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Statt sich in die Politik zu werfen, zu handeln, zu steigen, statt +seiner Frau, die nach ihnen lechze, die Höhen der Welt zu erschließen, +halte er sie nieder, lasse sie verkümmern im Dunstkreis seiner trägen +Skepsis; und die Macht in der Stadt behalte ein Marktheld wie der Advokat +Belotti. Noch sei sie jung; und so habe sie denn auf eigene Verantwortung +den Schritt getan, den er sie nicht habe führen wollen. Als Geliebte des +berühmten Künstlers Cavaliere Giordano trete sie in die große Welt ein, der +sie sich gewachsen fühle. Mit vollem Bewußtsein habe sie sich ihr Schicksal +geschaffen. Camuzzi solle nicht versuchen, sie zu hindern, es wäre unnütz. + +Die Wahrheit war, daß sie sich dem alten Giordano nicht aus Ehrgeiz +hingegeben hatte, sondern im Dienst ihrer Rache an Nello Gennari, und daß +sie es schon getan hatte, als er in der kleinen Stadt weilte. Ein +ahnungsloses Wort des alten Sängers hätte das Mißverständnis zerreißen +können, dem der junge erliegen sollte. Darum behielt Frau Camuzzi ihn bei +sich im Zimmer, bis endlich die ganze Operntruppe von dannen war und Nello +sich im Hause des Schneiders verborgen hatte, unwissend, daß er nicht +bestimmt sei, mit Alba zu fliehen, vielmehr mit ihr zu sterben . . . Nun +aber waren sie fort, die Komödianten. Die kleine Stadt, die dank ihnen +kurze Zeit ein gesteigertes Lebensgefühl gekannt hatte, fiel zurück in um +so grauere Nüchternheit, und Frau Camuzzi hinter ihren verschlossenen +Fensterläden litt die Qualen der lebendig Begrabenen. Sie hatte sich +gezeigt, wer sie war und was sie vermochte. Dort oben in der steinigen Erde +des Friedhofes lagen zwei, deren Verhängnis, allen unbekannt, sie gewesen +war. Im Bewußtsein ihrer entsetzlichen Macht saß sie stundenlang reglos auf +ihrem Bett, die Augen in den großen schwarzen Augen, die aus dem Spiegel +starrten. Plötzlich aber drückte sie sie ins Kissen, krümmte sich ganz +zusammen und erstickte ihr Stöhnen. Denn ihre Macht war Ohnmacht gewesen: +sie hatte nicht machen können, daß Nello sie liebte! Jene beiden verhöhnten +sie noch aus dem Grabe. Nachts hörte sie ihre Stimmen; sie sprachen von +Umarmungen, die sie ihr stahlen. »Nello, ich töte dich!« -- »Das hast du +schon getan. Was kannst du noch! Ich liebe Alba.« Dann, Gesicht und Hals +naß von Tränen, erwachte sie, und neben ihr atmete wohlig dieser Mann, dem +es gut ging, da er sein Leben lang Gemeindesekretär und ihr Gatte zu sein +dachte. Das nicht, das nicht! -- und eines Morgens in der Dämmerung bestieg +sie drunten am Stadttor ein Wägelchen, weil für solch eine kleine Stadt +beides zu groß gewesen war, ihre Tat und ihre Liebe. + +Der Gemeindesekretär in seiner tiefen Ueberzeugung, daß die Welt trotz +aller menschlichen Anstrengungen doch immer am selben Fleck bleibe und +eigentlich nichts geschehe, war sehr erstaunt, als ihm seine Frau +durchging. Er machte die Reise nach Florenz, bestellte sie in ein Café, und +sie kam auch, denn sie kannte ihn. Er sagte ihr nichts, was ein maßvoller +und klarsichtiger Mann nicht sagen konnte. Er wollte sie an keine +Empfindung erinnern, die sie daheim zurückhalten könne. Kinder seien nun +einmal nicht da, und für sich selbst bitte er nicht. Aber sie sollte ihre +eigenen Chancen erwägen. Die seien nicht groß, denn sie kenne die Welt +nicht, sei, was sie sich auch einbilde, eine Kleinstädterin und auch nicht +schön genug für das, was sie vorhabe, nicht von der verführerischen, den +Mann herabziehenden Schönheit, die solchen Frauen zum Erfolg verhelfe. + +»Aber jene haben keinen Verstand, und ich weiß, was ich will. Uebrigens +bleibt mir keine Wahl, denn bei dir kann ich nicht länger leben.« + +Der Gatte gab zu, daß man mit dieser Tatsache rechnen müsse. Er halte sie +für krank, werde dies zu Hause angeben und ihre Rückkehr innerhalb der +nächsten acht Wochen in Aussicht stellen. Sie sei ihm stets willkommen; +Gewalt und Skandal lägen nicht in seiner Absicht. Romantische Einflüsse +trügen wohl die Schuld an allem, wiederholte er mehrmals; und er nannte +sogar den Namen Nello Gennari, wenn auch ohne unvorsichtige Folgerungen. Er +war ein kluger Gatte. Frau Camuzzi, die seiner Einladung nur gefolgt war, +weil es nichts zu befürchten gab, haßte ihn, wie er nun fortging, ohne sich +aufgeregt zu haben, noch heftiger. + +Andererseits war das Zusammenleben mit dem Cavaliere Giordano nicht reich +an Reizen. In seinem Hause war der Aufenthalt einer Frau nicht vorgesehen. +Die