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+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 43438 ***
+
+ EROTIKA
+ BIBLION
+
+
+ von
+ Honoré Gabriel
+ Riquetti
+ Graf von Mirabeau
+
+
+ HYPERIONVERLAG
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+
+
+
+Anagogie
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+
+Bekanntlich[A] haben unter den zahllosen Ausgrabungen der Altertümer von
+Herkulanum die Handschriften die Geduld und den Scharfsinn der Künstler und
+Gelehrten erschöpft. Die Schwierigkeit besteht in dem Aufrollen der seit
+zweitausend Jahren durch die Lava des Vesuvs halbvernichteten Schriften.
+Sowie man sie berührt, zerfällt alles in Staub.
+
+Indessen haben ungarische Mineralogen, die geduldiger und gewandter als die
+Italiener sind, Vorteile aus den Erzeugnissen, die der Mutterschoß der Erde
+darbietet, zu ziehen, der Königin von Neapel ihre Dienste angeboten. Die
+Fürstin, eine Freundin aller Künste, die den Wetteifer geschickt anzufeuern
+versteht, hat die Künstler liebenswürdig aufgenommen: sie aber stürzten
+sich auf diese unsäglich schwierige Arbeit.
+
+Zuerst kleben sie eine dünne Leinwand über eine dieser Rollen; wenn das
+Leinen trocken ist, hängt man es auf und legt gleichzeitig die Rolle auf
+einen beweglichen Rahmen, um ihn unmerklich zu senken, je nachdem die
+Abwicklung vor sich geht. Um sie zu erleichtern, streicht man mit einem
+Federbart einen Faden Gummiwassers auf die Rolle, und allmählich lösen sich
+Teile davon ab, um sich unverzüglich auf die ausgespannte Leinewand zu
+leimen.
+
+[Fußnote A: Der Titel dieses Buchs wird nicht allen Lesern verständlich
+sein und manche werden keinen Zusammenhang zwischen ihm und dem Stoff
+finden. Nichtsdestoweniger würde ein anderer nicht zu ihm passen; und wenn
+wir ihn griechisch gelassen haben, wird man den Grund dazu leicht
+verstehen.]
+
+Diese mühselige Arbeit nimmt soviel Zeit in Anspruch, daß man im Laufe
+eines Jahres kaum einige Blätter abrollen kann. Die Unannehmlichkeit, nur
+allzu oft Handschriften zu finden, die nichts enthalten, hätte auf dieses
+schwierige und mühselige Unternehmen verzichten lassen, wenn so viele
+Anstrengungen nicht schließlich durch die Entdeckung eines Werkes belohnt
+worden wären, das bald den Scharfsinn von einhundertfünfzig Akademien
+Italiens herausgefordert hat[A].
+
+[Fußnote A: Deren Namen zum mindesten seltsam sind. Akademien in Bologna:
+Abbandonati, Ansiosi, Ociosi, Arcadi, Confusi, Difettuosi, Dubbiosi,
+Impatienti, Inabili, Indifferenti, Indomiti, Inquieti, Istabili, Della
+Notte, Piacere, Sienti, Sonnolenti, Torbidi, Verpentini.
+
+In Genua: Accordati, Sopiti, Resvegliati.
+
+In Gubio: Addormentati.
+
+In Venedig: Acuti, Allettati, Discordanti, Disgiunti, Disingannati,
+Dodonci, Filadelfici, Incruscabili, Instancabili.
+
+In Rimini: Adagiati, Entrupelli.
+
+In Pavia: Affidati, Della Chevia.
+
+In Fermo: Raffrontati.
+
+In Molisa: Agiati.
+
+In Florenz: Alterati, Humidi, Furfurati, Della Crusca, Del Cimento,
+Infocati.
+
+In Cremona: Animosi.
+
+In Neapel: Arditi, Infernati, Intronati, Lunatici, Secreti, Sirenes,
+Sicuri, Volanti.
+
+In Ancona: Argonauti, Caliginosi.
+
+In Urbino: Assorditi.
+
+In Perugia: Atomi, Eccentrici, Insentati, Insipidi, Unisoni.
+
+In Tarent: Audaci.
+
+In Macerata: Catenati, Imperfetti, Chimerici.
+
+In Siena: Cortesi, Giovali, Prapussati.
+
+In Rom: Delfici, Humoristi, Lincai, Fantastici, Negletti, Illuminati,
+Incitati, Indispositi, Infecondi, Melancholici, Notti, Vaticane, Notturi,
+Ombrosi, Pellegrini, Sterili, Vigilanti.
+
+In Padua: Delii, Immaturi, Orditi.
+
+In Drepano: Difficilli.
+
+In Brescia: Dispersi, Erranti.
+
+In Modena: Dissonanti.
+
+In Syrakus: Ebrii.
+
+In Mailand: Cliconii, Faticosi, Fenici, Incerti, Miscosti.
+
+In Recannati: Disuguali.
+
+In Candia: Extravaganti.
+
+In Pezzaro: Eterocliti.
+
+In Commachio: Flattuanti.
+
+In Arezzo: Forzati.
+
+In Turin: Fulminales.
+
+In Reggio: Fumosi, Muti.
+
+In Cortone: Incogniti.
+
+In Rossano: Incuriosi.
+
+In Brada: Innominati, Tigri.
+
+In Acis: Intricati.
+
+In Mantua: Invaghiti.
+
+In Agrigent: Mutabili, Offuscati.
+
+In Verona: Olympici, Unanii.
+
+In Viterbo: Ostinati, Vagabondi.
+
+Wenn irgendein Leser begierig ist, diese Namenreihe zu vermehren, braucht
+er nur ein Werk von Jarckins nachzuschlagen, das 1725 in Leipzig gedruckt
+worden ist. Der Verfasser hat nur die Geschichte der Akademien von Piemont,
+Ferrara und Mailand geschrieben. Er zählt ihrer fünfundzwanzig allein in
+letzter Stadt auf. Die Liste der anderen ist endlos, und ihre Namen sind
+die einen noch seltsamer als die anderen.]
+
+Es handelte sich um eine mozarabische Handschrift, die geschrieben ist in
+den fernen Zeiten, wo Philippus von der Seite des Eunuchen von Candacia
+fort geraubt wurde[A]; wo Habacuc, an den Haaren[B] emporgetragen, Daniel
+das Mittagbrot fünfhundert Meilen weit trug, ohne daß es kalt wurde, wo die
+beschnittenen Philister sich Vorhäute machten[C], wo Hintern von Gold
+Hämorrhoiden heilten[D] . . . . . Ein gewisser Jeremias Shackerley, ein
+Rechtgläubiger laut der Handschrift, nutzte die Gelegenheit für sich aus.
+
+Er war gereist, und von Vater auf Sohn war nichts in der Familie, einer der
+ältesten auf der Welt, verloren gegangen, da sie nicht unzuverlässige
+Überlieferungen aus dem Zeitabschnitt aufbewahrte, wo die Elefanten die
+kältesten Teile Rußlands bevölkerten, wo Spitzbergen wundervolle Orangen
+hervorbrachte, wo England nicht von Frankreich getrennt war, wo Spanien
+noch am Festland von Kanada hing durch das große, Atlantis geheißene Land,
+dessen Namen man kaum bei den Alten wiederfindet, das uns aber der
+scharfsinnige Herr Bailly so gut zu schildern weiß.
+
+Shackerley wollte auf einen der entferntesten Planeten, die unser System
+bilden, gebracht werden[E], doch setzte man ihn nicht auf dem Planeten
+selber nieder, sondern lud ihn auf dem Ring des Saturn ab. Dieser ungeheure
+Himmelskörper war noch nicht in Ruhe. Auf seinen niedrig gelegenen Teilen
+gabs tiefe und stürmische Meere, reißende Sturzbäche, strudelnde Gewässer,
+beinahe immerwährende Erdbeben, die durch das Einsinken von Höhlen und
+häufige Vulkanausbrüche hervorgerufen wurden, wirbelnde Dampf- und
+Rauchsäulen, Stürme, die unaufhörlich durch die Erschütterungen der Erde
+und ihren wütenden Anprall gegen die Gewässer der Meere erregt wurden,
+Überschwemmungen, Austreten der Flüsse, Sintfluten Lava-, Erdpech-,
+Schwefelströme, die die Gebirge verheerten und sich in die Ebenen stürzten,
+wo sie die Gewässer vergifteten; das Licht aber war durch Wasserwolken,
+durch Aschenmassen, durch glühende Steine, die die Vulkane auswarfen,
+verdunkelt . . . . Also sah es auf diesem noch ungestalten Planeten aus.
+Einzig der Ring war bewohnbar. Sehr viel dünner und mehr abgekühlt erfreute
+er sich bereits seit langem der Vorteile der vollkommenen, empfänglichen,
+weisen Natur; aber man erblickte von dort aus die furchtbaren Vorgänge,
+deren Theater der Saturn war.
+
+[Fußnote A: Aet., Kap. 8, 39. Spiritus Domini rapuit Philippum et amplius
+non vidit eunuchus.]
+
+[Fußnote B: Daniel, Kap. 14, 32. Erat autem Habacuc prophaeta in Judaea,
+et ipse coxerat pulmentum . . . Et ibat in campum ut ferret messoribus.
+
+33. Dixit que angelus Domini ad Habacuc: fer prandium quod habes in
+Babylonem Danieli.
+
+35. Et apprehendit eum angelus Domini in vertice eius, et portavit eum
+capillo capitis sui, posuitque eum in Babylone.
+
+Isaac, Baron de Sacy, hat capillo mit: die Haare übersetzt. Luther
+schreibt: oben beym Schopf; was derselbe Fehler ist. Denn Habacuc an einem
+Haar dahingetragen zu haben, ist ein größeres Wunder als an den Haaren; auf
+alle Fälle aber ging die Fahrt schnell von statten.]
+
+[Fußnote C: Maccab. 1. 16. I v. I c.
+
+Et fecerunt sibi praeputia. Was Isaac, Baron de Sacy, mit: Sie nahmen von
+sich die Zeichen der Beschneidung übersetzt. Die Septuaginta sagt ganz
+einfach: sie machten sich Vorhäute. Die Kirchenväter haben ebenso
+übersetzt. Doch als die Jansenisten auf der Bildfläche erschienen,
+behaupteten sie, daß man die Vorhäute jungen Mädchen nicht in den Mund
+legen könnte, wenn man sie die Bibel aufsagen läßt. Im Gegenteil dazu
+erklärten die Jesuiten, auch nur ein einziges Wort in der Bibel zu
+verändern, sei ein Verbrechen.
+
+Der Baron de Sacy hat also umschrieben, und der Pater Berrhuyer hat Sacy
+der Ketzerei geziehen und behauptet, er habe Luthers Bibel benutzt.
+Tatsächlich bedient sich Luther in seiner Bibel des Wortes Beschneidung.
+
+ Und hielten die Beschneidung nicht mehr.
+ 1 2 3 4 5 6
+ Et ont gardé la coupure point davantage.
+ 1 2 3 4 5 6
+
+Luther hat wahrlich schlecht übertragen. Das Wunder, wie man es auch
+übersetzt, bestand darin, daß man sich eine Vorhaut machte. Nun war die
+Sache im Texte der Septuaginta wirklich wunderbar und ist es durchaus nicht
+in der Übersetzung der Jansenisten.]
+
+[Fußnote D: Buch der Könige, lib. VII, Kap. 6, Vers 17. Hi sunt autem ani
+aurei quos reddiderunt pro dilecto domino.]
+
+[Fußnote E: Ich zweifle nicht, daß irgendeine halbgelehrte oder
+starrsinnige Kritik in der Folge dieses Berichts Shackerley für viel
+erfahrener in der Astronomie halten wird, als es sich mit der genauen
+Schilderung eines von Herkulanum zeitgenössischen Werkes verträgt. Doch
+bitte ich zu bedenken, daß erstens die mystische Auslegung der heiligen
+Schrift eine von Jeremias Shackerley gemachte Enthüllung ist, ganz wie
+. . . ach! ja: ganz wie Sankt Johannes die Apokalypse auf der Insel Pathmos
+geschrieben hat, daß zweitens kein Mensch in Herkulanum aus dieser
+Handschrift hat klug werden können, die wohl vor Jesu Christi Geburt
+geschrieben worden ist, wie wir auch ganz ratlos der Apokalypse
+gegenüberstehen, die die Zahl 666 . . . . . auf der Stirn hat, eine Zierde,
+die selbst für einen französischen Ehemann einzig sein würde, was durchaus
+nicht die Echtheit unseres gelehrten Manuskripts in Frage stellt. Und daß
+man drittens nur die unbestreitbare Geschichte der vorsintflutlichen
+Astronomie des Herrn Bailly nachzulesen braucht, um sich davon zu
+überzeugen, daß Shackerley alles wissen konnte, was er gewußt zu haben
+schien . . . Endlich erkläre ich aus sechsunddreißigtausend Gründen, die
+anzuführen allzu weitschweifig sein würde, daß, wer an Jeremias Shackerley
+zweifelt, als Ketzer verbrannt werden müßte.]
+
+Form und Bildung dieses Ringes erschienen Shackerley so ungewöhnlich, wie
+ihm nichts auf dem Erdboden gleich seltsam erschienen war. Erstens machte
+unsere Sonne, die auch für die Bewohner dieses Landes die Sonne ist, für
+sie kaum den dreißigsten Teil von dem aus, den sie für uns darstellt. Für
+ihre Augen erzeugte sie die Wirkung, die bei uns der Morgenstern
+hervorbringt, wenn er im höchsten Glanze steht. Merkur, Venus, Erde und
+Mars können von dort aus nicht unterschieden werden, doch vermutet man ihr
+Vorhandensein. Einzig der Jupiter zeigt sich dort, und zwar etwas näher,
+als wir ihn sehen, mit dem Unterschiede, daß er Wandlungen durchmacht, wie
+sie die Mondscheibe uns zeigt. Er war ebenfalls einer seiner Trabanten, und
+aus diesem Zusammentreffen gleichmäßiger Veränderungen ergaben sich
+seltsame und nützliche Erscheinungen. Seltsame: indem man den Jupiter im
+Wachsen und seine vier kleinen Monde bald im Wachsen, bald im Abnehmen,
+oder die einen zur Rechten und die anderen sich mit dem Planeten selber
+vermischen sah. Nützliche, indem Jupiter manchmal die Sonne mit seinem
+ganzen Gefolge passierte, was eine Menge von Berührungspunkten,
+nacheinander folgende Eintauchungen und Austritte mit sich brachte, die für
+die ganz regelmäßigen Beobachtungen nichts zu wünschen übrig ließen.
+
+Ebenso war die Deduktion der Parallaxen aufs genaueste berechnet worden,
+dergestalt, daß trotz der Entfernung des Ringes oder des Saturns oder der
+Sonne, welche nach dem gelehrten Jeremias Shackerley nicht viel weniger als
+dreihundertdrei Millionen Meilen beträgt, man seit unzähligen Jahrhunderten
+dort mehr Fortschritte auf dem Gebiete der Astronomie als auf der Erde
+gemacht hatte.
+
+Die Sonne wirkte schwach; doch das Fehlen ihrer Wärme wurde durch die des
+Saturnballes ausgeglichen, der sich noch nicht abgekühlt hatte. Der Ring
+empfing von seinem Hauptplaneten mehr Licht und Wärme, als wir hier unten
+erhalten, denn schließlich hatte der Ring ja in sich selbst, in seinem
+Zentrum, den Saturnglobus, der neunhundertmal größer als die Erde ist, und
+war fünfundfünfzigtausend Meilen von ihm entfernt, was dreiviertel der
+Entfernung des Mondes von der Erde ausmacht.
+
+Um den Ring herum, in großen Zwischenräumen, sah man fünf Monde, die
+manchmal alle auf derselben Seite aufgingen. Nach Shackerleys Behauptung
+ist es unmöglich, sich einen hinreichenden Begriff von diesem glänzenden
+Schauspiele zu machen.
+
+Der so gut gelegene Ring bildete gleich einer Hängebrücke einen
+kreisförmigen Bogen, man konnte ihn auf seinem ganzen Umfange bereisen,
+ebenso vermochte man von Ferne um den Saturnball zu reisen, dergestalt
+aber, daß der Reisende diesen Ball stets auf der gleichen Seite behielt.
+
+Die Breite des Ringes beträgt nicht weniger als den Durchmesser unseres
+Erdballs, ist aber gleichzeitig so dünn, daß dieser Durchmesser für den,
+der ihn von der Erde aus wahrnehmen will, unsichtbar ist. Darum gleicht er
+einer Messerklinge, deren dünne Schneide man von weitem aus betrachtet.
+Shackerley kannte die Erscheinungen, die man hier unten feststellen kann,
+sehr genau, erwartete aber, sich wenigstens rittlings auf der Schneide
+dieses Ringes fortbewegen zu können. Wie überrascht war er jedoch, als er
+sah, daß dieser so geringe Durchmesser, der unserem Auge entgeht, eine
+ebenso große Entfernung wie die von Paris nach Straßburg ausmachte, denn
+dieses Beispiel wird schneller und genauer den Begriff der Ausdehnung geben
+als die Wegmessungen, die Shackerley vornahm, für die es einige
+tausendseitiger Erklärungen bedürfte, bis man sie unbestreitbar abgeschätzt
+hätte. Folglich könnte es auf dem unteren konkaven Rande kleine Königreiche
+geben, welche die Politiken unseres Erdballes, wenn er ihnen zur Verfügung
+stünde, herrlich in ein blutiges und durch zahllose ruhmreiche Ränke
+denkwürdiges Theater verwandeln könnten. Die Bewohner dieses Teiles, die
+man die Antipoden des äußeren Ringrückens nennen kann, die Bewohner des
+Inneren, sage ich, hatten den ungeheuren Saturnball zu ihren Häupten
+aufgehängt; der Ring aber bewegte sich wieder über diesen Ball hinweg und
+über den Ring hin strebten die fünf Monde.
+
+Kurz, die Bewohner des Inneren sahen ihre rechte und linke Seite, wie wir
+die unsrigen auf der Erde sehen; der Horizont aber von vorn, ebenso wie der
+von hinten, waren sehr verschieden von denen, die wir hier unten erblicken.
+Auf zehn Meilen verlieren wir auf Grund der Biegung unseres Erdballes ein
+Schiff aus den Augen; auf dem Saturnring aber geht diese Biegung in
+entgegengesetzter Weise vor sich, sie erhebt sich, statt sich zu senken; da
+aber der Ring den Saturn in einer Entfernung von fünfzigtausend Meilen
+umgibt, folgt daraus, daß dieser Ring in der Form eines Wulstes einen
+Umkreis von mindestens fünfhunderttausend Meilen hat. Seine Biegung erhebt
+sich also unmerkbar. Der Horizont, der sich auf unserer Erde senkt,
+erscheint dort auf einige Meilen Entfernung dem Auge eben, dann erhebt er
+sich ein weniges, die Gegenstände verkleinern sich; anfangs noch
+erkenntlich, verwischen sie sich schließlich: man erblickt nur noch die
+Massen; kurz, diese Erde erhebt sich in der Entfernung zu ungeheuren
+Weiten, indem sie kleiner wird. So sehr, daß dieser Ring, der durch die
+Täuschungen der Optik in der Luft endigt, für das Auge den Umfang unseres
+Mondes erhält und kaum in dem Teile gewahr wird, der sich über dem Haupte
+des Beobachters befindet, denn er macht für ihn mehr als die doppelte
+Entfernung des Mondes von der Erde aus, das heißt, fast zweihunderttausend
+Meilen.
+
+Ich will nicht von den vermehrten Phänomenen reden, die alle diese an ihren
+beiderseitigen Eklipsen aufgehängten Körper hervorrufen; Shackerley kannte
+sie schon auf der Erde und hatte sie recht beurteilt.
+
+Ihr Himmel war wie unserer, in allen Sternbildern gab es keine
+Verschiedenheit, aber eine Unzahl Kometen erfüllte den ungeheuren und
+unschätzbaren Zwischenraum, der zwischen Saturn und den Sternen bestand,
+von denen man die nächsten ahnte.
+
+Da die Anziehungskraft des Saturnglobus teilweise die des Ringes im
+Gleichgewicht hielt, war die Schwerkraft dort sehr vermindert; man
+marschierte ohne Anstrengung, und die geringste Bewegung schaffte die Masse
+fort. Wie eine Person, die badet, nur das gleiche Volumen des Wassers, das
+sie einnimmt, verdrängen kann, bewegt man sich dort durch unfühlbaren
+Antrieb.
+
+Ebenso brauchten die Körper, um sich zu vereinigen, sich nur zu streifen.
+Sie näherten sich ohne Druck, alles war beinahe luftig. Die zartesten
+Empfindungen dauerten fort, ohne die Organe abzustumpfen. Man kann sich
+denken, daß diese Art zu sein, großen Einfluß auf die moralische Kraft der
+Bewohner dieses planetarischen Bogens hatte. So war denn eines der Wunder,
+das Shackerley am meisten überraschte, die Vervollkommnungsfähigkeit der
+Lebewesen, die den seltsamen Ring bewohnten. Sie erfreuten sich sehr vieler
+Sinne, die uns unbekannt sind; die Natur hatte zu große Vorteile in das
+System all dieser großen Körper gelegt, als daß sie sich bei der
+Zusammensetzung derer, die sie bestimmt hatte, sich all dieser Schauspiele
+zu erfreuen, mit fünf Sinnen hätte zufrieden geben können.
+
+Hier steigert sich Shackerleys Verwirrung ins Ungeheure. Er besaß
+Kenntnisse genug, um die großen Wirkungen dieser verschiedenen und
+schwebenden Körper zu verstehen und zu schildern. Er scheiterte aber, als
+er die Lebewesen beschreiben wollte. So findet man denn in dem
+mozarabischen Manuskript nicht all die Klarheit, all die Einzelheiten, wie
+man sie sich in dieser Beziehung gewünscht hätte. Wenigstens haben die
+Abbandonati in Bologna, die Resvegliati in Genua, die Addormentati in
+Gubio, die Disingannati in Venedig, die Adagiati in Rimini, die Furfurati
+in Florenz, die Lunatici in Neapel, die Caliginosi in Ancona, die Insipidi
+in Perugia, die Melancholici in Rom, die Extravaganti in Candia, die Ebrii
+in Syracus und alle, die man um Rat befragt hat, darauf verzichtet, die
+Übersetzung klarer wiederzugeben. Wahrlich, die bürgerliche und religiöse
+Untersuchung wird sich vielleicht in etwas in solche Schwierigkeit
+hineinversetzen können.
+
+Indessen muß man gerecht sein, nichts ist schwieriger zu erklären, als ein
+Sinn, der uns fremd ist. Man hat Beispiele Blindgeborener, die mit Hilfe
+der Sinne, die ihnen blieben, Wunder in ihrer Blindheit verrichtet haben.
+Nun gut! Einer von ihnen, ein Chemiker und Musiker, der seinen Sohn Lesen
+lehrt, kann keine andere Erklärung für einen Spiegel wie folgende geben:
+»er ist ein Gegenstand, durch den die Dinge außerhalb ihrer selbst erhaben
+hervortreten können.« Seht, wie abgeschmackt dennoch diese Definition ist,
+die die Philosophen, die sie ergründet haben, sehr scharf und gar
+erstaunlich fanden[A]. Ich kenne kein Beispiel, das geeigneter wäre, die
+Unmöglichkeit zu zeigen, Sinne, mit denen man nicht versehen ist,
+auszudrücken; indessen stammen alle Gefühle und moralischen Eigenschaften
+von den Sinnen ab, folglich könnte man sich bei dem, was es über die Moral
+der Wesen einer von unserer so verschiedenen Art zu sagen gäbe, nur auf
+Beobachtungen stützen, die sich auf sie beziehen.
+
+[Fußnote A: Tatsächlich, welcher Gedankenfeinheit hat es nicht bedurft,
+wie der berühmte Herr d'Alembert nach dem geistvollen und manchmal
+erhabenen Diderot bemerkt, um dahin zu gelangen? Der Blinde lernt alles nur
+durch den Tastsinn kennen; er weiß, daß man sein Gesicht nicht sehen kann,
+obwohl man es zu berühren vermag. »Die Sehkraft,« folgert er, »ist also
+eine Art Tastsinn, der sich nur auf die Gegenstände erstreckt, die
+verschieden vom Gesicht und von uns entfernt sind.« Der Tastsinn gibt ihm
+überdies noch den Begriff des Hervortretens. Daher ist der Spiegel ein
+Werkzeug, welches uns außerhalb von uns selbst erhaben hervortreten läßt.
+Das Wort erhaben ist kein Pleonasmus. Wenn der Blinde sagte, »außerhalb von
+uns selbst hervortreten läßt«, würde er eine Abgeschmacktheit noch dazu
+sagen, denn wie einen Gegenstand begreifen, welcher die Dinge verdoppeln
+kann? Das Wort erhaben paßt nur auf die Oberfläche; also heißt für uns
+»außerhalb von uns selbst erhaben hervortreten lassen«, die Darstellung
+unseres Körpers außerhalb von uns selbst bewerkstelligen. Diese Bezeichnung
+ist stets ein Rätsel für den Blinden, doch sieht man, daß er das Rätsel, so
+gut es ihm möglich war, zu vermindern gesucht hat.]
+
+Im übrigen steht zu hoffen, daß die Gewohnheit, die uns unsere Reisenden
+und Geschichtsschreiber aufgezwungen haben, sie das, was nur von Sitten,
+Gesetzen und Gebräuchen handelt, vernachlässigen und sogar gänzlich außer
+Acht lassen zu sehen, unsere Leser, Shackerley gegenüber, nachsichtig
+machen wird, der immerhin den Freipaß eines hohen Alters für sich hat, ohne
+welchen man vielleicht kein Wort von dem, was er gesagt, glauben würde. War
+er doch für seine Zeitgenossen -- und in vieler Hinsicht ist er es auch für
+uns -- in der Lage eines Mannes, der nur einen oder zwei Tage lang gesehen
+hat und sich in einem Volk von Blinden aufhält; er müßte gewißlich
+schweigen oder man möchte ihn für einen Narren halten, da er eine Menge
+geheimnisvolle Dinge verkünden würde, die es in Wahrheit nur für das Volk
+wären; aber so viele Menschen sind »Volk« und so wenige Philosophen, daß
+man durchaus nicht sicher geht, nur für die zu handeln, zu denken und zu
+schreiben.
+
+Shackerley hat indessen einige Beobachtungen gemacht, deren ungewöhnlichste
+hier folgen sollen:
+
+Er bemerkte, daß das Gedächtnis bei den Lebewesen des Saturns sich niemals
+trübte. Die Gedanken teilten sich bei ihnen ohne Worte und ohne Zeichen
+mit. Keine Sprache gabs, infolgedessen nichts Geschriebenes, nichts
+Ausgesagtes; wie viele Tore waren den Lügen und den Irrtümern verschlossen!
+Die verschwenderischen, unzähligen Kleinigkeiten, die uns entnerven, waren
+ihnen unbekannt. Sie hatten alle nur denkbare Bequemlichkeit, um ihre
+Gedanken zu übertragen, um ihrer Ausführung eine erstaunliche Schnelligkeit
+zu geben, um alle Fortschritte ihrer Kenntnisse zu beschleunigen; es
+schien, daß bei dieser bevorzugten Art sich alles durch Instinkt und mit
+der Schnelligkeit des Blitzes vollzog.
+
+Da das Gedächtnis alles behielt, lebte die Überlieferung mit unendlich viel
+größerer Treue, Genauigkeit und Bestimmtheit fort als bei den verwickelten
+und unendlichen Mitteln, die wir anhäufen, ohne irgendeine Art von
+Sicherheit erreichen zu können. Jeder Körper hat seine Ausströmungen; die
+der Erde sind ganz nutzlos. Auf dem Ringe bilden sie eine stets auf
+beträchtliche Entfernungen hin wirksame Atmosphäre; und diese Emanationen,
+von denen Shackerley nur einen Begriff geben konnte, indem er sie mit den
+Atomen verglich, die man mit Hilfe von Sonnenstrahlen, die in ein dunkles
+Zimmer eingeführt werden, unterscheidet, diese Emanationen, sage ich,
+antworteten auf all die Nervenbüschel des Gefühls des Individuums. Ähnlich
+den Staubfäden der Pflanzen, den chemischen Verwandtschaften strömten sie
+in die Emanationen eines anderen Individuums über, wenn die Sympathie sich
+da begegnete; was, wie man sich leichtlich denken kann, die Sensationen,
+von denen wir uns nur ein sehr ungenaues Bild machen können, ins Unendliche
+vervielfältigte. Zum Beispiel geben sie die Wonnen zweier Liebenden wieder,
+ähnlich denen des Alphaeus, der, um sich der Arethusa zu erfreuen, welche
+Diana eben in einen Quell verwandelt hatte, sich in einen Fluß verzauberte,
+um sich noch inniger mit seiner Geliebten zu vereinigen, indem er seine
+Wogen mit ihren vermischte.
+
+Diese lebhafte und fast unendliche Kohäsion so vieler fühlbarer Moleküle
+brachte notwendigerweise in diesen Wesen einen Lebensgeist hervor, den
+Shackerley durch ein mozarabisches Wort ausdrückt, das die Akademie der
+Innamorati mit dem Worte elektrisch übersetzt hat, obwohl die Phänomene der
+Elektrizität in diesen zurückliegenden Zeiten noch nicht bekannt waren.
+
+Alles war in diesen Gegenden ohne Pflege im Überfluß und derartig
+vorhanden, daß der Besitz dort ebenso nutzlos wie lästig geworden wäre. Man
+fühlt, daß, wo es keinen Besitz gibt, auch sehr wenige Ursachen zu
+Zwistigkeiten und Feindschaften vorliegen können, und daß die vollkommenste
+politische Gleichheit herrscht, vorausgesetzt, daß solche Wesen eines
+politischen Systems bedürfen. Ich weiß nicht, was ihre Ruhe trüben könnte,
+da ihre Bedürfnisse mehr im Vorbeugen als im Befriedigen liegen, wenn der
+Geschmack des Verlangens ihnen nicht abgeht und sie das Gift des
+Überdrusses nicht zu fürchten haben.
+
+Auf dem Saturnringe übertragen sich die Kenntnisse durch die Luft auf sehr
+beträchtliche Entfernungen hin, auf demselben Wege, auf dem sich das
+Sonnenlicht fortpflanzt, das bekanntlich in sieben Minuten zu uns kommt.
+Eine Einatmung, oder anders ein gemäßigter Hauch genügt, um einen Gedanken
+mitzuteilen. Davon geht der bewunderungswürdige Wettstreit unter den
+unendlichen Völkern aus, die dieses Verständnisses und dieser auf dem
+ganzen Ringe allgemein verbreiteten Harmonie zufolge sich nur mit ihrer
+gemeinsamen Glückseligkeit beschäftigen, die niemals im Widerspruch mit der
+eines einzelnen Individuums gestanden hat.
+
+Diese, besonders für die Menschheit so seltsamen Wesen erfreuten sich also
+eines ewigen Friedens und eines unwandelbaren Wohlbefindens. Die
+Geschicklichkeiten, die auf das Glück und die Erhaltung der Art abzielten,
+waren so vervollkommnet, wie man sie sich nur denken und sich selber
+wünschen kann, und man hatte dort nicht den geringsten Begriff von den
+verheerenden, durch den Krieg erzeugten Kunstgriffen. So hatten die
+Ringbewohner nicht die Wechsel von Vernunft und Wahnsinn durchzumachen, die
+unsere Gemeinschaften so verschwenderisch mit Gut und Böse vermischt haben.
+Die großen Talente in der furchtbaren Wissenschaft, diese hervorzubringen,
+waren, weit entfernt davon, bei ihnen bewundert zu werden, dort nicht
+einmal bekannt. Die unfruchtbaren oder künstlichen Vergnügungen herrschten
+dort ebensowenig wie der falsche Ehrbegriff, und ihr Instinkt hatte die
+glückseligen Wesen mühelos gelehrt, was die traurige Erfahrung so vieler
+Jahrhunderte uns noch vergeblich anzeigt, ich will sagen, daß der wahre
+Ruhm eines intelligenten Wesens Kenntnisse sind und der Friede sein wahres
+Glück ist.
+
+Das ist alles, was eine rasche Lektüre von Shackerleys Reise mir zu
+behalten erlaubte, den Habacuc am Ende seiner Fahrt bei den Haaren ergriff
+und in Arabien niedersetzte, wo er ihn aufgehoben hatte. Wenn das
+Auseinanderfalten und die Übersetzung dieses kostbaren Manuskripts
+vollendet sein wird, will ich dem weisen Europa eine nicht minder
+authentische Ausgabe als die des heiligen Buches der Brahmanen vorlegen,
+die Herr Auquetil ganz gewiß von den Ufern des Ganges hergebracht hat, denn
+ich schmeichle mir, die mozarabische Sprache beinahe ebenso gut zu können,
+wie er den Zent oder den Pelhvi versteht.
+
+
+
+
+Die Anelytroide
+
+
+Ohne Widerspruch ist die Bibel eines der ältesten und seltsamsten Bücher,
+das es auf Erden gibt.
+
+Die meisten Einwände, auf die sich Leute stützen, die nicht zu glauben
+vermögen, daß Moses ein göttlicher Ausleger gewesen ist, scheinen mir sehr
+unzureichend. Nichts ist zum Beispiel mehr ins Lächerliche gezogen worden
+als das Sinnliche der heiligen Bücher, das einen tatsächlich als sehr
+mangelhaft anmutet. Aber man zieht den Zustand dieser Wissenschaft in den
+ersten Menschenaltern gar nicht in Erwägung, für die das Buch ja
+schließlich verständlich sein mußte. Das Sinnliche war damals das, was es
+noch heute sein würde, wenn der Mensch niemals die Natur erforscht hätte.
