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| author | Roger Frank <rfrank@pglaf.org> | 2025-10-14 18:35:25 -0700 |
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diff --git a/43438-0.txt b/43438-0.txt new file mode 100644 index 0000000..2e3a104 --- /dev/null +++ b/43438-0.txt @@ -0,0 +1,3915 @@ +*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 43438 *** + + EROTIKA + BIBLION + + + von + Honoré Gabriel + Riquetti + Graf von Mirabeau + + + HYPERIONVERLAG + + + + + + + + +Anagogie + + +Bekanntlich[A] haben unter den zahllosen Ausgrabungen der Altertümer von +Herkulanum die Handschriften die Geduld und den Scharfsinn der Künstler und +Gelehrten erschöpft. Die Schwierigkeit besteht in dem Aufrollen der seit +zweitausend Jahren durch die Lava des Vesuvs halbvernichteten Schriften. +Sowie man sie berührt, zerfällt alles in Staub. + +Indessen haben ungarische Mineralogen, die geduldiger und gewandter als die +Italiener sind, Vorteile aus den Erzeugnissen, die der Mutterschoß der Erde +darbietet, zu ziehen, der Königin von Neapel ihre Dienste angeboten. Die +Fürstin, eine Freundin aller Künste, die den Wetteifer geschickt anzufeuern +versteht, hat die Künstler liebenswürdig aufgenommen: sie aber stürzten +sich auf diese unsäglich schwierige Arbeit. + +Zuerst kleben sie eine dünne Leinwand über eine dieser Rollen; wenn das +Leinen trocken ist, hängt man es auf und legt gleichzeitig die Rolle auf +einen beweglichen Rahmen, um ihn unmerklich zu senken, je nachdem die +Abwicklung vor sich geht. Um sie zu erleichtern, streicht man mit einem +Federbart einen Faden Gummiwassers auf die Rolle, und allmählich lösen sich +Teile davon ab, um sich unverzüglich auf die ausgespannte Leinewand zu +leimen. + +[Fußnote A: Der Titel dieses Buchs wird nicht allen Lesern verständlich +sein und manche werden keinen Zusammenhang zwischen ihm und dem Stoff +finden. Nichtsdestoweniger würde ein anderer nicht zu ihm passen; und wenn +wir ihn griechisch gelassen haben, wird man den Grund dazu leicht +verstehen.] + +Diese mühselige Arbeit nimmt soviel Zeit in Anspruch, daß man im Laufe +eines Jahres kaum einige Blätter abrollen kann. Die Unannehmlichkeit, nur +allzu oft Handschriften zu finden, die nichts enthalten, hätte auf dieses +schwierige und mühselige Unternehmen verzichten lassen, wenn so viele +Anstrengungen nicht schließlich durch die Entdeckung eines Werkes belohnt +worden wären, das bald den Scharfsinn von einhundertfünfzig Akademien +Italiens herausgefordert hat[A]. + +[Fußnote A: Deren Namen zum mindesten seltsam sind. Akademien in Bologna: +Abbandonati, Ansiosi, Ociosi, Arcadi, Confusi, Difettuosi, Dubbiosi, +Impatienti, Inabili, Indifferenti, Indomiti, Inquieti, Istabili, Della +Notte, Piacere, Sienti, Sonnolenti, Torbidi, Verpentini. + +In Genua: Accordati, Sopiti, Resvegliati. + +In Gubio: Addormentati. + +In Venedig: Acuti, Allettati, Discordanti, Disgiunti, Disingannati, +Dodonci, Filadelfici, Incruscabili, Instancabili. + +In Rimini: Adagiati, Entrupelli. + +In Pavia: Affidati, Della Chevia. + +In Fermo: Raffrontati. + +In Molisa: Agiati. + +In Florenz: Alterati, Humidi, Furfurati, Della Crusca, Del Cimento, +Infocati. + +In Cremona: Animosi. + +In Neapel: Arditi, Infernati, Intronati, Lunatici, Secreti, Sirenes, +Sicuri, Volanti. + +In Ancona: Argonauti, Caliginosi. + +In Urbino: Assorditi. + +In Perugia: Atomi, Eccentrici, Insentati, Insipidi, Unisoni. + +In Tarent: Audaci. + +In Macerata: Catenati, Imperfetti, Chimerici. + +In Siena: Cortesi, Giovali, Prapussati. + +In Rom: Delfici, Humoristi, Lincai, Fantastici, Negletti, Illuminati, +Incitati, Indispositi, Infecondi, Melancholici, Notti, Vaticane, Notturi, +Ombrosi, Pellegrini, Sterili, Vigilanti. + +In Padua: Delii, Immaturi, Orditi. + +In Drepano: Difficilli. + +In Brescia: Dispersi, Erranti. + +In Modena: Dissonanti. + +In Syrakus: Ebrii. + +In Mailand: Cliconii, Faticosi, Fenici, Incerti, Miscosti. + +In Recannati: Disuguali. + +In Candia: Extravaganti. + +In Pezzaro: Eterocliti. + +In Commachio: Flattuanti. + +In Arezzo: Forzati. + +In Turin: Fulminales. + +In Reggio: Fumosi, Muti. + +In Cortone: Incogniti. + +In Rossano: Incuriosi. + +In Brada: Innominati, Tigri. + +In Acis: Intricati. + +In Mantua: Invaghiti. + +In Agrigent: Mutabili, Offuscati. + +In Verona: Olympici, Unanii. + +In Viterbo: Ostinati, Vagabondi. + +Wenn irgendein Leser begierig ist, diese Namenreihe zu vermehren, braucht +er nur ein Werk von Jarckins nachzuschlagen, das 1725 in Leipzig gedruckt +worden ist. Der Verfasser hat nur die Geschichte der Akademien von Piemont, +Ferrara und Mailand geschrieben. Er zählt ihrer fünfundzwanzig allein in +letzter Stadt auf. Die Liste der anderen ist endlos, und ihre Namen sind +die einen noch seltsamer als die anderen.] + +Es handelte sich um eine mozarabische Handschrift, die geschrieben ist in +den fernen Zeiten, wo Philippus von der Seite des Eunuchen von Candacia +fort geraubt wurde[A]; wo Habacuc, an den Haaren[B] emporgetragen, Daniel +das Mittagbrot fünfhundert Meilen weit trug, ohne daß es kalt wurde, wo die +beschnittenen Philister sich Vorhäute machten[C], wo Hintern von Gold +Hämorrhoiden heilten[D] . . . . . Ein gewisser Jeremias Shackerley, ein +Rechtgläubiger laut der Handschrift, nutzte die Gelegenheit für sich aus. + +Er war gereist, und von Vater auf Sohn war nichts in der Familie, einer der +ältesten auf der Welt, verloren gegangen, da sie nicht unzuverlässige +Überlieferungen aus dem Zeitabschnitt aufbewahrte, wo die Elefanten die +kältesten Teile Rußlands bevölkerten, wo Spitzbergen wundervolle Orangen +hervorbrachte, wo England nicht von Frankreich getrennt war, wo Spanien +noch am Festland von Kanada hing durch das große, Atlantis geheißene Land, +dessen Namen man kaum bei den Alten wiederfindet, das uns aber der +scharfsinnige Herr Bailly so gut zu schildern weiß. + +Shackerley wollte auf einen der entferntesten Planeten, die unser System +bilden, gebracht werden[E], doch setzte man ihn nicht auf dem Planeten +selber nieder, sondern lud ihn auf dem Ring des Saturn ab. Dieser ungeheure +Himmelskörper war noch nicht in Ruhe. Auf seinen niedrig gelegenen Teilen +gabs tiefe und stürmische Meere, reißende Sturzbäche, strudelnde Gewässer, +beinahe immerwährende Erdbeben, die durch das Einsinken von Höhlen und +häufige Vulkanausbrüche hervorgerufen wurden, wirbelnde Dampf- und +Rauchsäulen, Stürme, die unaufhörlich durch die Erschütterungen der Erde +und ihren wütenden Anprall gegen die Gewässer der Meere erregt wurden, +Überschwemmungen, Austreten der Flüsse, Sintfluten Lava-, Erdpech-, +Schwefelströme, die die Gebirge verheerten und sich in die Ebenen stürzten, +wo sie die Gewässer vergifteten; das Licht aber war durch Wasserwolken, +durch Aschenmassen, durch glühende Steine, die die Vulkane auswarfen, +verdunkelt . . . . Also sah es auf diesem noch ungestalten Planeten aus. +Einzig der Ring war bewohnbar. Sehr viel dünner und mehr abgekühlt erfreute +er sich bereits seit langem der Vorteile der vollkommenen, empfänglichen, +weisen Natur; aber man erblickte von dort aus die furchtbaren Vorgänge, +deren Theater der Saturn war. + +[Fußnote A: Aet., Kap. 8, 39. Spiritus Domini rapuit Philippum et amplius +non vidit eunuchus.] + +[Fußnote B: Daniel, Kap. 14, 32. Erat autem Habacuc prophaeta in Judaea, +et ipse coxerat pulmentum . . . Et ibat in campum ut ferret messoribus. + +33. Dixit que angelus Domini ad Habacuc: fer prandium quod habes in +Babylonem Danieli. + +35. Et apprehendit eum angelus Domini in vertice eius, et portavit eum +capillo capitis sui, posuitque eum in Babylone. + +Isaac, Baron de Sacy, hat capillo mit: die Haare übersetzt. Luther +schreibt: oben beym Schopf; was derselbe Fehler ist. Denn Habacuc an einem +Haar dahingetragen zu haben, ist ein größeres Wunder als an den Haaren; auf +alle Fälle aber ging die Fahrt schnell von statten.] + +[Fußnote C: Maccab. 1. 16. I v. I c. + +Et fecerunt sibi praeputia. Was Isaac, Baron de Sacy, mit: Sie nahmen von +sich die Zeichen der Beschneidung übersetzt. Die Septuaginta sagt ganz +einfach: sie machten sich Vorhäute. Die Kirchenväter haben ebenso +übersetzt. Doch als die Jansenisten auf der Bildfläche erschienen, +behaupteten sie, daß man die Vorhäute jungen Mädchen nicht in den Mund +legen könnte, wenn man sie die Bibel aufsagen läßt. Im Gegenteil dazu +erklärten die Jesuiten, auch nur ein einziges Wort in der Bibel zu +verändern, sei ein Verbrechen. + +Der Baron de Sacy hat also umschrieben, und der Pater Berrhuyer hat Sacy +der Ketzerei geziehen und behauptet, er habe Luthers Bibel benutzt. +Tatsächlich bedient sich Luther in seiner Bibel des Wortes Beschneidung. + + Und hielten die Beschneidung nicht mehr. + 1 2 3 4 5 6 + Et ont gardé la coupure point davantage. + 1 2 3 4 5 6 + +Luther hat wahrlich schlecht übertragen. Das Wunder, wie man es auch +übersetzt, bestand darin, daß man sich eine Vorhaut machte. Nun war die +Sache im Texte der Septuaginta wirklich wunderbar und ist es durchaus nicht +in der Übersetzung der Jansenisten.] + +[Fußnote D: Buch der Könige, lib. VII, Kap. 6, Vers 17. Hi sunt autem ani +aurei quos reddiderunt pro dilecto domino.] + +[Fußnote E: Ich zweifle nicht, daß irgendeine halbgelehrte oder +starrsinnige Kritik in der Folge dieses Berichts Shackerley für viel +erfahrener in der Astronomie halten wird, als es sich mit der genauen +Schilderung eines von Herkulanum zeitgenössischen Werkes verträgt. Doch +bitte ich zu bedenken, daß erstens die mystische Auslegung der heiligen +Schrift eine von Jeremias Shackerley gemachte Enthüllung ist, ganz wie +. . . ach! ja: ganz wie Sankt Johannes die Apokalypse auf der Insel Pathmos +geschrieben hat, daß zweitens kein Mensch in Herkulanum aus dieser +Handschrift hat klug werden können, die wohl vor Jesu Christi Geburt +geschrieben worden ist, wie wir auch ganz ratlos der Apokalypse +gegenüberstehen, die die Zahl 666 . . . . . auf der Stirn hat, eine Zierde, +die selbst für einen französischen Ehemann einzig sein würde, was durchaus +nicht die Echtheit unseres gelehrten Manuskripts in Frage stellt. Und daß +man drittens nur die unbestreitbare Geschichte der vorsintflutlichen +Astronomie des Herrn Bailly nachzulesen braucht, um sich davon zu +überzeugen, daß Shackerley alles wissen konnte, was er gewußt zu haben +schien . . . Endlich erkläre ich aus sechsunddreißigtausend Gründen, die +anzuführen allzu weitschweifig sein würde, daß, wer an Jeremias Shackerley +zweifelt, als Ketzer verbrannt werden müßte.] + +Form und Bildung dieses Ringes erschienen Shackerley so ungewöhnlich, wie +ihm nichts auf dem Erdboden gleich seltsam erschienen war. Erstens machte +unsere Sonne, die auch für die Bewohner dieses Landes die Sonne ist, für +sie kaum den dreißigsten Teil von dem aus, den sie für uns darstellt. Für +ihre Augen erzeugte sie die Wirkung, die bei uns der Morgenstern +hervorbringt, wenn er im höchsten Glanze steht. Merkur, Venus, Erde und +Mars können von dort aus nicht unterschieden werden, doch vermutet man ihr +Vorhandensein. Einzig der Jupiter zeigt sich dort, und zwar etwas näher, +als wir ihn sehen, mit dem Unterschiede, daß er Wandlungen durchmacht, wie +sie die Mondscheibe uns zeigt. Er war ebenfalls einer seiner Trabanten, und +aus diesem Zusammentreffen gleichmäßiger Veränderungen ergaben sich +seltsame und nützliche Erscheinungen. Seltsame: indem man den Jupiter im +Wachsen und seine vier kleinen Monde bald im Wachsen, bald im Abnehmen, +oder die einen zur Rechten und die anderen sich mit dem Planeten selber +vermischen sah. Nützliche, indem Jupiter manchmal die Sonne mit seinem +ganzen Gefolge passierte, was eine Menge von Berührungspunkten, +nacheinander folgende Eintauchungen und Austritte mit sich brachte, die für +die ganz regelmäßigen Beobachtungen nichts zu wünschen übrig ließen. + +Ebenso war die Deduktion der Parallaxen aufs genaueste berechnet worden, +dergestalt, daß trotz der Entfernung des Ringes oder des Saturns oder der +Sonne, welche nach dem gelehrten Jeremias Shackerley nicht viel weniger als +dreihundertdrei Millionen Meilen beträgt, man seit unzähligen Jahrhunderten +dort mehr Fortschritte auf dem Gebiete der Astronomie als auf der Erde +gemacht hatte. + +Die Sonne wirkte schwach; doch das Fehlen ihrer Wärme wurde durch die des +Saturnballes ausgeglichen, der sich noch nicht abgekühlt hatte. Der Ring +empfing von seinem Hauptplaneten mehr Licht und Wärme, als wir hier unten +erhalten, denn schließlich hatte der Ring ja in sich selbst, in seinem +Zentrum, den Saturnglobus, der neunhundertmal größer als die Erde ist, und +war fünfundfünfzigtausend Meilen von ihm entfernt, was dreiviertel der +Entfernung des Mondes von der Erde ausmacht. + +Um den Ring herum, in großen Zwischenräumen, sah man fünf Monde, die +manchmal alle auf derselben Seite aufgingen. Nach Shackerleys Behauptung +ist es unmöglich, sich einen hinreichenden Begriff von diesem glänzenden +Schauspiele zu machen. + +Der so gut gelegene Ring bildete gleich einer Hängebrücke einen +kreisförmigen Bogen, man konnte ihn auf seinem ganzen Umfange bereisen, +ebenso vermochte man von Ferne um den Saturnball zu reisen, dergestalt +aber, daß der Reisende diesen Ball stets auf der gleichen Seite behielt. + +Die Breite des Ringes beträgt nicht weniger als den Durchmesser unseres +Erdballs, ist aber gleichzeitig so dünn, daß dieser Durchmesser für den, +der ihn von der Erde aus wahrnehmen will, unsichtbar ist. Darum gleicht er +einer Messerklinge, deren dünne Schneide man von weitem aus betrachtet. +Shackerley kannte die Erscheinungen, die man hier unten feststellen kann, +sehr genau, erwartete aber, sich wenigstens rittlings auf der Schneide +dieses Ringes fortbewegen zu können. Wie überrascht war er jedoch, als er +sah, daß dieser so geringe Durchmesser, der unserem Auge entgeht, eine +ebenso große Entfernung wie die von Paris nach Straßburg ausmachte, denn +dieses Beispiel wird schneller und genauer den Begriff der Ausdehnung geben +als die Wegmessungen, die Shackerley vornahm, für die es einige +tausendseitiger Erklärungen bedürfte, bis man sie unbestreitbar abgeschätzt +hätte. Folglich könnte es auf dem unteren konkaven Rande kleine Königreiche +geben, welche die Politiken unseres Erdballes, wenn er ihnen zur Verfügung +stünde, herrlich in ein blutiges und durch zahllose ruhmreiche Ränke +denkwürdiges Theater verwandeln könnten. Die Bewohner dieses Teiles, die +man die Antipoden des äußeren Ringrückens nennen kann, die Bewohner des +Inneren, sage ich, hatten den ungeheuren Saturnball zu ihren Häupten +aufgehängt; der Ring aber bewegte sich wieder über diesen Ball hinweg und +über den Ring hin strebten die fünf Monde. + +Kurz, die Bewohner des Inneren sahen ihre rechte und linke Seite, wie wir +die unsrigen auf der Erde sehen; der Horizont aber von vorn, ebenso wie der +von hinten, waren sehr verschieden von denen, die wir hier unten erblicken. +Auf zehn Meilen verlieren wir auf Grund der Biegung unseres Erdballes ein +Schiff aus den Augen; auf dem Saturnring aber geht diese Biegung in +entgegengesetzter Weise vor sich, sie erhebt sich, statt sich zu senken; da +aber der Ring den Saturn in einer Entfernung von fünfzigtausend Meilen +umgibt, folgt daraus, daß dieser Ring in der Form eines Wulstes einen +Umkreis von mindestens fünfhunderttausend Meilen hat. Seine Biegung erhebt +sich also unmerkbar. Der Horizont, der sich auf unserer Erde senkt, +erscheint dort auf einige Meilen Entfernung dem Auge eben, dann erhebt er +sich ein weniges, die Gegenstände verkleinern sich; anfangs noch +erkenntlich, verwischen sie sich schließlich: man erblickt nur noch die +Massen; kurz, diese Erde erhebt sich in der Entfernung zu ungeheuren +Weiten, indem sie kleiner wird. So sehr, daß dieser Ring, der durch die +Täuschungen der Optik in der Luft endigt, für das Auge den Umfang unseres +Mondes erhält und kaum in dem Teile gewahr wird, der sich über dem Haupte +des Beobachters befindet, denn er macht für ihn mehr als die doppelte +Entfernung des Mondes von der Erde aus, das heißt, fast zweihunderttausend +Meilen. + +Ich will nicht von den vermehrten Phänomenen reden, die alle diese an ihren +beiderseitigen Eklipsen aufgehängten Körper hervorrufen; Shackerley kannte +sie schon auf der Erde und hatte sie recht beurteilt. + +Ihr Himmel war wie unserer, in allen Sternbildern gab es keine +Verschiedenheit, aber eine Unzahl Kometen erfüllte den ungeheuren und +unschätzbaren Zwischenraum, der zwischen Saturn und den Sternen bestand, +von denen man die nächsten ahnte. + +Da die Anziehungskraft des Saturnglobus teilweise die des Ringes im +Gleichgewicht hielt, war die Schwerkraft dort sehr vermindert; man +marschierte ohne Anstrengung, und die geringste Bewegung schaffte die Masse +fort. Wie eine Person, die badet, nur das gleiche Volumen des Wassers, das +sie einnimmt, verdrängen kann, bewegt man sich dort durch unfühlbaren +Antrieb. + +Ebenso brauchten die Körper, um sich zu vereinigen, sich nur zu streifen. +Sie näherten sich ohne Druck, alles war beinahe luftig. Die zartesten +Empfindungen dauerten fort, ohne die Organe abzustumpfen. Man kann sich +denken, daß diese Art zu sein, großen Einfluß auf die moralische Kraft der +Bewohner dieses planetarischen Bogens hatte. So war denn eines der Wunder, +das Shackerley am meisten überraschte, die Vervollkommnungsfähigkeit der +Lebewesen, die den seltsamen Ring bewohnten. Sie erfreuten sich sehr vieler +Sinne, die uns unbekannt sind; die Natur hatte zu große Vorteile in das +System all dieser großen Körper gelegt, als daß sie sich bei der +Zusammensetzung derer, die sie bestimmt hatte, sich all dieser Schauspiele +zu erfreuen, mit fünf Sinnen hätte zufrieden geben können. + +Hier steigert sich Shackerleys Verwirrung ins Ungeheure. Er besaß +Kenntnisse genug, um die großen Wirkungen dieser verschiedenen und +schwebenden Körper zu verstehen und zu schildern. Er scheiterte aber, als +er die Lebewesen beschreiben wollte. So findet man denn in dem +mozarabischen Manuskript nicht all die Klarheit, all die Einzelheiten, wie +man sie sich in dieser Beziehung gewünscht hätte. Wenigstens haben die +Abbandonati in Bologna, die Resvegliati in Genua, die Addormentati in +Gubio, die Disingannati in Venedig, die Adagiati in Rimini, die Furfurati +in Florenz, die Lunatici in Neapel, die Caliginosi in Ancona, die Insipidi +in Perugia, die Melancholici in Rom, die Extravaganti in Candia, die Ebrii +in Syracus und alle, die man um Rat befragt hat, darauf verzichtet, die +Übersetzung klarer wiederzugeben. Wahrlich, die bürgerliche und religiöse +Untersuchung wird sich vielleicht in etwas in solche Schwierigkeit +hineinversetzen können. + +Indessen muß man gerecht sein, nichts ist schwieriger zu erklären, als ein +Sinn, der uns fremd ist. Man hat Beispiele Blindgeborener, die mit Hilfe +der Sinne, die ihnen blieben, Wunder in ihrer Blindheit verrichtet haben. +Nun gut! Einer von ihnen, ein Chemiker und Musiker, der seinen Sohn Lesen +lehrt, kann keine andere Erklärung für einen Spiegel wie folgende geben: +»er ist ein Gegenstand, durch den die Dinge außerhalb ihrer selbst erhaben +hervortreten können.« Seht, wie abgeschmackt dennoch diese Definition ist, +die die Philosophen, die sie ergründet haben, sehr scharf und gar +erstaunlich fanden[A]. Ich kenne kein Beispiel, das geeigneter wäre, die +Unmöglichkeit zu zeigen, Sinne, mit denen man nicht versehen ist, +auszudrücken; indessen stammen alle Gefühle und moralischen Eigenschaften +von den Sinnen ab, folglich könnte man sich bei dem, was es über die Moral +der Wesen einer von unserer so verschiedenen Art zu sagen gäbe, nur auf +Beobachtungen stützen, die sich auf sie beziehen. + +[Fußnote A: Tatsächlich, welcher Gedankenfeinheit hat es nicht bedurft, +wie der berühmte Herr d'Alembert nach dem geistvollen und manchmal +erhabenen Diderot bemerkt, um dahin zu gelangen? Der Blinde lernt alles nur +durch den Tastsinn kennen; er weiß, daß man sein Gesicht nicht sehen kann, +obwohl man es zu berühren vermag. »Die Sehkraft,« folgert er, »ist also +eine Art Tastsinn, der sich nur auf die Gegenstände erstreckt, die +verschieden vom Gesicht und von uns entfernt sind.« Der Tastsinn gibt ihm +überdies noch den Begriff des Hervortretens. Daher ist der Spiegel ein +Werkzeug, welches uns außerhalb von uns selbst erhaben hervortreten läßt. +Das Wort erhaben ist kein Pleonasmus. Wenn der Blinde sagte, »außerhalb von +uns selbst hervortreten läßt«, würde er eine Abgeschmacktheit noch dazu +sagen, denn wie einen Gegenstand begreifen, welcher die Dinge verdoppeln +kann? Das Wort erhaben paßt nur auf die Oberfläche; also heißt für uns +»außerhalb von uns selbst erhaben hervortreten lassen«, die Darstellung +unseres Körpers außerhalb von uns selbst bewerkstelligen. Diese Bezeichnung +ist stets ein Rätsel für den Blinden, doch sieht man, daß er das Rätsel, so +gut es ihm möglich war, zu vermindern gesucht hat.] + +Im übrigen steht zu hoffen, daß die Gewohnheit, die uns unsere Reisenden +und Geschichtsschreiber aufgezwungen haben, sie das, was nur von Sitten, +Gesetzen und Gebräuchen handelt, vernachlässigen und sogar gänzlich außer +Acht lassen zu sehen, unsere Leser, Shackerley gegenüber, nachsichtig +machen wird, der immerhin den Freipaß eines hohen Alters für sich hat, ohne +welchen man vielleicht kein Wort von dem, was er gesagt, glauben würde. War +er doch für seine Zeitgenossen -- und in vieler Hinsicht ist er es auch für +uns -- in der Lage eines Mannes, der nur einen oder zwei Tage lang gesehen +hat und sich in einem Volk von Blinden aufhält; er müßte gewißlich +schweigen oder man möchte ihn für einen Narren halten, da er eine Menge +geheimnisvolle Dinge verkünden würde, die es in Wahrheit nur für das Volk +wären; aber so viele Menschen sind »Volk« und so wenige Philosophen, daß +man durchaus nicht sicher geht, nur für die zu handeln, zu denken und zu +schreiben. + +Shackerley hat indessen einige Beobachtungen gemacht, deren ungewöhnlichste +hier folgen sollen: + +Er bemerkte, daß das Gedächtnis bei den Lebewesen des Saturns sich niemals +trübte. Die Gedanken teilten sich bei ihnen ohne Worte und ohne Zeichen +mit. Keine Sprache gabs, infolgedessen nichts Geschriebenes, nichts +Ausgesagtes; wie viele Tore waren den Lügen und den Irrtümern verschlossen! +Die verschwenderischen, unzähligen Kleinigkeiten, die uns entnerven, waren +ihnen unbekannt. Sie hatten alle nur denkbare Bequemlichkeit, um ihre +Gedanken zu übertragen, um ihrer Ausführung eine erstaunliche Schnelligkeit +zu geben, um alle Fortschritte ihrer Kenntnisse zu beschleunigen; es +schien, daß bei dieser bevorzugten Art sich alles durch Instinkt und mit +der Schnelligkeit des Blitzes vollzog. + +Da das Gedächtnis alles behielt, lebte die Überlieferung mit unendlich viel +größerer Treue, Genauigkeit und Bestimmtheit fort als bei den verwickelten +und unendlichen Mitteln, die wir anhäufen, ohne irgendeine Art von +Sicherheit erreichen zu können. Jeder Körper hat seine Ausströmungen; die +der Erde sind ganz nutzlos. Auf dem Ringe bilden sie eine stets auf +beträchtliche Entfernungen hin wirksame Atmosphäre; und diese Emanationen, +von denen Shackerley nur einen Begriff geben konnte, indem er sie mit den +Atomen verglich, die man mit Hilfe von Sonnenstrahlen, die in ein dunkles +Zimmer eingeführt werden, unterscheidet, diese Emanationen, sage ich, +antworteten auf all die Nervenbüschel des Gefühls des Individuums. Ähnlich +den Staubfäden der Pflanzen, den chemischen Verwandtschaften strömten sie +in die Emanationen eines anderen Individuums über, wenn die Sympathie sich +da begegnete; was, wie man sich leichtlich denken kann, die Sensationen, +von denen wir uns nur ein sehr ungenaues Bild machen können, ins Unendliche +vervielfältigte. Zum Beispiel geben sie die Wonnen zweier Liebenden wieder, +ähnlich denen des Alphaeus, der, um sich der Arethusa zu erfreuen, welche +Diana eben in einen Quell verwandelt hatte, sich in einen Fluß verzauberte, +um sich noch inniger mit seiner Geliebten zu vereinigen, indem er seine +Wogen mit ihren vermischte. + +Diese lebhafte und fast unendliche Kohäsion so vieler fühlbarer Moleküle +brachte notwendigerweise in diesen Wesen einen Lebensgeist hervor, den +Shackerley durch ein mozarabisches Wort ausdrückt, das die Akademie der +Innamorati mit dem Worte elektrisch übersetzt hat, obwohl die Phänomene der +Elektrizität in diesen zurückliegenden Zeiten noch nicht bekannt waren. + +Alles war in diesen Gegenden ohne Pflege im Überfluß und derartig +vorhanden, daß der Besitz dort ebenso nutzlos wie lästig geworden wäre. Man +fühlt, daß, wo es keinen Besitz gibt, auch sehr wenige Ursachen zu +Zwistigkeiten und Feindschaften vorliegen können, und daß die vollkommenste +politische Gleichheit herrscht, vorausgesetzt, daß solche Wesen eines +politischen Systems bedürfen. Ich weiß nicht, was ihre Ruhe trüben könnte, +da ihre Bedürfnisse mehr im Vorbeugen als im Befriedigen liegen, wenn der +Geschmack des Verlangens ihnen nicht abgeht und sie das Gift des +Überdrusses nicht zu fürchten haben. + +Auf dem Saturnringe übertragen sich die Kenntnisse durch die Luft auf sehr +beträchtliche Entfernungen hin, auf demselben Wege, auf dem sich das +Sonnenlicht fortpflanzt, das bekanntlich in sieben Minuten zu uns kommt. +Eine Einatmung, oder anders ein gemäßigter Hauch genügt, um einen Gedanken +mitzuteilen. Davon geht der bewunderungswürdige Wettstreit unter den +unendlichen Völkern aus, die dieses Verständnisses und dieser auf dem +ganzen Ringe allgemein verbreiteten Harmonie zufolge sich nur mit ihrer +gemeinsamen Glückseligkeit beschäftigen, die niemals im Widerspruch mit der +eines einzelnen Individuums gestanden hat. + +Diese, besonders für die Menschheit so seltsamen Wesen erfreuten sich also +eines ewigen Friedens und eines unwandelbaren Wohlbefindens. Die +Geschicklichkeiten, die auf das Glück und die Erhaltung der Art abzielten, +waren so vervollkommnet, wie man sie sich nur denken und sich selber +wünschen kann, und man hatte dort nicht den geringsten Begriff von den +verheerenden, durch den Krieg erzeugten Kunstgriffen. So hatten die +Ringbewohner nicht die Wechsel von Vernunft und Wahnsinn durchzumachen, die +unsere Gemeinschaften so verschwenderisch mit Gut und Böse vermischt haben. +Die großen Talente in der furchtbaren Wissenschaft, diese hervorzubringen, +waren, weit entfernt davon, bei ihnen bewundert zu werden, dort nicht +einmal bekannt. Die unfruchtbaren oder künstlichen Vergnügungen herrschten +dort ebensowenig wie der falsche Ehrbegriff, und ihr Instinkt hatte die +glückseligen Wesen mühelos gelehrt, was die traurige Erfahrung so vieler +Jahrhunderte uns noch vergeblich anzeigt, ich will sagen, daß der wahre +Ruhm eines intelligenten Wesens Kenntnisse sind und der Friede sein wahres +Glück ist. + +Das ist alles, was eine rasche Lektüre von Shackerleys Reise mir zu +behalten erlaubte, den Habacuc am Ende seiner Fahrt bei den Haaren ergriff +und in Arabien niedersetzte, wo er ihn aufgehoben hatte. Wenn das +Auseinanderfalten und die Übersetzung dieses kostbaren Manuskripts +vollendet sein wird, will ich dem weisen Europa eine nicht minder +authentische Ausgabe als die des heiligen Buches der Brahmanen vorlegen, +die Herr Auquetil ganz gewiß von den Ufern des Ganges hergebracht hat, denn +ich schmeichle mir, die mozarabische Sprache beinahe ebenso gut zu können, +wie er den Zent oder den Pelhvi versteht. + + + + +Die Anelytroide + + +Ohne Widerspruch ist die Bibel eines der ältesten und seltsamsten Bücher, +das es auf Erden gibt. + +Die meisten Einwände, auf die sich Leute stützen, die nicht zu glauben +vermögen, daß Moses ein göttlicher Ausleger gewesen ist, scheinen mir sehr +unzureichend. Nichts ist zum Beispiel mehr ins Lächerliche gezogen worden +als das Sinnliche der heiligen Bücher, das einen tatsächlich als sehr +mangelhaft anmutet. Aber man zieht den Zustand dieser Wissenschaft in den +ersten Menschenaltern gar nicht in Erwägung, für die das Buch ja +schließlich verständlich sein mußte. Das Sinnliche war damals das, was es +noch heute sein würde, wenn der Mensch niemals die Natur erforscht hätte. +Er sah den Himmel für ein Azurgewölbe an, auf welchem Sonne und Mond die +wichtigsten Gestirne zu sein schienen; erstere brachte stets das +Tageslicht, letzterer das der Nacht hervor. Man sah sie erscheinen oder +sich auf einer Seite erheben und auf der anderen verschwinden oder +untergehen, nachdem sie ihren Lauf vollendet und ihr Licht einen bestimmten +Zeitabschnitt über hatten leuchten lassen. Das Meer schien von derselben +Farbe wie das Azurgewölbe, und man glaubte, daß es den Himmel berühre, wenn +man es von weitem betrachtete. Alle diesbezüglichen Gedanken des Volkes +halten oder können sich nur an diese drei oder vier Eindrücke halten; und +wie fehlerhaft sie auch sein mögen, man muß sich nach ihnen richten, um +sich zu seinem Standpunkt herabzulassen. + +Da das Meer sich in der Ferne mit dem Himmel zu vereinigen schien, mußte +man sich natürlich einbilden, daß es obere und untere Gewässer gäbe, deren +eine den Himmel anfüllten, die anderen das Meer. Und um die oberen Gewässer +zu halten, gab es ein Firmament, will sagen, eine Stütze, eine starke und +durchscheinende Wölbung, durch die man die azurnen oberen Gewässer +erblickte. + +Hier ist nun, was der Text der Genesis sagt: + +»Es werde eine Feste zwischen den Wassern, und die sei ein Unterschied +zwischen den Wassern. Da machte Gott die Feste, und schied das Wasser unter +der Feste von dem Wasser über der Feste. Und Gott nannte die Feste Himmel +. . . Und alle unter der Feste versammelten Wasser nannte er Meer.