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+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 43335 ***
+
+ NEUE REIHE
+ BAND 19
+
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+ 1.--5.TAUSEND
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+ HEINRICH MANN
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+ DIE EHRGEIZIGE
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+ NOVELLE
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+ 1920
+ MÜNCHEN
+ ROLAND-VERLAG DR. ALBERT MUNDT
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+Daß er der Frau des Gemeindesekretärs die schöne Alba Nardini vorzog, mußte
+der junge Tenor Nello Gennari mit dem Leben büßen. Frau Camuzzi hatte
+geschickt gehandelt; niemand ahnte, sie sei es gewesen, die Alba auf die
+Frau des Schneiders eifersüchtig gemacht und sie in solchen Wahnsinn
+getrieben hatte, daß sie den Geliebten und sich erstach. Ungefährdet hätte
+sie weiterleben können. Vier Wochen später aber verschwand sie aus der
+kleinen Stadt.
+
+Von Florenz schrieb sie ihrem Gatten, daß sie den Gedanken nicht länger
+habe ertragen können, sie solle an seiner Seite altern. Denn er habe keinen
+Ehrgeiz. Statt sich in die Politik zu werfen, zu handeln, zu steigen, statt
+seiner Frau, die nach ihnen lechze, die Höhen der Welt zu erschließen,
+halte er sie nieder, lasse sie verkümmern im Dunstkreis seiner trägen
+Skepsis; und die Macht in der Stadt behalte ein Marktheld wie der Advokat
+Belotti. Noch sei sie jung; und so habe sie denn auf eigene Verantwortung
+den Schritt getan, den er sie nicht habe führen wollen. Als Geliebte des
+berühmten Künstlers Cavaliere Giordano trete sie in die große Welt ein, der
+sie sich gewachsen fühle. Mit vollem Bewußtsein habe sie sich ihr Schicksal
+geschaffen. Camuzzi solle nicht versuchen, sie zu hindern, es wäre unnütz.
+
+Die Wahrheit war, daß sie sich dem alten Giordano nicht aus Ehrgeiz
+hingegeben hatte, sondern im Dienst ihrer Rache an Nello Gennari, und daß
+sie es schon getan hatte, als er in der kleinen Stadt weilte. Ein
+ahnungsloses Wort des alten Sängers hätte das Mißverständnis zerreißen
+können, dem der junge erliegen sollte. Darum behielt Frau Camuzzi ihn bei
+sich im Zimmer, bis endlich die ganze Operntruppe von dannen war und Nello
+sich im Hause des Schneiders verborgen hatte, unwissend, daß er nicht
+bestimmt sei, mit Alba zu fliehen, vielmehr mit ihr zu sterben . . . Nun
+aber waren sie fort, die Komödianten. Die kleine Stadt, die dank ihnen
+kurze Zeit ein gesteigertes Lebensgefühl gekannt hatte, fiel zurück in um
+so grauere Nüchternheit, und Frau Camuzzi hinter ihren verschlossenen
+Fensterläden litt die Qualen der lebendig Begrabenen. Sie hatte sich
+gezeigt, wer sie war und was sie vermochte. Dort oben in der steinigen Erde
+des Friedhofes lagen zwei, deren Verhängnis, allen unbekannt, sie gewesen
+war. Im Bewußtsein ihrer entsetzlichen Macht saß sie stundenlang reglos auf
+ihrem Bett, die Augen in den großen schwarzen Augen, die aus dem Spiegel
+starrten. Plötzlich aber drückte sie sie ins Kissen, krümmte sich ganz
+zusammen und erstickte ihr Stöhnen. Denn ihre Macht war Ohnmacht gewesen:
+sie hatte nicht machen können, daß Nello sie liebte! Jene beiden verhöhnten
+sie noch aus dem Grabe. Nachts hörte sie ihre Stimmen; sie sprachen von
+Umarmungen, die sie ihr stahlen. »Nello, ich töte dich!« -- »Das hast du
+schon getan. Was kannst du noch! Ich liebe Alba.« Dann, Gesicht und Hals
+naß von Tränen, erwachte sie, und neben ihr atmete wohlig dieser Mann, dem
+es gut ging, da er sein Leben lang Gemeindesekretär und ihr Gatte zu sein
+dachte. Das nicht, das nicht! -- und eines Morgens in der Dämmerung bestieg
+sie drunten am Stadttor ein Wägelchen, weil für solch eine kleine Stadt
+beides zu groß gewesen war, ihre Tat und ihre Liebe.
+
+Der Gemeindesekretär in seiner tiefen Ueberzeugung, daß die Welt trotz
+aller menschlichen Anstrengungen doch immer am selben Fleck bleibe und
+eigentlich nichts geschehe, war sehr erstaunt, als ihm seine Frau
+durchging. Er machte die Reise nach Florenz, bestellte sie in ein Café, und
+sie kam auch, denn sie kannte ihn. Er sagte ihr nichts, was ein maßvoller
+und klarsichtiger Mann nicht sagen konnte. Er wollte sie an keine
+Empfindung erinnern, die sie daheim zurückhalten könne. Kinder seien nun
+einmal nicht da, und für sich selbst bitte er nicht. Aber sie sollte ihre
+eigenen Chancen erwägen. Die seien nicht groß, denn sie kenne die Welt
+nicht, sei, was sie sich auch einbilde, eine Kleinstädterin und auch nicht
+schön genug für das, was sie vorhabe, nicht von der verführerischen, den
+Mann herabziehenden Schönheit, die solchen Frauen zum Erfolg verhelfe.