+Er sah den Himmel für ein Azurgewölbe an, auf welchem Sonne und Mond die
+wichtigsten Gestirne zu sein schienen; erstere brachte stets das
+Tageslicht, letzterer das der Nacht hervor. Man sah sie erscheinen oder
+sich auf einer Seite erheben und auf der anderen verschwinden oder
+untergehen, nachdem sie ihren Lauf vollendet und ihr Licht einen bestimmten
+Zeitabschnitt über hatten leuchten lassen. Das Meer schien von derselben
+Farbe wie das Azurgewölbe, und man glaubte, daß es den Himmel berühre, wenn
+man es von weitem betrachtete. Alle diesbezüglichen Gedanken des Volkes
+halten oder können sich nur an diese drei oder vier Eindrücke halten; und
+wie fehlerhaft sie auch sein mögen, man muß sich nach ihnen richten, um
+sich zu seinem Standpunkt herabzulassen.
+
+Da das Meer sich in der Ferne mit dem Himmel zu vereinigen schien, mußte
+man sich natürlich einbilden, daß es obere und untere Gewässer gäbe, deren
+eine den Himmel anfüllten, die anderen das Meer. Und um die oberen Gewässer
+zu halten, gab es ein Firmament, will sagen, eine Stütze, eine starke und
+durchscheinende Wölbung, durch die man die azurnen oberen Gewässer
+erblickte.
+
+Hier ist nun, was der Text der Genesis sagt:
+
+»Es werde eine Feste zwischen den Wassern, und die sei ein Unterschied
+zwischen den Wassern. Da machte Gott die Feste, und schied das Wasser unter
+der Feste von dem Wasser über der Feste. Und Gott nannte die Feste Himmel
+. . . Und alle unter der Feste versammelten Wasser nannte er Meer.«
+
+Klar ist, daß man auf diese Ideen beziehen muß:
+
+1. die Katarakte des Himmels, die Türen und Fenster des festen Firmaments,
+die sich auftun, wenn die oberen Gewässer auf die Erde fallen sollen, um
+sie zu überschwemmen,
+
+2. den gemeinsamen Ursprung von Fischen und Vögeln, erstere durch die
+unteren Wasser hervorgebracht, die Vögel durch die oberen Gewässer, weil
+sie sich auf ihrem Fluge der Azurwölbung nähern, von welcher das Volk
+glaubt, daß sie nicht viel höher ist als die Wolken.
+
+Ebenso glaubt dies Volk, daß die Sterne, die wie Nägel in die Wölbung
+geheftet, viel kleiner als der Mond, unendlich viel kleiner als die Sonne
+seien. Es unterscheidet die Planeten von den Fixsternen nur durch den
+Namen: die umherschweifenden Sterne. Zweifelsohne werden aus diesem Grunde
+die Planeten in der ganzen Schöpfungsgeschichte nicht erwähnt. Alles dies
+ist in Rücksicht auf den gewöhnlichen Menschen dargestellt worden, bei dem
+es sich nicht darum handelt, ihm das wirkliche System der Natur zu
+erklären, sondern für den die Belehrung dessen hinreichte, was er dem
+höchsten Wesen schuldete, indem man ihm dessen Erzeugnisse als Wohltaten
+zeigte. All die erhabenen Wahrzeichen der Weltorganisation, wenn man so
+sagen kann, dürfen nur mit der Zeit sichtbar werden, und das oberste Wesen
+sparte sie sich vielleicht als das sicherste Mittel auf, den Menschen an
+sich zu gemahnen, wenn sein Glaube, von Jahrhundert zu Jahrhundert sich
+vermindernd, kraftlos, schwankend und fast zunichte geworden wäre; wenn er
+entfernt von seinem Ursprung, ihn schließlich vergessen würde, wenn er an
+das große Schauspiel des Weltalls gewöhnt, aufhören sollte, dadurch gerührt
+zu sein und wagen würde, den Schöpfer nicht kennen zu wollen. Die großen
+aufeinander folgenden Entdeckungen festigten und vergrößerten den Gedanken
+an dies unendliche Wesen in dem Menschengeiste. Jeder Schritt, den man in
+der Natur tut, erzeugt diese Wirkung, indem er einen dem Schöpfer näher
+bringt. Eine neue Wahrheit wird ein großes Wunder, ein größeres Wunder zum
+höheren Ruhme des hohen Wesens als alle, die man uns aufführt, weil die,
+selbst wenn man sie gelten läßt, nur Glanzlichter sind, die Gott
+unmittelbar und selten aufsetzt. Statt wie bei den andern, bedient er sich
+des Menschen selbst, um die unbegreiflichen Wunder der Natur zu entdecken
+und kund zu tun, die in jedem Augenblick hervorgebracht, zu jeder Zeit und
+für alle Zeiten zu seiner Betrachtung aufgezählt, den Menschen
+unaufhörlich, nicht allein durch das gegenwärtige Schauspiel, sondern mehr
+noch durch die aufeinander folgenden Entwicklungen an seinen Schöpfer
+gemahnen müssen.
+
+Das ist's, was unsere unwissenden und dünkelhaften Theologen uns lehren
+müßten. Die große Kunst besteht darin, immer die Kunde von der Natur mit
+der der Theologie zu vermischen, nicht darin, heilige Dinge und Vernunft,
+Glaubenstreue und Philosophie unaufhörlich gegeneinander auszuspielen.
+
+Eine der Quellen des Mißkredits, in den die heiligen Bücher gerieten, sind
+die gewaltsamen Auslegungen, die unsere so hochfahrende, so abgeschmackte,
+mit unserem Elend so übereinstimmende Eigenliebe allen Stellen zu geben
+wußte, die wir uns nicht zu erklären vermögen. Von da sind die bildlichen
+Bedeutungen, die ungewöhnlichen und unschicklichen Gedanken, die
+abergläubischen Übungen, die seltsamen Gebräuche, die lächerlichen oder
+ungereimten Entscheidungen, ausgegangen, in denen wir untergehen. All die
+menschlichen Narrheiten stützen sich auf Stellen, die den Auslegern
+Widerstand entgegensetzen, die sich abplagen, hartnäckig sind und nichts
+wissen, wie wenn das höchste Wesen dem Menschen nicht die Wahrheiten zu
+geben vermocht hätte, die er nur in künftigen Jahrhunderten kennen lernen,
+wissen und ergründen sollte. In dem Augenblick, wo wir gelten lassen, daß
+die Bibel für den Weltkreis geschaffen worden ist, soll man erwägen, daß
+man heute sehr viel mehr Dinge tut, die man -- vierzig Jahrhunderte sind
+inzwischen verstrichen -- damals nicht kannte, und daß man in vierhundert
+weiteren Jahren Geschehnisse kennen wird, die wir nicht wissen. Warum also
+vorgreifend urteilen wollen! Kenntnisse erwirbt man stufenweise
+fortschreitend, und sie erschließen sich nur in unmerklichem Vorwärtsgehen,
+welches die Umwälzungen der Reiche und der Natur verzögern oder
+beschleunigen. Nun heischt das Verständnis der Bibel, die seit einer so
+großen Zahl von Jahrhunderten vorhanden ist -- gibt es doch wenige Dinge
+von einem ebenso hohen Alter anzuführen -- vielleicht noch eine lange
+Periode von Anstrengungen und Nachforschungen.
+
+Einer der Artikel der Genesis, die dem Menschenverstande ungewöhnlich
+zugesetzt hat, ist der Vers siebenundzwanzig des ersten Kapitels:
+
+»Und Gott schuf den Menschen ihm zum Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn;
+und schuf sie einen Mann und ein Weib.«
+
+Es ist sehr klar, und es ist sehr augenscheinlich, daß Gott Adam als
+Zwitter geschaffen hat; denn nach dem folgenden Verse sagt er zu Adam:
+
+»Seid fruchtbar und mehret euch, und füllet die Erde.«
+
+Dies wurde am sechsten Tage bewerkstelligt. Erst am siebenten Tage schuf
+Gott das Weib. Ungeheures tat Gott zwischen der Erschaffung des Mannes und
+der des Weibes. Er ließ Adam alles kennen lernen, was er geschaffen hatte:
+Tiere, Pflanzen usw. Alle Tiere erschienen vor Adam.
+
+»Adam[A] bemerkte sie alle; und der Name, den Adam jedem der Tiere gegeben
+hat, ist sein wirklicher Name.«
+
+»Adam[B] gab also einem jeglichen Vieh und Vogel unter dem Himmel und Tier
+auf dem Felde seinen Namen usw.«
+
+Bis dahin ist das Weib noch nicht erschienen; es ist unerschaffen. Adam ist
+immer Zwitter. Er hat allein fruchtbar sein und sich vermehren können.
+
+Und um die Zeit zu verstehen, während welcher Adam die beiden Geschlechter
+in sich hat vereinigen können, genügt es, darüber nachzudenken, was diese
+Tage, von denen die Schrift spricht, sein können, diese sechs Tage der
+Schöpfung, dieser _siebente_ Tag der Ruhe usw.
+
+[Fußnote A: Kapitel II, Vers 19.]
+
+[Fußnote B: Kapitel II, Vers 20.]
+
+Es kann wirklich nur niederschmetternd wirken, daß beinahe alle unsere
+Theologen, alle unsere Mucker den großen, den heiligen Namen Gottes
+mißbrauchen; jedesmal ist man verletzt, daß der Mensch ihn herabwürdigt,
+daß er die Idee des ersten Wesens schändet, indem er ihr die des
+Hirngespinsts seiner Meinungen unterschiebt. Je tiefer man in den Busen der
+Natur eindringt, desto höher ehrt man ihren Schöpfer.
+
+Eine blinde Ehrfurcht aber ist Aberglaube; einzig eine aufgeklärte
+Ehrfurcht gebührt der wahren Religion. Um in lauterer Weise die ersten
+Taten zu verstehen, die uns der göttliche Interpret hat zuteil werden
+lassen, muß man, wie es der beredte Buffon tut, mit Sorgfalt die Strahlen
+auffangen, die von dem himmlischen Lichte ausgegangen sind. Anstatt die
+Wahrheit zu verdunkeln, kann ihr das nur einen neuen Grad von Glanz
+hinzufügen.
+
+Worauf kann man, wenn man dies voraussetzt, aus den sechs Tagen, die Moses
+so genau bezeichnet, indem er sie einen nach dem anderen zählt, schließen,
+wenn nicht auf sechs Zeitspannen, sechs dauernde Zwischenräume? Diese
+mangels anderer Ausdrücke durch den Namen Tag angezeigten Zeitspannen
+können nicht mit unseren wirklichen Tagen in Verbindung gebracht werden, da
+drei dieser Tage nacheinander verstrichen sind, bevor die Sonne erschaffen
+worden ist. Diese Tage waren demnach unseren nicht ähnlich, und Moses zeigt
+das klar an, indem er sie von Abend bis Morgen rechnet, während man die
+Sonnentage von Morgen bis Abend rechnet und rechnen muß. Diese sechs Tage
+waren also weder den unsrigen ähnlich, noch untereinander gleich, sie waren
+der Arbeit angemessen. Es waren demnach nur sechs Zeitspannen. Wenn also
+Adam den sechsten Tag als Zwitter erschaffen und das Weib erst am Ende des
+siebenten hervorgebracht worden ist, so hat Adam all die Zeit über, die es
+Gott gefallen hat, zwischen diese beiden Zeitpunkte zu legen, in sich
+selber und durch sich selber erzeugen können.
+
+Dieser Zustand der Androgeneität ist weder den Philosophen des Heidentums
+und seinen Mythologien, noch den Rabbinern unbekannt gewesen. Die einen
+haben behauptet, Adam sei auf der einen Seite als Mann, auf der anderen als
+Weib erschaffen worden, aus zwei Körpern zusammengesetzt, die Gott nur zu
+trennen hatte. Die anderen, wie Plato, haben ihm eine runde Figur von
+ungewöhnlicher Kraft gegeben; so wollte denn auch das Geschlecht, das von
+ihm ausging, den Göttern den Krieg erklären. -- Jupiter in seinem Zorn
+wollte es vernichten. -- Gab sich aber damit zufrieden, den Menschen zu
+schwächen, indem er ihn spaltete, und Apollo dehnte die Haut aus, die er am
+Nabel zusammenband. Davon geht die Neigung aus, die ein Geschlecht nach dem
+anderen hinzieht, dank dem sehnsüchtigen Wunsche sich zu vereinigen, den
+beide Hälften verspüren, und die menschliche Unbeständigkeit infolge der
+Schwierigkeit, die jede Hälfte empfindet, seinem ihm entsprechenden Teile
+zu begegnen. Erscheint uns ein Weib liebenswürdig, so halten wir es für die
+Hälfte, mit der wir erst ein Ganzes ausmachen. Der Herr sagt uns: die da,
+die ist's; bei der Prüfung aber, wehe, ist sie's zu oft nicht.
+
+Zweifelsohne behaupten auf Grund einiger dieser Ideen die Basilitier und
+die Carpocratier, daß wir in dem Zustande der unschuldigen Natur so wie
+Adam im Augenblicke der Schöpfung geboren werden und infolgedessen seine
+Blöße nachahmen müssen. Sie verabscheuen die Ehe, behaupten, die eheliche
+Vereinigung würde ohne die Sünde niemals auf Erden stattgefunden haben,
+halten den gemeinsamen Genuß des Weibes für ein Vorrecht ihrer
+Wiedereinsetzung in die ursprüngliche Unschuld, und setzen ihre Dogmen in
+einem köstlichen, unterirdischen Tempel in die Tat um, der durch Öfen
+erwärmt ist, und den sie, Männer und Weiber, ganz nackt betreten. Da war
+ihnen alles bis zu Vereinigungen erlaubt, die wir Ehebruch und Blutschande
+nennen, sobald der Älteste oder das Haupt ihrer Gemeinde die Worte der
+Genesis: »seid fruchtbar und vermehret euch« ausgesprochen hatte.
+
+Tranchelin erneuerte diese Sekte im zwölften Jahrhundert; er predigte
+offen, Hurerei und Ehebruch wären verdienstvolle Handlungen; und die
+berühmtesten dieser Sektierer wurden in Savoyen die Turlupins genannt.
+Mehrere Gelehrte leiten den Ursprung dieser Sekten von Muacha her, der
+Mutter Afas, des Königs von Juda, der Hohenpriesterin des Priapus: wie man
+sieht, heißt das zu weit zurückgreifen.
+
+Diese doppelte Kraft Adams scheint noch in der Fabel vom Narziß angedeutet
+zu sein, der, von Liebe zu sich selber trunken, sich seines Bildes erfreuen
+will und schließlich einschlummert, da er bei dem Werke scheitert[A].
+
+[Fußnote A: Das zeigt sogar der Ursprung des Wortes: Narziß, das von
+[Griechisch: Narchê] = Schlummer abstammt. Um deswillen wurde die Narzisse
+die den unterirdischen Gottheiten heilige Blume. Daher kommt's auch, daß
+man vor Alters den Furien Narzissengirlanden darbot, weil sie die
+Verbrecher lähmten, einschläferten.]
+
+Alle diese Zweifel, alle diese Untersuchungen über Genüsse, die unserer
+wirklichen Natur zuwiderlaufen, haben zu einer großen Frage Veranlassung
+gegeben, zu wissen: an imperforata mulier possit concipere? »ob ein
+verschlossenes Mädchen heiraten kann?«
+
+Man kann sich denken, daß gelehrte Jesuiten, wie die Patres Cucufa und
+Tournemine, dieser Frage auf den Grund gegangen, und daß sie für die
+Bejahung gewesen sind. »Gottes Werk,« sagen sie, »kann auf keinen Fall in
+einer Weise vorhanden sein, die jenseits der Grenzen der Natur steht; ein
+scheinbar der Vulva beraubtes Mädchen muß also im Anus Mittel und Wege
+finden, um dem Triebe der Fortpflanzung, der ersten und unzertrennlichsten
+der Funktionen unserer Existenz, genug zu tun.«
+
+Cucufa und Tournemine sind angegriffen worden; das mußte sein. Der Spanier
+Sanchez aber, der »auf einem Marmorstuhle sitzend« dreißig Jahre seines
+Lebens über diese Fragen nachgedacht hat, der niemals weder Pfeffer noch
+Salz noch Essig zu sich nahm, der, wenn er zu Tische saß, stets seine Füße
+in die Luft streckte[A], Sanchez hat seinen Mitbrüdern mit einer
+Beredtsamkeit, die man nicht glauben möchte, das Nachdenken über eine
+derartig empfindliche Materie verboten. Nichtsdestoweniger ist die
+Eifersucht gegen die Jesuiten so mächtig gewesen, daß die Päpste einen für
+junge Mädchen, die diesen Weg in Ermangelung eines anderen betreten lassen
+wollten, aufgesparten Fall daraus gemacht haben. Bis Benedikt XIV.,
+aufgeklärt durch die Entdeckungen der Pariser Fakultät, den aufgesparten
+Fall aufgehoben und den Gebrauch der »Hinterpost« im Sinne der Patres
+Cucufa und Tournemine erlaubt hat.
+
+[Fußnote A: Salem, piper, acorem respuchat. Mensae vero accumbebat
+alternis semper pedibus sublatis. Siehe: Elogium thom. Sanchez; gedruckt am
+Anfang des Werkes: De Miatrimonio. Antwerpen bei Murss 1652 in folio. Und
+wenn man sich einen Begriff machen will von den erbaulichen Fragen, die
+dieser Theologe und viele andere aufgeworfen haben, mag man im
+einundzwanzigsten Disput seines zweiten Buches nachlesen.]
+
+Tatsächlich hat Herr Louis, ständiger Sekretär der chirurgischen Akademie,
+im Jahre 1755 die Frage über die Verschlossenen behandelt; er hat bewiesen,
+daß die Anelytroiden empfangen könnten, und die in seiner mit Vorrecht
+gedruckten These angeführten Fälle beweisen es. Trotz dieser Urkundlichkeit
+unterließ es das Parlament nicht, die These des Herrn Louis als gegen die
+guten Sitten verstoßend anzugreifen. Der große und nicht minder
+scharfsinnige und boshafte Chirurg mußte seine Zuflucht zur Sorbonne
+nehmen; und bewies dann leichtlich, daß das Parlament eine Frage beurteile,
+die seine Zuständigkeit ebensowenig angehe wie die Beurteilung eines
+Brechmittels. Und auf diese Erklärung hin gab das Parlament keinerlei
+Antwort.
+
+Aus all diesem ergibt sich eine für die Fortpflanzung der menschlichen Art
+sehr wichtige und nicht weniger eigentümliche Wahrheit für den großen
+Haufen der Leser: daß nämlich viele junge unfruchtbare Frauen darauf
+angewiesen sind und sogar nach bestem Wissen und Gewissen beide Wege
+versuchen dürfen, bis sie sich der wahren Straße, die der Schöpfer in sie
+hineingeführt hat, vergewissert haben.
+
+
+
+
+Die Ischa
+
+
+Marie Schürmann hat das Problem bearbeitet: Eignet sich das
+Literaturstudium für das Weib?
+
+Die Schürmann beantwortet es mit einem Ja, will, daß das Weib keine
+Wissenschaft, selbst die Theologie nicht, ausschließt, und fordert, daß das
+schöne Geschlecht sich der universellen Wissenschaft widmen müsse, weil das
+Studium eine Gelehrsamkeit verleihe, welche man nicht durch die gefährliche
+Hilfe der Erfahrung erwerben könne, und selbst wenn dabei etwas
+Unberührtheit verloren gehe, würde es recht sein, über gewisse
+Zurückhaltungen hinwegzukommen zugunsten dieser frühreifen Klugheit, die
+außerdem von dem Studium befruchtet würde, dessen Überlegungen lasterhafte
+Gedanken abschwächten und ablehnten und die Gefahr der Gelegenheiten
+verringerte.
+
+Die Frauenerziehung ist bei allen Völkern, selbst bei denen, die für die
+gebildeten durchgehen, so vernachlässigt worden, daß es sehr erstaunlich
+ist, wenn man trotzdem ihrer eine so große Zahl, die durch ihre
+Gelehrsamkeit und ihre Werke berühmt sind, kennt. Seit Boccaccios Buche von
+den berühmten Frauen bis zu den dicken Quartwälzern des Mönchs Hilerion
+Coste, haben wir eine große Zahl Namenregister von dieser Art; und Wolf hat
+uns einen Katalog der berühmten Frauen geschenkt, im Anhange der Fragmente
+hervorragender Griechinnen, die in Prosa geschrieben haben[A]. Juden,
+Griechen, Römer und alle Völker des modernen Europas haben berühmte Frauen
+gehabt.
+
+[Fußnote A: Er hat die Fragmente der Sappho und das Lob, das ihr gezollt
+wurde, einzeln veröffentlicht.]
+
+Es ist daher erstaunlich, daß bei der angeblichen Übereinstimmung der
+Vortrefflichkeit des Mannes und des Weibes verschiedene Vorurteile der
+Vervollkommnungsfähigkeit der Frauen gegenüber entstanden sind. Je mehr man
+diese so ungewöhnliche (denn das ist sie doch so unendlich, weil der
+Gegenstand der Anbetung der Männer durchaus ihre Sklavin sein soll) Sache
+erforscht, desto klarer wird es einem, daß sie sich hauptsächlich auf das
+Recht des Stärkeren, den Einfluß der politischen Systeme und besonders auf
+den der Religionen stützt, denn das Christentum ist die einzige, die dem
+Weibe in genauer und klarer Weise alle Rechte der Gleichheit einräumt.
+
+Ich habe keine Lust, die Erörterungen wieder aufzunehmen, die Pozzo in
+seinem Werke »Das Weib besser als der Mann« wenig galant »Paradoxe« genannt
+hat. Doch ist es so natürlich, daß man, wenn man den Wert dieser
+Himmelsgabe, die man die Schönheit nennt, überlegt, sich dieses lebhafte
+und rührende Bild so tief einprägt, daß man bald begeistert wird; und wenn
+man dann die heiligen Bücher liest, ist man nicht weiter erstaunt, daß das
+Weib die Ergänzung der Werke Gottes ist, welches er erst nach allem, was da
+ist, erschaffen hat, wie wenn er hätte anzeigen wollen, daß er sein
+erhabenes Werk durch das Meisterwerk der Schöpfung beschließe. Von diesem
+vielleicht religiöseren als philosophischen Gesichtspunkt aus will ich das
+Weib betrachten.
+
+Nicht in Hitze ist das Weltall erschaffen worden. Es ist in mehreren Malen
+geschehen, damit seine wunderbare Gesamtheit bewiese, daß, wenn der
+alleinige Wille des höchsten Wesens Vorbild ist, er der Herr des Stoffs,
+der Zeit, des Handelns und der Untersuchung war. Der ewige Geometer handelt
+ohne Notwendigkeit wie ohne Bedürfnis; er ist niemals weder beengt noch
+behindert gewesen. Man sieht, wie er während der sechs Zeitspannen der
+Schöpfung die Materie ohne Mühe, ohne Anstrengung formt, gestaltet, bewegt,
+und wenn eine Sache von der anderen abhängt, wenn zum Beispiel das
+Entstehen und Gedeihen der Pflanzen von der Sonnenwärme abhängt, es nur
+geschieht, um den Zusammenhang aller Teile des Weltalls anzuzeigen und
+seine Weisheit durch diese wunderbare Verkettung zu enthüllen.
+
+Alles jedoch, was die Bibel von der Schöpfung des Weltalls kündet, ist
+nichts im Vergleich mit dem, was sie über die Erschaffung des ersten
+vernunftbegabten Wesens sagt. Bis dahin ist alles auf Befehl geschehen; als
+es sich aber darum handelte, den Menschen zu schaffen, wechselt das System
+und die Sprache mit ihm. Da gibt's nicht mehr das gebieterische und
+plötzliche, da ertönt ein abgewogenes und süßeres, obwohl nicht minder
+kräftiges Wort. Gott hält mit sich selbst Rat, wie um sehen zu lassen, daß
+er ein Werk hervorbringen will, welches alles überbieten soll, was er bis
+dahin ins Leben erweckt hat. »Laßt uns den Menschen machen«, sagt er. Es
+ist klar, daß Gott mit sich selbst spricht. Es ist ein Unerhörtes in der
+ganzen Bibel, kein anderer wie Gott hat von sich selber in der Mehrheit
+gesprochen: »Laßt uns machen.« In der ganzen Schrift spricht Gott nur zwei-
+oder dreimal so, und diese außergewöhnliche Sprache hebt nur an sich
+kundzutun, als es sich um den Menschen handelt.
+
+Nach dieser Erschaffung verstreicht eine beträchtliche Zeit, bevor das neue
+doppelgeschlechtliche Wesen den Lebensodem empfängt; erst in der siebenten
+Zeitspanne geschieht's. Adam hat lange in dem Zustande lauterer Natur
+existiert und besaß nur den Instinkt der Tiere. Als aber der Atem ihm
+eingeflößt worden war, sah sich Adam als den König der Erde, er machte sich
+seine Vernunft zunutze »und er gab allen Dingen einen Namen«.
+
+Es sind also zwei verschiedene Schöpfungen; die des Menschen, die seines
+Geistes; und einzig hier erscheint das Weib. Sie ist nicht aus dem Nichts
+erschaffen, wie alles, was vorhergeht; sie entsteht aus dem Vollkommensten,
+was vorhanden ist. Es blieb nichts mehr zu schaffen. Gott zog aus Adam die
+höchste Reinheit seines Wesens heraus, um die Welt mit dem vollkommensten
+Wesen zu verschönen, das noch erschienen ist, mit dem er das göttliche Werk
+der Schöpfung vervollständigte.
+
+Das Wort, dessen sich der hebräische Gesetzgeber bedient, um dies Wesen zu
+bezeichnen, erscheint noch einmal in virago[A] wieder, das sich im
+Französischen nicht übersetzen läßt, das das Wort Frau nicht wiedergibt,
+und das sich nur durch die Idee der männlichen Fähigkeit empfinden läßt.
+Denn vir heißt Mann, und ago ich handle. Früher sagte man vira[B] und nicht
+virago. Die Septuaginta aber erklärt, daß sich der Sinn des Hebräischen
+durch das Wort vira nicht wiedergeben ließe, sie hat ago[C] hinzugefügt.
+
+[Fußnote A: Genesis, Kap. II, Vers 23.]
+
+[Fußnote B: Vira von vir.]
+
+[Fußnote C: Im Deutschen hat sich das Wort in Männin erhalten, das von
+Mann kommt. Männin ist vira und nicht virago. »Man wird sie Männin heißen«
+(Genesis II, Vers 23), Luther.]
+
+Es erstaunt mich daher nicht, daß die Schürmann die Beschaffenheit des
+schönen Geschlechts so sehr herausstreicht und sich gegen die Sekten
+entrüstet, die es herabsetzen. Das Gleichnis, dessen sich die Schrift
+bedient, indem sie das Weib aus Adams Rippe formt, will nichts anderes
+dartun, als daß dies neue Geschöpf nur eins sein soll mit der Person seines
+Gatten, dessen Seele und Alles sie ist. Nur die Tyrannei des stärkeren
+Geschlechts hat die Gleichheitsbegriffe verändern können.
+
+Im Heidentume wurden diese Begriffe durchaus unterschieden, da die Alten
+beide Geschlechter mit der Gottheit verbanden: das ist ohne Rücksicht auf
+das ganze System in der Mythologie genau dargetan worden. Wenn die Heiden
+den Menschen vom Augenblicke seiner Geburt an unter den Schutz der Macht,
+des Glückes, der Liebe und Notwendigkeit stellten, denn das wollen Dynamis,
+Tyche, Eros und Ananke besagen, so war das wahrscheinlich nur eine
+sinnreiche Allegorie, um unsere Stellung zu erklären, denn wir verbringen
+unser Leben mit Befehlen, Gehorchen, mit Wünschen und mit Nachstreben. In
+anderem Falle hätte es bedeutet, den Menschen recht ausschweifenden Führern
+anzuvertrauen, denn die Macht ist die Mutter der Ungerechtigkeiten, das
+Glück die der Launen; die Notwendigkeit bringt Freveltaten hervor und die
+Liebe steht selten in Übereinstimmung mit der Vernunft.
+
+Wie verhüllt auch die Dogmen des Heidentums sein mögen, keine Zweifel
+bestehen über die Wirklichkeit des Kults der Hauptgottheiten; und der der
+Juno, der Frau und Schwester des Götterobersten, war einer der
+allgemeinsten und geschätztesten. Das Epitheton Weib und Schwester zeigt
+ihre Allmacht zur Genüge: wer die Gesetze gibt, kann sie übertreten. Das
+berühmte und nicht minder bequeme geheime Mittel, seine Jungfernschaft
+wiederzugewinnen, indem man sich in der Quelle Canathus auf dem Peloponnes
+badete, war einer der schlagendsten Beweise von dieser Macht, die alles bei
+den Göttern wie bei den Menschen rechtfertigt. Das Bild von der Rachsucht
+der Juno, unaufhörlich auf den Theatern dargestellt, verbreitete den
+Schrecken, den diese furchtbare Göttin einflößte. Europa, Asien, Afrika,
+zivilisierte wie barbarische[A] Völker verehrten und fürchteten sie um die
+Wette. Man sah in ihr eine ehrsüchtige, stolze, eifersüchtige Königin,
+welche die Weltherrschaft mit ihrem Gatten teilte, all seinen Beratungen
+beiwohnend und von ihm selber gefürchtet.
+
+Eine so allgemeine demütige Verehrung, die zweifelsohne nichts mit der sehr
+viel schmeichelhafteren zu tun hat, die man der Schönheit darbrachte, die
+geschaffen war, zu verführen und nicht zu erschrecken, beweist zum
+wenigsten, daß in den Gedanken der ersten Menschen der Weltenthron von
+beiden Geschlechtern geteilt wurde[B]. Ein berühmter Schriftsteller des
+verflossenen Jahrhunderts ist noch weiter gegangen; es hat ihm keine
+Schwierigkeit bereitet zu sagen, dieser Vorrang der Juno vor den anderen
+Göttern war die wirkliche Macht, aus der die übermäßige Verehrung der
+heiligen Jungfrau hervorging, auf die die Christen verfallen sind. Erasmus
+selber hat behauptet, daß der Brauch, die Jungfrau nach Predigtbeginn auf
+der Kanzel zu grüßen, von den Alten herrühre[C]. Gewöhnlich suchen die
+Menschen mit den geistigen Ideen des Kults sinnliche Ideen zu verbinden,
+die sie rühren und bald hernach erstere unterdrücken. Sie beziehen, und
+sind wohl gezwungen, alles auf ihre Ideen zu beziehen. Nun wissen sie, daß
+man aus der Niedrigkeit wie aus dem Wohlwollen der Könige nichts anderes
+gewinnt, als was deren Minister beschlossen haben; sie halten Gott für gut,
+aber hinhaltend und bilden sich nach den irdischen Höfen den Himmelshof.
+Danach ist der Kult der Jungfrau leichter zu fassen für den
+Menschenverstand als der des Allmächtigen, der ebenso unerklärlich wie
+unfaßbar ist.
+
+[Fußnote A: Sie wurde besonders in Gallien und in Germanien unter dem
+Titel Göttin-Mutter verehrt.]
+
+[Fußnote B: Man wird im Altertume viele Gebräuche finden, die diese
+Meinung erhärten. In Lacedaemonien zum Beispiel legte, wenn man die Ehe
+vollzog, das Weib ein Männerkleid an, weil das Weib es ist, die die Männer
+zur Welt bringt.]
+
+[Fußnote C: In Aegypten hatte in den Heiratsverträgen zwischen Königen die
+Frau das Ansehen des Gatten. (Diod. d. Sic. I, I. Kap. XXVII usw.).]
+
+Sobald das Volk von Ephesus erfahren hatte, daß die Väter des Konzils
+entschieden hätten, daß man die Jungfrau die Heilige nennen durfte,
+gerieten sie vor Freude außer sich. Seitdem hat man der Mutter Gottes
+einzige Verehrungen gezollt; alle Almosen fließen ihr zu, und Jesus
+Christus bekommt keine Opfergaben mehr. Diese Inbrunst hat niemals völlig
+aufgehört. Es gibt in Frankreich dreiunddreißig Kathedralen und drei
+erzbischöfliche Kirchen, die der Jungfrau geweiht sind. Ludwig der
+Dreizehnte weihte ihr seine Person, seine Familie und sein Königreich. Bei
+der Geburt Ludwigs des Vierzehnten sandte er das Gewicht des Kindes in Gold
+an Unsere Frau von Loretto, die, wie man ohne gottlos zu sein, glauben
+darf, sich sehr wenig in Anna von Österreichs Schwangerschaft
+hineingemischt hat.
+
+Noch ungewöhnlicher als all das ist, daß man im zweiten Jahrhundert der
+Kirche dem heiligen Geiste weibliches Geschlecht gegeben hat. Tatsächlich
+ist ruats tuach, was auf Hebräisch Geist heißt, weiblichen Geschlechts, und
+die, welche dieser Meinung waren, nannten sich Eliesaiten.
+
+Ohne dieser unrichtigen Meinung irgendwelchen Wert beizumessen, muß ich
+bemerken, daß die Juden keine Begriffe von dem Mysterium der Dreieinigkeit
+gehabt haben. Selbst die Apostel sind von dem Dogma der Einheit Gottes ohne
+Abänderungen fest überzeugt gewesen; nur in den letzten Augenblicken hat
+Jesus Christus dies Mysterium offenbart. Wenn nun Gott eine der drei
+Personen der Dreieinigkeit auf die Erde schicken wollte, konnte er sie
+senden, ohne sie in Fleisch und Blut zu verwandeln; er konnte die Person
+des Vaters oder des heiligen Geistes wie des Sohnes senden; er konnte sie
+in einem Manne wie in einem Weibe Mensch werden lassen. Die göttliche Wahl
+traf eine Art Aufmerksamkeit oder Vorzug für das Weib. Jesus Christus hat
+eine Mutter gehabt, er hat keinen Vater gehabt. Die erste Person, mit
+welcher er sprach, war die Samaritanerin, die erste, der er sich nach
+seiner Wiederauferstehung zeigte, war Maria Magdalena usw. Kurz, der
+Heiland hat stets eine für ihr Geschlecht sehr ehrenvolle Vorliebe für die
+Frauen gehabt.