« + +Klar ist, daß man auf diese Ideen beziehen muß: + +1. die Katarakte des Himmels, die Türen und Fenster des festen Firmaments, +die sich auftun, wenn die oberen Gewässer auf die Erde fallen sollen, um +sie zu überschwemmen, + +2. den gemeinsamen Ursprung von Fischen und Vögeln, erstere durch die +unteren Wasser hervorgebracht, die Vögel durch die oberen Gewässer, weil +sie sich auf ihrem Fluge der Azurwölbung nähern, von welcher das Volk +glaubt, daß sie nicht viel höher ist als die Wolken. + +Ebenso glaubt dies Volk, daß die Sterne, die wie Nägel in die Wölbung +geheftet, viel kleiner als der Mond, unendlich viel kleiner als die Sonne +seien. Es unterscheidet die Planeten von den Fixsternen nur durch den +Namen: die umherschweifenden Sterne. Zweifelsohne werden aus diesem Grunde +die Planeten in der ganzen Schöpfungsgeschichte nicht erwähnt. Alles dies +ist in Rücksicht auf den gewöhnlichen Menschen dargestellt worden, bei dem +es sich nicht darum handelt, ihm das wirkliche System der Natur zu +erklären, sondern für den die Belehrung dessen hinreichte, was er dem +höchsten Wesen schuldete, indem man ihm dessen Erzeugnisse als Wohltaten +zeigte. All die erhabenen Wahrzeichen der Weltorganisation, wenn man so +sagen kann, dürfen nur mit der Zeit sichtbar werden, und das oberste Wesen +sparte sie sich vielleicht als das sicherste Mittel auf, den Menschen an +sich zu gemahnen, wenn sein Glaube, von Jahrhundert zu Jahrhundert sich +vermindernd, kraftlos, schwankend und fast zunichte geworden wäre; wenn er +entfernt von seinem Ursprung, ihn schließlich vergessen würde, wenn er an +das große Schauspiel des Weltalls gewöhnt, aufhören sollte, dadurch gerührt +zu sein und wagen würde, den Schöpfer nicht kennen zu wollen. Die großen +aufeinander folgenden Entdeckungen festigten und vergrößerten den Gedanken +an dies unendliche Wesen in dem Menschengeiste. Jeder Schritt, den man in +der Natur tut, erzeugt diese Wirkung, indem er einen dem Schöpfer näher +bringt. Eine neue Wahrheit wird ein großes Wunder, ein größeres Wunder zum +höheren Ruhme des hohen Wesens als alle, die man uns aufführt, weil die, +selbst wenn man sie gelten läßt, nur Glanzlichter sind, die Gott +unmittelbar und selten aufsetzt. Statt wie bei den andern, bedient er sich +des Menschen selbst, um die unbegreiflichen Wunder der Natur zu entdecken +und kund zu tun, die in jedem Augenblick hervorgebracht, zu jeder Zeit und +für alle Zeiten zu seiner Betrachtung aufgezählt, den Menschen +unaufhörlich, nicht allein durch das gegenwärtige Schauspiel, sondern mehr +noch durch die aufeinander folgenden Entwicklungen an seinen Schöpfer +gemahnen müssen. + +Das ist's, was unsere unwissenden und dünkelhaften Theologen uns lehren +müßten. Die große Kunst besteht darin, immer die Kunde von der Natur mit +der der Theologie zu vermischen, nicht darin, heilige Dinge und Vernunft, +Glaubenstreue und Philosophie unaufhörlich gegeneinander auszuspielen. + +Eine der Quellen des Mißkredits, in den die heiligen Bücher gerieten, sind +die gewaltsamen Auslegungen, die unsere so hochfahrende, so abgeschmackte, +mit unserem Elend so übereinstimmende Eigenliebe allen Stellen zu geben +wußte, die wir uns nicht zu erklären vermögen. Von da sind die bildlichen +Bedeutungen, die ungewöhnlichen und unschicklichen Gedanken, die +abergläubischen Übungen, die seltsamen Gebräuche, die lächerlichen oder +ungereimten Entscheidungen, ausgegangen, in denen wir untergehen. All die +menschlichen Narrheiten stützen sich auf Stellen, die den Auslegern +Widerstand entgegensetzen, die sich abplagen, hartnäckig sind und nichts +wissen, wie wenn das höchste Wesen dem Menschen nicht die Wahrheiten zu +geben vermocht hätte, die er nur in künftigen Jahrhunderten kennen lernen, +wissen und ergründen sollte. In dem Augenblick, wo wir gelten lassen, daß +die Bibel für den Weltkreis geschaffen worden ist, soll man erwägen, daß +man heute sehr viel mehr Dinge tut, die man -- vierzig Jahrhunderte sind +inzwischen verstrichen -- damals nicht kannte, und daß man in vierhundert +weiteren Jahren Geschehnisse kennen wird, die wir nicht wissen. Warum also +vorgreifend urteilen wollen! Kenntnisse erwirbt man stufenweise +fortschreitend, und sie erschließen sich nur in unmerklichem Vorwärtsgehen, +welches die Umwälzungen der Reiche und der Natur verzögern oder +beschleunigen. Nun heischt das Verständnis der Bibel, die seit einer so +großen Zahl von Jahrhunderten vorhanden ist -- gibt es doch wenige Dinge +von einem ebenso hohen Alter anzuführen -- vielleicht noch eine lange +Periode von Anstrengungen und Nachforschungen. + +Einer der Artikel der Genesis, die dem Menschenverstande ungewöhnlich +zugesetzt hat, ist der Vers siebenundzwanzig des ersten Kapitels: + +»Und Gott schuf den Menschen ihm zum Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn; +und schuf sie einen Mann und ein Weib.« + +Es ist sehr klar, und es ist sehr augenscheinlich, daß Gott Adam als +Zwitter geschaffen hat; denn nach dem folgenden Verse sagt er zu Adam: + +»Seid fruchtbar und mehret euch, und füllet die Erde.« + +Dies wurde am sechsten Tage bewerkstelligt. Erst am siebenten Tage schuf +Gott das Weib. Ungeheures tat Gott zwischen der Erschaffung des Mannes und +der des Weibes. Er ließ Adam alles kennen lernen, was er geschaffen hatte: +Tiere, Pflanzen usw. Alle Tiere erschienen vor Adam. + +»Adam[A] bemerkte sie alle; und der Name, den Adam jedem der Tiere gegeben +hat, ist sein wirklicher Name.« + +»Adam[B] gab also einem jeglichen Vieh und Vogel unter dem Himmel und Tier +auf dem Felde seinen Namen usw.« + +Bis dahin ist das Weib noch nicht erschienen; es ist unerschaffen. Adam ist +immer Zwitter. Er hat allein fruchtbar sein und sich vermehren können. + +Und um die Zeit zu verstehen, während welcher Adam die beiden Geschlechter +in sich hat vereinigen können, genügt es, darüber nachzudenken, was diese +Tage, von denen die Schrift spricht, sein können, diese sechs Tage der +Schöpfung, dieser _siebente_ Tag der Ruhe usw. + +[Fußnote A: Kapitel II, Vers 19.] + +[Fußnote B: Kapitel II, Vers 20.] + +Es kann wirklich nur niederschmetternd wirken, daß beinahe alle unsere +Theologen, alle unsere Mucker den großen, den heiligen Namen Gottes +mißbrauchen; jedesmal ist man verletzt, daß der Mensch ihn herabwürdigt, +daß er die Idee des ersten Wesens schändet, indem er ihr die des +Hirngespinsts seiner Meinungen unterschiebt. Je tiefer man in den Busen der +Natur eindringt, desto höher ehrt man ihren Schöpfer. + +Eine blinde Ehrfurcht aber ist Aberglaube; einzig eine aufgeklärte +Ehrfurcht gebührt der wahren Religion. Um in lauterer Weise die ersten +Taten zu verstehen, die uns der göttliche Interpret hat zuteil werden +lassen, muß man, wie es der beredte Buffon tut, mit Sorgfalt die Strahlen +auffangen, die von dem himmlischen Lichte ausgegangen sind. Anstatt die +Wahrheit zu verdunkeln, kann ihr das nur einen neuen Grad von Glanz +hinzufügen. + +Worauf kann man, wenn man dies voraussetzt, aus den sechs Tagen, die Moses +so genau bezeichnet, indem er sie einen nach dem anderen zählt, schließen, +wenn nicht auf sechs Zeitspannen, sechs dauernde Zwischenräume? Diese +mangels anderer Ausdrücke durch den Namen Tag angezeigten Zeitspannen +können nicht mit unseren wirklichen Tagen in Verbindung gebracht werden, da +drei dieser Tage nacheinander verstrichen sind, bevor die Sonne erschaffen +worden ist. Diese Tage waren demnach unseren nicht ähnlich, und Moses zeigt +das klar an, indem er sie von Abend bis Morgen rechnet, während man die +Sonnentage von Morgen bis Abend rechnet und rechnen muß. Diese sechs Tage +waren also weder den unsrigen ähnlich, noch untereinander gleich, sie waren +der Arbeit angemessen. Es waren demnach nur sechs Zeitspannen. Wenn also +Adam den sechsten Tag als Zwitter erschaffen und das Weib erst am Ende des +siebenten hervorgebracht worden ist, so hat Adam all die Zeit über, die es +Gott gefallen hat, zwischen diese beiden Zeitpunkte zu legen, in sich +selber und durch sich selber erzeugen können. + +Dieser Zustand der Androgeneität ist weder den Philosophen des Heidentums +und seinen Mythologien, noch den Rabbinern unbekannt gewesen. Die einen +haben behauptet, Adam sei auf der einen Seite als Mann, auf der anderen als +Weib erschaffen worden, aus zwei Körpern zusammengesetzt, die Gott nur zu +trennen hatte. Die anderen, wie Plato, haben ihm eine runde Figur von +ungewöhnlicher Kraft gegeben; so wollte denn auch das Geschlecht, das von +ihm ausging, den Göttern den Krieg erklären. -- Jupiter in seinem Zorn +wollte es vernichten. -- Gab sich aber damit zufrieden, den Menschen zu +schwächen, indem er ihn spaltete, und Apollo dehnte die Haut aus, die er am +Nabel zusammenband. Davon geht die Neigung aus, die ein Geschlecht nach dem +anderen hinzieht, dank dem sehnsüchtigen Wunsche sich zu vereinigen, den +beide Hälften verspüren, und die menschliche Unbeständigkeit infolge der +Schwierigkeit, die jede Hälfte empfindet, seinem ihm entsprechenden Teile +zu begegnen. Erscheint uns ein Weib liebenswürdig, so halten wir es für die +Hälfte, mit der wir erst ein Ganzes ausmachen. Der Herr sagt uns: die da, +die ist's; bei der Prüfung aber, wehe, ist sie's zu oft nicht. + +Zweifelsohne behaupten auf Grund einiger dieser Ideen die Basilitier und +die Carpocratier, daß wir in dem Zustande der unschuldigen Natur so wie +Adam im Augenblicke der Schöpfung geboren werden und infolgedessen seine +Blöße nachahmen müssen. Sie verabscheuen die Ehe, behaupten, die eheliche +Vereinigung würde ohne die Sünde niemals auf Erden stattgefunden haben, +halten den gemeinsamen Genuß des Weibes für ein Vorrecht ihrer +Wiedereinsetzung in die ursprüngliche Unschuld, und setzen ihre Dogmen in +einem köstlichen, unterirdischen Tempel in die Tat um, der durch Öfen +erwärmt ist, und den sie, Männer und Weiber, ganz nackt betreten. Da war +ihnen alles bis zu Vereinigungen erlaubt, die wir Ehebruch und Blutschande +nennen, sobald der Älteste oder das Haupt ihrer Gemeinde die Worte der +Genesis: »seid fruchtbar und vermehret euch« ausgesprochen hatte. + +Tranchelin erneuerte diese Sekte im zwölften Jahrhundert; er predigte +offen, Hurerei und Ehebruch wären verdienstvolle Handlungen; und die +berühmtesten dieser Sektierer wurden in Savoyen die Turlupins genannt. +Mehrere Gelehrte leiten den Ursprung dieser Sekten von Muacha her, der +Mutter Afas, des Königs von Juda, der Hohenpriesterin des Priapus: wie man +sieht, heißt das zu weit zurückgreifen. + +Diese doppelte Kraft Adams scheint noch in der Fabel vom Narziß angedeutet +zu sein, der, von Liebe zu sich selber trunken, sich seines Bildes erfreuen +will und schließlich einschlummert, da er bei dem Werke scheitert[A]. + +[Fußnote A: Das zeigt sogar der Ursprung des Wortes: Narziß, das von +[Griechisch: Narchê] = Schlummer abstammt. Um deswillen wurde die Narzisse +die den unterirdischen Gottheiten heilige Blume. Daher kommt's auch, daß +man vor Alters den Furien Narzissengirlanden darbot, weil sie die +Verbrecher lähmten, einschläferten.] + +Alle diese Zweifel, alle diese Untersuchungen über Genüsse, die unserer +wirklichen Natur zuwiderlaufen, haben zu einer großen Frage Veranlassung +gegeben, zu wissen: an imperforata mulier possit concipere? »ob ein +verschlossenes Mädchen heiraten kann?« + +Man kann sich denken, daß gelehrte Jesuiten, wie die Patres Cucufa und +Tournemine, dieser Frage auf den Grund gegangen, und daß sie für die +Bejahung gewesen sind. »Gottes Werk,« sagen sie, »kann auf keinen Fall in +einer Weise vorhanden sein, die jenseits der Grenzen der Natur steht; ein +scheinbar der Vulva beraubtes Mädchen muß also im Anus Mittel und Wege +finden, um dem Triebe der Fortpflanzung, der ersten und unzertrennlichsten +der Funktionen unserer Existenz, genug zu tun.« + +Cucufa und Tournemine sind angegriffen worden; das mußte sein. Der Spanier +Sanchez aber, der »auf einem Marmorstuhle sitzend« dreißig Jahre seines +Lebens über diese Fragen nachgedacht hat, der niemals weder Pfeffer noch +Salz noch Essig zu sich nahm, der, wenn er zu Tische saß, stets seine Füße +in die Luft streckte[A], Sanchez hat seinen Mitbrüdern mit einer +Beredtsamkeit, die man nicht glauben möchte, das Nachdenken über eine +derartig empfindliche Materie verboten. Nichtsdestoweniger ist die +Eifersucht gegen die Jesuiten so mächtig gewesen, daß die Päpste einen für +junge Mädchen, die diesen Weg in Ermangelung eines anderen betreten lassen +wollten, aufgesparten Fall daraus gemacht haben. Bis Benedikt XIV., +aufgeklärt durch die Entdeckungen der Pariser Fakultät, den aufgesparten +Fall aufgehoben und den Gebrauch der »Hinterpost« im Sinne der Patres +Cucufa und Tournemine erlaubt hat. + +[Fußnote A: Salem, piper, acorem respuchat. Mensae vero accumbebat +alternis semper pedibus sublatis. Siehe: Elogium thom. Sanchez; gedruckt am +Anfang des Werkes: De Miatrimonio. Antwerpen bei Murss 1652 in folio. Und +wenn man sich einen Begriff machen will von den erbaulichen Fragen, die +dieser Theologe und viele andere aufgeworfen haben, mag man im +einundzwanzigsten Disput seines zweiten Buches nachlesen.] + +Tatsächlich hat Herr Louis, ständiger Sekretär der chirurgischen Akademie, +im Jahre 1755 die Frage über die Verschlossenen behandelt; er hat bewiesen, +daß die Anelytroiden empfangen könnten, und die in seiner mit Vorrecht +gedruckten These angeführten Fälle beweisen es. Trotz dieser Urkundlichkeit +unterließ es das Parlament nicht, die These des Herrn Louis als gegen die +guten Sitten verstoßend anzugreifen. Der große und nicht minder +scharfsinnige und boshafte Chirurg mußte seine Zuflucht zur Sorbonne +nehmen; und bewies dann leichtlich, daß das Parlament eine Frage beurteile, +die seine Zuständigkeit ebensowenig angehe wie die Beurteilung eines +Brechmittels. Und auf diese Erklärung hin gab das Parlament keinerlei +Antwort. + +Aus all diesem ergibt sich eine für die Fortpflanzung der menschlichen Art +sehr wichtige und nicht weniger eigentümliche Wahrheit für den großen +Haufen der Leser: daß nämlich viele junge unfruchtbare Frauen darauf +angewiesen sind und sogar nach bestem Wissen und Gewissen beide Wege +versuchen dürfen, bis sie sich der wahren Straße, die der Schöpfer in sie +hineingeführt hat, vergewissert haben. + + + + +Die Ischa + + +Marie Schürmann hat das Problem bearbeitet: Eignet sich das +Literaturstudium für das Weib? + +Die Schürmann beantwortet es mit einem Ja, will, daß das Weib keine +Wissenschaft, selbst die Theologie nicht, ausschließt, und fordert, daß das +schöne Geschlecht sich der universellen Wissenschaft widmen müsse, weil das +Studium eine Gelehrsamkeit verleihe, welche man nicht durch die gefährliche +Hilfe der Erfahrung erwerben könne, und selbst wenn dabei etwas +Unberührtheit verloren gehe, würde es recht sein, über gewisse +Zurückhaltungen hinwegzukommen zugunsten dieser frühreifen Klugheit, die +außerdem von dem Studium befruchtet würde, dessen Überlegungen lasterhafte +Gedanken abschwächten und ablehnten und die Gefahr der Gelegenheiten +verringerte. + +Die Frauenerziehung ist bei allen Völkern, selbst bei denen, die für die +gebildeten durchgehen, so vernachlässigt worden, daß es sehr erstaunlich +ist, wenn man trotzdem ihrer eine so große Zahl, die durch ihre +Gelehrsamkeit und ihre Werke berühmt sind, kennt. Seit Boccaccios Buche von +den berühmten Frauen bis zu den dicken Quartwälzern des Mönchs Hilerion +Coste, haben wir eine große Zahl Namenregister von dieser Art; und Wolf hat +uns einen Katalog der berühmten Frauen geschenkt, im Anhange der Fragmente +hervorragender Griechinnen, die in Prosa geschrieben haben[A]. Juden, +Griechen, Römer und alle Völker des modernen Europas haben berühmte Frauen +gehabt. + +[Fußnote A: Er hat die Fragmente der Sappho und das Lob, das ihr gezollt +wurde, einzeln veröffentlicht.] + +Es ist daher erstaunlich, daß bei der angeblichen Übereinstimmung der +Vortrefflichkeit des Mannes und des Weibes verschiedene Vorurteile der +Vervollkommnungsfähigkeit der Frauen gegenüber entstanden sind. Je mehr man +diese so ungewöhnliche (denn das ist sie doch so unendlich, weil der +Gegenstand der Anbetung der Männer durchaus ihre Sklavin sein soll) Sache +erforscht, desto klarer wird es einem, daß sie sich hauptsächlich auf das +Recht des Stärkeren, den Einfluß der politischen Systeme und besonders auf +den der Religionen stützt, denn das Christentum ist die einzige, die dem +Weibe in genauer und klarer Weise alle Rechte der Gleichheit einräumt. + +Ich habe keine Lust, die Erörterungen wieder aufzunehmen, die Pozzo in +seinem Werke »Das Weib besser als der Mann« wenig galant »Paradoxe« genannt +hat. Doch ist es so natürlich, daß man, wenn man den Wert dieser +Himmelsgabe, die man die Schönheit nennt, überlegt, sich dieses lebhafte +und rührende Bild so tief einprägt, daß man bald begeistert wird; und wenn +man dann die heiligen Bücher liest, ist man nicht weiter erstaunt, daß das +Weib die Ergänzung der Werke Gottes ist, welches er erst nach allem, was da +ist, erschaffen hat, wie wenn er hätte anzeigen wollen, daß er sein +erhabenes Werk durch das Meisterwerk der Schöpfung beschließe. Von diesem +vielleicht religiöseren als philosophischen Gesichtspunkt aus will ich das +Weib betrachten. + +Nicht in Hitze ist das Weltall erschaffen worden. Es ist in mehreren Malen +geschehen, damit seine wunderbare Gesamtheit bewiese, daß, wenn der +alleinige Wille des höchsten Wesens Vorbild ist, er der Herr des Stoffs, +der Zeit, des Handelns und der Untersuchung war. Der ewige Geometer handelt +ohne Notwendigkeit wie ohne Bedürfnis; er ist niemals weder beengt noch +behindert gewesen. Man sieht, wie er während der sechs Zeitspannen der +Schöpfung die Materie ohne Mühe, ohne Anstrengung formt, gestaltet, bewegt, +und wenn eine Sache von der anderen abhängt, wenn zum Beispiel das +Entstehen und Gedeihen der Pflanzen von der Sonnenwärme abhängt, es nur +geschieht, um den Zusammenhang aller Teile des Weltalls anzuzeigen und +seine Weisheit durch diese wunderbare Verkettung zu enthüllen. + +Alles jedoch, was die Bibel von der Schöpfung des Weltalls kündet, ist +nichts im Vergleich mit dem, was sie über die Erschaffung des ersten +vernunftbegabten Wesens sagt. Bis dahin ist alles auf Befehl geschehen; als +es sich aber darum handelte, den Menschen zu schaffen, wechselt das System +und die Sprache mit ihm. Da gibt's nicht mehr das gebieterische und +plötzliche, da ertönt ein abgewogenes und süßeres, obwohl nicht minder +kräftiges Wort. Gott hält mit sich selbst Rat, wie um sehen zu lassen, daß +er ein Werk hervorbringen will, welches alles überbieten soll, was er bis +dahin ins Leben erweckt hat. »Laßt uns den Menschen machen«, sagt er. Es +ist klar, daß Gott mit sich selbst spricht. Es ist ein Unerhörtes in der +ganzen Bibel, kein anderer wie Gott hat von sich selber in der Mehrheit +gesprochen: »Laßt uns machen.« In der ganzen Schrift spricht Gott nur zwei- +oder dreimal so, und diese außergewöhnliche Sprache hebt nur an sich +kundzutun, als es sich um den Menschen handelt. + +Nach dieser Erschaffung verstreicht eine beträchtliche Zeit, bevor das neue +doppelgeschlechtliche Wesen den Lebensodem empfängt; erst in der siebenten +Zeitspanne geschieht's. Adam hat lange in dem Zustande lauterer Natur +existiert und besaß nur den Instinkt der Tiere. Als aber der Atem ihm +eingeflößt worden war, sah sich Adam als den König der Erde, er machte sich +seine Vernunft zunutze »und er gab allen Dingen einen Namen«. + +Es sind also zwei verschiedene Schöpfungen; die des Menschen, die seines +Geistes; und einzig hier erscheint das Weib. Sie ist nicht aus dem Nichts +erschaffen, wie alles, was vorhergeht; sie entsteht aus dem Vollkommensten, +was vorhanden ist. Es blieb nichts mehr zu schaffen. Gott zog aus Adam die +höchste Reinheit seines Wesens heraus, um die Welt mit dem vollkommensten +Wesen zu verschönen, das noch erschienen ist, mit dem er das göttliche Werk +der Schöpfung vervollständigte. + +Das Wort, dessen sich der hebräische Gesetzgeber bedient, um dies Wesen zu +bezeichnen, erscheint noch einmal in virago[A] wieder, das sich im +Französischen nicht übersetzen läßt, das das Wort Frau nicht wiedergibt, +und das sich nur durch die Idee der männlichen Fähigkeit empfinden läßt. +Denn vir heißt Mann, und ago ich handle. Früher sagte man vira[B] und nicht +virago. Die Septuaginta aber erklärt, daß sich der Sinn des Hebräischen +durch das Wort vira nicht wiedergeben ließe, sie hat ago[C] hinzugefügt. + +[Fußnote A: Genesis, Kap. II, Vers 23.] + +[Fußnote B: Vira von vir.] + +[Fußnote C: Im Deutschen hat sich das Wort in Männin erhalten, das von +Mann kommt. Männin ist vira und nicht virago. »Man wird sie Männin heißen« +(Genesis II, Vers 23), Luther.] + +Es erstaunt mich daher nicht, daß die Schürmann die Beschaffenheit des +schönen Geschlechts so sehr herausstreicht und sich gegen die Sekten +entrüstet, die es herabsetzen. Das Gleichnis, dessen sich die Schrift +bedient, indem sie das Weib aus Adams Rippe formt, will nichts anderes +dartun, als daß dies neue Geschöpf nur eins sein soll mit der Person seines +Gatten, dessen Seele und Alles sie ist. Nur die Tyrannei des stärkeren +Geschlechts hat die Gleichheitsbegriffe verändern können. + +Im Heidentume wurden diese Begriffe durchaus unterschieden, da die Alten +beide Geschlechter mit der Gottheit verbanden: das ist ohne Rücksicht auf +das ganze System in der Mythologie genau dargetan worden. Wenn die Heiden +den Menschen vom Augenblicke seiner Geburt an unter den Schutz der Macht, +des Glückes, der Liebe und Notwendigkeit stellten, denn das wollen Dynamis, +Tyche, Eros und Ananke besagen, so war das wahrscheinlich nur eine +sinnreiche Allegorie, um unsere Stellung zu erklären, denn wir verbringen +unser Leben mit Befehlen, Gehorchen, mit Wünschen und mit Nachstreben. In +anderem Falle hätte es bedeutet, den Menschen recht ausschweifenden Führern +anzuvertrauen, denn die Macht ist die Mutter der Ungerechtigkeiten, das +Glück die der Launen; die Notwendigkeit bringt Freveltaten hervor und die +Liebe steht selten in Übereinstimmung mit der Vernunft. + +Wie verhüllt auch die Dogmen des Heidentums sein mögen, keine Zweifel +bestehen über die Wirklichkeit des Kults der Hauptgottheiten; und der der +Juno, der Frau und Schwester des Götterobersten, war einer der +allgemeinsten und geschätztesten. Das Epitheton Weib und Schwester zeigt +ihre Allmacht zur Genüge: wer die Gesetze gibt, kann sie übertreten. Das +berühmte und nicht minder bequeme geheime Mittel, seine Jungfernschaft +wiederzugewinnen, indem man sich in der Quelle Canathus auf dem Peloponnes +badete, war einer der schlagendsten Beweise von dieser Macht, die alles bei +den Göttern wie bei den Menschen rechtfertigt. Das Bild von der Rachsucht +der Juno, unaufhörlich auf den Theatern dargestellt, verbreitete den +Schrecken, den diese furchtbare Göttin einflößte. Europa, Asien, Afrika, +zivilisierte wie barbarische[A] Völker verehrten und fürchteten sie um die +Wette. Man sah in ihr eine ehrsüchtige, stolze, eifersüchtige Königin, +welche die Weltherrschaft mit ihrem Gatten teilte, all seinen Beratungen +beiwohnend und von ihm selber gefürchtet. + +Eine so allgemeine demütige Verehrung, die zweifelsohne nichts mit der sehr +viel schmeichelhafteren zu tun hat, die man der Schönheit darbrachte, die +geschaffen war, zu verführen und nicht zu erschrecken, beweist zum +wenigsten, daß in den Gedanken der ersten Menschen der Weltenthron von +beiden Geschlechtern geteilt wurde[B]. Ein berühmter Schriftsteller des +verflossenen Jahrhunderts ist noch weiter gegangen; es hat ihm keine +Schwierigkeit bereitet zu sagen, dieser Vorrang der Juno vor den anderen +Göttern war die wirkliche Macht, aus der die übermäßige Verehrung der +heiligen Jungfrau hervorging, auf die die Christen verfallen sind. Erasmus +selber hat behauptet, daß der Brauch, die Jungfrau nach Predigtbeginn auf +der Kanzel zu grüßen, von den Alten herrühre[C]. Gewöhnlich suchen die +Menschen mit den geistigen Ideen des Kults sinnliche Ideen zu verbinden, +die sie rühren und bald hernach erstere unterdrücken. Sie beziehen, und +sind wohl gezwungen, alles auf ihre Ideen zu beziehen. Nun wissen sie, daß +man aus der Niedrigkeit wie aus dem Wohlwollen der Könige nichts anderes +gewinnt, als was deren Minister beschlossen haben; sie halten Gott für gut, +aber hinhaltend und bilden sich nach den irdischen Höfen den Himmelshof. +Danach ist der Kult der Jungfrau leichter zu fassen für den +Menschenverstand als der des Allmächtigen, der ebenso unerklärlich wie +unfaßbar ist. + +[Fußnote A: Sie wurde besonders in Gallien und in Germanien unter dem +Titel Göttin-Mutter verehrt.] + +[Fußnote B: Man wird im Altertume viele Gebräuche finden, die diese +Meinung erhärten. In Lacedaemonien zum Beispiel legte, wenn man die Ehe +vollzog, das Weib ein Männerkleid an, weil das Weib es ist, die die Männer +zur Welt bringt.] + +[Fußnote C: In Aegypten hatte in den Heiratsverträgen zwischen Königen die +Frau das Ansehen des Gatten. (Diod. d. Sic. I, I. Kap. XXVII usw.).] + +Sobald das Volk von Ephesus erfahren hatte, daß die Väter des Konzils +entschieden hätten, daß man die Jungfrau die Heilige nennen durfte, +gerieten sie vor Freude außer sich. Seitdem hat man der Mutter Gottes +einzige Verehrungen gezollt; alle Almosen fließen ihr zu, und Jesus +Christus bekommt keine Opfergaben mehr. Diese Inbrunst hat niemals völlig +aufgehört. Es gibt in Frankreich dreiunddreißig Kathedralen und drei +erzbischöfliche Kirchen, die der Jungfrau geweiht sind. Ludwig der +Dreizehnte weihte ihr seine Person, seine Familie und sein Königreich. Bei +der Geburt Ludwigs des Vierzehnten sandte er das Gewicht des Kindes in Gold +an Unsere Frau von Loretto, die, wie man ohne gottlos zu sein, glauben +darf, sich sehr wenig in Anna von Österreichs Schwangerschaft +hineingemischt hat. + +Noch ungewöhnlicher als all das ist, daß man im zweiten Jahrhundert der +Kirche dem heiligen Geiste weibliches Geschlecht gegeben hat. Tatsächlich +ist ruats tuach, was auf Hebräisch Geist heißt, weiblichen Geschlechts, und +die, welche dieser Meinung waren, nannten sich Eliesaiten. + +Ohne dieser unrichtigen Meinung irgendwelchen Wert beizumessen, muß ich +bemerken, daß die Juden keine Begriffe von dem Mysterium der Dreieinigkeit +gehabt haben. Selbst die Apostel sind von dem Dogma der Einheit Gottes ohne +Abänderungen fest überzeugt gewesen; nur in den letzten Augenblicken hat +Jesus Christus dies Mysterium offenbart. Wenn nun Gott eine der drei +Personen der Dreieinigkeit auf die Erde schicken wollte, konnte er sie +senden, ohne sie in Fleisch und Blut zu verwandeln; er konnte die Person +des Vaters oder des heiligen Geistes wie des Sohnes senden; er konnte sie +in einem Manne wie in einem Weibe Mensch werden lassen. Die göttliche Wahl +traf eine Art Aufmerksamkeit oder Vorzug für das Weib. Jesus Christus hat +eine Mutter gehabt, er hat keinen Vater gehabt. Die erste Person, mit +welcher er sprach, war die Samaritanerin, die erste, der er sich nach +seiner Wiederauferstehung zeigte, war Maria Magdalena usw. Kurz, der +Heiland hat stets eine für ihr Geschlecht sehr ehrenvolle Vorliebe für die +Frauen gehabt. + +Eine wahrhaft schmeichelhafte Huldigung aber für ihn, eine wahrhaft +segensreiche Erfindung für die menschliche Gesellschaft würde es sein, wenn +man die geeigneten Mittel fände, der Schönheit den Lohn der Tugend zu +verleihen, sie selber dazu anzufeuern, auf daß alle Menschen angespornt +würden, ihren Brüdern Gutes zu tun, sowohl durch die Freuden der Seele, als +auch durch die der Sinne, damit alle Fähigkeiten, mit denen das höchste +Wesen unsere Art begabt hat, wetteiferten, uns gerechte und wohltätige +Gesetze lieben zu lassen. Unmöglich ist es nicht, dies vom Patriotismus, +der Weisheit und der Vernunft so lebhaft ersehnte Ziel eines Tages zu +erreichen; aber, ach Gott, wie weit sind wir noch davon entfernt! + + + + +Die Tropoide + + +Die Verderbnis der Sitten, die Bestechlichkeit des menschlichen Herzens, +die Verirrungen des Menschengeistes sind von unseren Sittenrichtern +derartig abgedroschene Gegenstände der Behandlung, daß man meinen sollte, +das augenblickliche Jahrhundert sei ein Greuel der Verwüstung, denn die +französische Sprache besitzt keinen noch so kräftigen Ausdruck, dessen sich +Nörgler nicht bedienten. Wenn man indessen einen flüchtigen Blick auf die +vergangenen Jahrhunderte tun will, auf eben die, welche man uns als +Beispiele anpreist, so wird man, daran zweifle ich nicht, viel +Beklagenswertes finden. Unsere Aufführung und unsere Sitten zum Beispiel +taugen mehr als die des Volkes Gottes. Ich weiß nicht, was unsere +Salbaderer sagen würden, wenn sie unter uns eine so schmutzige Verderbtheit +sähen, wie die, welche mit dem schönen Jahrhundert der Patriarchen in +Einklang steht. + +Ich sage nichts darwider, daß Moses Gesetze weise, billig, wohltätig +gewesen seien, aber diese an der Stiftshütte angebrachten Gesetze, deren +Zweck es anscheinend gewesen ist, den Bund der Hebräer unter sich durch den +Bund der Menschen mit Gott zu verknüpfen, beweisen unwiderleglich, daß dies +auserwählte, geliebte und bevorzugte Volk sehr viel bresthafter als jedes +andere gewesen ist, wie wir in der Folge dieses Aufsatzes beweisen wollen. + +Man denkt nicht genug daran, daß alles relativ ist. Keine Gründung kann +gemäß dem Geiste ihrer Einrichtung geführt werden, wenn er nicht nach dem +Gesetz der Schuldigkeit gelenkt wird, das nichts anderes wie das Gefühl +dieser Schuldigkeit ist. Die wirkliche Kraft der Autorität ruht in der +Meinung und im Herzen des Untertanen, woraus folgt, daß für die Handhabung +der Herrschaft nichts die Sitten ergänzen kann: es gibt nur gute Leute, die +die Gesetze handhaben können, aber es gibt nur ehrliche Leute, die ihnen +wahrhaft zu gehorchen wissen. Denn außer, daß es sehr leicht ist, ihnen +auszuweichen, außer daß die, deren einziges Gewissen sie bilden, der Tugend +und selbst der Billigkeit recht fernstehen, weiß der, der Gewissensbissen +trotzt, auch den Strafen Trotz zu bieten, die eine sehr viel weniger lange +Züchtigung als erstere sind, denen zu entgehen man ja auch immer hoffen +kann. Wenn aber die Hoffnung auf Straflosigkeit zur Anfeuerung zu +Gesetzesübertretungen genügt, oder wenn man zufrieden ist, wofern man es +nur übertreten hat, ist das Hauptinteresse nicht mehr persönlich und alle +einzelnen Interessen vereinigen sich gegen es: dann haben die Leiter +unendlich viel mehr Macht, die Gesetze zu schwächen, als die Gesetze, die +Laster zu unterdrücken. Und es endigt damit, daß man dem Gesetzgeber nur +noch scheinbar gehorcht. Zu dem Zeitpunkte sind die besten Gesetze die +unseligsten, da sie nicht mehr vorhanden sind, sie würden eine Zuflucht +sein, wenn man sie noch befolgte. Ein schwacher Schutz indessen! Denn die +vermehrten Gesetze sind die verachteteren, und neue Aufseher werden ebenso +viele neue Übertreter. + +Der Einfluß der Gesetze steht daher stets im Verhältnis zu dem der Sitten, +das ist eine bekannte und unwiderlegbare Wahrheit, das Wort Sitten aber ist +recht unbegrenzt und verlangt nach einer Erklärung. + +Sitten sind und müssen in der einen Gegend ganz anders als in der anderen, +und bezugnehmend auf den Nationalgeist und die Natur der Herrschaft sein. +Der Charakter der Verweser hat auch großen Einfluß auf sie, und auf all +diese Beziehungen Rücksicht nehmend, muß man sie betrachten. Wenn der Preis +der Tugend zum Beispiel dem Raube zuerkannt wird, wenn gemeine Menschen +wohlangesehen sind, die Würde unter die Füße getreten, die Macht von ihren +Austeilern herabgesetzt, die Ehren entehrt, wird die Pest sicherlich alle +Tage zunehmen, das Volk seufzend schreien: »Meine Leiden rühren nur von +denen her, die ich bezahle, um mich davor zu bewahren!« und zu seiner +Betäubung wird man sich in die Verderbnis stürzen, die man überall ans +Licht zerren wird, um das Gemurmel zu übertönen. + +Wenn dagegen die Verwahrer des Ansehens den dunklen Kunstgriff der +Verderbtheit verschmähen und einen Erfolg nur von ihren Bemühungen erwarten +und die öffentliche Gunst nur von ihren Erfolgen, dann werden die Sitten +gut sein und einen Ersatz für das Genie des Oberhaupt es bilden; denn je +mehr Spannkraft die öffentliche Meinung hat, desto weniger bedarf es der +Talente. Selbst Ruhmsucht wird mehr durch Pflicht als durch widerrechtliche +Besitznahme gefördert, und das Volk, überzeugt, daß seine Oberen nur für +sein Glück wirken, entschädigt sie durch seinen Eifer, für die Befestigung +der Macht zu arbeiten. + +Ich habe gesagt, die Sitten müßten im Verhältnis zur Natur der Regierung +stehen; von diesem Gesichtspunkt aus muß man sie also auch beurteilen. +Tatsächlich muß in einer Republik, die nur durch Sparsamkeit bestehen kann, +Einfachheit, Genügsamkeit, Nachsicht, der Geist der Ordnung, des +Eigennutzes, selbst des Geizes die Oberhand haben, und der Staat muß in +Fährnis geraten, wenn der Luxus die Sitten verfeinern und verderben wird. + +In einer begrenzten Monarchie dagegen wird die Freiheit für ein so großes +und für ein stets so bedrohtes Gut angesehen werden, daß jeder Krieg, jede +zu ihrer Erhaltung, zur Verbreitung oder Verteidigung des Nationalruhmes +unternommene Handlung nur wenige Widersprecher finden wird. Das Volk wird +stolz, edelmütig, hartnäckig sein, und Ausschweifung und die zügelloseste +Üppigkeit werden die Allgemeinheit nicht entnerven. + +In einer ganz absoluten Monarchie würde der strengste und vollkommenste +Despotismus herrschen, wenn das schöne Geschlecht dort nicht den Ton +angäbe. Galanterie, Gefallen an allen Freuden, allen Frivolitäten ist ganz +natürlich und ohne Gefahr Nationaleigenschaft, und vage Redereien über +diese moralischen Unvollkommenheiten sind sinnlos. + +Unter solcher Voraussetzung wollen wir im Fluge prüfen, ob unsere Sitten +und einige unserer Gebräuche, nach einem Vergleiche mit denen mehrerer +berühmter Völker, noch als so abscheulich erscheinen müssen[A]. + +Auf den ersten Blick in den Levitikus sieht man, bis zu welchem Maße das +jüdische Volk verderbt gewesen ist. Bekanntlich stammt das Wort Levitikus +von Levi ab, welches der Name eines von den übrigen getrennten Stammes war, +da er hauptsächlich sich dem Kult widmete. Von ihm kommen die Leviten oder +Priester und das heutige Kleidungsstück her, welches diesen Namen trägt, +ohne ein sehr authentisches Denkmal unserer Ehrerbietung zu sein. Moses +behandelt in diesem Buche die Weihen, die Opfer, die Unreinheit des Volkes, +den Kult, die Gelübde usw. + +[Fußnote A: Man soll weiter unten in der Linguanmanie noch auffallendere +Dinge als die Sitten des Volkes Gottes sehen, die wir darlegen wollen.] + +Ich will im Vorübergehen bemerken, daß die Form der Weihen bei den Hebräern +sonderbar war. Moses machte seinen Bruder Aaron zum Hohenpriester. Dazu +entkehlte er einen Widder, tauchte seinen Finger in das Blut und fuhr mit +ihm über Aarons rechte Ohrmuschel und über seinen rechten Daumen. + +Wenn man heutigentags den Kardinal Rohan, den Bischof von Senlis in der +Kapelle weihen und ihn mit dem Finger ganz warmes Blut auf das Ohrläppchen +streichen sieht[A], kann man nicht mehr umhin, sich die Gravüre des Abbé +Dubois zur Zeit der Regentschaft ins Gedächtnis zurückzurufen, man sieht +ihn zu Füßen eines Mädchens knien, die von dem unreinen Ausfluß nimmt, der +die Weiber alle Monate quält, um ihm damit die Priestermütze rot +anzustreichen und ihn zum Kardinal zu machen. + +Das ganze fünfzehnte Kapitel des Levitikus handelt von nichts anderem wie +der Gonorrhoe, unter der die Hebräer sehr zu leiden hatten. Gonorrhoe und +Lepra waren ihre minder unangenehmen Unreinheiten; und sie hatten ihrer +wirklich mehr als genug, als daß sie sich noch so viele zu erdenken +gebraucht hätten. Ein Weib war zum Beispiel unreiner, wenn sie ein Mädchen +zur Welt gebracht hatte als einen Jungen[B]. Das ist eine ebensowenig +vernünftige wie seltsame Eigentümlichkeit. + +Die Hebräer trieben mit Dämonen unter Ziegengestalt[C] Hurerei; diese +ungehobelten Dämonen machten da von einer elenden Verwandlung Gebrauch. + +[Fußnote A: Levitikus, Kap. 8, Vers 24.] + +[Fußnote B: Levitikus, Kap. 12, Vers 5.] + +[Fußnote C: Levitikus, Kap. 17, Vers 7.] + +Ein Sohn lag bei seiner Mutter und leistete seinem Vater Beistand[A]; wir +befinden uns noch nicht auf dieser Stufe der Sohnesliebe. Ein Bruder sah +ohne Gewissensbisse seine Schwester in der tiefsten Vertraulichkeit[B]. + +Ein Großvater wohnte seiner Enkeltochter bei[C]; das war nicht sehr +anakreontisch. + +Man schlief bei seiner Tante[D], bei seiner Schwieger[E], seiner +Stiefschwester[F], was da nur kleine Sünden waren; endlich erfreute man +sich seiner eigenen Tochter[G]. + +Die Männer befleckten sich selber vor dem Molochstandbild[H]; später fand +man, daß dieser leblose Samen der Statue unwürdig sei; man machte ein Ende +damit, indem man ihr ein neugeborenes Kind als Opfer darbot. + +Wie die Pagen der Regentschaft dienten die Männer sich untereinander als +Weiber[I]. + +Sie benutzten alle Tiere [J], und das schöne Geschlecht ließ sich von Esel, +Maultieren usw.[K] befriedigen. Was um so unsittlicher war, als man den +Priesterstamm dahin entwickelt zu haben schien, daß er die schlecht +versorgten Weiber für sich einnehmen mußte. Man nahm unter die Leviten +keine Hinkenden, Verwachsenen, Triefäugigen, Leprösen auf, ebenso keine +Menschen, die eine zu kleine, schiefe Nase hatten, man mußte eine schöne +Nase besitzen[L]. + +[Fußnote A: Levitikus, Kap. 18, Vers 7.] + +[Fußnote B: Levitikus, Kap. 18, Vers 9.] + +[Fußnote C: Levitikus, Kap. 18, Vers 10.] + +[Fußnote D: Levitikus, Kap. 18, Vers 12.] + +[Fußnote E: Levitikus, Kap. 18, Vers 9.] + +[Fußnote F: Levitikus, Kap. 18, Vers 15.] + +[Fußnote G: Levitikus, Kap. 18, Vers 16.] + +[Fußnote H: Levitikus, Kap. 18, Vers 21: De semine tuo non dabis idolo +Moloch; und Kap. 20, Vers 3: Qui polluerit sanctuarium.] + +[Fußnote I: Levitikus, Kap. 18, Vers 22: Cum masculo coitu faemino.] + +[Fußnote J: Levitikus, Kap. 18, Vers 23: Omni pecore.] + +[Fußnote K: Mulier jumento. Bekanntlich heißt in der heiligen Schrift +jumentum = Hilfstiere: adjuvantes von daher abgeleitet, französisch jument, +die Stute.] + +[Fußnote L: Levitikus, Kap. 20, Vers 18.] + +An dieser Musterkarte sieht man, wie es um die Sitten des Volkes Gottes +bestellt war; gewißlich kann man sie nicht mit unserem Lebenswandel +vergleichen. Meines Bedünkens kann man nach dieser Skizze einer Parallele, +die sich noch weiterführen ließe, keinen allzu lauten Einspruch gegen die +Vorgänge heutiger Tage erheben. + +Die Freigeister übertreiben nicht gerade viel weniger, wenn sie von unseren +abergläubischen Gebräuchen reden, als die Priester, wenn sie gegen unsere +Laster zu Felde ziehen. + +Wir haben den traurigen Vorteil, was die Wut des Fanatismus anlangt, von +keiner anderen Nation übertroffen zu werden; der Wahnsinn des Aberglaubens +jedoch hat in anderen Religionen noch weiter um sich gegriffen. + +Bei uns sieht man keine Menschen, die beschaulich auf einer Matte sitzend +ins Blaue hinein warten, bis das himmlische Feuer ihre Seele überkommt. Man +sieht keine vom Teufel Besessenen, die niederknien und die Stirn gegen die +Erde schlagen, um den Überfluß aus ihr hervorzulocken, keine unbeweglichen +Büßer, die stumm sind wie die Statue, vor der sie sich demütigen. Man sieht +hier nicht vorzeigen, was die Scham verbirgt, unter dem Vorwande, daß Gott +sich seines Ebenbildes nicht schäme; oder sich bis zum Gesichte +verschleiern, wie wenn der Schöpfer Abscheu vor seinem Werke hätte. Wir +drehen uns nicht mit dem Rücken gen Mittag, um des Teufelswindes willen; +wir breiten nicht die Arme nach Osten aus, um dort das Strahlenantlitz der +Gottheit zu entdecken. Wir sehen, wenigstens in der Öffentlichkeit, keine +jungen Mädchen unter Tränen ihre unschuldigen weiblichen Reize zerstören, +um die böse Lust durch Mittel zu besänftigen, die sie zu oft nur noch mehr +herausfordern. Wieder andere, ihre geheimsten Reize zur Schau stellend, +warten und fordern in der wollüstigsten Stellung die Annäherung der +Gottheit heraus. Um ihre Sinne abzuschwächen, heften sich junge Leute einen +Ring, der im Verhältnis zu ihren Kräften steht, an ihre Geschlechtsteile. +Wieder andere wollen der Versuchung durch die Operation des Origines +entgehen und hängen die Beute dieses gräßlichen Opfers am Altar auf . . . + +Mit all diesen Verirrungen haben wir wirklich nichts zu tun. + +Was würden unsere Salbaderer sagen, wenn die, wie um ihre Tempel, um unsere +Kirchen gepflanzten heiligen Haine das Theater aller Ausschweifungen wären? +Wenn man unsere Frauen verpflichtete, sich preiszugeben, wenigstens einmal, +zu Ehren der Gottheit? Und man könnte ja sehen, ob die dem schönen +Geschlechte natürliche Frömmigkeit ihm erlaubte, zu Zeiten, wo es der +Brauch verlangte, sich dort ihm zu fügen. + +Der heilige Augustin berichtet in seiner Gott-Stadt[A], daß man auf dem +Kapitol Frauen erblicke, die sich den Freuden der Gottheit weihten, von +denen sie gemeiniglich schwanger würden. Es ist möglich, daß auch bei uns +mehr als ein Priester mehr als einen Altar schändet; aber er verkleidet +sich wenigstens nicht als Gott. Der berühmte Kirchenvater, den ich eben +anführte, fügt in demselben Werke mehrere Einzelheiten an, die beweisen, +daß, wenn die Religionen bei den Modernen viele Verführungen bemänteln, der +Kult der Alten wenigstens nicht im mindesten so anständig war wie der +unsrige. In Italien, sagt er, und besonders in Lavinium, trug man bei den +Bacchusfesten männliche Glieder, denen die angesehenste Matrone einen Kranz +aufsetzte, in feierlichem Zuge herum. Die Isisfeste waren genau so +anständig. + +[Fußnote A: Buch 6, Kapitel 9.] + +An gleicher Stelle führt der heilige Augustinus in langer Reihe die +Gottheiten auf, die bei der Hochzeit den Vorsitz führen. Wenn das Mädchen +sein Versprechen gegeben hatte, führten die Matronen sie zum Gotte +Priapus[A], dessen übernatürliche Eigenschaften man kennt. Man ließ die +junge Verheiratete sich auf das ungeheure Glied des Gottes setzen, dort +nahm man ihr den Gürtel ab und rief die dea virginiensis an. Der Gott +Subigus unterwarf das Mädchen dem Entzücken des Gatten. Die Göttin Prema +befriedigte sie unter ihm, um zu verhindern, daß sie sich allzu viel +bewegte. (Wie man sieht, war alles vorgesehen, und die römischen Mädchen +wurden gut vorbereitet.) Schließlich kam die Göttin Pertunda, was soviel +wie die Durchbohrerin heißt, deren Geschäft war es, sagt Sankt Augustinus, +dem Manne den Pfad der Wollust zu öffnen. Glücklicherweise war dieses Amt +einer weiblichen Gottheit eingeräumt worden, denn, wie der Bischof von +Hippona sehr gescheit bemerkt, würde der Ehemann nicht gern geduldet haben, +daß ein Gott ihm diesen Dienst erweise und ihm an einem Orte Hilfe zuteil +werden ließe, wo man ihrer nur allzu häufig nicht bedarf. + +[Fußnote A: Buch 6, Kapitel 9.] + +Noch einmal: sind unsere Sitten minder anständig als die da? Und warum dann +unsere Fehler und unsere Schwächen übertreiben? Warum Schrecken in die +Seele der jungen Mädchen und Mißtrauen in die der Ehemänner pflanzen? Wäre +es nicht besser, wenn man alles milderte, alles aussöhnte? + +Die braven Kasuistiker sind entgegenkommender. Lest unter so vielen anderen +den Jesuiten Filliutius, der mit einem außerordentlichen Scharfsinn sich +darüber ausläßt, bis zu welchem Punkte die wollüstigen Berührungen gehen +dürfen, ohne strafbar zu werden. Er entscheidet zum Beispiel, ein Ehemann +habe sich sehr viel weniger zu beklagen, wenn sich sein Weib einem Fremden +in einer wider die Natur gehenden Weise hingibt, als wenn sie einfach mit +ihm einen Ehebruch begeht und die Sünde tut, wie sie Gott befiehlt, »weil«, +sagt Filliutius, »auf erstere Weise das legitime Gefäß, über welches der +Ehemann ausschließliche Rechte hat, nicht berührt wird . . .« + +O, welche köstliche Himmelsgabe ist ein friedsames Gemüt! + + + + +Die Thalaba + + +Eines der schönsten Denkmäler der Weisheit der Alten ist ihre Gymnastik. +Besonders dadurch scheinen sie begieriger gewesen zu sein, vorzubeugen als +zu strafen. Eine große Klugheit in politischer Beziehung! Die Feinde, +sagten die Athener, sind dazu geschaffen, die Verbrechen zu bestrafen, die +Bürger die Sitten hochzuhalten. Daher die voraussehende und heilsame +Aufmerksamkeit der Jugenderziehung gegenüber. Der erste Ausbruch der +Leidenschaften und ihr Ungestüm verursachen diesem heftigen Alter die +stärksten Erschütterungen; es bedarf einer männlichen Erziehung, deren +Strenge jedoch durch bestimmte Vergnügungen gemildert sein muß, die mit dem +großen Gegenstande, Männer zu bilden, im Einklang stehen. Nun gab es dort +nur körperliche Übungen, bei denen Arbeit und Freude glücklich vermischt +waren, die zum Teil ständig den Körper und infolgedessen auch die Seele +beschäftigten, erfreuten und kräftigten. + +In Ländern, wo die Glücksgüter recht ungleich verteilt sind, werden stets +die niedrigen Schichten der Gesellschaft einigermaßen von der Bedürftigkeit +gequält, von der man nicht zu befürchten braucht, daß sie Betäubung durch +Müßiggang und Verweichlichung zur Folge hat. Fast unvermeidlich fallen ihr +aber die Reichen zum Opfer, wenn eine allgemeine und öffentliche +Einrichtung sie nicht einer tätigen Erziehung unterwirft, die beständig zum +Wetteifer anfeuert und ein Schutzwall gegen das ist, was im Reichtum, in +seinem Genuß und seiner Entartung unaufhörlich zu entnerven sich bestrebt. +Kräftige und edelmütige Gefühle können selten in geschwächten Körpern +leben, und die Seele eines Spartiaten würde übel in einem Sybaritenleibe +untergebracht sein. Alle Völker, die reich an Helden waren, sind ebenso die +gewesen, deren kriegerische Erziehung, kräftige Einrichtungen, vollkommene, +und gemäß den politischen Ansichten geleitete Gymnastik Kraft und Wetteifer +stärkten. + +Diese kostbaren Einrichtungen sind heute fast ins Vergessen geraten. In +Paris zum Beispiel gibt es gut und gern vierzigtausend von der Polizei zur +Erziehung der Jugend eingeschriebene Mädchen, aber es gibt in dieser +ungeheuren Hauptstadt nicht eine einzige gute Reitschule, wo man lernen +kann, wie man zu Pferde sitzen soll; keinerlei Übungen pflegt man da, wenn +es sich nicht um Fechten, Tanzen, Ballspielen handelt, und die haben wir +schädlich genug sich auswachsen lassen. + +Daraus, und aus recht vielen anderen Dingen, die ich nicht alle anzuführen +beabsichtige, folgt, daß unsere Leidenschaften oder vielmehr unsere +Verlangen und Geschmäcker (denn wir haben keine Leidenschaften mehr) vor +allem über jede moralische Tugend den Sieg davontragen. + +Das heftigste unter diesen Verlangen ist zweifellos das, welches ein +Geschlecht nach dem anderen trägt. Diesen Hunger haben wir mit allem, was +da beseelt oder unbeseelt erschaffen worden ist, gemein. Die Natur hat als +zärtliche und fürsorgliche Mutter an die Erhaltung all dessen, was da ist, +gedacht. Doch unter den Menschen, diesen Wesen der Wesen, die zu oft nur +mit Vernunft begabt zu sein scheinen, um sie zu mißbrauchen, ist das +eingetreten, was man niemals bei den anderen Tieren bemerkt hat: sie +täuschen nämlich die Natur, indem sie sich der Lust erfreuen, die mit der +Fortpflanzung der Art verbunden ist, und lassen dabei das Ziel dieses +Reizes außer Acht. So haben wir den Zweck von den Mitteln getrennt; und der +Drang der Natur, durch die Bemühungen unserer Einbildungskraft verlängert, +lastet auf uns ohne Rücksicht auf Zeiten, Orte, Umstände, Gebräuche, Kult, +Sitten, Gesetze, kurz alle Fesseln, die dem Menschen auferlegt sind. Er hat +sich nicht länger um die Gewohnheit der Staaten und der Alter gekümmert; +denn die Greise werden enthaltsam, doch selten keusch. + +Die Art und Weise, die Zwecke der Natur zu vereiteln, hat verschiedene +Gründe gehabt: den Aberglauben, der mit seiner häßlichen Maske fast alle +unsere Laster und Narrheiten deckt, verschiedene moralische Ursachen, +selbst die Philosophie. + +Ketzer in Afrika enthielten sich ihrer Weiber und ihr unterschiedliches +Verfahren bestand darin, keinen Handel mit ihnen zu haben. Sie stützten +sich erstens darauf, daß Abel rein gestorben sei, und nannten sich +Abelianer, und zweitens darauf, daß der Apostel Paulus predigte, man sollte +mit seinem Weibe sein, wie wenn man keins hätte[A]. Ein abergläubischer +Wahnsinn kann nicht weiter verwundern; der Mißbrauch der Philosophie in +dieser Hinsicht aber ist sehr sonderbar und ein Werk der Zyniker. + +Es ist seltsam, daß unterrichtete Menschen von geübtem Verstande, nachdem +sie in der menschlichen Gesellschaft die Sitten des Naturzustandes haben +einführen wollen, nicht bemerkt oder sich so wenig Sorge darum gemacht +haben, wie lächerlich es ist, verdorbenen und schwachen Menschen die +bäurische Grobheit der Jahrhunderte tierischen Lebens aufpfropfen zu +wollen. Selbst durch eine so groteske Philosophie oder durch die Liebe, +welche die Urheber dieser Doktrin einflößten, verführte Frauen opfern ihr +die Schande und die Scham, die tausendmal tiefer im weiblichen Herzen +wurzelt als die Keuschheit selber. + +[Fußnote A: An die Korinther 6, 7, 8, 29.] + +Solange als es sich um die eheliche Pflicht handelte, hatten die Zyniker +immer noch einige Sophismen anzuführen. Als aber Diogenes, der wenigstens +mit einiger Vernunft faselte, diese Moral auf den Grund seiner Tonne +beförderte, was konnten da seine Sophismen sein? Der Hochmut, den +Vorurteilen zu trotzen, die Art Ruhm -- der sklavische Mensch ist in allem +und stets ein Freund der Unabhängigkeit --, die sich daran knüpfte, waren +allem Anscheine nach die wirklichen Beweggründe. Der Makel des +Geheimnisses, der Schande, der Finsternis, würde ihm beleidigende Namen und +Nachstellungen eingetragen haben, seine Schamlosigkeit bewahrte ihn davor. +Wie kann man sich einbilden, daß ein Mensch denkt, was er tue und am hellen +Tage sagt, sei schlecht in Worten und in Werken? Wie kann man einen +Menschen verfolgen, der kalt behauptet: »Es ist das ein sehr mächtiges +Bedürfnis; ich aber bin glücklich in mir selber zu finden, was andere +Menschen zu tausenderlei Ausgaben und Verbrechen veranlaßt. Wenn alle Welt +wie ich wäre, würde weder Troja gefallen, noch Priamus auf Jupiters Altar +die Kehle abgeschnitten worden sein!« Diese und sehr viele andere Gründe +scheinen einige seiner Zeitgenossen verführt zu haben. + +Galienus sucht ihn mehr zu rechtfertigen als zu verdammen. Wahr ist's, daß +die Mythologie in gewisser Weise den Onanismus geheiligt hatte. Man +erzählt, daß Merkur, da er Mitleid mit seinem. Sohne Pan hatte, der Tag und +Nacht durchs Gebirge streifte, von heftiger Liebe zu seiner Geliebten[A] +gepackt, deren er nicht froh werden konnte, ihm diese fade Erleichterung +bezeichnete, die Pan dann die Hirten lehrte. + +Noch merkwürdiger als des Galienus Duldsamkeit ist die der Lais, die an +Diogenes, diesen Diogenes, der sich durch so viele ungeteilte Freuden +befleckte, ihre Gunst verschwendete, die ganz Griechenland mit Gold +aufgewogen haben würde, und um seinetwillen den liebenswürdigen und weisen +Aristipp betrog. Würde Lais, wenn ihm dasselbe Abenteuer wie dem Mädchen +zugestoßen wäre, die, nachdem sie den Zyniker allzu lange hatte warten +lassen, merkte, daß er sie sich aus dem Kopf geschlagen hatte und ihrer +nicht mehr bedurfte, sich dem Onanismus gegenüber etwa strenger bezeigt +haben? + +Woher das Wort Onanismus stammt, weiß man: In der heiligen Schrift läßt +Onan seinen Samen auf die Erde fallen[B], seine Gründe jedoch dürften denen +des Diogenes vorzuziehen sein. Juda hatte von Sua drei Söhne: Her, Onan und +Sela. Er wollte Nachkommenschaft haben, führte sich seltsam dabei auf, kam +aber zum Ziele. Seinen ältesten Sohn Her ließ er Thamar heiraten; als Her +ohne Kinder gestorben war, wollte Juda, daß Onan seine Schwägerin beschlafe +unter der Bedingung, daß er seinem Bruder Samen erwecke, der nach dem Namen +des Ältesten Her genannt werde. Onan weigerte sich, und um den Zweck der +Natur ein Schnippchen zu schlagen, hub er, jedesmal wenn er bei Thamar lag, +an, sein Trankopfer beiseite zu schütten. Er starb. Juda ließ Thamar seinen +dritten Sohn Sela heiraten, der auch kinderlos starb. Juda wurde +halsstarrig und nahm das Geschäft, dessen er sehr würdig gewesen zu sein +scheint, auf sich, denn er schwängerte seine Tochter »derartig, daß +Zwillinge in ihrem Leibe erfunden wurden«. Der erste wies seine Hand vor, +um welche die Wehenmutter einen roten Faden band, weil er der ältere sein +mußte. Aber der kleine Arm zog sich wieder zurück und das andere Kind +erschien zu erst und man nannte es Perez[C]. + +[Fußnote A: Das Echo.] + +[Fußnote B: Genesis, Kapitel 38.] + +[Fußnote C: Der, welcher das Band trug und als zweiter geboren ward, +erhielt den Namen Zara, was so viel wie Osten heißt.] + +Die Väter wollen Noah in Perez sehen, Noah das Bild Jesu Christi, der +erschienen ist wie der kleine Arm und dessen Leib nur für das neue Gesetz +geboren werden durfte. Was aber die Väter klarer als all das sahen, ist, +daß durch die Begebenheit mit dem Samen, den Onan beiseite warf, Jesus +Christus von der fremden Ruth, der Courtisane Rahab, der Ehebrecherin +Bathseba und von Vater auf Tochter von der blutschänderischen Thamar +abstammen muß[A]. Doch zur Sache zurück. + +Man sieht, daß dem Onanismus, wenn er auch nicht geheiligt wurde, immerhin +durch große und alte Beispiele das Wort geredet worden ist. + +Die moralischen Gründe, die ihn am häufigsten herausfordern, sind entweder +die Furcht, Wesen, die der besonderen Umstände halber unglücklich werden +würden, das Leben zu geben, oder die Angst vor Seuchen erzeugenden +Berührungen. Denn ohne daß es durchaus bewiesen ist, meint man, daß das +Gift auf die Teile des Körpers, die vollkommen mit der Haut bekleidet sind, +nicht, sondern nur auf die von ihr entblößten, einwirkt. + +[Fußnote A: Sacy, Seite 817, Ausgabe in 8°.] + +Diese und viele andere Umstände verleiten dazu, dem so lebhaften Triebe, +der den Menschen zur Fortpflanzung seines Ichs drängt, nur nachzugeben, +indem er die Absicht der Natur außer Acht läßt; und die Mittel sie zu +täuschen, sind bei den einen zur Leidenschaft, bei vielen anderen zum +Bedürfnis geworden. Der Schlaf erregt in den Zölibatären die wollüstigsten +Träume. Die Einbildung, geschärft und geschmeichelt durch diese +trügerischen Illusionen, die zu einer verstümmelten Wirklichkeit führen, +die aber wieder der Unannehmlichkeiten entbehrt, welche ein vollkommeneres +Glück oft so gefährlich machen, hat eifrig nach dieser Weise gegriffen, ihr +Begehren hinters Licht zu führen. Beide Geschlechter, auf solche Art die +Bande der Gemeinschaft zerreißend, haben diese Vergnügungen nachgeahmt, die +sie sich ungern versagen und indem sie sie durch ihre eigenen Anstrengungen +ersetzten, haben sie gelernt, sich selbst zu genügen. + +Diese einzelnen und erzwungenen Vergnügungen sind dank der Bequemlichkeit, +sie zu stillen, zur heftigen Leidenschaft geworden, welche die Macht der +der Menschheit so gebietenden Gewohnheit zu ihrem Nutzen ausgebeutet hat. +Dann