Zimmer glichen Ausstellungen von Porzellan und Goldwaren; unter jeder +Vase, jedem Schrein eine Tafel: »Von Seiner Majestät dem Kaiser von +Rußland«, »Von der Stadt Buenos Aires«; und in seinem Schlafzimmer hingen +die alten goldenen Kränze, »Vom Maestro Rossini«, »Von Madame Ratazzi«, +über allen Wänden und bis auf das Bett des alten Sängers; dies Prunkbett, +mit rotem Damast zwischen den vergoldeten Schnitzereien, war ein Geschenk +der Kaiserin Eugénie. Frau Camuzzi saß des Abends mit ihm im Café, als +einzige Frau unter seinen Freunden. Wenn alle anderen fort waren, blieben +sie beide noch sitzen; der Alte wartete auf den Schlaf, und sie spielten +Domino. + +Er blies sich auf, so oft er mit ihr durch die Straßen ging. Die Grüße nahm +er mit bedeutsamem Lächeln an, und auf Glückwünsche entgegnete er: + +»Man sieht wohl, der Ruhm ist nicht eitel. Wir berühmten Männer haben vor +euch andern dennoch etwas voraus; denn in einem Alter, wo Schönheit und +Kraft nicht mehr für uns werben, ist es unser großer Name, der eine Frau +von weitem herbeizieht. Dies Geschöpf wäre zugrunde gegangen ohne mich.« + +Sie hatte es ihm gesagt, und er war überzeugt davon. Geschmeichelt durch +die Macht, die ihm, so spät noch, über ein Leben gegeben war, faßte er eine +wahre Zuneigung für die junge Frau. Vor dem Schlafengehen, wenn er sie +schon auf die Stirn geküßt hatte, behielt er manchmal noch väterlich und +gedemütigt zugleich, ihre Hand in der seinen. Warum hatte er sie nicht +früher gekannt, als er einer Frau mehr zu sein vermochte als heute! +Freilich würde er damals den Wert einer Liebe wie der ihren vielleicht +nicht verstanden haben. Das Leben war grausam, man mußte auf Gott hoffen +. . . Um so freigebiger kam er allen Wünschen seiner Freundin zuvor. Man +begann, wo sie vorüberfuhr, nach dem Namen dieser eleganten Frau zu fragen. +Der alte Sänger sah sich nach einer Villa um, die er ihr zu schenken +dachte. Denn sein Haus hatte er als Museum seines Ruhmes der Stadt +vermacht. + +Dies alles aber war nicht geeignet, dem jungen Gino zu gefallen, einem +liebenswürdigen Bummler, der neben dem Spiel und den kleinen Geschenken der +Frauen mit nichts so sehr rechnete wie mit der offenen Hand seines Onkels, +des Cavaliere Giordano. Die hübsche Intrigantin, die sich bei dem armen +Alten eingenistet hatte, mochte ihm, Gino, immerhin süße Augen machen, das +hinderte nicht, daß er sich bedroht fühlte. Was wollte sie? Den Alten +heiraten? Oder ihn selbst, den gesetzlichen Erben? Manchmal verliebte er +sich für einen Abend; und manchmal verfolgte er das Ziel, sie zu verführen +und sich von seinem Onkel mit ihr erwischen zu lassen. Frau Camuzzi selbst +erlöste ihn aus seinen Zweifeln. Die Erbschaft des Sängers schien ihr nicht +bedeutend genug, um ihretwegen die Laufbahn, der sie sich bestimmte, mit +einem Skandal zu eröffnen. Eines Nachmittags, als der Alte schlief, rief +sie den Neffen in ihr Zimmer. Die roten Vorhänge belebten ihre Haut, ihre +Matinee war kleidsam; der junge Mann zeigte sich angeregt, sie hatte Mühe, +ihn an den Ernst des Lebens zu erinnern. Ihre Interessen widersprechen sich +gar nicht. -- Nein, erwiderte er, denn er werde glücklich sein, sie +zufrieden zu sehen, sogar auf seine Kosten. + +»Das ist eine unvorsichtige Aeußerung. Aber es ist, als sei sie nicht +getan, denn von mir haben Sie nichts zu fürchten, ich werde Florenz bald +verlassen haben.« + +Und auf seine enttäuschten Ausrufe: + +»Warum sollten wir nicht offen miteinander reden? Wir kennen uns, weder Sie +noch ich halten uns hier im Hause zu unserm Vergnügen auf. Ich bin +hergekommen, um durch den Cavaliere mit Leuten bekannt zu werden, die mir +nützen könnten; denn ich habe höhere Zwecke, als sie glauben.« + +Indes er die Augen aufriß, setzte sie ihm auseinander, daß sie sich +überzeugt habe, in Florenz sei weder viel Geld noch große Macht zu +erwerben. Die Gesellschaft sei vorurteilsvoll, das politische Treiben +belanglos. Er rühme sich doch seiner Bekannten in Rom, aller dieser +Journalisten, dieser Deputierten. + +»Das bewegte Leben, der weitverzweigte Einfluß, die Intrigen, das ist's, +was mich anzieht. Welches Spiel mit Menschen treibt ein Mann wie der Conte +Malfigi, und welches Spiel würde erst eine Frau treiben, die ihn in der +Hand hätte!