+
+Eine wahrhaft schmeichelhafte Huldigung aber für ihn, eine wahrhaft
+segensreiche Erfindung für die menschliche Gesellschaft würde es sein, wenn
+man die geeigneten Mittel fände, der Schönheit den Lohn der Tugend zu
+verleihen, sie selber dazu anzufeuern, auf daß alle Menschen angespornt
+würden, ihren Brüdern Gutes zu tun, sowohl durch die Freuden der Seele, als
+auch durch die der Sinne, damit alle Fähigkeiten, mit denen das höchste
+Wesen unsere Art begabt hat, wetteiferten, uns gerechte und wohltätige
+Gesetze lieben zu lassen. Unmöglich ist es nicht, dies vom Patriotismus,
+der Weisheit und der Vernunft so lebhaft ersehnte Ziel eines Tages zu
+erreichen; aber, ach Gott, wie weit sind wir noch davon entfernt!
+
+
+
+
+Die Tropoide
+
+
+Die Verderbnis der Sitten, die Bestechlichkeit des menschlichen Herzens,
+die Verirrungen des Menschengeistes sind von unseren Sittenrichtern
+derartig abgedroschene Gegenstände der Behandlung, daß man meinen sollte,
+das augenblickliche Jahrhundert sei ein Greuel der Verwüstung, denn die
+französische Sprache besitzt keinen noch so kräftigen Ausdruck, dessen sich
+Nörgler nicht bedienten. Wenn man indessen einen flüchtigen Blick auf die
+vergangenen Jahrhunderte tun will, auf eben die, welche man uns als
+Beispiele anpreist, so wird man, daran zweifle ich nicht, viel
+Beklagenswertes finden. Unsere Aufführung und unsere Sitten zum Beispiel
+taugen mehr als die des Volkes Gottes. Ich weiß nicht, was unsere
+Salbaderer sagen würden, wenn sie unter uns eine so schmutzige Verderbtheit
+sähen, wie die, welche mit dem schönen Jahrhundert der Patriarchen in
+Einklang steht.
+
+Ich sage nichts darwider, daß Moses Gesetze weise, billig, wohltätig
+gewesen seien, aber diese an der Stiftshütte angebrachten Gesetze, deren
+Zweck es anscheinend gewesen ist, den Bund der Hebräer unter sich durch den
+Bund der Menschen mit Gott zu verknüpfen, beweisen unwiderleglich, daß dies
+auserwählte, geliebte und bevorzugte Volk sehr viel bresthafter als jedes
+andere gewesen ist, wie wir in der Folge dieses Aufsatzes beweisen wollen.
+
+Man denkt nicht genug daran, daß alles relativ ist. Keine Gründung kann
+gemäß dem Geiste ihrer Einrichtung geführt werden, wenn er nicht nach dem
+Gesetz der Schuldigkeit gelenkt wird, das nichts anderes wie das Gefühl
+dieser Schuldigkeit ist. Die wirkliche Kraft der Autorität ruht in der
+Meinung und im Herzen des Untertanen, woraus folgt, daß für die Handhabung
+der Herrschaft nichts die Sitten ergänzen kann: es gibt nur gute Leute, die
+die Gesetze handhaben können, aber es gibt nur ehrliche Leute, die ihnen
+wahrhaft zu gehorchen wissen. Denn außer, daß es sehr leicht ist, ihnen
+auszuweichen, außer daß die, deren einziges Gewissen sie bilden, der Tugend
+und selbst der Billigkeit recht fernstehen, weiß der, der Gewissensbissen
+trotzt, auch den Strafen Trotz zu bieten, die eine sehr viel weniger lange
+Züchtigung als erstere sind, denen zu entgehen man ja auch immer hoffen
+kann. Wenn aber die Hoffnung auf Straflosigkeit zur Anfeuerung zu
+Gesetzesübertretungen genügt, oder wenn man zufrieden ist, wofern man es
+nur übertreten hat, ist das Hauptinteresse nicht mehr persönlich und alle
+einzelnen Interessen vereinigen sich gegen es: dann haben die Leiter
+unendlich viel mehr Macht, die Gesetze zu schwächen, als die Gesetze, die
+Laster zu unterdrücken. Und es endigt damit, daß man dem Gesetzgeber nur
+noch scheinbar gehorcht. Zu dem Zeitpunkte sind die besten Gesetze die
+unseligsten, da sie nicht mehr vorhanden sind, sie würden eine Zuflucht
+sein, wenn man sie noch befolgte. Ein schwacher Schutz indessen! Denn die
+vermehrten Gesetze sind die verachteteren, und neue Aufseher werden ebenso
+viele neue Übertreter.
+
+Der Einfluß der Gesetze steht daher stets im Verhältnis zu dem der Sitten,
+das ist eine bekannte und unwiderlegbare Wahrheit, das Wort Sitten aber ist
+recht unbegrenzt und verlangt nach einer Erklärung.
+
+Sitten sind und müssen in der einen Gegend ganz anders als in der anderen,
+und bezugnehmend auf den Nationalgeist und die Natur der Herrschaft sein.
+Der Charakter der Verweser hat auch großen Einfluß auf sie, und auf all
+diese Beziehungen Rücksicht nehmend, muß man sie betrachten. Wenn der Preis
+der Tugend zum Beispiel dem Raube zuerkannt wird, wenn gemeine Menschen
+wohlangesehen sind, die Würde unter die Füße getreten, die Macht von ihren
+Austeilern herabgesetzt, die Ehren entehrt, wird die Pest sicherlich alle
+Tage zunehmen, das Volk seufzend schreien: »Meine Leiden rühren nur von
+denen her, die ich bezahle, um mich davor zu bewahren!« und zu seiner
+Betäubung wird man sich in die Verderbnis stürzen, die man überall ans
+Licht zerren wird, um das Gemurmel zu übertönen.
+
+Wenn dagegen die Verwahrer des Ansehens den dunklen Kunstgriff der
+Verderbtheit verschmähen und einen Erfolg nur von ihren Bemühungen erwarten
+und die öffentliche Gunst nur von ihren Erfolgen, dann werden die Sitten
+gut sein und einen Ersatz für das Genie des Oberhaupt es bilden; denn je
+mehr Spannkraft die öffentliche Meinung hat, desto weniger bedarf es der
+Talente. Selbst Ruhmsucht wird mehr durch Pflicht als durch widerrechtliche
+Besitznahme gefördert, und das Volk, überzeugt, daß seine Oberen nur für
+sein Glück wirken, entschädigt sie durch seinen Eifer, für die Befestigung
+der Macht zu arbeiten.
+
+Ich habe gesagt, die Sitten müßten im Verhältnis zur Natur der Regierung
+stehen; von diesem Gesichtspunkt aus muß man sie also auch beurteilen.
+Tatsächlich muß in einer Republik, die nur durch Sparsamkeit bestehen kann,
+Einfachheit, Genügsamkeit, Nachsicht, der Geist der Ordnung, des
+Eigennutzes, selbst des Geizes die Oberhand haben, und der Staat muß in
+Fährnis geraten, wenn der Luxus die Sitten verfeinern und verderben wird.
+
+In einer begrenzten Monarchie dagegen wird die Freiheit für ein so großes
+und für ein stets so bedrohtes Gut angesehen werden, daß jeder Krieg, jede
+zu ihrer Erhaltung, zur Verbreitung oder Verteidigung des Nationalruhmes
+unternommene Handlung nur wenige Widersprecher finden wird. Das Volk wird
+stolz, edelmütig, hartnäckig sein, und Ausschweifung und die zügelloseste
+Üppigkeit werden die Allgemeinheit nicht entnerven.
+
+In einer ganz absoluten Monarchie würde der strengste und vollkommenste
+Despotismus herrschen, wenn das schöne Geschlecht dort nicht den Ton
+angäbe. Galanterie, Gefallen an allen Freuden, allen Frivolitäten ist ganz
+natürlich und ohne Gefahr Nationaleigenschaft, und vage Redereien über
+diese moralischen Unvollkommenheiten sind sinnlos.
+
+Unter solcher Voraussetzung wollen wir im Fluge prüfen, ob unsere Sitten
+und einige unserer Gebräuche, nach einem Vergleiche mit denen mehrerer
+berühmter Völker, noch als so abscheulich erscheinen müssen[A].
+
+Auf den ersten Blick in den Levitikus sieht man, bis zu welchem Maße das
+jüdische Volk verderbt gewesen ist. Bekanntlich stammt das Wort Levitikus
+von Levi ab, welches der Name eines von den übrigen getrennten Stammes war,
+da er hauptsächlich sich dem Kult widmete. Von ihm kommen die Leviten oder
+Priester und das heutige Kleidungsstück her, welches diesen Namen trägt,
+ohne ein sehr authentisches Denkmal unserer Ehrerbietung zu sein. Moses
+behandelt in diesem Buche die Weihen, die Opfer, die Unreinheit des Volkes,
+den Kult, die Gelübde usw.
+
+[Fußnote A: Man soll weiter unten in der Linguanmanie noch auffallendere
+Dinge als die Sitten des Volkes Gottes sehen, die wir darlegen wollen.]
+
+Ich will im Vorübergehen bemerken, daß die Form der Weihen bei den Hebräern
+sonderbar war. Moses machte seinen Bruder Aaron zum Hohenpriester. Dazu
+entkehlte er einen Widder, tauchte seinen Finger in das Blut und fuhr mit
+ihm über Aarons rechte Ohrmuschel und über seinen rechten Daumen.
+
+Wenn man heutigentags den Kardinal Rohan, den Bischof von Senlis in der
+Kapelle weihen und ihn mit dem Finger ganz warmes Blut auf das Ohrläppchen
+streichen sieht[A], kann man nicht mehr umhin, sich die Gravüre des Abbé
+Dubois zur Zeit der Regentschaft ins Gedächtnis zurückzurufen, man sieht
+ihn zu Füßen eines Mädchens knien, die von dem unreinen Ausfluß nimmt, der
+die Weiber alle Monate quält, um ihm damit die Priestermütze rot
+anzustreichen und ihn zum Kardinal zu machen.
+
+Das ganze fünfzehnte Kapitel des Levitikus handelt von nichts anderem wie
+der Gonorrhoe, unter der die Hebräer sehr zu leiden hatten. Gonorrhoe und
+Lepra waren ihre minder unangenehmen Unreinheiten; und sie hatten ihrer
+wirklich mehr als genug, als daß sie sich noch so viele zu erdenken
+gebraucht hätten. Ein Weib war zum Beispiel unreiner, wenn sie ein Mädchen
+zur Welt gebracht hatte als einen Jungen[B]. Das ist eine ebensowenig
+vernünftige wie seltsame Eigentümlichkeit.
+
+Die Hebräer trieben mit Dämonen unter Ziegengestalt[C] Hurerei; diese
+ungehobelten Dämonen machten da von einer elenden Verwandlung Gebrauch.
+
+[Fußnote A: Levitikus, Kap. 8, Vers 24.]
+
+[Fußnote B: Levitikus, Kap. 12, Vers 5.]
+
+[Fußnote C: Levitikus, Kap. 17, Vers 7.]
+
+Ein Sohn lag bei seiner Mutter und leistete seinem Vater Beistand[A]; wir
+befinden uns noch nicht auf dieser Stufe der Sohnesliebe. Ein Bruder sah
+ohne Gewissensbisse seine Schwester in der tiefsten Vertraulichkeit[B].
+
+Ein Großvater wohnte seiner Enkeltochter bei[C]; das war nicht sehr
+anakreontisch.
+
+Man schlief bei seiner Tante[D], bei seiner Schwieger[E], seiner
+Stiefschwester[F], was da nur kleine Sünden waren; endlich erfreute man
+sich seiner eigenen Tochter[G].
+
+Die Männer befleckten sich selber vor dem Molochstandbild[H]; später fand
+man, daß dieser leblose Samen der Statue unwürdig sei; man machte ein Ende
+damit, indem man ihr ein neugeborenes Kind als Opfer darbot.
+
+Wie die Pagen der Regentschaft dienten die Männer sich untereinander als
+Weiber[I].
+
+Sie benutzten alle Tiere [J], und das schöne Geschlecht ließ sich von Esel,
+Maultieren usw.[K] befriedigen. Was um so unsittlicher war, als man den
+Priesterstamm dahin entwickelt zu haben schien, daß er die schlecht
+versorgten Weiber für sich einnehmen mußte. Man nahm unter die Leviten
+keine Hinkenden, Verwachsenen, Triefäugigen, Leprösen auf, ebenso keine
+Menschen, die eine zu kleine, schiefe Nase hatten, man mußte eine schöne
+Nase besitzen[L].
+
+[Fußnote A: Levitikus, Kap. 18, Vers 7.]
+
+[Fußnote B: Levitikus, Kap. 18, Vers 9.]
+
+[Fußnote C: Levitikus, Kap. 18, Vers 10.]
+
+[Fußnote D: Levitikus, Kap. 18, Vers 12.]
+
+[Fußnote E: Levitikus, Kap. 18, Vers 9.]
+
+[Fußnote F: Levitikus, Kap. 18, Vers 15.]
+
+[Fußnote G: Levitikus, Kap. 18, Vers 16.]
+
+[Fußnote H: Levitikus, Kap. 18, Vers 21: De semine tuo non dabis idolo
+Moloch; und Kap. 20, Vers 3: Qui polluerit sanctuarium.]
+
+[Fußnote I: Levitikus, Kap. 18, Vers 22: Cum masculo coitu faemino.]
+
+[Fußnote J: Levitikus, Kap. 18, Vers 23: Omni pecore.]
+
+[Fußnote K: Mulier jumento. Bekanntlich heißt in der heiligen Schrift
+jumentum = Hilfstiere: adjuvantes von daher abgeleitet, französisch jument,
+die Stute.]
+
+[Fußnote L: Levitikus, Kap. 20, Vers 18.]
+
+An dieser Musterkarte sieht man, wie es um die Sitten des Volkes Gottes
+bestellt war; gewißlich kann man sie nicht mit unserem Lebenswandel
+vergleichen. Meines Bedünkens kann man nach dieser Skizze einer Parallele,
+die sich noch weiterführen ließe, keinen allzu lauten Einspruch gegen die
+Vorgänge heutiger Tage erheben.
+
+Die Freigeister übertreiben nicht gerade viel weniger, wenn sie von unseren
+abergläubischen Gebräuchen reden, als die Priester, wenn sie gegen unsere
+Laster zu Felde ziehen.
+
+Wir haben den traurigen Vorteil, was die Wut des Fanatismus anlangt, von
+keiner anderen Nation übertroffen zu werden; der Wahnsinn des Aberglaubens
+jedoch hat in anderen Religionen noch weiter um sich gegriffen.
+
+Bei uns sieht man keine Menschen, die beschaulich auf einer Matte sitzend
+ins Blaue hinein warten, bis das himmlische Feuer ihre Seele überkommt. Man
+sieht keine vom Teufel Besessenen, die niederknien und die Stirn gegen die
+Erde schlagen, um den Überfluß aus ihr hervorzulocken, keine unbeweglichen
+Büßer, die stumm sind wie die Statue, vor der sie sich demütigen. Man sieht
+hier nicht vorzeigen, was die Scham verbirgt, unter dem Vorwande, daß Gott
+sich seines Ebenbildes nicht schäme; oder sich bis zum Gesichte
+verschleiern, wie wenn der Schöpfer Abscheu vor seinem Werke hätte. Wir
+drehen uns nicht mit dem Rücken gen Mittag, um des Teufelswindes willen;
+wir breiten nicht die Arme nach Osten aus, um dort das Strahlenantlitz der
+Gottheit zu entdecken. Wir sehen, wenigstens in der Öffentlichkeit, keine
+jungen Mädchen unter Tränen ihre unschuldigen weiblichen Reize zerstören,
+um die böse Lust durch Mittel zu besänftigen, die sie zu oft nur noch mehr
+herausfordern. Wieder andere, ihre geheimsten Reize zur Schau stellend,
+warten und fordern in der wollüstigsten Stellung die Annäherung der
+Gottheit heraus. Um ihre Sinne abzuschwächen, heften sich junge Leute einen
+Ring, der im Verhältnis zu ihren Kräften steht, an ihre Geschlechtsteile.
+Wieder andere wollen der Versuchung durch die Operation des Origines
+entgehen und hängen die Beute dieses gräßlichen Opfers am Altar auf . . .
+
+Mit all diesen Verirrungen haben wir wirklich nichts zu tun.
+
+Was würden unsere Salbaderer sagen, wenn die, wie um ihre Tempel, um unsere
+Kirchen gepflanzten heiligen Haine das Theater aller Ausschweifungen wären?
+Wenn man unsere Frauen verpflichtete, sich preiszugeben, wenigstens einmal,
+zu Ehren der Gottheit? Und man könnte ja sehen, ob die dem schönen
+Geschlechte natürliche Frömmigkeit ihm erlaubte, zu Zeiten, wo es der
+Brauch verlangte, sich dort ihm zu fügen.
+
+Der heilige Augustin berichtet in seiner Gott-Stadt[A], daß man auf dem
+Kapitol Frauen erblicke, die sich den Freuden der Gottheit weihten, von
+denen sie gemeiniglich schwanger würden. Es ist möglich, daß auch bei uns
+mehr als ein Priester mehr als einen Altar schändet; aber er verkleidet
+sich wenigstens nicht als Gott. Der berühmte Kirchenvater, den ich eben
+anführte, fügt in demselben Werke mehrere Einzelheiten an, die beweisen,
+daß, wenn die Religionen bei den Modernen viele Verführungen bemänteln, der
+Kult der Alten wenigstens nicht im mindesten so anständig war wie der
+unsrige. In Italien, sagt er, und besonders in Lavinium, trug man bei den
+Bacchusfesten männliche Glieder, denen die angesehenste Matrone einen Kranz
+aufsetzte, in feierlichem Zuge herum. Die Isisfeste waren genau so
+anständig.
+
+[Fußnote A: Buch 6, Kapitel 9.]
+
+An gleicher Stelle führt der heilige Augustinus in langer Reihe die
+Gottheiten auf, die bei der Hochzeit den Vorsitz führen. Wenn das Mädchen
+sein Versprechen gegeben hatte, führten die Matronen sie zum Gotte
+Priapus[A], dessen übernatürliche Eigenschaften man kennt. Man ließ die
+junge Verheiratete sich auf das ungeheure Glied des Gottes setzen, dort
+nahm man ihr den Gürtel ab und rief die dea virginiensis an. Der Gott
+Subigus unterwarf das Mädchen dem Entzücken des Gatten. Die Göttin Prema
+befriedigte sie unter ihm, um zu verhindern, daß sie sich allzu viel
+bewegte. (Wie man sieht, war alles vorgesehen, und die römischen Mädchen
+wurden gut vorbereitet.) Schließlich kam die Göttin Pertunda, was soviel
+wie die Durchbohrerin heißt, deren Geschäft war es, sagt Sankt Augustinus,
+dem Manne den Pfad der Wollust zu öffnen. Glücklicherweise war dieses Amt
+einer weiblichen Gottheit eingeräumt worden, denn, wie der Bischof von
+Hippona sehr gescheit bemerkt, würde der Ehemann nicht gern geduldet haben,
+daß ein Gott ihm diesen Dienst erweise und ihm an einem Orte Hilfe zuteil
+werden ließe, wo man ihrer nur allzu häufig nicht bedarf.
+
+[Fußnote A: Buch 6, Kapitel 9.]
+
+Noch einmal: sind unsere Sitten minder anständig als die da? Und warum dann
+unsere Fehler und unsere Schwächen übertreiben? Warum Schrecken in die
+Seele der jungen Mädchen und Mißtrauen in die der Ehemänner pflanzen? Wäre
+es nicht besser, wenn man alles milderte, alles aussöhnte?
+
+Die braven Kasuistiker sind entgegenkommender. Lest unter so vielen anderen
+den Jesuiten Filliutius, der mit einem außerordentlichen Scharfsinn sich
+darüber ausläßt, bis zu welchem Punkte die wollüstigen Berührungen gehen
+dürfen, ohne strafbar zu werden. Er entscheidet zum Beispiel, ein Ehemann
+habe sich sehr viel weniger zu beklagen, wenn sich sein Weib einem Fremden
+in einer wider die Natur gehenden Weise hingibt, als wenn sie einfach mit
+ihm einen Ehebruch begeht und die Sünde tut, wie sie Gott befiehlt, »weil«,
+sagt Filliutius, »auf erstere Weise das legitime Gefäß, über welches der
+Ehemann ausschließliche Rechte hat, nicht berührt wird . . .«
+
+O, welche köstliche Himmelsgabe ist ein friedsames Gemüt!
+
+
+
+
+Die Thalaba
+
+
+Eines der schönsten Denkmäler der Weisheit der Alten ist ihre Gymnastik.
+Besonders dadurch scheinen sie begieriger gewesen zu sein, vorzubeugen als
+zu strafen. Eine große Klugheit in politischer Beziehung! Die Feinde,
+sagten die Athener, sind dazu geschaffen, die Verbrechen zu bestrafen, die
+Bürger die Sitten hochzuhalten. Daher die voraussehende und heilsame
+Aufmerksamkeit der Jugenderziehung gegenüber. Der erste Ausbruch der
+Leidenschaften und ihr Ungestüm verursachen diesem heftigen Alter die
+stärksten Erschütterungen; es bedarf einer männlichen Erziehung, deren
+Strenge jedoch durch bestimmte Vergnügungen gemildert sein muß, die mit dem
+großen Gegenstande, Männer zu bilden, im Einklang stehen. Nun gab es dort
+nur körperliche Übungen, bei denen Arbeit und Freude glücklich vermischt
+waren, die zum Teil ständig den Körper und infolgedessen auch die Seele
+beschäftigten, erfreuten und kräftigten.
+
+In Ländern, wo die Glücksgüter recht ungleich verteilt sind, werden stets
+die niedrigen Schichten der Gesellschaft einigermaßen von der Bedürftigkeit
+gequält, von der man nicht zu befürchten braucht, daß sie Betäubung durch
+Müßiggang und Verweichlichung zur Folge hat. Fast unvermeidlich fallen ihr
+aber die Reichen zum Opfer, wenn eine allgemeine und öffentliche
+Einrichtung sie nicht einer tätigen Erziehung unterwirft, die beständig zum
+Wetteifer anfeuert und ein Schutzwall gegen das ist, was im Reichtum, in
+seinem Genuß und seiner Entartung unaufhörlich zu entnerven sich bestrebt.
+Kräftige und edelmütige Gefühle können selten in geschwächten Körpern
+leben, und die Seele eines Spartiaten würde übel in einem Sybaritenleibe
+untergebracht sein. Alle Völker, die reich an Helden waren, sind ebenso die
+gewesen, deren kriegerische Erziehung, kräftige Einrichtungen, vollkommene,
+und gemäß den politischen Ansichten geleitete Gymnastik Kraft und Wetteifer
+stärkten.
+
+Diese kostbaren Einrichtungen sind heute fast ins Vergessen geraten. In
+Paris zum Beispiel gibt es gut und gern vierzigtausend von der Polizei zur
+Erziehung der Jugend eingeschriebene Mädchen, aber es gibt in dieser
+ungeheuren Hauptstadt nicht eine einzige gute Reitschule, wo man lernen
+kann, wie man zu Pferde sitzen soll; keinerlei Übungen pflegt man da, wenn
+es sich nicht um Fechten, Tanzen, Ballspielen handelt, und die haben wir
+schädlich genug sich auswachsen lassen.
+
+Daraus, und aus recht vielen anderen Dingen, die ich nicht alle anzuführen
+beabsichtige, folgt, daß unsere Leidenschaften oder vielmehr unsere
+Verlangen und Geschmäcker (denn wir haben keine Leidenschaften mehr) vor
+allem über jede moralische Tugend den Sieg davontragen.
+
+Das heftigste unter diesen Verlangen ist zweifellos das, welches ein
+Geschlecht nach dem anderen trägt. Diesen Hunger haben wir mit allem, was
+da beseelt oder unbeseelt erschaffen worden ist, gemein. Die Natur hat als
+zärtliche und fürsorgliche Mutter an die Erhaltung all dessen, was da ist,
+gedacht. Doch unter den Menschen, diesen Wesen der Wesen, die zu oft nur
+mit Vernunft begabt zu sein scheinen, um sie zu mißbrauchen, ist das
+eingetreten, was man niemals bei den anderen Tieren bemerkt hat: sie
+täuschen nämlich die Natur, indem sie sich der Lust erfreuen, die mit der
+Fortpflanzung der Art verbunden ist, und lassen dabei das Ziel dieses
+Reizes außer Acht. So haben wir den Zweck von den Mitteln getrennt; und der
+Drang der Natur, durch die Bemühungen unserer Einbildungskraft verlängert,
+lastet auf uns ohne Rücksicht auf Zeiten, Orte, Umstände, Gebräuche, Kult,
+Sitten, Gesetze, kurz alle Fesseln, die dem Menschen auferlegt sind. Er hat
+sich nicht länger um die Gewohnheit der Staaten und der Alter gekümmert;
+denn die Greise werden enthaltsam, doch selten keusch.
+
+Die Art und Weise, die Zwecke der Natur zu vereiteln, hat verschiedene
+Gründe gehabt: den Aberglauben, der mit seiner häßlichen Maske fast alle
+unsere Laster und Narrheiten deckt, verschiedene moralische Ursachen,
+selbst die Philosophie.
+
+Ketzer in Afrika enthielten sich ihrer Weiber und ihr unterschiedliches
+Verfahren bestand darin, keinen Handel mit ihnen zu haben. Sie stützten
+sich erstens darauf, daß Abel rein gestorben sei, und nannten sich
+Abelianer, und zweitens darauf, daß der Apostel Paulus predigte, man sollte
+mit seinem Weibe sein, wie wenn man keins hätte[A]. Ein abergläubischer
+Wahnsinn kann nicht weiter verwundern; der Mißbrauch der Philosophie in
+dieser Hinsicht aber ist sehr sonderbar und ein Werk der Zyniker.
+
+Es ist seltsam, daß unterrichtete Menschen von geübtem Verstande, nachdem
+sie in der menschlichen Gesellschaft die Sitten des Naturzustandes haben
+einführen wollen, nicht bemerkt oder sich so wenig Sorge darum gemacht
+haben, wie lächerlich es ist, verdorbenen und schwachen Menschen die
+bäurische Grobheit der Jahrhunderte tierischen Lebens aufpfropfen zu
+wollen. Selbst durch eine so groteske Philosophie oder durch die Liebe,
+welche die Urheber dieser Doktrin einflößten, verführte Frauen opfern ihr
+die Schande und die Scham, die tausendmal tiefer im weiblichen Herzen
+wurzelt als die Keuschheit selber.
+
+[Fußnote A: An die Korinther 6, 7, 8, 29.]
+
+Solange als es sich um die eheliche Pflicht handelte, hatten die Zyniker
+immer noch einige Sophismen anzuführen. Als aber Diogenes, der wenigstens
+mit einiger Vernunft faselte, diese Moral auf den Grund seiner Tonne
+beförderte, was konnten da seine Sophismen sein? Der Hochmut, den
+Vorurteilen zu trotzen, die Art Ruhm -- der sklavische Mensch ist in allem
+und stets ein Freund der Unabhängigkeit --, die sich daran knüpfte, waren
+allem Anscheine nach die wirklichen Beweggründe. Der Makel des
+Geheimnisses, der Schande, der Finsternis, würde ihm beleidigende Namen und
+Nachstellungen eingetragen haben, seine Schamlosigkeit bewahrte ihn davor.
+Wie kann man sich einbilden, daß ein Mensch denkt, was er tue und am hellen
+Tage sagt, sei schlecht in Worten und in Werken? Wie kann man einen
+Menschen verfolgen, der kalt behauptet: »Es ist das ein sehr mächtiges
+Bedürfnis; ich aber bin glücklich in mir selber zu finden, was andere
+Menschen zu tausenderlei Ausgaben und Verbrechen veranlaßt. Wenn alle Welt
+wie ich wäre, würde weder Troja gefallen, noch Priamus auf Jupiters Altar
+die Kehle abgeschnitten worden sein!« Diese und sehr viele andere Gründe
+scheinen einige seiner Zeitgenossen verführt zu haben.
+
+Galienus sucht ihn mehr zu rechtfertigen als zu verdammen. Wahr ist's, daß
+die Mythologie in gewisser Weise den Onanismus geheiligt hatte. Man
+erzählt, daß Merkur, da er Mitleid mit seinem. Sohne Pan hatte, der Tag und
+Nacht durchs Gebirge streifte, von heftiger Liebe zu seiner Geliebten[A]
+gepackt, deren er nicht froh werden konnte, ihm diese fade Erleichterung
+bezeichnete, die Pan dann die Hirten lehrte.
+
+Noch merkwürdiger als des Galienus Duldsamkeit ist die der Lais, die an
+Diogenes, diesen Diogenes, der sich durch so viele ungeteilte Freuden
+befleckte, ihre Gunst verschwendete, die ganz Griechenland mit Gold
+aufgewogen haben würde, und um seinetwillen den liebenswürdigen und weisen
+Aristipp betrog. Würde Lais, wenn ihm dasselbe Abenteuer wie dem Mädchen
+zugestoßen wäre, die, nachdem sie den Zyniker allzu lange hatte warten
+lassen, merkte, daß er sie sich aus dem Kopf geschlagen hatte und ihrer
+nicht mehr bedurfte, sich dem Onanismus gegenüber etwa strenger bezeigt
+haben?
+
+Woher das Wort Onanismus stammt, weiß man: In der heiligen Schrift läßt
+Onan seinen Samen auf die Erde fallen[B], seine Gründe jedoch dürften denen
+des Diogenes vorzuziehen sein. Juda hatte von Sua drei Söhne: Her, Onan und
+Sela. Er wollte Nachkommenschaft haben, führte sich seltsam dabei auf, kam
+aber zum Ziele. Seinen ältesten Sohn Her ließ er Thamar heiraten; als Her
+ohne Kinder gestorben war, wollte Juda, daß Onan seine Schwägerin beschlafe
+unter der Bedingung, daß er seinem Bruder Samen erwecke, der nach dem Namen
+des Ältesten Her genannt werde. Onan weigerte sich, und um den Zweck der
+Natur ein Schnippchen zu schlagen, hub er, jedesmal wenn er bei Thamar lag,
+an, sein Trankopfer beiseite zu schütten. Er starb. Juda ließ Thamar seinen
+dritten Sohn Sela heiraten, der auch kinderlos starb. Juda wurde
+halsstarrig und nahm das Geschäft, dessen er sehr würdig gewesen zu sein
+scheint, auf sich, denn er schwängerte seine Tochter »derartig, daß
+Zwillinge in ihrem Leibe erfunden wurden«. Der erste wies seine Hand vor,
+um welche die Wehenmutter einen roten Faden band, weil er der ältere sein
+mußte. Aber der kleine Arm zog sich wieder zurück und das andere Kind
+erschien zu erst und man nannte es Perez[C].
+
+[Fußnote A: Das Echo.]
+
+[Fußnote B: Genesis, Kapitel 38.]
+
+[Fußnote C: Der, welcher das Band trug und als zweiter geboren ward,
+erhielt den Namen Zara, was so viel wie Osten heißt.]
+
+Die Väter wollen Noah in Perez sehen, Noah das Bild Jesu Christi, der
+erschienen ist wie der kleine Arm und dessen Leib nur für das neue Gesetz
+geboren werden durfte. Was aber die Väter klarer als all das sahen, ist,
+daß durch die Begebenheit mit dem Samen, den Onan beiseite warf, Jesus
+Christus von der fremden Ruth, der Courtisane Rahab, der Ehebrecherin
+Bathseba und von Vater auf Tochter von der blutschänderischen Thamar
+abstammen muß[A]. Doch zur Sache zurück.
+
+Man sieht, daß dem Onanismus, wenn er auch nicht geheiligt wurde, immerhin
+durch große und alte Beispiele das Wort geredet worden ist.
+
+Die moralischen Gründe, die ihn am häufigsten herausfordern, sind entweder
+die Furcht, Wesen, die der besonderen Umstände halber unglücklich werden
+würden, das Leben zu geben, oder die Angst vor Seuchen erzeugenden
+Berührungen. Denn ohne daß es durchaus bewiesen ist, meint man, daß das
+Gift auf die Teile des Körpers, die vollkommen mit der Haut bekleidet sind,
+nicht, sondern nur auf die von ihr entblößten, einwirkt.
+
+[Fußnote A: Sacy, Seite 817, Ausgabe in 8°.]
+
+Diese und viele andere Umstände verleiten dazu, dem so lebhaften Triebe,
+der den Menschen zur Fortpflanzung seines Ichs drängt, nur nachzugeben,
+indem er die Absicht der Natur außer Acht läßt; und die Mittel sie zu
+täuschen, sind bei den einen zur Leidenschaft, bei vielen anderen zum
+Bedürfnis geworden. Der Schlaf erregt in den Zölibatären die wollüstigsten
+Träume. Die Einbildung, geschärft und geschmeichelt durch diese
+trügerischen Illusionen, die zu einer verstümmelten Wirklichkeit führen,
+die aber wieder der Unannehmlichkeiten entbehrt, welche ein vollkommeneres
+Glück oft so gefährlich machen, hat eifrig nach dieser Weise gegriffen, ihr
+Begehren hinters Licht zu führen. Beide Geschlechter, auf solche Art die
+Bande der Gemeinschaft zerreißend, haben diese Vergnügungen nachgeahmt, die
+sie sich ungern versagen und indem sie sie durch ihre eigenen Anstrengungen
+ersetzten, haben sie gelernt, sich selbst zu genügen.
+
+Diese einzelnen und erzwungenen Vergnügungen sind dank der Bequemlichkeit,
+sie zu stillen, zur heftigen Leidenschaft geworden, welche die Macht der
+der Menschheit so gebietenden Gewohnheit zu ihrem Nutzen ausgebeutet hat.
+Dann sind sie sehr gefährlich geworden, gefährlicher als so lange sie nur
+durch das Bedürfnis geregelt wurden, da sie eine mehr wollüstige als
+hitzige Einbildungskraft erzeugt haben. Kein Unfall ist die Folge gewesen,
+kein physisches Leiden hat dieser Hang gezeitigt, und die Moral würde ihm
+gegenüber in gewissen Fällen einige Duldsamkeit obwalten lassen können[A].
