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diff --git a/43333-h/43333-h.htm b/43333-h/43333-h.htm index d12e1e6..9fe9584 100644 --- a/43333-h/43333-h.htm +++ b/43333-h/43333-h.htm @@ -2,7 +2,7 @@ "http://www.w3.org/TR/xhtml1/DTD/xhtml1-strict.dtd"> <html xmlns="http://www.w3.org/1999/xhtml"> <head> -<meta http-equiv="Content-Type" content="text/html;charset=iso-8859-1" /> +<meta http-equiv="Content-Type" content="text/html;charset=UTF-8" /> <title>The Project Gutenberg eBook of Der 9. November, by Bernhard Kellermann</title> <link rel="coverpage" href="images/cover-page.jpg" /> <!-- TITLE="Der 9. November" --> @@ -109,40 +109,7 @@ hr.hr10 { margin-left:45%; width:10%; } </head> <body> - -<pre> - -The Project Gutenberg EBook of Der 9. November, by Bernhard Kellermann - -This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with -almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or -re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included -with this eBook or online at www.gutenberg.org - - -Title: Der 9. November - -Author: Bernhard Kellermann - -Release Date: July 28, 2013 [EBook #43333] -[Last updated: March 2, 2016] - -Language: German - -Character set encoding: ISO-8859-1 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER 9. NOVEMBER *** - - - - -Produced by Jens Sadowski - - - - - -</pre> +<div>*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 43333 ***</div> <div class="centerpic" style="margin-top:8em; margin-bottom:8em;"> <img id="logo" src="images/logo.jpg" alt="Logo" /> @@ -166,7 +133,7 @@ S. Fischer / Verlag / Berlin</span> <p class="center" style="font-size:0.8em; margin-top:6em; margin-bottom:6em; page-break-before:always;"> 42. bis 51. Auflage<br /> -Alle Rechte vorbehalten, besonders das der Übersetzung<br /> +Alle Rechte vorbehalten, besonders das der Übersetzung<br /> Copyright 1920 by S. Fischer, Verlag, Berlin </p> @@ -186,9 +153,9 @@ Erster Teil <p class="first"> <span class="firstchar">E</span>inige Ordonnanzen, die die Treppe emporeilten, -blieben plötzlich wie angewurzelt stehen, ein junger +blieben plötzlich wie angewurzelt stehen, ein junger ordenglitzernder Hauptmann mit rosigen Wangen, eben im -Begriff sich zu schneuzen, verbarg in äußerster Hast das +Begriff sich zu schneuzen, verbarg in äußerster Hast das Taschentuch, und nur einem Drillichkittel gelang es noch im letzten Augenblick, in die Portierloge zu entkommen: oben auf der Treppe leuchtete der hellrote Mantelaufschlag @@ -197,8 +164,8 @@ eines Generals. <p> Mit breitem Steingesicht, den Blick verborgen in den -grauen Augenhöhlen, die massige Gestalt von schweren -Gedanken eingehüllt, stieg der General v. Hecht-Babenberg +grauen Augenhöhlen, die massige Gestalt von schweren +Gedanken eingehüllt, stieg der General v. Hecht-Babenberg langsam und ohne jede Eile die breite Granittreppe zum Foyer hinab. Die Augen der angewurzelten Ordonnanzen folgten ruckweise jedem seiner Schritte, der junge ordenglitzernde @@ -208,14 +175,14 @@ in seiner Verbeugung. <p> Der General nahm nicht die geringste Notiz von ihnen. -Ganz Kälte, ganz Würde, ganz Sammlung schritt er zwischen +Ganz Kälte, ganz Würde, ganz Sammlung schritt er zwischen ihnen hindurch. Seine Lackstiefel blitzten, und ein feiner -Parfümgeruch blieb hinter ihm zurück. +Parfümgeruch blieb hinter ihm zurück. </p> <p> -In diesem Augenblick stürzte der Portier aus seiner Loge -und überreichte dem General einen Brief. +In diesem Augenblick stürzte der Portier aus seiner Loge +und überreichte dem General einen Brief. </p> <p> @@ -223,25 +190,25 @@ und überreichte dem General einen Brief. </p> <p> -Zögernd trat der General unter die Bogenlampe, +Zögernd trat der General unter die Bogenlampe, die aus der Decke des Foyers herabhing. Der Umschlag -des Briefes, dünn, ein ungewöhnliches, giftiges -Hellgrün, mißfiel, die Schrift. Er drehte den Brief -mißtrauisch zwischen den Fingerspitzen. Ganz offenbar +des Briefes, dünn, ein ungewöhnliches, giftiges +Hellgrün, mißfiel, die Schrift. Er drehte den Brief +mißtrauisch zwischen den Fingerspitzen. Ganz offenbar empfand er es als eine Verletzung der Achtung, die man seinem Range schuldete, ihm einen Brief von -derart geschmackloser, ja unangenehmer Färbung zu +derart geschmackloser, ja unangenehmer Färbung zu <a id="page-10" class="pagenum" title="10"></a> -senden. Die Stirn zuckte. Ohne Absender, eilt, persönlich +senden. Die Stirn zuckte. Ohne Absender, eilt, persönlich — </p> <p> Dann aber fuhr er entschlossen in den Pelz, unter den hellroten Aufschlag, und holte den goldenen Kneifer hervor. -Eine feine Ziegelröte überzog langsam das breite Steingesicht, +Eine feine Ziegelröte überzog langsam das breite Steingesicht, den Hals, der aus dem gestickten Kragen hervorquoll, -das knorpelige, große Ohr — er faltete den Brief +das knorpelige, große Ohr — er faltete den Brief zusammen und schob ihn unwillig in die Manteltasche. </p> @@ -250,70 +217,70 @@ zusammen und schob ihn unwillig in die Manteltasche. </p> <p> -„Ein Herr, ein älterer Mann — soeben —“, stammelte -der Portier und schwankte bestürzt auf den dünnen Beinen. +„Ein Herr, ein älterer Mann — soeben —“, stammelte +der Portier und schwankte bestürzt auf den dünnen Beinen. </p> <p> Der Portier, ein alter Mann, Veteran von 1870, allerlei -Münzen und Medaillen auf der Brust, kannte seine Leute. +Münzen und Medaillen auf der Brust, kannte seine Leute. Schon an der Art, wie Exzellenz den Brief zwischen den -Fingerspitzen drehte, hatte er erkannt, daß Exzellenz ungehalten -waren. Aber dieser ältere Herr hatte solange +Fingerspitzen drehte, hatte er erkannt, daß Exzellenz ungehalten +waren. Aber dieser ältere Herr hatte solange auf ihn eingeredet — sein einziger Sohn — eine Audienz, -hm — sogar eine Zigarre — und schließlich war es ja nur -ein Brief, richtig adressiert, wie täglich Dutzende in seiner +hm — sogar eine Zigarre — und schließlich war es ja nur +ein Brief, richtig adressiert, wie täglich Dutzende in seiner Loge abgegeben wurden. </p> <p> -„Ein älterer, etwas kleiner Herr, Euer Exzellenz. Vor -zehn Minuten. Er ist schon öfter hier gewesen und fragte +„Ein älterer, etwas kleiner Herr, Euer Exzellenz. Vor +zehn Minuten. Er ist schon öfter hier gewesen und fragte nach Euer Exzellenz.“ </p> <p> -„Öfter hier gewesen?“ +„Öfter hier gewesen?“ </p> <p> „Ja, schon einigemal — und — ah, ah: da ist er ja — an -der Türe!“ rief der Portier plötzlich erleichtert aus. +der Türe!“ rief der Portier plötzlich erleichtert aus. </p> <p> -Ein kleines Gesicht von glänzender, stahlblauer Blässe, +Ein kleines Gesicht von glänzender, stahlblauer Blässe, wie blauer Schnee, hatte sich in diesem Augenblick der -Scheibe der Türe genähert, vorsichtig, spähend. Eine Larve -eigentlich, kein Gesicht, eine faustgroße Larve mit Gramfurchen +Scheibe der Türe genähert, vorsichtig, spähend. Eine Larve +eigentlich, kein Gesicht, eine faustgroße Larve mit Gramfurchen und blinkenden Augen. </p> <p> Der General drehte den Kopf — aber sofort prallte das -kleine blaue Gesicht wieder von der Scheibe zurück. Ein +kleine blaue Gesicht wieder von der Scheibe zurück. Ein steifer Hut, ein Havelock verschwanden in der tiefblauen -Dämmerung. +Dämmerung. </p> <p> <a id="page-11" class="pagenum" title="11"></a> -„Da — nun läuft er.“ Der Portier murmelte ärgerlich -vor sich hin und warf das Gewicht seines hageren Körpers -gegen die schwere Türe. „Und mir macht er Scherereien. +„Da — nun läuft er.“ Der Portier murmelte ärgerlich +vor sich hin und warf das Gewicht seines hageren Körpers +gegen die schwere Türe. „Und mir macht er Scherereien. So sind sie!“ </p> <p> -Ganz Kälte, ganz Würde und Sammlung schritt der +Ganz Kälte, ganz Würde und Sammlung schritt der General die Granitstufen hinab, ohne einen Blick auf die -Straße zu werfen. Ungeduldig surrte der Motor der grauen +Straße zu werfen. Ungeduldig surrte der Motor der grauen Limousine. </p> <p> Der Wagenschlag klappte, der Portier machte seinen -gewohnten tiefen Bückling, und die Limousine flog dahin. +gewohnten tiefen Bückling, und die Limousine flog dahin. </p> <p class="tb"> @@ -326,27 +293,27 @@ gewohnten tiefen Bückling, und die Limousine flog dahin. <p> „Dieser Schurke!“ dachte er und das Steingesicht -zitterte. „Aber es sieht ihm ähnlich!“ +zitterte. „Aber es sieht ihm ähnlich!“ </p> <p> -Die Augen in den tiefen Höhlen sprangen auf — hier +Die Augen in den tiefen Höhlen sprangen auf — hier im dunkeln Wagen, wo aufdringliche Blicke ihn nicht -belauerten, konnte er getrost die Augen öffnen — es waren -helle, große Augen, geschliffene Linsen. +belauerten, konnte er getrost die Augen öffnen — es waren +helle, große Augen, geschliffene Linsen. </p> <p> -An der Ecke des großen roten Amtsgebäudes stand der kleine -ältere Herr im Havelock und zog den steifen Hut, als der -Wagen des Generals vorüberjagte. Sein Gesicht, blau +An der Ecke des großen roten Amtsgebäudes stand der kleine +ältere Herr im Havelock und zog den steifen Hut, als der +Wagen des Generals vorüberjagte. Sein Gesicht, blau wie Schnee, leuchtete, und auch seine Glatze leuchtete blau. </p> <p> -Tiefblau und glänzend wie Stahl sank die Dämmerung -des nassen Wintertags über Berlin. Die Scheiben des -Autos glänzten, irgend etwas glitzerte hoheitsvoll im +Tiefblau und glänzend wie Stahl sank die Dämmerung +des nassen Wintertags über Berlin. Die Scheiben des +Autos glänzten, irgend etwas glitzerte hoheitsvoll im Innern —. Da verschlang eine stickige Rauchwolke den Wagen. Augenblicklich aber betrat der Mann im Havelock den Fahrdamm und folgte dem Auto des Generals mit @@ -354,44 +321,44 @@ kleinen eiligen Schritten, als ob er es einholen wolle. </p> <p> -Die Limousine flog durch die dämmerigen Straßen und -überspülte die Fußgänger mit einer Welle von Schneewasser +Die Limousine flog durch die dämmerigen Straßen und +überspülte die Fußgänger mit einer Welle von Schneewasser und Schmutz. In dem Luftwirbel zwischen den -hinterm Pneus tanzten schmutzige welke Blätter, die aus -dem Tiergarten herübergeweht worden waren, und ein +hinterm Pneus tanzten schmutzige welke Blätter, die aus +dem Tiergarten herübergeweht worden waren, und ein Zeitungsblatt, das ein Passant, in der Eile sein Leben in <a id="page-12" class="pagenum" title="12"></a> Sicherheit zu bringen, verlor, rollte rasend hinterher. Bei -den Kurven pflügten die Hinterreifen breite Schlittenspuren -in den klebrigen Schmutz. Die Hupe dröhnte, die +den Kurven pflügten die Hinterreifen breite Schlittenspuren +in den klebrigen Schmutz. Die Hupe dröhnte, die Marspfeife trillerte. Achtung! </p> <p> -Die flüchtenden Fußgänger erblickten nichts als einen -Pelz, eine Mütze und, wenn sie Glück hatten, das leuchtende +Die flüchtenden Fußgänger erblickten nichts als einen +Pelz, eine Mütze und, wenn sie Glück hatten, das leuchtende Rot des Mantelaufschlags. Ein General! Einer -von jenen Auserwählten, die die Schlachten schlagen, -von denen die Heeresberichte melden. Die Verwünschungen +von jenen Auserwählten, die die Schlachten schlagen, +von denen die Heeresberichte melden. Die Verwünschungen erstarben auf den Lippen. Eine Ehre, sozusagen -eine Ehre, beinahe vom Auto eines Generals überfahren +eine Ehre, beinahe vom Auto eines Generals überfahren worden zu sein! </p> <p> -Ecke Wilhelmstraße kroch ein Krüppel in Feldgrau durch -den Straßenschmutz, und die Limousine hätte ihn beinahe -in Stücke gerissen. Dieser Krüppel schleppte sich an zwei -niedrigen Krücken dahin. Sein Rückgrat war bis zur Erde -gekrümmt und das zwischen den Krücken hängende Gesicht -streifte nahezu den Schmutz der Straße. Er bewegte -sich nur langsam vorwärts, indem er Krückstock vor Krückstock -setzte, er ging auf den Knien und schleifte die verstümmelten -Fußstumpen hinter sich her. Wie ein Hund, +Ecke Wilhelmstraße kroch ein Krüppel in Feldgrau durch +den Straßenschmutz, und die Limousine hätte ihn beinahe +in Stücke gerissen. Dieser Krüppel schleppte sich an zwei +niedrigen Krücken dahin. Sein Rückgrat war bis zur Erde +gekrümmt und das zwischen den Krücken hängende Gesicht +streifte nahezu den Schmutz der Straße. Er bewegte +sich nur langsam vorwärts, indem er Krückstock vor Krückstock +setzte, er ging auf den Knien und schleifte die verstümmelten +Fußstumpen hinter sich her. Wie ein Hund, dem man die Sehnen der Hinterbeine durchschnitten, schob -er sich dahin. Während er aber vorwärts kroch, wurde -sein ganzer Körper von einem ununterbrochen entsetzenerregenden -Zittern geschüttelt. +er sich dahin. Während er aber vorwärts kroch, wurde +sein ganzer Körper von einem ununterbrochen entsetzenerregenden +Zittern geschüttelt. </p> <p> @@ -400,71 +367,71 @@ Sekunde aus. </p> <p> -Der Kopf des Krüppels schnellte zwischen die Schultern -zurück, und die mit schweren Nägeln beschlagenen Pneus -der Limousine überspülten ihn mit einer Woge von Schmutz. -Er blieb auf schwankenden Krückstöcken mitten in der -Wilhelmstraße zurück, und als es ihm gelungen war, das -von ewigen Zuckungen geschüttelte Gesicht zu heben, bog +Der Kopf des Krüppels schnellte zwischen die Schultern +zurück, und die mit schweren Nägeln beschlagenen Pneus +der Limousine überspülten ihn mit einer Woge von Schmutz. +Er blieb auf schwankenden Krückstöcken mitten in der +Wilhelmstraße zurück, und als es ihm gelungen war, das +von ewigen Zuckungen geschüttelte Gesicht zu heben, bog die graue Limousine bereits in die Linden ein. </p> <p> -Eine Flut von hüpfenden Regenschirmen, blendende +Eine Flut von hüpfenden Regenschirmen, blendende <a id="page-13" class="pagenum" title="13"></a> -Pfützen, zwei stahlblaue Omnibusschimmel, ein Schutzmann -und wieder eine Flut von hüpfenden Regenschirmen. -Eine Stockung. Der Wagen zitterte von den wütenden -Schlägen des gedrosselten Motors. +Pfützen, zwei stahlblaue Omnibusschimmel, ein Schutzmann +und wieder eine Flut von hüpfenden Regenschirmen. +Eine Stockung. Der Wagen zitterte von den wütenden +Schlägen des gedrosselten Motors. </p> <p> -Die Augen des Generals glitten über die hüpfenden -Regenschirme dahin, über die eilenden Schattenwesen mit -blauen Gesichtern und blauen Händen — gelangweilt, -gleichgültig, ohne Anteilnahme. Obwohl nur getrennt -von diesen Wesen durch eine Glasscheibe, waren sie für +Die Augen des Generals glitten über die hüpfenden +Regenschirme dahin, über die eilenden Schattenwesen mit +blauen Gesichtern und blauen Händen — gelangweilt, +gleichgültig, ohne Anteilnahme. Obwohl nur getrennt +von diesen Wesen durch eine Glasscheibe, waren sie für den General weltenweit entfernt, weltenweit — diese -Menschen mit Regenschirmen, Gummischuhen, Mänteln, -Bärten, Brillen . . . Sie erschienen gewissermaßen unwirklich! -Sie waren Chaos, Masse — gärend von sonderbaren, -eigenwilligen Gedanken und unnützen, gefährlichen Trieben. -Sinnlos ihr Tun, unverständlich. Ohne Ideale, hohe Ziele, -Hunger, Sinnendurst, Geld — ohne Zweck und Sinn. Unverständlich. +Menschen mit Regenschirmen, Gummischuhen, Mänteln, +Bärten, Brillen . . . Sie erschienen gewissermaßen unwirklich! +Sie waren Chaos, Masse — gärend von sonderbaren, +eigenwilligen Gedanken und unnützen, gefährlichen Trieben. +Sinnlos ihr Tun, unverständlich. Ohne Ideale, hohe Ziele, +Hunger, Sinnendurst, Geld — ohne Zweck und Sinn. Unverständlich. Nichts als rohe Masse, die die Berufenen -willkürlich formten, das große Reservoir, aus dem die -Erkorenen schöpften nach ihrem Gutdünken. +willkürlich formten, das große Reservoir, aus dem die +Erkorenen schöpften nach ihrem Gutdünken. </p> <p> -Die Welt des Generals war bevölkert von Wesen, die in +Die Welt des Generals war bevölkert von Wesen, die in Uniformen gekleidet waren und mit einer Salve ins Grab gelegt wurden. Diese Wesen bewegten sich nach bestimmten -unverrückbaren Gesetzen. Sie kamen in breiten langen +unverrückbaren Gesetzen. Sie kamen in breiten langen Kolonnen einher wie die Brandung des Meeres, oder sie standen still in Reih und Glied, zu Tausenden gestaffelt, wie aus Stein. Ein Gebirge. Sie waren ohne eigenes Leben, ohne eigene Gedanken, ohne Namen, ohne Gesichter, -ohne Seele, von wenigen Auserwählten in Bewegung -gesetzt und mit Leben und Geist erfüllt. Sie waren +ohne Seele, von wenigen Auserwählten in Bewegung +gesetzt und mit Leben und Geist erfüllt. Sie waren mit einem Wort Soldaten, Werkzeug in der Hand der Starken dieser Erde, die das Rad der Weltgeschichte bewegten. -Zuweilen fluteten unübersehbare Heerscharen, alle im +Zuweilen fluteten unübersehbare Heerscharen, alle im gleichen Schritt, durch seinen Kopf. Armeekorps, die wie ein Bataillon in fehlerloser Geschlossenheit schwenkten, nach rechts, nach links, um zu erstarren, wenn die Gedanken <a id="page-14" class="pagenum" title="14"></a> des Generals es wollten. Zuweilen sah der General die -ganze Erde davon erfüllt. Ungeheure Menschenwellen -wälzten sich quer durch Europa und ergossen sich in der +ganze Erde davon erfüllt. Ungeheure Menschenwellen +wälzten sich quer durch Europa und ergossen sich in der Breite des Urals in die endlosen Steppen Sibiriens. Eine -Blutwelle in den Gehirnwindungen des Generals ließ sie +Blutwelle in den Gehirnwindungen des Generals ließ sie auferstehen und versinken . . . </p> <p> -Weiter! Die Gänge krachten, und wieder flog die Limousine -dahin. Hagelkörner prasselten gegen die Scheiben. +Weiter! Die Gänge krachten, und wieder flog die Limousine +dahin. Hagelkörner prasselten gegen die Scheiben. </p> <p class="tb"> @@ -472,118 +439,118 @@ dahin. Hagelkörner prasselten gegen die Scheiben. </p> <p class="first"> -<span class="firstchar">D</span>ieser Schurke! dachte der General und rückte sich in +<span class="firstchar">D</span>ieser Schurke! dachte der General und rückte sich in der Ecke des wiegenden Wagens zurecht. </p> <p> -Durch einen Zufall — übrigens einen merkwürdigen, -fast lächerlichen Zufall — hatte er heute erfahren, daß eine -Vermutung, die er schon seit langer Zeit hegte, begründet +Durch einen Zufall — übrigens einen merkwürdigen, +fast lächerlichen Zufall — hatte er heute erfahren, daß eine +Vermutung, die er schon seit langer Zeit hegte, begründet war. Jener — nun eben jener „Schurke“, wie er ihn in -Gedanken nannte — der in der Umgebung der höchsten -Persönlichkeiten weilte, das Ohr der allerhöchsten Persönlichkeiten -besaß, jener Schurke hatte ihn auf das „tote -Geleise“ geschoben. Höchst einfach! Und so erklärte sich +Gedanken nannte — der in der Umgebung der höchsten +Persönlichkeiten weilte, das Ohr der allerhöchsten Persönlichkeiten +besaß, jener Schurke hatte ihn auf das „tote +Geleise“ geschoben. Höchst einfach! Und so erklärte sich alles, ja. </p> <p> Vor einem halben Jahr etwa hatte man dem Generalleutnant -v. Hecht-Babenberg, achtundfünfzig Jahre alt, -plötzlich, ohne jede Begründung, ohne jede Warnung, sein +v. Hecht-Babenberg, achtundfünfzig Jahre alt, +plötzlich, ohne jede Begründung, ohne jede Warnung, sein Frontkommando genommen und ihn zur Bureauarbeit -nach Berlin abkommandiert — während draußen, wie er +nach Berlin abkommandiert — während draußen, wie er zu sagen pflegte, die Kanonen Europa in Fetzen schossen und eine neue Welt aus dem Blutmeer emporstieg. </p> <p> -Unerklärlich, unfaßbar. +Unerklärlich, unfaßbar. </p> <p> -Jüngere als er machten nun — auch das ist ein Ausdruck +Jüngere als er machten nun — auch das ist ein Ausdruck des Generals — Weltgeschichte. Unbekannte, aus unbekannten -Geschlechtern stiegen in die Höhe. Es war -die Zeit, um nicht zu sagen, Konjunktur, in die Höhe zu -steigen. Und wie viele unfähige Narren kannte er (der -General liebte starke Ausdrücke), Narren, die nicht imstande +Geschlechtern stiegen in die Höhe. Es war +die Zeit, um nicht zu sagen, Konjunktur, in die Höhe zu +steigen. Und wie viele unfähige Narren kannte er (der +General liebte starke Ausdrücke), Narren, die nicht imstande waren, ein Regiment durch das Brandenburger Tor zu <a id="page-15" class="pagenum" title="15"></a> -dirigieren, und die heute, gestützt auf ausgesuchte Stäbe, -Armeekorps führten. Er konnte, wenn man es wünschte, +dirigieren, und die heute, gestützt auf ausgesuchte Stäbe, +Armeekorps führten. Er konnte, wenn man es wünschte, ihre Namen nennen! Erst vor kurzem hatte einer -seiner Bekannten, seiner früheren Bekannten, besser gesagt, +seiner Bekannten, seiner früheren Bekannten, besser gesagt, dreihundert Kanonen verloren — um daraufhin Gouverneur eines besetzten Landes zu werden. Es kam nur darauf an, gute Freunde zu haben. Das war das ganze Geheimnis, nichts sonst. Er hatte gegen die Russen eine -Division geführt vor — wie lange war es doch her? — vor -drei Jahren und sich das persönliche Lob seines Allerhöchsten +Division geführt vor — wie lange war es doch her? — vor +drei Jahren und sich das persönliche Lob seines Allerhöchsten Kriegsherrn erworben. Im Westen dagegen hatten seine -Ansichten mit denen der Obersten Führung nicht immer -übereingestimmt. Bei einem plötzlichen Angriff der Franzosen +Ansichten mit denen der Obersten Führung nicht immer +übereingestimmt. Bei einem plötzlichen Angriff der Franzosen hatte er die Ansicht vertreten, zu halten, koste es, was -es wolle, während man „hinten“, wo man alles besser -wußte, der Meinung war, auszubiegen. Er hatte allerdings -etwas liegenlassen — aber schließlich, was kam es auf -diese relativ geringfügigen Verluste und ein paar Minenwerfer +es wolle, während man „hinten“, wo man alles besser +wußte, der Meinung war, auszubiegen. Er hatte allerdings +etwas liegenlassen — aber schließlich, was kam es auf +diese relativ geringfügigen Verluste und ein paar Minenwerfer an? </p> <p> Es war nichts — man bedenke: im Vergleich zu dreihundert -Geschützen! Nichts — +Geschützen! Nichts — </p> <p> -Er würde heute, denn er konnte nicht gegen seine Überzeugung -handeln, er würde heute genau so verfahren, auf +Er würde heute, denn er konnte nicht gegen seine Überzeugung +handeln, er würde heute genau so verfahren, auf Ehre und Gewissen! In seinem Abschnitt befand sich eine -Höhe, die Höhe von Quatre vents, und es war nur natürlich, -daß er diese für den ganzen Abschnitt, ja für einen großen -Frontsektor wichtige Höhe nicht ohne weiteres preisgab. +Höhe, die Höhe von Quatre vents, und es war nur natürlich, +daß er diese für den ganzen Abschnitt, ja für einen großen +Frontsektor wichtige Höhe nicht ohne weiteres preisgab. Dreimal gab er Befehl, Quatre vents zu halten, koste es, -was es wolle. Erst als die Höhe vom Gegner flankiert -war, gab er den Befehl zum Rückzug. Die Loslösung -glückte dann allerdings nicht ganz, zugestanden. +was es wolle. Erst als die Höhe vom Gegner flankiert +war, gab er den Befehl zum Rückzug. Die Loslösung +glückte dann allerdings nicht ganz, zugestanden. </p> <p> -Ein alltäglicher Vorfall — ohne jede Bedeutung. +Ein alltäglicher Vorfall — ohne jede Bedeutung. </p> <p> -Niemand würde — +Niemand würde — </p> <p> -Es war augenscheinlich: irgend jemand mußte die Hand -im Spiel haben — irgend jemand, der ihm übel wollte. +Es war augenscheinlich: irgend jemand mußte die Hand +im Spiel haben — irgend jemand, der ihm übel wollte. </p> <p> <a id="page-16" class="pagenum" title="16"></a> -Er — der das Ohr der höchsten Persönlichkeiten hatte —, +Er — der das Ohr der höchsten Persönlichkeiten hatte —, jener „Schurke“, mit einem Wort. </p> <p> -Das Steingesicht geriet in Erschütterung: vor mehr -als dreißig Jahren — +Das Steingesicht geriet in Erschütterung: vor mehr +als dreißig Jahren — </p> <p> -Aber plötzlich hielt das Auto. Es stand vor einem hellerleuchteten -Blumengeschäft. Der General erwachte. Ein -Verkäufer schleppte soeben ein Blumenarrangement, einen -schweren Korb mit Maiglöckchen, an den Wagen. +Aber plötzlich hielt das Auto. Es stand vor einem hellerleuchteten +Blumengeschäft. Der General erwachte. Ein +Verkäufer schleppte soeben ein Blumenarrangement, einen +schweren Korb mit Maiglöckchen, an den Wagen. </p> <p> „Hierher!“ rief der General und pochte an die Scheibe. -Nässe und Kälte kamen mit herein. Augenblicklich begannen +Nässe und Kälte kamen mit herein. Augenblicklich begannen die Blumen Duft und Frische auszuatmen. </p> @@ -599,59 +566,59 @@ ist die Losung des Generals — </p> <p> -— vor mehr als dreißig Jahren, hatte er, der General, -ihm, eben jenem einflußreichen Würdenträger, einen Streich -gespielt, und damit hatte die Animosität, um nicht Feindschaft +— vor mehr als dreißig Jahren, hatte er, der General, +ihm, eben jenem einflußreichen Würdenträger, einen Streich +gespielt, und damit hatte die Animosität, um nicht Feindschaft zu sagen, ihren Anfang genommen. </p> <p> -Es war auf einem Ball bei Baron Kreß. Eine junge +Es war auf einem Ball bei Baron Kreß. Eine junge Dame spielte eine Rolle dabei, und damals war er, der -General, der beste Tänzer in Berlin. Damals wartete, -gegen Morgen, ein Wagen vor der Treppe des Kreßschen +General, der beste Tänzer in Berlin. Damals wartete, +gegen Morgen, ein Wagen vor der Treppe des Kreßschen Palais. Eine Dame springt die Treppe herunter. Sie hat den Pelz eilig um die Schultern geworfen. „Um Gottes willen,“ ruft sie, „er hat mich beobachtet, schnell.“ Schon rollt der Wagen davon. Der Pelz ist von den Schultern -der schönen Dame gefallen, und er, der General, sagt: -„Sie werden frieren, meine Gnädigste!“ Und er hüllt -sie wie ein Kind in den Mantel. Sie trägt eine ganz -dünne Robe, und es kommt ihm vor, als ob sie völlig -nackt im Pelz stäke. Deutlich erinnert er sich dessen. -Und er erinnert sich, daß dieselbe Dame seinen Rivalen -rachsüchtig genannt habe, hüten Sie sich, er ist rachsüchtig! +der schönen Dame gefallen, und er, der General, sagt: +„Sie werden frieren, meine Gnädigste!“ Und er hüllt +sie wie ein Kind in den Mantel. Sie trägt eine ganz +dünne Robe, und es kommt ihm vor, als ob sie völlig +nackt im Pelz stäke. Deutlich erinnert er sich dessen. +Und er erinnert sich, daß dieselbe Dame seinen Rivalen +rachsüchtig genannt habe, hüten Sie sich, er ist rachsüchtig! <a id="page-17" class="pagenum" title="17"></a> Welcher Instinkt, diese Frauen! Und sie war fast noch ein Kind. </p> <p> -Vor dreißig Jahren — +Vor dreißig Jahren — </p> <p> -Hätte er damals ahnen können, daß sein Nebenbuhler -sich einst bis zur höchsten Stellung emporschwingen sollte! -Vielleicht wäre er immerhin etwas vorsichtiger gewesen, -wer weiß es? Nicht ohne Grund hatte er seinen Söhnen -immer eingeschärft: Freunde zu werben. Freunde, schon -in der Kadettenanstalt. Denn Freunde waren im späteren +Hätte er damals ahnen können, daß sein Nebenbuhler +sich einst bis zur höchsten Stellung emporschwingen sollte! +Vielleicht wäre er immerhin etwas vorsichtiger gewesen, +wer weiß es? Nicht ohne Grund hatte er seinen Söhnen +immer eingeschärft: Freunde zu werben. Freunde, schon +in der Kadettenanstalt. Denn Freunde waren im späteren Leben — alles. Nicht die Begabung — welche Albernheit — die Beziehungen waren alles. </p> <p> -Plötzlich sieht der General die junge Dame vor sich im +Plötzlich sieht der General die junge Dame vor sich im Wagen, als sei es gestern gewesen. Jahrelang waren ihre -Züge in ihm erloschen. Sie ist gepudert und trägt ein -Schönheitspflästerchen am Kinn. Ihre Augen sind warm -und leuchten eigentümlich aus der Tiefe. +Züge in ihm erloschen. Sie ist gepudert und trägt ein +Schönheitspflästerchen am Kinn. Ihre Augen sind warm +und leuchten eigentümlich aus der Tiefe. </p> <p> -Diese junge Dame mit dem Schönheitspflästerchen, die -er seinerzeit aus dem Ballsaal entführte, wurde seine Frau. +Diese junge Dame mit dem Schönheitspflästerchen, die +er seinerzeit aus dem Ballsaal entführte, wurde seine Frau. </p> <p> @@ -659,7 +626,7 @@ Lange, lange Zeit — </p> <p> -Der General öffnet den Mund und ringt nach Luft. +Der General öffnet den Mund und ringt nach Luft. </p> <p class="tb2"> @@ -668,8 +635,8 @@ Der General öffnet den Mund und ringt nach Luft. <p class="noindent"> Aus dem hellerleuchteten Entree der roten Backsteinvilla, -ganz mit Efeu bewachsen, stürzt ein Diener in zebragestreiftem -Kittel und öffnet den Wagenschlag. +ganz mit Efeu bewachsen, stürzt ein Diener in zebragestreiftem +Kittel und öffnet den Wagenschlag. </p> <p> @@ -681,16 +648,16 @@ Kittel und öffnet den Wagenschlag. </p> <p> -Der General erhebt sich. Mit steifen Gliedern, den Rücken +Der General erhebt sich. Mit steifen Gliedern, den Rücken etwas gebeugt, steigt er aus dem Wagen. </p> <p> -„Frau v. Dönhoff empfängt?“ +„Frau v. Dönhoff empfängt?“ </p> <p> -„Gnädige Frau empfangen, obwohl gnädige Frau die +„Gnädige Frau empfangen, obwohl gnädige Frau die Grippe hat.“ </p> @@ -700,8 +667,8 @@ den Zebrakittel. „Was ist denn los bei euch?“ </p> <p> -„Geburtstag. Die Gnädige hat Geburtstag.“ Und der -Zebrakittel eilt, den Korb mit den Maiglöckchen auf den +„Geburtstag. Die Gnädige hat Geburtstag.“ Und der +Zebrakittel eilt, den Korb mit den Maiglöckchen auf den <a id="page-18" class="pagenum" title="18"></a> Armen, rasch in das hellerleuchtete Entree, um Exzellenz beim Ausziehen des Mantels behilflich zu sein. @@ -712,38 +679,38 @@ beim Ausziehen des Mantels behilflich zu sein. </h3> <p class="first"> -<span class="firstchar">F</span>rau v. Dönhoff — die Dame der roten, mit Efeu bewachsenen +<span class="firstchar">F</span>rau v. Dönhoff — die Dame der roten, mit Efeu bewachsenen Backsteinvilla in der Lessingallee, dicht am Tiergarten, war eine Blondine, nicht mehr in der ersten Jugend, -von ihren intimen Bekannten die schöne Dora genannt. +von ihren intimen Bekannten die schöne Dora genannt. </p> <p> -Sie war mittelgroß, die schöne Dora, etwas üppig, kleine, -zierliche Füße, kleine, zierliche Händchen mit spitzen Fingern, -große strahlende Augen von herrlich leuchtendem, seltenem -Blau — der berühmte Schriftsteller, der in ihrem Hause +Sie war mittelgroß, die schöne Dora, etwas üppig, kleine, +zierliche Füße, kleine, zierliche Händchen mit spitzen Fingern, +große strahlende Augen von herrlich leuchtendem, seltenem +Blau — der berühmte Schriftsteller, der in ihrem Hause verkehrte, hatte die Farbe mit dem Blau des Gebirgsenzians -verglichen — ein Paar reizender Grübchen, runde -rote Lippen — ah, und Zähne — schneeweiß! Sie lachte +verglichen — ein Paar reizender Grübchen, runde +rote Lippen — ah, und Zähne — schneeweiß! Sie lachte immer und bei jeder Gelegenheit, das Lachen setzte ganz unvermittelt ein, sie lachte in Skalen und Trillern, ein Geklingel -war ihr Lachen. Es riß mit fort. Und immer, +war ihr Lachen. Es riß mit fort. Und immer, schon im Bett am Morgen, hielt sie eine dicke Zigarette zwischen den spitzen Fingern und qualmte. Sie rauchte auch -auf der Straße, während sie Butzi, einen belgischen Griffon, -an die frische Luft brachte. Das war die schöne Dora. +auf der Straße, während sie Butzi, einen belgischen Griffon, +an die frische Luft brachte. Das war die schöne Dora. </p> <p> Etwas umschwebte sie. Ein Glanz, ein Abglanz. Der Abglanz einer Freundschaft, die sie vor ihrer Heirat mit -einer Königlichen Hoheit verbunden hatte. Dieser Abglanz -war immer gegenwärtig. Hatte die Königliche Hoheit wirklich -diese schlanken ringgeschmückten Finger an die Lippen -gedrückt? Diese Grübchen bewundert, sich an diesem +einer Königlichen Hoheit verbunden hatte. Dieser Abglanz +war immer gegenwärtig. Hatte die Königliche Hoheit wirklich +diese schlanken ringgeschmückten Finger an die Lippen +gedrückt? Diese Grübchen bewundert, sich an diesem Lachen erfrischt, diesen weichen, verschwenderisch reichen -blonden Haarschopf liebkost? Ruhten die Augen der Königlichen +blonden Haarschopf liebkost? Ruhten die Augen der Königlichen Hoheit auf diesen Schultern? Immer, immer war Dora von diesem Abglanz umschwebt. Die Sonne war untergegangen — aber der Glanz lag noch in der Luft. @@ -751,109 +718,109 @@ untergegangen — aber der Glanz lag noch in der Luft. <p> <a id="page-19" class="pagenum" title="19"></a> -Nunmehr war die Königliche Hoheit längst verheiratet, +Nunmehr war die Königliche Hoheit längst verheiratet, hatte drei Kinder. </p> <p> -Dora aber hatte — danach — einen Freund der Königlichen -Hoheit geheiratet, den Hauptmann v. Dönhoff, +Dora aber hatte — danach — einen Freund der Königlichen +Hoheit geheiratet, den Hauptmann v. Dönhoff, einer der ersten Herrenreiter Deutschlands, professioneller -Schürzenjäger und Spieler, der in kürzester Zeit zwei -Vermögen durchbrachte, auch Doras Vermögen. Eines -Tages stand sie ohne einen Pfennig da — <a id="corr-0"></a>vis-à-vis de rien! +Schürzenjäger und Spieler, der in kürzester Zeit zwei +Vermögen durchbrachte, auch Doras Vermögen. Eines +Tages stand sie ohne einen Pfennig da — <a id="corr-0"></a>vis-à -vis de rien! </p> <p> -Mit einem Wort: dieser Hauptmann Dönhoff entpuppte +Mit einem Wort: dieser Hauptmann Dönhoff entpuppte sich als ein Lump ersten Ranges, er betrog Dora schon am Hochzeitstage, so unglaublich es klingt, und sie gab ihm nach -kurzer Zeit den Laufpaß. Schon vor dem Kriege trennte -sie sich von ihm. Gegenwärtig lebte sie in Scheidung — -oder war sie schon geschieden? Niemand wußte es, der +kurzer Zeit den Laufpaß. Schon vor dem Kriege trennte +sie sich von ihm. Gegenwärtig lebte sie in Scheidung — +oder war sie schon geschieden? Niemand wußte es, der Krieg hatte das Interesse an den armseligen privaten -Schicksalen in den Hintergrund gedrängt. +Schicksalen in den Hintergrund gedrängt. </p> <p> Der Herrenreiter und Spieler war Artillerist und lebte -gegenwärtig bei seiner Batterie im Westen — irgendwo. +gegenwärtig bei seiner Batterie im Westen — irgendwo. Er ergraute bei seinen Kanonen, in den Waldschluchten -des Argonner Waldes oder in den Kalkhügeln der Lausechampagne, +des Argonner Waldes oder in den Kalkhügeln der Lausechampagne, sein Gesicht wurde gelb, pergamenten. Die Welt hatte ihn vergessen, seine Damen — nur die Gegenwart -hat Macht. Ein einziges Mal war er während des +hat Macht. Ein einziges Mal war er während des Krieges in Berlin aufgetaucht, ohne Dora zu besuchen, es gab sofort wieder Skandal, eine Dame, ein Offizier — immer die gleiche Geschichte. Und er ergraute weiter bei seinen -Kanonen. Seine Schläfen waren schon ganz weiß. Zuweilen +Kanonen. Seine Schläfen waren schon ganz weiß. Zuweilen schrieb Dora an ihn, zuweilen kam auch ein Brief aus dem Felde, und Petersen, der Diener, zeigte ihn Frida, -der Zofe, und flüsterte: „Von ihm!“ +der Zofe, und flüsterte: „Von ihm!“ </p> <p> -Also, das war Dora und ihre Lebensgeschichte, in flüchtigen -Linien natürlich nur, und heute hatte sie die Grippe. +Also, das war Dora und ihre Lebensgeschichte, in flüchtigen +Linien natürlich nur, und heute hatte sie die Grippe. </p> <p> Doras Haus war eine alte Villa, verbaut und immer -wieder umgebaut, mit Sälen und Zimmern, Nischen, Erkern, -Korridoren, großen und kleinen Treppen und Treppchen. +wieder umgebaut, mit Sälen und Zimmern, Nischen, Erkern, +Korridoren, großen und kleinen Treppen und Treppchen. <a id="page-20" class="pagenum" title="20"></a> Niemand, der nicht hier lange verkehrte, fand sich zurecht. Dora hatte das ganze Haus in ein Teppichmagazin verwandelt. Es gab keinen Quadratmeter, der -nicht mit einem Teppich belegt war. Es gab im Dönhoffschen +nicht mit einem Teppich belegt war. Es gab im Dönhoffschen Hause sogar etwas, was es nur selten in Berlin gab, -nämlich einen Raum, der ein vollkommenes Zelt war. Eine +nämlich einen Raum, der ein vollkommenes Zelt war. Eine Art arabisches Zelt, ganz aus Teppichen ausgebaut. Infolge -der vielen Teppiche roch es im Dönhoffschen Hause eigentümlich +der vielen Teppiche roch es im Dönhoffschen Hause eigentümlich nach Staub. Dazu hatte Dora das ganze Haus -mit antiken Möbeln vollgestopft, Möbeln aller Stilarten, -mit Säulen aus Kirchen und grellbemalten oder vergoldeten +mit antiken Möbeln vollgestopft, Möbeln aller Stilarten, +mit Säulen aus Kirchen und grellbemalten oder vergoldeten Heiligenfiguren. Alle Tische, Kommoden und Gesimse waren mit kleinen Kostbarkeiten aller Art, mit Leuchtern, -Schnitzereien, Waffen, Miniaturen, Dosen derartig übersät, -daß es unmöglich war, auch nur ein Paar Handschuhe +Schnitzereien, Waffen, Miniaturen, Dosen derartig übersät, +daß es unmöglich war, auch nur ein Paar Handschuhe abzulegen, ohne irgendeine Kostbarkeit in Gefahr zu bringen. -Es war unmöglich, alle diese Dosen, Schnitzereien, Waffen +Es war unmöglich, alle diese Dosen, Schnitzereien, Waffen und Heiligen abzustauben. Und so sammelte sich immer -mehr Staub an. An das arabische Zelt stieß das Speisezimmer, +mehr Staub an. An das arabische Zelt stieß das Speisezimmer, ein riesiger Raum mit einer Empore, zu der eine -steile Rokokotreppe, gelb und rot bemalt, emporführte. -Dieser Raum war zurzeit schwer heizbar und beständig -strömte ein kalter Luftzug in das arabische Zelt hinein. -Doras Haus hatte aber noch eine Eigentümlichkeit: das +steile Rokokotreppe, gelb und rot bemalt, emporführte. +Dieser Raum war zurzeit schwer heizbar und beständig +strömte ein kalter Luftzug in das arabische Zelt hinein. +Doras Haus hatte aber noch eine Eigentümlichkeit: das waren die Lampen. Es gab kein Haus in ganz Berlin, -das so viele Beleuchtungskörper aufwies. Blaue, grüne, -gelbe, rote Ampeln, alle von ganz besonders erlesener Färbung, +das so viele Beleuchtungskörper aufwies. Blaue, grüne, +gelbe, rote Ampeln, alle von ganz besonders erlesener Färbung, Kronleuchter mit Dutzenden von Flammen, schwere Messingkronen mit halb heruntergebrannten dicken Wachskerzen. Das arabische Zelt selbst wurde durch eine polnische Synagogenampel beleuchtet. Es war ein opalisierendes, -bläuliches Licht, der Farbe von Zigarettenrauch ähnlich. +bläuliches Licht, der Farbe von Zigarettenrauch ähnlich. In der Ecke des arabischen Zeltes aber stand noch eine -riesige purpurrote Lampe, die auf eine vergoldete Barocksäule +riesige purpurrote Lampe, die auf eine vergoldete Barocksäule aus irgendeiner Kirche montiert war. Neben dieser <a id="page-21" class="pagenum" title="21"></a> -roten Lampe saß gewöhnlich Dora, sie strahlte dann wie -glühender Alabaster, während die andern wie Leichen +roten Lampe saß gewöhnlich Dora, sie strahlte dann wie +glühender Alabaster, während die andern wie Leichen aussahen. Sie verstand ihre Sache. </p> <p> Zwischen diesen Teppichen und Lampen, sonderbaren Heiligen und tausenderlei Krimskrams bewegte sich Dora, -mit ihrem blonden Haarschopf, ihren Grübchen und dem +mit ihrem blonden Haarschopf, ihren Grübchen und dem Glanz, der sie umschwebte. Niemand hatte Dora jemals in schlechter Laune gesehen. Ihr Benehmen war immer -gleich. Jedermann fühlte sich wohl bei ihr. +gleich. Jedermann fühlte sich wohl bei ihr. </p> <p> -Nicht zu vergessen auch Doras Badezimmer, eine Sehenswürdigkeit +Nicht zu vergessen auch Doras Badezimmer, eine Sehenswürdigkeit — ein richtiges Treibhaus. </p> @@ -863,13 +830,13 @@ Nicht zu vergessen auch Doras Badezimmer, eine Sehenswürdigkeit <p class="first"> <span class="firstchar">S</span>obald der General die rote Backsteinvilla betrat, kam -das Steingesicht in Erschütterung. +das Steingesicht in Erschütterung. </p> <p> -Der General gehörte zu den Intimen des Hauses. Zweimal +Der General gehörte zu den Intimen des Hauses. Zweimal in der Woche, Dienstag und Freitag, pflegte er bei -Dora zu Abend zu speisen. Ohne andere Gäste. +Dora zu Abend zu speisen. Ohne andere Gäste. </p> <p> @@ -877,12 +844,12 @@ Der Stein verwitterte im Lichte der Garderobenampel, er verwandelte sich in Haut, in die Haut eines Menschen, der ewig von Zimmerluft umgeben ist, und der — vielleicht, nur eine Vermutung — an beginnender Sklerose der Arterien -leidet. Die starre Leblosigkeit des Gesichts löste sich. +leidet. Die starre Leblosigkeit des Gesichts löste sich. Es zeigte sich sogar, seht an, eine Spur von Farbe auf den -breiten Wangen, ein rötliches Violett, von feinem Geäder -herrührend. Die ernsten Gedanken, die den General einhüllten, +breiten Wangen, ein rötliches Violett, von feinem Geäder +herrührend. Die ernsten Gedanken, die den General einhüllten, zerflatterten, der etwas massige, schwerbewegliche -Körper schien elastisch und verjüngt. +Körper schien elastisch und verjüngt. </p> <p> @@ -893,7 +860,7 @@ dachte er, als Doras Lachen in die Garderobe drang. <p> Die geschliffenen Linsen der Feldherrnaugen ruhten sogar einen Augenblick leutselig auf dem Diener. Etwas -Außergewöhnliches, denn der General pflegte seine Mitmenschen +Außergewöhnliches, denn der General pflegte seine Mitmenschen nie anzusehen. — Dann widmeten sie sich mit rein menschlichem Interesse dem Studium einiger Gummischuhe, die in der Garderobe standen. @@ -905,64 +872,64 @@ die in der Garderobe standen. </p> <p> -„Frau Major Sterne-Dönhoff mit Töchtern.“ +„Frau Major Sterne-Dönhoff mit Töchtern.“ </p> <p> -Nichts haßte der General mehr als Ansammlungen von -Menschen, mochten sie groß oder klein sein; nichts fürchtete -er mehr als Überraschungen — es war ja möglich, daß +Nichts haßte der General mehr als Ansammlungen von +Menschen, mochten sie groß oder klein sein; nichts fürchtete +er mehr als Überraschungen — es war ja möglich, daß man ihm, ohne jede Vorbereitung, ixbeliebige Menschen -präsentierte, wie es ihm schon passiert war. So neulich -bei einem Militärattaché, wo unerwartet der Redakteur +präsentierte, wie es ihm schon passiert war. So neulich +bei einem Militärattaché, wo unerwartet der Redakteur einer sehr linksstehenden liberalen Tageszeitung auftauchte, ganz zu schweigen von jenem Herrenabend bei Exzellenz -v. Krämer, wo ein sehr orientalisch aussehender Chirurg -anwesend war, eine Berühmtheit, getauft — aber trotzdem. -Er wünschte zu wissen, wer anwesend sein würde — +v. Krämer, wo ein sehr orientalisch aussehender Chirurg +anwesend war, eine Berühmtheit, getauft — aber trotzdem. +Er wünschte zu wissen, wer anwesend sein würde — bei Dora allerdings, wo er zweimal in der Woche zu Abend speiste — machte er eine Ausnahme. Er kannte Doras Kreis, nahezu wenigstens, und nur zuweilen traf er hier irgendeinen Maler oder Schriftsteller, auf deren Bekanntschaft er allerdings wenig Wert legte, um offen zu sein. -Das war indessen nicht zu ändern: Dora selbst war eine -Art Künstlernatur. +Das war indessen nicht zu ändern: Dora selbst war eine +Art Künstlernatur. </p> <p> -Der General strich den grauen Scheitel mit der Bürste -zurecht, glättete den dünnen grauen Schnurrbart, prüfte -die Hände . . . +Der General strich den grauen Scheitel mit der Bürste +zurecht, glättete den dünnen grauen Schnurrbart, prüfte +die Hände . . . </p> <p> Der General war das Bild der Akkuratesse selbst. Alles -leuchtete und glänzte an ihm, die Stiefel, die roten Streifen +leuchtete und glänzte an ihm, die Stiefel, die roten Streifen der Hosen, die Ordensauszeichnungen, die langen polierten -Fingernägel — nur die Haut des Gesichts war, wie gesagt, +Fingernägel — nur die Haut des Gesichts war, wie gesagt, stumpf, von der Zimmerluft beschlagen. So, genau so hatte er ausgesehen, als er sich in Polen mit den Russen schlug — in Frankreich, wo er in einem Chateau wohnte, -war es ja schließlich kein Kunststück. Er hatte sofort ein +war es ja schließlich kein Kunststück. Er hatte sofort ein Bad einbauen lassen, das war das erste gewesen, die Wanne wurde mit dem Auto aus Frankfurt geholt. </p> <p> -Ohne jede Übertreibung, der General war noch heute +Ohne jede Übertreibung, der General war noch heute eine stattliche Erscheinung. </p> <p> <a id="page-23" class="pagenum" title="23"></a> -Auch einige Offiziersmützen, drei im ganzen, hingen da. -Er erkannte die Seidenmütze seines Sohnes Otto, die +Auch einige Offiziersmützen, drei im ganzen, hingen da. +Er erkannte die Seidenmütze seines Sohnes Otto, die eine ganz besondere Form hatte. Offenbar machte er -seinen Abschiedsbesuch; er mußte morgen wieder ins Feld. +seinen Abschiedsbesuch; er mußte morgen wieder ins Feld. Falten erschienen auf der breiten Stirn des Generals, verschwanden aber sofort wieder. Er liebte es nicht, Otto oder Ruth, seine Tochter, in Gesellschaft zu treffen. Er -kam sich beobachtet vor, sie störten, mit einem Wort. +kam sich beobachtet vor, sie störten, mit einem Wort. </p> <p> @@ -970,10 +937,10 @@ kam sich beobachtet vor, sie störten, mit einem Wort. </p> <p> -„Schön“ — aber der General hielt den Schritt an und -zog die Brauen in die Höhe — „eine Bürste, Petersen.“ -Der General hatte tatsächlich ein Härchen auf seinem -Ärmel entdeckt. +„Schön“ — aber der General hielt den Schritt an und +zog die Brauen in die Höhe — „eine Bürste, Petersen.“ +Der General hatte tatsächlich ein Härchen auf seinem +Ärmel entdeckt. </p> <p> @@ -982,26 +949,26 @@ voll von seinen Haaren —“ </p> <p> -„Wie soll es denn von Butzi sein? Dann müßte es ja -seit Dienstag — nein, das ist unmöglich, Petersen.“ +„Wie soll es denn von Butzi sein? Dann müßte es ja +seit Dienstag — nein, das ist unmöglich, Petersen.“ </p> <p> -„Vielleicht war es im Mantel? Überall sind diese +„Vielleicht war es im Mantel? Überall sind diese Haare —!“ </p> <p> -Petersen öffnete die Türe zu einem Vorzimmer. Hier -brannte eine einsame, hohe Wachskerze, zu Füßen eines +Petersen öffnete die Türe zu einem Vorzimmer. Hier +brannte eine einsame, hohe Wachskerze, zu Füßen eines verlassenen steingrauen Heiligen mit zinnoberrotem Rock, -der in Verzückung ein Buch schwang. Hierauf schlug Petersen -den Teppich zurück. +der in Verzückung ein Buch schwang. Hierauf schlug Petersen +den Teppich zurück. </p> <p> -Der Rücken des Generals, etwas zusammengesunken -während der Unterhaltung mit Petersen — ob das Haar +Der Rücken des Generals, etwas zusammengesunken +während der Unterhaltung mit Petersen — ob das Haar von Butzi stammte oder nicht — straffte sich. </p> @@ -1015,7 +982,7 @@ das Rauchen —“ </p> <p> -„— täglich sterben Hunderte —“ +„— täglich sterben Hunderte —“ </p> <p> @@ -1025,12 +992,12 @@ Otto!“ <p> Und Petersen schlug den zweiten, gelbseidenen Vorhang -zurück. +zurück. </p> <p> <a id="page-24" class="pagenum" title="24"></a> -Augenblicklich stürzte der belgische Griffon kläffend +Augenblicklich stürzte der belgische Griffon kläffend heraus. (Er war mit Exzellenz verfeindet!) </p> @@ -1044,7 +1011,7 @@ Die Offiziere schnellten von ihren Sesseln empor. <p class="first"> <span class="firstchar">D</span>ora trug die kleinen mattgelben Perlen in den Ohren, -nicht die Boutons, die von früher stammten! Der +nicht die Boutons, die von früher stammten! Der General sah es auf den ersten Blick. </p> @@ -1055,53 +1022,53 @@ aber sie blieben trotzdem — kalt. </p> <p> -Dora glühte im Schein der großen Purpurlampe, ihre -Arme und Hände leuchteten wie Korallen, und in ihrem +Dora glühte im Schein der großen Purpurlampe, ihre +Arme und Hände leuchteten wie Korallen, und in ihrem durchsichtigen feinen Ohr schimmerten in der Tat -kleine gelbe Perlen. Aus dem Halbdämmer des Zeltes -hoben sich die drei schwarzgekleideten Damen Sterne-Dönhoff, -schmal, steif, todernst. (Major Sterne-Dönhoff +kleine gelbe Perlen. Aus dem Halbdämmer des Zeltes +hoben sich die drei schwarzgekleideten Damen Sterne-Dönhoff, +schmal, steif, todernst. (Major Sterne-Dönhoff war vor einem halben Jahr gefallen.) Aus einem Spiegel funkelten bleiche Gesichter, fahl im Scheine der blauen -Ampel. Diese Gesichter verwirrten den General, so daß -er seine Gratulation etwas steifer und förmlicher vorbrachte, -als er es wünschte. +Ampel. Diese Gesichter verwirrten den General, so daß +er seine Gratulation etwas steifer und förmlicher vorbrachte, +als er es wünschte. </p> <p> -Erst jetzt bemerkte er, daß Hauptmann Wunderlich, -einer der drei anwesenden Offiziere, ein Freund des Dönhoffschen +Erst jetzt bemerkte er, daß Hauptmann Wunderlich, +einer der drei anwesenden Offiziere, ein Freund des Dönhoffschen Hauses, noch immer stand. Er hielt sich an den Lehnen des Sessels aufrecht, denn er war lahm geschossen und -ging an Krücken. +ging an Krücken. </p> <p> -Erst jetzt bemerkte er die zarte, ätherische Dame mit -dem langen Gesicht, die Kinn und Näschen in den Muff -drückte, neben Dora saß sie auf dem Diwan — ah, welche -Überraschung, welch freudige und ungeahnte Überraschung! +Erst jetzt bemerkte er die zarte, ätherische Dame mit +dem langen Gesicht, die Kinn und Näschen in den Muff +drückte, neben Dora saß sie auf dem Diwan — ah, welche +Überraschung, welch freudige und ungeahnte Überraschung! </p> <p> -„Es ist in der Tat kein Scherz, gnädige Frau, mit dieser +„Es ist in der Tat kein Scherz, gnädige Frau, mit dieser Grippe —“ </p> <p> -„Ich hörte es von einem Krankenhausarzt — einhundertvierzig +„Ich hörte es von einem Krankenhausarzt — einhundertvierzig Tote gestern — und wie gesagt, gar keine Grippe, sondern die Lungenpest —“ </p> <p> <a id="page-25" class="pagenum" title="25"></a> -„Man sagt es ja nur, man schwätzt —“ +„Man sagt es ja nur, man schwätzt —“ </p> <p> „Derselbe Arzt versicherte es mir. Die Lungen sind -völlig mit weißen Bläschen bedeckt und vereitert.“ +völlig mit weißen Bläschen bedeckt und vereitert.“ </p> <p> @@ -1125,109 +1092,109 @@ General. Otto, der Sohn des Generals, sprach mit lauter, heller Stimme, die stets etwas keck klang, selbst wenn er die harmlosesten Dinge sagte. Er sah seinem Vater auffallend -ähnlich. Groß, das gebräunte Gesicht breit und brutal, +ähnlich. Groß, das gebräunte Gesicht breit und brutal, die Augen hell und verwegen, aber voller Unruhe. An -der Stirne, dicht neben den blonden, glänzenden Schläfenhaaren, -hatte er eine Narbe, die von einem Kopfschuß herrührte, +der Stirne, dicht neben den blonden, glänzenden Schläfenhaaren, +hatte er eine Narbe, die von einem Kopfschuß herrührte, den er im Mai 1915 bei Ypern erhielt. Damals lag er ein halbes Jahr im Lazarett — aber so gering war -die Eile der internationalen Generalität, daß er sein Regiment +die Eile der internationalen Generalität, daß er sein Regiment im Herbst noch an genau derselben Stelle vorfand, -wo man ihn im Frühjahr weggetragen hatte. Er saß mit -einer gewissen Ungeniertheit (die dem General mißfiel) -im Sessel, frei und selbstgefällig, die Brust voller Auszeichnungen -— im Gegensatz zum jungen Heinz Sterne-Dönhoff, +wo man ihn im Frühjahr weggetragen hatte. Er saß mit +einer gewissen Ungeniertheit (die dem General mißfiel) +im Sessel, frei und selbstgefällig, die Brust voller Auszeichnungen +— im Gegensatz zum jungen Heinz Sterne-Dönhoff, der, ganz wie seine Schwestern in Schwarz, -bescheiden und steif dasaß. Dieser Heinz war noch ein +bescheiden und steif dasaß. Dieser Heinz war noch ein Knabe, schlank und zart, noch nicht neunzehn Jahre. Er trug Feldgrau und — seit heute — das Abzeichen des -Flugzeugführers. Er war indessen noch nicht im Felde -gewesen und lebte in der beständigen Angst, der Krieg könnte -zu Ende gehen, bevor die Reihe an ihn käme. Er hatte den -roten Mund eines Knaben, noch umschwebt vom Lächeln +Flugzeugführers. Er war indessen noch nicht im Felde +gewesen und lebte in der beständigen Angst, der Krieg könnte +zu Ende gehen, bevor die Reihe an ihn käme. Er hatte den +roten Mund eines Knaben, noch umschwebt vom Lächeln der Kindheit. Unausgesetzt waren seine blauen, strahlenden Knabenaugen voller Ehrfurcht auf den General gerichtet, auf seine Ordensschnalle, den gestickten Kragen und das -weiße große Emaillekreuz, das er am Kragen trug. Was +weiße große Emaillekreuz, das er am Kragen trug. Was <a id="page-26" class="pagenum" title="26"></a> -für ein Orden mochte es wohl sein? Seit dem Eintritt des -Generals öffnete er den Mund nicht mehr, die Nähe eines -so hohen Vorgesetzten bedrückte ihn. Er saß, bereit, jeden +für ein Orden mochte es wohl sein? Seit dem Eintritt des +Generals öffnete er den Mund nicht mehr, die Nähe eines +so hohen Vorgesetzten bedrückte ihn. Er saß, bereit, jeden Augenblick aufzuspringen, wenn sich die Gelegenheit bieten sollte, dem General einen Dienst zu erweisen. </p> <p> -Mit großen grauen, etwas düsteren Katzenaugen saß -neben Dora Hauptmann Wunderlich. Blaß und mager, -sah er aus wie ein achtzehnjähriger Gymnasiast, der über -Nacht ergraut war. Er lächelte nie, und wenn er — selten, -ganz selten — einmal lächelte, so war es das Gespenst -von einem Lächeln, das niemand ertrug. Seine gleichmäßige +Mit großen grauen, etwas düsteren Katzenaugen saß +neben Dora Hauptmann Wunderlich. Blaß und mager, +sah er aus wie ein achtzehnjähriger Gymnasiast, der über +Nacht ergraut war. Er lächelte nie, und wenn er — selten, +ganz selten — einmal lächelte, so war es das Gespenst +von einem Lächeln, das niemand ertrug. Seine gleichmäßige Miene forderte indessen auf, sich nicht im geringsten -durch ihn stören zu lassen. Der Blick seiner Augen glitt in -die Ferne. Auch während er sprach, schien er zu Leuten +durch ihn stören zu lassen. Der Blick seiner Augen glitt in +die Ferne. Auch während er sprach, schien er zu Leuten irgendwo in der Ferne zu reden und nicht zu den Anwesenden. An seiner linken, mit einem goldenen Armband -geschmückten Hand fehlten einige Finger. +geschmückten Hand fehlten einige Finger. </p> <p> -Hinter seinem Sessel lehnten die Krücken, womit er -sich, nur mit einem Fuß den Boden berührend, wie eine +Hinter seinem Sessel lehnten die Krücken, womit er +sich, nur mit einem Fuß den Boden berührend, wie eine Glocke dahinschwang. Hauptmann Wunderlich war schon in den ersten Wochen des Krieges durch einen schweren -Brustschuß außer Gefecht gesetzt worden. Ein Jahr später -wurden ihm in Rußland beide Beine zerschmettert. Hierauf -ging er zur Fliegerwaffe über. Er war heute einer der -bekanntesten Menschenjäger in der Luft. Er wurde in die +Brustschuß außer Gefecht gesetzt worden. Ein Jahr später +wurden ihm in Rußland beide Beine zerschmettert. Hierauf +ging er zur Fliegerwaffe über. Er war heute einer der +bekanntesten Menschenjäger in der Luft. Er wurde in die Maschine gehoben. </p> <p> -Frau v. Sterne-Dönhoff mit ihren Töchtern, aus dem -Halbdämmer sich abhebend — mit flachen Hüten, enganliegenden -Kostümen, langen Gesichtern, steif, still, langweilig. +Frau v. Sterne-Dönhoff mit ihren Töchtern, aus dem +Halbdämmer sich abhebend — mit flachen Hüten, enganliegenden +Kostümen, langen Gesichtern, steif, still, langweilig. Nur selten warfen sie ein Wort in die Unterhaltung. -Sie trugen schwarze, sehr enge Glacéhandschuhe. +Sie trugen schwarze, sehr enge Glacéhandschuhe. </p> <p> -Und jene andere Dame, die Ätherische, die Kinn und -Nase in den Muff drückte und neben Dora auf dem breiten -Diwan saß, die spitzen Knie hochgezogen? Jene Dame, -über deren Besuch der General so erfreut und überrascht war? +Und jene andere Dame, die Ätherische, die Kinn und +Nase in den Muff drückte und neben Dora auf dem breiten +Diwan saß, die spitzen Knie hochgezogen? Jene Dame, +über deren Besuch der General so erfreut und überrascht war? </p> <p> <a id="page-27" class="pagenum" title="27"></a> -Es war eine Gräfin Heller, soeben aus der Schweiz -zurückgekommen. Gräfin Heller war Spiritistin, Theosophin +Es war eine Gräfin Heller, soeben aus der Schweiz +zurückgekommen. Gräfin Heller war Spiritistin, Theosophin — alles Dinge, die den General nicht im geringsten -interessierten. Sie war darüber hinaus die Schwester jenes +interessierten. Sie war darüber hinaus die Schwester jenes — eben jenes „Schurken“, wie ihn der General in Gedanken -nannte. Jener einflußreichen Persönlichkeit, deren Name -in der Gesellschaft nur flüsternd ausgesprochen wurde. Seine -Majestät hat ihm höchst eigenhändig — wissen Sie . . . -Der General hatte nicht ahnen können, sie hier zu treffen. -Solche Zufälle gibt es! Aber vielleicht hatte Dora ihre -Hand dabei im Spiel? Dora, die mit ihrem künstlerischen -Naturell auf rätselhafte Weise die Gedanken ihrer Mitmenschen +nannte. Jener einflußreichen Persönlichkeit, deren Name +in der Gesellschaft nur flüsternd ausgesprochen wurde. Seine +Majestät hat ihm höchst eigenhändig — wissen Sie . . . +Der General hatte nicht ahnen können, sie hier zu treffen. +Solche Zufälle gibt es! Aber vielleicht hatte Dora ihre +Hand dabei im Spiel? Dora, die mit ihrem künstlerischen +Naturell auf rätselhafte Weise die Gedanken ihrer Mitmenschen erriet und alles so wunderbar zu arrangieren verstand? Wie? </p> <p> -„Ich hatte in der Tat nicht vermutet, Gräfin, Sie heute +„Ich hatte in der Tat nicht vermutet, Gräfin, Sie heute zu sehen!“ wandte sich der General mit allen Zeichen der -freudigen Überraschung, die bei jeder Anrede neu auflebte, -an sie. „Sie waren lange weg. Wie gefällt es Ihnen +freudigen Überraschung, die bei jeder Anrede neu auflebte, +an sie. „Sie waren lange weg. Wie gefällt es Ihnen wieder in Deutschland?“ </p> <p> -Gräfin Heller lächelte und schob Butzi ein Stückchen -Torte zwischen die scharfen, schneeweißen Zähnchen. „Ich +Gräfin Heller lächelte und schob Butzi ein Stückchen +Torte zwischen die scharfen, schneeweißen Zähnchen. „Ich finde es ent—setz—lich!“ </p> @@ -1240,17 +1207,17 @@ finde es ent—setz—lich!“ </p> <p> -Der General lächelte nachsichtig. Bei einer Dame des -hohen Adels, des höchsten Adels, der Schwester einer solch -hochgestellten Persönlichkeit, mußte man wohl einige +Der General lächelte nachsichtig. Bei einer Dame des +hohen Adels, des höchsten Adels, der Schwester einer solch +hochgestellten Persönlichkeit, mußte man wohl einige Wunderlichkeiten in Kauf nehmen — noch dazu bei einer -Dame, die mit dem Geist Friedrichs des Großen in okkulter +Dame, die mit dem Geist Friedrichs des Großen in okkulter Verbindung stand. </p> <p> -In diesem Augenblick überbrachte Petersen ein Telegramm. -Dora errötete, als sie es öffnete. Es enthielt nur +In diesem Augenblick überbrachte Petersen ein Telegramm. +Dora errötete, als sie es öffnete. Es enthielt nur wenige Worte, wie man sehen konnte. </p> @@ -1268,46 +1235,46 @@ Die Unterhaltung geriet ins Stocken. </h3> <p class="first"> -<span class="firstchar">I</span>n der Tat, das Telegramm — das Dora lässig zusammenfaltete +<span class="firstchar">I</span>n der Tat, das Telegramm — das Dora lässig zusammenfaltete und in eine kleine japanische Lackschale legte — -kam aus dem Felde. Hauptmann Dönhoff hatte es heute +kam aus dem Felde. Hauptmann Dönhoff hatte es heute morgen abgeschickt, und eben jetzt dachte er, ob das Telegramm -wohl schon angekommen sei. Beinahe nämlich hätte +wohl schon angekommen sei. Beinahe nämlich hätte er Doras Geburtstag vergessen. Erst in der Nacht, als er durch einen dumpfkrachenden Einschlag geweckt wurde, war es ihm eingefallen und er hatte sich sofort eine Notiz -gemacht. Sein Gedächtnis war im Laufe der Kriegsjahre -völlig geschwunden. +gemacht. Sein Gedächtnis war im Laufe der Kriegsjahre +völlig geschwunden. </p> <p> -Er saß mit seinem Adjutanten Kammerer in seinem +Er saß mit seinem Adjutanten Kammerer in seinem Unterstand, zwei Meter unter der Erde, mitten in den Finsternissen des Argonner Waldes. Eine kleine Petroleumlampe, -ein eiserner Ofen, der immer glühte, ein -Telephon, zwei Pritschen und allerlei Gerümpel, das war -die Ausstattung. Die Wände schwitzten von Nässe. Kammerer -war eifrig damit beschäftigt, seine kurze Stummelpfeife -zu reinigen. Er bediente sich einer Krähenfeder, die -er — da draußen — gefunden hatte. Dönhoff, der -Batteriechef, tat gar nichts, er gähnte zuweilen, gähnte. -Er war nicht schläfrig, sondern nur müde, immerzu -müde. +ein eiserner Ofen, der immer glühte, ein +Telephon, zwei Pritschen und allerlei Gerümpel, das war +die Ausstattung. Die Wände schwitzten von Nässe. Kammerer +war eifrig damit beschäftigt, seine kurze Stummelpfeife +zu reinigen. Er bediente sich einer Krähenfeder, die +er — da draußen — gefunden hatte. Dönhoff, der +Batteriechef, tat gar nichts, er gähnte zuweilen, gähnte. +Er war nicht schläfrig, sondern nur müde, immerzu +müde. </p> <p> -In der Ferne brummte ein schweres Geschütz. Ganz -deutlich war sein tiefes mächtiges Raubtierknurren aus -dem Lärm, dem Knacken und Donnern der fernen und -nahen Geschütze herauszuhören. +In der Ferne brummte ein schweres Geschütz. Ganz +deutlich war sein tiefes mächtiges Raubtierknurren aus +dem Lärm, dem Knacken und Donnern der fernen und +nahen Geschütze herauszuhören. </p> <p> -Hauptmann Dönhoff hob horchend das gelbe Gesicht. +Hauptmann Dönhoff hob horchend das gelbe Gesicht. </p> <p> -„Hören Sie? Da ist er wieder!“ +„Hören Sie? Da ist er wieder!“ </p> <p> @@ -1316,14 +1283,14 @@ bei der Arbeit. </p> <p> -„Er schießt jetzt wieder öfter mit dem schweren Geschütz“, +„Er schießt jetzt wieder öfter mit dem schweren Geschütz“, erwiderte er leichthin. „Sie haben mehr Munition.“ </p> <p> -Die Erde zitterte, und ein lautes Krachen ertönte, Hauptmann +Die Erde zitterte, und ein lautes Krachen ertönte, Hauptmann <a id="page-29" class="pagenum" title="29"></a> -Dönhoff lachte belustigt. „Da, da,“ sagte er, „er +Dönhoff lachte belustigt. „Da, da,“ sagte er, „er streut jetzt unsere Kuppe ab.“ </p> @@ -1331,7 +1298,7 @@ streut jetzt unsere Kuppe ab.“ Kammerer antwortete hierauf nichts mehr. Er blies voller Anstrengung in das verstopfte Pfeifenrohr. Der braune Tabaksaft quoll heraus, aber, der Teufel, immer -noch mußte etwas im Rohr stecken. +noch mußte etwas im Rohr stecken. </p> <p> @@ -1339,51 +1306,51 @@ noch mußte etwas im Rohr stecken. </p> <p> -„Es muß auch so gehen —“ +„Es muß auch so gehen —“ </p> <p> -Wieder gähnte Hauptmann Dönhoff. Seine Zähne +Wieder gähnte Hauptmann Dönhoff. Seine Zähne waren gelb und schlecht gepflegt. </p> <p> Hier in diesem verfluchten Wald wurde man, mit Respekt -zu sagen, langsam zu einem Schwein. Über ein Jahr lag +zu sagen, langsam zu einem Schwein. Über ein Jahr lag er mit seiner Batterie an der gleichen Stelle. Neulich sah es so aus, als ob sie nach der Champagne kommen sollten — aber es war wieder nichts daraus geworden. Auch die Champagne war kein Paradies, aber es gab wenigstens -Licht dort — hier war es immer düster. +Licht dort — hier war es immer düster. </p> <p> Tag und Nacht hallte dieser finstere Wald wider von -einem unheimlichen Dröhnen und Rasseln, Lachen, Niesen +einem unheimlichen Dröhnen und Rasseln, Lachen, Niesen und Husten. Tag und Nacht strichen winselnde und klagende -Stahlvögel über ihn dahin, und das Rasseln der Maschinengewehre -hämmerte hundertfach verstärkt in den Waldschluchten -— bis plötzlich alle Lärme von einem einzigen -großen Lärm sekundenlang übertönt wurden. Gestern ist -die Eiche vor dem Unterstand zersplittert, heute stürzte +Stahlvögel über ihn dahin, und das Rasseln der Maschinengewehre +hämmerte hundertfach verstärkt in den Waldschluchten +— bis plötzlich alle Lärme von einem einzigen +großen Lärm sekundenlang übertönt wurden. Gestern ist +die Eiche vor dem Unterstand zersplittert, heute stürzte eine hohe Tanne zu Boden. Die Splitter leuchten in der -Finsternis. Der Regen rauscht, Ströme von Lehm fließen -die schmalen Knüppelwege hinab, die die Soldaten durch +Finsternis. Der Regen rauscht, Ströme von Lehm fließen +die schmalen Knüppelwege hinab, die die Soldaten durch das Dickicht geschlagen haben. Zuweilen trifft man auch -ein menschenähnliches Wesen, bis an die Augen mit Lehm -beschmiert. Zuweilen schleppen sich auch Trüppchen von -Gespenstern, mit blutigen Binden an Köpfen und Armen, -die Knüppelwege hinunter — nein, pfui, der Wald ist kein -Platz für einen Gentleman! +ein menschenähnliches Wesen, bis an die Augen mit Lehm +beschmiert. Zuweilen schleppen sich auch Trüppchen von +Gespenstern, mit blutigen Binden an Köpfen und Armen, +die Knüppelwege hinunter — nein, pfui, der Wald ist kein +Platz für einen Gentleman! </p> <p> -Hauptmann Dönhoff denkt an Sonne — an eine Wüste, +Hauptmann Dönhoff denkt an Sonne — an eine Wüste, <a id="page-30" class="pagenum" title="30"></a> in der Sonne, flimmernd von Licht, zitternd, vibrierend -vor Hitze. Es würde ihm direkt Vergnügen machen, einmal -tüchtig in der Sonne zu schwitzen. Und plötzlich kommt -ihm Dora in den Sinn. Das Telegramm mußte nun wohl +vor Hitze. Es würde ihm direkt Vergnügen machen, einmal +tüchtig in der Sonne zu schwitzen. Und plötzlich kommt +ihm Dora in den Sinn. Das Telegramm mußte nun wohl da sein. Langsam kriechen die Gedanken. </p> @@ -1409,43 +1376,43 @@ da sein. Langsam kriechen die Gedanken. </p> <p> -Was will er? dachte Dönhoff und erinnerte sich an das, +Was will er? dachte Dönhoff und erinnerte sich an das, was man ihm berichtet hatte. Was beabsichtigt er? Dora? Erwachsene Kinder — man kann nie wissen. Dora drang darauf, -daß er bald nach Berlin käme — es fehlte noch eine Unterschrift +daß er bald nach Berlin käme — es fehlte noch eine Unterschrift in der Urkunde — gut, an ihm sollte es nicht liegen. </p> <p> -Kammerer strahlte. Plötzlich pfiff die Luft durch das +Kammerer strahlte. Plötzlich pfiff die Luft durch das Pfeifenrohr. „So, das Kind hat Luft —“ </p> <p> -Das Telephon tutete. Die Beobachtung meldete, daß -der Feind in der neuen Sappe unverschämt arbeite. +Das Telephon tutete. Die Beobachtung meldete, daß +der Feind in der neuen Sappe unverschämt arbeite. </p> <p> -Schon trillert Kammerers Pfeife draußen im Wald. -Die Geschütze der Batterie Dönhoff sind über eine weite +Schon trillert Kammerers Pfeife draußen im Wald. +Die Geschütze der Batterie Dönhoff sind über eine weite Strecke verteilt und erst zu erkennen, als die dunkeln Rohre -sich plötzlich bewegen. Hier im Wald ist es schon ganz -düster, aber draußen bei der Beobachtung sind im Scherenfernrohr +sich plötzlich bewegen. Hier im Wald ist es schon ganz +düster, aber draußen bei der Beobachtung sind im Scherenfernrohr noch deutlich die Nebelgestalten zu unterscheiden, die dicht am Waldrande bei Boureuille Erde aufwerfen. </p> <p> -Da donnern auch schon die Geschütze. Wütend, mit -kurzen harten Schlägen, und das Echo rollt breit und -drohend dahin. Die Petroleumlampe schwankt, während -Hauptmann Dönhoff müde die Augen schließt und gähnt. +Da donnern auch schon die Geschütze. Wütend, mit +kurzen harten Schlägen, und das Echo rollt breit und +drohend dahin. Die Petroleumlampe schwankt, während +Hauptmann Dönhoff müde die Augen schließt und gähnt. </p> <p> -Nun rieselt es draußen im Wald wie Regen. Die welken -Blätter, die noch an den Bäumen hängen, fallen, von den +Nun rieselt es draußen im Wald wie Regen. Die welken +Blätter, die noch an den Bäumen hängen, fallen, von den Luftwirbeln losgerissen, zu Boden. </p> @@ -1455,14 +1422,14 @@ Luftwirbeln losgerissen, zu Boden. </p> <p class="first"> -<span class="firstchar"><span class="prefirstchar">„</span>U</span>nd Ruth? Wo ist Ruth?“ fragte Gräfin Heller. „Weshalb +<span class="firstchar"><span class="prefirstchar">„</span>U</span>nd Ruth? Wo ist Ruth?“ fragte Gräfin Heller. „Weshalb ist sie nicht gekommen?“ </p> <p> -„Sie hat immer mit ihrer Küche zu tun.“ Ruth, die -Tochter des Generals, arbeitete in einer Mittelstandsküche, -ehrenamtlich natürlich, nicht gegen Bezahlung. +„Sie hat immer mit ihrer Küche zu tun.“ Ruth, die +Tochter des Generals, arbeitete in einer Mittelstandsküche, +ehrenamtlich natürlich, nicht gegen Bezahlung. </p> <p> @@ -1470,8 +1437,8 @@ ehrenamtlich natürlich, nicht gegen Bezahlung. </p> <p> -Verführerisch war Doras Teetisch gedeckt, Blumen, -Kuchen, Konfitüren. +Verführerisch war Doras Teetisch gedeckt, Blumen, +Kuchen, Konfitüren. </p> <p> @@ -1481,93 +1448,93 @@ verlobt. Er war zurzeit in Bukarest bei der Verwaltung. </p> <p> -„Ich weiß es nicht“, erwiderte der General und schüttelte +„Ich weiß es nicht“, erwiderte der General und schüttelte den Kopf. „Im Sommer wahrscheinlich. Ruth hat Lust, -bis zum Frieden zu warten, wie mir scheint. Ich kümmere -mich grundsätzlich nicht um die Angelegenheiten meiner +bis zum Frieden zu warten, wie mir scheint. Ich kümmere +mich grundsätzlich nicht um die Angelegenheiten meiner Kinder —“ </p> <p> -Butzi, einem alternden übellaunigen Löwen lächerlichen -Formats ähnlich, saß auf dem Schoß seiner Herrin und -betrachtete aufmerksam, mit nachdenklich gekräuselter Stirn +Butzi, einem alternden übellaunigen Löwen lächerlichen +Formats ähnlich, saß auf dem Schoß seiner Herrin und +betrachtete aufmerksam, mit nachdenklich gekräuselter Stirn den General, seinen Feind, dessen blanken Stiefeln nahezukommen -gefährlich war. +gefährlich war. </p> <p> Krieg, Nahrung, Politik — in jeder Gesellschaft, sobald nur zwei Menschen zusammentrafen, versank man rettungslos augenblicklich in das gleiche Thema. Verzweifelte Anstrengungen, -die Blicke glitten in die Ferne, ein Lächeln -versuchte die Mienen zu verklären — gewiß, es gab Himmel -und Hölle im menschlichen Herzen, Engel und Teufel +die Blicke glitten in die Ferne, ein Lächeln +versuchte die Mienen zu verklären — gewiß, es gab Himmel +und Hölle im menschlichen Herzen, Engel und Teufel wandelten auf der Erde, bestechend durch ihre Liebe und -ihre Kraft, ewig unergründliche Probleme bewegten unsichtbar +ihre Kraft, ewig unergründliche Probleme bewegten unsichtbar die Jahrhunderte — immer noch flog die Sonne, -ein Ball überhitzter Gase, samt ihren winzigen Planeten +ein Ball überhitzter Gase, samt ihren winzigen Planeten mit der Geschwindigkeit von zwanzigtausend Sekundenmetern, -unfaßbar, dem Sternbild der Leier zu — immer -noch war das Einfachste nicht ergründet, die Vergangenheit +unfaßbar, dem Sternbild der Leier zu — immer +noch war das Einfachste nicht ergründet, die Vergangenheit <a id="page-32" class="pagenum" title="32"></a> -rätselhaft, die Zukunft undurchdringlich, die Gegenwart +rätselhaft, die Zukunft undurchdringlich, die Gegenwart unbegreiflich, immer noch schaukelte der Mensch, ein Atom, -nicht einmal ein Atom, über den Abgründen der Mysterien, +nicht einmal ein Atom, über den Abgründen der Mysterien, voller Entsetzen, voller Hoffen — immer noch war alles -geheimnisvoll, unfaßbar. Noch immer versank der Mensch -jede Nacht in einen erschreckenden Zustand der Bewußtlosigkeit. -Noch immer war die Liebe, die mütterliche, +geheimnisvoll, unfaßbar. Noch immer versank der Mensch +jede Nacht in einen erschreckenden Zustand der Bewußtlosigkeit. +Noch immer war die Liebe, die mütterliche, unbegreifliche, offenbart im winzigen Insekt, in Doras Lachen -und selbst in den ernsten Gesichtern der Damen Sterne-Dönhoff -— noch immer war sie allgegenwärtig — gewiß! -Aber doch — gänzlich hoffnungslos. Es war wie die -Verdammnis selbst! Das verklärende Lächeln erlosch, der Blick -flüchtete erschrocken zurück — nichts blieb: Politik, Krieg, +und selbst in den ernsten Gesichtern der Damen Sterne-Dönhoff +— noch immer war sie allgegenwärtig — gewiß! +Aber doch — gänzlich hoffnungslos. Es war wie die +Verdammnis selbst! Das verklärende Lächeln erlosch, der Blick +flüchtete erschrocken zurück — nichts blieb: Politik, Krieg, Nahrung. </p> <p> Das politische Schicksal — die Summe der menschlichen -Schwächen und Irrtümer — hatte die Gedanken versteinert. +Schwächen und Irrtümer — hatte die Gedanken versteinert. Die Staubschicht der Schlachtfelder, die bis an die Grenze -der Atmosphäre hochstieg, lastete wie ein Gebirge auf +der Atmosphäre hochstieg, lastete wie ein Gebirge auf den Gehirnen, vom Atlantik bis zum Pazifik — die Gehirne -bewegten sich nicht mehr. Butzi allein führte sein eigenes +bewegten sich nicht mehr. Butzi allein führte sein eigenes geistiges Leben weiter. Weshalb, zum Beispiel, durfte man den Hosen mit den roten Streifen nicht zu nahe kommen? Weshalb zuckte die Stiefelspitze, wenn man mit der Zunge -den Glanz der Stiefel berühren wollte? Antworte, gerechter +den Glanz der Stiefel berühren wollte? Antworte, gerechter Himmel! Wonach roch er? Nach, um es kurz zu sagen, -Gleichgültigkeit und Verachtung. Er liebte Hunde nicht. -Und plötzlich, ohne es selbst zu wollen, knurrte Butzi, ohne -zu wissen, was er tat und weshalb plötzlich der Zorn in seinem +Gleichgültigkeit und Verachtung. Er liebte Hunde nicht. +Und plötzlich, ohne es selbst zu wollen, knurrte Butzi, ohne +zu wissen, was er tat und weshalb plötzlich der Zorn in seinem kleinen Stahlherzen klopfte. </p> <p> Butzi bekam sofort eine Ohrfeige. Aber das nahm er -nicht übel. Denn es war ja seine Herrin, deren Lachen +nicht übel. Denn es war ja seine Herrin, deren Lachen er liebte, deren Geruch er liebte — sie, die Freundschaft -fühlte für die Hunde, Liebe. Die Wohltäterin und Heilige -— obschon diese kläffenden Ungeheuer sie vielleicht für -verworfen hielten — für schamlos — für . . . +fühlte für die Hunde, Liebe. Die Wohltäterin und Heilige +— obschon diese kläffenden Ungeheuer sie vielleicht für +verworfen hielten — für schamlos — für . . . </p> <p> <a id="page-33" class="pagenum" title="33"></a> Nein, Butzi verstand die unartikulierten Laute dieser -kläffenden Ungeheuer nicht. Er begriff ihren Eifer nicht, -ihre Erregung. Offensive, die bevorstehende große Offensive +kläffenden Ungeheuer nicht. Er begriff ihren Eifer nicht, +ihre Erregung. Offensive, die bevorstehende große Offensive — der Entscheidungsschlag. Unbegreiflich! Der Herr mit den roten Streifen glaubte nicht an die Amerikaner, -und die Damen lächelten. Wie beliebt? Bluff, mit einem -Wort. Er gestand, daß er besorgt war — besorgt, nicht -mehr! Hätten sie sich auf Spezialwaffen beschränkt — -Fliegertruppen, Automobilkorps, Artillerie — er hätte -vor Angst gefiebert. Aber eine Armee? Unmöglich! -Woher das Offizierkorps nehmen? Nun, die Rüstungen -galten ja gar nicht uns! Nein! Der größte und geschickteste +und die Damen lächelten. Wie beliebt? Bluff, mit einem +Wort. Er gestand, daß er besorgt war — besorgt, nicht +mehr! Hätten sie sich auf Spezialwaffen beschränkt — +Fliegertruppen, Automobilkorps, Artillerie — er hätte +vor Angst gefiebert. Aber eine Armee? Unmöglich! +Woher das Offizierkorps nehmen? Nun, die Rüstungen +galten ja gar nicht uns! Nein! Der größte und geschickteste Bluff der Geschichte. </p> @@ -1578,18 +1545,18 @@ wandte ihm den Blick zu, und er schwieg. <p> Und die Transportfrage, ich bitte? Willkommene Beute -für unsere U-Boote, so sagte der Minister. +für unsere U-Boote, so sagte der Minister. </p> <p> Die Damen hingen an den Lippen des Generals. Ihr -Atem ging plötzlich leichter. Gräfin Heller beliebte die +Atem ging plötzlich leichter. Gräfin Heller beliebte die Zwischenfrage: ob das Volk — so ganz im allgemeinen —? </p> <p> Der Herr mit den roten Streifen runzelte vorwurfsvoll -die Stirn. Dann lösten sich seine Züge zu beschämender +die Stirn. Dann lösten sich seine Züge zu beschämender Zuversicht. </p> @@ -1598,41 +1565,41 @@ Zuversicht. wollen — wie herrlich dieses Volk ist. Einer meiner Burschen, er begleitete mich durch den ganzen Feldzug, Jakob mit dem Familiennamen, ein Bauernsohn. Ich frage ihn, ob er -nicht gerne wieder dabei wäre, da draußen, wenn es nun -wieder losgeht? Natürlich möchte er das! Er strahlt über +nicht gerne wieder dabei wäre, da draußen, wenn es nun +wieder losgeht? Natürlich möchte er das! Er strahlt über das ganze Gesicht! Sie sollten dieses Strahlen gesehen -haben, Gräfin! Aber, sage ich, höre, wenn ich dich nun hier +haben, Gräfin! Aber, sage ich, höre, wenn ich dich nun hier brauche? — Langes, tiefes Sinnen. Das echt deutsche tiefe Sinnen! — Dann bleibe ich bei Herrn General! — -Gräfin, zwei der augenfälligsten deutschen Charakterzüge -mögen Sie in dieser kleinen Szene erkennen: die dem +Gräfin, zwei der augenfälligsten deutschen Charakterzüge +mögen Sie in dieser kleinen Szene erkennen: die dem <a id="page-34" class="pagenum" title="34"></a> Deutschen angeborene Kampfesfreude und seine Mannestreue —“ </p> <p> -Die Gräfin blinzelte lächelnd mit den gepuderten Wimpern. +Die Gräfin blinzelte lächelnd mit den gepuderten Wimpern. Immer noch spricht der General. Jedes seiner Worte -atmet Zuversicht. Heute abend wird Gräfin Heller jede -Einzelheit des Gesprächs jener einflußreichen Persönlichkeit -berichten. Jedermann weiß das. Der hohe Würdenträger -ist vorzüglich informiert über die Meinungen aller -Persönlichkeiten, die eine Rolle im öffentlichen Leben -spielen. Sein Lächeln ist — tödlich. Ein anerkennendes Wort +atmet Zuversicht. Heute abend wird Gräfin Heller jede +Einzelheit des Gesprächs jener einflußreichen Persönlichkeit +berichten. Jedermann weiß das. Der hohe Würdenträger +ist vorzüglich informiert über die Meinungen aller +Persönlichkeiten, die eine Rolle im öffentlichen Leben +spielen. Sein Lächeln ist — tödlich. Ein anerkennendes Wort seiner schmalen Lippen mehr wert als eine gewonnene -Schlacht. Sehr wohl weiß der General, daß man <em>dort</em> +Schlacht. Sehr wohl weiß der General, daß man <em>dort</em> nur einen gesunden Optimismus liebt. </p> <p> -Butzi ringelte sich resigniert auf dem warmen Schoß +Butzi ringelte sich resigniert auf dem warmen Schoß der Herrin zusammen. </p> <p> Reserven, ungeheure Reserven. Gestaffelt bis Frankfurt, -Mainz, selbst Münster ist Etappe. Alles was in Rußland +Mainz, selbst Münster ist Etappe. Alles was in Rußland war — die neuen Mannschaften — eine Millionenarmee, furchtbar und stark wie am Anfang des Krieges. Wie eine unheimliche Flutwelle wird die Armee vorrollen, @@ -1641,28 +1608,28 @@ alles niederwerfend — <p> Eine andere, etwas hellere und weniger trockene Stimme -sprach nunmehr. Es war der Mann mit den Krücken. -Die Augen der Majorin Sterne-Dönhoff leuchteten. Die -Gräfin schlürfte blinzelnd den Tee. +sprach nunmehr. Es war der Mann mit den Krücken. +Die Augen der Majorin Sterne-Dönhoff leuchteten. Die +Gräfin schlürfte blinzelnd den Tee. </p> <p> Ja, das Gas! Das Gas wird der Armee den Weg bereiten! -Das fürchterliche Gelbkreuz und Blaukreuz. Es -zerfrißt die Gasmasken, selbst Leder, jede Berührung, -auch die kleinste, ist tödlich. +Das fürchterliche Gelbkreuz und Blaukreuz. Es +zerfrißt die Gasmasken, selbst Leder, jede Berührung, +auch die kleinste, ist tödlich. </p> <p> -Die Gesichter strahlten, schon röteten sich die Wangen -der Schwestern Sterne-Dönhoff und des jungen Heinz -wie im Fieber. Der General blickte mißtrauisch zum gelbseidenen -Vorhang. Ob nicht ein Lauscher in der Nähe -sei, ein Dienstbote vielleicht. Er fand es im höchsten Grade -unvorsichtig von Hauptmann Wunderlich, über diese geheimen +Die Gesichter strahlten, schon röteten sich die Wangen +der Schwestern Sterne-Dönhoff und des jungen Heinz +wie im Fieber. Der General blickte mißtrauisch zum gelbseidenen +Vorhang. Ob nicht ein Lauscher in der Nähe +sei, ein Dienstbote vielleicht. Er fand es im höchsten Grade +unvorsichtig von Hauptmann Wunderlich, über diese geheimen <a id="page-35" class="pagenum" title="35"></a> Dinge so unumwunden zu sprechen — obschon -man ja, gewissermaßen, unter sich war. +man ja, gewissermaßen, unter sich war. </p> <p> @@ -1670,16 +1637,16 @@ Butzi war endlich eingeschlafen. </p> <p> -„Gebe Gott, daß es zu Ende geht“, sagte Gräfin Heller -mit einem tiefen Seufzer. „Ich möchte reisen!“ +„Gebe Gott, daß es zu Ende geht“, sagte Gräfin Heller +mit einem tiefen Seufzer. „Ich möchte reisen!“ </p> <p> -„Aber Sie können doch, Liebste? Sie reisen ja ununterbrochen!“ +„Aber Sie können doch, Liebste? Sie reisen ja ununterbrochen!“ </p> <p> -„Ich möchte nach Paris reisen!“ +„Ich möchte nach Paris reisen!“ </p> <p> @@ -1689,7 +1656,7 @@ mit einem tiefen Seufzer. „Ich möchte reisen!“ <p> Aber augenblicklich hatte der General seine Fassung wieder gefunden. Er beugte sich vor. „Sie werden nach -Paris reisen, Gräfin!“ versichert er mit Feierlichkeit in der +Paris reisen, Gräfin!“ versichert er mit Feierlichkeit in der Stimme. „Ich gebe Ihnen mein Wort!“ </p> @@ -1699,27 +1666,27 @@ Stimme. „Ich gebe Ihnen mein Wort!“ <p> „Ja“, fuhr der General mit derselben Feierlichkeit fort. -„Paris und Calais werden fallen, Gräfin, die Trümmer +„Paris und Calais werden fallen, Gräfin, die Trümmer der englischen Armee werden ins Meer geworfen — im Sommer werden wir in Paris den Frieden diktieren. -Dies ist meine heilige Überzeugung!“ +Dies ist meine heilige Überzeugung!“ </p> <p> -„Gott segne Sie, General!“ Gräfin Heller zog die kleine Hand +„Gott segne Sie, General!“ Gräfin Heller zog die kleine Hand aus dem Muff und streckte sie lachend dem General entgegen. </p> <p> -Diese kleine Unterbrechung — während sich der graue -Scheitel über die kleine Hand beugte — benutzte Otto. -Er erhob sich rasch, und auch Heinz schnellte in die Höhe. +Diese kleine Unterbrechung — während sich der graue +Scheitel über die kleine Hand beugte — benutzte Otto. +Er erhob sich rasch, und auch Heinz schnellte in die Höhe. Die beiden jungen Offiziere verabschiedeten sich. </p> <p> -Butzi erwachte, überzeugte sich, gegen den General -schielend, daß er noch blieb, und ringelte sich, ergeben in +Butzi erwachte, überzeugte sich, gegen den General +schielend, daß er noch blieb, und ringelte sich, ergeben in sein Schicksal, wieder zusammen. </p> @@ -1728,21 +1695,21 @@ sein Schicksal, wieder zusammen. </p> <p class="first"> -<span class="firstchar">O</span>tto beugte sich über Doras Hand, die wie eine Koralle -blühte, und seine hellen verwegenen Augen — doch -Dora wehrte lächelnd seinen Blick ab. +<span class="firstchar">O</span>tto beugte sich über Doras Hand, die wie eine Koralle +blühte, und seine hellen verwegenen Augen — doch +Dora wehrte lächelnd seinen Blick ab. </p> <p> „Leben Sie wohl, Otto — auf gesunde Wiederkehr!“ -sagte sie, und ihre Grübchen schimmerten. — +sagte sie, und ihre Grübchen schimmerten. — </p> <p> -„Ich hatte noch gar nicht Gelegenheit, Gräfin — mich +„Ich hatte noch gar nicht Gelegenheit, Gräfin — mich <a id="page-36" class="pagenum" title="36"></a> nach dem Befinden Seiner Exzellenz zu erkundigen — ich -darf doch hoffen, daß Seine Exzellenz —“ Die Stimme +darf doch hoffen, daß Seine Exzellenz —“ Die Stimme des Generals sank zu einem ehrfurchtsvollen Raunen herab. </p> @@ -1751,18 +1718,18 @@ des Generals sank zu einem ehrfurchtsvollen Raunen herab. Der Hofzug, wissen Sie — und ein feindlicher Flieger — eine Bombe — aber Gott sei Dank passierte nichts. Die Bombe traf, leider, einen Lazarettzug — die -Armen —.“ Die Gräfin aber hatte alles gefühlt. Zur selben +Armen —.“ Die Gräfin aber hatte alles gefühlt. Zur selben Stunde erwachte sie, im Traum erschreckt durch einen Feuerschein. So geheimnisvoll innig war die Verbindung zwischen ihr und ihrem Bruder. </p> <p> -Das Gesicht des Generals zeigte äußerste Bestürzung. +Das Gesicht des Generals zeigte äußerste Bestürzung. </p> <p> -„Ist es möglich — eine Bombe — und man erfährt es +„Ist es möglich — eine Bombe — und man erfährt es jetzt erst —? Wann?“ </p> @@ -1771,7 +1738,7 @@ jetzt erst —? Wann?“ </p> <p> -„Vor zehn Tagen! Und man — haben Sie gehört, Dora?“ +„Vor zehn Tagen! Und man — haben Sie gehört, Dora?“ </p> <p> @@ -1784,9 +1751,9 @@ Der General konnte es gar nicht fassen. <p class="first"> <span class="firstchar">D</span>ie beiden jungen Offiziere eilten mit raschen Schritten -die nasse dunkele Straße entlang. Beide waren verabredet, +die nasse dunkele Straße entlang. Beide waren verabredet, mit den Schwestern Klara und Hedi Westphal, -die zu Doras Kreis gehörten. Übrigens wußte keiner von +die zu Doras Kreis gehörten. Übrigens wußte keiner von des andern Rendezvous. Das ganz nebenbei. </p> @@ -1811,61 +1778,61 @@ Otto schlug den Kragen des Mantels hoch und fluchte. </p> <p> -„Dieses Geschwätz! Diese Teegesellschaft! — Ich gehe -übrigens links, Heinz. Ich muß zum Kaiserhof.“ Otto -machte erneut den Versuch, Heinz abzuschütteln, weil er +„Dieses Geschwätz! Diese Teegesellschaft! — Ich gehe +übrigens links, Heinz. Ich muß zum Kaiserhof.“ Otto +machte erneut den Versuch, Heinz abzuschütteln, weil er allein sein wollte. Was ahnte dieser Knabe —? </p> <p> <a id="page-37" class="pagenum" title="37"></a> Aber Heinz verstand ihn nicht. „Es ist einerlei, wo ich -einsteige. Das heißt natürlich, wenn ich lästig bin?“ +einsteige. Das heißt natürlich, wenn ich lästig bin?“ </p> <p> -Heinz hatte Mühe mitzukommen, denn Otto machte -rasende Fahrt. Mit Genuß atmete er die feuchte Luft ein, -die aus dem Tiergarten in alle Straßen dieses Viertels -strömte. Welcher Qualm bei Frau v. Dönhoff! Dora -rauchte englische, etwas parfümierte Zigaretten, sie bekam -sie jetzt noch — woher, das war rätselhaft, aber sie bekam -sie jedenfalls. Auch Heinz war glücklich, Doras Salon -entronnen zu sein. Die Nähe des Generals hatte ihn bedrückt. +Heinz hatte Mühe mitzukommen, denn Otto machte +rasende Fahrt. Mit Genuß atmete er die feuchte Luft ein, +die aus dem Tiergarten in alle Straßen dieses Viertels +strömte. Welcher Qualm bei Frau v. Dönhoff! Dora +rauchte englische, etwas parfümierte Zigaretten, sie bekam +sie jetzt noch — woher, das war rätselhaft, aber sie bekam +sie jedenfalls. Auch Heinz war glücklich, Doras Salon +entronnen zu sein. Die Nähe des Generals hatte ihn bedrückt. Er hatte auch nicht den Mund aufgetan und war sich albern, kindisch und ungeheuer dumm vorgekommen. Die Ordenssterne des Generals und besonders der gestickte Kragen (war ein Komet darauf gestickt oder was sonst -für eine sonderbare Sache?) hatten seine Phantasie verwirrt. -Glücklicherweise, ja, es war in der Tat ein Glück, -hatte ihn der General gar nicht beachtet. Nur bei der Begrüßung -hatte er ihm flüchtig die Hand gereicht und ihn +für eine sonderbare Sache?) hatten seine Phantasie verwirrt. +Glücklicherweise, ja, es war in der Tat ein Glück, +hatte ihn der General gar nicht beachtet. Nur bei der Begrüßung +hatte er ihm flüchtig die Hand gereicht und ihn mit jenem raschen Blick gestreift, mit dem hohe Offiziere -Untergebene in Gesellschaft begrüßen: kameradschaftlich, -verstehst du, aber welche Distanz! Übrigens, diese Hand -des Generals, sie war stählern und — eisig kalt. Nie -würde er diesen Händedruck vergessen. Schon aber kehrte -seine alte Sorge zurück. +Untergebene in Gesellschaft begrüßen: kameradschaftlich, +verstehst du, aber welche Distanz! Übrigens, diese Hand +des Generals, sie war stählern und — eisig kalt. Nie +würde er diesen Händedruck vergessen. Schon aber kehrte +seine alte Sorge zurück. </p> <p> -„Glaubt Ihr Herr Vater wirklich, daß wir im Sommer +„Glaubt Ihr Herr Vater wirklich, daß wir im Sommer in Paris sein werden?“ wandte er sich hastig an Otto. </p> <p> Otto fuhr aus seinen Gedanken auf. Er war so zerstreut, -daß er einen Augenblick stehenblieb. Dampfsäulen fuhren +daß er einen Augenblick stehenblieb. Dampfsäulen fuhren aus seinem Mund, so schnell atmete er, es war kalt geworden. Er blickte Heinz in die Augen, verstand erst jetzt und lachte -plötzlich. +plötzlich. </p> <p> -„Natürlich glaubt er es. Er glaubt es schon seit über +„Natürlich glaubt er es. Er glaubt es schon seit über drei Jahren. Schon im August 1914 hat er mir Lehren mitgegeben, -wie ich mich in Paris zu benehmen hätte. Er war -übrigens nie in seinem Leben in Paris!“ +wie ich mich in Paris zu benehmen hätte. Er war +übrigens nie in seinem Leben in Paris!“ </p> <p> @@ -1875,7 +1842,7 @@ wie ich mich in Paris zu benehmen hätte. Er war <p> „Ja, ja, und er wird es glauben und wenn die Franzosen -in Hannover stünden. Er würde es auch dann noch glauben. +in Hannover stünden. Er würde es auch dann noch glauben. Er ist so.“ </p> @@ -1899,17 +1866,17 @@ Kein Narr? <p> Otto lachte nun laut und belustigt. „Die Generale -haben ihre eigene Meinung, lieber Heinz! Sie können das -ja noch nicht verstehen, es ist ein Kapitel für sich. Ich habe -einmal bei Langemarck dreißig Prozent meiner Leute liegenlassen, +haben ihre eigene Meinung, lieber Heinz! Sie können das +ja noch nicht verstehen, es ist ein Kapitel für sich. Ich habe +einmal bei Langemarck dreißig Prozent meiner Leute liegenlassen, und mein General sagte: Na, das ging ja noch gelinde -ab. Wörtlich! Mein alter Herr, übrigens — er will -das Reich Karls des Großen wieder errichten.<a id="corr-1"></a>“ +ab. Wörtlich! Mein alter Herr, übrigens — er will +das Reich Karls des Großen wieder errichten.<a id="corr-1"></a>“ </p> <p> „Sie glauben also nicht daran?“ Heinz atmete erleichtert -auf. „Es wäre ja auch zu fatal,“ fügte er hinzu, „jetzt, da +auf. „Es wäre ja auch zu fatal,“ fügte er hinzu, „jetzt, da ich eben Feldpilot geworden bin.“, </p> @@ -1920,70 +1887,70 @@ seinen Seelenzustand deutlicher zu machen. </p> <p> -„Sie können mich nicht begreifen“, rief er aus. „Sie -Glücklicher! Sie fahren ja morgen zurück zur Front!“ +„Sie können mich nicht begreifen“, rief er aus. „Sie +Glücklicher! Sie fahren ja morgen zurück zur Front!“ </p> <p> -Otto knöpfte den Mantel fester zu. Plötzlich fror er. -Der Gedanke an die Front benahm ihm für einen Augenblick +Otto knöpfte den Mantel fester zu. Plötzlich fror er. +Der Gedanke an die Front benahm ihm für einen Augenblick den Atem. Die ganze Grausigkeit der Zone des Todes, -in der es nur zerschossene Gräben, eingeäscherte Dörfer, zersplitterte -Wälder gab, legte sich wie ein Alp auf seine Brust. -Weshalb auch, zum Teufel, mußte er jede Minute daran -erinnert werden, daß er morgen wieder zur Front zurück +in der es nur zerschossene Gräben, eingeäscherte Dörfer, zersplitterte +Wälder gab, legte sich wie ein Alp auf seine Brust. +Weshalb auch, zum Teufel, mußte er jede Minute daran +erinnert werden, daß er morgen wieder zur Front zurück sollte? Jeder Mensch, der die Front <em>nicht</em> kannte, -tat so, als fahre er zu einer Hochzeit. Ja, tatsächlich man +tat so, als fahre er zu einer Hochzeit. Ja, tatsächlich man <a id="page-39" class="pagenum" title="39"></a> -beglückwünschte ihn! Die Leute allerdings, die sie kannten -— nun, die sagten gar nichts — höchstens ein verstehendes, -etwas schadenfrohes Lächeln. +beglückwünschte ihn! Die Leute allerdings, die sie kannten +— nun, die sagten gar nichts — höchstens ein verstehendes, +etwas schadenfrohes Lächeln. </p> <p> -Die Kälte in der halbdunkeln Straße kroch an ihm empor, +Die Kälte in der halbdunkeln Straße kroch an ihm empor, in seine Uniform hinein. Er erinnerte sich voller Grauen -an die Erdlöcher, in denen er, völlig unverständlich, Jahre +an die Erdlöcher, in denen er, völlig unverständlich, Jahre seines Lebens verbracht hatte, an den eisigen Hauch, der -von den Gräben ausging. Und plötzlich, ganz unvermutet, -schnürte ihm eine sonderbare Empfindung die Brust zusammen +von den Gräben ausging. Und plötzlich, ganz unvermutet, +schnürte ihm eine sonderbare Empfindung die Brust zusammen — Angst. Ja, Angst! Gleichzeitig sah er einen Feuerschein vor seinen Augen, der ihn erschreckte: den kurzen hellen Blitz des explodierenden Geschosses. Er erbleichte. -Das Geräusch einer um die Ecke fahrenden elektrischen +Das Geräusch einer um die Ecke fahrenden elektrischen Bahn hatte ihm das schleifende Fauchen einer -Granate vorgetäuscht. +Granate vorgetäuscht. </p> <p> -Immer noch war er schneeweiß im Gesicht und sein Herz -zuckte — genau wie draußen, wenn sie heranzischten. +Immer noch war er schneeweiß im Gesicht und sein Herz +zuckte — genau wie draußen, wenn sie heranzischten. </p> <p> -„Hören Sie, Heinz,“ sagte er, „wie diese Elektrische um -die Kurve fährt? Genau so kreischen und fauchen die +„Hören Sie, Heinz,“ sagte er, „wie diese Elektrische um +die Kurve fährt? Genau so kreischen und fauchen die Granaten. Sie werden noch bald genug hinauskommen.“ </p> <p> -Heinz beschleunigte unwillkürlich den Schritt. „Ich freue -mich unbändig“, rief er aus, indem er die strahlenden -Knabenaugen zu Otto hob. „Denken Sie, ich war fünfzehn, +Heinz beschleunigte unwillkürlich den Schritt. „Ich freue +mich unbändig“, rief er aus, indem er die strahlenden +Knabenaugen zu Otto hob. „Denken Sie, ich war fünfzehn, als der Krieg ausbrach, und ich konnte ja nicht hoffen, noch -mitkämpfen zu dürfen.“ +mitkämpfen zu dürfen.“ </p> <p> -„Auch wir, wir haben uns unbändig gefreut, als die +„Auch wir, wir haben uns unbändig gefreut, als die ersten Granaten einschlugen“, entgegnete Otto und gab seiner Stimme einen leichteren und heiteren Klang. Immer noch pochte und zuckte sein Herz. Er wollte Heinz auch nicht ahnen lassen, was in ihm vorging. Dieser Junge! -Sollte er ihm sagen, daß er in Angstschweiß gebadet — betete? -So unglaublich es klingt. Betete! Er! Übrigens — das +Sollte er ihm sagen, daß er in Angstschweiß gebadet — betete? +So unglaublich es klingt. Betete! Er! Übrigens — das ging ihm durch den Kopf — bei Souchez — die Toten lagen -mit ihren genagelten Stiefeln in Scharen draußen — sie +mit ihren genagelten Stiefeln in Scharen draußen — sie hatten schwere Verluste, ein abgeschlagener Angriff — da <a id="page-40" class="pagenum" title="40"></a> kam ein bayrischer Priester. Der stieg auf den Graben — @@ -1991,9 +1958,9 @@ im Feuer! — das Kreuz erhoben und segnete die Gefallenen ein. Die Franzosen schossen — aber er, <em>er stand</em> — mit dem Kreuz in der Hand. Friede sei mit Euch! Schrecklicher, herrlicher Augenblick! Er glaubte, glaubte! Die Kugeln -waren Wind für ihn. Aber er, Otto, er betete — ohne zu +waren Wind für ihn. Aber er, Otto, er betete — ohne zu glauben, das ist etwas ganz anderes. Sollte er Heinz -erzählen, wie sie liefen — wie Ratten, auf die geschossen +erzählen, wie sie liefen — wie Ratten, auf die geschossen wird — hin und her — wie Ratten — von Unterstand zu Unterstand — und zwar jeden Abend? Hohoho! Es wurde Scheibe geschossen. @@ -2002,7 +1969,7 @@ wurde Scheibe geschossen. <p> „Ja, auch wir haben gelacht, als die ersten Granaten einschlugen. Ich erinnere mich deutlich. Es war beim Vormarsch. -Plötzlich aber hing ein Bein auf einem Obstbaum —“ +Plötzlich aber hing ein Bein auf einem Obstbaum —“ </p> <p> @@ -2019,35 +1986,35 @@ auf einem Ast.“ </p> <p> -„Ja, und in diesem Augenblick hörten wir auf zu lachen +„Ja, und in diesem Augenblick hörten wir auf zu lachen und Hurra zu schreien, denn wir hatten ja jeden Einschlag -mit Hurra begrüßt. — Übrigens ist es natürlich für Sie +mit Hurra begrüßt. — Übrigens ist es natürlich für Sie sehr interessant, da Sie die Scherze noch nicht kennen — -für Sie als Flieger ganz besonders.“ +für Sie als Flieger ganz besonders.“ </p> <p> „Sind Sie jemals im Felde geflogen? Nein? Ich stelle es mir wunderbar vor. Ich habe Tausende von Fliegeraufnahmen -gesehen, und ich glaube, daß ich gleich vertraut +gesehen, und ich glaube, daß ich gleich vertraut sein werde mit allem. Nur das Warten ist schrecklich.“ </p> <p> -„Vergessen Sie nur nicht, wie gesagt, daß da draußen +„Vergessen Sie nur nicht, wie gesagt, daß da draußen scharf geschossen wird.“ </p> <p> -Der junge Sterne-Dönhoff brach in ein heiteres Lachen -aus. „Aber natürlich, das ist ja gerade das Interessante +Der junge Sterne-Dönhoff brach in ein heiteres Lachen +aus. „Aber natürlich, das ist ja gerade das Interessante bei der ganzen Sache,“ rief er aus, „im Feuer fliegen!“ </p> <p> -Plötzlich, ganz unvermittelt, blieb Otto stehen und streckte -Heinz die Hand hin. „Ich muß jetzt — Sie verzeihen, Heinz -— ich muß gehen!“ Immer noch war er etwas bleich. +Plötzlich, ganz unvermittelt, blieb Otto stehen und streckte +Heinz die Hand hin. „Ich muß jetzt — Sie verzeihen, Heinz +— ich muß gehen!“ Immer noch war er etwas bleich. </p> <p> @@ -2061,7 +2028,7 @@ Heinz die Hand hin. „Ich muß jetzt — Sie verzeihen, Heinz <p> Er hat auch seinen Knacks weg! dachte Heinz. Nein, wie -nervös er ist! Und doch soll er zum Pour le mérite vorgeschlagen +nervös er ist! Und doch soll er zum Pour le mérite vorgeschlagen sein! </p> @@ -2070,24 +2037,24 @@ sein! </p> <p class="first"> -<span class="firstchar">W</span>ie ein Rasender stürzte Otto die halbdunkle Straße +<span class="firstchar">W</span>ie ein Rasender stürzte Otto die halbdunkle Straße hinab. Heinz sah ihm verwundert nach. </p> <p> -Gerechter Gott, sollte man es für möglich halten? Auf +Gerechter Gott, sollte man es für möglich halten? Auf gesunde Wiederkehr! Er war gekommen, um ein paar -Worte mit ihr zu sprechen. Ein Lächeln, eine gepuderte -Hand. Alles? Und eine ganze Gesellschaft saß da, zu allem +Worte mit ihr zu sprechen. Ein Lächeln, eine gepuderte +Hand. Alles? Und eine ganze Gesellschaft saß da, zu allem Unheil kam noch der Alte dazu —! </p> <p> Da droben gab es keinen Stern, kein Licht, keine Wolken, -nichts. Nur eine dicke fettige Schicht von Ruß, aus der zuweilen -flimmernde Tropfen fielen, lag auf den häßlichen -dunkeln Häusern, die vor Feuchtigkeit schwitzten. Und -schon war Otto in einem Blumengeschäft verschwunden. +nichts. Nur eine dicke fettige Schicht von Ruß, aus der zuweilen +flimmernde Tropfen fielen, lag auf den häßlichen +dunkeln Häusern, die vor Feuchtigkeit schwitzten. Und +schon war Otto in einem Blumengeschäft verschwunden. </p> <p> @@ -2095,75 +2062,75 @@ Tulpen, Flammen und Glut, hellrote Rosen. </p> <p> -„Das Stück kostet —“ +„Das Stück kostet —“ </p> <p> -„Ich möchte alle.“ +„Ich möchte alle.“ </p> <p> -„Alle?“ Sie kosteten ein Vermögen. +„Alle?“ Sie kosteten ein Vermögen. </p> <p> -„Einen letzten Gruß!“ schrieb Otto. Der neugierige -Blick der kleinen rothaarigen Verkäuferin, die ihn durch -die Blumensträuße beobachtete, verwirrte ihn. Er wurde -abwechselnd bleich und rot, während er die paar banalen -Worte und die Adresse schrieb. Es mußte ja ganz unverfänglich +„Einen letzten Gruß!“ schrieb Otto. Der neugierige +Blick der kleinen rothaarigen Verkäuferin, die ihn durch +die Blumensträuße beobachtete, verwirrte ihn. Er wurde +abwechselnd bleich und rot, während er die paar banalen +Worte und die Adresse schrieb. Es mußte ja ganz unverfänglich sein, jeder Mensch, dieser Petersen und diese Frida, -die herumspionierten, mußten die Karte lesen können. -Ohne diese Rücksichtnahme hätte er wohl gewußt, was er +die herumspionierten, mußten die Karte lesen können. +Ohne diese Rücksichtnahme hätte er wohl gewußt, was er schreiben sollte. </p> <p> -Er hätte schreiben können: Ich werde Dich vor mir sehen +Er hätte schreiben können: Ich werde Dich vor mir sehen — und wieder erbleichte er. </p> <p> Die Liebe ist Gift, dachte der rothaarige Irrwisch und -lächelte spöttisch hinter dem Offizier her. +lächelte spöttisch hinter dem Offizier her. </p> <p> <a id="page-42" class="pagenum" title="42"></a> -Ruhiger schritt Otto dahin. Plötzlich, sonderbar, hatte -er Zeit! Morgen früh um sieben Uhr ging der Zug. Nun -wohl, das waren immerhin noch gute zwölf Stunden. +Ruhiger schritt Otto dahin. Plötzlich, sonderbar, hatte +er Zeit! Morgen früh um sieben Uhr ging der Zug. Nun +wohl, das waren immerhin noch gute zwölf Stunden. Der Abend lag vor ihm — und die ganze Nacht. </p> <p> Unangenehm nur war die Verabredung mit jener -Dame im Kaiserhof. Sehen wir zu, daß wir die +Dame im Kaiserhof. Sehen wir zu, daß wir die Sache hinter uns bringen! Indessen — keine Eile — -mochte sie getrost noch etwas warten. Er hatte es gewiß -nicht an Deutlichkeit fehlen lassen, oder? Schluß, -zu Ende, sei ein tapferes Mädchen usw. usw. Wie -man in solchen Fällen zu schreiben pflegt. Nein, nach -diesem Brief gab es ein Zurück nicht mehr. Und doch -hatte sie ihn wieder beschwätzt. Sie begriff, sie war -völlig einverstanden, zu Ende, natürlich, aber sie wollte +mochte sie getrost noch etwas warten. Er hatte es gewiß +nicht an Deutlichkeit fehlen lassen, oder? Schluß, +zu Ende, sei ein tapferes Mädchen usw. usw. Wie +man in solchen Fällen zu schreiben pflegt. Nein, nach +diesem Brief gab es ein Zurück nicht mehr. Und doch +hatte sie ihn wieder beschwätzt. Sie begriff, sie war +völlig einverstanden, zu Ende, natürlich, aber sie wollte ihn vor seiner Abreise noch einmal kurz sehen, wenn -auch nur für einen Augenblick. Sie schrieb, daß sie von +auch nur für einen Augenblick. Sie schrieb, daß sie von 5 bis 9 Uhr im Kaiserhof auf ihn warten werde. -Er würde gewiß eine Minute finden. Von 5 bis 9 Uhr! -Es war natürlich ganz unmöglich, eine junge Dame +Er würde gewiß eine Minute finden. Von 5 bis 9 Uhr! +Es war natürlich ganz unmöglich, eine junge Dame vier Stunden lang vergebens warten zu lassen, das sah er wohl ein. </p> <p> Aber sie soll wenigstens etwas zappeln, dachte er und -zündete sich gemächlich eine Zigarette an. Er machte -sogar noch einen unnötigen Umweg. +zündete sich gemächlich eine Zigarette an. Er machte +sogar noch einen unnötigen Umweg. </p> <p> -„Diese Hedi!“ Verächtlich stieß er die Luft durch die Nase. +„Diese Hedi!“ Verächtlich stieß er die Luft durch die Nase. </p> <p> @@ -2181,141 +2148,141 @@ Laterne. </h3> <p class="first"> -<span class="firstchar">H</span>einz war, so schnell ihn die Füße trugen, zur Station +<span class="firstchar">H</span>einz war, so schnell ihn die Füße trugen, zur Station der Untergrundbahn geeilt. Er hatte ja Klara benachrichtigt, -daß es etwas später werden könnte, trotzdem . . . +daß es etwas später werden könnte, trotzdem . . . </p> <p> <a id="page-43" class="pagenum" title="43"></a> -Es war die Stunde des Geschäftsschlusses. +Es war die Stunde des Geschäftsschlusses. </p> <p> -Berlin war wie ein schmutziger Schwamm, der ausgedrückt -wird. Ströme von Schmutz flossen aus dem finsteren Himmel, -von den Dächern und den tausendfenstrigen Hauswänden. -Der Schmutz wälzte sich über die Straßen und stieg in den -durchlöcherten Stiefelsohlen bis an die Knöchel. Die Menschen -in ihren abgeschabten, dünnen Kleidern, blau vor Kälte -und Hunger, quollen aus den frostigen Häusern und stürzten +Berlin war wie ein schmutziger Schwamm, der ausgedrückt +wird. Ströme von Schmutz flossen aus dem finsteren Himmel, +von den Dächern und den tausendfenstrigen Hauswänden. +Der Schmutz wälzte sich über die Straßen und stieg in den +durchlöcherten Stiefelsohlen bis an die Knöchel. Die Menschen +in ihren abgeschabten, dünnen Kleidern, blau vor Kälte +und Hunger, quollen aus den frostigen Häusern und stürzten hinab in die windigen Kamine, die zur Untergrundbahn -führen. Sie stauten sich auf den Bahnhöfen, geballt zu einer -Wolke von Bitterkeit und Wut. Die überfüllten Züge +führen. Sie stauten sich auf den Bahnhöfen, geballt zu einer +Wolke von Bitterkeit und Wut. Die überfüllten Züge fegten, triefend von Dunst und Schmutz, mitten hinein -in die Menschenknäuel, die sich rasend gegen Türen und +in die Menschenknäuel, die sich rasend gegen Türen und Scheiben warfen, um nicht auf den finstern, feuchten -Perrons zurückbleiben zu müssen. +Perrons zurückbleiben zu müssen. </p> <p> -Die Schaffnerinnen — ihre Männer waren im Feld, -faulten längst in den Massengräbern, verbluteten in dieser +Die Schaffnerinnen — ihre Männer waren im Feld, +faulten längst in den Massengräbern, verbluteten in dieser Minute, die Kinder hungerten zu Hause in einer kalten Stube — die Schaffnerinnen, gepeinigt bis aufs Blut -von den jagenden Zügen, klirrenden Scheiben und kämpfenden +von den jagenden Zügen, klirrenden Scheiben und kämpfenden Menschenmassen, schrien mit schrillen, gellenden Stimmen, -als ob sie erdolcht würden. (Und ach, sie wurden -erdolcht, jede Minute stieß ihnen unbarmherzig das Messer +als ob sie erdolcht würden. (Und ach, sie wurden +erdolcht, jede Minute stieß ihnen unbarmherzig das Messer ins Herz.) </p> <p> -Zu Blöcken zusammengepreßt, flogen die Menschen durch +Zu Blöcken zusammengepreßt, flogen die Menschen durch die dunkeln Tunnels voll stummer gegenseitiger Raserei. -Sie schwiegen. Sie fürchteten Spione und Agenten. Sie -fürchteten den Terror der Albernheit. Sie lächelten -und lachten nicht mehr. Sie fühlten das Verhängnis -dicht vor sich, um sich, über sich, wo am Dach des Wagens -sich all die Dünste der zusammengedrängten Menschenmassen -stauten. Dieses Verhängnis, dessen Widerschein -in allen Augen glänzte, begleitete sie durch -die finsteren Tunnels, über die klirrenden Brücken und -flutete mit ihnen über die menschenwimmelnden Perrons. +Sie schwiegen. Sie fürchteten Spione und Agenten. Sie +fürchteten den Terror der Albernheit. Sie lächelten +und lachten nicht mehr. Sie fühlten das Verhängnis +dicht vor sich, um sich, über sich, wo am Dach des Wagens +sich all die Dünste der zusammengedrängten Menschenmassen +stauten. Dieses Verhängnis, dessen Widerschein +in allen Augen glänzte, begleitete sie durch +die finsteren Tunnels, über die klirrenden Brücken und +flutete mit ihnen über die menschenwimmelnden Perrons. <a id="page-44" class="pagenum" title="44"></a> -Flogen die Züge in die Stollen hinab, so war es für viele, -als ginge es in die Hölle mit ihnen, und der kalte Schweiß +Flogen die Züge in die Stollen hinab, so war es für viele, +als ginge es in die Hölle mit ihnen, und der kalte Schweiß trat auf ihre Stirn. </p> <p> -Dunkelheit, Kälte und Hunger drohten aus den Straßenschluchten. +Dunkelheit, Kälte und Hunger drohten aus den Straßenschluchten. Diese drei Gespenster ergriffen Besitz von Berlin, das sich drei Kriegswinter hindurch tapfer verteidigt -hatte, um im vierten zu kapitulieren. Täglich breiteten -sie sich mehr über die Stadt aus. Sie eroberten Häuserblock -um Häuserblock, Straßenzüge um Straßenzüge, Stadtviertel +hatte, um im vierten zu kapitulieren. Täglich breiteten +sie sich mehr über die Stadt aus. Sie eroberten Häuserblock +um Häuserblock, Straßenzüge um Straßenzüge, Stadtviertel um Stadtviertel, und drangen langsam zum Herzen der Stadt vor. Als ein viertes Gespenst war noch die Grippe -dazugekommen. Dieses Gespenst war überall, wo sich Menschen -ansammelten. Es machte alle Fahrten auf den überfüllten -Untergrundzügen mit. Die Passagiere husteten +dazugekommen. Dieses Gespenst war überall, wo sich Menschen +ansammelten. Es machte alle Fahrten auf den überfüllten +Untergrundzügen mit. Die Passagiere husteten sich gegenseitig den Tod ins Gesicht. Viele von ihnen machten heute ihre letzte Fahrt. Mit Vorliebe suchte dieses vierte Gespenst sich junge Exemplare aus, es liebte zartes Fleisch. -Sie starben von der Berührung. Die Alten brachte es nur -um eine gute Strecke der Grube näher, in die sie eines -Tages, entkräftet vor Hunger und zermürbt von der Verzweiflung, -ganz von selbst stürzen würden. +Sie starben von der Berührung. Die Alten brachte es nur +um eine gute Strecke der Grube näher, in die sie eines +Tages, entkräftet vor Hunger und zermürbt von der Verzweiflung, +ganz von selbst stürzen würden. </p> <p> -Heinz mußte einen überfüllten Zug vorbei lassen. Ein -Paar grober Fäuste schleuderte ihn zurück. Selbst beim -nächsten Zug verdankte er es nur seinem freundlichen -Knabengesicht und dem Lächeln auf den roten Lippen, -daß man ihn mitnahm. +Heinz mußte einen überfüllten Zug vorbei lassen. Ein +Paar grober Fäuste schleuderte ihn zurück. Selbst beim +nächsten Zug verdankte er es nur seinem freundlichen +Knabengesicht und dem Lächeln auf den roten Lippen, +daß man ihn mitnahm. </p> <p> -Augenblicklich dachte er an die grüne Mütze. In wenigen -Minuten würde er sie sehen! +Augenblicklich dachte er an die grüne Mütze. In wenigen +Minuten würde er sie sehen! </p> <p> -Eine grüne Wollmütze, flott nach hinten gerückt, grasgrün, -mit einer ebensolchen grasgrünen Seidenquaste in -der Mitte, gewiß ist sie nichts, aber sie kann im Herzen eines +Eine grüne Wollmütze, flott nach hinten gerückt, grasgrün, +mit einer ebensolchen grasgrünen Seidenquaste in +der Mitte, gewiß ist sie nichts, aber sie kann im Herzen eines Menschen soviel sein wie der Christus in der Kirche. Zuweilen, -wenn die Züge seiner Dame in seinem Gedächtnis -verblaßten, sehr selten geschah es — die grüne Wollmütze -blieb zurück, keine Macht konnte sie ihm entreißen. Und +wenn die Züge seiner Dame in seinem Gedächtnis +verblaßten, sehr selten geschah es — die grüne Wollmütze +blieb zurück, keine Macht konnte sie ihm entreißen. Und <a id="page-45" class="pagenum" title="45"></a> -allmählich, wie durch einen Zauber, fügten sich dann wieder +allmählich, wie durch einen Zauber, fügten sich dann wieder Haar, Wangen, Ohr — alles daran. </p> <p> -Diese grüne Wollmütze leuchtete über den Wittenbergplatz, -als er den Bahnhof verließ — weithin, wie ein Scheinwerfer. -Und doch war es nur ein handgroßer Fleck von -Grün, nicht einmal sehr deutlich im Schein einer Laterne. +Diese grüne Wollmütze leuchtete über den Wittenbergplatz, +als er den Bahnhof verließ — weithin, wie ein Scheinwerfer. +Und doch war es nur ein handgroßer Fleck von +Grün, nicht einmal sehr deutlich im Schein einer Laterne. Durch das Gewimmel von Menschen hindurch drang -Heinzens Blick, als ob die Menschen transparent wären, -er sah seine Dame von den Schuhen bis zur Wollmütze, +Heinzens Blick, als ob die Menschen transparent wären, +er sah seine Dame von den Schuhen bis zur Wollmütze, in ihrer ganzen Figur, obschon sie mitten in einem -Knäuel von Wartenden bei der Haltestelle der Elektrischen +Knäuel von Wartenden bei der Haltestelle der Elektrischen stand. Das war jedenfalls ganz wunderbar. Er erkannte die Linie ihres anliegenden Jacketts, er sah sogar, -daß sie ein Päckchen am Finger trug. +daß sie ein Päckchen am Finger trug. </p> <p> -Plötzlich traf eine Stimme Klaras Ohr! Aber Heinz +Plötzlich traf eine Stimme Klaras Ohr! Aber Heinz hatte gar nicht gerufen. Sie blickte im gleichen Augenblick auf ihn, ihre Blicke begegneten sich durch das Gewimmel. -Sie lächelte, ihr Lächeln kam näher, es wurde leuchtender -und strahlender, überblendete Menschenschatten, Finsternis -und schmutzige Straße, und endlich glänzte es dicht vor ihm. -Es hatte sich nun wiederum auf seine Quelle zurückgezogen. -Es leuchtete aus ihren Augen, aus ihren Lippen, weißen -Zähnen, aus ihren Wangen und selbst aus ihren blonden +Sie lächelte, ihr Lächeln kam näher, es wurde leuchtender +und strahlender, überblendete Menschenschatten, Finsternis +und schmutzige Straße, und endlich glänzte es dicht vor ihm. +Es hatte sich nun wiederum auf seine Quelle zurückgezogen. +Es leuchtete aus ihren Augen, aus ihren Lippen, weißen +Zähnen, aus ihren Wangen und selbst aus ihren blonden Haaren, auf denen einige Regentropfen wie Tau glitzerten. </p> <p> -Beide erröteten und fingen gleichzeitig an zu reden. -Es war völlig einerlei, was sie sagten. Sie freuten +Beide erröteten und fingen gleichzeitig an zu reden. +Es war völlig einerlei, was sie sagten. Sie freuten sich an dem Klang ihrer Stimmen, die durcheinander klangen. </p> @@ -2327,27 +2294,27 @@ klangen. <p> „— tausendmal Verzeihung jedenfalls — meine Cousine wollte mich Hauptmann Wunderlich vorstellen, der eine -Kampfstaffel führt —“ +Kampfstaffel führt —“ </p> <p> -Die grüne Wollmütze glitt die Straße hinab, die seidene -grüne Quaste baumelte hin und her. +Die grüne Wollmütze glitt die Straße hinab, die seidene +grüne Quaste baumelte hin und her. </p> <p> Wie wunderbar frisch ihre Halskrause ist, dachte Heinz <a id="page-46" class="pagenum" title="46"></a> -und wie fest ihr Jackett um die Hüfte schließt. Sie aber +und wie fest ihr Jackett um die Hüfte schließt. Sie aber bewunderte den Schnitt seines Mantels, der nahezu bis zur Erde reichte und viel zu weit war, und seine seidene -Mütze, die eine kecke Beule aufwies. +Mütze, die eine kecke Beule aufwies. </p> <p> -„Du trägst ja nun das Abzeichen!“ rief die junge Dame -plötzlich überrascht aus. Mit einem raschen Blick hatte -sie, als er nur einen Augenblick den Mantel aufknöpfte, +„Du trägst ja nun das Abzeichen!“ rief die junge Dame +plötzlich überrascht aus. Mit einem raschen Blick hatte +sie, als er nur einen Augenblick den Mantel aufknöpfte, sofort das Fliegerabzeichen entdeckt. </p> @@ -2357,15 +2324,15 @@ sofort das Fliegerabzeichen entdeckt. <p> „Ich gratuliere.“ Das war wohl eine Gelegenheit, ihr -die Hand zu geben. Heinz berührte die Spitzen ihrer zarten, -ach so zarten und unbegreiflich dünnen Finger. +die Hand zu geben. Heinz berührte die Spitzen ihrer zarten, +ach so zarten und unbegreiflich dünnen Finger. </p> <p> -„Gestern flog ich über Berlin“, erzählte er lebhaft. „Ich -flog über den Wittenbergplatz und den Kurfürstendamm -entlang. Bei der Gedächtniskirche drosselte ich den Motor -und ging auf fünfhundert Meter herunter. Ich sah das +„Gestern flog ich über Berlin“, erzählte er lebhaft. „Ich +flog über den Wittenbergplatz und den Kurfürstendamm +entlang. Bei der Gedächtniskirche drosselte ich den Motor +und ging auf fünfhundert Meter herunter. Ich sah das Treiben der Menschen und dachte, vielleicht geht auch Klara Westphal da unten.“ </p> @@ -2376,15 +2343,15 @@ Nein, Klara Westphal war zu Hause. <p> Klara streifte ihren jungen Helden mit einem bewundernden -Blick. Sie konnte wohl beobachten, daß die Damen +Blick. Sie konnte wohl beobachten, daß die Damen den schlanken Offizier anblickten, und manche drehten sich -sogar um, so schön und frisch war er. Er ging sorglos und -strahlend, die Mütze etwas keck aufs Ohr geschoben, und er -hatte eine besonders flotte Art zu grüßen, als gebe es -Vorgesetzte für ihn nicht. Sein Gruß hatte zuweilen sogar -etwas Herablassendes und Gönnerhaftes. Jetzt, da er neben -Klara ging, war er völlig frei von seiner kindischen Ehrfurcht -vor allem, was Achselstücke mit Sternen trug. +sogar um, so schön und frisch war er. Er ging sorglos und +strahlend, die Mütze etwas keck aufs Ohr geschoben, und er +hatte eine besonders flotte Art zu grüßen, als gebe es +Vorgesetzte für ihn nicht. Sein Gruß hatte zuweilen sogar +etwas Herablassendes und Gönnerhaftes. Jetzt, da er neben +Klara ging, war er völlig frei von seiner kindischen Ehrfurcht +vor allem, was Achselstücke mit Sternen trug. </p> <p> @@ -2393,12 +2360,12 @@ vor allem, was Achselstücke mit Sternen trug. <p> „Leider ist es noch nichts damit. Nun aber hat Hauptmann -Wunderlich mir versprochen, mich für seine Kampfstaffel -anzufordern, sobald es möglich ist.“ +Wunderlich mir versprochen, mich für seine Kampfstaffel +anzufordern, sobald es möglich ist.“ </p> <p> -Nichts fürchtete Klara mehr als diesen schrecklichen Augenblick, +Nichts fürchtete Klara mehr als diesen schrecklichen Augenblick, wo das Kommando kam. Schon jetzt klopfte ihr das Herz. </p> @@ -2408,42 +2375,42 @@ wo das Kommando kam. Schon jetzt klopfte ihr das Herz. </p> <p> -„Es ist ganz gleichgültig.“ +„Es ist ganz gleichgültig.“ </p> <p> -Es war in der Tat völlig gleichgültig. Wenn sie nur +Es war in der Tat völlig gleichgültig. Wenn sie nur nebeneinander hergehen durften, verstrickt durch das -Unergründliche, unbegreiflich Süße, Geheimnisvolle — +Unergründliche, unbegreiflich Süße, Geheimnisvolle — Blicke, Gesten, Lachen, Worte, das war ja das allerwenigste. </p> <p> Die Menschen, die aus Elektrischen sprangen und in Restaurants -eilten, die Unverschämten, die sie anblickten und Bemerkungen +eilten, die Unverschämten, die sie anblickten und Bemerkungen austauschten — sie sahen sie gar nicht. </p> <p> -Sie bogen in eine dunkele Straße ein, und sofort strahlten +Sie bogen in eine dunkele Straße ein, und sofort strahlten Klaras Augen wie Feuer, ihr blondes Haar flammte unter -der grünen Mütze und ihre etwas vollen Wangen begannen +der grünen Mütze und ihre etwas vollen Wangen begannen geheimnisvoll zu schimmern. Ihr kleiner Mund -aber glänzte naß und tiefrot. +aber glänzte naß und tiefrot. </p> <p> -Wunderbar! Hier in der Dunkelheit sah Heinz, daß -sie atmete, was er früher nie beobachtet hatte. Ihre Brust +Wunderbar! Hier in der Dunkelheit sah Heinz, daß +sie atmete, was er früher nie beobachtet hatte. Ihre Brust bewegte sich, ergreifend, unter dem enganliegenden Jackett -gleichmäßig auf und ab. Zum ersten Male hörte er auch -ihren Atem, den er nie gehört hatte. +gleichmäßig auf und ab. Zum ersten Male hörte er auch +ihren Atem, den er nie gehört hatte. </p> <p> -Klaras Lippen wurden durch ein Lächeln geöffnet, und +Klaras Lippen wurden durch ein Lächeln geöffnet, und im gleichen Augenblick rief sie jauchzend aus: „Es schneit, -Heinz! Es schneit!“ Und schon flog die grüne Mütze mit der +Heinz! Es schneit!“ Und schon flog die grüne Mütze mit der baumelnden Quaste davon. </p> @@ -2457,7 +2424,7 @@ Nun liefen sie beide in den wirbelnden Schnee hinein. <p> Unterdessen wartete Hedi Westphal in der Halle des -„Kaiserhofs“. Und Otto las unter einer Laterne gemächlich +„Kaiserhofs“. Und Otto las unter einer Laterne gemächlich die Abendzeitung. </p> @@ -2466,41 +2433,41 @@ die Abendzeitung. </h3> <p class="first"> -<span class="firstchar">H</span>edi hatte längst den Tee ausgetrunken. Sie hätte -gern eine zweite Portion bestellt, aber sie mußte +<span class="firstchar">H</span>edi hatte längst den Tee ausgetrunken. Sie hätte +gern eine zweite Portion bestellt, aber sie mußte sparen. Ewig diese Geldmisere! </p> <p> <a id="page-48" class="pagenum" title="48"></a> -Ihr Vater war Geheimer Rat im Auswärtigen Amt. -Da schlich er täglich in Gamaschen und Seidenhut an den -beiden Sphinxfiguren des Vestibüls vorüber, die immer -so eigentümlich lächelten. Dann knackte er in seinem -Bureau mit den Fingern, zupfte an seinem dünnen +Ihr Vater war Geheimer Rat im Auswärtigen Amt. +Da schlich er täglich in Gamaschen und Seidenhut an den +beiden Sphinxfiguren des Vestibüls vorüber, die immer +so eigentümlich lächelten. Dann knackte er in seinem +Bureau mit den Fingern, zupfte an seinem dünnen Chinesenbart und vertiefte sich in die Zeitungen. Diese -Tätigkeit war nicht besonders aufreibend, aber sie war -schlecht bezahlt und die Westphals ohne Vermögen. +Tätigkeit war nicht besonders aufreibend, aber sie war +schlecht bezahlt und die Westphals ohne Vermögen. </p> <p> -Trotz des lächerlich geringen Taschengeldes war Hedi +Trotz des lächerlich geringen Taschengeldes war Hedi ganz Lady — von den tadellosen Stiefelchen an bis hinauf -zu dem kleinen Reiher auf dem silbergrauen Seidenhütchen. -Sie trug einen weißen Schleier mit silbergrauer Stickerei. -Sie war noch blonder als Klara, nahezu weißblond. +zu dem kleinen Reiher auf dem silbergrauen Seidenhütchen. +Sie trug einen weißen Schleier mit silbergrauer Stickerei. +Sie war noch blonder als Klara, nahezu weißblond. </p> <p> -Den weißen Schleier mit den silbergrauen Ornamenten -schob sie zuweilen über das Näschen und nippte, die -Hand graziös geformt, an der leeren Teetasse. +Den weißen Schleier mit den silbergrauen Ornamenten +schob sie zuweilen über das Näschen und nippte, die +Hand graziös geformt, an der leeren Teetasse. </p> <p> -Würdevoll war ihre Haltung, etwas lässig. Die Umwelt -existierte nicht für sie. In vollkommenem Gleichgewicht -schwebend saß sie da. +Würdevoll war ihre Haltung, etwas lässig. Die Umwelt +existierte nicht für sie. In vollkommenem Gleichgewicht +schwebend saß sie da. </p> <p> @@ -2508,99 +2475,99 @@ Die Musik wehte. Butterfly. </p> <p> -Ein älterer Offizier mit einer mächtig funkelnden Glatze +Ein älterer Offizier mit einer mächtig funkelnden Glatze beobachtete sie in auffallender Weise. Hedi wandte das Gesicht mit einem gelangweilten Blinzeln in eine andere Richtung. Nun aber hatte sich ein junger Herr in einem Klubsessel am Mittelgang niedergelassen. Er trug einen weiten Mantel von auffallend heller Farbe, tadellose -braune Stiefel, nagelneu, eine Sehenswürdigkeit in diesen -Tagen. Eine Zigarette im Mundwinkel saß er da und stieß -mit einem dünnen Stöckchen im Takte der Musik auf den -Teppich. Zuweilen ließ er seinen Blick über Hedi gleiten, -aber in gänzlich unauffälliger Weise, so daß sie ihn niemals +braune Stiefel, nagelneu, eine Sehenswürdigkeit in diesen +Tagen. Eine Zigarette im Mundwinkel saß er da und stieß +mit einem dünnen Stöckchen im Takte der Musik auf den +Teppich. Zuweilen ließ er seinen Blick über Hedi gleiten, +aber in gänzlich unauffälliger Weise, so daß sie ihn niemals dabei ertappen konnte. Im letzten Moment huschte der -Blick stets über sie in die Höhe zur Decke. Vielleicht hatte +Blick stets über sie in die Höhe zur Decke. Vielleicht hatte sie ihn schon gesehen? Er kam ihr irgendwie bekannt vor. -Nun brachte ihm ein Kellner ein kleines Glas und goß +Nun brachte ihm ein Kellner ein kleines Glas und goß <a id="page-49" class="pagenum" title="49"></a> -eine rote Flüssigkeit ein. Der junge Mann nahm aus seiner +eine rote Flüssigkeit ein. Der junge Mann nahm aus seiner Manteltasche einen Pack Papiergeld und reichte dem Kellner eine Note, um gleich darauf wegzublicken. Der Kellner verneigte sich tief. Hedi blickte auf die Armbanduhr, -und ihre Miene sah enttäuscht aus. Es war einhalb +und ihre Miene sah enttäuscht aus. Es war einhalb sieben Uhr. Die Musik spielte einen Tango. Der -Herr in dem weiten Mantel hatte die rote Flüssigkeit ausgetrunken, +Herr in dem weiten Mantel hatte die rote Flüssigkeit ausgetrunken, stand auf und ging. Aber nach wenigen Minuten -kam er wieder zurück. Er trug einen Strauß weißer Rosen +kam er wieder zurück. Er trug einen Strauß weißer Rosen in der Hand, den er vor sich auf den Tisch legte. Er wartet, auch er! Wieder schwebte Hedi in vollkommenem Gleichgewicht. </p> <p> -Dann saßen da noch einige Damen, mit Brillanten, +Dann saßen da noch einige Damen, mit Brillanten, Perlen, Pelzen, Puppen mit einem Wort — Hedi sah sie -überhaupt nicht. +überhaupt nicht. </p> <p> Schon begann der Saal sich zu leeren. Die Kellner -räumten die Teetische ab. Im Speisesaal flammten Lichter +räumten die Teetische ab. Im Speisesaal flammten Lichter auf, und die Kellner gingen hinter den Spiegelscheiben -zwischen den weißgedeckten, mit Blumen geschmückten +zwischen den weißgedeckten, mit Blumen geschmückten Tischen hin und her und legten die Kuverts auf. Der -Herr im hellen weiten Mantel saß immer noch in seinem +Herr im hellen weiten Mantel saß immer noch in seinem Klubsessel. Glattrasiert, blau ums Kinn, die gescheitelten Haare pechschwarz, sah er — wie es Hedi schien — wie ein -Spanier aus. Er hatte sich bequem zurückgelehnt und starrte -sinnend zur Decke empor, während seine Fußspitze im +Spanier aus. Er hatte sich bequem zurückgelehnt und starrte +sinnend zur Decke empor, während seine Fußspitze im Takte der Musik wippte. Nur zuweilen, wenn er die -Asche von seiner Zigarette streifte, glitt sein Blick über -Hedi hin. Unbeachtet lagen die weißen Rosen vor ihm +Asche von seiner Zigarette streifte, glitt sein Blick über +Hedi hin. Unbeachtet lagen die weißen Rosen vor ihm auf dem Tisch. </p> <p> -Hedi schob trotzig die Oberlippe in die Höhe gegen den +Hedi schob trotzig die Oberlippe in die Höhe gegen den Schleier — sie wurde ungeduldig. Aber in diesem Augenblick sah sie Otto hereinkommen. Er trat schnell durch den -Mittelgang. Das Blut stieg ihr in den Kopf, und plötzlich -schlug ihr Herz im Halse. Sein braunes Gesicht glänzte -von der frischen Luft, und aus diesem braunen, glänzenden +Mittelgang. Das Blut stieg ihr in den Kopf, und plötzlich +schlug ihr Herz im Halse. Sein braunes Gesicht glänzte +von der frischen Luft, und aus diesem braunen, glänzenden <a id="page-50" class="pagenum" title="50"></a> -Erzgesicht, das sie geliebt hatte, sprühten wild und verwegen +Erzgesicht, das sie geliebt hatte, sprühten wild und verwegen die hellgrauen Augen der Hecht-Babenberg. </p> <p> -Welche Träume starben dahin, welche Träume versanken! -Während der Tango kollerte, gurrte, kleine <a id="corr-2"></a>wollüstige -Schreie ausstieß. +Welche Träume starben dahin, welche Träume versanken! +Während der Tango kollerte, gurrte, kleine <a id="corr-2"></a>wollüstige +Schreie ausstieß. </p> <p> -Sie krachten zusammen mit Donnergepolter wie Riesenschlösser, +Sie krachten zusammen mit Donnergepolter wie Riesenschlösser, deren Fundament nachgibt, sie zersprangen wie -Paläste aus Glas — in nichts! +Paläste aus Glas — in nichts! </p> <p> -Babenberg und Rothwasser, die Familiengüter der Hecht-Babenberg -— mit den hundertjährigen Bäumen, dem +Babenberg und Rothwasser, die Familiengüter der Hecht-Babenberg +— mit den hundertjährigen Bäumen, dem Sommergeruch auf den endlosen Kornfeldern, dem Ziegelwerk, -den brüllenden Viehherden bei den Weihern — +den brüllenden Viehherden bei den Weihern — die Erde verschlang sie! Der Besuch ihres kleinen Papas, den die Bureauluft zur Mumie ausgetrocknet hatte — dahin! -Die Berühmtheiten, Feldherrn und Minister, die ihren +Die Berühmtheiten, Feldherrn und Minister, die ihren Hausball besuchten — in Staub zerfielen sie. Ihre Audienz -beim Kaiser, ihr Kniefall vor Seiner Majestät, wegen +beim Kaiser, ihr Kniefall vor Seiner Majestät, wegen irgendeiner Sache — ein Nebelfetzen! Und all die Phantasien, gesehen in den Augenblicken, da der Blick bricht in -Verzückung — nichts! +Verzückung — nichts! </p> <p> -Während der Tango unter ihren Schuhsohlen im Parkett +Während der Tango unter ihren Schuhsohlen im Parkett klopfte. </p> @@ -2609,17 +2576,17 @@ Er war entschlossen, an seinem Blick konnte sie es sehen — </p> <p> -Nichts blieb als die bescheidene Behausung in der Schaperstraße, +Nichts blieb als die bescheidene Behausung in der Schaperstraße, wo Papa mit seiner dicken Mappe aus dem Amt -kam und nicht gestört werden durfte. Wo man in Pfennigen -dachte, wo Klara wie eine Närrin schwätzte — +kam und nicht gestört werden durfte. Wo man in Pfennigen +dachte, wo Klara wie eine Närrin schwätzte — </p> <p> -Chaos umgab Hedi. Sie saß in der Staubwolke ihrer -zusammengestürzten Paläste, auf dem Schutt ihrer Reichtümer, -eine Bettlerin. Sie saß wie eine Lady, in idealem -Gleichgewicht, und ihr Blick flog lächelnd Otto entgegen. +Chaos umgab Hedi. Sie saß in der Staubwolke ihrer +zusammengestürzten Paläste, auf dem Schutt ihrer Reichtümer, +eine Bettlerin. Sie saß wie eine Lady, in idealem +Gleichgewicht, und ihr Blick flog lächelnd Otto entgegen. </p> <p class="tb"> @@ -2635,7 +2602,7 @@ Gleichgewicht, und ihr Blick flog lächelnd Otto entgegen. </p> <p> -„Es kann allerdings etwas später werden.“ +„Es kann allerdings etwas später werden.“ </p> <p> @@ -2652,7 +2619,7 @@ Otto streifte die Handschuhe ab. </p> <p> -„Ja, es schneit, ich bin etwas spät, verzeihe —“ +„Ja, es schneit, ich bin etwas spät, verzeihe —“ </p> <p> @@ -2665,18 +2632,18 @@ Schon kam der Kellner und brachte Tee. <p> „Ich habe dem Kellner gesagt, sofort Tee zu bringen, -wenn du kommst“, sagte Hedi. „Du hast es gewiß sehr -eilig.“ Schon errötete Otto und runzelte die Stirn. Etwas +wenn du kommst“, sagte Hedi. „Du hast es gewiß sehr +eilig.“ Schon errötete Otto und runzelte die Stirn. Etwas gefiel ihm nicht. </p> <p> Die Musiker packten ihre Instrumente ein und klappten -den Flügel zu. +den Flügel zu. </p> <p> -„Es ist lieb von dir, daß du gekommen bist,“ fuhr Hedi +„Es ist lieb von dir, daß du gekommen bist,“ fuhr Hedi fort, „wir sehen uns nun vielleicht lange nicht, vielleicht nie mehr. Und ich wollte gerne . . .“ Sie sprach leichthin — ganz Dame. @@ -2696,8 +2663,8 @@ Ottos blanke, graue Augen waren fragend auf sie gerichtet. <p> „Ja. Nach Schweden. Es ist noch nicht ganz sicher. -Man ist an Papa herangetreten.“ (Welche Lüge, welch -infame Lüge, aber sie war ihr plötzlich durch den Kopf +Man ist an Papa herangetreten.“ (Welche Lüge, welch +infame Lüge, aber sie war ihr plötzlich durch den Kopf geschossen!) </p> @@ -2707,8 +2674,8 @@ zu fragen. </p> <p> -„Ich werde der Mission attachiert. Wahrscheinlich muß -ich nach Rußland. In besonderem Auftrag.“ +„Ich werde der Mission attachiert. Wahrscheinlich muß +ich nach Rußland. In besonderem Auftrag.“ </p> <p> @@ -2716,26 +2683,26 @@ ich nach Rußland. In besonderem Auftrag.“ </p> <p> -Der Herr im weiten hellen Mantel stand auf und grüßte. -Er verneigte sich auch gegen Hedi, und während sie ihn kurz -anblickte, lächelte sie unmerklich. Aber, sie konnte schwören, -sie hätte nie, nimmermehr gelächelt, wäre ihr Herz in +Der Herr im weiten hellen Mantel stand auf und grüßte. +Er verneigte sich auch gegen Hedi, und während sie ihn kurz +anblickte, lächelte sie unmerklich. Aber, sie konnte schwören, +sie hätte nie, nimmermehr gelächelt, wäre ihr Herz in diesem Augenblick nicht so voller Bitterkeit gewesen. Der -Spanier — er war übrigens nicht hübsch, eher häßlich — -war ein Herr Ströbel oder ein Herr v. Ströbel, ein während +Spanier — er war übrigens nicht hübsch, eher häßlich — +war ein Herr Ströbel oder ein Herr v. Ströbel, ein während <a id="page-52" class="pagenum" title="52"></a> des Krieges reich gewordener junger Mann. Sie erinnerte -sich seines Namens. In seinem Hause, das wußte sie von -Otto, fanden jene berüchtigten Spielabende statt, die die +sich seines Namens. In seinem Hause, das wußte sie von +Otto, fanden jene berüchtigten Spielabende statt, die die ganze Nacht hindurch dauerten. </p> <p> -Verlassen lag der Strauß weißer Rosen auf dem Tisch. +Verlassen lag der Strauß weißer Rosen auf dem Tisch. </p> <p> -„Ich freue mich übrigens, Hedi —“ begann Otto. +„Ich freue mich übrigens, Hedi —“ begann Otto. </p> <p> @@ -2745,21 +2712,21 @@ Es ist mir ja —“ <p> „Bitte, Otto!“ unterbrach ihn Hedi. „Ich bin doch keine -kleine Verkäuferin“ — scherzte sie — „wir wollen gute +kleine Verkäuferin“ — scherzte sie — „wir wollen gute Kameraden bleiben. Kein Wort weiter. Hast du Zigaretten?“ </p> <p> -Der Kellner stürzte mit einem Streichholz herbei. Er -störte. Nur um etwas zu sagen, warf Hedi hin, daß das +Der Kellner stürzte mit einem Streichholz herbei. Er +störte. Nur um etwas zu sagen, warf Hedi hin, daß das letztemal, als er zur Front reiste, diese furchtbare Hitze in Berlin war. Es lag keinerlei Absicht darin, auf Ehre, allein der dumme Kellner war Schuld daran. Schon stieg ihr die -Röte ins Gesicht, und auch Otto errötete plötzlich. +Röte ins Gesicht, und auch Otto errötete plötzlich. </p> <p> -Das letztemal — da war Hedis berühmtes Abschiedssouper +Das letztemal — da war Hedis berühmtes Abschiedssouper gewesen. </p> @@ -2769,21 +2736,21 @@ Otto war ihr Gast! <p> Das Auto fuhr und fuhr — damals war Berlin ja noch -nicht tot — es fuhr bis zu einem gänzlich entlegenen Hotel -am Schlesischen Bahnhof — und Otto mußte sich fügen. +nicht tot — es fuhr bis zu einem gänzlich entlegenen Hotel +am Schlesischen Bahnhof — und Otto mußte sich fügen. </p> <p> Hedi aber hatte schon alles vorbereitet. Sie hatte dem -Besitzer des Hotels mit einem Schwall von Worten erklärt, -daß ihr Mann auf Urlaub, durchkäme, und daß sie aus der -Provinz seien, kriegsgetraut, und daß er nur diese eine Nacht -hier wäre, daß sie ihn am Bahnhof abholen und hierher +Besitzer des Hotels mit einem Schwall von Worten erklärt, +daß ihr Mann auf Urlaub, durchkäme, und daß sie aus der +Provinz seien, kriegsgetraut, und daß er nur diese eine Nacht +hier wäre, daß sie ihn am Bahnhof abholen und hierher bringen werde. Mit einem Schwall von Worten hatte sie, -bebend vor Angst und Aufregung, die Zimmer ausgewählt -und das Menü zusammengesetzt. Nichts war gut genug, +bebend vor Angst und Aufregung, die Zimmer ausgewählt +und das Menü zusammengesetzt. Nichts war gut genug, und der Kellner bekam zwanzig Mark Trinkgeld im voraus, -damit er wußte, mit wem er es zu tun hatte. +damit er wußte, mit wem er es zu tun hatte. </p> <p> @@ -2791,23 +2758,23 @@ Die gesamten Ersparnisse eines vollen Jahres gingen darauf. Es gab Kerzen anstatt des elektrischen Lichts, obwohl <a id="page-53" class="pagenum" title="53"></a> Kerzen schwer aufzutreiben waren, es gab Rotwein, obwohl -Rotwein für die Lazarette beschlagnahmt war, es gab Sekt, +Rotwein für die Lazarette beschlagnahmt war, es gab Sekt, obwohl er Unsummen kostete. Die kleine Tafel, die sie -selbst deckte, war mit Blumen geschmückt. Er sollte sehen, -daß es unsinnig war, den letzten Abend in irgendeinem -langweiligen Weinrestaurant zu verbringen. Man mußte +selbst deckte, war mit Blumen geschmückt. Er sollte sehen, +daß es unsinnig war, den letzten Abend in irgendeinem +langweiligen Weinrestaurant zu verbringen. Man mußte nur wissen, wie man es anpackte. Es ging alles in Berlin, -aber man mußte etwas Unternehmungsgeist haben. +aber man mußte etwas Unternehmungsgeist haben. </p> <p> -Und Otto — staunte! Über die Kerzen, den Wein, die +Und Otto — staunte! Über die Kerzen, den Wein, die ganze Aufmachung, wie er es nannte. </p> <p> -Es war heiß, und die elektrischen Bahnen brausten drunten -vorüber. Es war Juli. Ein Bataillon zog zum Bahnhof, +Es war heiß, und die elektrischen Bahnen brausten drunten +vorüber. Es war Juli. Ein Bataillon zog zum Bahnhof, singend. Die Musik schmetterte und die Leute schrien begeistert. Berlin, das Berlin des Hochsommers brauste — drunten, tief drunten. @@ -2819,11 +2786,11 @@ Die Kerzen, der Wein. Er war ihr Gast! <p> Sie entzog sich ihm nicht, weshalb denn? Sie legte das -Kleid ab, sie öffnete ihr Haar. Sie schlüpfte in das dünne -Seidenkimono, das sie für diesen Abend geschneidert hatte. -Er sollte sehen, daß sie ihn liebte, und daß sie nicht ein albernes -Gänschen war. Sie trug ihre kleinen himbeerfarbenen -Pantöffelchen. +Kleid ab, sie öffnete ihr Haar. Sie schlüpfte in das dünne +Seidenkimono, das sie für diesen Abend geschneidert hatte. +Er sollte sehen, daß sie ihn liebte, und daß sie nicht ein albernes +Gänschen war. Sie trug ihre kleinen himbeerfarbenen +Pantöffelchen. </p> <p> @@ -2836,20 +2803,20 @@ Dann kam die Nacht. </p> <p> -Er sollte wissen, daß sie ihn liebte und Mut hatte. Ja, -es gehörte Mut dazu, denn Papa würde sie auf die Straße +Er sollte wissen, daß sie ihn liebte und Mut hatte. Ja, +es gehörte Mut dazu, denn Papa würde sie auf die Straße werfen, wenn etwas passierte. </p> <p> -Sie war völlig außer sich vor Raserei. Ja, und sie konnte -schwören, daß sie nichts bereute, daß sie es niemals bereute -— trotz der fürchterlichen Angst, die sie ausgestanden hatte. +Sie war völlig außer sich vor Raserei. Ja, und sie konnte +schwören, daß sie nichts bereute, daß sie es niemals bereute +— trotz der fürchterlichen Angst, die sie ausgestanden hatte. </p> <p> -Hunderte von Pferdehufen trappelten auf der Straße — -sie hörte sie immer noch — jetzt in dieser Sekunde . . . +Hunderte von Pferdehufen trappelten auf der Straße — +sie hörte sie immer noch — jetzt in dieser Sekunde . . . </p> <p> @@ -2859,56 +2826,56 @@ Kellner ging. <p> <a id="page-54" class="pagenum" title="54"></a> -„Wo liegt dein Regiment jetzt, Otto?“ fragte sie, während -die Röte ihrer Wangen langsam verflog. +„Wo liegt dein Regiment jetzt, Otto?“ fragte sie, während +die Röte ihrer Wangen langsam verflog. </p> <p> -„Ich weiß es nicht genau. Wohl an derselben Stelle.“ +„Ich weiß es nicht genau. Wohl an derselben Stelle.“ </p> <p> -Einige Belanglosigkeiten — und plötzlich sieht Hedi auf +Einige Belanglosigkeiten — und plötzlich sieht Hedi auf die Armbanduhr und springt auf. Mein Himmel! Sie reicht dem Kellner eine Note, zehn Mark, das macht drei Mark Trinkgeld, aber sie kann nicht warten bis er herausgibt. </p> <p> -„Nun will ich dir gute Reise wünschen, Otto. Nein, +„Nun will ich dir gute Reise wünschen, Otto. Nein, bleibe sitzen. Ich will allein gehen. Ich habe es sehr eilig. Auf Wiedersehen!“ </p> <p> -Ihr Aufbruch kam so rasch, daß Otto völlig verblüfft -war. Hedi ging, und sie sah die weißen Rosen, die verlassen +Ihr Aufbruch kam so rasch, daß Otto völlig verblüfft +war. Hedi ging, und sie sah die weißen Rosen, die verlassen auf dem Nachbartisch lagen, nicht an. Ganz Lady, schritt -sie über die Teppiche. +sie über die Teppiche. </p> <p> -Ein Nicken, ein Lächeln an der Türe, der Groom verbeugte +Ein Nicken, ein Lächeln an der Türe, der Groom verbeugte sich. </p> <p> Es ging gelinde ab, dachte Otto, der den Kellner ungeduldig -herbeiwinkte und es plötzlich ebenfalls sehr eilig hatte. Da -fiel ihm ein, daß sein General seinerzeit den gleichen Ausdruck -ihm gegenüber gebraucht hatte — damals, als er dreißig -Prozent seiner Leute liegenließ. Er hatte die Geschichte erst -vorhin Heinz erzählt. Nun, jedenfalls hatte sie sich wie eine -Dame benommen. Er fürchtete nichts mehr als Szenen. +herbeiwinkte und es plötzlich ebenfalls sehr eilig hatte. Da +fiel ihm ein, daß sein General seinerzeit den gleichen Ausdruck +ihm gegenüber gebraucht hatte — damals, als er dreißig +Prozent seiner Leute liegenließ. Er hatte die Geschichte erst +vorhin Heinz erzählt. Nun, jedenfalls hatte sie sich wie eine +Dame benommen. Er fürchtete nichts mehr als Szenen. </p> <p> -Aber ein unangenehmes Empfinden blieb in ihm zurück. +Aber ein unangenehmes Empfinden blieb in ihm zurück. Was war es doch? </p> <p> -Er haßte sie in diesem Augenblicke bitter. +Er haßte sie in diesem Augenblicke bitter. </p> <h3 class="no" id="subchap-1-1-7"> @@ -2916,22 +2883,22 @@ Er haßte sie in diesem Augenblicke bitter. </h3> <p class="first"> -<span class="firstchar"><span class="prefirstchar">„</span>S</span>chuft, Schuft!“ Hedi lachte. Was für ein bodenloser +<span class="firstchar"><span class="prefirstchar">„</span>S</span>chuft, Schuft!“ Hedi lachte. Was für ein bodenloser Schuft war er doch! </p> <p> -Mit schnellen Schritten eilte sie an den Häusern entlang +Mit schnellen Schritten eilte sie an den Häusern entlang in das Schneetreiben hinein, den Hut mit dem kleinen -Reiher dicht in den Schirm gedrückt. +Reiher dicht in den Schirm gedrückt. </p> <p> <a id="page-55" class="pagenum" title="55"></a> Seine Motive — seine Motive kannte sie ganz genau! -Seine Familie, seine Karriere — was für Ausflüchte! -Hätte er doch den Mut gehabt ihr zu sagen, daß er sie nicht -mehr liebte! Aber diese Männer sind Feiglinge, und wenn +Seine Familie, seine Karriere — was für Ausflüchte! +Hätte er doch den Mut gehabt ihr zu sagen, daß er sie nicht +mehr liebte! Aber diese Männer sind Feiglinge, und wenn sie auch mitten in den Kugelregen hineingehen. Geld und Ordensauszeichnungen, das war alles, wonach diese Offiziere trachteten. @@ -2939,17 +2906,17 @@ trachteten. <p> Die Lampen eines Automobils blendeten durch die -finstere Straße, und die Schneeflocken jagten gleißend durch -den Lichtkegel. Plötzlich aber stockte Hedis Schritt, in dem -gleißenden Lichtkegel flatterte ein weiter, heller Mantel. -Er mußte ihr gefolgt sein, sie umgangen haben, um plötzlich -vor ihr erscheinen zu können, oder war es ein Zufall? -Ihre Füße waren wie gelähmt, denn der Mantel kam -näher, und sie bemerkte, daß er die Richtung seiner Bewegung -änderte. Sie bog rasch ab und stürmte die Treppe +finstere Straße, und die Schneeflocken jagten gleißend durch +den Lichtkegel. Plötzlich aber stockte Hedis Schritt, in dem +gleißenden Lichtkegel flatterte ein weiter, heller Mantel. +Er mußte ihr gefolgt sein, sie umgangen haben, um plötzlich +vor ihr erscheinen zu können, oder war es ein Zufall? +Ihre Füße waren wie gelähmt, denn der Mantel kam +näher, und sie bemerkte, daß er die Richtung seiner Bewegung +änderte. Sie bog rasch ab und stürmte die Treppe zur Untergrundbahn hinunter. Mein Gott, sie war falsch gegangen, sie wollte nach dem Leipziger Platz, und nun -war sie an der Friedrichstraße angelangt. +war sie an der Friedrichstraße angelangt. </p> <p> @@ -2974,20 +2941,20 @@ Der Zug fuhr in die Station. — <p> Otto hatte gleich hinter Hedi das Hotel verlassen. Als er sie mit den Blicken suchte, war sie schon verschwunden. -Übrigens fesselte gerade eine Dame seine Aufmerksamkeit, +Übrigens fesselte gerade eine Dame seine Aufmerksamkeit, die aus einer Droschke stieg und duftend und glitzernd die lichte Hotelhalle betrat. Otto eilte rasch nach Hause. Er warf sich in Zivilkleidung, in ganz unglaublich kurzer Zeit -hatte er sich umgezogen. Er knöpfte noch den Mantel zu, +hatte er sich umgezogen. Er knöpfte noch den Mantel zu, als er wieder die Treppe herabsprang. Er hatte nicht die geringste Lust, den Abend zu Hause zu verbringen und alle <a id="page-56" class="pagenum" title="56"></a> -möglichen Dinge über Siedelungsgebiete, Kolonien und -strategische Sicherungen zu hören. +möglichen Dinge über Siedelungsgebiete, Kolonien und +strategische Sicherungen zu hören. </p> <p> -An der Türe des schmalen Vorgärtchens prallte er mit +An der Türe des schmalen Vorgärtchens prallte er mit einem kleinen Herrn im Havelock zusammen. Aber der kleine Herr im Havelock war nicht im geringsten ungehalten. Im Gegenteil, er zog den Hut, stammelte Entschuldigungen. @@ -3004,7 +2971,7 @@ Fort! Schon rauschte die Limousine des Generals heran. <p> In einem Tempo, als habe er auch nicht eine Sekunde -Zeit zu versäumen, eilte Otto der Friedrichstadt zu. +Zeit zu versäumen, eilte Otto der Friedrichstadt zu. </p> <h3 class="no" id="subchap-1-1-8"> @@ -3012,45 +2979,45 @@ Zeit zu versäumen, eilte Otto der Friedrichstadt zu. </h3> <p class="first"> -<span class="firstchar">K</span>älte schlug dem General entgegen, als er seine Wohnung -betrat. Er bewohnte das Parterre eines einstöckigen -grauen Hauses an der Tiergartenstraße, dicht am +<span class="firstchar">K</span>älte schlug dem General entgegen, als er seine Wohnung +betrat. Er bewohnte das Parterre eines einstöckigen +grauen Hauses an der Tiergartenstraße, dicht am Kemperplatz, nicht weit von Doras Backsteinvilla entfernt. -Kälte und Stille — die Wohnung war erfüllt von Winter, +Kälte und Stille — die Wohnung war erfüllt von Winter, von Tod. </p> <p> Die Generalin war einige Jahre vor dem Krieg in Davos gestorben, nachdem . . . Die Ehe des Generals war -in den späteren Jahren nicht glücklich gewesen, übrigens -hatte die Generalin nie diese Wohnung in der Tiergartenstraße +in den späteren Jahren nicht glücklich gewesen, übrigens +hatte die Generalin nie diese Wohnung in der Tiergartenstraße betreten, damals — wieviel Jahre sind es her! — -wohnten sie in der Margaretenstraße. +wohnten sie in der Margaretenstraße. </p> <p> -Auch sein Sohn Kurt, der älteste — er war nicht mehr. +Auch sein Sohn Kurt, der älteste — er war nicht mehr. Gefallen an der Somme. </p> <p> -Ein eigentümlicher Hauch strich durch die Wohnung — +Ein eigentümlicher Hauch strich durch die Wohnung — und augenblicklich versteinte das Gesicht des Generals wieder. Den Rest des Familienlebens hatte der Krieg vernichtet. Ruth und Otto gingen ihre eigenen Wege. -Ruth arbeitete zurzeit in ihrer Küche, früher in einem +Ruth arbeitete zurzeit in ihrer Küche, früher in einem Lazarett, und Otto, wenn er einmal auf Urlaub in <a id="page-57" class="pagenum" title="57"></a> -Berlin war, war selten zu sehen — ein Leichtfuß . . . +Berlin war, war selten zu sehen — ein Leichtfuß . . . Es gibt in dieser Hinsicht keine Kompromisse: entweder -lebt eine Familie glücklich, oder sie zerfällt. +lebt eine Familie glücklich, oder sie zerfällt. </p> <p> -Die Burschen rasselten in der Diele in die Höhe. Auch +Die Burschen rasselten in der Diele in die Höhe. Auch die Ordonnanz rasselte. Sie brachte die Mappe mit den -Akten, die am Abend bearbeitet werden mußten. Nur +Akten, die am Abend bearbeitet werden mußten. Nur Soldaten lebten im Hause des Generals — und eine Wirtschafterin, Therese, die irgendwo hinten in den Zimmern hauste, und die man nie sah. Soldaten gingen ein und aus, @@ -3060,18 +3027,18 @@ Geruch aus den Kasernen mit. </p> <p> -Der General ließ den Pelzmantel einfach fallen, irgend +Der General ließ den Pelzmantel einfach fallen, irgend jemand stand schon da und fing ihn auf. </p> <p> -Ja, Kälte — trotzdem die Wohnung gut geheizt war. +Ja, Kälte — trotzdem die Wohnung gut geheizt war. Durch einen dunkeln Spiegel sah er sein steinernes Gesicht gleiten. Alle Lampen schienen falsch oder ungeschickt angebracht. Anstatt Licht und Freundlichkeit zu verbreiten — wie warm war es doch bei Dora! — verbreiteten sie feindselige -Grelle und haßerfüllte, pechschwarze Schatten. -Dunkle Täfelungen, schwere Barockmöbel, Gold — die Parkettböden +Grelle und haßerfüllte, pechschwarze Schatten. +Dunkle Täfelungen, schwere Barockmöbel, Gold — die Parkettböden schrien, wenn man sie betrat, es war ein altes Haus. </p> @@ -3079,18 +3046,18 @@ Haus. <p> In seinem Arbeitszimmer fiel der Frost von ihm. Hier allein war er zu Hause. Er atmete auf, seine Haltung -wurde um etwas lässiger. +wurde um etwas lässiger. </p> <p> -Mit raschen Schritten näherte er sich einem Vogelbauer, +Mit raschen Schritten näherte er sich einem Vogelbauer, in dem ein kleiner gelber Kanarienvogel hauste. </p> <p> „Nun, Niki — Niki!“ Er steckte den Finger durch die -Stäbe — er sprach mit dem Vogel genau so, wie er früher -mit seinen Kindern gesprochen hatte, mit veränderter, +Stäbe — er sprach mit dem Vogel genau so, wie er früher +mit seinen Kindern gesprochen hatte, mit veränderter, komischer Stimme — als sie noch ganz klein waren, klein, lieblich und voller Vertrauen. </p> @@ -3104,8 +3071,8 @@ und das Wasserchen, wieder alles verspritzt — du Schlingelchen </p> <p> -Der Vogel piepte und sprang erregt von Stäbchen zu -Stäbchen. +Der Vogel piepte und sprang erregt von Stäbchen zu +Stäbchen. </p> <p> @@ -3116,25 +3083,25 @@ Stäbchen. Es klopfte. Eine laute Stimme rief: „Es ist serviert, Herr General!“ Das war Jakob, der Ulan, Bursche und Kammerzofe des Generals. Es gab auch noch einen Wangel, -der aber war mehr für den Dienst außerhalb des Hauses. +der aber war mehr für den Dienst außerhalb des Hauses. Die Uhren schlugen. Es war acht. </p> <p> Punkt acht — Punkt, immer Punkt! Der General war -für peinlichste Pünktlichkeit. Zuweilen, erschöpft vom +für peinlichste Pünktlichkeit. Zuweilen, erschöpft vom Dienst, legte er sich zur Ruhe — zehn Minuten, zwanzig -Minuten — mit der Sekunde mußte er geweckt werden. +Minuten — mit der Sekunde mußte er geweckt werden. Die Burschen konnten den ganzen Tag faulenzen oder -mit Köchinnen klatschen, aber ihre Uhren mußten genau +mit Köchinnen klatschen, aber ihre Uhren mußten genau gerichtet sein. Punkt ein halb acht Uhr morgens erhob sich -der General, Punkt ein viertel nach acht nahm er sein Frühstück, -Punkt ein Uhr fuhr er zum Mittagessen (er aß in der +der General, Punkt ein viertel nach acht nahm er sein Frühstück, +Punkt ein Uhr fuhr er zum Mittagessen (er aß in der Stadt), Punkt acht Uhr erschien er zum Abendessen. Auch im Felde hatte er die gleiche Einteilung des Tages eingehalten und wenn die Welt unterging. Zuweilen ging sie auch unter, aber den Tagesplan des Generals vermochte -sie nicht zu verrücken. +sie nicht zu verrücken. </p> <p> @@ -3151,34 +3118,34 @@ ins Speisezimmer. </p> <p class="first"> -<span class="firstchar">R</span>uth sagte „Guten Abend“ und grüßte den Vater mit +<span class="firstchar">R</span>uth sagte „Guten Abend“ und grüßte den Vater mit ihren hellbraunen Augen, die in der Tiefe warm und golden schimmerten. Sie war keine Hecht-Babenberg, -sie war, heißt das, physisch nicht den Traditionen des -Hecht-Babenbergschen Blutes gefolgt, das große, solide -Knochen, breite Schädel mit etwas slawischen Backenknochen +sie war, heißt das, physisch nicht den Traditionen des +Hecht-Babenbergschen Blutes gefolgt, das große, solide +Knochen, breite Schädel mit etwas slawischen Backenknochen baute, sie war eine Sommerstorf, nach der <a id="page-59" class="pagenum" title="59"></a> -Mutter geraten, die einer süddeutschen, fränkischen -Familie entstammte. Sie war nicht groß, schmalschultrig, +Mutter geraten, die einer süddeutschen, fränkischen +Familie entstammte. Sie war nicht groß, schmalschultrig, eher zierlich, ihr Haar dunkelblond, fast braun, -und so weich, daß es sich schlecht frisierte und die Frisur -häufig etwas nachlässig aussah. Zuweilen rügte der -General diese Nachlässigkeit, mit einem raschen Blick. -Ruth glättete dann verlegen mit den Händen die +und so weich, daß es sich schlecht frisierte und die Frisur +häufig etwas nachlässig aussah. Zuweilen rügte der +General diese Nachlässigkeit, mit einem raschen Blick. +Ruth glättete dann verlegen mit den Händen die Haarwellen. </p> <p> -Der General goß sich Fachinger ein. Neben seinem -Gedeck lagen die Abendzeitungen, die er durchflog, während -er die Suppe schlürfte. Wann sollte er Zeit haben, die -Zeitungen zu lesen? Er wußte kaum, was in der Welt +Der General goß sich Fachinger ein. Neben seinem +Gedeck lagen die Abendzeitungen, die er durchflog, während +er die Suppe schlürfte. Wann sollte er Zeit haben, die +Zeitungen zu lesen? Er wußte kaum, was in der Welt vorging. Aber das war auch Nebensache, die Hauptsache -war, daß diese Burschen geschlagen wurden, und es war -nicht nötig, daraufhin die Zeitungen zu studieren. Auf -Tag und Stunde würde er es wissen, wenn es so weit war. -Noch war es allerdings nicht ganz so weit, auch das wußte +war, daß diese Burschen geschlagen wurden, und es war +nicht nötig, daraufhin die Zeitungen zu studieren. Auf +Tag und Stunde würde er es wissen, wenn es so weit war. +Noch war es allerdings nicht ganz so weit, auch das wußte er ganz genau. </p> @@ -3191,8 +3158,8 @@ er ganz genau. </p> <p> -Schweigen. Der General schlürft hastig und ungeniert -die Suppe, die vom Löffel in den Teller tropft, und schielt +Schweigen. Der General schlürft hastig und ungeniert +die Suppe, die vom Löffel in den Teller tropft, und schielt in die Zeitung. </p> @@ -3202,26 +3169,26 @@ in die Zeitung. <p> Jakob tritt aus dem Schatten neben dem Danziger -Barockbüfett, wo er sich gewöhnlich verbirgt, und geht zu -sämtlichen Fenstern und Türen, auf den Fußspitzen, obwohl -er weiß, daß alle ordentlich geschlossen sind. Jakob +Barockbüfett, wo er sich gewöhnlich verbirgt, und geht zu +sämtlichen Fenstern und Türen, auf den Fußspitzen, obwohl +er weiß, daß alle ordentlich geschlossen sind. Jakob bedient auch bei Tisch. Der General liebt es, von einem Mann in Uniform auch zu Hause bedient zu werden — -es ist wie im Felde. Er haßt weibliche Dienstboten. +es ist wie im Felde. Er haßt weibliche Dienstboten. </p> <p> Die silbernen Bestecke blinken kalt, die Tischdecke ist wie -Schnee — und obgleich der Tisch nicht um vieles größer -ist als ein gewöhnlicher Eßtisch, scheint dem General diese +Schnee — und obgleich der Tisch nicht um vieles größer +ist als ein gewöhnlicher Eßtisch, scheint dem General diese Tischdecke zuweilen ein endloses Schneefeld zu sein. Ganz <a id="page-60" class="pagenum" title="60"></a> -am Rande dieses Schneefeldes weiß er seine Tochter, fern, +am Rande dieses Schneefeldes weiß er seine Tochter, fern, klein — zuweilen scheint es dem General, als ob die Menschen mehr und mehr in die Ferne glitten, mehr und mehr, -täglich mehr. Oft klingen ihre Stimmen fern und dünn, -wie aus großer Entfernung. Oft hört er sie gar nicht -mehr, so dünn klingen sie. Es kommt daher, daß er überarbeitet +täglich mehr. Oft klingen ihre Stimmen fern und dünn, +wie aus großer Entfernung. Oft hört er sie gar nicht +mehr, so dünn klingen sie. Es kommt daher, daß er überarbeitet ist. </p> @@ -3231,12 +3198,12 @@ heruntergeschossen.“ </p> <p> -Jakob wechselte die Teller, geräuschlos. +Jakob wechselte die Teller, geräuschlos. </p> <p> -Der General sah plötzlich auf. Jetzt erst bemerkte er, -daß Otto bei Tisch fehlte. +Der General sah plötzlich auf. Jetzt erst bemerkte er, +daß Otto bei Tisch fehlte. </p> <p> @@ -3244,54 +3211,54 @@ daß Otto bei Tisch fehlte. </p> <p> -„Am letzten Abend —?“ Röte stieg in das Gesicht des +„Am letzten Abend —?“ Röte stieg in das Gesicht des Generals. Seine Wimpern hoben sich vorsichtig, und sein -Blick tastete über Ruths Gesicht. Dieses Gesicht war zart, -blaß und von einer ungewöhnlichen Reinheit des Teints. -Es war voller Anmut, ohne irgendwie schön zu sein. Eine -träumerische Zerstreutheit war über die weichen Züge gebreitet, -und ein Lächeln lag auf den etwas zu vollen, tiefroten -Lippen. Ruth fühlte den Blick, ihre Lider zitterten — +Blick tastete über Ruths Gesicht. Dieses Gesicht war zart, +blaß und von einer ungewöhnlichen Reinheit des Teints. +Es war voller Anmut, ohne irgendwie schön zu sein. Eine +träumerische Zerstreutheit war über die weichen Züge gebreitet, +und ein Lächeln lag auf den etwas zu vollen, tiefroten +Lippen. Ruth fühlte den Blick, ihre Lider zitterten — aber schon war der Blick des Generals wieder zu seinem -Teller zurückgekehrt. Der General liebte es nicht, dem Blick +Teller zurückgekehrt. Der General liebte es nicht, dem Blick seiner Tochter zu begegnen — es hatte seinen Grund, seine -Gründe, über die er niemand Aufklärung schuldig war. +Gründe, über die er niemand Aufklärung schuldig war. </p> <p> -„Viel Arbeit in der Küche?“ +„Viel Arbeit in der Küche?“ </p> <p> -„Genug, Papa. Wir geben täglich achthundert Mahlzeiten +„Genug, Papa. Wir geben täglich achthundert Mahlzeiten aus.“ </p> <p> „Sapperlot!“ Der General wischte sich den grauen, -dünnen Schnurrbart ab und rückte den Stuhl zurück. Er -bot Ruth die Wange zum Kusse. Sie berührte sie mit +dünnen Schnurrbart ab und rückte den Stuhl zurück. Er +bot Ruth die Wange zum Kusse. Sie berührte sie mit den weichen Lippen (wobei die stachlichen Bartstoppeln sie stets kitzelten) und legte einen Augenblick die Hand sanft an den grauen Kopf des Vaters. Diese Art des Gutenachtkusses -hatte sich aus ihrer Mädchenzeit erhalten. Der +hatte sich aus ihrer Mädchenzeit erhalten. Der <a id="page-61" class="pagenum" title="61"></a> -General fühlte den sanften Druck ihrer Hand im Herzen. -Jeden Abend. Jeden Abend erwachte bei dieser Berührung -die Liebe zu seiner Tochter, die während des Tages -verblaßte, schlief, ohne jede Spur erlosch. Am Tage dachte +General fühlte den sanften Druck ihrer Hand im Herzen. +Jeden Abend. Jeden Abend erwachte bei dieser Berührung +die Liebe zu seiner Tochter, die während des Tages +verblaßte, schlief, ohne jede Spur erlosch. Am Tage dachte er fast nie an Ruth, und wenn sie ihm in den Sinn kam, -zufällig und selten, so geschah es ohne jedes Gefühl, fast -mit Kälte. Aber abends fing die Liebe unter dieser Berührung +zufällig und selten, so geschah es ohne jedes Gefühl, fast +mit Kälte. Aber abends fing die Liebe unter dieser Berührung zu glimmen an. Oft dauerte diese Empfindung -an, und einmal kam es sogar vor, daß der General spät -abends an Ruths Türe lauschte, um zu hören, wie sie atmete. +an, und einmal kam es sogar vor, daß der General spät +abends an Ruths Türe lauschte, um zu hören, wie sie atmete. Da stand er im dunkeln Korridor, wie ein Dieb, das Ohr -gegen ihre Türe gedrückt. Sein Herz brannte vor Liebe. +gegen ihre Türe gedrückt. Sein Herz brannte vor Liebe. </p> <p> -Am Tage aber — Gleichgültigkeit, Kälte. Sonderbar! +Am Tage aber — Gleichgültigkeit, Kälte. Sonderbar! </p> <p> @@ -3304,24 +3271,24 @@ Stimme. </p> <p> -Der General erhob sich geräuschvoll. Jakob klappte mit -den Stiefeln. Plötzlich sagte der General im Befehlston: -„Wenn mein Sohn nach Hause kommt, ich möchte ihn -sprechen! Aber nach ein halb zwölf will ich nicht mehr -gestört werden. Dann soll er früh in mein Zimmer kommen!“ +Der General erhob sich geräuschvoll. Jakob klappte mit +den Stiefeln. Plötzlich sagte der General im Befehlston: +„Wenn mein Sohn nach Hause kommt, ich möchte ihn +sprechen! Aber nach ein halb zwölf will ich nicht mehr +gestört werden. Dann soll er früh in mein Zimmer kommen!“ </p> <p> -„Jawohl, Herr General!“ Und Jakob stürzte zur Türe. -Er wußte, daß der Herr Oberleutnant erst gegen Morgen -zurückkehren würde wie jede Nacht. Er hatte ihm schon -befohlen, rücksichtslos kaltes Wasser anzuwenden, wenn er +„Jawohl, Herr General!“ Und Jakob stürzte zur Türe. +Er wußte, daß der Herr Oberleutnant erst gegen Morgen +zurückkehren würde wie jede Nacht. Er hatte ihm schon +befohlen, rücksichtslos kaltes Wasser anzuwenden, wenn er nicht wach werden sollte. </p> <p> -Ruth wünschte dem Burschen mit heiterer Stimme -„Guten Abend“ und schlüpfte in ihr Zimmer. +Ruth wünschte dem Burschen mit heiterer Stimme +„Guten Abend“ und schlüpfte in ihr Zimmer. </p> <p class="tb2"> @@ -3329,48 +3296,48 @@ Ruth wünschte dem Burschen mit heiterer Stimme </p> <p class="noindent"> -Ruths kleiner Salon war, ganz wie das anstoßende Schlafzimmer, +Ruths kleiner Salon war, ganz wie das anstoßende Schlafzimmer, immer etwas in Unordnung und — sowohl am -Tage wie am Abend — in Dämmerung gehüllt. Kleidungsstücke, -Bücher und Schreibpapier lagen verstreut umher. +Tage wie am Abend — in Dämmerung gehüllt. Kleidungsstücke, +Bücher und Schreibpapier lagen verstreut umher. Der kleine Salon, der auf den Tiergarten hinausging, -war in blauen und weißen Farben gehalten. Die niedrigen, +war in blauen und weißen Farben gehalten. Die niedrigen, <a id="page-62" class="pagenum" title="62"></a> -mit einem Seidenbrokat von senkrechten blauen und weißen -Streifen überzogenen Fauteuils, zeigten schon allenthalben -feine Risse und waren gelblich geworden. In die Rücklehnen +mit einem Seidenbrokat von senkrechten blauen und weißen +Streifen überzogenen Fauteuils, zeigten schon allenthalben +feine Risse und waren gelblich geworden. In die Rücklehnen dieser Fauteuils war ein Medaillon mit dem Wappen der Sommerstorf eingestickt: eine Hand, die eine rote Rose -hielt. (Diese rote Rose spielte bei den Sommerstorf überhaupt -eine große Rolle.) +hielt. (Diese rote Rose spielte bei den Sommerstorf überhaupt +eine große Rolle.) </p> <p> -Über dem kleinen Sofa, auf dem gewöhnlich Ruths -Mantel und Hut lagen, hing in einem ovalen weißen -Rahmen das Porträt einer jungen Dame: Margarete v. -Sommerstorf, spätere Hecht-Babenberg. Das Aquarell, +Über dem kleinen Sofa, auf dem gewöhnlich Ruths +Mantel und Hut lagen, hing in einem ovalen weißen +Rahmen das Porträt einer jungen Dame: Margarete v. +Sommerstorf, spätere Hecht-Babenberg. Das Aquarell, in der Manier Kaulbachs gehalten, stellte Ruths Mutter im Alter von etwa zwanzig Jahren dar, zur Zeit, da sie -sich verheiratete: ein junges Mädchen, die schmalen Schultern -in ein weißes Spitzentuch eingehüllt, einen Fächer in +sich verheiratete: ein junges Mädchen, die schmalen Schultern +in ein weißes Spitzentuch eingehüllt, einen Fächer in der Hand und eine brennendrote Rose im Haar. Das Haar hatte in den Reflexen den gleichen Schimmer wie Ruths Haar, das manchmal braun und manchmal blond erschien, je nachdem das Licht darauf fiel. Das Bild hatte -eine besondere Eigentümlichkeit. Die großen hellbraunen -Augen, die der Künstler besonders hervorgehoben hatte, -verfolgten den Beschauer überallhin, wo immer im Zimmer -er stehen mochte. Sie ließen ihn nicht aus den Augen und -lächelten. +eine besondere Eigentümlichkeit. Die großen hellbraunen +Augen, die der Künstler besonders hervorgehoben hatte, +verfolgten den Beschauer überallhin, wo immer im Zimmer +er stehen mochte. Sie ließen ihn nicht aus den Augen und +lächelten. </p> <p> Ruth hatte nur eine blasse Erinnerung an die Mutter -bewahrt. Etwas Scheues, unendlich Warmes, Flüchtiges +bewahrt. Etwas Scheues, unendlich Warmes, Flüchtiges und Huschendes. Weiche Lippen, unendlich zart und unendlich -warm — die sie geküßt hatten, als sie ein kleines -Mädchen war, und Therese hatte gerufen: „Grüße die +warm — die sie geküßt hatten, als sie ein kleines +Mädchen war, und Therese hatte gerufen: „Grüße die Dame, es ist Mama.“ Ruth erinnerte sich genau an diese Worte Thereses, aber zu ihrem Schmerz erinnerte sie sich nicht mehr an das, was diese blasse, scheue, unbekannte @@ -3378,18 +3345,18 @@ Dame sprach. </p> <p> -Sie besaß übrigens das weiße Spitzentuch, in dem die -Mutter porträtiert worden war. Zuweilen, sehr selten, +Sie besaß übrigens das weiße Spitzentuch, in dem die +Mutter porträtiert worden war. Zuweilen, sehr selten, <a id="page-63" class="pagenum" title="63"></a> legte sie es um die Schultern, sie steckte sich eine rote Rose -von demselben prangenden Rot in das Haar: dann lächelten +von demselben prangenden Rot in das Haar: dann lächelten diese beiden Frauen, die ganz gleich aussahen, einander zu. </p> <p> -Eilig schlüpfte Ruth in den Mantel und sang leise vor -sich hin, während sie die Handschuhe suchte, die sie, wie -gewöhnlich, verlegt hatte: +Eilig schlüpfte Ruth in den Mantel und sang leise vor +sich hin, während sie die Handschuhe suchte, die sie, wie +gewöhnlich, verlegt hatte: </p> <div class="poem"> @@ -3400,7 +3367,7 @@ gewöhnlich, verlegt hatte: </div> <p class="noindent"> -Ruth vergötterte Schumann. +Ruth vergötterte Schumann. </p> <p> @@ -3419,9 +3386,9 @@ Sie waren in eine leere Blumenvase geraten. <p> Otto sprang in den Wagen. „Paradies-Bar!“ Es war eine alte, in allen Fugen klaffende Droschke. Das -Pferd lahmte und schnellte in merkwürdigen Sprüngen -vorwärts. Mein Himmel, was haben sie aus dieser Stadt -gemacht, dachte Otto, mit einem Gefühl von Schadenfreude +Pferd lahmte und schnellte in merkwürdigen Sprüngen +vorwärts. Mein Himmel, was haben sie aus dieser Stadt +gemacht, dachte Otto, mit einem Gefühl von Schadenfreude im Herzen. Er war zuletzt im vorigen Sommer einige Wochen hier gewesen, um sich von einer Gasvergiftung zu erholen — damals erschien ihm der Verfall noch @@ -3430,75 +3397,75 @@ nicht so furchtbar. <p> Einsam klapperten die Hufe des Pferdes in der finstern -Straßenschlucht. Es hatte aufgehört zu schneien, Schmutz -floß in den Rinnsteinen. Ohne Aufhören ging ein schwarzer +Straßenschlucht. Es hatte aufgehört zu schneien, Schmutz +floß in den Rinnsteinen. Ohne Aufhören ging ein schwarzer Aschenregen nieder auf die tote, verkohlte Stadt. </p> <p> -Und früher, ein wogendes Meer von Licht! Schimmernde -Perlenketten, blitzende Diademe auf den Dächern, -rasende Feuerräder am geröteten Himmel, geschmolzenes -Blei quillt aus den Fugen der Häuser. Die Scheinwerfer +Und früher, ein wogendes Meer von Licht! Schimmernde +Perlenketten, blitzende Diademe auf den Dächern, +rasende Feuerräder am geröteten Himmel, geschmolzenes +Blei quillt aus den Fugen der Häuser. Die Scheinwerfer <a id="page-64" class="pagenum" title="64"></a> -der brüllenden Autoherden, die gleißenden Lichtblöcke der -Schaufenster — und fröhliche Menschen treiben im Licht, -Damen, die Augen leuchten, und die Zähne blitzen. Lachen . . . +der brüllenden Autoherden, die gleißenden Lichtblöcke der +Schaufenster — und fröhliche Menschen treiben im Licht, +Damen, die Augen leuchten, und die Zähne blitzen. Lachen . . . </p> <p> -Da hielt die Droschke plötzlich. Das Pferdeskelett stand +Da hielt die Droschke plötzlich. Das Pferdeskelett stand in seinem abgeschabten Fell und zitterte. </p> <p> Erschauernd entfloh Otto diesen drohenden Finsternissen, wie alle Welt, die sich nach den Lichtinseln der verkohlten -Stadt flüchtete, den Theatern und Konzertsälen, um vor +Stadt flüchtete, den Theatern und Konzertsälen, um vor den Schatten und Gespenstern der Dunkelheit zu fliehen. Wie Tiere bei einer Sintflut, die entsetzt dahinjagen . . . </p> <p> -Schon in der magisch beleuchteten Tropfsteinhöhle, die -als Garderobe diente, fühlte Otto sich geborgen. Die Luft, -die er liebte, schlug ihm entgegen — Parfüms, Lachen, -Licht, Musik . . . Es war nicht das allerfeinste Parfüm, +Schon in der magisch beleuchteten Tropfsteinhöhle, die +als Garderobe diente, fühlte Otto sich geborgen. Die Luft, +die er liebte, schlug ihm entgegen — Parfüms, Lachen, +Licht, Musik . . . Es war nicht das allerfeinste Parfüm, es war dick, legte sich mehlig auf den Gaumen, aber darauf -kam es schließlich nicht an. +kam es schließlich nicht an. </p> <p> -Trotz der frühen Abendstunde war die Rotunde der -Paradies-Bar schon überfüllt. Aber Otto hatte Glück, ein +Trotz der frühen Abendstunde war die Rotunde der +Paradies-Bar schon überfüllt. Aber Otto hatte Glück, ein kleines Tischchen an der Balustrade zu erobern — dicht -neben dem giftgrünen und himbeerroten Jüngling, der die +neben dem giftgrünen und himbeerroten Jüngling, der die Gipsarme emporstreckte und von den farbigen Strahlen eines Springbrunnens umsprudelt wurde. Lackrot und -Gold waren die Farben der Paradies-Bar. Bunte Blütenkelche +Gold waren die Farben der Paradies-Bar. Bunte Blütenkelche hingen von der goldenen Decke herab und strahlten -Begierde und Wollust aus. Giftgrüne Insekten schabten -die Instrumente, hämmerten mit Klöppeln. Einer der -Giftgrünen glitt zwischen den Tischen hindurch und spielte -den Gästen ins Ohr. +Begierde und Wollust aus. Giftgrüne Insekten schabten +die Instrumente, hämmerten mit Klöppeln. Einer der +Giftgrünen glitt zwischen den Tischen hindurch und spielte +den Gästen ins Ohr. </p> <p> Otto klemmte die Scherbe vors Auge, damit alle Welt -sehen konnte, daß er Offizier war — und nicht etwa einer +sehen konnte, daß er Offizier war — und nicht etwa einer von den vielen hier, den vielen, die sich von den Kadavern -auf den Schlachtfeldern nährten. Stimmen schwirrten +auf den Schlachtfeldern nährten. Stimmen schwirrten ringsum. </p> <p> -„Vor zwei Jahren lieh ich ihm fünfzig Mark, er kam -zu mir — seine Stiefel — überhaupt — Kellner!