« + +Der junge Gino lächelte überlegen zu den abenteuerlichen Vorstellungen +dieser kleinen Provinzlerin; er öffnete den Mund, um über den Conte Malfigi +etwas zu erzählen, besann sich aber rechtzeitig. Er wollte ihr helfen, bei +seinen Verbindungen sei es leicht. Sie möge auf ihn zählen. Und er nahm +Abschied, beruhigt über die Zukunft seines Erbes, aber übelwollend +gestimmt, weil in den Plänen der interessanten Frau ihm selbst eine so +untergeordnete Rolle zugeteilt war. + +Schon tags darauf kam er wieder zur selben Stunde und in Begleitung eines +schönen, bedeutenden Mannes gegen vierzig. Er stellte vor: Conte Malfigi. +Denn es traf sich außerordentlich, der berühmte Politiker und Lebemann war +vorübergehend in Florenz. Er erklärte, die Einladung seines jungen Freundes +sei ihm ein längst gesuchter Anlaß gewesen, die schöne und ungewöhnliche +Frau kennen zu lernen, von der man auch in Rom schon spreche. Er blieb bis +kurz vor dem Erwachen des Cavaliere Giordano. Dieselbe Stunde führte ihn +das zweitemal zu Frau Camuzzi, und Gino fehlte. Ihre dritte Zusammenkunft +aber verlegten sie bereits in ein möbliertes Hotel außerhalb des Zentrums +der Stadt. Der mächtige Mann zeigte sich begeistert von seiner Eroberung; +er sei entschlossen, Florenz nur mit ihr zu verlassen. Sie sagte einfach: +»Ich liebe dich, ich folge dir.« Garantien zu verlangen, verschmähte sie, +sie vertraute ihrer Kunst. In Rom bezogen sie nicht den Palazzo Malfigi, +sondern wählten, um sich einige Tage ungestört zu lieben, ein kleines +Hotel, wo der Conte unbekannt war. Erst des Abends gingen sie aus, +beschränkten sich im Theater auf die Rückplätze der Logen, in den +Restaurants auf die separierten Salons, und hatten wirklich das Glück, +unbeachtet zu bleiben. Der Conte vermied es sogar, sich Geld zu holen. Als +er keins mehr hatte, gab Frau Camuzzi das ihrige her. Endlich erklärte er, +den Sitzungen der Kammer nicht länger fernbleiben zu können; er wolle sie +nun in sein Haus führen. Sie widerstand nur zum Schein; der Liebestraum +währte ihr schon zu lange. Wie sie beim Bahnhof vorüberkamen, wunderte er +sich, daß sein Wagen nicht da sei. Sie nahmen eine Droschke. Er war bleich +und seufzte oft. Plötzlich sagte er: + +»Nun ist das Unglück geschehen, ich liebe dich wirklich.« + +»Ist das ein Unglück?« fragte sie. + +Er sagte: »Unter diesen Umständen wohl. Denn ich sollte dich nur zum Scherz +lieben, da ich ja gar nicht der Conte Malfigi bin.« + +Sie sank hart auf das Polster, ihre Augen waren schwarz wie nie, und ihre +Lippen lagen weiß aufeinander. Er hatte vollauf Zeit zu berichten. Er war +ein Versicherungsbeamter und mit dem jungen Gino befreundet, der ihn +angestiftet und ihn mit Geld versehen hatte. + +»Aber jetzt liebe ich dich. Verzeihe mir und bleibe bei mir!« + +Sie ließ den Wagen halten und sagte: + +»Steigen Sie aus!« + +Dann fuhr sie weiter, ohne zu wissen, wohin. Nach Florenz konnte sie nicht +zurückkehren; in ihrem Abschiedsbrief an den Cavaliere Giordano stand ein +unvorsichtiger Satz mit Bezug auf die Prahlereien des Alten, die sie so oft +gedemütigt hatten. Wie sollte sie auch nur den Kutscher bezahlen? +Schließlich ließ sie sich zu einem Juwelier fahren und verkaufte einen +Ring. + +Sie mietete ein Zimmer, das ärmste, billigste, das zu finden war, und in +dem Augenblick, da sie es betrat, schwur sie sich, nur gegen den Palazzo +Malfigi werde sie es vertauschen. Sie stellte sich diese Aufgabe als Buße +ihrer Einfalt, je schwerer sie war, desto schauerlicher die Wollust der +Anspannung. Eine mittellose Frau, nicht mehr ganz neu angezogen, ohne einen +einzigen Bekannten in dem gierigen Gewimmel der Hauptstadt -- und nahm sich +vor, bis in ihre begehrteste Mitte vorzudringen und eine ihrer Herrinnen zu +werden. Sie besuchte das Parlament und ließ sich den Abgeordneten Malfigi +zeigen. Es war ein halber Greis von fünfundfünfzig, etwas lächerlich +zurechtgestutzt. Er redete auch und machte ein paar Witze über die +Priester. Frau Camuzzi mußte an den Advokaten Belotti denken, den großen +Freigeist ihrer kleinen Stadt, der den Pfarrer Don Taddeo bekämpfte, aber +gleich dem letzten alten Weib an die Evangelina Mancafede glaubte, die +Unsichtbare, die aus ihrem dunklen Winkel hinter dem Turm nie hervorkam und +dennoch alle Schicksale der Stadt kannte, noch bevor sie eintraten. Die +Kammer und ihre Redeschlachten schienen ihr ein vergrößertes Abbild des +heimischen Marktplatzes. Wenn zu Hause der Baron Torroni durchaus nicht +wollte, daß der Wirt Malandrini zum Stadtverordneten gewählt werde, so +fürchtete er von ihm einen Streich, weil er mit seiner Frau etwas gehabt +hatte. Und Frau Camuzzi sah sich auf der Tribüne des Parlaments die