+Die alten Richter, vielleicht weniger ängstlichen, aber philosophischen
+Richter, dachten, wenn man ihm in diesen Grenzen genüge täte, würde man die
+Enthaltsamkeit nicht verletzen. Galienus behauptet, wie man gesehen hat,
+daß Diogenes, der öffentlich seine Zuflucht zu diesem Hilfsmittel nahm,
+sehr keusch wäre; er wendete dies Verfahren nur an, sagt er, um den
+Übelständen der Samenverhaltung zu entgehen.
+
+Doch kommt es wohl sehr selten vor, daß man in dem, was man den Sinnen
+einräumt, das richtige Maß einhält. Je mehr man sich seinem Verlangen
+überläßt, desto mehr schärft man es; je mehr man ihm gehorcht, desto mehr
+reizt man es. Dann bestimmt die von Schwäche vergiftete und ständig in
+wollüstige Gedanken versunkene Seele die tierischen Triebe, sich der
+Ausschweifung hinzugeben. Die Organe, die das Vergnügen hervorrufen, werden
+durch die wiederholten Berührungen beweglicher, den Abschweifungen der
+Einbildung gegenüber gelehriger; ständige Erektionen, häufige Pollutionen
+und die Folgen eines unmäßigen Lebens stellen sich ein.
+
+Oft kommt es vor, daß die Leidenschaft in Wut ausartet. Die Gegenstände,
+die ihr gleichartig sind und sie nähren, bieten sich unaufhörlich dem
+Geiste dar; nun, man kann sich nicht vorstellen, bis zu welchem Grade
+dieses Achten auf einen einzigen Gegenstand entnervt, schwächt. Übrigens
+zieht die Lage der Geschlechtsteile, selbst ohne Pollution, eine große
+Verschwendung der animalischen Triebe nach sich. Pollutionen treten zu
+häufig auf; selbst wenn ihnen keine Samenentleerungen folgen, schwächen sie
+unendlich. Es gibt auffallende und unbestreitbare Beispiele dieser Art. Zu
+beachten ist noch, daß das Verhalten der Onanisten nicht wenig zur
+Schwächung, die sich aus ihren ungeteilten Handlungen ergibt, und zur
+Reizbarkeit ihrer Organe beiträgt. Die Natur kann nimmer weder ihrer Rechte
+verlustig gehen noch ihre Gesetze unbestraft verletzen lassen. Geteilte
+Freuden werden selbst im Übermaß eher von ihr ertragen als eine
+unfruchtbare List, durch welche man ihrer Herr zu werden sucht. Die
+Befriedigung des Geistes und des Herzens hilft zu einer schnelleren
+Wiedergutmachung der Verluste als die, welche die Räusche der
+Einbildungskraft verursachen und niemals ersetzen können.
+
+[Fußnote A: Der Marquis von Santa Crux, zum Beispiel, beginnt sein Buch
+über die Kriegskunst mit den Worten, daß es die erste, für einen großen
+General durchaus notwendige Eigenschaft sei, zu . . . weil das einer Armee
+und besonders in einer Kriegsstadt alle Klatschereien und Seuchen erspare.]
+
+Die Moral ist aber stets der Leidenschaft gegenüber schwach. Wenn dieser
+seltsame Geschmack bekannt ist, ist man mehr damit beschäftigt, ins Werk zu
+setzen, was ihn befriedigen kann, als darüber nachzudenken, was ihn
+zurückdrängen könnte; und man hat herausgefunden, daß beide Geschlechter,
+sich gegenseitig bedienend, den einzelnen Genuß den Reizen eines
+gegenseitigen Genusses vorziehen müßten.
+
+Diese seltsame Kunst wurde zu allen Zeiten und wird noch in Griechenland
+gepflegt. Es ist dort üblich, sich nach dem Mahle zu versammeln. Man legt
+sich im Kreise auf einen Teppich, alle Füße sind nach dem Mittelpunkte
+gerichtet, wo man in der kalten Jahreszeit einen Dreifuß aufstellt, der
+eine Kohlenpfanne trägt. Ein zweiter Teppich deckt euch bis an die
+Schultern zu: da finden die jungen Griechinnen das Mittel, sich, ohne daß
+man's merkt, die Schuhe auszuziehen und den Männern mit ihren Füßen einen
+Dienst zu leisten, zu dem sich viele Weiber sehr unbeholfen ihrer Hände
+bedienen.
+
+Tatsächlich ist solch eine Gabe nicht allen verliehen. In Paris haben
+einige Leute nach einer vollendeten Erfahrung und einer Menge Versuchen ein
+besonderes Studium daraus gemacht. Auch die jungen Mädchen, die vom edlen
+Wetteifer beseelt sind, nach einem Rufe dieser Art zu trachten, tragen
+eifrig Sorge, Unterricht zu nehmen; doch sind sie nicht alle mit Erfolg
+gekrönt. Sicher ist es, daß sich hier Schwierigkeiten von mehr als einer
+Art in den Weg stellen.
+
+Es handelt sich nicht um ein Gefühl, das sich auf das Wesen des Mädchens
+überträgt, welches nichts tut als es hervorzurufen. Es ist nur eine
+Sensation, die sie durch den Stoß ihres Körpers mitteilt, es ist eine
+Sensation, die der Mann in sich selber durch die Einbildungskraft dieses
+Mädchens genießen und die um so köstlicher werden muß, als sie durch ihre
+Kunst den Genuß verlängern kann. Diese Wonne erlischt mit dem Akt, weil sie
+der Mann allein fühlt. Die Köstlichkeiten des natürlichen Vergnügens
+dagegen gehen voraus und folgen dem innigen Verein der Liebenden. Das
+Mädchen, die den teilweisen Genuß leitet, darf sich also nur damit
+befassen, eine Situation, die ihr fremd ist, zu führen, reizen,
+unterhalten, dann einstweilen aufzuheben, die Wirkung mehr hinauszuschieben
+als zu beschleunigen und noch sehr viel weniger sie hervorzurufen. Alle
+diese Zärtlichkeiten müssen mit unsäglich zarten Nuancen abgestimmt sein;
+die gefällige Priesterin darf sich nicht dem hitzigen Überschwange
+überlassen, der ihr freistünde, wenn sie mit dem Opferer vereinigt wäre.
+
+Man begreift wohl, daß dies Vorgehen hitzigen jungen Leuten gegenüber nicht
+am Platze ist, die ihr Ungestüm leitet und die in dieser Art Lüsten nur die
+Verzückung der Wonne suchen; man kann sie nur mit denen ausüben, bei denen
+in einem reiferen Alter das lebhafte Feuer des Temperaments abgeschwächt
+und die Einbildungskraft geübter ist: sie wollen sich des Vergnügens mit
+allen Sensationen und den Schattierungen erfreuen, die diese Art von Lust
+bietet.
+
+Unter den Männern, ebenso auch unter den Weibern, besteht eine sehr große
+Temperamentsverschiedenheit; manche sind von einer Geilheit, für die man
+keine Worte findet. Die, welche sich mit Temperament zu, begnügen wissen
+und eine bedeckte Eichel haben, bewahren eine der alten Satire würdige
+Geilheit. Der Grund davon ist sehr einfach: die Eichel, die der Sitz der
+Wollust ist, erhält sich dank dem ständigen Verharren in der lymphatischen
+Flüssigkeit, die sie schlüpfrig macht, ihre kostbare Empfindlichkeit, statt
+daß sie, wie bei denen, die sie entblößt tragen, die man beschnitten hat,
+oder bei denen die Vorhaut von Natur aus zu kurz ist, mit dem Alter hart
+und schwielig wird, denn bei denen ist die vorbereitende Flüssigkeit, die
+sie absondert, ganz umsonst da.
+
+Nun wird aber ein in der Kunst des Thalaba bewandertes Mädchen sich einem
+Manne dieser Klasse gegenüber nicht wie mit einem anderen aufführen. Stellt
+euch die beiden Handelnden nackt in einem mit Spiegeln umgebenen Alkoven
+und auf einem Lager mit einem Himmelbett vor. Das eingeweihte Mädchen
+vermeidet es zuerst mit größter Sorgfalt, die Zeugungsteile zu berühren:
+ihre Annäherungen sind zart, ihre Umarmungen süß, die Küsse mehr zärtlich
+als lasziv, die Zungenbewegungen abgemessen, der Blick wollüstig, die
+Umschlingungen der Glieder voll Anmut und Weichheit; sie kitzelt mit den
+Fingern leicht die Brustwarzen, bald merkt sie, daß das Auge feucht wird,
+fühlt, daß sich die völlige Erektion eingestellt hat, dann legt sie den
+Daumen leicht auf das äußere Ende der Eichel, die sie in ihrer
+lymphatischen Flüssigkeit gebadet findet, mit der Daumenspitze fährt sie
+leise zu ihrer Wurzel hinab, kommt zurück, fährt wieder hinunter, fährt um
+den Kranz. Sie hält ein, wenn sie merkt, daß die Sensationen sich mit allzu
+großer Schnelligkeit vermehren. Sie wendet dann nur allgemeine Berührungen
+an, und das nur nach gleichzeitigen und unmittelbaren Berührungen der Hand,
+dann mit beiden und dem Nähern ihres ganzen Körpers; daß die Erektion zu
+hitzig geworden, merkt sie in dem Augenblick, in welchem man die Natur
+handeln lassen oder ihr helfen oder sie reizen muß, um zum Ziel zu
+gelangen, weil der Krampf, der den Mann überkommt, so lebhaft und der
+Empfindungshunger so heftig ist, daß er zur Ohnmacht führen würde, wenn man
+ihm nicht ein Ende machte.
+
+Um aber diese Weise der Vollendung, diese Kraft des Genusses zu erlangen,
+muß das Mädchen sich aus dem Spiele lassen, um alle Nuancen der Wollust,
+die die Seele des Thalaba durchläuft, studieren, befolgen und verstehen, um
+die aufeinander folgenden Verfeinerungen anwenden zu können, die diese
+Genußsteigerungen, die sie erzeugt, verlangen. Man gelangt in dieser Kunst
+gewöhnlich nur bis zu einer Stufe der Vollendung, teils durch ein feines
+Gefühl, teils durch eine genaue Berührung, die bei diesen Gelegenheiten die
+einzigen und wirklichen Richter sind . . . Was aber wird das Resultat
+dieses Werkes der Wollust sein . . . Wird es Martial, der ausgelassene
+Martial? . . . Ich höre ihn rufen:
+
+ Ipsam crede tibi naturam dicere rerum,
+ Istud quod digitis, Pontice, perdis, homo est[A].
+ Und es ruft dir zu die Natur, sie selbst: Halte ein;
+ Was deine Hand vergießt, verdiente ein Mensch zu sein!
+
+Das ist schön und wahr; indessen sind Dichter nicht in Dingen maßgebend,
+die von der Vernunft entschieden werden müssen.
+
+Der Haupt- und vielleicht der einzige Grundsatz der Natur ist: schlecht
+ist, was schadet. Der Ehebruch steht der Natur nicht so fern und ist ein
+sehr viel größeres Übel als der Onanismus. Der könnte nur der Jugend Gefahr
+bringen, wenn er ihre Gesundheit angreift; aber für die Moral kann er oft
+sehr nützlich sein. Der Verlust von etwas Samen an sich ist kein sehr
+großes Übel, er ist nicht einmal ein so großes wie der von etwas Dünger,
+der einen Kohlkopf hätte hervorbringen können. Sein größter Teil ist von
+der Natur selber dazu bestimmt, verloren zu gehen. Wenn alle Eicheln Eichen
+werden wollten, würde die Welt ein Wald werden, in dem man sich nicht
+bewegen könnte. Kurz, ich sage mit Martial: »Ihr sollt euch also eurem
+Weibe nicht nähern, wenn sie hohen Leibes ist, denn: Istud, quod vagina,
+Pontice perdis, homo est.« Wenn ihr sie so fasten laßt, seid ihr ein
+rechter Dummkopf und werdet ihr gar viel Verdruß bereiten, was vom Übel
+ist. Überdies werdet ihr, bevor sie niederkommt, alles sein, was ein
+Ehemann werden kann, was im Vergleich damit etwas wenig ist.
+
+[Fußnote A: Epigramme 42, Buch 9.]
+
+
+
+
+Die Anandrine
+
+
+Die berühmtesten Rabbiner sind der Meinung gewesen, daß unsere ersten Väter
+beide Geschlechter in sich vereinigten und als Zwitter geboren wurden, um
+die Fortpflanzung zu beschleunigen. Doch nachdem eine gewisse Zeit
+verstrichen, hörte die Natur auf, so fruchtbar zu sein, zu der Zeit, wo die
+Pflanzenstoffe nicht mehr für unsere Nahrung ausreichten und die Menschen
+anfingen, sich des Fleisches zu bedienen.
+
+Im Anfange war es sicher so, und wir haben in diesen Ausführungen[A]
+gesehen, daß Adam zweigeschlechtlich erschaffen worden ist. Gott gab ihm
+eine Gefährtin; doch die Schrift sagt nicht, ob Adam bei diesem Wunder eine
+seiner Eigenschaften verlor. Da die Genesis sich also in keiner genauen
+Weise über diesen Gegenstand äußert, hat das System der Rabbiner lange Zeit
+eine große Anhängerschaft gehabt.
+
+Man hat ein gemäßigteres System aufgestellt, das einigen Leuten
+wahrscheinlicher vorgekommen ist. Daß es nämlich drei Arten von Wesen in
+dem ersten Zeitraum gegeben habe, die einen männlich, die anderen weiblich,
+andere männlich und weiblich in einem; daß aber alle Individuen dieser drei
+Arten jedes vier Arme und vier Beine, zwei Gesichter, eines gegen das
+andere gekehrt und auf einem einzigen Halse ruhend, vier Ohren, zwei
+Geschlechtsteile usw. gehabt hätten. Sie gingen aufrecht; wenn sie aber
+laufen wollten, schossen sie Purzelbaum. In ihre Ausschweifungen, ihre
+Keckheit, ihren Mut teilten sie sich; daraus aber ergab sich ein großer
+Übelstand: jede Hälfte versuchte unaufhörlich sich mit der anderen zu
+vereinigen, und wenn sie sich trafen, umarmten sie sich so eng, so zärtlich
+mit einem so köstlichen Vergnügen, daß sie sich zu keiner Trennung mehr
+entschließen konnten. Ehe sie sich voneinander rissen, starben sie lieber
+Hungers.
+
+[Fußnote A: Siehe die Analytroide.]
+
+Das Menschengeschlecht sollte zugrunde gehen. Gott tat ein Wunder: er
+trennte die Geschlechter und wollte, daß die Wonne nach einem knappen
+Zeitraume wiche, damit man etwas anderes täte, als einer an dem anderen
+festkleben. Daher kommt es, und nichts ist einfacher, daß das weibliche
+Geschlecht, getrennt von dem männlichen Geschlechte, eine glühende Liebe zu
+den Männern bewahrt hat, und daß das männliche Geschlecht unaufhörlich
+darnach trachtet, seine zärtliche und schöne Hälfte wiederzufinden.
+
+Doch gibt es Weiber, die andere Weiber lieben? Nichts ist doch natürlicher:
+es sind die Hälften der damaligen Weiber, die doppelt waren. Desgleichen
+haben gewisse Männer, die Verdoppelung anderer Männer, einen
+ausschließlichen Geschmack für ihr Geschlecht bewahrt.
+
+Es ist nichts Wunderliches dabei, obwohl diese vereinten und entzweiten
+Männerpaare sehr wenig anziehend erscheinen. Seht doch, wie sehr einige
+Kenntnisse mehr oder weniger zu mehr oder weniger Duldung führen müssen!
+Ich wünschte, daß diese Ideen den moralisierenden Maulhelden Ehrfurcht
+einflößten. Man kann ihnen gewichtige Autoritäten anführen; denn dies
+System, das in Moses seinen Ursprung hat, ist von dem erhabenen Plato sehr
+erweitert worden. Und Louis Leroi, königlicher Professor zu Paris, hat über
+diese Materie ungeheure Kommentare verfertigt, an denen Mercerus und
+Quinquebze, die Lektoren des Königs für Hebräisch, erfolgreich
+mitgearbeitet haben.
+
+Man wird wohl nicht ärgerlich sein, hier Louis Lerois' eigene Verse
+angeführt zu sehen:
+
+ Im ersten Alter, da die Welt von Kraut
+ Und Eicheln lebte, hat sie froh geschaut
+ Drei Menschenarten: zwei, sie sind noch jetzt,
+ Die dritte aber war zusammengesetzt
+ Aus Mann und Weib. Es ist wohl jedem klar,
+ Daß ihr der Schönheit Form zu eigen war.
+ Der Gott, der sie erschuf mit reicher Hand,
+ Schuf sie so schön er sich darauf verstand.
+ Zwei Köpfe; Füße, Arme hatten viere
+ Diese vernunftbegabten schönen Tiere.
+ Der Rest bleibt ungesagt, denkt ihn euch schön,
+ Denn besser wäre er gemalt zu sehn.
+ Und jeder Teil freut seines Leibs sich so:
+ Denn wandt er sich, sah er geküßt sich froh,
+ Sah sich umarmt, wenn er den Arm ausspannte,
+ Dacht' er, der andere schon die Antwort nannte.
+ In sich, was er zu seh'n begehrt', er sah
+ Und was er haben wollte, war schon da.
+ Stets trugen seine Füße schnell den Leib
+ Dorthin, wo ihm erblühte Zeitvertreib;
+ Und hatte er mißbraucht sein bestes Gut,
+ Wie leicht entschuldigte ihn da sein Mut!
+ Für ihn gabs weder Rechnung noch Bericht,
+ Und Ehrbarkeit und Schande kannt' er nicht.
+ Der einfach sich aus seiner Seele stahl,
+ Der Wunsch, erfüllte sich in Doppelzahl.
+ Wer das bedenkt, zu sagen ist bereit:
+ Damals, ja, herrschte die Glückseligkeit
+ Des goldnen Alters, o, welch schöne Zeit!
+
+In ihrem Vorwort zum »Neuen Himmel« bekennt Antoinette Bourignon sich auch
+zu diesem System, welches solcher Art zu sein scheint, daß es vom schönen
+Geschlecht bedauert wird. Sie mißt dem Sündenfalle diese Trennung in zwei
+Teile zu und sagt, sie habe in dem Menschen das Werk Gottes verunstaltet
+und statt Menschen, die sie sein sollten, seien sie Ungeheuer von Natur aus
+geworden, in zwei unvollkommene Geschlechter geteilt, unfähig,
+ihresgleichen allein hervorzubringen, wie sich die Pflanzen hervorbrächten,
+die darin sehr viel begünstigter und vollkommener wären, als das
+Menschengeschlecht, das dazu verdammt sei, sich nur durch die sehr kurze
+Vereinigung zweier Wesen fortzupflanzen, die, wenn sie dann einige Wonnen
+empfanden, dies hohe Werk der Vervielfältigung nur mit großen Schmerzen
+vollenden können.
+
+Wie es sich auch mit diesen Gedanken verhalten mag, wir haben noch in
+unseren Tagen ähnliche Erscheinungen gesehen, die den Glauben unterstützen,
+daß Mose's Überlieferung kein Hirngespinst gewesen ist. Eine der
+erstaunlichsten ist die eines Mönches zu Issoire in der Auvergne, wo der
+Kardinal von Fleury im Jahre 1739 den Siegelbewahrer Chanvelin des Landes
+verweisen ließ. Dieser Mönch besaß beide Geschlechter; man liest im Kloster
+folgende diesbezüglichen Verse:
+
+ Ein junges Mönchlein ohne Lug
+ -- Ich selber habe ihn gesehen --
+ Des Manns und Weibs Geschlechtsteil trug,
+ Sah Kinder auch von ihm entstehen.
+ Und einzig nur durch sich allein
+ Zeugte, gebar er wie die Weiber,
+ Tat sich dazu kein Werkzeug leihn
+ Der wohlverseh'nen Männerleiber.
+
+Indessen besagen die Klosterregister, daß dieser Mönch sich nicht selber
+schwängerte; er wäre nicht Handelnder und Leidender in Eins gewesen. Er
+wurde den Gerichten ausgeliefert und bis zu seiner Entbindung gefangen
+gehalten. Nichtsdestoweniger fügt das Register folgende bemerkenswerte
+Worte hinzu:
+
+»Dieser Mönch gehörte dem hochwürdigen Herrn Cardinal von Bourbon; er besaß
+beide Geschlechter und jedes von ihnen half sich dergestalt, daß er von
+Kindern schwanger ward.«
+
+Ich weiß, daß man einen Unterschied zwischen dem eigentlichen
+Hermaphroditen und dem Androgynen machen kann. Androgyne und Hermaphrodit,
+reine Erfindungen der Griechen, die alles im schönsten Lichte darzustellen
+wußten und darstellen wollten, sind von allen Dichtern, die reizende
+Beschreibungen von ihnen machten, nach Lust gefeiert worden, während die
+Künstler sie unter den liebenswürdigsten Formen darstellten, die im
+höchsten Grade geeignet waren, Gefühle der Wollust zu erwecken. Pandora
+hatte nur durch die Vollkommenheiten ihres Geschlechts Erfolg. Der
+Hermaphrodit vereinigte in sich alle Vollkommenheiten beider Geschlechter.
+Er war die Frucht der Liebschaft zwischen Merkur und Venus, wie aus der
+Etymologie des Namens hervorgeht[A]. Nun war Venus die Schönheit in der
+Vollendung, bei Merkur kamen zu seiner persönlichen Schönheit noch Geist,
+Kenntnisse und Talente hinzu. Man mache sich einen Begriff von einem
+Individuum, in dem all diese Eigenschaften sich vereinigt finden, und man
+wird den Hermaphroditen, wie ihn die Griechen dargestellt wünschten, vor
+sich sehen. Die Androgynen dagegen sind, unter der wahren Beachtung ihres
+Namens, nur Teilnehmer an den beiden Geschlechtern, die man Hermaphroditen
+genannt hat, weil die Alten vorgaben, daß Merkurs und Venus Sohn beide
+Geschlechter hätte. Aber es ist darum nicht minder wahr, daß, da es zu
+allen Zeiten Weiber gegeben hat, die großen Vorteil aus dieser androgynen
+Übereinstimmung gezogen haben, sie sich kostbar zu machen gewußt haben.
+Lucian läßt in einem seiner Dialoge zwischen zwei Hetären die eine zur
+anderen sagen: »Ich habe alles, wessen es bedarf, um deine Wünsche zu
+befriedigen!« worauf die antwortet: »Du bist also ein Hermaphrodit?«[B] Der
+Apostel Paulus wirft dies Laster den römischen Weibern vor[C]. Nur mit Mühe
+vermag man zu glauben, was man im Athenaeus über Ausschweifungen dieser Art
+liest, die Weiber begangen haben[D]. Aristophanes, Plautus, Phaedrus, Ovid,
+Martial, Tertullian und Clemens Alexandrinus haben sie in mehr oder minder
+offener Weise bezeichnet, und Seneca überschüttet sie mit den furchtbarsten
+Flüchen[E].
+
+Gegenwärtig sind vollkommene Hermaphroditen sehr selten; folglich scheint
+die Natur diese androgynen Menschen nicht mehr hervorzubringen. Zugeben muß
+man aber, daß man häufig auf Folgen dieser Teilung in zwei Wesen, die wir
+eben auseinandergesetzt haben, stößt: zu allen Zeiten, sowohl im ältesten
+Altertume, als auch in den neueren Zeiten näher liegenden Jahrhunderten,
+hat man die entschiedenste Liebe von Weib zu Weib beobachtet. Lykurg, der
+gestrenge Lykurg, der über so krause wie erhabene Dinge nachdachte, ließ
+öffentlich Spiele aufführen, die man Gymnopaedieen nannte, bei denen die
+jungen Mädchen nackend erschienen: laszivste Tänze, Posen, Annäherungen,
+Verflechtungen wurden ihnen beigebracht. Das Gesetz bestrafte die Männer,
+die die Kühnheit besaßen, ihnen beizuwohnen, mit dem Tode. Diese Mädchen
+wohnten beieinander, bis sie sich verheirateten: der Zweck des Gesetzgebers
+war höchstwahrscheinlich, sie die Kunst des Fühlens zu lehren, die die der
+Liebe so sehr viel schöner macht, ihnen alle Abstufungen der sinnlichen
+Empfindungen, die die Natur angibt oder für die sie empfänglich ist,
+beizubringen, kurz sie unter sich sie derart üben zu lassen, daß sie eines
+Tages zum Frommen der menschlichen Art all die Verfeinerungen anzuwenden
+wußten, die sie sich gegenseitig zeigten. Kurz, man lehrte sie verliebt zu
+sein, ehe sie einen Liebhaber hatten; denn man ist ohne Liebe verliebt, wie
+man oft versichert, daß man liebt, ohne verliebt zu sein. Habe kein
+Temperament, das will; liebe nicht, wenn du willst; das ist eine Moral von
+der Art, wie sie Lykurg in seinen Gesetzen enthüllt; das ist die Moral, die
+Anakreon wie Rosenblätter zwischen seine unsterblichen Tändeleien gestreut
+hat. Wer hätte je gedacht, gleiche Grundsätze bei Anakreon und Lykurg zu
+finden? Vor dem Dichter von Theos hatte Sappho sie in ein praktisches
+System verwandelt und dessen Symptome beschrieben. O, welch eine Malerin
+und Beobachterin war diese Schöne, die von allen Feuern der Liebe verbrannt
+wurde!
+
+[Fußnote A: Lucian I, Götterdialog XV, 2. Diodor. Sic. I, 4. Pag. 252. Ed.
+Westhling.]
+
+[Fußnote B: Hetärengespräche 5.]
+
+[Fußnote C: An die Römer I.]
+
+[Fußnote D: Buch IV, Kap. 15.]
+
+[Fußnote E: Dii illas deaeque mala perdant! Adio perversum commentae genus
+impudicitae! Viros meunt (Epist. XCV).]
+
+Sappho, die man nur noch aus Fragmenten ihrer schwülen Gedichte und aus
+ihren unglücklichen Liebschaften kennt, kann man als die berühmteste
+Tribadin ansehen. Zur Zahl ihrer zärtlichen Freundinnen rechnet man die
+schönsten Weiber Griechenlands, die sie zu Gedichten begeisterten. Anakreon
+versichert, man fände in ihnen alle Merkmale der Liebeswut. Plutarch zieht
+eine dieser Dichtungen als Beweis heran, daß die Liebe eine göttliche Wut
+ist, die heftigere Verzückungen hervorruft, als die der Priesterin in
+Delphi, der Bacchantinnen und der Priester der Cybele; man beurteile
+darnach, welche Flamme das Herz verzehrte, das also begeisterte[A].
+
+Sappho aber, die so lange in ihre Gefährtinnen verliebt war, opferte sie
+dem undankbaren Phaon auf, der sie der Verzweiflung in die Arme warf. Würde
+es nicht besser für sie getaugt haben, in den Eroberungen wie in den
+Vertrautheiten fortzufahren, die durch die Geschlechtsgleichheit und die
+Sicherheiten, die sie bietet, so erleichtert wurden und die ihres Geistes
+Schwung ihr so mühelos verschaffen konnte? Umsomehr als sie mit all den
+Vorzügen begabt war, die man sich für diese Leidenschaft, für die sie die
+Natur bestimmt zu haben scheint, wünschen kann, denn sie hatte eine so
+schöne Clitoris, daß Horaz der berühmten Frau das Beiwort mascula gab, was
+so viel bedeutet wie Mannweib.
+
+[Fußnote A: Zu Füßen der Sapphostatue von Silanion liest man: Sappho, die
+ihre Geilheit selber besungen hat, und die bis zur Raserei verliebt war.]
+
+Es scheint, daß die Schule der Vestalinnen als das berühmteste Serail der
+Tribadinnen, das es je gegeben hat, angesehen werden kann, und man darf
+ruhig behaupten, daß der Sekte der Androgynen in der Person dieser
+Priesterinnen die größten Ehren zuteil geworden sind. Das Priesteramt war
+keine der üblichen, einfachen und bescheidenen Einrichtungen in seinen
+Anfängen, welche von der ungewissen Frömmigkeit abhängen und ihren Erfolg
+nur der Laune verdanken. Es zeigte sich in Rom mit dem erhabensten Pomp:
+Gelübde der Jungfräulichkeit, Hut des Palladiums, Anvertrauung und
+Unterhaltung des heiligen Feuers[A], Symbol der Erhaltung der Herrschaft,
+ehrvollste Vorrechte, ungeheurer Einfluß, Macht ohne Grenzen. Wie teuer
+aber ist all das bezahlt worden mit der völligen Beraubung des Glücks, zu
+dem die Natur alle Lebewesen beruft, und mit den furchtbaren Todesstrafen,
+die der Vestalinnen harrten, wenn sie ihrem Rufe unterlagen! Wie würden
+sie, jung und all der Lebhaftigkeit der Leidenschaften fähig, ohne Sapphos
+Hilfsquellen dem entgangen sein, wo man ihnen die gefährlichste Freiheit
+ließ und der Kult selber in ihnen die wollüstigsten Gedanken wach rief?
+Denn bekanntlich opferten die Vestalinnen dem Gotte Fascinus, dargestellt
+unter der Form des ägyptischen Thallum; und es gab seltsame feierliche
+Handlungen, die bei diesen Opfern obwalten mußten: sie hefteten dies
+Bildnis des männlichen Gliedes an die Wagen der Triumphatoren. So war das
+heilige Feuer, das sie unterhielten, bestimmt, sich auf wahrhaft belebenden
+Wegen im ganzen Reiche fortzupflanzen; ein solcher Gegenstand der
+Betrachtung war wenig geeignet, den Blicken junger Mädchen ausgesetzt zu
+sein, die Jungfräulichkeit gelobt hatten!
+
+[Fußnote A: Vesta kommt aus dem Griechischen und bedeutet so viel wie
+Feuer. Die Chaldäer und alten Perser nannten das Feuer avesta. Zoroaster
+hat sein berühmtes Buch Avesta, Hüter des Feuers, genannt. Die Haustüre,
+der Eingang heißt Vestibül, weil jeder Römer Sorge trug, das Feuer der
+Vesta an seiner Haustüre zu unterhalten. Daher kommt es zweifelsohne, daß
+man den Eintritt in die Vagina das Vestibül der Vagina nennt, wie wenn es
+der Ort, wäre, wo man das erste Feuer dieses Tempels unterhält.]
+
+Man sieht, daß die Tribaden des Altertums berühmte Vorbilder hatten. In
+seinen palmyrenischen Altertümern führt der Abbé Barthelemi die Gewänder
+an, mit denen sie öffentlich prunkten: es waren nach ihm[A] die Enomide und
+die Callyptze. Die Enomide wand sich eng um den Körper und ließ die
+Schultern frei. Was die Callyptze anlangt, so kennt man sie nur dem Namen
+nach wie die Crocote, die tarentinische Lobbe, die Anobole, das Eucyclion,
+die Cecriphale und die in lebhaften Farben gemalten Tuniken, die sehr
+deutlich die Glut der Tribaden anzeigten, die unausgesetzt lüstern waren
+wie die Wellen, die sich folgen, ohne jemals zu versiegen. Den Situationen
+entsprechend, in denen sie sich befanden, legten sie diese Kleidungsstücke
+an. Die Callyptze war für die Öffentlichkeit bestimmt, die Enomide trugen
+sie, wenn sie Besuche bei sich empfingen. Der Tarentine bedienten sie sich
+auf Reisen, die Crocote war für das Haus, wenn sie sich einsamer
+Beschäftigung widmeten. Die Anobole für Tribaderie unter vier Augen, die
+Cecriphale für nächtliche Stelldicheins, das Eucyclion, um ausgelassene
+Gesellschaften abzuhalten, die gemalten Tuniken für große Verbrüderungen,
+Orgien, und die Farbe der Tunika zeigte den Dienst an, mit dem die Tribade,
+die sie trug, für den Tag beauftragt worden war. Jede Art des Beistandes
+hatte ihre besondere leuchtende Farbe.
+
+[Fußnote A: Zweifelsohne wird mir ein Unterrichteter hier mehr als eine
+Schwierigkeit machen . . . Aber man würde nie zu Ende kommen, wenn man auf
+alles antworten müßte.]
+
+Es gibt bestimmte Fälle, in denen die Tribadie von sehr weisen Physikern
+anempfohlen wurde. Bekanntlich konnte David seine Brunst nur durch Weiber
+wiedergewinnen, die auf seinem Leibe tribadierten. Was Salomo anlangte, so
+benutzte er zweifelsohne seine dreihundert Beischläferinnen nur dazu, sie
+in seiner Gegenwart Evolutionen im großen machen zu lassen. In unseren
+Tagen stellt man die idiopathische Glut im Mannesleibe durch die Spiele
+einer Masse Weiber wieder her, in deren Mitte sich der niederläßt, der
+seine Kräfte wiedererlangen will. Dies Heilmittel war von Dumoulin immer
+erfolgreich angeraten worden. Man weiß, daß der Kranke, sobald er die
+idiopathischen Wirkungen der Brunst fühlt, sich zurückziehen muß, um das
+Weißglühen, das sich einzustellen scheint, sich beruhigen und kräftiger
+werden zu lassen, anderenfalls würde er eine entgegengesetzte Wirkung
+erzielen. Dies System fußt darauf, daß der Mensch nur der Gegenwart des
+Objektes bedarf, um die Art der Hitze, um die es sich handelt, zu
+verspüren, die ihn mehr oder minder stark bewegt, je nachdem er mehr oder
+minder schwach ist. Im allgemeinen hält die öftere Wiederkehr dieser
+Glutanwandlungen ebensolange oder länger als die Kräfte des Mannes an. Das
+ist eine der Folgen der Möglichkeit, plötzlich an gewisse angenehme
+Sensationen einzig bei der Besichtigung der Gegenstände, die sie einen
+haben empfinden lassen, zu denken oder sie sich ins Gedächtnis
+zurückzurufen. So sagte, wer behauptet, »daß, wenn die Tiere sich nur zu
+bestimmten Zeiten paarten, es nur geschähe, weil sie Tiere seien«, ein sehr
+viel philosophischeres Wort, als er dachte.