+
+»Aber jene haben keinen Verstand, und ich weiß, was ich will. Uebrigens
+bleibt mir keine Wahl, denn bei dir kann ich nicht länger leben.«
+
+Der Gatte gab zu, daß man mit dieser Tatsache rechnen müsse. Er halte sie
+für krank, werde dies zu Hause angeben und ihre Rückkehr innerhalb der
+nächsten acht Wochen in Aussicht stellen. Sie sei ihm stets willkommen;
+Gewalt und Skandal lägen nicht in seiner Absicht. Romantische Einflüsse
+trügen wohl die Schuld an allem, wiederholte er mehrmals; und er nannte
+sogar den Namen Nello Gennari, wenn auch ohne unvorsichtige Folgerungen. Er
+war ein kluger Gatte. Frau Camuzzi, die seiner Einladung nur gefolgt war,
+weil es nichts zu befürchten gab, haßte ihn, wie er nun fortging, ohne sich
+aufgeregt zu haben, noch heftiger.
+
+Andererseits war das Zusammenleben mit dem Cavaliere Giordano nicht reich
+an Reizen. In seinem Hause war der Aufenthalt einer Frau nicht vorgesehen.
+Die Zimmer glichen Ausstellungen von Porzellan und Goldwaren; unter jeder
+Vase, jedem Schrein eine Tafel: »Von Seiner Majestät dem Kaiser von
+Rußland«, »Von der Stadt Buenos Aires«; und in seinem Schlafzimmer hingen
+die alten goldenen Kränze, »Vom Maestro Rossini«, »Von Madame Ratazzi«,
+über allen Wänden und bis auf das Bett des alten Sängers; dies Prunkbett,
+mit rotem Damast zwischen den vergoldeten Schnitzereien, war ein Geschenk
+der Kaiserin Eugénie. Frau Camuzzi saß des Abends mit ihm im Café, als
+einzige Frau unter seinen Freunden. Wenn alle anderen fort waren, blieben
+sie beide noch sitzen; der Alte wartete auf den Schlaf, und sie spielten
+Domino.
+
+Er blies sich auf, so oft er mit ihr durch die Straßen ging. Die Grüße nahm
+er mit bedeutsamem Lächeln an, und auf Glückwünsche entgegnete er:
+
+»Man sieht wohl, der Ruhm ist nicht eitel. Wir berühmten Männer haben vor
+euch andern dennoch etwas voraus; denn in einem Alter, wo Schönheit und
+Kraft nicht mehr für uns werben, ist es unser großer Name, der eine Frau
+von weitem herbeizieht. Dies Geschöpf wäre zugrunde gegangen ohne mich.«
+
+Sie hatte es ihm gesagt, und er war überzeugt davon. Geschmeichelt durch
+die Macht, die ihm, so spät noch, über ein Leben gegeben war, faßte er eine
+wahre Zuneigung für die junge Frau. Vor dem Schlafengehen, wenn er sie
+schon auf die Stirn geküßt hatte, behielt er manchmal noch väterlich und
+gedemütigt zugleich, ihre Hand in der seinen. Warum hatte er sie nicht
+früher gekannt, als er einer Frau mehr zu sein vermochte als heute!
+Freilich würde er damals den Wert einer Liebe wie der ihren vielleicht
+nicht verstanden haben. Das Leben war grausam, man mußte auf Gott hoffen
+. . . Um so freigebiger kam er allen Wünschen seiner Freundin zuvor. Man
+begann, wo sie vorüberfuhr, nach dem Namen dieser eleganten Frau zu fragen.
+Der alte Sänger sah sich nach einer Villa um, die er ihr zu schenken
+dachte. Denn sein Haus hatte er als Museum seines Ruhmes der Stadt
+vermacht.
+
+Dies alles aber war nicht geeignet, dem jungen Gino zu gefallen, einem
+liebenswürdigen Bummler, der neben dem Spiel und den kleinen Geschenken der
+Frauen mit nichts so sehr rechnete wie mit der offenen Hand seines Onkels,
+des Cavaliere Giordano. Die hübsche Intrigantin, die sich bei dem armen
+Alten eingenistet hatte, mochte ihm, Gino, immerhin süße Augen machen, das
+hinderte nicht, daß er sich bedroht fühlte. Was wollte sie? Den Alten
+heiraten? Oder ihn selbst, den gesetzlichen Erben? Manchmal verliebte er
+sich für einen Abend; und manchmal verfolgte er das Ziel, sie zu verführen
+und sich von seinem Onkel mit ihr erwischen zu lassen. Frau Camuzzi selbst
+erlöste ihn aus seinen Zweifeln. Die Erbschaft des Sängers schien ihr nicht
+bedeutend genug, um ihretwegen die Laufbahn, der sie sich bestimmte, mit
+einem Skandal zu eröffnen. Eines Nachmittags, als der Alte schlief, rief
+sie den Neffen in ihr Zimmer. Die roten Vorhänge belebten ihre Haut, ihre
+Matinee war kleidsam; der junge Mann zeigte sich angeregt, sie hatte Mühe,
+ihn an den Ernst des Lebens zu erinnern. Ihre Interessen widersprechen sich
+gar nicht. -- Nein, erwiderte er, denn er werde glücklich sein, sie
+zufrieden zu sehen, sogar auf seine Kosten.
+
+»Das ist eine unvorsichtige Aeußerung. Aber es ist, als sei sie nicht
+getan, denn von mir haben Sie nichts zu fürchten, ich werde Florenz bald
+verlassen haben.«
+
+Und auf seine enttäuschten Ausrufe:
+
+»Warum sollten wir nicht offen miteinander reden? Wir kennen uns, weder Sie
+noch ich halten uns hier im Hause zu unserm Vergnügen auf. Ich bin
+hergekommen, um durch den Cavaliere mit Leuten bekannt zu werden, die mir
+nützen könnten; denn ich habe höhere Zwecke, als sie glauben.«
+
+Indes er die Augen aufriß, setzte sie ihm auseinander, daß sie sich
+überzeugt habe, in Florenz sei weder viel Geld noch große Macht zu
+erwerben. Die Gesellschaft sei vorurteilsvoll, das politische Treiben
+belanglos. Er rühme sich doch seiner Bekannten in Rom, aller dieser
+Journalisten, dieser Deputierten.