Damen +an, die den Reden der Abgeordneten zuhörten. Welche von ihnen stak hinter +dem, was jetzt gesagt wurde? Später einmal würde es hier gewichtige Herren +geben, durch deren Mund sie selbst ihren Einfluß spielen ließ und ihre +Geschäfte besorgte! + +Dann ging sie ins Café Aragno, um von den Journalisten die +Kulissengeheimnisse zu erlauschen. Sie saß da mit ihrer Zigarette, +unbeteiligt und unnahbar. Die jungen Leute taten vergeblich wichtig +voneinander, damit sie hinsähe. Als eines Tages mitten aus dem Rudel hervor +ihr Landsmann Savezzo auf sie zukam, begrüßte sie ihn kühl, obwohl sie die +ganze Zeit auf ihn gewartet hatte. Er sah noch abgeschabter aus als daheim, +aber auch noch verbissener. Er war auf dem Marsch! Die Gesellschaft +korrupter Mittelmäßigkeiten hier hielt zusammen gegen ihn und sein Talent, +wie zu Hause die Clique der Herren. Aber er würde eindringen und hindurch, +hinan! Er erzwang sich Achtung mit Artikeln in den kleinen Revuen, wo die +Kommenden drängten und bohrten. Schon war, beim Krach der Allgemeinen +Kreditbank, da die Entrüstung im Publikum überhand nahm, eine große Zeitung +genötigt gewesen, ihm ihre Spalten zu öffnen, als der Stimme der Jugend. + +Er erlangte mit Mühe die Erlaubnis, ihr seine Freunde vorzustellen, mußte +aber sofort bemerken, daß mehrere, die schon über Verbindungen verfügten, +besser behandelt wurden als er. Eines Abends erschien sie nicht, und auch +einer der jungen Leute blieb fort. Am nächsten Tage erwartete Savezzo sie +auf der Straße, um ihr eine Szene zu machen. Sie antwortete, sie sei +gestern nicht gekommen, weil sie Gelegenheit gehabt habe, eine ihr wichtige +Persönlichkeit kennen zu lernen: den Sekretär des Abgeordneten Malfigi. +Auch eine Ehre, meinte Savezzo: der Sekretär eines ausgesogenen Lebemannes +und erledigten Politikers, den schon keine Frau mehr plündere und kein +Finanzmann mehr besteche. Er selbst, Savezzo, habe ihn längst gebrandmarkt. +Eine überlebte Figur, nur noch vorhanden, weil die Provinz fortfahre, an +die alten Größen zu glauben. Frau Camuzzi antwortete darauf nicht, und +Savezzo, der ihr nachspürte, hatte noch oft die schlimmste Eifersucht zu +leiden. Denn sie erhörte ihre jungen Kameraden dafür, daß sie sie in eine +Gesellschaft einführten, oder nur für eine nützliche Auskunft, an Tagen der +Not sogar, um essen zu können. Sie machte ihre härteste Zeit durch. Savezzo +knirschte, weil nur er davon nichts hatte. Welch ein Sieg über die +hochmütige Sippe daheim, hätte er eine ihrer Frauen in seine Gewalt +bekommen! Frau Camuzzi scheute gerade seine Indiskretion. Wenn er ihr +sagte: »Wir werden zusammen steigen! Allen diesen Leuten werden wir den Fuß +in den Nacken setzen!« so lächelte sie nur. Sie war überzeugt, er werde +nicht durchdringen, mit brutaler Empörung sei nichts zu machen. Sich +anschmiegen, sich hineinstehlen in die Welt der großen Diebe, hassen, +verführen und betrügen: das war der Weg. + +Auch dem Sekretär des Conte Malfigi schlug endlich die Stunde, da Frau +Camuzzi ihn glücklich machte; und sie schlug keinen Augenblick früher, als +bis er die Bedingung erfüllt und Frau Camuzzi eine Stellung bei seinem +Herrn verschafft hatte. Jetzt wohnte sie also im Palazzo Malfigi, und der +Abgeordnete diktierte ihr seine Reden, die sie geistreicher niederschrieb, +als sie waren. Freudig erstaunt über seine Erfolge in der Kammer, ward er +aufmerksam auf seine Mitarbeiterin, für deren Eifer es offenbar nur die +Erklärung gab, daß sie ihn liebte. So oft er ihr nun diktierte, ließ er +jedem andern die Tür verbieten. Er bekundete ihr sein Interesse; und sie +widerstand. Sie zeigte sich ihm als Frau von Erziehung und +Menschenkenntnis, erworben durch schwere Schicksale; gab ihm Winke über +Leute, die ins Haus kamen, und Ratschläge, die sich bewährten. Seine +Begriffe von ihr veränderten sich schnell so weit, daß er sie zur Tafel +hinzuzog, auch wenn Senatoren und Minister da waren. Die Hausgenossen +bekamen Befehl, ihr als einer Dame von Rang zu begegnen. Sie würden +ohnedies nichts anderes gewagt haben, denn Frau Camuzzi hatte längst jeden +von ihnen in der Hand. Sie kannte die Diebereien der Diener, machte dem +Kaplan Komplimente über sein blühendes Aussehen, wenn er die ganze Nacht +dort oben im vierten Stock seinen kleinen Freunden ein Gelage gegeben +hatte; und was den Haushofmeister betraf, hatte Frau Camuzzi die Vorsicht +geübt, Briefe zu öffnen, die er von der bisherigen Geliebten des Conte +Malfigi bekam; sonst hätten die