sind sie sehr gefährlich geworden, gefährlicher als so lange sie nur +durch das Bedürfnis geregelt wurden, da sie eine mehr wollüstige als +hitzige Einbildungskraft erzeugt haben. Kein Unfall ist die Folge gewesen, +kein physisches Leiden hat dieser Hang gezeitigt, und die Moral würde ihm +gegenüber in gewissen Fällen einige Duldsamkeit obwalten lassen können[A]. +Die alten Richter, vielleicht weniger ängstlichen, aber philosophischen +Richter, dachten, wenn man ihm in diesen Grenzen genüge täte, würde man die +Enthaltsamkeit nicht verletzen. Galienus behauptet, wie man gesehen hat, +daß Diogenes, der öffentlich seine Zuflucht zu diesem Hilfsmittel nahm, +sehr keusch wäre; er wendete dies Verfahren nur an, sagt er, um den +Übelständen der Samenverhaltung zu entgehen. + +Doch kommt es wohl sehr selten vor, daß man in dem, was man den Sinnen +einräumt, das richtige Maß einhält. Je mehr man sich seinem Verlangen +überläßt, desto mehr schärft man es; je mehr man ihm gehorcht, desto mehr +reizt man es. Dann bestimmt die von Schwäche vergiftete und ständig in +wollüstige Gedanken versunkene Seele die tierischen Triebe, sich der +Ausschweifung hinzugeben. Die Organe, die das Vergnügen hervorrufen, werden +durch die wiederholten Berührungen beweglicher, den Abschweifungen der +Einbildung gegenüber gelehriger; ständige Erektionen, häufige Pollutionen +und die Folgen eines unmäßigen Lebens stellen sich ein. + +Oft kommt es vor, daß die Leidenschaft in Wut ausartet. Die Gegenstände, +die ihr gleichartig sind und sie nähren, bieten sich unaufhörlich dem +Geiste dar; nun, man kann sich nicht vorstellen, bis zu welchem Grade +dieses Achten auf einen einzigen Gegenstand entnervt, schwächt. Übrigens +zieht die Lage der Geschlechtsteile, selbst ohne Pollution, eine große +Verschwendung der animalischen Triebe nach sich. Pollutionen treten zu +häufig auf; selbst wenn ihnen keine Samenentleerungen folgen, schwächen sie +unendlich. Es gibt auffallende und unbestreitbare Beispiele dieser Art. Zu +beachten ist noch, daß das Verhalten der Onanisten nicht wenig zur +Schwächung, die sich aus ihren ungeteilten Handlungen ergibt, und zur +Reizbarkeit ihrer Organe beiträgt. Die Natur kann nimmer weder ihrer Rechte +verlustig gehen noch ihre Gesetze unbestraft verletzen lassen. Geteilte +Freuden werden selbst im Übermaß eher von ihr ertragen als eine +unfruchtbare List, durch welche man ihrer Herr zu werden sucht. Die +Befriedigung des Geistes und des Herzens hilft zu einer schnelleren +Wiedergutmachung der Verluste als die, welche die Räusche der +Einbildungskraft verursachen und niemals ersetzen können. + +[Fußnote A: Der Marquis von Santa Crux, zum Beispiel, beginnt sein Buch +über die Kriegskunst mit den Worten, daß es die erste, für einen großen +General durchaus notwendige Eigenschaft sei, zu . . . weil das einer Armee +und besonders in einer Kriegsstadt alle Klatschereien und Seuchen erspare.] + +Die Moral ist aber stets der Leidenschaft gegenüber schwach. Wenn dieser +seltsame Geschmack bekannt ist, ist man mehr damit beschäftigt, ins Werk zu +setzen, was ihn befriedigen kann, als darüber nachzudenken, was ihn +zurückdrängen könnte; und man hat herausgefunden, daß beide Geschlechter, +sich gegenseitig bedienend, den einzelnen Genuß den Reizen eines +gegenseitigen Genusses vorziehen müßten. + +Diese seltsame Kunst wurde zu allen Zeiten und wird noch in Griechenland +gepflegt. Es ist dort üblich, sich nach dem Mahle zu versammeln. Man legt +sich im Kreise auf einen Teppich, alle Füße sind nach dem Mittelpunkte +gerichtet, wo man in der kalten Jahreszeit einen Dreifuß aufstellt, der +eine Kohlenpfanne trägt. Ein zweiter Teppich deckt euch bis an die +Schultern zu: da finden die jungen Griechinnen das Mittel, sich, ohne daß +man's merkt, die Schuhe auszuziehen und den Männern mit ihren Füßen einen +Dienst zu leisten, zu dem sich viele Weiber sehr unbeholfen ihrer Hände +bedienen. + +Tatsächlich ist solch eine Gabe nicht allen verliehen. In Paris haben +einige Leute nach einer vollendeten Erfahrung und einer Menge Versuchen ein +besonderes Studium daraus gemacht. Auch die jungen Mädchen, die vom edlen +Wetteifer beseelt sind, nach einem Rufe dieser Art zu trachten, tragen +eifrig Sorge, Unterricht zu nehmen; doch sind sie nicht alle mit Erfolg +gekrönt. Sicher ist es, daß sich hier Schwierigkeiten von mehr als einer +Art in den Weg stellen. + +Es handelt sich nicht um ein Gefühl, das sich auf das Wesen des Mädchens +überträgt, welches nichts tut als es hervorzurufen. Es ist nur eine +Sensation, die sie durch den Stoß ihres Körpers mitteilt, es ist eine +Sensation, die der Mann in sich selber durch die Einbildungskraft dieses +Mädchens genießen und die um so köstlicher werden muß, als sie durch ihre +Kunst den Genuß verlängern kann. Diese Wonne erlischt mit dem Akt, weil sie +der Mann allein fühlt. Die Köstlichkeiten des natürlichen Vergnügens +dagegen gehen voraus und folgen dem innigen Verein der Liebenden. Das +Mädchen, die den teilweisen Genuß leitet, darf sich also nur damit +befassen, eine Situation, die ihr fremd ist, zu führen, reizen, +unterhalten, dann einstweilen aufzuheben, die Wirkung mehr hinauszuschieben +als zu beschleunigen und noch sehr viel weniger sie hervorzurufen. Alle +diese Zärtlichkeiten müssen mit unsäglich zarten Nuancen abgestimmt sein; +die gefällige Priesterin darf sich nicht dem hitzigen Überschwange +überlassen, der ihr freistünde, wenn sie mit dem Opferer vereinigt wäre. + +Man begreift wohl, daß dies Vorgehen hitzigen jungen Leuten gegenüber nicht +am Platze ist, die ihr Ungestüm leitet und die in dieser Art Lüsten nur die +Verzückung der Wonne suchen; man kann sie nur mit denen ausüben, bei denen +in einem reiferen Alter das lebhafte Feuer des Temperaments abgeschwächt +und die Einbildungskraft geübter ist: sie wollen sich des Vergnügens mit +allen Sensationen und den Schattierungen erfreuen, die diese Art von Lust +bietet. + +Unter den Männern, ebenso auch unter den Weibern, besteht eine sehr große +Temperamentsverschiedenheit; manche sind von einer Geilheit, für die man +keine Worte findet. Die, welche sich mit Temperament zu, begnügen wissen +und eine bedeckte Eichel haben, bewahren eine der alten Satire würdige +Geilheit. Der Grund davon ist sehr einfach: die Eichel, die der Sitz der +Wollust ist, erhält sich dank dem ständigen Verharren in der lymphatischen +Flüssigkeit, die sie schlüpfrig macht, ihre kostbare Empfindlichkeit, statt +daß sie, wie bei denen, die sie entblößt tragen, die man beschnitten hat, +oder bei denen die Vorhaut von Natur aus zu kurz ist, mit dem Alter hart +und schwielig wird, denn bei denen ist die vorbereitende Flüssigkeit, die +sie absondert, ganz umsonst da. + +Nun wird aber ein in der Kunst des Thalaba bewandertes Mädchen sich einem +Manne dieser Klasse gegenüber nicht wie mit einem anderen aufführen. Stellt +euch die beiden Handelnden nackt in einem mit Spiegeln umgebenen Alkoven +und auf einem Lager mit einem Himmelbett vor. Das eingeweihte Mädchen +vermeidet es zuerst mit größter Sorgfalt, die Zeugungsteile zu berühren: +ihre Annäherungen sind zart, ihre Umarmungen süß, die Küsse mehr zärtlich +als lasziv, die Zungenbewegungen abgemessen, der Blick wollüstig, die +Umschlingungen der Glieder voll Anmut und Weichheit; sie kitzelt mit den +Fingern leicht die Brustwarzen, bald merkt sie, daß das Auge feucht wird, +fühlt, daß sich die völlige Erektion eingestellt hat, dann legt sie den +Daumen leicht auf das äußere Ende der Eichel, die sie in ihrer +lymphatischen Flüssigkeit gebadet findet, mit der Daumenspitze fährt sie +leise zu ihrer Wurzel hinab, kommt zurück, fährt wieder hinunter, fährt um +den Kranz. Sie hält ein, wenn sie merkt, daß die Sensationen sich mit allzu +großer Schnelligkeit vermehren. Sie wendet dann nur allgemeine Berührungen +an, und das nur nach gleichzeitigen und unmittelbaren Berührungen der Hand, +dann mit beiden und dem Nähern ihres ganzen Körpers; daß die Erektion zu +hitzig geworden, merkt sie in dem Augenblick, in welchem man die Natur +handeln lassen oder ihr helfen oder sie reizen muß, um zum Ziel zu +gelangen, weil der Krampf, der den Mann überkommt, so lebhaft und der +Empfindungshunger so heftig ist, daß er zur Ohnmacht führen würde, wenn man +ihm nicht ein Ende machte. + +Um aber diese Weise der Vollendung, diese Kraft des Genusses zu erlangen, +muß das Mädchen sich aus dem Spiele lassen, um alle Nuancen der Wollust, +die die Seele des Thalaba durchläuft, studieren, befolgen und verstehen, um +die aufeinander folgenden Verfeinerungen anwenden zu können, die diese +Genußsteigerungen, die sie erzeugt, verlangen. Man gelangt in dieser Kunst +gewöhnlich nur bis zu einer Stufe der Vollendung, teils durch ein feines +Gefühl, teils durch eine genaue Berührung, die bei diesen Gelegenheiten die +einzigen und wirklichen Richter sind . . . Was aber wird das Resultat +dieses Werkes der Wollust sein . . . Wird es Martial, der ausgelassene +Martial? . . . Ich höre ihn rufen: + + Ipsam crede tibi naturam dicere rerum, + Istud quod digitis, Pontice, perdis, homo est[A]. + Und es ruft dir zu die Natur, sie selbst: Halte ein; + Was deine Hand vergießt, verdiente ein Mensch zu sein! + +Das ist schön und wahr; indessen sind Dichter nicht in Dingen maßgebend, +die von der Vernunft entschieden werden müssen. + +Der Haupt- und vielleicht der einzige Grundsatz der Natur ist: schlecht +ist, was schadet. Der Ehebruch steht der Natur nicht so fern und ist ein +sehr viel größeres Übel als der Onanismus. Der könnte nur der Jugend Gefahr +bringen, wenn er ihre Gesundheit angreift; aber für die Moral kann er oft +sehr nützlich sein. Der Verlust von etwas Samen an sich ist kein sehr +großes Übel, er ist nicht einmal ein so großes wie der von etwas Dünger, +der einen Kohlkopf hätte hervorbringen können. Sein größter Teil ist von +der Natur selber dazu bestimmt, verloren zu gehen. Wenn alle Eicheln Eichen +werden wollten, würde die Welt ein Wald werden, in dem man sich nicht +bewegen könnte. Kurz, ich sage mit Martial: »Ihr sollt euch also eurem +Weibe nicht nähern, wenn sie hohen Leibes ist, denn: Istud, quod vagina, +Pontice perdis, homo est.« Wenn ihr sie so fasten laßt, seid ihr ein +rechter Dummkopf und werdet ihr gar viel Verdruß bereiten, was vom Übel +ist. Überdies werdet ihr, bevor sie niederkommt, alles sein, was ein +Ehemann werden kann, was im Vergleich damit etwas wenig ist. + +[Fußnote A: Epigramme 42, Buch 9.] + + + + +Die Anandrine + + +Die berühmtesten Rabbiner sind der Meinung gewesen, daß unsere ersten Väter +beide Geschlechter in sich vereinigten und als Zwitter geboren wurden, um +die Fortpflanzung zu beschleunigen. Doch nachdem eine gewisse Zeit +verstrichen, hörte die Natur auf, so fruchtbar zu sein, zu der Zeit, wo die +Pflanzenstoffe nicht mehr für unsere Nahrung ausreichten und die Menschen +anfingen, sich des Fleisches zu bedienen. + +Im Anfange war es sicher so, und wir haben in diesen Ausführungen[A] +gesehen, daß Adam zweigeschlechtlich erschaffen worden ist. Gott gab ihm +eine Gefährtin; doch die Schrift sagt nicht, ob Adam bei diesem Wunder eine +seiner Eigenschaften verlor. Da die Genesis sich also in keiner genauen +Weise über diesen Gegenstand äußert, hat das System der Rabbiner lange Zeit +eine große Anhängerschaft gehabt. + +Man hat ein gemäßigteres System aufgestellt, das einigen Leuten +wahrscheinlicher vorgekommen ist. Daß es nämlich drei Arten von Wesen in +dem ersten Zeitraum gegeben habe, die einen männlich, die anderen weiblich, +andere männlich und weiblich in einem; daß aber alle Individuen dieser drei +Arten jedes vier Arme und vier Beine, zwei Gesichter, eines gegen das +andere gekehrt und auf einem einzigen Halse ruhend, vier Ohren, zwei +Geschlechtsteile usw. gehabt hätten. Sie gingen aufrecht; wenn sie aber +laufen wollten, schossen sie Purzelbaum. In ihre Ausschweifungen, ihre +Keckheit, ihren Mut teilten sie sich; daraus aber ergab sich ein großer +Übelstand: jede Hälfte versuchte unaufhörlich sich mit der anderen zu +vereinigen, und wenn sie sich trafen, umarmten sie sich so eng, so zärtlich +mit einem so köstlichen Vergnügen, daß sie sich zu keiner Trennung mehr +entschließen konnten. Ehe sie sich voneinander rissen, starben sie lieber +Hungers. + +[Fußnote A: Siehe die Analytroide.] + +Das Menschengeschlecht sollte zugrunde gehen. Gott tat ein Wunder: er +trennte die Geschlechter und wollte, daß die Wonne nach einem knappen +Zeitraume wiche, damit man etwas anderes täte, als einer an dem anderen +festkleben. Daher kommt es, und nichts ist einfacher, daß das weibliche +Geschlecht, getrennt von dem männlichen Geschlechte, eine glühende Liebe zu +den Männern bewahrt hat, und daß das männliche Geschlecht unaufhörlich +darnach trachtet, seine zärtliche und schöne Hälfte wiederzufinden. + +Doch gibt es Weiber, die andere Weiber lieben? Nichts ist doch natürlicher: +es sind die Hälften der damaligen Weiber, die doppelt waren. Desgleichen +haben gewisse Männer, die Verdoppelung anderer Männer, einen +ausschließlichen Geschmack für ihr Geschlecht bewahrt. + +Es ist nichts Wunderliches dabei, obwohl diese vereinten und entzweiten +Männerpaare sehr wenig anziehend erscheinen. Seht doch, wie sehr einige +Kenntnisse mehr oder weniger zu mehr oder weniger Duldung führen müssen! +Ich wünschte, daß diese Ideen den moralisierenden Maulhelden Ehrfurcht +einflößten. Man kann ihnen gewichtige Autoritäten anführen; denn dies +System, das in Moses seinen Ursprung hat, ist von dem erhabenen Plato sehr +erweitert worden. Und Louis Leroi, königlicher Professor zu Paris, hat über +diese Materie ungeheure Kommentare verfertigt, an denen Mercerus und +Quinquebze, die Lektoren des Königs für Hebräisch, erfolgreich +mitgearbeitet haben. + +Man wird wohl nicht ärgerlich sein, hier Louis Lerois' eigene Verse +angeführt zu sehen: + + Im ersten Alter, da die Welt von Kraut + Und Eicheln lebte, hat sie froh geschaut + Drei Menschenarten: zwei, sie sind noch jetzt, + Die dritte aber war zusammengesetzt + Aus Mann und Weib. Es ist wohl jedem klar, + Daß ihr der Schönheit Form zu eigen war. + Der Gott, der sie erschuf mit reicher Hand, + Schuf sie so schön er sich darauf verstand. + Zwei Köpfe; Füße, Arme hatten viere + Diese vernunftbegabten schönen Tiere. + Der Rest bleibt ungesagt, denkt ihn euch schön, + Denn besser wäre er gemalt zu sehn. + Und jeder Teil freut seines Leibs sich so: + Denn wandt er sich, sah er geküßt sich froh, + Sah sich umarmt, wenn er den Arm ausspannte, + Dacht' er, der andere schon die Antwort nannte. + In sich, was er zu seh'n begehrt', er sah + Und was er haben wollte, war schon da. + Stets trugen seine Füße schnell den Leib + Dorthin, wo ihm erblühte Zeitvertreib; + Und hatte er mißbraucht sein bestes Gut, + Wie leicht entschuldigte ihn da sein Mut! + Für ihn gabs weder Rechnung noch Bericht, + Und Ehrbarkeit und Schande kannt' er nicht. + Der einfach sich aus seiner Seele stahl, + Der Wunsch, erfüllte sich in Doppelzahl. + Wer das bedenkt, zu sagen ist bereit: + Damals, ja, herrschte die Glückseligkeit + Des goldnen Alters, o, welch schöne Zeit! + +In ihrem Vorwort zum »Neuen Himmel« bekennt Antoinette Bourignon sich auch +zu diesem System, welches solcher Art zu sein scheint, daß es vom schönen +Geschlecht bedauert wird. Sie mißt dem Sündenfalle diese Trennung in zwei +Teile zu und sagt, sie habe in dem Menschen das Werk Gottes verunstaltet +und statt Menschen, die sie sein sollten, seien sie Ungeheuer von Natur aus +geworden, in zwei unvollkommene Geschlechter geteilt, unfähig, +ihresgleichen allein hervorzubringen, wie sich die Pflanzen hervorbrächten, +die darin sehr viel begünstigter und vollkommener wären, als das +Menschengeschlecht, das dazu verdammt sei, sich nur durch die sehr kurze +Vereinigung zweier Wesen fortzupflanzen, die, wenn sie dann einige Wonnen +empfanden, dies hohe Werk der Vervielfältigung nur mit großen Schmerzen +vollenden können. + +Wie es sich auch mit diesen Gedanken verhalten mag, wir haben noch in +unseren Tagen ähnliche Erscheinungen gesehen, die den Glauben unterstützen, +daß Mose's Überlieferung kein Hirngespinst gewesen ist. Eine der +erstaunlichsten ist die eines Mönches zu Issoire in der Auvergne, wo der +Kardinal von Fleury im Jahre 1739 den Siegelbewahrer Chanvelin des Landes +verweisen ließ. Dieser Mönch besaß beide Geschlechter; man liest im Kloster +folgende diesbezüglichen Verse: + + Ein junges Mönchlein ohne Lug + -- Ich selber habe ihn gesehen -- + Des Manns und Weibs Geschlechtsteil trug, + Sah Kinder auch von ihm entstehen. + Und einzig nur durch sich allein + Zeugte, gebar er wie die Weiber, + Tat sich dazu kein Werkzeug leihn + Der wohlverseh'nen Männerleiber. + +Indessen besagen die Klosterregister, daß dieser Mönch sich nicht selber +schwängerte; er wäre nicht Handelnder und Leidender in Eins gewesen. Er +wurde den Gerichten ausgeliefert und bis zu seiner Entbindung gefangen +gehalten. Nichtsdestoweniger fügt das Register folgende bemerkenswerte +Worte hinzu: + +»Dieser Mönch gehörte dem hochwürdigen Herrn Cardinal von Bourbon; er besaß +beide Geschlechter und jedes von ihnen half sich dergestalt, daß er von +Kindern schwanger ward.« + +Ich weiß, daß man einen Unterschied zwischen dem eigentlichen +Hermaphroditen und dem Androgynen machen kann. Androgyne und Hermaphrodit, +reine Erfindungen der Griechen, die alles im schönsten Lichte darzustellen +wußten und darstellen wollten, sind von allen Dichtern, die reizende +Beschreibungen von ihnen machten, nach Lust gefeiert worden, während die +Künstler sie unter den liebenswürdigsten Formen darstellten, die im +höchsten Grade geeignet waren, Gefühle der Wollust zu erwecken. Pandora +hatte nur durch die Vollkommenheiten ihres Geschlechts Erfolg. Der +Hermaphrodit vereinigte in sich alle Vollkommenheiten beider Geschlechter. +Er war die Frucht der Liebschaft zwischen Merkur und Venus, wie aus der +Etymologie des Namens hervorgeht[A]. Nun war Venus die Schönheit in der +Vollendung, bei Merkur kamen zu seiner persönlichen Schönheit noch Geist, +Kenntnisse und Talente hinzu. Man mache sich einen Begriff von einem +Individuum, in dem all diese Eigenschaften sich vereinigt finden, und man +wird den Hermaphroditen, wie ihn die Griechen dargestellt wünschten, vor +sich sehen. Die Androgynen dagegen sind, unter der wahren Beachtung ihres +Namens, nur Teilnehmer an den beiden Geschlechtern, die man Hermaphroditen +genannt hat, weil die Alten vorgaben, daß Merkurs und Venus Sohn beide +Geschlechter hätte. Aber es ist darum nicht minder wahr, daß, da es zu +allen Zeiten Weiber gegeben hat, die großen Vorteil aus dieser androgynen +Übereinstimmung gezogen haben, sie sich kostbar zu machen gewußt haben. +Lucian läßt in einem seiner Dialoge zwischen zwei Hetären die eine zur +anderen sagen: »Ich habe alles, wessen es bedarf, um deine Wünsche zu +befriedigen!« worauf die antwortet: »Du bist also ein Hermaphrodit?«[B] Der +Apostel Paulus wirft dies Laster den römischen Weibern vor[C]. Nur mit Mühe +vermag man zu glauben, was man im Athenaeus über Ausschweifungen dieser Art +liest, die Weiber begangen haben[D]. Aristophanes, Plautus, Phaedrus, Ovid, +Martial, Tertullian und Clemens Alexandrinus haben sie in mehr oder minder +offener Weise bezeichnet, und Seneca überschüttet sie mit den furchtbarsten +Flüchen[E]. + +Gegenwärtig sind vollkommene Hermaphroditen sehr selten; folglich scheint +die Natur diese androgynen Menschen nicht mehr hervorzubringen. Zugeben muß +man aber, daß man häufig auf Folgen dieser Teilung in zwei Wesen, die wir +eben auseinandergesetzt haben, stößt: zu allen Zeiten, sowohl im ältesten +Altertume, als auch in den neueren Zeiten näher liegenden Jahrhunderten, +hat man die entschiedenste Liebe von Weib zu Weib beobachtet. Lykurg, der +gestrenge Lykurg, der über so krause wie erhabene Dinge nachdachte, ließ +öffentlich Spiele aufführen, die man Gymnopaedieen nannte, bei denen die +jungen Mädchen nackend erschienen: laszivste Tänze, Posen, Annäherungen, +Verflechtungen wurden ihnen beigebracht. Das Gesetz bestrafte die Männer, +die die Kühnheit besaßen, ihnen beizuwohnen, mit dem Tode. Diese Mädchen +wohnten beieinander, bis sie sich verheirateten: der Zweck des Gesetzgebers +war höchstwahrscheinlich, sie die Kunst des Fühlens zu lehren, die die der +Liebe so sehr viel schöner macht, ihnen alle Abstufungen der sinnlichen +Empfindungen, die die Natur angibt oder für die sie empfänglich ist, +beizubringen, kurz sie unter sich sie derart üben zu lassen, daß sie eines +Tages zum Frommen der menschlichen Art all die Verfeinerungen anzuwenden +wußten, die sie sich gegenseitig zeigten. Kurz, man lehrte sie verliebt zu +sein, ehe sie einen Liebhaber hatten; denn man ist ohne Liebe verliebt, wie +man oft versichert, daß man liebt, ohne verliebt zu sein. Habe kein +Temperament, das will; liebe nicht, wenn du willst; das ist eine Moral von +der Art, wie sie Lykurg in seinen Gesetzen enthüllt; das ist die Moral, die +Anakreon wie Rosenblätter zwischen seine unsterblichen Tändeleien gestreut +hat. Wer hätte je gedacht, gleiche Grundsätze bei Anakreon und Lykurg zu +finden? Vor dem Dichter von Theos hatte Sappho sie in ein praktisches +System verwandelt und dessen Symptome beschrieben. O, welch eine Malerin +und Beobachterin war diese Schöne, die von allen Feuern der Liebe verbrannt +wurde! + +[Fußnote A: Lucian I, Götterdialog XV, 2. Diodor. Sic. I, 4. Pag. 252. Ed. +Westhling.] + +[Fußnote B: Hetärengespräche 5.] + +[Fußnote C: An die Römer I.] + +[Fußnote D: Buch IV, Kap. 15.] + +[Fußnote E: Dii illas deaeque mala perdant! Adio perversum commentae genus +impudicitae! Viros meunt (Epist. XCV).] + +Sappho, die man nur noch aus Fragmenten ihrer schwülen Gedichte und aus +ihren unglücklichen Liebschaften kennt, kann man als die berühmteste +Tribadin ansehen. Zur Zahl ihrer zärtlichen Freundinnen rechnet man die +schönsten Weiber Griechenlands, die sie zu Gedichten begeisterten. Anakreon +versichert, man fände in ihnen alle Merkmale der Liebeswut. Plutarch zieht +eine dieser Dichtungen als Beweis heran, daß die Liebe eine göttliche Wut +ist, die heftigere Verzückungen hervorruft, als die der Priesterin in +Delphi, der Bacchantinnen und der Priester der Cybele; man beurteile +darnach, welche Flamme das Herz verzehrte, das also begeisterte[A]. + +Sappho aber, die so lange in ihre Gefährtinnen verliebt war, opferte sie +dem undankbaren Phaon auf, der sie der Verzweiflung in die Arme warf. Würde +es nicht besser für sie getaugt haben, in den Eroberungen wie in den +Vertrautheiten fortzufahren, die durch die Geschlechtsgleichheit und die +Sicherheiten, die sie bietet, so erleichtert wurden und die ihres Geistes +Schwung ihr so mühelos verschaffen konnte? Umsomehr als sie mit all den +Vorzügen begabt war, die man sich für diese Leidenschaft, für die sie die +Natur bestimmt zu haben scheint, wünschen kann, denn sie hatte eine so +schöne Clitoris, daß Horaz der berühmten Frau das Beiwort mascula gab, was +so viel bedeutet wie Mannweib. + +[Fußnote A: Zu Füßen der Sapphostatue von Silanion liest man: Sappho, die +ihre Geilheit selber besungen hat, und die bis zur Raserei verliebt war.] + +Es scheint, daß die Schule der Vestalinnen als das berühmteste Serail der +Tribadinnen, das es je gegeben hat, angesehen werden kann, und man darf +ruhig behaupten, daß der Sekte der Androgynen in der Person dieser +Priesterinnen die größten Ehren zuteil geworden sind. Das Priesteramt war +keine der üblichen, einfachen und bescheidenen Einrichtungen in seinen +Anfängen, welche von der ungewissen Frömmigkeit abhängen und ihren Erfolg +nur der Laune verdanken. Es zeigte sich in Rom mit dem erhabensten Pomp: +Gelübde der Jungfräulichkeit, Hut des Palladiums, Anvertrauung und +Unterhaltung des heiligen Feuers[A], Symbol der Erhaltung der Herrschaft, +ehrvollste Vorrechte, ungeheurer Einfluß, Macht ohne Grenzen. Wie teuer +aber ist all das bezahlt worden mit der völligen Beraubung des Glücks, zu +dem die Natur alle Lebewesen beruft, und mit den furchtbaren Todesstrafen, +die der Vestalinnen harrten, wenn sie ihrem Rufe unterlagen! Wie würden +sie, jung und all der Lebhaftigkeit der Leidenschaften fähig, ohne Sapphos +Hilfsquellen dem entgangen sein, wo man ihnen die gefährlichste Freiheit +ließ und der Kult selber in ihnen die wollüstigsten Gedanken wach rief? +Denn bekanntlich opferten die Vestalinnen dem Gotte Fascinus, dargestellt +unter der Form des ägyptischen Thallum; und es gab seltsame feierliche +Handlungen, die bei diesen Opfern obwalten mußten: sie hefteten dies +Bildnis des männlichen Gliedes an die Wagen der Triumphatoren. So war das +heilige Feuer, das sie unterhielten, bestimmt, sich auf wahrhaft belebenden +Wegen im ganzen Reiche fortzupflanzen; ein solcher Gegenstand der +Betrachtung war wenig geeignet, den Blicken junger Mädchen ausgesetzt zu +sein, die Jungfräulichkeit gelobt hatten! + +[Fußnote A: Vesta kommt aus dem Griechischen und bedeutet so viel wie +Feuer. Die Chaldäer und alten Perser nannten das Feuer avesta. Zoroaster +hat sein berühmtes Buch Avesta, Hüter des Feuers, genannt. Die Haustüre, +der Eingang heißt Vestibül, weil jeder Römer Sorge trug, das Feuer der +Vesta an seiner Haustüre zu unterhalten. Daher kommt es zweifelsohne, daß +man den Eintritt in die Vagina das Vestibül der Vagina nennt, wie wenn es +der Ort, wäre, wo man das erste Feuer dieses Tempels unterhält.] + +Man sieht, daß die Tribaden des Altertums berühmte Vorbilder hatten. In +seinen palmyrenischen Altertümern führt der Abbé Barthelemi die Gewänder +an, mit denen sie öffentlich prunkten: es waren nach ihm[A] die Enomide und +die Callyptze. Die Enomide wand sich eng um den Körper und ließ die +Schultern frei. Was die Callyptze anlangt, so kennt man sie nur dem Namen +nach wie die Crocote, die tarentinische Lobbe, die Anobole, das Eucyclion, +die Cecriphale und die in lebhaften Farben gemalten Tuniken, die sehr +deutlich die Glut der Tribaden anzeigten, die unausgesetzt lüstern waren +wie die Wellen, die sich folgen, ohne jemals zu versiegen. Den Situationen +entsprechend, in denen sie sich befanden, legten sie diese Kleidungsstücke +an. Die Callyptze war für die Öffentlichkeit bestimmt, die Enomide trugen +sie, wenn sie Besuche bei sich empfingen. Der Tarentine bedienten sie sich +auf Reisen, die Crocote war für das Haus, wenn sie sich einsamer +Beschäftigung widmeten. Die Anobole für Tribaderie unter vier Augen, die +Cecriphale für nächtliche Stelldicheins, das Eucyclion, um ausgelassene +Gesellschaften abzuhalten, die gemalten Tuniken für große Verbrüderungen, +Orgien, und die Farbe der Tunika zeigte den Dienst an, mit dem die Tribade, +die sie trug, für den Tag beauftragt worden war. Jede Art des Beistandes +hatte ihre besondere leuchtende Farbe. + +[Fußnote A: Zweifelsohne wird mir ein Unterrichteter hier mehr als eine +Schwierigkeit machen . . . Aber man würde nie zu Ende kommen, wenn man auf +alles antworten müßte.] + +Es gibt bestimmte Fälle, in denen die Tribadie von sehr weisen Physikern +anempfohlen wurde. Bekanntlich konnte David seine Brunst nur durch Weiber +wiedergewinnen, die auf seinem Leibe tribadierten. Was Salomo anlangte, so +benutzte er zweifelsohne seine dreihundert Beischläferinnen nur dazu, sie +in seiner Gegenwart Evolutionen im großen machen zu lassen. In unseren +Tagen stellt man die idiopathische Glut im Mannesleibe durch die Spiele +einer Masse Weiber wieder her, in deren Mitte sich der niederläßt, der +seine Kräfte wiedererlangen will. Dies Heilmittel war von Dumoulin immer +erfolgreich angeraten worden. Man weiß, daß der Kranke, sobald er die +idiopathischen Wirkungen der Brunst fühlt, sich zurückziehen muß, um das +Weißglühen, das sich einzustellen scheint, sich beruhigen und kräftiger +werden zu lassen, anderenfalls würde er eine entgegengesetzte Wirkung +erzielen. Dies System fußt darauf, daß der Mensch nur der Gegenwart des +Objektes bedarf, um die Art der Hitze, um die es sich handelt, zu +verspüren, die ihn mehr oder minder stark bewegt, je nachdem er mehr oder +minder schwach ist. Im allgemeinen hält die öftere Wiederkehr dieser +Glutanwandlungen ebensolange oder länger als die Kräfte des Mannes an. Das +ist eine der Folgen der