+
+»Das bewegte Leben, der weitverzweigte Einfluß, die Intrigen, das ist's,
+was mich anzieht. Welches Spiel mit Menschen treibt ein Mann wie der Conte
+Malfigi, und welches Spiel würde erst eine Frau treiben, die ihn in der
+Hand hätte!«
+
+Der junge Gino lächelte überlegen zu den abenteuerlichen Vorstellungen
+dieser kleinen Provinzlerin; er öffnete den Mund, um über den Conte Malfigi
+etwas zu erzählen, besann sich aber rechtzeitig. Er wollte ihr helfen, bei
+seinen Verbindungen sei es leicht. Sie möge auf ihn zählen. Und er nahm
+Abschied, beruhigt über die Zukunft seines Erbes, aber übelwollend
+gestimmt, weil in den Plänen der interessanten Frau ihm selbst eine so
+untergeordnete Rolle zugeteilt war.
+
+Schon tags darauf kam er wieder zur selben Stunde und in Begleitung eines
+schönen, bedeutenden Mannes gegen vierzig. Er stellte vor: Conte Malfigi.
+Denn es traf sich außerordentlich, der berühmte Politiker und Lebemann war
+vorübergehend in Florenz. Er erklärte, die Einladung seines jungen Freundes
+sei ihm ein längst gesuchter Anlaß gewesen, die schöne und ungewöhnliche
+Frau kennen zu lernen, von der man auch in Rom schon spreche. Er blieb bis
+kurz vor dem Erwachen des Cavaliere Giordano. Dieselbe Stunde führte ihn
+das zweitemal zu Frau Camuzzi, und Gino fehlte. Ihre dritte Zusammenkunft
+aber verlegten sie bereits in ein möbliertes Hotel außerhalb des Zentrums
+der Stadt. Der mächtige Mann zeigte sich begeistert von seiner Eroberung;
+er sei entschlossen, Florenz nur mit ihr zu verlassen. Sie sagte einfach:
+»Ich liebe dich, ich folge dir.« Garantien zu verlangen, verschmähte sie,
+sie vertraute ihrer Kunst. In Rom bezogen sie nicht den Palazzo Malfigi,
+sondern wählten, um sich einige Tage ungestört zu lieben, ein kleines
+Hotel, wo der Conte unbekannt war. Erst des Abends gingen sie aus,
+beschränkten sich im Theater auf die Rückplätze der Logen, in den
+Restaurants auf die separierten Salons, und hatten wirklich das Glück,
+unbeachtet zu bleiben. Der Conte vermied es sogar, sich Geld zu holen. Als
+er keins mehr hatte, gab Frau Camuzzi das ihrige her. Endlich erklärte er,
+den Sitzungen der Kammer nicht länger fernbleiben zu können; er wolle sie
+nun in sein Haus führen. Sie widerstand nur zum Schein; der Liebestraum
+währte ihr schon zu lange. Wie sie beim Bahnhof vorüberkamen, wunderte er
+sich, daß sein Wagen nicht da sei. Sie nahmen eine Droschke. Er war bleich
+und seufzte oft. Plötzlich sagte er:
+
+»Nun ist das Unglück geschehen, ich liebe dich wirklich.«
+
+»Ist das ein Unglück?« fragte sie.
+
+Er sagte: »Unter diesen Umständen wohl. Denn ich sollte dich nur zum Scherz
+lieben, da ich ja gar nicht der Conte Malfigi bin.«
+
+Sie sank hart auf das Polster, ihre Augen waren schwarz wie nie, und ihre
+Lippen lagen weiß aufeinander. Er hatte vollauf Zeit zu berichten. Er war
+ein Versicherungsbeamter und mit dem jungen Gino befreundet, der ihn
+angestiftet und ihn mit Geld versehen hatte.
+
+»Aber jetzt liebe ich dich. Verzeihe mir und bleibe bei mir!«
+
+Sie ließ den Wagen halten und sagte:
+
+»Steigen Sie aus!«
+
+Dann fuhr sie weiter, ohne zu wissen, wohin. Nach Florenz konnte sie nicht
+zurückkehren; in ihrem Abschiedsbrief an den Cavaliere Giordano stand ein
+unvorsichtiger Satz mit Bezug auf die Prahlereien des Alten, die sie so oft
+gedemütigt hatten. Wie sollte sie auch nur den Kutscher bezahlen?
+Schließlich ließ sie sich zu einem Juwelier fahren und verkaufte einen
+Ring.
+
+Sie mietete ein Zimmer, das ärmste, billigste, das zu finden war, und in
+dem Augenblick, da sie es betrat, schwur sie sich, nur gegen den Palazzo
+Malfigi werde sie es vertauschen. Sie stellte sich diese Aufgabe als Buße
+ihrer Einfalt, je schwerer sie war, desto schauerlicher die Wollust der
+Anspannung. Eine mittellose Frau, nicht mehr ganz neu angezogen, ohne einen
+einzigen Bekannten in dem gierigen Gewimmel der Hauptstadt -- und nahm sich
+vor, bis in ihre begehrteste Mitte vorzudringen und eine ihrer Herrinnen zu
+werden. Sie besuchte das Parlament und ließ sich den Abgeordneten Malfigi
+zeigen. Es war ein halber Greis von fünfundfünfzig, etwas lächerlich
+zurechtgestutzt. Er redete auch und machte ein paar Witze über die
+Priester. Frau Camuzzi mußte an den Advokaten Belotti denken, den großen
+Freigeist ihrer kleinen Stadt, der den Pfarrer Don Taddeo bekämpfte, aber
+gleich dem letzten alten Weib an die Evangelina Mancafede glaubte, die
+Unsichtbare, die aus ihrem dunklen Winkel hinter dem Turm nie hervorkam und
+dennoch alle Schicksale der Stadt kannte, noch bevor sie eintraten. Die
+Kammer und ihre Redeschlachten schienen ihr ein vergrößertes Abbild des
+heimischen Marktplatzes. Wenn zu Hause der Baron Torroni durchaus nicht
+wollte, daß der Wirt Malandrini zum Stadtverordneten gewählt werde, so
+fürchtete er von ihm einen Streich, weil er mit seiner Frau etwas gehabt
+hatte. Und Frau Camuzzi sah sich auf der Tribüne des Parlaments die Damen
+an, die den Reden der Abgeordneten zuhörten. Welche von ihnen stak hinter
+dem, was jetzt gesagt wurde? Später einmal würde es hier gewichtige Herren
+geben, durch deren Mund sie selbst ihren Einfluß spielen ließ und ihre
+Geschäfte besorgte!