beiden ungestört dem armen Conte die +Vaterschaft zuschieben können an dem Kind, das erwartet wurde. Am meisten +betroffen aber war der Sekretär. Er hielt es kaum mehr für wahr, daß er +einmal vertrauliche Beziehungen gehabt haben sollte zu der Frau, die nun +das Haus und den Herrn beherrschte und ihm selbst die Mitwisserschaft an +dem, was vorging, schon vollständig abgenommen hatte. Er tröstete sich +damit, daß die ganze Herrlichkeit auch sonst nicht mehr lange gedauert +haben würde; denn so viel konnte er sich sagen, daß das neuerdings so +zerfahrene Wesen seines Prinzipals mit dem bevorstehenden Prozeß der +Kreditbank zusammenhänge. Sein Name war auf der Liste der Bestochenen, das +wußte im Café jeder; und morgen oder übermorgen konnte es in den Zeitungen +stehen. + +Frau Camuzzi, die noch mehr wußte, ließ den Conte schon seit acht Tagen +keine Minute aus dem Auge. Zu seinen Verabredungen folgte sie ihm heimlich +in einem Mietswagen. Zog er sich in sein Arbeitszimmer zurück, blieb sie an +der Tür und lauschte. Einmal stöhnte er ungewöhnlich viel, sie hörte ihn +Schiebladen öffnen und zustoßen, dann ein merkwürdiges Knacken: da trat sie +ein. Malfigi hielt einen Revolver in der Hand. Sie nahm ihn ihm fort und +sagte: + +»Glauben sie denn wirklich, daß es so schlimm steht?« + +Er deutet nur nach dem Schreibtisch, auf ein neidgelbes Heft des +»Morisators.« Sie kenne den Artikel, sagte Frau Camuzzi; schon vor seinem +Erscheinen habe sie ihn gekannt. Der Verfasser, dieser Savezzo, sei ihr +Freund. + +»Und sie haben mir nichts gesagt! Sie sind also auch meine Feindin?« + +Sie setzte ihm auseinander, daß dieser Savezzo ein Fanatiker sei, vielmehr +ein Mensch, der seinen Erfolg auf der Wahrheit zu begründen hoffe, wie die +andern auf dem -- Entgegenkommen. Mit Geld sei er nicht aus dem Wege zu +räumen, Malfigi habe schon genug Geld ausgeteilt. + +»Fast mein letztes,« und er raufte sich das spärliche Haar. »Auch dem +Senator Russo habe ich Geld gegeben, damit seine Zeitung schweigt. Und +jetzt klagt uns dieser Mensch gemeinsam an!« + +»Aber das ist das Beste, was geschehen konnte, und es hat mich unendlich +Mühe gekostet, das Material gegen Russo zu beschaffen.« + +»Wie? Sie? Sie sind es, die mich umbringt?« + +Es dauerte lange, bis sie ihn so weit hatte, daß er ihr zuhörte. Eine +Anklage von seiten des Savezzo sei die sicherste Rehabilitierung, die einem +Verdächtigen widerfahren könne. Die Presse, die für sein Geld vielleicht +nicht immer nach Wunsch gearbeitet haben würde -- ihr sei darüber einiges +bekannt geworden --, jetzt werde sie eine Phalanx des Schweigens bilden +gegen den Verräter, der sie selber fortwährend besudle und auch in diesen +Angriff einen der ihren verwickle. Kein Zeuge werde sich noch finden +lassen, der vor Gericht die Echtheit der den Abgeordneten und Exminister +Malfigi belastenden Schriftstücke zugebe. Sogar die Mühe des Leugnens werde +er sich sparen können, denn auch das Gericht werde seinen Namen mit +Schweigen verdecken. Schließlich sagte er tiefgerührt. + +»Dann wären sie meine Retterin.« + +»Nicht ich«, erwiderte sie langsam. »Ich habe viel zur Madonna gebetet. +Auch sie sollen es tun.« + +»Sie sind also fromm?« Er wollte lachen. Aber sie fragte ihn, ob er sicher +sei, daß dies alles nicht eine Strafe der Madonna sei, die er so oft +verleugnet habe. Sie erhob die gefalteten Hände. + +»Die schöne alte Madonna Ihres berühmten Geschlechts, das sie immer +beschützt hat! Wie lange schon wartet sie vergebens auf sie in der Kapelle +dieses Hauses! Sie müssen zu ihr zurückkehren, versprechen sie es mir, noch +heute Nacht!« + +Er gestand, daß er daran gedacht habe. Denn man könne nie wissen. Auch sein +Kaplan habe ihm davon gesprochen. + +Das wußte Frau Camuzzi, denn sie selbst hatte es bewirkt. + +»Aber erst Ihre schönen Augen bestimmen mich.