+
+Übrigens ist bei der Tribadie wie in allem das Übermaß schädlich, es
+entnervt statt anzureizen. Es kommen auch manchmal bei diesen Arten von
+Ausübungen Untersuchungen zufolge merkwürdige und furchtbare Dinge vor. Vor
+einiger Zeit geschah es in Parma, daß ein Mädchen, die sich angewöhnt
+hatte, mit ihrer guten Freundin zu tribadieren, sich einer dicken Nadel mit
+einem Elfenbeinknopf von Daumenlänge bediente, die bei den Stößen auf einen
+falschen Weg gelangte und in die Harnblase geriet. Sie wagte ihr Abenteuer
+nicht einzugestehen, duldete und litt, sie urinierte Tropfen für Tropfen;
+am Ende von fünf Monaten hatte sich bereits ein Stein um die Nadel
+gebildet, die man auf den üblichen Wegen herauszog. In den Klöstern, den
+weiten Theatern der Tribadie, geschehen sehr viel ähnliche Dinge; hier
+ist's ein Ohrlöffel, da eine Haarnadel, anderswo eine Strickscheide oder
+eine Klistierröhre, wieder wo anders ein Tropfglas von Königin von
+Ungarwasser, ein kleines Weberschiffchen, eine Kornähre, die von selber
+hochsteigt, die die Vagina kitzelt und die das arme Nönnchen nicht mehr
+herausziehen kann. Man könnte einen Band ähnlicher Anekdoten liefern.
+
+Herr Poivre lehrt uns in seinen Reisebeschreibungen, daß die berüchtigtsten
+Tribaden der Erde die Chinesinnen seien; und da in diesem Lande die Weiber
+von Stand wenig gehen, tribadieren sie in den Hängematten. Diese
+Hängematten sind aus einfacher Seide mit Maschen von zwei Finger im Quadrat
+gefertigt, der Körper ist wollüstig darin ausgestreckt, die Tribaden wiegen
+sich hin und her und reizen sich, ohne die Mühe zu haben, sich bewegen zu
+müssen. Ein großer Luxus der Mandarinen ist's, in einem Saal inmitten von
+Wohlgerüchen zwanzig solcher schwebenden Tribaden zu haben, die vor ihren
+Augen einander Wonne bereiten. Der Harem des Großherrn hat keinen anderen
+Zweck; denn was sollte ein einziger Mann mit so vielen Schönen anfangen?
+Wenn der übersättigte Sultan sich vornimmt, die Nacht bei einer seiner
+Frauen zu verbringen, läßt er seinen Sorbet im Zimmer der Rundungen, wie
+man es nennt (All' hachi), auftragen. Dessen Mauern sind mit den laszivsten
+Malereien bedeckt; am Eingange in dies Gemach sieht man eine Taube, und auf
+der Seite, wo man hinausgeht, eine Hündin gemalt, Symbole der Wollust und
+Geilheit.
+
+Inmitten der Malereien liest man zwanzig türkische Verse, die die dreißig
+Schönheiten der schönen Helena beschreiben, von denen Herr de Saint-Priest
+kürzlich ein Fragment mit diesen Einzelheiten gesandt hat; das Fragment war
+von einem Franzosen aus dem Quartier von Pera übersetzt worden[A].
+
+[Fußnote A: Man merkt wohl, daß Herrn de Saint-Priest seine Würde
+hinderte, dafür einzustehen; und irgendein durch diese Nichtanerkennung
+ermutigter Litterat wird mit mir behaupten, daß diese Verse ganz einfach
+eine Nachahmung aus: Silva nuptialis von J. de Nevisan sind. Hier sind sie:
+
+ Trigenta haec habeat quae vult formosa vocari
+ Femina; sic Helenam fama fuisse refert;
+ Alba tria et totidem nigra; et tria rubra puella,
+ Tres habeat longas res totidemque breves,
+ Tres crassas, totidemque graciles, tria stricta, totampla
+ Sint ibidem huic formae, sint quoque parva tria,
+ Alba cutis, divei dentes, albique capilli,
+ Nigri oculi, cunnus, nigra supercilia.
+ Labia, gene atque ungues rubri. Sit corpora longa,
+ Et longi crines, sit quoque longa manus,
+ Sintque breves dentes, aures-pes; pectora lata,
+ Et clunes, distent ipsa supercilia.
+ Cunnus et os strictum, strigunt ubi singula stricta,
+ Sint coxae et cullum vulvaque turgidula,
+ Subtiles digiti, crines et labra puellis;
+ Parvus sit nasus, parva mamilla, caput
+ Cum nullae aut raro sint haec formosa vocari,
+ Nulla puella potest, rara puella potest.
+
+Aber ich bitte mir zu sagen, wo steckt die Unmöglichkeit, daß diese Verse
+ins Türkische übersetzt im Harem sind? . . . Kurz, man begehre nicht auf
+gegen Tatsachen.]
+
+Ich will diese Verse nicht zu übersetzen versuchen; sie sind von keinem
+Dichter gemacht worden. Diese arithmetische Berechnung, diese dreißig,
+streng drei zu drei angeführten Eigenschaften, würden allen Schwung
+erstarren lassen. Man schätzt Reize, die man anbetet, nicht ab, man
+berauscht sich, man brennt, man bedeckt sie mit Küssen; nur dann fesselt
+man. Eine Schöne, welche die Vorzüge, mit denen sie geschmückt ist, an den
+Fingern abgezählt werden sieht, hält den Zähler für einen dummen Tropf und
+würde selber eine traurige Figur machen. Es gibt ihrer mehr als dreißig, es
+gibt ihrer mehr als tausend. Wie, wenn man Helena nackt sieht, behält man
+einen klaren Kopf?[A] . . . Aber die Türken sind ja nicht galant.
+
+[Fußnote A: Und wie sollte man mit Grazie und Anstand Worte wie cunnus,
+clunes, culus, vulva in Verse bringen? Man würde sich an einem üblen Orte
+kaum mit Ehren daraus ziehen. Und die Liebe will doch in einem Tempel
+bedient werden.]
+
+Der Sultan betritt diesen Saal, in dem die Stummen alles vorbereitet haben.
+Er hockt in einer Ecke nieder, wo er sich auf die Erde legt, um die
+Stellungen von einem günstigen Gesichtswinkel aus zu sehen. Raucht drei
+Pfeifen und während der Zeit, die er darauf verwendet, erscheint, was Asien
+an Vollkommenstem hervorbringt, nackt im Saal. Sie paaren sich zuerst nach
+dem Bilde der schönen Helena, dann vermischen sie sich und bilden Gruppen
+und Stellungen, zu denen die Mauern ihnen Beispiele geben, die sie dank
+ihrer Gewandtheit übertreffen. Unter anderen gibt es in diesem wollüstigen
+Raume auch sieben Gemälde Bouchers, deren eines die von Caravaggio
+ersonnenen Stellungen darstellt; und der letzte Sultan ließ sie in Natur
+nach dem Maler der Anmut ausführen. O, wenn man so viele Mühen aufwendete,
+um die Sitten zu bilden, wie um sie zu verderben, um Tugenden zu schaffen,
+wie Begierden zu erregen, dann würde der Mensch bald die höchste Stufe der
+Vollendung, für die die Natur empfänglich ist, erreichen!
+
+
+
+
+Die Akropodie
+
+
+Die Natur müht sich bei der Erzeugung der Lebewesen auf sehr verschiedenen
+Wegen; sie ist des Willens, daß sich das Menschengeschlecht durch die
+Mitwirkung zweier Individuen erneuert, die sich in den hauptsächlichsten
+Bestandteilen ihrer Organisation gleichen und bestimmt sind, dabei durch
+besondere Mittel, die jedem zu eigen sind, mitzuwirken. Ebenso beschränkt
+sich das Wesen eines Geschlechts nicht auf ein einziges Organ, sondern
+erstreckt sich durch mehr oder minder merkbare Abstufungen auf alle
+Körperteile. Das Weib z. B. ist nicht nur Weib an einer einzigen Stelle; es
+ist es in all den Gesichtspunkten, von denen aus es ins Auge gefaßt werden
+kann. Man möchte sagen, die Natur habe alles an ihm der Anmut und der Reize
+wegen geschaffen, wenn man nicht wüßte, daß es einen sehr viel
+wesentlicheren und edleren Zweck hat. Infolgedessen entsteht in allen
+Wirkungen der Natur die Schönheit auf ein Gesetz hin, das in die Ferne
+strebt, und indem sie schaffen will, was gut ist, schafft sie
+notwendigerweise zu gleicher Zeit, was gefällt.
+
+Das ist das Hauptgesetz, das die besonderen Abänderungen nur
+beeinträchtigen, zumal Leidenschaften, Geschmacksrichtungen, Sitten, die
+einer direkten Beziehung zu den Gesetzgebungen und Regierungen unterworfen,
+stets aber der physischen Beschaffenheit, die in diesem oder jenem Klima
+obwaltet, untergeordnet sind, sich mehr oder weniger von der dem Menschen
+widerstrebenden Natur entfernen. So werden in heißen Ländern die dunklen,
+kleinen, mageren, lebhaften, geistreichen Menschen weniger arbeitsam,
+weniger kräftig, frühreifer und minder schön als die in den kalten Ländern;
+Liebe wird da ein blindes hitziges Verlangen, ein glühendes Fieber, eine
+verzehrende Notdurft, ein Schrei der Natur sein. In den kalten Ländern wird
+diese weniger physische und moralischere Leidenschaft ein sehr maßvolles
+Bedürfnis, ein überlegtes, erwogenes, analysiertes, systematisches Gefühl,
+eine Frucht der Erziehung sein. Schönheit und Nutzen, oder alle Schönheiten
+und Nutzen sind also nicht miteinander verknüpft, ihre Beziehungen
+entfernen sich voneinander, schwächen sich ab, verändern sich; die
+Menschenhand leistet fortwährend der Aktivität der Natur Widerstand,
+manchmal beschleunigen unsere Bemühungen auch ihren Lauf.
+
+Das wechselseitige Gesetz der physischen Liebe zum Beispiel ist in den
+nördlichen und mittäglichen Ländern durch die menschlichen Einrichtungen
+sehr geschwächt worden. Wir sind der Natur zum Hohn in ungeheure Städte
+eingepfercht und haben ebenso die Klimata durch Öfen -- Werke unserer
+Erfindung, deren ständige Anstrengung unsäglich machtvoll arbeitet --
+verändert. In Paris, das eine selbst im Vergleich mit unseren mittäglichen
+Provinzen recht niedrige Temperatur hat, sind die Mädchen eher mannbar als
+in den selbst Paris benachbarten Landstrichen. Diese mehr schädliche als
+etwa nützliche Prärogative, die sich an die ungeheure Hauptstadt knüpft,
+hat moralische Gründe, die sehr häufig den physischen Gründen gebieten. Die
+körperliche Frühreife wird von der frühzeitigen Übung der intellektuellen
+Fähigkeiten bedingt, die sich mit der Zeit nur zum Nachteil der Sitten
+schärfen. Die Kindheit ist kürzer, die früh entwickelte Jugend wird
+erblich, die tierischen Funktionen und die Fähigkeit, sie auszuüben,
+verstärken sich (denn sich vervollkommnen würde nicht das richtige Wort
+sein) von Menschenalter zu Menschenalter. Nun stehen die körperlichen
+Anlagen mit den geistigen Fähigkeiten in einer Beziehung zueinander, die
+von der Generation vererbt sein kann.
+
+Das ist eine große Wahrheit, die zur Genüge fühlbar macht, von welcher
+Wichtigkeit eine klug ausgedachte nationale Erziehung für die
+Gesellschaften sein würde!
+
+Vielleicht wäre es vor allem für das verführerische Geschlecht notwendig,
+daß es Arbeit leiste; denn bei fast allen zivilisierten Völkern, wo es dem
+Anscheine nach geknechtet ist, gebietet es in Wirklichkeit dem herrschenden
+Geschlechte. Es gibt Weiber, und das in sehr großer Zahl, bei denen die
+Wirkungen der Empfindlichkeit die Spannkräfte jedes Organes umsomehr heben,
+als dies Wesen, für das die Natur erstaunliche Kosten aufgewandt hat,
+vervollkommnungsfähig ist! Die venerischen Krämpfe, die das Wesen der
+Geschlechtsfunktionen ausmachen, die fruchtbaren Trankopfer werden besser
+noch vom moralischen als mechanischen Standpunkte aus ins Auge gefaßt.
+Zweifelsohne hängen sie von der mehr oder minder großen Empfindlichkeit des
+wunderbaren Zentrums[A] ab, das periodisch aufwacht und sich wieder
+beruhigt. Welchen Einfluß aber hat es nicht auch auf alle Teile des Wesens!
+Wenn das Vergnügen dort wohnt, scheint die empfindsame, angenehm erregte
+Seele sich ausdehnen, aufblühen zu wollen, um die Wahrnehmungen inniger in
+sich aufnehmen zu können. Dieses Aufschwellen verbreitet überall das
+köstliche Gefühl einer Vermehrung des Seins; die auf den Ton dieser
+Empfindung gestimmten Organe verschönen sich, der an die süße Gewalt, die
+in den gewöhnlichen Grenzen seines Seins entsteht, gekettete Mensch will
+nichts weiter, weiß nichts weiter als zu fühlen. Setzt den Kummer an die
+Stelle der Freude, und die Seele zieht sich in ein Zentrum zurück, das zu
+einem unfruchtbaren Kerne wird und alle Körperfunktionen verschmachten
+läßt. Ebenso wie Wohlbefinden und des Geistes Zufriedenheit, Freude,
+Aufblühen der Seele, Lebhaftigkeit, Verschönerung des Körpers, Genugtuung,
+Lächeln, Frohsinn oder die süße und zarte Freude der Empfindsamkeit und
+ihre wollüstigen Tränen und ihre kraftvollen Umarmungen, und ihre heißen
+Freuden, die der Trunkenheit gleichkommen, erzeugen, ebenso lassen das
+Mühen des Geistes und seine Beunruhigungen die Seele sich in sich selber
+zurückziehen, lähmen den Körper, erzeugen moralische und physische
+Schmerzen und Schwäche und Niedergeschlagenheit und Trägheit. -- Der wäre
+folglich weder närrisch noch strafbar, welcher nach dem Beispiele eines
+asiatischen Despoten, aus anderen Beweggründen freilich, den Philosophen
+und Gesetzgebern vorschlüge, neue Vergnügen ausfindig zu machen, und
+ausriefe: »Epikur war der Männer weisester: Wollust ist und muß die
+allmächtige Triebfeder unserer ganzen Art sein.«
+
+[Fußnote A: Die Gebärmutter.]
+
+Es gibt Spielarten unter den erschaffenen Wesen, die außergewöhnlich sein
+würden, wenn man die Resultate einer beständigen, unermüdlichen,
+authentischen Beobachtung[A] bekämpfen könnte, doch die aufgeklärte
+Naturlehre muß ein ewiger Führer der Moral sein. Und daraus ergibt sich,
+daß fast alle Zwangsgesetze schlecht sind, daß die Lehre der Gesetzgebung
+nur nach allen übrigen Lehren ausgebildet werden kann.
+
+Der Mensch aber, der der Erbfeind, der eifrigste Parteigänger, der große
+Förderer und das bemerkenswerteste Opfer des Despotismus ist, hat zu allen
+Zeiten alles richten, alles lenken, alles reformieren wollen. Daraus ergibt
+sich die Menge der so ungerechten und so krausen Gesetze, der
+unerklärlichen Einrichtungen und Gebräuche jeglicher Art. An ihrem Platze,
+in solcher Zeit, zu solchen Umständen, an dem und dem Orte aber hat der
+Tyrann der Natur die Natur ohne Rücksicht auf Zeiten, auf Örtlichkeit und
+auf Umstände fortpflanzen und verzögern wollen. Unserer Ansicht nach ist
+die Beschneidung eines der ungewöhnlichsten Gebräuche, die er sich
+ausgedacht hat.
+
+Mehrere Völker haben sie aus Gründen, die ihrer Ordnung und Natur
+entsprechen, vollzogen, und das ist natürlich und klug. Andere haben sie
+ohne Notwendigkeit als eine religiöse Observanz angenommen, und das scheint
+vernunftwidrig. Die Ägypter sahen sie als eine Sache des Gebrauchs, der
+Sauberkeit, der Vernunft, der Gesundheit und der physischen Notwendigkeit
+an. Tatsächlich behauptet man, es gäbe Männer, die eine so lange Vorhaut
+hätten, daß sich die Eichel nicht von selber entblößen könnte, woraus sich
+eine speichelnde Ejakulation ergäbe, die ein beträchtliches Übel für das
+Schöpfungswerk bedeute. Eine Vorhaut solcher Art zu verkleinern, ist
+gewißlich ein vernünftiger Grund. Daß aber diese Vorhaut ein Gegenstand
+hoher Verehrung bei dem auserwählten Volke Gottes gewesen ist, scheint mir
+sehr sonderbar.
+
+[Fußnote A: Wer würde zum Beispiel denken, daß die Brunst der Biene
+tausendmal stärker ist als die des Elefanten?]
+
+Tatsächlich ist Abrahams Vorhaut[A] das Siegel der Versöhnung, das Zeichen
+des Bundes, der Pakt zwischen dem Schöpfer und seinem Volke; eine Vorhaut,
+die hart geworden sein mußte, denn Abraham zählte neunundneunzig Jahre, als
+er sich die Schnittwunde beibrachte; er tat desgleichen dann an seinem
+Sohne und an allen Männern usw. Moses Weib beschnitt ebenfalls ihren Sohn;
+das ging nicht ohne Hader vor sich, und sie entzweite sich mit ihrem
+Gatten, der sie darnach nie wieder sah[B]. Diese Zeremonie nahm man damals
+nur für einen bildlichen Ausdruck, denn man sprach von beschnittenen
+Früchten[C], von der Beschneidung des Herzens usw.[D] Und sie wurde während
+der ganzen Zeit aufgehoben, welche die Juden in der Wüste waren. So ließ
+denn Josua beim Ausgange aus der Wüste eines schönen Tages das ganze Volk
+beschneiden. Vierzig Jahre über hatte man die Vorhäute nicht beschnitten,
+und nun gab's ihrer auf einen Schlag zwei Tonnen voll[E].
+
+Als das Volk Gottes Könige hatte, tat man noch sehr viel mehr: man
+heiratete für Vorhäute. Saul versprach David seine Tochter und forderte
+hundert Vorhäute als Leibbeding[F]. David aber, der ein Held und edelmütig
+war, wollte sich bei dieser köstlichen Gabe keine Grenzen setzen lassen und
+brachte Saul zweihundert Vorhäute[G], dann heiratete er Michal. Man wollte
+sie ihm streitig machen, aber seine Forderung war gerecht, und er erhielt
+sie für seine Vorhautsammlung[H].
+
+[Fußnote A: Genesis XVII, 24.]
+
+[Fußnote B: Exodus IV, 25.]
+
+[Fußnote C: Levitikus XIX, 23.
+
+[Fußnote D: Deut. X, 16. ]
+
+[Fußnote E: Josua V, 3 und 7.]
+
+[Fußnote F: Könige XVIII, 25.]
+
+[Fußnote G: Könige XVIII, 27.]
+
+[Fußnote H: II. Könige III, 14.]
+
+Große Streitigkeiten sind dieser Vorhäute wegen entstanden. Man betrachtete
+die Beschneidung nicht nur als ein Sakrament des alten Glaubens, indem sie
+ein Zeichen des Bundes Gottes mit Abrahams Nachkommenschaft war, man wollte
+auch, daß dieser Hautlappen, den man vom männlichen Gliede abschnitt, den
+Kindern die Erbsünde erlasse. Die Kirchenväter sind geteilter Ansicht
+hierüber gewesen. Der heilige Augustinus, der diese Meinung vertritt, hat
+alle die gegen sich, die ihm vorausgingen, und nach seiner Zeit den
+heiligen Justinus, Tertullian, den heiligen Ambrosius usw. Deren
+Hauptbeweisgrund leuchtet sehr ein. Warum, sagen sie, schneidet man den
+Weibern nichts ab? Die Erbsünde befleckt sie alle genau so wie die Männer;
+man müßte ihnen mit gutem Recht ja mehr abschneiden als denen, denn ohne
+Evas Neugierde hätte Adam nimmer gesündigt.
+
+Die Patres Conning und Coutu haben nach Herrn Huet behauptet, nichts wäre
+weniger vernünftig, als daß man die Weiber beschnitte. Tatsächlich erklärt
+Huet nach Origines klipp und klar, man beschnitte fast alle Ägypterinnen[A]
+und schnitte ihnen einen Teil der Clitoris ab, die bei der Annäherung des
+männlichen Geschlechts im Wege wäre; überdies erlitten sie dieselbe
+Operation aus Religionsprinzip, um den Wirkungen der Üppigkeit Einhalt zu
+tun, weil Kitzel und Erregung minder zu fürchten sind, wenn die Clitoris
+weniger hervorragt.
+
+[Fußnote A: Circumcisio feminarum sit refectione [Griechisch: tês gymphês]
+(imo clitoridis) quae pars in australium milieribus ita excrescit, ut ferro
+sit coercenda.]
+
+Paul Jove und Münster versichern, daß die Beschneidung bei den Weibern der
+Abessinier gebräuchlich sei. In diesem Lande ist sie sogar ein Zeichen des
+Adels für das Geschlecht; auch nimmt man sie dort nur bei denen vor, die
+von Nicaulis, der Königin von Saba, abzustammen behaupten. Die Frage der
+Weiberbeschneidung ist also noch sehr wenig entschieden, und die Gelehrten
+können sich noch darüber auslassen.
+
+Eine recht verfängliche Operation müßte es geben, wenn man beschneiden
+wollte, wo es nichts mehr abzusäbeln gibt. Wie zum Exempel wollte man bei
+den Völkern vorgehen, die aus Sauberkeit oder Notwendigkeit die
+Beschneidung vorgenommen hatten und zum Judentum übertraten, so daß man sie
+des Bundes wegen nochmals beschneiden müßte? Anscheinend begnügt man sich
+dann damit, der Rute einige Tropfen Blutes abzuzapfen an der Stelle, wo die
+Vorhaut abgeschnitten worden ist. Und dies Blut nannte man das Blut des
+Bundes. Doch dreier Zeugen bedurfte es, um dieser Zeremonie den Stempel der
+Echtheit zu geben, wenn man keine Vorhaut mehr aufzuweisen hatte.
+
+Die abtrünnigen Juden dagegen sind bestrebt, an sich die Spuren der
+Beschneidung zu tilgen und sich Vorhäute zu machen.
+
+Der Text der Makkabäer beweist das ausdrücklich. »Sie haben sich Vorhäute
+gemacht und haben den Bund getäuscht«[A]. Der Apostel Paulus scheint im
+ersten Briefe an die Korinther zu fürchten, daß die zum Christentum
+übertretenden Juden desgleichen täten! »Wenn«, sagt er, »ein Beschnittener
+zum neuen Glauben berufen ist, soll er sich keine neue Vorhaut machen«[B].
+
+Der heilige Hieronymus, Rupert und Haimon streiten die Möglichkeit solchen
+Tuns ab und glaubten, daß die Spuren der Beschneidung sich nicht verwischen
+ließen. Die Patres Conning und Coutu jedoch haben mit Recht und durch Tat
+bewiesen, daß die Sache möglich ist. Mit Recht durch die Unfehlbarkeit der
+heiligen Schrift, durch Tat durch die Gewähr des Galienus und Celsus, die
+behaupten, daß man die Spuren der Beschneidung auszulöschen vermöchte.
+Bartholin[C] zitiert Oegnieltus und Fallopus, die das Geheimnis gelehrt
+haben, dies Mal in dem Fleische des Beschnittenen zu vertilgen.
+
+Buxdorf Sohn bestätigt in seinem Brief an Bartholin dies Geschehen selbst
+durch Beweise von Juden. Da diese Materie überdies zu wichtig war, als daß
+religiöse Menschen einige Zweifel darüber hätten bestehen lassen wollen,
+haben die Patres Conning und Coutu am eigenen Leibe das von den eben
+erwähnten Ärzten angegebene Verfahren erprobt.
+
+Die Haut an sich ist bis zu einem Maße dehnbar, daß man es kaum zu glauben
+vermöchte, wenn nicht die der Frauen in Schwangerschaft und die aus der
+Haut lebender Wesen gemachten Gewänder alltägliche Beweise lieferten. Oft
+sieht man auch Augenlider schlaff werden oder sich ungewöhnlich ausdehnen.
+Nun ist die Haut der Vorhaut durchaus der der Augenlider ähnlich.
+
+[Fußnote A: Iman. Ch. I, 16. Fecerunt sibi preputia et recesserunt a
+testamento sancto.]
+
+[Fußnote B: I. Korinther VII, 18.]
+
+[Fußnote C: De morb. biblio.]
+
+Da die Patres Conning und Coutu das genau eingesehen hatten, ließen sie
+sich gesetzmäßig beschneiden; und als die Wurzel ihrer Vorhaut geheilt war,
+befestigten sie ein so schweres Gewicht an ihr, wie sie es aushalten
+konnten, ohne eine Zerrung hervorzurufen. Die unmerkliche Spannung und
+Rosenöleinreibungen längs der Rute erleichterten die Verlängerung der Haut
+bis zu dem Maße, daß Conning in dreiundvierzig Tagen sieben und ein viertel
+Zoll gewann. Coutu, der eine härtere Haut besaß, konnte nur fünf und einen
+halben Zoll vorweisen. Man hatte ihnen eine Büchse aus doppeltem Weißblech
+hergestellt und an dem Gürtel befestigt, daß sie urinieren und ihren
+Geschäften nachgehen konnten. Alle drei Tage besichtigte man die
+Ausdehnung, und die besichtigenden Patres, die Kommission ad hoc genannt,
+legten fast genau solche Register über das Erscheinen von Connings neuer
+Vorhaut an, wie man es an der Pont Royal getan hat, um das Wachsen der
+Seine zu messen.
+
+Demnach ist's also genau bewiesen, daß die Bibel hinsichtlich der Männer
+die Wahrheit verkündigt hat; hinsichtlich der Weiber aber haben Conning und
+Coutu nicht die volle Genugtuung erhalten können. Kein Weib wollte
+erlauben, daß man ihr ein Gewicht an die Clitoris hänge; wie es denn auch
+heute keine gibt, die sich etwas von ihr abschneiden läßt, weder aus Angst
+vor der Annäherung des Mannes (denn es gibt Auswege, die jedes Hindernis zu
+umschiffen wissen, wie sich leichtlich begreifen läßt)[A], noch im Zeichen
+des Bundes, weil es Tatsache ist, daß sie sich alle vermischen, ohne einer
+Verringerung zu bedürfen. Man ist heute weit davon entfernt, über die
+Verlängerung einer Clitoris betrübt zu sein . . . O, der Fortschritt der
+Kunstgriffe in unserem Jahrhundert ist ungeheuer!
+
+Bekanntlich schneiden die Türken die Haut ab und berühren sie nicht mehr,
+während die Juden sie zerreißen und so leichter heilen. Übrigens machen die
+Kinder Mahomeds die größte Feierlichkeit aus dieser Operation. Als Amurat
+III. im Jahre 1581 seinen ältesten Sohn von vierzehn Jahren beschneiden
+lassen wollte, schickte er einen Gesandten an Heinrich III., um ihn zur
+Beiwohnung der Zeremonie mit der Vorhaut einzuladen, die im Monat Mai des
+folgenden Jahres in Konstantinopel feierlich begangen werden sollte. Die
+Liguisten und besonders ihre Prediger griffen die Gelegenheit dieser
+Gesandtschaft beim Schopfe, um Heinrich III. den Türkenkönig zu nennen und
+ihm vorzuwerfen, er sei der Pate des Großherrn.
+
+Die Perser beschneiden Kinder im Alter von dreizehn Jahren zu Ehren
+Ismaels; doch die merkwürdigste Methode hinsichtlich dieser Sitte übt man
+auf Madagaskar aus. Dort schneidet man das Fleisch dreimal nacheinander ab,
+die Kinder leiden sehr darunter, und der Verwandte, der die abgeschnittene
+Vorhaut als erster aufhebt, schluckt sie hinter.
+
+Herrera meldet, daß man bei den Mexikanern, wo man übrigens weder
+Mohammedanismus noch Judentum kennt, den Kindern gleich nach der Geburt
+Ohren und Vorhaut abschneidet, woran viele sterben.
+
+[Fußnote A: Die Methode der Windhündin.]
+
+Das ist das Bemerkenswerteste, was sich über diese Materie anführen läßt.
+Man weiß nicht, ob Furcht vor Reibung und Reizung, die sie zur Folge haben,
+die Juden der Bequemlichkeit beraubte, was wir Hosen nennen, zu tragen,
+sicher ist's aber, daß die Israeliten keine trugen, worin unsere nicht
+reformierten Kapuziner das Volk Gottes nachgeahmt haben. Da indessen die
+Erektionen bei gewissen Zeremonien in Verwirrung hätten setzen können, war
+es vorgeschrieben, sich dann eines Wärmtuches zur Aufnahme des
+Geschlechtsteils zu bedienen[A]. Aron hat den Befehl dazu erhalten.
+
+Indem ich dieses Stück beende, fällt mir ein, daß die Geschichte der
+Vorhäute nicht recht anakreontisch ist; wenn man sich jedoch in den
+heiligen Büchern unterrichten will, was gewißlich eines jeglichen Christen
+Pflicht ist, muß man einen kräftigen Magen haben; denn man stößt da auf
+Stellen, die von ungleich derberer Kost sind als die von mir aufgetischten.
+Wenn man zum Exempel den David verfolgenden König Saul seinen Leib[B] in
+einer Höhle erleichtern, in deren Tiefe ersterer versteckt war, und den
+recht leise herausschleichen und mit der größten Gewandtheit das Hinterteil
+von Sauls Kleide abschneiden, dann sobald der König sich wieder auf den Weg
+gemacht, ihn ihm nacheilen sieht, um ihm zu beweisen, daß er ihn leichtlich
+hätte pfählen können, daß er aber zu edel war, um ihn von hinten zu töten,
+wenn man das sieht, sage ich, ist man erstaunt. Aber man fällt von einem
+Erstaunen ins andere, man sieht Zug um Zug auf diesem ungeheuren und
+heiligen Theater Menschen, die sich von ihren Ausscheidungen[C] nähren und
+ihren Urin[D] trinken. Tobias wird durch Schwalbendreck blind. Esther
+bedeckt sich das Haupt mit dem Schmutzigsten, was es auf Erden gibt[E]. Die
+Faulen bewirft man mit Kuhdreck[F]. Jesaias sieht sich genötigt, die
+ekelhaftesten Ausscheidungen des Menschenkörpers zu vertilgen[G]. Reiche
+gibt's, die mit Kot beworfen werden[H], andere wieder besudelte man gar im
+Tempel mit diesem Unrat; endlich stößt man auf Ezechiel, der dies seltsame
+Ragout, das durch ein Wunder Gottes, welches nicht jedermann seiner Güte
+würdig erscheint, sich in Kuhmist verwandelte[I], auf sein Brot strich[J]
+. . . Wenn man all das sieht, dann erstaunt einen nichts mehr.
+
+[Fußnote A: Levitikus, Kap. VI, 10. Faeminalibus lineis.]
+
+[Fußnote B: B. d. Könige I, Kap. XXIV, 4. Erat quae ibi spelunca quam
+impressus est Saul, ut purgeret ventrem.]
+
+[Fußnote C: B. d. Könige 4, Kap. XVIII, 27. Comedant stercora sua et
+bibant urinam suam.]
+
+[Fußnote D: Tobias II, 11.]
+
+[Fußnote E: Esther XXII, 2.]
+
+[Fußnote F: Jesaias XXXVII, 12.]
+
+[Fußnote G: Tren. IV, 5: Amplexati sunt stercora.]
+
+[Fußnote H: Mal. II, 3.]
+
+[Fußnote I: Ezech IV, 15.]
+
+[Fußnote J: Ibid. IV, 12.]
+
+
+
+
+Kadhesch
+
+
+Die Macht der Gesetze hängt einzig von ihrer Weisheit ab, und der
+Volkswille erhält sein größtes Gewicht durch die Vernunft, die sie diktiert
+hat. Um deswillen hält es Plato für eine überaus wichtige
+Vorsichtsmaßregel, Edikten eine vernünftige Einleitung vorauszuschicken,
+die auf ihre Gerechtigkeit und gleichzeitig auf den Nutzen, den sie
+bringen, hinweisen.
+
+Tatsächlich ist das erste Gesetz, die Gesetze zu respektieren. Die strengen
+Bestrafungen sind nur ein eitles und strafbares Zufluchtsmittel, die von
+beschränkten Köpfen und bösen Herzen ersonnen sind, um den Schrecken an die
+Stelle des Respektes, den sie sich nicht verschaffen können, zu setzen.
+Auch ist es ganz allgemein bekannt und durch die ausgedehnteste Erfahrung
+nicht widerlegt, daß Strafen in keinem der Länder so häufig sind wie in
+denen, wo es ihrer fürchterliche gibt, so daß die Grausamkeit der
+Leibesstrafen untrüglich die Menge der Missetäter bezeichnet, und daß man,
+indem man alles mit gleicher Strenge ahndet, die Schuldigen, die oft nur
+schwache Menschen sind, Verbrechen zu begehen zwingt, um der Bestrafung
+ihrer Fehler zu entgehen.
+
+Nicht immer ist die Regierung Herr des Gesetzes, stets aber ihr
+Gewährsmann; und welche Mittel stehen ihr nicht zur Verfügung, um sie
+beliebt zu machen! Die Gabe zu herrschen ist demnach nicht unsäglich schwer
+zu erwerben, denn sie besteht nur darin. Wohl weiß ich, daß es noch
+leichter ist, alle Welt zittern zu machen, wenn man die Macht in den Händen
+hat, aber sehr leicht ist es auch, die Herzen für sich einzunehmen, denn
+das Volk hat seit langen Zeiten gelernt, große Stücke auf seine Häupter zu
+halten all des Übels wegen, das sie ihm nicht tun, und sie anzubeten, wenn
+es von ihnen nicht gehaßt wird.