Möglichkeit, plötzlich an gewisse angenehme +Sensationen einzig bei der Besichtigung der Gegenstände, die sie einen +haben empfinden lassen, zu denken oder sie sich ins Gedächtnis +zurückzurufen. So sagte, wer behauptet, »daß, wenn die Tiere sich nur zu +bestimmten Zeiten paarten, es nur geschähe, weil sie Tiere seien«, ein sehr +viel philosophischeres Wort, als er dachte. + +Übrigens ist bei der Tribadie wie in allem das Übermaß schädlich, es +entnervt statt anzureizen. Es kommen auch manchmal bei diesen Arten von +Ausübungen Untersuchungen zufolge merkwürdige und furchtbare Dinge vor. Vor +einiger Zeit geschah es in Parma, daß ein Mädchen, die sich angewöhnt +hatte, mit ihrer guten Freundin zu tribadieren, sich einer dicken Nadel mit +einem Elfenbeinknopf von Daumenlänge bediente, die bei den Stößen auf einen +falschen Weg gelangte und in die Harnblase geriet. Sie wagte ihr Abenteuer +nicht einzugestehen, duldete und litt, sie urinierte Tropfen für Tropfen; +am Ende von fünf Monaten hatte sich bereits ein Stein um die Nadel +gebildet, die man auf den üblichen Wegen herauszog. In den Klöstern, den +weiten Theatern der Tribadie, geschehen sehr viel ähnliche Dinge; hier +ist's ein Ohrlöffel, da eine Haarnadel, anderswo eine Strickscheide oder +eine Klistierröhre, wieder wo anders ein Tropfglas von Königin von +Ungarwasser, ein kleines Weberschiffchen, eine Kornähre, die von selber +hochsteigt, die die Vagina kitzelt und die das arme Nönnchen nicht mehr +herausziehen kann. Man könnte einen Band ähnlicher Anekdoten liefern. + +Herr Poivre lehrt uns in seinen Reisebeschreibungen, daß die berüchtigtsten +Tribaden der Erde die Chinesinnen seien; und da in diesem Lande die Weiber +von Stand wenig gehen, tribadieren sie in den Hängematten. Diese +Hängematten sind aus einfacher Seide mit Maschen von zwei Finger im Quadrat +gefertigt, der Körper ist wollüstig darin ausgestreckt, die Tribaden wiegen +sich hin und her und reizen sich, ohne die Mühe zu haben, sich bewegen zu +müssen. Ein großer Luxus der Mandarinen ist's, in einem Saal inmitten von +Wohlgerüchen zwanzig solcher schwebenden Tribaden zu haben, die vor ihren +Augen einander Wonne bereiten. Der Harem des Großherrn hat keinen anderen +Zweck; denn was sollte ein einziger Mann mit so vielen Schönen anfangen? +Wenn der übersättigte Sultan sich vornimmt, die Nacht bei einer seiner +Frauen zu verbringen, läßt er seinen Sorbet im Zimmer der Rundungen, wie +man es nennt (All' hachi), auftragen. Dessen Mauern sind mit den laszivsten +Malereien bedeckt; am Eingange in dies Gemach sieht man eine Taube, und auf +der Seite, wo man hinausgeht, eine Hündin gemalt, Symbole der Wollust und +Geilheit. + +Inmitten der Malereien liest man zwanzig türkische Verse, die die dreißig +Schönheiten der schönen Helena beschreiben, von denen Herr de Saint-Priest +kürzlich ein Fragment mit diesen Einzelheiten gesandt hat; das Fragment war +von einem Franzosen aus dem Quartier von Pera übersetzt worden[A]. + +[Fußnote A: Man merkt wohl, daß Herrn de Saint-Priest seine Würde +hinderte, dafür einzustehen; und irgendein durch diese Nichtanerkennung +ermutigter Litterat wird mit mir behaupten, daß diese Verse ganz einfach +eine Nachahmung aus: Silva nuptialis von J. de Nevisan sind. Hier sind sie: + + Trigenta haec habeat quae vult formosa vocari + Femina; sic Helenam fama fuisse refert; + Alba tria et totidem nigra; et tria rubra puella, + Tres habeat longas res totidemque breves, + Tres crassas, totidemque graciles, tria stricta, totampla + Sint ibidem huic formae, sint quoque parva tria, + Alba cutis, divei dentes, albique capilli, + Nigri oculi, cunnus, nigra supercilia. + Labia, gene atque ungues rubri. Sit corpora longa, + Et longi crines, sit quoque longa manus, + Sintque breves dentes, aures-pes; pectora lata, + Et clunes, distent ipsa supercilia. + Cunnus et os strictum, strigunt ubi singula stricta, + Sint coxae et cullum vulvaque turgidula, + Subtiles digiti, crines et labra puellis; + Parvus sit nasus, parva mamilla, caput + Cum nullae aut raro sint haec formosa vocari, + Nulla puella potest, rara puella potest. + +Aber ich bitte mir zu sagen, wo steckt die Unmöglichkeit, daß diese Verse +ins Türkische übersetzt im Harem sind? . . . Kurz, man begehre nicht auf +gegen Tatsachen.] + +Ich will diese Verse nicht zu übersetzen versuchen; sie sind von keinem +Dichter gemacht worden. Diese arithmetische Berechnung, diese dreißig, +streng drei zu drei angeführten Eigenschaften, würden allen Schwung +erstarren lassen. Man schätzt Reize, die man anbetet, nicht ab, man +berauscht sich, man brennt, man bedeckt sie mit Küssen; nur dann fesselt +man. Eine Schöne, welche die Vorzüge, mit denen sie geschmückt ist, an den +Fingern abgezählt werden sieht, hält den Zähler für einen dummen Tropf und +würde selber eine traurige Figur machen. Es gibt ihrer mehr als dreißig, es +gibt ihrer mehr als tausend. Wie, wenn man Helena nackt sieht, behält man +einen klaren Kopf?[A] . . . Aber die Türken sind ja nicht galant. + +[Fußnote A: Und wie sollte man mit Grazie und Anstand Worte wie cunnus, +clunes, culus, vulva in Verse bringen? Man würde sich an einem üblen Orte +kaum mit Ehren daraus ziehen. Und die Liebe will doch in einem Tempel +bedient werden.] + +Der Sultan betritt diesen Saal, in dem die Stummen alles vorbereitet haben. +Er hockt in einer Ecke nieder, wo er sich auf die Erde legt, um die +Stellungen von einem günstigen Gesichtswinkel aus zu sehen. Raucht drei +Pfeifen und während der Zeit, die er darauf verwendet, erscheint, was Asien +an Vollkommenstem hervorbringt, nackt im Saal. Sie paaren sich zuerst nach +dem Bilde der schönen Helena, dann vermischen sie sich und bilden Gruppen +und Stellungen, zu denen die Mauern ihnen Beispiele geben, die sie dank +ihrer Gewandtheit übertreffen. Unter anderen gibt es in diesem wollüstigen +Raume auch sieben Gemälde Bouchers, deren eines die von Caravaggio +ersonnenen Stellungen darstellt; und der letzte Sultan ließ sie in Natur +nach dem Maler der Anmut ausführen. O, wenn man so viele Mühen aufwendete, +um die Sitten zu bilden, wie um sie zu verderben, um Tugenden zu schaffen, +wie Begierden zu erregen, dann würde der Mensch bald die höchste Stufe der +Vollendung, für die die Natur empfänglich ist, erreichen! + + + + +Die Akropodie + + +Die Natur müht sich bei der Erzeugung der Lebewesen auf sehr verschiedenen +Wegen; sie ist des Willens, daß sich das Menschengeschlecht durch die +Mitwirkung zweier Individuen erneuert, die sich in den hauptsächlichsten +Bestandteilen ihrer Organisation gleichen und bestimmt sind, dabei durch +besondere Mittel, die jedem zu eigen sind, mitzuwirken. Ebenso beschränkt +sich das Wesen eines Geschlechts nicht auf ein einziges Organ, sondern +erstreckt sich durch mehr oder minder merkbare Abstufungen auf alle +Körperteile. Das Weib z. B. ist nicht nur Weib an einer einzigen Stelle; es +ist es in all den Gesichtspunkten, von denen aus es ins Auge gefaßt werden +kann. Man möchte sagen, die Natur habe alles an ihm der Anmut und der Reize +wegen geschaffen, wenn man nicht wüßte, daß es einen sehr viel +wesentlicheren und edleren Zweck hat. Infolgedessen entsteht in allen +Wirkungen der Natur die Schönheit auf ein Gesetz hin, das in die Ferne +strebt, und indem sie schaffen will, was gut ist, schafft sie +notwendigerweise zu gleicher Zeit, was gefällt. + +Das ist das Hauptgesetz, das die besonderen Abänderungen nur +beeinträchtigen, zumal Leidenschaften, Geschmacksrichtungen, Sitten, die +einer direkten Beziehung zu den Gesetzgebungen und Regierungen unterworfen, +stets aber der physischen Beschaffenheit, die in diesem oder jenem Klima +obwaltet, untergeordnet sind, sich mehr oder weniger von der dem Menschen +widerstrebenden Natur entfernen. So werden in heißen Ländern die dunklen, +kleinen, mageren, lebhaften, geistreichen Menschen weniger arbeitsam, +weniger kräftig, frühreifer und minder schön als die in den kalten Ländern; +Liebe wird da ein blindes hitziges Verlangen, ein glühendes Fieber, eine +verzehrende Notdurft, ein Schrei der Natur sein. In den kalten Ländern wird +diese weniger physische und moralischere Leidenschaft ein sehr maßvolles +Bedürfnis, ein überlegtes, erwogenes, analysiertes, systematisches Gefühl, +eine Frucht der Erziehung sein. Schönheit und Nutzen, oder alle Schönheiten +und Nutzen sind also nicht miteinander verknüpft, ihre Beziehungen +entfernen sich voneinander, schwächen sich ab, verändern sich; die +Menschenhand leistet fortwährend der Aktivität der Natur Widerstand, +manchmal beschleunigen unsere Bemühungen auch ihren Lauf. + +Das wechselseitige Gesetz der physischen Liebe zum Beispiel ist in den +nördlichen und mittäglichen Ländern durch die menschlichen Einrichtungen +sehr geschwächt worden. Wir sind der Natur zum Hohn in ungeheure Städte +eingepfercht und haben ebenso die Klimata durch Öfen -- Werke unserer +Erfindung, deren ständige Anstrengung unsäglich machtvoll arbeitet -- +verändert. In Paris, das eine selbst im Vergleich mit unseren mittäglichen +Provinzen recht niedrige Temperatur hat, sind die Mädchen eher mannbar als +in den selbst Paris benachbarten Landstrichen. Diese mehr schädliche als +etwa nützliche Prärogative, die sich an die ungeheure Hauptstadt knüpft, +hat moralische Gründe, die sehr häufig den physischen Gründen gebieten. Die +körperliche Frühreife wird von der frühzeitigen Übung der intellektuellen +Fähigkeiten bedingt, die sich mit der Zeit nur zum Nachteil der Sitten +schärfen. Die Kindheit ist kürzer, die früh entwickelte Jugend wird +erblich, die tierischen Funktionen und die Fähigkeit, sie auszuüben, +verstärken sich (denn sich vervollkommnen würde nicht das richtige Wort +sein) von Menschenalter zu Menschenalter. Nun stehen die körperlichen +Anlagen mit den geistigen Fähigkeiten in einer Beziehung zueinander, die +von der Generation vererbt sein kann. + +Das ist eine große Wahrheit, die zur Genüge fühlbar macht, von welcher +Wichtigkeit eine klug ausgedachte nationale Erziehung für die +Gesellschaften sein würde! + +Vielleicht wäre es vor allem für das verführerische Geschlecht notwendig, +daß es Arbeit leiste; denn bei fast allen zivilisierten Völkern, wo es dem +Anscheine nach geknechtet ist, gebietet es in Wirklichkeit dem herrschenden +Geschlechte. Es gibt Weiber, und das in sehr großer Zahl, bei denen die +Wirkungen der Empfindlichkeit die Spannkräfte jedes Organes umsomehr heben, +als dies Wesen, für das die Natur erstaunliche Kosten aufgewandt hat, +vervollkommnungsfähig ist! Die venerischen Krämpfe, die das Wesen der +Geschlechtsfunktionen ausmachen, die fruchtbaren Trankopfer werden besser +noch vom moralischen als mechanischen Standpunkte aus ins Auge gefaßt. +Zweifelsohne hängen sie von der mehr oder minder großen Empfindlichkeit des +wunderbaren Zentrums[A] ab, das periodisch aufwacht und sich wieder +beruhigt. Welchen Einfluß aber hat es nicht auch auf alle Teile des Wesens! +Wenn das Vergnügen dort wohnt, scheint die empfindsame, angenehm erregte +Seele sich ausdehnen, aufblühen zu wollen, um die Wahrnehmungen inniger in +sich aufnehmen zu können. Dieses Aufschwellen verbreitet überall das +köstliche Gefühl einer Vermehrung des Seins; die auf den Ton dieser +Empfindung gestimmten Organe verschönen sich, der an die süße Gewalt, die +in den gewöhnlichen Grenzen seines Seins entsteht, gekettete Mensch will +nichts weiter, weiß nichts weiter als zu fühlen. Setzt den Kummer an die +Stelle der Freude, und die Seele zieht sich in ein Zentrum zurück, das zu +einem unfruchtbaren Kerne wird und alle Körperfunktionen verschmachten +läßt. Ebenso wie Wohlbefinden und des Geistes Zufriedenheit, Freude, +Aufblühen der Seele, Lebhaftigkeit, Verschönerung des Körpers, Genugtuung, +Lächeln, Frohsinn oder die süße und zarte Freude der Empfindsamkeit und +ihre wollüstigen Tränen und ihre kraftvollen Umarmungen, und ihre heißen +Freuden, die der Trunkenheit gleichkommen, erzeugen, ebenso lassen das +Mühen des Geistes und seine Beunruhigungen die Seele sich in sich selber +zurückziehen, lähmen den Körper, erzeugen moralische und physische +Schmerzen und Schwäche und Niedergeschlagenheit und Trägheit. -- Der wäre +folglich weder närrisch noch strafbar, welcher nach dem Beispiele eines +asiatischen Despoten, aus anderen Beweggründen freilich, den Philosophen +und Gesetzgebern vorschlüge, neue Vergnügen ausfindig zu machen, und +ausriefe: »Epikur war der Männer weisester: Wollust ist und muß die +allmächtige Triebfeder unserer ganzen Art sein.« + +[Fußnote A: Die Gebärmutter.] + +Es gibt Spielarten unter den erschaffenen Wesen, die außergewöhnlich sein +würden, wenn man die Resultate einer beständigen, unermüdlichen, +authentischen Beobachtung[A] bekämpfen könnte, doch die aufgeklärte +Naturlehre muß ein ewiger Führer der Moral sein. Und daraus ergibt sich, +daß fast alle Zwangsgesetze schlecht sind, daß die Lehre der Gesetzgebung +nur nach allen übrigen Lehren ausgebildet werden kann. + +Der Mensch aber, der der Erbfeind, der eifrigste Parteigänger, der große +Förderer und das bemerkenswerteste Opfer des Despotismus ist, hat zu allen +Zeiten alles richten, alles lenken, alles reformieren wollen. Daraus ergibt +sich die Menge der so ungerechten und so krausen Gesetze, der +unerklärlichen Einrichtungen und Gebräuche jeglicher Art. An ihrem Platze, +in solcher Zeit, zu solchen Umständen, an dem und dem Orte aber hat der +Tyrann der Natur die Natur ohne Rücksicht auf Zeiten, auf Örtlichkeit und +auf Umstände fortpflanzen und verzögern wollen. Unserer Ansicht nach ist +die Beschneidung eines der ungewöhnlichsten Gebräuche, die er sich +ausgedacht hat. + +Mehrere Völker haben sie aus Gründen, die ihrer Ordnung und Natur +entsprechen, vollzogen, und das ist natürlich und klug. Andere haben sie +ohne Notwendigkeit als eine religiöse Observanz angenommen, und das scheint +vernunftwidrig. Die Ägypter sahen sie als eine Sache des Gebrauchs, der +Sauberkeit, der Vernunft, der Gesundheit und der physischen Notwendigkeit +an. Tatsächlich behauptet man, es gäbe Männer, die eine so lange Vorhaut +hätten, daß sich die Eichel nicht von selber entblößen könnte, woraus sich +eine speichelnde Ejakulation ergäbe, die ein beträchtliches Übel für das +Schöpfungswerk bedeute. Eine Vorhaut solcher Art zu verkleinern, ist +gewißlich ein vernünftiger Grund. Daß aber diese Vorhaut ein Gegenstand +hoher Verehrung bei dem auserwählten Volke Gottes gewesen ist, scheint mir +sehr sonderbar. + +[Fußnote A: Wer würde zum Beispiel denken, daß die Brunst der Biene +tausendmal stärker ist als die des Elefanten?] + +Tatsächlich ist Abrahams Vorhaut[A] das Siegel der Versöhnung, das Zeichen +des Bundes, der Pakt zwischen dem Schöpfer und seinem Volke; eine Vorhaut, +die hart geworden sein mußte, denn Abraham zählte neunundneunzig Jahre, als +er sich die Schnittwunde beibrachte; er tat desgleichen dann an seinem +Sohne und an allen Männern usw. Moses Weib beschnitt ebenfalls ihren Sohn; +das ging nicht ohne Hader vor sich, und sie entzweite sich mit ihrem +Gatten, der sie darnach nie wieder sah[B]. Diese Zeremonie nahm man damals +nur für einen bildlichen Ausdruck, denn man sprach von beschnittenen +Früchten[C], von der Beschneidung des Herzens usw.[D] Und sie wurde während +der ganzen Zeit aufgehoben, welche die Juden in der Wüste waren. So ließ +denn Josua beim Ausgange aus der Wüste eines schönen Tages das ganze Volk +beschneiden. Vierzig Jahre über hatte man die Vorhäute nicht beschnitten, +und nun gab's ihrer auf einen Schlag zwei Tonnen voll[E]. + +Als das Volk Gottes Könige hatte, tat man noch sehr viel mehr: man +heiratete für Vorhäute. Saul versprach David seine Tochter und forderte +hundert Vorhäute als Leibbeding[F]. David aber, der ein Held und edelmütig +war, wollte sich bei dieser köstlichen Gabe keine Grenzen setzen lassen und +brachte Saul zweihundert Vorhäute[G], dann heiratete er Michal. Man wollte +sie ihm streitig machen, aber seine Forderung war gerecht, und er erhielt +sie für seine Vorhautsammlung[H]. + +[Fußnote A: Genesis XVII, 24.] + +[Fußnote B: Exodus IV, 25.] + +[Fußnote C: Levitikus XIX, 23. + +[Fußnote D: Deut. X, 16. ] + +[Fußnote E: Josua V, 3 und 7.] + +[Fußnote F: Könige XVIII, 25.] + +[Fußnote G: Könige XVIII, 27.] + +[Fußnote H: II. Könige III, 14.] + +Große Streitigkeiten sind dieser Vorhäute wegen entstanden. Man betrachtete +die Beschneidung nicht nur als ein Sakrament des alten Glaubens, indem sie +ein Zeichen des Bundes Gottes mit Abrahams Nachkommenschaft war, man wollte +auch, daß dieser Hautlappen, den man vom männlichen Gliede abschnitt, den +Kindern die Erbsünde erlasse. Die Kirchenväter sind geteilter Ansicht +hierüber gewesen. Der heilige Augustinus, der diese Meinung vertritt, hat +alle die gegen sich, die ihm vorausgingen, und nach seiner Zeit den +heiligen Justinus, Tertullian, den heiligen Ambrosius usw. Deren +Hauptbeweisgrund leuchtet sehr ein. Warum, sagen sie, schneidet man den +Weibern nichts ab? Die Erbsünde befleckt sie alle genau so wie die Männer; +man müßte ihnen mit gutem Recht ja mehr abschneiden als denen, denn ohne +Evas Neugierde hätte Adam nimmer gesündigt. + +Die Patres Conning und Coutu haben nach Herrn Huet behauptet, nichts wäre +weniger vernünftig, als daß man die Weiber beschnitte. Tatsächlich erklärt +Huet nach Origines klipp und klar, man beschnitte fast alle Ägypterinnen[A] +und schnitte ihnen einen Teil der Clitoris ab, die bei der Annäherung des +männlichen Geschlechts im Wege wäre; überdies erlitten sie dieselbe +Operation aus Religionsprinzip, um den Wirkungen der Üppigkeit Einhalt zu +tun, weil Kitzel und Erregung minder zu fürchten sind, wenn die Clitoris +weniger hervorragt. + +[Fußnote A: Circumcisio feminarum sit refectione [Griechisch: tês gymphês] +(imo clitoridis) quae pars in australium milieribus ita excrescit, ut ferro +sit coercenda.] + +Paul Jove und Münster versichern, daß die Beschneidung bei den Weibern der +Abessinier gebräuchlich sei. In diesem Lande ist sie sogar ein Zeichen des +Adels für das Geschlecht; auch nimmt man sie dort nur bei denen vor, die +von Nicaulis, der Königin von Saba, abzustammen behaupten. Die Frage der +Weiberbeschneidung ist also noch sehr wenig entschieden, und die Gelehrten +können sich noch darüber auslassen. + +Eine recht verfängliche Operation müßte es geben, wenn man beschneiden +wollte, wo es nichts mehr abzusäbeln gibt. Wie zum Exempel wollte man bei +den Völkern vorgehen, die aus Sauberkeit oder Notwendigkeit die +Beschneidung vorgenommen hatten und zum Judentum übertraten, so daß man sie +des Bundes wegen nochmals beschneiden müßte? Anscheinend begnügt man sich +dann damit, der Rute einige Tropfen Blutes abzuzapfen an der Stelle, wo die +Vorhaut abgeschnitten worden ist. Und dies Blut nannte man das Blut des +Bundes. Doch dreier Zeugen bedurfte es, um dieser Zeremonie den Stempel der +Echtheit zu geben, wenn man keine Vorhaut mehr aufzuweisen hatte. + +Die abtrünnigen Juden dagegen sind bestrebt, an sich die Spuren der +Beschneidung zu tilgen und sich Vorhäute zu machen. + +Der Text der Makkabäer beweist das ausdrücklich. »Sie haben sich Vorhäute +gemacht und haben den Bund getäuscht«[A]. Der Apostel Paulus scheint im +ersten Briefe an die Korinther zu fürchten, daß die zum Christentum +übertretenden Juden desgleichen täten! »Wenn«, sagt er, »ein Beschnittener +zum neuen Glauben berufen ist, soll er sich keine neue Vorhaut machen«[B]. + +Der heilige Hieronymus, Rupert und Haimon streiten die Möglichkeit solchen +Tuns ab und glaubten, daß die Spuren der Beschneidung sich nicht verwischen +ließen. Die Patres Conning und Coutu jedoch haben mit Recht und durch Tat +bewiesen, daß die Sache möglich ist. Mit Recht durch die Unfehlbarkeit der +heiligen Schrift, durch Tat durch die Gewähr des Galienus und Celsus, die +behaupten, daß man die Spuren der Beschneidung auszulöschen vermöchte. +Bartholin[C] zitiert Oegnieltus und Fallopus, die das Geheimnis gelehrt +haben, dies Mal in dem Fleische des Beschnittenen zu vertilgen. + +Buxdorf Sohn bestätigt in seinem Brief an Bartholin dies Geschehen selbst +durch Beweise von Juden. Da diese Materie überdies zu wichtig war, als daß +religiöse Menschen einige Zweifel darüber hätten bestehen lassen wollen, +haben die Patres Conning und Coutu am eigenen Leibe das von den eben +erwähnten Ärzten angegebene Verfahren erprobt. + +Die Haut an sich ist bis zu einem Maße dehnbar, daß man es kaum zu glauben +vermöchte, wenn nicht die der Frauen in Schwangerschaft und die aus der +Haut lebender Wesen gemachten Gewänder alltägliche Beweise lieferten. Oft +sieht man auch Augenlider schlaff werden oder sich ungewöhnlich ausdehnen. +Nun ist die Haut der Vorhaut durchaus der der Augenlider ähnlich. + +[Fußnote A: Iman. Ch. I, 16. Fecerunt sibi preputia et recesserunt a +testamento sancto.] + +[Fußnote B: I. Korinther VII, 18.] + +[Fußnote C: De morb. biblio.] + +Da die Patres Conning und Coutu das genau eingesehen hatten, ließen sie +sich gesetzmäßig beschneiden; und als die Wurzel ihrer Vorhaut geheilt war, +befestigten sie ein so schweres Gewicht an ihr, wie sie es aushalten +konnten, ohne eine Zerrung hervorzurufen. Die unmerkliche Spannung und +Rosenöleinreibungen längs der Rute erleichterten die Verlängerung der Haut +bis zu dem Maße, daß Conning in dreiundvierzig Tagen sieben und ein viertel +Zoll gewann. Coutu, der eine härtere Haut besaß, konnte nur fünf und einen +halben Zoll vorweisen. Man hatte ihnen eine Büchse aus doppeltem Weißblech +hergestellt und an dem Gürtel befestigt, daß sie urinieren und ihren +Geschäften nachgehen konnten. Alle drei Tage besichtigte man die +Ausdehnung, und die besichtigenden Patres, die Kommission ad hoc genannt, +legten fast genau solche Register über das Erscheinen von Connings neuer +Vorhaut an, wie man es an der Pont Royal getan hat, um das Wachsen der +Seine zu messen. + +Demnach ist's also genau bewiesen, daß die Bibel hinsichtlich der Männer +die Wahrheit verkündigt hat; hinsichtlich der Weiber aber haben Conning und +Coutu nicht die volle Genugtuung erhalten können. Kein Weib wollte +erlauben, daß man ihr ein Gewicht an die Clitoris hänge; wie es denn auch +heute keine gibt, die sich etwas von ihr abschneiden läßt, weder aus Angst +vor der Annäherung des Mannes (denn es gibt Auswege, die jedes Hindernis zu +umschiffen wissen, wie sich leichtlich begreifen läßt)[A], noch im Zeichen +des Bundes, weil es Tatsache ist, daß sie sich alle vermischen, ohne einer +Verringerung zu bedürfen. Man ist heute weit davon entfernt, über die +Verlängerung einer Clitoris betrübt zu sein . . . O, der Fortschritt der +Kunstgriffe in unserem Jahrhundert ist ungeheuer! + +Bekanntlich schneiden die Türken die Haut ab und berühren sie nicht mehr, +während die Juden sie zerreißen und so leichter heilen. Übrigens machen die +Kinder Mahomeds die größte Feierlichkeit aus dieser Operation. Als Amurat +III. im Jahre 1581 seinen ältesten Sohn von vierzehn Jahren beschneiden +lassen wollte, schickte er einen Gesandten an Heinrich III., um ihn zur +Beiwohnung der Zeremonie mit der Vorhaut einzuladen, die im Monat Mai des +folgenden Jahres in Konstantinopel feierlich begangen werden sollte. Die +Liguisten und besonders ihre Prediger griffen die Gelegenheit dieser +Gesandtschaft beim Schopfe, um Heinrich III. den Türkenkönig zu nennen und +ihm vorzuwerfen, er sei der Pate des Großherrn. + +Die Perser beschneiden Kinder im Alter von dreizehn Jahren zu Ehren +Ismaels; doch die merkwürdigste Methode hinsichtlich dieser Sitte übt man +auf Madagaskar aus. Dort schneidet man das Fleisch dreimal nacheinander ab, +die Kinder leiden sehr darunter, und der Verwandte, der die abgeschnittene +Vorhaut als erster aufhebt, schluckt sie hinter. + +Herrera meldet, daß man bei den Mexikanern, wo man übrigens weder +Mohammedanismus noch Judentum kennt, den Kindern gleich nach der Geburt +Ohren und Vorhaut abschneidet, woran viele sterben. + +[Fußnote A: Die Methode der Windhündin.] + +Das ist das Bemerkenswerteste, was sich über diese Materie anführen läßt. +Man weiß nicht, ob Furcht vor Reibung und Reizung, die sie zur Folge haben, +die Juden der Bequemlichkeit beraubte, was wir Hosen nennen, zu tragen, +sicher ist's aber, daß die Israeliten keine trugen, worin unsere nicht +reformierten Kapuziner das Volk Gottes nachgeahmt haben. Da indessen die +Erektionen bei gewissen Zeremonien in Verwirrung hätten setzen können, war +es vorgeschrieben, sich dann eines Wärmtuches zur Aufnahme des +Geschlechtsteils zu bedienen[A]. Aron hat den Befehl dazu erhalten. + +Indem ich dieses Stück beende, fällt mir ein, daß die Geschichte der +Vorhäute nicht recht anakreontisch ist; wenn man sich jedoch in den +heiligen Büchern unterrichten will, was gewißlich eines jeglichen Christen +Pflicht ist, muß man einen kräftigen Magen haben; denn man stößt da auf +Stellen, die von ungleich derberer Kost sind als die von mir aufgetischten. +Wenn man zum Exempel den David verfolgenden König Saul seinen Leib[B] in +einer Höhle erleichtern, in deren Tiefe ersterer versteckt war, und den +recht leise herausschleichen und mit der größten Gewandtheit das Hinterteil +von Sauls Kleide abschneiden, dann sobald der König sich wieder auf den Weg +gemacht, ihn ihm nacheilen sieht, um ihm zu beweisen, daß er ihn leichtlich +hätte pfählen können, daß er aber zu edel war, um ihn von hinten zu töten, +wenn man das sieht, sage ich, ist man erstaunt. Aber man fällt von einem +Erstaunen ins andere, man sieht Zug um Zug auf diesem ungeheuren und +heiligen Theater Menschen, die sich von ihren Ausscheidungen[C] nähren und +ihren Urin[D] trinken. Tobias wird durch Schwalbendreck blind. Esther +bedeckt sich das Haupt mit dem Schmutzigsten, was es auf Erden gibt[E]. Die +Faulen bewirft man mit Kuhdreck[F]. Jesaias sieht sich genötigt, die +ekelhaftesten Ausscheidungen des Menschenkörpers zu vertilgen[G]. Reiche +gibt's, die mit Kot beworfen werden[H], andere wieder besudelte man gar im +Tempel mit diesem Unrat; endlich stößt man auf Ezechiel, der dies seltsame +Ragout, das durch ein Wunder Gottes, welches nicht jedermann seiner Güte +würdig erscheint, sich in Kuhmist verwandelte[I], auf sein Brot strich[J] +. . . Wenn man all das sieht, dann erstaunt einen nichts mehr. + +[Fußnote A: Levitikus, Kap. VI, 10. Faeminalibus lineis.] + +[Fußnote B: B. d. Könige I, Kap. XXIV, 4. Erat quae ibi spelunca quam +impressus est Saul, ut purgeret ventrem.] + +[Fußnote C: B. d. Könige 4, Kap. XVIII, 27. Comedant stercora sua et +bibant urinam suam.] + +[Fußnote D: Tobias II, 11.] + +[Fußnote E: Esther XXII, 2.] + +[Fußnote F: Jesaias XXXVII, 12.] + +[Fußnote G: Tren. IV, 5: Amplexati sunt stercora.] + +[Fußnote H: Mal. II, 3.] + +[Fußnote I: Ezech IV, 15.] + +[Fußnote J: Ibid. IV, 12.] + + + + +Kadhesch + + +Die Macht der Gesetze hängt einzig von ihrer Weisheit ab, und der +Volkswille erhält sein größtes Gewicht durch die Vernunft, die sie diktiert +hat. Um deswillen hält es Plato für eine überaus wichtige +Vorsichtsmaßregel, Edikten eine vernünftige Einleitung vorauszuschicken, +die auf ihre Gerechtigkeit und gleichzeitig auf den Nutzen, den sie +bringen, hinweisen. + +Tatsächlich ist das erste Gesetz, die Gesetze zu respektieren. Die strengen +Bestrafungen sind nur ein eitles und strafbares Zufluchtsmittel, die von +beschränkten Köpfen und bösen Herzen ersonnen sind, um den Schrecken an die +Stelle des Respektes, den sie sich nicht verschaffen können, zu setzen. +Auch ist es ganz allgemein bekannt und durch die ausgedehnteste Erfahrung +nicht widerlegt, daß Strafen in keinem der Länder so häufig sind wie in +denen, wo es ihrer fürchterliche gibt, so daß die Grausamkeit der +Leibesstrafen untrüglich die Menge der Missetäter bezeichnet, und daß man, +indem man alles mit gleicher Strenge ahndet, die Schuldigen, die oft nur +schwache Menschen sind, Verbrechen zu begehen zwingt, um der Bestrafung +ihrer Fehler zu entgehen. + +Nicht immer ist die Regierung Herr des Gesetzes, stets aber ihr +Gewährsmann; und welche Mittel stehen ihr nicht zur Verfügung, um sie +beliebt zu machen! Die Gabe zu herrschen ist demnach nicht unsäglich schwer +zu erwerben, denn sie besteht nur darin. Wohl weiß ich, daß es noch +leichter ist, alle Welt zittern zu machen, wenn man die Macht in den Händen +hat, aber sehr leicht ist es auch, die Herzen für sich einzunehmen, denn +das Volk hat seit langen Zeiten gelernt, große Stücke auf seine Häupter zu +halten all des Übels wegen, das sie ihm nicht tun, und sie anzubeten, wenn +es von ihnen nicht gehaßt wird. + +Wie dem auch sein möge, jeder gehorsame Tropf kann wie ein anderer die +Missetaten bestrafen, ein wahrer Staatsmann aber weiß ihnen zuvorzukommen. +Mehr auf den Willen als auf die Tat sucht er seine Macht auszudehnen. Wenn +er es durchsetzen könnte, daß jedermann Gutes täte, was bliebe ihm da zu +tun? Das Meisterwerk seines Wirkens würde es sein, dahin zu gelangen, daß +er in Untätigkeit verharren könnte. + +Daher gibt es keine größere Ungeschicklichkeit als Prahlerei und Mißbrauch +der Macht. Die höchste Kunst besteht darin, sie zu verheimlichen (denn jede +Machtäußerung ist dem Menschen unangenehm) und vor allem nicht nur die +Menschen so zu gebrauchen zu wissen, wie sie sind, sondern es dahin zu +bringen, daß sie sind, wie man sie nötig hat. Das ist sehr leicht möglich; +denn die Menschen sind auf die Dauer so, wie sie die Regierung gemacht hat: +Krieger, Bürger, Sklaven; sie bildet alles nach ihrem Willen, und wenn ich +einen Staatsmann sagen höre: »Ich verachte dieses Volk,« so zucke ich die +Achseln und antworte bei mir selber: »Und ich verachte dich, weil du es +nicht schätzenswert zu machen verstanden hast.