« Und als alle schliefen, +schlich er hinunter. Die Tür der Kapelle kreischte; Malfigi hielt an, er +schämte sich, und er ward eigentümlich bedrückt von diesen lange gemiedenen +Schatten, aus deren Tiefe es unsicher flimmerte. Vor der Madonna brannte +die silberne Lampe wie in seiner Kindheit. Malfigi wollte schon hinknien +wie einst, besann sich aber und breitete zuerst sein Taschentuch über die +Altarstufe. Dann sah er unschlüssig hinauf in die Augen der Madonna, die +groß, schwarz und voll geheimnisvollen Lebens waren. Sie schienen zu +wissen, daß sie ihn ansahen, ja, sie schienen Erlaubnis zu nicken . . . und +da betete der Abgeordnete. Er betete, daß die Zeitungen schweigen und das +Gericht sich nicht mit ihm beschäftigen möge. Die Madonna sah ihn an, als +sei sie mit allem einverstanden. Hoffnung überflutete sein Herz, er weinte. +Wie er sich aber die Augen trocknete, gewahrte er, daß auch im Auge der +Madonna ein Tropfen hing: nun fiel er auf den Altar! Malfigi sprang auf, +besinnungslos, zum Schreien bereit. Die Wand entlang schlich er nochmals +hin. Hatte er sich nicht getäuscht? Nein! Jesus! Die Augen des Bildes waren +ihm gefolgt. Da floh er, stolperte hinaus und hielt sich das Herz. Er +beruhigte sich; Malfigi empfand Zorn, weil er sich hatte verjagen lassen, +und einen fast jugendlichen Drang, den Rausch dieses Wunders weiter zu +erleben, ihm auf den Grund zu kommen, sei es mit Gefahr des Lebens. Er +lauschte noch im Dunkel des Vestibüls: da schwebte eine Gestalt im langen +Mantel aus der Kapelle hervor, an ihm vorbei und die Treppe hinan. Er +hastete hinterdrein, verlor sie in den Korridoren, irrte umher und suchte. +Wie er dann sein Zimmer betrat und Licht machte, sahen aus dem Vorhang am +Bett die Augen der Madonna! Er stürzte darauf los, der Vorhang öffnete sich +. . . + +»Du hast mir mein Jugendfeuer zurückgegeben«, sagte eine Stunde später der +Conte Malfigi. »Jetzt liebe ich dich wirklich.« + +»Dann verstehst du auch,« erwiderte Frau Camuzzi, »warum ich früher noch +nicht gewollt habe. Fürchtest du dich jetzt noch vor dem Prozeß?« + +»Nein. Durch dich bekommt man Mut.« + +»Und bedenke, daß du morgen deinem Kaplan von einem Wunder zu berichten +hast. Er wird damit in den Vatikan laufen, jetzt schützt die Kirche dich. +Wollen die freimaurerischen Gerichte dir etwas anhaben, wird es heißen, es +sei nur die Rache für deine Bekehrung.« + +»Daran dachte ich gar nicht. Wie du rechnen kannst!« + +Ihm blieb noch eine Sorge. + +»Ich verstehe schon, du hast dem Bilde die Augen ausgeschnitten. Aber wird +man es nicht sehen?« + +»Wie kannst du denken?« sagte Frau Camuzzi, »Dem kostbaren alten Bild! +Natürlich habe ich eine Kopie genommen.« + +Der Abgeordnete Malfigi ward im Prozeß der Kreditbank nicht genannt, +vielmehr berief man ihn an die Spitze dieses Finanzinstituts. Im Parlament +war er fortan eine Stütze des patriotischen Klerikalismus. Frau Camuzzi, +von Würdenträgern der Kirche belobt, mit Hochachtung behandelt von den +hochstehenden Persönlichkeiten, die ins Haus kamen, sah ihre politische +Laufbahn glänzend eröffnet. Da das Gesetz über die Ehescheidung ernstlich +bevorzustehen schien, leistete sie die nützlichsten Dienste dadurch, daß +sie liberale Parlamentarier umstimmte. Bei dem einflußreichsten dieser +Herren gelangte sie ans Ziel vermittels eines Schäferstündchens, das sie +ihm versprach, und von dem sie gleichzeitig seine Gattin benachrichtigte. +Die Frau drohte, sie werde die erste sein, die sich scheiden lasse; und da +sie das Geld hatte, war der Mann gehalten, das Zustandekommen des Gesetzes +zu verhindern. + +Dies geschah in Neapel. In der Nacht, bevor Frau Camuzzi wieder abzureisen +gedachte, bebte die Erde. Ermüdet von ihrer anstrengenden Mission, schlief +Frau Camuzzi noch, als im Hotel schon alles in Aufruhr war. Wie sie endlich +hervorkam, fand sie im Gang nur eine hilflos umherhuschende alte Dame, im +Nachtkostüm wie sie. Frau Camuzzi ergriff sie und zog sie fort. Aber die +Treppe brannte, und aus dem Abgrund zwischen eingestürzten Mauern schlug +Qualm. Da kniete Frau Camuzzi hin und betete. Sie betete laut und mit einer +Inbrunst, die sie schüttelte. Plötzlich senkte der Boden sich schräg und +die beiden Damen glitten hinab. Sie langten unten an wie auf Flügeln und +unversehrt. Die alte Dame fuhr mit Frau Camuzzi nach Rom; sie war eine +unermeßlich reiche Lady. Sie behauptete, nur das Gebet dieser Heiligen habe +sie gerettet. »Ja«, sagte sie vor dem Conte Malfigi, »als sie betete, ging +ein Schein von ihr aus.