+
+Wie dem auch sein möge, jeder gehorsame Tropf kann wie ein anderer die
+Missetaten bestrafen, ein wahrer Staatsmann aber weiß ihnen zuvorzukommen.
+Mehr auf den Willen als auf die Tat sucht er seine Macht auszudehnen. Wenn
+er es durchsetzen könnte, daß jedermann Gutes täte, was bliebe ihm da zu
+tun? Das Meisterwerk seines Wirkens würde es sein, dahin zu gelangen, daß
+er in Untätigkeit verharren könnte.
+
+Daher gibt es keine größere Ungeschicklichkeit als Prahlerei und Mißbrauch
+der Macht. Die höchste Kunst besteht darin, sie zu verheimlichen (denn jede
+Machtäußerung ist dem Menschen unangenehm) und vor allem nicht nur die
+Menschen so zu gebrauchen zu wissen, wie sie sind, sondern es dahin zu
+bringen, daß sie sind, wie man sie nötig hat. Das ist sehr leicht möglich;
+denn die Menschen sind auf die Dauer so, wie sie die Regierung gemacht hat:
+Krieger, Bürger, Sklaven; sie bildet alles nach ihrem Willen, und wenn ich
+einen Staatsmann sagen höre: »Ich verachte dieses Volk,« so zucke ich die
+Achseln und antworte bei mir selber: »Und ich verachte dich, weil du es
+nicht schätzenswert zu machen verstanden hast.«
+
+Darin bestand die große Kunst der Alten, die uns in den moralischen
+Kenntnissen ebenso überlegen gewesen zu sein scheinen, wie wir ihnen in den
+physikalischen Wissenschaften über sind. Ihr höchstes Ziel war es, die
+Sitten zu lenken, Charaktere zu bilden, vom Menschen zu erlangen, daß es
+ihm, um zu tun, was er tun sollte, zu denken genügte, daß er es tun müßte.
+O, welch ein Triebrad der Ehre, der Tugend, des Wohlstandes würde die also
+durch ein einziges Prinzip vollkommene Gesetzgebung sein! Die alten Gesetze
+waren dergestalt die Frucht hoher Gedanken und hoher Vorsätze, in einem
+Wort das Produkt des Genies, daß ihr Einfluß die Sitten der Völker, für
+welche sie gemacht worden waren, überlebt haben. Wie lange, zum Exempel,
+hat nicht das von den alten Gesetzgebern eingeprägte Vorurteil gegen
+unfruchtbare Ehen nachgewirkt?
+
+Moses ließ den Männern kaum die Freiheit, sich zu verheiraten oder nicht.
+Lykurgos bedeckte die mit Schimpf, welche sich nicht verheirateten. Es gab
+sogar eine für Lacedaemon eigentümliche Feierlichkeit, bei der die Weiber
+sie mutternackt zu Füßen der Altäre führten und sie der Natur eine
+ehrenwerte Buße zahlen ließen, die sie mit einem sehr strengen Verweise
+begleiteten. Diese so berühmten Republikaner waren in ihren
+Vorsichtsmaßregeln so weit gegangen, daß sie gegen die sich zu spät
+Verheiratenden[A] und gegen die Ehemänner, die ihre Weiber nicht gut
+behandelten, Verordnungen veröffentlichten[B]. Man weiß, welche
+Aufmerksamkeit Ägypter und Römer aufwendeten, um die Fruchtbarkeit der Ehen
+zu begünstigen.
+
+[Fußnote A: [Griechisch: Ephigaia].]
+
+[Fußnote B: [Griechisch: Kachogamia].]
+
+Wenn es wahr ist, daß in den ersten Zeiten der Welt Weiber vorhanden waren,
+die Unfruchtbarkeit vorgaben, wie aus einem angeblichen Fragmente eines
+angeblichen Buches Enoch hervorgeht, so können auch Männer dagewesen sein,
+die sich ebenso ein Geschäft daraus machten: die Anzeichen dazu sind aber
+nichts weniger als günstig. Damals war es vor allem nötig, die Welt zu
+bevölkern. Das Gebot Gottes und das der Natur legten beiden Arten von
+Personen die Verpflichtung auf, zur Vermehrung des Menschengeschlechtes
+beizutragen, und man hat allen Grund zur Annahme, daß die ersten Menschen
+es sich eine Hauptangelegenheit sein ließen, diesem Gebote Folge zu
+leisten. Alles, was uns die Bibel von den Patriarchen meldet, ist, daß sie
+Weiber nahmen und gaben, daß sie Söhne und Töchter in die Welt setzten, und
+dann starben, wenn sie nichts Wichtiges mehr zu tun hatten. Ehre, Ansehen,
+Macht bestanden damals in der Zahl der Kinder; man war sicher, sich durch
+Fruchtbarkeit große Hochachtung zu erwerben, sich bei seinen Nachbarn
+Geltung zu verschaffen, selbst einen Platz in der Geschichte zu haben.
+Weder die der Juden hat den Namen Jairs vergessen, der dreißig Söhne im
+Dienste des Vaterlandes stehen hatte, noch die der Griechen die Namen
+Danaus und Egyptus, berühmt durch ihre fünfzig Söhne und fünfzig Töchter.
+Unfruchtbarkeit galt damals für beide Geschlechter als eine Schande und für
+einen unzweideutigen Beweis des Fluches Gottes. Man sah es hingegen für
+einen authentischen Beweis seines Segens an, eine große Kinderschar um
+seinen Tisch herum zu versammeln. Die nicht heirateten, wurden als Sünder
+wider die Natur angesehen. Plato duldet sie bis zum Alter von
+fünfunddreißig Jahren, verweigert ihnen aber die Ämter und weist ihnen die
+letzten Plätze bei den öffentlichen Zeremonien an. Bei den Römern waren die
+Zensoren hauptsächlich damit beauftragt, diese einsame Lebensweise zu
+verhindern[A]. Die Zölibatäre konnten weder ein Testament machen noch
+Zeugenschaft ablegen[B]. Die Religion unterstützte darin die Politik. Die
+heidnischen Theologen belegten sie mit außergewöhnlichen Strafen im anderen
+Leben; und in ihrer Doktrin war es das größte der Übel, aus dieser Welt zu
+gehen, ohne Kinder zu hinterlassen, denn dann wurde man der grausamsten
+Dämonen Beute[C].
+
+[Fußnote A: Coelibes esse prohibendos.]
+
+[Fußnote B: Ex alii tui senta tu equum habes, tu uscorem habes? testa.]
+
+[Fußnote C: Ex vitam calamitas et impietas accidit, illi qui ubsque filii
+a vita discedit, et daemonibus maximas dat poenas post obitum.]
+
+Doch gibt es keine Gesetze, die einer vollendeten Ausschweifung Einhalt zu
+gebieten vermögen. Auch trotz der Einschärfungen der Gesetzgeber ging man
+im Altertum recht häufig den Zielen der Natur aus dem Wege. Die Geschichte
+sagt nicht, wie und durch wen die Liebe zu jungen Knaben entstanden ist,
+die so allgemein wurde. Aber eine so eigenartige und dem Scheine nach
+krause Geschmacksrichtung trug den Sieg über die Strafgesetze, die
+außerordentlichen Steuern, die Beschimpfungen und über die Moral und die
+gesunde Physis davon. Demnach muß dieser Reiz ja allgebietend gewesen sein.
+Diese krause Leidenschaft hat einen Ursprung, der mich sehr eigentümlich
+anmutet.
+
+Ich glaube, daß das Unvermögen, mit dem manchmal die Natur jemanden
+schlägt, sich mit zügellosen Temperamenten verbündete, um sich zu kräftigen
+und fortzupflanzen. Nichts ist einfacher.
+
+Unvermögen ist immer ein sehr schimpflicher Makel gewesen. Bei den
+Orientalen hatten die mit diesem Stempel der Schande bezeichneten Männer
+den brandmarkenden Titel: Eunuchen des Himmels, Eunuchen der Sonne, von
+Gottes Hand erschaffene Eunuchen. Die Griechen nannten sie Invaliden. Die
+Gesetze, die ihnen Frauen zusprachen, erlaubten diesen Frauen auch, sie zu
+verlassen. Die zu diesem zweideutigen Zustande, der in seinen Anfängen sehr
+selten aufgetreten sein muß, verdammten Männer, die von beiden
+Geschlechtern in gleicher Weise verachtet wurden, sahen sich verschiedenen
+Demütigungen ausgesetzt, die sie zu einem finsteren und zurückgezogenen
+Leben zwangen. Die Notwendigkeit gab ihnen mancherlei Mittel ein, all die
+zu beseitigen und sich schätzenswert zu machen. Losgelöst von den unruhigen
+Regungen der fremden Liebe, der Physis, der Selbstachtung, unterwarfen sie
+sich dem Willen anderer und wurden als so ergeben, so bequem erfunden, daß
+jedermann sie haben wollte. Der wütendste der Despotismen vermehrte ihre
+Zahl sehr bald; Väter, Herren, Herrscher maßten sich das Recht an, ihre
+Kinder, ihre Sklaven, ihre Untertanen diesem zweideutigen Stande
+zuzuführen. Und die ganze Welt, die seit Anbeginn nur zwei Geschlechter
+kannte, sah die zu ihrem Erstaunen unmerklich in drei beinahe gleiche Teile
+geteilt.
+
+Wunderlichkeit, Überdruß, Ausschweifung, Gewohnheit, besondere Gründe, eine
+geheuchelte oder kühne Philosophie, Armut, Habsucht, Eifersucht, Aberglaube
+wirkten bei dieser ungewöhnlichen Umwälzung mit. Aberglaube, sage ich, weil
+die herabwürdigendsten, lächerlichsten, grausamsten Handlungen stets von
+gallsüchtigen Fanatikern ausgedacht sind, die traurige, düstere, unbillige
+Gesetze diktieren, bei denen Beraubung Tugend und Verstümmelung Verdienst
+ausmacht.
+
+Bei den Römern wimmelte es von Eunuchen. In Asien und Afrika bedient man
+sich ihrer noch heute zur Bewachung der Weiber; in Italien hat diese
+Scheußlichkeit die Vollendung eines eitlen Talents zum Gegenstande. Am Kap
+schneiden die Hottentotten nur eine Testikel aus, um, wie sie sagen,
+Zwillinge zu vermeiden. In vielen Ländern verstümmeln die Armen sich, um
+keine Nachkommenschaft zu haben, damit ihre unglücklichen Kinder nicht
+eines Tages das doppelte Elend verspüren: des Hungertodes zu sterben oder
+die Ihrigen ihn sterben zu sehen. Es gibt so viele Arten von Eunuchen!
+
+Wenn man nur die Vollkommenheit der Stimme in Betracht zieht, entfernt man
+lediglich die Testikeln; die Eifersucht aber in ihrem grausamen Mißtrauen
+schneidet alle zur Fortpflanzung dienenden Teile fort. Mit ziemlich
+sicherem, gutem Ausgange kann man das nur vor der Geschlechtsreife tun;
+dabei gibt's doch noch viele Gefahren. Nach dem fünfzehnten Lebensjahre
+kommt kaum der vierte Teil mit dem Leben davon. Welch schreckliche Wunde
+hat man der Menschheit beigebracht! Die berühmtesten sind Aetiopier; sie
+sind so häßlich, daß Eifersüchtige sie mit Gold aufwiegen. Die vollkommen
+Unfähigen nennen sich Kanaleunuchen, weil sie, ihrer Rute beraubt, die den
+Wasserstrahl nach draußen führt, sich genötigt sehen, sich einer
+Ergänzungsröhre zu bedienen, da sie den Strahl nicht wie die Weiber
+loslassen können, deren Vulva im Besitz ihrer vollen Spannkraft ist. Die
+hingegen nur ihrer Testikeln beraubt sind, erfreuen sich jeglicher Heizung,
+die die Begierde entflammt, und können sich in gewissem Sinne sehr fähig
+nennen (besonders wenn man sie erst operiert, nachdem ihr Organ sich
+vollkommen entwickelt hat)[A], doch mit der betrüblichen Nebenerscheinung,
+daß, da sie sich niemals befriedigen können, die venerische Hitze bei ihnen
+in eine Art Wut ausartet; sie beißen die Weiber, die sie mit kostbarer
+Beständigkeit lieben.
+
+[Fußnote A: Ergo expectatos: ac jussos crescere primium. Testiculos,
+postquam coeperunt esse bilibres, Tonsoris ducimo tantum capit Heliodorus.
+(Iuv. I, 2).
+
+Man möge im 365. bis 379. Verse dieser Satyre über den Vorzug nachlesen,
+den die römischen Damen den Eunuchen gaben, und welchen Vorteil sie aus
+ihnen zogen.]
+
+Wie man sieht, hat diese Eunuchenart den doppelten Vorteil, ohne Gefahr den
+Freuden der Weiber und den entarteten Geschmacksrichtungen der Männer zu
+dienen. Ehedem wurden alle Knaben Georgiens an Griechen verkauft und die
+Mädchen bevölkerten die Serails. Man versteht, daß man in diesem schönen
+Klima ebenso viele Ganymede wie Venusse findet; und wenn irgend etwas diese
+Leidenschaft in den Augen derer, die ihr nicht frönen, entschuldigt, wird
+es zweifelsohne die unvergleichliche Schönheit dieser Modelle sein.
+
+Bekanntlich versteht man heute unter dem Worte: die Sünde wider die Natur
+alles, was auf die Nichtfortpflanzung der Art Bezug nimmt, und das ist
+weder richtig noch gut gesehen. Sodomie, in ihrer Übereinstimmung mit der
+Stadt der heiligen Schrift, zum Exempel ist sehr verschieden von einer
+einfachen Pollution. Obwohl dieser seltsame Geschmack, den man gleich
+vielen anderen mit dem Worte: Entartung bezeichnet, hauptsächlich in den
+zivilisiertesten Ländern verbreitet gewesen ist, bringt die Geschichte
+nichts Stärkeres vor, als in der heiligen Schrift berichtet worden ist.
+Alle die Städte der Pentapolis wurden derartig unsicher von ihm gemacht,
+daß kein Fremdling dort erscheinen konnte, der nicht seinen Begierden zur
+Beute fiel. Die beiden Engel, welche Loth besuchen wollten, wurden
+augenblicks von einer Volksmenge überfallen[A]. Vergebens gab Loth ihr
+seine Töchter preis. Diese ungewöhnliche Handlung gastfreundschaftlicher
+Tugend hatte keinen Erfolg. Die Sodomisten hatten Männerhinterteile
+nötig[B] und die Engel entrannen ihnen nur der plötzlichen Finsternis
+zufolge, welche die Zuchtlosen daran hinderte, einander zu erkennen.
+
+[Fußnote A: Genesis XIX, 4. Aber ehe sie sich legten, kamen die Leute der
+Stadt Sodom, und umgaben das Haus, jung und alt, das ganze Volk aus allen
+Enden . . . 4 . . . Ut cognoscamus eos.]
+
+[Fußnote B: Die Sodomiter dachten wahrscheinlich wie ein moderner hoher
+Herr. Ein vertrauter Kammerdiener teilte ihm mit, daß auf der Seite, die er
+bevorzuge, seine Geliebte genau so aussähe wie seines Herrn Ganymede
+. . . was man für Lasten Goldes nicht haben könnte; er könnte . . . die
+Weiber . . . »Weiber,« rief der Herr, »das ist gerade so wie wenn du mir
+eine Hammelkeule ohne Knochen auftragen wolltest!«]
+
+Dieser Zustand hielt nicht lange an. Denn zwölf Stunden später ging alles
+in einem Schwefelregen unter, bis auf Loth und seine Töchter, die, in einer
+Höhle verborgen, glaubten, daß die Welt im Feuer vergehen wollte, wie sie
+bei der Sintflut in Wasser ersäuft worden war. Und die Furcht, keine
+Nachkommenschaft zu haben, bestimmte die Töchter, die anscheinend nicht auf
+die Folgen ihrer frischen Schändung rechneten, so schnell wie möglich von
+ihrem Vater welche zu erlangen. Die Ältere widmete sich als erste diesem
+frommen Opfer; sie legte sich auf den Biedermann Loth, den sie berauscht
+gemacht hatte, ersparte ihm alle Mühe bei diesem von der Liebe zur
+Menschheit dargebrachten Opfer und gebrauchte ihn, ohne daß er etwas davon
+merkte[A]. In folgender Nacht tat ihre Schwester desgleichen; und der gute
+Loth, der ebenso leicht zu täuschen wie schwer zu erwecken gewesen zu sein
+scheint, hatte mit diesen unfreiwilligen Handlungen so großen Erfolg, daß
+seine Töchter neun Monate nach diesem Erlebnisse zwei Knaben zur Welt
+brachten, Moab, den Gebieter des Moabiterstammes[B], und Ammon, den der
+Ammoniter.
+
+Unabhängig von der ausdrücklichen Zeugenschaft des Apostel Paulus[C] weiß
+man, daß die Römer sehr weit gingen in den Ausschweifungen der Päderastie.
+Bemerkenswert aber ist, daß nach den Worten des großen Apostels die Weiber
+dem Vergnügen wider die Natur größeren Vorzug einräumten als dem, das sie
+herausfordern. -- Et feminae imitaverunt naturalem usum in eum usum qui est
+contra naturam: Im zweiundzwanzigsten Verse des siebenten Kapitels unten
+auf der Seite liest man diese Worte. Und der folgende Vers hat Caravaggio
+den Gedanken zu seinem Rosenkranz eingegeben, der sich im Museum des
+Großherzogs von Toskana befindet. Man sieht da etwa dreißig eng
+verschlungene Männer (turpiter ligati) im Kreise, die sich mit der
+wollüstigen Glut umarmen, welche der Maler seinen zügellosen Kompositionen
+zu geben wußte.
+
+[Fußnote A: Genesis XIX, 33: Dormivit cum patre, at ille non sensit ne
+quando accubuit filia, nec quando surrexit.]
+
+[Fußnote B: Moab war der Sohn der ersteren, Ammon wurde von der zweiten
+geboren.]
+
+[Fußnote C: Apostel Paulus an die Römer I, 27: Masculi, delicto naturali
+usu faeminae as exarserunt in desiriis suis in invicem, masculi in
+masculos, turpitudinem operantes let mercidem quam oportuit erroris sui in
+somatipsis recipientes.]
+
+Im übrigen ist die Päderastie auf dem ganzen Erdball bekannt gewesen:
+Reisende und Missionare beglaubigen es. Letztere berichten sogar einen Fall
+dreifacher Sodomie, der Doktor Sanchez' Scharfsinn in Verwirrung gesetzt
+und gewetzt hat. Hier ist er:
+
+Marco Polo hat in seiner geographischen Beschreibung, die 1566 gedruckt
+worden ist, die Schwanzmenschen des Königreichs Lambri beschrieben. Struys
+hatte von denen der Insel Formosa und Gemelli Carreri von denen der Insel
+Mindors, in der Nähe von Manilla, gesprochen. So viele Autoritäten waren
+mehr als hinreichend, um die jesuitischen Missionare zu bestimmen,
+vorzugsweise in diesem Lande Bekehrungen zu unternehmen. Tatsächlich
+brachten sie welche von diesen Schwanzmenschen mit, die infolge einer
+Verlängerung des Steißbeins wirklich Schwänze von sieben, acht und zehn
+Zoll trugen, die empfindlich waren und, was ihre Beweglichkeit anlangte,
+alle Bewegungen machten, die man einen Elefantenrüssel vollführen sieht.
+Nun legte sich einer dieser Schwanzmänner zwischen zwei Weiber schlafen,
+von denen eine, die im Besitz einer großen Clitoris war, es so einrichtete,
+daß sie ihre Clitoris päderastisch unterbrachte, während der Schwanz des
+Insulaners sieben Zoll in das legitime Gefäß ragte. Der Insulaner -- er war
+recht gefällig -- ließ es geschehen und näherte sich, um alle seine
+Fähigkeiten in Wirksamkeit zu bringen, der anderen Frau, und erfreute sich
+ihrer, wo die Natur dazu einladet . . . Das war gewißlich eine herrliche
+Gelegenheit zur Übung seiner Talente für den Fürsten der Kasuistiker.
+
+Sanchez urteilt: »Was den ersten Fall anlangt,« sagte er, »die doppelte,
+wenngleich in ihren Endzwecken unvollständige Sodomie, weil weder Schwanz
+noch Clitoris das Trankopfer vollziehen konnten, so handelten sie in nichts
+wider den Willen Gottes und die Stimme der Natur; im zweiten Falle handelte
+es sich um einfache Hurerei.«
+
+Ich denke mir, ähnliche Schwänze würden mehr als einem ersprießlichen
+Zwecke in Paris dienen, wo die Verbreitung der Päderasten beträchtliche
+Fortschritte macht, wenn sie auch weniger blüht als zu Zeiten Heinrichs
+III., unter dessen Herrschaft Männer sich gegenseitig unter den Portiken
+des Louvre herausforderten. Bekanntlich ist diese Stadt ein Muster der
+Polizeiverwaltung. Infolgedessen gibt es öffentliche Orte, die zu diesem
+Treiben bestimmt sind. Die jungen Männer, die sich dieser Profession
+widmen, sind sorgfältig in Klassen geteilt; denn die reglementarischen
+Systeme erstrecken sich auch bis dahin. Man prüft sie. Die zu handeln und
+leiden verstehen, die schön, rosig, wohlgebaut, fleischig sind, werden den
+großen Herren aufgespart, oder sie lassen sich teuer von Bischöfen und
+Finanzmännern bezahlen. Die, welche ihrer Testikeln beraubt sind, oder wie
+der Kunstausdruck lautet (denn unsere Sprache ist keuscher als unsere
+Sitten), die kein Webergewicht haben, aber geben und empfangen, bilden die
+zweite Klasse. Sie sind ebenfalls teuer, weil sich die Weiber ihrer
+bedienen, während sie den Männern dienen. Die keiner Erektion mehr fähig,
+weil sie zu verbraucht sind, obwohl sie alle zum Vergnügen notwendigen
+Organe haben, schreiben sich als Nur-Patienten ein, und aus ihnen setzt
+sich die dritte Klasse zusammen. Wer ihren Vergnügungen vorsitzt, tritt den
+Wahrheitsbeweis ihrer Ohnmacht an. Zu diesem Zwecke legt man sie ganz nackt
+auf eine am unteren Ende offene Matratze, zwei Mädchen liebkosen sie nach
+bestem Können, während eine dritte den Sitz des venerischen Verlangens mit
+frischen Brennesseln schlägt. Nach viertelstündigen derartigen Versuchen
+führt man in ihren Anus roten spanischen Pfeffer ein, der eine
+beträchtliche Reizung ausübt. Auf die durch die Brennesseln hervorgerufenen
+Hitzblattern streicht man scharfen Caudebecer Senf und hält die Eichel in
+Kampfer. Die all diesen Prüfungen widerstehen und keine Spur von Erektion
+aufzuweisen haben, dienen als Patienten für dreifachen Preis. O, wie recht
+tut man, die Aufklärungsfortschritte unseres philosophischen Jahrhunderts
+zu rühmen!
+
+
+
+
+Behemah
+
+
+Unzucht mit Tieren, -- Dieser Titel ist dem Geiste zuwider und beschimpft
+die Seele. Wie ist's möglich, sich ohne Abscheu vorzustellen, daß es einen
+so verderbten Geschmack in der menschlichen Natur geben kann, wenn man
+bedenkt, wie sehr sie sich über alle Lebewesen zu erheben vermag? Wie sich
+klar machen, daß ein Mensch sich so hat wegwerfen können? Was, alle Reize,
+alle Wonnen der Liebe, all ihren Überschwang . . . hat er einem
+verächtlichen Tiere vor die Füße legen können! Und der Physis dieser
+Leidenschaft, diesem begehrenden Fieber, das auf solche Abwege geraten
+kann, haben die Philosophen ohne jegliches Schamerröten die Moral der Liebe
+unterordnen können! »Allein ihre Physis ist gut«, haben sie gesagt[A]. --
+Nun, schön, lest Tibull und lauft dann und schaut euch diese Physis in den
+Pyrenäen an, wo jeder Hirt seine begünstigte Ziege hat, und wenn ihr die
+scheußlichen Vergnügungen des rohen Bergbewohners genugsam betrachtet habt,
+wiederholt noch einmal: »In der Liebe ist einzig die Physis gut.«
+
+Ein sehr philosophisches Gefühl nur kann einen verpflichten, seine Augen
+einen Augenblick auf einem so seltsamen Gegenstande ruhen zu lassen, weil
+dies Gefühl, indem es Kraft gibt, alle Gedanken sich aus dem Kopf zu
+schlagen, welche Erziehung, Vorurteile und Gewohnheit uns Zug für Zug
+einprägen, mehr als eine Ansicht, nach der man sich richten kann, mehr als
+eine Erfahrung gibt, deren Ergebnisse nützlich und seltsam werden können.
+
+[Fußnote A: Buffon.]
+
+Die besondere Form, durch welche die Natur Mann und Weib charakterisiert
+hat, beweist, daß der Geschlechtsunterschied nicht von einigen
+oberflächlichen Verschiedenheiten abhängt, sondern daß jedes Geschlecht das
+Resultat vielleicht so vieler Verschiedenheiten ist, wie es Organe im
+Menschenleibe gibt, wennschon sie nicht alle in gleicher Weise sinnlich
+wahrnehmbar sind. Unter denen, die auffallend genug sind, um sich bemerkbar
+zu machen, gibt es welche, deren Nutzen und Zweck nicht genau festgestellt
+worden ist. Hängen sie im wesentlichen vom Geschlechte ab, oder sind sie
+eine notwendige Folge der Anlage der Hauptbestandteile[A]?
+
+Das Leben heftet sich an alle Formen, behauptet sich jedoch mehr in den
+einen als in den anderen. Die widernatürlichen menschlichen Produkte haben
+mehr oder weniger Leben, die aber, die es in allzu ungewöhnlicher Weise
+sind, gehen bald zugrunde. So wird die so weit wie möglich aufgeklärte
+Anatomie entscheiden können, bis zu welchem Punkte man Ungeheuer sein, will
+sagen, von der seiner Art angemessenen Gestaltung sich entfernen kann, ohne
+die Fortpflanzungsfähigkeit zu verlieren, und bis zu welchem Punkte man es
+sein kann, ohne die, sich selbst zu erhalten, zu verlieren. Das Studium der
+Anatomie ist selbst noch nicht auf dieses Feld gelenkt worden, wozu man
+diesen Irrtum der Natur oder vielmehr diesen Mißbrauch seiner Begierden und
+Fähigkeiten, die viehische Handlungen veranlassen, benutzen könnte.
+
+[Fußnote A: Die Krümmung des Rückgrats zum Exempel bei einem Buckligen
+zieht die Unordnung der anderen Teile nach sich, was ihnen allen eine Art
+von Ähnlichkeit gibt, die man Familienähnlichkeit nennen könnte.]
+
+Die widernatürlichen Produkte verschiedener Tiere bewahren eine besondere
+Übereinstimmung mit beiden Arten, indem sie allmählich die
+Fortpflanzungsfähigkeit verlieren. Die widernatürlichen Produkte der
+Menschheit sollten uns überdies lehren, bis zu welchem Punkte die
+vernunftbegabte Seele sich, wenn man so sagen kann, auf die sinnliche Seele
+überträgt oder sich in ihr entwickelt. Es ist merkwürdig, daß die
+Wissenschaft solche Nachforschungen außer Acht gelassen hat.
+
+Der wesentlich begründende Teil unseres Seins, der uns in der Hauptsache
+vom Tier unterscheidet, ist, was wir Seele nennen. Ihr Ursprung, ihre
+Natur, ihre Bestimmung, der Ort, wo sie ihren Sitz hat, sind ein
+unerschöpflicher Quell für Probleme und Meinungen. Die einen lassen sie
+beim Tode zugrunde gehen, andere trennen sie von einem Ganzen, mit dem sie
+durch Ausgießung vereinigt, wie das Wasser einer schwimmenden Flasche,
+deren Inhalt, wenn man sie zerbricht, sich mit der Wassermenge vereinigen
+wird. Diese Ideen sind ins Unendliche abgeändert worden. Die Pythagoräer
+gaben die Ausgießung nur nach den Wanderungen zu; die Platoniker
+vereinigten die lauteren Seelen und reinigten die anderen in neuen Körpern.
+Von da gehen die beiden Seelenwanderungsarten aus, die diese Philosophen
+lehren.
+
+Was die Streitigkeiten über die Natur der Seele anlangt, so sind sie ein
+weites Feld der menschlichen Narrheiten; Narrheiten, die selbst ihren
+eigenen Autoren unverständlich sind. Thales behauptet, die Seele bewege
+sich in sich selber, Pythagoras, sie sei ein Schatten, der mit der
+Möglichkeit des in sich selbst Bewegens begabt sei. Plato hält sie für eine
+geistige Substanz, die sich mit harmonischer Regelmäßigkeit bewege.
+Aristoteles, mit seinem barbarischen Worte Entelechie bewaffnet, erzählt
+uns von dem Einklang der Gefühle insgesamt. Heraklit hält sie für eine
+Ausdünstung, Pythagoras für eine Absonderung der Luft, Empedokles für ein
+Gemisch der Elemente, Demokrit, Leukipp, Epikur für eine Mischung von, ich
+weiß nicht welchem Feuer, ich weiß nicht welcher Luft, von, ich weiß nicht
+welchem Wind und einem anderen Vierten, dessen Name mir nicht bewußt ist.
+Anaxagoras, Anaximenes, Archelaus setzten sie aus dünner Luft zusammen.
+Hippones aus Wasser, Xenophon aus Wasser und Erde, Parmenides aus Feuer und
+Erde, Boetius aus Feuer und Luft, Critius brachte sie ganz einfach im Blute
+unter, Hippokrates sah in ihr nur den im ganzen Körper ausgedehnten Geist,
+Mark-Antonin hielt sie für Wind, und Kritolaus, durchschneidend, was er
+nicht auflösen konnte, nahm eine fünfte Substanz an.
+
+Man muß zugeben, daß eine derartige Nomenklatur nach Parodie aussieht, und
+möchte beinahe glauben, daß diese großen Geister sich über die Majestät
+ihres Stoffes lustig machten, wenn man sieht, daß das Resultat ihres
+Nachdenkens so lächerliche Definitionen waren, wenn man, nur die
+berühmtesten Modernen lesend, hinsichtlich dieser Materie klarer sähe als
+durch die Träumereien der Alten. Das bemerkenswerteste Resultat ihrer
+Meinungen in dieser Art ist, daß man bis auf unsere modernen Dogmen niemals
+die geringste Idee von der Geistigkeit der Seele gehabt hat, ob man sie
+gleich aus unsäglich zarten Bestandteilen zusammensetzte[A]. Alle
+Philosophen haben sie für materiell gehalten, und man weiß, was beinahe
+alle über ihre Bestimmung dachten. Wie dem auch sein möge, theoretische
+Narrheiten, selbst geistvolle Hypothesen werden uns nimmer ebensogut
+unterrichten wie gut geleitete physische Experimente.
+
+Damit will ich noch nicht glauben, daß sie uns lehren können, welches die
+Natur der Seele oder der Ort ist, wo sie haust; aber die Abstufungen ihrer
+Schattierungen können unsäglich seltsam sein, und das ist das einzige
+Kapitel ihrer Geschichte, das uns zugänglich zu sein scheint.
+
+Unendlich kühn würde die Behauptung sein, daß Tiere nicht denken können,
+obwohl der Körper unabhängig von dem, was man Seele nennt, das Prinzip des
+Lebens und der Bewegung besitzt. Der Mensch selber ist oft Maschine: ein
+Tänzer macht die verschiedensten, in ihrer Gesamtheit geordneten Bewegungen
+in sehr genauer Weise, ohne im geringsten auf jede dieser Bewegungen im
+einzelnen acht geben zu können. Der ausübende Musiker tut fast ein
+gleiches: der Willensakt spricht nur mit, um die Wahl von dieser oder jener
+Weise zu treffen. Der Anstoß wird den tierischen Gemütern gegeben, das
+übrige vollzieht sich, ohne daß sie dabei denken. Zerstreute Menschen,
+Somnambulen verharren oft in einem wahrhaft automatischen Zustande. Die
+Bewegungen, die für die Bewahrung unseres Gleichgewichts sorgen, sind
+gewöhnlich ganz unwillkürlich, Geschmacksrichtungen und Abneigungen gehen
+bei Kindern dem Urteile voraus. Ist die Wirkung äußerer Eindrücke auf
+unsere Leidenschaften, ohne Hilfe eines Gedankens, einzig durch die
+wunderbare Übereinstimmung der Nerven und Muskeln nicht sehr unabhängig von
+uns? Und doch verbreiten all diese körperlichen Bewegungen einen sehr
+entschiedenen Ausdruck im Gesichte, das in ganz besonderem Einklange mit
+der Seele steht.
+
+[Fußnote A: Man weiß, wie sehr die Kirchenväter selber geteilter und
+schwankender Ansicht über diese Materie gewesen sind; Sankt Irenäus sagt
+ohne irgendwie zu zaudern, daß die Seele ein Hauch sei, analog dem Körper,
+den sie bewohne, und daß sie unkörperlich nur in Ansehung der rohen Körper
+sei. Tertullian erklärt sie ganz einfach für körperlich. Sankt Bernhard
+behauptet in einer sehr merkwürdigen Unterscheidung, daß sie Gott nicht
+sehe, daß sie aber des Umgangs mit Jesu Christo pflege.]
+
+Die vom einfach mechanischen Gesichtspunkt aus betrachteten Tiere würden
+also schon denen, die ihnen die Gabe des Denkens absprechen, eine große
+Zahl Aufschlüsse verschaffen; und es würde nicht sehr schwer zu beweisen
+sein, daß ein großer Teil ihrer selbst erstaunlichsten Handlungen der
+Denkkraft nicht bedürfte. Wie aber soll man begreifen, daß einfache
+Automaten einander verstehen, verabredetermaßen handeln, demselben Zwecke
+nacheifern, mit Menschen im Einklang stehen, für Erziehung empfänglich
+sind? Man richtet sie ab, sie lernen, man befiehlt ihnen, sie gehorchen,
+man droht ihnen, sie fürchten sich, man schmeichelt ihnen, sie sind
+zärtlich: kurz, die Tiere zeigen uns eine Menge spontaner Handlungen, bei
+denen sie sich als Abbilder der Vernunft und Ungezwungenheit zeigen, um so
+mehr als sie minder gleichförmig, abwechslungsreicher, eigentümlicher,
+weniger voraussehend, an momentane Gelegenheit gewöhnt sind; ja es gibt
+ihrer, die einen entschlossenen Charakter haben, die eifersüchtig,
+rachsüchtig, lasterhaft sind.