“ +„Vor zwei Jahren lieh ich ihm fünfzig Mark, er kam +zu mir — seine Stiefel — überhaupt — Kellner!“ </p> <p> <a id="page-65" class="pagenum" title="65"></a> -„Heute hat er Millionen. Ich schätze ihn auf vier Millionen.“ +„Heute hat er Millionen. Ich schätze ihn auf vier Millionen.“ </p> <p> @@ -3511,27 +3478,27 @@ auszudenken. —<a id="corr-3"></a>“ </p> <p> -Zwischen einer Glatze und einem Blumenstrauß hatte -Otto ein schwarzes schlankes Dämchen mit entblößten, entzückend +Zwischen einer Glatze und einem Blumenstrauß hatte +Otto ein schwarzes schlankes Dämchen mit entblößten, entzückend runden Schultern entdeckt, das seine Blicke erwiderte. Unter ihm, etwas tiefer, neben dem Springbrunnen, -saßen zwei befrackte Herren, mit zwei wie Fürstinnen +saßen zwei befrackte Herren, mit zwei wie Fürstinnen gekleideten Damen in kostbaren Roben, mit Brillanten -und Blumen geschmückt. Er roch den Puder, der von ihren -entblößten Büsten aufstieg und die Essenzen ihrer duftigen +und Blumen geschmückt. Er roch den Puder, der von ihren +entblößten Büsten aufstieg und die Essenzen ihrer duftigen kunstvollen Frisuren. Wie rosig, dieses kleine Ohr — -Kokotten natürlich — aber immerhin Fleisch, Atem, Leben. +Kokotten natürlich — aber immerhin Fleisch, Atem, Leben. </p> <p> Am Nachbartisch hatten zwei Herren im Smoking Platz -genommen. Ihre dicken, glattgeschorenen Schädel und +genommen. Ihre dicken, glattgeschorenen Schädel und schwammigen Trinkergesichter kamen Otto bekannt vor. Es waren zwei Rittmeister, die er immer in Stifters Diele Unter den Linden gesehen hatte, wenn er mit Papa dort zu Mittag speiste. Sie hatten sich zwei reizende kleine Damen mitgebracht, allerdings nicht erster Klasse, vielleicht -Verkäuferinnen, die schon jetzt zu kreischen begannen. +Verkäuferinnen, die schon jetzt zu kreischen begannen. </p> <p> @@ -3539,16 +3506,16 @@ Bunte Papierschlangen zischten durch die Luft. </p> <p> -Ja, hier war in der Tat das Paradies, und da draußen in -der finsteren Straße nichts als die nackte Wirklichkeit. Ein -paar blaugefrorene Kinder mit Streichhölzern, ein altes Weib +Ja, hier war in der Tat das Paradies, und da draußen in +der finsteren Straße nichts als die nackte Wirklichkeit. Ein +paar blaugefrorene Kinder mit Streichhölzern, ein altes Weib mit nassen Zeitungen — und der Portier der Bar steht wie -ein Erzengel in seinem grünen Mantel! Berlin war im -Aschenregen begraben, aber hier hatte sich, in einer Höhle, +ein Erzengel in seinem grünen Mantel! Berlin war im +Aschenregen begraben, aber hier hatte sich, in einer Höhle, durch ein Wunder, ein letzter Tropfen seines geilen Blutes -erhalten. Mit allen Sinnen sog Otto Gerüche, Stimmen, -Fleisch in sich, er sammelte auf Vorrat, für die langen -Monate, wo er nichts sehen würde als verrosteten Stacheldraht +erhalten. Mit allen Sinnen sog Otto Gerüche, Stimmen, +Fleisch in sich, er sammelte auf Vorrat, für die langen +Monate, wo er nichts sehen würde als verrosteten Stacheldraht und Schrapnellwolken. </p> @@ -3559,89 +3526,89 @@ und Schrapnellwolken. <p> „Schwindel, alles Schwindel. Eher wird der Himmel -einstürzen —“ +einstürzen —“ </p> <p> -„Aber das wäre ja Betrug!“ +„Aber das wäre ja Betrug!“ </p> <p> „Betrug? Was sonst? Wissen Sie, wie man den neuen -Mann nennt, der uns regiert? Den Fünfminutenbrenner! -Er kann nur fünf Minuten wachbleiben, dann schläft er +Mann nennt, der uns regiert? Den Fünfminutenbrenner! +Er kann nur fünf Minuten wachbleiben, dann schläft er wieder ein.“ </p> <p> -„Gott sei uns gnädig und barmherzig!“ +„Gott sei uns gnädig und barmherzig!“ </p> <p> Die Damen mit den Brillanten lachten laut auf. Er sagte -es auch zu drollig, ergeben in sein Schicksal, und dabei stieß +es auch zu drollig, ergeben in sein Schicksal, und dabei stieß er mit der Zunge an. </p> <p> -Die schmachtende Geige des giftgrünen Primgeigers +Die schmachtende Geige des giftgrünen Primgeigers sang in Ottos Ohr. </p> <p> -Was sah er? Was hörte er? +Was sah er? Was hörte er? </p> <p> Doras strahlende Augen? Hedis helles Haar hinter dem -Schleier mit Silberstickerei? Hörte er Doras Lachen? +Schleier mit Silberstickerei? Hörte er Doras Lachen? Nicht im geringsten. </p> <p> Er sah: Nacht, Grausen, eine Kraterlandschaft, die -Zone des Todes. Geschützfeuer geistert und die Granaten -heulen. Durch die Dunkelheit schleppen keuchende Männer +Zone des Todes. Geschützfeuer geistert und die Granaten +heulen. Durch die Dunkelheit schleppen keuchende Männer einen Verwundeten auf einer Zeltbahn. Beim Schein -des Geschützfeuers erkennt er plötzlich — ja, er, er, er selbst -ist es, den die keuchenden Männer schleppen. Sein Gesicht -ist überströmt von Blut, und deutlich hört er den keuchenden -Atem der Männer, die ihn tragen . . . +des Geschützfeuers erkennt er plötzlich — ja, er, er, er selbst +ist es, den die keuchenden Männer schleppen. Sein Gesicht +ist überströmt von Blut, und deutlich hört er den keuchenden +Atem der Männer, die ihn tragen . . . </p> <p> Sofort schlug Otto erbleichend die Augen auf. Seine -Pupillen erweiterten sich, seine Augen wurden zu gähnenden +Pupillen erweiterten sich, seine Augen wurden zu gähnenden Kratern voller Grauen — das also war es, was er sah -und hörte, während der giftgrüne Primgeiger ihm ins -Ohr spielte. Die grausige Vision verblaßte, und augenblicklich -kehrte er wieder in die Paradies-Bar zurück. Nur +und hörte, während der giftgrüne Primgeiger ihm ins +Ohr spielte. Die grausige Vision verblaßte, und augenblicklich +kehrte er wieder in die Paradies-Bar zurück. Nur ein leiser Schrecken zitterte in ihm weiter. </p> <p> -Mit bebender Hand füllte er das Glas und trank dem -schwarzen, schlanken Dämchen mit den entblößten, entzückend +Mit bebender Hand füllte er das Glas und trank dem +schwarzen, schlanken Dämchen mit den entblößten, entzückend <a id="page-67" class="pagenum" title="67"></a> -runden Schultern zu. Seine Dame lächelte huldvoll +runden Schultern zu. Seine Dame lächelte huldvoll — und augenblicklich drehte sich die Glatze um. </p> <p> -Die Schultern dieses schlanken Dämchens erinnerten -ihn an Hedi. Und während er sein Glas auf das Wohl +Die Schultern dieses schlanken Dämchens erinnerten +ihn an Hedi. Und während er sein Glas auf das Wohl der Schlanken leerte, gedachte er Hedi, mit der nun, Gott -sei Dank, alles zu Ende war. Er dachte an sie ohne Haß, +sei Dank, alles zu Ende war. Er dachte an sie ohne Haß, aber mit leiser Verachtung. Eine Dame — tut eine Dame so etwas — damals im Sommer, das Abschiedssouper —? Und doch war er gerade in diesem Augenblick, wo sich eine rote Papierschlange, von der schwarzen Schlanken -geworfen, um seinen Kopf ringelte, geneigt, großmütig +geworfen, um seinen Kopf ringelte, geneigt, großmütig zu vergeben. Jeder Mensch hatte schwache Stunden. </p> <p> -„Nun also — diese Hedi, sie würde wohl schlecht schlafen +„Nun also — diese Hedi, sie würde wohl schlecht schlafen diese Nacht?“ </p> @@ -3650,7 +3617,7 @@ diese Nacht?“ </p> <p> -„So ein bißchen? — He, Kellner, Herr Ober —!“ +„So ein bißchen? — He, Kellner, Herr Ober —!“ </p> <p class="tb"> @@ -3658,7 +3625,7 @@ diese Nacht?“ </p> <p class="first"> -<span class="firstchar">W</span>ie eitel diese Männer, wie töricht! +<span class="firstchar">W</span>ie eitel diese Männer, wie töricht! </p> <p> @@ -3669,59 +3636,59 @@ nicht einmal an ihn. <p> Sie dachte an den gelben Mantel! Ein Herr will einer Dame eine Huldigung darbringen. Nun wohl. Er kauft -weiße Rosen, obschon sie ein Vermögen kosten, und läßt +weiße Rosen, obschon sie ein Vermögen kosten, und läßt sie auf dem Tisch liegen. Kein Wort, kein Blick: ein Gentleman! </p> <p> -Ihre Paläste waren in Schutt zerfallen, die Paläste +Ihre Paläste waren in Schutt zerfallen, die Paläste mit dem Wappenschild der Hecht-Babenberg: das rote Pferd im blauen Feld. Dahin! Schon aber baute Hedi -neue Paläste! Weitaus herrlichere, kühnere! +neue Paläste! Weitaus herrlichere, kühnere! </p> <p> Ach, sie hatte ihre Jugend vergeudet! Drei Jahre lang hatte sie auf Ottos Brief gewartet und selbst einige hundert Briefe ins Feld geschrieben. Und dieser Krieg endete ja -nie, sie hätte alt werden können dabei. Wie töricht! Und -diese Familie der Hecht-Babenberg, dieser hochmütige +nie, sie hätte alt werden können dabei. Wie töricht! Und +diese Familie der Hecht-Babenberg, dieser hochmütige General, in dessen Augen ein Geheimer Rat ein Kanzlist <a id="page-68" class="pagenum" title="68"></a> -war, nichts sonst. Er hätte sie stets als ein Geschöpf zweiter +war, nichts sonst. Er hätte sie stets als ein Geschöpf zweiter Klasse betrachtet, ohne Ahnenreihe wie die der Babenbergs, -die bis auf die Kreuzzüge zurückging. +die bis auf die Kreuzzüge zurückging. </p> <p> -Ja, morgen würde sie vielleicht wieder in den Kaiserhof +Ja, morgen würde sie vielleicht wieder in den Kaiserhof gehen zum Tee. Erstens gefiel es ihr dort, die Musik, die Eleganz, die Sorglosigkeit — und zweitens konnte es ja -sein, daß dieser Herr Ströbel oder Herr v. Ströbel . . . +sein, daß dieser Herr Ströbel oder Herr v. Ströbel . . . </p> <p> Da richtete sich Klara leise in ihrem Bett auf. Die beiden Schwestern schliefen zusammen in einem kleinen Hofzimmer. -„Schläfst du, Hedi?“ flüsterte Klara. „Guck’ doch +„Schläfst du, Hedi?“ flüsterte Klara. „Guck’ doch mal den Mond an, wie er fliegt.“ Hedi antwortete nicht, -und Klara beugte sich über ihr Bett. „Ah, du schläfst ja +und Klara beugte sich über ihr Bett. „Ah, du schläfst ja doch nicht“, sagte sie lachend. Ganz unerwartet erhielt sie eine klatschende Ohrfeige, denn Hedi war gar nicht in -Laune, auf Klaras Geschwätz einzugehen. Die Kleine ahnte -ja nicht, daß sie, Hedi, soeben in einem fünfzigpferdigen +Laune, auf Klaras Geschwätz einzugehen. Die Kleine ahnte +ja nicht, daß sie, Hedi, soeben in einem fünfzigpferdigen Tourenwagen dahinraste, eine Staubbrille vor den Augen, -Ströbel steuerte — wenn ein Pneu platzte, konnte es +Ströbel steuerte — wenn ein Pneu platzte, konnte es eine Katastrophe geben. </p> <p> -Klara saß still und sah dem Mond zu. Ihr Gesicht war -in Licht getaucht und ihre Augen gleißten. Schneeweiß +Klara saß still und sah dem Mond zu. Ihr Gesicht war +in Licht getaucht und ihre Augen gleißten. Schneeweiß und leuchtend war sie wie ein Gespenst. Sie atmete das -Licht ein, sie war angefüllt vom Licht, und gleißendes Licht -floß durch ihre Adern. +Licht ein, sie war angefüllt vom Licht, und gleißendes Licht +floß durch ihre Adern. </p> <p> @@ -3733,39 +3700,39 @@ Das Paradies lag vor ihren Blicken ausgebreitet. </h3> <p class="first"> -<span class="firstchar">O</span>tto wickelte sich fröstelnd in den Mantel. +<span class="firstchar">O</span>tto wickelte sich fröstelnd in den Mantel. </p> <p> Es war schon das beste, sich mit den Tatsachen abzufinden, -nicht wahr? Sein Zug würde fahren, das stand -fest! Er würde fahren, einerlei, was passierte. Kühle +nicht wahr? Sein Zug würde fahren, das stand +fest! Er würde fahren, einerlei, was passierte. Kühle Gesichter, steife Verbeugungen, laute Unterhaltungen mit -erkünstelt ruhigen Stimmen. Dann aber kommt der Augenblick, +erkünstelt ruhigen Stimmen. Dann aber kommt der Augenblick, <a id="page-69" class="pagenum" title="69"></a> -wo man plötzlich ein fernes Brummen hört. Die -Front! Irgendwo in der Einöde hält der Zug, nur noch -Männer, nur noch Soldaten. Autos, Wagen, Kommandostimmen, +wo man plötzlich ein fernes Brummen hört. Die +Front! Irgendwo in der Einöde hält der Zug, nur noch +Männer, nur noch Soldaten. Autos, Wagen, Kommandostimmen, Dunkelheit, Schmutz, Regen, der Geruch einer -öden Gegend. Geschütze poltern, Granaten winseln, es ist -ganz wie früher. Die Kameraden kriechen aus den Unterständen, -Hände strecken sich einem entgegen, man ist laut, -man ist fröhlich, aber alles ist — Lüge. +öden Gegend. Geschütze poltern, Granaten winseln, es ist +ganz wie früher. Die Kameraden kriechen aus den Unterständen, +Hände strecken sich einem entgegen, man ist laut, +man ist fröhlich, aber alles ist — Lüge. </p> <p> -Er wußte nicht einmal, ob er sie noch in der alten Stellung -finden würde. Diese Stellung lag Tag und Nacht unter +Er wußte nicht einmal, ob er sie noch in der alten Stellung +finden würde. Diese Stellung lag Tag und Nacht unter schwerem Feuer, aber doch war sie angenehm im Vergleich -zu den flachen Gräben seinerzeit in Flandern, wo sie bis -an die Brust im eisigen Wasser hockten und völlig gelähmt, -an zwei Stöcken einherhumpelten. +zu den flachen Gräben seinerzeit in Flandern, wo sie bis +an die Brust im eisigen Wasser hockten und völlig gelähmt, +an zwei Stöcken einherhumpelten. </p> <p> -Aber all das ist es nicht, nicht das Feuer, die Nässe, die -Kälte, die Entbehrungen. Es ist das riesengroße Antlitz -des Todes, das da draußen über den Trichterfeldern steht. +Aber all das ist es nicht, nicht das Feuer, die Nässe, die +Kälte, die Entbehrungen. Es ist das riesengroße Antlitz +des Todes, das da draußen über den Trichterfeldern steht. Es ist nichts als die grauenhafte Furcht vor dem Tode, wenn man das Leben liebt, nichts sonst. </p> @@ -3775,28 +3742,28 @@ Das allein ist die Wahrheit! — </p> <p> -Ein freudiger Schreck lähmte seinen Schritt. +Ein freudiger Schreck lähmte seinen Schritt. </p> <p> -Stand nicht etwas Weißes am Fenster — das weiße +Stand nicht etwas Weißes am Fenster — das weiße Buch? Nein, nichts, der Reflex einer Gaslaterne. Finster -das Haus. Das eiserne Gartentürchen war verschlossen. -Otto berührte den Drücker, er war eisig kalt. Die kahlen -Zweige der Büsche peitschten auf und ab, und Otto sah durch -die brodelnde Efeuwand hindurch in Gängen und Zimmern +das Haus. Das eiserne Gartentürchen war verschlossen. +Otto berührte den Drücker, er war eisig kalt. Die kahlen +Zweige der Büsche peitschten auf und ab, und Otto sah durch +die brodelnde Efeuwand hindurch in Gängen und Zimmern die Heiligenfiguren in ihren grotesken Verrenkungen. </p> <p> -Sie schlief, fest und tief, aber ihr Blick glänzte über dem +Sie schlief, fest und tief, aber ihr Blick glänzte über dem schwarzen Hause. </p> <p> -Quer durch den brausenden, finstern Tiergarten führte -Ottos Weg. Ströbel wohnte bei den Zelten. Die Fröhlichkeit -mußte jetzt in dieser Stunde ihren Höhepunkt erreicht +Quer durch den brausenden, finstern Tiergarten führte +Ottos Weg. Ströbel wohnte bei den Zelten. Die Fröhlichkeit +mußte jetzt in dieser Stunde ihren Höhepunkt erreicht haben — ja, schnell, schnell! Gierig erraffen von der Nacht, was noch zu erraffen ist. Fort! </p> @@ -3805,33 +3772,33 @@ was noch zu erraffen ist. Fort! <a id="page-70" class="pagenum" title="70"></a> Immer rascher ging er dahin, gepeitscht von Begierde und Qual. Die Zeit wanderte unter den Sohlen seiner -Stiefel. Mit jedem Schritt wanderte ein Stückchen Zeit -rückwärts, ein zertretenes Staubkorn Zeit floh mit rasender -Schnelligkeit zurück in Nichts. Ja, Sand war die Zeit, +Stiefel. Mit jedem Schritt wanderte ein Stückchen Zeit +rückwärts, ein zertretenes Staubkorn Zeit floh mit rasender +Schnelligkeit zurück in Nichts. Ja, Sand war die Zeit, rinnender Sand, rasend rinnender Sand, nichts sonst. Ein Meer, ein Sandmeer rinnt — und schon ist ein Jahrhundert vergangen — schon ein Jahrtausend. Ein Riesenkrater -rinnt, und Städte, Völker, Kontinente kommen ins Gleiten +rinnt, und Städte, Völker, Kontinente kommen ins Gleiten und rinnen hinunter — ins Nichts. Zeit, welch entsetzlicher -Begriff! Glücklich Tiere und Götter, die ihn nicht kennen. +Begriff! Glücklich Tiere und Götter, die ihn nicht kennen. </p> <p> In diesem Moment trat der Mond aus dem dunkeln -Gewölk. Auch er raste dahin — wie alles auf dieser Welt, +Gewölk. Auch er raste dahin — wie alles auf dieser Welt, das vor dem sicheren Untergang floh — raste, obgleich einige Jahrtausende bei ihm keine Rolle spielten. Aber -eines Tages würde seine langweilige Visage bersten und +eines Tages würde seine langweilige Visage bersten und er, zusammen mit dem Staub dieser Erde, den Schwanzzipfel -eines Kometen bilden, der zum großen Staunen -der Astronomen plötzlich vor der Linse der Teleskope erscheint +eines Kometen bilden, der zum großen Staunen +der Astronomen plötzlich vor der Linse der Teleskope erscheint — irgendwo in undenkbarer Ferne. </p> <p> -Noch sieben Stunden! Rasend stürzte Otto vorwärts. +Noch sieben Stunden! Rasend stürzte Otto vorwärts. Die Zweige des brausenden Parkes griffen nach ihm. -Und plötzlich schrie Otto — wild, wie ein Tier. Er war +Und plötzlich schrie Otto — wild, wie ein Tier. Er war jung und er liebte das Leben. </p> @@ -3842,36 +3809,36 @@ jung und er liebte das Leben. <p class="first"> <span class="firstchar"><span class="prefirstchar">„</span>E</span>inen Augenblick nur!“ Schon hatte der General die Mappe mit den Akten, die heute noch alle bearbeitet -werden mußten, aufgeschlossen. Den einen Schlüssel besaß -er, den andern hatte sein Bureauoffizier in Händen. Kein -unbefugter Blick konnte in diese geheimen Aktenstücke +werden mußten, aufgeschlossen. Den einen Schlüssel besaß +er, den andern hatte sein Bureauoffizier in Händen. Kein +unbefugter Blick konnte in diese geheimen Aktenstücke dringen, es war alles bis ins Kleinste wohlorganisiert. </p> <p> -Er lehnte sich im Sessel zurück. Die Teegesellschaft bei +Er lehnte sich im Sessel zurück. Die Teegesellschaft bei <a id="page-71" class="pagenum" title="71"></a> -Dora hatte ihn ermüdet. Nichts strengte ihn in letzter Zeit -so an wie die Gespräche durcheinanderschwirrender Stimmen. +Dora hatte ihn ermüdet. Nichts strengte ihn in letzter Zeit +so an wie die Gespräche durcheinanderschwirrender Stimmen. Anders die Sitzungen, die er mit einem Zucken der Brauen lenkte! Aber in einer Gesellschaft, wo jeder glaubte -sprechen zu können, wann und wie lange und wie laut es +sprechen zu können, wann und wie lange und wie laut es ihm beliebte, ja: wie laut, das war es — Einen Augenblick nur — </p> <p> Reserven — ungeheure Heere — wie eine Sturmflut -werden sie sich dahinwälzen . . . schon schlief der General. +werden sie sich dahinwälzen . . . schon schlief der General. </p> <p> Kaum aber hatte er die Augen geschlossen, kaum kam -das erste tiefe Röcheln aus seiner Brust, da wurde er auch +das erste tiefe Röcheln aus seiner Brust, da wurde er auch schon wieder geweckt. Etwas pickte am Fenster, wie ein Finger, ein Fingernagel. Er wandte den Kopf: durch die -Scheibe starrte ein kleines, glänzendes, stahlblaues Gesicht. -Eine faustgroße Larve von leuchtendem Blau — in der +Scheibe starrte ein kleines, glänzendes, stahlblaues Gesicht. +Eine faustgroße Larve von leuchtendem Blau — in der Tat, ein intensives Blau, wie eine Spiritusflamme in einem dunkeln Raum — und erloschene Fischaugen mit einem toten Glanz. Von diesem stahlblauen, aus sich @@ -3882,37 +3849,37 @@ starrte. <p> Der Schrecken, den das Gesicht durch die Scheiben strahlte, -war so stark, daß der General nun wirklich erwachte. Er +war so stark, daß der General nun wirklich erwachte. Er hatte, wie er sofort konstatierte, eine volle Stunde verschlafen. -Unwillkürlich wandte er den Blick zum Fenster — -aber es war natürlich nichts zu sehen, die grünen Vorhänge -waren dicht geschlossen. Er räusperte sich, laut und +Unwillkürlich wandte er den Blick zum Fenster — +aber es war natürlich nichts zu sehen, die grünen Vorhänge +waren dicht geschlossen. Er räusperte sich, laut und ungeniert, wie es seine Gewohnheit war, und warf einen -Blick durch die Vorhänge hinaus auf die Straße. Nichts, -natürlich. Regen, Dunkelheit, keine Seele weit und breit. +Blick durch die Vorhänge hinaus auf die Straße. Nichts, +natürlich. Regen, Dunkelheit, keine Seele weit und breit. </p> <p> -Plötzlich aber stand dieses Gesicht, das ihn aufgeschreckt +Plötzlich aber stand dieses Gesicht, das ihn aufgeschreckt hatte, wieder vor ihm — und zwar dicht vor ihm in der Luft des Zimmers — auch die Augen mit dem toten Glanz. -Es ist, ja ja, es ist jener — von heute nachmittag, natürlich, +Es ist, ja ja, es ist jener — von heute nachmittag, natürlich, dachte der General. Er hatte das Gesicht nachmittags kaum <a id="page-72" class="pagenum" title="72"></a> -beachtet. Es ist jener kleine Alte, der den Brief überbracht +beachtet. Es ist jener kleine Alte, der den Brief überbracht hat. </p> <p> -Ein übrigens völlig wirrer Brief, den er nur überflogen -hatte — wirres und törichtes Zeug, was dieser kleine Alte +Ein übrigens völlig wirrer Brief, den er nur überflogen +hatte — wirres und törichtes Zeug, was dieser kleine Alte mit dem blauen Gesicht . . . Ja, wo steckte der Brief eigentlich. Hier, nun siehst du, schon dieser Umschlag — </p> <p> Der General konnte aber nun nicht mehr widerstehen, -obschon die Aktenmappe dickbäuchig dalag, eigentümlich. +obschon die Aktenmappe dickbäuchig dalag, eigentümlich. Er war neugierig geworden, mehr als das. Er entfaltete den Brief und las ihn — langsam, immer langsamer, immer aufmerksamer. @@ -3920,7 +3887,7 @@ immer aufmerksamer. <p> Wie heute abend unter der Lampe des Foyers, stieg -Röte in sein Gesicht, aber nicht eine leichte Ziegelröte, +Röte in sein Gesicht, aber nicht eine leichte Ziegelröte, sondern — Feuer. Die Stirn legte sich in tiefe Falten — </p> @@ -3930,11 +3897,11 @@ gelesen. </p> <p> -Aber —? Was wollte er — gefallen, auf der Höhe der +Aber —? Was wollte er — gefallen, auf der Höhe der Vier Winde, auf Quatre vents — nun, und — wie? — sogar von Ruth stand etwas hier, denn Ruth war wohl gemeint — wie? Nein — er hatte den Brief wirklich nur -ganz flüchtig überflogen — er erinnerte sich nur, daß von +ganz flüchtig überflogen — er erinnerte sich nur, daß von der Bitte um eine Audienz die Rede war. </p> @@ -3943,15 +3910,15 @@ Wirr — mehr noch, viel mehr als wirr: </p> <p> -— untertänigst bitte ich um eine Audienz. Mein einziger +— untertänigst bitte ich um eine Audienz. Mein einziger Sohn, Robert, hat unter dem Befehl des Herrn Generals -gekämpft. Er ist am 5. August beim Sturm auf Quatre -vents gefallen. Er war begeisterter Soldat, Jäger, die +gekämpft. Er ist am 5. August beim Sturm auf Quatre +vents gefallen. Er war begeisterter Soldat, Jäger, die einzige Hoffnung und der Stolz seiner Eltern. Ich bitte, -mir gnädigst mitzuteilen, wo sein Grab sich befindet, und +mir gnädigst mitzuteilen, wo sein Grab sich befindet, und besonders, <em>ob das Grab nicht den Granaten -ausgesetzt ist!</em> Dies beunruhigt mich sehr, so daß -ich gänzlich schlaflos geworden bin — +ausgesetzt ist!</em> Dies beunruhigt mich sehr, so daß +ich gänzlich schlaflos geworden bin — </p> <p> @@ -3965,29 +3932,29 @@ Augen starren. <p> <a id="page-73" class="pagenum" title="73"></a> -Die Höhe! Ja, der Brief hat die Erinnerung an die -Höhe in seinem Blut geweckt. +Die Höhe! Ja, der Brief hat die Erinnerung an die +Höhe in seinem Blut geweckt. </p> <p> Das dunkle, mit Borsten bestandene Ungeheuer qualmt -plötzlich wieder vor den Augen des Generals: Quatre vents! +plötzlich wieder vor den Augen des Generals: Quatre vents! Der 4., 5. und 6. August — am Abend des 6. war sie verloren! </p> <p> -Am 4., 5. und 6. ratterten die Lastautos vorüber, der -Schmutz spritzte — behangen mit Schwärmen von Menschen. -Rote Gesichter, schweißhelle Augen — sie schwangen +Am 4., 5. und 6. ratterten die Lastautos vorüber, der +Schmutz spritzte — behangen mit Schwärmen von Menschen. +Rote Gesichter, schweißhelle Augen — sie schwangen die Helme: hurra — und der General, auf der Treppe seines Schlosses — salutierte. Welches Feuer! Die Erde -bebte — jetzt hörte er es wieder! Die Hölle! Brennend -stürzte ein französisches Flugzeug in den Schloßpark, mitten +bebte — jetzt hörte er es wieder! Die Hölle! Brennend +stürzte ein französisches Flugzeug in den Schloßpark, mitten in den Rosengarten. </p> <p> -„Herr General, die Jägerbataillone!“ +„Herr General, die Jägerbataillone!“ </p> <p> @@ -3999,75 +3966,75 @@ Und die Autos schaukelten, rollten, rasten: hurra! </p> <p> -Die Höhe von Quatre vents war ein Friedhof von zwölf +Die Höhe von Quatre vents war ein Friedhof von zwölf Stockwerken. Deutsche, Franzosen, Deutsche, Franzosen. Aber sie lagen nicht nach Nationen geschichtet, die Minen rissen ganze Stockwerke hoch und schleuderten die Toten -durch die Luft. Der Spaten stieß auf den Schädel eines +durch die Luft. Der Spaten stieß auf den Schädel eines Franzosen, daneben traf er auf einen deutschen Infanteriestiefel. -Auch auf Knochen stieß er, nicht auf frische, sondern -auf alte gelbe Knochen und Skeletteile, denn auf der Höhe +Auch auf Knochen stieß er, nicht auf frische, sondern +auf alte gelbe Knochen und Skeletteile, denn auf der Höhe von Quatre vents hatte sich ein alter Friedhof befunden. -Ein Dorf lag früher da oben — wo war es hin? In Atome -zermalmt. Die Minen hatten die Kuppe der Höhe abgetragen. +Ein Dorf lag früher da oben — wo war es hin? In Atome +zermalmt. Die Minen hatten die Kuppe der Höhe abgetragen. Zentnerweise wurde Dynamit in die Stollen gestopft — ganze Kompagnien und Bataillone flogen hoch — hoch Deutschland! — vive la France! Sie kehrten nicht wieder. </p> <p> -Der General hatte die Höhe nur zweimal betreten. Einmal -in einer sternenklaren Nacht (wie unvergeßlich funkelten -die Gestirne!), als es ganz ruhig war. Die Laufgräben -hauchten eine eisige Kälte und fauligen Geruch aus, man -trat auf Körper und wußte nicht, ob sie lebten oder tot +Der General hatte die Höhe nur zweimal betreten. Einmal +in einer sternenklaren Nacht (wie unvergeßlich funkelten +die Gestirne!), als es ganz ruhig war. Die Laufgräben +hauchten eine eisige Kälte und fauligen Geruch aus, man +trat auf Körper und wußte nicht, ob sie lebten oder tot <a id="page-74" class="pagenum" title="74"></a> -waren — sonst hatte die Höhe, über die vereinzelte Kugeln +waren — sonst hatte die Höhe, über die vereinzelte Kugeln zischten, nichts Furchtbares, und der General sagte sich im -stillen, daß all die Geschichten von den Schrecken der -Höhe von Quatre vents übertrieben wären. Das zweitemal -zeigte die Höhe schon etwas mehr ihr wahres Gesicht. +stillen, daß all die Geschichten von den Schrecken der +Höhe von Quatre vents übertrieben wären. Das zweitemal +zeigte die Höhe schon etwas mehr ihr wahres Gesicht. Der General kam am grauenden Morgen, und die Franzosen -warfen schwere Flügelminen, die wie einstürzende -Häuser krachten. Ganze Schwärme der langhälsigen, gierigen -Raubvögel stießen auf die Kuppe herab. Zuweilen +warfen schwere Flügelminen, die wie einstürzende +Häuser krachten. Ganze Schwärme der langhälsigen, gierigen +Raubvögel stießen auf die Kuppe herab. Zuweilen schob man ihn hastig in einen Unterstand oder einen Quergang, -wenn der Schatten der Mine in der Nähe niederrauschte. -Denn er, der General, hätte sich nicht von der -Stelle gerührt. Angesichts seiner Offiziere und Leute, die -aus den Stollen lugten, hätte er sich ohne Wimpernzucken -in Stücke reißen lassen. Damals passierte ihm auch die — +wenn der Schatten der Mine in der Nähe niederrauschte. +Denn er, der General, hätte sich nicht von der +Stelle gerührt. Angesichts seiner Offiziere und Leute, die +aus den Stollen lugten, hätte er sich ohne Wimpernzucken +in Stücke reißen lassen. Damals passierte ihm auch die — offen zugestanden — Albernheit mit jener ungeschickten Frage. Nun wohl, sein Gehirn hatte unter dem Eindruck -der herabstoßenden Stahlvögel und des Lawinenkrachens -einfach versagt. In einem eingeebneten Grabenstück lag -ein blutgetränktes Tuch, etwas wie eine zerfetzte Unterhose, -in einer Lache von Blut. Es war so viel Blut, daß +der herabstoßenden Stahlvögel und des Lawinenkrachens +einfach versagt. In einem eingeebneten Grabenstück lag +ein blutgetränktes Tuch, etwas wie eine zerfetzte Unterhose, +in einer Lache von Blut. Es war so viel Blut, daß der General keineswegs vermuten konnte — kurz und gut, er fragte: „Na, ihr habt wohl geschlachtet?“ Welche unbegreifliche Albernheit. — Die Grabenoffiziere antworteten -mit einem verlegenen Lächeln. Und plötzlich sah der General -ein Stück von einem Menschen an der Grabenwand kleben, -daneben ein Stück des Hinterkopfes mit kurzen Haaren. +mit einem verlegenen Lächeln. Und plötzlich sah der General +ein Stück von einem Menschen an der Grabenwand kleben, +daneben ein Stück des Hinterkopfes mit kurzen Haaren. Wie peinlich war ihm die Frage! Noch heute erinnert er -sich voller Scham deutlich des verlegenen Lächelns der -übernächtigten, vom Grabendienst beschmutzten Offiziere. +sich voller Scham deutlich des verlegenen Lächelns der +übernächtigten, vom Grabendienst beschmutzten Offiziere. </p> <p> -Um acht Uhr saß er schon wieder in seinem Quartier -beim Frühstück. +Um acht Uhr saß er schon wieder in seinem Quartier +beim Frühstück. </p> <p> -Ein drittes Mal betrat der General die Höhe nicht. +Ein drittes Mal betrat der General die Höhe nicht. </p> <p> -Er sah sie das letztemal, als sie verlorenging, das heißt -er sah nicht die Höhe, sondern Nacht und ein Büschel roter +Er sah sie das letztemal, als sie verlorenging, das heißt +er sah nicht die Höhe, sondern Nacht und ein Büschel roter <a id="page-75" class="pagenum" title="75"></a> -Notsignale, die ohne Unterbrechung in der Nacht aufglühten +Notsignale, die ohne Unterbrechung in der Nacht aufglühten — Hilfe! — und hoffnungslos sanken. </p> @@ -4080,11 +4047,11 @@ Schwer atmend ging der General hin und her. </p> <p> -Deutlich hörte er wieder die Stimme des Adjutanten. -Die Jägerbataillone, Herr General! Also auf -einem dieser Autos saß er — unter hundert andern -— mit den roten Gesichtern und den schweißgleißenden -Augen — er, jener — wie hieß er doch — Robert! +Deutlich hörte er wieder die Stimme des Adjutanten. +Die Jägerbataillone, Herr General! Also auf +einem dieser Autos saß er — unter hundert andern +— mit den roten Gesichtern und den schweißgleißenden +Augen — er, jener — wie hieß er doch — Robert! Am 5.! Ja, am 5., da hatte er noch Hoffnung — am Mittag des 6. wurde er schwankend und befahl einen letzten Gegenangriff — am Abend, da waren nur noch die @@ -4092,24 +4059,24 @@ roten Leuchtkugeln . . . </p> <p> -Erst allmählich verflog die Erregung. Plötzlich lag -die dickbäuchige Aktentasche wieder auf dem Schreibtisch. +Erst allmählich verflog die Erregung. Plötzlich lag +die dickbäuchige Aktentasche wieder auf dem Schreibtisch. </p> <p> -Sonderbare Menschen gab es! Sein Grab? Daß man +Sonderbare Menschen gab es! Sein Grab? Daß man es wagen durfte, ihm solch einen Brief zu senden! </p> <p> -Und da — was schrieb er am Schluß: +Und da — was schrieb er am Schluß: </p> <p> — sollten Exzellenz geneigt sein, mir diese Audienz zu -bewilligen, so könnte ich Mitteilungen über das gnädige -Fräulein machen, die Exzellenz gewiß interessieren würden. -Ein Unglücklicher. — +bewilligen, so könnte ich Mitteilungen über das gnädige +Fräulein machen, die Exzellenz gewiß interessieren würden. +Ein Unglücklicher. — </p> <p> @@ -4117,14 +4084,14 @@ Ja, sonderbare Menschen . . . </p> <p> -Der General zerriß den Brief und warf die Fetzen in +Der General zerriß den Brief und warf die Fetzen in den Papierkorb. Schon war er in die Akten vertieft. </p> <p> -Aber noch nach einer Stunde zitterte seine Hand: Hätte -man ihm damals die verlangte Unterstützung geschickt — -noch heute wäre Quatre vents in seiner Hand! +Aber noch nach einer Stunde zitterte seine Hand: Hätte +man ihm damals die verlangte Unterstützung geschickt — +noch heute wäre Quatre vents in seiner Hand! </p> <h3 class="no" id="subchap-1-1-12"> @@ -4137,25 +4104,25 @@ noch heute wäre Quatre vents in seiner Hand! <p> „Ich dachte schon, die Polizei kommt. Sie machen -wieder einen solch furchtbaren Lärm.“ +wieder einen solch furchtbaren Lärm.“ </p> <p> <a id="page-76" class="pagenum" title="76"></a> -Ströbel öffnete seinen Gästen selbst. Er hatte nach -zehn Uhr keine Dienstboten mehr im Hause, um gänzlich -ungeniert sein zu können. +Ströbel öffnete seinen Gästen selbst. Er hatte nach +zehn Uhr keine Dienstboten mehr im Hause, um gänzlich +ungeniert sein zu können. </p> <p> -Wüster Lärm drang aus der Wohnung. Das ganze Haus -bebte. Dieser Herr Ströbel — oder Herr v. Ströbel, -niemand wußte es genau — besaß vor dem Kriege nichts -als ein paar gutsitzende Anzüge, darunter einen schwarzweiß -karierten Sommeranzug, der so auffallend war, daß +Wüster Lärm drang aus der Wohnung. Das ganze Haus +bebte. Dieser Herr Ströbel — oder Herr v. Ströbel, +niemand wußte es genau — besaß vor dem Kriege nichts +als ein paar gutsitzende Anzüge, darunter einen schwarzweiß +karierten Sommeranzug, der so auffallend war, daß man sich heute noch an ihn erinnerte, einen Zylinder und einige Paar sehr elegante, etwas dandyhafte Schuhe. Das -war alles, was er besaß — dazu Beziehungen. +war alles, was er besaß — dazu Beziehungen. </p> <p> @@ -4165,26 +4132,26 @@ seine Beziehungen waren noch besser geworden. <p> Er war auch kurze Zeit im Felde — aber das war eine -Geschichte für sich . . . +Geschichte für sich . . . </p> <p> -„Welch abscheuliches Wetter“, rief Otto aus und schüttelte +„Welch abscheuliches Wetter“, rief Otto aus und schüttelte sich. Seine Augen flackerten vor Unruhe. </p> <p> -„Das Wetter ist nicht das Schlimmste“, erwiderte Ströbel, +„Das Wetter ist nicht das Schlimmste“, erwiderte Ströbel, der sich in einen Sessel der Diele geworfen hatte und die Lackschuhe gegeneinander klappte. „Es ist die Finsternis! Eine nordische Stadt ohne Licht — wie stellen Sie sich das vor? Es ist ein schlechter Scherz! Eine nordische Stadt ist der Finsternis abgerungen und das Produkt des Lichts. -Das Licht gab ihr Inspiration, Energie, Laune. Im Süden -— Sie waren nie im Süden? — da braucht man kein +Das Licht gab ihr Inspiration, Energie, Laune. Im Süden +— Sie waren nie im Süden? — da braucht man kein Licht — Himmel, Sterne. — Aber hier oben? Ohne Licht sinkt eine nordische Stadt wieder in Bedeutungslosigkeit -zurück. Verdunkeln Sie London und es wird ein armseliger, +zurück. Verdunkeln Sie London und es wird ein armseliger, kleiner Fischereihafen —.“ </p> @@ -4193,14 +4160,14 @@ kleiner Fischereihafen —.“ </p> <p> -„Natürlich. Es fiel früher nur nicht auf. Jedenfalls aber +„Natürlich. Es fiel früher nur nicht auf. Jedenfalls aber — schlimm, Otto, schlimm! — geht diese Stadt vor die Hunde. Ja vielleicht ist es schon so weit — wir wissen es nicht mehr —“ </p> <p> -Otto schrak zusammen: Drinnen fiel ein Schuß. Geschrei. -Händeklatschen. +Otto schrak zusammen: Drinnen fiel ein Schuß. Geschrei. +Händeklatschen. </p> <p> @@ -4209,68 +4176,68 @@ Händeklatschen. </p> <p> -„Ja, die Feuerwalze ist hier, produziert sich als Kunstschütze. +„Ja, die Feuerwalze ist hier, produziert sich als Kunstschütze. — Sie kennen ihn doch? Hauptmann Falk.“ </p> <p> -Der Qualm, die Gesichter, der wilde Lärm — von Otto -wich augenblicklich alle Unruhe. Jene unvergeßliche Szene +Der Qualm, die Gesichter, der wilde Lärm — von Otto +wich augenblicklich alle Unruhe. Jene unvergeßliche Szene glitt ihm durch den Sinn: in der Nacht, bevor das Regiment -ins Feld rückte, hatte einer der Kameraden, ein Hauptmann +ins Feld rückte, hatte einer der Kameraden, ein Hauptmann Below — lange tot, und zwar als erster gefallen — -der sich vom Liebesmahl früher zurückziehen wollte, eine +der sich vom Liebesmahl früher zurückziehen wollte, eine Droschke ans Kasino bestellt. Man kaufte dem Kutscher -höchst einfach die Droschke ab! Diese Droschke wurde bei -der Steintreppe aufgestellt, die fünfundzwanzig Stufen -tief vom Kasino in den Park hinunterführte. Freiwillige -vor! Augenblicklich war die Droschke überfüllt. Wie ein -Schwarm hingen die Kameraden auf dem Gefährt. Ein +höchst einfach die Droschke ab! Diese Droschke wurde bei +der Steintreppe aufgestellt, die fünfundzwanzig Stufen +tief vom Kasino in den Park hinunterführte. Freiwillige +vor! Augenblicklich war die Droschke überfüllt. Wie ein +Schwarm hingen die Kameraden auf dem Gefährt. Ein kleiner Schwung, und die Fahrt in die Tiefe begann. Die -Droschke zersprang in tausend Stücke, aber nichts passierte. +Droschke zersprang in tausend Stücke, aber nichts passierte. </p> <p> Sie alle indessen — von allen Offizieren des Regiments -lebten nur noch sechs, zwei davon waren Krüppel. +lebten nur noch sechs, zwei davon waren Krüppel. </p> <p> -Mit strahlender Miene trat Otto ein, bereit, sich kopfüber -in den Strudel der Fröhlichkeit zu stürzen und jede Ausgelassenheit +Mit strahlender Miene trat Otto ein, bereit, sich kopfüber +in den Strudel der Fröhlichkeit zu stürzen und jede Ausgelassenheit mitzumachen. Wohltuend schlug ihm die -Atmosphäre der Kameradschaftlichkeit entgegen. Hier -kannte man ihn. Hier wußte man zum Beispiel, daß er -1915 einen französischen Offizier, der verwundet zwischen +Atmosphäre der Kameradschaftlichkeit entgegen. Hier +kannte man ihn. Hier wußte man zum Beispiel, daß er +1915 einen französischen Offizier, der verwundet zwischen den Stellungen liegengeblieben war, trotz aller Knallerei in den Graben geschleppt hatte — nicht aus Barmherzigkeit, -nein, nur um zu zeigen, was für ein Bursche dieser +nein, nur um zu zeigen, was für ein Bursche dieser Hecht-Babenberg war! </p> <p> -Welche Gesellschaft! Fast alle ergraut, fahl und erschöpft. +Welche Gesellschaft! Fast alle ergraut, fahl und erschöpft. Hauptmann Wunderlichs helle Katzenaugen blinkten, die -Krücken lehnten wie immer hinter seinem Sessel. Ein -schwarzer Glacéhandschuh über der Holzhand. Ein junger, -totenbleicher Leutnant mit schräggeneigtem, verbundenem +Krücken lehnten wie immer hinter seinem Sessel. Ein +schwarzer Glacéhandschuh über der Holzhand. Ein junger, +totenbleicher Leutnant mit schräggeneigtem, verbundenem Kopf, aus dem Lazarett entsprungen. Ein Herr im Smoking, <a id="page-78" class="pagenum" title="78"></a> -blond und schön, den leeren Ärmel in die Tasche -geschoben. Auch einige geschorene Billardkugelköpfe mit -Knollen am Schädel waren da, Majore, Hauptleute. Aber -sie waren in der Minorität. Ein grünes Gesicht, mit Monokel, -selbst ein Blinder saß da, vergnügt ins Licht blinzelnd. +blond und schön, den leeren Ärmel in die Tasche +geschoben. Auch einige geschorene Billardkugelköpfe mit +Knollen am Schädel waren da, Majore, Hauptleute. Aber +sie waren in der Minorität. Ein grünes Gesicht, mit Monokel, +selbst ein Blinder saß da, vergnügt ins Licht blinzelnd. Otto erblickte auch einige Offiziere seines Vaters: den -Adjutanten Weißbach, den hünenhaften Major Wolff. -Viele von ihnen waren dreimal, fünfmal verwundet gewesen, +Adjutanten Weißbach, den hünenhaften Major Wolff. +Viele von ihnen waren dreimal, fünfmal verwundet gewesen, morgen konnte die Reihe wieder an sie kommen. Der Krieg zog sich hin. </p> <p> Alle aber waren in angeregter Stimmung, und auf -ihren fahlen, zerfurchten, verwüsteten Gesichtern lag ein +ihren fahlen, zerfurchten, verwüsteten Gesichtern lag ein leichtsinniger, kindlicher Ausdruck. </p> @@ -4278,28 +4245,28 @@ leichtsinniger, kindlicher Ausdruck. „Also hier ist er — hier kommt er!“ schrie Hauptmann Falk Otto entgegen. Dieser Hauptmann Falk, mit dem sonderbaren Spitznamen „Feuerwalze“, war ein kleiner, -klapperdürrer Mensch, rothaarig, mit staubgrauem Gesicht — -nur um die Augen zogen kranke gelbe und olivgrüne Ringe. +klapperdürrer Mensch, rothaarig, mit staubgrauem Gesicht — +nur um die Augen zogen kranke gelbe und olivgrüne Ringe. Er sprach hastig und mit einer hohen Kehlkopfstimme, die unangenehm und herausfordernd klang. Wie Hauptmann -Wunderlich, der Menschenjäger, trug er den höchsten Kriegsorden. +Wunderlich, der Menschenjäger, trug er den höchsten Kriegsorden. Er war ein verwegener Bursche, hatte die schlimmsten -Tage an allen Fronten mitgemacht, und für die, die ihn -kannten, war es unbegreiflich, daß er überhaupt noch +Tage an allen Fronten mitgemacht, und für die, die ihn +kannten, war es unbegreiflich, daß er überhaupt noch lebte. Er selbst behauptete kugelsicher zu sein. Immer wieder tauchte er von Zeit zu Zeit in Berlin auf, um die -wenigen Tage Urlaub zu durchschwärmen. Dann kam er -drei, vier Tage nicht ins Bett, und erst auf der Rückreise +wenigen Tage Urlaub zu durchschwärmen. Dann kam er +drei, vier Tage nicht ins Bett, und erst auf der Rückreise zur Front schlief er sich aus. </p> <p> „Rasch, Hecht!“ schrie er und fuchtelte mit einer Pistole. -„Sie können die Saharet gewinnen!“ +„Sie können die Saharet gewinnen!“ </p> <p> -Eben diese Saharet stürzte sich Otto mit einem kleinen +Eben diese Saharet stürzte sich Otto mit einem kleinen Katzenschrei entgegen. </p> @@ -4310,39 +4277,39 @@ Katzenschrei entgegen. <p> Sie war ein kleiner schwarzhaariger Irrwisch mit runden <a id="page-79" class="pagenum" title="79"></a> -Katzenaugen. Ihrer — sehr entfernten — Ähnlichkeit mit -der Tänzerin Saharet verdankte sie ihren Namen. Früher -hieß sie — ja, wer sollte es wissen? Ströbel hielt sie als -eine Art Hauskatze. Sie räkelte sich auf den Sesseln, telephonierte, -das war ihre ganze Beschäftigung. Sie sprach -geziert wie eine Ausländerin, eine Russin, eine russische -Fürstin, und spielte die große Dame. Mit einem Wort, -sie war ungeheuer lächerlich. Welchen Grund hätte auch -Ströbel sonst gehabt, die Saharet zu halten? +Katzenaugen. Ihrer — sehr entfernten — Ähnlichkeit mit +der Tänzerin Saharet verdankte sie ihren Namen. Früher +hieß sie — ja, wer sollte es wissen? Ströbel hielt sie als +eine Art Hauskatze. Sie räkelte sich auf den Sesseln, telephonierte, +das war ihre ganze Beschäftigung. Sie sprach +geziert wie eine Ausländerin, eine Russin, eine russische +Fürstin, und spielte die große Dame. Mit einem Wort, +sie war ungeheuer lächerlich. Welchen Grund hätte auch +Ströbel sonst gehabt, die Saharet zu halten? </p> <p> Ja, also die Sache war die: die Saharet sollte ausgeschossen werden, als Preis sozusagen. Sie wollte dem -ein Schäferstündchen gewähren, mit oder ohne Publikum, -der sich ein Glas vom Kopf schießen lassen würde. In -irgendeinem Vorstadttheater hätte sie einmal Wilhelm +ein Schäferstündchen gewähren, mit oder ohne Publikum, +der sich ein Glas vom Kopf schießen lassen würde. In +irgendeinem Vorstadttheater hätte sie einmal Wilhelm Tell gesehen. </p> <p> „Abgemacht, gut, abgemacht!“ Hauptmann Feuerwalze -hatte soeben zwei Likörgläschen auf fünf Meter Entfernung -freihändig vom Büfett geschossen, er war zu allem bereit — -ein Glas vom Kopf, schön — bitte nur zu befehlen. +hatte soeben zwei Likörgläschen auf fünf Meter Entfernung +freihändig vom Büfett geschossen, er war zu allem bereit — +ein Glas vom Kopf, schön — bitte nur zu befehlen. </p> <p> Hier aber begannen die Schwierigkeiten. Niemand hatte Lust, seinen Kopf zu riskieren — schon war die Saharet -gekränkt, daß man ihre Schäferstündchen so niedrig einschätzte, -sie ließ die Katzenaugen im Kreise gehen, schmollte, -bettelte — da kam Otto, und sie stürzte sich auf ihn. +gekränkt, daß man ihre Schäferstündchen so niedrig einschätzte, +sie ließ die Katzenaugen im Kreise gehen, schmollte, +bettelte — da kam Otto, und sie stürzte sich auf ihn. </p> <p> @@ -4351,11 +4318,11 @@ Otto, der Retter, der Lohengrin der Saharet! <p> Die Augen der Kameraden, alle Blicke waren auf ihn -gerichtet, das Gelächter, das flehende Schmeicheln der +gerichtet, das Gelächter, das flehende Schmeicheln der kleinen Saharet, Otto konnte nicht widerstehen. Ohne -zu überlegen, beseelt vom Wunsche gleich in den Mittelpunkt -der Gesellschaft zu treten — nein, was für ein toller -Junge war doch dieser Otto! — erklärte er sich augenblicklich +zu überlegen, beseelt vom Wunsche gleich in den Mittelpunkt +der Gesellschaft zu treten — nein, was für ein toller +Junge war doch dieser Otto! — erklärte er sich augenblicklich bereit. Ein Glas Sekt, und die Vorstellung kann beginnen. </p> @@ -4364,10 +4331,10 @@ bereit. Ein Glas Sekt, und die Vorstellung kann beginnen. </p> <p> -Die Saharet tanzte vor Entzücken auf einem Bein und +Die Saharet tanzte vor Entzücken auf einem Bein und <a id="page-80" class="pagenum" title="80"></a> -klatschte in die Händchen. „Ach, wie reizend, dieser Otto!“ -Höchst persönlich kredenzte sie das Glas Sekt. +klatschte in die Händchen. „Ach, wie reizend, dieser Otto!“ +Höchst persönlich kredenzte sie das Glas Sekt. </p> <p> @@ -4376,16 +4343,16 @@ wilden Augen. </p> <p> -Unter Gelächter und Scherzen wurde Otto gegen eine +Unter Gelächter und Scherzen wurde Otto gegen eine Wand gestellt. Es zeigte sich indessen zur allgemeinen Verwunderung, -daß ein Glas auf seinem Schädel nicht so ohne +daß ein Glas auf seinem Schädel nicht so ohne weiteres stand. Ein kleines Buch, bitte! Darauf also stellte der kleine aus dem Lazarett entsprungene Leutnant mit dem verbundenen Kopf ein Sektglas. Sofort aber protestierte -die Saharet. Das Glas war zu groß. Was sollte -das für ein Kunststück sein? Sie selbst suchte ein kleines -Weinglas heraus, rückte einen Stuhl heran und stellte es -eigenhändig auf Ottos Kopf. „Nein, wie reizend von +die Saharet. Das Glas war zu groß. Was sollte +das für ein Kunststück sein? Sie selbst suchte ein kleines +Weinglas heraus, rückte einen Stuhl heran und stellte es +eigenhändig auf Ottos Kopf. „Nein, wie reizend von Ihnen, Otto!“ </p> @@ -4394,11 +4361,11 @@ Ihnen, Otto!“ </p> <p> -„Also — ein Schäferstündchen?“ +„Also — ein Schäferstündchen?“ </p> <p> -„Wieso ein Schäferstündchen? Nein, nein —“ +„Wieso ein Schäferstündchen? Nein, nein —“ </p> <p> @@ -4406,41 +4373,41 @@ Ihnen, Otto!“ </p> <p> -„Einen Kuß — Otto! Einen Kuß!“ +„Einen Kuß — Otto! Einen Kuß!“ </p> <p> -„Schön — auch für ein Küßchen mache ich es.“ +„Schön — auch für ein Küßchen mache ich es.“ </p> <p> -„Zurück! Sprechen Sie nicht, Hecht, sonst fällt das +„Zurück! Sprechen Sie nicht, Hecht, sonst fällt das Glas herunter.“ </p> <p> -„Es ist ein völliger Wahnsinn!“ protestierte Major Wolff, -der Hüne, der noch einigermaßen nüchtern war. „Sie -sollten es verbieten, Ströbel!“ +„Es ist ein völliger Wahnsinn!“ protestierte Major Wolff, +der Hüne, der noch einigermaßen nüchtern war. „Sie +sollten es verbieten, Ströbel!“ </p> <p> -„Verbieten, wieso?“ entgegnete Ströbel erstaunt. „Niemand +„Verbieten, wieso?“ entgegnete Ströbel erstaunt. „Niemand hat weniger Rechte als der Wirt.“ </p> <p> -Hauptmann Falk stärkte sich mit einem Kognak. +Hauptmann Falk stärkte sich mit einem Kognak. </p> <p> -„Wenn Sie glauben, daß ich ewig hier stehenbleiben +„Wenn Sie glauben, daß ich ewig hier stehenbleiben werde“, sagte Otto ungeduldig, und das Glas wackelte auf seinem Kopfe. </p> <p> -„Sofort, bitte — ich eröffne das Feuer“, schrie Hauptmann +„Sofort, bitte — ich eröffne das Feuer“, schrie Hauptmann Falk. </p> @@ -4448,8 +4415,8 @@ Falk. „Achtung, meine Herren!“ Hauptmann Falk schwang die <a id="page-81" class="pagenum" title="81"></a> Pistole. Aber in diesem Augenblick warf ihn der Rausch -einige Schritte zur Seite. Er wandte sich empört um. -„Ich bitte gehorsamst, mich nicht an den Rockschößen zu +einige Schritte zur Seite. Er wandte sich empört um. +„Ich bitte gehorsamst, mich nicht an den Rockschößen zu zerren —“ </p> @@ -4459,39 +4426,39 @@ Wolff. </p> <p> -„Weshalb denn?“ schrie Hauptmann Falk mit wütender -Miene. „Sobald ich abdrücke, stehe ich wie eine Statue. -Sie können sich auf mich verlassen. Also los, ich eröffne +„Weshalb denn?“ schrie Hauptmann Falk mit wütender +Miene. „Sobald ich abdrücke, stehe ich wie eine Statue. +Sie können sich auf mich verlassen. Also los, ich eröffne das Feuer.“ </p> <p> -„Ruhe!“ rief die Saharet und preßte die Hände auf das +„Ruhe!“ rief die Saharet und preßte die Hände auf das Herz. Wie spannend es doch war! </p> <p> Der Lauf der Pistole war auf Otto gerichtet. Langsam -bewegte sich das runde Loch an ihm in die Höhe. „Daß mir +bewegte sich das runde Loch an ihm in die Höhe. „Daß mir jetzt niemand ein Wort redet,“ schrie Hauptmann Falk, -„sonst schieße ich Hecht die Kugel in den Kopf.“ Alles war -mäuschenstill. Die Saharet stand mit gefalteten Händen. -Ströbel betrachtete voll Interesse Otto, der unmerklich -mit den Augen zwinkerte, als die Mündung der Pistole +„sonst schieße ich Hecht die Kugel in den Kopf.“ Alles war +mäuschenstill. Die Saharet stand mit gefalteten Händen. +Ströbel betrachtete voll Interesse Otto, der unmerklich +mit den Augen zwinkerte, als die Mündung der Pistole zwischen seine Augen gerichtet war. </p> <p> -Otto hatte eine ganz gleichmütige, etwas belustigte Miene -aufgesetzt. Ich wünsche jetzt nur das eine, dachte er, daß -mir die Kugel mitten in die Stirn fährt. Mitten in die -Stirn und Schluß! So drücke doch ab! Er war ganz ruhig . . . +Otto hatte eine ganz gleichmütige, etwas belustigte Miene +aufgesetzt. Ich wünsche jetzt nur das eine, dachte er, daß +mir die Kugel mitten in die Stirn fährt. Mitten in die +Stirn und Schluß! So drücke doch ab! Er war ganz ruhig . . . </p> <p> -Da wanderte das Loch der Mündung um einen Millimeter -höher. Hauptmann Falk hatte die Zähne zusammengebissen, -so daß die Backenknochen aus seinem grauen, +Da wanderte das Loch der Mündung um einen Millimeter +höher. Hauptmann Falk hatte die Zähne zusammengebissen, +so daß die Backenknochen aus seinem grauen, mageren Gesicht vorstanden. Dann hielt er den Atem an, und im gleichen Augenblick zersplitterte das Glas. </p> @@ -4502,30 +4469,30 @@ Welcher Beifall! Welche Ovationen! <p> Augenblicklich aber ergriff die Saharet, aus Koketterie, -die Flucht. Gläser zerschellten, Stühle krachten. Sie riß +die Flucht. Gläser zerschellten, Stühle krachten. Sie riß eine Tischdecke mit allem, was darauf war, herunter. Aus -Höflichkeit, aus gar keinem andern Grund, hatte Otto die +Höflichkeit, aus gar keinem andern Grund, hatte Otto die Verfolgung aufgenommen. Dieser schmale, armselige Mund <a id="page-82" class="pagenum" title="82"></a> reizte ihn nicht. Endlich hatte sich die Saharet in der Ecke -der Bibliothek verrannt. Sie konnte weder vorwärts noch -rückwärts und versuchte, an den Bücherregalen in die Höhe +der Bibliothek verrannt. Sie konnte weder vorwärts noch +rückwärts und versuchte, an den Bücherregalen in die Höhe zu klettern. Aber als auch das nicht gelang, ergab sie sich, um Hilfe schreiend, in ihr Schicksal. </p> <p> -Schon hatte Otto die Hände ausgestreckt — plötzlich aber -schwankte er und wurde weiß wie eine Wand. Erregt von -der Jagd, berauscht, hatte ihn plötzlich Schwindel ergriffen. +Schon hatte Otto die Hände ausgestreckt — plötzlich aber +schwankte er und wurde weiß wie eine Wand. Erregt von +der Jagd, berauscht, hatte ihn plötzlich Schwindel ergriffen. Das Gesicht der Saharet verschwamm, ihre Augen — ein entsetzliches, halbverwestes Gesicht erschien, mit blinkenden -Zähnen, ein Totenantlitz. +Zähnen, ein Totenantlitz. </p> <p> „Ich werde fallen!“ fuhr es ihm durch den Sinn, mit -der Gewißheit einer Erleuchtung, die keinen Zweifel zuläßt. +der Gewißheit einer Erleuchtung, die keinen Zweifel zuläßt. Und dies war der Augenblick, wo er bleich wie eine Wand wurde. </p> @@ -4542,25 +4509,25 @@ verstanden. <p class="first"> <span class="firstchar">S</span>chokolade knabbernd hockte die Saharet hoch oben auf -dem Klubsessel, in dem der hünenhafte Major Wolff -saß, der die Bank hielt. Die fahlen, verwüsteten Gesichter -mit den grauen Schläfen drängten sich um den Tisch. +dem Klubsessel, in dem der hünenhafte Major Wolff +saß, der die Bank hielt. Die fahlen, verwüsteten Gesichter +mit den grauen Schläfen drängten sich um den Tisch. Karten, Banknoten flatterten. Auch der Blinde spielte, er -machte mit dem Einarmigen im Smoking ein Kompaniegeschäft. -Nur Ströbel spielte nicht. Er füllte die Gläser. +machte mit dem Einarmigen im Smoking ein Kompaniegeschäft. +Nur Ströbel spielte nicht. Er füllte die Gläser. </p> <p> -Otto gewann — ganz im Gegensatz zu seinem sprichwörtlichen +Otto gewann — ganz im Gegensatz zu seinem sprichwörtlichen Pech beim Spiel. Im Augenblick hatte er, -obschon er ohne jede Überlegung, völlig sinnlos spielte, +obschon er ohne jede Überlegung, völlig sinnlos spielte, dreitausend Mark gewonnen. Auch das war auffallend! </p> <p> Und wenn ich falle, dachte er, was ist dabei? Viele Hunderttausend sind gefallen, weshalb sollte ich, gerade -ich, verschont bleiben? Es ist schließlich völlig egal! +ich, verschont bleiben? Es ist schließlich völlig egal! </p> <p> @@ -4571,14 +4538,14 @@ Noch einmal, einmal noch wollen wir das Schicksal befragen <p> <a id="page-83" class="pagenum" title="83"></a> Die Bank war in eine Verlustserie geraten. Sie hatte -sechsmal bezahlt, und es war völlig unwahrscheinlich, daß -das Glück ein siebentes Mal gegen sie war. +sechsmal bezahlt, und es war völlig unwahrscheinlich, daß +das Glück ein siebentes Mal gegen sie war. </p> <p> „Dreitausend Mark Einsatz, Herr Major?“ fragte Otto. Gewann er, gegen alle Gesetze der Wahrscheinlichkeit, nun, -so würde er es glauben, so war es sicher . . . +so würde er es glauben, so war es sicher . . . </p> <p> @@ -4586,7 +4553,7 @@ Die Bank verlor ein siebentes Mal. </p> <p> -„Ich werde fallen, gut!“ — Otto zählte die Scheine, die +„Ich werde fallen, gut!“ — Otto zählte die Scheine, die man ihm zuschob, und steckte sie in die Tasche. </p> @@ -4599,8 +4566,8 @@ Er stand auf. </p> <p> -„Viertausenddreihundert — erstes Geschütz —!“ kommandierte -Hauptmann Weißbach, der in einem Sessel +„Viertausenddreihundert — erstes Geschütz —!“ kommandierte +Hauptmann Weißbach, der in einem Sessel eingeschlafen war und mit offenem Munde dalag, die bleiche Stirn in Falten zerknittert. </p> @@ -4615,115 +4582,115 @@ bleiche Stirn in Falten zerknittert. <p> Die Riesenstadt schlief, sie keuchte im Schlaf. Die -Menschen schwitzten, in ihren Betten, trotz der eisigen Kälte -der Wohnungen. Der kalte Schweiß stand auf ihren Stirnen, +Menschen schwitzten, in ihren Betten, trotz der eisigen Kälte +der Wohnungen. Der kalte Schweiß stand auf ihren Stirnen, mit offenen Augen starrten sie in die Dunkelheit. Es war -nicht mehr wie früher, da die Riesenstadt nachts aufschrie — -weißt du noch, am Anfang des Krieges? In jeder Nacht -gellten entsetzliche Schreie aus Häusern und Höfen, +nicht mehr wie früher, da die Riesenstadt nachts aufschrie — +weißt du noch, am Anfang des Krieges? In jeder Nacht +gellten entsetzliche Schreie aus Häusern und Höfen, furchtbares Jammern und verzweifeltes Schluchzen — die Depeschen regneten herab auf die Riesenstadt: gefallen, -gefallen, dein Sohn, dein Gatte, dein Geliebter, der Ernährer +gefallen, dein Sohn, dein Gatte, dein Geliebter, der Ernährer deiner Kinder, gefallen, gefallen — und die Riesenstadt -schrie! Das Geläute der Glocken, die die Siege feierten, -summte noch in der Luft, mit Blumen geschmückte Jünglinge -und bärtige Männer stürzten sich hinaus — +schrie! Das Geläute der Glocken, die die Siege feierten, +summte noch in der Luft, mit Blumen geschmückte Jünglinge +und bärtige Männer stürzten sich hinaus — </p> <p> Nun schrien sie nicht mehr, sie lagen still, die verkrallten <a id="page-84" class="pagenum" title="84"></a> Finger in die Brust geschlagen, sie setzten sich in den Betten -auf und flüsterten — einen Namen. +auf und flüsterten — einen Namen. </p> <p> -Still lag die große Stadt und dunkel. +Still lag die große Stadt und dunkel. </p> <p> -Erloschen die Feuersbrünste, die nächtlich aus den Bahnhöfen -emporloderten und den Himmel röteten, früher, -nur noch scheue Lichtnebel über der unendlichen Finsternis +Erloschen die Feuersbrünste, die nächtlich aus den Bahnhöfen +emporloderten und den Himmel röteten, früher, +nur noch scheue Lichtnebel über der unendlichen Finsternis der verkohlten Stadt. Heulend und winselnd rollten -die Züge zwischen den finstern Häusern. Es waren die +die Züge zwischen den finstern Häusern. Es waren die Transporte, die des Nachts in die Stadt schlichen, in die -halbdunkeln Bahnhöfe, und die blutenden Menschen von +halbdunkeln Bahnhöfe, und die blutenden Menschen von den Schlachtfeldern brachten. Dieselben, die mit Blumen -geschmückt die Stadt verlassen hatten. Der Tag durfte sie -nicht erblicken. Riesenschatten schwankten über die hohen, +geschmückt die Stadt verlassen hatten. Der Tag durfte sie +nicht erblicken. Riesenschatten schwankten über die hohen, verstaubten Bahnhofsmauern, Tragbahren glitten hin und -her, Automobile schlichen auf ihren Gummirädern verstohlen -durch die Straßen, hin und zurück, hin und zurück. -Dann erloschen die Bahnhöfe und versanken in die Dunkelheit, +her, Automobile schlichen auf ihren Gummirädern verstohlen +durch die Straßen, hin und zurück, hin und zurück. +Dann erloschen die Bahnhöfe und versanken in die Dunkelheit, bis wieder ein Zug winselte und schrie: ich bringe -sie . . . Und wieder schwankten die Riesenschatten über -die verstaubten Backsteinwände, wieder glitten die Tragbahren +sie . . . Und wieder schwankten die Riesenschatten über +die verstaubten Backsteinwände, wieder glitten die Tragbahren hin und her, wieder schlichen die Automobile auf -ihren Gummirädern verstohlen durch die Straßen, hin und -zurück. Die ganze Nacht hindurch, jede Nacht. +ihren Gummirädern verstohlen durch die Straßen, hin und +zurück. Die ganze Nacht hindurch, jede Nacht. </p> <p> Schon winselt ein neuer Zug — und viele sind noch unterwegs, -weit draußen zwischen den Kartoffeläckern und -Rübenfeldern, über die der Regen fegt. Viele, Abertausende +weit draußen zwischen den Kartoffeläckern und +Rübenfeldern, über die der Regen fegt. Viele, Abertausende — </p> <p> -In jeder Nacht schlägt die Flut des blutigen Ozeans +In jeder Nacht schlägt die Flut des blutigen Ozeans bis ins Herz der Stadt. </p> <p> Im Grauen des Tages aber fahren die stillen Wagen -von den Lazaretten durch die Vorstädte, immer weiter, -bis zu den Friedhöfen. Mit Kisten beladen. Darin liegen -sie, die mit Blumen geschmückt hinauszogen, ohne Kleider, -ohne Stiefel, ohne Wäsche, nackt, aber sie frieren nicht +von den Lazaretten durch die Vorstädte, immer weiter, +bis zu den Friedhöfen. Mit Kisten beladen. Darin liegen +sie, die mit Blumen geschmückt hinauszogen, ohne Kleider, +ohne Stiefel, ohne Wäsche, nackt, aber sie frieren nicht mehr. Es ist Anfang Februar des Jahres 1918 — </p> <p> <a id="page-85" class="pagenum" title="85"></a> -Stumm fließen die Straßen dahin, ohne Ende. Höhnische +Stumm fließen die Straßen dahin, ohne Ende. Höhnische Gespenster die Laternen an den Ecken. An den ausgebrannten -Häusern hängen windschief die Firmenschilder. +Häusern hängen windschief die Firmenschilder. Riesenbuchstaben, kalt, bleich, Leichen. Die Namen sind nicht mehr, die Firmen sind erloschen, die Magazine sind leer. In der finstern Nacht kommen die Schatten -zurück, sitzen an den Schreibtischen der Bureaus, schleichen +zurück, sitzen an den Schreibtischen der Bureaus, schleichen durch die leeren Magazine. Schatten wimmeln die Treppen -herab, Boten, Briefträger, gefallen. Straßenkehrer fegen -die finstern Straßen, gefallen. Schatten von Omnibussen +herab, Boten, Briefträger, gefallen. Straßenkehrer fegen +die finstern Straßen, gefallen. Schatten von Omnibussen huschen zwischen den Fluten treibender Schatten dahin, -die die Straßen überschwemmen, ein Meer. Die Kutscher +die die Straßen überschwemmen, ein Meer. Die Kutscher der Omnibusse gefallen, die flinken Pferde gefallen. In -jeder Nacht kehren die Toten in die tote Riesenstadt zurück. +jeder Nacht kehren die Toten in die tote Riesenstadt zurück. </p> <p> -Ängstlich lugt der Wächter um die Ecke. Seine Zähne +Ängstlich lugt der Wächter um die Ecke. Seine Zähne klappern vor Furcht, die leichenhaften Riesenbuchstaben -an den Häuserwänden starren auf ihn, sie winken, sie lächeln -so eigentümlich — ach! +an den Häuserwänden starren auf ihn, sie winken, sie lächeln +so eigentümlich — ach! </p> <p> -Da erzittert die tote Straße! Ein Schritt dröhnt, rasch, -eilig. Ein Sturmschritt, der Schritt eines Läufers, der +Da erzittert die tote Straße! Ein Schritt dröhnt, rasch, +eilig. Ein Sturmschritt, der Schritt eines Läufers, der dahinjagt. Eine Stimme ruft. Die schlaflosen Menschen in den kalten Betten richten sich auf: schauerlich hallt die -Stimme durch die dunkle Stadt. Die schweißigen Haare -sträuben sich — was ruft er? Wieder? Wie in jeder Nacht . . . +Stimme durch die dunkle Stadt. Die schweißigen Haare +sträuben sich — was ruft er? Wieder? Wie in jeder Nacht . . . </p> <p> Ein weiter, feldgrauer Soldatenmantel flattert um die -dunkle Ecke. Er jagt durch die Straßen! Hände, zum Fluch -gestreckt, züngeln empor. Dröhnend rollt die Stimme -über die schwarzen Häuser. +dunkle Ecke. Er jagt durch die Straßen! Hände, zum Fluch +gestreckt, züngeln empor. Dröhnend rollt die Stimme +über die schwarzen Häuser. </p> <p> @@ -4736,37 +4703,37 @@ Sind es diese Worte? <p> Die Menschen, die in den Betten horchen, verstehen die -Worte nicht. Es sind uralte Worte, tausendjährige, sie -fühlen es, es sind Worte des Fluchs und des Untergangs. +Worte nicht. Es sind uralte Worte, tausendjährige, sie +fühlen es, es sind Worte des Fluchs und des Untergangs. </p> <p> -Der Wächter entflieht. Ein Soldat! Flink sind sie heute +Der Wächter entflieht. Ein Soldat! Flink sind sie heute mit dem Messer . . . </p> <p> <a id="page-86" class="pagenum" title="86"></a> In der Ferne schon schallt die Stimme. Sie rollt die -endlosen Straßen entlang, hinaus in die Vorstädte, hinaus -auf das flache Feld. Lange noch hängt ihr Hall zwischen -den schlafenden Häusern. +endlosen Straßen entlang, hinaus in die Vorstädte, hinaus +auf das flache Feld. Lange noch hängt ihr Hall zwischen +den schlafenden Häusern. </p> <p> Die Hausecken sind finster. Aber sobald der weite Soldatenmantel -an ihnen vorüberflattert, strahlt plötzlich -Licht aus den dunkeln Wänden: die schwarzen Steine +an ihnen vorüberflattert, strahlt plötzlich +Licht aus den dunkeln Wänden: die schwarzen Steine haben ein Auge aufgeschlagen. Ein Wort leuchtet aus der Dunkelheit: </p> <p class="center"> -„<em>Alle Völker sind Brüder!</em>“ +„<em>Alle Völker sind Brüder!</em>“ </p> <p> -Kalkweiß flattert der weite Soldatenmantel im Schein +Kalkweiß flattert der weite Soldatenmantel im Schein einer fernen Laterne — schon ist er verschwunden. — </p> @@ -4776,26 +4743,26 @@ eine Stadt aus Asche. </p> <p> -Draußen aber, die Vorstädte gleißten. Um die Stadt -aus Asche schwang ein Gürtel blendenden Lichts — die -gleißenden Feenpaläste der Fabriken schwammen in der +Draußen aber, die Vorstädte gleißten. Um die Stadt +aus Asche schwang ein Gürtel blendenden Lichts — die +gleißenden Feenpaläste der Fabriken schwammen in der Nacht. Der rote Dampf zischte, aus den Schloten quollen Schatten, dick und schwarz wie bei Kriegsschiffen in voller -Fahrt. Die Räder schwangen, der Boden zitterte. -Abertausende standen an den Drehbänken, das Öl +Fahrt. Die Räder schwangen, der Boden zitterte. +Abertausende standen an den Drehbänken, das Öl spritzte — Abertausende schleppten Granaten, schraubten, -polierten. Abertausende von übernächtigen bleichen Arbeiterinnen -saßen im grellen Licht der Bogenlampen an -den Arbeitstischen, füllten, wogen, verschnürten. +polierten. Abertausende von übernächtigen bleichen Arbeiterinnen +saßen im grellen Licht der Bogenlampen an +den Arbeitstischen, füllten, wogen, verschnürten. </p> <p> -Und die schweren Züge keuchten dahin, hinaus. +Und die schweren Züge keuchten dahin, hinaus. </p> <p> Das ganze Land arbeitete in dieser Nacht, in jeder Nacht, -Millionen Hände — der Tod war ihr Besteller. +Millionen Hände — der Tod war ihr Besteller. </p> <h3 class="no" id="subchap-1-1-14"> @@ -4807,7 +4774,7 @@ Millionen Hände — der Tod war ihr Besteller. die Brandung des Meeres. Die Wipfel mahlten in der Finsternis, und zuweilen peitschte ein Zweig ohne <a id="page-87" class="pagenum" title="87"></a> -jeden Grund rasend den Himmel. Ohne Aufhören floß +jeden Grund rasend den Himmel. Ohne Aufhören floß der Regen herab. </p> @@ -4823,15 +4790,15 @@ Der Morgen war nahe. <p> Am Rande des Tiergartens stand ein Schutzmann in -seinem Regenmantel. Er horchte. Ein Schuß —? Er +seinem Regenmantel. Er horchte. Ein Schuß —? Er schabte mit den schweren Stiefeln auf dem Pflaster und -ging ein paar Schritte über die Straße. Er blickte hinüber -zu den Gärten, hinter denen die Regierungsgebäude liegen. -Vielleicht hat sich jemand in den Regierungsgebäuden erschossen? -Ein Minister? Wie? Wie? Und doch ein Schuß, +ging ein paar Schritte über die Straße. Er blickte hinüber +zu den Gärten, hinter denen die Regierungsgebäude liegen. +Vielleicht hat sich jemand in den Regierungsgebäuden erschossen? +Ein Minister? Wie? Wie? Und doch ein Schuß, sagte der Schutzmann und zog sich tiefer in das Dunkel -des Tiergartens zurück. Jede Nacht erschoß sich hier jemand -— ein Soldat, ein Bankrotteur, ein Verschmähter. +des Tiergartens zurück. Jede Nacht erschoß sich hier jemand +— ein Soldat, ein Bankrotteur, ein Verschmähter. Der Schutzmann bohrte seine Augen in den finstern Park und versuchte mit seinem Polizistenblick das Dunkel zu schrecken. @@ -4844,28 +4811,28 @@ der Regen. </p> <p> -Nun aber dämmerte Licht auch in den Gemächern links -vom Hauseingang. Die Türe zum Schlafzimmer des -Generals wurde geöffnet, und ein Schleier von Licht drang +Nun aber dämmerte Licht auch in den Gemächern links +vom Hauseingang. Die Türe zum Schlafzimmer des +Generals wurde geöffnet, und ein Schleier von Licht drang durch die Gardinen. </p> <p> Da erschien die breite Gestalt des Generals in der lichten -Türe. Der General war im Schlafrock und taumelte schlaftrunken. +Türe. Der General war im Schlafrock und taumelte schlaftrunken. Er verlor immerzu die zinnoberroten Pantoffeln, -während er sich in das Vorderzimmer tastete. Ein Schatten +während er sich in das Vorderzimmer tastete. Ein Schatten kroch vor ihm her. </p> <p> -„Wie sagst du —?“ Er räusperte sich, seine Mundhöhle +„Wie sagst du —?“ Er räusperte sich, seine Mundhöhle war ausgetrocknet, denn der General schlief mit offenem -Munde und schnarchte. „Verletzt, sagst du —?“ Er bemühte +Munde und schnarchte. „Verletzt, sagst du —?“ Er bemühte sich, die Schnur des Schlafrocks zuzuziehen, um sich <a id="page-88" class="pagenum" title="88"></a> -nicht zu erkälten. Schon wieder hatte er einen Pantoffel -verloren und tastete mit dem nackten Fuße danach. +nicht zu erkälten. Schon wieder hatte er einen Pantoffel +verloren und tastete mit dem nackten Fuße danach. </p> <p> @@ -4873,9 +4840,9 @@ verloren und tastete mit dem nackten Fuße danach. </p> <p> -„Man sollte doch meinen, daß er mit Schußwaffen +„Man sollte doch meinen, daß er mit Schußwaffen umzugehen versteht!“ schrie der General den Burschen an. -Eigentlich hätte er dies Otto sagen sollen, aber in derartigen +Eigentlich hätte er dies Otto sagen sollen, aber in derartigen Augenblicken wandte er sich mit Vorliebe an Untergebene. </p> @@ -4885,8 +4852,8 @@ Augenblicken wandte er sich mit Vorliebe an Untergebene. <p> Zornrot ragte der Kopf aus dem fleischfarbenen Schlafrock. -Auch dieser Schlafrock zeigte karmesinrote Aufschläge, -nicht so groß wie der Mantel, aber von der gleichen Farbe. +Auch dieser Schlafrock zeigte karmesinrote Aufschläge, +nicht so groß wie der Mantel, aber von der gleichen Farbe. </p> <p> @@ -4900,11 +4867,11 @@ schon einmal losgegangen.“ </p> <p> -Mit wütenden Schritten ging der General durch die -Zimmer. Der fleischfarbene Schlafrock wehte. Plötzlich +Mit wütenden Schritten ging der General durch die +Zimmer. Der fleischfarbene Schlafrock wehte. Plötzlich aber hielt er den Schritt an und tastete mit der Hand gegen -einen Türrahmen. „Ein Glas Wasser, Jakob“, sagte er. -„Und dann — hörst du — wecke meine Tochter, sofort — +einen Türrahmen. „Ein Glas Wasser, Jakob“, sagte er. +„Und dann — hörst du — wecke meine Tochter, sofort — aber nicht du sollst sie wecken — sondern wecke Therese, und Therese soll meine Tochter wecken. Wangel soll sofort das Auto holen.“ @@ -4913,8 +4880,8 @@ das Auto holen.“ <p> Das Blut war aus seinem Kopf gewichen, er war totenbleich geworden. Er taumelte ein paar kleine Schrittchen -rückwärts, bis seine Hand eine Stütze an einem Sessel -fand. Der Atem pfiff in kurzen Stößen aus seiner Brust. +rückwärts, bis seine Hand eine Stütze an einem Sessel +fand. Der Atem pfiff in kurzen Stößen aus seiner Brust. </p> <p> @@ -4922,28 +4889,28 @@ fand. Der Atem pfiff in kurzen Stößen aus seiner Brust. </p> <p> -Der General hatte nur einen flüchtigen Blick durch -Ottos halboffene Tür geworfen. Otto stand gestiefelt und +Der General hatte nur einen flüchtigen Blick durch +Ottos halboffene Tür geworfen. Otto stand gestiefelt und gespornt, rasiert und frisiert, fix und fertig zur Abreise. Auf dem Boden lag die gepackte kleine graue Offizierskiste. -Er sah völlig nüchtern aus, gesammelt, ohne jede +Er sah völlig nüchtern aus, gesammelt, ohne jede Spur von Betrunkenheit. </p> <p> Und dann ein Handtuch — zusammengerollt, wie ein <a id="page-89" class="pagenum" title="89"></a> -blutiger Klumpen . . . Es war eine Schwäche des Generals, -daß er kein Blut sehen konnte. Es war ihm immer peinlich +blutiger Klumpen . . . Es war eine Schwäche des Generals, +daß er kein Blut sehen konnte. Es war ihm immer peinlich gewesen — im Felde, wo es sich doch nicht vermeiden -ließ — aber es war eine Schwäche, die er schon in der +ließ — aber es war eine Schwäche, die er schon in der Kadettenzeit gehabt hatte. Es war ganz hoffnungslos, -dagegen anzukämpfen. +dagegen anzukämpfen. </p> <p> -Man hörte Therese an Ruths Türe pochen. Man hörte -sie halblaut rufen. Dann ging die Türe. Therese verschwand +Man hörte Therese an Ruths Türe pochen. Man hörte +sie halblaut rufen. Dann ging die Türe. Therese verschwand in Ruths Zimmer und kam nicht wieder. </p> @@ -4953,23 +4920,23 @@ Nun? <p> Endlich — nach langer Zeit kam Therese wieder zum -Vorschein. Ihre Miene war verstört. Hilflos blieb sie an -der offenen Türe stehen. Therese — sie hieß gar nicht +Vorschein. Ihre Miene war verstört. Hilflos blieb sie an +der offenen Türe stehen. Therese — sie hieß gar nicht Therese, aber sie wurde, seit sie im Hause des Generals -lebte, so genannt, sie hieß Ernestine — Therese war, wie -häufig, von ihrer Angst vor dem General gelähmt. Sie -fürchtete ihn für gewöhnlich, sie ließ sich nicht gerne in -ein Gespräch mit ihm ein, lebte für sich in den hinteren -Räumen und kam nur selten nach vorn. Aber bei besonderen +lebte, so genannt, sie hieß Ernestine — Therese war, wie +häufig, von ihrer Angst vor dem General gelähmt. Sie +fürchtete ihn für gewöhnlich, sie ließ sich nicht gerne in +ein Gespräch mit ihm ein, lebte für sich in den hinteren +Räumen und kam nur selten nach vorn. Aber bei besonderen Ereignissen steigerte sich ihre Furcht zum Entsetzen. Und in diesem Augenblick erschien ihr der General wahrhaft erschreckend — in seinem fleischfarbenen Schlafrock und den roten Pantoffeln. Ihre Augen zerrannen vor Ratlosigkeit, ganz wie seinerzeit, als sie vor dem Gericht -aussagen sollte. Damals, als der General den Prozeß -führte und man sie kreuz und quer über alles Mögliche +aussagen sollte. Damals, als der General den Prozeß +führte und man sie kreuz und quer über alles Mögliche ausforschte. Damals, als es keine Ruhe mehr im Hause -des Generals gab, nur Tränen. Therese fühlte, daß wiederum +des Generals gab, nur Tränen. Therese fühlte, daß wiederum etwas nicht in Ordnung war. </p> @@ -4979,7 +4946,7 @@ Schnurrbart zitterte, und Therese, die dieses Anzeichen sehr gut kannte, machte eine verzweifelte Anstrengung zu sprechen. Ihr altes Gesicht legte sich in tausend Runzeln und kleine Falten, als ob sie weinen wollte. Die Finger -zupften an den rasch übergeworfenen Kleidern. +zupften an den rasch übergeworfenen Kleidern. </p> <p> @@ -4988,7 +4955,7 @@ zupften an den rasch übergeworfenen Kleidern. </p> <p> -Der General hatte nicht recht gehört. +Der General hatte nicht recht gehört. </p> <p> @@ -5001,13 +4968,13 @@ Der General hatte nicht recht gehört. <p> Aber gerade in diesem Augenblick wurde seine Aufmerksamkeit -auf ein Geräusch an der Türe gelenkt. In der Türe -der Diele drehte sich ein Schlüssel, und er wartete voller -Spannung, was nun geschehen würde. Zuerst erschien +auf ein Geräusch an der Türe gelenkt. In der Türe +der Diele drehte sich ein Schlüssel, und er wartete voller +Spannung, was nun geschehen würde. Zuerst erschien also eine kleine Hand, in grauen Handschuhen. Dann der -braune Pelzbesatz eines Ärmels, und schließlich stand Ruth -in voller Person mitten in der Türe. Auf ihrer kleinen, -braunen Pelzmütze lagen Regentropfen. Ruth erschrak +braune Pelzbesatz eines Ärmels, und schließlich stand Ruth +in voller Person mitten in der Türe. Auf ihrer kleinen, +braunen Pelzmütze lagen Regentropfen. Ruth erschrak nicht. Ihre braunen Augen, die weichen, leuchtenden Augen der Sommerstorf, waren voller Erstaunen auf den General gerichtet. @@ -5015,7 +4982,7 @@ General gerichtet. <p> Dann aber begannen ihre Blicke sich langsam mit Unruhe -zu füllen. Das Leuchten erlosch, sie wurden dunkel. +zu füllen. Das Leuchten erlosch, sie wurden dunkel. </p> <h2 class="chapter" id="chapter-1-2"> @@ -5028,57 +4995,57 @@ zu füllen. Das Leuchten erlosch, sie wurden dunkel. </h3> <p class="first"> -<span class="firstchar">D</span>er Tag graute, und noch immer schwang der gleißende -Lichtgürtel um Berlin. +<span class="firstchar">D</span>er Tag graute, und noch immer schwang der gleißende +Lichtgürtel um Berlin. </p> <p> Vor wenigen Wochen, im Januar, lagen die blendenden -Fabrikpaläste der Vorstädte plötzlich einige Nächte lang -dunkel da. Die eisernen Tore blieben geschlossen, die Räder +Fabrikpaläste der Vorstädte plötzlich einige Nächte lang +dunkel da. Die eisernen Tore blieben geschlossen, die Räder standen still, die Kesselfeuer waren erloschen. Hunderttausende -von regsamen Händen, wo waren sie? Was war +von regsamen Händen, wo waren sie? Was war geschehen? </p> <p> Streik, mit einem Wort. Streik, jetzt, gerade in diesem -Augenblick, wo man die Vorbereitungen traf für die letzte -große Anstrengung, die den Sieg bringen sollte. Das +Augenblick, wo man die Vorbereitungen traf für die letzte +große Anstrengung, die den Sieg bringen sollte. Das englische Gold rollte — der General behauptete es — das -englische Gold rollte durch die Straßen Berlins, Millionen +englische Gold rollte durch die Straßen Berlins, Millionen und abermals Millionen. Scharen von Agenten waren von Albion ausgesandt worden, um die Front der Heimat zu unterminieren. Es wimmelte von Spitzeln und Spionen. -Man klebte Zettel an die Häuser, Laufzettel gingen durch -die Fabriken — das englische Gold war allmächtig. +Man klebte Zettel an die Häuser, Laufzettel gingen durch +die Fabriken — das englische Gold war allmächtig. </p> <p> -Es kam zu Zusammenrottungen — da draußen. Patrouillen -streiften durch die Stadt, Schwärme von Berittenen -mit Karabinern, Maschinengewehre waren auf den Dachböden +Es kam zu Zusammenrottungen — da draußen. Patrouillen +streiften durch die Stadt, Schwärme von Berittenen +mit Karabinern, Maschinengewehre waren auf den Dachböden aufgestellt, da und dort — sollten sie nur kommen — -von da draußen! Halbwüchsige Burschen zogen über die -Linden und pfiffen. Aber die Schutzleute stürzten aus den -Häusern und ohrfeigten sie. +von da draußen! Halbwüchsige Burschen zogen über die +Linden und pfiffen. Aber die Schutzleute stürzten aus den +Häusern und ohrfeigten sie. </p> <p> -Straßenbahnwagen wurden umgestürzt. Durch die +Straßenbahnwagen wurden umgestürzt. Durch die Stadt fuhren reihenweise Wagen mit eingeworfenen Fensterscheiben. Das englische Gold hatte es weit gebracht. </p> <p> -Die Streikenden sandten einen Ausschuß, um zu unterhandeln. -Aber der Minister — plötzlich machte er sein -Rückgrat steif — lehnte ab, weigerte sich — bitte recht sehr. +Die Streikenden sandten einen Ausschuß, um zu unterhandeln. +Aber der Minister — plötzlich machte er sein +Rückgrat steif — lehnte ab, weigerte sich — bitte recht sehr. <a id="page-92" class="pagenum" title="92"></a> -Er forderte gesetzlich zulässige Vertreter. Er witterte eine -Ungebührlichkeit, etwas, was überhaupt noch nicht dagewesen -war, das sich erkeckte, zu rütteln, an den Grundpfosten -zu rütteln . . . +Er forderte gesetzlich zulässige Vertreter. Er witterte eine +Ungebührlichkeit, etwas, was überhaupt noch nicht dagewesen +war, das sich erkeckte, zu rütteln, an den Grundpfosten +zu rütteln . . . </p> <p> @@ -5088,26 +5055,26 @@ versprach. <p> Die Streikenden forderten — sie deuteten es nur an, -aber es ging aus ihrer ungesetzlichen, hochverräterischen +aber es ging aus ihrer ungesetzlichen, hochverräterischen Haltung deutlich hervor . . . Es schien ihnen an der Zeit, -nachzudenken. Herzogshüte und Königskronen sollten vergeben -werden, da und dort, an alle möglichen Vettern, -nun gut, wenn es Vergnügen machte, aber es schien ihnen -doch an der Zeit, mit dem Überlegen zu beginnen. Der -letzte Kupferkessel war dahin, beschlagnahmt aus der Küche +nachzudenken. Herzogshüte und Königskronen sollten vergeben +werden, da und dort, an alle möglichen Vettern, +nun gut, wenn es Vergnügen machte, aber es schien ihnen +doch an der Zeit, mit dem Überlegen zu beginnen. Der +letzte Kupferkessel war dahin, beschlagnahmt aus der Küche des armen Weibes, die Lokomotiven brachen auf der Strecke zusammen, in den Kasernen exerzierten Knaben und -Krüppel. Schließlich war Amerika immerhin eine Macht, -mit der man rechnen mußte, auch wenn es nicht imstande +Krüppel. Schließlich war Amerika immerhin eine Macht, +mit der man rechnen mußte, auch wenn es nicht imstande war, Flugzeuge zu bauen und, wie man schwarz auf -weiß nachgewiesen hatte, unmöglich ein Heer über den +weiß nachgewiesen hatte, unmöglich ein Heer über den Ozean schaffen konnte. Trotzdem. Die deutschen Truppen standen in Finnland, im Kaukasus, in — </p> <p> Nein, sie sprachen es nicht in klaren Worten aus, aber -sie wollten doch ganz bescheiden darauf hinweisen, daß +sie wollten doch ganz bescheiden darauf hinweisen, daß es eigentlich an der Zeit sei — </p> @@ -5119,47 +5086,47 @@ Aber gerade das, hm, verletzte den Minister. Er witterte — Endlich nahmen die Generale die Sache in die Hand, und im Handumdrehen war der Streik zu Ende. Man brauchte nur etwas zuzugreifen und sofort ging es. Die -Generale waren für individuelle Behandlung. Wer ein -Gewehr tragen konnte, wurde in die Schützengräben verbannt, -andere wanderten ins Gefängnis und einige ins +Generale waren für individuelle Behandlung. Wer ein +Gewehr tragen konnte, wurde in die Schützengräben verbannt, +andere wanderten ins Gefängnis und einige ins Irrenhaus. Die eingeschlagenen Fensterscheiben der -Straßenbahnwagen wurden durch neue ersetzt — nichts -war geschehen. Nichts blieb zurück als ein leises, unterirdisches +Straßenbahnwagen wurden durch neue ersetzt — nichts +war geschehen. Nichts blieb zurück als ein leises, unterirdisches <a id="page-93" class="pagenum" title="93"></a> -Grollen, unhörbar für Ohren, die aus Greisenschädeln +Grollen, unhörbar für Ohren, die aus Greisenschädeln wuchsen. </p> <p> Obwohl der Streik nur wenige Tage gedauert hatte, -sprach der General die Möglichkeit aus, daß dadurch der -Sieg gefährdet sein konnte — konnte, nur eine Möglichkeit . . . +sprach der General die Möglichkeit aus, daß dadurch der +Sieg gefährdet sein konnte — konnte, nur eine Möglichkeit . . . </p> <p> Das war also im Januar gewesen. Nun aber regten sich -wieder Tag und Nacht die ungezählten Hände, zerfressen -von dem schlechten Öl, das von den Drehbänken spritzte -und die Ölkrätze hervorrief. Die Feenpaläste schwammen -wieder strahlend in den Nächten, der Lichtgürtel flammte +wieder Tag und Nacht die ungezählten Hände, zerfressen +von dem schlechten Öl, das von den Drehbänken spritzte +und die Ölkrätze hervorrief. Die Feenpaläste schwammen +wieder strahlend in den Nächten, der Lichtgürtel flammte wieder um die Riesenstadt. Und im grauen Morgen, zur -Zeit des Schichtwechsels, rollten wie früher die Züge überfüllt +Zeit des Schichtwechsels, rollten wie früher die Züge überfüllt mit Menschen, als sei nichts geschehen. Hunderte von gelben Gesichtern in jedem Abteil, Hunderte von gelben -Gesichtern auf den Trittbrettern, auf den Dächern, überall. -Und die bleichen, übernächtigen Mädchen, die die Patronen +Gesichtern auf den Trittbrettern, auf den Dächern, überall. +Und die bleichen, übernächtigen Mädchen, die die Patronen packten, kreischten und schrien. </p> <p> Auch an diesem grauen Morgen rollten ganz wie sonst -zur Zeit des Schichtwechsels die Züge mit den gelben und +zur Zeit des Schichtwechsels die Züge mit den gelben und todbleichen Gesichtern. Hustend und frierend hasteten -Kleiderbündel durch die Straßen der Vorstädte, voller +Kleiderbündel durch die Straßen der Vorstädte, voller Angst, rechtzeitig die Kontrolle der eisernen Tore zu passieren. Der Westen der Stadt lag noch in tiefem Schlaf, -die Wächter, die den Schlummer der Reichen bewachten, -gähnten. +die Wächter, die den Schlummer der Reichen bewachten, +gähnten. </p> <p> @@ -5171,7 +5138,7 @@ war Hauptmann Falk. <p> Wo bleibt denn dieser Knabe? Aber Otto kam nicht, und -Hauptmann Falk zog das Fenster hinauf, hüllte sich in den +Hauptmann Falk zog das Fenster hinauf, hüllte sich in den Mantel und schlief augenblicklich ein, bevor der Zug die Station recht verlassen hatte. </p> @@ -5182,24 +5149,24 @@ Die Feuerwalze war auf der Heimreise. — <p> <a id="page-94" class="pagenum" title="94"></a> -Der Tag dampfte über den Kartoffeläckern und Rübenfeldern +Der Tag dampfte über den Kartoffeläckern und Rübenfeldern im Osten von Berlin, und graue Wolken schleppten -sich über die Laubenkolonien zwischen den roten und gelben -Backsteinmauern der Vorstädte, über die Halden mit Bauschutt, +sich über die Laubenkolonien zwischen den roten und gelben +Backsteinmauern der Vorstädte, über die Halden mit Bauschutt, Papierfetzen und verbeulten Eimern. Hinter den grauen Wolken aber kam ein Funke! Der Funke leckte feurig einen Wolkenrand und ein Blitz blendete hervor. Da begannen die gelben und roten Backsteinmauern der -Vorstädte zu blühen, die Fensterscheiben funkelten, das +Vorstädte zu blühen, die Fensterscheiben funkelten, das Millionenauge der Riesenstadt blitzte. Die Trompeten in -den Kasernenhöfen schmetterten, und Tausende von -Männern erhoben sich von den elenden Lagern. +den Kasernenhöfen schmetterten, und Tausende von +Männern erhoben sich von den elenden Lagern. </p> <p> -Ein Lichtbüschel züngelte mitten durch das Fenster einer +Ein Lichtbüschel züngelte mitten durch das Fenster einer Mietskaserne im Nordosten Berlins — einer grauen, -mürrischen Mietskaserne, über deren Fassade sich die Riesenaufschrift +mürrischen Mietskaserne, über deren Fassade sich die Riesenaufschrift „Leihhaus“ erstreckte — und blendete in ein aufgeschlagenes Buch. Dieses Buch lag auf einem kleinen Tisch dicht am Fenster des armseligen Zimmers. Das Buch @@ -5212,9 +5179,9 @@ brannten unter dem Lichtstrahl: </p> <p> -„Und die Könige auf Erden, und die Obersten, und die +„Und die Könige auf Erden, und die Obersten, und die Reichen, und die Hauptleute, und die Gewaltigen, und alle -Knechte, und alle Freien verbargen sich in den Klüften +Knechte, und alle Freien verbargen sich in den Klüften und Felsen an den Bergen.“ </p> @@ -5225,37 +5192,37 @@ dem Stuhl sitzt, und vor dem Zorn des Lammes.“ </p> <p> -„Denn es ist kommen der große Tag seines Zorns, und +„Denn es ist kommen der große Tag seines Zorns, und wer kann bestehen?“ </p> <p> -Da glühte das ganze Buch, flammte auf und brannte. +Da glühte das ganze Buch, flammte auf und brannte. </p> <p> Neben dem Buch stand eine kleine Schreibmaschine veralteten -Systems. An der Türe des kleinen Zimmers hing -ein großer, weiter, grauer Soldatenmantel. +Systems. An der Türe des kleinen Zimmers hing +ein großer, weiter, grauer Soldatenmantel. </p> <p> -Nun trat ein junger Mann ins Zimmer, und während +Nun trat ein junger Mann ins Zimmer, und während <a id="page-95" class="pagenum" title="95"></a> -er in den Mantel schlüpfte, fielen seine Blicke auf die aufgeschlagene +er in den Mantel schlüpfte, fielen seine Blicke auf die aufgeschlagene Bibel, die im Lichtstrahl flammte. </p> <p> „Auch die Apokalypse gibt keine Deutung!“ sagte -der junge Mann kopfschüttelnd, mit rasenden Augen, und -schloß das Buch. Sofort erlosch es, schwieg es, wurde es +der junge Mann kopfschüttelnd, mit rasenden Augen, und +schloß das Buch. Sofort erlosch es, schwieg es, wurde es stumm. </p> <p> „Diese apokalyptischen Reiter — sie sind Schemen. -Das Blut stieg bis an die Zäume der Pferde — er +Das Blut stieg bis an die Zäume der Pferde — er sollte es mit eigenen Augen sehen — die Pferde versinken im Blut!“ </p> @@ -5269,13 +5236,13 @@ sich ins Licht und flammten in seinem bleichen Gesicht. <p> Er sah nicht die Schutthaufen mit den Papierfetzen und rostigen Eimern, nicht die Lauben mit den schwarzen -Lumpen auf den Dächern: er sah das Licht, das sich -zwischen düsteren Wolkensäumen durchfraß und die Herrschaft -über die Dunkelheit an sich riß. +Lumpen auf den Dächern: er sah das Licht, das sich +zwischen düsteren Wolkensäumen durchfraß und die Herrschaft +über die Dunkelheit an sich riß. </p> <p> -Seine Finger berührten das heilige Buch, zuckten. +Seine Finger berührten das heilige Buch, zuckten. </p> <p> @@ -5292,22 +5259,22 @@ entgegen. wieder auf seinem Posten. Zuweilen trat er aus der Loge und spuckte aus. Und da — ist es zu glauben? — da war auch schon wieder jener Aufdringliche, jener kleine, -ältere Herr. Er zog den steifen Hut. +ältere Herr. Er zog den steifen Hut. </p> <p> -„Seht an — Sie? Schon wieder?“ begrüßte ihn der +„Seht an — Sie? Schon wieder?“ begrüßte ihn der Portier unfreundlich. Und vorwurfsvoll fuhr er fort: „Sie -haben mich in eine hübsche Lage gebracht, das muß ich +haben mich in eine hübsche Lage gebracht, das muß ich sagen!“ </p> <p> -„Hübsche Lage —? Um Gottes willen —?“ +„Hübsche Lage —? Um Gottes willen —?“ </p> <p> -„Ja, eine hübsche Lage, Herr — Herbst, nicht wahr?<a id="corr-4"></a>“ +„Ja, eine hübsche Lage, Herr — Herbst, nicht wahr?<a id="corr-4"></a>“ </p> <p> @@ -5327,11 +5294,11 @@ Brief, Herr Herbst!“ <p> „Nein. Seine Exzellenz — Sie haben doch gutes Papier genommen? Jedenfalls haben Seine Exzellenz —“ Der -Portier in seinem im Laufe der Kriegsjahre etwas schäbig -gewordenen Mantel brach ab, öffnete die Glastüre der +Portier in seinem im Laufe der Kriegsjahre etwas schäbig +gewordenen Mantel brach ab, öffnete die Glastüre der Loge und verbeugte sich. „Guten Morgen, Herr Oberst!“ -Säbel rasselten, ordenglitzernde Brüste schwebten am Glasfenster -vorüber, Lackstiefel, rote Streifen, Pelzkragen. Die +Säbel rasselten, ordenglitzernde Brüste schwebten am Glasfenster +vorüber, Lackstiefel, rote Streifen, Pelzkragen. Die Soldaten und Schreiber huschten die Granittreppen hinauf. Der Dienst begann wieder, dieselbe Sache, wie seit Jahren. </p> @@ -5346,7 +5313,7 @@ Seine Exzellenz waren — hm — ungehalten.“ </p> <p> -„Höflich und richtig abgefaßt. Ich habe gesagt, versuchen +„Höflich und richtig abgefaßt. Ich habe gesagt, versuchen Sie es. Reichen Sie ein Gesuch um eine Audienz ein. Haben Sie gehorsamst geschrieben?“ </p> @@ -5356,13 +5323,13 @@ ein. Haben Sie gehorsamst geschrieben?“ </p> <p> -„Der Umschlag, ich sagte Ihnen ja gleich, ein weißer -wäre besser gewesen. Diese hohen Herren haben ihre Eigenheiten. +„Der Umschlag, ich sagte Ihnen ja gleich, ein weißer +wäre besser gewesen. Diese hohen Herren haben ihre Eigenheiten. Sie sehen auf Kleinigkeiten, wenn zum Beispiel auch nur ein ganz kleiner Schmutzfleck da ist — Guten Morgen, Herr Major, Herr Rittmeister! — Es ging ja noch -gut ab, aber es hätte leicht ein Donnerwetter setzen können, -schon fürchtete ich einen Blick zu bekommen, ja, wissen Sie, +gut ab, aber es hätte leicht ein Donnerwetter setzen können, +schon fürchtete ich einen Blick zu bekommen, ja, wissen Sie, einen Blick —! Und nun ist heute nacht diese Sache passiert — wissen Sie — diese Sache —“ </p> @@ -5373,26 +5340,26 @@ einen Blick —! Und nun ist heute nacht diese Sache passiert <p> „Nun, der Sohn Seiner Exzellenz — der Herr Oberleutnant,“ -die Stimme des Portiers sank zu einem Flüstern +die Stimme des Portiers sank zu einem Flüstern herab, „er hat Malheur gehabt mit dem Revolver, beim Packen. Der Revolver hat sich geklemmt, und schon ging -also der Schuß los — in die Hand.“ +also der Schuß los — in die Hand.“ </p> <p> <a id="page-97" class="pagenum" title="97"></a> -„Ist es möglich?“ +„Ist es möglich?“ </p> <p> -„Nun können Sie sich vorstellen, was für eine Aufregung +„Nun können Sie sich vorstellen, was für eine Aufregung das hier im Hause ist! Der Adjutant war schon hier und gab mir einen Wink. Denn sehen Sie, wenn -Exzellenz schlecht gelaunt sind, dann ist nicht zu spaßen -mit Exzellenz. Für gewöhnlich sind Exzellenz ja ganz umgänglich -— freundlich sogar . . . Aber“ — plötzlich musterte -der Portier seinen Besuch — „hören Sie — Sie sind ja -ganz naß, völlig durchnäßt?“ +Exzellenz schlecht gelaunt sind, dann ist nicht zu spaßen +mit Exzellenz. Für gewöhnlich sind Exzellenz ja ganz umgänglich +— freundlich sogar . . . Aber“ — plötzlich musterte +der Portier seinen Besuch — „hören Sie — Sie sind ja +ganz naß, völlig durchnäßt?“ </p> <p> @@ -5401,7 +5368,7 @@ ganz naß, völlig durchnäßt?“ <p> „In den Regen? Und wie Sie aussehen, Herr! Als -ob Sie auch nicht ein Auge zugetan hätten?“ +ob Sie auch nicht ein Auge zugetan hätten?“ </p> <p> @@ -5410,47 +5377,47 @@ schlaflos —“ </p> <p> -Der alte Portier, mit den weißen Haarsträhnen, den +Der alte Portier, mit den weißen Haarsträhnen, den kleinen Medaillen aus Kupfer und Blech auf der Brust -des zu weiten Mantels, schüttelte den Kopf — kritisch, -mißbilligend. Hier in seiner Loge — +des zu weiten Mantels, schüttelte den Kopf — kritisch, +mißbilligend. Hier in seiner Loge — </p> <p> -Der Havelock, das heißt der Herr mit dem Havelock, -Herr Herbst, machte allerdings einen jämmerlichen Eindruck. +Der Havelock, das heißt der Herr mit dem Havelock, +Herr Herbst, machte allerdings einen jämmerlichen Eindruck. Sein rostbrauner Havelock, der viel zu lang war und bis an die schmutzigen Stiefel reichte, war zerknittert und dunkel -vor Nässe. Der schwarze steife Hut, der bis an die abstehenden -Ohren fiel, war glänzend schwarz vom Regen, -das Band, das die Krempe säumte, einfach vollgesogen mit +vor Nässe. Der schwarze steife Hut, der bis an die abstehenden +Ohren fiel, war glänzend schwarz vom Regen, +das Band, das die Krempe säumte, einfach vollgesogen mit Wasser. Sein Gesicht war keineswegs stahlblau, sondern -gelblich bleich, von ungesunder Färbung, mit merkwürdigen +gelblich bleich, von ungesunder Färbung, mit merkwürdigen gelben Flecken, klein, hohlwangig und von tiefen Furchen -zergraben. Öffnete er den kleinen, faltigen Mund mit dem -weißgrauen Stoppelbärtchen, so wurden gelbe Zahnstumpen +zergraben. Öffnete er den kleinen, faltigen Mund mit dem +weißgrauen Stoppelbärtchen, so wurden gelbe Zahnstumpen sichtbar — und seine Glatze zog bis ins Genick, -nur einige Härchen, grauweiß gekräuselt, deuteten noch -den Haarkranz an — und diese großen, abstehenden Ohren! -Seine wasserhellen Augen waren entzündet und tränten, -sie schwammen fortwährend in Wasser. Es war ein Mensch, +nur einige Härchen, grauweiß gekräuselt, deuteten noch +den Haarkranz an — und diese großen, abstehenden Ohren! +Seine wasserhellen Augen waren entzündet und tränten, +sie schwammen fortwährend in Wasser. Es war ein Mensch, <a id="page-98" class="pagenum" title="98"></a> -der nichts auf sein Äußeres gab — sich vernachlässigte, +der nichts auf sein Äußeres gab — sich vernachlässigte, schlaflos, krank offenbar — sein Sohn — der alte Portier -fühlte plötzlich Mitleid, obschon es ihm peinlich war, daß -dieses durchnäßte Herrchen sich in seiner Loge befand. -Wenn jemand hereinkäme, nicht ein Schreiber, vor ihnen +fühlte plötzlich Mitleid, obschon es ihm peinlich war, daß +dieses durchnäßte Herrchen sich in seiner Loge befand. +Wenn jemand hereinkäme, nicht ein Schreiber, vor ihnen hatte er keine Angst, aber, nehmen wir an, ein Offizier? </p> <p> „Und, sagen Sie — lieber Herr — was wollen Sie nur -wieder, schon so früh —?“ fragte er, plötzlich aufs äußerste +wieder, schon so früh —?“ fragte er, plötzlich aufs äußerste erstaunt. </p> <p> -„Ich wollte —“ hier errötete Herr Herbst und wurde +„Ich wollte —“ hier errötete Herr Herbst und wurde sehr unruhig — „nun, ich wollte doch nachsehen, ob keine Antwort —?“ </p> @@ -5465,7 +5432,7 @@ Audienz —?“ </p> <p> -Der Portier schlug erschrocken die Hände über dem Kopf +Der Portier schlug erschrocken die Hände über dem Kopf zusammen. „Also auch mich ziehen Sie mit hinein — mich?“ </p> @@ -5475,15 +5442,15 @@ zusammen. „Also auch mich ziehen Sie mit hinein — mich?“ <p> „Das Einfachste — und Exzellenz werden nun denken —!“ -Und wieder schlug der Portier außer sich die Hände über +Und wieder schlug der Portier außer sich die Hände über dem Kopf zusammen. </p> <p> -Herr Herbst fühlte nur zu deutlich, daß seine Position +Herr Herbst fühlte nur zu deutlich, daß seine Position hoffnungslos verloren war. Hastig fuhr er mit der kleinen, schmutzigen Hand in den zerknitterten Havelock und zog -ein Zigarrenetui aus der Rocktasche, ein großes Etui +ein Zigarrenetui aus der Rocktasche, ein großes Etui aus Aluminium. </p> @@ -5502,11 +5469,11 @@ aus Aluminium. <p> „Ich will Sie nicht berauben. Heutigentags ist eine Zigarre eine Kostbarkeit. Danke. Also — keine Adresse, -Sie Unglückseliger —?“ +Sie Unglückseliger —?“ </p> <p> -„Nein. Ich wußte auch nicht recht welche — ja, wie +„Nein. Ich wußte auch nicht recht welche — ja, wie sollte ich es machen — ich habe — zwei Wohnungen.“ </p> @@ -5516,12 +5483,12 @@ sollte ich es machen — ich habe — zwei Wohnungen.“ <p> <a id="page-99" class="pagenum" title="99"></a> -„Ja, zwei. Ich weiß nicht, wo ich eigentlich wohne.“ +„Ja, zwei. Ich weiß nicht, wo ich eigentlich wohne.“ </p> <p> -„Zwei Wohnungen, und er weiß nicht — ja, eigentümlich -— ein eigentümlicher Herr sind Sie —“ +„Zwei Wohnungen, und er weiß nicht — ja, eigentümlich +— ein eigentümlicher Herr sind Sie —“ </p> <p> @@ -5530,35 +5497,35 @@ Herr Herbst zu seiner Entschuldigung. </p> <p> -In diesem Augenblick klappte draußen ein Wagenschlag. -Es war fünf Minuten nach neun Uhr. Der Portier schrak +In diesem Augenblick klappte draußen ein Wagenschlag. +Es war fünf Minuten nach neun Uhr. Der Portier schrak zusammen und warf einen raschen Blick durch das Guckfenster. </p> <p> -„Seine Exzellenz! Seine Exzellenz!“ rief er in höchster +„Seine Exzellenz! Seine Exzellenz!“ rief er in höchster Aufregung aus. „Exzellenz darf Sie hier nicht sehen. Um -Gottes willen — daß Sie mir nicht durch die Türe blicken!“ +Gottes willen — daß Sie mir nicht durch die Türe blicken!“ </p> <p> -Und schon stürzte der Portier zitternd hinaus, um dem -General seinen Bückling zu machen. +Und schon stürzte der Portier zitternd hinaus, um dem +General seinen Bückling zu machen. </p> <p> Der Mann im Havelock floh erschrocken in die Ecke der Loge. Sein Herz schlug vor unbeschreiblicher Angst. Er -preßte das Zigarrenetui aus Aluminium vor die Brust. +preßte das Zigarrenetui aus Aluminium vor die Brust. Er stellte sich mit dem Gesicht gegen die Wand — dann aber zwang ihn eine Macht, gegen die es keinen Widerstand gab, langsam, ganz langsam den Kopf zu drehen und -durch die Glastüre zu lugen. +durch die Glastüre zu lugen. </p> <p> -Soeben ging der General an der Loge vorüber. In -Gedanken versunken, wie gewöhnlich, stieg er die Granittreppe +Soeben ging der General an der Loge vorüber. In +Gedanken versunken, wie gewöhnlich, stieg er die Granittreppe hinauf. </p> @@ -5571,7 +5538,7 @@ hinauf. </p> <p> -Aufatmend trat der Portier in die Loge zurück. +Aufatmend trat der Portier in die Loge zurück. „Und gar nicht schlecht gelaunt, ja, sonderbar. Wer soll sich bei diesen hohen Herren auskennen? Er sagte, sogar: ‚Guten Morgen, Heinecke‘.“ @@ -5579,7 +5546,7 @@ sich bei diesen hohen Herren auskennen? Er sagte, sogar: <p> Der Havelock wagte sich wieder aus seiner Ecke hervor. -Seine tränenden Augen forschten in dem alten Frauengesicht +Seine tränenden Augen forschten in dem alten Frauengesicht des Portiers. „Und —?“ </p> @@ -5593,13 +5560,13 @@ des Portiers. „Und —?“ <p> <a id="page-100" class="pagenum" title="100"></a> -Der Portier schlug verzweifelt die Hände zusammen. +Der Portier schlug verzweifelt die Hände zusammen. </p> <p> „Sie glauben also, mein lieber Herr, Exzellenz hat an -nichts anderes zu denken als an Ihr Gesuch“, rief er ärgerlich. -„Um fünf Uhr haben Sie das Gesuch abgegeben! +nichts anderes zu denken als an Ihr Gesuch“, rief er ärgerlich. +„Um fünf Uhr haben Sie das Gesuch abgegeben! Um acht Uhr waren Sie schon wieder da! Kaum beginnt der Tag, so kommen Sie — ich bitte Sie, mein verehrter Herr —!“ @@ -5610,14 +5577,14 @@ Herr —!“ </p> <p> -„Exzellenz hat natürlich den Kopf vollgestopft mit allen -möglichen Dingen. Exzellenz hat dreihundert Leute unter -sich, verstehen Sie, was das heißt? Offiziere und Beamte +„Exzellenz hat natürlich den Kopf vollgestopft mit allen +möglichen Dingen. Exzellenz hat dreihundert Leute unter +sich, verstehen Sie, was das heißt? Offiziere und Beamte und Mannschaften — dreihundert. Da gibt es Befehle -und Schreibereien — täglich kommen über hundert +und Schreibereien — täglich kommen über hundert Telegramme — jeden Augenblick ruft die Oberste Heeresleitung an — na und so zu — und da glauben Sie —! -Ich muß offen mit Ihnen reden. Sie sind nie Soldat +Ich muß offen mit Ihnen reden. Sie sind nie Soldat gewesen?“ </p> @@ -5626,7 +5593,7 @@ gewesen?“ </p> <p> -„Nun, da haben wir’s. Dann können Sie freilich nicht +„Nun, da haben wir’s. Dann können Sie freilich nicht wissen, wie es zugeht. Keine ruhige Minute. Seit vierzig Jahren mache ich das mit.“ </p> @@ -5638,21 +5605,21 @@ Jahren mache ich das mit.“ <p> „Ja, leider Gottes habe ich — aber bedenken Sie doch, was Sie verlangen! Eine Audienz! Hunderte warten -darauf — wochenlang! Ich muß nun offen mit Ihnen +darauf — wochenlang! Ich muß nun offen mit Ihnen reden. Gestern schreiben Sie und heute glauben Sie schon — Ein General! Bedenken Sie — und wer sind Sie? — Ich will Ihnen nicht zu nahe treten — aber wer sind Sie — -oder ich —? Vielleicht wird Exzellenz überhaupt nicht +oder ich —? Vielleicht wird Exzellenz überhaupt nicht antworten.“ </p> <p> -„Überhaupt nicht —?!“ rief der Mann im Havelock voller -Schrecken aus und hob die Hände. +„Überhaupt nicht —?!“ rief der Mann im Havelock voller +Schrecken aus und hob die Hände. </p> <p> -„Möglich, weshalb nicht? Ich spreche nun ganz offen +„Möglich, weshalb nicht? Ich spreche nun ganz offen mit Ihnen.“ </p> @@ -5662,13 +5629,13 @@ mit Ihnen.“ <p> <a id="page-101" class="pagenum" title="101"></a> -„Möglich — alles möglich — Sie sind weltfremd, mein +„Möglich — alles möglich — Sie sind weltfremd, mein Herr, kennen das Leben nicht. Aus der Provinz —“ </p> <p> Herr Herbst nahm den Hut. Niedergeschlagen wandte -er sich zur Türe: „Nun, dann werde ich ein neues Gesuch +er sich zur Türe: „Nun, dann werde ich ein neues Gesuch schreiben!“ sagte er entschlossen. </p> @@ -5682,11 +5649,11 @@ Sie, was ich dann tue —?“ Herr Herbst versank in Nachdenken. </p> <p> -„Nun, nun — wer sollte es für möglich halten —?“ +„Nun, nun — wer sollte es für möglich halten —?“ </p> <p> -Offenbar fand der Havelock aber keine Lösung. +Offenbar fand der Havelock aber keine Lösung. </p> <p> @@ -5696,7 +5663,7 @@ ich doch ein Recht — ein Recht —“ </p> <p> -Der Portier brach in ein heiseres Altmännerlachen aus +Der Portier brach in ein heiseres Altmännerlachen aus und hustete. „Ein Recht! Ein Recht!“ schrie er. </p> @@ -5723,71 +5690,71 @@ von ihm keine Spur mehr zu sehen. <span class="firstchar">L</span>angsam wandelte der General den endlosen Korridor entlang. Diesen Korridor liebte er, und so oft er ihn entlang ging, empfand er ein sonderbares Behagen, obschon -dieser Korridor genau so häßlich, kahl und übelriechend -war wie alle Korridore des riesigen Amtsgebäudes. Aber +dieser Korridor genau so häßlich, kahl und übelriechend +war wie alle Korridore des riesigen Amtsgebäudes. Aber in etwas unterschied er sich von den andern Korridoren: -er vibrierte unaufhörlich von den Maschinen, die im Erdgeschoß -arbeiteten. Sie erfüllten den kahlen Gang mit +er vibrierte unaufhörlich von den Maschinen, die im Erdgeschoß +arbeiteten. Sie erfüllten den kahlen Gang mit ihrer Energie. </p> <p> <a id="page-102" class="pagenum" title="102"></a> -Wie täglich, wie stündlich, blieben die Ordonnanzen und -Schreiber gegen die Wand gedrückt stehen, sobald der -General in ihre Nähe kam. Sie wandten den Blick nicht -von seiner verschlossenen Miene, bis er vorüber war. Und +Wie täglich, wie stündlich, blieben die Ordonnanzen und +Schreiber gegen die Wand gedrückt stehen, sobald der +General in ihre Nähe kam. Sie wandten den Blick nicht +von seiner verschlossenen Miene, bis er vorüber war. Und selbst dann blickten sie ihm noch eine geraume Weile nach. Jetzt erst setzten sie sich, den Kopf ruckweise zurechtdrehend, -wieder in Bewegung. Die Offiziere, die das Unglück -hatten, zufällig über den Korridor zu gehen, blieben stehen +wieder in Bewegung. Die Offiziere, die das Unglück +hatten, zufällig über den Korridor zu gehen, blieben stehen und machten ihre respektvolle Verbeugung. Und der -General hob den Finger an den Mützenrand, wie -täglich, wie stündlich, ohne die Menschen, die vor ihm -zurückwichen, anzusehen. Sein Blick war zu Boden +General hob den Finger an den Mützenrand, wie +täglich, wie stündlich, ohne die Menschen, die vor ihm +zurückwichen, anzusehen. Sein Blick war zu Boden gerichtet, auf die Steinfliesen, die abgeschliffen waren von den genagelten Soldatenstiefeln. Es sah aus, -als ob die ganze Last der Kriegführung auf seinen +als ob die ganze Last der Kriegführung auf seinen Schultern ruhte. </p> <p> Unter den Steinfliesen arbeiteten die Druckereien. Tag -und Nacht schleuderten die Rotationsmaschinen Stöße von -Kartenblättern heraus, die, zu großen, nach Leim und frischer -Farbe riechenden Stapeln gehäuft, nach und nach sämtliche -Korridore des weiten Gebäudes überschwemmten. Es +und Nacht schleuderten die Rotationsmaschinen Stöße von +Kartenblättern heraus, die, zu großen, nach Leim und frischer +Farbe riechenden Stapeln gehäuft, nach und nach sämtliche +Korridore des weiten Gebäudes überschwemmten. Es waren Karten von allen denkbaren und undenkbaren -Ländern, vom Eismeer bis zum Äquator — soweit die +Ländern, vom Eismeer bis zum Äquator — soweit die scharfen Augen der Generale blickten. </p> <p> -Aus diesen Kartenstapeln strömten Inspirationen. So -sah der General in diesem Augenblick, ohne jede bewußte +Aus diesen Kartenstapeln strömten Inspirationen. So +sah der General in diesem Augenblick, ohne jede bewußte Ideenverbindung, deutlich den Peipussee vor sich und die strategische Grenzlinie Deutschlands im Osten, die schon -sein großer Lehrmeister Moltke gezogen hatte. — Übrigens, +sein großer Lehrmeister Moltke gezogen hatte. — Übrigens, kurios, der Portier, dieser alte Veteran, er sah dem alternden -Moltke etwas ähnlich, natürlich nur ganz entfernt, +Moltke etwas ähnlich, natürlich nur ganz entfernt, soweit ein aus dem Unteroffizierstande hervorgegangener -Beamter überhaupt einem Heerführer ähnlich sehen kann. -— Diese Linie, ja, und im Norden mußte ein erstarktes -Finnland, fest an Deutschland geknüpft, der Verbündete +Beamter überhaupt einem Heerführer ähnlich sehen kann. +— Diese Linie, ja, und im Norden mußte ein erstarktes +Finnland, fest an Deutschland geknüpft, der Verbündete <a id="page-103" class="pagenum" title="103"></a> -werden: mit der Pistole an der Schläfe mußte -Rußland in den Frieden hineingehen. +werden: mit der Pistole an der Schläfe mußte +Rußland in den Frieden hineingehen. </p> <p> -Ein Glück nur, daß dieses elende Diplomatenmachwerk +Ein Glück nur, daß dieses elende Diplomatenmachwerk von Brest-Litowsk nur ein Provisorium war . . . </p> <p> -Plötzlich wurde die strategische Ostlinie, die scharf wie -der Schnitt eines Rasiermessers vom Peipussee südlich -führte, durch irgendetwas gestört. Was war es doch? +Plötzlich wurde die strategische Ostlinie, die scharf wie +der Schnitt eines Rasiermessers vom Peipussee südlich +führte, durch irgendetwas gestört. Was war es doch? Ein weiter, grauer Soldatenmantel flatterte durch sie hindurch! </p> @@ -5798,27 +5765,27 @@ Da war er also wieder, seht an . . . <p> Seit Wochen schon war ihm dieser Mantel aufgefallen, -und zwar nur, weil er so merkwürdig flatterte, wie kein +und zwar nur, weil er so merkwürdig flatterte, wie kein Mantel sonst. Obschon er immer nur — ein sonderbarer Zufall — einen Zipfel dieses Mantels verschwinden sah, -konnte er doch feststellen, daß es der Mantel eines gemeinen -Soldaten war, der nachlässig, unsoldatisch, mit einem Wort +konnte er doch feststellen, daß es der Mantel eines gemeinen +Soldaten war, der nachlässig, unsoldatisch, mit einem Wort vorschriftswidrig getragen wurde. In besonderen Stimmungen hatte er in dem Flattern dieses Mantels sogar etwas Herausforderndes erblickt — eines jener Symptome -des Abbröckelns der Disziplin, gegen das er in ungezählten -Tagesbefehlen ankämpfte — schon an der Front, was ihm -von gewissen Seiten wieder übel vermerkt wurde. +des Abbröckelns der Disziplin, gegen das er in ungezählten +Tagesbefehlen ankämpfte — schon an der Front, was ihm +von gewissen Seiten wieder übel vermerkt wurde. </p> <p> -Diesmal aber lief ihm der Mantel direkt in die Hände, +Diesmal aber lief ihm der Mantel direkt in die Hände, er konnte ihm nicht entgehen. </p> <p> -Der Soldat kam näher, und nun, da er den Schritt verlangsamte, -sah der General, daß er das eine Bein etwas +Der Soldat kam näher, und nun, da er den Schritt verlangsamte, +sah der General, daß er das eine Bein etwas nachschleppte. Der weite Mantel stand an der Wand still, wie alles, was sich hier bewegte, wenn der General in Sicht kam. @@ -5826,23 +5793,23 @@ Sicht kam. <p> Der General sah einen einfachen Soldaten von etwa -fünfundzwanzig Jahren vor sich stehen, mittelgroß, breitschulterig, -mit schlichten, für sein Alter auffallend ernsten -Zügen. Was dem General aber besonders an dem Gesicht +fünfundzwanzig Jahren vor sich stehen, mittelgroß, breitschulterig, +mit schlichten, für sein Alter auffallend ernsten +Zügen. Was dem General aber besonders an dem Gesicht auffiel, das waren die Augen. Sie waren braun und -außerordentlich sanft. Es waren die sanftesten Männeraugen, +außerordentlich sanft. Es waren die sanftesten Männeraugen, <a id="page-104" class="pagenum" title="104"></a> die der General jemals gesehen hatte. Und der ganze -Bursche, bleich und schlecht genährt, wie die meisten Ordonnanzen -und Schreiber, die sich im Amtsgebäude herumtrieben, +Bursche, bleich und schlecht genährt, wie die meisten Ordonnanzen +und Schreiber, die sich im Amtsgebäude herumtrieben, der ganze Bursche machte einen ebenso sanften -und versöhnlichen Eindruck. Nur seine schwarzen Haare -waren etwas zu lang und standen unter der Mütze vor. +und versöhnlichen Eindruck. Nur seine schwarzen Haare +waren etwas zu lang und standen unter der Mütze vor. Die Haltung dieses Mannes war ohne jeden Tadel. Indessen, es lag etwas in dem Ausdruck seines Gesichts — ja, wie soll man sagen? In den warmen, braunen Augen -schimmerte — oder täuschte er sich — ein unmerkliches -Lächeln, und dieses unmerkliche Lächeln lag trotz dem Ernst +schimmerte — oder täuschte er sich — ein unmerkliches +Lächeln, und dieses unmerkliche Lächeln lag trotz dem Ernst auch auf dem etwas bleichen Gesicht. </p> @@ -5850,8 +5817,8 @@ auch auf dem etwas bleichen Gesicht. Der General betrachtete das Gesicht in aller Ruhe — so wie man eine Schnitzerei betrachtet. Aber dieser Mann kam nicht in Verlegenheit, wurde nicht unsicher, der Ausdruck -seiner Augen änderte sich nicht, seine Lider bewegten -sich nicht rascher. Er blieb gleichmäßig ruhig und gleichgültig. +seiner Augen änderte sich nicht, seine Lider bewegten +sich nicht rascher. Er blieb gleichmäßig ruhig und gleichgültig. </p> <p> @@ -5865,25 +5832,25 @@ Hm! </p> <p> -Übrigens hatte der General dieses Gesicht schon irgendwo +Übrigens hatte der General dieses Gesicht schon irgendwo und irgendwann gesehen, obgleich er sicher war, ihm nie im Leben begegnet zu sein. Es war ein Gesicht, wie man es auf alten Bildern sah — ein Gesicht aus vergangenen -Epochen sozusagen. Auf alten Gemälden und Stichen, -von Mönchen, Poeten und sonstigen Schwärmern. +Epochen sozusagen. Auf alten Gemälden und Stichen, +von Mönchen, Poeten und sonstigen Schwärmern. </p> <p> -Nun stieg eine leichte Röte unter der blassen Haut des +Nun stieg eine leichte Röte unter der blassen Haut des Gesichts empor. </p> <p> -Rasch wie Hammerschläge fielen Fragen und Antworten: +Rasch wie Hammerschläge fielen Fragen und Antworten: </p> <p> -„Wie heißen Sie?“ — „Ackermann.“ +„Wie heißen Sie?“ — „Ackermann.“ </p> <p> @@ -5905,12 +5872,12 @@ strengen Ton an. </p> <p> -„Wenn Sie auch Student sind, so können Sie doch Ihren -Mantel vorschriftsmäßig zuknöpfen!“ +„Wenn Sie auch Student sind, so können Sie doch Ihren +Mantel vorschriftsmäßig zuknöpfen!“ </p> <p> -Die Hände des Soldaten fuhren nach den Mantelknöpfen. +Die Hände des Soldaten fuhren nach den Mantelknöpfen. </p> <p> @@ -5919,7 +5886,7 @@ und ging. </p> <p> -Schon verschwand er in der grüngepolsterten Doppeltüre. +Schon verschwand er in der grüngepolsterten Doppeltüre. </p> <p class="tb"> @@ -5927,44 +5894,44 @@ Schon verschwand er in der grüngepolsterten Doppeltüre. </p> <p class="first"> -<span class="firstchar">E</span>twas unsicher machte Hauptmann Weißbach, der Adjutant, +<span class="firstchar">E</span>twas unsicher machte Hauptmann Weißbach, der Adjutant, seine Meldung. Ottos verletzte Hand war -soeben geröntgt worden. In wenigen Wochen dürfte -Otto wieder völlig hergestellt sein. +soeben geröntgt worden. In wenigen Wochen dürfte +Otto wieder völlig hergestellt sein. </p> <p> -„Also, der Arzt befürchtet nicht, daß seine Karriere dadurch -beeinflußt werden könnte?“ +„Also, der Arzt befürchtet nicht, daß seine Karriere dadurch +beeinflußt werden könnte?“ </p> <p> -Weißbach erblickte seinen Gebieter durch eine Art Nebel -in Überlebensgröße. Er hatte die Empfindung, Wolken -von Alkohol auszuströmen. Wenn man ihm mit einem +Weißbach erblickte seinen Gebieter durch eine Art Nebel +in Überlebensgröße. Er hatte die Empfindung, Wolken +von Alkohol auszuströmen. Wenn man ihm mit einem Streichholz zu nahe kam — um Gottes willen, seien Sie vorsichtig! -— so würde er lichterloh in Flammen stehen, augenblicklich +— so würde er lichterloh in Flammen stehen, augenblicklich — diese etwas peinliche Empfindung hatte der Adjutant. Ganz abgesehen davon konnte jeden Augenblick der -Parkettboden unter seinen Füßen einbrechen und er im +Parkettboden unter seinen Füßen einbrechen und er im Keller landen, bei den Rotationsmaschinen, die Tag und -Nacht Karten aller Herren Länder ausspien. +Nacht Karten aller Herren Länder ausspien. </p> <p> -Vor knapp einer halben Stunde war er von Ströbel -gekommen. Ströbels Herrenabende — die Saharet zählte +Vor knapp einer halben Stunde war er von Ströbel +gekommen. Ströbels Herrenabende — die Saharet zählte gar nicht — pflegten sich stets bis zum Morgen auszudehnen. Punkt acht Uhr wurde die letzte Bank abgezogen. Dann -badete man, rasierte sich und frühstückte. Herrlichen Mokka -gab es bei Ströbel, Brötchen mit Butter — einfach alles. +badete man, rasierte sich und frühstückte. Herrlichen Mokka +gab es bei Ströbel, Brötchen mit Butter — einfach alles. Zuletzt noch einen Kognak — und dann los! Ottos Unfall war telephonisch gemeldet worden. Augenblicklich hatte -Weißbach, so wie es sich für einen Adjutanten gehörte, +Weißbach, so wie es sich für einen Adjutanten gehörte, <a id="page-106" class="pagenum" title="106"></a> -seine „Maßnahmen ergriffen“. Alles telephonisch. Er +seine „Maßnahmen ergriffen“. Alles telephonisch. Er wollte ins Lazarett fahren, sobald eine Minute Zeit war. -Er wußte, was man von ihm forderte — +Er wußte, was man von ihm forderte — </p> <p> @@ -5978,64 +5945,64 @@ vorliegen? </p> <p> -„Ich bitte!“ Die Verblüffung warf Weißbach nahezu +„Ich bitte!“ Die Verblüffung warf Weißbach nahezu zu Boden. </p> <p> Seit einer Woche bereits antichambrierte dieser Herr -von der Presse, und Weißbach wagte kaum noch, ihn zu +von der Presse, und Weißbach wagte kaum noch, ihn zu melden. Der General verachtete alles, was mit diesem Gewerbe zu tun hatte — all diese entgleisten Studenten, -Gelehrten und Schriftsteller, die die Anmaßung besaßen, -die öffentliche Meinung machen zu wollen. +Gelehrten und Schriftsteller, die die Anmaßung besaßen, +die öffentliche Meinung machen zu wollen. </p> <p> Die hohen Bogenfenster spiegelten sich im gewichsten -Parkett, der breite Goldrahmen des großen Kaiserbildes -an der Wand glänzte. Sonst war der Arbeitssaal Leere -und Kahlheit, bewohnt einzig und allein von Seiner Majestät, +Parkett, der breite Goldrahmen des großen Kaiserbildes +an der Wand glänzte. Sonst war der Arbeitssaal Leere +und Kahlheit, bewohnt einzig und allein von Seiner Majestät, mit dem Marschallstab und der von Orden, Kreuzen, -Sternen, Tressen und Schnüren funkelnden Brust. +Sternen, Tressen und Schnüren funkelnden Brust. </p> <p> Von tiefem, feierlichem Blau waren die langen, schmalen -Vorhänge an den hohen Bogenfenstern, silbergrau die -Wände — zuweilen wichen sie zurück, wenn der General +Vorhänge an den hohen Bogenfenstern, silbergrau die +Wände — zuweilen wichen sie zurück, wenn der General arbeitete — in weite Fernen, und es schien ihm dann, -als säße er in einem endlosen Nebel. +als säße er in einem endlosen Nebel. </p> <p> Der General heftete den Blick auf das Kaiserbild — -täglich tauschte er Blicke mit seinem obersten Herrn. Aber +täglich tauschte er Blicke mit seinem obersten Herrn. Aber die Augen des Soldaten im weiten Mantel erschienen vor seinen Blicken: sonderbare Augen, in der Tat — genau -wie auf den alten Ölgemälden — +wie auf den alten Ölgemälden — </p> <p> Schon trat der Herr von der Presse ein — mit einem -feierlichen Bückling, bis zum Parkett. Ein warmer Unterton -in der Stimme des Generals ermutigte ihn näher +feierlichen Bückling, bis zum Parkett. Ein warmer Unterton +in der Stimme des Generals ermutigte ihn näher zu treten. </p> <p> <a id="page-107" class="pagenum" title="107"></a> -Weißbach unterbrach die Unterhaltung. +Weißbach unterbrach die Unterhaltung. </p> <p> „Das Regiment“, meldete er. „Befehlen Herr General -das Gespräch hier hereinzulegen?“ +das Gespräch hier hereinzulegen?“ </p> <p> -„Ich bitte — es wird wohl nicht stören?“ Der Herr von -der Presse wußte das außergewöhnliche Vertrauen zu schätzen. +„Ich bitte — es wird wohl nicht stören?“ Der Herr von +der Presse wußte das außergewöhnliche Vertrauen zu schätzen. </p> <p> @@ -6043,37 +6010,37 @@ Und der General begann in das Telephon zu schreien: „— schon unterrichtet — jawohl — eine Abschiedsfeier, Herr Oberst, die bis morgens um sechs Uhr dauerte —“ Und nun lauschte der General und verbeugte sich am Telephon. -Der Regimentskommandeur drückte die Hoffnung +Der Regimentskommandeur drückte die Hoffnung aus, seinen tapfersten Offizier bald wiederzusehen. Er -sagte ausdrücklich: tapfersten — hier verbeugte sich der +sagte ausdrücklich: tapfersten — hier verbeugte sich der General — und wieder heulte der General in das Telephon. -„Stimmung ausgezeichnet, sagen Sie — prächtige Laune — -Zuversicht — es wird ja wohl bald wieder vorwärtsgehen —“ +„Stimmung ausgezeichnet, sagen Sie — prächtige Laune — +Zuversicht — es wird ja wohl bald wieder vorwärtsgehen —“ und wieder lachte der General in das Telephon. </p> <p> „Sie verzeihen die Unterbrechung. Meinem Sohn ist -ein kleines Malheur zugestoßen. Beim Einpacken, er sollte -heute zum Regiment zurück, klemmt sich der Revolver, -und plötzlich geht er los —“ +ein kleines Malheur zugestoßen. Beim Einpacken, er sollte +heute zum Regiment zurück, klemmt sich der Revolver, +und plötzlich geht er los —“ </p> <p> -Auf den Zügen des Pressevertreters malten sich äußerster +Auf den Zügen des Pressevertreters malten sich äußerster Schrecken und tiefste Anteilnahme. </p> <p> -Untadelig glänzte das Wappenschild der Hecht-Babenberg +Untadelig glänzte das Wappenschild der Hecht-Babenberg durch die Jahrhunderte. Gerade dieses Wappenschildes wegen deckte der General seinen Sohn mit dem eigenen -Leibe. Wenn man auch voraussetzen sollte, daß vor dem +Leibe. Wenn man auch voraussetzen sollte, daß vor dem Namen Hecht-Babenberg die Zungen unverantwortlicher -Schwätzer verstummten, so wimmelte dieses Berlin doch +Schwätzer verstummten, so wimmelte dieses Berlin doch von Neidern und Verleumdern — er selbst konnte ja ein Lied davon singen — denen selbst das fleckenlose Wappenschild -der Hecht-Babenberg nicht heilig sein würde . . . +der Hecht-Babenberg nicht heilig sein würde . . . </p> <p> @@ -6089,46 +6056,46 @@ anzuhalten. </h3> <p class="first"> -<span class="firstchar">D</span>er General frühstückte jeden Tag in Stifters Diele. -Ruth war zur Mittagszeit in ihrer Küche beschäftigt, +<span class="firstchar">D</span>er General frühstückte jeden Tag in Stifters Diele. +Ruth war zur Mittagszeit in ihrer Küche beschäftigt, und allein in dem kahlen Speisezimmer zu Hause sitzen —? -Nein. Es war am Tage noch ungemütlicher als am Abend — +Nein. Es war am Tage noch ungemütlicher als am Abend — und totenstill. </p> <p> In Stifters Diele waren wenigstens Menschen und -etwas Lärm, gerade so viel, wie Leute mit guter Kinderstube +etwas Lärm, gerade so viel, wie Leute mit guter Kinderstube ihn beim Dinieren erzeugen, ein beruhigender, wohltuender -Lärm. Silber klirrte. +Lärm. Silber klirrte. </p> <p> -Hier, in seiner Nische hinter den Stechpalmen, fühlte der +Hier, in seiner Nische hinter den Stechpalmen, fühlte der General sich geborgen vor den Zudringlichkeiten der Welt. Zuweilen nur drang irgendein neugieriger Blick durch die Stechpalmen, -um sich sofort wieder ehrfurchtsvoll zurückzuziehen. +um sich sofort wieder ehrfurchtsvoll zurückzuziehen. </p> <p> -Stifters Diele war nicht ein gewöhnliches Restaurant, -sondern eine Speisekapelle: farbige Kirchenfenster, Dämmerung, -gedämpfte Lichter und dicke Teppiche. Das Speisen -hatte hier die Form eines religiösen Kults angenommen. +Stifters Diele war nicht ein gewöhnliches Restaurant, +sondern eine Speisekapelle: farbige Kirchenfenster, Dämmerung, +gedämpfte Lichter und dicke Teppiche. Das Speisen +hatte hier die Form eines religiösen Kults angenommen. Die Kellner murmelten feierlich wie Priester, die die Beichte -abhören. +abhören. </p> <p> -Zwischen dem Etablissement und den Gästen bestand +Zwischen dem Etablissement und den Gästen bestand eine stillschweigende Verabredung: das Etablissement versprach, -seine Gäste gesund und wohlgenährt durch den -Krieg zu bringen, wogegen die Gäste sich verpflichteten, -zu schweigen und zu zahlen. Es verkehrten fast ausschließlich -Stammgäste in Stifters Diele. Zumeist hohe Würdenträger, -die neue Energien für den anstrengenden Dienst -zu gewinnen suchten, und Junker, die von ihren großen -Gütern nach Berlin kamen und die Küche der Diele kannten. +seine Gäste gesund und wohlgenährt durch den +Krieg zu bringen, wogegen die Gäste sich verpflichteten, +zu schweigen und zu zahlen. Es verkehrten fast ausschließlich +Stammgäste in Stifters Diele. Zumeist hohe Würdenträger, +die neue Energien für den anstrengenden Dienst +zu gewinnen suchten, und Junker, die von ihren großen +Gütern nach Berlin kamen und die Küche der Diele kannten. Manchmal verirrten sich auch zweifelhafte Elemente hier herein — aber sofort kam der Oberkellner, leider alles bestellt, die Herrschaften — @@ -6136,20 +6103,20 @@ bestellt, die Herrschaften — <p> Wie eine Orgel summte die tiefe Stimme des -Oberkellners. Näher als irgendein anderer Sterblicher +Oberkellners. Näher als irgendein anderer Sterblicher <a id="page-109" class="pagenum" title="109"></a> -es hätte wagen dürfen, rückte er dem roten Ohr des +es hätte wagen dürfen, rückte er dem roten Ohr des Generals. </p> <p> -„Bouillon mit Mark oder Klößchen, Exzellenz? — Mit -Klößchen, sehr wohl.“ +„Bouillon mit Mark oder Klößchen, Exzellenz? — Mit +Klößchen, sehr wohl.“ </p> <p> -„Hühnerpastetchen, Exzellenz? Heute ist fleischloser Tag, -aber — nur für unsere Stammgäste natürlich — Chateaubriand +„Hühnerpastetchen, Exzellenz? Heute ist fleischloser Tag, +aber — nur für unsere Stammgäste natürlich — Chateaubriand — Es ist auch etwas Kaviar eingetroffen. Ich darf eine Portion servieren, ohne den Preis zu nennen?“ </p> @@ -6160,8 +6127,8 @@ den Befrackten an. „Sie sagten —?“ </p> <p> -„Ja, über Finnland. Der russische Friede macht sich -schon geltend. Haben Exzellenz übrigens die Flagge auf +„Ja, über Finnland. Der russische Friede macht sich +schon geltend. Haben Exzellenz übrigens die Flagge auf der russischen Botschaft gesehen? Nein? Zum erstenmal heute aufgezogen. Etwas Pudding oder Camembert?“ </p> @@ -6177,38 +6144,38 @@ bereitgestellt. Sehr wohl.“ <p> Jeden Mittag pflegte der General eine halbe Flasche -Sekt zum Frühstück zu trinken. Zuweilen aber nippte er +Sekt zum Frühstück zu trinken. Zuweilen aber nippte er nur am Glase, es hing ganz von seinem Befinden ab. </p> <p> -Die Leberklößchen, die auf der Zunge zerschmolzen, die -Geflügelpastete mit eingehackten Champignons und würzigen -Kräutern, das Chateaubriand auf englische Art, der +Die Leberklößchen, die auf der Zunge zerschmolzen, die +Geflügelpastete mit eingehackten Champignons und würzigen +Kräutern, das Chateaubriand auf englische Art, der Kaviar — ein Erlebnis sozusagen nach langen Jahren — -neue Kraft erfüllte die Nerven, die Unglücksgeschichte +neue Kraft erfüllte die Nerven, die Unglücksgeschichte Ottos, die Plackereien des Dienstes versanken. Nichts blieb, gar nichts, es war ein herrlicher Zustand des Schwebens -im Nichts. Nur das Gegenüber störte die vollkommene -Harmonie. Vielleicht würde er doch noch den Platz wechseln? +im Nichts. Nur das Gegenüber störte die vollkommene +Harmonie. Vielleicht würde er doch noch den Platz wechseln? </p> <p> -Gegenüber saßen zwei Rittmeister. Mit ihren glattgeschorenen, -runden Schädeln, voller Höcker und Knollen, +Gegenüber saßen zwei Rittmeister. Mit ihren glattgeschorenen, +runden Schädeln, voller Höcker und Knollen, ihren gedunsenen Gesichtern, ihren rosigen Fettnacken, waren sie die typischen „Etappenschweine“, die nie eine -Kugel pfeifen hörten. Nichts aber haßte der General mehr -als alles, was Etappe hieß. Dabei trugen sie ellenlange +Kugel pfeifen hörten. Nichts aber haßte der General mehr +als alles, was Etappe hieß. Dabei trugen sie ellenlange <a id="page-110" class="pagenum" title="110"></a> -Ordensschnallen auf der Brust. Sie schämten sich nicht -einmal, den Halbmond zu tragen, obwohl sie nie die Türkei +Ordensschnallen auf der Brust. Sie schämten sich nicht +einmal, den Halbmond zu tragen, obwohl sie nie die Türkei gesehen hatten, einen Orden, den selbst der General nicht -besaß. Immer tuschelten sie, immer kicherten sie, immer -gossen sie die Gläser voll — und goldene Armreife wurden +besaß. Immer tuschelten sie, immer kicherten sie, immer +gossen sie die Gläser voll — und goldene Armreife wurden an ihren haarigen Handgelenken sichtbar. Sie pflegten -dem General ihre Achtung auszudrücken, ohne irgendwelche -Übertriebenheit: es waren Leute der gleichen Gesellschafts klasse. +dem General ihre Achtung auszudrücken, ohne irgendwelche +Übertriebenheit: es waren Leute der gleichen Gesellschafts klasse. Der General verachtete sie aus tiefster Seele. </p> @@ -6222,18 +6189,18 @@ Gott sei Dank, die beiden Burschen gingen. </p> <p> -Der General legte sich behaglich in den Sessel zurück. +Der General legte sich behaglich in den Sessel zurück. </p> <p> „Aber das Pferdematerial?“ fragte eine skeptische Stimme in seinem Ohr. Tag und Nacht war er mit den Problemen -des Krieges beschäftigt. „Ob die Pferde noch den Anstrengungen +des Krieges beschäftigt. „Ob die Pferde noch den Anstrengungen einer Offensive gewachsen sein werden —?“ </p> <p> -„Die Pferde sind ausgeruht — gut gefüttert und +„Die Pferde sind ausgeruht — gut gefüttert und gepflegt“, antwortete eine zweite, zuversichtliche Stimme. </p> @@ -6243,16 +6210,16 @@ Der General verschwand im Rauch der Havanna. </p> <p> -Heute abend würde er bei Dora speisen. Es war Freitag. +Heute abend würde er bei Dora speisen. Es war Freitag. Dienstags und Freitags pflegte der General, wie schon -erwähnt, bei Frau v. Dönhoff zu Abend zu essen. +erwähnt, bei Frau v. Dönhoff zu Abend zu essen. </p> <p> -Plötzlich aber erhellte ein Gedanke die Augen des Generals. -Sie erweiterten sich, blinkten hell aus der Dämmerung +Plötzlich aber erhellte ein Gedanke die Augen des Generals. +Sie erweiterten sich, blinkten hell aus der Dämmerung der Speisekapelle. Kalt, wach, nachdenklich. Der Gedanke -hatte sie ganz erfüllt. +hatte sie ganz erfüllt. </p> <p> @@ -6260,17 +6227,17 @@ hatte sie ganz erfüllt. </p> <p> -Dann schlossen sie sich zur Hälfte, nur noch ein Spalt +Dann schlossen sie sich zur Hälfte, nur noch ein Spalt war sichtbar, ein Spalt funkelnden Eises. </p> <p> -Und diese unverständliche Bemerkung in dem Brief des +Und diese unverständliche Bemerkung in dem Brief des kleinen Mannes mit dem blaugefrorenen Gesicht —? </p> <p> -Bekam sie nicht plötzlich eine merkwürdige Bedeutung? +Bekam sie nicht plötzlich eine merkwürdige Bedeutung? </p> <p class="tb2"> @@ -6280,7 +6247,7 @@ Bekam sie nicht plötzlich eine merkwürdige Bedeutung? <p class="noindent"> <a id="page-111" class="pagenum" title="111"></a> „Wie? Wie? Was!“ rief der General aus, als er den -Fuß vor Stifters Diele setzte. Er wankte. +Fuß vor Stifters Diele setzte. Er wankte. </p> <p> @@ -6288,20 +6255,20 @@ Fuß vor Stifters Diele setzte. Er wankte. </p> <p> -„Ist es möglich?“ +„Ist es möglich?“ </p> <p> -„Sind die Leute denn wirklich verrückt geworden?“ +„Sind die Leute denn wirklich verrückt geworden?“ </p> <p> -In der Tat, deutlich spürte er das Schwanken des Bodens -unter den Füßen. +In der Tat, deutlich spürte er das Schwanken des Bodens +unter den Füßen. </p> <p> -„War so etwas möglich? In Berlin?“ +„War so etwas möglich? In Berlin?“ </p> <p> @@ -6309,50 +6276,50 @@ unter den Füßen. </p> <p> -Die Röte flog in sein Gesicht. +Die Röte flog in sein Gesicht. </p> <p> -Gegenüber, auf dem Dache gegenüber, wehte im frischen -Wind, lustig, wie die selbstverständlichste Sache der Welt, +Gegenüber, auf dem Dache gegenüber, wehte im frischen +Wind, lustig, wie die selbstverständlichste Sache der Welt, hoch oben — eine blutrote, blutrot leuchtende Flagge! </p> <p> Alle Blicke zog sie auf sich. Man stelle sich vor: eine rote Flagge in einer Stadt, wo selbst eine rote Krawatte eine -lebensgefährliche Herausforderung ist, wo die rote Farbe, -wenn sie allein auftritt, einfach verpönt ist, wo die Säbel +lebensgefährliche Herausforderung ist, wo die rote Farbe, +wenn sie allein auftritt, einfach verpönt ist, wo die Säbel der Polizisten jeden automatisch zerfleischten, der es wagen -würde, ein rotes Taschentuch zu schwingen, um sich damit +würde, ein rotes Taschentuch zu schwingen, um sich damit die Nase zu putzen. Und hier — ohne weiteres — wie die -natürlichste Sache der Welt — eine rote Flagge, eine rotleuchtende -Standarte, gehißt an einem richtigen Flaggenmast, -auf einem Dache! Die Spaziergänger bogen die -Hälse, versteinerten, trauten ihren Augen nicht, zwinkerten +natürlichste Sache der Welt — eine rote Flagge, eine rotleuchtende +Standarte, gehißt an einem richtigen Flaggenmast, +auf einem Dache! Die Spaziergänger bogen die +Hälse, versteinerten, trauten ihren Augen nicht, zwinkerten — </p> <p> -Weithin leuchtete die rote Flagge und verkündete den -Sieg des russischen Volkes über den Herrn der Galgen, -siebenschwänzigen Katzen und Bleibergwerke — über das -endlose Häusermeer von Berlin strahlte sie, funkelte sie. +Weithin leuchtete die rote Flagge und verkündete den +Sieg des russischen Volkes über den Herrn der Galgen, +siebenschwänzigen Katzen und Bleibergwerke — über das +endlose Häusermeer von Berlin strahlte sie, funkelte sie. </p> <p> -„Sind sie denn da drüben gänzlich verrückt geworden?“ -Er meinte die Wilhelmstraße. +„Sind sie denn da drüben gänzlich verrückt geworden?“ +Er meinte die Wilhelmstraße. </p> <p> -Und der General versank in düsteres Nachdenken, während -der Wagen die Linden hinabschoß. +Und der General versank in düsteres Nachdenken, während +der Wagen die Linden hinabschoß. </p> <p> -Diese Flagge — getränkt mit dem Blute gekrönter -Häupter und hoher Würdenträger . . . +Diese Flagge — getränkt mit dem Blute gekrönter +Häupter und hoher Würdenträger . . . </p> <p> @@ -6361,7 +6328,7 @@ Schamlos. </p> <p> -Zuweilen war es ihm, als höre er über sich ein Knistern, +Zuweilen war es ihm, als höre er über sich ein Knistern, ein Splittern — </p> @@ -6378,90 +6345,90 @@ ein Splittern — </p> <p> -„Ich glaube an die Güte des Menschen und seine Reinheit! +„Ich glaube an die Güte des Menschen und seine Reinheit! Ich glaube an seine heilige Bestimmung und seine -göttliche Seele! Ich glaube an die Brüderlichkeit, die -Kameradschaft, an die allerlösende Menschenliebe! Dies -ist mein Bekenntnis, großer Gott über der Finsternis!“ +göttliche Seele! Ich glaube an die Brüderlichkeit, die +Kameradschaft, an die allerlösende Menschenliebe! Dies +ist mein Bekenntnis, großer Gott über der Finsternis!“ </p> <p> -Mit der ganzen Inbrunst seiner fünfundzwanzig Jahre +Mit der ganzen Inbrunst seiner fünfundzwanzig Jahre schrie Ackermann, der Soldat, dies Bekenntnis vor sich hin. -Soeben flog die bekannte graue Limousine an ihm vorüber. +Soeben flog die bekannte graue Limousine an ihm vorüber. </p> <p> „Ich glaube —!“ Die Glocke eines elektrischen Wagens gellte, und er sprang mit einem Satz zur Seite. Um ein -Haar wäre er überfahren worden. Sein weiter, grauer -Mantel flatterte dem Brandenburger Tor zu. Mit großen, -raschen Schritten, wie gewöhnlich, ging er dahin. Er gestikulierte -heftig, und seine rasenden, dunkeln Augen glühten +Haar wäre er überfahren worden. Sein weiter, grauer +Mantel flatterte dem Brandenburger Tor zu. Mit großen, +raschen Schritten, wie gewöhnlich, ging er dahin. Er gestikulierte +heftig, und seine rasenden, dunkeln Augen glühten in dem fahlen, mageren Gesicht. </p> <p> -„Ich glaube an die Brüderlichkeit zwischen den Völkern, +„Ich glaube an die Brüderlichkeit zwischen den Völkern, die sich heute zerfleischen! Ich glaube an den Tag, da -man die Kanonen und Schlachtschiffe zertrümmern, die -Grenzpfähle umstürzen und die Flaggen zerreißen wird! +man die Kanonen und Schlachtschiffe zertrümmern, die +Grenzpfähle umstürzen und die Flaggen zerreißen wird! Ich glaube an den Tag, da die Menschen nur eine Sprache sprechen werden, einerlei welche, denn nicht um die Sprache -handelt es sich, allein um die Gedanken, die sie damit ausdrücken!“ +handelt es sich, allein um die Gedanken, die sie damit ausdrücken!“ </p> <p> „Ich glaube an den Tag, da kein Mensch mehr den Menschen -ausbeuten wird, an den Tag, da es weder weiße -noch schwarze, noch gelbe, weder männliche noch weibliche +ausbeuten wird, an den Tag, da es weder weiße +noch schwarze, noch gelbe, weder männliche noch weibliche Sklaven geben wird, an den Tag der gleichen Rechte bei <a id="page-113" class="pagenum" title="113"></a> gleichen Pflichten! Ja, ich, Ackermann, glaube daran! -Ich glaube an den Sieg des Rechts über das Unrecht, -der Wahrheit über die Lüge! Ich glaube, daß göttliche +Ich glaube an den Sieg des Rechts über das Unrecht, +der Wahrheit über die Lüge! Ich glaube, daß göttliche Ideen die Welt bewegen und nicht die Kanonen.“ </p> <p> „Ja, ich, Armseligster unter den Armseligsten, ich glaube an das kommende Menschenreich auf Erden — das Reich -der Vernunft, Gerechtigkeit, Würde und Schönheit!“ +der Vernunft, Gerechtigkeit, Würde und Schönheit!“ </p> <p> „Auch an dich glaube ich, mein Volk!“ rief Ackermann -mit rasenden, glühenden Augen aus, und durchschritt das +mit rasenden, glühenden Augen aus, und durchschritt das Brandenburger Tor. Es ist gut, dachte er aufatmend, sich zuweilen sein Bekenntnis zu wiederholen — in dieser entsetzlichen Verfinsterung — so gut tut es. </p> <p> -In diesem Augenblick wurde sein rascher Schritt urplötzlich -gehemmt. Etwas Ungewöhnliches, Unerwartetes, ein -Wunder! Feuer lohte durch seinen Körper, Glut flog über -sein Gesicht, die Hände brannten. Der Himmel blendete, -der Himmel jubelte. Rot flammte der Himmel über Berlin. +In diesem Augenblick wurde sein rascher Schritt urplötzlich +gehemmt. Etwas Ungewöhnliches, Unerwartetes, ein +Wunder! Feuer lohte durch seinen Körper, Glut flog über +sein Gesicht, die Hände brannten. Der Himmel blendete, +der Himmel jubelte. Rot flammte der Himmel über Berlin. </p> <p> -Schon —? Schon —? Verheißung . . . +Schon —? Schon —? Verheißung . . . </p> <p> -Er blieb stehen, schob die Mütze zurück über die schwarzen +Er blieb stehen, schob die Mütze zurück über die schwarzen Haare, und — so erregt war er — deutete auf die rote Flagge auf dem Dache. Seine Lippen bebten. Ohne -jede Regung stand er, gläubiges Feuer die Augen. +jede Regung stand er, gläubiges Feuer die Augen. </p> <p> -Dann nahm er die Mütze ab. +Dann nahm er die Mütze ab. </p> <p> -„— Licht aus dem Osten, Morgenröte —“ +„— Licht aus dem Osten, Morgenröte —“ </p> <h3 class="no" id="subchap-1-2-6"> @@ -6469,32 +6436,32 @@ Dann nahm er die Mütze ab. </h3> <p class="first"> -<span class="firstchar">W</span>ährend der General bei Stifter dinierte, löffelte der -Havelock, der kleine Herr Herbst, in der Volksküche -in der Dorotheenstraße seine Kartoffelsuppe. Er kam -häufig hierher, aus bestimmten Gründen. +<span class="firstchar">W</span>ährend der General bei Stifter dinierte, löffelte der +Havelock, der kleine Herr Herbst, in der Volksküche +in der Dorotheenstraße seine Kartoffelsuppe. Er kam +häufig hierher, aus bestimmten Gründen. </p> <p> -„Also nicht?“ flüsterte er aufgeregt vor sich hin. „Und -ich wartete extra vor dem Restaurant und grüßte, aber er sah -mich nicht. Er hätte sich gewiß daran erinnert. Nun, vielleicht +„Also nicht?“ flüsterte er aufgeregt vor sich hin. „Und +ich wartete extra vor dem Restaurant und grüßte, aber er sah +mich nicht. Er hätte sich gewiß daran erinnert. Nun, vielleicht <a id="page-114" class="pagenum" title="114"></a> — wenn auch dieser Portier glaubt — ein alter -Mann, was weiß er?“ +Mann, was weiß er?“ </p> <p> -Herr Herbst saß in seinem feuchten, dampfenden Mantel, +Herr Herbst saß in seinem feuchten, dampfenden Mantel, den steifen Hut auf dem Kopf, neben einem Fenster, das -auf den düsteren Hof hinausging. Auf dem Fensterbrett +auf den düsteren Hof hinausging. Auf dem Fensterbrett lag noch dieselbe tote Fliege — wie lange lag sie schon da? Wieder stand im Hof das Auto mit den Papierballen. -Dieser Hof gehörte zu jenem bekannten roten Gebäude in -der Dorotheenstraße, wo die Verlustlisten auslagen. Jeden +Dieser Hof gehörte zu jenem bekannten roten Gebäude in +der Dorotheenstraße, wo die Verlustlisten auslagen. Jeden Tag kam das Lastauto mit den riesigen Ballen der neugedruckten -Listen, täglich, seit dreieinhalb Jahren — sie -fielen da draußen wie das Laub der Bäume im Herbst. +Listen, täglich, seit dreieinhalb Jahren — sie +fielen da draußen wie das Laub der Bäume im Herbst. </p> <p> @@ -6504,7 +6471,7 @@ voller Gram. <p> Auch er, sein Sohn — Robert — war gefallen — nun — -wie ein Blatt — das einfach fällt . . . ohne daß jemand +wie ein Blatt — das einfach fällt . . . ohne daß jemand es sieht . . . </p> @@ -6517,8 +6484,8 @@ Er nickte vor sich hin. </p> <p> -Sein Gesicht verzerrte sich zu einer Grimasse, während -er stöhnte. +Sein Gesicht verzerrte sich zu einer Grimasse, während +er stöhnte. </p> <p> @@ -6530,63 +6497,63 @@ Ach, ach, ach! </p> <p> -Plötzlich schrie der Alte laut auf, ein kleiner, verzweifelter, -quiekender Schrei. Die Gäste an den Nebentischen +Plötzlich schrie der Alte laut auf, ein kleiner, verzweifelter, +quiekender Schrei. Die Gäste an den Nebentischen wandten sich um. </p> <p> Schon war er wieder still, nur keine Beunruhigung, -und schlürfte seine Suppe. Der Schmerz hatte ihn überfallen, -wie ein reißendes Tier, urplötzlich. +und schlürfte seine Suppe. Der Schmerz hatte ihn überfallen, +wie ein reißendes Tier, urplötzlich. </p> <p> -Die Küche war zur Stunde in Hochbetrieb. Sie dampfte +Die Küche war zur Stunde in Hochbetrieb. Sie dampfte und klapperte. </p> <p> -Sie roch nach Kohl, wie alle diese Küchen. Ohne Kohl -und Rüben hätten sie sofort schließen müssen. +Sie roch nach Kohl, wie alle diese Küchen. Ohne Kohl +und Rüben hätten sie sofort schließen müssen. </p> <p> Der Havelock aber fand sie elegant im Vergleich zu den -Küchen am Halleschen Tor und Alexanderplatz. Hier gab +Küchen am Halleschen Tor und Alexanderplatz. Hier gab <a id="page-115" class="pagenum" title="115"></a> es zum Beispiel Bestecke, wenn auch aus Blech, aber ohne -Pfand, während man in jenen Küchen eine Mark als Pfand -hinterlegen mußte. Diebe waren die Menschen geworden, +Pfand, während man in jenen Küchen eine Mark als Pfand +hinterlegen mußte. Diebe waren die Menschen geworden, nichts als Diebe, sie stahlen einfach alles, was sie mitnehmen konnten. Hier dagegen verkehrte nur gutes Publikum. </p> <p> -Junge Kaufleute und Bureauangestellte, kleine wächserne -Stenotypistinnen, düstere, vergrämte Beamte, bleiche, -bebrillte Studenten, Mappen und Bücher unter dem Arm, +Junge Kaufleute und Bureauangestellte, kleine wächserne +Stenotypistinnen, düstere, vergrämte Beamte, bleiche, +bebrillte Studenten, Mappen und Bücher unter dem Arm, einzelne Uniformen. Sie standen um die kahlen Holztische -und warteten geduldig auf Platz. Unaufhörlich ging die -Türe, und Nässe und Kälte strömten in das düstere Lokal. +und warteten geduldig auf Platz. Unaufhörlich ging die +Türe, und Nässe und Kälte strömten in das düstere Lokal. </p> <p> -Bleich, gelb, mit wächsernen Ohren, die Schultern nach -vorn gebogen, hustend, trüb die Augen, fiebernd — sie alle -waren schon gezeichnet. Die Grippe würde sie holen, heute, +Bleich, gelb, mit wächsernen Ohren, die Schultern nach +vorn gebogen, hustend, trüb die Augen, fiebernd — sie alle +waren schon gezeichnet. Die Grippe würde sie holen, heute, morgen, in einem Jahr — spielt keine Rolle, sie entgingen -ihr nicht mehr. Die Bretter lagen schon geschnitten für +ihr nicht mehr. Die Bretter lagen schon geschnitten für sie auf dem Stapel irgendeines Holzplatzes. Aber noch -lachten sie, die kleinen wächsernen Stenotypistinnen, -kicherten. Sollte man es für möglich halten — während +lachten sie, die kleinen wächsernen Stenotypistinnen, +kicherten. Sollte man es für möglich halten — während schon die Bretter zusammengenagelt wurden? Sie erregten sich, debattierten, das Blut stieg in die bleichen Gesichter. </p> <p> -„Haben Sie gelesen — haben Sie gehört — nun behaupten -sie, daß wir Fett aus Leichen herstellen.“ +„Haben Sie gelesen — haben Sie gehört — nun behaupten +sie, daß wir Fett aus Leichen herstellen.“ </p> <p> @@ -6594,7 +6561,7 @@ sie, daß wir Fett aus Leichen herstellen.“ </p> <p> -„Die Entente, natürlich!“ +„Die Entente, natürlich!“ </p> <p> @@ -6608,7 +6575,7 @@ sie, daß wir Fett aus Leichen herstellen.“ <p> „Ist es nicht schlimmer als Mord? Sind wir Verbrecher, Auswurf der Erde? Darf man — ich ertrage es nicht mehr, -ich zittere an allen Gliedern — die Grippe. — Wie können +ich zittere an allen Gliedern — die Grippe. — Wie können Menschen so tief sinken? Ah, pfui, pfui —!“ </p> @@ -6618,19 +6585,19 @@ so erregen, beim Essen besonders. Und die Regierung —?“ </p> <p> -„Die Regierung? Sie schläft. Sie liest keine Zeitungen, -weiß es noch gar nicht. Sie läßt das Volk beschmutzen, +„Die Regierung? Sie schläft. Sie liest keine Zeitungen, +weiß es noch gar nicht. Sie läßt das Volk beschmutzen, <a id="page-116" class="pagenum" title="116"></a> -schläft. Versteht nichts, hat Bedenken, unfähig, über alle -Maßen.“ +schläft. Versteht nichts, hat Bedenken, unfähig, über alle +Maßen.“ </p> <p> -Kohl und Rüben, Rüben und Kohl, jeden Tag. Erfrorene +Kohl und Rüben, Rüben und Kohl, jeden Tag. Erfrorene und angefaulte Kartoffeln, vielleicht etwas Erbsen -und zuweilen, ganz selten, ein Stückchen Fleisch, sehr wenig, +und zuweilen, ganz selten, ein Stückchen Fleisch, sehr wenig, und meistens ein Knochen. Die Knochen wurden ja gesammelt -und den Küchen zur Verfügung gestellt. Aber +und den Küchen zur Verfügung gestellt. Aber doch war es weitaus besser hier als am Alexanderplatz, dort roch es sauer und unangenehm, zum Erbrechen. </p> @@ -6641,32 +6608,32 @@ und dort, dort stand <em>sie</em> — der Liebling! </p> <p> -Selbst zart, selbst blaß, geduldig, immer lächelnd, immer +Selbst zart, selbst blaß, geduldig, immer lächelnd, immer etwas zerstreut, manchmal steckte sie sogar den Finger in -den Mund, mitten in diesem Wirbel von Köpfen und den +den Mund, mitten in diesem Wirbel von Köpfen und den Wolken von Kohldampf stand sie, <em>seine</em> Tochter — die -Tochter des Generals. Sie stand am Küchenfenster, aus +Tochter des Generals. Sie stand am Küchenfenster, aus dem die endlosen Reihen von dampfenden Tellern von -roten Händen geschoben wurden, und kontrollierte. Zuweilen -trat sie auch an einen Tisch, plauderte, besänftigte. +roten Händen geschoben wurden, und kontrollierte. Zuweilen +trat sie auch an einen Tisch, plauderte, besänftigte. </p> <p> -So zart, so fein, ihre Augen schimmerten — diese Händchen -— sollte man es für möglich halten — mitten in diesem dicken -Kohlgeruch, diesem Lärm — ein gnädiges Fräulein, die +So zart, so fein, ihre Augen schimmerten — diese Händchen +— sollte man es für möglich halten — mitten in diesem dicken +Kohlgeruch, diesem Lärm — ein gnädiges Fräulein, die Tochter eines hohen Offiziers? Sie war auch im Felde -gewesen — alles wußte der Havelock — dort hatte sie gepflegt. +gewesen — alles wußte der Havelock — dort hatte sie gepflegt. Sie, die Zarte, hatte den furchtbaren Kanonendonner -gehört, von dem Robert immer schrieb. Nur in +gehört, von dem Robert immer schrieb. Nur in ihrer Haltung, wenn sie rasch den Kopf wandte, hatte sie -etwas Ähnlichkeit mit dem General — sonst keine, nicht +etwas Ähnlichkeit mit dem General — sonst keine, nicht die geringste. </p> <p> -Verstohlen blinzelte der Havelock zu ihr hin, und plötzlich -errötete er wie ein Verliebter. +Verstohlen blinzelte der Havelock zu ihr hin, und plötzlich +errötete er wie ein Verliebter. </p> <p> @@ -6676,13 +6643,13 @@ der Alkohol — es war die Wahrheit: er liebte die Tochter des Generals! Ganz gegen seinen Willen, denn eigentlich <a id="page-117" class="pagenum" title="117"></a> wollte er sie hassen! Er kam nur hierher, um seinen Liebling -zu sehen, wie er Ruth nannte. Ihr Anblick erwärmte sein Herz. -Sie selbst hatte ihn ja hierher gebracht, in diese Küche. Auf -diese Weise hatte er überhaupt erst diese Küche entdeckt. +zu sehen, wie er Ruth nannte. Ihr Anblick erwärmte sein Herz. +Sie selbst hatte ihn ja hierher gebracht, in diese Küche. Auf +diese Weise hatte er überhaupt erst diese Küche entdeckt. </p> <p> -Nun aber kam Ruth näher, und er wandte rasch den +Nun aber kam Ruth näher, und er wandte rasch den Kopf ab und blickte auf den Hof hinaus, wo Soldaten die Papierballen von dem Lastauto abluden. </p> @@ -6694,16 +6661,16 @@ auszusetzen. </p> <p> -„Wir tun, was in unseren Kräften steht“, suchte Ruth +„Wir tun, was in unseren Kräften steht“, suchte Ruth ihn zu beruhigen. </p> <p> Aber der Alte mit der Hornbrille schrie aufgeregt: „Ich bezahle ja, mein Geld ist so gut wie das Geld der andern. -Und wo ist die Einlage, Fräulein —?“ Verzweifelt rührte -er mit der Gabel zwischen den Kohlblättern. „Ich habe -für fünfundzwanzig Gramm Fleischmarke gegeben, Fräulein +Und wo ist die Einlage, Fräulein —?“ Verzweifelt rührte +er mit der Gabel zwischen den Kohlblättern. „Ich habe +für fünfundzwanzig Gramm Fleischmarke gegeben, Fräulein — und wo ist das Fleisch, ich bitte Sie? Wo? Wo ist mein Fleisch — ich habe Anspruch. — Wo ist mein Fleisch — mein Fleisch — mein Fleisch —!?“ @@ -6711,7 +6678,7 @@ mein Fleisch — mein Fleisch —!?“ <p> „Ich werde sehen“, erwiderte Ruth und trug den Teller -des Alten zur Küche. +des Alten zur Küche. </p> <p> @@ -6720,7 +6687,7 @@ Der Havelock atmete auf. <p> Da aber erschien der weite, graue, offene Soldatenmantel -in der Türe — und sofort rückte der Havelock den +in der Türe — und sofort rückte der Havelock den steifen Hut zurecht und ging. </p> @@ -6730,51 +6697,51 @@ steifen Hut zurecht und ging. <p class="first"> <span class="firstchar">J</span>a, die Tochter des Generals selbst hatte ihn in diese -Küche geführt — sehr einfach — obwohl er nie ein +Küche geführt — sehr einfach — obwohl er nie ein Wort mit ihr gesprochen hatte . . . </p> <p> -Hinab die Friedrichstraße segelte der Havelock mit dem +Hinab die Friedrichstraße segelte der Havelock mit dem steifen Hut. Es sah aus, als schwimme er, aufrecht stehend, <a id="page-118" class="pagenum" title="118"></a> -so unmöglich das ist. Er trippelte und schlürfte, die Knie +so unmöglich das ist. Er trippelte und schlürfte, die Knie etwas eingebogen, die linke Schulter eine Kleinigkeit geneigt. Seit gestern morgen war er unterwegs, hatte nur auf einer Bank im Tiergarten ein kleines Nickerchen -getan, im Regen — nun fühlte er seine Beine und Füße +getan, im Regen — nun fühlte er seine Beine und Füße nicht mehr. </p> <p> -Ohne jede Anstrengung glitt er vorwärts, es ging von -selbst. Er rollte auf einer kleinen Wolke dahin, nicht größer -als ein gefüllter Kartoffelsack. Zuweilen spürte er sie wie +Ohne jede Anstrengung glitt er vorwärts, es ging von +selbst. Er rollte auf einer kleinen Wolke dahin, nicht größer +als ein gefüllter Kartoffelsack. Zuweilen spürte er sie wie Teig unter den Sohlen. Er konnte auf dieser kleinen Wolke -auch ausbiegen, nach links, nach rechts, ohne jede Mühe — +auch ausbiegen, nach links, nach rechts, ohne jede Mühe — </p> <p> -Ja, sie selbst — seine Tochter, das gnädige Fräulein. +Ja, sie selbst — seine Tochter, das gnädige Fräulein. </p> <p> Er stand da bei einem Zigarrenladen, mitten in dem -Zug von gierigen Rauchern, die warten, bis geöffnet wird, -und die Zigarren steigen im Preise, während sie warten. +Zug von gierigen Rauchern, die warten, bis geöffnet wird, +und die Zigarren steigen im Preise, während sie warten. Das ist Tatsache! Da stand er also und sprach mit einem Soldaten, Kraftfahrer. Dieser Kraftfahrer kannte nicht -die Höhe von Quatre vents, er kannte nicht Roberts -Bataillon, das am 5. August stürmte, aber er kannte den +die Höhe von Quatre vents, er kannte nicht Roberts +Bataillon, das am 5. August stürmte, aber er kannte den Chauffeur des Generals, Schwerdtfeger mit Namen, und der General war seit vier Wochen nach Berlin kommandiert! Wie? Hier? Welch ein Zufall! Wieviel hundert Soldaten -hatte er angesprochen, und nun führte ihm Gott diesen +hatte er angesprochen, und nun führte ihm Gott diesen Kraftfahrer in den Weg! </p> <p> -Er war hier? Hier! Schlaflos die Nächte, ruhelos die +Er war hier? Hier! Schlaflos die Nächte, ruhelos die Tage. </p> @@ -6784,22 +6751,22 @@ Ja! Dieses Gesicht —! <p> Dieses schweigende Gesicht, das nie sprach, diese Augen, -die man nie sah! Dieser Gang — und der tiefe Bückling +die man nie sah! Dieser Gang — und der tiefe Bückling des Portiers! — ohne jeden Zweifel: er war es! Robert -hatte ja ausführlich aus dem Felde geschrieben: Wir -marschierten vorüber, und unser General stand auf der -Treppe seines Schlosses und grüßte. Er und kein anderer! +hatte ja ausführlich aus dem Felde geschrieben: Wir +marschierten vorüber, und unser General stand auf der +Treppe seines Schlosses und grüßte. Er und kein anderer! Wie aus einem Felsen gehauen . . . schrieb Robert. Das also war er, den die Soldaten — nun, besser, das Wort nicht <a id="page-119" class="pagenum" title="119"></a> auszusprechen — nannten! So sahen die aus, die befahlen: -Nur über unsere Leichen führt der Weg zur Höhe! +Nur über unsere Leichen führt der Weg zur Höhe! — Die Briefe Roberts knisterten in seiner Tasche. </p> <p> Tagelang verfolgte ihn das Steingesicht durch das -Labyrinth der Straßen. +Labyrinth der Straßen. </p> <p> @@ -6807,15 +6774,15 @@ Sonderbares Gesicht aus Stein. Es zog an! </p> <p> -Jeden Mittag schoß das graue Auto in die gleiche Richtung -— schon zwei Tage später stand der Havelock vor -Stifters Diele. Und plötzlich grüßte er, und der General -hob die Hand zur Mütze. Weshalb? Weshalb grüßte er, -er hatte eine Sekunde vorher gar nicht daran gedacht, daß -er den General grüßen könnte — grüßen durfte. Es war -gewiß anmaßend, unhöflich. Nach drei Tagen — er hatte +Jeden Mittag schoß das graue Auto in die gleiche Richtung +— schon zwei Tage später stand der Havelock vor +Stifters Diele. Und plötzlich grüßte er, und der General +hob die Hand zur Mütze. Weshalb? Weshalb grüßte er, +er hatte eine Sekunde vorher gar nicht daran gedacht, daß +er den General grüßen könnte — grüßen durfte. Es war +gewiß anmaßend, unhöflich. Nach drei Tagen — er hatte nichts zu tun, gar nichts, Rentier Herbst — nach drei Tagen -schon wußte er, wo der General wohnte. +schon wußte er, wo der General wohnte. </p> <p> @@ -6823,9 +6790,9 @@ Dieses Haus — Sie erlauben wohl — kannte er ganz genau, jedes Fenster und die kleinsten Risse in der grauen Mauer. Das Haus erschien ihm im Traum — als ein Gesicht aus grauem Stein. Er kannte auch das efeubewachsene -Backsteinhaus mit dem Messingschild: Dönhoff. +Backsteinhaus mit dem Messingschild: Dönhoff. Er kannte den Zebrakittel, Petersen — alles liebe Menschen, -gesprächig — +gesprächig — </p> <p class="tb"> @@ -6833,111 +6800,111 @@ gesprächig — </p> <p class="first"> -<span class="firstchar">D</span>er Havelock rollte auf seiner kleinen Wolke über den +<span class="firstchar">D</span>er Havelock rollte auf seiner kleinen Wolke über den Belle-Alliance-Platz, unter der Hochbahn hindurch, -die Blücherstraße hinab. +die Blücherstraße hinab. </p> <p> Hier glitt er an einem schmalen, gelben Hause einigemal hin und her, blickte nach oben zur dritten Etage, wo die -Rolläden herabgelassen waren. Dieses Haus, diese Etage -schien ihn ungemein zu interessieren — anzuziehen, abzustoßen +Rolläden herabgelassen waren. Dieses Haus, diese Etage +schien ihn ungemein zu interessieren — anzuziehen, abzustoßen . . . </p> <p> -Seine Schultern krümmten sich zusammen, er ächzte, -plötzlich fühlte er die Last wieder, die ihn zu Boden drückte, +Seine Schultern krümmten sich zusammen, er ächzte, +plötzlich fühlte er die Last wieder, die ihn zu Boden drückte, die er ewig mit sich schleppte durch die endlosen steinigen -Straßen Berlins. +Straßen Berlins. </p> <p> <a id="page-120" class="pagenum" title="120"></a> Dann aber wandte er entschlossen um und rollte wieder -die Blücherstraße hinauf. +die Blücherstraße hinauf. </p> <p> Da aber blieb die Wolke stehen und war nicht mehr -vorwärts zu bewegen. Im nächsten Augenblick — schon war -er drinnen. Ein Gläschen, noch eines und ein drittes! -Schon war er wieder auf der Straße. +vorwärts zu bewegen. Im nächsten Augenblick — schon war +er drinnen. Ein Gläschen, noch eines und ein drittes! +Schon war er wieder auf der Straße. </p> <p> -Aus dem grauen Hause des Generals, mit den Messingbeschlägen -an der Türe, die unausgesetzt geputzt und poliert -wurden von den beiden Burschen, war täglich eine junge +Aus dem grauen Hause des Generals, mit den Messingbeschlägen +an der Türe, die unausgesetzt geputzt und poliert +wurden von den beiden Burschen, war täglich eine junge Dame gekommen. Heute, morgen, jeden Tag. Seht an! </p> <p> -Eine Zigarre gefällig, Herr Soldat. Ein Zigarrchen — -immer fleißig, ein schöner Wintertag . . . +Eine Zigarre gefällig, Herr Soldat. Ein Zigarrchen — +immer fleißig, ein schöner Wintertag . . . </p> <p> Nun kannte er Jakob und Wangel. Mit Jakob kam er -öfter ins Gespräch. Außer Ruth war auch noch ein Sohn +öfter ins Gespräch. Außer Ruth war auch noch ein Sohn da, Otto, Oberleutnant, im Felde, und die Frau des Herrn Generals — tot, ja, tot, seit Jahren. </p> <p> -Jeden Tag aber ging das gnädige Fräulein in die Dorotheenstraße -und verschwand in einem Torbogen. Schließlich +Jeden Tag aber ging das gnädige Fräulein in die Dorotheenstraße +und verschwand in einem Torbogen. Schließlich wagte er es, ihr zu folgen. Auf diese Weise hatte er -die Küche in der Dorotheenstraße entdeckt. +die Küche in der Dorotheenstraße entdeckt. </p> <p> -Täglich konnte er nun seine Tochter, die Tochter des +Täglich konnte er nun seine Tochter, die Tochter des Generals, sehen! Da stand sie, dicht neben ihm — Fleisch -von seinem Fleisch, Blut von seinem Blute. Der Haß -kochte, die Gelüste nach Vergeltung fraßen . . . +von seinem Fleisch, Blut von seinem Blute. Der Haß +kochte, die Gelüste nach Vergeltung fraßen . . . </p> <p> -Er beschloß, sie zu beleidigen! Vor allen Gästen! Vielleicht -würde er ihr einen Teller vor die Füße werfen, aber -so, verstehen Sie, daß er in tausend Stücke zersprang. Weshalb -eigentlich? Ja, unerklärlich — hatte sie ihm etwas +Er beschloß, sie zu beleidigen! Vor allen Gästen! Vielleicht +würde er ihr einen Teller vor die Füße werfen, aber +so, verstehen Sie, daß er in tausend Stücke zersprang. Weshalb +eigentlich? Ja, unerklärlich — hatte sie ihm etwas getan? </p> <p> -Tagelang brütete er, schmiedete er Pläne. Vielleicht -würde er einen Teller mit Kohlgemüse über ihre Schürze -schütten? Eine herrliche Idee! Aber da ergab sich die +Tagelang brütete er, schmiedete er Pläne. Vielleicht +würde er einen Teller mit Kohlgemüse über ihre Schürze +schütten? Eine herrliche Idee! Aber da ergab sich die Sache ganz von selbst. </p> <p> Der Havelock blieb stehen und verschnaufte. Ob er in -jene Kneipe gegenüber gehen sollte? +jene Kneipe gegenüber gehen sollte? </p> <p> <a id="page-121" class="pagenum" title="121"></a> -Ganz von selbst Eines Tages, ganz unerwartet, fügte -es sich, daß sie dicht neben ihm an einem Tische plauderte. +Ganz von selbst Eines Tages, ganz unerwartet, fügte +es sich, daß sie dicht neben ihm an einem Tische plauderte. Nun aber kam das Schmachvolle — </p> <p> -Heute noch trat ihm der Schweiß auf die Stirn, wenn +Heute noch trat ihm der Schweiß auf die Stirn, wenn er an das Schmachvolle dachte, obgleich schon zwei Monate seitdem vergangen waren. </p> <p> Nicht einen Teller voll Kohlsuppe, nein, sondern nur -einen Löffel voll — er nahm ihn und ließ ihn über die -Schürze Ruths fließen. Schon aber, Allmächtiger, packte +einen Löffel voll — er nahm ihn und ließ ihn über die +Schürze Ruths fließen. Schon aber, Allmächtiger, packte ihn eine harte Hand am Arm, und eine Stimme schrie -durchs ganze Lokal: „Wie können Sie es wagen —?“ +durchs ganze Lokal: „Wie können Sie es wagen —?“ </p> <p> @@ -6950,14 +6917,14 @@ durchs ganze Lokal: „Wie können Sie es wagen —?“ <p> Der Soldat mit dem weiten Mantel stand neben ihm, -voller Zorn. Die Gäste sahen auf, es erregte Aufsehen, +voller Zorn. Die Gäste sahen auf, es erregte Aufsehen, ringsum, alle Tische blickten her. </p> <p> Und der Soldat in dem weiten Mantel schrie ganz laut: -„Sie sind mir ein netter Herr. Gießt der Dame einfach -einen Löffel mit Suppe über die Schürze —“ +„Sie sind mir ein netter Herr. Gießt der Dame einfach +einen Löffel mit Suppe über die Schürze —“ </p> <p> @@ -6965,13 +6932,13 @@ einen Löffel mit Suppe über die Schürze —“ </p> <p> -Da aber wandte sich Ruth um. Sie besah die Schürze, nahm +Da aber wandte sich Ruth um. Sie besah die Schürze, nahm ihr Taschentuch, und lachte — lachte ihm freundlich ins Gesicht. </p> <p> -„Vielleicht hat man den Herrn angestoßen. Es ist ja +„Vielleicht hat man den Herrn angestoßen. Es ist ja nicht schlimm.“ </p> @@ -6980,14 +6947,14 @@ nicht schlimm.“ </p> <p> -„Es ist ja kein Unglück geschehen.“ +„Es ist ja kein Unglück geschehen.“ </p> <p> -Schmachvoll, schmachvoll! Er hatte Tränen in den -Augen. Wie kam er doch dazu, ganz einfach den Löffel -voll Suppe über ihre Schürze zu gießen? An diesem -Tage trank er so sehr, daß er schließlich die Treppe hinabstürzte +Schmachvoll, schmachvoll! Er hatte Tränen in den +Augen. Wie kam er doch dazu, ganz einfach den Löffel +voll Suppe über ihre Schürze zu gießen? An diesem +Tage trank er so sehr, daß er schließlich die Treppe hinabstürzte und sich blutig schlug. Aber so geschah ihm gerade recht. </p> @@ -6999,16 +6966,16 @@ mit andern Augen. Sein Herz pochte, sobald er sie erblickte. <p> <a id="page-122" class="pagenum" title="122"></a> -Er liebte sie, eigentümlich. +Er liebte sie, eigentümlich. </p> <p> -Diese Gedanken erfüllten den kleinen alten Mann, -während er durch das Labyrinth der Straßen eilte. Er -überquerte wimmelnde Plätze, geriet in Strudel von -Menschen, die aus der Erde quollen — und plötzlich machte +Diese Gedanken erfüllten den kleinen alten Mann, +während er durch das Labyrinth der Straßen eilte. Er +überquerte wimmelnde Plätze, geriet in Strudel von +Menschen, die aus der Erde quollen — und plötzlich machte er Miene umzukehren, den ganzen Weg, den er gekommen -war, zurückzugehen. Wie? Sollte er in die Lessingallee +war, zurückzugehen. Wie? Sollte er in die Lessingallee gehen, heute abend? Nein, nach Hause, ohne Widerspruch, verstanden? </p> @@ -7027,68 +6994,68 @@ und dann links. Zimmer 233.