+
+Dann ging sie ins Café Aragno, um von den Journalisten die
+Kulissengeheimnisse zu erlauschen. Sie saß da mit ihrer Zigarette,
+unbeteiligt und unnahbar. Die jungen Leute taten vergeblich wichtig
+voneinander, damit sie hinsähe. Als eines Tages mitten aus dem Rudel hervor
+ihr Landsmann Savezzo auf sie zukam, begrüßte sie ihn kühl, obwohl sie die
+ganze Zeit auf ihn gewartet hatte. Er sah noch abgeschabter aus als daheim,
+aber auch noch verbissener. Er war auf dem Marsch! Die Gesellschaft
+korrupter Mittelmäßigkeiten hier hielt zusammen gegen ihn und sein Talent,
+wie zu Hause die Clique der Herren. Aber er würde eindringen und hindurch,
+hinan! Er erzwang sich Achtung mit Artikeln in den kleinen Revuen, wo die
+Kommenden drängten und bohrten. Schon war, beim Krach der Allgemeinen
+Kreditbank, da die Entrüstung im Publikum überhand nahm, eine große Zeitung
+genötigt gewesen, ihm ihre Spalten zu öffnen, als der Stimme der Jugend.
+
+Er erlangte mit Mühe die Erlaubnis, ihr seine Freunde vorzustellen, mußte
+aber sofort bemerken, daß mehrere, die schon über Verbindungen verfügten,
+besser behandelt wurden als er. Eines Abends erschien sie nicht, und auch
+einer der jungen Leute blieb fort. Am nächsten Tage erwartete Savezzo sie
+auf der Straße, um ihr eine Szene zu machen. Sie antwortete, sie sei
+gestern nicht gekommen, weil sie Gelegenheit gehabt habe, eine ihr wichtige
+Persönlichkeit kennen zu lernen: den Sekretär des Abgeordneten Malfigi.
+Auch eine Ehre, meinte Savezzo: der Sekretär eines ausgesogenen Lebemannes
+und erledigten Politikers, den schon keine Frau mehr plündere und kein
+Finanzmann mehr besteche. Er selbst, Savezzo, habe ihn längst gebrandmarkt.
+Eine überlebte Figur, nur noch vorhanden, weil die Provinz fortfahre, an
+die alten Größen zu glauben. Frau Camuzzi antwortete darauf nicht, und
+Savezzo, der ihr nachspürte, hatte noch oft die schlimmste Eifersucht zu
+leiden. Denn sie erhörte ihre jungen Kameraden dafür, daß sie sie in eine
+Gesellschaft einführten, oder nur für eine nützliche Auskunft, an Tagen der
+Not sogar, um essen zu können. Sie machte ihre härteste Zeit durch. Savezzo
+knirschte, weil nur er davon nichts hatte. Welch ein Sieg über die
+hochmütige Sippe daheim, hätte er eine ihrer Frauen in seine Gewalt
+bekommen! Frau Camuzzi scheute gerade seine Indiskretion. Wenn er ihr
+sagte: »Wir werden zusammen steigen! Allen diesen Leuten werden wir den Fuß
+in den Nacken setzen!« so lächelte sie nur. Sie war überzeugt, er werde
+nicht durchdringen, mit brutaler Empörung sei nichts zu machen. Sich
+anschmiegen, sich hineinstehlen in die Welt der großen Diebe, hassen,
+verführen und betrügen: das war der Weg.
+
+Auch dem Sekretär des Conte Malfigi schlug endlich die Stunde, da Frau
+Camuzzi ihn glücklich machte; und sie schlug keinen Augenblick früher, als
+bis er die Bedingung erfüllt und Frau Camuzzi eine Stellung bei seinem
+Herrn verschafft hatte. Jetzt wohnte sie also im Palazzo Malfigi, und der
+Abgeordnete diktierte ihr seine Reden, die sie geistreicher niederschrieb,
+als sie waren. Freudig erstaunt über seine Erfolge in der Kammer, ward er
+aufmerksam auf seine Mitarbeiterin, für deren Eifer es offenbar nur die
+Erklärung gab, daß sie ihn liebte. So oft er ihr nun diktierte, ließ er
+jedem andern die Tür verbieten. Er bekundete ihr sein Interesse; und sie
+widerstand. Sie zeigte sich ihm als Frau von Erziehung und
+Menschenkenntnis, erworben durch schwere Schicksale; gab ihm Winke über
+Leute, die ins Haus kamen, und Ratschläge, die sich bewährten. Seine
+Begriffe von ihr veränderten sich schnell so weit, daß er sie zur Tafel
+hinzuzog, auch wenn Senatoren und Minister da waren. Die Hausgenossen
+bekamen Befehl, ihr als einer Dame von Rang zu begegnen. Sie würden
+ohnedies nichts anderes gewagt haben, denn Frau Camuzzi hatte längst jeden
+von ihnen in der Hand. Sie kannte die Diebereien der Diener, machte dem
+Kaplan Komplimente über sein blühendes Aussehen, wenn er die ganze Nacht
+dort oben im vierten Stock seinen kleinen Freunden ein Gelage gegeben
+hatte; und was den Haushofmeister betraf, hatte Frau Camuzzi die Vorsicht
+geübt, Briefe zu öffnen, die er von der bisherigen Geliebten des Conte
+Malfigi bekam; sonst hätten die beiden ungestört dem armen Conte die
+Vaterschaft zuschieben können an dem Kind, das erwartet wurde. Am meisten
+betroffen aber war der Sekretär. Er hielt es kaum mehr für wahr, daß er
+einmal vertrauliche Beziehungen gehabt haben sollte zu der Frau, die nun
+das Haus und den Herrn beherrschte und ihm selbst die Mitwisserschaft an
+dem, was vorging, schon vollständig abgenommen hatte. Er tröstete sich
+damit, daß die ganze Herrlichkeit auch sonst nicht mehr lange gedauert
+haben würde; denn so viel konnte er sich sagen, daß das neuerdings so
+zerfahrene Wesen seines Prinzipals mit dem bevorstehenden Prozeß der
+Kreditbank zusammenhänge. Sein Name war auf der Liste der Bestochenen, das
+wußte im Café jeder; und morgen oder übermorgen konnte es in den Zeitungen
+stehen.
