte, und verstand sich gern dazu
+dem Käufer lange Termine zu stellen, in denen er das erstandene
+Grundstück abbezahlen konnte. Der Direktor ebenso, der ihnen jede in
+seinen Kräften stehende Hülfe zusagte, unterstützte sie im Anfang mit
+allem nothwendigen Ackergeräth, wie auch der Bruder in vielen Stücken
+aushalf und ihnen mit Rath und That beistand. Und jetzt erst gewann
+Behrens selber das vollständig verlorene Vertrauen wieder.
+
+ * * * * *
+
+Die ersten Wochen allerdings war es fast als ob er gar keinen Theil mehr
+an den Arbeiten der Kinder nehmen wolle, und nur erst, wie er das die
+langen Jahre gewohnt gewesen, -- auf den Negertreiber wartete, der sie
+zur gezwungenen Arbeit rief -- aber das hielt nicht lange an. Mit der
+Zunahme seiner fast erschöpft gewesenen Kräfte, erwachte auch die alte
+Lust zum Schaffen in ihm, und noch war kein Monat vergangen als er das
+drückende Gefühl der Knechtschaft, das bis dahin auf ihm gelegen,
+vollständig abgeschüttelt hatte. Er konnte freilich nicht gleich fassen
+und begreifen daß das Land auf dem er jetzt -- und nicht etwa mehr als
+er je gethan, arbeitete, mit dieser Arbeit in kurzer Zeit sein Eigenthum
+werden, und wenn er einmal starb, seinen Kindern gehören solle -- Du
+lieber Gott, er war ja gar nicht gewohnt gewesen irgend etwas eigen zu
+haben, als sein eigenes Elend, aber endlich lebte er sich auch selbst
+dahinein, und mit welcher Lust und Liebe griff er von da an zu, und wie
+rasch kräftigte sich der fast aufgeriebene Körper.
+
+ * * * * *
+
+Und dabei blieb es nicht; Hannchen heirathete zwei Jahre später einen
+jungen deutschen Bauer, der eine der größten Facienden in der ganzen
+Colonie hatte. Dieser aber unterstützte den Schwiegervater dafür auch
+durch ein halb Dutzend Milchkühe, die er ihm eines Morgens auf den Hof
+trieb und während die indeß auch sechzehn Jahre gewordene Lisbeth jetzt
+die häusliche Wirthschaft führte, hatte der Fleiß des alten Behrens wie
+seiner beiden Söhne sie so rasch vorwärts geschafft daß er, mit einigen
+glücklichen Erndten und guten Preisen, schon nach fünf Jahren das ganze
+Landgut freigearbeitet hatte.
+
+Auch die andere Familie war in der Colonie untergebracht worden, und
+wenn sie auch nicht so rasch vorrückte wie Behrens mit Hülfe seiner
+erwachsenen Knaben, so lebten sie doch hier sorgenfrei und jedes Zwangs
+enthoben und sahen dabei wie sich ihre Umstände zusehens von Jahr zu
+Jahr verbesserten.
+
+So waren denn wenigstens diese zwei Familien vom augenscheinlichen
+Verderben gerettet worden, dem sie sicher, in der Gewalt jenes
+gewissenlosen Sclavenhalters, entgegen gingen. Die freien schönen
+Colonien von Süd-Brasilien boten ihnen ein unbeschränktes Feld für ihre
+Thätigkeit und in einem gesunden Klima sahen sie einer frohen Zukunft
+entgegen.
+
+Aber die Regierung konnte freilich nicht all den Unglücklichen helfen,
+die auf falsche und betrügerische Versprechungen hin thöricht genug
+gewesen waren, derartige Verträge mit den Sclavenhaltern der heißen
+Provinzen oder deren Helfershelfern, den hiesigen Agenten einzugehen. Wo
+ihr bestimmte und motivirte Klagen vorgelegt wurden, war sie im Stande,
+einzuschreiten, und das geschah nicht selten. Leider aber blieb das
+ähnliche Unglück von Tausenden, die in dem weiten Land zerstreut waren,
+ihr verborgen, und sie that das Einzige, was ihr da noch übrig blieb:
+sie ließ die Deutschen selber vor dem Abschluß solcher Parcerie-Verträge
+warnen.
+
+
+Druck von Otto Wigand in Leipzig.
+
+
+
+
+Fußnoten
+
+
+[1] Das Wort Parcerie, was eigentlich in den brasilianischen Verträgen
+_Parçarie_ heißen sollte, nach dem portugiesischen Wort _parçaria_, ein
+Antheil, eine gemeinschaftliche Gesellschaft -- bedeutet eine Art von
+Contract nach welchem sich hiesige Arbeiter gewöhnlich verpflichten,
+nach unentgeltlicher Überfahrt in einen fremden Welttheil, so lange für
+ihren neuen Herrn zu arbeiten, bis sie die, durch ihren Transport
+angewachsenen Kosten abverdient haben. Sie bekommen aber dafür keinen
+bestimmten Tagelohn, sondern sind auf einen Antheil am =Gewinn=
+beschränkt, der in den betrügerischen Contracten gewöhnlich so
+hingestellt ist, daß der Arbeiter glauben soll, er bekomme die Hälfte
+vom Gewinn des Ganzen, während es aber doch nur meint daß er die Hälfte
+dessen bekommen soll was er etwa verdient. Aber selbst das ist
+eingebildet, denn er verdient eben Nichts wenn sein Herr beweisen kann
+daß er selber keinen Nutzen in einem Jahr gehabt hat und in tausend
+Fällen sind deshalb schon diese Verträge von gewissenlosen Pflanzern
+gemißbraucht worden.