« Und sie schrieb ihrer Retterin einen Scheck über +eine Million. + +Kurz darauf starb der Gemeindesekretär Camuzzi. Der Abgeordnete Malfigi +ward nochmals Minister und heiratete Frau Camuzzi. Der Salon der Contessa +Malfigi gehörte ein Jahrzehnt lang und auch noch nach dem Tode des Conte zu +den einflußreichsten unter den politischen Salons der Hauptstadt. Den +jungen Leuten, die regelmäßig bei ihr dinierten, prophezeite man die +Laufbahn des Abgeordneten, denen, die noch weiter bei ihr vordrangen, einen +Ministerposten; ihre Herkunft war nicht ganz vergessen; Legenden umrankten +sie, und man fand es pikant, ja satanistisch, daß eine ehemalige Kurtisane +die neue Generation zur Reaktion und zum Klerikalismus erziehe. Sie hatte +Anhänger, ehrgeizige Liebhaber, Verbündete oder Gegner: einen ihr +gewachsenen Freund hatte sie nicht. Einmal versuchte sie, sich dem Savezzo +zu nähern, der damals auf der Höhe seiner Macht war und in seinem »Jüngsten +Gericht« jede Woche die fürchterlichste Musterung unter seinen Zeitgenossen +abhielt. Sie erinnerte ihn daran, daß sie eine verwandte Geschichte hätten +und zusammen gestiegen seien. Aber er lehnte schroff ab; er wollte mit +niemandem gestiegen sein. Sie erreichte nur, daß er in der nächsten Nummer +seiner Zeitschrift ihre Vergangenheit entschleierte, einen verjährten Mord +durchblicken ließ und sie als Kaffeehausdirnchen erklärte, das sich die +Rolle des Weibes von Babylon anmaße. Ihre Frömmigkeit sei erst in zweiter +Linie politisches Mittel; vor allem sei sie Betschwester, weil sie vorher +den damit korrespondierenden Beruf ausgeübt habe . . . Sie zog Vorteil aus +dem einmal begangenen Fehler, indem sie, ohne daß er es ahnte, +Persönlichkeiten mit ihm in Verbindung setzte, deren Feindschaft sie +brauchte. Enttäuschungen wechselten mit Erfolgen. Kaum, daß das Herz noch +stärker klopfte bei einem Sieg oder einer Niederlage. Am raschesten verging +ein Tag, an dem man sich rächen konnte! Dieser unbedeutende Fiorio, als +Unterpräfekt daheim in der kleinen Stadt auf ewig vergessen, wenn es nicht +der Contessa Malfigi eingefallen wäre, ihn zum Präfekten zu machen: er +hatte sich erlaubt, sie verraten zu wollen. Sie hatte ihm den Abgeordneten +geschickt, den er wählen zu lassen hatte; sie hatte sogar sichere Leute +geschickt, die in ein Fenster der Präfektur schossen, so daß Fiorio die +Wahlversammlungen verbieten, den Munzipalrat auflösen und ohne jede +Opposition seinen Kandidaten durchbringen konnte. Da, ein Telegramm ihres +Schützlings an die Contessa: der Präfekt hatte nicht ihn, sondern seinen +einzigen Bruder als Regierungskandidaten aufgestellt. Sie sorgte sofort +dafür, daß eine Zeitung, offenbar durch Vertrauensbruch, eine Depesche des +Ministers an den Präfekten Fiorio wiedergeben konnte, worin der Minister es +mißbilligte, daß der Präfekt aus wahltaktischen Gründen von gedungenen +Attentätern in seine Fenster schießen lasse. Angesichts des allgemeinen +Entrüstungssturmes wagte der Minister die Depesche, die er nie geschrieben +hatte, nicht abzuleugnen; der Präfekt Fiorio ward abgesetzt. + +Sie ließ ihre Macht noch höher hinauf fühlen. Der Graf von Benevent, der +elegante Vetter des Königs, hatte ein verächtliches Wort über sie +gesprochen, und es war ihr zu Ohren gekommen. Sie gab ihm Gelegenheit, sich +zu rechtfertigen; obwohl sie ihn albern fand, zeigte sie ihm, daß er ihr +gefalle. Er beging die Torheit, ihr offene Feindschaft zu erklären. Ein +Jahr später sah sich seine Geliebte, die russische Tänzerin Lorida, in ein +weitläufiges, kaum entwirrbares Netz von Verdächtigungen verstrickt, und +der Tag kam, da sie als Spionin verhaftet ward. Nach langen Ängsten, die +den Prinzen nicht weniger trafen als sie, und bloßgestellt von der ganzen +Presse, war sie noch froh, in ihre Heimat abgeschoben zu werden. Der Graf +von Benevent ging nach Afrika. Unter den Mitgliedern der Aristokratie, die +sich im Bahnhof eingefunden hatten, war die Contessa Malfigi. Sie sagte: +»Ich habe ihm das Billet gekauft, ich muß ihn auch einschiffen.« + +Aber es war bestimmt, daß auch ihr ein Billet gekauft werde. Zum zweiten +Mal in ihrem Leben verfiel sie der Liebe. Ein junger Mann ward ihr +zugeführt: sie erschrak, denn sie glaubte, Nello Gennari wiederzusehen, den +Geliebten von einst, der durch sie gestorben war. Auch dieser hob so die +umflorte Stirn und ließ das weichgelockte Haar so schwanken über seinen +Augen, seinem beschatteten Lächeln, als betrauere er die eigene Schönheit. +Die Contessa Malfigi zeigte sich sofort und vor aller Welt hingerissen, +eifersüchtig, voll unbedachter Triebe. Man sah eine Frau, die keiner +kannte. Sie behielt den jungen Mann im Hause, ließ ihn, wenn Leute kamen, +nicht von ihrer Seite, nahm ihn in ihrem Wagen mit, aber nicht zum Korso, +wo man gesehen wird, sondern auf die alten Straßen der Trümmer und Einöden. +Sie schwor ihm, daß sie ihn groß machen werde, zum Deputierten, zum +Minister, zum Ritter des Annunziaten-Ordens. Er solle sie lieben, er solle +sie lieben! Und er: »Ich danke dir so sehr, und ich liebe dich.