« + +Darin bestand die große Kunst der Alten, die uns in den moralischen +Kenntnissen ebenso überlegen gewesen zu sein scheinen, wie wir ihnen in den +physikalischen Wissenschaften über sind. Ihr höchstes Ziel war es, die +Sitten zu lenken, Charaktere zu bilden, vom Menschen zu erlangen, daß es +ihm, um zu tun, was er tun sollte, zu denken genügte, daß er es tun müßte. +O, welch ein Triebrad der Ehre, der Tugend, des Wohlstandes würde die also +durch ein einziges Prinzip vollkommene Gesetzgebung sein! Die alten Gesetze +waren dergestalt die Frucht hoher Gedanken und hoher Vorsätze, in einem +Wort das Produkt des Genies, daß ihr Einfluß die Sitten der Völker, für +welche sie gemacht worden waren, überlebt haben. Wie lange, zum Exempel, +hat nicht das von den alten Gesetzgebern eingeprägte Vorurteil gegen +unfruchtbare Ehen nachgewirkt? + +Moses ließ den Männern kaum die Freiheit, sich zu verheiraten oder nicht. +Lykurgos bedeckte die mit Schimpf, welche sich nicht verheirateten. Es gab +sogar eine für Lacedaemon eigentümliche Feierlichkeit, bei der die Weiber +sie mutternackt zu Füßen der Altäre führten und sie der Natur eine +ehrenwerte Buße zahlen ließen, die sie mit einem sehr strengen Verweise +begleiteten. Diese so berühmten Republikaner waren in ihren +Vorsichtsmaßregeln so weit gegangen, daß sie gegen die sich zu spät +Verheiratenden[A] und gegen die Ehemänner, die ihre Weiber nicht gut +behandelten, Verordnungen veröffentlichten[B]. Man weiß, welche +Aufmerksamkeit Ägypter und Römer aufwendeten, um die Fruchtbarkeit der Ehen +zu begünstigen. + +[Fußnote A: [Griechisch: Ephigaia].] + +[Fußnote B: [Griechisch: Kachogamia].] + +Wenn es wahr ist, daß in den ersten Zeiten der Welt Weiber vorhanden waren, +die Unfruchtbarkeit vorgaben, wie aus einem angeblichen Fragmente eines +angeblichen Buches Enoch hervorgeht, so können auch Männer dagewesen sein, +die sich ebenso ein Geschäft daraus machten: die Anzeichen dazu sind aber +nichts weniger als günstig. Damals war es vor allem nötig, die Welt zu +bevölkern. Das Gebot Gottes und das der Natur legten beiden Arten von +Personen die Verpflichtung auf, zur Vermehrung des Menschengeschlechtes +beizutragen, und man hat allen Grund zur Annahme, daß die ersten Menschen +es sich eine Hauptangelegenheit sein ließen, diesem Gebote Folge zu +leisten. Alles, was uns die Bibel von den Patriarchen meldet, ist, daß sie +Weiber nahmen und gaben, daß sie Söhne und Töchter in die Welt setzten, und +dann starben, wenn sie nichts Wichtiges mehr zu tun hatten. Ehre, Ansehen, +Macht bestanden damals in der Zahl der Kinder; man war sicher, sich durch +Fruchtbarkeit große Hochachtung zu erwerben, sich bei seinen Nachbarn +Geltung zu verschaffen, selbst einen Platz in der Geschichte zu haben. +Weder die der Juden hat den Namen Jairs vergessen, der dreißig Söhne im +Dienste des Vaterlandes stehen hatte, noch die der Griechen die Namen +Danaus und Egyptus, berühmt durch ihre fünfzig Söhne und fünfzig Töchter. +Unfruchtbarkeit galt damals für beide Geschlechter als eine Schande und für +einen unzweideutigen Beweis des Fluches Gottes. Man sah es hingegen für +einen authentischen Beweis seines Segens an, eine große Kinderschar um +seinen Tisch herum zu versammeln. Die nicht heirateten, wurden als Sünder +wider die Natur angesehen. Plato duldet sie bis zum Alter von +fünfunddreißig Jahren, verweigert ihnen aber die Ämter und weist ihnen die +letzten Plätze bei den öffentlichen Zeremonien an. Bei den Römern waren die +Zensoren hauptsächlich damit beauftragt, diese einsame Lebensweise zu +verhindern[A]. Die Zölibatäre konnten weder ein Testament machen noch +Zeugenschaft ablegen[B]. Die Religion unterstützte darin die Politik. Die +heidnischen Theologen belegten sie mit außergewöhnlichen Strafen im anderen +Leben; und in ihrer Doktrin war es das größte der Übel, aus dieser Welt zu +gehen, ohne Kinder zu hinterlassen, denn dann wurde man der grausamsten +Dämonen Beute[C]. + +[Fußnote A: Coelibes esse prohibendos.] + +[Fußnote B: Ex alii tui senta tu equum habes, tu uscorem habes? testa.] + +[Fußnote C: Ex vitam calamitas et impietas accidit, illi qui ubsque filii +a vita discedit, et daemonibus maximas dat poenas post obitum.] + +Doch gibt es keine Gesetze, die einer vollendeten Ausschweifung Einhalt zu +gebieten vermögen. Auch trotz der Einschärfungen der Gesetzgeber ging man +im Altertum recht häufig den Zielen der Natur aus dem Wege. Die Geschichte +sagt nicht, wie und durch wen die Liebe zu jungen Knaben entstanden ist, +die so allgemein wurde. Aber eine so eigenartige und dem Scheine nach +krause Geschmacksrichtung trug den Sieg über die Strafgesetze, die +außerordentlichen Steuern, die Beschimpfungen und über die Moral und die +gesunde Physis davon. Demnach muß dieser Reiz ja allgebietend gewesen sein. +Diese krause Leidenschaft hat einen Ursprung, der mich sehr eigentümlich +anmutet. + +Ich glaube, daß das Unvermögen, mit dem manchmal die Natur jemanden +schlägt, sich mit zügellosen Temperamenten verbündete, um sich zu kräftigen +und fortzupflanzen. Nichts ist einfacher. + +Unvermögen ist immer ein sehr schimpflicher Makel gewesen. Bei den +Orientalen hatten die mit diesem Stempel der Schande bezeichneten Männer +den brandmarkenden Titel: Eunuchen des Himmels, Eunuchen der Sonne, von +Gottes Hand erschaffene Eunuchen. Die Griechen nannten sie Invaliden. Die +Gesetze, die ihnen Frauen zusprachen, erlaubten diesen Frauen auch, sie zu +verlassen. Die zu diesem zweideutigen Zustande, der in seinen Anfängen sehr +selten aufgetreten sein muß, verdammten Männer, die von beiden +Geschlechtern in gleicher Weise verachtet wurden, sahen sich verschiedenen +Demütigungen ausgesetzt, die sie zu einem finsteren und zurückgezogenen +Leben zwangen. Die Notwendigkeit gab ihnen mancherlei Mittel ein, all die +zu beseitigen und sich schätzenswert zu machen. Losgelöst von den unruhigen +Regungen der fremden Liebe, der Physis, der Selbstachtung, unterwarfen sie +sich dem Willen anderer und wurden als so ergeben, so bequem erfunden, daß +jedermann sie haben wollte. Der wütendste der Despotismen vermehrte ihre +Zahl sehr bald; Väter, Herren, Herrscher maßten sich das Recht an, ihre +Kinder, ihre Sklaven, ihre Untertanen diesem zweideutigen Stande +zuzuführen. Und die ganze Welt, die seit Anbeginn nur zwei Geschlechter +kannte, sah die zu ihrem Erstaunen unmerklich in drei beinahe gleiche Teile +geteilt. + +Wunderlichkeit, Überdruß, Ausschweifung, Gewohnheit, besondere Gründe, eine +geheuchelte oder kühne Philosophie, Armut, Habsucht, Eifersucht, Aberglaube +wirkten bei dieser ungewöhnlichen Umwälzung mit. Aberglaube, sage ich, weil +die herabwürdigendsten, lächerlichsten, grausamsten Handlungen stets von +gallsüchtigen Fanatikern ausgedacht sind, die traurige, düstere, unbillige +Gesetze diktieren, bei denen Beraubung Tugend und Verstümmelung Verdienst +ausmacht. + +Bei den Römern wimmelte es von Eunuchen. In Asien und Afrika bedient man +sich ihrer noch heute zur Bewachung der Weiber; in Italien hat diese +Scheußlichkeit die Vollendung eines eitlen Talents zum Gegenstande. Am Kap +schneiden die Hottentotten nur eine Testikel aus, um, wie sie sagen, +Zwillinge zu vermeiden. In vielen Ländern verstümmeln die Armen sich, um +keine Nachkommenschaft zu haben, damit ihre unglücklichen Kinder nicht +eines Tages das doppelte Elend verspüren: des Hungertodes zu sterben oder +die Ihrigen ihn sterben zu sehen. Es gibt so viele Arten von Eunuchen! + +Wenn man nur die Vollkommenheit der Stimme in Betracht zieht, entfernt man +lediglich die Testikeln; die Eifersucht aber in ihrem grausamen Mißtrauen +schneidet alle zur Fortpflanzung dienenden Teile fort. Mit ziemlich +sicherem, gutem Ausgange kann man das nur vor der Geschlechtsreife tun; +dabei gibt's doch noch viele Gefahren. Nach dem fünfzehnten Lebensjahre +kommt kaum der vierte Teil mit dem Leben davon. Welch schreckliche Wunde +hat man der Menschheit beigebracht! Die berühmtesten sind Aetiopier; sie +sind so häßlich, daß Eifersüchtige sie mit Gold aufwiegen. Die vollkommen +Unfähigen nennen sich Kanaleunuchen, weil sie, ihrer Rute beraubt, die den +Wasserstrahl nach draußen führt, sich genötigt sehen, sich einer +Ergänzungsröhre zu bedienen, da sie den Strahl nicht wie die Weiber +loslassen können, deren Vulva im Besitz ihrer vollen Spannkraft ist. Die +hingegen nur ihrer Testikeln beraubt sind, erfreuen sich jeglicher Heizung, +die die Begierde entflammt, und können sich in gewissem Sinne sehr fähig +nennen (besonders wenn man sie erst operiert, nachdem ihr Organ sich +vollkommen entwickelt hat)[A], doch mit der betrüblichen Nebenerscheinung, +daß, da sie sich niemals befriedigen können, die venerische Hitze bei ihnen +in eine Art Wut ausartet; sie beißen die Weiber, die sie mit kostbarer +Beständigkeit lieben. + +[Fußnote A: Ergo expectatos: ac jussos crescere primium. Testiculos, +postquam coeperunt esse bilibres, Tonsoris ducimo tantum capit Heliodorus. +(Iuv. I, 2). + +Man möge im 365. bis 379. Verse dieser Satyre über den Vorzug nachlesen, +den die römischen Damen den Eunuchen gaben, und welchen Vorteil sie aus +ihnen zogen.] + +Wie man sieht, hat diese Eunuchenart den doppelten Vorteil, ohne Gefahr den +Freuden der Weiber und den entarteten Geschmacksrichtungen der Männer zu +dienen. Ehedem wurden alle Knaben Georgiens an Griechen verkauft und die +Mädchen bevölkerten die Serails. Man versteht, daß man in diesem schönen +Klima ebenso viele Ganymede wie Venusse findet; und wenn irgend etwas diese +Leidenschaft in den Augen derer, die ihr nicht frönen, entschuldigt, wird +es zweifelsohne die unvergleichliche Schönheit dieser Modelle sein. + +Bekanntlich versteht man heute unter dem Worte: die Sünde wider die Natur +alles, was auf die Nichtfortpflanzung der Art Bezug nimmt, und das ist +weder richtig noch gut gesehen. Sodomie, in ihrer Übereinstimmung mit der +Stadt der heiligen Schrift, zum Exempel ist sehr verschieden von einer +einfachen Pollution. Obwohl dieser seltsame Geschmack, den man gleich +vielen anderen mit dem Worte: Entartung bezeichnet, hauptsächlich in den +zivilisiertesten Ländern verbreitet gewesen ist, bringt die Geschichte +nichts Stärkeres vor, als in der heiligen Schrift berichtet worden ist. +Alle die Städte der Pentapolis wurden derartig unsicher von ihm gemacht, +daß kein Fremdling dort erscheinen konnte, der nicht seinen Begierden zur +Beute fiel. Die beiden Engel, welche Loth besuchen wollten, wurden +augenblicks von einer Volksmenge überfallen[A]. Vergebens gab Loth ihr +seine Töchter preis. Diese ungewöhnliche Handlung gastfreundschaftlicher +Tugend hatte keinen Erfolg. Die Sodomisten hatten Männerhinterteile +nötig[B] und die Engel entrannen ihnen nur der plötzlichen Finsternis +zufolge, welche die Zuchtlosen daran hinderte, einander zu erkennen. + +[Fußnote A: Genesis XIX, 4. Aber ehe sie sich legten, kamen die Leute der +Stadt Sodom, und umgaben das Haus, jung und alt, das ganze Volk aus allen +Enden . . . 4 . . . Ut cognoscamus eos.] + +[Fußnote B: Die Sodomiter dachten wahrscheinlich wie ein moderner hoher +Herr. Ein vertrauter Kammerdiener teilte ihm mit, daß auf der Seite, die er +bevorzuge, seine Geliebte genau so aussähe wie seines Herrn Ganymede +. . . was man für Lasten Goldes nicht haben könnte; er könnte . . . die +Weiber . . . »Weiber,« rief der Herr, »das ist gerade so wie wenn du mir +eine Hammelkeule ohne Knochen auftragen wolltest!«] + +Dieser Zustand hielt nicht lange an. Denn zwölf Stunden später ging alles +in einem Schwefelregen unter, bis auf Loth und seine Töchter, die, in einer +Höhle verborgen, glaubten, daß die Welt im Feuer vergehen wollte, wie sie +bei der Sintflut in Wasser ersäuft worden war. Und die Furcht, keine +Nachkommenschaft zu haben, bestimmte die Töchter, die anscheinend nicht auf +die Folgen ihrer frischen Schändung rechneten, so schnell wie möglich von +ihrem Vater welche zu erlangen. Die Ältere widmete sich als erste diesem +frommen Opfer; sie legte sich auf den Biedermann Loth, den sie berauscht +gemacht hatte, ersparte ihm alle Mühe bei diesem von der Liebe zur +Menschheit dargebrachten Opfer und gebrauchte ihn, ohne daß er etwas davon +merkte[A]. In folgender Nacht tat ihre Schwester desgleichen; und der gute +Loth, der ebenso leicht zu täuschen wie schwer zu erwecken gewesen zu sein +scheint, hatte mit diesen unfreiwilligen Handlungen so großen Erfolg, daß +seine Töchter neun Monate nach diesem Erlebnisse zwei Knaben zur Welt +brachten, Moab, den Gebieter des Moabiterstammes[B], und Ammon, den der +Ammoniter. + +Unabhängig von der ausdrücklichen Zeugenschaft des Apostel Paulus[C] weiß +man, daß die Römer sehr weit gingen in den Ausschweifungen der Päderastie. +Bemerkenswert aber ist, daß nach den Worten des großen Apostels die Weiber +dem Vergnügen wider die Natur größeren Vorzug einräumten als dem, das sie +herausfordern. -- Et feminae imitaverunt naturalem usum in eum usum qui est +contra naturam: Im zweiundzwanzigsten Verse des siebenten Kapitels unten +auf der Seite liest man diese Worte. Und der folgende Vers hat Caravaggio +den Gedanken zu seinem Rosenkranz eingegeben, der sich im Museum des +Großherzogs von Toskana befindet. Man sieht da etwa dreißig eng +verschlungene Männer (turpiter ligati) im Kreise, die sich mit der +wollüstigen Glut umarmen, welche der Maler seinen zügellosen Kompositionen +zu geben wußte. + +[Fußnote A: Genesis XIX, 33: Dormivit cum patre, at ille non sensit ne +quando accubuit filia, nec quando surrexit.] + +[Fußnote B: Moab war der Sohn der ersteren, Ammon wurde von der zweiten +geboren.] + +[Fußnote C: Apostel Paulus an die Römer I, 27: Masculi, delicto naturali +usu faeminae as exarserunt in desiriis suis in invicem, masculi in +masculos, turpitudinem operantes let mercidem quam oportuit erroris sui in +somatipsis recipientes.] + +Im übrigen ist die Päderastie auf dem ganzen Erdball bekannt gewesen: +Reisende und Missionare beglaubigen es. Letztere berichten sogar einen Fall +dreifacher Sodomie, der Doktor Sanchez' Scharfsinn in Verwirrung gesetzt +und gewetzt hat. Hier ist er: + +Marco Polo hat in seiner geographischen Beschreibung, die 1566 gedruckt +worden ist, die Schwanzmenschen des Königreichs Lambri beschrieben. Struys +hatte von denen der Insel Formosa und Gemelli Carreri von denen der Insel +Mindors, in der Nähe von Manilla, gesprochen. So viele Autoritäten waren +mehr als hinreichend, um die jesuitischen Missionare zu bestimmen, +vorzugsweise in diesem Lande Bekehrungen zu unternehmen. Tatsächlich +brachten sie welche von diesen Schwanzmenschen mit, die infolge einer +Verlängerung des Steißbeins wirklich Schwänze von sieben, acht und zehn +Zoll trugen, die empfindlich waren und, was ihre Beweglichkeit anlangte, +alle Bewegungen machten, die man einen Elefantenrüssel vollführen sieht. +Nun legte sich einer dieser Schwanzmänner zwischen zwei Weiber schlafen, +von denen eine, die im Besitz einer großen Clitoris war, es so einrichtete, +daß sie ihre Clitoris päderastisch unterbrachte, während der Schwanz des +Insulaners sieben Zoll in das legitime Gefäß ragte. Der Insulaner -- er war +recht gefällig -- ließ es geschehen und näherte sich, um alle seine +Fähigkeiten in Wirksamkeit zu bringen, der anderen Frau, und erfreute sich +ihrer, wo die Natur dazu einladet . . . Das war gewißlich eine herrliche +Gelegenheit zur Übung seiner Talente für den Fürsten der Kasuistiker. + +Sanchez urteilt: »Was den ersten Fall anlangt,« sagte er, »die doppelte, +wenngleich in ihren Endzwecken unvollständige Sodomie, weil weder Schwanz +noch Clitoris das Trankopfer vollziehen konnten, so handelten sie in nichts +wider den Willen Gottes und die Stimme der Natur; im zweiten Falle handelte +es sich um einfache Hurerei.« + +Ich denke mir, ähnliche Schwänze würden mehr als einem ersprießlichen +Zwecke in Paris dienen, wo die Verbreitung der Päderasten beträchtliche +Fortschritte macht, wenn sie auch weniger blüht als zu Zeiten Heinrichs +III., unter dessen Herrschaft Männer sich gegenseitig unter den Portiken +des Louvre herausforderten. Bekanntlich ist diese Stadt ein Muster der +Polizeiverwaltung. Infolgedessen gibt es öffentliche Orte, die zu diesem +Treiben bestimmt sind. Die jungen Männer, die sich dieser Profession +widmen, sind sorgfältig in Klassen geteilt; denn die reglementarischen +Systeme erstrecken sich auch bis dahin. Man prüft sie. Die zu handeln und +leiden verstehen, die schön, rosig, wohlgebaut, fleischig sind, werden den +großen Herren aufgespart, oder sie lassen sich teuer von Bischöfen und +Finanzmännern bezahlen. Die, welche ihrer Testikeln beraubt sind, oder wie +der Kunstausdruck lautet (denn unsere Sprache ist keuscher als unsere +Sitten), die kein Webergewicht haben, aber geben und empfangen, bilden die +zweite Klasse. Sie sind ebenfalls teuer, weil sich die Weiber ihrer +bedienen, während sie den Männern dienen. Die keiner Erektion mehr fähig, +weil sie zu verbraucht sind, obwohl sie alle zum Vergnügen notwendigen +Organe haben, schreiben sich als Nur-Patienten ein, und aus ihnen setzt +sich die dritte Klasse zusammen. Wer ihren Vergnügungen vorsitzt, tritt den +Wahrheitsbeweis ihrer Ohnmacht an. Zu diesem Zwecke legt man sie ganz nackt +auf eine am unteren Ende offene Matratze, zwei Mädchen liebkosen sie nach +bestem Können, während eine dritte den Sitz des venerischen Verlangens mit +frischen Brennesseln schlägt. Nach viertelstündigen derartigen Versuchen +führt man in ihren Anus roten spanischen Pfeffer ein, der eine +beträchtliche Reizung ausübt. Auf die durch die Brennesseln hervorgerufenen +Hitzblattern streicht man scharfen Caudebecer Senf und hält die Eichel in +Kampfer. Die all diesen Prüfungen widerstehen und keine Spur von Erektion +aufzuweisen haben, dienen als Patienten für dreifachen Preis. O, wie recht +tut man, die Aufklärungsfortschritte unseres philosophischen Jahrhunderts +zu rühmen! + + + + +Behemah + + +Unzucht mit Tieren, -- Dieser Titel ist dem Geiste zuwider und beschimpft +die Seele. Wie ist's möglich, sich ohne Abscheu vorzustellen, daß es einen +so verderbten Geschmack in der menschlichen Natur geben kann, wenn man +bedenkt, wie sehr sie sich über alle Lebewesen zu erheben vermag? Wie sich +klar machen, daß ein Mensch sich so hat wegwerfen können? Was, alle Reize, +alle Wonnen der Liebe, all ihren Überschwang . . . hat er einem +verächtlichen Tiere vor die Füße legen können! Und der Physis dieser +Leidenschaft, diesem begehrenden Fieber, das auf solche Abwege geraten +kann, haben die Philosophen ohne jegliches Schamerröten die Moral der Liebe +unterordnen können! »Allein ihre Physis ist gut«, haben sie gesagt[A]. -- +Nun, schön, lest Tibull und lauft dann und schaut euch diese Physis in den +Pyrenäen an, wo jeder Hirt seine begünstigte Ziege hat, und wenn ihr die +scheußlichen Vergnügungen des rohen Bergbewohners genugsam betrachtet habt, +wiederholt noch einmal: »In der Liebe ist einzig die Physis gut.« + +Ein sehr philosophisches Gefühl nur kann einen verpflichten, seine Augen +einen Augenblick auf einem so seltsamen Gegenstande ruhen zu lassen, weil +dies Gefühl, indem es Kraft gibt, alle Gedanken sich aus dem Kopf zu +schlagen, welche Erziehung, Vorurteile und Gewohnheit uns Zug für Zug +einprägen, mehr als eine Ansicht, nach der man sich richten kann, mehr als +eine Erfahrung gibt, deren Ergebnisse nützlich und seltsam werden können. + +[Fußnote A: Buffon.] + +Die besondere Form, durch welche die Natur Mann und Weib charakterisiert +hat, beweist, daß der Geschlechtsunterschied nicht von einigen +oberflächlichen Verschiedenheiten abhängt, sondern daß jedes Geschlecht das +Resultat vielleicht so vieler Verschiedenheiten ist, wie es Organe im +Menschenleibe gibt, wennschon sie nicht alle in gleicher Weise sinnlich +wahrnehmbar sind. Unter denen, die auffallend genug sind, um sich bemerkbar +zu machen, gibt es welche, deren Nutzen und Zweck nicht genau festgestellt +worden ist. Hängen sie im wesentlichen vom Geschlechte ab, oder sind sie +eine notwendige Folge der Anlage der Hauptbestandteile[A]? + +Das Leben heftet sich an alle Formen, behauptet sich jedoch mehr in den +einen als in den anderen. Die widernatürlichen menschlichen Produkte haben +mehr oder weniger Leben, die aber, die es in allzu ungewöhnlicher Weise +sind, gehen bald zugrunde. So wird die so weit wie möglich aufgeklärte +Anatomie entscheiden können, bis zu welchem Punkte man Ungeheuer sein, will +sagen, von der seiner Art angemessenen Gestaltung sich entfernen kann, ohne +die Fortpflanzungsfähigkeit zu verlieren, und bis zu welchem Punkte man es +sein kann, ohne die, sich selbst zu erhalten, zu verlieren. Das Studium der +Anatomie ist selbst noch nicht auf dieses Feld gelenkt worden, wozu man +diesen Irrtum der Natur oder vielmehr diesen Mißbrauch seiner Begierden und +Fähigkeiten, die viehische Handlungen veranlassen, benutzen könnte. + +[Fußnote A: Die Krümmung des Rückgrats zum Exempel bei einem Buckligen +zieht die Unordnung der anderen Teile nach sich, was ihnen allen eine Art +von Ähnlichkeit gibt, die man Familienähnlichkeit nennen könnte.] + +Die widernatürlichen Produkte verschiedener Tiere bewahren eine besondere +Übereinstimmung mit beiden Arten, indem sie allmählich die +Fortpflanzungsfähigkeit verlieren. Die widernatürlichen Produkte der +Menschheit sollten uns überdies lehren, bis zu welchem Punkte die +vernunftbegabte Seele sich, wenn man so sagen kann, auf die sinnliche Seele +überträgt oder sich in ihr entwickelt. Es ist merkwürdig, daß die +Wissenschaft solche Nachforschungen außer Acht gelassen hat. + +Der wesentlich begründende Teil unseres Seins, der uns in der Hauptsache +vom Tier unterscheidet, ist, was wir Seele nennen. Ihr Ursprung, ihre +Natur, ihre Bestimmung, der Ort, wo sie ihren Sitz hat, sind ein +unerschöpflicher Quell für Probleme und Meinungen. Die einen lassen sie +beim Tode zugrunde gehen, andere trennen sie von einem Ganzen, mit dem sie +durch Ausgießung vereinigt, wie das Wasser einer schwimmenden Flasche, +deren Inhalt, wenn man sie zerbricht, sich mit der Wassermenge vereinigen +wird. Diese Ideen sind ins Unendliche abgeändert worden. Die Pythagoräer +gaben die Ausgießung nur nach den Wanderungen zu; die Platoniker +vereinigten die lauteren Seelen und reinigten die anderen in neuen Körpern. +Von da gehen die beiden Seelenwanderungsarten aus, die diese Philosophen +lehren. + +Was die Streitigkeiten über die Natur der Seele anlangt, so sind sie ein +weites Feld der menschlichen Narrheiten; Narrheiten, die selbst ihren +eigenen Autoren unverständlich sind. Thales behauptet, die Seele bewege +sich in sich selber, Pythagoras, sie sei ein Schatten, der mit der +Möglichkeit des in sich selbst Bewegens begabt sei. Plato hält sie für eine +geistige Substanz, die sich mit harmonischer Regelmäßigkeit bewege. +Aristoteles, mit seinem barbarischen Worte Entelechie bewaffnet, erzählt +uns von dem Einklang der Gefühle insgesamt. Heraklit hält sie für eine +Ausdünstung, Pythagoras für eine Absonderung der Luft, Empedokles für ein +Gemisch der Elemente, Demokrit, Leukipp, Epikur für eine Mischung von, ich +weiß nicht welchem Feuer, ich weiß nicht welcher Luft, von, ich weiß nicht +welchem Wind und einem anderen Vierten, dessen Name mir nicht bewußt ist. +Anaxagoras, Anaximenes, Archelaus setzten sie aus dünner Luft zusammen. +Hippones aus Wasser, Xenophon aus Wasser und Erde, Parmenides aus Feuer und +Erde, Boetius aus Feuer und Luft, Critius brachte sie ganz einfach im Blute +unter, Hippokrates sah in ihr nur den im ganzen Körper ausgedehnten Geist, +Mark-Antonin hielt sie für Wind, und Kritolaus, durchschneidend, was er +nicht auflösen konnte, nahm eine fünfte Substanz an. + +Man muß zugeben, daß eine derartige Nomenklatur nach Parodie aussieht, und +möchte beinahe glauben, daß diese großen Geister sich über die Majestät +ihres Stoffes lustig machten, wenn man sieht, daß das Resultat ihres +Nachdenkens so lächerliche Definitionen waren, wenn man, nur die +berühmtesten Modernen lesend, hinsichtlich dieser Materie klarer sähe als +durch die Träumereien der Alten. Das bemerkenswerteste Resultat ihrer +Meinungen in dieser Art ist, daß man bis auf unsere modernen Dogmen niemals +die geringste Idee von der Geistigkeit der Seele gehabt hat, ob man sie +gleich aus unsäglich zarten Bestandteilen zusammensetzte[A]. Alle +Philosophen haben sie für materiell gehalten, und man weiß, was beinahe +alle über ihre Bestimmung dachten. Wie dem auch sein möge, theoretische +Narrheiten, selbst geistvolle Hypothesen werden uns nimmer ebensogut +unterrichten wie gut geleitete physische Experimente. + +Damit will ich noch nicht glauben, daß sie uns lehren können, welches die +Natur der Seele oder der Ort ist, wo sie haust; aber die Abstufungen ihrer +Schattierungen können unsäglich seltsam sein, und das ist das einzige +Kapitel ihrer Geschichte, das uns zugänglich zu sein scheint. + +Unendlich kühn würde die Behauptung sein, daß Tiere nicht denken können, +obwohl der Körper unabhängig von dem, was man Seele nennt, das Prinzip des +Lebens und der Bewegung besitzt. Der Mensch selber ist oft Maschine: ein +Tänzer macht die verschiedensten, in ihrer Gesamtheit geordneten Bewegungen +in sehr genauer Weise, ohne im geringsten auf jede dieser Bewegungen im +einzelnen acht geben zu können. Der ausübende Musiker tut fast ein +gleiches: der Willensakt spricht nur mit, um die Wahl von dieser oder jener +Weise zu treffen. Der Anstoß wird den tierischen Gemütern gegeben, das +übrige vollzieht sich, ohne daß sie dabei denken. Zerstreute Menschen, +Somnambulen verharren oft in einem wahrhaft automatischen Zustande. Die +Bewegungen, die für die Bewahrung unseres Gleichgewichts sorgen, sind +gewöhnlich ganz unwillkürlich, Geschmacksrichtungen und Abneigungen gehen +bei Kindern dem Urteile voraus. Ist die Wirkung äußerer Eindrücke auf +unsere Leidenschaften, ohne Hilfe eines Gedankens, einzig durch die +wunderbare Übereinstimmung der Nerven und Muskeln nicht sehr unabhängig von +uns? Und doch verbreiten all diese körperlichen Bewegungen einen sehr +entschiedenen Ausdruck im Gesichte, das in ganz besonderem Einklange mit +der Seele steht. + +[Fußnote A: Man weiß, wie sehr die Kirchenväter selber geteilter und +schwankender Ansicht über diese Materie gewesen sind; Sankt Irenäus sagt +ohne irgendwie zu zaudern, daß die Seele ein Hauch sei, analog dem Körper, +den sie bewohne, und daß sie unkörperlich nur in Ansehung der rohen Körper +sei. Tertullian erklärt sie ganz einfach für körperlich. Sankt Bernhard +behauptet in einer sehr merkwürdigen Unterscheidung, daß sie Gott nicht +sehe, daß sie aber des Umgangs mit Jesu Christo pflege.] + +Die vom einfach mechanischen Gesichtspunkt aus betrachteten Tiere würden +also schon denen, die ihnen die Gabe des Denkens absprechen, eine