+
+Eins von beiden muß richtig sein: entweder hat es Gott Vergnügen bereitet,
+lasterhafte Tiere zu bilden und uns in ihnen recht hassenswerte Beispiele
+zu geben, oder sie haben gleich dem Menschen eine Erbsünde, die ihre Natur
+verdorben hat. Der erste Satz steht im Widerspruch mit der Bibel, die sagt,
+daß alles, was aus Gottes Hand hervorgegangen ist, gut und vortrefflich
+war. Wenn aber die Tiere so waren, wie sie heute sind, wie könnte man
+sagen, daß sie gut und vortrefflich waren? Oder ist es gut, daß ein Affe
+bösartig, ein Hund neidisch, eine Katze falsch, ein Raubvogel grausam ist?
+Man muß sich an den zweiten Satz halten und eine Erbsünde bei ihnen
+vermuten; eine grundlose Vermutung, die Vernunft und Religion empört.
+
+Nochmals: es ist also durchaus unmöglich, durch theoretische Schlüsse die
+Demarkationslinie zwischen Mensch und Tier zu ziehen. Unsere Seele hat zu
+wenige Berührungspunkte, als daß es selbst für die Naturlehre leicht, wäre,
+bis zu ihr durchzudringen, nur ihre Substanz und ihre Natur zu streifen;
+man weiß nicht, wo man ihren Sitz festlegen soll. Die einen haben
+angegeben, sie sei an einem besonderen Orte, von wo aus sie ihre Herrschaft
+ausübt. Descartes nahm die große Zirbeldrüse an, Vicussens das eirunde
+Zentrum, Lancifi und Herr de la Peyronie den Rauhkörper, andere die
+ausgekehlten Körper.
+
+Das Klima, seine Temperatur, die Nahrungsmittel, dickes oder dünnes Blut,
+tausend rein physische Ursachen bilden Obstruktionen, die ihre Art des
+Seins beeinflussen. So könnte man, die Voraussetzungen weiterführend, die
+Wirkungen bis ins Unendliche variieren und an Hand der Ergebnisse beweisen
+wie die Erfahrung genugsam zeigt, daß es keinen Kopf gibt, er mag so gesund
+sein wie er will, der nicht eine recht verstopfte Röhre hätte.
+
+Seltsam interessant und nützlich würde es also sein, zu erfahren, bis zu
+welchem Grade ein durch seine Vermischung mit dem Tiere aus der Menschenart
+herabgesetztes Wesen mehr oder weniger vernünftig zu sein vermag. Das ist
+vielleicht die einzige Weise, auf die man die Natur umzingeln könnte, der
+man so einen Teil ihres Geheimnisses zu entreißen vermöchte. Um aber dahin
+zu gelangen, müßte man die Produkte beobachten, ihnen eine passende
+Erziehung geben, und diese Arten von Naturerscheinungen sorgsam studieren.
+Mutmaßlich würde man aus diesem Wirken mehr Gewinn für den Fortschritt der
+Kenntnisse des Menschen ziehen als aus den Bemühungen, Stumme und Taube
+sprechen zu lehren und einem Blinden die mathematischen Wissenschaften
+beizubringen. Denn die zeigen uns nur die gleiche Natur, ein bißchen
+weniger vollkommen in ihren Bestandteilen, da das Subjekt, das man zu
+vervollkommnen sich müht, eines oder zweier Sinne ledig ist. Die Frucht
+einer Vermischung mit dem Tiere jedoch weist sozusagen eine andere Natur
+vor, die aber aus ersterer entstanden ist und würde Licht in verschiedene
+der Punkte bringen, um deren Erforschung alle denkenden Wesen so sehr
+bemüht sind.
+
+Es ist schwerlich in Zweifel zu ziehen, daß es Produkte der menschlichen
+Natur mit den Tieren gegeben hat; und warum sollte es denn keine geben?
+Unzucht mit Tieren war bei den Juden so häufig, daß man befahl, die Frucht
+mit dem Erzeuger zu verbrennen. Die Jüdinnen hatten vertrauten Umgang mit
+Tieren[A], und das ist meiner Meinung nach sehr seltsam. Ich verstehe, wie
+ein bäurischer oder verderbter Mann, überwältigt von der Wut des
+Bedürfnisses oder den Räuschen der Einbildung sich über eine Ziege, eine
+Stute, selbst eine Kuh hermacht, nichts aber kann mich mit dem Gedanken
+vertraut machen, daß ein Weib sich von einem Esel den Bauch aufschlitzen
+läßt. Indessen lautet ein Vers des Levitikus[B]: »Welches Tier es auch
+sei.« Woraus deutlich erhellt, daß die Jüdinnen sich jeder Art von Tieren
+ohne Unterschied hingaben, und das ist unfaßbar.
+
+Wie dem auch sein möge, es scheint gewiß, daß es Produkte von Ziegen und
+Menschenart gegeben hat. Die Satyre, Faune, all diese Fabelwesen sind eine
+sehr bemerkenswerte Folge davon. Satar heißt auf arabisch Ziegenbock. Und
+der Sündenbock wird von Moses nur angeordnet, um die Israeliten von der
+Vorliebe abzubringen, die sie für das geile Tier hatten[C]. Da im Exodus
+gesagt worden ist, daß man der Götter Antlitz nicht sehen könnte, waren die
+Israeliten überzeugt, daß sich die Dämonen unter ihrer Gestalt sichtbar
+machten[D]; und das ist der [Griechisch: Phasmaxsagon], von dem Jamblique
+spricht. Auch im Homer trifft man auf diese Erscheinungen. Manethon,
+Dionysius von Halikarnass und viele andere weisen sehr bemerkenswerte
+Spuren von diesen ungeheuerlichen Produktionen auf.
+
+[Fußnote A: Exodus XXII, 19. Levitikus VII, 21; XVIII, 23.]
+
+[Fußnote B: Levitikus XX, 15.]
+
+[Fußnote C: Maimonides läßt sich in: der Mohr Nevochin, p. III. c. XLVI,
+über den Bockkultus aus.]
+
+[Fußnote D: Levitikus XVII, 7. Exodus XXXIII, 20 und 23.]
+
+Man hat später die Incubusse und Succubusse mit diesen wirklichen Produkten
+verwechselt. Jeremias spricht von beängstigenden Faunen[A], Heraklit hat
+Satyre beschrieben, die in den Wäldern[B] lebten und sich gemeinsam der
+Weiber erfreuten, deren sie sich bemächtigten. Eduard Tyson hat in gleicher
+Weise Pygmäen, Cynocephalen und Sphinxe behandelt, dann beschrieb er die
+Orangutangs und die Aigapithekoi, welche die Affenklasse bilden, die sich
+der menschlichen Art völlig nähert; denn ein schöner Orangutang zum Exempel
+ist schöner als ein häßlicher Hottentotte. Münster hat in seinem Werke über
+die Genesis und den Livitikus alle diese Monstren aus dem [Griechisch:
+dsagomosôr] gemacht und die Dinge sehr viel seltsamer gefunden als die
+Rabbiner. Endlich gibt Abraham Seba diesen Faunen[C] Seelen, woraus sich
+ergibt, daß man ihre Existenz nicht weiter ableugnen kann.
+
+[Fußnote A: Jeremias L, 39. Faunis sicariis und nicht ficariis, denn
+Faune, die Feigen haben, will nichts heißen. Indessen übersetzt er Saci so;
+denn die Jansenisten prunkten mit der größten Sittenreinheit; Berruyer aber
+hält an sicarii fest und macht seine Faune sehr aktiv.]
+
+[Fußnote B: In seiner Abhandlung: [Griechisch: peri a pisan], Kap. XXV.]
+
+[Fußnote C: In seinem Tseror hammor (Fasciculus myrrhae) betitelten
+Werke.]
+
+Über die Centauern und Minotauern liegen wahrlich keine ebenso genauen
+Nachrichten vor, aber die Unmöglichkeit besteht nicht mehr, daß es auch
+Produkte anderer Arten gegeben hat[A]. Im verflossenen Jahrhundert ist viel
+von einem gehörnten Manne die Rede gewesen, den man dem Hofe zeigte. Man
+kennt die Geschichte des wilden Mädchens, einer Nonne in Châlons, die noch
+lebt und sehr wohl in einem Verwandtschaftsverhältnisse mit den
+Waldbewohnern stehen könnte. Der verstorbene Herr Herzog hatte in Chantilly
+einen Orangutang, der Mädchen vergewaltigte; man mußte ihn töten. Jedermann
+hat gelesen, was Voltaire über die afrikanischen Ungeheuer schrieb. Allem
+Anscheine nach ist dieser Erdteil, den man recht wenig kennt, das übliche
+Theater dieser widernatürlichen Begattungen. Gewißlich muß man ihre Ursache
+in der Hitze suchen, die in diesen Gefilden übermäßiger ist als an jeder
+anderen Stelle des Erdglobusses, weil der Mittelpunkt Afrikas, der im
+Äquatorialgebiete ist, viel entfernter vom Meere liegt als die anderen
+Teile der Erde, die unter gleichen Breitengraden liegen. Die
+ungeheuerlichen Paarungen dürften dort also ziemlich üblich sein. Dort mag
+die wahre Schule der Veränderungen, der Herabwürdigungen[B] und vielleicht
+der physischen Vervollkommnung der Menschenart sein. Ich sage
+Vervollkommnung, denn was würde es Schöneres unter den beseelten Wesen
+geben als die Form der Centauern zum Exempel?
+
+Unser berühmter Buffon hat in dieser Beziehung alles getan, was ein
+Privatmann, der über keine großen Mittel verfügt, sich gestatten kann. Wir
+haben die Folge dieser Verschiedenheiten bei den Hundearten, der Paarung
+verschiedener Tierarten, in der Geschichte der Produkte der Maulesel, einer
+ganz neuen Entdeckung, usw. Aber der große Forscher hat uns seine
+Erfahrungen über die Vermischungen der Menschen mit Tieren nicht
+mitgeteilt, und sie müßten gedruckt werden, damit die Möglichkeit bestünde,
+seine erhabenen Ansichten zu verfolgen, und damit wir, wenn wir ein so
+herrliches Genie verlieren, nicht der Früchte seiner Ideen verlustig
+gingen.
+
+[Fußnote A: Indessen paßt sich zum Beispiel die Vulva der Kühe weniger dem
+männlichen Gliede an als die der Ziege oder der Äffin. Auch werden die
+großen Tiere weniger leicht trächtig.]
+
+[Fußnote B: Wenn der König von Loango in Afrika auf seinem Throne sitzt,
+ist er von einer großen Schar Zwerge umgeben, die durch ihre Unförmigkeit
+bemerkenswert sind. Sie kommen in seinen Staaten sehr häufig vor. Sie sind
+nur halb so groß wie die gewöhnlichen Menschen, haben einen sehr dicken
+Kopf und sind nur mit Tierhäuten bekleidet. Man nennt sie Mimos oder
+Bakkebakke. Wenn sie um den König sind, mischt man weiße Neger der
+Kontrastwirkung wegen unter sie. Das muß ein sehr seltsames Schauspiel
+abgeben, das zu nichts nutze ist; wenn aber der König von Loango diese
+Rassen mischte, würde man vielleicht sehr merkwürdige Resultate erzielen.]
+
+Unzucht mit Tieren ist weiter in Frankreich verbreitet, als man annimmt,
+glücklicherweise nicht aus Neigung, sondern aus Bedürfnis. Alle Hirten in
+den Pyrenäen sind Tierschänder. Einer ihrer kostbarsten Genüsse ist es,
+sich der Nasenlöcher einer jungen Kuh zu bedienen, die zu gleicher Zeit
+ihre Testikeln beleckt. In diesen wenig begangenen Gebirgsteilen hat jeder
+Hirt seine Lieblingsziege. Man weiß das durch die baskischen Priester. Und
+wahrlich gerade durch diese Priester müßte man die geschwängerten Ziegen
+überwachen und ihre Produkte sammeln lassen. Der Intendant von Auch könnte
+leicht zu diesem Ziele gelangen, ohne das Beichtgeheimnis zu verletzen[A]
+(ein böser Religionsfrevel auf alle Fälle), er könnte sich diese
+ungeheuerlichen Produkte durch seine Priester verschaffen. Der Priester
+würde seinem Beichtkinde seine Geliebte abverlangen, die er dem
+Unterabgeordneten einhändigen würde, ohne den Namen des Liebhabers zu
+nennen. Ich sehe keine Unannehmlichkeit daraus entstehen, ein Übel, das man
+nicht mehr zu verhindern wüßte, zum Nutzen der Fortschritte der Kenntnis
+der Menschen auszubeuten.
+
+[Fußnote A: Schade ist es, daß die Römer nicht wie wir die Ohrenbeichte
+hatten; sonst würden wir alle ihre kleinen häuslichen Geheimnisse wissen,
+wie man unsere weiß. Man würde wissen, ob die Römer ebenso roh die Ehe
+entehrten, wie wir es tun. Kurz, wir wissen nicht einmal Einzelheiten über
+Unterhaltungen in Bürgerkreisen. Nichts müßte lustiger sein als die
+Gespräche einer Familie, die am Morgen dem Priapus geopfert hat. Die jungen
+Mädchen und Burschen der Familie müssen den Rest des Tages über merkwürdige
+Gedanken gehabt haben.]
+
+
+
+
+Die Anoscopie
+
+
+Bekanntlich haben in allen Jahrhunderten die Gaukler, Charlatane,
+Wahrsager, Politiker oder Philosophen (denn alle Sorten sind darunter
+vertreten) mehr oder minder Einfluß ausgeübt. Die unaufhörlich zwischen
+Furcht und Verlangen hin- und her geworfene Menschennatur bietet so viele
+Fallen für den Gebrauch derer, die ihr Ansehen oder ihr Glück auf der
+Leichtgläubigkeit von ihresgleichen aufbauen, daß es stets für sie im
+uferlosen Ozeane der menschlichen Narrheiten einige glückliche Entdeckungen
+zu machen gegeben hat. Und wenn man es dabei bewenden lassen wollte, die
+alten Zaubereien, die verjährten Torheiten in ein neues Gewand zu kleiden
+-- dieser Köder steht so herrlich in Einklang mit der unwissenden und
+dummen Habgier des Volkes, für das er besonders bestimmt ist, da seine
+Wirkung unfehlbar ist --, könnten einige Nichtswisser und Halunken die
+Ausüber einer Kunst sein, durch die die Menschen so leicht zu betrügen
+sind. Philosophie und eine etwas mehr gepflegte Experimentalphysik reißen
+zweifelsohne eine große Anzahl aus ihrem Irrtum, doch stets wird nur ein
+kleiner Teil sein, wer sie oder den Fortschritt der Kenntnisse vom Menschen
+durchdringen kann.
+
+Das Wort Wahrsager findet man sehr häufig in der Bibel, was die alte
+Bemerkung rechtfertigt, daß es unter den heiligen Schriftstellern wenige
+oder keine Philosophen gegeben hat. Moses verbietet es strengstens, die
+Wahrsager zu befragen. »Wer«, sagt er, »sich nach den Wahrsagern und
+Zauberern umsehen wird, indem er Unzucht mit ihnen treibt, dem werde ich
+meinen Kopf gegen seinen stoßen!« Es gibt mehrere Arten von Zauberern, die
+in der Bibel angezeigt sind.
+
+Chaurnien heißt im Hebräischen so viel wie die Weisen. Dieser Ausdruck aber
+war sehr doppelsinnig und ließ verschiedene Bedeutungen von wahrer
+Klugheit, falscher, böser, gefährlicher, verstellter Klugheit zu. So gab es
+zu allen Zeiten Menschen, die weltklug und geschickt genug waren, um sich
+Anzeichen von Weisheit zu ihrem Nutzen, zum Durchsetzen ihrer
+Leidenschaften zu geben, um Studium, Wissenschaft und Talent die einzige
+Anwendung zu nehmen, die sie ehrt, will sagen zur Erforschung und
+Fortpflanzung der Wahrheit.
+
+Die Mescuphinen waren die, welche in geschriebenen Dingen die verborgensten
+Geheimnisse errieten; Horoskopsteller, Traumdeuter, Wahrsager gingen ebenso
+zu Werke.
+
+Die Carthuminen waren die Zauberer; durch ihre Kunst blendeten sie die
+Augen und riefen scheinbar phantastische oder wirkliche Veränderungen bei
+den Gegenständen oder in den Sinnen hervor.
+
+Die Asaphinen benutzten Kräuter, besondere Apothekerwaren und Opferblut für
+ihre abergläubischen Handlungen.
+
+Die Casdinen lasen die Zukunft aus den Gestirnen; sie waren die Astrologen
+jener Zeiten.
+
+Diese ehrenwerten Leute, die sicherlich unsere Comus nicht aufwogen, waren
+in sehr großer Anzahl vorhanden. Sie hatten an den Höfen der größten Könige
+der Welt einen ungeheuren Einfluß. Denn der Aberglaube, der den Despotismus
+so gut bediente, hat sich immer seinen Gesetzen unterworfen, und am Busen
+dieses schrecklichen Bundes, der alle Leiden der Menschheit mit sich
+brachte, hat der Triumph des Aberglaubens stets geblüht. Die Diener der
+Religion waren zu geschickt, als daß sie den geringsten Teil ihrer Macht
+aus den Händen gegeben hätten: mit Sorgfalt wachten sie über alles, was
+Bezug auf das Wahrsagen hatte, sie gaben sich in jeder Beziehung für die
+Vertrauten der Götter aus und umgürteten sich leicht das Stirnband der
+Meinung der Menschen, die nichts wissen, ja nichts von der Weisheit ahnen,
+die beinahe das letzte ist, worauf des Menschen Eifer sich stürzt.
+
+Von allen Völkern, die sich unter das Joch des Aberglaubens erniedrigt
+haben, ist keines ihm mehr zugetan gewesen als das der Juden. In ihrer
+Geschichte würde man eine unendliche Fülle von Einzelheiten über ihre
+närrischen und frevelhaften Verfahren zusammenstellen können. Die Gnade,
+die Gott ihnen erwies, indem er ihnen Propheten sandte, um sie seinen
+Willen zu lehren, wurde für diese plumpen und neugierigen Menschen eine
+Falle, der sie nimmer entgingen. Das Ansehen der Propheten, ihre Wunder,
+der freie Zutritt, den sie bei den Königen hatten, ihr Einfluß auf
+öffentliche Entscheidungen und Angelegenheiten stellten sie dermaßen hoch
+in der Menge, daß die Begier, teilzuhaben an diesen Auszeichnungen, indem
+man sich die Gabe der Weissagung anmaßte, zu einer so verheerenden
+Leidenschaft sich auswuchs, daß, wenn man von Ägypten gesagt hat, dort sei
+alles Gott, es eine Zeit gab, wo man von Palästina sagen konnte, alles dort
+sei Prophet gewesen. Zweifelsohne gab es mehr falsche als wahre; man weiß
+sogar mit aller Bestimmtheit, daß die Juden besondere Zauber und
+Zaubertränke hatten, um die Prophetengabe einzuflößen, zu denen sie
+menschliches Sperma, Menstrualblut und eine wahre Musterkarte anderer
+ebenso nutzlos wie ekelhaft zu verschlingender Dinge benutzten. Wunder aber
+sind in den Augen des Volkes eine so leicht zu handhabende Sache, und die
+fromme Dunkelheit der Reden, der apokalyptische Ton, der schwärmerische
+Akzent wirken so mächtig, daß die Erfolge der wahren und falschen
+Propheten, die ihre Zuflucht zu den Künsten und okkulten Wissenschaften
+nahmen, sich die Wage hielten. Aus allem schöpften sie Hilfsquellen, und es
+gelang ihnen, Altar gegen Altar zu errichten.
+
+Moses selber sagt uns im Exodus, daß Pharaos Zauberer wahre oder falsche
+Wunder bewirkt hätten, daß aber er, der Abgesandte des lebenden Gottes und
+von dessen Allmacht unterstützt, ihrer sehr viel wirksamere ins Werk
+gesetzt hätte, die Ägypten schwer zu Boden gedrückt haben, weil das Herz
+seines Königs verhärtet war. Wir müssen sie fromm glauben und uns vor allem
+beglückwünschen, nicht Zuschauer dabei gewesen zu sein. Heute, wo die
+Illusion derer, die da Taschenspielerkünste machen, alles, was die Mechanik
+vorweist und was sehr geeignet ist, zu überraschen und irrezuführen, die
+erstaunlichen Geheimnisse der Chemie, die zahllosen Wunder, die das Studium
+der Natur und die schönen Versuche bewirkt haben, die tagtäglich einen
+kleinen Teil des Schleiers lüften, der ihre geheimsten Handlungen bedeckt,
+heute sage ich, wo wir von all dem bis zu einem bestimmten Grade
+unterrichtet sind, stünde es zu befürchten, daß unser Herz sich verhärtete
+wie das des Pharao; denn wir kennen unendlich viel weniger den Dämon als
+die Geheimnisse der Physik, und wie man bemerkt hat, scheint es, daß dank
+dem Geschmack an der Philosophie, der uns nach und nach die selbst bisher
+unübersteigbarsten Schranken berennen und überwinden ließ, das Reich des
+Dämons alle Tage mehr zusammensinkt.
+
+Vielleicht würde die möglichst detaillierte Geschichte der Seher,
+Ränkeschmiede, Propheten und ihrer Aufführung und Wahrsagereien jeder Art,
+beschrieben oder durch das strenge und scharfsichtige Auge eines
+Philosophen enthüllt, ein sehr seltsames Buch ergeben. Doch unter allen
+denen, die er den geöffneten Augen der Nationen vorführen könnte, würde es
+keine wunderlichere als die geben, die vor einer traurigen Katastrophe eine
+Gesellschaft bewahrte, welche ihres Eifers für die Verbreitung des Glaubens
+wegen berühmt ist und die, zu überzeugt, daß dieser Glaube genüge, um das
+Dunkel der Zukunft zu durchdringen, mit einem sehr unklugen Leichtsinn in
+eine Verpflichtung einging, die sie ohne die unvermutete Hilfe eines sehr
+seltsamen Horoskopes nicht würde erfüllt haben können.
+
+Eine nach China gesandte Jesuitenschar predigte dort die wahre Religion,
+als eine furchtbare Dürre das Kaiserreich in ein ungeheures Grab verwandeln
+zu wollen schien. Die Chinesen sollten umkommen; und mit ihnen die
+Jesuiten, die vergebens von dem Despoten angerufen wurden, hätten sie nicht
+ein Wunder, das sie mit erstaunlichem Scharfsinn voraussagten und das die
+Gesellschaft Jesu in diesen trostlosen Gefilden für immer berühmt gemacht
+hat, bewirkt. Ein moderner Dichter hat diese Anekdote in einer reizvolleren
+Weise, als wir es tun könnten, erzählt, und wir beschränken uns darauf,
+seine Verse abzudrucken, ohne seine Ungebundenheiten zu billigen:
+
+ Des großen Loyola kühne Sprossen,
+ Die euch zerschmettert hat Port Royal,
+ Euch, die mit Krieg umlauert' unverdrossen,
+ Auf Nicolaus sich stützend, einst Pascal;
+ Ihr, die ihr Romas Waffen für euch nützend,
+ In Arnauld grifft die Augustiner an,
+ Und die Gemeinheit eurer Plane stützend,
+ Auf ihn herabzogt schweren Kirchenbann,
+ Die an Quesnel ihr, Bérules würdigem Sohn,
+ Euch oft mit Peitschenhieben bitter rächtet;
+ Aus seinen Büchern lesend voller Hohn
+ Gefühle, die Molina einst geächtet,
+ Habt ihr Clemens den elften aufgebracht,
+ Daß er den Brand warf auf sein mächtiges Buch.
+ Ihr, die ihr euch nach China aufgemacht
+ Um Christi Glauben -- heilig der Versuch --
+ An des Confucius Stelle dort zu setzen,
+ Dem in Pagoden man mit listigem Wort
+ Zweideutig dient, so wie es Priester schätzen.
+ Verderber der Moral ihr fort und fort,
+ Die ihr erweitert stets des Heiles Pfade
+ Und die ihr, leitend auf dem Blumensteg
+ Die Büßer, die euch schickt des Himmels Gnade,
+ Unkraut sät aus auf Gottes Feld und Weg.
+ Ihr, des Jahrhunderts listige Schmeichlerschar,
+ Des Lugs und Trugs elende Künstler ihr,
+ Maskiert seid ihr, dennoch der Maske bar
+ Für jeden, doch willkommen dort und hier,
+ (Kein Ort ist auf der ganzen Erdenrunde
+ Wo ihr nicht eure dunkle Rolle spielt).
+ Gebt von den Mitteln uns doch, bitte, Kunde,
+ Durch die des Trugs Kunst ihr so gut erzielt
+ Beim Christenvolke wie bei allen Heiden!
+ Wenn eurem Märtyrerbuche glaubt mein Mut,
+ In dem die Lüge prunkt mit euren Leiden,
+ Dann rötet Indien sich von eurem Blut.
+ Orakelt da auf einem Dreifuß kühn,
+ Und der auf Wunder gierige Heide sieht
+ Sie nach dem Willen seiner Wünsche blühn.
+ Der hagre Tod, bleifarben ist er, zieht
+ Die Hand von seiner Beute, wenn ihr's wollt.
+ Durch euch das Blut, das er gerinnen läßt,
+ In allen Adern neubelebend rollt.
+ Auf den Befehl von einem Knirpse preßt
+ Der Wolken Blau zu Regen sich zusammen.
+ Ihr macht des Windes Brausewut zu nichte.
+ Ein Wort von euch, der Blitz hört auf zu flammen.
+ Und darauf schrieb ich nieder die Geschichte,
+ Ihr Ehrenwerten, die ihr hören sollt:
+ Nach Lima, in Golconda, wo die Erde
+ Den reichen Stein in Flusses Sande rollt,
+ (Man schleift ihn, daß zurückgestrahlet werde
+ Das Licht vielhundertfach) kam eine Schar
+ Ignatiusschüler, pflanzte Christi Wort
+ In der Indianer Seele wunderbar.
+ Die Söhne nun an Indiens Uferbord
+ Katechisierten wahrlich sie sehr fein.
+ Die Franziskaner, die mit ihnen kamen,
+ Weihten die Weiber in die Lehre ein;
+ Herrlich ging auf des Christenglaubens Samen
+ Dank dieser Teilung, so daß unser Gott
+ Die neue Erbschaft trat mit Prächten an.
+ Die Macht wuchs ständig, und es ward ein Spott
+ Der Dämon, jener feiste Broncemann,
+ Den Bonzentorheit dort anbeten ließ,
+ Durch des Franziskus und Ignatius Sprossen;
+ Und seine Rechte schwanden überdies.
+ Die neuen Pflanzen aber dort genossen
+ Gar vieler Gottesgnaden Honigseim.
+ (Doch der sichtbaren Gnade süße Last
+ Nur spärlich troff, war zäh wie Vogelleim,
+ Der kleine Sänger fesselt an den Ast.)
+ Dank mancher schönen Worte, guter Streiche,
+ Hielt man für Heilige sie, und sie verehrt
+ Das Volk, das sie bekehrt in jenem Reiche.
+ Golcondens Herrscher wurde das gelehrt.
+ Erzheide war der, der von seinem Teufel
+ So gut bedient war, daß er immer den
+ Unreinen Geist anbetet sonder Zweifel.
+ Die neu'n Apostel wollte er nun sehn,
+ Die seines Teufels Nebenbuhler waren.
+ Er glaubte, daß sie ihm Orakel sagen,
+ Ihm wie Herodes Wunder offenbaren.
+ Das Kreuz vor ihn die weisen Patres tragen
+ Und kündigen von dem, der für uns starb,
+ Und lästern schnöde Satans Götzenbild.
+ Des Königs Laune aber das verdarb,
+ Und ihre Reden machten bald ihn wild.
+ »Ihr Herrn,« sprach er, »wenn man so lacht der Götter
+ Und einen neuen Götzendienst preist an,
+ Stützen sich auf Beweise wohl die Spötter. --
+ Sechs Monde schon mein armes Land gewann
+ Kein Tröpfchen Regen. Ich verlange nun
+ Von euch, daß Euer Götze regnen läßt,
+ Und sollt' er's nach drei Tagen Frist nicht tun,
+ So nehm' ich Euch als böse Lügner fest,
+ Bedenkt das!« Unsre Kuttenträger schrien
+ Vergebens, daß das Gott versuchen hieße;
+ Den König überzeugte nicht ihr Mühn.
+ »An solchem Zeichen sich erkennen ließe,«
+ So er, »ob Euer Gott der Herr der Welt ist!«
+ Die Mönche mußten es ihm denn zusagen.
+ Wie's um das Barometer wohl bestellt ist,
+ Sehn täglich nun voll Eifers nach die Zagen;
+ Das zeigte stets nur schönes Wetter an.
+ Sein Bündel schnürte eiligst jeder Pater.
+ Märtyrer werden? Nein, das will kein Mann.
+ Den sie als Pfand gelassen nun, der Frater
+ Der gar für sie die Kosten sollte zahlen,
+ Er fragte sie, weshalb sie so verführen?
+ »Weh,« schrien sie, »der Fürst droht uns mit Qualen,
+ Ein Eisenband soll unsern Kragen zieren!«
+ »Bei Loyola, ist das alles?« schrie
+ Verdrossen der, und schlug in seine Hände,
+ »Geht hin und sprecht: »Es regnet morgen früh,
+ Es wäre sonst mit mein'm Latein zu Ende!«
+ Nicht Lüge war des neu'n Elias Wort.
+ Es türmten Wolken sich vom Meer her auf,
+ Fruchtbarer Regen fiel am Morgen dort,
+ In neuem Grün entstand das Land darauf.
+ Die von Golconda schrien Wunder und
+ Priesen den Pater unter Händefalten.
+ Zu frohen Mönchen sprach des' leiser Mund,
+ »Confratres, liebe, wenn ich Wort gehalten,
+ So dankt Ihr's einem Liebesleiden, das
+ Für Euch der Himmel mir ausdrücklich schickte;
+ Das stets, eh' auftat sich das Regenfaß
+ Des Himmels, mich ganz gottserbärmlich zwickte.
+ Bleibt's aber trocken, lindert sich der Schmerz
+ Und hört fast auf!« Doch das Golcondens Herrn
+ Anzuvertrauen, hat man nicht das Herz.
+ So glaubte man im Lande gut und gern,
+ Daß dieses Wunder ihrer Heiligkeit,
+ Nicht aber Frucht war einer bösen Pest;
+ Mit der der alte Schlaukopf seiner Zeit
+ Vergiftet sich. -- Da Böses also läßt
+ Gutes entstehen, ist dieses Leiden worden
+ Ein Dauergeschenk dem Jesuitenorden.
+
+Allen Spaß beiseite, -- man sieht, welchen Nutzen dieses seltsame Barometer
+sowohl China wie den Missionaren brachte, die sich dadurch zu ihrer
+berühmten Klage über die Lavements veranlaßt sahen. Die Chinesen kennen
+diese Art Einspritzung, die man durch den After in die Gedärme macht, erst
+seit dem Auftauchen der Jesuiten in ihrem Kaiserreiche, drum nennen es die
+Völker dort, wenn sie sich seiner bedienen, das Heilmittel der Barbaren.
+
+Als die Jesuiten sahen, daß das unedle Wort Lavement das Klistier abgelöst
+hatte, gewannen sie den Abt von Saint Cyran und setzten ihren Einfluß auf
+Ludwig XIV. daran, um durchzusetzen, daß das Wort Lavement auf die Liste
+der unanständigen Ausdrücke gesetzt würde, so daß der Abt von Saint Cyran
+sie beim Pater Gargasse tadelte, den man die Helena des Kriegs zwischen
+Jesuiten und Jansenisten nannte. »Ich aber«, sagte der Pater Gargasse,
+»verstehe unter Lavement nur Gurgeln: die Apotheker sind's, die dem Worte
+die unschickliche Bedeutung gegeben haben!« Man ersetzte also das Wort
+Lavement durch Heilmittel. Da Heilmittel zweideutig ist, erschien es als
+anständiger; und das ist so ganz unsere Schicklichkeitsart[A]. Ludwig XIV.
+gewährte dem Pater le Tellier diese Gnade. Der Fürst forderte keine
+Lavements mehr, er forderte sein Heilmittel. Und die Akademie bekam den
+Auftrag, dies Wort mit seiner neuen Bedeutung in ihr Wörterbuch zu setzen
+. . . Ein würdiger Gegenstand für eine Hofkabale!
+
+[Fußnote A: In unseren Tagen hat man auf ähnliche Weise Havarie (Haferei)
+an die Stelle von Lustseuche gesetzt.]