+
+Frau Camuzzi, die noch mehr wußte, ließ den Conte schon seit acht Tagen
+keine Minute aus dem Auge. Zu seinen Verabredungen folgte sie ihm heimlich
+in einem Mietswagen. Zog er sich in sein Arbeitszimmer zurück, blieb sie an
+der Tür und lauschte. Einmal stöhnte er ungewöhnlich viel, sie hörte ihn
+Schiebladen öffnen und zustoßen, dann ein merkwürdiges Knacken: da trat sie
+ein. Malfigi hielt einen Revolver in der Hand. Sie nahm ihn ihm fort und
+sagte:
+
+»Glauben sie denn wirklich, daß es so schlimm steht?«
+
+Er deutet nur nach dem Schreibtisch, auf ein neidgelbes Heft des
+»Morisators.« Sie kenne den Artikel, sagte Frau Camuzzi; schon vor seinem
+Erscheinen habe sie ihn gekannt. Der Verfasser, dieser Savezzo, sei ihr
+Freund.
+
+»Und sie haben mir nichts gesagt! Sie sind also auch meine Feindin?«
+
+Sie setzte ihm auseinander, daß dieser Savezzo ein Fanatiker sei, vielmehr
+ein Mensch, der seinen Erfolg auf der Wahrheit zu begründen hoffe, wie die
+andern auf dem -- Entgegenkommen. Mit Geld sei er nicht aus dem Wege zu
+räumen, Malfigi habe schon genug Geld ausgeteilt.
+
+»Fast mein letztes,« und er raufte sich das spärliche Haar. »Auch dem
+Senator Russo habe ich Geld gegeben, damit seine Zeitung schweigt. Und
+jetzt klagt uns dieser Mensch gemeinsam an!«
+
+»Aber das ist das Beste, was geschehen konnte, und es hat mich unendlich
+Mühe gekostet, das Material gegen Russo zu beschaffen.«
+
+»Wie? Sie? Sie sind es, die mich umbringt?«
+
+Es dauerte lange, bis sie ihn so weit hatte, daß er ihr zuhörte. Eine
+Anklage von seiten des Savezzo sei die sicherste Rehabilitierung, die einem
+Verdächtigen widerfahren könne. Die Presse, die für sein Geld vielleicht
+nicht immer nach Wunsch gearbeitet haben würde -- ihr sei darüber einiges
+bekannt geworden --, jetzt werde sie eine Phalanx des Schweigens bilden
+gegen den Verräter, der sie selber fortwährend besudle und auch in diesen
+Angriff einen der ihren verwickle. Kein Zeuge werde sich noch finden
+lassen, der vor Gericht die Echtheit der den Abgeordneten und Exminister
+Malfigi belastenden Schriftstücke zugebe. Sogar die Mühe des Leugnens werde
+er sich sparen können, denn auch das Gericht werde seinen Namen mit
+Schweigen verdecken. Schließlich sagte er tiefgerührt.
+
+»Dann wären sie meine Retterin.«
+
+»Nicht ich«, erwiderte sie langsam. »Ich habe viel zur Madonna gebetet.
+Auch sie sollen es tun.«
+
+»Sie sind also fromm?« Er wollte lachen. Aber sie fragte ihn, ob er sicher
+sei, daß dies alles nicht eine Strafe der Madonna sei, die er so oft
+verleugnet habe. Sie erhob die gefalteten Hände.
+
+»Die schöne alte Madonna Ihres berühmten Geschlechts, das sie immer
+beschützt hat! Wie lange schon wartet sie vergebens auf sie in der Kapelle
+dieses Hauses! Sie müssen zu ihr zurückkehren, versprechen sie es mir, noch
+heute Nacht!«
+
+Er gestand, daß er daran gedacht habe. Denn man könne nie wissen. Auch sein
+Kaplan habe ihm davon gesprochen.
+
+Das wußte Frau Camuzzi, denn sie selbst hatte es bewirkt.
+
+»Aber erst Ihre schönen Augen bestimmen mich.« Und als alle schliefen,
+schlich er hinunter. Die Tür der Kapelle kreischte; Malfigi hielt an, er
+schämte sich, und er ward eigentümlich bedrückt von diesen lange gemiedenen
+Schatten, aus deren Tiefe es unsicher flimmerte. Vor der Madonna brannte
+die silberne Lampe wie in seiner Kindheit. Malfigi wollte schon hinknien
+wie einst, besann sich aber und breitete zuerst sein Taschentuch über die
+Altarstufe. Dann sah er unschlüssig hinauf in die Augen der Madonna, die
+groß, schwarz und voll geheimnisvollen Lebens waren. Sie schienen zu
+wissen, daß sie ihn ansahen, ja, sie schienen Erlaubnis zu nicken . . . und
+da betete der Abgeordnete. Er betete, daß die Zeitungen schweigen und das
+Gericht sich nicht mit ihm beschäftigen möge. Die Madonna sah ihn an, als
+sei sie mit allem einverstanden. Hoffnung überflutete sein Herz, er weinte.