große +Zahl Aufschlüsse verschaffen; und es würde nicht sehr schwer zu beweisen +sein, daß ein großer Teil ihrer selbst erstaunlichsten Handlungen der +Denkkraft nicht bedürfte. Wie aber soll man begreifen, daß einfache +Automaten einander verstehen, verabredetermaßen handeln, demselben Zwecke +nacheifern, mit Menschen im Einklang stehen, für Erziehung empfänglich +sind? Man richtet sie ab, sie lernen, man befiehlt ihnen, sie gehorchen, +man droht ihnen, sie fürchten sich, man schmeichelt ihnen, sie sind +zärtlich: kurz, die Tiere zeigen uns eine Menge spontaner Handlungen, bei +denen sie sich als Abbilder der Vernunft und Ungezwungenheit zeigen, um so +mehr als sie minder gleichförmig, abwechslungsreicher, eigentümlicher, +weniger voraussehend, an momentane Gelegenheit gewöhnt sind; ja es gibt +ihrer, die einen entschlossenen Charakter haben, die eifersüchtig, +rachsüchtig, lasterhaft sind. + +Eins von beiden muß richtig sein: entweder hat es Gott Vergnügen bereitet, +lasterhafte Tiere zu bilden und uns in ihnen recht hassenswerte Beispiele +zu geben, oder sie haben gleich dem Menschen eine Erbsünde, die ihre Natur +verdorben hat. Der erste Satz steht im Widerspruch mit der Bibel, die sagt, +daß alles, was aus Gottes Hand hervorgegangen ist, gut und vortrefflich +war. Wenn aber die Tiere so waren, wie sie heute sind, wie könnte man +sagen, daß sie gut und vortrefflich waren? Oder ist es gut, daß ein Affe +bösartig, ein Hund neidisch, eine Katze falsch, ein Raubvogel grausam ist? +Man muß sich an den zweiten Satz halten und eine Erbsünde bei ihnen +vermuten; eine grundlose Vermutung, die Vernunft und Religion empört. + +Nochmals: es ist also durchaus unmöglich, durch theoretische Schlüsse die +Demarkationslinie zwischen Mensch und Tier zu ziehen. Unsere Seele hat zu +wenige Berührungspunkte, als daß es selbst für die Naturlehre leicht, wäre, +bis zu ihr durchzudringen, nur ihre Substanz und ihre Natur zu streifen; +man weiß nicht, wo man ihren Sitz festlegen soll. Die einen haben +angegeben, sie sei an einem besonderen Orte, von wo aus sie ihre Herrschaft +ausübt. Descartes nahm die große Zirbeldrüse an, Vicussens das eirunde +Zentrum, Lancifi und Herr de la Peyronie den Rauhkörper, andere die +ausgekehlten Körper. + +Das Klima, seine Temperatur, die Nahrungsmittel, dickes oder dünnes Blut, +tausend rein physische Ursachen bilden Obstruktionen, die ihre Art des +Seins beeinflussen. So könnte man, die Voraussetzungen weiterführend, die +Wirkungen bis ins Unendliche variieren und an Hand der Ergebnisse beweisen +wie die Erfahrung genugsam zeigt, daß es keinen Kopf gibt, er mag so gesund +sein wie er will, der nicht eine recht verstopfte Röhre hätte. + +Seltsam interessant und nützlich würde es also sein, zu erfahren, bis zu +welchem Grade ein durch seine Vermischung mit dem Tiere aus der Menschenart +herabgesetztes Wesen mehr oder weniger vernünftig zu sein vermag. Das ist +vielleicht die einzige Weise, auf die man die Natur umzingeln könnte, der +man so einen Teil ihres Geheimnisses zu entreißen vermöchte. Um aber dahin +zu gelangen, müßte man die Produkte beobachten, ihnen eine passende +Erziehung geben, und diese Arten von Naturerscheinungen sorgsam studieren. +Mutmaßlich würde man aus diesem Wirken mehr Gewinn für den Fortschritt der +Kenntnisse des Menschen ziehen als aus den Bemühungen, Stumme und Taube +sprechen zu lehren und einem Blinden die mathematischen Wissenschaften +beizubringen. Denn die zeigen uns nur die gleiche Natur, ein bißchen +weniger vollkommen in ihren Bestandteilen, da das Subjekt, das man zu +vervollkommnen sich müht, eines oder zweier Sinne ledig ist. Die Frucht +einer Vermischung mit dem Tiere jedoch weist sozusagen eine andere Natur +vor, die aber aus ersterer entstanden ist und würde Licht in verschiedene +der Punkte bringen, um deren Erforschung alle denkenden Wesen so sehr +bemüht sind. + +Es ist schwerlich in Zweifel zu ziehen, daß es Produkte der menschlichen +Natur mit den Tieren gegeben hat; und warum sollte es denn keine geben? +Unzucht mit Tieren war bei den Juden so häufig, daß man befahl, die Frucht +mit dem Erzeuger zu verbrennen. Die Jüdinnen hatten vertrauten Umgang mit +Tieren[A], und das ist meiner Meinung nach sehr seltsam. Ich verstehe, wie +ein bäurischer oder verderbter Mann, überwältigt von der Wut des +Bedürfnisses oder den Räuschen der Einbildung sich über eine Ziege, eine +Stute, selbst eine Kuh hermacht, nichts aber kann mich mit dem Gedanken +vertraut machen, daß ein Weib sich von einem Esel den Bauch aufschlitzen +läßt. Indessen lautet ein Vers des Levitikus[B]: »Welches Tier es auch +sei.« Woraus deutlich erhellt, daß die Jüdinnen sich jeder Art von Tieren +ohne Unterschied hingaben, und das ist unfaßbar. + +Wie dem auch sein möge, es scheint gewiß, daß es Produkte von Ziegen und +Menschenart gegeben hat. Die Satyre, Faune, all diese Fabelwesen sind eine +sehr bemerkenswerte Folge davon. Satar heißt auf arabisch Ziegenbock. Und +der Sündenbock wird von Moses nur angeordnet, um die Israeliten von der +Vorliebe abzubringen, die sie für das geile Tier hatten[C]. Da im Exodus +gesagt worden ist, daß man der Götter Antlitz nicht sehen könnte, waren die +Israeliten überzeugt, daß sich die Dämonen unter ihrer Gestalt sichtbar +machten[D]; und das ist der [Griechisch: Phasmaxsagon], von dem Jamblique +spricht. Auch im Homer trifft man auf diese Erscheinungen. Manethon, +Dionysius von Halikarnass und viele andere weisen sehr bemerkenswerte +Spuren von diesen ungeheuerlichen Produktionen auf. + +[Fußnote A: Exodus XXII, 19. Levitikus VII, 21; XVIII, 23.] + +[Fußnote B: Levitikus XX, 15.] + +[Fußnote C: Maimonides läßt sich in: der Mohr Nevochin, p. III. c. XLVI, +über den Bockkultus aus.] + +[Fußnote D: Levitikus XVII, 7. Exodus XXXIII, 20 und 23.] + +Man hat später die Incubusse und Succubusse mit diesen wirklichen Produkten +verwechselt. Jeremias spricht von beängstigenden Faunen[A], Heraklit hat +Satyre beschrieben, die in den Wäldern[B] lebten und sich gemeinsam der +Weiber erfreuten, deren sie sich bemächtigten. Eduard Tyson hat in gleicher +Weise Pygmäen, Cynocephalen und Sphinxe behandelt, dann beschrieb er die +Orangutangs und die Aigapithekoi, welche die Affenklasse bilden, die sich +der menschlichen Art völlig nähert; denn ein schöner Orangutang zum Exempel +ist schöner als ein häßlicher Hottentotte. Münster hat in seinem Werke über +die Genesis und den Livitikus alle diese Monstren aus dem [Griechisch: +dsagomosôr] gemacht und die Dinge sehr viel seltsamer gefunden als die +Rabbiner. Endlich gibt Abraham Seba diesen Faunen[C] Seelen, woraus sich +ergibt, daß man ihre Existenz nicht weiter ableugnen kann. + +[Fußnote A: Jeremias L, 39. Faunis sicariis und nicht ficariis, denn +Faune, die Feigen haben, will nichts heißen. Indessen übersetzt er Saci so; +denn die Jansenisten prunkten mit der größten Sittenreinheit; Berruyer aber +hält an sicarii fest und macht seine Faune sehr aktiv.] + +[Fußnote B: In seiner Abhandlung: [Griechisch: peri a pisan], Kap. XXV.] + +[Fußnote C: In seinem Tseror hammor (Fasciculus myrrhae) betitelten +Werke.] + +Über die Centauern und Minotauern liegen wahrlich keine ebenso genauen +Nachrichten vor, aber die Unmöglichkeit besteht nicht mehr, daß es auch +Produkte anderer Arten gegeben hat[A]. Im verflossenen Jahrhundert ist viel +von einem gehörnten Manne die Rede gewesen, den man dem Hofe zeigte. Man +kennt die Geschichte des wilden Mädchens, einer Nonne in Châlons, die noch +lebt und sehr wohl in einem Verwandtschaftsverhältnisse mit den +Waldbewohnern stehen könnte. Der verstorbene Herr Herzog hatte in Chantilly +einen Orangutang, der Mädchen vergewaltigte; man mußte ihn töten. Jedermann +hat gelesen, was Voltaire über die afrikanischen Ungeheuer schrieb. Allem +Anscheine nach ist dieser Erdteil, den man recht wenig kennt, das übliche +Theater dieser widernatürlichen Begattungen. Gewißlich muß man ihre Ursache +in der Hitze suchen, die in diesen Gefilden übermäßiger ist als an jeder +anderen Stelle des Erdglobusses, weil der Mittelpunkt Afrikas, der im +Äquatorialgebiete ist, viel entfernter vom Meere liegt als die anderen +Teile der Erde, die unter gleichen Breitengraden liegen. Die +ungeheuerlichen Paarungen dürften dort also ziemlich üblich sein. Dort mag +die wahre Schule der Veränderungen, der Herabwürdigungen[B] und vielleicht +der physischen Vervollkommnung der Menschenart sein. Ich sage +Vervollkommnung, denn was würde es Schöneres unter den beseelten Wesen +geben als die Form der Centauern zum Exempel? + +Unser berühmter Buffon hat in dieser Beziehung alles getan, was ein +Privatmann, der über keine großen Mittel verfügt, sich gestatten kann. Wir +haben die Folge dieser Verschiedenheiten bei den Hundearten, der Paarung +verschiedener Tierarten, in der Geschichte der Produkte der Maulesel, einer +ganz neuen Entdeckung, usw. Aber der große Forscher hat uns seine +Erfahrungen über die Vermischungen der Menschen mit Tieren nicht +mitgeteilt, und sie müßten gedruckt werden, damit die Möglichkeit bestünde, +seine erhabenen Ansichten zu verfolgen, und damit wir, wenn wir ein so +herrliches Genie verlieren, nicht der Früchte seiner Ideen verlustig +gingen. + +[Fußnote A: Indessen paßt sich zum Beispiel die Vulva der Kühe weniger dem +männlichen Gliede an als die der Ziege oder der Äffin. Auch werden die +großen Tiere weniger leicht trächtig.] + +[Fußnote B: Wenn der König von Loango in Afrika auf seinem Throne sitzt, +ist er von einer großen Schar Zwerge umgeben, die durch ihre Unförmigkeit +bemerkenswert sind. Sie kommen in seinen Staaten sehr häufig vor. Sie sind +nur halb so groß wie die gewöhnlichen Menschen, haben einen sehr dicken +Kopf und sind nur mit Tierhäuten bekleidet. Man nennt sie Mimos oder +Bakkebakke. Wenn sie um den König sind, mischt man weiße Neger der +Kontrastwirkung wegen unter sie. Das muß ein sehr seltsames Schauspiel +abgeben, das zu nichts nutze ist; wenn aber der König von Loango diese +Rassen mischte, würde man vielleicht sehr merkwürdige Resultate erzielen.] + +Unzucht mit Tieren ist weiter in Frankreich verbreitet, als man annimmt, +glücklicherweise nicht aus Neigung, sondern aus Bedürfnis. Alle Hirten in +den Pyrenäen sind Tierschänder. Einer ihrer kostbarsten Genüsse ist es, +sich der Nasenlöcher einer jungen Kuh zu bedienen, die zu gleicher Zeit +ihre Testikeln beleckt. In diesen wenig begangenen Gebirgsteilen hat jeder +Hirt seine Lieblingsziege. Man weiß das durch die baskischen Priester. Und +wahrlich gerade durch diese Priester müßte man die geschwängerten Ziegen +überwachen und ihre Produkte sammeln lassen. Der Intendant von Auch könnte +leicht zu diesem Ziele gelangen, ohne das Beichtgeheimnis zu verletzen[A] +(ein böser Religionsfrevel auf alle Fälle), er könnte sich diese +ungeheuerlichen Produkte durch seine Priester verschaffen. Der Priester +würde seinem Beichtkinde seine Geliebte abverlangen, die er dem +Unterabgeordneten einhändigen würde, ohne den Namen des Liebhabers zu +nennen. Ich sehe keine Unannehmlichkeit daraus entstehen, ein Übel, das man +nicht mehr zu verhindern wüßte, zum Nutzen der Fortschritte der Kenntnis +der Menschen auszubeuten. + +[Fußnote A: Schade ist es, daß die Römer nicht wie wir die Ohrenbeichte +hatten; sonst würden wir alle ihre kleinen häuslichen Geheimnisse wissen, +wie man unsere weiß. Man würde wissen, ob die Römer ebenso roh die Ehe +entehrten, wie wir es tun. Kurz, wir wissen nicht einmal Einzelheiten über +Unterhaltungen in Bürgerkreisen. Nichts müßte lustiger sein als die +Gespräche einer Familie, die am Morgen dem Priapus geopfert hat. Die jungen +Mädchen und Burschen der Familie müssen den Rest des Tages über merkwürdige +Gedanken gehabt haben.] + + + + +Die Anoscopie + + +Bekanntlich haben in allen Jahrhunderten die Gaukler, Charlatane, +Wahrsager, Politiker oder Philosophen (denn alle Sorten sind darunter +vertreten) mehr oder minder Einfluß ausgeübt. Die unaufhörlich zwischen +Furcht und Verlangen hin- und her geworfene Menschennatur bietet so viele +Fallen für den Gebrauch derer, die ihr Ansehen oder ihr Glück auf der +Leichtgläubigkeit von ihresgleichen aufbauen, daß es stets für sie im +uferlosen Ozeane der menschlichen Narrheiten einige glückliche Entdeckungen +zu machen gegeben hat. Und wenn man es dabei bewenden lassen wollte, die +alten Zaubereien, die verjährten Torheiten in ein neues Gewand zu kleiden +-- dieser Köder steht so herrlich in Einklang mit der unwissenden und +dummen Habgier des Volkes, für das er besonders bestimmt ist, da seine +Wirkung unfehlbar ist --, könnten einige Nichtswisser und Halunken die +Ausüber einer Kunst sein, durch die die Menschen so leicht zu betrügen +sind. Philosophie und eine etwas mehr gepflegte Experimentalphysik reißen +zweifelsohne eine große Anzahl aus ihrem Irrtum, doch stets wird nur ein +kleiner Teil sein, wer sie oder den Fortschritt der Kenntnisse vom Menschen +durchdringen kann. + +Das Wort Wahrsager findet man sehr häufig in der Bibel, was die alte +Bemerkung rechtfertigt, daß es unter den heiligen Schriftstellern wenige +oder keine Philosophen gegeben hat. Moses verbietet es strengstens, die +Wahrsager zu befragen. »Wer«, sagt er, »sich nach den Wahrsagern und +Zauberern umsehen wird, indem er Unzucht mit ihnen treibt, dem werde ich +meinen Kopf gegen seinen stoßen!« Es gibt mehrere Arten von Zauberern, die +in der Bibel angezeigt sind. + +Chaurnien heißt im Hebräischen so viel wie die Weisen. Dieser Ausdruck aber +war sehr doppelsinnig und ließ verschiedene Bedeutungen von wahrer +Klugheit, falscher, böser, gefährlicher, verstellter Klugheit zu. So gab es +zu allen Zeiten Menschen, die weltklug und geschickt genug waren, um sich +Anzeichen von Weisheit zu ihrem Nutzen, zum Durchsetzen ihrer +Leidenschaften zu geben, um Studium, Wissenschaft und Talent die einzige +Anwendung zu nehmen, die sie ehrt, will sagen zur Erforschung und +Fortpflanzung der Wahrheit. + +Die Mescuphinen waren die, welche in geschriebenen Dingen die verborgensten +Geheimnisse errieten; Horoskopsteller, Traumdeuter, Wahrsager gingen ebenso +zu Werke. + +Die Carthuminen waren die Zauberer; durch ihre Kunst blendeten sie die +Augen und riefen scheinbar phantastische oder wirkliche Veränderungen bei +den Gegenständen oder in den Sinnen hervor. + +Die Asaphinen benutzten Kräuter, besondere Apothekerwaren und Opferblut für +ihre abergläubischen Handlungen. + +Die Casdinen lasen die Zukunft aus den Gestirnen; sie waren die Astrologen +jener Zeiten. + +Diese ehrenwerten Leute, die sicherlich unsere Comus nicht aufwogen, waren +in sehr großer Anzahl vorhanden. Sie hatten an den Höfen der größten Könige +der Welt einen ungeheuren Einfluß. Denn der Aberglaube, der den Despotismus +so gut bediente, hat sich immer seinen Gesetzen unterworfen, und am Busen +dieses schrecklichen Bundes, der alle Leiden der Menschheit mit sich +brachte, hat der Triumph des Aberglaubens stets geblüht. Die Diener der +Religion waren zu geschickt, als daß sie den geringsten Teil ihrer Macht +aus den Händen gegeben hätten: mit Sorgfalt wachten sie über alles, was +Bezug auf das Wahrsagen hatte, sie gaben sich in jeder Beziehung für die +Vertrauten der Götter aus und umgürteten sich leicht das Stirnband der +Meinung der Menschen, die nichts wissen, ja nichts von der Weisheit ahnen, +die beinahe das letzte ist, worauf des Menschen Eifer sich stürzt. + +Von allen Völkern, die sich unter das Joch des Aberglaubens erniedrigt +haben, ist keines ihm mehr zugetan gewesen als das der Juden. In ihrer +Geschichte würde man eine unendliche Fülle von Einzelheiten über ihre +närrischen und frevelhaften Verfahren zusammenstellen können. Die Gnade, +die Gott ihnen erwies, indem er ihnen Propheten sandte, um sie seinen +Willen zu lehren, wurde für diese plumpen und neugierigen Menschen eine +Falle, der sie nimmer entgingen. Das Ansehen der Propheten, ihre Wunder, +der freie Zutritt, den sie bei den Königen hatten, ihr Einfluß auf +öffentliche Entscheidungen und Angelegenheiten stellten sie dermaßen hoch +in der Menge, daß die Begier, teilzuhaben an diesen Auszeichnungen, indem +man sich die Gabe der Weissagung anmaßte, zu einer so verheerenden +Leidenschaft sich auswuchs, daß, wenn man von Ägypten gesagt hat, dort sei +alles Gott, es eine Zeit gab, wo man von Palästina sagen konnte, alles dort +sei Prophet gewesen. Zweifelsohne gab es mehr falsche als wahre; man weiß +sogar mit aller Bestimmtheit, daß die Juden besondere Zauber und +Zaubertränke hatten, um die Prophetengabe einzuflößen, zu denen sie +menschliches Sperma, Menstrualblut und eine wahre Musterkarte anderer +ebenso nutzlos wie ekelhaft zu verschlingender Dinge benutzten. Wunder aber +sind in den Augen des Volkes eine so leicht zu handhabende Sache, und die +fromme Dunkelheit der Reden, der apokalyptische Ton, der schwärmerische +Akzent wirken so mächtig, daß die Erfolge der wahren und falschen +Propheten, die ihre Zuflucht zu den Künsten und okkulten Wissenschaften +nahmen, sich die Wage hielten. Aus allem schöpften sie Hilfsquellen, und es +gelang ihnen, Altar gegen Altar zu errichten. + +Moses selber sagt uns im Exodus, daß Pharaos Zauberer wahre oder falsche +Wunder bewirkt hätten, daß aber er, der Abgesandte des lebenden Gottes und +von dessen Allmacht unterstützt, ihrer sehr viel wirksamere ins Werk +gesetzt hätte, die Ägypten schwer zu Boden gedrückt haben, weil das Herz +seines Königs verhärtet war. Wir müssen sie fromm glauben und uns vor allem +beglückwünschen, nicht Zuschauer dabei gewesen zu sein. Heute, wo die +Illusion derer, die da Taschenspielerkünste machen, alles, was die Mechanik +vorweist und was sehr geeignet ist, zu überraschen und irrezuführen, die +erstaunlichen Geheimnisse der Chemie, die zahllosen Wunder, die das Studium +der Natur und die schönen Versuche bewirkt haben, die tagtäglich einen +kleinen Teil des Schleiers lüften, der ihre geheimsten Handlungen bedeckt, +heute sage ich, wo wir von all dem bis zu einem bestimmten Grade +unterrichtet sind, stünde es zu befürchten, daß unser Herz sich verhärtete +wie das des Pharao; denn wir kennen unendlich viel weniger den Dämon als +die Geheimnisse der Physik, und wie man bemerkt hat, scheint es, daß dank +dem Geschmack an der Philosophie, der uns nach und nach die selbst bisher +unübersteigbarsten Schranken berennen und überwinden ließ, das Reich des +Dämons alle Tage mehr zusammensinkt. + +Vielleicht würde die möglichst detaillierte Geschichte der Seher, +Ränkeschmiede, Propheten und ihrer Aufführung und Wahrsagereien jeder Art, +beschrieben oder durch das strenge und scharfsichtige Auge eines +Philosophen enthüllt, ein sehr seltsames Buch ergeben. Doch unter allen +denen, die er den geöffneten Augen der Nationen vorführen könnte, würde es +keine wunderlichere als die geben, die vor einer traurigen Katastrophe eine +Gesellschaft bewahrte, welche ihres Eifers für die Verbreitung des Glaubens +wegen berühmt ist und die, zu überzeugt, daß dieser Glaube genüge, um das +Dunkel der Zukunft zu durchdringen, mit einem sehr unklugen Leichtsinn in +eine Verpflichtung einging, die sie ohne die unvermutete Hilfe eines sehr +seltsamen Horoskopes nicht würde erfüllt haben können. + +Eine nach China gesandte Jesuitenschar predigte dort die wahre Religion, +als eine furchtbare Dürre das Kaiserreich in ein ungeheures Grab verwandeln +zu wollen schien. Die Chinesen sollten umkommen; und mit ihnen die +Jesuiten, die vergebens von dem Despoten angerufen wurden, hätten sie nicht +ein Wunder, das sie mit erstaunlichem Scharfsinn voraussagten und das die +Gesellschaft Jesu in diesen trostlosen Gefilden für immer berühmt gemacht +hat, bewirkt. Ein moderner Dichter hat diese Anekdote in einer reizvolleren +Weise, als wir es tun könnten, erzählt, und wir beschränken uns darauf, +seine Verse abzudrucken, ohne seine Ungebundenheiten zu billigen: + + Des großen Loyola kühne Sprossen, + Die euch zerschmettert hat Port Royal, + Euch, die mit Krieg umlauert' unverdrossen, + Auf Nicolaus sich stützend, einst Pascal; + Ihr, die ihr Romas Waffen für euch nützend, + In Arnauld grifft die Augustiner an, + Und die Gemeinheit eurer Plane stützend, + Auf ihn herabzogt schweren Kirchenbann, + Die an Quesnel ihr, Bérules würdigem Sohn, + Euch oft mit Peitschenhieben bitter rächtet; + Aus seinen Büchern lesend voller Hohn + Gefühle, die Molina einst geächtet, + Habt ihr Clemens den elften aufgebracht, + Daß er den Brand warf auf sein mächtiges Buch. + Ihr, die ihr euch nach China aufgemacht + Um Christi Glauben -- heilig der Versuch -- + An des Confucius Stelle dort zu setzen, + Dem in Pagoden man mit listigem Wort + Zweideutig dient, so wie es Priester schätzen. + Verderber der Moral ihr fort und fort, + Die ihr erweitert stets des Heiles Pfade + Und die ihr, leitend auf dem Blumensteg + Die Büßer, die euch schickt des Himmels Gnade, + Unkraut sät aus auf Gottes Feld und Weg. + Ihr, des Jahrhunderts listige Schmeichlerschar, + Des Lugs und Trugs elende Künstler ihr, + Maskiert seid ihr, dennoch der Maske bar + Für jeden, doch willkommen dort und hier, + (Kein Ort ist auf der ganzen Erdenrunde + Wo ihr nicht eure dunkle Rolle spielt). + Gebt von den Mitteln uns doch, bitte, Kunde, + Durch die des Trugs Kunst ihr so gut erzielt + Beim Christenvolke wie bei allen Heiden! + Wenn eurem Märtyrerbuche glaubt mein Mut, + In dem die Lüge prunkt mit euren Leiden, + Dann rötet Indien sich von eurem Blut. + Orakelt da auf einem Dreifuß kühn, + Und der auf Wunder gierige Heide sieht + Sie nach dem Willen seiner Wünsche blühn. + Der hagre Tod, bleifarben ist er, zieht + Die Hand von seiner Beute, wenn ihr's wollt. + Durch euch das Blut, das er gerinnen läßt, + In allen Adern neubelebend rollt. + Auf den Befehl von einem Knirpse preßt + Der Wolken Blau zu Regen sich zusammen. + Ihr macht des Windes Brausewut zu nichte. + Ein Wort von euch, der Blitz hört auf zu flammen. + Und darauf schrieb ich nieder die Geschichte, + Ihr Ehrenwerten, die ihr hören sollt: + Nach Lima, in Golconda, wo die Erde + Den reichen Stein in Flusses Sande rollt, + (Man schleift ihn, daß zurückgestrahlet werde + Das Licht vielhundertfach) kam eine Schar + Ignatiusschüler, pflanzte Christi Wort + In der Indianer Seele wunderbar. + Die Söhne nun an Indiens Uferbord + Katechisierten wahrlich sie sehr fein. + Die Franziskaner, die mit ihnen kamen, + Weihten die Weiber in die Lehre ein; + Herrlich ging auf des Christenglaubens Samen + Dank dieser Teilung, so daß unser Gott + Die neue Erbschaft trat mit Prächten an. + Die Macht wuchs ständig, und es ward ein Spott + Der Dämon, jener feiste Broncemann, + Den Bonzentorheit dort anbeten ließ, + Durch des Franziskus und Ignatius Sprossen; + Und seine Rechte schwanden überdies. + Die neuen Pflanzen aber dort genossen + Gar vieler Gottesgnaden Honigseim. + (Doch der sichtbaren Gnade süße Last + Nur spärlich troff, war zäh wie Vogelleim, + Der kleine Sänger fesselt an den Ast.) + Dank mancher schönen Worte, guter Streiche, + Hielt man für Heilige sie, und sie verehrt + Das Volk, das sie bekehrt in jenem Reiche. + Golcondens Herrscher wurde das gelehrt. + Erzheide war der, der von seinem Teufel + So gut bedient war, daß er immer den + Unreinen Geist anbetet sonder Zweifel. + Die neu'n Apostel wollte er nun sehn, + Die seines Teufels Nebenbuhler waren. + Er glaubte, daß sie ihm Orakel sagen, + Ihm wie Herodes Wunder offenbaren. + Das Kreuz vor ihn die weisen Patres tragen + Und kündigen von dem, der für uns starb, + Und lästern schnöde Satans Götzenbild. + Des Königs Laune aber das verdarb, + Und ihre Reden machten bald ihn wild. + »Ihr Herrn,« sprach er, »wenn man so lacht der Götter + Und einen neuen Götzendienst preist an, + Stützen sich auf Beweise wohl die Spötter. -- + Sechs Monde schon mein armes Land gewann + Kein Tröpfchen Regen. Ich verlange nun + Von euch, daß Euer Götze regnen läßt, + Und sollt' er's nach drei Tagen Frist nicht tun, + So nehm' ich Euch als böse Lügner fest, + Bedenkt das!« Unsre Kuttenträger schrien + Vergebens, daß das Gott versuchen hieße; + Den König überzeugte nicht ihr Mühn. + »An solchem Zeichen sich erkennen ließe,« + So er, »ob Euer Gott der Herr der Welt ist!« + Die Mönche mußten es ihm denn zusagen. + Wie's um das Barometer wohl bestellt ist, + Sehn täglich nun voll Eifers nach die Zagen; + Das zeigte stets nur schönes Wetter an. + Sein Bündel schnürte eiligst jeder Pater. + Märtyrer werden? Nein, das will kein Mann. + Den sie als Pfand gelassen nun, der Frater + Der gar für sie die Kosten sollte zahlen, + Er fragte sie, weshalb sie so verführen? + »Weh,« schrien sie, »der Fürst droht uns mit Qualen, + Ein Eisenband soll unsern Kragen zieren!« + »Bei Loyola, ist das alles?« schrie + Verdrossen der, und schlug in seine Hände, + »Geht hin und sprecht: »Es regnet morgen früh, + Es wäre sonst mit mein'm Latein zu Ende!« + Nicht Lüge war des neu'n Elias Wort. + Es türmten Wolken sich vom Meer her auf, + Fruchtbarer Regen fiel am Morgen dort, + In neuem Grün entstand das Land darauf. + Die von Golconda schrien Wunder und + Priesen den Pater unter Händefalten. + Zu frohen Mönchen sprach des' leiser Mund, + »Confratres, liebe, wenn ich Wort gehalten, + So dankt Ihr's einem Liebesleiden, das + Für Euch der Himmel mir ausdrücklich schickte; + Das stets, eh' auftat sich das Regenfaß + Des Himmels, mich ganz gottserbärmlich zwickte. + Bleibt's aber trocken, lindert sich der Schmerz + Und hört fast auf!« Doch das Golcondens Herrn + Anzuvertrauen, hat man nicht das Herz. + So glaubte man im Lande gut und gern, + Daß dieses Wunder ihrer Heiligkeit, + Nicht aber Frucht war einer bösen Pest; + Mit der der alte Schlaukopf seiner Zeit + Vergiftet sich. -- Da Böses also läßt + Gutes entstehen, ist dieses Leiden worden + Ein Dauergeschenk dem Jesuitenorden. + +Allen Spaß beiseite, -- man sieht, welchen Nutzen dieses seltsame Barometer +sowohl China wie den Missionaren brachte, die sich dadurch zu ihrer +berühmten Klage über die Lavements veranlaßt sahen. Die Chinesen kennen +diese Art Einspritzung, die man durch den After in die Gedärme macht, erst +seit dem Auftauchen der Jesuiten in ihrem Kaiserreiche, drum nennen es die +Völker dort, wenn sie sich seiner bedienen, das Heilmittel der Barbaren. + +Als die Jesuiten sahen, daß das unedle Wort Lavement das Klistier abgelöst +hatte, gewannen sie den Abt von Saint Cyran und setzten ihren Einfluß auf +Ludwig XIV. daran, um durchzusetzen, daß das Wort Lavement auf die Liste +der unanständigen Ausdrücke gesetzt würde, so daß der Abt von Saint Cyran +sie beim Pater Gargasse tadelte, den man die Helena des Kriegs zwischen +Jesuiten und Jansenisten nannte. »Ich aber«, sagte der Pater Gargasse, +»verstehe unter Lavement nur Gurgeln: die Apotheker sind's, die dem Worte +die unschickliche Bedeutung gegeben haben!« Man ersetzte also das Wort +Lavement durch Heilmittel. Da Heilmittel zweideutig ist, erschien es als +anständiger; und das ist so ganz unsere Schicklichkeitsart[A]. Ludwig XIV. +gewährte dem Pater le Tellier diese Gnade. Der Fürst forderte keine +Lavements mehr, er forderte sein Heilmittel. Und die Akademie bekam den +Auftrag, dies Wort mit seiner neuen Bedeutung in ihr Wörterbuch zu setzen +. . . Ein würdiger Gegenstand für eine Hofkabale! + +[Fußnote A: In unseren Tagen hat man auf ähnliche Weise Havarie (Haferei) +an die Stelle von Lustseuche gesetzt.] + +Allem Anscheine nach wurde die schimpfliche, Harnröhrenentzündung genannte, +Krankheit das Jesuitenbarometer im Vaterlande des Confucius. Wie es heißt, +war diese Krankheit, die sich im Jesuitenorden von Pater auf Pater +fortpflanzte, nichts anderes als das, von dem die Schrift sagt: und der +Herr schlug die aus der Stadt und vom Lande in den After[A]. Zur Heilung +dieser Krankheit haben die Jesuiten eine Messe in einem zu Ehren des +heiligen Hiob gedruckten Meßbuche. Nichts gibt es, was mit ihrer Moral +nicht in Einklang zu bringen wäre; denn es ist gewiß, daß ihre Kasuistiker +den Mut aufbringen, der Gefahr der Harnröhrenentzündung zu trotzen, +geschweige denn sich ihr auszusetzen, wenn sie des Glaubens sind, daß das +Werk Gottes dabei beteiligt sein könnte. Man liest in der Sammlung des +Jesuitenpaters Anufin ein merkwürdiges Geschehnis, das einem ihrer Novizen +sich ereignete, der sich mit einem jungen Manne erlustierte und inmitten +seiner lebhaften Unterhaltung von einem Confrater überrascht wurde. Dieser +hatte die Klugheit besessen, durchs Schlüsselloch zu beobachten und sich +still zu verhalten. Als aber die Geschichte zu Ende und der Novize +fortgegangen war, sagte er zu seinem Kameraden: »Unglücklicher, was hast du +eben gemacht? Ich habe alles gesehen; du verdientest, daß ich dich +anzeigte; noch ganz entflammt bist du von der Üppigkeit . . . du kannst +dein Vergehen nicht ableugnen!