“ </p> <p> -Man mußte nur höflich fragen, dann bekam man selbst -hier in Berlin höfliche Auskunft. Hedi war stolz auf ihre -Fähigkeit mit den Menschen umzugehen. Selbst jetzt, wo +Man mußte nur höflich fragen, dann bekam man selbst +hier in Berlin höfliche Auskunft. Hedi war stolz auf ihre +Fähigkeit mit den Menschen umzugehen. Selbst jetzt, wo sie rasend wurden, wenn man sie nur anblickte, kam sie -noch vorzüglich mit ihnen aus. Allerdings sah dieser -Pförtner wohl auf den ersten Blick, daß er eine Dame -vor sich hatte. Sie wollte natürlich einen guten Eindruck +noch vorzüglich mit ihnen aus. Allerdings sah dieser +Pförtner wohl auf den ersten Blick, daß er eine Dame +vor sich hatte. Sie wollte natürlich einen guten Eindruck machen, wenn sie Otto besuchte, und hatte ihr himbeerfarbenes -elegantes Hütchen aufgesetzt. Dazu trug -sie den Biberkragen von Mama und helle Seidenstrümpfe. +elegantes Hütchen aufgesetzt. Dazu trug +sie den Biberkragen von Mama und helle Seidenstrümpfe. </p> <p> -Aus der Papierhülle lugten drei weiße Rosen. +Aus der Papierhülle lugten drei weiße Rosen. </p> <p> Es roch nach Karbol, aber Hedi liebte Karbolgeruch. Alles war blitzblank und eigentlich weniger schrecklich, als sie es sich gedacht hatte. Sie liebte es nicht, derartige Orte -zu besuchen, Friedhöfe, Krematorien, Krankenhäuser flößten +zu besuchen, Friedhöfe, Krematorien, Krankenhäuser flößten ihr Schauder ein. Sie mied sie. Nur Mamas Grab besuchte sie zuweilen — aber das war ja schon lange her. </p> <p> Nun aber wurde der breite Korridor belebter, und sie -schritt schon etwas zaghafter vorwärts. +schritt schon etwas zaghafter vorwärts. </p> <p> <a id="page-123" class="pagenum" title="123"></a> -Ein Soldat, dem der rechte Fuß abgetrennt war, humpelte -an ihr mit bloßem Fußstumpen vorbei. In hellen Krankenkleidern -saßen auf einer langen Bank Soldaten mit verbundenen -Armen, Beinen und Köpfen. Sie erwarteten sie +Ein Soldat, dem der rechte Fuß abgetrennt war, humpelte +an ihr mit bloßem Fußstumpen vorbei. In hellen Krankenkleidern +saßen auf einer langen Bank Soldaten mit verbundenen +Armen, Beinen und Köpfen. Sie erwarteten sie mit neugierigen Blicken, musterten sie von oben bis unten, -und sie fühlte voller Unbehagen all die Blicke der verwundeten -Männer auf ihrer Haut. Plötzlich wurde die Türe eines -Saales geöffnet, und Hedi war so unvorsichtig, einen Blick +und sie fühlte voller Unbehagen all die Blicke der verwundeten +Männer auf ihrer Haut. Plötzlich wurde die Türe eines +Saales geöffnet, und Hedi war so unvorsichtig, einen Blick in den Saal zu werfen. In diesem Saale wurde auf einem Holztisch gerade ein Soldat verbunden, dem ein Bein bis zum Knie amputiert war. Der nackte Schenkel endete -nicht — zu Hedis Entsetzen — mit einem Fuße, sondern +nicht — zu Hedis Entsetzen — mit einem Fuße, sondern mit einer Art Pferdehuf, einem roten Lappen unterhalb des Knies. Ein Arzt betupfte den roten Pferdehuf mit Watte. In diesem Augenblick drehte der Verwundete seine -Augen zur Türe, Augen voll größter Qual und äußersten -Schmerzes. Schon wurde die Türe wieder geschlossen. -Hedi war nahe daran zu taumeln. Hinter der Türe eines -Operationssaales stöhnte ein Verwundeter, und die barsche +Augen zur Türe, Augen voll größter Qual und äußersten +Schmerzes. Schon wurde die Türe wieder geschlossen. +Hedi war nahe daran zu taumeln. Hinter der Türe eines +Operationssaales stöhnte ein Verwundeter, und die barsche Stimme eines Arztes gebot ihm Ruhe. An einer Kreuzung -von Korridoren stieß sie auf eine Tragbahre, die von zwei -Soldaten vorübergetragen wurde. Mit einem Laken zugedeckt +von Korridoren stieß sie auf eine Tragbahre, die von zwei +Soldaten vorübergetragen wurde. Mit einem Laken zugedeckt lag darauf ein Soldat, dessen Gesicht bis zur Nase -verhüllt war. Er hatte die glänzenden Augen zur Decke +verhüllt war. Er hatte die glänzenden Augen zur Decke gerichtet und sah sie nicht an. </p> <p> Hedi war purpurrot geworden. Welcher Irrsinn, hierher -mit einem himbeerfarbenen Hut und hellen Seidenstrümpfen +mit einem himbeerfarbenen Hut und hellen Seidenstrümpfen zu kommen? Sollte sie umwenden — entfliehen? </p> @@ -7097,21 +7064,21 @@ Da aber schrak sie zusammen! </p> <p> -Wildes Geschrei, als ob jemand lebendig in Stücke geschnitten -würde. +Wildes Geschrei, als ob jemand lebendig in Stücke geschnitten +würde. </p> <p> -Mein Gott, was müssen diese Menschen Unsägliches +Mein Gott, was müssen diese Menschen Unsägliches erdulden! Wer ahnt es denn? Das Geschrei trieb sie rascher -vorwärts. Da aber knallte eine Türe, und das Geschrei erscholl -plötzlich in nächster Nähe. Ein schreiender Soldat, +vorwärts. Da aber knallte eine Türe, und das Geschrei erscholl +plötzlich in nächster Nähe. Ein schreiender Soldat, <a id="page-124" class="pagenum" title="124"></a> -der den verbundenen rechten Arm hochhielt, stürzte über -den Korridor, gefolgt von einer Schar von Ärzten und +der den verbundenen rechten Arm hochhielt, stürzte über +den Korridor, gefolgt von einer Schar von Ärzten und Krankenschwestern. Der Schreiende lief wie gehetzt den -langen Korridor hinunter. In der weißlackierten Türe -erschien das bebrillte, fahle Gesicht eines Arztes im weißen +langen Korridor hinunter. In der weißlackierten Türe +erschien das bebrillte, fahle Gesicht eines Arztes im weißen Kittel, der laut auflachte. </p> @@ -7121,73 +7088,73 @@ Das Geschrei entfernte sich. <p> Hedis Blick flatterte. Ihre Haut war von Hitze bedeckt -wie von heißem Sand. Entsetzen hauchte aus diesen getünchten +wie von heißem Sand. Entsetzen hauchte aus diesen getünchten Mauern. Dieses Krankenhaus war ein endloses Labyrinth, durch graues und blaues Eis gehauen. In der Ferne -tauchte die Dämmerung an den kahlen Korridorfenstern, -Schatten humpelten, hinkten durch ferne Quergänge. Ein +tauchte die Dämmerung an den kahlen Korridorfenstern, +Schatten humpelten, hinkten durch ferne Quergänge. Ein Labyrinth mit Tausenden von Kammern voller Qualen und Grauen. Tag und Nacht schnitten hier die Messer in -Menschenfleisch, unaufhörlich füllten sich die Eimer mit -Blut und Eiter. Die Wände schwangen von Schmerzen. +Menschenfleisch, unaufhörlich füllten sich die Eimer mit +Blut und Eiter. Die Wände schwangen von Schmerzen. Das ganze Haus war wie eine Riesenwunde, eine Schlucht -von eiterndem Fleisch, in der die Ärzte mit ihren Messern +von eiterndem Fleisch, in der die Ärzte mit ihren Messern kletterten. </p> <p> -Da kam aus einem Quergang würdevoll ein hoher +Da kam aus einem Quergang würdevoll ein hoher Offizier geschritten. Langsam trieb seine massige Gestalt mit den steilen Schultern — wie eine Erscheinung aus einer anderen Welt — durch den Korridor. An den Umrissen -schon erkannte Hedi den General. Zwei Krückenmänner +schon erkannte Hedi den General. Zwei Krückenmänner stellten sich in Positur, einer mit Socken an den -Füßen, dem andern fehlte ein Bein. Sie standen auf den -Krücken gegen die Wand gelehnt und warfen das Kinn -in die Höhe. Auf einem Stuhl kauerte ein Krüppel mit -dickumwickeltem Bein. Er blieb sitzen, den Oberkörper steif -aufgerichtet, und stellte die beiden Krücken vor sich hin, als -präsentiere er wie mit dem Gewehr. +Füßen, dem andern fehlte ein Bein. Sie standen auf den +Krücken gegen die Wand gelehnt und warfen das Kinn +in die Höhe. Auf einem Stuhl kauerte ein Krüppel mit +dickumwickeltem Bein. Er blieb sitzen, den Oberkörper steif +aufgerichtet, und stellte die beiden Krücken vor sich hin, als +präsentiere er wie mit dem Gewehr. </p> <p> -Der General schritt vorüber, ohne Hedi anzusehen. Sie -hatte ihn übrigens nur einmal bei Dora getroffen, er hätte +Der General schritt vorüber, ohne Hedi anzusehen. Sie +hatte ihn übrigens nur einmal bei Dora getroffen, er hätte sie schwerlich wiedererkannt. </p> <p> <a id="page-125" class="pagenum" title="125"></a> -Eine Pflegerin, eine taktlose Person, gab Hedi mit malitiösem -Lächeln den Bescheid, daß Otto heute keine Besuche -mehr empfangen könne. Sie hatte ihre Karte ins Zimmer -geschickt, er wußte also recht gut, daß sie es war. Deutlich -hatte sie seine helle Stimme im Zimmer gehört. Natürlich +Eine Pflegerin, eine taktlose Person, gab Hedi mit malitiösem +Lächeln den Bescheid, daß Otto heute keine Besuche +mehr empfangen könne. Sie hatte ihre Karte ins Zimmer +geschickt, er wußte also recht gut, daß sie es war. Deutlich +hatte sie seine helle Stimme im Zimmer gehört. Natürlich war sie nur gekommen, um ihm ihre Teilnahme an seinem Unfall zu zeigen — aus keinem andern Grunde. Er sollte -sehen, daß sie erhaben war über gewisse Dinge. Diese taktlose -Person aber musterte Hedis himbeerfarbenes Hütchen, +sehen, daß sie erhaben war über gewisse Dinge. Diese taktlose +Person aber musterte Hedis himbeerfarbenes Hütchen, ja sie erdreistete sich, den Blick an ihr hinab bis zu -den hellen Seidenstrümpfen streifen zu lassen. Hedi +den hellen Seidenstrümpfen streifen zu lassen. Hedi warf einen kritischen Blick auf die etwas unordentliche Frisur der kleinen rothaarigen Pflegerin. Augenblicklich -war zwischen den beiden Damen eine tödliche Feindschaft +war zwischen den beiden Damen eine tödliche Feindschaft ausgebrochen. </p> <p> „Das allgemeine Befinden ist gut?“ erkundigte sich Hedi -mit liebenswürdigem Lächeln. +mit liebenswürdigem Lächeln. </p> <p> „Man kann indessen nie wissen, ob nicht Komplikationen -eintreten“, entgegnete die Schwester ausgesucht höflich. +eintreten“, entgegnete die Schwester ausgesucht höflich. </p> <p> -„Wie wahr!“ Hedi lächelte spöttisch und grüßte mit -vollendeter Liebenswürdigkeit. +„Wie wahr!“ Hedi lächelte spöttisch und grüßte mit +vollendeter Liebenswürdigkeit. </p> <p> @@ -7202,14 +7169,14 @@ sie Furcht hatte. </p> <p> -Plötzlich warf sie die Rosen mit einer zornigen Bewegung +Plötzlich warf sie die Rosen mit einer zornigen Bewegung durch das Wagenfenster auf die schmutzige -Straße. Zwanzig Mark für drei Blumen, welcher Wahnsinn! +Straße. Zwanzig Mark für drei Blumen, welcher Wahnsinn! </p> <p> -Otto hatte ihren Besuch sicher völlig falsch ausgelegt. -Gewiß war es ihm unmöglich, an lautere und selbstlose +Otto hatte ihren Besuch sicher völlig falsch ausgelegt. +Gewiß war es ihm unmöglich, an lautere und selbstlose Motive bei seinen Mitmenschen zu glauben. Nun aber lebe wohl, Otto! Sollte er ruhig mit dieser rothaarigen Person — ja, ihretwegen . . . @@ -7222,9 +7189,9 @@ Person — ja, ihretwegen . . . <p class="first"> <span class="firstchar">D</span>er Geiger schob ein violettes Seidenkissen zwischen -Frack und Kinn, grüßte noch mit einem koketten Lächeln +Frack und Kinn, grüßte noch mit einem koketten Lächeln ins Publikum, dann schleuderte er den Bogen in die Luft, -daß seine blendende Manschette aus dem Ärmel fuhr: +daß seine blendende Manschette aus dem Ärmel fuhr: Carmen. </p> @@ -7237,104 +7204,104 @@ Carmen. </p> <p> -Da saß sie nun wieder, Hedi. Erstens, dachte sie, erstens -und zweitens und drittens — man muß nun genau überlegen. -Es wird höchste Zeit, so geht es nicht weiter. +Da saß sie nun wieder, Hedi. Erstens, dachte sie, erstens +und zweitens und drittens — man muß nun genau überlegen. +Es wird höchste Zeit, so geht es nicht weiter. </p> <p> -Erstens also stand fest, daß sie sich in ewiger Geldkalamität +Erstens also stand fest, daß sie sich in ewiger Geldkalamität befand. Zweitens langweilte sie sich zu Hause zu Tode, -und drittens: es mußte etwas geschehen. Sie hatte keine +und drittens: es mußte etwas geschehen. Sie hatte keine Lust, ihre ganze Jugend zu vertrauern, nur weil dieser Krieg kein Ende nahm. </p> <p> -Aber nicht so rasch, bleiben wir bei erstens. Dieses bißchen +Aber nicht so rasch, bleiben wir bei erstens. Dieses bißchen Taschengeld, das ihr Papa an jedem Monatsersten -mit strahlender Miene einhändigte — lächerlich. Wie konnte +mit strahlender Miene einhändigte — lächerlich. Wie konnte Papa glauben — nun, Papa verstand es eben nicht anders. -Es blieb nichts anderes übrig, als Geld zu schaffen! Es lag -ja zurzeit auf der Straße, die Leute sagten es wenigstens, +Es blieb nichts anderes übrig, als Geld zu schaffen! Es lag +ja zurzeit auf der Straße, die Leute sagten es wenigstens, die Millionen flogen durch die Luft. Sollte sie filmen? -Schnurrige Idee, aber leider unausführbar. Man mußte — +Schnurrige Idee, aber leider unausführbar. Man mußte — wie herrlich war doch diese Musik, voller Mut! — man -mußte Verbindungen haben, und die Gesellschaft —? Nein. -Übrigens, diese Gesellschaft, darauf gab sie nicht so — viel! +mußte Verbindungen haben, und die Gesellschaft —? Nein. +Übrigens, diese Gesellschaft, darauf gab sie nicht so — viel! </p> <p> Immerhin — der Kellner brachte den Tee, und Hedi -war für eine Weile in Anspruch genommen. Wieder saß +war für eine Weile in Anspruch genommen. Wieder saß die Weizenblonde mit den Brillantohrringen da, und auch jene Dunkele, Tragische, mit den hellgelben Stiefelchen. Und jener alte Herr mit dem Schnauzbart und der Glatze -nahm ebenfalls wieder hier seinen Tee. Hedi schloß plötzlich, -um sich zu amüsieren, das eine Auge und blinzelte ihn über +nahm ebenfalls wieder hier seinen Tee. Hedi schloß plötzlich, +um sich zu amüsieren, das eine Auge und blinzelte ihn über das Teeglas hinweg unvermutet an. Der Herr mit der -Glatze prallte im Sessel zurück — aber schon hatte Hedi +Glatze prallte im Sessel zurück — aber schon hatte Hedi <a id="page-127" class="pagenum" title="127"></a> -ihr Batisttüchelchen aus der Tasche genommen und rieb +ihr Batisttüchelchen aus der Tasche genommen und rieb sich das Auge, als sei etwas hineingeflogen. Nein, wie -komisch diese Männer waren! +komisch diese Männer waren! </p> <p> -Ja, Geld mußte jedenfalls geschafft werden. Sie besaß, -zum Beispiel, drei Paar Seidenstrümpfe. Schon rannen -die Maschen, obgleich die Strümpfe nur bei besonders -feierlichen Anlässen getragen wurden. Aber wenn diese -Strümpfe nun unbrauchbar wurden? Die Handschuhe, +Ja, Geld mußte jedenfalls geschafft werden. Sie besaß, +zum Beispiel, drei Paar Seidenstrümpfe. Schon rannen +die Maschen, obgleich die Strümpfe nur bei besonders +feierlichen Anlässen getragen wurden. Aber wenn diese +Strümpfe nun unbrauchbar wurden? Die Handschuhe, die Stiefel, wenn es sich darum handelte, ein neues Kleid -zu beschaffen —? Und schon würde sie aus der Klasse +zu beschaffen —? Und schon würde sie aus der Klasse der Tadellosen, der Ladies ausschalten. Schon, es ging rasch, die Gesellschaft duldete keine abgeschabten -Knopflöcher, keine geflickten Stiefelchen. Und sie würde -second class sein — unerträglich! So unglaublich es +Knopflöcher, keine geflickten Stiefelchen. Und sie würde +second class sein — unerträglich! So unglaublich es klang, ihre Zukunft, ihr ganzes Leben hing an einem Paar -Seidenstrümpfen. +Seidenstrümpfen. </p> <p> -Fürchterlich war der Gedanke an den Sturz in die Tiefe. +Fürchterlich war der Gedanke an den Sturz in die Tiefe. Sie erschrak, Schwindel ergriff sie. Es war aber hohe Zeit, den Tatsachen ins Gesicht zu sehen. </p> <p> -Bald würde sie sich, zum Beispiel, um nur ein Beispiel -zu nennen, wieder ein Stück Seife im Schleichhandel kaufen -müssen — so ging es jeden Tag! +Bald würde sie sich, zum Beispiel, um nur ein Beispiel +zu nennen, wieder ein Stück Seife im Schleichhandel kaufen +müssen — so ging es jeden Tag! </p> <p> -Zu Hause war das Leben unerträglich geworden. Papa, -lieb und gütig, aber immer müde, überarbeitet, immer -beschäftigt. Und dabei wußte er gar nichts, trotzdem er im -Auswärtigen Amt arbeitete! Häufig geschah es, daß sie -bei Tisch etwas sagte, etwas Politisches, und Papa schüttelte +Zu Hause war das Leben unerträglich geworden. Papa, +lieb und gütig, aber immer müde, überarbeitet, immer +beschäftigt. Und dabei wußte er gar nichts, trotzdem er im +Auswärtigen Amt arbeitete! Häufig geschah es, daß sie +bei Tisch etwas sagte, etwas Politisches, und Papa schüttelte tadelnd den Kopf. Man sagt so etwas nicht, mein Kind. — Aber Papa, es stand ja schon vor drei Tagen in der Zeitung! — Ah, schon vor drei Tagen —? — So war Papa. Klara -war ein Kind. In einer Minute tanzte sie wie eine Närrin, -in der nächsten weinte sie. Sie kannte das Leben noch nicht. +war ein Kind. In einer Minute tanzte sie wie eine Närrin, +in der nächsten weinte sie. Sie kannte das Leben noch nicht. Sie war noch nicht in das Alter gekommen, wo jeder Tag -ein Problem ist, ein fürchterlicher Kampf, wo man bei -lebendigem Leibe täglich vor Sehnsucht verbrannte — wo +ein Problem ist, ein fürchterlicher Kampf, wo man bei +lebendigem Leibe täglich vor Sehnsucht verbrannte — wo <a id="page-128" class="pagenum" title="128"></a> man wartete, wartete — wo das Warten das schrecklichste Leiden ist. Oh, schrecklich! Schrecklich! </p> <p> -Grau gingen die Tage. Sie lebten äußerst bescheiden, -sie besaßen kein Vermögen. Dazu, hatte Papa ihnen verboten, -die Gesetze für die Ernährung im geringsten zu verletzen. -Wie lebten sie, was aßen sie — trotzdem sie alles -Mögliche auf den Tisch schmuggelten — es war eine Schande -und niemand durfte es wissen, wenn sie nicht für immer -unmöglich sein sollten. Zum Beispiel Rüben, wie die Kühe +Grau gingen die Tage. Sie lebten äußerst bescheiden, +sie besaßen kein Vermögen. Dazu, hatte Papa ihnen verboten, +die Gesetze für die Ernährung im geringsten zu verletzen. +Wie lebten sie, was aßen sie — trotzdem sie alles +Mögliche auf den Tisch schmuggelten — es war eine Schande +und niemand durfte es wissen, wenn sie nicht für immer +unmöglich sein sollten. Zum Beispiel Rüben, wie die Kühe sie bekommen, erfrorene Kartoffeln . . . </p> @@ -7343,121 +7310,121 @@ Grau, kalt, finster gingen die Tage. </p> <p> -Licht, Glanz, Wärme, Frohsinn, Tanz, Feste, die früher -den Eintritt der jungen Mädchen in das Leben begleiteten — -wo waren sie? Sie hatte vor dem Kriege nur zwei Bälle -mitgemacht, davon träumte sie noch heute. +Licht, Glanz, Wärme, Frohsinn, Tanz, Feste, die früher +den Eintritt der jungen Mädchen in das Leben begleiteten — +wo waren sie? Sie hatte vor dem Kriege nur zwei Bälle +mitgemacht, davon träumte sie noch heute. </p> <p> Was war diese Musik im Vergleich zu jener Musik auf -den Bällen? Ein zaghaftes Echo. Diese Beleuchtung — +den Bällen? Ein zaghaftes Echo. Diese Beleuchtung — ein Abglanz. Das Lachen der Menschen von heute, ihre Mienen — Schatten in einer Schattenwelt, nicht mehr, nicht mehr . . . </p> <p> -Plötzlich aber beugte sich Hedi errötend über das Teeglas: +Plötzlich aber beugte sich Hedi errötend über das Teeglas: dort stand er! Der Spanier war gekommen! Er -wußte, daß sie wieder hierherkommen würde, daß er also, -wenn er sie zu sehen wünsche — sie hatten sich verstanden. +wußte, daß sie wieder hierherkommen würde, daß er also, +wenn er sie zu sehen wünsche — sie hatten sich verstanden. </p> <p> In seinem gelben Mantel stand er im Mittelgang und -polierte das Einglas. Er hatte sie sofort gesehen und überlegte -nun. Ob er den Mut haben würde sie anzusprechen? -In der Droschke hatte sie schon Träume gesponnen — ein +polierte das Einglas. Er hatte sie sofort gesehen und überlegte +nun. Ob er den Mut haben würde sie anzusprechen? +In der Droschke hatte sie schon Träume gesponnen — ein Wiedersehen beim Tee, zum Beispiel im Adlon oder Bristol — vielleicht ein Theaterabend, in einer Loge — ein Diner, wo man plauderte . . . </p> <p> -Er kam. Hedi hatte ihre Verlegenheit vollständig überwunden +Er kam. Hedi hatte ihre Verlegenheit vollständig überwunden und blickte ihm ruhig entgegen. Sie war wieder -ganz Lady. Ströbel kam geradeswegs auf sie zu, die +ganz Lady. Ströbel kam geradeswegs auf sie zu, die Brauen wie vor freudigem Erstaunen hochgezogen. Aber <a id="page-129" class="pagenum" title="129"></a> -je näher er kam, desto häßlicher wurde er. Sein gelber +je näher er kam, desto häßlicher wurde er. Sein gelber Mantel war etwas zu weit, zu auffallend. Die ganze -Kleidung zeigte eine etwas übertriebene Eleganz. Ah, +Kleidung zeigte eine etwas übertriebene Eleganz. Ah, und nicht die Spur von einem Spanier, er war eine — Bulldogge. Seine blaurasierten Wangen waren etwas faltig, fahl und verlebt, nichts blieb von dem Spanier als -das glänzende schwarze Haar, das um eine Kleinigkeit -zu eng an den Kopf gebürstet war, das um eine Idee +das glänzende schwarze Haar, das um eine Kleinigkeit +zu eng an den Kopf gebürstet war, das um eine Idee zu stark pomadisiert war — nicht first class mit einem Wort. </p> <p> -Aber er hatte die Nonchalance, die Manieren der großen +Aber er hatte die Nonchalance, die Manieren der großen Welt. </p> <p> -Mit unübertrefflicher Zwanglosigkeit verbeugte er sich. +Mit unübertrefflicher Zwanglosigkeit verbeugte er sich. „Unser gemeinsamer Freund hat einen Unfall erlitten —“, -begann er, gänzlich unbefangen. Und er verlor seine Unbefangenheit -auch nicht, als Hedi ihn anblickte — gänzlich -verständnislos. Obschon sie doch mit ihm das Theater +begann er, gänzlich unbefangen. Und er verlor seine Unbefangenheit +auch nicht, als Hedi ihn anblickte — gänzlich +verständnislos. Obschon sie doch mit ihm das Theater besuchen, dinieren, plaudern wollte, bei einem Glas Sekt -zum Beispiel — gänzlich verständnislos. +zum Beispiel — gänzlich verständnislos. </p> <p> -„Sie täuschen sich, mein Herr“, erwiderte Hedi mit einem -liebenswürdigen, verstehenden, verzeihenden Lächeln, einem -Lächeln, wie nur eine Dame von Welt es auf die Lippen +„Sie täuschen sich, mein Herr“, erwiderte Hedi mit einem +liebenswürdigen, verstehenden, verzeihenden Lächeln, einem +Lächeln, wie nur eine Dame von Welt es auf die Lippen zu zaubern vermag. </p> <p> War es nicht eine Unverfrorenheit ersten Ranges, sie -hier im „Kaiserhof“ einfach zu überfallen? +hier im „Kaiserhof“ einfach zu überfallen? </p> <p> -„Sie saßen doch gestern —?“ +„Sie saßen doch gestern —?“ </p> <p> „Ich erinnere mich nicht.“ Hedis Stimme wich in weite -Fernen zurück. Fern und unwirklich wurde ihr Lächeln. +Fernen zurück. Fern und unwirklich wurde ihr Lächeln. </p> <p> -„Wir wollen nur hoffen, daß Herr v. Hecht —“ +„Wir wollen nur hoffen, daß Herr v. Hecht —“ </p> <p> -Hedis Augen wurden plötzlich kühl, das Leben erkaltete +Hedis Augen wurden plötzlich kühl, das Leben erkaltete in ihnen. </p> <p> -Mit einer tadellosen Verbeugung, völlig ungezwungen, -völlig Herr der Situation, zog Ströbel sich zurück. +Mit einer tadellosen Verbeugung, völlig ungezwungen, +völlig Herr der Situation, zog Ströbel sich zurück. </p> <p> Der Geiger in seinem schwarzen Frack schwang sich in -den Hüften und blickte kokett lächelnd zum Tisch der Dunkeln, +den Hüften und blickte kokett lächelnd zum Tisch der Dunkeln, <a id="page-130" class="pagenum" title="130"></a> -Tragischen, der das Mißgeschick passiert war, ein Glas -Wasser umzustoßen. +Tragischen, der das Mißgeschick passiert war, ein Glas +Wasser umzustoßen. </p> <p> -Hedi gab ihren Mienen einen träumerischen und harmlosen +Hedi gab ihren Mienen einen träumerischen und harmlosen Ausdruck. Niemand sollte auf den Gedanken kommen -können, daß ein Wildfremder es gewagt habe, sie anzusprechen. +können, daß ein Wildfremder es gewagt habe, sie anzusprechen. Die Weizenblonde mit den Brillanten in den Ohren hatte die Szene beobachtet. Hedi streifte sie mit einem Blick, und in dem kaum merklichen Aufatmen ihrer -Brauen, mit dem sie über die Weizenblonde hinwegsah, lag +Brauen, mit dem sie über die Weizenblonde hinwegsah, lag ihre ganze Verachtung. </p> @@ -7471,140 +7438,140 @@ bildete er sich doch ein —? </h3> <p class="first"> -<span class="firstchar">Z</span>ögernd bog der kleine Herr Herbst um die zugige Ecke -und lenkte in seine Straße, die Fabriciusstraße, ein — -ganz weit da draußen. +<span class="firstchar">Z</span>ögernd bog der kleine Herr Herbst um die zugige Ecke +und lenkte in seine Straße, die Fabriciusstraße, ein — +ganz weit da draußen. </p> <p> -Eine plumpe Eisenbrücke spannte sich zwischen den -Häusern, und soeben rollte donnernd ein Lastzug darüber. +Eine plumpe Eisenbrücke spannte sich zwischen den +Häusern, und soeben rollte donnernd ein Lastzug darüber. Der Qualm sank auf den Schmutz des Pflasters herab. </p> <p> -Es half alles nichts, er mußte unter der Brücke hindurch, +Es half alles nichts, er mußte unter der Brücke hindurch, auch wenn sie zusammenbrechen sollte. Die Angst des -Trinkers schnürte ihm die Brust zusammen. +Trinkers schnürte ihm die Brust zusammen. </p> <p> -Die große Stadt machte hier einen düstern und verwahrlosten -Eindruck. Die Straßen waren schnurgerade, -überall die gleichen grauen Mietskasernen, die gleichen +Die große Stadt machte hier einen düstern und verwahrlosten +Eindruck. Die Straßen waren schnurgerade, +überall die gleichen grauen Mietskasernen, die gleichen Aufschriften, die gleichen Scharen von bleichen, zerlumpten Kindern. Die gleichen hohlwangigen Weiber, die, mit einem -kleinen Topf oder einer Tasche in der Hand, in Tücher gehüllt, -an den Häusern entlangkrochen und husteten. Die -gleichen mageren schwarzen Alleebäumchen, die in der -sauren Luft erstickten. Der Mörtel fiel von den Hauswänden, +kleinen Topf oder einer Tasche in der Hand, in Tücher gehüllt, +an den Häusern entlangkrochen und husteten. Die +gleichen mageren schwarzen Alleebäumchen, die in der +sauren Luft erstickten. Der Mörtel fiel von den Hauswänden, schmutzige Papierfetzen trieben in den Rinnsteinen. Vor <a id="page-131" class="pagenum" title="131"></a> -den Nahrungsmittelgeschäften, die die Wochenration an +den Nahrungsmittelgeschäften, die die Wochenration an Fett, zwanzig Gramm, ausgaben, standen lange Reihen von blaugefrorenen Frauen und vertraten sich die kalten -Füße, während sie schwätzten und keiften. +Füße, während sie schwätzten und keiften. </p> <p> -Sonst waren Geschäfte und Läden leer, gähnende Särge. -Bäckerläden ohne Brot, Fleischerläden ohne Fleisch, Schuhgeschäfte +Sonst waren Geschäfte und Läden leer, gähnende Särge. +Bäckerläden ohne Brot, Fleischerläden ohne Fleisch, Schuhgeschäfte mit Holzschuhen und Blechdosen voller Stiefelwichse. -Auch in dieser Gegend gab es jene Läden, in denen -altes Metall gesammelt wurde, für die Kriegführung, -Lampenfüße, Photographierahmen, Aschbecher, der Schutt -aus den Wohnungen der Ärmsten. +Auch in dieser Gegend gab es jene Läden, in denen +altes Metall gesammelt wurde, für die Kriegführung, +Lampenfüße, Photographierahmen, Aschbecher, der Schutt +aus den Wohnungen der Ärmsten. </p> <p> -Dann gab es hier noch das Delikatessengeschäft von Alfred -Schustermann, mit der Aufschrift: Mensch, was für ’ne -Ware! Seemuscheln, Pfahlmuscheln, waggonweise eingeführt, -zu Gelee, Aspik, Pasteten, Würsten verarbeitet. -Die Professoren, die entdeckt hatten, daß Baumrinde +Dann gab es hier noch das Delikatessengeschäft von Alfred +Schustermann, mit der Aufschrift: Mensch, was für ’ne +Ware! Seemuscheln, Pfahlmuscheln, waggonweise eingeführt, +zu Gelee, Aspik, Pasteten, Würsten verarbeitet. +Die Professoren, die entdeckt hatten, daß Baumrinde nahrhaft war und man Pilzkulturen in den Dachrinnen -anlegen konnte, erklärten, daß diese Muscheln selbst Ochsenfleisch -an Nährkraft überträfen. +anlegen konnte, erklärten, daß diese Muscheln selbst Ochsenfleisch +an Nährkraft überträfen. </p> <p> -Immer näher aber kam die graue Mietskaserne mit der +Immer näher aber kam die graue Mietskaserne mit der riesigen Aufschrift: Leihhaus. </p> <p> Der Schritt des Havelocks verlangsamte sich mehr und -mehr, seine tränenden, entzündeten Augen blinzelten unter +mehr, seine tränenden, entzündeten Augen blinzelten unter dem steifen Hut. Er hatte fast jeden Mut verloren. </p> <p> Eine Weile holte er Atem vor der „Zoologischen Handlung“. Noch lebte er, der kleine muntere Zeisig, sein Freund, -der das Problem gelöst hatte, das Körnerfutter bis zu -fünfundneunzig Prozent auszumahlen. Die andern, die -kleinen grünen Papageien, die beiden Kanarienvögel, die +der das Problem gelöst hatte, das Körnerfutter bis zu +fünfundneunzig Prozent auszumahlen. Die andern, die +kleinen grünen Papageien, die beiden Kanarienvögel, die Drossel, sie waren an dem Problem nacheinander gescheitert -und gestorben. Ja, gestorben. Auch die kleinen weißen -Mäuse, die ewig im Kreise liefen, waren plötzlich bei ihrem -spaßigen Rundlauf in Atemnot geraten. Der vierte Kriegswinter +und gestorben. Ja, gestorben. Auch die kleinen weißen +Mäuse, die ewig im Kreise liefen, waren plötzlich bei ihrem +spaßigen Rundlauf in Atemnot geraten. Der vierte Kriegswinter hatte auch sie vernichtet. Nur der Zeisig sprang -noch munter in seinem kleinen Käfig hin und her. +noch munter in seinem kleinen Käfig hin und her. </p> <p> <a id="page-132" class="pagenum" title="132"></a> Zwischen der „Zoologischen Handlung“ und dem Leihhaus -führten drei ausgetretene Stufen zum „Löwen von +führten drei ausgetretene Stufen zum „Löwen von Antwerpen“ empor, und schon war der Havelock in der Gaststube. </p> <p> -Keine Vorwürfe — er mußte Mut sammeln für die Nacht. -Denn die Nacht würde kommen, so gewiß wie etwas! Und +Keine Vorwürfe — er mußte Mut sammeln für die Nacht. +Denn die Nacht würde kommen, so gewiß wie etwas! Und mit ihr die furchtbaren Nachtgespenster, seine Peiniger, vor denen nur der tiefe Schlaf Schutz bot. Der Rausch, -um offen zu sein, die bewußtlose Trunkenheit. +um offen zu sein, die bewußtlose Trunkenheit. </p> <p> Ja, hier war er zu Hause, man sah es sofort an der Grimasse, mit der ihn der Wirt, ein Buckliger, empfing. Dieser Wirt wurde von den Soldaten, die in der Kneipe verkehrten, -der „Millionär“ genannt. Ja, hoho, so ein Buckel +der „Millionär“ genannt. Ja, hoho, so ein Buckel hatte seinen Wert heutzutage, ohne Zweifel! An den Sonntagen kamen auch Munitionsarbeiterinnen hierher, und es ging lustig zu. Sie tranken — sollte man es glauben, -die Kleinen? — sie tranken Schnaps wie die Männer — ah, -und sie trugen seidene Röckchen. Wenn sie ihn auch etwas -hänselten, es schadete nichts. Sie lachten und hatten keine +die Kleinen? — sie tranken Schnaps wie die Männer — ah, +und sie trugen seidene Röckchen. Wenn sie ihn auch etwas +hänselten, es schadete nichts. Sie lachten und hatten keine Sorgen. Vielleicht flogen sie morgen in die Luft, alles -war möglich, deshalb lachten sie auch so ausgelassen. +war möglich, deshalb lachten sie auch so ausgelassen. </p> <p> -Endlich — es war schon finster draußen — kroch der -Havelock die Treppe des Leihhauses empor. Längst war +Endlich — es war schon finster draußen — kroch der +Havelock die Treppe des Leihhauses empor. Längst war die kleine Wolke, auf der er stundenlang bequem dahingerollt war, verschwunden. Seine Beine zitterten vor -Müdigkeit. +Müdigkeit. </p> <p> -Leise, leise schloß er die Flurtüre auf. Er liebte es nicht, -daß man ihn kommen oder gehen hörte. Drei Parteien -wohnten hier, jede hatte ein Zimmer, und die Küche gehörte -ihnen gemeinsam. Aber er hatte diese Küche nie +Leise, leise schloß er die Flurtüre auf. Er liebte es nicht, +daß man ihn kommen oder gehen hörte. Drei Parteien +wohnten hier, jede hatte ein Zimmer, und die Küche gehörte +ihnen gemeinsam. Aber er hatte diese Küche nie betreten. Schon war er in seiner kleinen finsteren Stube, -schon hatte er die Schuhe abgelegt. Plötzlich zitterte er. -Ah, wenn er nur nicht wieder von dieser Schaukel träumte! -Alles, nur das nicht! Träumte er doch neulich, er säße auf -einer Schaukel, die durch endlose schwarze Nacht dahinschoß. +schon hatte er die Schuhe abgelegt. Plötzlich zitterte er. +Ah, wenn er nur nicht wieder von dieser Schaukel träumte! +Alles, nur das nicht! Träumte er doch neulich, er säße auf +einer Schaukel, die durch endlose schwarze Nacht dahinschoß. <a id="page-133" class="pagenum" title="133"></a> -Angeklammert wie ein Affe saß er auf dem schmalen, -schlüpfrigen Brett, er schrie vor Angst — aber die Schaukel -schoß dahin in endlosen Pendelschwingungen, jede eine +Angeklammert wie ein Affe saß er auf dem schmalen, +schlüpfrigen Brett, er schrie vor Angst — aber die Schaukel +schoß dahin in endlosen Pendelschwingungen, jede eine Ewigkeit, ohne Gnade pfiff sie in rasender Schnelligkeit dahin. </p> @@ -7615,7 +7582,7 @@ Rasch, rasch, ehe sie ihn packten . . . <p> Schon schlief er. Ein leises Wimmern drang aus seinem -kreisrund geöffneten Mund. Den Havelock hatte er anbehalten. +kreisrund geöffneten Mund. Den Havelock hatte er anbehalten. </p> <p class="tb"> @@ -7623,77 +7590,77 @@ kreisrund geöffneten Mund. Den Havelock hatte er anbehalten. </p> <p class="first"> -<span class="firstchar">D</span>a! Augenblicklich saß er wieder aufrecht im Bett. -Seine dünnen Haare sträubten sich, der Schweiß -stand auf seiner Stirn. Er dampfte vor Hitze und Kälte. +<span class="firstchar">D</span>a! Augenblicklich saß er wieder aufrecht im Bett. +Seine dünnen Haare sträubten sich, der Schweiß +stand auf seiner Stirn. Er dampfte vor Hitze und Kälte. Immer noch war sein Mantel feucht vom Regen der gestrigen Nacht. </p> <p> -Hatte nicht jemand gerufen, ihm fürchterliche Worte +Hatte nicht jemand gerufen, ihm fürchterliche Worte ins Ohr geschleudert, wie Felsen? Und ein Krachen, als berste das ganze Haus in zwei Teile, hatte er es nicht deutlich -gehört? Die Balken splitterten. So deutlich! +gehört? Die Balken splitterten. So deutlich! </p> <p> Noch gellte das furchtbare Krachen in seinen Ohren, und erst nach geraumer Zeit fand er sich in die Wirklichkeit -zurück. Zwischen einer unbekannten, ungeahnten +zurück. Zwischen einer unbekannten, ungeahnten Welt und der Wirklichkeit lebte er — seit jenen -Ereignissen . . . Oft hielt ihn das Unbekannte, Unverständliche -tagelang in seinem Bann, oft überfiel es ihn -urplötzlich am lichten Tage — aber wiederum hatte er +Ereignissen . . . Oft hielt ihn das Unbekannte, Unverständliche +tagelang in seinem Bann, oft überfiel es ihn +urplötzlich am lichten Tage — aber wiederum hatte er auch seine klaren Tage, wie er sie nannte. Da war alles -so wie früher, und das andere erschien noch unverständlicher +so wie früher, und das andere erschien noch unverständlicher und schrecklicher. </p> <p> -Dunkelheit, und nun erwachten Geräusche, Geräusche +Dunkelheit, und nun erwachten Geräusche, Geräusche dieser Welt, Gott sei Lob und Dank. </p> <p> -Hinter der Türe, dem schmalen Bett gegenüber, klapperte +Hinter der Türe, dem schmalen Bett gegenüber, klapperte eine Schreibmaschine. Er arbeitete dort, der Student -Ackermann, zurzeit Soldat. Er schrieb für Zeitungen, +Ackermann, zurzeit Soldat. Er schrieb für Zeitungen, um Geld zu verdienen — er schrieb auch noch ganz andere <a id="page-134" class="pagenum" title="134"></a> -Dinge — Herr Herbst wußte Bescheid, oh, oh! Er wußte +Dinge — Herr Herbst wußte Bescheid, oh, oh! Er wußte mehr, als jener ahnen konnte. </p> <p> Hinter der Wand, an der das Bett stand, auf dem er -lag, strich ein Schritt vorüber, immer auf und ab, wie -ein Tier, das rastlos in seinem Käfig hin und her geht. -Das war Hähnlein, der Tapezierer, zurzeit Soldat. Er +lag, strich ein Schritt vorüber, immer auf und ab, wie +ein Tier, das rastlos in seinem Käfig hin und her geht. +Das war Hähnlein, der Tapezierer, zurzeit Soldat. Er wohnte in dem Zimmer nebenan mit seiner kranken Frau und seinen beiden Kindern. Vor kurzem hatte sie wieder geboren, aber das Kind war bald nach der Geburt gestorben. Es wog nur viereinhalb Pfund. Und welches Geschrei hatte es gegeben, trotzdem sie nichts zu nagen und zu -beißen hatten! Hähnlein und Ackermann waren früher -beim gleichen Regiment, und Hähnlein hatte Ackermann +beißen hatten! Hähnlein und Ackermann waren früher +beim gleichen Regiment, und Hähnlein hatte Ackermann hierher in dieses Haus gebracht. Das alles hatte Herr Herbst -Gesprächen entnommen. +Gesprächen entnommen. </p> <p> -„Schlafe doch!“ zischelte Frau Hähnlein. Die Bettstatt -krachte, und sie hüstelte. +„Schlafe doch!“ zischelte Frau Hähnlein. Die Bettstatt +krachte, und sie hüstelte. </p> <p> „Schlafen? Schlafen? Ich kann nicht schlafen“, entgegnete -die heisere Stimme Hähnleins, und wieder schabte +die heisere Stimme Hähnleins, und wieder schabte sein Schritt hinter der Wand. </p> <p> -Die Wand war dünn wie Papier, nun, eine Mietskaserne, +Die Wand war dünn wie Papier, nun, eine Mietskaserne, er vernahm jeden Laut. </p> @@ -7703,15 +7670,15 @@ Die Frau wimmerte. <p> „Weine nicht, vielleicht kommt es bald, wie Ackermann -sagt“, tröstete sie Hähnlein. Und deklamierend fügte er -hinzu: „Die Völker der Erde werden sich erheben gegen +sagt“, tröstete sie Hähnlein. Und deklamierend fügte er +hinzu: „Die Völker der Erde werden sich erheben gegen ihre Peiniger!“ </p> <p> -Oft ging Hähnleins Schritt die ganze Nacht hin und her, -bis der Tag graute. Herr Herbst hatte sich längst daran -gewöhnt. In unruhigen Nächten beruhigte ihn dieser +Oft ging Hähnleins Schritt die ganze Nacht hin und her, +bis der Tag graute. Herr Herbst hatte sich längst daran +gewöhnt. In unruhigen Nächten beruhigte ihn dieser ruhelose Schritt sogar. Ein Mensch, ein Leidender, wie er, dicht nebenan. </p> @@ -7719,10 +7686,10 @@ dicht nebenan. <p> Es wurde still hinter der Wand, und nur die Schreibmaschine Ackermanns klapperte eifrig. Es konnte noch nicht -spät sein, denn im Haus summten Stimmen. Türen wurden +spät sein, denn im Haus summten Stimmen. Türen wurden <a id="page-135" class="pagenum" title="135"></a> -zugeschlagen, und zuweilen krachte die Haustüre ins Schloß, -daß das ganze Haus zitterte. +zugeschlagen, und zuweilen krachte die Haustüre ins Schloß, +daß das ganze Haus zitterte. </p> <p> @@ -7730,56 +7697,56 @@ Die lange furchtbare Nacht lag vor ihm. </p> <p> -Seine Beine waren vor Müdigkeit geschwollen. Sie -waren Wolken, ins Endlose verströmend. So würde er -nun sitzen müssen die ganze Nacht und lauschen auf jedes -Geräusch — auch auf jene Geräusche, die aus dem Unbekannten +Seine Beine waren vor Müdigkeit geschwollen. Sie +waren Wolken, ins Endlose verströmend. So würde er +nun sitzen müssen die ganze Nacht und lauschen auf jedes +Geräusch — auch auf jene Geräusche, die aus dem Unbekannten kamen. </p> <p> -Seltsame Fügung, die ihn in dieses Zimmer geführt -hatte! Der bucklige Wirt vom „Löwen von Antwerpen“ -hatte es ihm empfohlen, damals, als er den Entschluß -gefaßt hatte, nicht mehr in die Blücherstraße zurückzukehren. -Längst hatte er es aufgegeben, nach Erklärungen zu forschen, -alles war Fügung. Jeder Schritt im menschlichen Leben +Seltsame Fügung, die ihn in dieses Zimmer geführt +hatte! Der bucklige Wirt vom „Löwen von Antwerpen“ +hatte es ihm empfohlen, damals, als er den Entschluß +gefaßt hatte, nicht mehr in die Blücherstraße zurückzukehren. +Längst hatte er es aufgegeben, nach Erklärungen zu forschen, +alles war Fügung. Jeder Schritt im menschlichen Leben wurde gelenkt von unbekannten Gewalten, guten und -bösen. Sinnlos, sich dagegen zu sträuben. Nun, er sträubte +bösen. Sinnlos, sich dagegen zu sträuben. Nun, er sträubte sich nicht mehr, er forschte auch nicht mehr — er war in der -Hand des Allmächtigen, der die Haare auf seinem Haupte -gezählt hatte. Sollte es so sein! +Hand des Allmächtigen, der die Haare auf seinem Haupte +gezählt hatte. Sollte es so sein! </p> <p> -Frau Hähnlein hinter der Wand begann zu wimmern, -zu klagen, zu beschwören. Nun begann es wieder. Es half +Frau Hähnlein hinter der Wand begann zu wimmern, +zu klagen, zu beschwören. Nun begann es wieder. Es half ihr nichts. Der Mensch ist ein Tier . . . obschon seine Frau -leidend war — ein Tier war dieser Hähnlein. +leidend war — ein Tier war dieser Hähnlein. </p> <p> -Dann wurde es wieder still, die Geräusche im Hause +Dann wurde es wieder still, die Geräusche im Hause erstarben mehr und mehr, und nur noch die Schreibmaschine -hinter der Türe klapperte. +hinter der Türe klapperte. </p> <p> Schreibe du nur! sagte Herr Herbst zu sich — um sich -zu beschäftigen, die Nacht war lang — „Deine Zettel, +zu beschäftigen, die Nacht war lang — „Deine Zettel, deine Reden, deine . . .“ Lange Wochen war ihm dieser -Soldat im weiten Mantel ein Rätsel gewesen. Was trieb -er, was tat er in den Nächten? Oft hielt er Reden, förmliche +Soldat im weiten Mantel ein Rätsel gewesen. Was trieb +er, was tat er in den Nächten? Oft hielt er Reden, förmliche Reden. Erst vor kurzer Zeit, beim Januarstreik, hatte -er ihn plötzlich erkannt! Mit eigenen Augen und Ohren -sah und hörte er, wie er zu einem Haufen streikender Arbeiter -sprach, nebenan, bei den Laubengärten — und was er sagte, +er ihn plötzlich erkannt! Mit eigenen Augen und Ohren +sah und hörte er, wie er zu einem Haufen streikender Arbeiter +sprach, nebenan, bei den Laubengärten — und was er sagte, <a id="page-136" class="pagenum" title="136"></a> -Grundgütiger! Es gab keinen Zweifel mehr, er war — ein -Spion, ein Agent . . . gehörte zu jenen, von denen die -Zeitungen schrieben, daß sie Geld bekommen von den Feinden. +Grundgütiger! Es gab keinen Zweifel mehr, er war — ein +Spion, ein Agent . . . gehörte zu jenen, von denen die +Zeitungen schrieben, daß sie Geld bekommen von den Feinden. Er stand auf einem Steinhaufen, redete, schrie und -schwang die Soldatenmütze. Keine Granate mehr! Da +schwang die Soldatenmütze. Keine Granate mehr! Da aber kam die Polizei, und sie liefen — und auch er lief. So schnell wie die andern — hahaha! So schnell liefen sie, solche Angst hatten sie . . . @@ -7788,54 +7755,54 @@ sie, solche Angst hatten sie . . . <p> Manchmal kamen auch Freunde zu ihm, meistens junge Leute, Kameraden, die laut schrien und alle wild durcheinander -redeten. Unvernünftige, Unerfahrene. Was für +redeten. Unvernünftige, Unerfahrene. Was für Leute waren das? Nun . . . dieselbe Sorte, um kein Haar -besser. Für sie gab es nichts Heiliges, nichts vor dem sie -haltmachten. Die Minister, was waren sie? Nun — höchst -einfach — Dummköpfe und Verbrecher! Und die Generale -— höchst einfach — geputzte Narren! Und die Diplomaten — -selbstgefällige Gecken! Ja, sie, sie, diese jungen Leute, sie -waren viel klüger als diese Minister und Diplomaten! -Aber die höchsten Fürstlichkeiten, was waren sie — nun, -er würde sich schämen, die Worte zu wiederholen. Aber auch -die feindlichen Staatsmänner, Präsidenten und Minister, +besser. Für sie gab es nichts Heiliges, nichts vor dem sie +haltmachten. Die Minister, was waren sie? Nun — höchst +einfach — Dummköpfe und Verbrecher! Und die Generale +— höchst einfach — geputzte Narren! Und die Diplomaten — +selbstgefällige Gecken! Ja, sie, sie, diese jungen Leute, sie +waren viel klüger als diese Minister und Diplomaten! +Aber die höchsten Fürstlichkeiten, was waren sie — nun, +er würde sich schämen, die Worte zu wiederholen. Aber auch +die feindlichen Staatsmänner, Präsidenten und Minister, was waren sie — ganz das gleiche verbrecherische Gesindel. -Nein, nichts gab es, was ihnen Respekt einflößte. Hat man -es je gehört: Die deutsche Regierung bestand aus Anarchisten, -die Tag und Nacht darüber nachdachten, wie sie das Deutsche -Reich am schnellsten zugrunde richten könnten? Wie? War +Nein, nichts gab es, was ihnen Respekt einflößte. Hat man +es je gehört: Die deutsche Regierung bestand aus Anarchisten, +die Tag und Nacht darüber nachdachten, wie sie das Deutsche +Reich am schnellsten zugrunde richten könnten? Wie? War es denkbar? </p> <p> -Aber, was waren diese Leute in Rußland, diese Räuber und +Aber, was waren diese Leute in Rußland, diese Räuber und Diebe? — Heilige waren sie, nicht mehr und nicht weniger. </p> <p> -Ja, völlig neu mußte die Welt aufgebaut werden, von +Ja, völlig neu mußte die Welt aufgebaut werden, von Grund auf — und sie, diese jungen Leute, die so laut schrien, -sie allein wußten, wie alles gemacht werden mußte. Sie +sie allein wußten, wie alles gemacht werden mußte. Sie ganz allein. </p> <p> -Manchmal flüsterten sie auch, tuschelten, raunten, geheimnisvoll +Manchmal flüsterten sie auch, tuschelten, raunten, geheimnisvoll — </p> <p> <a id="page-137" class="pagenum" title="137"></a> In diesem Augenblick lachte Ackermann in seinem Zimmer -laut auf und sagte: Man sollte es nicht für möglich halten — +laut auf und sagte: Man sollte es nicht für möglich halten — </p> <p> -Und wütend prasselte die Schreibmaschine. +Und wütend prasselte die Schreibmaschine. </p> <p> -Nicht für möglich halten? +Nicht für möglich halten? </p> <p> @@ -7843,50 +7810,50 @@ Warte nur, du, du . . . he? </p> <p> -Hast vergessen, daß Gott jeden deiner Schritte bewacht, -daß die Haare auf deinem Haupte gezählt sind — die -Fügung hast du ganz vergessen. +Hast vergessen, daß Gott jeden deiner Schritte bewacht, +daß die Haare auf deinem Haupte gezählt sind — die +Fügung hast du ganz vergessen. </p> <p> -An den Sonntagen, da saßen sie oft bis in die späte +An den Sonntagen, da saßen sie oft bis in die späte Nacht und debattierten, schrien, sprachen durcheinander, -daß man kein Wort verstand. Neu, völlig neu sollte die Welt +daß man kein Wort verstand. Neu, völlig neu sollte die Welt erstehen! </p> <p> -Und sein Mädchen saß dabei, an den Sonntagen! Es war -ja selbstverständlich, daß dieser, dieser — ein Mädchen hatte, -aber, daß sie dabeisaß, während es nichts Heiliges für sie -gab? Nein, nein, es störte sie gar nicht, nicht im geringsten. +Und sein Mädchen saß dabei, an den Sonntagen! Es war +ja selbstverständlich, daß dieser, dieser — ein Mädchen hatte, +aber, daß sie dabeisaß, während es nichts Heiliges für sie +gab? Nein, nein, es störte sie gar nicht, nicht im geringsten. Im Gegenteil? Sie kochte Tee und sagte: Bitte, meine Herren — bitte. Und so ging es den ganzen Sonntag bis nachts um zwei, drei Uhr. Bitte, meine Herren — und sie -qualmten, daß der Rauch durch die Türe quoll und er husten -mußte, obschon er doch selbst ein starker Raucher war. +qualmten, daß der Rauch durch die Türe quoll und er husten +mußte, obschon er doch selbst ein starker Raucher war. Worte flogen, Worte, wilde, verwegene Worte. </p> <p> -Und sein Mädchen saß mitten unter ihnen! +Und sein Mädchen saß mitten unter ihnen! </p> <p> -Da schwieg die Schreibmaschine plötzlich. Ackermann -verließ das Haus. Sein Schritt eilte die Treppe hinab, -die Haustüre wurde ins Schloß geworfen. Bis zum grauenden -Tag würde er nun fortbleiben. +Da schwieg die Schreibmaschine plötzlich. Ackermann +verließ das Haus. Sein Schritt eilte die Treppe hinab, +die Haustüre wurde ins Schloß geworfen. Bis zum grauenden +Tag würde er nun fortbleiben. </p> <p> -Wann schläft er eigentlich? dachte Herr Herbst in seinem +Wann schläft er eigentlich? dachte Herr Herbst in seinem Bett. </p> <p> Nun war es ganz still geworden. Es knackte in den Balken, -rieselte in den Mauern, die Wände seufzten. +rieselte in den Mauern, die Wände seufzten. </p> <p> @@ -7894,9 +7861,9 @@ Ja, ganz still und dunkel. </p> <p> -Mitten in der unendlichen Dunkelheit und Stille saß -der kleine alte Mann, und plötzlich begann er zu flüstern. -Leise, oh, so leise — nur er hörte es. +Mitten in der unendlichen Dunkelheit und Stille saß +der kleine alte Mann, und plötzlich begann er zu flüstern. +Leise, oh, so leise — nur er hörte es. </p> <p> @@ -7906,7 +7873,7 @@ Liebling —!“ </p> <p> -Zärtlich streckte er die kleinen Hände der Dunkelheit +Zärtlich streckte er die kleinen Hände der Dunkelheit entgegen. </p> @@ -7916,31 +7883,31 @@ entgegen. <p class="first"> <span class="firstchar">M</span>it der Minute kehrte der General abends aus dem -Amt zurück. Er plauderte wie gewöhnlich etwas -mit Niki, dem Kanarienvogel; plötzlich aber brach er die +Amt zurück. Er plauderte wie gewöhnlich etwas +mit Niki, dem Kanarienvogel; plötzlich aber brach er die Unterhaltung ab und zeigte ein ganz unbegreifliches Interesse -für den Papierkorb. Zuerst blickte er in den Papierkorb -hinein, dann wühlte er darin mit der Hand, endlich -stülpte er den Korb über den Arbeitstisch. Nichts. Es war +für den Papierkorb. Zuerst blickte er in den Papierkorb +hinein, dann wühlte er darin mit der Hand, endlich +stülpte er den Korb über den Arbeitstisch. Nichts. Es war sonderbar, jeder unbedeutende Zettel fand sich wieder — zum Beispiel, sollte man es glauben, Schnitzel jenes Briefes, den er vor einer vollen Woche an den Chefredakteur einer -großen, besonders im Ausland vielgelesenen Zeitung in +großen, besonders im Ausland vielgelesenen Zeitung in einer Aufwallung geschrieben hatte, worin er diesem Chefredakteur — — auch dieser Prospekt — alles, jede Kleinigkeit. </p> <p> -„Sonderbar, höchst sonderbar!“ +„Sonderbar, höchst sonderbar!“ </p> <p> -Nicht ein Fetzen, nicht einmal ein Eckchen jenes grünen -Briefumschlages, er würde die Farbe ja sofort wieder erkennen. +Nicht ein Fetzen, nicht einmal ein Eckchen jenes grünen +Briefumschlages, er würde die Farbe ja sofort wieder erkennen. Doch hier — nein, ein Notizzettel zu seiner Denkschrift: Die Armee der Frauen — worin er empfahl, diese brachliegende ungeheure Armee zum Wohle des Vaterlandes -systematisch zu mobilisieren — lächerlich, alles, jede +systematisch zu mobilisieren — lächerlich, alles, jede Kleinigkeit, aber von diesem Briefe: nichts. </p> @@ -7949,16 +7916,16 @@ Schon schlugen die Uhren. </p> <p> -Der General hatte heute aus dienstlichen Rücksichten bei -Frau v. Dönhoff abgesagt und sich erst nach Tisch angemeldet. +Der General hatte heute aus dienstlichen Rücksichten bei +Frau v. Dönhoff abgesagt und sich erst nach Tisch angemeldet. </p> <p> -Der Lüster im Speisezimmer brannte. +Der Lüster im Speisezimmer brannte. </p> <p> -Dieser Lüster war aus schneeigem Glas, Tulpen, Prismen, +Dieser Lüster war aus schneeigem Glas, Tulpen, Prismen, Perlen. Eine Grotte aus schimmerndem Schnee, die leuchtete ohne zu schmelzen. </p> @@ -7969,13 +7936,13 @@ Das Zimmer war leer. Ruth war noch nicht da. </p> <p> -Daß er auch gerade diesen Brief — da trat Ruth ins +Daß er auch gerade diesen Brief — da trat Ruth ins Zimmer. Heiter und gut gelaunt, mit einer jungenhaften -Verbeugung, wünschte sie „Guten Abend“. +Verbeugung, wünschte sie „Guten Abend“. </p> <p> -„Frau v. Dönhoff läßt grüßen, Papa“, sagte sie, indem +„Frau v. Dönhoff läßt grüßen, Papa“, sagte sie, indem sie Platz nahm. </p> @@ -7984,11 +7951,11 @@ sie Platz nahm. </p> <p> -„Nein, ich traf sie auf der Straße.“ +„Nein, ich traf sie auf der Straße.“ </p> <p> -Jakob stürzte hinter seinem Schrank hervor, um die Serviette +Jakob stürzte hinter seinem Schrank hervor, um die Serviette aufzuheben, die dem General entglitten war. </p> @@ -8009,42 +7976,42 @@ war ihm durch den Kopf gegangen. <p> Schweigen. Jakob wechselte die Teller. Die Miene des -Generals drückte deutlich den Wunsch aus, nicht mehr -gestört zu werden. +Generals drückte deutlich den Wunsch aus, nicht mehr +gestört zu werden. </p> <p> -Plötzlich hob er das Gesicht vom Teller und richtete den -Blick voll auf Ruth. Ohne Zweifel, sie sah verändert aus! -Daß es ihm erst heute auffiel? Sie trug auch eine andere +Plötzlich hob er das Gesicht vom Teller und richtete den +Blick voll auf Ruth. Ohne Zweifel, sie sah verändert aus! +Daß es ihm erst heute auffiel? Sie trug auch eine andere Frisur, einen einfachen Knoten, der ziemlich tief im Nacken lag. Es sah aus, als habe sie soeben die Haare gewaschen -und die Frisur rasch aufgesteckt. Diese Frisur mißfiel dem -General, sie verriet geringe Sorgfalt. Wie gewöhnlich -war ein Lächeln über Ruths Gesicht gebreitet, und besonders -die langen Brauen, die über den Wangen schwebten, lächelten. +und die Frisur rasch aufgesteckt. Diese Frisur mißfiel dem +General, sie verriet geringe Sorgfalt. Wie gewöhnlich +war ein Lächeln über Ruths Gesicht gebreitet, und besonders +die langen Brauen, die über den Wangen schwebten, lächelten. Oh, wie genau kannte der General dieses Gesicht -und dieses Lächeln! +und dieses Lächeln! </p> <p> -Es war das Gesicht ihrer Mutter und das Lächeln ihrer -Mutter. Dies war einer der Gründe, weshalb der General +Es war das Gesicht ihrer Mutter und das Lächeln ihrer +Mutter. Dies war einer der Gründe, weshalb der General es vermied, in das Gesicht seiner Tochter zu blicken. </p> <p> -Ruth hob den Blick, und für eine Sekunde waren ihre +Ruth hob den Blick, und für eine Sekunde waren ihre Augen auf ihn gerichtet. Auch diese Augen kannte er genau, <a id="page-140" class="pagenum" title="140"></a> -zu genau: sanft, schimmernd, schwärmerisch — aber, ein -Nichts, und die Schwärmerei wandelte sich in Hysterie. +zu genau: sanft, schimmernd, schwärmerisch — aber, ein +Nichts, und die Schwärmerei wandelte sich in Hysterie. </p> <p> „Jakob!“ Der General deutete mit dem Messer auf die -leere Fachinger Flasche. Der Bursche stürzte zur Türe -hinaus. Röte ergoß sich in das Gesicht des Generals. +leere Fachinger Flasche. Der Bursche stürzte zur Türe +hinaus. Röte ergoß sich in das Gesicht des Generals. </p> <p> @@ -8052,42 +8019,42 @@ hinaus. Röte ergoß sich in das Gesicht des Generals. </p> <p> -Nun wäre der geeignetste Augenblick — +Nun wäre der geeignetste Augenblick — </p> <p> -Es wäre ja das Natürlichste gewesen, Ruth ohne Umschweife +Es wäre ja das Natürlichste gewesen, Ruth ohne Umschweife zu fragen, wo sie in der vergangenen Nacht gewesen war. Vielleicht war sie bei Freunden und hatte -dort übernachtet, weil sich kein Wagen auftreiben ließ? -Möglich. Wahrscheinlich würde die Sache sich aufs Harmloseste -aufklären. Aber diese Frage ließ die Tradition der +dort übernachtet, weil sich kein Wagen auftreiben ließ? +Möglich. Wahrscheinlich würde die Sache sich aufs Harmloseste +aufklären. Aber diese Frage ließ die Tradition der Familie Hecht-Babenberg nicht zu, wo jeder eine kleine -abgeschlossene Welt für sich bildete, die es vermied, die andere -zu berühren. Eine Art luftleerer Raum trennte diese +abgeschlossene Welt für sich bildete, die es vermied, die andere +zu berühren. Eine Art luftleerer Raum trennte diese Welten, der die Worte verschlang und ihren Klang und Sinn entstellte. </p> <p> -Die Augen der Sommerstorf würden sich voller Staunen -auf ihn richten, als ob er etwas völlig Unmögliches und +Die Augen der Sommerstorf würden sich voller Staunen +auf ihn richten, als ob er etwas völlig Unmögliches und Undenkbares ausgesprochen habe. Etwas, das der Welt -der Sommerstorf völlig fern lag, das die Welt der Sommerstorf -nie begriff und nie begreifen konnte. Ruth würde -lächeln und die Brauen in die Höhe ziehen. Ja, auch dieses +der Sommerstorf völlig fern lag, das die Welt der Sommerstorf +nie begriff und nie begreifen konnte. Ruth würde +lächeln und die Brauen in die Höhe ziehen. Ja, auch dieses Flattern der Brauen liebte der General nicht und die leise -Überheblichkeit, die im Lächeln der Sommerstorf lag. +Überheblichkeit, die im Lächeln der Sommerstorf lag. </p> <p> Seine Gedanken verdichteten sich, ballten sich zusammen, -die Stirn wurde düster. +die Stirn wurde düster. </p> <p> -Behutsam schob Jakob mit seinen großen, in weißen -Wollhandschuhen steckenden Händen die neue Flasche +Behutsam schob Jakob mit seinen großen, in weißen +Wollhandschuhen steckenden Händen die neue Flasche Fachinger auf den Tisch. </p> @@ -8100,7 +8067,7 @@ Fachinger auf den Tisch. </p> <p> -Und die Limousine zwitscherte die Tiergartenstraße +Und die Limousine zwitscherte die Tiergartenstraße hinunter zur Lessingallee. — </p> @@ -8108,7 +8075,7 @@ hinunter zur Lessingallee. — <a id="page-141" class="pagenum" title="141"></a> „Hoffentlich geben sie ihm bald ein Frontkommando!“ dachte Ruth, die sofort hinter dem General das Haus -verließ. Sie hatte sich am Kemperplatz, ganz in der Nähe, +verließ. Sie hatte sich am Kemperplatz, ganz in der Nähe, mit jemand verabredet. </p> @@ -8116,26 +8083,26 @@ mit jemand verabredet. Beim Rolandbrunnen am Kemperplatz stand schon dieser Jemand und wartete. Er hob sich fast ebenso deutlich ab wie der Roland auf dem Brunnen selbst. Ruth lief wie -ein junges Mädchen — lief dem Jemand in die Arme. +ein junges Mädchen — lief dem Jemand in die Arme. </p> <p> „Papa kam heute unvermutet zu Tisch“, sprudelte sie hervor. „Seine Laune wird immer schlechter. Wollte -Gott, daß er bald wieder an die Front käme —“ +Gott, daß er bald wieder an die Front käme —“ </p> <p> -„Wollte Gott, daß es bald keine Front mehr gäbe —“ +„Wollte Gott, daß es bald keine Front mehr gäbe —“ </p> <p> -„Ein herrlicher Abend, aber etwas kühl!“ +„Ein herrlicher Abend, aber etwas kühl!“ </p> <p> „Es ist immer herrlich, wenn Ruth da ist.“ Und der Jemand -hüllte Ruth in seinen Mantel. +hüllte Ruth in seinen Mantel. </p> <h3 class="no" id="subchap-1-2-11"> @@ -8143,46 +8110,46 @@ hüllte Ruth in seinen Mantel. </h3> <p class="first"> -<span class="firstchar">N</span>och immer saß der kleine Herr Herbst inmitten der -unendlichen Dunkelheit und flüsterte zärtlich den +<span class="firstchar">N</span>och immer saß der kleine Herr Herbst inmitten der +unendlichen Dunkelheit und flüsterte zärtlich den Namen seines Sohnes. Sein kleines, hohlwangiges Gesicht -war in Tränen gebadet. +war in Tränen gebadet. </p> <p> -Da — nun wurde es lichter an der Türe — nun kam er! -Der Teuerste, Heißgeliebte kehrte aus dem Reiche der +Da — nun wurde es lichter an der Türe — nun kam er! +Der Teuerste, Heißgeliebte kehrte aus dem Reiche der Schatten, wie die Menschen es nennen, zu seinem Vater -zurück, wie in jeder stillen, dunkeln Nacht. +zurück, wie in jeder stillen, dunkeln Nacht. </p> <p> -Ein fahler Schein ging von der Türe aus — und er erschauerte. +Ein fahler Schein ging von der Türe aus — und er erschauerte. Ja, ja, er war es, der Geliebte, Beste. Deutlich sah er ihn im fahlen Schein stehen: genau so sah er aus wie zu Hause auf dem Bilde. Ein Soldat im Helm, ein -Jäger, jung, ein blutjunges Bürschchen, in der Rechten -den Gewehrlauf, der mit Blumen geschmückt war, ganz +Jäger, jung, ein blutjunges Bürschchen, in der Rechten +den Gewehrlauf, der mit Blumen geschmückt war, ganz wie an jenem furchtbaren Tage, da er ihn zum Bahnhof begleitete. </p> <p> <a id="page-142" class="pagenum" title="142"></a> -Eisige Kälte brachte er mit aus dem Reiche der Schatten. -Der alte Mann zittert. Die Kälte kroch über ihn, und er -fühlte, wie sein kahler Schädel einschrumpfte. Die Angst -schnürte ihm die Brust zusammen, und doch war es süß — -erlösend. +Eisige Kälte brachte er mit aus dem Reiche der Schatten. +Der alte Mann zittert. Die Kälte kroch über ihn, und er +fühlte, wie sein kahler Schädel einschrumpfte. Die Angst +schnürte ihm die Brust zusammen, und doch war es süß — +erlösend. </p> <p> -„Bist du es?“ flüsterte er voller Verzückung. +„Bist du es?“ flüsterte er voller Verzückung. </p> <p> „Mein Sohn, mein Liebling!“ Und er streckte seine eisigen, -kleinen blauen Hände gegen die Türe aus. +kleinen blauen Hände gegen die Türe aus. </p> <p> @@ -8190,13 +8157,13 @@ kleinen blauen Hände gegen die Türe aus. und er wartete auch nicht auf Antwort. Sie stand, regungslos, und blickte unverwandt auf ihn. Manchmal sah er deutlich die Augen, nicht immer. Seines Sohnes Augen, deren -Glanz und Färbung er nie vergaß — glänzend und kristallen -wie die Augen eines unschuldigen Tieres — während die -Züge des Gesichts zuweilen schon seinem Gedächtnis entglitten. +Glanz und Färbung er nie vergaß — glänzend und kristallen +wie die Augen eines unschuldigen Tieres — während die +Züge des Gesichts zuweilen schon seinem Gedächtnis entglitten. </p> <p> -„Bist du zurückgekehrt zu Papa —?“ +„Bist du zurückgekehrt zu Papa —?“ </p> <p> @@ -8204,42 +8171,42 @@ Aber, Entsetzen! Wieder begann der Teure zu bluten — </p> <p> -Von der Stirn floß plötzlich dunkles Gerinnsel, gewiß, -dort hatte ihn das tödliche Geschoß getroffen. Das Blut -floß, es strömte, es färbte die Uniform dunkel, lautlos -strömte es auf den Boden, ohne Ende. Und der Teure +Von der Stirn floß plötzlich dunkles Gerinnsel, gewiß, +dort hatte ihn das tödliche Geschoß getroffen. Das Blut +floß, es strömte, es färbte die Uniform dunkel, lautlos +strömte es auf den Boden, ohne Ende. Und der Teure stand, regungslos blutete er, ohne jeden Laut . . . </p> <p> „Wie schrecklich du heute wieder blutest, mein Einziger!“ -flüsterte der kleine alte Mann — oh, so leise! — und rang -die Hände. Die Tränen stürzten über seine Wangen. „Immer +flüsterte der kleine alte Mann — oh, so leise! — und rang +die Hände. Die Tränen stürzten über seine Wangen. „Immer noch findest du nicht Ruhe, du Teuerster? Warte, gedulde dich — ich habe schon an ihn geschrieben, er wird -antworten — gewiß . . . Alles werde ich versuchen, nichts +antworten — gewiß . . . Alles werde ich versuchen, nichts werde ich unversucht lassen — ich gelobe es — mein Liebling —“ </p> <p> -Und er flüsterte, versprach, rang die Hände, verhüllte -das tränennasse Gesicht — +Und er flüsterte, versprach, rang die Hände, verhüllte +das tränennasse Gesicht — </p> <p> Da wurde es licht, der Schein einer Kerze, und -augenblicklich zerfloß die Erscheinung. Nichts blieb als +augenblicklich zerfloß die Erscheinung. Nichts blieb als <a id="page-143" class="pagenum" title="143"></a> -die hellgestrichene Füllung einer Türe mit einem -schwarzen Schloß. +die hellgestrichene Füllung einer Türe mit einem +schwarzen Schloß. </p> <p> -Nicht eine Kerze, der Mond war über die Dächer gekommen. -Ein Lichtkeil spaltete plötzlich die Dunkelheit -des Zimmers. Erschrocken zog Herr Herbst die Hände aus -dem Lichtstrahl zurück, als würden sie verbrannt. +Nicht eine Kerze, der Mond war über die Dächer gekommen. +Ein Lichtkeil spaltete plötzlich die Dunkelheit +des Zimmers. Erschrocken zog Herr Herbst die Hände aus +dem Lichtstrahl zurück, als würden sie verbrannt. </p> <p class="tb"> @@ -8247,14 +8214,14 @@ dem Lichtstrahl zurück, als würden sie verbrannt. </p> <p class="first"> -<span class="firstchar">D</span>ie Dunkelheit war zertrümmert, und nun kamen auch -die Geräusche zurück. Stimmen murmelten, es hustete, -alle Arten von Husten, vom pfeifenden Frauenhüsteln -bis zum brüllenden Husten erkälteter Männer. Schlaflos -war das ganze Haus, es brauchte nur der Mond über die -Dächer zu kommen, aus Glas schien es zu sein. Die Lider -standen im Schlummer geöffnet, wie bei den Toten, und -die Strahlen des Mondes stachen wie Nadeln in die bloßgelegten +<span class="firstchar">D</span>ie Dunkelheit war zertrümmert, und nun kamen auch +die Geräusche zurück. Stimmen murmelten, es hustete, +alle Arten von Husten, vom pfeifenden Frauenhüsteln +bis zum brüllenden Husten erkälteter Männer. Schlaflos +war das ganze Haus, es brauchte nur der Mond über die +Dächer zu kommen, aus Glas schien es zu sein. Die Lider +standen im Schlummer geöffnet, wie bei den Toten, und +die Strahlen des Mondes stachen wie Nadeln in die bloßgelegten Hirne. </p> @@ -8268,7 +8235,7 @@ der Wand. </p> <p> -„Ja, ja“, entgegnete Hähnleins heisere Stimme. „Ich +„Ja, ja“, entgegnete Hähnleins heisere Stimme. „Ich sehe mir den Mond an.“ </p> @@ -8281,40 +8248,40 @@ sehe mir den Mond an.“ </p> <p> -Ermattet saß Herr Herbst, bebend vor Erschöpfung. -Das Gespräch mit dem Sohn hatte ihn völlig entkräftet. +Ermattet saß Herr Herbst, bebend vor Erschöpfung. +Das Gespräch mit dem Sohn hatte ihn völlig entkräftet. Der Teure sog alle Kraft aus ihm. Das Herz zuckte in seiner -Brust. Er wischte sich den Schweiß von der Stirne. +Brust. Er wischte sich den Schweiß von der Stirne. </p> <p> Ach, wie entsetzlich er doch wieder geblutet hatte — er -litt — rasch mußte er handeln, rasch! +litt — rasch mußte er handeln, rasch! </p> <p> -Er versank in tiefes Nachdenken. Langsam, wie betäubt +Er versank in tiefes Nachdenken. Langsam, wie betäubt bewegten sich die Gedanken in seinem kahlen Kopf, schlafschwer -krochen sie dahin wie Schatten auf den Dächern. -Das Geflüster und Gezischel hinter der Wand störte ihn -nicht. Hähnleins alte Litanei — die Litanei des <a id="corr-5"></a>Elends +krochen sie dahin wie Schatten auf den Dächern. +Das Geflüster und Gezischel hinter der Wand störte ihn +nicht. Hähnleins alte Litanei — die Litanei des <a id="corr-5"></a>Elends und des Hungers. Nein, das Elend fremder Menschen <a id="page-144" class="pagenum" title="144"></a> machte keinen Eindruck mehr auf ihn. Worte, Nichtigkeiten! -Weshalb sollten nicht andere ebenfalls unglücklich sein, alle. +Weshalb sollten nicht andere ebenfalls unglücklich sein, alle. Neulich hatte er mit angesehen, wie ein vornehmer Herr -von einem Militärlastauto überfahren wurde — gerade -über das rechte Bein war das schwere Doppelrad gegangen. +von einem Militärlastauto überfahren wurde — gerade +über das rechte Bein war das schwere Doppelrad gegangen. Er war in verzweifelter Stimmung, sofort aber besserte -sich seine Laune! Die Unglücklichen weiden sich am Unglück, +sich seine Laune! Die Unglücklichen weiden sich am Unglück, die Kranken an der Krankheit, die Armen an der -Armut — nur die Glücklichen, das ist etwas ganz anderes, -sie weiden sich nicht am Glück. Sie sehen andere Menschen +Armut — nur die Glücklichen, das ist etwas ganz anderes, +sie weiden sich nicht am Glück. Sie sehen andere Menschen nicht mehr. </p> <p> -Langsam — aber schließlich fand er sich doch zurecht in +Langsam — aber schließlich fand er sich doch zurecht in all den Dunkelheiten. </p> @@ -8339,22 +8306,22 @@ Erregt setzte er sich auf. </p> <p> -Im Nu hatte er die Füße auf den Boden gestellt. Er saß +Im Nu hatte er die Füße auf den Boden gestellt. Er saß mitten im Mondlicht und blickte zum Fenster hinaus. Sein -Schädel glänzte wie eine Quecksilberkugel, seine Augen +Schädel glänzte wie eine Quecksilberkugel, seine Augen schimmerten wie die Augen toter Fische, die schon lange liegen. Er lauschte in sich hinein, er grub in seinem Gehirn. -Plötzlich begann sein gleißender Schädel zu dampfen, -Rauch kräuselte aus seinen Augen. Eine Wolke glitt über -den Mond. Wieder glänzte die Quecksilberkugel. Aber -plötzlich saß er gänzlich ohne Kopf da. Der Mond glitt hinter +Plötzlich begann sein gleißender Schädel zu dampfen, +Rauch kräuselte aus seinen Augen. Eine Wolke glitt über +den Mond. Wieder glänzte die Quecksilberkugel. Aber +plötzlich saß er gänzlich ohne Kopf da. Der Mond glitt hinter einen Schornstein. Als er wieder ins Zimmer blendete, -hatte Herr Herbst die Hälfte seines Volumens verloren. +hatte Herr Herbst die Hälfte seines Volumens verloren. Er hatte den Havelock abgelegt. </p> <p> -Rasch, rasch riß er den Kragen und die kleine schwarze +Rasch, rasch riß er den Kragen und die kleine schwarze Binde ab und steckte den Kopf in eiskaltes Wasser. Der Mond funkelte. </p> @@ -8366,12 +8333,12 @@ des kleinen Herrn Herbst wachgeblendet. <p> <a id="page-145" class="pagenum" title="145"></a> -Er konnte gar nicht genug eiskaltes Wasser über seinen Kopf -gießen. Fieberhaft rieb er sich ab, zog Kragen und Binde an. +Er konnte gar nicht genug eiskaltes Wasser über seinen Kopf +gießen. Fieberhaft rieb er sich ab, zog Kragen und Binde an. </p> <p> -„Ja, ja, weshalb nicht —?“ Rasch schlüpfte er in den +„Ja, ja, weshalb nicht —?“ Rasch schlüpfte er in den Havelock. </p> @@ -8388,9 +8355,9 @@ Havelock. </p> <p> -Schon rannte er zur Türe hinaus. Halt! wohin? es ist -mitten in der Nacht! Aber nichts hielt ihn zurück. Mit -raschen Schritten eilte er die leere und verödete Fabriciusstraße +Schon rannte er zur Türe hinaus. Halt! wohin? es ist +mitten in der Nacht! Aber nichts hielt ihn zurück. Mit +raschen Schritten eilte er die leere und verödete Fabriciusstraße hinab. </p> @@ -8407,32 +8374,32 @@ Ah, und wie eisig kalt es war! </p> <p> -„Achttausend Mark, Ruth, ich bitte Sie! Für eine +„Achttausend Mark, Ruth, ich bitte Sie! Für eine ganz einfache Gesellschaftstoilette! Und ein Hemd, ganz und -gar nicht luxuriös, etwas billige Spitzen, ein paar Seidenschleifen -— fünfhundert Mark. Es ist wirklich eine Komödie. -Ich wage es schon gar nicht mehr, ein Geschäft zu betreten.“ +gar nicht luxuriös, etwas billige Spitzen, ein paar Seidenschleifen +— fünfhundert Mark. Es ist wirklich eine Komödie. +Ich wage es schon gar nicht mehr, ein Geschäft zu betreten.“ </p> <p> „Wie wird es aber werden?“ fragte Ruth und zog die -Brauen hoch. „Die Hälfte der Bevölkerung hat schon -keine Wäsche mehr. Die Kinder schlafen auf Papier.“ +Brauen hoch. „Die Hälfte der Bevölkerung hat schon +keine Wäsche mehr. Die Kinder schlafen auf Papier.“ </p> <p> -Dora fand das sehr spaßig. +Dora fand das sehr spaßig. </p> <p> -„Wie es werden wird? Höchst einfach, im nächsten Jahr +„Wie es werden wird? Höchst einfach, im nächsten Jahr werden wir uns alle in Papier kleiden, Ruth, und das wird ungeheuer lustig werden! Sie erinnern sich an die Dame, -die im vorigen Sommer ohne Strümpfe Unter den Linden -ging? Wenn man hübsche Beine hat, ist das reizend. Aber +die im vorigen Sommer ohne Strümpfe Unter den Linden +ging? Wenn man hübsche Beine hat, ist das reizend. Aber denken Sie sich eine Gesellschaft, ganz in Papier gekleidet! -Die Industrie wird die reizendsten Farbtöne erfinden —“ -Dora mußte vor Lachen abbrechen — „Der General +Die Industrie wird die reizendsten Farbtöne erfinden —“ +Dora mußte vor Lachen abbrechen — „Der General meint allerdings —“ </p> @@ -8444,35 +8411,35 @@ meint allerdings —“ <p> „Er sagt, die Industrie habe Ersatzstoffe erfunden, die viel besser sind als Wolle und Seide. Zum Beispiel, nun -wie heißt sie, diese Patentfaser? Die ganze Lüneburger +wie heißt sie, diese Patentfaser? Die ganze Lüneburger Heide soll mit Brennesseln bepflanzt werden, doch das wird -wohl noch ein Weilchen dauern. Aber hören Sie, Ruth, +wohl noch ein Weilchen dauern. Aber hören Sie, Ruth, welch blendende Idee! Ich werde bei meinem Hausball -Papierkostüme vorschreiben!“ Dora klatschte vor Vergnügen -in die Hände, und wieder füllte ihr Lachen Ruths +Papierkostüme vorschreiben!“ Dora klatschte vor Vergnügen +in die Hände, und wieder füllte ihr Lachen Ruths kleinen halbdunkeln Salon mit Heiterkeit und tausend -Schelmereien. „Süß sehen Sie aus, mein Kind. Woher -stammt diese Bluse? Lassen Sie fühlen, herrlich! Das ist -noch Seide! Was man heute für schweres Geld bekommt, -ist ja Schund, den früher unsere Neger getragen haben. +Schelmereien. „Süß sehen Sie aus, mein Kind. Woher +stammt diese Bluse? Lassen Sie fühlen, herrlich! Das ist +noch Seide! Was man heute für schweres Geld bekommt, +ist ja Schund, den früher unsere Neger getragen haben. Aber denken Sie doch Ruth, wenn wir erst in einer Papierserviette schlafen gehen werden —!“ Es war -Dora gänzlich unmöglich, diese drolligen Phantasien -abzuschütteln. +Dora gänzlich unmöglich, diese drolligen Phantasien +abzuschütteln. </p> <p> -Ruth bereitete den Tee, während die schöne Dora schwatzte -und lachte. Sie folgte mit zärtlichen Blicken jeder Bewegung +Ruth bereitete den Tee, während die schöne Dora schwatzte +und lachte. Sie folgte mit zärtlichen Blicken jeder Bewegung Ruths, die sie liebte. Ja, aufrichtig liebte, obschon sie ganz anders war, vielleicht, weil sie ganz anders war. Und sie -fand sie in vieler Beziehung so amüsant! Zum Beispiel, +fand sie in vieler Beziehung so amüsant! Zum Beispiel, der Hut hing auf einer Blumenvase und — bei Gott — ein kleiner schwarzgelber Abendschuh lag verlassen auf dem -Sofa. War das nicht süß? Und die Teemaschine -stand auf dem Schreibtisch, natürlich floß das kochende -Wasser auf die Platte. Nein, wie reizend! Früher -war Ruth häufig bei ihr gewesen, sie hatten zusammen +Sofa. War das nicht süß? Und die Teemaschine +stand auf dem Schreibtisch, natürlich floß das kochende +Wasser auf die Platte. Nein, wie reizend! Früher +war Ruth häufig bei ihr gewesen, sie hatten zusammen musiziert — </p> @@ -8485,53 +8452,53 @@ musiziert — </p> <p> -Aber nun sah man sie selten. Dora nahm es ihr nicht übel. +Aber nun sah man sie selten. Dora nahm es ihr nicht übel. Sie liebte sie trotzdem, wie sie alle Menschen, die ihr nichts zuleide taten, liebte, wenn sie guter Laune war. Hatte <a id="page-147" class="pagenum" title="147"></a> -sie aber ihre bösen Stunden — nun, da hätte sie ruhig -sehen können, wie man die Menschen vor ihren Augen -abschlachtete — aber das war natürlich eine Übertreibung. +sie aber ihre bösen Stunden — nun, da hätte sie ruhig +sehen können, wie man die Menschen vor ihren Augen +abschlachtete — aber das war natürlich eine Übertreibung. Dora konnte grausam sein, sehr grausam, wenigstens dachte sie es. </p> <p> -Butzi, der Griffon, ließ den schwarzgelben Abendschuh, +Butzi, der Griffon, ließ den schwarzgelben Abendschuh, der neben dem kleinen Sofa auf dem Boden lag, es war -der zweite, plötzlich aus den Zähnen und schlich zur Türe. +der zweite, plötzlich aus den Zähnen und schlich zur Türe. </p> <p> -Er steckte die Nase in die Ritze zwischen Schwelle und Türe +Er steckte die Nase in die Ritze zwischen Schwelle und Türe und blies. </p> <p> -Dann aber schnellte er erschrocken auf allen vieren zurück . . . +Dann aber schnellte er erschrocken auf allen vieren zurück . . . </p> <p> -Die Türe öffnete sich — behutsam — leise — und das +Die Türe öffnete sich — behutsam — leise — und das breite steinfarbene Gesicht des Generals, nachdenklich gesammelt, -wurde sichtbar. Aber schon in der nächsten Sekunde +wurde sichtbar. Aber schon in der nächsten Sekunde verschwand die nachdenkliche Sammlung und die Steinfarbe -— betreten und überrascht prallte das Gesicht zurück -und färbte sich rot. +— betreten und überrascht prallte das Gesicht zurück +und färbte sich rot. </p> <p> Der General erschrak genau wie Butzi und wich genau -wie Butzi zurück. Butzi erholte sich sogar zuerst und begann -zu kläffen. +wie Butzi zurück. Butzi erholte sich sogar zuerst und begann +zu kläffen. </p> <p> -„Herr General?“ rief Dora überrascht aus. +„Herr General?“ rief Dora überrascht aus. </p> <p> -„Papa?“ fragte Ruth leise und ungläubig. +„Papa?“ fragte Ruth leise und ungläubig. </p> <p> @@ -8540,17 +8507,17 @@ zu kläffen. <p> Dora lachte. „Kommen Sie doch, Herr General, wir -sind eben bei den interessantesten Gesprächen.“ +sind eben bei den interessantesten Gesprächen.“ </p> <p> -„— will nicht stören — ich wollte nur — ich hörte Stimmen +„— will nicht stören — ich wollte nur — ich hörte Stimmen — guten Tag, meine Damen.“ Und der General verschwand -sofort wieder und schloß leise die Türe hinter sich. +sofort wieder und schloß leise die Türe hinter sich. </p> <p> -Butzi hatte gesiegt. Er kläffte wütend hinter dem abziehenden +Butzi hatte gesiegt. Er kläffte wütend hinter dem abziehenden Gegner her. </p> @@ -8559,16 +8526,16 @@ Gegner her. </p> <p> -Ruth schüttelte den Kopf. „Ich weiß es nicht“, antwortete +Ruth schüttelte den Kopf. „Ich weiß es nicht“, antwortete sie. „Er kommt sonst nie in mein Zimmer.“ </p> <p> -„Er ist argwöhnisch, Ruth“, sagte Dora. +„Er ist argwöhnisch, Ruth“, sagte Dora. </p> <p> -Ruth blickte auf und errötete. +Ruth blickte auf und errötete. </p> <p> @@ -8578,7 +8545,7 @@ Dora fort und blinzelte mit dem rechten Auge. </p> <p> -Die Röte wich aus Ruths Wangen. Sie wurde bleich. +Die Röte wich aus Ruths Wangen. Sie wurde bleich. </p> <p> @@ -8590,15 +8557,15 @@ Die Röte wich aus Ruths Wangen. Sie wurde bleich. </p> <p> -„Sie kamen erst am Morgen nach Hause. Er erzählte +„Sie kamen erst am Morgen nach Hause. Er erzählte es mir. Gott, wie sie erschrocken ist, die Kleine. Ich habe -es ihm natürlich ausgeredet. Sie können sich das wohl +es ihm natürlich ausgeredet. Sie können sich das wohl denken.“ </p> <p> „Ich bin bei Platens im Grunewald gewesen, und es -wurde sehr spät.“ +wurde sehr spät.“ </p> <p> @@ -8606,15 +8573,15 @@ wurde sehr spät.“ </p> <p> -„Ich? Wieso? Er fragte nicht. Schließlich ist es auch -nicht seine Sache. Nehmen Sie Süßstoff, Dora? Ich +„Ich? Wieso? Er fragte nicht. Schließlich ist es auch +nicht seine Sache. Nehmen Sie Süßstoff, Dora? Ich habe keinen Zucker.“ </p> <p> Ja, nun wurde also Tee getrunken, lange genug hatte -es gedauert — und draußen goß es in Strömen, welches -Wetter, in diesem Berlin! Dora zündete eine ihrer dicken +es gedauert — und draußen goß es in Strömen, welches +Wetter, in diesem Berlin! Dora zündete eine ihrer dicken englischen Zigaretten an. </p> @@ -8632,8 +8599,8 @@ sagte sie, und wieder blinzelte sie mit dem rechten Auge. </p> <p> -Dora lachte. Es machte ihr Vergnügen, scheue Menschen -in Verlegenheit zu bringen. Dann aber änderte sie den Ton. +Dora lachte. Es machte ihr Vergnügen, scheue Menschen +in Verlegenheit zu bringen. Dann aber änderte sie den Ton. </p> <p> @@ -8642,11 +8609,11 @@ in Verlegenheit zu bringen. Dann aber änderte sie den Ton. <p> „Sehr gut, danke. Er bewohnt eine reizende Villa, reitet -täglich spazieren, es fehlt ihm wirklich an nichts.“ +täglich spazieren, es fehlt ihm wirklich an nichts.“ </p> <p> -„Hören Sie Ruth — aber Butzi, sehen Sie, er zerreißt +„Hören Sie Ruth — aber Butzi, sehen Sie, er zerreißt Ihnen den ganzen Schuh —“ </p> @@ -8657,10 +8624,10 @@ auf dem Sofa. <p> „Ich wollte sagen, Ruth, wenn Sie erst einmal auf Ferchow -wohnen — es ist der schönste Sitz in Pommern, und Sie haben +wohnen — es ist der schönste Sitz in Pommern, und Sie haben da einen chinesischen Pavillon auf einer Insel im See, <a id="page-149" class="pagenum" title="149"></a> -märchenhaft, die Armins haben ja ihr Gut nebenan — wenn +märchenhaft, die Armins haben ja ihr Gut nebenan — wenn Sie erst auf Ferchow wohnen, versprechen Sie mir —“ </p> @@ -8686,7 +8653,7 @@ Ruth blickte Dora in die Augen. </p> <p> -„So erklären Sie mir doch, meine Liebste —?“ +„So erklären Sie mir doch, meine Liebste —?“ </p> <p> @@ -8698,7 +8665,7 @@ Ruth blickte Dora in die Augen. </p> <p> -Doppelt so groß wie gewöhnlich waren Doras blaue +Doppelt so groß wie gewöhnlich waren Doras blaue Augen vor Erstaunen. </p> @@ -8707,19 +8674,19 @@ Augen vor Erstaunen. </p> <p class="first"> -<span class="firstchar">D</span>as nächstemal war der General vorsichtiger. Er erkundigte +<span class="firstchar">D</span>as nächstemal war der General vorsichtiger. Er erkundigte sich erst, ob seine Tochter ausgegangen sei, und klopfte zur doppelten Vorsicht vorher an. Zu peinlich -war es ihm neulich gewesen — Dora saß da, Ruth, nicht +war es ihm neulich gewesen — Dora saß da, Ruth, nicht einmal angeklopft hatte er — was mochten sie denken von ihm? </p> <p> Er hatte jahrelang Ruths Zimmer nicht betreten. Jahrelang -hatte er sich überhaupt nicht im geringsten um Ruth -gekümmert, ihr jegliche Freiheit gelassen, seinen Grundsätzen -gemäß — nun aber schien es ihm an der Zeit zu sein . . . +hatte er sich überhaupt nicht im geringsten um Ruth +gekümmert, ihr jegliche Freiheit gelassen, seinen Grundsätzen +gemäß — nun aber schien es ihm an der Zeit zu sein . . . </p> <p> @@ -8728,16 +8695,16 @@ Nicht ohne eine gewisse Scheu trat er ein. <p> Sofort aber waren diese beiden Augen auf ihn gerichtet, -obwohl er den Blick abgewendet hatte, denn er wußte genau, +obwohl er den Blick abgewendet hatte, denn er wußte genau, wo das Bild hing. Diese Augen leuchteten ihm entgegen, -und der General fühlte ihren schimmernden Blick durch die +und der General fühlte ihren schimmernden Blick durch die Lider hindurch, ja selbst durch den Kopf, wenn er das Gesicht -abwandte. Er räusperte sich und murmelte etwas +abwandte. Er räusperte sich und murmelte etwas vor sich hin, um sein Gleichgewicht wieder zu finden. </p> <p> -Rügend schüttelte er den Kopf: Welche Unordnung! +Rügend schüttelte er den Kopf: Welche Unordnung! </p> <p> @@ -8747,27 +8714,27 @@ Sommerstorf geerbt, keineswegs von ihm. Augenblicklich schossen ihm in einer Sekunde tausend Erinnerungen durch den Kopf. Da war, zum Beispiel, die Naht am Handschuh geplatzt, und sie machten Besuch beim Regimentskommandeur. -Es war äußerst peinlich. Der Regimentskommandeur +Es war äußerst peinlich. Der Regimentskommandeur sah sofort die geplatzte Naht des Handschuhs, es sah aus, -als sähe er überhaupt nichts anderes. Und da kamen, zum -Beispiel, Gäste, sie waren auf acht Uhr geladen. Sie kamen, -und der Salon war völlig in Unordnung. Notenblätter -waren überall umhergestreut, und die Tischdecke lag voll -von Rosenblättern, die von einem welken Strauß abgefallen +als sähe er überhaupt nichts anderes. Und da kamen, zum +Beispiel, Gäste, sie waren auf acht Uhr geladen. Sie kamen, +und der Salon war völlig in Unordnung. Notenblätter +waren überall umhergestreut, und die Tischdecke lag voll +von Rosenblättern, die von einem welken Strauß abgefallen waren. Wie in aller Welt sollte er sich denn vor -den Gästen entschuldigen? Aber die Sommerstorf lachte -nur darüber. Gerade über solche Dinge konnte sie ausgelassen -lachen. Es fehlte ihr jedes Organ dafür. So +den Gästen entschuldigen? Aber die Sommerstorf lachte +nur darüber. Gerade über solche Dinge konnte sie ausgelassen +lachen. Es fehlte ihr jedes Organ dafür. So waren sie, die Sommerstorfs. Sie kamen nicht umsonst -aus dem Süden. +aus dem Süden. </p> <p> Ein Hut lag auf dem Tisch im Salon, daneben eine Schere und eine Rolle Zwirn. Die Nadel stak in der Tischdecke. -Zeitungen waren über das Sofa verstreut, und in -der Ecke lag sogar ein Abendschuh. Überall Schreibpapier, -Bücher. +Zeitungen waren über das Sofa verstreut, und in +der Ecke lag sogar ein Abendschuh. Überall Schreibpapier, +Bücher. </p> <p> @@ -8789,90 +8756,90 @@ darin. </p> <p> -Einen Augenblick war der General geneigt, diese Lektüre -für eine junge adelige Dame unpassend zu finden. Schon -wollte er den Kopf schütteln. Aber er überwand sich. Mochte -sie — weshalb nicht — wenn sie Interesse dafür hatte? +Einen Augenblick war der General geneigt, diese Lektüre +für eine junge adelige Dame unpassend zu finden. Schon +wollte er den Kopf schütteln. Aber er überwand sich. Mochte +sie — weshalb nicht — wenn sie Interesse dafür hatte? Auch ein Sozialist hatte ja wohl manches zu sagen, was -interessieren konnte — im übrigen, sie hatten ja in der -Stunde der Gefahr das Vaterland über den Internationalismus +interessieren konnte — im übrigen, sie hatten ja in der +Stunde der Gefahr das Vaterland über den Internationalismus gestellt, bewilligten die Kredite, was man wollte, <a id="page-151" class="pagenum" title="151"></a> -gingen mit durch dick und dünn — in der Tat, sie hatten +gingen mit durch dick und dünn — in der Tat, sie hatten sich als wahre und echte Patrioten erwiesen! </p> <p> -Viele Bücher. Stöße von Büchern. Autoren und Titel -waren ihm unbekannt. Er hatte keine Zeit, Bücher zu lesen — +Viele Bücher. Stöße von Büchern. Autoren und Titel +waren ihm unbekannt. Er hatte keine Zeit, Bücher zu lesen — der Dienst — seit zwanzig Jahren hatte er eigentlich kein -Buch mehr in die Hand genommen — seit dreißig, von -fachwissenschaftlichen Werken natürlich abgesehen. +Buch mehr in die Hand genommen — seit dreißig, von +fachwissenschaftlichen Werken natürlich abgesehen. </p> <p> -Im übrigen, diese modernen Autoren, soviel er von -ihnen wußte, sie beliebten Konstruktionen, lebten in einer -fiktiven Welt — während seine Welt, die Welt des Generals, -eine Welt der harten Tatsachen war, ohne Beschönigung, -ohne Lüge und Poesie, einfach der harten Tatsachen. +Im übrigen, diese modernen Autoren, soviel er von +ihnen wußte, sie beliebten Konstruktionen, lebten in einer +fiktiven Welt — während seine Welt, die Welt des Generals, +eine Welt der harten Tatsachen war, ohne Beschönigung, +ohne Lüge und Poesie, einfach der harten Tatsachen. </p> <p> Aus einem Buch fiel ein Brief: „Geliebte Ruth“ — sofort -schob ihn der General wieder in das Buch zurück. Wieder -schüttelte er rügend den Kopf. Daß sie, zum Beispiel, -nicht daran dachte, daß Unberufene, etwa Therese, den -Brief lesen könnten! Erschreckend diese Ähnlichkeit in den -kleinsten Charakterzügen. Auch ihre Mutter hatte die wichtigsten -Briefe und Schriftstücke herumliegen lassen. So +schob ihn der General wieder in das Buch zurück. Wieder +schüttelte er rügend den Kopf. Daß sie, zum Beispiel, +nicht daran dachte, daß Unberufene, etwa Therese, den +Brief lesen könnten! Erschreckend diese Ähnlichkeit in den +kleinsten Charakterzügen. Auch ihre Mutter hatte die wichtigsten +Briefe und Schriftstücke herumliegen lassen. So hatte es ja seinen Anfang genommen . . . </p> <p> -Wiederum fühlte er den Blick der leuchtenden Augen -so stark, daß die Hand matt wurde, die das Buch hielt. -Deutlich, ganz deutlich hörte er eine Stimme in seinem +Wiederum fühlte er den Blick der leuchtenden Augen +so stark, daß die Hand matt wurde, die das Buch hielt. +Deutlich, ganz deutlich hörte er eine Stimme in seinem Kopf, die irgendwo geschlafen hatte. Er verstand nicht -die Worte, die diese Stimme aussprach, aber er hörte ihren +die Worte, die diese Stimme aussprach, aber er hörte ihren Klang, ganz deutlich, und es war doch schon viele Jahre -her, daß er diese Stimme zum letzten Male gehört hatte. +her, daß er diese Stimme zum letzten Male gehört hatte. </p> <p> Diese Stimme wurde lauter und lauter und nahm -einen immer heitereren Klang an. Deutlich hörte er, +einen immer heitereren Klang an. Deutlich hörte er, wie diese Stimme in seinem Kopfe oder irgendwo — sie schien irgendwo verborgen zu sein! — zu lachen anfing, -ein Lachen, heiter, spöttisch. Der General legte das -Buch zurück. +ein Lachen, heiter, spöttisch. Der General legte das +Buch zurück. </p> <p> -Traurigkeit stieg plötzlich in seinem Herzen auf. +Traurigkeit stieg plötzlich in seinem Herzen auf. </p> <p> „Was will ich eigentlich hier?“ sagte er. Nachdenklich <a id="page-152" class="pagenum" title="152"></a> -verließ er das Zimmer, während die Augen des Bildes +verließ er das Zimmer, während die Augen des Bildes ihm bis zur Schwelle folgten — </p> <p> -Und Marx? Weshalb nicht Marx? Aber es war eigentümlich, +Und Marx? Weshalb nicht Marx? Aber es war eigentümlich, dieser Name klang in ihm weiter. </p> <p> -Als er wieder über den Korridor schritt, hatte er die +Als er wieder über den Korridor schritt, hatte er die Empfindung, aus einer fremden Welt und andern Zeit -gekommen zu sein. Niki zwitscherte fröhlich sein Lied, und -alle Dinge betonten plötzlich ihre Wirklichkeit und Vertrautheit. +gekommen zu sein. Niki zwitscherte fröhlich sein Lied, und +alle Dinge betonten plötzlich ihre Wirklichkeit und Vertrautheit. </p> <p> -Übrigens war es auch frostig in Ruths Zimmer gewesen. +Übrigens war es auch frostig in Ruths Zimmer gewesen. </p> <h3 class="no" id="subchap-1-2-13"> @@ -8880,45 +8847,45 @@ alle Dinge betonten plötzlich ihre Wirklichkeit und Vertrautheit. </h3> <p class="first"> -<span class="firstchar">I</span>n der kahlen, verwahrlosten Fabriciusstraße erscheint -— ist es möglich, an einem Wochentage, in diesen -Zeiten — ein Zylinder! Der Zylinder kommt näher, -immer näher, er verschwindet im „Löwen von Antwerpen“. +<span class="firstchar">I</span>n der kahlen, verwahrlosten Fabriciusstraße erscheint +— ist es möglich, an einem Wochentage, in diesen +Zeiten — ein Zylinder! Der Zylinder kommt näher, +immer näher, er verschwindet im „Löwen von Antwerpen“. </p> <p> -Der bucklige Wirt blinzelt mit den düsteren Eulenaugen +Der bucklige Wirt blinzelt mit den düsteren Eulenaugen und bringt die Flasche Roten und das Schachbrett. </p> <p> -„Meine Hochachtung“, flüstert er, wie es seine Art ist, +„Meine Hochachtung“, flüstert er, wie es seine Art ist, leise — er sprach jahrelang kein Wort, in einer gewissen Periode seines Lebens. „Sie treiben es nobel in diesen Tagen! Immer noch diese amtliche Sache?“ </p> <p> -„Gestern war es leider nichts. Ich hatte versäumt — hatte -ja keine Visitenkarten. Alles hat seine Formen. Plötzlich +„Gestern war es leider nichts. Ich hatte versäumt — hatte +ja keine Visitenkarten. Alles hat seine Formen. Plötzlich denke ich gestern: nun, und die Visitenkarten?“ </p> <p> -Herr Herbst hatte sich verändert. Das Rasiermesser hatte -Kinn und Wangen geglättet, und der Haarkranz war etwas +Herr Herbst hatte sich verändert. Das Rasiermesser hatte +Kinn und Wangen geglättet, und der Haarkranz war etwas geschnitten. Im ganzen hatte das Volumen des Kopfes nur minimal abgenommen, aber es schien, als sei der Kopf -um die Hälfte eingeschrumpft. Und hinten im Nacken, wo -der Hinterkopf ansetzte, waren faustgroße Höhlen sichtbar +um die Hälfte eingeschrumpft. Und hinten im Nacken, wo +der Hinterkopf ansetzte, waren faustgroße Höhlen sichtbar geworden. Wie in den letzten Tagen, trug er auch heute -einen etwas verknüllten, zu langen schwarzen Gehrock, +einen etwas verknüllten, zu langen schwarzen Gehrock, <a id="page-153" class="pagenum" title="153"></a> und wieder empfand der bucklige Wirt Hochachtung vor ihm, als er den Gehrock erblickte. Dieser kleine alte Mann, -der mit dem Gläschen in der Hand vor den Munitionsarbeiterinnen -tanzte und sich zum Gespött der frechen -Geschöpfe machte — wer war er? Ein Heruntergekommener, +der mit dem Gläschen in der Hand vor den Munitionsarbeiterinnen +tanzte und sich zum Gespött der frechen +Geschöpfe machte — wer war er? Ein Heruntergekommener, ein Sonderling — er behauptete, Lehrer an einem Gymnasium gewesen zu sein, aber was behaupteten die Leute heutzutage nicht alles? @@ -8926,31 +8893,31 @@ heutzutage nicht alles? <p> „Heute aber sollen die Karten fertig werden. Er hat -mir sein Ehrenwort gegeben“, fügte Herr Herbst hinzu, -und seine kleinen, etwas schmutzigen Hände rasselten +mir sein Ehrenwort gegeben“, fügte Herr Herbst hinzu, +und seine kleinen, etwas schmutzigen Hände rasselten gierig mit den Schachfiguren. Dieses Rasseln der Schachfiguren, immer erinnerte es ihn an einen kleinen Marmortisch -mit blankgeputzter Messingeinfassung — sein Stammcafé +mit blankgeputzter Messingeinfassung — sein Stammcafé in der Provinz, einst, lange war es her. </p> <p> -„Sie haben den Anzug, Herr Herbst!“ flüsterte der -Bucklige und schob das spitze Kinn über das Schachbrett. +„Sie haben den Anzug, Herr Herbst!“ flüsterte der +Bucklige und schob das spitze Kinn über das Schachbrett. </p> <p> Herr Herbst griff nach dem Glas. Seine Hand zitterte. -Ja, schlimme Tage hatte er hinter sich. Er zerdrückte den +Ja, schlimme Tage hatte er hinter sich. Er zerdrückte den Wein auf der Zunge zwischen den gelben Zahnstumpen. -Plötzlich sah er deutlich — sollte man es für möglich halten? — -das Gesicht des Generals im Glase! Er schloß rasch die -Augen und ließ das ganze Glas durch die Kehle hinunterlaufen. +Plötzlich sah er deutlich — sollte man es für möglich halten? — +das Gesicht des Generals im Glase! Er schloß rasch die +Augen und ließ das ganze Glas durch die Kehle hinunterlaufen. Noch ein Glas — und nun war er bereit. </p> <p> -Kraft und Mut strömten aus dem Wein. +Kraft und Mut strömten aus dem Wein. </p> <p> @@ -8958,7 +8925,7 @@ Furcht? Nein, nein, er hatte keine Furcht. </p> <p> -Er nahm das Aluminiumetui aus der Tasche, zündete +Er nahm das Aluminiumetui aus der Tasche, zündete sich eine Zigarre an und setzte sich zurecht. </p> @@ -8968,7 +8935,7 @@ Er zog den Turmbauern. </p> <p> -Noch weiter schob der Bucklige das spitze Kinn über das +Noch weiter schob der Bucklige das spitze Kinn über das Brett. </p> @@ -8983,9 +8950,9 @@ Eine Falle? Wie, was? Was wollte er mit dem Turmbauern? <p> <a id="page-154" class="pagenum" title="154"></a> „Zu weit? Nun, dann nehmen wir ihn eben um ein -Feld zurück.“ So hochgemut fühlte sich Herr Herbst in diesem -Augenblick, daß er den Bauern gleich über drei Felder -vorstoßen ließ. +Feld zurück.“ So hochgemut fühlte sich Herr Herbst in diesem +Augenblick, daß er den Bauern gleich über drei Felder +vorstoßen ließ. </p> <p> @@ -8994,7 +8961,7 @@ Spieler. </p> <p> -Herr Herbst lehnte sich im Stuhl zurück und blies den +Herr Herbst lehnte sich im Stuhl zurück und blies den Rauch in die Luft. </p> @@ -9003,73 +8970,73 @@ Furcht? Wieso? Vor wem? Vor ihm? </p> <p> -Die Karten würden um vier Uhr fertig werden, nun +Die Karten würden um vier Uhr fertig werden, nun und dann . . . </p> <p> -Wieder trank er ein Gläschen. +Wieder trank er ein Gläschen. </p> <p> Alles war ja in seinem Kopfe zurechtgelegt. Jedes Wort, -die Rede floß in Gedanken. Und, hm, auch die Verbeugungen -und Anreden hatte er schon eingeübt, ganz genau. Weshalb -sollte er Furcht haben? Schließlich war er doch nicht der +die Rede floß in Gedanken. Und, hm, auch die Verbeugungen +und Anreden hatte er schon eingeübt, ganz genau. Weshalb +sollte er Furcht haben? Schließlich war er doch nicht der Kaiser, wie? </p> <p> -Kein Zweifel, er würde ihn zwingen, ihm Rede und -Antwort zu stehen, jede Auskunft, die er wünschte, zu geben. +Kein Zweifel, er würde ihn zwingen, ihm Rede und +Antwort zu stehen, jede Auskunft, die er wünschte, zu geben. </p> <p> Er hatte ja die Briefe in der Tasche, zum Beispiel, am -4. August griff ein Jägerbataillon an, kein Mann kehrte -zurück. Weshalb also mußte am 5. August — er würde -natürlich in aller Höflichkeit, in aller Bescheidenheit . . . +4. August griff ein Jägerbataillon an, kein Mann kehrte +zurück. Weshalb also mußte am 5. August — er würde +natürlich in aller Höflichkeit, in aller Bescheidenheit . . . </p> <p> -„Schach der Königin!“ rief er laut und warnend. +„Schach der Königin!“ rief er laut und warnend. </p> <p> „Wahrhaftig! Nun, Sie erlauben, ich nehme den letzten -Zug nochmals zurück — es heißt überlegen. Sie gehen -ja scharf vor, heute.“ Die düsteren Eulenaugen des Buckligen -begannen zu glühen. +Zug nochmals zurück — es heißt überlegen. Sie gehen +ja scharf vor, heute.“ Die düsteren Eulenaugen des Buckligen +begannen zu glühen. </p> <p> -Herr Herbst griff in Wahrheit stürmisch an. Er fühlte -sich seinem Gegner heute weit überlegen, und er hätte -jede Summe gewettet, daß er gewann, obgleich der Bucklige -für gewöhnlich stärker spielte — unter den jetzigen Umständen, -früher, da hätte er ihn ja nie schlagen können. +Herr Herbst griff in Wahrheit stürmisch an. Er fühlte +sich seinem Gegner heute weit überlegen, und er hätte +jede Summe gewettet, daß er gewann, obgleich der Bucklige +für gewöhnlich stärker spielte — unter den jetzigen Umständen, +früher, da hätte er ihn ja nie schlagen können. </p> <p> -Natürlich, der Kaiser war er ja am Ende nicht. Und -schließlich — er würde ihm ja ebenfalls gefällig sein! Nein, +Natürlich, der Kaiser war er ja am Ende nicht. Und +schließlich — er würde ihm ja ebenfalls gefällig sein! Nein, <a id="page-155" class="pagenum" title="155"></a> nein, es war ganz und gar kein kleiner Dienst — bei rechtem -Lichte betrachtet. Vielleicht würde er sagen: aber mein -lieber Herr Herbst, weshalb sind Sie nicht früher gekommen? -Wer weiß? Wer weiß? +Lichte betrachtet. Vielleicht würde er sagen: aber mein +lieber Herr Herbst, weshalb sind Sie nicht früher gekommen? +Wer weiß? Wer weiß? </p> <p> -Ja, so würde er beginnen. Von diesen jungen -Leuten nebenan würde er berichten — von ihren -Ideen, ihren Absichten, gefährlichen Absichten — nun -ja, rascher als irgendein anderer würde der General +Ja, so würde er beginnen. Von diesen jungen +Leuten nebenan würde er berichten — von ihren +Ideen, ihren Absichten, gefährlichen Absichten — nun +ja, rascher als irgendein anderer würde der General verstehen. </p> <p> -Und dann würde er auf das Mädchen zu sprechen +Und dann würde er auf das Mädchen zu sprechen kommen — </p> @@ -9086,7 +9053,7 @@ kommen — </p> <p> -„Ich bin gezwungen, den letzten Zug zurückzunehmen.“ +„Ich bin gezwungen, den letzten Zug zurückzunehmen.“ </p> <p> @@ -9094,75 +9061,75 @@ kommen — </p> <p> -„Auch Sie haben ja einen Zug zurückgenommen.“ +„Auch Sie haben ja einen Zug zurückgenommen.“ </p> <p> -Dieses Mädchen also, so würde er sagen, hatte er zuerst +Dieses Mädchen also, so würde er sagen, hatte er zuerst gar nicht beachtet. Wie sollte er auch? Alle diese Soldaten -hatten ja ihre Mädchen, nicht wahr, es war einmal nicht +hatten ja ihre Mädchen, nicht wahr, es war einmal nicht anders. Nicht beachtet. An den Sonntagen kochte sie den Tee, bot Zigaretten an. Sie selbst sprach eigentlich wenig, -nur hier und da warf sie ein Wort ein. Man hörte ihre +nur hier und da warf sie ein Wort ein. Man hörte ihre Stimme kaum, so fein klang sie. </p> <p> An den Wochentagen kam sie zuweilen abends, und dann war sie mit ihm allein. Nun sie waren junge Leute, was -sollte da besonderes dabei sein? Er hörte nicht zu, hatte -seine eigenen Gedanken. Eines Abends aber, plötzlich -sprechen sie über gewisse Dinge — wie interessant! Was ist -das? Offenbar kennt das Mädchen genau die Familienverhältnisse -einer gewissen hochgestellten Persönlichkeit. -Nun, es war jedenfalls sonderbar, daß sie so genau Bescheid -wußte — +sollte da besonderes dabei sein? Er hörte nicht zu, hatte +seine eigenen Gedanken. Eines Abends aber, plötzlich +sprechen sie über gewisse Dinge — wie interessant! Was ist +das? Offenbar kennt das Mädchen genau die Familienverhältnisse +einer gewissen hochgestellten Persönlichkeit. +Nun, es war jedenfalls sonderbar, daß sie so genau Bescheid +wußte — </p> <p> Tief in seine Gedanken versunken, legte sich Herr Herbst -im Sessel zurück und blies den Rauch in die Luft. +im Sessel zurück und blies den Rauch in die Luft. </p> <p> <a id="page-156" class="pagenum" title="156"></a> -Sie plaudern also über gewisse Dinge, ganz harmlos. -Sie denken wohl nicht, daß ich nebenan alles höre, denken +Sie plaudern also über gewisse Dinge, ganz harmlos. +Sie denken wohl nicht, daß ich nebenan alles höre, denken wohl, ich sei ausgegangen. </p> <p> -Oben an der Türe sehe ich Licht. +Oben an der Türe sehe ich Licht. </p> <p> -Ich weiß wohl, was sich schickt und was unpassend ist — +Ich weiß wohl, was sich schickt und was unpassend ist — aber, aber, ich kann nicht widerstehen. Das Licht reizt mich. -Ich trage den Stuhl zur Türe, vorsichtig natürlich — steige +Ich trage den Stuhl zur Türe, vorsichtig natürlich — steige hinauf — so, so — strecke mich und blicke durch den Spalt. Ich drehe das Auge hin und her. Ah, da sitzt er also, der Soldat, und daneben — auf dem Sofa . . . </p> <p> -Plötzlich sehe ich ihr mitten ins Gesicht! +Plötzlich sehe ich ihr mitten ins Gesicht! </p> <p> -Der Schreck — glauben Sie mir — die Überraschung — -ich wäre um ein Haar vom Stuhl gefallen! Denn wenn +Der Schreck — glauben Sie mir — die Überraschung — +ich wäre um ein Haar vom Stuhl gefallen! Denn wenn ich auch das und jenes dachte — ich glaubte es ja nicht — -es schien mir unmöglich — die Stimme, hm, das Gespräch, -aber es war ja unmöglich — und doch — doch! +es schien mir unmöglich — die Stimme, hm, das Gespräch, +aber es war ja unmöglich — und doch — doch! </p> <p> -Dieses Mädchen, Herr General, diese Dame — +Dieses Mädchen, Herr General, diese Dame — </p> <p> „Schach und matt!“ rief der Bucklige triumphierend, und -Herr Herbst prallte zurück. +Herr Herbst prallte zurück. </p> <p> @@ -9170,20 +9137,20 @@ Also geschlagen, abermals geschlagen! </p> <p> -Herr Herbst zog die Uhr — er besaß eine goldene Uhr, -sonderbar! — und wurde plötzlich von Unruhe ergriffen. +Herr Herbst zog die Uhr — er besaß eine goldene Uhr, +sonderbar! — und wurde plötzlich von Unruhe ergriffen. </p> <p> -„Ja, nun wird es aber Zeit für mich — höchste Zeit!“ -sagte er und stülpte hastig den Zylinder über den Schädel. +„Ja, nun wird es aber Zeit für mich — höchste Zeit!“ +sagte er und stülpte hastig den Zylinder über den Schädel. Ganz wie der steife schwarze Hut war auch der Zylinder -um eine Nummer zu groß und sank auf die abstehenden -grünlichen Ohren herab. +um eine Nummer zu groß und sank auf die abstehenden +grünlichen Ohren herab. </p> <p> -In höchster Eile verließ er die Kneipe. +In höchster Eile verließ er die Kneipe. </p> <p class="tb"> @@ -9191,15 +9158,15 @@ In höchster Eile verließ er die Kneipe. </p> <p class="first"> -<span class="firstchar">S</span>chon dunkelte es. Lautlos und unaufhörlich sank der +<span class="firstchar">S</span>chon dunkelte es. Lautlos und unaufhörlich sank der schwarze Aschenregen auf die sterbende Stadt. </p> <p> -Eine Stunde später, und Berlin war völlig finster. Undurchdringliche -Finsternis lag über den deutschen Landen, -undurchdringliche schwarze Nacht lag über Europa, zuckend -vor Schmerzen, gebadet in Blut und Tränen. +Eine Stunde später, und Berlin war völlig finster. Undurchdringliche +Finsternis lag über den deutschen Landen, +undurchdringliche schwarze Nacht lag über Europa, zuckend +vor Schmerzen, gebadet in Blut und Tränen. </p> <p> @@ -9208,12 +9175,12 @@ Wann endlich? </p> <p> -Horch! Hunderttausend Geschütze wiehern wollüstig +Horch! Hunderttausend Geschütze wiehern wollüstig durch Europas undurchdringliche schwarze Nacht. </p> <p> -Ja, wann endlich? Eile, binde deine Schuhe, Erlöser, +Ja, wann endlich? Eile, binde deine Schuhe, Erlöser, und eile, wenn du kommen willst! </p> @@ -9233,27 +9200,27 @@ stockt der Schlag seines Herzens. <p class="first"> <span class="firstchar">D</span>ampfwolken quollen aus der Halle, Rauchfetzen flatterten -zwischen den Eisenträgern. Alles wehte. Die -Vorortzüge liefen kreischend ein, keuchten kreischend -hinaus. Mäntel, Hüte, Röcke wirbelten im Rauch und weißen +zwischen den Eisenträgern. Alles wehte. Die +Vorortzüge liefen kreischend ein, keuchten kreischend +hinaus. Mäntel, Hüte, Röcke wirbelten im Rauch und weißen Wasserdampf. Auch Klaras Kleider wirbelten. Sie fror -an den dünnen Beinchen, aber sie liebte es, ganz leicht +an den dünnen Beinchen, aber sie liebte es, ganz leicht gekleidet zu gehen. </p> <p> -Der nach der Westfront abgehende Frühzug hatte Verspätung. +Der nach der Westfront abgehende Frühzug hatte Verspätung. Mochte er! Wie gerne wartete sie! Schon seit einer Stunde ging sie hier am Charlottenburger Bahnhof -auf und ab. Drüben am Bahnhof Zoologischer Garten -standen sie nun, die Damen Sterne-Dönhoff, Mutter und +auf und ab. Drüben am Bahnhof Zoologischer Garten +standen sie nun, die Damen Sterne-Dönhoff, Mutter und Schwestern, und plauderten noch mit ihm. Der Wind pfiff von allen Seiten in die Halle, und blendende Helligkeiten -fegten draußen über die Dächer. +fegten draußen über die Dächer. </p> <p> -Plötzlich blieb Klaras Herz stehen: +Plötzlich blieb Klaras Herz stehen: </p> <p> @@ -9263,39 +9230,39 @@ Rauch herangewirbelt. Der Fernzug . . . </p> <p> -Der Kurfürstendamm, wimmelnde Menschen — sie und -Heinz. Der Tiergarten, brausende Bäume — sie und Heinz. +Der Kurfürstendamm, wimmelnde Menschen — sie und +Heinz. Der Tiergarten, brausende Bäume — sie und Heinz. Die Stufen der Untergrundbahn, ein Menschenstrom, das -kleine Café in der Kantstraße — sie und Heinz. Wie durch +kleine Café in der Kantstraße — sie und Heinz. Wie durch ein scharfes Glas sah sie sich neben ihm, immer neben seinem -weiten grauen Feldmantel — nur die Szenerien änderten -sich, blitzschnell, alle Straßen, Plätze, die sie zusammen +weiten grauen Feldmantel — nur die Szenerien änderten +sich, blitzschnell, alle Straßen, Plätze, die sie zusammen besucht hatten. Der Tiergarten — gestern nachmittag, als -sie Abschied nahmen, es dämmerte schon — sie gab ihm +sie Abschied nahmen, es dämmerte schon — sie gab ihm das Medaillon mit der Locke, das sie so oft und tausendfach -küßte, bis sie einen Weinkrampf bekam — als Talisman -sollte er es tragen — und plötzlich verschwindet alles +küßte, bis sie einen Weinkrampf bekam — als Talisman +sollte er es tragen — und plötzlich verschwindet alles <a id="page-159" class="pagenum" title="159"></a> in einem Wirbel, nichts ist mehr vorhanden als ein -leerer Raum, durch den die schwarze Lokomotive dahinstürmt. +leerer Raum, durch den die schwarze Lokomotive dahinstürmt. </p> <p> -Ihre Kleider flatterten, sie griff an die grasgrüne -Mütze mit der grünen Seidenquaste, in der Rechten +Ihre Kleider flatterten, sie griff an die grasgrüne +Mütze mit der grünen Seidenquaste, in der Rechten wehte das Taschentuch. Sie dachte an nichts, ihre Augen glitten erregt an dem fliegenden Zug entlang, -und sie verging vor Angst, daß sie Heinz nicht mehr -sehen würde. +und sie verging vor Angst, daß sie Heinz nicht mehr +sehen würde. </p> <p> Da, da, da, da war er! Seine Hand, sie erkannte sie -sofort, winkte ihr zu. Ein Lachen in seinem geröteten -Gesicht, ein Blitzen der Zähne, und die blonden Haare -leuchten. Auf seiner Brust aber glänzte — wie ein heller +sofort, winkte ihr zu. Ein Lachen in seinem geröteten +Gesicht, ein Blitzen der Zähne, und die blonden Haare +leuchten. Auf seiner Brust aber glänzte — wie ein heller Stern — durch den Mantel hindurch — das Medaillon -aus Kristall: deutlich sah sie es. Groß und mächtig wie ein +aus Kristall: deutlich sah sie es. Groß und mächtig wie ein Stern, obgleich es ganz klein war. </p> @@ -9311,25 +9278,25 @@ Fort war Heinz. <p> Der Zug war rasend schnell gefahren, aber die letzten -Wagen rollten ganz langsam an Klara vorüber. +Wagen rollten ganz langsam an Klara vorüber. </p> <p> -Der Wind riß ihre Kleider bis zu den schmalen Knien +Der Wind riß ihre Kleider bis zu den schmalen Knien empor, aber sie bemerkte es nicht. Soldaten, die aus den letzten Wagen blickten, schnitten ihr Gesichter. </p> <p> -Da aber fing sie an zu laufen, und weinend stürzte sie +Da aber fing sie an zu laufen, und weinend stürzte sie die Treppe hinab. Wie ein Messer zerschneidet das Lebewohl ein junges Herz. </p> <p> -Alles war ja noch Geheimnis, niemand wußte etwas, -niemand wußte von ihren Schwüren, ihren Versprechungen, -ihren Plänen, ihren Träumen, niemand. +Alles war ja noch Geheimnis, niemand wußte etwas, +niemand wußte von ihren Schwüren, ihren Versprechungen, +ihren Plänen, ihren Träumen, niemand. </p> <p class="tb"> @@ -9337,51 +9304,51 @@ ihren Plänen, ihren Träumen, niemand. </p> <p class="first"> -<span class="firstchar">S</span>chon war Klara zu Hause, und schon war die grüne -Mütze mit der grünen Seidenquaste in ein Paketchen -eingeschnürt, fertig zum Absenden. Er sollte sie haben. +<span class="firstchar">S</span>chon war Klara zu Hause, und schon war die grüne +Mütze mit der grünen Seidenquaste in ein Paketchen +eingeschnürt, fertig zum Absenden. Er sollte sie haben. <a id="page-160" class="pagenum" title="160"></a> -Ach, und sie weinte und bedeckte die alte grüne Mütze -mit Küssen und Tränen. +Ach, und sie weinte und bedeckte die alte grüne Mütze +mit Küssen und Tränen. </p> <p> -Schon aber hatte der Zug die nächste Station passiert, +Schon aber hatte der Zug die nächste Station passiert, und Klara steckte die kleine Flagge auf der Karte um. Man -muß wissen, daß Klara sich ein Kursbuch gekauft hatte, -um den Zug verfolgen zu können. +muß wissen, daß Klara sich ein Kursbuch gekauft hatte, +um den Zug verfolgen zu können. </p> <p> -Und schon war Klara wieder auf der Straße und lachte -in Sonne und Wind, während auf ihrem Herzen noch -die Tränen brannten. Auf zierlichen, raschen Beinchen -schritt sie, die schmale Hüfte wippend, die Joachimsthaler -Straße hinab. Sie war glücklich. +Und schon war Klara wieder auf der Straße und lachte +in Sonne und Wind, während auf ihrem Herzen noch +die Tränen brannten. Auf zierlichen, raschen Beinchen +schritt sie, die schmale Hüfte wippend, die Joachimsthaler +Straße hinab. Sie war glücklich. </p> <p> -Klara ging einkaufen. Sie mußte ja nun an die Feldpaketchen +Klara ging einkaufen. Sie mußte ja nun an die Feldpaketchen denken, ganz wie Millionen andere Frauen. Kam -sie zurück, so konnte sie die Flagge schon bis Hannover vorstecken. +sie zurück, so konnte sie die Flagge schon bis Hannover vorstecken. </p> <p> -Schon dachte sie an die Zeit, da sie die Flagge zurückstecken -würde — wenn er zum ersten Male auf Urlaub kam. +Schon dachte sie an die Zeit, da sie die Flagge zurückstecken +würde — wenn er zum ersten Male auf Urlaub kam. </p> <p> Zwischen der Kindheit und der Welt der Erwachsenen -liegt die Zone des Paradieses. Blendend von Träumen, -Plänen, Visionen, Ahnungen und Wünschen. Wunderbar +liegt die Zone des Paradieses. Blendend von Träumen, +Plänen, Visionen, Ahnungen und Wünschen. Wunderbar und erhaben liegt das Leben vor den Blicken, und mutig geht ihm der Schritt entgegen. </p> <p> Durch dieses Paradies schritt Klara dahin, obschon sie -nur die Joachimsthaler Straße hinabwanderte. +nur die Joachimsthaler Straße hinabwanderte. </p> <h3 class="no" id="subchap-1-3-2"> @@ -9390,14 +9357,14 @@ nur die Joachimsthaler Straße hinabwanderte. <p class="first"> <span class="firstchar">S</span>chon wanderte die kleine Flagge auf der Karte wieder -rückwärts. Es war der Zug, der den ersten Brief +rückwärts. Es war der Zug, der den ersten Brief bringen konnte. Konnte! Aber er kam nicht. Nun kam der Zug an die Reihe, der den ersten Brief bringen sollte. Aber er kam nicht. Nun kam der Zug, der den ersten -Brief bringen mußte. Aber er kam nicht. Die Stunden +Brief bringen mußte. Aber er kam nicht. Die Stunden blieben stehen. Die Uhren tickten, das Herz schlug im <a id="page-161" class="pagenum" title="161"></a> -Halse, und in der Nacht saß Klara mit offenen Augen +Halse, und in der Nacht saß Klara mit offenen Augen im Bett. </p> @@ -9407,9 +9374,9 @@ Endlich, am sechsten Tage, kam er. <p> „Hier ist ein Brief, kleine Braut“, sagte Hedi, und Klara -errötete. Hedi hatte ein überlegenes, aber gutmütiges -Lächeln für die Schwester. Dieselbe Geschichte! dachte sie. -Sie wird Briefe schreiben, jahrelang auf den Briefträger +errötete. Hedi hatte ein überlegenes, aber gutmütiges +Lächeln für die Schwester. Dieselbe Geschichte! dachte sie. +Sie wird Briefe schreiben, jahrelang auf den Briefträger warten . . . Es ist immer das gleiche. </p> @@ -9418,8 +9385,8 @@ warten . . . Es ist immer das gleiche. </p> <p> -„Du versprichst mir, auf Frau v. Dönhoffs Hausball -mitzukommen?“ (Allein würde der Geheime Rat Hedi +„Du versprichst mir, auf Frau v. Dönhoffs Hausball +mitzukommen?“ (Allein würde der Geheime Rat Hedi nicht gehen lassen!) </p> @@ -9428,15 +9395,15 @@ nicht gehen lassen!) </p> <p> -Welches Glück, beim Himmel! Und welche Enttäuschung, +Welches Glück, beim Himmel! Und welche Enttäuschung, dieser Brief . . . </p> <p> -„— wir haben ein reizendes Quartier. Ein kleines Schlößchen. +„— wir haben ein reizendes Quartier. Ein kleines Schlößchen. Daneben liegt unser Flugplatz. Mich haben sie in einer Dachkammer untergebracht. Wir haben eine Enten- und -eine Hühnerzucht. Die Mannschaften besitzen sogar +eine Hühnerzucht. Die Mannschaften besitzen sogar ein kleines Wildschwein.“ Ja, was ging sie das an? </p> @@ -9446,34 +9413,34 @@ Herrlich ist es hier, herrlich, liebe Klara! <p> Tag und Nacht krachen die Kanonen, und fast in jeder -Stunde knallen die Abwehrgeschütze ganz in unserer Nähe, -Schwärme von feindlichen Fliegern kommen herüber. -In der Nähe nämlich steht im Walde ein weittragendes -Geschütz. Wenn es schießt, ist es wie ein Erdbeben. Ein -balkendicker Feuerschein fährt dann aus dem Walde. +Stunde knallen die Abwehrgeschütze ganz in unserer Nähe, +Schwärme von feindlichen Fliegern kommen herüber. +In der Nähe nämlich steht im Walde ein weittragendes +Geschütz. Wenn es schießt, ist es wie ein Erdbeben. Ein +balkendicker Feuerschein fährt dann aus dem Walde. </p> <p> -Das Wetter ist stürmisch und trüb, und gestern habe ich +Das Wetter ist stürmisch und trüb, und gestern habe ich mich mit dem kleinen frechen Meerheim — Du kennst ihn ja — etwas in der Nachbarschaft herumgetrieben. Er ist eine Art Zyniker, aber wir kommen trotzdem ganz gut miteinander aus. Wir waren mit dem Auto in Q. Schutt und Asche! Furchtbar anzusehen! Die Kathedrale wurde -von französischen und englischen Geschützen in Trümmer +von französischen und englischen Geschützen in Trümmer geschossen und geriet zuletzt in Brand. Ein Symbol des <a id="page-162" class="pagenum" title="162"></a> Schreckens und des Krieges. Am Abend speisten wir in der Etappe, wo mich der kleine Meerheim bei Bekannten -einführte. Sie führen ein herrliches Leben, essen und +einführte. Sie führen ein herrliches Leben, essen und trinken und feiern ein Fest nach dem andern. Gerade als wir kamen, feierte ein Rittmeister sein Eisernes Erster. -Es wurde furchtbar gekneipt, und zuletzt ging es böse her. -Wie ekelhaft! Ich habe nicht einen Tropfen angerührt, +Es wurde furchtbar gekneipt, und zuletzt ging es böse her. +Wie ekelhaft! Ich habe nicht einen Tropfen angerührt, denn ich halte das Versprechen, das ich Mama gab. Neben dem Kasino liegt das Lazarett, wo die armen Kerle von vorn hereingebracht werden. Auf dem Heimwege begegneten -wir einem Wagen voller Kisten, nur notdürftig +wir einem Wagen voller Kisten, nur notdürftig zugenagelt. Sie wurden zum Friedhof gebracht. All das ist schrecklich. Das sind die Schattenseiten des Krieges, der sonst herrlich ist, Klara, und alle wunderbaren Eigenschaften @@ -9483,31 +9450,31 @@ des Menschen weckt, Heldentum, Aufopferung, Kameradschaft! <p> Die Kameraden sind alle reizende Leute, prachtvoll ist unser Chef, Hauptmann Wunderlich, geliebt und bewundert -von Offizieren und Mannschaften. Es ist rührend +von Offizieren und Mannschaften. Es ist rührend zu sehen, wie sie Hauptmann Wunderlich alle behilflich sind, wenn er in die Maschine steigt. Er wird ja hineingehoben. Aber alle tun so, als ob sie ihm immer nur ein -bißchen behilflich wären und er aus eigener Kraft hineinklettere. +bißchen behilflich wären und er aus eigener Kraft hineinklettere. </p> <p> Das Wetter war sehr schlecht die ganze Zeit her, die Sicht gleich Null. Nur einmal machten wir einen Geschwaderflug, -und das war wunderbar für mich, das erstemal gegen +und das war wunderbar für mich, das erstemal gegen den Feind zu fliegen. Ich sang oben in der Luft. </p> <p> -Schon hatte Klara Tränen in den Augen. Und ich? dachte +Schon hatte Klara Tränen in den Augen. Und ich? dachte sie, und ich? Er schreibt ja kein Wort — keine Silbe . . . </p> <p> Die Schilderung des Geschwaderfluges, die zwei volle -Seiten einnahm, überflog sie. Mit Tränen in den Augen -las sie, daß Heinz den Spitznamen „Kücken“ bekommen -hatte. Den ganzen Tag heißt es nun: „Wo ist das Kücken? -Kücken, kommen Sie mal her!“ +Seiten einnahm, überflog sie. Mit Tränen in den Augen +las sie, daß Heinz den Spitznamen „Kücken“ bekommen +hatte. Den ganzen Tag heißt es nun: „Wo ist das Kücken? +Kücken, kommen Sie mal her!“ </p> <p> @@ -9516,15 +9483,15 @@ Und von ihr, von ihrer Liebe . . .? </p> <p> -„Neulich war auch P. P. da, Du weißt schon, wen ich +„Neulich war auch P. P. da, Du weißt schon, wen ich meine. Er besuchte uns. Er kam im Automobil angefahren, das er selbst lenkte. Er war sehr elegant gekleidet, und seine -Offiziere trugen phantastische Mäntel aus wunderbarem -weichen Leder, herrliche Stulphandschuhe, überhaupt waren +Offiziere trugen phantastische Mäntel aus wunderbarem +weichen Leder, herrliche Stulphandschuhe, überhaupt waren sie tipptopp. P. P. hatte die Tasche voller Zigaretten, die -er mit vollen Händen an die Mannschaften verteilte. Ich -mußte vorfliegen, und ich machte fünfmal Looping in tausend -Meter Höhe —“ +er mit vollen Händen an die Mannschaften verteilte. Ich +mußte vorfliegen, und ich machte fünfmal Looping in tausend +Meter Höhe —“ </p> <p> @@ -9532,42 +9499,42 @@ Das alles interessierte Klara nicht. </p> <p> -Es interessierte sie auch nicht, was Heinz über den berühmten +Es interessierte sie auch nicht, was Heinz über den berühmten bayrischen Kampfflieger Seitz schrieb, der den ganzen Tag Geige spielte und seinen kleinen Dackel mit in die Maschine nahm. Dann war viel von Ordensauszeichnungen die Rede. Heinz wollte nicht eher auf Urlaub fahren, bevor -er nicht die beiden Kreuze besaß. Und dann kam der -Pour le mérite an die Reihe! Ach, du lieber Himmel, -gewiß würde sie stolz auf ihn sein, aber . . . +er nicht die beiden Kreuze besaß. Und dann kam der +Pour le mérite an die Reihe! Ach, du lieber Himmel, +gewiß würde sie stolz auf ihn sein, aber . . . </p> <p> -„Ich fiebere danach, mich auszuzeichnen und für mein -Vaterland, das große und herrliche Deutschland, zu kämpfen, -das ich über alles liebe, und dem ich meine ganze Kraft -weihen will. Der schönste Moment meines Lebens wird +„Ich fiebere danach, mich auszuzeichnen und für mein +Vaterland, das große und herrliche Deutschland, zu kämpfen, +das ich über alles liebe, und dem ich meine ganze Kraft +weihen will. Der schönste Moment meines Lebens wird es sein, wenn ich das erstemal mich mit meinem Gegner da oben messe! Ich werde nicht locker lassen, bis er hinunterrasselt. -Über alles werde ich Dir dann schreiben, liebe Klara!“ +Über alles werde ich Dir dann schreiben, liebe Klara!“ </p> <p> Dann, kamen noch ein paar Redensarten. „Wie geht es Dir? Hoffentlich gut. Hast Du meine Cousine, Frau v. -Dönhoff, schon besucht? Was macht Berlin? Eben fängt dieser +Dönhoff, schon besucht? Was macht Berlin? Eben fängt dieser Bayer Seitz wieder an, Geige zu spielen. Er spielt sehr -schön, aber oft übt er stundenlang, bis sie Gegenstände +schön, aber oft übt er stundenlang, bis sie Gegenstände nach seiner Decke werfen. </p> <p> -Nächstens werde ich Dir auch einiges über meine Maschine +Nächstens werde ich Dir auch einiges über meine Maschine schreiben. Sie ist ein ganz neuer Typ, klettert wie ein Affe -senkrecht in die Höhe. Hauptmann Wunderlich ist sehr +senkrecht in die Höhe. Hauptmann Wunderlich ist sehr <a id="page-164" class="pagenum" title="164"></a> -zufrieden, und die Kameraden haben für meine Fliegerei -sogar etwas wie Bewunderung übrig. Gute Nacht!“ +zufrieden, und die Kameraden haben für meine Fliegerei +sogar etwas wie Bewunderung übrig. Gute Nacht!“ </p> <p> @@ -9575,14 +9542,14 @@ Klara weinte. </p> <p> -Hedi ging durchs Zimmer, aber sie störte die Kleine nicht. -Sie wußte genau, was in dem Brief stand, ohne ihn zu lesen. +Hedi ging durchs Zimmer, aber sie störte die Kleine nicht. +Sie wußte genau, was in dem Brief stand, ohne ihn zu lesen. Hunderte solcher Feldbriefe hatte sie bekommen. Sie -hätte Klara warnen sollen, sich mit einem Offizier einzulassen. -Sie waren ja alle eitle Schwätzer, eitel und oberflächlich, -nichts als Prahlereien über Kämpfe und Geschwätz -über Ordensauszeichnungen. Sobald sie zur Front kamen, -waren sie gänzlich wahnsinnig. Das war Hedis Ansicht. +hätte Klara warnen sollen, sich mit einem Offizier einzulassen. +Sie waren ja alle eitle Schwätzer, eitel und oberflächlich, +nichts als Prahlereien über Kämpfe und Geschwätz +über Ordensauszeichnungen. Sobald sie zur Front kamen, +waren sie gänzlich wahnsinnig. Das war Hedis Ansicht. </p> <p class="tb"> @@ -9590,38 +9557,38 @@ waren sie gänzlich wahnsinnig. Das war Hedis Ansicht. </p> <p class="first"> -<span class="firstchar">K</span>lara suchte Wolle, um damit ein Paar kleine Pulswärmer -zu stricken. Sollte man es für möglich halten, +<span class="firstchar">K</span>lara suchte Wolle, um damit ein Paar kleine Pulswärmer +zu stricken. Sollte man es für möglich halten, in ganz Berlin gab es nicht einen Strang Wolle? Und -früher quoll die Wolle aus allen Schaufenstern, alle Welt +früher quoll die Wolle aus allen Schaufenstern, alle Welt strickte Tag und Nacht, Deutschland war vollgestopft mit -Wolle. Wie sollte man auf den Gedanken kommen, daß -es einmal damit zu Ende gehen könne? +Wolle. Wie sollte man auf den Gedanken kommen, daß +es einmal damit zu Ende gehen könne? </p> <p> -Früher — Klara erinnerte sich deutlich, damals trug -sie noch Zöpfe — als der Krieg begann, gab es herrliche +Früher — Klara erinnerte sich deutlich, damals trug +sie noch Zöpfe — als der Krieg begann, gab es herrliche Dinge zu kaufen. Jetzt gab es nichts mehr, gar nichts. -Höchstens Bücher und schlechte Zigaretten. Rein ausgeplündert +Höchstens Bücher und schlechte Zigaretten. Rein ausgeplündert schien diese Stadt! </p> <p> -Geschmackvoll und gut sollte alles sein, was sie für Heinz -einkaufte — und billig. Denn Klara erhielt nur dreißig +Geschmackvoll und gut sollte alles sein, was sie für Heinz +einkaufte — und billig. Denn Klara erhielt nur dreißig Mark Taschengeld im Monat. Sie hatte allerdings schon seit langem gespart . . . Aber allein das Medaillon hatte -eine große Summe verschlungen. +eine große Summe verschlungen. </p> <p> -„Es ist für meinen Mann, er ist im Felde“, sagte sie, -wenn sie einkaufte und errötete bei der süßen Lüge. +„Es ist für meinen Mann, er ist im Felde“, sagte sie, +wenn sie einkaufte und errötete bei der süßen Lüge. </p> <p> -„So jung und schon verheiratet, gnädige Frau?“ +„So jung und schon verheiratet, gnädige Frau?“ </p> <p> @@ -9633,14 +9600,14 @@ Klaras Augen strahlten. Sie wandelte im Paradies. </p> <p> -Häufig hielt sie sich in der Straße auf, wo Frau Sterne-Dönhoff +Häufig hielt sie sich in der Straße auf, wo Frau Sterne-Dönhoff <a id="page-165" class="pagenum" title="165"></a> wohnte. Nur um Heinzens Mutter und Schwestern -gelegentlich zu sehen. Selten nur hatte sie Glück. Die -Schwestern sahen Heinz ähnlich. Der Mund besonders! -Die Damen Sterne-Dönhoff gingen immer in Schwarz. +gelegentlich zu sehen. Selten nur hatte sie Glück. Die +Schwestern sahen Heinz ähnlich. Der Mund besonders! +Die Damen Sterne-Dönhoff gingen immer in Schwarz. Sie trugen dicht anliegende Wollkleider, flache, schmucklose -Hüte, spitze Schuhe. Die Mutter ging immer in der +Hüte, spitze Schuhe. Die Mutter ging immer in der Mitte. Sie sprachen wenig, und sie lachten nie. </p> @@ -9649,18 +9616,18 @@ Mitte. Sie sprachen wenig, und sie lachten nie. </p> <p class="noindent"> -„Ich liebe Dich, Heinz, ich küsse Dich, ich drücke Dich an -mein Herz. Dir gehöre ich, mit Leib und Seele! Mache -nicht Looping und sei überhaupt vorsichtig. Ich werde -stolz sein, wenn Du Auszeichnungen erhältst, aber ich liebe -Dich auch so. Es ist ganz nebensächlich. Ich war in der Kirche -und habe gebetet. Ich habe so schrecklich geweint, daß ich -mich schämte. Ich bin ein dummes Mädchen. Ich schicke +„Ich liebe Dich, Heinz, ich küsse Dich, ich drücke Dich an +mein Herz. Dir gehöre ich, mit Leib und Seele! Mache +nicht Looping und sei überhaupt vorsichtig. Ich werde +stolz sein, wenn Du Auszeichnungen erhältst, aber ich liebe +Dich auch so. Es ist ganz nebensächlich. Ich war in der Kirche +und habe gebetet. Ich habe so schrecklich geweint, daß ich +mich schämte. Ich bin ein dummes Mädchen. Ich schicke Dir hier eine neue Locke. Bitte, tue sie in das Medaillon. Ich habe sie in Weihwasser getaucht, bei der ersten hatte ich das vergessen. Verbrenne die erste, versprich es mir! -Das mußt Du tun, und so wird der Talisman wirken! Ich -habe so inbrünstig gebetet, und vor kurzem konnte ich überhaupt +Das mußt Du tun, und so wird der Talisman wirken! Ich +habe so inbrünstig gebetet, und vor kurzem konnte ich überhaupt nicht mehr beten. In der Kirche waren sechs Frauen, sie beteten wie ich. </p> @@ -9668,20 +9635,20 @@ sie beteten wie ich. <p> Ich lege Dir hier eine ganze Menge Briefe bei, die ich geschrieben habe in diesen letzten Tagen, jeden Tag einen, -um mein Herz auszuschütten. Ich lege sie bei, obwohl -sie veraltet sind. Du sollst daraus sehen, daß ich immer +um mein Herz auszuschütten. Ich lege sie bei, obwohl +sie veraltet sind. Du sollst daraus sehen, daß ich immer an Dich gedacht habe. </p> <p> Von allen Deinen Kameraden ist mir der Bayer Seitz am sympathischsten. Er nimmt seinen kleinen Hund mit -in die Maschine, wie rührend ist das! +in die Maschine, wie rührend ist das! </p> <p> -Berlin ist wie immer. Die Menschen sind mißmutig -und niedergeschlagen. Man könnte glauben, sie hätten +Berlin ist wie immer. Die Menschen sind mißmutig +und niedergeschlagen. Man könnte glauben, sie hätten alle Hoffnung verloren, und doch steht es ja besser als je, wenn man die Zeitungen liest. </p> @@ -9689,88 +9656,88 @@ wenn man die Zeitungen liest. <p> Du hast mir nicht geschrieben, ob Du unseren Stern <a id="page-166" class="pagenum" title="166"></a> -betrachtest. Zwischen zehn und elf Uhr, vergiß nicht. Gestern -funkelte er herrlich, und ich mußte so schrecklich weinen. Ich -bin so ein dummes Ding, denn ich bin so rasend glücklich. +betrachtest. Zwischen zehn und elf Uhr, vergiß nicht. Gestern +funkelte er herrlich, und ich mußte so schrecklich weinen. Ich +bin so ein dummes Ding, denn ich bin so rasend glücklich. </p> <p> -Hedi ist sehr launisch. Ich glaube, sie ist nicht glücklich. +Hedi ist sehr launisch. Ich glaube, sie ist nicht glücklich. Es scheint, als ob es zwischen ihr und Otto zu Ende sei. -Sie spricht geringschätzig von ihm, und das finde ich nicht -schön. Wahrscheinlich liebt sie ihn nicht mehr. Aber das -ist ja kein Grund Schlechtes über ihn zu sagen und zu sagen, +Sie spricht geringschätzig von ihm, und das finde ich nicht +schön. Wahrscheinlich liebt sie ihn nicht mehr. Aber das +ist ja kein Grund Schlechtes über ihn zu sagen und zu sagen, er sei eitel und eingebildet. Wir zanken uns sehr viel. -Hedi glaubt nicht, daß die Liebe zwischen zwei Menschen +Hedi glaubt nicht, daß die Liebe zwischen zwei Menschen ewig dauert. Aber ich glaube es. Und so geht der Streit hin und her. Was glaubst Du, mein Geliebter? Du brauchst -auf diese Frage nicht zu antworten. Ich weiß selbst, was +auf diese Frage nicht zu antworten. Ich weiß selbst, was Du glaubst. </p> <p> -Ja, bei Frau v. Dönhoff habe ich Besuch gemacht. Deine +Ja, bei Frau v. Dönhoff habe ich Besuch gemacht. Deine Cousine ist eine originelle Frau. Ich traf sie in einem schwefelgelben seidenen Kimono, und sie kann so herrlich lachen. Es wird einem wohl ums Herz dabei! Sonst lebe -ich ganz zurückgezogen, gehe auch nicht mehr ins Theater. -Denn es scheint mir Sünde, daß die Menschen sich amüsieren, -während andere draußen leiden. Wenn ich etwas zu sagen -hätte, so würde ich alle Theater schließen. Übrigens hat -sich eine schreckliche Unsitte bei uns eingebürgert. Die -Leute bringen ihre Brötchen, ihr Abendessen, mit ins Theater, +ich ganz zurückgezogen, gehe auch nicht mehr ins Theater. +Denn es scheint mir Sünde, daß die Menschen sich amüsieren, +während andere draußen leiden. Wenn ich etwas zu sagen +hätte, so würde ich alle Theater schließen. Übrigens hat +sich eine schreckliche Unsitte bei uns eingebürgert. Die +Leute bringen ihre Brötchen, ihr Abendessen, mit ins Theater, und sobald es dunkel wird, fangen sie an, mit dem Papier -zu rascheln und zu kauen. Es ist unerträglich. Du weißt, -Heinz, daß wir davon gesprochen haben, auf dem Lande -zu wohnen und zu reisen. Davon träume ich. Fräulein -v. Hecht, die ich bei Deiner Cousine traf, sagte, die Behörden +zu rascheln und zu kauen. Es ist unerträglich. Du weißt, +Heinz, daß wir davon gesprochen haben, auf dem Lande +zu wohnen und zu reisen. Davon träume ich. Fräulein +v. Hecht, die ich bei Deiner Cousine traf, sagte, die Behörden erlauben mit Absicht Theater, Kinos und Konzerte. Das -Volk solle gar nicht zum Bewußtsein kommen, es solle betäubt -werden. Überhaupt — sie hat Ansichten, daß man +Volk solle gar nicht zum Bewußtsein kommen, es solle betäubt +werden. Überhaupt — sie hat Ansichten, daß man nicht glauben sollte, sie sei die Tochter eines Generals! -Wenn sie diese Ansichten öffentlich äußert, so wird man +Wenn sie diese Ansichten öffentlich äußert, so wird man sie einsperren und das mit Recht. Und doch ist sie anziehend. <a id="page-167" class="pagenum" title="167"></a> Sie plauderte sehr lieb mit mir, und wir gingen -ein weites Stück zusammen. Ich glaube wohl, daß ich -sie lieben könnte, wenn sie nur nicht diese schrecklichen -Ansichten hätte. +ein weites Stück zusammen. Ich glaube wohl, daß ich +sie lieben könnte, wenn sie nur nicht diese schrecklichen +Ansichten hätte. </p> <p> Otto ist noch immer im Lazarett, wird aber bald entlassen. -Man sagt, daß er schrecklich niedergeschlagen sei, -weil er nicht mehr zur Front zurück kann. Vielleicht sehe -ich ihn aber nächstens, denn Fräulein v. Hecht hat mich +Man sagt, daß er schrecklich niedergeschlagen sei, +weil er nicht mehr zur Front zurück kann. Vielleicht sehe +ich ihn aber nächstens, denn Fräulein v. Hecht hat mich gebeten, sie zu besuchen, und da treffe ich ihn vielleicht. Hedi lernt nun Schreibmaschine schreiben. Sie sagt, sie -will sich nun unabhängig machen, und sobald sie Geld verdient, +will sich nun unabhängig machen, und sobald sie Geld verdient, wird sie ihre Koffer packen. Ich traue es ihr zu, aber Papa wird ihr schon die Meinung sagen. </p> <p> -Heute abend werde ich wieder beten, Heinz! Ich fühle, +Heute abend werde ich wieder beten, Heinz! Ich fühle, Gott hat Dich in seinen Schutz genommen. In den letzten -Jahren war ich ja leider zu einem völligen Atheisten geworden, +Jahren war ich ja leider zu einem völligen Atheisten geworden, und zwar durch Hedi, die nicht an Gott glaubt -und behauptet, wenn es einen Gott gäbe, so würde er +und behauptet, wenn es einen Gott gäbe, so würde er solch einen Krieg nicht zulassen, wo Millionen Menschen zerfleischt werden. </p> <p> -Lebe wohl, Heinz, und vergiß nicht unsern Stern. -Möchtest Du bald wiederkehren, möchte der schreckliche +Lebe wohl, Heinz, und vergiß nicht unsern Stern. +Möchtest Du bald wiederkehren, möchte der schreckliche Krieg bald zu Ende sein! Ich bete zu Gott! Mein Herz -ist gequält. +ist gequält. </p> <p> Ach, Heinz, ich liebe Dich! Hier, diesen kleinen Zettel schicke ich mit. Er sieht ganz unscheinbar aus, nicht wahr? -Aber ich habe ihn mit tausend Küssen bedeckt, und die soll -er Dir überbringen. +Aber ich habe ihn mit tausend Küssen bedeckt, und die soll +er Dir überbringen. </p> <p class="right"> @@ -9778,10 +9745,10 @@ Deine kleine Frau Klara. </p> <p> -Nebenan ist jetzt ein kleiner weißer Terrier aufgetaucht. +Nebenan ist jetzt ein kleiner weißer Terrier aufgetaucht. Ich habe mich mit ihm angefreundet. Er -spielt im Vorgarten mit Papierstücken, die der Wind -bewegt — rührend! Auch Paketchen sind schon unterwegs.“ +spielt im Vorgarten mit Papierstücken, die der Wind +bewegt — rührend! Auch Paketchen sind schon unterwegs.“ </p> <h3 class="no" id="subchap-1-3-3"> @@ -9802,23 +9769,23 @@ Keine Antwort. Kein Laut. Totenstille. </p> <p> -Der Portier, der dem alternden Moltke ähnlich sah — -natürlich nur eine flüchtige Ähnlichkeit und nur unter besonderer +Der Portier, der dem alternden Moltke ähnlich sah — +natürlich nur eine flüchtige Ähnlichkeit und nur unter besonderer Beleuchtung, es war dem General ja nur so nebenher durch den Kopf gegangen — der Portier schlief. </p> <p> -Aber hartnäckig pochte der Fingernagel. Und nun wurde -eine schneeweiße Visitenkarte durch das offene Fenster geschoben +Aber hartnäckig pochte der Fingernagel. Und nun wurde +eine schneeweiße Visitenkarte durch das offene Fenster geschoben — da erwachte der Portier. </p> <p> -Er erwachte und hob sofort beschwörend die Hände, +Er erwachte und hob sofort beschwörend die Hände, und auch, sonderbar genug, der kleine Herr mit dem -zu tief sitzenden Zylinder hob sofort beschwörend die -Hände. +zu tief sitzenden Zylinder hob sofort beschwörend die +Hände. </p> <p> @@ -9860,21 +9827,21 @@ Das Aluminiumetui blinkte. </p> <p> -Plötzlich knallte es, als sei eine Bombe im Foyer explodiert. +Plötzlich knallte es, als sei eine Bombe im Foyer explodiert. Aber es war nur der Zylinder des Herrn Herbst, der auf -die Steinfliesen gefallen war, als er sich bemühte, den +die Steinfliesen gefallen war, als er sich bemühte, den Kopf durch das Fenster zu stecken. </p> <p> -„Ich bitte Sie — ich fordere Sie hiermit ebenso höflich wie -dringend auf —!“ Geifer stand zwischen den Zähnen des +„Ich bitte Sie — ich fordere Sie hiermit ebenso höflich wie +dringend auf —!“ Geifer stand zwischen den Zähnen des alternden Moltke. </p> <p> <a id="page-169" class="pagenum" title="169"></a> -„Sie mißverstehen mich —“ Herr Herbst hatte den +„Sie mißverstehen mich —“ Herr Herbst hatte den Zylinder wieder aufgesetzt. </p> @@ -9884,18 +9851,18 @@ Fenster klappte zu. </p> <p> -Wieder pickte der Fingernagel, hartnäckig. +Wieder pickte der Fingernagel, hartnäckig. </p> <p> -Der Portier setzte eine eisige Amtsmiene auf, öffnete das Fenster -wieder und sagte in dienstlichem Tone: „Sie wünschen?“ +Der Portier setzte eine eisige Amtsmiene auf, öffnete das Fenster +wieder und sagte in dienstlichem Tone: „Sie wünschen?“ </p> <p> „Ich wollte nur fragen —“, stotterte Herr Herbst, den die Amtsmiene augenblicklich in Verwirrung brachte, — „nur -fragen — es ist wichtig für mich, weil ich entschlossen bin —“ +fragen — es ist wichtig für mich, weil ich entschlossen bin —“ </p> <p> @@ -9912,39 +9879,39 @@ Teilnahme. </p> <p> -„Es liegt wohl keine Antwort für mich hier?“ +„Es liegt wohl keine Antwort für mich hier?“ </p> <p> -„Nein!“ Das Fenster flog wütend zu. +„Nein!“ Das Fenster flog wütend zu. </p> <p> -Herr Herbst lüftete den Zylinder, obwohl ihm der Portier -die weißen Haarsträhnen zudrehte, und ging. Nach -einer Weile kehrte er zurück und legte, ohne ein Wort zu +Herr Herbst lüftete den Zylinder, obwohl ihm der Portier +die weißen Haarsträhnen zudrehte, und ging. Nach +einer Weile kehrte er zurück und legte, ohne ein Wort zu sagen, eine Zigarre auf das Gesims des kleinen Fensters. — </p> <p> -In der Tat, das häßliche rote Amtsgebäude mit seinen -öden Korridoren lag heute noch stiller als sonst, totenstill. +In der Tat, das häßliche rote Amtsgebäude mit seinen +öden Korridoren lag heute noch stiller als sonst, totenstill. </p> <p> -Schweigen, Flüstern, halblaut geführte Telephongespräche. -Die Türen waren Samt. Die Ordonnanzen und Drillichkittel -schlichen auf den Zehenspitzen über die Korridore, -jemand nieste, und sofort fuhr ein Kopf drohend aus der Türe. -Die Offiziere, die zusammengedrängt an ihren Schreibtischen +Schweigen, Flüstern, halblaut geführte Telephongespräche. +Die Türen waren Samt. Die Ordonnanzen und Drillichkittel +schlichen auf den Zehenspitzen über die Korridore, +jemand nieste, und sofort fuhr ein Kopf drohend aus der Türe. +Die Offiziere, die zusammengedrängt an ihren Schreibtischen arbeiteten, wagten nicht aufzublicken. Jeden Augenblick -konnte das graue Steingesicht im Türrahmen erscheinen. +konnte das graue Steingesicht im Türrahmen erscheinen. Major Wolff paffte eine dicke Zigarre und vergrub den Kopf -in die Akten. Es war Windstärke 12, ohne jede Übertreibung. +in die Akten. Es war Windstärke 12, ohne jede Übertreibung. </p> <p> -„Hat er den Abschied bekommen, Weißbach?“ +„Hat er den Abschied bekommen, Weißbach?“ </p> <p> @@ -9952,7 +9919,7 @@ in die Akten. Es war Windstärke 12, ohne jede Übertreibung. </p> <p> -„Oder die schöne Dora —?“ +„Oder die schöne Dora —?“ </p> <p> @@ -9961,37 +9928,37 @@ in die Akten. Es war Windstärke 12, ohne jede Übertreibung. <p> <a id="page-170" class="pagenum" title="170"></a> -Der Adjutant war vom Chef zurückgekommen und hatte -nur beschwörend die Hand gehoben. „Windstärke 12.“ +Der Adjutant war vom Chef zurückgekommen und hatte +nur beschwörend die Hand gehoben. „Windstärke 12.“ Damit pflegte er einen bestimmten Zustand zu bezeichnen. -Weiß Gott, wie er als Artillerist zu diesem Ausdruck kam. +Weiß Gott, wie er als Artillerist zu diesem Ausdruck kam. </p> <p> -„Aber erklären Sie doch!“ +„Aber erklären Sie doch!“ </p> <p> -„Pst!“ Zuweilen legte Weißbach lauschend das Ohr an -die gepolsterte Doppeltüre. +„Pst!“ Zuweilen legte Weißbach lauschend das Ohr an +die gepolsterte Doppeltüre. </p> <p> -Ein lautes, herausforderndes Räuspern, das Räuspern -eines Menschen, der keine Rücksichten zu nehmen braucht -und auch keine Rücksichten nimmt, drang aus dem Saal, -der von dem Ölgemälde Seiner Majestät bewohnt war. +Ein lautes, herausforderndes Räuspern, das Räuspern +eines Menschen, der keine Rücksichten zu nehmen braucht +und auch keine Rücksichten nimmt, drang aus dem Saal, +der von dem Ölgemälde Seiner Majestät bewohnt war. </p> <p> -Plötzlich aber begann es in diesem Saal zu donnern, -einmal, ein schwächeres Donnerrollen, zweimal — wiederum +Plötzlich aber begann es in diesem Saal zu donnern, +einmal, ein schwächeres Donnerrollen, zweimal — wiederum Stille. Der Adjutant wechselte die Farbe. War jemand -in das Zimmer des Generals gekommen? Unmöglich! -An der gepolsterten Doppeltüre im Korridor hing das +in das Zimmer des Generals gekommen? Unmöglich! +An der gepolsterten Doppeltüre im Korridor hing das Schild „Vortrag“. Und daneben das Schild: „Kein Zutritt! -Anmeldung Zimmer 6!“ Ganz unmöglich. Aber trotzdem: -es klang, als spräche er mit jemand —? +Anmeldung Zimmer 6!“ Ganz unmöglich. Aber trotzdem: +es klang, als spräche er mit jemand —? </p> <p class="tb"> @@ -9999,70 +9966,70 @@ es klang, als spräche er mit jemand —? </p> <p class="first"> -<span class="firstchar">H</span>alt, Unglückseliger! Es war zu spät . . . +<span class="firstchar">H</span>alt, Unglückseliger! Es war zu spät . . . </p> <p> -An der gepolsterten Doppeltüre, die zum Korridor -führte, knackte es plötzlich höchst eigentümlich, und der +An der gepolsterten Doppeltüre, die zum Korridor +führte, knackte es plötzlich höchst eigentümlich, und der goldene Kneifer glitt von der Nase des Generals. </p> <p> -Es geschah etwas geradezu Unfaßbares . . . +Es geschah etwas geradezu Unfaßbares . . . </p> <p> -Der General hatte, so alt er war, das heißt solange er -einen höheren Rang bekleidete, so etwas nicht erlebt. Er -hätte es, offen gesagt, für unmöglich gehalten. +Der General hatte, so alt er war, das heißt solange er +einen höheren Rang bekleidete, so etwas nicht erlebt. Er +hätte es, offen gesagt, für unmöglich gehalten. </p> <p> -In der Doppeltüre erschien — unter Umgehung des +In der Doppeltüre erschien — unter Umgehung des Schreibzimmers, der Anmeldung, unter Umgehung des Adjutanten, trotz der Aufschriften „Vortrag“ und „Kein Zutritt! Anmeldung Zimmer 6!“ — erschien, ganz als ob -es eine selbstverständliche Sache sei, hier einzutreten, ein -gewöhnlicher Soldat! Wie von einer höllischen Versenkung -emporgehoben, tauchte er plötzlich auf. +es eine selbstverständliche Sache sei, hier einzutreten, ein +gewöhnlicher Soldat! Wie von einer höllischen Versenkung +emporgehoben, tauchte er plötzlich auf. </p> <p> <a id="page-171" class="pagenum" title="171"></a> -Ein Drillichkittel, eine Ordonnanz mit einem großen +Ein Drillichkittel, eine Ordonnanz mit einem großen gelben Brief in der Hand. Dieser Mann — ein Schneider von Beruf, klein, etwas krummbeinig, namens Hanuschke, den man hierher kommandiert hatte, so wie man ihn im Laufe der Kriegsjahre an Dutzend Stellen kommandierte — -hatte sich einfach in der Türe getäuscht. Er wollte gar nicht +hatte sich einfach in der Türe getäuscht. Er wollte gar nicht nach Nummer 7, er wollte nach Nummer 6. </p> <p> Dieser Schneider Hanuschke hatte, um nur etwas zu -nennen, bei der Lorettohöhe gekämpft, er war einer der -wenigen, die noch in der berühmten Zuckerfabrik bei Souchez +nennen, bei der Lorettohöhe gekämpft, er war einer der +wenigen, die noch in der berühmten Zuckerfabrik bei Souchez waren, von der seinerzeit soviel die Rede war. Bei Souchez -hatte eine schwere französische Mörsergranate dicht neben -ihm den Kompanieführer und drei Kameraden mit in die -Höhe genommen, gewiß kein geringer Schreck — er hatte -sich am Roten-Turm-Paß und in Polen geschlagen, also +hatte eine schwere französische Mörsergranate dicht neben +ihm den Kompanieführer und drei Kameraden mit in die +Höhe genommen, gewiß kein geringer Schreck — er hatte +sich am Roten-Turm-Paß und in Polen geschlagen, also manches erlebt — nun aber stand er wie vom Schrecken -gelähmt: Vor seinen Augen schwebte urplötzlich in einer -lichtgesättigten, hellblauen Rauchwolke ein General. Im -ersten Moment glaubte er sich einer überirdischen, verwirrend -funkelnden Erscheinung gegenüber, die zwei weiße +gelähmt: Vor seinen Augen schwebte urplötzlich in einer +lichtgesättigten, hellblauen Rauchwolke ein General. Im +ersten Moment glaubte er sich einer überirdischen, verwirrend +funkelnden Erscheinung gegenüber, die zwei weiße Stichflammen auf ihn richtete. </p> <p> Als alter Feldsoldat handelte Hanuschke augenblicklich. -Er hatte ja auch gehandelt, als die schwere Mörsergranate +Er hatte ja auch gehandelt, als die schwere Mörsergranate bei Souchez dicht neben ihm einschlug. Wie der Blitz hatte er sich zu Boden geworfen und fortgerollt, mit solcher Eile, -daß die herabkommenden Gliedmaßen ihn nicht mehr -erreichten. Nur der Feldstecher seines Kompanieführers +daß die herabkommenden Gliedmaßen ihn nicht mehr +erreichten. Nur der Feldstecher seines Kompanieführers klatschte neben ihm in den Boden. </p> @@ -10071,33 +10038,33 @@ Also handelte er auch hier. </p> <p> -Automatisch und blitzschnell führte er alle die Akte der +Automatisch und blitzschnell führte er alle die Akte der hohen Dressur aus, die man ihm beigebracht hatte. Soweit -sein schwindendes Bewußtsein es zuließ, schätzte er die +sein schwindendes Bewußtsein es zuließ, schätzte er die Schritte ab, und in der vorgeschriebenen Entfernung begann er sich vor der in einer Wolke schwebenden Erscheinung -aufzubauen. Er schlug die Absätze seiner schweren Kommißstiefel +aufzubauen. Er schlug die Absätze seiner schweren Kommißstiefel <a id="page-172" class="pagenum" title="172"></a> -zusammen, schwang die Ellbogen nach außen, führte -die Hände an die Hosennaht und fing an, so klein und +zusammen, schwang die Ellbogen nach außen, führte +die Hände an die Hosennaht und fing an, so klein und krummbeinig er auch war, zu wachsen. Seine Gelenke streckten sich, die krummen Beine bogen sich gerade, der -Oberkörper hob sich aus den Hüften, der Brustkorb wölbte -sich, der Kopf stieg zwischen den schmächtigen Schultern -empor, und endlich erstarrte er, den Blick in die weißen +Oberkörper hob sich aus den Hüften, der Brustkorb wölbte +sich, der Kopf stieg zwischen den schmächtigen Schultern +empor, und endlich erstarrte er, den Blick in die weißen Stichflammen gerichtet. </p> <p> Zweiundzwanzig Sturmangriffe hatte er mitgemacht, zweiundzwanzigmal war er mit dem Trillern der Pfeife -dem Tod in den Rachen gesprungen — aber er fühlte -deutlich, daß er sich diesmal in eine geradezu schreckliche +dem Tod in den Rachen gesprungen — aber er fühlte +deutlich, daß er sich diesmal in eine geradezu schreckliche Gefahr begeben hatte. </p> <p> -Die weißen Stichflammen sengten an ihm entlang. +Die weißen Stichflammen sengten an ihm entlang. </p> <p> @@ -10108,44 +10075,44 @@ Der Schneider Hanuschke wuchs abermals. Seine viel zu weiten Hosen waren geflickt und hundertmal von Schmutz und Blut gereinigt, seine Halsbinde war unordentlich gebunden und fettig. Und dieser Drillichkittel! -Aber in der armseligen, der Kleidung eines Zuchthäuslers -ähnlichen Uniform, die man des Königs Rock +Aber in der armseligen, der Kleidung eines Zuchthäuslers +ähnlichen Uniform, die man des Königs Rock nannte, stand der kleine Schneider wie eine Statue. </p> <p> -Donner schlug an sein Ohr. Donner trieb ihn zurück -zur Türe und wieder zurück zur Erscheinung. (Das war -das Donnern, das der Adjutant Weißbach nebenan hörte.) +Donner schlug an sein Ohr. Donner trieb ihn zurück +zur Türe und wieder zurück zur Erscheinung. (Das war +das Donnern, das der Adjutant Weißbach nebenan hörte.) </p> <p> -Zweiundzwanzig Sturmangriffe — lieber die französische -Mörsergranate — meinetwegen . . . +Zweiundzwanzig Sturmangriffe — lieber die französische +Mörsergranate — meinetwegen . . . </p> <p> -Wieder wuchs er. Seine Rippen drückten sich durch den -dünnen Drillichkittel hindurch ab. Seine vorgestreckte aufgepumpte +Wieder wuchs er. Seine Rippen drückten sich durch den +dünnen Drillichkittel hindurch ab. Seine vorgestreckte aufgepumpte Brust bot sich irgendeinem unsichtbaren Messer dar. Alles, was die Schlachtfelder und Lazarette von ihm -übriggelassen hatten, stellte er möglichst vorteilhaft zur +übriggelassen hatten, stellte er möglichst vorteilhaft zur Schau. Sein winzig kleines und unendliches Ich war -konzentriert im Blick der ängstlichen Mausaugen, deren -Pupillen der Schreck weitete. Kreidig grün war sein Gesicht, -und zwischen den Augen glänzte violett eine fingerlange +konzentriert im Blick der ängstlichen Mausaugen, deren +Pupillen der Schreck weitete. Kreidig grün war sein Gesicht, +und zwischen den Augen glänzte violett eine fingerlange <a id="page-173" class="pagenum" title="173"></a> -Narbe, die von einem Querschläger herrührte, der ihm in -Rumänien die Stirn zerschmettert hatte. +Narbe, die von einem Querschläger herrührte, der ihm in +Rumänien die Stirn zerschmettert hatte. </p> <p> Abermals donnerte es, diesmal weniger drohend. Er war entlassen. Sein geflickter Hosenboden schaukelte durch -die Doppeltüre. Auf dem Gang wischte er sich aufatmend -mit dem Ärmel den Schweiß vom Gesicht, der plötzlich aus +die Doppeltüre. Auf dem Gang wischte er sich aufatmend +mit dem Ärmel den Schweiß vom Gesicht, der plötzlich aus allen Poren hervorbrach. Genau so wie damals, als der -Feldstecher des Kompanieführers neben ihm herunterkam. +Feldstecher des Kompanieführers neben ihm herunterkam. </p> <h3 class="no" id="subchap-1-3-4"> @@ -10155,44 +10122,44 @@ Feldstecher des Kompanieführers neben ihm herunterkam. <p class="first"> <span class="firstchar">O</span>hne Laut, fast ohne jede Bewegung, arbeitete der General, vergraben in den Berg von Akten, den -man auf dem Schreibtisch aufgehäuft hatte. +man auf dem Schreibtisch aufgehäuft hatte. </p> <p> Die eisige Stille, die von ihm ausging, drang durch die -Poren der Steine und Fasern der Türen, verbreitete sich -durch Zimmer und Korridore und erfüllte zuletzt das ganze -Gebäude. +Poren der Steine und Fasern der Türen, verbreitete sich +durch Zimmer und Korridore und erfüllte zuletzt das ganze +Gebäude. </p> <p> Mit rascher Hand warf der General Bemerkungen an den Rand der Akten, um sie hierauf in einen Korb zur -rechten Hand zu legen. Der Berg der Schriftstücke zur +rechten Hand zu legen. Der Berg der Schriftstücke zur Linken schmolz zusammen, auf der andern Seite wuchs -er in die Höhe. Umfangreiche Schriftsätze maß der General -mit einem rügenden Blick und warf sie — je nach ihrem -Umfang mit größerem oder kleinerem Schwung — in einen +er in die Höhe. Umfangreiche Schriftsätze maß der General +mit einem rügenden Blick und warf sie — je nach ihrem +Umfang mit größerem oder kleinerem Schwung — in einen besonderen Korb, der die Aufschrift trug: Wolff, Vortrag! -Wolff, der Major, der Hüne, hatte Zeit für alles. Er -war eines jener beklagenswerten bürgerlichen Arbeitstiere, -wie sie in allen Ressorts saßen, die sich im Schweiße +Wolff, der Major, der Hüne, hatte Zeit für alles. Er +war eines jener beklagenswerten bürgerlichen Arbeitstiere, +wie sie in allen Ressorts saßen, die sich im Schweiße ihres Angesichts, ohne jede andere Empfehlung als die -Qualifikation ihrer Vorgesetzten, in der Karriere vorwärtskämpften. +Qualifikation ihrer Vorgesetzten, in der Karriere vorwärtskämpften. Wolff arbeitete oft die ganze Nacht hindurch. </p> <p> -Es schien dem General, als ob seine Hände, deren erdiges -Aussehen ihn seit geraumer Zeit ängstigte, nunmehr lebhafter +Es schien dem General, als ob seine Hände, deren erdiges +Aussehen ihn seit geraumer Zeit ängstigte, nunmehr lebhafter <a id="page-174" class="pagenum" title="174"></a> -gefärbt seien. Offenbar, die Erregung vorhin hatte +gefärbt seien. Offenbar, die Erregung vorhin hatte ihm gutgetan! Das Blut, das sich in seinem Kopfe gestaut -hatte — wie immer nach großen seelischen Erregungen — -war durch die Adern gepreßt worden und hatte die Gefäße -wohltuend erweitert. Eine gleichmäßige Hitze überzog -seinen Körper, und die Hände schwitzten plötzlich etwas. -Ein Symptom, daß die Krisis überwunden war. +hatte — wie immer nach großen seelischen Erregungen — +war durch die Adern gepreßt worden und hatte die Gefäße +wohltuend erweitert. Eine gleichmäßige Hitze überzog +seinen Körper, und die Hände schwitzten plötzlich etwas. +Ein Symptom, daß die Krisis überwunden war. </p> <p> @@ -10200,17 +10167,17 @@ Bewegung fehlte ihm! </p> <p> -Wenn er wenigstens hätte ausreiten können! +Wenn er wenigstens hätte ausreiten können! </p> <p> -Aber der Dienst — und dann, welch jämmerliche Pferde -hatten sie doch gegenwärtig in Berlin! Er würde sich -schämen, sich auf solch einer Schindmähre sehen zu lassen. +Aber der Dienst — und dann, welch jämmerliche Pferde +hatten sie doch gegenwärtig in Berlin! Er würde sich +schämen, sich auf solch einer Schindmähre sehen zu lassen. Wie wunderbar war es dagegen an der Front gewesen! -Wenn er in der Morgenfrische, täglich zwei Stunden, spazieren -ritt, begleitet von seinem Adjutanten. Und die Geschütze -brummten nah und fern. Herrliche Morgen, unvergeßlich! +Wenn er in der Morgenfrische, täglich zwei Stunden, spazieren +ritt, begleitet von seinem Adjutanten. Und die Geschütze +brummten nah und fern. Herrliche Morgen, unvergeßlich! </p> <p> @@ -10219,14 +10186,14 @@ Der Blick des Generals verlor sich in die Weite. <p> Aber er sah nicht die Lindenallee, durch die er zu reiten -pflegte, die Rauchsäulen, die aus den Erdwohnungen der -Soldaten stiegen, die Kolonnen, die über den Hügel krochen, -nein, er erblickte: Ruth! Ruth und den Frühstückstisch +pflegte, die Rauchsäulen, die aus den Erdwohnungen der +Soldaten stiegen, die Kolonnen, die über den Hügel krochen, +nein, er erblickte: Ruth! Ruth und den Frühstückstisch von heute morgen. </p> <p> -„— also gelöst?“ +„— also gelöst?“ </p> <p> @@ -10234,8 +10201,8 @@ von heute morgen. </p> <p> -„Und er, Dietz — also mit seinem Einverständnis? Hm — -so, so . . .“ Er schlürfte den heißen Kaffee. +„Und er, Dietz — also mit seinem Einverständnis? Hm — +so, so . . .“ Er schlürfte den heißen Kaffee. </p> <p> @@ -10244,65 +10211,65 @@ so, so . . .“ Er schlürfte den heißen Kaffee. <p> „Danke, wozu? Du bist ja kein Kind mehr und kannst -schließlich tun und lassen, was du willst. Na — schön!“ +schließlich tun und lassen, was du willst. Na — schön!“ </p> <p> -Ruth küßte ihm die Hand. Weshalb eigentlich? +Ruth küßte ihm die Hand. Weshalb eigentlich? </p> <p> Jakob kam in diesem Augenblick ins Zimmer — wie -peinlich! Er brachte geröstetes Brot, denn das Kriegsbrot -war nachgerade nicht mehr zu genießen. +peinlich! Er brachte geröstetes Brot, denn das Kriegsbrot +war nachgerade nicht mehr zu genießen. </p> <p> -„Soso, hm.“ Aber weshalb küßte sie ihm die Hand? +„Soso, hm.“ Aber weshalb küßte sie ihm die Hand? <a id="page-175" class="pagenum" title="175"></a> -Es war völlig unnötig. Nichts haßte er ja mehr als irgendwelche -Sentimentalitäten. +Es war völlig unnötig. Nichts haßte er ja mehr als irgendwelche +Sentimentalitäten. </p> <p> So warm und bebend, Nachsicht erflehend, hatte er ihre -Lippen auf seiner kalten Hand gefühlt — er konnte ihr nicht -zürnen in diesem Augenblick. Ruth hatte also das Verlöbnis -mit Dietz gelöst. Eine glänzendere Zukunft hätte ihr niemand -bieten können. Natürlich war es eine Überraschung -für ihn, keine angenehme Überraschung, unnötig es zu +Lippen auf seiner kalten Hand gefühlt — er konnte ihr nicht +zürnen in diesem Augenblick. Ruth hatte also das Verlöbnis +mit Dietz gelöst. Eine glänzendere Zukunft hätte ihr niemand +bieten können. Natürlich war es eine Überraschung +für ihn, keine angenehme Überraschung, unnötig es zu sagen. </p> <p> Der Blick des Generals kehrte wieder zum Schreibtisch -zurück. Eine Stunde verging, zwei Stunden. Ohne jede +zurück. Eine Stunde verging, zwei Stunden. Ohne jede Unterbrechung arbeitete er. Nur ein einziges Mal legte er -sich in den Sessel zurück: dieser Schriftsatz war mit Randbemerkungen -von Allerhöchster Hand versehen — frisch, -lapidar, ganz im Geiste des Großen Friedrich. Behutsam, +sich in den Sessel zurück: dieser Schriftsatz war mit Randbemerkungen +von Allerhöchster Hand versehen — frisch, +lapidar, ganz im Geiste des Großen Friedrich. Behutsam, mit dem Ausdruck der Ehrerbietung legte er den Schriftsatz zur Seite. </p> <p> -Lautlos ging die gepolsterte Doppeltüre, und lautlos, -bis auf ein leises Singen der Sporen, trat Weißbach ein. -Es war Zeit für die Unterschriften, genau ein Viertel vor +Lautlos ging die gepolsterte Doppeltüre, und lautlos, +bis auf ein leises Singen der Sporen, trat Weißbach ein. +Es war Zeit für die Unterschriften, genau ein Viertel vor ein Uhr. </p> <p> -Noch immer diese leise, nicht mißzuverstehende Ziegelröte +Noch immer diese leise, nicht mißzuverstehende Ziegelröte — </p> <p> -Weißbach näherte sich dem großen, ehrfurchtgebietenden -Schreibtisch im Bogen und zögernden Schritts, um nicht -zu plötzlich die Netzhaut des hohen Chefs zu treffen. Er +Weißbach näherte sich dem großen, ehrfurchtgebietenden +Schreibtisch im Bogen und zögernden Schritts, um nicht +zu plötzlich die Netzhaut des hohen Chefs zu treffen. Er verbeugte sich leicht bei jeder Unterschrift des Generals, -während er die Tinte mit dem Löscher trocknete. +während er die Tinte mit dem Löscher trocknete. </p> <p> @@ -10316,7 +10283,7 @@ gleiche Szene ab. </p> <p> -Der Adjutant näherte sich dem General. +Der Adjutant näherte sich dem General. </p> <p> @@ -10329,13 +10296,13 @@ Der Adjutant näherte sich dem General. <p> <a id="page-176" class="pagenum" title="176"></a> -Lächeln des Hauptmanns, Verbeugung, stärkeres Klirren +Lächeln des Hauptmanns, Verbeugung, stärkeres Klirren der Sporen. </p> <p> -Der General ist in den rechten Ärmel geschlüpft und -gerade dabei, den linken Ärmel zu suchen. Rascher Sprung +Der General ist in den rechten Ärmel geschlüpft und +gerade dabei, den linken Ärmel zu suchen. Rascher Sprung des Adjutanten. </p> @@ -10346,12 +10313,12 @@ des Adjutanten. <p> Und nun gestattet der General. Der Adjutant streicht den Mantel zurecht. Und der General dankt mit einem -Blick, gerade so lange, als seine hohe Stellung es zuläßt. +Blick, gerade so lange, als seine hohe Stellung es zuläßt. </p> <p> -Wenn der General in die Handschuhe schlüpft, so erteilt -er gewöhnlich noch kleine Aufträge, wie sie ihm gerade +Wenn der General in die Handschuhe schlüpft, so erteilt +er gewöhnlich noch kleine Aufträge, wie sie ihm gerade in den Kopf kommen. </p> @@ -10363,35 +10330,35 @@ Generals wieder drohend an. </p> <p> -Weißbach erbleichte. Eine unzuverlässige Ordonnanz, +Weißbach erbleichte. Eine unzuverlässige Ordonnanz, das ging ihn an! Augenblicklich wollte er nachforschen — </p> <p> -Behutsam schloß der Hauptmann die gepolsterte Flügeltüre +Behutsam schloß der Hauptmann die gepolsterte Flügeltüre hinter dem hohen Chef — bis auf einen schmalen Spalt. Dann stand er noch eine Weile, leicht gebeugt, bereit zum -Sprung, und lauschte, denn es war möglich, daß dem -General draußen auf dem Korridor plötzlich noch ein Auftrag +Sprung, und lauschte, denn es war möglich, daß dem +General draußen auf dem Korridor plötzlich noch ein Auftrag in den Sinn kam. Der Schritt seines Herrn hallte -über den Gang, ferner und ferner. Nun erst schloß der -Hauptmann mit einer leichten Verbeugung die Türe vollständig. +über den Gang, ferner und ferner. Nun erst schloß der +Hauptmann mit einer leichten Verbeugung die Türe vollständig. </p> <p> -„Donnerwetter!“ flüsterte er aufatmend. Und was +„Donnerwetter!“ flüsterte er aufatmend. Und was diese Ordonnanz mit der Narbe zwischen den Augen betraf, so wollte er sofort die Angelegenheit in Ordnung bringen. Hinaus mit diesem Burschen! </p> <p> -Vierundzwanzig Stunden später war der Schneider +Vierundzwanzig Stunden später war der Schneider Hanuschke schon wieder beim Regiment und achtundvierzig -Stunden später schon wieder auf der Fahrt zur Front. Er +Stunden später schon wieder auf der Fahrt zur Front. Er hatte Pech, es ging gerade ein Transport hinaus. Von <a id="page-177" class="pagenum" title="177"></a> -einem Kommando zurück zum Regiment geschickt zu werden +einem Kommando zurück zum Regiment geschickt zu werden — etwas Schlimmeres konnte wahrhaftig nicht passieren. </p> @@ -10400,51 +10367,51 @@ einem Kommando zurück zum Regiment geschickt zu werden </p> <p class="first"> -<span class="firstchar">S</span>elbst in der leise murmelnden Dämmerung von Stifters +<span class="firstchar">S</span>elbst in der leise murmelnden Dämmerung von Stifters Diele fand der General sein seelisches Gleichgewicht -nicht völlig zurück. +nicht völlig zurück. </p> <p> -Mockturtlesuppe, westfälischer Schinken in Weintunke, -gebackene Flundern und Aprikosenpudding, eine der Spezialitäten -des Hauses, das Menü schien ihm heute mäßig. +Mockturtlesuppe, westfälischer Schinken in Weintunke, +gebackene Flundern und Aprikosenpudding, eine der Spezialitäten +des Hauses, das Menü schien ihm heute mäßig. Jede Erregung legte sich bei ihm auf den Magen, sonderbar. -Eine rätselhafte Einrichtung ist der menschliche Organismus. +Eine rätselhafte Einrichtung ist der menschliche Organismus. </p> <p> -Und diese Ignoranten von Ärzten sagten immer das +Und diese Ignoranten von Ärzten sagten immer das gleiche . . . </p> <p> Ja, Bewegung, wenn der Dienst jede Minute bei Tag -und bei Nacht in Anspruch nahm — diese Ärzte sind Narren! -Sie trinken sich, zum Beispiel, zu Tod, buchstäblich, und +und bei Nacht in Anspruch nahm — diese Ärzte sind Narren! +Sie trinken sich, zum Beispiel, zu Tod, buchstäblich, und predigen: keinen Alkohol, Gift, hundertprozentiges Gift -für den Organismus, für Sie besonders — und trinken -sich unter die Erde, ohne zu erröten. +für den Organismus, für Sie besonders — und trinken +sich unter die Erde, ohne zu erröten. </p> <p> -Und diese beiden Rittmeister gegenüber, heute in voller +Und diese beiden Rittmeister gegenüber, heute in voller Gala, sie konnten ihm, ganz gelinde gesagt, es gab ja treffendere -Ausdrücke, vollends den Appetit verderben. +Ausdrücke, vollends den Appetit verderben. </p> <p> -Zahlen, Lawinen von Zahlen, wälzten sich auf den General +Zahlen, Lawinen von Zahlen, wälzten sich auf den General herab, dessen Erscheinung vor kurzem den Schneider Hanuschke so erschreckt hatte. Nur selten, ein- bis zweimal im Jahre, -beschäftigte er sich eingehender mit Zahlen. +beschäftigte er sich eingehender mit Zahlen. </p> <p> -Es war nur gut, daß er gestern an die pommersche Hypotheken- +Es war nur gut, daß er gestern an die pommersche Hypotheken- und Wechselbank um hundert Mille geschrieben -hatte. Sie würden den Kredit gewiß anstandslos gewähren, -und für einige Zeit würde es wohl wieder genügen. +hatte. Sie würden den Kredit gewiß anstandslos gewähren, +und für einige Zeit würde es wohl wieder genügen. </p> <p> @@ -10452,50 +10419,50 @@ Alles kostete heutzutage Unsummen! </p> <p> -Er hatte nur ein ganz verschwommenes Bild seiner Vermögenslage +Er hatte nur ein ganz verschwommenes Bild seiner Vermögenslage im Kopfe. Das Konto war ein Kaleidoskop, -unaufhörlich wechselnd, verwirrend, unübersichtlich. Aber -er fühlte, daß es bergab ging. Ja, bergab — +unaufhörlich wechselnd, verwirrend, unübersichtlich. Aber +er fühlte, daß es bergab ging. Ja, bergab — </p> <p> <a id="page-178" class="pagenum" title="178"></a> Eines Tages, als sein hochverehrter Herr Vater, der als -Oberst abgegangen war, auf Babenberg die Augen schloß, -hatte er sich im Besitze von einigen Millionen und zwölftausend +Oberst abgegangen war, auf Babenberg die Augen schloß, +hatte er sich im Besitze von einigen Millionen und zwölftausend Morgen Land befunden. Aber einige Millionen, was war das, wenn das Kapital sich nicht automatisch vermehrt? Jeder Augenblick des Lebens verschlang Summen, Unsummen! -Seine verstorbene Frau, er nahm es ihr nicht übel, im Gegenteil, +Seine verstorbene Frau, er nahm es ihr nicht übel, im Gegenteil, diesen Zug liebte er an ihr, auch sie war kein, wie sagt -man doch, wirtschaftliches Genie. Das Organ dafür fehlte ihr. +man doch, wirtschaftliches Genie. Das Organ dafür fehlte ihr. </p> <p> -Bergab — nur gefühlsmäßig erfaßte er es. Babenberg -war Fideikommiß, unantastbar — Rothwasser, fünftausend -Morgen, immerhin außerordentlich stark belastet. +Bergab — nur gefühlsmäßig erfaßte er es. Babenberg +war Fideikommiß, unantastbar — Rothwasser, fünftausend +Morgen, immerhin außerordentlich stark belastet. </p> <p> Und jeder Atemzug verschlang auf dieser Welt Summen, -Unsummen! Es war letzten Endes ganz unerklärlich, wie +Unsummen! Es war letzten Endes ganz unerklärlich, wie die Menschen lebten. Der Haushalt hier — Unsummen, Diners, Gesellschaften — Unsummen, seine Privatangelegenheiten, die niemand etwas angingen — Unsummen. Ein Paar bescheidene Ohrringe, zum Beispiel, ein paar Perlen -in Platinfassung, die früher keine dreitausend Mark gekostet -hatten, kosteten heute, sage und schreibe, fünfundzwanzigtausend -Mark. Seine Bezüge während des Krieges, obgleich -nicht unbeträchtlich, was waren sie schließlich? Ein -Tropfen auf einem heißen Stein. +in Platinfassung, die früher keine dreitausend Mark gekostet +hatten, kosteten heute, sage und schreibe, fünfundzwanzigtausend +Mark. Seine Bezüge während des Krieges, obgleich +nicht unbeträchtlich, was waren sie schließlich? Ein +Tropfen auf einem heißen Stein. </p> <p> -Sein Kredit aber würde keineswegs gekräftigt werden, +Sein Kredit aber würde keineswegs gekräftigt werden, nun, weshalb sollte man nicht den Tatsachen ins Auge -sehen, wenn man erst in Pommern erfuhr, daß diese Verlobung -zurückgegangen war. +sehen, wenn man erst in Pommern erfuhr, daß diese Verlobung +zurückgegangen war. </p> <p> @@ -10503,13 +10470,13 @@ Zahlen, Lawinen von Zahlen. </p> <p> -Die Ziegelröte des breiten Gesichts steigerte sich allmählich +Die Ziegelröte des breiten Gesichts steigerte sich allmählich zur tiefen Glut. </p> <p> „Eine kleine Schwarze oder eine lange Braune, Exzellenz?“ -raunte der Oberkellner und präsentierte die Zigarrenkisten. +raunte der Oberkellner und präsentierte die Zigarrenkisten. </p> <p> @@ -10521,54 +10488,54 @@ raunte der Oberkellner und präsentierte die Zigarrenkisten. </p> <p> -Er hatte die Heirat mit Dietz freudig begrüßt, natürlich, +Er hatte die Heirat mit Dietz freudig begrüßt, natürlich, <a id="page-179" class="pagenum" title="179"></a> -er hatte die Annäherung begünstigt, offen zugestanden — -schließlich war er ja der Vater — und es kam ja auch einmal -der Moment, da er die Augen schloß, und seine Kinder sehen -mußten, wie sie allein vorwärtskamen. Wehmut erfüllte +er hatte die Annäherung begünstigt, offen zugestanden — +schließlich war er ja der Vater — und es kam ja auch einmal +der Moment, da er die Augen schloß, und seine Kinder sehen +mußten, wie sie allein vorwärtskamen. Wehmut erfüllte den General, als er sich in diesen Gedanken vertiefte. Einmal -würde ja der Augenblick kommen, da er, den Helm in -der Hand, vor <a id="corr-6"></a>seinen Herrgott treten mußte. +würde ja der Augenblick kommen, da er, den Helm in +der Hand, vor <a id="corr-6"></a>seinen Herrgott treten mußte. </p> <p> Furchtbarer Augenblick, furchtbar der Gedanke, diese Welt -der Tatsachen verlassen zu müssen — ins Ungewisse hinein . . . +der Tatsachen verlassen zu müssen — ins Ungewisse hinein . . . </p> <p> -Aber der Oberkellner rief ihn zur heitern Erde zurück. -Er brachte die Liköre. +Aber der Oberkellner rief ihn zur heitern Erde zurück. +Er brachte die Liköre. </p> <p> -Wieder umwölkte sich das tiefrote Gesicht Seiner Exzellenz. -Es war eine Tatsache: während der Adel auf den Schlachtfeldern -verblutete, Blut und Gut opferte, füllten sich +Wieder umwölkte sich das tiefrote Gesicht Seiner Exzellenz. +Es war eine Tatsache: während der Adel auf den Schlachtfeldern +verblutete, Blut und Gut opferte, füllten sich zweifelhafte Elemente die Taschen. Und diese zweifelhaften Elemente kauften Land! Eine ganze Reihe bekannter Familien war schon gezwungen gewesen, uralten Familienbesitz -abzustoßen. Was aber würde aus dem Adel werden, +abzustoßen. Was aber würde aus dem Adel werden, der seit Jahrhunderten Kraft aus der Scholle sog, wenn er erst einmal entwurzelt war? </p> <p> -Trotz alledem — es würde ja jedenfalls Babenberg -bleiben, wenn es so weit kommen sollte, daß er Rothwasser -verkaufen mußte. +Trotz alledem — es würde ja jedenfalls Babenberg +bleiben, wenn es so weit kommen sollte, daß er Rothwasser +verkaufen mußte. </p> <p> Aber, ganz abgesehen von materiellen Gesichtspunkten: Dietz war ja ein prachtvoller Mensch, eine stattliche Erscheinung, -gebildet, von seltener Noblesse und Großzügigkeit -— unverständlich . . . +gebildet, von seltener Noblesse und Großzügigkeit +— unverständlich . . . </p> <p> -Immer mehr wurde ihm Ruth zum Rätsel. +Immer mehr wurde ihm Ruth zum Rätsel. </p> <h3 class="no" id="subchap-1-3-5"> @@ -10577,7 +10544,7 @@ Immer mehr wurde ihm Ruth zum Rätsel. <p class="first"> <span class="firstchar">D</span>en ganzen Nachmittag schon wanderte der kleine Herr -Herbst in seinem Zylinder in der Tiergartenstraße +Herbst in seinem Zylinder in der Tiergartenstraße auf und ab. Immer wieder zog er die Uhr, immer <a id="page-180" class="pagenum" title="180"></a> wieder klopfte er die Schmutzflecke mit dem Taschentuch @@ -10587,8 +10554,8 @@ von den Stiefeln. <p> Es war eigentlich nicht mehr kalt. Die Luft des Tiergartens war von roten Sonnenkeilen getigert, es roch schon -nach Frühling, und zuweilen hauchte es feucht und warm, -aber Herr Herbst hüllte sich fest in den rostfarbenen Havelock. +nach Frühling, und zuweilen hauchte es feucht und warm, +aber Herr Herbst hüllte sich fest in den rostfarbenen Havelock. </p> <p> @@ -10601,25 +10568,25 @@ hatte getrunken, in einer kleinen Spelunke, mit richtigen Spitzbuben, die Einbrecherwerkzeuge bei sich hatten — richtigen Spitzbuben, seht an. Deshalb also fror er. Auch war dieser Zylinder kalt. Er schmiegte sich nicht wie sein -anderer Hut dicht an den Schädel, es gab Spalten, durch -die die Kälte wie durch Schornsteine an seinem geschorenen -Schädel in die Höhe stieg. +anderer Hut dicht an den Schädel, es gab Spalten, durch +die die Kälte wie durch Schornsteine an seinem geschorenen +Schädel in die Höhe stieg. </p> <p> -„Ja, so ist es, so ist es!“ flüsterte Herr Herbst und träumte -vor sich hin. „Er würde, zum Beispiel, meinen Gang haben. -Er war mir ja so ähnlich! Er würde sogar die gleiche Art -zu sprechen haben. Bei manchen Worten fällt es mit +„Ja, so ist es, so ist es!“ flüsterte Herr Herbst und träumte +vor sich hin. „Er würde, zum Beispiel, meinen Gang haben. +Er war mir ja so ähnlich! Er würde sogar die gleiche Art +zu sprechen haben. Bei manchen Worten fällt es mit ja etwas schwer, wenn viele L und R zusammenkommen, zum Beispiel: Sell — nun: Sellerie. Auch er hatte ja denselben kleinen Sprachfehler, schon in der Schule. Er -würde mit einem Wort ganz wie ich sein. Wenn ich nun -einmal unter der Erde liege, so würde er leben und gehen -und sprechen — und eigentlich wäre ich es! Eigentlich, -bei rechtem Licht besehen, ja. Ich würde weiterleben, -obschon ich tot bin. Auch er würde Kinder gehabt haben — -und so würde ich immer weiter leben.“ +würde mit einem Wort ganz wie ich sein. Wenn ich nun +einmal unter der Erde liege, so würde er leben und gehen +und sprechen — und eigentlich wäre ich es! Eigentlich, +bei rechtem Licht besehen, ja. Ich würde weiterleben, +obschon ich tot bin. Auch er würde Kinder gehabt haben — +und so würde ich immer weiter leben.