+Wie er sich aber die Augen trocknete, gewahrte er, daß auch im Auge der
+Madonna ein Tropfen hing: nun fiel er auf den Altar! Malfigi sprang auf,
+besinnungslos, zum Schreien bereit. Die Wand entlang schlich er nochmals
+hin. Hatte er sich nicht getäuscht? Nein! Jesus! Die Augen des Bildes waren
+ihm gefolgt. Da floh er, stolperte hinaus und hielt sich das Herz. Er
+beruhigte sich; Malfigi empfand Zorn, weil er sich hatte verjagen lassen,
+und einen fast jugendlichen Drang, den Rausch dieses Wunders weiter zu
+erleben, ihm auf den Grund zu kommen, sei es mit Gefahr des Lebens. Er
+lauschte noch im Dunkel des Vestibüls: da schwebte eine Gestalt im langen
+Mantel aus der Kapelle hervor, an ihm vorbei und die Treppe hinan. Er
+hastete hinterdrein, verlor sie in den Korridoren, irrte umher und suchte.
+Wie er dann sein Zimmer betrat und Licht machte, sahen aus dem Vorhang am
+Bett die Augen der Madonna! Er stürzte darauf los, der Vorhang öffnete sich
+. . .
+
+»Du hast mir mein Jugendfeuer zurückgegeben«, sagte eine Stunde später der
+Conte Malfigi. »Jetzt liebe ich dich wirklich.«
+
+»Dann verstehst du auch,« erwiderte Frau Camuzzi, »warum ich früher noch
+nicht gewollt habe. Fürchtest du dich jetzt noch vor dem Prozeß?«
+
+»Nein. Durch dich bekommt man Mut.«
+
+»Und bedenke, daß du morgen deinem Kaplan von einem Wunder zu berichten
+hast. Er wird damit in den Vatikan laufen, jetzt schützt die Kirche dich.
+Wollen die freimaurerischen Gerichte dir etwas anhaben, wird es heißen, es
+sei nur die Rache für deine Bekehrung.«
+
+»Daran dachte ich gar nicht. Wie du rechnen kannst!«
+
+Ihm blieb noch eine Sorge.
+
+»Ich verstehe schon, du hast dem Bilde die Augen ausgeschnitten. Aber wird
+man es nicht sehen?«
+
+»Wie kannst du denken?« sagte Frau Camuzzi, »Dem kostbaren alten Bild!
+Natürlich habe ich eine Kopie genommen.«
+
+Der Abgeordnete Malfigi ward im Prozeß der Kreditbank nicht genannt,
+vielmehr berief man ihn an die Spitze dieses Finanzinstituts. Im Parlament
+war er fortan eine Stütze des patriotischen Klerikalismus. Frau Camuzzi,
+von Würdenträgern der Kirche belobt, mit Hochachtung behandelt von den
+hochstehenden Persönlichkeiten, die ins Haus kamen, sah ihre politische
+Laufbahn glänzend eröffnet. Da das Gesetz über die Ehescheidung ernstlich
+bevorzustehen schien, leistete sie die nützlichsten Dienste dadurch, daß
+sie liberale Parlamentarier umstimmte. Bei dem einflußreichsten dieser
+Herren gelangte sie ans Ziel vermittels eines Schäferstündchens, das sie
+ihm versprach, und von dem sie gleichzeitig seine Gattin benachrichtigte.
+Die Frau drohte, sie werde die erste sein, die sich scheiden lasse; und da
+sie das Geld hatte, war der Mann gehalten, das Zustandekommen des Gesetzes
+zu verhindern.
+
+Dies geschah in Neapel. In der Nacht, bevor Frau Camuzzi wieder abzureisen
+gedachte, bebte die Erde. Ermüdet von ihrer anstrengenden Mission, schlief
+Frau Camuzzi noch, als im Hotel schon alles in Aufruhr war. Wie sie endlich
+hervorkam, fand sie im Gang nur eine hilflos umherhuschende alte Dame, im
+Nachtkostüm wie sie. Frau Camuzzi ergriff sie und zog sie fort. Aber die
+Treppe brannte, und aus dem Abgrund zwischen eingestürzten Mauern schlug
+Qualm. Da kniete Frau Camuzzi hin und betete. Sie betete laut und mit einer
+Inbrunst, die sie schüttelte. Plötzlich senkte der Boden sich schräg und
+die beiden Damen glitten hinab. Sie langten unten an wie auf Flügeln und
+unversehrt. Die alte Dame fuhr mit Frau Camuzzi nach Rom; sie war eine
+unermeßlich reiche Lady. Sie behauptete, nur das Gebet dieser Heiligen habe
+sie gerettet. »Ja«, sagte sie vor dem Conte Malfigi, »als sie betete, ging
+ein Schein von ihr aus.« Und sie schrieb ihrer Retterin einen Scheck über
+eine Million.