+
+[2] Das betreffende Document ist =wörtlich= -- mit Ausschluß der Namen
+-- einem derartigen Parcerie-Vertrag entnommen, und mag als Beweis
+dienen, wie leichtsinnig zahllose Menschen derartige Schriftstücke
+unterzeichnen, und sich dadurch binden, ohne eine Ahnung über deren
+Tragweite zu haben.
+
+[3] Ich kann Auswanderer nicht genug davor warnen, sich von =irgend=
+einem Agenten Entfernungen auf den Karten zeigen und erklären zu lassen.
+Denn Nichts auf der Gottes Welt ist unzuverlässiger als ein solcher
+Beweis, Leuten gegenüber, die kein Verständniß über die Schwierigkeiten
+und Entfernungen in fremden, besonders wilden Ländern haben können. Ich
+will hier nur =ein= Beispiel anführen. Die deutsche Colonie Pozuzo in
+Peru liegt auf der großen Weltkarte nur etwa drei Viertel-Zoll von Lima
+entfernt, und ich gebrauchte =allein= und =ohne= Gepäck nur mit meiner
+Satteltasche und theils zu Pferd, theils zu Fuß, weil die Wege zu
+entsetzlich waren, unter den größten Beschwerden und selbst Gefahren
+=achtzehn= Tage um sie zu erreichen. Solche Kunstgriffe, wie hier Herr
+Kollboeker anwendet, sind aber nur zu häufig von schurkischen Agenten
+gebraucht und benutzt worden, um arme unwissende Menschen dorthin zu
+schaffen wo =sie= einen Nutzen von ihnen erwarteten. Was aus den Armen
+nachher wurde, kümmerte sie wahrhaftig nicht.
+
+
+
+
+[ Hinweise zur Transkription
+
+
+Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. Großgeschriebene
+Umlaute waren im Original als Ae, Oe und Ue abgedruckt und wurden
+durch Ä, Ö und Ü ersetzt. Offensichtliche Fehler und uneinheitliche
+Schreibweisen wurden korrigiert, bei Zweifeln und in der Zeichensetzung
+wurde der Originaltext beibehalten. Eine Liste der vorgenommenen
+Änderungen befindet sich hier am Buchende, Änderungen bei falsch gesetzten
+oder fehlenden Anführungszeichen sind dort nicht aufgeführt.
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+Das Inhaltsverzeichnis ist im Original nicht enthalten und wurde
+hinzugefügt.
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+Änderungen
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+ Seitenangabe
+ originaler Text
+ geänderter Text
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+ Seite X
+ wieder mit gewaffneter Macht in Aurakanien eingefallen
+ wieder mit gewaffneter Macht in Araukanien eingefallen
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+ Seite 14
+ unter dem Wendekreise des Steinbocks (nämlich unter 22° 56" S. Br.)
+ unter dem Wendekreise des Steinbocks (nämlich unter 22° 56' S. Br.)
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+ Seite 17
+ Die Stadt -- ein kleine Residenz in Thüringen
+ Die Stadt -- eine kleine Residenz in Thüringen
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+ Seite 19
+ der Wohnung des Doctor Maller, Andreas' Brodherrn, zu
+ der Wohnung des Doctor Maller, Andres' Brodherrn, zu
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+ Seite 60
+ die doch dicht gedrängt um die Fallreeptstreppe
+ die doch dicht gedrängt um die Fallreepstreppe
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+ Seite 74
+ eine Familie aus Hessen, Mann Frau und zwei erwachsene Söhne
+ eine Familie aus Hessen, Mann, Frau und zwei erwachsene Söhne
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+ Seite 82
+ aber der Aufenhalt war dort wenigstens luftig
+ aber der Aufenthalt war dort wenigstens luftig
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+ Seite 118
+ Auch daüber freute sich Senhor Almeira nicht
+ Auch darüber freute sich Senhor Almeira nicht
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+ Seite 127
+ denn wenn sie länger in Brasilien sind
+ denn wenn Sie länger in Brasilien sind
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+ Seite 138
+ Dem Ministerium liegt besondes daran
+ Dem Ministerium liegt besonders daran
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+ Seite 139
+ mit einer Entschädigungsklage für Ihr Schützlinge
+ mit einer Entschädigungsklage für Ihre Schützlinge
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+ Seite 143
+ dann wäre Alles gut -- Alles
+ dann wäre Alles gut -- Alles. ]
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+End of Project Gutenberg's Ein Parcerie-Vertrag, by Friedrich Gerstäcker
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+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 43892 ***