“ </p> <p> @@ -10631,23 +10598,23 @@ und so würde ich immer weiter leben.“ </p> <p> -„Nichts, nichts. Gar nichts. Ich sterbe, man begräbt +„Nichts, nichts. Gar nichts. Ich sterbe, man begräbt mich, und alles ist zu Ende. Wir sind tot, die ganze Familie ist von der Erde verschwunden.“ </p> <p> Wie klar er heute zu denken vermochte! Seit langer -Zeit fügten sich die Gedanken nicht so spielend aneinander. +Zeit fügten sich die Gedanken nicht so spielend aneinander. <a id="page-181" class="pagenum" title="181"></a> Ausgezeichnet war das! Herrlich! Es gab ja so viele Tage, -da er nur stottern konnte, seine Gedanken sich fortwährend -verwirrten, und das hätte einen schlechten Eindruck gemacht. +da er nur stottern konnte, seine Gedanken sich fortwährend +verwirrten, und das hätte einen schlechten Eindruck gemacht. </p> <p> -Wieder befand er sich dem grauen Hause gegenüber. -Jakob, der immer noch den Messingknopf der Haustüre +Wieder befand er sich dem grauen Hause gegenüber. +Jakob, der immer noch den Messingknopf der Haustüre polierte, machte ihm ein Zeichen. Also noch nicht! Jakob war ja eingeweiht, hatte zehn Zigarren erhalten — und zehn weitere Zigarren sollte er bekommen — danach! @@ -10663,12 +10630,12 @@ war Herr Herbst wieder in seine alten Gedanken versunken. </p> <p> -„Eigentlich, ja, wäre alles ganz genau, als ob ich noch lebte. +„Eigentlich, ja, wäre alles ganz genau, als ob ich noch lebte. Ich liege unter der Erde, und doch lebe ich weiter. Denn er ist eigentlich ich — oder ich eigentlich er — —! So aber — bin ich wie eine Pflanze, die man ausgerissen hat und auf den Weg warf. Und dann ist es zu Ende — zu Ende -für immer . . .“ +für immer . . .“ </p> <p> @@ -10676,7 +10643,7 @@ Herr Herbst blieb mitten auf dem Wege stehen. Er zitterte. </p> <p> -„Ja — trotz allem — unfaßbar!“ +„Ja — trotz allem — unfaßbar!“ </p> <p> @@ -10691,9 +10658,9 @@ vielleicht nicht einmal ordentlich begraben. Ohne Ruhe —!“ </p> <p> -Plötzlich aber schrak Herr Herbst zusammen. Sein Herz +Plötzlich aber schrak Herr Herbst zusammen. Sein Herz blieb stehen. Voller Schrecken, voller Verwirrung schlug -er die Hände vors Gesicht. +er die Hände vors Gesicht. </p> <p> @@ -10706,96 +10673,96 @@ ganz genau. </h3> <p class="first"> -<span class="firstchar">D</span>as Antlitz noch immer umwölkt, stieg der General -aus dem Wagen. Noch immer war die Ziegelröte -nicht völlig verflogen. — +<span class="firstchar">D</span>as Antlitz noch immer umwölkt, stieg der General +aus dem Wagen. Noch immer war die Ziegelröte +nicht völlig verflogen. — </p> <p> <a id="page-182" class="pagenum" title="182"></a> -Auch dieser Brief — er lag noch in demselben grüngebundenen -Buch — auch dieser Brief gab keinen Aufschluß. -Er bestärkte wohl gewisse Vermutungen, lüftete +Auch dieser Brief — er lag noch in demselben grüngebundenen +Buch — auch dieser Brief gab keinen Aufschluß. +Er bestärkte wohl gewisse Vermutungen, lüftete aber nicht den Schleier. Dieser Brief lautete: </p> <p> „Geliebte Ruth! Frevelhaft erscheint es, in dieser entsetzlichen -Verfinsterung an das persönliche Glück zu denken. +Verfinsterung an das persönliche Glück zu denken. Immerhin, ich unterliege der Versuchung. </p> <p> -Das Gebäude der menschlichen Glückseligkeit, Werk und -Vermächtnis der Edelsten, Kühnsten, Reinsten aller Völker, +Das Gebäude der menschlichen Glückseligkeit, Werk und +Vermächtnis der Edelsten, Kühnsten, Reinsten aller Völker, der Seher und Weisen, es scheint in seinen Grundmauern -erschüttert. +erschüttert. </p> <p> -Verzweiflung erfaßt uns, Dich, mich, alle, die wir an +Verzweiflung erfaßt uns, Dich, mich, alle, die wir an die Sendung der Menschen glauben. </p> <p> -Unzahlen leichtfertiger Gedanken, anscheinend völlig +Unzahlen leichtfertiger Gedanken, anscheinend völlig belanglos, Unzahlen leichtfertiger Worte, unscheinbar, -leichtfertiger Wünsche, leichtfertiger Handlungen, nebensächlich +leichtfertiger Wünsche, leichtfertiger Handlungen, nebensächlich im einzelnen betrachtet — sie haben diese entsetzliche -Verfinsterung herbeigeführt. +Verfinsterung herbeigeführt. </p> <p> Ich glaube — glaube unbedingt an einen Schatz des Guten auf Erden, die Summe aller guten Handlungen, -guten Gedanken und guten Worte. Ich glaube, daß dieser -Schatz, einzig wahrhafter Besitz der Menschheit, sich unaufhörlich -mehren muß — sollen nicht Verfinsterungen wie +guten Gedanken und guten Worte. Ich glaube, daß dieser +Schatz, einzig wahrhafter Besitz der Menschheit, sich unaufhörlich +mehren muß — sollen nicht Verfinsterungen wie diese eintreten. Die letzten Generationen und vor allem -jene Völker, die sich zivilisiert nennen, haben aber diesen +jene Völker, die sich zivilisiert nennen, haben aber diesen Schatz nicht vermehrt. Sie haben ihn verschleudert, vermindert. Die Schale sank und — wie immer, wenn sie sank — kam die Katastrophe. </p> <p> -Welch ein Irrtum: die Menschheit für den einzelnen! +Welch ein Irrtum: die Menschheit für den einzelnen! </p> <p> -<em>Wahr ist: der einzelne für die Menschheit!</em> +<em>Wahr ist: der einzelne für die Menschheit!</em> </p> <p> Jeder einzelne sei Mehrer jenes Schatzes des Guten, -Gerechten und Schönen, oder er ist ein — Dieb! Hüten -wir uns, die Mörder der kommenden Generation zu werden, -wie die vergangene unser Mörder wurde . . .“ +Gerechten und Schönen, oder er ist ein — Dieb! Hüten +wir uns, die Mörder der kommenden Generation zu werden, +wie die vergangene unser Mörder wurde . . .“ </p> <p> <a id="page-183" class="pagenum" title="183"></a> -Hier brach der flüchtig mit Bleistift hingeworfene Brief +Hier brach der flüchtig mit Bleistift hingeworfene Brief ab. Seine Fortsetzung fand sich nicht im Buche. Keine -Aufklärung also — +Aufklärung also — </p> <p> -In diesem Augenblick schrillte die Klingel der Haustüre. +In diesem Augenblick schrillte die Klingel der Haustüre. </p> <p> -Der General erschrak. So heftig, daß er einen Stich in -der Brust fühlte. Wenn er es auch als seine väterliche Pflicht -erachtete — es wäre ihm peinlich . . . +Der General erschrak. So heftig, daß er einen Stich in +der Brust fühlte. Wenn er es auch als seine väterliche Pflicht +erachtete — es wäre ihm peinlich . . . </p> <p> -Wieder schrillte die Klingel. Sie klang eigentümlich, hier +Wieder schrillte die Klingel. Sie klang eigentümlich, hier in Ruths Zimmer — wie ein Signal. Hastig legte er den -Brief in das grüngebundene Buch zurück — ein Werk +Brief in das grüngebundene Buch zurück — ein Werk Lassalles — und rasch, scheu, als habe man ihn auf verbotenen -Wegen ertappt, eilte er über den Gang. +Wegen ertappt, eilte er über den Gang. </p> <p> @@ -10803,7 +10770,7 @@ Es war indessen, Gott sei Dank, nur ein blinder Alarm. </p> <p> -Jakob übergab eine Karte. +Jakob übergab eine Karte. </p> <p> @@ -10812,14 +10779,14 @@ unterrichtet —“ </p> <p> -Ein völlig unbekannter Name — Rentier. Unterrichtet? +Ein völlig unbekannter Name — Rentier. Unterrichtet? Wahrscheinlich der Hausverwalter; das Badezimmer sollte neu gerichtet werden. </p> <p> -Immer noch etwas verwirrt, ließ der General bitten — -zu Jakobs maßlosem Erstaunen. +Immer noch etwas verwirrt, ließ der General bitten — +zu Jakobs maßlosem Erstaunen. </p> <p class="tb"> @@ -10828,15 +10795,15 @@ zu Jakobs maßlosem Erstaunen. <p class="first"> <span class="firstchar">D</span>er General wartete, aber nichts regte sich. Schon in -dieser Verzögerung witterte er etwas Ungewöhnliches. -Jeder Mann von Erziehung mußte längst eingetreten sein. -(Diese Verzögerung entstand dadurch, daß Herr Herbst -sich im letzten Augenblick umständlich die Nase putzte.) -Übrigens — hieß dieser Hausverwalter nicht anders? +dieser Verzögerung witterte er etwas Ungewöhnliches. +Jeder Mann von Erziehung mußte längst eingetreten sein. +(Diese Verzögerung entstand dadurch, daß Herr Herbst +sich im letzten Augenblick umständlich die Nase putzte.) +Übrigens — hieß dieser Hausverwalter nicht anders? </p> <p> -Plötzlich aber verdunkelte ein Schatten die Türe — und +Plötzlich aber verdunkelte ein Schatten die Türe — und im gleichen Moment erbleichte der General . . . </p> @@ -10846,47 +10813,47 @@ Augenblicklich hatte er dieses Gesicht wiedererkannt! <p> Jenes Gesicht, das an Doras Geburtstag durch die Scheibe -des Foyers spähte — nein, nicht jenes, sondern das andere, +des Foyers spähte — nein, nicht jenes, sondern das andere, das er erblickt hatte, als er am Schreibtisch eingenickt war, -als es so eigentümlich an die Scheiben pickte — das Drohung +als es so eigentümlich an die Scheiben pickte — das Drohung <a id="page-184" class="pagenum" title="184"></a> -und Kälte ausstrahlte . . . Augenblicklich erinnerte er sich +und Kälte ausstrahlte . . . Augenblicklich erinnerte er sich an alles. Es war ja erst vor wenigen Tagen. </p> <p> -Scheu und blaß stand das Gesicht in der Türe, und ganz -langsam und zögernd kam es näher. Nicht Drohung, nicht -Kälte — Angst, Hilflosigkeit, Verwirrung. +Scheu und blaß stand das Gesicht in der Türe, und ganz +langsam und zögernd kam es näher. Nicht Drohung, nicht +Kälte — Angst, Hilflosigkeit, Verwirrung. </p> <p> -Das Blut kehrte in das Gesicht des Generals zurück. -Die leichte Lähmung wich aus seinen Händen. +Das Blut kehrte in das Gesicht des Generals zurück. +Die leichte Lähmung wich aus seinen Händen. </p> <p> -Unsicher trat Herr Herbst in seinem verknüllten schwarzen +Unsicher trat Herr Herbst in seinem verknüllten schwarzen Gehrock ins Zimmer, den Zylinder in der Hand. Er verbeugte sich tief, voller Ehrerbietung. </p> <p> -In dieser Verbeugung verharrte er ungewöhnlich lange. +In dieser Verbeugung verharrte er ungewöhnlich lange. Er erwartete irgendein Wort. Dann richtete er sich -verlegen auf und blickte dem General mit seinen entzündeten -tränenden Augen ins Gesicht, ohne irgend etwas +verlegen auf und blickte dem General mit seinen entzündeten +tränenden Augen ins Gesicht, ohne irgend etwas zu sehen. </p> <p> -Der General räusperte sich, und Herr Herbst beantwortete -dieses Räuspern mit einer neuen, wenn auch weniger tiefen +Der General räusperte sich, und Herr Herbst beantwortete +dieses Räuspern mit einer neuen, wenn auch weniger tiefen Verbeugung. </p> <p> -„Bitte“, sagte der General, etwas unsicher und mürrisch +„Bitte“, sagte der General, etwas unsicher und mürrisch und deutete auf einen Sessel. Rot funkelte die Sonne ins Zimmer. </p> @@ -10897,8 +10864,8 @@ den Zylinder in der Hand und begann zu zittern . . . </p> <p> -Ja, er zitterte. Seine Zähne schlugen aufeinander. Der -Sessel schwankte, er fürchtete auf den Boden zu stürzen. +Ja, er zitterte. Seine Zähne schlugen aufeinander. Der +Sessel schwankte, er fürchtete auf den Boden zu stürzen. Feuer blies aus der Wand. </p> @@ -10915,8 +10882,8 @@ seine Soldaten . . . </p> <p> -Erst jetzt, da es zu spät war, begriff er, was er gewagt -hatte, <em>wem</em> er sich gegenüber befand. +Erst jetzt, da es zu spät war, begriff er, was er gewagt +hatte, <em>wem</em> er sich gegenüber befand. </p> <p> @@ -10925,8 +10892,8 @@ Der . . . <p> <a id="page-185" class="pagenum" title="185"></a> -Was hätte er gegeben, alles, alles, wenn er nur wieder -auf der Straße wäre. +Was hätte er gegeben, alles, alles, wenn er nur wieder +auf der Straße wäre. </p> <p> @@ -10935,22 +10902,22 @@ mit dem Federmesser ab. </p> <p> -„Ich bitte —?“ sagte er leichthin, während er die Zigarre -zwischen den Fingern rollte. „Was wünschen Sie?“ Er -hatte das Gleichgewicht völlig wiedergefunden. +„Ich bitte —?“ sagte er leichthin, während er die Zigarre +zwischen den Fingern rollte. „Was wünschen Sie?“ Er +hatte das Gleichgewicht völlig wiedergefunden. </p> <p> -Sein Blick glitt flüchtig über das zitternde Häufchen +Sein Blick glitt flüchtig über das zitternde Häufchen Hilflosigkeit in dem abgetragenen schwarzen Rock. Ohne -sich dessen bewußt zu werden, genoß er die Angst, die er -seinem Besuche einflößte, denn kein Mensch, er sei denn -von seltener Güte, kann einen andern zittern sehen, ohne -sich augenblicklich erhoben zu fühlen. Oben und Unten, +sich dessen bewußt zu werden, genoß er die Angst, die er +seinem Besuche einflößte, denn kein Mensch, er sei denn +von seltener Güte, kann einen andern zittern sehen, ohne +sich augenblicklich erhoben zu fühlen. Oben und Unten, Herren und Knechte, nie hatte der General eine andere Gesellschaftsordnung auch nur in Gedanken erwogen. Es waren Gesetze, von Gott gegeben, die man hinnahm, ohne -darüber weiter nachzudenken. Bis zum jüngsten Tage +darüber weiter nachzudenken. Bis zum jüngsten Tage wird es Oben und Unten, Herren und Knechte geben. Andere als dieser hatten vor ihm gezittert — Soldaten und Offiziere — und sie hatten gezittert wenige Minuten, @@ -10964,22 +10931,22 @@ wartete er. </p> <p> -Wieder bewegte er die Lippen. Er mußte sprechen, -Worte, irgendein Wort, es war höchste Zeit. Wie lange +Wieder bewegte er die Lippen. Er mußte sprechen, +Worte, irgendein Wort, es war höchste Zeit. Wie lange noch sollte dieser andere — dieser hier — schon sank die -Sonne, dämmerte es im Zimmer — nur dieses breite starre +Sonne, dämmerte es im Zimmer — nur dieses breite starre Gesicht leuchtete noch. </p> <p> -Und plötzlich flüsterte er. Aber er erschrak bis ins Mark -über die Worte, die von seinen Lippen kamen — keineswegs -die Worte, die er sich zurecht legte und einübte, in -den Nächten, auf der Straße, wenn er so dahinging. +Und plötzlich flüsterte er. Aber er erschrak bis ins Mark +über die Worte, die von seinen Lippen kamen — keineswegs +die Worte, die er sich zurecht legte und einübte, in +den Nächten, auf der Straße, wenn er so dahinging. </p> <p> -Seine Lippen flüsterten, kaum vernehmbar: +Seine Lippen flüsterten, kaum vernehmbar: </p> <p> @@ -10989,12 +10956,12 @@ Seine Lippen flüsterten, kaum vernehmbar: <p> <a id="page-186" class="pagenum" title="186"></a> Und schon hob er erschrocken die Hand, um die Worte -zurückzuhalten. +zurückzuhalten. </p> <p> -Aber der General konnte sie gar nicht gehört haben, -kaum, daß sie bis in seine eigenen Ohren drangen. +Aber der General konnte sie gar nicht gehört haben, +kaum, daß sie bis in seine eigenen Ohren drangen. </p> <p> @@ -11006,7 +10973,7 @@ schweigend, und die Augen forschten — kalt, ohne Erbarmen. <p> Hastig bewegte er von neuem die Lippen. Aber obschon er diesmal eine bestimmte Redewendung, die mit „Bitte -gehorsamst“ begann, auf den Lippen formte, flüsterten +gehorsamst“ begann, auf den Lippen formte, flüsterten seine Lippen, ganz gegen seinen Willen, die gleichen furchtbaren Worte wie vorher: </p> @@ -11025,14 +10992,14 @@ Er fuhr zusammen, erschauerte, suchte nach dem Taschentuch. <p> Da erklang die Stimme des Generals. Ruhig und beherrscht -— mit jener doppelten Ruhe und Überlegenheit, +— mit jener doppelten Ruhe und Überlegenheit, die sich ganz von selbst bei allen Menschen von nicht seltener -Güte einem zitternden Menschen gegenüber einstellt. +Güte einem zitternden Menschen gegenüber einstellt. </p> <p> „Sie haben mir neulich geschrieben?“ sagte die ruhige -und überlegene Stimme. +und überlegene Stimme. </p> <p> @@ -11045,10 +11012,10 @@ recht erinnere —?“ </p> <p> -„Mein Sohn Robert, Euer Exzellenz!“ Prächtig ging -es nun. Röte huschte über das bleiche, kleine Gesicht. Der -Sessel hörte auf zu schwanken, die Gestalt des Generals -nahm natürliche Maße an. +„Mein Sohn Robert, Euer Exzellenz!“ Prächtig ging +es nun. Röte huschte über das bleiche, kleine Gesicht. Der +Sessel hörte auf zu schwanken, die Gestalt des Generals +nahm natürliche Maße an. </p> <p> @@ -11060,29 +11027,29 @@ nahm natürliche Maße an. </p> <p> -„Fünften, sagten Sie?“ +„Fünften, sagten Sie?“ </p> <p> -„Fünften, Euer Exzellenz. Beim Sturmangriff auf -Quatre vents. Am vierten hatte bereits ein Jägerbataillon -gestürmt, vergeblich, am fünften . . . da fiel er.“ +„Fünften, Euer Exzellenz. Beim Sturmangriff auf +Quatre vents. Am vierten hatte bereits ein Jägerbataillon +gestürmt, vergeblich, am fünften . . . da fiel er.“ </p> <p> <a id="page-187" class="pagenum" title="187"></a> -Der General ließ den Blick rügend auf Herrn Herbst +Der General ließ den Blick rügend auf Herrn Herbst ruhen. Dieses leicht kritische „vergeblich“, wahrscheinlich -ohne besondere Absicht geäußert, mißfiel ihm. +ohne besondere Absicht geäußert, mißfiel ihm. </p> <p> -„Er fiel für Kaiser und Reich!“ sagte er mit etwas salbungsvoller, -tieftönender Stimme. +„Er fiel für Kaiser und Reich!“ sagte er mit etwas salbungsvoller, +tieftönender Stimme. </p> <p> -Die kleinen entzündeten Augen blinkten. Herr Herbst +Die kleinen entzündeten Augen blinkten. Herr Herbst leckte sich die schmalen Lippen, und ein paar gelbe Zahnstumpen wurden sichtbar. Einen Augenblick schien es, als ob sein Gesicht sich zu einer Grimasse von satanischem @@ -11096,12 +11063,12 @@ fuhr der General fort, und seine Stimme hob sich. <p> Wieder verzerrte sich das kleine fahle Gesicht, dann aber -zog er das Taschentuch heraus und preßte es an die Augen. -Der Schmerz überfiel ihn. Er wimmerte leise. +zog er das Taschentuch heraus und preßte es an die Augen. +Der Schmerz überfiel ihn. Er wimmerte leise. </p> <p> -Plötzlich aber knallte es — ganz wie heute vormittag +Plötzlich aber knallte es — ganz wie heute vormittag im Foyer, als er mit dem Portier sprach — der Zylinder war auf den Boden gefallen. </p> @@ -11109,13 +11076,13 @@ war auf den Boden gefallen. <p> „Bitte gehorsamst —“ stammelte Herr Herbst erschrocken und hob den Zylinder auf. Schwindel ergriff ihn, als er -sich wieder setzte und die Tränen abwischte. Das Zimmer -drehte sich im Kreise, eine Faust preßte seinen Magen -zusammen. Ah, wenn es ihm nun übel würde! Das wäre +sich wieder setzte und die Tränen abwischte. Das Zimmer +drehte sich im Kreise, eine Faust preßte seinen Magen +zusammen. Ah, wenn es ihm nun übel würde! Das wäre eine Sache! Er hatte ja die ganze Nacht hindurch getrunken, -und plötzlich fühlte er die Betrunkenheit. Beschütze mich +und plötzlich fühlte er die Betrunkenheit. Beschütze mich Gott! Mit Spitzbuben hatte er getrunken, richtigen Spitzbuben, -die Werkzeuge in einem Brotbeutel bei sich führten — +die Werkzeuge in einem Brotbeutel bei sich führten — in einer Kneipe, im Hof, die die ganze Nacht offen war. Wenn der General nun bemerkte — </p> @@ -11134,17 +11101,17 @@ hatte ein Schubfach aufgezogen. Er drehte das Licht an. </p> <p> -„Herr Herbst? Nun, ich hätte Ihnen sonst erklären -können, was ich beabsichtigte. Wir haben am 4., 5. und +„Herr Herbst? Nun, ich hätte Ihnen sonst erklären +können, was ich beabsichtigte. Wir haben am 4., 5. und <a id="page-188" class="pagenum" title="188"></a> -6. August gekämpft und die Höhe leider räumen müssen, -weil man uns die Reserven versagte . . .“ Versöhnlich -klang plötzlich die Stimme des Generals. Auch er hatte +6. August gekämpft und die Höhe leider räumen müssen, +weil man uns die Reserven versagte . . .“ Versöhnlich +klang plötzlich die Stimme des Generals. Auch er hatte ja einen Sohn im Kriege verloren. Auch er war ein Vater, der trauerte. Der Krieg hatte alle gesellschaftlichen Bande -gelockert. Über manches mußte man in dieser Zeit hinwegsehen. -„Hier ist die Höhe,“ fügte er hinzu, „wo Ihr Sohn -für die Größe und Ehre des Vaterlandes . . .“ +gelockert. Über manches mußte man in dieser Zeit hinwegsehen. +„Hier ist die Höhe,“ fügte er hinzu, „wo Ihr Sohn +für die Größe und Ehre des Vaterlandes . . .“ </p> <p> @@ -11165,22 +11132,22 @@ ohne Zweifel. </p> <p> -„Früher Lehrer an einem Gymnasium.“ +„Früher Lehrer an einem Gymnasium.“ </p> <p> -„Bitte, treten Sie ruhig näher.“ +„Bitte, treten Sie ruhig näher.“ </p> <p> -Auf der großen und ausgezeichnet scharfen Photographie -sah Herr Herbst zunächst nichts. Ein Meer, wie, was war +Auf der großen und ausgezeichnet scharfen Photographie +sah Herr Herbst zunächst nichts. Ein Meer, wie, was war das? Wellen, Wogen. Ein Ozean in Aufruhr! Dann aber unterschied er Baumstrunke, die kreuz und quer aus diesen furchterweckenden Wogenbergen hervorstanden, und einen schmalen Erdgang der mitten in die Wogenberge aus -erstarrtem Schmutz hineinführte — es war die Kuppe -der Höhe selbst, von den Minen zerrissen. +erstarrtem Schmutz hineinführte — es war die Kuppe +der Höhe selbst, von den Minen zerrissen. </p> <p> @@ -11202,60 +11169,60 @@ Herr Herbst atmete schwer. <p class="first"> <span class="firstchar">D</span>ie Geschichte wird entscheiden, dachte der General, wie -immer, wenn er die Kämpfe um Quatre vents in seinem -Geiste vorüberziehen ließ. Aber er täuschte sich. Die Geschichte +immer, wenn er die Kämpfe um Quatre vents in seinem +Geiste vorüberziehen ließ. Aber er täuschte sich. Die Geschichte wird nicht entscheiden, sie hat etwas Besseres zu <a id="page-189" class="pagenum" title="189"></a> -tun. Die Geschichte wird diese Höhe ganz einfach vergessen. -Die Höhe von Quatre vents war strategisch gänzlich belanglos. -Drei Kilometer rückwärts lag eine zweite, viel stärkere -Höhe, durch einen Flußlauf vor der Unterminierung geschützt. -Die Lage von Quatre vents war sogar ungünstig. Sie konnte -jederzeit abgeschnürt werden, wie es später auch geschah, -sie lag offen vor den feindlichen Geschützen, und ihre Zugänge +tun. Die Geschichte wird diese Höhe ganz einfach vergessen. +Die Höhe von Quatre vents war strategisch gänzlich belanglos. +Drei Kilometer rückwärts lag eine zweite, viel stärkere +Höhe, durch einen Flußlauf vor der Unterminierung geschützt. +Die Lage von Quatre vents war sogar ungünstig. Sie konnte +jederzeit abgeschnürt werden, wie es später auch geschah, +sie lag offen vor den feindlichen Geschützen, und ihre Zugänge wurden vom feindlichen Feuer bestrichen. Der General -aber hielt Quatre vents für einen Angelpunkt der Westfront. +aber hielt Quatre vents für einen Angelpunkt der Westfront. </p> <p> -Sonderbarerweise aber, auch der französische General -gegenüber, ein französischer Hecht-Babenberg, auch er hielt -die Höhe für einen Angelpunkt der Westfront! Unaufhörlich +Sonderbarerweise aber, auch der französische General +gegenüber, ein französischer Hecht-Babenberg, auch er hielt +die Höhe für einen Angelpunkt der Westfront! Unaufhörlich schickte er seine Schwarzen vor. Tausende und -Abertausende von dunkelhäutigen Kadavern verpesteten -monatelang die Luft, bis die gütige Erde, die keinen Unterschied -macht zwischen Schwarz und Weiß, sie in sich schluckte. +Abertausende von dunkelhäutigen Kadavern verpesteten +monatelang die Luft, bis die gütige Erde, die keinen Unterschied +macht zwischen Schwarz und Weiß, sie in sich schluckte. Trotz ungeheurer Verluste sappte sich der Franzose eigensinnig heran, und endlich lag man sich an einzelnen Stellen -kaum fünf Meter entfernt gegenüber. Ein Räuspern +kaum fünf Meter entfernt gegenüber. Ein Räuspern bedeutete den Tod. Nun erst begann der eigentliche Kampf um die Kuppe. </p> <p> Man unterminierte gegenseitig die Stellungen und -sprengte die Gräben einfach in die Luft. Als der General -eines Tages gerade badete, meldete man ihm, daß eine +sprengte die Gräben einfach in die Luft. Als der General +eines Tages gerade badete, meldete man ihm, daß eine ganze Kompanie in die Luft geflogen sei. Furchtbarer -Morgen! Zuweilen kämpfte man sogar mit Messern und +Morgen! Zuweilen kämpfte man sogar mit Messern und Handgranaten in den finsteren Stollen unter der Erde. </p> <p> -Wie die Rasenden bekämpften einander die beiden -Generale, die fünfzehn bis zwanzig Kilometer hinter dem +Wie die Rasenden bekämpften einander die beiden +Generale, die fünfzehn bis zwanzig Kilometer hinter dem Teufelsberg, umgeben von Stabsoffizieren, Telephonapparaten, -Ordonnanzen, Köchen und bombensicheren -Unterständen in ihren Schlössern hausten. +Ordonnanzen, Köchen und bombensicheren +Unterständen in ihren Schlössern hausten. </p> <p> -Frankreich erwartet, daß ihr die Trikolore auf der Höhe +Frankreich erwartet, daß ihr die Trikolore auf der Höhe aufpflanzt! </p> <p> -Die Höhe ist und bleibt in deutscher Hand! Nur über +Die Höhe ist und bleibt in deutscher Hand! Nur über <a id="page-190" class="pagenum" title="190"></a> unsere Leichen, Kameraden . . . Ja, Kameraden pflegte der General seine Soldaten in derartigen Befehlen zu @@ -11264,44 +11231,44 @@ Ansprachen Eiserne Kreuze. </p> <p> -Schließlich glaubten die Soldaten auf beiden Seiten -tatsächlich, daß sie um den Angelpunkt der Westfront rangen. +Schließlich glaubten die Soldaten auf beiden Seiten +tatsächlich, daß sie um den Angelpunkt der Westfront rangen. </p> <p> -Auf diese Weise entstand der zwölfstöckige Friedhof von +Auf diese Weise entstand der zwölfstöckige Friedhof von Quatre vents. — </p> <p> -Herr Herbst keuchte. Seine entzündeten Augen füllten -sich mit Tränen. Zuerst verschwand der kleine Erdgang, +Herr Herbst keuchte. Seine entzündeten Augen füllten +sich mit Tränen. Zuerst verschwand der kleine Erdgang, dann die Baumstrunke, dann die wilden erstarrten Schmutzwogen -— aber das schreckliche Bild hatte sich für immer -in seine Seele eingegraben. Um ein Haar wäre eine Träne +— aber das schreckliche Bild hatte sich für immer +in seine Seele eingegraben. Um ein Haar wäre eine Träne auf die kostbare Aufnahme, die der General sich einrahmen lassen wollte — er kam bis jetzt nur noch nicht dazu — eine -Träne getropft, aber der General hatte das Bild noch +Träne getropft, aber der General hatte das Bild noch rechtzeitig fortgenommen. </p> <p> Hier also — vielleicht war er durch diesen schmalen -Erdgang geschritten —? War es möglich, daß er zwischen -diesen fürchterlichen Erdwogen um sein Leben kämpfte? -War es möglich, daß zwischen diesen Erdwogen, +Erdgang geschritten —? War es möglich, daß er zwischen +diesen fürchterlichen Erdwogen um sein Leben kämpfte? +War es möglich, daß zwischen diesen Erdwogen, diesen schrecklichen, sein Todesschrei verhallte? Wie? Wie? Wie? </p> <p> -War es möglich, daß ein Mensch geboren wurde, um hier +War es möglich, daß ein Mensch geboren wurde, um hier zu enden? </p> <p> Herr Herbst zitterte vor Entsetzen. Allein das Bild -dieser Höhe erfüllte ihn mit schrecklichem Grauen. +dieser Höhe erfüllte ihn mit schrecklichem Grauen. </p> <p> @@ -11313,13 +11280,13 @@ Er taumelte und rang nach Luft. </p> <p> -„Es waren sehr schwere Kämpfe!“ sagte der General +„Es waren sehr schwere Kämpfe!“ sagte der General beruhigend. </p> <p> „Und — sein Grab, hier —?“ Die Augen Herbsts waren -plötzlich starr und entgeistert auf den General gerichtet. +plötzlich starr und entgeistert auf den General gerichtet. </p> <p> @@ -11330,7 +11297,7 @@ plötzlich starr und entgeistert auf den General gerichtet. „Aber — vielleicht — ist er gar nicht begraben worden?“ <a id="page-191" class="pagenum" title="191"></a> schrie er mit schriller Stimme und rang verzweifelt die -Hände. Ja, nun verstand er alles . . . +Hände. Ja, nun verstand er alles . . . </p> <p> @@ -11345,51 +11312,51 @@ Wogenbergen? Wie sollte —! <p> Der General runzelte die Stirn. Aus purem Mitleid hatte er sich mit diesem alten Mann abgegeben. Nur um -überhaupt ein Gesprächsthema zu schaffen, hatte er ihm -die Photographie gezeigt. Die Stätte, wo sein Sohn -gekämpft hatte, konnte wohl sein Interesse finden. So -unerhört es war, daß ein ixbeliebiger Beamter aus der -Provinz, ohne viele Umstände seine Karte bei ihm abgab, -zu ungewöhnlicher Stunde, in einem geradezu skandalösen -Anzug, hatte er doch den Umständen eine Konzession gemacht -und Nachsicht geübt. Nun aber sah er sich veranlaßt, -sich wegen seines allzu großen Entgegenkommens Vorwürfe +überhaupt ein Gesprächsthema zu schaffen, hatte er ihm +die Photographie gezeigt. Die Stätte, wo sein Sohn +gekämpft hatte, konnte wohl sein Interesse finden. So +unerhört es war, daß ein ixbeliebiger Beamter aus der +Provinz, ohne viele Umstände seine Karte bei ihm abgab, +zu ungewöhnlicher Stunde, in einem geradezu skandalösen +Anzug, hatte er doch den Umständen eine Konzession gemacht +und Nachsicht geübt. Nun aber sah er sich veranlaßt, +sich wegen seines allzu großen Entgegenkommens Vorwürfe zu machen. </p> <p> Der Gesichtsausdruck des kleinen alten Mannes erschreckte -ihn. Es war ja nicht unmöglich, daß dieser merkwürdige, -völlig unberechenbare alte Mann — +ihn. Es war ja nicht unmöglich, daß dieser merkwürdige, +völlig unberechenbare alte Mann — </p> <p> -Erschreckend ähnlich war sein Gesicht dem Traumgesicht +Erschreckend ähnlich war sein Gesicht dem Traumgesicht geworden, das durch die Scheiben starrte, als es pickte . . . </p> <p> -„Es waren außerordentlich schwere Kämpfe — es ist -natürlich gänzlich unmöglich für einen Laien, sich ein Bild -zu machen. Zumal, da Sie ja die Verhältnisse an der Front +„Es waren außerordentlich schwere Kämpfe — es ist +natürlich gänzlich unmöglich für einen Laien, sich ein Bild +zu machen. Zumal, da Sie ja die Verhältnisse an der Front nicht kennen.“ Einen letzten Versuch machte der General, den kleinen alten Mann zu beruhigen. </p> <p> -Verstört, entgeistert schwankte Herr Herbst auf seinen -dünnen Beinen. +Verstört, entgeistert schwankte Herr Herbst auf seinen +dünnen Beinen. </p> <p> -„Sie haben also den Befehl gegeben? Und dann mußte +„Sie haben also den Befehl gegeben? Und dann mußte er — da hinauf —?“ fragte er mit pfeifender Stimme. </p> <p> Betreten richtete sich der General auf. Drohung ging -plötzlich von diesem verzerrten, kalkweißen Gesicht aus. +plötzlich von diesem verzerrten, kalkweißen Gesicht aus. </p> <p> @@ -11400,28 +11367,28 @@ Burschen! </p> <p> -Aber plötzlich funkelten auch die Augen des kleinen -Herrn Herbst, schneeweiß glitzerten sie. Haß glitzerte aus -ihnen, Haß, unergründlich. +Aber plötzlich funkelten auch die Augen des kleinen +Herrn Herbst, schneeweiß glitzerten sie. Haß glitzerte aus +ihnen, Haß, unergründlich. </p> <p> -Er warf die Hände in die Luft, mit einer wilden, erschreckenden +Er warf die Hände in die Luft, mit einer wilden, erschreckenden Bewegung, und schleuderte dem General ein -fürchterliches Wort entgegen. +fürchterliches Wort entgegen. </p> <p> -„Mörder!“ +„Mörder!“ </p> <p> -Der General wich zurück und erbleichte. +Der General wich zurück und erbleichte. </p> <p> -Aber der kleine alte Mann schwang wieder die Hände, -und abermals schrie er: „Mörder! Mörder!“ +Aber der kleine alte Mann schwang wieder die Hände, +und abermals schrie er: „Mörder! Mörder!“ </p> <p> @@ -11431,7 +11398,7 @@ oder —!“ </p> <p> -Plötzlich, ganz unvermutet, war der kleine alte Mann +Plötzlich, ganz unvermutet, war der kleine alte Mann in die Knie gesunken und hatte die Hand des Generals ergriffen, alles in einer Sekunde. </p> @@ -11446,9 +11413,9 @@ ich — ich bin —“ </p> <p> -Ja, in dieser Sekunde fühlte er, daß er betrunken war. +Ja, in dieser Sekunde fühlte er, daß er betrunken war. Sonst empfand er nichts mehr. Es war ihm klar, der Rausch -war zum Durchbruch gekommen, plötzlich, der Alkohol, +war zum Durchbruch gekommen, plötzlich, der Alkohol, sein Teufel, hatte ihm ein Bein gestellt. Er wollte all das gar nicht sagen, wollte — ja, was wollte er eigentlich — aber er hatte nie und nimmer beabsichtigt, so etwas zu @@ -11458,27 +11425,27 @@ sagen. Wie konnte er, er machte Besuch — <p> Der General aber begriff in diesem Augenblick etwas ganz anderes. Dieser alte Mann war vielleicht betrunken, -möglich, aber er war etwas ganz anderes — er war geistesgestört. -Einen Geistesgestörten hatte er vor sich! Alles erklärte -sich nun, der Brief, der ungewöhnliche Besuch, sein -Gebaren. Ein bedauerlicher Geistesgestörter, das war -dieser alte Mann. Es würde sich nunmehr darum handeln, +möglich, aber er war etwas ganz anderes — er war geistesgestört. +Einen Geistesgestörten hatte er vor sich! Alles erklärte +sich nun, der Brief, der ungewöhnliche Besuch, sein +Gebaren. Ein bedauerlicher Geistesgestörter, das war +dieser alte Mann. Es würde sich nunmehr darum handeln, <a id="page-193" class="pagenum" title="193"></a> -ihn möglichst rasch und, ohne Aufsehen zu erregen, loszuwerden. +ihn möglichst rasch und, ohne Aufsehen zu erregen, loszuwerden. </p> <p> „Sie sind erregt — begreiflicherweise — stehen Sie auf —“ -sagte er, um seinen unheimlichen Gast zu besänftigen. +sagte er, um seinen unheimlichen Gast zu besänftigen. </p> <p> -„Erst wenn Sie verzeihen“, rief Herr Herbst, während -die Tränen aus seinen Augen sprangen. +„Erst wenn Sie verzeihen“, rief Herr Herbst, während +die Tränen aus seinen Augen sprangen. </p> <p> -„Ich verzeihe Ihnen, natürlich —“ +„Ich verzeihe Ihnen, natürlich —“ </p> <p> @@ -11486,9 +11453,9 @@ Sofort erhob sich der alte Mann. </p> <p> -„Es ist ja begreiflich, daß Sie erregt sind“, fuhr der +„Es ist ja begreiflich, daß Sie erregt sind“, fuhr der General fort. „Wir haben alle in diesen Jahren Schreckliches -erlebt. Aber ich muß jetzt bitten, ich habe dringend +erlebt. Aber ich muß jetzt bitten, ich habe dringend zu arbeiten . . .“ </p> @@ -11497,22 +11464,22 @@ zu arbeiten . . .“ </p> <p> -Anscheinend völlig beruhigt nahm Herr Herbst den +Anscheinend völlig beruhigt nahm Herr Herbst den Zylinder in die Hand. „Ich bitte zu entschuldigen, Euer -Exzellenz — die Störung.“ +Exzellenz — die Störung.“ </p> <p> -Aber er blieb an der Türe stehen, hob das noch von Tränen -glänzende Gesicht, und wieder nahmen seine entzündeten -Augen einen eigentümlichen Ausdruck an. Wieder begannen +Aber er blieb an der Türe stehen, hob das noch von Tränen +glänzende Gesicht, und wieder nahmen seine entzündeten +Augen einen eigentümlichen Ausdruck an. Wieder begannen sie zu glitzern. </p> <p> Jedenfalls — — er blieb stehen — obschon ihn der General mit einer kleinen stummen Verbeugung entlassen hatte. -Der Ausdruck seiner Augen war unerklärlich. Spott lag +Der Ausdruck seiner Augen war unerklärlich. Spott lag darin — oder — war es nicht Spott? </p> @@ -11525,18 +11492,18 @@ Er wartete auf irgend etwas. </p> <p class="first"> -<span class="firstchar">D</span>er General, der schon die Absicht ausdrückte, sich am +<span class="firstchar">D</span>er General, der schon die Absicht ausdrückte, sich am Schreibtisch niederzulassen, wandte den Kopf. Offenbar, dieser Mann hatte noch etwas auf dem Herzen, und er -würde nicht gehen, bevor er von dieser Last befreit war. +würde nicht gehen, bevor er von dieser Last befreit war. </p> <p> -Plötzlich erriet der General. Diese geheimnisvollen -Andeutungen in seinem Brief! Diese anfangs völlig unverständliche -Anspielung, die plötzlich einen gewissen Sinn -zu bekommen schien. Es war ja sogar möglich, daß dieser -Geisteskranke tatsächlich im Besitz eines Geheimnisses war. +Plötzlich erriet der General. Diese geheimnisvollen +Andeutungen in seinem Brief! Diese anfangs völlig unverständliche +Anspielung, die plötzlich einen gewissen Sinn +zu bekommen schien. Es war ja sogar möglich, daß dieser +Geisteskranke tatsächlich im Besitz eines Geheimnisses war. </p> <p> @@ -11549,31 +11516,31 @@ General stockte. </p> <p> -„Das gnädige Fräulein —?“ Es war der gleiche Ausdruck, +„Das gnädige Fräulein —?“ Es war der gleiche Ausdruck, den er in seinem Brief anwandte. </p> <p> Der General hatte richtig geraten. Herr Herbst hatte -tatsächlich auf diese Frage gewartet — aber nicht um +tatsächlich auf diese Frage gewartet — aber nicht um sie zu beantworten! </p> <p> Der Ausdruck in seinen Augen, dieser Schimmer von Spott steigerte sich zum Hohn. Er legte den Kopf auf die -Schulter, lächelte . . . höhnisch, triumphierend, wieder +Schulter, lächelte . . . höhnisch, triumphierend, wieder wurden die gelben Zahnstumpen sichtbar. Er fing sogar an, leise zu lachen. </p> <p> -„Ich wüßte nicht, Exzellenz . . .“ +„Ich wüßte nicht, Exzellenz . . .“ </p> <p> „Guten Abend!“ sagte der General kurz. Und mit einer -spöttischen Verbeugung verabschiedete sich Herr Herbst. +spöttischen Verbeugung verabschiedete sich Herr Herbst. </p> <p> @@ -11589,17 +11556,17 @@ durch die Diele. <span class="firstchar">W</span>ie ein blutiges Nordlicht flammte die sinkende Sonne zwischen finsteren Wolken. Durch die Torbogen des Brandenburger Tors schleuderte sie rote Glutkegel, -die die Linden überfunkelten. Häuser und Menschen brannten -düster, und düster brannte das Schloß am Ende der -Linden. In den Schaufenstern der Luxusgeschäfte flammten +die die Linden überfunkelten. Häuser und Menschen brannten +düster, und düster brannte das Schloß am Ende der +Linden. In den Schaufenstern der Luxusgeschäfte flammten die Brillanten, Perlen, Diademe, Orchideen, goldenen -Schalen und Prunkgefäße. +Schalen und Prunkgefäße. </p> <p> In seinem weiten abgenutzten Soldatenmantel strich Ackermann, der Student, die Linden entlang, dicht an den -Läden vorüber mit den Orchideen, Perlen und Prunkgefäßen. +Läden vorüber mit den Orchideen, Perlen und Prunkgefäßen. Er sah sie nicht. </p> @@ -11611,68 +11578,68 @@ Sein Mund zuckte. <p> Dies ist die Stunde, dachte er — ja, dies ist die Stunde, da die Sterbenden noch einmal die Augen aufschlagen, -um den hohen Himmel zu grüßen. Erinnerst du dich — dieser +um den hohen Himmel zu grüßen. Erinnerst du dich — dieser Blick aus schlafschweren Augen? Dies ist die Stunde, da die Verwundeten gierig das scheidende Licht mit ihren -fiebernden Augen trinken, denn einen Augenblick später -kommt schon die Nacht mit ihren Ungewißheiten, dem -Gewimmer, Stöhnen und Miauen im Krankensaal. +fiebernden Augen trinken, denn einen Augenblick später +kommt schon die Nacht mit ihren Ungewißheiten, dem +Gewimmer, Stöhnen und Miauen im Krankensaal. </p> <p> Dies ist die Stunde, da die Gefangenen in all den hundert Lagern, von <em>Menschen</em> errichtet, um <em>Menschen</em> -gefangenzuhalten, noch einmal an den Stacheldrähten -entlangstreichen wie Tiere, bevor man sie in ihre Höhlen -zurückjagt, da die Hände von Hunderttausenden von gefangenen +gefangenzuhalten, noch einmal an den Stacheldrähten +entlangstreichen wie Tiere, bevor man sie in ihre Höhlen +zurückjagt, da die Hände von Hunderttausenden von gefangenen Menschentieren sich verkrampfen um den kalten Draht. Ja, dies ist die Stunde des schrecklichen Sterbens — in Flandern und Frankreich, in Italien, Mazedonien und -der Türkei, überall in dieser ganzen verfluchten Welt. +der Türkei, überall in dieser ganzen verfluchten Welt. </p> <p> Dies ist die Stunde, da das Elend der ganzen Welt sich vertausendfacht — da das Gespenst des menschlichen Elends -sich riesengroß über der Erde erhebt . . . +sich riesengroß über der Erde erhebt . . . </p> <p> Ackermann watete durch die gespenstisch rote Lichtflut des sinkenden Gestirns. Blut, nicht Schein der Sonne, -Blut, das von den Schlachtfeldern hereinströmt in diese -Stadt und täglich steigt wie ein Meer. Er roch das Blut, -er fühlte seine dampfende Wärme, genau wie damals in +Blut, das von den Schlachtfeldern hereinströmt in diese +Stadt und täglich steigt wie ein Meer. Er roch das Blut, +er fühlte seine dampfende Wärme, genau wie damals in Flandern, als ihn dieser dicke Blutstrahl traf, der aus der Halsschlagader eines getroffenen Kameraden spritzte — -und dann, ja, als sein eigenes Blut über ihn strömte. Es -rann über die Scheiben der Schaufenster, es quoll aus den -Haustüren, überschwemmte die Straßen, das Schloß — +und dann, ja, als sein eigenes Blut über ihn strömte. Es +rann über die Scheiben der Schaufenster, es quoll aus den +Haustüren, überschwemmte die Straßen, das Schloß — dort unten — schon feuchteten sich die dicken Steinmauern — </p> <p> -Blutige Gespenster stürzten an ihm vorbei. Schon +Blutige Gespenster stürzten an ihm vorbei. Schon wateten die Menschen in der roten Flut bis an die Brust, -sie fühlten es nicht. Bald wird sie bis an ihre Lippen +sie fühlten es nicht. Bald wird sie bis an ihre Lippen <a id="page-196" class="pagenum" title="196"></a> -steigen. An ihren Wimpern hing das Blut, ihre Hände -färbte es rot. +steigen. An ihren Wimpern hing das Blut, ihre Hände +färbte es rot. </p> <p> -Erst Lügner, dann Räuber, dann Mörder — das sind -die Völker Europas geworden! Dunkel rauscht die Menschheit +Erst Lügner, dann Räuber, dann Mörder — das sind +die Völker Europas geworden! Dunkel rauscht die Menschheit dahin, ein Strom in der Finsternis, der nicht sein Ziel kennt . . . </p> <p> -„Und du, Herr, über den Finsternissen?“ +„Und du, Herr, über den Finsternissen?“ </p> <p> -„Weshalb zögerst du?“ +„Weshalb zögerst du?“ </p> <p> @@ -11685,13 +11652,13 @@ sein Herz. Sein Hirn blutete, sein Hirn zersprang. </p> <p> -Plötzlich tastete er nach der Hauswand. Deutlich hatte -er gespürt, wie er zu sinken begann, wie der wirbelnde +Plötzlich tastete er nach der Hauswand. Deutlich hatte +er gespürt, wie er zu sinken begann, wie der wirbelnde Blutstrom ihn mit sich forttrug . . . </p> <p> -„Bringe Erlösung dieser Erde! Führe sie zurück auf +„Bringe Erlösung dieser Erde! Führe sie zurück auf deinen Weg!“ </p> @@ -11712,14 +11679,14 @@ deinen Weg!“ </p> <p> -Plötzlich hob ihn der weite Mantel in die Höhe, und er -schwebte dahin. Durch unendliche gleißende Helle brauste -er, über blendende Ebenen, hingegeben einer unbekannten +Plötzlich hob ihn der weite Mantel in die Höhe, und er +schwebte dahin. Durch unendliche gleißende Helle brauste +er, über blendende Ebenen, hingegeben einer unbekannten Wollust . . . </p> <p> -Da faßte jemand seinen Arm und schüttelte ihn. +Da faßte jemand seinen Arm und schüttelte ihn. </p> <p> @@ -11728,29 +11695,29 @@ Mannes. </p> <p> -Nun saß er, noch etwas betäubt, auf einer Treppe, ganz -in der Nähe des Schloßplatzes. +Nun saß er, noch etwas betäubt, auf einer Treppe, ganz +in der Nähe des Schloßplatzes. </p> <p> Rasch kam er wieder zu sich. Seit seiner letzten Verwundung -litt er an Schwindelanfällen. Zuweilen war er -auch schon bewußtlos zu Boden gestürzt. +litt er an Schwindelanfällen. Zuweilen war er +auch schon bewußtlos zu Boden gestürzt. </p> <p> -Die Sonne verglühte und zog ihre Glutkegel zurück. +Die Sonne verglühte und zog ihre Glutkegel zurück. Bleich und fahl trieb die Viktoria auf dem Brandenburger -Tor ihr Triumphgespann vorwärts. Schon schob +Tor ihr Triumphgespann vorwärts. Schon schob <a id="page-197" class="pagenum" title="197"></a> -sich die schwarze drohende Finsternis herauf über die +sich die schwarze drohende Finsternis herauf über die Riesenstadt, um sie zu vernichten. Die Nacht war nahe. </p> <p> -Düster lag das Schloß, kalt, leblos. Tod und Nacht -strömten von ihm aus, Kälte und Haß. Ringsum die Denkmäler, -die finstern Reiter aus Erz mit ihren Marschallstäben +Düster lag das Schloß, kalt, leblos. Tod und Nacht +strömten von ihm aus, Kälte und Haß. Ringsum die Denkmäler, +die finstern Reiter aus Erz mit ihren Marschallstäben standen wie Schatten. </p> @@ -11767,30 +11734,30 @@ Zorns. — <p> Ackermann erhob sich. Es wurde kalt. Die Schatten -wurden dichter und krochen näher. +wurden dichter und krochen näher. </p> <p> -Er überquerte den Schloßplatz, überschritt die Brücke +Er überquerte den Schloßplatz, überschritt die Brücke und wanderte der finstern Vorstadt zu. </p> <p> -1914 hatten sie gestürmt, bei Langemark, mit dem Liede: -„Deutschland, Deutschland über alles.“ Man hatte sie +1914 hatten sie gestürmt, bei Langemark, mit dem Liede: +„Deutschland, Deutschland über alles.“ Man hatte sie in die englischen Maschinengewehre gejagt. Wie viele waren -zurückgekommen? Einer der wenigen war er. Wieviel +zurückgekommen? Einer der wenigen war er. Wieviel war seitdem geschehen! </p> <p> Wie Hunderttausende war er zu den Fahnen geeilt — -wie Hunderttausende in dem Wahn, sein überfallenes -Vaterland zu schützen. +wie Hunderttausende in dem Wahn, sein überfallenes +Vaterland zu schützen. </p> <p> -Wie Hunderttausende hatte er sich dem Tode entgegengestürzt, +Wie Hunderttausende hatte er sich dem Tode entgegengestürzt, wie Hunderttausende hatte er gemordet. Wie Hunderttausende war er der Verzweiflung nahe gewesen und hatte er den Tod herbeigesehnt. Wie Hunderttausende @@ -11800,80 +11767,80 @@ gelebt, einer heiligen Sache zu dienen. <p> Im Laufe der Zeit aber war er zur Erkenntnis gekommen, -daß Deutschland nicht überfallen worden war, +daß Deutschland nicht überfallen worden war, sondern eine Handvoll eitler Scharlatane den Krieg provozierte. -Aber auch das war ja nicht richtig. Ein Jahr später -hatte er sich zur Erkenntnis durchgerungen, daß alle Völker, -die sich heute zerfleischten, gleichermaßen schuldig waren. +Aber auch das war ja nicht richtig. Ein Jahr später +hatte er sich zur Erkenntnis durchgerungen, daß alle Völker, +die sich heute zerfleischten, gleichermaßen schuldig waren. </p> <p> <a id="page-198" class="pagenum" title="198"></a> -Plötzlich, in einer Nacht im Bahnhofslazarett von Sedan — +Plötzlich, in einer Nacht im Bahnhofslazarett von Sedan — er erinnerte sich noch deutlich dieser entsetzlichen Nacht -voller Stöhnen und Gejammer — sah er Europas wahres +voller Stöhnen und Gejammer — sah er Europas wahres Gesicht! Es war das Haupt der Medusa! </p> <p> Bis ins Mark entsetzt, starrte er in diese furchtbare Maske — -Lüge, Lüge, Lüge! Jede Linie Lüge! +Lüge, Lüge, Lüge! Jede Linie Lüge! </p> <p> Verbrechen, Habgierde, Heuchelei, Schamlosigkeit, das -war Europa, nichts sonst. Die europäischen Großstaaten +war Europa, nichts sonst. Die europäischen Großstaaten hatten das Raubritterwesen ins Gigantische gesteigert. -Gestützt auf ihre Heere und Flotten plünderten sie die Erde, -versklavten sie alle Völker des Erdballs, gelbe, braune, -schwarze — um sich endlich, argwöhnisch und gierig, gegenseitig -selbst zu zerfleischen. Diese weiße Rasse war die verruchteste +Gestützt auf ihre Heere und Flotten plünderten sie die Erde, +versklavten sie alle Völker des Erdballs, gelbe, braune, +schwarze — um sich endlich, argwöhnisch und gierig, gegenseitig +selbst zu zerfleischen. Diese weiße Rasse war die verruchteste aller Rassen, die den Planeten bewohnte. Ganze Rassen hatten sie ausgerottet — aber in ihren zoologischen -Gärten pflegten sie seltene Gazellenarten. Mehr als das: -sie versklavten die eigenen Völker! In Schulen, Kasernen, -Kirchen, Fabriken erzogen sie den willigen Söldling! In +Gärten pflegten sie seltene Gazellenarten. Mehr als das: +sie versklavten die eigenen Völker! In Schulen, Kasernen, +Kirchen, Fabriken erzogen sie den willigen Söldling! In Schulen, Kasernen, Kirchen, Fabriken vernichteten sie den -europäischen Menschen, täglich, stündlich, seit Hunderten +europäischen Menschen, täglich, stündlich, seit Hunderten von Jahren. </p> <p> Ihre Priester standen auf den Kanzeln und predigten: -Was nützte es dir, wenn du die ganze Welt gewännest und -nähmest Schaden an deiner Seele? War es möglich? +Was nützte es dir, wenn du die ganze Welt gewännest und +nähmest Schaden an deiner Seele? War es möglich? Ihr ganzes Tun ging ja darauf hinaus, die Welt zu gewinnen, -und die Seele mochte zur Hölle fahren. +und die Seele mochte zur Hölle fahren. </p> <p> -Entsetzliche Verwirrung der Geister! Wer förderte sie? +Entsetzliche Verwirrung der Geister! Wer förderte sie? Wer zog Nutzen aus ihr? Die herrschenden und die besitzenden Klassen. </p> <p> -Die Völker selbst, sie waren nur Verführte, verführt +Die Völker selbst, sie waren nur Verführte, verführt durch kunstvolle teuflische Systeme. </p> <p> -1914, im Spätherbst — deutlich erinnerte er sich dessen — +1914, im Spätherbst — deutlich erinnerte er sich dessen — begannen die Fronten zu fraternisieren. Man kam zusammen — plauderte, tauschte Kleinigkeiten, diese armseligen -Kleinigkeiten des europäischen Sklaven — ganz +Kleinigkeiten des europäischen Sklaven — ganz <a id="page-199" class="pagenum" title="199"></a> von selbst keimte in den Herzen der einfachen Soldaten die Kameradschaft und Liebe empor. Eine Versammlung -einfacher Feldsoldaten hätte in drei Tagen Frieden geschlossen. +einfacher Feldsoldaten hätte in drei Tagen Frieden geschlossen. Die Gewaltigen duldeten es — aber sobald Nachschub und Munition wieder gesichert waren, befahlen -sie den europäischen Sklaven, sich wieder gegenseitig zu zerfleischen. +sie den europäischen Sklaven, sich wieder gegenseitig zu zerfleischen. </p> <p> -Schwarzweißrot, blauweißrot, der Union Jack — frech -wehten die Standarten der Raubritter, und die weißen +Schwarzweißrot, blauweißrot, der Union Jack — frech +wehten die Standarten der Raubritter, und die weißen Sklaven beteten sie an. </p> @@ -11882,17 +11849,17 @@ Dunkelheit — Verfinsterung, kein Ausweg . . . </p> <p> -Menschen zitterten vor Menschen. War es möglich? +Menschen zitterten vor Menschen. War es möglich? Ackermann hatte Gefangene gesehen, die auf den Knien um ihr Leben flehten — wohin war es gekommen? </p> <p> -Er verhüllte vor Scham sein Gesicht. +Er verhüllte vor Scham sein Gesicht. </p> <p> -Schreckliche Jahre, schreckliche Tage — ein Tag fürchterlicher +Schreckliche Jahre, schreckliche Tage — ein Tag fürchterlicher als der andere! </p> @@ -11902,15 +11869,15 @@ Und kein Ausweg! Nein! <p> Weiter rollt die Lawine, in Bewegung gesetzt von -Gehirnen, die längst in der Erde modern. Weiter rollt -sie, zerschmettert Länder, Städte, Generationen. +Gehirnen, die längst in der Erde modern. Weiter rollt +sie, zerschmettert Länder, Städte, Generationen. </p> <p> -Europa war ein eiterndes Geschwür, das die Erde vergiftete. +Europa war ein eiterndes Geschwür, das die Erde vergiftete. Oft schien es Ackermann, als habe Gott sein Antlitz -abgewandt: das einzige, was euch gebührt, vollzieht es: -schlachtet euch gegenseitig. Haubitzen, Mörser, Gase, Fliegerbomben +abgewandt: das einzige, was euch gebührt, vollzieht es: +schlachtet euch gegenseitig. Haubitzen, Mörser, Gase, Fliegerbomben — geht unter — rasch, rasch, verschwindet . . . </p> @@ -11921,18 +11888,18 @@ zu strahlen . . . <p> Seit den Somme-Schlachten war Ackermann nicht mehr -für den Felddienst geeignet. Er hinkte und litt an Ohnmachtsanfällen. +für den Felddienst geeignet. Er hinkte und litt an Ohnmachtsanfällen. Er wurde in ein Gefangenenlager zur -Bewachung von Menschen kommandiert. Hier schloß er +Bewachung von Menschen kommandiert. Hier schloß er Freundschaften mit Gefangenen, er versuchte seine Kameraden -aufzuklären. Er wurde wegen „pazifistischer Umtriebe“ -angeklagt und entging mit knapper Not dem Gefängnis. +aufzuklären. Er wurde wegen „pazifistischer Umtriebe“ +angeklagt und entging mit knapper Not dem Gefängnis. <a id="page-200" class="pagenum" title="200"></a> -Und zwar nur aus dem Grunde, weil die Gefängnisse zu -dieser Zeit schon überfüllt waren. Man schob ihn kurzerhand +Und zwar nur aus dem Grunde, weil die Gefängnisse zu +dieser Zeit schon überfüllt waren. Man schob ihn kurzerhand zum Regiment ab, und das Regiment kommandierte ihn nach Berlin, wo man Schreiber und Ordonnanzen zu -Tausenden in den unzähligen Kriegsämtern brauchte. +Tausenden in den unzähligen Kriegsämtern brauchte. </p> <p> @@ -11947,37 +11914,37 @@ Wann? <p> Da erinnerte er sich: es war in einem Lazarett in Cambrai. Man hatte ihn abends dahin gebracht, und in der Nacht -erwachte er — zu seinem großen Erstaunen — in einem +erwachte er — zu seinem großen Erstaunen — in einem Krankensaal. Er hatte an diesem Tage den Tod gesucht — -besser getötet zu werden als zu töten. Da hatte ihn eine +besser getötet zu werden als zu töten. Da hatte ihn eine Handgranate zu Boden geworfen. </p> <p> Da lag er nun in einem halbdunkeln Saal. Franzosen, -Engländer, Kanadier, Farbige, hier waren sie nun alle -vereint. Neben ihm saß ein Schwarzer im Bett, dem der +Engländer, Kanadier, Farbige, hier waren sie nun alle +vereint. Neben ihm saß ein Schwarzer im Bett, dem der Unterkiefer weggerissen war, und keuchte aus einem blutigen -Watteklumpen. Stöhnen, Winseln, Fauchen, halblautes -Lallen. Wie über alle Lazarette, war auch über +Watteklumpen. Stöhnen, Winseln, Fauchen, halblautes +Lallen. Wie über alle Lazarette, war auch über diesen Saal jene unbegreifliche Ergebenheit gebreitet. Sie -alle, die hier lagen, fühlten, daß es ihr Schicksal war, gegen +alle, die hier lagen, fühlten, daß es ihr Schicksal war, gegen das es keine Auflehnung gab. Die Schlacht war gekommen, -weil es so sein mußte, sie waren verwundet worden, weil -es so sein mußte, und sie würden sterben, wenn es beschlossen — +weil es so sein mußte, sie waren verwundet worden, weil +es so sein mußte, und sie würden sterben, wenn es beschlossen — war. </p> <p> -Auch über ihn war diese gleiche rätselhafte Ergebenheit +Auch über ihn war diese gleiche rätselhafte Ergebenheit gekommen, die jeder Verwundete kennt, der im Lazarett aufwachte. </p> <p> -Da — plötzlich — sah er eine Gestalt, eine kleine Gestalt, +Da — plötzlich — sah er eine Gestalt, eine kleine Gestalt, eine Schwester. Sie stand mit dem Gesicht gegen die Wand, -der Lichtschein streifte sie — sie preßte das Taschentuch +der Lichtschein streifte sie — sie preßte das Taschentuch gegen das Gesicht, ihre Schultern bebten — sie weinte. Lange beobachtete er sie. Sie weinte . . . </p> @@ -11988,9 +11955,9 @@ Auch Ruth erkannte ihn wieder. <p> <a id="page-201" class="pagenum" title="201"></a> -Ruth sagte: „Sie schrien im Fieber immerzu — füsiliert +Ruth sagte: „Sie schrien im Fieber immerzu — füsiliert mich! Die einzige Ehrung, die Europa bieten kann, ist -füsiliert zu werden!“ +füsiliert zu werden!“ </p> <p> @@ -12024,68 +11991,68 @@ und weint! </p> <p> -Plötzlich aber weicht das Haus zurück — sollte man -es für möglich halten — ein vierstöckiges Haus weicht dem -Druck eines schmalen Rückens? Es weicht zurück, und der -Mensch stürzt der Länge nach zu Boden. Sein Zylinder +Plötzlich aber weicht das Haus zurück — sollte man +es für möglich halten — ein vierstöckiges Haus weicht dem +Druck eines schmalen Rückens? Es weicht zurück, und der +Mensch stürzt der Länge nach zu Boden. Sein Zylinder rollt, rollt in unendliche Fernen. </p> <p> Schon kommen die Kinder. Ein Zylinder! Sie spielen -Fußball damit. Welches Gelächter! Aber die Kinder, +Fußball damit. Welches Gelächter! Aber die Kinder, selbst sie, haben Mitleid, nicht mit dem kleinen alten Mann, sondern mit dem Zylinder. </p> <p> -Ein Junge bringt ihn zurück. Der kleine alte Mann -kramt in der Tasche, sucht einen Groschen — aber plötzlich -läuft er in einer unverständlichen Kurve über den Fahrdamm +Ein Junge bringt ihn zurück. Der kleine alte Mann +kramt in der Tasche, sucht einen Groschen — aber plötzlich +läuft er in einer unverständlichen Kurve über den Fahrdamm und rennt gegen das Pferd einer Droschke, das -selbst Mühe hat, sich auf den Beinen zu halten. Die Peitsche -flitzt durch die Luft. Und die Kinder kreischen vor Vergnügen. +selbst Mühe hat, sich auf den Beinen zu halten. Die Peitsche +flitzt durch die Luft. Und die Kinder kreischen vor Vergnügen. </p> <p> -Herr Herbst lag in seinem Bett und röchelte im Halbschlaf. +Herr Herbst lag in seinem Bett und röchelte im Halbschlaf. Nacht, Finsternis, er hatte keine Lust zu erwachen. Wie lange war er unterwegs gewesen, wo hatte er getrunken, -wie lange hatte er geschlafen? Er wußte es nicht, wollte +wie lange hatte er geschlafen? Er wußte es nicht, wollte es auch gar nicht wissen. Nur schlafen. Schmach, Schmach, nichts als Schmach, sobald er erwachte. </p> <p> <a id="page-202" class="pagenum" title="202"></a> -Stimmen raunten hinter der Wand, zischelten, flüsterten. -Wie in jeder Nacht wanderte Hähnleins Schritt ruhelos +Stimmen raunten hinter der Wand, zischelten, flüsterten. +Wie in jeder Nacht wanderte Hähnleins Schritt ruhelos hin und her. Wie lange werden sie es noch ertragen? dachte Herr Herbst in seinem Bett. Nicht mehr lange! Er lauschte auf die raunenden und zischelnden Stimmen, labte sich an dem fremden Elend, um nicht an seine eigene Verzweiflung -denken zu müssen. +denken zu müssen. </p> <p> -Hähnlein rief Gott zum Zeugen an, daß dieses Leben -selbst ein Hund nicht länger ertragen würde. Er hatte +Hähnlein rief Gott zum Zeugen an, daß dieses Leben +selbst ein Hund nicht länger ertragen würde. Er hatte Dienst, Dienst, immer Dienst, seit drei Jahren, zweimal -verwundet, und seine Frau nähte sich die Augen blind. Und +verwundet, und seine Frau nähte sich die Augen blind. Und seine Frau hustete nachts die ganze Wand voll Blut. Und -während er Dienst machte, verhungerte seine Familie zu +während er Dienst machte, verhungerte seine Familie zu Hause. Seine Frau hatte auf Zeitungen entbunden, verlassen, hilflos, wie ein Tier in einem Winkel. Nicht einen Tropfen Milch, nicht einen Teller Suppe, nichts. War das -Gerechtigkeit? War das möglich überhaupt? Ja, eine Milchkarte +Gerechtigkeit? War das möglich überhaupt? Ja, eine Milchkarte hatte sie gehabt, aber keine Milch, so war es! Und die Kinder, drei und vier Jahre alt, sie konnten noch nicht einmal gehen, die Knochen waren krumm gebogen, die -Schädel ganz weich. Was für eine Welt war das? Aber -die kleine Zinnkanne, die hatten sie abliefern müssen, sonst -hätte man sie eingesperrt. Und die Kinder schliefen auf +Schädel ganz weich. Was für eine Welt war das? Aber +die kleine Zinnkanne, die hatten sie abliefern müssen, sonst +hätte man sie eingesperrt. Und die Kinder schliefen auf Papier und Lumpen. Wo war man? War man noch auf -der Erde oder schon in der Hölle? +der Erde oder schon in der Hölle? </p> <p> @@ -12093,9 +12060,9 @@ Nein, nicht mehr lange! </p> <p> -Hähnleins heisere Stimme glitt in die Ferne, tiefer -röchelte Herr Herbst, gleichmäßiger, der Schlaf wollte -wieder zurückkehren. +Hähnleins heisere Stimme glitt in die Ferne, tiefer +röchelte Herr Herbst, gleichmäßiger, der Schlaf wollte +wieder zurückkehren. </p> <p> @@ -12106,33 +12073,33 @@ der sich zwischen den Wogenbergen verlor. </p> <p> -Er ächzte und drehte sich auf die andere Seite. +Er ächzte und drehte sich auf die andere Seite. </p> <p> Aber auch hier waren sie, diese entsetzlichen Wogenberge. <a id="page-203" class="pagenum" title="203"></a> Nur — siehe da! — sie waren nicht mehr starr, sie regten -sich, bewegten sich. Erdschollen schoben sich in die Höhe — -Rücken, Arme, Hände, Beine wurden sichtbar — in verschwommenen +sich, bewegten sich. Erdschollen schoben sich in die Höhe — +Rücken, Arme, Hände, Beine wurden sichtbar — in verschwommenen Umrissen — was war das? Sieh nur -schärfer hin, und du wirst es erkennen. Ja, es waren +schärfer hin, und du wirst es erkennen. Ja, es waren Menschen! Deutlich zu sehen, lehmbeschmierte Menschen, -Soldaten, die von den Lehmbergen verschüttet waren und -sich stumm und verzweifelt abmühten, sich aus der Erde -zu wühlen. +Soldaten, die von den Lehmbergen verschüttet waren und +sich stumm und verzweifelt abmühten, sich aus der Erde +zu wühlen. </p> <p> -Er ächzte und setzte sich im Bett aufrecht. Da sah er +Er ächzte und setzte sich im Bett aufrecht. Da sah er Robert vor sich, und Robert trug einen solchen zerfetzten -Lehmberg auf dem Rücken, und der Lehmberg preßte +Lehmberg auf dem Rücken, und der Lehmberg preßte ihn zu Boden. </p> <p> „Ich ertrage es nicht mehr!“ schrie in diesem Augenblick -Hähnlein. „Um Christi willen!“ wimmerte die Frau und +Hähnlein. „Um Christi willen!“ wimmerte die Frau und hustete. </p> @@ -12142,7 +12109,7 @@ das Fenster, das Zimmer war leer. </p> <p> -Herr Herbst wischte sich den Schweiß von der Stirne. +Herr Herbst wischte sich den Schweiß von der Stirne. </p> <p> @@ -12151,13 +12118,13 @@ Herr Herbst wischte sich den Schweiß von der Stirne. <p> Er kroch unter die Decke, und nun kam der tiefe Schlaf -über ihn. — — +über ihn. — — </p> <p> -Spät an diesem Abend, es war nahe an Mitternacht, -kehrte der General von Dora zurück. Er brummte gutgelaunt -vor sich hin. Wie gewöhnlich hatte Doras Frohsinn +Spät an diesem Abend, es war nahe an Mitternacht, +kehrte der General von Dora zurück. Er brummte gutgelaunt +vor sich hin. Wie gewöhnlich hatte Doras Frohsinn ihn aufgeheitert. Auch der Spaziergang durch die Nacht hatte ihm gutgetan. </p> @@ -12165,8 +12132,8 @@ hatte ihm gutgetan. <p> Wie ein Bad wirkte die Heiterkeit dieser Frau auf ihn. Wie ein erfrischendes Bad! Wunderbar — ihr Lachen — -nichts nimmt sie tragisch, eine Künstlernatur, eine Philosophin! -Wir Männer dagegen . . . +nichts nimmt sie tragisch, eine Künstlernatur, eine Philosophin! +Wir Männer dagegen . . . </p> <p> @@ -12184,45 +12151,45 @@ wieder verschwunden. </p> <p> -Das höhnische Lächeln, der höhnische Blick des kleinen -geistesgestörten Mannes schwebten noch irgendwo in der -Luft des Zimmers. Ich weiß, sagte das höhnische Lächeln -auf den dünnen Lippen, weiß, aber ich spreche nicht. Wie +Das höhnische Lächeln, der höhnische Blick des kleinen +geistesgestörten Mannes schwebten noch irgendwo in der +Luft des Zimmers. Ich weiß, sagte das höhnische Lächeln +auf den dünnen Lippen, weiß, aber ich spreche nicht. Wie heute nachmittag legte sich das fahle kleine Gesicht zur Seite, -das eine Auge wurde größer als das andere, das Lid zog -sich in die Höhe, und dieses größere Auge blinkte von +das eine Auge wurde größer als das andere, das Lid zog +sich in die Höhe, und dieses größere Auge blinkte von Spott und Hohn. </p> <p> -Unruhe erfüllte den General. +Unruhe erfüllte den General. </p> <p> -Nein, kein Zweifel, dieser kleine Geistesgestörte war im +Nein, kein Zweifel, dieser kleine Geistesgestörte war im Besitze eines Geheimnisses, das Ruth betraf. Der Ausdruck -seiner Augen war nicht mißzuverstehen. Vielleicht eines +seiner Augen war nicht mißzuverstehen. Vielleicht eines Geheimnisses, das Ruth, das die Familie kompromittierte? -Unverständlich war ihm in diesem Augenblick seine Tochter, -rätselhaft, fremder als der fremdeste Mensch, den er nie +Unverständlich war ihm in diesem Augenblick seine Tochter, +rätselhaft, fremder als der fremdeste Mensch, den er nie in seinem Leben gesehen. </p> <p> -Morgen würde er mit Ruth ein ernstes Wort sprechen! +Morgen würde er mit Ruth ein ernstes Wort sprechen! Ihre Eigenwilligkeit verriet einen bedauerlichen Mangel -an Pflichtgefühl ihrer Familie, dem Geschlechte der Hecht-Babenberg, -gegenüber. Es gab schwerlich eine Verbindung, -die das Ansehen der Familie mehr gehoben hätte, gesellschaftlich +an Pflichtgefühl ihrer Familie, dem Geschlechte der Hecht-Babenberg, +gegenüber. Es gab schwerlich eine Verbindung, +die das Ansehen der Familie mehr gehoben hätte, gesellschaftlich und materiell, als die Heirat mit Baron Dietz, der eine blendende Laufbahn vor sich hatte. War es nicht -auffallend, der Krieg schien die Grundpfeiler des Gesellschaftsgebäudes -zu erschüttern? — Allenthalben ähnliche -Symptome — Mißheiraten, Eheirrungen, Scheidungen — +auffallend, der Krieg schien die Grundpfeiler des Gesellschaftsgebäudes +zu erschüttern? — Allenthalben ähnliche +Symptome — Mißheiraten, Eheirrungen, Scheidungen — der Oberst Schulendorf, zum Beispiel, kommt nach Hause und findet — Skandal! Bredows Sohn hat sich im geheimen -trauen lassen, er fällt, plötzlich meldet sich die Witwe — eine -völlig unbekannte Person, frühere Schauspielerin, stellt +trauen lassen, er fällt, plötzlich meldet sich die Witwe — eine +völlig unbekannte Person, frühere Schauspielerin, stellt Forderungen. Allein im Rheinsbergschen Familienverband zwei Scheidungen in kurzer Zeit. </p> @@ -12230,9 +12197,9 @@ zwei Scheidungen in kurzer Zeit. <p> <a id="page-205" class="pagenum" title="205"></a> Ja, auffallend, Hunderte von Beispielen fielen ihm -plötzlich ein — allein aus dem Kreise seiner Bekannten. Erschreckende +plötzlich ein — allein aus dem Kreise seiner Bekannten. Erschreckende Symptome der Zersetzung. War die Generation -der Größe der Zeit nicht gewachsen? +der Größe der Zeit nicht gewachsen? </p> <p> @@ -12242,17 +12209,17 @@ die Gelegenheit bietet, werde ich mit ihr sprechen. <p> Und dieser alte Mann? Lassen wir ihm seine Freude. -Nichts wird ja leichter sein, als Aufklärung zu erhalten, -jede gewünschte Aufklärung. +Nichts wird ja leichter sein, als Aufklärung zu erhalten, +jede gewünschte Aufklärung. </p> <p> -Schon einmal hatte er — früher . . . +Schon einmal hatte er — früher . . . </p> <p> -Der General machte Toilette für die Nacht. Nachdenklich -musterte er Hände und Gesicht, jede Falte. +Der General machte Toilette für die Nacht. Nachdenklich +musterte er Hände und Gesicht, jede Falte. </p> <p> @@ -12268,50 +12235,50 @@ Schon schlief er. </p> <p class="first"> -<span class="firstchar"><span class="prefirstchar">„</span>S</span>chwere Kämpfe! Außerordentlich schwere Kämpfe!“ -Mitten in der Nacht setzte sich Herr Herbst plötzlich -im Bett auf und knarrte mit breiter, selbstgefälliger Stimme: -Schwere Kämpfe, außerordentlich schwere Kämpfe! +<span class="firstchar"><span class="prefirstchar">„</span>S</span>chwere Kämpfe! Außerordentlich schwere Kämpfe!“ +Mitten in der Nacht setzte sich Herr Herbst plötzlich +im Bett auf und knarrte mit breiter, selbstgefälliger Stimme: +Schwere Kämpfe, außerordentlich schwere Kämpfe! </p> <p> -Warte nur, du Hoffärtiger! Warte nur. Hüte dich — -ein alter Mann — aber hüte dich —! +Warte nur, du Hoffärtiger! Warte nur. Hüte dich — +ein alter Mann — aber hüte dich —! </p> <p> -Dann sank er wieder in Nacht und Bewußtlosigkeit, -zusammengerollt zu einem kleinen Kleiderbündel. +Dann sank er wieder in Nacht und Bewußtlosigkeit, +zusammengerollt zu einem kleinen Kleiderbündel. </p> <p> Am Nachmittag schien die Sonne ins Zimmer, aber -immer noch lag das kleine Kleiderbündel regungslos auf +immer noch lag das kleine Kleiderbündel regungslos auf dem Bett. Erst gegen Abend fing es an, sich unruhig zu -bewegen. Die Hände zerrten an der Decke, zogen sie dicht -um den Körper. Der Schläfer fror. Kälte, schreckliche Kälte +bewegen. Die Hände zerrten an der Decke, zogen sie dicht +um den Körper. Der Schläfer fror. Kälte, schreckliche Kälte hauchte von dem Gebirge aus, das er erblickte. Ein Strom von Eis. Nacht, Winter, wie? Und er kniete vor -dem Gebirge und erstarrte, während er die Hände +dem Gebirge und erstarrte, während er die Hände ausstreckte. Nun schien es heller zu werden, es tagte, die Sonne schien aufzugehen. Das Gebirge begann -allmählich zu erglühen, es glühte rot, nur Stein, zerrissen, +allmählich zu erglühen, es glühte rot, nur Stein, zerrissen, verwittert. </p> <p> <a id="page-206" class="pagenum" title="206"></a> -Plötzlich aber verschoben sich Felsen, Riesenblöcke zitterten +Plötzlich aber verschoben sich Felsen, Riesenblöcke zitterten — das Steingebirge wandelte sich zu einem Gesicht. </p> <p> -Der Schläfer erbebte. Deutlich fühlte er, daß er bald -aus der Bewußtlosigkeit auftauchen würde. Nur noch -eine Idee brauchte er höher zu tauchen, und schon würde -er an die schwarze, schwere Schicht von Schmach stoßen, -die auf ihm lastete. Zu spät! Sie sank herab zu ihm, die -schwere Schicht von Schmach, berührte ihn, drückte ihn +Der Schläfer erbebte. Deutlich fühlte er, daß er bald +aus der Bewußtlosigkeit auftauchen würde. Nur noch +eine Idee brauchte er höher zu tauchen, und schon würde +er an die schwarze, schwere Schicht von Schmach stoßen, +die auf ihm lastete. Zu spät! Sie sank herab zu ihm, die +schwere Schicht von Schmach, berührte ihn, drückte ihn zu Boden. </p> @@ -12321,7 +12288,7 @@ Und da war sie wieder . . . </p> <p> -Betäubt saß er da. Es dunkelte schon. +Betäubt saß er da. Es dunkelte schon. </p> <p> @@ -12329,17 +12296,17 @@ Schmach, nichts als Schmach! </p> <p> -Er war gedemütigt worden, zertreten, zu Boden geworfen -und mit den Füßen getreten. Schwere Kämpfe, -außerordentlich schwere Kämpfe — Tausende, Hunderttausende +Er war gedemütigt worden, zertreten, zu Boden geworfen +und mit den Füßen getreten. Schwere Kämpfe, +außerordentlich schwere Kämpfe — Tausende, Hunderttausende — — ja, man hatte ihm einen Sessel angeboten, ihm ein Bild gezeigt — trotzdem! Worin aber bestand die Schmach eigentlich, wie? </p> <p> -Nein, nicht das war es, daß er gerufen hatte: Hinaus -mit Ihnen, oder ich lasse Sie abführen. +Nein, nicht das war es, daß er gerufen hatte: Hinaus +mit Ihnen, oder ich lasse Sie abführen. </p> <p> @@ -12347,17 +12314,17 @@ Das nicht, nein. Schlecht hatte er sich ja benommen. </p> <p> -Trotzdem: zu Boden geworfen und mit Füßen getreten. +Trotzdem: zu Boden geworfen und mit Füßen getreten. </p> <p> Horch! Stimmen. Sie sind da, die jungen Leute — bei -ihm! Und da, da — hörst du? Laut und erregt schwirrten +ihm! Und da, da — hörst du? Laut und erregt schwirrten die kecken, jungen Stimmen nebenan. </p> <p> -Aufrecht saß er im Bett und hielt den Atem an. +Aufrecht saß er im Bett und hielt den Atem an. </p> <p> @@ -12365,28 +12332,28 @@ Ja, auch sie war da! </p> <p> -Hoffärtiger — nichts als ein alter Mann — vielleicht -bereust du noch, wer weiß es? — Und du — Sanfte, Bleiche -— deine sanften Augen werden weinen müssen — es muß +Hoffärtiger — nichts als ein alter Mann — vielleicht +bereust du noch, wer weiß es? — Und du — Sanfte, Bleiche +— deine sanften Augen werden weinen müssen — es muß sein — </p> <p> -Plötzlich erstarrte er vor Entsetzen. Eine laute verzweifelte +Plötzlich erstarrte er vor Entsetzen. Eine laute verzweifelte Stimme gellte durch das Haus. Hilfe! Hilfe! -Es war Frau Hähnlein. +Es war Frau Hähnlein. </p> <p> <a id="page-207" class="pagenum" title="207"></a> Sofort schwiegen die schwirrenden Stimmen nebenan. -Eine Türe schlug, Schritte eilten. Eine Faust pochte gegen -Hähnleins Türe, und Ackermanns Stimme fragte: „Was +Eine Türe schlug, Schritte eilten. Eine Faust pochte gegen +Hähnleins Türe, und Ackermanns Stimme fragte: „Was gibt es?“ </p> <p> -„Nichts, nichts, Ackermann!“ antwortete Hähnlein mit +„Nichts, nichts, Ackermann!“ antwortete Hähnlein mit einem keuchenden, verlegenen Auflachen. „Meine Frau ist erschrocken. Sie dachte — nichts, nichts —“ </p> @@ -12401,104 +12368,104 @@ ist erschrocken. Sie dachte — nichts, nichts —“ </h3> <p class="first"> -<span class="firstchar">A</span>li Baba und die vierzig Räuber! +<span class="firstchar">A</span>li Baba und die vierzig Räuber! </p> <p> -Endlich war Doras berühmter Abend gekommen. +Endlich war Doras berühmter Abend gekommen. Dumpf lockte die Trommel — </p> <p> -Mit einem kleinen Aufschrei wich Hedi zurück. Ein fetter +Mit einem kleinen Aufschrei wich Hedi zurück. Ein fetter Neger, mit dem Gesichtsausdruck eines Orang-Utans, schlug -den Vorhang auseinander und fletschte ihr die Zähne entgegen: -„Ali Baba heißt dich willkommen!“ +den Vorhang auseinander und fletschte ihr die Zähne entgegen: +„Ali Baba heißt dich willkommen!“ </p> <p> „Er tut dir doch nichts“, lachte Klara und schob Hedi -vorwärts. +vorwärts. </p> <p> -Die mächtigen, nackten Arme und Beine des Negers +Die mächtigen, nackten Arme und Beine des Negers funkelten. Hellrot waren seine wulstigen Lippen gemalt. Dora selbst hatte ihn hergerichtet. Ein zweiter Neger -half aus den Mänteln. Er war jung und schlank, heller von -Farbe, sein Gesicht drollig und hübsch. Auch er ging barfuß -und trug nur ein kurzes, rot und gelb gestreiftes Röckchen. +half aus den Mänteln. Er war jung und schlank, heller von +Farbe, sein Gesicht drollig und hübsch. Auch er ging barfuß +und trug nur ein kurzes, rot und gelb gestreiftes Röckchen. </p> <p> -Hinter Vorhängen, irgendwo, schrillten Pfeifen. +Hinter Vorhängen, irgendwo, schrillten Pfeifen. </p> <p> -Wieder ertönte der Schrei einer Dame im Entree. Ein -zottiger Bär schob sich an Hedi vorüber, und daraus schälte -sich eine zierliche, halbnackte, nilgrüne Türkin. Gräfin -Heller. Abendmäntel aus kostbaren alten Brokaten, antiken -Samten, japanischen Stickereien, ehemaligen Kirchengewändern +Wieder ertönte der Schrei einer Dame im Entree. Ein +zottiger Bär schob sich an Hedi vorüber, und daraus schälte +sich eine zierliche, halbnackte, nilgrüne Türkin. Gräfin +Heller. Abendmäntel aus kostbaren alten Brokaten, antiken +Samten, japanischen Stickereien, ehemaligen Kirchengewändern — und Fabelwesen entstiegen ihnen: Prinzessinnen, -Haremsdamen, <a id="corr-8"></a>Odalisken in Seide, Tüll, Schleiern, -mit goldenen, roten, grünen Schuhen, Schuhen mit langen -Silberschnäbeln und blitzenden Steinen. Wohlgerüche und -der Duft gepflegter Frauenkörper gingen von ihnen aus. +Haremsdamen, <a id="corr-8"></a>Odalisken in Seide, Tüll, Schleiern, +mit goldenen, roten, grünen Schuhen, Schuhen mit langen +Silberschnäbeln und blitzenden Steinen. Wohlgerüche und +der Duft gepflegter Frauenkörper gingen von ihnen aus. </p> <p> -Hedi zitterte vor Erregung. In fieberhafter Hast verhüllte +Hedi zitterte vor Erregung. In fieberhafter Hast verhüllte sie das Gesicht mit dem Schleier, wie Doras Vorschrift es verlangte. Doppelt begierig blitzten nun ihre Augen. </p> <p> -Hedi war ganz in durchsichtige Silberschleier gehüllt. +Hedi war ganz in durchsichtige Silberschleier gehüllt. <a id="page-209" class="pagenum" title="209"></a> -Ihre jungen Brüste lagen nahezu völlig frei. Zwischen -dem silbernen Jäckchen und den faltigen Pluderhosen aber -war sozusagen gar nichts. Ein Hauch von Tüll. Das war -Hedis höchsteigene Erfindung. +Ihre jungen Brüste lagen nahezu völlig frei. Zwischen +dem silbernen Jäckchen und den faltigen Pluderhosen aber +war sozusagen gar nichts. Ein Hauch von Tüll. Das war +Hedis höchsteigene Erfindung. </p> <p> -Wegen dieses etwas kühnen Kostüms war es heute +Wegen dieses etwas kühnen Kostüms war es heute nachmittag — schon am Nachmittag begannen die Damen mit der Toilette — zwischen den beiden Schwestern nahezu -zu Tätlichkeiten gekommen. +zu Tätlichkeiten gekommen. </p> <p> -Plötzlich erklärte Klara rund heraus, daß sie <em>so</em> nicht +Plötzlich erklärte Klara rund heraus, daß sie <em>so</em> nicht mit Hedi gehe! Wie? </p> <p> -„Ja, so! Du bist ja völlig nackt! Es ist skandalös einfach!“ +„Ja, so! Du bist ja völlig nackt! Es ist skandalös einfach!“ </p> <p> -Wie? Ein Kostüm, das das Taschengeld eines halben -Jahres verschlang! Hedi war tödlich verletzt. +Wie? Ein Kostüm, das das Taschengeld eines halben +Jahres verschlang! Hedi war tödlich verletzt. </p> <p> „Das ist ja gerade das Orientalische“, schrie sie aufgebracht. „Was versteht ein Kind von solchen Dingen? -Und du — was soll das werden, du meine Güte?“ +Und du — was soll das werden, du meine Güte?“ </p> <p> -Ein sehr einfaches Kostüm aus hellgrauer Seide hatte +Ein sehr einfaches Kostüm aus hellgrauer Seide hatte Klara sich zurechtgemacht. Dazu sollte noch ein schwarzes Spitzentuch kommen, das ihr Gesicht bis zu den Augen verbarg. </p> <p> -„Ich bin eine türkische Witwe!“ +„Ich bin eine türkische Witwe!“ </p> <p> @@ -12510,8 +12477,8 @@ verbarg. </p> <p> -„Du bist lächerlich, Klara, und wirst auch mich noch lächerlich -machen! Zum ersten Male höre ich, daß man als Witwe +„Du bist lächerlich, Klara, und wirst auch mich noch lächerlich +machen! Zum ersten Male höre ich, daß man als Witwe auf einen Ball geht.“ </p> @@ -12520,19 +12487,19 @@ auf einen Ball geht.“ </p> <p> -„Blamiere dich ruhig!“ Empörend war Hedis Lachen. +„Blamiere dich ruhig!“ Empörend war Hedis Lachen. </p> <p> -„Dann gehe ich überhaupt nicht, ich habe sowieso nicht +„Dann gehe ich überhaupt nicht, ich habe sowieso nicht die geringste Lust!“ schrie Klara und begann sich wieder -auszukleiden. Sie warf die Schuhe wütend unter das Bett. +auszukleiden. Sie warf die Schuhe wütend unter das Bett. </p> <p> Hedi erbleichte. „Nun gut, mein Liebling. Papa wird -außer sich sein, wenn er dich nicht dort findet. Ich werde -ihm aber dann die Geschichte erzählen, die du mit dem +außer sich sein, wenn er dich nicht dort findet. Ich werde +ihm aber dann die Geschichte erzählen, die du mit dem kleinen Fliegerleutnant hast, warte nur!“ </p> @@ -12547,33 +12514,33 @@ Klara und funkelte die Schwester mit drohenden Augen an. </p> <p> -„Sage nur ein Wort, und ich werde es Papa erzählen. -Ich weiß mehr, als du glaubst.“ +„Sage nur ein Wort, und ich werde es Papa erzählen. +Ich weiß mehr, als du glaubst.“ </p> <p> -„Was weißt du, nichts weißt du.“ +„Was weißt du, nichts weißt du.“ </p> <p> -„Nun, ich werde Papa erzählen, daß du einen Brillantring +„Nun, ich werde Papa erzählen, daß du einen Brillantring bekommen hast. Woher hast du diesen Brillantring? Und weshalb gehst du immer in den Kaiserhof?“ </p> <p> -Jetzt war die Reihe an Hedi, außer sich zu sein. +Jetzt war die Reihe an Hedi, außer sich zu sein. </p> <p> -„Das ist doch unerhört!“ schrie sie rasend. „Du weißt -so gut wie ich, daß man mir den Ring anonym mit der -Post geschickt hat. Ich schwöre —“ +„Das ist doch unerhört!“ schrie sie rasend. „Du weißt +so gut wie ich, daß man mir den Ring anonym mit der +Post geschickt hat. Ich schwöre —“ </p> <p> -Hier also wäre es nahezu zwischen den Schwestern zu -Tätlichkeiten gekommen. +Hier also wäre es nahezu zwischen den Schwestern zu +Tätlichkeiten gekommen. </p> <p> @@ -12582,39 +12549,39 @@ Trommel, und Hedis Herz pochte. </p> <p> -Unaufhörlich stürzte Petersen mit dem Schirm die Treppe +Unaufhörlich stürzte Petersen mit dem Schirm die Treppe hinab. Es regnete etwas. </p> <p> Droschke um Droschke klapperte die stockfinstere Lessingallee herauf zur roten Backsteinvilla. Dazwischen kam auch ein Gespenst -von einem Auto, das auf eisernen Rädern wie ein Tank -rasselte und die ganze Straße mit Qualm und Gestank erfüllte. +von einem Auto, das auf eisernen Rädern wie ein Tank +rasselte und die ganze Straße mit Qualm und Gestank erfüllte. </p> <p> -Schließlich, etwas spät am Abend, rauschte auch eine +Schließlich, etwas spät am Abend, rauschte auch eine elegante feldgraue Limousine heran, mit wunderbaren Lampen, die alle Villen der Lessingallee magisch beleuchteten. -Und — viel später noch — fuhr eine zweite Limousine +Und — viel später noch — fuhr eine zweite Limousine vor, ein schwarzlackiertes Auto mit einem Chauffeur -in Livree, das gänzlich lautlos dahinglitt und selbst die +in Livree, das gänzlich lautlos dahinglitt und selbst die Limousine des Generals weit in den Schatten stellte. </p> <p> -„Ali Baba heißt dich willkommen!“ +„Ali Baba heißt dich willkommen!“ </p> <p> -Der General prallte zurück. Seit seiner Kindheit hatte +Der General prallte zurück. Seit seiner Kindheit hatte ihn niemand mehr geduzt. Und nie in seinem Leben hatte ein Schwarzer es gewagt, ihn anzusprechen. </p> <p> -Drollige Einfälle hatte diese Dora! +Drollige Einfälle hatte diese Dora! </p> <h3 class="no" id="subchap-1-4-2"> @@ -12627,31 +12594,31 @@ Drollige Einfälle hatte diese Dora! </p> <p> -„Die Liebe, meine süßeste Prinzessin —.“ +„Die Liebe, meine süßeste Prinzessin —.“ </p> <p> -Dumpfe Trommeln und schrille Pfeifen. Rote, grüne, +Dumpfe Trommeln und schrille Pfeifen. Rote, grüne, gelbe Riesenlampen, Zelte, Diwane. Die Musiker trugen -scharlachrote Turbane und grünspanfarbene Gesichtslarven +scharlachrote Turbane und grünspanfarbene Gesichtslarven mit langen Fransen. Sie hockten auf einem Diwan in der Ecke. </p> <p> -Schon jetzt herrschte in Ali Babas Räuberhöhle Gedränge. +Schon jetzt herrschte in Ali Babas Räuberhöhle Gedränge. </p> <p> Ein sonderbares Holzinstrument dudelte, und aus einem -bronzenen Dreifuß stieg eine betäubende Wolke von Wohlgerüchen +bronzenen Dreifuß stieg eine betäubende Wolke von Wohlgerüchen empor. Die beiden halbnackten Schwarzen kredenzten Erfrischungen. </p> <p> „Die Liebe, meine Prinzessin — so banal es klingt, ist -eine Bauernfängerei der Natur, eine Illusion zweier +eine Bauernfängerei der Natur, eine Illusion zweier Narren —“ </p> @@ -12660,7 +12627,7 @@ Narren —“ </p> <p> -„Genau wie die Ehe eine Bauernfängerei der Gesellschaft +„Genau wie die Ehe eine Bauernfängerei der Gesellschaft ist, eine Illusion einer Masse von Narren.“ </p> @@ -12681,33 +12648,33 @@ ist, eine Illusion einer Masse von Narren.“ </p> <p> -Diese geistvolle Unterhaltung führten Hedi, die Prinzessin -in Silber, und ein wild aussehender Räuber mit -vermummtem Gesicht, in billardgrünem, durchlöchertem +Diese geistvolle Unterhaltung führten Hedi, die Prinzessin +in Silber, und ein wild aussehender Räuber mit +vermummtem Gesicht, in billardgrünem, durchlöchertem Burnus. Sie kauerten dicht nebeneinander mit angezogenen -Beinen auf einem Diwan. Die Prinzessin näherte nun -dem Räuber ihr Ohr, sprang aber sofort auf, als der Räuber -ihr sein Glaubensbekenntnis ins Ohr flüsterte. +Beinen auf einem Diwan. Die Prinzessin näherte nun +dem Räuber ihr Ohr, sprang aber sofort auf, als der Räuber +ihr sein Glaubensbekenntnis ins Ohr flüsterte. </p> <p> -„Pfui, wie häßlich!“ +„Pfui, wie häßlich!“ </p> <p> -„Auch du nicht stark genug für die Wahrheit?“ Enttäuscht -schüttelte sich das vermummte Gesicht. +„Auch du nicht stark genug für die Wahrheit?“ Enttäuscht +schüttelte sich das vermummte Gesicht. </p> <p> -Da verbeugte sich ein zerlumpter Bettelmönch vor Hedi +Da verbeugte sich ein zerlumpter Bettelmönch vor Hedi <a id="page-212" class="pagenum" title="212"></a> -und hielt ihr eine Schale hin, eine ausgehöhlte Kokosnußschale, -die er an einer dünnen Kette am Handgelenk trug. -Der Bettelmönch war völlig in Tuchlappen von einem eigentümlichen, -unangenehmen, schmutzigen Gelb eingehüllt, wie +und hielt ihr eine Schale hin, eine ausgehöhlte Kokosnußschale, +die er an einer dünnen Kette am Handgelenk trug. +Der Bettelmönch war völlig in Tuchlappen von einem eigentümlichen, +unangenehmen, schmutzigen Gelb eingehüllt, wie eine Mumie. Sogar die Arme. Er trug einen orangeroten -Turban, mit dicken grünen Schnüren umwickelt. Seine +Turban, mit dicken grünen Schnüren umwickelt. Seine Augen blendeten. </p> @@ -12717,7 +12684,7 @@ die Schale. Ihr Herz stockte. </p> <p> -Der Bettelmönch hob die Schale zur Stirn und verneigte +Der Bettelmönch hob die Schale zur Stirn und verneigte sich. Wieder blendeten seine Augen. </p> @@ -12727,28 +12694,28 @@ sich. Wieder blendeten seine Augen. <p> „Ich kenne ihn nicht. Gottlob sind alle Gesichter vermummt. -Welch eine herrliche Idee! Um wieviel gewänne +Welch eine herrliche Idee! Um wieviel gewänne dadurch das Leben!“ </p> <p> -Hedi blickte in die kleinen, raschen Augen des Räubers, +Hedi blickte in die kleinen, raschen Augen des Räubers, blitzende Pechtropfen. Wer war es, der sich an ihre Fersen -heftete und sie nicht mehr losließ? Seine Keckheit gefiel -ihr, auch der Unsinn, den er sagte. Ein großer Diamant -gelblichen Feuers sprühte an seiner kurzfingrigen, gepflegten +heftete und sie nicht mehr losließ? Seine Keckheit gefiel +ihr, auch der Unsinn, den er sagte. Ein großer Diamant +gelblichen Feuers sprühte an seiner kurzfingrigen, gepflegten Hand. </p> <p> -Schon jetzt glühte Hedi am ganzen Körper. Ja, heute, -heute, in dieser Nacht, mußte es geschehen, in dieser Nacht -mußte es sein! Was mußte geschehen, was mußte sein? -Das wußte sie selbst nicht. +Schon jetzt glühte Hedi am ganzen Körper. Ja, heute, +heute, in dieser Nacht, mußte es geschehen, in dieser Nacht +mußte es sein! Was mußte geschehen, was mußte sein? +Das wußte sie selbst nicht. </p> <p> -Betörend dudelte das sonderbare Holzinstrument in Hedis +Betörend dudelte das sonderbare Holzinstrument in Hedis kleines Ohr. </p> @@ -12761,82 +12728,82 @@ kleines Ohr. </p> <p> -Professor Salomon zwängte sich blitzschnell zwischen zwei -nackten Rücken hindurch, einem heißen, rosafarbenen, mit -großen Poren, und einem kühlen, glatten, kantiggeschnittenen, -elfenbeingelben, mit verwirrenden, rabenschwarzen Kräuselhärchen +Professor Salomon zwängte sich blitzschnell zwischen zwei +nackten Rücken hindurch, einem heißen, rosafarbenen, mit +großen Poren, und einem kühlen, glatten, kantiggeschnittenen, +elfenbeingelben, mit verwirrenden, rabenschwarzen Kräuselhärchen im Nacken, blitzschnell und vorsichtig, um seinen Frack nicht mit Puder einzufetten. Der Professor war <a id="page-213" class="pagenum" title="213"></a> -trotz Doras Verbot im Frack. Er fand es entwürdigend, -sich mit bunten Lappen zu behängen. Aber er trug die +trotz Doras Verbot im Frack. Er fand es entwürdigend, +sich mit bunten Lappen zu behängen. Aber er trug die Rosette des Eisernen Kreuzes im Knopfloch. </p> <p> -Soeben hatte er einen Bekannten erspäht, der sich gerade +Soeben hatte er einen Bekannten erspäht, der sich gerade das Auge mit dem Taschentuchzipfel auswischte. Die Feder eines Kopfputzes war ihm ins Auge gefahren. Es war ein -ganz besonderer Glücksfall, denn der Bekannte war ein -gewaltiger Schürzenjäger, so aber war er gezwungen +ganz besonderer Glücksfall, denn der Bekannte war ein +gewaltiger Schürzenjäger, so aber war er gezwungen stillzuhalten. </p> <p> -Das fette Kürbisgesicht des Professors strahlte. Es muß -leider gesagt werden, daß der Schädel des Professors -einem halbausgewachsenen, etwas gelblichen Kürbis mit -großen, abstehenden Ohren glich. Professor Salomon, -Gründungsmitglied des Vereins zur raschen Zerschmetterung +Das fette Kürbisgesicht des Professors strahlte. Es muß +leider gesagt werden, daß der Schädel des Professors +einem halbausgewachsenen, etwas gelblichen Kürbis mit +großen, abstehenden Ohren glich. Professor Salomon, +Gründungsmitglied des Vereins zur raschen Zerschmetterung der englischen Welttyrannei, Vorstand des Bundes -Barbarossa, vorher fast unbekannt, hatte es während des -Krieges zu einer Art von Berühmtheit gebracht. In diesem -Kürbisschädel waren die wirtschaftlichen Gutachten entstanden, -die die Marine als Unterlage für den unbeschränkten -U-Boot-Krieg benötigte. Professor Salomon -hatte seine Aufgabe zur vollsten Zufriedenheit der Admiralität -gelöst. Nunmehr bekleidete er einen einflußreichen -Posten im Auswärtigen Amt. +Barbarossa, vorher fast unbekannt, hatte es während des +Krieges zu einer Art von Berühmtheit gebracht. In diesem +Kürbisschädel waren die wirtschaftlichen Gutachten entstanden, +die die Marine als Unterlage für den unbeschränkten +U-Boot-Krieg benötigte. Professor Salomon +hatte seine Aufgabe zur vollsten Zufriedenheit der Admiralität +gelöst. Nunmehr bekleidete er einen einflußreichen +Posten im Auswärtigen Amt. </p> <p> -„Wichtige Neuigkeiten“, rief der glänzende Kürbis. „Die +„Wichtige Neuigkeiten“, rief der glänzende Kürbis. „Die Wissenschaft triumphiert — trotz aller Zweifel unserer Anglomanen.“ </p> <p> -Der mit Diamanten übersäte Perser, in Ali Babas Gefangenschaft -geraten, schielte ihn hilflos mit seinem tränenden +Der mit Diamanten übersäte Perser, in Ali Babas Gefangenschaft +geraten, schielte ihn hilflos mit seinem tränenden Auge an. Er war ihm vollkommen ausgeliefert. </p> <p> -„Wir haben Meldungen, daß in ganz Schottland schon -kein Pfund Mehl mehr aufzutreiben ist, und in Südwales -gab es eine Hungerrevolte“, zischelte der Kürbis. +„Wir haben Meldungen, daß in ganz Schottland schon +kein Pfund Mehl mehr aufzutreiben ist, und in Südwales +gab es eine Hungerrevolte“, zischelte der Kürbis. </p> <p> „So?“ Der impertinente Ton wandelte den gelblichen -Teint des Kürbis augenblicklich in tiefes Scharlachrot. +Teint des Kürbis augenblicklich in tiefes Scharlachrot. </p> <p> „Und Sie haben immer gezweifelt, gerade Sie waren <a id="page-214" class="pagenum" title="214"></a> immer derjenige! Auf Grund genauester wissenschaftlicher -Unterlagen, völlig einwandfreier Statistiken —“ +Unterlagen, völlig einwandfreier Statistiken —“ </p> <p> -Der Perser wischte sich die Tränen von den Wangen. +Der Perser wischte sich die Tränen von den Wangen. „Ich pfeife auf Statistiken, mein Lieber. Das Konversationslexikon -genügt mir. Völlig abgesehen davon —“ +genügt mir. Völlig abgesehen davon —“ </p> <p> -„Völlig abgesehen?“ +„Völlig abgesehen?“ </p> <p> @@ -12844,35 +12811,35 @@ Der Professor verfolgte den fliehenden Perser. </p> <p> -„Völlig abgesehen davon —“ +„Völlig abgesehen davon —“ </p> <p> -„Hören Sie —“ Der Professor versuchte den fliehenden -Bekannten festzuhalten. „Die Engländer haben kein Grubenholz +„Hören Sie —“ Der Professor versuchte den fliehenden +Bekannten festzuhalten. „Die Engländer haben kein Grubenholz mehr. Die englischen Bergwerke versacken — Sie entfliehen —?“ </p> <p> -Der Perser stürzte sich verzweifelt mitten in den Malstrom -der Tänzer. +Der Perser stürzte sich verzweifelt mitten in den Malstrom +der Tänzer. </p> <p> „Ah, ah, so sind sie, so sind sie alle“, murmelte verzweifelt -der Kürbis. +der Kürbis. </p> <p> -Schon hatte er einen neuen Bekannten erspäht. Aber -gerade, als er sich ihm nähern wollte, geriet er in einen -Wirbel von Foxtrottänzern. +Schon hatte er einen neuen Bekannten erspäht. Aber +gerade, als er sich ihm nähern wollte, geriet er in einen +Wirbel von Foxtrottänzern. </p> <p> -In demütiger Haltung, sich ohne Aufhören verbeugend, -ging der zerlumpte Bettelmönch von Raum zu Raum und +In demütiger Haltung, sich ohne Aufhören verbeugend, +ging der zerlumpte Bettelmönch von Raum zu Raum und rasselte mit der Schale. Seine Brust keuchte erregt, und seine Augen blinkten in jedes Frauengesicht. </p> @@ -12883,7 +12850,7 @@ Wer bist du? <p> Er ging weiter. Seine Augen drangen hinter die Schleier, -glitten über Hände, Ohren, Hüften, Füße. +glitten über Hände, Ohren, Hüften, Füße. </p> <p> @@ -12891,15 +12858,15 @@ Wer bist du? </p> <p> -Plötzlich zuckte er zusammen. Eine Hüfte — nichts als -das Wiegen einer Hüfte beim Tanze . . . Ohne jede Rücksicht -stürzte er sich zwischen die Tänzer. Laut rasselte er -mit der Schale vor einer etwas üppigen Haremsdame, +Plötzlich zuckte er zusammen. Eine Hüfte — nichts als +das Wiegen einer Hüfte beim Tanze . . . Ohne jede Rücksicht +stürzte er sich zwischen die Tänzer. Laut rasselte er +mit der Schale vor einer etwas üppigen Haremsdame, die wie ein Kolibri in allen Farben schillerte. </p> <p> -Die Haremsdame blieb — unwillkürlich — stehen und +Die Haremsdame blieb — unwillkürlich — stehen und sah ihm in die Augen. </p> @@ -12909,13 +12876,13 @@ sah ihm in die Augen. <p> <a id="page-215" class="pagenum" title="215"></a> -Aber stumm verbeugte sich der Bettelmönch. Bis zur +Aber stumm verbeugte sich der Bettelmönch. Bis zur Erde. Seine breite Brust wogte unter den Lumpen. </p> <p> Die Haremsdame lachte — nur Dora konnte eine derartige -Fontäne von Gelächter hervorsprudeln. +Fontäne von Gelächter hervorsprudeln. </p> <p> @@ -12923,9 +12890,9 @@ Fontäne von Gelächter hervorsprudeln. </p> <p> -Der Bettelmönch nickte. Aber so oft Dora vorüberkam, +Der Bettelmönch nickte. Aber so oft Dora vorüberkam, verbeugte er sich und rasselte mit der Schale, seine blinkenden -Augen folgten ihr überall hin. +Augen folgten ihr überall hin. </p> <p> @@ -12937,24 +12904,24 @@ Schon war es ihm gelungen, Doras Neugierde zu wecken. </h3> <p class="first"> -<span class="firstchar">Ü</span>ber dem Dunst des Räucherwerks, den wirbelnden Turbanen, +<span class="firstchar">Ü</span>ber dem Dunst des Räucherwerks, den wirbelnden Turbanen, Federn und Schleiern, auf der kleinen Empore, -gerade über den Musikanten mit ihren grünspanfarbenen -Gesichtsmasken, bewegte sich plötzlich ein massiger, breiter -Schatten, der sich düster über die Decke reckte. Dann -schrumpfte der Schatten zusammen, und über der Brüstung +gerade über den Musikanten mit ihren grünspanfarbenen +Gesichtsmasken, bewegte sich plötzlich ein massiger, breiter +Schatten, der sich düster über die Decke reckte. Dann +schrumpfte der Schatten zusammen, und über der Brüstung erschien ein breites, erdfarbenes, glanzloses Gesicht und blickte herab. Alle Blicke wandten sich nach oben. Der General war gekommen. </p> <p> -Der Räuber im durchlöcherten, billardgrünen Burnus +Der Räuber im durchlöcherten, billardgrünen Burnus deutete mit dem vermummten Gesicht zur Empore und raunte Hedi eine Bemerkung ins Ohr, die bei seiner Dame -unbändige Heiterkeit auslöste. Sie fand ihren Kavalier -schnurrig über alle Maßen. Und so etwas Keckes und -Unverschämtes hatte sie überhaupt noch nicht erlebt! +unbändige Heiterkeit auslöste. Sie fand ihren Kavalier +schnurrig über alle Maßen. Und so etwas Keckes und +Unverschämtes hatte sie überhaupt noch nicht erlebt! </p> <p> @@ -12967,38 +12934,38 @@ hatte die Brauen hochgezogen. </p> <p> -Der Räuber hielt die linke Hand mit dem gelblichen -Brillanten wie zum Schwure in die Höhe, seine Rechte -berührte Hedis Schulterblatt, schon tanzten sie. Obschon -er sie kaum berührte, hielt er sie fest wie ein Schraubstock, +Der Räuber hielt die linke Hand mit dem gelblichen +Brillanten wie zum Schwure in die Höhe, seine Rechte +berührte Hedis Schulterblatt, schon tanzten sie. Obschon +er sie kaum berührte, hielt er sie fest wie ein Schraubstock, <a id="page-216" class="pagenum" title="216"></a> unentrinnbar. Und bei gewissen Figuren zog er sie unvermittelt -dicht an sich — wie nur Räuber es vermögen. +dicht an sich — wie nur Räuber es vermögen. </p> <p> Unterdessen irrte Klara mutterseelenallein und tief -unglücklich in der labyrinthischen, farbenlohenden Höhle +unglücklich in der labyrinthischen, farbenlohenden Höhle Ali Babas umher. Jeder Schlag der dumpfen Trommel traf ihr Herz, die Pfeifen schrillten Verzweiflung. Sobald aber das sonderbare Holzinstrument zu dudeln anfing, hielt sie sich die Ohren zu und entfloh in die fernsten Winkel. -Aber überall waren diese verrückten Vermummten, in den +Aber überall waren diese verrückten Vermummten, in den entlegensten Winkeln. Aus allen Ecken und Dunkelheiten -winkten weiße Arme und Hände, blendeten heiße Augen. -In einem rotglühenden niedern Raum — Ali Babas -Opiumhöhle — kauerten sie in Scharen auf dem Teppich. -Das Herz der kleinen türkischen Witwe pochte gegen den +winkten weiße Arme und Hände, blendeten heiße Augen. +In einem rotglühenden niedern Raum — Ali Babas +Opiumhöhle — kauerten sie in Scharen auf dem Teppich. +Das Herz der kleinen türkischen Witwe pochte gegen den Brief, den sie im Mieder trug — heute morgen war er gekommen. </p> <p> -Plötzlich sah sie aus einer Nische ein Paar Augen auf +Plötzlich sah sie aus einer Nische ein Paar Augen auf sich gerichtet, unendlich sanfte Augen voller Trauer, und sie versank angezogen in ihre Betrachtung. Sie hob die -Hände, auch die Erscheinung in der Nische hob die Hände. -Sie berührte Glas. +Hände, auch die Erscheinung in der Nische hob die Hände. +Sie berührte Glas. </p> <p> @@ -13007,18 +12974,18 @@ stellte die gleiche Frage. </p> <p> -Da aber griff plötzlich eine gespenstische, grüne Hand +Da aber griff plötzlich eine gespenstische, grüne Hand nach dem Spiegelbild, und sie schrak zusammen. Doch niemand war da. Eine Heiligenfigur, die ein Buch schwang, -stand dem Spiegel gegenüber, und durch den wehenden -Vorhang war ein Lichtstrahl auf die grüne Hand des Heiligen +stand dem Spiegel gegenüber, und durch den wehenden +Vorhang war ein Lichtstrahl auf die grüne Hand des Heiligen gefallen. </p> <p> Wunderbar . . . Heinz hatte oben in der Luft ihr Gesicht -im Äther dahinfliegen sehen. Es flog neben ihm her, -genau so schnell wie die „Schwalbe“. So hieß seine Maschine. +im Äther dahinfliegen sehen. Es flog neben ihm her, +genau so schnell wie die „Schwalbe“. So hieß seine Maschine. </p> <p> @@ -13032,14 +12999,14 @@ liegt die Zukunft. Ich liebe dich, du Teuerster!“ <p> <a id="page-217" class="pagenum" title="217"></a> -Und der Brief glühte. +Und der Brief glühte. </p> <p> -Schon taumelte sie wieder erschrocken zurück. Durch die -Luft kam kopfüber ein Mensch geflogen, ein Mensch, merkwürdigerweise +Schon taumelte sie wieder erschrocken zurück. Durch die +Luft kam kopfüber ein Mensch geflogen, ein Mensch, merkwürdigerweise in Uniform, mit staubgrauem Gesicht und -fiebrisch glänzenden Augen. „Feuerwalze, Feuerwalze!“ +fiebrisch glänzenden Augen. „Feuerwalze, Feuerwalze!“ schrie erschrocken ein Chor von Stimmen. „Er hat sich das Genick gebrochen!“ </p> @@ -13052,49 +13019,49 @@ und schon zuckte eine Hand nach ihr. <p> Aber schon floh Klara. Zwischen Vermummten hindurch, -eine kleine Treppe hinauf. Plötzlich hielt sie inne: in einem -Sessel saß der General. Auch für ihn gab es weder Tanz -noch Musik. Zusammengesunken saß er, den Blick in sich -zurückgezogen. +eine kleine Treppe hinauf. Plötzlich hielt sie inne: in einem +Sessel saß der General. Auch für ihn gab es weder Tanz +noch Musik. Zusammengesunken saß er, den Blick in sich +zurückgezogen. </p> <p> -Düster brannten seine Augen. +Düster brannten seine Augen. </p> <p> -Er hatte sich früher auf Festen gelangweilt, heute bedrückten -sie ihn. Musik weckte Melancholien, fröhliches -Gelächter Trauer. Er war ja nur hierhergekommen, um -Dora nicht zu kränken — und um womöglich einige Worte -mit einer hochstehenden Persönlichkeit zu wechseln, die ihr +Er hatte sich früher auf Festen gelangweilt, heute bedrückten +sie ihn. Musik weckte Melancholien, fröhliches +Gelächter Trauer. Er war ja nur hierhergekommen, um +Dora nicht zu kränken — und um womöglich einige Worte +mit einer hochstehenden Persönlichkeit zu wechseln, die ihr Erscheinen zugesagt hatte. Voller Verachtung blickte er auf -diese Narren herab, die sich in bunte Lappen hüllten. Die +diese Narren herab, die sich in bunte Lappen hüllten. Die Frauen begriff er noch zur Not — es war ihre Natur — -aber die Männer —? Während das Brüllen der Kanonen -eine neue Epoche der Geschichte verkündete? +aber die Männer —? Während das Brüllen der Kanonen +eine neue Epoche der Geschichte verkündete? </p> <p> -Durch eine schmale Tapetentür schlüpfte Klara ins -Treppenhaus. Hier, zwischen alten Truhen und Schränken, +Durch eine schmale Tapetentür schlüpfte Klara ins +Treppenhaus. Hier, zwischen alten Truhen und Schränken, atmete sie auf. Fern klangen Trommeln und Pfeifen. -Plötzlich lächelte sie wieder. +Plötzlich lächelte sie wieder. </p> <p> -Glücklicher war sie ja, als alle! Als alle! +Glücklicher war sie ja, als alle! Als alle! </p> <p> -Und plötzlich tanzte die kleine graue Witwe mit stillen, -kleinen Schritten, für sich allein, zwischen den alten Truhen -und Schränken. Sie hatte noch nicht das Meer gesehen -und noch nicht das Hochgebirge. Zierlich hob sie die Füßchen: +Und plötzlich tanzte die kleine graue Witwe mit stillen, +kleinen Schritten, für sich allein, zwischen den alten Truhen +und Schränken. Sie hatte noch nicht das Meer gesehen +und noch nicht das Hochgebirge. Zierlich hob sie die Füßchen: <a id="page-218" class="pagenum" title="218"></a> -all das würde sie sehen — mit ihm! Venedig und +all das würde sie sehen — mit ihm! Venedig und Paris, London und eine Stadt in Indien — zierlich wiegte -sie die Hüfte — alles mit dir, mein Geliebter . . . +sie die Hüfte — alles mit dir, mein Geliebter . . . </p> <p class="tb"> @@ -13102,24 +13069,24 @@ sie die Hüfte — alles mit dir, mein Geliebter . . . </p> <p class="first"> -<span class="firstchar"><span class="prefirstchar">„</span>W</span>eißbach? Sind Sie es, Weißbach? Retten Sie mich!“ -rief Hauptmann Falk und wischte sich den Schweiß +<span class="firstchar"><span class="prefirstchar">„</span>W</span>eißbach? Sind Sie es, Weißbach? Retten Sie mich!“ +rief Hauptmann Falk und wischte sich den Schweiß vom grauen Gesicht. „Helfen Sie mir — Sie sehen mich in einem schrecklichen Zustand!“ </p> <p> -Weißbach lachte. +Weißbach lachte. </p> <p> „Ich bin behext, ein Weib hat mich total behext. Da — da — da — das ist sie! Sehen Sie diese Schwefelgelbe. -Diese Hüfte — grundgütiger Himmel!“ +Diese Hüfte — grundgütiger Himmel!“ </p> <p> -„Aber, das ist ja Dora!“ rief Weißbach aus. +„Aber, das ist ja Dora!“ rief Weißbach aus. </p> <p> @@ -13127,15 +13094,15 @@ Diese Hüfte — grundgütiger Himmel!“ </p> <p> -„Das wissen Sie nicht? Die Baronin Dönhoff selbst!“ +„Das wissen Sie nicht? Die Baronin Dönhoff selbst!“ </p> <p> „Ah, ah — gut, einerlei, wer es ist. Jedenfalls, sie sehen -mich in der fürchterlichsten Aufregung. Dieses —Weib hat -mich vollkommen verrückt gemacht. Sie kam zu mir und -blinzelte mich an und berührte nur ein wenig meinen Arm, -aber ich sage Ihnen — ein Strom! Jedenfalls — es muß +mich in der fürchterlichsten Aufregung. Dieses —Weib hat +mich vollkommen verrückt gemacht. Sie kam zu mir und +blinzelte mich an und berührte nur ein wenig meinen Arm, +aber ich sage Ihnen — ein Strom! Jedenfalls — es muß etwas geschehen, und es wird etwas geschehen.“ </p> @@ -13165,8 +13132,8 @@ Sie sich etwas in acht.“ </p> <p> -Weißbach flüsterte Falk etwas ins Ohr — und Falk -taumelte vor Verblüffung zurück. +Weißbach flüsterte Falk etwas ins Ohr — und Falk +taumelte vor Verblüffung zurück. </p> <p> @@ -13178,7 +13145,7 @@ taumelte vor Verblüffung zurück. </p> <p> -„Unmöglich!“ +„Unmöglich!“ </p> <p> @@ -13186,27 +13153,27 @@ taumelte vor Verblüffung zurück. </p> <p> -„Ah, ah — aber hören Sie?“ +„Ah, ah — aber hören Sie?“ </p> <p> <a id="page-219" class="pagenum" title="219"></a> -„Sie sprechen nicht darüber? Ihr Wort!“ +„Sie sprechen nicht darüber? Ihr Wort!“ </p> <p> -„Ich spreche nicht darüber. Nein, was Sie sagen? — Ich -dachte, ich hörte — eine Königliche Hoheit?“ +„Ich spreche nicht darüber. Nein, was Sie sagen? — Ich +dachte, ich hörte — eine Königliche Hoheit?“ </p> <p> -„Das war ja früher. Vor der Heirat.“ +„Das war ja früher. Vor der Heirat.“ </p> <p> „Ah, ah! Ich verstehe! — Aber hier kommt sie wieder! -Sehen Sie doch, diese Hüfte, diese Bewegung! Leben -Sie wohl, Weißbach —“ +Sehen Sie doch, diese Hüfte, diese Bewegung! Leben +Sie wohl, Weißbach —“ </p> <p> @@ -13219,30 +13186,30 @@ Schon tauchte Falk zwischen den Vermummten unter. — <p> Der junge, schlanke Neger, der nur ein kurzes, rotgelbes -Röckchen anhatte, glitt mit Erfrischungen in das Zelt. -Wohlgefällig folgten die Augen der Prinzessinnen, Haremsdamen -und Odalisken dem hübschen Sklaven. +Röckchen anhatte, glitt mit Erfrischungen in das Zelt. +Wohlgefällig folgten die Augen der Prinzessinnen, Haremsdamen +und Odalisken dem hübschen Sklaven. </p> <p> -Hedi kühlte das fiebernde Gesicht, der süßliche Duft des -Räucherwerks betäubte sie. Ihre Wangen glühten durch +Hedi kühlte das fiebernde Gesicht, der süßliche Duft des +Räucherwerks betäubte sie. Ihre Wangen glühten durch den Schleier, ihre Augen blinkten wie geschmolzenes Blei. -Sie fühlte, wie eine Schweißperle über ihre Hüfte rann, -gerade wo der dünne Schleier sie bedeckte. Dieser rinnende -Schweißtropfen war wie eine wollüstige Berührung. +Sie fühlte, wie eine Schweißperle über ihre Hüfte rann, +gerade wo der dünne Schleier sie bedeckte. Dieser rinnende +Schweißtropfen war wie eine wollüstige Berührung. </p> <p> -Da hörte sie zu ihrem Erstaunen Klaras Stimme. +Da hörte sie zu ihrem Erstaunen Klaras Stimme. </p> <p> Ihr Kavalier, ein steifer Beduine, in einer Kadettenschule -erzogen, sagte mit gelangweilter, selbstgefälliger +erzogen, sagte mit gelangweilter, selbstgefälliger Stimme: „In sechs, acht Reihen griffen die Russen an, und wir warteten, bis sie ganz nahe heran waren, dann -erst eröffneten wir das Feuer.“ +erst eröffneten wir das Feuer.“ </p> <p> @@ -13250,10 +13217,10 @@ erst eröffneten wir das Feuer.“ </p> <p> -„Fünfmal griffen die Russen auf diese Weise an, immer +„Fünfmal griffen die Russen auf diese Weise an, immer in dichten Haufen, und wir schossen sie zusammen. Sie -schrien und stöhnten vor unseren Verhauen. In der Nacht -aber sank die Temperatur plötzlich auf minus 10 Grad, +schrien und stöhnten vor unseren Verhauen. In der Nacht +aber sank die Temperatur plötzlich auf minus 10 Grad, da wurden sie still.“ </p> @@ -13264,15 +13231,15 @@ da wurden sie still.“ <p> „Also kein Freund von Generalen?“ fragte Hedi. Hier in dem kleinen, leeren Zeltzimmer war es Gott sei Dank -etwas kühler. +etwas kühler. </p> <p> <a id="page-220" class="pagenum" title="220"></a> -„Nein.“ Der billardgrüne Räuber lachte, ein freches -Räuberlachen. „Das kann ich wirklich nicht sagen! Mit ihren -Federbüschen, Ordenssternen und Ritterschwertern wirken -sie lächerlich auf mich, wie Gespenster aus dem Mittelalter. +„Nein.“ Der billardgrüne Räuber lachte, ein freches +Räuberlachen. „Das kann ich wirklich nicht sagen! Mit ihren +Federbüschen, Ordenssternen und Ritterschwertern wirken +sie lächerlich auf mich, wie Gespenster aus dem Mittelalter. Leider aber sind sie alles andere denn komisch. Ich behaupte sogar, solange es Generale gibt, wird es Kriege geben.“ </p> @@ -13284,61 +13251,61 @@ sogar, solange es Generale gibt, wird es Kriege geben.“ <p> „Keineswegs. Ich meine, was ich sagte. Solange man Leute zu dem einzigen Berufe anstellt, Kriege vorzubereiten -und zu führen, solange werden Kriege unausbleiblich -sein.“ Der Räuber ringelte sich behaglich auf dem +und zu führen, solange werden Kriege unausbleiblich +sein.“ Der Räuber ringelte sich behaglich auf dem Diwan zusammen und sog mit einem Strohhalm Eiswasser aus dem Glase. Er schwatzte gern, tat gerne geistreich, -Hedi hatte das längst herausgefunden. Aber er gefiel ihr, -und selbst sein Geschwätz über alle möglichen Dinge hörte -sie nicht ungern. Es wäre gänzlich falsch, anzunehmen, -daß Hedi nur für Flirt, Tanz und fünfzigpferdige, dahinrasende -Automobile Sinn hatte. Sie hatte auch Sinn für -Gespräche — nur für Langeweile hatte sie nicht die geringste +Hedi hatte das längst herausgefunden. Aber er gefiel ihr, +und selbst sein Geschwätz über alle möglichen Dinge hörte +sie nicht ungern. Es wäre gänzlich falsch, anzunehmen, +daß Hedi nur für Flirt, Tanz und fünfzigpferdige, dahinrasende +Automobile Sinn hatte. Sie hatte auch Sinn für +Gespräche — nur für Langeweile hatte sie nicht die geringste Verwendung. </p> <p> -„Ja, unbedingt!“ fuhr der Räuber eifrig fort. „Während -die Welt nichts Arges denkt, sitzen überall diese Generale -und denken darüber nach, wie sie ihre Kanonen verbessern -könnten. Oh nein, sie verbessern sie nicht selbst! Man kann +„Ja, unbedingt!“ fuhr der Räuber eifrig fort. „Während +die Welt nichts Arges denkt, sitzen überall diese Generale +und denken darüber nach, wie sie ihre Kanonen verbessern +könnten. Oh nein, sie verbessern sie nicht selbst! Man kann in der ganzen Geschichte nachforschen, nie haben diese -Generale etwas erfunden, dafür haben sie ihre Spezialisten. -Aber sobald sie nun glauben, die besseren Geschütze zu -haben, wird ihre Sprache schon etwas kühner. Sie sammeln -die große internationale Gemeinde der Kanonenanbeter -um sich, bestechen die Presse, stürzen Minister, die nicht -an ihre Kanonen glauben — und schon ist das Unglück +Generale etwas erfunden, dafür haben sie ihre Spezialisten. +Aber sobald sie nun glauben, die besseren Geschütze zu +haben, wird ihre Sprache schon etwas kühner. Sie sammeln +die große internationale Gemeinde der Kanonenanbeter +um sich, bestechen die Presse, stürzen Minister, die nicht +an ihre Kanonen glauben — und schon ist das Unglück fertig. Nun aber treten die Generale, die sich bisher im -Hintergrund hielten, zum großen Erstaunen der Mitwelt -plötzlich in den Vordergrund. Keine Macht der Welt ist +Hintergrund hielten, zum großen Erstaunen der Mitwelt +plötzlich in den Vordergrund. Keine Macht der Welt ist von diesem Augenblick an mehr imstande —“ </p> <p> <a id="page-221" class="pagenum" title="221"></a> -„Ich höre, du bist nicht Soldat?“ +„Ich höre, du bist nicht Soldat?“ </p> <p> Wieder strich die kleine graue Witwe mit ihrem Kavalier -an dem Diwan vorüber. Der steife Beduine sagte: „— stehe +an dem Diwan vorüber. Der steife Beduine sagte: „— stehe also auf der Sturmleiter, die Uhr in der Hand. Mit der Sekunde springe ich aus dem Graben.“ </p> <p> -„Was für ein entsetzlicher Augenblick muß das sein“, +„Was für ein entsetzlicher Augenblick muß das sein“, sagte Klara. </p> <p> -„Alles ist Gewohnheit. Der Mensch gewöhnt sich an -alles, mein gnädiges Fräulein.“ +„Alles ist Gewohnheit. Der Mensch gewöhnt sich an +alles, mein gnädiges Fräulein.“ </p> <p> -Die glänzenden Pechaugen des Räubers lachten aus +Die glänzenden Pechaugen des Räubers lachten aus dem vermummten Gesicht. „Soldat? Auch ich war Soldat“, erwiderte er. </p> @@ -13352,11 +13319,11 @@ erwiderte er. </p> <p> -Hedi brach in lautes Gelächter aus. +Hedi brach in lautes Gelächter aus. </p> <p> -„Ja, ich bin tot, meine schöne Maske,“ fuhr der Räuber fort, +„Ja, ich bin tot, meine schöne Maske,“ fuhr der Räuber fort, „ich bin gestorben im Lazarett zu Warschau. Meine Bestattung kostete mich tausend Mark. Der Feldwebel hat mich aus der Stammrolle des Regiments gestrichen, ich existiere nicht mehr. @@ -13382,7 +13349,7 @@ eigentlich? Kenne ich dich?“ </p> <p> -Ah! Daß er sie solange täuschen konnte? Es war Ströbel. +Ah! Daß er sie solange täuschen konnte? Es war Ströbel. </p> <h3 class="no" id="subchap-1-4-4"> @@ -13390,103 +13357,103 @@ Ah! Daß er sie solange täuschen konnte? Es war Ströbel. </h3> <p class="first"> -<span class="firstchar">P</span>lötzlich erhob sich der General. Seine Hände griffen -nach dem Geländer der niedrigen Balustrade. Hatte +<span class="firstchar">P</span>lötzlich erhob sich der General. Seine Hände griffen +nach dem Geländer der niedrigen Balustrade. Hatte nicht eben die Empore geschwankt wie bei einem Erdbeben? Die Musik versank, der Ballsaal war leer, brodelndes Nichts. — </p> <p> <a id="page-222" class="pagenum" title="222"></a> -Ein unerklärliches Gefühl der Verlassenheit schnürte ihm -die Brust zusammen. Eine fremde Welt, unverständlich! -Aber plötzlich trieb ihn ein Verlangen, sich unter diese -fremden, unverständlichen Menschen zu mischen, die sich -in bunte Lappen hüllten und lachten. Ein paar Worte, +Ein unerklärliches Gefühl der Verlassenheit schnürte ihm +die Brust zusammen. Eine fremde Welt, unverständlich! +Aber plötzlich trieb ihn ein Verlangen, sich unter diese +fremden, unverständlichen Menschen zu mischen, die sich +in bunte Lappen hüllten und lachten. Ein paar Worte, Dora, ein paar Worte mit ihr sprechen! </p> <p> Vorsichtig und tastend stieg er die wurmstichige Rokokotreppe -hinab, die unter dem Gewicht seines schweren Körpers +hinab, die unter dem Gewicht seines schweren Körpers krachte. Nunmehr war es ja auch sehr unwahrscheinlich -geworden, daß jene hochgestellte Persönlichkeit, mit -der er gerne ein paar Worte gewechselt hätte, das Fest -noch mit ihrem Besuche beehren würde. Der General -bedauerte es aufrichtig. Jene hochgestellte Persönlichkeit -war niemand anderes, als der Bruder der Gräfin Heller, -dessen Name man nur ehrfürchtig zu flüstern wagte. Der -General hatte die Gelegenheit begrüßt, in den Gesichtskreis -einer Persönlichkeit treten zu können, die das Ohr -des Allerhöchsten Herrn hatte und über Schicksale entschied. +geworden, daß jene hochgestellte Persönlichkeit, mit +der er gerne ein paar Worte gewechselt hätte, das Fest +noch mit ihrem Besuche beehren würde. Der General +bedauerte es aufrichtig. Jene hochgestellte Persönlichkeit +war niemand anderes, als der Bruder der Gräfin Heller, +dessen Name man nur ehrfürchtig zu flüstern wagte. Der +General hatte die Gelegenheit begrüßt, in den Gesichtskreis +einer Persönlichkeit treten zu können, die das Ohr +des Allerhöchsten Herrn hatte und über Schicksale entschied. Denn, nunmehr war es offenbar: man hatte ihn vergessen, vollkommen vergessen. </p> <p> -Am Fuße der Treppe stand der General still. Der Blick -seiner hellen, grauen Augen glitt über den Saal. Das -breite, erdfarbene Gesicht zuckte bei der Bemühung, die -Starrheit der Miene zu lösen. Es mißlang. Diese sorglosen, +Am Fuße der Treppe stand der General still. Der Blick +seiner hellen, grauen Augen glitt über den Saal. Das +breite, erdfarbene Gesicht zuckte bei der Bemühung, die +Starrheit der Miene zu lösen. Es mißlang. Diese sorglosen, heiteren Menschen vermochten keine Teilnahme in -seiner Brust zu wecken, kaum daß Doras Lächeln, das ihn -traf, so oft sie vorbeitanzte, eine flüchtige Wärme in seinem +seiner Brust zu wecken, kaum daß Doras Lächeln, das ihn +traf, so oft sie vorbeitanzte, eine flüchtige Wärme in seinem Herzen anfachte. </p> <p> -Nein, fremd, unverständlich! +Nein, fremd, unverständlich! </p> <p> Er begab sich in das Speisezimmer, trank ein Glas Sekt -und zerkaute gelangweilt ein belegtes Brötchen. +und zerkaute gelangweilt ein belegtes Brötchen. </p> <p> -Der Erfrischungsraum war fast völlig leer. Ein Vermummter +Der Erfrischungsraum war fast völlig leer. Ein Vermummter lehrte mit feierlichem Ernst einer Verschleierten -einige schwierige Tangoschritte. Andächtig schob sich am Büfett -ein befrackter Rücken entlang, von Schüssel zu Schüssel. +einige schwierige Tangoschritte. Andächtig schob sich am Büfett +ein befrackter Rücken entlang, von Schüssel zu Schüssel. </p> <p> <a id="page-223" class="pagenum" title="223"></a> -Dieser andächtige, befrackte Rücken war der Geheime +Dieser andächtige, befrackte Rücken war der Geheime Rat Westphal, den der Anblick der aufgestapelten Herrlichkeiten -völlig hypnotisiert hatte. All die Kriegsjahre hindurch -hatte er sämtliche Vorschriften und Gesetze, die die Ernährung +völlig hypnotisiert hatte. All die Kriegsjahre hindurch +hatte er sämtliche Vorschriften und Gesetze, die die Ernährung betrafen, peinlich genau befolgt. Schon wurde -es ihm beschwerlich, eine Treppe zu steigen, sein Gedächtnis -schwand, er schlief vor Schwäche die Hälfte der Zeit in -seinem Bureau im Auswärtigen Amt, schlief, schlief, aber -befolgte die Vorschriften, denn schließlich gehörte er ja zur -Regierung, die sie erließ. Und hier, war es möglich, hier +es ihm beschwerlich, eine Treppe zu steigen, sein Gedächtnis +schwand, er schlief vor Schwäche die Hälfte der Zeit in +seinem Bureau im Auswärtigen Amt, schlief, schlief, aber +befolgte die Vorschriften, denn schließlich gehörte er ja zur +Regierung, die sie erließ. Und hier, war es möglich, hier gab es ganze Schinken, man denke sich! Es gab hier ganze -Puten, ganze Gänse, man denke! Es gab hier ellenlange -Braten, man denke! Das Fett troff von den Schüsseln, es -gab hier Sardinen, woher denn, beim allmächtigen Gott, -sogar Früchte, obgleich sie beschlagnahmt waren. Es gab +Puten, ganze Gänse, man denke! Es gab hier ellenlange +Braten, man denke! Das Fett troff von den Schüsseln, es +gab hier Sardinen, woher denn, beim allmächtigen Gott, +sogar Früchte, obgleich sie beschlagnahmt waren. Es gab hier Torten und Kuchen wie in einer Konditorei vor dem Kriege. Es gab hier Butter, und es gab sechs verschiedene -Sorten von Käse. Der Geheime Rat hatte sich der Wollust -des Kauens hingegeben. Er kaute, er nahm hier ein Stückchen -Lachs, dort einen Putenschenkel, dann ein Stückchen -gesülztes Fleisch, dann wiederum ein Schnittchen rohen -Schinken. Auch ein Scheibchen Gänsebraten, von der +Sorten von Käse. Der Geheime Rat hatte sich der Wollust +des Kauens hingegeben. Er kaute, er nahm hier ein Stückchen +Lachs, dort einen Putenschenkel, dann ein Stückchen +gesülztes Fleisch, dann wiederum ein Schnittchen rohen +Schinken. Auch ein Scheibchen Gänsebraten, von der Brust, eine Pfaffenschnitte dazu, so! Seit zwei Jahren hatte er nicht mehr ordentlich gegessen. Er knabberte ein Radieschen, und, wie gesagt, die ganze Reihe der -Käse und der Kuchen lag noch vor ihm. Andächtig +Käse und der Kuchen lag noch vor ihm. Andächtig schob er sich an den langen Tischen entlang, den Blick durch die Brille gleichzeitig auf alle Herrlichkeiten gerichtet. </p> <p> -Plötzlich aber blitzten in seinen Gläsern Ordensauszeichnungen, +Plötzlich aber blitzten in seinen Gläsern Ordensauszeichnungen, Stickereien, das Rot des Generalstabes funkelte. -Er prallte zurück. +Er prallte zurück. </p> <p> @@ -13495,9 +13462,9 @@ den Teller geschickt auf der Hand. </p> <p> -Der General machte eine kühle Bewegung mit dem Kopfe +Der General machte eine kühle Bewegung mit dem Kopfe <a id="page-224" class="pagenum" title="224"></a> -und knarrte irgend etwas in der Kehle. Nichts haßte er +und knarrte irgend etwas in der Kehle. Nichts haßte er mehr als Aufdringlichkeit. </p> @@ -13508,40 +13475,40 @@ Herr General.“ <p> Eine kleine Pause der Verlegenheit entstand, die immer -eintrat, wenn Vertreter der hohen Generalität und Angehörige -des Auswärtigen Amtes sich begegneten. +eintrat, wenn Vertreter der hohen Generalität und Angehörige +des Auswärtigen Amtes sich begegneten. </p> <p> -Der General hatte einen unüberwindlichen Argwohn -allen Beamten des Auswärtigen Amts gegenüber, und der -Geheime Rat seinerseits gebrauchte allen Militärs gegenüber -— äußerste Vorsicht! Er hatte Angst vor ihnen, er -fürchtete sie, offengestanden. +Der General hatte einen unüberwindlichen Argwohn +allen Beamten des Auswärtigen Amts gegenüber, und der +Geheime Rat seinerseits gebrauchte allen Militärs gegenüber +— äußerste Vorsicht! Er hatte Angst vor ihnen, er +fürchtete sie, offengestanden. </p> <p> „Ich bin allerdings etwas mager geworden“, sagte der -Geheime Rat mit nachsichtigem Lächeln und schob den +Geheime Rat mit nachsichtigem Lächeln und schob den Finger zwischen Kragen und Hals. „Ich trug vor dem -Kriege Kragen 42, aber nun könnte ich 38 tragen.“ +Kriege Kragen 42, aber nun könnte ich 38 tragen.“ </p> <p> „Es geht uns allen nicht besser“, antwortete der General. „Wie beurteilen Sie diese Sache?“ Und der General -langte nach einem Lachsbrötchen. +langte nach einem Lachsbrötchen. </p> <p> -Der Geheime Rat griff nervös nach dem dünnen Chinesenbart. +Der Geheime Rat griff nervös nach dem dünnen Chinesenbart. </p> <p> „Ich bin,“ begann er, „ich bin hoffnungsvoll. Es ist -natürlich schwer zu sagen, aber ich halte die Lage, jetzt in -Anbetracht der militärischen Situation für, ich möchte sagen, -ganz vorzüglich, obgleich zu bedenken ist — England —“ +natürlich schwer zu sagen, aber ich halte die Lage, jetzt in +Anbetracht der militärischen Situation für, ich möchte sagen, +ganz vorzüglich, obgleich zu bedenken ist — England —“ </p> <p> @@ -13551,8 +13518,8 @@ Ohr mit den kleinen Haarpinseln zu dem Chinesenbart herab. <p> Der Geheime Rat knackte verwirrt mit den Fingern und -wich etwas zurück. „Ich spreche natürlich nur meine Private -Ansicht aus. Ich kenne keineswegs — ich weiß keineswegs, +wich etwas zurück. „Ich spreche natürlich nur meine Private +Ansicht aus. Ich kenne keineswegs — ich weiß keineswegs, wie der Minister die Situation beurteilt. Ich habe den Minister seit einem Jahre nicht gesprochen.“ </p> @@ -13572,52 +13539,52 @@ den Minister seit einem Jahre nicht gesprochen.“ <p> <a id="page-225" class="pagenum" title="225"></a> „Oh — Verzeihung! Ich finde, es ist wie ein Delikatessenladen -vor dem Kriege, genau so, eine Art, möchte man +vor dem Kriege, genau so, eine Art, möchte man sagen, Schlaraffenland, ha ha ha!“ </p> <p> -„Après nous le déluge!“ sagte in diesem Augenblick ein +„Après nous le déluge!“ sagte in diesem Augenblick ein heftig schwitzender Beduine zu einer zierlichen Schleierfee. </p> <p> -Rügend wandte sich das Auge des Generals auf den +Rügend wandte sich das Auge des Generals auf den Beduinen. Gerade dieser Geist war es, der am Mark des -Volkes zehrte. Mit einer Art von Bewunderung mußte er -in diesem Moment an den französischen Ministerpräsidenten -denken, der all diese Schwätzer und Kleinmütigen ohne -viel Umstände — an die Wand stellte! +Volkes zehrte. Mit einer Art von Bewunderung mußte er +in diesem Moment an den französischen Ministerpräsidenten +denken, der all diese Schwätzer und Kleinmütigen ohne +viel Umstände — an die Wand stellte! </p> <p> Wo aber war hier, hier in Deutschland das hypnotische Auge, das diese Hypnose des Schreckens, die unter allen -Umständen nötig war, auf das Volk ausübte? Wo hier —? +Umständen nötig war, auf das Volk ausübte? Wo hier —? </p> <p> In diesem Moment verbeugte sich ein Befrackter vor dem General, als wolle er ihn zum Tanz engagieren. Es -war indessen nur Petersen, der meldete, daß Seine Exzellenz +war indessen nur Petersen, der meldete, daß Seine Exzellenz gekommen waren. </p> <p> -Eine flüchtige Röte huschte über das erdfarbene Gesicht. +Eine flüchtige Röte huschte über das erdfarbene Gesicht. </p> <p> -Schon hatte der hohe Würdenträger den Saal betreten. +Schon hatte der hohe Würdenträger den Saal betreten. Am Arme Doras trippelte er dahin, ein greisenhaftes, -zerstreutes Gewohnheitslächeln auf dem langgezogenen, -völlig glatten Wachsgesicht, das wächserne schmale Ohr +zerstreutes Gewohnheitslächeln auf dem langgezogenen, +völlig glatten Wachsgesicht, das wächserne schmale Ohr aufmerksam gegen Doras gemalte Lippen geneigt. Ein Ordensstern blitzte auf seinem Frackhemd. </p> <p> -Augenblicklich dämpfte sich der Lärm des Festes. +Augenblicklich dämpfte sich der Lärm des Festes. </p> <p> @@ -13633,23 +13600,23 @@ Leises Wispern. </p> <p> -Ganz deutlich war plötzlich für alle der Abglanz der Allerhöchsten -Gnadensonne, in deren Schein der hohe Würdenträger -nach Fügung des Himmels seine Tage verlebte, auf -dem wächsernen, glatten Gesicht zu sehen. +Ganz deutlich war plötzlich für alle der Abglanz der Allerhöchsten +Gnadensonne, in deren Schein der hohe Würdenträger +nach Fügung des Himmels seine Tage verlebte, auf +dem wächsernen, glatten Gesicht zu sehen. </p> <p> -„Und was für einen Orden trägt er?“ +„Und was für einen Orden trägt er?“ </p> <p> „Wie alt er geworden ist! Nur seine Augen sind noch <a id="page-226" class="pagenum" title="226"></a> -die gleichen!“ dachte Dora, während sie sich an ihn schmiegte, +die gleichen!“ dachte Dora, während sie sich an ihn schmiegte, als sei sie seine Tochter. Sie durfte diese Vertrautheit wagen, denn er hatte in ihrem Hause verkehrt — damals! -Er wußte alles. Aber damals war er noch nicht Exzellenz, +Er wußte alles. Aber damals war er noch nicht Exzellenz, damals wurde er von seinen Freunden noch Franz der Erste genannt, und die intim befreundeten Damen nannten ihn einfach Franzl. Auch sie nannte ihn so. „Was ist nun @@ -13662,26 +13629,26 @@ Aber Dora strahlte. <p> Der hohe Besuch rief Erinnerungen wach in ihr an jene -Zeit — an damals — da sie bewundert und auf den Händen +Zeit — an damals — da sie bewundert und auf den Händen getragen wurde, von aller Welt, da alle Welt wetteiferte, -ihr gefällig zu sein, da täglich Geisterhände sämtliche Vasen +ihr gefällig zu sein, da täglich Geisterhände sämtliche Vasen und Schalen ihres Hauses mit den wunderbarsten Blumen -füllten. Und das heutige Fest erschien ihr plötzlich als eine +füllten. Und das heutige Fest erschien ihr plötzlich als eine Fortsetzung jener blendenden Feste dieser Zeit. Wieder trug -sie in einer Nacht ein Dutzend verschiedener Kostüme, wieder +sie in einer Nacht ein Dutzend verschiedener Kostüme, wieder wurde sie stets neu entdeckt und stets neu bewundert. Wieder war sie von einem Schwarm von Anbetern umgeben. Da war dieser Hauptmann, mit dem drolligen Namen Feuerwalze — hoffnungslos verliebt in sie! Da war dieser Sonderbare, Unbekannte mit der rasselnden Schale, der sie auf Schritt und Tritt verfolgte — und da waren noch andere, die ihr -Worte ins Ohr flüsterten, die beim Tanzen plötzlich — und -ein eifersüchtiges Auge wachte über ihr — ganz wie damals. +Worte ins Ohr flüsterten, die beim Tanzen plötzlich — und +ein eifersüchtiges Auge wachte über ihr — ganz wie damals. </p> <p> -„Hier ist er!“ rief Dora mit heller Stimme und übergab -den hohen Würdenträger auf der Empore dem General. +„Hier ist er!“ rief Dora mit heller Stimme und übergab +den hohen Würdenträger auf der Empore dem General. </p> <h3 class="no" id="subchap-1-4-5"> @@ -13689,8 +13656,8 @@ den hohen Würdenträger auf der Empore dem General. </h3> <p class="first"> -<span class="firstchar">M</span>it allen Anzeichen mühsam zurückgehaltener, freudigster -Überraschung erhob sich der General. +<span class="firstchar">M</span>it allen Anzeichen mühsam zurückgehaltener, freudigster +Überraschung erhob sich der General. </p> <p> @@ -13703,21 +13670,21 @@ auf, die der General auf der Brust trug. </p> <p> -„Ich bitte“, flüsterte der Träger des hohen Ordens -und streckte dem General beide Hände entgegen, „aber +„Ich bitte“, flüsterte der Träger des hohen Ordens +und streckte dem General beide Hände entgegen, „aber ich bitte Sie herzlich, mein lieber, alter Freund, freue mich, -Sie wiederzusehen, freue mich ganz außerordentlich, +Sie wiederzusehen, freue mich ganz außerordentlich, wieder einmal Gelegenheit zu haben.“ </p> <p> Schon stand ein Sessel bereit, und der General beachtete -genau, bis der hohe Würdenträger sich gesetzt hatte, bis er -richtig saß. Erst dann wagte er, neben ihm Platz zu nehmen. +genau, bis der hohe Würdenträger sich gesetzt hatte, bis er +richtig saß. Erst dann wagte er, neben ihm Platz zu nehmen. </p> <p> -„Erfreut, außerordentlich erfreut. Ich bin etwas verspätet, +„Erfreut, außerordentlich erfreut. Ich bin etwas verspätet, ein Diner.“ </p> @@ -13731,7 +13698,7 @@ Ein Glas Wasser, wenn ich bitten darf.“ </p> <p> -„Ich sehe mit aufrichtiger Freude, daß Euer Exzellenz +„Ich sehe mit aufrichtiger Freude, daß Euer Exzellenz sich sehr wohlbefinden“, rief der General. </p> @@ -13740,28 +13707,28 @@ sich sehr wohlbefinden“, rief der General. </p> <p> -Die Unterhaltung wurde in lautem Tone geführt, denn -der hohe Würdenträger war schwerhörig, und es war -bekannt, daß er es niemals zugestand und niemals fragte. -Man behauptete sogar, daß er die wichtigsten Verhandlungen -führe, ohne ein einziges Wort zu verstehen, und völlig freie -Erfindungen weitergäbe. Die Stimme des Generals klang -kräftig, er wünschte, daß der hohe Würdenträger kein +Die Unterhaltung wurde in lautem Tone geführt, denn +der hohe Würdenträger war schwerhörig, und es war +bekannt, daß er es niemals zugestand und niemals fragte. +Man behauptete sogar, daß er die wichtigsten Verhandlungen +führe, ohne ein einziges Wort zu verstehen, und völlig freie +Erfindungen weitergäbe. Die Stimme des Generals klang +kräftig, er wünschte, daß der hohe Würdenträger kein Wort verliere. Wie geschickt Dora diese Begegnung arrangiert -hatte! Vielleicht würde diese Gelegenheit, sich in +hatte! Vielleicht würde diese Gelegenheit, sich in Erinnerung zu bringen, nie wiederkehren. </p> <p> -„Zwischen den Schlachten“, sagte die Exzellenz lächelnd, -und deutete auf Turbane, Federbüsche und die Woge von +„Zwischen den Schlachten“, sagte die Exzellenz lächelnd, +und deutete auf Turbane, Federbüsche und die Woge von nacktem Fleisch da unten. </p> <p> „Exzellenz bemerken sehr treffend. Es sind zumeist -Offiziere, die auf Urlaub hier sind, Atem schöpfen, um -morgen zur Front zurückzukehren.“ +Offiziere, die auf Urlaub hier sind, Atem schöpfen, um +morgen zur Front zurückzukehren.“ </p> <p> @@ -13774,7 +13741,7 @@ morgen zur Front zurückzukehren.“ </p> <p> -Der Einflußreiche legte seine weichen, kleinen Hände +Der Einflußreiche legte seine weichen, kleinen Hände auf den Schenkel des Generals. „Lieber Freund,“ sagte er, „ich darf wohl bitten, alles Zeremoniell zu lassen. Wir sind doch alte Freunde. Ja, wie lange kennen wir uns @@ -13782,21 +13749,21 @@ schon?“ </p> <p> -„Es sind,“ der General dachte nach, „es dürften wohl -dreißig Jahre sein.“ +„Es sind,“ der General dachte nach, „es dürften wohl +dreißig Jahre sein.“ </p> <p> -„Dreißig Jahre!“ Der hohe Herr rückte auf dem Sessel -hin und her, wiegte den wächsernen Kopf und lachte beunruhigt. +„Dreißig Jahre!“ Der hohe Herr rückte auf dem Sessel +hin und her, wiegte den wächsernen Kopf und lachte beunruhigt. „Ein Menschenalter! Ich erinnere mich noch sehr -deutlich, daß wir ebenfalls in Berlin einmal auf einem +deutlich, daß wir ebenfalls in Berlin einmal auf einem Ball waren. Es war, wo war es denn nur gleich?“ </p> <p> -Der General errötete. Nun wird er sich gewiß an diese -Affäre erinnern, an diese Entführung, und alles wird +Der General errötete. Nun wird er sich gewiß an diese +Affäre erinnern, an diese Entführung, und alles wird vergeblich sein. </p> @@ -13806,32 +13773,32 @@ vergeblich sein. <p> Aber mit dem Eigensinn eines Greises forschte der hohe -Würdenträger in seinem Gedächtnis nach. +Würdenträger in seinem Gedächtnis nach. </p> <p> -„Es war bei Baron Kreß“, rief er aus. „Ja, nun habe -ich es, und es war eine entzückende Dame da, eine reizende -kleine Person! Ah, ah, ah, wie hieß sie doch?“ +„Es war bei Baron Kreß“, rief er aus. „Ja, nun habe +ich es, und es war eine entzückende Dame da, eine reizende +kleine Person! Ah, ah, ah, wie hieß sie doch?“ </p> <p> -Der General schwieg beharrlich, außerordentlich peinlich -war die Situation. Scham erfüllte ihn, daß er nicht -den Mut hatte, zu bekennen, daß diese reizende kleine -Person, wie Exzellenz sie zu nennen geruhten, später — +Der General schwieg beharrlich, außerordentlich peinlich +war die Situation. Scham erfüllte ihn, daß er nicht +den Mut hatte, zu bekennen, daß diese reizende kleine +Person, wie Exzellenz sie zu nennen geruhten, später — </p> <p> „War es nicht eine kleine Baronesse Bassewitz? Nein, -nein, es war — nun, es ist lange her. Ich bin nicht für +nein, es war — nun, es ist lange her. Ich bin nicht für die Ehe geboren gewesen, mein lieber Freund. Und wie -fühlen Sie sich in Berlin?“ +fühlen Sie sich in Berlin?“ </p> <p> -Der General rückte auf seinem Sessel. „Wo mich mein -König hinstellt,“ heulte er in das Ohr Seiner Exzellenz, +Der General rückte auf seinem Sessel. „Wo mich mein +König hinstellt,“ heulte er in das Ohr Seiner Exzellenz, „da —“, er stockte. </p> @@ -13842,87 +13809,87 @@ Aber der Greis verstand vollkommen. <p> <a id="page-229" class="pagenum" title="229"></a> „Ja, ja, ja,“ nickte er. Ach, er hatte diese Phrase tausendmal -in seinem Leben gehört. Er klopfte sich auf den Mund, -um ein Gähnen zu verbergen. +in seinem Leben gehört. Er klopfte sich auf den Mund, +um ein Gähnen zu verbergen. </p> <p> -„Ich höre aber, daß Sie sich bei der Truppe wohler -fühlten, lieber Freund? Meine Schwester —“ +„Ich höre aber, daß Sie sich bei der Truppe wohler +fühlten, lieber Freund? Meine Schwester —“ </p> <p> -„Ich erfülle meine Pflicht und beklage mich nicht!“ beteuerte -der General. „Indessen ist es ja selbstverständlich -für einen Frontsoldaten —“ +„Ich erfülle meine Pflicht und beklage mich nicht!“ beteuerte +der General. „Indessen ist es ja selbstverständlich +für einen Frontsoldaten —“ </p> <p> -„Ja, ja, ja — natürlich, selbstverständlich.“ +„Ja, ja, ja — natürlich, selbstverständlich.“ </p> <p> -Der Würdenträger versank in Nachdenken, schloß die -großen Greisenaugen zur Hälfte, und es sah eine Weile -aus, als ob er einschlafen wolle. Er erinnerte sich plötzlich, -daß man, vor gar nicht langer Zeit, bei der Frühstückstafel +Der Würdenträger versank in Nachdenken, schloß die +großen Greisenaugen zur Hälfte, und es sah eine Weile +aus, als ob er einschlafen wolle. Er erinnerte sich plötzlich, +daß man, vor gar nicht langer Zeit, bei der Frühstückstafel von diesem Hecht-Babenberg gesprochen hatte. Irgend -etwas war ihm mißlungen oder besser gesagt, nicht gelungen +etwas war ihm mißlungen oder besser gesagt, nicht gelungen — irgend etwas an der Front, und man sprach von -einer Untersuchung, die schwebte. Natürlich nur schwebte, +einer Untersuchung, die schwebte. Natürlich nur schwebte, alle diese Untersuchungen schwebten, und das war ganz -in Ordnung. Das Ansehen der Armee würde anders -leiden. Daran dachte er, und er quälte seinen alten, spitzen -Kopf, um sich zu erinnern, welches Mißgeschick dem General -eigentlich passiert war. Es hatte sich um eine Höhe gehandelt -— um irgendeine von diesen vielen Höhen, von -denen immer die Rede war. Er war kein Militär, und er -kannte die Front nur als eine ungefähre blaue Linie, die -er überall in den Beratungssälen auf den Karten sah. +in Ordnung. Das Ansehen der Armee würde anders +leiden. Daran dachte er, und er quälte seinen alten, spitzen +Kopf, um sich zu erinnern, welches Mißgeschick dem General +eigentlich passiert war. Es hatte sich um eine Höhe gehandelt +— um irgendeine von diesen vielen Höhen, von +denen immer die Rede war. Er war kein Militär, und er +kannte die Front nur als eine ungefähre blaue Linie, die +er überall in den Beratungssälen auf den Karten sah. </p> <p> Er las die Heeresberichte nicht mehr, seit langem, seit einigen Jahren — es waren ja immer die gleichen Orte. Ganz offen gestanden, interessierte ihn die Front auch nicht, -in militärischen Fragen war er Laie, sie gehörten nicht -in sein Ressort. Aber es hatte sich damals um eine Höhe -gehandelt, eine Höhe, na, es war ja schließlich vollkommen -einerlei. Hm, es würde wohl — im Hinblick auf dieses -Mißgeschick — nicht ganz leicht sein . . . +in militärischen Fragen war er Laie, sie gehörten nicht +in sein Ressort. Aber es hatte sich damals um eine Höhe +gehandelt, eine Höhe, na, es war ja schließlich vollkommen +einerlei. Hm, es würde wohl — im Hinblick auf dieses +Mißgeschick — nicht ganz leicht sein . . . </p> <p> -Plötzlich verklärte ein Lächeln sein Gesicht. Da unten — +Plötzlich verklärte ein Lächeln sein Gesicht. Da unten — <a id="page-230" class="pagenum" title="230"></a> -wie scharmant — hatte sich soeben ein Pärchen ganz sans -géne während des Tanzens geküßt! Diese Jugend — wieder -rückte er unruhig auf dem Sessel. +wie scharmant — hatte sich soeben ein Pärchen ganz sans +géne während des Tanzens geküßt! Diese Jugend — wieder +rückte er unruhig auf dem Sessel. </p> <p> -Der General aber erlaubte sich zu erwähnen, daß auch -hier in Berlin wichtige Arbeit zu leisten wäre. Es waren -gewisse Einflüsse am Werk, pazifistische, jüdisch-liberale, -radikalsozialistische Einflüsse, die zu bekämpfen waren. Der -Wille des gesamten Volkes mußte zusammengeballt und +Der General aber erlaubte sich zu erwähnen, daß auch +hier in Berlin wichtige Arbeit zu leisten wäre. Es waren +gewisse Einflüsse am Werk, pazifistische, jüdisch-liberale, +radikalsozialistische Einflüsse, die zu bekämpfen waren. Der +Wille des gesamten Volkes mußte zusammengeballt und in eine Richtung gelenkt werden, zu einer letzten gewaltigen Anstrengung. „Gewaltigen, gewaltigen!“ schrie er in das -wächserne Ohr der mit schrägem Kopf lauschenden Exzellenz. +wächserne Ohr der mit schrägem Kopf lauschenden Exzellenz. </p> <p> -„Ja, ja — sehr richtig — sehr schön —“ +„Ja, ja — sehr richtig — sehr schön —“ </p> <p> Der General aber benutzte die Gelegenheit, dieser hohen -Stelle seine militärisch-politischen Ansichten im allgemeinen -darzulegen. Der Peipussee, der Weg nach Indien über +Stelle seine militärisch-politischen Ansichten im allgemeinen +darzulegen. Der Peipussee, der Weg nach Indien über den Kaukasus, die Zerschmetterung Englands vom Orient -aus, der Korridor über die Türkei und Ägypten nach einem -mächtigen deutschen Zentralafrika, Rohstoffreservoire, Siedlungsgebiete, -maritime Stützpunkte . . . +aus, der Korridor über die Türkei und Ägypten nach einem +mächtigen deutschen Zentralafrika, Rohstoffreservoire, Siedlungsgebiete, +maritime Stützpunkte . . . </p> <p> @@ -13930,21 +13897,21 @@ maritime Stützpunkte . . . </p> <p> -Fließend trug der General seine Gedanken vor, sie +Fließend trug der General seine Gedanken vor, sie bildeten das Thema eines fertig ausgearbeiteten Vortrags, -den er in den nächsten Tagen im Bund Barbarossa halten +den er in den nächsten Tagen im Bund Barbarossa halten wollte. </p> <p> -Der hohe Würdenträger nickte und blinzelte durch das -geschnitzte Geländer der Empore hinunter in den kleinen -Saal. Viel angenehmer wäre es ihm gewesen, wenn der -General über diese Beinchen, Hüften und Gesichtchen -gesprochen hätte — diese modernen Tänze waren sehr +Der hohe Würdenträger nickte und blinzelte durch das +geschnitzte Geländer der Empore hinunter in den kleinen +Saal. Viel angenehmer wäre es ihm gewesen, wenn der +General über diese Beinchen, Hüften und Gesichtchen +gesprochen hätte — diese modernen Tänze waren sehr reizvoll, wenn auch etwas gewagt. All das, was der -General sagte, hörte er täglich von Militärs. Nur diese -Sache mit dem Korridor über Ägypten war eine neue +General sagte, hörte er täglich von Militärs. Nur diese +Sache mit dem Korridor über Ägypten war eine neue Variante. </p> @@ -13955,8 +13922,8 @@ Variante. <p> Und dieser Hauptmann, der eben mit Dora tanzte, sah <a id="page-231" class="pagenum" title="231"></a> -es nicht ganz so aus, als sei er — etwas bekneipt? Bewundernswürdig -diese überschäumende Lebenskraft . . . +es nicht ganz so aus, als sei er — etwas bekneipt? Bewundernswürdig +diese überschäumende Lebenskraft . . . </p> <p> @@ -13969,10 +13936,10 @@ Dora gab es auf, mit Hauptmann Falk zu tanzen. <p> Gab es eine Bitte in der weiten Welt, die der Hauptmann -mit größerem Entzücken erfüllt hätte? Nein, keine. -Er wollte Dora die gesamte Weinernte von drei Jahrgängen -zu Füßen legen, er schwor, die Weinkeller der Millionäre -in der Nachbarschaft zu plündern, wenn es sein müsse. +mit größerem Entzücken erfüllt hätte? Nein, keine. +Er wollte Dora die gesamte Weinernte von drei Jahrgängen +zu Füßen legen, er schwor, die Weinkeller der Millionäre +in der Nachbarschaft zu plündern, wenn es sein müsse. </p> <p> @@ -13982,37 +13949,37 @@ Neger zu. <p> Er leerte sein Glas auf das Wohl seiner Dame und warf -es — nun höchst einfach — mitten in das Orchester. Das -gehörte zu seinem Stil. +es — nun höchst einfach — mitten in das Orchester. Das +gehörte zu seinem Stil. </p> <p> „Spielt, ihr Schweine!“ schrie er, und als die Musiker -sich entsetzt umblickten, fügte er mit einer tiefen Verbeugung, -auf Dora weisend, hinzu: „Für meine Dame!“ +sich entsetzt umblickten, fügte er mit einer tiefen Verbeugung, +auf Dora weisend, hinzu: „Für meine Dame!“ </p> <p> Dann nahm er einen blauen Lappen aus der Tasche, rollte ihn zu einer Kugel zusammen, spuckte darauf und -warf ihn den Musikern zu. Auch das gehörte zu seinem +warf ihn den Musikern zu. Auch das gehörte zu seinem Stil. Nun verbeugten sich die Musiker. </p> <p> -Vor knapp fünf Stunden war der Hauptmann in Berlin -angekommen und bei Ströbel, wie gewöhnlich, abgestiegen. -Gestern früh, um sieben Uhr, hatte er noch an der flandrischen -Küste einen Graben gestürmt, mit dem Messer +Vor knapp fünf Stunden war der Hauptmann in Berlin +angekommen und bei Ströbel, wie gewöhnlich, abgestiegen. +Gestern früh, um sieben Uhr, hatte er noch an der flandrischen +Küste einen Graben gestürmt, mit dem Messer hatte er gearbeitet, heute tanzte er hier — es war ein Krieg mit Komfort, wie er sagte — morgen abend, um zehn -Uhr, ging sein Zug — vielleicht mußte er übermorgen +Uhr, ging sein Zug — vielleicht mußte er übermorgen wieder mit dem Messer arbeiten — einerlei. </p> <p> „Und noch ein Glas auf das Gedeihen dieser kleinen -Härchen im Nacken da —!“ Ja, durch ein Sektglas gesehen +Härchen im Nacken da —!“ Ja, durch ein Sektglas gesehen hat die Welt ein ganz anderes Gesicht. </p> @@ -14023,17 +13990,17 @@ Sie so schrecklich, Feuerwalze?“ <p> <a id="page-232" class="pagenum" title="232"></a> -Der Hauptmann versicherte, daß er ein Vulkan sei, -sozusagen, ein Vulkan, der sich bemühe, seine Temperatur -zu halten. Dazu hätten ihn heute diese kleinen Nackenhärchen -rasend gemacht — und dieses Ohrläppchen und +Der Hauptmann versicherte, daß er ein Vulkan sei, +sozusagen, ein Vulkan, der sich bemühe, seine Temperatur +zu halten. Dazu hätten ihn heute diese kleinen Nackenhärchen +rasend gemacht — und dieses Ohrläppchen und noch andere Sachen. Und er sei nichts als ein armes Frontschwein, bedauernswert, kaum vierundzwanzig Stunden Zeit — </p> <p> -Plötzlich umschlang er Dora. Sie entfloh. +Plötzlich umschlang er Dora. Sie entfloh. </p> <p> @@ -14046,13 +14013,13 @@ streckte sich dem Hauptmann entgegen. </p> <p> -„Befehlen Sie, Gnädigste, und wir werden ihn töten. -Hinweg mit dir, Sklave!“ schrie der Hauptmann mit gutmütigem +„Befehlen Sie, Gnädigste, und wir werden ihn töten. +Hinweg mit dir, Sklave!“ schrie der Hauptmann mit gutmütigem Lachen. </p> <p> -Aber da begann der Bettelmönch plötzlich zu wachsen — +Aber da begann der Bettelmönch plötzlich zu wachsen — er wuchs, und seine Augen blitzten . . . </p> @@ -14061,14 +14028,14 @@ er wuchs, und seine Augen blitzten . . . </p> <p> -Hedi zupfte den Bettelmönch am Arm. Ihr Herz +Hedi zupfte den Bettelmönch am Arm. Ihr Herz schlug. </p> <p> Die blinkenden Augen zwischen den Tuchlappen zogen -sich zusammen zu Schlitzen, wie bei einer Eule. Der Bettelmönch -wich zurück und verbeugte sich, während er mit der +sich zusammen zu Schlitzen, wie bei einer Eule. Der Bettelmönch +wich zurück und verbeugte sich, während er mit der Schale rasselte. </p> @@ -14085,7 +14052,7 @@ Schweigen. </p> <p> -Der Bettelmönch schüttelte stumm den Kopf. +Der Bettelmönch schüttelte stumm den Kopf. </p> <p> @@ -14093,13 +14060,13 @@ Der Bettelmönch schüttelte stumm den Kopf. </p> <p> -Der Bettelmönch zog beide Hände unter die Vermummung -zurück und verneigte sich noch demütiger, bis zur +Der Bettelmönch zog beide Hände unter die Vermummung +zurück und verneigte sich noch demütiger, bis zur Erde. Es war ihm nicht beizukommen. </p> <p> -Eine Dame flüsterte Hedi ins Ohr: „Es ist eine Königliche +Eine Dame flüsterte Hedi ins Ohr: „Es ist eine Königliche Hoheit.“ </p> @@ -14108,7 +14075,7 @@ Hoheit.“ </p> <p> -„Man sagt es.“ Scheu wich Hedi zurück. +„Man sagt es.“ Scheu wich Hedi zurück. </p> <p class="tb"> @@ -14118,22 +14085,22 @@ Hoheit.“ <p class="first"> <span class="firstchar"><span class="prefirstchar">„</span>I</span>ch bin der Ansicht,“ schrie der General in das schmale -wächserne Ohr, „nur noch eine einzige, gewaltige +wächserne Ohr, „nur noch eine einzige, gewaltige Kraftentfaltung des deutschen Volkes, und wir werden den Frieden diktieren.“ </p> <p> -Der hohe Würdenträger wiegte den spitzen Kopf. +Der hohe Würdenträger wiegte den spitzen Kopf. </p> <p> -„Es ist möglich,“ unterbrach er den General, „daß -diese Anstrengung nicht mehr nötig sein wird. Dies, -bitte, ganz unter uns! Ja es ist möglich, daß sie genug -haben!“ Plötzlich tat der hohe Würdenträger geheimnisvoll. +„Es ist möglich,“ unterbrach er den General, „daß +diese Anstrengung nicht mehr nötig sein wird. Dies, +bitte, ganz unter uns! Ja es ist möglich, daß sie genug +haben!“ Plötzlich tat der hohe Würdenträger geheimnisvoll. Aber immerhin — er verbrachte seine Tage -in allernächster Nähe der allerhöchsten Persönlichkeiten. +in allernächster Nähe der allerhöchsten Persönlichkeiten. </p> <p> @@ -14141,18 +14108,18 @@ in allernächster Nähe der allerhöchsten Persönlichkeiten. </p> <p> -„Möglich, immerhin möglich! Es sind Anzeichen dafür +„Möglich, immerhin möglich! Es sind Anzeichen dafür vorhanden. England . . . Aber bitte, ganz unter uns!“ -Völlig unvermittelt erhob er sich. „Außerordentlich gefreut, -mein lieber Freund — ganz außerordentlich. Sehr interessant -— Ihre Ausführungen, sehr interessant. Bitte herzlich, -sich ja nicht zu bemühen —.“ +Völlig unvermittelt erhob er sich. „Außerordentlich gefreut, +mein lieber Freund — ganz außerordentlich. Sehr interessant +— Ihre Ausführungen, sehr interessant. Bitte herzlich, +sich ja nicht zu bemühen —.“ </p> <p> Er war ja nur auf einige Minuten hierhergekommen, -erstens, um dieser prächtigen Dora die Freude zu machen, -zweitens, um seiner Schwester gefällig zu sein, und drittens +erstens, um dieser prächtigen Dora die Freude zu machen, +zweitens, um seiner Schwester gefällig zu sein, und drittens — nun drittens gab es nicht. </p> @@ -14163,19 +14130,19 @@ roch. </p> <p> -Der hohe Würdenträger kroch in seine schwarzlackierte -Limousine und zog eine Pelzmütze über den -kahlen Schädel. +Der hohe Würdenträger kroch in seine schwarzlackierte +Limousine und zog eine Pelzmütze über den +kahlen Schädel. </p> <p> -„Große Fähigkeiten, ohne Zweifel“, sagte er vor sich -hin, indem er sich im Polster zurechtrückte. „Aber weshalb -schreien diese Militärs alle so? Er hat mich fast taub geschrien.“ +„Große Fähigkeiten, ohne Zweifel“, sagte er vor sich +hin, indem er sich im Polster zurechtrückte. „Aber weshalb +schreien diese Militärs alle so? Er hat mich fast taub geschrien.“ </p> <p> -Und er schlief augenblicklich ein, während die Limousine +Und er schlief augenblicklich ein, während die Limousine lautlos durch die Finsternis schlich. </p> @@ -14185,76 +14152,76 @@ lautlos durch die Finsternis schlich. </h3> <p class="first"> -<span class="firstchar">K</span>aum hatte der hohe Würdenträger die rote Backsteinvilla -verlassen, so brauste der Lärm erneut auf. Die -hochstehende Persönlichkeit da oben, mit dem General zur -Seite, hatte die Ausgelassenheit etwas beeinflußt. Es -war peinlich für viele, zu denken, daß ein so hoher Würdenträger +<span class="firstchar">K</span>aum hatte der hohe Würdenträger die rote Backsteinvilla +verlassen, so brauste der Lärm erneut auf. Die +hochstehende Persönlichkeit da oben, mit dem General zur +Seite, hatte die Ausgelassenheit etwas beeinflußt. Es +war peinlich für viele, zu denken, daß ein so hoher Würdenträger sie bei ihren Albernheiten belausche. Schon der -General störte, er störte, ohne es zu wissen, und man -wünschte, daß er möglichst bald verschwinde. +General störte, er störte, ohne es zu wissen, und man +wünschte, daß er möglichst bald verschwinde. </p> <p> Es kam auch die neue Kapelle. Zigeuner, die bis dahin in einer Bar gespielt hatten. Es war die beste Kapelle -von Berlin, und augenblicklich fühlten es alle Tänzer. +von Berlin, und augenblicklich fühlten es alle Tänzer. </p> <p> -Plötzlich aber ertönte laut und dröhnend ein Gong, und +Plötzlich aber ertönte laut und dröhnend ein Gong, und gleich darauf wurde es, bis auf wenige Kerzen, dunkel. -Eine kleine, helle Bühne mit einem phosphorgrünen, +Eine kleine, helle Bühne mit einem phosphorgrünen, dunstigen Vorhang im Hintergrund leuchtete. Der Vorhang teilte sich. Eine Hand erschien, ein nackter Arm, eine -elfenbeinerne, glänzende Schulter. Eine schlanke Tänzerin +elfenbeinerne, glänzende Schulter. Eine schlanke Tänzerin trat aus dem Vorhang. </p> <p> -Alle Turbane, Perlenschnüre und Federbüsche sanken -plötzlich zur Erde nieder. +Alle Turbane, Perlenschnüre und Federbüsche sanken +plötzlich zur Erde nieder. </p> <p> -Die Tänzerin war ein wunderbares Geschöpf mit einem -herrlichen Körper und jungen, kleinen Brüsten. Sie war -vollkommen nackt, nur um die Hüften trug sie eine Kette +Die Tänzerin war ein wunderbares Geschöpf mit einem +herrlichen Körper und jungen, kleinen Brüsten. Sie war +vollkommen nackt, nur um die Hüften trug sie eine Kette aus blauen Steinen und einen kleinen Schleier, eine Hand breit. </p> <p> -Mit jedem Schritt löste sie sich mehr vom Dunkel los, -ganz allmählich tauchte ihr Körper in das Licht. Zuerst +Mit jedem Schritt löste sie sich mehr vom Dunkel los, +ganz allmählich tauchte ihr Körper in das Licht. Zuerst nur eine Ahnung von Fleisch und Herrlichkeit, wurde er langsam verwirrende Wirklichkeit. </p> <p> -Wie eine Somnambule schritt die Tänzerin vorwärts, die -Augen visionär in die Ferne gerichtet. Sie hatte die -Hände, zierliche, transparente Finger, an ihre beiden -jungen Brüste gelegt. Nun stand sie still, ohne jede Regung. +Wie eine Somnambule schritt die Tänzerin vorwärts, die +Augen visionär in die Ferne gerichtet. Sie hatte die +Hände, zierliche, transparente Finger, an ihre beiden +jungen Brüste gelegt. Nun stand sie still, ohne jede Regung. <a id="page-235" class="pagenum" title="235"></a> Dann — bei einer bestimmten musikalischen Phrase — hob -sie langsam den linken Fuß und begann sich in der Hüfte +sie langsam den linken Fuß und begann sich in der Hüfte zu drehen. </p> <p> In diesem Augenblick aber hub eine Uhr an zu schlagen. -Es war ganz still, so daß das dumpfe, rasselnde Schlagen -der Uhr deutlich zu hören war. +Es war ganz still, so daß das dumpfe, rasselnde Schlagen +der Uhr deutlich zu hören war. </p> <p> -„Diese dumme Uhr!“ sagte Dora halblaut und ärgerlich. +„Diese dumme Uhr!“ sagte Dora halblaut und ärgerlich. </p> <p> -Die Musik brach ab, die Tänzerin stand, die zierlichen -Finger an den Brüsten, regungslos, mit leicht geneigtem +Die Musik brach ab, die Tänzerin stand, die zierlichen +Finger an den Brüsten, regungslos, mit leicht geneigtem Haupte, um das Schlagen der Uhr abzuwarten. </p> @@ -14264,108 +14231,108 @@ Haupte, um das Schlagen der Uhr abzuwarten. <p class="noindent"> Genau zur gleichen Stunde, an diesem Abend, meldete -man Hauptmann v. Dönhoff in dem halbzertrümmerten -Keller des Champagne-Dorfes, wo er zurzeit hauste, daß +man Hauptmann v. Dönhoff in dem halbzertrümmerten +Keller des Champagne-Dorfes, wo er zurzeit hauste, daß der befohlene Wagen zur Stelle sei. Dieser Wagen sollte den Leichnam seines Adjutanten Kammerer, gefallen auf -der Beobachtung, nach rückwärts bringen. Dönhoff hatte +der Beobachtung, nach rückwärts bringen. Dönhoff hatte den Wagen auf Mitternacht bestellt, weil zu dieser Zeit das feindliche Feuer weniger heftig auf seinem Dorfe lag, -das heißt auf dem Schutthaufen, der von dem Dorfe -übriggeblieben war. Die Nacht hatte indessen keine Ruhe -gebracht. Die Geschütze tobten, und auch die Batterie -Dönhoff feuerte, was die Rohre hergaben. Die schweren -Schläge der Haubitzen erschütterten unaufhörlich den +das heißt auf dem Schutthaufen, der von dem Dorfe +übriggeblieben war. Die Nacht hatte indessen keine Ruhe +gebracht. Die Geschütze tobten, und auch die Batterie +Dönhoff feuerte, was die Rohre hergaben. Die schweren +Schläge der Haubitzen erschütterten unaufhörlich den Keller, in dem die Batterieoffiziere um den Sarg des -gefallenen Kameraden versammelt waren. Einschläge -knatterten. Eine zusammengestürzte Scheune nebenan +gefallenen Kameraden versammelt waren. Einschläge +knatterten. Eine zusammengestürzte Scheune nebenan hatte einen Treffer bekommen, und der Schutt qualmte, -ätzender Rauch drang in das Kellerloch. +ätzender Rauch drang in das Kellerloch. </p> <p> -Punkt zwölf Uhr wurde der Sarg von einigen Batterieleuten -hinausgetragen und auf den Krümperwagen gelegt. -Darauf verließen die Offiziere den Keller, um dem gefallenen +Punkt zwölf Uhr wurde der Sarg von einigen Batterieleuten +hinausgetragen und auf den Krümperwagen gelegt. +Darauf verließen die Offiziere den Keller, um dem gefallenen Kameraden das letzte Geleit zu geben. </p> <p> -Die Luft war lau, erfüllt vom ätzenden Rauch der qualmenden +Die Luft war lau, erfüllt vom ätzenden Rauch der qualmenden Scheune. Der Himmel wetterleuchtete ohne Pause <a id="page-236" class="pagenum" title="236"></a> von dem Gespinst von Blitzen, das von Horizont zu Horizont geisterte. Deutlich waren die umstehenden Kameraden -zu erkennen — sogar die Tränen in ihren Augen. Furchtbar -tobten die Geschütze, und die Abschüsse der Batterie, -die feindliche Zufahrtstraßen unter Sperrfeuer hielt, knallten -wie Explosionen. Die Granaten sägten und gurgelten über -die Köpfe hinweg in die Nacht hinein. +zu erkennen — sogar die Tränen in ihren Augen. Furchtbar +tobten die Geschütze, und die Abschüsse der Batterie, +die feindliche Zufahrtstraßen unter Sperrfeuer hielt, knallten +wie Explosionen. Die Granaten sägten und gurgelten über +die Köpfe hinweg in die Nacht hinein. </p> <p> -Gegen Süden zu, hinter der feindlichen Linie, stand ein +Gegen Süden zu, hinter der feindlichen Linie, stand ein feuerspeiender Berg. Ein blutroter Glutkegel stieg in den -schwarzen Himmel, unheimlich und düster: irgendein Lager -war da drüben bei ihnen in Brand geraten. Nur wenn -die Haubitzen in der Nähe ihre Feuergarben in die Nacht -schleuderten, so glomm der Vulkan für Augenblicke fahler. +schwarzen Himmel, unheimlich und düster: irgendein Lager +war da drüben bei ihnen in Brand geraten. Nur wenn +die Haubitzen in der Nähe ihre Feuergarben in die Nacht +schleuderten, so glomm der Vulkan für Augenblicke fahler. Ohne Pause zuckten aus der Frontlinie gespenstige Lichtsignale in allen Farben empor. Sie krochen bald niedrig -über dem Boden, bald erhoben sie sich wie Raketen und -sprühten in der Höhe. Wie die höllischen Leuchtfeuer der +über dem Boden, bald erhoben sie sich wie Raketen und +sprühten in der Höhe. Wie die höllischen Leuchtfeuer der Unterwelt sahen sie aus, der die Totenschiffe zusteuern. </p> <p> -Eine Laterne wanderte um den Krümperwagen, die -Hinterteile der schweren Batteriepferde glänzten, der Sarg -dehnte sich fahl im Wetterleuchten der Abschüsse. Auf dem +Eine Laterne wanderte um den Krümperwagen, die +Hinterteile der schweren Batteriepferde glänzten, der Sarg +dehnte sich fahl im Wetterleuchten der Abschüsse. Auf dem Bock kauerte ein Schatten, dessem Maul Funken entstoben. </p> <p> -Die wütenden, raschen Schläge seiner Batterie erfüllten -Hauptmann Dönhoff mit Genugtuung. Gebt es ihnen -tüchtig! Rache für Kammerer! Auch der rotglühende -Vulkan im Süden befriedigte ihn. +Die wütenden, raschen Schläge seiner Batterie erfüllten +Hauptmann Dönhoff mit Genugtuung. Gebt es ihnen +tüchtig! Rache für Kammerer! Auch der rotglühende +Vulkan im Süden befriedigte ihn. </p> <p> -Erregt suchte der Gegner die Dönhoffsche Batterie zu -packen. Ringsum flammten die Einschläge. +Erregt suchte der Gegner die Dönhoffsche Batterie zu +packen. Ringsum flammten die Einschläge. </p> <p> „Sie haben Kammerer eine ordentliche Totenfackel -angezündet“, sagte er, und seine Stimme war von einem -grausamen Triumph erfüllt. +angezündet“, sagte er, und seine Stimme war von einem +grausamen Triumph erfüllt. </p> <p> -Die Schatten der Offiziere drehten sich gegen Süden. +Die Schatten der Offiziere drehten sich gegen Süden. „Ein Depot brennt“, sagte eine Stimme. Unruhig wieherte ein Pferd. </p> <p> -„Kameraden“, schrie plötzlich Dönhoff mit übermäßig +„Kameraden“, schrie plötzlich Dönhoff mit übermäßig <a id="page-237" class="pagenum" title="237"></a> -lauter und scharfer Stimme. Er wollte möglichst rasch -über die Szene hinwegkommen, er wollte seinen Schmerz -über den Verlust Kammerers verbergen, mit dem er drei +lauter und scharfer Stimme. Er wollte möglichst rasch +über die Szene hinwegkommen, er wollte seinen Schmerz +über den Verlust Kammerers verbergen, mit dem er drei Jahre zusammengelebt hatte. </p> <p> -„Kameraden, Kammerer verläßt uns. Er war ein tüchtiger +„Kameraden, Kammerer verläßt uns. Er war ein tüchtiger und prachtvoller Junge. Fahre los! Lebe wohl, Kammerer!“ </p> <p> -Dönhoff legte die Hand an die Mütze, und die Offiziere -taten das gleiche. Die kleine Laterne kroch über die Räder +Dönhoff legte die Hand an die Mütze, und die Offiziere +taten das gleiche. Die kleine Laterne kroch über die Räder empor neben den Kutschersitz und beleuchtete den langen, gelben Sarg. </p> @@ -14376,18 +14343,18 @@ In dieser Sekunde aber — <p> In diesem Augenblick begann es in der Luft zu sausen, -ein hohles, saugendes Rauschen war plötzlich nahe, und im -nächsten Augenblick schlug eine blendende Lohe bis zum -schwarzen Himmel empor. Dönhoff stürzte, den Arm vor -die Augen geschlagen, rückwärts in den Keller hinab. Er -hörte den Knall der Explosion nicht mehr. +ein hohles, saugendes Rauschen war plötzlich nahe, und im +nächsten Augenblick schlug eine blendende Lohe bis zum +schwarzen Himmel empor. Dönhoff stürzte, den Arm vor +die Augen geschlagen, rückwärts in den Keller hinab. Er +hörte den Knall der Explosion nicht mehr. </p> <p> Verschwunden war der Wagen, der Kutscher, die Pferde und der Sarg. Verschwunden waren die Offiziere, nichts -blieb als der kräuselnde, stinkende Qualm über dem Schutthaufen, -den die schwere Granate hinterließ. Aber die +blieb als der kräuselnde, stinkende Qualm über dem Schutthaufen, +den die schwere Granate hinterließ. Aber die Haubitzen feuerten noch. </p> @@ -14400,21 +14367,21 @@ Die Uhr hatte ausgeschlagen. </p> <p> -Die Tänzerin erwachte aus der hypnotischen Starre, in die +Die Tänzerin erwachte aus der hypnotischen Starre, in die das Rasseln der Uhr sie versenkt zu haben schien, die Lider hoben sich, und gelbe Funken fuhren aus den Augen. Sie -atmete wieder. Ihre zierlichen Finger lösten sich von den -jungen Brüsten, sie drehte sich in der Hüfte, hob das linke -Bein, knickte plötzlich zusammen, so daß sie mit dem Kinn -das Knie des linken Beines berührte — lächelte verzückt — -und ihr Elfenbeinkörper blitzte. +atmete wieder. Ihre zierlichen Finger lösten sich von den +jungen Brüsten, sie drehte sich in der Hüfte, hob das linke +Bein, knickte plötzlich zusammen, so daß sie mit dem Kinn +das Knie des linken Beines berührte — lächelte verzückt — +und ihr Elfenbeinkörper blitzte. </p> <p> -Dichtgedrängt glänzten die Augen der Vermummten im -Halbdunkel. Eine Schattenkugel mit zwei großen Ohren +Dichtgedrängt glänzten die Augen der Vermummten im +Halbdunkel. Eine Schattenkugel mit zwei großen Ohren <a id="page-238" class="pagenum" title="238"></a> -hob sich für einen Augenblick auf dem hellen Hintergrund +hob sich für einen Augenblick auf dem hellen Hintergrund gespenstisch ab. Aber rasch duckte Professor Salomon sich wieder auf den Boden. </p> @@ -14425,10 +14392,10 @@ Kneifer aufgesetzt. </p> <p> -„Du bist noch schöner!“ flüsterte Ströbel in Hedis Ohr, -und seine Lippen berührten ihren Nacken. Sie saßen dicht +„Du bist noch schöner!“ flüsterte Ströbel in Hedis Ohr, +und seine Lippen berührten ihren Nacken. Sie saßen dicht nebeneinander auf dem Boden. „Es ist nicht Liebe — ich -belüge dich nicht, wie die andern Männer, aber es ist — +belüge dich nicht, wie die andern Männer, aber es ist — Sympathie.“ </p> @@ -14437,56 +14404,56 @@ Sympathie.“ </h3> <p class="first"> -<span class="firstchar">D</span>ie kleine türkische Witwe in Grau hatte ihre ganze -Kundschaft eingebüßt. Alle fanden, daß sie reizend -sei — aber tödlich langweilig. Zuletzt hatte sie das Glück +<span class="firstchar">D</span>ie kleine türkische Witwe in Grau hatte ihre ganze +Kundschaft eingebüßt. Alle fanden, daß sie reizend +sei — aber tödlich langweilig. Zuletzt hatte sie das Glück gehabt, einen Offizier zu treffen, der die Kampfstaffel -Wunderlich kannte — er lag ganz in der Nähe — und ihr -versprochen hatte, Heinz Grüße zu bestellen. Das war der +Wunderlich kannte — er lag ganz in der Nähe — und ihr +versprochen hatte, Heinz Grüße zu bestellen. Das war der einzige Lichtpunkt des Festes. Sonst fand sie es entsetzlich. Entsetzlich diese Frauen, die halbnackt von Arm zu Arm -wanderten, entsetzlich diese Männer. Auch Hedi — nun, -du bist durchschaut, Hedi, gib dir keine Mühe mehr. +wanderten, entsetzlich diese Männer. Auch Hedi — nun, +du bist durchschaut, Hedi, gib dir keine Mühe mehr. </p> <p> -Nun saß die kleine türkische Witwe mutterseelenallein +Nun saß die kleine türkische Witwe mutterseelenallein auf dem Diwan im Zeltzimmer, das Gesicht nachdenklich -und gelangweilt in die Hände gestützt. Alles würde sie +und gelangweilt in die Hände gestützt. Alles würde sie Heinz schreiben, ja, schon begann sie in Gedanken den Brief. </p> <p> Sie hatte darauf verzichtet — rundweg verzichtet — diese schamlose Person tanzen zu sehen. Sollte man so -etwas für möglich halten? Und man sagte, daß sie dreihundert -Mark für den Abend bekäme und überall tanze, -wo man sie engagiere. Nicht für eine Million würde die -kleine graue Witwe, nicht für eine Million würde sie — +etwas für möglich halten? Und man sagte, daß sie dreihundert +Mark für den Abend bekäme und überall tanze, +wo man sie engagiere. Nicht für eine Million würde die +kleine graue Witwe, nicht für eine Million würde sie — pfui. </p> <p> Verlassen stand im Vorzimmer der Heilige, der mit <a id="page-239" class="pagenum" title="239"></a> -wilder Gebärde das Buch schwang, allein, wie sie. Sie -fühlte Mitleid mit ihm und küßte ihm die kalte, grüne +wilder Gebärde das Buch schwang, allein, wie sie. Sie +fühlte Mitleid mit ihm und küßte ihm die kalte, grüne Hand. </p> <p> -Das Haus war völlig leer. Selbst die Dienerschaft -drängte sich unter den Türen zusammen. Auch Papa — +Das Haus war völlig leer. Selbst die Dienerschaft +drängte sich unter den Türen zusammen. Auch Papa — ja, selbst ihr Papa — seht an! Da stand er, mit einem Sektglas in der Hand. </p> <p> Klara stieg die Treppe empor — aber sofort kehrte sie -wieder um. Da oben, bei den Truhen und Schränken stand -der Bettelmönch mit seiner Schale, und sie fürchtete sich, -ihm allein zu begegnen. Obwohl man sagte, daß es eine -Königliche Hoheit sei. Auch er fand gewiß diese Nackttänzerin +wieder um. Da oben, bei den Truhen und Schränken stand +der Bettelmönch mit seiner Schale, und sie fürchtete sich, +ihm allein zu begegnen. Obwohl man sagte, daß es eine +Königliche Hoheit sei. Auch er fand gewiß diese Nackttänzerin schamlos. </p> @@ -14499,25 +14466,25 @@ Dora eilte an ihr vorbei die Treppe hinauf. </p> <p> -Es war Zeit, wieder das Kostüm zu wechseln, nicht wahr? +Es war Zeit, wieder das Kostüm zu wechseln, nicht wahr? Es war auch die beste Gelegenheit, gerade jetzt, wo der Tanz wieder begann. </p> <p> -Rasch rauschte Dora an den Truhen und Schränken -vorüber. Da reckte sich ihr aus einer dunkeln Nische die +Rasch rauschte Dora an den Truhen und Schränken +vorüber. Da reckte sich ihr aus einer dunkeln Nische die rasselnde Schale entgegen — wieder stand er da und verneigte sich. </p> <p> -Sie schrak zurück. Aber gewiß wollte der demütige -Bettelmönch nichts Böses. +Sie schrak zurück. Aber gewiß wollte der demütige +Bettelmönch nichts Böses. </p> <p> -Sie waren ganz allein, unten lärmte das Fest. +Sie waren ganz allein, unten lärmte das Fest. </p> <p> @@ -14525,28 +14492,28 @@ Sie waren ganz allein, unten lärmte das Fest. </p> <p> -Der Bettelmönch schüttelte den roten Turban. +Der Bettelmönch schüttelte den roten Turban. </p> <p> Dora trat dicht an ihn heran und blickte in seine Augen, die zwischen Vermummung und Turban blendeten. Einen Augenblick lang hatte sie, erschreckend, gedacht, vorhin, er -könnte es sein — er, das Gerücht, das kursierte! War es -nicht möglich, daß er hierhergekommen war, auf eine -Stunde, unerkannt von allen Gästen, unerkannt selbst von +könnte es sein — er, das Gerücht, das kursierte! War es +nicht möglich, daß er hierhergekommen war, auf eine +Stunde, unerkannt von allen Gästen, unerkannt selbst von ihr, um wiederum unerkannt zu verschwinden. Es war -unmöglich — und doch, wunderbar war dieser Gedanke. +unmöglich — und doch, wunderbar war dieser Gedanke. </p> <p> <a id="page-240" class="pagenum" title="240"></a> -Aber die Farbe der Augen stimmte nicht. Dieser Bettelmönch +Aber die Farbe der Augen stimmte nicht. Dieser Bettelmönch hatte helle Augen. </p> <p> -Plötzlich sagte der Bettelmönch: „Dora.“ +Plötzlich sagte der Bettelmönch: „Dora.“ </p> <p> @@ -14558,7 +14525,7 @@ Und augenblicklich erkannte ihn Dora an der Stimme. </p> <p> -Der Bettelmönch, der den ganzen Abend stumm geblieben +Der Bettelmönch, der den ganzen Abend stumm geblieben war, brach in lautes, heiteres Lachen aus. </p> @@ -14572,21 +14539,21 @@ noch heute —“ </p> <p> -„Ich wollte dich überraschen!“ +„Ich wollte dich überraschen!“ </p> <p> -Dora zog ihn einige Schritte mit sich, bis zur Türe. „Geliebter -—“ flüsterte sie. +Dora zog ihn einige Schritte mit sich, bis zur Türe. „Geliebter +—“ flüsterte sie. </p> <p> -Die Lappen fielen vom Gesicht des Bettelmönchs, und -seine Zähne blitzten. +Die Lappen fielen vom Gesicht des Bettelmönchs, und +seine Zähne blitzten. </p> <p> -Plötzlich umschlang er sie mit ungestümer Gewalt. +Plötzlich umschlang er sie mit ungestümer Gewalt. </p> <p> @@ -14595,19 +14562,19 @@ General — er blickt heraus —!