+
+Kurz darauf starb der Gemeindesekretär Camuzzi. Der Abgeordnete Malfigi
+ward nochmals Minister und heiratete Frau Camuzzi. Der Salon der Contessa
+Malfigi gehörte ein Jahrzehnt lang und auch noch nach dem Tode des Conte zu
+den einflußreichsten unter den politischen Salons der Hauptstadt. Den
+jungen Leuten, die regelmäßig bei ihr dinierten, prophezeite man die
+Laufbahn des Abgeordneten, denen, die noch weiter bei ihr vordrangen, einen
+Ministerposten; ihre Herkunft war nicht ganz vergessen; Legenden umrankten
+sie, und man fand es pikant, ja satanistisch, daß eine ehemalige Kurtisane
+die neue Generation zur Reaktion und zum Klerikalismus erziehe. Sie hatte
+Anhänger, ehrgeizige Liebhaber, Verbündete oder Gegner: einen ihr
+gewachsenen Freund hatte sie nicht. Einmal versuchte sie, sich dem Savezzo
+zu nähern, der damals auf der Höhe seiner Macht war und in seinem »Jüngsten
+Gericht« jede Woche die fürchterlichste Musterung unter seinen Zeitgenossen
+abhielt. Sie erinnerte ihn daran, daß sie eine verwandte Geschichte hätten
+und zusammen gestiegen seien. Aber er lehnte schroff ab; er wollte mit
+niemandem gestiegen sein. Sie erreichte nur, daß er in der nächsten Nummer
+seiner Zeitschrift ihre Vergangenheit entschleierte, einen verjährten Mord
+durchblicken ließ und sie als Kaffeehausdirnchen erklärte, das sich die
+Rolle des Weibes von Babylon anmaße. Ihre Frömmigkeit sei erst in zweiter
+Linie politisches Mittel; vor allem sei sie Betschwester, weil sie vorher
+den damit korrespondierenden Beruf ausgeübt habe . . . Sie zog Vorteil aus
+dem einmal begangenen Fehler, indem sie, ohne daß er es ahnte,
+Persönlichkeiten mit ihm in Verbindung setzte, deren Feindschaft sie
+brauchte. Enttäuschungen wechselten mit Erfolgen. Kaum, daß das Herz noch
+stärker klopfte bei einem Sieg oder einer Niederlage. Am raschesten verging
+ein Tag, an dem man sich rächen konnte! Dieser unbedeutende Fiorio, als
+Unterpräfekt daheim in der kleinen Stadt auf ewig vergessen, wenn es nicht
+der Contessa Malfigi eingefallen wäre, ihn zum Präfekten zu machen: er
+hatte sich erlaubt, sie verraten zu wollen. Sie hatte ihm den Abgeordneten
+geschickt, den er wählen zu lassen hatte; sie hatte sogar sichere Leute
+geschickt, die in ein Fenster der Präfektur schossen, so daß Fiorio die
+Wahlversammlungen verbieten, den Munzipalrat auflösen und ohne jede
+Opposition seinen Kandidaten durchbringen konnte. Da, ein Telegramm ihres
+Schützlings an die Contessa: der Präfekt hatte nicht ihn, sondern seinen
+einzigen Bruder als Regierungskandidaten aufgestellt. Sie sorgte sofort
+dafür, daß eine Zeitung, offenbar durch Vertrauensbruch, eine Depesche des
+Ministers an den Präfekten Fiorio wiedergeben konnte, worin der Minister es
+mißbilligte, daß der Präfekt aus wahltaktischen Gründen von gedungenen
+Attentätern in seine Fenster schießen lasse. Angesichts des allgemeinen
+Entrüstungssturmes wagte der Minister die Depesche, die er nie geschrieben
+hatte, nicht abzuleugnen; der Präfekt Fiorio ward abgesetzt.
+
+Sie ließ ihre Macht noch höher hinauf fühlen. Der Graf von Benevent, der
+elegante Vetter des Königs, hatte ein verächtliches Wort über sie
+gesprochen, und es war ihr zu Ohren gekommen. Sie gab ihm Gelegenheit, sich
+zu rechtfertigen; obwohl sie ihn albern fand, zeigte sie ihm, daß er ihr
+gefalle. Er beging die Torheit, ihr offene Feindschaft zu erklären. Ein
+Jahr später sah sich seine Geliebte, die russische Tänzerin Lorida, in ein
+weitläufiges, kaum entwirrbares Netz von Verdächtigungen verstrickt, und
+der Tag kam, da sie als Spionin verhaftet ward. Nach langen Ängsten, die
+den Prinzen nicht weniger trafen als sie, und bloßgestellt von der ganzen
+Presse, war sie noch froh, in ihre Heimat abgeschoben zu werden. Der Graf
+von Benevent ging nach Afrika. Unter den Mitgliedern der Aristokratie, die
+sich im Bahnhof eingefunden hatten, war die Contessa Malfigi. Sie sagte:
+»Ich habe ihm das Billet gekauft, ich muß ihn auch einschiffen.«
+
+Aber es war bestimmt, daß auch ihr ein Billet gekauft werde. Zum zweiten
+Mal in ihrem Leben verfiel sie der Liebe. Ein junger Mann ward ihr
+zugeführt: sie erschrak, denn sie glaubte, Nello Gennari wiederzusehen, den
+Geliebten von einst, der durch sie gestorben war. Auch dieser hob so die
+umflorte Stirn und ließ das weichgelockte Haar so schwanken über seinen
+Augen, seinem beschatteten Lächeln, als betrauere er die eigene Schönheit.
+Die Contessa Malfigi zeigte sich sofort und vor aller Welt hingerissen,
+eifersüchtig, voll unbedachter Triebe. Man sah eine Frau, die keiner
+kannte. Sie behielt den jungen Mann im Hause, ließ ihn, wenn Leute kamen,
+nicht von ihrer Seite, nahm ihn in ihrem Wagen mit, aber nicht zum Korso,
+wo man gesehen wird, sondern auf die alten Straßen der Trümmer und Einöden.
+Sie schwor ihm, daß sie ihn groß machen werde, zum Deputierten, zum
+Minister, zum Ritter des Annunziaten-Ordens. Er solle sie lieben, er solle
+sie lieben! Und er: »Ich danke dir so sehr, und ich liebe dich.« Aber sie
+hörte wohl, es sei nicht wahr und nichts, nichts vermöge sie über ihn; denn
+er war nicht ehrgeizig. Sie enthüllte ihm ihre Geschäfte, ihre gefährlichen
+Geheimnisse; ganz ohne Mühe fiel ihm in den Schoß, was sie selbst, als sie
+zuerst in dies Haus eingedrungen war, mit List und Gewalt an sich gebracht
+hatte. Er konnte hier der Herr werden, wie sie die Herrin geworden war.