« -- »Ach, mein lieber Freund,« antwortete +der Schuldige mit einem festen und heftigen Tone, »wißt Ihr denn nicht, daß +der ein Jude ist? Ich will ihn bekehren oder er soll Jesu Christi Feind +bleiben. Habe ich nicht, wenn ich dieses oder jenes annehme, alle Ursache +ihn zu verführen, entweder um ihn zu retten oder um ihn noch +schuldbeladener zu machen?« Bei diesen Worten wirft sich der Novize, der +ihn beobachtet hatte, überzeugt, besiegt, von Bewunderung durchdrungen, vor +ihm nieder, küßt seinem Confrater die Füße und macht seinen Bericht. Und +der handelnde Novize wurde unter die in den Werken des Allmächtigen +Wirkenden einregistriert. + +[Fußnote A: Buch der Könige, I. Kap., Vers 26.] + + + + +Die Linguanmanie + + +Wenn man alle Leidenschaften des Menschen auf ihre anfänglichen Neigungen +zurückführte, alle ihre Idiome auf ihre Muttergedanken, wenn ich so sagen +darf, indem man diese alle der Schattierungen, die sie entstellt haben, und +jene all der Bedeutungen beraubte, mit denen ihre Symptome überladen worden +sind, würden die Wörterbücher weniger umfangreich und die Gesellschaften +minder verderbt sein. + +Wie viel hat nicht zum Exempel die Einbildung den Kanevas der Natur mit +Liebe bestickt? Wenn ihre Kräfte sich damit zufrieden gegeben hätten, die +moralischen Illusionen zu verschönern, würden wir uns dazu beglückwünschen. +Aber es gibt sehr viel mehr liederliche Einbildungen als gefühlvolle +Einbildungen, und darum gibt's unter den Menschen mehr Ausschweifung als +Zärtlichkeit, darum hat man jetzt eine Masse Beiworte nötig, um alle +Schattierungen eines Gefühls auszudrücken, das lau oder heiß, lasterhaft +oder heroisch, edelmütig oder strafbar nach allem aber nie die mehr oder +minder lebhafte Neigung eines Geschlechts zum anderen ist oder sein wird. +Schamlosigkeit, Geilheit, Unzucht, Liederlichkeit, erotische Melancholie +sind sehr verschiedene Eigenschaften und doch im Grunde nur mehr oder +minder scharfe Schattierungen der gleichen Empfindungen. Geilheit und +Unzucht zum Beispiel sind durchaus natürliche Fähigkeiten zur Lust, denn +mehrere Tierarten sind geil und unzüchtig; unkeusche aber gibt es nicht. +Unkeusche Gesinnung ist unzertrennlich von der vernunftbegabten Natur und +nicht vom natürlichen Hang wie die Unzucht. Unkeusche Gesinnung drückt sich +durch die Augen, in der Haltung, in den Gesten, in den Reden aus; sie +kündigt ein sehr hitziges Temperament an, ohne daß die beweisende Tatsache +ganz gewiß ist, sie verspricht aber viel Vergnügen an der Lust und hält ihr +Versprechen, weil die Einbildung der wirkliche Herd der Lust ist, die der +Mensch durch Studium und Verfeinerung der Wonnen variiert, verlängert und +ausgedehnt hat. + +Schließlich aber wollen diese und andere derartige Benennungen nichts +weiter als einen Heißhunger anzeigen, der dazu verführt, ohne Maßen und +ohne die Zurückhaltung, die vielleicht dem größeren Teile der menschlichen +Institution natürlicher ist, als man annimmt, zu genießen, zu suchen; ohne +die Zurückhaltung, die man Scham nennt, die verschiedensten, die +geschicktesten und die sichersten Mittel zu suchen, sage ich, den Feuern, +die einen verbrennen, deren Glut aber so verführerisch ist, daß man sie, +nachdem man sie gelöscht hat, wieder herausfordert, genugzutun und +auszulöschen. + +Dieser Zustand hängt einzig und allein von der Natur und von unserer +Leibesbeschaffenheit ab. Er ist der Hunger, das Bedürfnisgefühl, Nahrung zu +sich zu nehmen, das durch ein Übermaß von Sinnlichkeit zur Gefräßigkeit +führt, und durch die allzu lange Beraubung der Befriedigungsmittel in Wut +ausartet. Das Verlangen nach Lust, das ein ebenso natürliches Bedürfnis +ist, obwohl es weniger oft und gemäß der Verschiedenheit der Temperamente +mehr oder weniger hitzig sich einstellt, steigert sich manchmal bis zum +Wahnsinn, bis zu den größten physischen und moralischen Ausschweifungen, +die alle nach dem Genusse des Objekts streben, durch das die glühende +Leidenschaft, von der man erregt ist, vielleicht gestillt wird. + +Dies verschlingende Fieber heißt bei den Weibern Nymphomanie[A], bei den +Männern würde man es, wenn sie ihm ebenso unterworfen wären, wie jene, +Mentulomanie nennen, doch leistet ihre Bildung dagegen Widerstand, und mehr +noch ihre Sitten, die, weniger Zurückhaltung und Zwang heischend, und die +Scham nur nach der Zahl der Verfeinerungen rechnend, mit denen die +menschliche Geschicklichkeit die Reize der Natur zu verschönern oder +abzuschattieren verstanden hat, sie weniger den Verheerungen der allzu +zurückgeschraubten oder allzu gesteigerten Wünsche aussetzen. Da übrigens +unsere Organe viel empfänglicher für augenblickliche Regungen als die des +anderen Geschlechts sind, kann die Intensität der Begierden selten ebenso +gefährlich sein, wiewohl die Männer ebensogut wie die Weiber an Krankheiten +leiden, die einer beinahe ähnlichen Ursache entspringen[B], von denen aber +eine männliche Leibesbeschaffenheit, die leichter schlaff wird, nicht +ebenso lange heimgesucht zu werden braucht. + +Trostlos würde es sein, scheußlich würde es sein, wollte man die so +wunderlichen Wirkungen der Nymphomanie aufzählen. Vielleicht trägt die +Unregelmäßigkeit der Einbildungskraft sehr viel mehr zu ihr bei als die +venerische Energie, die das Subjekt, das von ihr befallen worden ist, von +Natur aus mitbekommen hat. Tatsächlich ist der Kitzel der Vulva durchaus +nicht Nymphomanie. Der Kitzel kann wahrlich eine Empfänglichkeit für diese +Manie sein, man braucht darum aber nicht gleich zu glauben, daß sie ihm +stets folgen müßte. Er reizt, er zwingt, mit den Fingern an die erregten +Kanäle zu fassen, sie zu reiben, um sich Linderung zu verschaffen, wie man +es bei allen Körperteilen tut, die man in derselben Absicht anfaßt, um die +Ursachen des Reizes zu heben. Wie lebhaft und erwünscht dieses Kitzeln, +diese Berührungen auch sein mögen, man nimmt sie wenigstens ohne Zeugen +vor. Die dagegen, welche die Nymphomanie hervorruft, trotzen den Zuschauern +und Umständen. Daraus geht hervor, daß der Kitzel sich nur in der Vulva +festsetzt, während die unsinnige Manie der Sinnenlust ihren Sitz im Gehirn +hat. Die Vulva jedoch überliefert ihm außerdem den Eindruck, den es mit +Abänderungen empfängt, die geeignet sind, die Seele mit einer Menge +unzüchtiger Gedanken zu durchtränken. Dort nährt sich das Feuer selber; +denn die Vulva ist ihrerseits unabhängig von dem Einfluß der +wollustgierigen Seele, von jedem Gefühlseindruck angegriffen und wirkt auf +das Gehirn zurück. So wird die Seele immer tiefer von unzüchtigen +Sensationen und Gedanken durchdrungen, die, da jene nicht allzu lange +bestehen können, ohne sie zu ermatten, ihren Willen bestimmt, der Unruhe +nachzugeben, die sich an die Verlängerung jedes allzu lebhaften Gefühls +heftet und alle erdenklichen Mittel anzuwenden, um zu diesem Ziele zu +gelangen. + +[Fußnote A: [Griechisch: Ninphômanê].] + +[Fußnote B: Die Satyriasis, der Priapismus, die Geilheit.] + +Es ist unglaublich, wie sehr die durch die Leidenschaft geschärfte +menschliche Geschlechtlichkeit die Mittel des Vergnügengewährens oder +vielmehr das Verhalten beim Vergnügen variiert hat. Denn es ist stets das +gleiche, und wir haben gut kämpfen gegen die Natur, über ihr Ziel werden +wir nimmer hinausgehen. Sie scheint in Wahrheit viele Reizmittel zu ihrer +Verlängerung[A] verteilt zu haben, sicher ist es aber, daß die Gehirnfasern +sich unabhängig von irgendeiner unmittelbaren Einwirkung der Natur +ausdehnen. Alles, was die Einbildungskraft erhitzt, reizt die Sinne oder +vielmehr den Willen, dem die Sinne sehr häufig nicht mehr genügen, und die +werden mindestens ebenso stark von ihm unterstützt, da die Einbildungskraft +niemals ohne das lebhafteste, glühendste Temperament, die am besten +gestimmten Sinne, die besten Hilfen des Alters und der Umstände bestehen +kann. + +[Fußnote A: Sennert erwähnt eine Frau, die, nachdem sie etwas aufgelösten +Borax getrunken hatte, nymphoman wurde, und Müller rät, mit aromatischen +Ölen vermischten Moschus auf irgendeine Art einzuführen, um die Vagina +schlüpfrig zu machen.] + +Da es weiter das Eigentümliche aller Leidenschaften der Seele ist, mit +Rücksicht auf den Widerstand so hitzig wie möglich zu werden und die +Nymphomanie nicht leicht zu befriedigen ist, so wird sie schließlich +unersättlich. Weiber, die von ihr befallen sind, kennen kein Maß mehr; und +das für einen schwachen Widerstand so schön geschaffene Geschlecht, das mit +allem Entzücken der furchtsamen Scham prunkt, entehrt in dieser +scheußlichen Krankheit seine Reize durch die schmutzigste Prostitution. Es +fordert heraus, sucht auf, greift an; die Begierden stacheln sich an durch +das, was anscheinend hinreichen müßte, um sie zu ersticken, und das +tatsächlich genügen müßte, wenn der einfache Kitzel der Vulva den Genuß +erregte. Wenn aber das Gehirn der Herd des Verlangens ist, so steigert es +sich unaufhörlich; und die mehr ermattete als gesättigte Messalina[A] jagt +ohne anzuhalten der Lust und der Liebe nach, die sie mit Abscheu flieht. + +[Fußnote A: + + Mox lenone suas jam dimittente puellas + Tristisubit. Sed quod potuit tamen ultimam cellam + Clausit, ad huc ardens rigidae tentigine vulvae + Et resupina jacens multorum absorbuit cetus + Et lassata viris, necdum satiata recessit. + +(Inv. I, II. Sat. 6.)] + +Indessen muß man das zugeben: Die Beobachtung hat uns einige Phänomene in +dieser Art gezeigt, die das einfache Werk der Natur zu sein scheinen. Herr +von Buffon hat ein junges Mädchen von zwölf Jahren gesehen, sie war +dunkelbraun, hatte eine lebhafte und gesunde Gesichtsfarbe, war von +kleiner, aber ziemlich fetter Figur, war bereits ausgewachsen und mit einem +hübschen Busen geschmückt, die einzig beim Anblick eines Mannes die +unanständigsten Handlungen vornahm. Die Gegenwart der Eltern, deren +Vorwürfe, die strengsten Züchtigungen, nichts hielt sie davon zurück. Sie +verlor indessen die Vernunft nicht, und ihre scheußlichen Anwandlungen +hörten auf, wenn sie mit Frauen zusammen war. Kann man annehmen, daß dieses +Kind seinen Instinkt bereits mißbraucht hatte? + +Gewöhnlich haben braune Mädchen von guter Gesundheit und kräftiger +Leibesbeschaffenheit, die jungfräulich sind, und vor allem die, welche +durch Verhältnisse anscheinend dazu bestimmt sind, es ewig zu bleiben, +junge Witwen, Weiber, die wenig kräftige Männer haben, die meiste Anlage +zur Nymphomanie. Und das allein würde beweisen, daß der Hauptherd dieser +Krankheit in einer allzu geschärften, allzu gebieterischen Einbildungskraft +ruht, daß aber auch die widernatürliche Untätigkeit der mit Kraft und +Jugend versehenen Sinne eine ihrer hauptsächlichen Triebfedern ist. Billig +ist es also, daß jedes Individuum seinen Instinkt befragt, dessen Antrieb +stets zuverlässig ist. Wer immer darauf bedacht ist, seinesgleichen zu +zeugen, hat entschieden das Recht es zu tun. Der Schrei der Natur ist die +allgemeine Gebieterin, deren Gesetze zweifellos mehr Achtung verdienen, als +alle die künstlichen Ideen von Ordnung, Regelmäßigkeit und Prinzipien, mit +denen uns unsere tyrannischen Grillen auszeichnen, und denen man sich +unmöglich sklavisch unterordnen kann, die nur unglückliche Opfer oder +widrige Heuchler schaffen und nichts weiter für die Moral wie für die +Physis regeln, als die Widersprüche der Natur jemals befehlen können. Die +physischen Gewohnheiten üben eine sehr dingliche, sehr despotische und oft +sehr furchtbare Macht aus und setzen einen öfters grausamen Übeln aus, +statt daß sie einen gegen sie wappnen. Die menschliche Maschine darf nicht +besser arbeiten als das sie umgebende Element, sie darf wirken, sich gar +ermüden, sich ausruhen, untätig sein, je nachdem das Kräftegefühl es +bestimmt. Es würde eine sehr abgeschmackte und sehr lächerliche Forderung +sein, das Gesetz der Gleichheit befolgen und stets vor derselben Schüssel +sitzen zu sollen, während alle Wesen, mit denen man in inniger Berührung +steht, in ständigem Wechsel leben. Veränderung ist notwendig, und wäre es +nur, um uns auf die heftigen Stöße vorzubereiten, die manchmal die +Grundmauern unseres Seins erschüttern. Unsere Körper sind wie die Pflanzen, +deren Stengel sich inmitten der Stürme durch das Rütteln widriger Winde +kräftigt. + +Leibesbewegung, eine gut ausgedachte Gymnastik würde zweifelsohne das +wirksamste Mittel gegen die gefahrvollen Folgen eines untätigen Lebens +sein; dies Mittel jedoch wird nicht in gleicher Weise von beiden +Geschlechtern angewandt. Die Reitkunst zum Exempel scheint nicht sehr +geeignet für die Frauen, die sie nur unter Gefahr oder unter +Vorsichtsmaßregeln ausüben können, die die Übung beinahe unzweckmäßig +machen. Es ist so wahr, daß die Natur sie nicht für diese Leibesübung +bestimmt hat, daß sie dabei bloß die Reize zu verlieren scheinen, die ihnen +zu eigen sind, ohne die des Geschlechtes zu gewinnen, das sie nachahmen +wollen. + +Der Tanz scheint mit der den Frauen eigentümlichen Anmut vereinbar, die +Weise aber, in der sie sich ihm hingeben, ist oft mehr geeignet, die Organe +zu entnerven als zu kräftigen. Die Alten, welche sich auf die große Kunst +verstanden, die Sinnenfreude in den Dienst des Körpers zu stellen, haben +aus der Tanzkunst einen Teil ihrer Gymnastik gemacht: sie wandten die Musik +an, um die Bewegungen der Seele zu beruhigen oder zu lenken. Sie +verschönten das Nützliche und machten die Wollust ersprießlich. + +Doch wenn beim Entstehen politischer Körperschaften die Vergnügungen der +Strenge der Einrichtungen unterstellt wurden, aus denen diese +Körperschaften ihre Macht zogen, entarteten sie sehr schnell mit den +Sitten[A]. Und wenn die Alten sich zuerst damit befaßten, alles +zusammenzusuchen, was die Kräfte mehren und die Gesundheit bewahren konnte, +so verfielen sie nur darauf, die Freuden zu erleichtern und auszudehnen zu +suchen; und hier hat man nochmals Gelegenheit zu bemerken, wie sehr wir sie +preisen, um uns selber zu verleumden. Welche Parallele läßt sich zwischen +unseren Sitten und der Skizze ziehen, die ich eben hinwerfe? + +[Fußnote A: Ich zweifle zum Exempel, daß die Corycomachie oder die +Coricobolie, welche die vierte Sphäristik der Griechen war, bei ihnen +gebräuchlich geblieben ist, als sie das eleganteste Volk der Welt geworden +waren. Man hängte einen Sack voll schwerer Körper an der Decke auf, griff +ihn mit beiden Händen und brachte ihn so weit fort, als der Strick sich +auszudehnen vermochte; darauf ließen sie den Sack los, folgten ihm, und +wenn er gegen sie zurückkam, gingen sie zurück, um sich nicht der Wucht des +Anpralls auszusetzen, und stießen ihn dann wieder mit Gewalt zurück. (Siehe +Burette, über die Gymnastik der Griechen und Römer.) Ich glaube auch nicht, +daß eine solche Übung nach dem Geschmack der Stutzerinnen eines anderen +Jahrhunderts gewesen wäre.] + +Wenn ein Weib eine halbe Stunde Coricobole gespielt hatte, trockneten +entweder Mädchen oder Knaben, je nach Geschmack der Spielerin, sie mit +Schwanenpelz ab. Diese jungen Leute hießen Jatraliptae. Die Unctores +schütteten darauf Essenzen über sie. Die Fricatores reinigten die Haut. Die +Alipari zupften die Haare aus. Die Dropacistae bearbeiteten die Körper und +brachten die Schwielen fort. Die Paratiltriae waren kleine Kinder, die alle +Leibesöffnungen, Ohren, Anus, Vulva usw. säuberten. Die Picatrices waren +junge Mädchen, die dafür zu sorgen hatten, alle die Haare, welche die Natur +über den Körper verstreut hat, auszuzupfen, um ihr Wachstum zu verhindern, +das dem Eindringen entgegensteht. Die Tractatrices endlich kneteten +wollüstig alle Gelenke, um sie geschmeidiger zu machen. Eine so +vorbereitete Frau bedeckte sich mit einem jener Schleier, die laut dem +Ausdruck eines Alten einem gewebten Lufthauche glichen und den vollen Glanz +der Schönheit durchschimmern ließen. Sie schritt ins Gemach der +Wohlgerüche, wo sie sich beim Klang der Instrumente, die eine andere Art +Wollust in ihre Seele gossen, dem Überschwange der Liebe hingab. Erstrecken +sich bei uns die Verfeinerungen des Genusses bis zu diesem Übermaße von +Gesuchtheiten[A]? + +[Fußnote A: Eine bescheidene Nomenklatur eines sehr kleinen Teils ihres +Lexikons der Wollust, wenn ich so sagen darf, mag diese Frage entscheiden: + + Die Coricobole, war eine Sackträgerin. + Die Jatraliptes, die Schwanenpelzabtrockner. + Die Unctores, die Wohlgeruchspenderinnen. + Die Fricatores, die Frottiererinnen. + Die Aractatrices, die Walkerinnen oder Kneterinnen. + Die Dropacistae, die Schwielenentfernerinnen. + Die Alipsiaires, die Haarauszieher. + Die Paratiltres, die Vulvareiniger. + Die Picatrices, Auszupferinnen der Vulvahaare. + Die Samiane, das Parterre der Natur (siehe weiter unten). + Die Hircisse, der Verkauf an die Alten. + Die Clitoride, die Zusammenziehung der Clitoris. + Die Korintherin, die Beweglichkeit der Gewinde. + Die Lesbierin, die den Cunnilingus vollzieht. + Die Sphnissidienne, die Vorreiterin. + Die Phicidissienne, die Pollution der Kinder. + Sardanapalizein, Liebe zwischen Eunuchen und Mädchen. + Die Conrobole [Griechisch: chuiropôlô] (wenn man etwas Griechisch + kennt, versteht man mich). + Chalcidizein, Lecken der Testikeln. + Fellatrizein, Saugen am Eichel. + +Ein Beweis, daß sie viel abgebrühter als wir waren, ist, daß es fast nicht +eines dieser Wörter gibt, das wir nicht gezwungen sind durch Umschreibung +wiederzugeben.] + +Zum Beweis unserer Harmlosigkeit in Sachen der Ausschweifung wäre es +möglich, durch Anführung alter Schriftsteller eine Unzahl von Stellen +anzubringen, die unsere leidenschaftlichsten Satyre in Erstaunen setzen +würden. Wir haben schon in einem Stück dieser Ausführungen im Abriß +gezeigt, auf welche Ausschweifungen sich das Volk Gottes verstand[A]. +Erasmus hat in griechischen und römischen Autoren eine Menge Anekdoten und +Sprichwörter gesammelt, die Dinge vermuten lassen, vor denen die kühnste +Einbildung sich erschreckt. Ich will einige von ihnen anführen. + +[Fußnote A: Man lese in der Tropoide nach, wo ich eine sehr große Zahl +anderer Bibelstellen noch hätte anführen können. Man findet zum Exempel im +Buche der Weisheit Salomonis (Kap. XIV, Vers 26) mehrere Tadel wegen +Unzucht, sträflicher Fehlgeburten, Schamlosigkeiten, Ehebruchs usw. +Jeremias (Kap. V, Vers 13) predigt gegen die Liebe zu jungen Knaben. +Ezechiel spricht von üblen Häusern und Prostitutionsmerkmalen an den +Straßeneingängen (Kap. XXVI, Vers 24--27) usw.] + +Wir haben zum Beispiel keine üblen Orte, die uns eine Idee von dem geben +könnten, was man in Samos das Parterre der Natur nannte. Es waren +öffentliche Häuser, wo sich Männer und Weiber durcheinander allen Arten von +Ausschweifungen überließen: denn das würde prostituieren heißen, das Wort +der Wollust, das sich hier anwenden ließe. Beide Geschlechter boten hier +Modelle der Schönheit an, und daher kommt der Name: Parterre der Natur[A]. +Die Alten wandten die Reste ihrer Geilheit noch an anderen Orten nützlich +an. Sie waren derartig schamlos, daß man sie mit Tieren verglich, die den +Geruch, die Hitze und die Geilheit der Ziegenböcke besaßen[B]. + + . . . Verum noverat + Anus caprissantis vocare viatica. + +[Fußnote A: Erasmus, Seite 553. -- Samiorum flores. -- Ubi extremam +voluptatum decerperet. -- [Griechisch: Xamiônchodê], die Samionante. -- +Puellae veluti flores arridantes da libidinem invitabant.] + +[Fußnote B: Ani hircassantes. [Griechisch: Graus chaprasa]. Erasmus 269. +De juvente, cuianus libidinosa omnia suppeditabat, quo vicissim ab illo +voluptatem cui feret. Nota et hircorum libido, odorque qui et subantes +consequitur.] + +Auf der Insel Sardinien, die weder jemals ein sehr blühendes noch sehr +volkreiches Land gewesen ist, leitete der Name des Ancon genannten Ortes +sich von dem der Königin Omphale ab, die ihre Frauen miteinander +tribadieren ließ, sie dann ohne Unterschied mit Männern zusammensperrte, +die auserlesen waren, um in allen Arten von Kämpfen zu glänzen[A]. Man +weiß, was der orientalische Despotismus die Menschlichkeit und die Liebe +gekostet hat; in allen Zeiten hat er die bedrückt und jene herabgewürdigt. +Sardanapal[B] ist einer der elendesten Tyrannen jener Gefilde, von dem der +Gedanke und der Brauch kam, die Prostitution der Mädchen und Knaben zu +vereinigen. + +[Fußnote A: [Griechisch: Gluchun agchôna]. Ancon. Erasmus 335. Omphalem +regina per vim virgines dominorum cum eorum servis inclusisse ad stuprum, +in sola haberetur impudica. Lydia antem eum locum, in quo faeminae +constuprabantur [Griechisch: gluchun agchôna] appelasse, sceleris +atrocitatem mitigantes verbo. + +Man sieht, daß selbst in solchen Dingen der Despotismus nichts mehr hat +erfinden können.] + +[Fußnote B: [Griechisch: Sardanapapalos]. Erasmus 723. Caeterum deliciis +usque adeo effaeminatus, ut inter eunuchos et puellas ipse puellari cultu +desidere sit solitus.] + +Korinth konnte Samos den Vorrang streitig machen in der Vervollkommnung der +öffentlichen Prostitution; sie war dort derartig hochgeschätzt, daß es dort +Tempel gab, in denen man unaufhörlich Gebete an die Götter zur Vermehrung +der Prostituiertenzahl richtete[A]. Man behauptete, daß sie die Stadt +gerettet hätten. Im allgemeinen aber gingen die Korinther dafür durch, +beinahe ausschließlich die Kunst der Biegsamkeit und der wollüstigen +Bewegungen zu beherrschen[B]. Man erkannte sie an einer bestimmten +Körperhaltung und ihrer besonders zierlichen Figur. + +Die Lesbierinnen werden bei der Erfindung oder der Sitte genannt, den Mund +zu dem häufigst angewandten Wollustorgan gemacht zu haben[C]. + +Verschiedene Völker zeichneten sich ebenfalls durch sehr merkwürdige Sitten +aus, die bei ihnen häufiger vorkamen als bei allen anderen, dergestalt daß +das, was heute nur das Laster dieses oder jenes Individuums ist, damals das +bestimmte Merkmal eines ganzen Volkes war. + +[Fußnote A: Erasmus 827. Ut dii augerent meretricum nummerum. Erasmus fügt +hinzu, daß die Venetianerinnen zu seiner Zeit unzüchtige Mädchen per +excellence wären. Nusquam uberior quam apud Venetos.] + +[Fußnote B: [Griechisch: Kuiropôlis] die Canabole mit [Griechisch: +choiros]. Erasmus 737. Corinthia videris corpore questum factura. In +mulierem intempertivius libidinantem. De mulieribus Corinthi prostantibus +dictum et alibi. Dictum et autem [Griechisch: choiropôlô], novo quidem +verbo, quod nobis indicat quaestum facere corpore.] + +[Fußnote C: [Griechisch: Lesbiazein]. Lesbiari, die Lesbierin. Antiquitus +polluere dicebant. Erasmus 731. [Griechisch: choiros] enim cunnum +significat (quae combibones jam suos contaminet Aristophanes in Vespis) +Erasmus 731. Aiunt turpitudmem quae per cos agitur, fellationes opitur, aut +irrumationis primum iomnium faeminum fuisse profestam: et apud illas primum +omnium faeminarum tale quiddam passam esse. Das charakteristische Talent +der Lesbierinnen war am weiblichen Geschlechtsteil saugen, daher: mihi at +videre labda juxta Lesbios (Aristophanes [Griechisch: lasbalesbiour], +fellatrix). Die Fellatrix, die am Eichel saugt, war noch ein Beiwort der +Lesbierinnen, wo es üblich war, mit dieser Zeremonie zu beginnen. Erasmus +800. Fallatrium indicat . . . quae communis Lesbiis quod ei tribuitur genti +etc. NB. Es gab -- einige Jahre mag es her sein -- ein reizendes Mädchen in +Paris, das ohne Zunge geboren war und mit erstaunlicher Geschicklichkeit +durch Zeichen sprach; sie hatte sich dieser Prostitutionsart gewidmet. Herr +Louis hat sie in dem Buche über Aglossoftomographie beschrieben.] + +So stammt von der Bevölkerung der Insel Euboea, die nur Kinder liebte und +sie in jeder Weise prostituierte, der Ausdruck chalcidieren[A]. Ebenso +schuf man den Ausdruck phicidissieren, um eine recht ekelhafte Laune zu +bezeichnen[B]. Man drückte die Gewohnheit, welche die Bewohner von Sylphos, +einer Insel der Cykladen, hatten, die natürlichen Freuden durch die des +Anus zu unterstützen, mittels des Wortes siphiniassieren aus[C]. + +[Fußnote A: [Griechisch: Kalchidizein], Chalcidissare. Erasmus: Gens +(Chalcidicenses) male audisse ob foedos puerum amores.] + +[Fußnote B: [Griechisch: Phichidizein], Phicidissare. Sich die Testikeln +von jungen Hunden lecken lassen (Sueton).] + +[Fußnote C: [Griechisch: Siphiniazein], Siphiniassare (Plein. I, IV, 12). +Erasmus 690. Pro eo quod et tannum admovere postico, sumptum esse a moribus +siphuiorum.] + +So fand man in den Jahrhunderten des Verderbnisses, wo man alles erprobte, +Worte, um alles auszumalen. Daher das cleitoriazein[A] oder die +Verschmelzung von zwei Clitoris, eine Handlung, die Hesychtus und Suida +sich die Mühe gemacht haben uns zu erklären, indem sie uns lehren, daß +diese Handlung wie das Laichen des Karpfens mit seinesgleichen vor sich +geht: eine ist in Bewegung, während die andere anhält und umgekehrt (darum +das Sprichwort non satis liques), daher der Ausdruck cunnilinguus, den +Seneca so ableitet. Die Phönizier unterschieden sich von den Lesbiern, +indem erstere sich die Lippen rot färbten, um den Eingang in das wahre +Heiligtum der Liebe vollkommener nachzuahmen, während die Lesbier, die nur +Schminke in der Farbe der Spuren der Liebesopfer auflegten, weiße +hatten[B]. Und das ist nicht die ungewöhnlichste Weise, auf die man die +Lippen geschmückt hat, denn Sueton berichtet, daß der Sohn des Vitellius +sie mit Honig bestrichen habe, um zur Vermehrung seiner Lust die Eichel +seines Lieblings zu saugen, indem er so die zarte Haut, die diesen +Körperteil umgibt, schlüpfrig machte, sollte der Speichel des mit Honig +bestrichenen Handelnden den Liebeserguß anziehen. Das war ein bekanntes und +auf erschöpfte Männer wirkendes Aphrodisiaticum[C]. Aber Vitellius nahm +diese Zeremonie alle Tage öffentlich an denen vor, die sich dazu +hergaben[D], was nicht seltsamer ist, als die Trankopfer (semen et +menstruum), die laut Epiphanius gewisse Weiber, ehe sie sie +hinterschluckten, den Göttern darboten[E]. + +Ich endige diese merkwürdige Rekapitulation, um die Moralisten zu fragen, +ob die Alten sehr viel besser waren als wir, und die Gelehrten, welche +Dienste sie den Männern und den Gebildeten geleistet zu haben glauben, wenn +sie diese und so viele ähnliche Anekdoten in den Archiven des Altertums +ausgegraben haben? + +[Fußnote A: [Griechisch: Kleitoriazein]. Erasmus 619. De immondica +libidine. Unde natum proverbium, non satis liquet, libidinosa +contractatio.] + +[Fußnote B: Phoenicissantes labra rubicunda sibi reddebant; sie +Lesbiassantes alba labra semene. + +Martial Lib. I. Cunnum carinus linguis estamen pallet. Cattulus ad +Gellicum. -- Nescio quid certe est, an vere fama susurrat. + +Grandia te remedii tenta vorare viri. + +Sic certe est. Clamant virronis rupta miselli Lilia, demulso labra notata +sero.] + +[Fußnote C: Hier. Mercurial.] + +[Fußnote D: Quotidie ac palam. -- Arterias et fauces pro remedio fovebat.] + +[Fußnote E: Hier. Merc. liber IV, pg. 93. -- Scribit Epiphanius faeminas +semen et menstruum libare Deo et deinde potare solitas.] + + _Finis_. + +Das Erotika Biblion des Grafen Mirabeau wurde ins Deutsche übertragen von +Paul Hansmann. Gedruckt wurde diese Ausgabe für den Hyperionverlag, Berlin, +von der Buchdruckerei Imberg & Lefson G. m. b. H., Berlin, in zwölfhundert +numerierten Exemplaren: die Exemplare 1 bis 100 wurden auf echtes Bütten, +die Exemplare 101 bis 1200 auf feinstes Velinpapier abgezogen. Das +Titelblatt zeichnete Erich Hoffmeister, den Einband Emil Preetorius. Dies +ist Exemplar + + No. 928 + + + + +Anmerkungen zur Transkription + + +Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert. + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Erotika Biblion, by +Honoré Gabriel Riquetti Mirabeau + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 43438 *** |