“ </p> <p> -In der Tat war plötzlich für eine Sekunde das Gesicht -des Generals an der kleinen Tapetentür aufgetaucht, die -auf die Diele führte. Allerdings nur für eine Sekunde. +In der Tat war plötzlich für eine Sekunde das Gesicht +des Generals an der kleinen Tapetentür aufgetaucht, die +auf die Diele führte. Allerdings nur für eine Sekunde. Er hatte sie wahrscheinlich gar nicht gesehen. </p> <p> -„Laß ihn ruhig!“ +„Laß ihn ruhig!“ </p> <p> -Eine Perlenkette zerriß, und die Perlen prasselten auf -den Boden. Mit dünnem Knallen sprangen sie die Treppe +Eine Perlenkette zerriß, und die Perlen prasselten auf +den Boden. Mit dünnem Knallen sprangen sie die Treppe hinab, eine hinter der anderen. </p> @@ -14617,7 +14584,7 @@ hinab, eine hinter der anderen. <p class="first"> <span class="firstchar"><span class="prefirstchar">„</span>B</span>eunruhigung?“ Der General zog die Brauen in die -Höhe. +Höhe. </p> <p> @@ -14625,47 +14592,47 @@ Höhe. </p> <p> -„Das Volk?“ Der General wiegte geringschätzig den +„Das Volk?“ Der General wiegte geringschätzig den Kopf. </p> <p> „Verzeihung,“ antwortete der kleine, elegante Rittmeister -mit dem schweißüberströmten Gesicht, „ich meine die Öffentlichkeit. +mit dem schweißüberströmten Gesicht, „ich meine die Öffentlichkeit. — Ist es gestattet, Euer Exzellenz?“ </p> <p> <a id="page-241" class="pagenum" title="241"></a> -Der kleine Rittmeister öffnete etwas die Tapetentür, -die von der Empore auf die Diele hinausführte. Es war -heiß hier oben auf der Empore. Unbegreiflich, daß der -General es auszuhalten vermochte. Er mußte Gletscherwasser +Der kleine Rittmeister öffnete etwas die Tapetentür, +die von der Empore auf die Diele hinausführte. Es war +heiß hier oben auf der Empore. Unbegreiflich, daß der +General es auszuhalten vermochte. Er mußte Gletscherwasser in den Adern haben. Der kleine Rittmeister — ja, -wie hieß er doch gleich? — er gehörte einer der ersten +wie hieß er doch gleich? — er gehörte einer der ersten Adelsfamilien des Landes an, hatte die ganze Erde bereist, -zurzeit in hervorragender Stellung, mit den höchsten +zurzeit in hervorragender Stellung, mit den höchsten Auszeichnungen und einer blendenden Karriere vor sich — an all das erinnerte sich der General ganz genau, aber der Name, dieser bekannte Name fiel ihm nicht ein — der kleine -Rittmeister wischte sich mit dem Taschentuch den Schweiß +Rittmeister wischte sich mit dem Taschentuch den Schweiß vom Gesicht. Er war als Beduine gekleidet, hatte jedoch -die Kopfbedeckung in den Nacken zurückgeschlagen. Schon -wieder brach ihm der Schweiß aus allen Poren. +die Kopfbedeckung in den Nacken zurückgeschlagen. Schon +wieder brach ihm der Schweiß aus allen Poren. </p> <p> „Ich wollte mir nur die Bemerkung erlauben“ — fuhr -er fort — „es ist nicht zu leugnen, daß in der breiten Öffentlichkeit +er fort — „es ist nicht zu leugnen, daß in der breiten Öffentlichkeit eine gewisse Beunruhigung Platz gegriffen hat. -In der feierlichen Osterbotschaft wurde von Allerhöchster +In der feierlichen Osterbotschaft wurde von Allerhöchster Stelle —“ </p> <p> -„Bitte mich nicht mißverstehen zu wollen. Ich wage -selbstverständlich nicht, diesen hochherzigen Gnadenakt Seiner -Majestät — Sie belieben?“ +„Bitte mich nicht mißverstehen zu wollen. Ich wage +selbstverständlich nicht, diesen hochherzigen Gnadenakt Seiner +Majestät — Sie belieben?“ </p> <p> @@ -14673,18 +14640,18 @@ Majestät — Sie belieben?“ </p> <p> -„Ich selbst trete ja für eine Reform des Wahlrechts ein. +„Ich selbst trete ja für eine Reform des Wahlrechts ein. Und zwar schlage ich ein gestaffeltes Wahlrecht vor. Bis -zu dreißig Stimmen —“ +zu dreißig Stimmen —“ </p> <p> -„Dreißig Stimmen?“ fragte der schweißglänzende Beduine, -bemüht, sein Erstaunen zu verbergen. +„Dreißig Stimmen?“ fragte der schweißglänzende Beduine, +bemüht, sein Erstaunen zu verbergen. </p> <p> -„Je nach Besitz, Fähigkeit, Verdienst, Rang, Titel, Bildung.“ +„Je nach Besitz, Fähigkeit, Verdienst, Rang, Titel, Bildung.“ </p> <p> @@ -14696,8 +14663,8 @@ bemüht, sein Erstaunen zu verbergen. </p> <p> -„Jawohl, ich verstehe vollkommen. Zu begrüßen wäre -es nur, wenn bald etwas geschähe. In unserer Zentrale +„Jawohl, ich verstehe vollkommen. Zu begrüßen wäre +es nur, wenn bald etwas geschähe. In unserer Zentrale <a id="page-242" class="pagenum" title="242"></a> laufen ja alle Berichte zusammen. Es bilden sich Gruppen von Unzufriedenen.“ @@ -14708,50 +14675,50 @@ von Unzufriedenen.“ </p> <p> -„Mehr als das, es bilden sich Gruppen, die umstürzlerische +„Mehr als das, es bilden sich Gruppen, die umstürzlerische Tendenzen verfolgen. Erst vor kurzer Zeit ist unser Augenmerk wiederum auf konspiratorische Elemente gelenkt worden.“ </p> <p> -Plötzlich unterbrach der General das Gespräch. Sein -Blick glitt unruhig durch die Türspalte. Sein Auge wanderte. -Soeben hatte er Dora erblickt. Sie glitt an der Türspalte -vorüber — kam aber im Augenblick wieder zurück. Und -plötzlich trat in der verlassenen Diele jemand zu ihr. Seht +Plötzlich unterbrach der General das Gespräch. Sein +Blick glitt unruhig durch die Türspalte. Sein Auge wanderte. +Soeben hatte er Dora erblickt. Sie glitt an der Türspalte +vorüber — kam aber im Augenblick wieder zurück. Und +plötzlich trat in der verlassenen Diele jemand zu ihr. Seht an! Eben er, dieser — nun was stellte er vor? — diese Mumie, dieser Unbekannte, den er schon den ganzen Abend beobachtet hatte. </p> <p> -„Natürlich sind es nur einige wirre Köpfe?“ +„Natürlich sind es nur einige wirre Köpfe?“ </p> <p> -„Natürlich. Aber immerhin, die Erscheinung ist symptomatisch +„Natürlich. Aber immerhin, die Erscheinung ist symptomatisch —“ </p> <p> Ohne jedes Wort der Entschuldigung erhob sich hier der General und streckte den Kopf in die Diele hinaus. Dies -war der Moment, da Dora den Bettelmönch warnte. +war der Moment, da Dora den Bettelmönch warnte. </p> <p> -Der Kopf des Generals zog sich augenblicklich zurück, -als Dora ihn bemerkte. Er schloß die Tapetentüre. +Der Kopf des Generals zog sich augenblicklich zurück, +als Dora ihn bemerkte. Er schloß die Tapetentüre. </p> <p> -„Symptomatisch“, wiederholte der schweißglänzende Beduine. -„Auffallend ist, daß selbst Angehörige der besten +„Symptomatisch“, wiederholte der schweißglänzende Beduine. +„Auffallend ist, daß selbst Angehörige der besten Gesellschaft —“ </p> <p> -Zerstreut hörte der General zu. Sein Blick wanderte +Zerstreut hörte der General zu. Sein Blick wanderte unruhig durch den Saal. </p> @@ -14759,107 +14726,107 @@ unruhig durch den Saal. „Bei dem neuen Fall, auf den ich anspielte,“ fuhr der kleine Rittmeister fort, „ist sogar die Tochter eines hohen Offiziers beteiligt. Ihr Vater bekleidet Generalsrang. -Es ist mir natürlich nicht möglich, mehr . . .“ +Es ist mir natürlich nicht möglich, mehr . . .“ </p> <p> Aber der General schien jegliches Interesse an dem -Gespräch mit dem Rittmeister verloren zu haben. Er -tupfte sich mit dem Taschentuch Schweißperlen von der +Gespräch mit dem Rittmeister verloren zu haben. Er +tupfte sich mit dem Taschentuch Schweißperlen von der Stirn. Dann stand er rasch auf. </p> <p> <a id="page-243" class="pagenum" title="243"></a> -„In der Tat,“ sagte er stockend, „es ist unerträglich heiß +„In der Tat,“ sagte er stockend, „es ist unerträglich heiß geworden hier oben. Vielleicht belieben Sie mitzukommen?“ </p> <p> -Und beide verließen die Empore. +Und beide verließen die Empore. </p> <p> -Auf der Treppe aber blieben sie plötzlich erschrocken -stehen. Der General taumelte sogar etwas zurück. Feuerschein -blendete sie! Der ganze Tanzsaal schien plötzlich in +Auf der Treppe aber blieben sie plötzlich erschrocken +stehen. Der General taumelte sogar etwas zurück. Feuerschein +blendete sie! Der ganze Tanzsaal schien plötzlich in hellen Flammen zu stehen. </p> <p> -Ein dünner Vorhang war in Brand geraten und brannte +Ein dünner Vorhang war in Brand geraten und brannte lichterloh. Auch einige Schleier fingen Feuer, und die Funken flogen. Die Damen schrien auf und stoben auseinander. -Der Feuerschein währte indessen nur einige -Sekunden. Inmitten der Flammen erschienen plötzlich +Der Feuerschein währte indessen nur einige +Sekunden. Inmitten der Flammen erschienen plötzlich ein Hauptmann in Uniform und ein dicker, pechschwarzer Neger, die die flammenden Fetzen auf den Boden rissen und zertraten. </p> <p> -Kaum daß die Musik eine Minute gestockt hatte. Das -Fest ging weiter. Nur ein dünner Brandgeruch blieb zurück. +Kaum daß die Musik eine Minute gestockt hatte. Das +Fest ging weiter. Nur ein dünner Brandgeruch blieb zurück. </p> <p> -Der schweißtriefende Beduine hatte diesen Vorfall benutzt, +Der schweißtriefende Beduine hatte diesen Vorfall benutzt, sich unsichtbar zu machen. Als der General sich suchend nach ihm umblickte, war er verschwunden. Es war dem General nur angenehm. </p> <p> -Mit schlechtverhehlter Unruhe schritt er durch die Räume. -Seine Augen forschten. Man nahm in dieser späten Stunde -des Festes keinerlei Rücksicht mehr auf ihn. Die Tänzer -drängten ihn gegen die Wand. Einmal wurde er dicht +Mit schlechtverhehlter Unruhe schritt er durch die Räume. +Seine Augen forschten. Man nahm in dieser späten Stunde +des Festes keinerlei Rücksicht mehr auf ihn. Die Tänzer +drängten ihn gegen die Wand. Einmal wurde er dicht neben der Negertrommel festgehalten, die Hauptmann Falk mit aller Kraft bearbeitete. </p> <p> -Professor Salomon stürzte ihm entgegen und berichtete +Professor Salomon stürzte ihm entgegen und berichtete wichtigtuerisch von den Hungerkrawallen in England und -dem katastrophalen Mangel an Grubenholz über dem Kanal. +dem katastrophalen Mangel an Grubenholz über dem Kanal. Schon weigern sich die Bergleute einzufahren! Nur mit -Mühe und Not vermochte er den Kürbis abzuschütteln. Im -Erfrischungsraum traf er die Gräfin Heller, und es war -nicht zu umgehen, daß er sich mit ihr in ein längeres Gespräch -einließ. Wieder und wieder äußerte er seine Freude +Mühe und Not vermochte er den Kürbis abzuschütteln. Im +Erfrischungsraum traf er die Gräfin Heller, und es war +nicht zu umgehen, daß er sich mit ihr in ein längeres Gespräch +einließ. Wieder und wieder äußerte er seine Freude <a id="page-244" class="pagenum" title="244"></a> -über das prächtige Aussehen Seiner Exzellenz! Auch im +über das prächtige Aussehen Seiner Exzellenz! Auch im Erfrischungsraume war von Dora nichts zu sehen. </p> <p> Auch im Zelt nicht. Hier traf er nur eine Anzahl still kosender Paare, die, dicht aneinander geschmiegt, den -großen Diwan belagerten, und sich durch ihn nicht im -geringsten stören ließen. Angewidert und halb betäubt -von der schwülen Luft, die im Zelt herrschte, zog er sich -sofort wieder zurück. +großen Diwan belagerten, und sich durch ihn nicht im +geringsten stören ließen. Angewidert und halb betäubt +von der schwülen Luft, die im Zelt herrschte, zog er sich +sofort wieder zurück. </p> <p> -Endlich betrat er das bengalisch rotglühende Musikzimmer, -Ali Babas Opiumhöhle. +Endlich betrat er das bengalisch rotglühende Musikzimmer, +Ali Babas Opiumhöhle. </p> <p> -Hier saßen die Vermummten im Kreise auf dem Teppich -und klatschten im Takt in die Hände, während sie geheimnisvoll -summten und die Köpfe wiegten. In der Mitte des -roten Nebels tanzte ein weizenblondes, schlankes Geschöpf, -in flimmernde Silberschleier gehüllt, die Brüste völlig frei und -die Hüfte zwischen Jäckchen und Pluderhosen gänzlich nackt. +Hier saßen die Vermummten im Kreise auf dem Teppich +und klatschten im Takt in die Hände, während sie geheimnisvoll +summten und die Köpfe wiegten. In der Mitte des +roten Nebels tanzte ein weizenblondes, schlankes Geschöpf, +in flimmernde Silberschleier gehüllt, die Brüste völlig frei und +die Hüfte zwischen Jäckchen und Pluderhosen gänzlich nackt. Sie tanzte eine Art Bauchtanz, rasend und hingerissen. </p> <p> Und ah — da war auch Dora! Wieder trug sie ein anderes -Kostüm: schwefelgelbe Seide, über die zinnoberrote, schreckliche -chinesische Drachen wie Flammen züngelten. +Kostüm: schwefelgelbe Seide, über die zinnoberrote, schreckliche +chinesische Drachen wie Flammen züngelten. </p> <p> @@ -14873,7 +14840,7 @@ Weit und breit war von ihm nichts mehr zu sehen. <p> Unter tosendem Beifallsklatschen sank die weizenblonde -Tänzerin, taumelnd vor Erschöpfung, mit einem wilden +Tänzerin, taumelnd vor Erschöpfung, mit einem wilden Schrei zu Boden. </p> @@ -14882,73 +14849,73 @@ Schrei zu Boden. </h3> <p class="first"> -<span class="firstchar">R</span>astlos wanderte Dora durch die verlassenen Räume, +<span class="firstchar">R</span>astlos wanderte Dora durch die verlassenen Räume, rastlos hin und her. Zuweilen warf sie sich in einen Sessel — aber schon wieder wanderte sie. Ihr schwefelgelbes -Kostüm mit den grellrotzüngelnden Drachen flatterte. -Es war über die linke Schulter herabgeglitten. Die blonde -Haarfülle, die schmerzte, hatte sie halb gelöst. +Kostüm mit den grellrotzüngelnden Drachen flatterte. +Es war über die linke Schulter herabgeglitten. Die blonde +Haarfülle, die schmerzte, hatte sie halb gelöst. </p> <p> <a id="page-245" class="pagenum" title="245"></a> -Die Fata Morgana war zerflossen — Sand, Sand, Wüste. -Durch die Vorhänge graute trüb der Tag. +Die Fata Morgana war zerflossen — Sand, Sand, Wüste. +Durch die Vorhänge graute trüb der Tag. </p> <p> Zertretene Blumen, abgerissene Schleier, halbgeleerte -Gläser, Scherben. Scherben von Worten, Gelächter, +Gläser, Scherben. Scherben von Worten, Gelächter, Scherben von Musik. Ein paar vereinzelte Lampen brannten noch. Petersen hatte seinen Frack abgelegt und kletterte in seinem Zebrakittel auf eine Leiter, um ein Fenster zu -öffnen. Es zog. Zuletzt erschienen die beiden Neger unter -der Türe, in Ulstern, Stehkragen, und verneigten sich. +öffnen. Es zog. Zuletzt erschienen die beiden Neger unter +der Türe, in Ulstern, Stehkragen, und verneigten sich. </p> <p> -„Hoffentlich war es nicht zu beschwerlich für Sie“, sagte +„Hoffentlich war es nicht zu beschwerlich für Sie“, sagte Dora und begleitete die beiden schwarzen Gentlemen in ihrer Zerstreutheit zur Diele. „Vielen Dank!“ Und sie -drückte ihnen die Hand. +drückte ihnen die Hand. </p> <p> -Sie empfand tiefe Sympathie für die beiden schwarzen +Sie empfand tiefe Sympathie für die beiden schwarzen Gentlemen, aufrichtige — auch sie waren fremd hier, auch -sie gehörten in ein Land mit Papageien, Wärme, blauem +sie gehörten in ein Land mit Papageien, Wärme, blauem Himmel und Orchideen — ganz wie sie. Alle drei waren sie Fremde hier. </p> <p> -Ach, wie unglücklich sie war, Dora! +Ach, wie unglücklich sie war, Dora! </p> <p> Sie sank auf einen Stuhl, wanderte wieder — das Kleid -glitt immer mehr über die Schulter. Damals — Reisen, -Feste, Paris, Nizza, Italien — und immer Fröhlichkeit, -jeder Tag ein Paradies für sich. Aber es mußte sein, man -riß sie los von ihm. Nein, sie liebte auch ihn nicht, um -die Wahrheit zu sagen, sie liebte einen andern, früher -noch, der das schönste Lächeln der Welt hatte. So — mit -diesem Lächeln stand er in ihrer Erinnerung. Aber es war -unmöglich. Er war arm, er hatte gar nichts. Unmöglich. +glitt immer mehr über die Schulter. Damals — Reisen, +Feste, Paris, Nizza, Italien — und immer Fröhlichkeit, +jeder Tag ein Paradies für sich. Aber es mußte sein, man +riß sie los von ihm. Nein, sie liebte auch ihn nicht, um +die Wahrheit zu sagen, sie liebte einen andern, früher +noch, der das schönste Lächeln der Welt hatte. So — mit +diesem Lächeln stand er in ihrer Erinnerung. Aber es war +unmöglich. Er war arm, er hatte gar nichts. Unmöglich. Dann hatte sie diesen Lumpen geheiratet — weshalb eigentlich? Weil die Frauen sich um ihn rissen — er betrog sie am ersten Tage schon. Ja, weshalb? Nur um diese -Leere zu vergessen, die zurückgeblieben war, als man sie +Leere zu vergessen, die zurückgeblieben war, als man sie losgerissen hatte. </p> <p> Dann, eines Tages — welch entsetzlicher Tag — wo -sie vis-à-vis de rien stand — buchstäblich — das heißt noch +sie vis-à -vis de rien stand — buchstäblich — das heißt noch <a id="page-246" class="pagenum" title="246"></a> Schulden. Aber es gab Freunde, Gott sei Dank gab es — einen hochherzigen — ja, in Wahrheit hochherzigen Freund, -der nicht zögerte, ein Vermögen hinzugeben. +der nicht zögerte, ein Vermögen hinzugeben. </p> <p> @@ -14957,16 +14924,16 @@ Und — nun — und nun? Oh — entsetzlich! <p> Dora wanderte. Sie rauchte eine dicke Zigarette und -wanderte. Die Jahre flogen, die Sommer wirbelten rückwärts, -Sommer um Sommer, Frühling um Frühling. +wanderte. Die Jahre flogen, die Sommer wirbelten rückwärts, +Sommer um Sommer, Frühling um Frühling. Und diese Welt, diese entsetzliche Welt, die schrecklicher, -oder, düsterer und kälter wurde mit jedem Jahr! +oder, düsterer und kälter wurde mit jedem Jahr! </p> <p> -Nicht die Welt hatte sich geändert, Dora vergaß es. Sie +Nicht die Welt hatte sich geändert, Dora vergaß es. Sie war seit jener Zeit, da jeder Tag ein Paradies war, um -zehn Jahre älter geworden. +zehn Jahre älter geworden. </p> <p> @@ -14974,7 +14941,7 @@ Aber sie begriff es nicht. </p> <p> -Und trüb graute der Tag. +Und trüb graute der Tag. </p> <p class="tb2"> @@ -14982,18 +14949,18 @@ Und trüb graute der Tag. </p> <p class="noindent"> -Auch da draußen graute der Tag, und immer noch -kläfften rasend die Haubitzen der Batterie Dönhoff. Die +Auch da draußen graute der Tag, und immer noch +kläfften rasend die Haubitzen der Batterie Dönhoff. Die Kanoniere schossen Vergeltung und sollten sie dabei alle -in Fetzen gehen! Grausam und rachsüchtig wühlten sich +in Fetzen gehen! Grausam und rachsüchtig wühlten sich die Granaten hinein in den Dunst des Morgens. Schon hatte eine Haubitze eine schwere Granate vor das Rohr -bekommen, und die Stücke flogen. +bekommen, und die Stücke flogen. </p> <p> Nun erwachte das Feuer an der ganzen Front und -rollte mächtig von Horizont zu Horizont. +rollte mächtig von Horizont zu Horizont. </p> <h1 class="part" id="part-2"> @@ -15012,7 +14979,7 @@ Zweiter Teil <p class="first"> <span class="firstchar">E</span>s soll sich entscheiden, die Stunde ist gekommen. Das -Schicksal hat seine fürchterliche Frage gestellt und +Schicksal hat seine fürchterliche Frage gestellt und fordert Antwort. Das Rad der Weltgeschichte kracht. </p> @@ -15025,126 +14992,126 @@ Die Sonne funkelt. Ein Morgen von ungeahnter Herrlichkeit. </p> <p> -Umstellt von einer Meute von Staatsmännern und -Generalen in Erz liegt das Reichstagsgebäude und leuchtet +Umstellt von einer Meute von Staatsmännern und +Generalen in Erz liegt das Reichstagsgebäude und leuchtet in der funkelnden Sonne. Am Westgiebel schimmern die goldenen Lettern: Dem deutschen Volke! Erst vor kurzem -wurde diese Inschrift angebracht, als Ausdruck der Allerhöchsten +wurde diese Inschrift angebracht, als Ausdruck der Allerhöchsten Anerkennung und Huld, nachdem eineinhalb Millionen auf den Schlachtfeldern gefallen waren. </p> <p> -Uniformen und Roben, ordenglitzernde Brüste und gestickte +Uniformen und Roben, ordenglitzernde Brüste und gestickte Kragen quellen aus den Wagen und Automobilen, Lackstiefel, kleine, reizende Damenschuhe, Gamaschen, Monokel -und Aktentaschen. Wehende Bärte eilen die Steintreppe +und Aktentaschen. Wehende Bärte eilen die Steintreppe zum Eingang der Volksvertreter empor, Fettnacken, -Brillen und Professorenmähnen, geschäftig, wichtigtuerisch, -und jene Raschen, die über die Treppen huschen, die Mappe -unter dem Arm, das sind die Rechtsanwälte. +Brillen und Professorenmähnen, geschäftig, wichtigtuerisch, +und jene Raschen, die über die Treppen huschen, die Mappe +unter dem Arm, das sind die Rechtsanwälte. </p> <p> -Donnernd dröhnt die fürchterliche Frage des Schicksals, +Donnernd dröhnt die fürchterliche Frage des Schicksals, ohne Pause, immerfort. </p> <p> Von Zeit zu Zeit hebt der Portier die breite Brust -und wirft einen gebieterischen Blick über die Straße. +und wirft einen gebieterischen Blick über die Straße. </p> <p> Aufgeregt fliegt der Polizeileutnant auf seinem Rad heran. Eine Mauer von Blauen baut sich auf, die Berittenen -sitzen wie Statuen, die Unterführer stürzen zur Berichterstattung -herbei. Der Polizeileutnant betupft die schweißige -Stirn mit dem Taschentuch und läßt den raschen Blick über +sitzen wie Statuen, die Unterführer stürzen zur Berichterstattung +herbei. Der Polizeileutnant betupft die schweißige +Stirn mit dem Taschentuch und läßt den raschen Blick über die Menschenmenge gleiten, gegen deren Zudringlichkeiten <a id="page-250" class="pagenum" title="250"></a> -— oder noch Schlimmeres? — er unter Umständen die -ordenglitzernden Brüste und glänzenden Seidenhüte verteidigen +— oder noch Schlimmeres? — er unter Umständen die +ordenglitzernden Brüste und glänzenden Seidenhüte verteidigen wird. </p> <p> -Vorläufig allerdings ist die Menschenmenge noch nicht -zu sehen. Vorläufig steht sie noch in der Ferne, stumm, +Vorläufig allerdings ist die Menschenmenge noch nicht +zu sehen. Vorläufig steht sie noch in der Ferne, stumm, den Blick zu Boden geschlagen. Doch der Augenblick wird kommen, da sie sich in Marsch setzen wird — bald vielleicht . . . </p> <p> Ein paar Neugierige nur, an Zahl dem Aufgebot von -Polizisten weit unterlegen, stehen bescheiden gegen die Gebüsche -des Tiergartens gedrängt und bewundern Uniformen -und Roben, Feldgraue, Verwundete an Stöcken und -Krücken unter ihnen. Irgendwo in ihrem Kopfe flackert -unbewußt der Gedanke, daß das Schicksal seine fürchterliche +Polizisten weit unterlegen, stehen bescheiden gegen die Gebüsche +des Tiergartens gedrängt und bewundern Uniformen +und Roben, Feldgraue, Verwundete an Stöcken und +Krücken unter ihnen. Irgendwo in ihrem Kopfe flackert +unbewußt der Gedanke, daß das Schicksal seine fürchterliche Frage gestellt hat und Antwort fordert, heute, jetzt, in dieser -Stunde. Aber schon hat der Blick des Leutnants sie erfaßt, +Stunde. Aber schon hat der Blick des Leutnants sie erfaßt, er runzelt die Stirn, und die Neugierigen beginnen zu wandern. -An ihren Krücken und Stöcken humpeln sie in den +An ihren Krücken und Stöcken humpeln sie in den Tiergarten hinein. </p> <p> -Was aber ist das? Aus den Gebüschen des Parkes +Was aber ist das? Aus den Gebüschen des Parkes kriecht, wie ein Tier, das aus dem Dickicht kommt, an -seinen kurzen Krückstöcken der Zitterer, jener Soldat, dessen -Gesicht dicht über den Schmutz des Bodens schleift, und -dessen gekrümmter, verstümmelter Körper von einem unaufhörlichen -Zittern geschüttelt wird. Unbekümmert um die -Kette von Schutzleuten kriecht er über den Fahrdamm — +seinen kurzen Krückstöcken der Zitterer, jener Soldat, dessen +Gesicht dicht über den Schmutz des Bodens schleift, und +dessen gekrümmter, verstümmelter Körper von einem unaufhörlichen +Zittern geschüttelt wird. Unbekümmert um die +Kette von Schutzleuten kriecht er über den Fahrdamm — sieht es nicht so aus, als ob er sich geradeswegs in den Reichstag begeben wolle? </p> <p> Gesetzt den Fall, der Wagen Seiner Exzellenz fahre in -diesem Augenblick vor? Würde der hohe Herr durch den -Anblick des Krüppels nicht unangenehm berührt werden, -gestört in seinen Gedanken — schon setzt sich ein Berittener +diesem Augenblick vor? Würde der hohe Herr durch den +Anblick des Krüppels nicht unangenehm berührt werden, +gestört in seinen Gedanken — schon setzt sich ein Berittener in Bewegung. </p> <p> -Plötzlich aber rücken sich die Berittenen im Sattel zurecht: +Plötzlich aber rücken sich die Berittenen im Sattel zurecht: lautlos rauscht eine vornehme Limousine heran. </p> <p> Ein kleiner, zierlicher Greis entsteigt der vornehmen <a id="page-251" class="pagenum" title="251"></a> -Limousine, feierlich und säuberlich gekleidet, wie für den +Limousine, feierlich und säuberlich gekleidet, wie für den Katafalk. Er blinzelt in das grelle Sonnenlicht, als sei er -eben seiner Gruft entstiegen, und trippelt hastig und geschäftig -die Treppen empor, ein gütiges Lächeln auf seinem -wächsernen Greisenantlitz. Weit öffnen sich die Türen. +eben seiner Gruft entstiegen, und trippelt hastig und geschäftig +die Treppen empor, ein gütiges Lächeln auf seinem +wächsernen Greisenantlitz. Weit öffnen sich die Türen. </p> <p> -Kaum war der schmale, gebeugte Rücken des Greises in -der Tür verschwunden, so fuhr die Limousine des Generals +Kaum war der schmale, gebeugte Rücken des Greises in +der Tür verschwunden, so fuhr die Limousine des Generals im Renntempo vor. Im Augenblick kletterte Schwerdtfeger -auch schon von seinem Sitz, während der Motor noch +auch schon von seinem Sitz, während der Motor noch donnerte. </p> <p> -Voller Würde entstieg der General dem Wagen. Er sah -frisch und verjüngt aus, das breite Gesicht leicht getötet, +Voller Würde entstieg der General dem Wagen. Er sah +frisch und verjüngt aus, das breite Gesicht leicht getötet, obwohl er in dieser Nacht nur einige Stunden geschlafen hatte, und nicht einmal ruhig geschlafen. Erst gegen drei Uhr -war er von Doras Fest zurückgekehrt. Nachdenklich stieg -er die Treppe empor. Die roten Aufschläge des offenen +war er von Doras Fest zurückgekehrt. Nachdenklich stieg +er die Treppe empor. Die roten Aufschläge des offenen Mantels leuchteten, die Brust glitzerte von Ordenssternen. -Er hatte keine Eile. Er wußte, daß diese ganze Reichstagssitzung -nichts als eine Zeremonie war, die vor der Öffentlichkeit +Er hatte keine Eile. Er wußte, daß diese ganze Reichstagssitzung +nichts als eine Zeremonie war, die vor der Öffentlichkeit die nicht zu leugnende Tatsache der konstitutionellen -Regierungsform betonen sollte. Er wußte auch, daß die -Armeen da draußen schon bereitstanden, bereit zum Sprung, +Regierungsform betonen sollte. Er wußte auch, daß die +Armeen da draußen schon bereitstanden, bereit zum Sprung, und nur auf das Signal des Telegraphen warteten. </p> @@ -15158,92 +15125,92 @@ hohen Offiziers zu erhaschen. </p> <p> -„Vielleicht ist es die beste Lösung!“ dachte der General, -als er die dicken Läufer der Wandelhalle entlangschritt — +„Vielleicht ist es die beste Lösung!“ dachte der General, +als er die dicken Läufer der Wandelhalle entlangschritt — aber er dachte in diesem Augenblick nicht an die Armeen, -die sich wie die Sturmflut vorwärts wälzen würden, sondern +die sich wie die Sturmflut vorwärts wälzen würden, sondern an die Nachricht, die man ihm kurz vor der Abfahrt -telephonisch übermittelt hatte. Eine betrübliche Nachricht +telephonisch übermittelt hatte. Eine betrübliche Nachricht allerdings — aber — letzten Endes — es ist Krieg, das darf man nicht vergessen. Tausende, Hunderttausende . . . -Er hielt es für seine Pflicht, augenblicklich — wenn auch in +Er hielt es für seine Pflicht, augenblicklich — wenn auch in <a id="page-252" class="pagenum" title="252"></a> -aller Kürze — Dora schonend davon Mitteilung zu machen. +aller Kürze — Dora schonend davon Mitteilung zu machen. Noch bestand ja Hoffnung, wenn auch geringe — aber man bedenke: ein ganzer Stab von Offizieren, durch einen -einzigen Volltreffer! Welch ungeheurer Verlust für das -Regiment. Die Unterschrift, die noch ausstand, würde -nun wohl überflüssig werden . . . +einzigen Volltreffer! Welch ungeheurer Verlust für das +Regiment. Die Unterschrift, die noch ausstand, würde +nun wohl überflüssig werden . . . </p> <p> -Die Tribünen waren schon überfüllt, Kopf an Kopf. +Die Tribünen waren schon überfüllt, Kopf an Kopf. Ordenssterne, Uniformen aller Art. Das Rot des Generalstabes, -die goldenen Tressen der Marine. Lächeln und +die goldenen Tressen der Marine. Lächeln und Zuversicht auf den frischrasierten Gesichtern. Bekannte -ringsum. Ein fettes Gesicht mit Elefantenohren grüßte. +ringsum. Ein fettes Gesicht mit Elefantenohren grüßte. Es war, ja, richtig, dieser Professor Salomon — der die -Berechnungen für die Marine machte — ja, also am +Berechnungen für die Marine machte — ja, also am Mangel an Grubenholz konnte das stolze England scheitern! Unbedeutende, kaum beachtete Dinge entschieden in -der Geschichte über das Schicksal von Völkern und Jahrhunderten. -Eine einstürzende Brücke, zum Beispiel, plötzlich +der Geschichte über das Schicksal von Völkern und Jahrhunderten. +Eine einstürzende Brücke, zum Beispiel, plötzlich aufkommender Sturm. Napoleon ging zugrunde, -weil der russische Winter um vierzehn Tage zu früh einsetzte. +weil der russische Winter um vierzehn Tage zu früh einsetzte. </p> <p> Die bedeutungslose Zeremonie hatte bereits ihren Anfang genommen. Die Sozialisten hatten ein paar kurze, -höchst unnötige Anfragen eingebracht, sie waren mit zwei +höchst unnötige Anfragen eingebracht, sie waren mit zwei Worten erledigt. </p> <p> -„Und Dora?“ dachte der General, bemüht, den Professor -Salomon nicht zu sehen. „Wie wird sie die betrübliche +„Und Dora?“ dachte der General, bemüht, den Professor +Salomon nicht zu sehen. „Wie wird sie die betrübliche Nachricht aufnehmen?“ </p> <p> Langsam erinnerte er sich an die Begebenheiten dieser Nacht. Sie erschienen unwirklich, wie Fragmente von -Träumen, die sich erst allmählich und widerstrebend zusammenfügen. -Exzellenz schien seinen Ausführungen mit -Interesse zu folgen. Es war bedauerlich, daß er in der -Eile vergaß, über Belgien zu sprechen. Dann brannte -es plötzlich — wie? — ein Vorhang. Wie leicht hätte ein -Unglück geschehen können! In Doras Haus, wo es nichts -als Vorhänge und Teppiche gab. Und dann — dieser +Träumen, die sich erst allmählich und widerstrebend zusammenfügen. +Exzellenz schien seinen Ausführungen mit +Interesse zu folgen. Es war bedauerlich, daß er in der +Eile vergaß, über Belgien zu sprechen. Dann brannte +es plötzlich — wie? — ein Vorhang. Wie leicht hätte ein +Unglück geschehen können! In Doras Haus, wo es nichts +als Vorhänge und Teppiche gab. Und dann — dieser <a id="page-253" class="pagenum" title="253"></a> Unbekannte und Dora — auf der Diele? Wer mochte dieser Unbekannte — diese Mumie gewesen sein? Und dieser kleine Rittmeister, dieser Beduine, der so heftig -schwitzte — wie hieß er doch? — was für merkwürdige -Dinge hatte er ihm doch erzählt? Und weshalb? Der -General forschte in seinem Gedächtnis . . . +schwitzte — wie hieß er doch? — was für merkwürdige +Dinge hatte er ihm doch erzählt? Und weshalb? Der +General forschte in seinem Gedächtnis . . . </p> <p> -Plötzlich rieselte eine kalte Welle über seinen Körper. -Irgendein Blick ruhte auf ihm. Er änderte die Haltung, -strich mit den Fingern über den Schnurrbart, und ließ den -Blick kalt und abwehrend über Tribünen und Köpfe streichen. +Plötzlich rieselte eine kalte Welle über seinen Körper. +Irgendein Blick ruhte auf ihm. Er änderte die Haltung, +strich mit den Fingern über den Schnurrbart, und ließ den +Blick kalt und abwehrend über Tribünen und Köpfe streichen. </p> <p> -Sonderbar, deutlich fühlte er, daß ihn jemand anstarrte . . . +Sonderbar, deutlich fühlte er, daß ihn jemand anstarrte . . . </p> <p> -Die Minister saßen auf ihren Plätzen, gleichmütig, als +Die Minister saßen auf ihren Plätzen, gleichmütig, als seien sie an dieser Zeremonie die am wenigsten Beteiligten. Sie kritzelten mit den Bleistiften, tauschten scherzhafte -Bemerkungen, betrachteten ihre Fingernägel. Der gütige -Greis — peinlich säuberlich gekleidet, wie für die Aufbahrung -— schien zu schlummern, ein friedevolles Lächeln -auf dem Antlitz. Plötzlich aber hüstelte er in die durchsichtigen -Kinderhände und erhob sich. +Bemerkungen, betrachteten ihre Fingernägel. Der gütige +Greis — peinlich säuberlich gekleidet, wie für die Aufbahrung +— schien zu schlummern, ein friedevolles Lächeln +auf dem Antlitz. Plötzlich aber hüstelte er in die durchsichtigen +Kinderhände und erhob sich. </p> <p> @@ -15260,85 +15227,85 @@ Laut donnerte die furchtbare Frage des Schicksals . . . <p class="first"> <span class="firstchar">D</span>ora schlief zu dieser Stunde noch immer, Freude auf -den heißen Wangen. +den heißen Wangen. </p> <p> -Ein ganz wunderbarer Traum entzückte sie; sie befand +Ein ganz wunderbarer Traum entzückte sie; sie befand sich mitten in einer Blumenschlacht in Monte Carlo oder -Nizza, jedenfalls war es bezaubernd. Blumengeschmückte -Wagen zogen aneinander vorüber, Blumen der herrlichsten +Nizza, jedenfalls war es bezaubernd. Blumengeschmückte +Wagen zogen aneinander vorüber, Blumen der herrlichsten Farben wirbelten gegen den tiefblauen Himmel und -regneten in ihr Coupé herab. Sie saß neben einem alten, -würdevollen Herrn, mit einem langen, weißen Spitzbart, -den sie nie in ihrem Leben gesehen hatte. Merkwürdigerweise +regneten in ihr Coupé herab. Sie saß neben einem alten, +würdevollen Herrn, mit einem langen, weißen Spitzbart, +den sie nie in ihrem Leben gesehen hatte. Merkwürdigerweise <a id="page-254" class="pagenum" title="254"></a> -trug er eine orangefarbene Schärpe quer über der +trug er eine orangefarbene Schärpe quer über der Brust, und alle Welt schien ihn mit Neugierde und Respekt -zu betrachten. In einem kleinen, von zwei schneeweißen -Ponys gezogenen Wagen saß ein Bekannter, der sie heftig -mit Blumen bombardierte. Plötzlich erkannte sie ihn, es +zu betrachten. In einem kleinen, von zwei schneeweißen +Ponys gezogenen Wagen saß ein Bekannter, der sie heftig +mit Blumen bombardierte. Plötzlich erkannte sie ihn, es war Otto, sie sprang auf, rief: heute abend — aber schon -waren die Wagen aneinander vorüber. Otto verschwand in -einem Regen von Blüten. „Aber Helene“, sagte der Herr -mit dem weißen Spitzbart. So erfuhr sie, daß sie Helene -hieß, es war höchst merkwürdig, und sie begann laut zu lachen. +waren die Wagen aneinander vorüber. Otto verschwand in +einem Regen von Blüten. „Aber Helene“, sagte der Herr +mit dem weißen Spitzbart. So erfuhr sie, daß sie Helene +hieß, es war höchst merkwürdig, und sie begann laut zu lachen. </p> <p> Das eigene Lachen weckte sie, und als sie die Augen aufschlug, -regneten gerade noch die letzten Blumen und Blüten -über sie herab. Sie war in köstlicher Laune, vergessen die +regneten gerade noch die letzten Blumen und Blüten +über sie herab. Sie war in köstlicher Laune, vergessen die Melancholie des grauenden Morgens. </p> <p> -Sie klingelte. „Ich werde im Bad frühstücken.“ +Sie klingelte. „Ich werde im Bad frühstücken.“ </p> <p> -Dora schlüpfte in die kleinen, seidenen Pantöffelchen, -ließ sich den himmelblauen Bademantel um die Schultern -legen, und begab sich pfeifend und trällernd, Butzi auf +Dora schlüpfte in die kleinen, seidenen Pantöffelchen, +ließ sich den himmelblauen Bademantel um die Schultern +legen, und begab sich pfeifend und trällernd, Butzi auf dem Arm, in das Badezimmer. Dieses Badezimmer war, -wie schon erwähnt, ein kleines Treibhaus — Blüten, Wärme, -Düfte — weich und schneeig fiel das Licht durch die Glasdecke. +wie schon erwähnt, ein kleines Treibhaus — Blüten, Wärme, +Düfte — weich und schneeig fiel das Licht durch die Glasdecke. Neben dem Bassin stand ein kleiner Tisch mit dem -Frühstück, den Zeitungen und der Post. Und Blumen, +Frühstück, den Zeitungen und der Post. Und Blumen, Billetts, eine Menge Aufmerksamkeiten — das Tischchen -war völlig bedeckt davon. +war völlig bedeckt davon. </p> <p> -Dora lachte vor Vergnügen. Wieder kam ihr die Blütenschlacht -in den Sinn. Was für ein drolliger, alter Herr das -war! Seine orangefarbene Schärpe, wie unendlich komisch! +Dora lachte vor Vergnügen. Wieder kam ihr die Blütenschlacht +in den Sinn. Was für ein drolliger, alter Herr das +war! Seine orangefarbene Schärpe, wie unendlich komisch! </p> <p> -Gelungen war das Fest! Ganz Berlin würde darüber -sprechen — über die Tänzerin, etwas kühn, nicht wahr, -und die beiden Neger — ja, es kam nur darauf an, Einfälle +Gelungen war das Fest! Ganz Berlin würde darüber +sprechen — über die Tänzerin, etwas kühn, nicht wahr, +und die beiden Neger — ja, es kam nur darauf an, Einfälle zu haben! Eine Oase in dem grauen, schrecklichen -Winter. Dank für das Fest! Alle dankten, alle waren -glücklich gewesen — ein paar Stunden. Eine drollige -Liebeserklärung von Hauptmann Feuerwalze. Endlich +Winter. Dank für das Fest! Alle dankten, alle waren +glücklich gewesen — ein paar Stunden. Eine drollige +Liebeserklärung von Hauptmann Feuerwalze. Endlich <a id="page-255" class="pagenum" title="255"></a> -hatte sie nach langer Zeit wieder fröhliche Menschen um +hatte sie nach langer Zeit wieder fröhliche Menschen um sich gesehen, und so war es nun einmal: Dora konnte nicht leben ohne Freude. Aber — sie schrak zusammen, indessen -voll spitzbübischen Vergnügens — wie leichtsinnig war sie +voll spitzbübischen Vergnügens — wie leichtsinnig war sie doch gewesen! Der Sekt — sollte es der Sekt gewesen -sein —? Wie leicht hätte jemand sie beobachten können! +sein —? Wie leicht hätte jemand sie beobachten können! </p> <p> Nichts aber liebte sie mehr als Abenteuer, aus einer -Laune geboren — eine Minute vorher wußte man noch +Laune geboren — eine Minute vorher wußte man noch nichts von ihnen, und oft eine Minute nachher nichts mehr -davon. Und Doras Gedanken huschten blitzschnell über -eine Reihe ähnlicher Abenteuer dahin, die sie nicht missen -möchte in ihrer Erinnerung. +davon. Und Doras Gedanken huschten blitzschnell über +eine Reihe ähnlicher Abenteuer dahin, die sie nicht missen +möchte in ihrer Erinnerung. </p> <p> @@ -15350,64 +15317,64 @@ Nur einer, oder ein paar Vertraute — </p> <p> -Plötzlich aber griff Dora wieder zur Post. Es ging nicht +Plötzlich aber griff Dora wieder zur Post. Es ging nicht an, allzu lange bei diesen Abenteuern zu verweilen. </p> <p> Ein Brief des Generals! Seht an! Doras Lippen -kräuselten sich. Sie legte den Brief langsam zur Seite. -Diese Schriftzüge jetzt, nein — sie langweilten sie momentan, -steif und anmaßend kamen sie ihr vor, später. +kräuselten sich. Sie legte den Brief langsam zur Seite. +Diese Schriftzüge jetzt, nein — sie langweilten sie momentan, +steif und anmaßend kamen sie ihr vor, später. </p> <p> Sie griff nach einem rosafarbenen Briefchen, das an -einem Fliederstrauß befestigt war. Zu ihrer großen Überraschung +einem Fliederstrauß befestigt war. Zu ihrer großen Überraschung war es ein drolliges Gedicht, die Huldigung einer -lustigen Gesellschaft, die das Fest bei Ströbel beschlossen -hatte. Dora lachte, daß das Treibhaus zu klingen begann. -Ach, wie bezecht müssen sie gewesen sein —! +lustigen Gesellschaft, die das Fest bei Ströbel beschlossen +hatte. Dora lachte, daß das Treibhaus zu klingen begann. +Ach, wie bezecht müssen sie gewesen sein —! </p> <p> Zu dieser Gesellschaft, die das komische Gedicht bei -Ströbel verfaßt hatte, gehörte auch Hedi. Sie kam etwas +Ströbel verfaßt hatte, gehörte auch Hedi. Sie kam etwas nach zehn Uhr nach Hause, und gerade, als sie das silbergraue -Schleierkostüm, das ganz in Stücke gegangen war, +Schleierkostüm, das ganz in Stücke gegangen war, leider, abstreifte, erwachte Klara. Grelle Lichtzacken stachen -durch die zusammengezogenen Vorhänge. +durch die zusammengezogenen Vorhänge. </p> <p> „Ah, da bist du ja!“ sagte Klara. Aber welche Betonung! -Sie hatte die Schwester zuletzt in einem Kreis von händeklatschenden +Sie hatte die Schwester zuletzt in einem Kreis von händeklatschenden Vermummten gesehen, wo sie einen schamlosen <a id="page-256" class="pagenum" title="256"></a> -Tanz aufführte, und es gab keine Worte, die ihre -Verachtung ausdrücken konnten. +Tanz aufführte, und es gab keine Worte, die ihre +Verachtung ausdrücken konnten. </p> <p> „Ja, hier bin ich!“ erwiderte Hedi mit einem sonderbaren, -leisen Auflachen. Sie war sehr blaß, und ihre Augen +leisen Auflachen. Sie war sehr blaß, und ihre Augen flackerten unstet. </p> <p> -„Wo warst du eigentlich?“ fragte Klara, während sie -neugierig und überrascht die Schwester beobachtete. +„Wo warst du eigentlich?“ fragte Klara, während sie +neugierig und überrascht die Schwester beobachtete. </p> <p> „Ich?“ Wieder lachte Hedi leise und heiter. „Du hast -ja nicht gewartet. Bei Ströbel. Alle haben wir bei Ströbel -Kaffee getrunken. Herrlichen Kaffee, Weißbrot, sogar +ja nicht gewartet. Bei Ströbel. Alle haben wir bei Ströbel +Kaffee getrunken. Herrlichen Kaffee, Weißbrot, sogar Sahne!“ </p> <p> -„Ströbel? Wer ist Ströbel?“ +„Ströbel? Wer ist Ströbel?“ </p> <p> @@ -15420,10 +15387,10 @@ verdient.“ </p> <p> -„Und weißt du, wer den Kaffee gekocht hat?“ fragte Hedi -lachend. „Ich, zusammen mit Ströbel. Denn Ströbel +„Und weißt du, wer den Kaffee gekocht hat?“ fragte Hedi +lachend. „Ich, zusammen mit Ströbel. Denn Ströbel hat keine Dienstboten im Hause, obschon er so reich ist — -um ungestört zu sein. Ja, also wir zwei haben den Kaffee +um ungestört zu sein. Ja, also wir zwei haben den Kaffee gebraut — und das Wasser wollte gar nicht kochen, hahaha! — aber niemand fiel es auf.“ </p> @@ -15433,19 +15400,19 @@ gebraut — und das Wasser wollte gar nicht kochen, hahaha! </p> <p> -Hier brach Hedi in lautes Gelächter aus. „Was sagte -ich? Nun — niemand fiel es auf, daß es so lange dauerte, +Hier brach Hedi in lautes Gelächter aus. „Was sagte +ich? Nun — niemand fiel es auf, daß es so lange dauerte, bis der Kaffee fertig wurde. Es war einfach schnurrig! Die ganze Gesellschaft trank Kognak aus Kaffeetassen. Wir haben alle Bruderschaft getrunken!“ </p> <p> -Hedi lachte, erzählte, summte, tänzelte, während sie -abwechselnd durch Dämmerung und grelles Licht glitt. +Hedi lachte, erzählte, summte, tänzelte, während sie +abwechselnd durch Dämmerung und grelles Licht glitt. Bald flammte ihr Auge auf, bald ihr weizengelbes Haar, -bald ihre bleiche Haut. Plötzlich stieß sie ein Glas vom -Tisch, aber auch darüber mußte sie nur lachen. +bald ihre bleiche Haut. Plötzlich stieß sie ein Glas vom +Tisch, aber auch darüber mußte sie nur lachen. </p> <p> @@ -15453,11 +15420,11 @@ Voller Verachtung drehte Klara sich gegen die Wand. </p> <p> -„Nun,“ sagte Hedi triumphierend, „dieser Herr Ströbel +„Nun,“ sagte Hedi triumphierend, „dieser Herr Ströbel ist nicht nur reich, sondern auch ein Gentleman. Und er <a id="page-257" class="pagenum" title="257"></a> -ist verliebt in mich! Dich aber würde er wahrscheinlich gar -nicht ansehen, kleine Braut.“ Dies fügte Hedi ein, um +ist verliebt in mich! Dich aber würde er wahrscheinlich gar +nicht ansehen, kleine Braut.“ Dies fügte Hedi ein, um Klara zu reizen. </p> @@ -15466,37 +15433,37 @@ Aber Klara schwieg. </p> <p> -„Ah, seht an, sie spielt die Hochmütige!“ fuhr Hedi fort. -„Nun, mein Liebling, es ist mir höchst einerlei, was du +„Ah, seht an, sie spielt die Hochmütige!“ fuhr Hedi fort. +„Nun, mein Liebling, es ist mir höchst einerlei, was du denkst. Du bist ja noch ein Kind, und was solltest du vom Leben wissen? Auch was Papa denkt, ja, siehst du, auch das -ist mir höchst einerlei. Ich habe dir ja schon oft gesagt, -daß ich dieses Leben hier satt habe, diese ewige Langeweile, -und eure Rüben und Kartoffeln. Und dazu die ewige -Kontrolle! Nein, mein Herz, nun mache ich Schluß. Hörst -du mich, kleine Braut? Ja, natürlich hörst du mich, du +ist mir höchst einerlei. Ich habe dir ja schon oft gesagt, +daß ich dieses Leben hier satt habe, diese ewige Langeweile, +und eure Rüben und Kartoffeln. Und dazu die ewige +Kontrolle! Nein, mein Herz, nun mache ich Schluß. Hörst +du mich, kleine Braut? Ja, natürlich hörst du mich, du tust ja nur so . . . ich werde euch verlassen . . .“ </p> <p> -„Ja, verlassen, man hat mir eine Sekretärsstelle angeboten, -tausend Mark im Monat, bei völliger Bewegungsfreiheit +„Ja, verlassen, man hat mir eine Sekretärsstelle angeboten, +tausend Mark im Monat, bei völliger Bewegungsfreiheit — ein kleines Bureau werde ich haben, und einen kleinen Empfangssalon — du staunst, wie? — und bei -Ströbel selbst. Ich werde mir nun mein Leben so einrichten, -wie es mir gefällt. Ich bin jung, ja Gott sei +Ströbel selbst. Ich werde mir nun mein Leben so einrichten, +wie es mir gefällt. Ich bin jung, ja Gott sei Dank, noch bin ich jung. Und du darfst mich besuchen, kleine Braut, und vielleicht schenke ich dir ein Paar seidene -Strümpfe —“ +Strümpfe —“ </p> <p> -Ganz plötzlich schlief Hedi ein. +Ganz plötzlich schlief Hedi ein. </p> <p> Aber ihr Schlaf war unruhig, und immerfort lief ein -Zittern über ihren Körper. Klara beobachtete sie. +Zittern über ihren Körper. Klara beobachtete sie. </p> <p> @@ -15505,48 +15472,48 @@ Was war geschehen? <p> Labyrinthisch und voller Dunkelheiten erschien Klara -plötzlich das Leben. — — +plötzlich das Leben. — — </p> <p> -Dora aber freute sich immer noch über das Gedicht, -während sie das warme Bad genoß. Ihre Augen, ihre -Zähne, Grübchen, ihre Schultern und Brüste, die ganze -Dora strahlte vor Entzücken. Es war so leicht, ihr eine Freude +Dora aber freute sich immer noch über das Gedicht, +während sie das warme Bad genoß. Ihre Augen, ihre +Zähne, Grübchen, ihre Schultern und Brüste, die ganze +Dora strahlte vor Entzücken. Es war so leicht, ihr eine Freude zu machen. Sie wartete nur darauf. </p> <p> Behutsam legte sie das Gedicht zur Seite, um es aufzubewahren, <a id="page-258" class="pagenum" title="258"></a> -in dem Schubfach, das angefüllt war mit ähnlichen +in dem Schubfach, das angefüllt war mit ähnlichen Huldigungen. </p> <p> Ein Billett von Otto. Sie strich das volle Haar in den -Nacken, las — nur zwei Zeilen — und zerriß es, in winzige -Stückchen, die sie in die Aschenschale warf. Eine feine Röte -flog über ihre Wangen. +Nacken, las — nur zwei Zeilen — und zerriß es, in winzige +Stückchen, die sie in die Aschenschale warf. Eine feine Röte +flog über ihre Wangen. </p> <p> -Dann trank sie ein Täßchen Kakao. +Dann trank sie ein Täßchen Kakao. </p> <p> Und dann griff sie nach dem Briefe des Generals. Seine -Schrift begann zu zittern. Es war nicht mehr die frühere, +Schrift begann zu zittern. Es war nicht mehr die frühere, starke Hand. Er begann langsam, ganz langsam zu altern, ja . . . Was sollte er ihr zu sagen haben? Nichts, gar nichts. </p> <p> -Plötzlich aber saß Dora ganz still. +Plötzlich aber saß Dora ganz still. </p> <p> -Ihre glänzenden, roten Lippen standen offen, die Hand +Ihre glänzenden, roten Lippen standen offen, die Hand zitterte — ihr schwindelte. </p> @@ -15559,12 +15526,12 @@ Heute nacht also . . . </p> <p> -Heute nacht, während sie tanzte, während sie scherzte, -während sie lachte. Vielleicht gerade in jenem Augenblick . . . +Heute nacht, während sie tanzte, während sie scherzte, +während sie lachte. Vielleicht gerade in jenem Augenblick . . . </p> <p> -Heute nacht — die Tänzerin, die Neger, die Vermummten +Heute nacht — die Tänzerin, die Neger, die Vermummten — alles wirbelte vor ihren Augen. </p> @@ -15574,23 +15541,23 @@ schauerte zusammen. </p> <p> -Wie betäubt hüllte sie sich in das Laken, den leeren Blick +Wie betäubt hüllte sie sich in das Laken, den leeren Blick zu Boden gerichtet. Vielleicht war er schon tot — </p> <p> -Ihre glänzenden Augen, von dem seltenen intensiven -Blau, füllten sich langsam mit Tränen. +Ihre glänzenden Augen, von dem seltenen intensiven +Blau, füllten sich langsam mit Tränen. </p> <p> -Aber trotz allem haßte sie ihn, auch jetzt! Sie konnte -es ihm nie verzeihen, daß er sie schon am ersten Tage betrogen +Aber trotz allem haßte sie ihn, auch jetzt! Sie konnte +es ihm nie verzeihen, daß er sie schon am ersten Tage betrogen hatte, alles andere. Immerhin, ein Mann, der ihr einmal nahestand. Der einzige Mann, der nie sentimental -war und nie eifersüchtig wurde. Der einzige, der nicht +war und nie eifersüchtig wurde. Der einzige, der nicht flehte und nach ihr bettelte. Nein, bei Gott, das tat er -nicht. Der spöttische Blick seiner kalten, scharfen Augen +nicht. Der spöttische Blick seiner kalten, scharfen Augen stand vor ihr. </p> @@ -15598,9 +15565,9 @@ stand vor ihr. Hoffentlich litt er nicht, nein, nein, was auch geschehen <a id="page-259" class="pagenum" title="259"></a> war, diesen Gedanken konnte sie nicht ertragen. Trotzdem -sie ihn gerade in diesem Augenblick bitter haßte — leiden +sie ihn gerade in diesem Augenblick bitter haßte — leiden sollte er nicht! Und doch, ein abscheuliches, verruchtes -Gefühl triumphierte in ihr, ganz wider ihren Willen: +Gefühl triumphierte in ihr, ganz wider ihren Willen: also auch dich hat es gepackt! Auch dich hat die Granate zerrissen! </p> @@ -15610,7 +15577,7 @@ Ja, diesen furchtbaren Gedanken dachte Dora. </p> <p> -Sie stieß das Fenster auf: ein Morgen von ungeahnter +Sie stieß das Fenster auf: ein Morgen von ungeahnter Herrlichkeit strahlte. </p> @@ -15628,49 +15595,49 @@ Dann klingelte sie eilig der Zofe. <p> Hauptmann Wunderlich schwang sich an den -Krücken über den Flugplatz. Gerötete Gesichter und rote -Hände im Sonnenschein. +Krücken über den Flugplatz. Gerötete Gesichter und rote +Hände im Sonnenschein. </p> <p> -Augenblicklich verschlang das Dröhnen des Motors den -Lärm der Geschütze, und schon eilte die Maschine über +Augenblicklich verschlang das Dröhnen des Motors den +Lärm der Geschütze, und schon eilte die Maschine über den Rasen, dem herrlichen Morgen entgegen. Der Flugplatz mit den Hangars schwang in weitem Pendelschlag -unter der linken Flügelspitze, eine Idee schräg lag die kleine +unter der linken Flügelspitze, eine Idee schräg lag die kleine Maschine, kaum zu merken, ganz wie gestern. Meerheims -Maschine, der einige Minuten früher abflog, blitzt zuweilen -wie ein Funke im Süden. +Maschine, der einige Minuten früher abflog, blitzt zuweilen +wie ein Funke im Süden. </p> <p> Schon hat der Motor die volle Tourenzahl erreicht, -unmerklich drückt der Boden des Flugzeugs gegen die Fußsohlen. +unmerklich drückt der Boden des Flugzeugs gegen die Fußsohlen. Die kleine, kugelrunde Wolke des rasenden Autos -da unten auf der schneeweißen Landstraße wird langsamer +da unten auf der schneeweißen Landstraße wird langsamer und langsamer, nun steht sie still, und nun scheint -sie sich plötzlich rückwärts zu bewegen. +sie sich plötzlich rückwärts zu bewegen. </p> <p> -Heinz zog die Mütze tiefer über die Stirn. Er berührte +Heinz zog die Mütze tiefer über die Stirn. Er berührte mit den Fingern den Talisman auf seiner Brust. Nun war er unterwegs. </p> <p> <a id="page-260" class="pagenum" title="260"></a> -Die Farben der Erde fließen ineinander. Geschliffene -Achate, Felder und Wälder, der Weiher eine winzige Muschel +Die Farben der Erde fließen ineinander. Geschliffene +Achate, Felder und Wälder, der Weiher eine winzige Muschel aus Perlmutter, die zuweilen ein Gefunkel aussendet. -Samtweich schlingen sich helle Bänder zwischen den Achatflächen, -Wege und Straßen. Die Landschaft aber, dieser +Samtweich schlingen sich helle Bänder zwischen den Achatflächen, +Wege und Straßen. Die Landschaft aber, dieser zarte Teppich da unten, ist vulkanisch. Allerorts steigen ununterbrochen kleine, verwehende Dampfwolken empor, -wie aus Geisern, oft vereinzelt, oft in Gruppen, milchigweiß, -graugelb und schwarz. An einer Kurve drängen sie +wie aus Geisern, oft vereinzelt, oft in Gruppen, milchigweiß, +graugelb und schwarz. An einer Kurve drängen sie sich dicht zusammen, wie schnellwachsende Dampfpilze -paffen sie ohne Pause auf — das sind die Gräben. +paffen sie ohne Pause auf — das sind die Gräben. </p> <p> @@ -15678,7 +15645,7 @@ Merkt er etwas? </p> <p> -Morgen, morgen, geht das Gerücht! +Morgen, morgen, geht das Gerücht! </p> <p> @@ -15686,35 +15653,35 @@ Heinz jauchzt vor Freude. Es wird zu tun geben! </p> <p> -Da und dort stehen in der Bläue des Himmels Gruppen -dichtgedrängter Lämmerwölkchen, aus denen Messer blitzen, -Schwärme von Schrapnells, die den Flugzeugen gelten. -Von unendlicher Schwärze, blitzend von Myriaden feinster -Silberfunken, wölbt sich hoch oben der Äther. +Da und dort stehen in der Bläue des Himmels Gruppen +dichtgedrängter Lämmerwölkchen, aus denen Messer blitzen, +Schwärme von Schrapnells, die den Flugzeugen gelten. +Von unendlicher Schwärze, blitzend von Myriaden feinster +Silberfunken, wölbt sich hoch oben der Äther. </p> <p> -In dreitausend Meter Höhe flog Heinz seinen Abschnitt +In dreitausend Meter Höhe flog Heinz seinen Abschnitt auf und ab. Meerheim patrouillierte im Nachbarabschnitt. Zuweilen sah Heinz seine Maschine, wenn sie sich der -gegenseitigen Grenze näherten. Hier oben war die Front +gegenseitigen Grenze näherten. Hier oben war die Front kaum noch zu sehen, leichter Dunst lag auf der Erde, nur -zuweilen warf der Gürtel der Geiser eine Gruppe schwarzer +zuweilen warf der Gürtel der Geiser eine Gruppe schwarzer Rauchwolken aus. Am Horizont ringsum blitzten die Messer der feindlichen und deutschen Batterien. In der -großen Weite war kein Flugzeug zu sehen, nur nach Westen +großen Weite war kein Flugzeug zu sehen, nur nach Westen zu entdeckte Heinz eine Gruppe von Maschinen, die aber bald verschwand. Dort schienen feindliche Flieger zu sein, -und er wünschte nichts sehnlicher, als daß sie hierher in -seinen Abschnitt kämen. Er glühte vor Kampfbegierde! -Aber nichts ließ sich sehen, so sehr er auch ausspähte, keine -Seele. Mächtige weiße Wolkenmassen zogen unter ihm -dahin. Zuweilen ließ er die Maschine sinken, und dann +und er wünschte nichts sehnlicher, als daß sie hierher in +seinen Abschnitt kämen. Er glühte vor Kampfbegierde! +Aber nichts ließ sich sehen, so sehr er auch ausspähte, keine +Seele. Mächtige weiße Wolkenmassen zogen unter ihm +dahin. Zuweilen ließ er die Maschine sinken, und dann <a id="page-261" class="pagenum" title="261"></a> wuchs ein schimmerndes Schneegebirge rasch zu ihm empor. -Türme von Schnee brodelten ihm entgegen, Kuppen von -Schnee wölbten sich, und der Schatten seiner Maschine -jagte über glitzernde Gletscher. +Türme von Schnee brodelten ihm entgegen, Kuppen von +Schnee wölbten sich, und der Schatten seiner Maschine +jagte über glitzernde Gletscher. </p> <p> @@ -15722,16 +15689,16 @@ Heinz begann zu singen. </p> <p> -Wie eine Lerche trillerte er im Äther. Er mußte sein -Glück hinausrufen. Laut und inbrünstig hingegeben sang -er: „Deutschland, Deutschland über alles.“ Er sang sämtliche +Wie eine Lerche trillerte er im Äther. Er mußte sein +Glück hinausrufen. Laut und inbrünstig hingegeben sang +er: „Deutschland, Deutschland über alles.“ Er sang sämtliche Strophen des Liedes, das ihn schon in der Schule -berauscht hatte. Deutlich hörte er zuweilen aus dem Röhren +berauscht hatte. Deutlich hörte er zuweilen aus dem Röhren und Brausen des Motors seinen hellen Tenor. </p> <p> -Dann sang er die „Vöglein im Walde“. +Dann sang er die „Vöglein im Walde“. </p> <p> @@ -15739,19 +15706,19 @@ Nie hatte er eine seligere Stunde erlebt. </p> <p> -Wie häufig, erschien plötzlich deutlich und scharf Klaras -Bild vor seinen Augen. Seligkeit wäre es, könnte er nur -einmal mit ihr durch den Äther dahinjagen! Nie würde -er imstande sein, ihr dieses Glück zu schildern. +Wie häufig, erschien plötzlich deutlich und scharf Klaras +Bild vor seinen Augen. Seligkeit wäre es, könnte er nur +einmal mit ihr durch den Äther dahinjagen! Nie würde +er imstande sein, ihr dieses Glück zu schildern. </p> <p> -Ja, heute, heute — vielleicht würde es ihm endlich heute +Ja, heute, heute — vielleicht würde es ihm endlich heute gelingen, einen Gegner zu stellen! Oh nein, er zweifelte nicht eine Sekunde daran, als Sieger aus diesem Zweikampf -hervorzugehen. Er war entschlossen, er war kühn, -er fürchtete keine Gefahr, und er war beseligt von heißester -Liebe für sein Vaterland. Wie sollte er da nicht der Überlegene +hervorzugehen. Er war entschlossen, er war kühn, +er fürchtete keine Gefahr, und er war beseligt von heißester +Liebe für sein Vaterland. Wie sollte er da nicht der Überlegene sein? </p> @@ -15760,22 +15727,22 @@ Dort? Dort? Schon jagte er hin — </p> <p> -Oft rückten die Schrapnellwolken der Abwehrgeschütze +Oft rückten die Schrapnellwolken der Abwehrgeschütze ganz nahe, aber zu seinem Schmerz entfernten sie sich -stets wieder. Es war sein persönliches Pech, daß niemand +stets wieder. Es war sein persönliches Pech, daß niemand seinen Abschnitt aufsuchte. </p> <p> Allzu schnell war seine Zeit abgelaufen. Wieder vergebens! Mit der Sekunde wandte Heinz die Maschine -nach Hause. Er stürzte sich mitten in eine der schimmernden -Wolken hinein, glitt für Sekunden durch Düsternis und +nach Hause. Er stürzte sich mitten in eine der schimmernden +Wolken hinein, glitt für Sekunden durch Düsternis und kalten Nebel, um gleich darauf wiederum von Helligkeit geblendet zu werden. Wieder lag da unten der schimmernde, <a id="page-262" class="pagenum" title="262"></a> bunte, freundliche Teppich, und Heinz nahm den -Kurs auf eine weiße Kirchturmspitze am Horizont. +Kurs auf eine weiße Kirchturmspitze am Horizont. </p> <p> @@ -15783,34 +15750,34 @@ Was aber gibt es? Was ist geschehen? </p> <p> -Plötzlich schwankt die Maschine, sie flattert hin und her. -Mächtig pendeln die Flügel. Heinz hat sich in namenlosem -Erstaunen aufgerichtet. Die Maschine stürzt . . . +Plötzlich schwankt die Maschine, sie flattert hin und her. +Mächtig pendeln die Flügel. Heinz hat sich in namenlosem +Erstaunen aufgerichtet. Die Maschine stürzt . . . </p> <p> -Aber hinter der stürzenden Maschine her jagt wie ein riesiger +Aber hinter der stürzenden Maschine her jagt wie ein riesiger Raubvogel ein Flugzeug mit Farbringen auf den Tragdecken. -Senkrecht stürzt es sich in die Tiefe, dem Opfer nach. Der Pilot, -in seiner Vermummung anzusehen wie ein furchtbarer Dämon, -beugt sich über Bord, um die stürzende Maschine des Gegners +Senkrecht stürzt es sich in die Tiefe, dem Opfer nach. Der Pilot, +in seiner Vermummung anzusehen wie ein furchtbarer Dämon, +beugt sich über Bord, um die stürzende Maschine des Gegners auf die Platte seines photographischen Apparates zu bringen. </p> <p> Wie eine Motte flattert der deutsche Eindecker da unten, -und plötzlich löst sich etwas wie ein Gegenstand, ein Körper +und plötzlich löst sich etwas wie ein Gegenstand, ein Körper — verschwindet rasch, wie ein Punkt in der Tiefe. </p> <p> Schon blitzen Messer auf am Waldrand, und der Raubvogel -rauscht in die Wolke zurück. — +rauscht in die Wolke zurück. — </p> <p> -Als Hauptmann Wunderlich die Nachricht hörte, zerriß -er sich mit den Nägeln das Gesicht und schrie: „Ich ertrage +Als Hauptmann Wunderlich die Nachricht hörte, zerriß +er sich mit den Nägeln das Gesicht und schrie: „Ich ertrage es nicht mehr, ich kann nicht mehr!“ </p> @@ -15825,31 +15792,31 @@ Haus in Totenstille. </p> <p> -Der kleine gütige Greis sagte Ja, und er sagte Nein. Er -sagte Sofort und sagte Niemals. Vorsichtig und sorgfältig -fügte er Wort an Wort zu kunstvollen Sätzen. Zuweilen -huschte sogar etwas wie rethorischer Glanz über seine Rede, -ein Glanz wie er über Reliquien in den Kathedralen liegt. +Der kleine gütige Greis sagte Ja, und er sagte Nein. Er +sagte Sofort und sagte Niemals. Vorsichtig und sorgfältig +fügte er Wort an Wort zu kunstvollen Sätzen. Zuweilen +huschte sogar etwas wie rethorischer Glanz über seine Rede, +ein Glanz wie er über Reliquien in den Kathedralen liegt. </p> <p> -Die Erregung hat seine Greisenbäckchen gerötet wie die -Bäckchen eines Kindes. +Die Erregung hat seine Greisenbäckchen gerötet wie die +Bäckchen eines Kindes. </p> <p> -Er war nicht abgeneigt, Zugeständnisse zu machen, das +Er war nicht abgeneigt, Zugeständnisse zu machen, das <a id="page-263" class="pagenum" title="263"></a> -heißt nicht eigentliche Zugeständnisse, es wäre ihm natürlich -unmöglich, irgendwie und in irgendeiner Form auch +heißt nicht eigentliche Zugeständnisse, es wäre ihm natürlich +unmöglich, irgendwie und in irgendeiner Form auch nur das geringste . . . </p> <p> Er versicherte heilig seine Friedensgeneigtheit, ja, jeden -Tag würde er Frieden schließen, aber natürlich, er bittet, -nicht mißverstanden zu werden — er war entschlossen, -fürchterlich entschlossen . . . +Tag würde er Frieden schließen, aber natürlich, er bittet, +nicht mißverstanden zu werden — er war entschlossen, +fürchterlich entschlossen . . . </p> <p> @@ -15863,17 +15830,17 @@ Ja, entschlossen . . . <p> Der General setzte den Kneifer auf und warf den Kopf -in die Höhe. Vor ihm glänzte die bedeutsame Glatze eines -Admirals, neben ihm schimmerte nichtssagend das dünne -gebürstete Haar eines Diplomaten. +in die Höhe. Vor ihm glänzte die bedeutsame Glatze eines +Admirals, neben ihm schimmerte nichtssagend das dünne +gebürstete Haar eines Diplomaten. </p> <p> -Die Tribünen gegenüber lagen im Halbschatten. Kopf -an Kopf, eine gesichtähnliche Nichtigkeit neben der anderen. -Und doch . . . Er fühlte sich unbehaglich — früher war -er ähnlichen Einflüssen überhaupt nicht zugänglich gewesen, -indessen der Krieg — die Überarbeitung . . . +Die Tribünen gegenüber lagen im Halbschatten. Kopf +an Kopf, eine gesichtähnliche Nichtigkeit neben der anderen. +Und doch . . . Er fühlte sich unbehaglich — früher war +er ähnlichen Einflüssen überhaupt nicht zugänglich gewesen, +indessen der Krieg — die Überarbeitung . . . </p> <p> @@ -15881,36 +15848,36 @@ Da! </p> <p> -Ein glänzendes, bleiches Gesicht unter all den matten +Ein glänzendes, bleiches Gesicht unter all den matten Nichtigkeiten, und ein paar Augen voller Schrecken und Entsetzen auf ihn gerichtet. Vielleicht nicht auf ihn, eigentlich mehr auf den kleinen Greis, dessen Kinnlade sich ruckartig bewegte. Der General hatte das Gesicht schon irgendwo gesehen, vermochte sich indessen im Moment nicht zu entsinnen. Es war nicht Schrecken, es war Grauen, das -von dem glänzenden, bleichen Gesicht mit den schwarzen -rasenden Augen ausging. Dieses Grauen lähmte die Zunge -des sprechenden Greises, lähmte seine Bewegungen. Sein -erhobener Arm sank plötzlich herab, er schöpfte Atem, hastig, -seine schmalen Schultern schoben sich in die Höhe — er -beugte sich tiefer über das Manuskript und stotterte. +von dem glänzenden, bleichen Gesicht mit den schwarzen +rasenden Augen ausging. Dieses Grauen lähmte die Zunge +des sprechenden Greises, lähmte seine Bewegungen. Sein +erhobener Arm sank plötzlich herab, er schöpfte Atem, hastig, +seine schmalen Schultern schoben sich in die Höhe — er +beugte sich tiefer über das Manuskript und stotterte. </p> <p> Das bleiche phosphoreszierende Gesicht aber wuchs in -die Höhe — schon fiel es allenthalben auf. Der Diplomat +die Höhe — schon fiel es allenthalben auf. Der Diplomat <a id="page-264" class="pagenum" title="264"></a> -mit den dünnen, säuberlich gebürsteten Haaren blinzelte +mit den dünnen, säuberlich gebürsteten Haaren blinzelte beunruhigt und runzelte die Stirn. </p> <p> -Die dünne feierliche Stimme des Greises erschallte +Die dünne feierliche Stimme des Greises erschallte wieder. </p> <p> -Die kleine eigensinnige Greisenfaust schlägt auf den Tisch, +Die kleine eigensinnige Greisenfaust schlägt auf den Tisch, und eigensinnig wiederholt die tonlose und feine Stimme Ja und Nein, Niemals und Sofort. Nun sind es keine Worte mehr, nun sind es nur noch Laute, nur noch Luftwellen @@ -15922,12 +15889,12 @@ Nein, nein, nicht ein Greis sprach — </p> <p> -Deutlich sah Ackermann, daß dieser Greis eine Leiche -war, die redete! Die Tribünen standen voller Leichen in +Deutlich sah Ackermann, daß dieser Greis eine Leiche +war, die redete! Die Tribünen standen voller Leichen in den Uniformen von Generalen und Admiralen, mit Orden -und Tand behängt, die Abgeordneten waren Leichen, die -still dasaßen, die Stenographen, der greise Präsident, der -den Kopf in die Hand stützte. +und Tand behängt, die Abgeordneten waren Leichen, die +still dasaßen, die Stenographen, der greise Präsident, der +den Kopf in die Hand stützte. </p> <p> @@ -15936,7 +15903,7 @@ Leichen, ein Parlament von Leichen. <p> Und die Sonne umspielte sie. Die lebendige Stimme -Gottes rief und donnerte, aber sie hörten sie nicht. +Gottes rief und donnerte, aber sie hörten sie nicht. </p> <p> @@ -15951,54 +15918,54 @@ Gesang . . . </p> <p> -In der Ferne ertönte ein Schritt, der dröhnende Schritt +In der Ferne ertönte ein Schritt, der dröhnende Schritt von Hunderttausenden, Millionen — Gesang fliegt vor ihnen her. Und dieser Gesang ist der Sturmwind — </p> <p> -Da berührte jemand seinen Arm, eine knöcherne harte -Hand, und eine trockene Stimme sagte: „Sie dürfen sich nicht -so über die Brüstung legen.“ Ackermann befand sich wieder -auf der kleinen Tribüne, wo zusammengedrängt das Volk -sitzt, das keine reservierten Plätze vorfindet. Er war nahe +Da berührte jemand seinen Arm, eine knöcherne harte +Hand, und eine trockene Stimme sagte: „Sie dürfen sich nicht +so über die Brüstung legen.“ Ackermann befand sich wieder +auf der kleinen Tribüne, wo zusammengedrängt das Volk +sitzt, das keine reservierten Plätze vorfindet. Er war nahe daran gewesen, eine seiner Ohnmachten zu bekommen. Im selben Augenblick wurde applaudiert. Die Ordenssterne und Uniformen rauschten durcheinander. Der <a id="page-265" class="pagenum" title="265"></a> -freundliche Greis setzte sich und träumte wieder von seinem +freundliche Greis setzte sich und träumte wieder von seinem Sarg, aus dem man ihn aufgescheucht hatte. </p> <p> -Die Abgeordneten betraten nacheinander die Rednertribüne. +Die Abgeordneten betraten nacheinander die Rednertribüne. Worte und Gesten. Schon ist die Zeremonie zu -Ende. Die Tribünen beginnen sich zu leeren. +Ende. Die Tribünen beginnen sich zu leeren. </p> <p> Aber halt! Hier ist noch einer, der etwas zu sagen hat. Er hat die furchtbare Frage des Schicksals vernommen, -das Antwort fordert. Er will zur Tribüne stürmen. Aber -die Fettnacken und wehenden Bärte halten ihn zurück, die -Rechtsanwälte und selbst die vom Hunger Ausgemergelten. -Selbst sie! Die Journalisten auf ihrer Tribüne schütten +das Antwort fordert. Er will zur Tribüne stürmen. Aber +die Fettnacken und wehenden Bärte halten ihn zurück, die +Rechtsanwälte und selbst die vom Hunger Ausgemergelten. +Selbst sie! Die Journalisten auf ihrer Tribüne schütten sich vor Lachen. </p> <p> -Flammend steht er, der einzige, zornrot, mit weißen -Haaren. Seine rasende Stimme erstirbt im Lärm. +Flammend steht er, der einzige, zornrot, mit weißen +Haaren. Seine rasende Stimme erstirbt im Lärm. </p> <p> -Schon sind die Tribünen leer. — — +Schon sind die Tribünen leer. — — </p> <p> Die Pulse fliegen. Die Lider peitschen die Augen, das Blut donnert in den Ohren, und die Glieder schwingen. -Die Erde hebt sich, bald wird sie zerreißen — Rauch, Feuer! +Die Erde hebt sich, bald wird sie zerreißen — Rauch, Feuer! Genug, genug! </p> @@ -16007,9 +15974,9 @@ Genug, genug! </p> <p> -Das blaue Himmelsgewölbe splittert, Finsternis. Das +Das blaue Himmelsgewölbe splittert, Finsternis. Das Rad der Geschichte vollendet krachend seine Umdrehung, -es wälzt sich heran, zermalmend — Staub, Rauch . . . +es wälzt sich heran, zermalmend — Staub, Rauch . . . </p> <p class="tb"> @@ -16019,10 +15986,10 @@ es wälzt sich heran, zermalmend — Staub, Rauch . . . <p class="first"> <span class="firstchar">U</span>niformen und Roben fluten die Treppe hinab in den herrlichen Tag. Ganz wie nach einem Pferderennen -von den Tribünen. Die Rechtsanwälte schießen hindurch, -mit ihren Mappen, sie haben es immer eilig. Eingläser -funkeln, das Lächeln blitzt auf den Lippen einer schönen -Dame. Sporen klirren und Säbel rasseln. +von den Tribünen. Die Rechtsanwälte schießen hindurch, +mit ihren Mappen, sie haben es immer eilig. Eingläser +funkeln, das Lächeln blitzt auf den Lippen einer schönen +Dame. Sporen klirren und Säbel rasseln. </p> <p> @@ -16036,26 +16003,26 @@ Greises am Wall der Schutzleute vorbei. <p> Schwerdtfeger hat seinen hohen Chef oben auf der -Treppe erspäht und den Wagen herangebracht, ohne die +Treppe erspäht und den Wagen herangebracht, ohne die <a id="page-266" class="pagenum" title="266"></a> -geringste Rücksicht zu nehmen. Er kennt nichts als seinen +geringste Rücksicht zu nehmen. Er kennt nichts als seinen Dienst. </p> <p> Der General braucht nur irgendwo aus einem Hause -zu treten und über den Bürgersteig zu gehen, immer steht -Schwerdtfeger bereit. Der General muß nur den Fuß -heben, das ist alles. Aber er hat sich nie Gedanken darüber +zu treten und über den Bürgersteig zu gehen, immer steht +Schwerdtfeger bereit. Der General muß nur den Fuß +heben, das ist alles. Aber er hat sich nie Gedanken darüber gemacht. </p> <p> Oben auf der Treppe sprach der General einen Bekannten -mit hohen Orden. Er drückte seine Befriedigung über den +mit hohen Orden. Er drückte seine Befriedigung über den Verlauf der Zeremonie aus — die Rede, prachtvoll — und -der Bekannte seinerseits versicherte, daß die Rede in der Tat -eine staatsmännische Leistung ersten Ranges war. +der Bekannte seinerseits versicherte, daß die Rede in der Tat +eine staatsmännische Leistung ersten Ranges war. </p> <p> @@ -16064,17 +16031,17 @@ Nun stieg der General die Treppe hinab. <p> Die Lackstiefel eines Husaren blitzten vor ihm. Ein -schmaler, eleganter Rücken, ein vornehmes Profil, ein -rascher, kühner Blick aus schönen, klaren Augen — der -Husar weicht zur Seite und grüßt. +schmaler, eleganter Rücken, ein vornehmes Profil, ein +rascher, kühner Blick aus schönen, klaren Augen — der +Husar weicht zur Seite und grüßt. </p> <p> -„Ah — gut bekommen?“ Ja, wie hieß er doch nur? +„Ah — gut bekommen?“ Ja, wie hieß er doch nur? </p> <p> -Leutselig schüttelt der General dem Husaren die Hand. +Leutselig schüttelt der General dem Husaren die Hand. </p> <p> @@ -16082,83 +16049,83 @@ Leutselig schüttelt der General dem Husaren die Hand. </p> <p> -„Ein netter Abend — hm, etwas spät . . . wir haben ja — -Sie haben mir ja von interessanten Dingen erzählt —?“ +„Ein netter Abend — hm, etwas spät . . . wir haben ja — +Sie haben mir ja von interessanten Dingen erzählt —?“ </p> <p> -Der Husar blieb indessen völlig kühl und korrekt. Erstens +Der Husar blieb indessen völlig kühl und korrekt. Erstens war er kein Beduine mehr, sondern Husar, zweitens war -er, mit Respekt zu melden, heute nacht völlig bekneipt, +er, mit Respekt zu melden, heute nacht völlig bekneipt, und als er aufwachte, fiel ihm (als erstes) voller Schrecken -ein, daß er Dummheiten geschwätzt und sich beinahe auf -Gott weiß welche Geschichten eingelassen hätte — drittens +ein, daß er Dummheiten geschwätzt und sich beinahe auf +Gott weiß welche Geschichten eingelassen hätte — drittens war man nicht mehr auf einem Ball, sondern im Dienst, -und es wimmelte ringsum von Würdenträgern und Exzellenzen. +und es wimmelte ringsum von Würdenträgern und Exzellenzen. </p> <p> -Er blieb also kühl, korrekt, entschlossen, sich auch durch -nichts bewegen zu lassen. Seine schönen klaren Augen +Er blieb also kühl, korrekt, entschlossen, sich auch durch +nichts bewegen zu lassen. Seine schönen klaren Augen strahlten Offenheit. </p> <p> „Leider vermochte ich nicht mit ganzer Aufmerksamkeit <a id="page-267" class="pagenum" title="267"></a> -zu folgen — es war plötzlich so heiß geworden — und dann +zu folgen — es war plötzlich so heiß geworden — und dann brannte noch dieser Vorhang.“ </p> <p> -Aber der Husar blieb zurückhaltend, entgegnete ein paar -nichtssagende Redensarten. Er errötete sogar. +Aber der Husar blieb zurückhaltend, entgegnete ein paar +nichtssagende Redensarten. Er errötete sogar. </p> <p> -Schwerdtfeger warf den Wagenschlag ins Schloß, und +Schwerdtfeger warf den Wagenschlag ins Schloß, und der General erwachte erst aus seinen tiefen Gedanken, als die grelle Sonne in seinem Arbeitssaal ihn blendete. </p> <p> -Er zog die blauen Vorhänge zu, das Licht schmerzte +Er zog die blauen Vorhänge zu, das Licht schmerzte seine Augen, jetzt erst machte sich der kurze Schlaf bemerkbar. </p> <p> „Trotzdem — trotzdem —“ murmelte der General vor sich hin. Mehr und mehr verfiel er der Gewohnheit, seine -Gedanken laut zu äußern. +Gedanken laut zu äußern. </p> <p> -„Trotzdem — ja, er wich aus — nun, gewiß er ist ein -Mann von größter Selbstkontrolle, ohne Zweifel. Aber -er errötete etwas. Weshalb?“ +„Trotzdem — ja, er wich aus — nun, gewiß er ist ein +Mann von größter Selbstkontrolle, ohne Zweifel. Aber +er errötete etwas. Weshalb?“ </p> <p> -„Oder errötete er nicht?“ +„Oder errötete er nicht?“ </p> <p> -„Vielleicht habe ich mich getäuscht, aber es sah tatsächlich -aus, als ob er errötete.“ +„Vielleicht habe ich mich getäuscht, aber es sah tatsächlich +aus, als ob er errötete.“ </p> <p> -„Aber was, was hat er mir erzählt? Ja, wie ärgerlich, -daß gerade diese Sache mit Dora — —“ +„Aber was, was hat er mir erzählt? Ja, wie ärgerlich, +daß gerade diese Sache mit Dora — —“ </p> <p> -„Aber weshalb erzählte er es mir?“ +„Aber weshalb erzählte er es mir?“ </p> <p> -„Wie? Wie? Sogar Angehörige der besten Gesellschaft — +„Wie? Wie? Sogar Angehörige der besten Gesellschaft — und . . .“ </p> @@ -16168,25 +16135,25 @@ und . . .“ <p> Der General starrte vor sich hin — das Blut wich langsam -aus seinem breiten Gesicht. Plötzlich schüttelte er den +aus seinem breiten Gesicht. Plötzlich schüttelte er den Kopf. Welch absurder Gedanke! </p> <p> -Er berührte die Klingel. +Er berührte die Klingel. </p> <p> -Weißbach erschien, und der General berichtete kurz über -die Reichstagssitzung — ein Zeichen des größten Vertrauens -und Wohlwollens, das Weißbach, trotzdem er noch in Alkohol -kochte, er war bis neun Uhr bei Ströbel gewesen, zu würdigen -wußte. +Weißbach erschien, und der General berichtete kurz über +die Reichstagssitzung — ein Zeichen des größten Vertrauens +und Wohlwollens, das Weißbach, trotzdem er noch in Alkohol +kochte, er war bis neun Uhr bei Ströbel gewesen, zu würdigen +wußte. </p> <p> <a id="page-268" class="pagenum" title="268"></a> -„Sollten Sie Näheres über Hauptmann v. Dönhoff +„Sollten Sie Näheres über Hauptmann v. Dönhoff erfahren —?“ </p> @@ -16195,27 +16162,27 @@ erfahren —?“ </p> <p> -Weißbach zog sich zurück. Der General war ihm grün -erschienen, leichengrün — die Beleuchtung natürlich, oder +Weißbach zog sich zurück. Der General war ihm grün +erschienen, leichengrün — die Beleuchtung natürlich, oder auch sein Zustand. Er trank wenig, aber er konnte nichts -mehr vertragen, seit er in Rußland seinen Nervenchok erlitt. +mehr vertragen, seit er in Rußland seinen Nervenchok erlitt. Damals waren sie alle verbrannt, durch einen Volltreffer, der den Unterstand in Flammen setzte — nur durch -einen Zufall war er gerettet worden. Er wußte selbst nicht +einen Zufall war er gerettet worden. Er wußte selbst nicht wie, er hatte es auch nie begriffen. </p> <p> -Sobald Weißbach den Saal verlassen hatte, ging der General +Sobald Weißbach den Saal verlassen hatte, ging der General zum Telephon und verlangte eine bestimmte Verbindung. </p> <p> -Erst nach geraumer Zeit ließ sich jemand hören. +Erst nach geraumer Zeit ließ sich jemand hören. </p> <p> -„Ich hatte doch gebeten“ — begann der General ungnädig +„Ich hatte doch gebeten“ — begann der General ungnädig — „mich umgehend informieren zu wollen — bereits acht Tage — wie, bitte —?“ </p> @@ -16227,7 +16194,7 @@ acht Tage — wie, bitte —?“ <p class="first"> <span class="firstchar">A</span>ckermanns Blick fieberte durch die wimmelnden Uniformen und abrollenden Wagen. Verzweiflung -schüttelte ihn. +schüttelte ihn. </p> <p> @@ -16237,31 +16204,31 @@ Volkes wird die Schmachbedeckten treffen — einst, einst —!“ <p> Er sah die hohen Offiziere nicht, nicht die Generale mit -ihren roten Aufschlägen, nicht die Admirale mit den goldenen +ihren roten Aufschlägen, nicht die Admirale mit den goldenen Tressen. Und niemand beachtete ihn in seinem abgeschabten -weiten Mantel, von Entbehrungen und Qualen erschöpft — +weiten Mantel, von Entbehrungen und Qualen erschöpft — ein einfacher Soldat, einer von den Millionen, die niemand sieht. </p> <p> -Auf dem Straßendamm stand mitten im Qualm der +Auf dem Straßendamm stand mitten im Qualm der Autos ein Berittener, regungslos wie eine Statue. Mit -furchtbarem Ernst saß er im Sattel, quittengelb, mit spitzer +furchtbarem Ernst saß er im Sattel, quittengelb, mit spitzer <a id="page-269" class="pagenum" title="269"></a> -Nase, eingefallenen Wangen und violetten Augenhöhlen. -Eine berittene Leiche hielt vor dem Parlamentsgebäude +Nase, eingefallenen Wangen und violetten Augenhöhlen. +Eine berittene Leiche hielt vor dem Parlamentsgebäude Wache, im Sattel verhungert, aber sie tat ihre Pflicht. </p> <p> -Plötzlich drehten sich die starren Metallkugeln in den -violetten Höhlen, die Haut des quittengelben Gesichts +Plötzlich drehten sich die starren Metallkugeln in den +violetten Höhlen, die Haut des quittengelben Gesichts straffte sich, der rostrote Schnurrbart zuckte. </p> <p> -Er hatte Ackermann entdeckt, und eine argwöhnische, +Er hatte Ackermann entdeckt, und eine argwöhnische, drohende Falte spaltete die armselige Stirn. </p> @@ -16274,7 +16241,7 @@ wo er sie fand, bis sie aussahen wie andere. </p> <p> -Schon drängte er sein Pferd näher, und sein Blick wurde +Schon drängte er sein Pferd näher, und sein Blick wurde messerscharf und unbarmherzig. Er war aus der kaiserlichen Schule, auf den Mann dressiert. </p> @@ -16282,30 +16249,30 @@ Schule, auf den Mann dressiert. <p> In diesem Augenblick aber ging Ackermann wie ein Schlafwandler mitten durch die Uniformen und Wagen -hindurch, schnurgerade über den Fahrdamm — ohne angestoßen, -berührt, überfahren zu werden, sonderbar. +hindurch, schnurgerade über den Fahrdamm — ohne angestoßen, +berührt, überfahren zu werden, sonderbar. </p> <p> -„Es ist Zeit!“ flüsterte er. „Es ist Zeit!“ +„Es ist Zeit!“ flüsterte er. „Es ist Zeit!“ </p> <p> -„Es ist höchste Zeit!“ Er eilte. +„Es ist höchste Zeit!“ Er eilte. </p> <p> Ihr Jungen, Wollenden, Wagemutigen, die Stunde -schlägt! Ihr Sehnsüchtigen, Verzweifelten, Zielerfüllten, -ihr Hassenden, Liebenden, Gesegneten, Boten und Verkünder +schlägt! Ihr Sehnsüchtigen, Verzweifelten, Zielerfüllten, +ihr Hassenden, Liebenden, Gesegneten, Boten und Verkünder des Menschenreiches — auf, auf, die Stunde ist -da! Zögert nicht länger, ihr Gesandten mit den menschlichen +da! Zögert nicht länger, ihr Gesandten mit den menschlichen Antlitzen! </p> <p> -Böse folgte der Blick des Berittenen dem grauen Soldatenmantel, -der rasch zwischen den Bäumen verschwand. +Böse folgte der Blick des Berittenen dem grauen Soldatenmantel, +der rasch zwischen den Bäumen verschwand. </p> <p class="tb2"> @@ -16313,31 +16280,31 @@ der rasch zwischen den Bäumen verschwand. </p> <p class="noindent"> -Und schon — ja schon rüsten sie sich zum Aufbruch, die -Läufer, die ihrer Zeit vorauseilen! Schon baden sie das +Und schon — ja schon rüsten sie sich zum Aufbruch, die +Läufer, die ihrer Zeit vorauseilen! Schon baden sie das Antlitz im Lichte einer neuen Sonne, die heraufsteigt. </p> <p> Schon erheben sie sich von den elenden Pritschen der <a id="page-270" class="pagenum" title="270"></a> -Gefängnisse — sie werden durch hundertfach geschlossene +Gefängnisse — sie werden durch hundertfach geschlossene Tore gehen wie durch Luft, keine Angst. Schon hebt sich -ihre leuchtende Wimper in den Kasernenhöfen Europas — +ihre leuchtende Wimper in den Kasernenhöfen Europas — und sie werden das triumphierende Wort aussprechen, und die Kugeln werden von ihnen abprallen, keine Angst. Schon beten sie ihr Morgengebet bei den Kanonen, in den -Erdlöchern der europäischen Schlachtfelder — sie werden -die Kanonen zerbrechen, als ob sie Schilf wären, keine Angst. -Schon wird ihr Schlaf in den Massengräbern Europas +Erdlöchern der europäischen Schlachtfelder — sie werden +die Kanonen zerbrechen, als ob sie Schilf wären, keine Angst. +Schon wird ihr Schlaf in den Massengräbern Europas unruhig, schon hebt sich ihr Auge, sie werden auferstehen, -stärker als der Tod, keine Angst. +stärker als der Tod, keine Angst. </p> <p> Schon kommen sie, schon sammeln sie sich, in ganz Europa, -sie, die Brüder sind und sich erkennen am Glanz des Antlitzes. -Schon ertönen ihre Stimmen, da und dort, in ganz +sie, die Brüder sind und sich erkennen am Glanz des Antlitzes. +Schon ertönen ihre Stimmen, da und dort, in ganz Europa, in der ganzen Welt! </p> @@ -16363,9 +16330,9 @@ Die Finsternis, die schreckliche, wird ein Ende haben. </p> <p> -Schon rötet sich der Himmel im Osten. Sie bringen das +Schon rötet sich der Himmel im Osten. Sie bringen das Licht. Sie kommen, und sie werden dahinschreiten, und das -Paradies wird unter ihren Schritten erblühen. +Paradies wird unter ihren Schritten erblühen. </p> <p> @@ -16379,50 +16346,50 @@ ist die Liebe. <p class="first"> <span class="firstchar"><span class="prefirstchar">„</span>U</span>nbegreiflich!’“ rief Herr Herbst aus und warf die kleinen -Hände voller Erstaunen in die Luft. „Was ein Mensch -doch träumen kann! Also, Berlin nichts als — Schutt, nur +Hände voller Erstaunen in die Luft. „Was ein Mensch +doch träumen kann! Also, Berlin nichts als — Schutt, nur Schutt, sagen Sie?“ </p> <p> -Eingehüllt in den langen rostfarbenen Havelock, den -steifen Hut auf den Ohren, saß Herr Herbst im halbdunkeln +Eingehüllt in den langen rostfarbenen Havelock, den +steifen Hut auf den Ohren, saß Herr Herbst im halbdunkeln <a id="page-271" class="pagenum" title="271"></a> -Gastzimmer des „Löwen von Antwerpen“. Eine große, -sofort in die Augen springende Veränderung war mit ihm -vorgegangen: er trug keinen Kragen mehr! Denn früher +Gastzimmer des „Löwen von Antwerpen“. Eine große, +sofort in die Augen springende Veränderung war mit ihm +vorgegangen: er trug keinen Kragen mehr! Denn früher hatte er ja einen niedrigen, wenn auch nie ganz reinen Kragen und eine kleine schwarze Binde getragen. Wer -sie kennt, die Trinker, weiß, was es zu bedeuten hat — keinen +sie kennt, die Trinker, weiß, was es zu bedeuten hat — keinen Kragen mehr! </p> <p> -Ihm gegenüber saß der scheue, stille, bucklige Wirt, Herr +Ihm gegenüber saß der scheue, stille, bucklige Wirt, Herr Glienicke, zwischen ihnen stand die Flasche. </p> <p> -Herr Glienicke räusperte sich krächzend, dann erwiderte -er scheu flüsternd: „Ja, nichts als Schutt, ein Haufen +Herr Glienicke räusperte sich krächzend, dann erwiderte +er scheu flüsternd: „Ja, nichts als Schutt, ein Haufen Schutt, das ganze Berlin. Wie soll ich sagen — eine Ruine. Und Raben —“ </p> <p> -„Raben?“ Schauer jagten über den Rücken des kleinen +„Raben?“ Schauer jagten über den Rücken des kleinen Herrn Herbst. </p> <p> „Der Himmel war schwarz von ihnen. Sie flogen auf, wohin man kam — wie Wolken. Hm, und auch Leichen -lagen da und dort, streckten die Hände aus dem Schutt, -blaue Hände.“ +lagen da und dort, streckten die Hände aus dem Schutt, +blaue Hände.“ </p> <p> -„Was für ein entsetzlicher Traum! Und keine Menschen +„Was für ein entsetzlicher Traum! Und keine Menschen mehr, sagen Sie?“ </p> @@ -16430,7 +16397,7 @@ mehr, sagen Sie?“ „Keine Menschen, nein. Nur Raben, alles war schwarz von ihnen. In ganz Berlin keine lebende Seele mehr. Nur Schutt und verkohlte Balken. Da und dort stand -zwischen den Schutthaufen noch ein verlassenes Geschütz. +zwischen den Schutthaufen noch ein verlassenes Geschütz. Aber keine Menschen.“ </p> @@ -16444,16 +16411,16 @@ Aber keine Menschen.“ <p> „Guten Tag!“ sagte in diesem Augenblick eine helle, -nüchterne, aber bescheidene Stimme, und die beiden fuhren +nüchterne, aber bescheidene Stimme, und die beiden fuhren auf. </p> <p> -Ein schmächtiger, junger Mann war ins Zimmer getreten. +Ein schmächtiger, junger Mann war ins Zimmer getreten. </p> <p> -Der schmächtige, junge Mann näherte sich, den Hut in +Der schmächtige, junge Mann näherte sich, den Hut in der Hand, dem Tisch und verbeugte sich leicht und steif. </p> @@ -16464,7 +16431,7 @@ der Hand, dem Tisch und verbeugte sich leicht und steif. <p> <a id="page-272" class="pagenum" title="272"></a> Zitternd erhob sich der Havelock. Ja, weshalb in aller -Welt zitterte er? Es war nicht nur diese helle, nüchterne +Welt zitterte er? Es war nicht nur diese helle, nüchterne Stimme, nein — jemand kannte ihn, ihn, seinen Namen . . . </p> @@ -16474,7 +16441,7 @@ Stimme, aber um eine Schattierung weniger bescheiden. </p> <p> -„Sprechen? Gewiß —“ +„Sprechen? Gewiß —“ </p> <p> @@ -16482,73 +16449,73 @@ Stimme, aber um eine Schattierung weniger bescheiden. </p> <p> -Und die beiden verließen das Gastzimmer. Die Eulenaugen +Und die beiden verließen das Gastzimmer. Die Eulenaugen des Buckligen sahen ihnen nach. Herr Glienicke hatte -sich nicht von der Stelle gerührt. Diese Stimme, unverkennbar: +sich nicht von der Stelle gerührt. Diese Stimme, unverkennbar: die Polizei! </p> <p> -„Bitte!“ sagte der schmächtige junge Mann und lenkte -den Schritt die Fabriciusstraße hinab. +„Bitte!“ sagte der schmächtige junge Mann und lenkte +den Schritt die Fabriciusstraße hinab. </p> <p> -Mit etwas eingeknickten Knien schlürfte Herr Herbst -neben ihm her. Er verging vor Angst, erfüllt von den +Mit etwas eingeknickten Knien schlürfte Herr Herbst +neben ihm her. Er verging vor Angst, erfüllt von den schlimmsten Ahnungen. </p> <p> Wie immer spielten die Kinder auf der staubigen, zugigen -Straße, aber heute wagten sie sich nicht an ihn heran, da +Straße, aber heute wagten sie sich nicht an ihn heran, da er in Begleitung war. </p> <p> Mit hohem Singsang schritten sie im Reigen um ein -Mädchen, das auf dem Pflaster kauerte und einen Lumpen -über den Kopf gezogen hatte. Ein schwarzer Hund mit +Mädchen, das auf dem Pflaster kauerte und einen Lumpen +über den Kopf gezogen hatte. Ein schwarzer Hund mit kurzem Schwanzstumpen trippelte mit den Kindern ebenfalls im Kreise. Nur seiner erschreckenden Magerkeit verdankte -er es, daß er noch lebte. Denn hier außen gab es +er es, daß er noch lebte. Denn hier außen gab es weit und breit weder Hunde noch Katzen mehr, alles verzehrt, -längst eine Beute der Professionells. Hohläugig und -wächsern erschienen die Kinder wie tanzende, in Lumpen -gehüllte Leichen, die aus den Gräbern eines Kinderfriedhofs -gestiegen waren, um hier zu spielen. Ihre Mütter -arbeiteten irgendwo in den Munitionsfabriken, die Väter -faulten längst in den Massengräbern. +längst eine Beute der Professionells. Hohläugig und +wächsern erschienen die Kinder wie tanzende, in Lumpen +gehüllte Leichen, die aus den Gräbern eines Kinderfriedhofs +gestiegen waren, um hier zu spielen. Ihre Mütter +arbeiteten irgendwo in den Munitionsfabriken, die Väter +faulten längst in den Massengräbern. </p> <p> Und da war auch schon wieder jener Wagen mit dem -schmutzigen Schimmel, den ein bleiches abgezehrtes zwölfjähriges -Mädchen kutschierte. Jeden Tag kam er hierher +schmutzigen Schimmel, den ein bleiches abgezehrtes zwölfjähriges +Mädchen kutschierte. Jeden Tag kam er hierher <a id="page-273" class="pagenum" title="273"></a> -in diese Straße, und kam er nicht gerade in die Fabriciusstraße, +in diese Straße, und kam er nicht gerade in die Fabriciusstraße, so sah man ihn sicher dort an der Ecke warten. Heute -lagen nur zwei Kindersärge darauf, aber soeben brachte +lagen nur zwei Kindersärge darauf, aber soeben brachte ein Mann einen neuen Kindersarg aus dem Hause und warf ihn wie eine Kiste mit Flaschen auf den Wagen. Jeden Tag, und doch gab es noch immer Kinder hier! </p> <p> -Die tanzenden kleinen Toten aber beachteten den vorüberfahrenden -Wagen mit den Särgen nicht. Sie schoben +Die tanzenden kleinen Toten aber beachteten den vorüberfahrenden +Wagen mit den Särgen nicht. Sie schoben den Reigen nur etwas zur Seite und sangen weiter. </p> <p> -Endlich brach der schmächtige junge Mann das Schweigen. -Mit einem nicht unfreundlichen Lächeln wandte er sich +Endlich brach der schmächtige junge Mann das Schweigen. +Mit einem nicht unfreundlichen Lächeln wandte er sich an Herrn Herbst. </p> <p> -„Sie wissen wohl, daß die große Offensive heute begonnen -hat?“ sagte er im Tone eines Menschen, der ein Gespräch +„Sie wissen wohl, daß die große Offensive heute begonnen +hat?“ sagte er im Tone eines Menschen, der ein Gespräch beginnen will. „Tausende von Gefangenen —“ </p> @@ -16557,45 +16524,45 @@ beginnen will. „Tausende von Gefangenen —“ </p> <p> -„Ja, am ersten Tage!“ Aber das Gespräch kam nicht -in Gang. So also ging es nicht. Der schmächtige junge Mann -polierte den Kneifer, lächelte Herrn Herbst mit kurzsichtigen -Augen an, und begann von neuem in etwas kühlerem, -geschäftlichem Tone: „Sie kennen mich nicht, Herr Herbst?“ +„Ja, am ersten Tage!“ Aber das Gespräch kam nicht +in Gang. So also ging es nicht. Der schmächtige junge Mann +polierte den Kneifer, lächelte Herrn Herbst mit kurzsichtigen +Augen an, und begann von neuem in etwas kühlerem, +geschäftlichem Tone: „Sie kennen mich nicht, Herr Herbst?“ </p> <p> „Wirklich nicht? Und Sie haben mich auch nie gesehen? Trotzdem gingen Sie sofort mit mir, seht an. Ein neuer -Beweis, daß es unleugbare Kräfte gibt, die Macht über -die Menschen verleihen, magnetische und hypnotische Kräfte. +Beweis, daß es unleugbare Kräfte gibt, die Macht über +die Menschen verleihen, magnetische und hypnotische Kräfte. Seit acht Tagen, seit vollen acht Tagen folge ich Ihnen wie ein Schatten, mein verehrter Herr Herbst. Sie staunen? -Sie sehen, man muß es nur geschickt anstellen. Vor einigen -Tagen aß ich sogar mit Ihnen am gleichen Tisch in der -Dorotheenstraße. Und am Schluß der Reichstagssitzung +Sie sehen, man muß es nur geschickt anstellen. Vor einigen +Tagen aß ich sogar mit Ihnen am gleichen Tisch in der +Dorotheenstraße. Und am Schluß der Reichstagssitzung stand ich dicht neben Ihnen, als Sie den hohen Offizier -grüßten —“ +grüßten —“ </p> <p> Herr Herbst zuckte zusammen. Ah, ah — er hatte es ja -augenblicklich gefühlt! Seine Ahnungen! Die Polizei +augenblicklich gefühlt! Seine Ahnungen! Die Polizei war ihm auf den Fersen, die Geheimpolizei. Der General <a id="page-274" class="pagenum" title="274"></a> hatte sie auf seine Spur gesetzt, und nun war er — verloren! -Ja, dieser General, natürlich, er wollte seine Macht zeigen, +Ja, dieser General, natürlich, er wollte seine Macht zeigen, er hatte ihm jenes furchtbare Wort entgegengeschleudert, -belästigte ihn . . . +belästigte ihn . . . </p> <p> „Ich hatte, mit einem Wort, den Auftrag, mich mit -Ihrer Persönlichkeit zu beschäftigen.“ +Ihrer Persönlichkeit zu beschäftigen.“ </p> <p> -„Ich weiß es.“ +„Ich weiß es.“ </p> <p> @@ -16604,83 +16571,83 @@ Ihrer Persönlichkeit zu beschäftigen.“ <p> „Ich dachte es mir! Einen Augenblick.“ Herr Herbst -wischte sich den Schweiß von der Stirn. +wischte sich den Schweiß von der Stirn. </p> <p> -„Ja, also den Auftrag“, fuhr der junge Mann geschwätzig +„Ja, also den Auftrag“, fuhr der junge Mann geschwätzig fort. „Ich kenne nunmehr all Ihre Gewohnheiten, Ihre -etwas sonderbaren und keineswegs alltäglichen Gewohnheiten. +etwas sonderbaren und keineswegs alltäglichen Gewohnheiten. Es bedurfte eines psychologisch geschulten Blickes, um nicht verwirrt zu werden, ich gestehe es offen zu. Nunmehr sind meine — Sie verzeihen — Beobachtungen abgeschlossen, -bis auf einen großen dunkeln Punkt. Aber -auch das wird sich finden. Ich hielt die Zeit für gekommen, -in persönliche Verbindung zu Ihnen zu treten. Sie gestatten, +bis auf einen großen dunkeln Punkt. Aber +auch das wird sich finden. Ich hielt die Zeit für gekommen, +in persönliche Verbindung zu Ihnen zu treten. Sie gestatten, mein Name ist Kunze.“ </p> <p> -Der junge schmächtige Mann nahm den grasgrünen -Plüschhut ab und machte eine gemessene, steife Verbeugung. +Der junge schmächtige Mann nahm den grasgrünen +Plüschhut ab und machte eine gemessene, steife Verbeugung. </p> <p> -„Angenehm!“ schlürfte Herr Herbst und erwiderte mit -einem Kratzfuß. Ängstlich und mißtrauisch hefteten sich -seine entzündeten Augen auf den blinkenden Kneifer. +„Angenehm!“ schlürfte Herr Herbst und erwiderte mit +einem Kratzfuß. Ängstlich und mißtrauisch hefteten sich +seine entzündeten Augen auf den blinkenden Kneifer. Nichts Gutes, jedenfalls nichts Gutes! </p> <p> -Der schmächtige junge Mann, der sich Kunze nannte, -war ärmlich, aber peinlich sauber gekleidet. Sein dünner -Überzieher, bis oben zugeknöpft, war abgewetzt, aber -man sah noch die Striche der Bürste. Seine geflickten -Stiefel waren glänzend gewichst. Er trug dünne Zwirnhandschuhe, +Der schmächtige junge Mann, der sich Kunze nannte, +war ärmlich, aber peinlich sauber gekleidet. Sein dünner +Überzieher, bis oben zugeknöpft, war abgewetzt, aber +man sah noch die Striche der Bürste. Seine geflickten +Stiefel waren glänzend gewichst. Er trug dünne Zwirnhandschuhe, nur seine Manschetten, sie waren etwas grau -geworden. Er war semmelblond, das semmelblonde Schnurrbärtchen +geworden. Er war semmelblond, das semmelblonde Schnurrbärtchen haarscharf zugespitzt. Die Augen hinter den -Gläsern erschienen matt, ausdruckslos und sogar dumm. +Gläsern erschienen matt, ausdruckslos und sogar dumm. <a id="page-275" class="pagenum" title="275"></a> -Unter dem Arm trug er eine dünne lederne Aktenmappe. -Wie alle Menschen sah er schlecht genährt aus, und sein -Teint hatte eine unreine, grünlich fahle Färbung. +Unter dem Arm trug er eine dünne lederne Aktenmappe. +Wie alle Menschen sah er schlecht genährt aus, und sein +Teint hatte eine unreine, grünlich fahle Färbung. </p> <p> -„Hoffen wir es, daß meine Bekanntschaft für Sie angenehm +„Hoffen wir es, daß meine Bekanntschaft für Sie angenehm sein wird“, nahm Kunze nach dem beendeten Zeremoniell der Vorstellung wieder das Wort, und er lachte -leise dabei. „Für manch einen, für viele war meine Bekanntschaft -— meine Bekanntschaft wenig angenehm, ähä, ähä! +leise dabei. „Für manch einen, für viele war meine Bekanntschaft +— meine Bekanntschaft wenig angenehm, ähä, ähä! Ja, wenig angenehm! Nun, nun, Sie haben nicht die geringste -Ursache, sich zu beunruhigen, ich betonte schon, daß ich mich +Ursache, sich zu beunruhigen, ich betonte schon, daß ich mich durch Ihre sonderbaren Gewohnheiten nicht verwirren -ließ. — Einen Augenblick, lassen wir diese Elektrische vorbei +ließ. — Einen Augenblick, lassen wir diese Elektrische vorbei — so. Sie haben sich also vor geraumer Zeit an unsere Organisation gewandt —“ </p> <p> „Ich nenne unsere Dienststelle so. Ihr Eingang wurde, -wie alle derartigen Eingänge, unserer Organisation automatisch +wie alle derartigen Eingänge, unserer Organisation automatisch zugeleitet. Sie haben, unter anderem, schwere -Verdächtigungen erhoben gegen hochgestellte Persönlichkeiten, -oder besser gesagt, gegen Angehörige hochgestellter -Persönlichkeiten, so daß eine ganz besonders sorgfältige +Verdächtigungen erhoben gegen hochgestellte Persönlichkeiten, +oder besser gesagt, gegen Angehörige hochgestellter +Persönlichkeiten, so daß eine ganz besonders sorgfältige Bearbeitung der Angelegenheit notwendig wurde. Aus diesem Grunde hat mein Chef mich beauftragt.“ </p> <p> Herr Herbst atmete auf. Also nicht der General — es -war diese andere Sache —! Aber schon überzog wieder -kalter Schweiß seine Stirn. Welch gefährlicher Lage hatte -er sich doch ausgesetzt! Und weshalb? Unerklärlich alles. -Im Rausch, in völliger Bezechtheit, hatte er diese zwei -Briefbogen vollgeschrieben. Zu spät. Seine Beine zitterten. -Er hatte Mühe mitzukommen. +war diese andere Sache —! Aber schon überzog wieder +kalter Schweiß seine Stirn. Welch gefährlicher Lage hatte +er sich doch ausgesetzt! Und weshalb? Unerklärlich alles. +Im Rausch, in völliger Bezechtheit, hatte er diese zwei +Briefbogen vollgeschrieben. Zu spät. Seine Beine zitterten. +Er hatte Mühe mitzukommen. </p> <p> @@ -16688,9 +16655,9 @@ Er hatte Mühe mitzukommen. </p> <p> -Kunze hielt den Schritt an und lächelte. Er hatte kleine, -schlecht gepflegte Zähne. „Sie können es sich nicht denken?“ -fragte er mit schräg geneigtem Kopf. +Kunze hielt den Schritt an und lächelte. Er hatte kleine, +schlecht gepflegte Zähne. „Sie können es sich nicht denken?“ +fragte er mit schräg geneigtem Kopf. </p> <p> @@ -16715,18 +16682,18 @@ fragte er mit schräg geneigtem Kopf. </p> <p> -Herr Herbst griff mit beiden Händen nach dem steifen -Hut — taumelte zurück und entfloh . . . +Herr Herbst griff mit beiden Händen nach dem steifen +Hut — taumelte zurück und entfloh . . . </p> <p> „Aber so warten Sie doch! Wie sieht das aus, wenn wir hier einander nachlaufen. Warten Sie doch! Aber ich -muß doch bitten . . .“ +muß doch bitten . . .“ </p> <p> -Mit ein paar langen Sätzen lief Kunze hinter dem davoneilenden +Mit ein paar langen Sätzen lief Kunze hinter dem davoneilenden Havelock her. Im Nu hatte er ihn wieder eingeholt. Er klemmte den Kneifer auf die Nase, keuchte — seine Lunge war nicht ganz in Ordnung — und lachte belustigt @@ -16744,43 +16711,43 @@ erschraken Sie nur so?“ <p> „Sie sind ja jetzt noch kreidebleich! Nun, nun, Ihre Nerven -sind in einem heillosen Zustand, Herr Herbst, einem bösen, -bösen Zustand, ei, ei! Und doch wollen wir nur in Ihre -Wohnung in der Blücherstraße gehen. Ich sagte Ihnen -ja — nur noch ein einziger großer dunkler Punkt — he, +sind in einem heillosen Zustand, Herr Herbst, einem bösen, +bösen Zustand, ei, ei! Und doch wollen wir nur in Ihre +Wohnung in der Blücherstraße gehen. Ich sagte Ihnen +ja — nur noch ein einziger großer dunkler Punkt — he, Kutscher!“ </p> <p> -Kunze winkte geschäftig eine Droschke heran. „Blücherstraße!“ +Kunze winkte geschäftig eine Droschke heran. „Blücherstraße!“ </p> <p> -Herr Herbst hob abwehrend die Hände. +Herr Herbst hob abwehrend die Hände. </p> <p> -„Nein, nein — unmöglich, ganz unmöglich!“ stotterte +„Nein, nein — unmöglich, ganz unmöglich!“ stotterte er hilflos. </p> <p> -Aber der schmächtige junge Mann stampfte plötzlich -ärgerlich auf den Boden und sagte mit scharfer Stimme: +Aber der schmächtige junge Mann stampfte plötzlich +ärgerlich auf den Boden und sagte mit scharfer Stimme: „Sie werden gehen! — Bitte, bitte recht sehr, Herr Herbst“, -fügte er wieder ruhig und höflich hinzu, und schob den vor +fügte er wieder ruhig und höflich hinzu, und schob den vor Erregung zappelnden Havelock in die wackelnde Droschke. </p> <p> -„Wir können den weiten Weg unmöglich zu Fuß gehen. +„Wir können den weiten Weg unmöglich zu Fuß gehen. Wir haben keine Zeit mehr zu verlieren. Mein Chef ist <a id="page-277" class="pagenum" title="277"></a> -schon ungeduldig, er erhielt eine Rüge von einer höheren +schon ungeduldig, er erhielt eine Rüge von einer höheren Stelle. Machen Sie es sich ruhig bequem. Es wird ja alles bezahlt. Das sind die Spesen. Sehen Sie hier, in diesem -Notizbuch, hier unter H., das sind die Spesen. Ich hätte -ebensogut ein Auto nehmen können.“ +Notizbuch, hier unter H., das sind die Spesen. Ich hätte +ebensogut ein Auto nehmen können.“ </p> <p> @@ -16788,13 +16755,13 @@ Voller Verzweiflung starrte Herr Herbst vor sich hin. </p> <p> -Kunze zog vorsichtig die Beinkleider über das Knie herauf. -„Mein Chef, er ist Major, ermahnte mich ausdrücklich, +Kunze zog vorsichtig die Beinkleider über das Knie herauf. +„Mein Chef, er ist Major, ermahnte mich ausdrücklich, keine Kosten zu scheuen“, fuhr er zu schwatzen fort. „Mein Chef strahlt! Sie haben uns ja, mein lieber Herr Herbst, auf eine eminent wichtige Spur gebracht — ein selten -glücklicher Zufall! Ach, wie langsam doch dieser elende -Wagen fährt! Das Material wächst, der Ring schließt sich — +glücklicher Zufall! Ach, wie langsam doch dieser elende +Wagen fährt! Das Material wächst, der Ring schließt sich — wir arbeiten Tag und Nacht — mein Chef wird einen hohen Orden bekommen — und auch ich vielleicht, vielleicht sogar das Eiserne Kreuz, er machte Andeutungen, mein @@ -16802,14 +16769,14 @@ Chef . . .“ </p> <p> -Plötzlich brach Kunze ab und zog rasch den Kopf zurück. +Plötzlich brach Kunze ab und zog rasch den Kopf zurück. </p> <p> „Pst, pst“ — machte er, und deutete mit dem langen, -dünnen Finger auf die Straße. „Aber sehen Sie doch, +dünnen Finger auf die Straße. „Aber sehen Sie doch, wer da eben aus der Elektrischen steigt! Sehen Sie doch! -Wie? Wie? Unglaublich — Fräulein v. Hecht!“ +Wie? Wie? Unglaublich — Fräulein v. Hecht!“ </p> <p> @@ -16819,13 +16786,13 @@ verschwunden. </p> <p> -„Haben Sie sie gesehen? Berlin ist eine so große Stadt, +„Haben Sie sie gesehen? Berlin ist eine so große Stadt, aber man sieht immer wieder die gleichen Leute. Machen Sie einmal den Versuch, fassen Sie eine bestimmte Person ins Auge — wo Sie auch hinkommen, da ist sie, ich wette mit Ihnen, was Sie wollen. Was hat nun, frage ich Sie, eine solch feine Dame hier in diesem Stadtviertel zu tun? -Wie, wie? Wenn man es nicht wüßte! Bald wird sie +Wie, wie? Wenn man es nicht wüßte! Bald wird sie wohl nicht mehr hierherkommen, oder? Mein Chef ist in bezug auf diese Dame etwas unruhig — nun, verstehen Sie, die Tochter eines hohen Vorgesetzten — aber auch @@ -16841,7 +16808,7 @@ etwas rascher!“ <p class="first"> <span class="firstchar">M</span>it einem kleinen Paket unter dem Arm kam Ackermann durch den Tiergarten. Es war noch hell, -Sonne, Tag. Wie gewöhnlich suchte er verlassene Wege +Sonne, Tag. Wie gewöhnlich suchte er verlassene Wege auf. Er kam vom Dienst und war auf dem Wege nach Hause, wo man ihn erwartete. </p> @@ -16849,69 +16816,69 @@ Hause, wo man ihn erwartete. <p> Ja, schon sammelten sie sich, ohne Zweifel! In England, Amerika, Italien, Frankreich, Deutschland, Osterreich, -Ungarn — überall in der Welt — die Brüder! Nur ein -Blinder sah die Zeichen nicht, nur ein Tauber hörte nicht +Ungarn — überall in der Welt — die Brüder! Nur ein +Blinder sah die Zeichen nicht, nur ein Tauber hörte nicht die Stimmen! Nur ein Tauber . . . </p> <p> -In den Zeitungen, zwischen den Zeilen — in Broschüren, -Aufsätzen, Büchern, überall Zeichen, die darauf hinwiesen. -Überall diese Stimmen! Trotz der Scharen +In den Zeitungen, zwischen den Zeilen — in Broschüren, +Aufsätzen, Büchern, überall Zeichen, die darauf hinwiesen. +Überall diese Stimmen! Trotz der Scharen von Zensoren und Agenten, die ausgesandt waren, -die Wahrheit zu erwürgen, so wie Herodes die -Kinder von Bethlehem erwürgen ließ, nur aus Furcht, +die Wahrheit zu erwürgen, so wie Herodes die +Kinder von Bethlehem erwürgen ließ, nur aus Furcht, weil er vernommen hatte . . . ah, ah — sein Morden war vergebens. </p> <p> -Die Gefängnisse sind überfüllt, hier und überall. Arme, -betörte Sklaven bewachen ihre eigenen Befreier! Zu -Hunderten werden sie füsiliert, hier und überall. Arme -Verführte ermorden ihre Brüder. Aber — <em>der Gedanke +Die Gefängnisse sind überfüllt, hier und überall. Arme, +betörte Sklaven bewachen ihre eigenen Befreier! Zu +Hunderten werden sie füsiliert, hier und überall. Arme +Verführte ermorden ihre Brüder. Aber — <em>der Gedanke lebt!</em> Die Mauern werden fallen — in der ganzen Welt — -der Gedanke wird sie stürzen, der Gedanke, der war, bevor +der Gedanke wird sie stürzen, der Gedanke, der war, bevor die Menschen waren. Der Gedanke, den man ans Kreuz schlug, folterte, mit Steinen beschwert ins Meer versenkte, -mit geschmolzenem Blei übergoß, den die Gesandten des -Satans zu töten versuchten auf hunderttausend Arten — -und der immer wieder auferstand. Weltreiche stürzten, +mit geschmolzenem Blei übergoß, den die Gesandten des +Satans zu töten versuchten auf hunderttausend Arten — +und der immer wieder auferstand. Weltreiche stürzten, aber er lebt. </p> <p> <a id="page-279" class="pagenum" title="279"></a> -Und die Brüder werden einherschreiten — sie, die Heißen, -die Sehnsüchtigen, die Wollenden. +Und die Brüder werden einherschreiten — sie, die Heißen, +die Sehnsüchtigen, die Wollenden. </p> <p> -Und auch ich, auch ich, Ackermann, werde bemüht sein, -mich ihrer würdig zu zeigen. +Und auch ich, auch ich, Ackermann, werde bemüht sein, +mich ihrer würdig zu zeigen. </p> <p> -Zu Ende der Dienst, zu Ende! Er hatte Schluß gemacht. +Zu Ende der Dienst, zu Ende! Er hatte Schluß gemacht. </p> <p> -Sie würden ihn nicht mehr sehen. +Sie würden ihn nicht mehr sehen. </p> <p> Monatelang hatte er gerungen, in den letzten Wochen -mit Schweiß auf der Stirn — der Gedanke siegte. Er +mit Schweiß auf der Stirn — der Gedanke siegte. Er war entschlossen . . . </p> <p> Unter dem Arm trug er, in eine alte Zeitung eingewickelt, seinen Drillichkittel, wie ihn die Schreiber in den -militärischen Amtsstuben anhaben. Er nahm ihn heute -mit nach Hause. Zum Zeichen, daß er nicht zurückkehrte. +militärischen Amtsstuben anhaben. Er nahm ihn heute +mit nach Hause. Zum Zeichen, daß er nicht zurückkehrte. Die Kameraden hatten die Frage an ihn gerichtet, weshalb -er den Kittel einpacke. „Ich mache Schluß!“ antwortete +er den Kittel einpacke. „Ich mache Schluß!“ antwortete er. Aber sie lachten, wie sollten sie es verstehen? </p> @@ -16921,23 +16888,23 @@ wollte. — </p> <p> -Ja, dahinschreiten werden die Brüder, und auf dem +Ja, dahinschreiten werden die Brüder, und auf dem blutigen Schutt dieser armen Erde werden sie eine neue Welt errichten! Schleift die Kasernen, werden sie rufen, zerbrecht sie, schleift sie! Ihr Gestank verpestet Europa und die Erde. Schleift sie und steckt sie in Brand! Sie, -die Brutstätten der Sklaven und Sklavenvögte. Täglich -schänden sie millionenfach die menschliche Würde, Millionen -von Sklaven, Hunderttausende von Sklavenvögten, -die die Peitsche schwingen, brüten die Verruchten jährlich -in Europa aus. In die fernsten Dörfer, Steppen und -Wälder senden sie versklavte und geschändete Gehirne, in -denen der unschuldige und reine Gedanke des Göttlichen -vernichtet wurde. Ämter, Schulen, Kirchen, Fabriken, -Werkstätten und das weite Land überschwemmen sie mit -Sklavenvögten, verdorben und blind vom Dünkel, so daß -sie den Bruder in ihrem Nächsten nicht mehr zu erkennen -vermögen! +die Brutstätten der Sklaven und Sklavenvögte. Täglich +schänden sie millionenfach die menschliche Würde, Millionen +von Sklaven, Hunderttausende von Sklavenvögten, +die die Peitsche schwingen, brüten die Verruchten jährlich +in Europa aus. In die fernsten Dörfer, Steppen und +Wälder senden sie versklavte und geschändete Gehirne, in +denen der unschuldige und reine Gedanke des Göttlichen +vernichtet wurde. Ämter, Schulen, Kirchen, Fabriken, +Werkstätten und das weite Land überschwemmen sie mit +Sklavenvögten, verdorben und blind vom Dünkel, so daß +sie den Bruder in ihrem Nächsten nicht mehr zu erkennen +vermögen! </p> <p> @@ -16951,10 +16918,10 @@ den Erdball in Schrecken halten, zerbrecht sie! </p> <p> -Schleift sie — werden sie rufen! — die Zeitungspaläste, -errichtet von den Mächtigen und Reichen der Erde zur -Verbreitung von Lüge und Betrug, zur Vergiftung und -Verführung der Nationen. +Schleift sie — werden sie rufen! — die Zeitungspaläste, +errichtet von den Mächtigen und Reichen der Erde zur +Verbreitung von Lüge und Betrug, zur Vergiftung und +Verführung der Nationen. </p> <p> @@ -16965,25 +16932,25 @@ Schleift sie und verbrennt sie! Reinigt Schulen und Kirchen, wo unschuldige Kinder und reine Seelen betrogen werden. Reinigt die Tempel, hinaus mit den falschen Priestern, die den Namen des -Erlösers auf den Lippen führen und den Mord der Nationen +Erlösers auf den Lippen führen und den Mord der Nationen predigen. Hinaus, hinaus! </p> <p> Hinaus, hinaus mit den eitlen Advokaten, den hartherzigen -Greifen, den selbstgefälligen Narren, die mit den -Schicksalen der Völker spielen, hinaus mit ihnen! +Greifen, den selbstgefälligen Narren, die mit den +Schicksalen der Völker spielen, hinaus mit ihnen! </p> <p> -Es wird Zeit, ihr Brüder, daß die Welt genese! +Es wird Zeit, ihr Brüder, daß die Welt genese! </p> <p> Zerbrecht und schleift die Zwingburgen des Goldes, -Tempel der Habgier, Kerker der Freiheit und des Glückes -aller Völker des Erdballs. Zerbrecht die Mauern aus -Stahl und Eisenbeton, wo die Plünderer ihre Schätze +Tempel der Habgier, Kerker der Freiheit und des Glückes +aller Völker des Erdballs. Zerbrecht die Mauern aus +Stahl und Eisenbeton, wo die Plünderer ihre Schätze gegen die Diebe verwahren! Zerbrecht sie! </p> @@ -16993,12 +16960,12 @@ nicht mehr untergehen! </p> <p> -Ach, in dieser Stunde, schwärzeste Mitternacht der -Völker, wird sie noch verschlungen vom Lärm der Kanonen . . . +Ach, in dieser Stunde, schwärzeste Mitternacht der +Völker, wird sie noch verschlungen vom Lärm der Kanonen . . . </p> <p> -Plötzlich aber stockte Ackermanns Schritt. Mit offenem +Plötzlich aber stockte Ackermanns Schritt. Mit offenem Munde stand er still. </p> @@ -17009,9 +16976,9 @@ das Gewimmel der Menge getreten. </p> <p> -Die Menschen schrien, schwangen die Hüte, eilten — -Flaggen wehten über den Linden, Flaggen in allen Farben, -allen Größen, flatterten lustig und heiter im herrlichen, +Die Menschen schrien, schwangen die Hüte, eilten — +Flaggen wehten über den Linden, Flaggen in allen Farben, +allen Größen, flatterten lustig und heiter im herrlichen, seidigen Blau des Himmels. </p> @@ -17026,50 +16993,50 @@ seidigen Blau des Himmels. <p> Wie die Sturmflut war das Heer vorgebrochen, -wenn die Dämme gerissen sind — ganz wie der General -es prophezeit hatte. Hunderte von Geschützen, Tausende, -Zehntausende von Gefangenen — eine Batterie trabte über -die Linden. Der Kaiser hatte befohlen, „Viktoria zu schießen“. +wenn die Dämme gerissen sind — ganz wie der General +es prophezeit hatte. Hunderte von Geschützen, Tausende, +Zehntausende von Gefangenen — eine Batterie trabte über +die Linden. Der Kaiser hatte befohlen, „Viktoria zu schießen“. </p> <p> -Die Stimmen schwirrten, Jubel fuhr dahin über die -Millionenstadt. Unaufhörlich mahlten die Drehtüren der -großen Hotels fröhliche Gesichter hinein und heraus. Die -Foyers der Hotels waren überfüllt, schon sah man Frühlingskleider -der Damen, während andere noch Pelze trugen. +Die Stimmen schwirrten, Jubel fuhr dahin über die +Millionenstadt. Unaufhörlich mahlten die Drehtüren der +großen Hotels fröhliche Gesichter hinein und heraus. Die +Foyers der Hotels waren überfüllt, schon sah man Frühlingskleider +der Damen, während andere noch Pelze trugen. Die Kellner schleppten die silbernen Tabletten, die Kapellen musizierten. Freude erhellte die Mienen. </p> <p> Ja, wunderbar war diese herrliche Armee, prachtvoll -diese Burschen, die kämpften und starben, wie in den ersten +diese Burschen, die kämpften und starben, wie in den ersten Tagen des Krieges, als sei der Tod ein Scherz. </p> <p> -Und diese Führung: unübertrefflich! +Und diese Führung: unübertrefflich! </p> <p> Zehntausende von Gefangenen — immer mehr, mit -jeder Stunde — die Beute unübersehbar — unübersehbar . . . +jeder Stunde — die Beute unübersehbar — unübersehbar . . . </p> <p> Oben auf dem Brandenburger Tor trieb die Viktoria -ihr Viergespann mit siegesgewissem Lächeln vorwärts. +ihr Viergespann mit siegesgewissem Lächeln vorwärts. </p> <p> -Fontänen von Extrablättern stiegen über den Linden in -die Höhe. Die Menschen ballten sich zu Knäueln, sie setzten +Fontänen von Extrablättern stiegen über den Linden in +die Höhe. Die Menschen ballten sich zu Knäueln, sie setzten ihr Leben ein, nur um ein Zeitungsblatt zu erhaschen, ganz wie die prachtvollen Burschen an der Front, die -durch zischende Eisenstücke sprangen. Schirme wurden zerbrochen, -die Damen verloren die Absätze von ihren Schuhen, -und die Taschendiebe griffen ohne jede Rücksicht einfach +durch zischende Eisenstücke sprangen. Schirme wurden zerbrochen, +die Damen verloren die Absätze von ihren Schuhen, +und die Taschendiebe griffen ohne jede Rücksicht einfach in die Taschen. </p> @@ -17084,42 +17051,42 @@ Armee vernichtet . . . </p> <p> -Furchtbar war dieser Winter gewesen, über alle Maßen -furchtbar! Unerträglich das Sterben ringsum, draußen +Furchtbar war dieser Winter gewesen, über alle Maßen +furchtbar! Unerträglich das Sterben ringsum, draußen <a id="page-282" class="pagenum" title="282"></a> und in der Heimat. Das Sterben, das sich sonst in gesitteten Formen vollzog, es war in Panik ausgeartet. Die Freunde -starben, die Dienstboten, die Kutscher fielen von den Kutschböcken, -auf der Straße starben die Unglücklichen, man +starben, die Dienstboten, die Kutscher fielen von den Kutschböcken, +auf der Straße starben die Unglücklichen, man sagte einem Gesunden „Gute Nacht“, und am Morgen hustete -er ein paarmal, und schon war er tot. Unerträglich, unerträglich, -Tag für Tag zwischen diesen wandelnden gelben und -grünen Leichen einherzugehen, diesen Gezeichneten, mit -dem Kuß der Verwesung auf der Stirn, selbst solch eine -wandelnde grüne und gelbe Leiche, selbst ein Gezeichneter! -Unerträglich! +er ein paarmal, und schon war er tot. Unerträglich, unerträglich, +Tag für Tag zwischen diesen wandelnden gelben und +grünen Leichen einherzugehen, diesen Gezeichneten, mit +dem Kuß der Verwesung auf der Stirn, selbst solch eine +wandelnde grüne und gelbe Leiche, selbst ein Gezeichneter! +Unerträglich! </p> <p> Und die Kinder! Nein, sprechen wir nicht von ihnen, diesen kleinen Gekreuzigten. Haben wir Mitleid! Geboren -als Krüppel, mit weichen Knochen, gummiweichen Schädeln, -ohne Nägel — und sie starben, siechten dahin an den welken -Brüsten verzweifelt weinender Mütter, auch aus den -Häusern der wohlhabenden Bürger wurden die kleinen, -rührenden Särge getragen. Zu Tausenden und Hunderttausenden +als Krüppel, mit weichen Knochen, gummiweichen Schädeln, +ohne Nägel — und sie starben, siechten dahin an den welken +Brüsten verzweifelt weinender Mütter, auch aus den +Häusern der wohlhabenden Bürger wurden die kleinen, +rührenden Särge getragen. Zu Tausenden und Hunderttausenden gingen sie dahin, ein Strom, Tag und Nacht. -Ja, so weit war es gekommen, ohne Übertreibung, wenn -auch die Zeitungen nichts darüber schreiben durften, es +Ja, so weit war es gekommen, ohne Übertreibung, wenn +auch die Zeitungen nichts darüber schreiben durften, es war England gelungen, zugestanden. Die Sache mit dem Burenkrieg seinerzeit war nur ein harmloses Vorspiel -gewesen. Gelungen, zugestanden. Hütet euch, ihr Völker +gewesen. Gelungen, zugestanden. Hütet euch, ihr Völker der Erde, seid gewarnt! Fordert nicht Englands Zorn heraus, -sein Blick tötet die Frucht eurer Weiber im Mutterleibe. +sein Blick tötet die Frucht eurer Weiber im Mutterleibe. </p> <p> -Unerträglich, völlig unerträglich war das ganze Dasein +Unerträglich, völlig unerträglich war das ganze Dasein geworden — und jetzt, war es nicht wie ein Schimmer von Hoffnung? </p> @@ -17129,46 +17096,46 @@ Vielleicht, vielleicht doch! </p> <p> -Vielleicht würde es zu Ende gehen? Vielleicht . . . +Vielleicht würde es zu Ende gehen? Vielleicht . . . </p> <p> -Alles war zum Einsatz hingegeben: Väter und Söhne, -Ernährer, Stützen des Alters, Hoffnung, Glück und Sinn +Alles war zum Einsatz hingegeben: Väter und Söhne, +Ernährer, Stützen des Alters, Hoffnung, Glück und Sinn des Lebens, Ehre, die Zukunft des ganzen Volkes, Gesundheit, -Vermögen, Vieh, Pferde, die Glocken aus den Kirchen, +Vermögen, Vieh, Pferde, die Glocken aus den Kirchen, <a id="page-283" class="pagenum" title="283"></a> -die Kochtöpfe aus den Küchen — und ein Geschlecht von -Neugeborenen — alles, auch das Gehirn unter der Schädeldecke +die Kochtöpfe aus den Küchen — und ein Geschlecht von +Neugeborenen — alles, auch das Gehirn unter der Schädeldecke — vielleicht, vielleicht . . . Die Generale hatten den -Wurf getan, die Kugel hüpfte über die glücklichen Nummern +Wurf getan, die Kugel hüpfte über die glücklichen Nummern — vielleicht . . . </p> <p> -Wie gefangene Tiere hinter den Gitterstäben tigerten -die Millionen an den Eisenstäben ihres Käfigs entlang und +Wie gefangene Tiere hinter den Gitterstäben tigerten +die Millionen an den Eisenstäben ihres Käfigs entlang und witterten hinaus. Es roch nach Befreiung — nicht wahr? Einst hatten ihre Nerven die Erde umspannt, sie waren durchgeschnitten worden und wimmerten. Einst waren sie -Menschen, hoffärtig und voller Fehler, aber doch Menschen, +Menschen, hoffärtig und voller Fehler, aber doch Menschen, jetzt waren sie gefangene Tiere geworden, Verworfene, Verbrecher, Parias, bespien und beschmutzt, Tag und Nacht, -vier Jahre lang. Die Luft selbst, die sie in ihrem Käfig -atmeten, war vergiftet. Hatte man nicht behauptet, daß +vier Jahre lang. Die Luft selbst, die sie in ihrem Käfig +atmeten, war vergiftet. Hatte man nicht behauptet, daß sie Fett aus Leichen kochten — hatte man nicht . . . Aufs -Rad geflochten und über langsamem Feuer geröstet. Unbeschützt -von einer Rotte von Unfähigen, die in ihren Ämtern -schlummerten, die Fingernägel polierten und erhaben +Rad geflochten und über langsamem Feuer geröstet. Unbeschützt +von einer Rotte von Unfähigen, die in ihren Ämtern +schlummerten, die Fingernägel polierten und erhaben waren, erhaben — einfach erhaben. </p> <p> -Die Gewaltigen, die Angebeteten und Vergötterten, sie -würden gewiß alles bis ins Kleinste berechnet und beachtet +Die Gewaltigen, die Angebeteten und Vergötterten, sie +würden gewiß alles bis ins Kleinste berechnet und beachtet haben, bevor sie sich entschlossen, alles hinzuwerfen — auch -das Gehirn unter der Schädeldecke — und die letzte halbe -Million zur Schlachtbank führten. +das Gehirn unter der Schädeldecke — und die letzte halbe +Million zur Schlachtbank führten. </p> <p> @@ -17180,39 +17147,39 @@ Komme, gebenedeiter Tag! </p> <p> -Die Zeitungsfrauen entflohen, die alten Männer, die +Die Zeitungsfrauen entflohen, die alten Männer, die Zeitungen feilhielten — sie entflohen — sie jagten die Linden hinunter — verfolgt von der Meute. An der Ecke -Linden-Friedrichstraße weinte eine Zeitungsfrau, man hatte -sie gänzlich ausgeplündert, ohne ans Bezahlen zu denken. +Linden-Friedrichstraße weinte eine Zeitungsfrau, man hatte +sie gänzlich ausgeplündert, ohne ans Bezahlen zu denken. </p> <p> -Siebzig Millionen strichen wie Irrsinnige an den Gitterstäben +Siebzig Millionen strichen wie Irrsinnige an den Gitterstäben entlang — und die Armee hatte einen Ausfall -gewagt, einen glückverheißenden Ausfall. +gewagt, einen glückverheißenden Ausfall. </p> <p> <a id="page-284" class="pagenum" title="284"></a> -Verheißungsvoll flatterten die Flaggen im seidigen Blau -des Himmels. Hell funkelte die goldene Göttin auf der -Siegessäule. +Verheißungsvoll flatterten die Flaggen im seidigen Blau +des Himmels. Hell funkelte die goldene Göttin auf der +Siegessäule. </p> <p> Die Riesenstadt erbebte bis in die entlegensten Vororte. -Überall flatterten die Zeitungsblätter. Die Kolonnen der +Überall flatterten die Zeitungsblätter. Die Kolonnen der gelben Gesichter selbst belebte die Hoffnung. Die Bewegungen -der Erschöpften und Ermüdeten in den Werkstätten -wurden rascher. Verheißungsvoll zischte der Dampf, -blitzten die Räder. +der Erschöpften und Ermüdeten in den Werkstätten +wurden rascher. Verheißungsvoll zischte der Dampf, +blitzten die Räder. </p> <p> -Selbst in den Augen jener, über die bereits die Agonie +Selbst in den Augen jener, über die bereits die Agonie ihre Schatten breitete, in den Augen der Verzweifelten, -Hungernden, Verhungernden, Sterbenden ersprühte eine +Hungernden, Verhungernden, Sterbenden ersprühte eine leise Hoffnung, der letzte Funke. </p> @@ -17234,12 +17201,12 @@ aus dem Siebziger Krieg Viktoria. </p> <p> -Über den Linden brummt ein Riesenflugzeug, zehn +Über den Linden brummt ein Riesenflugzeug, zehn Menschen sind an Bord. Wer sollte es ahnen? Es ist immerhin noch einiges im Lande, nicht viel, aber noch einiges: -zum Beispiel die Haare der Frauen für Seile und Webwaren, +zum Beispiel die Haare der Frauen für Seile und Webwaren, das Gold in den Gebissen. Die Generale und -Gamaschenträger werden nicht zögern. +Gamaschenträger werden nicht zögern. </p> <h3 class="no" id="subchap-2-1-8"> @@ -17247,7 +17214,7 @@ Gamaschenträger werden nicht zögern. </h3> <p class="first"> -<span class="firstchar">P</span>lötzlich leuchtet ein helles Rot durch die Menge, das +<span class="firstchar">P</span>lötzlich leuchtet ein helles Rot durch die Menge, das weithin blendende Rot eines Mantelaufschlages. </p> @@ -17258,49 +17225,49 @@ Ausgang der Sonne, wandelt die Linden einher. <p> <a id="page-285" class="pagenum" title="285"></a> -Die Spaziergänger bleiben neugierig stehen. Einer von -jenen, die Gut und Blut der Nation in den Händen halten! -Ehrfürchtig lüften sich die Hüte, die Augen glänzen. +Die Spaziergänger bleiben neugierig stehen. Einer von +jenen, die Gut und Blut der Nation in den Händen halten! +Ehrfürchtig lüften sich die Hüte, die Augen glänzen. </p> <p> -Es hätte nicht viel gefehlt, und man hätte dem General, +Es hätte nicht viel gefehlt, und man hätte dem General, der mit Otto die Linden entlangging, eine Ovation dargebracht, obgleich er an den Zehntausenden von Gefangenen -gänzlich unschuldig war. Der General hob die Hand zum -Gruße. Er nahm diese Äußerung der Begeisterung mit -Würde und Bescheidenheit entgegen. Sie galt selbstverständlich +gänzlich unschuldig war. Der General hob die Hand zum +Gruße. Er nahm diese Äußerung der Begeisterung mit +Würde und Bescheidenheit entgegen. Sie galt selbstverständlich nicht ihm, sie galt der unvergleichlichen Armee, -sie galt den Begnadeten, Angebeteten und Vergötterten, +sie galt den Begnadeten, Angebeteten und Vergötterten, die jetzt, in diesem Augenblick, das hohe Spiel spielten — -da draußen . . . +da draußen . . . </p> <p> Die Miene des Generals war verschlossen und gesammelt -wie immer. Trotzdem ein großer, ja ein auffallender -Unterschied! Während sich sonst der Blick in die grauen -Augenhöhlen verkroch — selten nur, höchst selten bot der +wie immer. Trotzdem ein großer, ja ein auffallender +Unterschied! Während sich sonst der Blick in die grauen +Augenhöhlen verkroch — selten nur, höchst selten bot der General seine Augen den neugierigen, zudringlichen Blicken der Mitmenschen dar — standen heute die Augen offen -und blendeten. Ihr Blick war erwärmt, wie wenn die +und blendeten. Ihr Blick war erwärmt, wie wenn die Sonne das Eis leckt. Zufriedenheit leuchtete in der Tiefe -und Triumph, ein stiller, zurückgedämmter Triumph. Und -zudem ging der General zu Fuß, was nur in äußerst seltenen -Fällen vorkam. Zuweilen ließ er sich von Schwerdtfeger +und Triumph, ein stiller, zurückgedämmter Triumph. Und +zudem ging der General zu Fuß, was nur in äußerst seltenen +Fällen vorkam. Zuweilen ließ er sich von Schwerdtfeger in eine entlegene Allee des Tiergartens fahren, um einige -Minuten spazierenzugehen, immer hin und her, die Hände -auf dem Rücken, höchstens eine Viertelstunde. Manchmal -legte er auch den Weg von Dora nach Hause zu Fuß zurück, -wenn es spät wurde. Aber das waren, wie gesagt, Ausnahmen. +Minuten spazierenzugehen, immer hin und her, die Hände +auf dem Rücken, höchstens eine Viertelstunde. Manchmal +legte er auch den Weg von Dora nach Hause zu Fuß zurück, +wenn es spät wurde. Aber das waren, wie gesagt, Ausnahmen. </p> <p> Er hatte Schwerdtfeger vor dem Brandenburger Tore halten lassen und beschlossen, den Weg bis zu Stifters -Diele zu Fuß zurückzulegen. Zur großen Genugtuung +Diele zu Fuß zurückzulegen. Zur großen Genugtuung Ottos, der, seit acht Tagen aus dem Lazarett entlassen -und den ganzen Tag in einem Kriegsamt tätig, das Gewimmel +und den ganzen Tag in einem Kriegsamt tätig, das Gewimmel der Menschen liebte. </p> @@ -17311,54 +17278,54 @@ der Menschen liebte. <p> Und erst an jenem Tage, wie da die Linden von Menschen -wimmeln würden — an jenem Tage! Kopf an Kopf, -an den Fenstern und auf den Balkonen, schwarz die Dächer, -die Luft erfüllt von Fliegern und Luftkreuzern. Triumphpforten, +wimmeln würden — an jenem Tage! Kopf an Kopf, +an den Fenstern und auf den Balkonen, schwarz die Dächer, +die Luft erfüllt von Fliegern und Luftkreuzern. Triumphpforten, die ganzen Linden entlang, Musik — und der -Schritt der siegreichen Armee, die in die Heimat zurückkehrte, -dröhnend vom Morgengrauen bis zum Sinken der -Sonne — jenes Dröhnen, unter dem die Welt erbebt war. -Die Fahnen geschmückt mit Lorbeer . . . +Schritt der siegreichen Armee, die in die Heimat zurückkehrte, +dröhnend vom Morgengrauen bis zum Sinken der +Sonne — jenes Dröhnen, unter dem die Welt erbebt war. +Die Fahnen geschmückt mit Lorbeer . . . </p> <p> Niemals konnte der General das Brandenburger Tor -passieren, ohne daß die Vision des heimkehrenden Heeres -vor ihm aufstieg. Heute aber hörte er in der Tat das Dröhnen -der Schritte, heute sah er die bekränzten Kanonen zwischen +passieren, ohne daß die Vision des heimkehrenden Heeres +vor ihm aufstieg. Heute aber hörte er in der Tat das Dröhnen +der Schritte, heute sah er die bekränzten Kanonen zwischen den schwarzen Menschenmauern rollen. Diese wunderbaren, schweigenden Rohre, die so herrlich ihre Pflicht -getan hatten! Das Geschrei der jubelnden Menge, Tücherwinken -auf den Tribünen — gab es etwas Ergreifendes -für ihn, etwas wirklich Ergreifendes, so war es dieser Gedanke. -Ohne Zweifel, es würde der glücklichste Tag seines +getan hatten! Das Geschrei der jubelnden Menge, Tücherwinken +auf den Tribünen — gab es etwas Ergreifendes +für ihn, etwas wirklich Ergreifendes, so war es dieser Gedanke. +Ohne Zweifel, es würde der glücklichste Tag seines Lebens werden! </p> <p> -Unverkennbar, die Ähnlichkeit der beiden! Dieselben +Unverkennbar, die Ähnlichkeit der beiden! Dieselben breiten Gesichter, beim Alten grau im Unterton, mit einem -dünnen Anflug von Rot darüber, beim Jungen bleich, mit +dünnen Anflug von Rot darüber, beim Jungen bleich, mit dem satteren Rot der Jugend auf den Lippen. Dieselben -Augen, kühn und nachdenklich beim Alten, verwegen und +Augen, kühn und nachdenklich beim Alten, verwegen und leichtsinnig beim Jungen. </p> <p> Der Alte mit einem sonderbaren Kreuz zwischen den -roten Aufschlägen, der Junge die Brust mit Auszeichnungen -übersät, eine Narbe an der Stirn, und die linke Hand steif +roten Aufschlägen, der Junge die Brust mit Auszeichnungen +übersät, eine Narbe an der Stirn, und die linke Hand steif in einem schwarzen Handschuh, verwundet, offenbar. -Beide groß, massig. +Beide groß, massig. </p> <p> Otto versuchte, mit dem Vater Schritt zu halten. Das war nicht so einfach. Denn die Schritte des Generals -waren unregelmäßig, und zuweilen schwankte er auch, +waren unregelmäßig, und zuweilen schwankte er auch, <a id="page-287" class="pagenum" title="287"></a> -unmerklich. Er war das Gehen nicht gewöhnt, von Gedanken -erfüllt, die seinen Gang beeinflußten. +unmerklich. Er war das Gehen nicht gewöhnt, von Gedanken +erfüllt, die seinen Gang beeinflußten. </p> <p> @@ -17366,111 +17333,111 @@ Der Blick des Generals war voller Ruhe in die Weite gerichtet — Ottos Blick dagegen flog blitzschnell hin und her. Die langen Wochen im Lazarett, vergessen und vorbei. Das letztemal, Gott sei Dank! Er hatte es ausgerechnet, -ein volles Jahr, zwölf volle Monate lag er während des +ein volles Jahr, zwölf volle Monate lag er während des Krieges im Lazarett. Vier volle Monate mit diesem verdammten -Kopfschuß, einen Monat mit der Ruhr, zwei +Kopfschuß, einen Monat mit der Ruhr, zwei Monate mit einer niedlichen Gasvergiftung und so weiter — -und schließlich diese Kleinigkeit mit der Hand. Die nette +und schließlich diese Kleinigkeit mit der Hand. Die nette Schwester hatte ihm ja den Aufenthalt im Lazarett so -angenehm wie möglich gemacht, trotzdem, sein Bedarf war +angenehm wie möglich gemacht, trotzdem, sein Bedarf war reichlich gedeckt. </p> <p> -Nein, Otto sah keine bekränzten Kanonen, fiel ihm gar +Nein, Otto sah keine bekränzten Kanonen, fiel ihm gar nicht ein, er sah nur — Frauen! Drei Jahre Front, nur -Männer, pfui! — ein Jahr Lazarett — ja also nichts -anderes. Über jede gutgekleidete, junge Frau, mit anderen -beschäftigte er sich überhaupt nicht, zuckte sein verwegenes -Auge. Kein Knöchel, kein Schuh, keine Hüfte, keine Locke +Männer, pfui! — ein Jahr Lazarett — ja also nichts +anderes. Über jede gutgekleidete, junge Frau, mit anderen +beschäftigte er sich überhaupt nicht, zuckte sein verwegenes +Auge. Kein Knöchel, kein Schuh, keine Hüfte, keine Locke entging ihm. Jene Kleine, zum Beispiel, Dutzendware! Jene Kleine aber, unscheinbar, voller Geheimnisse. Jene dunkle, die das Auge sofort unter dem Blick erweiterte — -lüstern! Aber jene Schüchterne, Blasse, die dem Blick augenblicklich -auswich — gepeinigt von entsetzlichen Wünschen. +lüstern! Aber jene Schüchterne, Blasse, die dem Blick augenblicklich +auswich — gepeinigt von entsetzlichen Wünschen. Sie verstand augenblicklich. </p> <p> -Die Augen der Frauen sprühten auf, zuckten zusammen, +Die Augen der Frauen sprühten auf, zuckten zusammen, verbargen sich. Manche umschmeichelte Otto weich und -schwärmerisch, anderen fuhr sein Blick wie ein Dolch in +schwärmerisch, anderen fuhr sein Blick wie ein Dolch in die Augen, brutal und unzweideutig. Er behandelte sie -individuell, ganz wie er sie einschätzte. Viele erröteten -unter dem frechen Blick des unverschämten Offiziers. -Aber Ottos Eitelkeit deutete die Schamröte völlig falsch. +individuell, ganz wie er sie einschätzte. Viele erröteten +unter dem frechen Blick des unverschämten Offiziers. +Aber Ottos Eitelkeit deutete die Schamröte völlig falsch. </p> <p> Dieser Nacken, dieses Schenkelpaar und jenes herrliche, -volle Wiegen der Hüfte — drei Jahre Front und ein +volle Wiegen der Hüfte — drei Jahre Front und ein <a id="page-288" class="pagenum" title="288"></a> -Jahr Lazarett hatten den Sohn des Generals völlig -zerstört. +Jahr Lazarett hatten den Sohn des Generals völlig +zerstört. </p> <p> -Ja, das war das Leben, und er gedachte seine Zähne -in dieses Leben zu schlagen, wie ein Tiger sein Gebiß in -die Gazelle schlägt, er gedachte mit beiden Händen darin -zu wühlen, wie in blutigem Fleisch. Sein Gehirn war -angefüllt mit weiblichen Körpern, weiblichen Linien, +Ja, das war das Leben, und er gedachte seine Zähne +in dieses Leben zu schlagen, wie ein Tiger sein Gebiß in +die Gazelle schlägt, er gedachte mit beiden Händen darin +zu wühlen, wie in blutigem Fleisch. Sein Gehirn war +angefüllt mit weiblichen Körpern, weiblichen Linien, Schwellungen, Frauenlippen, Frauenhaaren, gestammelten Worten, Schreien. Ja, Tag und Nacht wollte er dieses -Leben an sich reißen, jede Minute, die der Dienst frei ließ. +Leben an sich reißen, jede Minute, die der Dienst frei ließ. Er wollte sie nachholen, diese vier elend vergeudeten Jahre. Tag um Tag — </p> <p> -Keine zehn Pferde würden mehr imstande sein, ihn -wieder zur Front, ins Feuer zurückzubringen. Alles, die -Hölle, wenn du willst, nur nicht ein Ort, wo scharf geschossen -wurde! Schon der Gedanke — und doch, früher hatte er -sich oft danach gesehnt, die Sprengstücke pfeifen zu hören. -Oft hatte er sich dem Feuer absichtlich ausgesetzt, unverständliche, +Keine zehn Pferde würden mehr imstande sein, ihn +wieder zur Front, ins Feuer zurückzubringen. Alles, die +Hölle, wenn du willst, nur nicht ein Ort, wo scharf geschossen +wurde! Schon der Gedanke — und doch, früher hatte er +sich oft danach gesehnt, die Sprengstücke pfeifen zu hören. +Oft hatte er sich dem Feuer absichtlich ausgesetzt, unverständliche, perverse Laune — und die Geschosse peitschten dicht an seinem Ohr vorbei! — unbegreiflich! </p> <p> -Und seine Eitelkeiten — wie lächerlich waren sie doch! -Wie unverständlich. Um in der Heimat von ein paar Gänsen +Und seine Eitelkeiten — wie lächerlich waren sie doch! +Wie unverständlich. Um in der Heimat von ein paar Gänsen bewundert zu werden! Was galten ihm jetzt die Ordensauszeichnungen? </p> <p> Nein, um offen zu sein, auf den Heldentod legte er -keinen Wert mehr! Welch erbärmlicher Schwindel war -es doch: süß ist es und ehrenvoll für das Vaterland zu +keinen Wert mehr! Welch erbärmlicher Schwindel war +es doch: süß ist es und ehrenvoll für das Vaterland zu sterben! Nur noch Gymnasiasten glaubten es, oder Leute, -die nie den schrecklichen Tod da draußen erblickt hatten. -Heute wußte er, daß es nichts als verlogene Phrasen waren, +die nie den schrecklichen Tod da draußen erblickt hatten. +Heute wußte er, daß es nichts als verlogene Phrasen waren, mit denen nationalistische Redner und Redakteure, die sich selbst in Sicherheit befanden, andere ins Gemetzel hetzten. -Überlassen wir das Heldentum den Stierkämpfern, die dafür -bezahlt werden, hatte Ströbel einmal zu ihm gesagt — und +Überlassen wir das Heldentum den Stierkämpfern, die dafür +bezahlt werden, hatte Ströbel einmal zu ihm gesagt — und er hatte ihn deswegen verachtet. Jetzt aber begriff er ihn. </p> <p> <a id="page-289" class="pagenum" title="289"></a> -Ja, er hatte sich sehr geändert, Otto! +Ja, er hatte sich sehr geändert, Otto! </p> <p> Er begriff kaum mehr sein Denken und Tun, das nur -ein Jahr zurücklag. War er es wirklich gewesen? +ein Jahr zurücklag. War er es wirklich gewesen? </p> <p> Zum Beispiel, als er seinerzeit bei Langemarck den -schwerverwundeten französischen Offizier in den Graben -holte! Holte, ganz einfach holte, und auf alle Metallstücke -pfiff, die sich mit fünfhundert oder tausend Metern in -der Sekunde vorwärts bewegten. Nein, heute würde er, +schwerverwundeten französischen Offizier in den Graben +holte! Holte, ganz einfach holte, und auf alle Metallstücke +pfiff, die sich mit fünfhundert oder tausend Metern in +der Sekunde vorwärts bewegten. Nein, heute würde er, Otto, bei Gott niemand mehr hereinholen — nicht einmal -seinen Vater — höchstens ein schönes, junges Mädchen, +seinen Vater — höchstens ein schönes, junges Mädchen, und sie nur unter bestimmten Bedingungen. </p> @@ -17478,7 +17445,7 @@ und sie nur unter bestimmten Bedingungen. Der Sohn des Generals war heute nichts anderes mehr als ein Schamloser, offen gesagt. Keck und herausfordernd schritt er neben dem General einher, jeden einzelnen der -bewundernden Blicke genießend, die sich auf seine glitzernden +bewundernden Blicke genießend, die sich auf seine glitzernden Sterne und Auszeichnungen hefteten. Der Mensch spiegelt sich im Menschen. Wie alle Armeen, spekulierte auch die deutsche auf den armseligsten Instinkt des Menschen, die @@ -17495,51 +17462,51 @@ gelassen, obschon es noch keineswegs warm war. </p> <p> -„Diese Menschen, sie sind närrisch!“ +„Diese Menschen, sie sind närrisch!“ </p> <p> -Plötzlich errötete Otto. Sein Blick zuckte unruhig, die -Narbe an seiner Schläfe, die von dem Kopfschuß geblieben -war, färbte sich rasch und flüchtig tiefrot. Ein schnelles, -vornehmes, offenes Auto rauschte vorbei und darin saß — +Plötzlich errötete Otto. Sein Blick zuckte unruhig, die +Narbe an seiner Schläfe, die von dem Kopfschuß geblieben +war, färbte sich rasch und flüchtig tiefrot. Ein schnelles, +vornehmes, offenes Auto rauschte vorbei und darin saß — Hedi! </p> <p> -Hedi — in einem pompösen Pelz, wehende Federn auf +Hedi — in einem pompösen Pelz, wehende Federn auf dem Hute — einen wollhaarigen, fetten, kleinen Hund -auf dem Schoß. +auf dem Schoß. </p> <p> -Sie sah ihn nicht, sie sah überhaupt nicht auf die Straße. -Sie saß wie eine Dame, die es gewöhnt ist, in ihrem Wagen +Sie sah ihn nicht, sie sah überhaupt nicht auf die Straße. +Sie saß wie eine Dame, die es gewöhnt ist, in ihrem Wagen durch die Menge zu gleiten und nichts mehr dabei findet. </p> <p> -Es war keine Überraschung mehr für Otto. Vor ein +Es war keine Überraschung mehr für Otto. Vor ein <a id="page-290" class="pagenum" title="290"></a> paar Tagen traf er in einer Teestube Unter den Linden, wo viel Halbwelt verkehrte, die kleine Saharet, und sie -hatte ihm erzählt, daß Hedi Ströbels „Privatsekretärin“ -geworden war. Ströbel hatte die Saharet vor die Türe -gesetzt, höchst einfach, ein paar braune Lappen — und dann +hatte ihm erzählt, daß Hedi Ströbels „Privatsekretärin“ +geworden war. Ströbel hatte die Saharet vor die Türe +gesetzt, höchst einfach, ein paar braune Lappen — und dann war die andere, wie die Saharet sagte, gekommen. Also Hedi Westphal die Nachfolgerin der Saharet! War es -nicht zum Schießen komisch? Immerhin, Hedi erhob sich -weit über den Durchschnitt all dieser schnatternden Gänse — +nicht zum Schießen komisch? Immerhin, Hedi erhob sich +weit über den Durchschnitt all dieser schnatternden Gänse — aber sie war kalt, kalt und berechnend, nichts als eine Egoistin. Und nichts war Otto mehr zuwider als Egoisten. -Aber als Privatsekretärin hätte er Hedi schließlich auch -engagiert. Ja, dieser Ströbel! +Aber als Privatsekretärin hätte er Hedi schließlich auch +engagiert. Ja, dieser Ströbel! </p> <p> -Einen einzigen großen Nachteil hatte diese Angelegenheit: -er würde leider gezwungen sein, den Verkehr in -Ströbels „Hotel“ einzustellen — schade, sehr schade. +Einen einzigen großen Nachteil hatte diese Angelegenheit: +er würde leider gezwungen sein, den Verkehr in +Ströbels „Hotel“ einzustellen — schade, sehr schade. </p> <h3 class="no" id="subchap-2-1-9"> @@ -17549,7 +17516,7 @@ Ströbels „Hotel“ einzustellen — schade, sehr schade. <p class="first"> <span class="firstchar">S</span>ogar bis in Stifters Diele war die Welle der Begeisterung gedrungen. Man vernahm heute sogar -Lachen, das helle Lachen einer Dame, ein sonst ganz unerhörter +Lachen, das helle Lachen einer Dame, ein sonst ganz unerhörter Vorgang in Stifters Etablissement. Knall! Schon knallte es, ganz wie an der Front, wenn die Flieger kamen. Drei, vier Tische tranken Sekt. @@ -17557,40 +17524,40 @@ Drei, vier Tische tranken Sekt. <p> Man feierte den Sieg, wollte nicht kleinlich sein heute, -ein Glas auf das Wohl der herrlichen Burschen da draußen +ein Glas auf das Wohl der herrlichen Burschen da draußen leeren. Die beiden Rittmeister, die den General zuweilen irritierten, hatten einen ganzen Kreis von Freunden geladen, und der raunende Oberkellner schleppte Flaschen -unter beiden Armen. Ein Toast — und dreimal, gedämpft, +unter beiden Armen. Ein Toast — und dreimal, gedämpft, aber begeistert, hurra! Die Kelche klirrten. </p> <p> Mit Neid beobachtete Otto die Ausgelassenheit nebenan. -Wie gerne wäre er bei ihnen unten gewesen. Ja, man +Wie gerne wäre er bei ihnen unten gewesen. Ja, man <a id="page-291" class="pagenum" title="291"></a> -mußte es ihnen lassen, sie legten ein ordentliches Tempo +mußte es ihnen lassen, sie legten ein ordentliches Tempo vor! Papas Gesellschaft dagegen — nun Gott sei Dank war es nur dieser eine Abend. Er hatte es Papa heute -nicht abschlagen können. Schließlich war er ja um zehn Uhr, -elf Uhr spätestens frei. Von elf Uhr an wurde er erwartet. +nicht abschlagen können. Schließlich war er ja um zehn Uhr, +elf Uhr spätestens frei. Von elf Uhr an wurde er erwartet. </p> <p> -Schweigend nahm der General die ersten Gänge ein. +Schweigend nahm der General die ersten Gänge ein. Seine Augen waren geweitet, und der Blick ging in die Ferne. Er dachte an den 4., 5. und 6. August — damals, Quatre vents! </p> <p> -Er hörte deutlich das Feuer, das furchtbare Feuer, das -damals rings um ihn tobte — so, genau so, würde es heute -da draußen toben, rollen wie die Brandung eines höllischen +Er hörte deutlich das Feuer, das furchtbare Feuer, das +damals rings um ihn tobte — so, genau so, würde es heute +da draußen toben, rollen wie die Brandung eines höllischen Meeres — von Horizont zu Horizont. Krachen, Stampfen, -der Himmel stürzt ein, und die Erde klafft in Spalten. Ja, +der Himmel stürzt ein, und die Erde klafft in Spalten. Ja, sie sollen es jetzt nur schmecken, das Gelbkreuz und Blaukreuz -— diese Unbelehrbaren! Ein Lächeln ohne Erbarmen, +— diese Unbelehrbaren! Ein Lächeln ohne Erbarmen, voll grausamen Triumphs, umspielte die blauen Lippen des Generals. </p> @@ -17601,52 +17568,52 @@ sich. Aber, was er nicht sah, das war der kleine, krummbeinige Schneider Hanuschke — der seinerzeit, als Ordonnanz, versehentlich in sein Arbeitszimmer rannte, und den Unwillen Seiner Exzellenz erregte — dieser Schneider -Hanuschke, mit dem Querschläger zwischen den Mausaugen, +Hanuschke, mit dem Querschläger zwischen den Mausaugen, der in dieser Minute, da der General einen Spargel durch -die Zähne zog, um sein Leben lief. Nein, ihn sah er nicht. +die Zähne zog, um sein Leben lief. Nein, ihn sah er nicht. </p> <p> Wie ein Blitz fegte der kleine, krummbeinige Hanuschke -über einen zerwühlten Acker und verschwand in derselben +über einen zerwühlten Acker und verschwand in derselben Sekunde in einer Erdspalte, da der General die ausgesogene Spargelstange auf den Teller legte. </p> <p> Man hatte ihn zu den Strippenflickern kommandiert, -das heißt sie mußten die zerstörten Telephonleitungen -ausbessern. Eine böse Sache. +das heißt sie mußten die zerstörten Telephonleitungen +ausbessern. Eine böse Sache. </p> <p> Im gleichen Augenblick knallte es auch schon, und Hanuschke zog den Kopf ein. Dann wischte er sich mit dem <a id="page-292" class="pagenum" title="292"></a> -Ärmel den Schweiß vom Gesicht — ganz wie damals, als +Ärmel den Schweiß vom Gesicht — ganz wie damals, als er das Arbeitszimmer des Generals hinter sich hatte, mit der gleichen Bewegung — und schon flitzte er wieder wie -das Wetter selbst über den Acker, und schon stürzte er sich +das Wetter selbst über den Acker, und schon stürzte er sich wieder in ein Loch hinein, diesmal in einen Granattrichter. Dieser Teufel, dieser verfluchte Teufel, keuchte er und -horchte — (der General goß eben Fachinger in sein Glas) — +horchte — (der General goß eben Fachinger in sein Glas) — niemals in seinem Leben hatte der Schneider etwas Derartiges -erlebt. Er, er ganz persönlich, wurde von einem -englischen Flieger verfolgt, der ihn für einen Meldeläufer -oder Gott weiß was hielt. Dieser Teufel ging bis auf -zehn Meter herunter, erspähte ihn immer wieder und +erlebt. Er, er ganz persönlich, wurde von einem +englischen Flieger verfolgt, der ihn für einen Meldeläufer +oder Gott weiß was hielt. Dieser Teufel ging bis auf +zehn Meter herunter, erspähte ihn immer wieder und warf kleine Bomben herab. Er sah deutlich sein Gesicht, die kleine Bombe in der Hand, selbst den gestutzten kleinen -Schnurrbart über den Zähnen — dieses Granatloch bot -keine genügende Deckung, und wieder schoß der kleine -Schneider dahin — jenem Wäldchen zu: erreichte er es, -so war er gerettet. Der Schweiß rann ihm in Strömen -übers Gesicht. Solch ein Teufel, ein verfluchter! — +Schnurrbart über den Zähnen — dieses Granatloch bot +keine genügende Deckung, und wieder schoß der kleine +Schneider dahin — jenem Wäldchen zu: erreichte er es, +so war er gerettet. Der Schweiß rann ihm in Strömen +übers Gesicht. Solch ein Teufel, ein verfluchter! — </p> <p> Der General zog eine neue Spargelstange durch die -Zähne. +Zähne. </p> <p> @@ -17668,41 +17635,41 @@ Gewohnheit. <p> Der General, in Gedanken, schwieg eine Weile, dann -begann er wieder: „Ich meine — für dich muß es doch -unerträglich sein, nicht an der Front zu sein — gerade +begann er wieder: „Ich meine — für dich muß es doch +unerträglich sein, nicht an der Front zu sein — gerade jetzt?“ </p> <p> -Otto errötete. +Otto errötete. </p> <p> -„Jetzt, wo für ein Jahrhundert oder länger der Lauf +„Jetzt, wo für ein Jahrhundert oder länger der Lauf der Geschichte bestimmt wird. In vier Wochen vielleicht, sagt der Arzt?“ </p> <p> -„Vier Wochen ist der früheste Termin.“ +„Vier Wochen ist der früheste Termin.“ </p> <p> <a id="page-293" class="pagenum" title="293"></a> -„Der früheste —?“ der General wiegte bedauernd den -Kopf. „Weiß Gott, wie die Lage in vier Wochen sein +„Der früheste —?“ der General wiegte bedauernd den +Kopf. „Weiß Gott, wie die Lage in vier Wochen sein wird, wenn es so weitergeht.“ </p> <p> Nun, Gott mochte es wissen und seine Freude daran -haben, ihm, Otto, war es höchst einerlei. Er glaubte nicht +haben, ihm, Otto, war es höchst einerlei. Er glaubte nicht recht daran, diese ganze Sache kam ihm abenteuerlich im -höchsten Maße vor. Er ergriff die Gelegenheit und brachte -dem Vater schonend bei, daß er sich im Westen, in der -Nähe seines neuen Amtes, ein Zimmer gemietet hatte, +höchsten Maße vor. Er ergriff die Gelegenheit und brachte +dem Vater schonend bei, daß er sich im Westen, in der +Nähe seines neuen Amtes, ein Zimmer gemietet hatte, weil der Dienst schon morgens um sieben Uhr begann. -Die Wahrheit war, daß er sich der väterlichen Kontrolle +Die Wahrheit war, daß er sich der väterlichen Kontrolle entziehen wollte. </p> @@ -17717,7 +17684,7 @@ Drei kurze Hurras, schon etwas lauter: der Kaiser! </p> <p> -Der Takt gebot, während des Toastes zu schweigen. — +Der Takt gebot, während des Toastes zu schweigen. — </p> <p> @@ -17727,51 +17694,51 @@ ihm? <p> Der kleine, krummbeinige Schneider fegte immer noch -über das Feld, dem rettenden Wäldchen entgegen. Sein +über das Feld, dem rettenden Wäldchen entgegen. Sein Hemd, soweit man von einem Hemd reden konnte, klebte -naß an seinem Körper. Hatte man je während dieses -ganzen Weltkrieges davon gehört, daß man einzelne Leute -mit Flugzeugen jagte? Über diesem Wäldchen zerplatzten +naß an seinem Körper. Hatte man je während dieses +ganzen Weltkrieges davon gehört, daß man einzelne Leute +mit Flugzeugen jagte? Über diesem Wäldchen zerplatzten Schrapnelle, gelbe und graue Spinnen, aber das war -schließlich das Paradies gegen diesen englischen Doppeldecker. +schließlich das Paradies gegen diesen englischen Doppeldecker. Seine zerfetzten Hosen klebten an den Schenkeln. -Er setzte über einen gefallenen deutschen Artilleristen, der +Er setzte über einen gefallenen deutschen Artilleristen, der mit aufgeschlitztem Hals dalag, hinweg — schon brauste das Brummen wieder hinter ihm her. Da aber schrie -Hanuschke vor Entsetzen auf. Der Engländer mit seinem +Hanuschke vor Entsetzen auf. Der Engländer mit seinem gestutzten, kleinen Schnurrbart schien jetzt aufs Ganze zu -gehen. Er flog dicht über dem Boden, und schien es darauf -anzulegen, ihn zu überfahren. Er hatte neulich gesehen, +gehen. Er flog dicht über dem Boden, und schien es darauf +anzulegen, ihn zu überfahren. Er hatte neulich gesehen, <a id="page-294" class="pagenum" title="294"></a> wie ein deutscher Beobachter mit dem Fallschirm aus einem Fesselballon absprang, den ein feindlicher Flieger in -Brand schoß. Sollte man es für möglich halten: der feindliche -Flieger kam zurück und schoß auf den mit dem Fallschirm -abstürzenden Beobachter, der verzweifelt mit den +Brand schoß. Sollte man es für möglich halten: der feindliche +Flieger kam zurück und schoß auf den mit dem Fallschirm +abstürzenden Beobachter, der verzweifelt mit den Beinen ruderte. Das sah komisch aus, wie er in der Luft ruderte, und er, mit anderen Kameraden, hatte laut aufgelacht — aber diese Sache war nicht zum Lachen. Im Gegenteil, dem Schneider passierte etwas, was ihm seit dem ersten Gefecht nicht passiert war. Im letzten Augenblick -warf er sich zu Boden, und die Maschine rauschte über -ihn hinweg. In voller Geschwindigkeit stießen die Räder -auf den Boden, daß der Staub aufwirbelte, und die Maschine +warf er sich zu Boden, und die Maschine rauschte über +ihn hinweg. In voller Geschwindigkeit stießen die Räder +auf den Boden, daß der Staub aufwirbelte, und die Maschine wie ein Ball geworfen wurde. Sollte er verrecken, der -Teufel! Aber der Teufel kletterte in die Höhe und drehte +Teufel! Aber der Teufel kletterte in die Höhe und drehte wieder um. In seiner Verzweiflung lief der kleine Schneider -ihm entgegen, durch, krach, aber durch, Glück mußte man -haben. Wirbelnd wie eine Windmühle, mit Beinen und -Armen fegte er dem Wäldchen zu. Plötzlich aber versank -buchstäblich der Boden vor seinen Füßen. Er stürzte und +ihm entgegen, durch, krach, aber durch, Glück mußte man +haben. Wirbelnd wie eine Windmühle, mit Beinen und +Armen fegte er dem Wäldchen zu. Plötzlich aber versank +buchstäblich der Boden vor seinen Füßen. Er stürzte und wurde von einer Welle von Erde zugedeckt. Er rang nach -Luft, übergab sich und machte sich bleich und völlig kraftlos +Luft, übergab sich und machte sich bleich und völlig kraftlos von der Erde frei. Etwas ganz Unerwartetes war geschehen, etwas, womit er gar nicht gerechnet hatte: eine Granate hatte eingeschlagen. </p> <p> -Zitternd taumelte er vorwärts, keine Kraft mehr. Sein +Zitternd taumelte er vorwärts, keine Kraft mehr. Sein Gesicht blutete. </p> @@ -17780,27 +17747,27 @@ Zwanzig Schritte noch, zehn Schritte — da war er. </p> <p> -Dampfend warf er sich unter die Bäume und weinte. +Dampfend warf er sich unter die Bäume und weinte. Es war kein geringer Schreck gewesen. Und er dachte an den Volltreffer seinerzeit — bei Souchez — wie der Feldstecher -neben ihm herunterkam — und er dachte, daß er +neben ihm herunterkam — und er dachte, daß er einmal anstatt ins Zimmer Nummer 6, ins Zimmer -Nummer 7 lief und plötzlich einem General gegenüberstand. -Hätte er diese Dummheit nicht begangen, damals, +Nummer 7 lief und plötzlich einem General gegenüberstand. +Hätte er diese Dummheit nicht begangen, damals, <a id="page-295" class="pagenum" title="295"></a> -wer weiß, ob er nicht heute noch gemütlich in Berlin -säße? +wer weiß, ob er nicht heute noch gemütlich in Berlin +säße? </p> <p> -Ja, er weinte, aus nervöser Erschöpfung, aus keinem +Ja, er weinte, aus nervöser Erschöpfung, aus keinem anderen Grunde, denn die platzenden Schrapnelle, die -Batterien suchten, störten ihn nicht im geringsten. — +Batterien suchten, störten ihn nicht im geringsten. — </p> <p> -Gerade als der General bei dem gefüllten Pfannkuchen -angekommen war, war Hanuschke in seinem Wäldchen +Gerade als der General bei dem gefüllten Pfannkuchen +angekommen war, war Hanuschke in seinem Wäldchen verschwunden. </p> @@ -17809,7 +17776,7 @@ Der General handhabte einen Zahnstocher. </p> <p> -Sein Blick ging, etwas düster, über die Tischgesellschaft +Sein Blick ging, etwas düster, über die Tischgesellschaft der beiden Rittmeister hinweg. </p> @@ -17826,42 +17793,42 @@ der beiden Rittmeister hinweg. </p> <p> -„Aber dieser Dietz war ja auch nichts für sie, Papa. Ein -oberflächlicher Mensch.“ +„Aber dieser Dietz war ja auch nichts für sie, Papa. Ein +oberflächlicher Mensch.“ </p> <p> -„Oberflächlicher Mensch?“ Voller Erstaunen blickte der +„Oberflächlicher Mensch?“ Voller Erstaunen blickte der General Otto an. </p> <p> -„Ja, gewiß. Herzlich oberflächlich, Papa.“ +„Ja, gewiß. Herzlich oberflächlich, Papa.“ </p> <p> -Der General schüttelte den Kopf. +Der General schüttelte den Kopf. </p> <p> „Das ist es nicht . . .“ Und er versank in Nachdenken. Nun, Otto konnte sich wohl denken, was es war! Ruth war wahrscheinlich unvorsichtig genug gewesen, es sah ihr -ähnlich, vor Papa ihre Anschauungen auszupacken. Otto -hatte sich nie viel um Ruth bekümmert, wie es in ihrer -Familie von jeher üblich war, jeder lebte für sich. Aber -in letzter Zeit sprach er häufig mit ihr. Er trank sogar +ähnlich, vor Papa ihre Anschauungen auszupacken. Otto +hatte sich nie viel um Ruth bekümmert, wie es in ihrer +Familie von jeher üblich war, jeder lebte für sich. Aber +in letzter Zeit sprach er häufig mit ihr. Er trank sogar einmal Tee in ihrem kleinen Salon, immerhin eine Leistung -für einen Bruder. Seit er aber mit Ruth über Tod und +für einen Bruder. Seit er aber mit Ruth über Tod und Teufel, wie er es nannte, gesprochen hatte, hielt er Ruth -für einen der vernünftigsten Menschen seines ganzen +für einen der vernünftigsten Menschen seines ganzen Bekanntenkreises, von der Verwandtschaft gar nicht zu -sprechen. Sie hatte sich ihr Urteil über die verschiedensten +sprechen. Sie hatte sich ihr Urteil über die verschiedensten Dinge gebildet — er wollte nur so viel sagen — noch vor -einem halben Jahr hätte er sie für völlig verrückt gehalten. +einem halben Jahr hätte er sie für völlig verrückt gehalten. <a id="page-296" class="pagenum" title="296"></a> In mancher Beziehung allerdings schien es sogar ihm, -daß ihre Ansichten — besonders für eine Dame, eine Dame +daß ihre Ansichten — besonders für eine Dame, eine Dame — kein Wunder — der arme Papa! </p> @@ -17873,62 +17840,62 @@ Er forschte nicht weiter, und der General schwieg. Eine blaue Flamme hypnotisierte Otto, sie tanzte mitten auf dem Tisch der Gesellschaft nebenan. Es war eine „Feuerzange“, eine hochprozentige Bowle. Ja, wie gerne -wäre Otto hinabgestiegen. +wäre Otto hinabgestiegen. </p> <p> -Ganz ohne jeden Übergang begann der General plötzlich -über die Regierung zu sprechen, deren Unfähigkeit -klar zutage trat, wohin sollte es führen? Und der Kaiser? -Nur sie allein, jene Männer, die die Armee von Sieg zu -Sieg führten, waren imstande, den Frieden zu machen. +Ganz ohne jeden Übergang begann der General plötzlich +über die Regierung zu sprechen, deren Unfähigkeit +klar zutage trat, wohin sollte es führen? Und der Kaiser? +Nur sie allein, jene Männer, die die Armee von Sieg zu +Sieg führten, waren imstande, den Frieden zu machen. </p> <p> -Es entging dem General völlig, daß die Gäste des stillen -Restaurants in diesem Augenblick von einer eigentümlichen -Erregung ergriffen wurden. Erst als alle Köpfe sich nach +Es entging dem General völlig, daß die Gäste des stillen +Restaurants in diesem Augenblick von einer eigentümlichen +Erregung ergriffen wurden. Erst als alle Köpfe sich nach einer bestimmten Richtung drehten, wurde auch Otto aufmerksam. -Irgend etwas wie ein großer Hund schien über -die Teppiche des Restaurants zu schleichen, und die Gäste -mit Unbehagen, ja Grauen zu erfüllen. Einige runzelten +Irgend etwas wie ein großer Hund schien über +die Teppiche des Restaurants zu schleichen, und die Gäste +mit Unbehagen, ja Grauen zu erfüllen. Einige runzelten die Stirne, die Brauen der Damen waren entsetzt hochgezogen. -Am Tisch der Rittmeister stockte plötzlich die +Am Tisch der Rittmeister stockte plötzlich die Unterhaltung. </p> <p> -Es war indessen kein Hund, der über die dicken Perserteppiche +Es war indessen kein Hund, der über die dicken Perserteppiche von Stifters Diele kroch, sondern ein Mensch, -ein Soldat in Feldgrau, der sich auf zwei kurzen Krückstöcken -dahinschleppte und seine gelähmten Beine hinter sich herschleifte, -während schreckliche Zuckungen seinen Körper -schüttelten. Auf seinem Kopf saß eine kleine graue Feldmütze, -und erst an der Mütze erkannte Otto, daß der Krüppel -ein Soldat war. Unerhört, dachte er, einen solchen Menschen -auf die Öffentlichkeit loszulassen! +ein Soldat in Feldgrau, der sich auf zwei kurzen Krückstöcken +dahinschleppte und seine gelähmten Beine hinter sich herschleifte, +während schreckliche Zuckungen seinen Körper +schüttelten. Auf seinem Kopf saß eine kleine graue Feldmütze, +und erst an der Mütze erkannte Otto, daß der Krüppel +ein Soldat war. Unerhört, dachte er, einen solchen Menschen +auf die Öffentlichkeit loszulassen! </p> <p> -Die Gewandtheit des Oberkellners half den Gästen über +Die Gewandtheit des Oberkellners half den Gästen über die peinliche Szene rasch hinweg. Es gelang ihm, das -menschliche Gespenst, das direkt aus den Schützengräben +menschliche Gespenst, das direkt aus den Schützengräben <a id="page-297" class="pagenum" title="297"></a> in Stifters Diele gekrochen kam, mit seinem raunenden Gebrummel zum Umkehren zu bewegen. </p> <p> -Die Gäste atmeten auf. Sofort setzte am Tisch der Rittmeister -wieder die fröhliche Unterhaltung ein. +Die Gäste atmeten auf. Sofort setzte am Tisch der Rittmeister +wieder die fröhliche Unterhaltung ein. </p> <p> Der General hatte in seiner Nische von dem ganzen -Vorfall nicht das geringste bemerkt. Während aber der -Oberkellner die Türe öffnete, um den Unglücklichen hinauszulassen, -drang das feierliche Läuten der Glocken herein, -die den Sieg einläuteten. +Vorfall nicht das geringste bemerkt. Während aber der +Oberkellner die Türe öffnete, um den Unglücklichen hinauszulassen, +drang das feierliche Läuten der Glocken herein, +die den Sieg einläuteten. </p> <p> @@ -17940,13 +17907,13 @@ Da ergriff der General das Glas und erhob sich. </p> <p> -Und Otto sah, zu seiner größten Überraschung, daß die +Und Otto sah, zu seiner größten Überraschung, daß die Augen des Generals feucht schimmerten. Nie in seinem -Leben hätte er das für möglich gehalten. +Leben hätte er das für möglich gehalten. </p> <p> -Auch sie wird nicht wenig staunen, wenn ich es ihr erzähle, +Auch sie wird nicht wenig staunen, wenn ich es ihr erzähle, dachte er. </p> @@ -17955,16 +17922,16 @@ dachte er. </h3> <p class="first"> -<span class="firstchar">S</span>chrecklich fiel das Geläute der Glocken in Ackermanns Herz. +<span class="firstchar">S</span>chrecklich fiel das Geläute der Glocken in Ackermanns Herz. </p> <p> -Die Luft, schimmernd über der Riesenstadt, heulte und -stöhnte. Die Todesschreie von Tausenden, Jammern und -Röcheln, Klagen der Witwen und Gewinsel der kleinen +Die Luft, schimmernd über der Riesenstadt, heulte und +stöhnte. Die Todesschreie von Tausenden, Jammern und +Röcheln, Klagen der Witwen und Gewinsel der kleinen Waisen, die nicht wissen, weshalb sie schrein . . . Wie -riesige Mäuler voll Blut schwangen die ehernen Glocken -über der Stadt und erbrachen Entsetzen über die Dächer. +riesige Mäuler voll Blut schwangen die ehernen Glocken +über der Stadt und erbrachen Entsetzen über die Dächer. </p> <p> @@ -17972,13 +17939,13 @@ Wenn du noch an Gott glaubst, so knie nieder . . . </p> <p> -Er hatte sie gesehen — nicht sie — die die Hüte schwangen! -— hatte sie gesehen — die Felder, über die der Sturm ging. -Allmächtiger! Gnade, Gnade in deinem Zorn! Da liegt +Er hatte sie gesehen — nicht sie — die die Hüte schwangen! +— hatte sie gesehen — die Felder, über die der Sturm ging. +Allmächtiger! Gnade, Gnade in deinem Zorn! Da liegt er — Ebenbild Gottes, Sohn einer Mutter, in Schmerzen -geboren, in Sorgen großgezogen — er ist tot — er wird +geboren, in Sorgen großgezogen — er ist tot — er wird sterben — er stirbt — Da liegt er wieder — — und hier, -hier, Stücke, Fetzen — er ist dahin . . . +hier, Stücke, Fetzen — er ist dahin . . . </p> <p> @@ -17987,27 +17954,27 @@ Grau war Ackermanns Gesicht. <p> <a id="page-298" class="pagenum" title="298"></a> -Grüppchen von Verwundeten, Zerschossenen, die sich -gegenseitig stützen, immer wieder fallen, und die furchtbare -Bahn der Granate heult über sie hinweg — Unglückliche, -die verkommen, wenn der Zufall ihnen nicht gnädig ist. -Und die Verbandplätze, wo die Ärzte mit schweißigen, +Grüppchen von Verwundeten, Zerschossenen, die sich +gegenseitig stützen, immer wieder fallen, und die furchtbare +Bahn der Granate heult über sie hinweg — Unglückliche, +die verkommen, wenn der Zufall ihnen nicht gnädig ist. +Und die Verbandplätze, wo die Ärzte mit schweißigen, stieren Augen arbeiten — und die furchtbare Bahn der -Granate heult über sie weg . . . +Granate heult über sie weg . . . </p> <p> Sonderbarerweise fiel ihm in diesem Augenblick ein -längst vergessenes Erlebnis ein. Das Regiment hatte -gestürmt. Über einem zerschossenen englischen Graben lag, -das Haupt zurückgebogen, ein toter Inder. Schön und -edel, den Adel seiner tausendfach geschändeten und vergewaltigten -Rasse in den Zügen. Und — was denkst du? — -die schweißnassen, blutnassen, rauhen Hände der Kameraden, -die rauhen Hände von Arbeitern und Bauern -streichelten das Gesicht des toten Inders, während sie -vorübergingen. Streichelten es, einer um den andern. -Schön bist du! — Hast es gut jetzt, keine Sorgen mehr. — +längst vergessenes Erlebnis ein. Das Regiment hatte +gestürmt. Über einem zerschossenen englischen Graben lag, +das Haupt zurückgebogen, ein toter Inder. Schön und +edel, den Adel seiner tausendfach geschändeten und vergewaltigten +Rasse in den Zügen. Und — was denkst du? — +die schweißnassen, blutnassen, rauhen Hände der Kameraden, +die rauhen Hände von Arbeitern und Bauern +streichelten das Gesicht des toten Inders, während sie +vorübergingen. Streichelten es, einer um den andern. +Schön bist du! — Hast es gut jetzt, keine Sorgen mehr. — Nun, mein Junge, dich hat es gepackt! — Liebkosten ihn — den <em>Bruder!</em> </p> @@ -18017,20 +17984,20 @@ Den Bruder, den Bruder! </p> <p> -Wie Keulenschläge trieben die Glocken Ackermann vorwärts. +Wie Keulenschläge trieben die Glocken Ackermann vorwärts. Sein flatternder Mantel flog dahin. </p> <p> -Ja, ja, dreimal heiliges Ja! Gott weiß es! +Ja, ja, dreimal heiliges Ja! Gott weiß es! </p> <p> -Einer mußte den Anfang machen! Einer mußte sich -den im Wahnsinn dahinjagenden Völkermassen entgegenwerfen -— einer mußte das Signal geben, selbst Signal -sein — einer, einerlei, ob man ihn niederschlug, in Stücke -zerriß. Einer, andere würden folgen, mehr, immer mehr! +Einer mußte den Anfang machen! Einer mußte sich +den im Wahnsinn dahinjagenden Völkermassen entgegenwerfen +— einer mußte das Signal geben, selbst Signal +sein — einer, einerlei, ob man ihn niederschlug, in Stücke +zerriß. Einer, andere würden folgen, mehr, immer mehr! </p> <p> @@ -18038,7 +18005,7 @@ Einer, ja, einer — </p> <p> -Der flatternde Mantel blieb stehen, Verzückung lag auf +Der flatternde Mantel blieb stehen, Verzückung lag auf Ackermanns Antlitz. </p> @@ -18058,29 +18025,29 @@ Bereit, bereit? Wozu bereit? <a id="page-299" class="pagenum" title="299"></a> Es war beschlossen. Seit heute, seit gestern, seit Monaten, seit Jahren. Es war beschlossen, seit er 1914 bei Langemarck -stürmte, und die Reihen der Kameraden auf rätselhafte -Weise dahinsanken. Nun wußte er es. Gott hatte ihn -geprüft und auserwählt. +stürmte, und die Reihen der Kameraden auf rätselhafte +Weise dahinsanken. Nun wußte er es. Gott hatte ihn +geprüft und auserwählt. </p> <p> -Alles war vorbereitet. Die Broschüre war fertig. Richard, -sein jüngerer Bruder, würde sie wie anderes früher in der -Provinz drucken lassen — die Freunde würden sie vertreiben. -Die Mutter? Sie mußte begreifen. Und Ruth? +Alles war vorbereitet. Die Broschüre war fertig. Richard, +sein jüngerer Bruder, würde sie wie anderes früher in der +Provinz drucken lassen — die Freunde würden sie vertreiben. +Die Mutter? Sie mußte begreifen. Und Ruth? Ruth war tapfer. Es war alles in allem nicht die Zeit, an diese Dinge zu denken. </p> <p> -„Vorwärts! Vorwärts!“ Die Glocken heulten es, die -Todesschreie in der Luft, das Röcheln der Sterbenden, das +„Vorwärts! Vorwärts!