+
+Allem Anscheine nach wurde die schimpfliche, Harnröhrenentzündung genannte,
+Krankheit das Jesuitenbarometer im Vaterlande des Confucius. Wie es heißt,
+war diese Krankheit, die sich im Jesuitenorden von Pater auf Pater
+fortpflanzte, nichts anderes als das, von dem die Schrift sagt: und der
+Herr schlug die aus der Stadt und vom Lande in den After[A]. Zur Heilung
+dieser Krankheit haben die Jesuiten eine Messe in einem zu Ehren des
+heiligen Hiob gedruckten Meßbuche. Nichts gibt es, was mit ihrer Moral
+nicht in Einklang zu bringen wäre; denn es ist gewiß, daß ihre Kasuistiker
+den Mut aufbringen, der Gefahr der Harnröhrenentzündung zu trotzen,
+geschweige denn sich ihr auszusetzen, wenn sie des Glaubens sind, daß das
+Werk Gottes dabei beteiligt sein könnte. Man liest in der Sammlung des
+Jesuitenpaters Anufin ein merkwürdiges Geschehnis, das einem ihrer Novizen
+sich ereignete, der sich mit einem jungen Manne erlustierte und inmitten
+seiner lebhaften Unterhaltung von einem Confrater überrascht wurde. Dieser
+hatte die Klugheit besessen, durchs Schlüsselloch zu beobachten und sich
+still zu verhalten. Als aber die Geschichte zu Ende und der Novize
+fortgegangen war, sagte er zu seinem Kameraden: »Unglücklicher, was hast du
+eben gemacht? Ich habe alles gesehen; du verdientest, daß ich dich
+anzeigte; noch ganz entflammt bist du von der Üppigkeit . . . du kannst
+dein Vergehen nicht ableugnen!« -- »Ach, mein lieber Freund,« antwortete
+der Schuldige mit einem festen und heftigen Tone, »wißt Ihr denn nicht, daß
+der ein Jude ist? Ich will ihn bekehren oder er soll Jesu Christi Feind
+bleiben. Habe ich nicht, wenn ich dieses oder jenes annehme, alle Ursache
+ihn zu verführen, entweder um ihn zu retten oder um ihn noch
+schuldbeladener zu machen?« Bei diesen Worten wirft sich der Novize, der
+ihn beobachtet hatte, überzeugt, besiegt, von Bewunderung durchdrungen, vor
+ihm nieder, küßt seinem Confrater die Füße und macht seinen Bericht. Und
+der handelnde Novize wurde unter die in den Werken des Allmächtigen
+Wirkenden einregistriert.
+
+[Fußnote A: Buch der Könige, I. Kap., Vers 26.]
+
+
+
+
+Die Linguanmanie
+
+
+Wenn man alle Leidenschaften des Menschen auf ihre anfänglichen Neigungen
+zurückführte, alle ihre Idiome auf ihre Muttergedanken, wenn ich so sagen
+darf, indem man diese alle der Schattierungen, die sie entstellt haben, und
+jene all der Bedeutungen beraubte, mit denen ihre Symptome überladen worden
+sind, würden die Wörterbücher weniger umfangreich und die Gesellschaften
+minder verderbt sein.
+
+Wie viel hat nicht zum Exempel die Einbildung den Kanevas der Natur mit
+Liebe bestickt? Wenn ihre Kräfte sich damit zufrieden gegeben hätten, die
+moralischen Illusionen zu verschönern, würden wir uns dazu beglückwünschen.
+Aber es gibt sehr viel mehr liederliche Einbildungen als gefühlvolle
+Einbildungen, und darum gibt's unter den Menschen mehr Ausschweifung als
+Zärtlichkeit, darum hat man jetzt eine Masse Beiworte nötig, um alle
+Schattierungen eines Gefühls auszudrücken, das lau oder heiß, lasterhaft
+oder heroisch, edelmütig oder strafbar nach allem aber nie die mehr oder
+minder lebhafte Neigung eines Geschlechts zum anderen ist oder sein wird.
+Schamlosigkeit, Geilheit, Unzucht, Liederlichkeit, erotische Melancholie
+sind sehr verschiedene Eigenschaften und doch im Grunde nur mehr oder
+minder scharfe Schattierungen der gleichen Empfindungen. Geilheit und
+Unzucht zum Beispiel sind durchaus natürliche Fähigkeiten zur Lust, denn
+mehrere Tierarten sind geil und unzüchtig; unkeusche aber gibt es nicht.
+Unkeusche Gesinnung ist unzertrennlich von der vernunftbegabten Natur und
+nicht vom natürlichen Hang wie die Unzucht. Unkeusche Gesinnung drückt sich
+durch die Augen, in der Haltung, in den Gesten, in den Reden aus; sie
+kündigt ein sehr hitziges Temperament an, ohne daß die beweisende Tatsache
+ganz gewiß ist, sie verspricht aber viel Vergnügen an der Lust und hält ihr
+Versprechen, weil die Einbildung der wirkliche Herd der Lust ist, die der
+Mensch durch Studium und Verfeinerung der Wonnen variiert, verlängert und
+ausgedehnt hat.
+
+Schließlich aber wollen diese und andere derartige Benennungen nichts
+weiter als einen Heißhunger anzeigen, der dazu verführt, ohne Maßen und
+ohne die Zurückhaltung, die vielleicht dem größeren Teile der menschlichen
+Institution natürlicher ist, als man annimmt, zu genießen, zu suchen; ohne
+die Zurückhaltung, die man Scham nennt, die verschiedensten, die
+geschicktesten und die sichersten Mittel zu suchen, sage ich, den Feuern,
+die einen verbrennen, deren Glut aber so verführerisch ist, daß man sie,
+nachdem man sie gelöscht hat, wieder herausfordert, genugzutun und
+auszulöschen.
+
+Dieser Zustand hängt einzig und allein von der Natur und von unserer
+Leibesbeschaffenheit ab. Er ist der Hunger, das Bedürfnisgefühl, Nahrung zu
+sich zu nehmen, das durch ein Übermaß von Sinnlichkeit zur Gefräßigkeit
+führt, und durch die allzu lange Beraubung der Befriedigungsmittel in Wut
+ausartet. Das Verlangen nach Lust, das ein ebenso natürliches Bedürfnis
+ist, obwohl es weniger oft und gemäß der Verschiedenheit der Temperamente
+mehr oder weniger hitzig sich einstellt, steigert sich manchmal bis zum
+Wahnsinn, bis zu den größten physischen und moralischen Ausschweifungen,
+die alle nach dem Genusse des Objekts streben, durch das die glühende
+Leidenschaft, von der man erregt ist, vielleicht gestillt wird.
+
+Dies verschlingende Fieber heißt bei den Weibern Nymphomanie[A], bei den
+Männern würde man es, wenn sie ihm ebenso unterworfen wären, wie jene,
+Mentulomanie nennen, doch leistet ihre Bildung dagegen Widerstand, und mehr
+noch ihre Sitten, die, weniger Zurückhaltung und Zwang heischend, und die
+Scham nur nach der Zahl der Verfeinerungen rechnend, mit denen die
+menschliche Geschicklichkeit die Reize der Natur zu verschönern oder
+abzuschattieren verstanden hat, sie weniger den Verheerungen der allzu
+zurückgeschraubten oder allzu gesteigerten Wünsche aussetzen. Da übrigens
+unsere Organe viel empfänglicher für augenblickliche Regungen als die des
+anderen Geschlechts sind, kann die Intensität der Begierden selten ebenso
+gefährlich sein, wiewohl die Männer ebensogut wie die Weiber an Krankheiten
+leiden, die einer beinahe ähnlichen Ursache entspringen[B], von denen aber
+eine männliche Leibesbeschaffenheit, die leichter schlaff wird, nicht
+ebenso lange heimgesucht zu werden braucht.
+
+Trostlos würde es sein, scheußlich würde es sein, wollte man die so
+wunderlichen Wirkungen der Nymphomanie aufzählen. Vielleicht trägt die
+Unregelmäßigkeit der Einbildungskraft sehr viel mehr zu ihr bei als die
+venerische Energie, die das Subjekt, das von ihr befallen worden ist, von
+Natur aus mitbekommen hat. Tatsächlich ist der Kitzel der Vulva durchaus
+nicht Nymphomanie. Der Kitzel kann wahrlich eine Empfänglichkeit für diese
+Manie sein, man braucht darum aber nicht gleich zu glauben, daß sie ihm
+stets folgen müßte. Er reizt, er zwingt, mit den Fingern an die erregten
+Kanäle zu fassen, sie zu reiben, um sich Linderung zu verschaffen, wie man
+es bei allen Körperteilen tut, die man in derselben Absicht anfaßt, um die
+Ursachen des Reizes zu heben. Wie lebhaft und erwünscht dieses Kitzeln,
+diese Berührungen auch sein mögen, man nimmt sie wenigstens ohne Zeugen
+vor. Die dagegen, welche die Nymphomanie hervorruft, trotzen den Zuschauern
+und Umständen. Daraus geht hervor, daß der Kitzel sich nur in der Vulva
+festsetzt, während die unsinnige Manie der Sinnenlust ihren Sitz im Gehirn
+hat. Die Vulva jedoch überliefert ihm außerdem den Eindruck, den es mit
+Abänderungen empfängt, die geeignet sind, die Seele mit einer Menge
+unzüchtiger Gedanken zu durchtränken. Dort nährt sich das Feuer selber;
+denn die Vulva ist ihrerseits unabhängig von dem Einfluß der
+wollustgierigen Seele, von jedem Gefühlseindruck angegriffen und wirkt auf
+das Gehirn zurück. So wird die Seele immer tiefer von unzüchtigen
+Sensationen und Gedanken durchdrungen, die, da jene nicht allzu lange
+bestehen können, ohne sie zu ermatten, ihren Willen bestimmt, der Unruhe
+nachzugeben, die sich an die Verlängerung jedes allzu lebhaften Gefühls
+heftet und alle erdenklichen Mittel anzuwenden, um zu diesem Ziele zu
+gelangen.
+
+[Fußnote A: [Griechisch: Ninphômanê].]
+
+[Fußnote B: Die Satyriasis, der Priapismus, die Geilheit.]
+
+Es ist unglaublich, wie sehr die durch die Leidenschaft geschärfte
+menschliche Geschlechtlichkeit die Mittel des Vergnügengewährens oder
+vielmehr das Verhalten beim Vergnügen variiert hat. Denn es ist stets das
+gleiche, und wir haben gut kämpfen gegen die Natur, über ihr Ziel werden
+wir nimmer hinausgehen. Sie scheint in Wahrheit viele Reizmittel zu ihrer
+Verlängerung[A] verteilt zu haben, sicher ist es aber, daß die Gehirnfasern
+sich unabhängig von irgendeiner unmittelbaren Einwirkung der Natur
+ausdehnen. Alles, was die Einbildungskraft erhitzt, reizt die Sinne oder
+vielmehr den Willen, dem die Sinne sehr häufig nicht mehr genügen, und die
+werden mindestens ebenso stark von ihm unterstützt, da die Einbildungskraft
+niemals ohne das lebhafteste, glühendste Temperament, die am besten
+gestimmten Sinne, die besten Hilfen des Alters und der Umstände bestehen
+kann.
+
+[Fußnote A: Sennert erwähnt eine Frau, die, nachdem sie etwas aufgelösten
+Borax getrunken hatte, nymphoman wurde, und Müller rät, mit aromatischen
+Ölen vermischten Moschus auf irgendeine Art einzuführen, um die Vagina
+schlüpfrig zu machen.]
+
+Da es weiter das Eigentümliche aller Leidenschaften der Seele ist, mit
+Rücksicht auf den Widerstand so hitzig wie möglich zu werden und die
+Nymphomanie nicht leicht zu befriedigen ist, so wird sie schließlich
+unersättlich. Weiber, die von ihr befallen sind, kennen kein Maß mehr; und
+das für einen schwachen Widerstand so schön geschaffene Geschlecht, das mit
+allem Entzücken der furchtsamen Scham prunkt, entehrt in dieser
+scheußlichen Krankheit seine Reize durch die schmutzigste Prostitution. Es
+fordert heraus, sucht auf, greift an; die Begierden stacheln sich an durch
+das, was anscheinend hinreichen müßte, um sie zu ersticken, und das
+tatsächlich genügen müßte, wenn der einfache Kitzel der Vulva den Genuß
+erregte. Wenn aber das Gehirn der Herd des Verlangens ist, so steigert es
+sich unaufhörlich; und die mehr ermattete als gesättigte Messalina[A] jagt
+ohne anzuhalten der Lust und der Liebe nach, die sie mit Abscheu flieht.
+
+[Fußnote A:
+
+ Mox lenone suas jam dimittente puellas
+ Tristisubit. Sed quod potuit tamen ultimam cellam
+ Clausit, ad huc ardens rigidae tentigine vulvae
+ Et resupina jacens multorum absorbuit cetus
+ Et lassata viris, necdum satiata recessit.
+
+(Inv. I, II. Sat. 6.)]
+
+Indessen muß man das zugeben: Die Beobachtung hat uns einige Phänomene in
+dieser Art gezeigt, die das einfache Werk der Natur zu sein scheinen. Herr
+von Buffon hat ein junges Mädchen von zwölf Jahren gesehen, sie war
+dunkelbraun, hatte eine lebhafte und gesunde Gesichtsfarbe, war von
+kleiner, aber ziemlich fetter Figur, war bereits ausgewachsen und mit einem
+hübschen Busen geschmückt, die einzig beim Anblick eines Mannes die
+unanständigsten Handlungen vornahm. Die Gegenwart der Eltern, deren
+Vorwürfe, die strengsten Züchtigungen, nichts hielt sie davon zurück. Sie
+verlor indessen die Vernunft nicht, und ihre scheußlichen Anwandlungen
+hörten auf, wenn sie mit Frauen zusammen war. Kann man annehmen, daß dieses
+Kind seinen Instinkt bereits mißbraucht hatte?
+
+Gewöhnlich haben braune Mädchen von guter Gesundheit und kräftiger
+Leibesbeschaffenheit, die jungfräulich sind, und vor allem die, welche
+durch Verhältnisse anscheinend dazu bestimmt sind, es ewig zu bleiben,
+junge Witwen, Weiber, die wenig kräftige Männer haben, die meiste Anlage
+zur Nymphomanie. Und das allein würde beweisen, daß der Hauptherd dieser
+Krankheit in einer allzu geschärften, allzu gebieterischen Einbildungskraft
+ruht, daß aber auch die widernatürliche Untätigkeit der mit Kraft und
+Jugend versehenen Sinne eine ihrer hauptsächlichen Triebfedern ist. Billig
+ist es also, daß jedes Individuum seinen Instinkt befragt, dessen Antrieb
+stets zuverlässig ist. Wer immer darauf bedacht ist, seinesgleichen zu
+zeugen, hat entschieden das Recht es zu tun. Der Schrei der Natur ist die
+allgemeine Gebieterin, deren Gesetze zweifellos mehr Achtung verdienen, als
+alle die künstlichen Ideen von Ordnung, Regelmäßigkeit und Prinzipien, mit
+denen uns unsere tyrannischen Grillen auszeichnen, und denen man sich
+unmöglich sklavisch unterordnen kann, die nur unglückliche Opfer oder
+widrige Heuchler schaffen und nichts weiter für die Moral wie für die
+Physis regeln, als die Widersprüche der Natur jemals befehlen können. Die
+physischen Gewohnheiten üben eine sehr dingliche, sehr despotische und oft
+sehr furchtbare Macht aus und setzen einen öfters grausamen Übeln aus,
+statt daß sie einen gegen sie wappnen. Die menschliche Maschine darf nicht
+besser arbeiten als das sie umgebende Element, sie darf wirken, sich gar
+ermüden, sich ausruhen, untätig sein, je nachdem das Kräftegefühl es
+bestimmt. Es würde eine sehr abgeschmackte und sehr lächerliche Forderung
+sein, das Gesetz der Gleichheit befolgen und stets vor derselben Schüssel
+sitzen zu sollen, während alle Wesen, mit denen man in inniger Berührung
+steht, in ständigem Wechsel leben. Veränderung ist notwendig, und wäre es
+nur, um uns auf die heftigen Stöße vorzubereiten, die manchmal die
+Grundmauern unseres Seins erschüttern. Unsere Körper sind wie die Pflanzen,
+deren Stengel sich inmitten der Stürme durch das Rütteln widriger Winde
+kräftigt.
+
+Leibesbewegung, eine gut ausgedachte Gymnastik würde zweifelsohne das
+wirksamste Mittel gegen die gefahrvollen Folgen eines untätigen Lebens
+sein; dies Mittel jedoch wird nicht in gleicher Weise von beiden
+Geschlechtern angewandt. Die Reitkunst zum Exempel scheint nicht sehr
+geeignet für die Frauen, die sie nur unter Gefahr oder unter
+Vorsichtsmaßregeln ausüben können, die die Übung beinahe unzweckmäßig
+machen. Es ist so wahr, daß die Natur sie nicht für diese Leibesübung
+bestimmt hat, daß sie dabei bloß die Reize zu verlieren scheinen, die ihnen
+zu eigen sind, ohne die des Geschlechtes zu gewinnen, das sie nachahmen
+wollen.
+
+Der Tanz scheint mit der den Frauen eigentümlichen Anmut vereinbar, die
+Weise aber, in der sie sich ihm hingeben, ist oft mehr geeignet, die Organe
+zu entnerven als zu kräftigen. Die Alten, welche sich auf die große Kunst
+verstanden, die Sinnenfreude in den Dienst des Körpers zu stellen, haben
+aus der Tanzkunst einen Teil ihrer Gymnastik gemacht: sie wandten die Musik
+an, um die Bewegungen der Seele zu beruhigen oder zu lenken. Sie
+verschönten das Nützliche und machten die Wollust ersprießlich.
+
+Doch wenn beim Entstehen politischer Körperschaften die Vergnügungen der
+Strenge der Einrichtungen unterstellt wurden, aus denen diese
+Körperschaften ihre Macht zogen, entarteten sie sehr schnell mit den
+Sitten[A]. Und wenn die Alten sich zuerst damit befaßten, alles
+zusammenzusuchen, was die Kräfte mehren und die Gesundheit bewahren konnte,
+so verfielen sie nur darauf, die Freuden zu erleichtern und auszudehnen zu
+suchen; und hier hat man nochmals Gelegenheit zu bemerken, wie sehr wir sie
+preisen, um uns selber zu verleumden. Welche Parallele läßt sich zwischen
+unseren Sitten und der Skizze ziehen, die ich eben hinwerfe?
+
+[Fußnote A: Ich zweifle zum Exempel, daß die Corycomachie oder die
+Coricobolie, welche die vierte Sphäristik der Griechen war, bei ihnen
+gebräuchlich geblieben ist, als sie das eleganteste Volk der Welt geworden
+waren. Man hängte einen Sack voll schwerer Körper an der Decke auf, griff
+ihn mit beiden Händen und brachte ihn so weit fort, als der Strick sich
+auszudehnen vermochte; darauf ließen sie den Sack los, folgten ihm, und
+wenn er gegen sie zurückkam, gingen sie zurück, um sich nicht der Wucht des
+Anpralls auszusetzen, und stießen ihn dann wieder mit Gewalt zurück. (Siehe
+Burette, über die Gymnastik der Griechen und Römer.) Ich glaube auch nicht,
+daß eine solche Übung nach dem Geschmack der Stutzerinnen eines anderen
+Jahrhunderts gewesen wäre.]
+
+Wenn ein Weib eine halbe Stunde Coricobole gespielt hatte, trockneten
+entweder Mädchen oder Knaben, je nach Geschmack der Spielerin, sie mit
+Schwanenpelz ab. Diese jungen Leute hießen Jatraliptae. Die Unctores
+schütteten darauf Essenzen über sie. Die Fricatores reinigten die Haut. Die
+Alipari zupften die Haare aus. Die Dropacistae bearbeiteten die Körper und
+brachten die Schwielen fort. Die Paratiltriae waren kleine Kinder, die alle
+Leibesöffnungen, Ohren, Anus, Vulva usw. säuberten. Die Picatrices waren
+junge Mädchen, die dafür zu sorgen hatten, alle die Haare, welche die Natur
+über den Körper verstreut hat, auszuzupfen, um ihr Wachstum zu verhindern,
+das dem Eindringen entgegensteht. Die Tractatrices endlich kneteten
+wollüstig alle Gelenke, um sie geschmeidiger zu machen. Eine so
+vorbereitete Frau bedeckte sich mit einem jener Schleier, die laut dem
+Ausdruck eines Alten einem gewebten Lufthauche glichen und den vollen Glanz
+der Schönheit durchschimmern ließen. Sie schritt ins Gemach der
+Wohlgerüche, wo sie sich beim Klang der Instrumente, die eine andere Art
+Wollust in ihre Seele gossen, dem Überschwange der Liebe hingab. Erstrecken
+sich bei uns die Verfeinerungen des Genusses bis zu diesem Übermaße von
+Gesuchtheiten[A]?
+
+[Fußnote A: Eine bescheidene Nomenklatur eines sehr kleinen Teils ihres
+Lexikons der Wollust, wenn ich so sagen darf, mag diese Frage entscheiden:
+
+ Die Coricobole, war eine Sackträgerin.
+ Die Jatraliptes, die Schwanenpelzabtrockner.
+ Die Unctores, die Wohlgeruchspenderinnen.
+ Die Fricatores, die Frottiererinnen.
+ Die Aractatrices, die Walkerinnen oder Kneterinnen.
+ Die Dropacistae, die Schwielenentfernerinnen.
+ Die Alipsiaires, die Haarauszieher.
+ Die Paratiltres, die Vulvareiniger.
+ Die Picatrices, Auszupferinnen der Vulvahaare.
+ Die Samiane, das Parterre der Natur (siehe weiter unten).
+ Die Hircisse, der Verkauf an die Alten.
+ Die Clitoride, die Zusammenziehung der Clitoris.
+ Die Korintherin, die Beweglichkeit der Gewinde.
+ Die Lesbierin, die den Cunnilingus vollzieht.
+ Die Sphnissidienne, die Vorreiterin.
+ Die Phicidissienne, die Pollution der Kinder.
+ Sardanapalizein, Liebe zwischen Eunuchen und Mädchen.
+ Die Conrobole [Griechisch: chuiropôlô] (wenn man etwas Griechisch
+ kennt, versteht man mich).
+ Chalcidizein, Lecken der Testikeln.
+ Fellatrizein, Saugen am Eichel.
+
+Ein Beweis, daß sie viel abgebrühter als wir waren, ist, daß es fast nicht
+eines dieser Wörter gibt, das wir nicht gezwungen sind durch Umschreibung
+wiederzugeben.]
+
+Zum Beweis unserer Harmlosigkeit in Sachen der Ausschweifung wäre es
+möglich, durch Anführung alter Schriftsteller eine Unzahl von Stellen
+anzubringen, die unsere leidenschaftlichsten Satyre in Erstaunen setzen
+würden. Wir haben schon in einem Stück dieser Ausführungen im Abriß
+gezeigt, auf welche Ausschweifungen sich das Volk Gottes verstand[A].
+Erasmus hat in griechischen und römischen Autoren eine Menge Anekdoten und
+Sprichwörter gesammelt, die Dinge vermuten lassen, vor denen die kühnste
+Einbildung sich erschreckt. Ich will einige von ihnen anführen.
+
+[Fußnote A: Man lese in der Tropoide nach, wo ich eine sehr große Zahl
+anderer Bibelstellen noch hätte anführen können. Man findet zum Exempel im
+Buche der Weisheit Salomonis (Kap. XIV, Vers 26) mehrere Tadel wegen
+Unzucht, sträflicher Fehlgeburten, Schamlosigkeiten, Ehebruchs usw.
+Jeremias (Kap. V, Vers 13) predigt gegen die Liebe zu jungen Knaben.
+Ezechiel spricht von üblen Häusern und Prostitutionsmerkmalen an den
+Straßeneingängen (Kap. XXVI, Vers 24--27) usw.]
+
+Wir haben zum Beispiel keine üblen Orte, die uns eine Idee von dem geben
+könnten, was man in Samos das Parterre der Natur nannte. Es waren
+öffentliche Häuser, wo sich Männer und Weiber durcheinander allen Arten von
+Ausschweifungen überließen: denn das würde prostituieren heißen, das Wort
+der Wollust, das sich hier anwenden ließe. Beide Geschlechter boten hier
+Modelle der Schönheit an, und daher kommt der Name: Parterre der Natur[A].
+Die Alten wandten die Reste ihrer Geilheit noch an anderen Orten nützlich
+an. Sie waren derartig schamlos, daß man sie mit Tieren verglich, die den
+Geruch, die Hitze und die Geilheit der Ziegenböcke besaßen[B].
+
+ . . . Verum noverat
+ Anus caprissantis vocare viatica.
+
+[Fußnote A: Erasmus, Seite 553. -- Samiorum flores. -- Ubi extremam
+voluptatum decerperet. -- [Griechisch: Xamiônchodê], die Samionante. --
+Puellae veluti flores arridantes da libidinem invitabant.]
+
+[Fußnote B: Ani hircassantes. [Griechisch: Graus chaprasa]. Erasmus 269.
+De juvente, cuianus libidinosa omnia suppeditabat, quo vicissim ab illo
+voluptatem cui feret. Nota et hircorum libido, odorque qui et subantes
+consequitur.]
+
+Auf der Insel Sardinien, die weder jemals ein sehr blühendes noch sehr
+volkreiches Land gewesen ist, leitete der Name des Ancon genannten Ortes
+sich von dem der Königin Omphale ab, die ihre Frauen miteinander
+tribadieren ließ, sie dann ohne Unterschied mit Männern zusammensperrte,
+die auserlesen waren, um in allen Arten von Kämpfen zu glänzen[A]. Man
+weiß, was der orientalische Despotismus die Menschlichkeit und die Liebe
+gekostet hat; in allen Zeiten hat er die bedrückt und jene herabgewürdigt.
+Sardanapal[B] ist einer der elendesten Tyrannen jener Gefilde, von dem der
+Gedanke und der Brauch kam, die Prostitution der Mädchen und Knaben zu
+vereinigen.
+
+[Fußnote A: [Griechisch: Gluchun agchôna]. Ancon. Erasmus 335. Omphalem
+regina per vim virgines dominorum cum eorum servis inclusisse ad stuprum,
+in sola haberetur impudica. Lydia antem eum locum, in quo faeminae
+constuprabantur [Griechisch: gluchun agchôna] appelasse, sceleris
+atrocitatem mitigantes verbo.
+
+Man sieht, daß selbst in solchen Dingen der Despotismus nichts mehr hat
+erfinden können.]
+
+[Fußnote B: [Griechisch: Sardanapapalos]. Erasmus 723. Caeterum deliciis
+usque adeo effaeminatus, ut inter eunuchos et puellas ipse puellari cultu
+desidere sit solitus.]
+
+Korinth konnte Samos den Vorrang streitig machen in der Vervollkommnung der
+öffentlichen Prostitution; sie war dort derartig hochgeschätzt, daß es dort
+Tempel gab, in denen man unaufhörlich Gebete an die Götter zur Vermehrung
+der Prostituiertenzahl richtete[A]. Man behauptete, daß sie die Stadt
+gerettet hätten. Im allgemeinen aber gingen die Korinther dafür durch,
+beinahe ausschließlich die Kunst der Biegsamkeit und der wollüstigen
+Bewegungen zu beherrschen[B]. Man erkannte sie an einer bestimmten
+Körperhaltung und ihrer besonders zierlichen Figur.
+
+Die Lesbierinnen werden bei der Erfindung oder der Sitte genannt, den Mund
+zu dem häufigst angewandten Wollustorgan gemacht zu haben[C].
+
+Verschiedene Völker zeichneten sich ebenfalls durch sehr merkwürdige Sitten
+aus, die bei ihnen häufiger vorkamen als bei allen anderen, dergestalt daß
+das, was heute nur das Laster dieses oder jenes Individuums ist, damals das
+bestimmte Merkmal eines ganzen Volkes war.
+
+[Fußnote A: Erasmus 827. Ut dii augerent meretricum nummerum. Erasmus fügt
+hinzu, daß die Venetianerinnen zu seiner Zeit unzüchtige Mädchen per
+excellence wären. Nusquam uberior quam apud Venetos.]
+
+[Fußnote B: [Griechisch: Kuiropôlis] die Canabole mit [Griechisch:
+choiros]. Erasmus 737. Corinthia videris corpore questum factura. In
+mulierem intempertivius libidinantem. De mulieribus Corinthi prostantibus
+dictum et alibi. Dictum et autem [Griechisch: choiropôlô], novo quidem
+verbo, quod nobis indicat quaestum facere corpore.]
+
+[Fußnote C: [Griechisch: Lesbiazein]. Lesbiari, die Lesbierin. Antiquitus
+polluere dicebant. Erasmus 731. [Griechisch: choiros] enim cunnum
+significat (quae combibones jam suos contaminet Aristophanes in Vespis)
+Erasmus 731. Aiunt turpitudmem quae per cos agitur, fellationes opitur, aut
+irrumationis primum iomnium faeminum fuisse profestam: et apud illas primum
+omnium faeminarum tale quiddam passam esse. Das charakteristische Talent
+der Lesbierinnen war am weiblichen Geschlechtsteil saugen, daher: mihi at
+videre labda juxta Lesbios (Aristophanes [Griechisch: lasbalesbiour],
+fellatrix). Die Fellatrix, die am Eichel saugt, war noch ein Beiwort der
+Lesbierinnen, wo es üblich war, mit dieser Zeremonie zu beginnen. Erasmus
+800. Fallatrium indicat . . . quae communis Lesbiis quod ei tribuitur genti
+etc. NB. Es gab -- einige Jahre mag es her sein -- ein reizendes Mädchen in
+Paris, das ohne Zunge geboren war und mit erstaunlicher Geschicklichkeit
+durch Zeichen sprach; sie hatte sich dieser Prostitutionsart gewidmet. Herr
+Louis hat sie in dem Buche über Aglossoftomographie beschrieben.]
+
+So stammt von der Bevölkerung der Insel Euboea, die nur Kinder liebte und
+sie in jeder Weise prostituierte, der Ausdruck chalcidieren[A]. Ebenso
+schuf man den Ausdruck phicidissieren, um eine recht ekelhafte Laune zu
+bezeichnen[B]. Man drückte die Gewohnheit, welche die Bewohner von Sylphos,
+einer Insel der Cykladen, hatten, die natürlichen Freuden durch die des
+Anus zu unterstützen, mittels des Wortes siphiniassieren aus[C].
+
+[Fußnote A: [Griechisch: Kalchidizein], Chalcidissare. Erasmus: Gens
+(Chalcidicenses) male audisse ob foedos puerum amores.]
+
+[Fußnote B: [Griechisch: Phichidizein], Phicidissare. Sich die Testikeln
+von jungen Hunden lecken lassen (Sueton).]
+
+[Fußnote C: [Griechisch: Siphiniazein], Siphiniassare (Plein. I, IV, 12).
+Erasmus 690. Pro eo quod et tannum admovere postico, sumptum esse a moribus
+siphuiorum.]
+
+So fand man in den Jahrhunderten des Verderbnisses, wo man alles erprobte,
+Worte, um alles auszumalen. Daher das cleitoriazein[A] oder die
+Verschmelzung von zwei Clitoris, eine Handlung, die Hesychtus und Suida
+sich die Mühe gemacht haben uns zu erklären, indem sie uns lehren, daß
+diese Handlung wie das Laichen des Karpfens mit seinesgleichen vor sich
+geht: eine ist in Bewegung, während die andere anhält und umgekehrt (darum
+das Sprichwort non satis liques), daher der Ausdruck cunnilinguus, den
+Seneca so ableitet. Die Phönizier unterschieden sich von den Lesbiern,
+indem erstere sich die Lippen rot färbten, um den Eingang in das wahre
+Heiligtum der Liebe vollkommener nachzuahmen, während die Lesbier, die nur
+Schminke in der Farbe der Spuren der Liebesopfer auflegten, weiße
+hatten[B]. Und das ist nicht die ungewöhnlichste Weise, auf die man die
+Lippen geschmückt hat, denn Sueton berichtet, daß der Sohn des Vitellius
+sie mit Honig bestrichen habe, um zur Vermehrung seiner Lust die Eichel
+seines Lieblings zu saugen, indem er so die zarte Haut, die diesen
+Körperteil umgibt, schlüpfrig machte, sollte der Speichel des mit Honig
+bestrichenen Handelnden den Liebeserguß anziehen. Das war ein bekanntes und
+auf erschöpfte Männer wirkendes Aphrodisiaticum[C]. Aber Vitellius nahm
+diese Zeremonie alle Tage öffentlich an denen vor, die sich dazu
+hergaben[D], was nicht seltsamer ist, als die Trankopfer (semen et
+menstruum), die laut Epiphanius gewisse Weiber, ehe sie sie
+hinterschluckten, den Göttern darboten[E].
+
+Ich endige diese merkwürdige Rekapitulation, um die Moralisten zu fragen,
+ob die Alten sehr viel besser waren als wir, und die Gelehrten, welche
+Dienste sie den Männern und den Gebildeten geleistet zu haben glauben, wenn
+sie diese und so viele ähnliche Anekdoten in den Archiven des Altertums
+ausgegraben haben?
+
+[Fußnote A: [Griechisch: Kleitoriazein]. Erasmus 619. De immondica
+libidine. Unde natum proverbium, non satis liquet, libidinosa
+contractatio.]
+
+[Fußnote B: Phoenicissantes labra rubicunda sibi reddebant; sie
+Lesbiassantes alba labra semene.
+
+Martial Lib. I. Cunnum carinus linguis estamen pallet. Cattulus ad
+Gellicum. -- Nescio quid certe est, an vere fama susurrat.
+
+Grandia te remedii tenta vorare viri.
+
+Sic certe est. Clamant virronis rupta miselli Lilia, demulso labra notata
+sero.]
+
+[Fußnote C: Hier. Mercurial.]
+
+[Fußnote D: Quotidie ac palam. -- Arterias et fauces pro remedio fovebat.]
+
+[Fußnote E: Hier. Merc. liber IV, pg. 93. -- Scribit Epiphanius faeminas
+semen et menstruum libare Deo et deinde potare solitas.]
+
+ _Finis_.
+
+Das Erotika Biblion des Grafen Mirabeau wurde ins Deutsche übertragen von
+Paul Hansmann. Gedruckt wurde diese Ausgabe für den Hyperionverlag, Berlin,
+von der Buchdruckerei Imberg & Lefson G. m. b. H., Berlin, in zwölfhundert
+numerierten Exemplaren: die Exemplare 1 bis 100 wurden auf echtes Bütten,
+die Exemplare 101 bis 1200 auf feinstes Velinpapier abgezogen. Das
+Titelblatt zeichnete Erich Hoffmeister, den Einband Emil Preetorius. Dies
+ist Exemplar
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+ No. 928
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+Anmerkungen zur Transkription
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+Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert.
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+End of the Project Gutenberg EBook of Erotika Biblion, by
+Honoré Gabriel Riquetti Mirabeau
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+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 43438 ***