+Totò, ich verschaffe dir den Namen eines Conte Malfigi! Ach! er glich nicht
+ihr, er glich jenem Nello. Weich, schwach und träge lag er da, stumm
+klagend, weil sie ihn nicht mit Geld versah und hinausließ zu seinen jungen
+Freunden, damit er spiele, lache und sie betrüge, sie, die nur ihn hatte,
+nur ihn auf der Welt! »Totò, mein Liebling, du bist Sekretär des Ministers
+Afrano. Liebst du mich?« Nun sank er ihr wohl in die Arme; aber sie wußte,
+es war nur, weil er hinaus durfte. Um so fester schloß sie ihn ein. Die
+Stunden kamen, da sie ihn mißhandelte, und die, in denen sie ihn floh, um
+zu weinen. Sie beweinte vor dem Spiegel ihr Bild von einst, die Reize, die
+ungenützt verfallen waren. »Was habe ich gehabt? Ich habe Glück und Unglück
+verteilt. Ich habe das Zittern von Menschen gefühlt. Man hat mich geliebt,
+weil ich mächtig war. Das alles war nichts. Man hat mich betrogen!« Der
+Nello von einst hatte sie leiden lassen und jene Alba geliebt; und nun lag
+dieser dort drinnen, blaß, mit dem hilflosen Blick gefangener Tiere, und
+ahnte nicht einmal ihr Elend.
+
+»Totò!« rief sie durch die Tür. »Sekretär eines Ministers, das wäre zu
+wenig für dich. Warte noch, mein süßes Herz, du wirst noch mehr werden.«
+
+Er antwortete nicht. Sie ging hinein -- und fuhr erstickend zurück. Totò
+hing an der Decke.
+
+Sie war von Sinnen, sie wollte mit ihm ins Grab. Als sie wieder weinen
+konnte und gerettet war, sagte sie:
+
+»Ich hätte es wissen sollen. Dieser Typus bringt mir Unglück.«
+
+Sie wollte fort, aus allem fort und zurück in ihre kleine Stadt. »Nie hätte
+ich mich entwurzeln lassen dürfen!« Man hielt ihr vor, daß damit ihren
+Feinden gedient, ihren Freunden das Verderben bereitet wäre.
+
+»Wer sind meine Freunde? Der Savezzo hat recht, in dieser harten Welt muß
+jeder allein und gegen alle stehen. Ich war zu gut. Weh' dem, der ein Herz
+hat!«
+
+
+
+
+DIE NEUE REIHE
+
+
+DICHTUNG DER JUNGEN GENERATION
+
+Jede Nr. kart. 2.--, Doppel-Nr. 3.--, Geb. in Künstler-Buntpapier
+3.25, Doppel-Nr. 4.25, Sign. u. numer. Liebhaberausgaben
+auf Bütten in Halbperg. 25.--, in Halbled. 50.--
+
+ Nr. 1 HERMANN KASACK, Der Mensch. Gedichte
+ 2 HEINR. ED. JACOB, Das Geschenk der schönen Erde. Idyllen
+ 3 RICHARD HUELSENBECK, Verwandlungen. Prosa
+ 4 IWAN GOLL, Der Torso. Stanzen und Dithyramben
+ 5|5a ARNOLD ZWEIG, Bennarône. Erzählung
+ 6 GOTTFRIED KOELWEL, Erhebung. Gedichte
+ 7 ALFRED WOLFENSTEIN, Der Lebendige. Novellen
+ 8|8a RUDOLF LEONHARD, Beate und der große Pan. Roman
+ 9 KURT HEYNICKE, Gottes Geigen. Gedichte
+ 10 u. 11 ALFRED LEMM, Mord Novellen. 2 Bände. _Einzeln käuflich_
+ 12 HENRIETTE HARDENBERG, Neigungen. Gedichte
+ 13 PAUL ZECH, Gelandet. Ein dramatischen Spiel
+ 14 ROBERT MUELLER, Das Inselmädchen. Novelle
+ 15 GEORG KAISER, Juana. Einakter
+ 16 OSKAR SCHUERER, Drohender Frühling. Gedichte
+ 17 CLAIRE STUDER, Der gläserne Garten. Novellen
+ 18 MAX HERRMANN, Die Preisgabe. Gedichte
+ 19 HEINRICH MANN, Die Ehrgeizige. Novelle
+ 20 OSKAR LOERKE, Die Chimärenreiter. Novellen
+ 21 FRIEDRICH BURSCHELL, Die Einfalt des Herzens. Prosa
+ 22 PAULA LUDWIG, Die selige Spur. Gedichte
+ 23 ERHARD BUSCHBECK, Georg Trakl. Ein Requiem
+ 24 MANFRED GEORG, Der Rebell. Novelle
+ 25 ALFRED VAGTS, Gedichte
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+
+In Vorbereitung:
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+VERKÜNDIGUNG
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+Anthologie jüngster Lyrik. Herausg, v. Dr. M. Sommerfeld. Preis ca. 10.--
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+DER ANBRUCH
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+EIN JAHRBUCH NEUER JUGEND
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+Mit Beiträgen von P. Adler, A. Ehrenstein, A. v. Hatzfeld, P. v. Gütersloh,
+P. Kornfeld, R. Müller, R. Pannwitz, E. Weiß, A. Wolfenstein u. a.
+K. 6.--, gb. 8.--
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+DIE FÜNF HEFTE
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+Eine von OTTO FLAKE geschriebene Zeitschrift
+
+Jedes Heft Mk. 3.--, im Abonn. Mk. 12.50. Prospekt kostenlos.
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+DIE DICHTUNG
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+PROGRAMMHEFT VOR DER II. FOLGE
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+Mit zum Teil unveröffentl. Beiträgen aller Mitarbeiter.
+Verlagskatalog kostenlos. Kart. Mk. 2.--, in Buntpapier geb. Mk. 4.--
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+Anmerkungen zur Transkription
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+Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert.
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+End of the Project Gutenberg EBook of Die Ehrgeizige, by Heinrich Mann
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+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 43335 ***