“ Die Glocken heulten es, die +Todesschreie in der Luft, das Röcheln der Sterbenden, das Jammern der Witwen und Winseln der armen Waisen — -die Kameraden riefen es ihm zu, über die jetzt, in dieser +die Kameraden riefen es ihm zu, über die jetzt, in dieser Minute, die furchtbare Bahn der Granate hinwegheulte, die Kameraden, die jetzt mit starren Augen lagen, Freund wie Feind, die jetzt verbluteten, Freund wie Feind — -alle, alle: vorwärts! +alle, alle: vorwärts! </p> <p> @@ -18106,12 +18073,12 @@ Stimmen in der Luft. </h3> <p class="first"> -<span class="firstchar">I</span>m Augenblick hatte der schmächtige junge Mann die -Fenster geöffnet und die Rolladen hochgezogen. Es sah -aus, als sei Kunze soeben von der Reise zurückgekehrt und -nehme seine Wohnung in der Blücherstraße wieder in Besitz. -Eine Schicht von Staub und Sonne lag über den Dächern -draußen, und feierlich brodelte darin das Läuten der Glocken. +<span class="firstchar">I</span>m Augenblick hatte der schmächtige junge Mann die +Fenster geöffnet und die Rolladen hochgezogen. Es sah +aus, als sei Kunze soeben von der Reise zurückgekehrt und +nehme seine Wohnung in der Blücherstraße wieder in Besitz. +Eine Schicht von Staub und Sonne lag über den Dächern +draußen, und feierlich brodelte darin das Läuten der Glocken. </p> <p> @@ -18120,13 +18087,13 @@ draußen, und feierlich brodelte darin das Läuten der Glocken. </p> <p> -Zögernd schob sich der kleine Herr Herbst über die Schwelle. -Es mußte ja sein, es gab kein Entrinnen mehr vor dem +Zögernd schob sich der kleine Herr Herbst über die Schwelle. +Es mußte ja sein, es gab kein Entrinnen mehr vor dem jungen Mann mit dem Kneifer. — Ein Block von Licht -brach in die dunkle Wohnung, und er schloß, wie versengt, +brach in die dunkle Wohnung, und er schloß, wie versengt, die Augen — aber was half es denn? Nichts. Er hatte ihn ja doch gesehen, trotzdem, ja ohne hinzublicken: den -Haken über der Türe zum Schlafzimmer. Nur ihn sah er — +Haken über der Türe zum Schlafzimmer. Nur ihn sah er — nichts sonst — diesen Haken. </p> @@ -18135,52 +18102,52 @@ Ah, ah, ah! </p> <p> -Ächzend sank er in einen Sessel und krümmte sich zusammen. +Ächzend sank er in einen Sessel und krümmte sich zusammen. </p> <p> „Nun, sofort, mein verehrter Herr!“ rief Kunze etwas -keuchend aus. Eine Schweißperle lief über seine Stirn. -Jede körperliche Tätigkeit, auch die geringste, erschöpfte +keuchend aus. Eine Schweißperle lief über seine Stirn. +Jede körperliche Tätigkeit, auch die geringste, erschöpfte ihn augenblicklich. „Die Lunge, wissen Sie. Sofort, sofort -zu Ihrer Verfügung.“ Fieberhaft kletterten seine raschen -Augen über Möbel und Wände. Er verbarg sein Erstaunen +zu Ihrer Verfügung.“ Fieberhaft kletterten seine raschen +Augen über Möbel und Wände. Er verbarg sein Erstaunen nicht, nein, wozu denn, vor wem denn? Er staunte — staunte, mit offenem Munde! </p> <p> -Die rote Plüschgarnitur des Wohnzimmers, heute allein -ein Vermögen wert! Die Gaskrone mit Glasprismen, -der rote Teppich, überall Vasen, Nippes, goldene Bilderrahmen +Die rote Plüschgarnitur des Wohnzimmers, heute allein +ein Vermögen wert! Die Gaskrone mit Glasprismen, +der rote Teppich, überall Vasen, Nippes, goldene Bilderrahmen — eine kleine Palme in der Ecke, daneben ein -Grammophon. Die Vorhänge und Gardinen kunstvoll -drapiert über den Stangen. Das Schlafzimmer schneeweiß! +Grammophon. Die Vorhänge und Gardinen kunstvoll +drapiert über den Stangen. Das Schlafzimmer schneeweiß! Und peinliche Ordnung und Sauberkeit, bis auf den Staub, der sich da und dort angesammelt hatte. </p> <p> -Alles in allem: ein behagliches Bürgerheim, die Wohnung -eines Bürgers in guten Verhältnissen — aber <em>verlassen!</em> +Alles in allem: ein behagliches Bürgerheim, die Wohnung +eines Bürgers in guten Verhältnissen — aber <em>verlassen!</em> </p> <p> „Und da hausen Sie nun in diesem Loch, in dieser Mietkaserne -— und hier haben Sie eine prächtige Wohnung!“ -rief Kunze in äußerstem Erstaunen aus. +— und hier haben Sie eine prächtige Wohnung!“ +rief Kunze in äußerstem Erstaunen aus. </p> <p> Herbst entgegnete nichts. Er hatte den steifen Hut aufbehalten -und saß zusammengekrümmt, so daß sein Gesicht +und saß zusammengekrümmt, so daß sein Gesicht <a id="page-301" class="pagenum" title="301"></a> nicht zu sehen war. Die schmalen Schultern in dem abgeschabten, rostfarbenen Havelock zitterten. </p> <p> -„Ist es zu glauben? Ja eine prächtige Wohnung! Und +„Ist es zu glauben? Ja eine prächtige Wohnung! Und Sie haben keine Angst vor Einbrechern? Mein Himmel! Tag und Nacht wird ja jetzt gestohlen in Berlin. Die Stadt wimmelt von Dieben und Einbrechern. Bataillone, Armeen @@ -18188,34 +18155,34 @@ von Dieben und Spitzbuben sind an der Arbeit!“ </p> <p> -„Niemand“ — krächzte hier der Havelock — „kein Einbrecher -würde es wagen. Auf der Schwelle würde er +„Niemand“ — krächzte hier der Havelock — „kein Einbrecher +würde es wagen. Auf der Schwelle würde er umkehren! Niemand!“ </p> <p> -Kunze lachte laut und belustigt. Er warf den dünnen -Überzieher und das grüne Hütchen auf einen Sessel und -schnüffelte von neuem durch die Wohnung. Er war ganz in +Kunze lachte laut und belustigt. Er warf den dünnen +Überzieher und das grüne Hütchen auf einen Sessel und +schnüffelte von neuem durch die Wohnung. Er war ganz in seinem Element. Seine kleinen Augen, die stumpf und -dumm hinter den Gläsern aussahen, glänzten vor Begierde. -In Schränke, Schubfächer, Nachttische, sogar hinter Vorhänge +dumm hinter den Gläsern aussahen, glänzten vor Begierde. +In Schränke, Schubfächer, Nachttische, sogar hinter Vorhänge steckte er die spitze Nase. Jedenfalls, das stand fest, -jedenfalls würde er sich in den Besitz dieser Wohnung -setzen — er würde sie einfach für Dienstzwecke anfordern, -ein Federstrich, und hier war er. Man konnte hier die verwöhntesten +jedenfalls würde er sich in den Besitz dieser Wohnung +setzen — er würde sie einfach für Dienstzwecke anfordern, +ein Federstrich, und hier war er. Man konnte hier die verwöhntesten Damen empfangen — und in welch elendem Loch hauste er doch zurzeit! </p> <p> -In der Küche streckte er vor Überraschung die Zunge -aus dem Munde. Ahnungslos, ja, ohne überhaupt etwas -zu denken, hatte er dieses Spind geöffnet, und siehe da: +In der Küche streckte er vor Überraschung die Zunge +aus dem Munde. Ahnungslos, ja, ohne überhaupt etwas +zu denken, hatte er dieses Spind geöffnet, und siehe da: Wein, Wein, Flasche an Flasche! Bordeaux, Burgunder, Mosel, drei, vier Dutzend, und alles Friedensware! Nicht zu bezahlen heute. Wein, seine Wonne, seine —! Im Nu, -völlig automatisch, hatte er eine Flasche entkorkt. +völlig automatisch, hatte er eine Flasche entkorkt. </p> <p> @@ -18224,18 +18191,18 @@ Punkt? Es war ihm nicht bange. </p> <p> -„Welche Reichtümer, Herr Herbst!“ lachte Kunze, als -er mit der Flasche aus der Küche zurückkam. „Ein sonderbarer +„Welche Reichtümer, Herr Herbst!“ lachte Kunze, als +er mit der Flasche aus der Küche zurückkam. „Ein sonderbarer Heiliger sind Sie! Nun wollen wir aber Ihre Heimkehr -in Ihre Wohnung feiern. Ich darf eingießen? Nun, +in Ihre Wohnung feiern. Ich darf eingießen? Nun, <a id="page-302" class="pagenum" title="302"></a> -ein Gläschen werden Sie nicht ausschlagen, wie? Ja, +ein Gläschen werden Sie nicht ausschlagen, wie? Ja, herrlich ist es hier, direkt anheimelnd, als ob ich zu Hause -wäre.“ +wäre.“ </p> <p> -Ohne Umstände machte er es sich auf dem Plüschsofa +Ohne Umstände machte er es sich auf dem Plüschsofa bequem. </p> @@ -18245,9 +18212,9 @@ bequem. <p> Herr Herbst hatte den Hut abgenommen — aufgeschreckt -durch das laute Freudengeschrei in der Küche und das +durch das laute Freudengeschrei in der Küche und das Knallen des Korkes — und sein kleiner, gelber, verrunzelter -Kopf erschien Kunze wie eine Rübe, eine wirkliche Rübe, +Kopf erschien Kunze wie eine Rübe, eine wirkliche Rübe, die da und dort schon etwas Schimmel angesetzt hat. </p> @@ -18256,65 +18223,65 @@ die da und dort schon etwas Schimmel angesetzt hat. Mein Vater — sagte ich Ihnen das schon? — ist Prediger in einem Kirchspiel. Liebt sein Weinchen, seine Zigarren und lobt den Herrn! Ja, so ist er nun einmal, sehen Sie. -Sobald er aber in seinen Talar schlüpft, versteht er keinen +Sobald er aber in seinen Talar schlüpft, versteht er keinen Scherz mehr, nein, ich bitte Sie — um Gottes willen, -ernst, würdevoll, der Hirte seiner Schäfchen. Als nun der +ernst, würdevoll, der Hirte seiner Schäfchen. Als nun der Krieg ausbrach, da sagte er zu mir: ‚Melde dich sofort, eile zu den Fahnen, es ist deine sittliche Pflicht, ziehe -hinaus. Kämpfe‘, so redete er — der kategorische Imperativ +hinaus. Kämpfe‘, so redete er — der kategorische Imperativ — Kant — er ist Philosoph, mein Vater — ah, ah, -was für ein Weinchen!“ +was für ein Weinchen!“ </p> <p> -Auf der Kommode, dem roten Plüschsofa gegenüber, -stand in einem breiten Rahmen die vergrößerte Photographie +Auf der Kommode, dem roten Plüschsofa gegenüber, +stand in einem breiten Rahmen die vergrößerte Photographie eines jungen Soldaten mit frischem, keckem Jungengesicht. -Ein Jäger, feldmarschmäßig ausgerüstet, den -Gewehrlauf mit Blumen geschmückt. Der Rahmen des -Bildes war mit Trauerflor umhüllt, ein Paar Leuchter +Ein Jäger, feldmarschmäßig ausgerüstet, den +Gewehrlauf mit Blumen geschmückt. Der Rahmen des +Bildes war mit Trauerflor umhüllt, ein Paar Leuchter mit herabgebrannten Kerzen, standen davor. Das war -er wohl, sein Sohn, der gefallen war. Wie hieß er doch — +er wohl, sein Sohn, der gefallen war. Wie hieß er doch — Robert. </p> <p> -An der Wand, über dem Jäger mit dem frischen Jungengesicht, +An der Wand, über dem Jäger mit dem frischen Jungengesicht, aber hingen zwei Bildnisse in ovalen Rahmen: -eine etwas korpulente Dame mit voller Büste, vollen +eine etwas korpulente Dame mit voller Büste, vollen <a id="page-303" class="pagenum" title="303"></a> -Wangen, einem kleinen Fettkinn und auffallend großen -runden Augen. Die Dame lächelte freundlich, gutmütig, -ein bißchen verlegen. Eine Kette mit einem großen Kreuz -trug sie um den Hals. Daneben: ein Herr, etwas hochmütig, -voller Würde, das volle dunkle Haar peinlich gescheitelt, +Wangen, einem kleinen Fettkinn und auffallend großen +runden Augen. Die Dame lächelte freundlich, gutmütig, +ein bißchen verlegen. Eine Kette mit einem großen Kreuz +trug sie um den Hals. Daneben: ein Herr, etwas hochmütig, +voller Würde, das volle dunkle Haar peinlich gescheitelt, die Augen zuversichtlich in die Ferne gerichtet. Im Gehrock, schmaler schwarzer Binde — ein Beamter, der bei seinem Vorgesetzten Besuch macht. Sah man die -korpulente, freundlich lächelnde Dame an, so schien sie -augenblicklich den kleinen Mund zu öffnen und zu plappern, -zu sprudeln — der Herr aber, würdevoll, blieb stumm, -schweigsam. Die Hand hatte er etwas steif und gravitätisch -zur Hälfte in den schwarzen Gehrock geschoben — eine +korpulente, freundlich lächelnde Dame an, so schien sie +augenblicklich den kleinen Mund zu öffnen und zu plappern, +zu sprudeln — der Herr aber, würdevoll, blieb stumm, +schweigsam. Die Hand hatte er etwas steif und gravitätisch +zur Hälfte in den schwarzen Gehrock geschoben — eine kleine Hand . . . </p> <p> „. . . schlage sie aufs Haupt —“ sagte also mein Vater, -er ist glühender Patriot — „diese vom Teufel Besessenen, -die aus Neid und Rachsucht über unser geliebtes Vaterland -herfallen — schlage ihnen die Schädel ein, zerreiße -sie in Stücke — der Herr will es! Sofort packst du deine +er ist glühender Patriot — „diese vom Teufel Besessenen, +die aus Neid und Rachsucht über unser geliebtes Vaterland +herfallen — schlage ihnen die Schädel ein, zerreiße +sie in Stücke — der Herr will es! Sofort packst du deine Sachen! Nun, mit dem Felde war es ja leider, leider nichts. Ich sagte Ihnen ja schon, meine Lunge. Aber jeder nach -seinen Kräften, nicht wahr? Das war nun nicht ganz +seinen Kräften, nicht wahr? Das war nun nicht ganz nach dem Geschmack —“ </p> <p> -Plötzlich stockte Kunze. Er war in das Studium dieser +Plötzlich stockte Kunze. Er war in das Studium dieser kleinen Hand des Beamten im schwarzen Gehrock versunken. -Er stutzte, rückte den Kneifer zurecht — schlürfte +Er stutzte, rückte den Kneifer zurecht — schlürfte am Glas. Hm! </p> @@ -18323,88 +18290,88 @@ War es denkbar? </p> <p> -Wie, wie, wie, sollte er, dieser Würdevolle, Gemessene, +Wie, wie, wie, sollte er, dieser Würdevolle, Gemessene, Schweigsame, mit dem zuversichtlich in die Ferne gerichteten Blick —? </p> <p> -Und diese fahlgelbe — Rübe, etwas angeschimmelt, mit +Und diese fahlgelbe — Rübe, etwas angeschimmelt, mit Erlaubnis zu sagen — sollte sie —? </p> <p> -Ja, unmöglich, ganz unmöglich! Und doch, diese Hand, -das kleine Näschen und selbst das kurze Schnurrbärtchen, +Ja, unmöglich, ganz unmöglich! Und doch, diese Hand, +das kleine Näschen und selbst das kurze Schnurrbärtchen, <a id="page-304" class="pagenum" title="304"></a> -jetzt zwar grauer und schäbig — so unglaublich es erschien, -dieser Ernste, Würdevolle in seinem Gehrock, und der Kleine, -Glatzköpfige, Vertrocknete, Verkommene, mit den entzündeten, +jetzt zwar grauer und schäbig — so unglaublich es erschien, +dieser Ernste, Würdevolle in seinem Gehrock, und der Kleine, +Glatzköpfige, Vertrocknete, Verkommene, mit den entzündeten, vergilbten Augen, sie waren in der Tat ein und dieselbe Person! </p> <p> -Kunze verlor vor Erstaunen völlig den Faden seines -Geschwätzes. Er erhob sich und tupfte das Gesicht mit +Kunze verlor vor Erstaunen völlig den Faden seines +Geschwätzes. Er erhob sich und tupfte das Gesicht mit dem Taschentuch. </p> <p> Hm. Er polierte den Kneifer, ging auf und ab und -verschwand schließlich in der Küche, um eine neue Flasche -zu holen. Seine Miene hatte sich verändert, als er zurückkehrte. -Sachlich und kühl betrachtete er den kleinen Herrn -Herbst. Er goß die Gläser voll, räusperte sich und begann: +verschwand schließlich in der Küche, um eine neue Flasche +zu holen. Seine Miene hatte sich verändert, als er zurückkehrte. +Sachlich und kühl betrachtete er den kleinen Herrn +Herbst. Er goß die Gläser voll, räusperte sich und begann: </p> <p> „Aber genug mit dem Schwatzen jetzt“ — ruhig und -geschäftsmäßig klang seine Stimme — „Wir haben, wie +geschäftsmäßig klang seine Stimme — „Wir haben, wie ich mir schon zu bemerken erlaubte, keine Zeit zu verlieren, -der Major drängt, nun, er wird wieder von dem Oberst -gedrängt, Sie wissen ja, wie es beim Militär zugeht. Seitdem -sich nun diese hohe Persönlichkeit in die Sache gemischt +der Major drängt, nun, er wird wieder von dem Oberst +gedrängt, Sie wissen ja, wie es beim Militär zugeht. Seitdem +sich nun diese hohe Persönlichkeit in die Sache gemischt hat —“ </p> <p> -„Eine hohe Persönlichkeit?“ Herr Herbst horchte plötzlich auf. +„Eine hohe Persönlichkeit?“ Herr Herbst horchte plötzlich auf. </p> <p> „Ja, ja. Ich kann Ihnen nicht <em>mehr</em> sagen. Es ist -einer der sonderbarsten Fälle, die die Abteilung seit langer +einer der sonderbarsten Fälle, die die Abteilung seit langer Zeit zu bearbeiten hatte.“ </p> <p> -„Eine hohe Persönlichkeit?“ +„Eine hohe Persönlichkeit?“ </p> <p> „Ein sonderbarer Fall. Nicht Sie allein erstatteten in dankenswerter Weise Bericht — nein, auch von anderer -Seite werden gleichzeitig, hören Sie, <em>gleichzeitig</em>, -Informationen verlangt — aber, erlauben Sie, daß ich -abbreche . . . Ich bin zu meinem Bedauern genötigt, -zur Abrundung meiner Nachforschungen über Ihre werte -Persönlichkeit, eine Frage an Sie zu richten, dienstlich. +Seite werden gleichzeitig, hören Sie, <em>gleichzeitig</em>, +Informationen verlangt — aber, erlauben Sie, daß ich +abbreche . . . Ich bin zu meinem Bedauern genötigt, +zur Abrundung meiner Nachforschungen über Ihre werte +Persönlichkeit, eine Frage an Sie zu richten, dienstlich. Ein einziger Punkt noch, wie gesagt. Bevor ich aber diese -Frage an Sie richte, bitte ich ergebenst, dieses Schriftstück +Frage an Sie richte, bitte ich ergebenst, dieses Schriftstück lesen zu wollen.“ </p> <p> <a id="page-305" class="pagenum" title="305"></a> -Mit einer gemessenen Feierlichkeit überreichte der Schmächtige +Mit einer gemessenen Feierlichkeit überreichte der Schmächtige einen auf Leinwand aufgezogenen Ausweis. </p> <p> -Der kleine Herr Herbst las ihn mit seinen entzündeten -Augen, las, verstand und zitterte. Schwarz auf Weiß -war hier zu lesen, daß Herr Gottlieb Kunze berechtigt war, +Der kleine Herr Herbst las ihn mit seinen entzündeten +Augen, las, verstand und zitterte. Schwarz auf Weiß +war hier zu lesen, daß Herr Gottlieb Kunze berechtigt war, Verhaftungen vorzunehmen . . . </p> @@ -18438,7 +18405,7 @@ Der Kneifer funkelte. </p> <p> -Die messerscharfen Augen kamen näher. Kunze hatte +Die messerscharfen Augen kamen näher. Kunze hatte jetzt den Kneifer abgenommen. </p> @@ -18456,7 +18423,7 @@ jetzt den Kneifer abgenommen. <p> Augenblicklich brach der kleine alte Mann zusammen. -Er bedeckte das Gesicht mit den kleinen Händen und sank +Er bedeckte das Gesicht mit den kleinen Händen und sank in den Sessel. </p> @@ -18466,7 +18433,7 @@ in den Sessel. <p> Sofort fuhr der kleine alte Mann wieder auf und wich -zurück. „Ich kann nicht — ich kann nicht — so wahr Gott +zurück. „Ich kann nicht — ich kann nicht — so wahr Gott lebt —“ rief er und richtete die Augen flehend auf Kunze. </p> @@ -18475,12 +18442,12 @@ lebt —“ rief er und richtete die Augen flehend auf Kunze. </p> <p> -Der kleine alte Mann wich zum Fenster zurück und -faßte nach dem Fensterkreuz. +Der kleine alte Mann wich zum Fenster zurück und +faßte nach dem Fensterkreuz. </p> <p> -Die Hand griff nach den Rockschößen. +Die Hand griff nach den Rockschößen. </p> <p> @@ -18488,8 +18455,8 @@ Die Hand griff nach den Rockschößen. </p> <p> -Ohne jeden Widerstand ließ sich der kleine alte Mann -von Kunze zum Sessel zurückführen. +Ohne jeden Widerstand ließ sich der kleine alte Mann +von Kunze zum Sessel zurückführen. </p> <p> @@ -18507,8 +18474,8 @@ Der kleine alte Mann nickte. <p> Kunze selbst war totenbleich geworden vor Erregung. -Sein Spitzelgehirn arbeitete — sensationelle Enthüllungen, -ein Staatsverbrechen, Vorgesetzte, Beförderung, das Eiserne +Sein Spitzelgehirn arbeitete — sensationelle Enthüllungen, +ein Staatsverbrechen, Vorgesetzte, Beförderung, das Eiserne Kreuz . . . </p> @@ -18518,22 +18485,22 @@ dienstlich —“ </p> <p> -Der kleine alte Mann rang die Hände und schluchzte. +Der kleine alte Mann rang die Hände und schluchzte. Dann setzte er sich aufrecht, gab sich Haltung — ganz wie -auf dem Bilde an der Wand, ein Schatten der früheren +auf dem Bilde an der Wand, ein Schatten der früheren Erscheinung. </p> <p> -„Ich weiß, weiß, auch ich war Beamter. Nun gut, da +„Ich weiß, weiß, auch ich war Beamter. Nun gut, da Sie dienstlich Auskunft verlangen — ich werde versuchen, -Ihnen eine Erklärung zu geben. Es fällt mir schwer, meine -Gedanken, meine Worte — alles ist nicht mehr wie früher — -Gott im Himmel, es ist ja unmöglich, es zu sagen —“ +Ihnen eine Erklärung zu geben. Es fällt mir schwer, meine +Gedanken, meine Worte — alles ist nicht mehr wie früher — +Gott im Himmel, es ist ja unmöglich, es zu sagen —“ </p> <p> -„Beruhigen Sie sich. Wir haben ja Zeit, können den +„Beruhigen Sie sich. Wir haben ja Zeit, können den Abend in aller Ruhe zusammen verbringen.“ </p> @@ -18559,17 +18526,17 @@ und meine Frau liebte Hansi ganz besonders . . .“ <p> „Ja, aber was wollte ich eigentlich? Hansi? Was hat -Hansi damit zu tun? Sie können noch den Käfig in der -Küche finden. Ja, aber was sollte er —?“ +Hansi damit zu tun? Sie können noch den Käfig in der +Küche finden. Ja, aber was sollte er —?“ </p> <p> -„Überstürzen Sie nichts — eines um das andere.“ +„Überstürzen Sie nichts — eines um das andere.“ </p> <p> -„Hm. Sie wurde immer merkwürdiger, ja, das war -es. Sie sprach eigentlich nur noch mit dem Vögelchen.“ +„Hm. Sie wurde immer merkwürdiger, ja, das war +es. Sie sprach eigentlich nur noch mit dem Vögelchen.“ </p> <p> @@ -18578,16 +18545,16 @@ es. Sie sprach eigentlich nur noch mit dem Vögelchen.“ </p> <p> -„Ja, sie. Immer stiller und merkwürdiger. Ich selbst, +„Ja, sie. Immer stiller und merkwürdiger. Ich selbst, ich ging ja aus, ging in eine Kneipe, trank — Sie verstehen, -es ist nicht nötig zu sagen, weshalb ich trank.“ +es ist nicht nötig zu sagen, weshalb ich trank.“ </p> <p> „Unser Junge war ja unser ganzer Lebensinhalt geworden. Ich war in Pension gegangen, und wir waren seiner Studien halber nach Berlin gezogen. Da kam der -Krieg, er wurde Soldat, Jäger, und schließlich kam er ins +Krieg, er wurde Soldat, Jäger, und schließlich kam er ins Feld. Eines Tages aber, da kam die furchtbare Nachricht — eines Tages . . .“ </p> @@ -18601,43 +18568,43 @@ eines Tages . . .“ </p> <p> -„Ja, natürlich, Sie sagten —“ +„Ja, natürlich, Sie sagten —“ </p> <p> -Der kleine alte Mann schüttelte den Kopf. +Der kleine alte Mann schüttelte den Kopf. </p> <p> -„Nicht gefallen, Herr,“ flüsterte er, „in den Tod gehetzt — +„Nicht gefallen, Herr,“ flüsterte er, „in den Tod gehetzt — ich habe Unterlagen, Briefe — geschlachtet, nutzlos —“ </p> <p> „Sie sollten nicht derartig schwere Anschuldigungen -erheben gegen gewisse Persönlichkeiten“, warf Kunze +erheben gegen gewisse Persönlichkeiten“, warf Kunze nicht ohne Strenge ein. </p> <p> „Nun gut, gefallen, ganz wie Sie wollen. Es wurde -immer stiller hier, immer stiller — meine Frau verließ -nicht mehr die Wohnung, keinen Schritt tat sie über die -Schwelle. Sie saß immer hier. Aber plötzlich saß sie nicht -mehr, sondern sie stand — hören Sie — zuerst mitten im +immer stiller hier, immer stiller — meine Frau verließ +nicht mehr die Wohnung, keinen Schritt tat sie über die +Schwelle. Sie saß immer hier. Aber plötzlich saß sie nicht +mehr, sondern sie stand — hören Sie — zuerst mitten im Zimmer, dann nur noch in den Ecken.“ </p> <p> -„Sie war wohl schwermütig geworden?“ +„Sie war wohl schwermütig geworden?“ </p> <p> -„Ja, schwermütig. Sie ertrug es nicht, nein, es war -zuviel für sie! Zuviel, zuviel! Und nun, eines Abends -komme ich spät nach Hause. Es war Mondschein. Ich sah +„Ja, schwermütig. Sie ertrug es nicht, nein, es war +zuviel für sie! Zuviel, zuviel! Und nun, eines Abends +komme ich spät nach Hause. Es war Mondschein. Ich sah also ziemlich gut. Und da steht sie also hier — unter der -Türe. Hier, sehen Sie.“ +Türe. Hier, sehen Sie.“ </p> <p> @@ -18647,48 +18614,48 @@ Türe. Hier, sehen Sie.“ <p> „Aber sehen Sie — sie stand so <em>hoch!</em> Nun, denke ich — da ist wieder mal Hansi auf den Schrank geflogen, wie -häufig, und sie will ihn einfangen — aber plötzlich, da +häufig, und sie will ihn einfangen — aber plötzlich, da <a id="page-308" class="pagenum" title="308"></a> -sehe ich . . . Da kommt es mir eigentümlich vor, ei . . ., ei . . . -sie antwortet nicht. Aber sie antwortete häufig nicht mehr +sehe ich . . . Da kommt es mir eigentümlich vor, ei . . ., ei . . . +sie antwortet nicht. Aber sie antwortete häufig nicht mehr in dieser Zeit. Nun aber, da denke ich — da sehe ich — worauf stand sie eigentlich? Sie stand auf nichts! Ihre -Füße waren abwärts gerichtet — und darunter war nichts +Füße waren abwärts gerichtet — und darunter war nichts — nur Mondlicht — nichts sonst — ich sah es ganz klar und deutlich . . . sie schwebte in der Luft . . . und da begriff ich es . . . dieser Augenblick — —“ </p> <p> -Enttäuschung in den Zügen des schmächtigen jungen +Enttäuschung in den Zügen des schmächtigen jungen Mannes! Er hatte etwas ganz Besonderes erwartet — -und nun eine alltägliche Geschichte, wie sie sich während +und nun eine alltägliche Geschichte, wie sie sich während des Krieges hundertmal in Berlin ereignete. </p> <p> -Der kleine alte Mann röchelte. Er sprang auf und schleuderte -die kurzen dünnen Arme wild durch die Luft. Er -ballte die kleinen gelben Fäuste und schüttelte sie in Raserei. +Der kleine alte Mann röchelte. Er sprang auf und schleuderte +die kurzen dünnen Arme wild durch die Luft. Er +ballte die kleinen gelben Fäuste und schüttelte sie in Raserei. Sein Gesicht verzerrte sich, die gelben Zahnstumpen blinkten, Schaum trat vor seine Lippen. </p> <p> -„Und alles daher —“ schrie er außer sich, und sein Gesicht -wurde plötzlich blau, so daß Kunze erschrocken zurückwich — +„Und alles daher —“ schrie er außer sich, und sein Gesicht +wurde plötzlich blau, so daß Kunze erschrocken zurückwich — „alles daher, daher! Deshalb hasse ich ihn — hasse ihn, -den Hoffärtigen, hasse ihn . . . mit diesen Händen werde +den Hoffärtigen, hasse ihn . . . mit diesen Händen werde ich — so wahr mir Gott helfe . . . hasse ihn —“ </p> <p> -„Hasse — hasse . . .“ Seine Hände zuckten. +„Hasse — hasse . . .“ Seine Hände zuckten. </p> <p> -Und plötzlich stürzte der kleine alte Mann zu Boden. -Er war ohnmächtig geworden. +Und plötzlich stürzte der kleine alte Mann zu Boden. +Er war ohnmächtig geworden. </p> <p class="tb"> @@ -18697,40 +18664,40 @@ Er war ohnmächtig geworden. <p class="first"> <span class="firstchar">D</span>as Grammophon neben der kleinen Palme in der -Ecke grölte: +Ecke grölte: </p> <div class="poem"> - <p class="line">Die Vöglein im Walde,</p> - <p class="line">Die singen ja so wunderwunderschön,</p> + <p class="line">Die Vöglein im Walde,</p> + <p class="line">Die singen ja so wunderwunderschön,</p> <p class="line">In der Heimat, in der Heimat,</p> <p class="line">Da gibt’s ein — ha! ha! ha!</p> </div> <p class="noindent"> -Ja, die Platte war verdorben, und immer am Schluß — +Ja, die Platte war verdorben, und immer am Schluß — beim Wiedersehn — lachte der Apparat. Und immer -mußte Kunze aufspringen und die Kurbel neu andrehen. +mußte Kunze aufspringen und die Kurbel neu andrehen. </p> <p> <a id="page-309" class="pagenum" title="309"></a> Kunze lag auf dem Sofa und schlug mit den geflickten, -glänzend gewichsten Stiefeln den Takt auf dem Armpolster. -Zuweilen unterbrach er sein Geschwätz und sang eine -Strophe des Soldatenliedes mit, zuweilen auch rülpste er, +glänzend gewichsten Stiefeln den Takt auf dem Armpolster. +Zuweilen unterbrach er sein Geschwätz und sang eine +Strophe des Soldatenliedes mit, zuweilen auch rülpste er, mit Respekt zu vermelden. Eine Reihe leerer Flaschen stand auf dem Tisch mit der gestickten, lachsroten Decke — dem Stolz der Freundlichen, Korpulenten an der Wand. </p> <p> -Herr Herbst saß mit roten Bäckchen, die Äuglein glänzend +Herr Herbst saß mit roten Bäckchen, die Äuglein glänzend vom Wein, und paffte eine kleine schwarze Zigarre. Er trank nicht aus dem Glas, o nein, Kunze hatte so etwas noch nie gesehen, er setzte einfach die Flasche an den Mund -und ließ den Wein in die Kehle hineinlaufen. Mit gespannter -Aufmerksamkeit hörte er Kunze zu. +und ließ den Wein in die Kehle hineinlaufen. Mit gespannter +Aufmerksamkeit hörte er Kunze zu. </p> <p> @@ -18743,7 +18710,7 @@ ich also zu G III.“ </p> <p> -„Ja, G III. So heißen wir. Nur eine Chiffre. So +„Ja, G III. So heißen wir. Nur eine Chiffre. So geheim sind wir, ganz geheim — pst, pst! Ja, nicht einmal einen Namen haben wir.“ </p> @@ -18757,7 +18724,7 @@ einen Namen haben wir.“ </p> <p> -Kunze lachte und richtete sich zur Hälfte auf. Das Gesicht +Kunze lachte und richtete sich zur Hälfte auf. Das Gesicht des kleinen Herrn Herbst erschien ihm nun langgezogen, mit turmhoher Stirn, wie in einem Lachkabinett. „Viele, sagen Sie?“ wiederholte er geheimnisvoll und wichtigtuerisch. @@ -18771,18 +18738,18 @@ sagen Sie?“ wiederholte er geheimnisvoll und wichtigtuerisch. <p> Die turmhohe Stirn sank in sich zusammen, und eine runde Rauchwolke erschien an ihrer Stelle. Herr Herbst -war vor diesem Wort zurückgeprallt und hatte erschrocken -den Rauch ausgestoßen. +war vor diesem Wort zurückgeprallt und hatte erschrocken +den Rauch ausgestoßen. </p> <p> -„Ja, Legion, überall und allgegenwärtig. Selbst da, +„Ja, Legion, überall und allgegenwärtig. Selbst da, wo uns niemand vermutet. Ja ja, mein Verehrtester — -überall. In allen Städten Deutschlands — bei allen -Generalkommandos — bei allen Behörden — bei der +überall. In allen Städten Deutschlands — bei allen +Generalkommandos — bei allen Behörden — bei der <a id="page-310" class="pagenum" title="310"></a> Post, Eisenbahn — in den Ministerien — G III ist einfach -überall.“ +überall.“ </p> <div class="poem"> @@ -18791,7 +18758,7 @@ Post, Eisenbahn — in den Ministerien — G III ist einfach </div> <p class="noindent"> -Kunze schnellte in die Höhe, und augenblicklich begann +Kunze schnellte in die Höhe, und augenblicklich begann der Trichter von neuem zu heulen: </p> @@ -18800,53 +18767,53 @@ der Trichter von neuem zu heulen: </div> <p class="noindent"> -„Ja, überall. Niemand weiß, ob das Auge von G III -nicht auf ihn gerichtet ist. Selbst ich weiß es nicht, ob ich +„Ja, überall. Niemand weiß, ob das Auge von G III +nicht auf ihn gerichtet ist. Selbst ich weiß es nicht, ob ich nicht selbst wieder beobachtet werde! Ja, so ist es, bei Gott! Alle Kulturstaaten haben diese Einrichtung, geben -Millionen dafür aus — unsere Organisation ist sogar noch -klein im Vergleich zu der anderer Großmächte. Klein, -im Verhältnis, aber sie arbeitet zuverlässig. Sie können +Millionen dafür aus — unsere Organisation ist sogar noch +klein im Vergleich zu der anderer Großmächte. Klein, +im Verhältnis, aber sie arbeitet zuverlässig. Sie können mir ruhig glauben.“ </p> <p> -„Wir öffnen Koffer unterwegs, so daß der Eigentümer es -nicht merkt, besonders das Öffnen von Briefen ist unsere Spezialität. -Wir überwachen die Korrespondenz von Tausenden!“ +„Wir öffnen Koffer unterwegs, so daß der Eigentümer es +nicht merkt, besonders das Öffnen von Briefen ist unsere Spezialität. +Wir überwachen die Korrespondenz von Tausenden!“ </p> <p> „Wir nehmen ganz einfach Abschriften, und wenn es -besonders interessante Fälle sind, photographische Kopien. -Wir wissen alles, wir kennen die Geheimnisse der höchsten -Persönlichkeiten. Wir erscheinen als Kellner in den Restaurants, +besonders interessante Fälle sind, photographische Kopien. +Wir wissen alles, wir kennen die Geheimnisse der höchsten +Persönlichkeiten. Wir erscheinen als Kellner in den Restaurants, wo irgendeine besondere Sitzung veranstaltet wird, -da sind wir dabei. Selbst bei den hohen Würdenträgern -unserer Verbündeten haben wir unsere Agenten. Wir -bohren Löcher durch Türen und öffnen Schreibtische. -Fürsten, Minister, Abgeordnete — wir kennen ihre geheimsten +da sind wir dabei. Selbst bei den hohen Würdenträgern +unserer Verbündeten haben wir unsere Agenten. Wir +bohren Löcher durch Türen und öffnen Schreibtische. +Fürsten, Minister, Abgeordnete — wir kennen ihre geheimsten Gedanken.“ </p> <p> -„Ja, wir machen alles! Ihr junger Schützling, Verehrtester -— er ist in guten Händen. Und auch jene hochgestellte -Persönlichkeit, die sich für den Lebenswandel -ihres Töchterchens interessiert — auch sie wird zufriedengestellt +„Ja, wir machen alles! Ihr junger Schützling, Verehrtester +— er ist in guten Händen. Und auch jene hochgestellte +Persönlichkeit, die sich für den Lebenswandel +ihres Töchterchens interessiert — auch sie wird zufriedengestellt werden. Ja, wir machen alles. Und Sie und ich — was glauben Sie? — wir werden einen Orden erhalten -— auch Sie, hören Sie! Ich werde dafür sorgen, ich! —“ +— auch Sie, hören Sie! Ich werde dafür sorgen, ich! —“ </p> <p> <a id="page-311" class="pagenum" title="311"></a> -Aber da der Havelock selbst bei dieser blendenden Eröffnung +Aber da der Havelock selbst bei dieser blendenden Eröffnung still blieb, hob der Semmelblonde wiederum den -Kopf über die Tischplatte. Das Gesicht des kleinen Herrn -Herbst hatte sich abermals völlig verändert, es war ohne +Kopf über die Tischplatte. Das Gesicht des kleinen Herrn +Herbst hatte sich abermals völlig verändert, es war ohne Augen, ohne Nase und ohne Mund, dagegen umgeben -von einem dünnen, grauen Backenbart. Es war die Glatze +von einem dünnen, grauen Backenbart. Es war die Glatze des kleinen Herrn Herbst, der eingeschlafen war. In diesem Augenblick geriet der Havelock ins Gleiten, und ohne Laut sank er auf den Boden. @@ -18855,13 +18822,13 @@ sank er auf den Boden. <p> „Und noch eine Mosel — und noch eine Mosel — dreimal hoch!“ sang Kunze mit hellem Tenor und begab sich -im Foxtrott hinaus in die Küche. Fürchterlich schlingerte +im Foxtrott hinaus in die Küche. Fürchterlich schlingerte das Haus. </p> <p> „Gloria — Viktoria —“ heulte das Grammophon ganz -allein für sich. +allein für sich. </p> <h3 class="no" id="subchap-2-1-12"> @@ -18869,7 +18836,7 @@ allein für sich. </h3> <p class="first"> -<span class="firstchar">V</span>or dem grauen Hause in der Tiergartenstraße hielt +<span class="firstchar">V</span>or dem grauen Hause in der Tiergartenstraße hielt Ackermann den Schritt an. </p> @@ -18878,12 +18845,12 @@ Unendlich zart umschlang ihn ein Arm. </p> <p> -„Ich werde mir Mühe geben“, flüsterte eine weiche, +„Ich werde mir Mühe geben“, flüsterte eine weiche, unendlich geliebte Stimme. </p> <p> -„Ich weiß es!“ +„Ich weiß es!“ </p> <p> @@ -18908,11 +18875,11 @@ Mut habe.“ </p> <p> -„Du wirst es fühlen.“ +„Du wirst es fühlen.“ </p> <p> -„Ja, ich werde es fühlen!“ +„Ja, ich werde es fühlen!“ </p> <p> @@ -18920,8 +18887,8 @@ Mut habe.“ </p> <p> -Eine Weile wartete Ackermann noch, bis die Haustüre -ins Schloß fiel. +Eine Weile wartete Ackermann noch, bis die Haustüre +ins Schloß fiel. </p> <h2 class="chapter" id="chapter-2-2"> @@ -18935,26 +18902,26 @@ ins Schloß fiel. <p class="first"> <span class="firstchar">D</span>er Leichnam des jungen Heinz war nach Berlin gebracht -worden. An einem hellen Frühlingstag wurde +worden. An einem hellen Frühlingstag wurde er in die Erde gebettet. Die Kampfstaffel hatte den jungen Meerheim mit einem Kranz geschickt. Der Trauerzug war -nur klein. Ohne eine Träne im Auge folgte die Majorin -Sterne-Dönhoff dem Sarge ihres Sohnes, die Schwestern -weinten leise und schüchtern. Etwas hinter dem kurzen +nur klein. Ohne eine Träne im Auge folgte die Majorin +Sterne-Dönhoff dem Sarge ihres Sohnes, die Schwestern +weinten leise und schüchtern. Etwas hinter dem kurzen Trauerzug, dicht verschleiert und schwarzgekleidet wie eine Witwe, ging Klara, deren schmale Schultern von einem -ununterbrochenen Schluchzen geschüttelt wurden. Heinzens -Freunde, Schüler, Knaben, sangen des Gefallenen Lieblingslied: -Deutschland, Deutschland über alles. Die Majorin -hatte es gewünscht. Sie selbst stimmte in das Lied ein, -während sie mit verklärtem Lächeln in die Weite des Frühlingshimmels +ununterbrochenen Schluchzen geschüttelt wurden. Heinzens +Freunde, Schüler, Knaben, sangen des Gefallenen Lieblingslied: +Deutschland, Deutschland über alles. Die Majorin +hatte es gewünscht. Sie selbst stimmte in das Lied ein, +während sie mit verklärtem Lächeln in die Weite des Frühlingshimmels blickte. </p> <p> Der junge Meerheim sprach einen kurzen Nachruf, mit -unbewegter, soldatisch scharfer Stimme; acht Tage später -wurde er selbst im Luftkampf getötet. +unbewegter, soldatisch scharfer Stimme; acht Tage später +wurde er selbst im Luftkampf getötet. </p> <p> @@ -18962,60 +18929,60 @@ Noch nicht neunzehn Jahre alt, war Heinz gefallen. </p> <p> -Klara preßte das zusammengerollte Taschentuch zwischen -die Zähne. +Klara preßte das zusammengerollte Taschentuch zwischen +die Zähne. </p> <p> Sonderbar, und nicht die leiseste Ahnung! Am Abend -vorher hatte noch ihr Stern so herrlich und verheißungsvoll +vorher hatte noch ihr Stern so herrlich und verheißungsvoll gefunkelt. </p> <p> Es war an dem Morgen nach Doras Fest geschehen — gerade in der Stunde, da sie einschlief. Meerheim sah -die Maschine stürzen. +die Maschine stürzen. </p> <p> Einige Tage vorher — sie erinnerte sich dessen — hatte -sie von Heinz geträumt. Er stand auf dem Flugplatz, die -grüne Wollmütze auf dem Kopf, und auf seiner Brust +sie von Heinz geträumt. Er stand auf dem Flugplatz, die +grüne Wollmütze auf dem Kopf, und auf seiner Brust glitzerte in der Sonne das Medaillon. Er spielte mit einem <a id="page-313" class="pagenum" title="313"></a> -kleinen Dachshund, und Schwärme von furchtbar anzusehenden +kleinen Dachshund, und Schwärme von furchtbar anzusehenden Flugzeugen, mit barbarischen Farben bemalt, -rasten über ihn hin. Aber er sah sie gar nicht, spielte mit +rasten über ihn hin. Aber er sah sie gar nicht, spielte mit dem Hunde — man konnte diesen Traum wohl nicht eine Ahnung nennen? </p> <p> -Ohne jede Sorge, ja, mehr, mit dem Gefühl der Sicherheit, -war sie nach Doras Fest schlafen gegangen, glücklich +Ohne jede Sorge, ja, mehr, mit dem Gefühl der Sicherheit, +war sie nach Doras Fest schlafen gegangen, glücklich und voller Hoffnungen. </p> <p> Vor wenigen Tagen aber fuhr sie in die Stadt. Nach ihrer Gewohnheit kaufte sie in einem Kiosk der Untergrundbahn -wahllos einen Stoß Zeitungen. Wie viele +wahllos einen Stoß Zeitungen. Wie viele Menschen, war sie zu einer fanatischen Zeitungsleserin -geworden, es war eine förmliche Krankheit bei ihr. Plötzlich +geworden, es war eine förmliche Krankheit bei ihr. Plötzlich war es ihr, als ob sie seinen Namen gelesen habe! Unglaublich zwar — aber hatte er ihr nicht oft gesagt: -gib acht, eines Tages wirst du plötzlich meinen Namen in -den Zeitungen lesen, und wie überrascht wirst du sein! -Sie blätterte, und richtig — da stand sein Name: Heinz -Sterne-Dönhoff. Sie las, und sie begriff zuerst nicht. +gib acht, eines Tages wirst du plötzlich meinen Namen in +den Zeitungen lesen, und wie überrascht wirst du sein! +Sie blätterte, und richtig — da stand sein Name: Heinz +Sterne-Dönhoff. Sie las, und sie begriff zuerst nicht. Nachdem vor knapp einem Jahre sein Vater, der Major -Sterne-Dönhoff, den Heldentod . . . Sie las die Unterschriften, -und plötzlich begriff sie. +Sterne-Dönhoff, den Heldentod . . . Sie las die Unterschriften, +und plötzlich begriff sie. </p> <p> -Sie warf ihre Zeitungen auf den Sitz, daß sie umherflatterten, +Sie warf ihre Zeitungen auf den Sitz, daß sie umherflatterten, und rannte durch den Wagen. </p> @@ -19024,28 +18991,28 @@ und rannte durch den Wagen. </p> <p> -„Aber Sie sehen doch, daß der Zug fährt, Sie können -doch nicht aussteigen“, sagten die Herren, die die Türe +„Aber Sie sehen doch, daß der Zug fährt, Sie können +doch nicht aussteigen“, sagten die Herren, die die Türe verbarrikadierten. „Sie zerschmettern sich den Kopf, -liebes Fräulein.“ +liebes Fräulein.“ </p> <p> Da fuhr der Zug in einen Bahnhof ein, und Klara -stürzte hinaus. +stürzte hinaus. </p> <p> „Es ist schrecklich, jeden Tag erlebt man jetzt derartige Szenen. Gestern sprang eine Frau auf dem Bahnhof -Spittelmarkt vor den Zug und ließ sich überfahren. Ich +Spittelmarkt vor den Zug und ließ sich überfahren. Ich sage Ihnen, es war entsetzlich — dieser Schrei!“ </p> <p> <a id="page-314" class="pagenum" title="314"></a> -„Hören Sie auf, ich kann von solchen Dingen schon gar -nichts mehr hören —“ +„Hören Sie auf, ich kann von solchen Dingen schon gar +nichts mehr hören —“ </p> <p> @@ -19057,22 +19024,22 @@ Ja, nun wollte sie es wagen. In Gottes Namen! </p> <p> -Sie drückte auf die Klingel und gab ihre Karte ab. Diese -Karte war schwarz umrändert. Klara war so tief und -dicht verschleiert, daß man kaum noch einen Schimmer des +Sie drückte auf die Klingel und gab ihre Karte ab. Diese +Karte war schwarz umrändert. Klara war so tief und +dicht verschleiert, daß man kaum noch einen Schimmer des Gesichts sah. </p> <p> -Das Mädchen kam nach auffallend langer Zeit zurück -und forderte sie auf, einzutreten. Die Majorin Sterne-Dönhoff +Das Mädchen kam nach auffallend langer Zeit zurück +und forderte sie auf, einzutreten. Die Majorin Sterne-Dönhoff und die beiden Schwestern waren im Zimmer. -Ach, ihre Gesichter, überall Heinz, in allen Linien. — +Ach, ihre Gesichter, überall Heinz, in allen Linien. — </p> <p> „Was verschafft uns die Ehre?“ fragte die Majorin -Dönhoff mit einem prüfenden Blick aus ihrem gelblichen, +Dönhoff mit einem prüfenden Blick aus ihrem gelblichen, langen Gesicht. </p> @@ -19081,7 +19048,7 @@ langen Gesicht. </p> <p> -„Ich verstehe Sie nicht!“ sagte Frau v. Sterne-Dönhoff +„Ich verstehe Sie nicht!“ sagte Frau v. Sterne-Dönhoff leise. „Wollen Sie bitte Platz nehmen!“ </p> @@ -19091,11 +19058,11 @@ Die Schwestern starrten verlegen. <p> „Ich wollte nur,“ begann Klara wieder, „Sie besuchen“, -und plötzlich fing sie an zu schluchzen. +und plötzlich fing sie an zu schluchzen. </p> <p> -„Was haben Sie nur, mein liebes Fräulein?“ +„Was haben Sie nur, mein liebes Fräulein?“ </p> <p> @@ -19116,15 +19083,15 @@ seine Geliebte.“ </p> <p> -Die Majorin fiel ihr ins Wort. Kühl und förmlich sagte +Die Majorin fiel ihr ins Wort. Kühl und förmlich sagte sie: „Mein Sohn hatte keinerlei Geheimnisse vor mir. — Geht hinaus!“ herrschte sie die beiden Schwestern an, und -sie verließen sofort gehorsam das Zimmer. +sie verließen sofort gehorsam das Zimmer. </p> <p> „Wie sagten Sie? Seine Geliebte?“ Die Majorin -dämpfte die Stimme. +dämpfte die Stimme. </p> <p> @@ -19142,74 +19109,74 @@ dämpfte die Stimme. <p> „Sie wollen also sagen“ — die Majorin stockte — „Sie -wollen doch nicht sagen, daß Sie mit Heinz in Gemeinschaft +wollen doch nicht sagen, daß Sie mit Heinz in Gemeinschaft gelebt haben?“ </p> <p> Klara zuckte zusammen und hob den hilflosen, wunden -Blick zu den graublauen Augen empor. Sie errötete. +Blick zu den graublauen Augen empor. Sie errötete. „Nein, nicht das —“ stotterte sie. „Das wollte ich nicht sagen.“ </p> <p> -Auch über das gelbe, lange Gesicht der Majorin huschte -ein dünnes Rot. Erleichtert und etwas freundlicher sagte -sie: „Nun, dann danke ich Ihnen herzlich für Ihren Besuch, -mein liebes Fräulein!“ Sie versuchte, ihrer Stimme sogar +Auch über das gelbe, lange Gesicht der Majorin huschte +ein dünnes Rot. Erleichtert und etwas freundlicher sagte +sie: „Nun, dann danke ich Ihnen herzlich für Ihren Besuch, +mein liebes Fräulein!“ Sie versuchte, ihrer Stimme sogar einen warmen und aufrichtigen Klang zu geben. Aber als -Klara sie mit fassungslosen Augen ansah, fügte sie flüsternd -hinzu: „Sollten Sie vielleicht irgendwelche Ansprüche zu +Klara sie mit fassungslosen Augen ansah, fügte sie flüsternd +hinzu: „Sollten Sie vielleicht irgendwelche Ansprüche zu stellen haben?“ </p> <p> -Fassungslos waren die wunden Mädchenaugen auf sie +Fassungslos waren die wunden Mädchenaugen auf sie gerichtet. </p> <p> -Da lächelte die Majorin und streckte Klara die Hand hin. -„Herzlichen Dank, mein Kind. Wie heißen Sie?“ +Da lächelte die Majorin und streckte Klara die Hand hin. +„Herzlichen Dank, mein Kind. Wie heißen Sie?“ </p> <p> -Aber Klara antwortete nicht, ihr Blick glühte. Sie berührte +Aber Klara antwortete nicht, ihr Blick glühte. Sie berührte diese lange, gelbe, entsetzliche Hand nicht. Sie wich -zurück, verbeugte sich tief, sehr tief, und ging hinaus. Die -beiden Schwestern lugten durch die Türspalte. „Von ihr -ist die Locke, die er in dem Medaillon trug“, flüsterte die +zurück, verbeugte sich tief, sehr tief, und ging hinaus. Die +beiden Schwestern lugten durch die Türspalte. „Von ihr +ist die Locke, die er in dem Medaillon trug“, flüsterte die eine, und die Stimme der Majorin rief: „Emma, Bertha.“ Klara befand sich wieder auf der Treppe. </p> <p> -Ach, und die kleine, törichte Klara hatte sich zu Hause -ausgedacht, daß sie vor der Majorin und den Schwestern -in die Knie fallen werde, um ihnen zu sagen, daß sie gekommen +Ach, und die kleine, törichte Klara hatte sich zu Hause +ausgedacht, daß sie vor der Majorin und den Schwestern +in die Knie fallen werde, um ihnen zu sagen, daß sie gekommen sei, den Schmerz mit ihnen zu teilen. Sie wollte -ihnen die Hände küssen und mit ihnen weinen. +ihnen die Hände küssen und mit ihnen weinen. </p> <p> -Sie war ein Kind und wußte nichts um die Eifersucht +Sie war ein Kind und wußte nichts um die Eifersucht einer Mutter. </p> <p> -Betäubt und völlig fassungslos stieg sie die Treppe +Betäubt und völlig fassungslos stieg sie die Treppe <a id="page-316" class="pagenum" title="316"></a> -hinab. Es war die Treppe, über die sein Schritt eilte. Sie -berührte sie liebkosend mit den Fingerspitzen. Sie wollte -diese Treppe auch küssen — aber in diesem Moment wurde -ein Kinderwagen aus einer Türe geschoben, und sie entfloh. +hinab. Es war die Treppe, über die sein Schritt eilte. Sie +berührte sie liebkosend mit den Fingerspitzen. Sie wollte +diese Treppe auch küssen — aber in diesem Moment wurde +ein Kinderwagen aus einer Türe geschoben, und sie entfloh. </p> <p> -Aber sie kam wieder, als die Damen Sterne-Dönhoff -ausgegangen waren, und sie küßte die Treppenstufen und -kniete auf ihnen. Dreimal kam sie im Laufe der nächsten +Aber sie kam wieder, als die Damen Sterne-Dönhoff +ausgegangen waren, und sie küßte die Treppenstufen und +kniete auf ihnen. Dreimal kam sie im Laufe der nächsten Wochen und schlich wie ein Dieb durch das Treppenhaus. Einmal war es schon ganz finster. Dann kam sie nicht mehr. </p> @@ -19221,44 +19188,44 @@ Einmal war es schon ganz finster. Dann kam sie nicht mehr. <p class="first"> <span class="firstchar">D</span>as Paradies war versunken, nichts blieb als Finsternis, unendlich — und inmitten dieser finsteren Unendlichkeit -stand sie, Klara, die Hände auf ihr zuckendes Herz gepreßt. +stand sie, Klara, die Hände auf ihr zuckendes Herz gepreßt. </p> <p> -Solange Papa zu Hause war, mußte sie die Trauerkleider +Solange Papa zu Hause war, mußte sie die Trauerkleider ablegen. Sie wollte Papas Fragen vermeiden. Zuweilen schon streifte sie bei Tische sein Blick — ihre Augen -waren gerötet, ohne Glanz, ihre Wangen ohne Farbe. +waren gerötet, ohne Glanz, ihre Wangen ohne Farbe. Papa, ihr armer Papa, der ohnehin in den letzten Tagen -so auffallend erregt, ja verstört war. Mehr, als er es sich -merken ließ, schien ihm Hedis Rücksichtslosigkeit nahe zu +so auffallend erregt, ja verstört war. Mehr, als er es sich +merken ließ, schien ihm Hedis Rücksichtslosigkeit nahe zu gehen. </p> <p> -Ja, diese Hedi hatte es tatsächlich übers Herz gebracht, +Ja, diese Hedi hatte es tatsächlich übers Herz gebracht, das Haus zu verlassen. Anfangs war sie nur selten und -sehr unregelmäßig gekommen, sandte immer Boten mit -Briefen — Arbeit, unerwartete Vorkommnisse. Schließlich -kam sie gar nicht mehr. Ganz unmöglich, dieser Weg — -und Arbeit, Tag und Nacht mußte man zur Stelle sein. +sehr unregelmäßig gekommen, sandte immer Boten mit +Briefen — Arbeit, unerwartete Vorkommnisse. Schließlich +kam sie gar nicht mehr. Ganz unmöglich, dieser Weg — +und Arbeit, Tag und Nacht mußte man zur Stelle sein. </p> <p> -Der Geheime Rat — nie hätte es Klara für denkbar -gehalten, fügte sich, ohne den Versuch eines Widerstandes. +Der Geheime Rat — nie hätte es Klara für denkbar +gehalten, fügte sich, ohne den Versuch eines Widerstandes. </p> <p> Er ging wohl etwas erregt hin und her und knackte mit -den Fingern, zupfte an seinen dünnen Barthaaren. Er hatte +den Fingern, zupfte an seinen dünnen Barthaaren. Er hatte Bedenken ohne Zweifel, schwere Bedenken! Ein Herr -Ströbel oder Herr v. Ströbel — ein während des Krieges -reich gewordener Mann — hm! Aber schließlich: er besaß -kein Vermögen, und da er kein Vermögen besaß, so war +Ströbel oder Herr v. Ströbel — ein während des Krieges +reich gewordener Mann — hm! Aber schließlich: er besaß +kein Vermögen, und da er kein Vermögen besaß, so war <a id="page-317" class="pagenum" title="317"></a> auch seine Karriere so gut wie abgeschlossen — derselbe -Schreibtisch, derselbe Aktenständer, derselbe Spucknapf — +Schreibtisch, derselbe Aktenständer, derselbe Spucknapf — bis zur Pensionierung. </p> @@ -19268,8 +19235,8 @@ Fingern. </p> <p> -Bei dem heutigen Geldwert konnte er seinen Töchtern -nichts mehr bieten, gar nichts mehr. Sie mußten selbst +Bei dem heutigen Geldwert konnte er seinen Töchtern +nichts mehr bieten, gar nichts mehr. Sie mußten selbst sehen — </p> @@ -19278,38 +19245,38 @@ Es war gar nichts zu tun, mit einem Wort. </p> <p> -Und übrigens hatte er gerade jetzt, gerade in diesen +Und übrigens hatte er gerade jetzt, gerade in diesen Tagen, ganz andere Sorgen! Schlaflos verbrachte er die -Nächte. Ein ungeheures Mißgeschick, wenn man so sagen -darf, war ihm widerfahren: es gehörte zu seiner Tätigkeit -im Auswärtigen Amt, die deutschen Interessen in drei -fernen exotischen Ländern zu vertreten. Zu diesem Behufe -veröffentlichte er mit Unterstützung eines Universitätslehrers +Nächte. Ein ungeheures Mißgeschick, wenn man so sagen +darf, war ihm widerfahren: es gehörte zu seiner Tätigkeit +im Auswärtigen Amt, die deutschen Interessen in drei +fernen exotischen Ländern zu vertreten. Zu diesem Behufe +veröffentlichte er mit Unterstützung eines Universitätslehrers jeden Monat ein Korrespondenzblatt, dessen sich die Presse allerdings nur wenig, ja, man kann getrost sagen, gar nicht bediente, leider. Nun aber hatte eines -der exotischen Länder an Deutschland den Krieg erklärt — -und ihm, ihm war es völlig entgangen! Das letzte Korrespondenzblatt +der exotischen Länder an Deutschland den Krieg erklärt — +und ihm, ihm war es völlig entgangen! Das letzte Korrespondenzblatt hatte sogar noch einen lobenden, beruhigenden -Aufsatz aus der Feder seines geschätzten Mitarbeiters enthalten, +Aufsatz aus der Feder seines geschätzten Mitarbeiters enthalten, und doch lebte man mit jenem Lande schon seit -drei Wochen im Krieg! Welches Mißgeschick! Wenn der +drei Wochen im Krieg! Welches Mißgeschick! Wenn der Minister es, bemerken sollte —? Allerdings waren ja schon drei Wochen vergangen, und niemand hatte bis jetzt etwas bemerkt, vielleicht ging der Kelch noch einmal an -ihm vorüber! +ihm vorüber! </p> <p> Das waren die Sorgen des Geheimen Rats, und es -war ihm natürlich zurzeit gänzlich unmöglich, sich viel um -seine Töchter zu bekümmern. Es war ja schließlich keine +war ihm natürlich zurzeit gänzlich unmöglich, sich viel um +seine Töchter zu bekümmern. Es war ja schließlich keine Schande, wenn Hedi Schreibmaschine schrieb und Briefe -abfaßte — und sie bekam mehr Gehalt sogar als er. -— Es schien ihr gut zu gehen, hatte sie doch kürzlich +abfaßte — und sie bekam mehr Gehalt sogar als er. +— Es schien ihr gut zu gehen, hatte sie doch kürzlich <a id="page-318" class="pagenum" title="318"></a> -sogar eine Gänsekeule in Gelee geschickt. Im übrigen -war ihm der Charakter Hedis Bürgschaft genug . . . +sogar eine Gänsekeule in Gelee geschickt. Im übrigen +war ihm der Charakter Hedis Bürgschaft genug . . . </p> <p> @@ -19319,13 +19286,13 @@ in Zukunft zu ignorieren. </p> <p> -Aber Hedi hatte wenig Verständnis für ihr Leid. Sie -war gerade mit dem Einrichten ihrer Wohnung beschäftigt. +Aber Hedi hatte wenig Verständnis für ihr Leid. Sie +war gerade mit dem Einrichten ihrer Wohnung beschäftigt. Im Salon sollte eine Decke eingezogen werden — mit goldenen Kassetten zwischen ultramarinblauen Balken — -nein, Hedi hatte gar kein Verständnis. Sie wollte ihr einen -Frühlingshut schenken. Sie heuchelte ja Teilnahme, aber -Klara fühlte nur zu deutlich — +nein, Hedi hatte gar kein Verständnis. Sie wollte ihr einen +Frühlingshut schenken. Sie heuchelte ja Teilnahme, aber +Klara fühlte nur zu deutlich — </p> <p> @@ -19335,15 +19302,15 @@ kannte sie kaum, aber instinktiv suchte sie bei ihr Zuflucht. </p> <p> -Indessen Ruth war nicht da! Der General trat zufällig +Indessen Ruth war nicht da! Der General trat zufällig in die Diele. „Meine Tochter ist nie zu Hause!“ sagte er — wie es Klara schien — mit Bitterkeit in der Stimme. Feierlich -und prunkend — diese Diele. Dunkle Gemälde in +und prunkend — diese Diele. Dunkle Gemälde in breiten Rahmen, ein riesiger Spiegel und davor zwei -Neger aus Bronze oder Eisenguß, die hohe Kerzen trugen. -Voller Mißtrauen schien der General sie zu betrachten, -sein Blick war prüfend und unbehaglich, ganz wie der -Blick von Frau v. Sterne-Dönhoff. Die sie haßte und +Neger aus Bronze oder Eisenguß, die hohe Kerzen trugen. +Voller Mißtrauen schien der General sie zu betrachten, +sein Blick war prüfend und unbehaglich, ganz wie der +Blick von Frau v. Sterne-Dönhoff. Die sie haßte und verachtete. </p> @@ -19352,15 +19319,15 @@ Ja, wohin? </p> <p> -Schließlich kam sie auf den Gedanken, Dora aufzusuchen. +Schließlich kam sie auf den Gedanken, Dora aufzusuchen. Sie beichtete Dora alles! Aber Dora hatte ebenfalls -kein Verständnis für ihren Schmerz. Sie küßte sie, -nahm sie in die Arme und drückte sie an ihr Herz. Sie -versuchte sie zu trösten — sagte, es sei ein Verbrechen, +kein Verständnis für ihren Schmerz. Sie küßte sie, +nahm sie in die Arme und drückte sie an ihr Herz. Sie +versuchte sie zu trösten — sagte, es sei ein Verbrechen, Kinder, wie Heinz, in diese Metzelei zu schicken — aber sie hatte gerade die Schneiderin im Hause, und ihr Kopf -war erfüllt von Frühjahrs- und Sommertoiletten, man -mußte ja jetzt schon an den Sommer denken. Schließlich +war erfüllt von Frühjahrs- und Sommertoiletten, man +mußte ja jetzt schon an den Sommer denken. Schließlich <a id="page-319" class="pagenum" title="319"></a> kam Otto dazu, und Otto betrachtete sie mit neugierigen Blicken, die Klara unangenehm waren. @@ -19371,33 +19338,33 @@ Sie ging. </p> <p> -Allein, ganz allein mußte die kleine Witwe ihren Schmerz -tragen. Sie wußte noch nicht, daß der Mensch in seinem +Allein, ganz allein mußte die kleine Witwe ihren Schmerz +tragen. Sie wußte noch nicht, daß der Mensch in seinem Schmerz immer allein steht. </p> <p> -Wie eine Verzweifelte irrte sie Tag für Tag, bis in die -späte Nacht hinein, durch die Straßen. Für ihn die Flaggen -— mein Geliebter, mein Held! — für ihn das feierliche -Geläute der Glocken! Niemals würde sie auch nur die -Hand eines andern Mannes berühren! Sie war seine +Wie eine Verzweifelte irrte sie Tag für Tag, bis in die +späte Nacht hinein, durch die Straßen. Für ihn die Flaggen +— mein Geliebter, mein Held! — für ihn das feierliche +Geläute der Glocken! Niemals würde sie auch nur die +Hand eines andern Mannes berühren! Sie war seine Witwe. </p> <p> Sie war freundlich zu den Menschen gewesen und selbst -freundlich zu den Hunden auf der Straße. Nun ging sie +freundlich zu den Hunden auf der Straße. Nun ging sie dahin, ohne den Blick zu erheben. </p> <p> -Zeitungen, Extrablätter, die Menschen rannten, stürmten, -rissen gierig die Blätter in Stücke — was kümmerte es -sie? Selbst die Wagen der Untergrundbahn waren überschwemmt +Zeitungen, Extrablätter, die Menschen rannten, stürmten, +rissen gierig die Blätter in Stücke — was kümmerte es +sie? Selbst die Wagen der Untergrundbahn waren überschwemmt mit Zeitungen. Man hatte den Faustkampf um den Platz in diesen Tagen etwas gemildert — es war ja -nicht unmöglich, daß bald alles wieder anders würde. Siege, +nicht unmöglich, daß bald alles wieder anders würde. Siege, Siege! Jeden Tag! In der Ecke des Wagens starb eine kleine Stenotypistin — still, ohne einen Laut von sich zu geben. Von der Station Kaiserhof an wurde sie bleicher @@ -19410,49 +19377,49 @@ Tot? Ja, vielleicht war es das beste? </p> <p> -Klara wurde nicht müde in diesen schrecklichen Tagen, +Klara wurde nicht müde in diesen schrecklichen Tagen, obschon sie nachts kein Auge zutat. Denn nachts flossen -die Tränen ganz von selbst und brachten Linderung. Kreuz -und quer irrte sie durch die dunkeln Straßen. Schatten +die Tränen ganz von selbst und brachten Linderung. Kreuz +und quer irrte sie durch die dunkeln Straßen. Schatten taumelten gegen sie, Schatten krochen vor ihr, Schatten -stürzten hinter ihr her. Plötzlich erschrak Klara: ein alter, +stürzten hinter ihr her. Plötzlich erschrak Klara: ein alter, haariger Schimmel stand mitten auf dem Trottoir. </p> <p> -Sie stand an einem stillen Kanal, in einer ihr völlig +Sie stand an einem stillen Kanal, in einer ihr völlig <a id="page-320" class="pagenum" title="320"></a> fremden Gegend. Aus dem schwarzen Wasser blinzelte -winkend ein Licht, tief unten. Die dunkeln Häuser hinter -ihr begannen allmählich zu rücken und zu wandern. Leichen +winkend ein Licht, tief unten. Die dunkeln Häuser hinter +ihr begannen allmählich zu rücken und zu wandern. Leichen von Firmenschildern, Leichen von Riesenbuchstaben wanderten -langsam, unendlich langsam vorüber. Kein Mensch +langsam, unendlich langsam vorüber. Kein Mensch weit und breit. Verlassene Wagen, verlassene Bretterhaufen, -verlassene Kähne, die Pest hatte die Menschen +verlassene Kähne, die Pest hatte die Menschen mitten aus der Arbeit weggeholt. </p> <p> -Da erscholl über dem schweigenden, schwarzen Wasser -ein fürchterliches Gelächter — ein unheimliches Lachen, +Da erscholl über dem schweigenden, schwarzen Wasser +ein fürchterliches Gelächter — ein unheimliches Lachen, das Lachen des Wahnwitzes — Klara erschauerte. Sie -befand sich hinter dem alten Schloß, und es schien ihr, -als käme das Gelächter aus der finstern Burg. Ein Eishauch -ging von dem stillen, toten Schloß aus. Es schien +befand sich hinter dem alten Schloß, und es schien ihr, +als käme das Gelächter aus der finstern Burg. Ein Eishauch +ging von dem stillen, toten Schloß aus. Es schien verlassen, bewohnt einzig von einem Gespenst, das diese -fürchterliche Kälte aushauchte. Starrte es nicht durch die +fürchterliche Kälte aushauchte. Starrte es nicht durch die schwarzen Fenster auf sie? Und da — seine eisige Hand -griff durch die Mauern und berührte ihr Herz. +griff durch die Mauern und berührte ihr Herz. </p> <p> -Klara entfloh. Das wahnwitzige Gelächter scholl hinter +Klara entfloh. Das wahnwitzige Gelächter scholl hinter ihr her. </p> <p> Endlich Licht. Ein Kino. Eine dicke Zeitungsfrau rannte -an den grellen Plakaten vorüber und krächzte heiser und +an den grellen Plakaten vorüber und krächzte heiser und ununterbrochen: „Zwanzigtausend Gefangene — die Schlacht geht weiter —“ </p> @@ -19466,36 +19433,36 @@ Schlacht geht weiter —“ </p> <p> -Sonderbar, den ganzen Tag über Regen, gegen +Sonderbar, den ganzen Tag über Regen, gegen Abend etwas Sonne und ein feuchter Wind und nun, in der Nacht, Nebel. </p> <p> -Herr Herbst bog um die Ecke und nieste. Er war erkältet. -In dieser Straße stand der Nebel noch dichter. Ein unheimlicher +Herr Herbst bog um die Ecke und nieste. Er war erkältet. +In dieser Straße stand der Nebel noch dichter. Ein unheimlicher Riese kam ihm entgegengestampft, in einige Lagen -von Pelzen eingehüllt, eine hohe Pelzmütze auf dem dicken +von Pelzen eingehüllt, eine hohe Pelzmütze auf dem dicken <a id="page-321" class="pagenum" title="321"></a> -Schädel, aber er schrumpfte mehr und mehr zusammen, -und schließlich ging nur ein kleiner harmloser Mann an -ihm vorüber. Ein qualmendes Feuer mitten in der Straße +Schädel, aber er schrumpfte mehr und mehr zusammen, +und schließlich ging nur ein kleiner harmloser Mann an +ihm vorüber. Ein qualmendes Feuer mitten in der Straße und tanzende Kannibalen um das Feuer: keine Angst, es -sind Straßenbahnarbeiter, die das Geleise ausbessern. +sind Straßenbahnarbeiter, die das Geleise ausbessern. </p> <p> -Wie ein lehmiges Meer wälzte sich der Nebel dahin und -schob Geröll vor sich her — Häuser, Straßen, Häuserviertel, -Stadtviertel, Vorstädte, immer weiter, bis hinaus zum -flachen Land, wo es nichts gibt als Kartoffeläcker und Telegraphenstangen. +Wie ein lehmiges Meer wälzte sich der Nebel dahin und +schob Geröll vor sich her — Häuser, Straßen, Häuserviertel, +Stadtviertel, Vorstädte, immer weiter, bis hinaus zum +flachen Land, wo es nichts gibt als Kartoffeläcker und Telegraphenstangen. </p> <p> Auch ihn schob das lehmige Meer willenlos vor sich her, -ganz wie die Häuser und Stadtviertel mit all ihren Bewohnern. +ganz wie die Häuser und Stadtviertel mit all ihren Bewohnern. Seine Nase tropfte, er ging rasch, die Knie etwas -eingeknickt, die Arme herabhängend. Müde war er, todmüde. +eingeknickt, die Arme herabhängend. Müde war er, todmüde. Den ganzen Tag war er unterwegs. </p> @@ -19513,37 +19480,37 @@ Stunde des Tages sollte er erinnert werden — <em>daran</em>! </p> <p> -Als er aber wieder niesen mußte, zerflatterte die dichte -schmutzige Nebelwolke, und — wer hätte das gedacht? — -er erblickte einen kleinen üppigen Garten in praller Sonne! -Er selbst ging in diesem Garten spazieren, in einem weißen +Als er aber wieder niesen mußte, zerflatterte die dichte +schmutzige Nebelwolke, und — wer hätte das gedacht? — +er erblickte einen kleinen üppigen Garten in praller Sonne! +Er selbst ging in diesem Garten spazieren, in einem weißen Kittel, die goldene Uhrkette auf der Weste, einen breiten sonnenverbrannten Panama auf dem Kopfe. So deutlich! Es roch nach Kaffee, es war Sonntag, er roch sogar die -Frische des Stärkhemdes, das er trug. Bald würde Muttchen -— dasselbe Muttchen, das später, viel später, wer -hätte es ahnen können —? — bald würde Muttchen kommen +Frische des Stärkhemdes, das er trug. Bald würde Muttchen +— dasselbe Muttchen, das später, viel später, wer +hätte es ahnen können —? — bald würde Muttchen kommen mit dem Kaffeekuchen, die Fingerspitzen etwas fett, die -Lippen etwas glänzend von Fett . . . +Lippen etwas glänzend von Fett . . . </p> <p> -In diesem Augenblick stieß Herr Herbst mit jemand +In diesem Augenblick stieß Herr Herbst mit jemand zusammen, der unwillig „Achtung!“ rief. Der Garten -verschwand, und der Nebel brodelte wieder. Der Zusammenstoß -war so heftig, daß ihm der steife Hut über die Ohren +verschwand, und der Nebel brodelte wieder. Der Zusammenstoß +war so heftig, daß ihm der steife Hut über die Ohren <a id="page-322" class="pagenum" title="322"></a> getrieben wurde und er ins Taumeln geriet. Aber dieses -ärgerliche schroffe „Achtung!“ — diese trockene Stimme, +ärgerliche schroffe „Achtung!“ — diese trockene Stimme, wie? </p> <p> -Scheu wandte er sich um: sofort fiel ihm das grüne -Plüschhütchen auf und der enge, zugeknöpfte Überzieher! -Im gelben Dunst einer Laterne stand der schmächtige junge -Mann im Gespräch mit zwei Männern mit Knotenstöcken. -Das Plüschhütchen wackelte hin und her, die dünnen Arme +Scheu wandte er sich um: sofort fiel ihm das grüne +Plüschhütchen auf und der enge, zugeknöpfte Überzieher! +Im gelben Dunst einer Laterne stand der schmächtige junge +Mann im Gespräch mit zwei Männern mit Knotenstöcken. +Das Plüschhütchen wackelte hin und her, die dünnen Arme gestikulierten aufgeregt — aber da verschwanden sie schon aus dem Lichtschein der Laterne, der Nebel verschlang sie. </p> @@ -19561,7 +19528,7 @@ Er zitterte und duckte sich zusammen. </p> <p> -Düster lag das graue Haus, umbrodelt vom Nebel, und +Düster lag das graue Haus, umbrodelt vom Nebel, und wie in jeder Nacht war nur das eine gleiche Fenster erleuchtet. </p> @@ -19570,11 +19537,11 @@ Leise wie immer stahl sich Herr Herbst in sein Zimmer. </p> <p> -Gottlob, daß er hier war! So müde —! +Gottlob, daß er hier war! So müde —! </p> <p> -Frau Hähnlein in ihrer Kammer betete. Mit schluchzender, +Frau Hähnlein in ihrer Kammer betete. Mit schluchzender, verzweifelter Stimme — aber leise, um die Kinder nicht zu wecken, flehte sie um Gottes Beistand, rief sie den Himmel um Hilfe an, ja, um Hilfe — @@ -19582,28 +19549,28 @@ Himmel um Hilfe an, ja, um Hilfe — <p> Grundlos wie das tiefe Meer war das Elend dieser Stadt, -in allen Straßen, allen Häusern. Überall Unglückliche, -Verzweifelte, Weinende, Schlaflose. Aus allen Häusern -glühten die Augen von Wahnsinnigen in den Nebel. +in allen Straßen, allen Häusern. Überall Unglückliche, +Verzweifelte, Weinende, Schlaflose. Aus allen Häusern +glühten die Augen von Wahnsinnigen in den Nebel. </p> <p> -Der bucklige Wirt hatte recht: die Zeit der großen Heimsuchung -war über die Welt gekommen. Die Menschen -waren Sünder. Sünde! Sünde! Bodenlos wie das tiefe -Meer! Und auch er, ja, auch er hatte Sünde auf Sünde -gehäuft in seinem Leben! Er büßte — schon büßte er, -hatte er den steinigen Pfad der Sühne betreten. +Der bucklige Wirt hatte recht: die Zeit der großen Heimsuchung +war über die Welt gekommen. Die Menschen +waren Sünder. Sünde! Sünde! Bodenlos wie das tiefe +Meer! Und auch er, ja, auch er hatte Sünde auf Sünde +gehäuft in seinem Leben! Er büßte — schon büßte er, +hatte er den steinigen Pfad der Sühne betreten. </p> <p> -Daran dachte der kleine Herr Herbst, als er geschüttelt +Daran dachte der kleine Herr Herbst, als er geschüttelt vom Frost in sein Bett kroch. Sein Gesicht brannte wie -Feuer, und funkensprühend kreiste die Dunkelheit um ihn. +Feuer, und funkensprühend kreiste die Dunkelheit um ihn. <a id="page-323" class="pagenum" title="323"></a> -Wieder quälte ihn der Husten, und er steckte den Kopf -unter die Decke, um keinen Lärm zu machen. Als er wieder -Atem schöpfte, hörte er Stimmen in Ackermanns Zimmer. +Wieder quälte ihn der Husten, und er steckte den Kopf +unter die Decke, um keinen Lärm zu machen. Als er wieder +Atem schöpfte, hörte er Stimmen in Ackermanns Zimmer. </p> <p class="tb"> @@ -19620,9 +19587,9 @@ ein etwas angeheitertes Lachen. <p> Die klare beruhigende Stimme, das war Ackermann, aber die heisere, keuchende, die zuweilen so sonderbar -belustigt lachte? Es war Hähnlein! Ja, niemand sonst — -lachte also, während seine Frau Gott um Hilfe anflehte, -um Erbarmen für ihre armen Kinderchen wenigstens. +belustigt lachte? Es war Hähnlein! Ja, niemand sonst — +lachte also, während seine Frau Gott um Hilfe anflehte, +um Erbarmen für ihre armen Kinderchen wenigstens. </p> <p> @@ -19640,9 +19607,9 @@ Ohne Unterbrechung brodelten die Stimmen. <p> Der kleine Herr Herbst dampfte vor Hitze. Sein Kopf -rauchte, seine Hände, ja, wie gesagt, er war erkältet. Mit -geneigtem Kopf saß er im Bett, wie betäubt, ohne jeden -Gedanken. Er mußte dem Brodeln der Stimmen lauschen, +rauchte, seine Hände, ja, wie gesagt, er war erkältet. Mit +geneigtem Kopf saß er im Bett, wie betäubt, ohne jeden +Gedanken. Er mußte dem Brodeln der Stimmen lauschen, das ihn wie ein Zauber bannte, obwohl ihn nicht im geringsten interessierte, was die beiden zu besprechen hatten. </p> @@ -19652,29 +19619,29 @@ interessierte, was die beiden zu besprechen hatten. </p> <p> -Und mit einem heiseren Auflachen erwiderte Hähnlein: +Und mit einem heiseren Auflachen erwiderte Hähnlein: „Ja, wie ist es nur denkbar, hahaha!“ </p> <p> Trotzdem das Blut in seinem Kopfe wie Dampf zischte, -begriff er bald, was Hähnlein so erregt hatte. Man hatte +begriff er bald, was Hähnlein so erregt hatte. Man hatte ihn wieder gemustert, und morgen ging der Transport zur Front. Die „Mordkommission“ war in der Kaserne -gewesen. Zurück, zur Front, abermals — ja, der Granatsplitter, -der ihm die Schädeldecke zertrümmert hatte, so -daß er keine Treppe steigen konnte, ohne sich am Geländer -festzuhalten — er zählte gar nicht. Und der Brustschuß, -den er in Serbien erhielt — auch er zählte nicht. Und dreimal +gewesen. Zurück, zur Front, abermals — ja, der Granatsplitter, +der ihm die Schädeldecke zertrümmert hatte, so +daß er keine Treppe steigen konnte, ohne sich am Geländer +festzuhalten — er zählte gar nicht. Und der Brustschuß, +den er in Serbien erhielt — auch er zählte nicht. Und dreimal <a id="page-324" class="pagenum" title="324"></a> -in Frankreich, zweimal in Rußland, in Serbien — all -das zählte überhaupt nicht. Seine Frau — seine Kinder —?! -Nichts zählte! +in Frankreich, zweimal in Rußland, in Serbien — all +das zählte überhaupt nicht. Seine Frau — seine Kinder —?! +Nichts zählte! </p> <p> -Man würde ihn wieder in einen Viehwagen packen, -er mußte wieder hinaus. +Man würde ihn wieder in einen Viehwagen packen, +er mußte wieder hinaus. </p> <p> @@ -19682,20 +19649,20 @@ Ackermann versuchte zu beruhigen. </p> <p> -„Hahaha!“ lachte Hähnlein. Seine Ratschläge machten +„Hahaha!“ lachte Hähnlein. Seine Ratschläge machten wenig Eindruck auf ihn. </p> <p> -„Ja, vor die Füße, vor die Füße, wirf es ihnen vor die -Füße!“ schrie Ackermann laut und wütend. +„Ja, vor die Füße, vor die Füße, wirf es ihnen vor die +Füße!“ schrie Ackermann laut und wütend. </p> <p> -„Aber, was dann, Ackermann, hörst du?“ fragt Hähnlein. -„Gefängnis — frage Kamerad Schmitt, der dem +„Aber, was dann, Ackermann, hörst du?“ fragt Hähnlein. +„Gefängnis — frage Kamerad Schmitt, der dem Gefreiten eine Ohrfeige gab. Lieber den Heldentod als -das Gefängnis! Hunger und Prügel.“ +das Gefängnis! Hunger und Prügel.“ </p> <p> @@ -19703,28 +19670,28 @@ das Gefängnis! Hunger und Prügel.“ </p> <p> -Hähnlein lachte wieder laut und heiter. Und obwohl -Herbst vom Fieber glühte, erschauerte er bei diesem sonderbaren +Hähnlein lachte wieder laut und heiter. Und obwohl +Herbst vom Fieber glühte, erschauerte er bei diesem sonderbaren Lachen. </p> <p> Aber, ob er, Ackermann, die Strafkompanie vergessen -habe? Teufel von Vorgesetzten — Verbrecher — Zuchthäuslerkleidung +habe? Teufel von Vorgesetzten — Verbrecher — Zuchthäuslerkleidung — die ehrlichen Kameraden spucken dich -an — Sträflingsarbeit im Feuer, Hunger, Prügel, Läuse, +an — Sträflingsarbeit im Feuer, Hunger, Prügel, Läuse, Krankheiten — </p> <p> -Also fort mußt du? dachte Herr Herbst. Gut, gut, daß +Also fort mußt du? dachte Herr Herbst. Gut, gut, daß du fort kommst! </p> <p> -Er fürchtete sich vor Hähnlein in der letzten Zeit. Gestern +Er fürchtete sich vor Hähnlein in der letzten Zeit. Gestern traf er ihn auf der Treppe: ohne Regung stand er, erstarrt, -den Kopf gesenkt, einen Fuß in der Luft, die stechenden, +den Kopf gesenkt, einen Fuß in der Luft, die stechenden, glitzernden Augen auf den Boden gerichtet. Er hatte es nicht gewagt, an ihm vorbeizugehen und war umgekehrt. </p> @@ -19732,23 +19699,23 @@ nicht gewagt, an ihm vorbeizugehen und war umgekehrt. <p> So, ja, genau so hatte auch sie gestanden — seinerzeit — immer in den Ecken, zuerst mitten in den Zimmern, endlich -nur noch in den Ecken und unter den Türrahmen — bevor +nur noch in den Ecken und unter den Türrahmen — bevor sie, hm, bevor sie . . . </p> <p> -Gut, daß du aus dem Hause kommst — +Gut, daß du aus dem Hause kommst — </p> <p> <a id="page-325" class="pagenum" title="325"></a> -Nun aber hätte er beinahe laut herausgelacht! Hähnlein -sprach von der Musterung, den Skeletten, Krüppeln, +Nun aber hätte er beinahe laut herausgelacht! Hähnlein +sprach von der Musterung, den Skeletten, Krüppeln, Krummen und Lahmen, und er, in seinem Bett, sah alles deutlich und wunderbar klar vor sich. Wie sie humpelten, wie sie krochen, wie die Knochen spitz durch ihre Haut stachen! Nur einer aber war frei gekommen, er fiel in -Krämpfe und wurde hinausgetragen. +Krämpfe und wurde hinausgetragen. </p> <p> @@ -19756,31 +19723,31 @@ Nun kam also jener, ein Riese von Gestalt, der Blut in die offene Hand spuckte und es dem Arzt zeigte. Aber der Arzt, o nein, er war nicht um eine Antwort verlegen. Er sagte, der Arzt: Die Luft im Felde ist besser als in Berlin, -solange einer nicht den Kopf unter dem Arm trägt, muß +solange einer nicht den Kopf unter dem Arm trägt, muß er hinaus. Fertig! Und da kam dieser andere, der eine -offene Wunde am Rücken hatte, man konnte den ganzen +offene Wunde am Rücken hatte, man konnte den ganzen Finger hineinstecken — aber auch das half nichts. Immer -vorwärts, sagt der Arzt, bei so jungen Leuten heilt das rasch. -Nein, er war nie um eine Antwort verlegen, man muß -es ihm lassen. — Nun aber, nun also kam Hähnlein, unser -Hähnlein an die Reihe. Es half ihm alles nichts, was er -vorbrachte. Sein Lungenschuß, seine Atemnot — prächtig -geheilt, sagte der Arzt, die Bureauluft ist nicht gut für Sie. -Aber auch die Schwindelanfälle, die von dem Granatsplitter -im Kopf herrührten, das Zittern — auch das half -Hähnlein nichts. Sollen denn nur gesunde Leute totgeschossen +vorwärts, sagt der Arzt, bei so jungen Leuten heilt das rasch. +Nein, er war nie um eine Antwort verlegen, man muß +es ihm lassen. — Nun aber, nun also kam Hähnlein, unser +Hähnlein an die Reihe. Es half ihm alles nichts, was er +vorbrachte. Sein Lungenschuß, seine Atemnot — prächtig +geheilt, sagte der Arzt, die Bureauluft ist nicht gut für Sie. +Aber auch die Schwindelanfälle, die von dem Granatsplitter +im Kopf herrührten, das Zittern — auch das half +Hähnlein nichts. Sollen denn nur gesunde Leute totgeschossen werden? fragte der Arzt. Hahaha! Richtig, weshalb nur gesunde? </p> <p> -Ja, also Hähnlein saß in der Patsche und konnte es +Ja, also Hähnlein saß in der Patsche und konnte es noch immer nicht begreifen. </p> <p> Und wieder brodelten die Stimmen. Lange Zeit. Kein -Wort zu verstehen. Dann aber lachte Hähnlein wieder +Wort zu verstehen. Dann aber lachte Hähnlein wieder laut heraus, und die Stimmen verloren sich auf dem Korridor. </p> @@ -19789,43 +19756,43 @@ laut heraus, und die Stimmen verloren sich auf dem Korridor. </p> <p> -Hähnlein lachte und sagte irgend etwas. Er schlich draußen -an der Türe vorüber und pfiff leise vor sich hin. +Hähnlein lachte und sagte irgend etwas. Er schlich draußen +an der Türe vorüber und pfiff leise vor sich hin. </p> <p> -Augenblicklich hörte Frau Hähnlein auf zu beten. Sie +Augenblicklich hörte Frau Hähnlein auf zu beten. Sie <a id="page-326" class="pagenum" title="326"></a> stellte sich schlafend, schnarchte sogar ein wenig. Nach einer Weile fragte sie: „Was tust du?“ </p> <p> -„Ich rauche eine Zigarre“, antwortete Hähnlein mit +„Ich rauche eine Zigarre“, antwortete Hähnlein mit ruhiger Stimme. </p> <p> Und nun wurde es still, ganz still. Nun war die Zeit -gekommen für ihn, Herrn Herbst, seinen Triumph auszukosten! +gekommen für ihn, Herrn Herbst, seinen Triumph auszukosten! </p> <p> Sanft glitt sein Bett dahin, eine angenehme Hitze kochte -in seinem Körper, heiß fuhr der Atem aus seinem Munde. +in seinem Körper, heiß fuhr der Atem aus seinem Munde. Prachtvoll, berauschend, rot funkelte die Finsternis. Am -Fenster wallte der Nebel, auf und ab, drückte sich gegen -die Scheiben. Und drunten: horch! Ja, deutlich hörte er +Fenster wallte der Nebel, auf und ab, drückte sich gegen +die Scheiben. Und drunten: horch! Ja, deutlich hörte er ihren Schritt, dumpf wie der Schlag seines Herzens in der -Brust. Da gingen sie auf und ab, die Männer mit den -Knotenstöcken, das grüne Hütchen eilte durch den Nebel -die Straße herauf, nachzusehen, zu kontrollieren. +Brust. Da gingen sie auf und ab, die Männer mit den +Knotenstöcken, das grüne Hütchen eilte durch den Nebel +die Straße herauf, nachzusehen, zu kontrollieren. </p> <p> Und er, nebenan, ahnte nichts! Raschelte mit Papieren, -zerriß sie, klapperte auf seiner Schreibmaschine, ahnungslos. -Sah er nicht das grüne Hütchen eilen? Nein, nein, blind +zerriß sie, klapperte auf seiner Schreibmaschine, ahnungslos. +Sah er nicht das grüne Hütchen eilen? Nein, nein, blind war er, taub war er. </p> @@ -19836,8 +19803,8 @@ immer lauter . . . . </p> <p> -Sollte er an die Türe pochen und ihm zurufen: Horch, -horch! Öffne das Fenster und sieh es eilen —! +Sollte er an die Türe pochen und ihm zurufen: Horch, +horch! Öffne das Fenster und sieh es eilen —! </p> <p> @@ -19856,29 +19823,29 @@ in den blendenden Lichtkegel der Lampen! <p> Und der General? Er war erschrocken — erschrocken, -sollte man es glauben, vor ihm, einem alten ohnmächtigen +sollte man es glauben, vor ihm, einem alten ohnmächtigen <a id="page-327" class="pagenum" title="327"></a> -Mann, ohne Rang und Würde, einem Trinker, mit dem -es bergab ging, täglich mehr und mehr bergab, erschrak -er — der Gewaltige! Fuhr zurück, und seine Augen +Mann, ohne Rang und Würde, einem Trinker, mit dem +es bergab ging, täglich mehr und mehr bergab, erschrak +er — der Gewaltige! Fuhr zurück, und seine Augen waren voller Schrecken . . . </p> <p> Ja, keine Nachsicht mehr, nicht die geringste! Tag und Nacht wollte er vor ihm auftauchen, keinen Schritt sollte -er künftig tun — er war da! +er künftig tun — er war da! </p> <p> -Und wie er erschrak! Wie er zurückfuhr! Deutlich +Und wie er erschrak! Wie er zurückfuhr! Deutlich sah er es vor sich. Das breite starre Gesicht wankte, nicht -Schrecken, nein Entsetzen spiegelte sich in den Zügen. Der -General taumelte einen Schritt zurück — zwei — er lief! +Schrecken, nein Entsetzen spiegelte sich in den Zügen. Der +General taumelte einen Schritt zurück — zwei — er lief! Und er, den Hut in der Hand, lief hinter ihm her. Wie -schnell er doch lief! In seinem Mantel mit den roten Aufschlägen. +schnell er doch lief! In seinem Mantel mit den roten Aufschlägen. In seinen Hosen mit den roten Streifen! Wie -das Entsetzen ihn vorwärts peitschte — und doch war es +das Entsetzen ihn vorwärts peitschte — und doch war es spielend leicht, ihm zu folgen. Rascher, immer rascher rannten sie beide in die rotfunkelnde Finsternis hinein. Und der Nebel donnerte! Ballen von Qualm warf die @@ -19891,53 +19858,53 @@ himmelhoch donnerten die Wolken von Qualm. </h3> <p class="first"> -<span class="firstchar">D</span>er Nebel brodelte über Berlin. Über dem Nebel funkelten +<span class="firstchar">D</span>er Nebel brodelte über Berlin. Über dem Nebel funkelten die ewigen Sterne, aber die Stadt, versunken im gelben Meer von Lehm, sah sie nicht. </p> <p> -Schrill heulten die Züge, in düstere Glutwolken gehüllt, -tasteten sie sich langsam vorwärts. Die Bogenlampen -fieberten in den dunstigen Bahnhöfen, Schattenriesen -stießen mit den Köpfen gegen die Glasdächer der Hallen. +Schrill heulten die Züge, in düstere Glutwolken gehüllt, +tasteten sie sich langsam vorwärts. Die Bogenlampen +fieberten in den dunstigen Bahnhöfen, Schattenriesen +stießen mit den Köpfen gegen die Glasdächer der Hallen. Die Krankenwagen krochen in das gelbe Nebelmeer hinaus, -und zuweilen stutzten die Chauffeure: klaffende Abgründe -schienen plötzlich die Straßen zu spalten. Schlaff und +und zuweilen stutzten die Chauffeure: klaffende Abgründe +schienen plötzlich die Straßen zu spalten. Schlaff und schmutzig hingen Flaggen aus den Nebelwolken herab. </p> <p> <a id="page-328" class="pagenum" title="328"></a> -In nebligen Höfen wurden die Wagen entladen, und -voller Erlösung starrten die Fieberaugen der Verwundeten +In nebligen Höfen wurden die Wagen entladen, und +voller Erlösung starrten die Fieberaugen der Verwundeten in das Licht der Korridore, durch deren Karboldunst die Bahren schwankten. </p> <p> -Und die Züge heulten und winselten, wie seit mehr als -tausend Nächten. Aber in dieser Zeit der großen Offensive -kamen sie ohne jede Unterbrechung. Die Ärzte wechselten +Und die Züge heulten und winselten, wie seit mehr als +tausend Nächten. Aber in dieser Zeit der großen Offensive +kamen sie ohne jede Unterbrechung. Die Ärzte wechselten Blicke. — — </p> <p> -Zur gleichen Stunde saß der General, den der kleine +Zur gleichen Stunde saß der General, den der kleine Herr Herbst im Fieberwahn verfolgte, mit zufriedener Miene in dem bequemen Arbeitssessel vor seinem Schreibtisch -und beugte sich über eine große Generalstabskarte. +und beugte sich über eine große Generalstabskarte. </p> <p> -Er hatte neben sich ein Näpfchen mit blauer Farbe und +Er hatte neben sich ein Näpfchen mit blauer Farbe und ein Glas Wasser stehen und malte auf die Generalstabskarte blaue Linien. Hin und wieder suchte er mit der Lupe eine Ortschaft, die der letzte telephonische Bericht genannt hatte. </p> <p> -Unfaßbar! Flogen sie? War es nicht ganz wie seinerzeit +Unfaßbar! Flogen sie? War es nicht ganz wie seinerzeit beim Vormarsch 1914? </p> @@ -19945,132 +19912,132 @@ beim Vormarsch 1914? Schon wurde das strategische Bild klarer — kristallklar. Der General beugte sich! Seine Ansichten hatten nicht immer mit jenen dieser hohen Stelle harmoniert, zugegeben, -es war ihm unmöglich gewesen, den <a id="corr-9"></a>bedingungslosen Glauben -der Allgemeinheit zu teilen, er vermißte kühne, strategische -Gedanken, vermißte den genialen Blick, nun aber beugte +es war ihm unmöglich gewesen, den <a id="corr-9"></a>bedingungslosen Glauben +der Allgemeinheit zu teilen, er vermißte kühne, strategische +Gedanken, vermißte den genialen Blick, nun aber beugte er sich. Ja! Ohne Vorbehalt. </p> <p> -Und der General starrte in die weiße Karte, während -draußen der Nebel zog. Bald beugte er sich dicht darüber, +Und der General starrte in die weiße Karte, während +draußen der Nebel zog. Bald beugte er sich dicht darüber, den Kneifer auf der Nase, bald lehnte er sich nachdenklich -in den Sessel zurück, und wieder starrte er regungslos in die -weiße Karte. Was sah er? Er sah Brigaden, Divisionen, -Armeekorps, den Gürtel der Artillerie. Er sah wie Brigaden, -Divisionen, Armeekorps sich vorwärts fraßen, die Kolonnen -auf den Straßen, die schwere Artillerie wird nachgezogen, -die Fliegerschwärme in der Luft, die Stäbe, all das sah er -auf der weißen Karte. +in den Sessel zurück, und wieder starrte er regungslos in die +weiße Karte. Was sah er? Er sah Brigaden, Divisionen, +Armeekorps, den Gürtel der Artillerie. Er sah wie Brigaden, +Divisionen, Armeekorps sich vorwärts fraßen, die Kolonnen +auf den Straßen, die schwere Artillerie wird nachgezogen, +die Fliegerschwärme in der Luft, die Stäbe, all das sah er +auf der weißen Karte. </p> <p> <a id="page-329" class="pagenum" title="329"></a> -Seine Hand schob die blaue Linie vorwärts — ja, schon +Seine Hand schob die blaue Linie vorwärts — ja, schon erblickte er in der rechten Flanke das Meer — den Kanal, -in der linken Flanke aber wurde die fadendünne Silhouette +in der linken Flanke aber wurde die fadendünne Silhouette des Eiffelturms am Horizont sichtbar. </p> <p> -Heute schon fielen die Granaten auf die französische +Heute schon fielen die Granaten auf die französische Hauptstadt, furchtbare Mahner, furchtbar pochte die Geschichte -an die Tore von Paris — und London, bald würde +an die Tore von Paris — und London, bald würde die Geschichte auch an die Tore Londons pochen! Das -Reich des großen Alexander, wo war es hin? Die Stunde -schlug, und es sank in Trümmer. Das Weltreich der Römer -und Spanier? Schutt! Unaufhörlich brauste der Strom +Reich des großen Alexander, wo war es hin? Die Stunde +schlug, und es sank in Trümmer. Das Weltreich der Römer +und Spanier? Schutt! Unaufhörlich brauste der Strom der Geschichte, und neue Reiche stiegen aus der Flut empor. </p> <p> -Der General versank in Träumereien. Seine strengen -Züge hatten sich gelöst. Schon heute stand fest, daß die feindlichen +Der General versank in Träumereien. Seine strengen +Züge hatten sich gelöst. Schon heute stand fest, daß die feindlichen Reservearmeen aufgerieben waren. Sie hatten -nichts mehr, fürchterliche Perspektive . . . +nichts mehr, fürchterliche Perspektive . . . </p> <p> Nur durch einen Korridor vom General getrennt, durch -ein paar dünne Mauern, saß Ruth über ihren geliebten -Büchern, die das Evangelium für sie bedeuteten, und las -mit fiebernden Wangen, während an den Fenstern sich +ein paar dünne Mauern, saß Ruth über ihren geliebten +Büchern, die das Evangelium für sie bedeuteten, und las +mit fiebernden Wangen, während an den Fenstern sich der Nebel ballte. Es war schon tief in der Nacht, sie schrieb, -machte Notizen, ihre Augen glänzten. Ja, diese Bücher, -diese Broschüren, sie sprachen die Wahrheit! Sie allein -zeigten den rechten Weg. Untergehen mußte diese heute -herrschende Gesellschaft, die sich nur durch Sklaverei, Plünderung +machte Notizen, ihre Augen glänzten. Ja, diese Bücher, +diese Broschüren, sie sprachen die Wahrheit! Sie allein +zeigten den rechten Weg. Untergehen mußte diese heute +herrschende Gesellschaft, die sich nur durch Sklaverei, Plünderung und Tyrannei aufrechterhielt. Dieser Krieg war der -fürchterlich logische Abschluß ihres Werkes — welch ein -Abschluß! Heraufsteigen würde eine neue Gesellschaft, +fürchterlich logische Abschluß ihres Werkes — welch ein +Abschluß! Heraufsteigen würde eine neue Gesellschaft, besser, reiner, edler. Schon waren ihre Boten unterwegs. Hier aber erschauerte Ruth. </p> <p> Ja, schon! Ihr Blick glitt zum Fenster, das der Nebel -verhüllte, ihr Blick füllte sich mit Unruhe und Qual. Ungewiß -lag die Zukunft. Lange würde sie ihn nicht sehen, -vielleicht Jahre! Aber es mußte sein, es mußte Mutige -geben, die alles einsetzten für Idee und Glauben! Sie +verhüllte, ihr Blick füllte sich mit Unruhe und Qual. Ungewiß +lag die Zukunft. Lange würde sie ihn nicht sehen, +vielleicht Jahre! Aber es mußte sein, es mußte Mutige +geben, die alles einsetzten für Idee und Glauben! Sie <a id="page-330" class="pagenum" title="330"></a> -liebte ihn, sie bewunderte ihn! Auch sie würde ihm nachfolgen. -Auf alles würde sie verzichten, auf Geld, Bequemlichkeit, +liebte ihn, sie bewunderte ihn! Auch sie würde ihm nachfolgen. +Auf alles würde sie verzichten, auf Geld, Bequemlichkeit, gesellschaftliche Stellung. Nichts wollte sie. Wie Millionen von Frauen, die ihr Brot verdienten, wollte sie sein, nicht anders. Langsam hatte sie sich zu diesem -Entschluß durchgerungen. Tausend beglückende Gespräche +Entschluß durchgerungen. Tausend beglückende Gespräche gaben Helligkeit, Klarheit und Ziel! </p> <p> -Wenn sie Papa kränkte, sie konnte nicht anders, Otto, -ihre Verwandtschaft — nein, es stand unabänderlich fest! -Welche Albernheit, Oberflächlichkeit, welcher Dünkel, welcher +Wenn sie Papa kränkte, sie konnte nicht anders, Otto, +ihre Verwandtschaft — nein, es stand unabänderlich fest! +Welche Albernheit, Oberflächlichkeit, welcher Dünkel, welcher Wahn — nein, fort fort. </p> <p> Und doch, das Herz schmerzte. Sie erhob sich und begann -auf und ab zu wandern, die Hände an den Hüften, immer +auf und ab zu wandern, die Hände an den Hüften, immer hin und her, den Blick voller Qual — immer hin und her, die ganze Nacht. — </p> <p> Und Dora, was tat Dora in dieser undurchdringlichen -Nebelnacht? Sie schlief und lächelte im Schlaf. Auch -Klara, die kleine unglückliche Klara, schlief, aber sie weinte -im Schlaf, ihre Wangen waren ganz naß. +Nebelnacht? Sie schlief und lächelte im Schlaf. Auch +Klara, die kleine unglückliche Klara, schlief, aber sie weinte +im Schlaf, ihre Wangen waren ganz naß. </p> <p> Hedi aber war noch wach in dieser Nebelnacht, sie war -heiter und guter Dinge. Sie tanzte Tango mit Weißbach, -in der Bibliothek, nebenan saß eine kleine Gesellschaft beim -Spiel. Der Phonograph war kaum zu hören, da sie ihn +heiter und guter Dinge. Sie tanzte Tango mit Weißbach, +in der Bibliothek, nebenan saß eine kleine Gesellschaft beim +Spiel. Der Phonograph war kaum zu hören, da sie ihn geschlossen hatte, aber so fand Hedi es am stimmungsvollsten. -Ströbel hatte ihr eben gesagt, er sei einer der -wenigen Männer in Europa, die alles vertragen könnten -— und so tanzte sie Tango mit Weißbach, ganz allein, und -Weißbach, der heute wenig trank, hatte ihr erklärt, daß er -sie liebe und sie auf der Stelle heiraten würde. Das +Ströbel hatte ihr eben gesagt, er sei einer der +wenigen Männer in Europa, die alles vertragen könnten +— und so tanzte sie Tango mit Weißbach, ganz allein, und +Weißbach, der heute wenig trank, hatte ihr erklärt, daß er +sie liebe und sie auf der Stelle heiraten würde. Das belustigte Hedi, und zuweilen erlaubte sie seinem Blicke, in ihre Augen einzudringen, ganz tief. Sie hatte sich vorgenommen, -den kleinen schwarzen Artilleriehauptmann völlig -rasend zu machen. Und dann? Nun, wer weiß —? +den kleinen schwarzen Artilleriehauptmann völlig +rasend zu machen. Und dann? Nun, wer weiß —? </p> <p> -Und Otto? In seinem Zimmer im Westen saß er, eine -kleine anmutige Verkäuferin, die er auf der Straße kennengelernt +Und Otto? In seinem Zimmer im Westen saß er, eine +kleine anmutige Verkäuferin, die er auf der Straße kennengelernt <a id="page-331" class="pagenum" title="331"></a> hatte, auf den Knien, eine Flasche Wein neben sich. -Er küßte den vollen, bläulichweißen Nacken der Kleinen, -und sie fragte ihn, wie das knallt, wenn eine Granate einschlägt. -Ihr Bräutigam war ebenfalls im Felde. Otto -lachte — herrlich diese Naivität. Er unterhielt sich ausgezeichnet. -Was kümmerte es ihn, daß der Nebel um das +Er küßte den vollen, bläulichweißen Nacken der Kleinen, +und sie fragte ihn, wie das knallt, wenn eine Granate einschlägt. +Ihr Bräutigam war ebenfalls im Felde. Otto +lachte — herrlich diese Naivität. Er unterhielt sich ausgezeichnet. +Was kümmerte es ihn, daß der Nebel um das Haus wallte? </p> @@ -20080,30 +20047,30 @@ Haus wallte? <p class="first"> <span class="firstchar">I</span>mmer noch rannte der kleine Herr Herbst hinter dem -Mantel mit den roten Aufschlägen einher, immer +Mantel mit den roten Aufschlägen einher, immer noch durch purpurne Finsternis. </p> <p> -Allmählich aber ging die Dunkelheit in Zwielicht über, +Allmählich aber ging die Dunkelheit in Zwielicht über, er rannte nicht mehr, er ging langsam — und der General? Es war gar nicht der General, es war sein Zimmernachbar -Hähnlein. An seinem abgenutzten Soldatenmantel, seinen -abstehenden weißen Ohren, dem dünnen Hals erkannte +Hähnlein. An seinem abgenutzten Soldatenmantel, seinen +abstehenden weißen Ohren, dem dünnen Hals erkannte er ihn. Er ging langsam, immer einige Schritte voraus, -kreuz und quer durch die Straßen. Offenbar suchte er etwas. +kreuz und quer durch die Straßen. Offenbar suchte er etwas. Endlich aber — ah, nun hatte er es gefunden. </p> <p> Vor einem Laden mit Messern machte er halt. Messer, -nichts als Messer, funkelnd und blitzend, ein Gebiß. Dieses -Geschäft umkreiste Hähnlein, er las die Aufschrift, runzelte -die Stirn. Dann trat er zurück an den Rinnstein, einen -Fuß auf dem Fahrdamm, einen auf dem Bürgersteig, +nichts als Messer, funkelnd und blitzend, ein Gebiß. Dieses +Geschäft umkreiste Hähnlein, er las die Aufschrift, runzelte +die Stirn. Dann trat er zurück an den Rinnstein, einen +Fuß auf dem Fahrdamm, einen auf dem Bürgersteig, zog den Geldbeutel heraus und blickte aufmerksam hinein. -Entschlossen betrat er den Laden. Aber bevor er die Türe -schloß, warf er noch einen Blick auf die Straße, einen suchenden, +Entschlossen betrat er den Laden. Aber bevor er die Türe +schloß, warf er noch einen Blick auf die Straße, einen suchenden, kranken und traurigen Blick. Wonach sah er sich um? Nach Hilfe? </p> @@ -20111,11 +20078,11 @@ Nach Hilfe? <p> Wie, hier, zwischen den eilenden Menschen, die alle vor dem eigenen Elend dahinjagten, hier, wie? Nun, er sah -es ja auch ein, daß es sinnlos war, gerade hier nach Hilfe -auszuspähen und schloß die Türe hinter sich. (Herbst spähte +es ja auch ein, daß es sinnlos war, gerade hier nach Hilfe +auszuspähen und schloß die Türe hinter sich. (Herbst spähte <a id="page-332" class="pagenum" title="332"></a> -durch die Scheibe!) Er wählte ein langes solides Bratenmesser, -lang, spitzig und scharf und verließ den Laden, +durch die Scheibe!) Er wählte ein langes solides Bratenmesser, +lang, spitzig und scharf und verließ den Laden, ein schmales, langes Paketchen unter dem Arm. Rasch strebte er nun seinem Hause zu, zuweilen lief er sogar eine Strecke, rasch eilte er die Treppe hinauf. @@ -20123,41 +20090,41 @@ Strecke, rasch eilte er die Treppe hinauf. <p> Aber was nun? Es war wieder dunkel im Zimmer -nebenan, wieder war es plötzlich Nacht geworden, und nur -Hähnleins Schatten war zu sehen, seine weißen abstehenden -Ohren und seine böse glitzernden Augen. Er, Herbst, +nebenan, wieder war es plötzlich Nacht geworden, und nur +Hähnleins Schatten war zu sehen, seine weißen abstehenden +Ohren und seine böse glitzernden Augen. Er, Herbst, lag nun wieder in seinem Bett, schlief, hatte die Augen geschlossen, trotzdem sah er durch die Mauer hindurch alles, -was Hähnlein nebenan tat. Nun beugte sich Hähnleins -Schatten über die schlafenden Kinder, lange Zeit, dann -über die schlafende Frau. Da blitzte plötzlich das lange +was Hähnlein nebenan tat. Nun beugte sich Hähnleins +Schatten über die schlafenden Kinder, lange Zeit, dann +über die schlafende Frau. Da blitzte plötzlich das lange Messer. Furchtbar blitzte es in der Dunkelheit. Die Frau -regte sich, und Hähnlein versteckte hastig die Klinge unter +regte sich, und Hähnlein versteckte hastig die Klinge unter seinem Rock. Lange stand er ohne jede Bewegung. </p> <p> -Dann aber, dann beugte er sich wieder über die schlafenden +Dann aber, dann beugte er sich wieder über die schlafenden Kinder, das Messer funkelte — nun zeigte die Klinge dunkle Flecken. Lautlos stand er und atmete. Dann beugte -er sich über die Frau, und abermals funkelte das Messer. +er sich über die Frau, und abermals funkelte das Messer. Endlich richtete er sich auf. Kein Laut. </p> <p> -Plötzlich aber beschäftigte ihn etwas. Er heftete seine -glitzernden tückischen Augen auf ihn, Herbst, der nebenan -in seinem Bett lag und schlief. Sah er ihn? Es war ja unmöglich, +Plötzlich aber beschäftigte ihn etwas. Er heftete seine +glitzernden tückischen Augen auf ihn, Herbst, der nebenan +in seinem Bett lag und schlief. Sah er ihn? Es war ja unmöglich, die Wand war dazwischen. Aber doch schien er ihn zu sehen. Er tastete mit der Hand gegen die Wand — -runzelte enttäuscht und zornig die Stirn. Da begann -Herbst (weshalb eigentlich?) spöttisch zu kichern. Hähnlein -lächelte verächtlich, wollüstig — und tastete sich an der Wand -entlang zur Türe. +runzelte enttäuscht und zornig die Stirn. Da begann +Herbst (weshalb eigentlich?) spöttisch zu kichern. Hähnlein +lächelte verächtlich, wollüstig — und tastete sich an der Wand +entlang zur Türe. </p> <p> -Herbst setzte sich plötzlich aufrecht, und sein Herz stand still +Herbst setzte sich plötzlich aufrecht, und sein Herz stand still vor Entsetzen. Wild schrie er auf. </p> @@ -20168,18 +20135,18 @@ Lippen. <p> <a id="page-333" class="pagenum" title="333"></a> -Schon öffnete sich langsam die Türe, seine Hand wurde +Schon öffnete sich langsam die Türe, seine Hand wurde sichtbar — wieder schrie Herbst auf — und er trat ein. </p> <p> Aber er trug kein Messer, sondern eine Kerze. Und es -war gar nicht Hähnlein, sondern — Ackermann. +war gar nicht Hähnlein, sondern — Ackermann. </p> <p> „Sind Sie krank? Weshalb schreien Sie?“ fragte Ackermann -und kam näher, den Leuchter mit einer kleinen +und kam näher, den Leuchter mit einer kleinen Kerze in der Hand. </p> @@ -20189,28 +20156,28 @@ Gaumen. </p> <p> -Ackermann ging und kam mit einem Glas Wasser zurück. +Ackermann ging und kam mit einem Glas Wasser zurück. </p> <p> -„Trinken Sie. Sie fiebern ja. Sie glühen!“ +„Trinken Sie. Sie fiebern ja. Sie glühen!“ </p> <p> -„Ich friere“, entgegnete Herbst, und seine Zähne klapperten. -„Ich fühle mich eiskalt. Gewiß bin ich schneeweiß.“ +„Ich friere“, entgegnete Herbst, und seine Zähne klapperten. +„Ich fühle mich eiskalt. Gewiß bin ich schneeweiß.“ </p> <p> -„Sie glühen. Trinken Sie! Weshalb schrien Sie so?“ +„Sie glühen. Trinken Sie! Weshalb schrien Sie so?“ </p> <p> -„Ich habe von Toten geträumt.“ +„Ich habe von Toten geträumt.“ </p> <p> -Ackermann lächelte. „Vor Toten brauchen Sie keine +Ackermann lächelte. „Vor Toten brauchen Sie keine Angst zu haben.“ </p> @@ -20220,8 +20187,8 @@ Ackermann. </p> <p> -„Und die Schritte,“ flüsterte er, „die ganze Nacht. Vor -dem Hause. Haben Sie das grüne Hütchen nicht gesehen?“ +„Und die Schritte,“ flüsterte er, „die ganze Nacht. Vor +dem Hause. Haben Sie das grüne Hütchen nicht gesehen?“ </p> <p> @@ -20234,11 +20201,11 @@ dem Hause. Haben Sie das grüne Hütchen nicht gesehen?“ <p> Frisch und jung erschien ihm Ackermann, eine Erscheinung -aus einer andern Welt. Die finsteren Mächte, die diese -Erde bevölkern, konnten ihm nichts anhaben. Seine Augen -glänzten, sein Mund blühte tiefrot, er schien weder müde -noch schläfrig, obschon es tief in der Nacht war. Er lächelte -heiter, als er von den Schritten vor dem Hause hörte, nein, +aus einer andern Welt. Die finsteren Mächte, die diese +Erde bevölkern, konnten ihm nichts anhaben. Seine Augen +glänzten, sein Mund blühte tiefrot, er schien weder müde +noch schläfrig, obschon es tief in der Nacht war. Er lächelte +heiter, als er von den Schritten vor dem Hause hörte, nein, auch sie konnten ihm nichts anhaben. Er schwebte auf Wolken wie ein Engel. Er war ein Gesandter Gottes, der zu ihm gekommen war, um ihm zu trinken zu geben. @@ -20250,23 +20217,23 @@ Die Kerze verschwand. Schon war es wieder dunkel. <p> Ja, ein Traum hatte ihn gefoltert, ein Traum voller -Unheil und Schrecken. Hatte er von den verschütteten +Unheil und Schrecken. Hatte er von den verschütteten <a id="page-334" class="pagenum" title="334"></a> -Soldaten geträumt, die sich aus den Lehmbergen auswühlen, +Soldaten geträumt, die sich aus den Lehmbergen auswühlen, oder von Robert, aus dessen Wunden das Blut -in Strömen floß? Noch jetzt schüttelte ihn das Entsetzen. +in Strömen floß? Noch jetzt schüttelte ihn das Entsetzen. </p> <p> -Ohne Zweifel, dieses Haus war ein Haus des Unglücks, +Ohne Zweifel, dieses Haus war ein Haus des Unglücks, ein verfluchtes Haus. Seine Mauern waren zermorscht -von Jammer und Tränen. Selbst die Toten fanden hier -keine Ruhe. Jede Nacht glitt der tote Briefträger durch -das Treppenhaus und verbreitete seinen häßlichen Geruch. -Er war gestorben, dieser alte Briefträger, ein Veteran -mit den Denkmünzen des glorreichen Siebziger Krieges, -ohne daß jemand es wußte. Erst als ein scharfer, süßlicher -Geruch das Haus erfüllte, hatte man ihn aufgefunden, +von Jammer und Tränen. Selbst die Toten fanden hier +keine Ruhe. Jede Nacht glitt der tote Briefträger durch +das Treppenhaus und verbreitete seinen häßlichen Geruch. +Er war gestorben, dieser alte Briefträger, ein Veteran +mit den Denkmünzen des glorreichen Siebziger Krieges, +ohne daß jemand es wußte. Erst als ein scharfer, süßlicher +Geruch das Haus erfüllte, hatte man ihn aufgefunden, ausgestreckt auf dem Boden. Jede Nacht kroch er nun durch das Stiegenhaus, und zuweilen zog er die Klingeln, dann schrien die Frauen. @@ -20277,17 +20244,17 @@ Ja, ein verfluchtes Haus. </p> <p> -Aber, gottlob, die entsetzliche Kälte hatte aufgehört. -Schon begann er sich zu erwärmen, schon begann er wieder -wohlig zu glühen. Ruhig atmete das Haus, deutlich hörte -er hinter der Wand die Familie Hähnlein im Schlafe atmen. -Feuer stieg in seine Augen. Sie wurden größer und größer, -und mit feurigen Augen, so groß wie Wagenräder, saß +Aber, gottlob, die entsetzliche Kälte hatte aufgehört. +Schon begann er sich zu erwärmen, schon begann er wieder +wohlig zu glühen. Ruhig atmete das Haus, deutlich hörte +er hinter der Wand die Familie Hähnlein im Schlafe atmen. +Feuer stieg in seine Augen. Sie wurden größer und größer, +und mit feurigen Augen, so groß wie Wagenräder, saß er in der rauschenden Finsternis. </p> <p> -Plötzlich hörte er deutlich eine Orgel brausen, feierlich +Plötzlich hörte er deutlich eine Orgel brausen, feierlich und tief. Und durch das volle Orgelbrausen rief eine Stimme: </p> @@ -20309,11 +20276,11 @@ Dann schrie die gleiche Stimme, laut und hell: </p> <p> -„Die Menschenwürde ist das oberste Gesetz!“ +„Die Menschenwürde ist das oberste Gesetz!“ </p> <p> -„Unantastbar ist die Würde des Menschen!“ +„Unantastbar ist die Würde des Menschen!“ </p> <p> @@ -20325,7 +20292,7 @@ Dann schrie die gleiche Stimme, laut und hell: </p> <p> -Die Orgeltöne verbrausten in der Ferne. +Die Orgeltöne verbrausten in der Ferne. </p> <h3 class="no" id="subchap-2-2-5"> @@ -20334,59 +20301,59 @@ Die Orgeltöne verbrausten in der Ferne. </h3> <p class="first"> -<span class="firstchar">U</span>nd der Nebel brodelte über den Dächern der Stadt. +<span class="firstchar">U</span>nd der Nebel brodelte über den Dächern der Stadt. </p> <p> -Immer noch ertönte gedämpft der Phonograph -in Ströbels Bibliothek. Aber Hedi tanzte nicht mehr. Sie -saß am Spieltisch und setzte eifrig. Rote Flecken fieberten -auf ihren Wangen, ihre Augen sprühten. Sie gewann. -Zuweilen liebkoste Ströbel sie mit einem Blick, sie liebte -ihn in diesem Augenblick. Weißbach, der nach ihren Blicken +Immer noch ertönte gedämpft der Phonograph +in Ströbels Bibliothek. Aber Hedi tanzte nicht mehr. Sie +saß am Spieltisch und setzte eifrig. Rote Flecken fieberten +auf ihren Wangen, ihre Augen sprühten. Sie gewann. +Zuweilen liebkoste Ströbel sie mit einem Blick, sie liebte +ihn in diesem Augenblick. Weißbach, der nach ihren Blicken tastete, hatte sie ganz vergessen. </p> <p> -Ottos Mädchen war eingeschlafen. Zwei Tränen glänzten -wie Tau unter ihren langen hellen Wimpern. Otto saß +Ottos Mädchen war eingeschlafen. Zwei Tränen glänzten +wie Tau unter ihren langen hellen Wimpern. Otto saß beim letzten Glas Wein und rauchte voller Behagen eine -Zigarre. Er brauchte keinen Schlaf, obgleich er von früh +Zigarre. Er brauchte keinen Schlaf, obgleich er von früh bis abends im Bureau arbeitete. </p> <p> Immer noch ging Ruth ruhelos auf und ab, den Blick -voller Qual. Sie schwankte, so müde war sie, aber sie konnte -sich nicht entschließen, zu Bett zu gehen. +voller Qual. Sie schwankte, so müde war sie, aber sie konnte +sich nicht entschließen, zu Bett zu gehen. </p> <p> Der General aber schlief. Er schnarchte und murmelte -zuweilen unverständliche Worte im Traum. Wangel und +zuweilen unverständliche Worte im Traum. Wangel und Jakob packten in aller Eile die Koffer, und er gab ihnen Befehle. Soeben hatte ihn das Telegramm erreicht, in vierzig Minuten ging der Zug zur Front . . . </p> <p> -Und der Nebel wallte draußen. Über ganz Deutschland +Und der Nebel wallte draußen. Über ganz Deutschland dampfte der Nebel, undurchdringlich. Oben funkelten die ewigen Sterne, aber Deutschland sah sie nicht. Die -Züge winselten durch die Nebelnacht, durch ganz Deutschland +Züge winselten durch die Nebelnacht, durch ganz Deutschland liefen die Transporte mit den zerschossenen Menschen, -durch Wälder, Felder, über Brücken und Flüsse, ohne Zahl, +durch Wälder, Felder, über Brücken und Flüsse, ohne Zahl, ohne Pause. </p> <p> -Über Europa dampfte der Nebel, undurchdringlich. Oben +Über Europa dampfte der Nebel, undurchdringlich. Oben funkelten die ewigen Sterne, aber Europa sah sie nicht. Blutrot -wallte das Nebelmeer, Europas Ströme wälzten Blut. +wallte das Nebelmeer, Europas Ströme wälzten Blut. </p> <p> -Die Greise, die die Geschicke der Völker lenkten, schlummerten +Die Greise, die die Geschicke der Völker lenkten, schlummerten in ihren Betten. </p> @@ -20397,15 +20364,15 @@ Schon aber wurde der Nebel lichter. Der Tag war nahe. — <p> Ackermann hatte seine Papiere in dieser Nacht in Ordnung -gebracht und verbrannt, was verschwinden mußte. -Der Ofen qualmte, und Rauch erfüllte das kleine Zimmer. +gebracht und verbrannt, was verschwinden mußte. +Der Ofen qualmte, und Rauch erfüllte das kleine Zimmer. </p> <p> -Er öffnete das Fenster. Da wälzte sich der Nebel herein, +Er öffnete das Fenster. Da wälzte sich der Nebel herein, deutlich sah man ihn um die kleine Kerze kreisen. Schon aber begannen die Dunstballen sich aufzuhellen, es tagte. -Stille, kein Schritt, kein Laut. Die Stadt war völlig tot. +Stille, kein Schritt, kein Laut. Die Stadt war völlig tot. </p> <p> @@ -20413,100 +20380,100 @@ Ackermann blies die Kerze aus und legte sich zur Ruhe. </p> <p> -Aber der Nebel folgte ihm in seine Träume: Da sah er +Aber der Nebel folgte ihm in seine Träume: Da sah er einen Feldgrauen, so wie er ihn hunderttausendfach gesehen hatte. Der Feldgraue, in einen weiten Soldatenmantel -gehüllt, eine kleine verknüllte Grabenmütze auf dem Kopf, -arbeitete still für sich, inmitten eines weiten, rauchenden +gehüllt, eine kleine verknüllte Grabenmütze auf dem Kopf, +arbeitete still für sich, inmitten eines weiten, rauchenden Ackers. </p> <p> -Es war so düster, daß zuweilen kaum die Umrisse des -Feldgrauen zu erkennen waren. Er war groß, sein knochiges +Es war so düster, daß zuweilen kaum die Umrisse des +Feldgrauen zu erkennen waren. Er war groß, sein knochiges Gesicht von einem kurzen Stoppelbart eingerahmt. Ohne Unterbrechung, ohne aufzublicken hob er mit einem Spaten die Erde aus. Ein riesiger, in der Erde vergrabener Stein -kam zum Vorschein, und allmählich bekam man eine Vorstellung -von der Größe des Steins. Er war etwa so groß +kam zum Vorschein, und allmählich bekam man eine Vorstellung +von der Größe des Steins. Er war etwa so groß wie die Drehscheiben, auf denen man Lokomotiven bewegt. -Manchmal schien er auch etwas kleiner, manchmal größer -zu sein. Jedenfalls war er ungeheuer groß, und man -wußte ja auch nicht, wie tief er in der Erde stak. +Manchmal schien er auch etwas kleiner, manchmal größer +zu sein. Jedenfalls war er ungeheuer groß, und man +wußte ja auch nicht, wie tief er in der Erde stak. </p> <p> Der Feldgraue nahm nunmehr ein Stemmeisen zur Hand, eine schwere Deichsel mit einem Eisenschuh, rammte sie unter den Stein und warf sich mit aller Wucht dagegen. -Der Stein rührte sich nicht. Unverdrossen nahm der Feldgraue +Der Stein rührte sich nicht. Unverdrossen nahm der Feldgraue wiederum Pike und Spaten in die Hand und grub das Loch um den Stein herum tiefer. Ein ganzes Gebirge von Erde warf er aus, und es war wunderbar zu sehen, -wie gleichmäßig, ruhig und hingegeben er arbeitete. Wiederum +wie gleichmäßig, ruhig und hingegeben er arbeitete. Wiederum setzte er das schwere Stemmeisen an, und siehst du, <a id="page-337" class="pagenum" title="337"></a> nun bewegte sich der Stein eine Idee! Am Rande des -Steins zeigte sich ein feiner Riß im Boden. Es war also +Steins zeigte sich ein feiner Riß im Boden. Es war also kein Zweifel, der riesige Stein hatte sich bewegt! Abermals warf sich der Feldgraue mit voller Wucht gegen das Stemmeisen. Zum ersten Male wandte er Ackermann voll das Gesicht -zu. Deutlich war zu sehen, daß es in Schweiß gebadet -war, in den Augen hatte sich der Schweiß angesammelt, -so daß sie schneeweiß erschienen. Mit einer ungeheuren -Anstrengung drückte der Feldgraue das Stemmeisen nieder, -die Adern an seinen Schläfen schwollen an — ah, schon +zu. Deutlich war zu sehen, daß es in Schweiß gebadet +war, in den Augen hatte sich der Schweiß angesammelt, +so daß sie schneeweiß erschienen. Mit einer ungeheuren +Anstrengung drückte der Feldgraue das Stemmeisen nieder, +die Adern an seinen Schläfen schwollen an — ah, schon bewegte sich der Stein deutlicher. Unmerklich war er auf der einen Seite eingesunken und auf der andern Seite in -die Höhe gestiegen. +die Höhe gestiegen. </p> <p> -Der Feldgraue wischte sich mit dem Ärmel den Schweiß +Der Feldgraue wischte sich mit dem Ärmel den Schweiß vom Gesicht, und mutig nahm er die scheinbar aussichtslose Arbeit wieder auf. </p> <p> -Doch was ist das? Er hält im Schaufeln inne und berührt +Doch was ist das? Er hält im Schaufeln inne und berührt seine Backe. Eine blutige Schramme ist entstanden, -und das Blut rieselt in einem dünnen Faden herab über -seinen Hals. Verwundert schüttelt der Feldgraue den Kopf. -Es ist ganz merkwürdig, was geht vor? Plötzlich wird ein -Stück von dem grauen Mantel abgerissen: ah, er ist im +und das Blut rieselt in einem dünnen Faden herab über +seinen Hals. Verwundert schüttelt der Feldgraue den Kopf. +Es ist ganz merkwürdig, was geht vor? Plötzlich wird ein +Stück von dem grauen Mantel abgerissen: ah, er ist im Feuer, er arbeitet im Feuer, dachte Ackermann, er wird beschossen. Deutlich sieht er, wie einen Augenblick -später auf seiner Stirn eine klaffende Wunde entsteht. -Das Blut stürzt heraus, und rasch ist die eine Hälfte -des ganzen Gesichts vom Blut überzogen. Der Feldgraue +später auf seiner Stirn eine klaffende Wunde entsteht. +Das Blut stürzt heraus, und rasch ist die eine Hälfte +des ganzen Gesichts vom Blut überzogen. Der Feldgraue aber arbeitet ruhig weiter. Er legt sich mit ganzer Gewalt gegen das Stemmeisen, und nur zuweilen -fährt er mit dem Ärmel übers Gesicht, wenn das Blut -ihn stört. +fährt er mit dem Ärmel übers Gesicht, wenn das Blut +ihn stört. </p> <p> Es geschieht das Unglaubliche: es ist ihm gelungen, den -riesigen Stein in eine schräge Lage zu bringen. Voller -Raserei wirft er sich nun mit dem Rücken dagegen und -versucht, den Steinriesen vollends in die Höhe zu heben. +riesigen Stein in eine schräge Lage zu bringen. Voller +Raserei wirft er sich nun mit dem Rücken dagegen und +versucht, den Steinriesen vollends in die Höhe zu heben. <a id="page-338" class="pagenum" title="338"></a> -Es geht — ein wenig — aber da fällt der Stein wieder in -die frühere Lage zurück. +Es geht — ein wenig — aber da fällt der Stein wieder in +die frühere Lage zurück. </p> <p> Erneut beginnt der Feldgraue sein Werk, unverdrossen. -Seine Hände und sein Gesicht sind von Blut und Schweiß -überzogen, aber er kümmert sich nicht darum. Plötzlich -zerreißt sein Waffenrock an der Brust, er hält einen Augenblick -inne, legt die große Hand auf die Brust, und schon -stürzt ihm das Blut aus dem Mund. Aber gleich darauf +Seine Hände und sein Gesicht sind von Blut und Schweiß +überzogen, aber er kümmert sich nicht darum. Plötzlich +zerreißt sein Waffenrock an der Brust, er hält einen Augenblick +inne, legt die große Hand auf die Brust, und schon +stürzt ihm das Blut aus dem Mund. Aber gleich darauf nimmt er wieder die Arbeit auf. Wiederum stemmt er sich -mit dem Rücken gegen den Stein, und siehe da, er hebt -ihn hoch, so unmöglich es auch erschien. Nun steht er schräg +mit dem Rücken gegen den Stein, und siehe da, er hebt +ihn hoch, so unmöglich es auch erschien. Nun steht er schräg wie ein Dach, aber alle weiteren Anstrengungen sind umsonst. -Der Feldgraue streicht um den Stein herum, schüttelt +Der Feldgraue streicht um den Stein herum, schüttelt den Kopf, wischt sich das Blut aus dem Gesicht und vom blutigen Mantel, schaufelt und macht von neuem verzweifelte Versuche, aber der Stein bewegt sich nicht mehr. @@ -20517,47 +20484,47 @@ Aber nun, was geschieht? Jemand kommt, jemand ist hinzugetreten. Es ist ein kleiner Mann, ebenfalls ein Soldat, mit raschen, herrischen Bewegungen. Offenbar ein Vorgesetzter. Er gestikuliert heftig, treibt den Feldgrauen -zur Arbeit an. Und plötzlich erinnert sich Ackermann, -daß dieser kleine Mann mit den herrischen Bewegungen +zur Arbeit an. Und plötzlich erinnert sich Ackermann, +daß dieser kleine Mann mit den herrischen Bewegungen schon vorher einmal im Nebel sichtbar geworden -war. Nur für einen Augenblick. +war. Nur für einen Augenblick. </p> <p> Wiederum stemmt sich der Feldgraue mit aller Gewalt gegen den riesigen Stein, aber es geht nicht. Wieder wendet -er Ackermann das Gesicht zu. Es ist von Blut übergossen, +er Ackermann das Gesicht zu. Es ist von Blut übergossen, ebenso wie seine Brust, die Augen sind blutunterlaufen, und bei der ungeheuren Anstrengung quillt das Blut -zwischen seinen Lippen hervor. Plötzlich — plötzlich springt +zwischen seinen Lippen hervor. Plötzlich — plötzlich springt der kleine Mann mit den herrischen Bewegungen zornig hinzu, schwingt eine kurze Riemenpeitsche und — ah — -schlägt damit den Feldgrauen übers Gesicht. Er schlägt -wieder und wieder und gerät in förmliche Raserei. Der Feldgraue +schlägt damit den Feldgrauen übers Gesicht. Er schlägt +wieder und wieder und gerät in förmliche Raserei. Der Feldgraue aber verdoppelt, verdreifacht seine Anstrengungen. <a id="page-339" class="pagenum" title="339"></a> -Er schwankt, taumelt ein paar Schritte und fällt zu Boden. +Er schwankt, taumelt ein paar Schritte und fällt zu Boden. Ohne Bewegung, ohne Zeichen von Leben liegt er da. </p> <p> -Ist er ohnmächtig geworden? Ist er tot? +Ist er ohnmächtig geworden? Ist er tot? </p> <p> Der kleine Mann mit den herrischen Bewegungen geht -näher an den Feldgrauen heran. Er stößt mit dem Stiefel -gegen die Schulter des Regungslosen. Er ist nun plötzlich +näher an den Feldgrauen heran. Er stößt mit dem Stiefel +gegen die Schulter des Regungslosen. Er ist nun plötzlich um vieles kleiner geworden, und der Feldgraue um vieles -größer. Wie ein Zwerg zu einem Riesen verhält der kleine +größer. Wie ein Zwerg zu einem Riesen verhält der kleine Herrische sich zu dem Feldgrauen. Er klettert auf den -Regungslosen hinauf, um ihm ins Gesicht blicken zu können. +Regungslosen hinauf, um ihm ins Gesicht blicken zu können. Er steht auf seiner Brust, schwingt die Peitsche und schreit . . . </p> <p> -Aber der Regungslose, Blutüberströmte, antwortet nicht. -Seine Zähne blinken im Nebel. Da ist sein Spaten, sein +Aber der Regungslose, Blutüberströmte, antwortet nicht. +Seine Zähne blinken im Nebel. Da ist sein Spaten, sein Hebebaum, dort der Stein, der halb aufgerichtet in den Nebel ragt. Aber er regt sich nicht mehr, er antwortet auch nicht. @@ -20566,10 +20533,10 @@ auch nicht. <p> Sein Stillschweigen versetzt den Kleinen mit den raschen, herrischen Bewegungen abermals in rasenden Zorn. Er -klettert höher auf der Brust des Riesen, hält sich an seinem +klettert höher auf der Brust des Riesen, hält sich an seinem Mantelkragen fest und hebt den Stiefel, um damit nach -dem regungslosen, blutüberströmten Gesicht mit den -blinkenden Zähnen zu stoßen . . . +dem regungslosen, blutüberströmten Gesicht mit den +blinkenden Zähnen zu stoßen . . . </p> <p> @@ -20582,18 +20549,18 @@ Da erwachte Ackermann. <p class="first"> <span class="firstchar">E</span>s wurde nun in der Tat deutlich lichter. Gelb wie -Lehmwasser floß das Morgenlicht am Fenster. +Lehmwasser floß das Morgenlicht am Fenster. </p> <p> -Schon ratterte ein Wagen auf der Straße. +Schon ratterte ein Wagen auf der Straße. </p> <p> -Der kleine Herr Herbst hatte, seit ihn Ackermann verließ, +Der kleine Herr Herbst hatte, seit ihn Ackermann verließ, die Nacht zwischen Schlaf und Wachen verbracht. Vielleicht -hatte er auch geschlafen, er wußte es nicht. Sein Körper -war mit Schweiß bedeckt, aber das Fieber schien gebrochen +hatte er auch geschlafen, er wußte es nicht. Sein Körper +war mit Schweiß bedeckt, aber das Fieber schien gebrochen zu sein. </p> @@ -20605,37 +20572,37 @@ Still lag das Haus. Diese kurze Stille vor dem Morgen liebte er. Wie oft hatte er in dieser Stille in seinem Bette gesessen, und die <a id="page-340" class="pagenum" title="340"></a> -Hände gerungen und das befreiende Weinen geweint, +Hände gerungen und das befreiende Weinen geweint, das ihn beruhigte. </p> <p> -Deutlich hörte er, wie Ackermann sich in seiner Bettstelle -hin und her wälzte, aber nun war es still bei ihm. -Auch bei Hähnlein war es still, ganz still. +Deutlich hörte er, wie Ackermann sich in seiner Bettstelle +hin und her wälzte, aber nun war es still bei ihm. +Auch bei Hähnlein war es still, ganz still. </p> <p> -Der tote Briefträger, der Veteran von Siebzig, mußte -in sein Reich zurückweichen vor dem Licht, alle Nachtgespenster -mußten weichen. Lieblich war der sanfte Morgen. +Der tote Briefträger, der Veteran von Siebzig, mußte +in sein Reich zurückweichen vor dem Licht, alle Nachtgespenster +mußten weichen. Lieblich war der sanfte Morgen. </p> <p> Schon aber begann das mit Menschen vollgestopfte Haus -zu erwachen. Die Haustüre ächzte und krachte, und der +zu erwachen. Die Haustüre ächzte und krachte, und der Hausmeister streckte seinen graugelben Pudelkopf in den -Morgennebel. Türen schlugen, und Tritte eilten die Treppe -hinab. Es wurde geklopft, gerufen, Wasser plätscherte. +Morgennebel. Türen schlugen, und Tritte eilten die Treppe +hinab. Es wurde geklopft, gerufen, Wasser plätscherte. </p> <p> -Bei Hähnlein — Stille! +Bei Hähnlein — Stille! </p> <p> Noch vor kurzem hatte er das Atmen hinter der Wand -gehört, aber nun war es ganz still geworden. +gehört, aber nun war es ganz still geworden. </p> <p> @@ -20644,22 +20611,22 @@ Kein Laut! <p> Herbst erhob sich und machte in aller Eile Toilette, es -dauerte nicht lange bei ihm. Aber während er sich wusch, +dauerte nicht lange bei ihm. Aber während er sich wusch, nieste er mehrmals und hob die kleine Nase in die Luft. Gas, wie? Ja, es roch nach Gas. </p> <p> -Deutlich, deutlich spürte er den Gasgeruch. +Deutlich, deutlich spürte er den Gasgeruch. </p> <p> -Auf dem Korridor war der Geruch noch stärker. Ängstlich -schlich er sich zur Türe. +Auf dem Korridor war der Geruch noch stärker. Ängstlich +schlich er sich zur Türe. </p> <p> -In diesem Augenblick öffnete Ackermann die Türe und +In diesem Augenblick öffnete Ackermann die Türe und streckte den Kopf heraus. Auch er zog die Luft ein. </p> @@ -20682,11 +20649,11 @@ heraus. <p> „Ich? Nein, nein“, erwiderte Herbst, die Hand schon -am Drücker der Türe. +am Drücker der Türe. </p> <p> -„Vielleicht Hähnlein —?“ fragte Ackermann leise, stockend, +„Vielleicht Hähnlein —?“ fragte Ackermann leise, stockend, und sein erschrockener Blick wandte sich auf Herbst. </p> @@ -20702,21 +20669,21 @@ und sein erschrockener Blick wandte sich auf Herbst. <p> Aber Herr Herbst hatte keine Lust nachzusehen, nein, nicht die mindeste — diese Stille — er rannte die Treppe -hinab. Schon polterten Ackermanns Fäuste gegen Hähnleins -Türe. +hinab. Schon polterten Ackermanns Fäuste gegen Hähnleins +Türe. </p> <p> -Furchtsam eilte er die neblige Fabriciusstraße entlang. -Deutlich entsann er sich nun, daß er von Hähnlein geträumt -hatte. Deutlich! Ganz deutlich! Hähnlein war mit einem -Messer in der Hand die Treppe hinabgestürzt, ja deutlich +Furchtsam eilte er die neblige Fabriciusstraße entlang. +Deutlich entsann er sich nun, daß er von Hähnlein geträumt +hatte. Deutlich! Ganz deutlich! Hähnlein war mit einem +Messer in der Hand die Treppe hinabgestürzt, ja deutlich erinnerte er sich jetzt daran — er hatte sich gegen die Wand geworfen, um ihm aus dem Wege zu gehen. </p> <p> -Schon verlor sich der Havelock im Labyrinth der Straßen +Schon verlor sich der Havelock im Labyrinth der Straßen wie jeden Tag. </p> @@ -20725,81 +20692,81 @@ wie jeden Tag. </h3> <p class="first"> -<span class="firstchar">S</span>iehe, deine Welt, Langmütiger! +<span class="firstchar">S</span>iehe, deine Welt, Langmütiger! </p> <p> -Hunderte und Tausende flüchten täglich voller +Hunderte und Tausende flüchten täglich voller Verzweiflung aus diesem Leben. </p> <p> -Öffne die Augen und sieh: Jammer! +Öffne die Augen und sieh: Jammer! </p> <p> -Öffne die Augen und sieh: Schande! +Öffne die Augen und sieh: Schande! </p> <p> Lausche! Das Geschrei der Folterknechte, das Geschrei der Gemarterten, das Jammern der Witwen und Waisen. -Ströme von Tränen rauschen dahin, Flüche verfinstern +Ströme von Tränen rauschen dahin, Flüche verfinstern das Licht. </p> <p> -Siehe deine Völker: Mörder! +Siehe deine Völker: Mörder! </p> <p> -Die Heere der betörten Sklaven, vorwärtsgepeitscht -von ihren Verführern, zerfleischen sich noch immer. Noch +Die Heere der betörten Sklaven, vorwärtsgepeitscht +von ihren Verführern, zerfleischen sich noch immer. Noch immer gibt es Granaten, Torpedos, Gas, Flammenwerfer, -noch immer werden Männer und Frauen füsiliert, noch -immer werden täglich Gefangene — welches Wort! — zu +noch immer werden Männer und Frauen füsiliert, noch +immer werden täglich Gefangene — welches Wort! — zu Tausenden wie Sklaven verschleppt. Schiffe sinken in die Tiefe, Kathedralen gehen in Flammen auf, Tausende von unschuldigen Kindern verhungern an jedem Tag. <a id="page-342" class="pagenum" title="342"></a> Aber auf den Kirchen Europas funkeln golden die Kreuze! -Und wie lange willst du noch zögern? +Und wie lange willst du noch zögern? </p> <p> -Die Nebelfetzen zerflatterten, schon glänzte ein rotes Dach. +Die Nebelfetzen zerflatterten, schon glänzte ein rotes Dach. Riesige Firmenschilder blinkten oben an den Nebelburgen, -Fensterreihen blitzten. Die Häuser wurden farbig, rote -Gesichter erschienen in den Türen. Plötzlich strahlte die +Fensterreihen blitzten. Die Häuser wurden farbig, rote +Gesichter erschienen in den Türen. Plötzlich strahlte die Sonne. Und die bunten Flaggen flatterten wieder heiter im Morgenwind. </p> <p> Dampfend und glitzernd stieg die Stadt aus dem Nebel -empor. Tau lag auf den Straßen, tropfte von den Bäumen, -die Dächer glänzten naß. Die Brillen der Straßenbahnführer -waren beschlagen, Tau hing an ihren Schnurrbärten. -Die Tritte hinterließen Spuren auf den feuchten -Bürgersteigen. +empor. Tau lag auf den Straßen, tropfte von den Bäumen, +die Dächer glänzten naß. Die Brillen der Straßenbahnführer +waren beschlagen, Tau hing an ihren Schnurrbärten. +Die Tritte hinterließen Spuren auf den feuchten +Bürgersteigen. </p> <p> -Langsam wanderte Ackermann durch die Straßen, bald -dahin, bald dorthin ließ er sich treiben — nicht mehr sein -ungeduldiger, stürmischer Schritt. Wozu Eile? Er war +Langsam wanderte Ackermann durch die Straßen, bald +dahin, bald dorthin ließ er sich treiben — nicht mehr sein +ungeduldiger, stürmischer Schritt. Wozu Eile? Er war am Ziel. </p> <p> -Heute abend würde er nicht mehr in sein Zimmer zurückkehren -— Gott allein wußte es, was mit ihm geschah . . . +Heute abend würde er nicht mehr in sein Zimmer zurückkehren +— Gott allein wußte es, was mit ihm geschah . . . </p> <p> -Beglückt sog er die frische Morgenluft ein, wie Dampf +Beglückt sog er die frische Morgenluft ein, wie Dampf kam der Atem aus seinem Munde. Tau hing an seinen -Wimpern. In der letzten Zeit hatte er sein Äußeres vernachlässigt, +Wimpern. In der letzten Zeit hatte er sein Äußeres vernachlässigt, aber heute morgen hatte er sich rasieren und die etwas langgewordenen Haare stutzen lassen. </p> @@ -20808,72 +20775,72 @@ etwas langgewordenen Haare stutzen lassen. Schwach ging der Pulsschlag der sterbenden Stadt. Nicht mehr das Brausen und Donnern des Friedens, wenn sie erwachte. Frauen, Kinder und Greise besorgten die -Geschäfte, kutschierten die Gespanne, zogen Karren und -Wagen. Vor den Geschäften standen, wie jeden Morgen, -die langen Reihen der Weiber mit Töpfen und Markttaschen. +Geschäfte, kutschierten die Gespanne, zogen Karren und +Wagen. Vor den Geschäften standen, wie jeden Morgen, +die langen Reihen der Weiber mit Töpfen und Markttaschen. Hin und wieder rollten Heeresautomobile, schwer -beladen, polternd vorüber. +beladen, polternd vorüber. </p> <p> Bald war Ackermann wieder in seine Gedanken versunken. -Ja, so wird es sein! Sie, die Reinen, Gläubigen, +Ja, so wird es sein! Sie, die Reinen, Gläubigen, <a id="page-343" class="pagenum" title="343"></a> Hoffenden, werden eine Gemeinschaft bilden, wie die Apostel, -die das Christentum in allen Ländern verbreiteten. Es wird +die das Christentum in allen Ländern verbreiteten. Es wird genau sein wie seinerzeit. </p> <p> In die Schulen werden sie gehen, die Apostel, und predigen: -Die Würde des Menschen ist das oberste Gesetz! -Heilig das Menschenleben und unantastbar! Alle Völker -sind Brüder, und die Vernunft ist das Vaterland aller -Menschen. Sie werden die Lüge aus den Schulbüchern -verbannen, sie werden auf die Tugenden der Nachbarvölker -hinweisen und nicht auf ihre Schwächen. +Die Würde des Menschen ist das oberste Gesetz! +Heilig das Menschenleben und unantastbar! Alle Völker +sind Brüder, und die Vernunft ist das Vaterland aller +Menschen. Sie werden die Lüge aus den Schulbüchern +verbannen, sie werden auf die Tugenden der Nachbarvölker +hinweisen und nicht auf ihre Schwächen. </p> <p> Dies und hundert anderes werden sie lehren, werden es in die Seelen der Jungen, der Keuschen und Unverdorbenen pflanzen. Bei ihnen werden sie beginnen. Fluchbeladen -sinkt die alternde Generation dahin, erwürgt von +sinkt die alternde Generation dahin, erwürgt von Gram und Schande. </p> <p> In die Kirchen werden sie gehen, die Apostel, und den -Gläubigen die neue alte Lehre predigen — in die Fabriken, -Kasernen, Gefängnisse, Dörfer — überall werden sie sein. -Keine Landesgrenzen wird es für sie geben, sie gehen hin +Gläubigen die neue alte Lehre predigen — in die Fabriken, +Kasernen, Gefängnisse, Dörfer — überall werden sie sein. +Keine Landesgrenzen wird es für sie geben, sie gehen hin und her, wie sie wollen. Sie sprechen alle Sprachen, in -allen Ländern, allen Kontinenten werden sie morgen die +allen Ländern, allen Kontinenten werden sie morgen die Arbeit beginnen. Arm werden sie sein, verachtet, die -Liebeglühenden, arm wie Bettelmönche, geächtet und +Liebeglühenden, arm wie Bettelmönche, geächtet und verfolgt. </p> <p> -Sie bereiten das Reich vor, das kommen wird! Glückliche, -gütige Menschen, ohne Mißtrauen, ohne Neid, ohne Hochmut +Sie bereiten das Reich vor, das kommen wird! Glückliche, +gütige Menschen, ohne Mißtrauen, ohne Neid, ohne Hochmut werden es bewohnen. Kein Mensch wird fortan der -Unterdrücker eines andern sein, kein Volk der Unterdrücker -eines andern Volkes, für immer ist die Zeit der Sklaverei +Unterdrücker eines andern sein, kein Volk der Unterdrücker +eines andern Volkes, für immer ist die Zeit der Sklaverei dahin. </p> <p> -Freiheit, Freundschaft, Freude wird der Gruß des neuen +Freiheit, Freundschaft, Freude wird der Gruß des neuen Menschen lauten. </p> <p> -Und die Erde wird ein Garten sein! Alle Kräfte, dienstbar +Und die Erde wird ein Garten sein! Alle Kräfte, dienstbar heute der Bewaffnung und dem Kriege, werden dem -Frieden und der Wohlfahrt dienen. Die Wüsten werden +Frieden und der Wohlfahrt dienen. Die Wüsten werden <a id="page-344" class="pagenum" title="344"></a> -blühen, der Sand selbst wird Früchte tragen. Ja, ein Garten +blühen, der Sand selbst wird Früchte tragen. Ja, ein Garten die Erde. </p> @@ -20885,7 +20852,7 @@ Spuk aus einer finstern, unbegreiflichen Zeit. <p> Deinen Glanz sehe ich, den Glanz deines Friedens -und deines Glückes, ich sehe ihn schimmern — Reich +und deines Glückes, ich sehe ihn schimmern — Reich der Zukunft, Reich der Freude, Reich des Menschen, ich betrete dich . . . </p> @@ -20893,38 +20860,38 @@ betrete dich . . . <p> Da hielt Ackermann den Schritt an. Eine Stimme rief in seinem Innern und mahnte. Erschrocken fuhr er aus -seinen Träumereien auf, bereit, der Stimme zu gehorchen, +seinen Träumereien auf, bereit, der Stimme zu gehorchen, die aus seinem Innern drang. </p> <p> Schritte kamen, trappelten. Er wandte den Kopf. Um -die Straßenecke bog ein Trupp von Männern in abgetragenen, +die Straßenecke bog ein Trupp von Männern in abgetragenen, zum Teil zerlumpten Zivilkleidern, die von einem Unteroffizier -geführt wurden. Nicht viel waren es, kaum hundert. -Sie trugen Pappschachteln, es war Ersatz für die Kasernen. +geführt wurden. Nicht viel waren es, kaum hundert. +Sie trugen Pappschachteln, es war Ersatz für die Kasernen. Nein, nicht das Reich des kommenden Menschen, nicht sein Schimmer, sein Glanz, armselige, trostlose Gegenwart. </p> <p> -Stumpf trotteten die Männer dahin, teilnahmslos, +Stumpf trotteten die Männer dahin, teilnahmslos, geduckt unter ihr Schicksal, bereit zu sterben, wenn man es -forderte, bereit zu töten, wenn man es verlangte, bereit -zu allem. Alte Männer, eisgrau, einige plattfüßige aufgeschwemmte -Dickbäuche, ein paar spindeldürre Bebrillte, -schwindsüchtige Kaufleute und Studenten, freche Burschen -mit Diebesgesichtern, ein Zwerg in großen Stiefeln, ein +forderte, bereit zu töten, wenn man es verlangte, bereit +zu allem. Alte Männer, eisgrau, einige plattfüßige aufgeschwemmte +Dickbäuche, ein paar spindeldürre Bebrillte, +schwindsüchtige Kaufleute und Studenten, freche Burschen +mit Diebesgesichtern, ein Zwerg in großen Stiefeln, ein Kranker mit zerfressener Nase, ein Buckliger, ein Hagerer mit nur einem Auge. Und ein Bleicher, ganz Bleicher, der den Blick voller Scham zu Boden richtete, bildete -den Schluß. Die Stiefel schlürften, schallten, die Knie +den Schluß. Die Stiefel schlürften, schallten, die Knie bewegten sich automatisch, die Pappschachteln schaukelten hin und her. </p> <p> -Die in Lumpen gehüllten Weiber, die die Straße reinigten, +Die in Lumpen gehüllten Weiber, die die Straße reinigten, lachten und schrien. </p> @@ -20935,7 +20902,7 @@ lachten und schrien. <p> Eines der Weiber sprang auf den Kehrichthaufen und -tanzte mit dem Besen, daß die schmutzigen Röcke flogen. +tanzte mit dem Besen, daß die schmutzigen Röcke flogen. </p> <p> @@ -20947,14 +20914,14 @@ tanzte mit dem Besen, daß die schmutzigen Röcke flogen. </p> <p> -Teilnahmslose Blicke, Gelächter, Grimassen. Eine Reihe +Teilnahmslose Blicke, Gelächter, Grimassen. Eine Reihe von Elektrischen hielt den Zug der Ausgemusterten auf. Menschen sammelten sich an, Fuhrwerke stauten sich. </p> <p> Blitzschnell trat Ackermann einige Schritte vor. Sein -glühender Blick flog über die Menschen, die Wagen, den +glühender Blick flog über die Menschen, die Wagen, den Zug der Armseligen mit den Pappschachteln. </p> @@ -20967,78 +20934,78 @@ Gesetzt den Fall — jetzt! </p> <p> -Die Hände in die Luft werfen, schreien, diesen Menschen, +Die Hände in die Luft werfen, schreien, diesen Menschen, die sich hier angesammelt hatten, es zuschreien, diesen -armen Krüppeln und Kranken mit ihren Pappschachteln, -laut, über den ganzen Platz, so laut, daß -Hunderte es hören, Tausende und Zehntausende es am -Abend wußten —? +armen Krüppeln und Kranken mit ihren Pappschachteln, +laut, über den ganzen Platz, so laut, daß +Hunderte es hören, Tausende und Zehntausende es am +Abend wußten —? </p> <p> -Er erbleichte. Angst schnürte seine Kehle zusammen, -nicht eine Silbe hätte er hervorbringen können. Er -schwankte — schon bei dem Gedanken. Jetzt würden -sie über ihn herfallen, der Unteroffizier, wahrscheinlich -sogar die Männer mit den Pappschachteln und der Schutzmann -dort, er würde herbeieilen und ihn zu Boden +Er erbleichte. Angst schnürte seine Kehle zusammen, +nicht eine Silbe hätte er hervorbringen können. Er +schwankte — schon bei dem Gedanken. Jetzt würden +sie über ihn herfallen, der Unteroffizier, wahrscheinlich +sogar die Männer mit den Pappschachteln und der Schutzmann +dort, er würde herbeieilen und ihn zu Boden schlagen. </p> <p> -Aus einem Straßenbahnwagen starrten ihn erschrocken -ein Paar große Augen an, eine alte, zitronengelbe Frau. +Aus einem Straßenbahnwagen starrten ihn erschrocken +ein Paar große Augen an, eine alte, zitronengelbe Frau. </p> <p> -Er hatte in der Erregung eine unwillkürliche Bewegung +Er hatte in der Erregung eine unwillkürliche Bewegung mit den Armen gemacht, und diese Bewegung hatte den Blick der Frau auf ihn gelenkt. </p> <p> -Die Straßenbahnwagen klingelten und rollten weiter. -Wieder bewegten sich die Knie der Männer mit den Pappschachteln, -ihre Rücken drängten sich zusammen. Die -Menschenknäuel lösten sich, zerrannen. Die Wagen fuhren. +Die Straßenbahnwagen klingelten und rollten weiter. +Wieder bewegten sich die Knie der Männer mit den Pappschachteln, +ihre Rücken drängten sich zusammen. Die +Menschenknäuel lösten sich, zerrannen. Die Wagen fuhren. <a id="page-346" class="pagenum" title="346"></a> Der Schutzmann betrachtete interessiert eine geschminkte -Dame, die ihm zulächelte. +Dame, die ihm zulächelte. </p> <p> -Ackermann stand allein auf dem Trottoir, müde plötzlich, -ein leises Beben in den Gliedern. Allmählich erst -kehrte die Farbe in sein Gesicht zurück. Langsam, die Pupillen +Ackermann stand allein auf dem Trottoir, müde plötzlich, +ein leises Beben in den Gliedern. Allmählich erst +kehrte die Farbe in sein Gesicht zurück. Langsam, die Pupillen geweitet, ging er weiter. </p> <p> -Hier? Wie unsinnig wäre es gewesen! Sinnlos, ohne -jeden Widerhall. Menschenmassen mußten es sein, wimmelnde +Hier? Wie unsinnig wäre es gewesen! Sinnlos, ohne +jeden Widerhall. Menschenmassen mußten es sein, wimmelnde Menschen, aufhorchend, in deren Ohren sein Schrei -weitergellte, so daß ihr Herz erbebte. Die seinen Schrei -durch Berlin trugen in alle Häuser: über die ganze Stadt -mußte sein Schrei hingellen. +weitergellte, so daß ihr Herz erbebte. Die seinen Schrei +durch Berlin trugen in alle Häuser: über die ganze Stadt +mußte sein Schrei hingellen. </p> <p> Nein, nicht einen Augenblick hatte er ernsthaft daran -gedacht. Aber wie war es möglich, daß ihn der Gedanke -allein schon so tief erschreckte, daß sein Herz stehenblieb? +gedacht. Aber wie war es möglich, daß ihn der Gedanke +allein schon so tief erschreckte, daß sein Herz stehenblieb? </p> <p> Neben einem Pumpbrunnen, wo ein Droschkenkutscher -sein Pferd tränkte, stand eine Bank. Darauf setzte sich +sein Pferd tränkte, stand eine Bank. Darauf setzte sich Ackermann. Er streckte die Beine aus, die noch ein leises -Zittern schwächte. Die Sonne blendete in sein Gesicht. -Es war weiß, durchsichtig, und Spuren von Sommersprossen +Zittern schwächte. Die Sonne blendete in sein Gesicht. +Es war weiß, durchsichtig, und Spuren von Sommersprossen waren im grellen Licht zu erkennen. </p> <p> -Schrecken erfüllte ihn. +Schrecken erfüllte ihn. </p> <p> @@ -21055,11 +21022,11 @@ Pferdeschnauze gierig ins Wasser tauchte. </p> <p> -Was für einen Sinn sollte es haben, daß einer sich vor die +Was für einen Sinn sollte es haben, daß einer sich vor die dahinrasende Maschine warf und sich von ihr zerfleischen -ließ? Und weshalb gerade er? Vielleicht hatte ihn die +ließ? Und weshalb gerade er? Vielleicht hatte ihn die innere Stimme nur genarrt, ihn bis zu diesem Punkte -geführt, damit er seine Schwäche und Ohnmacht erkenne. +geführt, damit er seine Schwäche und Ohnmacht erkenne. </p> <p> @@ -21071,8 +21038,8 @@ Vielleicht, vielleicht. </p> <p> -Er saß wie gelähmt. Das alte Pferd bleckte die gelben -Zähne nach ihm. +Er saß wie gelähmt. Das alte Pferd bleckte die gelben +Zähne nach ihm. </p> <h3 class="no" id="subchap-2-2-7"> @@ -21081,7 +21048,7 @@ Zähne nach ihm. </h3> <p class="first"> -<span class="firstchar">L</span>eise schloß Ruth die Türe ihres Zimmers hinter sich. +<span class="firstchar">L</span>eise schloß Ruth die Türe ihres Zimmers hinter sich. </p> <p> @@ -21089,14 +21056,14 @@ Sie war voller Unruhe. </p> <p> -Abermals hatte sie den großen, beobachtenden Blick -Papas auf sich gefühlt. Wie schon seit Tagen. Gestern -abend sah sie ihn im Spiegel: groß, hell, lauernd und +Abermals hatte sie den großen, beobachtenden Blick +Papas auf sich gefühlt. Wie schon seit Tagen. Gestern +abend sah sie ihn im Spiegel: groß, hell, lauernd und drohend. </p> <p> -War er argwöhnisch geworden, Papa? +War er argwöhnisch geworden, Papa? </p> <p> @@ -21105,46 +21072,46 @@ Zimmer fand, doch etwas zu bedeuten? </p> <p> -Plötzlich errötete sie. Und der Brief? In einem Buch +Plötzlich errötete sie. Und der Brief? In einem Buch lag ja ein Brief von Karl! Schnell, wo ist er? Am Ende war er fort? Am Ende hatte Papa diesen Brief gefunden, -gelesen. War er nicht einmal ganz plötzlich in ihr Zimmer +gelesen. War er nicht einmal ganz plötzlich in ihr Zimmer gekommen, als Dora bei ihr Tee trank? Sie hatte diesem Vorfall ja nicht die geringste Bedeutung beigelegt, gar nicht -weiter darüber nachgedacht. Ach, sie haßte Papa! Ja, -wahrlich, sie haßte ihn! Man kannte nie seine Gedanken. -Sein Blick prüfte, tadelte, sein Blick entmutigte, sein Blick +weiter darüber nachgedacht. Ach, sie haßte Papa! Ja, +wahrlich, sie haßte ihn! Man kannte nie seine Gedanken. +Sein Blick prüfte, tadelte, sein Blick entmutigte, sein Blick erstickte jede harmlose Freude. </p> <p> -Nein, sie haßte Papa natürlich nicht, er hatte gewiß seine +Nein, sie haßte Papa natürlich nicht, er hatte gewiß seine guten Eigenschaften, er war charaktervoll, wie wenige Menschen, pflichtgetreu, stolz, verschlossen, ehrenhaft vom Scheitel bis zur Sohle, nein, nein, sie wollte gar nichts -sagen. Er war verbittert, unglücklich vielleicht, trug sein +sagen. Er war verbittert, unglücklich vielleicht, trug sein Leben ohne zu klagen. Nie hatte sie eine Klage von ihm -gehört. Er schwieg. Aber wie gerne hätte sie doch Zutrauen +gehört. Er schwieg. Aber wie gerne hätte sie doch Zutrauen zu ihm gehabt, volles Vertrauen, wie zu einem erfahrenen, erprobten Freund. Ja, so sollte es sein! Aber es war gerade -umgekehrt: anstatt sich ihm anvertrauen zu können, mußte -sie sich vor ihm verbergen. Es war natürlich auch sein -Verhalten Mama gegenüber, das sie gegen ihn einnahm. Nie -konnte sie ihm verzeihen, daß er jahrelang mit solcher +umgekehrt: anstatt sich ihm anvertrauen zu können, mußte +sie sich vor ihm verbergen. Es war natürlich auch sein +Verhalten Mama gegenüber, das sie gegen ihn einnahm. Nie +konnte sie ihm verzeihen, daß er jahrelang mit solcher Erbitterung gegen die Arme prozessierte. Aber sie war <a id="page-348" class="pagenum" title="348"></a> -ja jetzt reifer, sie verstand das Leben jetzt besser und wußte, -daß es viele unglückliche Ehen gab, und doch beide Teile -ehrenhafte und gütige Menschen sein konnten. Nicht das -war es, es war — undefinierbar. Seine Nähe bedrückte, -sie verwandelte, das Leben erschien plötzlich so schwer und +ja jetzt reifer, sie verstand das Leben jetzt besser und wußte, +daß es viele unglückliche Ehen gab, und doch beide Teile +ehrenhafte und gütige Menschen sein konnten. Nicht das +war es, es war — undefinierbar. Seine Nähe bedrückte, +sie verwandelte, das Leben erschien plötzlich so schwer und ernst. </p> <p> -Sie fand es überaus häßlich, daß er in ihr Zimmer gekommen +Sie fand es überaus häßlich, daß er in ihr Zimmer gekommen war, seinerzeit. Und die Zigarrenspitze? Papa -rauchte die Zigarren in Papierspitzen mit Gänsekielen. +rauchte die Zigarren in Papierspitzen mit Gänsekielen. Eines Tages hatte sie eine solche Papierspitze auf ihrem Schreibtisch gefunden. Sie hatte sie achtlos zum Fenster hinausgeworfen. Vielleicht war sie auch von einem der @@ -21157,7 +21124,7 @@ Aber hier war ja Karls Brief. Gottlob, sie atmete auf. <p> Er lag noch an derselben Stelle, zwischen denselben Seiten -des Buches, unberührt. Sie las den Brief, sie drückte ihn +des Buches, unberührt. Sie las den Brief, sie drückte ihn an die Lippen. </p> @@ -21166,61 +21133,61 @@ Ja, Karl war einer von den Kommenden, nicht einer der Vergehenden. Er hatte Wille und Ziel. Und was er wollte, war gut. Alle Welt liebte ihn, seine Freunde beteten ihn an, er hatte keinen einzigen Feind. Sie, die sie selbst -schwankte, klammerte sich an ihn, er gab ihr Halt. Glücklich -würde sie mit ihm sein. +schwankte, klammerte sich an ihn, er gab ihr Halt. Glücklich +würde sie mit ihm sein. </p> <p> Aber weshalb war Papa in letzter Zeit so aufmerksam — -fast zärtlich? Weshalb sagte er ihr so oft, daß sie bleich und -nervös sei und nach Babenberg gehen solle? Einmal legte +fast zärtlich? Weshalb sagte er ihr so oft, daß sie bleich und +nervös sei und nach Babenberg gehen solle? Einmal legte er sogar die Hand um ihre Taille — seit Jahren war es nicht mehr der Fall, oh, sie erinnerte sich deutlich dieser ihr (damals!) so schrecklich unangenehmen Liebkosung, sie lebte ganz dem Andenken Mamas. Er fragte, ob sie keine -Wünsche habe, ob sie nicht etwa Lust zu einer Reise habe, +Wünsche habe, ob sie nicht etwa Lust zu einer Reise habe, vielleicht nach der Schweiz? Er habe eine gewisse Summe -für sie bereitgelegt. Nein, sie brauchte nichts, gar nichts, -hatte gar keine Wünsche. +für sie bereitgelegt. Nein, sie brauchte nichts, gar nichts, +hatte gar keine Wünsche. </p> <p> -Ach, wie häßlich sie doch war! Kümmerte Papa sich +Ach, wie häßlich sie doch war! Kümmerte Papa sich <a id="page-349" class="pagenum" title="349"></a> -nicht um sie, so nannte sie ihn kalt und herzlos — kümmerte -er sich um sie, so war sie sogleich argwöhnisch. +nicht um sie, so nannte sie ihn kalt und herzlos — kümmerte +er sich um sie, so war sie sogleich argwöhnisch. </p> <p> -Ja, ganz unmöglich, den großen prüfenden Blick des -Generals zu ergründen! +Ja, ganz unmöglich, den großen prüfenden Blick des +Generals zu ergründen! </p> <p> -Er atmete Haß in diesen Wochen, er atmete Liebe. +Er atmete Haß in diesen Wochen, er atmete Liebe. </p> <p> -Ja, er haßte Ruth zuweilen mit einem furchtbaren und -grundlosen Haß, der ihm unerklärlich war, und den er bereute. +Ja, er haßte Ruth zuweilen mit einem furchtbaren und +grundlosen Haß, der ihm unerklärlich war, und den er bereute. Ihre Mutter, ganz ihre Mutter! Die gleichen hysterischen Augen, wie sie voller Geheimnisse, in die niemand eindringen durfte, wie sie eingesponnen in eine sonderbare, -unerforschliche Welt. Wie sie rasch und ohne Überlegung +unerforschliche Welt. Wie sie rasch und ohne Überlegung Impulsen folgend. Wie sollte sie anders sein? Man bedenke, eine Dame, die sich von einem Offizier, den sie -erst wenige Tage kannte, von einem Ball entführen ließ, -die sich soweit vergessen konnte — nun, gewiß, ein häßlicher -und unwürdiger Gedanke, aber trotzdem . . . +erst wenige Tage kannte, von einem Ball entführen ließ, +die sich soweit vergessen konnte — nun, gewiß, ein häßlicher +und unwürdiger Gedanke, aber trotzdem . . . </p> <p> -Es war das Blut der Sommerstorf, und unergründlich -waren die Rätsel eines Tropfen Blutes. +Es war das Blut der Sommerstorf, und unergründlich +waren die Rätsel eines Tropfen Blutes. </p> <p> -Beziehungen zu einem schwärmerisch veranlagten jungen +Beziehungen zu einem schwärmerisch veranlagten jungen Manne — gebildet, zugegeben, aber jedenfalls ohne Rang, ohne Familie, arm — mochten diese Beziehungen noch so unschuldig sein, wie man ihm versicherte — noch so unschuldig @@ -21229,8 +21196,8 @@ so unschuldig sein, wie man ihm versicherte — noch so unschuldig <p> In Dunkelheiten, voller Schrecken, unklare, verworrene, -drohende Dunkelheiten verloren sich seine Gefühle — und -dann haßte er Ruth. +drohende Dunkelheiten verloren sich seine Gefühle — und +dann haßte er Ruth. </p> <p> @@ -21239,77 +21206,77 @@ seine Heftigkeit. </p> <p> -Sie war jung, sie dachte selbständig, und das war immerhin +Sie war jung, sie dachte selbständig, und das war immerhin anerkennenswert, sie lebte ihr eigenes Leben, war nicht -eines jener törichten oberflächlichen Geschöpfe, die nur -an Putz und Vergnügen denken. Es war natürlich übertrieben, -töricht und im höchsten Maße ungerecht, sie hysterisch +eines jener törichten oberflächlichen Geschöpfe, die nur +an Putz und Vergnügen denken. Es war natürlich übertrieben, +töricht und im höchsten Maße ungerecht, sie hysterisch zu nennen. Eine Bekanntschaft aus dem Lazarett, etwas Romantik, weshalb urteilte er so streng? </p> <p> <a id="page-350" class="pagenum" title="350"></a> -Nun liebte er sie plötzlich wieder, und er grübelte darüber -nach, wie er ihr Vertrauen gewinnen könnte. Leider, -leider hatte ihm der Dienst zu wenig Muße gelassen, sich mit -seinen Kindern beschäftigen zu können. Das rächte sich -jetzt. Etwas Vertrauen, und alles wäre in Ordnung! Heute -abend wollte er mit ihr nochmals über die Reise nach der -Schweiz sprechen. Es war ja eine Leichtigkeit, den Paß +Nun liebte er sie plötzlich wieder, und er grübelte darüber +nach, wie er ihr Vertrauen gewinnen könnte. Leider, +leider hatte ihm der Dienst zu wenig Muße gelassen, sich mit +seinen Kindern beschäftigen zu können. Das rächte sich +jetzt. Etwas Vertrauen, und alles wäre in Ordnung! Heute +abend wollte er mit ihr nochmals über die Reise nach der +Schweiz sprechen. Es war ja eine Leichtigkeit, den Paß zu besorgen . . . </p> <p> -Nein, unmöglich den prüfenden großen Blick Papas -zu ergründen! Ruth versank in die Betrachtung des Bildes -der Mutter an der Wand: auch sie hatte diesen Blick gewiß -nie ergründen können, nein. +Nein, unmöglich den prüfenden großen Blick Papas +zu ergründen! Ruth versank in die Betrachtung des Bildes +der Mutter an der Wand: auch sie hatte diesen Blick gewiß +nie ergründen können, nein. </p> <p> -Da klopfte es, und man meldete ihr ein Fräulein Westphal. +Da klopfte es, und man meldete ihr ein Fräulein Westphal. </p> <p> -Ruth warf das Kinn in die Höhe. „Ich bedaure.“ +Ruth warf das Kinn in die Höhe. „Ich bedaure.“ </p> <p> Seht an! Trotzdem sie ganz die Mutter war, wie der -General dachte, wenn er Ruth haßte, trotzdem die Linie +General dachte, wenn er Ruth haßte, trotzdem die Linie der Hecht-Babenberg bei Ruth nicht im mindesten zum Ausdruck kam — die gleiche Stimme in diesem Augenblick, die -gleiche, etwas hochmütige Bewegung des Kinns. Trotz allem, +gleiche, etwas hochmütige Bewegung des Kinns. Trotz allem, trotz allem. Ach, sie bebte vor Unruhe und Erregung heute. </p> <p> -Aber da ging schon die Türe, und eine ihr unbekannte -dichtverschleierte Dame, ein schmächtiges, zartes Persönchen +Aber da ging schon die Türe, und eine ihr unbekannte +dichtverschleierte Dame, ein schmächtiges, zartes Persönchen trat ein. </p> <p> -„Ich bitte tausendmal —“ flüsterte diese tiefverschleierte +„Ich bitte tausendmal —“ flüsterte diese tiefverschleierte Dame. </p> <p> -War so etwas überhaupt möglich? Sie hatte, Ruth, -deutlich genug bestellen lassen, daß sie heute nicht zu sprechen -sei. „Sie wünschen?“ fragte sie, kühl, ohne jede Anteilnahme, +War so etwas überhaupt möglich? Sie hatte, Ruth, +deutlich genug bestellen lassen, daß sie heute nicht zu sprechen +sei. „Sie wünschen?“ fragte sie, kühl, ohne jede Anteilnahme, abweisend, herzlos. </p> <p> -Aber die dichtverschleierte Dame streckte ihre dünnen +Aber die dichtverschleierte Dame streckte ihre dünnen Arme aus. „Nicht Sie! Nicht auch Sie!“ Und schon fiel sie in die Knie. </p> <p> -Sofort aber fand Ruth sich selbst zurück. +Sofort aber fand Ruth sich selbst zurück. </p> <p> @@ -21320,7 +21287,7 @@ weinende zuckende Person auf, die sie gar nicht kannte. heute — ja, wer sind Sie eigentlich?“ Und Ruth hob den Schleier der Dame hoch, sah ein blasses verweintes Kindergesicht mit hilflosen Augen — sie kannte es nicht — aber -sie küßte es sofort. „Mein Liebling — mein Kleines — aber +sie küßte es sofort. „Mein Liebling — mein Kleines — aber ich bitte Sie herzlich.“ </p> @@ -21329,30 +21296,30 @@ Ja, nun begriff sie, wer der Besuch war, sie erinnerte sich. </p> <p> -Und Heinz? Sie hatte gehört davon. Ein lieber, frischer +Und Heinz? Sie hatte gehört davon. Ein lieber, frischer Junge. </p> <p> „Herr v. Meerheim — sie flogen Sperre — er sah die Maschine taumeln — und dachte sich noch, was ist das? -Und da stürzte die Maschine schon —“ +Und da stürzte die Maschine schon —“ </p> <p> -Ruth preßte Klara an sich. +Ruth preßte Klara an sich. </p> <p> -„Bleiben Sie hier bei mir! Erzählen Sie mir alles, alles. +„Bleiben Sie hier bei mir! Erzählen Sie mir alles, alles. Wir sind Freundinnen. Geben Sie mir Ihre Hand.“ Und -Ruth führte diese kleine dünne Hand an die Lippen. „Ja, -Freundinnen! Auch ich habe Sorgen, hören Sie! Gerade +Ruth führte diese kleine dünne Hand an die Lippen. „Ja, +Freundinnen! Auch ich habe Sorgen, hören Sie! Gerade heute bin ich in schrecklicher Unruhe. Ich ertrage diese Stadt nicht mehr und gehe bald aufs Land. Haben Sie Lust mitzukommen, Sie sind eingeladen? Ja, in schrecklicher Unruhe bin ich, ich kann es Ihnen nicht sagen. Deshalb -war ich auch so unhöflich! Verzeihen Sie — und nun +war ich auch so unhöflich! Verzeihen Sie — und nun plaudern Sie, plaudern Sie!“ </p> @@ -21361,115 +21328,115 @@ plaudern Sie, plaudern Sie!“ </h3> <p class="first"> -<span class="firstchar">B</span>erlin — wer kennt es nicht? — ist die häßlichste Großstadt +<span class="firstchar">B</span>erlin — wer kennt es nicht? — ist die häßlichste Großstadt der Welt, ganz offen gestanden. Paris, London, Rom, Neuyork, Kioto, Moskau — sind sie von ihren Bewohnern -ganz allmählich erbaut worden, Berlin wurde +ganz allmählich erbaut worden, Berlin wurde von Unternehmern errichtet, in aller Eile. Von ganz wenigen -Gebäuden, einzelnen Straßen und Plätzen abgesehen, ist +Gebäuden, einzelnen Straßen und Plätzen abgesehen, ist es als Stadt architektonisch ohne jeden Reiz, ohne Zauber — ein Steinhaufen ohne Grenzen, nichts sonst. Trotzdem <a id="page-352" class="pagenum" title="352"></a> besitzt es mehr Badewannen als zum Beispiel Paris, nicht -zu unterschätzen, vor dem Kriege genoß es auch den Ruf, -die reinlichste Großstadt zu sein. Also die häßlichste der großen -Kokotten der Erde, aber am sorgfältigsten gewaschen, immerhin +zu unterschätzen, vor dem Kriege genoß es auch den Ruf, +die reinlichste Großstadt zu sein. Also die häßlichste der großen +Kokotten der Erde, aber am sorgfältigsten gewaschen, immerhin etwas. Die Theater haben ohne Zweifel die besten -Spielpläne der Welt, die besten Konzerte — aber sonst, -häßlich, nüchtern, ein steinernes Meer. Früher verschwand -die Häßlichkeit im Gewimmel der Menschen, im Donner -des Verkehrs, im Gegleiße und Geglitzer von hunderttausend -Volt, aber heute? Nackt und schmutzig lag die häßlichste -aller großen Kokotten vor allen Augen da. +Spielpläne der Welt, die besten Konzerte — aber sonst, +häßlich, nüchtern, ein steinernes Meer. Früher verschwand +die Häßlichkeit im Gewimmel der Menschen, im Donner +des Verkehrs, im Gegleiße und Geglitzer von hunderttausend +Volt, aber heute? Nackt und schmutzig lag die häßlichste +aller großen Kokotten vor allen Augen da. </p> <p> -Als die schönste Straße Berlins gelten die Linden. Sie +Als die schönste Straße Berlins gelten die Linden. Sie beginnen mit dem Brandenburger Tor und enden mit -dem Schloß. Eine Enttäuschung für jeden. Aber vom +dem Schloß. Eine Enttäuschung für jeden. Aber vom strategischen Standpunkt aus sind sie ganz ausgezeichnet. -Das Schloß liegt auf einer Halbinsel, die Verteidigung +Das Schloß liegt auf einer Halbinsel, die Verteidigung gegen das Wasser zu ist ein Kinderspiel, die Linden selbst aber sind wie ein Lineal, breit und gerade — eine Salve -Kartätschen, und schon sind alle Schwierigkeiten beseitigt. +Kartätschen, und schon sind alle Schwierigkeiten beseitigt. </p> <p> -Im Jahre 1848 wurde hier gekämpft. Barrikaden — -aber, wie gesagt, einige Kartätschen genügten. +Im Jahre 1848 wurde hier gekämpft. Barrikaden — +aber, wie gesagt, einige Kartätschen genügten. </p> <p> Nein, die Linden sind auch nicht die Hauptsache von Berlin, sie sind nichts als ein geschickt kaschierter Festungswall, -mit Linden bepflanzt, mit Reitwegen versehen, mit Cafés +mit Linden bepflanzt, mit Reitwegen versehen, mit Cafés und Hotels besiedelt — wenig anheimelnd. Eine einzige -Kanone, die vor dem Schloß auffährt, und sämtliche Café- und -Hotelgäste müssen sofort das Trottoir räumen. +Kanone, die vor dem Schloß auffährt, und sämtliche Café- und +Hotelgäste müssen sofort das Trottoir räumen. </p> <p> -Überall, wo Könige hausen oder hausten, finden sich -derartig angelegte Straßen, man braucht nur darauf zu -achten. Die Könige lieben einen freien Blick. +Überall, wo Könige hausen oder hausten, finden sich +derartig angelegte Straßen, man braucht nur darauf zu +achten. Die Könige lieben einen freien Blick. </p> <p> In den kalten Schluchten dieser endlosen versteinerten -Häßlichkeit treiben die Menschen dahin, Geschäftige und -Spaziergänger, und dazwischen lauern die Augen der -Verbrecher und Diebe, dazwischen lächeln die Augen +Häßlichkeit treiben die Menschen dahin, Geschäftige und +Spaziergänger, und dazwischen lauern die Augen der +Verbrecher und Diebe, dazwischen lächeln die Augen der geschminkten Damen, dazwischen funkelt zuweilen ein <a id="page-353" class="pagenum" title="353"></a> Auge, das Auge eines Wahnsinnigen oder eines Dichters. -Wie in allen Großstädten stehen die Schutzleute und blasen -auf ihrer Flöte und bestimmen Ebbe und Flut des Verkehrs. -Heute allerdings, die Straßengewaltigen — sie -gähnten vor Langeweile und hatten nur noch das eine -Bestreben, nicht vor Erschöpfung auf das Pflaster zu stürzen. +Wie in allen Großstädten stehen die Schutzleute und blasen +auf ihrer Flöte und bestimmen Ebbe und Flut des Verkehrs. +Heute allerdings, die Straßengewaltigen — sie +gähnten vor Langeweile und hatten nur noch das eine +Bestreben, nicht vor Erschöpfung auf das Pflaster zu stürzen. </p> <p> In den Steinschluchten dieses endlosen Meeres wanderte -Ackermann seit dem frühen Morgen dahin. Er überquerte +Ackermann seit dem frühen Morgen dahin. Er überquerte den windigen Alexanderplatz, den staubigen Spittelmarkt, und schlenderte langsam durch die Schlucht der endlosen -Leipziger Straße, die ihre Größe dem Fleiße der Bürger +Leipziger Straße, die ihre Größe dem Fleiße der Bürger verdankt. Er suchte nur noch belebte Stadtteile auf. Selbst -diese Straße, in der der schwache Verkehr der sterbenden -Stadt zusammenfloß, früher glattgeschliffen von den -Nägeln der Pneus und Tag und Nacht blank gehalten wie +diese Straße, in der der schwache Verkehr der sterbenden +Stadt zusammenfloß, früher glattgeschliffen von den +Nägeln der Pneus und Tag und Nacht blank gehalten wie ein Matschbillard, selbst sie war heute voller Schmutz. Voller -Schmutz waren die verwahrlosten Häuser, die schief hängenden +Schmutz waren die verwahrlosten Häuser, die schief hängenden Firmenschilder, die elektrischen Wagen, die verbeult -und abgekämpft aussahen wie Tanks, die aus der Schlacht -kamen. Obwohl es erst anfing, warm zu werden, strömte -die Stadt schon einen übeln Geruch aus. Was für ein -Geruch war es doch? Wenn du ihn nicht kennst, besser für +und abgekämpft aussahen wie Tanks, die aus der Schlacht +kamen. Obwohl es erst anfing, warm zu werden, strömte +die Stadt schon einen übeln Geruch aus. Was für ein +Geruch war es doch? Wenn du ihn nicht kennst, besser für dich — es war der Geruch der Verwesung. Genau wie die verlassenen Schlachtfelder roch Berlin. </p> <p> -Hierauf überquerte Ackermann den Potsdamer Platz -und bog in die Königgrätzer Straße ein, wo die Bahnhöfe +Hierauf überquerte Ackermann den Potsdamer Platz +und bog in die Königgrätzer Straße ein, wo die Bahnhöfe liegen. </p> <p> Er suchte Menschen, Menschen, Massen von Menschen, -und in dieser aussterbenden Stadt würden sie wohl noch -am ehesten auf den Plätzen der Bahnhöfe zu finden sein. +und in dieser aussterbenden Stadt würden sie wohl noch +am ehesten auf den Plätzen der Bahnhöfe zu finden sein. </p> <p> Langsam schlenderte er dahin. Die Sonne blendete ihm ins Gesicht. Auf dem Spittelmarkt hatte er einen Teller Suppe zu sich genommen, in aller Ruhe, denn -Gewißheit erfüllte ihn, daß alles vollendet sein würde, +Gewißheit erfüllte ihn, daß alles vollendet sein würde, bevor die Sonne sank. Er hatte sogar geschwankt, ob er <a id="page-354" class="pagenum" title="354"></a> -nicht in die Dorotheenstraße gehen solle, um Ruth noch einmal +nicht in die Dorotheenstraße gehen solle, um Ruth noch einmal zu sehen. Aber er war doch nicht gegangen. Nein, nun war er unterwegs . . . </p> @@ -21484,7 +21451,7 @@ Schon? <p> Trommeln, beim Anhalter Bahnhof — Augenblicklich -beflügelte sich sein Schritt. Von plötzlicher Erregung erfaßt, +beflügelte sich sein Schritt. Von plötzlicher Erregung erfaßt, ging er dahin. Deutlich, dumpf noch, aber ganz deutlich. </p> @@ -21494,49 +21461,49 @@ Trommeln, ohne Zweifel. <p> Sonderbar wirkt der dumpfe Laut der Trommel auf -den Menschen. Er wirft ihn ohne jede Übertreibung um -einige Jahrtausende zurück, in Zeiten, wo die Menschen -noch mit den Tieren der Wildnis kämpften, zu den Negern -am Kongo. Augenblicklich stürmten die Menschen wie in -Hypnose über den Anhalter Platz, dem Laut der Trommeln +den Menschen. Er wirft ihn ohne jede Übertreibung um +einige Jahrtausende zurück, in Zeiten, wo die Menschen +noch mit den Tieren der Wildnis kämpften, zu den Negern +am Kongo. Augenblicklich stürmten die Menschen wie in +Hypnose über den Anhalter Platz, dem Laut der Trommeln entgegen. </p> <p> -Plötzlich schwiegen die Trommeln, und die Blechinstrumente -setzten mit barbarischem Lärm ein. +Plötzlich schwiegen die Trommeln, und die Blechinstrumente +setzten mit barbarischem Lärm ein. </p> <p> -Ein Menschenhaufe quoll aus der Straße auf den Platz. -Waffen blitzten, gleichmäßig schwankende Reihen wurden -im Strom der Köpfe sichtbar. Offenbar wurde ein Bataillon +Ein Menschenhaufe quoll aus der Straße auf den Platz. +Waffen blitzten, gleichmäßig schwankende Reihen wurden +im Strom der Köpfe sichtbar. Offenbar wurde ein Bataillon zur Bahn gebracht. </p> <p> -Ohne zu überlegen, bebend vor Erregung, nahm Ackermann -augenblicklich Aufstellung. Ein alter mürrischer -Mann lud an der Straße Pflastersteine ab, und auf eine +Ohne zu überlegen, bebend vor Erregung, nahm Ackermann +augenblicklich Aufstellung. Ein alter mürrischer +Mann lud an der Straße Pflastersteine ab, und auf eine Reihe solcher Steine stellte er sich. </p> <p> -Der Strom von Köpfen wälzte sich heran, umbrandet +Der Strom von Köpfen wälzte sich heran, umbrandet vom Tosen der Blechinstrumente, die in der Sonne funkelten. -Scharen von Neugierigen drängten hinzu. Dicht +Scharen von Neugierigen drängten hinzu. Dicht neben Ackermann nahmen sie auf der Schicht von Pflastersteinen Platz und reckten sich auf den Zehen. Sogar der -alte Mann, der die Steine ablud, hob das mürrische Gesicht. +alte Mann, der die Steine ablud, hob das mürrische Gesicht. </p> <p> Im Takt der Musikkapelle zog der Menschenhaufe dem Bataillon voran. Zerlumpte Weiber und verwahrloste -Kinder, alte Männer, frühreife Mädchen, bleich, verhungert, +Kinder, alte Männer, frühreife Mädchen, bleich, verhungert, <a id="page-355" class="pagenum" title="355"></a> das Mal des letzten Elends auf der Stirn — — und doch: -Freude glänzte auf allen Gesichtern! +Freude glänzte auf allen Gesichtern! </p> <p> @@ -21556,19 +21523,19 @@ Volk, mein Volk, meine Liebe, meine Sehnsucht? </p> <p> -Wie wird dich die große Stunde finden? Ausgehöhlt +Wie wird dich die große Stunde finden? Ausgehöhlt vom Hunger, ausgeblutet von den Schlachten, ausgefront — -wirst du die Kraft haben? Betäubt von Lüge, krank von -dumpfer Sehnsucht — wirst du? Die Völker der Erde -blicken auf dich! Du bist geächtet, bespien, die Dornenkrone -ist auf dein Haupt gedrückt, dein Weg führt durch -Tränen, führt durch Hunger und Wahnsinn — zitterst du? +wirst du die Kraft haben? Betäubt von Lüge, krank von +dumpfer Sehnsucht — wirst du? Die Völker der Erde +blicken auf dich! Du bist geächtet, bespien, die Dornenkrone +ist auf dein Haupt gedrückt, dein Weg führt durch +Tränen, führt durch Hunger und Wahnsinn — zitterst du? </p> <p> Wirst du straucheln? Wanken? Dahinsinken zu den -Unwürdigen? Wirst du auserwählt und berufen sein -unter den Völkern, das Reich zu bereiten, das Reich des +Unwürdigen? Wirst du auserwählt und berufen sein +unter den Völkern, das Reich zu bereiten, das Reich des neuen Menschen? </p> @@ -21578,27 +21545,27 @@ roten Backen barsten. </p> <p> -Vorwärts, fort, fort, beeile dich! Meine Liebe und -Sehnsucht fliegen vor dir her! Der Ruf erschallt! Lüge, +Vorwärts, fort, fort, beeile dich! Meine Liebe und +Sehnsucht fliegen vor dir her! Der Ruf erschallt! Lüge, Hoffart, Wahn — wirf ab, wirf ab! Tauche nieder in deine reinen Quellen. Sieh, wie sie funkeln, am Firmament -des Gedankens, deine großen Geister! Sie blicken auf +des Gedankens, deine großen Geister! Sie blicken auf dich. </p> <p> -Fort, fort, beeile dich! Die Stunde ist nahe! Laß dein -Herz wieder leuchten, das immer aufglühte, wenn die -Dunkelheit am tiefsten war. Mehre den Schatz der Völker! +Fort, fort, beeile dich! Die Stunde ist nahe! Laß dein +Herz wieder leuchten, das immer aufglühte, wenn die +Dunkelheit am tiefsten war. Mehre den Schatz der Völker! </p> <p> -Ich sehe dich auferstehen, ich sehe dich erblühen, sehe -dich umringt von brüderlichen Nationen . . . +Ich sehe dich auferstehen, ich sehe dich erblühen, sehe +dich umringt von brüderlichen Nationen . . . </p> <p> -Schon wälzte sich der Haufe dicht heran. +Schon wälzte sich der Haufe dicht heran. </p> <p> @@ -21610,33 +21577,33 @@ Luft, und die Trommeln wirbelten wieder. <p> Reihen von Gewehren, Reihen von Helmen schwankten <a id="page-356" class="pagenum" title="356"></a> -heran, vorwärts getrieben von einer unverständlichen Kraft, -von einem unverständlichen Willen zusammengeballt. Das -Bataillon Hähnleins, des Unglücklichen — +heran, vorwärts getrieben von einer unverständlichen Kraft, +von einem unverständlichen Willen zusammengeballt. Das +Bataillon Hähnleins, des Unglücklichen — </p> <p> -Junge Männer, rosige, arglose Kindergesichter, die noch -nicht ahnten, daß morgen schon der Tod ringsum war. +Junge Männer, rosige, arglose Kindergesichter, die noch +nicht ahnten, daß morgen schon der Tod ringsum war. Wie oft hatte er, Ackermann, den Marsch zum Bahnhof erlebt! Alte Feldsoldaten, mit Auszeichnungen auf der Brust — nein, sie gaben sich keinerlei Illusionen mehr hin — -stumpf marschierten sie, genau wie er früher marschierte: -stumpf, schweißtriefend, bepackt, zitternd unter dem Blick +stumpf marschierten sie, genau wie er früher marschierte: +stumpf, schweißtriefend, bepackt, zitternd unter dem Blick der Vorgesetzten. Hundertmal mochten sie ihr Leben in die Schanze geschlagen haben, sie blieben trotzdem Tiere, -hier wie bei allen kriegführenden Völkern war der gemeine +hier wie bei allen kriegführenden Völkern war der gemeine Mann ein Tier, nicht mehr. Einige Frauen marschierten -in den Reihen der Soldaten, Bräute, Mütter, Gattinnen, +in den Reihen der Soldaten, Bräute, Mütter, Gattinnen, bleich, schwankend, weinend. So zogen sie dahin. </p> <p> -Plötzlich aber — +Plötzlich aber — </p> <p> -Plötzlich erscholl eine Stimme! +Plötzlich erscholl eine Stimme! </p> <p> @@ -21644,21 +21611,21 @@ Woher kam sie? </p> <p> -Niemand wußte es. +Niemand wußte es. </p> <p> Eine Stimme — hell, metallen, durchdringend — sie -dröhnte über das marschierende Bataillon, übertönte die +dröhnte über das marschierende Bataillon, übertönte die Trommeln, den Schritt der Arglosen und Erfahrenen — -scholl über den weiten Platz und wurde als Echo von den -hohen Häusern zurückgeworfen — die Stimme eines Riesen, -eines — ja, bei Gott, was für eine Stimme war es doch? +scholl über den weiten Platz und wurde als Echo von den +hohen Häusern zurückgeworfen — die Stimme eines Riesen, +eines — ja, bei Gott, was für eine Stimme war es doch? </p> <p> -Und diese Stimme rief, gellend, dröhnend, sie scholl -über das summende, brausende Berlin — in alle Ohren +Und diese Stimme rief, gellend, dröhnend, sie scholl +über das summende, brausende Berlin — in alle Ohren gellte diese Stimme. </p> @@ -21667,10 +21634,10 @@ Diese Stimme rief: </p> <p> -„Es lebe die Kameradschaft zwischen den Völkern!“ — +„Es lebe die Kameradschaft zwischen den Völkern!“ — Pause, der Platz gellte, Widerhall, Trommeln — „Nieder mit dem Krieg!“ — Stille, Gellen, Trommeln — „Alle -Menschen sind Brüder . . .“ +Menschen sind Brüder . . .