« Aber sie +hörte wohl, es sei nicht wahr und nichts, nichts vermöge sie über ihn; denn +er war nicht ehrgeizig. Sie enthüllte ihm ihre Geschäfte, ihre gefährlichen +Geheimnisse; ganz ohne Mühe fiel ihm in den Schoß, was sie selbst, als sie +zuerst in dies Haus eingedrungen war, mit List und Gewalt an sich gebracht +hatte. Er konnte hier der Herr werden, wie sie die Herrin geworden war. +Totò, ich verschaffe dir den Namen eines Conte Malfigi! Ach! er glich nicht +ihr, er glich jenem Nello. Weich, schwach und träge lag er da, stumm +klagend, weil sie ihn nicht mit Geld versah und hinausließ zu seinen jungen +Freunden, damit er spiele, lache und sie betrüge, sie, die nur ihn hatte, +nur ihn auf der Welt! »Totò, mein Liebling, du bist Sekretär des Ministers +Afrano. Liebst du mich?« Nun sank er ihr wohl in die Arme; aber sie wußte, +es war nur, weil er hinaus durfte. Um so fester schloß sie ihn ein. Die +Stunden kamen, da sie ihn mißhandelte, und die, in denen sie ihn floh, um +zu weinen. Sie beweinte vor dem Spiegel ihr Bild von einst, die Reize, die +ungenützt verfallen waren. »Was habe ich gehabt? Ich habe Glück und Unglück +verteilt. Ich habe das Zittern von Menschen gefühlt. Man hat mich geliebt, +weil ich mächtig war. Das alles war nichts. Man hat mich betrogen!« Der +Nello von einst hatte sie leiden lassen und jene Alba geliebt; und nun lag +dieser dort drinnen, blaß, mit dem hilflosen Blick gefangener Tiere, und +ahnte nicht einmal ihr Elend. + +»Totò!« rief sie durch die Tür. »Sekretär eines Ministers, das wäre zu +wenig für dich. Warte noch, mein süßes Herz, du wirst noch mehr werden.« + +Er antwortete nicht. Sie ging hinein -- und fuhr erstickend zurück. Totò +hing an der Decke. + +Sie war von Sinnen, sie wollte mit ihm ins Grab. Als sie wieder weinen +konnte und gerettet war, sagte sie: + +»Ich hätte es wissen sollen. Dieser Typus bringt mir Unglück.« + +Sie wollte fort, aus allem fort und zurück in ihre kleine Stadt. »Nie hätte +ich mich entwurzeln lassen dürfen!« Man hielt ihr vor, daß damit ihren +Feinden gedient, ihren Freunden das Verderben bereitet wäre. + +»Wer sind meine Freunde? Der Savezzo hat recht, in dieser harten Welt muß +jeder allein und gegen alle stehen. Ich war zu gut. Weh' dem, der ein Herz +hat!« + + + + +DIE NEUE REIHE + + +DICHTUNG DER JUNGEN GENERATION + +Jede Nr. kart. 2.--, Doppel-Nr. 3.--, Geb. in Künstler-Buntpapier +3.25, Doppel-Nr. 4.25, Sign. u. numer. Liebhaberausgaben +auf Bütten in Halbperg. 25.--, in Halbled. 50.-- + + Nr. 1 HERMANN KASACK, Der Mensch. Gedichte + 2 HEINR. ED. JACOB, Das Geschenk der schönen Erde. Idyllen + 3 RICHARD HUELSENBECK, Verwandlungen. Prosa + 4 IWAN GOLL, Der Torso. Stanzen und Dithyramben + 5|5a ARNOLD ZWEIG, Bennarône. Erzählung + 6 GOTTFRIED KOELWEL, Erhebung. Gedichte + 7 ALFRED WOLFENSTEIN, Der Lebendige. Novellen + 8|8a RUDOLF LEONHARD, Beate und der große Pan. Roman + 9 KURT HEYNICKE, Gottes Geigen. Gedichte + 10 u. 11 ALFRED LEMM, Mord Novellen. 2 Bände. _Einzeln käuflich_ + 12 HENRIETTE HARDENBERG, Neigungen. Gedichte + 13 PAUL ZECH, Gelandet. Ein dramatischen Spiel + 14 ROBERT MUELLER, Das Inselmädchen. Novelle + 15 GEORG KAISER, Juana. Einakter + 16 OSKAR SCHUERER, Drohender Frühling. Gedichte + 17 CLAIRE STUDER, Der gläserne Garten. Novellen + 18 MAX HERRMANN, Die Preisgabe. Gedichte + 19 HEINRICH MANN, Die Ehrgeizige. Novelle + 20 OSKAR LOERKE, Die Chimärenreiter. Novellen + 21 FRIEDRICH BURSCHELL, Die Einfalt des Herzens. Prosa + 22 PAULA LUDWIG, Die selige Spur. Gedichte + 23 ERHARD BUSCHBECK, Georg Trakl. Ein Requiem + 24 MANFRED GEORG, Der Rebell. Novelle + 25 ALFRED VAGTS, Gedichte + + +In Vorbereitung: + + +VERKÜNDIGUNG + +Anthologie jüngster Lyrik. Herausg, v. Dr. M. Sommerfeld. Preis ca. 10.-- + + +DER ANBRUCH + +EIN JAHRBUCH NEUER JUGEND + +Mit Beiträgen von P. Adler, A. Ehrenstein, A. v. Hatzfeld, P. v. Gütersloh, +P. Kornfeld, R. Müller, R. Pannwitz, E. Weiß, A. Wolfenstein u. a. +K. 6.--, gb. 8.-- + + +DIE FÜNF HEFTE + +Eine von OTTO FLAKE geschriebene Zeitschrift + +Jedes Heft Mk. 3.--, im Abonn. Mk. 12.50. Prospekt kostenlos. + + +DIE DICHTUNG + +PROGRAMMHEFT VOR DER II. FOLGE + +Mit zum Teil unveröffentl. Beiträgen aller Mitarbeiter. +Verlagskatalog kostenlos. Kart. Mk. 2.--, in Buntpapier geb. Mk. 4.-- + + + + + +Anmerkungen zur Transkription + + +Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert. + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Die Ehrgeizige, by Heinrich Mann + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 43335 *** |