“ </p> <p> @@ -21678,8 +21645,8 @@ Auf einem Haufen von Pflastersteinen stand ein Mensch, <a id="page-357" class="pagenum" title="357"></a> ein Soldat in einem weiten grauen Mantel, der flatterte, die Arme wild emporgeworfen, totenbleich, mit rasenden, -fanatisch glühenden Augen — seine Hände zuckten — seine -Stimme gellte, gellte. Plötzlich aber brach diese rasende +fanatisch glühenden Augen — seine Hände zuckten — seine +Stimme gellte, gellte. Plötzlich aber brach diese rasende gellende Stimme ab. </p> @@ -21692,48 +21659,48 @@ Der Soldat war verschwunden. </p> <p class="first"> -<span class="firstchar">E</span>r lag auf dem Pflaster, ein Knäuel Menschen um ihn -herum. Ein grüner Plüschhut rollte über den Bürgersteig. +<span class="firstchar">E</span>r lag auf dem Pflaster, ein Knäuel Menschen um ihn +herum. Ein grüner Plüschhut rollte über den Bürgersteig. </p> <p> -Eine Sekunde später wurde dieser Mensch im weiten -grauen Mantel über das Pflaster geschleift. +Eine Sekunde später wurde dieser Mensch im weiten +grauen Mantel über das Pflaster geschleift. </p> <p> Das Bataillon zog weiter. Wieder setzte die Kapelle -ein. Die meisten hatten gar nichts gesehen — aber gehört — +ein. Die meisten hatten gar nichts gesehen — aber gehört — ja, eine Stimme aus der Luft! </p> <p> -Diese Stimme krallte sich in ihr Herz, zerriß es, daß es +Diese Stimme krallte sich in ihr Herz, zerriß es, daß es zu bluten begann vor Qual und Sehnsucht. </p> <p> -Eine Stimme . . . Was für eine Stimme —? +Eine Stimme . . . Was für eine Stimme —? </p> <p> Die Stimme des Menschen hatten sie vernommen . . . Die letzten des Bataillons sahen noch einen Menschenhaufen, -der sich den Bürgersteig hinabwälzte. +der sich den Bürgersteig hinabwälzte. </p> <p> -Der grüne Plüschhut hörte auf zu rollen. Ein schmächtiger -junger Mann ergriff ihn, überzeugte sich mit einem -raschen Blick, daß der Mensch im grauen Mantel in sicheren -Händen war, bürstete den Hut eilig ab — ja, und nun — -der Kneifer — er war verlorengegangen. Und der schmächtige +Der grüne Plüschhut hörte auf zu rollen. Ein schmächtiger +junger Mann ergriff ihn, überzeugte sich mit einem +raschen Blick, daß der Mensch im grauen Mantel in sicheren +Händen war, bürstete den Hut eilig ab — ja, und nun — +der Kneifer — er war verlorengegangen. Und der schmächtige junge Mann suchte eilig den Kneifer. </p> <p> Da hob der alte Mann, man erinnert sich, er lud Pflastersteine -ab, dieser Mürrische, den Kopf und sagte: +ab, dieser Mürrische, den Kopf und sagte: </p> <p> @@ -21742,57 +21709,57 @@ er spie aus. </p> <p> -Der junge Mann geriet sofort in äußerste Erregung, -sein Blick glitt suchend über das Pflaster, sein Blick bohrte -sich messerscharf in die Augen des Mürrischen. +Der junge Mann geriet sofort in äußerste Erregung, +sein Blick glitt suchend über das Pflaster, sein Blick bohrte +sich messerscharf in die Augen des Mürrischen. </p> <p> -Aber der alte Mann hob einen Pflasterstein in die Höhe, +Aber der alte Mann hob einen Pflasterstein in die Höhe, <a id="page-358" class="pagenum" title="358"></a> -er lächelte — aber wie! — und der junge Mann wich zurück, +er lächelte — aber wie! — und der junge Mann wich zurück, und nun lief er rasch, rasch, ohne den Kneifer, zu dem -Militärauto, um das der Menschenknäuel sich ballte. +Militärauto, um das der Menschenknäuel sich ballte. </p> <p> -In dieses Militärauto hatte man den Menschen im grauen +In dieses Militärauto hatte man den Menschen im grauen Mantel gezerrt. Er blutete im Gesicht, aber er wehrte sich -nicht. Jede seiner Bewegungen, das Lächeln auf seinen -fahlen Lippen, sagte deutlich, daß er nicht gesonnen sei, +nicht. Jede seiner Bewegungen, das Lächeln auf seinen +fahlen Lippen, sagte deutlich, daß er nicht gesonnen sei, irgendwelchen Widerstand zu leisten. </p> <p> -Aber unerklärlich — plötzlich, ohne jeden Grund, schlug -einer der beiden schnauzbärtigen Männer, die ihn ins Auto -schleiften, sinnlos, völlig sinnlos, vielleicht um sich für die -Anstrengung zu rächen, mit dem Knotenstock auf den +Aber unerklärlich — plötzlich, ohne jeden Grund, schlug +einer der beiden schnauzbärtigen Männer, die ihn ins Auto +schleiften, sinnlos, völlig sinnlos, vielleicht um sich für die +Anstrengung zu rächen, mit dem Knotenstock auf den Menschen im grauen Mantel ein. </p> <p> -„Halt, halt!“ schrie der schmächtige junge Mann mit dem -grünen Plüschhut, der herangeeilt kam. +„Halt, halt!“ schrie der schmächtige junge Mann mit dem +grünen Plüschhut, der herangeeilt kam. </p> <p> -Aber es war zu spät. +Aber es war zu spät. </p> <p> Der Mensch im grauen Mantel — jede Bewegung, ihr seht, ich leiste keinen Widerstand — schlug mit einem furchtbaren -Hieb nach dem roten Gesicht des Schnauzbärtigen, -stieß noch einigemal in die Luft und sprang aus dem Auto. +Hieb nach dem roten Gesicht des Schnauzbärtigen, +stieß noch einigemal in die Luft und sprang aus dem Auto. </p> <p> -Der Schnauzbärtige blutete aus der Nase und war für -einige Sekunden benommen, aber der andere Schnauzbärtige -zog rasch entschlossen einen Revolver und schoß — -sofort schrie eine Mädchenstimme auf, er hatte ein kleines -Mädchen getroffen. +Der Schnauzbärtige blutete aus der Nase und war für +einige Sekunden benommen, aber der andere Schnauzbärtige +zog rasch entschlossen einen Revolver und schoß — +sofort schrie eine Mädchenstimme auf, er hatte ein kleines +Mädchen getroffen. </p> <p> @@ -21801,40 +21768,40 @@ eines Hotels verschwunden. </p> <p> -Zuerst stürzte der grüne Plüschhut nach, dann der Schnauzbärtige, -der geschossen hatte, dann der andere Schnauzbärtige, +Zuerst stürzte der grüne Plüschhut nach, dann der Schnauzbärtige, +der geschossen hatte, dann der andere Schnauzbärtige, dessen Nase blutete. </p> <p> Ein kleiner feister Herr telephonierte in bester Laune -im Foyer des Hotels, behaglich das dicke Schenkelchen über -das Knie geschlagen. „Höre, mein Kind — ja also nicht -später als acht Uhr. Und vergiß nicht, süßes Puppchen —“ +im Foyer des Hotels, behaglich das dicke Schenkelchen über +das Knie geschlagen. „Höre, mein Kind — ja also nicht +später als acht Uhr. Und vergiß nicht, süßes Puppchen —“ </p> <p> -In diesem Augenblick erhielt er einen Stoß vor die +In diesem Augenblick erhielt er einen Stoß vor die <a id="page-359" class="pagenum" title="359"></a> -Brust, und ein junger Mann entriß ihm ohne viele Umstände -den Hörer. Militärpolizei. +Brust, und ein junger Mann entriß ihm ohne viele Umstände +den Hörer. Militärpolizei. </p> <p> Vor dem Hotel sammelten sich Scharen von Menschen -an. Eine Verhaftung! Und man hatte ein junges Mädchen +an. Eine Verhaftung! Und man hatte ein junges Mädchen in das Bein geschossen, das ganz harmlos spazierenging. -Heitere Zustände, das mußte man schon sagen. Nun, die -Verwundung war ja nicht schlimm, ein Streifschuß, aber -bedenken Sie doch — man geht über den Anhalter Platz +Heitere Zustände, das mußte man schon sagen. Nun, die +Verwundung war ja nicht schlimm, ein Streifschuß, aber +bedenken Sie doch — man geht über den Anhalter Platz und riskiert totgeschossen zu werden. Ganz als ob man an der Front sei. </p> <p> Aber da gab es schon wieder eine neue Sensation. Die -Menschen traten plötzlich vom Bürgersteig auf den Platz -zurück. Sie starrten in die Höhe. +Menschen traten plötzlich vom Bürgersteig auf den Platz +zurück. Sie starrten in die Höhe. </p> <p> @@ -21850,7 +21817,7 @@ Ein Mensch! </p> <p> -Ein Mensch auf den Dächern! +Ein Mensch auf den Dächern! </p> <p> @@ -21858,46 +21825,46 @@ Unglaublich! </p> <p> -Ja, in der Tat, zwischen den Schornsteinen und Ventilationsröhren +Ja, in der Tat, zwischen den Schornsteinen und Ventilationsröhren erschien da oben ein Mensch. Ein Mensch in einem weiten Soldatenmantel, ein Soldat. </p> <p> -Die Häuser in der Gegend des Anhalter Bahnhofs sind -unansehnlich und häßlich wie in andern Vierteln der Stadt, -die Dächer mit Schiefer gedeckt, abgeflacht, dazwischen -ein steileres Ziegeldach. Über die abgeflachten Ziegeldächer -glitt der Mann da oben rasch dahin, über die steilen -Satteldächer dagegen balancierte er vorsichtig von Kamin +Die Häuser in der Gegend des Anhalter Bahnhofs sind +unansehnlich und häßlich wie in andern Vierteln der Stadt, +die Dächer mit Schiefer gedeckt, abgeflacht, dazwischen +ein steileres Ziegeldach. Über die abgeflachten Ziegeldächer +glitt der Mann da oben rasch dahin, über die steilen +Satteldächer dagegen balancierte er vorsichtig von Kamin zu Kamin. Stellenweise schritt er, die Arme wagrecht -haltend, wie ein Seiltänzer über den Dachfirst. Blitzschnell -kletterte er von einem niedrigen Dach auf ein höheres am +haltend, wie ein Seiltänzer über den Dachfirst. Blitzschnell +kletterte er von einem niedrigen Dach auf ein höheres am Giebel der Brandmauer empor. </p> <p> -Wieder balancierte er wie ein Seiltänzer — hoch oben, -im stechenden Sonnenlicht, kreidig Gesicht und Hände, +Wieder balancierte er wie ein Seiltänzer — hoch oben, +im stechenden Sonnenlicht, kreidig Gesicht und Hände, der flatternde Mantel bestaubt. Diesmal schwankte er, die Leute auf dem Platz schrien auf, aber schon hatte er <a id="page-360" class="pagenum" title="360"></a> -Halt an einer Tonröhre gefunden. Er holte Atem, gegen -die Tonröhre gelehnt, blickte mit seinem kreidigen Gesicht, +Halt an einer Tonröhre gefunden. Er holte Atem, gegen +die Tonröhre gelehnt, blickte mit seinem kreidigen Gesicht, das blutete, auf den Platz herunter, schrie etwas mit gellender -Stimme, aber unverständlich hier unten, dann eilte -er zum nächsten Kamin. Deutlich sah man, daß er hinkte. +Stimme, aber unverständlich hier unten, dann eilte +er zum nächsten Kamin. Deutlich sah man, daß er hinkte. </p> <p> -Unten auf der Straße hatte er sich ruhig festnehmen +Unten auf der Straße hatte er sich ruhig festnehmen lassen, aber nun, seitdem man mit einem Knotenstock -völlig sinnlos auf ihn eingeschlagen hatte, schien er entschlossen -zu sein, zu flüchten. +völlig sinnlos auf ihn eingeschlagen hatte, schien er entschlossen +zu sein, zu flüchten. </p> <p> -Nun glitt er zur Hälfte über ein Ziegeldach und kroch +Nun glitt er zur Hälfte über ein Ziegeldach und kroch in eine Dachluke. </p> @@ -21908,37 +21875,37 @@ Die Zuschauer atmeten auf. „Er ist verschwunden!“ <p> Aber schon nach einigen Sekunden erschien er wieder in der Dachluke. Er glitt bis zur Dachrinne herab und lief, -wie eine Katze, buchstäblich, auf der Dachrinne dahin. -Die Ausrufe erstarben auf den Lippen, die kleinen Verkäuferinnen -preßten die Hand aufs Herz. +wie eine Katze, buchstäblich, auf der Dachrinne dahin. +Die Ausrufe erstarben auf den Lippen, die kleinen Verkäuferinnen +preßten die Hand aufs Herz. </p> <p> -Gleich darauf tauchte in der Dachluke die Mütze eines -Schutzmannes auf, begrüßt vom Gelächter der Zuschauer. +Gleich darauf tauchte in der Dachluke die Mütze eines +Schutzmannes auf, begrüßt vom Gelächter der Zuschauer. Der Mann im grauen Mantel kletterte abermals den Giebel -der Brandmauer empor und lief über das Dach des Eckhauses. +der Brandmauer empor und lief über das Dach des Eckhauses. </p> <p> Tausende von Neugierigen hatten sich angesammelt. -Es waren Züge angekommen, und die Reisenden standen +Es waren Züge angekommen, und die Reisenden standen gaffend und blinzelnd auf dem Platze. Das war Berlin, siehst du! Kaum kam man an, so gab es schon etwas zu sehen. -Man hatte ja gelesen, daß zurzeit in Berlin häufig Deserteure +Man hatte ja gelesen, daß zurzeit in Berlin häufig Deserteure auf dem Transport entflohen, sogar Passanten waren -bei diesen Vorfällen schon erschossen worden. Brich das +bei diesen Vorfällen schon erschossen worden. Brich das Genick, du Spitzbube! Ja, das war Berlin, man konnte -wenigstens etwas erzählen. Ein Haar, und er wäre abgestürzt. +wenigstens etwas erzählen. Ein Haar, und er wäre abgestürzt. </p> <p> -Rote Gesichter reckten sich aus den Wagen der Straßenbahn, -aus allen Fenstern der umliegenden Häuser. Die -Kutscher verdrehten den Hals, Kellner, Friseure, Verkäuferinnen +Rote Gesichter reckten sich aus den Wagen der Straßenbahn, +aus allen Fenstern der umliegenden Häuser. Die +Kutscher verdrehten den Hals, Kellner, Friseure, Verkäuferinnen <a id="page-361" class="pagenum" title="361"></a> -stürzten aus Läden und Türen. Messinggelb -blendeten die Häuser in der Sonne. +stürzten aus Läden und Türen. Messinggelb +blendeten die Häuser in der Sonne. </p> <p> @@ -21952,14 +21919,14 @@ die elektrischen Wagen durch die Menschenmenge schieben. <p> Scharen von Kindern rannten dahin, deuteten zu den -Dächern empor und schrien wie besessen: „Dort läuft er! +Dächern empor und schrien wie besessen: „Dort läuft er! Dort!“ Das ganze Stadtviertel war auf den Beinen. </p> <p> Von der Bahnhofshalle her drang der schmetternde Marsch der Regimentskapelle. Nun gellte auch noch die Glocke -der Feuerwehr — ein Löschzug! +der Feuerwehr — ein Löschzug! </p> <p> @@ -21973,22 +21940,22 @@ Der Chauffeur wagte die Vertraulichkeit, sie durch eine Kopfbewegung auf die Ursache der Menschenansammlung aufmerksam zu machen. Da sah sie zu ihrem Schrecken hoch oben — in einer Dunstwolke von rostbraunem Staub — -einen Menschen, staubig und kalkweiß, über den Dachfirst +einen Menschen, staubig und kalkweiß, über den Dachfirst laufen. </p> <p> -Hedi kam vom Einkauf: Gardinen, Stoffe, Antiquitäten, +Hedi kam vom Einkauf: Gardinen, Stoffe, Antiquitäten, es war schwer, etwas Ordentliches zu finden. In allen -Geschäften und Magazinen jagte sie umher. Ihr Wagen +Geschäften und Magazinen jagte sie umher. Ihr Wagen lag voller Pakete, und neben dem Chauffeur blitzte aus dem Papier ein silberner Spiegel — spanischer Barock, -etwas beschädigt, aber, nach ihrer Ansicht, zauberhaft, +etwas beschädigt, aber, nach ihrer Ansicht, zauberhaft, ein Traum! </p> <p> -Hedis Herz pochte. Bei Gott, es war die gleiche Querstraße, +Hedis Herz pochte. Bei Gott, es war die gleiche Querstraße, wo sie einst, im Sommer, Otto das Abschiedssouper gegeben hatte. </p> @@ -21998,25 +21965,25 @@ gegeben hatte. </p> <p> -Eine schweißtriefende Zeitungsfrau drängte sich in diesem +Eine schweißtriefende Zeitungsfrau drängte sich in diesem Moment, einen Pack noch nasser Zeitungen unter dem Arm, -am Auto vorüber und schrie mit gellender Stimme dicht +am Auto vorüber und schrie mit gellender Stimme dicht an Hedis Ohr: </p> <p> <a id="page-362" class="pagenum" title="362"></a> -„Die Marne abermals überschritten!“ +„Die Marne abermals überschritten!“ </p> <p> -„Die Marne abermals überschritten!“ +„Die Marne abermals überschritten!“ </p> <p> -Hundert gierige Hände streckten sich ihr gleichzeitig entgegen. -Sie drehte sich im Kreise, wischte sich den Schweiß -mit dem Ärmel von der Stirn. +Hundert gierige Hände streckten sich ihr gleichzeitig entgegen. +Sie drehte sich im Kreise, wischte sich den Schweiß +mit dem Ärmel von der Stirn. </p> <p> @@ -22024,32 +21991,32 @@ mit dem Ärmel von der Stirn. </p> <p> -„Die Marne — sofort, junge Frau — abermals überschritten.“ -Ihre gellende Stimme übertönte den Marsch +„Die Marne — sofort, junge Frau — abermals überschritten.“ +Ihre gellende Stimme übertönte den Marsch der Kapelle auf dem Bahnhof. </p> <p> -Das Auto rückte an. Hedi konnte gerade noch das Blatt +Das Auto rückte an. Hedi konnte gerade noch das Blatt ergreifen. </p> <p> -Sie warf noch einen flüchtigen Blick in die Höhe — da sah -sie gerade, wie der Mann auf dem Dachfirst plötzlich schwankte -— hatte man geschossen? — schwankte — mit den Händen -in die Luft griff und über das steile Dach herabstürzte. Eine -Sekunde wurde der Körper von der Dachrinne aufgehalten, +Sie warf noch einen flüchtigen Blick in die Höhe — da sah +sie gerade, wie der Mann auf dem Dachfirst plötzlich schwankte +— hatte man geschossen? — schwankte — mit den Händen +in die Luft griff und über das steile Dach herabstürzte. Eine +Sekunde wurde der Körper von der Dachrinne aufgehalten, dann fiel er . . . Hedi bedeckte die Augen mit der Hand. </p> <p> -Die schweißtriefende Zeitungsfrau raste dem Bahnhof +Die schweißtriefende Zeitungsfrau raste dem Bahnhof zu und schrie gellend: </p> <p> -„Die Marne abermals überschritten! Die Marne abermals +„Die Marne abermals überschritten! Die Marne abermals — —“ </p> @@ -22059,37 +22026,37 @@ zu und schrie gellend: <p class="first"> <span class="firstchar">V</span>orgestern nicht, gestern nicht — aber jetzt, jetzt kam -sie die Fabriciusstraße herauf. +sie die Fabriciusstraße herauf. </p> <p> -Sie hielt zuweilen inne, als zögere sie, blickte sich um, -aber sie kam doch immer näher. +Sie hielt zuweilen inne, als zögere sie, blickte sich um, +aber sie kam doch immer näher. </p> <p> -Herr Herbst kletterte die Treppe empor, bis zur Türe. +Herr Herbst kletterte die Treppe empor, bis zur Türe. Er wohnte nicht mehr hier, hatte das Quartier in diesem -Unglückshause geräumt. Er wohnte jetzt in einer kleinen -Kammer im „Löwen von Antwerpen“. In einem ganz +Unglückshause geräumt. Er wohnte jetzt in einer kleinen +Kammer im „Löwen von Antwerpen“. In einem ganz winzigen Raum, aber doch zog er ihn diesem Zimmer vor. </p> <p> -Schon hörte er ihren Schritt, das leichte Keuchen ihres +Schon hörte er ihren Schritt, das leichte Keuchen ihres Atems. Sie ging ganz anders als alle Frauen, die diese Treppe <a id="page-363" class="pagenum" title="363"></a> -auf und ab stiegen. Die Sohlen ihrer Schuhe waren dünner, -sie vermied jeden Lärm und hielt sich nie am Geländer fest. +auf und ab stiegen. Die Sohlen ihrer Schuhe waren dünner, +sie vermied jeden Lärm und hielt sich nie am Geländer fest. </p> <p> -Herr Herbst trat vor, beugte sich über das Geländer. +Herr Herbst trat vor, beugte sich über das Geländer. Sie sah ihn an, hielt inne, leise keuchte ihr Atem. </p> <p> -Herr Herbst lüftete den steifen Hut: „Sie suchen gewiß +Herr Herbst lüftete den steifen Hut: „Sie suchen gewiß Herrn Ackermann?“ fragte er. </p> @@ -22106,15 +22073,15 @@ Herrn Ackermann?“ fragte er. </p> <p> -Nun berührte sie plötzlich mit den Fingerspitzen das -schmutzige Stiegengeländer, und das Blut wich aus ihren +Nun berührte sie plötzlich mit den Fingerspitzen das +schmutzige Stiegengeländer, und das Blut wich aus ihren Wangen. Ganz langsam. Zuerst wurde sie fahl, dann -weiß wie Mehl. Dann verloren ihre Augen die Farbe, -auch sie wurden weiß. +weiß wie Mehl. Dann verloren ihre Augen die Farbe, +auch sie wurden weiß. </p> <p> -Schwere Kämpfe, außerordentlich schwere Kämpfe! +Schwere Kämpfe, außerordentlich schwere Kämpfe! </p> <p> @@ -22122,29 +22089,29 @@ Fleisch von seinem Fleisch. Blut von seinem Blut . . . </p> <p> -Herr Herbst beugte sich über das Geländer und sah ihr -tief in die Augen. Immer noch wurde sie weißer — ihre +Herr Herbst beugte sich über das Geländer und sah ihr +tief in die Augen. Immer noch wurde sie weißer — ihre Hand griff zu. </p> <p> -Und bald, bald würde man auch sie — der Magere, -Schmächtige hatte es ihm zugesagt. Und diese Schande -für die Familie . . . +Und bald, bald würde man auch sie — der Magere, +Schmächtige hatte es ihm zugesagt. Und diese Schande +für die Familie . . . </p> <p> -Heute abend, es war Sonnabend, würde er den Munitionsarbeiterinnen -im „Löwen von Antwerpen“ etwas zum -besten geben. Und auch er würde ein Fläschchen trinken. -Er besaß ja immer noch Geld, Gott sei Dank, zwei Brieftaschen, -eine kleine für die laufenden Ausgaben und eine -große, in der sich die blauen Scheine befanden, noch immer +Heute abend, es war Sonnabend, würde er den Munitionsarbeiterinnen +im „Löwen von Antwerpen“ etwas zum +besten geben. Und auch er würde ein Fläschchen trinken. +Er besaß ja immer noch Geld, Gott sei Dank, zwei Brieftaschen, +eine kleine für die laufenden Ausgaben und eine +große, in der sich die blauen Scheine befanden, noch immer eine ganze Anzahl. Heute abend sollte ihm nichts zuviel sein. </p> <p> -Dabei hielt er den Hut gelüftet, und sein Blick versank +Dabei hielt er den Hut gelüftet, und sein Blick versank in diese Augen, die die Farbe verloren, den Blick. </p> @@ -22161,7 +22128,7 @@ in diese Augen, die die Farbe verloren, den Blick. </p> <p> -„Ein Bekannter hat es mir erzählt.“ +„Ein Bekannter hat es mir erzählt.“ </p> <p> @@ -22170,46 +22137,46 @@ in diese Augen, die die Farbe verloren, den Blick. </p> <p> -Sie wandte sich ab, ging, Schritt für Schritt, und immer +Sie wandte sich ab, ging, Schritt für Schritt, und immer noch ganz leise und lautlos. </p> <p> -Er beugte sich weit über das Geländer und sah ihren +Er beugte sich weit über das Geländer und sah ihren kleinen braunen Hut um die Ecke biegen. </p> <p> -Plötzlich lief er mit den Bewegungen eines Hampelmannes +Plötzlich lief er mit den Bewegungen eines Hampelmannes hinter ihr her. </p> <p> -„Hören Sie, noch etwas.“ +„Hören Sie, noch etwas.“ </p> <p> -Sie wandte ihm ihr mehlig weißes Gesicht zu. +Sie wandte ihm ihr mehlig weißes Gesicht zu. </p> <p> -Herr Herbst beugte sich über das Geländer. Und nun -stieß er ihr das Messer ins Herz! +Herr Herbst beugte sich über das Geländer. Und nun +stieß er ihr das Messer ins Herz! </p> <p> -„Er ist tot!“ flüsterte er, ganz leise, aber so deutlich. +„Er ist tot!“ flüsterte er, ganz leise, aber so deutlich. </p> <p> -Das mehlige, weiße Gesicht verschwand — und plötzlich +Das mehlige, weiße Gesicht verschwand — und plötzlich eilte ein lauter, harter Schritt, blitzschnell die Treppe hinab. -Immer rings um das Treppengeländer. +Immer rings um das Treppengeländer. </p> <p> -Aber dies war zuviel für Herrn Herbst. Dieses rasende -Klappern der Schuhe vertrug er nicht. Im Nu stürzte ihm +Aber dies war zuviel für Herrn Herbst. Dieses rasende +Klappern der Schuhe vertrug er nicht. Im Nu stürzte ihm das Wasser aus den Augen. </p> @@ -22218,22 +22185,22 @@ Was ging hier vor? Er wollte ja gar nicht — </p> <p> -Rasch, so rasch seine zitternden Beine es zuließen — immer -war es ihm beim Hinabsteigen der Treppe, als stürze er +Rasch, so rasch seine zitternden Beine es zuließen — immer +war es ihm beim Hinabsteigen der Treppe, als stürze er in einen Abgrund — folgte er den harten, raschen Schritten, die im Stiegenhaus herumgingen. </p> <p> -„Halt, halt — hören Sie —“ +„Halt, halt — hören Sie —“ </p> <p> -„Hören Sie — es war ein unglückseliger Zufall —“ +„Hören Sie — es war ein unglückseliger Zufall —“ </p> <p> -„Hören Sie, pst — einen Augenblick — fliehen Sie aus +„Hören Sie, pst — einen Augenblick — fliehen Sie aus Berlin — auch Sie will man —“ </p> @@ -22246,7 +22213,7 @@ Wie ein Hampelmann eilte er. </p> <p> -„Ich warne Sie — wünsche Ihnen nichts Böses —“ +„Ich warne Sie — wünsche Ihnen nichts Böses —“ </p> <p> @@ -22254,13 +22221,13 @@ Vergebens. </p> <p> -Die Haustüre fiel ins Schloß, und als er sie wieder -geöffnet hatte, da war sie schon, unglaublich, unfaßbar, -mindestens sechs Häuser weit entfernt. +Die Haustüre fiel ins Schloß, und als er sie wieder +geöffnet hatte, da war sie schon, unglaublich, unfaßbar, +mindestens sechs Häuser weit entfernt. </p> <p> -Keine Möglichkeit, nicht die geringste Möglichkeit. +Keine Möglichkeit, nicht die geringste Möglichkeit. </p> <h2 class="chapter" id="chapter-2-3"> @@ -22277,17 +22244,17 @@ Keine Möglichkeit, nicht die geringste Möglichkeit. </p> <p> -Staub und Qualm — brennende Menschen stürzen +Staub und Qualm — brennende Menschen stürzen aus dem Himmel, ein Hagelsturm von zerfetzten Menschenleibern -fegt über die Erde. +fegt über die Erde. </p> <p> -Die Luft wettert von rasenden Donnerschlägen, die -glühenden Geschütze taumeln voll Wut, ferne grollt das -böse Raubtierknurren der schwersten Kaliber. Die Erde -schwankt, das Gebäude der Atmosphäre gerät ins Wanken. -Lawinen, Bergstürze, der Vulkan speit. Seit Wochen, +Die Luft wettert von rasenden Donnerschlägen, die +glühenden Geschütze taumeln voll Wut, ferne grollt das +böse Raubtierknurren der schwersten Kaliber. Die Erde +schwankt, das Gebäude der Atmosphäre gerät ins Wanken. +Lawinen, Bergstürze, der Vulkan speit. Seit Wochen, seit Monaten. </p> @@ -22299,88 +22266,88 @@ besser . . . </p> <p> -Schiefergrau und rostbraun, in jeder Sekunde neu genährt +Schiefergrau und rostbraun, in jeder Sekunde neu genährt von Qualm, wogt von Horizont zu Horizont, unendlich, die -fürchterliche Wolke über der Walstatt. Die Landschaft selbst -runzelt die Stirn, gealtert, zermürbt, zerknittert und vergrämt. +fürchterliche Wolke über der Walstatt. Die Landschaft selbst +runzelt die Stirn, gealtert, zermürbt, zerknittert und vergrämt. </p> <p> -„Ungemütlich, lieber Otto“ — schrieb Hauptmann Falk, -genannt die Feuerwalze — „es beginnt ungemütlich zu -werden hier außen! Heute morgen einige tausend Granaten +„Ungemütlich, lieber Otto“ — schrieb Hauptmann Falk, +genannt die Feuerwalze — „es beginnt ungemütlich zu +werden hier außen! Heute morgen einige tausend Granaten auf unsern Abschnitt, die nicht von schlechten Eltern -waren. Ringsum Leichen, auch die Lebenden, der Divisionär, +waren. Ringsum Leichen, auch die Lebenden, der Divisionär, vierzig Stufen unter der Erde, ebenfalls eine Leiche! -Er stammelt nur noch, schwere Sprachstörung. Ich schreibe +Er stammelt nur noch, schwere Sprachstörung. Ich schreibe dir, um die Nerven zu behalten. Was ist los? Wir liegen -hier in Granatlöchern, keine Gräben mehr und Drahtverhaue, -die gemütlichen Zeiten sind vorüber — alle fünfzig +hier in Granatlöchern, keine Gräben mehr und Drahtverhaue, +die gemütlichen Zeiten sind vorüber — alle fünfzig Schritt ein Mann, schwere Maschinengewehre, leichte Maschinengewehre. -Im Hintergelände weit und breit keine +Im Hintergelände weit und breit keine <a id="page-366" class="pagenum" title="366"></a> -Menschenseele — nur Feldküchen und Verbandplätze — +Menschenseele — nur Feldküchen und Verbandplätze — kein Mensch, was soll das bedeuten? . . .“ </p> <p> Die schiefergraue und rostbraune Wolke flimmert, endlos, -bis in den schwarzen Äther empor. Schwingen von aufgescheuchten -Vogelschwärmen blitzen darin — das sind die +bis in den schwarzen Äther empor. Schwingen von aufgescheuchten +Vogelschwärmen blitzen darin — das sind die Flieger. Qualm faucht auf, da oben in der flimmernden -Wolke, Qualm schießt finster durch die Luft, stürzt zur -Erde: ein Mensch, lichterloh brennend eilt über das Feld, +Wolke, Qualm schießt finster durch die Luft, stürzt zur +Erde: ein Mensch, lichterloh brennend eilt über das Feld, taumelt, brennt, qualmt, kohlt —. </p> <p> -Horch, horch! Ja, schreie, sonst höre ich dich nicht! +Horch, horch! Ja, schreie, sonst höre ich dich nicht! Stimme des Geldes, sehr wohl — die Mark, die Francs, -die Pfunde, Dollars, sie brüllen — es sind auch die Millionenvölker -Europas, die nach Nahrung brüllen, vergiß -es nicht — und das trockene Schießpulver, der Aberwitz, -er lacht aus den Feldgeschützen. +die Pfunde, Dollars, sie brüllen — es sind auch die Millionenvölker +Europas, die nach Nahrung brüllen, vergiß +es nicht — und das trockene Schießpulver, der Aberwitz, +er lacht aus den Feldgeschützen. </p> <p> „Die gute alte Zeit, lieber Otto“ — schrieb Hauptmann -Falk in seinem Erdloch — „sie ist endgültig vorbei. Schade! +Falk in seinem Erdloch — „sie ist endgültig vorbei. Schade! Ringsum schreien Menschen, aber ich kann ihnen nicht helfen, bevor es Nacht wird. Ich sitze mitten im Rauch. -Mein Leutnant übergibt sich, er hat Gas geschluckt, Gott -helfe ihm, ich kann gar nichts für ihn tun. Ich schwitze entsetzlich -in meiner Gasmaske. Gestern sollten wir fünfhundert +Mein Leutnant übergibt sich, er hat Gas geschluckt, Gott +helfe ihm, ich kann gar nichts für ihn tun. Ich schwitze entsetzlich +in meiner Gasmaske. Gestern sollten wir fünfhundert Flaschen Sodawasser bekommen, aber ein Volltreffer hat sie auf der Chaussee vernichtet. Die Zungen -hängen uns heraus. Was für ein Staub! Dank, alter Junge, -für den Kognak! Es war <a id="corr-10"></a>eine Freude. Wir hatten zwei -gefangene Engländer in unserem Granatloch, auch sie bekamen -einen Schluck aus der Flasche, mußte schwören, sie +hängen uns heraus. Was für ein Staub! Dank, alter Junge, +für den Kognak! Es war <a id="corr-10"></a>eine Freude. Wir hatten zwei +gefangene Engländer in unserem Granatloch, auch sie bekamen +einen Schluck aus der Flasche, mußte schwören, sie nach dem Kriege in England zu besuchen. Hoffe in einigen -Tagen in Berlin zu sein. Seit einer Woche sollen wir abgelöst +Tagen in Berlin zu sein. Seit einer Woche sollen wir abgelöst werden, aber niemand zeigt sich, obwohl es uns feierlich -versprochen wurde. Die Sache gefällt mir nicht, alter -Junge. Stelle die Flaschen kalt, du erhältst Telegramm. -Grüße Bussi! Hoffentlich kommt der Brief durch. Man -braucht hier zwei Stunden für einen Kilometer.“ +versprochen wurde. Die Sache gefällt mir nicht, alter +Junge. Stelle die Flaschen kalt, du erhältst Telegramm. +Grüße Bussi! Hoffentlich kommt der Brief durch. Man +braucht hier zwei Stunden für einen Kilometer.“ </p> <p> <a id="page-367" class="pagenum" title="367"></a> -Bussi? Bussi? Wer ist Bussi? Niemand weiß es, offenbar -eine Dame, aber es tut schließlich nichts zur Sache. +Bussi? Bussi? Wer ist Bussi? Niemand weiß es, offenbar +eine Dame, aber es tut schließlich nichts zur Sache. </p> <p> -Wie ein blutüberströmtes Antlitz sank die Sonne hinter +Wie ein blutüberströmtes Antlitz sank die Sonne hinter der endlosen flimmernden Staubwolke. Rasch kam die -Nacht. Aber die Geschütze wüteten weiter. Schweiß badete +Nacht. Aber die Geschütze wüteten weiter. Schweiß badete die Gesichter der Kanoniere. Die Brandung aus Eisen und -Blut rollte fürchterlich in der Dunkelheit. +Blut rollte fürchterlich in der Dunkelheit. </p> <p> -Schon stiegen die Leuchtkugeln, da, dort, überall, glühend +Schon stiegen die Leuchtkugeln, da, dort, überall, glühend in allen Farben. Ein Netz von Blitzen geisterte. — — </p> @@ -22389,7 +22356,7 @@ in allen Farben. Ein Netz von Blitzen geisterte. — — </p> <p class="first"> -<span class="firstchar">D</span>ie Raketen zischten in die Höhe und zerplatzten mit +<span class="firstchar">D</span>ie Raketen zischten in die Höhe und zerplatzten mit einem leichten Knall am Himmel. Trauben von silbernen, violetten, lichtblauen und bengalisch roten Christbaumkugeln sanken mild durch das tiefe Blau der Nacht. @@ -22401,21 +22368,21 @@ sanken mild durch das tiefe Blau der Nacht. <p> Die Kapelle spielte. Vor dem Kurhaus zerschmolzen -die hellen Kleider und grellen Mäntel und Jacken im -gleißenden Licht der Bogenlampen. Hier außen am Strand -aber war es ganz still, dämmerig, nur der Mond und das +die hellen Kleider und grellen Mäntel und Jacken im +gleißenden Licht der Bogenlampen. Hier außen am Strand +aber war es ganz still, dämmerig, nur der Mond und das glitzernde Meer. Der Geruch von Tang und Salz in der -lauen Luft. Ohne Pause glitten lautlos die silberschäumenden -Wellen über den Sand und breiteten ihr gleißendes +lauen Luft. Ohne Pause glitten lautlos die silberschäumenden +Wellen über den Sand und breiteten ihr gleißendes Schleiergespinst aus. Klein und hoch der Mond, und schaukelnde Scherben von Silber sein Spiegelbild. </p> <p> -Plötzlich zischte es, eine Rakete fuhr zu den Sternen -empor. Eine Gruppe von sprühenden Funken erschien am +Plötzlich zischte es, eine Rakete fuhr zu den Sternen +empor. Eine Gruppe von sprühenden Funken erschien am blauen Nachthimmel, trieb, heller als die Gestirne, im -leichten Wind sanft dahin und erlosch allmählich. +leichten Wind sanft dahin und erlosch allmählich. </p> <p> @@ -22427,35 +22394,35 @@ Hand, blitzend von Steinen, erschien. „Brillant!“ Es war Herr Olsen aus Kopenhagen, zurzeit in einem deutschen Ostseebad, der den Zauber des fliegenden Sternhaufens bewunderte. Er streckte den blonden Kopf heraus, -strampelte mit den weißen Hosen und erschien persönlich +strampelte mit den weißen Hosen und erschien persönlich im Mondlicht. Er war nahezu zwei Meter hoch, und sein <a id="page-368" class="pagenum" title="368"></a> -Schatten ging vollkommen über die Sandburg „Lüttich“ -hinweg. Er war ein hübscher, junger Mann, frisch, kindlich -und gutmütig. Mit strahlender Miene und blinkenden -Zähnen verfolgte er die bunten Kugeln am Himmel. +Schatten ging vollkommen über die Sandburg „Lüttich“ +hinweg. Er war ein hübscher, junger Mann, frisch, kindlich +und gutmütig. Mit strahlender Miene und blinkenden +Zähnen verfolgte er die bunten Kugeln am Himmel. </p> <p> Herr Olsen lebte noch in der Welt des Friedens. Er -sprach nie vom Krieg, erzählte nichts von Schützengräben, -las keine Berichte und quälte sich nicht mit Kombinationen — -er studierte höchstens die Börsenberichte und kaufte deutsches +sprach nie vom Krieg, erzählte nichts von Schützengräben, +las keine Berichte und quälte sich nicht mit Kombinationen — +er studierte höchstens die Börsenberichte und kaufte deutsches Geld, wenn es Vorteil versprach. Wer den Krieg -gewann, das war ihm höchst einerlei, zu welchem Zwecke -er geführt wurde, berührte seine Seele nicht im mindesten. +gewann, das war ihm höchst einerlei, zu welchem Zwecke +er geführt wurde, berührte seine Seele nicht im mindesten. Herr Olsen war — nun, dies ist der etwas triviale Ausdruck seiner Begleiterin — durch und durch Friedensware. Seine -soliden Schuhe, seine sechs verschiedenen Mäntel, der Ausdruck -seines Gesichts, Augen, Sprache, Lächeln, Gedanken +soliden Schuhe, seine sechs verschiedenen Mäntel, der Ausdruck +seines Gesichts, Augen, Sprache, Lächeln, Gedanken — alles Friedensware, selbst Farbe und Glanz seiner Haut und seiner Haare, unwiederbringlich dahin bei den deutschen -Männern. Er war mit einem Wort eine Sehenswürdigkeit. +Männern. Er war mit einem Wort eine Sehenswürdigkeit. </p> <p> -Seine Begleiterin, im Schatten des Strandkorbes gegenüber, -lachte. Ihre Augen sprühten im Mondlicht. +Seine Begleiterin, im Schatten des Strandkorbes gegenüber, +lachte. Ihre Augen sprühten im Mondlicht. </p> <p> @@ -22467,16 +22434,16 @@ Dieses Lachen! Dora —? </p> <p> -Ja, Dora! Und nun streckte sie ihr Silberlärvchen in +Ja, Dora! Und nun streckte sie ihr Silberlärvchen in das Mondlicht, und ihre etwas runde Hand tauchte in die -gleißende Helligkeit. Ihr heller Haarschopf flimmerte. +gleißende Helligkeit. Ihr heller Haarschopf flimmerte. </p> <p> -Sie lachte über Olsens kindliche Freude an den bunten -Christbaumkugeln da oben. In seiner Nähe atmete sie -leichter, er hatte eine ganz andere Atmosphäre um sich -wie andere Männer. So zum Beispiel Otto, der einige +Sie lachte über Olsens kindliche Freude an den bunten +Christbaumkugeln da oben. In seiner Nähe atmete sie +leichter, er hatte eine ganz andere Atmosphäre um sich +wie andere Männer. So zum Beispiel Otto, der einige Tage hier gewesen war. </p> @@ -22484,25 +22451,25 @@ Tage hier gewesen war. Herr Olsen streifte seine Dame mit einem fragenden Blick. Weshalb mochte sie nur lachen? Selbst die Strahlen des Mondes, die nach Doras Augen zielten, vermochten -nicht ihr tiefes, seltenes Blau zu dämpfen. +nicht ihr tiefes, seltenes Blau zu dämpfen. </p> <p> Herr Olsen kroch wieder in den Schatten des Strandkorbes <a id="page-369" class="pagenum" title="369"></a> -zurück und begann sogleich voller Eifer die unterbrochene +zurück und begann sogleich voller Eifer die unterbrochene Unterhaltung fortzusetzen. Es handelte sich darum, ob Dora ihm, Herrn Olsen riet, sich ein Gut in Deutschland -zu kaufen. Das deutsche Geld war ja jetzt so lächerlich +zu kaufen. Das deutsche Geld war ja jetzt so lächerlich billig. Herr Olsen sprach nur von seinen eigenen Angelegenheiten, fremde Schicksale, das Schicksal des deutschen Volkes, das Schicksal Europas, das Schicksal des Planeten, das war -ihm alles höchst einerlei. Herr Olsen war der Mittelpunkt +ihm alles höchst einerlei. Herr Olsen war der Mittelpunkt der Erde. </p> <p> -„Aber Sie müssen mir versprechen, mich dann zu besuchen? +„Aber Sie müssen mir versprechen, mich dann zu besuchen? Ach, es wird ja so schrecklich langweilig sein.“ </p> @@ -22511,7 +22478,7 @@ Ach, es wird ja so schrecklich langweilig sein.“ </p> <p> -„Artig? Ich will wie ein kleines Hündchen sein, so artig!“ +„Artig? Ich will wie ein kleines Hündchen sein, so artig!“ beteuerte Herr Olsen, und wieder fuhr sein Silberkopf aus dem Strandkorb. </p> @@ -22526,23 +22493,23 @@ des Himmels, seine Friedensseele bewahrt hatte. </p> <p class="noindent"> -Feuerbalken schossen über den Horizont, und das fürchterliche +Feuerbalken schossen über den Horizont, und das fürchterliche Wetterleuchten setzte nicht eine Sekunde aus. Hauptmann Falk konnte ganz gut dabei schreiben. Die -Leuchtkugeln sprühten wie Leuchtfeuer, die plötzlich über -dem Meer erglühen. Aus der Höhe beim Nachbarregiment -fuhren Bündel von roten Signalen, und die Artillerie -wirbelte. Ein Feuerloch glühte auf, das waren die Einschläge. +Leuchtkugeln sprühten wie Leuchtfeuer, die plötzlich über +dem Meer erglühen. Aus der Höhe beim Nachbarregiment +fuhren Bündel von roten Signalen, und die Artillerie +wirbelte. Ein Feuerloch glühte auf, das waren die Einschläge. </p> <p> -Ein Gespenst kroch über das Feld, versank, kroch, huschte. +Ein Gespenst kroch über das Feld, versank, kroch, huschte. Es war Hauptmann Falk. Obschon gefeit — er glaubte es — nahm er sich doch in acht, denn es konnte ja durch einen -Zufall ein Unglück geschehen. Er glitt die Schützenlinie -entlang. Hier schüttelte er Schlafende — aber sie erwachten +Zufall ein Unglück geschehen. Er glitt die Schützenlinie +entlang. Hier schüttelte er Schlafende — aber sie erwachten nicht mehr. Aber er traf auch Gruppen, deren Augen hell -wie Sterne im Schein des Geschützfeuers sprühten. Es +wie Sterne im Schein des Geschützfeuers sprühten. Es waren wunderbare Menschen! Ohne einen Tropfen Wasser seit drei Tagen! </p> @@ -22550,8 +22517,8 @@ seit drei Tagen! <p> <a id="page-370" class="pagenum" title="370"></a> Da duckte er sich zusammen. Pechschwarz, von roter -Lohe durchglüht, stieg der Einschlag in die Höhe. Ja, -ungemütlich, höchst ungemütlich. +Lohe durchglüht, stieg der Einschlag in die Höhe. Ja, +ungemütlich, höchst ungemütlich. </p> <p> @@ -22559,14 +22526,14 @@ Die Blitze geisterten. </p> <p> -Auf allen Straßen knarrten jetzt die Wagen. Hier und -drüben bei ihm. Munition, Verpflegung, Verwundete, +Auf allen Straßen knarrten jetzt die Wagen. Hier und +drüben bei ihm. Munition, Verpflegung, Verwundete, die ganze Nacht hindurch. Hunderttausende von Wagen -knarrten durch die Dunkelheit. Der Himmel erdröhnte, -die Bombengeschwader waren unterwegs. Die Mützen -über die geschorenen Schädel gezogen, die Nase im Wind, -jagen die Befehlsempfänger die Straße hinab. Klein und -hoch geht der Mond, Blitze wehen, Feuer sprüht im +knarrten durch die Dunkelheit. Der Himmel erdröhnte, +die Bombengeschwader waren unterwegs. Die Mützen +über die geschorenen Schädel gezogen, die Nase im Wind, +jagen die Befehlsempfänger die Straße hinab. Klein und +hoch geht der Mond, Blitze wehen, Feuer sprüht im Walde. </p> @@ -22575,26 +22542,26 @@ Walde. </h3> <p class="first"> -<span class="firstchar">D</span>er Tiergarten fröstelte. Unerträglich heiß war es am -Tage gewesen, und nun war es plötzlich kühl geworden. -Irgendwo in der Nähe von Berlin mußten schwere Gewitter +<span class="firstchar">D</span>er Tiergarten fröstelte. Unerträglich heiß war es am +Tage gewesen, und nun war es plötzlich kühl geworden. +Irgendwo in der Nähe von Berlin mußten schwere Gewitter niedergegangen sein, aber man hatte nur zuweilen -das tiefe Donnerknurren gehört. +das tiefe Donnerknurren gehört. </p> <p> Vor der roten Backsteinvilla in der Lessingallee, mit -Efeu überwuchert, hielt eine Droschke. +Efeu überwuchert, hielt eine Droschke. </p> <p> -Händeklatschen. „Petersen! Petersen!“ Eine helle +Händeklatschen. „Petersen! Petersen!“ Eine helle Stimme. </p> <p> -Schon öffnete sich die Türe, und Petersen in seinem -Zebrakittel eilte auf die Straße. +Schon öffnete sich die Türe, und Petersen in seinem +Zebrakittel eilte auf die Straße. </p> <p> @@ -22614,7 +22581,7 @@ Kriege hatte er ja nicht mehr hier gewohnt. </p> <p> -„Welche Überraschung, Herr Hauptmann!“ +„Welche Überraschung, Herr Hauptmann!“ </p> <p> @@ -22628,7 +22595,7 @@ nicht sieht. Meine Frau —?“ </p> <p> -„So? Nun, ich werde nicht stören. Nur ein paar Tage, +„So? Nun, ich werde nicht stören. Nur ein paar Tage, bis ich eine Wohnung gefunden habe. Na, und es geht immer gut, alter Petersen?“ </p> @@ -22638,99 +22605,99 @@ immer gut, alter Petersen?“ </p> <p> -Petersen nahm die Reisetasche, und Hauptmann v. Dönhoff +Petersen nahm die Reisetasche, und Hauptmann v. Dönhoff stolperte die Treppe hinauf. </p> <p> „Ah, wie dunkel! Ihr habt wohl eine Kleinigkeit zu -essen für mich? Den ganzen Tag im Zuge —“ +essen für mich? Den ganzen Tag im Zuge —“ </p> <p> Wie leer diese Stadt, wie ausgestorben! Hauptmann -Dönhoff <em>roch</em> die Stille und Ausgestorbenheit. Berlin -war tot, ohne Zweifel. Hier und da ein Schritt, ein zögernder, +Dönhoff <em>roch</em> die Stille und Ausgestorbenheit. Berlin +war tot, ohne Zweifel. Hier und da ein Schritt, ein zögernder, nachdenklicher, mutloser Schritt. Ja, mutlos gingen -alle diese Schritte in den dunkeln Straßen dahin, mutlos -und bestrebt, keinen Lärm zu machen. +alle diese Schritte in den dunkeln Straßen dahin, mutlos +und bestrebt, keinen Lärm zu machen. </p> <p> -Und früher, früher! +Und früher, früher! </p> <p> -Auch dieses Haus, sein früheres Haus — totenstill. -Welche Feste hatten sie hier gefeiert. Er hörte sein früheres -Lachen! Zweihundert schöne Frauen hatte er besessen, +Auch dieses Haus, sein früheres Haus — totenstill. +Welche Feste hatten sie hier gefeiert. Er hörte sein früheres +Lachen! Zweihundert schöne Frauen hatte er besessen, siebzig Rennen gewonnen, zwei Elefanten und ein Nashorn geschossen, als einer der ersten war er in Deutschland geflogen, einer der Entdecker des deutschen Himmels — -ja, es hatte sich manches geändert. +ja, es hatte sich manches geändert. </p> <p> Aber den Geruch des Hauses erkannte er sofort wieder. -Doras Parfüm und eine gewisse Schwüle. +Doras Parfüm und eine gewisse Schwüle. </p> <p> -„Hoppla, Petersen —“ Er stieß gegen ein Tischchen +„Hoppla, Petersen —“ Er stieß gegen ein Tischchen in der Garderobe. „Ich sehe etwas schlecht, bis man sich -wieder eingewöhnt.“ Immer sprach er mit einer hohen, +wieder eingewöhnt.“ Immer sprach er mit einer hohen, fremden Stimme, hastig, unsicher, wie ein Mensch, der sich -<em>schämt</em>. +<em>schämt</em>. </p> <p> -Petersen eilte in die Küche und machte Zeichen mit +Petersen eilte in die Küche und machte Zeichen mit den Fingern vor der Stirn. </p> <p> „Er ist — so wahr mir Gott helfe, nein, was wird die <a id="page-372" class="pagenum" title="372"></a> -Gnädige sagen? Was will er hier? Sie sind doch getrennt. -Aber sehen Sie doch selbst. Er ist, mein Himmel, wie merkwürdig +Gnädige sagen? Was will er hier? Sie sind doch getrennt. +Aber sehen Sie doch selbst. Er ist, mein Himmel, wie merkwürdig —“ </p> <p> -Mina also, neugierig wie sie war, mußte sich ihn selbst +Mina also, neugierig wie sie war, mußte sich ihn selbst ansehen. </p> <p> -Sie fand Hauptmann v. Dönhoff auf einem Sofa, eine +Sie fand Hauptmann v. Dönhoff auf einem Sofa, eine Zigarette rauchend. Er richtete, als sie eintrat, die dunkle -Brille auf sie, lächelte, und sie konnte vor Schreck keinen -Ton hervorbringen. Der Gruß blieb ihr im Halse stecken. -Sie hätte ihn — bei Gott — nicht wieder erkannt: grau, -völlig grau, fast weiß, gelb, alt, um zwanzig Jahre älter -mindestens! Und dieses Lächeln des welken Gesichts, +Brille auf sie, lächelte, und sie konnte vor Schreck keinen +Ton hervorbringen. Der Gruß blieb ihr im Halse stecken. +Sie hätte ihn — bei Gott — nicht wieder erkannt: grau, +völlig grau, fast weiß, gelb, alt, um zwanzig Jahre älter +mindestens! Und dieses Lächeln des welken Gesichts, diese Falten um den Mund — nur solche Leute konnten so -lächeln, nur solche — Petersen hatte recht. +lächeln, nur solche — Petersen hatte recht. </p> <p> -Mein Gott, welche Angst sie hatte! Weshalb mußte sie +Mein Gott, welche Angst sie hatte! Weshalb mußte sie auch gleich hereinlaufen. </p> <p> -Hauptmann v. Dönhoff gähnte. Er blickte sie durch die +Hauptmann v. Dönhoff gähnte. Er blickte sie durch die dunkle Brille an, verfolgte jede ihrer Bewegungen. Dann -sagte er lächelnd: „Na, also, Petersen, alter Knabe, erzählen +sagte er lächelnd: „Na, also, Petersen, alter Knabe, erzählen Sie doch, was es Neues gibt in Berlin?“ </p> <p> -Petersen! Er hielt sie für Petersen! +Petersen! Er hielt sie für Petersen! </p> <p> -Vor Schrecken hätte Mina beinahe einen Teller fallen +Vor Schrecken hätte Mina beinahe einen Teller fallen lassen. </p> @@ -22743,35 +22710,35 @@ lassen. </p> <p> -Wie ein blutüberströmtes Antlitz stieg die Sonne +Wie ein blutüberströmtes Antlitz stieg die Sonne aus der endlosen Staubwolke empor. Die in der Nacht fielen, waren jetzt schon kalt. Auf den Chausseen lagen -in Stücke zerrissene Pferde und Männer, zertrümmerte -Wagen und zerschmetterte Bäume; ihr grünes Laub rauschte -im Morgenwind. Die Mütze über die geschorenen Schädel -gezogen, kamen die Befehlsüberbringer im Auto angefegt -und setzten über die rauschenden grünen Aste, die quer -über der Straße lagen, hinweg. +in Stücke zerrissene Pferde und Männer, zertrümmerte +Wagen und zerschmetterte Bäume; ihr grünes Laub rauschte +im Morgenwind. Die Mütze über die geschorenen Schädel +gezogen, kamen die Befehlsüberbringer im Auto angefegt +und setzten über die rauschenden grünen Aste, die quer +über der Straße lagen, hinweg. </p> <p> -Der Himmel stand voller Schrapnellwolken, Schwärme +Der Himmel stand voller Schrapnellwolken, Schwärme <a id="page-373" class="pagenum" title="373"></a> -von Fliegern brausten im Frühlicht. Die Geschütze stampften, -pochten, knackten — die rasende Erde beschoß aus ihren +von Fliegern brausten im Frühlicht. Die Geschütze stampften, +pochten, knackten — die rasende Erde beschoß aus ihren Kratern das aufgehende Gestirn der Sonne. </p> <p> -Wie gestern, wie vorgestern, wie alle Tage stürzten +Wie gestern, wie vorgestern, wie alle Tage stürzten brennende Menschen aus dem Himmel. Ein Hagelsturm -von zerfetzten Leibern fegte über die Erde. Millionen +von zerfetzten Leibern fegte über die Erde. Millionen Herzen verkrampften sich in Todesangst. </p> <p> Und die Wolke, die rostbraune, schiefergraue Wolke -stand unendlich über der Walstatt. +stand unendlich über der Walstatt. </p> <h3 class="no" id="subchap-2-3-3"> @@ -22779,17 +22746,17 @@ stand unendlich über der Walstatt. </h3> <p class="first"> -<span class="firstchar">G</span>anz in der Nähe der Hofjägerallee im Tiergarten läuft -ein gekrümmter, schmaler Reitweg durch tiefes Dickicht. +<span class="firstchar">G</span>anz in der Nähe der Hofjägerallee im Tiergarten läuft +ein gekrümmter, schmaler Reitweg durch tiefes Dickicht. </p> <p> -Auf diesem schmalen, gekrümmten Reitweg ging der -General hin und her, die Hände auf dem Rücken, die Augen -auf die eigenen Fußspuren geheftet, die noch von gestern, +Auf diesem schmalen, gekrümmten Reitweg ging der +General hin und her, die Hände auf dem Rücken, die Augen +auf die eigenen Fußspuren geheftet, die noch von gestern, von vorgestern, hier zu sehen waren, trotz dem Regen, der in der Nacht fiel. Hier ging nie ein Mensch, und Reiter — -das Geschlecht der Reiter war völlig ausgestorben in Berlin. +das Geschlecht der Reiter war völlig ausgestorben in Berlin. </p> <p> @@ -22797,14 +22764,14 @@ Dora —? </p> <p> -Es war drückend schwül, schon um neun Uhr morgens, +Es war drückend schwül, schon um neun Uhr morgens, der General hatte seinen Kragen etwas gelockert, hier sah -ihn ja niemand. Bewegungslos standen Büsche und Bäume, +ihn ja niemand. Bewegungslos standen Büsche und Bäume, und zuweilen sang ein Vogel, irgendwo in weiter Ferne. -Es klang wenigstens so in seinen Ohren, möglich, daß er -sich täuschte. War es nicht eigentümlich, in letzter Zeit -schienen alle Geräusche und Laute in weite Fernen zu -rücken, auch die Stimmen der Menschen, die dicht vor ihm +Es klang wenigstens so in seinen Ohren, möglich, daß er +sich täuschte. War es nicht eigentümlich, in letzter Zeit +schienen alle Geräusche und Laute in weite Fernen zu +rücken, auch die Stimmen der Menschen, die dicht vor ihm standen und sprachen? </p> @@ -22820,24 +22787,24 @@ einen Gedanken bis zu Ende zu verfolgen. <p> <a id="page-374" class="pagenum" title="374"></a> -Nein, gewiß, das war es nicht. Es wäre unvernünftig, -Kombinationen daran zu knüpfen. +Nein, gewiß, das war es nicht. Es wäre unvernünftig, +Kombinationen daran zu knüpfen. </p> <p> -Vorgestern hatte er zufällig einen Blick in Ottos Zimmer +Vorgestern hatte er zufällig einen Blick in Ottos Zimmer geworfen, im Vorbeigehen. Das Zimmer wurde gereinigt, und das Unterste war zu oberst gekehrt: da sah er — nein, -zuerst nahm er kaum davon Notiz, aber er kehrte zurück, +zuerst nahm er kaum davon Notiz, aber er kehrte zurück, irgend etwas war ihm aufgefallen. Da sah er also auf -einem Sessel ein sonderbares Kostüm: eine Art Kaftan -oder Kimono von einem eigentümlichen, unangenehmen, +einem Sessel ein sonderbares Kostüm: eine Art Kaftan +oder Kimono von einem eigentümlichen, unangenehmen, schmutzigen Gelb, einen Turban, orangerot, mit dicken -grünen Schnüren umwickelt. Dieses Kostüm — sofort fiel +grünen Schnüren umwickelt. Dieses Kostüm — sofort fiel es ihm ein: jener Vermummte, jener Unbekannte auf Doras Hausball, jener Stumme, der immer mit einer -merkwürdigen Schale rasselte! Es ging das Gerücht, eine -hohe Persönlichkeit verberge sich in dieser etwas phantasielosen +merkwürdigen Schale rasselte! Es ging das Gerücht, eine +hohe Persönlichkeit verberge sich in dieser etwas phantasielosen Maske. </p> @@ -22846,30 +22813,30 @@ Also er — Otto —? </p> <p> -Ein Maskenscherz, natürlich, nichts anderes. Otto war -ja damals noch im Lazarett, offenbar ausgerückt für diese +Ein Maskenscherz, natürlich, nichts anderes. Otto war +ja damals noch im Lazarett, offenbar ausgerückt für diese Nacht, er konnte sich nicht gut zu erkennen geben. Aus diesem Grunde die Geheimtuerei, und sicherlich hatte er -absichtlich das Gerücht von der Hoheit verbreiten lassen. +absichtlich das Gerücht von der Hoheit verbreiten lassen. </p> <p> -Gewiß, ohne jede Bedeutung. Wie kam er doch wieder +Gewiß, ohne jede Bedeutung. Wie kam er doch wieder darauf? </p> <p> Herrlich ruhig war es hier, und nur zuweilen war das -ferne Klingeln der Straßenbahn zu hören. Wohltuend und -beruhigend das Grün der hohen Wipfel, und da droben, -da draußen flammte heiß die Sonne, wie ein grelles Feuer. -Hier aber, Schatten, Kühle sogar, und der Schritt unhörbar. -Es ging sich angenehm auf der losen Erde, die Füße +ferne Klingeln der Straßenbahn zu hören. Wohltuend und +beruhigend das Grün der hohen Wipfel, und da droben, +da draußen flammte heiß die Sonne, wie ein grelles Feuer. +Hier aber, Schatten, Kühle sogar, und der Schritt unhörbar. +Es ging sich angenehm auf der losen Erde, die Füße ruhten aus. </p> <p> -Der General hielt sich etwas gebückter. Er war im Gesicht +Der General hielt sich etwas gebückter. Er war im Gesicht magerer geworden, die Backen hingen schlaff herab, seine Gesichtsfarbe war fahler, trocken, mit kalkigen Flecken. Zuweilen zuckte sein rechtes Augenlid, und ein Nerv @@ -22879,45 +22846,45 @@ Auge. </p> <p> -Den ganzen Sommer, hatte er in dem stickigen, heißen +Den ganzen Sommer, hatte er in dem stickigen, heißen Berlin verbracht. Er hatte die Absicht, im August in Urlaub zu gehen, nach Babenberg, nun aber waren Ereignisse eingetreten, die ihn hier festhielten. Gewisse Schwierigkeiten -an der Front, die bald behoben sein würden. Jedenfalls -aber war es ganz undenkbar für ihn, jetzt, gerade jetzt +an der Front, die bald behoben sein würden. Jedenfalls +aber war es ganz undenkbar für ihn, jetzt, gerade jetzt seinen Posten zu verlassen, selbst nicht auf einige Tage, -so nötig er auch Erholung brauchte. Sitzungen, Konferenzen, -nun gut, die da draußen hatten ebenfalls keinen -Urlaub. Man mußte sehen, wie man durchkam. +so nötig er auch Erholung brauchte. Sitzungen, Konferenzen, +nun gut, die da draußen hatten ebenfalls keinen +Urlaub. Man mußte sehen, wie man durchkam. </p> <p> Diese halbe Stunde jeden Morgen — eine volle halbe Stunde, ja, es ging nicht anders, wollte er nicht zusammenbrechen — diese halbe Stunde morgens von einhalb neun -bis neun Uhr war sein Urlaub. Um neun Uhr erfaßte ihn +bis neun Uhr war sein Urlaub. Um neun Uhr erfaßte ihn dann die Maschine, und er kam bis Mitternacht nicht mehr zu sich. Er schlief nur noch mit Hilfe von starken Schlafmitteln. </p> <p> -In diesen dreißig Minuten am Vormittag allein konnte -er in aller Ruhe seinen Gedanken nachhängen und sich mit -seinen persönlichen Angelegenheiten beschäftigen. +In diesen dreißig Minuten am Vormittag allein konnte +er in aller Ruhe seinen Gedanken nachhängen und sich mit +seinen persönlichen Angelegenheiten beschäftigen. </p> <p> -Gott sei Dank war er vernünftig genug gewesen, sich -diese störenden Geldgeschichten vom Halse zu schaffen, -wirklich ein Entschluß, zu dem er sich jetzt beglückwünschte! -Er hatte das Gut Rothwasser verkauft. An einen Dänen, +Gott sei Dank war er vernünftig genug gewesen, sich +diese störenden Geldgeschichten vom Halse zu schaffen, +wirklich ein Entschluß, zu dem er sich jetzt beglückwünschte! +Er hatte das Gut Rothwasser verkauft. An einen Dänen, namens Olsen, aus Kopenhagen — ja, schon kamen sie jetzt, die Neutralen, die am Kriege verdient hatten, und kauften deutsches Land. Er bereute den Schritt nicht. Was geschehen ist, ist geschehen — das Notwendige tue -rasch, ohne dich umzusehen. Otto würde ja Babenberg -behalten, genug und übergenug für ihn, und Ruth — -nun es würde auch für Ruth gesorgt sein. +rasch, ohne dich umzusehen. Otto würde ja Babenberg +behalten, genug und übergenug für ihn, und Ruth — +nun es würde auch für Ruth gesorgt sein. </p> <p> @@ -22925,15 +22892,15 @@ Er machte kehrt, nie ging er weiter bis zu jenem grellen Sonnenflecken mitten auf dem Reitweg. Zerstreut blickte <a id="page-376" class="pagenum" title="376"></a> er, stehenbleibend, in das Dickicht — auch hier Staub auf -den Blättern, selbst hier. +den Blättern, selbst hier. </p> <p> Rothwasser? Wie kam er darauf? Nun ja, er hatte -sich durch den Verkauf diese störenden, quälenden Kalamitäten +sich durch den Verkauf diese störenden, quälenden Kalamitäten vom Halse geschafft — wie schwer es ihm doch wurde, -sich auf einen Gedanken zu konzentrieren! Fünf anstrengende -Konferenzen waren allein für diesen Vormittag angesetzt. +sich auf einen Gedanken zu konzentrieren! Fünf anstrengende +Konferenzen waren allein für diesen Vormittag angesetzt. Schon disponierte er wieder. </p> @@ -22942,35 +22909,35 @@ Dora —? </p> <p> -In diesem Augenblick dröhnten von der Hofjägerallee drei +In diesem Augenblick dröhnten von der Hofjägerallee drei langgezogene Hupensignale. </p> <p> -Dieser Schwerdtfeger, dieser Esel! Mußte er ihn gerade +Dieser Schwerdtfeger, dieser Esel! Mußte er ihn gerade in diesem Moment unterbrechen. </p> <p> -Ärgerlich setzte der General seine Promenade fort. Er +Ärgerlich setzte der General seine Promenade fort. Er ging etwas rascher, sollte er warten! Ja, diese Wochen, da sie im Bade war, waren eine Art Probe gewesen. Er hatte diese Probe nicht bestanden, um ehrlich zu sein! Ja, -das war es, nicht bestanden. Er hatte sie vermißt, kam sich +das war es, nicht bestanden. Er hatte sie vermißt, kam sich verwaist und verlassen vor, niemand in Berlin, das Haus -leer, auch Ruth auf dem Lande — die Stimmen rückten +leer, auch Ruth auf dem Lande — die Stimmen rückten mehr und mehr in die Ferne, wurden unwirklich, nur Doras Stimme klang noch nah. Es schien auch, als ob -die Menschen selbst mehr und mehr verblaßten — sie riefen -unverständliche Worte, machten unverständliche Gesten. +die Menschen selbst mehr und mehr verblaßten — sie riefen +unverständliche Worte, machten unverständliche Gesten. Er beachtete sie kaum, sie interessierten ihn nicht mehr, seine Mitmenschen, nein, sollten sie ruhig tun, was sie -wollten. Und fünf Konferenzen — nun saßen sie schon und -warteten, Weißbach schielte auf die Uhr. +wollten. Und fünf Konferenzen — nun saßen sie schon und +warteten, Weißbach schielte auf die Uhr. </p> <p> -Ja, es war die Wahrheit, leugnen wir sie nicht, er fühlte +Ja, es war die Wahrheit, leugnen wir sie nicht, er fühlte sich einsam ohne sie. </p> @@ -22981,52 +22948,52 @@ Einsam? <p> Welch ein furchtbares Wort, bei rechtem Lichte betrachtet! Nie in seinem Leben hatte er die Bedeutung dieses Wortes -begriffen. Es war die Abspannung, die Nerven, natürlich. -In ihrer Nähe fühlte er sich augenblicklich beruhigt, ausgeglichen. +begriffen. Es war die Abspannung, die Nerven, natürlich. +In ihrer Nähe fühlte er sich augenblicklich beruhigt, ausgeglichen. <a id="page-377" class="pagenum" title="377"></a> Etwas von ihrer Sorglosigkeit und Lebenskunst -schien auf ihn überzuströmen. +schien auf ihn überzuströmen. </p> <p> -Wie sie sich gefreut hatte über die kleine Uhr, die er ihr +Wie sie sich gefreut hatte über die kleine Uhr, die er ihr am ersten Abend brachte! Ein Kind, wahrhaftig, nichts -als ein großes, lebenslustiges, immer heiteres Kind war -diese ganze Dora, ein Quell der Verjüngung, sozusagen. +als ein großes, lebenslustiges, immer heiteres Kind war +diese ganze Dora, ein Quell der Verjüngung, sozusagen. Vielleicht beruhte die belebende Wirkung, die sie auf ihre -Umgebung ausübte, gerade auf ihrer großen und seltenen -Naivität und oft komischen Lebensunkenntnis. Wer weiß es? +Umgebung ausübte, gerade auf ihrer großen und seltenen +Naivität und oft komischen Lebensunkenntnis. Wer weiß es? </p> <p> -Es galt zu überlegen, jedenfalls — ein bedeutungsvoller +Es galt zu überlegen, jedenfalls — ein bedeutungsvoller Schritt! </p> <p> Ein Schritt, der wohl erwogen sein wollte, obgleich er -sich ja schon Jahre mit diesem Gedanken beschäftigte. Wohl -erwogen. Otto? Nun, Ottos Meinung war ihm schließlich -gleichgültig, Otto fragte ja auch ihn nicht um seine Ansicht, +sich ja schon Jahre mit diesem Gedanken beschäftigte. Wohl +erwogen. Otto? Nun, Ottos Meinung war ihm schließlich +gleichgültig, Otto fragte ja auch ihn nicht um seine Ansicht, wochenlang bekam man ihn nicht zu Gesicht. Sein Sohn war ihm fast ein Fremder geworden. Und Ruth? Nun -Ruth würde sich damit abfinden. Sie zuallererst. Erst -jetzt war ihm zum Bewußtsein gekommen, wie vernünftig -diese Ruth in Wahrheit war. Ja, möglich, möglich, daß -er ihr ganzes Naturell falsch eingeschätzt hatte. Sie war -in ruhigem und ausgeglichenem Gemütszustand von Babenberg -zurückgekommen. Ihre sentimentale Laune schien -weniger tief gegangen zu sein, als er befürchtet hatte. Obgleich +Ruth würde sich damit abfinden. Sie zuallererst. Erst +jetzt war ihm zum Bewußtsein gekommen, wie vernünftig +diese Ruth in Wahrheit war. Ja, möglich, möglich, daß +er ihr ganzes Naturell falsch eingeschätzt hatte. Sie war +in ruhigem und ausgeglichenem Gemütszustand von Babenberg +zurückgekommen. Ihre sentimentale Laune schien +weniger tief gegangen zu sein, als er befürchtet hatte. Obgleich dieser jugendliche Schwarmgeist, wie man ihm -berichtete, noch hinter Schloß und Riegel saß und seiner -Bestrafung kaum entgehen dürfte. Offenbar hatte Ruth +berichtete, noch hinter Schloß und Riegel saß und seiner +Bestrafung kaum entgehen dürfte. Offenbar hatte Ruth die Beschaulichkeit auf dem Lande dazu benutzt, nachzudenken. Der rasche Schnitt mit dem Messer hatte sich wieder als die beste Heilmethode erwiesen. </p> <p> -Gewiß, auch Ruth würde sich damit abfinden — vielleicht +Gewiß, auch Ruth würde sich damit abfinden — vielleicht war gerade sie es, die ihn am ehesten verstand. </p> @@ -23035,17 +23002,17 @@ Aber sie selbst — Dora? </p> <p> -Das heißt nicht, daß er zweifelte! +Das heißt nicht, daß er zweifelte! </p> <p> -Natürlich nicht, er konnte auch aus früheren Äußerungen +Natürlich nicht, er konnte auch aus früheren Äußerungen <a id="page-378" class="pagenum" title="378"></a> -Doras schließen — es würde für sie immerhin einiges +Doras schließen — es würde für sie immerhin einiges bedeuten, gesellschaftliche Stellung, nun, und manches andere. Sie war ja aus guter Familie, ein Bruder sogar Major, aber immerhin, kleiner, unbedeutender Landadel. -Und nicht zuletzt würde sie gewiß aufatmen, aus diesem +Und nicht zuletzt würde sie gewiß aufatmen, aus diesem Zustand finanzieller Unsicherheit herauszukommen. </p> @@ -23062,27 +23029,27 @@ wir ruhig: stutzig gemacht hatte . . . <p> Einiges, unbedeutende Dinge, Kleinigkeiten sozusagen, Imponderabilien — aber vielleicht tat er ihr bitter unrecht? -Wie? Nicht unmöglich . . . +Wie? Nicht unmöglich . . . </p> <p> -Wieder dröhnte das Hupensignal. +Wieder dröhnte das Hupensignal. </p> <p> -Der General hakte ärgerlich den Kragen zu. +Der General hakte ärgerlich den Kragen zu. </p> <p> -„Es ist ganz unmöglich, auch nur fünf Minuten lang +„Es ist ganz unmöglich, auch nur fünf Minuten lang seine Gedanken zu sammeln“, sagte er laut und begab -sich zum Auto zurück. +sich zum Auto zurück. </p> <p> -Die graue Limousine fegte in das heiße Berlin hinein: -Sitzungen, Konferenzen, Vorträge. Schon warteten sie -dichtgedrängt im Vorzimmer, und Weißbach schielte tatsächlich +Die graue Limousine fegte in das heiße Berlin hinein: +Sitzungen, Konferenzen, Vorträge. Schon warteten sie +dichtgedrängt im Vorzimmer, und Weißbach schielte tatsächlich ununterbrochen nach der Uhr. </p> @@ -23091,36 +23058,36 @@ ununterbrochen nach der Uhr. </h3> <p class="first"> -<span class="firstchar">N</span>ein, gewiß, der General kannte seine Tochter nicht. +<span class="firstchar">N</span>ein, gewiß, der General kannte seine Tochter nicht. </p> <p> -Wäre er ein Beobachter, so würde er auf den ersten -Blick gesehen haben, daß Ruth sich im Laufe des Sommers -auffallend geändert hatte. Aber er war kein Beobachter: -Sitzungen, Konferenzen, strategische Erwägungen — wie +Wäre er ein Beobachter, so würde er auf den ersten +Blick gesehen haben, daß Ruth sich im Laufe des Sommers +auffallend geändert hatte. Aber er war kein Beobachter: +Sitzungen, Konferenzen, strategische Erwägungen — wie sollte er da ein Beobachter sein? </p> <p> -Ja, auffallend geändert! +Ja, auffallend geändert! </p> <p> -Nicht mehr die schüchterne, scheue Ruth. Ihre Augen waren -flammend und kühn, ihr Blick wich nicht mehr zurück. Fragend +Nicht mehr die schüchterne, scheue Ruth. Ihre Augen waren +flammend und kühn, ihr Blick wich nicht mehr zurück. Fragend <a id="page-379" class="pagenum" title="379"></a> und forschend ruhte ihr Auge bei Tisch auf dem Vater, und -häufiger als früher begegneten sich auf Sekunden ihre Blicke. +häufiger als früher begegneten sich auf Sekunden ihre Blicke. </p> <p> Etwas war hier nicht in Ordnung! Nein! Als Papa -sie bei ihrer Rückkehr begrüßte, war etwas Auffallendes +sie bei ihrer Rückkehr begrüßte, war etwas Auffallendes geschehen — noch heute zitterte die Betroffenheit in ihr -nach. Papa war errötet! Noch mehr, Papa hatte die +nach. Papa war errötet! Noch mehr, Papa hatte die Augen niedergeschlagen. Aber man bedenke doch: <em>Papa -schlägt die Augen nieder!</em> +schlägt die Augen nieder!</em> </p> <p> @@ -23138,97 +23105,97 @@ und blickte nicht mehr auf. </p> <p> -Ruth hatte völlig ihr träumerisches, zerstreutes Wesen -verloren. Sie sprach sogar etwas rascher als früher und -nicht mehr so unsicher. Sie sang nicht mehr, trällerte nicht -mehr vor sich hin, wie sie es früher zu tun pflegte — um -erschrocken abzubrechen, sobald sie sich belauscht wußte. +Ruth hatte völlig ihr träumerisches, zerstreutes Wesen +verloren. Sie sprach sogar etwas rascher als früher und +nicht mehr so unsicher. Sie sang nicht mehr, trällerte nicht +mehr vor sich hin, wie sie es früher zu tun pflegte — um +erschrocken abzubrechen, sobald sie sich belauscht wußte. Ihre Lippen waren bestimmter geformt und klarer geschwungen. -Das unsichtbare Lächeln, das früher über ihnen +Das unsichtbare Lächeln, das früher über ihnen schwebte — fort war es. </p> <p> Wie eine Fremde bewegte sie sich im Hause, die gesonnen -ist, nicht lange zu bleiben. Sie lächelte über diese ewig -dienstbereiten Ordonnanzen, über dieses Exzellenz hin und -Exzellenz her, bald würde sie es nicht mehr hören. Ach, +ist, nicht lange zu bleiben. Sie lächelte über diese ewig +dienstbereiten Ordonnanzen, über dieses Exzellenz hin und +Exzellenz her, bald würde sie es nicht mehr hören. Ach, dieser Papa, der sich so ungeheuer wichtig nahm, dieser Otto, diese Dora, diese ganze Gesellschaft, die in den Tag hineinlebte -und glaubte, es müsse so sein — nun, bald würde +und glaubte, es müsse so sein — nun, bald würde sie sie nicht mehr sehen. Schon wagte es niemand mehr, -sich mit ihr in ein Gespräch einzulassen, weil sie unumwunden -ihre Meinung äußerte. +sich mit ihr in ein Gespräch einzulassen, weil sie unumwunden +ihre Meinung äußerte. </p> <p> -Vorläufig, bis <em>dahin</em>, verrichtete sie wie früher ihre -Arbeit in der Küche. Die Gäste hatte sie nach diesen heißen, +Vorläufig, bis <em>dahin</em>, verrichtete sie wie früher ihre +Arbeit in der Küche. Die Gäste hatte sie nach diesen heißen, stickigen Sommerwochen noch bleicher und elender angetroffen. -Sie waren alle müde, sanken erschöpft auf den +Sie waren alle müde, sanken erschöpft auf den <a id="page-380" class="pagenum" title="380"></a> -Stuhl, stützten den Kopf, während sie aßen. Alle Augenblicke +Stuhl, stützten den Kopf, während sie aßen. Alle Augenblicke gab es Differenzen, ihre Nerven flatterten. Die -kleinen Schreibdamen flüsterten nur noch. Zuweilen +kleinen Schreibdamen flüsterten nur noch. Zuweilen kicherten sie leise, um sich rasch erschrocken umzusehen. Die -Küche war auffallend still geworden. +Küche war auffallend still geworden. </p> <p> Ruth war eifrig bei der Arbeit — aber so oft ein neuer -Gast eintrat, blickte sie rasch nach der Türe. Offenbar, +Gast eintrat, blickte sie rasch nach der Türe. Offenbar, sie erwartete jemand, sie suchte jemand! </p> <p> Sie suchte, um die Wahrheit zu sagen, jenen kleinen, alten Herrn im Havelock, ihn, der ihr auf der Treppe die schreckliche -Nachricht mitgeteilt hatte. Tag für Tag erwartete +Nachricht mitgeteilt hatte. Tag für Tag erwartete sie ihn, sie hatte Geduld. </p> <p> Aber er kam nicht. Augenscheinlich besuchte er diese -Küche nicht mehr. Vielleicht war er auch tot? Schnell +Küche nicht mehr. Vielleicht war er auch tot? Schnell starben die Menschen in diesen Tagen. Die Erde verschluckte sie nur so. </p> <p> -Endlich ging sie in die Fabriciusstraße. Sie besaß sogar -den Mut, das Leihhaus zu betreten. Mit welchen Gefühlen! -Wie sie die Türe anstarrte! Aber sie weinte nicht. +Endlich ging sie in die Fabriciusstraße. Sie besaß sogar +den Mut, das Leihhaus zu betreten. Mit welchen Gefühlen! +Wie sie die Türe anstarrte! Aber sie weinte nicht. </p> <p> -Allein, hier wußte man nichts von dem Havelock. Er +Allein, hier wußte man nichts von dem Havelock. Er war ausgezogen, verschwunden. </p> <p> -Und doch, er war vielleicht der einzige, der ihr über -jene Dinge Ausschluß geben konnte, die sie unbedingt -wissen mußte. Klara, die mit ihr in Babenberg war, -hatte ihr Hedis Erlebnis am Anhalter Platz erzählt — das +Und doch, er war vielleicht der einzige, der ihr über +jene Dinge Ausschluß geben konnte, die sie unbedingt +wissen mußte. Klara, die mit ihr in Babenberg war, +hatte ihr Hedis Erlebnis am Anhalter Platz erzählt — das war alles, was sie erfahren konnte. Seine Freunde, sein -jüngerer Bruder, wie vom Erdboden verschwunden, +jüngerer Bruder, wie vom Erdboden verschwunden, niemand zu sehen; keine Nachricht mehr, man hatte offenbar -alle verhaftet — nur sie ließ man in Ruhe. +alle verhaftet — nur sie ließ man in Ruhe. </p> <p> -Nach vielen Tagen, die sie durch das verwahrloste, übelriechende -Stadtviertel streifte — ja, plötzlich sah sie ihn. +Nach vielen Tagen, die sie durch das verwahrloste, übelriechende +Stadtviertel streifte — ja, plötzlich sah sie ihn. </p> <p> -Das, das mußte er sein! Sie fühlte es augenblicklich. +Das, das mußte er sein! Sie fühlte es augenblicklich. </p> <p> Ein Rudel lachender und kreischender Kinder — und mitten darin ein Mensch. In diesem Augenblick geschah -es, daß sie wie eine Seherin fühlte, er! Ja, er war es. +es, daß sie wie eine Seherin fühlte, er! Ja, er war es. </p> <p> @@ -23239,8 +23206,8 @@ Hut. </p> <p> -Plötzlich fühlte er Ruths Blick. Es war dicht bei der -Eisenbahnbrücke, die sich über die staubige Fabriciusstraße +Plötzlich fühlte er Ruths Blick. Es war dicht bei der +Eisenbahnbrücke, die sich über die staubige Fabriciusstraße spannt. </p> @@ -23251,47 +23218,47 @@ sammeln. </p> <p> -„Geht weg!“ rief Ruth. Die Kinder drängten sich abseits +„Geht weg!“ rief Ruth. Die Kinder drängten sich abseits zusammen. Eine Dame und der Betrunkene! Ungeheuer interessierte es sie. In der abenteuerlichen Vorstadt aufgewachsen, -waren sie an die sonderbarsten Vorfälle gewöhnt. +waren sie an die sonderbarsten Vorfälle gewöhnt. </p> <p> -„Ich möchte Sie einiges fragen!“ begann Ruth. +„Ich möchte Sie einiges fragen!“ begann Ruth. </p> <p> „Gerne — stets bereit!“ Herr Herbst schwang den Hut -und schwankte erschrocken rückwärts. Er hatte Ruth sofort +und schwankte erschrocken rückwärts. Er hatte Ruth sofort erkannt, und obschon er betrunken war, war ihm doch -ihr verändertes Wesen aufgefallen. Ihre Stimme klang -nicht mehr sanft und freundlich wie früher — hart, unbarmherzig. +ihr verändertes Wesen aufgefallen. Ihre Stimme klang +nicht mehr sanft und freundlich wie früher — hart, unbarmherzig. Ja, nun war sie also gekommen . . . </p> <p> -„Nein, nicht gesehen — nur gehört“, stammelte er erbleichend, -während sein Blick flatterte. „Geschossen? Ja, -geschossen! Ich hörte es. Weshalb, weiß ich nicht.“ +„Nein, nicht gesehen — nur gehört“, stammelte er erbleichend, +während sein Blick flatterte. „Geschossen? Ja, +geschossen! Ich hörte es. Weshalb, weiß ich nicht.“ </p> <p> Ja, weshalb hatte man wohl geschossen? Der Soldat -schoß, weil man auf ihn schoß, wenn er nicht schoß. Vom -Höchsten bis zum Niedrigsten drohte hinter jedermann in +schoß, weil man auf ihn schoß, wenn er nicht schoß. Vom +Höchsten bis zum Niedrigsten drohte hinter jedermann in dieser Zeit ein Gewehrlauf. </p> <p> -„Und Sie können mir nicht sagen —?“ +„Und Sie können mir nicht sagen —?“ </p> <p> Die Gruppe der Kinder stand immer noch neugierig abseits. Die Dame und der Betrunkene, der hin und her schwankte und wahrscheinlich bald einige Backpfeifen erhalten -würde — es war ungeheuer interessant. +würde — es war ungeheuer interessant. </p> <p> @@ -23299,13 +23266,13 @@ würde — es war ungeheuer interessant. </p> <p> -Der Havelock hob die kleinen, schmutzigen Hände gegen +Der Havelock hob die kleinen, schmutzigen Hände gegen die Hutkrempe, einer Ohnmacht nahe. </p> <p> <a id="page-382" class="pagenum" title="382"></a> -„Es muß doch jemand die Polizei aufmerksam gemacht +„Es muß doch jemand die Polizei aufmerksam gemacht haben, nicht wahr?“ Ruth schrie ganz laut. </p> @@ -23316,13 +23283,13 @@ Welch eine deutliche, furchtbare Frage! <p> Der Havelock taumelte. Er kratzte die grauen Bartstoppeln, sein kleines, bleiches Gesicht zuckt. Dann hob er -den steifen Hut in die Höhe und machte eine Bewegung, -als wolle er zu tanzen beginnen, und plötzlich — plötzlich +den steifen Hut in die Höhe und machte eine Bewegung, +als wolle er zu tanzen beginnen, und plötzlich — plötzlich fiel er in die Knie. </p> <p> -„Ich, ich!“ rief er, krächzte er, den Hut in der Hand +„Ich, ich!“ rief er, krächzte er, den Hut in der Hand und nickte. „Ich!“ </p> @@ -23331,13 +23298,13 @@ und nickte. „Ich!“ </p> <p> -„Ja, ich! Ich!“ Er rutschte auf den Knien näher und +„Ja, ich! Ich!“ Er rutschte auf den Knien näher und senkte voller Zerknirschung den kleinen, bleichen Kahlkopf. Die Kinder lachten. </p> <p> -„Ja, ich, Gott sei mir gnädig!“ +„Ja, ich, Gott sei mir gnädig!“ </p> <p> @@ -23353,53 +23320,53 @@ Die Kinder lachten. </p> <p> -„Weshalb? Unerklärlich — wie alles in dieser Welt. -Wie alles — völlig unerklärlich — ich liebe Sie ja, meine +„Weshalb? Unerklärlich — wie alles in dieser Welt. +Wie alles — völlig unerklärlich — ich liebe Sie ja, meine Dame, wie meine Tochter —“ </p> <p> -„Hüten Sie sich!“ Nun wird sie ihn an den Ohren packen, +„Hüten Sie sich!“ Nun wird sie ihn an den Ohren packen, dachten die Kinder erwartungsvoll. </p> <p> -„Wie meine Tochter — unerklärlich!“ schluchzte Herr +„Wie meine Tochter — unerklärlich!“ schluchzte Herr Herbst, und der Hut entfiel ihm. „Ich bin ein Verkommener.“ </p> <p> -Die Kinder kreischten und klatschten in die Hände. +Die Kinder kreischten und klatschten in die Hände. </p> <p> „Stehen Sie doch auf!“ schrie Ruth. „Stehen Sie doch -auf!“ Und sie schrie so laut, daß Herr Herbst sich tatsächlich +auf!“ Und sie schrie so laut, daß Herr Herbst sich tatsächlich taumelnd aufrichtete. „Was Sie sind, das sehe ich ja. Ein -Verkommener, sehr wahr, völlig verkommen —“ +Verkommener, sehr wahr, völlig verkommen —“ </p> <p> -„Ja, ja, ja!“ Herr Herbst hob beschwörend die Hände. +„Ja, ja, ja!“ Herr Herbst hob beschwörend die Hände. „Aber ich war nicht immer wie heute, meine Dame. Mein Sohn ist gefallen, seine Mutter . . .“ </p> <p> „Aber wissen Sie denn, was Sie getan haben?“ unterbrach -ihn Ruth außer sich. „Wissen Sie es denn? Wissen +ihn Ruth außer sich. „Wissen Sie es denn? Wissen <a id="page-383" class="pagenum" title="383"></a> Sie denn, wen Sie verraten haben? Sie Judas Ischarioth?“ </p> <p> -Bei dieser Schmähung prallte Herbst zurück. +Bei dieser Schmähung prallte Herbst zurück. </p> <p> „Wissen Sie es denn? Er war Jesus Christus, der wiedergekommen -war, um die Menschheit zu erlösen! Ja, das -war er! Sie wußten es nicht!“ +war, um die Menschheit zu erlösen! Ja, das +war er! Sie wußten es nicht!“ </p> <p> @@ -23407,7 +23374,7 @@ war er! Sie wußten es nicht!“ </p> <p> -„Und Sie — ein Säufer —!“ +„Und Sie — ein Säufer —!“ </p> <p> @@ -23417,31 +23384,31 @@ Trinkeraugen. Er glaubte, was Ruth, bleich und rasend, schrie </p> <p> -Rasch wandte sie sich ab und eilte fort. Eingeschüchtert -sah das Häuflein der zerlumpten Kinder ihr nach. Sie -waren verstummt, weil sie sahen, daß die Dame, die mit -diesem komischen Betrunkenen zankte, plötzlich weinte. +Rasch wandte sie sich ab und eilte fort. Eingeschüchtert +sah das Häuflein der zerlumpten Kinder ihr nach. Sie +waren verstummt, weil sie sahen, daß die Dame, die mit +diesem komischen Betrunkenen zankte, plötzlich weinte. </p> <p> -„Sie haben ihn getötet — aber er ist unsterblich! Ein +„Sie haben ihn getötet — aber er ist unsterblich! Ein Prophet, ein Seher, ein Heiliger war er!“ </p> <p> -„Sie haben ihn getötet — aber er ist unsterblich!“ rief -Ruth vor sich hin, und die Tränen stürzten über ihr bleiches, -verklärtes Gesicht. +„Sie haben ihn getötet — aber er ist unsterblich!“ rief +Ruth vor sich hin, und die Tränen stürzten über ihr bleiches, +verklärtes Gesicht. </p> <p> -Selbst als sie in belebtere Straßen kam, rief sie ganz -laut und unaufhörlich die gleichen Worte. +Selbst als sie in belebtere Straßen kam, rief sie ganz +laut und unaufhörlich die gleichen Worte. </p> <p> Aber niemand beachtete sie sonderlich: man war es nachgerade -gewöhnt, daß Menschen vor sich hin sprachen und +gewöhnt, daß Menschen vor sich hin sprachen und weinten. </p> @@ -23459,28 +23426,28 @@ Das Feuer rollte. <p> Sie zerrissen die Eingeweide der Erde. Tag und Nacht -wühlten schweißüberströmte Leiber in den finstern Stollen -der Tiefe, ohne Pause klirrten die Förderkörbe in allen -Erdteilen auf und ab. Die Hochöfen spien Feuer über den -Kontinenten, Ströme von flüssigem Metall flossen in die -Formen: Geschütze, Granaten. +wühlten schweißüberströmte Leiber in den finstern Stollen +der Tiefe, ohne Pause klirrten die Förderkörbe in allen +Erdteilen auf und ab. Die Hochöfen spien Feuer über den +Kontinenten, Ströme von flüssigem Metall flossen in die +Formen: Geschütze, Granaten. </p> <p> <a id="page-384" class="pagenum" title="384"></a> Sie zerrissen ihre Gehirne. Die Ingenieure und Chemiker schliefen nicht mehr, neue Maschinen, neue Sprengstoffe -und Gase, immer fürchterlicher. Hunderte von Millionen -sannen nur Vernichtung, brüteten nur Tod: die Völker der -Erde waren Mördervölker geworden. +und Gase, immer fürchterlicher. Hunderte von Millionen +sannen nur Vernichtung, brüteten nur Tod: die Völker der +Erde waren Mördervölker geworden. </p> <p> Tag und Nacht peitschten die Schrauben der Schiffe das -Meer — vorwärts! Tag und Nacht flogen die Züge durch -Europa, vorwärts. Das Meer zittert und die Erde erbebt. -Menschen, Pferde, Vieh, Wälder, die Güter der Erde, die -Schätze der Welt. Sie hatten alle das gleiche Ziel. +Meer — vorwärts! Tag und Nacht flogen die Züge durch +Europa, vorwärts. Das Meer zittert und die Erde erbebt. +Menschen, Pferde, Vieh, Wälder, die Güter der Erde, die +Schätze der Welt. Sie hatten alle das gleiche Ziel. </p> <p> @@ -23488,42 +23455,42 @@ Die Wolke! </p> <p> -Dort, dort, wo Menschen, Pferde, Vieh, Wälder, die -Güter der Erde, die Schätze der Welt, zu Staub zermalmt +Dort, dort, wo Menschen, Pferde, Vieh, Wälder, die +Güter der Erde, die Schätze der Welt, zu Staub zermalmt werden — dort . . . </p> <p> -Schon färben sich die Flüsse rot, und auf den Meeren +Schon färben sich die Flüsse rot, und auf den Meeren treiben Inseln von Leichen. Frankreich verwandelt sich in -eine Wüste, Deutschland in einen Friedhof, die Welt in +eine Wüste, Deutschland in einen Friedhof, die Welt in ein Lazarett. </p> <p> -Vorwärts, Soldaten! es soll sich entscheiden — die -Kanonen sollen die Probleme lösen. +Vorwärts, Soldaten! es soll sich entscheiden — die +Kanonen sollen die Probleme lösen. </p> <p> -Die graue Limousine raste durch die glühenden Straßen +Die graue Limousine raste durch die glühenden Straßen Berlins. Konferenzen, Besprechungen. Schwerdtfeger -wischte sich den Schweiß vom schmutzigen Gesicht. Auch -er war um seinen Urlaub gekommen, aber schließlich war +wischte sich den Schweiß vom schmutzigen Gesicht. Auch +er war um seinen Urlaub gekommen, aber schließlich war er nichts als ein Chauffeur und konnte Gott auf den Knien -danken, daß er nicht da draußen fahren mußte, wo die -Landstraßen sich öffnen und Feuer speien. +danken, daß er nicht da draußen fahren mußte, wo die +Landstraßen sich öffnen und Feuer speien. </p> <p> -Die graue Limousine raste über die Linden. Müde und +Die graue Limousine raste über die Linden. Müde und abgespannt blickte der General mit halbgeschlossenen Augen -auf die Straße und gähnte. +auf die Straße und gähnte. </p> <p> -Plötzlich galoppierte ein Berittener über den Reitweg, -die Fußgänger blieben wie auf Kommando stehen und +Plötzlich galoppierte ein Berittener über den Reitweg, +die Fußgänger blieben wie auf Kommando stehen und gafften. </p> @@ -23532,7 +23499,7 @@ Der General setzte sich mit einem Ruck aufrecht. </p> <p> -Unerhört! +Unerhört! </p> <p> @@ -23541,34 +23508,34 @@ Am hellichten Tage! Unter den Linden! </p> <p> -Niemals hätte man so etwas für möglich gehalten. +Niemals hätte man so etwas für möglich gehalten. </p> <p> -Ein paar Dutzend junger Burschen und Mädchen, hundert +Ein paar Dutzend junger Burschen und Mädchen, hundert vielleicht, nicht mehr, eilten die Linden entlang und schrien. -Eine Spritzwelle von Menschen, die über die Linden fegte, -nichts sonst. War es nicht unerhört, daß jemand Unter den -Linden schrie und die öffentliche Aufmerksamkeit auf sich +Eine Spritzwelle von Menschen, die über die Linden fegte, +nichts sonst. War es nicht unerhört, daß jemand Unter den +Linden schrie und die öffentliche Aufmerksamkeit auf sich lenkte? </p> <p> -Der General rückte unruhig auf dem Sitz und blickte -voller Empörung zum Fenster hinaus. Aber in diesem -Augenblick hoben sich die Fäuste der jungen Burschen und -Mädchen gegen ihn und schüttelten sich. Fassungslos zog -er den Kopf zurück. Ja, was geschah, was ging hier vor? +Der General rückte unruhig auf dem Sitz und blickte +voller Empörung zum Fenster hinaus. Aber in diesem +Augenblick hoben sich die Fäuste der jungen Burschen und +Mädchen gegen ihn und schüttelten sich. Fassungslos zog +er den Kopf zurück. Ja, was geschah, was ging hier vor? Sie schrien ein Wort, immer das gleiche Wort — er verstand -es nicht. Er wagte nicht zu glauben, daß sie jenes -Wort riefen — es ist unmöglich! +es nicht. Er wagte nicht zu glauben, daß sie jenes +Wort riefen — es ist unmöglich! </p> <p> -Oben beim Schloß aber wurde er plötzlich ernst. Ah, +Oben beim Schloß aber wurde er plötzlich ernst. Ah, seht an! Eine Kette von Schutzleuten sperrte den Weg. Ein junger Bursche machte den Versuch — schon blitzte ein -Säbel durch die Luft. Da lag er. +Säbel durch die Luft. Da lag er. </p> <p> @@ -23581,8 +23548,8 @@ Und die Regierung? </p> <p> -Wütend lachte der General, wütend gegen Schwerdtfegers -gekrümmten Rücken. +Wütend lachte der General, wütend gegen Schwerdtfegers +gekrümmten Rücken. </p> <p> @@ -23590,101 +23557,101 @@ Die Regierung? </p> <p> -Sie schläft. +Sie schläft. </p> <p> -Die Gaffer auf den Bürgersteigen bewegen sich wieder. +Die Gaffer auf den Bürgersteigen bewegen sich wieder. Die Spritzwelle hat sich verlaufen. Nichts ist geschehen. </p> <p> Die graue Limousine raste weiter: Konferenzen, Besprechungen. Reserven! Nachschub! Verpflegung! Munition! -Pferde! Sitzung über Sitzung — — +Pferde! Sitzung über Sitzung — — </p> <p> -Vorwärts, Soldaten! +Vorwärts, Soldaten! </p> <p> -Die Schlacht brüllt, die Geschütze stampfen, kämpft, sterbt! +Die Schlacht brüllt, die Geschütze stampfen, kämpft, sterbt! </p> <p> -Schon runzelt der Divisionär am Telephon die Stirn, +Schon runzelt der Divisionär am Telephon die Stirn, <a id="page-386" class="pagenum" title="386"></a> der Kommandeur erbleicht am Scherenfernrohr: der Angriff -am rechten Flügel stockt! Vorwärts, Artillerie, wenn -es sein muß, die eigene Artillerie soll euch vorwärts treiben, +am rechten Flügel stockt! Vorwärts, Artillerie, wenn +es sein muß, die eigene Artillerie soll euch vorwärts treiben, wartet! </p> <p> -Kämpft, sterbt! Die Augen der ganzen Welt sind auf +Kämpft, sterbt! Die Augen der ganzen Welt sind auf euch gerichtet. </p> <p> -Schon zittert die Börse, die Papiere fallen. Ihr werdet +Schon zittert die Börse, die Papiere fallen. Ihr werdet doch nicht, ihr geliebten Helden? Ja, Helden! Drei Mark, drei Franken, drei Schillinge und drei Dollar am Tage, -Auszeichnungen, Triumphbögen, künstliche Gliedmaßen — +Auszeichnungen, Triumphbögen, künstliche Gliedmaßen — ihr kennt doch unsere Tarife? Ihr werdet doch nicht —? Kali, Kohlen, Kolonien . . . </p> <p> -Der Börsentelegraph tickt, Tag und Nacht, schon ist er -erregt worden, es bröckelt irgendwo ab, es knistert, er -tickt, ah, dieses entsetzlich erregte Ticken, ihr könnt es leider -nicht hören im Kanonendonner, die Börsen von Berlin, +Der Börsentelegraph tickt, Tag und Nacht, schon ist er +erregt worden, es bröckelt irgendwo ab, es knistert, er +tickt, ah, dieses entsetzlich erregte Ticken, ihr könnt es leider +nicht hören im Kanonendonner, die Börsen von Berlin, London, Paris, Rom, Neuyork — schon hat sich ein Bankrotteur eine Kugel in den Kopf geschossen — und ihr -zögert? +zögert? </p> <p> -Die Kaiser und Könige träumen vom Einzug in die jubelnde -Hauptstadt, die Präsidenten träumen von dem -Moment, da sie den glänzenden Seidenhut hochheben, umbraust +Die Kaiser und Könige träumen vom Einzug in die jubelnde +Hauptstadt, die Präsidenten träumen von dem +Moment, da sie den glänzenden Seidenhut hochheben, umbraust vom Beifallsklatschen. </p> <p> -Die Landesfürstin, höchsteigenhändig, die Gemahlin des -Herrn Präsidenten, höchsteigenhändig, wird euch die kleine -Blechmünze auf die zerschossene Brust heften — +Die Landesfürstin, höchsteigenhändig, die Gemahlin des +Herrn Präsidenten, höchsteigenhändig, wird euch die kleine +Blechmünze auf die zerschossene Brust heften — </p> <p> -Vorwärts, ihr Geliebten, ihr Herrlichen, Unvergleichlichen! +Vorwärts, ihr Geliebten, ihr Herrlichen, Unvergleichlichen! </p> <p> -Die Greise, die die Geschicke dieser Welt lenken, hüsteln -hinter den gepolsterten Türen in ihre kalten wächsernen -Hände. Sie sitzen an langen polierten Tischen, mit rosaroten -Kinderbäckchen, trommeln mit den Fingernägeln, -ungeduldig — die Sekretäre, ohne Tadel, schleichen auf den -Zehenspitzen über das glänzende Parkett. Die Greise +Die Greise, die die Geschicke dieser Welt lenken, hüsteln +hinter den gepolsterten Türen in ihre kalten wächsernen +Hände. Sie sitzen an langen polierten Tischen, mit rosaroten +Kinderbäckchen, trommeln mit den Fingernägeln, +ungeduldig — die Sekretäre, ohne Tadel, schleichen auf den +Zehenspitzen über das glänzende Parkett. Die Greise kritzeln mit der Feder, werfen gebieterische Blicke. </p> <p> <a id="page-387" class="pagenum" title="387"></a> Jedes Wort, das sie sprechen, bedeutet Tod, jeder Federstrich, -jedes Lächeln — Tod, Tod — sie aber leben. +jedes Lächeln — Tod, Tod — sie aber leben. </p> <p> Seit Monaten, seit Jahren, flimmert himmelhoch die -Staubwolke über der Walstatt, es regnet schwarzes Blut -— die apokalyptischen Reiter ziehen über den Wolken -dahin und gießen ihre Schalen aus über Europa. Gewogen, +Staubwolke über der Walstatt, es regnet schwarzes Blut +— die apokalyptischen Reiter ziehen über den Wolken +dahin und gießen ihre Schalen aus über Europa. Gewogen, gewogen und zu leicht befunden! Die Feuerschrift der -Geschütze flammt am verfinsterten Firmament. +Geschütze flammt am verfinsterten Firmament. </p> <p> @@ -23701,37 +23668,37 @@ Konferenz zusammengetreten. </p> <p> -Die Hände des Generals zittern. Erregt wirft er -die Telegramme auf den Schreibtisch zurück. Fieberröte -flammt über sein Gesicht. +Die Hände des Generals zittern. Erregt wirft er +die Telegramme auf den Schreibtisch zurück. Fieberröte +flammt über sein Gesicht. </p> <p> Schon vor zwei Jahren hatte er eine Denkschrift eingereicht, -und erst kürzlich war er wieder darauf zurückgekommen. +und erst kürzlich war er wieder darauf zurückgekommen. Er hatte den Vorschlag einer Patriotin aufgegriffen, zwei Millionen Frauen in die Armee einzustellen, -für Wachtdienst, Etappe, Bureau. Zwei Millionen, zehn -Millionen, wenn man wollte! Aus den kräftigsten Frauen -hätten sich auch Kampfbataillone aufstellen lassen, ohne -Frage. Die Frauen hätten vorzügliches Material abgegeben. +für Wachtdienst, Etappe, Bureau. Zwei Millionen, zehn +Millionen, wenn man wollte! Aus den kräftigsten Frauen +hätten sich auch Kampfbataillone aufstellen lassen, ohne +Frage. Die Frauen hätten vorzügliches Material abgegeben. (Der General war gewohnt „Material“ zu sagen, -wie alle Militärs.) Auch die Frauen, ohne jeden Zweifel, -hätten ihre Leiber voller Begeisterung den Kanonen +wie alle Militärs.) Auch die Frauen, ohne jeden Zweifel, +hätten ihre Leiber voller Begeisterung den Kanonen entgegengeworfen! </p> <p> -Seine Denkschrift — sie verstaubte irgendwo, mit abfälligen +Seine Denkschrift — sie verstaubte irgendwo, mit abfälligen Randbemerkungen versehen. Man hatte seinen -Rat nicht beachtet — wie man Ratschläge überhaupt -nicht zu beachten beliebte. Man wußte alles selbst, -wußte alles besser. +Rat nicht beachtet — wie man Ratschläge überhaupt +nicht zu beachten beliebte. Man wußte alles selbst, +wußte alles besser. </p> <p> „Ich klingle bereits das zweitemal und Sie kommen -nicht!“ sagte der General mit gerunzelter Stirn zu Weißbach. +nicht!“ sagte der General mit gerunzelter Stirn zu Weißbach. </p> <p> @@ -23751,25 +23718,25 @@ Der General erhob sich — sein Auge wuchs. <p> Der Adjutant schwieg und stand still. Seine Miene war bleich. Der General streifte ihn mit einem Blick. „Nun -sind auch Sie beleidigt, Weißbach“, sagte er einlenkend. -„Es fehlte noch, daß auch Sie beleidigt sind.“ Der Blick +sind auch Sie beleidigt, Weißbach“, sagte er einlenkend. +„Es fehlte noch, daß auch Sie beleidigt sind.“ Der Blick des Adjutanten strahlte Vergebung. </p> <p> -Mit zitternden Händen ging der General hin und her. -Dann blieb er vor Weißbach stehen und sagte ruhig: „Rufen -Sie sofort alle Herren telegraphisch aus dem Urlaub zurück! -— Wir müssen unsere Anstrengungen <em>verdoppeln</em>!“ -fügte er schreiend hinzu. +Mit zitternden Händen ging der General hin und her. +Dann blieb er vor Weißbach stehen und sagte ruhig: „Rufen +Sie sofort alle Herren telegraphisch aus dem Urlaub zurück! +— Wir müssen unsere Anstrengungen <em>verdoppeln</em>!“ +fügte er schreiend hinzu. </p> <p> -Reserven? Als ob nicht alles Grenzen hätte. Und welchen +Reserven? Als ob nicht alles Grenzen hätte. Und welchen Ton sie neuerdings beliebten? Man hatte alles, was nicht umfiel, eingezogen, hatte die Lazarette ausgefegt, Fiebernde aus den Betten gerissen, vom Operationstisch -hatte man die Leute fortgenommen, ohne jede Rücksicht. +hatte man die Leute fortgenommen, ohne jede Rücksicht. </p> <p> @@ -23786,10 +23753,10 @@ Das Telephon schrillte . . . </p> <p> -Im gleichen Augenblick wurde es draußen stockfinster, -und ein knatternder Donner sprang mit teuflischem Gelächter -über das Dächermeer von Berlin dahin. Gott sei -Dank; die Hitze war unerträglich geworden. +Im gleichen Augenblick wurde es draußen stockfinster, +und ein knatternder Donner sprang mit teuflischem Gelächter +über das Dächermeer von Berlin dahin. Gott sei +Dank; die Hitze war unerträglich geworden. </p> <h3 class="no" id="subchap-2-3-6"> @@ -23797,36 +23764,36 @@ Dank; die Hitze war unerträglich geworden. </h3> <p class="first"> -<span class="firstchar">Ü</span>ber den Potsdamer Platz schwang sich an Krücken ein -Krüppel. Er berührte nur mit der rechten Fußspitze +<span class="firstchar">Ü</span>ber den Potsdamer Platz schwang sich an Krücken ein +Krüppel. Er berührte nur mit der rechten Fußspitze den Boden. Ein kleiner fahler Schatten schwang unter ihm. </p> <p> Alle Passanten, wenige, sehr wenige, zertraten unter <a id="page-389" class="pagenum" title="389"></a> -ihren Füßen einen ebenso fahlen, zusammengeballten Schatten. +ihren Füßen einen ebenso fahlen, zusammengeballten Schatten. Es war Mittagszeit, der Himmel war mit einem Dunstschleier bedeckt, durch den die Sonne blendete. Welche Hitze? </p> <p> -Der Krüppel schwang sich die Leipziger Straße hinauf. +Der Krüppel schwang sich die Leipziger Straße hinauf. </p> <p> -Auch diese Straße war leer! Wenige Menschen, leere -Straßenbahnen. Berlin war wie ein Friedhof, den nur -dann und wann ein Grüppchen von Hinterbliebenen besucht. +Auch diese Straße war leer! Wenige Menschen, leere +Straßenbahnen. Berlin war wie ein Friedhof, den nur +dann und wann ein Grüppchen von Hinterbliebenen besucht. </p> <p> -„Ja, ein richtiger Friedhof!“ sagte der Krüppel. +„Ja, ein richtiger Friedhof!“ sagte der Krüppel. </p> <p> Die wenigen Menschen schlichen, den Blick zu Boden -gesenkt, dahin, scheu, ängstlich. Mit zitternden Händen +gesenkt, dahin, scheu, ängstlich. Mit zitternden Händen griffen sie nach den Mittagszeitungen, warfen einen Blick hinein, falteten sie mutlos zusammen. </p> @@ -23839,58 +23806,58 @@ Krieg, Hunger, Tod — Tod, Hunger, Krieg . . . Vor wenigen Wochen noch hatte die Hoffnung die Stadt neu belebt. Die feindlichen Reserven waren aufgerieben, England stand vor dem Abgrund. Ja, was blieb also noch -viel zu tun übrig? Die Zeitungen schrieben es, ein Minister -sogar verkündete es — nun schien aber doch nicht alles in +viel zu tun übrig? Die Zeitungen schrieben es, ein Minister +sogar verkündete es — nun schien aber doch nicht alles in Ordnung zu sein. </p> <p> Wie Berlin vor Wochen gejubelt hatte, Tausende von -Gefangenen, Hunderte von Geschützen, so jubelten jetzt +Gefangenen, Hunderte von Geschützen, so jubelten jetzt Paris, London, Neuyork. Berlin aber war still geworden. </p> <p> Ein Friedhof bei Tag, ein Friedhof bei Nacht. In den -Nächten war häufig ein Donnern in der Stadt zu hören, -ein Grollen, und die Schläfer fuhren erschrocken in die -Höhe — horch! +Nächten war häufig ein Donnern in der Stadt zu hören, +ein Grollen, und die Schläfer fuhren erschrocken in die +Höhe — horch! </p> <p> -Der Krüppel schwang sich an seinen Krücken die Wilhelmstraße -hinauf. Hier, bei den Regierungsgebäuden, war es +Der Krüppel schwang sich an seinen Krücken die Wilhelmstraße +hinauf. Hier, bei den Regierungsgebäuden, war es noch stiller. Kein Mensch. Nur ein Hund ging, mit Verlaub zu sagen, von Eckstein zu Eckstein. </p> <p> -Der Krüppel bog in die Linden ein und näherte sich der +Der Krüppel bog in die Linden ein und näherte sich der grauen Limousine, die vor Stifters Diele stand. Er strich -neugierig um den Wagen herum. Schwerdtfeger saß im -Schatten des Autos auf dem Bürgersteig und nahm wie -gewöhnlich sein Mittagessen ein, ein Stück Brot mit etwas +neugierig um den Wagen herum. Schwerdtfeger saß im +Schatten des Autos auf dem Bürgersteig und nahm wie +gewöhnlich sein Mittagessen ein, ein Stück Brot mit etwas <a id="page-390" class="pagenum" title="390"></a> -Käse, weiter reichte es nicht. Wie alle Soldaten erhielt er -zwei Mark dreiunddreißig Pfennige am Tage und zwei +Käse, weiter reichte es nicht. Wie alle Soldaten erhielt er +zwei Mark dreiunddreißig Pfennige am Tage und zwei Mark Verpflegungsgelder dazu. </p> <p> Augenblicklich sprang Schwerdtfeger auf und nahm Haltung -an. Der Krüppel war Offizier, Schwerdtfeger hatte -ihn früher schon einmal gesehen. Ja, wie ein Gymnasiast, -mit schneeweißen Haaren, großen, fiebernden Augen und -kreidigem Gesicht, das unaufhörlich zuckte. +an. Der Krüppel war Offizier, Schwerdtfeger hatte +ihn früher schon einmal gesehen. Ja, wie ein Gymnasiast, +mit schneeweißen Haaren, großen, fiebernden Augen und +kreidigem Gesicht, das unaufhörlich zuckte. </p> <p> -Der Krüppel schwang sich in Stifters Diele. +Der Krüppel schwang sich in Stifters Diele. </p> <p> -Hier, in einer halbdüstern Nische des vornehmen Restaurants, -sah er ein erdiges Gesicht mit schwarzen Augenhöhlen +Hier, in einer halbdüstern Nische des vornehmen Restaurants, +sah er ein erdiges Gesicht mit schwarzen Augenhöhlen und einem Blick, der brannte, ohne etwas zu sehen. </p> @@ -23899,37 +23866,37 @@ Auch Stifters Diele war fast leer. </p> <p> -„Ist es erlaubt?“ fragte der Krüppel. +„Ist es erlaubt?“ fragte der Krüppel. </p> <p> -Das erdige Gesicht mit den schwarzen Augenhöhlen kam -in Erschütterung, aufs tiefste erschrocken, die brennenden -Augen, die nichts sahen, glitten prüfend über das Gesicht, -das ohne Pause zuckte, über das schneeweiße Haar dieses +Das erdige Gesicht mit den schwarzen Augenhöhlen kam +in Erschütterung, aufs tiefste erschrocken, die brennenden +Augen, die nichts sahen, glitten prüfend über das Gesicht, +das ohne Pause zuckte, über das schneeweiße Haar dieses Gymnasiastenkopfes. </p> <p> „Ich hatte die Ehre —“ Das zuckende Gesicht versuchte -zu lächeln. +zu lächeln. </p> <p> -Da sah der General, daß es Hauptmann Wunderlich war. +Da sah der General, daß es Hauptmann Wunderlich war. </p> <p> -„Ist es möglich? Es ist so dunkel hier. Bitte Platz zu +„Ist es möglich? Es ist so dunkel hier. Bitte Platz zu nehmen — bitte mir die Freude zu machen, mein Gast zu sein, Hauptmann Wunderlich.“ </p> <p> -Hauptmann Wunderlich lehnte die Krückstöcke an die +Hauptmann Wunderlich lehnte die Krückstöcke an die Wand und zog sich an den Armlehnen des Sessels in die -Höhe. Nie hatte der General die Krücken Wunderlichs -erblicken können, ohne ihn ganz im geheimen um sie zu beneiden. +Höhe. Nie hatte der General die Krücken Wunderlichs +erblicken können, ohne ihn ganz im geheimen um sie zu beneiden. </p> <p> @@ -23945,18 +23912,18 @@ erblicken können, ohne ihn ganz im geheimen um sie zu beneiden. </p> <p> -Wunderlichs Gesicht zuckte. Der Blick seiner großen +Wunderlichs Gesicht zuckte. Der Blick seiner großen Knabenaugen fieberte. </p> <p> <a id="page-391" class="pagenum" title="391"></a> „Die Nerven“, sagte er. „Fertig! Leider, aber nicht zu -ändern. Zusammengebrochen!“ — +ändern. Zusammengebrochen!“ — </p> <p> -Aber, seht an, auch die Hände des Generals zitterten, +Aber, seht an, auch die Hände des Generals zitterten, und es schien, als ob es dem General Schwierigkeit bereitete, zu sprechen, er stammelte, stotterte, suchte nach Worten. Wo war die wunderbare Ruhe und Sicherheit @@ -23965,19 +23932,19 @@ des Generals hingekommen? <p> „Also nicht zufrieden mit den Nerven? Auf Urlaub?“ -Der General füllte mit zitternder Hand Wunderlichs Glas. -„Auch hier in Berlin sind wir — überarbeitet, dazu die Hitze. +Der General füllte mit zitternder Hand Wunderlichs Glas. +„Auch hier in Berlin sind wir — überarbeitet, dazu die Hitze. Und an der Front?“ </p> <p> -Flüstern. +Flüstern. </p> <p> -„Scharen von Fliegern! Kämpfe in drei Etagen — in -zwei-, drei- und viertausend Meter Höhe — für eine abgeschossene -Maschine zehn neue — Kämpfe auch in der +„Scharen von Fliegern! Kämpfe in drei Etagen — in +zwei-, drei- und viertausend Meter Höhe — für eine abgeschossene +Maschine zehn neue — Kämpfe auch in der Nacht —“ </p> @@ -24001,25 +23968,25 @@ Der Kellner servierte. <p> Mit verzerrtem Gesicht berichtete Wunderlich. Er murmelte, -damit niemand in der Diele ihn hören konnte. +damit niemand in der Diele ihn hören konnte. </p> <p> -„— allein fünfzigtausend Mann durch Gefangennahme -verloren in drei Tagen, fünfhundert schwere Geschütze —“ +„— allein fünfzigtausend Mann durch Gefangennahme +verloren in drei Tagen, fünfhundert schwere Geschütze —“ </p> <p> -„Ich weiß, weiß.“ +„Ich weiß, weiß.“ </p> <p> -Flüstern. +Flüstern. </p> <p> „— die Lazarette ohne Leinen, die armen Kerle in ihren -schmutzigen Uniformen — Papierverbände, nackt begraben . . . +schmutzigen Uniformen — Papierverbände, nackt begraben . . . Pferdefleisch —“ </p> @@ -24028,7 +23995,7 @@ Pferdefleisch —“ </p> <p> -„— erst die Zunge, jeder ein Stück, mit dem Messer — +„— erst die Zunge, jeder ein Stück, mit dem Messer — in einer Minute liegt nur noch das Skelett des Pferdes da —“ </p> @@ -24056,20 +24023,20 @@ Batterien verlassen. Aber dahinter stehen neue.“ </p> <p> -„Herrlich — wunderbar, wie immer. Kämpfen bis zur -Erschöpfung. Ohne ordentliche Verpflegung, seit Wochen -ohne Ablösung . . .“ +„Herrlich — wunderbar, wie immer. Kämpfen bis zur +Erschöpfung. Ohne ordentliche Verpflegung, seit Wochen +ohne Ablösung . . .“ </p> <p> -„Einzelne Divisionen nur noch Stäbe — Feldküchen, +„Einzelne Divisionen nur noch Stäbe — Feldküchen, Kraftfahrer . . .“ </p> <p> -Flüstern. Raunen. Der General setzt den Kneifer -auf und blickt argwöhnisch aus der Nische. Überall Lauscher. -Wenn der Feind <em>das</em> erführe —! +Flüstern. Raunen. Der General setzt den Kneifer +auf und blickt argwöhnisch aus der Nische. Überall Lauscher. +Wenn der Feind <em>das</em> erführe —! </p> <p> @@ -24077,13 +24044,13 @@ Wenn der Feind <em>das</em> erführe —! </p> <p> -Plötzlich zieht der General die Uhr und erhebt sich rasch. -Seine Hände sind eisig kalt. Er schwankt beim Hinausgehen. +Plötzlich zieht der General die Uhr und erhebt sich rasch. +Seine Hände sind eisig kalt. Er schwankt beim Hinausgehen. </p> <p> -Und die graue Limousine rast durch die glühenden -Straßen: Sitzungen, Konferenzen . . . +Und die graue Limousine rast durch die glühenden +Straßen: Sitzungen, Konferenzen . . . </p> <p class="tb"> @@ -24096,7 +24063,7 @@ Straßen: Sitzungen, Konferenzen . . . <p> Geschrei in den Wolken. Verflucht die Welt, verflucht -die Erde! Verflucht Könige, Präsidenten und Minister. +die Erde! Verflucht Könige, Präsidenten und Minister. Verflucht! </p> @@ -24106,7 +24073,7 @@ Betrogen um unser Leben, geopfert dem Wahnsinn! <p> Die Millionen der Gefallenen, Geschlachteten, Millionen -und abermals Millionen, fahren über Europa dahin, in +und abermals Millionen, fahren über Europa dahin, in ihren armseligen Lumpen, zerfetzt ihre Leiber und schreien. Sie verdunkeln den Himmel. </p> @@ -24121,69 +24088,69 @@ Fluch auf euch! <p> Aber die Front donnert, und unendlich steht die Staubwolke -über der Walstatt. +über der Walstatt. </p> <p> -Nun fällt der Tau, die Nacht sinkt herab. Der Horizont -funkelt, Feuer loht über das Gewölk, die Geschütze brüllen. +Nun fällt der Tau, die Nacht sinkt herab. Der Horizont +funkelt, Feuer loht über das Gewölk, die Geschütze brüllen. <a id="page-393" class="pagenum" title="393"></a> -Riesengroß steht Ackermanns Geist über dem Schlachtfeld, -und lauter als die Geschütze schallt seine Stimme. +Riesengroß steht Ackermanns Geist über dem Schlachtfeld, +und lauter als die Geschütze schallt seine Stimme. </p> <p> -„Völker der Erde — Söhne von Müttern — Brüder . . .“ +„Völker der Erde — Söhne von Müttern — Brüder . . .“ </p> <p> Furchtbar fauchen die Granaten um ihn. In seinem -weiten grauen Mantel steht er, die Hände erhoben, seine -Augen sind sprühende Sterne. Stahl, Feuer, Gase? Was +weiten grauen Mantel steht er, die Hände erhoben, seine +Augen sind sprühende Sterne. Stahl, Feuer, Gase? Was wollen sie noch von ihm? Lauter als die krachenden Granaten -tönt sein Ruf. +tönt sein Ruf. </p> <p> -„Brüder!“ +„Brüder!“ </p> <p> -Und die schweißbedeckten Soldaten in den Laufgräben, -Erdlöchern, Batteriestellungen lauschen. Welche Stimme? +Und die schweißbedeckten Soldaten in den Laufgräben, +Erdlöchern, Batteriestellungen lauschen. Welche Stimme? </p> <p> -Ackermanns Geist trägt die Verwundeten über das -Schlachtfeld, fällt den Rasenden in den Arm, die den hilflosen -Gegner niederschlagen wollen, führt die Hand des +Ackermanns Geist trägt die Verwundeten über das +Schlachtfeld, fällt den Rasenden in den Arm, die den hilflosen +Gegner niederschlagen wollen, führt die Hand des Arztes, der den blutenden Feind verbindet. Ackermanns -Geist berührt die Toten, die mit offenen Augen liegen, -Deutsche, Franzosen, Inder, Amerikaner, Engländer, Neger, +Geist berührt die Toten, die mit offenen Augen liegen, +Deutsche, Franzosen, Inder, Amerikaner, Engländer, Neger, Kanadier, Australier, und spricht: ihr alle werdet auferstehen -am Tag der Versöhnung, ihr Heiligen und Märtyrer! +am Tag der Versöhnung, ihr Heiligen und Märtyrer! </p> <p> -Ackermanns Geist erfüllt die finstere Wolke, die über der +Ackermanns Geist erfüllt die finstere Wolke, die über der Walstatt bis zu den Sternen lodert, und schon — schon -dämpft sich der Lärm der Geschütze. Schon schweigen sie . . . +dämpft sich der Lärm der Geschütze. Schon schweigen sie . . . </p> <p> Aber die Greise, die einen leisen Schlaf haben, fahren erschrocken -auf in ihren Betten, lauschen und drücken auf die +auf in ihren Betten, lauschen und drücken auf die Klingel. </p> <p> -Wiederum beginnen die Geschütze fürchterlich zu toben. +Wiederum beginnen die Geschütze fürchterlich zu toben. </p> <p> Die Menschen lieben Macht und Glanz, wie Kinder. -Leicht sind die Völker zu verführen — aber wehe denen, -die sie verführen! +Leicht sind die Völker zu verführen — aber wehe denen, +die sie verführen! </p> <h3 class="no" id="subchap-2-3-7"> @@ -24193,55 +24160,55 @@ die sie verführen! <p class="first"> <span class="firstchar">N</span>ein, es ging nicht mehr! An einem Sonntagnachmittag schickte der General den Wagen wieder fort. Es geschah -zum ersten Male seit Monaten. Vor Erschöpfung sank +zum ersten Male seit Monaten. Vor Erschöpfung sank <a id="page-394" class="pagenum" title="394"></a> -er um. Augenblicklich fiel er in Schlaf, und er schlief, röchelnd -und stöhnend, den ganzen Nachmittag bis in den Abend +er um. Augenblicklich fiel er in Schlaf, und er schlief, röchelnd +und stöhnend, den ganzen Nachmittag bis in den Abend hinein. </p> <p> Als er wieder erwachte, war das Zimmer voll schwerer -Dunkelheit. Verstört fuhr er auf. Sein Kopf war dumpf, -glühendheiß. Der Schweiß rann über sein Gesicht. +Dunkelheit. Verstört fuhr er auf. Sein Kopf war dumpf, +glühendheiß. Der Schweiß rann über sein Gesicht. </p> <p> -Zehn Uhr! Sollte man es für möglich halten? Sieben +Zehn Uhr! Sollte man es für möglich halten? Sieben volle Stunden hatte er geschlafen! Ein Unbehagen war aus -dem Schlaf in ihm zurückgeblieben — etwas Schweres, -Bleischweres — was war es doch? Hatte er geträumt? -Das Haus war heiß wie ein Backofen, unerträglich. Er +dem Schlaf in ihm zurückgeblieben — etwas Schweres, +Bleischweres — was war es doch? Hatte er geträumt? +Das Haus war heiß wie ein Backofen, unerträglich. Er machte sich rasch zum Ausgehen fertig. </p> <p> -Auf der Treppe stockte plötzlich sein Schritt. Die Stiefelspitze -zuckte zurück, als habe er auf der Stufe irgendein -ekelhaftes Insekt bemerkt. Ja, ein häßlicher Traum, in der -Tat, widerwärtig! Das Siegesgespann auf dem Brandenburger -Tor — es war herabgestürzt, und sein Auto war -von dem Trümmerhaufen, den Gaffer umstanden, aufgehalten +Auf der Treppe stockte plötzlich sein Schritt. Die Stiefelspitze +zuckte zurück, als habe er auf der Stufe irgendein +ekelhaftes Insekt bemerkt. Ja, ein häßlicher Traum, in der +Tat, widerwärtig! Das Siegesgespann auf dem Brandenburger +Tor — es war herabgestürzt, und sein Auto war +von dem Trümmerhaufen, den Gaffer umstanden, aufgehalten worden. Welch ein Chaos und diese aus den -Trümmern vorstehenden Pferdebeine! Und der Trümmerhaufe +Trümmern vorstehenden Pferdebeine! Und der Trümmerhaufe hatte sonderbarerweise fast den ganzen Pariser Platz -bedeckt, ein förmlicher Berg — +bedeckt, ein förmlicher Berg — </p> <p> -Auf der Straße war die Luft herrlich und erfrischend — -schon etwas herbstlich. Es mußte kurz vorher geregnet -haben, das Pflaster war noch feucht. Über den Tiergarten +Auf der Straße war die Luft herrlich und erfrischend — +schon etwas herbstlich. Es mußte kurz vorher geregnet +haben, das Pflaster war noch feucht. Über den Tiergarten flog rasch der Mond dahin, umwirbelt von kleinen Wolken, -wie in einem Schneegestöber. Eine Droschke, ein paar -Spaziergänger, tiefe Ruhe. +wie in einem Schneegestöber. Eine Droschke, ein paar +Spaziergänger, tiefe Ruhe. </p> <p> Der General ging langsam dahin und atmete die Frische -des Abends ein. Bald hatte er auch das Unbehagen überwunden, -das aus dem widerwärtigen Traume zurückgeblieben -war. Er fühlte sich durch den langen Schlaf +des Abends ein. Bald hatte er auch das Unbehagen überwunden, +das aus dem widerwärtigen Traume zurückgeblieben +war. Er fühlte sich durch den langen Schlaf erfrischt, die abgehetzten Nerven waren ruhiger geworden. Die Gedanken gehorchten. </p> @@ -24250,13 +24217,13 @@ Die Gedanken gehorchten. Er nickte vor sich hin. Klar stand es vor seinen Blicken, <a id="page-395" class="pagenum" title="395"></a> unheimlich klar, erschreckend klar. Es war gar nicht erst -nötig, daß dieser Wunderlich kam und ihm noch diese fürchterlichen +nötig, daß dieser Wunderlich kam und ihm noch diese fürchterlichen Fingerzeige gab. Nein. Er blieb stehen. </p> <p> „Napoleon hatte wenigstens den Winter als Entschuldigung -für sich“, raunte er vor sich hin, voller Verachtung. +für sich“, raunte er vor sich hin, voller Verachtung. </p> <p> @@ -24270,44 +24237,44 @@ Hatte er nicht immer gewarnt? <p> Diese ganze Offensive — glatter Wahnwitz! Unvermeidlich -große Verluste, eine unsinnige Verlängerung der Front +große Verluste, eine unsinnige Verlängerung der Front — keines der strategischen Ziele erreicht, der Angriff immer -mehr nach Süden abgeglitten. Der Durchstoß zum Meer, -die Abdrosselung der englischen Armee — alles mißglückt. +mehr nach Süden abgeglitten. Der Durchstoß zum Meer, +die Abdrosselung der englischen Armee — alles mißglückt. Und was hatten sie, die Frage war wohl erlaubt, abermals an der Marne zu suchen gehabt? Eine Riesenausbuchtung der Front, gespeist von einer einzigen schwachen Bahnlinie. -Wie? Weshalb? Unverständlich! +Wie? Weshalb? Unverständlich! </p> <p> -Aber selbst wenn diese verfehlte Offensive gelungen wäre, +Aber selbst wenn diese verfehlte Offensive gelungen wäre, angenommen — was dann? Sie hatten ja nichts mehr in der Hand — nichts mehr, um den Erfolg auszuwerten. Die -andern dagegen: Amerikas unerschöpfliches Reservoir an +andern dagegen: Amerikas unerschöpfliches Reservoir an lebendem und totem Material, kaum angebrochen — </p> <p> -„Ja, schlagen, diese Gottähnlichen —!“ +„Ja, schlagen, diese Gottähnlichen —!“ </p> <p> -Würde man ihm heute ein Frontkommando anbieten — +Würde man ihm heute ein Frontkommando anbieten — danke, danke ergebenst . . . </p> <p> -War er nicht immer dafür eingetreten, zurückzugehen auf +War er nicht immer dafür eingetreten, zurückzugehen auf befestigte Stellungen, zur Maas, zum Rhein, wenn es sein -mußte, und den Feind anlaufen zu lassen? Millionen hätten -sie noch opfern müssen! Jahrelang konnte man sich halten, -und eine ungeheure Manövrierarmee war frei für politisch-militärische -Aktionen in Italien, Mazedonien, der Türkei. +mußte, und den Feind anlaufen zu lassen? Millionen hätten +sie noch opfern müssen! Jahrelang konnte man sich halten, +und eine ungeheure Manövrierarmee war frei für politisch-militärische +Aktionen in Italien, Mazedonien, der Türkei. </p> <p> -Plötzlich aber blieb der General verwundert stehen: +Plötzlich aber blieb der General verwundert stehen: </p> <p> @@ -24328,12 +24295,12 @@ aufs Land reisen wollte. <p> Erfreut, Dora zu Hause zu wissen, trat er ein. Seine -Sorgen, die Gedanken, die ihn folterten, das Gefühl der +Sorgen, die Gedanken, die ihn folterten, das Gefühl der Einsamkeit, das ihn marterte in letzter Zeit — </p> <p> -Die Haustüre stand offen. Niemand war in der Diele, +Die Haustüre stand offen. Niemand war in der Diele, das Licht brannte. </p> @@ -24348,36 +24315,36 @@ Aber niemand kam. Stille. <p> Aus der oberen Etage, die dunkel lag, klang ein sonderbarer Ton. Wie das Klagen eines Vogels, der immer den -gleichen hilflosen, wehmütigen Schrei ausstößt, ein gefangener -Vogel, der den Tod fühlt und nur noch einen +gleichen hilflosen, wehmütigen Schrei ausstößt, ein gefangener +Vogel, der den Tod fühlt und nur noch einen Klagelaut hervorbringen kann. Eine Geige. Es war Hauptmann -v. Dönhoff, der zurzeit hier Wohnung genommen -hatte — bis er etwas Geeignetes fand. Zweihundert schöne +v. Dönhoff, der zurzeit hier Wohnung genommen +hatte — bis er etwas Geeignetes fand. Zweihundert schöne Frauen, zwei Elefanten und ein Nashorn — und jetzt trug er also eine schwarze Brille und fing an, die Geige zu lernen. -Er übte von früh bis nachts. +Er übte von früh bis nachts. </p> <p> -Der General legte ab und öffnete die Türe, die zum -Zeltzimmer führte. +Der General legte ab und öffnete die Türe, die zum +Zeltzimmer führte. </p> <p> -Auch in dem kleinen Vorraum brannte Licht. Der verzückte +Auch in dem kleinen Vorraum brannte Licht. Der verzückte Heilige in seinem zinnoberroten Rock schwang mit -rasender Gebärde sein Buch — ein blinder Spiegel — der +rasender Gebärde sein Buch — ein blinder Spiegel — der General schlug den Vorhang zur Seite — auch im Zeltzimmer war Licht, die blaue Deckenampel brannte. Aber niemand war zu sehen. </p> <p> -Da hörte er Doras Lachen und eine Männerstimme. +Da hörte er Doras Lachen und eine Männerstimme. </p> <p> -Er schrak zusammen. Hatte sie Gäste? Wer war hier? +Er schrak zusammen. Hatte sie Gäste? Wer war hier? Es war wohl besser, wieder hinauszugehen und Petersen zu suchen. Vielleicht war er im Garten? Ja, wo war er eigentlich, dieser Petersen, das Haus offen, jeder Einbrecher @@ -24385,53 +24352,53 @@ konnte hereinkommen. </p> <p> -Fern, ganz fern klang das monotone Klagen des unglücklichen, +Fern, ganz fern klang das monotone Klagen des unglücklichen, <a id="page-397" class="pagenum" title="397"></a> gemarterten Vogels, der seinen Schmerz in dem -ewig gleichen Ton ausdrückte. +ewig gleichen Ton ausdrückte. </p> <p> Der General war verwirrt. Es fiel ihm schwer, einen -Entschluß zu fassen. Schließlich — hatte Dora Geheimnisse -vor ihm? Plötzlich erinnerte er sich all der kleinen Widersprüche, -der unbedeutenden, gänzlich unbedeutenden Begebenheiten, +Entschluß zu fassen. Schließlich — hatte Dora Geheimnisse +vor ihm? Plötzlich erinnerte er sich all der kleinen Widersprüche, +der unbedeutenden, gänzlich unbedeutenden Begebenheiten, die ihn zuweilen, besonders in letzter Zeit beunruhigt hatten. Sie war also nicht auf dem Lande, und doch schrieb sie — </p> <p> -Ja, schwer einen Entschluß zu fassen. Wie viele Gäste +Ja, schwer einen Entschluß zu fassen. Wie viele Gäste mochten es sein? </p> <p> Er roch den Duft von brennendem Reisig. Dora liebte -es, mit Feuer zu tändeln und Reisig und Tannenwedel im +es, mit Feuer zu tändeln und Reisig und Tannenwedel im Kamin zu verbrennen. </p> <p> Schweigen da drinnen. Das Feuer knisterte — der -Feuerschein flackerte über den Boden, und der Vogel klagte +Feuerschein flackerte über den Boden, und der Vogel klagte in der Ferne. </p> <p> Der General wandte sich zum Gehen — aber da, gerade -in dem Augenblicke, da er den Fuß rückte, um hinauszugehen +in dem Augenblicke, da er den Fuß rückte, um hinauszugehen und Petersen zu suchen — gerade in diesem -Augenblick fesselte etwas seine Aufmerksamkeit im höchsten -Maße: in der lichten Spalte des Vorhangs, neben dem +Augenblick fesselte etwas seine Aufmerksamkeit im höchsten +Maße: in der lichten Spalte des Vorhangs, neben dem bauschigen schwarzen Kissen, das auf dem Teppich drinnen lag — erschien ein himbeerfarbener kleiner Seidenpantoffel. </p> <p> Er hypnotisierte den General. Dieser kleine Seidenpantoffel -bewegte sich, als sei er lebendig — ein Fuß wurde -sichtbar, ein Knöchel . . . trug sie fleischfarbene Seidenstrümpfe, +bewegte sich, als sei er lebendig — ein Fuß wurde +sichtbar, ein Knöchel . . . trug sie fleischfarbene Seidenstrümpfe, oder was war es? </p> @@ -24446,14 +24413,14 @@ Gewandes wurde sichtbar — <p> <a id="page-398" class="pagenum" title="398"></a> -„Das ist ganz unmöglich!“ sagte Dora laut und -offenbar etwas ärgerlich. „Ich bitte dich, gewisse Rücksichten +„Das ist ganz unmöglich!“ sagte Dora laut und +offenbar etwas ärgerlich. „Ich bitte dich, gewisse Rücksichten —“ </p> <p> -„Rücksichten?“ lachte eine Männerstimme. „Es ist töricht, -ewig Rücksichten zu nehmen, Dora!“ +„Rücksichten?“ lachte eine Männerstimme. „Es ist töricht, +ewig Rücksichten zu nehmen, Dora!“ </p> <p> @@ -24461,7 +24428,7 @@ Diese Stimme! Der General erbleichte. </p> <p> -Da knurrte ein Hündchen. Butzi, der Griffon, war erwacht +Da knurrte ein Hündchen. Butzi, der Griffon, war erwacht und knurrte. </p> @@ -24470,8 +24437,8 @@ und knurrte. </p> <p> -Aber Butzi schwieg nicht. Im Gegenteil, er begann plötzlich -mit heller Stimme wütend zu kläffen. +Aber Butzi schwieg nicht. Im Gegenteil, er begann plötzlich +mit heller Stimme wütend zu kläffen. </p> <p> @@ -24487,9 +24454,9 @@ Der himbeerrote Seidenschuh verschwand. </p> <p> -Der General wich zurück. Er war wie gelähmt. -Aber trotzdem wich er zurück. Doch schon war es zu -spät. Jemand stand auf, ein Schritt näherte sich, +Der General wich zurück. Er war wie gelähmt. +Aber trotzdem wich er zurück. Doch schon war es zu +spät. Jemand stand auf, ein Schritt näherte sich, lautlos — </p> @@ -24498,14 +24465,14 @@ lautlos — </p> <p class="first"> -<span class="firstchar">J</span>a, es war zu spät! Der lautlose Schritt war nun ganz +<span class="firstchar">J</span>a, es war zu spät! Der lautlose Schritt war nun ganz nahe. Und eine Hand raffte den Vorhang auf. </p> <p> -Der General wich noch einen Schritt rückwärts, soweit -ihn seine gelähmten Glieder trugen. Er rang nach Luft, -die Uniform schnürte seine Brust ein — plötzlich hörte die +Der General wich noch einen Schritt rückwärts, soweit +ihn seine gelähmten Glieder trugen. Er rang nach Luft, +die Uniform schnürte seine Brust ein — plötzlich hörte die Geige in der Ferne auf zu klagen. </p> @@ -24519,19 +24486,19 @@ Ja, was erschien da? <p> Es erschien eine, hochaufgerichtet, eine im ersten Moment -übersinnliche Erscheinung, gleißend wie Luzifer. Ein orientalischer -Priester, wenn man will, in einem gleißenden, -feuergelben Gewand, über das grellrote Drachen -züngelten. Mit bleichen Armen und einem bleichen bläulichen -Gesicht mit schneeweißen Augen. Hochaufgerichtet. +übersinnliche Erscheinung, gleißend wie Luzifer. Ein orientalischer +Priester, wenn man will, in einem gleißenden, +feuergelben Gewand, über das grellrote Drachen +züngelten. Mit bleichen Armen und einem bleichen bläulichen +Gesicht mit schneeweißen Augen. Hochaufgerichtet. Otto. </p> <p> -Luft — der General faßte sich. Er hatte die Stimme ja +Luft — der General faßte sich. Er hatte die Stimme ja <a id="page-399" class="pagenum" title="399"></a> -sofort erkannt. Auch er richtete sich auf, wuchs in die Höhe -und blickte in diese schneeweißen Augen. +sofort erkannt. Auch er richtete sich auf, wuchs in die Höhe +und blickte in diese schneeweißen Augen. </p> <p> @@ -24547,7 +24514,7 @@ ein kalter Glanz stieg aus ihrer Tiefe. <p> Diese Augen sprachen, und er verstand ganz deutlich, was -sie sagten! Sie glänzten verächtlich. +sie sagten! Sie glänzten verächtlich. </p> <p> @@ -24564,11 +24531,11 @@ Sehr interessant. Soll ich dich bei Dora anmelden? </p> <p> -Nun aber wurde der Glanz härter, kälter, eisig. +Nun aber wurde der Glanz härter, kälter, eisig. </p> <p> -Gut! Nun weißt du es! Was willst du noch? Gehe! +Gut! Nun weißt du es! Was willst du noch? Gehe! </p> <p> @@ -24576,42 +24543,42 @@ Ja, gehe! sagten sie, diese Augen. </p> <p> -Und nun blendeten sie plötzlich. +Und nun blendeten sie plötzlich. </p> <p> -Du kennst meine Gefühle für dich, oder? — Du weißt +Du kennst meine Gefühle für dich, oder? — Du weißt es — lange, lange! Ich ziehe die Konsequenzen, wenn du -willst — ich stehe zur Verfügung — jederzeit . . . +willst — ich stehe zur Verfügung — jederzeit . . . </p> <p> -Ja, das sagten also Ottos Augen — oder täuschte er +Ja, das sagten also Ottos Augen — oder täuschte er sich? </p> <p> -Der Vorhang floß über einem nackten Arm zusammen: +Der Vorhang floß über einem nackten Arm zusammen: die Erscheinung war verschwunden. </p> <p> -„Niemand ist hier!“ sagte Otto in gleichmütigem Ton, -hinter dem Vorhang, und Dora rief das Hündchen, das -immer noch kläffte, abermals zur Ruhe. +„Niemand ist hier!“ sagte Otto in gleichmütigem Ton, +hinter dem Vorhang, und Dora rief das Hündchen, das +immer noch kläffte, abermals zur Ruhe. </p> <p> Eine — zwei — drei Sekunden lang hatten die beiden -Hecht-Babenberg die Blicke gekreuzt. Nicht länger. +Hecht-Babenberg die Blicke gekreuzt. Nicht länger. </p> <p> -Mit rasender Gebärde schwingt der Heilige im roten Rock +Mit rasender Gebärde schwingt der Heilige im roten Rock sein Buch. Durch den blinden Spiegel gleitet ein Gesicht, wie aus Kreide geschnitten. Jemand tastet sich durch die Diele, eine schwarze Hornbrille auf der Nase — richtet -einige Sekunden die schwarzen Gläser auf ihn — oder war +einige Sekunden die schwarzen Gläser auf ihn — oder war es ein Gespenst? </p> @@ -24621,27 +24588,27 @@ es ein Gespenst? </h3> <p class="first"> -<span class="firstchar">Z</span>ur gleichen Stunde ging Ruth die Tiergartenstraße entlang, +<span class="firstchar">Z</span>ur gleichen Stunde ging Ruth die Tiergartenstraße entlang, ihrem Hause zu. Im Augenblick, da sie in das -kleine verstaubte und verwahrloste Vorgärtchen eintreten -wollte — sie hatte schon die Gittertüre in der Hand — +kleine verstaubte und verwahrloste Vorgärtchen eintreten +wollte — sie hatte schon die Gittertüre in der Hand — rief eine leise Stimme ihren Namen. </p> <p> -Sie hielt inne. Im Schatten der Bäume gegenüber -gestikulierte ein Schatten. Da sie zögerte, trat der Schatten +Sie hielt inne. Im Schatten der Bäume gegenüber +gestikulierte ein Schatten. Da sie zögerte, trat der Schatten einen Augenblick in den Lichtschein und winkte. </p> <p> -Ruth erkannte ihn. Zögernd überschritt sie den Fahrdamm. +Ruth erkannte ihn. Zögernd überschritt sie den Fahrdamm. Der Mond flog dahin, hoch oben, von feinen Schleierwolken umtanzt. </p> <p> -„Sie? Was wünschen Sie von mir?“ +„Sie? Was wünschen Sie von mir?“ </p> <p> @@ -24656,8 +24623,8 @@ lassen —“ </p> <p> -„Vieles ist unverständlich — aber man hat mich gewarnt -— ein hoher Herr ist ungehalten über mich. Man hat mir +„Vieles ist unverständlich — aber man hat mich gewarnt +— ein hoher Herr ist ungehalten über mich. Man hat mir gedroht, mich in ein Irrenhaus zu sperren, wenn ich mich noch einmal sehen lasse.“ </p> @@ -24668,10 +24635,10 @@ noch einmal sehen lasse.“ <p> „Tut auch nichts zur Sache. Nicht das wollte ich Ihnen -sagen. Können wir ein bißchen weiter — so, danke — -fürchten Sie nichts. Ich bin ein alter Mann, habe auch +sagen. Können wir ein bißchen weiter — so, danke — +fürchten Sie nichts. Ich bin ein alter Mann, habe auch nichts getrunken heute. Mit Absicht. All diese Tage nicht. -Ja, neulich — ich habe mich geschämt — aber gerade weil +Ja, neulich — ich habe mich geschämt — aber gerade weil ich in diesem Zustand war, habe ich etwas zu sagen vergessen — etwas sehr Wichtiges.“ </p> @@ -24703,72 +24670,72 @@ Schritte. So.“ </p> <p> -Flüstern im Dunkeln. +Flüstern im Dunkeln. </p> <p> „Nicht ich allein also, sondern gleichzeitig — vielleicht -sogar früher, ich weiß es nicht — aber es galt gar nicht ihm, +sogar früher, ich weiß es nicht — aber es galt gar nicht ihm, sondern Ihnen.“ </p> <p> -Flüstern. Plötzlich ein Schrei. Es ist Ruth, die schreit. +Flüstern. Plötzlich ein Schrei. Es ist Ruth, die schreit. </p> <p> -„Unmöglich! Unmöglich! Unmöglich!“ +„Unmöglich! Unmöglich! Unmöglich!“ </p> <p> -„Ich bitte Sie, gnädiges Fräulein — gehen wir — gerade +„Ich bitte Sie, gnädiges Fräulein — gehen wir — gerade kommt — so, ein paar Schritte —“ </p> <p> -„Ganz unmöglich!“ +„Ganz unmöglich!“ </p> <p> -„Ich schwöre! Der Agent sagte es mir.“ +„Ich schwöre! Der Agent sagte es mir.“ </p> <p> -Flüstern. Raunen. Wieder bewegen sich die Schatten -im Dunkel der Bäume vorwärts. +Flüstern. Raunen. Wieder bewegen sich die Schatten +im Dunkel der Bäume vorwärts. </p> <p> -Plötzlich bleibt Ruth stehen. +Plötzlich bleibt Ruth stehen. </p> <p> -„Schwören Sie mir —!“ +„Schwören Sie mir —!“ </p> <p> -„Ich schwöre!“ +„Ich schwöre!“ </p> <p> -„Schwören Sie mir — bei Ihrem Sohn, der gefallen ist —“ +„Schwören Sie mir — bei Ihrem Sohn, der gefallen ist —“ </p> <p> -„Ich schwöre!“ +„Ich schwöre!“ </p> <p> -„Beim Andenken Ihrer Frau — schwören Sie —“ +„Beim Andenken Ihrer Frau — schwören Sie —“ </p> <p> -„Ich schwöre!“ +„Ich schwöre!“ </p> <p> -„Hören Sie: Sie sollen ewig verflucht sein, wenn Sie -lügen —“ +„Hören Sie: Sie sollen ewig verflucht sein, wenn Sie +lügen —“ </p> <p> @@ -24776,7 +24743,7 @@ lügen —“ </p> <p> -Ruth schlägt die Hände vors Gesicht und läuft in die +Ruth schlägt die Hände vors Gesicht und läuft in die Finsternis des Parkes hinein. — </p> @@ -24785,53 +24752,53 @@ Finsternis des Parkes hinein. — </p> <p class="first"> -<span class="firstchar">D</span>er Mond flog über den finstern Himmel, durch brodelnde -Wolken hindurch. Aber schließlich kam er nicht mehr +<span class="firstchar">D</span>er Mond flog über den finstern Himmel, durch brodelnde +Wolken hindurch. Aber schließlich kam er nicht mehr von der Stelle. Er blieb in einer pechschwarzen Wolke -stecken, und endlich verschwand er vollkommen. Die Bäume -des Tiergartens neigten die Wipfel — ein Windstoß pfiff -über sie dahin. +stecken, und endlich verschwand er vollkommen. Die Bäume +des Tiergartens neigten die Wipfel — ein Windstoß pfiff +über sie dahin. </p> <p> -In völliger Dunkelheit lag plötzlich die Stadt, schwarz +In völliger Dunkelheit lag plötzlich die Stadt, schwarz <a id="page-402" class="pagenum" title="402"></a> und leblos, wie der Kadaver eines stachligen Riesentieres, -das auf dem Marsch durch die Rübenfelder und Kartoffeläcker -verendet war und faulte. So lag sie zwei, drei, fünf +das auf dem Marsch durch die Rübenfelder und Kartoffeläcker +verendet war und faulte. So lag sie zwei, drei, fünf Minuten, dann aber verschwand sie in einer ungeheuren -Staubwolke, die aus den Straßenschluchten emporschlug. +Staubwolke, die aus den Straßenschluchten emporschlug. Ein Gewirr von Blitzen griff nach ihr, umklammerte sie, um sie zu vernichten. Der Donner knatterte. </p> <p> -Plötzlich begannen die verspäteten Passanten erschrocken +Plötzlich begannen die verspäteten Passanten erschrocken dahinzueilen! Nein, nicht das Wetter war es! Etwas ganz anderes — </p> <p> -Durch die dunkeln Straßenschluchten flatterte — in unheimlicher -Eile — ein weiter, heller Soldatenmantel. Glänzende -Hände, glänzend im Schein der Blitze, pochten -donnernd an die Türen der Häuser: Auf, auf, ihr Schläfer, -die Stunde ist gekommen! Die glänzenden Hände berührten -die Schultern der Dahineilenden, daß sie erbleichten: -Zögert nicht länger! An den schwarzen Scheiben der -finstern Häuser fuhr ein glänzendes Antlitz vorbei: Schon +Durch die dunkeln Straßenschluchten flatterte — in unheimlicher +Eile — ein weiter, heller Soldatenmantel. Glänzende +Hände, glänzend im Schein der Blitze, pochten +donnernd an die Türen der Häuser: Auf, auf, ihr Schläfer, +die Stunde ist gekommen! Die glänzenden Hände berührten +die Schultern der Dahineilenden, daß sie erbleichten: +Zögert nicht länger! An den schwarzen Scheiben der +finstern Häuser fuhr ein glänzendes Antlitz vorbei: Schon sind sie unterwegs die Boten des neuen Reichs. Seid bereit! </p> <p> Da trug der Wirbelwind den flatternden Soldatenmantel -in die Höhe, und die glänzenden Hände, das glänzende -Antlitz flogen mit rasender Schnelligkeit über die Dächer +in die Höhe, und die glänzenden Hände, das glänzende +Antlitz flogen mit rasender Schnelligkeit über die Dächer der Stadt dahin. </p> <p> -Was war es? Was für Dinge geschahen in dieser +Was war es? Was für Dinge geschahen in dieser Stadt —? </p> @@ -24840,14 +24807,14 @@ Nun rauschte der Regen. </p> <p> -Die Schutzleute flüchteten, die Diebe und Einbrecher +Die Schutzleute flüchteten, die Diebe und Einbrecher huschten in Torbogen — sonst war niemand mehr auf der -Straße. +Straße. </p> <p> -Ein herrlicher, wunderbarer Regen, kalt, klar, rücksichtslos -stürzte aus dem schwarzen Himmel. +Ein herrlicher, wunderbarer Regen, kalt, klar, rücksichtslos +stürzte aus dem schwarzen Himmel. </p> <p class="tb"> @@ -24855,15 +24822,15 @@ stürzte aus dem schwarzen Himmel. </p> <p class="first"> -<span class="firstchar">H</span>auptmann v. Dönhoff stand unter einer Haustüre am +<span class="firstchar">H</span>auptmann v. Dönhoff stand unter einer Haustüre am Ende der Lessingallee. Weiter war er nicht gekommen, -das Wetter hatte ihn überrascht. +das Wetter hatte ihn überrascht. </p> <p> <a id="page-403" class="pagenum" title="403"></a> -Hier stand er nun und lauschte glückselig auf das Rauschen -des Regens und das Krachen der Donnerschläge. Ja, ganz +Hier stand er nun und lauschte glückselig auf das Rauschen +des Regens und das Krachen der Donnerschläge. Ja, ganz wunderbar! </p> @@ -24872,7 +24839,7 @@ Da — eine Droschke klapperte dahin. </p> <p> -„He, Kutscher — hundert Mark für die Fahrt!“ +„He, Kutscher — hundert Mark für die Fahrt!“ </p> <p> @@ -24888,11 +24855,11 @@ Es war wieder nichts. Die Pferdehufe klappten weiter. </p> <p> -Ah, endlich hatte er Glück. Die Droschke hielt. +Ah, endlich hatte er Glück. Die Droschke hielt. </p> <p> -Hauptmann v. Dönhoff, mit der schwarzen Brille auf +Hauptmann v. Dönhoff, mit der schwarzen Brille auf der Nase, tastete sich durch den Regen. „Wo sind Sie denn? Ich sehe etwas schlecht.“ </p> @@ -24902,46 +24869,46 @@ Ich sehe etwas schlecht.“ </p> <p> -Langsam schaukelte die Droschke durch die Sintflut. Dönhoff +Langsam schaukelte die Droschke durch die Sintflut. Dönhoff streckte die Nase durch das Fenster und schnupperte. Herrlich diese Luft, herrlich dieser Regen und geradezu berauschend -das Knattern des Donners. Endlich etwas Lärm! -Die Straßen waren wie reingefegt. Nur dann und wann +das Knattern des Donners. Endlich etwas Lärm! +Die Straßen waren wie reingefegt. Nur dann und wann das Klatschen von Pferdehufen und das Rasseln eines -eisernen Ungeheuers, das Dönhoff als ein Auto feststellte. +eisernen Ungeheuers, das Dönhoff als ein Auto feststellte. </p> <p> Endlos war diese Reise in das Bayrische Viertel, aber -ein Hochgenuß. Zum ersten Male verließ er sein Zimmer in -der roten Backsteinvilla, wo keine Seele sich um ihn kümmerte. -Frei! Frei! Er zündete sich eine Zigarette an, verbrannte +ein Hochgenuß. Zum ersten Male verließ er sein Zimmer in +der roten Backsteinvilla, wo keine Seele sich um ihn kümmerte. +Frei! Frei! Er zündete sich eine Zigarette an, verbrannte sich etwas die Nasenspitze, aber das schadete nichts. Wie eine Reise erschien ihm diese Droschkenfahrt durch das dunkle, regenrauschende Berlin. </p> <p> -Da hielt die Droschke, und Dönhoff kroch heraus. +Da hielt die Droschke, und Dönhoff kroch heraus. </p> <p> -„Und nun, mein Freund, eine große Gefälligkeit, da ich -schlecht sehe — klingeln Sie den Portier heraus. Ich möchte -zu Fräulein Alexa Alexandra.“ +„Und nun, mein Freund, eine große Gefälligkeit, da ich +schlecht sehe — klingeln Sie den Portier heraus. Ich möchte +zu Fräulein Alexa Alexandra.“ </p> <p> -Alexa Alexandra? Eine Tänzerin, das heißt weniger -eine Tänzerin als eine Dame. Früher war er befreundet -mit ihr, er hatte sie gewissermaßen entdeckt, kreiert. Petersen +Alexa Alexandra? Eine Tänzerin, das heißt weniger +eine Tänzerin als eine Dame. Früher war er befreundet +mit ihr, er hatte sie gewissermaßen entdeckt, kreiert. Petersen hatte ihm im Telephonbuch ihre jetzige Adresse aufgesucht. </p> <p> <a id="page-404" class="pagenum" title="404"></a> -Der Kutscher steckte sein Benzinfeuerzeug in Brand, überzeugte -sich, daß die Banknote echt war, und begann den +Der Kutscher steckte sein Benzinfeuerzeug in Brand, überzeugte +sich, daß die Banknote echt war, und begann den Portier herauszuklingeln. </p> @@ -24959,171 +24926,171 @@ hinauf. </p> <p> -Offenbar hatte Alexa Gesellschaft — Lachen, Händeklatschen, +Offenbar hatte Alexa Gesellschaft — Lachen, Händeklatschen, ein sehr lauter Phonograph, Stampfen — das traf sich ausgezeichnet. </p> <p> -Die Türe öffnete sich, und Dönhoff bat der Dame des -Hauses zu sagen, daß „Rinaldo“ vor der Tür stände und sie +Die Türe öffnete sich, und Dönhoff bat der Dame des +Hauses zu sagen, daß „Rinaldo“ vor der Tür stände und sie erwarte. „Rinaldo! Sonst nichts! Sie kennen doch den -berühmten Räuberhauptmann? Ich bin es!“ +berühmten Räuberhauptmann? Ich bin es!“ </p> <p> -Ah! Dönhoffs Herz pochte — es hatte nicht so laut gepocht, +Ah! Dönhoffs Herz pochte — es hatte nicht so laut gepocht, als die Granaten einschlugen — ein Ausruf, ein Schrei! „Rinaldo! Wirklich?“ Und zwei Arme umschlangen -Dönhoffs Hals, zwei weiche, gepuderte, duftende Arme. +Dönhoffs Hals, zwei weiche, gepuderte, duftende Arme. </p> <p> -„Rinaldo, Lieber, Liebster! Welche Überraschung!“ +„Rinaldo, Lieber, Liebster! Welche Überraschung!“ </p> <p> -Aber sofort hatte Alexa herausgefunden, daß diese Sache +Aber sofort hatte Alexa herausgefunden, daß diese Sache mit den schlechten Augen auffallend war, diese entsetzliche schwarze Brille! </p> <p> -Sie schob diese Brille mißtrauisch in die Höhe — und da +Sie schob diese Brille mißtrauisch in die Höhe — und da waren also, wo sonst die Augen sind, wo sonst diese Augen -waren, sie kannte diese frechen Augen — zwei rote Nähte, +waren, sie kannte diese frechen Augen — zwei rote Nähte, keine Augen mehr. </p> <p> -Alexa stieß entsetzte Schreie aus. „Mein Gott, was haben +Alexa stieß entsetzte Schreie aus. „Mein Gott, was haben sie mit dir gemacht?“ </p> <p> -Sie weinte und stampfte mit den Füßen. +Sie weinte und stampfte mit den Füßen. </p> <p> „Ah, diese Schurken!“ schrie sie — und der laute Phonograph spielte einen Two-step — „Sie haben ihn blind geschossen!“ -Und sie drückte ein paar rasche Küsse auf diese -roten Nähte, wo die Augen früher saßen. +Und sie drückte ein paar rasche Küsse auf diese +roten Nähte, wo die Augen früher saßen. </p> <p> „Meine Herrschaften!“ — der Phonograph schwieg — „Ich stelle Ihnen hier meinen Freund vor, meinen lieben <a id="page-405" class="pagenum" title="405"></a> -alten Freund, Baron Dönhoff — ein lieber Junge! Er +alten Freund, Baron Dönhoff — ein lieber Junge! Er ist blind — diese Schurken von Franzosen haben ihn blind -geschossen! Er ist der berühmte Herrenreiter Dönhoff. Sie +geschossen! Er ist der berühmte Herrenreiter Dönhoff. Sie erinnern sich, meine Herren — er gewann so viele Rennen — Kitty, gehe weg — nun ist er also wieder in Berlin — ja, hier bist du zu Hause, du lieber Junge!“ </p> <p> -Dönhoff lächelte verlegen. Er schämte sich. +Dönhoff lächelte verlegen. Er schämte sich. </p> <p> -Die Alexa küßte ihn, und er fühlte, wie ihre Tränen seine -Wangen näßten. „Noch etwas — ladies and gentlemen — -er wünscht nicht, daß man auf ihn die geringste Rücksicht +Die Alexa küßte ihn, und er fühlte, wie ihre Tränen seine +Wangen näßten. „Noch etwas — ladies and gentlemen — +er wünscht nicht, daß man auf ihn die geringste Rücksicht nimmt. Also weiter!“ </p> <p> -Der Phonograph ertönte wieder — die Füße, die Schuhe -schlürften. +Der Phonograph ertönte wieder — die Füße, die Schuhe +schlürften. </p> <p> -Die Alexa führte ihn in eine Ecke zu einer Ottomane. -Parfüm, allerlei Essenzen, der Geruch eines scharfen Punsches, -Musik und dicht an ihm vorbei flatterten die Röcke. +Die Alexa führte ihn in eine Ecke zu einer Ottomane. +Parfüm, allerlei Essenzen, der Geruch eines scharfen Punsches, +Musik und dicht an ihm vorbei flatterten die Röcke. </p> <p> -„Ganz ungestört sollst du hier sein, du lieber Junge. Du +„Ganz ungestört sollst du hier sein, du lieber Junge. Du bist zu Hause und kannst es dir ruhig bequem machen. Siehst du denn gar nichts mehr? Nein! Oh, diese elenden -Schurken! Hören Sie, Doktor, geben Sie ein Glas Sekt -für Baron Dönhoff — vielleicht haben Sie Geld gewonnen, +Schurken! Hören Sie, Doktor, geben Sie ein Glas Sekt +für Baron Dönhoff — vielleicht haben Sie Geld gewonnen, als Sie seinerzeit auf ihn setzten? Er gewann fast immer, -ach, das waren Zeiten! Im ganzen sind fünfzehn Menschen -hier, Rinaldo, sechs, sieben Damen. Ich werde sie dir vorführen. +ach, das waren Zeiten! Im ganzen sind fünfzehn Menschen +hier, Rinaldo, sechs, sieben Damen. Ich werde sie dir vorführen. Lola!“ </p> <p> „Hier also, das ist die kleine Lola. Sie ist eine Ungarin eigentlich. Sie ist ganz schwarz, und ihre Brauen wachsen -zusammen. Aber sie ist eine ganz kühle Person, ganz und +zusammen. Aber sie ist eine ganz kühle Person, ganz und gar nicht sinnlich — oder, Lola? Ja, so komm doch dicht an ihn heran. Verstehst du mich, er sieht ja nichts, er ist blind. Sei lieb zu ihm, sei nett — er ist nett zu mir gewesen, -vor zehn Jahren, als ich noch Verkäuferin war und -am Sonnabend in Halensee tanzte — ja, fühle nur, die -Brauen wachsen tatsächlich zusammen — fühle nur — küsse -ihn, Lola, du mußt nett zu ihm sein.“ +vor zehn Jahren, als ich noch Verkäuferin war und +am Sonnabend in Halensee tanzte — ja, fühle nur, die +Brauen wachsen tatsächlich zusammen — fühle nur — küsse +ihn, Lola, du mußt nett zu ihm sein.“ </p> <p> <a id="page-406" class="pagenum" title="406"></a> -Und Lola küßte Dönhoff und streichelte ihn. +Und Lola küßte Dönhoff und streichelte ihn. </p> <p> -„Das hier ist Fiffi — wie nett, sie kniet vor dir. Küsse +„Das hier ist Fiffi — wie nett, sie kniet vor dir. Küsse sie, so! Sie ist die Freundin dieses kleinen Schwarzen dort, -der mit dem Monokel, die beste Tangotänzerin in Berlin. -Sie ist blond, aber ihre Haare sind gefärbt — Fiffi — er -sieht doch nicht, er ist blind, ich muß ihm also alles beschreiben. +der mit dem Monokel, die beste Tangotänzerin in Berlin. +Sie ist blond, aber ihre Haare sind gefärbt — Fiffi — er +sieht doch nicht, er ist blind, ich muß ihm also alles beschreiben. Sie tanzt wunderbar und hat zwei erste Preise gewonnen.“ </p> <p> -„Und hier, das ist Thea — sie ist etwas üppig — aber -Thea, er sieht doch nicht! — sie hat ganz große blaue Augen -und filmt. Du würdest dich in sie verliebt haben, weil sie -so drollig ist. Küsse ihn, Thea, er ist ein so lieber Junge!“ +„Und hier, das ist Thea — sie ist etwas üppig — aber +Thea, er sieht doch nicht! — sie hat ganz große blaue Augen +und filmt. Du würdest dich in sie verliebt haben, weil sie +so drollig ist. Küsse ihn, Thea, er ist ein so lieber Junge!“ </p> <p> „Und das hier — Rolli — come along! — Rolli — ein kleiner Teufel! Siehst du, sie bringt dir gleich Punsch mit! -Sie ist erst achtzehn Jahre alt, aber schon völlig verdorben. -Pfui, Rolli — beherrsche dich doch! Aber sie ist sehr süß. -Sie hat, nun dir darf ich es ja sagen, eine kleine Schwäche -für Frauen und kennt die Damen der höchsten Gesellschaft. +Sie ist erst achtzehn Jahre alt, aber schon völlig verdorben. +Pfui, Rolli — beherrsche dich doch! Aber sie ist sehr süß. +Sie hat, nun dir darf ich es ja sagen, eine kleine Schwäche +für Frauen und kennt die Damen der höchsten Gesellschaft. Ihr Freund ist ein Dichter. Siehst du, sie trinkt an derselben Stelle des Glases, wo du getrunken hast. Sie will dir -zeigen, wie lieb sie dich hat. Ja, das also ist der berühmte -Rinaldo — nun entstellt ihn ja diese häßliche Brille etwas, -aber man gewöhnt sich ja rasch!“ +zeigen, wie lieb sie dich hat. Ja, das also ist der berühmte +Rinaldo — nun entstellt ihn ja diese häßliche Brille etwas, +aber man gewöhnt sich ja rasch!“ </p> <p> -„Und das hier — Reh — sie heißt Rebekka — Reh, komm -hierher. Siehst du, sie ist ein Kind. Sie hat Tränen in den -Augen. Aber sie ist auch ein bißchen angetrunken. Reh! -Was tust du? Ach, siehst du, sie weint. Küsse ihn, so, so, -küsse ihn. Er sieht ja nicht, man muß nett zu ihm sein.“ +„Und das hier — Reh — sie heißt Rebekka — Reh, komm +hierher. Siehst du, sie ist ein Kind. Sie hat Tränen in den +Augen. Aber sie ist auch ein bißchen angetrunken. Reh! +Was tust du? Ach, siehst du, sie weint. Küsse ihn, so, so, +küsse ihn. Er sieht ja nicht, man muß nett zu ihm sein.“ </p> <p> -„Du siehst, wie sie dich hier verwöhnen. Das ist Blanche, +„Du siehst, wie sie dich hier verwöhnen. Das ist Blanche, und sie bringt dir ein Pralinee. Stecke es ihm doch in den -Mund! Blanche heiratet übermorgen, und dann werden +Mund! Blanche heiratet übermorgen, und dann werden wir Tag und Nacht bei ihr tanzen. Sie heiratet einen Sattler, der im Kriege sieben Millionen verdient hat. Ja, -reizend wird es bei ihr werden. Fühle nur ihre Ringe. -Fühle doch. Alles echte Steine, aber er ist so verschossen in +reizend wird es bei ihr werden. Fühle nur ihre Ringe. +Fühle doch. Alles echte Steine, aber er ist so verschossen in <a id="page-407" class="pagenum" title="407"></a> -sie. Fühle doch ihre Wangen. Hast du je so etwas Sanftes -gefühlt? Ihr Teint ist herrlich. Fühle ihre Hüften — was +sie. Fühle doch ihre Wangen. Hast du je so etwas Sanftes +gefühlt? Ihr Teint ist herrlich. Fühle ihre Hüften — was sagst du? — Ah, siehst du, Rinaldo —“ </p> @@ -25132,79 +25099,79 @@ sagst du? — Ah, siehst du, Rinaldo —“ </h3> <p class="first"> -<span class="firstchar">A</span>llmählich wurden die Donnerschläge schwächer, das Gewitter +<span class="firstchar">A</span>llmählich wurden die Donnerschläge schwächer, das Gewitter zog langsam ab. </p> <p> Erst nachdem der General ungeduldig wurde und seinen -Titel nannte, erhielt er telephonischen Anschluß. Augenblicklich +Titel nannte, erhielt er telephonischen Anschluß. Augenblicklich meldete sich Major Wolff, der Nachtdienst hatte. </p> <p> -Der General ließ sich Vortrag halten. Wolff las die -wichtigsten Telegramme vor, die wichtigsten Eingänge — +Der General ließ sich Vortrag halten. Wolff las die +wichtigsten Telegramme vor, die wichtigsten Eingänge — eine volle Stunde sprach der General am Telephon. Das -Gewitter sog an den Drähten, zuweilen klang die Stimme -Wolffs ganz fern und klein. Um jede Kleinigkeit kümmerte -sich der General. Er gab mit kühler, klarer Stimme Anordnungen -— schließlich aber war alles erledigt. Bitte -morgen um einhalb acht um telephonischen Anruf. Schluß +Gewitter sog an den Drähten, zuweilen klang die Stimme +Wolffs ganz fern und klein. Um jede Kleinigkeit kümmerte +sich der General. Er gab mit kühler, klarer Stimme Anordnungen +— schließlich aber war alles erledigt. Bitte +morgen um einhalb acht um telephonischen Anruf. Schluß und gute Nacht! </p> <p> Augenblicklich vertiefte sich der General wieder in die -Aktenstücke, ohne aufzublicken. Ja, nun waren sie alle erledigt. -Nochmals breitete er die große Karte über den -Schreibtisch. Staubecken, Überschwemmungsgelände, natürliche -Hindernisse — es mußte schließlich noch in letzter -Stunde gelingen, den Riesenkörper der Armee rückwärts -zu leiten. Vielleicht verführte ihn der gegenwärtige Zustand +Aktenstücke, ohne aufzublicken. Ja, nun waren sie alle erledigt. +Nochmals breitete er die große Karte über den +Schreibtisch. Staubecken, Überschwemmungsgelände, natürliche +Hindernisse — es mußte schließlich noch in letzter +Stunde gelingen, den Riesenkörper der Armee rückwärts +zu leiten. Vielleicht verführte ihn der gegenwärtige Zustand seiner Nerven zu einer allzu pessimistischen Beurteilung der Lage. </p> <p> Der General war noch in voller Uniform, er hatte sich nicht -umgekleidet. Und immer noch rauschte draußen der Regen. +umgekleidet. Und immer noch rauschte draußen der Regen. </p> <p> Auch die strategische Betrachtung war nun abgeschlossen. -Er warf noch eine Anzahl Notizen auf den Block, für morgen. +Er warf noch eine Anzahl Notizen auf den Block, für morgen. Ja, nun war alles Dienstliche erledigt. </p> <p> <a id="page-408" class="pagenum" title="408"></a> Ohne jede Unterbrechung, voller Hast, begann der -General plötzlich einen Brief aufs Papier zu werfen. +General plötzlich einen Brief aufs Papier zu werfen. </p> <p> -Während des einstündigen Telephongespräches, während +Während des einstündigen Telephongespräches, während er die strategische Lage analysierte — immer hatte er nur an diesen Brief gedacht, um die Wahrheit zu sagen. Er -hatte ihn völlig im Kopfe entworfen, und nun rasch, rasch, +hatte ihn völlig im Kopfe entworfen, und nun rasch, rasch, um die Sache zu Ende zu bringen. </p> <p> -Ein Vermögen . . . +Ein Vermögen . . . </p> <p> -Nun — das war ja schließlich das wenigste! +Nun — das war ja schließlich das wenigste! </p> <p> -Aber schon fühlte er Unruhe. Gemurmel in den Ohren, -Stimmen, die von innen heraus kamen, nicht von außen +Aber schon fühlte er Unruhe. Gemurmel in den Ohren, +Stimmen, die von innen heraus kamen, nicht von außen her, und absurde Worte raunten. Sein Herz schlug, es pochte in der Brust, im Kopf, in den Armen, im Schenkel. -Die Wände klafften, das starre Auge blickte durch die +Die Wände klafften, das starre Auge blickte durch die Spalten in die schwarze Finsternis, leer, tot, kalt und unendlich wie der Raum zwischen den Sternen. Erschauernd schob er den Schreibtisch weit von sich und sprang auf. @@ -25217,7 +25184,7 @@ Licht! <p> Lauten Schrittes, absichtlich ging er ganz laut, wanderte er durch die Zimmer. Er sprach abgerissene Worte vor -sich hin, lachte mit geschlossenen Zähnen. +sich hin, lachte mit geschlossenen Zähnen. </p> <p> @@ -25229,29 +25196,29 @@ wie?“ Grau sein Gesicht. Er vermied es, in die Spiegel zu blicken — aber doch, ohne es zu wollen, sah er immer wieder ein graues Gesicht durch die Spiegel wandern. Er schlich -dahin, gebeugt, scheu, verfolgt. Geflüster kroch über die -Wände, die toten Dinge begannen sich zu winden, das Licht +dahin, gebeugt, scheu, verfolgt. Geflüster kroch über die +Wände, die toten Dinge begannen sich zu winden, das Licht blinzelte. </p> <p> -Im Salon hing sein Porträt, gemalt kurz vor dem Kriege. -Von einem Schützling von — ihr! Aus Gefälligkeit hatte +Im Salon hing sein Porträt, gemalt kurz vor dem Kriege. +Von einem Schützling von — ihr! Aus Gefälligkeit hatte er sich malen lassen, er gab sonst nichts auf moderne Malerei. -Früher war er jahrelang Mitglied eines Kunstvereins gewesen, -dem hoher Adel und Grundbesitz angehörte, man -zahlte zwanzig Mark Jahresbeitrag und erhielt dafür jedes +Früher war er jahrelang Mitglied eines Kunstvereins gewesen, +dem hoher Adel und Grundbesitz angehörte, man +zahlte zwanzig Mark Jahresbeitrag und erhielt dafür jedes <a id="page-409" class="pagenum" title="409"></a> -Jahr irgendein Kunstblatt. Längst war er ausgetreten, aber -da sie es gewünscht hatte — +Jahr irgendein Kunstblatt. Längst war er ausgetreten, aber +da sie es gewünscht hatte — </p> <p> -Die Hände auf das Schwert gestützt, hatte ihn der Künstler +Die Hände auf das Schwert gestützt, hatte ihn der Künstler dargestellt. Das Gesicht war kantig, hart, entschlossen. -Trotz der angegrauten Schläfen blühend von Gesundheit +Trotz der angegrauten Schläfen blühend von Gesundheit und Kraft. Der Blick voller Festigkeit und Ziel. Vielleicht -ein bißchen geschmeichelt das ganze Bild. +ein bißchen geschmeichelt das ganze Bild. </p> <p> @@ -25260,30 +25227,30 @@ Trotzdem, diese letzten vier Jahre waren wie ein Jahrzehnt. <p> Grau und erdig sah er sein Gesicht durch die Spiegel -gleiten, obgleich er es vermied, hinzusehen. Auch sein Rücken, -die Linie seines Rückens — sie schien ihm gebogen zu sein, +gleiten, obgleich er es vermied, hinzusehen. Auch sein Rücken, +die Linie seines Rückens — sie schien ihm gebogen zu sein, obgleich er nicht hinsah, sondern den Blick abwandte. </p> <p> -Dieselben Hände, die in kraftbewußter Lässigkeit auf -dem Schwertknauf ruhten, sie waren heute die Hände eines -alten Mannes. Die Haut hatte eine fahle Färbung, die -Adern auf den Handrücken waren geschwollen. +Dieselben Hände, die in kraftbewußter Lässigkeit auf +dem Schwertknauf ruhten, sie waren heute die Hände eines +alten Mannes. Die Haut hatte eine fahle Färbung, die +Adern auf den Handrücken waren geschwollen. </p> <p> Ja, kaum war er den Hauptmannsjahren entwachsen — und schon war er alt! Und doch sah er sich noch als Leutnant -vor sich! Seine für damalige Verhältnisse etwas +vor sich! Seine für damalige Verhältnisse etwas stutzerhafte Uniform. Und doch sah er sich noch als Kadett vor sich, ganz deutlich, mit dem kleinen Seitengewehr und -der altmodischen hohen Mütze. +der altmodischen hohen Mütze. </p> <p> Seit seinem zehnten Lebensjahre trug der General das -farbige Tuch. Zivilkleidung hatte er nur höchst selten getragen, +farbige Tuch. Zivilkleidung hatte er nur höchst selten getragen, vielleicht einmal einen Jagdanzug auf dem Lande. </p> @@ -25291,11 +25258,11 @@ vielleicht einmal einen Jagdanzug auf dem Lande. Mit zehn Jahren war er Kadett, mit achtzehn Leutnant, dann Hauptmann, dann Major, Oberstleutnant, Oberst, Regimentskommandeur. Im Sturmschritt hatte er alle -Ränge durchlaufen — aber es schien ihm, als sei er eigentlich +Ränge durchlaufen — aber es schien ihm, als sei er eigentlich immer der gleiche gewesen, nur mit verschiedenen Rangabzeichen versehen. Seine Welt, seine Weltanschauung, seine Auffassung von Dienst, Vorgesetzten, Pflicht, -Religion, Vaterland — sie hatten sich nicht geändert. Der +Religion, Vaterland — sie hatten sich nicht geändert. Der Leutnant der gleiche wie der General. </p> @@ -25308,36 +25275,36 @@ nicht, nein. Nie jung, und schon wurde er alt! <p> Er drehte im Salon das Licht aus, um nicht mehr das zuversichtliche kraftstrotzende Gesicht des Offiziers mit den -Ordenssternen sehen zu müssen — jugendlich trotz der angegrauten -Schläfen. +Ordenssternen sehen zu müssen — jugendlich trotz der angegrauten +Schläfen. </p> <p> -Ja, ja, ja — keine Beschönigung, Mut! Otto, sein Sohn -— ein Ehrloser! Er hatte ja seinerzeit im Frühjahr, als -diese Geschichte mit der Hand passierte, sofort gewußt, ja, -gewußt, augenblicklich und instinktiv, worum es sich in Wahrheit +Ja, ja, ja — keine Beschönigung, Mut! Otto, sein Sohn +— ein Ehrloser! Er hatte ja seinerzeit im Frühjahr, als +diese Geschichte mit der Hand passierte, sofort gewußt, ja, +gewußt, augenblicklich und instinktiv, worum es sich in Wahrheit handelte! Aber er hatte nicht gewagt, es zu glauben. Offizier — ein Hecht-Babenberg — und doch! Ja, nun -wußte er alles . . . +wußte er alles . . . </p> <p> -Der General kehrte wieder zum Schreibtisch zurück. +Der General kehrte wieder zum Schreibtisch zurück. </p> <p> -Ja, ein Vermögen, diese Frau — in der Tat, Rothwasser . . . +Ja, ein Vermögen, diese Frau — in der Tat, Rothwasser . . . Ihre Augen strahlten Reinheit, Treue, Unschuld. Es gab niemand, dessen Lachen und Stimme allein -ein solches Maß von Vertrauen erweckte! Ihre Offenheit, -ihre kindliche Naivität, ihre Unbefangenheit und Harmlosigkeit, -unmöglich, gänzlich unmöglich — er hätte die Hand -für sie ins Feuer gelegt. +ein solches Maß von Vertrauen erweckte! Ihre Offenheit, +ihre kindliche Naivität, ihre Unbefangenheit und Harmlosigkeit, +unmöglich, gänzlich unmöglich — er hätte die Hand +für sie ins Feuer gelegt. </p> <p> -Daß ihn seine Menschenkenntnis so trügen konnte! +Daß ihn seine Menschenkenntnis so trügen konnte! </p> <p> @@ -25346,7 +25313,7 @@ Nein! Er legte die Feder weg. Schweigen, Schweigen </p> <p> -Plötzlich horchte er betroffen auf. Eine Stimme! +Plötzlich horchte er betroffen auf. Eine Stimme! </p> <p> @@ -25354,8 +25321,8 @@ Diese Stimme? </p> <p> -Langsam und heiß stieg ihm das Blut in den Kopf. Die -Adern an den Schläfen zuckten. +Langsam und heiß stieg ihm das Blut in den Kopf. Die +Adern an den Schläfen zuckten. </p> <p> @@ -25364,52 +25331,52 @@ Ottos Stimme! Er rief nach dem Burschen. <p> Wollte er ihn herausfordern, der — Infame? Der General -sprang auf. Mit zuckenden Schläfen stürzte er zur Türe . . . +sprang auf. Mit zuckenden Schläfen stürzte er zur Türe . . . </p> <p> In der Tat, Otto war gekommen, wie er zuweilen kam, seitdem er im Westen wohnte, um irgend etwas abzuholen, -Bücher, Wäsche. Er kam zu jeder Tages- und Nachtzeit, -wann es ihm gerade beliebte, und knallte ohne Rücksicht +Bücher, Wäsche. Er kam zu jeder Tages- und Nachtzeit, +wann es ihm gerade beliebte, und knallte ohne Rücksicht <a id="page-411" class="pagenum" title="411"></a> -mit den Türen. Jetzt war er gekommen, um einen Gummimantel +mit den Türen. Jetzt war er gekommen, um einen Gummimantel zu holen. Er brauchte ihn, da es noch immer in -Strömen regnete. +Strömen regnete. </p> <p> Dies war der eigentliche Grund seines Besuches. Der -zweite Grund aber war, ganz offen gestanden, daß er dem +zweite Grund aber war, ganz offen gestanden, daß er dem General seine Furchtlosigkeit beweisen wollte. Nein, er hatte keine Furcht vor einer Begegnung, nicht die geringste. Aus diesem zweiten Grunde schrie er auch etwas lauter, -als es eigentlich nötig war. Sein Zimmer hatte er absichtlich -offen gelassen. Jeden Augenblick konnte die Türe -gegenüber aufspringen — nun, er war gewappnet. Seine -hellen verwegenen Augen waren auf eben diese Türe geheftet, -die sich jeden Augenblick öffnen konnte. Er war +als es eigentlich nötig war. Sein Zimmer hatte er absichtlich +offen gelassen. Jeden Augenblick konnte die Türe +gegenüber aufspringen — nun, er war gewappnet. Seine +hellen verwegenen Augen waren auf eben diese Türe geheftet, +die sich jeden Augenblick öffnen konnte. Er war bereit, die Konsequenzen zu ziehen — zu allem war er bereit. Papa sollte nie und nimmer auf den Gedanken -kommen, daß er sich feige in eine Ecke verkrieche. +kommen, daß er sich feige in eine Ecke verkrieche. </p> <p> -Aber nichts regte sich hinter dieser Türe, die zu den Zimmern -Papas führte. Wahrscheinlich hatte er sein Kommen +Aber nichts regte sich hinter dieser Türe, die zu den Zimmern +Papas führte. Wahrscheinlich hatte er sein Kommen gar nicht wahrgenommen. </p> <p> Der General — er war nicht weiter als bis zu eben dieser -Türe gekommen. Sein Herz pochte so stark, daß er sich -festhalten mußte. Keuchend und bebend stand er im dunkeln +Türe gekommen. Sein Herz pochte so stark, daß er sich +festhalten mußte. Keuchend und bebend stand er im dunkeln Zimmer, seine Beine zitterten. </p> <p> Ein Schritt noch — und etwas ganz Furchtbares, etwas -unsäglich Grauenhaftes würde geschehen . . . +unsäglich Grauenhaftes würde geschehen . . . </p> <p> @@ -25417,11 +25384,11 @@ Sein eigenes Blut hatte sich gegen ihn erhoben! </p> <p> -Die Türe öffnen — und schon, schon würde es geschehen, -das Gräßliche — Vater gegen Sohn, Sohn gegen Vater — +Die Türe öffnen — und schon, schon würde es geschehen, +das Gräßliche — Vater gegen Sohn, Sohn gegen Vater — bis zur Vernichtung — das Grauen noch der Ururenkel, -ewige Schändung des Namens, Schändung des Geschlechtes, -Schändung der Schöpfung. Schon begann die Finsternis +ewige Schändung des Namens, Schändung des Geschlechtes, +Schändung der Schöpfung. Schon begann die Finsternis des Zimmers zu flammen. </p> @@ -25430,46 +25397,46 @@ des Zimmers zu flammen. </p> <p> -Dann pochte er an Ruths Türe, und der General hörte +Dann pochte er an Ruths Türe, und der General hörte die beiden plaudern, ohne zu verstehen, was sie sagten. </p> <p> <a id="page-412" class="pagenum" title="412"></a> -Fünf Schritte waren zwischen ihnen, zwischen ihm und +Fünf Schritte waren zwischen ihnen, zwischen ihm und seinen Kindern, der Korridor. Aber dieser Korridor war -ein Abgrund, unergründlich wie die Mysterien des Blutes. +ein Abgrund, unergründlich wie die Mysterien des Blutes. </p> <p> -„Dann gute Reise, Ruth!“ rief Otto und schloß Ruths -Türe. +„Dann gute Reise, Ruth!“ rief Otto und schloß Ruths +Türe. </p> <p> Ja, in der Tat, ein Abgrund, schauerlich und bodenlos -wie das tausendfach unergründliche Schicksal selbst. +wie das tausendfach unergründliche Schicksal selbst. </p> <p> -Die Haustüre krachte ins Schloß. Otto war gegangen. +Die Haustüre krachte ins Schloß. Otto war gegangen. </p> <p> -Dank dem Himmel! dachte der General, während er +Dank dem Himmel! dachte der General, während er heftig zitterte. </p> <p> Immer noch stand er, die Dunkelheit lohte, immer noch -keuchte er, und das Zittern seiner Beine wurde stärker mit +keuchte er, und das Zittern seiner Beine wurde stärker mit jeder Minute. </p> <p> -Ja, nur ein Schritt, ein kleiner Schritt und es wäre geschehen. -Das unsagbar Gräßliche. Das keine Macht der -Welt hätte wieder auslöschen können, selbst die Allmacht +Ja, nur ein Schritt, ein kleiner Schritt und es wäre geschehen. +Das unsagbar Gräßliche. Das keine Macht der +Welt hätte wieder auslöschen können, selbst die Allmacht Gottes nicht. </p> @@ -25478,13 +25445,13 @@ Es <em>war</em> geschehen, das unsagbar Grauenhafte! </p> <p> -Der General sah seinen Sohn erwürgt auf der Diele +Der General sah seinen Sohn erwürgt auf der Diele liegen. </p> <p> -Zitternd am ganzen Körper sank er in einen Sessel; der -Schweiß brach aus seiner Stirn. +Zitternd am ganzen Körper sank er in einen Sessel; der +Schweiß brach aus seiner Stirn. </p> <p class="tb"> @@ -25492,25 +25459,25 @@ Schweiß brach aus seiner Stirn. </p> <p class="first"> -<span class="firstchar">O</span>tto aber eilte im strömenden Regen quer durch den -stockfinstern Tiergarten. Zu Ströbel! +<span class="firstchar">O</span>tto aber eilte im strömenden Regen quer durch den +stockfinstern Tiergarten. Zu Ströbel! </p> <p> Lustige Kumpane, ein Fest heute, Wein, Spiel. Wie albern, diese kleinlichen Bedenken, die ihn bisher von -Ströbels Haus ferngehalten hatten! +Ströbels Haus ferngehalten hatten! </p> <p> -In förmlichen Wasserhosen verschwand die Straße, wo -Ströbels Haus lag, aber ein wohlbekannter Lichtschein, wie +In förmlichen Wasserhosen verschwand die Straße, wo +Ströbels Haus lag, aber ein wohlbekannter Lichtschein, wie der Schein eines Leuchtfeuers, zeigte den Weg. </p> <p> Otto pfiff, den vereinbarten Pfiff, er klatschte in die -Hände. Das erleuchtete Fenster öffnete sich, und ein Schatten +Hände. Das erleuchtete Fenster öffnete sich, und ein Schatten neigte sich heraus. </p> @@ -25525,27 +25492,27 @@ Stimme. „Ihr habt doch Gesellschaft heute?“ </p> <p> -Der Schatten trat zurück. Erst nach einer Weile wurde -Hedis Stimme wieder hörbar. +Der Schatten trat zurück. Erst nach einer Weile wurde +Hedis Stimme wieder hörbar. </p> <p> „Sie sind es?“ sagte sie stockend. „Nein, die Gesellschaft -wurde abgesagt, Ströbel ist verreist!“ +wurde abgesagt, Ströbel ist verreist!“ </p> <p> „Sie? Seit wann sagen wir Sie zueinander?“ sagte Otto lachend. Er konnte Hedi nur undeutlich erkennen, -durch Büsche hindurch, an denen das Wasser herabrann. +durch Büsche hindurch, an denen das Wasser herabrann. Das erleuchtete Fenster ging auf einen kleinen, dichtbewachsenen Garten hinaus. </p> <p> -Wieder zögerte Hedis Stimme. „Es ist völlig nebensächlich,“ -sagte sie, „aber lassen wir es dabei. Er mußte unerwartet -in Geschäften fort, und der Abend wurde verschoben.“ +Wieder zögerte Hedis Stimme. „Es ist völlig nebensächlich,“ +sagte sie, „aber lassen wir es dabei. Er mußte unerwartet +in Geschäften fort, und der Abend wurde verschoben.“ </p> <p> @@ -25553,34 +25520,34 @@ in Geschäften fort, und der Abend wurde verschoben.“ </p> <p> -Der Regen prasselte auf Ottos Mantel, Ströme von -Wasser wirbelten um seine Füße. Selbst aus dem Boden -sprangen Bäche. +Der Regen prasselte auf Ottos Mantel, Ströme von +Wasser wirbelten um seine Füße. Selbst aus dem Boden +sprangen Bäche. </p> <p> „Ja, leider“, sagte Hedi und schickte sich an, das Fenster -zu schließen. „Gute Nacht.“ Der Regen verschluckte ihre +zu schließen. „Gute Nacht.“ Der Regen verschluckte ihre Stimme. </p> <p> -„Einen Augenblick —“ beeilte sich Otto, und die Fensterflügel +„Einen Augenblick —“ beeilte sich Otto, und die Fensterflügel blieben halb offen stehen. „Ich bin durch diese Sintflut -gewatet, in der Erwartung, fröhliche Menschen zu +gewatet, in der Erwartung, fröhliche Menschen zu finden —“ </p> <p> -„Das ist sehr bedauerlich“, sagte Hedi spöttisch. +„Das ist sehr bedauerlich“, sagte Hedi spöttisch. </p> <p> -Otto lachte belustigt auf. „Sehr bedauerlich? Hören Sie, -Hedi — oder höre, Hedi — ich finde es töricht, Sie zu dir +Otto lachte belustigt auf. „Sehr bedauerlich? Hören Sie, +Hedi — oder höre, Hedi — ich finde es töricht, Sie zu dir zu sagen — halte du es ganz wie du willst — ich hatte gerade -heute das Bedürfnis, Freunde zu sehen — sei nett und lieb, -öffne und koche etwas Kaffee. Ich bin völlig durchnäßt.“ +heute das Bedürfnis, Freunde zu sehen — sei nett und lieb, +öffne und koche etwas Kaffee. Ich bin völlig durchnäßt.“ </p> <p> @@ -25588,17 +25555,17 @@ heute das Bedürfnis, Freunde zu sehen — sei nett und lieb, </p> <p> -„Ist das ein Grund —?“ Eigentümlich war der Tonfall +„Ist das ein Grund —?“ Eigentümlich war der Tonfall dieser Frage. </p> <p> <a id="page-414" class="pagenum" title="414"></a> -Hedi antwortete nicht sogleich. Er fühlte ihren Blick. +Hedi antwortete nicht sogleich. Er fühlte ihren Blick. </p> <p> -„Gehe doch zu ihr!“ sagte sie dann. Aber sie schloß das +„Gehe doch zu ihr!“ sagte sie dann. Aber sie schloß das Fenster nicht. </p> @@ -25608,8 +25575,8 @@ Otto stockte. <p> „Ich komme soeben von ihr!“ sagte er hierauf. Diese Antwort -war sehr kühn, und er wußte genau, daß er alles aufs -Spiel setzte. Aber er hatte seiner Stimme einen gleichgültigen +war sehr kühn, und er wußte genau, daß er alles aufs +Spiel setzte. Aber er hatte seiner Stimme einen gleichgültigen und gelangweilten Klang gegeben. </p> @@ -25618,26 +25585,26 @@ Schweigen. Der Regen rauschte. </p> <p> -„Lebst du glücklich mit Ströbel?“ begann Otto von neuem, -in völlig geändertem, vertraulichem Tone. +„Lebst du glücklich mit Ströbel?“ begann Otto von neuem, +in völlig geändertem, vertraulichem Tone. </p> <p> -„Was für eine Frage? Was kümmert es dich?“ +„Was für eine Frage? Was kümmert es dich?“ </p> <p> -„So öffne doch, Hedi, und wir werden etwas +„So öffne doch, Hedi, und wir werden etwas plaudern.“ </p> <p> Hedi schwieg. Nach einer Weile sagte sie, leise und bebend: -„— Ich öffne!“ +„— Ich öffne!“ </p> <p> -Kaum aber hatte Hedi die Türe aufgeschlossen, so riß +Kaum aber hatte Hedi die Türe aufgeschlossen, so riß Otto sie an sich und vergrub seine Lippen in ihren Hals. </p> @@ -25654,12 +25621,12 @@ Sie stammelte. </p> <p> -Mehre den Schatz des Guten und Schönen! Lege +Mehre den Schatz des Guten und Schönen! Lege nicht Hand an die Geschlechter, die nach dir kommen — — </p> <p> -Friedlich säuselt der Morgenwind. +Friedlich säuselt der Morgenwind. </p> <p class="tb2"> @@ -25671,13 +25638,13 @@ Friedlich säuselt der Morgenwind. „mit dem Urlaub war es diesmal nichts. Und ein Flieger hatte mir schon versprochen, mich in seinem Kahn mit nach Berlin zu nehmen. Drei Tage hinten, immer in Alarmbereitschaft, -kein Schlaf, Schwärme von feindlichen Fliegern, +kein Schlaf, Schwärme von feindlichen Fliegern, in jeder Nacht Verluste. Die Sache hat sich anmutig ausgewachsen! Heute abend wieder in Stellung. Wollte Dir gerne mehr schreiben — aber ich kann nicht. Es gibt gewisse <a id="page-415" class="pagenum" title="415"></a> -Dinge. Nun, wir kämpfen, tun unsere Pflicht. Herrliche -Leute! Das Feuer wächst von Tag zu Tag —“ +Dinge. Nun, wir kämpfen, tun unsere Pflicht. Herrliche +Leute! Das Feuer wächst von Tag zu Tag —“ </p> <p> @@ -25685,12 +25652,12 @@ Ja, von Tag zu Tag wuchs das Feuer! </p> <p> -Bis nach London, nach der Schweiz war der Lärm der -Kanonen zu hören. Es stand sogar in den Zeitungen. +Bis nach London, nach der Schweiz war der Lärm der +Kanonen zu hören. Es stand sogar in den Zeitungen. </p> <p> -Tausende sanken täglich dahin, Zehntausende — +Tausende sanken täglich dahin, Zehntausende — </p> <p> @@ -25698,15 +25665,15 @@ Tausende sanken täglich dahin, Zehntausende — </p> <p> -„Erlöser!“ +„Erlöser!“ </p> <p> -„Trinke! Stütze dich auf mich!“ +„Trinke! Stütze dich auf mich!“ </p> <p> -„Erlöser!“ +„Erlöser!“ </p> <p> @@ -25714,67 +25681,67 @@ Tausende sanken täglich dahin, Zehntausende — </p> <p> -„Erlöser! Erlöser!“ +„Erlöser! Erlöser!“ </p> <p> -Auf Hunderte von Kilometern standen die Geschütze in -einer Breite von zehn bis fünfzig Kilometern, Rohr an -Rohr, gestaffelt, auf Kähnen, Flößen, Eisenbahnwagen und +Auf Hunderte von Kilometern standen die Geschütze in +einer Breite von zehn bis fünfzig Kilometern, Rohr an +Rohr, gestaffelt, auf Kähnen, Flößen, Eisenbahnwagen und spien Feuer und Tod. Die Geschosse wurden von keuchenden -Zügen herbeigeschleppt, von Dampferflotten, Schleppkähnen, +Zügen herbeigeschleppt, von Dampferflotten, Schleppkähnen, endlosen Reihen von Lastautomobilen. Die ganze -Welt arbeitete im Schweiße ihres Angesichts, um die Mäuler +Welt arbeitete im Schweiße ihres Angesichts, um die Mäuler aus Stahl zu speisen. Die Geschosse, mannshoch, wurden -auf besonders konstruierten Karren zu den Geschützen gefahren, +auf besonders konstruierten Karren zu den Geschützen gefahren, durch Krane in die Rohre gehoben. Sie wurden zur Reklame in Zeitschriften abgebildet, einzeln und zu Tausenden aufgestapelt. Die Astronomen, die sonst der Bahn der ewigen Gestirne folgten, berechneten die Flugbahnen -der Ungeheuer, die sich in den blauen Äther hineinstürzten. -Tausende, Zehntausende von Geschützen spien Tod +der Ungeheuer, die sich in den blauen Äther hineinstürzten. +Tausende, Zehntausende von Geschützen spien Tod Tag und Nacht. </p> <p> -Und die Wolke wälzte sich, unendlich, über der Walstatt. +Und die Wolke wälzte sich, unendlich, über der Walstatt. Staub — die zermalmte Fruchterde, der zermalmte Fels, der zermalmte Baum, der zermalmte Mensch flimmerten -in der Luft. Der Staub zog über ganz Europa, die Staubteilchen +in der Luft. Der Staub zog über ganz Europa, die Staubteilchen zermalmter Menschenleiber regneten auf ganz Europa, auf die ganze Erde nieder. </p> <p> -Endlich war es dem Menschen gelungen, den höchsten +Endlich war es dem Menschen gelungen, den höchsten <a id="page-416" class="pagenum" title="416"></a> Gipfel des Wahnsinns zu erklimmen. Die Erde selbst war -nichts als eine gasgefüllte Bombe, die durch den Weltraum +nichts als eine gasgefüllte Bombe, die durch den Weltraum raste. </p> <p> Hunderttausende von Kilometern waren durch die Erde -gewühlt, Menschen und Tiere keuchten — mit dem gleichen -Aufwand an Energie hätten die Wüsten sich in Gärten verwandeln +gewühlt, Menschen und Tiere keuchten — mit dem gleichen +Aufwand an Energie hätten die Wüsten sich in Gärten verwandeln lassen — noch aber wurde um das Weltmonopol -des Plünderns gekämpft. +des Plünderns gekämpft. </p> <p> -Erlöser! — +Erlöser! — </p> <p> „Lieber Junge,“ — schrieb Hauptmann Falk an Otto — -„ich weiß nicht, ob diese Zeile Dich noch erreichen wird. +„ich weiß nicht, ob diese Zeile Dich noch erreichen wird. Der Kommandeur ist schwer verwundet worden und einige Leute wollen es unternehmen, ihn in der Nacht durch das Feuer zu tragen. Sie wollen diese Zeilen mitnehmen. -Sage allen, daß wir unsere Pflicht tun! Zweiundsiebzig +Sage allen, daß wir unsere Pflicht tun! Zweiundsiebzig Stunden haben wir nicht geschlafen und kaum gegessen. -Wir können nicht mehr. Bald werde ich wohl hinter Stacheldrähten -spazierengehen. Aber sage allen, daß wir kämpfen +Wir können nicht mehr. Bald werde ich wohl hinter Stacheldrähten +spazierengehen. Aber sage allen, daß wir kämpfen und sie uns nicht umsonst haben sollen! Ich werde Nachricht geben, wenn ich kann. Alles Bisherige war Kinderspiel —“ @@ -25783,10 +25750,10 @@ geben, wenn ich kann. Alles Bisherige war Kinderspiel <p> Dies aber war der letzte Brief, den Otto erhielt. Wie durch ein Wunder kam er durch, obgleich der Kommandeur -und seine Träger auf dem Rückwege getötet wurden. Man +und seine Träger auf dem Rückwege getötet wurden. Man fand den Brief bei einem Mann ohne Beine, der verblutet war. Ein Offizier, dessen Name unleserlich war, hatte es -auf die Rückseite des Briefes geschrieben. +auf die Rückseite des Briefes geschrieben. </p> <p> @@ -25797,26 +25764,26 @@ mehr schreiben . . . <p> Ein Erdloch. Und aus diesem Erdloch sieht eine Leiche -mit entblößten Zähnen. Die Leiche wendet langsam den -Kopf und späht aus. Staub treibt, Staub flimmert. Wenig +mit entblößten Zähnen. Die Leiche wendet langsam den +Kopf und späht aus. Staub treibt, Staub flimmert. Wenig zu sehen. Die Wimpern der Leiche sind voller Staub und -auch ihre rotweißen Haare sind gepudert, die weißen Lippen +auch ihre rotweißen Haare sind gepudert, die weißen Lippen <a id="page-417" class="pagenum" title="417"></a> -haben den Staub zu einem weißen Brei zerrieben. Ruckweise -atmet diese Leiche und stößt dabei mit dem Kopf in +haben den Staub zu einem weißen Brei zerrieben. Ruckweise +atmet diese Leiche und stößt dabei mit dem Kopf in die Luft. Die Uniform ist beschmutzt, eben hat die Leiche gebrochen. </p> <p> -Fünfzig Schritte feldein, im Staub, kohlt ein Flugzeug. +Fünfzig Schritte feldein, im Staub, kohlt ein Flugzeug. Er war der letzte, der kam, er warf Nahrungsmittel ab, -aber er kehrte nicht zurück. Fünf Schritte zur Linken aber +aber er kehrte nicht zurück. Fünf Schritte zur Linken aber liegt ein gekreuzigter Mensch auf der Erde, mit gebrochenen Gelenken, Arme und Beine von sich gestreckt, vom Luftzug -fast völlig entkleidet, die Fetzen angesengt, flachgedrückt, das +fast völlig entkleidet, die Fetzen angesengt, flachgedrückt, das Gesicht ins Genick verdreht. Und noch schwelt das versengte -Gras von den giftigen Dämpfen der Granate, die ihn +Gras von den giftigen Dämpfen der Granate, die ihn kreuzigte. Es riecht nach verbranntem Fleisch und verbrannten Haaren. </p> @@ -25824,43 +25791,43 @@ Haaren. <p> Zehn Schritte zur Rechten aber kauert eine Gruppe von Leichen um ein Maschinengewehr, und sobald die Leiche im -Erdloch die Hand hebt und die Zähne bleckt, so feuert sie. -Schatten taumeln im Sandsturm. Schatten kommen, nähern +Erdloch die Hand hebt und die Zähne bleckt, so feuert sie. +Schatten taumeln im Sandsturm. Schatten kommen, nähern sich, versinken. Aber weshalb geht die Leiche im Erdloch nicht zu dem Maschinengewehr? Das ist es eben. Sie kann nicht. Durch einen Balken sind ihre Beine festgeklemmt. </p> <p> -Und so kann sie nur die Arme heben, die Zähne blecken -und schreien — aber man hört nichts. +Und so kann sie nur die Arme heben, die Zähne blecken +und schreien — aber man hört nichts. </p> <p> -Tanks kriechen im Sandsturm. Dort die Höhe, schwarzer +Tanks kriechen im Sandsturm. Dort die Höhe, schwarzer Qualm. Durch den Sandregen ist zu sehen, wie Menschenleiber in die Luft fliegen — und Hauptmann Falk sieht deutlich die Sturmhauben, deutsche Sturmhauben, wirbeln. -Dort im Nebel — Nebelwesen mit erhobenen Händen, fern, +Dort im Nebel — Nebelwesen mit erhobenen Händen, fern, klein. Und die deutschen Batterien, sie, die stets bereiten, wo sind sie? Nichts, nichts, kaum zuweilen ein Einschlag -drüben — völlig außer Gefecht, vergast. +drüben — völlig außer Gefecht, vergast. </p> <p> Schatten im Sandsturm, im Qualm. Und wieder schreit -er und bleckt die Zähne. Obschon er seit vierundzwanzig -Stunden nichts gegessen hat, muß er sich wieder erbrechen. -Die flachen Chinesenhüte verschwinden, versinken. +er und bleckt die Zähne. Obschon er seit vierundzwanzig +Stunden nichts gegessen hat, muß er sich wieder erbrechen. +Die flachen Chinesenhüte verschwinden, versinken. </p> <p> <a id="page-418" class="pagenum" title="418"></a> -Zwanzig Kilometer hinter der Feuerlinie fährt ein -schweres Eisenbahngeschütz aus dem Wald, von gutgelaunten, -schwitzenden Kanadiern in Hemdärmeln bedient. Das -Langrohr steigt in die Höhe, wird abgerissen. Die Mannschaft -stürzt zurück, die Hände gegen die Ohren gepreßt. +Zwanzig Kilometer hinter der Feuerlinie fährt ein +schweres Eisenbahngeschütz aus dem Wald, von gutgelaunten, +schwitzenden Kanadiern in Hemdärmeln bedient. Das +Langrohr steigt in die Höhe, wird abgerissen. Die Mannschaft +stürzt zurück, die Hände gegen die Ohren gepreßt. </p> <p> @@ -25868,19 +25835,19 @@ Die Granate war unterwegs. Es war jene Granate — — </p> <p> -Ein Tank faucht durch den Sandsturm, hinweg über das -Erdloch. Flache Eisenhüte. Amerikaner. Sie haben die -Gewehre umgehängt und trotten durch den Sandsturm -dahin. Nichts stört sie, sie haben keine Eile. +Ein Tank faucht durch den Sandsturm, hinweg über das +Erdloch. Flache Eisenhüte. Amerikaner. Sie haben die +Gewehre umgehängt und trotten durch den Sandsturm +dahin. Nichts stört sie, sie haben keine Eile. </p> <p> -Vor den flachen Eisenhüten einher schreitet ein junger +Vor den flachen Eisenhüten einher schreitet ein junger amerikanischer Offizier. Ein Deutscher, namens Martin. -Man hat ihm gesagt, daß die deutschen Soldaten den Kindern -die Hände abschneiden. Er hat es in den Zeitungen gelesen, +Man hat ihm gesagt, daß die deutschen Soldaten den Kindern +die Hände abschneiden. Er hat es in den Zeitungen gelesen, er hat sogar Abbildungen gesehen mit eigenen Augen. -Und nun ist er gekommen, diese Kinderschänder vom Erdboden +Und nun ist er gekommen, diese Kinderschänder vom Erdboden zu vertilgen. </p> @@ -25889,16 +25856,16 @@ zu vertilgen. </h3> <p class="first"> -<span class="firstchar">P</span>ünktlich auf die Minute erhob sich der General am -nächsten Morgen. Er hatte fast nicht geschlafen in -dieser Nacht. Funken sprühten vor seinen Augen, er sah +<span class="firstchar">P</span>ünktlich auf die Minute erhob sich der General am +nächsten Morgen. Er hatte fast nicht geschlafen in +dieser Nacht. Funken sprühten vor seinen Augen, er sah schlecht. Wieder zuckte sein rechtes Augenlid. Seine Haut -war trocken und heiß, er hatte Fieber. +war trocken und heiß, er hatte Fieber. </p> <p> Nicht einmal Niki, der in seinem Bauer zwitscherte, -gönnte er heute einen Blick. Teilnahmslos, schwerfällig, +gönnte er heute einen Blick. Teilnahmslos, schwerfällig, automatisch bewegte er sich, wie im Halbschlaf. </p> @@ -25908,8 +25875,8 @@ befohlen. </p> <p> -Der General taumelte am Apparat. Der Hörer zitterte in -seiner Hand. Er war genötigt einen Stuhl heranzuziehen +Der General taumelte am Apparat. Der Hörer zitterte in +seiner Hand. Er war genötigt einen Stuhl heranzuziehen und lallte, als er sprechen wollte. </p> @@ -25921,7 +25888,7 @@ schlechte! <p> <a id="page-419" class="pagenum" title="419"></a> Und niemand, dachte der General, niemand — das Reich -wankt — und niemand, nichts als Unfähigkeit, Dünkel und +wankt — und niemand, nichts als Unfähigkeit, Dünkel und Verblendung! </p> @@ -25930,7 +25897,7 @@ Schlimmer noch — schlimmer! Ein Verbrechen . . . </p> <p> -Das Haus war leer, tot, das Speisezimmer düster und +Das Haus war leer, tot, das Speisezimmer düster und verlassen. </p> @@ -25947,9 +25914,9 @@ Man schrieb Briefe! </p> <p> -Schon von weitem, obschon schwere und düstere Gedanken -ihn niederdrückten, sprang der weiße Umschlag in seine Augen. -Auf dem Frühstückstisch lag dieser Brief. „An Papa!“ +Schon von weitem, obschon schwere und düstere Gedanken +ihn niederdrückten, sprang der weiße Umschlag in seine Augen. +Auf dem Frühstückstisch lag dieser Brief. „An Papa!“ </p> <p> @@ -25957,17 +25924,17 @@ An Papa! Man schreibt Briefe! </p> <p> -Er hatte nicht den Mut, diesen Brief zu öffnen. Was -sollte Ruth zu schreiben haben? Er ließ den Brief in die +Er hatte nicht den Mut, diesen Brief zu öffnen. Was +sollte Ruth zu schreiben haben? Er ließ den Brief in die Tasche gleiten. Seine Wangen zuckten. Nun, es mochte -recht gut sein, daß sie etwas mißverstanden hatte, seine Fürsorge +recht gut sein, daß sie etwas mißverstanden hatte, seine Fürsorge falsch deutete — sie war jung und konnte nicht begreifen, -daß ein Vater sich sorgte, daß er nur aus Liebe -für sein Kind, nur aus Liebe, wohlgemerkt — +daß ein Vater sich sorgte, daß er nur aus Liebe +für sein Kind, nur aus Liebe, wohlgemerkt — </p> <p> -Plötzlich erhob sich der General. +Plötzlich erhob sich der General. </p> <p> @@ -25980,7 +25947,7 @@ Er war erbleicht. <p> Etwas Unglaubliches war geschehen! Der General war -in die hinteren Räumlichkeiten gekommen, die er nie zuvor +in die hinteren Räumlichkeiten gekommen, die er nie zuvor betreten hatte. </p> @@ -26001,22 +25968,22 @@ betreten hatte. </p> <p> -„Ich weiß —“ +„Ich weiß —“ </p> <p> -Der General schwankte durch den Korridor. Mühsam +Der General schwankte durch den Korridor. Mühsam kletterte er in den Wagen. </p> <p> -„Ah! Ah!“ stöhnte er, als die Limousine dahinschoß, und +„Ah! Ah!“ stöhnte er, als die Limousine dahinschoß, und bedeckte die Augen. </p> <p> <a id="page-420" class="pagenum" title="420"></a> -Ungeöffnet stak der Brief noch in seiner Tasche. +Ungeöffnet stak der Brief noch in seiner Tasche. </p> <p class="tb2"> @@ -26024,28 +25991,28 @@ Ungeöffnet stak der Brief noch in seiner Tasche. </p> <p class="noindent"> -Ein deutsches Feldgeschütz fuhr plötzlich mitten im Sandsturm +Ein deutsches Feldgeschütz fuhr plötzlich mitten im Sandsturm auf. Was wollten sie? Waren sie wahnsinnig? Verschwunden -ist das Feldgeschütz — +ist das Feldgeschütz — </p> <p> Furchtbar rollt die Brandung aus Eisen und Blut. Die -Kanonen knackten, als würden Knochen in der Luft zerbrochen. +Kanonen knackten, als würden Knochen in der Luft zerbrochen. </p> <p> -Die Front wankte, kein Zweifel, keine Beschönigung +Die Front wankte, kein Zweifel, keine Beschönigung mehr. Schon klafften breite Risse. </p> <p> -Die Mauer aus Menschenleibern, hundertfach aufgefüllt, -hundertfach in Stücke geschossen, in jede Bresche stürzten +Die Mauer aus Menschenleibern, hundertfach aufgefüllt, +hundertfach in Stücke geschossen, in jede Bresche stürzten sich neue Menschenleiber, ja, nun wankte sie. Diese Mauer aus Blut, aus menschlichen Gehirnen, aus menschlichen -Herzen, die vor Liebe glühten und sich verzehrten — sie -<em>stürzte</em>. +Herzen, die vor Liebe glühten und sich verzehrten — sie +<em>stürzte</em>. </p> <p> @@ -26055,17 +26022,17 @@ gegen alle Gesetze der Wahrscheinlichkeit. Sie hatte verloren. <p> Hunderte, Tausende von Granaten in der Sekunde, Einschlag -neben Einschlag. Die Hochöfen der Welt sind gegen -dich im Kampf. Die erschöpften, verbluteten Truppen sahen -sich nach Unterstützung um. Die Kameraden, wo sind sie? -In Finnland, Livland, Polen, Rumänien, Mazedonien, +neben Einschlag. Die Hochöfen der Welt sind gegen +dich im Kampf. Die erschöpften, verbluteten Truppen sahen +sich nach Unterstützung um. Die Kameraden, wo sind sie? +In Finnland, Livland, Polen, Rumänien, Mazedonien, Syrien, in der Ukraine, im Kaukasus — weit, weit, sie -können nicht helfen. +können nicht helfen. </p> <p> Und jeden Tag entsteigen zehntausend frische, mutige, -wohlgenährte Männer dem Ozean. +wohlgenährte Männer dem Ozean. </p> <p> @@ -26075,13 +26042,13 @@ Der Hagelsturm von Eisen rast. Explosionen, Explosionen <p> Pulvermagazine fliegen in die Luft, Gaskessel explodieren, -Städte verschlingt die krachende Erde — das Trommelfell +Städte verschlingt die krachende Erde — das Trommelfell birst, Blut sickert aus den Ohren . . . </p> <p> -Über die ganze Erde ist das furchtbare Krachen der zusammenbrechenden -Mauer zu hören. +Über die ganze Erde ist das furchtbare Krachen der zusammenbrechenden +Mauer zu hören. </p> <h2 class="chapter" id="chapter-2-4"> @@ -26103,7 +26070,7 @@ Innerhalb von vierundzwanzig Stunden . . . <p> Die Depeschen fliegen, es ticken die Fernschreiber. Fahle -Gesichter, flatternde Hände, erbleichende Augen. +Gesichter, flatternde Hände, erbleichende Augen. </p> <p> @@ -26111,49 +26078,49 @@ Wie?! </p> <p> -Ist es möglich?! +Ist es möglich?! </p> <p> Ein Keulenschlag! Der General ringt nach Luft und -preßt beide Hände gegen den Brustkorb. Er befürchtet, -sich übergeben zu müssen. +preßt beide Hände gegen den Brustkorb. Er befürchtet, +sich übergeben zu müssen. </p> <p> -Ein Jeu — hm — Poker? Aber wir sind schließlich ja +Ein Jeu — hm — Poker? Aber wir sind schließlich ja nicht in Monte Carlo? Letzten Endes ist ein Weltkrieg -doch kein Manöver, wo der steigende Fesselballon das +doch kein Manöver, wo der steigende Fesselballon das Signal zum Halten gibt? </p> <p> Der General ist krank, die Grippe hat ihn gepackt, ja, auch ihn, ganz zuletzt — es gelingt ihm gerade noch im -letzten Moment ein Glas Wasser zu ergreifen, sonst wäre -ein Unglück geschehen. Der Schweiß bricht ihm nun aus +letzten Moment ein Glas Wasser zu ergreifen, sonst wäre +ein Unglück geschehen. Der Schweiß bricht ihm nun aus der Stirn. </p> <p> Schon aber knattern die Lichtbogen und aus den Antennen -schwingen die Wellen durch den Äther. Es wanken -die Empfangsstationen, die Beamten, die Hörmuschel am -Ohr, erbleichen. Wer spricht? Eine Verhöhnung, eine +schwingen die Wellen durch den Äther. Es wanken +die Empfangsstationen, die Beamten, die Hörmuschel am +Ohr, erbleichen. Wer spricht? Eine Verhöhnung, eine Finte, ein schlechter Scherz? Die Station Nauen hat gesprochen. </p> <p> -Schon fliegen die Türen in den Ministerien, und in den -Augen entzündet sich ein Leuchten — +Schon fliegen die Türen in den Ministerien, und in den +Augen entzündet sich ein Leuchten — </p> <p> Der General kriecht durch die Zimmer, in den Schlafrock -mit den roten Aufschlägen eingewickelt, hustet, keucht. +mit den roten Aufschlägen eingewickelt, hustet, keucht. Nun, also — nicht! Nicht diesmal! Rollen wir die Fahnen -zusammen — das nächstemal! Blutiger noch und furchtbarer +zusammen — das nächstemal! Blutiger noch und furchtbarer als dieser Krieg . . . Schon wieder nimmt er Aspirin <a id="page-422" class="pagenum" title="422"></a> und hustet. Er sinkt in einen Sessel und starrt, starrt — er @@ -26162,24 +26129,24 @@ Abgrund haben sie haltgemacht. </p> <p> -Krachend stürzt die Front, die Erde hört es — und noch -immer kämpft die Armee, heute, morgen, übermorgen, -Wochen! Längst ist es entschieden, daß alles verloren ist. -Alles verloren: Blut und Gut, Millionen von Söhnen -und Ernährern, Hoffnung und Sinn des Lebens, die Fruchtbarkeit -des Ackers, die Viehherden, Schätze der Erde und -Wälder, Schweiß und Fleiß von drei Generationen, Schweiß -und Fleiß von drei kommenden Geschlechtern — alles verloren! -Die Fruchtbarkeit des weiblichen Schoßes — dahin, -Millionen von Säuglingen — eine Beute des Hungers. -Alles — dahin! Das Gehirn unter der Schädeldecke, der -Schlaf der Nächte — dahin! Ausgespielt die hohe Karte, +Krachend stürzt die Front, die Erde hört es — und noch +immer kämpft die Armee, heute, morgen, übermorgen, +Wochen! Längst ist es entschieden, daß alles verloren ist. +Alles verloren: Blut und Gut, Millionen von Söhnen +und Ernährern, Hoffnung und Sinn des Lebens, die Fruchtbarkeit +des Ackers, die Viehherden, Schätze der Erde und +Wälder, Schweiß und Fleiß von drei Generationen, Schweiß +und Fleiß von drei kommenden Geschlechtern — alles verloren! +Die Fruchtbarkeit des weiblichen Schoßes — dahin, +Millionen von Säuglingen — eine Beute des Hungers. +Alles — dahin! Das Gehirn unter der Schädeldecke, der +Schlaf der Nächte — dahin! Ausgespielt die hohe Karte, gegen alle Gesetze der Wahrscheinlichkeit — und noch immer -kämpft die Armee. +kämpft die Armee. </p> <p> -Die Angebeteten und Vergötterten — bis zum letzten +Die Angebeteten und Vergötterten — bis zum letzten Einsatz! — und dann, ja, dann beugten sie das Knie und boten den Degen an. </p> @@ -26190,10 +26157,10 @@ Auf Gnade und Ungnade. <p> Der Historiker, noch in tausend Jahren, wird hier eine -Pause machen, Atem schöpfen, und noch einmal alle Dokumente -prüfen. Ob ihm nicht doch etwas entgangen ist, -nicht doch eine wichtige, überaus wichtige Urkunde. Er -wird in den Archiven und Bibliotheken wühlen — nein, +Pause machen, Atem schöpfen, und noch einmal alle Dokumente +prüfen. Ob ihm nicht doch etwas entgangen ist, +nicht doch eine wichtige, überaus wichtige Urkunde. Er +wird in den Archiven und Bibliotheken wühlen — nein, es ist Ihnen nichts entgangen, fahren Sie ruhig fort. — </p> @@ -26202,70 +26169,70 @@ es ist Ihnen nichts entgangen, fahren Sie ruhig fort. — </h3> <p class="first"> -<span class="firstchar">I</span>n diesen Tagen traf plötzlich in Berlin jene hohe Persönlichkeit +<span class="firstchar">I</span>n diesen Tagen traf plötzlich in Berlin jene hohe Persönlichkeit ein, die seinerzeit die Zierde von Doras Hausball -bildete. Ali Baba und die vierzig Räuber — ja, wer -hätte auch vermutet, daß es einmal so kommen könnte! +bildete. Ali Baba und die vierzig Räuber — ja, wer +hätte auch vermutet, daß es einmal so kommen könnte! <a id="page-423" class="pagenum" title="423"></a> -Ohne jede Anmeldung kam der einflußreiche Herr an, +Ohne jede Anmeldung kam der einflußreiche Herr an, dessen hoher Orden das ganze Metall auf der Brust des Generals aufwog. Mitten in der Nacht, gegen drei Uhr, -der Zug von Köln hatte drei Stunden Verspätung gehabt. +der Zug von Köln hatte drei Stunden Verspätung gehabt. Die Lokomotiven blieben nunmehr reihenweise auf der -Strecke liegen, man hatte die kupfernen Feuerbüchsen aus +Strecke liegen, man hatte die kupfernen Feuerbüchsen aus den Maschinen gerissen und sie durch eiserne ersetzt. </p> <p> -Gräfin Heller hatte noch Licht, Gesellschaft, und der hohe -Herr, der dem längst vermoderten Franz I. ähnlich sah, -ließ seine Schwester herausbitten. +Gräfin Heller hatte noch Licht, Gesellschaft, und der hohe +Herr, der dem längst vermoderten Franz I. ähnlich sah, +ließ seine Schwester herausbitten. </p> <p> -„In großer Eile, Adele!“ sagte der hohe Herr — auf +„In großer Eile, Adele!“ sagte der hohe Herr — auf englisch, die Geschwister sprachen nur englisch zusammen — „Ich komme, um zu gehen. Ich habe die ganze Nacht -hindurch dringend zu arbeiten, Frühstück um zehn Uhr, -bitte. Für jetzt Tee und etwas Feuer im Kamin, ich bin -erkältet, und einen kleinen Imbiß. Und dann, keine Störung, -bitte, nicht die geringste — sehr wichtige Geschäfte — fahre -mit dem Mittagszug wieder zurück . . .“ Trocken und +hindurch dringend zu arbeiten, Frühstück um zehn Uhr, +bitte. Für jetzt Tee und etwas Feuer im Kamin, ich bin +erkältet, und einen kleinen Imbiß. Und dann, keine Störung, +bitte, nicht die geringste — sehr wichtige Geschäfte — fahre +mit dem Mittagszug wieder zurück . . .“ Trocken und hastig klang seine Stimme. </p> <p> -Gräfin Heller befand sich in großer Erregung. Sie hatte +Gräfin Heller befand sich in großer Erregung. Sie hatte ihren Kreis von Vertrauten versammelt, eine spiritistische -Sitzung. Zuerst war ein ungebärdiger Geist erschienen, -ein italienischer Mönch aus Ravenna, 1512 geboren, gestorben -1553, begraben in Bologna — ungebärdig, er -hatte das Tischchen in Stücke gerissen. Zurzeit aber — -größtes Ereignis aller Sitzungen des Jahres! — hatten +Sitzung. Zuerst war ein ungebärdiger Geist erschienen, +ein italienischer Mönch aus Ravenna, 1512 geboren, gestorben +1553, begraben in Bologna — ungebärdig, er +hatte das Tischchen in Stücke gerissen. Zurzeit aber — +größtes Ereignis aller Sitzungen des Jahres! — hatten sie Verbindung mit dem Geiste eines erhabenen Verblichenen, dem Geiste Bismarcks. Ungeheure Offenbarungen, -Prophezeiungen der größten Tragweite . . . vielleicht interessiert +Prophezeiungen der größten Tragweite . . . vielleicht interessiert dich das Protokoll? </p> <p> Der hohe Herr aber schien nicht die geringste Neigung zu haben, die Prophezeiungen Bismarcks kennenzulernen — -ganz im Gegenteil. So schnell ihn die müden, dünnen -Beine tragen konnten, stieg er die Treppe zu seinen Gemächern +ganz im Gegenteil. So schnell ihn die müden, dünnen +Beine tragen konnten, stieg er die Treppe zu seinen Gemächern empor. </p> <p> <a id="page-424" class="pagenum" title="424"></a> -Gräfin Heller öffnete leise die Türe, und man hörte +Gräfin Heller öffnete leise die Türe, und man hörte auf einen Augenblick deutlich eine weiche, schmelzende Damenstimme: „Ich bitte Durchlaucht, unsere Frage -wiederholen zu dürfen . . .“ +wiederholen zu dürfen . . .“ </p> <p> -Als der Diener Tee und Imbiß brachte, fand er +Als der Diener Tee und Imbiß brachte, fand er den hohen Herrn eingeschlafen in einem Sessel vor dem Kamin. Augenblicklich aber erwachte er. „Die Koffer?“ @@ -26276,40 +26243,40 @@ Koffer?“ </p> <p> -„Nun, danke, gute Nacht, keine Störung, zehn Uhr -Frühstück“ — und er verschloß alle Türen und prüfte, ob -die Vorhänge dicht geschlossen waren. +„Nun, danke, gute Nacht, keine Störung, zehn Uhr +Frühstück“ — und er verschloß alle Türen und prüfte, ob +die Vorhänge dicht geschlossen waren. </p> <p> -Die Flucht der Gemächer war tageshell erleuchtet: -Gemälde, Bronzen, Skulpturen, herrliche alte Möbel — +Die Flucht der Gemächer war tageshell erleuchtet: +Gemälde, Bronzen, Skulpturen, herrliche alte Möbel — die Wohnung war ein Museum! Selbst in dem geheimnisvollen Alkoven des Ankleidezimmers brannte Licht. -Der hohe Herr lächelte, unmerklich, soweit es die mit -einer dicken Wachsschicht überzogene, gelbe Gesichtsmaske -zuließ. Die Lider bewegten sich rasch über den großen +Der hohe Herr lächelte, unmerklich, soweit es die mit +einer dicken Wachsschicht überzogene, gelbe Gesichtsmaske +zuließ. Die Lider bewegten sich rasch über den großen starren Augen Franz des Ersten. Er rieb die kleinen -wächsernen Hände vor dem Kaminfeuer und trippelte -mit hastigen, steifen Schrittchen ratlos über das gleißende -Parkett des Museums, immer hin und her. Er schlürfte -eine Tasse Tee, dann flüsterte er: „Und nun wollen wir +wächsernen Hände vor dem Kaminfeuer und trippelte +mit hastigen, steifen Schrittchen ratlos über das gleißende +Parkett des Museums, immer hin und her. Er schlürfte +eine Tasse Tee, dann flüsterte er: „Und nun wollen wir anfangen!“ Und seine steile Glatze verschwand zwischen den Portieren des Arbeitszimmers. </p> <p> -Hier also fing er an. Zuerst öffnete er mit einem winzigen -Schlüssel, den er bei sich trug, eine schwere, pechschwarze, +Hier also fing er an. Zuerst öffnete er mit einem winzigen +Schlüssel, den er bei sich trug, eine schwere, pechschwarze, italienische Renaissance-Truhe. Ihr entnahm er einen -Schlüsselbund. Dann schloß er einen Mahagonisekretär -auf, ein herrliches Stück, Empire, französisch, schwarze -Ebenholzsäulen, von goldenen Schwänen gekrönt. Fächer -sprangen auf, Schubladen öffneten sich. +Schlüsselbund. Dann schloß er einen Mahagonisekretär +auf, ein herrliches Stück, Empire, französisch, schwarze +Ebenholzsäulen, von goldenen Schwänen gekrönt. Fächer +sprangen auf, Schubladen öffneten sich. </p> <p> -Nun standen alle Schränke, Truhen, Kommoden, +Nun standen alle Schränke, Truhen, Kommoden, Vitrinen des Museums offen. </p> @@ -26327,85 +26294,85 @@ nicht mehr. <p> Die Sammlung von Tabatieren, eine der kostbarsten in -Europa — in den Koffer. Ein paar kleine alte Bändchen, -in Schweinsleder gebunden, gänzlich unscheinbar — in +Europa — in den Koffer. Ein paar kleine alte Bändchen, +in Schweinsleder gebunden, gänzlich unscheinbar — in den Koffer. Die Miniaturen auf Elfenbein, in den Koffer. -Eine Schatulle, fränkischer Herkunft, eingelegt die Zerstörung -Jerusalems, mit Schmuckstücken, Ringen, Uhren, +Eine Schatulle, fränkischer Herkunft, eingelegt die Zerstörung +Jerusalems, mit Schmuckstücken, Ringen, Uhren, Steinen, einem Kruzifix, Gold und Email — in den Koffer. -Ein rotes Lederkästchen, bis zum Rand gefüllt mit Ordenssternen +Ein rotes Lederkästchen, bis zum Rand gefüllt mit Ordenssternen — in den Koffer. Die Mappe mit Handzeichnungen, -drei kleine Niederländer — herrlich eigneten sich die alten -Brokate zum Einhüllen — wieder ein Schluck Tee. Eine -Börse voller Goldmünzen, vergessen, von Reisen zurückgeblieben +drei kleine Niederländer — herrlich eigneten sich die alten +Brokate zum Einhüllen — wieder ein Schluck Tee. Eine +Börse voller Goldmünzen, vergessen, von Reisen zurückgeblieben — weshalb nicht? Sie nahmen ja fast keinen Platz -ein. Nun aber kam das Prunkstück an die Reihe, das Kostbarste: +ein. Nun aber kam das Prunkstück an die Reihe, das Kostbarste: ein vergoldeter, kleiner Hausaltar, spanisch — -außerordentlich wertvoll! Vorsichtig auseinandergenommen, -eingehüllt, in den Koffer. Aber die kleinen römischen +außerordentlich wertvoll! Vorsichtig auseinandergenommen, +eingehüllt, in den Koffer. Aber die kleinen römischen Bronzen — wie? </p> <p> Immer erregter glitt die Wachsmaske durch die Spiegel, sie tanzte zwischen Brokaten, Bronzen, Stichen, Bildern. -Nunmehr glänzte sie fettig, aber das war der Schweiß +Nunmehr glänzte sie fettig, aber das war der Schweiß infolge der Anstrengung. Jetzt verschwand sie in das Ankleidezimmer -— kam zurück, entstellt, fast doppelt so lang, -die Wangen eingefallen, die Lippen faltig — das Gebiß +— kam zurück, entstellt, fast doppelt so lang, +die Wangen eingefallen, die Lippen faltig — das Gebiß hatte geschmerzt. </p> <p> Wieder ein Schluck Tee. Schon tagte es. Beim Anblick -eines Päckchens von vergilbten Briefen wurde der hohe +eines Päckchens von vergilbten Briefen wurde der hohe Herr erregt. Er lief zuerst zum Kamin, als ob er die Briefe -verbrennen wolle, dann lief er zu dem Empiresekretär. -Aber, nachdem er das Päckchen schon in ein Geheimfach +verbrennen wolle, dann lief er zu dem Empiresekretär. +Aber, nachdem er das Päckchen schon in ein Geheimfach <a id="page-426" class="pagenum" title="426"></a> eingeschlossen hatte, nahm er es wieder heraus — in den kleinen Koffer. </p> <p> -Briefe, Schriftstücke — das Feuer im Kamin lohte stundenlang. +Briefe, Schriftstücke — das Feuer im Kamin lohte stundenlang. Und, wie gesagt, der Donatello: aus dem Rahmen -zu nehmen, in Leinwand einzuschlagen, zu umschnüren — -prächtig! Die kleine Wachsfigur glänzte im Feuerschein, -als schmelze sie, selbst die langen, dünnen Hände . . . +zu nehmen, in Leinwand einzuschlagen, zu umschnüren — +prächtig! Die kleine Wachsfigur glänzte im Feuerschein, +als schmelze sie, selbst die langen, dünnen Hände . . . </p> <p> -Als der Diener das Frühstück brachte, war die kleine +Als der Diener das Frühstück brachte, war die kleine Exzellenz schon fix und fertig angekleidet, bereit zur Abreise. -Schränke, Truhen, Vitrinen geschlossen — nichts zu sehen, +Schränke, Truhen, Vitrinen geschlossen — nichts zu sehen, auch nicht eine Spur! </p> <p> -Bitte eine lange starke Schnur und einige große Packbogen! -So. Nur der eine Koffer, oben mit Anzügen -gefüllt, wollte nicht schließen. Die kleine Exzellenz schwang -sich auf den Koffer, stieß ein paarmal mit dem Gesäß gegen +Bitte eine lange starke Schnur und einige große Packbogen! +So. Nur der eine Koffer, oben mit Anzügen +gefüllt, wollte nicht schließen. Die kleine Exzellenz schwang +sich auf den Koffer, stieß ein paarmal mit dem Gesäß gegen den Deckel — so, siehst du, alles geht. </p> <p> -Der Mittagszug nach Köln verließ die Halle, eine Wachsmaske, -einer Leiche in grünem Wasser ähnlich, blickte aus +Der Mittagszug nach Köln verließ die Halle, eine Wachsmaske, +einer Leiche in grünem Wasser ähnlich, blickte aus dem reservierten Abteil — mit einem unmerklichen, etwas -hämischen Lächeln. Aber das mochte auch von der Beleuchtung -in der düstern Halle herrühren. Sofort aber -schloß die Wachsmaske in dem Abteil voller Koffer — -das solid verschnürte, große, flache Paket in gelbem Packpapier +hämischen Lächeln. Aber das mochte auch von der Beleuchtung +in der düstern Halle herrühren. Sofort aber +schloß die Wachsmaske in dem Abteil voller Koffer — +das solid verschnürte, große, flache Paket in gelbem Packpapier nicht zu vergessen — die Augen und schlief ein . . . </p> <p> Nach langer Zeit, nach langem, gesundem Schlafe, erwachte -der vornehme Reisende plötzlich: eine gewisse Aufregung +der vornehme Reisende plötzlich: eine gewisse Aufregung auf dem Korridor des Waggons! Der Zug stand, -in irgendeiner ärmlichen Vorstadt. Dämmerung und +in irgendeiner ärmlichen Vorstadt. Dämmerung und rauchender Nebel. </p> @@ -26414,7 +26381,7 @@ Da! Ei, ei — was ist das? </p> <p> -Schüsse? +Schüsse? </p> <p> @@ -26423,7 +26390,7 @@ Ja, ein lustiges Gewehrfeuer knatterte — oder? <p> Der vornehme Reisende kroch zwischen seinen Koffern -hervor und öffnete die Türe des reservierten Abteils. +hervor und öffnete die Türe des reservierten Abteils. </p> <p> @@ -26457,19 +26424,19 @@ Schaffnerin in Pumphosen. </p> <p> -„Von den Aufständigen.“ +„Von den Aufständigen.“ </p> <p> -„— von den Aufständigen?“ +„— von den Aufständigen?“ </p> <p> -„Soeben ist wieder ein Regiment übergegangen.“ +„Soeben ist wieder ein Regiment übergegangen.“ </p> <p> -„— übergegangen, so, so.“ +„— übergegangen, so, so.“ </p> <p> @@ -26481,19 +26448,19 @@ Schaffnerin in Pumphosen. </p> <p> -„In Köln arbeiten sie mit schweren Geschützen.“ +„In Köln arbeiten sie mit schweren Geschützen.“ </p> <p> „Danke, liebe Frau — ich bitte!“ Und der vornehme -Reisende drückt der Schaffnerin ein Goldstück in die Hand — -ohne Übertreibung, ein Goldstück! — und zieht sich wieder -in das reservierte Abteil zurück. +Reisende drückt der Schaffnerin ein Goldstück in die Hand — +ohne Übertreibung, ein Goldstück! — und zieht sich wieder +in das reservierte Abteil zurück. </p> <p> -„So, so!“ Nun beginnt die Wachsmaske tatsächlich zu -<a id="corr-11"></a>schmelzen. Ein paar große Wachsperlen rinnen über die +„So, so!“ Nun beginnt die Wachsmaske tatsächlich zu +<a id="corr-11"></a>schmelzen. Ein paar große Wachsperlen rinnen über die Stirn, ein flatterndes Batisttaschentuch tastet nach ihnen. </p> @@ -26503,15 +26470,15 @@ Stirn, ein flatterndes Batisttaschentuch tastet nach ihnen. <p class="first"> <span class="firstchar">D</span>er General und Hauptmann Wunderlich speisten zusammen -unter dem schneeigen Glaslüster an dem -runden, großen Speisetisch. Speisten? Sie berührten -die Gerichte kaum. Jakob brachte weiße Teller, trug weiße +unter dem schneeigen Glaslüster an dem +runden, großen Speisetisch. Speisten? Sie berührten +die Gerichte kaum. Jakob brachte weiße Teller, trug weiße Teller fort. </p> <p> „Aber diese vierzehn Punkte —?“ fragte der General -mit einem mißtrauischen Knarren in der müden, heiseren +mit einem mißtrauischen Knarren in der müden, heiseren Stimme. Sein Hals war von einem dicken Umschlag umwickelt. </p> @@ -26520,7 +26487,7 @@ Wunderlichs Gesicht zuckte. </p> <p> -„Der Präsident ist ein Mann von Ehre!“ +„Der Präsident ist ein Mann von Ehre!“ </p> <p> @@ -26531,24 +26498,24 @@ sich bedienen zu wollen.“, <p> <a id="page-428" class="pagenum" title="428"></a> „Wir haben das Wort von hundert Millionen amerikanischen -Bürgern!“ +Bürgern!“ </p> <p> -„Hm. — Bitte, sich doch eingießen zu wollen, mir selbst +„Hm. — Bitte, sich doch eingießen zu wollen, mir selbst ist es ja verboten.“ </p> <p> „Und Sie sagen, Hauptmann Wunderlich: die Waffenstillstandsbedingungen -sollen unter allen Umständen angenommen -werden — unter allen Umständen?“ +sollen unter allen Umständen angenommen +werden — unter allen Umständen?“ </p> <p> -„Man will versuchen, einige Zugeständnisse zu erhalten. -Sollte dieses Ansuchen aber zurückgewiesen werden: unter -allen Umständen!“ +„Man will versuchen, einige Zugeständnisse zu erhalten. +Sollte dieses Ansuchen aber zurückgewiesen werden: unter +allen Umständen!“ </p> <p> @@ -26560,15 +26527,15 @@ allen Umständen!“ </p> <p> -„Hm.“ Der General kämpfte gegen einen Hustenanfall. -„Hm, aber —.“ Unmöglich, dachte er, mit eingesunkenen, -düsteren Augen, das Volk muß sich erheben! Erhebung +„Hm.“ Der General kämpfte gegen einen Hustenanfall. +„Hm, aber —.“ Unmöglich, dachte er, mit eingesunkenen, +düsteren Augen, das Volk muß sich erheben! Erhebung der Massen! Kampf bis zum letzten Hauch — </p> <p> Aber er sprach seine Gedanken nicht aus. Eben legte -Jakob wiederum neue weiße Teller auf. Quittengelb ist +Jakob wiederum neue weiße Teller auf. Quittengelb ist der General geworden. Seine Backen sind eingefallen und schlaff. Die Grippe hat sich auf die Nieren geschlagen. @@ -26583,16 +26550,16 @@ geschlagen. </p> <p> -Riesengroß steht Ackermanns Geist über der dunkeln, +Riesengroß steht Ackermanns Geist über der dunkeln, schweigenden Stadt. Sein Leib sind die Sterne, sein Haupt -sind die Sterne, seine Augen sind die Sterne. Seine Hände +sind die Sterne, seine Augen sind die Sterne. Seine Hände sind die Sterne. Schon kommt ein kaltes Gefunkel aus dem Osten. </p> <p> -Die Riesenstadt schläft, bedeckt mit dünnen Nebelschleiern -ihre Dächer und Türme. +Die Riesenstadt schläft, bedeckt mit dünnen Nebelschleiern +ihre Dächer und Türme. </p> <p> @@ -26600,30 +26567,30 @@ ihre Dächer und Türme. schallt und die schlafende Stadt erbebt. „Auf, auf, mein Volk! Die Sterne funkeln! Erhebe dich unter den <a id="page-429" class="pagenum" title="429"></a> -Völkern der Erde und gehe voran auf dem Weg der -Läuterung!“ +Völkern der Erde und gehe voran auf dem Weg der +Läuterung!“ </p> <p> -Die Sterne erblassen. Aus dem Osten bläst kaltes Licht, -die Nebel senken sich dicht auf Dächer und Türme. Lieblich -säuselt der Morgenwind. +Die Sterne erblassen. Aus dem Osten bläst kaltes Licht, +die Nebel senken sich dicht auf Dächer und Türme. Lieblich +säuselt der Morgenwind. </p> <p> -Und schon erheben sich die Schläfer! In Trupps, in -Scharen. Der gleißende Lichtgürtel, der die Riesenstadt +Und schon erheben sich die Schläfer! In Trupps, in +Scharen. Der gleißende Lichtgürtel, der die Riesenstadt umspannt, erlischt. Schatten, geballt, beginnen zu wandern. -In den dunkeln Vorstädten erhellen sich die Fenster. Schritte -schlürfen, sammeln sich, Schatten, geballt, beginnen zu -wandern. Vom Süden, vom Norden, von überall her +In den dunkeln Vorstädten erhellen sich die Fenster. Schritte +schlürfen, sammeln sich, Schatten, geballt, beginnen zu +wandern. Vom Süden, vom Norden, von überall her beginnen die Schatten, geballt zu wandern. Hunderttausende von Schritten sind unterwegs. </p> <p> -Die Morgenröte funkelt. Da beginnt die Schattenstadt -zu glühen. +Die Morgenröte funkelt. Da beginnt die Schattenstadt +zu glühen. </p> <p class="tb2"> @@ -26632,79 +26599,79 @@ zu glühen. <p class="noindent"> Endlich — ja, Gott sei Dank! — trillerte die Marspfeife -wieder und die graue Limousine fegt durch die kühle, -sonnige Herbstluft dahin. Die Fußgänger entfliehen, rechtzeitig -bringen sich die Straßenkehrer in Sicherheit. In -einer wunderbaren Kurve, unübertrefflich, wirft Schwerdtfeger -die Limousine um eine auf der Straße stehengebliebene -Karre voll Straßenschmutz herum. +wieder und die graue Limousine fegt durch die kühle, +sonnige Herbstluft dahin. Die Fußgänger entfliehen, rechtzeitig +bringen sich die Straßenkehrer in Sicherheit. In +einer wunderbaren Kurve, unübertrefflich, wirft Schwerdtfeger +die Limousine um eine auf der Straße stehengebliebene +Karre voll Straßenschmutz herum. </p> <p> Die Augen des Generals sind wieder nachdenklich und -konzentriert auf den gekrümmten Rücken Schwerdtfegers -geheftet. Immer noch etwas gelb, etwas müde, die Backen -etwas zittrig und schlaff, die Tränensäcke etwas geschwollen, -aber man kann zurzeit nicht allzu große Rücksicht auf sich +konzentriert auf den gekrümmten Rücken Schwerdtfegers +geheftet. Immer noch etwas gelb, etwas müde, die Backen +etwas zittrig und schlaff, die Tränensäcke etwas geschwollen, +aber man kann zurzeit nicht allzu große Rücksicht auf sich nehmen. Es bereiten sich Dinge vor, jeder an seinem Posten! </p> <p> -Die Marspfeife schrillt — vor Schreck fällt ein altes -Droschkenpferd in Galopp. Plötzlich aber: Fußbremse, +Die Marspfeife schrillt — vor Schreck fällt ein altes +Droschkenpferd in Galopp. Plötzlich aber: Fußbremse, Handbremse, die Limousine schleift — halt! </p> <p> -Musik. Ein Jägerbataillon zieht mit klingendem Spiel +Musik. Ein Jägerbataillon zieht mit klingendem Spiel vorbei, den Linden zu — rot die jungen Gesichter in der <a id="page-430" class="pagenum" title="430"></a> Morgensonne, Stahlhelme, die Haltung wundervoll. Der General beachtet jede Kleinigkeit. Nicht <em>ein</em> Tadel! Er -fühlt sich beruhigt. Gerüchte schwirren in der Stadt — +fühlt sich beruhigt. Gerüchte schwirren in der Stadt — aber welche Narren! Ein Blick auf die Karte Berlins -genügt ja: einige Brücken, Kanäle, Straßen besetzt — +genügt ja: einige Brücken, Kanäle, Straßen besetzt — und mit zwei Dutzend Maschinengewehren war die Stadt gegen Hunderttausende zu halten. Nur Laien . . . Herrlich Offiziere und Mannschaften — junge Burschen, kaum -den Knabenjahren entwachsen — ja, obschon er die Gerüchte -nicht eben tragisch genommen hatte, fühlte er sich -durch den Anblick dieses Jägerbataillons beruhigt. +den Knabenjahren entwachsen — ja, obschon er die Gerüchte +nicht eben tragisch genommen hatte, fühlte er sich +durch den Anblick dieses Jägerbataillons beruhigt. </p> <p> -An den Straßenkreuzungen standen Doppelposten, den -Gürtel mit Handgranaten gespickt. Eine Batterie fuhr -dahin, langsam und gemächlich, als käme sie von einer -Schießübung zurück. Die Offiziere waren durch Befehl zusammengerufen. -Im übrigen hatte der Oberbefehlshaber -in den Marken ungesetzliche Zusammenschlüsse, die die -öffentliche Sicherheit gefährdeten, auf Grund des Paragraphen +An den Straßenkreuzungen standen Doppelposten, den +Gürtel mit Handgranaten gespickt. Eine Batterie fuhr +dahin, langsam und gemächlich, als käme sie von einer +Schießübung zurück. Die Offiziere waren durch Befehl zusammengerufen. +Im übrigen hatte der Oberbefehlshaber +in den Marken ungesetzliche Zusammenschlüsse, die die +öffentliche Sicherheit gefährdeten, auf Grund des Paragraphen 9b in feierlicher Proklamation strengstens verboten. </p> <p> -Auch das rote Amtsgebäude des Generals war in Verteidigungszustand +Auch das rote Amtsgebäude des Generals war in Verteidigungszustand gesetzt. Stahlhelme wimmelten in allen Stockwerken. Offiziere standen an den Fenstern. Ein schweres Maschinengewehr war im Foyer postiert. Nun, -es war selbstverständlich Pflicht des Kommandanten, keine -Vorsichtsmaßregel außer acht zu lassen. +es war selbstverständlich Pflicht des Kommandanten, keine +Vorsichtsmaßregel außer acht zu lassen. </p> <p> -Der alte Portier mit den weißen Haarsträhnen und den -Blechmünzen auf dem Mantel trat absichtlich einen Schritt +Der alte Portier mit den weißen Haarsträhnen und den +Blechmünzen auf dem Mantel trat absichtlich einen Schritt weiter vor, er verbeugte sich tiefer als sonst. Sein altes Frauengesicht war von Freude erhellt. Seine tiefe Verbeugung -drückte — soweit die Stellung des Untergebenen -es zuließ — die Genugtuung aus, Seine Exzellenz wiederhergestellt -zu sehen, sie beglückwünschte zur Genesung. +drückte — soweit die Stellung des Untergebenen +es zuließ — die Genugtuung aus, Seine Exzellenz wiederhergestellt +zu sehen, sie beglückwünschte zur Genesung. </p> <p> -„Exzellenz!“ schlürfte er, und der Speichel rann über +„Exzellenz!“ schlürfte er, und der Speichel rann über sein Kinn. </p> @@ -26712,31 +26679,31 @@ sein Kinn. Aber der General sah den alten Portier gar nicht. Doppelt <a id="page-431" class="pagenum" title="431"></a> ernst, doppelt gesammelt durchschritt er das Foyer. Er -bemerkte auch nicht die immerhin auffallenden Verteidigungsmaßregeln. +bemerkte auch nicht die immerhin auffallenden Verteidigungsmaßregeln. Er sah nicht die Stahlhelme, die Offiziere, die zu Statuen erstarrten, das schwere Maschinengewehr -— wie früher, in den alten Tagen, stieg er die +— wie früher, in den alten Tagen, stieg er die Treppe empor. Nur etwas langsamer. </p> <p> Stahlhelme in den Korridoren, Offiziere, Gewehrpyramiden — aber der General sah sie nicht. Nachdenklich -verschwand er hinter der gepolsterten Doppeltüre mit +verschwand er hinter der gepolsterten Doppeltüre mit den Aufschriften: „Vortrag. Kein Zutritt. Anmeldung Zimmer 6.“ </p> <p> -Aber schon dicht hinter der gepolsterten Türe war er +Aber schon dicht hinter der gepolsterten Türe war er gezwungen, stehenzubleiben, seine Knie zitterten — solche Anstrengung hatten ihm die paar Treppen und Korridore bereitet. </p> <p> -Das alte Herz erwärmt, vollkommen beruhigt, kehrte -der Portier in seine Loge zurück. +Das alte Herz erwärmt, vollkommen beruhigt, kehrte +der Portier in seine Loge zurück. </p> <p> @@ -26761,15 +26728,15 @@ Horch! Rufe. </p> <p> -Fäuste pochen an die Tore der düstern Kasernen. +Fäuste pochen an die Tore der düstern Kasernen. </p> <p> -Öffnet Kameraden! +Öffnet Kameraden! </p> <p> -Öffnet — wir sind es . . . +Öffnet — wir sind es . . . </p> <p> @@ -26777,21 +26744,21 @@ Jubel! </p> <p> -Und die Tore der Kasernen öffnen sich: der böse Geist -der düstern Gebäude entweicht. Ein Toter liegt still auf -dem Bürgersteig, mit einem Mantel zugedeckt. +Und die Tore der Kasernen öffnen sich: der böse Geist +der düstern Gebäude entweicht. Ein Toter liegt still auf +dem Bürgersteig, mit einem Mantel zugedeckt. </p> <p> -Die Morgensonne blendet durch die Straßen. Funkelnd -steigt die Sonne des 9. November über Berlin empor. +Die Morgensonne blendet durch die Straßen. Funkelnd +steigt die Sonne des 9. November über Berlin empor. </p> <p> <a id="page-432" class="pagenum" title="432"></a> Horch! Die Stadt erbebt unter dem Tritt von Hunderttausenden. -Über den tausend Köpfen schwankt ein Plakat: -Nicht schießen, Kameraden! +Über den tausend Köpfen schwankt ein Plakat: +Nicht schießen, Kameraden! </p> <p class="tb"> @@ -26800,53 +26767,53 @@ Nicht schießen, Kameraden! <p class="first"> <span class="firstchar">I</span>mmer noch etwas zitternd von der Anstrengung des -Treppensteigens saß der General an seinem riesigen -Schreibtisch, in die Arbeit vertieft. Akten, Schriftstücke, +Treppensteigens saß der General an seinem riesigen +Schreibtisch, in die Arbeit vertieft. Akten, Schriftstücke, er sah nicht auf. Die Fenster waren geschlossen, die blauen -Vorhänge dicht zugezogen, es war nahezu dunkel. Unfaßbar, -welche Unmenge von Arbeit sich angehäuft hatte! -Ganz wie früher, vor seiner Erkrankung, als sei alles noch +Vorhänge dicht zugezogen, es war nahezu dunkel. Unfaßbar, +welche Unmenge von Arbeit sich angehäuft hatte! +Ganz wie früher, vor seiner Erkrankung, als sei alles noch wie ehedem, arbeitete der General. Er versuchte es sogar -mit einer Zigarre, ließ sie aber bald wieder ausgehen. -Die Schriftstücke flatterten in seinen Händen. +mit einer Zigarre, ließ sie aber bald wieder ausgehen. +Die Schriftstücke flatterten in seinen Händen. </p> <p> -Weißbach trat ein und erstattete Vortrag. In der Stadt -bis jetzt alles ruhig. Nach ihm erschien der hünenhafte -Major Wolff in der Türe, mit einer dicken Mappe: Entscheidungen, +Weißbach trat ein und erstattete Vortrag. In der Stadt +bis jetzt alles ruhig. Nach ihm erschien der hünenhafte +Major Wolff in der Türe, mit einer dicken Mappe: Entscheidungen, die der Vertreter des Generals nicht zu treffen gewagt hatte. </p> <p> -Auf jeden einzelnen Fall ging der General ausführlich -ein, er verlor sich in Einzelheiten. Hier mußte nochmals +Auf jeden einzelnen Fall ging der General ausführlich +ein, er verlor sich in Einzelheiten. Hier mußte nochmals erinnert werden, hier empfahl es sich, dringlich zu werden, -hier war telegraphisch die Entscheidung der höchsten Stelle +hier war telegraphisch die Entscheidung der höchsten Stelle zu erbitten. Major Wolff notierte. Diese Angelegenheit -aber wollte der General persönlich erledigen. Das Befinden? +aber wollte der General persönlich erledigen. Das Befinden? Ja, danke — um vieles besser, man kann wieder anfangen! </p> <p> Wieder war der General allein, in seine Arbeit vertieft. -Die Schriftstücke wehten in seinen Händen. Kein Laut, +Die Schriftstücke wehten in seinen Händen. Kein Laut, nicht ein einziger Laut! </p> <p> Auf den Korridoren die Truppen, an allen Fenstern -Stahlhelme, an den Eingängen schwere Maschinengewehre -mit Munitionskästen. Das Amt eine Festung, die nur mit -Geschützen genommen werden konnte. +Stahlhelme, an den Eingängen schwere Maschinengewehre +mit Munitionskästen. Das Amt eine Festung, die nur mit +Geschützen genommen werden konnte. </p> <p> -Fröhlichkeit und Gelächter bei den Drillichkitteln in +Fröhlichkeit und Gelächter bei den Drillichkitteln in <a id="page-433" class="pagenum" title="433"></a> -den Schreibstuben. Laßt sie klingeln, mögen sie ruhig +den Schreibstuben. Laßt sie klingeln, mögen sie ruhig klingeln! </p> @@ -26859,7 +26826,7 @@ Das Telephon. </p> <p> -„Die Maikäfer haben soeben Rot gehißt!“ +„Die Maikäfer haben soeben Rot gehißt!“ </p> <p> @@ -26867,20 +26834,20 @@ Das Telephon. </p> <p> -Laßt sie klingeln, ruhig klingeln. Gelächter, Lärm. +Laßt sie klingeln, ruhig klingeln. Gelächter, Lärm. </p> <p> -Aber in dem großen Arbeitssaal des Generals, hinter -den Doppeltüren, den Doppelfenstern, den zugezogenen -Vorhängen — kein Laut. Die Feder, das leichte Keuchen +Aber in dem großen Arbeitssaal des Generals, hinter +den Doppeltüren, den Doppelfenstern, den zugezogenen +Vorhängen — kein Laut. Die Feder, das leichte Keuchen und Rasseln beim Atemholen, nichts sonst. </p> <p> -Wieder tritt Weißbach ein. Seine Sporen klingen, der +Wieder tritt Weißbach ein. Seine Sporen klingen, der General sieht auf. Er erschrickt: ein Gesicht aus Kreide, -mit blauen Lippen. Der Fernspruch flattert in Weißbachs +mit blauen Lippen. Der Fernspruch flattert in Weißbachs Hand. </p> @@ -26891,7 +26858,7 @@ Und der General erhebt sich. <p> Sein gelbes Gesicht wird fleckig, seine schlaffen Backen zittern. Das breite Gesicht wird langsam grau, grau wie -der Staub der Landstraße. +der Staub der Landstraße. </p> <p> @@ -26899,12 +26866,12 @@ Er neigt den Kopf. „Danke.“ </p> <p> -Die Sporen singen, lautlos schließt sich die Türe. +Die Sporen singen, lautlos schließt sich die Türe. </p> <p> Immer noch steht der General, den Blick auf das Parkett -geheftet. Auch seine Hände sind grau geworden. +geheftet. Auch seine Hände sind grau geworden. </p> <p> @@ -26912,17 +26879,17 @@ geheftet. Auch seine Hände sind grau geworden. </p> <p> -Ja, er sieht — plötzlich, merkwürdig genug! — Tribünen, +Ja, er sieht — plötzlich, merkwürdig genug! — Tribünen, schwarz von Menschen, elegante Wagen fahren heran, -Damen, Orden glitzern, Federbüsche wehen. Fremdländische +Damen, Orden glitzern, Federbüsche wehen. Fremdländische Uniformen, Glanz, Pracht — und die Truppen ziehen vorbei — endlos. Die Musikkapellen schwenken ein und, -gleichmäßig wie die Wellen der Brandung, rauschen die +gleichmäßig wie die Wellen der Brandung, rauschen die Regimenter in tadelloser Haltung vorbei. Und hinten, -weit hinten stehen sie auf dem Feld, unübersehbar, anzusehen +weit hinten stehen sie auf dem Feld, unübersehbar, anzusehen wie farbige Beete eines unendlichen Blumengartens — und alle Augen sind auf den Mann zu Pferd gerichtet — -<em>alle</em>. Eine Frühjahrsparade. +<em>alle</em>. Eine Frühjahrsparade. </p> <p> @@ -26935,8 +26902,8 @@ und alle Augen sind auf den Mann zu Pferd gerichtet — </p> <p> -Da beginnt das Parkett zu kreisen, die Wände schwingen. -Die Vorhänge flattern und verschwinden. Nebel kreist, in +Da beginnt das Parkett zu kreisen, die Wände schwingen. +Die Vorhänge flattern und verschwinden. Nebel kreist, in endlosem, kreisendem Nebel steht das graue Steingesicht und zittert. Die grauen Finger klammern sich an den Schreibtisch. @@ -26944,63 +26911,63 @@ Schreibtisch. <p> Stille. Er steht allein, inmitten der Unendlichkeit, ein -Punkt im Nichts, ein Pünktchen, das immer kleiner wird, +Punkt im Nichts, ein Pünktchen, das immer kleiner wird, schrumpft. </p> <p> -Aber da — hörst du: Lärm, Brausen, Schritte wie von +Aber da — hörst du: Lärm, Brausen, Schritte wie von Hunderttausenden, Rufe, Gesang — </p> <p> -Allmählich, ganz allmählich kehrt das Bewußtsein des +Allmählich, ganz allmählich kehrt das Bewußtsein des Generals aus dem schauerlichen Sturz in das unendliche -Nichts zurück. Er lauscht. Ein Schritt mahlt, drunten, -tausendfältig. Brausen umtost das stille, rote Gebäude, -hunderttausendfältig. Er vermeidet es ans Fenster zu -treten, es wäre seiner unwürdig. Aber sein Herz pocht -in höchster Erregung. Jeden Augenblick können die -Maschinengewehre hämmern — jede Sekunde — da! Rufe, -Tosen, ein unerklärliches Splittern, als ob dünne Balken, -Bretter zerbrächen. Was ist das? Nichts. Die Rufe entfernen +Nichts zurück. Er lauscht. Ein Schritt mahlt, drunten, +tausendfältig. Brausen umtost das stille, rote Gebäude, +hunderttausendfältig. Er vermeidet es ans Fenster zu +treten, es wäre seiner unwürdig. Aber sein Herz pocht +in höchster Erregung. Jeden Augenblick können die +Maschinengewehre hämmern — jede Sekunde — da! Rufe, +Tosen, ein unerklärliches Splittern, als ob dünne Balken, +Bretter zerbrächen. Was ist das? Nichts. Die Rufe entfernen sich, der Tritt der <a id="corr-12"></a>Hunderttausend, unter dem das -rote Backsteingebäude erzitterte, entfernt sich. Wieder -Stille. Gott sei Dank, ohne Blutvergießen. Die Masse -war vernünftig. +rote Backsteingebäude erzitterte, entfernt sich. Wieder +Stille. Gott sei Dank, ohne Blutvergießen. Die Masse +war vernünftig. </p> <p> Aber diese Luft erstickt. Sie ist Blei, Eisen, sie lastet -auf den Händen wie Gewichte. +auf den Händen wie Gewichte. </p> <p> -Da erschien wiederum Weißbach in der Türe. Noch -weißer sein Gesicht. +Da erschien wiederum Weißbach in der Türe. Noch +weißer sein Gesicht. </p> <p> Der General richtete sich auf. Breitbeinig stand er -mitten im Zimmer, die Füße auf das Parkett gepreßt, +mitten im Zimmer, die Füße auf das Parkett gepreßt, um nicht zu fallen. </p> <p> -Mit einem Blick übersah er <em>alles</em>! +Mit einem Blick übersah er <em>alles</em>! </p> <p> -Die Türen standen offen — alles leer. Leer die Flucht +Die Türen standen offen — alles leer. Leer die Flucht <a id="page-435" class="pagenum" title="435"></a> der Arbeitszimmer der Offiziere — keine Seele mehr. -Uniformröcke auf Stühlen und Schreibtischen. Weißbachs -kreidiges Gesicht — und Weißbach trug Zivil . . . +Uniformröcke auf Stühlen und Schreibtischen. Weißbachs +kreidiges Gesicht — und Weißbach trug Zivil . . . </p> <p> -Die Wände biegen sich, wölben sich, schon stürzen sie -über ihn — +Die Wände biegen sich, wölben sich, schon stürzen sie +über ihn — </p> <p> @@ -27012,31 +26979,31 @@ Die Wände biegen sich, wölben sich, schon stürzen sie </h3> <p class="first"> -<span class="firstchar">U</span>nübersehbar die Menschenmenge vor dem Reichstagsgebäude, +<span class="firstchar">U</span>nübersehbar die Menschenmenge vor dem Reichstagsgebäude, Kopf an Kopf. Kopf an Kopf zwischen den -hohen Säulen. Da tritt eine Gestalt vor, schwingt den +hohen Säulen. Da tritt eine Gestalt vor, schwingt den Hut — Brausen! Brausen, die Riesenstadt jubelt. </p> <p> -Das rote Gebäude aber liegt tot! Verödet die Korridore. -Die Türen stehen alle offen, leer die Zimmer. Verschwunden +Das rote Gebäude aber liegt tot! Verödet die Korridore. +Die Türen stehen alle offen, leer die Zimmer. Verschwunden die Stahlhelme, Gewehrpyramiden und Maschinengewehre. -Alles leer, ausgestorben. Nur die großen -Ballen sind geblieben, die alle Gänge des weiten Gebäudes -überschwemmten. Die Ballen mit den Karten ferner -Länder, ferner Provinzen — der Peipussee, der Kongo . . . +Alles leer, ausgestorben. Nur die großen +Ballen sind geblieben, die alle Gänge des weiten Gebäudes +überschwemmten. Die Ballen mit den Karten ferner +Länder, ferner Provinzen — der Peipussee, der Kongo . . . </p> <p> Langsam steigt der General die Treppe ins Foyer -hinab. Er berührt mit der Hand das Steingeländer, zum +hinab. Er berührt mit der Hand das Steingeländer, zum erstenmal. </p> <p> -Soeben fährt Schwerdtfeger die graue Limousine aus -dem Hof auf die Straße. +Soeben fährt Schwerdtfeger die graue Limousine aus +dem Hof auf die Straße. </p> <p> @@ -27054,51 +27021,51 @@ Aber was ist das? </p> <p> -Der General taumelt zurück. +Der General taumelt zurück. </p> <p> Ein Auto, ein grauer, offener Wagen, rast, fliegt — -kein Wort — er schnellt in langen Sätzen über den Asphalt, -wie eine startende Flugmaschine hebt er sich in die Höhe, +kein Wort — er schnellt in langen Sätzen über den Asphalt, +wie eine startende Flugmaschine hebt er sich in die Höhe, <a id="page-436" class="pagenum" title="436"></a> die Funken stieben aus den Pneus. Matrosen! Und es flattert, weht — eine rote Flagge! Verschwunden. </p> <p> -Noch immer taumelt der massige Körper des Generals. +Noch immer taumelt der massige Körper des Generals. </p> <p> Ja, jetzt hat er begriffen. Die zerbrochenen Gewehre auf dem Pflaster — die Truppen haben sie aus den Fenstern -auf die Straße geworfen — das war das unerklärliche -Splittern, das er gehört hatte, als zerbrächen dünne Balken. -Und der tobende Lärm in der Stadt — jetzt begriff er. +auf die Straße geworfen — das war das unerklärliche +Splittern, das er gehört hatte, als zerbrächen dünne Balken. +Und der tobende Lärm in der Stadt — jetzt begriff er. </p> <p> -Der greise Portier schloß den Wagenschlag. +Der greise Portier schloß den Wagenschlag. </p> <p> -Seine weißen Haarsträhnen flatterten im Wind, als die -Limousine abfuhr. Er hatte die Mütze abgenommen. Nein, +Seine weißen Haarsträhnen flatterten im Wind, als die +Limousine abfuhr. Er hatte die Mütze abgenommen. Nein, nicht wie der alternde Moltke sah er heute aus, mit seinem Frauengesicht. In seinem abgeschabten Mantel, mit seinem -dünnen Hals, seinen weißen, flatternden Haarsträhnen, +dünnen Hals, seinen weißen, flatternden Haarsträhnen, seinem hohlen Blick erschien er in diesem Augenblick wie -ein alter Lämmergeier, wie man sie in den zoologischen -Gärten sieht. +ein alter Lämmergeier, wie man sie in den zoologischen +Gärten sieht. </p> <p> Aber weiter, weiter! Schwerdtfeger biegt ab. Eine -Mauer von Menschen. Der Motor dröhnt. Die Limousine +Mauer von Menschen. Der Motor dröhnt. Die Limousine jagt durch den Tiergarten, weiter, immer weiter. Schwerdtfeger -versucht die Tiergartenstraße zu erreichen — unmöglich. -Wiederum Züge von Menschen. Rote Flaggen. +versucht die Tiergartenstraße zu erreichen — unmöglich. +Wiederum Züge von Menschen. Rote Flaggen. </p> <p class="tb"> @@ -27106,71 +27073,71 @@ Wiederum Züge von Menschen. Rote Flaggen. </p> <p class="first"> -<span class="firstchar">S</span>chon knattert es in den Straßen! +<span class="firstchar">S</span>chon knattert es in den Straßen! </p> <p> -Hauptmann Wunderlich lehnt sich mit dem Rücken -gegen die Hauswand, auf seine beiden Krückstöcke gestützt. +Hauptmann Wunderlich lehnt sich mit dem Rücken +gegen die Hauswand, auf seine beiden Krückstöcke gestützt. Der Rest von Farbe weicht aus seinem zuckenden Gesicht, er stammelt. Verwegen aussehende Matrosen umstehen ihn. </p> <p> -Schüsse knallen in nächster Nähe. Mit schwerem Klatschen -stürzt ein Körper zu Boden. +Schüsse knallen in nächster Nähe. Mit schwerem Klatschen +stürzt ein Körper zu Boden. </p> <p> -„Schon gut, wir sehen ja! Aber Sie könnten doch Unannehmlichkeiten +„Schon gut, wir sehen ja! Aber Sie könnten doch Unannehmlichkeiten haben, Herr Hauptmann!“ </p> <p> Und ein Matrose schneidet Hauptmann Wunderlich mit -einem langen Messer die Achselstücke ab. +einem langen Messer die Achselstücke ab. </p> <p> -Dies geschah Ecke Linden und Wilhelmstraße. +Dies geschah Ecke Linden und Wilhelmstraße. </p> <p> <a id="page-437" class="pagenum" title="437"></a> -Die Wilhelmstraße lag, wie immer, ruhig. Ruhig und -unbeteiligt vor dem Kriege, ruhig und unbeteiligt während +Die Wilhelmstraße lag, wie immer, ruhig. Ruhig und +unbeteiligt vor dem Kriege, ruhig und unbeteiligt während des Krieges und auch jetzt — ganz still! </p> <p> -Nur zuweilen öffnete sich eine Türe, vorsichtig, vorsichtig, -ein Kopf spähte — und dann eilte jemand mit einer Mappe -unter dem Arm rasch die Wilhelmstraße hinab. Gamaschen, +Nur zuweilen öffnete sich eine Türe, vorsichtig, vorsichtig, +ein Kopf spähte — und dann eilte jemand mit einer Mappe +unter dem Arm rasch die Wilhelmstraße hinab. Gamaschen, Lackschuhe, die Monokel waren in den Westentaschen verschwunden. -Manche gingen so rasch, daß sie über die eigenen -Füße stolperten. Auch einige Seidenhüte glitten rasch aus +Manche gingen so rasch, daß sie über die eigenen +Füße stolperten. Auch einige Seidenhüte glitten rasch aus den Toren, pomadisierte Scheitel, bis in den Nacken durchgezogen. -Ein hagerer Elegant stelzte eilig über die Straße, -Perücke, mikroskopisches Schnurrbärtchen unter der Hakennase, -ganz kurzes Überzieherchen, er schlenkerte höchst eigentümlich +Ein hagerer Elegant stelzte eilig über die Straße, +Perücke, mikroskopisches Schnurrbärtchen unter der Hakennase, +ganz kurzes Überzieherchen, er schlenkerte höchst eigentümlich mit dem rechten Knie: vor dem Kriege Botschafter . . . </p> <p> Auch der Geheime Rat Westphal eilte mit seiner Mappe -aus einer Türspalte. Er wagte es nicht einmal, einen Blick -in die Richtung der Linden zu werfen. Sein dünner +aus einer Türspalte. Er wagte es nicht einmal, einen Blick +in die Richtung der Linden zu werfen. Sein dünner Chinesenbart wehte. Schon war er um die Ecke verschwunden. </p> <p> Hinter ihm her eilte Professor Salomon — mit dem -Kürbiskopf und den abstehenden Ohren. Er hatte den -steifen Hut tief über die Glatze gezogen und den Mantelkragen -hinaufgestülpt. Er pfiff vor sich hin, tat unbekümmert. +Kürbiskopf und den abstehenden Ohren. Er hatte den +steifen Hut tief über die Glatze gezogen und den Mantelkragen +hinaufgestülpt. Er pfiff vor sich hin, tat unbekümmert. Aber fortgesetzt drehte er sich um, dann wagte er -sogar ein paar Sprünge . . . +sogar ein paar Sprünge . . . </p> <p> @@ -27178,7 +27145,7 @@ sogar ein paar Sprünge . . . </p> <p> -„Ah, Sie sind es! Sie haben mich tödlich erschreckt!“ +„Ah, Sie sind es! Sie haben mich tödlich erschreckt!“ </p> <p> @@ -27186,24 +27153,24 @@ sogar ein paar Sprünge . . . </p> <p> -„Gewiß, keine Kleinigkeit, großer Gott im Himmel!“ +„Gewiß, keine Kleinigkeit, großer Gott im Himmel!“ </p> <p> -„Und ganz überraschend!“ +„Und ganz überraschend!“ </p> <p> -„Ein Blitz aus heiterem Himmel, fürwahr!“ +„Ein Blitz aus heiterem Himmel, fürwahr!“ </p> <p> „Trotz mancher Symptome — — da, da! — haben Sie -gehört?“ +gehört?“ </p> <p> -„Ja, ganz in der Nähe! Rasch, rasch! Nichtsahnend +„Ja, ganz in der Nähe! Rasch, rasch! Nichtsahnend <a id="page-438" class="pagenum" title="438"></a> komme ich heute morgen ins Amt — wir besprachen gerade in aller Ruhe die politische Lage — England soll @@ -27212,8 +27179,8 @@ da — schon wieder!“ </p> <p> -„Wir werden versuchen, die Leipziger Straße zu überqueren -— kommen Sie. Ob wohl noch Züge fahren?“ +„Wir werden versuchen, die Leipziger Straße zu überqueren +— kommen Sie. Ob wohl noch Züge fahren?“ </p> <p> @@ -27229,15 +27196,15 @@ da — schon wieder!“ </p> <p> -„Man muß eilen. Jede Minute ist unter Umständen -entscheidend für Tod und Leben. Lesen Sie die Geschichte +„Man muß eilen. Jede Minute ist unter Umständen +entscheidend für Tod und Leben. Lesen Sie die Geschichte der Revolutionen . . .“ </p> <p> -Kreuz und quer jagt Schwerdtfeger. Endlich hält er -und reißt die Türe auf: „Rasch, rasch!“ Willenlos gehorcht -der General — und schon fährt Schwerdtfeger davon. +Kreuz und quer jagt Schwerdtfeger. Endlich hält er +und reißt die Türe auf: „Rasch, rasch!“ Willenlos gehorcht +der General — und schon fährt Schwerdtfeger davon. </p> <p> @@ -27251,32 +27218,32 @@ konnte. </p> <p> -Der General zögerte. Aber auch in der Lessingallee +Der General zögerte. Aber auch in der Lessingallee Trupps von Menschen, die im Sturmschritt dahineilten. </p> <p> -Er trat ein — beschämt. Taumelnd tastete er sich vorwärts. -Petersen mußte an den Hauptmann denken, der immerfort +Er trat ein — beschämt. Taumelnd tastete er sich vorwärts. +Petersen mußte an den Hauptmann denken, der immerfort sagte: Ach, wie dunkel es ist — ich sehe etwas schlecht . . . </p> <p> -„Ich werde nicht lange stören, Petersen“, stammelte der +„Ich werde nicht lange stören, Petersen“, stammelte der General. „Nur einen Augenblick — wir kamen nicht weiter.“ </p> <p> -„Gnädige Frau werden sehr bedauern —“ +„Gnädige Frau werden sehr bedauern —“ </p> <p> -Immerhin, ein Glücksfall an diesem Tage! Dora war +Immerhin, ein Glücksfall an diesem Tage! Dora war nicht hier. Der General atmete auf. </p> <p> -„Gnädige Frau reiste gestern ab — nach Pommern, aufs +„Gnädige Frau reiste gestern ab — nach Pommern, aufs Land, zu einer Familie Olsen. Bitte Exzellenz Platz zu nehmen, ich werde sofort ein Glas Wasser bringen.“ </p> @@ -27287,12 +27254,12 @@ nehmen, ich werde sofort ein Glas Wasser bringen.“ <p> „Ja, Olsen. Darf ich nun bitten — eine Sekunde — -Exzellenz sind ganz blaß geworden . . .“ +Exzellenz sind ganz blaß geworden . . .“ </p> <p> <a id="page-439" class="pagenum" title="439"></a> -„Und Hauptmann v. Dönhoff?“ +„Und Hauptmann v. Dönhoff?“ </p> <p> @@ -27301,32 +27268,32 @@ Petersen tat erstaunt. <p> „Er wohnt schon seit einiger Zeit nicht mehr hier. Er -verließ uns, mitten in der Nacht. Aber gnädige Frau +verließ uns, mitten in der Nacht. Aber gnädige Frau werden sehr bedauern —“ </p> <p> -Am Nachmittag verließ ein Gutsbesitzer die rote Backsteinvilla -in der Lessingallee. Oder auch ein Jäger, wie -man will, dem Äußern nach jedenfalls eine Persönlichkeit -aus der Provinz, die in Berlin von der Revolution überrascht +Am Nachmittag verließ ein Gutsbesitzer die rote Backsteinvilla +in der Lessingallee. Oder auch ein Jäger, wie +man will, dem Äußern nach jedenfalls eine Persönlichkeit +aus der Provinz, die in Berlin von der Revolution überrascht worden war. Dieser Gutsbesitzer trug einen nach Kampfer riechenden, kurzen, altmodischen Jagdrock aus -braunem Tuch, mit großen Taschen, schweren Lederknöpfen, +braunem Tuch, mit großen Taschen, schweren Lederknöpfen, und einem schmalen, schon etwas abgeschabten Pelzkragen. -Ferner einen weichen, olivgrünen Hut, mit einer krummen -Hahnenfeder hinten, wie Jäger ihn tragen. +Ferner einen weichen, olivgrünen Hut, mit einer krummen +Hahnenfeder hinten, wie Jäger ihn tragen. </p> <p> -Kaum hatte der Gutsbesitzer die Villa verlassen, so verschloß -Petersen die Haustüre und ließ sämtliche Rolläden +Kaum hatte der Gutsbesitzer die Villa verlassen, so verschloß +Petersen die Haustüre und ließ sämtliche Rolläden herab. </p> <p> Immer noch blendete und funkelte die Sonne am wolkenlosen -Himmel. Der Himmel selbst strahlte Verheißung. +Himmel. Der Himmel selbst strahlte Verheißung. </p> <h3 class="no" id="subchap-2-4-5"> @@ -27346,20 +27313,20 @@ Die Autos rasen. </p> <p> -Weite graue Mäntel, Soldatenmäntel, flattern eilig -durch die Straßen. Hier, dort, überall. Es sind Hunderte, +Weite graue Mäntel, Soldatenmäntel, flattern eilig +durch die Straßen. Hier, dort, überall. Es sind Hunderte, Tausende. Voller Lehm, voller Staub, der Kalk der Champagne, der Schlamm von Flandern, mit Blut befleckt, versengt -von den Granaten, von den Gasen gebleicht, durchlöchert -— die weiten flatternden Mäntel haben die Stadt -überflutet. +von den Granaten, von den Gasen gebleicht, durchlöchert +— die weiten flatternden Mäntel haben die Stadt +überflutet. </p> <p> -Und die Autos rasen dahin, mit Trauben von schweißtriefenden +Und die Autos rasen dahin, mit Trauben von schweißtriefenden <a id="page-440" class="pagenum" title="440"></a> Menschen behangen. Auf den Trittbrettern -kauern sie, auf den Motorhauben, den Schmutzflügeln, +kauern sie, auf den Motorhauben, den Schmutzflügeln, mit Gewehren und Handgranaten. Die roten Fahnen knattern — so rasen sie dahin. </p> @@ -27370,23 +27337,23 @@ knattern — so rasen sie dahin. <p> Es sind die Jungen, die gekommen sind, die neuen -Gesichter, die Kühnen und Wollenden. +Gesichter, die Kühnen und Wollenden. </p> <p> -„Gegrüßt Ihr Kühnen, Wollenden, gegrüßt!“ +„Gegrüßt Ihr Kühnen, Wollenden, gegrüßt!“ </p> <p> -„Vorboten des kommenden Menschen, gegrüßt! Ihr -Läufer, die dem neuen Reiche vorauseilen, ihr Hoffenden, -Starken, Liebeglühenden, gegrüßt . . .“ +„Vorboten des kommenden Menschen, gegrüßt! Ihr +Läufer, die dem neuen Reiche vorauseilen, ihr Hoffenden, +Starken, Liebeglühenden, gegrüßt . . .“ </p> <p> Ackermanns weiter Mantel flattert zwischen den roten -Flaggen, die die Linden hinabrasen. Schüsse knattern. -Staub fährt aus der Stadt. +Flaggen, die die Linden hinabrasen. Schüsse knattern. +Staub fährt aus der Stadt. </p> <p> @@ -27398,11 +27365,11 @@ Verloren — alles, in einer einzigen Stunde . . . </p> <p> -Und die Armee auf dem Rückmarsch! Regimenter, Divisionen, +Und die Armee auf dem Rückmarsch! Regimenter, Divisionen, Korps — Hunderttausende, ja Hunderttausende. Hunderttausende — Millionen! Hunderttausende von -Pferden und Wagen, Zehntausende von Geschützen — die -Straßen überschwemmt, Schulter an Schulter, keuchend, +Pferden und Wagen, Zehntausende von Geschützen — die +Straßen überschwemmt, Schulter an Schulter, keuchend, Rad an Rad, krachend, Pferdeflanke an Pferdeflanke, mit Schaum bedeckt — Tag und Nacht, Nacht und Tag — jetzt in dieser Minute — @@ -27414,8 +27381,8 @@ Der General findet keinen Schlaf mehr. <p> Er <em>sieht</em> die Riesenarmee auf ihrer Wanderung, Schauspiel, -unerhört in der Geschichte, er <em>hört</em> sie! Er sieht -die Flugzeuge, die über den Landstraßen kreuzen und die +unerhört in der Geschichte, er <em>hört</em> sie! Er sieht +die Flugzeuge, die über den Landstraßen kreuzen und die Marschbefehle abwerfen. </p> @@ -27425,16 +27392,16 @@ verfallen! </p> <p> -Eine Stockung, und Hunderttausende fallen in die Hände -des nachdrängenden Feindes — seine Vortrupps heben sich +Eine Stockung, und Hunderttausende fallen in die Hände +des nachdrängenden Feindes — seine Vortrupps heben sich am Horizont ab! </p> <p> -Eine Stockung, und Panik erfaßt Hunderttausende, die +Eine Stockung, und Panik erfaßt Hunderttausende, die <a id="page-441" class="pagenum" title="441"></a> -Riesenarmee zersplittert in tausend Stücke und Banden von -Verzweifelten wälzen sich durch die deutschen Lande! +Riesenarmee zersplittert in tausend Stücke und Banden von +Verzweifelten wälzen sich durch die deutschen Lande! </p> <p> @@ -27448,20 +27415,20 @@ Nein, kein Schlaf kommt mehr in die Augen des Generals! <p> Er <em>sieht</em> die Riesenarmee auf ihrer beispiellosen Wanderung -— beispiellos und unerhört — aber er sieht auch, -daß sie rückwärts wandert. +— beispiellos und unerhört — aber er sieht auch, +daß sie rückwärts wandert. </p> <p> -<em>Rückwärts!</em> +<em>Rückwärts!</em> </p> <p> -In Eilmärschen, vom Gegner diktiert! +In Eilmärschen, vom Gegner diktiert! </p> <p> -Niemals, niemals — unfaßbar! +Niemals, niemals — unfaßbar! </p> <p> @@ -27470,7 +27437,7 @@ kriecht das graue Antlitz durch einen dunkeln Spiegel. </p> <p> -Unfaßbar, ganz unfaßbar! +Unfaßbar, ganz unfaßbar! </p> <p> @@ -27480,8 +27447,8 @@ seine fahlen Lippen bewegen sich, ohne einen Laut hervorzubringen </p> <p> -Und hinter den dunkeln Vorhängen, hinter den herabgelassenen -Rolläden, horch! Ja, wieder! +Und hinter den dunkeln Vorhängen, hinter den herabgelassenen +Rolläden, horch! Ja, wieder! </p> <p> @@ -27489,9 +27456,9 @@ Da ist er wieder! Er mahlt. </p> <p> -Der Schritt! Hunderttausendfältig, ohne großen Lärm, +Der Schritt! Hunderttausendfältig, ohne großen Lärm, wie ein Volk, das aufgebrochen ist und seinem Ziele zuwandert -— ohne sonderliche Eile, denn es weiß, daß es +— ohne sonderliche Eile, denn es weiß, daß es sein Ziel erreichen wird. Dieser Schritt verfolgt ihn. Tag und Nacht wandert der Schritt der Hunderttausend an seinem Fenster vorbei. Eine Armee ist aufgestanden und @@ -27500,8 +27467,8 @@ Wo waren sie bis heute? Er hatte sie nie gesehen. Lebten sie in der gleichen Zeit, in der gleichen Stadt? Ja, weshalb sah er sie nie? Die Vielen, die Unbekannten — mit diesen Augen, die nicht Augen von Menschen waren, von -Wölfen, Füchsen, Adlern und Geiern. Mit diesen Gesichtern, -die er früher nur in Träumen sah. Wo hatten sie gelebt +Wölfen, Füchsen, Adlern und Geiern. Mit diesen Gesichtern, +die er früher nur in Träumen sah. Wo hatten sie gelebt bisher, wo hatten sie sich verborgen gehalten? </p> @@ -27511,22 +27478,22 @@ Horch! Woher? Wohin? <p> <a id="page-442" class="pagenum" title="442"></a> -Endlos, ohne Aufhören wandert der Schritt der Hunderttausend. -Selbst im kurzen Schlaf der Erschöpfung hörte er ihn. +Endlos, ohne Aufhören wandert der Schritt der Hunderttausend. +Selbst im kurzen Schlaf der Erschöpfung hörte er ihn. </p> <p> Der General nimmt den weichen Hut, und das graue -Steingesicht — grau wie der Staub der Landstraße — -erscheint in dem kleinen, kahlen Vorgärtchen. +Steingesicht — grau wie der Staub der Landstraße — +erscheint in dem kleinen, kahlen Vorgärtchen. </p> <p> -Die Augen der Wölfe und Füchse, die stechenden Augen -der Geier gleiten prüfend über das breite graue Gesicht, -und ihr Blick dringt in die Dunkelheit der schwarzen Augenhöhlen. +Die Augen der Wölfe und Füchse, die stechenden Augen +der Geier gleiten prüfend über das breite graue Gesicht, +und ihr Blick dringt in die Dunkelheit der schwarzen Augenhöhlen. Da aber beginnt es in den Dunkelheiten dieser -finsteren Augenhöhlen zu glühen und zu sprühen — noch +finsteren Augenhöhlen zu glühen und zu sprühen — noch ist es nicht <em>so weit</em>! </p> @@ -27536,39 +27503,39 @@ ungeahntes, nie gesehenes, war aus der Erde gestiegen. </p> <p> -Rufe, Schreie branden über den mahlenden Strom der +Rufe, Schreie branden über den mahlenden Strom der Neuen, Niegesehenen dahin. Der General versteht sie -nicht. Fahnen, Plakate, Inschriften, unverständlich. Lieder, -Gesang — unverständlich. +nicht. Fahnen, Plakate, Inschriften, unverständlich. Lieder, +Gesang — unverständlich. </p> <p> -Still steht er — ja, wie ein Baum, die Blätter sind gefallen, +Still steht er — ja, wie ein Baum, die Blätter sind gefallen, ein kahler Baum, und ringsum ist nichts, nichts, Nebel, soweit das Auge blicken kann. Und der Baum -fröstelt, krümmt sich im Wind. +fröstelt, krümmt sich im Wind. </p> <p> -Endlos, in Wahrheit! Die Erde hat sich geöffnet und -die Lava strömt — langsam und ohne jedes Ende. +Endlos, in Wahrheit! Die Erde hat sich geöffnet und +die Lava strömt — langsam und ohne jedes Ende. </p> <p> Schon wandert er neben dem endlosen Strom dahin -und verliert sich in den Straßen. Die Hände in den weiten +und verliert sich in den Straßen. Die Hände in den weiten Manteltaschen des altmodischen Jagdrocks, den weichen Hut in die Stirn gezogen — und den Schnurrbart hat er etwas gestutzt, nicht viel, einen, zwei Daumen breit. </p> <p> -Straßen ohne Ende wandert er hinab. Er überquert -Plätze, blickt in Seitengassen. Sein düsterer Blick zuckt -über die Züge der Demonstranten. Nicht einmal die Autos -mit den roten Fahnen läßt er vorüberfahren, ohne die -Gesichter zu prüfen. Aber er läßt sich nicht entmutigen, -weiter, hinab die Straße, hinauf — er <em>sucht</em>. +Straßen ohne Ende wandert er hinab. Er überquert +Plätze, blickt in Seitengassen. Sein düsterer Blick zuckt +über die Züge der Demonstranten. Nicht einmal die Autos +mit den roten Fahnen läßt er vorüberfahren, ohne die +Gesichter zu prüfen. Aber er läßt sich nicht entmutigen, +weiter, hinab die Straße, hinauf — er <em>sucht</em>. </p> <p> @@ -27577,32 +27544,32 @@ Ja, er sucht! <p> <a id="page-443" class="pagenum" title="443"></a> -Die Straßen sind überschwemmt von Menschen. Die -Dämme sind gerissen, die Flut spült durch die Stadt. Aus -den Vorstädten, aus den Fabriken, die in den Nächten — -in wie vielen endlosen Nächten! — gleißten, waren sie +Die Straßen sind überschwemmt von Menschen. Die +Dämme sind gerissen, die Flut spült durch die Stadt. Aus +den Vorstädten, aus den Fabriken, die in den Nächten — +in wie vielen endlosen Nächten! — gleißten, waren sie gekommen, die gelben Gesichter, die Arme vom schlechten -Öl zerfressen, die Augen entzündet von der stechenden +Öl zerfressen, die Augen entzündet von der stechenden Flamme der Bogenlampen. Auch die Bleichen und Fahlen, die den Tag seit Jahren nicht sahen, waren gekommen. -Auch sie waren gekommen, die sich von Rüben und faulen -Kartoffeln nährten, während der Kellner in Stifters Diele -Geheimnisse in das Ohr der Gäste raunte. Auch sie waren -gekommen, die noch die Lügen glaubten, während die +Auch sie waren gekommen, die sich von Rüben und faulen +Kartoffeln nährten, während der Kellner in Stifters Diele +Geheimnisse in das Ohr der Gäste raunte. Auch sie waren +gekommen, die noch die Lügen glaubten, während die Eingeweihten schon lange die Wahrheit kannten. Auch sie -waren gekommen, die ihren dünnen, abgescheuerten Ehering -opferten, während in den Schlössern die Leuchter aus +waren gekommen, die ihren dünnen, abgescheuerten Ehering +opferten, während in den Schlössern die Leuchter aus schwerem Gold und Silber auf den Tafeln standen. Auch sie waren gekommen, die Elenden, die nicht einmal mehr ein Hemd auf dem Leibe trugen. </p> <p> -Von da draußen — da draußen — —! +Von da draußen — da draußen — —! </p> <p> -Die Hohläugigen, die Vergessenen, die Ausgespieenen, +Die Hohläugigen, die Vergessenen, die Ausgespieenen, die lebendig Begrabenen, die Verfehmten, die Gemarterten, die Gekreuzigten — ja, von ihren Kreuzen waren sie gekommen. @@ -27610,23 +27577,23 @@ gekommen. <p> Auch die Frauen waren gekommen, die die Frucht ihres -Schoßes, ohne zu feilschen dem General hingegeben hatten. +Schoßes, ohne zu feilschen dem General hingegeben hatten. </p> <p> -Auch sie waren gekommen, die Frauen, deren Männer -längst in den Massengräbern moderten, auch die Mütter -waren gekommen, die ihre Säuglinge an der versiegten +Auch sie waren gekommen, die Frauen, deren Männer +längst in den Massengräbern moderten, auch die Mütter +waren gekommen, die ihre Säuglinge an der versiegten Brust sterben sahen. </p> <p> Auch sie waren gekommen, die Wahnsinnigen, die Krieg und Not um den Verstand gebracht hatte, auch sie, die -Sterbenden, erschöpft zu Tode von Gram und Mühsal, +Sterbenden, erschöpft zu Tode von Gram und Mühsal, auch sie schlichen auf zitternden Beinen dahin. Auch die Verzweifelten, die das Leben nur noch nach Stunden -maßen, auch sie waren gekommen. +maßen, auch sie waren gekommen. </p> <p> @@ -27637,23 +27604,23 @@ Sieg ihrer Sache verloren hatten. Gepriesen sei ihr Name! </p> <p> -Geboren von Müttern? Gezeugt in Betten? fragte der +Geboren von Müttern? Gezeugt in Betten? fragte der General. </p> <p> -Ja, natürlich, was für eine Frage, geboren von Müttern. -Gezeugt in Betten und überall, hinter Zäunen, auf den -Bänken der öffentlichen Gärten — was für eine Frage, -als ob es darauf ankäme? +Ja, natürlich, was für eine Frage, geboren von Müttern. +Gezeugt in Betten und überall, hinter Zäunen, auf den +Bänken der öffentlichen Gärten — was für eine Frage, +als ob es darauf ankäme? </p> <p> Die Erde war geborsten, und sie kamen heraus. Die -Formlosen, Ungeformten, selbst noch Erde. Die Verschütteten +Formlosen, Ungeformten, selbst noch Erde. Die Verschütteten waren ans Licht gekommen, die Explosion hatte sie -befreit. Die Kasernen und Zuchthäuser waren geborsten. -Auch die Schutzhäftlinge — Tausende und aber Tausende, +befreit. Die Kasernen und Zuchthäuser waren geborsten. +Auch die Schutzhäftlinge — Tausende und aber Tausende, die im Wege waren — sie waren frei. Auch jener Inder, den ein Geheimer Rat drei Jahre in Schutzhaft hielt, er war frei, und sein Peiniger bestellte ihm ein Hotelzimmer, @@ -27662,74 +27629,74 @@ um selbst rasch ins Ausland zu entfliehen. <p> Verschwunden die auf den Mann dressierten Berittenen -und die Blauen, die gleich mit dem scharfen Säbel einschlugen. +und die Blauen, die gleich mit dem scharfen Säbel einschlugen. Verschwunden auch jenes Polizeigehirn, das eine -Bibel von Verordnungen verfaßt hatte, die jeden Schritt +Bibel von Verordnungen verfaßt hatte, die jeden Schritt von der Geburt bis zum Grab regelte. Fort mit ihm! </p> <p> -Fahrdämme und Bürgersteige sind überschwemmt. -Redner überall. Auf Autos, Wagen, Karren, Bänken. +Fahrdämme und Bürgersteige sind überschwemmt. +Redner überall. Auf Autos, Wagen, Karren, Bänken. Der <em>Stumme</em>, Jahrzehnte, Jahrhunderte stumm gehalten, nun spricht er! </p> <p> -Soldaten überall, einzeln, in Trupps, in Scharen, in +Soldaten überall, einzeln, in Trupps, in Scharen, in ihren armseligen, geflickten Uniformen. Durch das Blutmeer sind sie geschritten, dem Blutmeer sind sie entstiegen, -noch sind sie betäubt vom Geruch des Menschenbluts, schon -aber glänzt neue Hoffnung in ihren Augen. +noch sind sie betäubt vom Geruch des Menschenbluts, schon +aber glänzt neue Hoffnung in ihren Augen. </p> <p> -Düster gleitet der Blick des Generals über sie hin, seine +Düster gleitet der Blick des Generals über sie hin, seine Lippen zucken: die deutsche Armee — </p> <p> -Er fröstelt. +Er fröstelt. </p> <p> <a id="page-445" class="pagenum" title="445"></a> Kriegsgefangene, auch sie sind frei. In Rudeln schieben -sie sich durch das Gedränge: Franzosen und Russen, Italiener -und Engländer, Schotten und Irländer, Kanadier, +sie sich durch das Gedränge: Franzosen und Russen, Italiener +und Engländer, Schotten und Irländer, Kanadier, Neger, Australier, Inder, in allen denkbaren Uniformen. Sie rauchen, kratzen sich die stachligen Backen, spucken aus, schnattern. Einer humpelt auf seinem Holzstumpen dahin, aber er lacht. Ja, weshalb nicht? Der Krieg ist gewonnen, -der Präsident wird ihn auf die Wange küssen und ihm -eine Blechmünze auf die Brust heften. Sein Vaterland -wird ihm eine Rente aussetzen, zwanzig, dreißig, vielleicht +der Präsident wird ihn auf die Wange küssen und ihm +eine Blechmünze auf die Brust heften. Sein Vaterland +wird ihm eine Rente aussetzen, zwanzig, dreißig, vielleicht hundert Franken den Monat, eine Drehorgel wird er gratis erhalten, er hat keine Sorge mehr. </p> <p> Schon aber wandeln sie stolz und unnahbar durch die -kochenden Straßen, die Brust voller Ordenssterne, mit +kochenden Straßen, die Brust voller Ordenssterne, mit roten Streifen an den Hosen, Litzen und Tressen glitzernd und funkelnd: die Sieger! Ein Geruch von Lorbeer bleibt -hinter ihnen zurück. +hinter ihnen zurück. </p> <p> -Von weitem schon erspäht sie das Auge des Generals. -Rasch begibt er sich auf die andere Seite der Straße und -sieht sie dahinwandeln. <em>Sie</em> also! Die Würfel fielen. +Von weitem schon erspäht sie das Auge des Generals. +Rasch begibt er sich auf die andere Seite der Straße und +sieht sie dahinwandeln. <em>Sie</em> also! Die Würfel fielen. </p> <p> -Auch in seinen düstersten Träumen — Ja, oft hatten -ihn düstere Träume gequält, oft schien es ihm, in müden +Auch in seinen düstersten Träumen — Ja, oft hatten +ihn düstere Träume gequält, oft schien es ihm, in müden Stunden, als ob es zuviel sei, ja, trotz der wunderbaren Armee und der herrlichen Organisation, zuviel — aber -selbst in seinen düstersten Träumen hatte er es nicht für -möglich gehalten, daß einst die Uniformen der feindlichen -Generalstäbe unter den Linden zu sehen sein würden. +selbst in seinen düstersten Träumen hatte er es nicht für +möglich gehalten, daß einst die Uniformen der feindlichen +Generalstäbe unter den Linden zu sehen sein würden. </p> <p class="tb"> @@ -27738,49 +27705,49 @@ Generalstäbe unter den Linden zu sehen sein würden. <p class="first"> <span class="firstchar">H</span>ell gegen den funkelnd blauen Himmel, hell und -leuchtend flattert die rote Fahne über dem Schloß. +leuchtend flattert die rote Fahne über dem Schloß. </p> <p> -Versprechungen — Lügen, freie Meinung — Gefängnis, -Freiheit — Kartätschen; ja, nun also flattert die rote Fahne -auf dem Schloß. +Versprechungen — Lügen, freie Meinung — Gefängnis, +Freiheit — Kartätschen; ja, nun also flattert die rote Fahne +auf dem Schloß. </p> <p> -Im Gebäude des Reichstags tagt das Parlament der -Novembermänner, im Abgeordnetenhaus und im Herrenhaus, +Im Gebäude des Reichstags tagt das Parlament der +Novembermänner, im Abgeordnetenhaus und im Herrenhaus, <a id="page-446" class="pagenum" title="446"></a> wo die Greise noch gestern um Nichtigkeiten feilschten, -beraten sie. Wo man nur flüsterte, tobt der Lärm, wo +beraten sie. Wo man nur flüsterte, tobt der Lärm, wo Diener die Stiefel des Unbekannten musterten, kauern -die Posten bei ihren Maschinengewehren. Fort die Gehröcke -und Gamaschen, die Flüsterer, die wehenden Greisenbärte -und funkelnden Glatzen, die krummen Rücken! +die Posten bei ihren Maschinengewehren. Fort die Gehröcke +und Gamaschen, die Flüsterer, die wehenden Greisenbärte +und funkelnden Glatzen, die krummen Rücken! </p> <p> -Hüte dich! Wie eine Stichflamme brennt die neue Sonne -am Himmel. Sie stieg empor aus dem weiten Rußland, -benetzt von Blut und Tränen. Sie hat die Weichsel -überschritten. Sie wird den Rhein überschreiten. Sie wird -den Kanal überschreiten — benetzt von Blut und Tränen. +Hüte dich! Wie eine Stichflamme brennt die neue Sonne +am Himmel. Sie stieg empor aus dem weiten Rußland, +benetzt von Blut und Tränen. Sie hat die Weichsel +überschritten. Sie wird den Rhein überschreiten. Sie wird +den Kanal überschreiten — benetzt von Blut und Tränen. Jenseits des Atlantiks wird sie aus dem Meer steigen, und die Stahlkammern der Wolkenkratzer werden in der Stichflamme -dahinschmelzen — auch die Pyramiden der ägyptischen -Könige sind heute nicht mehr als Steinhaufen ohne +dahinschmelzen — auch die Pyramiden der ägyptischen +Könige sind heute nicht mehr als Steinhaufen ohne jeden Sinn. </p> <p> Auch aus den Fluten des Stillen Ozeans wird sie eines -Tages auferstehen, wo die gelben Völker wohnen. +Tages auferstehen, wo die gelben Völker wohnen. </p> <p> Die Greise, die Grausamen, die Vermessenen, die die -Geschicke der Völker lenken, wird sie verzehren, die neue -Sonne; ehe sie es gewahr werden — ehe sie lallen können, +Geschicke der Völker lenken, wird sie verzehren, die neue +Sonne; ehe sie es gewahr werden — ehe sie lallen können, werden sie nicht mehr sein. </p> @@ -27795,13 +27762,13 @@ brannte. Aber vor ihren Namen wird Neros Name verblassen. </h3> <p class="first"> -<span class="firstchar">Z</span>uweilen glitt ein kecker Soldatenblick über das graue -Gesicht, und ein keckes Auge versuchte in das Düster +<span class="firstchar">Z</span>uweilen glitt ein kecker Soldatenblick über das graue +Gesicht, und ein keckes Auge versuchte in das Düster unter den grauen Brauen einzudringen. Ein paar Unverfrorene gingen sogar eine Weile neben ihm her und musterten -ihn von oben bis unten. Das Düster unter den grauen +ihn von oben bis unten. Das Düster unter den grauen <a id="page-447" class="pagenum" title="447"></a> -Brauen erhellte sich, und die Unverschämten entfernten +Brauen erhellte sich, und die Unverschämten entfernten sich schwatzend und lachend. </p> @@ -27815,25 +27782,25 @@ sie ihn musterten. Wieder war ein Blick auf ihn geheftet. Dieser Blick flog einem dahinfegenden Auto voraus. Er kam aus einem lachenden, heiteren Gesicht, ein neugierig forschender, gutherziger -Blick, und trotzdem fühlte er ihn. +Blick, und trotzdem fühlte er ihn. </p> <p> Dieser neugierig forschende Blick ging aus von einem -kleinen Feldgrauen mit einer winzigen Mütze auf dem Ohr. -Er saß, den Gürtel gespickt mit Handgranaten, auf dem -Kühler des dahinjagenden Autos, das bis zum Rande -gefüllt war mit Soldaten und Matrosen. +kleinen Feldgrauen mit einer winzigen Mütze auf dem Ohr. +Er saß, den Gürtel gespickt mit Handgranaten, auf dem +Kühler des dahinjagenden Autos, das bis zum Rande +gefüllt war mit Soldaten und Matrosen. </p> <p> Es war Hanuschke, in der Tat — man erinnert sich, der -um sein Leben lief, während der General in Stifters Diele -Spargel aß — auch er jagte, der krummbeinige, kleine +um sein Leben lief, während der General in Stifters Diele +Spargel aß — auch er jagte, der krummbeinige, kleine Hanuschke, mit der roten Narbe zwischen den Augen, auf -diesen Donnerwagen durch die Straßen. Er war guter +diesen Donnerwagen durch die Straßen. Er war guter Dinge. Er lebte und konnte es noch nicht fassen. Und -weil er lebte, lachte er. Niemand wünschte er etwas Böses — +weil er lebte, lachte er. Niemand wünschte er etwas Böses — und dieses graue Gesicht, es war ihm nur so aufgefallen. </p> @@ -27841,7 +27808,7 @@ und dieses graue Gesicht, es war ihm nur so aufgefallen. Aber er erkannte es nicht wieder, es schien ihm nur, als habe er es irgendwo gesehen. Und der General, er hatte diesen kleinen Feldgrauen mit der Narbe zwischen -den Augen überhaupt nie erblickt. +den Augen überhaupt nie erblickt. </p> <p> @@ -27849,7 +27816,7 @@ Doch, was ist das? </p> <p> -Fahnen, Plakate, und die Fußgänger treten zurück. +Fahnen, Plakate, und die Fußgänger treten zurück. Durch die Linden gleitet und schwankt eine Prozession, die alle Blicke auf sich lenkt. </p> @@ -27859,15 +27826,15 @@ Seht! </p> <p> -Auf Krücken, auf Stelzfüßen schwingen sie sich daher, +Auf Krücken, auf Stelzfüßen schwingen sie sich daher, Dutzende ohne das rechte Bein, Dutzende ohne das linke Bein, Dutzende ohne Beine. Eine Anzahl wird von Kameraden -auf Karren geschoben, sie sind gelähmt. Scharen +auf Karren geschoben, sie sind gelähmt. Scharen <a id="page-448" class="pagenum" title="448"></a> -werden von Hunden geführt, sie sind blind. Sie haben -keine Hände, keine Arme, leere Ärmel in die Taschen geschoben. -Ihre <a id="corr-13"></a>armseligen Uniformen verbergen gräßliche -Verstümmelungen. +werden von Hunden geführt, sie sind blind. Sie haben +keine Hände, keine Arme, leere Ärmel in die Taschen geschoben. +Ihre <a id="corr-13"></a>armseligen Uniformen verbergen gräßliche +Verstümmelungen. </p> <p> @@ -27879,7 +27846,7 @@ Sie kriechen wie Insekten dahin, sie kriechen wie Krabben, seitlich, sie humpeln. Ihre Gesichter sind zerschmettert. Sie haben keine Nase, kein Kinn, ein roter Spalt ist der Mund. Ihre Gesichter sind schwarz- und blaugebrannt, -sie haben keine Ohren, die Hälse sind verdreht, die Köpfe +sie haben keine Ohren, die Hälse sind verdreht, die Köpfe stehen zur Seite. </p> @@ -27888,14 +27855,14 @@ Seht, seht, ihr Menschen! Fallt in die Knie! </p> <p> -Ihre Augenhöhlen sind Löcher, die Lider darüber genäht, -weiße Kugeln im roten Fleisch. Treu und achtsam trippeln -die Hunde, die sie führen. Seht ihr Menschen, es sind +Ihre Augenhöhlen sind Löcher, die Lider darüber genäht, +weiße Kugeln im roten Fleisch. Treu und achtsam trippeln +die Hunde, die sie führen. Seht ihr Menschen, es sind nur Tiere. </p> <p> -Auch sie sind auf die Straße gekommen. Was hat man +Auch sie sind auf die Straße gekommen. Was hat man ihnen nicht alles versprochen, in feierlichen Ansprachen, Proklamationen, Erlassen? </p> @@ -27905,7 +27872,7 @@ Hier also sind sie! </p> <p> -Die Fußgänger weichen gegen die Häuser zurück und +Die Fußgänger weichen gegen die Häuser zurück und erbleichen. Nur die Feisten, die im Kriege dick wurden, sie empfinden nichts. </p> @@ -27915,15 +27882,15 @@ Der General steht mit dem Hute in der Hand. </p> <p> -Wieder kochten die Straßen von Menschen und roten +Wieder kochten die Straßen von Menschen und roten Fahnen. Wieder gerannen sie zuweilen, und es bildeten sich eine Menge Inseln von debattierenden Menschen. </p> <p> -Die Novembermänner jagten auf ihren Wagen dahin. -Lastautos schoben sich durch das brodelnde Meer der Köpfe, +Die Novembermänner jagten auf ihren Wagen dahin. +Lastautos schoben sich durch das brodelnde Meer der Köpfe, mit Maschinengewehren, roten Flaggen und Rednern, die zur Menge sprachen. </p> @@ -27931,41 +27898,41 @@ zur Menge sprachen. <p> Drehorgeln, Feldgraue, die Geige spielten auf einer Zigarrenkiste, blinde Soldaten, die sangen, Soldaten, die -tanzten, auf den Händen liefen, wie Akrobaten Stühle +tanzten, auf den Händen liefen, wie Akrobaten Stühle <a id="page-449" class="pagenum" title="449"></a> -in den Zähnen trugen — und Scharen von Verkäufern in -grauen Soldatenmänteln, mit Waren aller Art. +in den Zähnen trugen — und Scharen von Verkäufern in +grauen Soldatenmänteln, mit Waren aller Art. </p> <p> -Plötzlich aber stoben die Menschen auseinander. Beine -eilten, Arme ruderten durch die Luft, Hüte rollten über +Plötzlich aber stoben die Menschen auseinander. Beine +eilten, Arme ruderten durch die Luft, Hüte rollten über den Asphalt. Gewehrfeuer knatterte. Ein Maschinengewehr -feuerte — und schon waren die Straßen reingefegt. Nur +feuerte — und schon waren die Straßen reingefegt. Nur ein paar verwegene Feldgraue sprangen noch an den -Häusern entlang, von Torweg zu Torweg. +Häusern entlang, von Torweg zu Torweg. </p> <p> -Lautlos glitt ein graues Panzerauto über den Asphalt. +Lautlos glitt ein graues Panzerauto über den Asphalt. </p> <p> -Es huschte die Straßen entlang und verschwand. +Es huschte die Straßen entlang und verschwand. </p> <p> -Und schon wimmelten die Straßen wieder von Menschen, -die Drehorgeln leierten wieder, die Verkäufer waren -wieder mit ihren Kästen und Schachteln zur Stelle, und -die Akrobaten begannen von neuem mit den Stühlen +Und schon wimmelten die Straßen wieder von Menschen, +die Drehorgeln leierten wieder, die Verkäufer waren +wieder mit ihren Kästen und Schachteln zur Stelle, und +die Akrobaten begannen von neuem mit den Stühlen zu arbeiten. </p> <p> -Schon bog ein neuer, unübersehbarer Zug von Menschen, +Schon bog ein neuer, unübersehbarer Zug von Menschen, Kopf an Kopf, brodelnd von Flaggen und Inschriften, in -die Straße ein. +die Straße ein. </p> <p class="tb"> @@ -27973,7 +27940,7 @@ die Straße ein. </p> <p class="first"> -<span class="firstchar">A</span>us diesem unübersehbaren Zug löste sich plötzlich ein +<span class="firstchar">A</span>us diesem unübersehbaren Zug löste sich plötzlich ein rostfarbener Havelock, ein steifer Hut. Jemand rief, winkte. </p> @@ -27992,8 +27959,8 @@ winkte. <p> „Um Gottes willen? Und Sie rufen, schreien meinen -Namen — als ob wir alte Freunde wären —? Und wie -Sie aussehen, du meine Güte!“ +Namen — als ob wir alte Freunde wären —? Und wie +Sie aussehen, du meine Güte!“ </p> <p> @@ -28002,13 +27969,13 @@ Sie aussehen, du meine Güte!“ <p> Herr Herbst schob den steifen Hut aus der Stirn, denn er -schwitzte vor Erregung. Sein Gesicht war gerötet, die -Bäckchen gedunsen. Eine rote Schleife leuchtete an seinem +schwitzte vor Erregung. Sein Gesicht war gerötet, die +Bäckchen gedunsen. Eine rote Schleife leuchtete an seinem Havelock. </p> <p> -Augenblicklich zerrte ihn Herr Kunze, der schmächtige, +Augenblicklich zerrte ihn Herr Kunze, der schmächtige, semmelblonde junge Mann eifrig abseits. </p> @@ -28018,13 +27985,13 @@ semmelblonde junge Mann eifrig abseits. </p> <p> -„Ihnen?“ Herr Herbst trat zurück. +„Ihnen?“ Herr Herbst trat zurück. </p> <p> Kunze nahm den Kneifer ab, putzte ihn aufgeregt und -sah sich furchtsam um. Sein Überzieher, sonst säuberlich -gebürstet, war bestaubt und verknittert, der grüne Plüschhut +sah sich furchtsam um. Sein Überzieher, sonst säuberlich +gebürstet, war bestaubt und verknittert, der grüne Plüschhut voller Schmutz. </p> @@ -28039,9 +28006,9 @@ Wir sind ja gleich am ersten Tage geplatzt.“ </p> <p> -„Ja, unsere Dienststelle. Die Fenster zertrümmert, die -Schränke zerschlagen, alles verwüstet, die Akten auf die -Straße geworfen. Wohin sollen wir uns wenden. Niemand +„Ja, unsere Dienststelle. Die Fenster zertrümmert, die +Schränke zerschlagen, alles verwüstet, die Akten auf die +Straße geworfen. Wohin sollen wir uns wenden. Niemand wagt es, sich mit uns einzulassen. Sehen Sie, hier!“ </p> @@ -28050,9 +28017,9 @@ wagt es, sich mit uns einzulassen. Sehen Sie, hier!“ </p> <p> -„Ein Schlag über den Kopf! Sie haben mich erkannt, -die Gefängnisse sind ja geöffnet worden — und da haben -sie mich erkannt. Sie haben mich mißhandelt und in den +„Ein Schlag über den Kopf! Sie haben mich erkannt, +die Gefängnisse sind ja geöffnet worden — und da haben +sie mich erkannt. Sie haben mich mißhandelt und in den Kanal geworfen.“ </p> @@ -28061,8 +28028,8 @@ Kanal geworfen.“ </p> <p> -„Sie lachen? Ja, über die Brücke, aber ich konnte mich -an einem Kahn festhalten — so saß ich im Wasser, bis sie +„Sie lachen? Ja, über die Brücke, aber ich konnte mich +an einem Kahn festhalten — so saß ich im Wasser, bis sie fort waren. Und gestern, da haben sie mich wieder erkannt, andere, die Stadt wimmelt von ihnen, und verfolgt — durch ganz Berlin. Ich bin gelaufen, schrecklich, um mein @@ -28071,36 +28038,36 @@ Helfen Sie mir.“ </p> <p> -„Ihnen? Hahaha! Die Zeiten haben sich geändert. +„Ihnen? Hahaha! Die Zeiten haben sich geändert. Die Gerechtigkeit ist wieder in die Welt gekommen. Ein jeder nach seinen Verdiensten.“ </p> <p> „Ach, auch Sie hartherzig! Und ich hoffte, Hoffnung -erfüllte mich, als ich Sie sah. Ich habe keine Wohnung, +erfüllte mich, als ich Sie sah. Ich habe keine Wohnung, kann nirgends bleiben. Ach, Sie ahnen es ja nicht! Wissen -Sie, wo ich schon in diesen Nächten geschlafen habe?“ +Sie, wo ich schon in diesen Nächten geschlafen habe?“ </p> <p> -Kunze zerrte Herrn Herbst in ein Haustor und flüsterte. +Kunze zerrte Herrn Herbst in ein Haustor und flüsterte. </p> <p> <a id="page-451" class="pagenum" title="451"></a> -„Ist es zu glauben, daß ein Mensch da schläft? Eine +„Ist es zu glauben, daß ein Mensch da schläft? Eine barmherzige, alte Frau. Erst morgens konnte ich wieder -heraus. Gewöhnlich schlafe ich zwischen Bretterhaufen, -klettere über Zäune. Dann kommen plötzlich Hunde — -entsetzlich!“ Wieder glitt Kunzes Blick furchtsam über die +heraus. Gewöhnlich schlafe ich zwischen Bretterhaufen, +klettere über Zäune. Dann kommen plötzlich Hunde — +entsetzlich!“ Wieder glitt Kunzes Blick furchtsam über die beiden Soldaten, die hinter dem kleinen Herrn Herbst -aufgetaucht waren und ihm überallhin folgten. +aufgetaucht waren und ihm überallhin folgten. </p> <p> „Schlimm, sehr schlimm!“ sagte Herr Herbst mit einem -spöttischen Zwinkern der kleinen entzündeten Augen. „Und +spöttischen Zwinkern der kleinen entzündeten Augen. „Und <em>ihn</em>? Haben Sie <em>ihn</em> schon gesehen?“ </p> @@ -28126,22 +28093,22 @@ Bahnhof —?“ </p> <p> -„Ja, gesehen. Nicht er ist es, natürlich nicht. Ihr habt -ihn ja getötet. Aber sein Bruder. Ein Jäger! Sieht genau +„Ja, gesehen. Nicht er ist es, natürlich nicht. Ihr habt +ihn ja getötet. Aber sein Bruder. Ein Jäger! Sieht genau so aus wie er — ich dachte es im ersten Augenblick. Nur -etwas jünger. Und die Dame — Sie erinnern sich — +etwas jünger. Und die Dame — Sie erinnern sich — <em>jene</em> Dame?“ </p> <p> -„Natürlich. Wir hatten wenig solch interessante Fälle.“ +„Natürlich. Wir hatten wenig solch interessante Fälle.“ </p> <p> „Ja, auch sie habe ich gesehen. Hier, sehen Sie, dieser Zettel. Hier.“ Kunzes Spitzelaugen funkelten. „Sie fuhren zusammen auf einem Auto — auf einem Auto mit roten -Flaggen — und warfen diese Zettel auf die Straße.“ +Flaggen — und warfen diese Zettel auf die Straße.“ </p> <p> @@ -28149,7 +28116,7 @@ Flaggen — und warfen diese Zettel auf die Straße.“ </p> <p> -„<em>Ihm</em> dürfen Sie nicht in die Hände fallen! Auch +„<em>Ihm</em> dürfen Sie nicht in die Hände fallen! Auch <em>ihr</em> nicht!“ </p> @@ -28170,7 +28137,7 @@ Flaggen — und warfen diese Zettel auf die Straße.“ </p> <p> -„Ich weiß es!“ +„Ich weiß es!“ </p> <p> @@ -28178,19 +28145,19 @@ Flaggen — und warfen diese Zettel auf die Straße.“ <a id="page-452" class="pagenum" title="452"></a> In eine Irrenanstalt wollten Sie mich bringen lassen — drohten mir, verfolgten mich auf Schritt und -Tritt. Sagten, ich sei geistesgestört.“ +Tritt. Sagten, ich sei geistesgestört.“ </p> <p> -Kunze wischte sich den Schweiß von der Stirn. +Kunze wischte sich den Schweiß von der Stirn. </p> <p> „Alles Befehl“, stammelte er, und hielt Herrn Herbst -am Mantel fest. „Es wurde befohlen, und ich mußte gehorchen. -Man hätte Sie ja sofort in ein Irrenhaus gebracht, -weil Sie diesem hohen Offizier lästig wurden — ich aber -bürgte für Sie, setzte mich für Sie ein, aus Mitleid . . .“ +am Mantel fest. „Es wurde befohlen, und ich mußte gehorchen. +Man hätte Sie ja sofort in ein Irrenhaus gebracht, +weil Sie diesem hohen Offizier lästig wurden — ich aber +bürgte für Sie, setzte mich für Sie ein, aus Mitleid . . .“ </p> <p> @@ -28208,7 +28175,7 @@ klammerte sich an den Havelock. <p> Da aber wandte Herbst den Blick auf die beiden Soldaten, die nicht von seiner Seite gewichen waren. Ein Blick nur, -aber er genügt! +aber er genügt! </p> <p> @@ -28220,9 +28187,9 @@ Augenblicklich trat einer der beiden Trabanten vor. </p> <p> -Kunze preßte den Kneifer auf die Nase, lüpfte den -grünen Plüschhut, und schnell, schnell verschwand sein -dünner Überzieher in der Menge. +Kunze preßte den Kneifer auf die Nase, lüpfte den +grünen Plüschhut, und schnell, schnell verschwand sein +dünner Überzieher in der Menge. </p> <p> @@ -28234,41 +28201,41 @@ Nieder! Nieder!“ <p> Schon waren er und seine zwei Trabanten wieder mit dem endlosen Zuge verschmolzen, der sich breit durch die -Straße wälzte. +Straße wälzte. </p> <p> „Hoch! Hoch! — Nieder! Nieder!“ schrien seine Trabanten. -Tag für Tag trotteten sie schwitzend und aufgeregt -durch die Straßen. Jedem Zug, einerlei welcher +Tag für Tag trotteten sie schwitzend und aufgeregt +durch die Straßen. Jedem Zug, einerlei welcher politischen Partei, schlossen sie sich an. </p> <p> -Seine beiden Trabanten waren: ein kleiner, stämmiger, +Seine beiden Trabanten waren: ein kleiner, stämmiger, etwas ausgewachsener Infanterist, eine Grabentype mit <a id="page-453" class="pagenum" title="453"></a> weitem Mantel, Transportarbeiter von Beruf, der einen -Konzertflügel auf den breiten Schultern trug, und ein +Konzertflügel auf den breiten Schultern trug, und ein hagerer Artillerist mit schwarzem Schnurrbart, schwarzen Brauen, schwarzen, wirren Haaren und schwarzen Augen, -einer kleinen, runden Mütze und einem braunen, gestrickten -Wollkittel mit Perlmutterknöpfen. Herbst hatte die beiden -auf der Straße gefunden und sie adoptiert, mit einem -Wort. Sie waren seine Gäste im „Löwen von Antwerpen“, -er ernährte sie, sie tranken, und er bezahlte. +einer kleinen, runden Mütze und einem braunen, gestrickten +Wollkittel mit Perlmutterknöpfen. Herbst hatte die beiden +auf der Straße gefunden und sie adoptiert, mit einem +Wort. Sie waren seine Gäste im „Löwen von Antwerpen“, +er ernährte sie, sie tranken, und er bezahlte. </p> <p> -Dafür waren sie ihm aber auch blind ergeben. Sie lasen +Dafür waren sie ihm aber auch blind ergeben. Sie lasen die vergilbten Briefe, die er in seiner Tasche trug — lasen — verstanden — sofort! Sie kannten ja das alles, kamen -selbst von da draußen und wußten wie es zuging. Aufmerksam -hörten sie zu, wenn er von Robert erzählte — +selbst von da draußen und wußten wie es zuging. Aufmerksam +hörten sie zu, wenn er von Robert erzählte — von dem Sturmangriff am 5. August, und schon am 4. war -kein einziger zurückgekommen. Stundenlang hörten sie +kein einziger zurückgekommen. Stundenlang hörten sie zu und immer wieder. Die Augen quollen aus ihren -Schädeln. +Schädeln. </p> <p> @@ -28277,13 +28244,13 @@ und schlug damit auf den Tisch. </p> <p> -„Sage ein Wort — ein Wort genügt! Du brauchst nur -zu sprechen!“ Und er warf lässig ein feststehendes Messer +„Sage ein Wort — ein Wort genügt! Du brauchst nur +zu sprechen!“ Und er warf lässig ein feststehendes Messer mit Hirschhorngriff auf den Tisch. </p> <p> -Auch der stämmige Infanterist erhob sich und schob +Auch der stämmige Infanterist erhob sich und schob den breiten Nacken vor. </p> @@ -28303,7 +28270,7 @@ raus! Haut ihn!“ </p> <p> -Und nun tranken sie alle drei die Gläser leer. +Und nun tranken sie alle drei die Gläser leer. </p> <p> @@ -28311,7 +28278,7 @@ Ja, blind ergeben. </p> <p> -Vorläufig aber trotteten sie geduldig in diesem endlosen +Vorläufig aber trotteten sie geduldig in diesem endlosen Zug unbekannter Menschen. </p> @@ -28322,7 +28289,7 @@ Zug unbekannter Menschen. <p> „Hoch! Hoch!“ schrien die Trabanten und schwangen -die Mützen. +die Mützen. </p> <h3 class="no" id="subchap-2-4-7"> @@ -28335,84 +28302,84 @@ die Mützen. <p> Der Wind pfeift durch die Linden, die Fenster -klirren. Qualm schlägt aus den Häusern, die Stadt raucht. -Der Wind braust um das düstere Schloß, die Säulen wanken. +klirren. Qualm schlägt aus den Häusern, die Stadt raucht. +Der Wind braust um das düstere Schloß, die Säulen wanken. Die Rosselenker am Portal knicken zusammen unter den -Hufen der Rosse. Aber plötzlich wird es still, ganz still, +Hufen der Rosse. Aber plötzlich wird es still, ganz still, der Wind schweigt, und ein eisiger Luftstrom schiebt sich -über die Linden dahin, ein wandernder Block von Eis. +über die Linden dahin, ein wandernder Block von Eis. </p> <p> -Dunkle Wolken fliegen über die Stadt, schwarz, eine +Dunkle Wolken fliegen über die Stadt, schwarz, eine hinter der andern — wie sie jagen! Gespenstisch! </p> <p> Ja, gespenstisch, es sind die Toten, die Gefallenen, die -über die Stadt dahinjagen und auf den Wolken stehen. -Die Kälte des Grabes fällt aus ihren grauen, vereisten -Soldatenmänteln. Denn sie lagen lange in der kalten Erde. +über die Stadt dahinjagen und auf den Wolken stehen. +Die Kälte des Grabes fällt aus ihren grauen, vereisten +Soldatenmänteln. Denn sie lagen lange in der kalten Erde. </p> <p> Der General erschauert, er zieht frierend den Mantel -mit dem blutroten Aufschlag über der Brust zusammen. +mit dem blutroten Aufschlag über der Brust zusammen. Er sieht die Toten nicht da oben auf den -schwarzen Wolken, aber er fühlt die entsetzliche Kälte, die +schwarzen Wolken, aber er fühlt die entsetzliche Kälte, die sie mitbringen. </p> <p> -Feuer spritzt vor seinen Füßen, ein Insekt schwirrt zischend -an seinem Ohr vorbei. Schüsse knallen. +Feuer spritzt vor seinen Füßen, ein Insekt schwirrt zischend +an seinem Ohr vorbei. Schüsse knallen. </p> <p> -Nein, nicht der Mantel mit den blutroten Aufschlägen, -er ist in Zivil, aber er hatte es für Augenblicke — wie lange? +Nein, nicht der Mantel mit den blutroten Aufschlägen, +er ist in Zivil, aber er hatte es für Augenblicke — wie lange? — vergessen. </p> <p> -Aus den finstern Straßenschluchten blasen Feuerfunken, -aber der General fürchtet die Kugeln nicht. Er wendet -ihnen die Stirn zu, er öffnet die Augen und blickt ihnen +Aus den finstern Straßenschluchten blasen Feuerfunken, +aber der General fürchtet die Kugeln nicht. Er wendet +ihnen die Stirn zu, er öffnet die Augen und blickt ihnen entgegen, er bietet ihnen die Brust dar und bleibt sogar stehen. Unbeirrt verfolgt er seinen Weg. Nur die entsetzliche <a id="page-455" class="pagenum" title="455"></a> -Kälte, die aus den jagenden schwarzen Wolken fällt, -erfüllt ihn mit Schaudern. +Kälte, die aus den jagenden schwarzen Wolken fällt, +erfüllt ihn mit Schaudern. </p> <p> -Licht in einer dunkeln Straßenschlucht. Ein totes Pferd -liegt auf dem Pflaster. Schatten umdrängen den Kadaver, +Licht in einer dunkeln Straßenschlucht. Ein totes Pferd +liegt auf dem Pflaster. Schatten umdrängen den Kadaver, Soldaten und Weiber mit Messern. Sie zerlegen das -Pferd und wickeln blutige Fleischstücke in Zeitungsfetzen -und Schürzen. Dort an der Ecke ein Auto mit dem +Pferd und wickeln blutige Fleischstücke in Zeitungsfetzen +und Schürzen. Dort an der Ecke ein Auto mit dem Zeichen des Roten Kreuzes. Eine helle Bahre gleitet durch den Lichtschein. </p> <p> -Und wiederum Finsternis, ohne Ende. Die Straßen -sind dunkle Katakomben, Riesenschatten tanzen über die -verlassenen Plätze, Schrecken lauert in den finstern Haustoren. -Manche Straßen sind wie mit Schnee bedeckt. Das -sind die Massen von Zetteln und Aufrufen, die täglich -auf die Stadt niedergehen. Der Fuß des Generals raschelt +Und wiederum Finsternis, ohne Ende. Die Straßen +sind dunkle Katakomben, Riesenschatten tanzen über die +verlassenen Plätze, Schrecken lauert in den finstern Haustoren. +Manche Straßen sind wie mit Schnee bedeckt. Das +sind die Massen von Zetteln und Aufrufen, die täglich +auf die Stadt niedergehen. Der Fuß des Generals raschelt in ihnen. Da! Der Schrei eines getroffenen Menschen. War es eine Frau? Ja, eine helle Stimme. Und das Feuer -prasselt. Der Widerhall klopft an den Häuserwänden. +prasselt. Der Widerhall klopft an den Häuserwänden. Der Widerhall klopft im Herzen des Generals. Jede einzelne Kugel trifft ihn ins Herz. Zu Ende! Alles zu Ende! -Schon töten sie sich gegenseitig. +Schon töten sie sich gegenseitig. </p> <p> -An den Straßenecken ist ein Plakat angeschlagen: Berlin, -halt ein, Dein Tänzer ist der Tod! +An den Straßenecken ist ein Plakat angeschlagen: Berlin, +halt ein, Dein Tänzer ist der Tod! </p> <p> @@ -28424,27 +28391,27 @@ Der Schritt des Generals stockt. Mitten auf dem Trottoir liegt, Arme und Beine von sich gestreckt, in einer Lache von Blut, ein toter Matrose. Rasch geht der General auf die andere Seite. Aber schon wieder erschauert er. Etwas -weht feuerrot in der Dunkelheit, etwas fließt schimmernd -weiß dahin, blitzschnell. Sein Herz bleibt vor Schrecken +weht feuerrot in der Dunkelheit, etwas fließt schimmernd +weiß dahin, blitzschnell. Sein Herz bleibt vor Schrecken stehen. Gespenster? Gespenster in Berlin? Nein, es sind -Masken, Vermummte, die eilig die Straße entlang huschen. +Masken, Vermummte, die eilig die Straße entlang huschen. </p> <p> -Tanzmusik und der Lärm eines Balles hinter herabgelassenen -Rolläden. +Tanzmusik und der Lärm eines Balles hinter herabgelassenen +Rolläden. </p> <p> Und wiederum Finsternis, Leere, Stille, die Stadt ist <a id="page-456" class="pagenum" title="456"></a> -tot. Nur dann und wann klatscht ein Schuß. Das Gewehrfeuer +tot. Nur dann und wann klatscht ein Schuß. Das Gewehrfeuer prasselt in der Ferne. </p> <p> -Plötzlich empfindet der General deutlich, daß irgend -etwas nicht in Ordnung ist. Er fühlt die Nähe eines Menschen. +Plötzlich empfindet der General deutlich, daß irgend +etwas nicht in Ordnung ist. Er fühlt die Nähe eines Menschen. </p> <p> @@ -28452,21 +28419,21 @@ Ein Schritt wandert hinter ihm! Immer hinter ihm her. </p> <p> -Und auch drüben, auf der andern Seite der Straße — -ist es nicht auffallend? — schlürfen plötzlich Schritte. Zuweilen, +Und auch drüben, auf der andern Seite der Straße — +ist es nicht auffallend? — schlürfen plötzlich Schritte. Zuweilen, wenn die Dunkelheit durch einen Lichtschein erhellt -wird, sieht er drüben zwei kleine Gestalten dahinkriechen, -die mit den Händen winken. +wird, sieht er drüben zwei kleine Gestalten dahinkriechen, +die mit den Händen winken. </p> <p> Und der Schritt knirscht hinter seinen Fersen her. Er -überquert die Straße, der Schritt folgt ihm, er biegt um +überquert die Straße, der Schritt folgt ihm, er biegt um die Ecke, auch der Schritt biegt um die Ecke. </p> <p> -Da — nun spürt er den Atem seines Begleiters im Nacken. +Da — nun spürt er den Atem seines Begleiters im Nacken. Eine tiefe, rauhe Stimme raunt dicht an seinem Ohre: </p> @@ -28488,22 +28455,22 @@ Und abermals raunt die Stimme: </p> <p> -Drüben, auf der andern Seite, winken die Arme, winken -zwei kleine, bleiche Hände. +Drüben, auf der andern Seite, winken die Arme, winken +zwei kleine, bleiche Hände. </p> <p> -Der General eilt, aber sein Begleiter eilt mit großen +Der General eilt, aber sein Begleiter eilt mit großen Schritten neben ihm her. Es macht ihm nicht die geringste -Mühe mitzukommen. Schon beginnen die zwei Kleinen auf +Mühe mitzukommen. Schon beginnen die zwei Kleinen auf der andern Seite zu laufen. </p> <p> Lauter beginnt die Stimme des Unbekannten zu raunen, -und plötzlich zuckt der General zusammen. Die Stimme +und plötzlich zuckt der General zusammen. Die Stimme hat ein furchtbares Wort ausgesprochen, ein schreckliches -Wort — unsägliche Beschimpfung. +Wort — unsägliche Beschimpfung. </p> <p> @@ -28512,9 +28479,9 @@ schreien: „Komm doch, komm doch!“ </p> <p> -Da bleibt der Schritt plötzlich hinter ihm zurück. Ein Lachen -klingt durch die finstere, menschenleere Straße. Eine -rauhe, häßliche Stimme schreit: „Licht aus, Messer raus!“ +Da bleibt der Schritt plötzlich hinter ihm zurück. Ein Lachen +klingt durch die finstere, menschenleere Straße. Eine +rauhe, häßliche Stimme schreit: „Licht aus, Messer raus!“ </p> <p class="tb"> @@ -28524,9 +28491,9 @@ rauhe, häßliche Stimme schreit: „Licht aus, Messer raus!“ <p class="first"> <span class="firstchar">D</span>er General hatte keine Angst vor der Kugel, nein. Aber -während der Unbekannte ihm folgte, hatte er in der -furchtbaren Angst gelebt, daß plötzlich eine Faust nach -ihm schlagen könnte. Unausdenkbare Schmach! Nur aus +während der Unbekannte ihm folgte, hatte er in der +furchtbaren Angst gelebt, daß plötzlich eine Faust nach +ihm schlagen könnte. Unausdenkbare Schmach! Nur aus diesem Grunde war er entflohen, aus keinem andern. </p> @@ -28538,22 +28505,22 @@ das Interesse des Vaterlandes unbedingt erforderte! </p> <p> -In Schweiß gebadet, völlig außer Atem, kam er wieder +In Schweiß gebadet, völlig außer Atem, kam er wieder in belebtere Gegenden. </p> <p> -Ein Eishauch entströmte dem dunkeln Tiergarten. Kein -Licht, keine Laterne, nichts. Die Fensterläden der Häuser +Ein Eishauch entströmte dem dunkeln Tiergarten. Kein +Licht, keine Laterne, nichts. Die Fensterläden der Häuser geschlossen, die Fensterscheiben schwarz. Und schwarze -Wolken jagten über die kahlen Wipfeln des Parkes dahin. -Ein Auto, besetzt von Schatten, flog die finstere Straße -entlang. Unaufhörlich erscholl der warnende Ruf: „Straße -frei! Straße frei!“ +Wolken jagten über die kahlen Wipfeln des Parkes dahin. +Ein Auto, besetzt von Schatten, flog die finstere Straße +entlang. Unaufhörlich erscholl der warnende Ruf: „Straße +frei! Straße frei!“ </p> <p> -Die dumpfen Detonationen von Handgranaten ertönten +Die dumpfen Detonationen von Handgranaten ertönten drinnen in der Stadt, irgendwo. </p> @@ -28563,7 +28530,7 @@ Nacht ohne Ende, Nacht der Schrecken! <p> Auf der Treppe seines Hauses fuhr der General erschrocken -zurück: Beinahe wäre er auf einen Menschen getreten! +zurück: Beinahe wäre er auf einen Menschen getreten! </p> <p> @@ -28571,51 +28538,51 @@ Wer war hier? Zitternd stand der General. </p> <p> -Etwas wie ein großer, massiger Tierkörper schob sich -schleifend die Treppe empor. Ein unerklärliches Geräusch, +Etwas wie ein großer, massiger Tierkörper schob sich +schleifend die Treppe empor. Ein unerklärliches Geräusch, eine Vibration ging von der dunkeln Masse aus, wie wenn -jemand vor Kälte zittert. +jemand vor Kälte zittert. </p> <p> -Der General lauschte, dann rieb er zögernd ein Streichholz +Der General lauschte, dann rieb er zögernd ein Streichholz an. </p> <p> Auf der dunkeln Treppe kauerte ein Soldat mit zwei -kurzen Krückstöcken unter den hochgezogenen Schultern. -Der Körper des Krüppels wurde unaufhörlich von einem -schrecklichen Zittern geschüttelt. Schmutz klebte an seinen +kurzen Krückstöcken unter den hochgezogenen Schultern. +Der Körper des Krüppels wurde unaufhörlich von einem +schrecklichen Zittern geschüttelt. Schmutz klebte an seinen Kleidern, seine Beinstumpen waren vollkommen vom <a id="page-458" class="pagenum" title="458"></a> -Straßenkot durchweicht. Ausdruckslos verschwamm der -Blick seiner halbgeschlossenen Augen im erlöschenden Licht +Straßenkot durchweicht. Ausdruckslos verschwamm der +Blick seiner halbgeschlossenen Augen im erlöschenden Licht des Streichholzes. </p> <p> -Der General beugte sich zu dem Krüppel herab. +Der General beugte sich zu dem Krüppel herab. </p> <p> „Was haben Sie — sind Sie krank?“ fragte er. Er fragte nur, um dem zitternden Haufen Fleisch einen Laut, -eine Äußerung seines menschlichen Wesens, zu entlocken. -Hastig kramte er in seinem Überrock nach Geld, der Gedanke +eine Äußerung seines menschlichen Wesens, zu entlocken. +Hastig kramte er in seinem Überrock nach Geld, der Gedanke fuhr ihm sogar durch den Kopf, den Soldaten mit sich ins Haus zu nehmen. </p> <p> -Der Krüppel stieß Laute aus wie ein Taubstummer, -ein Röcheln entstieg seinem krampfhaft geöffneten Mund. +Der Krüppel stieß Laute aus wie ein Taubstummer, +ein Röcheln entstieg seinem krampfhaft geöffneten Mund. </p> <p> „Wo sind Sie verwundet worden, mein Sohn?“ fragte der General und beugte sich noch tiefer herab. Auch er, -der Krüppel, strömte Kälte aus. +der Krüppel, strömte Kälte aus. </p> <p> @@ -28623,7 +28590,7 @@ der Krüppel, strömte Kälte aus. </p> <p> -Mühsam schüttelte der Krüppel Silben aus dem Mund. +Mühsam schüttelte der Krüppel Silben aus dem Mund. </p> <p> @@ -28631,7 +28598,7 @@ Mühsam schüttelte der Krüppel Silben aus dem Mund. </p> <p> -Aber plötzlich taumelte der General in die Höhe. +Aber plötzlich taumelte der General in die Höhe. </p> <p> @@ -28643,12 +28610,12 @@ Nun zitterte er genau wie der Soldat. </p> <p> -Hastig, ohne zu denken, ließ er ein paar Geldscheine -fallen und stieß in aller Eile die Türe auf. Aber als er -ins Haus treten wollte, fühlte er plötzlich, wie sein rechter -Fuß von einer Hand umklammert wurde, die ihn festzuhalten -suchte. War der Krüppel gefallen, suchte er Halt, -suchte er seinen Dank auszudrücken? Der General stieß +Hastig, ohne zu denken, ließ er ein paar Geldscheine +fallen und stieß in aller Eile die Türe auf. Aber als er +ins Haus treten wollte, fühlte er plötzlich, wie sein rechter +Fuß von einer Hand umklammert wurde, die ihn festzuhalten +suchte. War der Krüppel gefallen, suchte er Halt, +suchte er seinen Dank auszudrücken? Der General stieß die Hand von sich und trat keuchend in die dunkle Diele. </p> @@ -28672,31 +28639,31 @@ Quatre vents! Quatre vents! <p> <a id="page-459" class="pagenum" title="459"></a> -Von der Höhe kam er, der da draußen — +Von der Höhe kam er, der da draußen — </p> <p> -Lange Zeit saß der General regungslos in irgendeinem +Lange Zeit saß der General regungslos in irgendeinem dunkeln Zimmer. </p> <p> Dann klingelte er dreimal. Das bedeutete: so schnell -wie möglich servieren. Er hatte seit dem Morgen nichts +wie möglich servieren. Er hatte seit dem Morgen nichts genossen. Therese beeilte sich. Jakob? Wangel? Wohin? In der ersten Stunde waren sie von ihm gegangen, ebenso wie Schwerdtfeger. Ja, selbst Jakob, dieser biedere Bauernbursche, dessen Augen aufleuchteten, so oft er ihn ansprach. -Trotzdem — in der ersten Stunde, mit einem völlig ungültigen +Trotzdem — in der ersten Stunde, mit einem völlig ungültigen Urlaubsschein, ausgestellt von irgendeinem Soldatenrat. </p> <p> -Als Therese eintrat, saß der General an dem großen, +Als Therese eintrat, saß der General an dem großen, runden Speisetisch, in seinem weiten grauen Feldmantel, -der bis zur Erde reichte, den Kragen hinaufgestülpt. Er +der bis zur Erde reichte, den Kragen hinaufgestülpt. Er war in sich zusammengesunken. Aber wie sah er aus? -Nicht mehr grau — schneeweiß. +Nicht mehr grau — schneeweiß. </p> <p> @@ -28704,7 +28671,7 @@ Seine Augen starrten. </p> <p> -Einer von der Höhe! +Einer von der Höhe! </p> <p> @@ -28712,25 +28679,25 @@ Quatre vents! </p> <p> -Seine starrenden Augen sahen Bündel von roten Leuchtkugeln +Seine starrenden Augen sahen Bündel von roten Leuchtkugeln in die Nacht steigen — wie damals, in jener Nacht, -als er die Höhe verlor. +als er die Höhe verlor. </p> <p> Einer von jenen! Wie war er hierher gekommen? Seine -Zähne schlugen aufeinander. +Zähne schlugen aufeinander. </p> <p> -„Sehen Sie nach, Therese,“ flüsterte der General, und +„Sehen Sie nach, Therese,“ flüsterte der General, und seine Stimme nahm bei jedem Wort eine andere Lage an, -„vor der Türe ist ein Soldat. Bringen Sie ihn herein.“ +„vor der Türe ist ein Soldat. Bringen Sie ihn herein.“ </p> <p> -Und wieder klapperten die Zähne des Generals. Aber -Therese kam zurück. Niemand war auf der Treppe. +Und wieder klapperten die Zähne des Generals. Aber +Therese kam zurück. Niemand war auf der Treppe. </p> <p> @@ -28738,8 +28705,8 @@ Therese kam zurück. Niemand war auf der Treppe. </p> <p> -Ja, vielleicht hatte er sich getäuscht. Wie? Vielleicht -war tatsächlich niemand da draußen gewesen? +Ja, vielleicht hatte er sich getäuscht. Wie? Vielleicht +war tatsächlich niemand da draußen gewesen? </p> <p> @@ -28754,13 +28721,13 @@ Therese. </p> <p> -Der General schwieg und brütete vor sich hin. +Der General schwieg und brütete vor sich hin. </p> <p> Erst nach geraumer Weile verstand er, was Therese -gesagt hatte. Er drückte auf die Klingel. „Keinen Arzt, -Therese. Ich bin vollkommen wohl. Nur müde.“ +gesagt hatte. Er drückte auf die Klingel. „Keinen Arzt, +Therese. Ich bin vollkommen wohl. Nur müde.“ </p> <p> @@ -28774,33 +28741,33 @@ Feldmantels. </h3> <p class="first"> -<span class="firstchar">D</span>ie schwarzen Wolken jagten über die finstere Stadt +<span class="firstchar">D</span>ie schwarzen Wolken jagten über die finstere Stadt dahin. Ohne Ende, ohne Zahl. Die Toten in ihren -vereisten grauen Soldatenmänteln standen darauf. Die -Toten und Gefallenen aus den Massengräbern von Verdun -und Ypern, von Polen und von Rußland, Serbien, Rumänien, -von Mesopotamien, aus den einsamen Friedhöfen +vereisten grauen Soldatenmänteln standen darauf. Die +Toten und Gefallenen aus den Massengräbern von Verdun +und Ypern, von Polen und von Rußland, Serbien, Rumänien, +von Mesopotamien, aus den einsamen Friedhöfen der Vogesen und der Champagne, die Toten aus den Argonnen, die Toten von der Somme und die Toten, die aus dem Meere gestiegen waren. </p> <p> -Sie jagten dahin, zu Hunderttausenden zusammen<a id="corr-14"></a>gedrängt +Sie jagten dahin, zu Hunderttausenden zusammen<a id="corr-14"></a>gedrängt auf den schwarzen Wolken, die in dieser Nacht -ganz Deutschland überzogen. Denn in dieser Nacht kehrten -die Toten zurück. +ganz Deutschland überzogen. Denn in dieser Nacht kehrten +die Toten zurück. </p> <p> -Horch, sie singen! Hörst du? Ihr Gesang braust! Was -singen sie? Unverständlich für die Lebenden ist ihr Gesang. +Horch, sie singen! Hörst du? Ihr Gesang braust! Was +singen sie? Unverständlich für die Lebenden ist ihr Gesang. </p> <p> Die Vorhut der heimkehrenden Armee der Toten hat Berlin erreicht, ohne Ende ist ihr Zug, noch haben nicht -alle den Rhein überflogen. Es sind Millionen. +alle den Rhein überflogen. Es sind Millionen. </p> <p class="tb2"> @@ -28808,24 +28775,24 @@ alle den Rhein überflogen. Es sind Millionen. </p> <p class="noindent"> -Dahinfegte die Limousine. Sie schnellte über eine Brücke -und jagte in eine endlose schnurgerade Straße hinein. Sie +Dahinfegte die Limousine. Sie schnellte über eine Brücke +und jagte in eine endlose schnurgerade Straße hinein. Sie bog um eine Ecke — und ja, dies war nun die Lessingallee. </p> <p> -Plötzlich pochte der General wild mit den Knöcheln an +Plötzlich pochte der General wild mit den Knöcheln an <a id="page-461" class="pagenum" title="461"></a> die Scheiben und augenblicklich zog Schwerdtfeger die Bremse. Bevor das Auto noch stand, war der General schon -aus dem Wagen gesprungen und lief rasch in die Straße +aus dem Wagen gesprungen und lief rasch in die Straße hinein. Aber auch der kleine Mann in seinem Havelock eilte, so schnell er konnte, dahin. </p> <p> -Zwei, drei Sätze und die wütende Faust des Generals -hatte den Havelock erfaßt. +Zwei, drei Sätze und die wütende Faust des Generals +hatte den Havelock erfaßt. </p> <p> @@ -28833,7 +28800,7 @@ hatte den Havelock erfaßt. </p> <p> -Der kleine alte Mann krümmte sich zusammen. +Der kleine alte Mann krümmte sich zusammen. </p> <p> @@ -28842,33 +28809,33 @@ jetzt — oder, oder —!“ </p> <p> -Da zerfloß der kleine alte Mann, wie Nebel. Eine Sekunde -noch das bläulich-weiße Gesicht, grüne Funken, wo +Da zerfloß der kleine alte Mann, wie Nebel. Eine Sekunde +noch das bläulich-weiße Gesicht, grüne Funken, wo die Augen waren — fort. </p> <p> -So heftig war die Erregung, daß der General auffuhr. -Er saß bei Tisch. Allein. +So heftig war die Erregung, daß der General auffuhr. +Er saß bei Tisch. Allein. </p> <p> Ohne zu denken, griff er wieder nach Messer und Gabel -und bemühte sich, kleine Stückchen von dem kalten Fleisch +und bemühte sich, kleine Stückchen von dem kalten Fleisch auf seinem Teller abzuschneiden. Er griff nach dem Glas — aber schon erlahmte wieder die Hand. </p> <p> -Kalt, kalt, die Kälte! Es war eisig kalt in diesem +Kalt, kalt, die Kälte! Es war eisig kalt in diesem Zimmer. </p> <p> -Und doch, der Ofen glühte. Er näherte die Hände — -deutlich sah er das Eisen glühen — aber, wie merkwürdig, -keine Wärme. Nun erst, da er mit den langen Nägeln das -rote Eisen berührte, spürte er einen Hauch von Erwärmung. +Und doch, der Ofen glühte. Er näherte die Hände — +deutlich sah er das Eisen glühen — aber, wie merkwürdig, +keine Wärme. Nun erst, da er mit den langen Nägeln das +rote Eisen berührte, spürte er einen Hauch von Erwärmung. Ein eisiger Luftstrom blies ihn an. </p> @@ -28876,14 +28843,14 @@ Ein eisiger Luftstrom blies ihn an. Sonderbar — seit jenem Tage hatte es begonnen! Deutlich erinnerte er sich noch, wie das schneeblaue Gesicht durch die Scheiben ins Foyer starrte, an den Briefumschlag -sogar, der von häßlicher, unangenehmer grüner Färbung -war. Seit jenem Tage war die Unruhe über ihn gekommen. -Überall hatte er diesen kleinen geistesgestörten alten Mann +sogar, der von häßlicher, unangenehmer grüner Färbung +war. Seit jenem Tage war die Unruhe über ihn gekommen. +Überall hatte er diesen kleinen geistesgestörten alten Mann gesehen — vor dem Hause, vor dem Restaurant, ja selbst wenn er einen Blick aus seinem Arbeitszimmer warf, da <a id="page-462" class="pagenum" title="462"></a> stand er auf dem Platze. Sogar in der Nacht begegnete er -ihm häufig. +ihm häufig. </p> <p> @@ -28892,28 +28859,28 @@ geweckt — alles war daher gekommen, allein daher! </p> <p> -Noch heute, noch heute würde sie, Ruth — +Noch heute, noch heute würde sie, Ruth — </p> <p> -Der Schmerz fraß. In seinem weiten Feldmantel, der -nahezu den Boden berührte, schritt er durch die Zimmer. +Der Schmerz fraß. In seinem weiten Feldmantel, der +nahezu den Boden berührte, schritt er durch die Zimmer. Auf seinem Schreibtisch lag Ruths letzter Brief: — die dich geliebt hat, Papa, und noch immer liebt . . . </p> <p> Sie hatte ihm unrecht getan. Alles entsprang doch nur -der Sorge um sie, der Fürsorge eines Vaters, dessen Pflicht +der Sorge um sie, der Fürsorge eines Vaters, dessen Pflicht es erheischte — Kannst du es denn nicht verstehen, mein -Mädchen? Verhängnis über Verhängnis. Er, ihn getötet? +Mädchen? Verhängnis über Verhängnis. Er, ihn getötet? Wie? Wie? Ihn, den sie liebte? Er? Aber, wie kannst du nur so etwas sagen? </p> <p> Die Stille lauerte. Lauernd und feindselig umstrich ihn -die eisige Luft. Der Brief flatterte plötzlich in seiner Hand. +die eisige Luft. Der Brief flatterte plötzlich in seiner Hand. </p> <p> @@ -28926,16 +28893,16 @@ Nein, nicht allein! <p> Wieder glitt der lange graue Mantel durch die Zimmer. -Er drehte das Licht an. Niemand, natürlich. Aber er fühlte +Er drehte das Licht an. Niemand, natürlich. Aber er fühlte einen Blick auf sich gerichtet und dieser Blick folgte ihm -überall hin. +überall hin. </p> <p> Vorsichtig, mit zitternden Fingern, schob er den Vorhang -zur Seite, er öffnete das Fenster, leise, und spähte +zur Seite, er öffnete das Fenster, leise, und spähte durch einen Spalt der Jalousien hinaus auf die finstere -Straße. +Straße. </p> <p> @@ -28943,54 +28910,54 @@ Da, da — sein Herz stockte! </p> <p> -Nein, er hatte sich nicht getäuscht. +Nein, er hatte sich nicht getäuscht. </p> <p> -Da stand er — der kleine Geistesgestörte, in der Tat! -Deutlich sah er sein faustgroßes bleiches Gesicht. Die Augen +Da stand er — der kleine Geistesgestörte, in der Tat! +Deutlich sah er sein faustgroßes bleiches Gesicht. Die Augen waren auf dieses Fenster, genau auf dieses Fenster, auf ihn -gerichtet. Er stand mit zwei Gestalten, zwei Männern, -einem großen und einem untersetzten. Nun näherte sich -der Große der Haustüre, aber der alte Mann rief ihn zurück. +gerichtet. Er stand mit zwei Gestalten, zwei Männern, +einem großen und einem untersetzten. Nun näherte sich +der Große der Haustüre, aber der alte Mann rief ihn zurück. <a id="page-463" class="pagenum" title="463"></a> Sie sprachen: berieten, deuteten auf das Fenster, auf ihn! -Dann gingen sie, zögernd, und die Dunkelheit verschlang sie +Dann gingen sie, zögernd, und die Dunkelheit verschlang sie augenblicklich. </p> <p> -Leise, vorsichtig schloß der General wieder Fenster und -Vorhänge. Noch eisiger war die Luft geworden. Kalter +Leise, vorsichtig schloß der General wieder Fenster und +Vorhänge. Noch eisiger war die Luft geworden. Kalter Nebel war durch das Fenster ins Zimmer gekrochen. Ja, ohne Zweifel, die ganze Wohnung war nunmehr von Nebel -erfüllt. Die Wände rauchten. Sie waren grüne geschliffene -Eisblöcke, die dampften. +erfüllt. Die Wände rauchten. Sie waren grüne geschliffene +Eisblöcke, die dampften. </p> <p> Der Brief Ruths war auf den Boden gefallen und -keuchend hob der General ihn auf. Er war geneigt, über +keuchend hob der General ihn auf. Er war geneigt, über die politischen Verirrungen eines jungen und urteilslosen -Mädchens hinwegzusehen. Er war geneigt, gewisse Vorfälle +Mädchens hinwegzusehen. Er war geneigt, gewisse Vorfälle zu vergessen — Irrungen eines jungen und leidenschaftlichen -Herzens. Er war geneigt, Zugeständnisse zu -machen, völlige Freiheit zuzusichern. Forderte sie es, so +Herzens. Er war geneigt, Zugeständnisse zu +machen, völlige Freiheit zuzusichern. Forderte sie es, so war er zu jeder Genugtuung bereit. Zu jeder! </p> <p> -Aber sie sollte zurückkommen! +Aber sie sollte zurückkommen! </p> <p> -Ja, zurückkommen. Weshalb kam sie nicht? +Ja, zurückkommen. Weshalb kam sie nicht? </p> <p> -Er war alt, sein Leben vernichtet, zermürbt, untergraben, -zerstört, ohne Sinn, ohne Hoffnung, ohne jede -Hoffnung! Er besaß nur noch sie, sie allein — sonst nichts +Er war alt, sein Leben vernichtet, zermürbt, untergraben, +zerstört, ohne Sinn, ohne Hoffnung, ohne jede +Hoffnung! Er besaß nur noch sie, sie allein — sonst nichts mehr. </p> @@ -29001,30 +28968,30 @@ liebe dich! <p> Das alles wollte er ihr sagen, sobald er sie traf. Und er -würde sie finden, ohne jeden Zweifel! Morgen, in aller -Frühe schon, würde er sich wieder auf den Weg machen. +würde sie finden, ohne jeden Zweifel! Morgen, in aller +Frühe schon, würde er sich wieder auf den Weg machen. Sie war ja hier, hier in der Stadt, Wunderlich hatte sie schon zweimal gesehen. </p> <p> -Ja, all das, all das. Und er würde sie <em>bitten</em> — nie +Ja, all das, all das. Und er würde sie <em>bitten</em> — nie in seinem Leben hatte er einen Menschen um etwas gebeten . . . Forderte sie es, von ihrem alten Vater — bestand sie darauf — nun wohl, so war er bereit, sich zu -— <em>demütigen</em> . . . +— <em>demütigen</em> . . . </p> <p> <a id="page-464" class="pagenum" title="464"></a> -Plötzlich taumelte der General, so stark, daß er in einen +Plötzlich taumelte der General, so stark, daß er in einen Sessel fiel. Er griff nach der Brust. Sein Herz —? Was war es —? </p> <p> In diesem Augenblick aber schrillte die Klingel, zweimal, -dreimal, lang, herausfordernd — die Haustürklingel. +dreimal, lang, herausfordernd — die Haustürklingel. </p> <p> @@ -29032,32 +28999,32 @@ Schritte kamen durch den Korridor. </p> <p> -Aber schon stand der General unter der Türe. „Öffnen +Aber schon stand der General unter der Türe. „Öffnen Sie nicht!“ rief er, zitternd in seinem weiten Mantel. </p> <p> -Dumpf grollte es in der Ferne — ein Geschütz hatte in +Dumpf grollte es in der Ferne — ein Geschütz hatte in der Stadt gefeuert. </p> <p> „Ich werde selbst — gehen Sie ruhig schlafen“, stammelte -der General und Therese schlich wieder in ihre Küche zurück. -Immer noch schmerzte das Herz in der Brust. Allmählich -erst hörte es auf zu zucken. Nun erst ging der General zur -Haustüre und bot seine breite Brust der Finsternis dar. -Niemand. Aber dort drüben, im Park, schlichen da nicht +der General und Therese schlich wieder in ihre Küche zurück. +Immer noch schmerzte das Herz in der Brust. Allmählich +erst hörte es auf zu zucken. Nun erst ging der General zur +Haustüre und bot seine breite Brust der Finsternis dar. +Niemand. Aber dort drüben, im Park, schlichen da nicht Gestalten? </p> <p> -Schüsse klatschten, und wieder feuerte ein Geschütz in +Schüsse klatschten, und wieder feuerte ein Geschütz in der Stadt. </p> <p> -„Sie zerfleischen sich — wie Wölfe“, dachte der General. +„Sie zerfleischen sich — wie Wölfe“, dachte der General. Und laut rief er in die Dunkelheit hinein: „Ist jemand da?“ </p> @@ -29074,7 +29041,7 @@ Und laut rief er in die Dunkelheit hinein: „Ist jemand da?“ </p> <p> -Niemand. Er verschloß die Türe. +Niemand. Er verschloß die Türe. </p> <p class="tb"> @@ -29082,15 +29049,15 @@ Niemand. Er verschloß die Türe. </p> <p class="first"> -<span class="firstchar">E</span>in Schritt raste die dunkle Straße entlang. Nein, nicht +<span class="firstchar">E</span>in Schritt raste die dunkle Straße entlang. Nein, nicht ein Schritt, ein Rudel von Schritten. Hinter dem einen rasenden Schritt her jagte eine Meute klappender Schritte. Geschrei. </p> <p> -Da setzte der Schatten eines schmächtigen Menschen über -die Straße und verschwand im Gebüsch des Parkes. Ein +Da setzte der Schatten eines schmächtigen Menschen über +die Straße und verschwand im Gebüsch des Parkes. Ein Rudel von Schatten setzte hinter ihm her. „Haltet ihn, haltet ihn, den Spitzel!“ </p> @@ -29101,13 +29068,13 @@ Die Stimmen verloren sich. <p> <a id="page-465" class="pagenum" title="465"></a> -Kunze keuchte. Eine Sekunde noch und er wäre zusammengestürzt. +Kunze keuchte. Eine Sekunde noch und er wäre zusammengestürzt. Meilenweit hatten sie ihn gejagt und alle Wachtposten hatten auf ihn geschossen. </p> <p> -In Schweiß gebadet warf er sich auf den Boden. Da begann +In Schweiß gebadet warf er sich auf den Boden. Da begann der ganze Park wie ein Hammerwerk zu pochen. Lob und Dank dem Herrn, sie hatten seine Spur verloren — ihre Stimmen klangen ferner und ferner. Ein Schrei — @@ -29119,121 +29086,121 @@ Noch keuchte die Brust, und schon begann Kunze wieder zu laufen. Durch den ganzen finstern Tiergarten eilte er. Furchtsam mied er Wege, ob sie breit oder schmal waren. Endlich kam er in eine Gegend des Parkes, die Sicherheit -verbürgte. Es war dicht hinter dem Zoologischen Garten. +verbürgte. Es war dicht hinter dem Zoologischen Garten. </p> <p> -Eifrig spähte er in die dunkeln Baumwipfel empor — +Eifrig spähte er in die dunkeln Baumwipfel empor — ja, hier, dieser war der richtige. Ein einladender Ast, nicht -allzu hoch über der Erde, aber doch hoch genug, gerade was +allzu hoch über der Erde, aber doch hoch genug, gerade was er suchte. Hinauf, schon war der Strick festgemacht, die Schlinge gebunden. So. Und nun rasch! Keine Stunde -länger war dieses Leben zu ertragen — ja, schade, er hatte -nicht einige Autos zur Verfügung, um über die Grenze -fahren zu können — +länger war dieses Leben zu ertragen — ja, schade, er hatte +nicht einige Autos zur Verfügung, um über die Grenze +fahren zu können — </p> <p> -Nur noch eine Sekunde, bitte, bis er Atem geschöpft +Nur noch eine Sekunde, bitte, bis er Atem geschöpft hatte — und dann: hinab! </p> <p> -In der letzten Nacht hatte er in einer Kanalisationsröhre -geschlafen; in der Lindenstraße, vorgestern in einer Sandkiste +In der letzten Nacht hatte er in einer Kanalisationsröhre +geschlafen; in der Lindenstraße, vorgestern in einer Sandkiste beim Halleschen Tor. Einmal hatten sie ihn schon gefangengenommen -— nein, nein. Schluß! Eine Sekunde +— nein, nein. Schluß! Eine Sekunde nur — und dann: hinab! </p> <p> -Die Schlinge um den Hals saß er da, dampfte und keuchte -— zu seinem Schrecken gewahrte er jetzt, daß er sich ganz +Die Schlinge um den Hals saß er da, dampfte und keuchte +— zu seinem Schrecken gewahrte er jetzt, daß er sich ganz in der Nahe eines Weges befand. </p> <p> Dunkel und schweigend lag der Tiergarten. Eigentlich, -bei rechtem Licht besehen, ein Park für Selbstmörder, nicht -wahr? Eine rührende Vorsorge der Stadtverwaltung! Jede -Nacht erschoß sich hier jemand, erhängte sich irgendeiner — +bei rechtem Licht besehen, ein Park für Selbstmörder, nicht +wahr? Eine rührende Vorsorge der Stadtverwaltung! Jede +Nacht erschoß sich hier jemand, erhängte sich irgendeiner — <a id="page-466" class="pagenum" title="466"></a> fast gab es keinen unbesetzten Baum mehr. In der Ferne, aus der dunkeln Stadt prasselte Gewehrfeuer, und dann -und wann dröhnte ein Kanonenschuß. Sie kämpften. Es -war nicht gut, ihnen gerade jetzt in die Hände zu fallen . . . +und wann dröhnte ein Kanonenschuß. Sie kämpften. Es +war nicht gut, ihnen gerade jetzt in die Hände zu fallen . . . </p> <p> -Schwarze, gespenstische Wolken jagten über den kahlen +Schwarze, gespenstische Wolken jagten über den kahlen Baumwipfeln dahin. Das welke Laub raschelte. Zuweilen -hörte er auf seinem Ast auch Stimmen und Gelächter bald -näher, bald ferner — und Gesang. Gesang. Dann wiederum -Schüsse. Und sonderbare Laute, Miauen und Bellen, +hörte er auf seinem Ast auch Stimmen und Gelächter bald +näher, bald ferner — und Gesang. Gesang. Dann wiederum +Schüsse. Und sonderbare Laute, Miauen und Bellen, drangen aus dem Zoologischen Garten. </p> <p> -So also sollte er enden! Was würde sein Vater, der -Pastor sagen? Ein <em>Selbstmörder</em> in der Familie! -Schande, Schmach — Heimsuchung des allmächtigen Vaters -im Himmel! — Luxus, schöne Frauen — und der Ruhm? +So also sollte er enden! Was würde sein Vater, der +Pastor sagen? Ein <em>Selbstmörder</em> in der Familie! +Schande, Schmach — Heimsuchung des allmächtigen Vaters +im Himmel! — Luxus, schöne Frauen — und der Ruhm? Es war nichts damit geworden, nein. Gerade als der Krieg -ausbrach wollte er zur Bühne gehen. Hamlet! Den +ausbrach wollte er zur Bühne gehen. Hamlet! Den ganzen Hamlet kannte er auswendig. </p> <p> -„Sein oder Nichtsein —“ flüsterte er und hob die Arme. +„Sein oder Nichtsein —“ flüsterte er und hob die Arme. </p> <p> -Beinahe wäre er von seinem Ast gefallen. +Beinahe wäre er von seinem Ast gefallen. </p> <p> Dahinwandeln im Licht der Rampe, bewundert, umrauscht -vom Beifall — Briefe schöner Mädchen und Frauen +vom Beifall — Briefe schöner Mädchen und Frauen — alles nichts. </p> <p> -Und nun — das Seitenstechen hatte aufgehört — und +Und nun — das Seitenstechen hatte aufgehört — und nun . . . </p> <p> -Da aber hörte er Schritte knirschen. Er erstarrte vor Entsetzen. +Da aber hörte er Schritte knirschen. Er erstarrte vor Entsetzen. Kamen sie wieder? Weshalb hatte er auch solange -gezögert? +gezögert? </p> <p> -Zwei Schatten wanderten über den Weg nebenan. Plötzlich -bogen sie in die Büsche ein. Sie schlichen näher, immer -näher. Ja, sie kamen zu ihm, beim Himmel. Seine Haare -sträubten sich. Er wagte nicht mehr zu atmen. +Zwei Schatten wanderten über den Weg nebenan. Plötzlich +bogen sie in die Büsche ein. Sie schlichen näher, immer +näher. Ja, sie kamen zu ihm, beim Himmel. Seine Haare +sträubten sich. Er wagte nicht mehr zu atmen. </p> <p> Ein Mann und eine Frau, sie lagerten sich unter seinem -Baum. Etwas Weißes schimmerte, Flüstern, Küsse, Lachen, -Geplauder — leise Schreie — eine volle Stunde mußte +Baum. Etwas Weißes schimmerte, Flüstern, Küsse, Lachen, +Geplauder — leise Schreie — eine volle Stunde mußte er ohne jede Bewegung sitzen. Endlich gingen sie wieder. </p> <p> <a id="page-467" class="pagenum" title="467"></a> -Nun aber wollte er keine Minute mehr versäumen! +Nun aber wollte er keine Minute mehr versäumen! </p> <p> -Die Dunkelheit begann zu sprühen. Augen öffneten sich +Die Dunkelheit begann zu sprühen. Augen öffneten sich in der Finsternis, erschrockene, entsetzte Augen — ja zumeist entsetzte — wenn die Hand des Gesetzes ausholte! Auch die Augen jenes jungen Mannes, der auf dem -Straßenpflaster lag, noch etwas atmete und rief: Alle -Völker sind Brüder! +Straßenpflaster lag, noch etwas atmete und rief: Alle +Völker sind Brüder! </p> <p> @@ -29241,13 +29208,13 @@ Ja, auch diese Augen . . . </p> <p> -Kunze weinte. Und plötzlich sprang er, ohne Überlegung, +Kunze weinte. Und plötzlich sprang er, ohne Überlegung, — ein scharfer Schmerz schnitt in seinen Hals: zu Ende, vorbei — </p> <p> -Aber einen Augenblick später saß Kunze im feuchten Gras. +Aber einen Augenblick später saß Kunze im feuchten Gras. Er konnte es nicht fassen, anfangs — der Strick war gerissen. </p> @@ -29261,12 +29228,12 @@ den Hals. </h3> <p class="first"> -<span class="firstchar">D</span>er General steht über die Karte gebeugt, entschlossen +<span class="firstchar">D</span>er General steht über die Karte gebeugt, entschlossen und eisig seine Miene. Lautlos tritt der Chef des -Stabes ins Zimmer. Schon beginnen die Autos und Motorräder -der Befehlsüberbringer zu dröhnen und zu rasseln. +Stabes ins Zimmer. Schon beginnen die Autos und Motorräder +der Befehlsüberbringer zu dröhnen und zu rasseln. Der Boden zittert vom Feuer, dicht nebenan schlagen die -Geschütze, als würden Türen aus Erz ins Schloß geschleudert. +Geschütze, als würden Türen aus Erz ins Schloß geschleudert. </p> <p> @@ -29274,39 +29241,39 @@ Alles ging gut! </p> <p> -Der Gegner, sein Gegner da drüben, dieser Halunke mit -dem Käppi und dem weißen Spitzbart, hatte ihm die Höhe -durch Überraschung genommen, mitten in der Nacht. Aber +Der Gegner, sein Gegner da drüben, dieser Halunke mit +dem Käppi und dem weißen Spitzbart, hatte ihm die Höhe +durch Überraschung genommen, mitten in der Nacht. Aber er hatte sich verrechnet! Schon taumelten die Soldaten von ihren feuchten Strohlagern, schon rollten die Autobusse, -die Hölle wollte er ihm bereiten. Bevor die Sonne -aufging, war die Höhe wieder in seiner Hand. +die Hölle wollte er ihm bereiten. Bevor die Sonne +aufging, war die Höhe wieder in seiner Hand. </p> <p> -Es ging vorzüglich, schon hatten die Jäger das Labyrinth -— das Hauptfort der Höhe — wieder seinen Zähnen +Es ging vorzüglich, schon hatten die Jäger das Labyrinth +— das Hauptfort der Höhe — wieder seinen Zähnen <a id="page-468" class="pagenum" title="468"></a> -entrissen. Aber irgend etwas war doch auffallend — plötzlich +entrissen. Aber irgend etwas war doch auffallend — plötzlich schienen es weniger Offiziere zu sein. Im Vorzimmer -war überhaupt niemand. In der Schreibstube arbeiteten +war überhaupt niemand. In der Schreibstube arbeiteten im ganzen zwei Leute. </p> <p> Doch auffallend! Wo ist der Chef des Stabes? Der -General klingelte. Niemand kam. Er stieß ungehalten die -Tür auf: niemand! Wieder ging er in das Schreibzimmer, +General klingelte. Niemand kam. Er stieß ungehalten die +Tür auf: niemand! Wieder ging er in das Schreibzimmer, der Telegraph tickte — aber niemand! Die Kanonen schlugen weniger laut. </p> <p> Wo waren sie hin, das Gewimmel von Offizieren, Adjutanten, -Schreibern, Ordonnanzen? Das ganze Schloß mit -seinen hundert Sälen war leer und finster. Im Schein des. -Geschützfeuers suchte er seinen Weg. Bilder, Möbel, Spiegel, -die rot aufglühten. +Schreibern, Ordonnanzen? Das ganze Schloß mit +seinen hundert Sälen war leer und finster. Im Schein des. +Geschützfeuers suchte er seinen Weg. Bilder, Möbel, Spiegel, +die rot aufglühten. </p> <p> @@ -29318,72 +29285,72 @@ Er war allein. </p> <p> -Bestürzt eilte er vor das Portal. Kälte, Nacht. Der -Boden gefroren, ein eisiger Wind, die Bäume kahl und +Bestürzt eilte er vor das Portal. Kälte, Nacht. Der +Boden gefroren, ein eisiger Wind, die Bäume kahl und spitz. Ringsum, der ganze Horizont ein Feuermeer. </p> <p> -Aber kein Lärm! +Aber kein Lärm! </p> <p> -Über die Parkmauer fuhr von Zeit zu Zeit ein Feuerbalken. +Über die Parkmauer fuhr von Zeit zu Zeit ein Feuerbalken. Die Haubitzen standen dahinter, richtig. Der General eilte. Eben schwankte in der Dunkelheit ein Rohr, Glut blies in die Nacht — aber kein Mensch und kein Laut! -Der General strich entsetzt um das Geschütz — keine Seele +Der General strich entsetzt um das Geschütz — keine Seele — was war das —? </p> <p> Wieder taumelte das Rohr, und im Schein des Abschusses -sah der General das große dunkle Schloß zusammenstürzen, -das Dach stürzte, die Säulen, das Portal — aber kein Laut. +sah der General das große dunkle Schloß zusammenstürzen, +das Dach stürzte, die Säulen, das Portal — aber kein Laut. </p> <p> -Entsetzen schüttelte ihn. Er schrie auf. +Entsetzen schüttelte ihn. Er schrie auf. </p> <p> -Da erwachte er. Seine Augen wanderten über die Wände. +Da erwachte er. Seine Augen wanderten über die Wände. </p> <p> -Erst nach geraumer Zeit fand er sich zurecht. Er saß in +Erst nach geraumer Zeit fand er sich zurecht. Er saß in seinem Arbeitszimmer, in seinem Sessel, genau wie vor wenigen Minuten. Sonderbar, die Uhren gingen, die -Pendel schwangen, aber er hörte sie nicht mehr ticken. +Pendel schwangen, aber er hörte sie nicht mehr ticken. </p> <p> <a id="page-469" class="pagenum" title="469"></a> Seine Lider waren schwer wie Blei, die Glieder wie -gelähmt. Was geschah mit ihm? Müde, müde. +gelähmt. Was geschah mit ihm? Müde, müde. </p> <p> -„Ich bin müde“, sagte er mit schwerer Zunge. +„Ich bin müde“, sagte er mit schwerer Zunge. </p> <p> -„Ich bin sehr, sehr müde!“ +„Ich bin sehr, sehr müde!“ </p> <p> Er wollte aufstehen, aber er blieb dennoch sitzen. Vor -seinen Füßen lag ein Schreibheft, ein dünnes beschmutztes +seinen Füßen lag ein Schreibheft, ein dünnes beschmutztes Notizheft. Ach, ja, es waren die letzten Aufzeichnungen -Kurts, seines ältesten Sohnes — gefallen bei Comble in +Kurts, seines ältesten Sohnes — gefallen bei Comble in der Sommeschlacht, ruhmvoller Verteidiger der Riegelstellung. Nun erinnert er sich: er hatte es aus dem Geheimfach genommen und wieder gelesen — wie in vielen, vielen -einsamen Nächten. Feuer, Entbehrungen, Schrecken, Tod . . . +einsamen Nächten. Feuer, Entbehrungen, Schrecken, Tod . . . </p> <p> -„Und alles umsonst?“ flüsterte der General und schüttelte +„Und alles umsonst?“ flüsterte der General und schüttelte fassungslos den Kopf. </p> @@ -29404,7 +29371,7 @@ fassungslos den Kopf. </p> <p> -„Ausgelöscht von der Erde, in den Schmutz getreten!“ +„Ausgelöscht von der Erde, in den Schmutz getreten!“ </p> <p> @@ -29416,24 +29383,24 @@ fassungslos den Kopf. </p> <p> -Der General stöhnte. Er schlug die weißen Hände vor -das weiße Gesicht. +Der General stöhnte. Er schlug die weißen Hände vor +das weiße Gesicht. </p> <p> -Er erhob sich. Aber die Beine trugen den schweren Körper -nicht mehr. Er sank wieder in den Sessel zurück. Die bleischweren +Er erhob sich. Aber die Beine trugen den schweren Körper +nicht mehr. Er sank wieder in den Sessel zurück. Die bleischweren Lider fielen herab — Bilder zogen vor seinen -Augen. Und doch war er wach, träumte er nicht. Deutlich -erinnerte er sich, daß er soeben die Aufzeichnungen Kurts +Augen. Und doch war er wach, träumte er nicht. Deutlich +erinnerte er sich, daß er soeben die Aufzeichnungen Kurts gelesen hatte. Das Schreibheft lag vor ihm auf dem Boden. </p> <p> Nun also stieg er mit dem kleinen alten Mann, dem zudringlichen, -der sich nicht abweisen ließ, die Höhe hinan. +der sich nicht abweisen ließ, die Höhe hinan. Er hatte seine Hand ergriffen, und sie gingen beide bergan -— und doch wußte er, daß er in seinem Arbeitszimmer saß! +— und doch wußte er, daß er in seinem Arbeitszimmer saß! </p> <p> @@ -29446,11 +29413,11 @@ Er hatte seine Hand ergriffen, und sie gingen beide bergan <p> <a id="page-470" class="pagenum" title="470"></a> -Aber die Höhe war nicht dunkel, obschon es mitten in der +Aber die Höhe war nicht dunkel, obschon es mitten in der Nacht war, sie war matt erhellt. Nicht leblos und starr war sie — sie wimmelte von Menschen. Scharen standen -hier, Mann an Mann, in ihren grauen Mänteln, die ganze -Kuppe war besetzt von ihnen. Ein Wall von grauen Mänteln +hier, Mann an Mann, in ihren grauen Mänteln, die ganze +Kuppe war besetzt von ihnen. Ein Wall von grauen Mänteln links und rechts. Tausende und aber Tausende, alle bleich, fahl, leichenfarben. </p> @@ -29468,7 +29435,7 @@ bleich, fahl, leichenfarben. </p> <p> -Und laut schrie er: „Der Jäger Robert Herbst vortreten!“ +Und laut schrie er: „Der Jäger Robert Herbst vortreten!“ </p> <p> @@ -29480,24 +29447,24 @@ Und laut schrie er: „Der Jäger Robert Herbst vortreten!“ </p> <p> -Ringsum, überall schrien die rauhen Soldatenstimmen: +Ringsum, überall schrien die rauhen Soldatenstimmen: Hier, hier! Alle —! </p> <p> -Ja, sonderbar — so deutlich hörte er die Feldgrauen rufen, -und doch wußte er genau, daß er in seinem Sessel saß. +Ja, sonderbar — so deutlich hörte er die Feldgrauen rufen, +und doch wußte er genau, daß er in seinem Sessel saß. </p> <p> -Das weiße Gesicht des Generals ist auf die eisige Hand -herabgesunken. Seine Augen sind ohne Blick. Ja, eigentümliche -Bilder ziehen vor seinen blicklosen Augen, fließen, -unaufhörlich, ohne Ende — eigentümliche Bilder . . . +Das weiße Gesicht des Generals ist auf die eisige Hand +herabgesunken. Seine Augen sind ohne Blick. Ja, eigentümliche +Bilder ziehen vor seinen blicklosen Augen, fließen, +unaufhörlich, ohne Ende — eigentümliche Bilder . . . </p> <p> -Plötzlich greifen die weißen Hände des Generals wild in +Plötzlich greifen die weißen Hände des Generals wild in die Luft, und schon steht er aufrecht mitten im Zimmer. </p> @@ -29507,33 +29474,33 @@ weinenden Frau</em> . . . </p> <p> -Seine hellen, großen Augen blenden. Deutlich unterscheidet -er wieder die Gegenstände im Zimmer. Deutlich -sieht er wieder die dunkeln Gemälde an der Wand — jedes -einzelne. Offiziere alle, Militärs, in Uniformen, mit Ordenssternen -geschmückt, den Degen an der Seite, alle die gleichen -breiten Gesichter, soliden Brustkörbe: alle Hecht-Babenbergs. -Und jener Einarmige, über der Türe, das ist Jochen +Seine hellen, großen Augen blenden. Deutlich unterscheidet +er wieder die Gegenstände im Zimmer. Deutlich +sieht er wieder die dunkeln Gemälde an der Wand — jedes +einzelne. Offiziere alle, Militärs, in Uniformen, mit Ordenssternen +geschmückt, den Degen an der Seite, alle die gleichen +breiten Gesichter, soliden Brustkörbe: alle Hecht-Babenbergs. +Und jener Einarmige, über der Türe, das ist Jochen Friedrich Wilhelm Ernst Hecht-Babenberg, der nach dem -Dreißigjährigen Kriege das Stammgut erwarb und den -Wahlspruch des Geschlechts prägte: Lorbeer und Land! +Dreißigjährigen Kriege das Stammgut erwarb und den +Wahlspruch des Geschlechts prägte: Lorbeer und Land! </p> <p> <a id="page-471" class="pagenum" title="471"></a> -Verschwunden ist plötzlich alle Müdigkeit! +Verschwunden ist plötzlich alle Müdigkeit! </p> <p> Der General wankt in seinem weiten Feldmantel durch -die Räume, wankt, schwankt, taumelt, aber er fühlt es nicht. -Sein Mantel weht. Oft muß er sich mit den Händen an -der Wand stützen. Aber er fühlt es nicht. Für ihn gibt es -keine Wände mehr. +die Räume, wankt, schwankt, taumelt, aber er fühlt es nicht. +Sein Mantel weht. Oft muß er sich mit den Händen an +der Wand stützen. Aber er fühlt es nicht. Für ihn gibt es +keine Wände mehr. </p> <p> -Die Wände sind verschwunden, er blickt, weit, weit, unendlich +Die Wände sind verschwunden, er blickt, weit, weit, unendlich weit! </p> @@ -29544,15 +29511,15 @@ Flammen! <p> Ja, die Welt in Flammen! Europa, Asien, die Reiche -der Mongolen, Afrika, die Reiche der schwarzen Völker, +der Mongolen, Afrika, die Reiche der schwarzen Völker, Amerika, alles in Flammen! Und durch Rauch und Flammen kriechen sie: sieh! Ja, sie sind es! Nun sind sie Wirklichkeit -geworden! Riesenhaft, Städte aus Stahl, Riesenkreuzer +geworden! Riesenhaft, Städte aus Stahl, Riesenkreuzer kriechen durch den Rauch der brennenden Welt. -Sie starren vor Geschützen, sie werfen Flammen, bis hinter -den Horizont schleudern die Pumpen das brennende Öl. -Ihre Schuppenräder zermalmen Städte und zertreten -Ströme. Ringsum funkelt der Horizont wie schwarze Kohle. +Sie starren vor Geschützen, sie werfen Flammen, bis hinter +den Horizont schleudern die Pumpen das brennende Öl. +Ihre Schuppenräder zermalmen Städte und zertreten +Ströme. Ringsum funkelt der Horizont wie schwarze Kohle. Ein brennender Kontinent schmilzt ins Meer. </p> @@ -29563,11 +29530,11 @@ So! So! So! Ja, das waren sie! <p> Aber nun kam sie selbst, die Armee, unendlich wie die Wellen des Meeres. Regiment an Regiment, die Waffen -klirren, so ziehen sie an ihm vorüber. +klirren, so ziehen sie an ihm vorüber. </p> <p> -Fester hüllt er sich in den Mantel. Eisig pfeift der Wind! +Fester hüllt er sich in den Mantel. Eisig pfeift der Wind! Die Luft ist gefroren, Eis, schon klafften Spalten in der Luft, wie in Gletschern, aber die Armee marschiert. Ihr Schritt donnert. @@ -29579,7 +29546,7 @@ Da, da — dort! <p> Die Stadt! Dunkel, finster, qualmend. Und deutlich -sind die roten Flaggen zu sehen, die über der finsteren, +sind die roten Flaggen zu sehen, die über der finsteren, qualmenden Stadt wehen. Ganz deutlich! Frech flattern die Fahnen der Rebellen. </p> @@ -29587,16 +29554,16 @@ die Fahnen der Rebellen. <p> Der General hebt die Hand — Angriff! — und die <a id="page-472" class="pagenum" title="472"></a> -Armee, unendlich, unübersehbar, wälzt sich der qualmenden +Armee, unendlich, unübersehbar, wälzt sich der qualmenden Stadt entgegen. </p> <p> -Eisig aber, entsetzlich eisig, scharf wie Gift bläst der Wind, -und dichter, immer dichter, hüllt der General sich in den -Mantel. Schon zerfrißt die Kälte den Stoff, Stücke lösen -sich. Schon zerfrißt die Kälte die Haut, die sich aufrollt, -schon zerfrißt die Kälte die Lungen . . . +Eisig aber, entsetzlich eisig, scharf wie Gift bläst der Wind, +und dichter, immer dichter, hüllt der General sich in den +Mantel. Schon zerfrißt die Kälte den Stoff, Stücke lösen +sich. Schon zerfrißt die Kälte die Haut, die sich aufrollt, +schon zerfrißt die Kälte die Lungen . . . </p> <h3 class="no" id="subchap-2-4-10"> @@ -29609,7 +29576,7 @@ nicht. </p> <p> -Eingehüllt in seinen grauen Feldmantel lag er da. Seine +Eingehüllt in seinen grauen Feldmantel lag er da. Seine Augen standen offen — was sahen sie? </p> @@ -29622,66 +29589,66 @@ Endlos bewegt sich der schwarze Strom des Volkes dahin, langsam, die roten Fahnen wogen. Die Musikkapellen spielen Trauerweisen, Bataillone von Soldaten, <a id="corr-15"></a>Bataillone von Matrosen. Berge von Blumen. Unter diesen -Bergen von Blumen liegen die Opfer der Freiheitskämpfe. +Bergen von Blumen liegen die Opfer der Freiheitskämpfe. </p> <p> -Zur gleichen Stunde setzte sich der mit schwarzen Tüchern +Zur gleichen Stunde setzte sich der mit schwarzen Tüchern behangene Trauerwagen mit dem Sarge des Generals in Bewegung. Hauptmann Wunderlich, in einem einfachen -Soldatenmantel, an seinen Krücken humpelnd, gab ihm das +Soldatenmantel, an seinen Krücken humpelnd, gab ihm das Geleite zum Bahnhof. Niemand sonst. Nein, niemand. </p> <p> Mitten in der Stadt gab es einen Aufenthalt. Der -Wagen mit dem Sarge des Generals war dem großen -Trauerzug des Volkes begegnet, der die Stadt überschwemmte. +Wagen mit dem Sarge des Generals war dem großen +Trauerzug des Volkes begegnet, der die Stadt überschwemmte. </p> <p> -Unaufhörlich wälzt sich der dunkle Trauerzug dahin. -Kaum ist eine der ungezählten Kapellen außer Hörweite, +Unaufhörlich wälzt sich der dunkle Trauerzug dahin. +Kaum ist eine der ungezählten Kapellen außer Hörweite, so wird schon die folgende vernehmbar. Stunden vergehen. </p> <p> -Wunderlich setzt sich mit seinen Krücken auf die Straße. +Wunderlich setzt sich mit seinen Krücken auf die Straße. </p> <p> Ja, endlos, endlos, in Wahrheit! Ein Meer von Menschen <a id="page-473" class="pagenum" title="473"></a> -wälzt sich vorüber. Wogen von Blumen über dem -wallenden Menschenmeer. Gleichmäßig, ohne jede Eile, +wälzt sich vorüber. Wogen von Blumen über dem +wallenden Menschenmeer. Gleichmäßig, ohne jede Eile, wandert der Schritt der Hunderttausend dahin, die Stadt -beginnt zu dröhnen, zu donnern — +beginnt zu dröhnen, zu donnern — </p> <p> -Hoch über dem Strom der Köpfe aber zieht Ackermanns +Hoch über dem Strom der Köpfe aber zieht Ackermanns Geist dahin! </p> <p> „Mein Volk, meine Liebe und meine Sehnsucht fliegen -vor dir her! Wirst du auserwählt und berufen sein unter -den Völkern der Erde? Sieh, wie sie funkeln am Firmament -des Gedankens, deine großen Geister, sie blicken auf +vor dir her! Wirst du auserwählt und berufen sein unter +den Völkern der Erde? Sieh, wie sie funkeln am Firmament +des Gedankens, deine großen Geister, sie blicken auf dich! Auf, auf! Auf den Weg . . .“ </p> <p> -Endlich wurde die Straße frei. Der mit schwarzen -Tüchern behangene Wagen mit dem Sarge des Generals +Endlich wurde die Straße frei. Der mit schwarzen +Tüchern behangene Wagen mit dem Sarge des Generals setzte sich wieder in Bewegung, und Wunderlich nahm seine -Krücken und humpelte hinter ihm her. +Krücken und humpelte hinter ihm her. </p> <p> -Schon dunkelte es, schon sanken die finstern Nebel über -die Straßen. Schon begann das Gewehrfeuer wieder zu -knattern in der von Finsternis erfüllten Stadt. +Schon dunkelte es, schon sanken die finstern Nebel über +die Straßen. Schon begann das Gewehrfeuer wieder zu +knattern in der von Finsternis erfüllten Stadt. </p> <div class="ads"> @@ -29735,24 +29702,24 @@ Buchdruckerei Julius Klinkhardt in Leipzig <p id="trnote"><b>Anmerkungen zur Transkription</b></p> <p> -Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert wie hier aufgeführt (vorher/nachher): +Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert wie hier aufgeführt (vorher/nachher): </p> <ul> <li> ... Tages stand sie ohne einen Pfennig da — <span class="underline">vis-a-vis</span> de rien! ...<br /> -... Tages stand sie ohne einen Pfennig da — <a href="#corr-0"><span class="underline">vis-à-vis</span></a> de rien! ...<br /> +... Tages stand sie ohne einen Pfennig da — <a href="#corr-0"><span class="underline">vis-à -vis</span></a> de rien! ...<br /> </li> <li> -... das Reich Karls des Großen wieder errichten. ...<br /> -... das Reich Karls des Großen wieder errichten.<a href="#corr-1"><span class="underline">“</span></a> ...<br /> +... das Reich Karls des Großen wieder errichten. ...<br /> +... das Reich Karls des Großen wieder errichten.<a href="#corr-1"><span class="underline">“</span></a> ...<br /> </li> <li> -... Während der Tango kollerte, gurrte, kleine <span class="underline">wolllüstige</span> ...<br /> -... Während der Tango kollerte, gurrte, kleine <a href="#corr-2"><span class="underline">wollüstige</span></a> ...<br /> +... Während der Tango kollerte, gurrte, kleine <span class="underline">wolllüstige</span> ...<br /> +... Während der Tango kollerte, gurrte, kleine <a href="#corr-2"><span class="underline">wollüstige</span></a> ...<br /> </li> <li> @@ -29761,18 +29728,18 @@ Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert wie hier aufgeführt (vorher/nachhe </li> <li> -... „Ja, eine hübsche Lage, Herr — Herbst, nicht wahr? ...<br /> -... „Ja, eine hübsche Lage, Herr — Herbst, nicht wahr?<a href="#corr-4"><span class="underline">“</span></a> ...<br /> +... „Ja, eine hübsche Lage, Herr — Herbst, nicht wahr? ...<br /> +... „Ja, eine hübsche Lage, Herr — Herbst, nicht wahr?<a href="#corr-4"><span class="underline">“</span></a> ...<br /> </li> <li> -... nicht. Hähnleins alte Litanei — die Litanei des <span class="underline">Elend</span> ...<br /> -... nicht. Hähnleins alte Litanei — die Litanei des <a href="#corr-5"><span class="underline">Elends</span></a> ...<br /> +... nicht. Hähnleins alte Litanei — die Litanei des <span class="underline">Elend</span> ...<br /> +... nicht. Hähnleins alte Litanei — die Litanei des <a href="#corr-5"><span class="underline">Elends</span></a> ...<br /> </li> <li> -... der Hand, vor <span class="underline">seinem</span> Herrgott treten mußte. ...<br /> -... der Hand, vor <a href="#corr-6"><span class="underline">seinen</span></a> Herrgott treten mußte. ...<br /> +... der Hand, vor <span class="underline">seinem</span> Herrgott treten mußte. ...<br /> +... der Hand, vor <a href="#corr-6"><span class="underline">seinen</span></a> Herrgott treten mußte. ...<br /> </li> <li> @@ -29781,23 +29748,23 @@ Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert wie hier aufgeführt (vorher/nachhe </li> <li> -... Haremsdamen, <span class="underline">Odolisken</span> in Seide, Tüll, Schleiern, ...<br /> -... Haremsdamen, <a href="#corr-8"><span class="underline">Odalisken</span></a> in Seide, Tüll, Schleiern, ...<br /> +... Haremsdamen, <span class="underline">Odolisken</span> in Seide, Tüll, Schleiern, ...<br /> +... Haremsdamen, <a href="#corr-8"><span class="underline">Odalisken</span></a> in Seide, Tüll, Schleiern, ...<br /> </li> <li> -... es war ihm unmöglich gewesen, den <span class="underline">bedingslosen</span> Glauben ...<br /> -... es war ihm unmöglich gewesen, den <a href="#corr-9"><span class="underline">bedingungslosen</span></a> Glauben ...<br /> +... es war ihm unmöglich gewesen, den <span class="underline">bedingslosen</span> Glauben ...<br /> +... es war ihm unmöglich gewesen, den <a href="#corr-9"><span class="underline">bedingungslosen</span></a> Glauben ...<br /> </li> <li> -... für den Kognak! Es war <span class="underline">ein</span> Freude. Wir hatten zwei ...<br /> -... für den Kognak! Es war <a href="#corr-10"><span class="underline">eine</span></a> Freude. Wir hatten zwei ...<br /> +... für den Kognak! Es war <span class="underline">ein</span> Freude. Wir hatten zwei ...<br /> +... für den Kognak! Es war <a href="#corr-10"><span class="underline">eine</span></a> Freude. Wir hatten zwei ...<br /> </li> <li> -... <span class="underline">schmilzen</span>. Ein paar große Wachsperlen rinnen über die ...<br /> -... <a href="#corr-11"><span class="underline">schmelzen</span></a>. Ein paar große Wachsperlen rinnen über die ...<br /> +... <span class="underline">schmilzen</span>. Ein paar große Wachsperlen rinnen über die ...<br /> +... <a href="#corr-11"><span class="underline">schmelzen</span></a>. Ein paar große Wachsperlen rinnen über die ...<br /> </li> <li> @@ -29806,13 +29773,13 @@ Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert wie hier aufgeführt (vorher/nachhe </li> <li> -... Ihre <span class="underline">armselige</span> Uniformen verbergen gräßliche ...<br /> -... Ihre <a href="#corr-13"><span class="underline">armseligen</span></a> Uniformen verbergen gräßliche ...<br /> +... Ihre <span class="underline">armselige</span> Uniformen verbergen gräßliche ...<br /> +... Ihre <a href="#corr-13"><span class="underline">armseligen</span></a> Uniformen verbergen gräßliche ...<br /> </li> <li> -... Sie jagten dahin, zu Hunderttausenden zusammen<span class="underline">gege</span>drängt ...<br /> -... Sie jagten dahin, zu Hunderttausenden zusammen<a href="#corr-14"><span class="underline">ge</span></a>drängt ...<br /> +... Sie jagten dahin, zu Hunderttausenden zusammen<span class="underline">gege</span>drängt ...<br /> +... Sie jagten dahin, zu Hunderttausenden zusammen<a href="#corr-14"><span class="underline">ge</span></a>drängt ...<br /> </li> <li> @@ -29822,380 +29789,6 @@ Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert wie hier aufgeführt (vorher/nachhe </ul> </div> - - - - - - - - - -<pre> - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Der 9. November, by Bernhard Kellermann - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER 9. NOVEMBER *** - -***** This file should be named 43333-h.htm or 43333-h.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/4/3/3/3/43333/ - -Produced by Jens Sadowski - -Updated editions will replace the previous one--the old editions -will be renamed. - -Creating the works from public domain print editions means that no -one owns a United States copyright in these works, so the Foundation -(and you!) can copy and distribute it in the United States without -permission and without paying copyright royalties. Special rules, -set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to -copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to -protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project -Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you -charge for the eBooks, unless you receive specific permission. 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General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm -electronic works - -1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm -electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to -and accept all the terms of this license and intellectual property -(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all -the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy -all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your possession. -If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project -Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the -terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or -entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8. - -1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be -used on or associated in any way with an electronic work by people who -agree to be bound by the terms of this agreement. 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